1932 – Das Jahr des Jo-Jos

„Wir spielen als Kind, als Knabe, als Jüngling, als Mann, als Frau, als Greis und als Matrone mit gleichem Vergnügen; der Hang, die Lust daran bleibt immer dieselbe, nur die Spielzeuge ändern sich“ (Friedrich Justin Bertuch, Ueber das Joujou de Normandie, und die Moden der Joujous überhaupt, Journal des Luxus und der Moden 7, 1792, 4-13, hier 4). Spielen erschien dem Verleger und Aufklärer Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) etwas zutiefst Menschliches – und sein Weimarer Geistesbruder Friedrich Schiller (1759-1805) würdigte in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen Spiel und Spieltrieb wenig später als Ausdruck wahren Menschentums. Und doch… Spielen ist mehr als ein erstrebenswertes Ideal, gar eine anthropologische Konstante. Der „Homo Ludens“ war nie nur er selbst, sondern immer auch Abbild und Ausdruck einer, eben seiner Zeit. Spielen charakterisiert die Zeitläufte, die sozialen und ökonomischen Formationen, erlaubt dadurch einen anderen Blick auf Vergangenheit. Die Ludologie, die Wissenschaft vom Spiel(en), hat dies, (zu)recht ernst und vielfältig analysiert, vornehmlich in der Pädagogik, der Kulturanthropologie und der Theologie. Doch bevor wir uns im Spiel der Worte verlieren, hin zum Thema, der Geschichte des Jo-Jo-Spiels. 1932, so sagen wir Historiker, war ein Jahr der Weltwirtschaftskrise, des Aufstieg des Nationalsozialismus, des Bürgerkrieges auf den Straßen, von Massenarmut und Not. Doch 1932 war zugleich das Jahr des Jo-Jos.

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Alltagsvirtuosität 1932 (Nebelspalter 59, 1933, Nr. 1, 6 – Nachdruck aus dem Punch)

Blicken wir etwa nach Wien, wo es überzeichnend hieß: „Die ganze Firma spielte Yo-Yo. Keiner war fähig, an etwas zu denken. Das Telephon wurde abgeschaltet, damit sein Klingeln nicht störte. Kundschaften wurden unhöflich behandelt und schlecht oder gar nicht beliefert, so daß sie zur Konkurrenz gingen. Zahlungstermine wurden vergessen. Einige große Schuldner gingen in den Ausgleich. Die Forderungen wurden nicht angemeldet, das Geld verloren. Wechsel wurden fällig und nicht bezahlt. Das Warenlager wurde gepfändet, die Bureaueinrichtung wurde gepfändet, aber in der Firma wurde nur Yo-Yo gespielt“ (George Stoeßler, Der Bankrott, Das interessante Blatt 50, 1932, Nr. 43 v. 27. Oktober, 11).

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Jo-Jo-Spiel im Büro (Das interessante Blatt 50, 1932, Nr. 43 v. 27. Oktober, 11)

Nein, Jo-Jo hat die Weltwirtschaftskrise weder bewirkt, noch verschärft – und doch. Das Spiel breitete sich 1932 binnen weniger Monate in Europa aus, erst im Westen, dann in der Mitte, schließlich auch im Osten. Während die ökonomischen Strukturen zerbrachen, alter und neuer Mittelstand gärten, sich Bauern und Teile der Arbeiterschaft radikalisierten, schien Jo-Jo den Alltag stillzulegen und zugleich mit neuem Zauber zu versehen.

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Alltag im Aufruhr (La Lutte Syndicale 1933, Nr. 14 v. 8. April, 2)

Karikaturisten gewannen dem spielerischen Treiben vielfältige Aspekte ab, auch hoffnungsfrohe. Das Auf und Ab der Politik spiegelte sich im Spiel der Jo-Jo-Scheiben. Und siehe da, Völkerverständigung schien möglich, Abrüstung und Frieden, der Mensch wurde ganz Mensch, verbindende Linien waren sichtbar: „Es gibt keine Zwistigkeiten mehr, denn Jo-Jo überbrückt alles und zieht jeden in seinen Bann. Wie der Hypnotiseur sein Medium auf eine Kugel starren läßt, so ist der Spielende von einer kleinen glänzenden Scheibe fasciniert. Stundenlang halten die vom Jo-Jo Besessenen den dünnen Faden in der Hand, um mit der größten Aufmerksamkeit die rotierende Scheibe zu beobachten“ (Josef Kostelnik, Yo-Yo erobert sich die Welt! Ein Spiel beherrscht den Kontinent, Neue Zürcher Nachrichten 1932, Nr. 271 v. 5. Oktober, 4).

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Jo-Jo als Chance für die „große“ Politik (Nebelspalter 58, 1932, Nr. 44, 3)

Folgt man den Tageszeitungen, so kam die Welle aus Kanada, erreichte im Frühsommer Großbritannien. Korrespondenten berichteten über ein scheinbar leichtes, letztlich aber forderndes Spiel, angegangen, um Aufmerksamkeit zu erregen und „Langeweile zu bannen“ (Wie sich die Londoner Gesellschaft amüsiert, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13856 v. 18. Juni, 6). Frankreich folgte mit noch stärkerer Resonanz. Am Anfang standen die Badeorte, standen auch publizistisch gezielt gestreute Gerüchte; etwa über einen jungen, scheinbar geisteskranken Amerikaner im mondänen französischen Badeort Deauville, der am Strande tagaus, tagein Jo-Jo spielte: „Eine Woche später wurde im Hotel ‚Normandy‘ in Deauville ein ‚Gala-Yo-Yo-Abend‘ abgehalten. Wieder eine Woche später hatte das Yo-Yo Paris erobert, dann Cannes, Juan-les-Pins, Rom, Berlin, London, Budapest, Wien, ganz Europa“ (Kostelnik, 1932).

All dies geschah im Sommer 1932, Anfang September. Der Berliner Soziologe und Journalist Siegfried Krakauer (1889-1966) weilte damals im französischen Seebad Royan. Er deutete das Phänomen als Teil allgemeiner Amerikanisierung, Jo-Jo war für ihn „eine Art Kaugummi für die Hand“ (Berliner Nebeneinander. Ausgewählte Feuilletons 1930-33, Zürich 1996, 298). Seitdem war das Spiel europäisches Pressethema und Alltagspraxis – und blieb es über den Herbst bis in die frühe Winterzeit (Le Nouveau Jeu. Le Yo-Yo, L’Elclaireur 1932, Nr. 20 v. 25. Oktober, 1; Robert Delys, Les Jeux à la Mode, Le Progrès 1932, Nr. 1929 v. 27. Oktober, 2; Yo-yo-mani, L’Eveil de l’AEF 1932, Nr. 31 v. 3. Dezember, 12). In Deutschland staunte man zu Beginn über die Manie im Westen, doch die Übernahme des neuen „Geduldspiels“ folgte auf dem Fuß: „Uns Deutschen wird dieses Spiel besonders liegen. Wir sind daran gewöhnt, Geduld haben zu müssen. Uns ist es seit vielen Jahren gegangen wie dem Jo-Jo, immer auf und runter“ (Das Geheimnis des Jo-Jo, Hamburger Nachrichten 1932, Ausg. v. 28. September, 7).

Die Jo-Jo-„Manie“ als gemachter Trend: Das Yo-Yo in den USA

Dabei könnte man es belassen. Doch kurzfristige Moden wie die des Jo-Jos sind ein konstitutives Element moderner Konsumgesellschaften. Sie stehen für Dynamik, für Wahlhandeln, für die Attraktion des Neuen. All das ist brüchig – und die Geschichte des Jo-Jos erlaubt einen Blick hinter das vordergründige Geschehen einer solch kurzfristigen Sonderkonjunktur.

Zuvor vielleicht aber noch wenige Sätze zum Objekt der Begierde. Ein Jo-Jo besteht aus zwei durch einen Mittelsteg verbundene Scheiben. Das Spielzeug wird durch eine am Mittelsteg befestigte Schnur in Bewegung gesetzt; und die Kunst besteht darin, dem Auf und Ab Dauer und Virtuosität zu verleihen. Das Jo-Jo ist spielerisch angewandte Physik (detailliert hierzu Wolfgang Bürger, The Yo-yo: A Toy Flywheel, American Scientist 72, 1984, 137-142): „Wer das Geheimnis dieses Auf- und Niederrollens physikalisch ergründen will, wird bei jener wunderbaren und herrlichen Naturkraft landen, der wir so viele schöne Dinge verdanken, der sogenannten Trägheit. Ich versetze die Doppelscheibe mit einem seitlichen Anstoß – Stümper und Anfänger rollen die ganze Schnur auf – und die Schwerkraft zieht meine Scheibe nach unten. Da sie aber an der Schnur hängt, muß sie sich drehen, und weil sie sich dreht, so will sie sich auch dann noch drehen, wenn es eigentlich gar nicht mehr notwendig wäre, und so wickelt sich das Scheibchen wieder verkehrt an der Schnur auf und das Spiel beginnt von neuem“ (Spielen Sie schon Yo-Yo?, Salzburger Chronik für Stadt und Land 1932, Nr. 244 v. 22. Oktober, 8). 1932 handelte es sich fast durchweg um Holzspielzeug, Blech wurde nur selten verwandt. Auch andere Werkstoffe wurden herangezogen, erlaubten Marktdifferenzierung bis hin zu teuren Anfertigungen aus Silber oder Elfenbein. Doch es soll hier nicht um das Objekt selbst, sondern vielmehr um das gesellschaftliche Ereignis im Jahre 1932 gehen, um die Wucht einer Mode, der sich damals kaum jemand entziehen konnte.

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Jo-Jos als Ware: Hausierer mit Bauchkasten in Wien 1932 (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 30)

Sie gilt es jedoch nicht zu feiern, sondern zu analysieren. All den netten Berichten und Bildern zum Trotz war die Jo-Jo-Mode eben kein naturwüchsiges Ereignis, sondern eine kühl geplante kommerzielle Landnahme. Der Trend wurde rational in Gang gesetzt und in Gang gehalten, sein Ziel war ökonomischer Gewinn. Berichte über die Jo-Jo-„Manie“ waren Bestandteil umfassender Presse- und PR-Arbeit. Gewiss, Moden und Kaskadeneffekte sind nicht vollends zu berechnen oder gar zu beherrschen; die wechselhafte Geschichte der Schnellballsysteme unterstreicht dies. Die plötzliche Alltagsmacht des Spieles galt damals jedoch als Beleg für erfolgreiches „social engineering“, also die systematische und erfolgreiche Beeinflussung der öffentlichen Meinung, der Wähler und Konsumenten. Die junge Marketing-“Wissenschaft“ ging damals noch von schwachen Konsumenten und starken kommerziellen Reizen aus, Märkte und Politiken schienen machbar (Walter Lippmann, Public Opinion, Washington 1922; Edward L. Bernays, Propaganda, New York 1928).

Die unmittelbaren Anfänge der europäischen Jo-Jo-Mode des Jahres 1932 lagen in den USA. Als „Erfinder“ wird gemeinhin der philippinische Einwanderer Pedro Flores (1896-1964) genannt. Er studierte Jura in Berkeley und San Francisco, verließ die Hochschulen jedoch ohne Abschluss. Mitte der 1920er Jahre entwickelte er den „Yo-Yo“ zu einem Konsumgut, charakterisiert durch eine neuartige Schleifenaufhängung der Schnur. Gegenüber der tradierten einfachen Befestigung am Mittelsteg ergaben sich dadurch neuartige, virtuos anzuschauende Spielarten. Flores gründete 1928 im kalifornischen Santa Barbara die “Yo-Yo Manufacturing Company”, die er mit Hilfe lokaler Investoren rasch ausbaute (David F. Crosby, The Yo-Yo: Its Rise and Fall, American History 2002, August, 52-56). Der Einwandererunternehmer setzte auf Direktmarketing, auf Produktdemonstrationen, bei denen die Teilnehmenden die Möglichkeiten des Spielzeugs sehen und es selbst ausprobieren konnten. 1929 verkaufte er bereits 300.000 „Flores Yo-Yos“, 1930 ließ er sich den Begriff “Yo-Yo” schützen (https://www.thoughtco.com/pedro-flores-inventor-1991879). Zum eigentlichen Macher wurde jedoch der Detroiter Investor Donald F. Duncan (1892-1971).

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Pedro Flores (1896-1964, l.) und Donald Franklin Duncan (1892-1971) (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000049)

Duncan hatte bereits ein Vermögen mit dem Absatz von Speiseeis gemacht, war Mitgründer der in seinem Geburtsstaat Ohio 1920 gestarteten Firma „Good Humor“. Sie war bekannt für die Einführung des „Eskimo Pies“, eines mit Schokolade überzogenen Vanilleeises am Stil, und ihre die Vororte durchfahrenden Verkaufswagen. Bei einer Yo-Yo-Demonstration realisierte Duncan 1929 das Marktpotenzial des neuen Spielzeuges. 1930 gründete er die „Donald F. Duncan Inc.“ in Detroit mit einem Kapital von 25.000 Dollar, die Flores im gleichen Jahr inklusive der Markenrechte aufkaufte. Flores arbeitete von nun an für Duncan, ebenso wie weitere philippinische Einwanderer, etwa der Marketingspezialist Tom Ives. Übernahmen kleinerer Yo-Yo-Produzenten schlossen sich an (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000031).

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Promotiontour von Tom Ives, Duncan Yo-Yo Corp., 1931 (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000005)

Duncan hatte das Kapital und die Kontakte, um insbesondere den bevölkerungsreichen Mittleren Westen und die Ostküste der USA zu durchdringen, Flores selbst steuerte sein bewährtes Absatzsystem bei. Außerdem erlaubten seine Kontakte zu philippinischen Einwandererkreisen das von ihm geschaffene Narrativ der vermeintlich philippinischen Ursprünge des Yo-Yos fortzuspinnen. US-weit halfen jedenfalls ab 1931 immer mehr junge philippinische und auch einige chinesische „Champions“ das Yo-Yo zu verbreiten. Sie etablierten Produkt und Namen, während die durchaus vorhandene Konkurrenz sich mit umschreibenden Markennamen begnügen musste, etwa “come-back” oder “whirl-a-gig” (Marv Balousek, Famous Wisconsin Inventors and Entrepreneurs, Verona 2003, 105).

Bevor wir auf die Vermarktung genauer eingehen, einige abschließende Worte zu Duncan. Dieser produzierte bis in die späten 1950er Jahre Yo-Yos, obwohl er sich ab 1935 durch den Erwerb von Rechten für Parkuhren einen noch profitableren Geschäftszweig eröffnet hatte. Er übergab das Geschäft an seinen Sohn, Donald F. Duncan Jr., der massiv investierte, um den Weg ins Kunststoffzeitalter zu ebnen und die Zahl der Spielwaren zu erhöhen. Seine Strategie scheiterte, die Firma ging 1965 Bankrott – vor allem nachdem sie die Markenrechte verlor. Yo-Yo sei ein Alltagsbegriff geworden, der nicht länger geschützt werden könne (Parking meter, Yo-Yo promoter dead at 79, Daily Reporter 1971, Ausg. v. 17. Mai, 8; New Braunfels Herald-Zeitung 1998, Ausg. v. 16. Dezember, 5). Der Kunststoffproduzent Flambeau Products Corp. übernahm Duncan und machte das Tochterunternehmen wieder profitabel (Lisa Berman, Yo-Yo up when Business down, The Independent 1975, Ausg. v. 13. Februar, 33). Donald F. Duncan Sr. stieg Anfang der 1970er Jahre nochmals in den Spielzeugsektor ein, vermarktete nun neuartige Plastik-Yo-Yos. An die Erfolge der 1930er bis 1950er Jahre – mit jährlichen Absatzzahlen bis hin in den zweistelligen Millionenbereich – konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen (Cassie Domek, Guide to the Duncan Family Yo-yo Collection, Washington 2002, 2). Dennoch: Duncan machte das Yo-Yo zum Alltagsgegenstand – wie Asa Griggs Candler (1851-1929) Coca-Cola oder Ray Kroc (1902-1984) McDonald’s –, indem er es zu einer Ware reduzierte, die produkt- und erlebnisnah vermarktet wurde.

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Ein Markenartikel: Duncans Yo-Yo (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 28. August, 7)

Das Yo-Yo wurde seit 1930 als Markenartikel verankert, Duncan und Yo-Yo wurden rasch Synonyme. Flores war ähnlich vorgegangen, seine Werbetouren vermarkteten explizit „Flores Yo-Yo“ (Yo-Yo Contest of Clarksdale Fans Will be Held Wednesday at Marion, Clarksdale Press Register 1929, Ausg. v. 2. September, 8). Doch der Absatz wurde noch begleitet von einer Do-it-Yourself-Kultur, die Jungen aufforderte, sich ihr philippinisches Yo-Yo selbst zu basteln (Hi Sibley, Make a Filipino „Yo-Yo“, Popular Mechanics 52, 1929, Nr. 7, 135-136). Ab 1930 wurde dies eine Ausnahme – auch aufgrund der geringen Verkaufspreise. Mit einem „Dime“, zehn Cents, konnte man einsteigen und mitmachen.

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Geschichtsklitterung als Geschäftsmasche (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 28. August, 7)

Der Markenartikel wurde mit einer Ursprungsgeschichte verbunden, die Kinder ansprach und nach Abenteuer klang. Strikt kontrafaktisch wurde das Spielzeug als handliche Variante einer philippinischen Waffe der indigenen Krieger vermarktet, als „an obscure Asian jungle-fighting weapon” (Marketer Of Yo-Yo, Parking Meter Dead, The Herald 1971, Ausg. v. 17. Mai, 17). Dies war wirksam in einem Land, das die Philippinen 1898 nicht einfach von den Spaniern erobert, sondern dass die philippinische Unabhängigkeitsbewegung mit massiver Gewalt unterworfen hatte. Bis zu einem Fünftel der Einheimischen kam dabei ums Leben. Der letzte organisierte Widerstand wurde erst während des Ersten Weltkrieges gebrochen, von Kämpfen mit Filipinos konnte man immer wieder lesen. In der Werbung war das kein Thema, wohl aber wurde eine fiktive Begegnung von Flores und Duncan in San Francisco geschildert, die Entdeckung eines armen, aber gewitzt geschickten Einwanderers und seines Yo-Yo durch einen etablierten Repräsentanten des weißen Amerikas. Zähmung des Wilden und Vermarktung des Neuen gingen Hand in Hand, gaben zugleich eine gute Begründung für die Rekrutierung junger philippinischer Billigangestellter als Verkaufsrepräsentanten und Yo-Yo-„Champions“.

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Philippinische Yo-Yo-Virtuosen (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 27. September, 68)

Yo-Yo war exotisch, ein “Filipino fun bug that climbs merrily up and down a string” (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 6. Oktober, 11). Der Verkauf erfolgte über Kioske, Lebensmittel- und Drogerieläden, Warenhäuser und den Fachhandel, das neue Spielzeug war ein billiger Mitnahmeartikel. Doch diese indirekte Nähe zum Kunden reichte nicht, nur durch Direktmarketing schien es möglich, die Kunden einzunehmen und zu begeistern. Nicht Absatz, sondern Wettbewerb stand dabei scheinbar im Mittelpunkt – und den Einstieg erlaubten lokale Yo-Yo-Demonstrationen der jungen wilden Duncan-Repräsentanten. Diese fanden jedoch nicht einfach statt, sondern wurden häufig als Kooperationsveranstaltung lokaler Medien, meist Zeitungen, und von Duncan durchgeführt (vgl. etwa If Yo Can Yoo-Hoo You Can Yo-Ho; Enter Tribune Contest, Cash Prizes, Altoona Tribune 1930, Ausg. v. 30. Juni, 14).

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Philippinische Yo-Yo-Virtuosen (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 27. September, 68)

Yo-Yo-Absatz war ein Ereignis, eine Show. Das Yo-Yo wurde vorgeführt, Virtuosität nahm ein, weckte den Wunsch zum Mitmachen, zum Nachahmen. Schaustellungen auf Jahrmärkten und Rummelplätzen verbanden sich mit den Anpreisungen im Hausier- und Straßenhandel. Auch die gedruckte Werbung war spaßgeprägt, das Spiel einfach, die vielfältigen virtuosen Techniken scheinbar leicht zu erlernen. Vor allem aber war es ein Produkt für alle, klassen- und altersübergreifend, entsprach dem Teilhabeversprechen der amerikanischen Konsumgesellschaft (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 17. September, 17).

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Werbung für Duncan Yo-Yos 1931 (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 6. Oktober, 11)

Für den Absatz boten die zahlreichen Tricks Attraktionen und Lernziele zugleich, schufen sie doch eine Parallelwelt zum raschen Abtauchen. Erst staunte man über The Spinner, Walking the Dog, The Creeper, Over the Falls, Bouncing Betsy, The Sleeper, The Sizzler, Around the World, The Break Away, Loop-the-Loop und viele andere mehr – und dann folgte ein erster Versuch. Yo-Yo-Spiel war Spaß, setzte aber Wissen um dessen Besonderheiten voraus, erforderte Zucht und Selbstdisziplin, sollten die Tricks gelingen, wollte man ebenso locker und cool erschienen wie die kleinen, dunkelhäutigen “Champions”.

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Anleitung für Jo-Jo-Tricks 1932 (San Bernardino County Sun 1932, Ausg. v. 28. Juli, 7)

Yo-Yo war nicht nur ein Spiel für Jugendliche, es gab ihnen auch die Chance, sich einen Freiraum zu erobern, eine akzeptierte Nische. Die Jugendlichen machten Ernst mit dem Spiel, Ratgeber und Zeitungsartikel präsentierten gängige und immer wieder neue Tricks, die es zu erlernen und zu erproben galt. Ihre Spielarbeit hatte zudem ein lohnendes Ziel, nämlich den Sieg beim Wettbewerb, den kleinen Pokal, die große Anerkennung. All dies ließ auch Ältere nicht ruhen, denn wer wollte schon von den Kindern abgehängt werden. Während die Weltwirtschaftskrise den Wettbewerb zwischen Arbeitssuchenden massiv intensivierte, bot Yo-Yo eine Form des friedlichen Miteinander-Ringens – die gleichwohl hart und fordernd war.

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Werbung für eine Yo-Yo-Präsentation in Lincoln, Nebraska (Nebraska State Journal 1932, Aus. v. 28. Mai, 10)

Die wachsende Zahl philippinischer Yo-Yo-Virtuosen erlaubte zahlreiche, präzise geplante parallele Kampagnen in den USA. Die kleinen Verkaufsgruppen zogen von Ort zu Ort, um dort das Yo-Yo-Fieber in Gang zu setzen, um Duncan Yo-Yos zu verkaufen. All das wurde begleitet von zahllosen Artikeln und Bildern, zunehmend aber auch durch eine Populärkultur, die anfangs angestoßen, dann aber zum Selbstläufer wurde. Schlager und Jazz-Titel waren im Radio zu hören, verbanden Tanz und Ausgehen mit dem neuen Produkt: Alice Brasels „Yo-Yo“, Jack „Fuzzie“ und Ree Millers „My Yo-Yo“ (1930), E. Howards „Everybody Yo-Yoing Now“ (1931) oder der „Yo-Yo Song“ sind dafür Beispiele. Wichtig war auch die Zusammenarbeit mit Hollywood-Schauspielern, die für ein für ein Paar Dollar bereitwillig das Yo-Yo präsentierten.

Anfang 1932 war es dann geschafft, die „yo-yo-craze“ (Yo-Yo Top Craze, Kiowa Record 1932, Ausg. v. 17. März, 4) in den USA entfacht, und der Lauf setzte sich über Kanada und England nach Kontinentaleuropa fort. Unterschiede waren offenkundig, denn die US-Kampagnen zielten anfangs vor allem auf Jungen. Nur so waren einschlägige lyrische Ergüsse denkbar, etwa: „What takes the place of my best girl, / Is treasured more than any pearl, / And sets my senses in a whirl. / My Yo-Yo“ (Ogden Standard Examiner 1932, Ausg. v. 23. Juli, 8). Gleichwohl weiteten sich die Kampagnen zunehmend auch auf Mädchen – Motto: „Girls also Yo-Yo“ (Ogden Standard Examiner 1932, Ausg. v. 25. Juni, 8) – und dann Erwachsene aus. In Europa war die Geschlechter- und Altersparität deutlich ausgeprägter.

Die USA boten die Folie für die europäische Jo-Jo-Mode. Duncans Kommerzlegenden wurden von der einschlägigen Presse weiter gesponnen, so etwa in der Frühphase der britischen Jo-Jo-Mode von der britischen Schriftstellerin Jan Struther (1901-1953), die die Entwicklung des Jo-Jos von einer tödlichen philippinische Waffe zu einem kanadischen, nun in England erhältlichen Konsumgut bedauerte (Yo-Yo, the newest fad, The Living Age 343, 1932, September, 63-65, hier 65). Träumereien über das Wilde im wohlbürgerlichen Ambiente…

Jo-Jo als Sonderkonjunktur in der europäischen Krise

Ja, Jo-Jo war ein „amerikanischer Wurf, der bis nach Europa gereicht hat“ (Yo-Yo, Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 1932, Nr. 46 v. 12. November, 3). Doch das Spiel geriet kaum in den Mahlstrom der recht stereotypen Amerikanisierungsdebatte der späten 1920er Jahre. Das lag zum einen daran, dass zwar die Herkunft allgemein bekannt war, dass aber eine daraus resultierende Ablehnung eine rare Ausnahme war. Obrigkeit und insbesondere die hehre Pädagogik schritten ab und an gegen das Jo-Jo-Spiel ein, sei es, um die Verkehrssicherheit, sei es, um den Unterricht zu garantieren. Doch das in Neustadt a.d. Donau, dem heutigen Novi Sad im November 1932 „unter Androhung strengster Bestrafung“ (Ein Verbot des Yo-Yo-Spieles, Die Neue Zeitung 1932, Ausg. v. 18. November, 4) erlassene Spielverbot in Schulen, auf Schulhöfen und auch offener Straße folgte der gängigen Logik der schwarzen Pädagogik, nicht einem antiamerikanischen Kalkül. Man mag das auf ein sich Fügen in das Unvermeidliche zurückführen, auf das Wissen, dass jede Mode ein Ende findet. Plausibler aber dürfte sein, dass das Jo-Jo 1932 eine Sonderkonjunktur bildete, ein Stück Bewegung, der vielbeschworene Silberstreif am Horizont. Wenn sich der Spielemarkt so plötzlich ändern konnte, warum nicht auch anderes?

Die Jo-Jo-Mode begann zwar in den USA, doch Duncan war keineswegs deren direkter Profiteur. In Frankreich brachte die konservative Tageszeitung „L’Intransigeant“ die Scheiben ins Rollen, andere Journale verstärkten den Trend. Davon profitierten Franzosen: „Im Nu haben sich einige geschäftstüchtige Kaufleute der Sache angenommen und die Yo-Yos für alle Preislagen mit allen hölzernen und metallenen Raffinessen hergestellt“ (Pieter Pott, Yo-Yo, Tagblatt 1932, Nr. 217 v. 18. September, 2-3). Produktionsziffern fehlen, ebenso genaue Angaben über die Jo-Jo-Hersteller. Doch während Duncan in den USA den Markt klar dominierte, gab es weder in Europa insgesamt noch in den einzelnen Staaten entsprechende Marktführerschaften. Yo-Yo/Jo-Jo war kein Markenzeichen, sondern eine allgemein nutzbare Bezeichnung. Die Sonderkonjunktur nutzte den durch die Krise darniederliegenden Spielwarenregionen der einzelnen Staaten. Diese produzierten vielfach noch im Heimgewerbe, Nebenerwerbslandwirtschaft war nicht selten, diente als Krisenpuffer. In Frankreich galt das etwa für das Departement Jura. Die Wiener Journalistin Lotte Sternbach-Gärtner (d.i. Caroline Kohn) bemerkte pointiert, das „der Yo-Yo-Rummel vermocht [habe, US], was alle Weltkonferenzen nicht zustande brachten: es gibt dort so gut wie keine Arbeitslosen mehr“ (Yo-Yo, die große Mode. Ein Kinderspielzeug, das alle Welt beschäftigt, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13980 v. 21. Oktober, 9). Ähnliches galt für den Böhmerwald, wo „die Betriebstätigkeit wesentlich zugenommen hat“ (Neues Wiener Journal 1932, Nr. 14006 v. 17. November, 14).

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Kleine Anzeige eines kleinen Anbieters (Die Stunde 1932, Nr. 2884 v. 21. Oktober, 10)

In Wien, wo im September mehr als 10.000 Jo-Jos verkauft worden sein sollen, nutzten auch lokale Anbieter, etwa Drechsler, ihre Marktchance (Kostelnik, 1932). Im Deutschen Reich profitierte insbesondere die Nürnberger Spielwarenindustrie (Yo-Yo Saves German Industry, Komomo Tribune 1932, Ausg. v. 16. Dezember, 15). Auch der sozialdemokratische „Vorwärts“ frohlockte, als er aus dem oberpfälzischen Furth im Walde berichtete: Dort sei „groß und klein damit beschäftigt, die notwendigen Materialien für Jo-Jo bereitzustellen, und die Aufträge sind so groß, daß noch die ganze dörfliche Umgebung beschäftigt wird. Eine Mode, die ganz plötzlich auftauchte, hat einer ganzen Stadt Arbeit gebracht“ (Die Jo-Jo-Stadt, Vorwärts 1932, Nr. 568 v. 2. Dezember, 3).

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Moden machen Mode: Werbung für einen Jo-Jo-Hut (Die Stunde 1932, Nr. 2881 v. 18. Oktober, 10)

Koppeleffekte, etwa durch Merchandising und ergänzende Applikationen, lassen sich nachweisen, auch wenn die Zahl spezieller Yo-Yo-Abendtaschen nicht allzu groß gewesen sein dürfte (Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 31. Dezember, 2). Jo-Jos wurden von Beginn an auch als Zugaben, als teils kostenlose Werbeartikel für Drogerieartikel und Lebensmittel produziert (Lotte Sternbach-Gärtner, Yo-Yo, die große Mode. Ein Kinderspielzeug, das alle Welt beschäftigt, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13980 v. 21. Oktober, 9).

Wichtiger dürften noch die Auswirkungen auf Dienstleister gewesen sein, etwa Gaststätten und Veranstaltungsräume. Jo-Jo-Polonaisen erfreuten sich nicht nur beim Münchener Oktoberfest im sächsischen Riesa großer Beliebtheit (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 254 v. 28. Oktober, 8). Wer es etwas distinguierter haben wollte, der konnte dort auch zum Jo-Jo-Ball gehen. Die gutbürgerliche Gesellschaft schuf sich ihre eigenen Konsumorte, ein wenig abgehoben vom Durchschnitt, doch mit Effekten auf Wachstum und Beschäftigung.

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Krise macht erfinderisch: Jo-Jo-Ball im sächsischen Riesa (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 277 v. 26. November, 8)

Nicht vergessen werden sollte, dass die hier großenteils verwandten Quellen ebenfalls Resultate wirtschaftlicher Aktivitäten waren. Die Jo-Jo-Mode gab Zeitungen und Zeitschriften „Stoff“, erlaubte leichte Artikel und Karikaturen in schweren Zeiten. Die Berichterstattung war insgesamt locker, das Phänomen wurde gefeiert, Verwunderung war gepaart mit kindlicher Begeisterung. Zugleich folgte man häufig den Texten anderer, vielfach auch den PR-Mythen Duncans. Fundierte Recherchen fehlten, die ökonomische Grundlegung des Trends blieb außen vor, stattdessen erschien Jo-Jo als Ausdruck des nicht zu bändigen Spieltriebes des Menschen, als Einbruch eines imaginierten Archetyps in den wankenden Alltag der Mehrzahl: „Man weiß eigentlich nicht genau, wieso es kam. Eines Tages war es eben da!“ („Yo-Yo“ – ein Spiel erobert die Welt, Linzer Volksblatt 1932, Nr. 266 v. 2. Dezember, 6).

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Deutschland im Jo-Jo-Fieber 1932 (Welt-Spiegel 1932, Ausg. v. 23. Oktober, 12)

Die Sprache suggerierte eine Art Naturereignis, eine positiv zu wertende Pandemie: „Wie ein Bakterium verbreitet sich die Manie des Yo-Yo über Europa und viele, die heute noch unschuldsvoll fragen: ‚Yo-Yo, was ist das?‘ sind morgen schon infiziert und dem Dämon der tanzenden Scheibe verfallen“ (Die Yoyomanie. Der Dämon in der Laufspule, Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 25. September, 25). Jo-Jo war eine „Weltkrankheit“ (Kostelnik, 1932), eine „Seuche“ (Vorarlberger Landes-Zeitung 1932, Ausg. v. 22. Oktober, 9), eine „Epidemie“ (Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3), Seit an Seit mit der bevorstehenden „Grippeepidemie“ (Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5) – doch weniger tödlich. Auch biblische Plagen wurden beschworen: „Wie Heuschreckenschwärme oft ins Land kommen, so wurden wir gegenwärtig mit den [sic!] Yo-Yo überschwemmt“ (Yo – Yo … Jou – Jou?, Illustriertes Familienblatt 38, 1932, Nr. 23, 15). Und, erwartbar, die „Yo-Yo-Pest“ (Yo-Yo, Die Bühne 1932, Nr. 336, 40).

Wer mag sie nicht, die dann folgenden leichten, atmosphärisch dichten Glossen, die sich abarbeiteten an den kleinen Dingen des Lebens? Doch mit Realitätssinn hatten die meisten Beiträge wenig zu tun, denn geglaubt und weitergereicht wurde (fast) alles, zumal Skurriles. Waren das Falschmeldungen? Gar Verschwörungstheorien über untergründige Mächte? Die große Zahl der Biologismen sollte stutzig machen, die schon bald mörderische Pseudoverwissenschaftlichung des Sozialen. Doch dazu bedürfte es einer genaueren Analyse, eines breiteren Quellenkorpus.

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Jo-Jo im Café und im Kino (Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3)

Das gilt auch für den Boulevard, die kleinen allzu menschlichen Nachrichten. Da war die Trauung in Madrid, bei der der Geistliche wenig Resonanz für die Zeremonie verspürte. Selbst Braut und Bräutigam blickten weg, brachen gar plötzlich in Lachen aus. Der Grund: Ein kleiner Junge hatte in der Kirche begonnen Jo-Jo zu spielen (Yo-Yo in der Kirche, Kärtner Volkszeitung 1932, Ausg. v. 12. November, 2). Jo tempora, jo mores… Auch Herr Bordelaire, seriöser Inhaber eines Pariser Porzellangeschäftes, hätte in diese Wehklage einstimmen können, denn seine Gattin handhabte ihr Jo-Jo derart offensiv, dass sie in Cafés, Vergnügungslokalen und gar auf offener Straße Bekanntschaften anknüpfte. Die Scheidungsklage folgte – doch Herr Bordelaire ließ sich umstimmen als seine Denise ihm vor Gericht versprach, „sich beim Yo-Yo-Spiel künftighin weniger kokett zu benehmen“ (Yo-Yo als Scheidungsgrund, Neue Freie Presse 1932, Nr. 24504 v. 1. Dezember, 5). Realität und Boulevard, Farce und Tragödie waren kaum mehr zu unterscheiden, denn das Leben war ein Witz: „‚Mutter, ich lasse mich scheiden!‘ kommt weinend Grete nach Hause. ‚Aber, was ist passiert, ihr wart doch bis jetzt so glücklich?‘ meint verwundert die Mutter. ‚Jetzt ist es aus‘, erklärt die junge Frau, ‚denke dir nur, was der Mann mit angetan hat – er hat die Schnur von meinen [sic!] Yo-Yo abgeschnitten ‘“ (Die Bühne 1932, Nr. 348, 49). Derartige Sternstunden des Journalismus spiegelten die Interessen der Mehrzahl, den Wunsch nach Heiterkeit. Sie waren aber auch fern vom hehren Ideal der vierten Gewalt. Journalisten hatten ihr Blatt käufernah zu füllen, um Anzeigen zu verkaufen – Jo-Jo war dabei eine willkommene Hilfe.

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Eine der vielen Lektionen der Jo-Jo-Champions Perry und Joe (L’Intransigeant 1932, Ausg. v. 4. Oktober, 6)

Zeitungen und Zeitschriften banden durch ihre Jo-Jo-Berichterstattung Käufer an sich, zumal junge. Auch wenn die in den USA üblichen Medienpartnerschaften in Europa nur selten anzutreffen waren, so wurden Klischees gerne benutzt, um etwa die wichtigsten Jo-Jo-Tricks zu präsentieren, um so den Spielern ein Ratgeber zu sein. Das stimmte auf die wachsende Zahl philippinischer und US-amerikanischer „Champions“ ein, die im Herbst 1932 Touren durch die europäischen Metropolen starteten, in denen sie nicht allein für das Jo-Jo-Spiel warben, sondern explizit für führende Importware. Dennoch gab es aufgrund der deutlich anderen Produktionsstrukturen in Europa eine bedeutsamere Bastelstruktur. Zeitungen und Zeitschriften konnten dabei mit ihren Beilagen punkten.

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Bastelzeichnung für ein Jo-Jo. Benötigt werden Zwirnspulenscheiben mit einem Durchmesser von fünf Zentimeter (1), ein acht Millimeter starkes Rundstäbchen (2) und ein schmiegsamer Wollfaden (Radio Wien 9, 1932, Nr. 3, 17)

Die Zahl der „Champions“ in Europa lag deutlich unter der in den USA, denn der Warenabsatz erfolgte stärker über die gängigen Kanäle des Handels, etwa Warenhäuser, den wesentlich wichtigeren Fachhandel oder aber die während der Krise insgesamt anwachsende Branche der Straßenhändler und Hausierer. Hinzu kamen Versandgeschäfte. Gleichwohl fanden die „Champions“ gebührenden Widerhall in der Presse. Der „Vorwärts“ berichte begeistert über vier „braunhäutige Studenten von den Philippinen“ in Berlin: „Was dieses Jo-Jo-Meister-Quartett den erstaunten Augen darbot, war allerdings verblüffend und stellte einen Jongleurakt dar, der an den seligen Rastelli erinnert. Acht Spiele flogen – jeder Spieler hielt links und rechts ein Jo-Jo – wie von Geisterhand geschnellt nach allen Richtungen. Das wirbelte wie toll im Kreis herum, schoß auf die Erde, beschrieb hier eine Bahn, flog zwischen den Beinen hindurch, über die Achsel retour, hielt sekundenlang auf halbem Weg nach unten inne und schoß bei Berührung mit der Fingerspitze wieder nach oben, beschrieb Spiralen und machte komplizierte Saltos, tänzelte im Takt der Musik“ („Hochschule“ für Jo-Jo, Vorwärts 1932, Nr. 555 v. 25. November, 7). Andere Beobachter lobten nicht zuletzt den Kreiselflug „im Walzertakt“ (Die hohe Schule des Yo-Yo, Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5). Die „Champions“ gaben potenziellen Jüngern Unterricht, machten sie so zu Botschaftern des Jo-Jos. Selbstverständlich fehlte nicht der Auftritt im Varieté und Ende Dezember 1932 gar in Fox Tönender Wochenschau (Österreichische Film-Zeitung 1932, Nr. 53 v. 31. Dezember, 12).

Die fehlenden starken Jo-Jo-Marken führten in Europa zu deutlich anderen Formen der Produktwerbung, so dass die Anzeigenerlöse niedriger lagen als in den USA. Die Anzeigengestaltungen war wenig elaboriert, Produktorientierung dominierte.

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Sachliche Werbung 1932 (Altonaer Nachrichten 1932, Nr. 233 v. 21. September, 4; La Sentinelle 1932, Nr. 232 v. 6. Oktober, 3)

Gleichwohl reagierten einzelne Werbegraphiker und auch Kritiker der Jo-Jo-Mode auf die Vielzahl der Karikaturen, in denen glücklich dreinschauende Menschen mit ihrem Jo-Jo eins waren. Humorvolle Werbung – dezent, man war deutsch! – wurde geschaltet. Und die vermeintliche Billigkeit des Jo-Jos wurde von kommunistischen Kadern angesichts bestehender Massenarmut als Kampfesmittel gegen das kapitalistische System gedeutet, um so die Weltrevolution voranzubringen und Mitgliedsbeiträge für die KPD zu generieren.

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Kritik und Agitation seitens der Kommunisten (Der Arbeiter-Fotograf 7, 1933, 21); Übertragung der Jo-Jo-Aktivitäten auf andere Konsumbereiche (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 57, 1933, 343)

Damit kommen wir zum letzten Aspekt der Sonderkonjunktur in der Krise, dem Widerhall der Jo-Jo-Mode in der Populärkultur. Das Spiel war der Ausgangspunkt, doch Jo-Jo stand nun für Lebensfreude und Optimismus. Der Begriff Yo-Yo/Jo-Jo löste sich vom Gegenstand, gewann eine abstrakte Qualität. Bemerkenswert war insbesondere die große Zahl von Schlagern und Tanzmusik, die sich an den Trend andockten. Blicken wir beispielhaft auf die österreichischen Radioprogramme der Jahreswende 1932/33: Leo Monosson (1897-1967), der Interpret von „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ präsentierte den Foxtrott „Ja, Ja, wir spielen Yo-Yo“ (Die Muskete 1932, 973), nicht wissend, dass er kurz darauf aus Deutschland fliehen musste. Bert Silving (1887-1948), ab 1938 Flüchtling, komponierte den „Yo-Yo-Marschfox“ (Reichspost 1932, Ausg. v. 15. Dezember, 12), Mallna-Ruzicka den „Yo-Yo-biguine“ (Radio Wien 1932, Ausg. v. 23. Dezember, 54), Oskar Kanita sang Jascha Doranges „Wir spielen nur Yo-Yo“ (Neuigkeits-Welt-Blatt 1933, Ausg. v. 5. Januar, 47). Leo Aschers (1880-1942) „Yo-Yo“-Foxtrott wurde wiederholt aufgeführt, der erfolgreiche Operettenkomponist musste Österreich ebenfalls 1938 verlassen (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1933, Nr. 5 v. 7. Januar, 13). Österreich ohne Walzer – undenkbar! Und der tschechische Komponist Bohuslav Leopold legte mit „Yo-Yo“ einschlägig nach (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1933, Nr. 5 v. 7. Januar, 14). Der Wiener Erik Jaksch (1904-1976) schuf einen gleichnamigen Rumba und später NS-Operettenfilme (Neues Wiener Journal 1933, Ausg. v. 7. Januar, 8). E. Chalers „Yo-Yo“-Walzer setzt den Reigen fort (Neues Wiener Journal 1933, Ausg. v. 10. Januar, 11), ebenso Charliers „Le Valse du Yo-Yo“ (Salzburger Volksblatt 1934, Nr. 118 v. 26. Mai, 13).

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Der „Yo-Yo-Trott“, imaginierter Modetanz 1933 (Das kleine Blatt 1933, Ausg. v. 17. Februar, 17)

Auch Paul O’Montis (1894-1942), einer der erfolgreichsten Interpreten der späten 1920er Jahre, präsentierte einen Foxtrott namens „Yo-Yo“, begleitet vom Paul Godwin-Tanzorchester (Moderne Welt 14, 1933, H. 5, 5); als Homosexueller floh er 1933 aus Deutschland, wurde 1939 jedoch in Prag verhaftet und starb im KZ Sachsenhausen. Fast schon zynisch erscheint da der Schlager „Was hat Yo-Yo mit Erotik zu tun?“, den die Jazzband Fred Bird Rhythmicans 1933 aufnahm, ehe sie als Fred Bird Tanz-Orchester neu firmieren musste (Neues Wiener Journal 1933, Nr. 14102 v. 22. Februar, 15). Die Jo-Jo-Mode griff über auf die leichten Muse, eine Kunstform die zu heiter und albern war als dass sie nach der Machtzulassung 1933 weiter hätte gepflegt werden können.

Das Phänomen Jo-Jo drang auch in den visuellen Medien vor, wenngleich es sich dabei vielfach nur noch um zeichenhafte Reminiszenzen handelte. Ein Beispiel ist die Filmkomödie „Fräulein Yo-Yo“, inszeniert von dem schon 1932 in die Schweiz emigrierten Fritz Kortner (1892-1970), der mit Dolly Haas (1910-1994) eine weitere Emigrantin und mit Willy Forst (1903-1980) einen Günstling des späteren NS-Systems zusammengeführt hatte.

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Fritz Kortner reizt mit „Fräulein Yo-Yo“ (Prager Tagblatt 1933, Nr. 59. v. 10. März, 10)

Auch im Theater finden sich eine Reihe weiterer Jo-Jo-Stücke: Die Operettengroteske „Adam, Yo-Yo und Eva“ (Der Abend 1932, Ausg. v. 5. Dezember, 11; Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 29. November, 7) etwa. Oder die Kinderrevue „Das Märchen vom Yo-Yo“ von Robert Peiper (1902-1966), der nach dem „Anschluss“ Österreich ebenfalls verlassen musste (Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 10. Dezember, 11). Festzuhalten ist, dass der Lalllaut Jo-Jo in den Folgejahren eine eigenständige Stellung als Name erhielt. Dafür steht etwa Henri van Wermeskerkens (1882-1937) Kinderbuch „Elefant Jo-Jo“ von 1937.

Jo-Jo und die Weltwirtschaftskrise: Erklärungsversuche

„Man kann noch durch die kleinste Nebenpforte in den Mittelpunkt menschlichen Wesens gelangen“ (Siegfried Kracauer, Georg Simmel, in: Ders., Das Ornament der Masse, Frankfurt a.M. 1977, 209-248, hier 224) – und entsprechend gab es zahlreiche zeitgenössische Erklärungen für das um sich greifende Jo-Jo-Spiel. Das Spiel wurde als „Spule der Geduld“ (Mimi Konried, Yo-Yo, ein Spiel und eine Weltanschauung, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13975 v. 16. Oktober, 9) geadelt, als „Symbol einer abgeklärten Weltanschauung“: „Ein Heilmittel für unsere zerrütteten Nerven: Nur Geduld! Es wird schon gehen!“ (Kostelnik, 1932). Wer meint, dass die Postmoderne in den 1970er Jahren begann, der wird durch das Jo-Jo eines besseren belehrt. Einzelne betonten: „In seiner Einfachheit liegt das Geheimnis seines Erfolges, in nichts anderem“ (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 31). Andere sahen die Ursachen der Manie im aufreibenden modernen Leben, das den Spieltrieb verkümmern lasse: „Ist es nicht vielleicht eine Auflehnung gegen die Vergewaltigung der menschlichen Natur durch Rationalisierung und Entseelung der Arbeit? Wer mag das wissen?“ (Yo-Yo, Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 1932, Nr. 46 v. 12. November, 3). Jo, Jo. Versuchen wir also die große Zahl zeitgenössischer Erklärungen etwas zu systematisieren. Fünf Aspekte treten dann in den Vordergrund.

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Spielende Kinder in Wien 1932 (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32)

Jo-Jo wurde, vor allem zu Beginn, als Lappalie gedeutet, als Spiel für Kinder und Dumme: „Es sagt die kluge Tante Els: «No, no / Was glaubst Du denn: ich spiel Yo-Yo? / Das ist ein Spiel für kleine Kinder / Und solche die im Geist noch minder.»“ (Yo-Yo-Fimmel, Nebelspalter 58, 1932, Nr. 52, 8). Bestand Distanz zum Spiel, hatte man es selbst nicht probiert, so war das Verdikt strikt: Zu „Yo-Yo braucht man wirklich nicht eine Spur von Verstand“ (Yo-Yo, Kärtner Volkszeitung 1932, Ausg. v. 10. Oktober, 5). Auch die Kärtner Schriftstellerin Paula Brix-Bogensberger (1889-1964), selbst Produzentin leichter Romankost, kanzelte das Spiel harsch ab: „Es ist grad nicht für große Geister, / Von Übel nur ist der Verstand, / Und wer in diesem Spiele Meister, / Das Pulver sicher nicht erfand“ (Yo-Yo, Freie Stimmen 1932, Ausg. v. 2. Dezember, 2). Derartige Stimmen waren jedoch selten und zudem häufig gebrochen. Der anfänglichen Verdammung folgte oft ein Innehalten, Nachdenken über die verlorene Unschuld der Kindheit, ein Lob der Torheit, des Unernsten (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32). Mehrfach war das Verdikt auch Anlass zur praktischen Bekehrung. So auch bei Tante Els: „Doch kaum hat sie das Spiel zur Hand, / Geht sie ans Lernen unverwandt. Sie zieht die Schnur hinaus, doch munter / Fällt der Yo-Yo stets wieder runter. Mit aller Hirn- und Körperkraft / Die Tante mit dem Yo-Yo schafft, / Und deutlich ist es zu erkennen: Sie kann sich nicht mehr von ihm trennen. / Moral: Es ist im Leben öfters so: Erst sagt man Nein und dann Jo, jo“ (Yo-Yo-Fimmel, 1932).

Weitaus verbreiteter war die Verbindung des Spiels mit Massenarbeitslosigkeit und zwangsweiser freien Zeit. Jo-Jo erschien als „ein der Jetztzeit gut angepaßtes Nervenberuhigungsmittel“ (Man spielt Yo-Yo, Neue Freie Presse 1932, Nr. 24441 v. 28. September, 6), als Zerstreuungs- und Nervenberuhigungsspiel, das „die so oft vermißte stumpfsinnige Glückseligkeit“ (Pott, 1932) erlaube. Jo-Jo stellte die Menschen offenkundig still, beschäftigte die Hände (Sternbach-Gärtner, 1932). Es wirkte besänftigend, beruhigend, galt als das „einzige Mittel gegen die Krise“ (Die Stunde 1932, Ausg. v. 16. Oktober, 10). Doch die Verbindung von Arbeitslosigkeit und Jo-Jo-Spiel trügt. Zeit war in der Tat vorhanden, doch sie war ein „tragisches Geschenk“ (Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt a. M. 1971, 83). Die Marienthal-Studie legte nahe, dass unbegrenzt verfügbare Zeit eben nicht zu deren einfacher Füllung führte, sondern zum Zerfall, ja zur Auflösung von Zeiteinteilungen (Ebd., 86). Jo-Jo mochte ein „Sorgenbrecher“ (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3) sein, doch dieses Gefühl hielt nur eine gewisse Weile vor. Jo-Jo war weder das „neueste Spiel der sich einsam fühlenden Frau“ (H.K. Breslauer, Teufelei…, Die Stunde 1932, Nr. 2820 v. 6. Dezember, 7) noch das der Arbeitslosen. Es war ein Spiel der breiten und durchaus noch beschäftigten Mitte der Gesellschaft, des neuen Mittelstandes. Es war nicht Ausdruck von Verzweiflung, sondern von dessen Gegenteil: „Yo-Yo verscheucht die Sorgen, Yo-Yo bekehrt uns zum Optimismus und mit dem aus dem Yo-Yo gewonnenen Optimismus kurbeln wir dann die Weltwirtschaft an“ (Die hohe Schule des Yo-Yo, Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5). Der kommerziell in Gang gesetzte Spieltrend stand für den eben nicht überall fraglich gewordenen Glauben an eine zwar zyklische, aber grundsätzlich wachsenden Wirtschaft, für das Heilsversprechen einer raschen Erholung nach der erforderlichen Rosskur und mittels der Selbstheilungskräfte des Marktes. Das Spiel beschwörte den Tag herbei, „an dem wieder endlich alles wie am Schnürchen läuft“ (Harry Schreck, Traktat vom Yo-Yo, Vossische Zeitung 1932, Nr. 473 v. 2. Oktober, 21).

Jo-Jo repräsentierte just auf dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise Aufstiegschancen im Wettbewerb – gesellschaftlich, aber auch individuell. Jo-Jo war eine liberale Utopie. Vorbild war Harvey Lowe (1918-2009), ein Kanadier chinesischer Abstammung, der am 12. September 1932 die Yo-Yo-Weltmeisterschaft und 4.600 $ in London gewann und anschließend durch Europa tourte. Jo-Jo war kein Gruppenspiel, auch wenn man es in der Gruppe spielen konnte. Es ging um Selbstbeherrschung, das Erlernen einer Konkurrenztechnik und auch die Durchsetzung des Besten: „An jeder Straßenecke, bei jedem Haustor werden Meisterschaften ausgefochten und jeder Mensch, ob groß oder klein, freut sich, wenn er es besser kann als sein Nachbar“ (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32). Anfangs, im September und Oktober 1932, gab es vielfältige lokale Wettbewerbe ohne einheitliche Leitung (Le championnat vaudois de yoyo, Le Rhone 1932, Nr. 80 v. 7. Oktober, 7). Doch parallel etablierte sich – analog zu den USA – eine wachsende Zahl von institutionalisierten Wettbewerben (L. Loeske, Yo-Yo Rollpendel-Schaufensteruhr, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 56, 1932, 590). Jo-Jo war nicht allein kontemplative Spielerei: „Scharf passen die Kinder auf, daß das Auf- und Abschnellen nicht einmal aussetzt. Denn ihnen geht es schon nicht mehr ums Vergnügen, sondern um Höheres, um den Rekord. Bald scheiden sich die Spieler in solche, bei denen Yo-Yo schon nach kurzer Zeit stille steht, und solche, die Yo-Yo beliebig lange rollen lassen, vorausgesetzt – daß nicht die Rolle ins Trudeln kommt“ (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3). Rekorde aber verlangten Training, erforderten einen Rückgriff auf die physikalischen Grundlagen des Spiels, die bis heute die Jo-Jo-Literatur mitprägen (vgl. auch D.W. Gould, The Top, Folkstone 1975, 98-101). Mehr als zwei Jahrzehnte vor der Veröffentlichung des ersten Guinness-Buchs der Rekorde rangen die Spieler um Anerkennung und Preise. Im November wurde beispielsweise der bis dahin geltende Weltrekord im Dauerrollen pulverisiert. Eine Budapesterin hatte die Bestmarke auf 2946-maliges Auf- und Ab geschraubt, doch dann kam ein neuer Star, ein nur 14jähriger Erzgebirgler, Sohn eines Holzwarenfabrikanten in Nassau. Dieser schaffte es unter Aufsicht sein Jo-Jo binnen einer Stunde und 49 Minuten genau viertauendmal rollen zu lassen (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 271 v. 19. November, 3). Anders als in den USA blieb die Professionalisierung des Jo-Jo-Sports jedoch in den Anfängen stecken. Ein Weltkongress der Yo-Yo-Spieler wurde in Prag einberufen, hatte jedoch keinen nachhaltigen Erfolg (Salzburger Wacht 1932, Ausg. v. 17. November, 2). Es fehlte an zahlungskräftigen Sponsoren.

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Jo-Jo im Jahresrückblick 1932 (Zeitbilder 1933, Nr. 1 v. 1. Januar, 8)

Leisten wir uns nun etwas Distanz – und nutzen das reichhaltige Arsenal der damaligen Philosophie für eine Erklärung des Phänomens. Jo-Jo war dann beispielsweise Ausdruck der Existenz in der Massengesellschaft. Das jedenfalls war die Quintessenz der Idee des „Man“, die der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) in seinem frühen Hauptwerk „Sein und Zeit“ entwickelt hatte (16. Aufl., Tübingen 1986, 126-130). Die moderne Massengesellschaft und ihre individuelle indifferente Infrastruktur charakterisierten demnach ein Miteinander, in dem der Mitmensch nicht mehr von anderen unterschieden wurde und in seiner Ausdrücklichkeit verschwand: „In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom »großen Haufen« zurück, wie man sich zurückzieht“ (Ebd., 126-127). Das Man stand für die Durchschnittlichkeit modernen Lebens, für ein abgepuffertes Dasein, das die Amplituden einebnete. Es nahm individuelle Urteile, individuelle Entscheidungen vorweg, entlastete den Alltag, machte ihn leicht, ließ in leicht nehmen. Selbstverständlich war das Man eine Fiktion, doch es ordnete das Dasein, schuf Realität. Es erlaubte Bezug auf die Anderen, zugleich aber Unterscheidungen. Das Jo-Jo-Spiel war dafür ein Beispiel, denn man spielte es: „Spielen Sie schon Yo-Yo? Wenn nicht, so schämen Sie sich. Denn die ganze Welt spielt Yo-Yo“ (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1932, Nr. 244 v. 22. Oktober, 8). Es war uneigentlich, hatte keine Substanz, sondern war Ausdruck der Botmäßigkeit gegenüber anderen. Zugleich machte es Unterschiede deutlich, gab dem Einzelnen eine Chance, vorhandene Fähigkeiten im Wettbewerb mit anderen zu adeln. Heidegger, als Nationalsozialist und Antisemit dann wahrlich übermannt, erlaubte einen existenzialphilosophischen Zugang zur Jo-Jo-Manie, blendete aber die damit verbundenen gesellschaftlichen und ökonomischen Perspektiven aus. Das gilt zumal für den Internationalismus, der mit dem Jo-Jo verbunden war. Das Spiel war idealiter an keine Nation und keine Rasse gebunden, stand für Heterogenität in Spiel und Wettbewerb – und gegen abgeschlossene Vorstellungen eines dumpfen Man, einer erstrebenswerten Volksgemeinschaft.

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Abkehr von den Alltagspflichten (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 243 v. 15. Oktober, 16)

Die Jo-Jo-Mode wurde 1932 zudem vielfach als Eskapismus gedeutet: „Brennende politische Fragen werden nicht mehr diskutiert, Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise scheinen vergessen. Die Menschen haben keine Sorgen mehr“ (Yo-Yo erobert sich die Welt, 1932). Jo-Jo erlaubte kurzfristiges Abtauchen, Kurzzeitvergessen: Verschwunden „die unbezahlten Rechnungen in der Kohlenkiste, das Steuermandat, den Geschäftsgang, die Preise, die Politik“ (Vorarlberger Landes-Zeitung 1932, Ausg. v. 22. Oktober, 9). Jo-Jo war Eskapismus auch vom Deutsch-Nationalen und Völkischen, von den Verordnungen, den Regularien, von den Fährnissen der Zeit. Heiteren Ernst kennzeichneten die Bemühungen, ein wenig Freiraum galt es zu gewinnen: „Jo-Jo ist jetzt das Modespiel. / Man spielt es fern und nah. / Jo-Jo spielt heute der Jugendstil, / Jo-Jo spielt die Mama. / Die Oma spielt’s im weißen Haar, / die Tante ebenso. / Es ist ja auch ganz wunderbar, / Das neue Spiel Jo-Jo. / Jo-Jo spielt die Verkäuferin, / Wenn sie ist gerade frei. / Die Köchin hat Jo-Jo im Sinn, / Vergißt dabei den Brei. / Jo-Jo spielt, wenn die Luft ist rein, / Die Tippmaid im Büro. / Wer heute recht modern will sein, / Der übt sich im Jo-Jo“ (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 243 v. 15. Oktober, 16). Die Blödelkunst der damaligen Populärkultur schien hier auf – doch Eskapismus war Teil der Krise, verlängerte sie. Jo-Jo verkörperte die Handlungsunfähigkeit der Zeit, das Abdriften in Nabelschau und Träumereien: „Und die Leute spielen – Vogel Strauß!“ (Annette Stein, Yo Yo – Jo jo!, Marchfeldbote 1932, Ausg. v. 7. Oktober, 7).

Entamerikanisierung: Jo-Jo als europäischer Wiedergänger

Damit könnten wir eigentlich enden. Doch wir würden dann zwei zentrale Charakteristika der Jo-Jo-Manie des Jahres 1932 ausblenden: Jo-Jo geriet zum einen nämlich kaum in den üblichen Mahlstrom der Amerikanisierungsdebatte, weil in Europa eine andere, eine national geprägte, aber doch europäische Geschichtsdeutung verbreitet wurde. Zum anderen aber war Jo-Jo 1932 keine wirkliche Innovation, sondern ein Wiedergänger. Die Joujou-Mode der frühen 1790er Jahren enthielt fast alle Elemente, die 1932 als neuartig und modisch beschworen wurden.

Gewiss, auch in Europa war Geschichtsklitterung an der Tagesordnung. „Le yo-yo n’a donc paru nouveau qu’à cause de l’ignorance de l’histoire“ [Das Jo-Jo galt nur aufgrund der Unkenntnis der Geschichte als neu] (Propos d’un Parisien, Le Matin 1932, Nr. 17750 v. 24. Oktober, 1). Doch diese resultierte vorrangig aus der fehlenden Bildung der Journalisten, war nicht Ausdruck eines gezielt irreführenden Geschichtsnarrativs zum Absatz eines Markenartikels. Viele Journalisten kokettierten zudem mit den vermeintlich unbekannten Ursprüngen des Spieles und seines Erfinders. Faktenfreies Fabulieren galt einigen als Tugend, bis hin zur Mär von der chinesische Kaiserin Yo-Yo, der Erfinderin des einschlägigen Pläsiers (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3). „Ja, alles ist schon dagewesen, / Auch dieses Spiel, genannt Yo-Yo. / In der Geschichte kann man lesen, / Schon die Chinesen spielten so“ (Brix-Bogensberger, 1932). Ha, ha… Korrekter waren da schon Verweise auf die griechische Antike (Die Yoyomanie. Der Dämon in der Laufspule, Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 25. September, 25). Zugleich gab es viele Reminiszenzen an die eigene Geschichte, denn schon Väter und Großväter hatten das Jo-Jo offenbar geschätzt. Es war ein „wieder volkstümlich“ (Die Frau und Mutter 21, 1932, H. 11, 34) gewordenes Spiel. Duncan Yo-Yo wurde dagegen nicht erwähnt; schließlich handelte es sich um eine gleichsam naturwüchsige Mode, nicht um die Auswirkungen gezielten Marketings.

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Der niemals regierende französische König Louis XVII (1785-1795) mit einschlägigem Spielzeug (La Rhone 1932, Nr. 88 v. 4. November, 5)

Die Geschichte des Jo-Jos wurde aber durchaus korrekt an den britischen Hof – der spätere König Georg IV. (1762-1830) spielte als Jugendlicher „Bandalor“ –, vor allem aber ins französische Versailles zurückverfolgt. Das Spiel gelangte wohl aus dem Orient nach Europa, wo es seit 1790 vom Adel, zunehmend aber auch vom Bürgertum aufgegriffen wurde (Gould, 1975, 105-106). Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) sah es erstmals 1790 in Venedig: „Welch ein lustiges Spiel! Es windet am Faden die Scheibe, Die von der Hand entfloh, eilig sich wieder herauf! Seht, so schein‘ ich mein Herz bald dieser Schönen, bald jener Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zurück“ (Werke, Bd. 1, Wien 1816, 411). Ausgangspunkt der im gleichen Jahr beginnenden Mode war jedoch die Handelskapitale der Welt, London. Von dort „kam es, vermuthlich durch die Normandie zuerst nach Flandern und nach Holland, wo man seine Abkunft und rechten Nahmen, Bandeliro, nicht wußte, und es also nach der Provinz woher es kam, Joujou de Normandie, nannte. Durch junge Engländer wurde es im vorigen Sommer an verschiedene Orte in Deutschland gebracht, und sonderlich zuerst in den Bädern, Spaa, Aachen, Pyrmont und Carlsbad bekannt“ (Bertuch, 1792, 12). Paris griff den Trend erst etwas später auf, im Oktober 1791. „Seit ein Paar Monaten aber ist das Joujou dort so allgemein Mode, daß Alt und Jung mit einem Joujou in der Hand geht, und sonderlich die Filles unsägliche Narrheiten damit treiben, um sich bemerkbar zu machen“ (Ebd.).

Das Joujou de Normandie bekam rasch neue Namen, bürgerte sich vor allem als „Emigrant“ ein, war es doch Begleiter adeliger (und bürgerlicher) Emigranten, galt als „jeu de émigrés“ (Le Croix 192, Ausg. v. 13. Oktober, 1). Ein anderer Name war „Coblentz“ (Yo-Yo, Ric et Rac 1932, Nr. 182 v. 3. September, 2), Sammelort vieler Geflüchteter. Begriffe wie „emigrette“ oder „pierrot à la Coblentz“ schlossen sich an (Mercure de France 1932, Nr. 240 v. 15. November, 217), doch auch deutsche Bezeichnungen, etwa „Bullenspiel“. Die Scheiben erinnerten an die Wachssiegel der Privilegien, Beglaubigungsschreiben und Pässe.

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Das Joujou de Normandie 1792 (Journal des Luxus und der Moden 7, 1792, Taf. III)

Die Jo-Jo-Mode der frühen 1790er Jahre glich der des Jahres 1932. Die andersartigen Verkehrs- und Kommerzverhältnisse streckten das Geschehen allerdings über einen etwas längeren Zeitraum: „Es ist sonderbar mit welchem allgemeinen Bayfalle dieß neue Mode-Joujou jetzt durch ganz Europa fliegt. Es beschäftigt überall Drechsler, Gold-Arbeiter, Juwelier und Moden-Handlungen. In London und Amsterdam besetzt man es mit Brillanten, in Paris werden die meisten galanten Etrennes heuer in schönen Joujous bestehen; die Aerzte finden schon, daß es wegen der gemäßigten Bewegung die es verschafft den Kranken überaus empfehlenswerth sey; junge Ritter werfen es neben ihren Damen her galoppirend, wie sonst den Wurfspieß mit einem Helden-Air; Knaben und Männer, Mädchen, Frauen und Matronen spielen es im Kreise ihrer Geschäfte“ (Bertuch, 1792, 13). Ja, es kam noch ärger: „Die Manie breitete sich nun, wie weiland die Influenza über ganz Deutschland aus. Allenthalben Joujou. Auf den Straßen fühlte man oft unvermuthet einen kleinen Stos an den Kopf; man sahe hinauf, und der Stos kam vom Joujou, das ein süßer Herr zum Fenster heraus spielte. Auf Bällen handhabten die Figuranten statt Aufmerksamkeit ihr Joujou. In jedem Strickbeutel fand man eins“ (Ueber das Joujou de Normandie, Leipzig 1792, 20). Adel und Bürgertum prägten die Anfänge des Spiels, doch es gab rasch einen sozialen Rieseleffekt, „bis es endlich alle Gassen-Jungen auch hatten, und sogar die Schornstein-Feger auf den Schornsteinen es spielten“ (Joujou de Normandie, in: Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 72, Berlin 1797, 695-709, hier 698).

Das Joujou de Normandie wurde breit diskutiert, die meisten Aspekte der Debatten von 1932 lassen sich wiederfinden, müssen allerdings anders eingebettet und erklärt werden. Es schien sich um eine Art Krankheit zu handeln, die „Manie für dieses schnurbewickelte Rädchen“ (Joujou, 1792, 4) schien anders kaum zu erklären. Zur Zeit der französischen Revolution spiegelte es den allgemeinen Umsturz. Just die Älteren erfüllten nicht mehr länger ihre ständischen und göttlichen Pflichten, so in Chemnitz: „Das beliebte Joujou ist auf der Wanderung, die es, wie die Influenza, durch Europa macht, auch hierher gekommen, und man sieht nicht blos Kinder, sondern auch ernsthafte gesetzte Personen die Zeit mit dieser Tändeley verderben“ (Deutsche Zeitung 9, 1792, Sp. 245). Schuld schien nicht zuletzt die „tyrannische Allgewalt“ der Mode (F. Wolff, Ueber die Modesucht und ihre nachtheiligen Folgen, Neues Hannoversches Magazin 1811, Sp. 641-656, hier 641).

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Moralische Verdammung des Jo-Jos 1792 (Joujou, 1792, vor 1)

In den 1790er Jahren stritt man deutlich stärker über Moral als 1932, ohne aber die Aufladung unserer heutigen Zeit zu erreichen. Denn der Wertehorizonte war einheitlicher, noch an Gott und bürgerlicher Rechtschaffenheit orientiert. Entsprechend galt das Joujou als „Zeitverderber“ (Der Anzeiger 1792, 189), als ein zeittötendes Mittel (Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung 8, 1795, T. 2, Sp. 801). Spielende Bürger erschienen nicht schicklich, Spiel war etwas für Kinder und adelige Nichtsnutze. Doch all das Klagen half nicht: „Anno 1791 war die Welt so alt, daß sie kindisch ward: – es fieng das kindliche Jahrhundert an, dann [sic] alle Menschen spielten mit Joujou“ (Preßburger Zeitung 1791, Nr. 86 v. 26. Oktober, s.p. [20]).
Die damalige Umbruchszeit spielte sich aber auch in der durchaus kontroversen Bewertung des Spieles. Theologen sahen das Joujou als Substitut für den kaum mehr genutzten Rosenkranz. Ärzte verwiesen dagegen auf die durchaus beruhigende Kraft des Repetitiven, sahen darin teils eine „Universalmedizin“ (Joujou, 1792, 39). Andere befürchteten, dass die einseitige Belastung „eine krumme, bucklichte, ungerade Generation“ (Preßburger Zeitung, 1791) produziere. Spötter, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Laukhard (1757-1822) hielten mit Hilfe des Spieles der bürgerlichen Ehrsamkeit einen Spiegel vor, verulkten deren Bigotterie (Annalen der Universität zu Schilda […], T. 1, s.l. 1798, 199-200). Nach dem Furor der Anfangszeit glätteten sich allerdings die Wogen: Das Joujou galt als „ein unschuldiges, nicht ganz unnützes, und […] nicht verwerfliches Spiel“ (Johann Christoph Friedrich Guts-Muths, Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und Geistes, Schnepfenthal 1802, 311 – ein Plagiat aus Krünitz, 1797, 698). Beachtenswert auch die ökonomischen Wirkungen: „Der Emigrant war allenthalben zu sehen, man sah ihn an den Thüren der Kaufläden, in den Häusern, an den Fenstern, auf Spaziergängen; er war zur Raserei geworden. Es wurde zur Verfertigung dieses kleinen Spielzeugs eine ungeheure Masse von Rosen- und Ebenholz, sowie Elfenbein verbraucht. Eine bedeutende Anzahl armer Familien hatte durch diese Fabrikation Brod und Erwerb und schon deshalb verdient der Emigrant nicht ganz vergessen zu werden“ (Geschichte der Spielzeuge. Der Kugelfänger, der Hampelmann, der Emigrant, der Teufel, Illustrirte Zeitung 3, 1844, 394).

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Spiele im geborgenen Ambiente, darunter der Emigrant (Mädchenlust in den Erholungsstunden auf dem Schlosse zu Feldbrunn, Wien 1823, n. 32)

Obwohl vielfach zu lesen ist, dass das Jo-Jo-Spiel ab Mitte der 1790er Jahre „schnell vergessen“ (Franz Gräffer, Joujou, in: Ders., Kleine Wiener Memoiren, T. 1, Wien 1845, 45-46, hier 45) wurde, so blieb es auch im 19. Jahrhundert ein weithin bekanntes Spiel, vornehmlich im Bürgertum. Das hatte mit der anderen Bewertung des Spielens selbst zu tun, mit veränderten Erziehungskonzepten (vgl. allgemein Dorothea Kühme, Bürger und Spiel. Gesellschaftsspiele im deutschen Bürgertum zwischen 1750 und 1850, Frankfurt a.M. und New York 1997). Die frühere Zeitverschwendung mutierte nun zum „Zeitvertreib“ (Gabr[iel] Christ[oph] Benj[amin] Busch, Handbuch der Erfindungen, T. 7, 4. ganz umgearb. und sehr verm. Aufl., Eisenach 1814, 92).

Der Begriff „Joujou“ wurde allerdings zunehmend eingedeutscht. Das galt einmal für den Lalllaut selbst, der als „Ju-Ju“ bis mindestens in die 1880er Jahre gebräuchlich war (Hanna Janensch, Jo Jo = Ju Ju, Vossische Zeitung 1932, Nr. 497 v. 16. Oktober, 23; Ein Spiel überfällt die Welt, Volksblatt für Stadt und Land 1932, Ausg. v. 30. Oktober, 3). Joujou galt nach den sog. Befreiungskriegen als ein Ausdruck der „Verwelschung“, die es unbarmherzig zu beseitigen gelte. Der Berliner Historiker, Nationalist und Antisemit Friedrich Rühs (1781-1820) peitschte ein: „Französische Moden wurden in ganz Deutschland nachgeahmt und die jämmerlichsten Thorheiten und Erbärmlichkeiten, die die Franzosen ausheckten, wie das abgeschmackte Joujou de Normandie, verbreiteten sich mit Blitzesschnelle von Paris bis an die Ostsee“ (Historische Entwickelung des Einflusses Frankreichs und der Franzosen auf Deutschland und die Deutschen, Berlin 1815, 323). Die gängigen Hilfsmittel zur „Verteuschung“ der deutschen Sprache empfahlen statt Joujou „Spielwerk“ (Eduard Beer (Hg.), Neuestes Fremdwörterbuch zu Verteutschung […], Bd. 1, Weimar 1838, 592 und Verteutschungsbuch der in unserer Sprache üblichen fremden Wörter und Redensarten, 2. Aufl., Kempten 1829, 166) oder aber „Auf- und Abrollspiel“ (Joh[ann] Christ[ian] Aug[ust] Heyse, Kleine Fremdwörterbuch zur Verdeutschung […], Hannover 1840, 220), doch durchsetzen konnten sich diese deutschen Kunstworte nicht. „Joujou“ war noch bis Ende des 19. Jahrhundert gebräuchlich (Joujou, Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl., Bd. 9, Wien 1889, 274). Schon deutlich früher wurde der Begriff – das französische Wort für Spielzeug – abstrahiert, mutierte zum Steckenpferd und Kosenamen.

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Vom Spiel zum Steckenpferd: Abstraktion des Begriffs Joujou (Petersburg 1830 [erstmals erschienen 1807], 1)

Anstelle der Kunstworte der Fremdwortfeinde etablierten sich andere deutsche Worte, etwa der schon erwähnte „Emigrant“ oder die noch an die französischen Ursprünge erinnernden „Patriotchen“ oder „Patriotel“ (Gräffer, 1845, 46). Spannender ist der seit spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisbare Begriff „Rollrädchen“ (Hermann Wagner, Illustrirtes Spielbuch für Knaben, Leipzig 1864, 135-136). Ebenso wie der Berliner Begriff „Kletterspule“ verwies er auf die Veränderungen des Maschinenzeitalters, auf Feinmechanik und Textilproduktion. Es ist daher auch kein Zufall, dass Jo-Jos in den 1860er Jahren teils neu konzipiert und zumindest in den USA patentiert wurden. Doch diese hatten nicht die kommerzielle Durchschlagskraft eines Flores oder eines Duncan, mochte das 1867 patentierte „Return Wheel“ des deutschstämmigen Einwanderungsunternehmer Charles Kirchhof auch auf den Erfahrungen in seinem Vaterland basieren; die mehr als hundertjährige Geschichte der 1852 in New York gegründeten und dann in Newark, NJ ansässigen Kirchhof Patent Company prägten andere Metall- und Spielwaren.

Auf und Ab

Kommen wir abschließend zurück zum „Yo-Yo-Rummel“ (Die Stunde 1933, Nr. 2982 v. 19. Februar, 10) des Jahres 1932. Er war keineswegs ein „unlösbares Rätsel“ (Spiel, 1932), sondern Folge eines in den USA in Gang gesetzten kommerziellen Trends, der in Europa allerdings ganz andere und vielfach überraschende Konturen gewann. Elaboriertes Marketing war und ist eben abhängig von den gesellschaftlichen, ökonomischen Bedingungen in den jeweiligen Märkten. Der geringe Verkaufserfolg von Duncan Yo-Yo in Europa war Folge der nur gering entwickelten Auslandsexpertise dieser auf den US-amerikanischen und kanadischen Markt konzentrierten Firma. Obwohl kommerziell in Gang gesetzt, unterstreicht die Geschichte der Jo-Jo-Mode sowohl die Kraft als auch die strukturellen Grenzen ökonomischer Kampagnen und eines eng gefassten Marketings. Moderne ausdifferenzierte Konsumgesellschaften besitzen immer einen Überschuss, der Überraschungen birgt (und damit wiederum Marktchancen). Die Jo-Jo-Mode geriet in Europa Ende 1932 ins Stocken, hielt sich zwar noch über Monate auf niedrigerem Niveau, ebbte dann aber ab und die Berichterstattung endete. Andere Spiele, etwa das aus Frankreich stammende Brettspiel Diablotin („Diablotin“, Tagblatt 1933, Ausg. v. 9. September, Beil., 3), rangen um die Nachfolge, doch der Breitenerfolg blieb aus.

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Ein neuer Trend? Abkehr vom Jo-Jo 1933 (Neues Wiener Journal 1933, Nr. 14080 v. 31. Januar, 1)

Die Geschichte der Jo-Jo-Mode 1932 liefert wichtige Einblicke in das Funktionieren von Konsumgütermärkten und die enge Verzahnung von Alltag, Gesellschaft und Wirtschaft. Drei allgemeine Aspekte scheinen mir am Ende diskussionswürdig:

Die Jo-Jo-Mode 1932 präsentierte erstens Geschichte als kommerzielle Ressource. Das amerikanische Yo-Yo wurde mit Hilfe von Kommerzlegenden aus dem wilden Philippinen beworben, erschien als gezähmte Innovation in einer weißen und distinguierten Gesellschaft, die ihren Spieltrieb zwar nicht verloren, doch kultiviert hatte. Yo-Yo war eine Innovation, die Vermarktung folgte dem Neuigkeitsversprechen massenindustriell hergestellter Waren. Geschichte war Beiwerk, diente als Zierrat, schuf eine Aura von Spannung und Wildheit. Das galt anfangs auch in Europa. Das Jo-Jo wurde als unaufhaltsame urwüchsige Kraft wahrgenommen, als ein irrationaler Einbruch in eine grundsätzlich geordnete, gegenwärtig aber aus den Fugen geratene Welt. Rasch aber wurde nach den Ursprüngen gefragt, Jo-Jo mit dem eigenen historischen Erbe verbunden. Das erfolgte versatzstückhaft, blieb konsumnahes Stückwerk. Statt wilder Urwaldkämpfer erinnerte man sich an gepuderte Adelszöglinge, an eine vergangene, vielleicht gar bessere Zeit. Dem dienten auch die durchaus vorhandenen Reminiszenzen an Jo-Jo als Spielzeug der eigenen Kindheit. Europa blickte zurück, verklärte nostalgisch; in USA dagegen konzentrierte man sich auf den Spaß und Wettbewerb in der Gegenwart.

Aus heutiger Sicht überraschend ist, dass die schon damals bestehenden Chancen der gegenwärtigen „Bereicherungsökonomie“ (vgl. dazu Luc Boltanski und Arnaud Esquere, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2018, insb. 220-225, 293-300) ungenutzt blieben. Die reiche europäische Jo-Jo-Geschichte diente nicht dazu, teurere Jo-Jos und Applikationen, solche mit Aura und Patina zu verkaufen, die Preise entsprechend höher zu schrauben. Die Handwerkskunst der Drechsler und Juweliere wurde noch nicht als Besonderheit verstanden, als Chance für Wert- und Gewinnsteigerungen. 1932 entstanden mit Jo-Jo-Bällen und -Polonaisen, mit einschlägigen Schlagern und Tanzmusiken neue Formen ironisch-beschwingten Umgangs mit dem Phänomen, während die Joujou-Kultur des Adels und des Bürgertums im späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts für „Events“ und Festivals nicht genutzt und vermarktet wurde. Das wäre heute anders, denn Geschichte ist eine zentrale Ressource der „Bereicherungsökonomie“, weit profitabler als die üblichen Marketinglegenden einfacher Massengüter (vgl. etwa Mate oder Kolaprodukte). Die Geschichtswissenschaft steht all dem kritisch und aufklärend entgegen – wenn sie denn Wissenschaft ist und nicht gängige Lohnschreiberei.

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Jo-Jo und die „großen“ Themen (Nebelspalter 58, 1932, Nr. 45, 6)

Die Jo-Jo-Mode 1932 verdeutlicht zweitens die Engführung der gängigen Geschichte auf die vermeintlich großen Themen, während die Nöte und Freuden des Alltags teils ausgeblendet, teils nicht mit der großen Geschichte verbunden werden. Das Jahr 1932 steht hierzulande für die Weltwirtschaftskrise, für Massenarbeitslosigkeit und massive Not, für Präsidialdiktatur und Bürgerkrieg, für den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Selbstaufgabe der Republik. Die Jo-Jo-Manie zeigt jedoch andere, für die Mehrzahl sehr wichtige Aspekte dieser Zeit. Niemand wird die Bedeutung der großen Geschichte in Abrede stellen, doch eine einseitig darauf fixierte Geschichtserzählung und Geschichtsdidaktik werden zwingend eng bleiben, wichtiges ausgrenzen, werden Menschen „nicht mitnehmen“.

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Charakteristika der Zeit (Nebelspalter 59, 1933, Nr. 1, 6)

Die Geschichte des Jo-Jos im Jahre 1932 verdeutlicht drittens schließlich die Multiperspektivität der Historie und den Eigensinn vieler Zeitgenossen. Die destruktive Kraft des Nationalismus und des Nationalsozialismus waren ein Zeittrend, einer der nicht abbrach wie der des Jo-Jos. Doch der aus heutiger Sicht vermeintlich zwingende Weg hin zum „Dritten Reich“ erschien 1932 keineswegs notwendig: „Ob sich Herr Hitler auch so viel / Gedanken macht bei diesem Spiel? / Die Laufbahn dieses Dingsda mahnt / auch an die seine ganz frappant“ (Yo-Yo, Der Morgen-Wiener Montagsblatt 1932, Ausg. v. 10. Oktober, 16). Die Zeitgenossen verbanden ihre Alltagsrealität mit dem Auf und Ab des Jo-Jos, hofften auf Verbesserung. Das bedeutete nicht zwingend einen Schwenk zu Adolf Hitler (1889-1945) und der NSDAP, zumal die Machtzulassung Anfang 1933 nicht nur aus dem Drängen der NS-Bewegung und ihrer Granden resultierte, sondern vornehmlich dem Kalkül einer kleinen nationalkonservativen und antidemokratischen Kamarilla. Ein wenig Jo-Jo hätte vielleicht helfen können, so die Idee einzelner: „Herr Hitler braucht ja so wie so von Zeit zu Zeit ein Nervenberuhigungsmittel. Zwischen all diesem Schreien und Stöhnen, diesem Versprechen und Nichthalten, diesem Hängen und Köpfen immer mal ein bißchen Yo-Yo“ (Pott, 1932, 3). So schrieb es Pieter Pott, dessen journalistische Karriere wohl 1933 mit einem letzten Gedicht im sozialdemokratischen „Lübecker Volksboten“ endete (Nr. 69 v. 7. April, 3). Hitler spielte kein Jo-Jo.

Uwe Spiekermann, 13. August 2020

Tod durch Kinderkost? Gekochte Milch, Säuglingsskorbut und unwissende Wissenschaftler im Deutschen Reich, 1880-1930

Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich das vorwissenschaftliche Verständnis von Essen und Ernährung grundlegend. [1] Gründend auf der im späten 18. Jahrhundert einsetzenden chemischen „Revolution“ wurden neu benannte und definierte Nahrungsstoffe – Eiweiß, Kohlenhydrate und Fette – die entscheidenden Elemente für das europäische Projekt der modernen Ernährungswissenschaften. In den 1840er Jahre verband der Gießener Chemiker Justus Liebig (1803-1873) zahlreiche Einzelbeobachtungen zu einem neuen Modell der „Natur“, nämlich eines für Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermaßen geltenden Stoffwechsels. Leben war demnach nicht primär Gottes Schöpfungswerk, sondern gründete auf Materie, auf chemischen Prozessen und steten stofflichen Reaktionen.

Auf den ersten Blick schien eine derart agnostische und rational-reduktionistische Vorstellung kaum geeignet, allgemein akzeptiert zu werden. Die Chemie galt schließlich nicht von ungefähr als „eine völlig esoterische Wissenschaft“ [2]. Gemäß dem Stoffparadigma war Essen – im Gegensatz zur Alltagserfahrung – nicht mehr länger ein integraler Bestandteil von menschlichem Leben und Gesundheit, sondern die Kombination und Zufuhr nicht direkt sichtbarer Nahrungsstoffe. Dennoch: Das neue, durch Chemiker, Physiologen, Pharmazeuten und dann auch viele Mediziner propagierte Wissen etablierte binnen weniger Jahrzehnte eine neue Vorstellung von der Alltagskost, durch die es möglich wurde, Alltagshandeln und Ernährungsweisen zu rationalisieren und zu optimieren. Der menschliche Körper schien vergleichbar mit der Dampfmaschine, benötigte er zum Funktionieren doch gleichermaßen Treibstoff. Das Ziel der verschiedenen Wissenschaften war nicht allein die Erkenntnis der vom Menschen geschaffenen Welt, sondern zunehmend die Kontrolle der menschlichen Lebensumwelt, der Nahrung und des Menschen selbst.

Die Kinderernährung war der erste Versorgungssektor, der auf Grundlage des neuen Stoffparadigmas umgestaltet wurde. [3] An die Stelle der „natürlichen“ Muttermilch sollte etwas Besseres, etwas Künstliches gesetzt werden. „Künstlich“ wird heute vor allem mit Begriffen wie Intelligenz oder aber Befruchtung verbunden. Sein Bedeutungsgewinn begann in den 1870er Jahren jedoch vor allem als „künstliche Säuglingsernährung“. Diese schien erst einmal unnatürlich zu sein, schien Muttermilch doch als Garant guter und gesunder Kinderernährung. Auch deren damals gängige Substitute waren noch „natürlich“, handelte es sich doch um die Milch von Ammen oder aber von Tieren, vornehmlich Kühen und Ziegen. „Künstliche Säuglingsernährung“ umgriff dagegen neuartige gewerblich hergestellte Produkte, die chemisch analysiert und häufig von Medizinern verordnet wurden. Es war das Wissen der Nahrungsmittelchemie und der Ernährungsphysiologie das neue Märkte schuf und der neuen Profession der Pädiater den Weg bahnte.

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Alltagsverluste: Der Tod des Erstgeborenen (The Leisure Hour 14, 1855, 817)

„Künstliche Säuglingsernährung“ war eine Antwort auf die epidemisch verbreitete Kindersterblichkeit, neben den Infektionskrankheiten die wichtigste Todesursache im 19. Jahrhundert. Die Industrialisierung mochte vorangehen, doch die jüngsten Erdenbewohner erreichten immer seltener das zweite Lebensjahr. In Preußen, dem wichtigsten deutschen Teilstaat, stieg die Kindersterblichkeit seit den 1820er Jahren vergleichsweise kontinuierlich und erreichte zwischen 1860 und 1900 eine nie wieder erreichte Höhe von etwa zwanzig Prozent.

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Deutsche Rückständigkeit: Kindersterblichkeit in Europa im späten 19. Jahrhundert (Prausnitz, 1912, 295)

Über die Gründe für diese humanitäre Katastrophe wird bis heute beredt gestritten. Historische Demographen verwiesen etwa auf ein weiter bestehendes traditionelles „system of wastage“ [4], also einer angesichts hoher Geburtenraten üblichen relativen Vernachlässigung des einzelnen Kindes, das den kulturellen Wandel, sozio-ökonomische und wissenschaftliche Veränderungen lange Zeit bremste. Sozialhistoriker verwiesen dagegen eher auf die beträchtlichen Gesundheitsprobleme der frühen Industrialisierung und Urbanisierung, die man erst ab Ende des 19. Jahrhunderts durch politische und medizinische Interventionen erfolgreich verringern konnte. [5] Wichtige Elemente einer verbesserten Alltagshygiene waren demnach die verbesserte Milchversorgung, der steigende Konsum von Nährpräparaten und die neu entstehende Pädiatrie, die im frühen 20. Jahrhundert allesamt zu sinkender Kindersterblichkeit geführt hätten. Genauere Analysen haben jedoch ergeben, dass all diese Elemente vorrangig bürgerliche Kreise betrafen, nicht jedoch die Mehrzahl der Bevölkerung. [6]

Wissenschaft als Garant für eine Reduktion der Kindersterblichkeit

Analysiert man allerdings die wissenschaftlichen und auch wirtschaftlichen Debatten des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, so ging man das Problem der Kindersterblichkeit doch anders an: Die Ernährung wurde erstens Gegenstand einer chemischen Analyse. Kulturelle und sozioökonomische Unterschiede mochten ihre Bedeutung haben, doch Veränderungen glaubte man primär durch eine Analyse der materiellen Welt der Nahrungsstoffe und Körper bewirken zu können, der Markt würde die Ergebnisse dann allseits verbreiten.

Der Säugling war kein zartes, der Zuwendung bedürftiges Menschenjunges, sondern ein organisches Wesen mit zwei Besonderheiten: Seine Physiologie war noch unausgebildet, nicht an die neue Umwelt angepasst. Und seine Bedürfnisse orientierten sich vornehmlich auf Essen und Wachsen. Babys waren einfach und auskömmlich mit nur wenigen Lebensmitteln zu ernähren. Für ihr Gedeihen schien die Verdaulichkeit und die Resorption der Nahrungsstoffe entscheidend. Trotz ihrer offenkundigen Materialismus standen die frühen Kinderärzte noch unter dem Bann der Natur, mochten sie diese auch in die Sprache der Chemie und Physiologie übersetzen. Muttermilch war deren Sinnbild, harmonisch zusammengesetzt, alles enthaltend, was der Säugling benötigte. Tiermilch schien demgegenüber nur „ein trauriger Notbehelf“ [7]. Schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten chemische Analysen die vom Menschen abweichende chemische Zusammensetzung nachgewiesen – und zugleich die Fiktion einer relativ einheitlichen Zusammensetzung der Muttermilch genährt. Während man nun einerseits versuchte, die Tiermilch etwa durch Verdünnung der menschlichen Norm anzupassen, diente die Muttermilch als Ideal einer gewerblichen Rekonstruktion.

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Führende Vertreter der Bakteriologie: Louis Pasteur (1823-1895) und Robert Koch (1843-1910) (Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 14. Oktober, 3)

Der Blick der Wissenschaftler richtete sich aber nicht allein auf die Nahrungsstoffe, sondern auch auf die Vorgänge im Körper der Neugeborenen. Zentral hierfür wurde die 1857 von Louis Pasteur (1823-1895) beschriebene Milchsäuregärung. Erst schien es undenkbar, dann, in den 1860er Jahren, wurde es Gemeinplatz, dass diese Gärung von lebendigen Bakterien verursacht wurde. Im Inneren des kindlichen Körpers tobte eine andauernder Kampf zwischen Bakterium und Mensch um die Nutzung der Nahrungsstoffe. Dies konnte die Magen- und Darmkrankheiten erklären, die insbesondere im Sommer zu zahllosen Todesfällen führten. Tiermilch war nicht nur anders zusammengesetzt als die der Mutter, sondern enthielt auch Keime, die lebensgefährlich sein konnten. Eine verbesserte Milchhygiene war unabdingbar, wollte man Menschenleben retten.

Mochten die Konturen damit klar sein, so wusste man doch nur wenig über die Details der Verdauung der Kleinkinder. [8] Physiologie und Biochemie der körperinneren Vorgänge blieben unklar. Für eine gezielte Gesundheitsprävention reichte das bestehende Wissen nicht aus, zumal man weder genauere Vorstellungen über „Eiweiß“ oder „Kohlenhydrate“ besaß. Hinzu kam ein strukturelles Problem der Stoffwechselforschung: An Durchschnitten und Gesetzmäßigkeiten interessiert, zielte sie auf allgemeine Interventionen, nicht aber auf individuelle Therapien. Die beträchtlichen Abweichungen zwischen einzelnen Säuglingen und auch einer durch Konstitution und Herkunft heterogenen Milchkost machten vieles möglich, unterstrichen vor allem aber die Vielfalt der „Natur“. Künstliche, vom Menschen nach dem Ideal der Natur hergestellte Säuglingskost schien ein Ausweg aus diesem Dilemma zu sein.

Gewerbliche Verbesserungen? Der Bedeutungsgewinn der Kindernährmittel

Muttermilch blieb das Ideal gesunder Säuglingsernährung, Selbststillen schien erforderlich. Kinderärzte forderten dies von den Wöchnerinnen, sahen sich selbst als Sachwalter der Natur. Die beträchtlichen statistischen Unterschiede zwischen der Lebenserwartung gestillter und nicht gestillter Kinder unterstützten diesen Rigorismus am Kindbett. Doch ein gewisser Anteil der Frauen war von Natur aus nicht fähig zu stillen, hinzu kamen beträchtliche soziale, konfessionelle und regionale Unterschiede. Im späten 19. Jahrhundert wurden etwa drei Viertel bis zwei Drittel der Kleinkinder mit Muttermilch aufgezogen. [9] Der große Rest erhielt vornehmlich Tiermilch, in wachsendem Maße aber auch künstliche Kindernährmittel. Menschlicher Erfindergeist war also gefragt, Ziel war die Nachbildung der Natur. Die neuen Präparate waren getragen vom neuen Stoffparadigma der Chemie, wurden begrenzt durch die vermeintlichen Erfordernisse der Bakteriologie. Es galt zu gestalten, neu zu schaffen – zugleich aber die hygienisch heiklen Substitute der Muttermilch zu ersetzen. Künstliche Nährpräparate hatten theoretisch beträchtliche Vorteile: Sie waren gleichmäßig zusammengesetzt, wurden keimarm produziert, waren im Prinzip dauerhaft verfügbar. Die betriebliche Praxis mochte zahlreiche Probleme mit sich bringen, doch schien es möglich, Wissenschaft und Technik zum Wohl des Ganzen einzusetzen und die Kindersterblichkeit deutlich zu reduzieren.

Hier ist nicht der Ort für eine genaue Analyse der frühen Produktion künstlicher Säuglingsernährung. Grobe Konturen müssen genügen. Die Zahl der Präparate stieg seit den 1860er Jahren rasch an. Den Anfang machten Nährmittel, die auf wissenschaftlichen Theorien und Ratschlägen gründeten und sich noch an die häusliche Praxis anlehnten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die von Justus von Liebig entwickelte und propagierte Malzsuppe. Chemisch war sie ein Analogon der Muttermilch, das Rezept folgte der Logik des Laboratoriums: Die Mütter sollten einen Brei kochen, in diesen dann Kali und Malz einrühren. Kochen, sieben und verfüttern schlossen sich an. [10] Das Rezept wurde – zumal von Ärzten – sehr positiv aufgenommen, das Renommee Lebigs sorgte für allgemeine Aufmerksamkeit. Doch die Malzsuppe scheiterte rasch in der haushälterischen Praxis. Der Geschmack ließ zu wünschen übrig, die suppige Textur schien geringe Nährkraft zu suggerieren. Zudem musste die Suppe immer wieder frisch gekocht werden, war relativ teuer und nicht haltbar. Liebigs Malzsuppe scheiterte als Alltagsspeise. Ihr Grundprinzip wurde allerdings vom Stuttgarter Lizenznehmer, dem Apotheker Franz Eduard Loeflund (1835-1920), aufgegriffen, der seit 1865 Kindernährmittel produzierte und die Liebigsche Malzsuppe zu einem Nährpräparat umgestaltete. [11] Auch die Dresdener Firma J. Paul Liebe bot kurz danach einen löslichen Extrakt der Liebigschen Malzsuppe an.

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Transformation einer frischen zubereiteten Suppe in ein Fertigprodukt (Die Presse 1869, Nr. 180 v. 1. Juli, 8; Kladderadatsch 24, 1871, Nr. 1, Beibl., 2)

Der offenkundig geringe Erfolg haushaltsnaher Angebote unterstützte die Neigung vieler Ärzte und Pharmazeuten, die Alltagspraxis durch neue Produkte zu verändern. Wissenschaftliche Präparate sollten an die Stelle von risikoreicher Haushaltszubereitungen treten, sollten den Alltag nach rationalen Kriterien verändern. Nicht mehr Mutters Kochlöffel, sondern die Maschinenwelt sollte das Wohl der Kinder garantieren. Dabei lassen sich zwei Entwicklungsstränge unterscheiden. Auf der einen Seite orientierte man sich an der Milch, auf der anderen am Mehl als jeweils zentralem Bestandteil der neuen künstlichen Säuglingsnahrung. Aus Sicht der Experten lautete der Unterschied anders, ging man entweder vom Nahrungseiweiß oder aber von den Kohlenhydraten aus, um Muttermilch zu ersetzen.

Für die ersten Entwicklungsstrang stand paradigmatisch Biederts Rahmgemenge. Es war Ergebnis umfangreicher physiologischer Studien des Mediziners Philipp Biedert (1847-1916), in deren Mittelpunkt die Unterschiede zwischen menschlichen und tierischem Milcheiweiß standen. [12] An die Stelle der Tiermilchverdünnung im Haushalt mit ihren „Fäulnisschäden“ setzte er eine Rahmspeise, die – wie die Liebigsche Malzsuppe – anfangs im Haushalt hergestellt werden sollte, seit 1874 aber auch als Fertigprodukt in der Büchse gekauft werden konnte. Die neue Kindernahrung war jedoch zu teuer, konnte aufgrund der sirupartigen Textur schlecht dosiert werden und barg neue Risiken, konnte die Büchse doch nicht luftdicht verschlossen werden. Es folgten vielfältige Verbesserungen und zahlreiche Präparate mit anderer Textur und Zusammensetzung. Einen Durchbruchserfolg konnte jedoch keines erzielen, mochten sie in der ärztlichen Privatpraxis auch häufig verschrieben worden sein.

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Wissenschaftliche Werbung für Biederts Kindernahrung 1880 (Berliner klinische Wochenschrift 17, 1880, vor 237)

Während der Markterfolg der Milchpräparate gering blieb, fanden Kindermehle seit den 1860er Jahren einen deutlich breiteren Widerhall. Nestlés Kindermehl war ein heute noch bekanntes Leitprodukt, doch 1881 konkurrierten mindestens 43 verschiedene Präparate um die Gunst der Käufer. [13] Sie bestanden zumeist aus erhitzer und eingedickter Kuhmilch und vorbehandelten Getreide- und Leguminosenmehlen. Die Hitzebehandlung wandelte die Sträke in Dextrin um, erleichterte dadurch die Verdauungsarbeit des Säuglings. Die Kindermehle wurden zumeist als Brei verfüttert.

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Säuglingsernährung im antiken Athen und im damaligen München: Karikatur 1886 (Fliegende Blätter 84, 1886, 130)

Die frühen Kindernährmittel wurden meist gewerblich, noch nicht industriell gefertigt. Das erfolgte erst seit den 1890er Jahren. Doch schon zuvor handelte es sich um Fertig- und Halbfertigprodukte, die auf Grundlage wissenschaftlicher Problemdefinitionen entwickelt wurden, die regelmäßig untersucht und in einem möglichst hygienischen Umfeld hergestellt wurden. Aufgrund ihrer relativ hohen Kosten waren sie jedoch Aushilfen, konnten die bestehende Alltagspraxis nicht wirklich durchbrechen und die Kindersterblicheit reduzieren. Auch aus diesem Grunde wurde insbesondere seit den 1880er Jahren versucht, die Präparate durch neuartige Haushaltsgeräte zu ergänzen, um so die Haushaltspraxis nach hygienischen Prinzipien umzugestalten.

Sichere Kost: Milchkonservierungsapparate als Garanten häuslicher Hygiene

Die bakteriologische Gärungstheorie formulierte seit den 1860er Jahren klare Ratschläge gleichermaßen für Haushalte und Gewerbe. Milch sollte vor dem Verzehr ausreichend erhitzt werden, um gesundheitsgefährdende Keime zu töten. [14] Folgerichtig waren die frühen Kindernährmittel durchweg hitzebehandelt und damit „sicher“. Das galt jedoch nicht für die Ernährung mit Tiermilch. Fehlende Stallhygiene, häufige Streckung mit hygienisch heiklem Wasser, fragile Transportsysteme und unausgereifte Kühltechnik waren die wichtigsten Probleme einer hochwertigen Milch, einer Reduktion der Kindersterblichkeit. [15]

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Milchkuranstalten als Garanten hygienischer Milch (Allgemeine Zeitung 1882, Ausg. v. 24. Februar, 816)

Aus bakteriologischer Sicht schien es entscheidend, die unvermeidliche Zersetzung der Milch entweder möglichst lange zu unterbinden oder sie gar ganz zu stoppen. Seit den 1860er Jahren gab es daher vermehrte Bemühungen, alle Elemente der Milchkette zu optimieren. Dies reichte von der Hand- und Euterpflege über die Transportbehältnisse, die Marktstände und Milchläden bis hin in die Haushalte. Einfacher und rascher wirksam schien dagegen die „Pasteurisierung“ der Milch: Sie sollte erhitzt, die Bakterien dadurch nicht allein an der Vermehrung gehindert, sondern ganz beseitigt werden. Als in den 1870er Jahren die Zahl der genossenschaftlich organisierten Molkereien rasch zunahm, zeigten sich jedoch die Probleme derart einfacher Vorschläge. Milch verändert durch Erhitzung ihren Geschmack, entsprach dann nicht mehr den Vorstellungen des zahlenden Publikums. Die technisch schwer zu steuernde Pasteurisierung wurde daher das Kennzeichen sogenannter Milchkuranstalten, die sich ihre Dienste von einem urbanen Publikum jedoch gut bezahlen ließen und über das Bürgertum nicht hinausreichten. [16]

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Kampf den Keimen: Milchsterilisierer im Haushalt (Berliner Tageblatt 1886, Nr. 55 v. 31. Januar, 22)

Mit derart exklusiven Unternehmen und einer höchst heterogen organisierten Milchversorgung war es jedoch auch aus anderen Gründen kaum möglich, eine aseptische Milchproduktion sicherzustellen. Auch der Haushalt bildete eine kaum zu kontrollierenden und nur bedingt zu beeinflussende Schwachstelle. Hygienische gewonnene „Kindermilch“ und auch pasteurisierte Angebote konnten dort unangemessen behandelt und damit zu einer Gesundheitsgefahr für die Säuglinge werden. Dies führte zu einer konsequenten Antwort: Es galt, die bakterielle Keimtötung in den Haushalt zu verlegen, sie zu verhäuslichen. Neuartige Haushaltsgeräte sollten dies garantieren, also Milchkochapparate. Wenn die Mütter schon nicht fähig oder in der Lage waren, ihre Kinder zu stillen, so sollten sie zumindest lernen, wie sie diese Geräte zu bedienen hatten und Bakterien sicher töten konnten.

Entsprechende Geräte wurden seit den 1860er Jahren empfohlen, diskutiert und entwickelt. Eine punktgenaue Erhitzung war jedoch nicht einfach. Einfaches Kochen veränderte nämlich das Milcheiweiß und verursachte dadurch Magen-Darm-Probleme. Erste Apparate mit schonenderen und doch effektiven Verfahren wurden seit den frühen 1880er Jahren angeboten, ersetzten die zuvor gängigen Milchsieder unterschiedlicher Konstruktion. Der lang erwartete Durchbruch erfolgte jedoch erst 1886. Damals präsentierte der Münchener Agrarchemiker und Tierphysiologe Franz Soxhlet (1848-1926) [17] im dortigen Ärztlichen Verein „einen Sterilisirungs-Apparat, welcher ursprünglich ein Laboratoriums-Apparat war, in der Kinderstube meiner Familie aber die Wandlung zu einem relativ einfachen Hausgeräth durchgemacht und vor seiner Empfehlung die Probe der Gebrauchsfähigkeit bestanden hatte.“ [18]

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Einzelkomponenten des Soxhlet-Apparates 1886 (Münchener Medizinische Wochenschrift 33, 1886, 277)

Soxhlet bot nicht nur einen sinnreich konstruierten Milchkocher an, sondern ein komplettes Set. Der Kochtopf hatte Einsätze für die mit Messstrichen versehenen Glasflaschen. Ein Einfüllglas, zehn Kautschukstöpsel, zehn Saugvorrichtungen, ein Spritzkautschukball zum Reinigen, ein Gestell zur Aufbewahrung der Utensilien, ein Blechtopf zum Erwärmen der Milchflaschen vor der Verfütterung sowie Reinigungsbürsten zeugten von dem beträchtlichen Aufwand, um keimarme Milch herzustellen. Die Einzelkomponenten waren nicht nur präzise gearbeitet, sondern programmierten die Zubereitung, fixierten die Einzelschritte. Nach dem Kochen wurden die Glasflaschen mit den Kautschukstöpseln verschlossen, kurze Zeit stehen gelassen, dann in kaltem Wasser gekühlt werden. Dadurch zogen sich die Verschlüsse nach innen, schützten die Milch gegen Keime in der Luft. Das Kochen erfolgte einmal täglich. Die Milchflaschen wurden an einem kühlen Ort aufbewahrt, vor der Nutzung dann in warmem Wasser leicht erwärmt. Der Stöpsel wurde schließlich entfernt, durch einen Sauger ersetzt und die Flasche dann dem Baby gereicht. [19]

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Werbung für Soxhlet-Apparate 1888 (Schmidt, 1888, 31)

Der Soxhlet-Apparat war relativ teuer, kostete zwischen 13 und 20 Mark, also etwa 1,5% eines durchschnittlichen Jahreseinkommens eines Arbeiters. Absatzdaten fehlen, doch während der späten 1880er Jahre wurden mehrere tausend Appparate an bürgerliche Haushaltungen, vor allem aber an Kinderärzte, Kliniken und Milchkuranstalten verkauft. Wichtiger noch als derartige Zahlen war die breite Akzeptanz des wirkenden Grundprinzipes: Der Soxhlet-Apparat materialisierte die Erkenntnisse moderner Bakteriologie, machte Milch „rein“, beseitigte Keime und Bakterien. Zugleich reorganisierte er über Messungen und Portionierungen das häusliche Tun gemäß dem vermeintlich objektiven Wissen der Experten. Der Soxhlet-Apparat lenkte die Handlungen der Hausfrauen und Dienstboten, sicherte damit die Umsetzung wissenschaftlichen Wissens ab.

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Verbesserter Apparat, modernere Werbung 1902 (Fliegende Blätter 117, 1902, Nr. 2980, Beibl., 9)

Die meisten Mediziner reagierten positiv, teils begeistert – wenngleich ab und an begleitet von Kritik an dem geschäftstüchtigen Agrarchemiker. [20] Wie bei den meisten Innovatationen gab es auch beim Soxhlet-Apparat eine Reihe praktischer Probleme, die Verbesserungen und immer neue Geräte nach sich zogen, die meist unter dem Namen der Konstrukteure vermarktet wurden. [21] Wichtiger aber war, dass sie alle das Grundprinzip einer häuslichen Milchsterilisation fortspannen, dass sie alle darauf zielten, ein keimfreies Substitut für die Muttermilch zu ermöglichen. Trotz wachsender Konkurrenz blieb der Soxhlet-Apparat im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn Marktführer – und wurde zugleich in alle führenden westlichen Staaten exportiert.

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Werbung für sterilisierte Milch vor Alpenidylle 1909 (Drogisten-Zeitung 24, 1909, Nr. 45, 1)

Allen Verbesserungen zum Trotz gelang den Milchsterilisatoren jedoch kein Durchbruch hin zum Massenmarkt. Sie blieben ein „Vorrecht der Reichen“ [22]. Das galt nicht nur für die reinen Anschaffungskosten, sondern ebenso für die Nutzung. Nur bürgerliche Haushalte verfügten über Dienstboten und Zeitreserven, um die Geräte kontinuierlich zu nutzen. Die soziale Schlagseite war offenkundig, bürgerliche Experten machten Angebote für ein vorrangig bürgerliches Klientel. Eine Breitenwirkung erforderte andere Angebote, andere Institutionen. Klinisch-institutionell entstanden nun zunehmend Milchküchen und Kindermilchstationen, die aber auf Groß- und Mittelstädte begrenzt blieben. Die Kindernährmittelindustrie reagierte mit neuen Produkten, weiterhin verbunden mit dem Versprechen, damit die ansteigenden Kindersterblichkeitsraten reduzieren zu können. [23]

Auch Soxhlet wusste um die soziale Begrenztheit seiner Angebote. Er empfahl eine Doppelstrategie: Einerseits sollten die Apparate im Haushalt weiter genutzt werden, anderseits aber forderte er bessere Milch, möglichst pasteurisiert, möglichst sauber, möglichst ohne Exkremente und Straßenstaub. [24] Entsprechend intensivierten Soxhlets Lizenznehmer die Werbung für den Apparat und intensivierten ihre Exportbemühungen, um durch höheren Absatz den Verkaufspreis senken zu können. Der „Soxhlet“ wurde dadurch ein Haushaltsname und baute seine Marktführerschaft aus, doch führende Pädiater kritisierten diese kommerzielle Offensive. [25] Die wachsende Verbreitung der Apparate führte zu keinem Rückgang der auf historischen Höchstständen liegenden Kindersterblichkeit. Dies lag gewiss an Defiziten in der Milchversorgung, lag aber auch an der mit den Konservierungsapparaten verbundenen einseitigen Fokussierung auf bakteriologische Probleme. Zugleich wurde aber immer deutlicher, dass die Keimbekämpfung neue Gesundheitsgefahren hervorrief.

Kosten des Fortschritts? Der Bedeutungsgewinn der Möller-Barlowschen Krankheit

Kindernährmittel and Milchkonservierungsapparate reduzierten die Gefahren bakteriell zersetzter Milch. Seit den 1880er Jahren wurde jedoch klar, dass die „reine“ Milch ihrerseits eine Gefahr für die Kinder sein konnte. Bereits 1859 hatte der Königsberger Mediziner Julius Otto Ludwig Möller (1819-1887) verschiedenen Krankheitsfälle nach der Verfütterung gekochter Milch beobachtet. Im Rahmen der damaligen Ätiologie interpretierte er diese als „acute Rachitis“ and veröffentlichte genaue Beschreibungen der Einzelfälle. [26] Ähnliche Beobachtungen folgten. 1871 koppelte dann der Kopenhagener Mediziner V. Intergslev die von ihm untersuchten Fälle erstmals mit Skorbut, das damals als Krankheit von Erwachsenen galt. [27] Er publizierte seine Forschungen in dänischer Sprache, doch diese wurden im Ausland nicht aufgegriffen. Anders dagegen mehrere zwischen 1878 und 1883 erschienene Aufsätze des Londoner Arztes Walter Butler Cheadle (1836-1910): Er glaubte es mit einer neuen Form von mit Rachitis verbundenem Skorbut zu tun zu haben und setzte therapeutisch auf eine Diät aus rohem Fleisch, frischer Milch und Kartoffelbrei. [28] 1883 präsentierte der britische Mediziner Thomas Barlow (1845-1945) schließlich 31 klinisch und pathologisch präzise beschriebene Fallstudien und bezeichnete das Krankheitsbild als skorbutisch. [29] Die Kinder litten unter allgemeinen Gliederschmerzen, die jede Bewegung zur Pein machten. Zugleich waren Weichteile und Extremitäten deutlich angeschwollen. Barlow führte dies auf eine falsche und einseitige Ernährung zurück, doch er wusste nicht, welche der Bestandteile der gekochten Milch die Krankheit verursachte. Die Kinder erholten sich jedenfalls rasch nach Gabe frischer Milch oder anderer Frischkost.

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Great Ormond Street Hospital, London, Wirkstätte von Thomas Barlow (r.) (Bokay, 1922, 74 (l.); http://hharp.org/%5B…%5D)

Barlows Studie lenkte die Aufmerksamkeit zahlreicher Mediziner auf die Auswirkungen gekochter Milch auf die Kindesentwicklung. Im folgenden Jahrzehnt folgten einschlägige Untersuchungen in den meisten europäischen Staaten und in den USA. In Deutschland gab 1892 der Kinderarzt Otto Heubner (1843-1926) einen ersten Überblick, konstatierte zugleich aber, dass diese „eigenthümliche Erkrankung“ [30] in Deutschland bisher kaum diskutiert worden sei. Im Gegensatz zu seinen US-amerikanischen und französischen Kollegen, die sie zumeist als Skorbut bezeichneten, sprach er wie viele europäische Mediziner von „Barlow’s Krankheit“. Er vermied dadurch vorschnelle Engführungen, denn nach seiner Meinung unterschieden sich die Symptome der neuen Kinderkrankheit deutlich von denen des Skorbutes der Erwachsenen. [31] Die meisten deutschen Ärzte teilten diese Einschätzung. Zugleich aber wollten Sie Möllers erste Beschreibung der neuen Kinderkrankheit angemessen ehren, so dass sich im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung „Möller-Barlowsche Krankheit“ durchsetzte. [32]

Deutsche Forscher trugen erst relativ spät zu den internationalen Forschungsdiskussionen bei, doch in den 1890er und 1900er Jahren nahm die Zahl einschlägiger Arbeiten rasch zu. Neue “und eigenartige Krankheiten” [33] wurden untersucht. Sie verwiesen fast durchweg auf eine enge Korrelation vom Verzehr hocherhitzter Milch und Nährpräparaten und dem Siechtum vieler Säuglinge. [34] Dennoch wurde die Milcherhitzung nicht in Frage gestellt, sondern weiterhin propagiert. Der Soxhlet-Apparat wurde verbessert, weitere Konservierungsgeräte entwickelt. [35] Das spätere Weck-System wurde 1892 patentiert. Mit ihm begann der Siegeszug der Hitzesterilisierung, des sog. Einmachens in deutschen Haushalten, während parallel Kochkisten die Zubereitungspraxis der Arbeiter preiswerter gestalten sollten. [36] Das bakteriologische Paradigma war zu dieser Zeit noch dominant. Die aus späterer Sicht recht zahlreichen Hinweise auf dessen nur begrenzten Aussagewert mündeten noch nicht in neue, breitere Denkstile. Es sollte noch fast zwei Jahrzehnte dauern, bis die Vitaminlehre eine erst wagende und dann befriedigende Antwort auf die Ursache der Möller-Barlowschen Krankheit gab.

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Erste akute Krankheitsphase: Schwellungen an Gliedmaßen und im Gesicht (Bendix, 1913, 129 (l.); n. 128)

Die frühe deutsche Debatte gründete auf insgesamt fast 800 Einzelfällen, zumeist beobachtet in anderen europäischen und später dann nordamerikanischen Staaten. [37] Die Zahl der klinischen Fälle blieb vergleichsweise niedrig, erreichte ihren Höhepunkt 1902 mit 34 Berliner Erkrankungen. Im Gegensatz zu den frühen britischen Beobachtungen trat die Möller-Barlowsche Krankheit im Deutschen Reich fast ausschließlich bei bürgerlichen Kinder auf – ein wichtiger Grund für ihre recht hohe Bedeutung in der Forschung. [38] Die meisten Kinder waren sechs bis achtzehn Monate alt, die Ärzte wurden aufgrund innerer Blutungen und Druckschmerz konsultiert. Die „Kinder schreien schon aus Angst vor und noch mehr bei jedem Versuch, sie aufzunehmen, sie umzukleiden, zu baden; sie vermeiden es, ihre Glieder activ in Bewegung zu bringen, liegen wie gelähmt da, halten bestimmte Stellungen stundenlang inne, ohne sich zu rühren“ [39]. Arme, Beine und das Gesicht waren angeschwollen, die entzündeten Knochen schmerzten beträchtlich. Fast keines der betroffenen Kinder wurde gestillt. Die herbeigerufenen Ärzte änderten zumeist ihre Ernährung – und die meisten der kleinen Patienten erholten sich rasch.

Die Möller-Barlowsche Krankheit wurde in Deutschland von Beginn an mit dem Konsum von Kindernährmitteln und gekochter Milch in Verbindung gebracht. [40] Einseitige Ernährung mit Kindermehlen hatte allerdings nur sehr selten derart schmerzhafte Konsequenzen. Die meisten Krankenfälle waren mit dem Konsum erhitzter Milch verbunden: „The loss of certain fresh properties in the milk, through heating it, is one of the most important causes of this affection, and other important factors are insufficient feeding and monotony in diet“ [41]. Es war offenkundig, dass die Milchbestandteile durch Erhitzung chemisch modifiziert wurden, doch trotz breiter Forschung konnte man diese nicht genau benennen. [42] Es war offenkundig, das die neue „wissenschaftliche“ Ernährung der Kinder Tücken hatte, gefährlich, gar tödlich sein konnte. Adolf Baginsky (1843-1918), führender Berliner Pädiater, warnte eindringlich: „Es tritt neuerdings das Bestreben hervor, den Kindern eine absolut steril gemachte Milch zu verabreichen. Dieses Vorgehen halte ich für die Ernährung der Kinder für gefährlich. Es darf in der That nicht auf diesem Wege weiter geschritten werden, sonst wird die Barlow’sche Krankheit viel mehr um sich greifen, als dies bisher gewesen ist.“ [43] Allerdings konnte auch er die einfache Gegenfrage nicht überzeugend beantworten: Wenn gekochte Milch potenziell gefährlich war, warum war dann die Zahl der Krankheitsfälle so gering? Aus heutiger Sicht ist die Antwort einfach: Kindernährmittel und auch sterilisierte Milch waren keineswegs so sicher und verlässlich wie dies die Werbung versprach. [44] Produktions- und Vertriebsmängel hatten den Nebeneffekt, dass nicht alle B- und C-Vitamine zerstört wurden. Zudem war unter den deutschen Ärzten Mitte der 1890er Jahre unbestritten, dass Hitzesterilisierung tausende von Kinderleben rettete – und das Glück der großen Zahl war ein Argument für den Soxhlet-Apparat, mochte dieser auch gefährliche Nebeneffekte haben. [45]

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Selbststillen und dessen Kommerzialisierung: Werbung für Lactagol (Der Bazar 50, 1904, 370)

Entsprechend war das wichtigste Ergebnis der deutschen Forschungsdebatte über die Möller-Barlowsche Krankheit eine intensivere Stillpropaganda: „Nieder mit dem Soxhlet! Hoch die Brüste!“ [46] war ein damals populärer Slogan. Obwohl eugenische Dystopien die zunehmende Unfähigkeit der Frauen zum Stillen beschworen, betrug deren Anteil an den Gebärenden relativ stabil etwa fünf Prozent. [47] Die Stillpropaganda der Jahrhundertwende stand gegen die rasch wachsende Kindernährmittelindustrie. Ausländische Anbieter, etwa die britische Anglo-Swiss Condensed Milk Company oder die schweizer Nestlé galten als Negativsymbole für die allgemeine Kommerzialisierung des menschlichen Daseins. Die deutschen Hersteller blieben demgegenüber klein, waren mittelständisch geprägt. Es war jedoch abermals Franz von Soxhlet, der 1893 einen standardisierten Milchzucker entwickelte, den er als „Nährzucker“ breit vermarktete. Der Kampf zwischen Ärzten und Produzenten war denn auch kein grundsätzlicher Kampf um gesundheitliche Gefahren, sondern eher einer um die Dominanz auf dem Markt der Säuglingsernährung. Die „modernen“ Kindernährmittel – 1914 gab es im Deutschen Reich allein etwa einhundert Kindermehle [48] – boten den Käufern Alternativen zur tradierten Art häuslicher Säuglingspflege und der doch recht teuren Behandlung durch Ärzte und in Krankenhäusern. Kaum verwunderlich waren diese öffentlich geführten Debatten häufig antikapitalistisch aufgeladen. Auch sozialdarwinistische Positionen gewannen an Bedeutung. Für viele Eugeniker führten Kindernährmittel und hitzesterilisierte Milch zu wachsender Verweichlichung und dem Überleben geringwertiger Kinder. Verbesserte Hygiene war gewiss erforderlich, doch eine hohe Kindersterblichkeit erschien auch als ein Garant für eine starke und robuste deutsche Nation. [49]

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Ausländische Angebote für deutsche Kleinkinder (Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 5, s.p.)

All diese Kämpfe und Debatten konnten jedoch nicht die Tatsache überdecken, dass die moderne Medizin um die Jahrhundertwende nicht in der Lage war, eine kausale Erklärung für die Möller-Barlowsche Krankheit zu geben. Sie blieb ein „Rätsel“ [50]. In den USA wurde sie als eine Art von Skorbut verstanden und untersucht, während deutsche Forscher diese Annahme immer wieder kritisierten und sie stattdessen mit Rachitis in Verbindung brachten. [51] Andere Wissenschaftler waren dagegen – gemäß dem dominanten bakteriologischen Paradigma – überzeugt, dass die Möller-Barlowsche Krankheit durch ein Bakterium verursacht würde, das lediglich einzelne Kinder berühre. [52]

Erfolgreiche Therapie und rätselhafte Ursachen

Das Rätsel der Möller-Barlowschen Krankheit war auch deshalb besonders fordernd, weil die Therapie einfach und fast immer erfolgreich war. Einmal entdeckt und diagnostiziert, gab es kaum eine andere innere Krankheit, „wo die Therapie einen solch wunderbaren Erfolg hat wie hier.“ [53] Nötig war eine Umstellung der Ernährung: „Die Mehlpräparate und die künstlichen Milchpräparate sind vor Allem ganz aus der Kost zu entfernen.“ [54] Rohe oder nur kurz aufgekochte Milch, frisch gepresster Fleischsaft, Fruchtsaft, Gemüse, eine Hühnerbrühe oder aber Kartoffelmus wurden stattdessen gereicht. [55] All dies führte „to a complete revolution in the objective and subjective condition of the patient. Severe conditions and menacing appearances diminish in an almost magical manner.“ [56] Für die Babys und ihre Angehörigen war der rasche therapeutische Erfolg entscheidend, nicht jedoch für die Wissenschaftler. Sie versuchten mit Verve mehr über die mysteriöse Krankheit zu lernen. Kein Detail des Krankheitsverlaufs sollte vergessen werden, galt es doch die Ursache ausfindig zu machen. Die deutschen Forscher nutzten die modernste Medizinaltechnik ihrer Zeit, um Fortschritte zu erzielen. Mit Hilfe der ab 1896 verfügbaren Röntgenapparate wurden die entzündeten Knochen analysiert.

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Ein Blick ins Innere des Körpers: Röntgenbild eines Oberschenkels nach viermonatiger unbehandelter Möller-Barlowscher Krankheit (Salge, 1910, 335)

Während die Zahl der Krankheitsfälle langsam zurückging, wurden die erkrankten Kinder immer genauer untersucht. [57] Anatomische Zeichnungen und zahlreiche Photographien ermöglichten genauere und frühere Diagnosen. [58]

 

 

 

 

 

 

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Typische innere Blutungen eines erkrankten dreijährigen Kindes (Feer, 1922, 75)

Zudem wurde die Möller-Barlowsche Krankheit in zahlreichen Tierversuchen künstlich erzeugt – doch ohne das interpretative Wissen der noch nicht etablierten Vitaminforschung half derartiges empirisches Material nicht bei des Rätsels Lösung.

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Makakenaffe mit hämorrhagischem Ödem (Hart und Lessing, 1913, Tafel XIII)

Während die Wissenschaft weiter nach einer kausalen Ursache der Krankheit forschte, veränderten sich die Märkte für Kindernährmittel und auch die alltägliche Säuglingsernährung. Obwohl die Ärzte die Hitzesterilisierung der Milch fast durchweg als ein unaufgebbares Element einer gesunden und sicheren Kinderernährung empfahlen, warnten sie zunehmend vor einer alleinigen Ernährung mit gekochter Milch und Kindermehlen. Zunehmend hieß es, „daß alle Künsteleien in der Säuglingsernährung zu meiden sind, und daß die Sterilisation der Milch nicht zu weit getrieben und der Soxhletgebrauch im Hause nicht zu lange ausgedehnt werden soll.“ [59] Maß und Mitte schienen angemessen, solange die Wissenschaft die Krankheitsursache nicht gefunden hatte.

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„Frische“ abgekochte Milch oder Neue Milchkonservierungsapparate (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3445, Beil., 9)

Sollte es nicht möglich sein, Kindernährmittel und gekochte Milch zu vermeiden, so sollte zugleich ab und an „frische“ Kost gereicht werden. Darunter verstand man rohe oder nur kurz erhitzte Milch, Obstzubereitungen und Gemüse. Zugleich wurde den Konsumenten empfohlen, die Kochdauer im Soxhlet von vierzig auf zehn Minuten zu reduzieren. [60] Festzuhalten ist, dass sich schon vor der „Vitaminrevolution“ das Alltagshandeln und auch die Empfehlungen wandelten – dazu bedurfte es nicht einer umstürzenden Veränderung in den wissenschaftlichen Modellen einer allein stofflich zu erfassenden Welt.

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Pionier der Produktion preiswerter pasteurisierter Milch: Die Berliner Meierei Bolle 1905 (Friedel und Keller (Hg.), 1914, 116)

Vielleicht noch wichtiger waren die schon deutlich früher einsetzenden Debatten über die Hitzesterilisierung der Milch. [61] Carl Bolle (1832-1910), der mit Abstand wichtigste Hersteller von Milch und Milchprodukten in Berlin, war schon früh davon überzeugt, dass die Möller-Barlowsche Krankheit durch eine zu lange Erhitzung der Milch hervorgerufen wurde. Kurz nach der Jahrhundertwende hatte er Fütterungsexperimente mit Meerschweinchen finanziert und wurde dadurch, seiner Ansicht nach, bestätigt. [62] Aus diesem Grunde begann er in seinem Unternehmen Milch lediglich zu pasteurisieren. [63] Dies war erst einmal kostenträchtig, denn die neue Technologie war anfangs nicht einfach zu handhaben. Es galt, kurzfristig eine Temperatur von über 70 Grad sicher einzuhalten, die Milch aber eben nicht zu kochen. Bakterien konnten so abgetötet, die unbekannten Kochschäden der Milch vermieden werden. Da jedoch eine wachsende Zahl von Kunden und auch Wissenschaftlern von gekochter Milch als „Gift“ sprachen, schien ein technologischer Wandel angeraten zu sein. [64] Eine Zwangspasteurisierung der Milch wurde im Deutschen Reich jedoch erst durch das Milchgesetz von 1930 eingeführt.

Keine Selbstkritik: Neue Wege der Säuglingsernährung unter dem Vitamin-Paradigma

Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis im Deutschen Reich die Existenz der „Vitamine“ allgemein akzeptiert wurde, also einer neuen Stoffklasse, die 1911 durch den russischen Biochemiker Casimir Funk (1884-1967) erstmals benannt wurde. [65] Entsprechend dauerte es eine ganze Weile, bis die Möller-Barlowsche Krankheit als Vitamin-C-Mangelkrankheit und eine infantile Form des Skorbuts, als Säuglingsskorbut, klassifiziert wurde. Die lange Zeit weltweit führenden und in der Ideenwelt der Kalorienlehre und der Bakteriologie sozialisierten deutschen Forscher benötigten etwa ein Jahrzehnt um zu realisieren, dass ihr Modell der materiellen Welt viel zu einfach und als solches vielfach irreführend gewesen war. Für die Therapie der Möller-Barlowschen Krankheit, die während des Weltkrieges und der weiter bestehenden völkerrechtswidrigen Blockade des Deutschen Reiches wieder häufiger auftrat, hatte dieses keine unmittelbaren Konsequenzen. [66] Seit den frühen 1920er Jahren nahmen die medizinischen Lehrbücher die neue Vitaminlehre langsam auf, nach der einige Vitamine durch Hitze beschädigt und zerstört werden konnten – und das Kinder durch einseitige Ernährung mit einschlägig produzierten Kindermehlen und vor allem gekochter Milch Schaden nehmen, krank werden und sogar sterben konnten. [67] Seit den frühen 1930er Jahren wurde die Möller-Barlowsche Krankheit dann Teil der Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte der Medizin und der Biochemie: Nun hieß es, dass die krankhaften Veränderungen der Knochen, der Einsatz von Röntgentechnologie und eine detaillierte Kasuistik dazu geführt hätten, die ehedem rätselhafte Krankheit als eine Vitaminmangelkrankheit auszumachen. [68] Die neue Vitaminlehre wurde in den 1920er Jahren insbesondere von den urbanen Mittelschichten allgemein akzeptiert, leitete zunehmend die öffentliche Ernährungsberatung. Die Möller-Barlowsche Krankheit wurde selten, fand sich lediglich noch bei den Ärmsten, bei denen, die auf Fürsorgezahlungen angewiesen waren und sich „frische“ Milch, Obst und Gemüse kaum leisten konnten. [69]

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Pasteurisierte Milch für propere Babies. Werbung für Wecks Gramma-Sterilisator 1927 (Weck (Hg.), 1927, 1)

Neue Säuglingskost und Milchkonservierungsapparate gewannen weiter an Bedeutung und waren ein wichtiger Faktor für die Verringerung der Kindersterblichkeit im 20. Jahrhundert. Auf Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde der Produktionsprozess verändert und die Erhitzungszeiten weiter reduziert. Die neuen Produkte waren, so die allgemein akzeptierte Meinung, mit vitaminreicher “Frischkost” zu verbinden. Die gemäß eines einseitigen medizinischen Wissens und entsprechender unternehmerischer Praxis genährten, dann erkrankten und teils verstorbenen Kleinkinder waren aus dieser Sicht eine Art Preis, der für diese Verbesserungen zu zahlen war.

Aus meiner Sicht stellt die hier kurz vorgestellte Geschichte der Möller-Barlow-Krankheit Narrative des Fortschritts jedoch strukturell in Frage. Sie präsentiert Wissenschaft und Gesellschaft in Aktion. Sie erzählt etwas über die Grenzen von Expertensystemen, die immanenten Gefahren jeglicher Arbeitsteilung, über strukturelle Gewalt, die in das Gefüge moderner Wissensgesellschaften eingewoben ist. Sie erinnert uns an den hohen Preis auch des Fortschritts, mag diesen Fortschritt auch niemand missen wollen: “Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.” [70]

Uwe Spiekermann, 20. Juli 2020

Quellen und Literatur

[1] Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 31-37.
[2] Kurt Hoesch, Emil Fischer. Sein Leben und sein Werk, Berlin 1921, 140.
[3] Spiekermann, 2018, 86-103.
[4] Arthur E. Imhof, Unterschiedliche Säuglingssterblichkeit in Deutschland, 18. bis 20. Jahrhundert – Warum?, Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 7, 1981, 343-382.
[5] Jörg Vögele, Sozialgeschichte städtischer Gesundheitsverhältnisse während der Urbanisierung, Berlin 2001.
[6] Samuel J. Fomon, Infant Feeding in the 20th Century: Formula and Beikost, Journal of Nutrition 131, 2001, 409S-420S.
[7] I[sidor] Rosenthal, Vorlesungen über die öffentliche und private Gesundheitspflege, Erlangen 1887, 11.
[8] Paul Zweifel, Untersuchungen über den Verdauungsapparat der Neugeborenen, Berlin 1874.
[9] Vgl. A[gnes] Bluhm, Stillfähigkeit, in: A[lfred] Grotjahn und I[gnaz] Kaup (Hg.), Handwörterbuch der Sozialen Hygiene, Bd. II, Leipzig 1912, 555-570, die auch die eugenischen Bedeutung dieser Statistiken diskutiert.
[10] Justus v. Liebig, Suppe für Säuglinge, 3. erw. Aufl., Braunschweig 1877.
[11] Armin Wankmüller, Die Firma Eduard Löflund & Co., Stuttgart, in: ders. (Hg.), Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte, Bd. VIII, Tübingen 1968-70, 13-15.
[12] Vgl. Emil Görgen, Philipp Biedert und seine Bedeutung in der deutschen Pädiatrie, Düsseldorf 1939; Dorothee Vaupel, Philipp Biedert (1847-1916). Leben, Werk, Wir¬kung, Med. Diss. Hanover 1993 (Ms.).
[13] [Albert] Villaret, Von der Hygiene-Ausstellung, Berliner klinische Wochenschrift 20, 1883, passim, hier 735.
[14] Vgl. etwa Verhaltensmassregeln zur Verhinderung der Sterblichkeit neugeborner Kinder, Wiener Medizinische Wochenschrift 19, 1869, Sp. 977-980, 993-995.
[15] Th[eodor] Escherich, Ueber die Keimfreiheit der Milch nebst Demonstration von Milchsterilisirungs-Apparaten nach Soxhlet’schem Princip, Münchener Medizinische Wochenschrift 36, 1889, 783-785, 801-805, 824-827. Einen Überblick bietet Uwe Spiekermann, Zur Geschichte des Milchkleinhandels in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Helmut Ottenjahn und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. […], Cloppenburg 1996, 91-109, insb. 95-98.
[16] Fr[iedrich] Dornblüth, Die Milchversorgung der Städte und ihre Reform, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 12, 1880, 413-424.
[17] Anton Mößmer, Beitrag zur Säuglingsernährung vor 100 Jahren. Erinnerungen an Franz von Soxhlet, Der Kinderarzt 15, 1984, 1203-1210.
[18] F[ranz] Soxhlet, Ein verbessertes Verfahren der Milch-Sterilisirung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 335-339, 353-356, hier 335. Vgl. auch Ders., Ueber Kindermilch und Säuglings-Ernährung, Münchener Medizinische Wochenschrift 33, 1886, 253-256, 276-278.
[19] J.S. Fowler, Infant Feeding. Practical Guide to the Artificial Feeding of Infants, London 1909, 40-41.
[20] Discussion über den Vortrag des Prof. Dr. Soxhlet: Ueber ein verbessertes Verfahren der Milchste-rilisirung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 431 (Ranke); Ferdinand Frühwald und Hochsinger, „Ueber den Soxhlet’schen Milchkochapparat.“, Hebammen-Zeitung 3, 1889, 25-28.
[21] Vgl. etwa W. Hesse, Dampf-Sterilisierungsapparat für Laboratorium und Küche, […], Deutsche Medizinische Wochenschrift 14, 1888, 431-432; Oskar Israel, Zu Soxhlet’s Milchkochapparat, Berliner klinische Wochenschrift 26, 1889, 640-641; A[lexander] Hippius, Ein Apparat zum Sterilisiren der Milch im Hause, Berliner klinische Wochenschrift 27, 1890, 1048-1051.
[22] [Walter] Birk, Die Bedeutung der Milch als Nahrungsmittel, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 36, 1925/26, 321-328, hier 323.
[23] Vgl. [Alexander] Backhaus, Die Herstellung von Kindermilch. […], Wochenblatt des Landwirthschaftli-chen Vereins im Großherzogthum Baden 1895, 632-636.
[24] F[ranz] Soxhlet, Ueber Milchverfälschung und Milchverunreinigung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 537-538, here 538.
[25] Vgl. etwa Adalbert Czerny, Die Pädiatrie meiner Zeit, Berlin 1939, 40-41.
[26] J[ulius] O[tto] L[udwig] Möller, Acute Rhachitis, Königsberger Medizinische Jahrbücher 1, 1859, 377-379; Ders., Zwei Fälle von acuter Rachitis, Königsberger Medizinische Jahrbücher 3, 1862, 136-149.
[27] Philip R. Evans, Infantile scurvy: the centenary of Barlow’s disease, British Medical Journal 287, 1983, 1862-1863. Vgl. auch Elizabeth Lomax, Difficulties in Diagnosing Infantile Scurvy before 1878, Medical History 30, 1986, 70-80.
[28] Kumaravel Rajakumar, Infantile Scurvy: A Historical Perspective, Pediatrics 108, 2001, E76. Detaillierter, manchmal allerdings anekdotenhaft ist Kenneth J. Carpenter, The History of Scurvy and Vitamin C, Cambridge et al. 1986, 158-172; Annemarie de Knecht-Van Eekelen, Naar een rationele Zuigelingenvoeding. Voedingsleer en Kindergeneeskunde in Nederland (1840-1914), Nijmegen 1984, 158-165.
[29] Thomas Barlow, On cases described as ‘acute rickets’ which are possibly a combination of rickets and scurvy, the scurvy being essential and the rickets variable, Medico-Chirurgical Transactions 66, 1883, 159-220.
[30] O[tto] Heubner, Ueber die scorbutartige Erkrankung rachitischer Säuglinge (Barlow’sche Krankheit), Jahrbuch für Kinderheilkunde 34, 1892, 361-368, hier 361.
[31] W[ilhelm] v. Starck, Infantile Scurvy, in: M[einhard] Pfaundler und A[rthur] Schlossmann (Hg.), The Diseases of Children, Bd. 2, Philadelphia und London 1912, 192-201, hier 192.
[32] H[arald] Hirschsprung, Die Möller’sche Krankheit. (Synon.: ‘Acute Rachitis’. Scorbut bei Kindern. Barlow’sche Krankheit. Cheadle-Barlow’sche Krankheit etc.), Jahrbuch für Kinderheilkunde 41, 1896, 1-43
[33] N[athan] Zuntz, Über neuere Nährpräparate in physiologischer Hinsicht, Berichte der Deutschen Pharmaceutischen Gesellschaft 12, 1902, 363-381, hier 377.
[34] Ed. Meyer, Ueber Barlow’sche Krankheit, Berliner klinische Wochenschrift 33, 1896, 85-86; Hamburg, Ueber die Zusammensetzung der Dr. Riethschen Albumosemilch und deren Anwendung bei Kindern und Erwachsenen, Berliner klinische Wochenschrift 33, 1896, 785-790, hier 787-788.
[35] O[tto] Heubner, Lehrbuch der Kinderheilkunde, Bd. I, Leipzig 1903, insb. 67.
[36] Vgl. Uwe Spiekermann, Zeitensprünge. Lebensmittelkonservierung zwischen Industrie und Haushalt 1880-1940, in: Katalyse und Buntstift (Hg.), Ernährungskultur im Wandel der Zeit, Köln 1997, 30-42.
[37] Arthur Dräer, Die Barlow’sche Krankheit. Kurze Zusammenstellung der bisher über diese Krankheit gesammelten Erfahrungen, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 378-387, hier 378.
[38] [Wilhelm] v. Starck, Zur Casuistik der Barlow’schen Krankheit, Jahrbuch für Kinderheilkunde 37, 1894, 68-71; Carl Seitz, Kurzgefasstes Lehrbuch der Kinderheilkunde, 2. erw. u. überarb. Aufl., Berlin 1901, 278.
[39] Otto Hauser, Grundriss der Kinderheilkunde mit besonderer Berücksichtigung der Diätetik, Berlin 1894, 316.
[40] Unger, Rez. v. Cassel, Ein Fall von Scorbut bei einem 1¾ Jahre alten Kinde, AfK 15, 1893, Jahrbuch für Kinderheilkunde 36, 1893, 499-500, hier 500.
[41] Starck, 1912, 197. Ähnlich Hauser, 1894, 317.
[42] [Wilhelm] v. Strack, Barlow’sche Krankheit und sterilisirte Milch, Münchener Medizinische Wochenschrift 42, 1895, 976-978, hier 976.
[43] Meyer, 1896, 86 (Baginsky).
[44] Johannes G. Altendorf, Sterilisirung der Milch in Einzelportionen mittels des neuen Soxhlet’schen und des Olldendorff’schen Verschlusses, Bonn 1892, insb. 10-13; Andr. Carstens, Ueber Fehlerquellen bei der Ernährung der Säuglinge mit sterilirter Milch, Jahrbuch für Kinderheilkunde 36, 1893, 144-160, hier 144.
[45] Milch-Sterilisir-Apparat, Bregenzer Tagblatt 1895, Nr. 2816 v. 7. Juni, 3.
[46] Ferdinand Hueppe, Frauenmilch und Kuhmilch in der Säuglingsernährung, Deutsche Medizinische Wochenschrift 33, 1907, 1597-1603, hier 1597.
[47] Diese Angabe n. Koiti Shibata, Ueber die Häufigkeit des Stillungsvermögens und die Säugungserfolge bei den Wöchnerinnen der kgl. Universitäts-Frauenklinik zu München in den Jahren 1884 bis Ende 1887, Med. Diss. Munich 1891, während G[ustav] v. Bunge, Die zunehmende Unfähigkeit der Frauen ihre Kinder zu stillen. Ein Vortrag, Nachdruck der 5. Aufl., Munich 1907 ein Bestseller wurde.
[48] Max Klotz, Die Bedeutung der Getreidemehle für die Ernährung, Ergebnisse der inneren Medizin und Kinderheilkunde 8, 1912, 593-696, hier 682.
[49] Graßl, Ueber die Kindersterblichkeit in Bayern, Allgemeine Zeitung 1907, Nr. 66, Beil., 521-524, hier 521-522.
[50] B[ernhard] Bendix, Die Barlow’sche Krankheit und ihre Behandlung, Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 4, 1907, 33-40, hier 38.
[51] Alfred F. Hess, Scurvy. Past and Present, Philadelphia und London 1920, 14.
[52] Vgl. L[ivius] Fürst, Infantiler Scorbut oder hämorrhagische Rhachitis? Berliner klinische Wochenschrift 32, 1895, 389-393, hier 392; Klautsch, Ref. v. Baron: Zur Frage der Möller(Barlow)’schen Krankheit, MMW 1898, Nr 18/19, Der Kinder-Arzt 9, 1898, 204-205.
[53] E[mil] Feer, Diagnostik der Kinderkrankheiten mit besonderer Berücksichtigung des Säuglings, 2. erw. und verb. Aufl., Berlin und Heidelberg, 1922, 75.
[54] Heubner, 1892, 368.
[55] Hauser, 1894, 317; Seitz, 1901, 279.
[56] Starck, 1912, 200.
[57] Rudolf Manz, Beiträge zur Kenntnis der Möller (Barlow’schen) Krankheit, Med. Diss. Heidelberg 1899; J[ohannes] Schoedel und C[ölestin] Nauwerck, Untersuchungen über die Möller-Barlow’sche Krankheit, Jena 1900; Eugen Schlesinger, Zur Symptomalogie der Barlowschen Krankheit, Münchener Medizinische Wochenschrift 52, 1905, 2073-2075
[58] R[udolf] Hecker und J[osef] Trumpp, Atlas und Grundriss der Kinderheilkunde, München 1905, 126, 130-131.
[59] Bendix, 1907, 40.
[60] H[einrich] Finkelstein, Sammelreferate über neuere Erfahrungen in der Säuglingsernährung, Die Therapie der Gegenwart 45, 1904, 73-80, hier 75.
[61] Th. Homburger, Die jüngsten Fortschritte und der heutige Stand der Kinderheilkunde, Therapeutische Monatshefte 15, 1901, 27-31.
[62] C[arl] Bolle, Zur Therapie der Barlow’schen Krankheit, Zeitschrift für diätetische und physikalische Therapie 6, 1903, 354-356, hier 355-356.
[63] Dies war eine Debatte mit langer Vorgeschichte, vgl. Rowland Godfrey Freeman, Should all Milk used for Infant Feeding be heated for the Purpose of Killing Germs? If so, at what Temperature and how long continued? Archives of Pediatrics 15, 1898, 509-514.
[64] [Robert] Ostertag, Wie hat sich die Gesundheitspolizei gegenüber dem Verkauf pasteurisierter Milch zu stellen?, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 15, 1905, 293-295.
[65] Alex[ander] Lipschütz, Die Vitamine, Allgemeine Zeitung 1917, Ausg. v. 20. Mai, 210-211. Zur Geschichte s. Uwe Spiekermann, Bruch mit der alten Ernährungslehre. Die Entdeckung der Vitamine und ihre Folgen, Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung des Essens. Mitteilungen H. 4, 1999, 16-20.
[66] F[riedrich] Göppert und L[eo] Langstein, Prophylaxe und Therapie der Kinderkrankheiten, Berlin 1920, 192.
[67] H[einrich] Finkelstein, Lehrbuch der Säuglingskrankheiten, Bd. 1, 2. vollst. überarb. Aufl., Berlin und Heidelberg 1921, 357; P[aul] György, Der Skorbut im Säuglings- und Kinderalter, in: W[ilhelm] Stepp und ders. (Hg.), Avitaminosen und verwandte Krankheitszustände, Berlin und Heidelberg 1927, 403-459, hier 437-438; C. Seyfarth, Lehrbuch der speziellen Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten, Bd. 2, 31. und 32. vollst. überarb. Aufl., Berlin 1934, 354.
[68] Walter Freund, Skorbut im Säuglingsalter (Möller-Barlowsche Krankheit) und im Kindesalter, in: M[einhard] Pfaundler und A[rthur] Schlossmann (Hg.), Handbuch der Kinderheilkunde, 4. Aufl., Bd. 1, Berlin 1931, 812.
[69] Julius Zapfert, Soziologie der Säugingskrankheiten, in: A[dolf] Gottstein, A[rthur] Schlossmann und L[udwig] Teleky (Hg.), Handbuch der Sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge, Bd. 5, Berlin 1927, 556-614, hier 593; Freund, 1931, 820.
[70] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: Theodor W. Adorno und ders., Integration und Desintegration, Hannover 1976, 33-46, hier 38.

Kochende Soldaten? Verpflegung in der kaiserlichen Armee zwischen Fremd- und Selbstversorgung

Im frühen 19. Jahrhundert lösten moderne, auf der allgemeinen Wehrpflicht beruhende Massenheere die zuvor üblichen Söldner- oder Kabinettsarmeen ab. Die Ausbildung in dieser neuen „Schule der Nation“ konzentrierte sich auf wehrfähige Männer, vermittelte ihnen das Kriegshandwerk sowie Hierarchie und Unterordnung. Parallel entstanden einheitliche Uniformen, wurden die Truppen kaserniert. Die Sorge für die Verpflegung aber blieb bis Mitte des 19. Jahrhundert Privatsache, wenngleich – etwa in Preußen – erst eine Brotportion, dann eine Beköstigungsportion eine gewisse Grundverpflegung garantierten. Beide entstanden aus Marschverpflegungen, prägten dann jedoch vorrangig den Truppenalltag.

Seit der Mitte des Jahrhunderts geriet die Militärverpflegung zunehmend unter den Einfluss der Ernährungsphysiologie. Ärzte wie Wilhelm Hildesheim sowie Physiologen wie Carl Voit (1834-1908) schlugen nicht nur Kostsätze und Mahlzeiten für die einzelnen Soldaten vor, sondern sahen in der „Zusammensetzung der Leiber“ ([Carl] Voit, Anforderungen der Gesundheitspflege an die Kost in Waisenhäusern, Casernen, Gefangenen- und Altersversorgungsanstalten, sowie in Volksküchen, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 8, 1876, 7-55, hier 20) eine vorrangige Ordnungsaufgabe des Staates. Nur wohlgenährte Soldaten konnten ihre Aufgaben plangemäß erfüllen.

Die Folgen waren zunehmend detaillierte Verpflegungssätze, die sich einerseits an den physiologischen Notwendigkeiten, anderseits an den Kosten für nahrhafte, möglichst eiweißhaltige Nahrungsmittel orientierten. Die sog. Einigungskriege 1864-1871 verdeutlichten die Defizite der Truppenverpflegung, bereiteten aber zugleich den Weg für neuartige Nahrungsmittelkonzentrate, Präserven oder aber Konserven – mit der Erbswurst als Leitprodukt. Diese neuen Kunstpräparate veränderten weniger die Alltagsverpflegung, stärker aber die sog. Eiserne Ration der Soldaten, also deren am Mann mitzuführende Marsch- und Kampfnahrung (umfassend hierzu Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 108-129). Das zunehmend professionalisierte Heeressanitätswesen begann spätestens seit den 1890er Jahren mit umfangreichen Forschungsarbeiten zur optimalen Beköstigung der Soldaten und entwickelte Nahrungsmittel für spezielle Kampferfordernisse, etwa den Einsatz in den Kolonien.

Die nicht zuletzt aufgrund von Kostengründen weiter bestehenden Defizite der Versorgung resultierten allerdings nicht allein aus der Menge und Art der verausgabten Nahrungsmittel, sondern stärker noch aus deren mangelhafter Zubereitung und ihrem Geschmack. Die nur während Manövern ausgegebenen Konserven blieben Ausnahmen. Derart vorgekochte Speisen, die kalt verzehrt werden konnten, vielfach nur erhitzt werden mussten, bildeten ein Ideal, waren nicht alltäglich. Im Kern veränderte sich die Militärkost trotz intensiver Diskussionen und auch Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur wenig – weniger jedenfalls als die Alltagskost. Um 1900 hieß dies – natürlich gab es vielfältige Unterschiede – täglich 750 Gramm Brot (oder etwas weniger Zwieback), 375 Gramm Frischfleisch (oder weniger Räucherfleisch), 250 Gramm Hülsenfrüchte (oder geringere Mengen Gemüsekonserven bzw. Dörrgemüse), sowie Salz, Kaffee/Tee und Zucker ([Wilhelm] Balck, Taktik, Bd. 4, 3. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1903, 264).

Gründe für diesen beträchtlichen Konservatismus waren die höheren Kosten vorgefertigter Speisen, aber auch die ungeregelte, von Region zur Region, von Standort zu Standort stark abweichende Art der Verpflegung. Der Verpflegungssatz wurde teilweise in Menagen durch Köchinnen zu Speisen weiterverarbeitet (Die Einführung der Mannschaftsmenagen im Großen, Der Kamerad 5, 1866, 61-62), doch vielfach war dies Aufgabe der Soldaten selbst resp. ihrer Frauen, Verlobten, Familienangehörigen oder aber von Gastwirten. Eine umfassende Modernisierung der Militärverpflegung war ohne einen grundlegenden Bruch mit diesen Zubereitungsweisen nicht möglich. Der Geschmack und die begrenzten Kochfertigkeiten standen im Hintergrund aller gelehrten Debatten über einzelne Lebensmittel, Produkte und Speisen. Das Militär gründete eben nicht nur hinsichtlich der öffentlich breit diskutierten körperlichen Fähigkeiten und den politischen Einstellungen der Soldaten auf vorgelagerten gesellschaftlichen Ressourcen, sondern auch auf der erlernten oder aber eben nicht erlernten Fähigkeit, zu kochen und damit Nährwerte verfügbar zu machen. Effizientes Kriegshandwerk bedurfte auch der Kochkunst.

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Gefahren schlechter Verpflegung am Beispiel der US-Streitkräfte im Krieg gegen Spanien (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 12, 8)

Die Zubereitungskompetenz der Männer aber war gering. Plädoyers für eine „gemeinschaftliche Küche“ zur Zubereitung einer Morgen- und Mittagssuppe wurden nicht nur mit Kostenargumenten begründet, sondern galten auch als „unschätzbare Vorschule für die Verpflegung im Felde […], indem dadurch jeder Soldat lernt, sich selber Speise zu bereiten, und mit allen Küchen-Vortheilen bekannt wird“ (W[ilhelm] Hildesheim, Die Normal-Diät, Berlin 1856, 90 bzw. 88 (vorheriges Zitat)). Während des deutsch-französischen Krieges machte sich „der Mangel an Kenntnissen in der Kochkunst ausserordentlich bemerklich“ (W[ilhelm] Roth, Beiträge zu den Fragen der Militär-Gesundheitspflege aus dem gegenwärtigen Feldzuge Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentlichen Gesundheitspflege 3, 1871, 62-72, hier 66), verminderte Motivation und Kampfkraft der Truppen. Es ging um die Kochkompetenz ansonsten stets bekochter Männer. Die Aufgabe, sich selbst ernähren zu können, stellte sich just in Hochzeiten patriarchalischer Arbeitsteilung und einer vermeintlich typisch männlichen Institution. Paradoxerweise fand sich auch innerhalb der Armee das empirisch nicht belegte zeitgenössische Lamento über den Niedergang der bürgerlichen Küche und der allgemeinen Kochfertigkeiten, das parallel zur Institutionalisierung hauswirtschaftlicher Bildung für Frauen führte: „Während die Kochkunst in den großen Küchen sich hebt, sinkt sie an den wichtigeren kleineren Herden bis zu gesundheitsgefährlicher Unkenntnis, während dort schwierige Probleme für Feinschmecker gelöst werden, verlernt man hier die einfachsten Regeln, und ein Wiederschein dieses Zustandes findet sich im Heer“ (C[arl] Koettschau, Irrtümer des Friedenssoldaten im Feld (1890), zit. n. Walter Berges, Die Grundsätze für die Ernährung des Soldaten vom Beginn des 19. Jahrhunderts ab, Med. Diss. Düsseldorf, Bochum-Langendreer 1937, 22). Auf der anderen Seite entwickelte sich gerade nach der Jahrhundertwende die Berichterstattung über große Manöver zu einem Genre in den vornehmlich von Frauen gelesenen Illustrierten, in dem nicht allein die Feldlagerromantik abseits des Wandervogels, sondern insbesondere das Kochspiel der Männer dargestellt wurde (Vgl. etwa Richard Schott, Das Ganze Halt!, Die Woche 2, 1902, 1687-1689; Karl August v.d. Pinnau, Besuch im Biwak, Ebd. 5, 1903, 1671-1675; Richard Schott, Die französischen Armeemanöver 1905, Ebd. 7, 1905, 1700-1704; A. Oskar Klaußmann, Soldatenkost, Ebd. 7, 1905, 1975-1978). Rustikales Scheitern hatte durchaus Unterhaltungswert.

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Biwak-Romantik als Spiegelbild männlicher Zubereitungsinkompetenz (Fliegende Blätter 82, 1885, 11)

Mochte die Frage der Kochkompetenz im Frieden daher auch heitere Momente haben, musste sich der Mann im Krieg jedoch gerade am Kochgeschirr bewähren, wollte er seine Kampfkraft erhalten und wiederherstellen. Männerwirtschaft im Krieg war weit entfernt vom Ideal des geordneten bürgerlichen Haushalts: „Das Grabenmachen, das Wasser- und Holzholen, das schmutzige Wasser, diese Gesichter und Hände, der Lärm, das Überkochen, das Umfallen und Umwerfen der Kochgeschirre – das Alles sind bekannte Dinge. Und endlich kommt jede Mahlzeit aus dem russigen, glühenden Feldkessel. Wer dann einen Gang über den Lagerplatz und beim Anblick der Massen von ausgeschüttetem Reis und der Menge von umherliegenden Brocken halbgekochten Fleisches oder schlecht benagten Knochen noch Freund dieses Systems bleiben kann, der stellt die Form über das Wesen“ (Die Heeresverpflegung im Krieg und Frieden, Allgemeine Militär-Zeitung 1879, zit. n. C[arl] A[lphons] Meinert, Armee- und Volksernährung, Th. 2, Berlin 1880, 318). Vorschriftgemäßes Abkochen sah das Ausheben eines 30×40 Zentimeter großen Kochgrabens vor, worin dann die Viktualienportion erhitzt wurde (Charles Lutz, Der Koch im Felde, Kochkunst 5, 1903, 222-223). Alternativ wurden die eisernen Portionen auch in einem gemeinsamen Kessel erhitzt, der in ein Kochloch von 0,8 Meter Tiefe, 1,5 Meter Länge und 0,5 Meter Breite gehängt wurde (Heinrich Heim, Kriegsmäßiges Abkochen, Kochkunst und Tafelwesen 10, 1908, 313-314). Militärkost wurde also fast durchweg gekocht, Suppen und Eintöpfe dominierten den Feldalltag. Aromatischere Arten der Zubereitung, insbesondere Braten und Backen, waren dagegen kaum möglich.

Gewürzte Nahrung

Wie nun diesem Dilemma begrenzter Zubereitungskompetenz entgehen, wie ihm zumindest produktiv begegnen? Vor dem Ersten Weltkrieg gab es vor allem drei Antworten: Die erste, der Einsatz von Würzen, war unmittelbar mit Konzepten künstlicher Kost verbunden, also dem Ersatz von mangelnden Kochfertigkeiten durch vorgefertigte, einfach zuzubereitende Produkte. Ziel des Gewürzzusatzes war eben nicht, die allgemeine Kochkompetenz zu erhöhen, sondern mangelhaft gekochte Nahrung genießbar zu halten. Wie wichtig derart akzeptabler Geschmack war, hatten schon in den 1860er und 1870er Jahren umfangreiche Untersuchungen in Gefängnissen gezeigt, wo aus Gründen von Kosten und Bestrafung eine sehr eintönige und wasserhaltige Kost verabreicht wurde, deren negative Folgen durch den Zusatz von preiswerten Gewürzen aber in Grenzen gehalten werden konnten (Oscar Liebreich, Über den Nutzen der Gewürze für die Ernährung, Therapeutische Monatshefte 18, 1904, 65-68). Die Überdeckung des Eigengeschmacks der gekochten Speise durch Würzen erfolgte nach der Jahrhundertwende vornehmlich durch Maggi-Würze oder ähnliche Präparate.

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Produktionsräume von Maggis Würze im Schweizerischen Kemptthal (Wiener Hausfrauen-Zeitung 31, 1905, Sondernr., 50)

Doch einschlägige „Gewürzextracte und Gewürzsalze“ wurden schon seit 1866 durch den Dresdener Chemiker und Unternehmer Louis Naumann (1843-1900) entwickelt und seit 1872 produziert. Die in Patronen und Kästen gelieferten Würzen – Bouillon- und Pfeffersalz im Grundpaket, mehr als zwei Dutzend Mischungen für die Truppenoffiziere und Kesselwagen – wurden seitens des sächsischen und preußischen Militärs getestet und in geringen Mengen geordert. Doch blieb die Vorstellung eine Chimäre „dass in späterer Zeit kein Mann der Armee zum Manöver oder in’s Feld ausrücken wird, ohne neben seiner Chargirung auch die Naumann’sche kleine Bouillon- und Pfeffersalzpatrone zu führen“ (Ueber die Dr. Naumann’schen Gewürzsalze und Gewürzextracte für den Armeegebrauch, Neue Militärische Blätter, in: L[ouis] Naumann, Der eiserne Bestand im Felde, Dresden 1877, 19-27, hier 27). Relativ hohe Preise und die Komplexität des Würzsystems verhinderten seine breitere Verwendung im Militär, während die Produkte im späten 19. Jahrhundert viele Käufer in Privathaushalten gewannen.

Professionalisierung und Technisierung des Küchenwesens in der Armee

Wesentlich wichtiger war zweitens die Ausbildung militärinterner Zubereitungskompetenz. Dabei gilt es zwei Ebenen zu unterscheiden, nämlich einerseits Humankapitalbildung durch Ausbildung von Kochpersonal, anderseits die Technisierung der Truppenküchen. Die deutschen Armeen besaßen im Gegensatz etwa zu England, wo es seit den 1860er Jahren in Aldershot eine Schule für Militärköche gab, keine einschlägigen Ausbildungsinstitutionen. Man nutzte die Ressourcen der Zivilgesellschaft. Der auch vor dem Ersten Weltkrieg nicht überall durchgesetzte Menagenbetrieb wurde vielfach von bediensteten Köchinnen bestritten, doch zunehmend wollte man im Kriegsfall auf die Kompetenz ausgebildeter Köche resp. Fleischer und Bäcker zurückgreifen – schließlich schien die fast durchweg männliche Hotel- und Gaststättenküche zu belegen, dass Männer Frauen auch in deren vermeintlich natürlichen Revier mindestens ebenbürtig waren, wenn sie denn nur wollten. Doch das war Ziel, nicht historische Realität. Auch in vielen rückwärtigen Diensten, etwa den Lazaretten, waren vor und auch während des Weltkrieges vorrangig Köchinnen beschäftigt (Felix Reinhard, Geschichte des Heeressanitätswesens, insbesondere Deutschlands, Jena 1917, 72-73). Ohne Frauen wäre die vermeintliche Männerinstitution Militär zusammengebrochen.

Diese Situation änderte sich erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als zunehmend Küchenunteroffiziere ernannt wurden, um einerseits den Menagenbetrieb zu organisieren, um andererseits aber die neu eingeführten mobilen Feldküchen zu bedienen (H[ans] Bischoff, Nahrungs- und Genussmittel, in: Ders., W[ilhelm] Hoffmann und H[einrich] Schwiening (Hg.), Lehrbuch der Militärhygiene, Berlin 1910, 261-390, hier 261-262). Sie wurden von zivilen Küchenmeistern unterrichtet, militärinterne Schulungen erfolgten erst während des Ersten Weltkrieges (vgl. Eugen Brunfaut, Unsere Armeeküche, Die Woche 12, 1910, 381-383).

4_Die Woche_12_1910_p382_Militaerverpflegung_Kuechenmeister_Fortbildung

Vortrag eines Zivilküchenmeisters vor Unteroffizieren 1910 (Die Woche 12, 1910, 382)

Derartige Schulungen waren aber an den Einsatz moderner Küchentechnologie geknüpft. Es gab zahlreiche Vorschläge – und auch reale Umsetzungen, wie die 1850 in der schleswig-holsteinischen Armee eingesetzte Dampfküche (Michael Peltner, Soldatenernährung unter besonderer Berücksichtigung ernährungsphysiologischer und angewandter ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse in der deutschen Wehrmacht, Med. Diss. Düsseldorf 1994, 12) –, doch gab man lange Zeit einfachen Kesselwagen den Vorzug, während Schlachtereien und Bäckereien in rückwärtigen Gebieten stationär eingerichtet wurden. Hauptargument gegen diese Mobilisierung war die Vergrößerung des Versorgungstrosses, die immer auch bedeutete, relativ weniger Soldaten an der Frontlinie zu haben (Meinert, 1880, Th. 2, 321).

5_Der Welt-Spiegel_1910_08_11_p2_Militarverpflegung_Feldkueche_WilhelmII_Staendische-Unterschiede

Ständische Vorrechte: Das Feldküchenautomobil des Kaisers mit Herd, Eisschränken, Küchenutensilien, Zelt und Tisch für zwölf Personen (Der Welt-Spiegel 1910, Ausg. v. 11. August, 2)

Das Gegenargument einer schnellen mobilen Kriegsführung abseits der Eisenbahnen griff lange Zeit kaum, auch wenn 1886 der Peyersche Feldbacköfen und dann 1896 allgemein fahrbare Feldbacköfen eingeführt wurden. Erst die guten Erfahrungen der russischen Truppen mit mobilen Kücheneinheiten während des Krieges gegen Japan 1904/05 führten zu einem allgemeinen Wandel. Motorkraftfahrzeuge wurden in der Armee allerdings nur zögerlich eingeführt, eine motorisierte Versorgung von zentralisierten Zubereitungsstätten schien daher unrealistisch. Das preußische Kriegsministerium schrieb 1905 und 1906 daher Wettbewerbe für mobile, von Pferden gezogene Küchen aus und erprobte verschiedene Modelle bei Manövern (W[ilhelm] Haunauer, Die Verpflegung der Truppen im Kriege, Die Umschau 19, 1915, 9-13, hier 12-13; [Hermann] v. Francois (Hg.), Feldverpflegungsdienst bei den höheren Kommandobehörden, T. 2, 2. Aufl., Berlin 1909; W[ilhelm] Schumburg, Hygiene der Einzelernährung und Massenernährung, Leipzig 1913 (Handbuch der Hygiene, hg. v. Th[eodor] Weyl, 2. Aufl., Bd. 3, Abt. 3), 441-447). Seit 1908 begann die Einführung eines Standardmodells, das jedoch lediglich erlaubte – anders als der irreführende Populärbegriff „Gulaschkanone“ suggerierte –, Speisen zu kochen. Die ansatzweise Trennung von Kampf und Kochen erhöhte gleichwohl die Destruktionskraft des Männerkollektivs: „Marschküchen sind nicht bloß ein bequemeres Ernährungsinstrument, da sie den Soldaten von einer seiner eigentlichen Bestimmung als Kämpfer fremden Arbeit entlasten und den vollen Ersatz der in Gefechten und auf Märschen aufgebrauchten Kräfte sichern, sondern geradezu ein Kriegsmittel, wenn man will, eine Waffe“ (Unsere Marschküchen, Der Militärarzt 43, 1909, Sp. 54-55, hier Sp. 54).

6_Bischoff_1910_p414_Militaerverpflegung_Feldkueche_Gulaschkanone

Rückansicht einer deutschen Feldküche 1909 (Bischoff, 1910, 414)

Auch wenn die Feldküchen im deutschen Heer erst 1915 allseits eingeführt waren – noch 1914 waren russische Feldküchen begehrte Beutegüter –, so führte diese Technisierung doch seit 1909 zu Vorschlägen, gesonderte Verpflegungsoffiziere zu ernennen, deren Aufgabe auch die Rekrutierung (und Ausbildung) von Köchen und Küchenpersonal sein sollte (Francois (Hg.), 1909, 217-220). Die damit einhergehende Wissensbildung regelte das Problem fehlender Zubereitungskompetenzen jedoch nur scheinbar, warnten doch gerade Militärstrategen: „Erst wenn wir Feldküchen haben, bekommt diese sachkundige Fürsorge ihre volle Bedeutung,…“ ([Heinrich] Laymann, Die Ernährung der Millionenheere des nächsten Krieges, Berlin 1908, V). Deren Beschaffung stockte jedoch vor dem Ersten Weltkrieg; auch als Folge der beträchtlich wachsenden Truppenstärken durch die Heeresreform 1912.

7_Der Welt-Spiegel_1914_09_27_p4_Beute_Militaerverpflegung_Feldkueche_Deutschland-Russland_Ostfront

Eroberte russische Feldküche im Dienst des deutschen Militärs 1914 (Der Welt-Spiegel 1914, Ausg. v. 27. September, 4)

Kochkurse für Soldaten

Entsprechend wurde drittens versucht, durch Kochkurse und allgemeine Unterrichtungen die praktischen Kompetenzen der Soldaten selbst zu verbessern. Über dieses vermeintlich unmännliche Kapitel finden sich deutlich weniger Quellen als über die anderen Formen, doch war es gleichwohl breitenwirksam. Schon vor und insbesondere nach dem deutsch-französischen Krieg wurde die „Idee einer kurzen praktischen Kochanweisung für Soldaten“ (Roth, 1871, 66) intensiv diskutiert und auch praktiziert. Parallel gab es ein ziviles Marktangebot sogenannter Feldkochbücher (Auguste Kux, Gründliche Anleitung für Jedermann die Speisen im Manöver und Felde mit den gegebenen Mitteln möglichst wohlschmeckend und nahrhaft zuzubereiten, Berlin 1878). In der Felddienst-Ordnung wurde Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Truppe unmittelbar mit einer guten Zubereitung der Verpflegung gekoppelt, und es hieß unmissverständlich: „Der Soldat muß hierzu praktische Anleitung erhalten“ (Laymann, 1908, 8. Ähnlich Schumburg, 1913, 429). Gerade in Kenntnis der Ernährungsphysiologie mussten auch Abwechslung und Geschmack beachtet werden, galt doch, dass der Soldat kein „Füllofen“ sei, für den es genüge, „die erforderlichen Gramm Eiweiß, Fett und Kohlehydrate“ herbeizuschaffen (beide Zitate n. Laymann, 1908, 11). Nicht Hunger, sondern der einzelne Mann sollte der beste Koch sein, nicht zuletzt, um dem Einerlei des ausgekochten Rindfleisches und der Eintöpfe ab und an entkommen zu können (Das Rindfleisch und die Soldatennahrung, Die Gesundheit in Wort und Bild 1907, Sp. 447-448). Wenn die Truppe gleichwohl „ungeübt und die Zubereitung mangelhaft“ (Rez. v. Laymann, Die Mitwirkung der Truppe bei der Ernährung der Millionenheere des nächsten Krieges, Berlin 1907, Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 36, 1907, 431-432, hier 431) blieb, so lag dies nicht zuletzt an den vielfach fehlenden Kocheinrichtungen in den Kasernen und an dem vorrangig repräsentativem Tschingderassabum vieler Manöver. Männer sollten laufen und schießen, nicht aber kochen und abschmecken.

8_Die Woche_12_1910_p383_Militaerverpflegung_Feldkueche_Ausbildung_Professionalisierung

Männer der Tat: Unterricht an der Feldküche (Die Woche 12, 1910, 383)

Während die Mannschaften zumeist durch Militärköche in Menagen unterrichtet wurden, entstanden schon vor dem Ersten Weltkrieg auch Kochkurse speziell für Mannschaften, die zumeist von Hauswirtschaftslehrerinnen durchgeführt wurden. In München etwa trafen sich 1910 dreißig Teilnehmer einen Monat lang viermal wöchentlich in einer von der Militärbehörde bezahlten Hauswirtschaftsschule, brachten ihre Abendportionen mit, die sie dann nach theoretischer Einführung unter Anleitung kochten. Hedwig Heyl (1850-1934), Kochbuchautorin und Hauswirtschaftlerin, unterstützte diese Bestrebungen ausdrücklich: „Es ist einleuchtend, daß, wenn diese Veranstaltung größeren Umfang erhielte, alle mit geprüften Lehrkräften besetzten Schulen größerer Garnisonen solche Kurse abhielten und diese von den Militärbehörden derartig wie in München unterstützt würden, die Ernährung durch die Soldatenküche bei einem Teil des Volkes ganz anders wirken müßte wie heute, wo zufällig erworbene Kenntnisse der Massenkocherei doch noch viel Lücken zeigen“ (Gute Soldatenküche – bessere Volksernährung, Blätter für Volksgesundheitspflege 10, 1910, 187-188, hier 187). Der angeleitete Erwerb praktischer Kompetenzen und auch abstrakten Wissens über Ernährungslehre, Preise und Qualitäten schien ihr einen doppelten Vorteil zu haben. Auf der einen Seite könnte durch die Ausbildung von männlichen Kochfachkräften das Militär „zu einer Art Kochschule für das Volk aufsteigen“ und zu einem „Hebel zu durchgreifender Besserung der Volksernährung in breiten Schichten“ (beide Zitate n. Heyl, 1910, 188) werden. Zugleich aber hoffte sie, dass ein kompetenter Mann auch bei der Gattinnenwahl höhere Ansprüche stellen würde, sodass die Ausbildung der Männer eine verbesserte Schulung der Frauen nach sich ziehen würde. Basale Bildungsarbeit erschien daher volkswirtschaftlich und -biologisch wünschenswert. Die Küche des Militärs wurde als Teil der großen nationalen Tischgemeinschaft gedacht, in der Hausmannskost (noch) wichtiger war als künstliche Kost. Das sollte sich während des Ersten Weltkrieges nicht ändern, wohl aber während der 1930er Jahre (Spiekermann, 2018, 580-601).

Uwe Spiekermann, 16. Juni 2020

Alltagsdoping – Eine Skizze zu Kola-Dallmann

Konsumgesellschaften basieren auf dem andauernden Vergessen und dem damit immer wieder möglichen Neubeginn. Entsprechende Innovationsillusionen nähren und schaffen Märkte. Ein gutes Beispiel hierfür ist das breite und heterogene Feld von Produkten zur Leistungssteigerung von Gehirn und Körper. Das klingt technisch, nicht einnehmend. Seit den 1990er Jahren werden sie daher trendig-anglophil als „Performance Food“ vermarktet. Hohe Gewinnmargen sind bei den vornehmlich mit Versprechungen angereicherten Waren üblich, auch wenn Umsätze und Erträge weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, die Marketingexperten, Ernährungswissenschaftler und Journalisten während des Hypes um „Functional Food“ in den 1990er Jahren hegten.

Kolaprodukte sind ein wichtiges Segment dieses „Performance Food“. Einschlägige Getränke sind Alltagsbegleiter, etwa die 1886 eingeführte Coca-Cola, ihr Konkurrent Pepsi-Cola (1893), die deutsche afri cola (1931), die Schweizer Variante Vivi Kola (1938) oder aber zahlreiche spätere Adaptionen aus deutschen Landen (fritz-kola, 2002; Red Bull Cola, 2008). Auch andere Flüssigperformer enthalten Kola, etwa die vermeintlich akademisch-hippen Mate-Getränke Club Mate oder Mio-Mio Mate, ihrerseits Nachfolger einschlägiger, seit mehr als einhundert Jahren verfügbarer Markenartikel. Kola findet sich zudem in zahlreichen Snacks, namentlich in Kombination mit Schokolade. Die 1935 eingeführte Schokakola diente als Sport- und Fliegernahrung, gab Soldaten den Kick im harten Kampfe, half bei Prüfungsvorbereitungen und Alltagsproblemen. Doch schon Anfang der 1890er Jahre offerierten Schokoladeproduzenten, etwas Sarotti, Kola-Kakao, -Schokolade, -Bonbons und mehr (Der Bazar 39, 1893, 195).

Kolaprodukte enthalten in der Regel Teile der bis heute vornehmlich in West- und Zentralafrika angebauten Kolanuss, insbesondere aber deren Wirkstoffe Koffein und Theobromin. Als Kolonialprodukte wurden sie in Deutschland seit Mitte der 1880er Jahre verarbeitet und vermarktet. Sie waren zugleich Wissensprodukte, Materialisierungen eines stofflich-reduzierten und gerade deshalb erfolgreichen Denkens und Handelns in Wissenschaft und Wirtschaft (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018). Paradigmatisch hierfür standen die seit 1888 beworbenen Kola-Pastillen des Apothekers und Pharmazeuten Georg Dallmann (1858-1940), als Kola-Dallmann bzw. Dallkolat ein prominenter und breit beworbener Markenartikel bis weit in die 1960er Jahre. Sie waren bis zur Produktionseinstellung 1998 „Performance Food“ pur, dienten dem Alltagsdoping derer, die bei Geselligkeit, Sport und Wettbewerb Vergnügen und Herausforderungen fanden oder einfach nur müde und abgespannt waren. Der kleine Helfer für den Alltag in dem sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden kapitalistischen System wurde jedoch nicht einfach erfunden, setzte sich eben nicht als fertiges Angebot durch. Kola-Dallmann war Resultat wechselnder Marktpositionierungen, musste das neuartige Kolaprodukt doch erst einmal Anwendungsfelder finden. Kola-Dallmann begann als Medikament, als Adaption afrikanischer Alltagskultur in einem europäisch-„zivilisierten“ Rahmen. Es mutierte zu einem Angebot für besonders geforderte Gruppen, dann einem Standardbegleiter der bürgerlichen „leisure classes“, ehe es in der Zwischenkriegszeit zu einem Alltagsgut der urbanen Mittelschicht wurde.

Dallmann & Co. – Unternehmen und Produktpalette

Während Produktinnovationen heutzutage meist den Blaupausen vorheriger Produkte folgen, war dies im späten 19. Jahrhundert nicht ganz so einfach. Dallmanns Kola-Pastillen waren kein „Performance Food“, sie wurden es erst. Blicken wir erst einmal auf den Unternehmer Georg Dallmann, seine Fabrik und deren doch deutlich breitere Produktionspalette.

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Georg Dallmann als erfolgreicher Unternehmer (Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 15. Januar, 3)

Georg Jacob Friedrich Dallmann wurde am 17. Januar 1858 in der pommerschen Kreisstadt Cöslin geboren. Er besuchte das Gymnasium in Stollberg und lernte 1875 bis 1878 das Apothekerhandwerk zuerst im thüringischen Großbreitenbach, dann im oberpfälzischen Oberviechtach, ehe er schließlich eine eigene Apotheke in Gummersbach eröffnete (Deutsche Apotheker-Biographie, Ergänzungsbd. 1, Stuttgart 1986, 71). Über die Person ist relativ wenig bekannt (Georg Dallmann zum 125. Geburtstag, Deutsche Apotheker-Zeitung 123, 1983, 66-67), doch scheint in diesem Fall eine Binnensicht auf unternehmerische Entscheidungen auch nicht zwingend erforderlich. Person und Firma waren nämlich typisch für die Markt- und Markenpositionierungen, die sich nach der Etablierung des deutschen Produktionsregimes 1879/80 in vielen Branchen vollzogen und die bis in unsere Zeit reichen. Die Firma wurde im November 1901 in größere Produktionsstätten nach Schierstein verlegt, heute ein Stadtteil von Wiesbaden (Wilhelm Vershofen, Die Anfänge der chemisch-pharmazeutischen Industrie, Bd. 3: 1870-1914, Berlin et al. 1958, 58). Georg Dallmann war reichsweit bekannt, agierte als Vertreter des Vereins für pharmazeutische Großindustrie (Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 101). Er gehörte zu den führenden selbständigen pharmazeutischen Unternehmern in einer ansonsten durch Aktiengesellschaften und Manager geprägten Branche. Obwohl selbst approbierter Apotheker, lieferte er sich mit deren Standesvertretern harte, teils überharte Händel (Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 115). Dabei ging es um die für Dallmanns Firma zentrale Frage, ob Apotheken oder die Industrie die Standards im Arzneimittelmarkt setzen sollten (Jan Weckerth, Zwischen Arbeitsmarkt und Ausbildung: der Einfluss der Verbände, in: Volker Müller-Benedict (Hg.), Der Prozess der fachlichen Differenzierung an Hochschulen. Die Entwicklung am Beispiel von Chemie, Pharmazie und Biologie 1890-2000, Wiesbaden 2014, 87-178, insb. 102-103). Notizen zu seinem 70. Geburtstag finden sich in der überregionalen Presse, doch handelte es sich lediglich um karge Notate (Illustrirte Zeitung 1928, 156). Ähnliches gilt für seinen 75. Geburtstag, gefeiert in „geistiger und körperlicher Frische“ (Georg Dallmann, 75 Jahre, Badische Presse 1933, Nr. 5. v. 4. Januar, 5). Sein Tod wurde vermeldet, Nachrufe in überregionalen Zeitungen konnte ich jedoch nicht finden (Deutsche Apotheker-Zeitung 55, 1940, 370). Die Firma wurde länger vor und nach dem Tod des Patriarchen in einem recht typischen Familienverbund geführt, häutete sich jedoch. Es blieben die 1959 eingeführten Salbei-Bonbons, nicht aber eine selbständig geführte Firma.

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Werbung für pharmazeutische Handverkaufsartikel 1891 (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 32, 1891, 246)

Die Fabrik chemisch-pharmaceutischer Präparate Dallmann & Co. wurde 1889 als offene Handelsgesellschaft gegründet. In den Werbeanzeigen trat sie erst ab 1890 hervor. Festzuhalten ist, dass es sich bei der Neugründung nicht um eine der im Geheimmittelmarkt vielfach üblichen Firmen für den Absatz des einen, des vermeintlichen heilbringenden Produktes handelte. Die später so zentralen Kola-Pastillen waren von Beginn an ein wichtiger Umsatzträger der Fabrik, in der pharmazeutischen Werbung traten sie jedoch gegenüber anderen Präparaten zurück.

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Zentrum der pharmazeutischen Werbung: Dallmanns Tamarindenessenz (Rundschau für die Interessen der Pharmazie, Chemie, Hygiene und der verwandten Fächer 20, 1894, 163)

Im Vordergrund stand stattdessen Dallmanns Tamarindenessenz, ein Abführmittel aus verarbeiteter Tamarinde, der indischen Dattel. Dieses Kolonialprodukt wurde vergoren, lange in großen Gebinden gelagert und häufig abgezogen (G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1905, 518). Das Produkt unterschied sich deutlich von den gängigen, in Apotheken zubereiteten Tamarindenessenzen. Konkurrierende Produzenten hatten jedoch schon zuvor ähnliche Zubereitungen auf den Markt gebracht, etwa das Kanoldtsche Tamar Indien aus Gotha (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 29, 1889, 87). Dallmann bewarb sein Produkt relativ aggressiv, setzte auf Anzeigen in Tageszeitungen und Fachzeitschriften, Werbezettel, die Präsenz bei Ausstellungen und Fachkongressen, eine feste 30-prozentige Handelsspanne sowie redaktionelle Werbung: „Das Dallmann’sche Präparat besitzt einen angenehmen, erfrischenden Geschmack, der Jedem behagt und durch den es sich neben seiner prompten Wirkung vor anderen Purgirmitteln auszeichnet“ (Pharmaceutische Post 27, 1894, 83). Die Essenz wurde insbesondere für Kinder und Wöchnerinnen empfohlen, da die Wirkung sanft, ohne Schmerzen erfolgte und zudem von „lieblichem Wohlgeschmack“ (Wiener Medizinische Wochenschrift 46, 1896, 39) sei. Die Werbezettel präsentierten auf Ausstellungen gewonnene Medaillen und listeten Empfehlungsschreiben auf (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, n. 458; Süddeutsche Apotheker-Zeitung 35, 1895, Nr. 98 v. 6. Dezember, Beilage). Das war eigentlich der Tenor der Geheimmittelwerbung der „Kurpfuscher“, gegen die promovierte Mediziner und Apotheker seit den späten 1860er Jahren relativ erfolglos agitierten. Dallmann erntete mit einigen seiner Anzeigen schlicht Spott, manchen schien dessen zornige Verdammung von Konkurrenzprodukten einzig „hochkomisch“ (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreiche Sachsen 55, 1893, 55). Gleichwohl etablierte sich die Tamarindenessenz relativ rasch und blieb ein langfristig erfolgreiches Produkt.

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Neuheiten im Umfeld des Apothekerhandwerks: Werbung für Dallmanns Pepsinsaft nach ersten kritischen Stellungnahmen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 34, 1894, 48)

Mit ähnlichen Mitteln verlief 1893 die Markteinführung eines konzentriertes Pepsin-Saftes, der als Mittel gegen Verdauungsbeschwerden vermarktet wurde. Auch hier gab es zahlreiche Vorgänger, die in diesem Falle ihre Marktstellung allerdings behaupten konnten. Der Dallmannsche Pepsin-Saft war kein wirklicher Erfolg, seine Produktion wurde nach einigen Jahren wieder aufgegeben. Das Beispiel hilft jedoch, die unternehmerische Logik hinter diesen Heilmitteln zu verstehen. Pharmazeutische Firmen entwickelten Spezialitäten, pumpten sie mittels massiver Werbung in einen grundsätzlich aufnahmefähigen und strukturell wachsenden Markt – und warteten dann auf die Marktresonanz. Misserfolge wurden rasch zurückgezogen, sich gut verkaufende Waren dagegen weiter offensiv beworben. Der Markt war der Richtplatz für Innovationen.

Entsprechend war und blieb Dallmann & Co. eine Präparateschmiede. Nur geringen Erfolg hatte beispielsweise der 1897 eingeführte Dr. Schmeysche Peru-Cognac, eine scharf schmeckende, durch Zimtsäure abgerundete Mixtur von Perubalsam mit Kognak. Als „Perco“ stand sie für den Wandel hin zum individuellen Markenprodukt, doch die als Mittel gegen Lungentuberkulose positionierte Spirituose konnte die medizinischen Erwartungen nicht erfüllen (Zeitschrift des allgem. oesterreich. Apotheker-Vereines 52, 1898, 57; Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 40, 1899, 61, 140; Ebd. 42, 1901, 4-5). Erfolgreich waren später dagegen das 1925 eingeführte Vitamin- und Mineralstoffpräparate Eligol (Jahresbericht der Pharmazie 60, 1925, 290; Chemisches Zentralblatt 96, 1925, 213), der kosmetische Artikel Pergo oder aber das seit 1933 angebotene Munddesinfektionsmittel Ringulein, ein in Ringform angebotenes Antiseptikum mit Pfefferminz- bzw. Fenchelgeschmack (Pharmazeutische Monatshefte 15, 1934, 245), das nicht zuletzt gegen Grippe helfen sollte.

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Kontinuierliche Produktion marktgängiger Präparate: Ringulein-Tabletten 1933 (Deutsche Apotheker-Zeitung 48, 1933, Nr. 82)

Die Forschungsintensität der zu Unrecht auf die Kola-Pastillen reduzierten Firma Dallmann unterstrich auch die Vermarktung des chinasauren Harnstoffes Urol (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 42, 1901, 651; Ueber Urol, Ebd., 688-689). Dieses Mittel gegen Gicht, Harn- und Nierengries wurde nicht allein in europäischen Staaten, sondern auch in den USA angeboten. Für die Vermarktung des Ende 1901 in den USA patentierten Präparats gründete Dallmann gemeinsam mit dem Pharmazeuten Otto Schütz eine eigene Gesellschaft (Journal of the Society of Chemical Industry 23, 1904, 100).

Bevor wir zum späteren Kernprodukt der Firma, Kola-Dallmann, übergehen, noch einige Hinweise zum Geschäftsgebaren Dallmanns. Während die angebotenen pharmazeutischen Präparate über den engen Raum der Einzelapotheke hinauswiesen und die Werbung eine der Ehrsamkeit der tradierten Apothekerschaft kaum entsprechende Rührigkeit entfaltete, blieb die Absatzgestaltung überraschend traditionell. Die Präparate waren preisgebunden, gewährten Produzent und Händlern einen soliden, tendenziell über dem Marktdurchschnitt liegenden Nutzen. Dallmann reihte sich in die tradierte Absatzkette Produzent, Großhandel und Apotheke (ab 1897 auch Drogerie) verlässlich ein, versuchte kaum, die Absatzwege zu verkürzen. Bestellungen von Letztkonsumenten wurden angenommen, doch der Absatz durch Apotheken und Drogerien dominierte klar. Noch während der Weltwirtschaftskrise 1932 betonte die Firma, dass Geschäftskunden nicht befürchten müssten, auf den Firmenpräparaten sitzen zu bleiben, da man einerseits dauernd Reklame machen, anderseits „nur den Fachhandel“ (Deutsche Apotheker-Zeitung 47, 1932, 694) beliefern würde. Der direkte Absatz an Konsumenten entsprach nicht dem Wirtschaftsmodell des Georg Dallmann, obwohl die Zahl der Versandapotheken seit den späten 1890er Jahren rasch zunahm.

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Die erste Schutzmarke der Firma Dallmann (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, n. 458)

Wenig innovativ, ja halbherzig, blieb auch der Warenschutz. Die ersten Präparate wurden noch als individuelle Artikel Georg Dallmanns angepriesen. Doch Dallmanns Präparate waren weder als eigene Wortmarken eingetragen, noch gab es eine spezielle Schutzmarke. Das änderte sich nach dem Warenzeichengesetz vom Mai 1894, das zur Eintragung einer allgemeinen Schutzmarke für alle Präparate führte. Es folgten die damals üblichen öffentlichen Warnungen, Anzeigen also, die Konkurrenten vor Nachahmungen abschrecken und Konsumenten auf die besondere Qualität der Produkte hinweisen sollten (für die Tamarindenessenz s. Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, 84). Es überrascht allerdings, dass Warenzeichen für einzelne Produkte erst ab 1912 eingetragen wurden. Das betraf Tamess, die umbenannte Dallmansche Tamarinden-Essenz, vor allem aber Kola-Dallmann (Deutsche Apotheker-Zeitung 27, 1912, 560). Wohl als Folge des intensivierten Wettbewerbs bei Anregungsmitteln, zumal der beträchtlichen werblichen Präsenz des in Berlin produzierten Kola-Dultz, ließ Dallmann die Warenzeichen Dallkolat, Kola-Dallmann und Dallmanns Kola-Pastillen schützen (Zentralblatt der gesamten Arzneimittelkunde 1, 1912/13, 203). Die Stärke des noch nicht geschützten, gleichwohl aber schon zuvor verwendeten Begriffs Kola-Dallmann führte jedoch dazu, dass die Versuche des Markentransfers von Kola-Dallmann auf Dallkolat letztlich scheiterten. Bis Mitte der 1920er Jahre wurden die Kola-Pastillen doppelt bezeichnet, Kola-Dallmann und Dallkolat erschienen in den Anzeigen Seit an Seit. Kola-Dallmann war jedenfalls schon vor dem Ersten Weltkrieg ein etablierter Alltagsbegriff geworden, Wegbegleiter und Wegbereiter des Alltagsdopings.

Von den Kola-Pastillen zum Markenartikel Kola-Dallmann

Dallmanns Kola-Pastillen waren eine marktkonforme Materialisierung des deutschen Kolonialismus. Konkret: Einerseits handelte es sich dabei um ein „veredeltes“, gleichsam zivilisiertes Produkt der deutschen Herrschaft in Kamerun (allgemein hierzu Albert Gouaffo, Wissens- und Kulturtransfer im kolonialen Kontext. Das Beispiel Kamerun – Deutschland (1884-1919), Würzburg 2007). Anderseits stand die alltägliche Nutzung von Kola-Produkten in den Ländern der Kolonialmächte für deren massiven Ausgriff auf die naturalen Ressourcen der unterworfenen Länder. Bevor wir uns mit den Dallmannschen Kola-Pastillen direkt befassen, müssen wir daher die Kolanuss etwas genauer in den Blick nehmen.

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Naturkundliche Erfassung der kolonialen Kolanuss (Prometheus 9, 1898, 483)

Bei der Kolanuss handelte es sich um ein in Zentralafrika für westliche Märkte erst gesammeltes, dann auch gezielt angebautes Kolonialprodukt. Der Samenkern war kastaniengroß und bildete getrocknet eine harte Masse, außen braun, innen weiß bis rosenrot. Die Kolanuss gewann ihren Wert für die Kolonialherren durch ihren Stoffgehalt: Etwa 2 bis 2,5 % Koffein, Gerbsäure, den Kakaowirkstoff Theobromin sowie den Farbstoff Kolarot (Paul Zipperer, Kakao und Schokolade, in: Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, Bd. 4, 9. Aufl., Leipzig 1897, 699-708, hier 707). Die Nuss schmeckte sehr bitter, musste also bearbeitet werden, um Konsumgut zu werden. Üblich wurden verschiedene Röstverfahren, ebenso die Behandlung mit Alkalien bzw. schwachen Säuren, etwa dem als Haarbleichmittel schon damals bekannten Wasserstoffperoxid. Die fertige Masse mischte man dann zumeist mit Kakao, Zucker und „Korrigenzien“, um Wirkung, Nährwert und insbesondere den Geschmack zu heben. Sie wurde seit den 1880er Jahren zuerst in Apotheken zu diversen Tinkturen, Extrakten und Essenzen weiterverarbeitet, häufig auch mit Alkohol vermengt. Am Ende stand ein Heilmittel gegen Herzbeschwerden, Nervenstörungen oder aber die Seekrankheit.

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Kurzlebiges Konkurrenzprodukt: J. Henschels Kola-Bitter (Berliner Volksblatt 1890, Nr. 197 v. 26. August, 4)

Doch die Kolanuss bot mehr: „Der Kolagenuss, der mit geringen Mengen – man rechnet 40 g auf Person und Tag – zu befriedigen ist, gestattet den Negern überdies, im Nothfall mit sehr geringen Mengen an Nahrungsmitteln auszukommen und Perioden des Hungers ohne augenblickliche Erschöpfung zu überwinden. Aber er macht die Leute ausserdem heiter, wander- und arbeitslustig“ (Carus Sterne, Die Kolanuss, Prometheus 9, 1898, 465-467, 481-485, hier 466). Kola stand damit in einer Reihe mit anderen, öffentlich diskutierten „Volksnahrungsmitteln“, etwa der lateinamerikanischen Koka bzw. Mate. Deren Einfuhr und Konsum schien bürgerlichen Reformer ein möglicher Beitrag zur Lösung der sozialen Frage, also der Integration der städtischen und ländlichen Arbeiter in die bürgerliche Gesellschaft. Hoffnungsfroh hieß es beispielsweise in Bayern: „Kola-Chokolade ist so stark, daß ein Arbeiter mit einer als Frühstück genossenen Tasse voll ohne alles andere den ganzen Tag arbeiten kann, ohne zu ermüden“ (Die Kolanuß, Rosenheimer Anzeiger 1888, Nr. 49 v. 29. Februar, 4). Wichtig war zudem die vor allem von französischen Entdeckungsreisenden und Medizinern propagierte Verbesserung von Marschleistungen (Edouard Heckel, Les Kolas Africains, Paris 1893). Kola schien eine Alternative zum beim Militär noch gängigen Alkohol bzw. dem Tabak zu sein, eine sanftere Droge für das gemeine Volk (B[ernhard] Schuchardt, Die Kola-Nuss, Correspondenz-Blätter des Allgemeinen ärztlichen Vereins von Thüringen 19, 1890, 293-317; F.E. Steward (Hg.), An Illustrated Monograph of Kola, Detroit 1894). Kola war preiswerter als Kaffee, reizte nicht auf, überdeckte die Müdigkeit. Es war damit ein perfekter Grundstoff für Produktentwicklungen. Während sich Kola in den USA und dann auch anderen westlichen Ländern über Getränke einbürgerte, gab es jedoch einen deutschen Sonderweg: Hier verschwanden die frühen Kolagetränke wieder rasch, während Pastillen, seltener auch Schokoladen, den Markt prägten. Was Coca-Cola für die USA, waren Kola-Pastillen für den deutschsprachigen Raum.

09_Über Land und Meer_81_1898-99_Nr05_Kolapräparate_Gebäck_Hustenbonbons_Gordian_03_1897-98_p1091_Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft_Ludwig-Bernegau

Angebote des Hauptkonkurrenten Dallmanns, der Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft (Über Land und Meer 81, 1898-99, Nr. 5 (l.); Gordian 3, 1897/98, 1091)

Die medizinische und pharmazeutische Forschung konnte gewiss kein verlässliches Stoff- und Wirkungsprofil der Kolanuss erstellen, vielfach auch aufgrund der steten Vermischung wissenschaftlicher und kommerzieller Interessen. Der Schöneberger Nervenarzt Kurt Ollendorf resümierte kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedoch vier allgemein akzeptierte Wirkungen: „1. auf das Zentralnervensystem. Die geistigen Fähigkeiten werden angeregt, das Ermüdungsgefühl verscheucht. Die Respiration wird ausgiebiger und vertieft. 2. auf das Zirkulationssystem. Die Herztätigkeit wird angeregt, der Blutdruck und die Diurese wird gesteigert […]. 3. auf die Muskeln. Die Muskelermüdbarkeit wird teilweise aufgehoben, die Arbeitsleistung gesteigert, ein Faktum, welches Bergsteigern und Sportsleuten seit langem bekannt ist. 4. auf die allgemeine Ernährung. Kola ist ein eminentes Sparmittel, indem es den Stoffwechsel des Körpers verlangsamt. Die Stickstoffausscheidung wird verzögert“ (Kola als Heilmittel, Allgemeine Medizinische Central-Zeitung 81, 1912, 446-447, hier 447). Kola besaß damit ein für unterschiedliche Zielgruppen attraktives Wirkstoffspektrum, war offen für Neupositionierungen. Georg Dallmann bewarb seine Kolapräparate anfangs allerdings als Medikamente.

Seine Fabrik chemisch-pharmazeutischer Präparate Dallmann & Co. wurde 1889 im oberbergischen Gummersbach gegründet. Sie diente der Vermarktung schon zuvor bestehender Produkte der Apothekenpraxis, darunter auch die schon 1888 beworbenen Kola-Pastillen und ein wohl ebenfalls zuvor angebotener Kola-Wein.

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Vermarktung vor der Firmengründung (Allgemeine Zeitung 1888, Nr. 335 v. 2. Dezember, 4944)

Diese Anzeige in der Münchener Allgemeinen Zeitung verweist auf eine damals gängige, sich aus dem lokalen Apothekengeschäft entwickelnde Absatzstruktur: Größere Apotheken wurden für den Handverkauf beliefert, Großhandelsdepots für die Versorgung von weiteren Apotheken und auch Drogenhandlungen eingerichtet. Die Firmengründung bot ab 1889 einen industrielleren Rahmen für die Vermarktung – damals Ausdruck von Fortschritt und Professionalität. Sie erfolgte einerseits in den bewährten Formen des Spezialitätenabsatzes der Apotheken. Das bedeutete Anzeigen in einschlägigen pharmazeutischen Fachzeitschriften, umfasste aber auch ausführlichere Produktprospekte. Sie wurden beigelegt, bei späteren Bindungen meist entfernt. Für die Dallmannschen Kola-Pastillen ist ein doppelseitig bedruckter Werbezettel allerdings erhalten geblieben (Altonaer Nachrichten 1890, Nr. 181 v. 5. August, nach 6). Das Produkt erschien darin als Resultat europäischen Entdecker- und Forschungsfreude: Es stammte aus den westafrikanischen Kolonien des Deutschen Reiches, griff die Alltagsverwendung der einheimischen Bevölkerung auf, transferierte sie in handhabbare und standardisierte Pastillen, wendete sie jedoch auf europäische Problemlagen an. Es folgten die obligaten Empfehlungsschreiben renommierter Doktoren und begeisterter Kunden. Dallmanns Präparate standen im breiten Grenzfeld von Geheim- und Arzneimittel, von Nahrungsergänzung und Pharmakon. Im pharmazeutischen Werbekontext wurden die Kola-Pastillen allerdings nicht nur einzeln, sondern zumeist als Teil des Dallmannschen Gesamtangebotes vermarktet.

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Ein Kolonialprodukt leistet Hilfe im Alltag (Dresdner Nachrichten 1889, Nr. 75 v. 16. März, 4)

Auch in den Publikumszeitungen wurden die Kola-Pastillen als Arzneimittel präsentiert, dienten also noch keinem Alltagsdoping. Das Werbeversprechen war konkreter: Hilfe gegen Kopfschmerzen und Migräne, bei überbürdender Zecherei und allgemeiner Überarbeitung. Dallmann entsprach damit Nutzenerwartungen, mit der Kolanüsse schon Mitte der 1880er Jahren einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurden (Neues Mittel gegen den Katzenjammer, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 296 v. 18. Dezember, 3). Nicht einzelne Gruppen, sondern potenziell alle Konsumenten wurden mit derartigen Anzeigen angesprochen; vorausgesetzt, sie konnten die eine Mark für die Schachtel bezahlen. Ein Facharbeiter verdiente damals ca. 1.000 bis 1.200 Mark – pro Jahr. Die Kundschaft war daher sozial eng begrenzt, doch das galt für die Mehrzahl der damaligen Medikamente.

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Kola gegen Migräne, Kopfschmerzen und Kater (Allgemeine Zeitung 1891, Nr. 149 v. 31. Mai, 4)

Dallmann nutzte von Beginn an neben der Fachpresse auch Tageszeitungen für die Werbung. Er war von Beginn an exportorientiert, einschlägige Anzeigen erschienen seit 1889 im europäischen Ausland. Die deutsche pharmazeutische Industrie hatte zu dieser Zeit bereits eine weltweit führende Stellung, die durch die fast durchweg exportorientierten Unternehmen systematisch weiter ausgebaut wurde (Otto N. Witt, Die chemische Industrie des Deutschen Reiches im Beginne des 20. Jahrhunderts, Berlin 1902, 155-160).

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Konstitutive Exportorientierung (La Suisse Liberale 1889, Nr. 133 v. 8. Juni, 4 (l.); Prager Tagblatt 1889, Nr. 293 v. 23. Oktober, 20)

Das Produkt war für nationale und internationale Märkte bestens geeignet: Eine Spezialität für solvente Bürger, in „Schachteln“, Blechdosen verstaut, gut zu versenden, lange zu lagern. Ein standardisiertes Präparat, gewerblich hergestellt, wohl unter Einsatz der damals üblichen Tablettenformmaschinen. Diese aber dürften noch manuell bedient worden sein, hinzu kamen die arbeitsaufwendige Verpackung und der Versand. Die Kola-Pastillen waren keine Frischware, sondern eine abstrakte Ware für einen abstrakten Markt. Ihr Nutzen war anfangs recht klar umschrieben, zielte auf die Beseitigung einfacher gesundheitlicher Beeinträchtigungen.

Gleichwohl waren die Resultate all dieser Bemühungen überschaubar. Es gelang, die Kola-Pastillen einzuführen, während der seit 1892 beworbene Kola-Nusslikör offenbar den Erwartungen nicht entsprach und rasch zurückgezogen wurde (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 33, 1893, 19). Der Kola-Wein blieb länger im Angebot, verschwand jedoch Mitte der 1890er Jahre. Hinzu kam der Verlust von Auslandsmärkten. In der Schweiz konnten sich die Kola-Pastillen schon in den späten 1880er Jahren nicht durchsetzen, der russische Markt wurde für das „Geheimmittel“ 1898 gesperrt (Archiv für Gesetzgebung und Statistik 50, 1898, 507).

Führt man sich dies vor Augen, so lösen sich spätere PR-Legenden von Georg Dallmann und „seinem“ Präparat in Luft auf (50 Jahre Kola-Dallmann, Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, 412). Dallmanns Kolapräparate waren einige unter vielen. Sie entsprachen den Erwartungen einer international wie national geführten Diskussion in Wissenschaft und Öffentlichkeit und wurden mit einer durchaus konventionellen Produktionstechnik hergestellt. Dallmanns Werbung war breit angelegt, doch die des Marktführers, der Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft, konnte sich damit sicherlich messen. Sie produzierte ihre Kolaprodukte zudem in Lizenz des wesentlich bekannteren Ludwig Bernegaus (1860-1923), eines in Wissenschaft, Militär und Kolonialverwaltung bestens vernetzten Pharmazeuten, der später auch das Monopol für den Kolaimport aus Kamerun erhielt (André Schön und Christoph Friedrich, Zu Leben und Wirken des Apothekers und Nahrungsmittelchemikers Ludwig Bernegau, Geschichte der Pharmazie 67, 2015, hier 32-34). Der Kolonialpropagandist erprobte Mitte der 1890er Jahre zahllose Verwendungsmöglichkeiten der Kolanuss, bis hin zum Futtermittel (L[udwig] Bernegau, Die Bedeutung der Kola-Nuss als Beifutterstoff, Altona 1897). Die Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft machte zudem deutliche Schritte hin zu einer Neupositionierung der Kolapräparate, wurden sie doch nicht nur allgemein beworben, sondern auch gezielt für die „Sport-, Reise-, Bade- und Manöver-Saison“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, Nr. 14, VI). Dallmann ging diesen Weg mit – und überholte schließlich die Konkurrenz.

Der lange Weg zur Zielgruppensegmentierung

Zielgruppensegmentierung war Bestandteil unternehmerischer Praxis lange bevor die damals entstehende Betriebswirtschaftslehre das Konzept ausformulierte und zu einer universell anwendbaren Technik verdichtete. Ihrer Etablierung ging ein doppelter Lernprozess voraus: Auf Seiten der Konsumenten galt es Gruppenzusammenhänge und damit verbundene Konsumbedürfnisse zu realisieren, die abseits tradierter Modelle von nach Ständen oder Klassen unterscheidbarer Personen bestanden. Auf Seiten der Unternehmer mussten diese Veränderungen ebenfalls wahrgenommen und dann hervorgehoben und verstärkt werden. Zielgruppendefinitionen erlaubten passgenaue Ansprache, passgenaue Produkte und damit letztlich höhere Wertschöpfung. Gesamtgesellschaftlich bedeutete dies soziale Schließung und Mobilitätschance zugleich. Konsumgüter hatten nicht mehr primär einen direkten Nutzen – etwa die Wirksamkeit eines Medikamentes –, sondern vermehrt auch einen Zusatznutzen, den der sozialen Zugehörigkeit und der Abgrenzung von Nichtkonsumenten. Das konnte wirtschaftlich genutzt werden.

Blicken wir dazu auf einige Anzeigen der Dallmannschen Kola-Pastillen, bevor diese zum Markenartikel Kola-Dallmann resp. Dallkolat mutierten. In einer redaktionellen Werbung hatte es 1889 etwa geheißen: „Das Gefühl von Müdigkeit, Schlappheit, welches sich besonders nach körperlicher Ueberanstrengung, wie z.B. auf Märschen, beim Bergklettern u.s.w. einzustellen pflegt, wird durch den Gebrauch einiger Cola-Pastillen beseitigt. Dem durch den Genuss geistiger Getränke, Aufenthalt in Rauchluft etc. entstehenden Kopfschmerz beugt man durch eine Dosis von 3-6 Pastillen (am besten vor dem Schlafengehen genommen) vor“ (Kola, Der Fortschritt 5, 1889, 119). Dieses Angebot entsprach noch einem direkten Nutzen der Pastillen in einer bestimmten Situation des nicht näher beschriebenen Konsumenten.

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Übergang zum Anregungsmittel für klar abzugrenzende Gruppen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, Nr. 59 v. 23. Juli, 562)

Acht Jahre später war die Anzeige der Kola-Pastillen formal und zielgruppenbezogen deutlich verändert. Die Verpackung des Produkts diente als Blickfang, verband Werbebotschaft und den Kaufakt in der Apotheke. Die Schutzmarke des gewerblichen Produktes wurde integriert, auch wenn noch die Verbindung zum Apotheker Georg Dallmann handwerkliche Traditionen imaginierte. Festpreise für Deutschland, Frankreich, Österreich-Ungarn und Italien suggerierten internationales Renommee der Pastillen. Doch ihr sozialer Nutzen wurde nur ansatzweise klar. Reisen und Radtouren bildeten den denkbaren Anlass für den Kauf, die Zugehörigkeit zur Gruppe der Touristen bzw. Radfahrer wurde eigens hervorgehoben. Die Annonce quoll über von teils widersprüchlichen Elementen unterschiedlicher Marketingkonzepte. Freizeit und militärischer Dienst wurden vermengt, Offiziere und Touristen parallel angesprochen. Mann, Mann, Mann! Eine gewisse gesellschaftliche Exklusivität war offenkundig, denn nur wenige hatten damals Zeit und Geld für Reisen. Radfahren war jedoch ein nie exklusives bürgerliches Vergnügen, das durch die damals schon übliche Massenfabrikation von Fahrrädern zunehmend günstiger wurde, dem Angestellte und auch Facharbeiter frönen konnten. Die Werbung wurde verändert, blieb aber unausgegoren, halbherzig.

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Die Verbindung von Pastillen und sozialer Situation (Kladderadatsch 56, 1903, Nr. 39 v. 27. September, Beibl. 2, 1)

Sechs Jahre später finden wir in der Karikaturzeitschrift Kladderadatsch eine Reihe unterschiedlicher Werbeanzeigen, die im Folgejahr auch in Danzer’s Armee-Zeitung geschaltet wurde. Das erlaubte Variationen bei dennoch einheitlicher Werbebotschaft. Hierin war erstmals von der „Marke Dallmann“ die Rede (Kladderadatsch 56, 1903, Nr. 47 v. 22. November, Beibl. 2, 2), doch die meisten Annoncen vermengten nach wie vor unterschiedliche Nutzenprofile und Zielgruppen, verwandten dazu gar Sätze und Begrifflichkeiten aus Anzeigen und Werbezetteln der mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Einführungsphase. Offenkundig kombinierte die Reklameabteilung der Firma Wortelemente im sinnarmen Baukastenstil, reflektierte ihre Bedeutung nur ansatzweise. Auch wenn das heute noch die Antwortpraxis vieler „Servicecenter“ sein mag, so war dies doch bereits vor mehr einem Jahrhundert nicht mehr Stand erfolgreicher Reklamepraxis. Die obige Anzeige war allerdings anderer Art. Als Blickfang diente nun die konturenscharf dargestellte Verkaufsverpackung. An die Stelle des Apothekers Georg Dallmann war die Firma Dallmann & Co. getreten, die gewerbliche Herkunft wurde klar und selbstbewusst benannt. Recht klar war zudem die Fokussierung der Anzeige auf eine soziale Situation, auf bürgerliche Geselligkeit. Auch hier vermengte man abermals Freizeit und Arbeit. Doch eine gewisse Richtung wurde erkennbar.

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Markenbildung und situative Produktpräsentation (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3413, Beibl.)

Es dauerte allerdings nochmals sieben Jahre, bis die Firma sich auf der Höhe der „Werbekunst“ der damaligen Zeit befand. Zum einen wurde die Marke als solche betont. Rechtlich korrekt verwies man auf die Schutzmarke Dallmann & Co., doch verband man diesen Namen nun deutlich mit dem in Großbuchstaben gehaltenen Begriff KOLA (noch deutlicher in Fliegende Blätter 133, 1909, Nr. 3409, Beibl.). Als Blickfang diente nun aber eine soziale Situation, in der ein vorheriger Konsum der Pastillen angeraten sinnvoll erschien. Der Blick wurde auf die Breite menschlicher Strapazen gelenkt, der medizinische Hintergrund war demnach noch präsent. Der Mensch war Mängelwesen, doch Abhilfe durch die Ware möglich. Mit dem Rückbezug auf körperliche Anstrengungen koppelte der unbekannte Werbetexter Lebensbezüge, löste diese mit dem Bild der jungen Skifahrerin jedoch sportlich-dynamisch auf. Der Mensch bewährte sich in den angezeigten Situation, er konnte sich behaupten, konnte dazu zur Pastille greifen. Noch aber handelte es sich nicht wirklich um Alltagsdoping, denn Strapazen standen nicht im Mittelpunkt der Lebenswelt der konsumtiven Klassen. Dazu wurde die hier angedeutete Werbekampagne 1911 ausgeweitet und dann 1912 in eine neue Werbeform überführt. Dies war jedoch keineswegs Ausfluss einsamer Ratschlüsse in Schierstein, sondern Ausdruck veränderter Marktverhältnisse einerseits, der steten öffentlich Diskussion über Doping anderseits.

Alltagsdoping und Sportdoping

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Die Werbeaufgabe vor Augen geführt: Präsentiere ein Massenprodukt, als wäre es für individuelle Käufer gemacht (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 8, 1912, Nr. 46 v. 9. November, 15)

Alltagsdoping ist der Schlüsselbegriff, um den Erfolg der Dallmannschen Kola-Pastillen zu verstehen. Dies gilt nicht metaphorisch, denn dieses Alltagsdoping gründete auf dem Umgang mit dem sich um 1900 rasch etablierenden Sportdoping. Der Begriff Doping ist ein Lehnwort aus dem US-Amerikanischen, fand sich in Kontinentaleuropa als Beipack der frühen Erfolge amerikanischer Reitställe, Jockeys und Trainer. Gerüchte machten um 1900 die Runde, vor Augen standen mit Kokain und Strychnin vollgepumpte Pferde. In Österreich, dann auch in Ungarn erließen die Jockeyclubs daraufhin Maßregeln gegen die „Anwendung von Droguen, subcutanen Einspritzungen oder Geheimmitteln irgend welcher Art“. Doping war damals „die aus Amerika importirte Anwendung von stimulirenden oder niederschlagenden Mitteln bei Rennpferden“ (Das Doping, Illustrierte Sport-Zeitung 9, 1902, Nr. v. 2. Dezember, 1310). Beim Austria-Preis 1901 wurden die damit verbundenen Probleme deutlich. Rennpferd Edgardo wurde disqualifiziert, doch der Dopingnachweis konnte nicht geführt werden (Die Edgardo-Affaire, Illustrierte Sport-Zeitung 8, 1901, Nr. 44, 2-4). Die Verabreichung leistungssteigernder Mittel bedurfte eines Kontrollregimes und veterinärmedizinischer Expertise – und diese fehlten. Entsprechend änderte sich mit der raschen Ausweitung einschlägiger Maßregeln in den USA (Doping, Pester Lloyd 1902, Nr. 306 v. 24. Dezember, 9), dann auch in Frankreich, Russland, England und Deutschland (Gegen das Doping, Allgemeine Sport-Zeitung 24, 1903, Nr. 88 v. 4. Oktober, 1281) wenig; zumal weiterhin behauptet wurde, dass die gängigen Stimulantien nicht wirksam seien (Das „Doping“ des Rennpferdes, Illustrierte Sport-Zeitung 11, 1902, Nr. 1 v. 5. Januar, 2-3).

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Wettkampf der Radrennfahrer im Berliner Olympia-Park – ein Zuschauer- und Dopingspektakel (Sport im Bild 19, 1913, 514)

Die Diskussionen am Turf führten zu ähnlichen Diskussionen über Doping bei Menschen. Der Tod des walisischen Radrennfahrers Arthur Linton (1868-1896) markierte einen gewissen Startpunkt. Stimulantien waren zur Jahrhundertwende vor allem im professionellen Kraft- und im Radsport weit verbreitet: „Die bekanntesten dieser Mittel sind (abgesehen von den Alkoholika, wie Sherry, Cognac, Champagner etc.) Kolawein, Arsenik, Strychnin, Coffein, Blaustift u.s.w.“ (Maxime Lurion, Das Doping des Radfahrers, Neues Wiener Tagblatt 1900, Nr. 333 v. 4. Dezember, 39-40, hier 39). Kola war dabei ein wichtiges Stichwort. Denn bei aller Verdammung der fast durchweg gesundheitsgefährdenden Stimulantien durch Ärzte galt damals: „Das einzige Mittel, welches vom ärztlichen und praktischen Standpunkt aus empfohlen werden könnte, ist Kola“ (Ernst Schultze, Über Doping, Radfahrer-Rundschau 5, 1901, Nr. 23 v. 1. Dezember, 5). Kola wurde zwar als Dopingmittel benannt, profitierte davon aber als ein zur Wettkampfvorbereitung durchaus empfehlenswertes Mittel.

In Danzer’s Armee-Zeitung, in der Dallmann seit 1900 sein Kola-Pastillen bewarb, hieß es über Kolapräparate: „Ihr Werth besteht darin, daß sie bei Ermüdung oder Erschöpfung oder ähnlichen auf Abnahme der Muskel- oder Herzkraft beruhenden Verhältnissen anregend wirken. Zu dem Zweck aber, sie zu einer bevorstehenden schwereren Körperleistung zu gebrauchen, möchte ich sie nicht empfehlen. Es sind Erholungsmittel – unter gewissen Umständen – aber keine Stärkungsmittel“ (Wilhelm Mitlacher, Das Wesen des „Doping“ im Sport, Danzer’s Armee-Zeitung 6, 1901, Nr. 3 v. 17. Januar, 15-16, Nr. 4 v. 24. Januar, 15-16, hier Nr. 4 15-16). Dies führte zu einer gespaltenen Diskussion: Während Kokain, Arsen und Strychnin durchweg abgelehnt wurden, schien Kola akzeptabel zu sein (Ueber das Doping, Neues Wiener Tagblatt 1901, Nr. 235 v. 28. August, 28). Das galt zumal in den Folgejahren, als sich die moralische Empörung zunehmend legte: „Heute denkt man über das Doping anders, anerkennt seinen Wert innerhalb gewisser Grenzen und nimmt bloß Stellung gegen die übertriebene Anwendung“ (Doping, Neues Wiener Tagblatt 1905, Nr. 355 v. 24. Dezember, 42-43, hier 42). Das galt auch für den immer größere Kreise ziehenden Motorsport sowie den sich nun institutionalisierenden Fußball. Dallmann griff diese Debatten unmittelbar auf, etwa in einer redaktionellen Werbung: „Eine animierte, heitere Gesellschaft wird sich auch für die Zukunft nicht gut ohne ein Glas Wein oder Bier denken lassen, aber bei dem Sport, dem ernsten Sportbetrieb, wo es darauf ankommt, eine lange Zeit hindurch, vielleicht den ganzen Tag, leistungsfähig zu bleiben und den heranstürmenden Ereignissen ruhig und mit klarem Kopf entgegenzutreten, da greift der moderne Sportsmann nicht mehr zu dem Alkohol, sondern zu einem anderen Anregungsmittel, das zwar nicht so augenblicklich wie das erstere das Kraftgefühl, die Stimmung und den Wagemut (bis zur Verwegenheit) aufstachelt, sondern, langsam beginnend, dann aber anhaltend und ohne darauffolgende Erschlaffung, dem Körper eine zähe Ausdauer und Energie verleiht, die Lebensfreude und Genussfähigkeit wach erhält und ihn in den Stand setzt, große Strapazen mit Leichtigkeit zu ertragen“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 34, 9-10).

Hinzu kam, dass das Kokettieren mit dem Unerlaubten, das Unterlaufen von Kontrollen vielfach als eine eigene Art des Sports verstanden wurde. Die Bedenkenträger wurden verspottet: Paradigmatisch dafür war das medizinische Präparat „Doping“, eine Mischung aus Strychnin, Koffein und Kokain, das Pferden 40 Minuten vor dem Rennen in einer ausgehöhlten Rübe verabreicht werden sollte, um bessere Leistungen zu erzielen (Pharmazeutische Praxis 3, 1904, 420). Dopingfälle und damit verbundene Skandale gab es viele, doch vor Gericht konnten die Vergehen mangels eindeutiger Nachweise zumeist nicht eindeutig nachgewiesen werden. Die Folge war ein gewisser Überdruss am „Doping-Rummel“ (Freudenauer Oktobermeeting, Neues Wiener Tagblatt 1911, Nr. 292 v. 23. Oktober, 12). Ein bisschen Nachhelfen, das war doch normal…

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Aufschwung der Sportmedizin und der Psychotechnik: Ein Ergograph zur Messung der Muskelkraft (Max Willner, Sportwissenschaftliche Messungen beim Training, Sport im Bild 20, 1914, 326-328, 330, hier 328)

Die Dopingdebatte wies weit über die allgemeine Akzeptanz von Kolapräparaten als relativ unschädliches Stimulanzmittel hinaus. Sie war Schrittmacher für die Professionalisierung der Sportmedizin, deren Messtechniken wirksame Kontrollen etwa bei den geplanten olympischen Spielen in Berlin 1916 ermöglichen sollten. Sie war Teil einer in immer mehr Lebensbereiche eindringenden Biopolitik, bei der es um die Kontrolle und die Leistungssteigerung der Arbeit ging. Der Wettbewerb zwischen Firmen und Menschen, ebenso der seit den 1890er Jahren massiv aufkommende professionelle Sport führten zu einer ebenso massiven Nachfrage nach Ratgebern, Coaching- und Trainingsverfahren, um sich in Alltag und Freizeit erfolgreich behaupten zu können. Kola-Dallmann griff all diese hier Entwicklungen auf – und wurde zu einem hierfür passgenauen Angebot, zur Grundlage erlaubten und gesundheitlich unschädlichen Alltagsdopings.

Auf dem Weg zum Alltagsbegleiter

Die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg war in vielem der unseren ähnlich. Die rechtlichen Liberalisierungen im langen 20. Jahrhundert führten zu neuen Freiräumen im Leben der Mehrzahl, vor allem aber im Bürgertum und der neuen urbanen Mittelschicht. Die Arbeitszeiten waren noch lang, die Durchschnittseinkommen deutlich niedriger als heute. Doch neben den freien Sonntag traten Teile des Samstags, die Reallöhne stiegen. Das waren die Wohltaten eines kapitalistischen Systems, das zwar massive soziale Ungleichheiten produzierte, das aber die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten verbessern half. Der Preis hierfür war jedoch ein vermehrter Alltagsdruck im allseits präsenten und diskutierten Kampf um das Dasein, im Wettbewerb mit Unbekannten und seinem beruflich-sozialen Umfeld. Freizeit entstand, war jedoch von der Arbeitswelt nicht geschieden, war vielfach Repräsentationskultur. Nervosität und Angespanntheit wurden beklagt, Ruhe und Erholung ersehnt. Lebensreform und Wanderbewegung profitierten hiervon.

All dies waren Treibsätze für die dynamischen Fortentwicklung der Konsumgesellschaft, denn alle diese Herausforderungen führten zu neuen Konsumpraktiken, zu neuen Konsumgütern. Produkte und Dienstleistungen erlaubten den Einstieg in all das Neue, zugleich aber den temporären Ausstieg. Kola-Dallmann bot Hilfe und Unterstützung, war eine diskrete Alltagswaffe. Die Pastillen demokratisierten den Gebrauch von subtilen Stimulantien, bürgerlich eingebettet, Teil eines teils auch rauschenden Lebens. Das Leben der Jahrhundertwende bot vielfältige neue Chancen, die man ergreifen konnte, wenn man die dafür nötige Kondition und Konstitution hatte. Kola-Dallmann half diskret, ja, erschien als Bedingung für Freude und Erfolg.

Um derartig allgemeine Veränderungen genauer zu verstehen, ist eine Analyse der werblichen Umsetzung derart abstrakter Aussagen erforderlich. Georg Dallmann intensivierte seine Reklame ab 1910 quantitativ und qualitativ. In einer ersten Serie trat 1910 bis 1912 die Marke Kola-Dallmann vollends in den Mittelpunkt. Sie wurde umkränzt von neuartigen Bildelementen, Fettungen bestimmten die Aufmerksamkeit mit, ebenso Variationen der Verpackung.

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Die Beschwörung des medizinischen Nutzens: Ein Auslaufmodell der Dallmannschen Werbung (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3411, Beibl.)

Die damals einsetzende Anzeigenlawine dürfte nicht zuletzt mit der Herausforderung des 1909 eingeführten Präparates Kola-Dultz zusammengehängt haben, einer Kautablette aus Kola, phosphorsaurem Kalzium und Vanillin (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 50, 1909, 839). Zugleich reagierte Dallmann damit auf die immense Ausweitung der Markenartikelwerbung seit der Jahrhundertwende. Damals hatte die Werbeplakatkunst – viele meinten ein Widerspruch in sich, faktisch handelte es sich aber um eine Facette der umfassenden Kommerzialisierung der Kunst – ihren Höhepunkt bereits überschritten. So elegant und eingängig die vielfach nur auf ein Produkt und dessen Namen reduzierten Anzeigen auch waren, so vernachlässigten sie doch eine Kernaufgabe moderner Werbung: Die Brückenbildung hin zum Konsumenten, zu seinen Ideen und Wünschen. Bei Dallmann führte dies ab 1912 zu vielen Dutzend Wortanzeigen, die durch große handschriftliche Kickwörter eingeführt wurden. Während die gängige Werbekunst noch vielfach ihr Produkt als das Produkt präsentierte, wurde Kola-Dallmann in eine Vielzahl von Alltags- und Freizeitsituationen eingebettet, spielte regelmäßig mit der vermeintlichen Natur des Menschen. Es zielte auf ein bürgerliches Publikum, nicht auf Facharbeiter oder gar weniger. Eine Anzeige im sozialdemokratischen Vorwärts hat es bis zu dessen Verbot 1933 nicht gegeben, ebenso fehlten Aufträge für die sozialdemokratische Karikaturzeitschrift Der Wahre Jacob. Das war Ausdruck einer patriarchalischen Unternehmerkultur, zugleich aber der Versuch, ein standardisiertes Massenprodukt sozial klar zu verorten. Die Gewinnspannen für die Firma und ihre Abnehmer blieben hoch, der Preis von einer Mark pro Packung konstant. Beispiele müssen ausreichen, geordnet nach Themen und Inhalten der Werbung.

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Die Ausgeglichenheit der Frau – stofflich unterstützt (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3478, Beibl.)

Beginnen wir mit der Geschlechterfrage, eine der Schlüsseldebatten des neuen Jahrhunderts. Der Zugang der Frauen zu den Universitäten hatte begonnen, selbst in Preußen. Um das Frauenwahlrecht wurde gerungen, die Sozialdemokratie sollte es 1918 dann verankern. Weibliche Autonomie wurde gefordert, freie Sexualität, ein Vorgehen gegen die Prostitution, außerhalb und im bürgerlichen Haushalt. Noch aber ging auch frau von einem gewissen Wesensunterschied von Mann und Frau aus, real, nicht diskursiv geformt. Die Werbung für Kola-Dallmann griff all dies auf, stellte Frauen als aktiv und selbstbewusst dar, nicht jedoch im Kontext tradierter Arbeit. Die Frau hatte ein Heim auszugestalten, war aktiver Part bei Feiern, im Theater, in der Konversation mit anderen ihres oder ihres Mannes Umfelds. Kola-Dallmann sorgte für „beste Laune, köstlichen Humor und feinsten Esprit“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3472, Beibl.). Die Pastillen erst gaben ihr wahre Empfindungen, stützten sie als „Sonne im Haus“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 9. Januar, 8). Der unter Migräne, Menstruationsbeschwerden und Nervenanspannung leidenden Frau erschienen sie unverzichtbar (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3481, Beibl.). Auch in den tristeren Alltag zauberte das Kolapräparat Frohsinn, kitzelte die „Frohnatur“ aus dem „Mütterchen“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 9, 1913, Nr. 18, 12). Sport und auch Wandertouren gehörten zum freudigen Damendasein (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 38, 12). Frauen konnte Großes vollbringen, so die US-amerikanische Frauenrechtlerin und Bergsteigerin Fanny Bullock Workman (1859-1929), deren Himalaja-Tour 1906 werblich gewürdigt wurde (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 19. Juni, 5). Dallmann griff die sich wandelnde Stellung der Frauen werblich auf, sprach sie explizit an, wies dem „zarten Geschlecht“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3647, Beibl.) aber noch eine gewisse Zurückhaltung zu.

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Alles herausholen, Leben ist fordernd (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3482, Beibl.)

In der Kola-Dallmann-Werbung waren auch Frauen Teil der modernen Wanderkultur, wenngleich der Ton härter, männlicher war. Freie Männer und Jünglinge standen im Konsumreigen Seit an Seit mit hochgemuten Frauen (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 12. Juni, 12). Übermüdung und Erschlaffung waren zu überwinden, auch vom fröhlichen Wandersmann, der jubelnd in die „schöne Natur“ hinauszog (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3540, Beibl., 29). Natur war für den Menschen da, Konsumgut, zu erobern, zu nutzen, zu genießen. Zurückhaltung war keine Tugend, die (imaginierten) vielen leeren Dallkolat-Schachteln der Münchener Bergsteiger an der Zugspitze galten als Ausdruck der „hellen Freude“ dieser Sportsleute, nicht als solche des ökologischen Raubbaus (Fliegende Blätter 141, 1914, Nr. 3599, Beibl., 12).

23_Fliegende Blätter_138_1913_Nr3536_Beibl_p3_Kola-Dallmann_Dallkolat

Freie Bahn dem Konsumenten (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3536, Beibl., 3)

Sport erschien in der Dallmann-Werbung als eine Essenz des Lebens, als elementarer Wettbewerb: „Heute triumphiert König Sport über all seine Gegner“ (Sport im Bild 19, 1913, 510). Niemand konnte sich dem entziehen. Körperliche Schwäche und auch Faulheit bei der sportlichen Arbeit waren durch Kolazufuhr vermeidbar (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3483, Beibl.). Sport war Vergnügen, gewiss. Doch dank Kola-Dallmann galt: „Niemals zurück!!“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3486, Beibl.). Dessen Konsum schien sogar „Social ausgleichend“ Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3490, Beibl.), denn anstelle von Stand und Herkommen trat nunmehr individuelle Leistungsfähigkeit. Wahres Menschentum, in „Freude und Schönheit“, gründete nicht nur auf körperlichen und geistigen Fähigkeiten, sondern entstand erst durch deren volle Aktivierung mittels Kolakraft (Die Muskete 14, 1912, Nr. 355, 13). Sport war nicht kontemplativ, sondern ein Messen mit und ein Besiegen von anderen.

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Siege dank (nicht verbotenem) Doping (Badische Presse 1914, Nr. 165 v. 8. April, 8)

Die Firma Dallmann propagierte ihre Kola-Pastillen offensiv als probates Dopingmittel. Explizit nannte sie in redaktionellen Werbungen zahlreiche Radrennfahrer, die ihre Siege dank des Schiersteiner Mittelchens errungen hätten (Glänzende Siege, Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 30, 10). Der Leipziger Straßenrennfahrer Friedrich Franke gewann nach eigenem Zeugnis so den Gepäckmarsch „Rund um Glauchau“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 36, 9), ähnliches schrieben der Radrennfahrer Gustav Janke und andere „Sieger“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 8, 1912, Nr. 30, 19). Einschlägige Rekorde schienen „fast durchweg mit Hilfe der Echten KOLA-Pastillen Marke: Dallmann aufgestellt. Ohne sie sind sportliche Höchstleistungen selten oder gar nicht mehr denkbar“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 30, 12). Der Siegerkick wurde auch dem Amateursportler anempfohlen: „Wer nicht nach dem Ruhme strebt, in seinem Sport das Höchste zu leisten, sondern ihn als Mittel betrachtet, neben ebenmässiger Körperausbildung sich Geist und Körper elastisch und frisch zu unterhalten, der wird doch manchmal, wenn er nicht besonders disponiert ist, gern zu einem Anregungsmittel greifen, das ihm […] schnell über Indispositionen, Ermüdung und Abspannung aushilft“ (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3445, Beibl., 1). Die Werbung war nicht zweideutig verdruckst, sondern enthielt explizite Aufforderungen zum Konsum der leistungsfördernden Kolapräparate während sportlicher Veranstaltungen (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3450, Beibl.), Tourenfahrten (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3455, Beibl.) oder auch bei Weltrekorden im Flugsport (Kladderadatsch 66, 1913, Nr. 45, Beibl. 3, 3). Die Firma Dallmann förderte und profitierte von Doping, damals noch erlaubt und allgemein praktiziert – und übertrug diese Mechanismen in den Alltag.

25_Fliegende Blätter_133_1910_Nr3414_Beibl_Kola-Dallmann_Lebensfreude

Lebensfreude durch Alltagsdoping (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3414, Beibl.)

Doping war nicht auf den Sport- und Freizeitbereich zu begrenzen. Die Dallmann-Werbung quoll über von Verweisen auf Lebensfreude, auf eine „fröhliche aufjauchzende Lebensbejahung“, die „bei dem hastigen geschäftlichen Streben und bei der gesellschaftlichen Ueberbürdung und Ueberreizung fast verlorengegangen“ sei (Sport im Bild 19, 1913, 338). Die kleine Pastille gab den Alltagskick, um gut drauf zu sein, um nicht in Depressionen zu verfallen. Konsumiere und der „Frohsinn ist Dein Gefährte!“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 17. Juli, 6). Die Wirkungen des Alltagsdopings waren mentaler, psychologischer Art: „Ich fühle freudig meinen Mut wachsen und meine Kräfte machtvoll herausquellen“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 1. Januar, 7). Lebensfreude auf Präparatebasis ging allerdings mit einem hierarchischen Menschenbild einher. Der Kolakonsument war eine „Herrennatur“ (Sport im Bild 20, 1914, 304), die sich über andere erhob, sich vom „Philister“ und „den grossen Haufen“ abgrenzte. Das propagierte Selbstbild dieses Konsumenten war „der geistig rege, intelligente Mensch“ (Fliegende Blätter 136, 1913, Nr. 3524, Beibl., 12), waren frohe „Menschen die dankbar geniessen, was ihnen der Tag bietet“ (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3517, Beibl., 3).

26_Die Muskete_14_1912_Nr356_p11_Kola-Dallmann_Germanen_Nationalismus

Germanenkult in der Kolawerbung (Die Muskete 14, 1912, Nr. 356, 11)

Die Firma Dallmann propagierte in ihrer Werbung ein hierarchisches Menschenbild und das Recht des Stärkeren – und dieses schien mit Nationalismus und Deutschtum einher zu gehen. Einseitige gedeutete Wagner- und Nietzschefetzen standen bei den Texten vielfach Pate, begründeten eine Sonderstellung der „Germanen“ (hier zu den Analogien beim deutschen Eichelkult). Schon 1908 hatte die Firma Wasser auf die Mühlen des Nationalismus gespült, als sie ihre österreichisch-ungarischen Preislisten anlässlich der tschechisch-deutschen Nationalitätenkonflikte um folgende Notiz ergänzte: „‚Außer in den Hauptsprachen kann man die Ausstattung der Kola-Pastillen auch in den minder verbreiteten Mundarten, wie holländisch, ungarisch, schwedisch, finnisch, malayisch und mehreren anderen, erhalten. Die Lieferung in tschechischer Sprache ist jedoch ganz ausgeschlossen‘“ (Znaimer Tagblatt 1908, Nr. 267 v. 18. November, 3). Derartiger Antislawismus fand nicht nur in Österreich zahlreiche Fürsprecher, die das „stramme Vorgehen einer deutschen Geschäftsunternehmung“ begrüßten (Freie Stimmen 1908, Nr. 130 v. 8. November, 11). In den Anzeigen fand man öfters Verweise auf die germanische Sagenwelt: „Wie ein Siegfried“ sollte man das Land durchwandern, natürlich nicht ohne die den Germanen doch recht fremde Kola-Pastille (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3484, Beibl.). Das Siegfriedmotiv fand sich in einer weiteren Werbung (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3488, Beibl.), doch auch „Wotan der Wanderer“ trat vor das Lesepublikum (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3491, Beibl.), also die Odin-Schrumpfgestalt aus Wagners Siegfried-Oper. All das entsprach dem Dünkel und den Bildungsversatzstücken breiter Teile des damaligen Bürgertums, nicht unbedingt aber einem aggressiven völkischen Nationalismus. Dazu war in der Dallmannschen Werbewelt viel zu viel von Freude, Schönheit und Jauchzen die Rede. Graf zu Eulenburg hätte daran seine Freude gehabt.

27_Fliegende Blätter_136_1912_Nr3471_Beibl_Kola-Dallmann_Geselligkeit_Repräsentationskultur

Herausforderung Kulturleben (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3471, Beibl.)

Entsprechend ambivalent erschien auch die Welt der bürgerlichen Kultur, also Konzerte, Theateraufführungen, Empfänge und Ballveranstaltungen: „Ich bin gänzlich indisponirt meine gesellschaftlichen u. geschäftlichen Talente zur Geltung zu bringen, anregende Konversation zu machen und grosszügig zu disponieren, weil ich übermüdet und abgespannt bin. UND ES GEHT DOCH!“ (Sport im Bild 19, 1913, 416). Der sportliche Natur- und Freizeitmensch litt unter dem plätschernd-unverfänglichen Palavern, das für ihn nur Fortsetzung der Arbeitsanstrengungen war. Er brauchte eine Partydroge, um „ganz passabel“ seinen Mann zu stellen „und mit neuerwachter Genussfreudigkeit gute Konversation“ zu machen (Muskete 16, 1913, Nr. 388, 13). Ähnliches galt für Frauen. Erst Kola-Dallmann transformierte „die junge Frau B.“ zum munteren und geistreichen Herrenfang (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3475).

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Herausforderungen im Alltag, gemeistert dank moderner Stimulanzien (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3474, Beibl.)

Ein Großteil der Dallmannschen Anzeigen kurz vor dem Ersten Weltkrieg kokettierte mit Freizeit und Geselligkeit, entsprang nicht dem Arbeitsleben. Doch auch dort vermochte das Produkt der Kolanuss zu helfen, galt es doch in „verantwortungsreicher Stellung“ klar zu denken und im rechten Moment richtig zu handeln (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3468, Beibl.). Auch das Arbeitsleben war eines unter Konkurrenten, es galt, „im ernsten Lebenskampfe wie im heiteren Spiel und Sport siegesfreudig“ seinen Mann zu stellen (Sport im Bild 19, 1913, 478). Die Dallmann-Werbung spielte mit der Vorstellung von Entscheidungssituationen, etwa von mit „vieler Ueberlegung und grossem Bedacht“ geführten Konferenzen (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3466, Beibl.). Auch Redner konnten mit Kolahilfe „klare Gedanken“ großzügig entwickeln sowie „ein geschärftes Gedächtnis und sicheres Selbstvertrauen“ erlangen (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3467, Beibl.). Juristen wurden angesprochen, benötigten sie doch offenkundig Kola-Dallmann um „bei anstrengenden Sitzungen und Verhandlungen einen klaren Kopf zu erhalten“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 27. Februar, 6). Die Arbeitswelt erlaubte Macht und Aufstieg. Beides aber verlangte Kraft und stete Präsenz, erforderte einen Ausbruch aus der Mittelmäßigkeit. „Ohne besondere Hilfsmittel geht das heute nicht mehr“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3470, Beibl.). Erfolg hing demnach „nicht zum wenigsten davon ab, ob Du körperlich vollmobil bist und geistig jederzeit Dein ganzes Können in die Wagschale zu werfen verstehst“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 20. Januar, 6). Kola-Dallmann war Hilfe und Tröster zugleich in einer Arbeitswelt voller Konkurrenz und ohne rechte Kooperation.

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Werbliches Zwischenfazit nach vier Jahren, zugleich Aufbau einer Firmenlegende (Badische Presse 1914, Nr. 243 v. 27. Mai, 8)

1914, zum 25-jährigen Bestehen von Dallmann & Co., veröffentliche die Firma nicht nur ein kleine vierseitige Werbebroschüre (25 Jahre Dallkolat, Trier 1914), sondern zog in redaktionellen Werbetexten auch ein geschöntes Resümee ihrer Geschichte (Ein 25 jähriges Jubiläum, Badische Presse 1914, Nr. 265 v. 10. Juni, 7; Danzer’s Armee-Zeitung 19, 1914, Nr. 26, 8). Kola-Pastillen Marke Dallmann erschienen darin als das zentrale Produkt der Firma – zwei Jahre nach Eintragung der Warenzeichen, mindestens 26 Jahre nach den ersten Anzeigen. Angesichts des offensichtlichen Verkaufserfolges mochte dies dem damaligen Stand der Geschäfte entsprechen, doch es galt sicher nicht für die Gesamtgeschichte der Firma. Schon zwei Jahre später musste der Verkauf der Pastillen aufgrund mangelnder Rohstoffzufuhren eingestellt werden. Dallmann & Co. überstand die Kriegs- und Nachkriegszeit, da es breiter aufgestellt war als seine eigene Werbung suggerierte.

Liebesgaben, neuartige Werbung und Produktionsende während des Ersten Weltkrieges

Dennoch, der Erste Weltkrieg schien zu Beginn durchaus absatzsteigernd. Die Firma brachte neue Anzeigen im alten Stil, verstand den Weltenbrand als Fortsetzung der Freizeitkultur mit anderen Mitteln. Abermals Strapazen, abermals Zwang zur Wachsamkeit, zum kühlen Kopf. Um die Bande zur Front zu bewahren, ließ die Firma Dallmann vorgefertigte Feldpostbriefe in Apotheken und Drogerien auslegen, startete zudem eine Direktverbindung ins Feld. Adresse und 4,20 Mark genügten, ein kleiner Aufpreis also für den Aufwand.

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Der Krieg als Marktchance (Berliner Tageblatt 1914, Nr. 484 v. 23. September, 8)

„Kola-Dallmann“ schien ideal, um allen Herausforderungen gegenüber gewappnet zu sein: „Die Feldgrauen besonders die, welche früher Sport getrieben hatten, kennen ein kleines Hilfsmittel, um den strapaziösesten Anstrengungen des Dienstes gewachsen zu sein, die Nerven zu beruhigen und die Gemütsruhe zu bewahren“ (Fliegende Blätter 141, 1914, Nr. 36177, Beibl., 4). Kola-Pastillen sollten, „im Lager und Quartier eine zufriedene, frohe Gemütsverfassung“ (Berliner Tageblatt 1914, Nr. 527 v. 17. Oktober, 6) verschaffen. Sorgen bereitete der Firma weniger der Krieg, sondern minderwertige Nachahmungen des Markenartikels. Sie forderte die Frauen an der Heimatfront auf, nur das echte Produkt zu verschicken: „Die Krieger danken es Euch“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3638, Beibl., 4). Die Werbetexter imaginierten Soldaten, die sich nach „Sturm und Kampf“ nach dem echten Kola-Dallmann sehnten, um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass ihre Lieben ihnen „irgend eine der vielen neu auftauchenden unbewährten Kola-Marken“ zugesandt hatten, „welche von ihren Herstellern in der Eile nur zusammengebraut sind, um die Konjunktur für ein gutes Geschäft auszunutzen“ (Die Woche 17, 1915, nach 576). Eigene Anzeigen mahnten neuerlich: „Schickt keine minderwertigen Liebesgaben ins Feld!“ (Die Muskete 20, 1915, Nr. 502, 9). Sollten es aber die echten gewesen sein, dann gingen sie „im Schützengraben“ „von Hand zu Hand“ (Die Woche 17, 1915, nach 540).

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Werbefigur Kola-Dallmann-Mann (Lustige Blätter 31, 1916, Nr. 31, 15)

Das meinte auch der neu entworfene Kola-Dallmann-Mann, Beleg für Investitionen in die Marke auch nach Ausbruch des Krieges (Fliegende Blätter 143, 1915, Nr. 3659, Beibl., 2). Nicht wirklich feldmäßig gekleidet, reichte er den zumindest an der Ostfront noch vorwärts marschierenden Soldaten die Kola-Pastille, die nunmehr für einen etwas günstigeren Preis auch als Großpackung verkauft wurde. Der Markenauftritt wird nicht billig gewesen sein, denn Werbegraphiker Ivo Puhonny (1876-1940) gehörte damals zu den erfolgreichsten seiner Profession. Von seinen zahlreichen Kampagnen für reichsweit führende Markenartikel sind die Arbeiten für den Mannheimer Fettproduzenten Heinrich Schlinck (Palmin) und die Baden-Badener Zigarettenfabrik A. Batschari besonders hervorzuheben.

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Der Kola-Dallmann-Mann sorgt würgend für gute Stimmung (Fliegende Blätter 143, 1915, Nr. 3650, Beibl., 3)

Der Kola-Dallmann-Mann bezirzte die Damen „mit vielen häuslichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3647, Beibl.), kämpfte mit allerhand Fabelgestalten, nicht nur dem Griesgram (Ebd., Nr. 3652, Beibl.), las die große, große Zahl von Anerkennungsschreiben aus dem Felde (Ebd., Nr. 3646, Beibl., 7). 1916 bereiste er dann noch verschiedene Frontabschnitte, berichtete aus Österreich, von der Isonzofront und dem neuen Fliegerfrühstück, bestehend aus – nein wahrlich – Kola-Dallmann (Fliegende Blätter 144, 1916, Nr. 3701, Beibl., 2; Ebd., Ebd., Nr. 3683, Beibl., 2; Ebd., Nr. 3689, Beibl., 8). Erfreut nahm er seine Ausstellung durch die Typographische Vereinigung zur Kenntnis (Typographische Mitteilungen 13, 1916, 84), weniger erfreut dagegen die kritische Debatte angesichts angeblicher Phantasiepreise des Markenartikels in Österreich (Pharmazeutische Post 49, 1916, 564, 604, 657-658). Dann aber hieß es Abschied zu nehmen, denn mit der abgeschnittenen Kolazufuhr verebbten Werbung und Absatz. Der Kola-Dallmann-Mann wurde 1924 nochmals kurz aktiviert (Jugend 29, 1924, 783), anschließend jedoch durch neue Motive ersetzt.

Ein Lebensstilprodukt für Angestellte und mehr

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Wie früher: Sportgebot Vorteilsnahme (Jugend 29, 1924, 622)

Nach Ende von Blockade, Zwangswirtschaft und Hyperinflation erschien Kola-Dallmann ab 1924 wieder in altem Gewande, galt es neuerlich „Riesenerfolge“ in Freizeit und Alltag einzufahren. Die Firma Dallmann knüpfte erst einmal an die Formensprache der Vorkriegszeit an, werbliche Restauration parallel zur geschäftlichen. Allerdings wurde der Markenauftritt Mitte der 1920er Jahre neuerlich verändert, deutlich ästhetisiert. Marker hierfür war etwa eine von Ludwig Hohlwein (1874-1949) gestaltete Anzeige (Sport im Bild 31, 1925, 513 (schwarz-weiß) resp. 1019 (farbig)). Dieser war führender Werbegraphiker seiner Zeit, seit 1933 dann auch führender Plakatkünstler des NS-Regimes. Hohlwein positionierte Kola-Dallmann nobel für Sportsleute, Geistesarbeiter und Damen. Parallel erschienen neue Motive Ivo Puhonnys mit den für ihn typischen Mischungen von Zeichnungen und Werbegedichten: „Auf! Bringt den Wagen mit heraus, / Heut führ das Steuer ich / Und fahr mit Kola-Dallmann aus! / Nun Gegner wehre dich!“ (Sport im Bild 31, 1925, 56).

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Fritz und Lola als dynamisches Werbeduo (Jugend 29, 1924, 954)

Ähnlich poetisch ging es in anderen Werbeserien 1924 und 1925 zu. Die von unterschiedlichen Werbegraphikern erstellten Motive präsentierten im damals modischen Scherenschnittstil einerseits Motive aus dem Leben des Werbepaares Fritz und Lola, anderseits aus der Welt des Sportes oder der Jagd („Auf leichter Sohl, die Sinne all / Geschärft durch zwei Kola Dall-/ mann zieh ich fröhlich aus zur Pirsch / auf Bock und Sau und auf den Hirsch“ (Sport im Bild 30, 1924, 1136). Viele davon erscheinen heute unfreiwillig komisch, doch handelte es sich durchweg um Variationen der schon vor dem Ersten Weltkrieg behandelten Themen und Inhalte. Nun aber, während der demokratischen Weimarer Republik, fehlten die Reminiszenzen an Wagner und Nietzsche, denn mit Humor schien alles besser zu gehen.

Kola-Dallmann gewann seine Vorkriegsstellung im Markt rasch zurück. Die Werbung war Teil des Alltags geworden, Teil des vom Markenartikelkonsum zunehmend stärker geprägten Alltagslebens. Bezeichnend hierfür war etwa ein Gedicht des Werbegraphikers Wigo Weigand: „Zederström in Bettes Pfühlen / Liegt und träumt mit Mischgefühlen. / Auf dem hellen runden Monde, / Schwant dem Schläfer, chlorodonte / Sich das Schaf die weißen Zähne; / Schaumponierte sich die Mähne; / Spritzt Divinia, weils es hat, /Und dann nähm es Dallkolat; / Rauchte mit dem Wikingbilde / Eine Reemtsma, eine milde; / Und zum ersten Frühstück schmausend / Setzt sichs nieder, winkelhausend“ (Zederström in Bettes Pfühlen, Die Jugend 31, 1926, 276). Margarine, Mundwasser, Haarshampoo, Parfüm, Kola-Pastillen, Zigaretten, Weinbrand – Kola-Dallmann inmitten alltäglicher Konsumgüter.

Zugleich aber passte sich Dallmann der immer stärker visuellen Werbewelt an, reagierte auf die sozialen und ökonomischen Veränderungen. Beleg hierfür sind die 1926 einsetzenden, von dem Hannoveraner Maler August Weber-Brauns (1887-1956) gestalteten Werbemotive. Der dienstbare Kreative, der auch für Schwarzkopf tätig war, stellte sich ab 1933 in den Dienst des NS-Regimes und illustrierte beispielsweise linientreue Kinderbücher. Für Dallmann modernisierte und vereinheitlichte er den Werbeauftritt bis Anfang der 1930er Jahre. Kola-Dallmann blieb damit einerseits gleich, ging anderseits aber mit der Zeit. Alltagsdoping war weiterhin erforderlich, doch nicht mehr länger beim Wandern, seltener bei geselligen Ereignissen. Die Werbesprache veränderte sich, wurde entjauchzt, war weniger durchtränkt von Freude und Frohsinn. Sie wurde klarer, prononcierter, war Ausdruck neuer Abgeklärtkeit, modernen Problembewusstseins. Die Motorisierung des Straßenverkehrs führte zu neuartigen Einsatzfeldern, die Werbung öffnete sich verstärkt der Lebenswelt der mittleren Angestellten, und schließlich positionierte man Kola-Dallmann verstärkt als Problemlöser im Alltag.

35_Hamburger Nachrichten_1931_06_26_Nr291_p4_Kola-Dallmann_Urlaub_Bahnreise_Welt-Spiegel_1928_05_13_p10_Straßenverkehr_Unfall_Selbstdisziplin

Herausforderung Mobilität (Hamburger Nachrichten 1931, Nr. 291 v. 26. Juni, 4 (l.); Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 13. Mai, 10)

Die Mobilität veränderte sich während der 1920er Jahre, die Massenmotorisierung verstärkte sich, vornehmlich durch Motorräder, weniger durch Automobile. Mobilität wurde nicht mehr länger als rasches Eintauchen in die Natur verstanden, sondern war mit neuen Herausforderungen verbunden, wurde Teil eines modernen Gefahrenreservoirs (Helen Barr, „Das Gesicht unserer Zeit!“ Anmerkungen zum Menschenbild in der Reklame illustrierter Zeitschriften der 1920er Jahre, in: Jens Eder, Joseph Imorde und Maike Rainerth (Hg.), Medialität und Menschenbild, Berlin und Boston 2013, 237-251, hier 247). Der intensivere, schnellere Verkehr auf Schiene und Straße verlangte stete Aufmerksamkeit, einen klaren Kopf und rasche Reaktionen. Die Kola-Dallmann-Werbung forderte all dies ein, pries das eigene Produkt als Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr und im Alltag. Die heiteren Zeiten des frohen Wanderns waren vorbei, doch Kola-Pastillen blieben weiter erforderlich.

36_Karlsruher Tagblatt_1929_06_18_Nr167_p8_Kola-Dallmann_Angestellte_Welt-Spiegel_1928_04_29_p8_Büro_Müdigkeit

Herausforderungen der verwalteten Welt (Karlsruher Tagblatt 1929, Nr. 167 v. 18. Juni, 10 (l.); Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 29. April, 8)

Die gesellschaftlichen Umbrüche nach der Revolution und die Veränderungen im Arbeitsleben führten zu neuen gesellschaftlichen Leitfiguren und einer wachsenden Berücksichtigung der Bedürfnisse des neuen urbanen Mittelstandes. An die Stelle der zuvor beschworenen Herrennatur traten vermehrt Alltagsprobleme der Angestellten. Schreibtischarbeit wurde als monoton und fordernd präsentiert, überforderte und ermüdete. Klar, die Pastille half – doch dahinter stand eine soziale Neupositionierung des Produktes. Die Welt der Reitrennbahnen und der Ballsäle wurde kaum mehr bedient, das deutlich ernüchternde Leben der Angestellten trat in den Vordergrund. Geadelt wurde dies mit dem häufig verwendeten Begriff des Geistesarbeiters. Die schwindende soziale Exklusivität des Produktes ging allerdings einher mit potenziell wachsenden Konsumentenzahlen.

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Alltagprobleme bewältigt man mit Kola-Dallmann (Berliner Tageblatt 1926, Nr. 106 v. 4. März, 7 (l.); Sport im Bild 33, 1927, 1348)

Neben die Arbeitswelt der kleinen, pardon mittleren Leute trat eine zunehmend allgemeinere Nutzenkommunikation. Während die Kola-Pastillen in der Vorkriegszeit häufig in konkreten Situationen und Stimmungen empfohlen wurden, wurde das Anwendungsprofil nun breiter und zugleich alltäglich. Überlastung schien das Schicksal der modernen Frau zu sein, Müdigkeit das des modernen Menschen. Damit war Kola-Dallmann ein undifferenzierter Alltagsbegleiter geworden, dauerhaft von jedem und jeder konsumierbar, unverzichtbar, Alltagsdoping pur.

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Wer nicht dopt, ist selber schuld (BZ am Mittag 1929, Nr. 161 v. 16. Juni, 7)

Und doch blieb ein wichtiger Residualbereich übrig, der moderne Massensport, die Spielwiese moderner „Kraftmenschen“ (Sport im Bild 32, 1926, 588). Kola-Dallmann wurde auch weiterhin als Dopingmittel für den Sport propagiert; und das, obwohl Mediziner dem Doping zunehmend ablehnend gegenüberstanden. Pointiert hieß es: „Wir wollen bei Wettkämpfen körperliche Leistungen messen und nicht die Wirkung von Arzneistoffen erproben“ (Worringen). 1927 erklären die deutschen Sportärzte, dass Doping „verwerflich und gesundheitsgefährlich“ sei (beide Zitate n. Doping im Sport, Sport-Tagblatt 1927, Nr. 134 v. 16. Mai, 7). Doch auch in den 1920er Jahren blieb die Vorstellung „vom harmlosen Kola“ (André Reuze, Gedanken der Landstraße, Vorwärts 1928, Nr. 518 v. 11. Januar, 6) bestehen, mochten Sportler auch verstärkt auf vitamin- und eiweißreiche Kost setzen. Auf Basis komplexerer Wirkungsmodelle setzen Sportärzte in den 1930er Jahren verstärkt auf rasch verfügbare Kohlehydrate, etwa Traubenzucker, Malz- oder Bierhefeextrakte, während die „Nervenreizmittel“, darunter auch Kola, zunehmend kritischer gesehen wurden (Anregungs- und Reizmittel zur Leistungssteigerung im Sport, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 69).

39_Berliner Tageblatt_1928_08_28_Nr396_p11_Kola-Dallmann_Sport_Leichtathletik_Ebd_1928_07_10_Nr321_p15_Fußball_Doping

Sportlicher Erfolg durch Stimulantien (Berliner Tageblatt 1928, Nr. 396 v. 28. August, 11 (l.), Berliner Tageblatt 1928, Nr. 321 v. 10. Juli, 15)

Die medizinische Dopingdebatte hinterließ jedoch keine Bremsspuren in der Kola-Dallmann-Werbung. Sportler/innen ließen sich dadurch kaum erreichen. Kommerzieller Sport basiert schließlich bis heute nicht allein auf der Nutzung aller rechtlich erlaubten Hilfsmittel, denn die Tugend der Fairness geht meist einher mit ökonomisch fatalen Niederlagen. Die Sportmedizin hat zudem nicht nur die Grundlagen für Dopingkontrollen und Gefährdungsanalysen gelegt, sondern war und ist stets integraler Teil der Dopingszene. Das zeigte sich auf allen Olympiaden dieser Zeit. Die Werbeansprache blieb direkt, setzte moralischen Bedenken gegen Betrug und mangelnder Fairness klare Nutzenerwägungen entgegen: „Töricht, wer diesen bescheidenen, leistungsfähigen Helfer nicht in seine Dienste stellt.“ (Uhu 8, 1931/32, H. 12, 3). Alle dopen sich für und im Alltag, tu es also auch.

Abkehr vom Sportdoping, Dominanz der Alltagsdroge

Die Firma Dallmann kokettierte auch während der NS-Zeit mit Sportdoping, doch einschlägige Motive traten zunehmend in den Hintergrund. Das scheint erst einmal überraschend zu sein, denn der Kampf um das Dasein, die strikte Unterscheidung von Siegern und Verlierern, das Aufputschen im Wettkampf und Krieg waren Kernpunkte nationalsozialistischen Denkens. Demgegenüber standen allerdings eugenische und sozialhygienische Bedenken, die sich gegen jegliche „Keimgifte“ wandten, gegen Alkohol, Tabak, Kaffee und auch Kola. Koffein war im Denken von NS-Medizinern ein gefährliches Reizmittel, das die Zeugungs- und Gebärfähigkeit der Jugend gefährden konnte, das es deshalb grundsätzlich zu ersetzen galt. Kaffee, aber auch Kola, waren zudem devisenträchtige Importgüter, die die deutsche Handelsbilanz belasteten. Begleitet wurden derartige Debatten von zunehmend strikteren Einschränkungen der Werbung allgemein, der Heilmittelwerbung speziell (Matthias Rücker, Wirtschaftswerbung unter dem Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. et al. 2001, insb. 257-261). Vor diesem Hintergrund schien es ratsam, den bereits beschrittenen Weg hin zur Positionierung von Kola Dallmann als eines Alltagsbegleiters für Alltagsprobleme weiter zu forcieren. Konkrete Wirkungsaussagen waren inopportun bzw. untersagt, die Pastillen erschienen zunehmend als ein allgemeines Stärkungs- und Lebensstilprodukt.

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Belobigt als überzeugende Werbung auf kleinem Raum (Seidels Reklame 21, 1937, 356)

Das wurde unterstützt durch einen neuen, wohl seit 1936 eingesetzten Slogan: „Kola Dallmann macht Müde mobil.“ Parallel wurde die alte Schutzmarke der Firma verändert, das Dreieck zierte im Inneren nun ein in voller Fahrt befindlicher Streitwagen. Zudem begann 1934 die Ausdifferenzierung des Pastillenangebotes.

41_Deutsche Apotheker-Zeitung_49_1934_Nr29_pIII_Kola-Dallmann_Kolanuss_Frische_Produktinnovation

Übergang zu einer Dachmarkenstrategie: Kola-Dallmann-Variante aus frischen Kola-Nüssen (Deutsche Apotheker-Zeitung 49, 1934, Nr. 29, III)

Im Massenmarkt angekommen, schien der Firma Dallmann ab 1934 eine Dachmarkenstrategie angemessen, um weiterhin spezielle Zielgruppen ansprechen und Wertschöpfung erhöhen zu können. Neben die alten Kola-Pastillen traten nun solche aus frischen Kolanüssen. Es folgten später Kola-Pastillen für Diabetiker, mit Lecithin und Dallmanns Kola-Traubenzucker (Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, 4. Neuausg. hg. v. P.H. List und L. Hörhammer, Bd. 4, Berlin, Heidelberg und New York 1973, 235). Dies war wiederum nur ein Ausschnitt aus der Arbeit der Schiersteiner Präparateschmiede.

Die Kola-Dallmann-Werbung setzte während der NS-Zeit weiterhin auf die bewährten Themen – unter Verzicht auf das explizite Sportdoping. All Alltagsprodukt war es gleichsam weichgewaschen, konturenarm und gefühlsstark. Beispiel hierfür war eine Anzeige mit dem Blickfang eines im Cutaway gewandeten Violinisten: „Auch die Saiten Ihrer Seele bedürfen der richtigen Spannung, damit Leistungen zustande kommen, die Sie und andere erfreuen. Der Geiger stimmt die Saiten von neuem, wenn ihre Spannkraft nachläßt. Was tun Sie, wenn die ‚Stimmung‘ sinkt?“ (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 900). Sie kennen, gewiss, die marktgängige Antwort.

42_Wiener Pharmazeutische Wochenschrift_82_1939_Nr48_p8_Kola-Dallmann_Anregungsmittel_Schutzmarke

Marketingillusionen: Die Zeiten verändern sich – Kola Dallmann bleibt (Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, Nr. 48, 8)

Die Firma Dallmann war während der NS-Zeit ein systemtreues, fest etabliertes Pharmazieunternehmen, auf dessen Fabrikgebäude nicht nur der riesige Schriftzug „Kola-Dallmann“ prangte, sondern auch die Hakenkreuzfahne. Doch das ist eine andere Geschichte. Die Kola-Pastillen konnten während des Zweiten Weltkrieges anfangs weiter produziert werden, doch abermals waren die Kolanussvorräte bald aufgebraucht, versiegte der Nachschub, musste die Produktion eingestellte werden.

43_Völkischer Beobachter_1944_04_07_Nr118_p7_Kola-Dallmann_Erinnerungswerbung

Erinnerungswerbung nach Produktionseinstellung (Völkischer Beobachter 1944, Nr. 118 v. 7. April, 7)

Nach Krieg und Besatzungszeit wurde die Produktion neuerlich aufgenommen. Die Werbung griff auf die Bildmotive der 1920er Jahre zurück, der gähnenden Mann war eine Werbeikone auch der Wirtschaftswunderzeit (Simpl 4, 1949, 236). Inhaltlich führte die Firma die allgemein gehaltenen Themen der NS-Zeit weiter, verstärkte allerdings die Verkehrswerbung, bewarb Kola-Dallmann als Wachmacher und Wachhalter. Das Präparat blieb während der 1950er Jahre ein Alltagsprodukt, doch wirklich neue Akzente vermochte die Firma dem Produkt nicht mehr zu geben. Die Endphase im Lebenszyklus des Markenartikels war erreicht.

44_Kristall_144_1959_p464_Kola-Dallmann_Anregungsmittel

Langwieriger Abschied: Defensivwerbung (Kristall 14, 1959, 464)

Epilog

Die Geschichte von Kola-Dallmann dokumentierte die für starke Markenartikel recht typische Neupositionierung. Aus der Apothekerware mit kolonialem Hintergrund wurde ein zunehmend industriell hergestelltes Massenprodukt, aus dem medizinische Präparat ein Hilfsmittel für bestimmte Einzelgruppen, ein im Bürgertum verankertes Spezialpräparat für Sport- und Alltagsdoping, schließlich ein Alltagsbegleiter des kleinen und mittleren Mannes, der kleinen und mittleren Frau. Die Marke wurde erst spät geschützt und etabliert, die Markenpflege changierte zwischen verschiedenen Begriffen, einheitliche Markenführung gab es erst seit Mitte der 1920er Jahre. Die Firma Dallmann blieb während des gesamten Zeitraumes eine Präparateschmiede, die das zweimalige komplette Wegbrechen ihres Hauptverkaufsartikels just aufgrund ihrer breiteren Angebotspalette überstehen konnte.

Die Geschichte von Kola-Dallmann erlaubte profunde Einblicke in die Geschichte des Sportdopings, seiner Leugnung und Beschwichtigung. Wichtiger aber war Kola-Dallmann als frühes, vor mehr als einhundertdreißig Jahren entstandenes „Performance Food“. Es erlaubte Alltagsdoping im tagtäglichen Wettbewerb, im Ringen um berufliche und soziale Anerkennung, um Fortkommen und Erfolg. Die Geschichte des Präparates macht deutlich, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit erst im Bürgertum, dann im neuen Mittelstand fließend verliefen. Arbeit und Freizeit wurden konsumtiv durchdrungen, waren Einsatzfeld einer Alltagsdroge, die Wirkung ohne Reue versprach. Es ist daher verfehlt und verfälschend, „Performance Food“ als Ausdruck gesellschaftlicher und sozialer Veränderungen allein der letzten Jahrzehnte zu deuten, als Ausfluss von Deutungskonzepte wie Wertewandel und Individualisierung, von Neoliberalismus und einem außer Takt laufenden globalen Kapitalismus.

Das Beispiel Kola-Dallmanns führt uns über die vermeintlich tiefen Brüche um 1970, nach dem Ende der goldenen Ära des Kapitalismus, zurück zu den Anfängen des modernen Kapitalismus in Deutschland. Kola-Dallmann steht für den Ausgriff auf die Ressourcen der Welt, ihre Hege und Verarbeitung im westlichen Rahmen, für die stete Präsenz von pharmazeutisch wirksamen Stoffen zur Verhaltensregulierung, zur psychischen Stärkung und Stabilisierung. Alltagsdoping war eine Begleiterscheinung der Etablierung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, Kola-Dallmann war eine der vielen vermarktbaren Ausprägungen dieses Phänomens. Es steht beispielhaft für die Dynamik und den raschen Wandel moderner Konsumgesellschaften, für ihre Fähigkeiten aus den Rangkämpfen Nutzen zu ziehen und damit das Rad der Wertschöpfung weiterzudrehen. Kola-Dallmann steht zugleich für die moralische Indifferenz gegenüber den negativen Folgen des Wettbewerbs im Sport, in der Arbeitswelt und im vielbeschworenen Leben. Die Geschichte von Kola-Dallmann hält dieser Gesellschaft einen Spiegel vor – und jeder mag selbst beurteilen, ob ihn heiter, froh und jauchzend stimmt, was er darin erblickt.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2020

„Was hat das 19. Jahrhundert gebracht?“ – Gedicht, Bilder und Kommentare

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Fortschritt und Emanzipation als Ziele des neuen Jahrhunderts (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 1, 1)

Anfang Januar 1900 war durchaus vergnüglich. Natürlich nicht im offiziellen Berlin. Die Neujahrsansprache Kaiser Wilhelm II. an die Offiziere der Garnison kritisierte den „Gamaschendienst“ der preußischen Armee um 1800, das ehedem „in Luxus und Wohlleben und thörichter Selbsterhebung“ verkommene Offizierskorps. Die Reorganisation des Landheeres sei Grundlage der vom Heer errungenen deutschen Einheit gewesen, nun werde er ähnliches mit der Marine vornehmen (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 1 v. 2. Januar, 1). In Berlin hatte es zuvor eine von Hunderttausenden frequentierte Silvesterfeier gegeben: „Nach elf Uhr strömten aus den Theatern, Tingeltangels und Kaffeehäusern neue Schaaren auf die Straßen, und das Wetter war auch wie geschaffen zum Lustwandeln; denn infolge der Dunkelheit und des unerhörten Gedränges bemerkte man nicht, wie wenig erfreulich die unteren Partien der Kleidung sich rasch infolge des centimeterhoch auf den Straßen liegenden Schmutzes gestalteten, sondern man erfreute sich an der milden Luft und an dem prachtvollen Sternenhimmel“ (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 1 v. 2. Januar, 1). Es folgten Schüsse der Gardeartillerie. Fanfarenklänge der festlich geschmückten Stadtkapelle begrüßten das neue Jahr, das neue Jahrhundert. All das war begleitetet vom rituellen Kampf gegen die Zylinder – Wichskopp! Wichskopp! –, doch die in kolossaler Stärke angerückte Polizei hielt den Schabernack im Rahmen.

Neujahr kam, der Kater, der Alltag. Und doch, es gab ein nettes Aperçu: Zuerst in der Hauptstadtpresse, dann auch in den Provinzen, zuerst in Zeitungen, dann auch in den Zeitschriften konnte man einen Abschiedsgesang auf das 19. Jahrhundert lesen, eine Art Leistungsbilanz. Was hat das 19. Jahrhundert gebracht? – So fragte ein rhythmisch-stakkatohaftes Gedicht. Darin dominierten Errungenschaften, die das Deutsche Reich zu einem Machtstaat, zugleich aber zu einer Konsumgesellschaft gemacht hatten, beides präsent bei der Feier der Jahrhundertwende. Es war mit einem Lächeln geschrieben, mit Sinn für die Eitelkeiten der Zeit, für die Abwege des Alltags. Anders als seine Majestät widmete es sich aber nicht den ach so großen Themen der Zeit, sondern ihrer Dynamik, dem immer voran Drängenden – und schlug damit durchaus einen Bogen bis heute. Die Nervosität der Zeit wurde deutlich, doch es waren Vibrationen der bürgerlichen Zivilgesellschaft, der ungestüm vorandrängenden urbanen Marktgesellschaft, die so in Reime gegossen wurden (mehr hierzu bietet Das Neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsentwürfe um 1900, hg. v. Ute Frevert, Göttingen 2000; Visionen der Zukunft um 1900. Deutschland, Österreich, Russland, hg. v. Sergej Taskenov und Dirk Kemper, Paderborn 2014).

Das 19. Jahrhundert hat die Grundlagen unseres Wohlstandes, unserer Art des Lebens geschaffen – doch in der Öffentlichkeit spielt es kaum mehr eine Rolle, ist im Großen und Ganzen vergessen. Daher folgt dem Gedicht ein zweiter Reigen, einer mit Abbildungen aus dieser Zeit. Das kommt nicht so eingängig-nett daher wie diese Alltagspoetik, kann Ihnen aber vielleicht diese Zeit plastischer vor Augen führen und eventuell auch Lehrer ermutigen, dem 19. Jahrhundert abseits der Gründung des kleindeutschen Reiches und der Industrialisierung Konturen zu verleihen und auf Geschichte neugierig zu machen. Doch nun erst einmal Platz für den unbekannten Autor und seinen Betrag zur Jahrhundertwende 1900:

„Was hat das neunzehnte Jahrhundert gebracht?

Was wir sahn in hundert Jahren,
sollt prägnant ihr hier erfahren:
Neue Reiche, neue Staaten,
Gasbeleuchtung, Automaten,
Emancipation der Neger,
Wollregime von Dr. Jäger,
Seuchen, Revolutionen,
Kaffee ohne Kaffeebohnen,
Ansichtskartensammelwuth,
Weine ohne Traubenblut,
Biere ohne Malz und Hopfen,
Magenpumpe, Hoffmannstropfen,
Dichtungen von Schiller, Goethe,
Kriege, Krisen, Hungersnöthe,
Deutsche Zollvereinigung,
Dampflatrinenreinigung,
Impfzwang, Repetirgewehre,
Amateure und Masseure,
Vielerlei Assecuranzler,
Deutschen Kaiser, Deutschen Kanzler,
Deutsches Heer und Deutsche Flotte,
Anarchistische Complotte,
Pulver ohne Knall und Rauch,
Deutsche Colonien auch,
Nihilistenattentate,
Rothes Kreuz, Brutapparate,
Brod- und Wurst- und Weinfabriken,
Oertel-Curen für die Dicken,
Streichhölzer und Eisenbahnen,
Heines Lieder, Freytags „Ahnen“,
Telegraphen mit und ohne
Leitungsdrähte, Telephone,
Auch Torpedos, rasch versenkbar,
Flugmaschinen, beinah lenkbar,
Reblaus-, Schildlausinvasion,
Rotationsdruck, Secession,
Bahnhofsperre (läst‘ge Fessel!),
„Fuhrmann Henschel“, „Weißes Rössel“,
Chloroform, Antipyrin,
Morphium, Phenacetin,
Vegetarierkost — o jerum!
Diphtherie-, Pest-, Hundswuthserum,
Erbswurst, Marlitt, Sanatorien,
Panzerzüge, Crematorien,
Phonographen, Mauserflinten,
Röntgen-Strahlen,
Schnurrbartbinden,
Fahrrad-, Ski- und Kraxelsport,
Tennis, Fußball und so fort,
Sonnenbäder, Wasser-Curen,
Hygiene-Professuren,
Auerlicht, Acetylen,
Straßenbahn, Sanatogen,
Klapphornverse, Streichholzscherze,
Caviar aus Druckerschwärze,
Feuerwehren, stets bereit,
Europäische Einheitszeit,
Motordroschken, Interviews,
Bestdressirte Känguruhs,
Waarenhäuser und Basare,
Färbemittel für die Haare,
Zähne-, Waden-Surrogate,
Maggi, Soxleth-Apparate,
Lyddit-Bomben, Gasmotoren,
Fango, weibliche Doctoren,
Influenza, Heilsarmee,
Ethische Culturidee,
Bogenlampen, Glühlichtstrümpfe,
Börsenkrachs, Parteigeschimpfe,
„Hurrah“- Ruf statt „Hoch“ Geschrei,
Dr. Schenks Austüftelei,
Robert Mayers Theorie,
Falb-Prognose (stimmt fast nie!),
Dreyfus-Sache, Zola-Briefe,
Richard Wagners Leitmotive,
Nordpolfahrten, Schweizerpillen,
Reinculturen von Bacillen,
Wasmuths Hühneraugenringe
und noch tausend andere Dinge.
Dies des Säculums Bedeutung,
nach der „Magdeburger Zeitung“
(Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 4 v. 4. Januar, 9-10).

Diese Fassung stammt aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 4. Januar 1900 – und erschien parallel in weiteren führenden Hauptzeitungen (Berliner Tageblatt, Nr. 4 v. 3. Januar, 3, Volks-Zeitung 1900, Nr. 4 v. 4. Januar, 5). Die Quelle zur „Magdeburger Zeitung“ zurückverfolgen konnte ich nicht, denn ein solcher Titel ist in der Zeitschriftendatenbank für dieses Jahr nicht nachgewiesen. Doch es gibt einen Grund für die Verwischung der Spuren. „Was hat das 19. Jahrhundert gebracht“ ist nämlich die deutlich gekürzte, umgestellte und teils auch ergänzte Fassung des Gedichtes „Ein halbes Säkulum“, erschienen mehr als anderthalb Jahre zuvor in der Münchener Kunst- und Satirezeitschrift „Jugend“ (3, 1898, Nr. 19 v. 7. Mai, n. 325). Autor war Biedermeier mit ei, ein Pseudonym des Schriftleiters Fritz von Ostini (1861-1927). Das Gedicht war eine fröhliche Selbstreflektion anlässlich eines fiktiven fünfzigsten Geburtstag, Teil eines Heftes im Andenken an das tolle Jahr 1848. Es war ein Dankesgruß dem „Wohl der Wissenschaft / Und des Menschengeistes Schläue“, eine atemlose Beschwörung der Errungenschaften und Erfindungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch der Erfolg war begrenzt, Nachdrucke gab es jedenfalls nur vereinzelt (Wochenblatt für Zschopau 1898, Nr. 61 v. 24. Mai, 6).

Angesichts der nach wie vor auf dem Stand eines Entwicklungslandes verharrenden Digitalisierung deutscher Tageszeitungen und Wochenzeitschriften kann man die Verbreitung von „Was hat das 19. Jahrhundert gebracht“ leider nicht genau nachzeichnen. Doch angesichts des breit gestreuten Abdrucks in der dank der vorzüglichen Arbeit der Österreichischen Nationalbibliothek einfach zu erschließenden deutschsprachigen Presse Österreich-Ungarns ist es recht sicher, dass das Gedicht Millionen Leser fand (Neue Freie Presse 1900, Nr. 12704 v. 5. Januar, 1, Neues Wiener Journal 1900, Nr. 227 v. 5. Januar, 5, Das Vaterland 1900, Nr. 5 v. 6. Januar, 7-8, Innsbrucker Nachrichten 1900, Nr. 5 v. 8. Januar, 10, Arbeiter-Zeitung 1900, Nr. 7 v. 9. Januar, 4, Tages-Post [Linz] 1900, Nr. 5 v. 9. Januar 3, Grazer Tagblatt 1900, Nr. 10 v. 10. Januar, 7, Leitmeritzer Zeitung 1900, Nr. 3 v. 10. Januar, 47, Volksblatt für Stadt und Land [Wien] 1900, Nr. 2 v. 11. Januar, 3; Freie Stimmen 1900, Nr. 9 v. 31. Januar, Roman-Beil., 280, Signale für die musikalische Welt 58, 1900, 122, Drogisten-Zeitung 1900, Nr. 7 v. 8. April, 154, Pharmaceutische Post 15, 1900, Nr. 33 v. 15. April, 218). Auch in der Schweiz ward es abgedruckt, etwas später, gewiss (Schweizer Sportblatt 3, 1900, Nr. 3, 3). Und selbstverständlich ergötzten sich auch Auslandsdeutsche an dem Gedicht (Der Deutsche Correspondent 1900, Nr. 21 v. 20. Januar, 9). Die rasche Verbreitung dürfte Wolffs Telegraphisches Bureau ermöglicht haben, die 1850 in Berlin gegründete führende deutsche Nachrichtenagentur. Das Gedicht tauchte auch später noch ab und an auf (Vorarlberger Tagblatt 1903, Nr. 5100 v. 2. Januar, 1, Neuigkeits-Welt-Blatt 1900, Nr. 215 v. 21. September, 10), schließlich müssen Zeitungen ja gefüllt werden.

002_Prager Tagblatt_1900_01_05_Nr004_p01_19.-Jahrhundert_Gedicht

Ein gut lesbarer Dreispalter. Die Mehrzahl der Abdrucke erfolgte im Fließtext (Prager Tagblatt 1900, Nr. 4 v. 5. Januar, 1)

Damit könnten wir es eigentlich belassen. Doch Sie haben nun die Chance, sich das Gedicht abermals zu Gemüte zu führen; dieses Mal aber mit einschlägigen Abbildungen und Werbeanzeigen dieser für uns so vergangenen Zeit. Zur Vertiefung des Zeitpanoramas habe ich die bibliographischen Fundstellen angegeben und kurze Anmerkungen hinzugefügt. Sollten Sie mehr wissen wollen, graben Sie einfach eigenständig weiter. Das 19. Jahrhundert, zumal die unmittelbare Jahrhundertwende, war die Entstehungszeit der vielfach beschworenen Moderne, in der viele der heutigen Problemlagen, gewiss modifiziert, entstanden und kontrovers diskutiert wurden (vertiefende Lektüre bietet – trotz einer Reihe von Fehlern und Fehldeutungen – Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914, München 2011).

Neue Reiche, neue Staaten,

003_Library of Congress_2012590219_Europa_Karte_1871

Karte von Europa 1871 (Asher & Adams new topographical atlas and gazetteer of New York—Europe, New York 1871, s.p., Library of Congress, https://lccn.loc.gov/2012590219)

1871 entstand das Deutsche Reich als eine kleindeutsche Lösung der deutschen Frage. Schon der Wiener Kongress hatte 1815 zahlreiche deutsche Staaten bestätigt, verschoben und neu arrondiert, die sog. “Einigungskriege” 1864, 1866 und 1871 weitere Grenzen verschoben. In Italien endete 1870 das Risorgimento, das Habsburger Reich etablierte sich nach der Niederlage 1866 als Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Das Osmanische Reich verlor Einfluss und auch Gebiete, Russland expandierte, in Skandinavien dominierte noch Schweden. Die westlichen Staaten vergrößerten ihre Kolonialreiche in Afrika und Asien, Spanien und Portugal verloren dagegen große Teile in Nord- und Südamerika. Nationale Bewegungen agitierten für neue Staaten. Die vom monarchischen Prinzip zusammengehaltenen Reiche dominierten noch, verloren jedoch an Legitimität.

Gasbeleuchtung, Automaten,

004_Illustrirte Zeitung_078_1882_p269_Kaufhaus_Rudolph-Hertzog_Verkaufsräume_Gasbeleuchtung

Gasbeleuchtung im Kaufhaus Rudolph Hertzog (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 269)

Das Verbrennen von Gas zur Beleuchtung setzte Anfang des 19. Jahrhunderts in Westeuropa, namentlich in Großbritannien ein. In deutschen Landen begann Hannover 1826 mit der Gasbeleuchtung, kurz darauf folgte Berlin. Seit den 1870er Jahren gab es in allen größeren Städten Gasnetze. Sie ermöglichten neuartiges Heizen und Kochen, ebenso den Betrieb gewerblicher Maschinen. In den Haushalten verbreitete sich parallel das Gaslicht, auch wenn es vor Einführung des Gasglühlichtes recht schwach schimmerte und die Luft belastete.

005_Lustige Blaetter_14_1899_Nr06_p13_Automat_Kognak_Schömann_Köln

Rationalisierung im Alltag: Automatischer Kognak-Ausschenker (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 6, 13)

Maschinen waren ein Treibsatz des 19. Jahrhunderts, sie arbeiteten automatisch, mit Dampf, später auch mit Elektrizität, teils auch Gas. Verkaufsautomaten funktionierten dagegen mechanisch, setzten aber ebenfalls präzise Metallverarbeitung voraus. Erste automatische „Verkaufsbehälter für Cigarren“ gab es ab 1883. Einfache Schachtapparate für Süßwaren vertrieb seit den späten 1880er Jahren die Kölner Firma Stollwerck, die Vorbilder aus den USA aufgriff. Automaten verbreiteten sich im späten 19. Jahrhundert rasch, weiteten sich auf Dienstleistungen aus (Fahrkarten), die Automatenrestaurants der 1890er Jahre boten bereits „Fastfood“ in Form belegter Brote und Brötchen. Die neue Form des Verkaufs wurde allerdings durch polizeiliche Maßnahmen, durch strikt durchgehaltene Sonntagsruhe- und Landschlussgesetze sowie die geringe Bereitschaft des Einzelhandels begrenzt, Automaten kundengerecht aufzustellen.

Emancipation der Neger,

006_Deutsches Montags-Blatt_1877_10_29_p06_Unterhaltungsindustrie_Konzert_Sklaven_Spirituals_Sklavenemanzipation

Eigenartige und anheimelnde Sklavenlieder in Berlin – nach der Sklavenemanzipation in den USA (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 29. Oktober, 6)

Die Sklavenbefreiung in den USA durch die Emancipation Proclamation vom 1. Januar 1863 dient heute als wichtigste Wegmarke für die Geltung universeller Menschenrechte im „Westen“, zumal sie zum zentralen Kriegsgrund des amerikanischen Bürgerkriegs mutierte. Die Sklavenemanzipation geht jedoch bis weit in das 17. Jahrhundert zurück: Portugal verbot die Sklaverei in seinem Kolonialreich bereits 1761, und der britische Slavery Abolition Act von 1833 brachte für deutlich mehr Sklaven die Freiheit. Der Abolitionismus war vor allem christlich geprägt, Quäker und Katholiken waren wichtige Wegbereiter. Im Deutschen Reich gab es im späten 19. Jahrhundert öffentlich vernehmbare Abolitionistengruppen, deutsche US-Emigranten wirkten vorher schon in den USA. Grassierender Rassismus aber war mit der Sklavenemanzipation nicht beseitigt, ebenso die massive Armut und rudimentäre Bildung.

Wollregime von Dr. Jäger,

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Wollkleidung als Gesundheitsgarant (Berliner Tageblatt 1886, Nr. 55 v. 31. Januar, 21)

Das 19. Jahrhundert war voller inspirierender Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Der österreichische, später württembergische Naturkundler Gustav Jäger (1832-1917) legte zahlreiche Überblicksdarstellungen der modernen Biologie und Physik vor, betätigte sich auch naturphilosophisch. Bekannt aber wurde er als Propagandist des Wollregimes, das er erst in Zeitschriften, dann auch in seinem weit verbreiteten Buch „Die Normalkleidung als Gesundheitsschutz“ 1881 popularisierte. Jäger lizensierte sein System seit 1879 an den Stuttgarter Textilproduzenten Wilhelm Benger, weitere Kooperationen folgten, seit 1884 auch in Großbritannien. Für Jäger war der Mensch eine Maschine, die Düfte produzierte und absonderte. Eng anliegende Wollkleidung erschien ihm gesund und artgemäß. Jägers Wollregime führte zu erbitterten Fehden, die etablierte Wissenschaft lehnte es strikt ab. Doch auch die Naturheilkunde zerfaserte im Kleiderstreit: Heinrich Lahmann (1860-1905) stritt für reine Baumwolle, die Naunhofer Excelsior-Werke für Merino-Kammgarn, etc., etc.

Seuchen, Revolutionen,

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Seuchenvorstellungen angesichts der Hamburger Choleraepidemie 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 18, 9)

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein traten Seuchen regelmäßig auf, konnten nur eingedämmt, nicht aber wirksam bekämpft werden. Cholera, Typhus, Diphterie, Ruhr und viele weitere Infektionskrankheiten forderten gerade in den großen Städten regelmäßig hunderte, ja tausende Tote und Versehrte. Die Bakteriologie erlaubte zunehmend Impfungen, doch es war nicht zuletzt die moderne Daseinsvorsorge (Wasserversorgung, Müllentsorgung, Nahrungsmittelüberwachung), die vor der Entdeckung von Impfstoffen und Antibiotika halfen, die Seuchen einzuschränken. Sie zu besiegen ist jedoch nichts anders als ein frommer Wunsch.

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Bündnis von Bürgertum und Monarchie 1848 (Düsseldorfer Monatshefte 1, 1847/48, 341)

Revolutionen waren seit dem späten 18. Jahrhundert (USA, Frankreich) Wegbereiter der Emanzipation und Machtteilhabe des Bürgertums, der Verrechtlichung und des Parlamentarismus. In deutschen Landen blieben Revolutionen lange Zeit aus, oktroyierte Verfassungen und Verfassungsversprechungen traten an deren Stelle. Erst 1830/31 gab es massiven Aufruhr vornehmlich in Nord- und Mitteldeutschland, doch noch blieb die monarchische Ordnung dominant. Das änderte sich durch die bürgerliche Revolution 1848/49, die zu vielfältigen Änderungen in den Staaten des Deutschen Bundes führte, die zugleich aber ihr ehrgeiziges Ziel eines deutschen Verfassungsstaates nicht erreichte. Die Dynamik der Revolution führte zu einer Spaltung der bürgerlichen Kräfte in demokratisch-republikanische und monarchistisch-repräsentative Kräfte. Gleichwohl blieb der Liberalismus eine zentrale Kraft während der Jahrhundertmitte, die auch ohne neuerliche Revolution breitgefächerte Reformen anstieß und umsetzte.

Kaffee ohne Kaffeebohnen,

010_Kladderadatsch_042_1889_Nr02_Beibl1_p4_Nahrungsmittelfälschung_Kaffee_Jean-Heckhausen-Weies_Köln

Die Form stimmt, der Gehalt wohl weniger (Kladderadatsch 42, 1889, Nr. 2, Beibl. 1, 4)

Aufgrund seines Preises und der vielfach nicht ausgeprägten Kenntnisse der Verbraucher wurde Kolonialkaffee häufig verfälscht. Mischungen mit allerhand Kaffeesubstituten waren recht üblich. Zugleich entstand im späten 19. Jahrhundert mit dem Malzkaffee ein neuer industriell gefertigter Ersatzkaffee auf Gerstebasis. Gemeinsam mit dem im frühen 19. Jahrhundert popularisierten Zichorienkaffee war er bis in die 1950er Jahre hinein das wichtigste Heißgetränk in Deutschland, während andere Kaffeesubstitute, etwa der Eichelkaffee, im 19. Jahrhundert stark an Bedeutung verloren.

Ansichtskartensammelwuth,

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Da ist sie schon, die erste Ansichtskarte des neuen Jahrhunderts (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 1, 16)

Ansichtskarten waren ein Resultat von Postreformen und veränderter Drucktechnik. Briefmarken entstanden um die Jahrhundertmitte, ein einigermaßen einheitliches deutsches Postgebiet erst nach der Reichsgründung 1871. Damals gab es erste Postkarten, ab dem 1. Juli 1872 durften sie auch Abbildungen enthalten; und der Nürnberger Graphiker Frank Rorich (1851-1912) präsentierte erste ansprechende Entwürfe. Die Farblithographie führte seit den 1880er Jahren zu einer rasch wachsenden Zahl von Ansichtskarten, die ab den 1890er Jahre durch reproduzierte Fotografien ergänzt wurden. Illustrierte Postkarten wurden nun zum Massenphänomen, getragen von einer wachsenden Zahl von touristisch erschlossen Gebieten und von Urlaubern. Und rasch reihten sich die Ansichtskarten in Sammelalben ein – so wie schon Briefmarken, Poesie und erste Photos. 1894 entstand in Hamburg ein erster „Sammelverein für illustrierte Postkarten“, und seit 1895 bot die „Monatsschrift für Ansichtskarten-Sammler“ vertiefende Informationen über die sich rasch verbreitende Alltagspassion.

Weine ohne Traubenblut,

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Weinessenz als Grundstoff eines ansprechenden Kunstweines (Berliner Tageblatt 1891, Nr. 175 v. 4. August, 4)

Im 19. Jahrhundert war Wein häufig eine Mischung, ein Cuvée verschiedener Einzelweine. Der Handel wurde von schweren Dessertweinen dominiert, etwa Sherry oder Portwein. Höhere Qualitäten verkaufte man nach Herkunftsgebieten und Lagen, dafür garantierten spezialisierte Händler, die Groß- und Einzelhandel meist verbanden. Wein wurde (wie heute auch) in der Regel gezuckert, die Verfahren von Jean-Antoine Chaptal (1756-1832), Ludwig Gall (1791-1863) und Abel Petiot (1847-1878) unterstrichen den praktischen Wert der modernen Chemie. Weinextrakte erlaubten „Kunstwein“ gar ohne Weinbau, handelte es sich doch um Aromastoffe und getrocknete Weinreste, die mit Alkohol, Wasser und Zucker dann zu einem süffigen Getränk vermengt wurden. Gegen derartige Kunstprodukte wandten sich Winzer, Händler und Gastronomen, die „naturreinen“ Wein anboten. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879, das Weingesetz von 1892, insbesondere aber dessen Novelle von 1901 schufen notwendige Rahmenbedingungen für Qualitätswein auch in Deutschland.

Biere ohne Malz und Hopfen,

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Titelblatt der 1864 gegründeten „Industrie-Blätter“, die in den Folgejahrzehnten chemisch-pharmazeutische Expertise gegen Nahrungsmittelfälschungen und „Geheimmittel“ setzte (Industrie-Blätter 3, 1866, Nr. 1, 1)

Entgegen vielfältiger Klagen über „wässeriges“ Bier wurde dieses nicht vollständige vergorene, aus den löslichen Bestandteilen des Hopfens unter Zugabe von Malz hergestellte Getränk eher selten verfälscht. Das war auch Folge des Siegeszuges des industriell produzierten hellen „bayerischen“ Lagerbiers, das weltweit die zuvor dominanten dunkleren englischen Biere verdrängte. Getrickst wurde vor allem bei der Qualität des Malzes, das trotz des eben noch nicht reichsweit geltenden Reinheitsgebotes teils nicht aus Gerste, sondern aus billigeren stärkehaltigen Ersatzmitteln bestand, etwa Reis, Mais, Kartoffelsirup oder Süßholz. Hopfensurrogate kamen noch seltener zum Einsatz. Bier ohne Hopfen und Malz war technisch möglich, war aber eher Horrorvorstellung denn reales Angebot. Qualitative Mindeststandards wurden jedoch nicht nur durch die praktische Sinneskontrolle der Zecher festgelegt, sondern seit den 1860er Jahren auch durch Pharmazeuten, seit den späten 1870er Jahren durch die sich rasch professionalisierenden Nahrungsmittelchemiker. Selbstverpflichtungen des Braugewerbes unter dem Banner des Reinheitsgebotes galten reichsweit jedoch erst ab 1906.

Magenpumpe, Hoffmannstropfen,

014_Medizinische Klinik_21_1925_p394_Medizinaltechnik_Magenpumpe_John-Weiß

Medizinische Handwerkskunst (Medizinische Klinik 21, 1925, 394)

Die 1825 von John Weiß (1773-1843), einem deutsch-englischen Einwandererunternehmer, konstruierte Magensonde erweiterte das Arsenal der noch recht kleinen Zahl der Ärzte. Das erst in den 1870er Jahren allgemein eingesetzte Instrument diente dem Auspumpen des Magens und war insbesondere bei Vergiftungen eine wirksame Hilfe. Die Magenpumpe ergänzte die schon gängigen chirurgischen Geräte und ist ein frühes Beispiel für die im späten 19. Jahrhundert rasch anschwellende Zahl medizinischer Apparate.

015_Memminger Zeitung_1875_10_27_Nr275_p3_Heilmittel_Hoffmannstropfen_Drogerieartikel_Wilhelm-Fichtner

Das breite Angebot einer Drogerie – inklusive Hoffmannstropfen (Memminger Zeitung 1875, Nr. 275 v. 27. Oktober, 3)

Hoffmannstropfen passen nicht recht in den zeitlichen Reigen des Gedichtes, war doch der „Erfinder“ Friedrich Hoffmann (1660-1742) ein Hallenser Frühaufklärer. Das stark alkoholhaltige Kräftigungsmittel bestand vornehmlich aus Ätherweingeist und war insbesondere in der Jahrhundertmitte im Bürgertum weit verbreitet. Es erweiterte die Gefäße und senkte den Blutdruck, half daher bei Schwächezuständen aller Art.

Dichtungen von Schiller, Goethe,

016_Das interessante Blatt_24_1905_04_17_Nr14_p17_Konversationslexikon_Brockhaus_Goethe_Schiller_Globus

Der käufliche Horizont des deutschen Bürgerhaushalts: Schiller, Globus, Goethe und Brockhaus (Das interessante Blatt 24, 1905, Nr. 17 v. 27. April, 17)

Klassikerausgaben wurden seit dem späten 18. Jahrhundert Zierrat bürgerlicher Haushalte. Die Werke von Friedrich Schiller (1759-1805) und Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ragten dabei hervor. Beide waren deutsche „Dichter und Denker“, verkörperten deutsche Bildung, führten die Denkmalsmanie des 19. Jahrhunderts an. Die Hundertjahrfeiern ihrer Geburtstage waren wichtige Wegmarken der liberalen Nationalbewegung. Goethes und Schillers Werke wurden im Schulunterricht gelesen, ihre Dramen blieben Eckpunkte des bürgerlichen Theaters während des gesamten 19. Jahrhundert. All dies sollte allerdings nicht zu dem Fehlschluss führen, ihre Werke seien abseits des veröffentlichten Lebens alltagsrelevant gewesen. Dort dominierten zeitgenössische Dichter und Schriftsteller, vor allem aber die heute vielfach vergessene Kolportageliteratur. Die Werke von Schiller und Goethe dienten dagegen bevorzugt als Steinbruch, in dem jede Zeit, nicht nur das 19. Jahrhundert, fündig wurde.

Kriege, Krisen, Hungersnöthe,

017_Kladderadatsch_045_1892_Nr41_p3_Hunger_Seuchen_Armut_Russland_Wirtschaftskrise

Hunger, Seuche und Geldnot – gezeichnet anlässlich der Hungersnöte in Russland 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 41, 3)

Im 19. Jahrhundert wurden Kriege noch als legitime Fortsetzung der Politik verstanden, entsprechend populär waren die nationalen Einigungskriege. Das änderte sich langsam um die Jahrhundertwende, zumal durch brutale Kolonialkriege, etwa der Briten gegen die Buren 1899-1902. 1899 kam es zu einer ersten internationalen Verrechtlichung militärischer Konflikte durch die Haager Landkriegsordnung, eine Folge auch des Drängens einer zahlenmäßig schwachen, jedoch medial recht präsenten Friedensbewegung. Auch Hunger wurde im späten 19. Jahrhundert nicht mehr länger als Schicksal akzeptiert. Insbesondere die Hungersnöte in Russland (1891/92) und Indien (1896/97) führten zu internationalen Hilfsaktionen, teils mit Geld, vor allem aber mit Nahrungsmittellieferungen.

 

Deutsche Zollvereinigung,

018_Wikimedia_Zollverein_Karte_1834_Handelsliberalisierung

Die Schaffung eines kleindeutschen Binnenmarktes: Entwicklung des Deutschen Zollvereins seit 1834 (Wikimedia)

Der deutsche Zollverein war wichtig für die Schaffung eines einheitlichen, durch Binnengrenzen möglichst unbeschränkten Warenverkehr. Anders als die spätere borussische Geschichtsschreibung, die in dem von Preußen geführten kleindeutschen Reich das eigentliche Ziel des Zollvereins sah, sollte man die zeitgenössischen wirtschaftlichen Vorteile der Handelsliberalisierung betonen. Der Staat verlor zwar für den Staatshaushalt noch sehr wichtige Zolleinnahmen, doch diese wurden durch wachsende Erträge aus Gewerbe- und Grundsteuern vielfach übertroffen. Zugleich erlaubte der Zollverein einheitliche Außenzölle, die für das Wachstum vieler in den 1830er bis 1870er Jahren noch nicht wettbewerbsfähigen Industriezweige notwendig erschienen. Der Zollverein war ein zukunftsweisendes Vertragswerk zwischen souveränen Staaten, eine Blaupause für die umfangreichen vornehmlich bilateralen Handelsverträge des späteren Deutschen Reiches mit anderen Staaten.

Dampflatrinenreinigung,

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Hygiene durch Maschineneinsatz: Angebote nach der Jahrhundertwende (Die Städtereinigung 1909, Nr. 6, s.a.)

Im 19. Jahrhundert gab es eine umfassende Verhäuslichung körperlicher Verrichtungen. Aborte und Latrinen wurden erst am, dann im bürgerlichen Hause geplant, um Gestank zu minimieren und die Sittlichkeit zu heben. Um den öffentlichen Raum sauber zu halten, wurden zudem städtische Bedürfnisanstalten eingerichtet, damit auch Seuchenprävention betrieben. Sie waren vielfach an das öffentliche Abwassersystem angebunden, doch zumeist fehlten Spülanlagen. Ihre Reinigung wurde im späten 19. Jahrhundert breit diskutiert. Maschinenbetriebene Pumpen und Tankabfuhrwagen verringerten hygienische Probleme, schufen ein von strengen Gerüchen unbeeinträchtigtes Einkaufsumfeld. Schon im frühen 20. Jahrhundert begann jedoch ein langsamer Abbau dieser Form moderner Daseinsfürsorge, deren Betriebskosten angesichts der weiteren Verbreitung von häuslichen Aborten nicht mehr tragbar erschienen.

Impfzwang, Repetirgewehre,

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Kampf gegen den Impfzwang mit statistischen Daten (Carl Löhnert, Graphisches ABC-Buch für Impffreunde, Chemnitz 1876, 6)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Blattern resp. Pocken eine weit verbreitete Infektionskrankheit, deren Narben auch die Überlebenden zeichneten. Die Pockenschutzimpfung des britischen Arztes Edward Jenner (1749-1823) bot seit 1796 eine einfache Möglichkeit, diese Krankheit einzudämmen. Sie verbreitete sich rasch auf dem europäischen Kontinent. Bayern und Baden machten diese Impfung 1807 verpflichtend, während die Mehrzahl der deutschen Staaten lediglich Empfehlungen aussprach. Das änderte sich nach der Pockenepidemie 1869-1871, der im Gebiet des dann gegründeten Deutschen Reich ca. 180.000 Menschen zum Opfer fielen. Das Reichsimpfgesetz von 1874 erließ einen Impfzwang für Kinder von ein bis zwölf Jahren. Das Gesetz wurde jedoch nicht durchweg begrüßt, sondern zum Anlass für eine breite Gegenbewegung von Impfgegnern. Sie plädierten für das Recht auf körperliche Unversehrtheit, wiesen auch auf Mängel der vielfach nicht hygienischen Impfung hin. Die Impfgegner waren Teil einer Opposition gegen das Vordringen angewandter Naturwissenschaften und statistischer, vom Einzelfall absehender Verfahren, die in der kulturkritischen Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende ihren ersten Höhepunkt hatte.

021_Volks-Blatt_1903_01_20_Nr031_p05_Waffen_Gewehr_Mauser_Modell-98_Repetiergewehr

Das deutsche Infanteriegewehr „Modell 98“ (Volks-Blatt 1903, Nr. 31 v. 20. Januar, 5)

Der technische Fortschritt, insbesondere eine präzisere Metallverarbeitung, die Entwicklung widerstandsfähiger Stahlsorten und die Produktion von zündsicheren Patronen erlaubte seit Mitte des 19. Jahrhunderts massive Verbesserungen der Distanzwaffen, insbesondere von Gewehren und Artillerie. Repetiergewehre ermöglichten über mechanische Zieh- und Verschlusssysteme das rasche Nachladen der Waffe aus einem Patronenlager. Sie verdrängten Hinterladergewehre, wurden ihrerseits dann durch automatische Selbstladewaffen verdrängt. Seit 1898 etablierte sich im Deutschen Reich das von der württembergischen Firma Mauser produzierte „Modell 98“ als Standardgewehr, das auch viele andere Armeen übernahmen.

Amateure und Masseure,

022_Fliegende Blaetter_090_1889_Nr2274_Beibl_p08_Photoapparat_Amateurphotographie_C-P-Goerz

Jedermann kann photographieren (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2274, Beibl., 8)

Die vor allem durch die 1837 eingeführte Daguerreotypie geprägte Photobranche war ein halbes Jahrhundert ein Expertenhandwerk. In den seit 1840 auch in deutschen Landen entstehenden Photostudios hantierten Fachleute nicht nur mit schwierig zu handhabenden optischen Instrumenten, sondern auch mit giftigen und leicht entzündlichen Chemikalien. Bis weit ins 19. Jahrhundert prägten Lithographien und Holzstiche die zahlreichen illustrierten Blätter, das Photo blieb ein Prestigeprodukt für den eigenen Haushalt. Das änderte sich in den späten 1890er Jahren. Einfachere und preiswertere Kistenkameras, standardisierte Fixierflüssigkeiten und leichter handhabbare Photoplatten erlaubten nun auch bürgerlichen Enthusiasten das Photographieren. 1900 brachte der amerikanische Marktführer mit der Kodak Brownie eine tragbare Kamera auf den Markt, der die Amateurphotographie sowohl in den USA als auch im Deutschen Reich zu einem gängigen Hobby im bürgerlichen Milieu machte.

023_Schilling_1897_p242_Massage_Therapie

Die helfende Hand des Masseurs bei der Einleitungsmassage (F[riedrich] Schilling, Kompendium der Ärztlichen Technik, Leipzig 1897, 242)

Während des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Massage als Teil der physikalischen Therapie bzw. Mechanotherapie als eine etablierte ärztliche Technik. Streichen, Reiben, Kneten und Hacken wurden auf Grundlage zunehmend genauerer anatomischer Kenntnisse gezielt eingesetzt. Gegen Ende des Jahrhunderts ergänzten mechanische Instrumente die etablierten Handtechniken, während Maschinen noch außen vor blieben. Die Massage ist zugleich ein gutes Beispiel für den internationalen Transfer von Therapien. Viele stammten aus Schweden (Per Henrik Ling (1776-1839)), etablierten sich durch schwedische Auswanderer in den USA und wurden von dort auch ins Deutsche Reich übertragen (Albert Hoffa (1859-1907)). Die Naturheilkunde setzte ebenfalls stark auf Massagetechniken und popularisierte sie um die Jahrhundertwende in zahlreichen, teils in Millionenauflagen vertriebenen Gesundheitslehren.

Vielerlei Assecuranzler,

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Popularisierung der Sorge: Werbung für eine Lebensversicherung (Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 5, s.p.)

Versicherungen sind Institutionen zur gemeinsamen Risikoübernahme. Sie konzentrierten sich seit der frühen Neuzeit auf elementare Risiken, etwa die in Städten weit verbreiteten Feuer oder aber Hagelschlag und Ernteverluste. Transportversicherungen entstanden parallel zur europäischen kolonialen Expansion. Die Versicherung von Besitz und Leben begleitete in deutschen Landen den Aufschwung des Bürgertums seit dem frühen 19. Jahrhundert. Die Assekuranzen benötigten beträchtliches Kapital, waren daher Pioniere der Aktiengesellschaften. Um ihr betriebliches Risiko abschätzen zu können, bedienten sie sich schon seit dem späten 18. Jahrhundert mathematischer Verfahren. Für die Mehrzahl der Deutschen hatten Assekuranzen nur geringe Bedeutung, sie zahlten eher für lokale Begräbnisvereine und Sterbekassen, während elementare Lebensrisiken (Krankheit, Unfall, Alter) von den in den 1880er Jahre eingeführten Sozialversicherungen peu a peu gemildert wurden.

Deutschen Kaiser, Deutschen Kanzler,

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Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto v. Bismarck grüßen vom Himmel (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 29, 10)

Das 1871 gegründete kleindeutsche Reich wurde als Ende der fehlenden deutschen Staatlichkeit gefeiert, als nationaler Machtstaat – obwohl es Abermillionen von Deutschen ausschloss, Abermillionen nationale Minderheiten umgriff. Die Kaiserwürde knüpfte an die mittelalterliche Geschichte an, ebenso wie schon 1849, beim vergeblichen Versuch des demokratisch gewählten Paulskirchenparlaments, dem preußischen König die Krone anzudienen. Auch 1871 hatte der spätere Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) gewichtige Bedenken, war Preußens und Hohenzollerns Mission doch nicht Deutschland. Das neue Reich war eine Monarchie eigenen Typs, die Herrschaft von Monarch, Militär und Obrigkeit war durch Verfassung und Parlament eingeschränkt. Der Kaiser regierte durch den Reichskanzler, der vom ihm ernannt und entlassen wurde, der zugleich aber beträchtliche Rechte hatte, die eine starke Persönlichkeit nutzen konnte. Der erste Kanzler, Otto von Bismarck (1815-1898), dominierte die Politik bis 1890, ohne dass diese in eine „Kanzlerdiktatur“ abglitt. Es folgte das „persönliche Regiment“ des irisierenden Wilhelm II. (1859-1941), dessen Reichskanzlern es nur selten gelang, „seine Majestät“ im Zaum und auf Kurs zu halten.

Deutsches Heer und Deutsche Flotte,

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Haubitzenbatterie während eines Manövers bei Fettehenne, heute Wuppertal (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 211)

Die Siege in den sogenannten Einigungskriegen 1864, 1866 und vor allem 1870/71 stärkten die Stellung der Armee in der Bevölkerung, verdrängten teilweise ihre Funktion als Machtmittel der Fürsten. Die „deutsche“ Armee blieb rechtlich eine Chimäre, denn sie bestand aus Kontingenten der Einzelstaaten unter dem Oberbefehl des Kaisers. Eine parlamentarische Kontrolle erfolgte allein über die notwendige Zustimmung des Reichstags zum Militärbudget, die jedoch für immer längere Zeiträume gewährt wurde. Das Heer blieb fest in adeliger Hand, und eine gesonderte Militärgerichtsbarkeit ermöglichte die Aufrechterhaltung ständischer Formen von Ehrsamkeit und Unterordnung. Militärisch blieben die deutschen Truppen eher konventionell, besaßen keine strukturellen Vorteile gegenüber denen anderer Großmächte. Die Truppenführung mit ihrem Fokus auf Offensive und Entscheidungsschlacht sowie die – abseits der Artillerie und der Telegraphie – häufig zögerliche Einführung moderner Technik sollten sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als schwere Belastung erweisen.

027_Gartenlaube_1898_p045_Marine_Kreuzer_Ostasien_Imperialismus

Ein deutsches Kreuzergeschwader in Ostasien (Gartenlaube 1898, 45)

Eine deutsche Flotte war schon ein Ziel der liberalen Mehrheit des Paulskirchenparlaments 1848/49. Ab 1871 wurden die nicht allzu zahlreichen Einheiten des Deutschen Bundes einem einheitlichen kaiserlichen Kommando unterstellt. Sie dienten der Küstenverteidigung und dem Schutz deutscher Handelsinteressen – zumal nach Erwerb erster Kolonien. Unter dem Druck von Wilhelm II. und des Staatssekretärs im Reichsmarineamt, Alfred von Tirpitz (1849-1930), begann das Deutsche Reich jedoch 1897 mit dem Aufbau einer Schlachtflotte. Sie wurde von der bürgerlichen Öffentlichkeit enthusiastisch begrüßt, die außenpolitischen Risiken dieser gegen die Dominanz Großbritanniens gerichteten Maßnahme billigend in Kauf genommen. Neben den Militarismus trat der Navalismus. Dennoch war schon um die Jahrhundertwende absehbar, dass die „schwimmende Wehr“ ein finanzpolitisches und strategisches Desaster sein würde.

Anarchistische Complotte,

028_Der Wahre Jacob_18_1901_p3620_Anarchismus_Terror_Herrschaftstechniken

Anarchismus als Konsequenz der Heuchelei der herrschenden Klassen (Der Wahre Jacob 18, 1901, 3620)

Der Anarchismus ist eine philosophisch-politische Lehre, die unter Flaggenwörtern wie Freiheit und Selbstbestimmung den dezentralen Aufbau der Gesellschaft in Kommunen und Syndikaten anstrebt und zugleich hierarchische staatliche Strukturen bekämpft. Entstanden vor allem in den 1840er Jahren, waren Anarchisten vielfach Teil demokratischer und dann sozialdemokratischer Bewegungen, wurden seit den 1870er Jahre jedoch zunehmend ausgegrenzt. Grund war die viel und kontrovers diskutierte „Propaganda der Tat“, also die gezielte Gewaltanwendung gegen Repräsentanten der staatlichen und wirtschaftlichen Ordnung. Die zahlreichen Attentate in Russland, Frankreich, Spanien und auch Deutschland führten zur massiven Bekämpfung der Anarchisten. Ihre Aktionen waren zugleich ein dankbar aufgegriffener Vorwand für staatliches Vorgehen gegen Sozialdemokraten und Liberale.

Pulver ohne Knall und Rauch,

029_Kladderadatsch_045_1892_Nr29_p08_Munition_Pulver_Versandgeschäft_W-Güttler_Reichenstein

Rauchloses Pulver und Patronen für die Jagd (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 29, 8)

Bis in die 1880er Jahre wurde für Schusswaffen vor allem Schwarzpulver verwandt, eine Mischung aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle. Es verbrannte recht schnell, so schnell, dass bei größeren Kalibern der Geschosslauf beeinträchtigt wurde. Langsamer explodierende, ihre Energie recht vollständig auf die Projektile übertragende Sprengstoffe veränderten dies. Zahlreiche Forscher und Unternehmer knüpften dabei an die 1867 erfolgte Erfindung des Dynamits durch den schwedischen Chemiker Alfred Nobel (1833-1896) und dessen Weiterentwicklung des Nitroglycerins an. Der französische Chemiker Paul Vieille (1854-1934) stellte 1882 mit dem „Poudre B“ ein erstes rauchschwaches Pulver vor, zahlreiche weitere Sprengstoffe folgten binnen weniger Jahre. Doch auch diese explodierten nach wie vor mit einem recht lauten Knall.

Deutsche Colonien auch,

030_Der Wahre Jacob_11_1894_p1784_Kolonialismus_Zivilisation_Menschenwürde_Rassismus

Die Peitsche als Herrschaftsinstrument des „Weißen Mannes“ (Der Wahre Jacob 11, 1894, 1784)

Das Deutsche Reich trat kurz nach seiner Gründung in den Kreis der Kolonialmächte ein. Dies wurde von einer einflussreichen bürgerlichen Kolonialbewegung gefördert und begrüßt (1882 Gründung des Deutschen Kolonialvereins), ebenso von den christlichen Kirchen. Wie schon bei der Debatte um die Sklavenhaltung gab es allerdings auch antikoloniale Vereine, deren Bedeutung aber gering blieb. Ab 1884 folgte die Fahne dem Handel, wurden doch Gebiete mit starken deutschen Handelsgesellschaften unter den Schutz des Deutschen Reichs gestellt. 1884/85 galt dies für Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika sowie die Pazifikregionen Neuguinea und die Marshallinseln. Die Kolonien waren ein ökonomisches Verlustgeschäft, verschlangen doch der Aufbau der rudimentären Infrastruktur und die Besatzungsherrschaft beträchtliche Summen. Politisch stieg die Chance für Konflikte mit den anderen Kolonialmächten beträchtlich. Moralisch wurde zwar immer wieder auf die zivilisierende Aufgabe der Deutschen verwiesen, doch die häufig militärische Brechung lokalen Widerstandes wurde schon vor den brutalen Kolonialkriegen in Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika als Verletzung elementarer Menschenrechte gebrandmarkt.

Nihilistenattentate,

031_Ueber Land und Meer_040_1878_p749_Attentat_Terror_WilhelmI_Karl-Nobiling_Unter-den-Linden

Attentat von Dr. Karl Eduard Nobiling (1848-1878) auf Kaiser Wilhelm I. am 2. Juni 1878 in Berlin, Unter den Linden (Über Land und Meer 40, 1878, 749)

Wie beim Anarchismus handelte es sich auch beim Nihilismus um eine breite philosophische Bewegung, die teils die Möglichkeit der Erkenntnis, teils die Existenz des Seins negierte. Die Konsequenz war eine strikte Fokussierung auf das Individuum, seine Bedürfnisse und Triebe. Der Begriff wurde seit den 1860er Jahren von russischen Sozialrevolutionären aufgegriffen, die einen gewaltsamen Umsturz der bestehenden Ordnung anstrebten. Nihilismus und Anarchismus wurden daraufhin vermengt und gerade in der politischen Debatte austauschbar. Das konnte man deutlich an den beiden Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. 1878 sehen. Obwohl beide Attentäter erklärte Gegner der Sozialdemokraten waren, dienten die Gewaltakte als Vorwand für das bis 1890 währende Sozialistengesetz, durch das sozialdemokratische Vereine, Zeitungen und Verlage verboten und tausende Anhänger von ihren Wohnorten vertrieben wurden.

Rothes Kreuz, Brutapparate,

032_Fliegende Blaetter_90_1889_Nr2881_Beibl_p11_Lotterie_Rotes-Kreuz_München

Lotterie zugunsten des Roten Kreuzes in Bayern 1889 (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2281, Beibl., 11)

Selten hatte das Engagement eines Einzelnen einen größeren Effekt: Der schweizerisch-französische Geschäftsmann Henri Dunant (1828-1910) bemühte sich 1859 um ein Gespräch mit dem französischen Kaiser Napoleon III. (1808-1873), um ihm seine Kolonisierungsideen in Algerien vorzustellen. Geplant war ein Treffen im oberitalienischen Solferino, wo am 24. Juli mehr als 150.000 französisch-italienische Soldaten die Truppen Österreichs vernichtend schlugen und so den Weg zur nationalen Einigung Italiens ebneten. Dunant sah das Elend auf den Schlachtfeldern, organisierte vor Ort Hilfe und veröffentlichte 1862 „Eine Erinnerung an Solferino“ im Eigenverlag. Darin schlug er die Gründung einer neutralen Organisation freiwilliger Helfer vor, gut ausgebildet und in Kriegs- und Krisenzeiten einsetzbar. Er sprach gezielt Staatsoberhäupter an, warb in ganz Europa für seine Idee. Das spätere Rote Kreuz entstand 1863 als „Internationales Komitee der Hilfsgesellschaft für Verwundetenpflege“ in Genf, ein Jahr später regelten in der 1. Genfer Konvention zwölf Staaten die Rechte der seit 1876 „Internationales Komitee vom Rothen Kreuz“ genannten Hilfsorganisation. Es stand unter dem Banner des roten Kreuzes auf weißem Grunde (eine Spiegelung der Schweizer Flagge), 1876 ergänzt durch den roten Halbmond in der islamischen Welt. Im Deutschen Reich war die supranationale Organisation anfangs regional organisiert, seit 1879 bestand ein Zentralkomitee. Die Finanzierung erfolgte durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Lotterien und staatliche Zuschüsse.

033_Flügge_Hg_1896_p560_Bakteriologie_Medizinaltechnik_Brutapparat_Lautenschläger_Thermoregulator

Brutapparat für Bakterienkulturen (C[arl] Flügge (Hg.), Die Mikroorganismen, 3. völlig umgearb. Aufl, T. 1, Leipzig 1896, 560)

Am Anfang war das Ei, denn Brutapparate entstanden schon in der frühen Neuzeit, um Küken für die Hühnerzucht auszubrüten. Diese einfache Aufgabe setzte zwei für die modernen Naturwissenschaften, aber auch viele Gewerbe entscheidende Techniken voraus: Temperaturmessung und Hitzeregulierung. Brutapparate für die Hühnerzucht wurden im 19. Jahrhundert immer wieder verändert und verbessert, doch der eigentliche Durchbruch zum „Inkubator“ erfolgte parallel mit dem Aufschwung der Bakteriologie. Sie setzte kontrollierte Laborbedingungen voraus, um Bakterienkulturen gezielt vermehren und auch untersuchen zu können. Typisch für die enge Verbindung von Forschung und Gerätetechnik waren in den 1880er Jahren zahlreiche im Umfeld universitärer Institute entwickelte Brutkästen, von denen der hier gezeigte „Thermoregulartor“ der 1888 gegründeten Berliner Firma F. & M. Lautenschläger die auch international weiteste Verbreitung hatte.

Brod- und Wurst- und Weinfabriken,

034_Der Bazar_43_1897_p082_Nahrungsmittelindustrie_Fleischwaren_Wurst_Schinken_Produktionsstätte_Vogt-Wolf_Gütersloh_Versandgeschäft

Einkauf per Versandgeschäft in Deutschlands größter Wurst- und Schinkenfabrik (Der Bazar 43, 1897, 82)

Der Aufstieg der Ernährungsindustrie begann in deutschen Landen in den 1830er Jahren, indem Pflanzen verarbeitet wurden, die in Haushalten kaum bearbeitet werden konnten. Im Vordergrund standen Rübenzuckerraffinerien, Getreide- und Ölmühlen, die Tabak- und Zichorienverarbeitung. Brot, Backwaren, Fleisch und auch Wein wurden dagegen kleingewerblich und verbrauchernah, vielfach auch noch zuhause hergestellt. In der Mitte des Jahrhunderts begann die Mechanisierung weiterer Nahrungsmittelbranchen, insbesondere von Bierbrauereien und dann Margarinefabriken. Maschinen wurden jedoch auch im Nahrungsmittelhandwerk eingesetzt, das seine Stellung durch direkten Verkauf gar ausbauen konnte. Die Brot- und Weinproduktion blieb daher von kleinen und mittleren Betrieben geprägt, anders als etwa in Großbritannien. Wurstfabriken gewannen im späten 19. Jahrhundert etwas größere Bedeutung. Fleischwaren waren länger haltbar, die Rohwaren durch den 1881 in Preußen erlassenen Schlachthauszwang in größeren Mengen konzentriert, und die teils von deutschen Einwandererunternehmern gegründeten US-Mammutunternehmen in Cincinnati und Chicago boten technische und kommerzielle Vorbilder für die Großproduktion. Dennoch gab es in Deutschland 1895 erst drei Fleischerbetriebe mit mehr als 100 Beschäftigten.

Oertel-Curen für die Dicken,

035_Fliegende Blaetter_090_1889_Nr2285_Beibl_p4_Kurort_Bad-Reichenhall_Oertel

Werbung für eine Kur in Bad Reichenhall – inklusive einer Oertel-Kur (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2285, Beibl., 4)

Die meisten der heutigen Diäten sind Wiedergänger einschlägiger Kuren und Ratschläge des 19. Jahrhunderts. Sie entstanden vor dem Hintergrund der Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten Stoffwechsellehre, die im Körper eine Maschine, in Bewegung Energieverlust und in den Nahrungsstoffen Betriebsmittel sah. Die richtige Mischung schien im Kampf gegen die Fettsucht und die Pfunde entscheidend zu sein: Seit den 1860er Jahren propagierte die aus England stammende Banting-Diät den Verzehr vornehmlich eiweißhaltiger Nahrung, während die Ebstein-Diät der 1880er Jahre fettreich und kohlehydratarm war. Die nach dem Münchner Hals-, Nasen-, Ohrenarzt Max Joseph Oertel (1835-1897) benannte Diät verbot dagegen Fette, setzte zudem auf die Reduktion von Getränken. Nur leicht modifiziert war die Schwenninger-Diät, die jedoch dank der PR seines Propagandisten – Ernst Schwenninger (1850-1924) war unter anderem Leibarzt Otto von Bismarcks – große Resonanz hervorrief. Während heute Diäten individualisiert sind, der Kampf gegen das Übergewicht privat geführt wird, war es für bürgerliche Kreise im 19. Jahrhundert allerdings noch üblich, sich einer Kur in einer Privatklinik zu unterziehen.

Streichhölzer und Eisenbahnen,

036_Deutsches Montags-Blatt_1877_10_29_p08_Streichhölzer_Norrköpings Tändsticksfabriks_Kleinau-Borchardt

Schwedische Importwaren in deutschen Landen (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 29.10., 8)

Die Nutzung des Feuers stand nicht nur am Beginn menschlicher Zivilisation, sondern auch für die industrielle Welt voll Kohle und Eisen. Feuer wurde bis weit in das 19. Jahrhundert hinein im Herd gehegt, leicht entzündlicher Zunder war erforderlich, um es durch Funkenschlag wieder zu entfachen. Streichhölzer haben dies wesentlich vereinfacht. Sie waren Anwendungen chemischer Forschung, Resultat steten und nicht ungefährlichen Experimentierens. Weißer Phosphor brannte hell, konnte um sich greifen und war giftig, auch Kaliumchlorat nicht ungefährlich. Reibbare Streichhölzer gab es seit den 1830er Jahren – und der Markt für Zündstoffe entwickelte sich rasch, nachdem auch roter Phosphor genutzt wurde. Wichtiger noch war die Verlagerung der gefährlicheren Chemikalien in eine Reibfläche, durch die allein das imprägnierte Holz entzündet werden konnte. Der Frankfurter Chemiker Rudolf Christian Boettger (1806-1881) entwickelte das wohl wirkmächtigste Verfahren. Er verkaufte sein Patent an schwedische Investoren, deren Sicherheitshölzer den Markt in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts dominieren sollten.

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Der „Dampfwagen“ Adler startet in ein neues Zeitalter des Verkehrs (Illustrierte Technik für Jedermann 4, 1926, 43)

Die Eisenbahn war die wichtigste Innovation des 19. Jahrhunderts. Sie war Leitsektor der Industrialisierung, zumal des Maschinenbaus, der Metallverarbeitung und des Bergbaus. Ihre Finanzierung mündete in ein modernes Bankensystem, etablierte die Rechtsform der Aktiengesellschaft, förderte das Börsenwesen. Die Eisenbahn veränderte die Landschaft, das Empfinden von Entfernungen, war zentral für die Bildung regionaler und nationaler Märkte. Sie erlaubte rasche Bewegungen von Truppen und Ausrüstung. Das Eisenbahnnetz erforderte überregionale Koordinierung, Fahrpläne, möglichst einheitliche Zeiten, einheitliche Spurbreiten und Standards. Sein Aufbau und seine Aufrechterhaltung benötigte eine immense Zahl von Arbeitern, un- und angelernte für die Gleisarbeiten, Facharbeiter für Lokomotiven, Waggons, Signaltechnik, Verkehrsregulierung, Gebäudebau und vieles mehr. Die anfangs vielfach privat betriebenen Eisenbahnen wurden zunehmend verstaatlicht, blieben im Deutschen Reich jedoch unter der Hoheit der Länder. Damit wurde nicht nur der Staat zu einem zentralen wirtschaftlichen Akteur, sondern es entwickelte sich eine für das Deutsche Reich typische enge Verzahnung von Banken, Unternehmern, Investoren und dem Staat.

Heines Lieder, Freytags „Ahnen“,

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Porträts von Heinrich Heine und Gustav Freytag (Kikeriki 33, 1893, Nr. 11 v. 5. Februar, 2; Illustrirte Frauen-Zeitung 22, 1895, 89)

Heinrich Heines (1797-1856) 1827 erschienener Gedichtband „Buch der Lieder“ bündelte die große Mehrzahl der frühen Gedichte des heutzutage vor allem als scharfsinnigen Satiriker, Zeitkritiker und demokratischen Feuilletonisten geschätzten Dichters. Er bestand vor allem aus Liebesgedichten und Landschaftsbeschreibungen und war ein Schlüsselwerk der Romantik. Dennoch blieb der seit 1831 im Pariser Exil lebende und 1835 mit Publikationsverbot im Deutschen Bunde belegte Heine eine Persona non grata für Nationalisten und engstirnige Christen, für Antisemiten und Duckmäuser. Wer jedoch die deutsche Sprache klingen hören, wer ihre utopisch-grimmige Kraft spüren möchte, der lese Heine. Gustav Freytag (1816-1895) war ein anderes Kaliber, Journalist und liberaler Politiker, Theater- und Romanschriftsteller, ein Lehrer der Künste, Biograph und populärer Geschichtsschreiber. All dies bündelte sich in seinem sechsbändigen, von 1872 bis 1880 erschienenen Romanzyklus „Die Ahnen“. Darin verfolgte er Werdegang und Wandlung der fiktiven Familie König über wahrlich stattliche 1500 Jahre. Der gefeierte „Hausdichter des deutschen Bürgertums“ verstand den Roman als Baustein eines dringend erforderlichen historischen Bewusstseins der Deutschen.

Telegraphen mit und ohne

039_Ueber Land und Meer_088_1902_p0946_Telegraphie_Morsen_Angestellte_Frauenarbeit

Damen und Herren der Morseabteilung eines Telegraphenamtes (Über Land und Meer 88, 1902, 946)

Im 19. Jahrhundert entstanden parallel zu massiven Veränderungen des Verkehrswesens neuartige Kommunikationsnetze, ohne die nationale Märkte und globale Arbeitsteilung kaum möglich gewesen wären. Telegraphie erfolgte anfangs optisch, mit Flügeltelegraphen, war damit wetterabhängig und störungsanfällig. Die elektrische Telegraphie entwickelte sich seit den 1840er Jahren dagegen parallel zur Eisenbahn, nutzte vielfach deren Trassen. Sie diente weniger strategisch-militärischen, sondern vorrangig kommerziellen Interessen, etwa der Übermittlung von Preisen und Schiffsankünften. Die Nachrichten wurden codiert, auf ihren Kern reduziert. Seit Mitte des Jahrhunderts dominierte das einfache System des US-Katholikenfeindes und Malers Samuel Morse (1791-1872), bei dem Striche und Punkte per Signalgeber auf Papier gestanzt wurden. Die elektrische Telegraphie erforderte internationale Kooperation und Zusammenarbeit, die Ausweitung europaweiter Landnetze durch internationale Unterwasserkabel ließ die Welt beträchtlich zusammenwachsen. Zunehmend wurden Informationen auch durch „Telegraphenbüros“ gebündelt und vertrieben. Diese Nachrichtenagenturen bildeten die Grundlage für ein sich rasch ausdifferenzierendes Pressewesen, das neue Möglichkeiten überregionaler Produktwerbung schuf.

Leitungsdrähte, Telephone,

040_Katalog_1883_Annoncen_p119_Telephon_G-Wehr

Werbung für Telefonanlagen 1883 (Officieller Katalog der allgemeinen deutschen Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens, Berlin 1883, Annoncen, 119)

Auch wenn hierzulande der Lehrer Johann Philipp Reis (1834-1874) als Erfinder des Telefons gilt – von ihm stammt ein Apparat zur Umwandlung elektrischer Impulse in mechanische und dann akustische Schwingungen sowie die Bezeichnung (1861) –, so wurden die Grundlagen des modernen Kommunikationssystems doch in den USA gelegt. Alexander Graham Bell (1847-1922) entwickelte nicht nur einen Apparat, mit dem man zwei Teilnehmer miteinander verbinden konnte, sondern schuf mittels der American Telephone & Telegraph Company auch einen der ersten elektrotechnischen Großkonzerne. In Deutschland wurde das 1876 patentierte Verfahren 1877 durch die staatliche Reichspost aufgegriffen und mittels der telegraphischen Infrastruktur auch eingeführt. Umfang und Leistungsfähigkeit des vorerst lokal begrenzten Telefonnetzes wurde durch Vermittlungsbüros deutlich erhöht. Bis zur Jahrhundertwende blieb das Telefon jedoch ein relativ teures, vornehmlich geschäftlich genutztes Gerät.

Auch Torpedos, rasch versenkbar,

041_Illustrierte Weltschau_1914_Nr06_p02_Marine_Ausstellung_Torpedo_Torpedonetz_Hamburg

Stolz der Kriegsmarine: Hauptwaffe eines Torpedobootes (Illustrierte Weltschau 1914, Nr. 6, 2)

Die globale Vorherrschaft der europäischen Nationalstaaten gründete vor allem auf ihrer überlegenen Militärtechnik. Torpedos, also zigarrenförmige, selbst angetriebene und mit einer Sprengladung versehene Unterwasserwaffen, entstanden in den 1860er Jahren, Wegbereiter waren österreichische und englische Militärs und Ingenieure. In Großbritannien wurden Anfang der 1870er Jahre dann gesonderte Torpedoboote entwickelt, gering gepanzerte schnelle Schiffe, die gegen Handelsschiffe eingesetzt, aber auch Großkampfschiffen gefährlich werden konnten. Torpedoboote galten rasch als Kernelement kleinerer, eher auf Küstenverteidigung setzende Marinen. Im Deutschen Reich begann ihr Bau 1882. Seit 1898 entwickelte die Kaiserliche Marine dann auch Große Torpedoboote, die mit stärkeren Geschützen ausgerüstet und hochseetauglich waren. U-Boote sollten erst im 20. Jahrhundert folgen.

Flugmaschinen, beinah lenkbar,

042_Berliner Börsen-Zeitung_1894_12_02_Nr564_p17_Luftfahrt_Luftschiff_Hermann-Ganswindt

Ikarus als Vorbild: Beispiel einer nur ansatzweise flugfähigen Maschine (Berliner Börsen-Zeitung 1894, Nr. 564 v. 2. Dezember, 17)

Der Welt zu entfliegen, das gelang erst im frühen 20. Jahrhundert. Doch im 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Ingenieure und Praktiker, die mittels Maschinen in die Lüfte und gar in den Weltraum aufsteigen wollten. Freiluft- und Fesselballons beflügelten seit dem späten 18. Jahrhundert die Phantasie, ein wirklicher Flug, mit Muskel- oder aber Motorkraft, gelang jedoch noch nicht. Bis heute bekannt sind die Versuche des Drachenfliegers Wilhelm Kress (1836-1913), des gescheiterten Motorfliegers Alexander Moschaiskis (1825-1890), des Gleitfliegers Otto Lilienthal (1848-1896), des Maschinengewehrentwicklers Hiram Maxim (1840-1916) und des Luftschiffers Hermann Ganswindt (1856-1934). Der Traum vom Fliegen mit lenkbaren Maschinen wurde erst im frühen 20. Jahrhundert erfüllt.

Reblaus-, Schildlausinvasion,

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Verschiedene Entwicklungsstufen der Reblaus (D-F) sowie Schädigungen der Rebwurzel (A-C) (Hermann Eulenburg (Hg.), Handbuch des öffentlichen Gesundheitswesens, Bd. 2, Berlin 1882, 616)

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit wachsender Naturkenntnisse, so dass die engen Grenzen der erweiterten Subsistenzwirtschaft der frühen Neuzeit zunehmend durchbrochen werden konnten. Gleichwohl blieb man abhängig von den Unbilden der Natur, von Missernten. Das zeigte sich besonders deutlich an der Reblausinvasion der 1860er Jahre, die große Teile der europäischen Weinstöcke vernichtete. Das unscheinbare, lediglich anderthalb Millimeter große Insekt stammte aus den USA und gelangte im Wurzelwerk von Setzlingen nach 1860 über Großbritannien nach Südfrankreich, verbreitete sich dann auf dem Kontinent. Die befallenen Pflanzen wuchsen nicht mehr, die Blätter wurden gelb, verwelkten, die Trauben kamen nicht mehr zur Reife, schließlich starben die Rebstöcke ab. Es dauerte jedoch mehrere Jahre, ehe 1868 „Phylloxera rastatrix“ im Wurzelwerk der Pflanzen als Ursache erkannt wurde. Dennoch wurden die Verheerungen größer, bis 1885 waren schließlich mehr als drei Viertel der französischen Anbaufläche betroffen. Am Ende blieb nur die Kultivierung neuer, aus den USA importierter resistenter Rebstöcke. Auch in deutschen Landen waren die Schäden beträchtlich, zumal man bis Mitte der 1870er Jahre über angemessene Gegenmaßnahmen stritt.

Rotationsdruck, Secession,

044_Deutsches Montags-Blatt_1877_08_13_p08_Druckerei_Rotationsdruck_Rudolf-Mosse_Stereotypie

Neue Drucktechnik im Einsatz (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 13. August, 8)

Maschinen veränderten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die Grundlagen von Presse und Buchhandel. Lumpen und ab den 1860er Jahren auch Holz wurden erst manuell, dann maschinell zu Papier in immer spezialisierter Form verarbeitet. Die Drucktechnik erreichte durch den Einsatz rotierender Walzen einen neuen Aggregatzustand. Erste brauchbare Rotationsdruckmaschinen wurden in den USA und Frankreich entwickelt, doch schließlich setzten in den 1860er und 1870er Jahren britische und deutsche Anbieter die Standards. Die Folgen waren nuanciertere Illustrationen in Zeitschriften, höhere Auflagen von Büchern und das teils mehrfach tägliche Erscheinen einer Reihe meinungsbildender Tageszeitungen.

045_Lustige Blaetter_14_1899_Nr18_p03_Kunst_Ausstellung_Sezession

Neue Märkte durch neuartige Kunst (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 18, 3)

Die bildenden Künste emanzipierten sich im 19. Jahrhundert langsam von ihrer engen Bindung an Adel und Kirche, zielten zunehmend auf das kaufkräftige Bürgertum und auch den Massenmarkt. Gleichwohl blieb der Einfluss zumal der expandierenden Höfe der Hohenzollern, Wittelsbacher und auch Wettiner hoch. Die lokalen Künstlervereine wurden Anfang der 1890er Jahre noch von konservativen Historien- und Porträtmalern, wie etwa Anton von Werner (1843-1915) oder Franz Lenbach (1836-1904) angeführt. Sie hatten zudem großen Einfluss an den Kunsthochschulen, dominierten den Kunsthandel und die regelmäßigen Verkaufsausstellungen. Trotz dieser Machtstellung kam es 1892 zu einer ersten Sezession in München, also der Abspaltung einer Künstlergruppe und dem Aufbau eines konkurrierenden Ausstellungs- und Verkaufsbetriebes. In München erfolgte dies unter dem Banner der Moderne, dann des Jugendstils. 1891/92 zerbrach am Fall Munch auch die Berliner Künstlerszene, wenngleich die Berliner Sezession erst 1898 erfolgte. Ausschluss und Denunziation der Werke des norwegischen Malers Edvard Munch (1863-1944) durch Werner sowie konservative Kreise waren der Anlass insbesondere impressionistischer Künstler für die Gründung eigener sezessionistischer Strukturen. In Wien zerbrach die Künstlerszene 1897, dort allerdings unter dem klaren Banner des Jugendstils.

Bahnhofsperre (läst‘ge Fessel!),

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Ordnung hat seinen Preis: Fahrkartenhalter für das raschere Durchqueren der Bahnsteigsperre (Fliegende Blätter 104, 1896, Nr. 2240, Beibl. 1, 2)

Die Bahnhofsperre war Ordnungsfaktor und Sieb zugleich. Es handelt sich um eine kontrollierte Absperrung, meist ein Gatter oder Zaun, die eine Kontrolle der Bahnhöfe und insbesondere der Bahnsteige ermöglichte – und damit auch den Ausschluss missliebiger Besucher. Bahnhöfe waren nämlich auch öffentliche Treffpunkte, zumal am freien Sonntag. Bahnsteigsperren waren zugleich notwendiger Arbeitsschutz für Bahnschaffner. Die frühen Reisewaggons entstanden nach dem Vorbild der Kutschen, besaßen demnach klar voneinander geschiedene Abteile, die durch eine Tür zum Bahnsteig hin geöffnet werden konnten. Das nutzte den vorhandenen Raum gut aus, erlaubte einen geordneten Ein- und Ausstieg, brachte jedoch Probleme beim Kontrollieren der Fahrscheine mit sich. Schaffner mussten sich entweder von außen von Abteil zu Abteil entlanghangeln oder bei jedem Halt alle Zusteigenden kontrollieren. Die Bahnhofsperre ermöglichte demnach Zeitgewinn, konnte die Fahrkartenkontrolle doch vorverlagert werden. Sie wurde in Preußen und Sachsen ab dem 1. Oktober 1893 eingeführt, nicht aber in Bundesstaaten, die wie etwa Württemberg mit Durchgangswaggons fuhren. Die von Beginn an umstrittenen Bahnsteigsperren wurden durch die vermehrte Indienstnahme dieser in Preußen anfangs den D-Zügen vorbehaltenen Waggons mit Seitengang und Faltenbalgübergängen in der Zwischenkriegszeit peu a peu abgebaut.

„Fuhrmann Henschel“, „Weißes Rössel“,

047_Berliner Leben_01_1898_p156_Theater_Deutsches-Theater_Gerhart-Hauptmann_Fuhrmann-Henschel

Schauspieler der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Drama „Fuhrmann Henschel“ am Deutschen Theater in Berlin (Rittner als Fuhrmann Henschel, Lehmann als Hanne, Sauer als Hauswirt) (Berliner Leben 1, 1898, 156)

Im späten 19. Jahrhundert war Gerhart Hauptmann (1862-1946) Bahnbrecher des Naturalismus, ab 1933 kroch er vor den Nationalsozialisten. Der schlesische Dramatiker begann seine Laufbahn furios und mutig, „Die Weber“ (1892) werden nicht nur wegen ihres Sozialrealismus bis heute gelesen. „Fuhrmann Henschel“, 1898 uraufgeführt, kreist um die Frage nach den Konsequenzen eines gegebenen Versprechens, um das Scheitern an eigenen Ansprüchen, um ein Leben in Schuld und den Selbstmord als Konsequenz. Auf sich selbst angewandt hat es der eitle Großdichter jedoch nie.

048_Oesterreichische Musik- und Theaterzeitung_11_1898-99_Nr05_p2-3_Theater_Schwank_Im-weissen-Rössl_Oskar-Blumenthal_Gustav-Kadelburg

Ein Lustspiel aus der „Stückefabrik“: Kritik am „Weissen Rössl“ im schönen Wien (Österreichische Musik- und Theaterzeitung 11, 1898/99, Nr. 5, 2-3)

Die wahrlich große Zahl literarisch bedeutender Theater- und Opernwerke des späten 19. Jahrhunderts sollte nicht verdecken, dass die Mehrzahl der Angebote primär kurzweiliger Unterhaltung und der Abkehr vom Arbeitsalltag diente. Gemeinsam mit dem Wiener Schauspieler und Dramatiker Gustav Kadelburg (1851-1951) bediente Oskar Blumenthal (1852-1917), Kritiker, Theaterdirektor und Schachkomponist den Markt der leichten Possen virtuos: Mann und Frau, Irrungen und Wirrungen, Intrigen und Ränkespiele, Düsternis und Sonnenaufgang – und am Ende ein Happy End, lange vor dem Aufstieg Hollywoods. Als Operette wurde „Im weißen Rössl“ seit 1930 zum neuerlichen Kassenschlager, Musikfilme folgten, rätselte das Publikum in dieser himmelblauen Walzerwelt doch immer wieder von neuem, warum der Sigismund so schön war.

Chloroform, Antipyrin,

049_Leipziger Zeitung_1847_10_06_Nr253_p6517_Pharmazeutika_Chloroform

Eine Arznei mit strikter Wirkung (Leipziger Zeitung 1847, Nr. 253 v. 6. Oktober, 6517)

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte der anfangs von französischen Forschern geprägte Aufschwung der organischen Chemie zur Entdeckung und Darstellung zahlreicher Stoffe, deren medizinisches Wirkungsprofil anfangs nicht sonderlich interessierte. Der „Chlorkohlenstoff“, so nannte ihn sein deutscher Entdecker (es gab 1831 noch einen französisches und einen US-amerikanischen), der Gießener Apotheker und Chemiker Justus Liebig (1803-1873), dieser Chlorkohlenstoff sollte erst nach vielen Versuchen ab 1848 in Großbritannien zu einem Narkosemittel bei Kindergeburten werden. Nach dem kurz zuvor erstmals eingesetzten Äther gab es damit ein zweites stärker wirkendes Pharmazeutikum, mit dem Patienten betäubt werden konnten, das sie schmerzunempfindlicher machte und ihre Bewegungen einschränkte. Dies erlaubte gezielte chirurgische Eingriffe. Chloroform war gleichwohl nicht ungefährlich, die Dosierung musste auf den Patienten genau abgestimmt sein, ansonsten bestand die Gefahr von massiven Blutdruckschwankungen und Herzstillstand. „Nebenwirkungen“ waren steter Begleiter des Siegeszuges wirksamer Pharmazeutika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

050_Fliegende Blaetter_090_1889_Nr2273_Beibl_p19_Pharmazeutika_Antipyrin_Dr-Knorr_Schmerzmittel

Ein wirksames Schmerzmittel mit gewissen Nebenwirkungen (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2273, Beibl., 19)

Im späten 19. Jahrhundert nahm die Zahl wirksamer Pharmazeutika beträchtlich zu. Schon Jahrzehnte zuvor waren Naturwissenschaftler auf Distanz zu Vorstellungen von ganzheitlich wirkenden Substanzen gegangen, konzentrierte sich stattdessen zunehmend auf chemisch nachweisbare, reproduzierbare und gar synthetisierbare Wirkstoffe. Entscheidend aber wurde der Aufschwung der chemischen Industrie, die nicht nur neue Grundstoffe, sondern insbesondere neue synthetische Farben erforschte und entwickelte. In den 1880er Jahren weiteten Großproduzenten wie Hoechst und Bayer ihr Interesse auch auf Heilmittel aus, waren doch Laborkapazitäten und Grundstoffe vorhanden. Eines der neu synthetisierten Stoffe war 1883 das Antipyrin. Synthetisiert vom Chemiker Ludwig Knorr (1859-1921) wurde es im gleichen Jahr von Hoechst auf den Markt gebracht, nachdem es sich sowohl als schmerzlindernd als auch als fiebersenkend erwiesen hatte. Anfangs im Handverkauf über Apotheken vertrieben, wurde das neue Medikament jedoch schon 1891 in die Verordnung über stark wirkende Arzneimittel aufgenommen, nachdem nicht zuletzt während der Influenza 1889/90 beträchtliche Nebenwirkungen auftraten. Hoechst entwickelte das Antipyrin weiter und präsentierte 1896 das Schmerzmittel Pyramidon, das bis zum Zulassungsstopp 1978 ein Standardmedikament blieb.

Morphium, Phenacetin,

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Entziehungskuren „ohne Qualen“ (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 2, 6)

Morphium ist bis heute ein unverzichtbares Schmerzmittel, nicht zuletzt in der Palliativmedizin. Seine Anfänge reichen zurück bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Paderborner Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner (1783-1841) den Wirkstoff aus dem getrockneten Naturprodukt Opium isolierte und seine Ergebnisse 1806 veröffentlichte. Dieser Wirkstoff konnte exakt dosiert werden – doch es dauerte Jahrzehnte bis zur breiteren Anwendung. Das lag nicht nur an eitlen Wissenschaftlerfehden, sondern auch am schlechten Geschmack des Morphiums. Erst die Einführung der Infektionsspritze Anfang der 1840er Jahre ermöglichte die vermehrte Anwendung. Morphium war jedoch eine Arznei mit einem Janusgesicht. Fehldosierungen konnten zu Atemstillstand führen, ein längerer Gebrauch zu Abhängigkeit. Bürgerliche Morphinisten kurierten ihre Sucht seit den späten 1870er zumeist in spezialisierten Sanatorien. Deren Inhaber setzten vorrangig auf einen strikten schnellen Entzug, wenngleich es auch Entziehungskuren mit immer kleineren Dosen gab. Ohne Qualen verliefen beide Formen aber sicher nicht.

052_Zeitschrift des allg. österreich. Apotheker-Vereines_43_1889_01_01_Nr01_Anzeigen_p01_Pharmazeutika_Phenacetin_Sulfonal_Grippe_Bayer_Elberfeld

Innovationen von Bayer (Zeitschrift des allg. österreich. Apotheker-Vereines 43, 1889, Nr. 1 v. 1. Januar, Anzeigen, 1)

Die enge Verbindung von chemischer und pharmazeutischer Industrie unterstrich das erste Medikament der 1866 gegründeten Elberfelder Farbenfabriken Friedrich Bayer, die vor allem durch Produktion synthetischer roter und blauer Fuchsinfarben erfolgreich war. Phenacetin wurde aus einem Beiprodukt der Synthese des blauen Farbstoffes Benzoazurin G gewonnen und ab 1888 wegen seiner schmerzlindernden, vor allem aber der fiebersenkenden Wirkung vertrieben. Es diente auch als leistungssteigernde Droge. Seine Marktstellung – und damit die der 1887 neu gegründeten Arzneisparte von Bayer – wurde während der folgenden schweren Grippewellen gefestigt. Phenacetin konnte allerdings zu Nierenschädigungen führen. Ähnlich wie Antipyrin wurde es durch eine Weiterentwicklung ergänzt, nämlich das 1955 eingeführte und bis heute unverzichtbare Schmerzmittel Paracetamol.

Vegetarierkost — o jerum!

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Eine neue vegetarische Gaststätte in Berlin (Vereins-Blatt für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer) 17, 1884, 2658)

Vegetarismus ist Alltagsernährung ohne fleischliche Lust. Der bewusste Verzicht auf Haupteiweiß- und Geschmacksträger war seit den 1860er Jahren ein öffentliches Skandalon. Die „Vegetarianer“ führten für ihre Ablehnung ethische Gründe an, stand Fleisch doch für Blut und Gewalt, für das Rohe, das Unkultivierte. Passender für den Aufschwung der Wissenschaften waren gesundheitliche Gründe, schienen doch zu viel Eiweiß und zu wenig Nährsalze krankmachend. Die wenigen tausend Überzeugten schlossen sich zu Gegenwelten zusammen, Vereinen mit teils unterschiedlichen Ausprägungen der Lehre vom reflektierten Verzicht. Zugleich etablierten sie zahllose Unternehmen und Dienstleistungen, Siedlungskolonien und diätetische Sanatorien, die weit in die feiste Mehrheitsgesellschaft hineinwirkten. Vollkornbrot wurde erfunden, Traubensaft gekeltert, Datteln und Soja importiert, Nussbutter oder Reformstiefel gefertigt. Um die Jahrhundertwende gab es fast 30 vegetarische Unternehmen, ein wachsendes Netzwerk von Reformhäusern und vegetarische Restaurants, die häufig Begegnungszentren der widerständigen Minderheit waren.

Diphtherie-, Pest-, Hundswuthserum,

054_Illustrirte Frauen-Zeitung_22_1895_p008_Bakteriologie_Laboratorium_Diphterie_Emil-Behrung_Erich-Wernicke_Meerschweinchen

Heroische Forscher mit Meerschweinchen – Emil Behring und Erich Wernicke bei der Arbeit am Diphtherieserum, wohl 1890 (Illustrirte Frauen-Zeitung 22, 1895, 8)

Diphtherie, früher Rachenbräune oder Krupp genannt, war eine der vielen tödlichen Infektionskrankheiten, gegen die es im 19. Jahrhundert keine wirklichen Hilfsmittel gab. Diphtherie tötete Kinder, in den 1880er Jahren ungefähr 25.000 ein- bis dreijährige pro Jahr. Im Gefolge des raschen Aufschwungs der Bakteriologie gelang es dem Mediziner Friedrich Löffler (1852–1915) zwar 1884 den Auslöser zu benennen, doch ein Impfstoff fehlte weiterhin. Das änderte sich von 1890 bis 1894 auf spektakuläre Art. 1890 entwickelten die Bakteriologen Emil von Behring (1854-1917) und Kitasato Shibasaburō (1853-1931) in Berlin ein neues Verfahren zur Bekämpfung von Diphtherie und von Wundstarrkrampf. Im Blut infizierter Versuchstiere fanden sie ein körpereigenes Antitoxin, also Antikörper, die die Bakterien bekämpfen konnten. Es dauerte vier Jahre, bis Behring und andere prominente Bakteriologen ein Heil-Serum aus dem Blut von Pferden entwickeln und zur Marktreife bringen konnten. Dies war eine Wegmarke für die Immunologie und ein lukrativer Markt für die aufstrebende deutsche pharmazeutische Industrie, – so auch Seren gegen die Tollwut (ab 1885) und die Pest (ab 1890).

Erbswurst, Marlitt, Sanatorien,

055_Kladderadatsch_24_1871_11_05_Nr51_Beibl1_p02_Erbswurst_Louis-Lejeune_Der Bazar_33_1887_p289_Eugenie-Marlitt

Eine schnelle Suppe für Jeden: Louis Lejeune bewirbt seine Erbswurst (Kladderadatsch 24, 1871, Nr. 51 v. 5. November, Beibl. 1, 2; Eugenie Marlitt, Bestsellerautorin (Der Bazar 33, 1887, 289))

Wer mehr zur Erbswurst, einem frühen Suppengrundstoff und Convenienceprodukt erfahren möchte, der lese „Die wahre Geschichte der Erbswurst“. Die Erbswurst schmeckte mit der Zeit allerdings etwas fad, und ähnliches galt für die Ergüsse der Königin des Kolportageromans, Eugenie Marlitt. Hinter dem Pseudonym verbarg sich die thüringische Sängerin und Gesellschaftsdame Eugenie John (1825-1887), die seit 1865 in und dann auch abseits der Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ eine riesige Leserinnenschar unterhielt. Ihre Spezialität waren Romane, Liebesromane. Mehr als 200 erschienen, erreichten eine Auflage von über 30 Millionen Exemplaren, literarische Massenproduktion lange vor der Einführung des Fließbandes. Marlitts Heldinnen waren gebildete, sittsame und aufstiegsorientierte Frauen, die Männer demgegenüber furchtlos, tapfer, ehrbar. Manche Feminist*innen sahen in den Bürgersfrauen auch emanzipatorisches Potenzial: „O wunderliches Frauenherz! Unter den furchtbarsten Schicksalsschlägen ausdauernd und mit unerschöpflicher eigner Kraft sich immer wieder stählend, bäumte es sich gegen die Nadelstiche einer boshaften Zunge und fühlte den Mut erlahmen!“ Wer will, angesichts dieses Geheimnisses der alten Mansell, da nicht zustimmen und voll Andacht schweigen.

056_Kladderadatsch_045_1892_Nr07_p6_Sanatorium_Psychiatrie_Paul-Landerer_Kennenburg

Heil finden im Sanatorium (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 7, 6)

Der Psychiater Paul Landerer (1843-1915) war einer von zahlreichen Ärzten, die es bei einer gehobenen Privatpraxis nicht belassen wollten, sondern sich ihr eigenes Reich, ein Sanatorium, errichteten. In diesem Falle handelte es sich um eine 1875 erworbene Anstalt, die gezielt Kranke, ab 1892 dann nur Patientinnen aus gehobenen Kreisen versorgte und beherbergte. Sanatorien boten ein bürgerliches Gegenbild zur wachsenden Zahl von Irrenanstalten und Krankenhäusern dieser Zeit, die Kranken teils aufbewahrten, teils rasch durchschleusten. Die in der Literatur der Jahrhundertwende eloquent beschriebenen Häuser zielten auf die Heilung von realen und imaginierten Krankheiten, dienten dem modischen Ausprobieren alternativer naturheilkundlicher Verfahren, der gehobenen Geselligkeit, dem Rückzug zur Suchtbekämpfung oder nach Nervenzusammenbrüchen. Ihre rasch wachsende Zahl spiegelte auch die Ausdifferenzierung der Medizin in immer neue Spezialgebiete. Die Gewerbeordnungsnovelle von 1896 setzte den „Privatkrankenanstalten“ allerdings engere Grenzen, parallel dienten die öffentlichen Krankenhäuser zunehmend selbst der Heilung.

Panzerzüge, Crematorien,

057_Illustrirte Zeitung_113_1899_p642_Kolonialkrieg_Burenkrieg_Panzerzug_Artillerie

Britischer Panzerzug auf der Bahnstrecke Kimberley-Mafeking während des Burenkrieges (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 642)

Die militärstrategische Bedeutung der Eisenbahn lag vor allem in der raschen Bewegung von Soldaten, Material und Nachschub. Gleichwohl wurde schon während des amerikanischen Bürgerkrieges versucht, Züge mit Artillerie zu armieren, um gegnerische Truppen aus der Distanz attackieren zu können. Die deutsche Öffentlichkeit nahm Panzerzüge jedoch vor allem während des asynchronen Kolonialkrieges britischer Truppen gegen die Buren in Südafrika 1899 zur Kenntnis. Sie dienten vornehmlich dem Truppentransport, konnten durch ihre Artillerie jedoch auch strategische Ziele, etwa Brücken und Befestigungen angreifen. Ihr Erfolg war begrenzt, denn Panzerzüge boten ihrerseits einfache Ziele, konnten durch die Zerstörung von Gleisen auch indirekt leicht bekämpft werden. Dennoch wurden sie von vielen europäischen, vor allem aber osteuropäischen Nationen bis in den Zweiten Weltkrieg hinein eingesetzt.

058_Architektonische Rundschau_14_1898_Taf68_Feuerbestattung_Kolumbarium_Krematorium_Dresden_Richard-Michel

Entwurf zu einem Kolumbarium mit Krematorium des Dresdener Vereins „Urne“ von Richard Michel (Architektonische Rundschau 14, 1898, Tafel 68)

Krematorien waren die Essenz bürgerlich-säkularen Denkens, Ziel einer sich seit den 1870er Jahren laut und breit entwickelnden europäischen Feuerbestattungsbewegung, Ausdruck eines vordrängenden ökonomischen und hygienischen Denkens. In Deutschland bediente man sich in den Krematorien vornehmlich des Siemenschen Regenerativofens, der ab 1864 in der Stahl- und dann in der Glasproduktion eingesetzt und für die Zwecke der Einäscherung menschlicher und tierischer Leichen modifiziert wurde. Er wurde ab 1874 für Tiere, ab 1876 auch für Menschen genutzt, zierte dann ab 1878 das erste architektonisch ansprechend ausgelegte Krematorium in Gotha, das Zielpunkt eines beträchtlichen Leichentourismus wurde. Die Feuerbestattungsvereine reagierten auf zentrale Probleme der Urbanisierung, insbesondere den wachsenden Wohnungsbedarf und die Seuchenbekämpfung. Religiöse Gegenargumente wiesen sie als überholt zurück, ebenso juristische Probleme bei möglichen Mordfällen. Krematorien wurden im 19. Jahrhundert in Deutschland dennoch kaum gebaut. Dies änderte sich erst, nachdem 1911 Preußen und 1920 Bayern die Feuerbestattung erlaubten.

Phonographen, Mauserflinten,

059_Lustige Blaetter_14_1899_Nr23_p08_Theater_Schauspieler_Phonograph

Ängste vor Arbeitsplatzabbau durch Phongraphen auf deutschen Bühnen (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 23, 6)

Der Phonograph war ein Pionierprodukt sowohl der Unterhaltungselektronik als auch der Büromaschinen. Das mechanische Gerät war das Resultat von Fortschritten in der Akustik und der Werkstoffentwicklung. Patentiert wurde die „Sprechmaschine“ 1877 von dem US-amerikanischen Erfinder und Unternehmer Thomas Alva Edison (1847-1931), der auch eine deutsche Niederlassung gründete. Der Phonograph erlaubte die Aufnahme und Wiedergabe von Tönen auf Stanniol-, ab 1887 dann auf Wachswalzen. Obwohl die Qualität der Aufnahmen eher gering war, war die öffentliche Resonanz anfangs groß – der österreichische Possenspezialist Eduard J. Richter (1846-1893) verfasste schon 1879 einen ersten Schwank „Der Phonograph“. Gleichwohl blieb die Verbreitung begrenzt, denn die Walzen nutzten sich rasch ab und die Betriebskosten waren entsprechend hoch. In den 1890er Jahren gab es zwar vermehrt kopierte Walzen mit Musikaufnahmen, doch als Tonträger setzten sich kurz vor der Jahrhundertwende die haltbareren, einfacher herzustellenden und zu kopierenden Schellackplatten für Grammophone durch.

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Mauser-Gewehr in geöffnetem Zustand (Das Buch für Alle 9, 1874, 164)

Die Württembergische Waffenfabrik Mauser ist ein gutes Beispiel für das langsame Herauswachsen hochspezialisierter Firmen aus dem Handwerk und die Gründung von familiengeführten Weltmarktführern in der vielbeschworenen Provinz – hier in Oberndorf. Die 1872 gegründeten Mauserwerke konzentrierten sich anfangs auf die Produktion eines neuartigen Gewehrs mit einem deutlich verbesserten Verschluss. Als Standardgewehr M 71 in den deutschen Armeen eingeführt, half diese manuell und von hinten zu ladende Schusswaffe, den relativen technischen Rückstand gegenüber dem französischen Heer wettzumachen. Der Erfolg ermöglichte den beiden Brüdern Wilhelm (1834-1882) und Peter-Paul Mauser (1838-1914) nicht nur das Erbe ihres Vaters, des Büchsenmachers Franz-Andreas Mauser (1792-1861), fortzusetzen, sondern auch die vor Ort gelegene Königlich Württembergische Gewehrfabrik 1874 aufzukaufen. Mauser-Gewehre wurden nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Staaten eingesetzt – ähnlich wie etwa die Gewehre der Österreichisches Waffenfabriksgesellschaft in Steyr.

Röntgen-Strahlen,

061_Kladderadatsch_049_1896_Nr04_p03_Medizinaltechnik_Röntgenstrahlen_Skelett

Röntgenstrahlen in der Populärkultur (Kladderadatsch 49, 1896, Nr. 4, 3)

Röntgenstrahlen sind unsichtbare elektromagnetische Wellen, haben eine hohe Energie und hinterlassen Linien, wenn sie abgebremst werden. Namensgeber war der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen (1845-1923), der sie Ende 1895 eher zufällig entdeckte. Röntgen verstand unmittelbar die Bedeutung seiner Entdeckung, ein Röntgenbild von Hand nebst Ehering seiner Gattin führte sie allseits vor Augen. Schon im Januar 1896 durfte er sie Wilhelm II. vorstellen, kurz darauf erfolgte die Umbenennung der „X-Strahlen“ in Röntgenstrahlen. Röntgen verzichtete auf die Patentrechte, bereitete so einer raschen Verbreitung der Strahlen in der Medizintechnik den Weg. Röntgenapparate veränderten die Diagnostik tiefgreifend, konnten Knochenbrüche oder Schießverletzungen doch zunehmend genauer eingeschätzt werden. Wichtiger noch waren die zahlreichen Anwendungen der Röntgenstrahlung in der naturwissenschaftlichen Forschung, zumal der Radioaktivität. Nicht vergessen werden sollte, dass die Dosierungen der Strahlen anfangs viel zu hoch waren und Folgeerkrankungen des Röntgens erst mit einigem Abstand erkannt und eingedämmt wurden.

Schnurrbartbinden,

062_Lustige Blaetter_15_1900_Nr01_p12_Bartpflege_Bartbinde_Kaiser-Binde_Francois-Haby

Kaisertreu und geschäftstüchtig: Ausschnitt aus der Produktpalette von François Haby (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 1, 12)

Im 19. Jahrhundert trug der Mann Bart – auch wenn dieser schon schrumpfte, vom Vollbart über den Kotelettenbart bis hin zum ausgezogenen Schnurrbart Kaiser Wilhelm II. Bartpflege erfolgte meist häuslich, doch zu schneiden war vielfach Aufgabe des Barbiers, des Friseurs. Dieser kam bis ins späte 19. Jahrhundert noch nach Hause, erst dann wurden eigene Salons üblich. Einer dieser aufstrebenden Haarspezialisten war François Haby (1861-1938), Nachfahre hugenottischer Zuwanderer, der aus West- und Ostpreußen stammte und dann zum Inbegriff des wilhelminischen Berliners wurde. Geschäftstüchtig, die Kundschaft umschmeichelnd, mit devot-jovialen Umgangsformen wurde er Ende 1894 königlicher Hof-Friseur, baute darauf eine überaus erfolgreiche unternehmerischer Karriere auf. Er propagierte den an den Spitzen hochgezogenen und mit Pomade in Form gebrachten Bart als Mode für den kaisertreuen Patrioten, kreierte ein Panoptikum von Pflegeprodukten, bewarb dieses mit dröhnender Reklame und markanten Figuren. Seine Kreationen hatte einprägsame Namen, wurden Alltagsbegriffe: „Donnerwetter – tadellos“, die Pomade, „Wach auf“, die Rasiercreme, vor allem aber die Schnurrbartwichse „Es ist erreicht“, die ohne nächtlich zu tragender Bartbinde – pardon, Kaiser-Binde – nicht denkbar war.

Fahrrad-, Ski- und Kraxelsport,

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Fahrradrennen im Sportpark Friedenau (Berliner Leben 1, 1898, 64)

Das Fahrrad wurde im späten 19. Jahrhundert zu einem weit verbreiteten Alltagsgegenstand – als Lieferfahrrad, als Freizeit- und Sportgerät, erst selten für den Weg zur Arbeit. All das war möglich, weil sich das „Fahrrad“ deutlich änderte: Die 1817 vorgestellte Draisine musste noch direkt mit den eigenen Füßen bewegt werden. Pedale wurden seit den 1860er Jahren eingeführt, das Hochrad war die Folge. Dieses war unsicher und schwer zu lenken, doch in den 1870er Jahren gab es schon erste Amateurrennen in Frankreich, den USA und Großbritannien. Der eigentliche Fahrradsport, dann auch von ersten Profis betrieben, entstand jedoch erst mit dem seit den späten 1880er Jahren eingeführten Niedrigrad. Dieses war wendiger, erreichte deutlich höhere Geschwindigkeiten und war wesentlich sicherer als das Hochrad. Als Konsumgut war es deutlich billiger, wurde nicht nur von Bürgern, sondern auch von Damen und Arbeitern gefahren. Sein großer Erfolg schuf nicht nur eine neue Branche der Feinmechanik, sondern war begleitet von wegweisenden Innovationen, etwa dem Luftreifen, verbesserten Bremsen, dann der Rücktrittsbremse und auch ersten Nabenschaltungen. Der Radsport wurde in Deutschland von einer breiten Vereinskultur getragen, die auch erste Radrennbahnen ermöglichte, etwa die oben abgebildete 1897 eröffnete Bahn in Friedenau. Sprints, Mannschafts- und vor allem Steherrennen über lange Strecken lockten viele Zuschauer an, reizten auch zu Sportwetten. Aufgrund der Wettereinwirkungen verlagerte sich der Radsport teils auch in Hallen, wenngleich das erste Sechstagerennen in Deutschland erst 1909 stattfand. Vorher setzten Langstreckenfahrten im Freien ein, am bedeutendsten gewiss die 1903 erstmals durchgeführte Tour de France.

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Die Gründer des Oberharzer Skiklubs 1896 auf dem Brocken (Sport im Bild 27, 1921, 358)

Skifahren wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem bürgerlichen Freizeitvergnügen. Die Sitte, sich auf Brettern schwungvoll durch den Schnee zu bewegen, stammte aus Norwegen, von dort kamen auch die ersten Skier nach Deutschland. Die in den frühen 1890er Jahren gegründeten Skivereine dienten erst einmal dem geselligen Miteinander, organisierten gemeinsame Ausflüge in die deutschen Mittelgebirge, etwa den Harz, den Thüringer Wald oder aber das Hochsauerland. Von den Einheimischen kritisch beäugt, entwickelten sich dort Grundformen touristischer Infrastruktur, Schutzhütten, Pisten, Gasthöfe und Skibedarfsgeschäfte. Ähnliches erfolgte auch in den Alpen, doch dort gab es schon früh eine Spreizung zwischen einem mondänen Wintersporttreiben, das sich nun auch auf das Skifahren erstreckte, und einem langsam wachsenden bürgerlichen Tourismus, der sich an die schon früher entstandenen Bergsteigervereine anschloss.

Tennis, Fußball und so fort,

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Schickliche Sportkleidung – Tennismode 1893 (Der Bazar 39, 1893, 205)

Großbritannien, die führende und mit Abstand reichste Nation des späten 19. Jahrhundert, setzte auch die Trends bei dem anfangs „Lawn Tennis“ genannten Freizeitvergnügen. Es war dort Mitte der 1870er Jahre aufgekommen – und hatte mit dem Luftreifen des Niedrigrades gemein, dass es ohne vulkanisierten, also flexiblen Kautschuk kaum möglich gewesen wäre, gehörte doch der Ball zum Tennis wie der Schläger. Tennis war ein Gentleman-Sport, hatte klare Regeln, sollte Körperbeherrschung und Eleganz demonstrieren, ein edler, fairer Wettbewerb sein. Mode begleitete seinen Aufstieg, zumal für das schickliche Spiel der Damen. 1877 fand das erste Turnier in Wimbledon statt, weitere folgten. Auch in Deutschland wurde dieses eigenartige Treiben beobachtet und dann ausprobiert. In deutschen Kurorten, den Treffpunkten von Adel, Offizieren, Unternehmern und Besitzenden, entstanden die ersten Tennisplätze, Vereine und erste Turniere im anglophilen Hamburg folgten. In den 1890er Jahre entstanden in Deutschland immer mehr Vereine, Meisterschaften wurden gespielt. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten blieb der „weiße Sport“ sozial begrenzt, bot lange noch einen Ort für Repräsentation und das Serve und Volley der Sportsmen and -women.

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Schickliche Sportkleidung – Fußballmode 1893 (Der Bazar 39, 1893, 362)

Auch der Fußball war Teil der englischen Sportinvasion des europäischen Kontinents im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. In Deutschland hatte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine sehr aktive Turnbewegung etabliert, die anfangs national und demokratisch war, später jedoch zunehmend nationalistisch tönte. In England wurde „Leibesertüchtigung“ anders betrieben, zumal an den Ausbildungsstätten der gesellschaftlichen Eliten. Fußball entwickelte sich seit den 1840er Jahren aus dem Rugby, war dessen feinere, kultiviertere Form. Verbindliche Regeln entstanden erst in den 1870er Jahren, wurden dann auf dem Kontinent rasch rezipiert und leicht verändert. Auch dieser Sport entwickelte sich erst im Norden, 1874 fand ein erstes Spiel in Braunschweig statt. Fußball blieb im 19. Jahrhundert ein bürgerlicher Sport, ein Spiel von Akademikern und Burschenschaftern – anders als in England, wo die Arbeiterbewegung in den 1890er Jahre eine Fußballgegenkultur entwickelte. Gleichwohl änderte sich die soziale Exklusivität kurz vor der Jahrhundertwende. 1899 berichtete der sozialdemokratische „Vorwärts“ über allgemeine Klagen über die Behelligung von Passanten durch fußballspielende Jungen, „aber wem’s nicht paßt, der möge mit darauf hinzuwirken suchen, daß dem Spielplatzmangel in Berlin abgeholfen wird“ (Vorwärts 1899, Nr. 87 v. 14. April, 8). 1900 wurde der Deutsche Fußball-Bund gegründet und kurz darauf begann mit der Gründung von Vereinen wie Westfalia Schalke der Aufstieg auch von Arbeiterfußballvereinen, die denen der Bürgersöhnchen schon bald den Schneid abkaufen sollten.

Sonnenbäder, Wasser-Curen,

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Therapie für alle: Sonnenbad im Familienbad Wannsee 1907 (Der Welt-Spiegel 1932, Ausg. v. 5. Juni, 12)

Sonnenbäder waren im 19. Jahrhundert selten: Die Kleidung bedeckte und wärmte, Entäußerungen waren nicht schicklich. Auch wenn die Säkularisierung schon seit dem späten 18. Jahrhundert rasch voranschritt, war die schwarze, abdeckende Grundkleidung der Priester und Ordensleute doch ein wichtiger Referenzpunkt, ältere Frauen richteten sich meist danach. Eine „gesunde Bräune“ gab es noch nicht, an Stränden legte man sich voll bekleidet in die Sonne. Doch gegen Ende des Jahrhunderts änderte sich langsam die Haltung zum Licht. Ultra-violette Strahlung war schon länger bekannt, doch sie bewirkte eben nicht nur Sonnenbrand, sondern tötete auch Bakterien ab. Der dänische Mediziner Niels Ryberg Finsen (1860-1904) entwickelte das Finsenlicht, eine Vorform der Höhensonne, um Hauttuberkulose zu bekämpfen. Lauter tönten Naturheilkundler, etwa der US-Arzt John Harvey Kellogg (1852-1943), der in seinem Battle Creek-Sanitarium mit elektrischen Glühlampen therapierte. Breitere Wirkung noch entfaltete in Europa der Schweizer „Sonnendoktor“ Arnold Rikli (1823-1906), der die Heliotherapie, also intensive Sonnenbäder, mit viel Bewegung, Wasseranwendungen und Heilkost kombinierte. All dies waren Frühformen einer deutlich anderen Bewertung des Lichtes, seiner Wärme und der Wonnen des Sonnenbades im 20. Jahrhundert, die weniger von der Medizin und der Hygiene als von anderen Freizeit-, Urlaubs- und Körpervorstellungen getragen wurden.

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Patient bei einem Kastendampfbad (F[erdinand] Runge, Die Wasserkur, Leipzig 1879, 117)

Wasserkuren etablierten sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als eine ärztliche Therapie, die sowohl auf antike Vorbilder als auch auf Bäderärzte des 18. Jahrhunderts verweisen konnte. Sie wurde zunächst vor allem in den seit dem frühen 19. Jahrhundert rasch entstehenden Heilbädern angeboten, boten doch Bäder, Trinkkuren und Inhalationen von mineralstoffhaltigen Wässern Hilfe bei Rheuma und Gliederschmerzen, stärkten das Immunsystem, milderten Herz- und Kreislauferkrankungen. Die Balneologie professionalisierte sich als eine medizinische Spezialdisziplin für ein zahlungskräftiges adeliges und bürgerliches Klientel. Anders dagegen die Hydrokultur, die auf die Anwendung von Wasser selbst abzielte. Bekannt sind etwa die abhärtenden Kuren von Vincenz Prießnitz (1799-1851) oder seine kalten Kompressen gegen innere Krankheiten. Der Nassauer Hydrotherapeut Ferdinand Runge (1835-1882) schlug die Brücke hin zur empirisch arbeitenden Medizin, nicht jedoch der Bad Wörishofer Priester, Bienenzüchter und Naturheilkundler Sebastian Kneipp (1821-1897), der Wasserkuren und das Wassertreten resp. Kneippen zum Mittelpunkt einer seit den 1890er Jahren europaweit erfolgreichen Laienbewegung machte.

Hygiene-Professuren,

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Max von Pettenkofer, ab 1865 erster Hygieneprofessor in München (Gartenlaube 1898, 855)

Die Hygiene entstand Mitte des 19. Jahrhunderts als eine naturwissenschaftliche Gesundheitslehre, deren Ziel die „Herstellung von optimalen Bedingungen für das Leben“ (Max v. Gruber, 1911) war. Sie war eine Schnittpunktwissenschaft, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Formen der Kranken- und Seuchenbekämpfung mit neuen Aufgaben, etwa der städtischen Wasserver- und Müllentsorgung, mit Stadtplanung und Wohnungsbau verband. Die Hygiene institutionalisierte das Aufbegehren des Menschen gegen den scheinbar gottgewollten Tod, konzentrierte sich aber nicht auf Individuen, sondern auf das Glück der großen Zahl. Vor dem Hintergrund des Darwinismus entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert eine facettenreiche „soziale Hygiene“, deren eugenisches Gedankengut zur Jahrhundertwende Allgemeingut war.

Auerlicht, Acetylen,

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Aktive Anpreisungen des Neuen (Vossische Zeitung 1897, Nr. 460 v. 1. Oktober, 17; Berliner Leben 5, 1902, Nr. 5, s.p.)

Der Autor des Gedichts war von der Helligkeit des neuen Auer-Gas-Lichtes wohl derart überwältigt, dass er dieses gleich zweimal erwähnte. Fünfmal so hell wie im zuvor üblichen Schnittbrenner, war das Auerlicht auch weniger schädlich, da das Gas deutlich besser verbrannte. Sie erfahren unten mehr, wenn es denn um den Glühlichtstrumpf geht. Auch Acetylen wurde als Leuchtmittel genutzt. Diese Karbidlampen enthielten Gas in gebundener Form, so dass sie mobil nutzbar wurden. Seit 1894 veränderten sie erst die Beleuchtung von Fahrrädern, Motorrädern und Automobilen, wurden dann auch als Grubenlampen im Bergbau eingesetzt. Ebenso wichtig war die Verwendung des Ethins – so der chemische Name des Acetylens – in der Metallverarbeitung. Mit Sauerstoff gemischt ermöglichte das in speziellen Flaschen gelöst gelieferte Gas autogenes Schweißen. Das Verfahren erlaubte die einfache Verbindung dünner Bleche, konnte außerdem dezentral genutzt werden, so dass Reparaturen und Einsätze außerhalb von Schmieden deutlich einfacher wurden.

Straßenbahn, Sanatogen,

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Trassenbau für die Straßenbahn am Berlin-Köllnischen Fischmarkt 1886 (Berliner Leben 12, 1909, Nr. 2, 16)

Die Straßenbahn war Folge der Urbanisierung, prägte sie zugleich aber. Sie war Kern der Nahverkehrssysteme des späten 19. Jahrhunderts, definierte die Hauptverkehrsachsen, erforderte zugleich deutlich breitere Straßen. Pferdestraßenbahnen gab es in den USA und vielen europäischen Staaten seit den 1830er Jahren. Doch sie waren teuer und unhygienisch, ferner verunglückten die Tiere relativ häufig. Das eigentliche Zeitalter der Straßenbahn begann 1880 mit ihrer Elektrifizierung, wenngleich beide Systeme noch Jahrzehnte parallel bestanden. In Berlin konstruierte Werner Siemens (1816-1892) eine erste Elektrische, die 1881 den Betrieb aufnahm. Kurz darauf errichtete Siemens & Halske in Paris die erste Strecke mit elektrischer Oberleitung. Probleme mit dem Netzausbau und dem Wegerecht standen einem rasanten Wachstum jedoch entgegen; zudem wurde lange darum gerungen, ob Straßenbahnen privat oder in städtischer Regie betrieben werden sollten. Dadurch wurden die USA, in Europa auch Frankreich zu den eigentlichen Bahnbrechern des neuen Verkehrsmittels. In Deutschland nahm die Entwicklung seit der Jahrhundertwende Geschwindigkeit auf. Die Großstädte konnten nun noch rascher wachsen, Innenstadt und Vorstädte rückten auseinander, ebenso Stätten der Arbeit, der Freizeit und der Kultur.

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Werbung für Sanatogen als Kräftigungsmittel (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 487)

Das 1898 von der Berliner chemischen Firma Bauer auf den Markt gebrachte Milcheiweißpräparat Sanatogen steht für Versuche von Medizinern, Chemikern und Unternehmern, die Alltagsernährung durch konzentrierte Nahrungsstoffe billiger und effizienter zu machen. Anders als Hunderte ähnlicher Präparate konnte sich Sanatogen jedoch langfristig behaupten, da es nicht nur als Nähr-, sondern auch als Nervenpräparat vermarktet wurde. Zum Hauptmarkt des global vertriebenen Markenartikels entwickelte sich rasch die USA, wo es als Prototyp der leistungsfähigen deutschen pharmazeutischen Industrie galt.

Klapphornverse, Streichholzscherze,

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Der erste Klapphornvers (Fliegende Blätter 69, 1878, 15)

Im vermeintlichen Land der Dichter und Denker – die Sentenz wurde von der Schriftstellerin Germaine de Stael (1766-1817) in ihrem Reisebuch „De l’Allemagne“ (1813) popularisiert – hatte die Poesie einen hohen Stellenwert. Zeitschriften und Zeitungen waren während des 19. Jahrhunderts voller Gedichte, Sprachkunst war Kern der Bildung. Doch nicht nur die hohe Kunst erfreute. Parodien und Possengesang, Spottgedichte und Persiflagen, Ironie und Satire, sie alle fanden ein breites Publikum, waren zugleich Trösterchen für die fehlende Macht der Demokraten, der unteren Stände, der Arbeiterbewegung. Der Scherz wollte jedoch immer auch Ernst sein, kein simpler Schabernack, kein spaßiges Späßchen. Nonsens war undeutsch, war britisch, wie Edward Lear (1812-1883) nicht nur in seinen Limericks immer wieder trefflich unterstrich. Und doch, es gab zumindest eine wichtige Ausnahme, einen Abglanz des Lachen Gottes auf deutscher Erde: Es handelt sich um Klapphornverse, ein Freiraum für jene, die einfach einmal blödeln wollten. Er entstand anlässlich der Gedicht-Zusendung eines hier verschämt nicht genannten Bildungsbürgers an die Redaktion der Karikaturzeitschrift „Fliegende Blätter“ im Jahre 1878. Das Gedicht „Idylle“ war misslungen. Doch dank einer schönen Zeichnung und einer (s. unten) rasch folgenden Ergänzung entstand ein neues Genre des Frohsinns und der Heiterkeit, das Schwächen adelte und dem Scheitern eine Chance gab. Vier Zeilen, drei- bis vierhebig, unreine Paar-, selten Kreuzreime, ein wenig Phantasie und – ganz wichtig! – keine Pointe: In diesem Rahmen konnten sich auch Deutsche tänzelnd bewegen, schwungvoll und unernst.

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Der Nachfolger – und damit der eigentliche Beginn der Klapphornverse (Fliegende Blätter 69, 1878, 43)

Wenn Sie mehr wissen wollen: „In Göttingen an der Alma mater, da wirkte der geistige Vater, der lieblichen Knaben, die ‘n Klappenhorn haben“ (Der Sprachdienst 22, 1978, 111).

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Weit mehr als Streichholzscherze (Volks-Zeitung 1896, Ausg. v. 11. Mai)

Während sich Klapphornverse der Pointe verweigerten, waren Scherzartikel kommerzielle Garanten für Stimmung. Das schwierig abzugrenzende Feld entstammte wohl dem Karneval, dessen Scherz in der Umkehrung der bestehenden Verhältnisse lag. Fidele Masken und originelle Mützchen fanden sich dort, ebenso Verkleidungen und Lärmartikel. Scherzartikel wurden zumal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil von Festen, seien es Bälle, Geburtstage oder aber die so beliebten Cotillons, Tanzveranstaltungen mit immer wieder wechselnden Partnern, neckischen Spielen und manchem Knalleffekt. Wichtig für die sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden Fach- und Versandgeschäften war auch der Aprilscherz. Beliebt waren Zaubertinte, Wasserspritzen, Gummigetier, allerhand Prothesen und Körperteile. Während Streichholzscherze mit dem nie vollends zu beherrschendem Feuer spielten, kokettierten die Scherzartikel mit dem Peinlichen, Grotesken, Frivolen und Unreinen. Eingehegte Grenzüberschreitungen waren beliebt, boten sie doch neue Marktchancen und einen kleinen Freiraum innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung und der bestehenden Moral.

Caviar aus Druckerschwärze,

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Chemische Analysen verschiedener Kaviarsorten in Berlin 1893 (Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 4, 1893/94, 22)

Grobe Fälschungen, wie etwa die Schwärzung von Fischlaich durch neuartige Teerfarben, waren um 1900 sehr selten, zu einfach war deren Nachweis. Die Kontrolle des zumeist aus Russland, teils aber auch aus Pillau, vom Elbeunterlauf, aus Oregon oder Alaska stammenden Rogens der großen Störarten orientierte sich allerdings noch stark an menschlichen Sinneserfahrungen. Zur Objektivierung wurden zunehmend chemisch definierte Kenngrößen entwickelt, mit denen man die Qualität und mögliche Verfälschungen von Nahrungsmitteln einfach bestimmen konnte. Die hier gezeigten Kochsalz- und Fettsäurengehalte markierten den Beginn schnellerer und einfachere Kontrollen, die angesichts der im frühen 20. Jahrhundert einsetzten Standardisierung der Kaviarsorten dann nur noch stichprobenhaft durchgeführt wurden.

Feuerwehren, stets bereit,

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Alarmsignal durch einen Feuerwehrmann mit zeittypischer Ausrüstung (Feuerwehrsignale 1, 1883, Nr. 2, 1)

Feuerwehren gehörten seit der frühen Neuzeit zum Standardarsenal der meisten Städte, waren Brände in den verdichteten und von Mauern geschützten Orten doch besonders gefährlich. Auch Feuerspritzen wurden schon im 18. Jahrhundert eingeführt, mochten die handbetriebenen Geräte auch eher für kleine Feuer geeignet sein. Dennoch wurden die Feuerwehren im 19. Jahrhundert deutlich löschkräftiger. Erstens zogen die größeren Städte nicht mehr alle Bürger zum Löschdienst heran, sondern vermehrt leistungsfähigere Männer, vielfach aus Vereinen oder Fraternitäten. Zweitens erlaubte die ausgefeiltere Wasserversorgung eine deutliche bessere Versorgung der Feuerwehren, die über Hydranten schneller und einfacher auf Löschmittel zurückgreifen konnten. Drittens entstanden im Gefolge der allgemeinen Professionalisierung der städtischen Verwaltung und der Daseinsfürsorge zunehmend professionelle Berufsfeuerwehren, deren Qualifikation und Ausstattung die der freiwilligen Feuerwehren und vor allem der Bürgerwehren deutlich übertraf. Berlin machte 1851 den Anfang, doch es dauerte noch Jahrzehnte, bis andere Großstädte folgen sollten – Hannover etwa erst 1880. Sie waren zugleich Antworten auf das rasche Wachstum der Städte nach dem Schleifen der Stadtmauern sowie die immer größeren Gebäude: Theater- und kurz vor Jahrhundertwende Warenhausbrände erforderten deutlich leistungsfähige Brandbekämpfung, auch striktere Vorgaben für den Brandschutz der Gebäude.

Europäische Einheitszeit,

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Zeitunterschiede in Mitteleuropa (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 166 v. 31. März, 1)

Das 19. Jahrhundert war nicht nur durch den Aufstieg von Nationalstaaten geprägt, sondern auch von intensiven Bestrebungen zwischenstaatlicher Kooperationen. Ein gutes Beispiel waren Maßeinheiten oder aber Spurbreiten für Eisenbahnen. Die Zeitmessung und -koordinierung war schwieriger, standen der wissenschaftlichen Erfassung einer dem vermeintlich natürlichen Sonnenlauf folgenden Zeiterfassung doch politische Bedenken entgegen. In deutschen Landen machte sich dies insbesondere im Eisenbahnverkehr bemerkbar, denn bis Anfang der 1890er Jahre gab Berlin die Zeit für die preußischen und elsässisch-lothringischen Bahnen vor, München für die bayerischen, Frankfurt für die hessischen, etc. Den Ausweg boten Zonenzeiten, die insbesondere von den USA vorgeschlagen wurden, um das dort bestehende Wirrwarr von mehr als siebzig Zeitzonen einzuhegen. 1884 einigten sich die führenden Staaten auf die mittlere Greenwich-Zeit als Grundlage einer auch für die Schifffahrt wichtigen Zeitbezeichnung, 1889 folgte auf einer internationalen Konferenz in Washington der Vorschlag einer verbindlichen Zonenzeit. Dies verursachte kontroverse Debatten, nicht nur im Deutschen Reich, in dem die „natürliche“ Zeitdifferenz von Ost und West siebenundsechzig Minuten betrug. Am 1. April 1893 wurde schließlich die Mitteleuropäische Zeit als gesetzliche Norm für das gesamte Reichsgebiet eingeführt: Ein Reich, eine Zeit. Das war eine große Vereinfachung für den Eisenbahn-, Post- und Telegrafenverkehr, die schwerer wog als die dadurch verursachten Probleme in den Grenzgebieten der unterschiedlichen einstündigen Zeitzonen.

Motordroschken, Interviews,

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Heute Zukunft, doch schon im späten 19. Jahrhundert im Einsatz: Eine elektrische Motordroschke (Der Bazar 43, 1897, 41)

Im späten 19. Jahrhundert begann der motorisierte Individualverkehr – doch das „Töff-Töff“ war damals eher ein repräsentatives Vorzeigeobjekt der Reichen, ein Sportvehikel und ein Transportmittel. Automobile entstanden, trotz zahlreicher bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreichender Versuche, in den 1880er Jahre durch Fortentwicklungen des Ottomotors. Wilhelm Maybach (1846-1929) und Gottlieb Daimler (1834-1900) waren beide Ingenieure in der Gasmotoren-Fabrik Deutz, gingen ab 1882 aber eigene Wege. Sie verbesserten den Motor, ermöglichten durch einen neuartigen Vergaser zugleich die Nutzung von Benzin. Der Ingenieur Carl Benz (1884-1929) konstruierte ebenfalls einen Viertaktmotor, doch zielte er zudem auf einen damit angetriebenen Wagen. Der dreiräderige Benz Patent-Motorwagen wurde 1886 patentiert und knatterte an erstaunten Mannheimer Bürgern vorbei. Und doch – der Markterfolg ließ auf sich warten. Der Nutzen des teuren, störungsanfälligen und recht langsamen Gefährts war nicht unmittelbar einsichtig, die Anbieter suchten nach Anwendungen. Das gelang erst in Frankreich, dann in den USA – während es in Deutschland Jahrzehnte dauern sollte, bis das Automobil zu einem Konsumgut für breitere Kreise wurde. Auch Motordroschken blieben derweil eine Ausnahme.

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Bismarck und die Presse nach einem fingierten Interview in den Hamburger Nachrichten (Kladderadatsch 43, 1890, Nr. 19, Beibl. 2, 1)

Das Interview, also eine themenbezogene Wechselrede mit dem Ziel, Informationen und Neuigkeiten zu gewinnen und zu verbreiten, entstand in Großbritannien und entwickelte sich dann vor allem in den USA, ehe es im späten 19. Jahrhundert auch im Deutschen Reich üblicher wurde. Am Beginn standen teils Nacherzählungen von Gesprächen, die dann auch die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelnde qualitative Sozialforschung prägen sollten. Interviews galten als authentisch, Augenzeugenbefragungen fanden sich daher insbesondere in der frühen Boulevardpresse, während die Regierung nicht der Presse, sondern dem Parlament Rede und Antwort stehen sollte. In deutschen Landen begrenzte die Zensur eine allzu freie Pressearbeit, nicht umsonst war die Pressefreiheit ein Kernforderung der Revolution von 1848/49. Auch das 1874 erlassene Reichspressgesetz besaß zahlreiche Vorbehaltsrechte des Staates. Es wundert daher nicht, dass Interviews anfangs eher ein Herrschaftsinstrument waren: Vor allem Reichskanzler Otto von Bismarck etablierte ein System gezielter Meinungsäußerungen, das er insbesondere nach seiner Entlassung 1890 virtuos handhabte, um weiteren Einfluss auf Öffentlichkeit und Politik auszuüben. Mit Hilfe willfähriger Journalisten, insbesondere von den Hamburger Nachrichten, lancierte er Stellungnahmen und Gehässigkeiten. Die nicht autorisierten Interviews und Artikel wurden breit rezipiert, hatten jedoch den Charme, jederzeit dementiert werden zu können.

Bestdressirte Känguruhs,

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Sensation der Schaustellerei, ein frei und ohne Netz boxendes Känguru (Berliner Börsen-Zeitung 1893, Nr. 137 v. 22. März, 20)

Die ach so trendigen „Känguru-Chroniken“ haben reale Vorgänger. Denn Anfang der 1890er Jahre waren boxende Känguruhs eine der vielen Attraktionen des Kabaretts, zu diesem Zeitpunkt bereits Teil einer europäischen Unterhaltungsindustrie. In Berlin verwies etwa die „Goldene 110“, die für Werbung in Versen bekannte „billigste und reellste Einkaufsquelle Berlins“, der großen Boxerei ein Kleinkunstwerk: „Alles boxt in heut’gen Zeiten / Boxer-Karl und Känguruh“ (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 164 v. 30. März, 13). Doch in der Manege war manches anders: In Wien hieß es zeitgleich über den angekündigten Boxkampf zwischen Tier und „Neger“, „das Känguruh war jedoch nicht im geringsten zum Boxen aufgelegt und zog es vor, bei jeder ‚Anregung‘, die ihm der Neger mit seinen Boxhandschuhen gab, sich zu seinem Herrn und Manager zu flüchten. In Berlin kam es bei einer ähnlichen misslungenen Känguruh-Boxerei zu einem artigen Theaterscandälchen; das liebenswürdige und gut-gesittete Wiener Publicum begnügte sich, als die Sache langweilig zu werden drohte, mit einigen nicht misszuverstehenden Schlussrufen, worauf das Känguruh, sichtlich vergnügt, eiligst von der Bühne verschwand“ (Tages-Post [Linz] 1893, Nr. 72 v. 29. März, 4). Ein kluges Tier…

Waarenhäuser und Basare,

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Das erste deutsche Warenhaus: Der Berliner Kaiser-Bazar (Der Bazar 37, 1891, 152)

Ein Warenhaus kennt jeder? Falsch! Denn das Warenhaus war im Deutschen Reich etwas anderes als im europäischen Ausland, bot es doch auch Lebensmittel an. In Frankreich, Großbritannien oder den USA wäre das undenkbar gewesen, die dortigen Großgeschäfte waren also Kaufhäuser. Diese gab es in deutschen Landen seit Mitte des Jahrhunderts, von einem verspäteten Einstieg in die Konsumgesellschaft kann nicht die Rede sein. Kaufhäuser entstanden aus Magazinen, Handwerks- und Gewerbebetrieben mit einem dann stetig wachsenden Warenverkauf. Die Eigenproduktion streiften die in den späten 1860er Jahren aufkommenden Basare ab, denn sie konzentrierten sich auf das reine Verkaufsgeschäft von industriell gefertigter Massenware, meist Konfektionsware, zunehmend aber auch Gebrauchsgüter. Die Warenhäuser übernahmen diese Fokussierung auf den Verkauf, verbreiterten das Massenangebot nochmals, fabrizierten aber viele Waren weiterhin selbst. Die Trennung zwischen Kaufhaus, Basar und Warenhaus war im späten 19. Jahrhundert fließend, erst die teils massiven Warenhaussteuern gegen die von der mittelständischen Konkurrenz strikt bekämpfte „unerwünschte Betriebsform“ führte zu einer formaljuristischen Unterscheidung. Das erste dieser „Warenhäuser“ war der 1891 in Berlin eröffnete Kaiser-Bazar, der allerdings schon 1893 nach zahlreichen rechtlich höchst fraglichen Manövern Konkurs anmelden musste. Mehr zu diesem Unternehmen folgt in hoffentlich nicht ferner Zukunft in diesem Blog.

Färbemittel für die Haare,

083_Katalog_1882_Annoncen_p080_Haarpflege_Haarfärbemittel_Gold-Feen-Wasser_Hermann-Janke

Der trügerische Reiz der Blondinen (Officieller Katalog für die Allgemeine Deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene, Gesundheitspflege und Gesundheitstechnik und des Rettungswesens, Berlin 1882, Berlin o.J., Annoncenanhang, 80)

„Das Färben der Haare gehört gleich dem Schminken zu denjenigen Verschönerungsversuchen, welche nicht ohne Gefahr für die Gesundheit sind“ (G[ustav] A[dolf] Buchheister, Handbuch der Drogisten-Praxis, T. 2, 3. verm. Aufl., Berlin 1898, 176). Wie bei den Farbstoffen, traten im späten 19. Jahrhundert chemische Substitute an die Seite natürlicher Farbstoffe. Sie bestanden vorrangig aus anorganischen Silbernitratlösungen, die mit dem Haar reagierten. Blond wurde damit möglich, auch ein Ende der grauen Haare. Ab Anfang der 1880er Jahre stieg zudem das Angebot synthetischer Farbstoffe aus der Azogruppe. Die zeitgleich beworbenen US-amerikanischen „Hair Restorer“ basierten dagegen auf kleinen Mengen von Blei, das mit dem Schwefel der Haare zu einem kräftigen Schwarz reagierte. Ähnlich funktionierten Wismut-, Kupfer- und Eisenpräparate. Diese neuen Haarfärbemittel waren gesundheitsgefährdend, hinterließen teils schwer zu reinigende Flecken auf der Kleidung, wurden teils auch verboten – doch sie besaßen den Charme der satten Farbe. Die Anbieter nutzten dies, grenzten ihre Präparate gezielt von Mitteln ab, „welche wohl unschädlich sind, aber keine Wirkung haben“ (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2269, Beibl., 7). Alternativen boten vor allem Naturfarbstoffe, die jedoch nach drei bis vier Wochen wieder erneuert werden mussten. Wallnussextrakte, Henna, aber auch Torf- und Kohleextrakte waren vor 1900 weit verbreitet. Für Möchtegernblondinen gab es aber noch eine weitere Option: Wasserstoffperoxid, seit 1894 in erstklassiger Qualität verfügbar, bleichte wirksam und betörend. Was zählten dagegen schon mögliche Zell- und Gewebeschäden?

Zähne-, Waden-Surrogate,

084_Fliegende Blaetter_088_1888_p152_Werbung_Zahnersatz_Gebisse_Stadt-Land

Werbung für Zahnersatz, leicht missverständlich (Fliegende Blätter 88, 1888, 152)

Zahnlosigkeit war im 19. Jahrhundert weit verbreitet, doch durch die langsame Etablierung von Zahnärzten und spezialisierten -technikern setzte zumindest eine umfassende Forschung für Zahnprothesen ein. Erst einmal bestand das Problem des individuellen Zahnersatzes. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden menschliche Zähne prothetisch weiterverwendet, ebenso bearbeitete tierische Zähne. Diese verschlissen jedoch recht schnell. Als Substitut entstanden seit dem späten 18. Jahrhundert Alternativen aus Porzellan. In Frankreich entwickelt, wurden sie seit Mitte des Jahrhunderts vor allem in Großbritannien und den USA eingesetzt. Die Befestigung einzelner Zähne sowie von Teilprothesen blieb ein Kernproblem, das auch durch die Vulkanisation des Kautschuks nicht gemildert werden konnte. Damit war es zwar ab der Mitte des 19. Jahrhunderts möglich, relativ passgenaue Gebisse zu erstellen, doch im feuchten Milieu der Mundhöhle war präziser Halt sowohl der Einzelzähne als auch der Zahnprothesen kaum möglich. Saugnäpfe waren weit verbreitet, führten jedoch häufig zu Deformationen in der Mundhöhle. Obwohl im späten 19. Jahrhundert zunehmend spezielle Kautschukmischungen eingesetzt wurden und auch die farbliche Variation der Kunstzähne zunahm, blieb Zahnlosigkeit eine Beschwernis im Alltag insbesondere der nicht begüterten Bevölkerung.

085_Katalog_1882_Annoncen_p216_Medizinaltechnik_Prothesen_C-Geffers_Invalide

Hilfe für ein normales Leben: Werbung für Beinprothesen (Officieller Katalog für die Allgemeine Deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene, Gesundheitspflege und Gesundheitstechnik und des Rettungswesens, Berlin 1882, Berlin o.J., Annoncenanhang, 216)

Kriege, aber auch Maschinenarbeit führten immer wieder zum Verlust einzelner Gliedmaßen – und dank Verbesserungen im ärztlichen Handwerk und einer einfachen Narkose mit Chloroform nahm die Zahl derer zu, die diesen überlebten. Die meisten Versehrten erhielten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein einfaches, von Tischlern gefertigtes Holzbein. Ausnahmen gab es vor allem für zahlungskräftigere Kunden. Im späten 18. Jahrhundert entstanden mechanische Beinprothesen, die mit Saiten, Federn und Fäden ansatzweise steuerbar waren. Im 19. Jahrhundert gab es deutliche Fortschritte, für die in Preußen nicht zuletzt eine Außenseiterin stand: Margarethe Caroline Eichler (1808/09-1843) erhielt 1833 für ihre Beinprothese mit künstlichem Kniegelenk als erste Frau in Preußen ein Patent. Wichtiger noch war Eichlers künstliche Hand von 1836. Waren Prothesenbewegungen zuvor von der Unterstützung der heilen Hand, des heilen Fußes abhängig, so ermöglichte nun eine ausgefeilte Mechanik eine direkte willkürliche Bewegung des aus Neusilber gefertigten, teilbeweglichen Handersatzes. Die Kriege der 1860er Jahre, erst der amerikanische Bürgerkrieg, dann die sog. deutschen Einigungskriege, und die Bismarcksche Unfallversicherung von 1884 führten schließlich zu einer staatlichen Übernahme der nach wie vor hohen Kosten passgenauer Prothesen. Der eigentliche technische Durchbruch der Prothetik erfolgte jedoch erst während des Ersten Weltkrieges.

Maggi, Soxleth-Apparate,

086_Fliegende Blaetter_088_1888_Nr2224_p11_Suppenpräparate_Würzen_Maggi_Suppenmehle_Boullionextrakt

Neue Suppen, neue Würzen: Werbung für Maggis Suppenmehle und Bouillon-Extrakte (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2224, 11)

Der Schweizer Müller und Erfinderunternehmer Julius Maggi (1846-1912) steht bis heute für ein Würzpräparat, verlässlicher Geschmacksträger für ein einfaches, nährendes Mahl. Als Müller geriet er Anfang der 1880er Jahre unter Wettbewerbsdruck, veränderte doch die Walzentechnik und neue Billigkonkurrenz aus den USA und Russland das altehrwürdige Geschäft. Er diversifizierte, begann auf Anregung bürgerlicher Reformer 1883 an einem preiswerten Nahrungsmittel für Arbeiter zu experimentieren. Verbesserte Leguminosenmehle waren die Folge, leicht zu verkochende Suppengrundstoffe, die allerdings vorwiegend von Kleinbürgern gekauft wurden. Maggi verkaufte sein Müllereigeschäft, konzentrierte sich auf neue Suppenmehle, bemühte sich vor allem um einen besseren Geschmack. Mitte der 1880er Jahre experimentierte er mit Fleischextrakten, nicht zuletzt in der Nachfolge der Suppenkräuteressenz des Hildburghausener Unternehmers Rudolf Scheller (1822-1900). Das Ergebnis war ein Bouillon-Extrakt, der 1887 zwar als Fleischextrakt durchfiel, dessen Geschmack aber einfache Suppen wohl zu heben im Stande war. Ab 1894 als Markenartikel geschützt, war die Maggi-Würze ein Leitprodukt für ein rasch im deutschsprachigen Raum, aber auch international expandierendes multinationales Unternehmen.

087_Der Bazar_37_1891_p140_Säuglingsernährung_Milch_Soxhlet-Apparat_Pasteurisierung

Redaktionelle Reklame für den Soxhlet Milchkocher (Der Bazar 37, 1891, 140)

Die Naturwissenschaften wurden im späten 19. Jahrhundert gefeiert – und der Soxhletsche Apparat schien eine praktische Antwort auf die massive Kindersterblichkeit zu sein. Er war eine Quintessenz angewandter Bakteriologie, ähnliche Apparate gab es seit den 1880er Jahren. Ziel war die Keimtötung in der Milch durch Aufkochen, anschließende Kühlung und strikte Sauberkeit. Der Tierphysiologe Franz Soxhlet (1848-1926) entwickelte 1886 ein scheinbar wirksames Gesamtpaket und vermarktete dieses im Deutschen Reich, aber auch international. Das sollte die relativ hohen Anschaffungskosten drücken, den Apparat von dem Odium befreien, „Vorrecht der Reichen“ (Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 36, 1925/26, 323) zu sein. Doch die Innovation hatte einen Pferdefuß: Das Abkochen der Milch, die Pasteurisierung, zerstörte auch die darin enthaltenen, damals jedoch noch nicht bekannten Vitamine. Die Säuglinge und Kinder erkrankten nun vielfach an der sog. Möller-Barlowschen Krankheit, einer Vitaminmangelkrankheit, die an Skorbut erinnerte. Im Deutschen Reich gab es viele Erkrankungen, aber nur relativ wenige Todesfälle, handelte es sich doch um die Kinder von Begüterten, wurde die Milchgabe im Krankheitsfalle auch rasch durch frische Beikost ersetzt. Der Soxhlet-Apparat verkörperte schon früh das Janusgesicht der Interventionen moderner Naturwissenschaften.

Lyddit-Bomben, Gasmotoren,

088_Lustige Blaetter_15_1900_Nr08_p02_Kolonialkrieg_Burenkrieg_Großbritannien_Waffen_Lyddit_Dum-Dum_Maschinengewehr

Der britische Kolonialkrieg gegen die Buren als Einsatzfeld moderner Kriegstechnik (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 8, 2)

Lyddit-Granaten wurden in der deutschen Öffentlichkeit während des Burenkrieges, ähnlich wie die Dum-Dum-Geschosse, als Ausdruck der Verrohung des Kriegshandwerkes kritisiert. Lyddit, benannt nach der einschlägigen Sprengstofffabrik im englischen Kent, bestand vor allem aus Pikrinsäure und übertraf die zuvor übliche Sprengkraft. Seine Einführung erfolgte europaweit nach Patentierung des Melinit durch den französischen Chemiker Eugène Turpin (1828-1927) im Jahre 1886. Im Deutschen Reich wurde der Sprengstoff als „Granatfüllung 88“ getestet, doch ihr Einsatz blieb aufgrund der hohen Gefahr von Selbstentzündungen begrenzt.

089_Berliner Tageblatt_1886_01_31_Nr055_p22_Maschinenbau_Gasmotor_Benz_Mannheim

Neue Beweglichkeit, neue Betriebskraft (Berliner Tageblatt 1886, Nr. 55 v. 31. Januar, 22)

Im 19. Jahrhundert wurden die technischen Grundlagen für die Motorisierung und die Fließfertigung des 20. Jahrhunderts gelegt. Die Dampfmaschine dominierte, doch geringerer Wirkungsgrad und mangelnde Mobilität begrenzten ihre Einsatzmöglichkeiten. Aus Kohle gewonnenes Gas war seit den 1820er Jahren verfügbar, doch dauerte es viele Jahrzehnte, ehe der luxemburgisch-französische Erfinderunternehmer Étienne Lenoir (1822-1900) im Jahre 1860 einen ersten brauchbaren Gasmotor vorstellte, der trotz hoher Betriebskosten eine Alternative für Maschinen mit geringer Leistung bot. Der 1867 von dem Unternehmer Nicolaus Otto (1831-1891) und dem Ingenieur Eugen Langen (1833-1895) vorgestellte Flugkolbenmotor war deutlich effizienter und etablierte die 1872 als Aktiengesellschaft gegründete Gasmotoren-Fabrik Deutz als weltweit führenden Anbieter. Die beträchtlichen Defizite dieses Motors – hoher Lärmpegel und geringe PS-Leistung – wurden 1877 dann durch den Viertaktmotor, den Otto-Motor, großenteils behoben. Die mechanische Belastung war deutlich geringer, das Gas-Luft-Gemisch erreichte einen höheren Wirkungsgrad, die Lärmentwicklung schien erträglich und die Bedienung war einfacher. Bis 1886 wurde der Motor mit beträchtlichem Erfolg weltweit verkauft bzw. in Lizenz produziert. Das in diesem Jahr verlorene Patentrecht erlaubte dann wachsende Konkurrenz, deutlich niedrigere Preise, Neukonstruktionen mit höherer Leistung und schließlich auch den Einsatz im Motorfahrzeug mit Benzin als Treibstoff.

Fango, weibliche Doctoren,

090_Berliner Tageblatt_1899_01_01_Nr001_p14_Heilmittel_Fango_Sanatorium_Rheuma_Gicht

Fangokuren inmitten der Großstadt (Berliner Tageblatt 1899, Nr. 1 v. 1. Januar, 14)

Fango, also vulkanischer Schlamm, hat eine lange, bis weit in römische Antike zurückreichende Tradition. Einschlägige Kuren halfen vor allem bei Rheuma, Ischias und Gelenkentzündungen, hatten jedoch den Nachteil, dass Reisen in die Toskana oder aber Emilia-Romagna aufwändig und teuer waren. Fango war besonders fein, schmiegte sich dem Körper eng an und leitete zudem kaum Wärme. Analog den Heilwässern einzelner Bäder, die als Mineralwasser oder in Form konzentrierter Mineralsalze im letzten Drittel des 19. Jahrhundert auch zuhause anwendbar wurden, nahmen im späten 19. Jahrhundert Fangoimporte aus Italien rasch zu. Die im April 1897 gegründete Berliner Fango-Kuranstalt sowie die Fango-Importgesellschaft Walter & Co waren die Schrittmacher einer raschen Eingliederung der schweißtreibenden Fango-Behandlungen in den gängigen Kanon der Heilkunde.

091_Der Bazar_39_1893_p384_Frauenemanzipation_Frauenstudium_Medizin_Agnes-Bluhm_Franziska-Tiburtius_Emilie-Lehmus

Im Ausland promovierte, im Deutschen Reich praktizierende Doktorinnen (Der Bazar 39, 1893, 384)

Das 19. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Männer. Sie dominierten Politik und Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst. Frauen wurden als nicht gleichberechtigt angesehen, ein mögliches Wahlrecht schien undenkbar, war doch das Reich der Frau der Haushalt, die Kinderzucht, die liebende Sorge für den Mann. Die große Mehrzahl der bürgerlichen Frauen verteidigte strikt unterschiedliche Geschlechtscharaktere, die Mehrzahl der bäuerlichen und unterbürgerlichen Frauen litt dagegen unter Feld- und Fabrik- plus Hausarbeit. Ausnahmen gab es jedoch, zumal im späten 19. Jahrhundert. Die Bildungsfrage war ein wichtiges Feld der Emanzipation, erst in Volks- und Hauswirtschaftsschulen, dann in Fachschulen etwa für Krankenschwestern. Das Universitätsstudium blieb Frauen jedoch auch im späten 19. Jahrhundert noch verschlossen. Der Kampf der bürgerlichen und dann auch sozialdemokratischen Frauenbewegung um die schon im 18. Jahrhundert in Einzelfällen gewährte Zulassung zum Medizinstudium begann zwar mit zahlreichen Niederlagen, doch vereinzelt wurden Ausnahmen gewährt, kamen die jungen Damen doch oft aus gutem Hause, reüssierten lediglich als Gasthörerinnen. Rechtlich abgesichert wurde das Frauenstudium erst nach der Jahrhundertwende. Schon zuvor hatten jedoch eine kleine Zahl von Frauen im Ausland Medizin studiert, zumal in der deutlich liberaleren Schweiz. Die wenigen dann in Deutschland praktizierenden Doktorinnen dienten jedoch auch in eher konservativen Frauenzeitschriften als Rollenmodelle, widerlegten sie doch schlagend gängige Urteile über die vermeintliche Natur der Frauen.

Influenza, Heilsarmee,

092_Kladderadatsch_045_1892_Nr03_p05_Infektionskrankheiten_Influenza_Studenten_Alltagssexualität

Influenza als Entschuldigung im Alltagsleben, sei es für übergriffige Sänger oder faule Studenten (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 3, 5)

Während eine große Zahl von bakteriologischen Infektionskrankheiten im 19. Jahrhundert deutlich eingedämmt werden konnten, gab es gegen die Influenza nur passive Begrenzungsmöglichkeiten: Die Immunität durch überstandene Infektionen, die Separierung von anderen und eine möglichst breit angelegte Desinfektion des eigenen Umfeldes und des öffentlichen Raumes. Influenza und Grippe waren englische resp. französische Lehnwörter aus dem 18. Jahrhundert, die auf recht regelmäßige und grenzüberschreitende Epidemien verwiesen. Die Krankheit besaß ein Janusgesicht, erfolgte doch entweder rasche Heilung oder aber der Tod. Im 19. Jahrhundert gab es mindestens drei Influenza-Pandemien: 1830-1833 begann die Krankheit in China und führte vor allem in Spanien und den USA zu einer großen Zahl von Opfern. 1847-1848 startete die Pandemie wohl in Russland, traf anschließend fast den gesamten Mittelmeerraum und schließlich Westeuropa. Die gewiss folgenreichste Influenza-Pandemie des 19. Jahrhunderts war die sog. Russische Grippe, die 1889 einsetzte und erst nach verschiedenen Nachwellen 1895 endete. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1890, als in Europa etwa 270.000-300.000 Menschen starben, darunter etwa 66.000 Deutsche. Während die Bevölkerung eine große Zahl von Geheimmitteln und den kurz zuvor auf den Markt gekommenen Fiebersenker Antipyrin schutzsuchend kaufte, koppelte der Bakteriologe Richard Pfeiffer (1858-1945) seine Entdeckung eines neuen Bakterienstammes 1892 mit der Krankheit, so dass Influenza über Jahrzehnte als bakteriologische, nicht aber virologische Infektionskrankheit galt. Nach dem Tuberkulin-Skandal 1890 war dies ein zweites krasses Fehlurteil der ansonsten so segensreichen Arbeit der bakteriologischen Schule um Robert Koch (1843-1910).

093_Das Buch für Alle_22_1887_p516-7_Protestantismus_Heilsarmee_Wohlfahrtspflege_Paris_Katie-Booth_Gaststätte_Sozialarbeit

Hilfe, Temperenz und Mission: Katie Booth als Schwester der Heilsarmee in einer Pariser Gaststätte (Das Buch für Alle 22, 1887, 516-517)

Die Heilsarmee ist eine protestantische Kirche, die den Kern der biblischen Botschaft nicht im Gottesdienst, sondern in praktischer sozialer Arbeit sieht. Die „Salvation Armee“ stammt aus London und war seit 1865 die Antwort von William und Catherine Booth (1829-1912 resp. 1829-1890) auf die Not der Unterschichten in London. Den Krieg gegen das Elend führten sie mit einer militärischen Organisation, die Armenspeisungen, Obdachlosenbetreuung, Hilfe für Prostituierte und alleinerziehende Frauen mit der Verkündigung des Evangeliums, Antialkoholismus und einem strikten Tugendkatalog verband. Bemerkenswert: Männer und Frauen hatten von Anbeginn gleiche Rechte und Pflichten. Die Heilarmee finanzierte sich vorrangig durch Spenden, setzte dafür Musik, Gesang und Präsenz in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft ein. Die uniformierten Mitglieder, teils haupt-, meist ehrenamtlich tätig, waren seit 1886 auch im Deutschen Reich aktiv, wenngleich ihr martialisch-soziales Auftreten hier weniger Anhänger fand als in der englischsprachigen protestantischen Welt: „Die Heilsarmee steht an der Spree! Gar tückisch überfallen Hat sie die Reichshauptstadt und läßt ihr Kampfgeschrei erschallen“ (Kladderadatsch 43, 1890, 165).

Ethische Culturidee,

094_Fliegende Blaetter_190_1939_p044_Fragezeichen

Auf der Suche nach der Essenz vorhandener oder anzustrebender Kulturideen (Fliegende Blätter 190, 1939, 44)

Der immense Bedeutungsgewinn der Naturwissenschaften mündete in einen weit verbreiteten Empirismus und Materialismus, den nicht nur die Religionen kritisch sahen und im Materialismusstreit der Mitte des 19. Jahrhunderts strikt bekämpften. Innerhalb der Wissenschaften entwickelte sich seit den 1860er Jahren eine theoretisch reflektierte Geisteswissenschaft. Wirkmächtig war etwa Wilhelm Diltheys (1833-1911) strikte Trennung von erklärenden und verstehenden Wissenschaften. Die Vertreter des buntscheckigen Neukantianismus zielten seit dem späten 19. Jahrhundert auf eine breiter angelegte Erkenntnistheorie im kritischen Gefolge der Philosophie Immanuel Kants (1724-1804). Kultur wurde als Grundbegriff ernstgenommen und ausdifferenziert, Bildung, Vernunft und Kritikfähigkeit schienen zum vollen Menschen zu gehören und für eine ethischen Kultur unabdingbar zu sein.

Bogenlampen, Glühlichtstrümpfe,

095_Vossische Zeitung_1891_04_15_Nr173_p17_Beleuchtungsartikel_Gasglühlicht_Gaslampe_Bogenlampe

Lampen für drinnen und draußen (Vossische Zeitung 1891, Nr. 173 v. 15. April, 17)

Im frühen 19. Jahrhundert wurden die Städte heller: Tran, vor allem aber Gas ersetzten die bisher verwandten Brennstoffe Talg und Öl. Dennoch war die öffentliche Beleuchtung aus heutiger Sicht dunkel, flackernd und betreuungsintensiv. Physiker erprobten weitere Verbesserungen: Zog man zwei gegenüberliegende Kohlestäbe auseinander, so bahnte sich die Elektrizität einen Weg durch die Luft, wurde teils in Wärme umgesetzt und bewirkte so einen verbindenden Lichtbogen. Doch an der praktischen Umsetzung dieses Phänomens scheiterten lange Zeit Theoretiker und Praktiker, galt es doch für eine regelmäßige Energiezufuhr und ein geregeltes Abbrennen der Stäbe zu sorgen. Das gelang erst mit der Kombination von Generatoren und automatisch nachregulierenden Differential-Bogenlagen, die der Erfinderunternehmer Werner Siemens 1879 in Berlin präsentierte. Das Ergebnis war gleißendes, taghelles Licht, zuerst nur für öffentliche Plätze und Straßen, für Fabrikhallen und Leuchttürme. Auch wenn sich die Straßenbeleuchtung mit Gas noch Jahrzehnte behaupten konnte, setzte sich das anfangs deutlich teurere Elektrolicht mittelfristig durch.

096_Berliner Tageblatt_1893_11_05_Nr565_p11_Beleuchtungsartikel_Gaslicht_Gasglühlicht_Auerlicht

Der Kauf als Rechenexempel oder Auf dem Weg zur Massenverbreitung des Gaslichtes (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 565 v. 5. November, 11)

Die Gasbeleuchtung wurde Ende des 19. Jahrhunderts ganz wesentlich verbessert, wurde heller, sicherer und preiswerter. Der Grund lag in der Transformation von Wärme in Licht durch ein Medium, den sog. Glühstrumpf. Der Wiener Chemiker Carl Auer von Welsbach (1858-1929) hatte 1885 ein erstes Verfahren patentieren lassen, für das er ein Baumwollgewebe mit seltenen Erden so präparierte, dass es durch die Gasflamme zur Weißglut gebracht wurde. Es dauerte einige Jahre, bis die Lichtstärke und die Haltbarkeit des Glühstrumpfes wirklich überzeugen konnten, doch ein 1891 verbessertes Patent brachte dann den Durchbruch zu einer auch kommerziell erfolgreichen Verbreitung des Gasglühlichtes durch die 1892 gegründete Deutsche Gasglühlicht-Gesellschaft (Auer-Gesellschaft). Damit endete langsam die Zeit offenen, flackernden Lichtes.

Börsenkrachs, Parteigeschimpfe,

097_Illustrirte Zeitung_060_1873_p472_Wirtschaftskrisen_Gründerkrach_Börse_Wien_Börsenkrach

Die „Börsenkatastrophe“ in Wien am 9. Mai 1873 (Illustrirte Zeitung 60, 1873, 472)

Wirtschaftliche Rhythmen traten im langen 19. Jahrhundert an die Seite tradierter Ernterhythmen. Das neue kapitalistische System wurde geprägt von Boom und Hausse, von zyklischen Krisen und Aufschwüngen. Die Weltwirtschaftskrise von 1857 zeigte erstmals die möglichen globalen Verwerfungen von Zahlungseinstellungen lokaler Banken (damals in New York). Die Mutter aller Börsenkrachs war jedoch der der Wiener Börse 1873. Sie war die Folge einer rasch wachsenden Zahl von Aktiengesellschaften, einer geringen Regulierung, massiver Investition in Immobilien und eines durch die geplante Wiener Weltausstellung und den raschen Wirtschaftsaufschwung im benachbarten Deutschen Reich gespeisten Fortschrittsoptimismus. Die Spekulationsblase platzte Anfang Mai 1873 aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten einzelner Banken und den davon in Gang gesetzten Kaskadeneffekten. Nun purzelten die Kurse. Am 9. Mai, dem „schwarzen Freitag“ gingen zahllose Firmen insolvent, da eingegangene Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllt werden konnten. Dies war der Beginn eines globalen „Gründerkrachs“, der eine längere Phase geringeren Wachstums einleitete. Börsenkrachs kamen auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder vor, wurden jedoch – ähnlich wie Missernten – als gleichsam natürliche Reinigungsprozesse eines dynamischen Wirtschaftssystems verstanden.

098_Der Wahre Jacob_01_1884_p08_Sozialpolitik_Sozialversicherung_Unfallversicherung_Parteien_Bismarck

Parteienstreit um die Sozialversicherung 1884 anlässlich der Etablierung der Unfallversicherung (Der Wahre Jacob 1, 1884, 8)

Parteiengeschimpfe ist ein abschätziger Begriff für die Essenz politischer Parteien: Meinungen zu bilden und zu filtern, Regierungsmaßnahmen in Frage zu stellen, Alternativen zu Gesetzesvorhaben und Verwaltungshandeln aufzuzeigen. Das geschah schon durch die Fraktionen des Paulskirchenparlaments 1848/49. Nur langsam bildeten sich daraus politische Parteien, waren die damals dominierenden liberalen Kräfte doch keineswegs straff organisiert. Das galt eher für die Repräsentanten staatlich verfolgter Minderheiten, also der Sozialdemokraten und der Katholiken. Zentrum und SPD standen in Opposition zur Regierung, bekämpften die Reichspolitik unter Bismarck. Ihr „Geschimpfe“ – ebenso wie das der Linksliberalen – hatte jedoch einen wachsenden Einfluss auf die Politik und insbesondere die Öffentlichkeit.

„Hurrah“- Ruf statt „Hoch“ Geschrei,

099_Kladderadatsch_061_1908_Nr48_p190_Automat_Hurra_Bürgertum_Nationalismus

Verordneter Hurra-Patriotismus modern – Ein Hurra-Automat anlässlich des neuen Hurra-Exerzier-Reglements von 1908 (Kladderadatsch 61, 1908, Nr. 48, 190)

Als 1899 eine Reihe alldeutscher Reichstagsabgeordneter den Lobgesang auf Kolonialerwerb und Zollkrieg gesungen hatten, kommentierte der sozialdemokratische Vorwärts lapidar: „Mit solchen Hurra-Komödien ist im deutschen Reichstag nichts zu machen“ (Vorwärts 1899, Nr. 88 v. 15. April, 1). Hurra – das war ein Schlachtruf, aufgekommen während der sog. Befreiungskriege gegen Napoleons Hegemonie. Theodor Körners (1791-1813) „Lützows wilde verwegene Jagd“ fasste ihn in Reime: „Das Hurrah jauchzet. Die Büchse knallt. Es stürzen die fränkischen Schergen“. Als solcher blieb der Hurra-Ruf das ganze 19. Jahrhundert Ausdruck des Patriotismus, der Pflichterfüllung im Angesicht des Feindes – und mit Hurra gingen deutsche Kavalleristen noch im Ersten Weltkrieg zum Angriff über. Das Hoch war weniger martialisch, stärker monarchistisch, insgesamt ziviler. Den König, den Schützenkönig, den ließ man hochleben. Selbst auf die Sozialdemokratie konnte man ein dreifaches Hoch ausbringen (Der Sozialdemokrat 1887, Nr. 48 v. 25. November, 4). Allseits gebräuchlich, polarisierte diese Injektion weniger. Anders das Hurra: Inbrünstig gerufen vom kaisertreuen Wilhelminer, strikt verdammt als Hurra-Patriotismus durch Linke und Linksliberale: „Ohne Schadenfreude, aber mit der Bitterkeit einer unerbittlichen Kritik muß man sich mit der Thatsache abfinden, daß der Hurrahpatriotismus die deutsche Bourgeoise in allen Gliedern verseucht“ hat (Vom Hurrahpatriotismus, Neue Zeit 18, 1900, 161-164, hier 163). Ein Hoch diesem Schreiberling!

Dr. Schenks Austüftelei,

100_Börsenblatt fuer den Deutschen Buchhandel_065_1898_03_22_Nr066_p2220_Bücher_Embryologie_Leopold-Schenk_Geschlecht_Schallehn-Wallbrück

Ankündigung einer wissenschaftlichen Sensation (Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 65, 1898, Nr. 66 v. 22. März, 2220)

1898 wurde das Buch „Einfluß auf das Geschlechtsverhältniß“ mit „ungewöhnlicher Spannung“ (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1898, Nr. 98 v. 4. März, 2) erwartet. Der Wiener Embryologe Leopold Schenk (1840-1902) legte darin die Quintessenz seiner langjährigen Forschungen vor. Er suggerierte, das Geschlecht Neugeborener bestimmen und beeinflussen zu können. Entscheidend sei die Ernährung der Mutter. Der Harnzucker müsse verschwinden, der Eiweißkonsum steigen, dann sei die Chance sehr hoch, einen Knaben zur Welt zu bringen. Schenk argumentierte differenziert, forderte Einzeluntersuchungen, wandte sich gegen schematische allgemeingültige Ratschläge. Just das aber erfolgte in der Öffentlichkeit, dann auch in den Karikaturzeitschriften nicht nur der österreichischen Metropole. Die folgende wissenschaftliche Kritik war verheerend, führende Mediziner verdammten Schenks Theorie in Bausch und Bogen. Der bewährte und fachlich versierte außerordentliche Professor, der kurz vor der Veröffentlichung vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertiert war und seinen Vornamen von Samuel in Leopold geändert hatte, geriet nun unter massive Kritik an der Wiener medizinische Fakultät (Christine Schreiber, Natürlich künstliche Befruchtung? Eine Geschichte der In-vitro-Fertilisation von 1878 bis 1950, Göttingen 2007, 56-64). Schenk wurde vorgeworfen, halbgare Theorien um des eigenen Vorteils willen mittels ungebührlicher Reklame verbreitet zu haben. Die fast durchweg katholischen Kollegen forderten den Verweis von der Universität, dem Schenk unter Gejohle antisemitischer Presseorgane durch einen Antrag auf vorzeitige Pensionierung 1900 zuvor kam. Er starb kurz darauf an einem Herzschlag.

Robert Mayers Theorie,

101_Ueber Land und Meer_049_1878_p685_Physiker_Robert-Mayer_Thermodynamik

Robert Mayer, Grundlagenforscher (Über Land und Meer 49, 1878, 685)

Energie kann nicht verschwinden oder aber aus dem Nichts entstehen. In einem geschlossenen System entweicht sie nicht, kann einzig in andere Energieformen überführt werden. Dieser erste Hauptsatz der Thermodynamik stammt von dem Heilbronner Arzt Robert Mayer (1814-1878). Er bildete Grundlage für die pointiertere Formulierung des Energieerhaltungssatzes durch den Naturforscher Hermann Helmholtz (1821-1894) im Jahre 1847. Mayer war kein Universitätsgelehrter, sondern zog Schlüsse aus empirischen Beobachtungen seiner Umwelt. Wärme und Bewegung seien komplementäre Phänomene, die wechselseitig umwandelbar seien: Wasser erhitzt sich also, wenn es geschüttelt wird, Körper geben bei hohen Geschwindigkeiten weniger Wärme ab als bei niedrigen. Mayer war nicht recht in der Lage, diese Erkenntnis in eine naturwissenschaftlich akzeptable Sprache zu übersetzen. Doch seine Theorie war eine der wichtigsten Grundlagen für den Maschinenbau ab Mitte des Jahrhunderts.

Falb-Prognose (stimmt fast nie!),

102_Oesterreichisch-ungarische Buchhaendler-Correspondenz_36_1896_p116_Bücher_Sachbücher_Erdbeben_Rudolf-Falb_Wetterprognose

Rudolf Falb als populärer Sachbuchautor (Österreichisch-ungarische Buchhändler-Correspondenz 36, 1896, 116)

„Nur eine Kategorie der Wahrsagerei blüht heute noch öffentlich, hat öffentlich ihre Propheten und öffentlich auch unter den Bestgebildeten ihre Gläubigen: die Wahrsagung des Wetters“ (Ed[uard] Brückner, Wetterpropheten, Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft von Bern 19, 1903/04, 101-115, hier 101). Dieses Verdikt zielte nicht zuletzt auf Rudolf Falb (1838-1903), einem der vielen Wissenschaftspopularisier des späten 19. Jahrhunderts. Sein Leben war bewegt: Geboren in Österreich wurde er zum katholischen Priester geweiht, geriet wegen seiner naturkundlichen Forschungen in Konflikt mit der Kirche, trat aus und 1872 zum Protestantismus über, verließ seiner Frau halber auch Österreich, wurde 1887 Sachse, starb in Schöneberg. Dazwischen lag ein kontroverses Publizisten- und Forscherleben. Falb bereiste mehrere Jahre den amerikanischen Kontinent, entwickelte danach eine Theorie der Erdbeben, die er auf Konstellationen von Sonne, Mond und Erde und den daraus resultierenden Springfluten im Magma zurückführte. Mehrere seiner Prognosen traten denn auch ein. Für Falb war dies Anlass, nach mehr zu greifen, nach einer langfristigen Vorhersage des Wetters auf Grundlage „kritischer Tage“. Diese Prognosen wurden vielfach gedruckt, trafen mal zu, mal nicht. Falb war zumal in den 1870er Jahren ein populärer Wanderredner, danach ein erfolgreicher Sachbuchautor und schrieb auch frühe Science-Fiction. Er, der immer den großen Wurf gewagt hatte, wurde 1897 durch einen Schlaganfall gelähmt und zahlungsunfähig, doch eine im deutschen Sprachraum durchgeführte Falb-Spende ergab genügend Resonanz, um ihm einen würdevollen Ausklang seines Lebens zu erlauben.

Dreyfus-Sache, Zola-Briefe,

103_Illustrirte Zeitung_113_1899_p210_Frankreich_Militärgericht_Dreyfus-Affäre_Alfred-Dreyfus

Militärverfahren gegen Hauptmann Dreyfus in Rennes 1899 (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 210)

Kaum ein Ereignis hat Frankreich und auch die europäischen Nachbarn im späten 19. Jahrhundert stärker bewegt als die Dreyfus-Sache. Der aus dem elsässischen Mühlhausen stammende jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus (1859-1935) war 1894 von einem Kriegsgericht wegen Landesverrats zu lebenslanger Haft und dann zur Verbannung auf die Teufelsinsel verurteilt worden. Er wurde öffentlich degradiert. Die Indizien waren dürftig, Dreyfus beteuerte seine Unschuld. Freunde, Verwandte und seine Frau hielten den Fall in der Öffentlichkeit, 1896 wurden entlastende Indizien gefunden. Doch nun begann der eigentliche Skandal, der in seiner Perfidie nur mit einer tiefgreifenden Staatsgläubigkeit und dem Antisemitismus führender französischer Militärs und Politiker erklärt werden konnte. Der eigentliche Verräter wurde 1898 freigesprochen, der Aufklärer in der Verbannung geschickt. Als 1899 der Prozess gegen Dreyfus neuerlich aufgerollt wurde, endete er mit einem neuerlichen Schuldspruch. Die französische Öffentlichkeit war darüber strikt gespalten, gerade der katholische Klerus argumentierte mit antijudaistischen Klischees und der Autorität des Staates (statt auf den ungerechtfertigt angeklagten und verurteilten Christus zu verweisen). An den wichtigsten Fakten aber war kaum mehr zu rütteln. Dreyfus wurde 1899 begnadigt, ein Amnestiegesetz erlassen. Die eigentliche Rehabilitation zog sich jedoch bis 1906 hin. Die Dreyfus-Affäre unterstrich die immensen Probleme einer eigenständigen Militärgerichtsbarkeit, einer Politik der Gefälligkeiten und des Postentausches, einer mit dem Staat eng verwobenen Kirche. Doch es gab auch eine letztlich obsiegende kritische Gegenöffentlichkeit. Im Deutschen Reich wurde die Affäre umfassend verfolgt, denn auch dort gab es eine konservativ-reaktionäre Offizierskaste mit eigener Militärgerichtsbarkeit, eine Hofkamarilla, weit verbreiteten Antisemitismus sowie eine großenteils antisemitische protestantische Kirche, deren Oberhaupt der Monarch war.

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Der Erfolgsschriftsteller Emile Zola als Prototyp des kritischen Intellektuellen (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 26, 3)

J’Accuse…! Kaum ein Pamphlet ist bekannter als Emile Zolas (1840-1902) 1898 veröffentlichter offener Brief an den französischen Präsidenten Felix Faure (1841-1899). Anlass war der Freispruch des für deutsche Quellen spionierenden Ferdinand Walsin-Esterházy (1847-1923) durch ein Militärgericht – in offenkundiger Missachtung der Fakten. Militärs, Politiker und Klerikale hielten dagegen an der Schuld des jüdischen Hauptmannes Alfred Dreyfus fest. Vor Zola hatten mehrere Journalisten den Fall aufgerollt, doch nun klagte einer der erfolgreichsten Schriftsteller Frankreichs an. Sein 1871 bis 1893 erschienener, zwanzig Romane starker Zyklus „Die Rougon-Macquart“ war ein naturalistisches Sittengemälde Frankreichs, schilderte die Konsumgesellschaft von Paris (Der Bauch von Paris (1873), Das Paradies der Damen (1883)), aber auch die Not der Unterschichten (Germinal (1885)). J’Accuse…! war der Höhepunkt zahlreicher Artikel Zolas, die erst in „Le Figaro“ erschienen. Die Zeitschrift weigerte sich, mehr zu drucken, es folgten zwei Broschüren, dann schließlich das Pamphlet in der Literaturzeitschrift „L’Aurore“. Antijüdische Pogrome folgten, Zola wurde angeklagt. Nun aber antwortete auch das laizistisch-liberale Frankreich und die Sozialisten, stellten sich hinter Zola, forderten die Revision der Willkürurteile. Der Prozess erfolgte in aufgeheizter Stimmung, geriet trotz eines Schuldspruches zum Desaster für die Militärs. Das Urteil wurde aufgehoben, doch Zola abermals mit einer Geldstrafe und einer einjährigen Haftstrafe belegt, der er sich durch Flucht in das britische Exil entzog. Kurz danach wurde er rehabilitiert. Er kehrte zurück als Prototyp einer neuen moralischen Instanz, des unerschrockenen Intellektuellen. Als Zola 1902 starb, hielt auch der inzwischen freigelassene Alfred Dreyfus Totenwache an seinem Sarg.

Richard Wagners Leitmotive,

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Ein deutsches Leitmotiv: Richard Wagner-Denkmäler (Kikeriki 23, 1883, Nr. 17 v. 1. März, 3)

Richard Wagner (1813-1883) war ein egozentrischer Neuerer, ehrsüchtig, samt- und seidenabhängig, neidisch auf alles, was sich seinem Primat nicht fügte. Sein schillerndes Wesen kreiste um ihn selbst, auch als demokratischer Revolutionär, als Alter Ego des bayerischen Kinis, als ein notorischer Antisemit, als Mythenbilder aus Versatzstücken der nordisch-germanischen Epen. Als Komponist begann er grandios konventionell, „Rienzi“ (1842) und „Der Fliegende Holländer“ (1843) begründeten seine Stellung. Wagner war Dirigent und Musiktheoretiker, verstand sich auf kleine Formen, auch Lieder. Er wollte alles, Musik, Drama, Volkserziehung, eine neue Ästhetik. Dies mündete in der Idee des „Gesamtkunstwerks“, das 1876 eröffnete Festspielhaus in Bayreuth wurde zu dessen Tempel. Wagners Opern, zumal „Der Ring des Nibelungen“, zielten auf Entwicklung, auf Handlung, legten etwas dar, folgten schicksalsträchtigen Geschichten. Die Komposition begleitete und leitete dies, verband Personen und Themen mit wiederkehrenden Leitmotiven. Kein anderer Komponist des späten 19. Jahrhunderts war derart wirkmächtig, der Neutöner revolutionierte die Musik weltweit. Die Schönheit der Parzival-Ouvertüre, die traurige Wuchtigkeit von Siegfrieds Todesmarsch und die Innerlichkeit der Rheingold-Ouvertüre faszinieren bis heute – doch ebenso zieht sich der Antisemitismus und Rassismus von Wagner und seinem Familienclan wie ein Leitmotiv durch die Geschichte des späten 19. und des 20. Jahrhunderts.

Nordpolfahrten, Schweizerpillen,

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Einkreisung des Ziels: Polarstationen 1882 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 516)

Der Mensch erforscht und entdeckt die weißen Flecken auf der Landkarte – dies war ein Leitmotiv des 19. Jahrhunderts, seiner von Abenteurerromantik und Draufgängertum gekennzeichneten geographischen Expeditionen. Das Rennen zu den Polen war Thema der Gazetten, auch wenn aus heutiger Sicht der Nordpol 1909 weder durch den US-Ingenieur Robert E. Peary (1856-1920), noch durch den US-Arzt Frederick A. Cook (1865-1940) erreicht worden ist. Der Wettlauf zum Nordpol begann allerdings deutlich früher, ging einher mit verbesserten Schiffen und leistungsfähigerer Ausrüstung. Er war ein Prestigekampf zwischen Nationen, nicht umsonst stachen bei der ersten deutschen Arktisexpedition 1869 die Germania und die Hansa in See. Weitere folgten. Dennoch war die Polarforschung nicht nur nationales, sondern auch internationales Streben, das erste internationale Polarjahr 1882/83 zeugte davon. Die Karte dokumentiert die Lage der zwölf nördlichen Stationen, allesamt von einzelnen Staaten betrieben, allesamt Ausgangspunkte für das Erreichen des Nordpols. In den 1890er Jahren gab es drei nennenswerte Versuche, die sämtlich scheiterten. Der Norweger Fritjof Nansen (1861-1930) ließ sich mit der Fram vom Packeis einschließen und schaffte es nicht, mit der Drift zum Ziel zu kommen. Der Schwede Salomon Andrée (1854-1897) starb mit zwei Kollegen beim Versuch, mittels eines Wasserballons den nördlichsten Punkt der Erde zu erreichen. Die Expedition des Italieners Luigi Amedeo von Savoyen (1873-1933) scheiterte 1899 mit der Stella Polare nur knapp. Zur Jahrhundertwende schien der Sieg über Kälte und Packeis unmittelbar bevorzustehen. Karikaturzeitschriften veröffentlichten derweil Totentänze, präsentierten hungrige Eisbären als die eigentlichen Sieger des menschlichen Strebens. Und doch war klar, es würde gelingen.

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Ein unübertroffenes Geheimmittel (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2222, 3)

Die Schweizerpillen des Apothekers Richard Brandt waren ein typisches Geheimmittel, Ausdruck einerseits der Unzulänglichkeit der vorhandenen Pharmazeutika, anderseits des nicht still zu stellenden menschlichen Glaubens an lebensrettende und leidensverringernde Hilfsmittel. Ersonnen hatte dieses aus Enzian, Aloe, Moschusgarbe, Wermut, Bitterklee und Silge bestehende „blutreinigende“ und abführend wirkende Präparat der Frankfurter Kaufmann Gottfried Leonhard Daube (1842-1917) 1876 – nicht im Detail, wohl aber im Grundsatz. Der Inhaber einer Annoncenexpedition hatte schon 1874 die Handelsgesellschaft Elnain & Co. für den Vertrieb von Heilmitteln und Kosmetika gegründet. Sie verkaufte auch Produkte des Paderborner Apothekers Richard Brandt (1829-1893), der nun als seriöser Markenkopf auserwählt wurde. Dieser war im Zahlungsverzug, ging daher bereitwillig auf den Vorschlag Daubes ein, ins Schweizer Schaffhausen überzusiedeln und dort ein Kräuterpräparat zu schaffen, dass dann mit Hilfe der von Daube 1876 mitbegründeten Firma Morgenstern & Co. massiv beworben wurde. Der Erfolg gab ihm Recht, denn nach kurzer Zeit waren vierzig Beschäftigte in der Schweiz tätig, die Schweizerpillen herzustellen, zu verpacken und zu verschicken. Die Werbung schuf Nachfrage, Apotheken schien es daher ratsam, das Geheimmittel zu führen, auch wenn sie weder dessen genaue Zusammensetzung kannten und die Hauptbestandteile deutlich billiger hätten zusammenmengen können (vgl. Rudolf Schmitz und Elmar Ernst, G.L. Daube und die „Schweizerpillen“, Beiträge zur Geschichte der Pharmazie 23, 1971, 19-22). Das Markenprodukt etablierte sich rasch, wurde seinerseits verfälscht, scheinbarer Garant seiner unvergleichlichen Wirkung.

Reinculturen von Bacillen,

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Die Reinkultur des Tuberkelbazillus, mit Fuchsin gefärbt, 700-fache Vergrößerung (Emile van Ermengem, Neue Untersuchungen über die Cholera-Mikroben, Wien 1886, Tafel II)

Das 19. Jahrhundert ist geprägt durch ein Eindringen in organische und anorganische Sphären – die anders als im ordnenden und kategorisierenden späten 18. Jahrhundert zunehmend auch den nicht sichtbaren Bereich umfassten. Das 1869 vorgestellte Periodensystem der Elemente ist dafür ein gutes Beispiel. Die Erkundung der „Natur“ der Stoffe machte deutlich, dass Leben Mischung war. Dies zeigte sich in chemischen Reaktionen, aber auch an den symbiotischen Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen, etwa innerhalb der menschlichen Darmflora. Für analytische Zwecke und praktische Forschung war es jedoch unabdingbar, den Stoffen selbst auf den Grund zu gehen, sie zu isolieren und dann rein in den Blick zu nehmen. Dies setzte eine apparative Ausstattung voraus, zumal leistungsfähige Mikroskope (und damit die Kombination von optischer und feinmechanischer Industrie). Das galt insbesondere für Bakterien, also einzelligen Lebewesen. Sie wurden von dem Botaniker Ferdinand Cohn (1828-1898) in den frühen 1870er Jahren präzise beschrieben und kategorisiert. Nicht zuletzt auf dieser Grundlage konnte Robert Koch 1876 den Milzbranderreger sehen. Wichtig aber war, dass er dann aus dem Blut infizierter Tiere herausgezogen und in großen Mengen reproduziert werden konnte. Dazu bedurfte es neuer Nährmedien. Koch experimentierte, vermischte dann das Untersuchungsmaterial mit zuvor verflüssigter Nährgelatine und goss diese auf sterilisierte Glasplatten. Die abgekühlte Gelatine trennte die verschiedenen Bakterienstämme voneinander, bot ihnen aber zugleich Nährstoffe. Die einzelnen Bakterienkulturen konnten dann voneinander getrennt und gesondert analysiert werden. Auch Robert Kochs weitere Forschungen gründeten auf entsprechenden Fortschritten bei der Entwicklung von Reinkulturen. Bis heute bekannt ist etwa die von Julius Petri (1852-1921) 1887 entwickelte Petrischale.

Wasmuths Hühneraugenringe

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Werbung für Wasmuths Hühneraugenringe in der Uhr (Fliegende Blätter 103, 1895, Nr. 2629, Beibl. 4, 1)

Diese Anzeige ist altbacken konventionell, doch die 1892 mit der Markteinführung des Produktes – in origineller Blechverpackung verkaufte Hühneraugenpflaster – einsetzende Werbekampagne setzte Maßstäbe für großformatige illustrierte Anzeigen, die sowohl die „Plakatkunst“ der Jahrhundertwende (erst jugendstilartig, dann Prototypen der Neuen Sachlichkeit) vorwegnahmen, als auch die Werbung vom beworbenen Produkt trennten. Sie steht für die allgemeine Kommerzialisierung am Beginn der Massenkonsumgesellschaft. Dazu, und auch der Vorwegnahme comicartiger Reklame, wird es noch dieses Jahr einen eigenen Artikel in diesem Blog geben.

und noch tausend andere Dinge

Nun, diesen müssen wir uns nicht widmen. Das dergestalt illustrierte und kommentierte Gedicht riss in der Tat zentrale Errungenschaften an, die das Leben um 1900 zu einem im Vergleich zu 1800 deutlich besseren gemacht haben. Es strahlt, trotz steten Augenzwinkerns, den Fortschrittsoptimismus dieser Zeit aus, nicht aber die Zweifeleien, die ansonsten den Fin de Siècle kennzeichneten. Der Autor blickte nach vorn, voll Stolz auf das Errungene, voll Hoffnung gegenüber der Zukunft. Er tat dies ohne Häme, verzichtete auf Verdammungen und Ausgrenzungen, verbreitete Optimismus nach dem Neujahrstag. Vieles, vieles fehlt, gewiss. Doch mir scheint, wir, die wir so viel reicher, so viel abgepufferter, so viel klüger sind als der Autor, könnten zumindest von dessen Grundhaltung lernen, uns erfreuen an der so faszinierenden Welt, die uns umgibt und deren Teil wir im frühen 21. Jahrhundert sind.

Uwe Spiekermann, 9. Mai 2020

Der Corona-Shutdown der Läden und Geschäfte – Die „Lockerungen“ in Hannover am 20. April 2020

Der Corona-Shutdown bestimmt und belastet das Land – Grundrechte sind suspendiert, die Debattenkultur in den führenden Zeitungen orientiert sich an den Vorgaben der Regierungen. Kritisch berichten die vielen im „Home-Office“ sitzenden und von Kurzarbeit gebeutelten Journalisten lieber über die dramatische Lage im Ausland, wo immer wieder die „Hölle“ aufscheint. Hierzulande aber macht sich öffentlich ein schwer erträglicher Stolz breit, denn die absoluten und relativen Sterbeziffern liegen niedriger als in vergleichbaren europäischen Staaten – auch wenn am Beispiel von Schweden zu diskutieren sein wird, ob der am 17. März einsetzende „Shutdown“ in diesem Umfang und mit diesen ökonomischen und gesellschaftlichen Verwerfungen nötig gewesen wäre. Deutsche Selbstzufriedenheit auch in der Corona-Krise.

Doch der Blick richtet sich zugleich auch nach vorne, denn mit dem heutigen Datum, dem 20. April, sind weitere „Lockerungen“ in Kraft getreten, nachdem Anfang letzter Woche erste Geschäfte den Anfang machen durften. Sie erfolgen homöopathisch, bleiben deutlich hinter denen etwa in Österreich zurück; doch der gemeine Mann, die gemeine Frau freuen sich auch über ein bisschen mehr Freiraum, über vielleicht weniger brachiale ökonomische Folgen des „Shutdowns“. Die „Lockerungen“ wurden in Niedersachsen per Verordnung – also ohne Einbezug des Niedersächsischen Landtages – am 17. April verkündet: Entscheidend in dieser gegenüber dem 17. März novellierten Verordnung zum Schutz vor Neuinfektionen mit dem Corona-Virus waren die Paragraphen 3, Abs. 7 sowie der Paragraph 8. Demnach war es ab dem 20. April 2020 wieder zulässig, eine Reihe Verkaufsstellen und Geschäfte zu öffnen, wenn sie einerseits nicht mehr als 800 m² Verkaufsfläche tatsächlich nutzten, Mindestabstände von 1,5 m zwischen den Kunden sicherstellten und einige weitere Grundbedingungen gewährleisteten, um zu dichte Menschenansammlungen zu vermeiden (Niedersächsisches Gesetz- und Verordnungsblatt 74, 2020, Nr. 10 v. 17. April, 74-78, hier 76, 77).

Nachdem ich vor einem Monat die unmittelbaren Auswirkungen des „Shutdowns“ in den Läden und Geschäften eines Abschnittes von Hannovers Podbielskistraße näher in den Blick genommen hatte, interessierte mich nun, wie diese moderaten Maßnahmen umgesetzt und kommuniziert wurden, ob und, wenn ja, wie sich die Szenerie verändert hat. Aus diesem Grunde habe ich dort neuerlich eingekauft, bin dabei die gleiche Strecke abgegangen und habe knapp sechzig Photos erstellt, um mir einen Reim auf die Veränderungen vor Ort zu machen.

Fehlende Alltagssensibilität

Am Anfang einige Eindrücke: Die Zahl der Passanten in der Podbielskistraße lag nur geringfügig unter denen vor Beginn der Corona-Krise. Die Mehrzahl ging ihrer Arbeit nach, nutzte den öffentlichen Nahverkehr, machte Grundbesorgungen. Die Menschen waren diszipliniert, hielten Abstand, teils wurde auf Dritte gewartet, um diese passieren zu lassen. Gleichwohl war es nicht unüblich, dass auch auf den nicht allzu breiten Bürgersteigen Paare nebeneinander gingen und sich davon auch durch andere nicht abbringen ließen. Dies galt noch mehr für Familien mit kleinen Kindern, die sich offenbar auf die veränderte Situation immer noch nicht eingestellt hatten.

Verwunderlicher noch war, dass Masken kaum getragen wurden – dies ist in den benachbarten Großstädten Wolfsburg und Braunschweig seit kurzem Pflicht. Der Anteil lag bei deutlich unter zehn Prozent. Besondere Muster konnte ich nicht erkennen – einzig Ältere verzichteten durchgängig auf derartige Kleidungsstücke. Die umfangreichen Diskussionen in den Medien sind offenbar am Alltag der Mehrzahl vorbeigegangen. Jeder, der diese verfolgt oder sich gar vertiefend informiert hat, weiß gewiss um den nur begrenzten gesundheitlichen Nutzen einfacher Gesichtsmasken. Jeder könnte aber auch verstanden haben, dass sie andere ansatzweise schützen, dass sie vor allem aber ein Zeichen der Rücksichtnahme sind, ein Symbol gemeinsamen Bemühens um Krisenminimierung. Dieses Land, in weiten Teilen so stolz darauf, sensibel auf ethnische, kulturelle oder aber geschlechtliche Unterschiede einzugehen, zeigt in der Corona-Krise ein anderes Gesicht: Es fehlt an Sensibilität für die möglichen Gefährdungen von anderen (am deutlichsten natürlich in der sträflichen Vernachlässigung der Altenheime und des Pflegesektors). Die Zivilgesellschaft bedarf offenbar des Befehls.

Der Alltag war, so mein Eindruck, von Sorge um die eigene Befindlichkeit geprägt. Die Passanten wichen aus, weil sie selbst einem Kontakt ausweichen wollten, nicht aus Sorge um andere. Entsprechend ernst waren sie, von Freude über die leichten „Lockerungen“ zeigte sich keine Spur. Ihr Alltag war offenkundig von Abstrichen und Entbehrungen gekennzeichnet, vom Willen zum Durchkommen und abstrakten Pflichterfüllungen. Lachen fehlte – und bei mehr als 90 Prozent derer, die mit blankem Antlitz und vielfach nicht allein durch die Straßen gingen, wäre dies anders zu erwarten gewesen.

Kontinuität des „Shutdown“

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Keine Änderung seit dem „Shutdown“ am 17. März

Doch mein Blick galt stärker den Verkaufsstätten: Bemerkenswert war erst einmal, dass eine beträchtliche Zahl von Läden und Geschäften ihre Informationen nicht geändert hatte. Mehr als ein Drittel konnte ich schon vor einem Monat exakt so einfangen, sieht man einmal vom langsamen Verbleichen des Papiers ab. Die Kundenansprache blieb gleich rudimentär, mochte die Krise auch weitergehen.

Krisennachrichten

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Quarantäne erforderlich? Dank und unbestimmter Abschied

Doch es gab Ausnahmen. In einem Laden erläuterte ein Blatt die zwischenzeitlich erforderliche temporäre Schließung mit einem „Corona-Fall“. Man spürt zwischen den Zeilen die Verbundenheit mit den lieben Kunden, das Bedauern um dieses Geschehen, die kopfschüttelnd wahrgenommene neue Situation.

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Nun ohne zeitliche Begrenzung. Aktualisierte Notiz eines Gastronomen

Andere Veränderungen kamen klein daher, mit einfachem Ausstreichen. Auf der obigen Notiz wurde „erstmal bis zum 15.04.2020“ getilgt. So zerstoben Hoffnungen auf Kontinuität, auf Arbeit, auf Gastlichkeit eines etablierten „China-Restaurants“. Man kann die Geschichten dahinter kaum erahnen, das Warten, den Wunsch nach einer Änderung, all die damit verbundenen Fragen nach der Zukunft des Betriebes, der eigenen Existenz. Ist wirklich genug Geld dar? Reicht Geld allein?

Neue Angebote

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Einst Ausdruck „asiatischer Hysterie“, heute einen Marktchance

Doch derartige Rückfragen sind nicht erwünscht in einem Lande, in dem sie als „Öffnungsdiskussionsorgien“ denunziert werden, in dem diese Nöte keine Foren haben, keine Öffentlichkeit. Wahrlich, auf diese irrlichternde Politik, die ihre Ziele selbstgerecht setzt und verändert, kann man nicht setzen. Stattdessen dokumentierten die Inhaber kleiner Geschäfte ihren Fleiß, ihre „Flexibilität“ abseits des nicht möglichen „Home-Office“. Insgesamt drei Aushänge wiesen Kunden auf Masken hin, selbst genäht und bunt. Werden Sie gekauft und getragen werden? Oder war auch dies nur wieder eine der gängigen öffentlichen Debatten, Palaver ohne Widerhall?

Masken wurden von Änderungsschneidereien angeboten, nun systemrelevant. Andere Aushänge präsentierten Telefonnummern, wo sie geordert werden konnten. Die große Mehrzahl der Geschäfte aber blieb bei ihren tradierten Angeboten. Bringdienste, zuvor eine Hilfe in der Krise, wurden beibehalten, traten aber nun, angesichts frischer Blumen oder erster Speisen, wieder in den Hintergrund.

Professionalisierte Umsetzung der Sicherheitsvorgaben

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Eine vorbildlich geführte Apotheke – außen wie innen

Die deutlichste Veränderung im öffentlichen Raum war die präzise Umsetzung der in § 8 der Verordnung vom 17. April festgelegten Mindestsicherheitsvorgaben. Kaum Änderungen gab es in der unten abgebildeten Apotheke, die schon vor dem „Shutdown“ professionell agiert hatte. Außen klare Verhaltensvorschriften, Ein- und Ausgang voneinander getrennt. Innen die nun üblichen Plexiglasabdeckungen, Bedienstete mit Gesichtsmasken und Hygienehandschuhen. Einzig der kleine Stand mit Handseife wurde abgebaut, war er vielleicht doch etwas zu viel des Guten. Diese Apotheke belegte, dass man auch auf kleiner Grundfläche gut auskommen kann.

Die professionalisierte Umsetzung zeigte sich vorrangig – aber nicht durchgehend – bei kapitalkräftigeren Unternehmen, zumal bei Bäckerei- oder Lebensmittelketten. Üblich waren vor allem Hinweise auf das Abstandhalten und Leitsysteme für Ein- und Ausgänge. Innen gab es meist Plexiglasabdeckungen. All dies war vom guten Wetter und der nicht sonderlich hohen Kauffrequenz geprägt. Stärkerer Andrang und Regen würden die Szenerie gewiss ändern. Festzuhalten aber ist, dass die Vorgaben auch durch wieder geöffnete kleinere Geschäfte umgesetzt werden. Die teils etwas ungelenken Skizzen, Appelle und Hinweise waren klar nachvollziehbar, zeigten zugleich, dass es den Inhabern Ernst war mit der Sorge für ihre Kunden und dem Gedeihen ihres Geschäftes.

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Transformation von Ein- und Ausgängen

Das galt auch für die einzige Ergänzung gegenüber der Zeit des „Shutdowns“. Ein für die Stadt im Frühjahr unverzichtbarer Verkaufsstand eines Spargel- und Obstbauerns lockte wie in vergangenen Jahren, fügte aromatisches Rot und Grün, die Farbe der Frische, in die ansonsten eher farbarme Umgebung. Neu aber war die große transparente PVC-Scheibe. Man sah, was es gab, orderte, was man mochte, nahm die Bestellung dann vom Tresen links und rechts.

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Dank Erntehelfern wieder frisch auf den Tisch: Saisonaler Spargel- und Erdbeerstand

Security oder Sicherstellung der Ordnung

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Sicherheitspersonal im Eingangsbereich eines Lebensmitteldiscounters

Die Ordnung erfolgte jedoch nicht nur passiv, sie wurde auch durchgesetzt. In mindestens vier Läden patrouillierten ein bis zwei Sicherheitsbedienstete, darunter auch in einem heute neu eröffneten Fahrradladen. Ordnungskräfte kennzeichneten vor allem Filialisten. Sie sind Substitut für die seit Beginn der Corona-Krise zumindest in den Wohnvierteln großenteils abgetauchten Polizei. Ihr ermahnendes Vorbild wäre gewiss noch überzeugender gewesen, hätten sie auch Masken getragen. Die „Security“ erinnerte zugleich aber an die autoritären Grundlagen der Corona-Krise, denn auch wohlmeinender Zwang war und ist Zwang.

Kunden als Steuerungsmasse

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Ein Text, drei Rechtschreibungs- und Zeichensetzungsfehler, elf Ausrufezeichen

 

 

 

Derartig wohlmeinend-autoritäres Gehabe findet sich aber auch rein verbal. Recht typisch für ruppig-anmaßenden Ton ist etwa der obige Aushang an einer Arztpraxis. Der Patient stört, ist Gefährder, Blockierer, ein potenzieller Gefahrenherd. Hier lebt sie noch, die überwunden geglaubte Blickrichtung auf das „Menschenmaterial“. Rühren, Dr. Stolle!!!

 

Die Angst vor neuerlichen Einschränkungen

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Ordnung, sonst drohen Schließungen

Der autoritäre Zug der Sicherheitsregeln und der dekretierten Verordnungen materialisierte sich in weiteren vermeintlich „sachlichen“ Hinweisen. Gleich in vier Geschäften wurden Abstandsgebote mit dem Verweis „Sonst drohen Schließungen!“ verbunden. Das Volk, der „große Lümmel“, wurde ermahnt, denn sein Fehlverhalten kann neuerliche Sanktionen mit sich bringen, Einschränkungen der just erfolgten „Lockerungen“. Die Rückkehr zur „Normalität“ erfolgte unter Vorbehalt, verkauft wird unter dem Damoklesschwert des starken Staates. Es sagt viel über unser Land aus, dass ein Appell an den aufgeklärten selbstbestimmten Kunden unterbleibt. Das gilt auch für die vielfältigen Formen des „Nudging“, also des strikten Lenkens der Kunden. Es reicht offenbar nicht, Abstände klar zu kommunizieren, eine Höchstzahl von Kunden im Geschäft festzulegen. Nein, es bedarf auch markierter Haltelinien, fixierter Haltepunkte, farbiger Fußaufkleber vor dem Geschäft. Diese Händler kennen ihre Kunden.

Das Verschwinden einfacher Hinweise

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Alternativen für den Kunden vor der geschlossenen Filiale

Auffallend beim Vergleich der heutigen Situation mit der zu Beginn des „Shutdowns“ war ferner das Verschwinden vieler einfacher, meist handschriftlicher Notizen. Vielfach verschwanden diese ganz, konnte die „Situation“ doch als bekannt vorausgesetzt werden. Teilweise wurden die Hinweise zwar beibehalten, doch ansprechender gestaltet. Ausdrucke ersetzten sie, Rechtschreibungs- und Zeichensetzungsfehler wurden vielfach korrigiert. Ergänzt aber wurde aber weiterhin, etwa bei den schon erwähnten Krisennachrichten oder auch bei Korrekturen der gleichsam offiziellen Verlautbarungen von Filialleitungen. Eine Filialschließung, etwa, vor Ort ergänzt durch ein „vorübergehend“. Teamarbeit in der Krise.

Fehlende Kundenansprache

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Abtauchen eines Luxusanbieters

Die „Lockerungen“ – und das ist aus meiner Sicht bemerkenswert – wurden fast durchweg nicht erwähnt, wurden den Kunden nicht direkt angekündigt. Man war froh, dass man wieder hat öffnen können, man war offenbar sicher, dass dies dem Kunden bekannt war. Angesprochen aber wurde er nicht, es fehlte ein fröhliches Willkommen oder aber ein Hinweis auf die veränderte rechtliche und/oder epidemiologische Lage. Bei einigen Geschäften waren auch am Tag der Öffnung noch verblichene Hinweiszettel alter Tage zu sehen. Mehrfach wurden noch verringerte Öffnungszeiten der letzten Wochen nach außen getragen, mochten deren zeitliche Befristungen auch längst abgelaufen sein. Sorge für das eigene Geschäft, basaler Kundendienst; das ist eben nicht üblich, sondern abhängig vom Einzelfall. Der Kunde wird halt schon kommen.

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Einstellen auf eine neue Situation

Unter den knapp fünfzig näher betrachteten Geschäften fand ich nur eines, das die Neueröffnung mit Willkommensgruß und Service verband (nur sieben waren von der Verordnung direkt betroffen, öffneten also erstmals wieder). In einem Photoartikelgeschäft waren Sicherheitsregeln gepaart mit zwei simplen Stühlen, Einladung zum wartenden Verweilen, eher noch zum Eintreten. So einfach kann ein Hallo sein, ein wir sind wieder für Sie (und uns) da. Der Bürgersteig diente wieder der Zivilgesellschaft, war nicht allein Hoheitsgebiet des stark tuenden Staates.

Krise ohne Sprache

Die Krise hat viele Gesichter – und die Ladeninhaber, die Beschäftigten gehen auch viele Wochen nach dem „Shutdown“ damit recht unterschiedlich um. Kennzeichnend scheint mir jedoch abermals das Fehlen einer wie immer gearteten Sprache im Umgang mit den so einschneidenden Geschehnissen zu sein. Die Krise ist weder begriffen, nach ansatzweise bearbeitet, sie kann nicht in bestehende Erfahrungen eingebettet werden, lässt ob ihrer Einzigartigkeit verstummen. Dies ist gewiss Reflex auf eine Politiker- und PR-Sprache der Vermeidung, der Umschreibung, des Unkonkreten. Doch diese „neue Normalität“ ist nicht neu, denn fehlende Präzision ist keineswegs begrenzt auf diese sich in der Krise großenteils zuhause befindlichen Funktionseliten. Sie entspricht der fehlenden Präzision der Sprache einer ubiquitären Konsumgesellschaft, in der Ästhetisierung und Anpreisung dominieren. Das Leid der Sterbenden, der Kranken, der Isolierten und Abgegrenzten hat darin keinen Platz mehr. Wegbrechende Existenzen werden nicht vor Augen geführt, gehen im Großsingular auf, dem Mittelstand, der Frisörbranche, dem Hotel- und Gaststättengewerbe. Die staatlichen Maßnahmen werden dekretiert, nicht erläutert, ihre Folgen nur ansatzweise verstanden. „Hilfspakete“ werden geschnürt, so als seien nicht auch die staatlichen Setzungsinstanzen für diese Situation mitverantwortlich. „Rettungsschirm“ folgt auf „Rettungsschirm“, allesamt Hilfsmittel, um den Bürger stillzustellen, zu Antrags- und Bittstellern gegenüber diesem, nur scheinbar „unserem“ Staat zu machen: „Das Ohnmachtsgefühl aufrechtzuerhalten, ist der erste Paragraph einer geschickten Politik der Herren“ (Simone Weil, Meditation über Gehorsam und Freiheit, in: Dies., Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften, München 1987, 258-264, hier 261).

Uwe Spiekermann, 20. April 2020

Einkaufsregulierung und Versorgungspflicht – Ladenschluss während des Nationalsozialismus

Moderne Ladenschlussregelungen bilden einen Kompromiss zwischen sozialpolitischen Ansprüchen, unternehmerischer Verwertungsimperativen, den kaum begrenzten Konsumwünschen der Verbraucher und dem Ordnungsanspruch des Staates. Die 1891 einsetzende Gesetzgebung hatte unter eindeutig sozialpolitischen Gesichtspunkten zu einer begrenzten Sonntagsruhe und verbindlichen werktäglichen Öffnungszeiten geführt. Diese wurden während des Ersten Weltkrieges weiter verringert. Die temporäre Einführung des Acht-Stundentages und zahlreiche Tarifverträge trennten zu Beginn der Weimarer Republik dann Arbeitszeiten und Ladenöffnungszeiten. Die Verordnung vom 5. Februar 1919 legte einen werktäglichen Ladenschluss in der Zeit von 19 bis 7 Uhr fest, deklarierte ferner den Sonntag grundsätzlich als Ruhetag. Es gab zahllose Ausnahmen, wobei insbesondere Lebensmittel und andere Güter der Grundversorgung auch früher, später oder aber am Sonntag eingekauft werden konnten. Größere Betriebe konnten darauf mit Schichtsystemen reagieren, während kleinere Einzelhändler überdurchschnittliche Arbeitszeiten in Kauf nehmen mussten, wollten sie die Läden so lange offenhalten wie die Konkurrenz. Diese Struktur galt auch noch 1933, nach der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer konservativen Koalitionspartner (Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

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Grenzen der Regulierung: Einkauf in kleinen Läden „zu verbotener Zeit“ (Illustrierter Sonntag 1, 1929, Nr. 21 v. 18. August, 4)

Sozialpolitische Fortschritte während des Nationalsozialismus?

Während der Weimarer Republik hatten die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels und viele Handelskammern immer wieder deutlich flexiblere Regeln gefordert, um insbesondere vor umsatzstarken Hochfesten, zu bestimmten Jahreszeiten oder aber in bestimmten Regionen weitere Ausnahmen zu erreichen. Grund hierfür war auch das in Stadt und Land übliche Anklopfen nach und vor Ladenschluss vorrangig bei Lebensmittelgeschäften. Die aufstrebenden Angestelltengewerkschaften hielten dagegen, versuchten Arbeitszeiten und Sonderschichten ihrer Mitglieder zu verringern. Während der Weltwirtschaftskrise blieben entsprechende Forderungen der Tarifparteien bestehen, doch sie traten aufgrund der massiven Absatzprobleme in den Hintergrund. Für die neuen nationalsozialistischen Machthaber bestand unmittelbar nach der Machtzulassung demnach kein Regelungsbedarf. Gleichwohl gab es 1933/34 innerhalb der neu gegründeten Deutschen Arbeitsfront weiterhin Bestrebungen der Vertreter der Handlungsgehilfen, für bestimmte Branchen und Regionen einen früheren Ladenschluss einzuführen. Die Folge war eine „erhebliche Beunruhigung bei den Inhabern der Ladengeschäfte“ (Edeka. Deutsche Handels-Rundschau 27, 1934, 569 – auch für das folgende Zitat). Reichsarbeitsminister Franz Seldte (1882-1947) beruhigte, sah in den lokalen Initiativen lediglich unverbindliche Versuchsballons. Die geltenden Ladenschlussregelungen schienen ihm ein tragbarer Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Interessen zu sein, denn „die Ladenzeiten des Einzelhandels bedeuten nicht nur ein gesetzlich festgelegtes Recht des Kaufmanns, sondern auch die Pflicht, allen Bevölkerungskreisen eine möglichst gute Gelegenheit zur Bedarfsdeckung zu sichern“.

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Einkaufsdisziplin als deutsche Pflicht (Kladderadatsch 87, 1934, Nr. 35)

Probleme bestanden, etwa der recht hektische Einkauf zwischen Arbeits- und Ladenschluss. Vor der Einführung von Selbstbedienung mussten Konsumenten schließlich darauf warten, bedient zu werden. Doch derartige Engpässe regelte man nicht staatlich, sondern richtete moralische Appelle an die Konsumenten, ihre Verkäufe über den ganzen Tag zu verteilen. Vorgeschlagen wurde beispielsweise, die Zeit von 18 bis 19 Uhr möglichst den Berufstätigen zu überlassen. Doch selbst dann hätte ein Kernproblem des Ladenschlusses weiter bestanden: Er benannte schlicht den spätest erlaubten Zeitpunkt für das Betreten eines Geschäftes. Die Kunden mussten dann aber noch bedient werden, Aufräumen und auch Putzarbeiten folgten. Offizielle Appelle schienen den meist weiblichen Verkäufern wenig sinnvoll, „da Vernunftgründe beim Publikum wenig Anklang finden“ (Leo Hilberth und Annemarie Wissdorff, Berufs- und Arbeitsschicksal der Verkäuferin im Lebensmittelhandel, Köln 1934, 71).

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Einkaufen abseits der Ladenschlusszeiten. Verkaufsautomat in Wien 1939 (Das kleine Blatt 1939, Nr. 110 v. 22. April, 6)

Die Einkaufsmöglichkeiten wurden allerdings durch das von den Einzelhändlern und Angestellten geforderte Automatengesetz vom 6. Juli 1934 erweitert – hier kam der NS-Staat aus arbeitsmarktpolitischen Gründen der metallverarbeitenden Industrie entgegen (F. v. Poll, Anmerkungen zum neuen Automatengesetz, Soziale Praxis 43, 1934, Sp. 1200-1203; Elis-M. Puritz, Was wir Hausfrauen vom Automaten halten, Der Automat 8, 1934, 315-317). Insbesondere Tabakhändler nutzen die Chance, Waren auch nach Ladenschluss mittels an ihren Läden angebrachten Schachtautomaten verkaufen zu können. Schon 1938 übertraf die Zahl der „Außenautomaten“ die der zuvor üblichen Automaten im Inneren der Läden (Ca. 52.000 versus ca. 45.000 (Franz Weyer, Entwicklung und Struktur des deutschen Tabakwareneinzelhandels, Stuttgart 1940, 187)). Die Arbeitszeitverordnung von 16. Juli 1934 sicherte kurz danach den Achtstundentag rechtlich ab, sodass das gängige überpünktliche Öffnen bzw. das Bedienen über den Ladenschluss hinaus zu arbeitsrechtlichen Konflikten führen konnte. Der Ladenschluss selbst wurde bestätigt und von 19 bis 7 Uhr festgeschrieben. Doch es gab beträchtliche Ausnahmen. Der werktägliche Ladenschluss konnte an zwanzig Tagen pro Jahr abends bis 21 Uhr ausgedehnt werden, ähnliches galt für die morgendliche Öffnung im Lebensmittelhandel, die dann schon ab 5 Uhr erfolgen durfte. Formal waren dabei die arbeitsrechtlichen Bestimmungen zu beachten, doch angesichts hoher Arbeitslosigkeit standen diese meist nur auf dem Papier.

Der beträchtliche Abbau der Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende verbesserte Verhandlungsposition der Beschäftigten im Einzelhandel veränderte jedoch die Machtverhältnisse im Arbeitsmarkt. Seit spätestens 1936 kam es auch daher zu neuerlichen Debatten über eingeschränkte Ladenöffnungszeiten (Uwe Spiekermann, L’approvisionnement dans la Communauté du peuple. Approches du commerce »allemand« pendant la période national-socialiste, Le Mouvement Social 206, 2004, 79-114, hier 104-107). Während der Woche sollten die Läden beispielsweise einen Nachmittag geschlossen bleiben, so die Reichsbetriebsgemeinschaft Handel. Alternativ propagierten ihre Vertreter einen „Sonnabendfrühschluß“. Dieser könne reichseinheitlich erfolgen und diene der „Erziehung des Kunden, insbesondere der Hausfrau, zu einer zweckentsprechenden Neueinteilung der Einkaufszeit“ (Heinrich Siebert, Freizeit für den Handel, Monatshefte für NS.-Sozialpolitik 4, 1937, 130-133). Konkret bedeutete dies, die Läden am Samstag schon um 16 Uhr zu schließen, da nur so eine „wirkliche Erholung in Form des Wochenendes“ (Hanns Stürmer, Sonnabend-Frühschluß im Einzelhandel, Deutsche Handelswarte (DHW) 25, 1937, 183-184, hier 183) möglich sei. Eine gesetzliche Neuregelung wurde jedoch abgelehnt, stattdessen abermals eine umfassende Erziehung des Verbrauchers zum rücksichtsvollen Einkauf gefordert (Sonnabend-Frühschluß ein vordringliches Problem, DHW 25, 1937, 203). Das entsprach nationalsozialistischer Moral, kostete zudem nichts. Entsprechende Kampagnen drangen bis in die Läden vor, etwa die „Feierabendschallplatte“ der Deutschen Arbeitsfront, mit der die Verbraucher um 18.45 Uhr zum Verlassen des Geschäftes aufgefordert wurden (Die Geschäftszeit ist beendet! Schallplatte der DAF. mahnt die Käufer, Deutsche Handels-Rundschau (DHR) 31, 1938, 707).

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Der Ladenschluss als limitierender Faktor des Verkaufs (Deutsche Handels-Rundschau 31, 1938, Nr. 29)

Andere Gesetzesinitiativen schlugen jedoch durch, so insbesondere die neuen sozialpolitisch und volksbiologisch begründeten Gesetze über Kinderarbeit bzw. die Arbeitszeit der Jugendlichen. Die damit einhergehenden Arbeitszeitverkürzungen führten zu wachsenden Problemen, die Läden während der gesamten Öffnungszeiten durchgehend offenhalten zu können (G. v. Hake, Die Neufassung der Arbeitszeitordnung, DHW 26, 1938, 282-284; Ders., Was bringt die Neufassung der Arbeitszeitordnung, DHR 31, 1938, 413). Entsprechend begannen 1938 breite Diskussionen über den Mittagsladenschluss, denn viele Händler weiteten ihn aus, um den gesetzlichen Höchstarbeitszeiten ihrer Lehrlinge zu genügen (Zur Frage des Mittagsladenschlusses im Einzelhandel, DHR 32, 1939, 146; Einzelhandel und Mittags-Ladenschluß, Leipziger Fachzeitung für Bäcker und Konditoren 51, 1939, 250; Kein Mittagsladenschluß, Die Rundschau 36, 1939, 258). Parallel nahm die Zahl der Betriebsurlaube zu, während der Geschäfte geschlossen wurden (E.M. Waldenburg, Urlaubsvertretung für den Einzelhändler, DHR 31, 1938, 96; Th. Klockemeyer, Mittags- und Freizeit für den Einzelhändler, DHR 31, 1938, 212). Die wachsende Heterogenität der an sich einheitlich geregelten Ladenöffnungszeiten nahm noch zu, als 1938/39 die Händler einzelner Orte bzw. Einzelgeschäfte freiwillig früher schlossen (Sechsuhrladenschluß in Güstrow im Sommer, Die Rundschau 35, 1938, 426).

Das Ende der sozialpolitischer Debatten: Einzelhandel im Dienst für den arbeitenden Volksgenossen 1938-1939

Diese Eigeninitiativen nahm das Reichswirtschaftsministerium zum Anlass für eine strikte Grenzziehung. Am 31. Mai 1939 erging die Anordnung zur Verhinderung von Ladenzeitverkürzungen, deren Durchführungsverordnung die Prioritäten der NS-Politik deutlich machte: „Bei der Handhabung der Anordnung ist besonders zu berücksichtigen, daß der Vierjahresplan von weiten Volkskreisen verlängerte Arbeitszeiten und äußersten Einsatz verlangt; es muß deshalb unter allen Umständen dafür Sorge getragen werden, daß gerade auch den bis zum späten Nachmittag arbeitenden Volksgenossen die notwendigen Einkäufe nicht erschwert oder überhaupt unmöglich gemacht werden“ (Die Anordnung des Reichswirtschaftsministers zur Verhinderung von Ladenzeitverkürzungen. Vom 31. Mai 1939, Mehl und Brot 39, 1939, 384). Die Ruhe an der Käuferfront und einheitliche Regelungen waren wichtiger als sozialpolitisch wünschenswerte Arbeitszeitverkürzungen der Händler und Angestellten (Nähere Anweisungen zur Verhinderung der Ladenzeitverkürzungen, Mehl und Brot 39, 1939, 400; Ladenzeiten ohne Verkürzung, Der deutsche Volkswirt 13, 1939, 1665-1666). Im Hintergrund stand aber auch eine veränderte Stellung des Handels und des Kunden in der gebundenen Wirtschaft des NS-Staates: „Früher erblickte die Wirtschaft ihre große Lebensaufgabe darin, die Wünsche des Publikums zu erfüllen, seinen Anregungen nachzugehen. Sie war seine treue Dienerin. Wille und Befehl der Käufer waren ihr Lebensinhalt. Dem Winke ihrer Auftraggeber, von denen sie lebte, folgte sie blindlings. So wurde der Kunde zum allesbeherrschenden König! Heute lenkt bei uns ein anderer Wille die Wirtschaft: der Wille des Staates“ (Viktor Vogt, Die Entthronung des Käufers, Verkaufspraxis 14, 1939, 495-499, hier 496).

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Wachsende Aufgaben auch nach Ladenschluss: Hilfsmittel zur Buchführung (Deutsche Handels-Rundschau 32, 1939, 314)

Die 1934 von Seldte betonte Versorgungspflicht der Läden wurde aber schon vorher festgeschrieben: Bereits 1938 waren die Öffnungszeiten im ländlichen Raum im Sommer auf 21 Uhr erweitert bzw. die Ladenöffnungszeiten an den verkaufsoffenen Sonntagen von 18 auf 19 Uhr erweitert worden (Die Geschäftszeit an Verkaufssonntagen, DHR 31, 1938, 1008; [Erlass] Betr.: Ladenschluß in ländlichen Gebieten, Reichsarbeitsblatt 1939, T. I, I109-I110; Ladenschluß in ländlichen Gemeinden, Leipziger Fachzeitung für Bäcker und Konditoreien 51, 1939, 174; Der Ladenschluß in ländlichen Gebieten, DHR 31, 1938, 630). 1941 wurde diese Grenze gar auf 22 Uhr erhöht ([Erlass] Betr. Ladenschluß in ländlichen Gebieten, Reicharbeitsblatt 1941, T. I, I267). Der NS-Staat forderte vermehrte Arbeit von den Händlern und Angestellten, denn nur so konnten die nicht zuletzt für die Aufrüstung des deutschen Reiches arbeitenden Volksgenossen ihre Einkäufe tätigen. Hinzu kam, dass die Kontrolldichte der Aufsichtsbehörden gering war, dass Vergehen gegen Sonntagsruhe und Ladenschluss also nur selten geahndet wurden (Die Geschäftszeit an Verkaufssonntagen, DHR 31, 1938, 1008). Sozialpolitik wurde beschworen und auch öffentlich diskutiert, angesichts anderer aktueller Prioritäten jedoch zurückgestellt. Der Einzelhandel hatte zu dienen, wollte er verdienen.

Kriegsdienst: Der Zwang zur Offenhaltung während des Zweiten Weltkrieges

Der Primat der Versorgungspflicht zeigte sich dann in reiner Ausprägung während des Zweiten Weltkrieges. Die Verordnung über den Ladenschluss vom 21. Dezember 1939 (Der Vierjahresplan 4, 1940, 68) gründete bewusst auf Kriegssonderrecht, denn sie kehrte den Ladenschlussgedanken um: Die Läden mussten nun nicht mehr zu bestimmten Zeiten geschlossen, sondern vielmehr bis 18 Uhr (Gebrauchsgüterhandel ohne Mittagspause) respektive 19 Uhr (Lebensmittelhandel mit Mittagspause) offengehalten werden: „Wenn heute die Verbraucherversorgung als Aufgabe und volkswirtschaftliche Pflicht des Einzelhandels angesehen wird, so kann es nicht mehr vollständig in das Belieben des einzelnen Betriebes gestellt sein, ob und in welchem Umfange er dieser Verpflichtung nachkommen will“ (G. v. Hake, Das neue Ladenzeit-Recht / Offenhaltungspflicht der Einzelhandelsgeschäfte, DHR 33, 1940, 14). Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung des Ersten Weltkrieges, als die katastrophale Versorgungslage die organisatorische Unfähigkeit der Obrigkeit verdeutlicht hatte, hatte die regelmäßige und sichere Versorgung der Verbraucher nun Vorrang vor unternehmerischer Selbstbestimmung oder dem Wunsch nach Freizeit. Es galt der imaginären Volksgemeinschaft bzw. dem Abstraktum Deutschland Opfer zu bringen: „Dazu ist vor allem auch die innere Bereitschaft des Einzelhandels, sich seiner schwierigen und oft undankbaren Kriegsaufgabe mit Hingebung und Geduld zu widmen, ebenso notwendig wie Verständnis, Selbstbeherrschung und Selbsterziehung auf der Seite der Käufer. Diese mit dem Verzicht auf persönliche Wünsche, Gewohnheiten und Bequemlichkeiten verbundene Haltung und Unterordnung unter die Notwendigkeiten der Gesamtheit muß im Kriege auch von jedem Deutschen in der Heimat erwartet werden“ (Deutschbein, Neuregelung des Ladenschlusses, Reichsarbeitsblatt 1940, T. V, V11-V14).

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Dienst für Führer und Volksgemeinschaft: Au