Wachstum ohne kulinarische Tradition: Die Käseindustrie in Deutschland 1930-2020

Periodisierungen sind immer umstritten. Das gilt auch für die Geschichte der Agrarwirtschaft, in der gemeinhin eine politische Agenda dominiert. Die meisten Historiker heben die Bedeutung der nationalsozialistischen Machtzulassung 1933 hervor, während eine Minderheit mit guten Argumenten den Aufstieg eines außerparlamentarischen Präsidialregimes seit 1930 in den Mittelpunkt rückt. In der noch enger zu fassenden Agrarpolitik war dieses gewiss der wichtigere Einschnitt. Zölle wurden angehoben, direkte und indirekte Subventionen eingeführt und die Milchwirtschaft als erster Agrarsektor in einen planwirtschaftliche Korporatismus überführt. Diese, auch in vielen anderen Staaten zum „Schutz der Landwirtschaft“ getroffenen Maßnahmen, wurden während der NS-Zeit fortgeführt und auf andere Branchen übertragen.

Die Milchwirtschaft – im Deutschen Reich 1930 mit einem höheren Umsatz als Bergbau und Stahlerzeugung zusammen – war von der internationalen Agrarkrise 1925/26 schwer getroffen worden. Milchprodukte standen unter Marktdruck: Der Käseverbrauch der Arbeiter ging ab 1928 zurück, der allgemeine Verbrauch folgte 1929, die Käseproduktion 1930. Während der Weltwirtschaftskrise verlagerte sich der Konsum von teuren auf billigere Sorten. [1] Hartkäse und Camembert verzeichneten die größten Einbußen, während der Verbrauch des preiswerten Sauermilchkäses bis 1931 anstieg. Die Importzahlen stürzten insgesamt ab, doch der billige holländische Edamer gewann auf Kosten des teureren deutschen Tilsiters und Emmentalers. Die wirtschaftlichen Probleme der meisten der knapp 10.000 Sauermilchkäsefirmen vergrößerten sich 1930, da die noch steigende Produktion Folge sinkender Preise war, denen keine entsprechenden Gewinne folgten. Die Anbieter begannen ihre Gestehungskosten weiter zu drücken, das Gewicht des noch per Stück verkauften Sauermilchkäses wurde reduziert, manchmal von 25 auf 15 Gramm, um trotz allgemeiner Deflation den Absatz zu stabilisieren. [2] Parallel nahmen die Klagen über schwindende Qualität zu. Die strukturellen Probleme einer vorrangig kleinbetrieblichen Produktion wurden offenkundig. Im Westen des Reiches steigerten die holländischen Großkäseproduzenten ihren Absatz trotz einer 20%igen Zollbelastung. Ein „mörderischer Preiskrieg“ [3] begann, und der Staat intervenierte rigoros.

Marktordnung nach dem Milchgesetz von 1930

Das Milchgesetz von 1930, das ab 1932 in Kraft trat, führte verbindliche Qualitätsstufen und die Zwangspasteurisierung ein, reorganisierte zudem die Struktur der Molkereien in Deutschland. Regionale Milchwirtschaftsverbände wurden gegründet, Milchbauern dadurch gezwungen, ihre Milch an bestimmte Molkereien zu verkaufen, die wiederum das gesamte Angebot ihrer Region abnehmen mussten. Einkaufs- und Verkaufspreise wurden festgelegt, die Zahl der Milchbauern, Händler und Produzenten begrenzt. Auf Grundlage des Milchgesetzes wurden 1934 standardisierte Hart-, Weich- und Schmelzkäsesorten festgelegt und deren Gesamtzahl auf 48 gedeckelt. [4]

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Deutsche Käsesorten ab 1934 (Käse, o.O. 1938 (Ernährungs-Dienst F. 21), 11 (l.), 17)

Die NS-Regierung machte zudem die bereits 1924 in Württemberg und Bayern eingeführten Landesmilchgesetze verpflichtend. Das Deutsche Reich beließ es nicht mehr bei staatlich geförderten Selbsthilfemaßnahmen, die ehedem freiwilligen Maßnahmen wurden nun vielmehr erzwungen, um Produktion, Groß- und Einzelhandel zu rationalisieren. Viele flankierende Maßnahmen folgten, darunter neue Handelsmarken und eine verbindliche Kennzeichnung des Käses. Die Zahl selbständiger Betriebe wurde reduziert, staatliche Transferzahlungen an Qualitätsstandards, aber auch an politische Verlässlichkeit und rassische Zugehörigkeit gebunden. [5] Das Deutsche Reich stand mit diesen Maßnahmen nicht allein, ähnliche Interventionen erfolgten in vielen, auch demokratisch regierten Staaten, um die Agrarkrise und ihre Folgen ansatzweise bewältigen zu können. Multilaterale Abkommen ergänzten daher die nationalen Maßnahmen: Während der deutsche Markt durch steigende Zölle geschützt wurde, konnten die Käsekontrolle, Produktdefinitionen und auch die Käsekennzeichnung durch internationale Abkommen harmonisiert werden. [6] Die NS-Funktionäre argumentierten, dass das neue System Gerechtigkeit im Milchsektor schaffe und allen Akteuren faire Bedingungen, verlässliche Gewinne und eine bessere Transparenz für die Verbraucher biete. [7] Sie vergaßen zu erwähnen, dass die Landwirtschaft zugunsten der Konsumenten bevorzugt wurde und die Rationalisierungsanstrengungen immer auch strategisch erfolgten, also einer möglichen Kriegsvorbereitung dienten.

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Genossenschaftliche und private Unternehmen der Milchwirtschaft im Deutschen Reich 1932-1938 (Daten n. Gerhard Nitsch, Das deutsche Molkereigenossenschaftswesen. Aufbau, Aufgaben und Leistungen, Marburg 1957, 36)

Charakteristisch für die neue Marktordnung waren nicht zuletzt Importbeschränkungen. Devisen sollten für Rohstoffe von strategischer Bedeutung verwendet werden, nicht aber für vermeintlichen Luxuskonsum. Deutschland nutzte dazu seine starke Stellung auf dem Weltmarkt – 1934 machten die bereits massiv reduzierten Importe noch 14 % des weltweiten Käsehandels aus – um günstigere Bedingungen im Außenhandel zu erhalten. Pointiert formuliert: Die Niederlande und die Schweiz kooperierten mit ihrem großen Handelspartner zu Gunsten der deutschen Wiederaufrüstung. Die staatlichen Interventionen zielten allerdings nicht auf eine strikte Planwirtschaft: Mit der Gründung regionaler Molkereiverbände wurde vielmehr ein flexibles System von Kontrolle und Wettbewerb geschaffen. Während die Bauern eine bestimmte Menge Milch mit definiertem Fettgehalt produzieren mussten, hatten die Händler Mindeststandards bei Lagerung, Kühlung und Umsatz zu garantieren. [8] Die Erzeuger waren in regionale Kontrollnetzwerke eingebunden. Wenn sie die Standards verfehlten oder zu viel Ausschussware produzierten, konnte ihr Betrieb geschlossen werden. Die neue Marktordnung ermöglichte und forcierte die Produktion regionaler Spezialitäten, etablierte zugleich aber nationale Vergleichsmargen. Auch regionale Absatzgebiete und weiterhin bewusst eingeräumte Gewinnchancen halfen dabei, die Produktion zu rationalisieren und auszuweiten. Der durch den Zollschutz verringerte Importdruck, Festpreise sowie garantierte Gewinnspannen regten die Herstellung von Hart- und Schnittkäse in den bisher von Importen dominierten sowie den eher verbrauchsarmen Regionen an. Zugleich setzten sich etablierte „deutsche“ Sorten nun reichsweit stärker durch, etwa der ostpreußische Tilsiter, der nun sowohl in Schleswig-Holstein als in auch Deutschlands Süden zu einem gängigen Verkaufsartikel wurde. [9] Deutscher Edamer und Gouda wurden gleichermaßen im Süden, Norden und Westen populär, auch deutscher Roquefort etablierte sich ab 1930 als Handelsmarke. Obwohl die Agrarpolitik die Zahl der Käsesorten reduziert hatte, erhöhte sich dadurch das regionale und lokale Angebot. Dies war erwünscht – und die Käseproduzenten wurden gezielt geschult, um steigende Mengen standardisierter Ware herzustellen.

Strukturveränderungen der Sauermilchkäseindustrie

Die beträchtlichen Folgen der Marktordnung lassen sich besser noch an den Veränderungen in der Sauermilchkäseindustrie studieren. Die selbständigen Betriebe wurden 1934 in das allgemeine System integriert, standen nun unter gleichem Anpassungsdruck wie die Molkereien. Letztere steigerten nicht nur ihre Produktion von normalem, an Konsumenten abgesetztem Quark von 33.711 Tonnen im Jahr 1932 auf 40.196 Tonnen im Jahr 1934 und 59.152 Tonnen im Jahr 1936, sondern produzierten auch die für die Sauermilchkäseproduktion notwendigen Mengen. [10] Diese hatte 1933/34 Rekordwerte von ca. 100.000 Tonnen erreicht, doch die neue Ordnung erforderte beträchtliche Investitionen. Die Produktion wurde nun statistisch präzise erfasst, verpflichtend vorzulegen war ein monatlicher Bericht über die Quarkversorgung, die Produktion und die Preise. Letztere wurden auch durch die zunehmende Einlagerung des Quarks stabilisiert – ähnlich, wie in anderen Branchen, etwa der Eierwirtschaft.

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Leistungsfähigere Maschinen für kleinere Betriebe (Die Käse-Industrie 9, 1936, 40 (l.); ebd. 11, 1938, 15)

Die Produktion der Rohware erreichte im Herbst ihre jährlichen Spitzenwerte, doch durch die zeitliche Streckung der Weiterverarbeitung konnten die saisonalen Preisschwankungen verringert werden. Lagerhaltung, intensivierte Kontrollen und die neuen Produktstandards erhöhten allerdings die Fixkosten. Im Jahr 1935 stellten offiziell 1.700 Betriebe – viele Kleinstbetriebe wurden statistisch nicht erfasst – 90.000 Tonnen Sauerkäse her. [11] Zwei Jahre später war die Zahl der Firmen auf 1.200 gesunken, deren Produktion auf 65.000 Tonnen. [12] Obwohl Sauermilchkäse immer noch die wichtigste Käsesorte im Deutschen Reich war, erzwangen der Kapitalmangel und das recht rigide Kontrollsystem die Schließung zahlreicher kleinerer Betriebe, die den neuen Standards nicht genügen konnten. [13] Firmen, die nicht in der Lage waren, kriteriengemäß marktfähige Ware zu produzieren, wurden ebenfalls geschlossen. Die Marktordnung diente einer politisch-ideologischen Gleichschaltung, zielte darauf, „daß unzuverlässige Elemente ausgeschaltet werden und daß alle Betriebe […] gemeinsam, willig und gern an den gesteckten Zielen mitarbeiten.“ [14] Im Jahr 1937 hatte sich die Branche stabilisiert, 75.000 Tonnen Sauermilchkäse wurden damals von 1.256 Firmen hergestellt. [15] Dennoch erreichte die Branche nie wieder eine ähnliche Position wie in der Zeit vor der Marktbereinigung. Lokale und regionale Sorten ließen eine wirklich einheitliche Produktqualität kaum zu, und die Behörden drohten weiterhin: „Wer nicht hält Schritt, kommt nicht mit!“ [16]

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Sensorische Qualitätsprüfung von Käse (Die Käse-Industrie 9, 1936, 72)

Schmelzkäse und Kriegsplanungen

Charakteristisch für die Zeit des Nationalsozialismus war demnach eine reduzierte Zahl von Käsesorten und einer allgemeinen Abkehr von Sonderwünschen seitens der Verbraucher (natürlich mit Ausnahme von NSDAP-Funktionären und Günstlingen des Regimes). [17] Dennoch waren Produktinnovation weiterhin zentral für Umfang und Struktur des Konsums. Der in den 1920er Jahren sehr erfolgreich eingeführte Schmelzkäse wurde in den 1930er Jahren noch wichtiger. [18] Der aufnahmefähige deutsche Markt zog nun vermehrt ausländische Investoren an: 1934 errichtete die US-amerikanische Kraft Cheese Company eine neue Schmelzkäsefabrik in Lindenberg im Allgäu. [19] Sie produzierte seit 1937 mit Velveta den bekanntesten und umsatzstärksten Markenartikel der Branche, der auch nach dem Zweiten Weltkrieg Marktführer in der Bundesrepublik Deutschland blieb. Auch dieses Produkt hatte strategische Bedeutung: Schmelzkäse wurde von Wehrmachtvertretern und Vertretern der immer stärker ausgebauten Gemeinschaftsverpflegung gegenüber anderen Sorten bevorzugt, denn er war leicht zu handhaben, verursachte nur geringe Verluste und war einfach zu lagern.

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Schmelzkäsewerbung während des Zweiten Weltkrieges (NS Frauen-Warte 10, 1941/42, 14)

Die Kriegsplanung von NS-Regime und Wehrmacht ging von einem gespaltenen Käsemarkt aus. Einerseits war der Käse ein wichtiger Faktor, um die noch in großen Mengen verfügbare Magermilch für die menschliche Ernährung zu nutzen. Als solcher gewann er in der Gastronomie und im Haushalt an Bedeutung. Billiger Koch-, Sauermilch-, Weich- und Hüttenkäse wurden beliebter und als gesunde Nahrungsmittel beworben. [20] Andererseits war haltbarer und nahrhafter Hartkäse – neben dem Schmelzkäse – integraler Bestandteil der Wehrmachtsverpflegung. Die massiv geförderte Lebensmitteltechnologie entwickelte zudem gebrauchsfertigen Koch- und Schmelzkäse in Dosen sowie Käsepulver. All dies wurde durch beträchtliche Forschungsanstrengungen umkränzt und ermöglicht, durch die insbesondere Produktions- und Reifezeiten beschleunigt werden konnten. [21] Den Verbrauchern war jedoch nicht zu vermitteln, warum sie auf die gehaltvolleren Käsesorten verzichten sollten: 1938 wurden pro Kopf immerhin 2,19 Kilogramm Hartkäse verzehrt, also 40 % des durchschnittlichen Gesamtverbrauchs von 5,5 Kilogramm. [22]

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Auslage eines Milchfachgeschäftes 1938 (Die Käse-Industrie 11, 1938, 84)

Käsewerbung in tradierten Formen

Die staatlich unterstützte Käsewerbung wurde auch während der NS-Zeit fortgesetzt, nationale Gemeinschaftswerbung durch regionale Kampagnen ergänzt, ab und an auch einzelne Sorten gezielt vermarktet. [23] Daneben lief die privatwirtschaftliche Werbung weiter, mochte sie mangels starker Markenartikel (Ausnahme: Schmelzkäse) auch nicht sehr breitenwirksam war. Käse wurde zudem in rassistisch begründete Gesundheitskampagnen integriert. [24] Neuartige und kleinere Verpackungen kamen weiterhin auf, wurden genutzt, um neue Verbrauchergruppen anzusprechen. [25] Insgesamt konnte der Käse seine Stellung in der täglichen Kost während der 1930er Jahre weiter ausbauen. Er galt immer noch als Beikost, wurde nun aber sowohl zum Frühstück als auch zum Abendessen verzehrt. Er wurde in die Gemeinschaftsverpflegung eingebunden, galt als strategisch wichtiges Gut und billigster tierischer Eiweißträger. Die Strukturreformen in der Molkereiwirtschaft hatten den Verbrauch dennoch nur moderat gesteigert. Von 1935 bis 1938 wurden lediglich 4 % der deutschen Vollmilch zu Käse und Quark verarbeitet, während der Butteranteil auf 53 % angewachsen war. [26]

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Käsewerbung während der Reichskäsewoche 1938 (Käse, 1938, I (l.); Die Käse-Industrie 11, 1938, 84)

Käseversorgung während des Zweiten Weltkrieges

Für das NS-Regime war jedoch entscheidend, dass sich die strikte Marktordnung der deutschen Milchwirtschaft während des Zweiten Weltkriegs bewährte. In den Molkereien stieg die deutsche Käseproduktion (Grenzen von 1938) von 138.800 Tonnen (66.600 Tonnen Hartkäse, 72.200 Tonnen Weichkäse) in den Jahren 1935/38 auf 180.600 (106.000, 74.700) 1941 und 200.000 (130.500, 69.500) im Jahre 1944. Parallel dazu wurde die bäuerliche Käseproduktion offiziell von 8.500 Tonnen (1935/38) auf 2.400 (1941) und 2.300 (1944) reduziert. Die Produktion von Sauermilchkäse blieb relativ stabil (56.000 Tonnen 1935/38, 53.000 (1941), 59.500 (1944)). Außerdem stieg die Quarkproduktion von 114.200 Tonnen (1935/38) auf 137.000 (1941) und 145.300 (1943; 1944 keine Angaben). [27] Noch 1944 wurden fast 80 % der deutschen Vollmilch von Molkereien verarbeitet, der Erfassungsgrad konnte also deutlich erhöht werden. Für die Stabilität der vielbeschworenen Heimatfront war es ferner wichtig, dass im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg der Käsekonsum der Zivilbevölkerung nicht einbrach. Obwohl die Herstellung von Fettkäse zu Beginn des Krieges verboten wurde [28], blieb der Gesamtverbrauch bis 1944 auf einem relativ hohen Niveau: Im Jahr 1939/40 verbrauchten die Deutschen (in den Grenzen vom 31. August 1939) 5,5 Kilogramm pro Kopf, gefolgt von 5,4 1940/41, 5,2 1941/42, 5,0 1942/43, 4,9 1943/44 und schließlich 4,4 kg 1944/45. Dieser über das Rationierungssystem per Karte zugeteilte Käse wurde zunehmend aus entrahmter Milch hergestellt, wurde also fettärmer. [29] Während des Zweiten Weltkrieges gewann zudem die häusliche Käseproduktion wieder an Bedeutung. [30] Die dezentral angesiedelte Industrie selbst war bis zum Frühjahr 1945 in der Lage, Hartkäse an die Wehrmacht zu liefern. [31]

Wiederaufbau und verstärkter Importdruck

Die totale Niederlage des Deutschen Reichs im Mai 1945 änderte nichts an der Struktur der landwirtschaftlichen Produktion. Die Planwirtschaft des Reichsnährstandes wurde bis 1948 fortgeführt und dann durch ein komplexes korporativ organisiertes Produktionssystem ersetzt, dessen Hauptziel eine erhöhte Produktion von Lebensmitteln und Rohwaren war – und das deshalb recht großzügig subventioniert wurde. Wie in den Jahrzehnten zuvor war die Fett- und Eiweißproduktion unzureichend. Dies führte trotz hoher Zusatzlieferungen der Alliierten 1946/47 zu allgemeiner Mangel- und Unterernährung.

In den ersten Jahren des im Mai 1949 gegründeten neuen westdeutschen Staates versuchten die amerikanische Besatzungsmacht und liberale Politiker noch, die Landwirtschaft im Allgemeinen und die Käseproduktion im Besonderen zu deregulieren. Die Rationierung sah bis Juni 1949 eine monatliche Lieferung von 125 g Käse pro Kopf vor, ab Juli wurde diese auf 250 g verdoppelt – und endete dann bereits im September 1949. Dies gab einen starken Anreiz für eine Produktionssteigerung, doch nach einem kurzen Boom 1949 flachten Herstellung und Absatz 1950 deutlich ab. [32] Hohe Inflation, steigende Arbeitslosigkeit und eine wachsende Zahl von Streiks standen am Anfang des fast zwei Jahrzehnte währenden „Wirtschaftswunders“. Es schien daher konsequent, mit dem Milchgesetz von 1951 die Marktstruktur der NS-Zeit wiederherzustellen. Die Milchpreise wurden neuerlich festgesetzt, Lieferung, Anlieferung und Außenhandel von Milch und Milchprodukten blieben eng reguliert – und selbst die Zahl der Käsesorten blieb konstant. Die meisten Fachleute waren bewährte (und ab und an verbrecherische) NS-Experten, die wie zuvor auf eine striktere Rationalisierung nach staatlichen Vorgaben setzten, einschließlich einer weiteren Reduktion der Zahl der Käsesorten im Verbrauchermarkt. [33]

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Nachkriegsidyllen und Schmelzkäse (Die Stimme der Frau 1, 1948/49, H. 10, 29 (l.); ebd., H. 8, 31)

Aber es gab Anfang der 1950er Jahre einen wichtigen Unterschied zur Präsidialdiktatur und der NS-Zeit: Auf Drängen vornehmlich amerikanischer Fachleute blieb die Liberalisierung des Außenhandels ein zentrales, auch die Agrarpolitik prägendes Thema. Westdeutschlands Devisenmangel und der strukturelle Zwang, angesichts unzureichender Nahrungs- und Futtermittel Industriegüter exportieren zu müssen, führten zu Zugeständnissen im Bereich der Landwirtschaft, die auch von der weiterhin starken Agrarlobby nicht verhindert werden konnten. Die Zollschranken fielen langsam, aber merklich: Im April 1953 wurde die Einfuhr von Schnittkäse liberalisiert. Obwohl die 30%igen Importzölle noch in Kraft blieben, fielen nun Mengenbeschränkungen bzw. Importquoten. [34] Niederländische und dänische Importeure gewannen rasch größere Marktanteile, obwohl deutscher Käse billiger war. Die importierte Ware war von höherer und standardisierter Qualität, die ehedem deutsch besetzten Länder konnten ihre bereits vor dem Zweiten Weltkrieg bestehenden Wettbewerbsvorteile rasch wieder ausspielen. Ihre Angebote setzten die größeren Produzenten aus dem Rheinland, Norddeutschland und dem Allgäu unter starken Wettbewerbsdruck. [35]

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Werbung für Importkäse 1958 (Ratgeber für Haus und Familie 52, 1958, 459)

Agrarischer Wettbewerb fand im vermeintlich vom Ordoliberalismus geprägten Westdeutschland jedoch in einem engen staatlichen Rahmen ab. Der 1955 implementierte Landwirtschaftsplan sah massive und kontinuierliche Subventionen vor, um einerseits die Produktion von Getreide, Fleisch und Milch zu steigern, um andererseits die Einkommenssituation der Landwirtschaft zu stabilisieren. Eine marktwirtschaftlich gebotene Schocktherapie für die personell überbesetzte und im Vergleich zu vielen europäischen Nachbarn wenig effiziente Landwirtschaft wurde aus sozialpolitischen Gründen verworfen. Die künstlich hochgeschraubten Preise mussten letztlich die Verbraucher zahlen. Diese setzten sich durchaus zur Wehr, doch selbst Milchboykotte entfalteten keine Wirkung. [36] Allerdings stritt man öffentlich weniger um Käse, sondern – wie bis heute – vorrangig um Milch- und Butterpreise. [37] Die neue Marktordnung und der Importdruck hielten die Verbraucherpreise tendenziell stabil und machten Käse dadurch vergleichsweise billig(er).

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Camembert, Edamer und Tilsiter: Angebote aus den frühen 1950er Jahren (Heinz Mahn, Der Käsemarkt in Deutschland, Frankfurt a.M. 1952, 57)

Der Trend zu mehr und preiswertem Käse

Der Käsekonsum war in der unmittelbaren Nachkriegszeit zurückgegangen und erreichte 1948/49 nur noch 3,1 Kilogramm pro Kopf. Doch die Mengen stiegen rasch wieder an, schon 1950/51 schlugen 5 Kilogramm pro Kopf zu Buche. Dabei dominierte Hartkäse, gefolgt von Schmelzkäse. Sauermilchkäse hatte an Bedeutung verloren, Quark war dagegen wieder auf dem Vormarsch. [38] 1952 erreichte der Verbrauch die Vorkriegszahlen, und das folgende Jahrzehnt verzeichnete einen Anstieg um 40 % auf 7,7 kg pro Kopf im Jahr 1962. [39] Dies war allerdings nicht eine quasi natürliche Folge der höheren Reallöhne, sondern Folge eines nun einsetzenden strukturellen Wandels im Käsekonsum: Die deutsche Produktion von Hart-, Schnitt-, Weich- und Sauermilchkäse stieg zwischen 1952 und 1962 lediglich um 5,5 %. Die Herstellung von billigem Quark und Frischkäse verdoppelte sich dagegen. Leichtere und fettärmere Sorten gewannen also an Bedeutung. Parallel verzeichneten aber auch fette und teurere Sorten, wie Emmentaler und Camembert, ein überdurchschnittliches Wachstum. Schnittkäse, insbesondere Tilsiter, Edamer und Gouda, konnte mit der Importware nicht wirklich konkurrieren. Stark riechende Käsesorten mit geringem Fettgehalt, wie Limburger, Romadur und auch Sauermilchkäse, verloren deutlich an Boden, denn Käse entwickelte sich zu einer eher moderaten Speise. Insgesamt profitierte die Käseproduktion auch von den überdurchschnittlich steigenden Preisen für Schinken und Wurstwaren. Beim Käse gab es also ein „Wirtschaftswunder“, doch der Aufschwung betraf vorrangig die unteren, weniger die mittleren Segmente des Marktes. Der Importkäse, der Anfang der 1960er Jahre fast die Hälfte der deutschen Käseproduktion erreichte, war nämlich billig, Resultat zunehmender Massenproduktion in mittleren und großen Unternehmen. [40] Angesichts des Wachstums auch bei teureren Sorten haben wir es also mit einer frühen Polarisierung des Marktes zu Lasten der mittleren Preissegmente zu tun. Dies passt nicht recht zum Mythos des Aufschwungs für alle – und so blieb eine Nahrungsinnovation das wichtigste mit dieser Zeit verbundene Käseprodukt: Kraft führte 1956 die Scheibletten ein, die allgemein zum Toasten oder Überbacken verwendet wurden und auch die wachsende Grillleidenschaft befeuerten. Schmelzkäse, dessen Verbrauch Anfang der 1960er Jahre bei etwa ein Kilogramm pro Kopf und Jahr stagnierte, war auch der erste deutsche Käse, der auf internationalen Märkten erfolgreich war. 1957 wurden 3.500 Tonnen exportiert, 1962 bereits 12.000 Tonnen. [41] Während der Milchverbrauch in den 1950er Jahren zurückging, der Butterverbrauch stagnierte und der Käseverbrauch angesichts seines relativ geringen Anteils an der Milchwirtschaft hier kaum Abhilfe schaffen konnte, wurde der Export seither zu einem wichtigen Element, um die immer weiter wachsende Milchproduktion zu bewältigen.

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Markterfolg Scheibenkäse – hier von der Scheibletten-Konkurrent Milkana (Der Verbraucher 18, 1964, 175)

Käsesorten als Begriffshüllen

Kraft stand zugleich für eine weitere wichtige Änderung des Marktes: Eine Revision der Käseverordnung hatte 1957 festgelegt, dass Emmentaler nur noch aus mäßig erhitzter Rohmilch hergestellt werden durfte. Drei Konkurrenten, die außerhalb des Allgäus produzierten und für ihren „Emmentaler“ pasteurisierte Milch verwendeten, klagten gegen diese Vorschrift – und waren nach langen Gerichtsprozessen erfolgreich. [42] Während der „Allgäuer Emmentaler“ auf traditionelle Art hergestellt werden musste, konnte für die Herstellung von Käse à la Emmentaler pasteurisierte oder technisch anders verarbeitete Milch eingesetzt werden. Dies war Folge der wachsenden technologischen Möglichkeiten bei der Käseproduktion, die vorrangig von größeren Molkereien und Käsefirmen genutzt wurden. Die Käsesorten selbst wurden Anfang der 1950er Jahre durch das Stresa-Abkommen harmonisiert, das international anerkannte Kategorien von Frischkäse, Sauermilchkäse (oder Käse mit Milchgerinnung, der ohne Lab hergestellt wird), gereiftem Käse, Käse aus Molke oder Buttermilch und Schmelzkäse festlegte. [43] Die Definition regionaler Sorten war eine weitere zentrale Harmonisierungsaufgabe, denn keine der in Europa dominierenden Käsesorten war im 19. Jahrhundert als Handelsmarke geschützt worden. Deutsche Produzenten konnten daher mit Fug und Recht darauf verweisen, dass Emmentaler, Edamer, Gouda, Limburger, etc. bereits im späten 19. Jahrhundert im Deutschen Reich hergestellt wurden. [44] Verbessere Produktionstechnologien sowie Zusatz- und Austauschstoffe machten einschlägige Definitionen noch schwieriger. Damals machte man aus der Not eine Tugend und schützte nunmehr regionale Spezialitäten durch Herkunftsbezeichnungen. Die wichtigsten Käsesorten konnten aber weiterhin ohne größere Einschränkungen der Kennzeichnungen verkauft werden. Käse emanzipierte sich also zunehmend sowohl von tradierten Herstellungsweisen und Rohstoffen als auch von bestimmten Produktionsräumen – sieht man von einem kleinen höherwertigen Angebot ab.

Defizitäre Marketingorientierung

Die Emmentaler-Debatte verdeutlichte ein weiteres Kernproblem der deutschen Käsewirtschaft in der Nachkriegszeit. Für die meisten Produzenten war die Käseherstellung immer noch ein Handwerk, eine „handwerkliche Kunst” [45]. Zwar wurden die Käsereien in den 1950er Jahren modernisiert, doch die neuen Maschinen waren meist verbesserte Ersatzgeräte, standen also nicht für veränderte Produktionsweisen. [46] Dies war keineswegs Folge eines kruden Traditionalismus, sondern ließ sich auch auf die große Zahl von Käseproduzenten zurückführen, die aus den östlichen Teilen des Deutschen Reiches vor allem nach Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Oldenburg gekommen waren und dort ihre Arbeit wieder aufgenommen hatten. Aus westdeutscher Perspektive gingen durch die Gebietsverluste und die Gründung der DDR etwa 50 % der Hartkäse-, 25 % der Weichkäse- und 60 % der Sauerkäseproduktion verloren. [47] Wichtiger waren jedoch unterschiedliche Zielsetzungen der Agrarpolitik. Nach 1930 hatte man durch Rationalisierung versucht, die Zahl der Produzenten zu reduzieren, um dadurch Größenvorteile nutzen zu können. Die Allparteienkoalition der westdeutschen Agrarpolitiker versuchte dagegen, den wirtschaftlichen Wandel der Landwirtschaft zu bremsen und sozial zu befrieden. Auch dadurch waren die meisten Milch- und Käseproduzenten nicht in der Lage, modernes und eigenständiges Marketing zu betreiben. 1950 wurde in Frankfurt/M. daher der Verein für Förderung des Milchverbrauchs gegründet, dessen Jahresetat anfangs drei, 1969 dann acht Millionen DM betrug. [48] Die Broschüren und Plakate knüpften an die Vorgänger der späten 1920er und 1930er Jahre an – und waren entsprechend folgenlos. Die regionalen Verbände der Milchwirtschaft gaben parallel jährlich weitere 20 Millionen DM pro Jahr aus, doch mangels starker Marken verbanden sich zumeist Appelle für mehr Konsum mit einschlägigen Zubereitungsweisen (wobei ich bei alledem die Förderung von Milchbars, Milch- und Kakaoautomaten und Schulmilch außer Acht lasse).

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Alles gut – Gemeinschaftswerbung für Käse 1963 (Der Volkswirt 17, 1963, 2382 (l.); ebd., 2470)

Die neue alte europäische Milchmarktordnung

Die westdeutsche Milchmarktordnung hielt bis 1964 – und wurde dann durch die Verordnung über die Schaffung einer gemeinsamen Marktorganisation für Milch und Milcherzeugnisse durch die Europäische Wirtschaftgemeinschaft (EWG) auf eine neue Stufe gehoben. [49] Die neue Ordnung wurde anfangs als Maßnahme präsentiert, die bestehende Milcherzeugung in ein wettbewerbsfähiges Marktsystem zu überführen. Sie schuf einen gemeinsamen EWG-Milchmarkt, legte Preisempfehlungen für Milch und ein Subventionssystem fest, führte vor allem aber ein Interventionssystem ein, um einen bestimmten Butterpreis zu garantieren, eine europaweite Lagerhaltung zu initiieren und neue Zollschranken für Nicht-EWG-Mitglieder zu errichten. [50] Damit setzte die EWG lukrative Anreize für eine höhere Produktion von Milch und Milchprodukten. Auf diese Art transformierte sie Kernelemente der früheren deutschen Milchordnungen in ein europäisches System. [51] Die wirtschaftlichen Folgen lagen auf der Hand: Nun war ein steter Rohstofffluss gewährleistet. Angesichts des stagnierenden Milch- und Butterverbrauchs und abgesehen von der Herstellung von Milchpulver oder technischen Produkten bot Käse die einzige wirkliche Chance für Wachstum innerhalb der Milchwirtschaft. Der Importdruck durch die übermächtigen EWG-Partner würde zugleich weiter anhalten, ja tendenziell zunehmen. Entsprechend waren gravierende Änderungen in Produktion und Marketing unabdingbar, um massive Verluste innerhalb der heimischen Käseindustrie zu vermeiden. Die dänische und schweizerische Konkurrenz war zwar vorübergehend ausgeschaltet, aber die EWG-EFTA-Verhandlungen würden schließlich zu Kompromissen und anhaltendem Importdruck führen. Andererseits bot die EWG insbesondere für Deutschland neuartige Exportchancen, war man doch das Mitgliedsland mit dem niedrigsten Milch- und Käsepreisniveau. Aufgrund der EWG-Mindestpreisgarantien war der Export in Nicht-EWG-Mitgliedsländer gleichsam erzwungen, wollte man sich denn im Markt behaupten.

Es ist hier nicht der Ort, die katastrophalen Folgen dieses Kernelements der europäischen Agrarpolitik zu diskutieren, die neue Begriffe wie „Milchsee“ oder „Butterberg“ rasch auf den Punkt brachten. In unserem Zusammenhang wichtig ist, dass für die Käseindustrie neue unternehmerische Chancen geschaffen wurden, mochten diese auch zu Lasten der Verbraucher resp. der Steuerzahler gehen. Dabei war das Kernproblem der hiesigen Anbieter die nach wie vor einseitig dominierende Produktorientierung. Qualität war seit 1930 zum Mantra der Molkereifachleute geworden, während die garantierten Preise die Marketingperspektive des Geschäfts vernachlässigen ließen. [52] Es war eben kein Zufall, dass nicht zuletzt die Werbung in den 1950er und auch noch Anfang der 1960er Jahre altmodisch war und in überkommen Bahnen verlief.

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Aufholen der deutschen Molkereien: Milram, 1963 eingeführt (Der Verbraucher 1976, Nr. 16, 43)

Marktchancen in einem einseitig regulierten Markt

In den 1960er Jahren erkannten jedoch private Käseproduzenten und zunehmend auch große Genossenschaften ihre Marktchancen. Ein gutes Beispiel dafür war 1964 das „delicando“-Programm von Hamburgs größtem Käseproduzenten, dem Milch-, Fett- und Eierkontor. Es konzentrierte sich auf Schnittkäse, eine Stärke der niederländischen und dänischen Importeure. Natürlich verbesserte man erst einmal die Qualität des eigenen Angebotes und führte strenge Qualitätskontrollen ein. Zugleich aber schuf man eine neue Handelsmarke und reduzierte das Angebot auf nur vier gängige Sorten. [53] Delicando war auch eine Antwort auf die neuen Selbstbedienungs-Supermärkte, die in den frühen 1960er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. In diesem Fall schlossen sich letztlich 42 mittelständische Käseproduzenten zusammen, mit 28 % der westdeutschen Schnittkäseproduktion. Weitere regionale Verbände führten ähnliche Programme ein, zum Beispiel „frischli“ in Niedersachsen. Diese Molkereien folgten dabei ähnlichen Handelsmarkenprogrammen wie etwa die der Einkaufsgenossenschaften Edeka oder Rewe. Wie schon während der NS-Zeit hieß es nun wieder diesen Programmen zu folgen oder aber aus dem Geschäft auszusteigen.

14_Der Verbraucher_1974_Nr04_p13_ebd_Nr20_p05_Frischkaese_Cheesy_frischette_Adler_Wangen_Plastikverpackungen

Käseprodukte für die neue Welt der Supermärkte: Frischkäsemarken Cheesy und frischette (Der Verbraucher 1974, Nr. 4, 13 (l.); ebd., Nr. 20, 5)

Die Folge war ein schneller und stetiger Anstieg der Größe der bestehenden Molkereien. Das erforderte Fusionen von Molkereien und Molkereiverbänden – und eine wachsende Zentralisierung der Käseproduktion. Im Jahr 1967 fusionierten beispielsweise fünf südwestliche Verbände, die zusammen mehr als 120 Produktionsstandorte umfassten. [54] Massive Schließungen kleinerer Hersteller folgten. Damit traten die westdeutschen Käseproduzenten in eine neue Ära des nationalen und internationalen Wettbewerbs ein. Es war vielleicht kein Zufall, dass Ende der 1960er Jahre auch die Eigenproduktion von Käse an ein Ende kam, als die Molkereien beschlossen, an die Milchbauern keinen Quark mehr zu liefern. [55]

15_Ruhr_1960_sp_Kuehltheke_Selbstbedienung_Kaese_Margarine

Wachsende Warenvielfalt in neuartigen Kühlregalen (So baut man heute an der Ruhr, Rheydt 1960, s.p.)

Käse in einer neuen Welt des Güterabsatzes

Doch in den 1960er Jahren veränderten sich nicht nur die für einen wachsenden Käsekonsum in Deutschland und potenziellen Auslandsmärkten zentralen politischen Rahmenbedingungen. Damals setzte sich zudem die Kühltechnik sowohl im Handel als auch in den Haushalten durch. [56] Frischkäse gewann dadurch neue Marktchancen, und zugleich sanken die nicht geringen Warenverluste in den Geschäften und zu Hause. Der Aufstieg der Supermärkte führte zu größeren Verkaufsstätten und einer immensen Sortimentserweiterung gerade bei Milchprodukten. Von 1963 bis 1969 stieg deren Zahl in den Supermärkten von durchschnittlich 127 auf 309. [57] Parallel mit der Einbindung in rasch expandierende Selbstbedienungssysteme änderte sich das Erscheinungsbild des Käses neuerlich: Plastikverpackungen erlaubten den direkten Blick auf die Ware, schützten zudem den immer häufiger vorgeschnittenen Inhalt.

16_Kristall_16_1960_p381_Kaese_Lindenberger_Kraft_Schnittkaese_Plastikverpackung

Vorgeschnittene „Natur“-Käsescheiben in transparenter Plastikfolie 1960 (Kristall 16, 1960, 381)

Vielleicht noch wichtiger als derartige Veränderungen im Gesichtsfeld der Konsumenten waren die Rückwirkungen der modernen Verpackung auf die Wertschöpfungsketten: Verpackungsmaschinen und hygienische Warenflüsse erforderten Kapital – und damit größere Firmen und koordinierte Lieferketten. [58] Der Wandel des Einzelhandels verstärkte also den politisch initiierten Druck auf Molkereien und Käsehersteller. Die Nachfragemacht des Handels erforderte Angebotsmacht – enge Kooperationen und Fusionen waren die rationale ökonomische Antwort. Darüber hinaus profitierte der Käsekonsum von der immer stärkeren Verwendung von Käseprodukten in der Lebensmittelproduktion: Fertiggerichte und Pizza ebneten den Weg für einen rasant steigenden Einsatz von Reibekäse und Pasta Filata. Schließlich gaben die EWG-Erweiterung und Produktinnovationen wichtige Anreize für die Vervierfachung des deutschen Käsekonsums von 1960 bis 2000. Neue Sorten, etwa Mozzarella, Feta oder Leerdamer, wurden in die deutsche Esskultur integriert – und sofort von deutschen und anderen Käseproduzenten kopiert. [59] Der deutsche Frischkäse- und Quarkverbrauch verdoppelte sich von 2,6 Kilogramm pro Kopf im Jahr 1962 auf 5,1 im Jahr 1973. [60] Der Gesamtkäseverbrauch stieg 1973 auf 10,6 Kilogramm, lag 1983 bei 14,7 Kilogramm und überschritt 1996 die 20-Kilogramm-Marke (mit 20,1 Kilogramm pro Kopf). [61]

17_Statistik Milchwirtschaft 2019_BLL_2020_p28_Kaeseproduktion_Bayern_Kaesesorten_Statistik

Strukturwandel der Käseproduktion in Bayern 1950-2019 (Statistik der Bayerischen Milchwirtschaft 2019, hg. v. d. Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, Freising 2020, 28)

Käseexport als Wachstumsmotor

Für dieses Wachstum entscheidend war der Außenhandel. Die Bundesrepublik Deutschland war bereits in den 1960er Jahren der zweitgrößte Käseimporteur der Welt. Hauptnutznießer waren die Niederlande – sie lieferten 90 % der westdeutschen Schnittkäseimporte – und Frankreich, das die Weichkäseimporte vollständig dominierte. [62] Vor den EWG-Milchmarktreformen waren die deutschen Exporte niedrig und wurden von Schmelzkäse (bzw. der Firma Kraft) dominiert. 1963 betrug der Weltmarktanteil westdeutscher Käseexporte nur 3,5 %. Doch nun begann ein rasantes Wachstum: Die Ausfuhren stiegen zwischen 1963 und 1973 von 18.900 auf 81.900 Tonnen. [63] Italien wurde das mit Abstand wichtigste Zielland, gefolgt von den USA. Schmelzkäse blieb wichtig, wurde aber in den 1960er Jahren von Hart-, Schnitt- und Weichkäse übertroffen. Mit anderen Worten: In Deutschland ansässige Firmen drangen mit Produkten und Strategien in die italienischen Märkte ein, die zuvor von niederländischen Produzenten in Deutschland genutzt wurden. Es waren vor allem Anbieter aus dem bayerischen Allgäu, die billigen und massenindustriell gefertigten Käse in einen wachsenden nahe gelegenen ausländischen Massenmarkt exportierten.

Der Exporthandel wurde von größeren und effizienteren Firmen dominiert. Zum einen fusionierten viele Molkereien zu größeren Einheiten. Die Zahl der Molkereien halbierte sich von mehr als 800 im Jahr 1970 auf rund 400 im Jahr 1980. Im Jahr 1991 gab es im vereinigten Deutschland 379 milcherzeugende Betriebe, davon 207 genossenschaftliche Molkereien. Bis 2003 sank diese Zahl auf 230, davon 106 Kapitalgesellschaften, 2015 betrug die Gesamtzahl 102. [64] Begleitet wurde dieser Wandel von einer zunehmenden Spezialisierung. Während multinationale Konzerne – etwa Danone oder Unilever – die gesamte Produktionspalette von Milchprodukten anboten und weltweit vermarkteten, etablierten sich parallel Hersteller von Markenprodukten und Handelsmarken. Erstere, etwa Bauer oder Hochland, produzierten Premiumprodukte mit relativ hohem Mehrwert für einen internationalen Markt. Die zweite Gruppe etablierte keine Markenidentität, sondern konzentrierte sich auf den unteren, den preiswerteren Bereich des Marktes. Alle diese Unternehmen kooperierten eng mit führenden deutschen Einzelhändlern, die innerhalb Europas und im letzten Jahrzehnt auch in den USA eine führende, teils dominierende Stellung einnahmen. Ähnliche Muster entwickelten sich auf regionaler Ebene, wo regionale Akteure entweder versuchten, eine starke Markenidentität zu etablieren, oder sich mittelständische Unternehmen auf massenhaft hergestellte Billigprodukte für regionale Märkte konzentrierten. [65]

18_Der Spiegel_1958_Nr16_p25_Kaese_Produktionsstaette_Kraft_Schwabmuenchen

Kraft-Fabrik Schwabmünchen 1958 (Der Spiegel 1958, Nr. 16, 25)

Dieser rasche Wandel wäre ohne beträchtliche ausländische Direktinvestitionen nicht möglich gewesen. Nur drei deutsche Unternehmen – Deutsches Milchkontor, Müller und Arla – waren 2018 unter den zwanzig global führenden Molkereien. Aber zehn dieser zwanzig Unternehmen produzierten an insgesamt 37 Standorten in Deutschland. [66] Es ist daher eine typische semantische Illusion, von „deutschem“ Käse zu sprechen. Dabei ist der Molkereimarkt hierzulande wettbewerbsintensiv, besitzen doch mehr als ein Dutzend Firmen Marktanteile von über 3 %. [67] Acht Unternehmen – Deutsches Milchkontor, Müller, Hochwald, Arla, Hochland, FrieslandCampina, Fude + Serrahn und Zott – hatten 2017 einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro. [68] Es ist sehr wahrscheinlich, dass weitere Fusionen zu noch kapitalkräftigeren nationalen und multinationalen Unternehmen führen werden.

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Quintessenz moderner Milchverarbeitung: Müller-Standort Leppersdorf (https://www.muellergroup.com/die-gruppe/standortportraits/leppersdorf/ [Abruf: 23.02.2021])

Die Bundesrepublik Deutschland blieb der zweitgrößte Käseimporteur der Welt. Doch 1987 wurde es vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur. [69] Im Jahr 2018 wurden 49 % der deutschen Käseproduktion exportiert. Fast 90 % gingen in andere Länder der Europäischen Union (EU), doch zunehmend boten auch Nicht-EU-Märkte Marktchancen. Russland, ehedem größter Abnehmer, wird seit einigen Jahren aus politischen Gründen nicht mehr beliefert, doch die Schweiz, Japan, die USA und Südkorea, Balkanstaaten und die arabische Welt können und werden wahrscheinlich wachsende Mengen „deutschen“ Käses importieren. Anderseits wurden 2018 41 % des deutschen Käsekonsums importiert, fast durchweg aus der EU. Die Verbraucherpreise sind relativ niedrig – und die Bundesbürger können alle Käsesorten dieser Welt genießen. [70] All dies veränderte den ökonomischen Stellenwert von Käse massiv: Er ist seit den frühen 1960er Jahren die treibende Kraft des Milchmarktes. Heute wird mehr als ein Drittel der hierzulande produzierten Milch zu Käse verarbeitet.

Zwei Aspekte sind zu ergänzen: Zum einen ist Deutschland heute der zweitgrößte Markt für Bio-Lebensmittel weltweit. Deutscher Bio-Käse wurde in den letzten zwei Jahrzehnten stark subventioniert, blieb jedoch ein Nischenprodukt. Sein Marktanteil wuchs lange Zeit, vor allem in Süddeutschland, lag aber mit 2,4 % im Jahr 2016 und nur mehr 2,2 % im Jahr 2019 weit unter dem durchschnittlichen Anteil von Bio-Lebensmitteln in Deutschland. [71] Auf der anderen Seite hat sich Analogkäse zu einer wichtigen und günstigen Alternative zu Käse entwickelt. Im Jahr 2015 wurden ca. 100.000 Tonnen produziert, also knapp 5 % der gesamten Käseproduktion. Die meisten dieser nicht immer präzise abzugrenzenden Ersatzprodukte werden exportiert, zumal sie hierzulande als Zugabe zu Pizza, Lasagne oder Käsebrötchen gekennzeichnet werden müssen. [72] Veganer bevorzugen solche Imitate und es ist mehr als wahrscheinlich, dass solcher Kunstkäse in Zukunft Marktanteile gewinnen werden. Vermeintlich „gesunde“ Ernährungsweisen knüpfen damit an Entwicklungen an, die vor dem Ersten Weltkrieg im Deutschen Reich scheiterten.

Käse – und die Aufgabe des Historikers

Es war ein langer Weg vom Aufstieg der deutschen Molkereien und Sauerkäsereien bis zur heutigen globalen Präsenz von „deutschem“ Käse. Im Gegensatz zu Staaten mit einer reicheren kulinarischen Tradition der Käseherstellung haben „deutsche“ Produzenten gelernt, die Kernbedürfnisse des modernen Massenmarktes zu bedienen. Doch obwohl eine unüberschaubare Anzahl von Kochbüchern und Lebensmittelhandbüchern veröffentlicht wurde, um den nuancierten Geschmack dieses Milchprodukts zu preisen, ist dies nicht mehr als die ästhetische Fassade einer Lebensmittelversorgung, die vor allem von soliden, schmackhaften und standardisierten Sorten geprägt ist. Deutschland hat die meisten seiner traditionellen Spezialitäten, insbesondere Tilsiter, Sauermilchkäse und viele süddeutsche Weichkäse, bereits in den 1940er und 1950er Jahren verloren oder modifiziert. Von ausländischen Molkereien lernend, die fortschrittlichen Produktionstechnologien des Auslandes kopierend, konnte Deutschland eine hybride „deutsche“ Käseproduktion entwickeln, die dann in der Lage war, ausländische, ja Weltmärkte zu erobern. Das Fehlen und der Verlust von kulinarischen Traditionen war ein wichtiges Element für diesen Erfolg.

Dieser erstaunliche Wandel wäre ohne eine entsprechende Agrarpolitik und ohne traditionslos erfolgreich agierende Unternehmer nicht möglich gewesen – und doch standen sie in der Tradition der Molkereiexperten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die kleine, bestenfalls mittelständische Molkereien und Käsereien etablierten, um die wachsende Zahl von Menschen in Dörfern und städtischen Zentren zu versorgen. Klare Definitionen und Offenheit für ausländische Innovationen halfen, ein immenses Netzwerk von kleinen und mittleren Betrieben zu schaffen, das schon vor dem Ersten Weltkrieg als „deutsche“ Käseindustrie wahrgenommen wurde, sich selbst aber erst seit den 1920er Jahren so bezeichnete. In dieser Zeit versuchten Staat und Molkereifachleute, die Industrie zu rationalisieren. Doch von Importmacht und Wirtschaftskrisen bedrängt, schlossen sie den Markt, um die Käseproduktion nach ihren eigenen Bedingungen zu entwickeln. Nach 1930 wuchsen Verbrauch und Produktion, aber die damaligen Angebote brachten die Verbraucher nicht dazu deutlich mehr Käse zu konsumieren. Das System der kontrollierten Verbesserung begünstigte die Produzenten, und die Interessen der Agrarindustrie waren ausschlaggebend für die Wiedereinführung ähnlicher Systeme der Marktordnung in den frühen 1950er Jahren in Westdeutschland und 1964 in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Solche Systeme waren funktional, um eine Branche mit fast 15.000 Firmen oder Molkereien (1930) in eine Gruppe von heutzutage etwa 100 regionalen, nationalen und globalen Akteuren zu verwandeln. Diese Firmen können alle Käsesorten zu einem erschwinglichen Preis produzieren. Parallel dazu erzählen sie den Verbrauchern aber abstrus anmutende Geschichten von der traditionellen bäuerlichen Hausproduktion. Und sie waren sehr erfolgreich darin, Vorstellungen garantierter Herkunftsorte und spezialisierter Angebote in aufnahmefähigen Exportmärkten zu etablieren.

Die heutige deutsche Käseindustrie ist das Ergebnis eines erstaunlichen Wandels. Sie bedient die Bedürfnisse des modernen Massenmarktes und vermittelt eine fortwährende Chimäre von hochwertiger Käseproduktion durch Bauern und Senner, von einer ruhigen und stabilen Landwirtschaft, von Natur und Mensch in Harmonie. Ich mag solche Geschichten, besonders beim Genuss von vollmundigem Hartkäse und eines nuancierten Rotweins. Die Geschichtswissenschaft verweist jedoch auf eine deutlich andere Geschichte – und es ist die nüchterne Aufgabe von Historikern, just diese zu verbreiten.

Uwe Spiekermann, 27. März 2021

Anmerkungen und Nachweise

[1] Rolf Schrameier, Entwicklungstendenzen am deutschen Käsemarkt, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 3, 1932/33, 85-91, hier 87.
[2] Vgl. Erzeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Käse-Industrie, Die Käse-Industrie 3, 1930, 74-75; Kurt Kretschmer, Existenzfragen der Käse-Industrie, ebd., 97-99, hier 97; Im Kampf auf dem Käsemarkt, Die Käse-Industrie 5, 1932, 49-50, hier 49.
[3] A[rtur] Schürmann, Nachfragewandlungen am Käsemarkt des Rhein.-Westf. Industriegebietes, Milchwirtschaftliches Zentralblatt 62, 1933, 33-36, 47-50, hier 48.
[4] G[ustav] Rieß und W[alter] Ludorff, Die Verordnung über die Schaffung einheitlicher Sorten von Butter und Käse, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1934, 25-27, 42-44.
[5] Vgl. Hugo Teßmer, Die neue Verordnung über den Zusammenschluß der deutschen Milchwirtschaft, Die Käse-Industrie 9, 1936, 84-86; [Oswalt] Vopelius, Neue Grundlagen des deutschen Käsemarktes, Mitteilungen für die Landwirtschaft 53, 1937, 301.
[6] Internationales Abkommen zur Vereinheitlichung der Methoden für die Entnahme von Proben und die Untersuchung von Käse. (Rom, den 26. April 1934.), Milchwirtschaftliches Zentralblatt 67, 1938, 49-53.
[7] G[erhart] Rudolph, Steigende Selbstversorgung Deutschlands mit Käse, Zeitschrift für Volksernährung 10, 1935, 140-141, hier 141.
[8] Vgl. Nathusius, Die Reform der Milchgeschäfte durch das Reichsmilchgesetz, Milchwirtschaftliches Zentralblatt 62, 1933, 285-286.
[9] Heinz Mahn, Der Käsemarkt in Deutschland, Frankfurt a.M. 1952, 49.
[10] Der Quarg und seine Verwendung, Die Käse-Industrie 11, 1938, 34-37, hier 34.
[11] Kurt Kretschmer, Rückblick und Ausblick auf die Lage der Sauermilchkäsereien, Die Käse-Industrie 9, 1936, 1-3; Die Sauermilchkäserei in der Statistik, Die Käse-Industrie 11, 1938, 168-169, hier 168.
[12] Kurt Kretschmer, Die Aufgaben der Fachuntergruppe Sauermilchkäse, Die Käse-Industrie 11, 1938, 20-21, hier 20.
[13] E. Oelkers, Sauermilchkäse-Pflichtprüfung und Fachschaftstagung der Hersteller von Sauermilchkäse im MWV. Hannover, Die Käse-Industrie 11, 1938, 22; G. Schwarz und H. Döring, Vereinheitlichung der Untersuchungsmethoden von Sauermilchquarg, ebd. 29-32. Zu ähnlichen Kontrollsystemen anderer Käsesorten s. Vorschriften und Grundsätze für das Richten von Käse beim Preiswettbewerb der Reichsnährstandsausstellung, Die Käse-Industrie 9, 1936, 29-33.
[14] Kurt Kretschmer, Aufgaben der Sauermilchkäsereien, Die Käse-Industrie 9, 1936, 141-142, hier 142.
[15] Kurt Kretschmer, Beitrag zur Verbrauchslenkung für Sauermilchkäse, Die Käse-Industrie 11, 1938, 152-153.
[16] K[urt] Kleinböhl, Rückblick auf die Reichsprüfung für Quarg und Sauermilchkäse, Die Käse-Industrie 11, 1938, 132-134, hier 134.
[17] Georg Bergler, Absatzmethoden des Einzelhandels von vorgestern, gestern und heute, Deutsche Handels-Warte 1934, 102-106, 129-133, hier 105.
[18] Walter Ludorff, Schmelzkäse, seine Herstellung und Bedeutung für Ernährung und Wirtschaft, Reichs-Gesundheitsblatt 13, 1938, 245-247; Erzeugung von Schmelzkäse im Jahre 1937, Die Käse-Industrie 11, 1938, 763-764.
[19] Zum ersten Male der volle Wert der Milch im Käse, Die Zeit 1952, Ausg. v. 6. November.
[20] Wilhelm Ziegelmayer, Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung. […], 4. überarb. und erw. Aufl., Dresden und Leipzig 1941, 212; Kurt Kretschmer, Die Herstellung von Kochkäse, Die Käse-Industrie 11, 1938, 111-115; G. Stamm, Über Schichtkäse, Zeitschrift für Untersuchung der Lebensmittel 66, 1933, 593-599.
[21] Vgl. Kochkäse in Dosen, Zeitschrift für Volksernährung 9, 1934, 108-109; Scheiben-Käse in Dosen, Milchwirtschaftliches Zentralblatt 67, 1938, 260-261; W[ilhelm] Henneberg, Die Herstellung des Käses aus pasteurisierter Milch, Der Forschungsdienst 1, 1936, 371-377.
[22] Mahn, 1952, 39.
[23] Werbung für deutschen Käse, Die Käse-Industrie 11, 1938, 9; K. Noack, Werbung für Sauermilchkäse, ebd., 54-55, 71-73; O[swalt] Vopelius, Wege und Mittel der Käsewerbung, ebd., 62-63; Erfolgreiche Werbung für den Mehrverbrauch von Käse, ebd., 84-85; Werbefeldzug für den Mehrabsatz von Käse, Die Ernährung 3, 1938, 139.
[24] Vgl. J.F. Hußmann, Käse als Nahrungsmittel, Zeitschrift für Volksernährung 16, 1941, 306-307, 381-383; Hermann Ertel, Die Bedeutung des Käses für die menschliche Ernährung, Die Käse-Industrie 11, 1938, 63-64.
[25] Kurt Kretschmer, Die Kleinpackung in der Käse-Industrie, Die Käse-Industrie 11, 1938, 17-18.
[26] Kurt Häfner, Materialien zur Kriegsernährungswirtschaft 1939-1945, Abschnitt: Entwicklung der Versorgung mit den wichtigsten Nahrungsmitteln, s.l. s.a. (Ms.), 30.
[27] Ebd. s.a., 2. S. n. 30.
[28] Verbot bestimmter Fettkäsesorten und Herabsetzung des Fettgehaltes für Käse, Deutsche Lebensmittel-Rundschau 1939, 207.
[29] Häfner, s.a., Abschnitt: Nahrungsmittelverbrauch, 10.
[30] Hanni Stein, Käsebereitung aus Magermilchquark, Zeitschrift für Volksernährung 18, 1943, 68.
[31] Häfner, s.a., Abschnitt: Entwicklung, 32.
[32] Die Agrarmärkte in der Bundesrepublik. Aufbau, Arbeitsweise und bisherige Arbeitsergebnisse der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle der Deutschen Landwirtschaft G.m.b.H., Neuwied 1951, 43.
[33] Mahn, 1952, 13.
[34] C[arl] Stoye, Zur Ernährungsdebatte, Der Verbraucher 6, 1952, 27-30, hier 30.
[35] G. Mehlem, Milchpreisdebatte im Bundestag, Der Verbraucher 7, 1953, 701.
[36] Wilhelm Merl, Die Ohnmacht der Verbraucher, Gewerkschaftliche Monatshefte 7, 1956, 547-551.
[37] 1958 war eine Ausnahme, da niederländische und dänische Importeure ihre Preise reduzierten. Eine auf Druck der Milchlobby erzielte Einigung zwischen den drei Staaten stabilisierte dann wieder das ursprüngliche Preisniveau. Vgl. Käsepreise. Das Frühstückskartell, Der Spiegel 12, 1958, Nr. 32, 18-20.
[38] Die Referenzwerte für 1948/49 waren 1,2 kg Hartkäse, 1,1 kg Schmelzkäse, 0,3 kg Sauerkäse, 0,5 kg Quark resp. für 1950/51 2,7 kg Hartkäse, 0,7 kg Schmelzkäse, 0,5 kg Sauerkäse, 1,1 kg Quark (Mahn, 1952, 39).
[39] Bärbel Heinicke, Nahrungs- und Genußmittelindustrie. Strukturelle Probleme und Wachstumschancen, Berlin (W) und München 1964, 74-75 (für den gesamten Absatz).
[40] Zur Lage auf dem Milchmarkt im Bundesgebiet, Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung 25, 1958, 123-124, hier 124.
[41] H[einz] Mahn, Wachsende Bedeutung der Schmelzkäse-Industrie in der Bundesrepublik Deutschland, Die Ernährungswirtschaft 11, 1964, 163-165, hier 164.
[42] Emmentaler. Die Käsegrenze, Der Spiegel 12, 1958, Nr. 16, 25-26.
[43] Die Käse-Konvention von Stresa und die Zusatzprotokolle von Stresa und Den Haag, Die Milchwissenschaft 7 (1952), 286-291; M[ax] E[rnst] Schulz, Klassifizierung von Käse, ebd., 292-299.
[44] Oscar Langhard, Internationale Vereinbarungen zum Schutz von Käsenamen, Die Milchwissenschaft 8, 1953, 221-223.
[45] Mahn, 1952, 24.
[46] Ebd., 25-26. Armin Boeckeler, Der Strukturwandel in der Hartkäseproduktion in Deutschland beim Übergang von der handwerklichen zur industriellen Fertigung, Konstanz 1971, 16, betonte, dass die Technologie der Weichkäseproduktion im Allgäu zwischen 1910 und 1959 stagniert habe.
[47] Berechnet n. Mahn, 1952, 30.
[48] Ebd., 35; Tribut für Cema, Der Spiegel 23, 1969, Nr. 39, 106-107, hier 106.
[49] Vgl. Wilhelm Magura (Hg.), Chronik der Agrarpolitik und Agrarwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland von 1945-1967, Hamburg und Berlin (W) 1970, 110-112. Für eine breitere Perspektive s. Kiran Klaus Patel, Europäisierung wider Willen. Die Bundesrepublik Deutschland in der Agrarintegration der EWG 1955-1973, München 2009.
[50] Hermann Bohle, Schutz für den EWG-Käse, Die Zeit 1964, Ausg. v. 24. Juli.
[51] Vgl. die Diskussion in H[ans] J[ürgen] Metzdorf, Der westdeutsche Fettmarkt, Agrarwirtschaft 11, 1962, 188-192, hier 191-192.
[52] Rudolf Hilker, Der Käsemarkt in der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg und Berlin (W) 1967, 8-9.
[53] Hans Lukas, Der Deutsche Raiffeisenverband. Entwicklung, Struktur und Funktion, Berlin (W) 1972, 95-96.
[54] Max Eli, Die Nachfragekonzentration im Nahrungsmittelhandel. Ausmaß, Organisation und Auswirkungen, Berlin (W) und München 1968, 39.
[55] Ernst Esche und Manfred Drews, Der Europäische Milchmarkt, Hamburg und Berlin (W), 146; Frank Roeb, Käsezubereitung und Käsespeisen in Deutschland seit 1800, Phil. Diss. Mainz, Mainz 1976, 192.
[56] Zu den allgemeinen Trends im westdeutschen Einzelhandel dieser Zeit s. Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel im 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, insb. 99-116.
[57] Die Hoffmann Studie, FfH-Mitteilungen NF 4, 1963, Nr. 11, 1-3; Explosive Sortiments-Entwicklung, dynamik im handel 1970, Nr. 5, 3-15.
[58] Vgl. Hubert Bentele, Moderne Käsereien: Technische Konzeption aus gegenwärtiger Sicht, Die Ernährungswirtschaft/Lebensmitteltechnik 17, 1970, 340, 342, 344.
[59] Vgl. Tobias Piller, Mozzarella aus Deutschland?, Frankfurter Allgemeine Zeitung 2008, Nr. 280, 8. Über Feta und die Prozesse über die Verwendung des Begriffes s. Peter Holler, Als Standardprodukt etabliert, Lebensmittelzeitung 2006, Nr. 35, 50-51.
[60] G[erd] Ramm, Produktion und Verbrauch von Käse in der BRD seit 1960 und Vorausschätzungen für 1975 und 1980, Braunschweig 1974, 14.
[61] Agrarmärkte. Jahresheft 2000, Schwäbisch Gmünd 2000, M – 11.2.
[62] Ramm, 1974, 11-12.
[63] Ebd., 4.
[64] Marlen Wienert, Integrierte Kommunikation in Milch verarbeitenden Unternehmen, Wiwi. Diss. TU München, München 2007, 17. Höchst informative Karten zu diesen Veränderungen finden sich in Helmut Nuhn, Veränderungen des Produktionssystems der deutschen Milchwirtschaft im Spannungsfeld von Markt und Regulierung, in: ders. et al., Auflösung regionaler Produktionsketten und Ansätze zu einer Neuformierung. Fallstudien zur Nahrungsmittelindustrie in Deutschland, Münster 1999, 113-166 und Cordula Neiberger, Standortstrukturen und räumliche Verflechtungen in der Nahrungsmittelindustrie. Die Beispiele Molkereiprodukte und Dauerbackwaren, in: ebd., 81-111.
[65] Roland Rutz, Die deutsche Milchwirtschaft, in: Karsten Lehmann (Hg.), Wertschöpfungsketten in Deutschland und Polen – das Beispiel Milch und Gemüse, Berlin 2010, 69-82, hier 78.
[66] Richard Riester, Corina Jantke und Amelie Rieger, Milch, in: Agrarmärkte 2019, hg. v. d. Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der Ländlichen Räume und Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Schwäbisch-Gmünd und Freising-Weihenstephan 2020, 209-238, hier 214.
[67] Andrea Wessel, Die Käsebranche formiert sich neu, Lebensmittelzeitung 2001, Nr. 39, 51-52; Cheese in Germany. Industry Profile, hg. v. Datamonitor, New York u.a. 2004, 13.
[68] Riester, Jantke und Rieger, 2020, 231.
[69] Petra Salomon, Die Märkte für Milch und Fette, Agrarwirtschaft 39, 1990, 421-439, hier 435. Zusätzliche Informationen über die Zeit des Übergangs enthält L[utz] Kersten, Die Märkte für Milch und Fette, ebd. 34, 1985, 395-409 (oder andere Ausgaben dieser Jahresüberblicke).
[70] Riester, Jantke und Rieger, 2020, insb. 233.
[71] Die Bio-Branche 2017. Zahlen, Daten, Fakten, hg. v. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Berlin 2017, 15; https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1774443/umfrage/käse [Abruf: 23.02.2021]. Der neueste Bericht wies lediglich den insgesamt unterdurchschnittlichen Marktanteil von Milchrahmerzeugnissen aus (4,8 %), nicht aber den gesunkenen Marktanteil von Biokäse (Branchen Report 2020 Ökologische Lebensmittelwirtschaft, hg. v. Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Berlin 2020, 23).
[72] Agrarmärkte 2016, hg. v. d. Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der Ländlichen Räume und Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Schwäbisch-Gmünd und Freising-Weihenstephan 2016, 241.

1932 – Das Jahr des Jo-Jos

„Wir spielen als Kind, als Knabe, als Jüngling, als Mann, als Frau, als Greis und als Matrone mit gleichem Vergnügen; der Hang, die Lust daran bleibt immer dieselbe, nur die Spielzeuge ändern sich“ (Friedrich Justin Bertuch, Ueber das Joujou de Normandie, und die Moden der Joujous überhaupt, Journal des Luxus und der Moden 7, 1792, 4-13, hier 4). Spielen erschien dem Verleger und Aufklärer Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) etwas zutiefst Menschliches – und sein Weimarer Geistesbruder Friedrich Schiller (1759-1805) würdigte in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen Spiel und Spieltrieb wenig später als Ausdruck wahren Menschentums. Und doch… Spielen ist mehr als ein erstrebenswertes Ideal, gar eine anthropologische Konstante. Der „Homo Ludens“ war nie nur er selbst, sondern immer auch Abbild und Ausdruck einer, eben seiner Zeit. Spielen charakterisiert die Zeitläufte, die sozialen und ökonomischen Formationen, erlaubt dadurch einen anderen Blick auf Vergangenheit. Die Ludologie, die Wissenschaft vom Spiel(en), hat dies, (zu)recht ernst und vielfältig analysiert, vornehmlich in der Pädagogik, der Kulturanthropologie und der Theologie. Doch bevor wir uns im Spiel der Worte verlieren, hin zum Thema, der Geschichte des Jo-Jo-Spiels. 1932, so sagen wir Historiker, war ein Jahr der Weltwirtschaftskrise, des Aufstieg des Nationalsozialismus, des Bürgerkrieges auf den Straßen, von Massenarmut und Not. Doch 1932 war zugleich das Jahr des Jo-Jos.

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Alltagsvirtuosität 1932 (Nebelspalter 59, 1933, Nr. 1, 6 – Nachdruck aus dem Punch)

Blicken wir etwa nach Wien, wo es überzeichnend hieß: „Die ganze Firma spielte Yo-Yo. Keiner war fähig, an etwas zu denken. Das Telephon wurde abgeschaltet, damit sein Klingeln nicht störte. Kundschaften wurden unhöflich behandelt und schlecht oder gar nicht beliefert, so daß sie zur Konkurrenz gingen. Zahlungstermine wurden vergessen. Einige große Schuldner gingen in den Ausgleich. Die Forderungen wurden nicht angemeldet, das Geld verloren. Wechsel wurden fällig und nicht bezahlt. Das Warenlager wurde gepfändet, die Bureaueinrichtung wurde gepfändet, aber in der Firma wurde nur Yo-Yo gespielt“ (George Stoeßler, Der Bankrott, Das interessante Blatt 50, 1932, Nr. 43 v. 27. Oktober, 11).

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Jo-Jo-Spiel im Büro (Das interessante Blatt 50, 1932, Nr. 43 v. 27. Oktober, 11)

Nein, Jo-Jo hat die Weltwirtschaftskrise weder bewirkt, noch verschärft – und doch. Das Spiel breitete sich 1932 binnen weniger Monate in Europa aus, erst im Westen, dann in der Mitte, schließlich auch im Osten. Während die ökonomischen Strukturen zerbrachen, alter und neuer Mittelstand gärten, sich Bauern und Teile der Arbeiterschaft radikalisierten, schien Jo-Jo den Alltag stillzulegen und zugleich mit neuem Zauber zu versehen.

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Alltag im Aufruhr (La Lutte Syndicale 1933, Nr. 14 v. 8. April, 2)

Karikaturisten gewannen dem spielerischen Treiben vielfältige Aspekte ab, auch hoffnungsfrohe. Das Auf und Ab der Politik spiegelte sich im Spiel der Jo-Jo-Scheiben. Und siehe da, Völkerverständigung schien möglich, Abrüstung und Frieden, der Mensch wurde ganz Mensch, verbindende Linien waren sichtbar: „Es gibt keine Zwistigkeiten mehr, denn Jo-Jo überbrückt alles und zieht jeden in seinen Bann. Wie der Hypnotiseur sein Medium auf eine Kugel starren läßt, so ist der Spielende von einer kleinen glänzenden Scheibe fasciniert. Stundenlang halten die vom Jo-Jo Besessenen den dünnen Faden in der Hand, um mit der größten Aufmerksamkeit die rotierende Scheibe zu beobachten“ (Josef Kostelnik, Yo-Yo erobert sich die Welt! Ein Spiel beherrscht den Kontinent, Neue Zürcher Nachrichten 1932, Nr. 271 v. 5. Oktober, 4).

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Jo-Jo als Chance für die „große“ Politik (Nebelspalter 58, 1932, Nr. 44, 3)

Folgt man den Tageszeitungen, so kam die Welle aus Kanada, erreichte im Frühsommer Großbritannien. Korrespondenten berichteten über ein scheinbar leichtes, letztlich aber forderndes Spiel, angegangen, um Aufmerksamkeit zu erregen und „Langeweile zu bannen“ (Wie sich die Londoner Gesellschaft amüsiert, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13856 v. 18. Juni, 6). Frankreich folgte mit noch stärkerer Resonanz. Am Anfang standen die Badeorte, standen auch publizistisch gezielt gestreute Gerüchte; etwa über einen jungen, scheinbar geisteskranken Amerikaner im mondänen französischen Badeort Deauville, der am Strande tagaus, tagein Jo-Jo spielte: „Eine Woche später wurde im Hotel ‚Normandy‘ in Deauville ein ‚Gala-Yo-Yo-Abend‘ abgehalten. Wieder eine Woche später hatte das Yo-Yo Paris erobert, dann Cannes, Juan-les-Pins, Rom, Berlin, London, Budapest, Wien, ganz Europa“ (Kostelnik, 1932).

All dies geschah im Sommer 1932, Anfang September. Der Berliner Soziologe und Journalist Siegfried Krakauer (1889-1966) weilte damals im französischen Seebad Royan. Er deutete das Phänomen als Teil allgemeiner Amerikanisierung, Jo-Jo war für ihn „eine Art Kaugummi für die Hand“ (Berliner Nebeneinander. Ausgewählte Feuilletons 1930-33, Zürich 1996, 298). Seitdem war das Spiel europäisches Pressethema und Alltagspraxis – und blieb es über den Herbst bis in die frühe Winterzeit (Le Nouveau Jeu. Le Yo-Yo, L’Elclaireur 1932, Nr. 20 v. 25. Oktober, 1; Robert Delys, Les Jeux à la Mode, Le Progrès 1932, Nr. 1929 v. 27. Oktober, 2; Yo-yo-mani, L’Eveil de l’AEF 1932, Nr. 31 v. 3. Dezember, 12). In Deutschland staunte man zu Beginn über die Manie im Westen, doch die Übernahme des neuen „Geduldspiels“ folgte auf dem Fuß: „Uns Deutschen wird dieses Spiel besonders liegen. Wir sind daran gewöhnt, Geduld haben zu müssen. Uns ist es seit vielen Jahren gegangen wie dem Jo-Jo, immer auf und runter“ (Das Geheimnis des Jo-Jo, Hamburger Nachrichten 1932, Ausg. v. 28. September, 7).

Die Jo-Jo-„Manie“ als gemachter Trend: Das Yo-Yo in den USA

Dabei könnte man es belassen. Doch kurzfristige Moden wie die des Jo-Jos sind ein konstitutives Element moderner Konsumgesellschaften. Sie stehen für Dynamik, für Wahlhandeln, für die Attraktion des Neuen. All das ist brüchig – und die Geschichte des Jo-Jos erlaubt einen Blick hinter das vordergründige Geschehen einer solch kurzfristigen Sonderkonjunktur.

Zuvor vielleicht aber noch wenige Sätze zum Objekt der Begierde. Ein Jo-Jo besteht aus zwei durch einen Mittelsteg verbundene Scheiben. Das Spielzeug wird durch eine am Mittelsteg befestigte Schnur in Bewegung gesetzt; und die Kunst besteht darin, dem Auf und Ab Dauer und Virtuosität zu verleihen. Das Jo-Jo ist spielerisch angewandte Physik (detailliert hierzu Wolfgang Bürger, The Yo-yo: A Toy Flywheel, American Scientist 72, 1984, 137-142): „Wer das Geheimnis dieses Auf- und Niederrollens physikalisch ergründen will, wird bei jener wunderbaren und herrlichen Naturkraft landen, der wir so viele schöne Dinge verdanken, der sogenannten Trägheit. Ich versetze die Doppelscheibe mit einem seitlichen Anstoß – Stümper und Anfänger rollen die ganze Schnur auf – und die Schwerkraft zieht meine Scheibe nach unten. Da sie aber an der Schnur hängt, muß sie sich drehen, und weil sie sich dreht, so will sie sich auch dann noch drehen, wenn es eigentlich gar nicht mehr notwendig wäre, und so wickelt sich das Scheibchen wieder verkehrt an der Schnur auf und das Spiel beginnt von neuem“ (Spielen Sie schon Yo-Yo?, Salzburger Chronik für Stadt und Land 1932, Nr. 244 v. 22. Oktober, 8). 1932 handelte es sich fast durchweg um Holzspielzeug, Blech wurde nur selten verwandt. Auch andere Werkstoffe wurden herangezogen, erlaubten Marktdifferenzierung bis hin zu teuren Anfertigungen aus Silber oder Elfenbein. Doch es soll hier nicht um das Objekt selbst, sondern vielmehr um das gesellschaftliche Ereignis im Jahre 1932 gehen, um die Wucht einer Mode, der sich damals kaum jemand entziehen konnte.

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Jo-Jos als Ware: Hausierer mit Bauchkasten in Wien 1932 (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 30)

Sie gilt es jedoch nicht zu feiern, sondern zu analysieren. All den netten Berichten und Bildern zum Trotz war die Jo-Jo-Mode eben kein naturwüchsiges Ereignis, sondern eine kühl geplante kommerzielle Landnahme. Der Trend wurde rational in Gang gesetzt und in Gang gehalten, sein Ziel war ökonomischer Gewinn. Berichte über die Jo-Jo-„Manie“ waren Bestandteil umfassender Presse- und PR-Arbeit. Gewiss, Moden und Kaskadeneffekte sind nicht vollends zu berechnen oder gar zu beherrschen; die wechselhafte Geschichte der Schnellballsysteme unterstreicht dies. Die plötzliche Alltagsmacht des Spieles galt damals jedoch als Beleg für erfolgreiches „social engineering“, also die systematische und erfolgreiche Beeinflussung der öffentlichen Meinung, der Wähler und Konsumenten. Die junge Marketing-“Wissenschaft“ ging damals noch von schwachen Konsumenten und starken kommerziellen Reizen aus, Märkte und Politiken schienen machbar (Walter Lippmann, Public Opinion, Washington 1922; Edward L. Bernays, Propaganda, New York 1928).

Die unmittelbaren Anfänge der europäischen Jo-Jo-Mode des Jahres 1932 lagen in den USA. Als „Erfinder“ wird gemeinhin der philippinische Einwanderer Pedro Flores (1896-1964) genannt. Er studierte Jura in Berkeley und San Francisco, verließ die Hochschulen jedoch ohne Abschluss. Mitte der 1920er Jahre entwickelte er den „Yo-Yo“ zu einem Konsumgut, charakterisiert durch eine neuartige Schleifenaufhängung der Schnur. Gegenüber der tradierten einfachen Befestigung am Mittelsteg ergaben sich dadurch neuartige, virtuos anzuschauende Spielarten. Flores gründete 1928 im kalifornischen Santa Barbara die “Yo-Yo Manufacturing Company”, die er mit Hilfe lokaler Investoren rasch ausbaute (David F. Crosby, The Yo-Yo: Its Rise and Fall, American History 2002, August, 52-56). Der Einwandererunternehmer setzte auf Direktmarketing, auf Produktdemonstrationen, bei denen die Teilnehmenden die Möglichkeiten des Spielzeugs sehen und es selbst ausprobieren konnten. 1929 verkaufte er bereits 300.000 „Flores Yo-Yos“, 1930 ließ er sich den Begriff “Yo-Yo” schützen (https://www.thoughtco.com/pedro-flores-inventor-1991879). Zum eigentlichen Macher wurde jedoch der Detroiter Investor Donald F. Duncan (1892-1971).

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Pedro Flores (1896-1964, l.) und Donald Franklin Duncan (1892-1971) (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000049)

Duncan hatte bereits ein Vermögen mit dem Absatz von Speiseeis gemacht, war Mitgründer der in seinem Geburtsstaat Ohio 1920 gestarteten Firma „Good Humor“. Sie war bekannt für die Einführung des „Eskimo Pies“, eines mit Schokolade überzogenen Vanilleeises am Stil, und ihre die Vororte durchfahrenden Verkaufswagen. Bei einer Yo-Yo-Demonstration realisierte Duncan 1929 das Marktpotenzial des neuen Spielzeuges. 1930 gründete er die „Donald F. Duncan Inc.“ in Detroit mit einem Kapital von 25.000 Dollar, die Flores im gleichen Jahr inklusive der Markenrechte aufkaufte. Flores arbeitete von nun an für Duncan, ebenso wie weitere philippinische Einwanderer, etwa der Marketingspezialist Tom Ives. Übernahmen kleinerer Yo-Yo-Produzenten schlossen sich an (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000031).

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Promotiontour von Tom Ives, Duncan Yo-Yo Corp., 1931 (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000005)

Duncan hatte das Kapital und die Kontakte, um insbesondere den bevölkerungsreichen Mittleren Westen und die Ostküste der USA zu durchdringen, Flores selbst steuerte sein bewährtes Absatzsystem bei. Außerdem erlaubten seine Kontakte zu philippinischen Einwandererkreisen das von ihm geschaffene Narrativ der vermeintlich philippinischen Ursprünge des Yo-Yos fortzuspinnen. US-weit halfen jedenfalls ab 1931 immer mehr junge philippinische und auch einige chinesische „Champions“ das Yo-Yo zu verbreiten. Sie etablierten Produkt und Namen, während die durchaus vorhandene Konkurrenz sich mit umschreibenden Markennamen begnügen musste, etwa “come-back” oder “whirl-a-gig” (Marv Balousek, Famous Wisconsin Inventors and Entrepreneurs, Verona 2003, 105).

Bevor wir auf die Vermarktung genauer eingehen, einige abschließende Worte zu Duncan. Dieser produzierte bis in die späten 1950er Jahre Yo-Yos, obwohl er sich ab 1935 durch den Erwerb von Rechten für Parkuhren einen noch profitableren Geschäftszweig eröffnet hatte. Er übergab das Geschäft an seinen Sohn, Donald F. Duncan Jr., der massiv investierte, um den Weg ins Kunststoffzeitalter zu ebnen und die Zahl der Spielwaren zu erhöhen. Seine Strategie scheiterte, die Firma ging 1965 Bankrott – vor allem nachdem sie die Markenrechte verlor. Yo-Yo sei ein Alltagsbegriff geworden, der nicht länger geschützt werden könne (Parking meter, Yo-Yo promoter dead at 79, Daily Reporter 1971, Ausg. v. 17. Mai, 8; New Braunfels Herald-Zeitung 1998, Ausg. v. 16. Dezember, 5). Der Kunststoffproduzent Flambeau Products Corp. übernahm Duncan und machte das Tochterunternehmen wieder profitabel (Lisa Berman, Yo-Yo up when Business down, The Independent 1975, Ausg. v. 13. Februar, 33). Donald F. Duncan Sr. stieg Anfang der 1970er Jahre nochmals in den Spielzeugsektor ein, vermarktete nun neuartige Plastik-Yo-Yos. An die Erfolge der 1930er bis 1950er Jahre – mit jährlichen Absatzzahlen bis hin in den zweistelligen Millionenbereich – konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen (Cassie Domek, Guide to the Duncan Family Yo-yo Collection, Washington 2002, 2). Dennoch: Duncan machte das Yo-Yo zum Alltagsgegenstand – wie Asa Griggs Candler (1851-1929) Coca-Cola oder Ray Kroc (1902-1984) McDonald’s –, indem er es zu einer Ware reduzierte, die produkt- und erlebnisnah vermarktet wurde.

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Ein Markenartikel: Duncans Yo-Yo (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 28. August, 7)

Das Yo-Yo wurde seit 1930 als Markenartikel verankert, Duncan und Yo-Yo wurden rasch Synonyme. Flores war ähnlich vorgegangen, seine Werbetouren vermarkteten explizit „Flores Yo-Yo“ (Yo-Yo Contest of Clarksdale Fans Will be Held Wednesday at Marion, Clarksdale Press Register 1929, Ausg. v. 2. September, 8). Doch der Absatz wurde noch begleitet von einer Do-it-Yourself-Kultur, die Jungen aufforderte, sich ihr philippinisches Yo-Yo selbst zu basteln (Hi Sibley, Make a Filipino „Yo-Yo“, Popular Mechanics 52, 1929, Nr. 7, 135-136). Ab 1930 wurde dies eine Ausnahme – auch aufgrund der geringen Verkaufspreise. Mit einem „Dime“, zehn Cents, konnte man einsteigen und mitmachen.

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Geschichtsklitterung als Geschäftsmasche (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 28. August, 7)

Der Markenartikel wurde mit einer Ursprungsgeschichte verbunden, die Kinder ansprach und nach Abenteuer klang. Strikt kontrafaktisch wurde das Spielzeug als handliche Variante einer philippinischen Waffe der indigenen Krieger vermarktet, als „an obscure Asian jungle-fighting weapon” (Marketer Of Yo-Yo, Parking Meter Dead, The Herald 1971, Ausg. v. 17. Mai, 17). Dies war wirksam in einem Land, das die Philippinen 1898 nicht einfach von den Spaniern erobert, sondern dass die philippinische Unabhängigkeitsbewegung mit massiver Gewalt unterworfen hatte. Bis zu einem Fünftel der Einheimischen kam dabei ums Leben. Der letzte organisierte Widerstand wurde erst während des Ersten Weltkrieges gebrochen, von Kämpfen mit Filipinos konnte man immer wieder lesen. In der Werbung war das kein Thema, wohl aber wurde eine fiktive Begegnung von Flores und Duncan in San Francisco geschildert, die Entdeckung eines armen, aber gewitzt geschickten Einwanderers und seines Yo-Yo durch einen etablierten Repräsentanten des weißen Amerikas. Zähmung des Wilden und Vermarktung des Neuen gingen Hand in Hand, gaben zugleich eine gute Begründung für die Rekrutierung junger philippinischer Billigangestellter als Verkaufsrepräsentanten und Yo-Yo-„Champions“.

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Philippinische Yo-Yo-Virtuosen (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 27. September, 68)

Yo-Yo war exotisch, ein “Filipino fun bug that climbs merrily up and down a string” (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 6. Oktober, 11). Der Verkauf erfolgte über Kioske, Lebensmittel- und Drogerieläden, Warenhäuser und den Fachhandel, das neue Spielzeug war ein billiger Mitnahmeartikel. Doch diese indirekte Nähe zum Kunden reichte nicht, nur durch Direktmarketing schien es möglich, die Kunden einzunehmen und zu begeistern. Nicht Absatz, sondern Wettbewerb stand dabei scheinbar im Mittelpunkt – und den Einstieg erlaubten lokale Yo-Yo-Demonstrationen der jungen wilden Duncan-Repräsentanten. Diese fanden jedoch nicht einfach statt, sondern wurden häufig als Kooperationsveranstaltung lokaler Medien, meist Zeitungen, und von Duncan durchgeführt (vgl. etwa If Yo Can Yoo-Hoo You Can Yo-Ho; Enter Tribune Contest, Cash Prizes, Altoona Tribune 1930, Ausg. v. 30. Juni, 14).

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Philippinische Yo-Yo-Virtuosen (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 27. September, 68)

Yo-Yo-Absatz war ein Ereignis, eine Show. Das Yo-Yo wurde vorgeführt, Virtuosität nahm ein, weckte den Wunsch zum Mitmachen, zum Nachahmen. Schaustellungen auf Jahrmärkten und Rummelplätzen verbanden sich mit den Anpreisungen im Hausier- und Straßenhandel. Auch die gedruckte Werbung war spaßgeprägt, das Spiel einfach, die vielfältigen virtuosen Techniken scheinbar leicht zu erlernen. Vor allem aber war es ein Produkt für alle, klassen- und altersübergreifend, entsprach dem Teilhabeversprechen der amerikanischen Konsumgesellschaft (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 17. September, 17).

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Werbung für Duncan Yo-Yos 1931 (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 6. Oktober, 11)

Für den Absatz boten die zahlreichen Tricks Attraktionen und Lernziele zugleich, schufen sie doch eine Parallelwelt zum raschen Abtauchen. Erst staunte man über The Spinner, Walking the Dog, The Creeper, Over the Falls, Bouncing Betsy, The Sleeper, The Sizzler, Around the World, The Break Away, Loop-the-Loop und viele andere mehr – und dann folgte ein erster Versuch. Yo-Yo-Spiel war Spaß, setzte aber Wissen um dessen Besonderheiten voraus, erforderte Zucht und Selbstdisziplin, sollten die Tricks gelingen, wollte man ebenso locker und cool erschienen wie die kleinen, dunkelhäutigen “Champions”.

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Anleitung für Jo-Jo-Tricks 1932 (San Bernardino County Sun 1932, Ausg. v. 28. Juli, 7)

Yo-Yo war nicht nur ein Spiel für Jugendliche, es gab ihnen auch die Chance, sich einen Freiraum zu erobern, eine akzeptierte Nische. Die Jugendlichen machten Ernst mit dem Spiel, Ratgeber und Zeitungsartikel präsentierten gängige und immer wieder neue Tricks, die es zu erlernen und zu erproben galt. Ihre Spielarbeit hatte zudem ein lohnendes Ziel, nämlich den Sieg beim Wettbewerb, den kleinen Pokal, die große Anerkennung. All dies ließ auch Ältere nicht ruhen, denn wer wollte schon von den Kindern abgehängt werden. Während die Weltwirtschaftskrise den Wettbewerb zwischen Arbeitssuchenden massiv intensivierte, bot Yo-Yo eine Form des friedlichen Miteinander-Ringens – die gleichwohl hart und fordernd war.

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Werbung für eine Yo-Yo-Präsentation in Lincoln, Nebraska (Nebraska State Journal 1932, Aus. v. 28. Mai, 10)

Die wachsende Zahl philippinischer Yo-Yo-Virtuosen erlaubte zahlreiche, präzise geplante parallele Kampagnen in den USA. Die kleinen Verkaufsgruppen zogen von Ort zu Ort, um dort das Yo-Yo-Fieber in Gang zu setzen, um Duncan Yo-Yos zu verkaufen. All das wurde begleitet von zahllosen Artikeln und Bildern, zunehmend aber auch durch eine Populärkultur, die anfangs angestoßen, dann aber zum Selbstläufer wurde. Schlager und Jazz-Titel waren im Radio zu hören, verbanden Tanz und Ausgehen mit dem neuen Produkt: Alice Brasels „Yo-Yo“, Jack „Fuzzie“ und Ree Millers „My Yo-Yo“ (1930), E. Howards „Everybody Yo-Yoing Now“ (1931) oder der „Yo-Yo Song“ sind dafür Beispiele. Wichtig war auch die Zusammenarbeit mit Hollywood-Schauspielern, die für ein für ein Paar Dollar bereitwillig das Yo-Yo präsentierten.

Anfang 1932 war es dann geschafft, die „yo-yo-craze“ (Yo-Yo Top Craze, Kiowa Record 1932, Ausg. v. 17. März, 4) in den USA entfacht, und der Lauf setzte sich über Kanada und England nach Kontinentaleuropa fort. Unterschiede waren offenkundig, denn die US-Kampagnen zielten anfangs vor allem auf Jungen. Nur so waren einschlägige lyrische Ergüsse denkbar, etwa: „What takes the place of my best girl, / Is treasured more than any pearl, / And sets my senses in a whirl. / My Yo-Yo“ (Ogden Standard Examiner 1932, Ausg. v. 23. Juli, 8). Gleichwohl weiteten sich die Kampagnen zunehmend auch auf Mädchen – Motto: „Girls also Yo-Yo“ (Ogden Standard Examiner 1932, Ausg. v. 25. Juni, 8) – und dann Erwachsene aus. In Europa war die Geschlechter- und Altersparität deutlich ausgeprägter.

Die USA boten die Folie für die europäische Jo-Jo-Mode. Duncans Kommerzlegenden wurden von der einschlägigen Presse weiter gesponnen, so etwa in der Frühphase der britischen Jo-Jo-Mode von der britischen Schriftstellerin Jan Struther (1901-1953), die die Entwicklung des Jo-Jos von einer tödlichen philippinische Waffe zu einem kanadischen, nun in England erhältlichen Konsumgut bedauerte (Yo-Yo, the newest fad, The Living Age 343, 1932, September, 63-65, hier 65). Träumereien über das Wilde im wohlbürgerlichen Ambiente…

Jo-Jo als Sonderkonjunktur in der europäischen Krise

Ja, Jo-Jo war ein „amerikanischer Wurf, der bis nach Europa gereicht hat“ (Yo-Yo, Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 1932, Nr. 46 v. 12. November, 3). Doch das Spiel geriet kaum in den Mahlstrom der recht stereotypen Amerikanisierungsdebatte der späten 1920er Jahre. Das lag zum einen daran, dass zwar die Herkunft allgemein bekannt war, dass aber eine daraus resultierende Ablehnung eine rare Ausnahme war. Obrigkeit und insbesondere die hehre Pädagogik schritten ab und an gegen das Jo-Jo-Spiel ein, sei es, um die Verkehrssicherheit, sei es, um den Unterricht zu garantieren. Doch das in Neustadt a.d. Donau, dem heutigen Novi Sad im November 1932 „unter Androhung strengster Bestrafung“ (Ein Verbot des Yo-Yo-Spieles, Die Neue Zeitung 1932, Ausg. v. 18. November, 4) erlassene Spielverbot in Schulen, auf Schulhöfen und auch offener Straße folgte der gängigen Logik der schwarzen Pädagogik, nicht einem antiamerikanischen Kalkül. Man mag das auf ein sich Fügen in das Unvermeidliche zurückführen, auf das Wissen, dass jede Mode ein Ende findet. Plausibler aber dürfte sein, dass das Jo-Jo 1932 eine Sonderkonjunktur bildete, ein Stück Bewegung, der vielbeschworene Silberstreif am Horizont. Wenn sich der Spielemarkt so plötzlich ändern konnte, warum nicht auch anderes?

Die Jo-Jo-Mode begann zwar in den USA, doch Duncan war keineswegs deren direkter Profiteur. In Frankreich brachte die konservative Tageszeitung „L’Intransigeant“ die Scheiben ins Rollen, andere Journale verstärkten den Trend. Davon profitierten Franzosen: „Im Nu haben sich einige geschäftstüchtige Kaufleute der Sache angenommen und die Yo-Yos für alle Preislagen mit allen hölzernen und metallenen Raffinessen hergestellt“ (Pieter Pott, Yo-Yo, Tagblatt 1932, Nr. 217 v. 18. September, 2-3). Produktionsziffern fehlen, ebenso genaue Angaben über die Jo-Jo-Hersteller. Doch während Duncan in den USA den Markt klar dominierte, gab es weder in Europa insgesamt noch in den einzelnen Staaten entsprechende Marktführerschaften. Yo-Yo/Jo-Jo war kein Markenzeichen, sondern eine allgemein nutzbare Bezeichnung. Die Sonderkonjunktur nutzte den durch die Krise darniederliegenden Spielwarenregionen der einzelnen Staaten. Diese produzierten vielfach noch im Heimgewerbe, Nebenerwerbslandwirtschaft war nicht selten, diente als Krisenpuffer. In Frankreich galt das etwa für das Departement Jura. Die Wiener Journalistin Lotte Sternbach-Gärtner (d.i. Caroline Kohn) bemerkte pointiert, das „der Yo-Yo-Rummel vermocht [habe, US], was alle Weltkonferenzen nicht zustande brachten: es gibt dort so gut wie keine Arbeitslosen mehr“ (Yo-Yo, die große Mode. Ein Kinderspielzeug, das alle Welt beschäftigt, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13980 v. 21. Oktober, 9). Ähnliches galt für den Böhmerwald, wo „die Betriebstätigkeit wesentlich zugenommen hat“ (Neues Wiener Journal 1932, Nr. 14006 v. 17. November, 14).

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Kleine Anzeige eines kleinen Anbieters (Die Stunde 1932, Nr. 2884 v. 21. Oktober, 10)

In Wien, wo im September mehr als 10.000 Jo-Jos verkauft worden sein sollen, nutzten auch lokale Anbieter, etwa Drechsler, ihre Marktchance (Kostelnik, 1932). Im Deutschen Reich profitierte insbesondere die Nürnberger Spielwarenindustrie (Yo-Yo Saves German Industry, Komomo Tribune 1932, Ausg. v. 16. Dezember, 15). Auch der sozialdemokratische „Vorwärts“ frohlockte, als er aus dem oberpfälzischen Furth im Walde berichtete: Dort sei „groß und klein damit beschäftigt, die notwendigen Materialien für Jo-Jo bereitzustellen, und die Aufträge sind so groß, daß noch die ganze dörfliche Umgebung beschäftigt wird. Eine Mode, die ganz plötzlich auftauchte, hat einer ganzen Stadt Arbeit gebracht“ (Die Jo-Jo-Stadt, Vorwärts 1932, Nr. 568 v. 2. Dezember, 3).

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Moden machen Mode: Werbung für einen Jo-Jo-Hut (Die Stunde 1932, Nr. 2881 v. 18. Oktober, 10)

Koppeleffekte, etwa durch Merchandising und ergänzende Applikationen, lassen sich nachweisen, auch wenn die Zahl spezieller Yo-Yo-Abendtaschen nicht allzu groß gewesen sein dürfte (Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 31. Dezember, 2). Jo-Jos wurden von Beginn an auch als Zugaben, als teils kostenlose Werbeartikel für Drogerieartikel und Lebensmittel produziert (Lotte Sternbach-Gärtner, Yo-Yo, die große Mode. Ein Kinderspielzeug, das alle Welt beschäftigt, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13980 v. 21. Oktober, 9).

Wichtiger dürften noch die Auswirkungen auf Dienstleister gewesen sein, etwa Gaststätten und Veranstaltungsräume. Jo-Jo-Polonaisen erfreuten sich nicht nur beim Münchener Oktoberfest im sächsischen Riesa großer Beliebtheit (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 254 v. 28. Oktober, 8). Wer es etwas distinguierter haben wollte, der konnte dort auch zum Jo-Jo-Ball gehen. Die gutbürgerliche Gesellschaft schuf sich ihre eigenen Konsumorte, ein wenig abgehoben vom Durchschnitt, doch mit Effekten auf Wachstum und Beschäftigung.

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Krise macht erfinderisch: Jo-Jo-Ball im sächsischen Riesa (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 277 v. 26. November, 8)

Nicht vergessen werden sollte, dass die hier großenteils verwandten Quellen ebenfalls Resultate wirtschaftlicher Aktivitäten waren. Die Jo-Jo-Mode gab Zeitungen und Zeitschriften „Stoff“, erlaubte leichte Artikel und Karikaturen in schweren Zeiten. Die Berichterstattung war insgesamt locker, das Phänomen wurde gefeiert, Verwunderung war gepaart mit kindlicher Begeisterung. Zugleich folgte man häufig den Texten anderer, vielfach auch den PR-Mythen Duncans. Fundierte Recherchen fehlten, die ökonomische Grundlegung des Trends blieb außen vor, stattdessen erschien Jo-Jo als Ausdruck des nicht zu bändigen Spieltriebes des Menschen, als Einbruch eines imaginierten Archetyps in den wankenden Alltag der Mehrzahl: „Man weiß eigentlich nicht genau, wieso es kam. Eines Tages war es eben da!“ („Yo-Yo“ – ein Spiel erobert die Welt, Linzer Volksblatt 1932, Nr. 266 v. 2. Dezember, 6).

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Deutschland im Jo-Jo-Fieber 1932 (Welt-Spiegel 1932, Ausg. v. 23. Oktober, 12)

Die Sprache suggerierte eine Art Naturereignis, eine positiv zu wertende Pandemie: „Wie ein Bakterium verbreitet sich die Manie des Yo-Yo über Europa und viele, die heute noch unschuldsvoll fragen: ‚Yo-Yo, was ist das?‘ sind morgen schon infiziert und dem Dämon der tanzenden Scheibe verfallen“ (Die Yoyomanie. Der Dämon in der Laufspule, Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 25. September, 25). Jo-Jo war eine „Weltkrankheit“ (Kostelnik, 1932), eine „Seuche“ (Vorarlberger Landes-Zeitung 1932, Ausg. v. 22. Oktober, 9), eine „Epidemie“ (Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3), Seit an Seit mit der bevorstehenden „Grippeepidemie“ (Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5) – doch weniger tödlich. Auch biblische Plagen wurden beschworen: „Wie Heuschreckenschwärme oft ins Land kommen, so wurden wir gegenwärtig mit den [sic!] Yo-Yo überschwemmt“ (Yo – Yo … Jou – Jou?, Illustriertes Familienblatt 38, 1932, Nr. 23, 15). Und, erwartbar, die „Yo-Yo-Pest“ (Yo-Yo, Die Bühne 1932, Nr. 336, 40).

Wer mag sie nicht, die dann folgenden leichten, atmosphärisch dichten Glossen, die sich abarbeiteten an den kleinen Dingen des Lebens? Doch mit Realitätssinn hatten die meisten Beiträge wenig zu tun, denn geglaubt und weitergereicht wurde (fast) alles, zumal Skurriles. Waren das Falschmeldungen? Gar Verschwörungstheorien über untergründige Mächte? Die große Zahl der Biologismen sollte stutzig machen, die schon bald mörderische Pseudoverwissenschaftlichung des Sozialen. Doch dazu bedürfte es einer genaueren Analyse, eines breiteren Quellenkorpus.

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Jo-Jo im Café und im Kino (Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3)

Das gilt auch für den Boulevard, die kleinen allzu menschlichen Nachrichten. Da war die Trauung in Madrid, bei der der Geistliche wenig Resonanz für die Zeremonie verspürte. Selbst Braut und Bräutigam blickten weg, brachen gar plötzlich in Lachen aus. Der Grund: Ein kleiner Junge hatte in der Kirche begonnen Jo-Jo zu spielen (Yo-Yo in der Kirche, Kärtner Volkszeitung 1932, Ausg. v. 12. November, 2). Jo tempora, jo mores… Auch Herr Bordelaire, seriöser Inhaber eines Pariser Porzellangeschäftes, hätte in diese Wehklage einstimmen können, denn seine Gattin handhabte ihr Jo-Jo derart offensiv, dass sie in Cafés, Vergnügungslokalen und gar auf offener Straße Bekanntschaften anknüpfte. Die Scheidungsklage folgte – doch Herr Bordelaire ließ sich umstimmen als seine Denise ihm vor Gericht versprach, „sich beim Yo-Yo-Spiel künftighin weniger kokett zu benehmen“ (Yo-Yo als Scheidungsgrund, Neue Freie Presse 1932, Nr. 24504 v. 1. Dezember, 5). Realität und Boulevard, Farce und Tragödie waren kaum mehr zu unterscheiden, denn das Leben war ein Witz: „‚Mutter, ich lasse mich scheiden!‘ kommt weinend Grete nach Hause. ‚Aber, was ist passiert, ihr wart doch bis jetzt so glücklich?‘ meint verwundert die Mutter. ‚Jetzt ist es aus‘, erklärt die junge Frau, ‚denke dir nur, was der Mann mit angetan hat – er hat die Schnur von meinen [sic!] Yo-Yo abgeschnitten ‘“ (Die Bühne 1932, Nr. 348, 49). Derartige Sternstunden des Journalismus spiegelten die Interessen der Mehrzahl, den Wunsch nach Heiterkeit. Sie waren aber auch fern vom hehren Ideal der vierten Gewalt. Journalisten hatten ihr Blatt käufernah zu füllen, um Anzeigen zu verkaufen – Jo-Jo war dabei eine willkommene Hilfe.

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Eine der vielen Lektionen der Jo-Jo-Champions Perry und Joe (L’Intransigeant 1932, Ausg. v. 4. Oktober, 6)

Zeitungen und Zeitschriften banden durch ihre Jo-Jo-Berichterstattung Käufer an sich, zumal junge. Auch wenn die in den USA üblichen Medienpartnerschaften in Europa nur selten anzutreffen waren, so wurden Klischees gerne benutzt, um etwa die wichtigsten Jo-Jo-Tricks zu präsentieren, um so den Spielern ein Ratgeber zu sein. Das stimmte auf die wachsende Zahl philippinischer und US-amerikanischer „Champions“ ein, die im Herbst 1932 Touren durch die europäischen Metropolen starteten, in denen sie nicht allein für das Jo-Jo-Spiel warben, sondern explizit für führende Importware. Dennoch gab es aufgrund der deutlich anderen Produktionsstrukturen in Europa eine bedeutsamere Bastelstruktur. Zeitungen und Zeitschriften konnten dabei mit ihren Beilagen punkten.

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Bastelzeichnung für ein Jo-Jo. Benötigt werden Zwirnspulenscheiben mit einem Durchmesser von fünf Zentimeter (1), ein acht Millimeter starkes Rundstäbchen (2) und ein schmiegsamer Wollfaden (Radio Wien 9, 1932, Nr. 3, 17)

Die Zahl der „Champions“ in Europa lag deutlich unter der in den USA, denn der Warenabsatz erfolgte stärker über die gängigen Kanäle des Handels, etwa Warenhäuser, den wesentlich wichtigeren Fachhandel oder aber die während der Krise insgesamt anwachsende Branche der Straßenhändler und Hausierer. Hinzu kamen Versandgeschäfte. Gleichwohl fanden die „Champions“ gebührenden Widerhall in der Presse. Der „Vorwärts“ berichte begeistert über vier „braunhäutige Studenten von den Philippinen“ in Berlin: „Was dieses Jo-Jo-Meister-Quartett den erstaunten Augen darbot, war allerdings verblüffend und stellte einen Jongleurakt dar, der an den seligen Rastelli erinnert. Acht Spiele flogen – jeder Spieler hielt links und rechts ein Jo-Jo – wie von Geisterhand geschnellt nach allen Richtungen. Das wirbelte wie toll im Kreis herum, schoß auf die Erde, beschrieb hier eine Bahn, flog zwischen den Beinen hindurch, über die Achsel retour, hielt sekundenlang auf halbem Weg nach unten inne und schoß bei Berührung mit der Fingerspitze wieder nach oben, beschrieb Spiralen und machte komplizierte Saltos, tänzelte im Takt der Musik“ („Hochschule“ für Jo-Jo, Vorwärts 1932, Nr. 555 v. 25. November, 7). Andere Beobachter lobten nicht zuletzt den Kreiselflug „im Walzertakt“ (Die hohe Schule des Yo-Yo, Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5). Die „Champions“ gaben potenziellen Jüngern Unterricht, machten sie so zu Botschaftern des Jo-Jos. Selbstverständlich fehlte nicht der Auftritt im Varieté und Ende Dezember 1932 gar in Fox Tönender Wochenschau (Österreichische Film-Zeitung 1932, Nr. 53 v. 31. Dezember, 12).

Die fehlenden starken Jo-Jo-Marken führten in Europa zu deutlich anderen Formen der Produktwerbung, so dass die Anzeigenerlöse niedriger lagen als in den USA. Die Anzeigengestaltungen war wenig elaboriert, Produktorientierung dominierte.

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Sachliche Werbung 1932 (Altonaer Nachrichten 1932, Nr. 233 v. 21. September, 4; La Sentinelle 1932, Nr. 232 v. 6. Oktober, 3)

Gleichwohl reagierten einzelne Werbegraphiker und auch Kritiker der Jo-Jo-Mode auf die Vielzahl der Karikaturen, in denen glücklich dreinschauende Menschen mit ihrem Jo-Jo eins waren. Humorvolle Werbung – dezent, man war deutsch! – wurde geschaltet. Und die vermeintliche Billigkeit des Jo-Jos wurde von kommunistischen Kadern angesichts bestehender Massenarmut als Kampfesmittel gegen das kapitalistische System gedeutet, um so die Weltrevolution voranzubringen und Mitgliedsbeiträge für die KPD zu generieren.

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Kritik und Agitation seitens der Kommunisten (Der Arbeiter-Fotograf 7, 1933, 21); Übertragung der Jo-Jo-Aktivitäten auf andere Konsumbereiche (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 57, 1933, 343)

Damit kommen wir zum letzten Aspekt der Sonderkonjunktur in der Krise, dem Widerhall der Jo-Jo-Mode in der Populärkultur. Das Spiel war der Ausgangspunkt, doch Jo-Jo stand nun für Lebensfreude und Optimismus. Der Begriff Yo-Yo/Jo-Jo löste sich vom Gegenstand, gewann eine abstrakte Qualität. Bemerkenswert war insbesondere die große Zahl von Schlagern und Tanzmusik, die sich an den Trend andockten. Blicken wir beispielhaft auf die österreichischen Radioprogramme der Jahreswende 1932/33: Leo Monosson (1897-1967), der Interpret von „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ präsentierte den Foxtrott „Ja, Ja, wir spielen Yo-Yo“ (Die Muskete 1932, 973), nicht wissend, dass er kurz darauf aus Deutschland fliehen musste. Bert Silving (1887-1948), ab 1938 Flüchtling, komponierte den „Yo-Yo-Marschfox“ (Reichspost 1932, Ausg. v. 15. Dezember, 12), Mallna-Ruzicka den „Yo-Yo-biguine“ (Radio Wien 1932, Ausg. v. 23. Dezember, 54), Oskar Kanita sang Jascha Doranges „Wir spielen nur Yo-Yo“ (Neuigkeits-Welt-Blatt 1933, Ausg. v. 5. Januar, 47). Leo Aschers (1880-1942) „Yo-Yo“-Foxtrott wurde wiederholt aufgeführt, der erfolgreiche Operettenkomponist musste Österreich ebenfalls 1938 verlassen (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1933, Nr. 5 v. 7. Januar, 13). Österreich ohne Walzer – undenkbar! Und der tschechische Komponist Bohuslav Leopold legte mit „Yo-Yo“ einschlägig nach (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1933, Nr. 5 v. 7. Januar, 14). Der Wiener Erik Jaksch (1904-1976) schuf einen gleichnamigen Rumba und später NS-Operettenfilme (Neues Wiener Journal 1933, Ausg. v. 7. Januar, 8). E. Chalers „Yo-Yo“-Walzer setzt den Reigen fort (Neues Wiener Journal 1933, Ausg. v. 10. Januar, 11), ebenso Charliers „Le Valse du Yo-Yo“ (Salzburger Volksblatt 1934, Nr. 118 v. 26. Mai, 13).

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Der „Yo-Yo-Trott“, imaginierter Modetanz 1933 (Das kleine Blatt 1933, Ausg. v. 17. Februar, 17)

Auch Paul O’Montis (1894-1942), einer der erfolgreichsten Interpreten der späten 1920er Jahre, präsentierte einen Foxtrott namens „Yo-Yo“, begleitet vom Paul Godwin-Tanzorchester (Moderne Welt 14, 1933, H. 5, 5); als Homosexueller floh er 1933 aus Deutschland, wurde 1939 jedoch in Prag verhaftet und starb im KZ Sachsenhausen. Fast schon zynisch erscheint da der Schlager „Was hat Yo-Yo mit Erotik zu tun?“, den die Jazzband Fred Bird Rhythmicans 1933 aufnahm, ehe sie als Fred Bird Tanz-Orchester neu firmieren musste (Neues Wiener Journal 1933, Nr. 14102 v. 22. Februar, 15). Die Jo-Jo-Mode griff über auf die leichten Muse, eine Kunstform die zu heiter und albern war als dass sie nach der Machtzulassung 1933 weiter hätte gepflegt werden können.

Das Phänomen Jo-Jo drang auch in den visuellen Medien vor, wenngleich es sich dabei vielfach nur noch um zeichenhafte Reminiszenzen handelte. Ein Beispiel ist die Filmkomödie „Fräulein Yo-Yo“, inszeniert von dem schon 1932 in die Schweiz emigrierten Fritz Kortner (1892-1970), der mit Dolly Haas (1910-1994) eine weitere Emigrantin und mit Willy Forst (1903-1980) einen Günstling des späteren NS-Systems zusammengeführt hatte.

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Fritz Kortner reizt mit „Fräulein Yo-Yo“ (Prager Tagblatt 1933, Nr. 59. v. 10. März, 10)

Auch im Theater finden sich eine Reihe weiterer Jo-Jo-Stücke: Die Operettengroteske „Adam, Yo-Yo und Eva“ (Der Abend 1932, Ausg. v. 5. Dezember, 11; Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 29. November, 7) etwa. Oder die Kinderrevue „Das Märchen vom Yo-Yo“ von Robert Peiper (1902-1966), der nach dem „Anschluss“ Österreich ebenfalls verlassen musste (Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 10. Dezember, 11). Festzuhalten ist, dass der Lalllaut Jo-Jo in den Folgejahren eine eigenständige Stellung als Name erhielt. Dafür steht etwa Henri van Wermeskerkens (1882-1937) Kinderbuch „Elefant Jo-Jo“ von 1937.

Jo-Jo und die Weltwirtschaftskrise: Erklärungsversuche

„Man kann noch durch die kleinste Nebenpforte in den Mittelpunkt menschlichen Wesens gelangen“ (Siegfried Kracauer, Georg Simmel, in: Ders., Das Ornament der Masse, Frankfurt a.M. 1977, 209-248, hier 224) – und entsprechend gab es zahlreiche zeitgenössische Erklärungen für das um sich greifende Jo-Jo-Spiel. Das Spiel wurde als „Spule der Geduld“ (Mimi Konried, Yo-Yo, ein Spiel und eine Weltanschauung, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13975 v. 16. Oktober, 9) geadelt, als „Symbol einer abgeklärten Weltanschauung“: „Ein Heilmittel für unsere zerrütteten Nerven: Nur Geduld! Es wird schon gehen!“ (Kostelnik, 1932). Wer meint, dass die Postmoderne in den 1970er Jahren begann, der wird durch das Jo-Jo eines besseren belehrt. Einzelne betonten: „In seiner Einfachheit liegt das Geheimnis seines Erfolges, in nichts anderem“ (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 31). Andere sahen die Ursachen der Manie im aufreibenden modernen Leben, das den Spieltrieb verkümmern lasse: „Ist es nicht vielleicht eine Auflehnung gegen die Vergewaltigung der menschlichen Natur durch Rationalisierung und Entseelung der Arbeit? Wer mag das wissen?“ (Yo-Yo, Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 1932, Nr. 46 v. 12. November, 3). Jo, Jo. Versuchen wir also die große Zahl zeitgenössischer Erklärungen etwas zu systematisieren. Fünf Aspekte treten dann in den Vordergrund.

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Spielende Kinder in Wien 1932 (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32)

Jo-Jo wurde, vor allem zu Beginn, als Lappalie gedeutet, als Spiel für Kinder und Dumme: „Es sagt die kluge Tante Els: «No, no / Was glaubst Du denn: ich spiel Yo-Yo? / Das ist ein Spiel für kleine Kinder / Und solche die im Geist noch minder.»“ (Yo-Yo-Fimmel, Nebelspalter 58, 1932, Nr. 52, 8). Bestand Distanz zum Spiel, hatte man es selbst nicht probiert, so war das Verdikt strikt: Zu „Yo-Yo braucht man wirklich nicht eine Spur von Verstand“ (Yo-Yo, Kärtner Volkszeitung 1932, Ausg. v. 10. Oktober, 5). Auch die Kärtner Schriftstellerin Paula Brix-Bogensberger (1889-1964), selbst Produzentin leichter Romankost, kanzelte das Spiel harsch ab: „Es ist grad nicht für große Geister, / Von Übel nur ist der Verstand, / Und wer in diesem Spiele Meister, / Das Pulver sicher nicht erfand“ (Yo-Yo, Freie Stimmen 1932, Ausg. v. 2. Dezember, 2). Derartige Stimmen waren jedoch selten und zudem häufig gebrochen. Der anfänglichen Verdammung folgte oft ein Innehalten, Nachdenken über die verlorene Unschuld der Kindheit, ein Lob der Torheit, des Unernsten (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32). Mehrfach war das Verdikt auch Anlass zur praktischen Bekehrung. So auch bei Tante Els: „Doch kaum hat sie das Spiel zur Hand, / Geht sie ans Lernen unverwandt. Sie zieht die Schnur hinaus, doch munter / Fällt der Yo-Yo stets wieder runter. Mit aller Hirn- und Körperkraft / Die Tante mit dem Yo-Yo schafft, / Und deutlich ist es zu erkennen: Sie kann sich nicht mehr von ihm trennen. / Moral: Es ist im Leben öfters so: Erst sagt man Nein und dann Jo, jo“ (Yo-Yo-Fimmel, 1932).

Weitaus verbreiteter war die Verbindung des Spiels mit Massenarbeitslosigkeit und zwangsweiser freien Zeit. Jo-Jo erschien als „ein der Jetztzeit gut angepaßtes Nervenberuhigungsmittel“ (Man spielt Yo-Yo, Neue Freie Presse 1932, Nr. 24441 v. 28. September, 6), als Zerstreuungs- und Nervenberuhigungsspiel, das „die so oft vermißte stumpfsinnige Glückseligkeit“ (Pott, 1932) erlaube. Jo-Jo stellte die Menschen offenkundig still, beschäftigte die Hände (Sternbach-Gärtner, 1932). Es wirkte besänftigend, beruhigend, galt als das „einzige Mittel gegen die Krise“ (Die Stunde 1932, Ausg. v. 16. Oktober, 10). Doch die Verbindung von Arbeitslosigkeit und Jo-Jo-Spiel trügt. Zeit war in der Tat vorhanden, doch sie war ein „tragisches Geschenk“ (Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt a. M. 1971, 83). Die Marienthal-Studie legte nahe, dass unbegrenzt verfügbare Zeit eben nicht zu deren einfacher Füllung führte, sondern zum Zerfall, ja zur Auflösung von Zeiteinteilungen (Ebd., 86). Jo-Jo mochte ein „Sorgenbrecher“ (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3) sein, doch dieses Gefühl hielt nur eine gewisse Weile vor. Jo-Jo war weder das „neueste Spiel der sich einsam fühlenden Frau“ (H.K. Breslauer, Teufelei…, Die Stunde 1932, Nr. 2820 v. 6. Dezember, 7) noch das der Arbeitslosen. Es war ein Spiel der breiten und durchaus noch beschäftigten Mitte der Gesellschaft, des neuen Mittelstandes. Es war nicht Ausdruck von Verzweiflung, sondern von dessen Gegenteil: „Yo-Yo verscheucht die Sorgen, Yo-Yo bekehrt uns zum Optimismus und mit dem aus dem Yo-Yo gewonnenen Optimismus kurbeln wir dann die Weltwirtschaft an“ (Die hohe Schule des Yo-Yo, Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5). Der kommerziell in Gang gesetzte Spieltrend stand für den eben nicht überall fraglich gewordenen Glauben an eine zwar zyklische, aber grundsätzlich wachsenden Wirtschaft, für das Heilsversprechen einer raschen Erholung nach der erforderlichen Rosskur und mittels der Selbstheilungskräfte des Marktes. Das Spiel beschwörte den Tag herbei, „an dem wieder endlich alles wie am Schnürchen läuft“ (Harry Schreck, Traktat vom Yo-Yo, Vossische Zeitung 1932, Nr. 473 v. 2. Oktober, 21).

Jo-Jo repräsentierte just auf dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise Aufstiegschancen im Wettbewerb – gesellschaftlich, aber auch individuell. Jo-Jo war eine liberale Utopie. Vorbild war Harvey Lowe (1918-2009), ein Kanadier chinesischer Abstammung, der am 12. September 1932 die Yo-Yo-Weltmeisterschaft und 4.600 $ in London gewann und anschließend durch Europa tourte. Jo-Jo war kein Gruppenspiel, auch wenn man es in der Gruppe spielen konnte. Es ging um Selbstbeherrschung, das Erlernen einer Konkurrenztechnik und auch die Durchsetzung des Besten: „An jeder Straßenecke, bei jedem Haustor werden Meisterschaften ausgefochten und jeder Mensch, ob groß oder klein, freut sich, wenn er es besser kann als sein Nachbar“ (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32). Anfangs, im September und Oktober 1932, gab es vielfältige lokale Wettbewerbe ohne einheitliche Leitung (Le championnat vaudois de yoyo, Le Rhone 1932, Nr. 80 v. 7. Oktober, 7). Doch parallel etablierte sich – analog zu den USA – eine wachsende Zahl von institutionalisierten Wettbewerben (L. Loeske, Yo-Yo Rollpendel-Schaufensteruhr, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 56, 1932, 590). Jo-Jo war nicht allein kontemplative Spielerei: „Scharf passen die Kinder auf, daß das Auf- und Abschnellen nicht einmal aussetzt. Denn ihnen geht es schon nicht mehr ums Vergnügen, sondern um Höheres, um den Rekord. Bald scheiden sich die Spieler in solche, bei denen Yo-Yo schon nach kurzer Zeit stille steht, und solche, die Yo-Yo beliebig lange rollen lassen, vorausgesetzt – daß nicht die Rolle ins Trudeln kommt“ (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3). Rekorde aber verlangten Training, erforderten einen Rückgriff auf die physikalischen Grundlagen des Spiels, die bis heute die Jo-Jo-Literatur mitprägen (vgl. auch D.W. Gould, The Top, Folkstone 1975, 98-101). Mehr als zwei Jahrzehnte vor der Veröffentlichung des ersten Guinness-Buchs der Rekorde rangen die Spieler um Anerkennung und Preise. Im November wurde beispielsweise der bis dahin geltende Weltrekord im Dauerrollen pulverisiert. Eine Budapesterin hatte die Bestmarke auf 2946-maliges Auf- und Ab geschraubt, doch dann kam ein neuer Star, ein nur 14jähriger Erzgebirgler, Sohn eines Holzwarenfabrikanten in Nassau. Dieser schaffte es unter Aufsicht sein Jo-Jo binnen einer Stunde und 49 Minuten genau viertauendmal rollen zu lassen (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 271 v. 19. November, 3). Anders als in den USA blieb die Professionalisierung des Jo-Jo-Sports jedoch in den Anfängen stecken. Ein Weltkongress der Yo-Yo-Spieler wurde in Prag einberufen, hatte jedoch keinen nachhaltigen Erfolg (Salzburger Wacht 1932, Ausg. v. 17. November, 2). Es fehlte an zahlungskräftigen Sponsoren.

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Jo-Jo im Jahresrückblick 1932 (Zeitbilder 1933, Nr. 1 v. 1. Januar, 8)

Leisten wir uns nun etwas Distanz – und nutzen das reichhaltige Arsenal der damaligen Philosophie für eine Erklärung des Phänomens. Jo-Jo war dann beispielsweise Ausdruck der Existenz in der Massengesellschaft. Das jedenfalls war die Quintessenz der Idee des „Man“, die der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) in seinem frühen Hauptwerk „Sein und Zeit“ entwickelt hatte (16. Aufl., Tübingen 1986, 126-130). Die moderne Massengesellschaft und ihre individuelle indifferente Infrastruktur charakterisierten demnach ein Miteinander, in dem der Mitmensch nicht mehr von anderen unterschieden wurde und in seiner Ausdrücklichkeit verschwand: „In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom »großen Haufen« zurück, wie man sich zurückzieht“ (Ebd., 126-127). Das Man stand für die Durchschnittlichkeit modernen Lebens, für ein abgepuffertes Dasein, das die Amplituden einebnete. Es nahm individuelle Urteile, individuelle Entscheidungen vorweg, entlastete den Alltag, machte ihn leicht, ließ in leicht nehmen. Selbstverständlich war das Man eine Fiktion, doch es ordnete das Dasein, schuf Realität. Es erlaubte Bezug auf die Anderen, zugleich aber Unterscheidungen. Das Jo-Jo-Spiel war dafür ein Beispiel, denn man spielte es: „Spielen Sie schon Yo-Yo? Wenn nicht, so schämen Sie sich. Denn die ganze Welt spielt Yo-Yo“ (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1932, Nr. 244 v. 22. Oktober, 8). Es war uneigentlich, hatte keine Substanz, sondern war Ausdruck der Botmäßigkeit gegenüber anderen. Zugleich machte es Unterschiede deutlich, gab dem Einzelnen eine Chance, vorhandene Fähigkeiten im Wettbewerb mit anderen zu adeln. Heidegger, als Nationalsozialist und Antisemit dann wahrlich übermannt, erlaubte einen existenzialphilosophischen Zugang zur Jo-Jo-Manie, blendete aber die damit verbundenen gesellschaftlichen und ökonomischen Perspektiven aus. Das gilt zumal für den Internationalismus, der mit dem Jo-Jo verbunden war. Das Spiel war idealiter an keine Nation und keine Rasse gebunden, stand für Heterogenität in Spiel und Wettbewerb – und gegen abgeschlossene Vorstellungen eines dumpfen Man, einer erstrebenswerten Volksgemeinschaft.

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Abkehr von den Alltagspflichten (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 243 v. 15. Oktober, 16)

Die Jo-Jo-Mode wurde 1932 zudem vielfach als Eskapismus gedeutet: „Brennende politische Fragen werden nicht mehr diskutiert, Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise scheinen vergessen. Die Menschen haben keine Sorgen mehr“ (Yo-Yo erobert sich die Welt, 1932). Jo-Jo erlaubte kurzfristiges Abtauchen, Kurzzeitvergessen: Verschwunden „die unbezahlten Rechnungen in der Kohlenkiste, das Steuermandat, den Geschäftsgang, die Preise, die Politik“ (Vorarlberger Landes-Zeitung 1932, Ausg. v. 22. Oktober, 9). Jo-Jo war Eskapismus auch vom Deutsch-Nationalen und Völkischen, von den Verordnungen, den Regularien, von den Fährnissen der Zeit. Heiteren Ernst kennzeichneten die Bemühungen, ein wenig Freiraum galt es zu gewinnen: „Jo-Jo ist jetzt das Modespiel. / Man spielt es fern und nah. / Jo-Jo spielt heute der Jugendstil, / Jo-Jo spielt die Mama. / Die Oma spielt’s im weißen Haar, / die Tante ebenso. / Es ist ja auch ganz wunderbar, / Das neue Spiel Jo-Jo. / Jo-Jo spielt die Verkäuferin, / Wenn sie ist gerade frei. / Die Köchin hat Jo-Jo im Sinn, / Vergißt dabei den Brei. / Jo-Jo spielt, wenn die Luft ist rein, / Die Tippmaid im Büro. / Wer heute recht modern will sein, / Der übt sich im Jo-Jo“ (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 243 v. 15. Oktober, 16). Die Blödelkunst der damaligen Populärkultur schien hier auf – doch Eskapismus war Teil der Krise, verlängerte sie. Jo-Jo verkörperte die Handlungsunfähigkeit der Zeit, das Abdriften in Nabelschau und Träumereien: „Und die Leute spielen – Vogel Strauß!“ (Annette Stein, Yo Yo – Jo jo!, Marchfeldbote 1932, Ausg. v. 7. Oktober, 7).

Entamerikanisierung: Jo-Jo als europäischer Wiedergänger

Damit könnten wir eigentlich enden. Doch wir würden dann zwei zentrale Charakteristika der Jo-Jo-Manie des Jahres 1932 ausblenden: Jo-Jo geriet zum einen nämlich kaum in den üblichen Mahlstrom der Amerikanisierungsdebatte, weil in Europa eine andere, eine national geprägte, aber doch europäische Geschichtsdeutung verbreitet wurde. Zum anderen aber war Jo-Jo 1932 keine wirkliche Innovation, sondern ein Wiedergänger. Die Joujou-Mode der frühen 1790er Jahren enthielt fast alle Elemente, die 1932 als neuartig und modisch beschworen wurden.

Gewiss, auch in Europa war Geschichtsklitterung an der Tagesordnung. „Le yo-yo n’a donc paru nouveau qu’à cause de l’ignorance de l’histoire“ [Das Jo-Jo galt nur aufgrund der Unkenntnis der Geschichte als neu] (Propos d’un Parisien, Le Matin 1932, Nr. 17750 v. 24. Oktober, 1). Doch diese resultierte vorrangig aus der fehlenden Bildung der Journalisten, war nicht Ausdruck eines gezielt irreführenden Geschichtsnarrativs zum Absatz eines Markenartikels. Viele Journalisten kokettierten zudem mit den vermeintlich unbekannten Ursprüngen des Spieles und seines Erfinders. Faktenfreies Fabulieren galt einigen als Tugend, bis hin zur Mär von der chinesische Kaiserin Yo-Yo, der Erfinderin des einschlägigen Pläsiers (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3). „Ja, alles ist schon dagewesen, / Auch dieses Spiel, genannt Yo-Yo. / In der Geschichte kann man lesen, / Schon die Chinesen spielten so“ (Brix-Bogensberger, 1932). Ha, ha… Korrekter waren da schon Verweise auf die griechische Antike (Die Yoyomanie. Der Dämon in der Laufspule, Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 25. September, 25). Zugleich gab es viele Reminiszenzen an die eigene Geschichte, denn schon Väter und Großväter hatten das Jo-Jo offenbar geschätzt. Es war ein „wieder volkstümlich“ (Die Frau und Mutter 21, 1932, H. 11, 34) gewordenes Spiel. Duncan Yo-Yo wurde dagegen nicht erwähnt; schließlich handelte es sich um eine gleichsam naturwüchsige Mode, nicht um die Auswirkungen gezielten Marketings.

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Der niemals regierende französische König Louis XVII (1785-1795) mit einschlägigem Spielzeug (La Rhone 1932, Nr. 88 v. 4. November, 5)

Die Geschichte des Jo-Jos wurde aber durchaus korrekt an den britischen Hof – der spätere König Georg IV. (1762-1830) spielte als Jugendlicher „Bandalor“ –, vor allem aber ins französische Versailles zurückverfolgt. Das Spiel gelangte wohl aus dem Orient nach Europa, wo es seit 1790 vom Adel, zunehmend aber auch vom Bürgertum aufgegriffen wurde (Gould, 1975, 105-106). Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) sah es erstmals 1790 in Venedig: „Welch ein lustiges Spiel! Es windet am Faden die Scheibe, Die von der Hand entfloh, eilig sich wieder herauf! Seht, so schein‘ ich mein Herz bald dieser Schönen, bald jener Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zurück“ (Werke, Bd. 1, Wien 1816, 411). Ausgangspunkt der im gleichen Jahr beginnenden Mode war jedoch die Handelskapitale der Welt, London. Von dort „kam es, vermuthlich durch die Normandie zuerst nach Flandern und nach Holland, wo man seine Abkunft und rechten Nahmen, Bandeliro, nicht wußte, und es also nach der Provinz woher es kam, Joujou de Normandie, nannte. Durch junge Engländer wurde es im vorigen Sommer an verschiedene Orte in Deutschland gebracht, und sonderlich zuerst in den Bädern, Spaa, Aachen, Pyrmont und Carlsbad bekannt“ (Bertuch, 1792, 12). Paris griff den Trend erst etwas später auf, im Oktober 1791. „Seit ein Paar Monaten aber ist das Joujou dort so allgemein Mode, daß Alt und Jung mit einem Joujou in der Hand geht, und sonderlich die Filles unsägliche Narrheiten damit treiben, um sich bemerkbar zu machen“ (Ebd.).

Das Joujou de Normandie bekam rasch neue Namen, bürgerte sich vor allem als „Emigrant“ ein, war es doch Begleiter adeliger (und bürgerlicher) Emigranten, galt als „jeu de émigrés“ (Le Croix 192, Ausg. v. 13. Oktober, 1). Ein anderer Name war „Coblentz“ (Yo-Yo, Ric et Rac 1932, Nr. 182 v. 3. September, 2), Sammelort vieler Geflüchteter. Begriffe wie „emigrette“ oder „pierrot à la Coblentz“ schlossen sich an (Mercure de France 1932, Nr. 240 v. 15. November, 217), doch auch deutsche Bezeichnungen, etwa „Bullenspiel“. Die Scheiben erinnerten an die Wachssiegel der Privilegien, Beglaubigungsschreiben und Pässe.

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Das Joujou de Normandie 1792 (Journal des Luxus und der Moden 7, 1792, Taf. III)

Die Jo-Jo-Mode der frühen 1790er Jahre glich der des Jahres 1932. Die andersartigen Verkehrs- und Kommerzverhältnisse streckten das Geschehen allerdings über einen etwas längeren Zeitraum: „Es ist sonderbar mit welchem allgemeinen Bayfalle dieß neue Mode-Joujou jetzt durch ganz Europa fliegt. Es beschäftigt überall Drechsler, Gold-Arbeiter, Juwelier und Moden-Handlungen. In London und Amsterdam besetzt man es mit Brillanten, in Paris werden die meisten galanten Etrennes heuer in schönen Joujous bestehen; die Aerzte finden schon, daß es wegen der gemäßigten Bewegung die es verschafft den Kranken überaus empfehlenswerth sey; junge Ritter werfen es neben ihren Damen her galoppirend, wie sonst den Wurfspieß mit einem Helden-Air; Knaben und Männer, Mädchen, Frauen und Matronen spielen es im Kreise ihrer Geschäfte“ (Bertuch, 1792, 13). Ja, es kam noch ärger: „Die Manie breitete sich nun, wie weiland die Influenza über ganz Deutschland aus. Allenthalben Joujou. Auf den Straßen fühlte man oft unvermuthet einen kleinen Stos an den Kopf; man sahe hinauf, und der Stos kam vom Joujou, das ein süßer Herr zum Fenster heraus spielte. Auf Bällen handhabten die Figuranten statt Aufmerksamkeit ihr Joujou. In jedem Strickbeutel fand man eins“ (Ueber das Joujou de Normandie, Leipzig 1792, 20). Adel und Bürgertum prägten die Anfänge des Spiels, doch es gab rasch einen sozialen Rieseleffekt, „bis es endlich alle Gassen-Jungen auch hatten, und sogar die Schornstein-Feger auf den Schornsteinen es spielten“ (Joujou de Normandie, in: Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 72, Berlin 1797, 695-709, hier 698).

Das Joujou de Normandie wurde breit diskutiert, die meisten Aspekte der Debatten von 1932 lassen sich wiederfinden, müssen allerdings anders eingebettet und erklärt werden. Es schien sich um eine Art Krankheit zu handeln, die „Manie für dieses schnurbewickelte Rädchen“ (Joujou, 1792, 4) schien anders kaum zu erklären. Zur Zeit der französischen Revolution spiegelte es den allgemeinen Umsturz. Just die Älteren erfüllten nicht mehr länger ihre ständischen und göttlichen Pflichten, so in Chemnitz: „Das beliebte Joujou ist auf der Wanderung, die es, wie die Influenza, durch Europa macht, auch hierher gekommen, und man sieht nicht blos Kinder, sondern auch ernsthafte gesetzte Personen die Zeit mit dieser Tändeley verderben“ (Deutsche Zeitung 9, 1792, Sp. 245). Schuld schien nicht zuletzt die „tyrannische Allgewalt“ der Mode (F. Wolff, Ueber die Modesucht und ihre nachtheiligen Folgen, Neues Hannoversches Magazin 1811, Sp. 641-656, hier 641).

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Moralische Verdammung des Jo-Jos 1792 (Joujou, 1792, vor 1)

In den 1790er Jahren stritt man deutlich stärker über Moral als 1932, ohne aber die Aufladung unserer heutigen Zeit zu erreichen. Denn der Wertehorizonte war einheitlicher, noch an Gott und bürgerlicher Rechtschaffenheit orientiert. Entsprechend galt das Joujou als „Zeitverderber“ (Der Anzeiger 1792, 189), als ein zeittötendes Mittel (Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung 8, 1795, T. 2, Sp. 801). Spielende Bürger erschienen nicht schicklich, Spiel war etwas für Kinder und adelige Nichtsnutze. Doch all das Klagen half nicht: „Anno 1791 war die Welt so alt, daß sie kindisch ward: – es fieng das kindliche Jahrhundert an, dann [sic] alle Menschen spielten mit Joujou“ (Preßburger Zeitung 1791, Nr. 86 v. 26. Oktober, s.p. [20]).
Die damalige Umbruchszeit spielte sich aber auch in der durchaus kontroversen Bewertung des Spieles. Theologen sahen das Joujou als Substitut für den kaum mehr genutzten Rosenkranz. Ärzte verwiesen dagegen auf die durchaus beruhigende Kraft des Repetitiven, sahen darin teils eine „Universalmedizin“ (Joujou, 1792, 39). Andere befürchteten, dass die einseitige Belastung „eine krumme, bucklichte, ungerade Generation“ (Preßburger Zeitung, 1791) produziere. Spötter, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Laukhard (1757-1822) hielten mit Hilfe des Spieles der bürgerlichen Ehrsamkeit einen Spiegel vor, verulkten deren Bigotterie (Annalen der Universität zu Schilda […], T. 1, s.l. 1798, 199-200). Nach dem Furor der Anfangszeit glätteten sich allerdings die Wogen: Das Joujou galt als „ein unschuldiges, nicht ganz unnützes, und […] nicht verwerfliches Spiel“ (Johann Christoph Friedrich Guts-Muths, Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und Geistes, Schnepfenthal 1802, 311 – ein Plagiat aus Krünitz, 1797, 698). Beachtenswert auch die ökonomischen Wirkungen: „Der Emigrant war allenthalben zu sehen, man sah ihn an den Thüren der Kaufläden, in den Häusern, an den Fenstern, auf Spaziergängen; er war zur Raserei geworden. Es wurde zur Verfertigung dieses kleinen Spielzeugs eine ungeheure Masse von Rosen- und Ebenholz, sowie Elfenbein verbraucht. Eine bedeutende Anzahl armer Familien hatte durch diese Fabrikation Brod und Erwerb und schon deshalb verdient der Emigrant nicht ganz vergessen zu werden“ (Geschichte der Spielzeuge. Der Kugelfänger, der Hampelmann, der Emigrant, der Teufel, Illustrirte Zeitung 3, 1844, 394).

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Spiele im geborgenen Ambiente, darunter der Emigrant (Mädchenlust in den Erholungsstunden auf dem Schlosse zu Feldbrunn, Wien 1823, n. 32)

Obwohl vielfach zu lesen ist, dass das Jo-Jo-Spiel ab Mitte der 1790er Jahre „schnell vergessen“ (Franz Gräffer, Joujou, in: Ders., Kleine Wiener Memoiren, T. 1, Wien 1845, 45-46, hier 45) wurde, so blieb es auch im 19. Jahrhundert ein weithin bekanntes Spiel, vornehmlich im Bürgertum. Das hatte mit der anderen Bewertung des Spielens selbst zu tun, mit veränderten Erziehungskonzepten (vgl. allgemein Dorothea Kühme, Bürger und Spiel. Gesellschaftsspiele im deutschen Bürgertum zwischen 1750 und 1850, Frankfurt a.M. und New York 1997). Die frühere Zeitverschwendung mutierte nun zum „Zeitvertreib“ (Gabr[iel] Christ[oph] Benj[amin] Busch, Handbuch der Erfindungen, T. 7, 4. ganz umgearb. und sehr verm. Aufl., Eisenach 1814, 92).

Der Begriff „Joujou“ wurde allerdings zunehmend eingedeutscht. Das galt einmal für den Lalllaut selbst, der als „Ju-Ju“ bis mindestens in die 1880er Jahre gebräuchlich war (Hanna Janensch, Jo Jo = Ju Ju, Vossische Zeitung 1932, Nr. 497 v. 16. Oktober, 23; Ein Spiel überfällt die Welt, Volksblatt für Stadt und Land 1932, Ausg. v. 30. Oktober, 3). Joujou galt nach den sog. Befreiungskriegen als ein Ausdruck der „Verwelschung“, die es unbarmherzig zu beseitigen gelte. Der Berliner Historiker, Nationalist und Antisemit Friedrich Rühs (1781-1820) peitschte ein: „Französische Moden wurden in ganz Deutschland nachgeahmt und die jämmerlichsten Thorheiten und Erbärmlichkeiten, die die Franzosen ausheckten, wie das abgeschmackte Joujou de Normandie, verbreiteten sich mit Blitzesschnelle von Paris bis an die Ostsee“ (Historische Entwickelung des Einflusses Frankreichs und der Franzosen auf Deutschland und die Deutschen, Berlin 1815, 323). Die gängigen Hilfsmittel zur „Verteuschung“ der deutschen Sprache empfahlen statt Joujou „Spielwerk“ (Eduard Beer (Hg.), Neuestes Fremdwörterbuch zu Verteutschung […], Bd. 1, Weimar 1838, 592 und Verteutschungsbuch der in unserer Sprache üblichen fremden Wörter und Redensarten, 2. Aufl., Kempten 1829, 166) oder aber „Auf- und Abrollspiel“ (Joh[ann] Christ[ian] Aug[ust] Heyse, Kleine Fremdwörterbuch zur Verdeutschung […], Hannover 1840, 220), doch durchsetzen konnten sich diese deutschen Kunstworte nicht. „Joujou“ war noch bis Ende des 19. Jahrhundert gebräuchlich (Joujou, Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl., Bd. 9, Wien 1889, 274). Schon deutlich früher wurde der Begriff – das französische Wort für Spielzeug – abstrahiert, mutierte zum Steckenpferd und Kosenamen.

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Vom Spiel zum Steckenpferd: Abstraktion des Begriffs Joujou (Petersburg 1830 [erstmals erschienen 1807], 1)

Anstelle der Kunstworte der Fremdwortfeinde etablierten sich andere deutsche Worte, etwa der schon erwähnte „Emigrant“ oder die noch an die französischen Ursprünge erinnernden „Patriotchen“ oder „Patriotel“ (Gräffer, 1845, 46). Spannender ist der seit spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisbare Begriff „Rollrädchen“ (Hermann Wagner, Illustrirtes Spielbuch für Knaben, Leipzig 1864, 135-136). Ebenso wie der Berliner Begriff „Kletterspule“ verwies er auf die Veränderungen des Maschinenzeitalters, auf Feinmechanik und Textilproduktion. Es ist daher auch kein Zufall, dass Jo-Jos in den 1860er Jahren teils neu konzipiert und zumindest in den USA patentiert wurden. Doch diese hatten nicht die kommerzielle Durchschlagskraft eines Flores oder eines Duncan, mochte das 1867 patentierte „Return Wheel“ des deutschstämmigen Einwanderungsunternehmer Charles Kirchhof auch auf den Erfahrungen in seinem Vaterland basieren; die mehr als hundertjährige Geschichte der 1852 in New York gegründeten und dann in Newark, NJ ansässigen Kirchhof Patent Company prägten andere Metall- und Spielwaren.

Auf und Ab

Kommen wir abschließend zurück zum „Yo-Yo-Rummel“ (Die Stunde 1933, Nr. 2982 v. 19. Februar, 10) des Jahres 1932. Er war keineswegs ein „unlösbares Rätsel“ (Spiel, 1932), sondern Folge eines in den USA in Gang gesetzten kommerziellen Trends, der in Europa allerdings ganz andere und vielfach überraschende Konturen gewann. Elaboriertes Marketing war und ist eben abhängig von den gesellschaftlichen, ökonomischen Bedingungen in den jeweiligen Märkten. Der geringe Verkaufserfolg von Duncan Yo-Yo in Europa war Folge der nur gering entwickelten Auslandsexpertise dieser auf den US-amerikanischen und kanadischen Markt konzentrierten Firma. Obwohl kommerziell in Gang gesetzt, unterstreicht die Geschichte der Jo-Jo-Mode sowohl die Kraft als auch die strukturellen Grenzen ökonomischer Kampagnen und eines eng gefassten Marketings. Moderne ausdifferenzierte Konsumgesellschaften besitzen immer einen Überschuss, der Überraschungen birgt (und damit wiederum Marktchancen). Die Jo-Jo-Mode geriet in Europa Ende 1932 ins Stocken, hielt sich zwar noch über Monate auf niedrigerem Niveau, ebbte dann aber ab und die Berichterstattung endete. Andere Spiele, etwa das aus Frankreich stammende Brettspiel Diablotin („Diablotin“, Tagblatt 1933, Ausg. v. 9. September, Beil., 3), rangen um die Nachfolge, doch der Breitenerfolg blieb aus.

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Ein neuer Trend? Abkehr vom Jo-Jo 1933 (Neues Wiener Journal 1933, Nr. 14080 v. 31. Januar, 1)

Die Geschichte der Jo-Jo-Mode 1932 liefert wichtige Einblicke in das Funktionieren von Konsumgütermärkten und die enge Verzahnung von Alltag, Gesellschaft und Wirtschaft. Drei allgemeine Aspekte scheinen mir am Ende diskussionswürdig:

Die Jo-Jo-Mode 1932 präsentierte erstens Geschichte als kommerzielle Ressource. Das amerikanische Yo-Yo wurde mit Hilfe von Kommerzlegenden aus dem wilden Philippinen beworben, erschien als gezähmte Innovation in einer weißen und distinguierten Gesellschaft, die ihren Spieltrieb zwar nicht verloren, doch kultiviert hatte. Yo-Yo war eine Innovation, die Vermarktung folgte dem Neuigkeitsversprechen massenindustriell hergestellter Waren. Geschichte war Beiwerk, diente als Zierrat, schuf eine Aura von Spannung und Wildheit. Das galt anfangs auch in Europa. Das Jo-Jo wurde als unaufhaltsame urwüchsige Kraft wahrgenommen, als ein irrationaler Einbruch in eine grundsätzlich geordnete, gegenwärtig aber aus den Fugen geratene Welt. Rasch aber wurde nach den Ursprüngen gefragt, Jo-Jo mit dem eigenen historischen Erbe verbunden. Das erfolgte versatzstückhaft, blieb konsumnahes Stückwerk. Statt wilder Urwaldkämpfer erinnerte man sich an gepuderte Adelszöglinge, an eine vergangene, vielleicht gar bessere Zeit. Dem dienten auch die durchaus vorhandenen Reminiszenzen an Jo-Jo als Spielzeug der eigenen Kindheit. Europa blickte zurück, verklärte nostalgisch; in USA dagegen konzentrierte man sich auf den Spaß und Wettbewerb in der Gegenwart.

Aus heutiger Sicht überraschend ist, dass die schon damals bestehenden Chancen der gegenwärtigen „Bereicherungsökonomie“ (vgl. dazu Luc Boltanski und Arnaud Esquere, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2018, insb. 220-225, 293-300) ungenutzt blieben. Die reiche europäische Jo-Jo-Geschichte diente nicht dazu, teurere Jo-Jos und Applikationen, solche mit Aura und Patina zu verkaufen, die Preise entsprechend höher zu schrauben. Die Handwerkskunst der Drechsler und Juweliere wurde noch nicht als Besonderheit verstanden, als Chance für Wert- und Gewinnsteigerungen. 1932 entstanden mit Jo-Jo-Bällen und -Polonaisen, mit einschlägigen Schlagern und Tanzmusiken neue Formen ironisch-beschwingten Umgangs mit dem Phänomen, während die Joujou-Kultur des Adels und des Bürgertums im späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts für „Events“ und Festivals nicht genutzt und vermarktet wurde. Das wäre heute anders, denn Geschichte ist eine zentrale Ressource der „Bereicherungsökonomie“, weit profitabler als die üblichen Marketinglegenden einfacher Massengüter (vgl. etwa Mate oder Kolaprodukte). Die Geschichtswissenschaft steht all dem kritisch und aufklärend entgegen – wenn sie denn Wissenschaft ist und nicht gängige Lohnschreiberei.

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Jo-Jo und die „großen“ Themen (Nebelspalter 58, 1932, Nr. 45, 6)

Die Jo-Jo-Mode 1932 verdeutlicht zweitens die Engführung der gängigen Geschichte auf die vermeintlich großen Themen, während die Nöte und Freuden des Alltags teils ausgeblendet, teils nicht mit der großen Geschichte verbunden werden. Das Jahr 1932 steht hierzulande für die Weltwirtschaftskrise, für Massenarbeitslosigkeit und massive Not, für Präsidialdiktatur und Bürgerkrieg, für den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Selbstaufgabe der Republik. Die Jo-Jo-Manie zeigt jedoch andere, für die Mehrzahl sehr wichtige Aspekte dieser Zeit. Niemand wird die Bedeutung der großen Geschichte in Abrede stellen, doch eine einseitig darauf fixierte Geschichtserzählung und Geschichtsdidaktik werden zwingend eng bleiben, wichtiges ausgrenzen, werden Menschen „nicht mitnehmen“.

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Charakteristika der Zeit (Nebelspalter 59, 1933, Nr. 1, 6)

Die Geschichte des Jo-Jos im Jahre 1932 verdeutlicht drittens schließlich die Multiperspektivität der Historie und den Eigensinn vieler Zeitgenossen. Die destruktive Kraft des Nationalismus und des Nationalsozialismus waren ein Zeittrend, einer der nicht abbrach wie der des Jo-Jos. Doch der aus heutiger Sicht vermeintlich zwingende Weg hin zum „Dritten Reich“ erschien 1932 keineswegs notwendig: „Ob sich Herr Hitler auch so viel / Gedanken macht bei diesem Spiel? / Die Laufbahn dieses Dingsda mahnt / auch an die seine ganz frappant“ (Yo-Yo, Der Morgen-Wiener Montagsblatt 1932, Ausg. v. 10. Oktober, 16). Die Zeitgenossen verbanden ihre Alltagsrealität mit dem Auf und Ab des Jo-Jos, hofften auf Verbesserung. Das bedeutete nicht zwingend einen Schwenk zu Adolf Hitler (1889-1945) und der NSDAP, zumal die Machtzulassung Anfang 1933 nicht nur aus dem Drängen der NS-Bewegung und ihrer Granden resultierte, sondern vornehmlich dem Kalkül einer kleinen nationalkonservativen und antidemokratischen Kamarilla. Ein wenig Jo-Jo hätte vielleicht helfen können, so die Idee einzelner: „Herr Hitler braucht ja so wie so von Zeit zu Zeit ein Nervenberuhigungsmittel. Zwischen all diesem Schreien und Stöhnen, diesem Versprechen und Nichthalten, diesem Hängen und Köpfen immer mal ein bißchen Yo-Yo“ (Pott, 1932, 3). So schrieb es Pieter Pott, dessen journalistische Karriere wohl 1933 mit einem letzten Gedicht im sozialdemokratischen „Lübecker Volksboten“ endete (Nr. 69 v. 7. April, 3). Hitler spielte kein Jo-Jo.

Uwe Spiekermann, 13. August 2020

Alltagsdoping – Eine Skizze zu Kola-Dallmann

Konsumgesellschaften basieren auf dem andauernden Vergessen und dem damit immer wieder möglichen Neubeginn. Entsprechende Innovationsillusionen nähren und schaffen Märkte. Ein gutes Beispiel hierfür ist das breite und heterogene Feld von Produkten zur Leistungssteigerung von Gehirn und Körper. Das klingt technisch, nicht einnehmend. Seit den 1990er Jahren werden sie daher trendig-anglophil als „Performance Food“ vermarktet. Hohe Gewinnmargen sind bei den vornehmlich mit Versprechungen angereicherten Waren üblich, auch wenn Umsätze und Erträge weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, die Marketingexperten, Ernährungswissenschaftler und Journalisten während des Hypes um „Functional Food“ in den 1990er Jahren hegten.

Kolaprodukte sind ein wichtiges Segment dieses „Performance Food“. Einschlägige Getränke sind Alltagsbegleiter, etwa die 1886 eingeführte Coca-Cola, ihr Konkurrent Pepsi-Cola (1893), die deutsche afri cola (1931), die Schweizer Variante Vivi Kola (1938) oder aber zahlreiche spätere Adaptionen aus deutschen Landen (fritz-kola, 2002; Red Bull Cola, 2008). Auch andere Flüssigperformer enthalten Kola, etwa die vermeintlich akademisch-hippen Mate-Getränke Club Mate oder Mio-Mio Mate, ihrerseits Nachfolger einschlägiger, seit mehr als einhundert Jahren verfügbarer Markenartikel. Kola findet sich zudem in zahlreichen Snacks, namentlich in Kombination mit Schokolade. Die 1935 eingeführte Schokakola diente als Sport- und Fliegernahrung, gab Soldaten den Kick im harten Kampfe, half bei Prüfungsvorbereitungen und Alltagsproblemen. Doch schon Anfang der 1890er Jahre offerierten Schokoladeproduzenten, etwas Sarotti, Kola-Kakao, -Schokolade, -Bonbons und mehr (Der Bazar 39, 1893, 195).

Kolaprodukte enthalten in der Regel Teile der bis heute vornehmlich in West- und Zentralafrika angebauten Kolanuss, insbesondere aber deren Wirkstoffe Koffein und Theobromin. Als Kolonialprodukte wurden sie in Deutschland seit Mitte der 1880er Jahre verarbeitet und vermarktet. Sie waren zugleich Wissensprodukte, Materialisierungen eines stofflich-reduzierten und gerade deshalb erfolgreichen Denkens und Handelns in Wissenschaft und Wirtschaft (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018). Paradigmatisch hierfür standen die seit 1888 beworbenen Kola-Pastillen des Apothekers und Pharmazeuten Georg Dallmann (1858-1940), als Kola-Dallmann bzw. Dallkolat ein prominenter und breit beworbener Markenartikel bis weit in die 1960er Jahre. Sie waren bis zur Produktionseinstellung 1998 „Performance Food“ pur, dienten dem Alltagsdoping derer, die bei Geselligkeit, Sport und Wettbewerb Vergnügen und Herausforderungen fanden oder einfach nur müde und abgespannt waren. Der kleine Helfer für den Alltag in dem sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden kapitalistischen System wurde jedoch nicht einfach erfunden, setzte sich eben nicht als fertiges Angebot durch. Kola-Dallmann war Resultat wechselnder Marktpositionierungen, musste das neuartige Kolaprodukt doch erst einmal Anwendungsfelder finden. Kola-Dallmann begann als Medikament, als Adaption afrikanischer Alltagskultur in einem europäisch-„zivilisierten“ Rahmen. Es mutierte zu einem Angebot für besonders geforderte Gruppen, dann einem Standardbegleiter der bürgerlichen „leisure classes“, ehe es in der Zwischenkriegszeit zu einem Alltagsgut der urbanen Mittelschicht wurde.

Dallmann & Co. – Unternehmen und Produktpalette

Während Produktinnovationen heutzutage meist den Blaupausen vorheriger Produkte folgen, war dies im späten 19. Jahrhundert nicht ganz so einfach. Dallmanns Kola-Pastillen waren kein „Performance Food“, sie wurden es erst. Blicken wir erst einmal auf den Unternehmer Georg Dallmann, seine Fabrik und deren doch deutlich breitere Produktionspalette.

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Georg Dallmann als erfolgreicher Unternehmer (Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 15. Januar, 3)

Georg Jacob Friedrich Dallmann wurde am 17. Januar 1858 in der pommerschen Kreisstadt Cöslin geboren. Er besuchte das Gymnasium in Stollberg und lernte 1875 bis 1878 das Apothekerhandwerk zuerst im thüringischen Großbreitenbach, dann im oberpfälzischen Oberviechtach, ehe er schließlich eine eigene Apotheke in Gummersbach eröffnete (Deutsche Apotheker-Biographie, Ergänzungsbd. 1, Stuttgart 1986, 71). Über die Person ist relativ wenig bekannt (Georg Dallmann zum 125. Geburtstag, Deutsche Apotheker-Zeitung 123, 1983, 66-67), doch scheint in diesem Fall eine Binnensicht auf unternehmerische Entscheidungen auch nicht zwingend erforderlich. Person und Firma waren nämlich typisch für die Markt- und Markenpositionierungen, die sich nach der Etablierung des deutschen Produktionsregimes 1879/80 in vielen Branchen vollzogen und die bis in unsere Zeit reichen. Die Firma wurde im November 1901 in größere Produktionsstätten nach Schierstein verlegt, heute ein Stadtteil von Wiesbaden (Wilhelm Vershofen, Die Anfänge der chemisch-pharmazeutischen Industrie, Bd. 3: 1870-1914, Berlin et al. 1958, 58). Georg Dallmann war reichsweit bekannt, agierte als Vertreter des Vereins für pharmazeutische Großindustrie (Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 101). Er gehörte zu den führenden selbständigen pharmazeutischen Unternehmern in einer ansonsten durch Aktiengesellschaften und Manager geprägten Branche. Obwohl selbst approbierter Apotheker, lieferte er sich mit deren Standesvertretern harte, teils überharte Händel (Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 115). Dabei ging es um die für Dallmanns Firma zentrale Frage, ob Apotheken oder die Industrie die Standards im Arzneimittelmarkt setzen sollten (Jan Weckerth, Zwischen Arbeitsmarkt und Ausbildung: der Einfluss der Verbände, in: Volker Müller-Benedict (Hg.), Der Prozess der fachlichen Differenzierung an Hochschulen. Die Entwicklung am Beispiel von Chemie, Pharmazie und Biologie 1890-2000, Wiesbaden 2014, 87-178, insb. 102-103). Notizen zu seinem 70. Geburtstag finden sich in der überregionalen Presse, doch handelte es sich lediglich um karge Notate (Illustrirte Zeitung 1928, 156). Ähnliches gilt für seinen 75. Geburtstag, gefeiert in „geistiger und körperlicher Frische“ (Georg Dallmann, 75 Jahre, Badische Presse 1933, Nr. 5. v. 4. Januar, 5). Sein Tod wurde vermeldet, Nachrufe in überregionalen Zeitungen konnte ich jedoch nicht finden (Deutsche Apotheker-Zeitung 55, 1940, 370). Die Firma wurde länger vor und nach dem Tod des Patriarchen in einem recht typischen Familienverbund geführt, häutete sich jedoch. Es blieben die 1959 eingeführten Salbei-Bonbons, nicht aber eine selbständig geführte Firma.

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Werbung für pharmazeutische Handverkaufsartikel 1891 (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 32, 1891, 246)

Die Fabrik chemisch-pharmaceutischer Präparate Dallmann & Co. wurde 1889 als offene Handelsgesellschaft gegründet. In den Werbeanzeigen trat sie erst ab 1890 hervor. Festzuhalten ist, dass es sich bei der Neugründung nicht um eine der im Geheimmittelmarkt vielfach üblichen Firmen für den Absatz des einen, des vermeintlichen heilbringenden Produktes handelte. Die später so zentralen Kola-Pastillen waren von Beginn an ein wichtiger Umsatzträger der Fabrik, in der pharmazeutischen Werbung traten sie jedoch gegenüber anderen Präparaten zurück.

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Zentrum der pharmazeutischen Werbung: Dallmanns Tamarindenessenz (Rundschau für die Interessen der Pharmazie, Chemie, Hygiene und der verwandten Fächer 20, 1894, 163)

Im Vordergrund stand stattdessen Dallmanns Tamarindenessenz, ein Abführmittel aus verarbeiteter Tamarinde, der indischen Dattel. Dieses Kolonialprodukt wurde vergoren, lange in großen Gebinden gelagert und häufig abgezogen (G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1905, 518). Das Produkt unterschied sich deutlich von den gängigen, in Apotheken zubereiteten Tamarindenessenzen. Konkurrierende Produzenten hatten jedoch schon zuvor ähnliche Zubereitungen auf den Markt gebracht, etwa das Kanoldtsche Tamar Indien aus Gotha (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 29, 1889, 87). Dallmann bewarb sein Produkt relativ aggressiv, setzte auf Anzeigen in Tageszeitungen und Fachzeitschriften, Werbezettel, die Präsenz bei Ausstellungen und Fachkongressen, eine feste 30-prozentige Handelsspanne sowie redaktionelle Werbung: „Das Dallmann’sche Präparat besitzt einen angenehmen, erfrischenden Geschmack, der Jedem behagt und durch den es sich neben seiner prompten Wirkung vor anderen Purgirmitteln auszeichnet“ (Pharmaceutische Post 27, 1894, 83). Die Essenz wurde insbesondere für Kinder und Wöchnerinnen empfohlen, da die Wirkung sanft, ohne Schmerzen erfolgte und zudem von „lieblichem Wohlgeschmack“ (Wiener Medizinische Wochenschrift 46, 1896, 39) sei. Die Werbezettel präsentierten auf Ausstellungen gewonnene Medaillen und listeten Empfehlungsschreiben auf (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, n. 458; Süddeutsche Apotheker-Zeitung 35, 1895, Nr. 98 v. 6. Dezember, Beilage). Das war eigentlich der Tenor der Geheimmittelwerbung der „Kurpfuscher“, gegen die promovierte Mediziner und Apotheker seit den späten 1860er Jahren relativ erfolglos agitierten. Dallmann erntete mit einigen seiner Anzeigen schlicht Spott, manchen schien dessen zornige Verdammung von Konkurrenzprodukten einzig „hochkomisch“ (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreiche Sachsen 55, 1893, 55). Gleichwohl etablierte sich die Tamarindenessenz relativ rasch und blieb ein langfristig erfolgreiches Produkt.

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Neuheiten im Umfeld des Apothekerhandwerks: Werbung für Dallmanns Pepsinsaft nach ersten kritischen Stellungnahmen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 34, 1894, 48)

Mit ähnlichen Mitteln verlief 1893 die Markteinführung eines konzentriertes Pepsin-Saftes, der als Mittel gegen Verdauungsbeschwerden vermarktet wurde. Auch hier gab es zahlreiche Vorgänger, die in diesem Falle ihre Marktstellung allerdings behaupten konnten. Der Dallmannsche Pepsin-Saft war kein wirklicher Erfolg, seine Produktion wurde nach einigen Jahren wieder aufgegeben. Das Beispiel hilft jedoch, die unternehmerische Logik hinter diesen Heilmitteln zu verstehen. Pharmazeutische Firmen entwickelten Spezialitäten, pumpten sie mittels massiver Werbung in einen grundsätzlich aufnahmefähigen und strukturell wachsenden Markt – und warteten dann auf die Marktresonanz. Misserfolge wurden rasch zurückgezogen, sich gut verkaufende Waren dagegen weiter offensiv beworben. Der Markt war der Richtplatz für Innovationen.

Entsprechend war und blieb Dallmann & Co. eine Präparateschmiede. Nur geringen Erfolg hatte beispielsweise der 1897 eingeführte Dr. Schmeysche Peru-Cognac, eine scharf schmeckende, durch Zimtsäure abgerundete Mixtur von Perubalsam mit Kognak. Als „Perco“ stand sie für den Wandel hin zum individuellen Markenprodukt, doch die als Mittel gegen Lungentuberkulose positionierte Spirituose konnte die medizinischen Erwartungen nicht erfüllen (Zeitschrift des allgem. oesterreich. Apotheker-Vereines 52, 1898, 57; Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 40, 1899, 61, 140; Ebd. 42, 1901, 4-5). Erfolgreich waren später dagegen das 1925 eingeführte Vitamin- und Mineralstoffpräparate Eligol (Jahresbericht der Pharmazie 60, 1925, 290; Chemisches Zentralblatt 96, 1925, 213), der kosmetische Artikel Pergo oder aber das seit 1933 angebotene Munddesinfektionsmittel Ringulein, ein in Ringform angebotenes Antiseptikum mit Pfefferminz- bzw. Fenchelgeschmack (Pharmazeutische Monatshefte 15, 1934, 245), das nicht zuletzt gegen Grippe helfen sollte.

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Kontinuierliche Produktion marktgängiger Präparate: Ringulein-Tabletten 1933 (Deutsche Apotheker-Zeitung 48, 1933, Nr. 82)

Die Forschungsintensität der zu Unrecht auf die Kola-Pastillen reduzierten Firma Dallmann unterstrich auch die Vermarktung des chinasauren Harnstoffes Urol (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 42, 1901, 651; Ueber Urol, Ebd., 688-689). Dieses Mittel gegen Gicht, Harn- und Nierengries wurde nicht allein in europäischen Staaten, sondern auch in den USA angeboten. Für die Vermarktung des Ende 1901 in den USA patentierten Präparats gründete Dallmann gemeinsam mit dem Pharmazeuten Otto Schütz eine eigene Gesellschaft (Journal of the Society of Chemical Industry 23, 1904, 100).

Bevor wir zum späteren Kernprodukt der Firma, Kola-Dallmann, übergehen, noch einige Hinweise zum Geschäftsgebaren Dallmanns. Während die angebotenen pharmazeutischen Präparate über den engen Raum der Einzelapotheke hinauswiesen und die Werbung eine der Ehrsamkeit der tradierten Apothekerschaft kaum entsprechende Rührigkeit entfaltete, blieb die Absatzgestaltung überraschend traditionell. Die Präparate waren preisgebunden, gewährten Produzent und Händlern einen soliden, tendenziell über dem Marktdurchschnitt liegenden Nutzen. Dallmann reihte sich in die tradierte Absatzkette Produzent, Großhandel und Apotheke (ab 1897 auch Drogerie) verlässlich ein, versuchte kaum, die Absatzwege zu verkürzen. Bestellungen von Letztkonsumenten wurden angenommen, doch der Absatz durch Apotheken und Drogerien dominierte klar. Noch während der Weltwirtschaftskrise 1932 betonte die Firma, dass Geschäftskunden nicht befürchten müssten, auf den Firmenpräparaten sitzen zu bleiben, da man einerseits dauernd Reklame machen, anderseits „nur den Fachhandel“ (Deutsche Apotheker-Zeitung 47, 1932, 694) beliefern würde. Der direkte Absatz an Konsumenten entsprach nicht dem Wirtschaftsmodell des Georg Dallmann, obwohl die Zahl der Versandapotheken seit den späten 1890er Jahren rasch zunahm.

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Die erste Schutzmarke der Firma Dallmann (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, n. 458)

Wenig innovativ, ja halbherzig, blieb auch der Warenschutz. Die ersten Präparate wurden noch als individuelle Artikel Georg Dallmanns angepriesen. Doch Dallmanns Präparate waren weder als eigene Wortmarken eingetragen, noch gab es eine spezielle Schutzmarke. Das änderte sich nach dem Warenzeichengesetz vom Mai 1894, das zur Eintragung einer allgemeinen Schutzmarke für alle Präparate führte. Es folgten die damals üblichen öffentlichen Warnungen, Anzeigen also, die Konkurrenten vor Nachahmungen abschrecken und Konsumenten auf die besondere Qualität der Produkte hinweisen sollten (für die Tamarindenessenz s. Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, 84). Es überrascht allerdings, dass Warenzeichen für einzelne Produkte erst ab 1912 eingetragen wurden. Das betraf Tamess, die umbenannte Dallmansche Tamarinden-Essenz, vor allem aber Kola-Dallmann (Deutsche Apotheker-Zeitung 27, 1912, 560). Wohl als Folge des intensivierten Wettbewerbs bei Anregungsmitteln, zumal der beträchtlichen werblichen Präsenz des in Berlin produzierten Kola-Dultz, ließ Dallmann die Warenzeichen Dallkolat, Kola-Dallmann und Dallmanns Kola-Pastillen schützen (Zentralblatt der gesamten Arzneimittelkunde 1, 1912/13, 203). Die Stärke des noch nicht geschützten, gleichwohl aber schon zuvor verwendeten Begriffs Kola-Dallmann führte jedoch dazu, dass die Versuche des Markentransfers von Kola-Dallmann auf Dallkolat letztlich scheiterten. Bis Mitte der 1920er Jahre wurden die Kola-Pastillen doppelt bezeichnet, Kola-Dallmann und Dallkolat erschienen in den Anzeigen Seit an Seit. Kola-Dallmann war jedenfalls schon vor dem Ersten Weltkrieg ein etablierter Alltagsbegriff geworden, Wegbegleiter und Wegbereiter des Alltagsdopings.

Von den Kola-Pastillen zum Markenartikel Kola-Dallmann

Dallmanns Kola-Pastillen waren eine marktkonforme Materialisierung des deutschen Kolonialismus. Konkret: Einerseits handelte es sich dabei um ein „veredeltes“, gleichsam zivilisiertes Produkt der deutschen Herrschaft in Kamerun (allgemein hierzu Albert Gouaffo, Wissens- und Kulturtransfer im kolonialen Kontext. Das Beispiel Kamerun – Deutschland (1884-1919), Würzburg 2007). Anderseits stand die alltägliche Nutzung von Kola-Produkten in den Ländern der Kolonialmächte für deren massiven Ausgriff auf die naturalen Ressourcen der unterworfenen Länder. Bevor wir uns mit den Dallmannschen Kola-Pastillen direkt befassen, müssen wir daher die Kolanuss etwas genauer in den Blick nehmen.

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Naturkundliche Erfassung der kolonialen Kolanuss (Prometheus 9, 1898, 483)

Bei der Kolanuss handelte es sich um ein in Zentralafrika für westliche Märkte erst gesammeltes, dann auch gezielt angebautes Kolonialprodukt. Der Samenkern war kastaniengroß und bildete getrocknet eine harte Masse, außen braun, innen weiß bis rosenrot. Die Kolanuss gewann ihren Wert für die Kolonialherren durch ihren Stoffgehalt: Etwa 2 bis 2,5 % Koffein, Gerbsäure, den Kakaowirkstoff Theobromin sowie den Farbstoff Kolarot (Paul Zipperer, Kakao und Schokolade, in: Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, Bd. 4, 9. Aufl., Leipzig 1897, 699-708, hier 707). Die Nuss schmeckte sehr bitter, musste also bearbeitet werden, um Konsumgut zu werden. Üblich wurden verschiedene Röstverfahren, ebenso die Behandlung mit Alkalien bzw. schwachen Säuren, etwa dem als Haarbleichmittel schon damals bekannten Wasserstoffperoxid. Die fertige Masse mischte man dann zumeist mit Kakao, Zucker und „Korrigenzien“, um Wirkung, Nährwert und insbesondere den Geschmack zu heben. Sie wurde seit den 1880er Jahren zuerst in Apotheken zu diversen Tinkturen, Extrakten und Essenzen weiterverarbeitet, häufig auch mit Alkohol vermengt. Am Ende stand ein Heilmittel gegen Herzbeschwerden, Nervenstörungen oder aber die Seekrankheit.

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Kurzlebiges Konkurrenzprodukt: J. Henschels Kola-Bitter (Berliner Volksblatt 1890, Nr. 197 v. 26. August, 4)

Doch die Kolanuss bot mehr: „Der Kolagenuss, der mit geringen Mengen – man rechnet 40 g auf Person und Tag – zu befriedigen ist, gestattet den Negern überdies, im Nothfall mit sehr geringen Mengen an Nahrungsmitteln auszukommen und Perioden des Hungers ohne augenblickliche Erschöpfung zu überwinden. Aber er macht die Leute ausserdem heiter, wander- und arbeitslustig“ (Carus Sterne, Die Kolanuss, Prometheus 9, 1898, 465-467, 481-485, hier 466). Kola stand damit in einer Reihe mit anderen, öffentlich diskutierten „Volksnahrungsmitteln“, etwa der lateinamerikanischen Koka bzw. Mate. Deren Einfuhr und Konsum schien bürgerlichen Reformer ein möglicher Beitrag zur Lösung der sozialen Frage, also der Integration der städtischen und ländlichen Arbeiter in die bürgerliche Gesellschaft. Hoffnungsfroh hieß es beispielsweise in Bayern: „Kola-Chokolade ist so stark, daß ein Arbeiter mit einer als Frühstück genossenen Tasse voll ohne alles andere den ganzen Tag arbeiten kann, ohne zu ermüden“ (Die Kolanuß, Rosenheimer Anzeiger 1888, Nr. 49 v. 29. Februar, 4). Wichtig war zudem die vor allem von französischen Entdeckungsreisenden und Medizinern propagierte Verbesserung von Marschleistungen (Edouard Heckel, Les Kolas Africains, Paris 1893). Kola schien eine Alternative zum beim Militär noch gängigen Alkohol bzw. dem Tabak zu sein, eine sanftere Droge für das gemeine Volk (B[ernhard] Schuchardt, Die Kola-Nuss, Correspondenz-Blätter des Allgemeinen ärztlichen Vereins von Thüringen 19, 1890, 293-317; F.E. Steward (Hg.), An Illustrated Monograph of Kola, Detroit 1894). Kola war preiswerter als Kaffee, reizte nicht auf, überdeckte die Müdigkeit. Es war damit ein perfekter Grundstoff für Produktentwicklungen. Während sich Kola in den USA und dann auch anderen westlichen Ländern über Getränke einbürgerte, gab es jedoch einen deutschen Sonderweg: Hier verschwanden die frühen Kolagetränke wieder rasch, während Pastillen, seltener auch Schokoladen, den Markt prägten. Was Coca-Cola für die USA, waren Kola-Pastillen für den deutschsprachigen Raum.

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Angebote des Hauptkonkurrenten Dallmanns, der Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft (Über Land und Meer 81, 1898-99, Nr. 5 (l.); Gordian 3, 1897/98, 1091)

Die medizinische und pharmazeutische Forschung konnte gewiss kein verlässliches Stoff- und Wirkungsprofil der Kolanuss erstellen, vielfach auch aufgrund der steten Vermischung wissenschaftlicher und kommerzieller Interessen. Der Schöneberger Nervenarzt Kurt Ollendorf resümierte kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedoch vier allgemein akzeptierte Wirkungen: „1. auf das Zentralnervensystem. Die geistigen Fähigkeiten werden angeregt, das Ermüdungsgefühl verscheucht. Die Respiration wird ausgiebiger und vertieft. 2. auf das Zirkulationssystem. Die Herztätigkeit wird angeregt, der Blutdruck und die Diurese wird gesteigert […]. 3. auf die Muskeln. Die Muskelermüdbarkeit wird teilweise aufgehoben, die Arbeitsleistung gesteigert, ein Faktum, welches Bergsteigern und Sportsleuten seit langem bekannt ist. 4. auf die allgemeine Ernährung. Kola ist ein eminentes Sparmittel, indem es den Stoffwechsel des Körpers verlangsamt. Die Stickstoffausscheidung wird verzögert“ (Kola als Heilmittel, Allgemeine Medizinische Central-Zeitung 81, 1912, 446-447, hier 447). Kola besaß damit ein für unterschiedliche Zielgruppen attraktives Wirkstoffspektrum, war offen für Neupositionierungen. Georg Dallmann bewarb seine Kolapräparate anfangs allerdings als Medikamente.

Seine Fabrik chemisch-pharmazeutischer Präparate Dallmann & Co. wurde 1889 im oberbergischen Gummersbach gegründet. Sie diente der Vermarktung schon zuvor bestehender Produkte der Apothekenpraxis, darunter auch die schon 1888 beworbenen Kola-Pastillen und ein wohl ebenfalls zuvor angebotener Kola-Wein.

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Vermarktung vor der Firmengründung (Allgemeine Zeitung 1888, Nr. 335 v. 2. Dezember, 4944)

Diese Anzeige in der Münchener Allgemeinen Zeitung verweist auf eine damals gängige, sich aus dem lokalen Apothekengeschäft entwickelnde Absatzstruktur: Größere Apotheken wurden für den Handverkauf beliefert, Großhandelsdepots für die Versorgung von weiteren Apotheken und auch Drogenhandlungen eingerichtet. Die Firmengründung bot ab 1889 einen industrielleren Rahmen für die Vermarktung – damals Ausdruck von Fortschritt und Professionalität. Sie erfolgte einerseits in den bewährten Formen des Spezialitätenabsatzes der Apotheken. Das bedeutete Anzeigen in einschlägigen pharmazeutischen Fachzeitschriften, umfasste aber auch ausführlichere Produktprospekte. Sie wurden beigelegt, bei späteren Bindungen meist entfernt. Für die Dallmannschen Kola-Pastillen ist ein doppelseitig bedruckter Werbezettel allerdings erhalten geblieben (Altonaer Nachrichten 1890, Nr. 181 v. 5. August, nach 6). Das Produkt erschien darin als Resultat europäischen Entdecker- und Forschungsfreude: Es stammte aus den westafrikanischen Kolonien des Deutschen Reiches, griff die Alltagsverwendung der einheimischen Bevölkerung auf, transferierte sie in handhabbare und standardisierte Pastillen, wendete sie jedoch auf europäische Problemlagen an. Es folgten die obligaten Empfehlungsschreiben renommierter Doktoren und begeisterter Kunden. Dallmanns Präparate standen im breiten Grenzfeld von Geheim- und Arzneimittel, von Nahrungsergänzung und Pharmakon. Im pharmazeutischen Werbekontext wurden die Kola-Pastillen allerdings nicht nur einzeln, sondern zumeist als Teil des Dallmannschen Gesamtangebotes vermarktet.

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Ein Kolonialprodukt leistet Hilfe im Alltag (Dresdner Nachrichten 1889, Nr. 75 v. 16. März, 4)

Auch in den Publikumszeitungen wurden die Kola-Pastillen als Arzneimittel präsentiert, dienten also noch keinem Alltagsdoping. Das Werbeversprechen war konkreter: Hilfe gegen Kopfschmerzen und Migräne, bei überbürdender Zecherei und allgemeiner Überarbeitung. Dallmann entsprach damit Nutzenerwartungen, mit der Kolanüsse schon Mitte der 1880er Jahren einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurden (Neues Mittel gegen den Katzenjammer, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 296 v. 18. Dezember, 3). Nicht einzelne Gruppen, sondern potenziell alle Konsumenten wurden mit derartigen Anzeigen angesprochen; vorausgesetzt, sie konnten die eine Mark für die Schachtel bezahlen. Ein Facharbeiter verdiente damals ca. 1.000 bis 1.200 Mark – pro Jahr. Die Kundschaft war daher sozial eng begrenzt, doch das galt für die Mehrzahl der damaligen Medikamente.

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Kola gegen Migräne, Kopfschmerzen und Kater (Allgemeine Zeitung 1891, Nr. 149 v. 31. Mai, 4)

Dallmann nutzte von Beginn an neben der Fachpresse auch Tageszeitungen für die Werbung. Er war von Beginn an exportorientiert, einschlägige Anzeigen erschienen seit 1889 im europäischen Ausland. Die deutsche pharmazeutische Industrie hatte zu dieser Zeit bereits eine weltweit führende Stellung, die durch die fast durchweg exportorientierten Unternehmen systematisch weiter ausgebaut wurde (Otto N. Witt, Die chemische Industrie des Deutschen Reiches im Beginne des 20. Jahrhunderts, Berlin 1902, 155-160).

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Konstitutive Exportorientierung (La Suisse Liberale 1889, Nr. 133 v. 8. Juni, 4 (l.); Prager Tagblatt 1889, Nr. 293 v. 23. Oktober, 20)

Das Produkt war für nationale und internationale Märkte bestens geeignet: Eine Spezialität für solvente Bürger, in „Schachteln“, Blechdosen verstaut, gut zu versenden, lange zu lagern. Ein standardisiertes Präparat, gewerblich hergestellt, wohl unter Einsatz der damals üblichen Tablettenformmaschinen. Diese aber dürften noch manuell bedient worden sein, hinzu kamen die arbeitsaufwendige Verpackung und der Versand. Die Kola-Pastillen waren keine Frischware, sondern eine abstrakte Ware für einen abstrakten Markt. Ihr Nutzen war anfangs recht klar umschrieben, zielte auf die Beseitigung einfacher gesundheitlicher Beeinträchtigungen.

Gleichwohl waren die Resultate all dieser Bemühungen überschaubar. Es gelang, die Kola-Pastillen einzuführen, während der seit 1892 beworbene Kola-Nusslikör offenbar den Erwartungen nicht entsprach und rasch zurückgezogen wurde (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 33, 1893, 19). Der Kola-Wein blieb länger im Angebot, verschwand jedoch Mitte der 1890er Jahre. Hinzu kam der Verlust von Auslandsmärkten. In der Schweiz konnten sich die Kola-Pastillen schon in den späten 1880er Jahren nicht durchsetzen, der russische Markt wurde für das „Geheimmittel“ 1898 gesperrt (Archiv für Gesetzgebung und Statistik 50, 1898, 507).

Führt man sich dies vor Augen, so lösen sich spätere PR-Legenden von Georg Dallmann und „seinem“ Präparat in Luft auf (50 Jahre Kola-Dallmann, Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, 412). Dallmanns Kolapräparate waren einige unter vielen. Sie entsprachen den Erwartungen einer international wie national geführten Diskussion in Wissenschaft und Öffentlichkeit und wurden mit einer durchaus konventionellen Produktionstechnik hergestellt. Dallmanns Werbung war breit angelegt, doch die des Marktführers, der Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft, konnte sich damit sicherlich messen. Sie produzierte ihre Kolaprodukte zudem in Lizenz des wesentlich bekannteren Ludwig Bernegaus (1860-1923), eines in Wissenschaft, Militär und Kolonialverwaltung bestens vernetzten Pharmazeuten, der später auch das Monopol für den Kolaimport aus Kamerun erhielt (André Schön und Christoph Friedrich, Zu Leben und Wirken des Apothekers und Nahrungsmittelchemikers Ludwig Bernegau, Geschichte der Pharmazie 67, 2015, hier 32-34). Der Kolonialpropagandist erprobte Mitte der 1890er Jahre zahllose Verwendungsmöglichkeiten der Kolanuss, bis hin zum Futtermittel (L[udwig] Bernegau, Die Bedeutung der Kola-Nuss als Beifutterstoff, Altona 1897). Die Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft machte zudem deutliche Schritte hin zu einer Neupositionierung der Kolapräparate, wurden sie doch nicht nur allgemein beworben, sondern auch gezielt für die „Sport-, Reise-, Bade- und Manöver-Saison“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, Nr. 14, VI). Dallmann ging diesen Weg mit – und überholte schließlich die Konkurrenz.

Der lange Weg zur Zielgruppensegmentierung

Zielgruppensegmentierung war Bestandteil unternehmerischer Praxis lange bevor die damals entstehende Betriebswirtschaftslehre das Konzept ausformulierte und zu einer universell anwendbaren Technik verdichtete. Ihrer Etablierung ging ein doppelter Lernprozess voraus: Auf Seiten der Konsumenten galt es Gruppenzusammenhänge und damit verbundene Konsumbedürfnisse zu realisieren, die abseits tradierter Modelle von nach Ständen oder Klassen unterscheidbarer Personen bestanden. Auf Seiten der Unternehmer mussten diese Veränderungen ebenfalls wahrgenommen und dann hervorgehoben und verstärkt werden. Zielgruppendefinitionen erlaubten passgenaue Ansprache, passgenaue Produkte und damit letztlich höhere Wertschöpfung. Gesamtgesellschaftlich bedeutete dies soziale Schließung und Mobilitätschance zugleich. Konsumgüter hatten nicht mehr primär einen direkten Nutzen – etwa die Wirksamkeit eines Medikamentes –, sondern vermehrt auch einen Zusatznutzen, den der sozialen Zugehörigkeit und der Abgrenzung von Nichtkonsumenten. Das konnte wirtschaftlich genutzt werden.

Blicken wir dazu auf einige Anzeigen der Dallmannschen Kola-Pastillen, bevor diese zum Markenartikel Kola-Dallmann resp. Dallkolat mutierten. In einer redaktionellen Werbung hatte es 1889 etwa geheißen: „Das Gefühl von Müdigkeit, Schlappheit, welches sich besonders nach körperlicher Ueberanstrengung, wie z.B. auf Märschen, beim Bergklettern u.s.w. einzustellen pflegt, wird durch den Gebrauch einiger Cola-Pastillen beseitigt. Dem durch den Genuss geistiger Getränke, Aufenthalt in Rauchluft etc. entstehenden Kopfschmerz beugt man durch eine Dosis von 3-6 Pastillen (am besten vor dem Schlafengehen genommen) vor“ (Kola, Der Fortschritt 5, 1889, 119). Dieses Angebot entsprach noch einem direkten Nutzen der Pastillen in einer bestimmten Situation des nicht näher beschriebenen Konsumenten.

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Übergang zum Anregungsmittel für klar abzugrenzende Gruppen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, Nr. 59 v. 23. Juli, 562)

Acht Jahre später war die Anzeige der Kola-Pastillen formal und zielgruppenbezogen deutlich verändert. Die Verpackung des Produkts diente als Blickfang, verband Werbebotschaft und den Kaufakt in der Apotheke. Die Schutzmarke des gewerblichen Produktes wurde integriert, auch wenn noch die Verbindung zum Apotheker Georg Dallmann handwerkliche Traditionen imaginierte. Festpreise für Deutschland, Frankreich, Österreich-Ungarn und Italien suggerierten internationales Renommee der Pastillen. Doch ihr sozialer Nutzen wurde nur ansatzweise klar. Reisen und Radtouren bildeten den denkbaren Anlass für den Kauf, die Zugehörigkeit zur Gruppe der Touristen bzw. Radfahrer wurde eigens hervorgehoben. Die Annonce quoll über von teils widersprüchlichen Elementen unterschiedlicher Marketingkonzepte. Freizeit und militärischer Dienst wurden vermengt, Offiziere und Touristen parallel angesprochen. Mann, Mann, Mann! Eine gewisse gesellschaftliche Exklusivität war offenkundig, denn nur wenige hatten damals Zeit und Geld für Reisen. Radfahren war jedoch ein nie exklusives bürgerliches Vergnügen, das durch die damals schon übliche Massenfabrikation von Fahrrädern zunehmend günstiger wurde, dem Angestellte und auch Facharbeiter frönen konnten. Die Werbung wurde verändert, blieb aber unausgegoren, halbherzig.

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Die Verbindung von Pastillen und sozialer Situation (Kladderadatsch 56, 1903, Nr. 39 v. 27. September, Beibl. 2, 1)

Sechs Jahre später finden wir in der Karikaturzeitschrift Kladderadatsch eine Reihe unterschiedlicher Werbeanzeigen, die im Folgejahr auch in Danzer’s Armee-Zeitung geschaltet wurde. Das erlaubte Variationen bei dennoch einheitlicher Werbebotschaft. Hierin war erstmals von der „Marke Dallmann“ die Rede (Kladderadatsch 56, 1903, Nr. 47 v. 22. November, Beibl. 2, 2), doch die meisten Annoncen vermengten nach wie vor unterschiedliche Nutzenprofile und Zielgruppen, verwandten dazu gar Sätze und Begrifflichkeiten aus Anzeigen und Werbezetteln der mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Einführungsphase. Offenkundig kombinierte die Reklameabteilung der Firma Wortelemente im sinnarmen Baukastenstil, reflektierte ihre Bedeutung nur ansatzweise. Auch wenn das heute noch die Antwortpraxis vieler „Servicecenter“ sein mag, so war dies doch bereits vor mehr einem Jahrhundert nicht mehr Stand erfolgreicher Reklamepraxis. Die obige Anzeige war allerdings anderer Art. Als Blickfang diente nun die konturenscharf dargestellte Verkaufsverpackung. An die Stelle des Apothekers Georg Dallmann war die Firma Dallmann & Co. getreten, die gewerbliche Herkunft wurde klar und selbstbewusst benannt. Recht klar war zudem die Fokussierung der Anzeige auf eine soziale Situation, auf bürgerliche Geselligkeit. Auch hier vermengte man abermals Freizeit und Arbeit. Doch eine gewisse Richtung wurde erkennbar.

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Markenbildung und situative Produktpräsentation (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3413, Beibl.)

Es dauerte allerdings nochmals sieben Jahre, bis die Firma sich auf der Höhe der „Werbekunst“ der damaligen Zeit befand. Zum einen wurde die Marke als solche betont. Rechtlich korrekt verwies man auf die Schutzmarke Dallmann & Co., doch verband man diesen Namen nun deutlich mit dem in Großbuchstaben gehaltenen Begriff KOLA (noch deutlicher in Fliegende Blätter 133, 1909, Nr. 3409, Beibl.). Als Blickfang diente nun aber eine soziale Situation, in der ein vorheriger Konsum der Pastillen angeraten sinnvoll erschien. Der Blick wurde auf die Breite menschlicher Strapazen gelenkt, der medizinische Hintergrund war demnach noch präsent. Der Mensch war Mängelwesen, doch Abhilfe durch die Ware möglich. Mit dem Rückbezug auf körperliche Anstrengungen koppelte der unbekannte Werbetexter Lebensbezüge, löste diese mit dem Bild der jungen Skifahrerin jedoch sportlich-dynamisch auf. Der Mensch bewährte sich in den angezeigten Situation, er konnte sich behaupten, konnte dazu zur Pastille greifen. Noch aber handelte es sich nicht wirklich um Alltagsdoping, denn Strapazen standen nicht im Mittelpunkt der Lebenswelt der konsumtiven Klassen. Dazu wurde die hier angedeutete Werbekampagne 1911 ausgeweitet und dann 1912 in eine neue Werbeform überführt. Dies war jedoch keineswegs Ausfluss einsamer Ratschlüsse in Schierstein, sondern Ausdruck veränderter Marktverhältnisse einerseits, der steten öffentlich Diskussion über Doping anderseits.

Alltagsdoping und Sportdoping

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Die Werbeaufgabe vor Augen geführt: Präsentiere ein Massenprodukt, als wäre es für individuelle Käufer gemacht (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 8, 1912, Nr. 46 v. 9. November, 15)

Alltagsdoping ist der Schlüsselbegriff, um den Erfolg der Dallmannschen Kola-Pastillen zu verstehen. Dies gilt nicht metaphorisch, denn dieses Alltagsdoping gründete auf dem Umgang mit dem sich um 1900 rasch etablierenden Sportdoping. Der Begriff Doping ist ein Lehnwort aus dem US-Amerikanischen, fand sich in Kontinentaleuropa als Beipack der frühen Erfolge amerikanischer Reitställe, Jockeys und Trainer. Gerüchte machten um 1900 die Runde, vor Augen standen mit Kokain und Strychnin vollgepumpte Pferde. In Österreich, dann auch in Ungarn erließen die Jockeyclubs daraufhin Maßregeln gegen die „Anwendung von Droguen, subcutanen Einspritzungen oder Geheimmitteln irgend welcher Art“. Doping war damals „die aus Amerika importirte Anwendung von stimulirenden oder niederschlagenden Mitteln bei Rennpferden“ (Das Doping, Illustrierte Sport-Zeitung 9, 1902, Nr. v. 2. Dezember, 1310). Beim Austria-Preis 1901 wurden die damit verbundenen Probleme deutlich. Rennpferd Edgardo wurde disqualifiziert, doch der Dopingnachweis konnte nicht geführt werden (Die Edgardo-Affaire, Illustrierte Sport-Zeitung 8, 1901, Nr. 44, 2-4). Die Verabreichung leistungssteigernder Mittel bedurfte eines Kontrollregimes und veterinärmedizinischer Expertise – und diese fehlten. Entsprechend änderte sich mit der raschen Ausweitung einschlägiger Maßregeln in den USA (Doping, Pester Lloyd 1902, Nr. 306 v. 24. Dezember, 9), dann auch in Frankreich, Russland, England und Deutschland (Gegen das Doping, Allgemeine Sport-Zeitung 24, 1903, Nr. 88 v. 4. Oktober, 1281) wenig; zumal weiterhin behauptet wurde, dass die gängigen Stimulantien nicht wirksam seien (Das „Doping“ des Rennpferdes, Illustrierte Sport-Zeitung 11, 1902, Nr. 1 v. 5. Januar, 2-3).

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Wettkampf der Radrennfahrer im Berliner Olympia-Park – ein Zuschauer- und Dopingspektakel (Sport im Bild 19, 1913, 514)

Die Diskussionen am Turf führten zu ähnlichen Diskussionen über Doping bei Menschen. Der Tod des walisischen Radrennfahrers Arthur Linton (1868-1896) markierte einen gewissen Startpunkt. Stimulantien waren zur Jahrhundertwende vor allem im professionellen Kraft- und im Radsport weit verbreitet: „Die bekanntesten dieser Mittel sind (abgesehen von den Alkoholika, wie Sherry, Cognac, Champagner etc.) Kolawein, Arsenik, Strychnin, Coffein, Blaustift u.s.w.“ (Maxime Lurion, Das Doping des Radfahrers, Neues Wiener Tagblatt 1900, Nr. 333 v. 4. Dezember, 39-40, hier 39). Kola war dabei ein wichtiges Stichwort. Denn bei aller Verdammung der fast durchweg gesundheitsgefährdenden Stimulantien durch Ärzte galt damals: „Das einzige Mittel, welches vom ärztlichen und praktischen Standpunkt aus empfohlen werden könnte, ist Kola“ (Ernst Schultze, Über Doping, Radfahrer-Rundschau 5, 1901, Nr. 23 v. 1. Dezember, 5). Kola wurde zwar als Dopingmittel benannt, profitierte davon aber als ein zur Wettkampfvorbereitung durchaus empfehlenswertes Mittel.

In Danzer’s Armee-Zeitung, in der Dallmann seit 1900 sein Kola-Pastillen bewarb, hieß es über Kolapräparate: „Ihr Werth besteht darin, daß sie bei Ermüdung oder Erschöpfung oder ähnlichen auf Abnahme der Muskel- oder Herzkraft beruhenden Verhältnissen anregend wirken. Zu dem Zweck aber, sie zu einer bevorstehenden schwereren Körperleistung zu gebrauchen, möchte ich sie nicht empfehlen. Es sind Erholungsmittel – unter gewissen Umständen – aber keine Stärkungsmittel“ (Wilhelm Mitlacher, Das Wesen des „Doping“ im Sport, Danzer’s Armee-Zeitung 6, 1901, Nr. 3 v. 17. Januar, 15-16, Nr. 4 v. 24. Januar, 15-16, hier Nr. 4 15-16). Dies führte zu einer gespaltenen Diskussion: Während Kokain, Arsen und Strychnin durchweg abgelehnt wurden, schien Kola akzeptabel zu sein (Ueber das Doping, Neues Wiener Tagblatt 1901, Nr. 235 v. 28. August, 28). Das galt zumal in den Folgejahren, als sich die moralische Empörung zunehmend legte: „Heute denkt man über das Doping anders, anerkennt seinen Wert innerhalb gewisser Grenzen und nimmt bloß Stellung gegen die übertriebene Anwendung“ (Doping, Neues Wiener Tagblatt 1905, Nr. 355 v. 24. Dezember, 42-43, hier 42). Das galt auch für den immer größere Kreise ziehenden Motorsport sowie den sich nun institutionalisierenden Fußball. Dallmann griff diese Debatten unmittelbar auf, etwa in einer redaktionellen Werbung: „Eine animierte, heitere Gesellschaft wird sich auch für die Zukunft nicht gut ohne ein Glas Wein oder Bier denken lassen, aber bei dem Sport, dem ernsten Sportbetrieb, wo es darauf ankommt, eine lange Zeit hindurch, vielleicht den ganzen Tag, leistungsfähig zu bleiben und den heranstürmenden Ereignissen ruhig und mit klarem Kopf entgegenzutreten, da greift der moderne Sportsmann nicht mehr zu dem Alkohol, sondern zu einem anderen Anregungsmittel, das zwar nicht so augenblicklich wie das erstere das Kraftgefühl, die Stimmung und den Wagemut (bis zur Verwegenheit) aufstachelt, sondern, langsam beginnend, dann aber anhaltend und ohne darauffolgende Erschlaffung, dem Körper eine zähe Ausdauer und Energie verleiht, die Lebensfreude und Genussfähigkeit wach erhält und ihn in den Stand setzt, große Strapazen mit Leichtigkeit zu ertragen“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 34, 9-10).

Hinzu kam, dass das Kokettieren mit dem Unerlaubten, das Unterlaufen von Kontrollen vielfach als eine eigene Art des Sports verstanden wurde. Die Bedenkenträger wurden verspottet: Paradigmatisch dafür war das medizinische Präparat „Doping“, eine Mischung aus Strychnin, Koffein und Kokain, das Pferden 40 Minuten vor dem Rennen in einer ausgehöhlten Rübe verabreicht werden sollte, um bessere Leistungen zu erzielen (Pharmazeutische Praxis 3, 1904, 420). Dopingfälle und damit verbundene Skandale gab es viele, doch vor Gericht konnten die Vergehen mangels eindeutiger Nachweise zumeist nicht eindeutig nachgewiesen werden. Die Folge war ein gewisser Überdruss am „Doping-Rummel“ (Freudenauer Oktobermeeting, Neues Wiener Tagblatt 1911, Nr. 292 v. 23. Oktober, 12). Ein bisschen Nachhelfen, das war doch normal…

19_Sport im Bild_20_1914_p328_Sportmedizin_Kraftmessung_Ergograph_Psychotechnik

Aufschwung der Sportmedizin und der Psychotechnik: Ein Ergograph zur Messung der Muskelkraft (Max Willner, Sportwissenschaftliche Messungen beim Training, Sport im Bild 20, 1914, 326-328, 330, hier 328)

Die Dopingdebatte wies weit über die allgemeine Akzeptanz von Kolapräparaten als relativ unschädliches Stimulanzmittel hinaus. Sie war Schrittmacher für die Professionalisierung der Sportmedizin, deren Messtechniken wirksame Kontrollen etwa bei den geplanten olympischen Spielen in Berlin 1916 ermöglichen sollten. Sie war Teil einer in immer mehr Lebensbereiche eindringenden Biopolitik, bei der es um die Kontrolle und die Leistungssteigerung der Arbeit ging. Der Wettbewerb zwischen Firmen und Menschen, ebenso der seit den 1890er Jahren massiv aufkommende professionelle Sport führten zu einer ebenso massiven Nachfrage nach Ratgebern, Coaching- und Trainingsverfahren, um sich in Alltag und Freizeit erfolgreich behaupten zu können. Kola-Dallmann griff all diese hier Entwicklungen auf – und wurde zu einem hierfür passgenauen Angebot, zur Grundlage erlaubten und gesundheitlich unschädlichen Alltagsdopings.

Auf dem Weg zum Alltagsbegleiter

Die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg war in vielem der unseren ähnlich. Die rechtlichen Liberalisierungen im langen 20. Jahrhundert führten zu neuen Freiräumen im Leben der Mehrzahl, vor allem aber im Bürgertum und der neuen urbanen Mittelschicht. Die Arbeitszeiten waren noch lang, die Durchschnittseinkommen deutlich niedriger als heute. Doch neben den freien Sonntag traten Teile des Samstags, die Reallöhne stiegen. Das waren die Wohltaten eines kapitalistischen Systems, das zwar massive soziale Ungleichheiten produzierte, das aber die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten verbessern half. Der Preis hierfür war jedoch ein vermehrter Alltagsdruck im allseits präsenten und diskutierten Kampf um das Dasein, im Wettbewerb mit Unbekannten und seinem beruflich-sozialen Umfeld. Freizeit entstand, war jedoch von der Arbeitswelt nicht geschieden, war vielfach Repräsentationskultur. Nervosität und Angespanntheit wurden beklagt, Ruhe und Erholung ersehnt. Lebensreform und Wanderbewegung profitierten hiervon.

All dies waren Treibsätze für die dynamischen Fortentwicklung der Konsumgesellschaft, denn alle diese Herausforderungen führten zu neuen Konsumpraktiken, zu neuen Konsumgütern. Produkte und Dienstleistungen erlaubten den Einstieg in all das Neue, zugleich aber den temporären Ausstieg. Kola-Dallmann bot Hilfe und Unterstützung, war eine diskrete Alltagswaffe. Die Pastillen demokratisierten den Gebrauch von subtilen Stimulantien, bürgerlich eingebettet, Teil eines teils auch rauschenden Lebens. Das Leben der Jahrhundertwende bot vielfältige neue Chancen, die man ergreifen konnte, wenn man die dafür nötige Kondition und Konstitution hatte. Kola-Dallmann half diskret, ja, erschien als Bedingung für Freude und Erfolg.

Um derartig allgemeine Veränderungen genauer zu verstehen, ist eine Analyse der werblichen Umsetzung derart abstrakter Aussagen erforderlich. Georg Dallmann intensivierte seine Reklame ab 1910 quantitativ und qualitativ. In einer ersten Serie trat 1910 bis 1912 die Marke Kola-Dallmann vollends in den Mittelpunkt. Sie wurde umkränzt von neuartigen Bildelementen, Fettungen bestimmten die Aufmerksamkeit mit, ebenso Variationen der Verpackung.

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Die Beschwörung des medizinischen Nutzens: Ein Auslaufmodell der Dallmannschen Werbung (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3411, Beibl.)

Die damals einsetzende Anzeigenlawine dürfte nicht zuletzt mit der Herausforderung des 1909 eingeführten Präparates Kola-Dultz zusammengehängt haben, einer Kautablette aus Kola, phosphorsaurem Kalzium und Vanillin (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 50, 1909, 839). Zugleich reagierte Dallmann damit auf die immense Ausweitung der Markenartikelwerbung seit der Jahrhundertwende. Damals hatte die Werbeplakatkunst – viele meinten ein Widerspruch in sich, faktisch handelte es sich aber um eine Facette der umfassenden Kommerzialisierung der Kunst – ihren Höhepunkt bereits überschritten. So elegant und eingängig die vielfach nur auf ein Produkt und dessen Namen reduzierten Anzeigen auch waren, so vernachlässigten sie doch eine Kernaufgabe moderner Werbung: Die Brückenbildung hin zum Konsumenten, zu seinen Ideen und Wünschen. Bei Dallmann führte dies ab 1912 zu vielen Dutzend Wortanzeigen, die durch große handschriftliche Kickwörter eingeführt wurden. Während die gängige Werbekunst noch vielfach ihr Produkt als das Produkt präsentierte, wurde Kola-Dallmann in eine Vielzahl von Alltags- und Freizeitsituationen eingebettet, spielte regelmäßig mit der vermeintlichen Natur des Menschen. Es zielte auf ein bürgerliches Publikum, nicht auf Facharbeiter oder gar weniger. Eine Anzeige im sozialdemokratischen Vorwärts hat es bis zu dessen Verbot 1933 nicht gegeben, ebenso fehlten Aufträge für die sozialdemokratische Karikaturzeitschrift Der Wahre Jacob. Das war Ausdruck einer patriarchalischen Unternehmerkultur, zugleich aber der Versuch, ein standardisiertes Massenprodukt sozial klar zu verorten. Die Gewinnspannen für die Firma und ihre Abnehmer blieben hoch, der Preis von einer Mark pro Packung konstant. Beispiele müssen ausreichen, geordnet nach Themen und Inhalten der Werbung.

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Die Ausgeglichenheit der Frau – stofflich unterstützt (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3478, Beibl.)

Beginnen wir mit der Geschlechterfrage, eine der Schlüsseldebatten des neuen Jahrhunderts. Der Zugang der Frauen zu den Universitäten hatte begonnen, selbst in Preußen. Um das Frauenwahlrecht wurde gerungen, die Sozialdemokratie sollte es 1918 dann verankern. Weibliche Autonomie wurde gefordert, freie Sexualität, ein Vorgehen gegen die Prostitution, außerhalb und im bürgerlichen Haushalt. Noch aber ging auch frau von einem gewissen Wesensunterschied von Mann und Frau aus, real, nicht diskursiv geformt. Die Werbung für Kola-Dallmann griff all dies auf, stellte Frauen als aktiv und selbstbewusst dar, nicht jedoch im Kontext tradierter Arbeit. Die Frau hatte ein Heim auszugestalten, war aktiver Part bei Feiern, im Theater, in der Konversation mit anderen ihres oder ihres Mannes Umfelds. Kola-Dallmann sorgte für „beste Laune, köstlichen Humor und feinsten Esprit“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3472, Beibl.). Die Pastillen erst gaben ihr wahre Empfindungen, stützten sie als „Sonne im Haus“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 9. Januar, 8). Der unter Migräne, Menstruationsbeschwerden und Nervenanspannung leidenden Frau erschienen sie unverzichtbar (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3481, Beibl.). Auch in den tristeren Alltag zauberte das Kolapräparat Frohsinn, kitzelte die „Frohnatur“ aus dem „Mütterchen“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 9, 1913, Nr. 18, 12). Sport und auch Wandertouren gehörten zum freudigen Damendasein (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 38, 12). Frauen konnte Großes vollbringen, so die US-amerikanische Frauenrechtlerin und Bergsteigerin Fanny Bullock Workman (1859-1929), deren Himalaja-Tour 1906 werblich gewürdigt wurde (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 19. Juni, 5). Dallmann griff die sich wandelnde Stellung der Frauen werblich auf, sprach sie explizit an, wies dem „zarten Geschlecht“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3647, Beibl.) aber noch eine gewisse Zurückhaltung zu.

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Alles herausholen, Leben ist fordernd (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3482, Beibl.)

In der Kola-Dallmann-Werbung waren auch Frauen Teil der modernen Wanderkultur, wenngleich der Ton härter, männlicher war. Freie Männer und Jünglinge standen im Konsumreigen Seit an Seit mit hochgemuten Frauen (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 12. Juni, 12). Übermüdung und Erschlaffung waren zu überwinden, auch vom fröhlichen Wandersmann, der jubelnd in die „schöne Natur“ hinauszog (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3540, Beibl., 29). Natur war für den Menschen da, Konsumgut, zu erobern, zu nutzen, zu genießen. Zurückhaltung war keine Tugend, die (imaginierten) vielen leeren Dallkolat-Schachteln der Münchener Bergsteiger an der Zugspitze galten als Ausdruck der „hellen Freude“ dieser Sportsleute, nicht als solche des ökologischen Raubbaus (Fliegende Blätter 141, 1914, Nr. 3599, Beibl., 12).

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Freie Bahn dem Konsumenten (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3536, Beibl., 3)

Sport erschien in der Dallmann-Werbung als eine Essenz des Lebens, als elementarer Wettbewerb: „Heute triumphiert König Sport über all seine Gegner“ (Sport im Bild 19, 1913, 510). Niemand konnte sich dem entziehen. Körperliche Schwäche und auch Faulheit bei der sportlichen Arbeit waren durch Kolazufuhr vermeidbar (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3483, Beibl.). Sport war Vergnügen, gewiss. Doch dank Kola-Dallmann galt: „Niemals zurück!!“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3486, Beibl.). Dessen Konsum schien sogar „Social ausgleichend“ Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3490, Beibl.), denn anstelle von Stand und Herkommen trat nunmehr individuelle Leistungsfähigkeit. Wahres Menschentum, in „Freude und Schönheit“, gründete nicht nur auf körperlichen und geistigen Fähigkeiten, sondern entstand erst durch deren volle Aktivierung mittels Kolakraft (Die Muskete 14, 1912, Nr. 355, 13). Sport war nicht kontemplativ, sondern ein Messen mit und ein Besiegen von anderen.

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Siege dank (nicht verbotenem) Doping (Badische Presse 1914, Nr. 165 v. 8. April, 8)

Die Firma Dallmann propagierte ihre Kola-Pastillen offensiv als probates Dopingmittel. Explizit nannte sie in redaktionellen Werbungen zahlreiche Radrennfahrer, die ihre Siege dank des Schiersteiner Mittelchens errungen hätten (Glänzende Siege, Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 30, 10). Der Leipziger Straßenrennfahrer Friedrich Franke gewann nach eigenem Zeugnis so den Gepäckmarsch „Rund um Glauchau“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 36, 9), ähnliches schrieben der Radrennfahrer Gustav Janke und andere „Sieger“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 8, 1912, Nr. 30, 19). Einschlägige Rekorde schienen „fast durchweg mit Hilfe der Echten KOLA-Pastillen Marke: Dallmann aufgestellt. Ohne sie sind sportliche Höchstleistungen selten oder gar nicht mehr denkbar“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 30, 12). Der Siegerkick wurde auch dem Amateursportler anempfohlen: „Wer nicht nach dem Ruhme strebt, in seinem Sport das Höchste zu leisten, sondern ihn als Mittel betrachtet, neben ebenmässiger Körperausbildung sich Geist und Körper elastisch und frisch zu unterhalten, der wird doch manchmal, wenn er nicht besonders disponiert ist, gern zu einem Anregungsmittel greifen, das ihm […] schnell über Indispositionen, Ermüdung und Abspannung aushilft“ (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3445, Beibl., 1). Die Werbung war nicht zweideutig verdruckst, sondern enthielt explizite Aufforderungen zum Konsum der leistungsfördernden Kolapräparate während sportlicher Veranstaltungen (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3450, Beibl.), Tourenfahrten (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3455, Beibl.) oder auch bei Weltrekorden im Flugsport (Kladderadatsch 66, 1913, Nr. 45, Beibl. 3, 3). Die Firma Dallmann förderte und profitierte von Doping, damals noch erlaubt und allgemein praktiziert – und übertrug diese Mechanismen in den Alltag.

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Lebensfreude durch Alltagsdoping (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3414, Beibl.)

Doping war nicht auf den Sport- und Freizeitbereich zu begrenzen. Die Dallmann-Werbung quoll über von Verweisen auf Lebensfreude, auf eine „fröhliche aufjauchzende Lebensbejahung“, die „bei dem hastigen geschäftlichen Streben und bei der gesellschaftlichen Ueberbürdung und Ueberreizung fast verlorengegangen“ sei (Sport im Bild 19, 1913, 338). Die kleine Pastille gab den Alltagskick, um gut drauf zu sein, um nicht in Depressionen zu verfallen. Konsumiere und der „Frohsinn ist Dein Gefährte!“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 17. Juli, 6). Die Wirkungen des Alltagsdopings waren mentaler, psychologischer Art: „Ich fühle freudig meinen Mut wachsen und meine Kräfte machtvoll herausquellen“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 1. Januar, 7). Lebensfreude auf Präparatebasis ging allerdings mit einem hierarchischen Menschenbild einher. Der Kolakonsument war eine „Herrennatur“ (Sport im Bild 20, 1914, 304), die sich über andere erhob, sich vom „Philister“ und „den grossen Haufen“ abgrenzte. Das propagierte Selbstbild dieses Konsumenten war „der geistig rege, intelligente Mensch“ (Fliegende Blätter 136, 1913, Nr. 3524, Beibl., 12), waren frohe „Menschen die dankbar geniessen, was ihnen der Tag bietet“ (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3517, Beibl., 3).

26_Die Muskete_14_1912_Nr356_p11_Kola-Dallmann_Germanen_Nationalismus

Germanenkult in der Kolawerbung (Die Muskete 14, 1912, Nr. 356, 11)

Die Firma Dallmann propagierte in ihrer Werbung ein hierarchisches Menschenbild und das Recht des Stärkeren – und dieses schien mit Nationalismus und Deutschtum einher zu gehen. Einseitige gedeutete Wagner- und Nietzschefetzen standen bei den Texten vielfach Pate, begründeten eine Sonderstellung der „Germanen“ (hier zu den Analogien beim deutschen Eichelkult). Schon 1908 hatte die Firma Wasser auf die Mühlen des Nationalismus gespült, als sie ihre österreichisch-ungarischen Preislisten anlässlich der tschechisch-deutschen Nationalitätenkonflikte um folgende Notiz ergänzte: „‚Außer in den Hauptsprachen kann man die Ausstattung der Kola-Pastillen auch in den minder verbreiteten Mundarten, wie holländisch, ungarisch, schwedisch, finnisch, malayisch und mehreren anderen, erhalten. Die Lieferung in tschechischer Sprache ist jedoch ganz ausgeschlossen‘“ (Znaimer Tagblatt 1908, Nr. 267 v. 18. November, 3). Derartiger Antislawismus fand nicht nur in Österreich zahlreiche Fürsprecher, die das „stramme Vorgehen einer deutschen Geschäftsunternehmung“ begrüßten (Freie Stimmen 1908, Nr. 130 v. 8. November, 11). In den Anzeigen fand man öfters Verweise auf die germanische Sagenwelt: „Wie ein Siegfried“ sollte man das Land durchwandern, natürlich nicht ohne die den Germanen doch recht fremde Kola-Pastille (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3484, Beibl.). Das Siegfriedmotiv fand sich in einer weiteren Werbung (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3488, Beibl.), doch auch „Wotan der Wanderer“ trat vor das Lesepublikum (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3491, Beibl.), also die Odin-Schrumpfgestalt aus Wagners Siegfried-Oper. All das entsprach dem Dünkel und den Bildungsversatzstücken breiter Teile des damaligen Bürgertums, nicht unbedingt aber einem aggressiven völkischen Nationalismus. Dazu war in der Dallmannschen Werbewelt viel zu viel von Freude, Schönheit und Jauchzen die Rede. Graf zu Eulenburg hätte daran seine Freude gehabt.

27_Fliegende Blätter_136_1912_Nr3471_Beibl_Kola-Dallmann_Geselligkeit_Repräsentationskultur

Herausforderung Kulturleben (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3471, Beibl.)

Entsprechend ambivalent erschien auch die Welt der bürgerlichen Kultur, also Konzerte, Theateraufführungen, Empfänge und Ballveranstaltungen: „Ich bin gänzlich indisponirt meine gesellschaftlichen u. geschäftlichen Talente zur Geltung zu bringen, anregende Konversation zu machen und grosszügig zu disponieren, weil ich übermüdet und abgespannt bin. UND ES GEHT DOCH!“ (Sport im Bild 19, 1913, 416). Der sportliche Natur- und Freizeitmensch litt unter dem plätschernd-unverfänglichen Palavern, das für ihn nur Fortsetzung der Arbeitsanstrengungen war. Er brauchte eine Partydroge, um „ganz passabel“ seinen Mann zu stellen „und mit neuerwachter Genussfreudigkeit gute Konversation“ zu machen (Muskete 16, 1913, Nr. 388, 13). Ähnliches galt für Frauen. Erst Kola-Dallmann transformierte „die junge Frau B.“ zum munteren und geistreichen Herrenfang (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3475).

28_Fliegende Blätter_136_1912_Nr3474_Beibl_Kola-Dallmann_Examen_Alltagsdoping

Herausforderungen im Alltag, gemeistert dank moderner Stimulanzien (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3474, Beibl.)

Ein Großteil der Dallmannschen Anzeigen kurz vor dem Ersten Weltkrieg kokettierte mit Freizeit und Geselligkeit, entsprang nicht dem Arbeitsleben. Doch auch dort vermochte das Produkt der Kolanuss zu helfen, galt es doch in „verantwortungsreicher Stellung“ klar zu denken und im rechten Moment richtig zu handeln (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3468, Beibl.). Auch das Arbeitsleben war eines unter Konkurrenten, es galt, „im ernsten Lebenskampfe wie im heiteren Spiel und Sport siegesfreudig“ seinen Mann zu stellen (Sport im Bild 19, 1913, 478). Die Dallmann-Werbung spielte mit der Vorstellung von Entscheidungssituationen, etwa von mit „vieler Ueberlegung und grossem Bedacht“ geführten Konferenzen (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3466, Beibl.). Auch Redner konnten mit Kolahilfe „klare Gedanken“ großzügig entwickeln sowie „ein geschärftes Gedächtnis und sicheres Selbstvertrauen“ erlangen (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3467, Beibl.). Juristen wurden angesprochen, benötigten sie doch offenkundig Kola-Dallmann um „bei anstrengenden Sitzungen und Verhandlungen einen klaren Kopf zu erhalten“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 27. Februar, 6). Die Arbeitswelt erlaubte Macht und Aufstieg. Beides aber verlangte Kraft und stete Präsenz, erforderte einen Ausbruch aus der Mittelmäßigkeit. „Ohne besondere Hilfsmittel geht das heute nicht mehr“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3470, Beibl.). Erfolg hing demnach „nicht zum wenigsten davon ab, ob Du körperlich vollmobil bist und geistig jederzeit Dein ganzes Können in die Wagschale zu werfen verstehst“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 20. Januar, 6). Kola-Dallmann war Hilfe und Tröster zugleich in einer Arbeitswelt voller Konkurrenz und ohne rechte Kooperation.

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Werbliches Zwischenfazit nach vier Jahren, zugleich Aufbau einer Firmenlegende (Badische Presse 1914, Nr. 243 v. 27. Mai, 8)

1914, zum 25-jährigen Bestehen von Dallmann & Co., veröffentliche die Firma nicht nur ein kleine vierseitige Werbebroschüre (25 Jahre Dallkolat, Trier 1914), sondern zog in redaktionellen Werbetexten auch ein geschöntes Resümee ihrer Geschichte (Ein 25 jähriges Jubiläum, Badische Presse 1914, Nr. 265 v. 10. Juni, 7; Danzer’s Armee-Zeitung 19, 1914, Nr. 26, 8). Kola-Pastillen Marke Dallmann erschienen darin als das zentrale Produkt der Firma – zwei Jahre nach Eintragung der Warenzeichen, mindestens 26 Jahre nach den ersten Anzeigen. Angesichts des offensichtlichen Verkaufserfolges mochte dies dem damaligen Stand der Geschäfte entsprechen, doch es galt sicher nicht für die Gesamtgeschichte der Firma. Schon zwei Jahre später musste der Verkauf der Pastillen aufgrund mangelnder Rohstoffzufuhren eingestellt werden. Dallmann & Co. überstand die Kriegs- und Nachkriegszeit, da es breiter aufgestellt war als seine eigene Werbung suggerierte.

Liebesgaben, neuartige Werbung und Produktionsende während des Ersten Weltkrieges

Dennoch, der Erste Weltkrieg schien zu Beginn durchaus absatzsteigernd. Die Firma brachte neue Anzeigen im alten Stil, verstand den Weltenbrand als Fortsetzung der Freizeitkultur mit anderen Mitteln. Abermals Strapazen, abermals Zwang zur Wachsamkeit, zum kühlen Kopf. Um die Bande zur Front zu bewahren, ließ die Firma Dallmann vorgefertigte Feldpostbriefe in Apotheken und Drogerien auslegen, startete zudem eine Direktverbindung ins Feld. Adresse und 4,20 Mark genügten, ein kleiner Aufpreis also für den Aufwand.

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Der Krieg als Marktchance (Berliner Tageblatt 1914, Nr. 484 v. 23. September, 8)

„Kola-Dallmann“ schien ideal, um allen Herausforderungen gegenüber gewappnet zu sein: „Die Feldgrauen besonders die, welche früher Sport getrieben hatten, kennen ein kleines Hilfsmittel, um den strapaziösesten Anstrengungen des Dienstes gewachsen zu sein, die Nerven zu beruhigen und die Gemütsruhe zu bewahren“ (Fliegende Blätter 141, 1914, Nr. 36177, Beibl., 4). Kola-Pastillen sollten, „im Lager und Quartier eine zufriedene, frohe Gemütsverfassung“ (Berliner Tageblatt 1914, Nr. 527 v. 17. Oktober, 6) verschaffen. Sorgen bereitete der Firma weniger der Krieg, sondern minderwertige Nachahmungen des Markenartikels. Sie forderte die Frauen an der Heimatfront auf, nur das echte Produkt zu verschicken: „Die Krieger danken es Euch“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3638, Beibl., 4). Die Werbetexter imaginierten Soldaten, die sich nach „Sturm und Kampf“ nach dem echten Kola-Dallmann sehnten, um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass ihre Lieben ihnen „irgend eine der vielen neu auftauchenden unbewährten Kola-Marken“ zugesandt hatten, „welche von ihren Herstellern in der Eile nur zusammengebraut sind, um die Konjunktur für ein gutes Geschäft auszunutzen“ (Die Woche 17, 1915, nach 576). Eigene Anzeigen mahnten neuerlich: „Schickt keine minderwertigen Liebesgaben ins Feld!“ (Die Muskete 20, 1915, Nr. 502, 9). Sollten es aber die echten gewesen sein, dann gingen sie „im Schützengraben“ „von Hand zu Hand“ (Die Woche 17, 1915, nach 540).

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Werbefigur Kola-Dallmann-Mann (Lustige Blätter 31, 1916, Nr. 31, 15)

Das meinte auch der neu entworfene Kola-Dallmann-Mann, Beleg für Investitionen in die Marke auch nach Ausbruch des Krieges (Fliegende Blätter 143, 1915, Nr. 3659, Beibl., 2). Nicht wirklich feldmäßig gekleidet, reichte er den zumindest an der Ostfront noch vorwärts marschierenden Soldaten die Kola-Pastille, die nunmehr für einen etwas günstigeren Preis auch als Großpackung verkauft wurde. Der Markenauftritt wird nicht billig gewesen sein, denn Werbegraphiker Ivo Puhonny (1876-1940) gehörte damals zu den erfolgreichsten seiner Profession. Von seinen zahlreichen Kampagnen für reichsweit führende Markenartikel sind die Arbeiten für den Mannheimer Fettproduzenten Heinrich Schlinck (Palmin) und die Baden-Badener Zigarettenfabrik A. Batschari besonders hervorzuheben.

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Der Kola-Dallmann-Mann sorgt würgend für gute Stimmung (Fliegende Blätter 143, 1915, Nr. 3650, Beibl., 3)

Der Kola-Dallmann-Mann bezirzte die Damen „mit vielen häuslichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3647, Beibl.), kämpfte mit allerhand Fabelgestalten, nicht nur dem Griesgram (Ebd., Nr. 3652, Beibl.), las die große, große Zahl von Anerkennungsschreiben aus dem Felde (Ebd., Nr. 3646, Beibl., 7). 1916 bereiste er dann noch verschiedene Frontabschnitte, berichtete aus Österreich, von der Isonzofront und dem neuen Fliegerfrühstück, bestehend aus – nein wahrlich – Kola-Dallmann (Fliegende Blätter 144, 1916, Nr. 3701, Beibl., 2; Ebd., Ebd., Nr. 3683, Beibl., 2; Ebd., Nr. 3689, Beibl., 8). Erfreut nahm er seine Ausstellung durch die Typographische Vereinigung zur Kenntnis (Typographische Mitteilungen 13, 1916, 84), weniger erfreut dagegen die kritische Debatte angesichts angeblicher Phantasiepreise des Markenartikels in Österreich (Pharmazeutische Post 49, 1916, 564, 604, 657-658). Dann aber hieß es Abschied zu nehmen, denn mit der abgeschnittenen Kolazufuhr verebbten Werbung und Absatz. Der Kola-Dallmann-Mann wurde 1924 nochmals kurz aktiviert (Jugend 29, 1924, 783), anschließend jedoch durch neue Motive ersetzt.

Ein Lebensstilprodukt für Angestellte und mehr

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Wie früher: Sportgebot Vorteilsnahme (Jugend 29, 1924, 622)

Nach Ende von Blockade, Zwangswirtschaft und Hyperinflation erschien Kola-Dallmann ab 1924 wieder in altem Gewande, galt es neuerlich „Riesenerfolge“ in Freizeit und Alltag einzufahren. Die Firma Dallmann knüpfte erst einmal an die Formensprache der Vorkriegszeit an, werbliche Restauration parallel zur geschäftlichen. Allerdings wurde der Markenauftritt Mitte der 1920er Jahre neuerlich verändert, deutlich ästhetisiert. Marker hierfür war etwa eine von Ludwig Hohlwein (1874-1949) gestaltete Anzeige (Sport im Bild 31, 1925, 513 (schwarz-weiß) resp. 1019 (farbig)). Dieser war führender Werbegraphiker seiner Zeit, seit 1933 dann auch führender Plakatkünstler des NS-Regimes. Hohlwein positionierte Kola-Dallmann nobel für Sportsleute, Geistesarbeiter und Damen. Parallel erschienen neue Motive Ivo Puhonnys mit den für ihn typischen Mischungen von Zeichnungen und Werbegedichten: „Auf! Bringt den Wagen mit heraus, / Heut führ das Steuer ich / Und fahr mit Kola-Dallmann aus! / Nun Gegner wehre dich!“ (Sport im Bild 31, 1925, 56).

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Fritz und Lola als dynamisches Werbeduo (Jugend 29, 1924, 954)

Ähnlich poetisch ging es in anderen Werbeserien 1924 und 1925 zu. Die von unterschiedlichen Werbegraphikern erstellten Motive präsentierten im damals modischen Scherenschnittstil einerseits Motive aus dem Leben des Werbepaares Fritz und Lola, anderseits aus der Welt des Sportes oder der Jagd („Auf leichter Sohl, die Sinne all / Geschärft durch zwei Kola Dall-/ mann zieh ich fröhlich aus zur Pirsch / auf Bock und Sau und auf den Hirsch“ (Sport im Bild 30, 1924, 1136). Viele davon erscheinen heute unfreiwillig komisch, doch handelte es sich durchweg um Variationen der schon vor dem Ersten Weltkrieg behandelten Themen und Inhalte. Nun aber, während der demokratischen Weimarer Republik, fehlten die Reminiszenzen an Wagner und Nietzsche, denn mit Humor schien alles besser zu gehen.

Kola-Dallmann gewann seine Vorkriegsstellung im Markt rasch zurück. Die Werbung war Teil des Alltags geworden, Teil des vom Markenartikelkonsum zunehmend stärker geprägten Alltagslebens. Bezeichnend hierfür war etwa ein Gedicht des Werbegraphikers Wigo Weigand: „Zederström in Bettes Pfühlen / Liegt und träumt mit Mischgefühlen. / Auf dem hellen runden Monde, / Schwant dem Schläfer, chlorodonte / Sich das Schaf die weißen Zähne; / Schaumponierte sich die Mähne; / Spritzt Divinia, weils es hat, /Und dann nähm es Dallkolat; / Rauchte mit dem Wikingbilde / Eine Reemtsma, eine milde; / Und zum ersten Frühstück schmausend / Setzt sichs nieder, winkelhausend“ (Zederström in Bettes Pfühlen, Die Jugend 31, 1926, 276). Margarine, Mundwasser, Haarshampoo, Parfüm, Kola-Pastillen, Zigaretten, Weinbrand – Kola-Dallmann inmitten alltäglicher Konsumgüter.

Zugleich aber passte sich Dallmann der immer stärker visuellen Werbewelt an, reagierte auf die sozialen und ökonomischen Veränderungen. Beleg hierfür sind die 1926 einsetzenden, von dem Hannoveraner Maler August Weber-Brauns (1887-1956) gestalteten Werbemotive. Der dienstbare Kreative, der auch für Schwarzkopf tätig war, stellte sich ab 1933 in den Dienst des NS-Regimes und illustrierte beispielsweise linientreue Kinderbücher. Für Dallmann modernisierte und vereinheitlichte er den Werbeauftritt bis Anfang der 1930er Jahre. Kola-Dallmann blieb damit einerseits gleich, ging anderseits aber mit der Zeit. Alltagsdoping war weiterhin erforderlich, doch nicht mehr länger beim Wandern, seltener bei geselligen Ereignissen. Die Werbesprache veränderte sich, wurde entjauchzt, war weniger durchtränkt von Freude und Frohsinn. Sie wurde klarer, prononcierter, war Ausdruck neuer Abgeklärtkeit, modernen Problembewusstseins. Die Motorisierung des Straßenverkehrs führte zu neuartigen Einsatzfeldern, die Werbung öffnete sich verstärkt der Lebenswelt der mittleren Angestellten, und schließlich positionierte man Kola-Dallmann verstärkt als Problemlöser im Alltag.

35_Hamburger Nachrichten_1931_06_26_Nr291_p4_Kola-Dallmann_Urlaub_Bahnreise_Welt-Spiegel_1928_05_13_p10_Straßenverkehr_Unfall_Selbstdisziplin

Herausforderung Mobilität (Hamburger Nachrichten 1931, Nr. 291 v. 26. Juni, 4 (l.); Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 13. Mai, 10)

Die Mobilität veränderte sich während der 1920er Jahre, die Massenmotorisierung verstärkte sich, vornehmlich durch Motorräder, weniger durch Automobile. Mobilität wurde nicht mehr länger als rasches Eintauchen in die Natur verstanden, sondern war mit neuen Herausforderungen verbunden, wurde Teil eines modernen Gefahrenreservoirs (Helen Barr, „Das Gesicht unserer Zeit!“ Anmerkungen zum Menschenbild in der Reklame illustrierter Zeitschriften der 1920er Jahre, in: Jens Eder, Joseph Imorde und Maike Rainerth (Hg.), Medialität und Menschenbild, Berlin und Boston 2013, 237-251, hier 247). Der intensivere, schnellere Verkehr auf Schiene und Straße verlangte stete Aufmerksamkeit, einen klaren Kopf und rasche Reaktionen. Die Kola-Dallmann-Werbung forderte all dies ein, pries das eigene Produkt als Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr und im Alltag. Die heiteren Zeiten des frohen Wanderns waren vorbei, doch Kola-Pastillen blieben weiter erforderlich.

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Herausforderungen der verwalteten Welt (Karlsruher Tagblatt 1929, Nr. 167 v. 18. Juni, 10 (l.); Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 29. April, 8)

Die gesellschaftlichen Umbrüche nach der Revolution und die Veränderungen im Arbeitsleben führten zu neuen gesellschaftlichen Leitfiguren und einer wachsenden Berücksichtigung der Bedürfnisse des neuen urbanen Mittelstandes. An die Stelle der zuvor beschworenen Herrennatur traten vermehrt Alltagsprobleme der Angestellten. Schreibtischarbeit wurde als monoton und fordernd präsentiert, überforderte und ermüdete. Klar, die Pastille half – doch dahinter stand eine soziale Neupositionierung des Produktes. Die Welt der Reitrennbahnen und der Ballsäle wurde kaum mehr bedient, das deutlich ernüchternde Leben der Angestellten trat in den Vordergrund. Geadelt wurde dies mit dem häufig verwendeten Begriff des Geistesarbeiters. Die schwindende soziale Exklusivität des Produktes ging allerdings einher mit potenziell wachsenden Konsumentenzahlen.

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Alltagprobleme bewältigt man mit Kola-Dallmann (Berliner Tageblatt 1926, Nr. 106 v. 4. März, 7 (l.); Sport im Bild 33, 1927, 1348)

Neben die Arbeitswelt der kleinen, pardon mittleren Leute trat eine zunehmend allgemeinere Nutzenkommunikation. Während die Kola-Pastillen in der Vorkriegszeit häufig in konkreten Situationen und Stimmungen empfohlen wurden, wurde das Anwendungsprofil nun breiter und zugleich alltäglich. Überlastung schien das Schicksal der modernen Frau zu sein, Müdigkeit das des modernen Menschen. Damit war Kola-Dallmann ein undifferenzierter Alltagsbegleiter geworden, dauerhaft von jedem und jeder konsumierbar, unverzichtbar, Alltagsdoping pur.

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Wer nicht dopt, ist selber schuld (BZ am Mittag 1929, Nr. 161 v. 16. Juni, 7)

Und doch blieb ein wichtiger Residualbereich übrig, der moderne Massensport, die Spielwiese moderner „Kraftmenschen“ (Sport im Bild 32, 1926, 588). Kola-Dallmann wurde auch weiterhin als Dopingmittel für den Sport propagiert; und das, obwohl Mediziner dem Doping zunehmend ablehnend gegenüberstanden. Pointiert hieß es: „Wir wollen bei Wettkämpfen körperliche Leistungen messen und nicht die Wirkung von Arzneistoffen erproben“ (Worringen). 1927 erklären die deutschen Sportärzte, dass Doping „verwerflich und gesundheitsgefährlich“ sei (beide Zitate n. Doping im Sport, Sport-Tagblatt 1927, Nr. 134 v. 16. Mai, 7). Doch auch in den 1920er Jahren blieb die Vorstellung „vom harmlosen Kola“ (André Reuze, Gedanken der Landstraße, Vorwärts 1928, Nr. 518 v. 11. Januar, 6) bestehen, mochten Sportler auch verstärkt auf vitamin- und eiweißreiche Kost setzen. Auf Basis komplexerer Wirkungsmodelle setzen Sportärzte in den 1930er Jahren verstärkt auf rasch verfügbare Kohlehydrate, etwa Traubenzucker, Malz- oder Bierhefeextrakte, während die „Nervenreizmittel“, darunter auch Kola, zunehmend kritischer gesehen wurden (Anregungs- und Reizmittel zur Leistungssteigerung im Sport, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 69).

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Sportlicher Erfolg durch Stimulantien (Berliner Tageblatt 1928, Nr. 396 v. 28. August, 11 (l.), Berliner Tageblatt 1928, Nr. 321 v. 10. Juli, 15)

Die medizinische Dopingdebatte hinterließ jedoch keine Bremsspuren in der Kola-Dallmann-Werbung. Sportler/innen ließen sich dadurch kaum erreichen. Kommerzieller Sport basiert schließlich bis heute nicht allein auf der Nutzung aller rechtlich erlaubten Hilfsmittel, denn die Tugend der Fairness geht meist einher mit ökonomisch fatalen Niederlagen. Die Sportmedizin hat zudem nicht nur die Grundlagen für Dopingkontrollen und Gefährdungsanalysen gelegt, sondern war und ist stets integraler Teil der Dopingszene. Das zeigte sich auf allen Olympiaden dieser Zeit. Die Werbeansprache blieb direkt, setzte moralischen Bedenken gegen Betrug und mangelnder Fairness klare Nutzenerwägungen entgegen: „Töricht, wer diesen bescheidenen, leistungsfähigen Helfer nicht in seine Dienste stellt.“ (Uhu 8, 1931/32, H. 12, 3). Alle dopen sich für und im Alltag, tu es also auch.

Abkehr vom Sportdoping, Dominanz der Alltagsdroge

Die Firma Dallmann kokettierte auch während der NS-Zeit mit Sportdoping, doch einschlägige Motive traten zunehmend in den Hintergrund. Das scheint erst einmal überraschend zu sein, denn der Kampf um das Dasein, die strikte Unterscheidung von Siegern und Verlierern, das Aufputschen im Wettkampf und Krieg waren Kernpunkte nationalsozialistischen Denkens. Demgegenüber standen allerdings eugenische und sozialhygienische Bedenken, die sich gegen jegliche „Keimgifte“ wandten, gegen Alkohol, Tabak, Kaffee und auch Kola. Koffein war im Denken von NS-Medizinern ein gefährliches Reizmittel, das die Zeugungs- und Gebärfähigkeit der Jugend gefährden konnte, das es deshalb grundsätzlich zu ersetzen galt. Kaffee, aber auch Kola, waren zudem devisenträchtige Importgüter, die die deutsche Handelsbilanz belasteten. Begleitet wurden derartige Debatten von zunehmend strikteren Einschränkungen der Werbung allgemein, der Heilmittelwerbung speziell (Matthias Rücker, Wirtschaftswerbung unter dem Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. et al. 2001, insb. 257-261). Vor diesem Hintergrund schien es ratsam, den bereits beschrittenen Weg hin zur Positionierung von Kola Dallmann als eines Alltagsbegleiters für Alltagsprobleme weiter zu forcieren. Konkrete Wirkungsaussagen waren inopportun bzw. untersagt, die Pastillen erschienen zunehmend als ein allgemeines Stärkungs- und Lebensstilprodukt.

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Belobigt als überzeugende Werbung auf kleinem Raum (Seidels Reklame 21, 1937, 356)

Das wurde unterstützt durch einen neuen, wohl seit 1936 eingesetzten Slogan: „Kola Dallmann macht Müde mobil.“ Parallel wurde die alte Schutzmarke der Firma verändert, das Dreieck zierte im Inneren nun ein in voller Fahrt befindlicher Streitwagen. Zudem begann 1934 die Ausdifferenzierung des Pastillenangebotes.

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Übergang zu einer Dachmarkenstrategie: Kola-Dallmann-Variante aus frischen Kola-Nüssen (Deutsche Apotheker-Zeitung 49, 1934, Nr. 29, III)

Im Massenmarkt angekommen, schien der Firma Dallmann ab 1934 eine Dachmarkenstrategie angemessen, um weiterhin spezielle Zielgruppen ansprechen und Wertschöpfung erhöhen zu können. Neben die alten Kola-Pastillen traten nun solche aus frischen Kolanüssen. Es folgten später Kola-Pastillen für Diabetiker, mit Lecithin und Dallmanns Kola-Traubenzucker (Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, 4. Neuausg. hg. v. P.H. List und L. Hörhammer, Bd. 4, Berlin, Heidelberg und New York 1973, 235). Dies war wiederum nur ein Ausschnitt aus der Arbeit der Schiersteiner Präparateschmiede.

Die Kola-Dallmann-Werbung setzte während der NS-Zeit weiterhin auf die bewährten Themen – unter Verzicht auf das explizite Sportdoping. All Alltagsprodukt war es gleichsam weichgewaschen, konturenarm und gefühlsstark. Beispiel hierfür war eine Anzeige mit dem Blickfang eines im Cutaway gewandeten Violinisten: „Auch die Saiten Ihrer Seele bedürfen der richtigen Spannung, damit Leistungen zustande kommen, die Sie und andere erfreuen. Der Geiger stimmt die Saiten von neuem, wenn ihre Spannkraft nachläßt. Was tun Sie, wenn die ‚Stimmung‘ sinkt?“ (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 900). Sie kennen, gewiss, die marktgängige Antwort.

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Marketingillusionen: Die Zeiten verändern sich – Kola Dallmann bleibt (Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, Nr. 48, 8)

Die Firma Dallmann war während der NS-Zeit ein systemtreues, fest etabliertes Pharmazieunternehmen, auf dessen Fabrikgebäude nicht nur der riesige Schriftzug „Kola-Dallmann“ prangte, sondern auch die Hakenkreuzfahne. Doch das ist eine andere Geschichte. Die Kola-Pastillen konnten während des Zweiten Weltkrieges anfangs weiter produziert werden, doch abermals waren die Kolanussvorräte bald aufgebraucht, versiegte der Nachschub, musste die Produktion eingestellte werden.

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Erinnerungswerbung nach Produktionseinstellung (Völkischer Beobachter 1944, Nr. 118 v. 7. April, 7)

Nach Krieg und Besatzungszeit wurde die Produktion neuerlich aufgenommen. Die Werbung griff auf die Bildmotive der 1920er Jahre zurück, der gähnenden Mann war eine Werbeikone auch der Wirtschaftswunderzeit (Simpl 4, 1949, 236). Inhaltlich führte die Firma die allgemein gehaltenen Themen der NS-Zeit weiter, verstärkte allerdings die Verkehrswerbung, bewarb Kola-Dallmann als Wachmacher und Wachhalter. Das Präparat blieb während der 1950er Jahre ein Alltagsprodukt, doch wirklich neue Akzente vermochte die Firma dem Produkt nicht mehr zu geben. Die Endphase im Lebenszyklus des Markenartikels war erreicht.

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Langwieriger Abschied: Defensivwerbung (Kristall 14, 1959, 464)

Epilog

Die Geschichte von Kola-Dallmann dokumentierte die für starke Markenartikel recht typische Neupositionierung. Aus der Apothekerware mit kolonialem Hintergrund wurde ein zunehmend industriell hergestelltes Massenprodukt, aus dem medizinische Präparat ein Hilfsmittel für bestimmte Einzelgruppen, ein im Bürgertum verankertes Spezialpräparat für Sport- und Alltagsdoping, schließlich ein Alltagsbegleiter des kleinen und mittleren Mannes, der kleinen und mittleren Frau. Die Marke wurde erst spät geschützt und etabliert, die Markenpflege changierte zwischen verschiedenen Begriffen, einheitliche Markenführung gab es erst seit Mitte der 1920er Jahre. Die Firma Dallmann blieb während des gesamten Zeitraumes eine Präparateschmiede, die das zweimalige komplette Wegbrechen ihres Hauptverkaufsartikels just aufgrund ihrer breiteren Angebotspalette überstehen konnte.

Die Geschichte von Kola-Dallmann erlaubte profunde Einblicke in die Geschichte des Sportdopings, seiner Leugnung und Beschwichtigung. Wichtiger aber war Kola-Dallmann als frühes, vor mehr als einhundertdreißig Jahren entstandenes „Performance Food“. Es erlaubte Alltagsdoping im tagtäglichen Wettbewerb, im Ringen um berufliche und soziale Anerkennung, um Fortkommen und Erfolg. Die Geschichte des Präparates macht deutlich, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit erst im Bürgertum, dann im neuen Mittelstand fließend verliefen. Arbeit und Freizeit wurden konsumtiv durchdrungen, waren Einsatzfeld einer Alltagsdroge, die Wirkung ohne Reue versprach. Es ist daher verfehlt und verfälschend, „Performance Food“ als Ausdruck gesellschaftlicher und sozialer Veränderungen allein der letzten Jahrzehnte zu deuten, als Ausfluss von Deutungskonzepte wie Wertewandel und Individualisierung, von Neoliberalismus und einem außer Takt laufenden globalen Kapitalismus.

Das Beispiel Kola-Dallmanns führt uns über die vermeintlich tiefen Brüche um 1970, nach dem Ende der goldenen Ära des Kapitalismus, zurück zu den Anfängen des modernen Kapitalismus in Deutschland. Kola-Dallmann steht für den Ausgriff auf die Ressourcen der Welt, ihre Hege und Verarbeitung im westlichen Rahmen, für die stete Präsenz von pharmazeutisch wirksamen Stoffen zur Verhaltensregulierung, zur psychischen Stärkung und Stabilisierung. Alltagsdoping war eine Begleiterscheinung der Etablierung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, Kola-Dallmann war eine der vielen vermarktbaren Ausprägungen dieses Phänomens. Es steht beispielhaft für die Dynamik und den raschen Wandel moderner Konsumgesellschaften, für ihre Fähigkeiten aus den Rangkämpfen Nutzen zu ziehen und damit das Rad der Wertschöpfung weiterzudrehen. Kola-Dallmann steht zugleich für die moralische Indifferenz gegenüber den negativen Folgen des Wettbewerbs im Sport, in der Arbeitswelt und im vielbeschworenen Leben. Die Geschichte von Kola-Dallmann hält dieser Gesellschaft einen Spiegel vor – und jeder mag selbst beurteilen, ob ihn heiter, froh und jauchzend stimmt, was er darin erblickt.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2020

Reenactment – Ein Besuch in Kalifornien zur Feier von 100 Jahren San Diego & Arizona Railway

Neuntausend Kilometer mit dem Flugzeug, dann nochmals achthundert mit dem Auto: Der Aufwand war groß, um einen kleinen Ort mit etwas mehr als zweitausend Einwohnern zu besuchen. Doch als ich im Februar hörte, dass in Campo, Kalifornien, der hundertste Jahrestag der Vollendung der „unmöglichen“ Eisenbahn von San Diego nach El Centro, Arizona, gefeiert werden würde, war klar: Ich musste dabei sein.

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Stationen der San Diego & Arizona Railway 1919 (San Diego & Arizona Railway, Werbebroschüre 1921, s.p.)

Warum? Es ging um ein Versprechen, ein Familientreffen und das Reenactment als solches. Das Versprechen stammte von John D. Spreckels (1853-1926), dem Präsidenten der San Diego & Arizona Railway. Als der deutsch-amerikanische Unternehmer am 15. November 1919 einen goldenen Nagel in die letzte verbindende Bohle der von Westen und von Osten vorangetriebenen Teilstücke der neuen Bahnlinie schlug, war dies mehr als eine symbolische Handlung. San Diego erhielt damit einen weiteren, nicht mehr über Los Angeles führenden Zugang zum Transkontinentalnetz. Sein in Wüstengegenden liegendes Hinterland konnte nun gezielt erschlossen werden, Touristen aus dem Osten schneller nach San Diego gelangen. Wieder und wieder waren ähnliche Eisenbahnprojekte gescheitert, 1893 etwa eine Bahnlinie von Phoenix nach San Diego. Spreckels hatte die auch über mexikanisches Gebiet führende Linie 1906 gemeinsam mit dem Bahnriesen Southern Pacific begonnen, doch letzterer stellte 1909 seine Zahlungen ein. Statt abzubrechen, übernahm Spreckels, „let me do it“ (San Diego Union 1919, Ausg. v. 16. November, 1). Dankbarkeit paarte sich mit hohen Erwartungen: „Every man, woman, and child in San Diego, Cal., is looking to him to give that town its first direct railroad connection with the east” (Chicago Daily Tribune 1909, Ausg. v. 15. August, 8).

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Ikonographischer Moment: John D. Spreckels schlägt den „Golden Spike“ ein, Carrizo Gorge, 15. November 1919 (Programmbroschüre Gold Spike Centennial, Campo Railroad Park & Museum, 2019 (l.); San Francisco Chronicle 1919, Ausg. v. 5. Dezember, 16)

Dreizehn Jahre lang wurde eine 148 Meilen lange Eisenbahnlinie durch arides Ödland, durch Granitfelsen und unerschlossene Canyons vorangetrieben, obwohl sich in dieser Zeit die Rahmenbedingungen für den Gütertransport grundlegend änderten. Lastwagen und Straßenbau traten damals an die Seite der zuvor unangefochten dominierenden Eisenbahnen. Die San Diego & Arizona Railway war schon bei der Eröffnung 1919 obsolet, Gewinne waren nicht zu erwarten. Spreckels wusste dies – und dennoch pumpte er einen beträchtlichen Teil seines Milliardenvermögens in dieses Unternehmen. Die Eisenbahn war für ihn Schlusspunkt eines Konzeptes, das San Diego, um 1900 ein Städtchen mit 17.700 Einwohnern, zur führenden Metropole Südkaliforniens machen sollte. Gemeinsam mit seinem Bruder Adolph B. Spreckels (1857-1924) hatte er seit den späten 1880er Jahren Grundstücke und Land aufgekauft, übernahm und modernisierte die Straßenbahn, die Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung, baute den Hafen aus, leistete sich zwei Tageszeitungen, errichtete Geschäftshäuser, Hotels und Theater und vieles andere mehr. San Diego war eine „one-man-town“, sollte sich aber häuten, hin zu einer wirtschaftlich prosperierenden und zugleich touristisch attraktiven Stadt. Wagemut und Paternalismus kamen zusammen, fügten sich zu einer Booster-Town, größenwahnsinnig und profitabel zugleich.

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Ein alter Mann erfüllt sein Versprechen: John D. Spreckels im Führerhaus einer Lok der San Diego & Arizona Railway, wohl 1919 (H. Austin Adams, The Man John D. Spreckels, San Diego 1924, nach 274)

Doch da war mehr als einem deutsch-amerikanischen Einwandererunternehmer Referenz für sein gehaltenes Versprechen zu erweisen. Die Historikerin Sandra Bonura, die im nächsten Jahr eine Biographie über John D. Spreckels veröffentlichen wird, hatte schon 2018 zahlreiche Nachfahren der Spreckelsfamilie in Coronado zusammengebracht. Nun hatte sich abermals ein knappes Dutzend angesagt. Obwohl ich die Geschichte der Familie schon seit Jahren erforsche und 2021 eine Familienbiographie vorlegen möchte, hatte ich bis dato Distanz zur Familie gehalten. Doch eine derart einfache Begegnung reizte mich.

Schließlich war ich gespannt, wie man diesen Jahrestag vor Ort begehen würde. Im Februar hörte ich das Zauberwort „Reenactment“, also das Nachspielen eines historischen Ereignisses. Wer je auf dem denkmalgesprenkelten Terrain in Gettysburg oder auch den Feldern westlich von Königgrätz herumgewandert ist, verbindet damit Schlachtenlärm, Männer in frisch geschneiderten Uniformen, auf schneidigen Pferden, Gewehrsalven und Geschützlärm. In Campo aber ging es um das Reenactment eines zivilen Ereignisses. Das wollte ich, als Zuschauer, miterleben. Als Historiker reizte mich zudem die damit verbundene Erkundung von Vergangenheit. Es war der britische Philosoph Robin George Collingwood (1889-1943), der in seinen 1919 erschienenen „Principles of History“ eine bis heute nachwirkende Theorie des „Reenactment“ vorstellte. Ihm ging es um die Kernfrage, wie man Vergangenheit erforschen und erfahren kann. Der Historiker, so Collingwood, „must re-enact the past in his own mind“ (Robin George Collingwood, Principles of History, Oxford 1919, 282). Wie schon Geschichtsphilosophen vor ihm, etwa der Stammvater der Hermeneutik Johann Gustav Droysen (1808-1884), grenzte er historische Arbeit strikt von naturwissenschaftlicher ab. Das Nachbilden sei situativ, ziele auf Gedanken und Handlungen, Ereignisse und darin eingebettete Emotionen. Es sei keine rein abstrakte Tätigkeit, kein Nachkauen im Geiste. „Reenactment“ sei praktisch, interessiert an der Logik und dem Ablauf des Geschehens, wohl wissend, dass ein vollständiges Nachempfinden ebenso wenig möglich sei wie eine im engen Sinne kausale Erklärung historischer Vorgänge.

Das Gold Spike Centennial in Campo, Kalifornien

Mir war klar, dass sich jedes Reenactment auf wesentliche Aspekte konzentrieren muss. Abstriche waren zu machen: Die Veranstaltung fand am 16. November 2019 statt, nicht am 15. Ein gutes Abendessen im ehedem Spreckelschen Hotel del Coronado tröstete darüber hinweg, eingeleitet mit einem Champagner-Toast der Historikerin Reena Deutsch. Auch der Ort war ein anderer: 1919 hatte der Sonderzug aus San Diego nicht nur 750 Gäste an Bord, sondern hielt in Carrizo Gorge, dem wohl spektakulärsten Teil der „unmöglichen Eisenbahn“. Das Reenactment 2019 fand dagegen westlich davon, in Campo, statt.

Dort gab es eine Dependance des Pacific Southwest Railroad Museums, einer 1961 im kalifornischen La Mesa gegründeten gemeinnützigen Institution. In Campo hatten Eisenbahnenthusiasten 1980 begonnen, einerseits die Geschichte der San Diego & Arizona Railway aufzuarbeiten, anderseits Lokomotiven, Wagons, Gebäude und Maschinen und Objekte zu sammeln und funktionsfähig zu halten. Sie konnten dazu Teile des früheren Camp Lockett nutzen, einer 1941 gegründeten Kaserne für die letzten Kavallerieeinheiten der US-Army. Schon in den späten 1870er Jahren und während des Ersten Weltkriegs waren in Campo Einheiten zur Grenzsicherung stationiert. 1944 wurden die US-Truppen abgezogen, Camp Lockett dann als Armeelazarett und Kriegsgefangenenlager weiterverwendet. Ab 1944 beherbergte es italienische und deutsche Soldaten, größtenteils Gefangene der Kämpfe in Nordafrika. Das Pacific Southwest Railroad Museum in Campo wird durchweg von Freiwilligen betrieben und ausgebaut. Für sie war das hundertjährige Jubiläum der Höhepunkt einer bemerkenswerten Aufbauleistung, die das ganze Jahr über gefeiert wurde. Als sich verschiedene Besucher aus den urbanen Zentren der Pazifikküste darüber mokierten, nun „in the desert“ gelandet zu sein, konnte ich mein Befremden hierüber kaum unterdrücken. Ehrenamtliche Passion ermöglichte in der Wüste schließlich etwas, was in der Millionenstadt San Diego nicht möglich gewesen wäre.

Vor Ort erwartete Besucher ein breit gefächertes Programm. Clowns und der Quacksalber Dr. Lunar sorgten für Kinderbelustigung, die Beköstigung war erwartungsgemäß fleischlastig, umgriff aber auch Veggie Burger. Zahlreiche Geschichtsvereine präsentierten ihre Arbeit, zielten nicht vorrangig auf den Verkauf von Druckwerken, sondern auf Engagement vor Ort. Darunter war auch die San Diego Electric Railway Association, die bald eine zweite „Original“-Straßenbahn restauriert und fahrfähig gemacht haben wird. John D. Spreckels hätte daran wohl seine Freude gehabt. Gemeinsam mit seinem Bruder Adolph B. hatte er 1891 die San Diego Electric Railway Company gegründet, die seine Erben 1948 schließlich verkauften. Wer lediglich schauen wollte, kam ebenso auf seine Kosten: Eine Oldtimerparade präsentierte Modelle aus der Zwischenkriegszeit, auch Traktoren durften nicht fehlen. Bands spielten auf, alte Weisen des Westens wurden gesungen, ab und an unterbrochen vom Pfeifen der Eisenbahnhörner. Weit über hundert Gäste starteten am Morgen zu einer ersten Fahrt in historischen Wagons der San Diego & Arizona Railway, am Nachmittag, nach dem „Golden Spike Reenactment“, sollte eine zweite folgen.

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Gedenktafel der Native Sons of the Golden West, Campo, Kalifornien

Nicht alles verlief wie geplant. Die Native Sons of the Golden West sollten am Morgen eigentlich eine bronzene Gedenktafel der Jahrhundertfeier einweihen, doch diese war leider vergessen worden. Daher verschob man die Zeremonie auf den frühen Nachmittag, unmittelbar vor das eigentliche Reenactment. John D. Spreckels, geboren in Charleston, South Carolina, war nie Mitglied gewesen. Doch es ist unstrittig, dass er die Brüderschaft seit der Jahrhundertwende wiederholt unterstützt hatte. Die 1875 in San Francisco gegründeten Native Sons (Töchter folgten 1886) waren eine konservativ-nativistische Brüderschaft gebürtiger Kalifornier, deren Ziel die Bewahrung des Geistes der Pioniere von 1849 war. In der Zwischenkriegszeit agierte sie nationalistisch und rassistisch, grenzte sich strikt gegen Nicht-Weiße und Migranten ab. Heutzutage handelt es sich um eine patriotische Gesellschaft, gesellig und eine zentrale Stütze der Pflege des historischen Erbes Kaliforniens.

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Führende Mitglieder der Native Sons of the Golden West während des einführenden Gebetes

Die Zeremonie begann mit einem Gebet, es folgten kurze, prägnante Ansprachen. Sie füllten das Motto der Organisation aus, „Loyalty, Friendship und Charity“. Von der alten Zeit war die Rede, den Gründungsjahrzehnten Kaliforniens, dem Pioniergeist dieser Tage. Mensch stand gegen Natur, sie zu zwingen war und ist Aufgabe. Wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand für alle seien die Folge. Kaliforniens Demokratie wurde hochgehalten, die Verantwortung des Einzelnen für das Wohlergehen aller beschworen. Zu spüren war etwas von einem Gemeinwesen, das auf Familie, Nachbarschaft und Gemeinden gründet. Das nicht immer nach dem Staat ruft, sondern diesen formt und lebt: „America! America! God mend thine every flaw, Confirm thy soul in self-control, Thy liberty in law!“ Mit der heimlichen Hymne „America the Beautiful“ endete die Zeremonie.

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Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs?! Ansprache von Manuel Herandez (Baja California Railroad) während der Grußworte

Das Vorprogramm ging weiter. Natürlich, Offizielle kamen zu Wort, mussten zu Wort kommen: Die Präsidentin des Eisenbahnmuseums, Repräsentanten der lokalen Verkehrsgesellschaften, die demokratischen Repräsentanten von Stadt, Bezirk, Staat und dem US-Senat. Das war wichtig für das Museum, denn Zuschüsse sind für dessen Betrieb unabdingbar. Doch es war auch wichtig für Stadt und Region. Die San Diego & Arizona Railway transportierte bis 1951 Passagiere, das Frachtgeschäft wurde 1983 eingestellt. Kleine Teile der Bahnlinie sind bis heute in Betrieb, darunter die in Mexiko gelegenen vierundvierzig Meilen von Tijuana bis Tecate, die 1970 verkauft worden waren. Die mexikanische Baja California Railroad will denn ab 2020/21 den Verkehr auch auf amerikanischer Seite wieder aufnehmen. Unterstützer und Fürsprecher sind dafür nötig; und die anwesenden erhielten warmen Applaus, ging es doch, wie 1919, um die Verkehrsanbindung der Region.

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Die Akteure von 1919: Einstimmen auf die Ansprachen während der Intonierung der US-Nationalhymne

Nun konnte das eigentliche Reenactment beginnen. Die Szenerie folgte der detaillierten Schilderung in der San Diego Union vom 16. November 1919. Dort wurden Bilder veröffentlicht, ebenso die Kernelemente der Reden. Herren beherrschten die Szene, gekleidet in eleganten schwarzen Anzügen und den hohen, fast spitz zu nennenden Hüten dieser Zeit. Die Zeitung gehörte John D. Spreckels, sie präsentierte seine Deutung des Ereignisses. In Campo aber hatte man zwei Elemente vorgeschaltet: Zum einen fuhren Gleisarbeiter mit einer Draisine vor, verlegten die letzte Bohle, bereiteten den Spreckelsschlag vor. Zum anderen wurden die anwesenden Herren kurz mit einem herbeigelaufenen Arbeiter konfrontiert, der die Mühen der Konstruktion beschwor. Nein, von Arbeitsunfällen sprach er nicht, auch nicht vom Wassermangel auf den Baustellen. Doch er gab zumindest eine Idee davon, dass hier „Unmögliches“ gewagt und auch erreicht wurde.

08_PRSW Campo_Begleitbroschüre_San Diego Progress March_Esther Mugan Bush

Zum Einstimmen: Begleitbroschüre mit dem „San Diego Progress“-Marsch von Esther M. Bush

Die zuvor präsentierten Photos geben natürlich kein Abbild der Veranstaltung, sind auch nicht sinnlich genug. Denn das Reenactment wurde von Musik begleitet: Die San Diego City Guard Band spielte patriotische und beliebte Weisen. Ein Kalliope-Musikwerk ergänzte sie. Schon wieder also „deutsche“ Reminiszenzen, wurde die Kalliope Musikwerke AG doch 1898 in Leipzig gegründet. Ihre mechanischen Spielwerke waren auch in den USA erfolgreich. John D. Spreckels, Musikliebhaber und passionierter Orgelspieler, wird sie gekannt haben. Musik war aber nicht allein Beiwerk, emotionale Umrahmung. Musik spielte nämlich 1919 eine wichtige Rolle während der Einweihungsfeier. Eigens komponiert und aufgeführt wurde der Marsch „San Diego Progress“ von Esther Mugan Bush, einer lokalen Repräsentantin der leichten Muse. Das Lied behandelt vornehmlich das wundervolle Wetter in San Diego, die dort stets blühenden Blumen, den fantastischen Hafen und die verheißungsvolle Zukunft: „Prosperity has come to stay In San Diego at the Sea“. Die Veranstalter hatten Text und Musik eigens verteilt, doch es lag sicher nicht an der mit Verve spielenden Band, dass die Besucher nicht mitsangen. Das galt auch für zeitgenössische Schlachtrufe zu Ehren des Eisenbahndirektors: „What’s the matter with John D.? He’s all right! What’s the matter with John D.? Out of Sight! He’s a live on and full of vim, Now take it from us, we’re strong for him!“ Dennoch: Musik und Gesang prägten die Feier 1919; und sie erst gaben dem Reenactment ein Gefühl nachfolgender Anwesenheit.

Die Reden der schauspielenden Freiwilligen führten zurück in die Situation 1919. Der Weltkrieg war gewonnen, die scharfen Auseinandersetzungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten überwunden. Die Kriegskonjunktur war Labsal für San Diego, das sich endgültig als Standort der US-Navy and der Marineflieger etablierten konnte. 1917 hatte John D. Spreckels den nördlichen Teil von Coronado an den Bundesregierung verkauft, bis heute ankern dort Flugzeugträgergruppen der amerikanischen Streitkräfte. Die Redner blickten allesamt nach vorn. Die Mühen der Bauphase, der zahlreichen Brücken und der einundzwanzig durch Felsen gesprengten Tunnel, sie verblassten angesichts einer verheißungsvollen Zukunft. Das brachte Juan P. Quemper, Richter im mexikanischen Tecate, salbungsvoll zum Ausdruck: „You have made possible dreams of long ago; you have brought into realization hopes born and cherished at the warmth of civilization. Yours is a brotherly work, yours is a patriotic and noble impulse, which will start a new era of development and betterment which will reach from one end of our country to the other. […] If God Almighty made us forever neighbors, let Him make us forever friends“ (San Diego Union 1919, Ausg. v. 16. November, 3). Auch Esteban Cantu, Governor von Baja California, unterstrich den Gedanken der Völkerfreundschaft, könne die Bahn doch Menschen miteinander verbinden, durch persönlichen Kontakt Vorurteile abbauen und diese durch Kenntnisse ersetzen. Die amerikanischen Vertreter legten größeren Wert auf die Erschließung des fruchtbaren Imperial Valley und den rascheren und preiswerteren Transport gen Osten. Der Reigen der Reden wurde beendet von David W. Pontius, dem General Manager der Bahnlinie und zugleich Repräsentanten der Southern Pacific. Spreckels wurde gelobt, doch alle Anwesenden wussten, dass man ohne das neuerliche Engagement des Bahngiganten die Linie zu diesem Zeitpunkt nicht hätte abschließen können. Dessen Kapital und Expertise brachten das Unterfangen nach der Überschwemmung von Gleisen und Depots 1916 wieder nach vorn, erlaubten zudem Sondergenehmigungen, um den Bau auch während des Weltkrieges fortzusetzen. Pontius dankte allseits, doch als er endete, brach 1919 die Menge los: „Let’s see it!“

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Der Darsteller von Generalmanager David W. Pontius, Bruce Semelsberger, zeigt der Menge den „Golden Spike“

In Campo waren die Anwesenden zurückhaltender, das Rufen übernahmen die Darsteller der Offiziellen. Der „Golden Spike“, ehedem $286 teuer, nach der Feier wieder in sicheres Gewahrsam gebracht und 1967 (zusammen mit den Archivalien der Bahnlinie) der University of California, San Diego übergeben, war wahrlich ein Hingucker. Seit der Zusammenführung der Linien der Union Pacific und Central Pacific zur ersten Transkontinentalstrecke 1869 gehörte ein derart blinkendes Stück Metall zum Inventar fast aller größeren Eisenbahneinweihungen. In Campo kam eine Nachbildung zum Einsatz, doch instinktiv begriff nun jeder, um was es hier ging: Den Schlussakkord eines großen Unterfangens.

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Auftritt und Rede von „John D. Spreckels“

Noch fehlte John D. Spreckels. Er kam in Gestalt von Jake Schaible, eines jovialen Deutschamerikaners, Mitglied des vierköpfigen Organisationskomitees der Jahrhundertfeierlichkeiten. Er hatte Spaß, er konnte mitreißen. Seine Rede war verhalten, Dank klang an, Stolz darauf, sein Versprechen gehalten zu haben. Spreckels war 1919 ein alter Mann, gezeichnet von Krankheiten, nicht mehr der 1,80 Meter große blonde Modellathlet früherer Zeiten. Er konnte nicht mehr kraftvoll und zielgenau zuzuschlagen. Den Nagel traf er erst im dritten Anlauf, Anwesende lachten spöttisch.

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Der „Golden Spike“ an seinem Bestimmungsort

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„John D. Spreckels“ vor dem ersten Schlag

Das Reenactment nahm dieses auf. Der Darsteller schlug zu, fehlte, nahm abermals Schwung, traf, trieb den Nagel nun mit zwei weiteren Schlägen in den Bohlengrund. So hatte man es sich wohl vorgestellt, das virile Ende eines Projektes, dessen Erledigung in San Diego seit Jahrzehnten herbeigesehnt wurde.

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„John D. Spreckels“ schlägt den „Golden Spike“ in die letzte Bohle ein

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„Well done, Mr. Spreckels“

Beifall brandete auf, die Dramaturgie riss mit, die Besucher fühlten mit dem Akteur, teilten dessen Freude, mochte sie denn auch nur gespielt sein. Anschließend waren alle eingeladen, sich in einem Panoramaphoto zu verewigen. So war es auch 1919. Wir schritten voran, reihten uns ein, standen neben einem mit Kokarden und Flaggen geschmückten Zug. Weitere Photos wurden gemacht, das Reenactment war vorüber.

Nun ja, nicht ganz. Denn es stand noch eine Bahnfahrt auf historischer Trasse an, in rollfähigen Wagons der San Diego & Arizona Railway. Gegen mein Naturell hatte ich 1. Klasse geordert, gemeinsam mit Mitgliedern der Spreckelsfamilie. Es wurde eine gemächliche Fahrt, nicht schneller als 30 Meilen die Stunde. Die Landschaft war karg und felsig. Die Sonne brannte, Wind machte sie erträglich. Eine Rundtour aber war es nicht. Die Reise endete an der mexikanischen Grenze. 1920 brauchten Passagiere keinen Ausweis, wenn sie die zwischen Mexiko und den USA oszillierende Linie nutzten. Während der Prohibition ermöglichte die lange Fahrt durch Mexiko „nasse“ Freuden. Heute ist all dies anders. Hundert Jahre Fortschritt… Wir kehrten um, zurück nach Campo. Am Grenzzaun war das Nachspielen endgültig zu Ende gegangen.

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Die Grenze zwischen den USA und Mexiko nahe Tecate

Ein Familientreffen der Spreckels

Die Rücktour erlaubte weitere Gespräche mit den Mitgliedern der Spreckels-Familie. Die meisten waren Nachfahren von John D. Spreckels, fast durchweg noch an der Westküste ansässig. Sandra Bonura hat all dies ermöglicht, hat die aufgrund einer alten Familienfehde entfremdeten Nachfahren der unterschiedlichen Familienteile wieder zusammengebracht.

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Eintreffen von Spreckels-Nachfahren. In der Mitte Sandra Bonura, links Stefanie Waske

Die Nachfahren kamen gern nach Campo, wurden so dessen gewahr, was einer der Ihren einst angestoßen und vollendet hatte. Genauere Kenntnisse der Familiengeschichte hatten sie jedoch nicht. Im Familienbesitz sind noch zahlreiche Photoalben, vereinzelt gibt es auch historische Ausarbeitungen zur eigenen Geschichte. Schriftquellen sind eher rar gesät.

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Gruppenbild mit Spreckels-Damen und einem historischen Porträt von Claus Spreckels, der Lamstedt 1846 verließ (Photo: Stefanie Waske)

Dennoch ist ein solches Treffen auch für einen Historiker anregend. Man kann etwas lernen über Familiennarrative, über gängige Anekdoten und Erinnerungen, auch über nicht Sagbares. Man lernt mehr über Empfindlichkeiten, über das Verblassen historischer Größe und Bedeutsamkeit. Klar wird auch, stärker noch als im Quellenstudium privater Aufzeichnungen, dass die eigene Arbeit direkt bedeutsam sein kann, nicht nur analytisch korrekt. Sie gleicht einem scharfen Schwert: In einem Tage zuvor in Napa geführten Gespräch kam die Rede auf die Zuckerraffinerie von Claus Spreckels (1828-1908) in San Francisco, dem Vater von John D. Meine Gesprächspartnerin fragte, ob ich diese denn schon besucht habe. Ich verneinte, schließlich sei sie vor längerer Zeit abgetragen worden. Doch, sie liegt in Crockett. Meine Mutter hat sie uns immer gezeigt, wenn wir die Bay südlich von Vallejo überquerten. Nein, das war die Konkurrenz, war meine wehmütig korrekte Antwort. In der Tat, die 1906 von hawaiianischen Zuckerpflanzern gegründete C & H Sugar Company sollte das Monopol der Spreckelsfamilie brechen. Ich zerbrach so das familieninterne Bild vom immer noch sichtbaren Erbe.

Die andere Wahrheit des Reenactment

Damit sind wir wieder zurück beim Reenactment. Ebenso wie das Gespräch mit Nachfahren hat auch das Nachspielen historischen Geschehens eine eigene Logik. Sie liegt nicht in der korrekten Widergabe von Vergangenem. Wäre dem so, so wäre die Feier in Campo eine Ansammlung von Fehlern: Ort und Zeit falsch, vor allem aber die Zusammenführung von klar voneinander zu scheidenden Ereignissen (vgl. Patrick W. O’Bannon, Railroad Construction in the Early Twentieth Century: The San Diego and Arizona Railway, Southern California Quarterly 61, 1979, 255-290; Robert M. Hanft, San Diego & Arizona: The Impossible Railroad, Glendale 1984; Reena Deutsch, San Diego and Arizona Railway: The Impossible Railroad, Charleston 2011; Wayne M. Scarpaci, San Diego and Arizona Eastern motive power and equipment, Gardnerville 2017).

Der Festzug, der am 15. November 1919 den 1913 von der Santa Fe neu errichteten Bahnhof um 6.50 Uhr mit ca. 600 Passagieren gen Osten verließ (National City News 1919, Nr. 46 v. 21. November, 1), hielt zuerst im mexikanischen Tecate, wo Richter Quemper seine Rede hielt. Mittags traf man in Jacumba, 20 Meilen östlich von Campo, mit 150 Repräsentanten aus dem Imperial Valley zusammen, nahm ein Mittagessen zu sich und brach dann gemeinsam auf, um im nahegelegenen Carrizo Gorge die Eröffnungszeremonie zu begehen. 18 Uhr lief der Sonderzug wieder in San Diego ein.

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Ziel der neuen Eisenbahn: Die Entwicklung von Imperial Valley (San Diego Union. Annual Edition 45, 1914, s.p. [60])

Der Tenor der Presseberichte lag primär auf der wirtschaftlichen Erschließung des Imperial Valley und der weiteren Entwicklung von San Diego. Das lag in Linie mit der Berichterstattung der vergangenen Jahre. Sie gaben zugleich Eindrücke von der harten Konstruktionsarbeit und den zahlreichen Fehlschlägen beim Bau. Völkerverständigung mit Mexiko mochte ein Aspekt sein, doch dieser war für die US-Seite nicht vorrangig. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Rede von Governor Cantu in spanischer Sprache gehalten, von der Mehrzahl nicht verstanden wurde. Die neue Bahnlinie galt als Sieg über die widerspenstige Natur, unterstrich, dass die neue Supermacht alles erreichen könne, wenn sie denn nur wolle und arbeite.

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Das Profil der „impossible railroad“ 1919 (Los Angeles Times 1919, Ausg. v. 15. November, 13)

Wichtiger als derartige Detailkritik war das Ausblenden des historischen Kontextes, sei es das schwierige Verhältnis von Southern Pacific und der Spreckelsfamilie, sei es die strategische Bedeutung der Eisenbahn für eine wehrhafte USA. Die Golden Spike-Zeremonie war zugleich nur der Auftakt für zahlreiche Festivitäten, die am 1. Dezember in San Diego einsetzten, als der erste Passagierzug in San Diego eintraf. Vier Tage lang feierten ca. 25.000 Menschen, jeder Tag stand unter einem eigenen Motto. Am Flugtag stiegen mehrere hundert Maschinen hoch, manifestierten die Geburt eines neuen Zeitalters. Der Großraum von San Diego beherbergt heute knapp fünf Millionen Menschen, mehr als der von Berlin. John D. Spreckels genoss seine Rolle als „City-Builder“. Doch er wusste um die Probleme der Eisenbahn. In seiner Rede anlässlich des Festdiners der Stadt am 1. Dezember hieß es: „The road is built. It is at your service. […] It is now up to the people of San Diego to go ‘over the top,’ and get all they can for their city” (San Diego Weekly Union 1919, Ausg. v. 4. Dezember, 6). Die Resonanz blieb verhalten, die Geschichte der San Diego & Arizona Railway war verlustreich. Die Spreckelsfamilie verkaufte ihre Anteile 1932, konnte sich die Bahn nicht mehr leisten. 18 Millionen Dollar waren investiert worden, am Ende war der 50%ige Anteil noch 2,8 Millionen Dollar wert.

All dies sind gewiss wichtige Einwände gegen die „Wahrheit“ des Reenactment. Doch sie treffen nicht den Kern, also das Nachspielen einer historischen Situation. Das Ausblenden des Kontextes und der Nachgeschichte sind vielmehr konstitutiv für diese Form historischen Wissens. Es geht um konkrete Situationen, hier also um den Tag des eingelösten Versprechens. Allen „Fehlern“ zum Trotz wurde deutlich, dass im Gelingen eine eigene Logik lag, eine in der Feier geteilte Freude, vielleicht auch nur Erleichterung. Mochte diese auch eine freundliche Morgengabe der Manager der Southern Pacific an den Unternehmer Spreckels gewesen sein, so wurde die Situation doch anders bewertet, erlebt und wahrgenommen. Das Reenactment machte deutlich, wie ein Traum gelingen kann und welche Kräfte der Weg dorthin freizusetzen vermag. Es kennzeichnet einen Überschuss, den eine rein analytische Geschichtswissenschaft kaum einzufangen vermag. Zwischen den „Fakten“ stecken Träume und Albträume, Hoffnungen und Enttäuschungen. Um das zu visualisieren, hilft ein Blick auf die Werbung der San Diego & Arizona Railway.

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Wolkenritt in der Eisenbahn. Werbezeichnung der Fahrt durch Carrizo Gorge 1921 (San Diego & Arizona Railway, Werbebroschüre 1921, s.p.)

All die Mühen des Baus und die vier Millionen Dollar, die allein das elf Meilen lange Teilstück durch Carrizo Gorge verschlang, sind in dieser Zeichnung vergessen. Der Mensch schwingt sich auf zu neuen Höhen, auch wenn er zuvor nur Bohle an Bohle reihte, Nagel nach Nagel einschlug. Im Reenactment wurde etwas von dem Faszinosum deutlich, das große Technik, große Infrastrukturen umgibt. Der Schriftsteller E.B. White (1899-1985) hat dies in prägende Worte gefasst: „For almost a hundred years the Iron Horse was America’s Mount; the continent was his range, and the sound his hoofs made in the land was the sound of stability, majesty, punctuality, and success“ (E.B. White, The Railroad [1960, 1962], in: ibid., Essays, New York et al. 1979, 208-221, hier 211). Im Eisenbahnbau kam die USA zu sich selbst, wurden die Vereinigten Staaten geformt. John D. Spreckels Einschlagen des „Golden Spike“ zeigte ihn als Pionier nach der Pionierzeit, als Amerikaner, der seine deutsche Herkunft hinter sich ließ und eine neue gewann.

Uwe Spiekermann, 5. Dezember 2019

Der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes: Cannabis zwischen Naturwissenschaften und Markt, 1840-1929

Hanf war in Deutschland bis Ende des langen 19. Jahrhunderts eine gängige landwirtschaftliche Pflanze. Cannabis Sativa – so der botanische Name – diente als Faserstoff der häuslichen Spinnerei und Weberei, war Grundlage der gewerblichen Herstellung von „Leinenwaren“, vor allem aber von Seilen, Tauwerk und Segeltuch. Hanfsamen wurden als Vogelfutter genutzt, dienten als Grundstoff für Seifen, technische Öle, Ölfarben und Firnis. Zahlreiche weitere Verwendungen ließen sich nennen, von Dachschindeln über Löscheimer bis hin zur Papierherstellung und diätetischen Suppen. Doch all dies wurde immer wieder überwölbt von einem packenderen exotischen Thema, nämlich Hanf als Droge.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der aus Indien und dem Nahen Osten eingeführte Haschisch – ein Extrakt des dort kultivierten Cannabis Indica – für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. [1] Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab. Die „Normalwissenschaft“ übernahm und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte vornehmlich Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte mutierten zu Apotheker- und Medizinerwaren, nur wenige Präparate etablierten sich als öffentlich beworbene Konsumgüter. Das Verbot des Indischen Hanfes im Jahre 1929 war denn auch nicht Folge einer irgendwie bedeutsamen Gefährdung von öffentlicher Ordnung oder der „Volksgesundheit“, sondern erfolgte im Rahmen einer internationalen Harmonisierung der Maßnahmen im Gefolge des Opiumgesetzes. [2]

Dabei könnte man es belassen. Doch der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes von ca. 1840 bis in die 1920er Jahre hat Spuren hinterlassen. In dieser Zeit etablierten sich die modernen Naturwissenschaften – Medizin, Chemie und Pharmazie – als die wichtigsten Taktgeber einer nicht nur fachwissenschaftlichen, sondern auch öffentlichen Debatte über Hanf als Droge. Auch wenn heutzutage angewandte Sozialwissenschaften, zumal Kriminalsoziologie, Psychologie und Sozialpädagogik, wichtige Beiträge liefern, um Cannabis/Haschisch/Marihuana als Droge und als gesellschaftliches Problem zu verstehen, so dominiert doch naturwissenschaftliches Wissen (und Gegenwissen) nach wie vor das Themenfeld. Was wäre die Debatte ohne den Bezug auf chemische Konstrukte wie THC oder CBD, was ohne die Deduktion individueller Schädigungen auf Basis abstrakter und kausaler Wirkungsmodelle? Die bis heute damit implizit verbundenen Versprechen, Hanf durch die Reduktion auf dessen Chemie und Physiologie verstehen und einhegen zu können, entstanden Mitte des 19. Jahrhundert, sind Teil einer bald zweihundert Jahre alten Wissensform, die Welt verstehen, ordnen und beherrschen zu wollen. [3] Angesichts der immensen Leistungen der modernen Naturwissenschaften scheint dies erst einmal rational zu sein. Doch der Weg von Laboratorium und Klinik zurück in die soziale und ökonomische Welt ist lang und nicht ohne Brüche möglich. Für die gesellschaftliche und politische Debatte liefern naturwissenschaftliche Beiträge denn auch wenig, sieht man einmal ab von der klaren Benennung des vielfach bestehenden Nicht-Wissens über die Zusammensetzung und Wirkungsweise von Hanf und Cannabispräparaten. Überraschend ist zugleich, dass auch die historische Erforschung der naturwissenschaftlichen Erkundung der Droge bestenfalls in den Kinderschuhen steckt. [4] Wenn in der jüngsten, vom Bundestag gleichsam geadelten und kostenlos verteilten Überblicksdarstellung zu Cannabis jedoch behauptet wird: „Die Inhaltsstoffe der weiblichen Hanfpflanze wurden erst seit den 1960er Jahren wissenschaftlich untersucht“ [5], so dokumentiert dies vor allem Unwissen. Blicken wir also zurück, um unsere Gegenwart und ihre Engführungen besser verstehen zu lernen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich neben dem Hanfanbau, der Hanfverarbeitung und der Nutzung der Hanfprodukte (Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfes) ein zweiter, zeitweilig intensiv diskutierter und deutlich engerer Wissensbereich, in dem Hanf primär als Droge verstanden wurde. Das beträchtliche Interesse vieler Mediziner, Chemiker und Pharmazeuten an der bewusstseinserweiternden Kraft der verschiedenen aus Indien und Ägypten stammenden Haschischformen mündete in eine Forschung, die in den kleinsten Bestandteilen der Pflanze Wirkstoffe finden und dann isolieren wollte. Ziel waren klare Kenntnisse über die Drogenwirkungen, über Einsatzmöglichkeiten bei klar definierten und unspezifischen Krankheiten und eine mögliche Synthese der „natürlichen“ Präparate. Dies diente der Professionalisierung der Experten und war immer auch wirtschaftlich begründet.

Falsch wäre es, von einem plötzlichen Einbruch der Droge in eine vermeintlich heile, vor allem aber drogenferne Welt auszugehen. Dem stehen nicht nur die häufig exzessive Festkultur der frühen Neuzeit und der immense Bedeutungsgewinn des „Branntweinteufels“ seit dem 17. Jahrhundert entgegen, sondern auch die breit debattierten Gefährdungen von gesellschaftlicher Ordnung und „Volkswohlfahrt“ durch die Kolonialprodukte Kaffee und Tabak. [6] Die gesundheitlichen Wirkungen und Gefahren des Haschisch in Europa waren bereits während der frühen Neuzeit grundsätzlich bekannt, ohne dass diese jedoch praktische Auswirkungen hatten. Die häufig erwähnte französische Besetzung Ägyptens im späten 18. Jahrhundert, dann aber vor allem die Forschungen des britischen Mediziners und Unternehmers William O’Shaughnessy (1809-1889) in Indien in den späten 1830er Jahren führten zwar zu beträchtlichen Resonanzen, doch die möglichen berauschenden, heilenden und toxischen Wirkungen des Hanfes waren wahrlich nicht neu. Im Zedlerschen Universallexikon wurden nicht nur die Heilwirkungen des heimischen Hanfes, sondern auch das Haschisch ausführlich erörtert. [7] In der Krünitzschen Encyclopädie hieß es analog 1789: „Die Hanfpflanze hat in allen ihren Theilen einen starken Geruch, und eine besondere Kraft den Geist zu ermuntern, und gleichsam trunken, oder gar verwirrt zu machen“ [8] – und sie enthielt ebenfalls eine umfangreiche Darstellung des Haschisch und seiner Wirkungen.

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Neugier, geteilt in der Öffentlichkeit: Ein ärztlicher Bericht über Rauscherfahren (Isar-Zeitung 1862, Nr. 304 v. 3. November, 1)

Schon lange bevor sich die aufkommenden Naturwissenschaften der Droge annahmen, hatten Reisende über deren Kultur vornehmlich in den arabischen Ländern berichtet. [9] Als Anfang der 1840er Jahre mehrere britische Forscher mit Cannabis Indica behandelt hatten, vermerkte ein deutscher Rezensent kühl: „Diese Abhandlung über die Arzneikraft der bezeichneten Pflanze dürfte in Deutschland wenig Aufmerksamkeit erregen; da unsere Aerzte mit den Wirkungen derselben längst bekannt sind und nur daraus abnehmen könnten, dass dieselbe bisher not in medical use in England gewesen ist.“ [10] Bereits 1821 hatte der spätere Amtsarzt Ferdinand Tscheppe die Blätter des einheimischen Cannabis Sativa chemisch untersucht, um darin den wirksamen Stoff des Opiums oder einen ähnlichen Stoff zu finden. [11] Schon vor dem eigentlichen Drogendiskurs waren die möglichen Wirkungen des einheimischen Cannabis bekannt und ansatzweise untersucht worden. Die Hanfverarbeitung hatte demnach potenziell narkotische, schwächende und trübende Auswirkungen auf die meist weiblichen Arbeiter und Bauern. Die giftigen Wirkungen des Röstens, also des Wässerns der Hanfstängel nach der Ernte, auf Wasserläufe und Fischbestand waren bekannt und hatten zu zahlreichen Beschränkungen geführt. Und wenn in einem Hauswirtschaftsbuch gemahnt wurde, darauf zu achten, daß das Geflügel „ja keinen jungen Hanf bekommen [solle, US], denn davon sterben sie“ [12], so war dies Ausdruck einer alltagskulturellen Gefahrenprävention, eines auf Erfahrungswissen beruhenden Umgangs mit der immer auch als Gefährdung verstandenen Pflanzenwelt.

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Erfahrungsgesättigte Publizistik über den Indischen Hanf Mitte des 19. Jahrhunderts

Gleichwohl setzte eine breitere wissenschaftliche Untersuchung der Droge Hanf erst um 1840 ein, nachdem zuerst in England, dann auch in Frankreich medizinische Beschreibungen mit der Entwicklung neuer Heilmittel einhergingen. [13] Neue Marktchancen waren entscheidend – und deutsche Ärzte bedauerten, „dass man nicht eher den arzneilichen Wirkungen des ausländischen Hanfes nachgeforscht hat“ [14]. Schon 1840 erschien eine knochentrockene chemische Analyse des nun in Haschischform importierten Indischen Hanfes, es folgten zahlreiche medizinische Untersuchungen. [15] In Deutschland war man sich sicher, die englischen und französischen Forschungen rasch übertreffen zu können. [16] Selbstversuche wurden unternommen, die Zahl der Patientengeschichten schwoll rasch an. [17] Parallel begannen erste gezielte Kausalanalysen, etwa über die Bedeutung des Indischem Hanfes für die Einhegung des Wundstarrkrampfes oder aber die Geburtshilfe. [18] In Berlin, Würzburg, Marburg, Erlangen und weiteren Klinikstandorten wurden Experimente an Tieren und Menschen durchgeführt. [19] Der Fürther Mediziner Georg Fronmüller (1809-1889), der seit 1850 mit Cannabis experimentiert hatte, charakterisierte diese Bewegung pointiert: „Es ergab sich, dass das erst in letzter Zeit im Abendlande bekannt gewordene Mittel Anfangs als neues Narkotikum freudig gegrüsst, von vielen Collegen bereits als unsicher und schwach wieder verlassen worden war, in Deutschland sowohl als in Frankreich. In vielen deutschen Spitälern war damit experimentirt worden; mitunter erzielte man auch überraschende Erfolg. Die Sache schlief jedoch wieder ein.“ [20] Der Umgang mit dem neuen Präparat blieb jedoch ambivalent. Die Beschreibungen vom Haschischrausch faszinierten Ärzte und eine kleine bürgerliche Öffentlichkeit, doch zugleich begann ein Risikodiskurs. [21] Eine erste detaillierte Beschreibung der „Cannabis-Krankheit“ findet sich 1853. [22] Dies war allerdings noch nicht eine grundsätzliche Verdammung als Rauschgift, wie sie etwa 1871 der amerikanische Mediziner Alonzo Calkins (1804-1878) vorlegte. [23] Stattdessen ging es um die Erkundung eines Wirkungsspektrums. Hier aber blieb Cannabis obskur. Georg Fronmüller hob die widersprüchlichen Ergebnisse der Forschung hervor, die Folge sehr unterschiedlicher Rohmaterialien waren. Zugleich aber gab es – auch angesichts der Debatten über die Unterschiede der heimischen Cannabis Sativa und der importierten Cannabis Indica – offenkundige Unterschiede zwischen Orient und Okzident: „Ein zweiter Grund für den Rückgang der Hanfanwendung ist darin zu suchen, dass das Mittel im Orient ganz anders wirkt als in Europa.“ Es sei davon auszugehen, „dass irgend ein flüchtiger Stoff in der Hanfpflanze befindlich ist, wahrscheinlich ätherisches Oel, welches auf der Reise zu uns verdunstet.“ Die Konsequenzen waren typisch für seriöse Wissenschaftler: „Diese Verhältnisse machten einen grossen Theil der Praktiker zaghaft und verhinderten sie, zu den höheren Dosen überzugehen, die allein einen sicheren Erfolg erwarten lassen.“ [24] Das Abebben des wissenschaftlichen Interesses am indischen Hanf war also eine für diese Zeit grundlegende Skepsis gegenüber vermeintlichen „Naturprodukten“, die nicht präzise analysiert werden konnten und kein klares Wirkungsspektrum aufwiesen.

Selbstverständlich flossen während des Zeitalters des Nationalismus auch Kulturdeutungen in die Analyse des Haschisch mit ein. Forschung diente der Erklärung der Alltagspraktiken rückständiger Kulturen im arabischen und vielfach auch islamischen Umfeld. Wenngleich vereinzelt auf die Arbeiten und damit die Kompetenz arabischer Ärzte zurückgegriffen wurde [25], bot die Kenntnis vom Indischen Hanf doch auch eine Erklärung und Begründung für den Bedeutungsverlust des Osmanischen Reichs, die Kolonialisierung Indiens und die informelle Beherrschung Nordafrikas.

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Cannabisextrakt in einem pharmazeutischen Handbuch (Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, T. 1, 4. Abdruck, Berlin 1883, 703)

Generell unterschied sich die Erforschung des Indischen Hanfes nicht sonderlich von der anderer potenzieller Heilpflanzen. Haschisch wurde gegen eine recht willkürlich erscheinende Zahl von Krankheiten eingesetzt, sollte dabei nicht zuletzt das aufgrund offenkundiger Abhängigkeiten zunehmend kritisch bewertete Opium ersetzen. [26] Es ging um Rheuma, Neuralgien und Krämpfe, um Schlaflosigkeit, Entzündungen und Reizzustände der Atem- und insbesondere der Harnwege. Ebenso breit gefächert wie die Krankheiten war jedoch auch das Präparat selbst. Die Versuche der 1840er und 1850er Jahre enthalten immer wieder genaue Berichte über die Herkunft des untersuchten Haschisch, das aus vieler Herren Länder in vielfältigen Formen und unter zahlreichen fremdländischen Namen zu den Experten gelangte. Generelle Aussagen waren daher kaum möglich: „Der Hanfsamen ist […] ein in Bezug auf Grad und Art seiner Wirkung, nach Verschiedenheit der Individualität und des psychischen Charakters, sowohl im gesunden als kranken Zustande die grösste Mannigfaltigkeit darbietendes, und darum eben höchst unsicheres Mittel, dessen Anwendung die äusserste Vorsicht erfordert.“ [27] Hanfpräparate wurden daher nur zurückhaltend eingesetzt. Als die Troppauer chemische Fabrik G. Hell & Co. Anfang der 1890er Jahre ein stärker wirkendes Extractum Cannabis indicae einführen wollte, traf sie bezeichnenderweise auf den Widerstand vieler Ärzte, die mildere Präparate bevorzugten. [28] In den USA wurden deshalb deutlich mehr Hanfvarietäten zugelassen als in Europa. [29]

Vor dem Hintergrund des raschen Aufstieges der organischen Chemie und der Pharmazie blieb die Unsicherheit über die Wirkung des Indischen Hanfes ein wichtiger Antriebspunkt für die weitere Erforschung möglicher Wirkstoffe, besser, des einen Wirkstoffes. [30] Dass es einen solchen geben müsse, folgerten die Experten aus den beträchtlichen Erfolgen der bakteriologischen Forschung, durch die Infektionskrankheiten wie Cholera, Diphterie, Typhus und Tetanus erfolgreich bekämpft werden konnten. Schon früh schien klar, dass es um „flüchtige Stoffe“ ging, „welche in Verbindung mit einem Harze in besonderen winzigen drüsenartigen Gebilden erzeugt werden“ [31]. Gleichwohl waren die chemischen Kenntnisse bis in die 1890er Jahre „sehr dürftige.“ [32] Was hieß das? Dazu muss man sich auf eine andere, gleichsam vortastende Sprache einlassen, die ihre Unsicherheit gegenüber dem Untersuchungsgegenstand noch transparent ließ: „Das Cannabiskraut enthält etwa 0,3 % eines characteristisch riechenden ätherischen Oeles, welches […] aus Cannaben C18 H20 und Cannabenwasserstoff C18 H22 bestehen soll, ein braunes Weichharz (Cannabinon), ein Cannabin [auch Haschischin] genanntes Glycosid, welches schlaferregende Wirkung besitzt, Harzsäuren ohne physiologische Wirkung, Chlorophyll, Hanföl, herrührend von den anhängenden, eingeklebten Früchten, deren gänzliche Entfernung unmöglich ist. Ferner ein Tetanin […] (Tetano-Cannabin) genanntes Alkaloid, dessen Zusammensetzung nicht näher bekannt ist, welches aber dem Strychnin ähnliche Wirkung besitzen soll. Ausserdem eine eigenthümliche krystallisirende Säure, die Hanfsäure, endlich Gerbsäure, wässerige Extractivstoffe, mineralische Salze. Diese Stoffe sind in der Tinctura Oannabis indicae sowohl, wie in dem Extractum Cannabis indicae zum Theil wenigstens enthalten, woraus sich leicht erklärt, dass diese Formen besonders geschätzte Arzneimittel nicht werden konnten, umsomehr, als der Gehalt der einzelnen Substanzen in den Rohmaterialien ein stets schwankender ist.“ [33]

In der heutigen chemischen und pharmazeutischen Literatur wird vielfach behauptet, dass 1896 erstmals Cannabinol (als C18 H24 O2) identifiziert worden sei – damals als den vermeintlichen Wirkstoff des Indischen Hanfes, nicht als ein nicht psychoaktives Cannabionid. [34] Die unmittelbar einsetzende Kritik verwies jedoch nicht allein auf die Unwahrscheinlichkeit, „dass eine so schwer zersetzbare Substanz wie das Cannabinol der Träger der Wirksamkeit der in dieser Hinsicht so leicht veränderlichen Droge sein könnte,“ [35] sondern konzentrierte sich auch andere Stoffe als vermeintliche psychoaktive Wirkstoffe. Die britischen Autoren räumten ihre technischen Fehler 1899 ein, behielten den Begriff Cannabinol, verwandten ihn nun aber für die auch heute noch gültige Summenformel C21 H26 O2. [36] Der Wiener Chemiker Sigmund Fränkel (1868-1939) nannte dies jedoch Pseudocannabinol und bezeichnete seinerseits 1903 C21 H30 O2 als Cannabinol. [37]

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Hunde im Cannabisrausch – Tierversuche von Sigmund Fränkel 1903 (Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 49, 1903, 280)

Dem Wiener Pharmazeut Max Czerkis gelang es kurz darauf dank „einer verbesserten Apparatur bei niedrigerem Druck und verfeinerter Messung“ [38] das Fränkelsche Cannabinol weiter auszudifferenzieren. Entsprechend plädierte er für C18 H24 O3 als eigentlichen Wirkstoff und als Ausgangspunkt für eine erstrebenswerte Isolation und Synthese. [39]

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Pharmazeutisches Laboratorium der Wiener Apotheke Zum heiligen Geist, 1910 – Wirkungsstätte von Max Czerkis (Pharmazeutische Post 43, 1910, 759)

Bei derartigen Rekonstruktionen geht es nicht darum, Fehler der Vergangenheit zu benennen, sondern die strukturellen Schwierigkeiten naturwissenschaftlicher Wirkungsnachweise und der ihnen zugrunde liegenden (kulturellen) Modellannahmen aufzuzeigen. Mit dem Cannabinol war für die Erforschung der Droge Hanf ein ähnliches Flaggenwort geschaffen worden, wie 1911 durch den russisch-polnischen Chemiker Casimir Funk (1884-1967) für die „Vitamine“. Wagende begriffliche Modelle wiesen der biochemischen Forschung mögliche Wege, auch wenn es sich sowohl bei den Vitaminen als auch beim Cannabinol um sehr heterogene Stoffgruppen handelte, für die ein einziges Erklärungsmuster nicht ausreichen konnte. Das wussten schon die Zeitgenossen: Der Zürcher Pharmakologe Carl Hartwich (1851-1917) monierte 1911: „Vielleicht ist das Cannabinol aber nicht allein Träger der Wirksamkeit, denn die damit beobachteten Erscheinungen scheinen nicht sehr stark gewesen zu sein. [40]“ Im seinerzeit maßgebenden pharmazeutischen Handbuch resümierte man 1919 mit wohlverstandener Demut: „Ueber die die narkotische Wirkung bedingenden Stoffe herrscht wenig Klarheit. Cannabin, Oxycannabin, Cannabinin, Tetano-Cannabin sind nicht einheitlich, sondern anscheinend Gemenge harzartiger Körper vielleicht mit Alkaloiden.“ [41] Die Cannabinoide sind auch heutzutage nicht vollständig analysiert – so wie ein Großteil auch werblich genutzter anderer Stoffgruppen, etwa der sekundären Pflanzenstoffe. Heute übernimmt das 1964 isolierte Tetrahydrocannabinol die Rolle als stofflicher Marker der psychoaktiven Wirksamkeit von Hanfprodukten. Dies ist jedoch nur eine Annäherung an komplexe Wirkungsmechanismen, die mit einer simplen stofflich reduzierten und kausalen Logik kaum vollständig einzufangen sind. Synthetische Vitaminpräparate wirken schließlich auch anders als die analogen Stoffkonglomerate frisch aus der Speise.

Trotz der beträchtlichen Unsicherheiten bei den Wirkstoffen blieben Präparate aus Indischem Hanf bis zu dem 1929 erfolgten Verbot gängige Apothekerwaren. [42] Der Grund für dieses Verbot war diplomatischer Natur, resultierte nicht aus hohen Raten Abhängiger oder größeren Gefahren für die vielbeschworene „Volksgesundheit“. Es wurde notwendig aufgrund der am 26. Juni 1929 erfolgten deutschen Ratifizierung des Genfer Opiumabkommens vom 19. Februar 1925 und diente vornehmlich der Harmonisierung der deutschen und der internationalen Rechtslage. Dazu galt es, das bereits am 21. März 1924 revidierte Betäubungsmittelgesetz vom 30.12.1920 zu verändern, mit denen das Deutsche Reich die Vorgaben des internationalen Opiumabkommens vom 23. Januar 1912 – und des Versailler Vertrages – in geltendes deutsches Recht umgesetzt hatte. Ziel war ein direkterer Durchgriff auf die Art und die Verwendung von Betäubungsmitteln, seinerzeit vor allem Opiumpräparate, insbesondere Kokain und Heroin. Damit war noch kein vollständiges Verbot ausgesprochen, wurde damit doch „ein Feind bekämpft, dessen Hülfe die Medizin immer noch nicht entbehren“ [43] konnte. Ärzte konnten Cannabispräparate weiterhin als Arznei nutzen.

Frühere Verbote, etwa das von Haschisch und dem Rauchen von Hanfsamen in Ägypten durch die französischen Kolonialherren vom Jahre 1800, waren Konsequenzen direkt beobachteter schädlicher Wirkungen. [44] In Deutschland gab es um die Mitte des 19. Jahrhunderts erste Verkaufsbeschränkungen, doch Verbote, Cannabis Indica an Nicht-Apotheker in Mengen nicht unter einem Pfund zu kaufen, dienten vornehmlich den Standesinteressen der Apotheker und Ärzte, waren noch nicht Maßnahmen der Drogenbekämpfung. [45] Hanf war Mitte des Jahrhunderts noch ein Alltagsprodukt, mochte es sich auch um Cannabis Sativa, nicht um Cannabis Indica handeln. Letzteres galt als Heilmittel. [46] Mit Gründung des Deutschen Reiches wurden Hanfpräparate daher apothekenpflichtig. [47]

Während der Jahrhundertmitte war der Präparatemarkt allerdings kaum reguliert. Pointiert hieß es aus Bayern: „Der Extract. Cannabis indicae wird jetzt auch in England, Frankreich und in einigen deutschen Städten ächt bereitet und von den Aerzten beliebig in Pillen, Tropfen oder Latwergen verabreicht. Als Narcoticum, leicht berauschendes Mittel, mag es seinen Werth haben, möglich, daß es in größerer Gabe auch krampf- und schmerzstillend wirkt.“ [48] Diese pharmazeutischen Präparate waren noch nicht standardisiert, auch wenn es Verfahren der Qualitätskontrolle gab. Sie erfolgten per Sinnesprüfung, wurden aber zunehmend in die Sprache der organischen Chemie überführt. Entsprechend hieß es in der seinerzeit führenden Arzneimittelkunde zu Hanfsamen bzw. Cannabis: „Geruch aller Pflanzentheile unangenehm, betäubend. Geschmak der Samen süßlich schleimig, unangenehm“ – und dann zu den Samenbestandteilen: „1) Fettes Oel. 2) Pflanzeneiweiss (Emulsin). 3) Schleimzucker mit Extractivstoff. 4) Braunes gummiges Extract. 5) Hanfharz. 6) Vegetabilischer Faserstoff. 7) Hülsen.“ [49]

Als Heilmittel wurde Hanf vor dem Aufkommen des Indischen Hanfes nur sporadisch genutzt. In den der Fürstin Philippine Welser zugeschriebenen Rezeptbüchern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts tauchten Hanfsamen als Mittel gegen Rachitis auf. [50] Auf die humoralpathologischen Verweise im Zedlerschen Universallexikon wurde schon hingewiesen. Krünitz erwähnte im späten 18. Jahrhundert die auch noch um 1900 üblichen Milchemulsionen aus Hanfkörnern, die Schwangeren stärkten und die Niederkunft verzögerten. [51] Auch der Kameralist Georg Gottfried Strelin (1750-1833) vermerkte „mancherley Heilkräfte“ [52] der Hanfpflanze, ging jedoch nur auf veterinärmedizinische Anwendungen ein. Erst im frühen 19. Jahrhundert gab es ein etwas stärkeres Interesse an der heimischen Gespinstpflanze, so etwa seitens des Begründers der Homöopathie Samuel Hahnemann (1755-1843). Dieser nutzte die gesamte Pflanze, verarbeitete sie zu Hanfsaft, mischte sie mit Ethanol, und wandte das so gewonnene Präparat gegen Geschlechtskrankheiten, Brustleiden und Erkrankungen der Sinnesorgane an. [53] Es war der Indische Hanf, der ein stärkeres Bewusstsein dafür schuf, dass Hanf auch ein gesundheitsförderliches Heilmittel sein konnte. [54] In den frühen 1850er Jahren nahm der Apotheker Stutzbach in Hohenmölsen, dann aber vor allem E. Merck in Darmstadt die Produktion von Cannabisextrakt auf. Dieser diente auch zur Produktion von Hanföl (für Einreibungen), Opodeldok (gegen Rheumatismen) und Hanfchloroform (zum Inhalieren). Neben dem Extrakt wurde auch Hanfbutter hergestellt, Stutzbach mischte zudem „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen. [55]

Hanf fand daher einen Platz im preußischen Arzneibuch von 1861. [56] Im ersten noch in lateinischer Sprache veröffentlichen reichseinheitlichen Arzneibuch waren 1872 dann die für die Folgejahrzehnte gängigen Präparate enthalten: Extractum Cannabis Indicae – Indischer Hanfextrakt, Fructus Cannabis – Hanfsamen, Herba Cannabis Indicae – Indischer Hanf und Tinctura Canabis Indicae – Indischhanftinktur. [57] Cannabis Indicae war damals ein Heilmittel, das (zumindest in Bayern) in jeder Apotheke vorrätig sein musste. [58] Art und Bedeutung dieser medizinische Hanfpräparate dokumentieren die einschlägigen Passagen aus der damals gültigen Arzneiverordnungslehre. [59] Sie wurden vornehmlich in Alkohol gelöst, dienten als Narkotikum, zur Hypnose, wurden gegen Asthma eingesetzt. Die Standardanwendungen verdeutlichen zugleich immense Dosierungsprobleme, die teils um das mehr als Zehnfache differierten. Die eher zurückhaltende Verordnungs- und Verabreichungspraxis der Ärzte resultierte auch aus den damit verbundenen Unsicherheiten.

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Werbung für Grimaults „Indische Cigaretten“ 1873 (Würzburger Stadt- und Landbote 1873, Nr. 47 v. 24. Februar, Beilage, 2)

Neben diesen Apothekerwaren gab es im Deutschen Reich, aber auch in anderen europäischen Staaten, eine Reihe von pharmazeutischen Markenartikeln. Das bekannteste Segment waren wohl Medizinalzigaretten, sog. „Asthma-Zigaretten“. Die seit 1867 in der gesamten westlichen Welt beworbenen und vertriebenen „Indischen Cigaretten“ des Pariser Pharmazieanbieters Grimault & Co. ragten hervor. Sie waren ein typisches Geheimmittel, sollten vor allem gegen Asthma und Bronchialkrankheiten helfen. Morgens und abends geraucht, „hören die Schwierigkeiten des Athmens, die Erstickungsanfälle und das pfeifende Athmen baldigst auf. Ein starker Auswurf wird dadurch ohne Anstrengung hervorgerufen, der trockene Husten vermindert sich, die Beklemmung verschwindet und ein wohlthuender Schlaf beendet die für den Kranken und seine Umgebung so peinlichen Symptome.“ [60] Grimaults Produkte waren in Deutschland bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erhältlich, auch wenn die Anpreisung als „Indische Cigaretten aus Cannabis Indica“ [61] offenkundig irreführend war. Chemische Analysen in Österreich fanden im Produkt 1880 lediglich Belladonnablätter. [62] Daraufhin wurde 1882 die Ein- und Durchfuhr der Zigaretten in Österreich verboten. [63] Weitere Untersuchungen in Deutschland bestätigten die Kernaussage, konnten jedoch sehr geringe Mengen von Cannabis Indica nachweisen. [64] Auch Hamburg untersagte daraufhin 1885 den Vertrieb, in Baden gab es einschlägige öffentliche Warnungen. [65] Grimaults Medizinalzigaretten verloren an Bedeutung, blieben aber Handelsartikel. Andere, ebenfalls meist aus Frankreich stammende Asthmazigaretten ohne Cannabiszusatz gewannen Marktanteile. Im deutschen und im österreichischen Markt gab es jedoch auch andere Cannabiszigaretten, etwa die 1900/01 beworbenen Bronchicol-Zigaretten. [66] In der Hanfaktivistenliteratur wurde ferner (ohne Beleg) behauptet, dass auch abseits von Apotheken erhältliche Zigaretten sowohl der im ägyptischen Port Said ansässigen Firma Simon Arzt als auch der Österreichischen Tabakregie Cannabiszusätze enthalten hätten. [67] Nachweise konnte ich allerdings nicht finden.

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Hanfextrakt gegen Hühneraugen. Werbung der Radlauerschen Kronenapotheke 1901 (Berliner Tageblatt 1901, Nr. 344 v. 10. Juli, 4)

Es gab zudem eine Reihe cannabishaltiger Arzneimittel. Hühneraugentinkturen und auch -pflaster enthielten in vielen Fällen Cannabisextrakte, auch wenn deren Handverkauf im Deutschen Reich erst ab 1896 erlaubt war. Sie wurden meist mit der 1874 isolierten und dann industriell hergestellten Salicylsäure und Kollodium kombiniert. [68] Die Angebote stammten anfangs vor allem von einzelnen Apothekern, wurden dann von US-Anbietern als Markenartikel und schließlich auch von führenden deutschen Pharmazieanbietern vermarkt. Einigen Schmerzmittel wurden ebenfalls Cannabisextrakt zugefügt. [69] Auch das seit Ende der 1880er Jahre in Deutschland angebotene und in den USA hergestellte Schlafmittel Bromidia enthielt Hanf und Bilsenkraut, vor allem aber Chloralhydrat und Brom. [70] Damit sind die wichtigsten Angebotsgruppen benannt, auch wenn die Zahl der Präparate natürlich größer war. Eine detaillierte Analyse folgt an anderer Stelle.

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Schlaf durch Bromidia – Anzeige von 1894 (Wiener Medizinische Wochenschrift 44, 1894, 44)

Fasst man zusammen, so findet man um die Jahrhundertwende eine nicht völlig vernachlässigbare, keineswegs aber wirklich bedeutsame Palette von grundsätzlich zugänglichen Cannabispräparaten. Sie wurden zumeist über Apotheker und Mediziner vertrieben und verordnet. Cannabisextrakte waren anfangs Teil des Bedeutungsgewinns moderner Pharmazeutika. Sie wurden, ähnlich wie die damaligen Arzneien Kokain, Heroin, Morphium oder Veronal, öffentlich beworben, waren also auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. [71] Cannabispräparate galten als Heilmittel, nicht als öffentliche Gefahr. Die Haschischkultur galt als exotisch, stand real und noch stärker imaginär für den Nahen Osten und Indien, nicht aber für die „zivilisierten“ Staaten Mitteleuropas. Es mag einen gewissen illegalen Handel mit ihnen gegeben haben, doch dieser hatte keinen nennenswerten Umfang. Selbst während der Nachkriegs- und Inflationsjahre gab es keine relevante öffentliche Debatte über Haschisch und Cannabispräparate – anders als etwa über Morphium und Kokain. Das Verbot 1929 war denn auch keineswegs einschneidend und wurde öffentlich kaum diskutiert.

Nach der Jahrhundertwende war die anfängliche Euphorie über den Indischen Hanf und seine vermeintlich vielfältigen Heilwirkungen schon längst verflogen. Im Rahmen des allgemeinen Aufschwunges der pharmazeutischen Industrie fanden sich Anwendungsfelder für Cannabispräparate, doch diese blieben eher randständig, zumal sie auch bei erfolgreichen Medikamenten eher Zusatzstoffe blieben. Cannabispräparate teilten somit das Schicksal vieler „Naturpräparate“. Sie wurden nur so lange genutzt, bis leistungsfähigere Arzneimittel mit standardisierter Zusammensetzung und klarer Wirkung verfügbar waren. Am wichtigsten wurde für Cannabis die Primärverwendung als Schlafmittel und der Sekundareinsatz bei Hühneraugenmittel. Asthmazigaretten bewarben zwar die heilende Wirkung des Cannabisextraktes, ihre Wirkung beruhte jedoch anderen Wirkstoffen. Obwohl es eine Reihe weiterer Anwendungsfelder gab, sank die Bedeutung des Indischen Hanfes im pharmazeutischen Sektor nach der Jahrhundertwende. Andere, wirkungsfähigere Medikamente kamen auf, traten an die Stelle von Präparaten, die mangels präziser chemischer Analytik und wegen unzureichender Kenntnisse der Wirkstoffe und Wirkmechanismen nur bedingt den Kriterien modernen Arzneimittel entsprachen. Cannabispräparate konnten im langen 19. Jahrhundert den in sie anfänglich gesetzten Hoffnungen nicht gerecht werden. Ihre höchste Bedeutung hatten sie in den 1890er Jahren, danach folgte ein relativer und dann auch absoluter Abstieg. Erst die spätere kulturelle Aufladung der Präparate durch einen Imagewandel auf Seiten der Konsumenten und eine in sich widersprüchliche Anti-Drogenpolitik machten Indischen Hanf wieder zu einem öffentlichen Thema. Der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes im langen 19. Jahrhunderts endete im frühen 20. Jahrhundert. Er endete nicht aufgrund einer damals noch nicht entwickelten Antidrogenpolitik. Er endete aufgrund der Marktmechanismen einer sich entwickelnden pharmazeutischen Industrie und einer wachsenden Zahl von Konsumenten, die Produkten mit relativ klaren Wirkungen und Wirkmechanismen ihr Vertrauen schenkten.

Uwe Spiekermann, 14. September 2019

Quellen- und Literaturhinweise:
[1] Die im 19. Jahrhundert noch gängige Unterscheidung von Cannabis Sativa und Cannabis Indica als zwei strikt unterschiedliche Pflanzenarten wurde zunehmend zugunsten der Vorstellung von nur einer, sich jeweils spezifisch an Klima und Böden angepassten Pflanzart aufgegeben.
[2] Vgl. Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, insb. 7.
[3] Eine Zusammenfassung des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Wissens findet sich – mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen – in: Eva Hoch, Chris Maria Friemel und Miriam Schneider (Hg.), Cannabis: Potenzial und Risiko, Berlin 2019 resp. Ernst Small, Cannabis. A Complete Guide, Boca Raton 2017 (mit irreführenden Hinweisen auf Gefängnisarbeit, ebd., 94).
[4] Barna Bridgeman und Daniel T. Abazia, Medical Cannabis: History, Pharmacology, And Implications for the Acute Care Setting, Pharmacy & Therapeutics 42, 2017, 180-188 enthält lediglich ein Zerrbild der Nutzung des Hanfes für medizinische Zwecke. Fundierter, doch mit zahlreichen Lücken insbesondere im späten 19. Jahrhundert ist Raphael Mechoulam und Lumir Hanus, A historical overview of chemical research on cannabinoids, Chemistry and Physics of Lipids 108, 2000, 1-13. Ein Kernproblem derartiger Publikationen ist die unreflektierte mangelnde Sprachkenntnis der Autoren – und die damit verbundene Ausgrenzung der nicht angelsächsischen Wissenschaftskulturen.
[5] Winfried Häuser, Cannabis als Medizin, in: Eva Hoch, Chris Maria Friemel und Miriam Schneider (Hg.), Cannabis: Potenzial und Risiko, Berlin 2019, 26-30, hier 26.
[6] Vgl. Heinrich Tappe, Auf dem Weg zur modernen Alkoholkultur. Alkoholproduktion, Trinkverhalten und Temperenzbewegung in Deutschland vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1994; Hasso Spode, The first step toward sobriety: the „Boozing Devil“ in sixteenth-century Germany, Contemporary Drug Problems 1995, 453-483.
[7] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 461-462.
[8] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 826.
[9] Die geographische Verbreitung der Berauschungsmittel, Das Ausland 3, 1830, Nr. 181 v. 30. Juni, 723-724, hier 724.
[10] Literarische Zeitung 1843, Nr. 26 v. 1. April, Sp. 422.
[11] Ferd[inand] Tscheppe, Chemische Untersuchung der Hanfblätter, Med. Diss. Tübingen 1821, 3 (mit weiterer Literatur).
[12] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 425.
[13] Vgl. die Literatur in Georgius Freudenstein, De Cannabis Sativae usu ac viribus narcoticis, Marburg 1841.
[14] A.W. Varges, Cannabis indica, Zeitschrift des Deutschen Chirurgen-Vereins 3, 1849, 280-288, hier 280.
[15] Sigmund Schlesinger, Untersuchung der Cannabis sativa, Repertorium der Pharmacie 71, 1840, 190-208.
[16] Ueber Cannabis indica (Indian hemp, Gunjah), von O’Shaugnessy, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 523-524; Gebrauch von Haschisch in Algier, Das Ausland 15, 1842, 499. Als Bezugsgröße dienten zumeist die Publikationen von Ley, Pereira und vor allem O’Shaugnessy, so insbesondere W[illiam] B. O’Shaughnessy, On the Preparations of the Indian Hemp, or Gunjah, (Cannabis Indica), Provincial Medical Journal 6, 1843, Nr. 123, 363-369.
[17] A.W. Varges, Ref. v. Cannabis indica; vom Geh. Sanitätsrat Dr. Wolff, Zeitschrift des Deutschen Chirurgen-Vereins 3, 1849, 65-87.
[18] Franz von Kobylanski, Ueber den Indischer Hanf, mit besonderer Rücksicht auf seine wehenbefördernde Wirkung, Würzburg 1852; Bayerisches Volksblatt 1852, Nr. 227 v. 19. August, 900. Vgl. allgemein Alexander Christison, On the Natural History, Action, and Uses of Indian Hemp, Edinburgh 1851.
[19] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 109.
[20] [Georg] Fronmüller, Klinische Studien über die schlafmachende Wirkung der narkotischen Arzneimittel, Erlangen 1869, 46.
[21] Haschisch-Trunkenheit, Die Gartenlaube 1854, 368; Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, passim.
[22] Heinrich Gottfried Schneider, Handbuch der reinen Pharmakodynamik, Bd. I, Magdeburg 1853, 458-460.
[23] Alonzo Calkins, Opium and the opium-appetite, Philadelphia 1871, 320-330.
[24] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 103-104 (für alle Zitate).
[25] E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Anwendung, Deutsche Klink 1870, Nr. 28 und 29, hier 313.
[26] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[27] Michael Benedict Lessing, Handbuch der speciellen Praktischen Arzneimittellehre, 8. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Leipzig 1863, 34. Auch deshalb unterblieb ein Einsatz als Tierfutter, ansonsten ein gängiges Testfeld vor dem Einsatz am Menschen, vgl. Gutachten über die Wirkung gedörrter Hanfblätter auf die Milchsekretion und Käsebereitung, Archiv für Thierheilkunde 21, 1855, 54-58.
[28] Zur Kritik der Extract-Vorschriften und über fabriksmässig dargestellte Extracte. Aus dem Laboratorium von G. Hell & Comp., Pharmaceutische Post 27, 1894, 147-149, hier 148.
[29] Ueber Hanfsamen und Hanfsamenöl, Drogisten-Zeitung 12, 1897, 484-485.
[30] Vgl. Ueber den indischen Hanf und dessen wirksames Bestandtheil, Archiv der Pharmazie 211, 1877, 189; Der Indische Hanf und dessen wirksames Princip, Archiv der Pharmazie 212, 1878, 378.
[31] Haschisch, Internationale Ausstellungs-Zeitung. Beilage zur Neuen Freien Presse 1873, Nr. 3259 v. 19. September, 2-3, hier 2.
[32] Ernst Schmidt, Ausführliches Lehrbuch der pharmaceutischen Chemie, Bd. 2, 3. verm. Aufl., Braunschweig 1896, 1477.
[33] Bernhard Fischer, Die Neueren Arzneimittel, 5. stark verm. Aufl., Berlin 1893, 291.
[34] T[homas] Barlow Wood, W.T. Newton Spivey und Thomas Hill Easterfield, Charas. The Resin of Indian Hemp, Journal of the Chemical Society, Transactions 69, 1896, 539-546.
[35] Indischer Hanf, Drogisten-Zeitung 13, 1898, 228.
[36] Thomas Barlow Wood, W.T. Newton Spivey und Thomas Hill Easterfield, Cannabinol. Part I., Journal of the Chemical Society, Transaction 75, 1899, 20-36, hier 20.
[37] Sigmund Fränkel, Chemie und Pharmakologie des Haschisch, Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 49, 1903, 266-284, hier 275.
[38] Max Czerkis, Ueber Cannabinol, den wirksamen Bestandteil des Haschisch, Pharmazeutische Post 40, 1907, 49-51, 69-70, 97-98, hier 97.
[39] M[ax] Czerkis, Ueber Cannabinol, den wirksamen Bestandteil des Haschisch, Pharmazeutische Post 42, 1909, 794-795.
[40] C[arl] Hartwich, Die menschlichen Genussmittel, Leipzig 1911, 236.
[41] B[ernhard] Fischer und C[arl] Hartwich (Hg.), Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1919, 591. Ähnlich urteilte Wilhelm Mitlacher, Die offizinellen Pflanzen und Drogen, Wien/Leipzig 1912, 13.
[42] Einen anregenden Überblick bietet – trotz der Fokussierung vor allem auf die Schweiz – J[akob] Tanner, Kurze Geschichte und Kritik der Drogenprohibition im 20. Jahrhundert, Zeitenblicke 8, 2009, Nr. 3 (http://www.zora.ush.ch).
[43] H. Rebmann, Kampf den Nervengiften! Nach der Konvention des Völkerbundes, Vorwärts 1930, Nr. 58 v. 4. Februar, 5.
[44] L[ouis] Lewin, Phantastica. Die betäubenden und erregenden Genussmittel, Berlin 1924, 102.
[45] Verzeichniß derjenigen chemischen und pharmazeutischen Präparate und Arzneiformen, welche Nicht-Apotheker nicht unter einem bürgerlichen Pfunde verkaufen dürfen, Amtsblatt der Regierung zu Düsseldorf 1858, Nr. 33 v. 5. Juni, 341-349, hier 344 (aufgrund der Verordnung den Debit der Arzneiwaaren betreffend v. 29. Juli 1857, einer Revision des Reglements vom 16. September 1836).
[46] Der Begriff Heilmittel wird hier im modernen pharmazeutischen Sinne verstanden. Im heutigen Buchmarkt kursieren stattdessen zahlreiche unwissenschaftliche Publikationen, etwa Wernard Bruining, Hanf heilt. Die Wiederentdeckung einer uralten Volksmedizin, Immenstadt 2013.
[47] So die Verordnung v. 25. März 1872 (Amtsblatt der königlichen Regierung zu Düsseldorf 1872, Nr. 18 v. 4. Mai, 149-152, hier 151), die durch die Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln v. 4. Januar 1875 nochmals bestätigt wurde (Amtsblatt der Königlichen Kreishauptstadt Landshut 1, 1875, Nr. 3 v. 27. Januar, 15-16, hier 16).
[48] Bayerisches Volksblatt 4, 1852, 900.
[49] Michael Benedict Lessing, Handbuch der speciellen Praktischen Arzneimittellehre, 8. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Leipzig 1863, 34.
[50] Otto Zekert, Die Rezeptsammlung der Philippine Welser (Fortsetzung), Scientia Pharmaceutica 12, 1941, 1-4, hier 4.
[51] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[52] Georg Gottfried Strelin, Realwörterbuch für Kameralisten und Oekonomen, Bd. 4, Nördlingen 1788, 514.
[53] Samuel Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, T. 1, 2. verm. Aufl., Dresden 1822, 145-165.
[54] Die einschlägige medizinische Literatur vornehmlich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien wurde (mit manchen Lücken) chronologisch zusammengestellt von Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 5-16.
[55] Ebd., 39, 58-63.
[56] O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung sämmtlicher in der Pharmacopoea Borussica aufgeführten offizinellen Gewächse, H. 17-24, Leipzig 1861, Tafel XIXb.
[57] Pharmacopoea Germanica, Berlin 1872, 111, 160, 175, 342.
[58] Verzeichniß derjenigen Arzneistoffe und Präparate, welche in jeder selbstständigen Apotheke vorhanden sein müssen, Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberbayern 1872, Nr. 95 v. 5. November, Sp. 2106-2122, hier Sp. 2114.
[59] Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 299, 481, 684.
[60] Karlsruher Zeitung 1881, Nr. 33 v. 8. Februar, s.p.
[61] Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 150 v. 1. Juni, 4.
[62] Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349.
[63] Bozener Zeitung 1882, Ausg. v. 21. Juni, 3.
[64] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 191.
[65] Pharmazeutische Post 31, 1898, 381.
[66] Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 568 v. 5. Dezember, 11.
[67] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 165.
[68] Hermann Hager, Kommentar zum Arzneibuch für das Deutsche Reich, Ausgabe 3, Bd. 1, Berlin 1891, 151.
[69] Die Angabe von Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 148, dass das 1894 eingeführte Migränin Hanfextrakt enthalten habe, ist falsch.
[70] Drogisten-Zeitung 3, 1888, 466.
[71] Das gilt auch für Suchtfolgen, annoncierten Sanatorien doch für Entziehungskuren, so etwa Illustrirte Zeitung 113, 1899, 547; Der Welt-Spiegel 1924, Ausg. v. 27. April, 7.

Von der Kunstbutter zur Margarine – Eine Exkursion zu den Anfängen der Speisefettproduktion 1860-1890

„Margarine“ ist eine Sprachschöpfung des deutschen Reichstages. Das 1886 vorgelegte Gesetz „betreffend den Verkehr mit Ersatzmitteln für Butter“ sollte gemäß Regierungsvorlage lediglich Ordnung in den chaotischen Markt mit der neuartigen „Kunstbutter“ bringen. Doch für die Mehrheit der Parlamentarier war das nicht ausreichend. Sie wollte die Veränderungen im Fettsektor auch sprachlich einhegen und damit bändigen. Der fremde, wissenschaftlich hergeleitete Begriff „Margarine“ dient seit dem Erlass des ersten „Margarinegesetzes“ 1887 als Dachbegriff für eine stetig wachsende Zahl von Fettzubereitungen, die nicht Talg, vor allem aber nicht Butter waren. „Reine“, „gute“ Butter, versteht sich.

Margarine wurde eine Erfolgsgeschichte, global, aber auch in Deutschland: Die Produktion stieg von ca. 15.000 t 1887 über 100.000 t 1900 auf 210.000 t 1913 (W[alther] G. Hoffmann, 100 Years of the Margarine Industry, in: J[ohannes] H[ermanns] van (Hg.), Margarine. An Economic, Social and Scientific History 1869-1969, Liverpool 1969, 9-36, hier 22). Der Aufschwung während der Weimarer Zeit war noch spektakulärer, später konnte gar der Konsum von Butter übertroffen werden. Auch wenn die heutigen Konsumdaten weit unter dem Spitzenwert von 1970 liegen (8,9 kg pro Kopf und Jahr versus heutzutage ca. 4 kg), so war doch klar, dass die Margarine gefeiert werden musste, als sich am 15. Juli der Tag des Patentantrages des französischen Chemikers Hippolyte Mège-Mouriès (1817-1880) zum 150sten Male jährte. Medien sekundierten (Erinnerung im Deutschlandfunk) – und ich war selbst Teil der erinnernden Gratulantenschar.

Derartige „runde“ Gedenktage konzentrieren sich auf simplifizierte Kernthemen, also den heroischen Erfinder, die Durchsetzung der Erfindung, den Kampf zwischen Butter und Margarine und die vielfältigen Wandlungen der „Margarine“. Die „Story“ scheint klar: Vor 150 Jahren entstand demnach ein wissenschaftliches, ein menschengemachtes neues Nahrungsmittel, das billiges Fett für Ärmere erschwinglich machte, das sich dank seiner Wandlungsfähigkeit gegen die harte und vielfach unfaire Konkurrenz der Butterproduzenten hat durchsetzen können. All das ist richtig – doch die Geschichte der Margarine ist natürlich weit komplexer.

Leisten wir uns deshalb ein wenig Abstand. Gewiss, „Margarine ist Armeleutebutter!“  (W[ilhelm] Fahrion, Die Fabrikation der Margarine, des Glycerins und Stearins, Berlin/Leipzig 1920, 5). Gewiss, Margarine war Fortschritt. Zumindest aus unserer heutigen Sicht. Doch vor 150 Jahren sah die Welt anders aus. Die harten Debatten um die Kunstbutter waren auch ein Signet für das Ende des bäuerlichen Universums, jener transnationalen, vornationalen und vorindustriellen Welt, deren Zernierungsprozess schon im späten 18. Jahrhundert einsetzte und sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker beschleunigte (Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften, 7. Aufl., Berlin (West) 1979, 44-48). Margarine stand nicht nur für sich, sondern zugleich für neue Ordnungsregime, für eine grundlegende Veränderung der westlichen Welt, in der es nun nicht mehr um die unbedingt notwendigen Güter ging, sondern um neue Angebote, um konsumtive Landnahmen. Dazu musste neue wissenschaftliche Nahrung nicht nur erfunden, sondern durchgesetzt, integriert und reguliert werden.

Blickt man auf die Fachliteratur, so thematisiert sie kursorisch den Moment der Erfindung der Margarine, konzentriert sich dann jedoch voranging auf die Entwicklungen nach der Benennung der „Margarine“. Präsentiert wird die Karriere eines industriell hergestellten Massengutes, das als Markenartikel dank Preiswürdigkeit, strikter Hygiene und ansprechender Reklame neue Käufer gewann, das aber zunehmend staatlich und auch gesellschaftlich reguliert wurde (vgl. etwa Birgit Pelzer und Reinhold Reith, Margarine. Die Geschichte der Kunstbutter, Berlin 2001). Im Folgenden werde ich stattdessen früher, bei den fehlenden zwei Jahrzehnten ansetzen, um die Bedeutung der „Margarine“ angemessener zu verstehen: Wie war die Versorgungssituation vor der Einführung der Kunstbutter? Wie und warum setzte sich die Kunstbutter durch? Welche Probleme rief das neue Produkt hervor? Wie und warum wurde aus der Kunstbutter die „Margarine“? Finden wir hierauf Antworten, so können wir den relativen Furor der Debatten über „Margarine“ besser verstehen und sie zugleich als einen konsumtiven Marker des Endes des bäuerlichen Universums einordnen.

Fette und Ersatzfette vor der „Margarine Mouriès“

Der neue Begriff „Margarine“ rief 1887 breite und kontroverse Debatten hervor. Zwanzig Jahre zuvor wäre er dagegen gänzlich unverständlich gewesen. „Margarin“ war bekannt, jedoch aus anderen Zusammenhängen. So etwa der frühen, vornehmlich von französischen Chemikern geprägten Fettchemie (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 51-52). Eugéne Chevreul (1786-1889) isolierte in den 1810er Jahren erste Fettsäuren, darunter auch die „acide margarique“ (M[ichel] Eugéne] Chevreul, Recherches chimiques sur les Corps d’Origine Animale, Paris 1823, 59-65). Die Eindeutschung „Margarine“ folgte unmittelbar, konnte sich aber nicht behaupten (Morgenblatt für die gebildeten Stände 1814, Nr. 105 v. 3. Mai, 420; Leipziger Literatur-Zeitung 1816, Nr. 82 v. 2. April, Sp. 650). Chemiker sprachen stattdessen von der Margarinsäure beziehungsweise Margarin.

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Werbung für Margarin-Kerzen in München 1838 (Münchener Politische Zeitung 1838, Nr. 253 v. 24. Oktober, 1560)

Die Fettchemie hatte praktische Folgen. Seit den 1820er Jahren konnte man etwa in Frankreich, dann auch darüber hinaus, Margarin-Kerzen kaufen (Nicolas Clément‐Désormes, Ueber Beleuchtung, Dinglers Polytechnisches Journal 32, 1829, 104-111, hier 110). Sie wurden erst während der Jahrhundertmitte von preiswerteren Sorten verdrängt. Zum Speisefett aber mutierte „Margarine“ in der Tat erst durch das neue Verfahren von Mège-Mouriès. Er nannte sein Produkt 1869 „beurre economique“, vermarktet wurde es dann seit 1872, vielleicht auch schon früher, als „Margarine Mouriès“.

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Vorstellung der Margarine Mouriès 1874 (Le Voleur 1874, Nr. 907 v. 20. November, 746)

Während aber das Produkt seit den frühen 1870er Jahren vermehrt Absatz fand, konnte sich der Begriff Margarine im Markt anfangs nicht durchsetzen. Zu stark wirkte das Referenzprodukt, die Butter, ein aus Milchrahm hergestelltes Speisefett. Margarine war ein Ersatzprodukt, ein preiswertes Buttersubstitut. Dies spiegelte die Produktbezeichnung, denn „Margarine“ entstand als Kunst-, als Sparbutter – und diese Begriffe deckten zugleich ein weit über die französische „Margarine Mouriès“ hinausreichendes Gütersortiment ab.

Der Fettkonsum der 1860er Jahre unterschied sich tiefgreifend von dem unserer Zeit. Pflanzliche Fette waren, mit Ausnahme des Rapsöls, selten und teuer, zumal sie vielfach auch gewerblich genutzt wurden (zum Hanföl vgl. Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfs). Fett stammte zumeist aus tierischen Nahrungsquellen. Es dominierte die fast durchweg aus Kuhmilch hergestellte Butter. Spätere Berechnungen des Statistischen Reichsamtes schätzten den jährlichen Prokopfkonsum 1860 auf etwa 5 kg, 1880 und 1900 auf je 6 kg. Das war ungefähr das heutige Konsumniveau (2018 ca. 5,8 kg). Tierische Fette besaßen dagegen einen deutlich höheren Stellenwert. Die entsprechenden Konsumdaten für Talg lagen bei 3,5, 2 und einem Kilogramm (Werner Schüttauf, Die Margarine in Deutschland und in der Welt, 4. verb. u. erw. Aufl., s.l. 1962, Tab. 33). Dieser rasche Rückgang wurde anfangs jedoch nicht durch einen höheren Konsum von pflanzlichen Fetten kompensiert, stattdessen gewann Schweineschmalz an Bedeutung, knapp die Hälfte davon Importware (2, 3,5 und 5 kg/Kopf und Jahr). Der Import von Ölsaaten stieg erst in den 1890er Jahren deutlich an, diente zuvor auch vielfach als Tierfutter. Und der „Margarine“-Konsum lag 1880 lediglich bei 0,2 kg pro Kopf, erreichte 1890 dann ein, 1900 schließlich zwei Kilogramm. Der Veränderungen im Konsum tierischer Fette resultierten dabei nicht aus fehlender Nachfrage, sondern waren Resultat grundlegender Veränderungen im Angebot. Die Mechanisierung der Landwirtschaft setzte erst langsam ein, Kühe und Ochsen waren um die Jahrhundertmitte vornehmlich Arbeitstiere. Sie wurden meist mehr als zehn, teils fünfzehn Jahre alt; und erst dann setzten sie wirklich Fett an. Dies veränderte sich mit der wachsenden Bedeutung der Fleischmast einerseits, der Milch- und Butterwirtschaft anderseits. Sie führten zu einer deutlich niedrigeren Lebensdauer der Nutztiere – und parallel stieg die Bedeutung von Butter und Schweineschmalz einerseits, Pflanzenölen anderseits. Die veränderte Nutzung der Tiere im Deutschen Reich wurde vorrangig durch Importe kompensiert.

Vor dem Hintergrund einer immer rascher zunehmenden Bevölkerung, der wachsenden Kaufkraft bürgerlicher Konsumenten sowie neuer von Marktversorgung abhängiger gewerblicher Arbeiter kam es in den 1850er und 1860er Jahren zu deutlichen Preissteigerungen bei allen Fettarten. Dies betraf Butter in besonderem Maße und führte zu einer beträchtlichen Marktspreizung: Während erstklassige frische Butter „mehr und mehr Luxusartikel“ (Wilhelm Fleischmann, Das Molkereiwesen, Braunschweig 1875, 671) wurde, führte die wachsende Nachfrage gerade in den Städten zu überdurchschnittlichen Preissteigerungen geringerer Qualitäten. Butter war damals keineswegs das standardisierte, wohlgekühlte Produkt, das wir heute kaufen. Die in Kübeln und Fässern transportierte Butter war vielmehr eine äußerst heterogene Ware, die teils durch Hausierer, teils auf Wochenmärkten, zunehmend aber in nun massenhaft entstehenden Verkaufsläden abgesetzt wurde. Die noch geringe Zahl der Molkereigenossenschaften bewirkte zwar Qualitätsverbesserungen, doch der Einsatz mechanischer Milchzentrifugen und wirksamer Kühleinrichtungen mit Natureis erfolgte erst in den späten 1870er Jahren (Helmut Ottenjann und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels, Cloppenburg 1996). Butter war damals ein hygienisch heikles Nahrungsmittel, dessen Geruch und Geschmack stark vom Produktions-, Transport- und Absatzumfeld abhingen und das rasch verdarb (H[einrich] Beckurts, Ueber die Prüfung der Butter auf ihre Verfälschungen, Correspondenz-Blatt des niederrheinischen Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege 8, 1879, 61-63, hier 61). Ranzige Fette waren nicht unüblich und die damalige Bewertung von Fetten kreiste immer wieder um deren Geruch.

Ein standardisiertes und preiswertes Buttersurrogat erschien demnach erstrebenswert: „Gelänge es, gute Kunstbutter aus anderen thierischen Fetten zu bereiten, so ließen sich die letzteren höher, als dies früher möglich war, verwerthen, es würden die Betrügereien im Butterhandel auf ein erheblich geringeres Maß zurückgeführt, es würde der Volksernährung ein nicht geringer Dienst erwiesen, ohne daß der rationellen Production von feiner Butter eine fühlbare Concurrenz erwüchse, ja es ließe sich vielleicht sogar ein Theil der Milch, welche seither der Butterfabrikation diente, zum Segen ganzer Länder als directes Nahrungsmittel wiedergewinnen“ (Fleischmann, 1875, 671). Entsprechende Bemühungen begannen spätestens in den 1810er Jahren, nach den ersten Fortschritten der Fettchemie. Dazu wurden nahezu alle verfügbaren Fette genutzt. In der Hauswirtschaft konzentrierte frau sich auf die Substitution der Butter beim Kochen und Braten, wobei Rinder- und Schweinefett, Speck, aber auch Raps-, Lein-, Oliven- und Palmöl genutzt wurden. „Gute“ Butter diente vorrangig als eine direkt konsumierte Speise, etwa als Brotbelag oder Brotaufstrich. Spätestens seit den 1840er Jahren, parallel zu den beträchtlichen Fortschritten der organischen Chemie, kamen zudem Fettgemische und sog. „Kunstprodukte“ auf, etwa Schmalzöl (aus Rinderfett und Rapsöl) oder Butteröl (aus Erdnussöl) (Johann Carl Leuchs, Kunstbutter, Oelschmalz, Schmalzöl und entwässerte Butter mit großem Gewinn sowohl in Haushaltungen als in Fabriken zu bereiten, 2. ganz umgearb. Ausg., Nürnberg 1877). Auch Schmalzbutter (aus Rindertalg, Schweineschmalz, Palm- und Rapsöl) fand Käufer (H[ermann] Weigmann, Die Kunstbutter, Landwirthschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 40, 1883, 409-410, hier 409). Diese Fettmischungen besaßen teils nur lokale Bedeutung, auch wenn sie auf dem neuen universellen Wissen der Chemiker und auch Praktiker gründeten. Die seit den späten 1860er Jahren rasch wieder ansteigenden Fettimporte aus den USA, insbesondere von Rindertalg und Schweineschmalz, unterstreichen jedoch eindringlich, dass derartige Fettgemenge zugleich Bausteine der Zernierung bäuerlich-dörflicher und regionaler Produktions- und Konsumweisen waren. Die sich sozial rasch ausdifferenzierenden und vermehrt von Verstädterung und gewerblichem Aufschwung gekennzeichneten Gesellschaften Europas durchbrachen die strukturellen Grenzen der tradierten Bauernwirtschaft durch neues Wissen, einen wachsenden internationalen Güteraustausch und durch neue Techniken der Nahrungsmittelproduktion.

Zahlreiche Vorschläge und Verfahren für neuartige Kunstfette waren die Folge. Breite Beachtung in der Fachliteratur fand beispielsweise das 1846 gewährte Patent des Londoner Kerzenproduzenten und Erfinders William Palmer (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Giftmörder). Er behandelte Rinder-, Kälber- und Schaffett mit Lorbeerblättern, um so dessen Geschmack butternah zu machen (The Patent Journal and Inventors‘ Magazine 1, 1846, 367; Du Beurre artificiel, Bulletin Commercial 6, 1878, 117-120, hier 120). Dieses Verfahren setzte sich nicht durch, doch festzuhalten ist, dass die kreative Produktion von Kunstbutter schon vor der Erfindung der „Margarine“ auch großbetrieblich erfolgte. „Flämische Butter“ wurde beispielsweise in großen Mengen für den englischen Markt hergestellt: Sie bestand aus importiertem englischen Rindertalg, der mit vorbehandeltem Mehl zu einer Masse vermengt wurde, der dann 35 Prozent Wasser hinzugefügt wurden (Butter aus Ochsentalg, Industrie-Blätter 7, 1870, 31). Butter wurde dagegen noch großenteils in Bauernwirtschaften hergestellt, wenngleich Genossenschaftsmolkereien seit den 1860er Jahren rasch an Bedeutung gewannen. Sie zentralisierten die Butterproduktion, standen für die Prosperität und Wettbewerbsfähigkeit der immer stärker betriebenen, weil lukrativeren bäuerlichen Milchwirtschaft (zur früher einsetzenden Marktversorgung vgl. Uwe Spiekermann, Milchkleinhandel im Wandel. Eine Fallstudie zu München 1840-1913, Scripta Mercaturae 27, 1993, 91-145). Sie etablieren zugleich aber Produktionsstandards, die den betrieblichen Alltag verstärkt bestimmten und mittelfristig grundlegend veränderten.

Während der Handel mit Kunstbutter und Fettmischungen in den Hafenstädten Belgiens, der Niederlande und Großbritanniens bereits auch großbetrieblich betrieben wurde, blieb er in deutschen Landen auf kleinere Unternehmen begrenzt. Dies lag nicht nur am Fehlen eines nationalen Marktes, sondern auch an der vor der Reichsgründung teils noch nicht bestehenden Gewerbefreiheit. So bot der Münchener Seifensieder Elkan Feuchtwanger (1823-1902), Großvater des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1845-1947), spätestens seit 1865 eine „Schmalzbutter“ an, gefertigt aus Butter-, Schweineschmalz und Nierenfett (fehlerhaft und spekulativ hierzu Heike Specht, Die Feuchtwangers, Göttingen 2006, 51-52). In Nürnberg intervenierten daraufhin lokale Kaufleute und verlangten, den Namen in „Kunstbutter“ umzuändern. Der Magistrat erlaubte den Vertrieb des neuen Produktes, allerdings nur ohne Nennung des Begriffes „Butter“ (Nürnberger Anzeiger 1865, Nr. 312 v. 11. November, 2). In Augsburg wurde ihm der Verkauf durch den obersten Gerichtshof gar verboten, obwohl Feuchtwanger die Bestandteile seiner künstlichen Butter bewusst öffentlich ausgelobt hatte. Derartige Verbote geschahen damals nominell im Interesse des Publikums, „um dasselbe vor Uebervortheilung und Betrug zu sichern […], da auch leicht solche falsche Waare für ächte an irgend einem Platz feilgeboten werden könnte“ (Oeffentliche Sitzung des Stadtmagistrats am 11. September 1866, Augsburger Neueste Nachrichten 1866, Nr. 250 v. 12. September, 2988; zu den verschiedenen Prozessen s. Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt der Pfalz 1866, Nr. 70 v. 7. September, Sp. 1268-1273). Es wurde durchaus abgewogen zwischen Konsumenten- und Gewerbeschutz einerseits, sozialen und unternehmerischen Interessen anderseits.

Dabei gingen die Gerichte meist von souveränen Konsumenten mit einschlägigen Marktkenntnissen aus. 1867 wurde in Bayern beispielsweise eine Kunstbutter erlaubt, obwohl sie ähnlich aussah wie Butterschmalz: „Sollte also auch die sogenannte Kunstbutter im Inlande in den Handel und insbesondere in den Kleinverkehr gelangen, was bisher nicht geschehen zu sein scheint, so besteht selbst, abgesehen von den öffentlichen Bekanntmachungen und dem Unterschiede des Preises, welche Umstände bald von dem neuen Producte reden machen und das Publikum belehren würden, insolange keine Gefahr für das Publikum, als bis es etwa den Fabrikanten gelingen würden, die Kunstbutter dergestalt zu verfertigen, daß deren Unterschied von dem Kuhbutterschmalze nicht sofort von Jedermann erkannt werden könnte“ (Die Fälschung von Nahrungsmitteln, hier die Fabrikation der sogenannten Kunstbutter betreffend, Königlich-bayerisches Kreis-Amtsblatt der Oberpfalz und von Regensburg 1867, Nr. 21 v. 9. März, Sp. 279-281, hier Sp. 280). Auch die vom Münchener Fabrikanten Heinrich Murr aus Rinder- und Schweinefett sowie Sesamöl hergestellte Kunstbutter entstand deutlich vor der „Margarine“ von Mège-Mouriès (Ingolstädter Tagblatt 1869, Nr. 176 v. 29. Juli, 716; Das Bayrische Vaterland 1869, Nr. 102 v. 30. Juli, 4). Vor diesem Hintergrund ist die später aufgestellte und von der Forschung grundsätzlich übernommene Aussage, dass alles, was vorher unter dem Namen Kunstbutter auf den Markt kam, „mehr oder weniger fragwürdig, nicht selten sogar widerwärtiger Natur“ (Paul Lohmann (Hg.), Lebensmittelpolizei, Leipzig 1894, 223) gewesen war, kaum zutreffend. Die strikte Gegenüberstellung von Margarine und Butter ist eine nachträgliche Simplifizierung der Marktsituation der 1860er bis 1880er Jahre, die nicht zuletzt dazu diente, eine Regulierung des Kunstbuttermarktes zu erreichen (Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg. – II. Sess. 1878, Bd. 4: Anlagen, 766-830, hier 785-786). In deutschen Landen sollte es Jahrzehnte dauern, bis sich „Margarine“ gegenüber den vielfältigen Kunstbutterarten durchsetzen konnte. Es handelte sich eben nicht nur um grundsätzlich substituierbare Waren. Der Fettwandel veränderte schließlich auch den Geschmack der Speisen. Tierische Fette und Ersatzprodukte wurden im Nachhinein immer wieder als streng riechend und grob schmeckend bewertet (Adolph Jolles, Ueber Margarin. Eine hygienische Studie, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 15-42, hier 16). Derartige Quellen spiegeln vorrangig einen generellen Geschmackswandel weg vom „Derben“, hin zum feineren Lebensmittel oder, allgemeiner, die Verschiebung von einer ländlich-lokalen zu einer städtisch-internationalen Alltagskost.

Die „Margarine Mouriès“ zwischen Mythos und Markt

Kommen wir nun zur „Margarine“. Angesichts der offenkundigen Bedeutung des neuen Nahrungsmittels sollte anzunehmen sein, dass zumindest deren Entstehungsgeschichte präzise nachzuzeichnen sei. Doch schon über Hippolyte Mège-Mouriès ist erstaunlich wenig bekannt. Er war Chemiker und Praktiker, aktiv in der Anwendung des neuen naturwissenschaftlichen Wissens. Schon in den 1850er Jahren produzierte er Gesundheitsschokoladen, fortifiziert mit Kalzium, Phosphat und Eiweiß. Seinen Zeitgenossen war er vornehmlich durch Arbeiten zu einer rationellen Brotproduktion bekannt (J[an] van Alphen, Hippolyte Mège Mouriès, in: Stuyvenberg (Hg.), 1969, 5-8). Mit der Fettchemie hatte sich der Schüler Chevreuls intensiv beschäftigt und produzierte seit 1862 auf eigene Rechnung Seife (Sur la fabrication du savon, par M. Mège Mouriès, Bulletin de la Société Chimique de Paris NS 2, 1864, 138). Anfang 1867 soll er dazu täglich 3000 Pfund Stearin und Oleo-Margarin verarbeitet haben (A new Method of Saponification, Scientific American 16, 1867, Nr. 9 fr. March 2, 134). Es liegt nahe, dass Mège-Mouriès damals nach lukrativeren Verwendungsmöglichkeiten zumal für das Speisefett Ausschau gehalten hat.

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Hippolyte Mège-Mouriès (Gallica, Agence Rol 99462)

Glaubt man jedoch den gängigen Geschichten, so hat 1866 resp. 1867 der französische Kaiser Napoleon III. entweder direkt oder aber anlässlich der Pariser Weltausstellung einen Preis für die Entwicklung eines butterähnlichen Fettes ausgeschrieben, einerseits für die Versorgung der französischen Marine, anderseits für die preiswerte Fettversorgung der ärmeren Bevölkerung. Mège-Mouriès gewann den Wettbewerb und durfte dann auf den königlichen Gütern in Vincennes, nahe Paris, weiter forschen. Zwei Jahre später, 1869, hatte er sein Verfahren optimiert und dann am 15. Juli 1869 das französische Patent beantragt, das am 2. Oktober 1869 gewährt wurde. Weitere Patente im Ausland folgten im gleichen Jahr. Mège-Mouriès begann daraufhin in Poissy, nahe Versailles, mit der Produktion seiner künstlichen Butter. Diese wurde ab 1870 auch in den Pariser Markthallen verkauft, wenngleich der Umsatz von Januar bis März lediglich 810 Francs betrug. Nach dem deutsch-französischen Krieg nahm er die Produktion wieder auf, doch zwischen Dezember 1871 und März 1872 blieben die Umsätze in den Hallen ähnlich niedrig (F. Bezancon, Rapport Général sur les Travaux du Conseil d’Hygiène publique et de Salubrité du Département de la Seine depuis 1872 jusqu’a 1877 inclusivement, Paris 1880/1881, 10). Mège Mouriès, der schon zuvor Patenterechte an niederländische, englische und US-amerikanische Investoren verkauft hatte, übertrug sein französisches Patent dann 1872 an die Société anonyme d’Alimentation, die anschließend die Produktion und den Export von „Margarin Mouriès“ in großem Stil aufnahm.

Schaut man genauer hin, so handelt es sich hierbei um eine Geschichte voller Leerstellen und Versatzstücke. Die zahllosen kurzen Hinweise auf die Margarineerfindung zeichnen sich einerseits durch gänzlichen Verzicht auf Quellen, zum anderen durch höchst phantasievolle Beimengungen und Alternativgeschichten aus. Meine Recherchen in den digitalisierten Beständen von Gallica, also der französischen Nationalbibliothek, ergaben jedenfalls keine Hinweise auf den ausgelobten Preis für die künstliche Butter. Auch die vermeintliche Forschungsförderung durch Kaiser resp. Regierung blieb höchst vage. Blickt man auf die Literatur, so wird deutlich, dass seit 150 Jahren immer neue und stetig leicht variierende Histörchen dargeboten werden. Wie gut, dass wenigstens über die Kunstbutter und ihre Produktion grundsätzlich valide Quellen vorliegen.

Wie nahezu alle Kunstbutterproduzenten ging auch Hippolyte Mège-Mouriès vom Wissen der damaligen Fettchemie aus. Tierisches Fett war demnach eine Emulsion aus verschiedenen Fettsäuren, die jeweils spezifische Charakteristika besaßen. Der Chemiker erweiterte dieses Strukturwissen um praktisches Erfahrungswissen: Demnach gaben Kühe trotz unzureichender Fütterung zumindest noch eine Zeitlang fetthaltige Milch. Daraus folgerte er, dass Milchfett nichts anderes als Körperfett der Tiere sei. Im Umkehrschluss hieß dies, dass Milchfett aus Tierfett gewonnen werden konnte (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], 9-11). Die Kernaufgabe war demnach, dem tierischen Talg resp. Unschlitt das seifig schmeckende Stearin zu entziehen, um möglichst reines Olein und Margarin zu erhalten. Diese konnten weiterverarbeitet und zu einem schmackhaften Kunstfett verdichtet werden. Aus heutiger Sicht ging Mège-Mouriès von falschen Annahmen aus. Margarinsäure als solche gibt es nicht, es handelt es sich vielmehr um ein Konglomerat verschiedener Fettsäuren. Ebenso entsteht das Milchfett nicht aus der Resorption des körpereigenen Fettes. Die Erfindung der Margarine steht damit in einer langen Reihe von wissenschaftlichen und technologischen Durchbruchserfolgen, die auf zielführenden Irrtümern beruhten. Liebigs Fleischextrakt oder aber die Vitamine sind andere Beispiele.

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Verwissenschaftlichung der Fettproduktion: Gewerbliche Verarbeitung von Rindertalg (Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 206)

Mège-Mouriès ging schon bei der Seifenproduktion vom Rohtalg aus, konzentrierte sich nun aber auf das sog. Nierenfett. Aus diesem extrahierte er mittels Pressung das Oleo-Margarin, reinigte es insbesondere von Stearin und Abfällen. Damit war das Ausgangsmaterial für die Kunstbutterproduktion gewonnen. Der zähflüssigen Fettmasse wurden Milch und kleingeschnittene Euter zugefügt, ebenso Wasser – und dann begann ein längerer Prozess der Vermengung (H[ippolyte] Mège, Darstellung künstlicher Butter, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 585; Ch[arles] Girard und J[acques] de Brevans, La Margarine et le Beurre artificiel, Paris 1889, 6-11). Dieser zweite Schritt war vielleicht noch wichtiger als die schon zuvor von anderen Praktikern erprobte Verwendung von Oleo-Margarin. Die Extraktion erhöhte die Haltbarkeit, verringerte zudem den eher seifigen Geschmack des Ausgangsmaterials. Doch erst durch die anfangs etwa zweistündige Mischung von Grundfett, Milch und Wasser erhielt man ein ansatzweise schmackhaftes und geschmeidiges Produkt ([Eugen] Sell, Ueber Kunstbutter. Ihre Herstellung, sanitäre Beurtheilung und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von Milchbutter, Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 481-528, hier 483).

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Die Materie zwingen: Fettverarbeitungsmaschinen Mitte der 1870er Jahre (Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 9)

Obwohl die Grundprozesse von Beginn an mechanisiert waren, war die Kunstbutterproduktion anfänglich noch handwerklich organisiert. Das zumeist direkt von Schlachthöfen stammende Fett – ein wichtiger Grund für die Konzentration der frühen Firmen in größeren Städten – wurde durch per Hand in Schwung gesetzte Maschinen kleingehackt und zerquetscht. Die hier gezeigten frühen Beispiele konnten jedoch bereits an einen Transmissionsriemen angeschlossen und daher mittels Dampfkraft betrieben werden. Dies beschleunigte nicht nur die Produktion, sondern führte auch zu einer erhöhten Ausbeute der Schlachtfette.

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Fettpresse der Firma J.M. Lehmann, Löbtau-Dresden (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 353)

Die Mechanisierung erfolgte rasch, da der Ertrag und die Qualität von Oleo-Margarin und Kunstbutter auch vom Krafteinsatz abhingen. Von Beginn an konnte so eine relativ einheitliche Ware hergestellt werden. Mège-Mouriès setzte sich damit deutlich von der vielgestaltigen Butter ab, auch wenn die Qualität des neuen Produktes von der Art und Qualität der Rohwaren sowie der Sorgfalt und Dauer der Vermengung abhing.

Das neue Produkt stand für einen klaren Bruch mit der kleinbetrieblichen bäuerlichen Butterproduktion. Kunstbutter basierte auf der Zufuhr von firmenfremder Rohware, stand also inmitten einerseits zentralisierender Schlachthöfe und anderseits weit ausgreifender Handelsnetze. Ihre gegenüber Butter größere Haltbarkeit erlaubte zugleich die Beschickung nicht nur lokaler, sondern auch regionaler, nationaler, gar internationaler Märkte. Die Kunstbutter verstärkte damit einen Trend, den leistungsfähigere Molkereigenossenschaften in Deutschland nach dem Erlass des Genossenschaftsgesetzes 1868 begonnen hatten: Die Versorgung urbaner Zentren nicht allein vom Umland, sondern vom Lande (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 308-309).

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Fett vom Lande – hier Butterversand an Kleinhändler (Illustrirte Zeitung 60, 1873, 40)

Vorbild und Konkurrenz führten gleichermaßen zu einer wachsenden Kommerzialisierung des Landes und der bäuerlichen Wirtschaft. Das neue Produkt wurde zuerst in Paris, dann in den Niederlanden verkauft. Wie zuvor bei anderen Kunstfettprodukten gab es Bedenken über mögliche Gesundheitsschädigungen bzw. Täuschungen der Konsumenten. In Paris wurden diese 1872 offiziell ausgeräumt – doch die Geschichte der Kunstbutter blieb eine Geschichte der Rückfragen und der interessegeleiteten Unterstellungen (Beurre artificiel, L’Annèe Scientifique et Industrielle 16, 1872, 449-451). Wichtiger als derartige ohnehin nur lokal greifende Beschränkungen war, dass die reinen Produktionskosten für die „Margarine Mouriès“ nur etwa halb so hoch waren wie die erstklassiger Butter. Margarine war ein Preisbrecher. Zum anderen überzeugten der neutrale Geruch und der Geschmack: „Die Kunstbutter zergeht auf der Zunge rasch, wie echte Butter, läßt sich gut streichen, ist jedoch etwas härter als letztere“ (Fleischmann, 1875, 679). Beim Kochen und Backen war sie aufgrund des geringeren Wassergehaltes ergiebiger und zudem länger haltbar. Die frühe Margarine war ein gleichförmiges Produkt von wachsig, blassgelbem Aussehen (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 148). Durch Färbung konnte sie jedoch den Vorstellungen der Konsumenten von „richtiger“ Butter weiter angenähert werden. All das stimmte hoffnungsfroh: Der kreative Geist des Menschen schien ein neues Nahrungsmittel geschaffen zu haben, das auch den Ärmeren in den Städten ein auskömmliches Dasein sichern könnte. Der Markt würde nun dafür sorgen, dass die obskuren Buttersurrogate aus Großbritannien, den Niederlanden und den USA vom Markt verdrängt werden würden (F[riedrich] Strohmer, Kunst- und Naturbutter, Neue Freie Presse 1886, Nr. 7871 v. 26. Juli, 5). Nahrungsmittelchemiker und Pharmazeuten waren sich jedenfalls Mitte der 1870er Jahre größtenteils einig, dass die neue „Margarine“ „ein vorzügliches Butter-Surrogat“ (Beckurts, 1879, 62) sein könne.

Das galt um so mehr, da seit Anfang der frühen 1870er Jahre zahlreiche Praktiker die Ideen Mège-Mouriès aufgriffen und kleinteilige Verbesserungen patentieren ließen (Butterin, Aerztliches Intelligenz-Blatt 24, 1877, 103). Zeitgenössische Überblicksdarstellungen listeten die vornehmlich in Großbritannien, Frankreich, den USA und den Niederlanden, vereinzelt auch im Deutschen Reich gewährten Kunstbutterpatente auf, ohne aber zu klären, ob diese auch praktisch angewandt wurden (Sell, 1886, 485-486). Die Fettsäuren sollten demnach teils durch Chemikalien getrennt werden, häufiger waren Substitute der zugesetzten Milch, etwa Buttermilch. Ebenso entstanden Verfahren mit zugesetzten Pflanzenölen (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Kunstspeisefette und Pflanzenbutter, 4. vollst. neubearb. Aufl., Wien/Leipzig 1912, 52). Allen Erfindungen zum Trotz blieb das Verfahren von Mège-Mouriès für mehr als zwei Jahrzehnte die vielerörterte Referenz. Es wurde jedoch von Beginn an in der betrieblichen Praxis kleinteilig verändert (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Sparbutter und Butterine, Wien/Pest/Leipzig 1878). So fiel der Zusatz von Euter- oder Magenmasse rasch weg, während neue Maschinen andere Prozesstemperaturen ermöglichen (Benedikt, Butter, in: Ewald Geissler und Josef Möller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 2, Wien/Berlin 1887, 418-422, hier 420).

Die Diffusion der Kunstbutter

Die Erfindung der „Margarine Mouriès“ sagt allerdings wenig über deren realhistorische Bedeutung aus. Die Anfänge der „Margarine“ und damit deren Durchsetzung als „Volksnahrungsmittel“ sind kaum erforscht, präzise Daten fehlen meist. Dennoch ist es wichtig, die Diffusion von Kunstbutter und „Margarine“ in den Blick zu nehmen, denn anders sind die harten Auseinandersetzungen über diese Warengattung kaum verständlich. Die „Margarine Mouriès“ bildete in der Tat den Ausgangspunkt für die Verbreitung der Kunstbutter in der gesamten westlichen Welt. Die 1872 zur Verwertung des Patentes in Paris gegründete und mit einem Kapital von 800.000 Franc ausgestattete Société anonyme d‘Alimentation nahm wohl 1874 den Vertrieb auf. Mitte der 1870er Jahre produzierte sie täglich 20 bis 30 Tonnen. Doch ein Großteil der „Margarine Mouriès“ wurde versandt, meist in den industrialisierten Norden Frankreichs, teils aber ins Ausland, darunter auch ins Deutsche Reich (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 204-208, hier 204). Trotz einer weiteren größeren Fabrik in Nancy blieb der Margarineabsatz in Frankreich jedoch niedriger als in anderen Staaten, insbesondere den Niederlanden und Skandinavien.

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Werbung für die neue „Margarine Mouriès“ in Frankreich (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], nach 32)

Die Niederlande entwickelten sich seit den frühen 1870er Jahren zur eigentlichen Drehscheibe des Handels und der Produktion von Kunstbutter und „Margarine“ in Europa. Eine weit entwickelte, marktorientierte Landwirtschaft, ein leistungsfähiges Transportsystem sowie die Nähe zum aufnahmefähigen Markt des Industriepioniers Großbritannien bildeten schon in den 1850er und 1860er Jahren die Basis für eine führende Rolle bei der Versorgung der Insel mit Butter und zunehmend auch Buttermischungen. Ähnlich wie bei der schon erwähnten „Flämischen Butter“ vermengte man preiswerte Butter mit Milch, Stärke unterschiedlicher Provenienz, Sirup und Färbemitteln. Gerade während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 ersetzten derartige Billigimporte die ausfallenden Sendungen aus Frankreich, erschlossen aufgrund ihres niedrigen Preises zudem neuer Käuferschichten (Die Kunstbutterfabrikation, Industrielle Rundschau 1, 1887, 248-250, hier 248-249). Preiswertere Angebote schienen lukrativ, produziert wurden gefärbte Mischungen aus Butter, Oleo-Margarin, Milch, Pflanzenölen.

Das neue Verfahren von Mège-Mouriès gefährdete dieses Geschäftsmodell – und folgerichtig kaufte Anton Jurgens, eine der führenden Buttergroßhandlungen, das neue Patent für 60.000 Francs und gründete 1871 die erste niederländische Margarinefabrik in Oss im Rhein-Maas-Delta. Das Produkt verkaufte sich gut, wurde daher nicht nur als Zumischung verwandt, sondern auch eigenständig vertrieben (N. Schouten, Plantaardige Olie- en Margarine-Industrie, Zeist 1994; Bernhard Gerhard Hülsbeck, Die holländische Margarineindustrie, Diss. Köln, Kleve 1931). Der Pionier blieb nicht allein: „Ein Jahr nach Produktionsbeginn bekam die Firma Anton Jurgens bereits Konkurrenz in nächster Nähe: Die befreundete, auch im Butterhandel engagierte Familie Van den Bergh eröffnete 1872 ebenfalls eine Margarinefabrik in Oss. Da in Holland kein Patentschutz für die Margarineherstellung bestand, hatte Simon Van den Bergh das Verfahren einfach von Jurgens kopiert – ein klassischer Fall von Industriespionage“ (Rainer Herbst, Die Entwicklung der Margarineindustrie zwischen 1869 und 1930 unter besonderer Berücksichtigung des Hamburger Wirtschaftsraumes, Wiwi. Diss. Hamburg 1989, 16). Jurgens und van den Bergh entwickelten sich in den 1870er und 1880er Jahren zu den wichtigsten niederländischen Kunstbutterimporteuren für das Deutsche Reich. Die 1879 erfolgten Zollerhöhungen für Margarine richteten sich nicht zuletzt gegen diese Firmen. 1888 gründeten sie in den niederrheinischen Städten Goch und Kleve Produktionsstätten, die in den Folgejahrzehnten einen Großteil des deutschen Marktes versorgten (Barbara Anne Hendricks, Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert, Bonn 1981, 64-81).

Jurgens und van den Bergh waren Anfang der 1870er Jahre jedoch nur Exponenten einer explosionsartigen Entwicklung der Kunstbutterproduktion in den Niederlanden. 1880 bestanden etwa 70 einschlägige, meist exportorientierte Firmen, deren Be- und Vertriebsorganisationen Maßstäbe setzen. Der beträchtliche Wettbewerb, vor allem aber die intransparenten Fettprodukte, führten jedoch zur Marktbereinigung, zu Standardisierungsbemühungen der Produzenten und einer zunehmenden Regulierung des Kunstbuttermarktes (Fabrikation von Butter und Kunstbutter in Holland. (Schluss.), Das Handel-Museum 2, 1887, 399-401, hier 400). Die Debatten im Deutschen Reich folgten diesen Debatten mit gewissem zeitlichem Abstand.

Auch die Entwicklung der deutschen Kunstbutterindustrie verlief deutlich langsamer. Grund hierfür war nicht nur der technologische Rückstand gegenüber dem westlichen Ausland, sondern auch die Kombination zollfreier Importmöglichkeiten und eines leistungsfähigen Eisenbahn- und Postnetzes. Das Deutsche Reich war schon zu seiner Gründung von Fett- und auch Fleischzufuhren abhängig. Das blieb auch nach der Zollwende 1879 so und führte zu teils beträchtlichen Verwerfungen mit Handelspartnern, insbesondere den USA, Russland und auch Österreich-Ungarn (Uwe Spiekermann, Dangerous Meat? German-American Quarrels over Pork and Beef, 1870-1900, Bulletin of the German Historical Institute 46, 2010, 93-110). Für unser Thema wichtiger ist, dass das Deutsche Reich von Beginn an ein Kunstbutterimportland wurde, dessen heimische Industrie sich nur schwer gegen die ausländische Konkurrenz behaupten konnte.

Eine präzise Untersuchung der Anfänge der Margarineproduktion im Deutschen Reich fehlt. Rainer Herbst verwies in seiner Dissertation auf die 1863 in Hamburg gegründete Firma G.W. Reye & Söhne (Herbst, 1989, 17, 148-149). Getreidehandel stand am Anfang, heute werden Putz- und Gipsprodukte hergestellt. G.W. Reye & Sohn betrieb seit 1871 eine große Schmalzraffinerie und stellte mehrere Jahre auch Kunstbutter her. Die erste Nutzung des Verfahrens von Mège-Mouriès erfolgte aber durch die 1872 im Frankfurter Nordend gegründete und seit 1874 produzierende Frankfurter Margarine-Gesellschaft. In den frühen 1880er Jahren beschäftigte sie ca. 100 Arbeiter und stellte jährlich 3.000-4.000 t Kunstbutter her (Volker Rödel, Fabrikarchitektur in Frankfurt am Main 1774-1924, Frankfurt a.M. 1986, 493). In den 1870er Jahren entstanden weitere Firmen vornehmlich im Rheinland und in Bayern. 1880 nahm dann A.L. Mohr in Hamburg-Bahrenfeld die Produktion von Kunst- und Mischbutter auf. Diese Firma steht für die eigentliche, im Schatten des Zollschutzes erfolgte Wachstumsphase der deutschen Margarineindustrie nach 1879. Zugleich trugen ihre Produkte jedoch, ähnlich wie in den Niederlanden, zu einer allgemeinen Vertrauenskrise bei, die letztlich zu den Regulierungsbestrebungen des ersten Margarinegesetzes führte.

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Spezialmaschinen als Wegmarken der Margarineproduktion – Anzeige 1881 (Neue Freie Presse 1881, Nr. 5967 v. 8. April, 13)

Die Existenz von Firmen sagt jedoch nur wenig über Absatz und Konsumverhältnisse auf. Eine detaillierte Analyse von Haushaltsrechnungen zwischen 1900 und 1940 ergab nämlich das Paradoxon, dass das universelle Kunstprodukt Margarine im Deutschen Reich deutliche regionale Verzehrsunterschiede aufwies: „Insgesamt zeigt sich ein von den Vertriebszentren ausgehendes, sich dann in die Konsumzentren des typischen ‚Butterbrot‘-Verzehrs Sachsen und Schlesien ausdehnendes Muster, dem schließlich die Markterschließung zuerst Mitteldeutschlands, dann des fettarmen Südens folgte“ (Uwe Spiekermann, Regionale Verzehrsunterschiede als Problem der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Räume und Strukturen im Deutschen Reich 1900-1940, in: Hans Jürgen Teuteberg et al. (Hg.), Essen und kulturelle Identität, Berlin 1996, 247-282, hier 267). In der Tat bildete das rheinisch-westfälische Industriegebiet die eigentliche Pionierregion des Kunstbutterkonsums. Derartige regionale Märkte wurden jedoch ergänzt durch das Versandgeschäft führender ausländischer Anbieter, deren Produkte schon in den 1870er Jahren im gesamten Deutschen Reich erhältlich waren. Das galt insbesondere für Sargs Prima Wiener Sparbutter, der wohl bekanntesten Margarinesorte in einem ansonsten von anonymer Ware dominierten Absatzmarkt.

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Anzeige des Neuen: Werbung für Sargs Prima Wiener Sparbutter 1874 (Illustrirtes Wiener Extrablatt 1874, Nr. 146 v. 29. Mai, 7)

Derartige Versandware gründete auf der höheren Haltbarkeit der Margarine und relativ fortgeschrittenen Verkehrsverhältnissen. Zugleich handelte es sich um verpackte Ware in einem Nahrungsmittelmarkt, in dem lose, unverpackte und dann direkt ausgewogene Produkte noch dominierten: „Die Kunstbutter wird in 1 Pfund schweren, viereckigen, mit einen dünnen weißen Baumwollenzeug umwickelten Packeten, die sich bequem in eine Kiste zusammenpacken lassen, versendet, appetitlicher in der Form wie die Marktbutter; die Farbe ist gewöhnlich Gelb“ (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Der Begriff „Sparbutter“ hob einen anderen Gebrauchswertvorteil hervor, nämlich den gegenüber Butter geringeren Wasseranteil. Dadurch war sie ergiebiger, ein wichtiges Argument auch für bürgerliche Kreise: „Eine gut abgerichtete Köchin braucht die Butter nicht zu jeder Speise, sondern nur wo dieselbe unentbehrlich ist, und kann durch Verwendung der Sparbutter ihrer Herrschaft viel Geld ersparen“ (Raphael Molin, Die Sparbutter-Industrie, Das Vaterland 1880, Nr. 319 v. 19. November, 10-11, hier 10). Hinzu kam: Kunstbutter war nicht nur länger haltbar, sondern wurde dadurch nur höchst selten ranzig. Das aber kam bei Milchbutter häufiger vor als es die späteren Hymnen der Agrarier auf die „gute“ Butter wahrhaben wollten (Vom Rhein, Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 61 v. 5. März, s.p.). Die weite Verbreitung der Versandbutter erlaubt schließlich auch Rückfragen an die heutzutage fast litaneihaft vorgetragene Positionierung der Kunstbutter als Fett der Armen und der Arbeiter. Gerade im rückwärtigen gewerblichen Sektor, also bei Bäckern und Konditoren, bei Wirten und Restaurantbesitzern, wurde sie häufig verwandt, um Backwaren und Speisen preiswerter zu machen (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Kunstbutter war immer auch bürgerlich, war keineswegs das Fett allein der Armen.

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Kein Fett für die Armen: Werbung für Sparbutter in Karlsruhe 1875 (Karlsruher Tagblatt 1875, Nr. 184 v. 8. Juli, 6)

Der Hersteller der Prima Wiener Sparbutter – ein vom Wiener Magistrat 1874 genehmigter Markenbegriff – war F.A. Sarg Sohn & Co., ein führender Produzent von Stearinkerzen und Glycerinseifen, ein Unternehmen also, das schon früh preiswerte Massenkonsumgüter herstellte und aktiv bewarb. Es diversifizierte zunehmend in die Kosmetikbranche. Die seit 1887 vertriebene Tubenzahncreme Kalodont wurde ein weltweit erfolgreiches Markenprodukt und diente als Dachmarke für viele weitere fetthaltige Kalodontprodukte. Ähnlich wie in Frankfurt am Main und Paris dauerte es auch in Wien fast zwei Jahre, von 1872 bis 1874, ehe die Produktion auf Basis des Mège-Mourièsschen Patentes aufgenommen werden konnte (Sparbutter, Morgen-Post 1874, Nr. 61 v. 3. März, 2). Ihr Absatz war seit 1874 von Anzeigenwerbung begleitet – und blieb damit eine Ausnahme, denn die Werbung für Kunstbutter erfolgte zumeist noch durch die Kleinhändler.

Sargs Sparbutter traf auf eine gespaltene Rezeption. Blicken wir auf eine aufstrebende Industriestadt im südlichen Ruhrgebiet: „Hier in Witten wiesen einzelne renommirte Ladengeschäfte den Verkauf zurück, andere kleine Geschäfte versuchten den Artikel und fanden ihn auch brauchbar. Die Butter ist selbst bei heißer Witterung hart und kernig, schmeckt nicht gerade schlecht und kostet 15 bis 20 Pfg. weniger als geringere Sorten Naturbutter. Das Publikum, auch wenn es noch so genau über die Zusammensetzung der Butter belehrt wurde, verlangte eben ‚Sparbutter‘, weil sie gefälliger für’s Auge und praktischer im Gebrauche sei. So mußten Nachbestellungen folgen und der Artikel ‚zog‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 223 v. 21. August, 3). Die neue Kunstbutter wurde allerdings häufig dazu genutzt, um sie Butter beizumengen und diese dann undeklariert, aber zu leicht niedrigerem Preis zu verkaufen. Umfassende Untersuchungen der lokalen Nahrungspolizei waren die Folge, führten teils gar zu ersten Verboten des Wochenmarktverkaufs. In Düsseldorf hieß es: „Es dürfte unseres Erachtens der Verkauf dieser Butter unter dem Namen ‚Sparbutter‘ auch auf den Wochenmärkten gestattet werden, doch müßten polizeilicherseits dafür gesonderte Verkaufsstellen auf den Marktplätzen angewiesen und diese entsprechend bezeichnet werden“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 270 v. 7. Oktober, 2). Die Sparbutter war ein Einbruch in die tradierte Welt des Absatzes – und auch deshalb schlug ihr beträchtlicher Widerstand entgegen.

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Widerstand gegen die Sparbutter in Dresden 1877 (Dresdner Nachrichten 1875, Nr. 293 v. 20. Oktober, 6)

Ein strukturelles Problem war dabei die mangelnde Kenntnis des noch nicht eingeführten Produktes. Über dessen Zusammensetzung gingen „im Publikum die verschiedensten Gerüchte“ um: „Es nimmt dies nicht Wunder, da verschiedene Fabriken dieser Art dem Publikum nicht gestatten, Einsicht von ihrem Betrieb zu nehmen; in Folge dessen denkt dasselbe unwillkürlich an Pferde- und Schweinefett, Kartoffelmehl, Gelèe aus isländischem Moos und sonstige Teufeleien“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106). Während die Kritik im Auslande vielfach allgemein und unspezifisch blieb, sah sich Sarg in Wien regelrechten Denunziationskampagnen ausgesetzt: Butter stamme von der Kuh – und nicht vom Ochsen. Die Sparbutter würde vornehmlich zur Verfälschung der Butter eingesetzt („Kunstbutter.“, Morgen-Post 1877, Nr. 199 v. 22. Juli, 3). Das Neue wurde zum Skandal: „Die Liesinger Sparbutter ist nichts Anderes, als ein Unschlitt- und Glyceringemengsel mit verschiedenen ekelhaften Zuthaten, welche dem Fabrikate den Geschmack und die Structur der wirklichen Butter geben sollen“ (Glycerin-Butter, Morgen-Post 1877, Nr. 223 v. 15. August, 3).

Kritiker beklagten die vermeintliche „rissige“ Struktur der Sparbutter, die daraus resultiere, „daß ihr das, die einzelnen, bunt zusammengewürfelten Bestandtheile zu einem einheitlichen Ganzen verbindende Ferment vollständig abgeht“ (Die Sparbutter und ihre Verehrer, Morgen-Post 1877, Nr. 227 v. 19. August, 3). Die Reaktion der Wiener Firma war bemerkenswert: Zum einen förderte sie redaktionelle Werbung, in der die bestehenden Vorurteile gegen die Nahrungsinnovation argumentativ aufgegriffen wurden (Das Vorurtheil und die Sparbutter, Kikeriki 17, 1877, Nr. 62 v. 5. August, 3). Zum anderen informierte sie die Öffentlichkeit recht präzise über die Sparbutterproduktion, die hohen Hygienestandards und den modernen Maschinenpark (Sarg’s Prima Wiener Sparbutter, Die Presse 1877, Nr. 156 v. 9. Juni, 9; Die Spar- oder Kunstbutter-Fabrikation, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 4, 1877, 222-223; Excursionsbericht, Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins 12, 1886, 194-195). Sarg praktizierte somit Vertrauensbildung durch Firmen- und Produkt-PR lange bevor es reflektierte Public-Relations-Ratgeber gab. Dadurch gewann sie nicht allein wachsendes öffentliches Vertrauen, sondern initiierte auch eine tradierte Elitenkritik an der vermeintlich dummen Masse der Konsumenten und deklassierter Kleinhändler: „Die betreffende Bevölkerung ist theils zu indolent, theils auch gar nicht in Kenntnis von der Beschaffenheit jenes Surrogatmittels, genannt Sparbutter, und daher ganz ausser Stande, davon Gebrauch zu machen“ (Zur Nahrungsmittelfrage. Sarg’s Prima Wiener-Sparbutter, Wiener Medizinische Wochenschrift 27, 1877, Sp. 1175-1177, hier Sp. 1176). Das Beispiel von Sargs Prima Wiener Sparbutter unterstreicht, dass es bei der Einführung der „Margarine“ keineswegs um den simplen Gegensatz von Gewerbe und Landwirtschaft ging, sondern dass hier um die Bedrohung durch das Unbekannte, durch das Neue gerungen wurde. Gerade nach dem Gründerkrise war Skepsis gegenüber einer vom Markt ausgehenden Umgestaltung des Alltags weit verbreitet. Die Durchsetzung der Margarine war schließlich Teil der Durchsetzung und Verankerung kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien.

Gleichwohl zeigt insbesondere die Produkteinführung eine Konsumgesellschaft im Werden. Kunstbutter war eine anonyme Ware. Hersteller und Zusammensetzung waren zumeist nicht bekannt. Der gegenüber Butter geringere Preis und der gegenüber Schmalz und Talg bessere Geschmack waren für den Absatz entscheidend. Anfang der 1870er Jahre erfolgte der Absatz noch vielfach über Wochenmärkte. Die lokale Marktpolizei schritt hiergegen rasch ein, um Übervorteilungen auszuschließen und – im Wortsinne – Markttransparenz zu gewährleisten. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet wurde Kunstbutter anfangs teils vom Wochenmarktverkehr ausgeschlossen, teils wurden die Marktordnungen so verändert, dass der Absatz nur bei expliziter Kennzeichnung erlaubt war (Sell, 1886, 492-493). Die Folge war eine Diffusion des Verkaufs in ladengebundene Nahrungsmittelgeschäfte bzw. Versandgeschäfte. Händler- und Herstellervertrauen traten hier teils an die Stelle der unzureichenden Informationen über die Kunstbutter. Zugleich wurde augenfällig, dass auch die tradierten Nahrungsmittel bisher vorwiegend nach Augenschein und ohne detaillierte Produktinformationen gekauft wurden.

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Etablierung im Sortiment des Kolonialwarenhandels. Anzeigen von Sparbutter in Düsseldorf 1877 (Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 302 v. 10. November, 4 (l.); ebd., Nr. 42 v. 14. Februar, 4)

Preis und Geschmack dominierten den Abverkauf, nicht aber vertiefende Informationen: „In Dortmund kommt die Kunstbutter waggonweise an. Die Lieferanten sind hauptsächlich zwei holländische Fabriken, und diese können nicht so viel liefern als bestellt wird. […] In Dortmund muß jeder Kaufmann, welcher Kunstbutter feil hält, in seinem Laden einen Anschlag in großen Lettern mit den Worten führen ‚Margarinbutter‘, ‚Kunstbutter‘ oder ‚Sparbutter‘. Das Publikum stößt sich aber hieran nicht.“ Via Hamburg oder Bremen wurde auch amerikanische Kunstbutter „massenhaft angeboten“ (Kunstbutter, Linzer Volksblatt 1878, Nr. 248 v. 26. Oktober, 2). Schon Ende der 1870er Jahre war klar, dass Kunstbutter „unter ihrem wirklichen Namen auch gern vom Publikum gekauft und genossen wird“ (Naturbutter und Kunstbutter, Wider die Nahrungsfälscher! 2, 1879, 46-47, hier 46). Bemühungen von Kleinhändlern, die Vorteile der „reinen“ Butter gegenüber den nun aufkommenden zahlreichen Fettmischprodukten herauszustreichen, hatten dagegen kaum Erfolg: „Von drei Kunden, welche die Kunstbutter verlangen, sind aber nur zwei zu überreden, die gute reelle Waare zu kaufen, der dritte geht weiter und kauft beim Concurrenten die geringe Waare, welche ja äußerlich der anderen sehr ähnlich ist. Er nimmt die Meinung mit sich fort, daß ich mit der Waare zu theuer bin“ (Das Publicum und die Waarenverfälschung. (Bemerkungen eines Kaufmanns.), Deutsche Blätter 1873, Nr. 7, 26-27, hier 27). Der Speisefettmarkt geriet seit Anfang der 1870er Jahre jedoch nicht durch die Margarine selbst in Bewegung, sondern durch die nun rasch wachsende Zahl von Fettgemischen. Sie stammten von Margarineproduzenten, von Groß- und Kleinhändlern und nicht zuletzt von bäuerlichen Butterproduzenten.

Chaos im Fettmarkt: Mischbutter und Qualitätsprobleme

Die Kunstbutter war in den 1870er Jahren nur im rheinisch-westfälischen Gebiet von größerer Relevanz für den Alltagskonsum. Aufgrund des niedrigeren Preises ist es plausibel, dass Bergleute und die Industriearbeiterschaft daran einen überdurchschnittlichen Anteil hatten. Sicher belegt ist dies aber nicht, beziehen sich die meisten Quellen doch auf bürgerliche Konsumenten und das Nahrungsmittelgewerbe. Der spätere, insbesondere in den Reichstagsdebatten immer wieder antönende Gleichklang von „Margarine“ und Arbeiterschaft war immer auch eine bequeme Deutung, von der nicht zuletzt die politischen Parteien profitieren konnten. Liberale und Teile des Zentrums konnten ihr Eintreten für die „reelle“ Margarineindustrie als Sorge für den Arbeiter und sein Wohlergehen präsentieren. Auch Nationalliberale und die konservativen Parteien ließen keinen Zweifel daran, dass sie preiswerte Nahrung unterstützten: Butter für die Bessergestellten, Kunstbutter für die arbeitende Masse. Alle konnten so vergessen machen, dass Unternehmer, Kleinhändler und Landwirte Akteure und Profiteure des sich wandelnden Fettmarktes waren.

Blicken wir zuerst aufs Land: Verstädterung und „Industrialisierung“ hatten beträchtliche Chancen für marktbezogene Versorgung eröffnet, die insbesondere im Nordwesten und in Mitteldeutschland zu tiefgreifenden Veränderungen vornehmlich in der Fleischproduktion sowie der Milch- und Butterherstellung geführt hatten. Tradierte Stadt-Land-Beziehungen veränderten sich: Märkte wurde immer seltener von bäuerlichen Produzenten beschickt, an ihre Stelle traten Händler. Die Zahl der Hausierer und Höker in den Städten nahm zu. Neben das traditionelle Nahrungsmittelhandwerk traten spezialisierte Kleinhandelsgeschäfte, namentlich Fleischwaren-, Milch- und Butterhandlungen. Ohne diese Veränderungen wäre das, was heute immer noch einseitig und irreführend „Industrialisierung“ genannt wird, nicht möglich gewesen. Doch es reicht nicht, auf die Absatz- und Vertriebsstrukturen zu blicken. Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft, des kleinbäuerlichen Betriebes, manifestierte sich gerade in der Marktproduktion von Eiern, von Butter und Milch. Sie wurden zur Ware, waren nicht mehr Teil des bäuerlichen Universums, einem Konglomerat von Selbstversorgung, Tauschwirtschaft und Kapitalarmut. Marktbeschickung erlaubte eine Neudefinition des bäuerlichen Betriebes, erlaubte eine Horizonterweiterung. Doch sie bedeutete auch die Akzeptanz der Regeln urbaner Märkte. Es galt Standards einzuhalten, Expertensetzungen, Menschenwerk. Das war nicht leicht. „Milch“ variierte je nach Tierart, Fütterung, Weidequalität, Jahreszeit, Abkalbedaten und Wetter beträchtlich. Derart „natürlich“ variierende Ware war aber schwieriger abzusetzen, erzielte oft niedrigere Preise. Die Bauern halfen nach, und nicht nur zu sie. Neben die strukturellen Probleme der Nahrungsmittelversorgung traten insbesondere in den 1870er Jahren zahlreiche Wertverringerungen und auch Nahrungsmittelfälschungen (vgl. Gesetz betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg., II. Sess. 1878, Bd. 3, Berlin 1878, 766-830, insb. 775-798). Was für die Milch das Wasser wurde für die Butter nun die Kunstbutter.

Ihr Aufkommen wurde von vielen Landwirte als Weckruf verstanden (Gabriel Belleville, Die Milch und deren Verwerthung, Wein 1879, 177). Die Kunstbutterbranche war offenbar in der Lage, wichtige Nahrungsmittel preiswerter herzustellen. Die Ausbreitung „dieser Industrie“ sei „ein Mahnruf für die Landwirthe, sich die Errungenschaften der Neuzeit auf dem Gebiete des Molkereiwesens recht bald zu Nutze zu machen“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106-107, hier 107). Das war vor allem Wasser auf die Mühlen einer Minderheit von Agrarwissenschaftlern, die im Sinne der wegweisen Arbeiten Albrecht Daniel Thaers (1752-1828) forderten, „daß die Landwirthschaft heutzutage lediglich als ein industrielles Gewerbe zu betrachten ist, dessen zweckmäßige und gewinnbringende Ausbeutung, nach jeder sich darbietenden Richtung hin, die Aufgabe und das Ziel der Landwirthe sein muß“ (Heinrich Janke, Die Kunstbutter-Fabrikation als landwirthschaftliches Nebengewerbe, Seperatabdruck aus dem Jahrbuch für österreichische Landwirthe 1879, o.O. 1879, 1). Butter musste billiger und zugleich qualitativ besser werden.

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Aufhübschung als Dauerpraxis: Werbung für Butterfarbe 1875 (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 11, Beibl. 2, 3)

Dieser Aufgabe fühlten sich die Molkereigenos-senschaften verpflichtet. Händler bevorzugten die Kunstbutter nämlich nicht nur wegen ihres geringeren Preises, sondern auch wegen ihrer standardisierten Konsistenz (Naturbutter und Kunstbutter, Fühling’s landwirthschaftliche Zeitung 27, 1879, 111-113, hier 111). Doch die Butter veränderte sich auch durch gezielte Interventionen. Mit den Fortschritten der Farbchemie wurde die Butterfärbung, bei der zuvor vorrangig auf das aus dem brasilianischen Annattostrauch gewonnene Orleans zurückgegriffen wurde, einfacher und auch preiswerter: Das vermeintliche Naturprodukt wurde den Konsumentenerwartungen gemäß ausgestaltet. Kunstbutter konnte genutzt werden, um sie der eigenen „Naturbutter“ hinzuzufügen, um sie entweder billiger anzubieten oder um einen höheren Ertrag zu erzielen. Es galt, „daß selbst unsere biederen weiblichen Butterverkäufer vom Lande die Kunst, Natur durch Surrogat zu ergänzen, sehr trefflich verstehen“ (Strohmer, 1886). Derartige Mischbutter war erlaubt, sollte allerdings als solche ausgewiesen sein. Das war sie häufig nicht.

Bäuerliche Butterproduzenten nahmen daher nicht unbeträchtliche Mengen Kunstbutter ab – und dies übertraf bei weitem die auch im dem europäischen Ausland allgemein verbreitete Praxis, im bäuerlichen Haushalt Kunstbutter zu verzehren, um mehr Butter verkaufen zu können (Lang, 1912, 54-55). Friktionen innerhalb „der“ Landwirtschaft wurden dadurch offenbar. Die bäuerliche Alltagspraxis stand nicht zuletzt im Gegensatz zu den Interessen der noch erfolgreichen Butterexportindustrie. In Norddeutschland und Ostelbien gelegen, belieferte sie insbesondere den britischen Markt mit hochwertiger Ware. Mischbutter unterminierte ihren Qualitätsanspruch. Das Ringen um die „Margarine“ erfolgte also nicht allein zwischen Industrie und Landwirtschaft, sondern auch innerhalb der Landwirtschaft selbst: „Denn, meine Herren, verkennen Sie doch die Gefahr nicht: es ist nothwendig, daß wir den Artikel ‚Kunstbutter‘ unterdrücken, damit nicht auch die Landwirthe die Möglichkeit bekommen, gewissermaßen selbst schon die Fälschung in ihrer eigenen Wirthschaft vorzunehmen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 667 (von Frege)).

Bäuerliche Anbieter haben das Chaos im Fettmarkt nicht hervorgerufen, doch sie haben es verstärkt. Die Produzenten ergänzten ihre Angebote, neben Kunstbutter trat zunehmend Mischbutter. A.L. Mohr produzierte 1887 beispielsweise 880 t Margarine und mehr als 2.600 t Mischbutter (Herbst, 1989, 151). Großhändler kauften Butter und Margarine, vermengten diese dann zu neuen Produkten. Kleinhändler kauften die Fettgemenge an, wiesen deren Zusammensetzung aber nicht aus, kannten sie teils auch nicht. Die Obrigkeit war nur vereinzelt in der Lage, den Mischbutterabsatz zu ordnen und zu begrenzen. Explizite Kennzeichnungspflichten gab es nicht, zumal Mischbutter keine Gesundheitsgefährdung darstellte. Der Nationalstaat reagierte kaum. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb allgemein, behandelte Kunst- und Mischbutter trotz zahlreicher Petitionen nicht explizit.

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Reine Ware in einem Markt ohne Regeln? Karikatur anlässlich der globalen Regulierungswelle (Nebelspalter 12, 1886, H. 15, s.p.)

Spätestens zu dieser Zeit war Mischbutter ein auch öffentlich diskutiertes Problem. Experten diskutierten vorrangig „die Gefahr der Uebervortheilung“ der Konsumenten (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 147). Indikator hierfür waren gemeinhin Butterkontrollen der noch in den Anfängen stehenden Nahrungsmittel-kontrolle. In Hannover hatten Bürger daher ein privates Untersuchungsamt gegründet, um „dieser neuen Form der Nahrungsnoth“ (Wieder die Nahrungsfälscher! 1, 1878, 1) zu begegnen. Dessen Resultate dürften repräsentativ sein. Die – allerdings nicht sehr zahlreichen – Untersuchungen ergaben regelmäßig mit Kunstbutter vermischte „Butter“. Schlechte Butter resultierte aber vielfach auch aus mangelhafter Butterung, also Defiziten in der bäuerlichen Produktion (Ergebnisse des Hannoverschen Untersuchungsamtes, Wider die Nahrungsmittelfälscher! 1, 1878, 27-28, hier 28). Die Konsequenz waren Forderungen einerseits nach klarer Kennzeichnung, anderseits nach Aufklärung des Publikums über die rechte Beschaffenheit von Butter resp. Kunstbutter (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1878, 23). Die Fachleute wussten aber auch, dass ihre Arbeit keine marktbereinigenden Folgen gegen Mischbutter haben konnte: „Die Behörden waren bislang gegen diesen Betrug meistens machtlos, da alle vorgeschlagenen analytischen Methoden […] zu umständlich und viel zu unsicher sind, als dass auf sie hin eine energische Controle denkbar wäre“ (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1879, 168). Das Chaos im Fettmarkt resultierte auch aus dem Mangel an empirisch validen Nachweisverfahren. Neue Verfahren arbeiteten mit polarisiertem Licht, also optischen Verfahren, doch deren Handhabung war kompliziert, teuer und oft nicht gerichtsfest. Während der 1880er Jahre kamen zahlreiche neue Verfahren und Geräte auf, doch eine präzise und zugleich preisgünstige analytische Unterscheidung der einzelnen Fettsäuren war erst nach der Jahrhundertwende möglich.

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Wahrheitsverfahren: Butteruntersuchungsapparat des Agrarwissenschaftlers Adolf Eduard Mayer ([Eugen] Sell, Beiträge zur Kenntnis der Milchbutter […], Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 529-545, hier 543)

Auch der bestehende Rechtsrahmen setzte dem Einschreiten der Obrigkeit enge Grenzen. In Leipzig wurden 1886 beispielsweise drei Kaufleute erstinstanzlich wegen des Verkaufs Mohrscher Kunstbutter als „Gutsmischbutter“ zu Geldstrafen verurteilt. Die Revision kassierte das Urteil des Amtsgerichts, da der Fettgehalt beider absolut vergleichbar sei, ein Betrug also nicht vorliegen könne. Das Verfahren wurde zwar an das Landgericht überwiesen, doch dort konnte man nur noch wegen Betruges nach dem Nahrungsmittelgesetz vorgehen – ein quasi aussichtsloses Unterfangen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 213 v. 1. August, 20). Was blieb war vor allem der moralische Appell, da Kennzeichnung nicht einfach dekretiert werden konnten. „In diesem Kampf zwischen ‚Natur‘ und ‚Kunst‘ stehen die Dresdner Hausfrauen natürlich auf der Seite der Naturbutterhändler und wünschen recht sehnlichst, daß sie durch behördliche Fürsorge vor Schwindel und Uebervortheilung bewahrt werden“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 210 v. 29. Juli, 6). Da lachten viele Marktteilnehmer und schritten weiter voran. Gerade Pharmazeuten und Chemiker flüchteten sich angesichts der weitverbreiteten Moralisierung der Märkte in Sarkasmus. Als in London 1870 Fett aus den Themseabfällen gewonnen werden sollte, kommentierte man süffisant: „Philanthropen bemühen sich, den Armen einen billigen Genuß von Butter zu verschaffen“ (Butterverfälschung, Industrie-Blätter 7, 1870, 108-109). Inhaltlich waren sie nicht weit entfernt von den Vorstellungen der Sozialdemokratie, die sich in der Folgezeit zur eigentlichen Partei des Konsumentenschutzes entwickeln sollte. Sie beklagte beredt den Schwindel mit „Butter“, forderte aber zugleich Zwangsmittel, damit die Firmen klar kennzeichneten. Zugleich aber brandmarkte sie die Kennzeichnungsdebatte als bürgerliche Irreführung, ginge es doch darum, „daß die große Masse des Volkes nicht mehr im Stande ist, unverfälschte Nahrungsmittel zu kaufen“ (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 181 v. 6. August, 2).

Das Chaos im Fettmarkt führte auch zu einer steten Präsenz des Verdachts. Fabriken wurden beobachtet, um abschätzen zu können, wie viel sie produzierten und wie viel sie davon ehrlich verkauften (Rosenheimer Anzeiger 1879, Nr. 198 v. 31. August, 3). Wirkmächtiger aber war der Verdacht, „dass ein Theil der Kunstbutter aus ekelerregenden Materialien dargestellt wird“ (Adolf Eduard Mayer, zit. n. Benedikt, 1887, 420). Gerade die Verwendung von Schlachtabfällen führte zu gleichsam apokalyptischen Szenarien allgemeiner Verfälschung, allgemeiner Vergiftung.

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Das Unbehagen an der Kunstbutter: US-Karikatur über die nicht deklarierten Grundstoffe der Margarineproduktion (The Wasp 10, 1883, Nr. 1 v. 6. Januar, 16)

Dem standen Physiologen und Chemiker gegenüber, die berechtigt hervorhoben, dass eine öffentliche Gefahr bei Natur- und Kunstbutter sowie etwaigen Mischungen an sich ausgeschlossen war: „Auf dem Markte wird man füglich dem Geschmacke des Publikums die Rolle des Richters überlassen können und derjenige, welcher sich über den Genuss des feinen Butteraromas hinwegzusetzen vermag und anstatt Naturbutter Kunstbutter mit nach Hause bringt, wird nicht schlechter fahren als Jemand, welcher mit einer geringeren Fleischqualität sich zufrieden stellt“ (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 249, 1883, 319). Fasst man zusammen, so war der Verkauf von Kunstbutter unter der „Maske der Naturbutter“ (Strohmer, 1886) in der Tat weit verbreitet. Die Speisefette bestanden aus zahlreichen Mischungen, doch es gab keine rechtlich verbindlichen Begriffe, um diese Vielfalt präzise fassen zu können. Kunstbutter war Produkt naturwissenschaftlichen Wissens, doch die Wissenschaft war nicht in der Lage, ihre Marktpräsenz stetig und differenziert nachweisen zu können. Dies führte zu Unsicherheit über gängige Alltagsangebote, über die Ordnungskraft von Obrigkeit und Wissenschaft. Staatliches Handeln schien unabdingbar – und seit 1886 lag ein erster Gesetzentwurf vor, der das Chaos im Fettmarkt beenden sollte. Bevor wir auf diesen eingehen, ist nochmals innezuhalten: Die hitzige Diskussion über Kunst-, Misch- und Naturbutter macht schließlich klar, das moderne Produkte ohne eine informative Reklame und das Qualitätsversprechen von Markenartikeln kaum zu etablieren sind. Der Markt kann nicht gänzlich frei sein, muss immer begrenzt und eingehegt sein. In den 1890er Jahren gab es daher weitere Rahmenregulierungen, so 1894 das Gesetz zum Schutz der Waarenbezeichnungen und 1897 das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Staatlich-parlamentarische Intervention: Benennung und Einhegung der „Margarine“

Als die Reichsregierung im Februar 1886 dem Bundesrat einen Gesetzentwurf „über den Verkehr mit Kunstbutter“ vorlegte, war klar, dass ein öffentliches Problem bestand, doch es war unklar, wie dieses zu regeln war (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 48 v. 26. Februar, 2). Der Gesetzentwurf war jedenfalls eine Absage an ebenfalls mögliche detaillierte Verordnungen auf Grundlage des Nahrungsmittelgesetzes, wie sie vornehmlich von landwirtschaftlichen Interessengruppen vielfach gefordert worden war (Otto May, Umschau, Zeitschrift des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 69, 1879, 418-425, hier 424). Kunstbutter war wichtig genug, um in einem Spezialgesetz geregelt zu werden – recht bemerkenswert, denn damals lief die Gesetzesmaschinerie deutlich niedertouriger als heutzutage. Dem Gesetzentwurf vorangegangen waren nicht nur intensive öffentliche Debatten, sondern auch Forderungen nach einem neuerlich höheren Zoll auf Oleomargarin und Kunstbutter, eingebracht 1885 vom Zentrum resp. der freien wirtschaftlichen Vereinigung, einer Vorform der „Kartellparteien“ von Nationalliberalen und Konservativen. Sie trafen auf vehementen Protest der Linksliberalen, scheiterten aber an der schlichten Regierungsaussage, das eine zolltechnische Unterscheidung von Butter und Kunstbutter nicht möglich sei (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 90 v. 18. April, 5).

Während der Entwurf 1886 beraten wurde, waren Umfang und Struktur der Kunstbutterindustrie nur grob bekannt. Eine vom Reichsgesundheitsamt initiierte Denkschrift, die sich vornehmlich den verschiedenen Nachweisverfahren, also einer möglichen Kontrollpraxis widmete, nutzte die Angaben der Berufsgenossenschaft der Nahrungsmittelmittelindustrie. Demnach gab es im Deutschen Reich 45 Kunstbutterproduzenten mit 415 Beschäftigten. Hinzu kamen sieben weitere Firmen, die auch andere Waren produzierten (Sell, 1886, 492). Preußen, und darin insbesondere die Rheinprovinz, dominierte, Bayern folgte mit beträchtlichen zehn Fabriken. Gestützt durch die neu errichteten Zollschranken war die Branche zwischenzeitlich zum Export übergegangen (Kunstbutterfabrikation, 1887, 250). Produktionsziffern lagen nur vereinzelt vor. Kunstbutter wurde vornehmlich in Städten verkauft, insbesondere in Hafenstädten. Mège-Mouriès Initiative hatte also auch den Schiffsproviant verändert. Als Abnehmer wurden die „ärmeren Klassen der Bevölkerung“ (Sell, 1886, 492) genannt, doch der gewerbliche Konsum war ebenfalls beträchtlich. Valide Umsatzziffern fehlten, die Schätzungen schwankten zwischen 18 und 162 Millionen Mark (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 940). Die Margarineindustrie war also relativ klein, ökonomisch recht unbedeutend. Ihre Regulierung durch ein Spezialgesetz erfolgte, weil es um grundsätzliche Ordnungsentscheidungen im sich rasch wandelnden Konsumgütermarkt handelte.

In der Forschung wird das sog. Margarinegesetz von 1887 nun häufig missverstanden als eine einseitige Liebesgabe an landwirtschaftliche Interessen: „Unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes suchte die Landwirtschaft sich missliebiger Konkurrenz zu entledigen“ (Vera Hierholzer, Nahrung nach Norm. Regulierung von Nahrungsmittelqualität in der Industrialisierung 1871-1914, Göttingen 2010, 148). In der Tat gab es seit 1886 eine breite Mobilisierung landwirtschaftlicher Vereine, namentlich des Deutschen Landwirtschaftsrates. Deren Forderungen waren bekannt reißerisch: „Unserseits würden wir am liebsten die Existenz von ‚Kunstbutter-Fabriken‘ ganz beseitigt sehen. Die Gründe, welche man für deren Bestehen geltend macht, sind sehr fadenscheinig und der Nutzen, welchen die Arbeiterwelt in Mittel- und Norddeutschland daraus ziehen soll, ist gering, kann aber jedenfalls den immensen Schaden, der durch die Kunstbutterfabrikation angerichtet wird, bei Weitem nicht aufwiegen“ (Tagesgeschichte, Rosenheimer Anzeiger 1885, Nr. 111 v. 17. Mai, 1). Damit negierten sie das bestehende Chaos im Fettmarkt, negierten insbesondere, dass davon zahlreiche kleinbäuerliche Butterproduzenten profitierten. Während der Debatte über das Margarinegesetz wurde ein Verbot der Kunstbutter jedoch von allen Fraktionen abgelehnt. Stattdessen ging es auch für die zu dieser Zeit noch schwer zu fassenden „Agrarier“ – der Bund der Landwirte wurde erst 1893 gegründet – um eine neue Ordnung dieses für Milchbauern und Fleischmäster wichtigen Konsumgütermarktes. Der Regierungsentwurf hatte genau das anvisiert und blieb gegenüber den natürlich auch in den Reichstag dringenden Forderungen der Agrarier – insbesondere der nicht im Mittelpunkt stehenden Frage der Färbung der Kunstbutter – ablehnend. Das Margarinegesetz war kein Erfolg der Agrarlobby. Wohlig berichtete die liberale Vossische Zeitung über die „Mißstimmung der Agrarier“ (Vossische Zeitung 1887, Nr. 233 v. 22. Mai, 1) nach der für sie eigentlich erfolgreichen 2. Lesung des Gesetzentwurfes. Doch es ging letztlich nicht um die Minderheit der Extremisten vom Lande. Es ging bei dem Margarinegesetz um die Marktregulierung von wissensbasierten Konsumgütern. Das sahen auch die beiden konservativen Parteien und die Nationalliberalen so – also die Kartellparteien, die eine klare Mehrheit im Anfang 1887 neu gewählten Reichstag besaßen.

Was war nun das Ergebnis all dieser Debatten? Der Reichstag agierte als Sprachschöpfer: Der Begriff „Kunstbutter“ wurde quasi amtlich gestrichen und durch den neuen Begriff „Margarine“ ersetzt. Mischbutter wurde grundsätzlich verboten, wenngleich eine relativ geringe Zumischung von Milchbutter zugestanden wurde. „Margarine“ musste als solche gekennzeichnet sein, war im Kleinhandel in Würfelform abzusetzen. Hersteller hatten ihren Namen und die Produktbezeichnung anzugeben, Händler mussten das Produkt benennen und ausschildern. „Margarine“ musste aber nicht gefärbt werden, um sie auch augenscheinlich von Butter abzugrenzen (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494-1495). Damit genügte das Gesetz weder extremen agrarischen Forderungen, noch richtete es sich primär gegen die „Uebervortheilung namentlich der kleinen Leute“ (Der Wendelstein 1886, Nr. 156 v. 30. 12., 1). Es war vielmehr der Versuch, den Fettmarkt mittels einer Kombination von moderaten Eingriffen in den Absatz, tradierten Strafbestimmungen und wissenschaftlicher Kontrolltätigkeit wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Es waren vor allem zwei bisher wenig beachtete Aspekte, die das sog. erste Margarinegesetz zu einem Meilenstein in der Regulierung der Konsumsphäre machten. Zum einen rückten die Parlamentarier die für Konsumgüter wesentlichen semantischen Illusionen in den Mittelpunkt der Gesetzgebung. Zum anderen rangen sie um die Warenästhetik der Konsumgesellschaft, erörterten am wachsgelben Exemplum die visuelle Kultur der neuen Zeit.

Die Parlamentarier waren sich der tiefgreifenden Veränderungen der Nahrungsmittel seit dem Markteintritt der „Margarine Mouriès“ natürlich bewusst. Das galt nicht allein für das Deutsche Reich, denn in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre wurde „Margarine“ in fast allen westlichen Staaten durch Spezialgesetze reguliert. Der Nationalliberale Abgeordnete Friedrich Bahya brachte den Wandel auf den Punkt: „Ich bin weit entfernt, irgend einem Kunstprodukt nahetreten zu wollen; wir leben in einer Zeit, wo alles doch mehr oder weniger dem Kunstbetrieb zugeht“ (RT, Stenographischer Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 290 (Bayha)). Kunstbutter war ein Prototyp neuer künstlicher Kost, der stete Bezug auf Auslandsmärkte, internationale Transfers und wissenschaftliches Wissen unterstrich dies.

Kunstbutter indes war in Zeiten ubiquitär angebotener Mischbutter ein unklarer Begriff geworden, ausgehöhlt, weit entfernt von der ursprünglichen Klarheit der „Margarine Mouriès“, auf die man sich immer wieder als ehrliches Produkt berief. Was war aus Kunstbutter nur geworden: Sparbutter, Kochbutter, Wirtschaftsbutter, Margarinbutter, Naturbutter, Grasmischbutter. Auch Schmalzbutter, Fassbutter, holländische Butter, Butterine wurde angeboten, nicht zu schweigen von Gebirgs-, Alpen- Alpenkräuter-, Senn-, Rittergutsbutter, schließlich Schweizer, Bayerische, Tyroler Butter. Wer Kunstbutter kaufte, fühlte sich an die Schäferromane des Barocks, die einfache ländliche Welt der Romantik erinnert. Auch Butter blieb nicht länger Butter, sondern wurde „gut“ und „rein“, mutierte zur Naturbutter oder Milchbutter. Begrifflich entfernten sich die Anbieter von der recht prosaischen Produktionspraxis, verkauften mit der Ware zunehmend auch Träume. Der Regierungsentwurf wollte diese nicht zerstören, doch die darin vorgeschlagene Rückführung aller Mischfette auf den verbindlichen Begriff der Kunstbutter fand keine Billigung bei der Mehrheit: Im beratenden Kommissionbericht hieß es desillusionierend: Mischbutter „gleicht einer falschen Münze, und verdient auch so behandelt zu werden; sie trägt nicht nur ein erborgtes Kleid, sondern sie borgt von der Naturbutter auch deren Preis, läßt ihr aber deren höhere Produktionskosten, welche den Preis der Milchbutter bedingen und rechtfertigen; sie ist daher nicht nur zu Täuschungen benutzbar, sondern ein Täuschungsprodukt an und für sich; ihre ganze Existenz ist dadurch bedingt, daß eine Täuschung erzielt wird“ (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 942-943). Dem galt es gegenzusteuern, regulativ, aber auch begrifflich. So hatten einzelne Abgeordnete schon während der Diskussionen um das Nahrungsmittelgesetz argumentiert, ohne sich aber durchsetzen zu können (Entwurf, 1878, 786). Nun aber kam man, auch unter dem Einfluss ausländischer Gesetze, zu dem Schluss, dass ein neues wissensbasiertes Produkt auch eines neuen wissenschaftlichen Namens bedürfe.

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Dem Kunstfett einen Namen geben: Werbung für Margarin-Produkte 1886 (Wiener Hausfrauen-Zeitung 12, 1886, 141)

Der neue Begriff „Margarine“ verweise nicht allein auf den eigentlichen Ausgangspunkt des Marktwandels – die „Margarine Mouriès“ – sondern erlaube auch eine Vereinheitlichung des Fettmarktes, die mit dem in Deutschland eben nicht überall eingebürgerten Begriff der Kunstbutter nicht zu gewährleisten sei (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 941). Kunstbutter habe zudem einen irreführenden Lockreiz, beziehe sich auf die Kunstfertigkeit der Produktion, auf deren Nähe zum Kunsthandwerk. Der Begriff „Margarine“ sollte zugleich die Trennung von Butter und dem neuen Kunstprodukt unterstreichen. Es ging um begriffliche Trennung, nicht um begriffliche Vermischung. Zugleich unterstrich „Margarine“ das Fremdländisch-internationale dieser Handelsware, während Butter, die reine, im heimisch-ländlichen Raum verankert blieb. Der neue Begriff rief allerdings deutliche Kritik hervor. Die Regierung verteidigte die Kunstbutter pragmatisch, da der Zusatz „Kunst“ doch eher an Ersatzmittel, an Surrogate erinnere (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 281 (Köhler). Kunstwein schmeckte nicht recht, auch Kunstdünger hatte schon damals gewissen Warncharakter. Auch Hinweise, dass „Margarine“ ein wissenschaftlich irreführender Begriff sei, da das Produkt aus Olein und Margarin bestehe – in den USA erließ man 1886 den Oleomargarine Act – und die Margarinsäure keineswegs konstitutiv sei, wurden nicht gehört.

Öffentlich breit diskutiert wurde einerseits die vom Nationalliberalen Ludwig Bamberger (1823-1899) thematisierte Kernfrage, „wie weit soll der Gesetzgeber sich einmischen in den Sprachgebrauch eines Volkes, insofern er sich reflektirt in seinem gewerblichen Verkehr?“ Damit versuchte er die für die deutsche Kulturnation zentrale sprachliche Autonomie der bürgerlichen Gesellschaft zu verteidigen. Zugleich erschien ihm das Lehnwort aus dem Französischen eine „Verunreinigung der deutschen Sprache“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 resp. zuvor 660). Ähnlich argumentierte der freisinnige Abgeordnete Alexander Meyer (1832-1908), der lange bevor dieser Begriff für das Herrschaftssystem Wilhelm II. verwandt wurde, anmerkte, dass „Margarine“ „gewisse cäsarische Neigungen“ verrate, „die Grammatik zu beherrschen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 17. Juni 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 1120). Der Begriff schien ihm nicht handhabbar, erinnere an die Kunstsprache Volapük, nicht aber an klare deutsche Sprache. Diese Kritik ließ die Befürworter der Konservativen, der Nationalliberalen und auch des Zentrums jedoch nicht wanken. Unter dem Spott der liberalen Presse und auch ordentlicher Nationalisten und Germanisten sprachen sie sich für ein welsches Fremdwort aus, nicht aber für das ebenfalls vorgeschlagene schöne deutsche Wort „Talgbutter“. Die sprachlich verordnete „Margarine“ setzte sich nach längerer Gewöhnungsphase schließlich durch – überdeckte so den tiefgreifenden Wandel des Fettproduktes in den folgenden Jahrzehnten. Das aber ist ein wesentliches Kennzeichen semantischer Illusionen.

„Margarine“, ursprünglich noch ein Plural, war nun begrifflich fixiert als „diejenigen, der Milchbutter ähnlichen Zubereitungen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt“ (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494). Ihre Warenästhetik blieb davon jedoch unberührt. Schon die „Margarine Mouriès“ war chamäleonhaft. Frisch hergestellt war sie wachsig-weiß, nicht golden-gelb wie „gute“ Butter. Die Fabrikanten veränderten jedoch schon früh Geschmack, Geruch und insbesondere die Farbe des Fertigproduktes, folgten dabei den Wünschen und den Erwartungen der Käufer. Man griff dabei ins Schatzkästlein auch der Butterproduzenten: Dort fanden sich Butterfarbe, Butteräther, Orleans, Cumarin, Curcuma, nicht zu vergessen die Gelbwurzel, Safran, Saflor, die Ringelblume, das Gelbholz und auch die gemeine Mohrrübe (Kunstbutterfabrikation, 1887, 249; Wider die Nahrungsfälscher! 4, 1881, 78; Jolles, 1895, 19). Sie alle dienten nun auch der Färbung der „Margarine“, ihrer properen und buttergleichen Erscheinung.

Der Vorschlag einer markanten Färbung der Kunstbutter war daher keineswegs so abwegig, wie dies die Kritiker monierten. Abermals handelte es sich um einen Wissenstransfer, dieses Mal aus den USA, wo seit spätestens 1885 die Farben blau, grün und rot in die engere Auswahl kamen, von denen rot, zumindest in New York, auch kurze Zeit angewandt wurde (Strohmer, 1886). Der Deutschkonservative Agrarier Hans von Kanitz (1841-1913) griff derartige Anregungen freudig auf und plädierte 1886 im Preußischen Abgeordnetenhaus für eine Blaufärbung der Kunstbutter (Blau gefärbte Kunstbutter, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 93 v. 20. April, 2). Im deutschen Reichstag war der Freikonservative Abgeordnete Arthur Gehlert (1833-1904) – heute noch erinnert als ein Pionier der Schachkomposition – der Färbungsfrontmann. Er sah den Menschen als eine „zweibeinige Bestie“, die nur durch den Staat als „Inbegriff aller Konsumenten“ gebändigt werden könne. Stupsen reiche nicht, die Lenkung müsse klar sein. Und so plädierte er für eine Kunstbutterfärbung im sanften Hellblau (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 283 resp. 284). Das Protokoll vermerkte hier „große Heiterkeit“ – und doch: Eine Färbung war durchaus praktikabel und insbesondere der Münchener Agrarwissenschaftler Franz von Soxhlet (1848-1926) präsentierte nicht nur eine deutlich breitere Farbpalette ([Franz] Soxhlet, Ueber Margarine, München 1895, 131-149). Um aus der Not der Untersuchungspraxis eine Tugend zu machen, plädierte er während der Beratungen 1887 für den verpflichten Zusatz des aus dem Lackmustest bekannten Phenolphtaleins. Dieses sei „völlig unschädlich“ und leicht festzustellen und belasse die Farbe des Produktes im Vertrieb. Von der heute angenommenen kanzerogenen Wirkung des Stoffes konnte er noch nichts wissen.

In der Tat wären dies wirksame Maßnahmen gegen die „unkontrolirbare“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 21. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 685 (von Holstein)) Kunst- und Mischbutter gewesen. Doch schon in der Kommissionsberatung hatte sich die Regierung gegen die Zwangsfärbung ausgesprochen und eine Kommissionsmehrheit war nicht zu erlangen. Schon zuvor hatte man ein ebenfalls gefordertes Färbeverbot der Kunstbutter abgelehnt. Eine moderate Färbung gehöre zu modernen Konsumgütern dazu, sie könne daher nicht zur einseitigen Diskriminierung verwendet werden (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 939-40, 945). Damit war der Vorschlag eigentlich vom Tisch. Doch er wurde in den Folgedebatten wiederholt aufgegriffen, ging es doch nicht allein um Farbzusätze, sondern um die psychologischen Grundlagen moderner Konsumgesellschaften: Wahrheit verkaufe sich nicht. Diese Plattitüde wurde dann immer wieder von nachplappernden Werbepionieren aufgewärmt, so etwa von Raymond Loewy (1893-1986) (Häßlichkeit verkauft sich schlecht, Düsseldorf 1953). August Lucius (1816-1900), Zentrumsabgeordneter des Düsseldorfer Wahlkreises, wusste bereits, dass es hier um Teilhabe und Respekt ging: „Hüte man sich doch, so weit zu gehen, und bedenke man, daß man den armen Mann durch eine solche Maßregel nicht allein abschreckt, sondern auch beleidigt, degradirt. Welche Frau würde in einen solchen Laden gehen und kaufen oder einen solchen Gegenstand wie gefärbte Butter über die Straße tragen wollen? Das ist eine Zumuthung, die, wenn es möglich wäre, gewiß vermieden werden soll. Denn eine gewisse Befriedigung liegt doch darin, daß die arme Familie glaubt, dieselbe Butter zu essen, wie die reiche Familie. Das Färben der Butter hat etwas despektierliches, unappetitliches und möglicherweise schädliches“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 279). Der Mensch braucht Illusionen, Konsumgüter liefern sie ihm. Mit ernstem Sinn sekundierte Ludwig Bamberger: „Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot, wie es mit Richtigkeit heißt, sondern auch die Phantasie, die Vorstellung […] müssen mit zu Rathe gezogen werden. Und gerade bei dem kleinen Mann, dem die Genüße in der Verfeinerung so viel schmaler zugemessen sind, als den mehr mit Glücksgütern Gesegneten, da ist es von Wichtigkeit, daß auch das Reich der Phantasie, dieser Sinn für das Schöne, die ästhetische Empfindung dessen, was er genießt, ihm nicht verkümmert wird.“ Es sei daher nicht möglich, die Kunstbutter durch Färbung zu „einem Proletarier der vornehmen Naturbutter gegenüber zu machen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 und zuvor 662). Die Margarinefärbung wurde anlässlich des zweiten Margarinegesetzes 1897 neuerlich mit Vehemenz gefordert, doch letztlich nicht eingeführt.

Ein neuer Dachbegriff für ein sich veränderndes Produkt

Blicken wir abschließend auf die Folgen des Spezialgesetzes von 1887. Die neuen Regelungen wurden akzeptiert, auch wenn es teils Jahre dauerte, bis sie umgesetzt wurden. Mischbutter verlor dagegen relativ rasch an Bedeutung. Dies war auch Folge der Professionalisierung der Nahrungsmitteluntersuchung, die langsam selbst in Preußen einsetzte. Der Begriff Kunstbutter verschwand langsam aus dem Sprachgebrauch, im gewerblichen Bereich früher als im Alltag. Entscheidend aber war, dass die neue Definition der „Margarine“ einer neuen Breite des Buttersubstituts ungewollt den Weg bereitete. Während die eigentliche Intention des 1887er-Gesetzes war, eine „Margarine“ zu fördern, deren stoffliche Zusammensetzung der der ursprünglichen „Margarine Mouriès“ entspricht, zeigte sich nicht allein durch die zahlreichen neuen Patente der 1870er Jahre eine beträchtliche Innovationskraft im Fettmarkt (Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 21, 1880, 253; Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Wider die Nahrungsfälscher 4, 1881, 91-92).

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„Margarine“ als Stoffcontainer: Werbung für „Pflanzen-Butter“ nach dem ersten Margarinegesetz (Vossische Zeitung 1891, Nr. 171 v. 17. April, 15)

Mitte der 1890er Jahre war klar: „Was wir heute unter Margarine verstehen, ist etwas wesentlich anderes als vor 10 und 20 Jahren“ (E.H. Burckhardt, Der unlautere Wettbewerb im Butterhandel. Ein Beitrag zur Beurteilung der Margarinefrage, Berlin 1895, 2). Peu a peu verringerte sich die Bedeutung des Rindertalgs als Grundstoff der Margarineproduktion. Das war zum einen eine Konsequenz der schon skizzierten Veränderungen im bäuerlichen Tiereinsatz und der Tiermast, zum anderen aber des Importes von anderen tierischen Fetten. Gebrauchsfertiges Oleo-Margarin und von Stearin befreiter Rindertalg waren mit geringerem Aufwand zu verarbeiten. Daneben trat Schweinefett, insbesondere der sog. Neutrallard, ein geruch- und geschmackloses Bauchfellprodukt (Ernst Storm, Der Wettbewerb zwischen den Speisefetten, Agrarwiss. Diss. Berlin 1933, 18). Der wachsende Margarineverbrauch gründete bis Ende des 19. Jahrhunderts vorrangig auf Importen tierischer Fette, doch die damit einhergehenden Preissteigerungen begrenzten einen höheren Absatz.

Aus diesem Grunde begann man schon in den 1880er Jahren pflanzliche Öle zu nutzen. Sie waren preiswerter, zumal das vornehmlich aus den USA stammende Baumwollsamenöl. Auch deutlich teurere Erdnuss- und Sesamöle wurden einbezogen (Sell, 1886, 490). Gegen die Verpflanzlichung der Margarine gab es aufgrund der weiten Produktdefinition von 1887 keine rechtlichen Bedenken. Allerdings gelang es lange nicht, Öle zu einem konsistenten, streichfähigen und auch bei mittleren Temperaturen verwendbarem Produkt zu verarbeiten (Gustav Hefter (Hg.), Technologie der Fette und Öle, Bd. 3, Berlin 1910, 85-88). Frühe Pflanzenmargarinen zerflossen unter Hitzeeinfluss, waren ohne Eisschränke nicht zu verwenden. Waltran bot ab der Jahrhundertwende eine gewisse Alternative, doch der Geschmack war kratzig. Erst durch die 1901 vom deutschen Chemiker Wilhelm Normann (1870-1939) erfundene, ab 1909 auch allgemein zugängliche Fetthärtung veränderte sich die Margarine zu einem dominant pflanzlichen Fett. Die Kunstbutter wandelte sich dadurch zu einer wirklichen Alternative zur Butter, ließ den Makel des billigen Ersatzmittels hinter sich. Sie wurde zum Stoffcontainer, flexibel einsetzbar, nur mehr rechtlich vom 1887 festgeschriebenen Dachbegriff Margarine zusammengehalten.

Dieses neue, zunehmend als Markenartikel beworbene Produkt kapitalkräftiger Großunternehmen erinnert nur noch sprachlich an das Butteranalogon der 1860er Jahre, das in immer neuen Facetten den frühen deutschen Fettmarkt in ein temporäres Chaos stützte und dessen globale Marktanbindung das Ende des bäuerlichen Universums verdeutlichte. Die Entwicklung der Kunstbutter zur Margarine von den 1860er bis zu den 1890er Jahren ist ein beredtes Beispiel für das Vordringen einer kaum mehr an Räume und Zeiten gebundenen künstlichen Kost, deren Realdefinition ohne Expertensysteme nicht mehr zu leisten ist. Und wir selbst können uns am Beispiel der 1887 von Parlamentariern präsentierten Sprachschöpfung „Margarine“ klarmachen, wie lang der Schlagschatten der Geschichte ist.

Uwe Spiekermann, 26. August 2019

Das Verschwinden des Hanfes. Landwirtschaftliche Produktion, gewerbliche Verarbeitung und Konsumwandel im langen 19. Jahrhundert

„Es ist unnötig, unsere Hanfpflanze zu beschreiben, da sie jedermann kennt.“ [1] Als der Nürnberger Naturforscher Ernst von Bibra (1806-1878) dies Mitte des 19. Jahrhunderts niederschrieb, war Hanf ein Alltagsprodukt, lieferte einen beträchtlichen Teil der Kleidung auf dem Lande, war Grundstoff für Seile, Taue und Segel, lieferte Öl zur Beleuchtung und zum Anstrich. Hanf war Mitte des 19. Jahrhunderts allgegenwärtig – und doch zugleich unsichtbar, eine uncharismatische Pflanze. Sie glich darin Mais und Soja, die heute in einem Großteil unserer Lebensmittel vorkommen, doch hinter den daraus hergestellten Produkten verschwinden.

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Weibliche und männliche Hanfpflanzen im späten 18. Jahrhundert (Johann Zorn, Icones plantarum medicinalium, Nürnberg 1790, Tafel 532 (l.) und 531 (r.))

Heutzutage ist Hanf ebenfalls allgemein bekannt. Doch es handelt sich nicht mehr um eine ehedem gängige landwirtschaftliche Pflanze. Hanf ist heute vor allem Platzhalter für eine Droge, für Cannabis, für Marihuana, für Haschisch, für die zahlreichen Probleme und Paradoxien der Drogenregulierung und die immensen Probleme, Wirkungen von Pflanzenbestandteilen präzise zu benennen und zu regulieren. Hanf steht heutzutage somit für einen verengten Blick auf und die geringe Wertigkeit von Alltagspraktiken und Konsummustern der eigenen ruralen und gewerblichen Vergangenheit.

Falsch wäre es, die Mitte des 19. Jahrhunderts als simple Scharnierzeit zu denken, als die Zeit eines langsamen Übergangs von Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt hin zu Hanf als Droge. Stattdessen haben wir es einerseits mit dem langfristigen Auslaufen einer ländlichen Lebens- und Konsumkultur zu tun, der Substitution heimischer Kulturpflanzen durch leistungsfähigere „cash crops“ mit vielfach kolonialem Hintergrund. In Mitteleuropa geriet der Hanfanbau zwischen die Mahlsteine von Industrialisierung und Globalisierung. Eingebunden in eine bäuerliche Lebenswelt war die Umstellung des Anbaus und der Verarbeitung leicht zu fordern, doch schwer umzusetzen. Der heimische Hanfanbau endete, abgesehen von einigen hundert Hektar, schon vor dem Ersten Weltkrieg, am Ende des langen 19. Jahrhunderts. Anderseits war zu diesem Zeitpunkt Hanf in Mitteleuropa als Droge nur von marginaler Bedeutung. Gewiss, Mitte des 19. Jahrhunderts war Cannabis Indica für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab – und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte damals nur Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte wurden als Apotheker- und Medizinerware genutzt, als Narkotikum, in Hühneraugenmedizin, als Schlafmittel. Einige wenige Präparate etablierten sich gar als öffentlich beworbene Konsumgüter. Doch als indischer Hanf 1929 im Rahmen einer Revision des Opiumgesetzes im Deutschen Reich verboten wurde, hieß es lapidar und zugleich korrekt: „Die suchtmäßige Verwendung des Indischen Hanfs und der aus ihm hergestellten Zubereitungen ist […] in Deutschland nicht bekannt“. [2]

Dieses Verbot veränderte den Alltag nicht, erst in den 1960er Jahren stand Hanf hierzulande für ein Drogenproblem. Das 1971 und 1982 nochmals ausgeweitete Verbot veränderte die Perspektive auf den Hanf weiter, der nun nicht mehr auch als Alltagsprodukt einer vergangenen bäuerlichen Lebenswelt verstanden wurde, sondern allein als Wirkstoffträger mit potenziell gefährlichen Auswirkungen. Die seit den frühen 1970er Jahren anschwellende wissenschaftliche und populäre Literatur handelt denn auch fast ausschließlich von Cannabis, Marihuana und Haschisch. Das galt erst einmal für die wichtigsten Werke der Hanfaktivisten. Hainer Hais Hanf Handbuch erschöpfte sich in einer thematischen Engführung auf den Anbau, die Inhaltsstoffe, die Wirkungen, Fragen der Strafverfolgung und Details zur Extraktion des Hanföls, reproduzierte dabei die Argumente der Verbotsbefürworter mit negativem Vorzeichen. [3] Auch in Hans-Georg Behrs Hauptwerk war von Hanf eben kaum die Rede, stattdessen wurden zahllose historische Quellen unkritisch zusammengeführt, um eine vermeintliche Ubiquität der Droge auch im 19. Jahrhundert zu belegen. [4] Diese, aber auch zahllose andere Publikationen aus dem taktgebenden angelsächsischen Raum etablierten Haschisch als „a mark of fashion“ [5], als Ausdruck einer rebellischen und gesellschaftskritischen Lebenshaltung, denen sich auch wissenschaftliche Werke verpflichtet sahen. Die nicht allzu zahlreichen geschichtswissenschaftlichen Analysen konzentrierten sich entsprechend vornehmlich auf Hanf als Droge, vernachlässigen die Alltagskultur im Umgang mit Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt. [6] Dieser modischen Attitüde folgten auch die vielen nach der Wiederzulassung des Nutzhanfanbaus in Deutschland 1996 veröffentlichen Hanfhandbücher und -kochbücher. Zwischen dem steten Verweis auf die „uralte“ Kulturpflanze Hanf und dem beträchtlichen Marktpotenzial der heutigen Hanfprodukte fehlt eine auch nur ansatzweise fundierte Analyse der Verwendung von Hanf als Alltagsprodukt und Handelsgut vor dem Ersten Weltkrieg. [7] Stattdessen wird mit vermeintlich berauschenden und abhebenden Wirkungen der Hanfprodukte kokettiert, obwohl diese durch die bestehende Gesetzeslage ausgeschlossen sind. [8]

Im Folgenden wird es darum gehen, die fehlende Perspektive auf Hanf als eines bis Ende des langen 19. Jahrhunderts gängigen landwirtschaftlichen Handelsgutes und eines Alltagsproduktes in groben Strichen aufzuarbeiten. Hanf wird dabei als Teil der mitteleuropäischen bäuerlichen Hauswirtschaft des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts analysiert. Dabei wird sich der Blick auf die im Begriff „Industrialisierung“ kaum beachtete Transformation der ländlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen und deren materielle Kultur richten. Die zahlreichen Bemühungen, den Hanfanbau zu intensivieren, führten zwar zu veränderten hauswirtschaftlichen und gewerblichen Verarbeitungsweisen der Faser, des Öls und der Samen – also zu neuen, im Haushalt und vielen Wirtschaftssektoren nutzbaren Konsumgütern. Doch dies war nicht ausreichend, um den erst relativen und dann absoluten Niedergang des Hanfanbaus zu stoppen, dessen Revitalisierung im Ersten Weltkrieg und auch später misslang. Der heutige, primär auf hippe Nahrungshappen und Heilsöle zielende Anbau basiert ohnehin auf anderen Grundlagen. Er ist nicht nur Teil, sondern auch Ausdruck einer ubiquitären Konsumkultur, unterstreicht die Integration einer pseudorebellischen Gegenkultur in globale Verwertungszusammenhänge.

Hanf zwischen bäuerlicher Hauswirtschaft und nebengewerblicher Marktproduktion

Mitte des 18. Jahrhunderts war Hanf etwas Alltägliches, eben darum auch etwas Prosaisches: „Hanf […] ist ein bekanntes Feldgewächs, das einen einzigen, geraden, viereckichten, dichten, rohen, hohlen, und mit einer safigten Schale überzogenen, auch an manchen Orten oft einer Mannslänge hohen Stengel treibt. Die Blätter sind länglicht, schmal, spitzig und in etwas gekerbt, und wachsen in Gestalt einer offenen Hand, haben eine braun- oder dunkelgrüne Farbe, sind linde anzufühlen, und haben einen widerwärtigen stinkenden Geruch und unangenehmen Geschmack.“ [9] Der Blick allein auf die Pflanze verdeckt jedoch mehr als er enthüllt. Dinge, seien es landwirtschaftliche Güter oder aber Konsumwaren, sind implizite Handlungsprogramme, die das Leben ihrer Produzenten und Konsumenten indirekt organisieren. [10] Das gilt für den Hanf in besonderem Maße, handelte es sich doch um eine arbeitsintensive Pflanze, die zu einer Vielzahl heterogener Güter verarbeitet werden konnte und sowohl im bäuerlichen Haushalt als auch im Markt wichtige Funktionen einnahm. Hanf stand zwischen der vorindustriellen und industriellen Zeit, ist daher ein gutes Beispiel für die grundstürzenden Veränderungen, die mit der „Industrialisierung“ und der Etablierung moderner Konsumgesellschaften einhergingen.

Will man verstehen, was den Hanfanbau im 18. und insbesondere im langen 19. Jahrhundert ausgemacht hat, so muss man sich zurückversetzen in ein gewerblich entwickeltes, gleichwohl eindeutig landwirtschaftlich dominiertes Europa, in dem 90 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande wohnten und kleinbäuerliche Familienhaushalte eine zentrale Rolle spielten. Hanf diente nicht dem unmittelbaren Überleben, zielte nicht auf die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Getreide und dann auch Kartoffeln. Hanfanbau war ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dezentral betrieben, das einerseits Gelderwerb ermöglichte, anderseits aber die Herstellung von Stoffen und Kleidung im hauswirtschaftlichen Verbund erlaubte. Stärker als Flachs auf die Selbstversorgung ausgerichtet, erlaubte die Gespinstpflanze die Produktion einer „Leinwand der Armen“. [11] Ihre Herstellung war eingebunden in eine von Jahreslauf und Wetter abhängige Wirtschaftsweise: „Hanf und Flachs sind vorzüglich deshalb in einer Haushaltung viel werth, weil durch dessen Bereitung die Arbeitshände zu einer Zeit Beschäftigung erhalten, wo ohnedem dieselben bei der regnerischen Witterung ruhen müßten.“ [12] Die vielfältigen und recht unterschiedlichen Verarbeitungsschritte zwischen der Ernte und dem Verkauf der Faserstoffe oder Samen erlaubten die Füllung von Arbeitslücken und damit eine erhöhte Produktivität der nicht weit über dem Subsistenzniveau existierenden Haushalte. Hanffasern konnten im Winter zu Garn gesponnen und zu Stoffen gewoben werden, die Erträgnisse dieser Hausarbeit dann wieder entweder selbst genutzt oder aber verkauft werden. Hanf organisierte zugleich strikt funktionale Geschlechterverhältnisse. Während Aussaat und Ernte vornehmlich Männerarbeit waren, lag die langwierige Verarbeitung in den Händen der Frauen und auch der Kinder. [13] Der Hanfanbau erfolgte zumeist in kleinen Gärten, war ein Nebengewerbe. Spezialisierte Hanfbauern gab es nur selten – und dann eher in Italien oder Frankreich als in Deutschland, Österreich oder Russland. Die Hanfverarbeitung erlaubte eine breite Palette wirtschaftlicher Existenzen – von der Selbstversorgung über die nebengewerbliche Heimarbeit bis hin zum protoindustriellen Hauptgewerbe in der Hausindustrie. Der Hanfanbau war damit anschlussfähig an eine quasiautarke bäuerliche Existenz, an die damals übliche begrenzte Einbindung in die Geldwirtschaft, aber auch an das im 18. Jahrhundert zunehmend wichtigere Verlagswesen, bei dem Kaufleute Produktion und Absatz von Textilien organisierten und die beteiligten Haushalte vertraglich abgestimmte Kontingente herstellen mussten. [14] Hanf stand, ebenso wie Flachs, die Schafhaltung, die vielfältigen Färbepflanzen oder auch Maulbeerbäume für die langsame Weitung der traditionellen Landwirtschaft, die durch das Missverhältnis von langsamem Bevölkerungswachstum und geringeren Produktivitätsfortschritten zunehmend unter Druck geraten war. [15] Hanfanbau war Ausdruck einer Lebens- und Wirtschaftsform, bei der ein Wandel des Wirtschaftens immer auch eine Veränderung des Lebenszuschnittes mit sich zog. Die vielgestaltigen Rationalisierungsbemühungen der Hanfproduktion hatten dies im frühen 19. Jahrhundert noch im Blick, wenn sie einen erhöhten und intensivierten Anbau an die Menge des verfügbaren Landes, die Düngung und die Arbeitskapazitäten der Hauswirtschaft koppelten. [16]

Jedes Verstehen des fragilen Mobiles des Hanfanbaus setzt Grundkenntnisse über die jeweiligen Arbeitsschritte voraus. Hanf stammte ursprünglich aus Zentralasien und gelangte über den Nahen Osten noch Mitteleuropa. [17] Als Carl von Linné die zweigeschlechtliche Pflanze 1753 als Cannabis Sativa in sein botanisches Ordnungssystem integrierte, war sie hierzulande weit verbreitet und soweit Gegenstand zahlreicher gelehrter Abhandlungen, dass 1765 resümiert werden konnte: „Man hat bereits sehr vieles über den anbau [sic!] des Hanfes geschrieben, […].“ [18]

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Hanfpflanze (l.) und Hanffaser (r.) (O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 65; Hermine Bartesch und Mathilde Fiedler, Die moderne Damenschneiderei in Wort und Bild, Leipzig/Nordhausen 1918, 284)

Im Mittelpunkt der meisten Schriften standen Beschreibungen des Anbaus und der Verarbeitung des Hanfes (und meist auch des ähnlich zu handhabenden Flachses). Was im Rückblick wie eine Wiederholung des Immergleichen erscheint, entpuppt sich bei genauerer Lektüre als eine kleinteilige und alltagspraktische Analyse mit immer wieder kleinen Variationen. Französische Autoren gaben anfangs den Takt vor, doch italienische, schweizerische und auch deutsche Autoren nahmen die Vorlagen noch im späten 18. Jahrhundert auf und ergänzten ihre eigenen Beobachtungen und Ratschläge. [19]

Hanf erforderte einen sandigen, feuchten und gut vorbereiteten Boden, den es ab April zu lockern und von Unkraut zu befreien galt. [20] Die Aussaat sollte frühestens Anfang Mai erfolgen, da die Pflanze sehr empfindlich gegen Nachfrost und Kälte war. Den lange Zeit von Kirchenfeiertagen vorgegebenen, regional leicht variablen Saattagen folgte eine Woche aufmerksamer Pflege, worunter vor allem die Bekämpfung von Vögeln zählte. War die Pflanze jedoch entwickelt, bedurfte sie etwa zwölf Wochen keiner größeren Pflege, auch wenn ein wenig Jäten und ergänzendes Düngen angeraten wurden. Die Ernte startete dann Anfang bis Mitte August. Sie begann mit dem für die Faserproduktion einschlägigen männlichen Hanf, wurde vier Wochen später mit dem weiblichen Hanf fortgesetzt, bei dem die Samenproduktion im Mittelpunkt stand. Die meist von Männern durchgeführte Ernte erforderte Übung und Sorgfalt, mussten Brüche der teils zwei Meter, teils aber auch längeren Pflanzen doch vermieden werden.

Die abgeernteten Faserstängel wurden zuerst einer Röste unterzogen. Dies hieß, sie zwischen vier und acht Tagen in Wasser zu legen, meist in einen Bach oder Teich, zunehmend in gesondert angelegten Röstegruben. Teilweise bediente man sich aber auch der sogenannten Tauröste, legte die Fasern also auf Wiesen, um sie so dem Morgentau auszusetzen. Ziel war die Auflockerung und Zerstörung der Stängel, um so Zugang zu den im Inneren angesiedelten Fasern zu bekommen. An die Röste schloss sich das Ausspreiten, also das Trocknen der gerösteten Stängel bei gleichzeitiger moderater Bewässerung an. Abhängig vom Wetter, konnte diese Phase nach neun bis vierzehn Tagen abgeschlossen werden. Die Qualität der Faserstoffe war abhängig vom passgenauen Übergang zwischen den einzelnen Verarbeitungsschritten. Dies erforderte Erfahrung und genaue Bobachtungsgabe. Es folgten das Dreschen und Risten der Stängel, um so die Hanfsamen gewinnen zu können. Daran schloss sich das Brechen der Stängel an, also das Zerbrechen und Entfernen des holzigen Kerns, dann das teils durch Mühlen und Reiben durchgeführte Boken. Durch Quetschen und Stampfen mussten Stängel und Fasern weicher gemacht werden. Es folgte das Stoßen, also die Zerteilung des Reinhanfs in zwei oder drei meist etwa 80 cm lange Teile. Am Ende stand schließlich das Hecheln, also die Trennung von Faserstoffen und den holzigen Ummantelungen. Nun, nach langen und mühseligen Arbeitsschritten, konnte auch ein wenig Agrarromantik Einkehr halten: „Im fröhlichen Kreise setzen sich zu diesem Geschäfte die Hanfbauern familienweise im Freien zusammen, bei einem von den abgeschlußten Stengeln unterhaltenen Lustfeuer.“ [21]

Kühlere Analytiker verwiesen dagegen auf Ertragsparameter, nach denen 100 kg geerntete Hanfstängel 10-15 kg Reinhanf ergaben, zudem 30-45 kg Werg, also weiterverwertbare Faserstoffe. [22] Der gehechelte Hanf bildete – neben den Hanfsamen – die eigentliche Handelsware, bildete das Rohmaterial für die Folgearbeiten der Seiler und der Textilindustrie. Auch in Mutters Stübele schloss sich das Spinnen und dann das Weben an, sollte die Familie versorgt werden. Das mochte genügen, doch die neuen Chancen des Industriezeitalters erlaubten zahlreiche effizientere und produktivere Anbauweisen, vor denen die langsamen Verbesserungen des späten 18. Jahrhunderts keine Gnade fanden: „Seit Jahrhunderten dachte bey uns niemand an die Verbesserung der alt hergebrachten Behandlungsweise; niemand arbeitete mit Ernst und Beharrlichkeit und mit den nöthigen Vorkenntnissen, an die Erhebung dieses Zweiges der Landes-Cultur; wenigstens ist nichts dieser Art, zur öffentlichen Kunde gelangt. Man blieb beym alten Schlendrian, und begnügte sich mit dem, was die Natur mit einiger einfachen Aushülfe, gern gab.“ [23]

Hanfanbau wurde zu dieser Zeit in ganz Europa betrieben. Frankreich konnte sich in der napoleonischen Zeit fast selbst versorgen,  Großbritannien und Deutschland blieben wichtige Importregionen, Norditalien sowie insbesondere in Russland wichtige Exportländer. Nationenbegriffe führen allerdings irre, denn durchweg gab es regionale Schwerpunkte beim Anbau, vielfach auch beim Verbrauch. Österreich wies beispielsweise hohe Produktionsziffern in Galizien, der Bukowina, Mähren, der Steiermark und dem Krain auf, zugleich aber gab es große Gebiete ohne Hanfanbau. [24] In Deutschland waren im späten 18. Jahrhundert Schlesien, Westfalen, die Pfalz, Baden, Bayern und auch Lüneburg wichtige Hanfanbaugebiete. [25] Im 19. Jahrhundert brachen jedoch die protoindustriellen Heimgewerberegionen Schlesien und Westfalen spätestens in den 1840er Jahren weg. Dagegen entwickelte sich Baden zur eigentlichen Kernregion des deutschen Hanfanbaus. Ähnliche regionale Cluster bildeten sich etwa in den italienischen Regionen Bologna und Ferrara. Nicht nur die Industrialisierung war anfangs ein regionales Phänomen, sondern auch in der damals noch wichtigeren landwirtschaftlichen Produktion fanden sich analoge Prozesse. [26]

Alle Hanfanbaugebiete sahen sich seit dem frühen 19. Jahrhundert unter Veränderungsdruck. Dieser erfolgte nicht immer direkt, also durch Güter in Konkurrenz zu den noch zu behandelnden Hanfprodukten. Der Druck erfolgte vor allem indirekt, durch wachsende Marktchancen. Binnenwanderung war Chancenwanderung, zunehmend lockte auch das freiere Amerika. Die sich nach dem Vorbild Englands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beträchtlich verändernde Landwirtschaft bot zahlreiche neue Einkommenschancen. Insbesondere das rasche Vordringen des arbeitsintensiven Hackfruchtanbaus (Kartoffeln, Zuckerrüben) ging vielfach zulasten des Hanfanbaus, erforderten sie beide doch ähnlichen Arbeitseinsatz und ähnliche Böden. Diese langsame zweckrationale Umgestaltung führte zu höherer Produktivität und Marktanbindung der Agrarwirtschaft. Sie zernierte jedoch auch die kleinbäuerliche Lebenswelt, in die der Hanfanbau verankert war. Doch in der Expertenliteratur las man fast ausschließlich das vorwärtstreibende Mantra der Moderne: „Es möge der alte Schlendrian der handwerksmässigen Betriebe, wie er leider nur noch zu häufig auf dem Lande anzutreffen ist, der steife Aberglaube, alle landwirhtschaflichen [sic!] Verrichtungen müssen nach gewissen Kalendertagen oder nach dem und dem Heiligen geschehen und dergleichen, es möge der mechanische oder instinktmässige Trieb, ‚wie der Grossvater es gemacht, so macht es der Vater, und wie der Vater sein Feld bestellt, so thue auch ich es‘, doch bald hierin auf hören.“ [27]

Die intensiven Versuche, den Hanfanbau zumal in Deutschland zu intensivieren, ihn damit durch Wandel wettbewerbsfähig zu machen, zu bewahren und gar auszubauen, können hier natürlich nur kursorisch behandelt werden. Zentral war dabei ein anderer Blick auf die landwirtschaftliche und gewerbliche Produktion, angetrieben von Wissensformen, wie sie moderne Naturwissenschaften, der Maschinenbau und die Ökonomie entwickelten und gesellschaftlich hierarchisierten.

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Die Pflanzenbotanik des Hanfes als Optimierungshilfe  (O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung der offizinellen Gewächse, Bd. 3, Leipzig 1861, Tafel XIXb)

Getragen von einem breiten Netzwerk aus landwirtschaftlichen Vereinen und einer neuen, zunehmend naturwissenschaftlich arbeitenden Agrarwissenschaft begann man Mitte des Jahrhunderts mit einer Verbesserung des Saatgutes. Das bedeutete nicht nur eine umfassende Neukombination der Sorten zur Hebung des Faserertrages; etwa durch die Anpflanzung von sibirischem und italienischem Hanf. [28] Das bedeutete auch einen systematischen Wechsel des Saatgutes und dessen Vertrieb durch qualifizierten Samengroßhandlungen im In- und Ausland. Zudem forderten Experten eine sorgsamere Ernte, um sicherzustellen, dass die weiblichen Pflanzen auch wirklich bestäubt wurden und eigene Samen ausbilden konnten. [29] Der moderne Hanfbauer musste demnach die Art der Aussaat besser kontrollieren. Breitwürfiges Aussäen verursachte Fehleinsatz, entsprechend galt es die sparsameren Drillmaschinen einzusetzen. [30] Die Saat sollte noch stärker als zuvor auf die letztlich gewünschten Hanfarten abgestimmt werden, schließlich differierte die Saatmenge von Spinnhanf, Seilerhanf und Samenhanf etwa um den Faktor 4. [31] Auch die Züchtungsforschung widmete sich dem Hanfanbau, bemühte sich dabei nicht nur um besseres Saatgut, sondern auch um die Kreation nur weiblicher resp. nur männlicher Pflanzen, da die Zweigeschlechtlichkeit immensen Aufwand bedeutete. [32]

Auch wenn der Düngung schon im späten 18. Jahrhundert hohe Aufmerksamkeit geschenkt wurde, handelte es sich doch durchweg um organische Materialien. Dies änderte sich mit dem Aufkommen der Agrikulturchemie, die dem mineralischen „Kunstdünger“ den Weg bereitete: „Genügt die Stallmistdüngung nicht allein, so können auch konzentrierte Düngemittel mit bestem Erfolg Verwendung finden. Man nimmt Phosphorsäure und Stickstoff, ebenso hat sich Kali gut bewährt.“ [33] Während die Ernte nach wie vor mechanisch mit der Sichel erfolgte, konnte mit verbesserter Düngung neues Hanfland erschlossen werden. [34] Angesichts der nicht unbeträchtlichen Kosten für die modernen Düngemittel und den tendenziell nachgebenden Hanfpreisen setzte man in Deutschland bis vor dem Ersten Weltkrieg allerdings sowohl organischen als auch mineralischen Dünger ein. [35]

Die Rationalisierung des Hanfanbaus wurde schließlich auch durch verfeinertes chemisches Wissen vorangetrieben. Nicht nur der indische, sondern auch der einheimische Hanf wurden immer wieder untersucht. [36] Mochten die frühen Analysen auch kaum heutigen Kriterien genügen, so schufen sie doch Referenzwissen, mit dessen Hilfe man Auswirkungen der Düngung oder neuer Anbautechniken genauer einschätzen konnte. [37] Gerade die Fortschritte der Fett- und Eiweißchemie im späten 19. Jahrhundert wurden rasch auf die Analyse von Ölsaaten übertragen. [38]

Neben dieses naturwissenschaftliche Wissen trat seit Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch immer stärker ökonomisches Wissen. Dies bedeutete den Siegeszug der Zahl zur Festschreibung empirischer Realität und zum zweckgebundenen Vergleich. Das bedeutete für die Landwirtschaft zunehmend genauere Kenntnisse des Betriebsablaufes, ergab aber auch Zielmargen für die eigene Produktion. Wer wusste, dass „100 Pfd. gerotteter und getrockneter Stengel“ „gewöhnlich nahe bei 30 Pfd. an geschwungenem Hanfe [geben, US], was 9 bis 12 Prozent vom Gewichte der grünen Stengel ausmacht,“ [39] konnte seine Arbeit besser planen, seinen Ertrag besser abschätzen. Statistisches Wissen erlaubte aber nicht nur einzel-, sondern auch volkswirtschaftliches relevantes Orientierungswissen. Auch wenn Handelsdaten schon im 17. Jahrhundert gesammelt wurden und im 18. Jahrhundert in den Intelligenzzeitschriften breiten Niederschlag fanden, so erlaubte doch erst der Ausbau der landwirtschaftlichen Anbau- und später Produktionsstatistik eine gezielte Förderungspolitik der deutschen Staaten. Es ist kein Zufall, dass die offenkundige Krise des heimischen Leingewerbes seit den 1830er Jahren zu umfassenden Untersuchungen in Baden, dem Zollverein und später auch Österreich führte. [40] Mittels statistischen Wissens konnte nicht nur die Gewerbe- und Handelspolitik besser begründet, sondern auch die Effekte staatlicher Maßnahmen im Vorfeld besser eingeschätzt werden. Hanfimporte blieben auch nach der Zollwende 1879 praktisch zollfrei, hätten erhöhte Zölle doch die bestehende Verarbeitungsindustrie hart getroffen.

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Wachsende Importabhängigkeit. Außenhandel des Deutschen Zollvereins mit Hanf 1854-1864   (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 61)

Neues natur- und gesellschaftliches Wissen erlaubte aber auch gezielte Prozessverbesserungen. Beim Hanfanbau betrug dies vorrangig die Röste, also die Wässerung und gesteuerte Verrottung der frisch geernteten Hanfstängel. Schon im späten 18. Jahrhundert wurden alternative chemischen Verfahren getestet, insbesondere der Einsatz von Laugen und Pottasche. [41] Dies hätte aber großbetriebliches Arbeiten vorausgesetzt. Die „Umständlichkeit, Unsicherheit und Unvollkommenheit“ des Röstens wurde immer wieder betont, die Chemie als „treue Helferin“ des Landmannes bemüht. [42] In Deutschland blieb das Rösten dennoch kaum verändert, Verbesserungen erzielte man vor allem bei der Anlage von Röstgruben. Dies geschah aber eher aus ökologischen Gründen, zur „Abwendung der nachtheiligen Folgen, welche Wasser, in dem Flachs oder Hanf geröstet wird, für die Erhaltung der Fische herbeiführt“. [43] „Luftverderbnis“ wurde häufig beklagt, auch wenn die Verwirrung und Betäubung der Beschäftigten zumeist auf die betörende Hanfpflanze zurückgeführt wurde. Spätestens in den 1870er Jahren war jedoch vorgegeben, Röstgruben außerhalb menschlicher Behausungen und fließender Gewässer angelegen, sie regelmäßig zu desinfizieren und zu reinigen. [44] Es ist allerdings unklar, wieweit die Regulative wirkten.

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Optimierte Hanfröste in Gottenheim, Baden, späte 1890er Jahre (Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 91)

Neben derartige Prozessverbesserungen trat seit dem frühen 19. Jahrhundert vermehrt der Einsatz verbesserter Geräte und neu konstruierter Maschinen. Dabei spielte das mechanische Rösten anfangs eine wichtige Rolle, auch wenn sich die vornehmlich aus Frankreich stammenden Maschinen nicht durchsetzen konnten. [45] Später konzentrierten sich Praktiker und Ingenieure dann stärker auch das Brechen und das Hecheln. [46] Die Hanfverarbeitung blieb in Deutschland wenig mechanisiert, bis zum relativen Ende vor dem ersten Weltkrieg dominierte Handarbeit. Anders war dies bei der Hanfspinnerei und -weberei, die es hier jedoch nicht weiter zu verfolgen gilt. [47]

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Verbesserung bäuerlicher Geräte: Hanfbreche als Beispiel ([Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 36)

Charakteristisch für die mitteleuropäische Landwirtschaft und auch den Hanfanbau waren eng auf die Pflanzen, ihren Anbau, ihre Düngung, die Ernte, die möglichen Geräte sowie den möglichen Maschineneinsatz ausgerichtete Debatten. Der Absatz respektive die Vermarktung besaßen keine wirkliche Bedeutung, modernes Agrarmarketing setzte in Deutschland erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein. [48] Diese Einschränkungen galten auch für Interessenvereine, so etwa die von 1851 bis 1857 bestehende Gesellschaft zur Beförderung des Flachs- und Hanfanbaus.

Staatliche Instanzen unterstützten den Hanfanbau mit vielfältigen Maßnahmen, insbesondere in Baden. Hier gab es Gemeinschaftsdarren, wurden früh schon Röstgruben angelegt. Für die Bauern gab es spezialisierte Märkte, Kennzeichnungssysteme wurden staatlich garantiert. [49] Zollschutz wurde von ihnen mehrfach gefordert, doch liberale Mehrheiten lehnten diesen 1840 in Baden und auch später anderswo wiederholt ab. [50]

Hanfprodukte in sich stetig wandelnden Märkten

Der Hanfanbau war zumeist ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dessen Hauptziel der Erwerb eines Ergänzungseinkommens war. Hanf wurde gepflanzt und verarbeitet, um die so gewonnen Produkte zu verkaufen. Sie alle wurden jedoch auch direkt im Haushalt verwendet, zumal weniger marktfähige Qualitäten. Seit dem späten 18. Jahrhundert nahm die Bedeutung des Haushaltskonsum jedoch ab, auch wenn insbesondere in Osteuropa resp. Russland begrenzte Eigenwirtschaft auch noch im frühen 20. Jahrhundert betrieben wurde.

Die nur noch geringe Bedeutung der Naturalwirtschaft zeigt sich deutlich an der Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel im eigenen Haushalt. In der frühen Neuzeit wurden auch in Mitteleuropa Hanfsamen noch vielfach dem Brei und anderen Speisen zugefügt, diente Hanföl auch als Speiseöl. [51] In der Schweiz bzw. dem deutschen und französischen Oberrhein nutzte man es zum Kochen, vermengte es mit Butter oder dem Schmalz geschlachteter Tiere. Gerade während der Fastenzeit war Hanföl ein wichtiges Substitut für die dann verbotenen tierischen Fette. In Notzeiten – und die gab es in der frühen Neuzeit durchschnittlich alle sieben Jahre – dienten auch die bei der Ölgewinnung übriggeblieben Reste der menschlichen Nahrung, während Ölkuchen und Ölbrot ansonsten Viehfutter waren. [52]

Die zuvor referierten volkskundlichen Berichte beruhen auf Erfahrungsberichten und Befragungen. Zeitgenössische Publikationen unterstreichen ihre Aussagen. Zedlers Universallexikon konzentrierte sich auf die vielfältigen Heilwirkungen des Hanfs, insbesondere des Hanföls, das von der Humoralpathologie hoch geschätzt wurde. Doch auch als Nahrungsmittel fand er Verwendung: „Die gemeinen Leute reiben den Hanff in einem Asche mit etwas Milch, schlagen dieses durch einen Durchschlag und kochen hernachmahls Suppen davon, die einen gar angenehmen Geschmackes sind.“ [53] Dies unterstrich auch der Leipziger Professor für Weltweisheit Carl Günther Ludovici (1707-1778) in seinem weit verbreiteten Kaufmannslexikon. Für ihn war dies jedoch eine „Speise für das gemeine Volk“ [54], nichts für den bürgerlichen Haushalt. Allerdings wurden Hanfsamen in der frühen Neuzeit auch im noch teuren Zucker gesotten und dann als Beispeise auf die Festtafel gebracht – doch dies war Mitte des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa nicht mehr üblich. [55] Hanfsamen wurde nach wie vor in Osteuropa, insbesondere in Russland verzehrt: „Der Landmann röstet ihn nämlich bey wenigem Feuer im Backofen, und stampfet ihn mit den Schalen in einer sehr einfachen Maschine. […] Wenn bey Gelegenheit der Hunger erinnert, nimmt man hiervon etwas auf ein kräftiges Stück grobes schwarzes Brod, würzet sich selbiges mit polnischem Stein- oder russischem Seesalze, und glaubt, daß man sich in der strengsten Fasten kein besseres Gericht wünschen könne. In der That schmeckt auch der geröstete und gestampfte Hanf mit etwas Salz, gleich nach dem Mohn, vor allen anderen hiesigen Oelfrüchten so gut, daß selbst der adelige Einwohner besagter Gegenden, welcher fast durchgängig an eine sehr reichlich besetzte Tafel gewöhnt ist, ihn oft auf der Jagd oder Reise zu versuchen Appetit bekommt.“ [56] Hanfsuppen waren im späten 18. Jahrhundert noch üblich, also vor der allgemeinen Verdrängung der Frühstückssuppen durch Brot- und Kaffeespeisen [57]: „Wo ein starker Hanfbau ist, pflegen die gemeinen Leute auch aus den Hanfkörnern Suppe zu kochen, welche eben nicht übel schmeckt. Zu Bereitung dieser Hanfsamensuppe, werden die Hanfkörner in einer Reibesatte klein gerieben, die zerriebenen Körner in einen Durchschlag gethan, kochendes Wasser darauf genossen, und die harten Schalen und Hülsen zurück gelassen, und zur Viehfütterung verwendet.“ [58] Hanfsuppen mutierten zu einer diätetischen Speise, dienten ab und an der Versorgung von Schwangeren.

Im 19. Jahrhundert finden sich kaum noch Belegstellen für die Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel, einzig als Notnahrung wurde er in eine breite Palette „wohlfeiler Nahrungsmittel“ eingegliedert. [59] Hanf wurde zu einer Speise der anderen, insbesondere des fernen Russlands, wo die „schwer verdauliche vegetabilische Kost […] gewöhnlich mit Lein- oder Hanföhl zubereitet“ [60] wurde. Diese Exklusion ist sicher auch Ausdruck des damaligen Nationalismus und der damit einhergehenden Etablierung holzschnittartiger Nationalcharaktere. Russen wurden in der Bildsprache der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur zunehmend als ungehobelte Trampel dargestellt, sondern ihr vermeintlicher Gestank auch zurückgeführt auf „eine bedeutende Quantität Hanföl, Buchweizen und andere übelriechende Vegetabilien, welcher der Russe verzehrt, und deren Essenz durch seine Schweißlöcher zu strömen scheint.“ [61] Parallel begann eine Exotisierung der Hanfnahrung, die sich vor allem an den wohlbeleibten Körpern der Araber festmachte, Folge sowohl vermeintlicher Faulheit als auch des Hanfsamenkonsums. [62] Diese Exotisierung galt am Ende des 19. Jahrhunderts aber auch für das Land, für die Benennung bedrohter Traditionen, wie etwa dem in der Provinz Posen noch bestehenden Brauch, dem Gesinde am Weihnachtsabend Hanfsuppe mit Mohn zu reichen. [63] Faktisch aber wollte der bürgerliche Städter davon nichts mehr wissen, bewertete daher die ehedem wohlschmeckende Hanfsuppe nun als „die unangenehmste und unverdaulichste“ [64] aller Löffelspeisen.

Während Hanfsamen somit ab dem späten 18. Jahrhundert zu einem recht seltenen bäuerlichen Nahrungsmittel in Mitteleuropa wurden, gewannen sie nicht nur an Bedeutung als Handelssaatgut für neue Hanfkulturen und als Grundstoff der Hanfölproduktion. Hanfsamen fanden zudem guten und regelmäßigen Absatz als Futter für die seit dem 18. Jahrhundert in Tirol, den Niederlanden und dann vor allem im Harz gezüchteten Kanarienvögel.

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Anzeige für Hanfsamen als Vogelfutter 1880 (Der Nebelspalter 6, 1880, H. 17, s.p.)

Einseitige Fütterung hatte jedoch ihren Preis, denn die Ziervögel nahmen zwar rasch zu, beendeten aber vielfach auch den vom bürgerlichen Publikum so erwünschten Gesang. [65] Entsprechend wurden Hanfsamen Teil von Futtermischungen – und die Presse des 19. Jahrhunderts ist durchzogen von Ratschlägen, welche Vogelart welche Mischung zu sich nehmen müsse, um allseits zu delektieren. [66] Hanfsamen wurden vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nicht als Supernahrungsmittel verstanden, sondern „als kleines, graues Korn mit öligem Kern“, das man für die “kleinen gelben Sänger“ „in Papierdüten vom Kaufmann nach Hause tragen“ konnte. [67]

Hanfsamen hatten Mitte des 19. Jahrhunderts keinen hohen Wert mehr, galten zusammen mit Lein- und Mohnsamen als das „Proletariat der Schalenfrüchte“ [68]. Als Haus- und Heilmittel konnten sie jedoch noch eine gewisse Bedeutung behaupten, nutzten doch Fachärzte Hanfsamenmilch als ein wirksames Mittel gegen Harnbeschwerden und Diarrhoe. [69] Die Mehrzahl der Ernte und insbesondere der Importware ging jedoch in Produktion von Hanföl.

Hanföl war vorrangig Handelsgut, Welthandelsware. Das wichtigste Produktionszentrum bildete seit dem frühen 18. Jahrhundert Russland und das Baltikum. Schätzungen gehen von etwa vier Millionen russischen Bauern aus, die Anfang des 19. Jahrhundert marktbezogen Hanf anbauten. [70] Neben den Faserstoff trat der Hanfsamen, der in den größeren Hafenstädten der Ostseeküste, in Riga, St. Petersburg und Königsberg, zu Öl verarbeitet und dann vor allem nach Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien verschifft wurde. Hanföl war in erster Linie ein Zwischenprodukt, das anfangs vor allem als Grundstoff für die Seifenherstellung, für Ölfarben und zunehmend auch zur Firnisproduktion eingesetzt wurde. Außerdem wurde es im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert als Beleuchtungsmittel eingesetzt.

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Werbeanzeige für importiertes Hanföl 1830 (Leipziger Zeitung 1830, Nr. 171 v. 19. Juli, 1980)

Auf der anderen Seite des Nutzungsspektrums standen bäuerliche Haushalte, in denen Hanföl „bald zum Brennen, bald zur Wagenschmiere, bald in der Arztney gebrauchet“ [71] wurde. Hanfsamen wurde an der Sonne getrocknet, gesäubert, mit einer Wind- oder Staubmühle nochmals gereinigt und dann kalt geschlagen. [72] Das so gewonnene Öl diente vornehmlich als Leuchtmittel, als Anstrich, selten als Nahrungszusatz. Für die bäuerliche Ökonomie waren auch die Reste der Ölherstellung wichtig. Der sogenannte Ölkuchen wurde an Rindvieh, Schweine, Schafe und auch Pferde verfüttert, fand auch Verwendung als Fischköder. [73] Die Masse der Hanfsamen wurde jedoch nicht häuslich genutzt, sondern verkauft. Die Textilindustrie bot im späten 18. Jahrhundert noch günstige Absatzmöglichkeiten, diente Hanföl doch der Vorbehandlung von Garnen und Stoffen. [74] Es blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiges Handelsgut, im Haushalt dagegen fanden sich immer weniger Anwendungen. Als Leuchtmittel war es nicht ideal, rußte es doch beträchtlich, verbrannte auch relativ schnell. [75] Es wurde ersetzt durch die in den 1830er Jahren aufkommenden Stearin- und dann Paraffinkerzen, schließlich durch das Petroleum. Auch die Ölkuchen gerieten seit der Jahrhundertmitte in den Bannstrahl der sich rasch entwickelnden Agrarwissenschaft. Aufgrund der harten Fruchtschalen hatten die Abfälle der Hanfölproduktion einen recht niedrigen Futterwert. Das reichte für die Nebenerwerbslandwirtschaft, doch die immer häufiger spezialisierten Haupterwerbsbetriebe tendierten zunehmend zu kolonialen Futtermitteln, die höhere Eiweiß- und Fettgehalte besaßen und mit denen sicherere Masterfolge erzielt werden konnten. Der Ölkuchen wurde dann als Dünger genutzt.

Die Ölproduktion war teils landwirtschaftliches Nebengewerbe, teils schon großbetrieblich betriebene Großmüllerei. Entsprechend finden sich relativ früh beträchtliche Rationalisierungsgewinne durch technische Innovationen. Zu Beginn der Industrialisierung wurde Hanföl durch Ausschlagen sowie kalte und warme Pressung gewonnen. [76] Um 1840 dominierte noch das einmalige Ausschlagen, doch mit leistungsfähigen hydraulischen Pressen konnte der Ertrag deutlich gesteigert werden. In den 1870er Jahren wurde Hanföl vor allem mittels Keilpressen gewonnen, daneben gab es auch eine einmalige warme Pressung. [77] In den 1880er Jahren betrug die Ausbeute des Hanföls durchschnittlich 25%, konnte aber durch neue Extraktionstechniken auf 30-32% erhöht werden. [78] Als Lösungsmittel wurden Benzin, Schwefelkohlenstoff und Äther eingesetzt, entsprechend unterschied sich die Ölgewinnung von der heutzutage gängigen, doch erst Anfang der 1970er Jahre eingeführten Hochdruckextraktion mit Kohlendioxid. [79] Die damaligen Lösungsmittel waren stärker invasiv, wenngleich mit ihrer Hilfe durchaus erfolgreiche Markenprodukte produziert werden konnten. Kaffee HAG ist wohl das bekannteste Extraktionsprodukt – dabei wurde Koffein mit Hilfe von Benzol aus dem Rohkaffee entfernt. [80] Die Hanfölerträge konnten bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nur noch moderat gesteigert werden. 1911 hieß es: „Die kalte Pressung liefert bis zu 25 % eines ziemlich dünnen, hellgrünen, die warme Pressung bis zu 30 % eines dickeren und dunkelgrünen Öls. Unter dem Einfluß der Luft wird das Öl braungelb. Die besseren Sorten dienen, besonders in Rußland, als Speiseöl, die geringeren werden zu Firnissen und Seifen verwendet, die in Norddeutschland sehr verbreitete ‚grüne Seife‘ ist eine Schmierseife aus Hanföl.“ [81]

Das Zitat dokumentiert Fortschritte in der Ölverarbeitung, belegt indirekt aber noch die relativ verhaltene Entwicklung der Fettchemie. Selbst an sich einfache Parameter, wie der Ölgehalt der Hanfsamen, wurden bis in die 1880er Jahre hinein mit 20-25% deutlich zu niedrig angegeben, so dass potenzielle Ertragssteigerungen kaum gesehen wurden. [82] Erst danach wurde das Öl auf Basis seiner verschiedenen Fettsäuren (damals Leinölsäure, Oelsäure, Palmitinsäure und Stearinsäure) eingeschätzt, erst danach war Extraktionstechnik oder aber die Dampfdestillation überhaupt denkbar. [83] Kurz vor dem ersten Weltkrieg hatte man ein deutlich differenzierteres Bild von der Zusammensetzung des Hanföls gewonnen. [84] Für eine Intensivierung der Ölproduktion war es damals jedoch schon zu spät, denn kurz vor dem Ersten Weltkrieg war der Hanfanbau in Deutschland im Wesentlichen eingestellt worden. Das war vor allem Folge des ökonomischen Niedergangs der Hanffaser. Hanföl hätte, zumal aus heutiger Sicht, grundsätzlich Chancen für andere nichttechnische Angebote gegeben. Es gab solche, wenngleich sie Ausnahmen bildeten: In Österreich wurde 1825 den in Prag produzierenden Gebrüdern Löwy ein Privileg auf ein Kunst- und Gesundheitsöl zugesprochen, bei dem Hanföl mit Schwefelsäure versetzt und mit Ethanol vermischt wurde, um das Produkt dann mit süßen und bitteren Mandeln zu einer kosmetischen Mandelmilch zu vermengen. [85] Hanföl wurde auch zu anderen kosmetischen Zwecken eingesetzt, etwa für ein kurzlebiges Haarwuchsmittel in Ungarn. [86] Diese Beispiele verweisen auf Marktchancen, die nicht genutzt wurden – obwohl die Kosmetikbranche ein wichtiger Wachstumsmotor des Konsumgütermarktes im späten 19. Jahrhundert wurde.

Das galt auch für andere Produkte der Hanfherstellung. Ab und an wurde Hanf beispielsweise als Substitut für Hopfen beim Bierbrauen vorgeschlagen – und zwar zu Zeiten als das mythenbeladene bayerische resp. deutsche Reinheitsgebot noch nicht griff. [87] Was Anfang des 19. Jahrhunderts noch undenkbar schien, wurde in der Mitte wissenschaftlich begründet, sei doch Hanf ähnlich bitter wie der Hopfen, böte die stetere Ernte zudem eine höhere Betriebssicherheit. “Daß auch unser Hanf (Cannabis sativa) betäubend wirkt, ist den Producenten hinlänglich bekannt.“ [88] Die vom Nürnberger Chemiker Rudolph von Wagner (1822-1880) propagierte Idee wurde seinerzeit zwar breit gestreut, doch offenkundig nicht aufgegriffen. [89] Ebenso scheiterten nach 1900 eher zaghafte Versuche, Hanfstauden als dekorative Zierpflanzen in die Rundbeete deutscher Gärten einzuführen. [90] Stattdessen behauptete sich die Rizinusstaude.

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Hanf als Zierpflanze – Ein Versuch von 1908 (Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351)

Hanf war vor allem ein Gespinstpflanze, Hanffasern das wichtigste Produkt. Deren Präsenz in der vorindustriellen Gesellschaft war offenkundig: „Mit Hanf werden Schiffe gelenkt, Glocken geschwenkt, Bettstätten verschränkt und Schelme gehenkt.“ [91] Doch nicht allein der Markt wurde beschickt, die Hanffaser prägte die ländlichen Konsumsphäre bis weit in das 19. Jahrhundert hinein: „Sie liefert ihm die Stoffe zur ersten Hülle bei seinem Erscheinen auf diesem Schauplatze der Natur. Sie bekleidet ihn bis an sein Ende und selbst noch im Grabe. Mit roher Hoffnung blickt das Mädchen des Landmanns auf das Gedeihen dieser Pflanze, welche ihr den Stoff zu ihrer Aussteuer liefert.“ [92] Stärker noch als der vor allem für Garne und Kleidung verwandte Flachs war Hanf ein Universalrohstoff für zahlreiche Produkte der Hauswirtschaft und des Gewerbes. Die aus bäuerlich-kleingewerblichen Milieu stammende Schweizer Volkskundlerin Anna Ithen (1858-1924) listete kurz nach der Jahrhundertwende vieles auf: „Frucht- und Mehlsäcke, Seile, Stränge, Stricke, Wagendecken, des Kaufmanns starkes Packtuch und des Schusters Pechdraht wurden aus dem starken Hanfe bereitet. Der einstigen Schiffahrt lieferte er die Taue und Segeltücher, der alle Schiffbauer verstopfte mit geringerm Werg die Fugen und Risse, und der Brunnenbauer der alten Zeit versuchte ebenfalls mit Werg schadhafte Stellen seiner hölzernen Dünkelleitung wasserdicht zu machen. Auch der Nähfaden (‚Zwirn‘) ward aus der Hanfreist gedreht.“ [93] Hanffasern eröffnen den Blick auf eine vergangene materielle Kultur, die heute durch andere funktionalere und preiswertere Werkstoffe verdrängt ist.

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Hanf als ubiquitärer Faserstoff. Ein nostalgischer Rückblick der NS-Propaganda 1943 (Die lustige Hanffibel, hg. v. Reichsnährstand, Berlin o.J. [1943], 7)

Im 18. Jahrhundert dienten Hanffasern noch vielfach der protoindustriellen Garn- und Stoffproduktion. In den wichtigsten Produktionsregionen wurden aber auch erste Fabriken errichtet, so etwa die 1762 in Lörrach gegründete Firma Gaup, Kupfer und Breitenbach. [94] Hanfstoffe konnten einfach gefärbt werden (damals noch mit heimischen „Naturfarben“) und erwiesen sich als besonders haltbar: „Die Würmer fressen den Hanffaden nicht an.“ [95] Je nach Verwendungszweck wurden die Garne mit Wolle, Baumwolle, Leinen und Haaren verwoben, um Stoffe billiger anbieten zu können, um zugleich aber die immer etwas kratzigen und starren Hanfgeflechte tragfähiger und anschmiegsamer zu machen. Hanfgarn erzielte auch daher geringere Preise als Flachsgarn. Relative Schwere, Dauerhaftigkeit und Widerstandskraft gegen Nässe waren bei Segeltuch jedoch von Vorteil, ebenso bei Tauen, Stricken und Netzen. Im Bereich der Schifffahrt besaßen Hanfprodukte daher lange Zeit ein Quasimonopol, waren zugleich kriegswichtig. Die Handels- und Kriegsflotten Englands, Spaniens und der Niederlande bedurften immenser Zufuhren, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem von Russland befriedigt wurden, während sich in deutschen Landen Frankfurt a.M. als Handelsdrehscheibe etablieren konnte. Mitte des 18. Jahrhunderts stammten 90 Prozent der in England benötigten Hanffasern aus Russland, und selbst in den späten 1850er Jahren lag deren Marktanteil noch bei 75 Prozent. [96] Zu dieser Zeit erforderten Segel und Tauwerk eines Linienschiffes etwa 90 Tonnen Rohhanf. [97] Hanf, so der paradoxe Schluss, bot also die für den europäischen Ausgriff auf die koloniale Welt notwendigen Materialien, erlaubte den Zugriff auf koloniale Fasersubstitute und auch den indischen Hanf.

Hanffasern wurden anhand äußerer Kriterien und mittels Sinnesprüfung unterschieden. Feinheit und Farben bestimmten die Qualität der Garne, ebenso deren Länge und Stärke. [98] Hanffasern machten nur etwa 3-6 % des Gewichtes der geernteten Hanfstängel aus und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unterschieden Händler auch nach dem Glanz der jeweiligen Ware. [99] Für den Fernhandel entwickelten russische Kaufleute schon Mitte des 18. Jahrhunderts einfach abgrenzbare Qualitätsabstufungen. Andere Produktionsregionen folgten, so dass die Käufer anhand von Verpackungen, Buchstaben und Nummern die jeweilige Ware einschätzen konnten. Derartige Informationen waren für die meist lokal arbeitenden Seiler weniger wichtig, kauften sie doch meist von lokalen Anbietern und Kaufleuten mit bewährter Importware. Hanfwerg und geringe Qualitäten wurden zudem zu Papier verarbeitet, ehe der Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführte Holzschliff dieser Produktion ein Ende bereitete.

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Ausverkauf von Leinenwaren aus Flachs und Leinen 1874 (Düsseldorfer Volksblatt 1874, Nr. 53 v. 7. März, s.p.)

Hanfgewebe wurden im Textilsektor kaum beworben, sie erschienen, ebenso wie Flachs, unter dem Dachbegriff von Leinenwaren. Ihre dennoch hohe Wertigkeit zeigt sich aber in Diebstahlsinventaren, die sich im frühen 19. Jahrhundert auch in Tageszeitungen finden. Dort wurde Hanfkleidung explizit als solche hervorgehoben, erleichterte solche Genauigkeit doch das Auffinden von Diebesgut und Dieben. [100] Generell aber war die Innovationskraft der Hanf- und Flachsspinner und -weber jedoch gering, erschöpfte sich in schnelleren Maschinen und verbesserter Anbautechnik, nicht aber in neuartigen Produkten. Eine Ausnahme bildete der in den 1840er Jahren populäre und in Frankreich entwickelte Hanffilz, dessen Fasern wärmebehandelt und mit Fetten und Harzen getränkt waren. So blieb der Stoff relativ temperaturunabhängig, konnte zudem gut geformt werden. Feuereimer, Wasserröhren, Felleisen, Hutkästen, Blumenvasen, Waschbecken, Becher, Flaschen und nicht zuletzt relativ leichte Dachschindeln wurden daraus gefertigt. [101]

Auch nach dem Wegbrechen der Hanf -und Flachsverarbeitung im Heimgewerbe, das in den 1840er Jahren vor allem in Westfalen und Schlesien beträchtliche soziale und wirtschaftliche Verwerfungen hervorrief, gab es jedoch weiterhin eine durchaus wachsende deutsche, vor allem aber in ganz Europa etablierte Flachs- und Hanfindustrie. [102] Im Deutschen Reich gab es 1884 sieben Hanfspinnereien und Bindfadenfabriken mit einem Geschäftskapital von 12,5 Mio. Mark und 2.389 Beschäftigten, die allerdings nur die Spitze des Eisberges bildeten, da die Mehrzahl der Garne und Stoffe in Leinenspinnereien und -webereien produziert war. Um 1880 war das Deutsche Reichs der weltweit größte Importmarkt für Hanf mit einer Produktionsmenge von ca. 11.000-17.000 Tonnen. [103]

Substitution und Verschwinden des Hanfes seit dem späten 19. Jahrhundert

Diese Weiterverarbeitung vor allem von Importware gibt einen Eindruck von den beträchtlichen Umgestaltungen während der ersten Globalisierung im langen 19. Jahrhunderts, deren Auswirkungen denen heutiger Globalisierung kaum nachstehen. Hanf wurde davon besonders getroffen, denn dessen Fasern konnten durch Importe aus Kolonien oder überseeischen Produktionsgebieten kostensparend substituiert werden. Die Sprache der neuen Billigfasern deutet ihre Marktwirkung noch an. Schon in den 1830er Jahren galt dies für den neuseeländischen Flachs (aus der Flachslilie), den Sunn-Hanf (aus der Klapperschote), den Aloe-Hanf (aus mexikanischer Agave) und vor allem den philippinischen Manila-Hanf (aus der Pisangpflanze). [104] Aus ihnen konnten Bindfäden, Seile, auch Segeltuch gefertigt werden. Dies geschah im Zeitalter des Imperialismus auch, um die Abhängigkeit von Importen aus potenziellen Feindesländern zu minimieren und die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Herrschaftsbereich zu fördern. Im Deutschen Reich war Sisalhanf ein wichtiges Argument für die Kolonisierung Deutsch-Ostafrikas, wo 1913 in der Tat 19.700 Tonnen produziert und ins Reich zur Weiterverarbeitung exportiert wurden. [105] Seit der Jahrhundertmitte kam zudem Bombay-Hanf – Jute – auf und nahm dem Hanf große Marktanteile bei Tauen und Säcken ab. [106] Marktdruck gab es aber auch durch die beträchtlichen Fortschritte in der eisenverarbeitenden Industrie. Eisen- und dann Stahlseile gewannen im Bergbau und schließlich der Schifffahrt immer größere Bedeutung, erlaubten Fördermengen und Transportleistungen, die mit Hanf und anderen Faserstoffen nicht möglich gewesen wären.

„Vom facettenreichen Phänomen «Cannabis» blieb nur noch ein Rauschgift übrig.“ [107] Diese Sentenz des Zürcher Sozial- und Wirtschaftshistorikers Jakob Tanner beschreibt die Richtung, doch diente ihm die neuen Debatten um die Drogenlegalisierung als Messlatte. Für das lange 19. Jahrhundert galt dies nicht. Hanf wurde Ende des 19. Jahrhunderts zwar noch, zusammen mit Tabak, Tee, Kaffee, Opium, Hanf, Baumwolle und Getreide, zu den „Grossmächten der Pflanzenwelt“ [108] gezählt, doch der relative Abstieg war damals schon akut. In Deutschland verschwand der Hanf dagegen faktisch vor dem Ersten Weltkrieg, die Produktionsmenge lag 1913 noch bei ganzen 100 Tonnen. [109] Analog zur Schweiz galt auch hierzulande: „Immer seltener werden in unserer Gegend die Saatfelder von Flachs und Hanf, dieser einst in der Hauswirtschaft so hochgehaltenen Kultur. Die Werkzeuge, welche dazu dienten, diese Pflanzen durch alle Stadien der Bearbeitung zur fertigen Leinwand zu verwandeln, stehen auf dem Estrich oder in Rumpelkammern, dem Roste und Holzwurme preisgegeben.“ [110]

Das hatte 1880 noch deutlich anders ausgesehen. Damals lag die Produktion im Deutschen Reich zwar weit hinter den führenden Produktionsländern Russland, Italien und Ungarn, doch immerhin noch auf der Höhe der USA als dem wichtigsten Agrarproduzenten weltweit. Hanf wurde vor allem importiert, dann hierzulande abgesetzt oder aber als Fertigware exportiert.

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Hanf als globale Handelsware 1880 (Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 20)

Nun aber kumulierten die zuvor schon mehrfach erörterten Veränderungen im Hanfmarkt. [111] Hanf wurde, wie auch die anderen dominanten Textilstoffe des frühen 19. Jahrhunderts (Schafwolle, Flachs und Seide) durch Pflanzenfaserstoffe aus dem globalen Süden verdrängt. Gerade die auf Sklaven- und Plantagenwirtschaft gründende Baumwolle setzte zum globalen Siegeszug an, „King Cotton“ hatte die Leinenkleidung abseits der bäuerlichen Selbstversorgung bis spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts verdrängt. Hanf hatte auch gegenüber Jute deutliche Preisnachteile, konnte sich im Verpackungssektor daher nicht länger behaupten. Tropische Langfasern wurden zunehmend für Taue und Seile genutzt, neben Sisal, Aloe und den anderen bereits erwähnten Kolonialprodukten traten nun auch Bananen- und Kokosfasern. Die noch nennenswerte Ölfarbenproduktion geriet durch die kostengünstigeren Teer- und auch Pigmentfarben der deutschen chemischen Industrie unter harten Wettbewerbsdruck. [112] Importierte Lein-, Mohn- und Rizinusöl sowie asiatisches Holzöl, Perillaöl und Sojaöl dominierten nun bei den trocknenden Ölen, während nach dem Ersten Weltkrieg, Hanföl, aber auch Nuss-, Sonnenblumen- und Baumwollsamenöl „nur sehr selten Anwendung“ [113] fanden. Der Niedergang wurde gewiss durch die in Baden übliche Nebenerwerbslandwirtschaft verlangsamt, die mit gewerblicher Haupterwerbsarbeit verbunden und weiterhin von Frauen mitgetragen wurde. Die Hanfanbauflächen sanken nun rasch. Wurden 1878 noch 21.000 ha kultiviert, so sank diese Zahl über 15.000 ha 1883 und 8000 ha 1893 auf 3.500 ha 1900 und wohl 200 ha 1913. [114]

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Hanfbrechmaschine in den USA (S.S. Boyce, Hemp (Cannabis sativa), New York 1900, 97)

Dies bedeutete (noch) nicht ein Verschwinden der globalen Hanfproduktion, die für die deutsche Textilindustrie nach wie vor eine gewichtige Rolle spielte. Schätzungen gehen für 1913 von weltweit 850.000 ha Anbaufläche und einem Ertrag von ca. 500.000 t aus. Diese Werte lagen 1924/25 bei nur noch 300-400.000 ha resp. 220.000 t. [115] Der Rückgang erfolgte, obwohl insbesondere in den USA der Maschineneinsatz sowohl bei der Ernte als auch bei der Verarbeitung auf neue Höhen gebracht wurde und Handarbeit dort Ausnahme wurde. Russland spielte auch nach der Machtübernahme durch die Sowjets eine führende Rolle im Billig- und Massensektor, während Italien hochwertige Produkte, zugleich aber auch alle anderen Marktsegmente bediente. [116] Das Deutsche Reich nahm diese grundlegenden Veränderungen hin, ließ den heimischen Hanfanbau ohne Zollschutz. Das war ökonomisch rational, zumal die Hanf- und Flachsindustrie anders als die Getreide- oder Zuckerwirtschaft keine schlagkräftige Interessenvertretung besaß. Während das Deutsche Reich zur weltweit zweitgrößten Handelsnation aufstieg, und gewiss zu den Globalisierungsgewinnern dieser Zeit zu zählen ist, zeigt das Verschwinden des Hanfanbaus, dass dieser Weg mit beträchtlichen Verwerfungen erkauft war, darunter die Zernierung der Lebens- und Wirtschaftsweisen breiter Teile des kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Grund war aber auch, daß im Deutschen Reich Landwirtschaft immer stärker im Hauptgewerbe betrieben wurde und Bauern sich auf ertragsstarke und gut absetzbare Produkte konzentrierten. Die Hanfbauern waren keineswegs Opfer, sondern sie optieren vielfach bewusst und zweckrational für lukrativere Tätigkeitsfelder. [117] Dies missachteten auch zahlreiche Fachbücher, die in romantisierender Weise Flachs und Hanf immer noch als „liebe alte Bekannte unserer Landwirtschaft und unseres deutschen Hauses“ [118] präsentierten.

Der Erste Weltkrieg bildete einen Testfall für die Auswirkungen derartiger Strukturwandlungen. 1913 wurden noch 159.000 t Flachs, Hanf (55.000 t) und Werg im Wert von 118 Mio. Mark eingeführt, also etwa 5% der gesamten Rohstoffimporte im Wert von 2,447 Mrd. Mark. [119] Trotz beträchtlicher Eroberungen russischer Hanfproduktionsflächen [120] gelang es nicht, die hohen Importe zumal aus dem 1915 vom Verbündeten zum Kriegsgegner mutierten Italien zu kompensieren. Schon 1915 setzten daher Appelle und Förderprogramme ein, um den heimischen Hanfanbau zu revitalisieren. [121] Höchstpreise wurden festgelegt, die vorhandenen Vorräte beschlagnahmt und der Markt durch eine frisch gegründete Deutsche Hanfbaugesellschaft bewirtschaftet. Nun war es „vaterländische Pflicht der deutschen Landwirte Gespinnstpflanzen anzubauen.“ [122] All dies wurde umkränzt von Broschüren, die an die Ratgeber der Zeit um 1800 erinnerten. [123] Obwohl es einen zunehmend spürbaren Mangel an Stricken und Verpackungsmaterial gab, stand dieser nicht im Vordergrund. Es hieß nun „Baut Ölpflanzen!“ [124], denn insbesondere im Felde technischer Anstriche und Firnisse herrschte ein eklatanter Mangel.

Die Folge waren prozentual bemerkenswerte Steigerungen von 1915 417 ha über 1916 1600 ha bis hin zu 1918 3650 ha. 1920 wurde mit 5350 ha ein Höchstwert erreicht, der dem der späten 1890er Jahre entsprach. Die Erzeugungsmengen von 1918 1820 t und 1920 2575 t reichten jedoch auch nicht ansatzweise an die 55.000 t Hanfimporte von 1913 heran. Entsprechend brach der Hanfanbau nach dem Auslaufen der Zwangswirtschaft auch rasch wieder zusammen und erreichte 1932 einen Tiefstwert von 200 ha. [125] Parallel zum Verbot des indischen Hanfes als Rauschgift war der einheimische Hanf neuerlich verschwunden. Das gilt, obwohl insbesondere in Baden beträchtliche Anstrengungen unternommen worden waren, das Nachkriegsniveau zumindest zu halten, obwohl die Textilindustrie nach dem neuerlichen Anlaufen der Hanfimporte weiterhin Rohware zu Fäden und Spezialstoffen verarbeitete, und obwohl die NS-Autarkiepolitik den Hanfanbau im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkrieges auf neuerliche Höhen schnellen ließ. [126] In der Zwischenkriegszeit waren die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen längst weggebrochen, auf denen der Hanfanbau im langen 19. Jahrhundert gründete. Der heute wieder legale Nutzhanfanbau und die daraus entstehende neue Gütervielfalt beruhen denn auch auf gänzlich anderen Grundlagen als die einer längst verlorenen Vergangenheit mit einer vom Hanf stark geprägten Alltags- und Konsumkultur.

Uwe Spiekermann, 29. Juni 2019

Quellen- und Literaturnachweise:
[1] Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, 265.
[2] Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, 7.
[3] Hainer Hai, Das Definitive Deutsche Hanf Handbuch, Löhrbach o.J. (1982).
[4] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982.
[5] Patrick Matthews, Cannabis Culture, London 2000, 25.
[6] Vgl. etwa James H. Mills, Cannabis Britannica. Empire, trade, and prohibition, 1800-1928, Oxford 2003; Martin Booth, Cannabis. A History, New York 2003.
[7] Vgl. etwa Kim Lutz, Super Seeds. Cooking with Power-Packed Chia, Quinoa, Flax, Hemp & Amaranth, New York 2014; Jack Herer und Mathias Bröckers, Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf, Solothurn 2017.
[8] Kathrin Gebhardt, Backen mit Hanf. Berauschend gut, 4. Aufl., Aarau/München 2003; Dominik Schlemmer, Hanf Kochbuch. Cannabis Rezepte, Marihuana und Haschisch backen zum Kochen und Abheben, o.O. 2017.
[9] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 239-251, hier Sp. 239.
[10] Vgl. Arjun Appadurai, The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge/New York 1986; Zygmunt Bauman, Consuming Life, Cambridge/Malden 2007; Daniel Miller, Consumption and Its Consequences, Cambridge/Malden 2012.
[11] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 108.
[12] Johann Ernst von Reider, Die neuesten Entdeckungen in den wichtigsten Gegenständen der Landwirthschaft und des Gartenbaues, Bamberg 1835, 117-123, hier 117.
[13] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 229.
[14] Markus Promberger, Topographie der Leiharbeit. Flexibilität und Prekarität einer atypischen Beschäftigungsform, Berlin 2012, 43.
[15] Vgl. Rolf Peter Sieferle, Der Europäische Sonderweg. Ursachen und Faktoren, Stuttgart 2000; Markus Cerman, Vorindustrielles Gewerbe und Proto-Industrialisierung, in: ders. et al. (Hg.), Wirtschaft und Gesellschaft. Europa 1000-2000, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, 211-227, insbesondere 224.
[16] Friedrich Koch, Ansichten über das Pflanzen und Zubereiten von Hanf (Rysten) und Flachs, Bern 1824, 36.
[17] Barney Warf, High Points: An Historical Geography of Cannabis, Geographical Review 104, 2014, 414-438.
[18] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes Flachses betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 43.
[19] Vgl. etwa Zubereitung des Hanfes und Flachses nach einer Methode des Herrn Marcandier, nebst einichen andern Vorschlägen, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 75-98; Erste Sammlung Nützlicher Unterrichte, Laybach 1770, 94-116; Neue Art, den Hanf mit wenigerem Abgange und geringeren Kosten zu bereiten, und ihn am besten zu nutzen, Der Sammler 5, 1783, 162-167; Karl la Hard, Abhandlung vom Hanfe, Wien/Prag/Leipzig 1785; Gilbert Baur, Stallfütterung, Klee-Hanf-Flachs- und Grundbirnbau, Augsburg 1794, 84-93; Franz Fuß, Ausführliche Abhandlung über den Flachs und Hanf, Prag 1796, 75-95.
[20] Dies und das Folgende nach Vollständige und genaue Beschreibung wie der Hanf im Stifte Osnabrück gebauet und bereitet werde, Detmold/Meyenberg 1787.
[21] Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 110.
[22] Julius Zipser, Die textilen Rohmaterialien und ihre Verarbeitung zu Gespinsten, T. 1, Wien/Leipzig 1895, 24.
[23] Anleitung den Hanf und Flachs auf das vortheilhafteste zu pflanzen, […], St. Gallen 1812, VI.
[24] Arthur von Hohenbruck, Beiträge zur Statistik der Flachs- und Hanf-Production in Oesterreich, Wien 1873, 5 sowie die Karte im Anhang.
[25] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 765-838, hier 765.
[26] Vgl. auch den groben Überblick bei Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898, 7.
[27] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 53-54.
[28] Centralblatt des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 26, 1837, 62.
[29] O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 66.
[30] B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 100.
[31] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 425.
[32] Friedr[ich] Haberlandt, Kann man durch Culturmaßregeln auf die Hervorbringung männlicher oder weiblicher Hanfpflanzen einen Einfluß nehmen?, Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 19, 1869, 25-26.
[33] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 423-424.
[34] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 83, 85.
[35] Eduard Birnbaum, Pflanzenbau, 8. Aufl., bearb. v. Paul Gisevius, Berlin 1911, 133.
[36] Untersuchung mehrerer Theile der Cannabis sativa, von S. Schlesinger, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 490-491.
[37] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[38] Victor Griessmayer, Die Proteide der Getreidearten, Hülsenfrüchte und Ölsamen sowie einiger Steinfrüchte, Heidelberg 1897, 294.
[39] Karl Karmarsch, Grundriß der mechanischen Technologie, Bd. 2, Hannover 1841, 613.
[40] Vgl. [Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840; Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 96-111; Josef Hain, Handbuch der Statistik des österreichischen Kaiserstaates, Bd. 2, Wien 1853, 40-41, 150.
[41] [Georg Rudolph] Böhmer, Technische Geschichte der Pflanzen […], T. 1, Leipzig 1794, 514-526.
[42] Ed[uard] Brinckmeier, Der Hanf. Sein Anbau, seine Bereitung und seine Verwendung, 2. Aufl., Ilmenau/Leipzig 1886, 7. Vgl. auch Ueber die Zubereitung des Flachses und Hanfes, hg. durch die Centralstelle für die Landwirthschaft im Großherzogthum Baden, Karlsruhe 1853, mit einer Analyse irischer Röstverfahren.
[43] L[eopold] Gottlieb Kraus und W[ilhelm] Pichler (Bearb.), Encyclopädisches Wörterbuch der Staatsarzneikunde, Bd. II, Erlangen 1873, 113.
[44] Vgl. E[uard] Reichard[t], Schädliche Wirkung des Röstwassers von Flachs und Hanf für die Fischzucht, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 22, 1881, 522-523.
[45] Joh[ann] Gottfr[ied] Dingler, Bericht an Freiherr von Gravenreuth über die Brauchbarkeit der von Hrn. Christian in Paris erfundenen Hanf- und Flachs-Brechmaschine, Kunst- und Gewerb-Blatt des polytechnischen Vereins im König-Reiche Bayern 5, 1819, Sp. 81-92. Deutlich kritischer Fahnenberg, Bemerkungen über die neue Hanfbereitungs-Maschine und einige damit angestellte Versuche, Ebd., Sp. 92-96.
[46] Ueber die neue Methode, den Flachs und Hanf zu brechen und zu bearbeiten, Leipzig 1822; Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 238-239, hier 239 und den Überblick von Hermann Grote, Bilder und Studien zur Geschichte vom Spinnen, Weben, Nähen, 2. Aufl., Berlin 1875, 7-8.
[47] Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, R. Choimet, theoretische und praktische Elemente der Maschinen-Flachs-, sowie auch Hanf- und Werg-Spinnerei, Weimar 1852 und (vielfach deckungsgleich) Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, C. Ancellin, der praktische Flachs-, Hanf- u. Wergspinner auf Maschinen, Weimar 1857.
[48] Gleichwohl galten die im internationalen Hanfhandel bestehenden Standardisierungen in den USA noch nach dem Ersten Weltkrieg als vorbildlich, vgl. Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 68-70.
[49] Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 65-69; Lauter, Notizen über den Hanfbau in Weißweil und Wyhl im Breisgau Badens, Agronomische Zeitung 9, 1854, 817-819.
[50] Karlsruher Zeitung 1839, Nr. 273 v. 2. Oktober, 3053; Karlsruher Zeitung 1840, Nr. 186 v. 11. Juli, 1150.
[51] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 107.
[52] Moritz Caduff, Essen und Trinken im Lugenz, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 82, 1986, 223-276, hier 230-231.
[53] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 463.
[54] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[55] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, hier 205.
[56] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 828.
[57] Uwe Spiekermann, Suppe im Wandel. Zur Karriere einer Alltagsspeise, Historicum 1995, Herbstausgabe, 15-21.
[58] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[59] D. Nikolai, Vorschlag wohlfeiler Nahrungsmittel, Allgemeiner Anzeiger 1812, Nr. 246 v. 12. September, Sp. 2521-2526, 2529-2533, hier Sp. 2532.
[60] Vermischte Abhandlungen aus dem Gebiete der Heilkunde (Fortsetzung), Medizinisch-chirurgische Zeitung 1835, 257-272, hier 259.
[61] St. Petersburg im Jahre 1843, Wiener Zeitschrift 1843, Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1843, Nr. 257 v. 27. Dezember, 2050-2052, hier 2052. Vgl. auch Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 73.
[62] So etwa E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Bedeutung (Fortsetzung), Deutsche Klinik 1870, Nr. 36 v. 3. September, 329-330, hier 329.
[63] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[64] Von Hartungen, Über die Suppe, Meraner Zeitung 1913, Nr. 127 v. 22. Oktober, 1.
[65] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 827.
[66] Fütterung der Kanarienvögel, Feldkircher Anzeiger 1876, Nr. 25 v. 20. Juni, 6-7; Futterrezept für Papageien, Praktische Mitteilungen für Gewerbe und Handel, Land- und Hauswirtschaft. Beilage zum Pusterthaler Bote 1908, Nr. 23 v. 5. Juni, 3.
[67] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[68] Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 161.
[69] Ebd., 217, 243; Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 361.
[70] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 253.
[71] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[72] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 400.
[73] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, 206.
[74] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes und die Zurüstung betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 48.
[75] L. Kober, Reinigung des Hanföls, Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen 1830, Nr. 256 v. 21. September, Sp. 3422-3423, hier Sp. 3422; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 603.
[76] Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 621.
[77] C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 95, 121.
[78] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 537.
[79] Hanföl, Drogisten-Zeitung 53, 1938, Nr. 4, 8.
[80] Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 194.
[81] Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 284.
[82] Vgl. die Angaben bei J[öns] J[akob] Berzelius, Lehrbuch der Chemie, übersetzt von F[riedrich] Woehler, Dresden/Leipzig 1837, 493 (25%); Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131 (23%); B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 98 (20-24%). Eine Ausnahme bildete Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345 mit einem Schätzwert von etwa einem Drittel.
[83] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 538; Eduard Gildemeister und Friedrich Hofmann, Die ätherischen Öle, Miltitz 1910, 342.
[84] Vgl. Emil Abderhalden (Hg.), Biochemisches Handlexikon, Bd. III, Berlin 1911, 22; Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 285-286.
[85] Oesterreichisch-Kaiserliche priveligirte Wiener Zeitung 1838, Nr. 130 v. 7. Juni, 815.
[86] Neues Haaröl, Verhandlungen und Mitteilungen des Gewerb-Vereines zu Köln 6, 1841, 12.
[87] Ueber Hopfen-Stellvertreter, Kaiserlich privilegirter Reichs-Anzeiger 1801, Nr. 162 v. 30. Juni, Sp. 2169-2171, hier 2170.
[88] Kurier für Niederbayern 1853, Nr. 188 v. 12. Juli, 754.
[89] Didaskalia 1853, Nr. 167 v. 15. Juli, s.p.; Hanf als Ersatzmittel für Hopfen, Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft 1854, Nr. 36 v. 9. September, 192.
[90] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[91] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 54.
[92] J[ohann] L[udwig] F[riedrich] Müller, Die Gespinnstpflanzen Flachs und Hanf, Stuttgart 1861.
[93] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 235.
[94] Mode-, Fabriken- und Gewerbszeitung 1, 1788, 22.
[95] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 830.
[96] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 252-253.
[97] Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131.
[98] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 245-247; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 598.
[99] Viktor Pöschl, Warenkunde, in: Georg Obst (Hg.), Das Buch des Kaufmanns, 7. Aufl., Bd. 1, Stuttgart 1928, 635-704, hier 692.
[100] Vgl. etwa Karlsruher Zeitung 1828, Nr. 359 v. 27. Dezember, 2094.
[101] Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345.
[102] Carl von Oberleithner, Flachs- und Hanf-Industrie. (Gruppe V, Section 3), in: Officieller Ausstellungs-Bericht, hg. v.d. General-Direction der Weltausstellung 1873, Wien 1874, 1-34.
[103] Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 17-19 (auch für die vorherigen Angaben).
[104] Carl Hartmann, Populäres Handbuch der allgemeinen und populären Technologie, Bd. 2, Berlin 1841, 371.
[105] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[106] Rhode und Beysell, Hanf, in: Pierers Universal-Conversationslexikon, 6. vollst. umgearb. Aufl., Bd. 9, Berlin/Leipzig 1877, 777-778.
[107] Jakob Tanner, Rauchzeichen. Zur Geschichte von Tabak und Hanf, in: Thomas Hengartner und Christoph Maria Merki (Hg.), Tabakfragen. Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, Zürich 1996, 15-42, hier 36-37.
[108] J. Brassel, Narkotische Nahrungs-, resp. Genussmittel. IV. Der Tabak, in: Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen naturwissenschaftlichen Gesellschaft 1887/88, Zürich 1889, 382-419, hier 382.
[109] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[110] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 228.
[111] Das Folgende nach W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 100.
[112] Hanföl wurde nicht genannt in der detaillierten Präsentation von P[aul] Schultze-Naumburg, Technik der Malerei, Leipzig 1901, 21-65.
[113] Max Bottler, Die Lack- und Firnisfabrikation, 2. verb. u. verm. Aufl., Halle a.S. 1924, 4.
[114] W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 109.
[115] Ebd., 108.
[116] Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898.
[117] Vgl. Paul Hoffmann, Die Wiederbelebung des Flachsbaus und der Hausweberei in Deutschland und ihr Einfluss auf die ländlichen Arbeitsverhältnisse, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 2-3.
[118] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 73.
[119] L[udwig] Jungmann, Der Weltkrieg, Bühl 1918, 39.
[120] Die hauptsächlichsten Oelfrüchte, Drogisten-Zeitung 34, 1919, 394-395, hier 394.
[121] Badischer Beobachter 1915, Nr. 539 v. 20. November, 6.
[122] Durlacher Wochenblatt 1916, Nr. 34 v. 10. Februar, 3.
[123] Hans Wacker, Der Handelsgewächsbau, Friedrichswerth 1917, 60-64.
[124] J[ohannes] Richter, Böttgers Praktische Anleitung zur Kultur der wichtigsten Ölgewächse, 2. Aufl., Leipzig 1916, 4.
[125] Alle Angaben n. W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. III. D: Langfaserwirtschaft, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 197-204, hier 200-201.
[126] Vgl. Die Gespinstpflanzen Flachs und Hanf auf der landwirtschaftlichen Ausstellung, Der Volksfreund 1924, Nr. 225 v. 26. September, Beilage; Körner, Leistungsfähiger Faserpflanzenanbau in Baden, Der Führer 1941, Nr. 128 v. 10. Mai, 5; Schiffstaue aus badischem Hanf, Der Führer 1943, Nr. 33 v. 2. Februar, 4.