Wissens- und Technologietransfer auf das Land: Die Anfänge der Rübenzuckerindustrie in Kalifornien, 1850-1900

„Jemand muss beginnen – wer wird der Glückliche sein? Denn es ist sicher, dass der Tag nahe ist, an dem Tausende von Tonnen Rübenzucker in Kalifornien hergestellt werden.“ [1] Als diese Frage 1857 im amerikanischen Westen aufkam, war Rübenzucker in Kontinentaleuropa bereits ein Erfolg. [2] Der Zuckergehalt der gemeinen Rübe war im 18. Jahrhundert von deutschen Praktikern nachgewiesen worden, Extraktionstechniken folgten. Züchtungsforschung und verbesserte Maschinen führten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Gründung zahlreicher Fabriken. Die Rübenzuckerindustrie gründete auf staatlicher Förderung, namentlich in Frankreich, Belgien und den deutschen Staaten, nachdem die britische Seeblockade französischer Häfen die Zerbrechlichkeit globaler Versorgungsketten deutlich gemacht hatte. Das neue ländliche Gewerbe galt als „heimisch“, denn es ermöglichte wachsende Unabhängigkeit vom globalen Rohrzuckerhandel, der vom Vereinigten Königreich und seinem wachsenden Kolonialimperium dominiert wurde. Rübenzucker war eine der ersten Industrien auf dem Lande: Die „rationale“ Landwirtschaft nutzte Wissenschaft und Technik, durchaus im Sinne des großen Vorbildes Großbritannien. Geist, angewandtes Wissen über die Natur, erlaubte die Produktion moderner Süße auf eigener Scholle. Rübenzucker galt als Triumph des Menschen über die Natur, als Sieg der Agrarwissenschaft und des Maschinenbaus über die Widrigkeiten von Boden und Klima. Die frühe Globalisierung führte eben nicht nur zur wirtschaftlichen Durchdringung und Ausbeutung kolonialer Regionen, sondern löste vielfältige Gegenreaktionen in den Zentren der westlichen Welt aus. Die Aufwertung des Rübenzuckers war Teil einer breiteren Bewegung zum Ersatz von Kolonialwaren durch heimische Substitute. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren ein Nachzügler im Zuckergeschäft. Die allein nennenswerte Rohrzuckerindustrie in Louisiana war klein; fast der gesamte Zucker, den die US-Amerikaner – seit den 1860er Jahren die zweitgrößten Pro-Kopf-Verbraucher der Welt – konsumierten, stammte damals aus der Karibik, dem Pazifikraum und aus europäischen Rübenzuckerimporten. [3] Die junge Nation musste dafür hohe Beträge an Ausländer zahlen – und gemäß den vorherrschenden Narrativen in diesem Hochzollland war eine einheimische Zuckerproduktion erforderlich, um amerikanischen Wohlstand zu sichern, um weitere Agrarsektoren aufzubauen. Mitte des 19. Jahrhunderts verfügten die USA allerdings noch nicht über die technologischen und wissenschaftlichen Kapazitäten zum Aufbau einer solchen Industrie. Getreide und Baumwolle waren die Hauptexportgüter dieses aufstrebenden, aber immer noch rückständigen Preisbrechers im Westen. Wissensbasierte Produkte waren noch Ausnahmen.

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Zukunftsvisionen: Vom Zuckerimportland zum Selbstversorger (American Sugar Industry 12, 1910, 318)

US-amerikanische Fachleute und Politiker waren Mitte des 19. Jahrhundert jedoch zuversichtlich, dass sie eine eigene Zuckerindustrie aufbauen und die europäischen Mächte in naher Zukunft gar überholen könnten: Erste Versuche der Zuckerherstellung waren zwar gescheitert, etwa die 1838 vom Bostoner Journalisten David Lee Child betriebene technische Nutzung seiner belgischen Erfahrungen [4]. Doch die Eroberung und Erschließung der neuen westlichen Territorien Mitte des 19. Jahrhunderts schien neue Chancen zu eröffnen. Als 1856 in San José erstmals Rübenzucker präsentiert wurde [5], galt die Natur als wichtigster Verbündeten der Pioniere. Stolz hieß es über Kalifornien: „Das reichste Land der Welt! Von der Natur mit allem ausgestattet, was das Herz des Menschen begehrt! Reich an Bodenschätzen; unvergleichlich an fruchtbaren Böden“ [6]. Das kalifornische Klima schien für den Rübenanbau perfekt geeignet, zwei Rübenernten pro Jahr möglich. Mochten die Arbeitskosten im Westen auch hoch sein, so sei die Sonne doch Garant für kontinuierliche Ernten und erfolgreiche Produktion. [7] Erste Versuche, in San José eine Rübenzuckergesellschaft zu gründen, scheiterten 1857 allerdings am mangelnden Interesse der Farmer. [8] Der erträumte „Garten des Pazifiks“ [9] blieb erst einmal unbestellt.

„Eine Abfolge von Katastrophen“ – Die frühe Geschichte der kalifornischen Rübenzuckerindustrie

Liest man gängige Darstellungen der US-Geschichte, so wurde diese unbefriedigende Situation durch den Einfallsreichtum des amerikanischen Kapitals und amerikanischer Unternehmer geändert, die den Weg zum Erfolg ebneten und dabei schließlich von den lokalen, bundes- und nationalstaatlichen Regierungen unterstützt wurden. [10] Wahrlich, frühe Versuche, in den 1860er und 1870er Jahren eine Rübenzuckerindustrie zu etablieren, scheiterten, doch um 1900 hatte sich die Branche bereits etabliert und schien ein mehr als überlegener Konkurrent der Rohr- und Rübenzuckerimporteure werden zu können. Dieses Narrativ einer „amerikanischen“ Erfolgsgeschichte ist jedoch höchst fragwürdig. Die amerikanische Rübenzuckerindustrie war stattdessen das Ergebnis eines Wissens- und Technologietransfers aus Europa, namentlich aus Deutschland. Sie war zudem in erster Linie das Geschäft von eingewanderten Unternehmern, allen voran des deutsch-amerikanischen Einwanderers Claus Spreckels. Die Etablierung dieser „heimischen“ Industrie war zugleich integraler Teil einer breiteren Geschichte des Imperialismus und des amerikanischen Zugriff auf Protektorate und Kolonien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Um diese Thesen zu untermauern, müssen wir ins Detail gehen: Dieser Beitrag wird Ihnen zunächst einen kurzen Überblick über die Entwicklung der kalifornischen (und US-amerikanischen) Rübenzuckerindustrie vor Ende der 1880er Jahre geben, als Claus Spreckels seine erste große Rübenzuckerfabrik in Watsonville, Kalifornien, gründete. Zweitens werde ich die Gründe für dessen Erfolg erörtern und dann drittens sein Scheitern bei der Errichtung eines großen Netzwerkes dezentraler Rübenzuckerfabriken in den frühen 1890er Jahren. Dies führte viertens zur Etablierung eines stärker zentralisierten Konzepts der Zuckerproduktion um die Jahrhundertwende, materialisiert in der für viele Jahrzehnte größten Rübenzuckerfabrik im Salinas Valley. Sie wurde zur Blaupause des raschen Wachstums der ländlichen Industrie auch abseits des Vorreiterstaates Kalifornien.

Am Anfang stand das französische Beispiel. In Kalifornien gehörten französische Rübenzuckerexperten wie Eugene Delessert zu den ersten Förderern der neuen Süßpflanze, Rübenzucker galt damals als „französisches Unternehmen“ [11]. Nach dem Goldrausch und getrieben durch steten Kapital- und Arbeitskräftezufluss war es 1857 kein Problem, Kapital für die Gründung einer ersten Rübenzuckerfabrik in San José aufzubringen [12], die von der kalifornischen State Agricultural Society enthusiastisch gefördert wurde. [13] Deren Schatzmeister J.C. Cobb hatte bereits 1855 in San José mit Experimenten begonnen. Zuckerproduktion war eben nicht irgendeine neue Branche, sondern hatte massive Koppeleffekte zur Folge: Sie würde die Versorgungsbasis des neuen US-Bundesstaates verbreitern, den Agrarhandel intensivieren und Agrarwirtschaft enger mit der industriellen Entwicklung verzahnen: „Sie beschäftigt eine große Menge an Land und Arbeitskräften, erhöht die Bodenwerte, führt zu einer Verbesserung des Viehbestands, stimuliert die verarbeitende, mechanische und andere landwirtschaftliche Arbeit im Allgemeinen.“ [14] So war es in Frankreich und Deutschland geschehen, so würde es auch im amerikanischen Westen werden. Die ermutigenden Ergebnisse dieser ersten Versuche überzeugten die kalifornischen Farmer jedoch nicht davon, die neue arbeitsintensive Kulturpflanze anzubauen, die ständige Pflege und vorsichtige Behandlung erforderte. [15] Rübenzucker blieb ein Importgut aus Frankreich und Deutschland, denn die einheimischen Farmer bevorzugten den sicheren und weniger arbeitsintensiven Getreideanbau. Die State Agricultural Society „machte die Öffentlichkeit wiederholt auf die Rübenzuckerproduktion aufmerksam“ [16], doch derartige Appelle bleiben mehr als ein Jahrzehnt praktisch echolos.

Dies änderte sich nach dem Bürgerkrieg [17]. In den späten 1860er Jahren entbrannte eine ähnliche Diskussion wie im Jahrzehnt zuvor – nun aber mit explizitem Bezug auf das erstaunliche Wachstum der deutschen, insbesondere der preußischen Rübenzuckerindustrie. Drei Gruppen trieben die neue Industrie voran: Agrarwissenschaftler, Zuckerproduzenten und Risikokapitalgeber. Während die Produzenten vorrangig versuchten, die Rohstoffbasis möglicher Fabriken zu verbreitern und von den Ergebnissen ihrer Anbauversuche meist enttäuscht waren [18], wurden die Risikokapitalgeber in den späten 1860er Jahren zur dominierenden Kraft, als in Sacramento und Alvarado die ersten Rübenzuckerfabriken gebaut wurden. [19]

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Öffentliche Ankündigung der Gründung der Sacramento Valley Beet Sugar Company 1868 (Sacramento Daily Union 1868, 27. April, 5)

Wagniskapital war mehr als ausreichend vorhanden: Als die Sacramento Beet Sugar Company am 24. April 1868 gegründet wurde, war das Grundkapital von 100.000 Dollar deutlich überzeichnet. [20] Die meisten Kapitalisten hatten jedoch nicht die geringste Ahnung von der Zuckerproduktion. Wie also der gemeinen Rübe genügend Zucker extrahieren? Der fähigste der Direktoren, William Wadsworth, ehemals Redakteur einer landwirtschaftlichen Zeitschrift, reiste zunächst in die amerikanische Fabrik in Chatsworth, Illinois [21] und dann nach Frankreich und Deutschland, um die Rübenzuckerproduktion zu studieren, Maschinen und Saatgut zu kaufen und Fachleute einzustellen, die mit der Branche vertraut waren. [22] Man glaubte, dadurch die Probleme gelöst zu haben: Wadsworth kam begeistert zurück und lobte die gegenüber Rohrzucker vergleichsweise einfache und rentable Herstellung von Rübenzucker. [23] Sein Vorschlag, das 1865 von Julius Robert im mährischen Großseelowitz entwickelte Diffusionsverfahren anzuwenden, stieß jedoch auf Skepsis. Auf Anraten eines französischen Experten testete man die neue Methode in einer kleinen Versuchsanlage, so dass die Produktion erst 1871 aufgenommen wurde. [24] Unter der Leitung eines deutschen Superintendenten und Chefingenieurs war die erste fast ausschließlich auf deutschen Maschinen und deutschem Saatgut basierende Kampagne durchaus erfolgreich. Wie parallel die frühen kalifornischen Winzer – anfangs viele deutsche, später dann zunehmend italienische Einwanderer – zogen auch die Rübenbauern ihr Saatgut anschließend selbst heran. Die Rübenanbaufläche betrug 500 Hektar, die Investition von 225.000 Dollar ermöglichte eine Verarbeitungskapazität von täglich 75 Tonnen Rüben. [25] Die Zeitungen lobten den „vollen Erfolg“ [26] der Sacramento Beet Sugar Company und erwarteten weitere und noch größere Fabriken. 1871/72 pachtete die Firma 1.100 zusätzliche Hektar, doch die Ernte wurde durch den Heerwurm, einen in Europa unbekannten Schädling, nahezu vernichtet. Es folgten Umstrukturierungen und eine weitere Vergrößerung der gepachteten Rübenflächen – und in den beiden folgenden Jahren gab es geringe Gewinne. Dennoch: Eine kalifornische Rübenzuckerproduktion schien sich zu etablieren: Mehr als 650 Männer – 150 „Weiße“ in der Fabrik und 500 „Chinesen“ auf den Feldern – waren in dem Nachfolgeunternehmen Sacramento Valley Beet Sugar Factory beschäftigt. [27] Doch die Verantwortlichen bekamen die technischen Probleme nicht vollends in den Griff, scheiterten insbesondere an der Standardisierung der Produktion. Nicht weniger als sieben technische Leiter widmeten sich der Verbesserung des Rübenanbaus, des Transports und der Verarbeitungstechnik. Verbesserungen waren sichtbar, die Reinheit des Produkts nahm zu, die Farbe des raffinierten Zuckers änderte sich von Braun zu fast Weiß, und das Unternehmen konnte eine eigene Saatgutproduktion aufbauen. 1875 galt die Zuckerindustrie vielen Investoren daher als „ein sicheres Geschäft, in das sich das Kapital mit völligem Vertrauen einbringen kann“ [28] – auch wenn es immer noch schwierig war, qualifizierte Arbeiter zu finden. Doch eine Dürre veränderte die natürlichen Rahmenbedingungen, und ein heftiger Preiskampf zwischen den Rohrzuckerraffinerien in San Francisco, darunter auch der von Claus Spreckels, führte zu Preissenkungen. Außerdem wollten die meisten Direktoren und Investoren nach dem Tod von William Wadsworth im Jahr 1874 auch erste Dividenden für ihr eingezahltes Kapital sehen. Das führte zum raschen Ende: Fabrik und Gelände wurden 1875 für 74.000 Dollar verkauft; die Maschinen brachten 45.000 Dollar ein und wurden für eine neue Rübenzuckerfabrik in Soquel verwendet. [29] Die landwirtschaftliche Presse, die das Unternehmen jahrelang als kalifornischen Vorzeigebetrieb gepriesen hatte, klagte nun über den „Mangel an sorgfältiger Betriebsführung“ [30] und dass man den offenbar minderwertigen Boden im Vorfeld nicht geprüft hatte. Bis zum letzten Kampagne 1875 stockte die Produktion immer wieder, während zugleich lukrative Führungspositionen mit Investoren und Politikern besetzt wurden, denen es an der nötigen Erfahrung und Kompetenz fehlte. [31]

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Die gängige Melange von Korruption und Geschäftssinn: Rückfragende Karikatur 1876 (Wasp 1, 1876, 81)

Günstiger war die Entwicklung der Zuckerfabrik Alvarado, die gemeinhin als die erste erfolgreiche Rübenzuckerfabrik in der kalifornischen und amerikanischen Geschichte gilt. Sie wurde 1870 mit einem Investitionsvolumen von 130.000 Dollar errichtet und nahm noch im selben Jahr die Produktion auf. [32] Die Maschinen, einschließlich der bereits veralteten Zentrifugentechnologie, wurden von der gescheiterten Fond Du Lac-Fabrik in Wisconsin gekauft. Zwei deutsche Einwanderer, die Maschinenbauer Andreas Otto und Ewald Lineau, übernahmen die Leitung des neuen Unternehmens. [33] Die mit einer Tageskapazität von 50 Tonnen Rüben eher kleine Fabrik arbeitete in den ersten vier Jahren erfolgreich und konnte die Zuckerproduktion von 500.000 Pfund im Jahr 1870 auf mehr als 1.000.000 im Jahr 1872 verdoppeln. [34] Interne Probleme führten jedoch zum Rückzug der Investoren aus Wisconsin; damit verlor man zugleich Fachwissen, zumal parallel große Teile des Maschinenparks in ein neues Werk in Soquel transferiert wurden. Im Jahr 1876 vernichtete eine weitere Dürre die gesamte Ernte, und die Fabrik wurde geschlossen. Die Alvarado Company blieb allerdings formal bestehen. Der Neuengländer Ebenezer Dyer reorganisierte das Unternehmen 1879, organisierte neues Kapital und führte die Standard Sugar Manufacturing Co. mit Maschinen aus Sacramento zum Erfolg. Unterstützt von dem deutschen Einwanderer Ernst T. Gennert war das Unternehmen das einzige kalifornische und amerikanische Rübenzuckerunternehmen, das in den 1880er Jahren erfolgreich arbeitete. Dyer etablierte sich parallel als Propagandist für den Rübenzucker, doch angesichts regelmäßig scheiternder Firmen war das Interesse potenzieller Investoren gering. [35]

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Produktionsstätten der Beet Sugar Factory Alvarado (Pacific Rural Press 30, 1885, 57)

In den 1870er Jahren gab es allerdings weitere Unternehmungen. Am wichtigsten war die bereits erwähnte Fabrik in Soquel. Sie wurde oft mit dem Namen von Claus Spreckels in Verbindung gebracht, doch gibt es keine Belege für eine etwaige finanzielle Beteiligung. [36] Rübenzucker wurde in Soquel erstmals 1869 hergestellt. Aber auch nach der Umstrukturierung der Firma im Jahr 1874 war die Santa Cruz Beet Sugar Company mit 70 Arbeitern und einer Tageskapazität von 50 Tonnen Rüben ein noch recht kleines Unternehmen. [37] Allerdings gab es zwei wichtige Besonderheiten: Erstens war es das erste kalifornische Unternehmen, das ein Vertragssystem nutzte, um Farmer für den Rübenanbau zu gewinnen – man etablierte damit das europäische System, das schon lange vor der Ernte feste Lieferungen privatrechtlich festschrieb. Zweitens regten die bis 1880 ökonomisch recht erfolgreichen fünf Kampagnen den führenden Rohrzuckerproduzenten Claus Spreckels an. Seine große Aptos-Ranch lag in der Nähe, im nahe gelegenen Watsonville sollte er sein erstes Rübenzuckerunternehmen gründen.

Misserfolge dominierten jedoch – zum Beispiel in Isleton und Alameda [38]. Wichtiger als Details zu den dortigen Firmen ist es jedoch, die Hauptgründe für die enttäuschende Entwicklung der kalifornischen und amerikanischen Rübenzuckerindustrie in den 1870er und 1880er Jahren herauszuarbeiten. Obwohl Boden und Klima – und die wachsende Nachfrage nach Zucker – an sich ideale Rahmenbedingungen für ein schnelles Wachstum der Industrie boten, waren fünf Hindernisse entscheidend für stete Misserfolge und geringe Fortschritte der neuen Industrie:

Erstens besaßen die meisten Produzenten keine fundierten Fachkenntnisse über den komplexen Prozess des Anbaus, der Herstellung und der Raffination von Rübenzucker. Importierte Maschinen und Saatgut konnten nicht effizient eingesetzt werden, denn es mangelte am Know-how, an der unaufwändigen selbständigen Regelung an sich kleiner Herausforderungen. Die angeworbenen deutschen Experten waren nicht in der Lage, diese Lücke zu schließen, zumal einige von ihnen kein Englisch sprachen, so dass sie Arbeiter und Farmer kaum anleiten konnten. [39]

Noch gravierender war zweitens der Mangel an Rüben für die Verarbeitung. Den ersten Unternehmen fehlten durchweg Rohprodukte. Die Farmer scheuten das Risiko statt der dominanten Getreidearten eine neue arbeitsintensive Hackfrucht zu kultivieren, die viel Pflege erforderte und neue Schädlinge mit sich brachte. Die Rübenpreise mochten zwar etwas höher gelegen haben als bei den bisherigen Agrarprodukten – doch für eine Umstellung hätte es stärkerer Pull- und Pushfaktoren bedurft. Das lag nicht nur an den Farmern selbst, sondern auch an einer nur gering entwickelten Beratung durch die Unternehmen oder aber bundesstaatliche agrarwissenschaftliche Institute. Dadurch nutzte man bestehende Bewässerungsmöglichkeiten nur unzureichend, blieb der Pflanzenschutz in den Kinderschuhen stecken und stellten wechselnde Witterungsbedingungen die Farmer immer wieder vor große Probleme.

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Zuckerrüben vor der Zuckerrübenraffinerie in Alvarado (Pacific Rural Press 30, 1885, 57)

Drittens war die Rübe in den 1860er und 1870er Jahren nur eine von vielen Pflanzen, die als Rohstoffbasis für eine heimische Zuckerindustrie propagiert wurden. Sorghum wurde vom Federal Bureau of Agriculture intensiv gefördert. Auch Wassermelonen schienen in den südlichen Regionen eine gute Alternative zu sein. [40]

Im Gegensatz zu Europa, wo die Rübenzuckerproduktion ein integraler Bestandteil der privatwirtschaftlichen oder genossenschaftlichen Landwirtschaft war, waren die frühen Unternehmen viertens kaum mit der landwirtschaftlichen Wissensbasis in Kalifornien verbunden – dies gewiss eine Folge der hohen Bedeutung von Wagniskapital. Die Zeitungen und auch die landwirtschaftlichen Fachzeitschriften kommentierten die bestehenden Herausforderungen und Probleme mangels Fachkompetenz kaum. Sie waren stattdessen lediglich an einer weiteren großen einheimischen Industrie interessiert, zeichneten immer wieder Wunschwelten, versprachen Investoren irreale Geschäfte.

Fünftens schmälerte schließlich der damalige, durch die Preiskämpfe der Zuckerraffinerien und ein wachsendes Rohrzuckerangebot von den Sandwich-Inseln und den Philippinen verursachte Preisverfall die Gewinne der Rübenzuckerindustrie. Verbraucher und Erzeuger wichen auf preiswerten Rohzucker aus, sahen für sich kaum Vorteile einer „heimischen“ Industrie. [41]

Ein neuer Anfang: Claus Spreckels Western Beet Sugar Company

Allen Misserfolgen zum Trotz wurde Kalifornien in den 1880er Jahren weiterhin als „das Zuckerland schlechthin“ [42] angepriesen. Doch ein neuer Realismus beendete diese „Ära der Übertreibung“ [43], das naive Lob der Rübenzuckerproduktion. Die Kalifornier waren zwar immer noch stolz darauf, über die einzige Fabrik in den Vereinigten Staaten zu verfügen, doch es war offensichtlich, dass Breitenwachstum ein anderes Geschäftsmodell erforderte.

Es war der deutsche Einwanderer Claus Spreckels, der den Unterschied machte. Er wurde in dem kleinen norddeutschen Dorf Lamstedt als Sohn von Kleinbauern geboren. Bevor er 1846 in die USA kam, erhielt er eine Volksschulausbildung und arbeitete als Landarbeiter. In seinem neuen Vaterland betätigte er sich zunächst im Einzel- und Großhandel. Im Juni 1856 siedelte Spreckels nach Kalifornien über, wo er im Einzel- und Großhandel, im Brauereiwesen und ab 1863 in der Zuckerraffination Geld verdiente. In den 1870er Jahren gelang es ihm, zum führenden Rohrzuckerproduzenten des Westens aufzusteigen. Mit Hilfe moderner Maschinen, innovativer Technik und knallharter Geschäftsprinzipien entwickelte sich seine California Sugar Refinery zum führenden kalifornischen Unternehmen. Sie bildete die industrielle Grundlage zur Verarbeitung immer größerer Importe aus dem Königreich Hawaii. Der 1876 geschlossene Reziprozitätsvertrag förderte amerikanische Direktinvestitionen, und Spreckels etablierte Zuckerplantagen in bisher unbekannter Größe. Binnen weniger Jahre schuf er einen vertikal integrierten Zuckerkonzern, der die Produktion, den Transport, die Herstellung, die Finanzierung und den Großhandel mit Rohrzucker im amerikanischen Westen beherrschte. [44]

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Herzstück des Spreckelsschen Zuckerimperiums: Die California Sugar Refinery in San Francisco 1881 (Kirk, 2000, 17)

Als „Zuckerkönig des Westens“ hatte Spreckels eine ambivalente Stellung gegenüber der kalifornischen Rübenzuckerproduktion: Ein Netzwerk einheimischer Erzeuger konnte seine beherrschende Stellung in Frage stellen. [45] Doch der deutsche Einwanderer bekämpfte die lokalen Bestrebungen nicht. Stattdessen plädierte er stets für staatlichen Zollschutz [46] und senkte in den 1880er Jahren seine Zuckerpreise nicht so weit, dass dies der Fabrik in Alvarado den Garaus gemacht hätte. [47]

Dies war für die Öffentlichkeit überraschend, den Claus Spreckels galt nicht zu Unrecht als einer der vielen rücksichtslosen und gierigen Oligarchen, die mit billigen Arbeitskräften und Preisabsprachen rasch immense Vermögen anhäuften [48]. Doch Spreckels war schon früh an Rübenzucker interessiert. Zwischen 1865 und 1867 hatte er in Preußen dessen Anbau und Herstellung studiert. [49] Sein Bruder und Geschäftspartner Peter Spreckels, nach seiner Rückkehr ins Deutsche Reich ein erfolgreicher Bankier und Investor in Sachsen, war einer der ersten Direktoren der Rübenzuckerfabrik in Alvarado. [50] Claus Spreckels nutzte zudem seine 1872 erworbene Ranch in Aptos für den Anbau von Zuckerrüben und gründete dort gar eine kleine Zuckerfabrik – die California Sugar Beet Company in Capitola –, die von 1874 bis 1879 gleichsam im Testlauf geringe Mengen Rübenzucker produzierte. [51] Zu dieser Zeit war Spreckels jedoch nicht willens, in großem Umfang in die Rübenzuckerproduktion zu investieren. In Deutschland und Frankreich war die Rübenzuckerproduktion nicht zuletzt aufgrund billiger Landarbeiter und Pächter rentabel. In Kalifornien lagen die Lohnkosten für Landarbeiter und die Preise für die von Farmern gezogenen Rüben jedoch über der Rentabilitätsschwelle. [52] Das Scheitern fast aller frühen Unternehmungen bestätigte Spreckels Bewertung.

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Spreckels Landsitz in Aptos: Versuchsort für die Rübenzuckerproduktion (Santa Cruz, 1879, n. 64)

Mitte der 1880er Jahre änderten sich jedoch die Rahmenbedingungen. Fünf Gründe bewirkten den Wandel, kaum einer davon war auf die Lage in Kalifornien zurückzuführen:

Erstens konnten aufgrund des technischen Fortschritts in Europa die Produktionskosten erheblich gesenkt werden, wenn man denn Größenvorteile nutzen konnte. [53] Das belegte auch Spreckels großbetriebliche Plantagenwirtschaft auf den Sandwich-Inseln. Trotz stetig sinkender Zuckerpreise konnte er seine Gewinne in den 1880er Jahren steigern, konnte sich dadurch zugleich gegen Wettbewerber mit ungünstigeren Kostenstrukturen durchsetzen.

Zweitens hatte der Aufbau des hawaiianischen Rohrzuckergeschäftes Spreckels gelehrt, das erfolgreiche Zuckerproduktion politische Unterstützung bedurfte. Die Vereinigten Staaten zahlten US-Investoren seit dem Reziprozitätsvertrag von 1876 eine Prämie von zwei Cent pro Pfund für die Einfuhr von Rohrzucker nach Kalifornien. Trotz einer Vertragsverlängerung 1883 war es in den späten 1880er Jahren jedoch offensichtlich, dass diese hohe Subvention nicht länger Bestand haben würde. Mit dem McKinley-Tarif von 1890 wurden sie denn auch abgeschafft. Zugleich aber etablierte er neue Subventionen für „heimische“ Produzenten: Dank der engagierten Intervention kalifornischer Interessengruppen und von Vertretern der Republikanischen Partei – in der die Familie Spreckels ein wichtiger Faktor war – erhielten amerikanische Zuckerrübenproduzenten seither eine Prämie von zwei Cent pro Pfund heimischen Zuckers. [54] Zugleich erhöhte man die Zölle für Zuckerimporte. Das waren keine Petitessen: Vor 1913 stammten bis zu zehn Prozent des US-Bundeshaushalts aus Zuckerzöllen.

Drittens erodierte in den späten 1880er Jahren die ehemals dominante Stellung von Claus Spreckels auf Hawaii. Einerseits versuchten die lokalen Plantagenbesitzer neue Wege für den Verkauf und die Raffination ihres Rohrzuckers zu finden: Bisher waren sie fast gänzlich auf die Segelschiffe und Dampfer der Spreckelsschen Oceanic Steamship Company und seine Zuckerraffinerie in San Francisco angewiesen; nun begann man angesichts sinkender Schiffsfrachtraten mit Direktsendungen nach New York, intervenierte politisch gegen die hohen Eisenfrachtraten in Washington, plante zudem eigene Raffinerien in Kalifornien. Anderseits kündigte sich ein Ende des dominanten Spreckelsschen Einflusses auf Hawaii an. 1887 brach der kalifornische „Zuckerkönig“ mit König Kalakaua, und reduzierte sein Engagement in der hawaiianischen Rohrzuckerproduktion. Zusätzlicher Rübenzucker konnte die Ressourcenbasis der Zuckerraffinerie in San Francisco zugleich verbreitern und sichern.

Viertens befand sich Spreckels ab 1887 in einem heftigen Kampf mit der neu gegründeten American Sugar Refinery Company. Nachdem er sich geweigert hatte, diesem Zuckertrust beizutreten, begann ein langer „Krieg“ zwischen dem Monopolisten im Westen und dem Quasi-Monopolisten im weitaus lukrativeren Osten. Der deutsche Immigrantenunternehmer konnte sein westliches Territorium in einem harten Preiskampf verteidigen. Dazu errichtete er in Philadelphia die größte Zuckerraffinerie der USA, griff seine Konkurrenz also an der Ostküste an, in deren Territorium. 1891 garantierte der Zuckertrust das Monopol von Spreckels im amerikanischen Westen und kaufte die Fabrik in Philadelphia für einen weit über den Investitionskosten liegenden Preis. Während dieser Auseinandersetzung war die Diversifizierung der Rohzuckerversorgung von entscheidender Bedeutung, denn man versuchte wechselseitig, die Zuckerzufuhren zu kappen. [55]

Fünftens glaubte Spreckels in den späten 1880er Jahren, dass er angesichts der seit langem währenden Agrarkrise die kalifornischen Farmer mit Versprechungen auf neuen ländlichen Wohlstand überzeugen könne. Die Getreidepreise waren beträchtlich gesunken, während die Rübenproduktion auch dank der staatlichen Subventionen eine rentable Alternative zu sein schien. Der weiterhin akute Arbeitskräftemangel sollte mit einer Kombination aus hohen garantierten Preisen, dem Anwerben nichteuropäischer Landarbeiter und neuartigen Werbemethoden gemildert, vielleicht gar überwunden werden.

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Erkundung des Landes: Mögliche Anbauflächen für Rüben- und Rohrzucker nach Untersuchungen des US-Landwirtschaftsministeriums in den späten 1880er Jahren (The Review of Reviews 15, 1897, 673)

Das Ergebnis all dieser Überlegungen war die Gründung der Western Beet Sugar Corporation am 18. Oktober 1887 mit einem Grundkapital von 500.000 Dollar. [56] Im Gegensatz zu den meisten früheren Rübenzuckerfirmen war Spreckels Unternehmung das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitungen, einer fünfmonatigen Reise nach Deutschland, Böhmen, Belgien und Frankreich und moderner Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Spreckels Besuch in Europa diente vor allem den Zweck, „die Durchführbarkeit der Einführung des Zuckerrübenanbaus in großem Maßstab nach europäischen Methoden in den Vereinigten Staaten zu prüfen.“ [57] Er war überzeugt, dass eine amerikanische Rübenzuckerindustrie nur mittels europäischem Wissen, Maschinen und Patenten gedeihen konnte. Zu diesem Zweck gab er 250.000 Mark für Maschinen und Patente in Köln und Prag aus und kaufte zudem 25 Tonnen Rübensamen in Frankreich und Deutschland. [58] Ebenso wichtig wie diese Investitionen in moderne Technik und den Technologietransfer von Europa nach den Vereinigten Staaten war eine breit angelegte öffentliche Kampagne für die Rübenzuckerproduktion in der Neuen Welt. Der eingewanderte Unternehmer nutzte sowohl den amerikanischen Stolz als auch die offenkundige amerikanische Rückständigkeit, um Farmer, Politiker und die Öffentlichkeit für seine Ziele zu gewinnen. Claus Spreckels präsentierte sich als starke Führungspersönlichkeit, die die Zukunft der Branche und des Landes verändern könne. Als er im September 1887 aus Europa zurückkam, erklärte er: „Ich werde niemals ruhen, bis ich die Vereinigten Staaten zum größten Rübenzuckerproduzenten, -hersteller und -markt der Welt gemacht habe, noch vor Deutschland oder Frankreich.“ [59] Die Rübenzuckerindustrie würde dazu beitragen, Abermillionen Dollar im Lande zu behalten. [60] Ähnlich wie zuvor Dyer nutzte auch Spreckels nationale und nationalistische Argumente, um für sein Privatunternehmen zu werben. Pointiert benannte er Defizite der aufstrebenden Wirtschaftsmacht: Amerikanische Mechaniker könnten zwar zahlreiche Maschinen herstellen, doch sie seien „unwissend“ [61], könnten keine moderne Rübenzuckerfabrik ausrüsten. Folgerichtig warb Spreckels Agrarchemiker und erfahrene Praktiker aus Deutschland ab. Sie würden aber nicht in typisch deutscher Manier arbeiten, sondern sich in Kalifornien mit den örtlichen Bedingungen vertraut machen, um dann sein Unternehmen optimal zu betreiben. [62] Erst so könnten die natürlichen Vorteile des Landes genutzt werden. Für Spreckels waren die Vereinigten Staaten ein Land, das Wissen aus dem Ausland benötigte, um mit den führenden europäischen Nationen, insbesondere dem Technologieführer Deutschland konkurrieren zu können. Doch einmal in die Gleise gesetzt, würde man schon an Fahrt aufnehmen, aufschließen und überholen. Selbstverständlich hatten diese an die Öffentlichkeit und Politiker gerichteten Stellungnahmen auch den Zweck, die Zollpolitik in seinem Sinne zu beeinflussen. [63]

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Die Spreckelssche Zuckerrübenfabrik in Watsonville 1889 (Shaw, 1903, 317)

Für den praktischen Erfolg waren Spreckels lokale und regionale Kampagnen in Kalifornien gewiss ebenso wichtig. Zunächst wandte er sich an lokale Politiker und Geschäftsleute, warb bei ihnen für Unterstützung seines Investitionsvorhabens. Damit schürte er bewusst den Standortwettbewerb. [64] Spreckels betonte, dass er seine Fabrik nur an dem Ort mit den besten Bedingungen und einer Mindestanbaufläche von 2.500 Acres errichten werde. [65] In zahlreichen Interviews nannte er zahlreiche Investitionsstandorte, zumeist in Kalifornien, aber auch einige in Oregon oder im Staate Washington. Die letztliche Entscheidung für Watsonville, Santa Cruz County, war nicht nur eine Folge der zuvor bestehenden und nahe gelegenen Soquel-Fabrik, den dabei gewonnen Erfahrungen vieler Farmer und den Vorarbeiten in Aptos resp. Capitola. Die Entscheidung resultierte auch aus der kostenlosen Überschreibung des Fabrikgeländes durch einen am Ort ansässigen Geschäftsmann und der ausdrücklichen Bereitschaft vieler Farmer, Verträge über die Lieferung von Rüben zu unterzeichnen. Spreckels besuchte allerdings die meisten der möglichen Standorte, traf sich dort mit lokalen Repräsentanten, um die genaueren Bedingungen seines Engagements zu erörtern. [66] Für den Kapitalisten aus San Francisco war dabei die Menge des gelieferten Rübenzuckers und die Qualität der Zuckerrüben wichtiger als die an sich nicht hohen Kosten eines Grundstücks im ländlichen Kalifornien.

Spreckels traf sich aber auch stets mit Repräsentanten der lokalen Farmer. Um diese für die neue ländliche Industrie zu gewinnen, bediente er sich im Watsonville umgebenden Pajaro-Tal einer doppelten Strategie: Zum einen verwies er auf die natürlichen Besonderheiten Kaliforniens, die einen Erfolg begünstigen würden. Für den aus Norddeutschland stammenden Spreckels waren Boden und Klima im Westen „für den Zweck günstiger als selbst in Deutschland“. [67] Die früheren Unternehmen seien aufgrund unzureichender Maschinen und mangelnder Geschäftserfahrung gescheitert. Mit ihm hätten die Farmer eine zweite Chance auf Wohlstand und höhere Einkommen als mit dem Getreideanbau. Zum anderen aber war es für Spreckels klar, dass amerikanische Farmer und Arbeiter im Anbau und in der Pflege der neuen Nutzpflanze sorgfältig zu schulen waren. [68] Der frühere Landarbeiter unterstützte so die unabhängige, freie Existenz der Farmer, während er seine eigene Rolle zurücknahm: Er sei ein Kapitalist mit Ideen, aber letztlich nur unzureichenden Fähigkeiten: „Man hat es hier vor 18 Jahren versucht und ist gescheitert, selbst als der Zucker 12 Cents pro Pfund kostete. Jetzt kann ich es schaffen, und es wird kein Misserfolg sein. Ich bin nur einer von 65.000.000 und kann nicht alles alleine machen. Ich brauche die Unterstützung der Farmer.“ [69] Spreckels predigte sein Evangelium von Wohlstand und Reichtums jedem, der bereit war, ihn zu unterstützen. Seine Fabrik in Watsonville sollte vornehmlich die Rübenzufuhren unabhängiger Farmer verarbeiten, eigenes, durch Landarbeiter bearbeitetes Rübenland sollte lediglich ergänzen. Die Lieferverträge enthielten jedoch detaillierte Vorgaben, banden so die Vertragspartner an den reibungslosen Ablauf der Produktion. Spreckels kaufte das Saatgut, Chemiker und Manager gaben Hilfestellungen, ein Prämiensystem belohnte einen höheren Zuckergehalt der abgelieferten Rüben. Der Einwandererunternehmer importierte nicht nur europäische Maschinen und Patente, sondern auch neue Formen vertragsbasierter Geschäftsbeziehungen.

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Fabrik auf dem Lande: Rübenzuckerfabrik Watsonville 1889 (The Review of Reviews 15, 1897, 677)

Die Fabrik in Watsonville war von Anfang an ein Erfolg. Obwohl die Gewinne in der ersten Kampagne bei weniger als 3.000 Dollar lagen, produzierte Spreckels fast 1.500 Tonnen Rohzucker und beschäftigte 135 Mitarbeiter. [70] Zeitgenossen lobten seinen Mut und seinen Unternehmergeist: „Die Rübenzuckerfabrik in Watsonville war die Grundlage und der Startpunkt der Rübenzuckerindustrie der Vereinigten Staaten; und Claus Spreckels war ihr Gründer und Repräsentant.“ [71] In den folgenden Jahren steigerte die Fabrik ihre Produktion, die Beschäftigtenzahl und den Gewinn. Selbst in den von Dürre geprägten späten 1890er Jahren bestätigte sie ihren Ruf als „Cash Cow“, war ihre Kostenstruktur doch günstiger als die der dann aufkommenden Konkurrenz. [72] Das Narrativ, Claus Spreckels habe „den Grundstein für einen neuen Industriezweig in Kalifornien gelegt, der dem Obstanbau an Bedeutung in nichts nachsteht“ [73] war nicht falsch. Die Gebrüder Oxnard, die 1889 in Chino eine weitere Zuckerrübenfabrik auf dem Lande gründeten, waren unmittelbare und wichtige Nachahmer. [74] Claus Spreckels unternehmerische Idee wies allerdings deutlich über Watsonville hinaus. In den späten 1880er Jahren versuchte er, Kalifornien in ein Rübenzuckerland mit einem breiten Netz dezentraler Fabriken zu transformieren. Doch diese Idee sollte erst einmal scheitern.

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Gewichtiger Nachahmer: Die Zuckerraffinerie in Chino 1895 (Los Angeles Herald 1895, Nr. 31 v. 11. November, 11)

Scheiternde Massenproduktion – Spreckels Occidental Beet Sugar Company

Für Spreckels war die Fabrik in Watsonville nur der Ausgangspunkt für ein viel größeres Unternehmen. Er glaubte an die von ihm propagierte Idee einer neuen riesigen Agrarindustrie, die ihm und vielen Kaliforniern Reichtum bringen sollte. Im April 1888 gründeten Claus Spreckels, sein ältester Sohn John D. Spreckels und einige befreundete lokale Kapitalisten die Occidental Beet Sugar Company. [75] Das Grundkapital betrug 5.000.000 Dollar, die beiden Spreckels hielten die Hälfte dieser Summe. Die Grundidee war, die Fabrik in Watsonville zu kopieren und bis zu zehn Rübenzuckerfabriken an den Orten zu errichten, an denen die Landwirte die Produktion von ausreichend Rüben für den Betrieb der Fabrik garantierten. Die Kosten für diese neuen Fabriken sollten sich auf je 400.000 bis 500.000 Dollar belaufen. Insgesamt sollte das Netzwerk 50.000 Tonnen Rübenzucker pro Jahr produzieren, wofür 350.000 bis 500.000 Tonnen Rüben benötigt worden wären. [76] Mehr als 1.500 Menschen sollten in diesen Anlagen beschäftigt werden. [77] Dies wäre eine echte Massenproduktion gewesen: Die Kosten für die Maschinen hätten erheblich gesenkt werden können, ebenso wie die Patentkosten für das Steffen-Verfahren, das fünf Jahre nach der Erfindung des Wiener Ingenieurs Carl Steffen von der Fabrik in Watsonville in Amerika eingeführt wurde. Das Netzwerk hätte den Spreckels die Möglichkeit gegeben, eine große Zahl von Facharbeitern, Führungskräften und Landwirten einzustellen und auszubilden. Das Ziel der Familie Spreckels, und damit war nun immer mehr John D. Spreckels gemeint, war es, eine auf Wissens- und Technologietransfer basierende Industrie zu entwickeln – und parallel Fachpersonal auszubilden, industrielle Kapazitäten in der Werkzeugmaschinenindustrie, im Bauwesen sowie der Agrarchemie aufzubauen. [78] Unter dem Primat wirtschaftlicher Ziele setzten diese Ideen zugleich auf Unterstützung durch Kommunal-, Landes- und Bundespolitik.

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Claus Spreckels und John D. Spreckels (Wasp 38, 1897, 18. September, 20 (l.); Hall, 1896, 748)

Für das Scheitern der Occidental Beet Sugar Company gab es zwei Hauptgründe: Erstens enttäuschte der McKinley-Tarif Claus Spreckels. Sein Sohn verkündete – natürlich auf der Suche nach politischer Unterstützung – „dass sein Vater über die Haltung des Kongresses gegenüber dem Produkt etwas beunruhigt war und dass er sich zu diesem Zeitpunkt nicht berechtigt fühlte, irgendwelche Erweiterungen in seinem Werk vorzunehmen.“ [79] Die Spreckels argumentierten, dass eine Senkung des Zuckerzolls den Ruin der Zuckerrübenindustrie in Kalifornien bedeuten würde – und konnten zumindest die zuvor lange diskutierte Prämie für die heimische Industrie sichern. [80] Es gelang ihnen jedoch weder, ein den Kongress Beine machendes „Rübenzuckerfieber“ [81] zu entfachen, noch die Senkung des in Kraft tretenden Zuckerzolls für Ausländer zu verhindern. Claus Spreckels Vision von letztlich bis zu vierhundert Rübenfabriken in den USA galt als unrealistische Fata Morgana. [82] Entsprechend nahm man mehr Rücksicht auf die deutschen Exportinteressen als es Spreckels lieb war.

Zweitens und viel wichtiger war, dass es den Spreckels nicht gelang, genügend Farmer für ihr ehrgeiziges Ziel zu gewinnen. Obwohl der Rübenzuckeranbau faktisch überwiegend von billigen asiatischen Landarbeitern betrieben wurde, konnte die weiße Farmerelite – eben keine Bauern im deutschen Sinne – nicht davon überzeugt werden, dass der arbeitsintensive Rübenanbau eine echte Alternative zum Getreide- und dem immer wichtigeren Obstanbau darstellte. Dies war nicht nur für die Familie Spreckels enttäuschend, sondern auch für staatliche Agrarwissenschaftler, die in den späten 1880er Jahren in Kalifornien mindestens zwanzig erfolgversprechende Anbaugebiete erkundet und empfohlen hatten. [83] Diese Experten argumentierten volkswirtschaftlich, mit einem abstrakten, aggregierten Nutzen des Rübenzuckeranbaus für Kalifornien und die USA. Die Spreckels versuchten dagegen, den einzelnen Farmer anzusprechen, sein individuelles Streben nach Einkommen und Wohlstand herauszukitzeln. Als Unternehmer glaubten sie an die Überzeugungskraft von Zahlen, an eine überdurchschnittliche Rendite ihrer Investitionen. So versprach Claus Spreckels, wie schon im Wettbewerb um die erste Fabrik, weitere „in jeder Ortschaft zu errichten, in der die Farmer ihm 2.500 Acres Standardrüben garantieren“ [84]. Als Investoren arbeiteten die Spreckels eng mit den örtlichen Handelskammern zusammen, die ihrerseits Farmer ansprachen und Standorte erkundeten, deren Bodenqualität die geforderte Mindestmenge an Rüben liefern konnte. Um dies zu unterstützten und zu gewährleisten, entwickelten sie einen detaillierten Aktionsplan: Sie schickten Rübensamen an die Handelskammern, diese verteilten sie an die Farmer, ergänzten die von den Spreckels erarbeiteten „Anweisungen für die Anpflanzung und den Anbau von Zuckerrüben-Samen“ um lokale Details. Die Investoren boten den Farmern zugleich eine kostenlose chemische Untersuchung ihrer Rüben im Laboratorium der California Sugar Refinery in San Francisco an. [85]

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Die kalifornische Rübenzuckerindustrie als Absatzmarkt für deutsche Maschinen (Louisiana Planter and Sugar Manufacturer 7, 1891, Nr. 2, xx)

Alle diese Versuche scheiterten, mochten sie auch mit beträchtlichem Aufwand verbunden gewesen sein: San Diego war seit 1887 ein wichtiger Investitionsstandort der Spreckels geworden, erwarb man doch zahlreiche Immobilien in Coronado und der Stadt, investierte in den Hafen und die lokale Infrastruktur. An die dortige Handelskammer versandte man 800 Pakete Saatgut, die sämtlich verteilt und durch einen örtlichen Saatguthändler noch ergänzt wurden. [86] Die Spreckels lobten zudem attraktive Preise für die Rüben mit dem höchsten Saccharingehalt aus. [87] Doch das Ergebnis dieser kostenträchtigen Vorleistungen war enttäuschend: Am Ende erhielten die Spreckels nur zwei Dutzend Rübenproben zurück. Diese waren durchaus zufriedenstellend, doch es war offensichtlich, dass die Farmer des Bezirks San Diego nach anfänglichem Interesse nicht bereit waren, die neue ländliche Industrie zu unterstützen. [88] Einige Jahre später resümierte Claus Spreckels: „Ich habe versucht, Farmer in verschiedenen Teilen des Landes für Experimente mit dem Rübenanbau zu interessieren, aber es war unmöglich. Das Saatgut, das ich kostenlos verteilte, ging in den meisten Fällen verloren oder wurde als Schweinefutter verwendet, und wir hatten so gut wie keine Vorteile von unseren Anstrengungen.“ [89]

Claus und John D. Spreckels versuchten in der Tat, Farmer in ganz unterschiedlichen Regionen zu gewinnen: San Diego, Santa Cruz und Linn County, Ost-Oregon und Edmonton in Kanada waren einige der Regionen, die öffentlich diskutiert wurden. [90] In keinem dieser Orte war es möglich, eine Garantie der für den Fabrikbau erforderlichen Liefermenge zu erhalten. Obwohl aus Deutschland georderte Maschinen für mindestens eine der neuen Fabriken bereits in San Francisco lagerten [91], beschlossen die Spreckels daher, die Errichtung weiterer Rübenzuckerfabriken zu verschieben, ließen diesen Plan letztlich aber fallen. Die Occidental Beet Sugar Company wurde am 22. Dezember 1899 aufgelöst, scheiterte aber schon viel früher. [92] Claus Spreckels setzte sich dennoch weiterhin für die Rübenzuckerindustrie ein, änderte aber seine Strategie: Weihnachten 1895 warb er erneut für seine Idee: „Ich bin bereit, mich in diesem Staat durch die Errichtung von Rübenzuckerfabriken weiter zu engagieren. Ich hoffe dadurch die Kalifornier für dieses großen Thema sensibilisieren zu können, mache es aber auch zum persönlichen Vorteil.“ [93] Doch solche Appelle fruchteten nicht. Es bedurfte letztlich der Unterstützung des Staates, um Spreckels persönliche Investitionen, aber auch die kalifornische Rübenzuckerindustrie insgesamt voranzutreiben.

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Statistische Erfassung des Geschehens: Betriebsergebnisse der Spreckelsschen Western Beet Sugar Corporation 1888-1897 (Pacific Rural Press 56, 1898, 414)

„Die größte Rübenzuckerfabrik der Welt“ – Spreckels Sugar Company im Salinas Valley

In der Zwischenzeit hatte sich die Fabrik in Watsonville erfolgreich entwickelt. Von 1888 bis 1897 stieg die Menge der verarbeiteten Rüben von 15.000 auf mehr als 110.000 Tonnen, während die Menge des produzierten Rohzuckers gar auf fast 15.000 Tonnen Rohzucker verzehnfacht werden konnte. Das Unternehmen war während des gesamten Jahrzehnts rentabel, und davon profitierten nicht nur die Investoren: 1897 erhielten die Farmer 43 Dollar pro Acre mit Rüben, begonnen hatten sie 1888 mit 34 Dollar. [94] Dennoch stagnierte die kalifornische Rübenzuckerindustrie: Es gab nur drei Fabriken in Alvarado, Chino und Watsonville.

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Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft: Von Spreckels getestete Zuckerrübenvarietäten (Sacramento Daily Union 1897, Nr. 33 v. 23. September, 4)

Die Gründe hierfür spiegelten das Scheitern der Occidental Beet Sugar Company: Die Farmer zögerten und der politisch umstrittene Zollschutz machte jede Investition höchst spekulativ. Abermals preschte Claus Spreckels vor, trieb die Rübenzuckerindustrie mit neuen Investitionszusagen voran, stützte sich dabei aber nun auf eine erfolgreiche Öffentlichkeits- und politische Lobbyarbeit in Sacramento und Washington.

1896 begann er eine neue öffentliche Kampagne: Im Frühjahr gab er mehrere Interviews, in denen er seine Fähigkeit und Bereitschaft betonte, große Summen in die Rübenzuckerindustrie zu investieren. Dieses „stehende Angebot“ [95] stellte er als eine Art rational begründete Mission dar: „Ich bin bereit, meinen Glauben an den Rübenzucker mit allem Kapital zu untermauern, das erforderlich ist.“ [96] Parallel dazu erwarb Spreckels große Anbauflächen in verschiedenen Regionen des Landes. Von Mai bis Juni 1896 reiste er erneut nach Deutschland, Belgien und Frankreich, um die dortigen Technologien zu studieren und Saatgut, Patente und Maschinen zu bestellen – diesmal vor allem in Deutschland und Belgien. Anfang Juni 1896 startete er von Paris aus eine Pressekampagne und lockte in bekannter Weise kalifornische Investoren mit dem Versprechen, drei oder vier „immense Zuckerfabriken“ [97] mit einer Verarbeitungskapazität von täglich 3.000 Tonnen zu errichten. Abermals standen jedoch Farmer im Mittelpunkt seiner Vorhaben, denn ohne Rübenanbau ging nichts voran: Im Sommer startete er eine weitere Versandrunde von Saatgut an interessierte Farmer, dieses Mal allerdings gegen ein geringes Entgelt und mit einer ausführlichen Broschüre, die über den Wert der Rüben für den Boden, die Vorteile der Fruchtfolge und die wirtschaftlichen Vorteile informierte: „Je mehr sie anbauen, desto reicher werden sie sein. Ich kann alles verarbeiten, was sie anbauen können. Mein Plan wird die Rettung des Landes sein, aber es gibt viel zu tun, um dieses Ziel zu erreichen.“ [98]

Als er Ende Juli nach Kalifornien zurückkehrte, begann Claus Spreckels eine Werbetour zu mehreren Städten, die an der Errichtung derart großer Fabriken interessiert waren. Lokale Initiativen und der große Finanzier trafen sich, um eine blühende Zukunft auszumalen und von einem Leben im Überfluss zu träumen. Als Spreckels in Salinas ankam, seiner ersten Wahl, wurde er von einem Bürgerkomitee, einer großen Menschenmenge und einer Blaskapelle empfangen, die ihm den Weg zum Rathaus wies, das mit Zuckerrüben – echten und gemalten – und dem Schriftzug „Unsere Zukunftsindustrie“ [99] geschmückt war. Spreckels wurde mit einer Lobrede geehrt, in der man auf alle Erfolge des Multimillionärs verwies: „Er kennt keinen Misserfolg. […] Er ist aus einem armen Bauernjungen hervorgegangen und hat sich durch die Kraft seines eigenen unerschrockenen Geistes einen unübertroffenen Platz unter den industriellen Kräften der Welt erobert. Und doch ist er ein einfacher amerikanischer Bürger, dessen Sympathien den Arbeitern und Mechanikern gelten.“ Spreckels Pläne wurden als „der Anbruch einer neuen Ära in unserem eigenen schönen und fruchtbaren Tal“ angekündigt. In seiner Antwort präsentierte sich Spreckels als realistischer Visionär. Mantrahaft hieß es, seine Investition bräuchten Garantien für den Anbau großer Rübenmengen. Er bat um „einen gewissen Schutz“ für die aufstrebende Industrie. Er appellierte an den Stolz der Kalifornier, verwies auf deutschen Fleiß und Erfindergeist als Vorbild. Er appellierte an das Ehrgefühl der Geschäftsleute und Farmer, fragte er sie doch, ob sie in der Lage seien, mit Europäern zu konkurrieren. Ja, gewiss: Seiner Meinung nach könnten Amerikaner alles erreichen, was sie erreichen wollten. Die Rüben seien „die Rettung für die Farmer“. Spreckels beendete seine Rede mit dem Versprechen, „hier die größte Zuckerraffinerie zu errichten, die jemals auf der Erde gebaut werden wird.“ [100]

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Moderner Stahlskelettbau: Bauarbeiten im Salinas Valley 1898 (Breschini, Gudgel und Haversat, 2006, 17)

Claus Spreckels wäre nicht zur dominierenden Figur im Zuckergeschäft des Westens geworden, wenn er nur seinen eigenen Aussagen geglaubt hätte. Für Fachleute war klar, dass selbst eine Fabrik mit einer Tagesproduktion von 3.000 Tonnen Rüben kleiner sein würde als die Rübenzuckerfabriken im belgischen Wanze und im französischen Cambrai mit Kapazitäten von bis zu 4.200 Tonnen. [101] Spreckels nutzte die amerikanische Begeisterung für Superlative, um für sein neues Unternehmen zu werben, das in der Tat die mit Abstand größte amerikanische Rübenzuckerfabrik werden sollte. Parallel aber intensivierte er in den Kauf von Rübenzuckerland, denn er traute den Zusagen der regionalen Farmer nicht mehr. Als der Bau 1897 begann, besaß Spreckels 6.000 Acres Rübenzuckerland; 1919 besaß, pachtete oder betrieb das Unternehmen 66.000 Acres. [102] Die Fabrik in Watsonville wurde hauptsächlich von unabhängigen Farmern beliefert, doch zwei Drittel der Feldarbeit wurde von etwa 1000 chinesischen und japanischen Landarbeitern geleistet [103]. Das Unterfangen im Salinas Valley besaß dagegen einen eher paternalistischen Charakter. Das Unternehmen führte ein duales System ein: Zum einen ein Vertragssystem für unabhängige Farmer, zum anderen eine Art europäische Gutsstruktur, bei der Land an Kontraktnehmer verpachtet und dann von einer großen Zahl von (in diesem Fall meist asiatischen) ländlichen Vertragsarbeitern bewirtschaftet wurde. Typisch dafür war die Zusammenarbeit Spreckels mit der Heilsarmee, die im nicht fernen Fort Romie ihre erste ländliche Kolonie gründete, in der sie vor allem deutschen Einwanderern Siedlungsland zum Rübenanbau anbot. [104] Die paternalistische Haltung führte auch zur Errichtung der kleinen Stadt Spreckels unmittelbar neben der dominierenden Fabrik. Dort fanden Arbeiter, Angestellte und das Leitungspersonal ein neues Zuhause und eine Infrastruktur abseits der Firma. Diese kümmerte sich um fast alles, erwartete aber Loyalität und harte Arbeit.

Der Bau der Rübenzuckerfabrik war zugleich abhängig vom Flankenschutz durch die Bundesregierung. Der Dingley-Tarif erhöhte die Rübenzuckerzölle, schützte und förderte damit die heimische Industrie, mochten sie auch niedriger als vor 1890 liegen. [105] 1896, vor der Wahl des republikanischen Präsidenten William McKinley, setzten sich sowohl Claus Spreckels als auch John D. Spreckels – letzterer damals einer der führenden Repräsentanten der Republikanischen Partei in Kalifornien – für die Zolltariffrage ein und betrieben erfolgreich Lobbyarbeit zugunsten eines Schutzzolls. Dies erfolgte, zugleich aber wurde die Rübenzuckerindustrie indirekt unterstützt. James Wilson, der neue Landwirtschaftsminister, verstärkte die einschlägige Agrarforschung und intensivierte die Schulung und Beratung von Farmern und Investoren. Langfristig half dies, die Abhängigkeit von ausländischem Know-how, Saatgut und Maschinen zu verringern. [106] Spreckels gelang es zugleich, finanzstarke Geschäftspartner für die Finanzierung seines Vorhabens zu gewinnen. Ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr, übernahm der Zuckertrust die Hälfte der Investitionen. [107]

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Die Zuckerfabrik und der neu erstellte Ort Spreckels 1899 (Myrick, 1899, VIII)

Mit lokaler, staatlicher und finanzieller Unterstützung begannen die Bauarbeiten im Jahr 1898. Es war eine Investition von 2.500.000 Dollar, die eine ganze Region veränderte. Die Spreckels Sugar Company wurde erst am 1. März 1899 mit einem Kapital von 5.000.000 $ gegründet. Damit reorganisierte Spreckels sein kalifornisches Zuckergeschäft. Die Western Beet Sugar Company wurde von ihr übernommen, dann auch die Raffinerie in San Francisco und die neue Fabrik im Salinas Valley. [108] Claus Spreckels gehörte nicht zu den Direktoren, da er den größten Teil seiner Zuckerinteressen bereits an seine Söhne John D. und Adolph B. Spreckels übertragen hatte, die Direktoren und Großaktionäre des neuen Unternehmens wurden. [109] Die neue Fabrik kombinierte moderne Bautechnologie, nämlich eine Stahlrahmenkonstruktion und die intensive Nutzung von Elektrizität mit modernen ausländischen Maschinen – mengenmäßig nicht weniger als 2.800 Tonnen. [110] Sie verfügte über ein großes Laboratorium, in dem nicht nur Rüben im Sinne der Qualitätssicherung untersucht wurden, sondern zunehmend auch die Böden und das Endprodukt. Die Fabrik war Zentrum eines riesigen Eisenbahnnetzes [111] und eines „verschlungenen Netzes von Straßen, […] Mülldeponien, Bewässerungskanälen, Brunnen und Pumpen sowie Rohrleitungen“. [112] Während der Kampagne beschäftigte das Werk fast 700 Arbeiter. Die tägliche Wasserversorgung betrug damals 13.000.000 Gallonen – die gleiche Menge wie San Francisco. Durch die konsequente Nutzung von Skaleneffekten konnten die Produktionskosten erheblich gesenkt werden. Während die Fabrik in Alvarado in den späten 1880er Jahren sechs Dollar pro Tonne Rüben aufwandte, waren es in Salinas nur noch zwei Dollar. [113] Die kontinuierliche voll mechanisierte Produktion gründete auf einem Bewässerungssystem, durch das selbst schwere Dürren wie in den späten 1890er Jahren überstanden werden konnten. Zudem hatte Spreckels dafür gesorgt, dass fast alle Nebenprodukte der Rübenzuckerproduktion verwertet wurden: Die Zuckerschnitzel boten Futter für 600 Kühe, damals noch unüblich. [114]

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Ikone des modernen Kaliforniens: Die Monsterfabrik im Salinas-Tal 1899 (San Francisco Call 1899, Nr. 93 v. 1. September, 3)

Spreckels Unternehmen in Salinas erwirtschaftete von Beginn an Gewinne – und blieb jahrzehntelang die größte amerikanische Rübenfabrik. Als eine Art siegreiche Festung in einem Umfeld langer relativer Stagnation wurde sie erst 1982 geschlossen. Wichtiger aber noch war, dass dieses „Mammut-Zuckerunternehmen“ [115] zu einem unerreichten Vorbild für die gesamte Rübenzuckerindustrie wurde – in Kalifornien und in den Vereinigten Staaten. Ab 1897 wurde eine Rübenzuckerfabrik nach der anderen gebaut: die American Beet Sugar Company, Oxnard in Ventura County, ein 500-Mann-Unternehmen, das von den Oxnards organisiert wurde, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Führung in der Branche übernehmen sollten [116]; die Los Alamitos Sugar Company, Los Angeles im Orange County; die California Beet Sugar & Refining Company, Crockett im Contra Costa County; und die Union Sugar Company in Santa Maria.

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Erfolgreiche Mitzügler: American Beet Sugar Factory, Oxnard (Out West 35, 1912, 345)

Von 1898 bis 1913 wurden in den Vereinigten Staaten insgesamt sechsundachtzig Rübenzuckerfabriken gebaut, die Hälfte davon bis 1903. [117] Kalifornien verlor seine führende Position an andere Staaten, insbesondere an Michigan und Nebraska. Die Spreckels Sugar Company blieb jedoch ein Wahrzeichen für die Pionierrolle Kaliforniens und des eingewanderten Unternehmers Claus Spreckels.

Schlussfolgerungen

Die Analyse der Entwicklung der frühen kalifornischen und amerikanischen Rübenzuckerindustrie steht nicht nur für sich allein. Sie mündet vielmehr in Thesen auch für breitere Themen:

Erstens machten Einwanderer den Unterschied. Obwohl das Kapital vielfach von amerikanischen Investoren kam, wurde die Rübenzuckerindustrie vor allem von französischen und deutschen Einwanderern vorangetrieben. Ihr Fachwissen und ihre persönlichen Netzwerke ebneten den Weg für neue Unternehmen in Kalifornien, für Arbeit und Wohlstand in der neuen Welt.

Zweitens basierte die Rübenzuckerindustrie auf einem intensiven Technologietransfer von Europa, insbesondere von Deutschland und Österreich-Ungarn nach Kalifornien. Der westliche Bundesstaat bot ein günstiges Klima und gute Böden, aber ohne moderne Maschinen, Patente und auch Saatgut hätte sich die neue Industrie auf dem Lande nicht entwickeln können. Europäisches Know-how war entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung des amerikanischen Westens.

Drittens waren die reichen Böden und das günstige Klima nicht nur ein Vorteil, sondern auch eine Belastung für die Entwicklung der kalifornischen Landwirtschaft. Die frühe Konzentration auf die Getreide- und dann auch Obstproduktion mündete in Zurückhaltung bei arbeitsintensiven Agrargütern, insbesondere bei Hackfrüchten. Die globale Wirtschaft des späten 19. Jahrhunderts führte daher nicht nur zur Spezialisierung und Nutzung naturaler Rahmenbedingungen, sondern auch zur Übernahme europäischer „Cash crops“ und entsprechender Anbauweisen.

Viertens machte die Fallstudie deutlich, dass „Amerika“ – ein Begriff ohne klar definierte Substanz – immer auch ein Mythos zur Durchsetzung von Partikularinteressen war. Das Paradoxon, dass es sich bei der „heimischen“ Industrie vorrangig um ein Geschäft erfolgreicher Einwanderer war, wurde nie reflektiert, weil der Begriff „Amerika“ der Sammlung diente und zumeist in Zukunftskontexten verwendet wurde. Ähnlich wie bei der Selbstdarstellung von Claus Spreckels als Mann ohne Fehl und Tadel, wurden Visionen einer zuckerexportierenden USA, von Wohlstand und Überfluss für alle Bürger genutzt, um Kapital, Arbeitskräfte, Subventionen, Prämien und Zölle zu mobilisieren. Der Mythos „Amerika“ (und gewiss auch „Kalifornien“) war eine dynamische Fiktion, die zur Entwicklung des Landes auch nach dem Ende der Frontier-Ära beitrug. Er wurde nicht nur von der/den Regierung(en) genutzt, um mit anderen Nationen zu konkurrieren, sondern auch von eingewanderten Unternehmern, um dadurch Ressourcen in ihrem Sinne zu erschließen.

Fünftens kann die Entwicklung der kalifornischen Rübenzuckerindustrie als Prisma für allgemeinere Themen der amerikanischen Geschichte genutzt werden: Die Erschließung und Ausbeutung des Westens, das Erstarken Amerikas im Zeitalter des Imperialismus, die Kommodifizierung von „Cash Crops“, die Nutzung (und der Missbrauch) der „Natur“, die Rassenfrage und die Idee der Vorherrschaft des weißen Mannes, die sich verändernden ethnischen Hierarchien in einer Einwanderungsgesellschaft, etc. Die erfolgreiche Entwicklung einer neuen Industrie auf dem Lande bietet damit einen Schlüssel zu all den bitteren und rückfragenden Geschichten, die für die Mehrheit der Kalifornier typischer waren als die süße Karriere des Zuckerkönigs Claus Spreckels.

Uwe Spiekermann, 14. Juli 2022

Quellen und Literatur

[1] Who will Pioneer the Manufacture of Beer Sugar?, California Farmer and Journal of Useful Sciences 8, 1857, Nr. 2.
[2] Vgl. Max-Ferdinand Krawinkel, Die Rübenzuckerwirtschaft im 19. Jahrhundert in Deutschland: Analyse und Bewertung der betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Entwicklung , Köln 1994; Herbert Pruns, Innovationen in der Rübenzuckerindustrie – Ein frühes Segment des Industrialisierungsprozesses, in Rolf Walter (Hg.), Innovationsgeschichte, Stuttgart 2007, 209-248.
[3] For details and data s. Roy A. Ballinger, A History of Sugar Marketing, Washington 1971.
[4] David Lee Child, The Culture of the Beet, Boston 1840.
[5] Beet Sugar in California, California Farmer and Journal of Useful Sciences 39, 1873, Nr. 2 v. 30. Januar.
[6] Letter from Rev. B. Corwin, Ebd. 8, 1857, Nr. 21.
[7] The Sugar Beet in California, Daily Alta California 1857, 29. August.
[8] Cultivation of the Sugar Beet Hemp and Castor Bean, California Farmer and Journal of Useful Sciences 22, 1864, Nr. 21 v. 16. Dezember.
[9] California Sugar Beet, Daily Alta California 1868, 24. Juni.
[10] Harry A. Austin, History and Development of the Beet Sugar Industry, Washington 1928, 16-21; Deborah Jean Warner, Sweet Stuff. An American History of Sweeteners from Sugar to Sucralose, Washington 2011, 85-108.
[11] Manufacture of Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 6, 1856, Nr. 11. Vgl. Beet Sugar, ebd. 7, 1857, Nr. 5.
[12] Beet Sugar Manufactory, Sacramento Daily Union 1857, 13. Februar.
[13] California State Agricultural Society, California Farmer and Journal of Useful Sciences 6, 1856, Nr. 19.
[14] Beet Sugar Profits, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 4 v. 28. Januar.
[15] Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 7, 1857, Nr. 4.
[16] State Agricultural Society, Sacramento Daily Union 1868, 31. Januar.
[17] Vgl. hierzu und zum Folgenden bereits Uwe Spiekermann, Labor as a Bottleneck, Entangled Commodity Chains in Sugar in Hawaii and California in the Late Nineteenth Century, in Andrea Komlosy und Goran Music (Hg.), Global Commodity Chains and Labor Relations, Leiden und Boston 2021, 177-201, hier 189-196.
[18] Sugar Beet, and Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 31, 1869, Nr. 4 v. 11. Februar (George Gordon). Zu Spreckels Versuchen s. den dritten Abschnitt.
[19] Einen konzisen Überblick zu Kaliforniens Landwirtschaft und Agrarwirtschaft bietet Richard Walker, The Conquest of Bread: 150 Years of Agri-Business, New York 2004.
[20] Beet Sugar in California, Daily Alta California 1868, 8. Juni.
[21] In Chatsworth etablierten die beiden deutschstämmigen Einwanderer Gottlieb and Ernst T. Gennert 1865 (oder gar schon 1863) die Germania Sugar Company, die bis 1870 in Betrieb war (vgl. Andrew Taylor Call, Jacob Bunn: Legacy of an Illinois Industrial Pioneer, Lawrenceville 2005, 119-120; H[arvey] W. Wiley, The Beet-Sugar Industry: Culture of the Sugar-Beet and Manufacture of the Beet Sugar, Washington 1890, 37; The Chatsworth Experiment, Louisiana Planter and Sugar Manufacturer 30, 1903, 66).
[22] Industrial Condition of the State, Daily Alta California 1868, 28. Dezember.
[23] Industrial Condition of the State, Ebd. 1869, 9. März.
[24] Beet Sugar its Prospects—A New Process, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 1, 7. Januar.
[25] California Beet Sugar, Pacific Rural Press 4, 1872, Nr. 8 v. 24. August.
[26] The Sacramento Sugarie a Success, Pacific Rural Press 2, 1871, Nr. 22 v. 2. Dezember; ähnlich Progress in Beet sugar Interest, California Farmer and Journal of Useful Sciences 36, 1871, Nr. 16 v. 19. Oktober.
[27] Vgl. Richard Street, Beasts in the Field. A Narrative of California Farmworkers, 1789-1913, Stanford 2004.
[28] Beet Sugar, Pacific Rural Press 9, 1875, Nr. 12 v. 20. März.
[29] Sacramento Daily Union 1877, 13. März.
[30] Beet Sugar in California, Pacific Rural Press 13, 1877, Nr. 14 v. 7. April.
[31] Beet Sugar in California, Ebd. 17, 1879, Nr. 24 v. 14. Juni.
[32] The Alvarado Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1870, 22. November.
[33] The Beet Sugar Operations at Alvarado, Sacramento Daily Union 1870, 28. November.
[34] Industrial Condition of the Slope, Daily Alta California 1872, 11. November.
[35] 1887 wurde die Produktion aufgrund von Trockenheit, einem allgemeinen Preisverfall und einer großen Explosion unterbrochen, die Firma musste geschlossen werden. Dyer gelang es jedoch, das Unternehmen zu reorganisieren und zu vergrößern. 1888 wurde es als Pacific Coast Sugar Company neu gegründet und zugleich fortgeführt (Beet Sugar at Alvarado, Pacific Rural Press 35, 1888, Nr. 7 v. 18. Februar).
[36] Another Beet Sugarie, Ebd. 6, 1873, Nr. 21 v. 22. November.
[37] The Sugarie, Ebd. 14, 1877, 22. September.
[38] Beet Sugar in Isleton, Pacific Rural Press 19, 1880, 104; Sugar from Beets in California, Red Bluff Independent 1869, 20. Januar, 4; New Manufactures 1870, 27. Mai, 2 (Alvarado Beet Sugar Company).
[39] Ernst Th. Gennert, Beet sugar in California, Ebd. 17, 1879, Nr. 24 v. 14. Juni.
[40] San Francisco Market Review, Sacramento Daily Union 1868, 2. Mai; Cane-Sugar from Beets, Sacramento Daily Union 1868, 5. Mai. Vgl. William Lloyd Fox, Harvey W. Wiley’s Search for American Sugar Self-Sufficiency, Agricultural History 54, 1980, 516-26.
[41] L.D. Morse, The Beet Sugar Question, Pacific Rural Press 18, 1879, Nr. 21 v. 21. November.
[42] Ernst Th. Gennert, The Sugar Industry, Ebd., Nr. 8 v. 23. August.
[43] California Abroad, Ebd. 24, 1882, Nr. 16, 14. Oktober.
[44] Genauer hierzu Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8 (2010).
[45] Our Sugar Supply, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 14 v. 8. April.
[46] Obwohl Claus Spreckels letztlich der größte Nutznießer des im Reziprozitätsvertrag festgeschriebenen Subventionssystems wurde, argumentierte er anfangs strikt gegen die neuen Regelungen. Eines seiner Argumente war, dass die kalifornische Rübenzuckerindustrie durch steigende Importe hawaiianischen Rohrzuckers stark in Mitleidenschaft gezogen werden würde: Hawaiian Reciprocity, Daily Alta California 1874, 10. Juli; The Hawaiian Treaty, Daily Alta California 1875, 2. März.
[47] Kill the New Industry, Pacific Rural Press 4, 1872, Nr. 24 v. 14. Dezember; California for Sugar, ebd. 29 1885, Nr. 2 v. 10. Januar.
[48] Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich: Claus Spreckels, die Hawaiian Commercial Company und die Grenzen wirtschaftlicher Einflussnahme im Königtum Hawaii, 1875 bis 1898, in Hartmut Berghoff, Cornelia Rauh und Thomas Welskopp (Hg.), Tatort Unternehmen. Zur Geschichte der Wirtschaftskriminalität im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin und Boston 2016, 47-67.
[49] Allen Collins, Rio Del Mar: A sedate residential community, the depth of its character, 225 years of local history, o.O. 1995, 7.
[50] Beetroot Sugar in California, Australian Town and Country Journal 1871, 11. Februar, 13.
[51] The Coast Countries, Daily Alta California 1872, 16. Oktober 16, 1; Our Beet Sugar Interest, Pacific Rural Press 6, 1873, Nr. 11, 13. September.
[52] Claus Spreckels, in San Francisco: Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Francisco 1913, 3-10, hier 6.
[53] Das war den Produzenten natürlich bekannt. Fehlende Kapital- und Maschinenzufuhr begrenzten in den 1880er Jahren allerdings Pläne für größere Betriebsanlagen. Vgl. John L. Beard, The Beet Sugar Industry, Pacific Rural Press 30, 1885, Nr. 4 v. 25. Juli.
[54] Recht typisch war die Argumentation der San Francisco Chamber of Commerce. S. Beet-Root Sugar, Daily Alta California 1888, 1. Februar bzw. die Gegenargumente in Beet Sugar Bounty, Daily Alta California 1888, 3. Februar.
[55] Fighting a Trust, Daily Alta California 1888, 3. September.
[56] Beet Sugar Company, Los Angeles Herald 1887, 18. Oktober, 2.
[57] Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1887, 24. September.
[58] Claus Spreckels’ Sugar Scheme, Chicago Daily Tribune 1887, 16. September, 5.
[59] Ebd.
[60] Great Enterprise in Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[61] Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1887, Nr. 32 v. 27. September.
[62] Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[63] Entsprechend wurde der Bau der Zuckerfabrik durch eine große Zahl öffentlicher Feiern und Feste umkränzt, wobei die Grundsteinlegung im April 1888 herausragte. Vgl. A Great Enterprise, Daily Alta California 1888, 29. April; The Beet-Sugar Enterprise at Watsonville, Pacific Rural Press 35, 1888, Nr. 18, 5. Mai.
[64] Ventura County: Rival Localities Competing for the Sugar Factory, Los Angeles Times 1886, 3. Oktober, 13.
[65] A Beet Sugarie Established at Watsonville, Pacific Rural Press 34, 1887, 24. Dezember.
[66] Great Enterprise in Beet Sugar, Ebd. 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[67] Claus Spreckels on Beet Sugar, Ebd. 35, 1888, Nr. 1 v. 7. Januar.
[68] Vgl. seinen Brief an die Farmer in Beet Sugar, Daily Alta California 1887, 23. Dezember und seine späteren Überlegungen in To Fight the Sugar Trust, New York Times 1889, 25. April.
[69] Claus Spreckels on Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 20, 12. November.
[70] The Beet Sugar Experiment, Australian Town and Country Journal 1889, 28. Februar, 29.
[71] W[illiam] W. Allen und R[ichard] B. Avery, California Gold Book, San Francisco und Chicago 1893, 367.
[72] Commercial, Los Angeles Times 1897, 22. April.
[73] The Bay of San Francisco. The Metropolis of the Pacific Coast and its Suburban Cities. A History, Bd. I, Chicago 1892, 351.
[74] Thomas J. Osborne, Claus Spreckels and The Oxnard Brothers: Pioneer Developers of California’s Beet Sugar Industry, 1890-1900, Southern California Quarterly 54, 1972, 117-125; Jeffrey Wayne Maulhardt, Oxnard Sugar Beets. Ventura County’s Lost Cash Crop, Mount Pleasant 2016. Analog zu Watsonville nutzte auch die Fabrik in Chino das Steffen-Verfahren, das ebenso von der deutschen Maschinenfabrik Grevenbroich geliefert wurde. Zum sozialhistorischen Hintergrund s. Carey McWilliams, Factories in the Field. The Story of Migratory Farm Labor in California, Berkeley, Los Angeles und London 2000.
[75] Beet Sugar Company Incorporated, Fitchburg Sentinel 1889, 17. April, 4; American Settler 1888, 11. Mai, 4.
[76] Thomas J. Vivian, The commercial, industrial, transportation, and other Interests of California, Washington 1891, 329.
[77] Sugar Refining, Daily Alta California 1889, 19. April.
[78] A Gigantic Project, Daily Alta California 1889, 19. Mai. Die Occidental Beet Sugar Company wird nicht erwähnt in Sandra E. Bonura, Empire Builder. John D. Spreckels and the Making of San Diego, Lincoln 2020.
[79] Beet Sugar, Los Angeles Herald 1889, 8. Oktober.
[80] The Beet-Sugar Industry, Daily Alta California 1890, 22. März.
[81] Agricultural and Pastoral, Queenslander 1888, 10. März, 390.
[82] Claus and the Farmers, Chicago Daily Tribune 1888, 8. März, 6. Claus Spreckels intervenierte sowohl in Kalifornien als auch in Washington. Im Untersuchungsausschuss über den Zuckertrust plädierte er offensiv für eine „heimische“ Industrie, die „unseren eigenen Zucker“ produzierten würde (Sugar Trust Investigation, Boston Daily Globe 1888, 24. März, 5).
[83] Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 19, 5. November.
[84] Sugar Beets, The Great Southwest 1, 1889, Nr. 5, 2.
[85] Ebd., Nr. 7, 5 und Nr. 8, 8.
[86] Ebd. 2, 1890, Nr. 2, 1.
[87] Sugar Beets: The Seed promised by Spreckels has been received, Ebd. 2, 1889, Nr. 2, 2-3, hier 2.
[88] More Beet Tests, Ebd. 2, 1890, Nr. 9, 4; National City Beets, ebd. Nr. 10, 13.
[89] Mr. Spreckels on the Sugar Beet Question, Pacific Rural Press 50, 1895, Nr. 24, 14. Dezember.
[90] Beet Sugar: An Interview With Mr. J.D. Spreckles [sic!], Los Angeles Herald 1889, 2. Januar; Sugar Beet Factories, Australian Town and Country Journal 1889, 14. September, 42; Colonies and India 1895, 3. August, 22.
[91] A Valuable Industry, Daily Alta California 1889, 14. September.
[92] San Francisco Call 1899, 24. November.
[93] Claus Spreckels, on the Sugar-Beet Industry, Northern Star 1896, 26. März, 4.
[94] Ten Years of Beet sugar at Watsonville, Pacific Rural Press 56, 1898, Nr. 26 v. 24. Dezember.
[95] The Sugar Industry, San Francisco Call 1896, 12. Mai.
[96] Beet Farming, Sausalito News 1896, 7. März.
[97] Refined Sugars Are Reduced, Boston Daily Globe 1896, 7. Juli, 9.
[98] Detailed Plans of the Sugar King, Chicago Daily Tribune 1896, 3. Juli, 1. Ähnlich Santa Claus Spreckels, Los Angeles Times 1896, 3. Juli, 1. Dieser lange Vorlauf von mehreren Jahren resultierte aus den Erfahrungen in Watsonville. Es erforderte gemeinhin zwei bis drei Jahre, um Farmer zu leistungsfähigen Rübenzuckerlieferanten umzuschulen und Fehler abzustellen.
[99] Dies und auch das Folgende nach Citizens of Salinas Unite in Honoring Claus Spreckels, San Francisco Call 1896, 2. August.
[100] Ergänzende Einblicke in dieses bemerkenswerte Treffen finden sich in Salinas Valley Citizens Applaud His Far-Reaching Enterprise, San Francisco Call 1896, 2. August.
[101] Beet Sugar Gazette 1, 1899/1900, Nr. 3, 20; Alfred Musy, The Largest Sugar Mill in the World, Beet Sugar Gazette 3, 1901/02, 135.
[102] Spreckels kaufte von Beginn an weiteres Land an. Ende 1897 gab er beispielsweise $275,000 für zusätzliche 12,000 Acres Zuckerland aus, s. News of the Big Cities, Chicago Daily Tribune 1897, 9. Dezember, 3.
[103] In Beet Fields, Pacific Commercial Advertiser 1897, 31. Juli, 2.
[104] Colony Homes, Los Angeles Herald 1897, 27. Mai; The All-Absorbing Topic, Sacramento Daily Union 1897, 17. Oktober.
[105] Senatorial Sugar, Los Angeles Herald 1897, 16. Mai.
[106] Beet Sugar, Ebd., 16. Mai. Nationalistische Slogans wie etwa „America for Americans“ waren Bestandteil dieses neuen Ansatzes.
[107] Entsprechende Gerüchte kamen 1897 auf, vgl. Commercial, Los Angeles Times 1897, 22. April; Sugar Trust Buys Up More Mills, Chicago Daily Tribune 1897, 21. April; One-Sided Hawaiian Reciprocity, Chicago Daily Tribune 1897, 24. April, 3. Eine Folge war ein Verleumdungsprozess zwischen Claus Spreckels und dem aufstrebenden Verleger William R. Hearst, den letzterer verlor.
[108] Weekly Statistical Sugar Trade Journal 23, 1899, Nr. 43, 26. Oktober, 6.
[109] Spreckels Company Organization, Chicago Daily Tribune 1897, 7. August, 7; Spreckels in Beet Field, Chicago Daily Tribune 1899, 2. März, 3.
[110] Washington Post 1898, 24. April, 22.
[111] Colossal Beet Sugar Exploitation, Chicago Daily Tribune 1896, 1. Juli, 1.
[112] Gary S. Breschini, Mona Gudgel und Trudy Haversat, Spreckels, Charleston 2006, 32.
[113] Local Benefits of the Beet Sugar Industry, Pacific Rural Press 53, 1897, Nr. 4, 23. Januar.
[114] To Produce Our Own Sugar, Beet Sugar Gazette 3, 1901/02, 120.
[115] Wheels of the Mammoth Sugar Factory at Spreckels Begin to Turn, San Francisco Call 1899, 1. September.
[116] A Visit to a Beet Sugar Factory, Pacific Rural Press 64, 1902, Nr. 7, 17. August.
[117] Leonhard J. Arrington, Science, Government, and Enterprise in Economic Development: The Western Beet Sugar Industry, Agricultural History 41, 1967, 1-18.

Deutsche Einwanderer auf dem Weg zu amerikanischen Vorzeigeunternehmern: Die Familie Spreckels, 1850-1930

Seit Gründung der USA haben mehr als siebeneinhalb Millionen „Deutsche“ ihr Vaterland verlas­sen, um jenseits des Atlantiks ein besseres Leben zu führen. Die Mehrzahl von ihnen stammte aus unteren und mittleren Verhältnissen, suchte den sozialen Aufstieg und fand ihn vielfach in einer selbständigen Existenz als Farmer, Handwerker oder Händler. Deutsche Einwanderer schufen nach dem gängigen, von der Migrationsforschung wesent­lich mitgeprägten Bild zwar eine breite mittelständische Grundlage der US-Wirt­schaft des 19. und 20. Jahrhunderts, doch die unternehmerischen Eliten entstammten demnach vorrangig „Protestant, Anglo-Saxon, native-born, well-to-do families“ [1]. Schon kurzes Nachdenken führt zur Skepsis gegenüber dieser Aufstiegsgeschichte aus den Reihen der Kolonisten vorwiegend des 18. Jahrhunderts: Pfizer, Merck, Heinz, Levi Strauss, Anheuser-Busch, Miller, Pabst, Steinway, Studebaker, Boeing – das sind zehn hingeworfene und rasch zu ergän­zende Namen bedeutender amerikanischer Firmen, die von deutschen Einwanderern erster oder zweiter Generation gegründet wurden. Im Washingtoner German Historical Institute haben unsere Recherchen 2009 eine keineswegs Liste mit mehr als achthundert „signifikanten“ deutsch-amerikanischen Unternehmern ergeben. Analoge Verzeichnisse von Einwanderer­unternehmer aus Skandinavien und Italien, Österreich-Un­garn und Russ­land, China und Mexiko dürften ebenfalls umfangreich sein.

Dies war Anlass, um 2010 das Projekt „Immigrant Entrepreneurship. Ger­man-American Busi­ness Biographies, 1720 to the Present“ zu starten. Darin sollte am Beispiel deutsch-amerikani­scher Einwanderer analysiert werden, welche Bedeutung diese für die Ausbil­dung und Etablierung der USA als führender Wirtschaftsmacht der Welt gehabt haben. [2] Das bis 2015 währende Projekt blieb gewiss hinter den selbstgesetzten Erwartungen zurück, doch die frei zugängliche Webseite [https://www.immigrantentrepreneurship.org] bietet mit knapp 180 biographischen und zahlreichen weiteren thematischen Artikeln einen einzigartigen und insbesondere empirisch fundierten Einblick in die deutsch-amerikanische Migrations- und Unternehmensgeschichte. Dennoch musste die Kernfrage nach dem spezifisch „deutschen“ Beitrag für die US-Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte offen bleiben. Zwar konnte der Mythos einer primär von den tradierten angelsächsischen Kolonisten geprägten und dominierten Wirtschaftssupermacht USA falsifiziert werden, doch die Einwanderer aus deutschen Landen bildeten eine zu heterogene und in sich vielfach widersprüchliche Gruppe, die nicht als klar konfiguriertes Gegenbild zum Establishment der jeweiligen „amerikanischen“ Unternehmer dienen kann. [3]

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Claus Spreckels (1828-1908) (San Francisco Newsletter 26, 1877, 29. Dezember, n. 16 (l.); Phelbs, 1881, vor 449)

Vom Landarbeiter zum Zuckerkönig? Die Karriere von Claus Spreckels

Umso wichtiger bleiben Fallstudien. Die Geschichte der kaliforni­schen Familie Spreckels bietet sich dazu an. Es handelt sich um eine der – nach den Astors – sicherlich erfolgreichsten deutschstäm­migen Immigrantenfamilien; einzig die in Milwaukee und Detroit ansässigen Uihleins dürften in den USA um 1900 eine ähnlich wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle gespielt haben. [4] Familien wie die Spreckels erlauben eine langfristige Analyse nicht nur unternehmerischen Erfolges resp. Misserfolges, sondern ermöglichen auch recht genaue Einblicke in die Akkulturation, die Integration und die sich wandelnde Identität von Einwanderern. [5] Das gilt insbesondere, wenn der in diesem Fall immense Wohlstand die zumeist geltenden Hemmnisse von materieller Enge, Fremdheitserfahrungen und relativer Isolation in der ethnischen oder religiösen Nische kaum zur Tragen kommen lässt: Claus Spreckels rangierte 1998 auf einer methodisch durchaus fraglichen  Liste der reichsten Amerikaner aller Zeiten auf Platz 40, und seine Söhne konnten das Gesamtvermö­gen der Familie nochmals mehren.

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Visualisierte Stationen im Leben eines erfolgreichen Einwandererunternehmers (Sugar in the Making, hg. v. d. Western Sugar Refinery San Francisco, 2. Aufl., San Francisco 1932, s.p.)

Claus Spreckels wurde 1828 als ältestes von sieben Kindern einer alteingesessenen Kötnerfa­milie in Lamstedt, nahe Cuxhaven, geboren. [6] Er wuchs unter beengten Verhältnis­sen und ohne weiterführende Schulbildung auf und verdingte sich seit 1843 als Landarbeiter. 1846 wanderte über Bremen in die USA aus, obwohl er weder über Kapital noch englische Sprachkenntnisse verfügte. In seinem Zielort Charleston, South Carolina, fand er Beschäfti­gung bei einem deutschstämmigen Kolonialwaren- und Alkoholhändler, dessen Geschäft er nach wenigen Jahren übernahm. Spreckels weitere Karriere gründete auf einer Ketten­wande­rung von Lamstedt in die USA. [7] Er heiratete 1852 seine aus einem Nachbarort von Lamstedt stammende Schulkameradin Anna Christina Mangels (1830-1910), die kurz zuvor nach New York emigriert war und dort als Dienstmädchen arbeitete. Mit Hilfe seines Schwagers Claus Mangels (1832-1891), spä­ter Millionär in San Francisco, erwarb Spreckels 1855 ein Groß- und Einzelhandelsge­schäft in New York, das schnell Gewinn abwarf. Ein Jahr später folgte er seinem Bruder Bernhard (1830-1861) nach San Francisco und baute mit seinem Kapital dessen Groß- und Einzelhandels­geschäft aus. [8]

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Industrielle Anfänge im Familienverband – Anzeige der Albany Brewery (San Francisco Directory 1861, 533)

In San Francisco investierte Claus Spreckels gezielt in Wachstumsmärkte. Zusammen mit seinem Bruder Peter (1839-1922) und seinem Schwager gründete er 1857 die Albany Brauerei, die mittels moderner Technologie und innovativer Produkte rasch zu den führenden lokalen Unternehmen aufschloss. [9] Binnen weniger Jahre zu Wohlstand gekommen, zielte Spreckels jedoch auf die weitere Maximie­rung seines Vermögens. In der späteren Selbst- und Fremdstilisierung wird die Gründung zweier Zuckerraffinieren, der Bay Sugar Refinery 1863 und der California Su­gar Refinery 1867, als der eigentliche Durchbruch zum späteren Zuckerimperium gedeu­tet. Doch für Spreckels war die Zuckerbranche zu diesem Zeitpunkt nur ein Feld einer breit gestreuten Tätigkeit als Venture-Kapitalist. In den 1860er und 1870er Jah­ren inves­tierte er in eine weitere Brauerei (Lyons Brewery), Gold- und Silberminen (Virgi­nia Hill Gold and Silver Mining Company, Kennedy Mining Company), in das Diamanten­ge­schäft (Diamond Match Company), die Seidenproduktion (Union Pacific Silk Manufac­turing Company), in die lokale Gasversorgung, den Kanalbau (Mission Creek Canal Com­pany), das Versicherungsgewerbe (Fireman’ Fund Insurance Company, Commer­cial Insu­rance Company of California), Immobilien sowie das Bankgeschäft (Ger­man Savings and Loan Society). [10]

Gleichwohl, die Zuckerbranche wurde zu Spreckels Hauptdomäne. Er setzte von Beginn an moderne Maschinen ein, die er zuerst an der amerikanischen Ostküste, dann auch in Deutschland kaufte. Er nutzte konsequent Größen- und Verbundvorteile: Die California Sugar Re­finery wurde zwischen 1867 und 1881 fünfmal vergrößert, der Maschinenpark mit teils auf Spreckels Namen patentierten neuesten Maschinen bestückt. [11] Die Konkurrenz wurde mit Kampfpreisen aus dem Markt gedrängt. Standardisierte Qualitäten und neue, auf die Letztkonsumenten zugeschnittene Produktinnovationen sowie kleine Packungen gemahlenen Zuckers wa­ren Teil des Erfolgskonzeptes. Parallel knüpfte Spreckels direkte Handelsbeziehungen nach den Philippinen, Hawaii und Mittelamerika, um eine möglichst sichere und zeitli­ch länger gestreckte Rohzuckerversor­gung zu garantieren. Seit Mitte der 1870er Jahre domi­nierte Spreckels die Produktion und zunehmend auch den Außenhandel mit Rohrzucker im Westen der USA.

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California Sugar Refinery, San Francisco 1881 (San Francisco News Letter 1881, Christmas-Nr.)

Diese Position schien bedroht zu sein, als 1876 ein Reziprozitätsvertrag zwischen den USA und dem Königreich Hawaii geschlossen wurde, der für Zuckerimporte aus Hawaii nicht nur keine Zölle vorsah, sondern zudem eine Subvention von zwei Cent pro Pfund. [12] Spre­ckels hatte anfangs seinen politischen Einfluss geltend gemacht, um die­sen Vertrag zu sabotieren. Nach Abschluss stellte er sich jedoch als erster auf die neuen Verhält­nisse ein. Nach kurzer Anlaufzeit begann er mit massiven Investitionen in den Rohrzuckeran­bau. Er erwarb 40.000 Acres Land in Maui, korrumpierte dazu König und Regierung, über­zog mit Hilfe deutschstämmiger Ingenieure die Insel mit einem Netzwerk von Bewässerungska­nälen, Straßen und Eisenbahnen und gründete mehrere Raffine­rien im neu gegründeten Spreckelsville. [13] Spreckels siedelte Tausende von Arbeitern aus Portu­gal, China, Japan, aber anfangs auch Hunderte aus Norwegen und Deutschland in Maui und zahlreichen weiteren Plantagen in Big Island an. [14] Er setzte Standards für die grundlegende Veränderung der Wirtschafts- und Sozial­struktur Hawaiis und bereitete mit seinen Investitionen der späteren Annektie­rung der Inselgruppe durch die USA den Boden – mochte er selbst auch aus ökonomischen Gründen ein Verfechter der Unabhängigkeit Hawaiis gewesen sein.

Aus unternehmenshistorischer Sicht wichtiger war der rasche Aufbau eines vertikal integrier­ten Zuckerkonzerns. Die gemeinsam mit seinen ältesten Söhnen geführte Oceanic Steam­ship Company dominierte das Transport-, Personen- und Postgeschäft mit Hawaii für Jahrzehnte. Neu gegründete Großhandelsorganisationen vertrieben den Rohzucker der wachsenden Zahl hawaiianischer Zuckerplantagen. Von Spreckels kontrol­lierte Banken finanzierten das kapitalintensive Geschäft mit der süßen Rohware. Anfang der 1880er Jahre war Spreckels (nach heutigen Maßstäben) Milliar­där, Quasimachthaber in Hawaii, dessen politischer Einfluss in Kalifornien und Washing­ton die Verlängerung des Reziprozitätsvertrages 1883 auch gegen erbitterten Widerstand der Öffentlichkeit ermöglichte. [15] Zu dieser Zeit stand Spreckels Name als Syno­nym für die Gefahren von Big Business, der umstürzen­den und korrumpierenden Macht der großen Korporationen: Die Arbeitsbedingungen in seinem Plantagensystem waren Gegenstand zahlreicher Regierungsuntersuchungen, er wurde wegen der hohen Monopolpreise für Zucker stetig kritisiert, sein politischer Ein­fluss in der republikani­schen Partei schien die U.S.-Politik zu unterminieren. [16] Die Tarifpoli­tik der großen Eisenbahnlinien, die Spreckels Zuckermonopol im Westen mit Son­derta­rifen schützten, machte die Gefahr der Trusts für die Allgemeinheit nochmals offenkundig. [17]

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Trust-Regulierung als vernachlässigte staatliche Aufgabe (Puck 24, 1888, 137)

Seit Mitte der 1880er Jahren erodierte jedoch die Macht des Zuckerkönigs. Dies galt ein­mal für Hawaii, wo Wettbewerber an Boden gewannen und die Macht des auf Spre­ckels angewiese­nen Königs Kalakaua (1836-1891) spätestens seit der Revolution 1887 schwand. [18] Auch die politi­schen Rahmenbedingungen wandelten sich, die Tarifpolitik des demokratischen Präsi­den­ten Grover Cleveland (1837-1908) war hierfür nur ein Vorbote. Wichtiger noch war die 1887 er­folgte Gründung der American Sugar Refinery Company, des so genannten Zucker­trusts. All dies führte zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Spreckelschen Unterneh­men:

Erstens, verlagerte er seine Aktivitäten stärker zurück nach Kalifornien, wo er seit 1887 zum Pionier der Rübenzuckerproduktion wurde. Nach einem siebenmonatigen Studienaufent­halt in Deutschland im Jahre 1865 hatte Spreckels schon seit 1872 mit Ver­suchsanbau von Rübenzucker begonnen, doch der arbeitsintensive Zuckerrübenan­bau war aufgrund fehlender Farmer resp. Landarbei­ter noch nicht wettbewerbsfähig. [19] Das änderte sich durch den Preisverfall einschlägiger Cash Crops, hinzu kamen Subventio­nen der U.S.-Regierung, die dadurch die Abhängigkeit von Zuckerimporten vermindern wollte. Spreckels informierte sich 1887 während einer fünfmonatigen Reise durch Öster­reich, Frankreich, Belgien und Deutschland über den aktuellen Stand der Rübenzuckerin­dust­rie, importierte anschließend Patente und Technik vornehmlich aus Deutschland und baute südlich von San Francisco zuerst 1887 in Watsonville, dann seit 1898 in Salinas und der neu gegründeten Stadt Spreckels die zu ihrer Zeit jeweils größ­ten Zuckerraffinerien der USA, nach eigenem, nicht zutreffenden Bekunden, auch der Welt auf. [20]

Zweitens, nahm Spreckels publikumswirksam den Kampf mit dem Zuckertrust auf. Die Idee, auch an der Ostküste Zucker anzubieten, hatte er seit langem gehegt; und er setzte sie konsequent um, nachdem der Zuckertrust 1888 eine kleinere konkurrierende Raffine­rie in San Francisco aufgekauft hatte und einen Preiskampf begann. Spreckels zog nun gen Osten, verhandelte mit mehreren Städten wegen Subventionen und errich­tete errichtete seit 1889 die damals weltgrößte Zuckerraffinerie in Philadelphia. [21] Opera­tiv von seinen Söhnen geleitet, ermöglichte sie einen intensiven Preiskampf, der zeitwei­lig zu einer Halbierung des Zuckerpreises in den USA führte. Der vielfach umsatzstärkere und kapitalkräftigere Zuckertrust lenkte schließlich 1891 ein, überließ Spreckels den Westen der USA und kaufte die Fabrik in Philadelphia für das Doppelte der Investitionssumme. [22] Westmonopo­list Claus Spreckels wurde mit diesem Coup zu einer populären öffentlichen Figur, der die Stellung und Werte des Einzelunternehmers gegen die Trusts verteidigt hatte.

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Spreckelsche Zuckerraffinerie in Philadelphia, PA, 1893 (Frank Leslie‘s Illustrated Newspaper 1890, Nr. 1821 v. 8. September, 576)

Drittens begann Claus Spreckels, der sich seit 1893 inoffiziell aus dem operativen Ge­schäft zurückgezogen hatte, mit einer Diversifizierung seiner unternehmerischen Aktivitä­ten. Er schloss damit an die frühere Phase des Venture-Kapitalisten an. Stich­worte müssen genügen, auch wenn es sich teils um (aus heutiger Sicht) Milliardengeschäfte gehandelt hat. Spreckels investierte in verschiedene Eisenbahnunternehmen, um seine Rübenzuckerproduk­tion zu unterstützen (Pajaro Valley Railroad; Pajaro Valley Consoli­dated Railway), um das Quasi-Monopol der Southern Pacific Railway Co. zu attackieren (San Fran­cisco and San Joaquin Valley Railroad Company; Bakersfield and Los Angeles Railway Company) sowie die Infrastrukturentwicklung Südkaliforniens voranzutreiben (National City & Otay Railroad). [23] Sein öffentliches Image als Monopolbrecher erlaubte ihm lukra­tive Investitionen im Infrastruktursektor, wo er unter anderem als Preisbrecher im Gas- und Elektrizitätsgeschäft agierte (Independent Light and Power Company), um seine Aktien nach einigen Jahren mit hohem Gewinn zu verkaufen [24]. Schließlich inves­tierte er zunehmend in Immobilien, darunter den ersten Wolkenkratzer im Westen der USA, das 1897 eröffnete Claus Spreckels Building, Sinnbild des aufstrebenden San Francisco. [25]

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Der Bau der San Joaquin Valley Road als Heil für die Region – Werbemotiv für die Spreckelsche Eisenbahnlinie, 1896 (Valley Road, 1896, 67)

Herkunft als Ressource: Erfolgsfaktoren eines Multimilliardärs

Man kann diese Karriere als US-amerikanische Erfolgsgeschichte lesen, als den Übergang vom Landarbeiter zum Zuckerkönig. Dies wird jedoch weder den Besonderheiten der USA im 19. Jahrhundert noch dem Status eines Einwandererunternehmers gerecht.

Claus Spreckels war seit 1855 Bürger der USA. Er lernte rasch Englisch, auch wenn er es bis an sein Lebensende mit deutlichem deutschem, genauer niederdeutschem, Akzent sprach. Er war stolz auf sein neues Vaterland, pries dessen Freiheitsversprechen und die Unabhängigkeit seiner Bür­ger und wandte sich, je später, je mehr, gegen den US-Imperialismus und die um sich greifende Korruption in der Politik – auch wenn er diese über Jahrzehnte systematisch betrieben hatte. [26] Er war Mitglied, teils Gründungsmitglied der wichtigsten amerikani­schen Vereine der Westküste, aktiv in der Nationalgarde und ein führender Repräsen­tant der Republikaner in Kalifornien. Er förderte den lokalen Patriotismus mit Spenden für die Statuten von James A. Garfield (1831-1881), Ulysses S. Grant (1822-1885), George Dewey (1837-1917), Abraham Lincoln (1809-1865) und William McKinley (1843-1901). Zugleich aber unterstützte er ein Leben lang seine lutherische St. Markus-Gemeinde, war Mitglied im San Francisco Verein und dem Verein Arion, förderte Deutsche Tage und Wochen, das German Altenheim und das Goethe-Schiller-Denkmal. 1899 schenkte er seiner Heimatstadt 1899 ei­nen Temple of Music, nicht zuletzt zur Pflege deutscher Musik.

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Ein Ort deutscher und amerikanischer Weisen: Spreckels Temple of Music (Mark Hopkins Review of Art 1, 1899/1900, Nr. 3, 10)

Spreckels wurde bis in die 1890er Jahre vielfach als Immigrant wahrgenommen. Seine Geschäftspraktiken wurden als die eines „greedy Prussian“ [27] oder aber eines „German Jews“ [28] denunziert. Aufgrund seines Eintretens für chinesische Kontraktarbeiter oder seines Beharrens auf Hawaiis Selbstständigkeit galt er vielfach als national unsicherer Kantonist. Im Deutschen Reich und auch bei deutsch-amerikanischen Vereinigungen wurde er dage­gen vielfach national verein­nahmt, sei es als jovialer Plattdeutsch-Sprecher oder als der „deutsche Zuckerkö­nig“. [29] Deutsche Besucher vermerkten jedoch zunehmend kritisch, dass er „keine ande­ren als rein amerikanische Interessen habe“; und da half es wenig, dass sein Pfarrer ihn am Grabe mit einer deutschen Eiche verglich. [30] In der deutschsprachigen US-Presse hieß es klagend, dass er „für das hiesige Deutschtum und das Deutschtum überhaupt [nicht, US] viel übrig gehabt“ [31] habe. Das war falsch, doch Claus Spreckels achtete stets auf die öffentliche Wirkung und die soziale Bindekraft seiner Zuwendungen auch über die deutsche Nische hinaus.

In den USA wurde er seit den frühen 1890er Jahren immer stärker als ein Repräsentant erst des aufstreben­den Kaliforniens, dann auch der amerikanischen Nation und ihrer Verheißung individueller Entfaltung gese­hen. Gleichwohl, seine Karriere ist ohne seine Herkunft aus Deutschland kaum zu erklären. Deutsche Immigranten ermöglichten ihm jeweils den Start in Charleston, New York und San Francisco. Deutsch-amerikanische Ingenieure und Architekten planten die Plantagenwirt­schaft in Hawaii und die Raffinerie in Philadelphia. Spreckels beschäftigte zahlreiche Facharbeiter aus Deutschland und gab immer wieder Familienmitgliedern die Chance, in seinen Unternehmen zu arbeiten und aufzusteigen. Sein ältester Sohn wurde 1869-1871 auch in Deutschland, an der Polytechnischen Schule in Hannover, erzogen. [32] Deutsche Besucher und Politiker wurden von ihm in Hawaii und San Francisco empfangen und bewirtet.

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Sedan-Feier in San Francisco unter Leitung von Claus Spreckels (San Francisco Abend Post 1871, 30. August, 2)

Er selbst reiste mehrfach für längere Aufenthalte nach Deutschland, um dort vor Ort die Zuckerproduktion zu studieren. Seit 1867 importierte er Maschinen aus Deutschland, seine Zuckerrübenfabriken wurden fast gänzlich mit deutscher Technologie ausgestat­tet, auf kalifornischen Feldern deutsche Rübensaaten angepflanzt. Und doch: Der Grund für diese engen Beziehungen lagen in der Qualität von Know-how und Produk­ten. Spre­ckels folgte einer ökonomischen Logik, keiner nationalen. Falls Saatgut in Frankreich oder Dänemark günstiger angeboten wurde, so kauft er es dort. Zugleich nutzte er seine deutsche Herkunft vielfach geschickt aus, um insbesondere bei Verhandlun­gen um Zolltarife Vorteile zu erzielen; war er doch ein Amerikaner, der vorgab, die Deutschen zu kennen. In Hawaii positionierte er sich als Garant amerikanischer Interessen gegenüber der britischen und deutschen Konkur­renz. Die Gefahr wachsender deutscher Zuckerimp­orte instrumentalisierte er zur Subventio­nierung der US-Rübenzuckerindustrie.

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Blick in die St. Bartholomäus Kirche, Lamstedt, Taufort von Claus Spreckels (Uwe Spiekermann, 2018)

Spreckels blieb seiner Heimat eng verbunden: Er finanzierte nicht nur das Haus seiner Schwester in Lamstedt, sondern ein Jahr vor seinem Tod auch die Orgel seiner Heimatgemeinde. Doch spätes­tens seit den frühen 1890er Jahren führten ihn die regelmäßigen Transatlantikreisen immer häufiger auch nach London, dann vielfach nach Paris und den böhmischen Bädern. Seine pompöse Villa in San Francisco wurde mit französischen Kunstwerken ausgestat­tet, darin wirkten nicht nur deutsche Hausmädchen, sondern auch englische Butler und Gärtner. [33] Der deutsche Immigrant in Amerika war auch ein Freund der französischen Kü­che – und entsprach damit dem Geschmack des sich ausbildenden internationalen Smart Set.

Auf dem Weg zur reichsten und einflussreichsten Familie Kaliforniens? Die zweite Unternehmergeneration der Spreckels

Schon diese wenigen Hinweise unterstreichen die Künstlichkeit klarer nationaler Identitäten im ausgehenden 19. Jahrhundert. Claus Spreckels war im Königreich Hannover geboren worden; und eine deutsche Staatsbürgerschaft gab es formal erst 1913, also nach seinem Tode. Seit 1855 war er naturalisierter Bürger der USA, doch dabei handelte es sich um einen rasch expandierenden Staat mit unklaren Grenzen: Kalifornien wurde 1850 Teil der USA. Kalifornien selbst war noch nicht der heutige Staat mit etwa der Einwohnerzahl, die 1850 der Deutsche Bund aufwies. Für Claus Spreckels war er jedoch der wichtigste Bezugs- und auch Gestaltungsraum, während er das von ihm lange dominierte Hawaii immer als informellen Herrschaftsraum, nicht aber als eigenständigen Staat verstand, zu dem er nie eine innere Bindung hatte.

Fragen nach der Akkulturation und der Integration eines solchen Repräsentanten einer transnationalen Funktionselite zeugen schon bei einer Person von multiplen, parallel gelebten und genutzten Identitäten. Doch der eigentliche Testfall ist gewiss die zweite Einwanderergeneration. Dieser ist im Falle der Fami­lie Spreckels besonders ergiebig, denn die harte Schule des Zuckerkö­nigs führte nicht nur zu innerfamiliären Zerwürfnissen, sondern auch zur Ausbil­dung von vier unternehmeri­schen Talenten, die allesamt auf Grundlage der Arbeit und des Kapitals des Vaters ihre je eigenen Karrieren entwickelten und das Vermögen der gesam­ten Familie bis in die Mitte der 1920er Jahre nochmals vergrößerten. Skizzenar­tige Charakterisierungen müssen genügen.

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John D. Spreckels (1853-1926) (Austin, 1924, n. 74 (l.); ebd., n. 162; Coshocton Tribune 1922, 3. September, 3 (r.))

John Diederich Spreckels, der älteste 1853 in Charleston geborene Sohn, war das viel­leicht größte unternehmerische Talent der vier Brüder. [34] Er wurde von seinem Vater schon früh mit dem Management des Hawaiianischen Besitzes betraut – und führte mit seinem jüngeren Bruder Adolph B. seit den 1890er Jahren die kalifornischen Zuckerbetriebe. Parallel baute er seit 1878 die Oceanic Steamship Company auf, die nicht nur im Fracht- und Postverkehr nach Hawaii tätig war, sondern seit den 1880er Jahren erste regelmäßige Fahrten nach Neuseeland, Australien, Samoa und später auch nach Asien anbot. Die gemeinsam mit seinen Brü­dern Adolph B. und Claus A. gegründete Holding Spreckels & Bros. agierte als Agentur für viele kleinere US-Reeder und zahlreiche europäische Linien im Pazifik- bzw. im Schiffsverkehr von der Ost- zur Westküste. Breite Teile der Versorgung der Westküste mit Kohle, Koks, Düngemitteln und Metallen – von Australien, aber auch aus Großbritannien – erfolgten im Chartergeschäft durch Spreckels & Bros.

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Wirtschaftliche und touristische Erschließung des Pazifikraums durch J.D. Spreckels & Bros. (Ports, 1889, 62 (l.); Oceanic Steamship Company 1902, s.p.)

John Diederich Spreckels emanzipierte sich von seinem Vater mit 1887 einset­zenden systematischen Investitionen in San Diego; auch wenn der alte Herr diese finanziell mittrug und seine Rechte erst um die Jahrhundertwende an die beiden älteren Söhne übertrug. John D. Spreckels engagierte sich für den Ausbau der Hafeninfrastruktur, baute in den 1890er Jahren ein weit über Bedarf geplantes Straßenbahnnetz auf, gründete Elektrizitäts- und Wasserwerke, kaufte zudem die wichtigsten lokalen Tageszeitungen auf. Dies diente der Etablierung von San Diego und der vorgelagerten Insel Coronado als Touristenzentrum und Altersresidenz [35], führte mittelfristig auch zu immensen Gewinnen im Grundstücksgeschäft, da John D. Spreckels einen Großteil des zukünftigen Baulandes preiswert gekauft hatte. Nach dem Erdbeben 1906 siedelte er dauerhaft nach San Diego über und investierte einerseits in zentrale Bürogebäude, baute daneben an sich weit überdimensionierte Theater, Musikstätten und Vergnügungsparks. Parallel sicherte er die Wasserversorgung der Region durch ein Netzwerk von Staudämmen und Kanalsystemen.

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Übernahme und Ausbau bestehender Infrastruktur: Coronado und San Diego 1888 (Coronado Beach Company, 1888, s.p.)

Mit der Spreckels Savage Tire Company, der ersten amerikanischen Reifenfirma westlich vom Produktionszentrum Akron, legte er zugleich Grundlagen für die industrielle Entwicklung San Diegos und des Südwestens Kaliforniens. Als Investor ähnlich breit aufgestellt wie sein Vater, war auch John D. im Eisenbahngewerbe tätig (National City & Otay Railroad, Coquile River Road, San Diego & Southeastern Railway Company, Coos Bay, Roseburg and Eastern Railway). Die 1919 fertiggestellte San Diego and Arizona Railroad band San Diego an das transnationale Eisenbahnnetz der USA an und bildete einen Schlussstein in der verkehrstechnischen Erschließung Südkaliforniens. John Ds. Lebens­stil war aufwendig, er besaß die jeweils größten und schnellsten Yachten der West­küste, zeigte Interesse an Boxsport, Polo und Autorennen und war in den 1890er Jahren nicht nur aufgrund seines Geldes die bestimmende politische Kraft der republikani­schen Partei Kaliforniens. Dennoch stand er nach dem Tode seines Vaters mit jährlich über einer Million Dollar lange Zeit an der Spitze der Einkommenspyra­mide Kalifor­niens und hinterließ bei seinen Tode 1926 mit 25 Millionen Dollar ein aus heuti­ger Sicht Milliardenvermögen. [36]

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Adolph B. Spreckels (1857-1924) (San Francisco Call 1896, 17. September, 7; Men of the Pacific Coast 1902, 188; Jockey Club, 1923, s.p.)

Adolph Bernhard Spreckels, 1857 in San Francisco geboren, stand vielfach im Schatten seines großen Bruders; und doch finanzierte er die meisten seiner Unternehmungen auf 50-Prozent-Basis, war Kapitalist im Wortsinne. Nachdem er 1881 Michel De Young, den Besitzer des San Francisco Chronicle, auf­grund dessen einseitiger Berichterstattung über seinen Vater und insbesondere seiner Mutter niedergeschossen hatte, letztlich aber freigesprochen wurde, führte er längere Zeit ein eher zurückgezogenes Leben. [37] Seine Passion war der Pferderennsport. Er war einer der wichtigsten, vor allem aber der lange Zeit wirtschaftlich erfolgreichste kalifornische Pferde­züch­ter und gründete mehrere Pferderennbahnen in Nordkalifornien und auch – nach dem Verbot erst der Pferdewetten, dann des Alkoholkonsums in Kalifornien – in Mexiko. [38]

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Tanforan Pferderennbahn vor der Wiedereröffnung 1923 (Jockey Club, 1923, s.p.)

Adolph B. Spre­ckels agierte viele Jahre ehrenamtlich als Park Commissioner, verantwortlich für den Golden Gate Park. [39] Als einziger Spreckels dieser Generation engagierte er sich im boomenden Ölgeschäft, konnte sich aber mittelfristig nicht gegen die Konkurrenz der Standard Oil Company behaupten. [40] Obwohl ein beträchtlicher Teil seines Vermögens auf Drängen seiner Gattin Alma des Bretteville Spreckels (1881-1968) in den frankophonen California Palace of the Legion of Honor floss, dem in sei­nem Todesjahr 1924 eröffneten wichtigsten Kunstmuseums der Westküste, hinterließ er seinen Erben immerhin noch 15 Millionen Dollar. [41]

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Bohrtürme und Verarbeitungsindustrie der Sunset Monarch Oil Company, 1910 (Sunset 25, 1910, 243)

Während John D. und Adolph B. die autokratische Grundhaltung ihres Vaters lebenslang ertrugen, rebellierten die beiden jüngeren Brüder Claus Augustus und Rudolph Anfang der 1890er Jahre gegen Claus Spreckels. In jahrelangen Rechtsverfahren gelang es ihnen Millionenwerte vom Vater zu erstreiten, die sie dann für ihre eigenen Unternehmun­gen nutz­ten. [42]

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Verwerfungen im Hause Spreckels: Karikatur zur Serie von Gerichtsverfahren zwischen Claus Spreckels und seinen Söhnen Rudolph und Claus A., 1892-1896 (Oakland Tribune 1908, 10. Januar, 1)

Beide hatten für ihren Vater die Zuckerraffinerie in Philadel­phia geleitet, beide wa­ren desillusioniert von deren Verkauf an den Zuckertrust, den sie doch eigentlich bekämp­fen und besiegen wollten. Claus A. und Rudolph erhielten als Ausgleich ein Millionen-Kapital, vor allem aber die Verfü­gungsgewalt über das Herzstück des Spreckelschen Zuckergeschäft in Hawaii, der Hawaiian Commercial Sugar Company. Sie führten diese durch einen finanziellen Engpass in den frühen 1890er Jahren, um sie 1898 schließlich mit Millionengewinnen zu verkaufen, freilich gegen ihren Willen. [43]

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Claus A. Spreckels (1858-1946) (New York Journal 1897, 4. Juli, 24 (l.); Evening Telegram New York 1911, 22. Juli, s.p.; Kansas City Sun 1918, 26. Januar, 3 (r.))

Claus A. Spreckels nutzte dieses Kapital, um 1902 in Yonkers, nördlich von New York City, die Federal Sugar Refinery aufzu­bauen, die sich aufgrund neuartiger Produktionsverfahren rasch nicht nur zur größten unabhängigen Zuckerraffinerie der USA entwi­ckelte, sondern Anfang der 1920er Jahre mit mehr als 3.000 Beschäftigen auch die größte Zuckerfabrik der USA war. [44] Bevor er sich Mitte der 1920er Jahre aus dem akti­ven Geschäft zurückzog, agierte er – ein potenter Finanzier der demokrati­schen Partei – als ein politisch einflussreicher Gegenspieler des Zuckertrusts und auch der US-Kriegsernäh­rungswirtschaft unter Herbert Hoover (1874-1964).

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Federal Sugar Refining Co. – Leitbetrieb der „Unabhängigen“ in den USA, 1922 (Postkarte, Privatbesitz)

Der auch im Bankgeschäft tätige Claus A. Spre­ckels setzte sich damals in Frankreich zur Ruhe. Sein Vermögen ist nicht präzise zu taxieren. Anfang der 1920er Jahre gewiss noch (nach heutigem Maßstab) ein einfacher Milliardär, verlor er sein Vermö­gen mit dem Bankrott der Federal Sugar Refinery 1932 und starb 1946 in Paris in gesicherten, doch eher modera­ten Verhältnissen. [45]

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Rudolph Spreckels (1872-1958) (San Francisco Call 1895, 7. März, 2 (l.); Los Angeles Times 1906, 27. Oktober, I1; Who’s who in California, 1929, 33 (r.))

Dieses Schicksal teilte auch der jüngste der vier Brüder, der 1872 geborene Rudolph Spreckels. 1928 mit zeitweilig mehr als 30 Millionen Dollar das vermögendste Mitglied der zweiten Generation, brach sein neu strukturiertes Geschäftsimperium während der Weltwirtschaftskrise spektakulär zusammen. Ru­dolph hatte sich mit 1898 im Alter von 26 Jahren mit einem Vermögen von vier Millionen Dollar zur Ruhe ge­setzt und nichts deutete darauf hin, dass er vielleicht der schillerndste, sicher aber der in den USA bekann­teste Spreckelszögling werden sollte. Grund hierfür war sein Engagement erst in der Bekämpfung der Korruption in San Francisco, dann sein aktives Eintreten für die Progres­sives in den USA. [46] In der Metro­pole Kalifor­niens finanzierte Rudolph Spreckels 1906-1909 mit – nach heutigem Wert – fast 20 Millio­nen Dollar die spektakuläre An­klage gegen die Stadtregierung, die Union Labor und die Republican Party. Seine Ankündi­gung, auch die vornehmlich aus der Geschäfts­welt stammenden Korruptionsge­ber vor Gericht zu stellen, führte zur Spaltung der Gesellschaft in San Francisco.

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Rudolph Spreckels als Saubermann und „Diktator“ San Franciscos nach dem Erdbeben 1906 (New York Times 1907, 7. Juli, SM10)

Die Graft Prosecution er­reichte letztlich ihre selbstgesteck­ten Ziele nicht, doch San Fran­cisco und auch Ru­dolph Spreckels wurden zum Symbol für eine notwendige Reform der amerikanischen Politik und auch des unterneh­merischen Ethos. Rudolph Spreckels, zwischen­zeitlich als Banker, Investor und Immobilienspekulant erfolgreich etabliert [47], wurde für mehrere Jahre zu einem führenden Vertre­ter der Progressive Republi­cans. Während und nach dem Ersten Welt­krieg konzipierte er ambitionierte Infra­strukturprojekte in Kalifornien, die unter anderem die Verstaatlichung von Eisenbah­nen, den Bau moderner Fernstraßen sowie die kom­plette Übernahme des Was­ser- und Elektrizitätsgeschäftes durch den Staat Kalifornien vorsahen. Alle diese Pro­jekte scheitern seinerzeit, doch mehrere wurden in den 1930er Jahren im Rahmen des New Deal angegangen und umgesetzt. Rudolph Spreckels reorgani­sierte Mitte der 1920er Jahre seine unternehmerischen Aktivitäten, verabschie­det sich aus dem Bankge­schäft und investierte seine beträchtlichen Mittel in die Zukunfts­märkte der Radio- und TV-Branche (Federal Telegraph Company, Kolster Ra­dio) sowie in der Reorgani­sation des Spreckelschen Zuckerimperiums in New York (Spre­ckels Sugar Corpora­tion). [48] Anfäng­lich profitierte er vom Boom der Börse, doch dann wurden seine auf Expansion ausgerichteten Betriebe durch die Weltwirtschafts­krise und den Preisverfall im Zuckermarkt hart getroffen. 1930 musste erst das Radio-, anschließend auch das Zuckergeschäft einge­stellt werden. Rudolph Spreckels weigerte sich, das Familienunternehmen zu akzeptab­len Bedingungen an General Foods zu verkaufen, doch die geplante Reorganisation schei­terte am fehlenden Kapital. 1936 leis­tete der frühere Milliardär einen Offenbarungs­eid. [49]

Reminiszenz und Last: „Deutschtum“ in der zweiten Generation

Es scheint schwierig aus diesen vier kursorischen Lebensbildern das Gemeinsame ihrer Stellung als amerika­nische Einwandererunternehmer der zweiten Generation herauszuarbeiten. Es besteht kein Zweifel, dass sich alle vier Brüder als amerikanische Staatsbürger verstan­den, deren deutsche Herkunft zunehmend brüchig und irrelevant wurde. Wie ihr Va­ter, wurden auch die Söhne schon in den 1890er Jahren als Vorzeigeunternehmer des amerikani­schen Westens präsentiert und wahrgenommen – und sie nutzten ihrerseits die von ihnen teils beherrschte Presse, um ein solches Bild zu zeichnen.

Die fast zwanzigjährige Altersdifferenz zwischen John D. und Rudolph verweist aber schon auf eine sich wandelnde Sozialisation. Während der Ältere zwei Jahre in Deutschland zur Fachschule ging, vor Ort in die amerikanischen und deutsch-amerikanischen Vereine einge­führt wurde, zum Colonel der Nationalgarde avancierte und regelmäßig sowohl an Festlichkeiten im San Francisco Schuetzen­park als auch an Massenversammlungen der Deutschen in San Francisco beteiligt war [50], fokussierte sich die häusliche Erziehung des asthmatischen Ru­dolph lediglich auf Grund­kenntnisse der deutschen Sprache, Kultur und Geschichte. Er blieb den deutsch-amerikani­schen Vereinen fern, im Hause wurde mit ihm Englisch gesprochen. Sein Vater bot ihm ein Studium in Yale an, doch Rudolph zog die Verantwortung im Geschäft vor.

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Deutschstämmige Nationalgardisten in San Francisco (Wasp 3, 1878, 64)

Parallel schwand die Bindekraft kultureller Faktoren. Die zweite Generation nahm Ab­stand vom deutsch-lutherischen Glauben des Claus Spreckels, auch wenn die Brüder Mitglieder protestanti­scher Kirchen blieben. John D. und Adolph B. wurden führende Reprä­sentan­ten der kalifornischen Freimaurer, standen ansonsten der episkopalen Kir­che nahe. Claus D. brach im Heiligen Jahr 1924 zu einer Pilgerfahrt nach Rom auf, während Rudolph die methodistische Kirche unterstützte. Musik war für alle Spreckels­söhne wichtig, doch nur John D. blieb als passionierter Orgelspieler der deut­schen Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts verhaftet, während seine Brüder die zeitgenös­sische europäische und amerikanische Musik zu schätzen wussten. Das zeigte sich analog bei vielen, in der Oberschicht üblichen Spenden: John D. Spreckels ermöglichte der University of Berkeley 1904/05 den Ankauf der bis heute renommierten Bibliothek des Berliner Philologen Karl Weinhold (1823-1901) mit mehr als 6000 Büchern und knapp 2.300 Manuskripten, die einen wichtigen Grundstock für die Germanistik an der Westküste bildete. [51] Er folgte dabei der Spendentradition seines Vaters, der den dortigen Büchergrundstock in den Rechts- und Staatswissenschaften legte. Rudolph hatte bereits 1902/03 vorgelegt, indem er Berkeley ein für die Berufung des damals in Chicago tätigen deutschstämmigen Physiologen Jacques Loeb (1859-1924) erforderliches physiologisches Laboratorium finanzierte. [52]

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Repräsentative Kalifornier in den 1890er Jahren: John D. Spreckels und Adolph B. Spreckels, Einwanderer der zweiter Generation (San Francisco Call 1896, 27. September 27, 1 (l.); Kirk, 2000, 21)

Im geschäftlichen Sektor war Claus Spreckels ein strikter Vertreter eines unternehmerischen Paternalismus, entsprechend fühlte er sich der großen Mehrzahl sei­ner Facharbeiter und führenden Angestellten persönlich verpflichtet. Dies galt auch noch für John D., dessen Unternehmen schon aufgrund der weit überdurchschnittlichen Löhne in den ersten Jahrzehnten kaum Arbeitskämpfe verzeichneten – was sich in den managergeführten Unternehmen in San Diego wandeln sollte. Claus A. setzte dagegen auf einen strikt antige­werkschaft­lichen Kurs und ließ seinen Neffen und Generalmanager Louis Spre­ckels (1869-1929) seine Fabrik 1913 angesichts von gewerkschaftlichen Lohnforderungen kurzfristig schlie­ßen. [53] Anderseits agierte Rudolph als sozial engagierter Unternehmer, der wäh­rend der Inflation des Weltkriegs die Löhne freiwillig erhöhte, um seiner sozialen Verantwor­tung gerecht zu werden. [54] Dies war für ihn jedoch Ausdruck ei­ner funktional-technokratischen Grundhaltung, die eine faire Bezah­lung vorsah, eine persönliche Bezie­hung zwischen Unternehmer und Bediensteten aber in Abrede stellte. Für die Söhne war Deutschland weniger die frühere Heimat als vielmehr eher ein Wettbewer­ber um Marktanteile in der Zuckerbranche und der Außenpolitik. In verschiede­nen Senatsanhörungen wurde Deutschland von ihnen stets als Konkurrent präsentiert, um auf diese Weise die Tarif- und Subventionspolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen. John D. nahm im imperialen Wettstreit im Pazifik wiederholt Partei gegen die Weltpolitik Wil­helm II. und Großbritanniens und unter­stützte mit seiner Dampferflotte die US-Politik in Südamerika und den Philippinen. [55]

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John D. Spreckels Privatjacht “Venetia” als USS Venetia (SP 431) 1919 (U.S. Navy NH 85180-A)

Die schwindende Bedeutung der deutschen Herkunft zeigte sich besonders an den Ehe­frauen der Brüder. Sie alle entstammten amerikanischen Fami­lien, keine davon mit deutsch-amerikanischem, zwei dagegen aus irisch-amerikanischem (und katholischen) Hintergrund. Sie orientierten sich an den kulturellen Standards New Yorks und der westeuropäischen Gesellschaften, ihre zumeist jährlichen Auslandsreisen führ­ten sie nach London und insbesondere Paris, nach Monte Carlo, den böhmischen Bä­dern und Italien. Ihre Vorstellung von Kunst, Kultur und Mode war vornehmlich frankophon ge­prägt, dort besaß man Villen und Apart­ments, dort war man Teil der hohen Gesell­schaft. [56] Das wurde einzelnen Mitgliedern der Familie Spreckels im Deutschen Reich expli­zit verwehrt. Als Rudolph Spreckels 1913 von Wilson als U.S.-Botschaf­ter in Berlin nominiert worden war, liefen nicht nur deutsch-amerika­nische Ver­eine Sturm, sondern hielt sich auch die deutsche Regierung bedeckt. Die Spreckels erschie­nen ihnen nicht nur als Konkurrenten im Zuckergeschäft und Ru­dolph als verkappter Sozialdemokrat, sondern sie waren als Abkömmlinge von norddeut­schen Kleinbauern gesellschaftlich einfach nicht satisfaktionsfähig. [57]

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Rudolph Spreckels als Kritiker des saturierten Establishment (Salt Lake Telegram 1924, 20. September, 3)

Gleichwohl wäre es verfehlt, von einer vollständigen Integration der Einwandererunterneh­mer in die US-Gesellschaft auszugehen. „Deutschtum“ wurde an die Söhne immer wieder als Fremddeutung herangetragen. In Auseinandersetzungen um Hawaii, beim Eintreten für die Immigration asiatischer Arbeiter, beim Kampf gegen Korruption in San Francisco und anderswo – immer wieder wurden von der Presse und vielen Gegnern Vorwürfe „unamerikanischen“ Verhaltens laut. John D. und Adolph B. kompensierten dies mit besonderem Patriotismus und knüpften enge Verbindungen zum Kriegsministerium und der Marine. Das galt zumal im Ersten Weltkrieg, als sie sich schon lange vor dem US-Kriegseintritt betont patriotisch gaben. Die mit französischen Regierungsstellen eng vertraute Mrs. Adolph B. Spreckels schien deutschen Stellen seit ihrem 1915 einsetzenden Engagement für das Belgische Hilfswerk als dezidierte Gegnerin des Kaiserreichs. John D.s zum Torpedoboot umgebaute Yacht Ve­netia kämpfte 1918 im Mittelmeer erfolgreich gegen deutsche U-Boote, und der Besitzer popularisierte anschließend gar die falsche Legende, dass sie U-20 zerstört habe, das Boot, das 1915 die Lusitania versenkt hatte. [58] Rudolph dagegen geriet schon während des Ersten Weltkrieges in die Mühlen der Red Scare. Als Kriegsgegner wurde er nicht nur als Teil feindlich gesinnter „pro-German elements“ angeprangert, sondern nach den Bombenatten­tat am Prepardness Day 1916 in San Francisco in die Nähe des Anarchismus gerückt. [59] In Yonkers, NY musste der nicht naturalisierte Walter P. Spreckels (1888-1976) 1918 seine Position als stellvertretender Geschäftsführer der Federal Sugar Refinery als uner­wünsch­ter Ausländer aufgeben [60]; der unmittelbare Kontakt zu Präsident Woodrow Wilson (1856-1924) von drei der Brüder konnte dem nicht entgegenwirken. Ru­dolph Spreckels Eintreten für ver­stärkte Regulierung und höhere Steuern führte wäh­rend der Weltwirtschaftskrise zu sei­ner Denunziation als Agent der Sowjetunion. [61] Auch amerikanische Vorzeigeunterneh­mer wurden wie die große Mehrzahl der Einwanderer aus Osteuropa behandelt, wenn sie sich nicht an die Spielregeln des US-Mainstreams hielten.

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Maskenspiel und Doppelbödigkeit eines etablierten Fremden – Karikatur 1908 (Oakland Tribune 1908, 8. Januar, 1)

Deutsche Herkunft und amerikanische Realität: Ein Zwischenfazit

Eine kurze Fallstudie kann nur Hinweise liefern. Doch thesenartig verdichtet ist sie für Vergleichsstudien wichtig, kann Anregungen zum Nachdenken über die fragile Identität deutscher Einwandererunternehmer geben, zugleich Rückfragen an die starren Kategorisierungen im Forschungsalltag anregen.

Im vorliegenden Falle war Amerikanisierung erst einmal die Konsequenz aus Auswanderungsentscheidung und frühem Erfolg. Familiäre und ethnische Netzwerke wurden ge­nutzt, um Erfolg im neuen amerikanischen Umfeld zu haben. Sie wurden ergänzt durch neu etablierte geschäftliche Netzwerke, zumal in der Einwandererstadt San Fran­cisco. Für diese war Kapital entscheidend, weniger die Herkunft. Die Offenheit einer Grenzland­situation erforderte zugleich aktives politisches Gestalten auf lokaler, regiona­ler und staatlicher Ebene. Dem konnte sich ein Unternehmer, zumal in der von politi­schen Rahmenbedingungen abhängigen Zuckerbranche, nicht verschlie­ßen. In einer demo­kratischen Gesellschaft ohne starken Staat war dies ein wichtiges Integrationsmo­ment. Die gesellschaftliche Anerkennung als Amerikaner, die schon früh medial in der Massen­presse verhandelt wurde, hatte für diese Elitenemigranten entsprechend hohe Bedeu­tung. Es ging nicht allein um Besitz, sondern auch um die Akzeptanz des unternehmeri­schen Handelns. Offensive Pressearbeit sowie gezieltes Mäzenatentum waren spätes­tens seit den 1880er Jahren die Folge.

Die simple Dichotomie des Deutsch-Amerikanischen verkennt die breit gefächer­ten Identi­tätsstrukturen dieser Zeit. Der jeweilige Lebensort war ebenso wichtig wie das Her­kunftsland. Kalifornien trat neben die Vereinigten Staaten von Amerika und wurde überwölbt durch neue transnationale Identitä­ten des westlichen Smart Set, einer globalen Oligarchie der Reichen und Superreichen. Der Blick auf die zweite Generation verweist auf sich stetig wandelnde Sozialisationen und kulturelle Selbstverständlichkeiten – wenngleich in unterschiedlichem Maße. Rückbezug auf das Deutschtum war für die Spre­ckels spätestens seit den 1880er Jahren lediglich ein Senti­ment, nicht mehr entschei­dend für die Alltagsgestaltung. Dies war für sie kein Verlust, sondern ein Übergang zu anderen Identitätsangeboten.

Der Bezug auf Deutschland war für die Spreckels gebrochen, weil das Vaterland Konkur­renz und Ideen- und Technologiezentrum zugleich war. Dies führte zu einer Rationali­sierung des Umgangs mit der früheren Heimat aus der Perspektive der damit verbundenen Chancen im amerika­nischen Umfeld.

Die Spreckels wurden Amerikaner von der ersten Generation an. Gleichwohl wurde der deutsche Hintergrund immer wieder von anderen Amerikanern – und auch Deutschen – thematisiert. Die Spreckels, zumal ab der dritten Generation, konnten sich jegliche Extrava­ganzen im gesell­schaftlichen Bereich leisten, ohne als Amerikaner hinterfragt zu werden. Sie praktizierten unterschiedliche Formen des Unternehmertums, die allesamt ihren Platz in der Wirtschaftsverfassung der USA hatten. Sobald sie aber den politischen Mainstream hinterfragten, wurden sie immer wieder auf den Status der Immig­ranten reduziert.

Uwe Spiekermann, 14. Juni 2022

Literatur und Anmerkungen

[1] Reinhard Bendix und Frank Howton, Social Mobility and the American Business Elite, in Seymour M. Lip­set und Reinhard Bendix (Hg.), Social Mobility in Industrial Society, New Brunswick 1992, 114-146, hier 138. Vgl. auch Walter A. Friedman und Richard S. Tedlow, Statistical Portraits of American Business Elites: A Re­view Essay, Business History 45, 2003, 89-113.
[2] Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann, Immigrant Entrepreneurship: The German-American Business Biography, 1720 to the Present. A GHI Research Project, Bulletin of the German Historical Insti­tute 47, 2010, 69-82; Uwe Spiekermann und Hartmut Berghoff, Immigrant Entrepreneurship: German American Business Biographies, 1720 to the Present. Zielsetzungen, Organisation und Herausforderungen eines Forschungsprojektes des Deutschen Historischen Instituts Washington, Jahrbuch der historischen Forschung: Berichtsjahr 2012 [2013], 53-61.
[3] Detailliert hierzu Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann (Hg.), Immigrant Entrepreneurship. The German-American Experience since 1700, Washington 2016.
[4] Uwe Spiekermann, Family Ties in Beer Business: August Krug, Joseph Schlitz und the Uihleins, Yearbook of German-American Studies 48, 2013 [2015], 59-112.
[5] Andrea Colli, The History of Family Business, 1850-2000, Cambridge et al. 2003; Ders. und Mats Larsson, Family business and business history: An example of comparative research, Business History 56, 2014, 37-53; Andrea Calabrò (Hg.), A Research Agenda for Family Business. A Way Ahead for the Field, Glos und Northampton, MA 2020; Hartmut Berghoff und Ingo Köhler, Verdienst und Vermächtnis. Familienunternehmen in Deutschland und den USA, Frankfurt/M. und New York 2020.
[6] Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8 (2010); Ders., Claus Spreckels: Robber Baron and Sugar King (2011) Claus Spreckels: Robber Baron and Sugar King | Immigrant Entrepreneurship (immigrantentrepreneurship.org) [12.06.2022].
[7] Allen Collins, Rio Del Mar, Aptos 1995 (Ms.), 6-10.
[8] Spreckels, Claus, Bancroft Library C-D 216-230, reel 25, C-D 230. Vgl. auch die hagiographische aber materialreiche Arbeit von William Woodrow Corday, Claus Spreckels of California, Phil. Diss. University of Southern California 1955 (Ms.).
[9] Die gängigen Angaben einer raschen Marktführerschaft lassen sich nicht bestätigen. Ende der 1860er Jahre besaß die Albany Brewery vielmehr einen lokalen Marktanteil von 10-12%, vgl. The Brewers, Daily Alta California (DAC) 1869, 20. Januar; The Brewers, ebd., 5. Februar.
[10] Angaben nach Claus Spreckels, in San Francisco. Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Fran­cisco 1913, 3-10, hier 5; DAC 1864, 3. April; Kennedy Mining Company, DAC 1876, 31. Mai; Profits Show a Decrease, Chicago Daily Tribune (CDT) 1899, 2. Februar, 9; A Meeting of the Stockholders, DAC 1874, 10. März; Mission Creek Canal Company, DAC 1868, 10. Mai; DAC 1866, 10. Mai; DAC 1868, 20. März; Sacramento Daily Union (SDU) 1868, 6. April.
[11] John S. Hittell, The Commerce and Industries of the Pacific Coast, San Francisco 1883, 547, 550.
[12] Jacob Adler, Claus Spreckels. The Sugar King in Hawaii, Honolulu 1966, 3-15.
[13] Jon M. Van Dyke, Who owns the Crown Lands of Hawai’i?, Hawai’i 2008, 100-110; Jessica B. Teisch, Engineering Nature: Water, Development, & Global Spread of American [sic!] Environmental Expertise, Chapel Hill 2011, 134-150, insb. 137-141; Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich: Claus Spreckels, die Hawaiian Commercial Company und die Grenzen wirtschaftlicher Einflussnahme im Königtum Hawaii, 1875 bis 1898, in Hartmut Berghoff, Cornelia Rauh und Thomas Welskopp (Hg.), Tat­ort Unternehmen. Zur Geschichte der Wirtschaftskriminalität im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin und Boston 2016, 47-67.
[14] Uwe Spiekermann, Labor as a Bottleneck. Entangled Commodity Chains of Sugar in Hawaii and California in the Late Nineteenth Century, in Andrea Komlosy und Goran Music (Hg.), Global Commodity Chains and Labor Relations, Leiden und Boston 2021, 177-201.
[15] Vgl. etwa Outragous Monopoly, CDT 1882, 7. November, 8; Spreckels’ Monopoly, CDT 1883, 15. Januar, 6. Zur Stellungnahme der Zuckerpflanzer s. The Hawaiian Reciprocity Treaty, The Planters’ Monthly 1882, 188-196. Spreckels wies Vorstellungen eines etwaigen Monopols stets zurück, vgl. Claus Spreckels: The Sugar Monopoly, CDT 1882, 16. Dezember, 15.
[16] Prononciert etwa der Erfahrungsbericht Slave or Starve, CDT 1881, 18. Oktober, 5. Ankla­gend hieß es: „His monopoly is based upon injustice, corruption, and bribery” (Claus Spreckels’ Monopoly, CDT 1883, 9. Januar, 4). Zusammenfassend und starker abwägend John Tyler Morgan: Report from the Committee on Foreign Relations and Appendix in Relation to the Hawaiian Islands, Washing­ton 1894, 67-77.
[17] The Sugar Fraud, CDT 1882, 12. Februar, 2; A Hawaiian Sugar Monopoly, New York Times (NYT), 1882, 12. April. Zur allgemeinen Debatte s. Richard R. John, Robber Barons Redux: Antimonopoly Reconsidered, Enterprise and Society 13, 2012, 1-38.
[18] Sugar. Opposition to Claus Spreckels, CDT 1884, 20. Februar, 3; The Far West, CDT 1885, 4. November, 6; The Two Sandwich Kings, CDT 1887, 2. Mai, 9.
[19] The Coast Countries, DAC 1872, 16. Oct., 1.
[20] The Tariff on Sugar. Claus Spreckels tells about his Beet Sugar Business, NYT 1889, 10. Januar; Jimmie Don Conway, Spreckels Sugar Company: The first Fifty Years, Thesis San Jose State Univer­sity 1999 (Ms.); Gary S. Breschini, Mona Dudgel und Trudy Haversat, Images of America: Spreckels, Charleston et al. 2006. Zur Gesamtentwicklung der Branche s. Progress of the Beet-sugar Industry in the United States in 1902, Washington 1903.
[21] Spreckels in New York, CDT 1888, 7. März, 6; Claus Spreckels’ Idea, ebd., 13. Mai, 9.
[22] Spreckels‘ Refinery Absorbed, Washington Post (WP) 1892, 28. März, 1; There Will Be No More Competition Between Them, CDT 1891, 7. April, 5; Spreckels Tells of Money Disbursed, CDT 1895, 12. April, 5; David Genesove and Wallace P. Mullin, Predation and its rate of return: the sugar industry, 1887-1914, RAND Journal of Economics 37, 2006, 47-69.
[23] The Valley Road, San Francisco 1896; New Transcontinental Road, CDT 1898, 21. September, 10; Southern California Growing, Wall Street Journal (WSJ) 1906, 26. August, 7.
[24] Pacific Gas and Electric and the Men who made it, San Francisco 1926, 34-35.
[25] Alfred Darner: A Factor in the New San Francisco. The Claus Spreckels Building, Overland Monthly 30, 1897, 571-576; Michael R. Corbett, The Claus Spreckels Building, San Francisco, San Francisco 2013.
[26] Vgl. etwa Spreckels Ausführungen in Defies the Sugar Trust, CDT 1891, 9. August, 2; Hawaiian would fight, WP 1893, 18. September, 1; Claus Spreckels’ Indifference, ebd., 23. Oktober, 4.
[27] Spreckel’s Sugar, NYT 1883, 6. Januar.
[28] Stevens to Blount, CDT 1893, 30. November, 2.
[29] Die Zucker-Industrie in den Vereinigten Staaten von Amerika, Die chemische Industrie 24, 1901, 520-525, 563-569, hier 524. Die vorherige Einschätzung aus Der Zuckerkönig, Hansa 21, 1884, 128.
[30] Zitat n. Albrecht Wirth, Californische Zustände, Deutsche Rundschau 92, 1897, 65-85, hier 68; Noted Pioneer is Buried with Simple Rites, San Francisco Call (SFC) 1908, 29. Dezember, 3.
[31] Emil Ließ, Aus Kalifornien, Abendpost 1916, Nr. 268 v. 10. November, 3.
[32] Archiv der TIB/Universitätsarchiv Hannover, Best. 9, Nr. 45 und 46.
[33] National Archives and Records Administration, 1900 U.S. Federal Population Census, Line 97, Enumeration District 0113, Sheet B, 2.
[34] Hagiographisch: H. Austin Adams, The man, John D. Spreckels, San Diego 1924. Biographisch fundiert, doch mit vielen unternehmenshistorischen Lücken: Sandra E. Bonura, Empire Builder. John D. Spreckels and the Making of San Diego, Lincoln 2020.
[35] Hotel des Coronado History, hg. v. Hotel del Coronado Heritage Department, Coronado 2013.
[36] Million a Year List Still Growing, NYT 1914, 25. Oktober, 14.
[37] Vgl. Mike De Young Shot, CDT 1884, 20. November, 1; The Far West, CDT 1885, 7. Juni, 11; Young Spreckels Free, ebd., 2. Juli, 1; The Spreckels Trial, Los Angeles Times (LAT) 1885, 6. Juni, 4.
[38] California Jockey Club Organizes, CDT 1893, 4. Januar, 7; Day of Upsets at Bay District, CDT 1894, 22. März, 11; Ingleside Track Owners Disagree, CDT 1897, 12. März, 8; Another California Track, CDT 1901, 17. Mai, 7.
[39] Adolph Bernhard Spreckels, in San Francisco. Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Fran­cisco 1913, 20-24, hier 22-23.
[40] Anthony Kirk, A Flier in Oil. Adolph B. Spreckels and the Rise of the California Petroleum Industry, San Francisco 2000.
[41] Legion of Honor. Inside and Out, hg. v. Fine Arts Museums of San Francisco, San Francisco 2013; Spreckels Leaves $14,944,495 Estate, Ogden Standard Examiner 1926, 14. Oktober, 13.
[42] Claus Spreckels Sued, NYT 1893, 26. November, 8; The Disgusting Squabble in the Spreckels Family, CDT 1895, 31. Mai, 16; At War with Two Sons, WP 1896, 19. Januar, 20.
[43] Maui’s Cane Fields, CDT 1898, 14. August, 33; Hearings held before the Special Committee on the Investigation of the American Sugar Refining Co. and others. House of Representatives, Bd. III, Washington 1911, 2209-2216.
[44] To Build Big Sugar Refinery, CDT 1902, 22. Juli, 3; Financial Notes, CDT 1922, 6. Dezember, 28; Detailliert hierzu Uwe Spiekermann, An Ordinary Man among Titans: The Life of Walter P. Spreckels (2015) (An Ordinary Man among Titans: The Life of Walter P. Spreckels | Immigrant Entrepreneurship (immigrantentrepreneurship.org) [12. Juni 2022]; Huge Judgment Against Spreckels, San Mateo Times and Daily News Leader 1940, 3. Februar, 12).
[45] ‚Gus‘ Spreckels Dies in Paris, Oakland Tribune 1946, 10. November, A-13.
[46] Vgl. Uwe Spiekermann, Cleaning San Francisco, cleaning the United States: The graft prosecutions of 1906-1909 and their nationwide consequences, Business History 60, 2018, 361-380.
[47] Slope Briefs, LAT 1906, 5. Mai, I3; Rudolph Spreckels, Christian Science Monitor (CSM) 1922, 15. August, 10.
[48] United Bank & Trust Co. of California, WSJ 1923, 21. August, 4; California Bank Merger, WSJ 1927, 23. März, 8; Kolster Radio Obtains Rights to 600 Patents, CSM 1928, 17. November, 1; Coast Frosts, Time 1929, 22. April; Broken Caneheart, Time 1932, 1. Februar; District Court of Appeal, First District, Division 2, California. Raine v. Spreckels et al., 77 Cal.App.2d 177, 174 P.2d 857.
[49] Rudolph Spreckels Tells R.C. Court of $33,000,000 Failure, San Mateo Times and Daily News Leader 1939, 26. Oktober, 1, 4.
[50] Military Items, DAC 1878, 22. Mai, 1; Horticultural Hall, DAC 1879, 27. April.
[51] Oakland Tribune 1904, 16. August, 6; Great German Library Classified, ebd. , 11. August, 12; Commemorate Gift of Great Library, ebd., 22. September, 9.
[52] Famous Physiologists Coming to California, LAT 1902, 12. November, 5. Im Gefolge gelang es auch, den Leipziger Chemiker Wilhelm Ostwald (1853-1932) für Vorträge zu gewinnen (Sends Report to Governor, SFC 1905, 22. Januar, 34; Savant will soon come to University, SFC 1905, 18. März, 6).
[53] Heads Off Sugar Strike, NYT 1913, 15. April, 20.
[54] Rudolph Spreckels Raises Salaries, LAT 1917, 4. Januar, I5.
[55] Chilean Brutality, Los Angeles Herald 1891, 22. Dezember, 1; On the Naval List, San Francisco Morning Call 1892, 26. Januar, 2; Merritt is Leader, CDT 1898, 5. Juni, 3.
[56] Bernice Scharlach, Big Alma. San Francisco’s Alma Spreckels, San Francisco 2015.
[57] Opposing Spreckels, The California Outlook 14, 1913, Nr. 24, 3; Waging War on Spreckels, LAT 1913, 8. Juni, I4. Spreckels selbst stellte in diesem, wie in allen anderen Fällen klar, dass er für ein öffentliches Amt nicht zur Verfügung stehen würde.
[58] John D. Spreckels Yacht Returns Home With Gold Star: Knocked Out the Submarine That Sank the Lusitania, Eau Claire Leader 1919, 9. März, 6.
[59] Jeanne Redman, San Francisco’s Cup of Bitterness, LAT 1916, 30. Juli, III3; The Fickert Fight, LAT 1917, 24. November, II4 (Zitat).
[60] W.P. Spreckels Barred From Sugar Plant, NYT 1918, 1. Mai, 11; Spiekermann, Walter P. Spreckels.
[61] Spreckels’ Panacea, WP 1930, 25. September, 6.

Deutsche Kulis in der hawaiianischen Zuckerindustrie? Hintergründe einer Reichstagsdebatte von 1883

Am 14. Februar 1883 trat der liberale Abgeordnete Friedrich Kapp im Rahmen der Haushaltsdebatte an das Rednerpult im Deutschen Reichstag. Wie in den Jahren zuvor bot der Etat des in Hamburg ansässigen Reichskommissars für das Auswanderungswesen die Chance, allgemeinere Fragen der Migration zu behandeln. Kapp hatte bereits am 5. Februar 1883 in der zweiten Lesung einen Skandal ausgemacht: Deutsche Landarbeiter sollten auf Hawaii angesiedelt und in den dortigen Zuckerplantagen arbeiten. Nun galt es nachzulegen, die Details weiter auszubreiten, den Skandal in Gänze zu benennen. Was beabsichtige, so fragte Kapp, das Bremer Handelshaus Hackfeld & Co. mit dieser Anwerbung von deutschen Auswanderern?

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Friedrich Kapp: Exilant, Selfmademan, Liberaler (Die Gartenlaube 1869, 341)

„So weit ich ihren Plan verstehe, wollen sie Arbeitskräfte gewinnen, um ihren Antheil an den reichen Produkten der hawaiischen Inseln zu sichern. Daß dies ihre ernste Absicht ist, das zeigen die großen Opfer, die sie für diesen Zweck bringen, Opfer, die durch die Lage der Dinge auf jenen Inseln allerdings gerechtfertigt werden. Die Sandwichsinseln sind in dem letzten Jahrzehnt oder vielmehr seit 1875 gerade dadurch, daß sie mit den Vereinigten Staaten einen Vertrag abgeschlossen haben, wonach ihr Zucker dort zollfrei importiert werden kann, sowohl in ihrer Einfuhr als auch in ihrer Ausfuhr mächtig gestiegen; die Inseln eignen sich zu allen tropischen Produkten, ganz besonders aber für Zucker, dessen Anbau besonders vielversprechend ist. Es gibt dort nach dem letzten Gothaischen Almanach 67 Plantagen, von denen der dritte Theil in den Händen von Deutschen ist, und davon wieder die größte Zahl sich in dem Besitz der Firma Hackfeld und Kompagnie befindet“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. V. Legislaturperiode. II. Session 1882/83, Bd. 2, Berlin 1883, 1496-1498, hier 1496 [daraus auch die folgenden Zitate]). Gewinnstreben sei völlig in Ordnung, dazu könne man deutschen Kaufleuten nur Glück wünschen. „Ob sie dieses Ziel aber dadurch erreichen, daß sie deutsche Feldarbeiter auf Kredit befördern und diese die von ihnen gemachten Vorschüsse durch Plantagenarbeit abverdienen lassen, — das ist eine Frage, welche ganz Deutschland tief berührt, und ein Unwesen, welches mir sogar im höchsten Grade unzulässig erscheint.“ Hackfeld & Co. würde auf freie Deutsche damit ein höchst fragwürdiges Vertragssystem anwenden, dass schon seit langem als grausam und unmenschlich verurteilt werde. Man zahle mittellosen Auswanderern die Überfahrt, ermögliche ihnen damit eine zuvor aufgrund ihrer Armut nicht mögliche Mobilität, nötige sie nach der Ankunft dann aber den Vorschuss mit Zinsen durch Arbeit zu begleichen. „Der Kapitalist muß, um sein Kapital zu verzinsen und zu sichern, den ihm Verpflichteten für eine bestimmte Zeit jedes selbständigen Willens entkleiden“. Kapp erschien dies als ein Bruch mit modernem Staatsbürgerrecht, mit der Würde eines Deutschen: „Wenn wir dulden, daß unsere Landsleute in tropische oder subtropische Pflanzungen gebracht werden und an der Seite von Chinesen, Malayen, Ungarn oder wem sonst arbeiten müssen, dann wird die deutsche Arbeit erniedrigt, und die dazu Angehaltenen werden moralisch viel mehr degradirt, als sie möglicherweise physisch auf der anderen Seite gewinnen könnten. […] Haben Sie je gehört, daß ein Franzose, ein Engländer, ein Spanier seine Landsleute in die Tropen zur Arbeit geschickt hätte? Meine Herren, das ist ganz unmöglich, es hat keiner derselben seinen Landsleuten eine derartige Selbstentäußerung ihres innersten Wesens zugemuthet. Selbst der Irländer thut keine Plantagenarbeit; […]. Der Handel mit Menschenfrachten ist ein ungeheuer verführerischer, weil er ein so gewinnbringender ist. […] Es sollte selbst einem anständigen Hause nicht gestattet werden, das in Deutschland zu versuchen, was wir einem fremdem hoffentlich nie erlauben würden.“ Freizügigkeit sei ein hohes liberales Gut, und wer wolle, solle sein Glück auch auf Hawaii versuchen. „Ueber diese Freiheit geht aber bei weitem hinaus, was hier dem deutschen Volke zugemuthet wird, was ich aber zum Besten des Einzelnen und zur Ehre der Gesammtheit vermieden sehen möchte, und was ich nicht aufhören werde als Unfug vor aller Welt zu brandmarken; das ist die mit Vorschuß betriebene Anwerbung von armen Deutschen für Plantagen, daß ist die Ausbeutung deutscher Arbeitskräfte in Form der Plantagenarbeit, in Form einer zeitweisen Knechtschaft, das ist […] die tiefste Entwürdigung deutscher Arbeit, das ist die Herabsetzung der Ehre des deutschen Volkes unter den Nationen der Erde.“ Deutsche als Kulis? Das war in der Tat starker Tobak. Minderes Recht mochte es beim Gesinde in Ostelbien geben oder aber im autokratischen Russland. Aber in der Mitte Deutschlands? Fürwahr, hiergegen galt es einzuschreiten!

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Deutsche Auswanderer auf dem Weg in die USA (Fliegende Blätter 38, 1863, 45)

Als Kapp diese Rede hielt, war der Blick der Öffentlichkeit gen Westen gerichtet. 1882 hatte die Auswanderung mit 250.000 Personen einen neuen Höchstwert erreicht, von 1880-1884 sollten mehr als 860.000 Bürger dem jungen Nationalstaat den Rücken kehren. Fast alle davon, mehr als 96%, zog es in die USA. Hier glaubte man ein besseres Leben führen zu können, konnte ein Stück Land erhalten und den Fährnissen der landwirtschaftlichen Rezession zumal in Nordwest- und Ostdeutschland entfliehen. Doch nicht Massenmigration stand im Mittelpunkt der Rede, denn diese Abstimmung mit den Füßen war Ausdruck eines Menschenrechts, war Hilfsmittel gegen die Inkompetenz und Hoffart des regierenden Adels: „Schaut her, ihr Landesväter, seht sie ziehen, Seht eure schönsten Arbeitskräfte fliehen“ – so der Hamburger Dichter Heinrich Schacht (1817-1863) in seinem Gedicht „Die deutschen Auswanderer“, später Liedzeile im Migrantenlied „Ein stolzes Schiff“ (Bilder aus Hamburg’s Volksleben, 1855, 131). Verglichen damit war die Fahrt einiger hundert Auswanderer von Mitteldeutschland über Bremen nach Hawaii an sich eine Petitesse. Doch dem Reichstagsabgeordneten des Wahlkreises Salzwedel-Gardelegen ging es ums Prinzip. Hawaii war damals noch keine touristische erschlossene Trauminsel; das war ein Produkt des späten 19. Jahrhunderts und der Werbung der Oceanic Steamship Company der deutsch-amerikanischen Industriellenfamilie Spreckels (vgl. Uwe Spiekermann, Expanding the Frontier(s). The Spreckels Family and the German-American Penetration of the Pacific, 1870-1920, in Explorations and Entanglements. Germans in Pacific Worlds from the Early Modern Period to World War I, hg. v. Hartmut Berghoff et al., New York and Oxford 2019, 171-194, hier 178-181). Gleichwohl verbreiteten Reiseberichte idyllische Bilder von Südseeparadiesen (vgl. etwa R[ichard] L[esser], Deutsche Niederlassungen in der Südsee, Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 93-100). Das nominell unabhängige Königreich Hawaii war um 1880 vorrangig Zuckerproduzent, ein Beispiel effizienter Plantagenwirtschaft, aber auch der Ausbeutung fremdländischer Coolies. Für Kapp war die Verfrachtung deutscher Landarbeiter Ausdruck der Naivität ungebildeter Armer, die aufgrund der Werbung eines Handelshauses glaubten, auf einer Südseeinsel durch leichte Arbeit bei der Zuckerkultivierung sich und ihren Familien ein einfaches Auskommen sichern zu können. Schutz schien erforderlich.

03_Kapp

Dokumente eines Lebens als öffentlicher Intellektueller

Will man all das genauer verstehen, so ist tiefer zu bohren, ist nach dem Redner, dem Anlass und dem Gegenstand der Rede zu fragen. Friedrich Kapp (1824-1884) war eine Berühmtheit, einer, dessen Wort im ganzen Deutschen Reich etwas galt (vgl. Wolfgang Hinners, Exil und Rückkehr. Friedrich Kapp in Amerika und Deutschland 1824-1884, Stuttgart 1987; Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Friedrich Kapp, Frankfurt/M. 1969, 1-42; Horst Dippel, Kapp, Friedrich, Neue Deutsche Biographie, Bd. 11, Berlin [W] 1977, 134-135). 1824 in Hamm in Westfalen in gutbürgerlichen Verhältnissen geboren, studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in Heidelberg und dann Berlin. In Baden kam er mit führenden Repräsentanten der demokratischen Freiheitsbewegung zusammen, darunter dem Philosophen und Religionskritiker Ludwig Feuerbach (1804-1872) und Ludwig Bamberger (1823-1899), einem der wichtigsten Vertreter des Liberalismus im Kaiserreich. Kapp schrieb und agitierte auch als Rechtsreferendar im Sinne seiner frühsozialistischen Ideale und brach im März 1848 nach Frankfurt am Main auf, um dort der Revolution zu dienen. Im September 1848 sah er sich jedoch zur Flucht genötigt, die ihn erst nach Brüssel, dann nach Paris und Genf, schließlich 1850 in die USA führte. In New York etablierte er sich als Anwalt, trat als Historiker der amerikanischen Revolutionskriege hervor, schrieb beherzte Traktate gegen die Sklaverei und die Verschickung von deutschen Soldaten durch tyrannische Monarchen im späten 18. Jahrhundert. Kapp wurde zu einer allgemein akzeptierten Stimme der Deutsch-Amerikaner, ein Parteigänger der neu entstandenen Republikanischen Partei und der Sache der Nordamerikanischen Union. Er war zudem ein wichtiger Chronist, berichtete in deutschen Medien regelmäßig über die USA und ihre Geschichte. Obwohl 1855 naturalisiert und mit hohen Ämtern betraut – er war beispielsweise von 1867 bis 1870 New Yorks Commissioner of Emigration und etablierte damals verbesserte Standards auf den Einwandererschiffen – konnte er jedoch nie seinen kulturellen Dünkel den Amerikanern gegenüber ablegen. Schon während der 1860er Jahre ein eifriger Unterstützer der kleindeutschen Lösung, nutzte er die Amnestie 1870, um als reicher Mann zurück nach Deutschland zu kommen. Dort wurde er gleich einer der Mitbegründer der Deutschen Bank und blieb Mitarbeiter zahlreicher liberaler Zeitschriften auf beiden Seiten des Atlantiks. Der protestantische Kapp war ein überzeugter Freihändler, trat für einen deutschen Einheitsstaat ein, focht für eine Erweiterung demokratischer Rechte und die Verfolgung des Katholizismus. Er wurde Mitglied der 1867 gegründeten Nationalliberalen Partei, wurde in die Berliner Stadtverordnetenversammlung, den Preußischen Landtag und 1872 auch in den Reichstag gewählt. In den 1870er Jahren etablierte er sich als politische, publizistische und gesellschaftliche Instanz in Berlin, stand in engem Austausch mit dem von ihm bewunderten Fürst Otto von Bismarck (1815-1898), vor allem aber den Repräsentanten des bürgerlichen Liberalismus. Das Ende der Kooperation von Liberalismus und Staat im Zuge der „zweiten Reichsgründung“ 1879 sah Kapp als „Sezessionist.“ Er war Mitbegründer der sich von den Nationalliberalen loslösenden „Liberalen Vereinigung,“ die während der Reichstagswahl 1881 respektable 46 Mandate gewann. Kapp verwandt den konservativen Schwenk der Bismarckschen Politik jedoch nur schwer und konzentrierte sich zunehmend auf seine publizistische Arbeit. Die Reichstagsrede von 1883 zeigte nochmals eine für ihn typische Mischung aus wirtschaftsliberalem Denken, der Ablehnung kolonialer Abenteuer, dem Engagement für die Belange der unteren Schichten und einem dezidierten Kulturnationalismus.

04_Hawaiian Almanac and Annual_1885_sp_Hackfeld_Handelshaus

Handelshaus und Rohrzuckerproduzent: Anzeige von H. Hackfeld & Co. 1885 (Hawaiian Almanac and Annual for 1886, Honolulu 1885, s.p.)

Kapp hatte sich in seiner Rede auf das Bremer Handelshaus H. Hackfeld & Co. konzentriert, dessen Motive einer deutlichen Kritik unterzogen. Das Unternehmen selbst schien über jeden Zweifel erhaben zu sein. Sein Gründer, Hinrich Hackfeld (1816-1887) stammte aus dem Oldenburgischen, seine Eltern waren arm, Heuersleute (Richard Hawkins, Hackfeld, Heinrich, in Immigrant Entrepreneurship: German-American Business Biographies, 1720 to the Present, Bd. 2). Seefahrt bot eine Chance für Fort- und Einkommen; Hackfeld wurde Seemann, arbeitete im Transatlantik- und Lateinamerikaverkehr. Hawaii betrat er erstmals 1844, wählte die Inselgruppe ab 1848 als Standort eines Frachtgeschäftes mit Bremen. Er konzentrierte sich anfangs auf Holzhandel, suchte sich Partner, weitete das Handelsgeschäft aus und gründete 1853 in Honolulu die Firma „H. Hackfeld & Co. General Commission Agents and Ship Chandlers.“ Obwohl die Versorgung des Walfangs und seit 1855 auch das Chartergeschäft den Kern des Geschäftes ausmachten, investierte Hackfeld doch seit 1854 in den Rohrzuckeranbau, der in Hawaii seit den 1830er Jahren betrieben wurde. Der Zuckerhandel dominierte, doch die Produktion verlangte Kapital und auch Arbeit – 1852 importierte Hackfeld & Co. als erster Betrieb chinesische Feldarbeiter. Hackfeld war zu diesem Zeitpunkt ein wohlhabender Kaufmann, der zwischen Bremen und Honolulu hin- und herreiste. Sein Kompagnon Carl Pflüger (1833-1883) führte derweil die Geschäfte in der Südsee (Berliner Börsenzeitung 1883, Nr. 472 v. 9. Oktober, 8). Der Niedergang des Walfanggeschäftes konnte kompensiert werden, seit den frühen 1870er Jahren nahmen das allgemeine Frachtgeschäft und die Investitionen in die Zuckerwirtschaft deutlich zu (Carol A. MacLennan, Hawai’i Turns to Sugar: The Rise of Plantations Centers, 1860-1880, Hawaiian Journal of History 31, 1997, 97-125; Dies., Sovereign Sugar. Industry and Environment in Hawai’i, Honolulu 2014, Kap. 1-3). Doch erst der in der Rede explizit angesprochene Reziprozitätsvertrag zwischen dem Königreich Hawaii und den USA veränderte die Szenerie nachhaltig. Seit 1876 sorgten die Zollbefreiungen, vor allem aber die Exportsubventionen für massive Investitionen durch amerikanische Kapitalisten, vor allem den Deutsch-Amerikaner Claus Spreckels (1828-1908) (Vgl. Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8, 2010). In Deutschland war klar, dass dies zulasten deutscher Handelshäuser gehen würde (Allgemeine Zeitung 1879, Nr. 166 v. 15. Juni, 12). Nun begann ein zunehmend globaler Wettbewerb um günstige Arbeitskräfte. Das bestehende Netzwerk kleiner Plantagen mit zumeist weniger als hundert Beschäftigten – 1874 waren lediglich 3.800 Personen in der hawaiianischen Zuckerwirtschaft beschäftigt – wurde in eine großbetriebliche Plantagenökonomie transformiert, deren Konsequenzen Gegenstand der Rede waren.

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Die Flagge folgt dem Handel: Aus der Programmatik des Deutschen Kolonialvereins (Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 2)

Friedrich Kapp stand den globalen Bestrebungen deutscher Handelshäuser aufgeschlossen gegenüber. Sie verkörperten einen Handelsimperialismus, der auf Kapitalkraft und überlegenen Produkten basierte. Koloniale Landnahme lehnte der Freihändler dagegen strikt ab, führe sie doch einzig zu Konflikten und letztlich zu Kriegen. Kurz vor der Rede war im Dezember 1882 in Frankfurt/M. der Deutsche Kolonialverein gegründet worden. Repräsentanten von Finanzwesen und Schwerindustrie, von Geographie und Geschichtswissenschaften, plädierten pointiert für ein deutsches Kolonialreich, für die Annexion fremder Länder, deren gezielte Besiedlung und ökonomische Durchdringung. Der 1876 mit Tonga abgeschlossene Freundschaftsvertrag, die 1880 von Bismarck eingebrachte Samoa-Vorlage und die seither von deutschen Finanzinteressen vorangetriebene deutsche Expansion in Neuguinea unterstrichen, dass die Südsee Bestandteil deutscher kolonialer Expansion war. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Initiative von Hackfeld & Co. nicht allein auf der Ebene einiger Schiffsladungen mit deutschen Siedlern verstanden werden konnte, auch wenn der reale Ausbau eines deutschen Kolonialreichs dann 1884/85 in Afrika einsetzte, gefolgt von kleinen Erwerbungen auch in der Südsee.

Will man der Kappschen Intervention gerecht werden, so sind drei Perspektiven hilfreich, die zwiebelhaft jeweils eng miteinander verwobene Aspekte der versuchten Ansiedlung deutscher Arbeiter in der hawaiianischen Plantagenökonomie aufzeigen. Es geht erstens um den direkten Anlass für die Reichstagsrede. Zweitens muss die Hackfeldsche Initiative in die hawaiianische Migrations-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte integriert werden. Drittens schließlich lässt sich zeigen, dass Kapps Rede eng an die öffentliche Debatte über die Moralität der amerikanischen Investitionen auch in den USA rückgebunden war. Während im deutschen Kaiserreich langsam koloniale Fakten geschaffen wurden, wurde dort schon seit Jahren darum gerungen, ob ein demokratischer Staat und seine Bürger bei Direktinvestitionen nicht bestimmte Grenzen zu berücksichtigen hätten, und ob diese nicht auch für Konsumenten hawaiianischen Zuckers gelten müssten.

Friedrich Kapp stand der deutschen Auswanderung ambivalent gegenüber. Sie war für ihn ein notwendiges Übel, das vor allem auf die unzureichenden, teils unhaltbaren Zustände in Deutschland verwies (Pfälzische Volkszeitung 1872, Nr. 111 v. 8. Mai, 2). Der Freiheitsdrang des Menschen lasse sich nicht aufhalten, der Staat habe dies zu akzeptieren, Auswanderungsbeschränkungen lehnte Kapp ab. Der Staat solle sich neutral verhalten, doch er habe zugleich die Pflicht, seinen früheren Bürger noch eine Art sicheres Geleit in ferne Länder zu gewährleisten (Allgemeine Zeitung 1881, Nr. 337 v. 3. Dezember, 4965). Das bedeutete einerseits eine menschenwürdige Überfahrt, anderseits schon früh den Schutz gegen Betrug zumal ganzer Auswanderergruppen. Das betraf vor der Jahrhundertmitte viele Auswanderergesellschaften in die USA, dann aber vor allem Siedlungskolonisten in Lateinamerika: „Viele Pflanzer dort haben Agenten ausgesandt, um mit Geld und Worten deutsche Auswanderer zu verlocken. Wer sich fangen läßt verfällt der Sclaverei und einer Behandlung, die schlechter als die der Kulis (verkaufter Schwarzer) ist; […] Kapp hält es für Deutschlands Ehre geboten, die Auswanderung nach Brasilien zu hindern“ (Amts-Blatt für die königlichen Bezirksämter Forchheim und Ebermannstadt 1872, Nr. 52 v. 14. Mai, 2). Die Reichstagsdebatte bot einen Widerhall derartiger Warnungen. Kapp versuchte mit dem Entwurf eines Auswanderungsgesetzes gesetzliche Mindeststandards festzulegen, initiierte 1880 auch eine einschlägige Resolution des freihändlerischen Kongresses deutscher Volkswirte (Allgemeine Zeitung 1880, Nr. 300 v. 26. Oktober, 4000); doch ein entsprechendes Gesetz wurde im Deutschen Reich erst 1897 erlassen.

Die Emigration nach Hawaii setzte in der Tat neue Maßstäbe, zielte sie eben nicht primär auf Siedlung, sondern auf Arbeit. Um die Passage bezahlen zu können, verpflichteten sich die Haushaltsvorstände, ca. zwei Jahre gegen einen festgelegten Lohn auf einer Zuckerplantage zu arbeiten. Das schändete wahrlich nicht, zumal Freizügigkeit ein Kernelement der liberalen Gesellschaftsverfassung des neuen Deutschen Reiches war. Doch Deutsche standen damit in direktem Wettbewerb mit Arbeitsmigranten aus Asien und Afrika. Hackfeld & Co. hatte bereits im Januar 1881 ein erstes Segelschiff, die Ceder, von Bremen nach Honolulu fahren lassen, das dort im Juli mit 127 Passagieren an Bord eintraf. Es folgte das von Kapp angesprochene hawaiianische Segelschiff Iolani, das Anfang Juni 1882 Geestemünde mit 180 Insassen an Bord verließ und im Oktober in Honolulu landete (Honolulu Advertiser 1882, Ausg. v. 17. Oktober, 2). Kurz vor Kapps Rede war dann der Dampfer Ehrenfels in See gestochen, der am 3. Mai mit 700-800 Arbeitsmigranten in Honolulu eintraf (Hawaiian Gazette 1883, Ausg. v. 24. Januar, 3; Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 53 v. 22. Februar, 3; Hamburger Börsen-Halle 1883, Ausg. v. 23. Februar, 5). 46 Migranten überlebten die Passage nicht, 29 Kinder wurden während der Überfahrt geboren (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 232 v. 21. August, 3). Insgesamt verließen 1883 834 Deutsche über Bremen ihr Vaterland (Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 81).

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Beipack eines Auswanderungsschiffes – Warenimporte der Ehrenfels (Saturday Press [Honolulu] 1883, Nr. 36 v. 5. Mai, 2)

Kapp hatte all dies schon während der Reichstagsdebatte am 5. Februar 1883 mit scharfen Worten kritisiert: „Ich halte es für ein Verbrechen, wenn wir dulden, daß unsere deutschen Landsleute in dieser Weise über den Ozean geschleppt und auf Inseln geführt werden, auf denen es allerdings den englischen nachgeschriebene Gesetze gibt, aber wo die armen Arbeiter, die kein Hawaiisch oder auch kein Englisch kennen […] keine Vertheidiger und keine Stütze haben, auf die sie zurückfallen können, wenn sie sich mit den Plantagenbesitzern nicht vertragen, oder überhaupt irgendwelche Rechtsgeschäfte haben“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. V. Legislaturperiode. II. Session 1882/83, Bd. 2, Berlin 1883, 1299). Kapp kritisierte einerseits den zwischen Arbeitsmigranten und Hackfeld & Co. geschlossenen Vertrag als einseitig, als Ausdruck einer sittenwidrigen Versklavung, da unklar bliebe, wie die Arbeiter zurück nach Hause kommen könnten, wenn die vertraglichen Verpflichtungen nicht eingehalten würden. Das sei anderseits sehr wahrscheinlich, denn die Deutschen seien an harte Arbeit im Freien in den Tropen nicht gewohnt. Dies stieß beim Repräsentanten des Auswärtigen Amtes, dem Geheimen Legationsrat Reichardt, durchaus auf offene Ohren, doch sei es nicht möglich, ohne Beweise für Betrug hiergegen strafrechtlich vorzugehen. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hasenclever (1837-1889) unterstützte die Kritik Kapps, gab zudem präzise Einblicke in die Arbeitsmigration nach Hawaii. Für ihn war der eigentliche Skandal, das deutsche Arbeiter gegeneinander ausgespielt würden, um Löhne möglichst niedrig zu drücken. Das Recht des Arbeiters auf freie Verwendung seiner Arbeitskraft aber sei nicht zu hinterfragen, vielmehr befürwortete er deutsche Kolonien, um auch den Ärmeren Einkommensmöglichkeiten zu erschließen. Dagegen nahm der nationalliberale Bremer Großreeder Hermann Henrich Meier (1809-1898) seine Kollegen des Handelshauses Hackfeld & Co. in Schutz. Der Mitbegründer der Norddeutschen Lloyd und Präsident des Deutschen Handelstages hob nicht nur den hohen Leumund seiner Kollegen hervor, sondern legte dem Hohen Hause zugleich ein Musterexemplar eines der Verträge vor. Demnach hatten sich die Arbeitsmigranten auf vier Jahre zur Plantagenarbeit zu verpflichten, konnten den Vertrag aber nach zwei Jahren kündigen. Geregelt waren die Lohn- und Arbeitsverhältnisse des Haushaltsvorstandes und seiner Familie, die Ausstattung der Dienstwohnung und die regelmäßigen Naturlieferungen. Für Meier schien all dies eine „gute Gelegenheit, vorwärts zu kommen“ (Ebd., 1305).

Diese erste Debatte wurde in der Öffentlichkeit sehr wohl zu Kenntnis genommen, stand aber nicht im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen (vgl. etwa Berliner Tageblatt 1883, Nr. 61 v. 6. Februar, 3; Hamburgische Nachrichten 1883, Ausg. v. 6. Februar, 2; Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 37 v. 6. Februar, 534, 549-550). Das galt auch für den zweiten Teil der Debatte über deutsche Arbeit in der hawaiianischen Zuckerindustrie am 14. Februar 1883 (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 48 v. 17. Februar, 689-692). Allerdings berichteten hawaiianische Zeitschriften detailliert über die Rede (Honolulu Advertiser 1883, Ausg. v. 20. März, 2). Setzt man nun aber die Debattenbeiträge während der ersten Runde im Reichstag voraus, so erscheint Kapps zweite Rede weniger eloquent, weniger inhaltsstark. Der Liberale wiederholte im Wesentlichen seine Argumente und Ansichten. Obwohl er von zahlreichen Anfragen und Beschwerden berichtete, ging er weder auf die Argumente seitens der Arbeiterbewegung, noch die seines liberalen Parteifreundes ein. Darin kommt mehr zum Ausdruck als Prinzipientreue resp. dogmatische Verengung eines Linksliberalen am Ende seiner politischen Karriere. Kapp argumentierte prononciert für Schutzrechte; doch die Arbeitsmigranten hatten ihre Kontrakte aus freien Stücken unterzeichnet, wussten um die Härten und Chancen eines solchen Vertrages. Kapp versuchte, die Vertragsfreiheit auszuhebeln, den freien Arbeitsvertrag als Zentrum einer marktwirtschaftlichen Arbeitsverfassung. Seine Begründung folgte einem Kulturnationalismus, der einerseits die gemeinsame zivilisatorische Mission der „weißen“ Völker hochhielt, der anderseits sich strikt von anderen „Rassen“ abgrenzte, zumal den in der Quelle genannten Asiaten und Afrikanern. Der Linksliberale Kapp plädierte für Staatsintervention, konnte aber keine rechtlich einschlägigen Anhaltspunkte für eine solche Interventionen benennen. Die Quelle unterstreicht damit die innere Ambivalenz des modernen Liberalismus, dessen universalistischer, auf Menschenrechte und Vertragsfreiheit gründender Gesellschaftsentwurf zunehmend von den eigenen nationalen Vertretern in Frage gestellt wurde. Die Zeit der liberalen Vorkämpfer war offenbar vorbei, zivilgesellschaftliches Engagement folgte zunehmend anderen Regeln, verengte sich zudem national.

In Hawaii, im April 1883, begannen jedenfalls schon erste Rechtshändel zwischen deutschen Einwanderern und den Plantagenbesitzern. Siebzehn Arbeitsmigranten hatten auf der 1877 gegründeten Kilauea Sugar Company auf Kauai die Arbeit niedergelegt, um gegen Kontraktverletzungen zu protestieren (William Henry Dorrance, Sugar Islands, 2. Aufl., Honolulu 2005, 32). Sie wurden ins Gefängnis nach Honolulu gebracht, begleitet von weiteren deutschen Zuwanderern. Dort schalteten sie den deutschen Konsul J.C. Glade ein, Mitglied von Hackfeld & Co., verpflichteten einen Rechtsanwalt und verlangten, den geschlossenen Vertrag auflösen zu können (Hawaiian Gazette 1883, Ausg. v. 4. April, 2). Im Verfahren näherte man sich einander an, beiderseits lockerten sich die Verpflichtungen (Honolulu Advertiser 1883, Ausg. v. 11. April, 3). Briefe der Zuwanderer berichteten von wechselseitiger Vertragstreue, von einem Haus mit Stube, Kammer, Küche und Veranda und von langsam urbar gemachtem Land. Die Verpflegung sei gut, fehlendes Bier und geistige Getränke wurden gleichwohl moniert (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 232 v. 21. August, 3). Die deutschen Zuwanderer blieben zu einem beträchtlichen Teil auf Hawaii, nahmen dort zunehmend Leitungsfunktionen in der Plantagenwirtschaft und im Gewerbe ein. Sklaven sind sie nicht geworden – und ihre vermeintliche nationale Ehre dürfte kaum negativ betroffen worden sein.

Was in Deutschland skandaliert wurde, war derweil Alltagsroutine im Hawaiianischen Königreich. Die Zahl der einheimischen Bevölkerung sank seit Jahrzehnten, die Volkszählung 1878 ergab lediglich 57.985 Einwohner. Die Zuckerindustrie konnte nur durch Zuwanderung vorangebracht werden; Kapital und auch Boden waren vorhanden, einzig der Faktor Arbeit begrenzte ein rasches Wachstum. Chinesen, vor allem aus den südlichen Provinzen, galten als billig und arbeitsam, ihre Disziplin wurde durch chinesische Händler und Aufseher gewährleistet. 1884 lag die Zahl der Einwohner bereits bei 80.578, darunter 17.063 Chinesen und 871 Chinesinnen (Allgemeine Zeitung 1885, Nr. 251 v. 10. September, 7). Auch wenn diese im Regelfall abgeschottet auf den Plantagen untergebracht waren, so ergaben sich doch kontroverse Debatten auf der Inselgruppe, wo nicht allein weiße Investoren, sondern insbesondere die hawaiianische Bevölkerung weitere Zuwanderung aus Asien begrenzen wollte.

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Ängste vor einer chinesischen Dominanz in Hawaii (The Wasp 10, 1883, Ausg. v. 5. Mai, 16)

Dies konnte nicht im Sinne der Investoren sein. Zuckerplantagen hatten bereits in den 1870er Jahren eine strikte hierarchische und rassistische Struktur ausgebildet (vgl. Evelyn Nakano Glenn, Race, Labor and Citizenship in Hawaii, in American Dreaming, Global Realities, hg. v. Donna R. Gabaccia und Viki L. Ruiz, Urbana/Chicago 2006, 284-320). Die Leitung lag in den Händen einer weißen Funktionselite, zumeist Händler, Techniker und Handwerker. In Hawaii waren dies Deutsche, vor allem aber US-Amerikaner und Briten. Hawaiianer arbeiteten vereinzelt auf den Plantagen, nicht aber in der fordernden Neukultivierung, der Ernte und der langsam einsetzenden Bewässerung der Felder (C. Allan Jones und Robert V. Osgood, From King Cane to the Last Sugar Mill, Honolulu 2015). Die Umstrukturierung nach dem Reziprozitätsabkommen erfolgte durch ausländische Fachleute. Prototypisch waren die frühen Bewässerungssysteme auf der Insel Maui, die Spreckels durch Teams um den deutschstämmigen Wasserbauingenieur Hermann Schüssler (1842-1919) errichten ließ, nachdem er sich Land und Wasserrechte angeeignet hatte (vgl. Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich, in Tatort Unternehmen, hg. v. Hartmut Berghoff et al., Berlin und Boston 2016, 47-66). Von ihnen blieb nur eine Handvoll auf der Inselgruppe. Die drei Schiffsladungen mit deutschen Arbeitsmigranten waren Teil breiter gelagerter Bemühungen der weißen Pflanzerelite, die ethnischen Hierarchien und Funktionsabläufe der einzelnen Plantagen auszubalancieren, auch wenn dies zu deutlich höheren Kosten führen konnte: Spreckels zahlte 1879 den 125 weißen Beschäftigten seiner Hawaiian Commercial Sugar Company $3-4 pro Tag, während die ersten einhundert Chinesen $10-12 pro Monat erhielten. Mit dem Import europäischer Arbeiter reagierten die Pflanzer zugleich auf die Zurückhaltung der chinesischen Seite, ihre Landsleute zur Arbeit nach Hawaii zu schicken.

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Hawaii als Zielort globaler Arbeitsmigration – Schaubild im Sugar Museum, Maui

Wie Hackfeld bemühte sich auch Spreckels zuerst um norwegische (und schwedische) Einwanderer, hatte er mit ihnen doch gute Erfahrungen in seiner Zuckerraffinerie in San Francisco gemacht. 1881 landeten ca. 500 Personen, doch sie kamen mit dem Klima nicht zurecht und verließen Hawaii großenteils nach sehr kurzer Zeit (Chicago Daily Tribune 1882, Ausg. v. 13. November, 8). Deutlich erfolgreicher waren die 1878 einsetzenden Importe portugiesischer Plantagenarbeiter von der vulkanischen Insel Madeira und dann den Azoren. Die Familien erhielten freie Passage, einen Lohn von einem Dollar pro Tag und die Verpflichtung, drei Jahre Plantagenarbeit abzuleisten. Dieses Importgeschäft wurde vorrangig vom deutschstämmigen Händler Abraham Hoffnung (1833-1908) organisiert, der über Kanada nach Hawaii gekommen war und später in London reüssierte. Die Portugiesen arrangierten sich mit den Verhältnissen, bis 1887 war ihre Zahl auf mehr als 10.000 gestiegen (Hawaiian Almanac and Annual for 1887, Honolulu 1886, 74-78). Anfang der 1880er Jahre hatte sich das System eingespielt, Arbeitskräftezufuhr und der Ausbau der Plantagen waren ausbalanciert, Chinesen und Portugiesen hatten sich als Zuwanderer etabliert. Deutsche Landarbeiter waren nicht mehr erforderlich. Doch das System blieb fragil. 1882 etwa, just während der Importe aus deutschen Ländern, stockte die Zuwanderung aus China, und Claus Spreckels bot an, mit der japanischen Regierung über die Entsendung von 2000 japanischen Arbeitern zu verhandeln. Dies misslang, doch nach der Kolonisierung der Inselgruppe durch die USA 1898 sollten sie zur wichtigsten ethnischen Gruppe Hawaiis aufsteigen.

Die Reichstagsdebatte über deutsche Arbeit in der hawaiianischen Zuckerindustrie war eine der vielen Resonanzen, die der Mechanisierung des Rohrzuckerbaus seit den 1860er Jahren weltweit folgten – seinerseits eine Folge der raschen Fortschritte des hochsubventionierten Rübenzuckerbaus in Frankreich und dem Deutschen Reich. Und doch brach sich diese Debatte nicht allein in den Peripherien. Es kann hier nicht der Ort sein, um die Auswirkungen der veränderten Arbeitsverfassung auf den Zuckerinseln der Südsee, der Karibik, der Philippinen oder aber Sumatras im Detail zu diskutieren. Sie bedeuteten zuerst einmal mehr und preiswerteren Zucker, zumal in den USA. Die Transformation Hawaiis mündete dort jedoch in eine breite öffentliche Debatte über die Bedeutung von Coolie-Arbeit für die amerikanische Politik und auch den amerikanischen Konsumenten. Die deutsche Arbeitsmigration wurde mit ähnlichen Tönen skandalisiert, wie sie Friedrich Kapp im Reichstag antönte. Es galt als ausgemacht, dass Plantagenarbeit “actually degrade free-born Germans to the level of coolies and negroes, rendering them useless to the Fatherland they have left, turning them from men into merchandise and practically using them as human manure for the properties of the sugar planters” (San Francisco Traffic 1883, Ausg. v. 3. Juni, 8 (nach einem Artikel der Leipziger Welt-Post)). Die immer stärkere Nutzung chinesischer Arbeit war in den USA besonders unpopulär – und hier stoppte der Kongress die legale Zuwanderung aus China mit dem Chinese Exclusion Act von 1882. Die führenden amerikanischen Investoren, die in den 1880er Jahren die hawaiianische Wirtschaft klar dominierten, wurden öffentlich als „Chinese lover” attackiert. Parallel diskutierte man zumal vor der Novelle des Reziprozitätsvertrages 1887 darüber, ob es gerechtfertigt sei, einer kleiner Pflanzerelite immense Gewinne auf Basis der Ausbeutung von Arbeitsmigranten und der amerikanischen Konsumenten zu erlauben. Letztlich setzten sich die ökonomischen Interessen allseits durch. Fragen nach globaler Gerechtigkeit wurden im Reichstag und anderswo vor fast anderthalb Jahrhunderten debattiert, doch mehr als graduelle Verbesserungen hat es dadurch nicht gegeben.

Uwe Spiekermann, 4. April 2019