Deutsche Einwanderer auf dem Weg zu amerikanischen Vorzeigeunternehmern: Die Familie Spreckels, 1850-1930

Seit Gründung der USA haben mehr als siebeneinhalb Millionen „Deutsche“ ihr Vaterland verlas­sen, um jenseits des Atlantiks ein besseres Leben zu führen. Die Mehrzahl von ihnen stammte aus unteren und mittleren Verhältnissen, suchte den sozialen Aufstieg und fand ihn vielfach in einer selbständigen Existenz als Farmer, Handwerker oder Händler. Deutsche Einwanderer schufen nach dem gängigen, von der Migrationsforschung wesent­lich mitgeprägten Bild zwar eine breite mittelständische Grundlage der US-Wirt­schaft des 19. und 20. Jahrhunderts, doch die unternehmerischen Eliten entstammten demnach vorrangig „Protestant, Anglo-Saxon, native-born, well-to-do families“ [1]. Schon kurzes Nachdenken führt zur Skepsis gegenüber dieser Aufstiegsgeschichte aus den Reihen der Kolonisten vorwiegend des 18. Jahrhunderts: Pfizer, Merck, Heinz, Levi Strauss, Anheuser-Busch, Miller, Pabst, Steinway, Studebaker, Boeing – das sind zehn hingeworfene und rasch zu ergän­zende Namen bedeutender amerikanischer Firmen, die von deutschen Einwanderern erster oder zweiter Generation gegründet wurden. Im Washingtoner German Historical Institute haben unsere Recherchen 2009 eine keineswegs Liste mit mehr als achthundert „signifikanten“ deutsch-amerikanischen Unternehmern ergeben. Analoge Verzeichnisse von Einwanderer­unternehmer aus Skandinavien und Italien, Österreich-Un­garn und Russ­land, China und Mexiko dürften ebenfalls umfangreich sein.

Dies war Anlass, um 2010 das Projekt „Immigrant Entrepreneurship. Ger­man-American Busi­ness Biographies, 1720 to the Present“ zu starten. Darin sollte am Beispiel deutsch-amerikani­scher Einwanderer analysiert werden, welche Bedeutung diese für die Ausbil­dung und Etablierung der USA als führender Wirtschaftsmacht der Welt gehabt haben. [2] Das bis 2015 währende Projekt blieb gewiss hinter den selbstgesetzten Erwartungen zurück, doch die frei zugängliche Webseite [https://www.immigrantentrepreneurship.org] bietet mit knapp 180 biographischen und zahlreichen weiteren thematischen Artikeln einen einzigartigen und insbesondere empirisch fundierten Einblick in die deutsch-amerikanische Migrations- und Unternehmensgeschichte. Dennoch musste die Kernfrage nach dem spezifisch „deutschen“ Beitrag für die US-Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte offen bleiben. Zwar konnte der Mythos einer primär von den tradierten angelsächsischen Kolonisten geprägten und dominierten Wirtschaftssupermacht USA falsifiziert werden, doch die Einwanderer aus deutschen Landen bildeten eine zu heterogene und in sich vielfach widersprüchliche Gruppe, die nicht als klar konfiguriertes Gegenbild zum Establishment der jeweiligen „amerikanischen“ Unternehmer dienen kann. [3]

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Claus Spreckels (1828-1908) (San Francisco Newsletter 26, 1877, 29. Dezember, n. 16 (l.); Phelbs, 1881, vor 449)

Vom Landarbeiter zum Zuckerkönig? Die Karriere von Claus Spreckels

Umso wichtiger bleiben Fallstudien. Die Geschichte der kaliforni­schen Familie Spreckels bietet sich dazu an. Es handelt sich um eine der – nach den Astors – sicherlich erfolgreichsten deutschstäm­migen Immigrantenfamilien; einzig die in Milwaukee und Detroit ansässigen Uihleins dürften in den USA um 1900 eine ähnlich wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle gespielt haben. [4] Familien wie die Spreckels erlauben eine langfristige Analyse nicht nur unternehmerischen Erfolges resp. Misserfolges, sondern ermöglichen auch recht genaue Einblicke in die Akkulturation, die Integration und die sich wandelnde Identität von Einwanderern. [5] Das gilt insbesondere, wenn der in diesem Fall immense Wohlstand die zumeist geltenden Hemmnisse von materieller Enge, Fremdheitserfahrungen und relativer Isolation in der ethnischen oder religiösen Nische kaum zur Tragen kommen lässt: Claus Spreckels rangierte 1998 auf einer methodisch durchaus fraglichen  Liste der reichsten Amerikaner aller Zeiten auf Platz 40, und seine Söhne konnten das Gesamtvermö­gen der Familie nochmals mehren.

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Visualisierte Stationen im Leben eines erfolgreichen Einwandererunternehmers (Sugar in the Making, hg. v. d. Western Sugar Refinery San Francisco, 2. Aufl., San Francisco 1932, s.p.)

Claus Spreckels wurde 1828 als ältestes von sieben Kindern einer alteingesessenen Kötnerfa­milie in Lamstedt, nahe Cuxhaven, geboren. [6] Er wuchs unter beengten Verhältnis­sen und ohne weiterführende Schulbildung auf und verdingte sich seit 1843 als Landarbeiter. 1846 wanderte über Bremen in die USA aus, obwohl er weder über Kapital noch englische Sprachkenntnisse verfügte. In seinem Zielort Charleston, South Carolina, fand er Beschäfti­gung bei einem deutschstämmigen Kolonialwaren- und Alkoholhändler, dessen Geschäft er nach wenigen Jahren übernahm. Spreckels weitere Karriere gründete auf einer Ketten­wande­rung von Lamstedt in die USA. [7] Er heiratete 1852 seine aus einem Nachbarort von Lamstedt stammende Schulkameradin Anna Christina Mangels (1830-1910), die kurz zuvor nach New York emigriert war und dort als Dienstmädchen arbeitete. Mit Hilfe seines Schwagers Claus Mangels (1832-1891), spä­ter Millionär in San Francisco, erwarb Spreckels 1855 ein Groß- und Einzelhandelsge­schäft in New York, das schnell Gewinn abwarf. Ein Jahr später folgte er seinem Bruder Bernhard (1830-1861) nach San Francisco und baute mit seinem Kapital dessen Groß- und Einzelhandels­geschäft aus. [8]

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Industrielle Anfänge im Familienverband – Anzeige der Albany Brewery (San Francisco Directory 1861, 533)

In San Francisco investierte Claus Spreckels gezielt in Wachstumsmärkte. Zusammen mit seinem Bruder Peter (1839-1922) und seinem Schwager gründete er 1857 die Albany Brauerei, die mittels moderner Technologie und innovativer Produkte rasch zu den führenden lokalen Unternehmen aufschloss. [9] Binnen weniger Jahre zu Wohlstand gekommen, zielte Spreckels jedoch auf die weitere Maximie­rung seines Vermögens. In der späteren Selbst- und Fremdstilisierung wird die Gründung zweier Zuckerraffinieren, der Bay Sugar Refinery 1863 und der California Su­gar Refinery 1867, als der eigentliche Durchbruch zum späteren Zuckerimperium gedeu­tet. Doch für Spreckels war die Zuckerbranche zu diesem Zeitpunkt nur ein Feld einer breit gestreuten Tätigkeit als Venture-Kapitalist. In den 1860er und 1870er Jah­ren inves­tierte er in eine weitere Brauerei (Lyons Brewery), Gold- und Silberminen (Virgi­nia Hill Gold and Silver Mining Company, Kennedy Mining Company), in das Diamanten­ge­schäft (Diamond Match Company), die Seidenproduktion (Union Pacific Silk Manufac­turing Company), in die lokale Gasversorgung, den Kanalbau (Mission Creek Canal Com­pany), das Versicherungsgewerbe (Fireman’ Fund Insurance Company, Commer­cial Insu­rance Company of California), Immobilien sowie das Bankgeschäft (Ger­man Savings and Loan Society). [10]

Gleichwohl, die Zuckerbranche wurde zu Spreckels Hauptdomäne. Er setzte von Beginn an moderne Maschinen ein, die er zuerst an der amerikanischen Ostküste, dann auch in Deutschland kaufte. Er nutzte konsequent Größen- und Verbundvorteile: Die California Sugar Re­finery wurde zwischen 1867 und 1881 fünfmal vergrößert, der Maschinenpark mit teils auf Spreckels Namen patentierten neuesten Maschinen bestückt. [11] Die Konkurrenz wurde mit Kampfpreisen aus dem Markt gedrängt. Standardisierte Qualitäten und neue, auf die Letztkonsumenten zugeschnittene Produktinnovationen sowie kleine Packungen gemahlenen Zuckers wa­ren Teil des Erfolgskonzeptes. Parallel knüpfte Spreckels direkte Handelsbeziehungen nach den Philippinen, Hawaii und Mittelamerika, um eine möglichst sichere und zeitli­ch länger gestreckte Rohzuckerversor­gung zu garantieren. Seit Mitte der 1870er Jahre domi­nierte Spreckels die Produktion und zunehmend auch den Außenhandel mit Rohrzucker im Westen der USA.

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California Sugar Refinery, San Francisco 1881 (San Francisco News Letter 1881, Christmas-Nr.)

Diese Position schien bedroht zu sein, als 1876 ein Reziprozitätsvertrag zwischen den USA und dem Königreich Hawaii geschlossen wurde, der für Zuckerimporte aus Hawaii nicht nur keine Zölle vorsah, sondern zudem eine Subvention von zwei Cent pro Pfund. [12] Spre­ckels hatte anfangs seinen politischen Einfluss geltend gemacht, um die­sen Vertrag zu sabotieren. Nach Abschluss stellte er sich jedoch als erster auf die neuen Verhält­nisse ein. Nach kurzer Anlaufzeit begann er mit massiven Investitionen in den Rohrzuckeran­bau. Er erwarb 40.000 Acres Land in Maui, korrumpierte dazu König und Regierung, über­zog mit Hilfe deutschstämmiger Ingenieure die Insel mit einem Netzwerk von Bewässerungska­nälen, Straßen und Eisenbahnen und gründete mehrere Raffine­rien im neu gegründeten Spreckelsville. [13] Spreckels siedelte Tausende von Arbeitern aus Portu­gal, China, Japan, aber anfangs auch Hunderte aus Norwegen und Deutschland in Maui und zahlreichen weiteren Plantagen in Big Island an. [14] Er setzte Standards für die grundlegende Veränderung der Wirtschafts- und Sozial­struktur Hawaiis und bereitete mit seinen Investitionen der späteren Annektie­rung der Inselgruppe durch die USA den Boden – mochte er selbst auch aus ökonomischen Gründen ein Verfechter der Unabhängigkeit Hawaiis gewesen sein.

Aus unternehmenshistorischer Sicht wichtiger war der rasche Aufbau eines vertikal integrier­ten Zuckerkonzerns. Die gemeinsam mit seinen ältesten Söhnen geführte Oceanic Steam­ship Company dominierte das Transport-, Personen- und Postgeschäft mit Hawaii für Jahrzehnte. Neu gegründete Großhandelsorganisationen vertrieben den Rohzucker der wachsenden Zahl hawaiianischer Zuckerplantagen. Von Spreckels kontrol­lierte Banken finanzierten das kapitalintensive Geschäft mit der süßen Rohware. Anfang der 1880er Jahre war Spreckels (nach heutigen Maßstäben) Milliar­där, Quasimachthaber in Hawaii, dessen politischer Einfluss in Kalifornien und Washing­ton die Verlängerung des Reziprozitätsvertrages 1883 auch gegen erbitterten Widerstand der Öffentlichkeit ermöglichte. [15] Zu dieser Zeit stand Spreckels Name als Syno­nym für die Gefahren von Big Business, der umstürzen­den und korrumpierenden Macht der großen Korporationen: Die Arbeitsbedingungen in seinem Plantagensystem waren Gegenstand zahlreicher Regierungsuntersuchungen, er wurde wegen der hohen Monopolpreise für Zucker stetig kritisiert, sein politischer Ein­fluss in der republikani­schen Partei schien die U.S.-Politik zu unterminieren. [16] Die Tarifpoli­tik der großen Eisenbahnlinien, die Spreckels Zuckermonopol im Westen mit Son­derta­rifen schützten, machte die Gefahr der Trusts für die Allgemeinheit nochmals offenkundig. [17]

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Trust-Regulierung als vernachlässigte staatliche Aufgabe (Puck 24, 1888, 137)

Seit Mitte der 1880er Jahren erodierte jedoch die Macht des Zuckerkönigs. Dies galt ein­mal für Hawaii, wo Wettbewerber an Boden gewannen und die Macht des auf Spre­ckels angewiese­nen Königs Kalakaua (1836-1891) spätestens seit der Revolution 1887 schwand. [18] Auch die politi­schen Rahmenbedingungen wandelten sich, die Tarifpolitik des demokratischen Präsi­den­ten Grover Cleveland (1837-1908) war hierfür nur ein Vorbote. Wichtiger noch war die 1887 er­folgte Gründung der American Sugar Refinery Company, des so genannten Zucker­trusts. All dies führte zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Spreckelschen Unterneh­men:

Erstens, verlagerte er seine Aktivitäten stärker zurück nach Kalifornien, wo er seit 1887 zum Pionier der Rübenzuckerproduktion wurde. Nach einem siebenmonatigen Studienaufent­halt in Deutschland im Jahre 1865 hatte Spreckels schon seit 1872 mit Ver­suchsanbau von Rübenzucker begonnen, doch der arbeitsintensive Zuckerrübenan­bau war aufgrund fehlender Farmer resp. Landarbei­ter noch nicht wettbewerbsfähig. [19] Das änderte sich durch den Preisverfall einschlägiger Cash Crops, hinzu kamen Subventio­nen der U.S.-Regierung, die dadurch die Abhängigkeit von Zuckerimporten vermindern wollte. Spreckels informierte sich 1887 während einer fünfmonatigen Reise durch Öster­reich, Frankreich, Belgien und Deutschland über den aktuellen Stand der Rübenzuckerin­dust­rie, importierte anschließend Patente und Technik vornehmlich aus Deutschland und baute südlich von San Francisco zuerst 1887 in Watsonville, dann seit 1898 in Salinas und der neu gegründeten Stadt Spreckels die zu ihrer Zeit jeweils größ­ten Zuckerraffinerien der USA, nach eigenem, nicht zutreffenden Bekunden, auch der Welt auf. [20]

Zweitens, nahm Spreckels publikumswirksam den Kampf mit dem Zuckertrust auf. Die Idee, auch an der Ostküste Zucker anzubieten, hatte er seit langem gehegt; und er setzte sie konsequent um, nachdem der Zuckertrust 1888 eine kleinere konkurrierende Raffine­rie in San Francisco aufgekauft hatte und einen Preiskampf begann. Spreckels zog nun gen Osten, verhandelte mit mehreren Städten wegen Subventionen und errich­tete errichtete seit 1889 die damals weltgrößte Zuckerraffinerie in Philadelphia. [21] Opera­tiv von seinen Söhnen geleitet, ermöglichte sie einen intensiven Preiskampf, der zeitwei­lig zu einer Halbierung des Zuckerpreises in den USA führte. Der vielfach umsatzstärkere und kapitalkräftigere Zuckertrust lenkte schließlich 1891 ein, überließ Spreckels den Westen der USA und kaufte die Fabrik in Philadelphia für das Doppelte der Investitionssumme. [22] Westmonopo­list Claus Spreckels wurde mit diesem Coup zu einer populären öffentlichen Figur, der die Stellung und Werte des Einzelunternehmers gegen die Trusts verteidigt hatte.

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Spreckelsche Zuckerraffinerie in Philadelphia, PA, 1893 (Frank Leslie‘s Illustrated Newspaper 1890, Nr. 1821 v. 8. September, 576)

Drittens begann Claus Spreckels, der sich seit 1893 inoffiziell aus dem operativen Ge­schäft zurückgezogen hatte, mit einer Diversifizierung seiner unternehmerischen Aktivitä­ten. Er schloss damit an die frühere Phase des Venture-Kapitalisten an. Stich­worte müssen genügen, auch wenn es sich teils um (aus heutiger Sicht) Milliardengeschäfte gehandelt hat. Spreckels investierte in verschiedene Eisenbahnunternehmen, um seine Rübenzuckerproduk­tion zu unterstützen (Pajaro Valley Railroad; Pajaro Valley Consoli­dated Railway), um das Quasi-Monopol der Southern Pacific Railway Co. zu attackieren (San Fran­cisco and San Joaquin Valley Railroad Company; Bakersfield and Los Angeles Railway Company) sowie die Infrastrukturentwicklung Südkaliforniens voranzutreiben (National City & Otay Railroad). [23] Sein öffentliches Image als Monopolbrecher erlaubte ihm lukra­tive Investitionen im Infrastruktursektor, wo er unter anderem als Preisbrecher im Gas- und Elektrizitätsgeschäft agierte (Independent Light and Power Company), um seine Aktien nach einigen Jahren mit hohem Gewinn zu verkaufen [24]. Schließlich inves­tierte er zunehmend in Immobilien, darunter den ersten Wolkenkratzer im Westen der USA, das 1897 eröffnete Claus Spreckels Building, Sinnbild des aufstrebenden San Francisco. [25]

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Der Bau der San Joaquin Valley Road als Heil für die Region – Werbemotiv für die Spreckelsche Eisenbahnlinie, 1896 (Valley Road, 1896, 67)

Herkunft als Ressource: Erfolgsfaktoren eines Multimilliardärs

Man kann diese Karriere als US-amerikanische Erfolgsgeschichte lesen, als den Übergang vom Landarbeiter zum Zuckerkönig. Dies wird jedoch weder den Besonderheiten der USA im 19. Jahrhundert noch dem Status eines Einwandererunternehmers gerecht.

Claus Spreckels war seit 1855 Bürger der USA. Er lernte rasch Englisch, auch wenn er es bis an sein Lebensende mit deutlichem deutschem, genauer niederdeutschem, Akzent sprach. Er war stolz auf sein neues Vaterland, pries dessen Freiheitsversprechen und die Unabhängigkeit seiner Bür­ger und wandte sich, je später, je mehr, gegen den US-Imperialismus und die um sich greifende Korruption in der Politik – auch wenn er diese über Jahrzehnte systematisch betrieben hatte. [26] Er war Mitglied, teils Gründungsmitglied der wichtigsten amerikani­schen Vereine der Westküste, aktiv in der Nationalgarde und ein führender Repräsen­tant der Republikaner in Kalifornien. Er förderte den lokalen Patriotismus mit Spenden für die Statuten von James A. Garfield (1831-1881), Ulysses S. Grant (1822-1885), George Dewey (1837-1917), Abraham Lincoln (1809-1865) und William McKinley (1843-1901). Zugleich aber unterstützte er ein Leben lang seine lutherische St. Markus-Gemeinde, war Mitglied im San Francisco Verein und dem Verein Arion, förderte Deutsche Tage und Wochen, das German Altenheim und das Goethe-Schiller-Denkmal. 1899 schenkte er seiner Heimatstadt 1899 ei­nen Temple of Music, nicht zuletzt zur Pflege deutscher Musik.

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Ein Ort deutscher und amerikanischer Weisen: Spreckels Temple of Music (Mark Hopkins Review of Art 1, 1899/1900, Nr. 3, 10)

Spreckels wurde bis in die 1890er Jahre vielfach als Immigrant wahrgenommen. Seine Geschäftspraktiken wurden als die eines „greedy Prussian“ [27] oder aber eines „German Jews“ [28] denunziert. Aufgrund seines Eintretens für chinesische Kontraktarbeiter oder seines Beharrens auf Hawaiis Selbstständigkeit galt er vielfach als national unsicherer Kantonist. Im Deutschen Reich und auch bei deutsch-amerikanischen Vereinigungen wurde er dage­gen vielfach national verein­nahmt, sei es als jovialer Plattdeutsch-Sprecher oder als der „deutsche Zuckerkö­nig“. [29] Deutsche Besucher vermerkten jedoch zunehmend kritisch, dass er „keine ande­ren als rein amerikanische Interessen habe“; und da half es wenig, dass sein Pfarrer ihn am Grabe mit einer deutschen Eiche verglich. [30] In der deutschsprachigen US-Presse hieß es klagend, dass er „für das hiesige Deutschtum und das Deutschtum überhaupt [nicht, US] viel übrig gehabt“ [31] habe. Das war falsch, doch Claus Spreckels achtete stets auf die öffentliche Wirkung und die soziale Bindekraft seiner Zuwendungen auch über die deutsche Nische hinaus.

In den USA wurde er seit den frühen 1890er Jahren immer stärker als ein Repräsentant erst des aufstreben­den Kaliforniens, dann auch der amerikanischen Nation und ihrer Verheißung individueller Entfaltung gese­hen. Gleichwohl, seine Karriere ist ohne seine Herkunft aus Deutschland kaum zu erklären. Deutsche Immigranten ermöglichten ihm jeweils den Start in Charleston, New York und San Francisco. Deutsch-amerikanische Ingenieure und Architekten planten die Plantagenwirt­schaft in Hawaii und die Raffinerie in Philadelphia. Spreckels beschäftigte zahlreiche Facharbeiter aus Deutschland und gab immer wieder Familienmitgliedern die Chance, in seinen Unternehmen zu arbeiten und aufzusteigen. Sein ältester Sohn wurde 1869-1871 auch in Deutschland, an der Polytechnischen Schule in Hannover, erzogen. [32] Deutsche Besucher und Politiker wurden von ihm in Hawaii und San Francisco empfangen und bewirtet.

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Sedan-Feier in San Francisco unter Leitung von Claus Spreckels (San Francisco Abend Post 1871, 30. August, 2)

Er selbst reiste mehrfach für längere Aufenthalte nach Deutschland, um dort vor Ort die Zuckerproduktion zu studieren. Seit 1867 importierte er Maschinen aus Deutschland, seine Zuckerrübenfabriken wurden fast gänzlich mit deutscher Technologie ausgestat­tet, auf kalifornischen Feldern deutsche Rübensaaten angepflanzt. Und doch: Der Grund für diese engen Beziehungen lagen in der Qualität von Know-how und Produk­ten. Spre­ckels folgte einer ökonomischen Logik, keiner nationalen. Falls Saatgut in Frankreich oder Dänemark günstiger angeboten wurde, so kauft er es dort. Zugleich nutzte er seine deutsche Herkunft vielfach geschickt aus, um insbesondere bei Verhandlun­gen um Zolltarife Vorteile zu erzielen; war er doch ein Amerikaner, der vorgab, die Deutschen zu kennen. In Hawaii positionierte er sich als Garant amerikanischer Interessen gegenüber der britischen und deutschen Konkur­renz. Die Gefahr wachsender deutscher Zuckerimp­orte instrumentalisierte er zur Subventio­nierung der US-Rübenzuckerindustrie.

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Blick in die St. Bartholomäus Kirche, Lamstedt, Taufort von Claus Spreckels (Uwe Spiekermann, 2018)

Spreckels blieb seiner Heimat eng verbunden: Er finanzierte nicht nur das Haus seiner Schwester in Lamstedt, sondern ein Jahr vor seinem Tod auch die Orgel seiner Heimatgemeinde. Doch spätes­tens seit den frühen 1890er Jahren führten ihn die regelmäßigen Transatlantikreisen immer häufiger auch nach London, dann vielfach nach Paris und den böhmischen Bädern. Seine pompöse Villa in San Francisco wurde mit französischen Kunstwerken ausgestat­tet, darin wirkten nicht nur deutsche Hausmädchen, sondern auch englische Butler und Gärtner. [33] Der deutsche Immigrant in Amerika war auch ein Freund der französischen Kü­che – und entsprach damit dem Geschmack des sich ausbildenden internationalen Smart Set.

Auf dem Weg zur reichsten und einflussreichsten Familie Kaliforniens? Die zweite Unternehmergeneration der Spreckels

Schon diese wenigen Hinweise unterstreichen die Künstlichkeit klarer nationaler Identitäten im ausgehenden 19. Jahrhundert. Claus Spreckels war im Königreich Hannover geboren worden; und eine deutsche Staatsbürgerschaft gab es formal erst 1913, also nach seinem Tode. Seit 1855 war er naturalisierter Bürger der USA, doch dabei handelte es sich um einen rasch expandierenden Staat mit unklaren Grenzen: Kalifornien wurde 1850 Teil der USA. Kalifornien selbst war noch nicht der heutige Staat mit etwa der Einwohnerzahl, die 1850 der Deutsche Bund aufwies. Für Claus Spreckels war er jedoch der wichtigste Bezugs- und auch Gestaltungsraum, während er das von ihm lange dominierte Hawaii immer als informellen Herrschaftsraum, nicht aber als eigenständigen Staat verstand, zu dem er nie eine innere Bindung hatte.

Fragen nach der Akkulturation und der Integration eines solchen Repräsentanten einer transnationalen Funktionselite zeugen schon bei einer Person von multiplen, parallel gelebten und genutzten Identitäten. Doch der eigentliche Testfall ist gewiss die zweite Einwanderergeneration. Dieser ist im Falle der Fami­lie Spreckels besonders ergiebig, denn die harte Schule des Zuckerkö­nigs führte nicht nur zu innerfamiliären Zerwürfnissen, sondern auch zur Ausbil­dung von vier unternehmeri­schen Talenten, die allesamt auf Grundlage der Arbeit und des Kapitals des Vaters ihre je eigenen Karrieren entwickelten und das Vermögen der gesam­ten Familie bis in die Mitte der 1920er Jahre nochmals vergrößerten. Skizzenar­tige Charakterisierungen müssen genügen.

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John D. Spreckels (1853-1926) (Austin, 1924, n. 74 (l.); ebd., n. 162; Coshocton Tribune 1922, 3. September, 3 (r.))

John Diederich Spreckels, der älteste 1853 in Charleston geborene Sohn, war das viel­leicht größte unternehmerische Talent der vier Brüder. [34] Er wurde von seinem Vater schon früh mit dem Management des Hawaiianischen Besitzes betraut – und führte mit seinem jüngeren Bruder Adolph B. seit den 1890er Jahren die kalifornischen Zuckerbetriebe. Parallel baute er seit 1878 die Oceanic Steamship Company auf, die nicht nur im Fracht- und Postverkehr nach Hawaii tätig war, sondern seit den 1880er Jahren erste regelmäßige Fahrten nach Neuseeland, Australien, Samoa und später auch nach Asien anbot. Die gemeinsam mit seinen Brü­dern Adolph B. und Claus A. gegründete Holding Spreckels & Bros. agierte als Agentur für viele kleinere US-Reeder und zahlreiche europäische Linien im Pazifik- bzw. im Schiffsverkehr von der Ost- zur Westküste. Breite Teile der Versorgung der Westküste mit Kohle, Koks, Düngemitteln und Metallen – von Australien, aber auch aus Großbritannien – erfolgten im Chartergeschäft durch Spreckels & Bros.

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Wirtschaftliche und touristische Erschließung des Pazifikraums durch J.D. Spreckels & Bros. (Ports, 1889, 62 (l.); Oceanic Steamship Company 1902, s.p.)

John Diederich Spreckels emanzipierte sich von seinem Vater mit 1887 einset­zenden systematischen Investitionen in San Diego; auch wenn der alte Herr diese finanziell mittrug und seine Rechte erst um die Jahrhundertwende an die beiden älteren Söhne übertrug. John D. Spreckels engagierte sich für den Ausbau der Hafeninfrastruktur, baute in den 1890er Jahren ein weit über Bedarf geplantes Straßenbahnnetz auf, gründete Elektrizitäts- und Wasserwerke, kaufte zudem die wichtigsten lokalen Tageszeitungen auf. Dies diente der Etablierung von San Diego und der vorgelagerten Insel Coronado als Touristenzentrum und Altersresidenz [35], führte mittelfristig auch zu immensen Gewinnen im Grundstücksgeschäft, da John D. Spreckels einen Großteil des zukünftigen Baulandes preiswert gekauft hatte. Nach dem Erdbeben 1906 siedelte er dauerhaft nach San Diego über und investierte einerseits in zentrale Bürogebäude, baute daneben an sich weit überdimensionierte Theater, Musikstätten und Vergnügungsparks. Parallel sicherte er die Wasserversorgung der Region durch ein Netzwerk von Staudämmen und Kanalsystemen.

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Übernahme und Ausbau bestehender Infrastruktur: Coronado und San Diego 1888 (Coronado Beach Company, 1888, s.p.)

Mit der Spreckels Savage Tire Company, der ersten amerikanischen Reifenfirma westlich vom Produktionszentrum Akron, legte er zugleich Grundlagen für die industrielle Entwicklung San Diegos und des Südwestens Kaliforniens. Als Investor ähnlich breit aufgestellt wie sein Vater, war auch John D. im Eisenbahngewerbe tätig (National City & Otay Railroad, Coquile River Road, San Diego & Southeastern Railway Company, Coos Bay, Roseburg and Eastern Railway). Die 1919 fertiggestellte San Diego and Arizona Railroad band San Diego an das transnationale Eisenbahnnetz der USA an und bildete einen Schlussstein in der verkehrstechnischen Erschließung Südkaliforniens. John Ds. Lebens­stil war aufwendig, er besaß die jeweils größten und schnellsten Yachten der West­küste, zeigte Interesse an Boxsport, Polo und Autorennen und war in den 1890er Jahren nicht nur aufgrund seines Geldes die bestimmende politische Kraft der republikani­schen Partei Kaliforniens. Dennoch stand er nach dem Tode seines Vaters mit jährlich über einer Million Dollar lange Zeit an der Spitze der Einkommenspyra­mide Kalifor­niens und hinterließ bei seinen Tode 1926 mit 25 Millionen Dollar ein aus heuti­ger Sicht Milliardenvermögen. [36]

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Adolph B. Spreckels (1857-1924) (San Francisco Call 1896, 17. September, 7; Men of the Pacific Coast 1902, 188; Jockey Club, 1923, s.p.)

Adolph Bernhard Spreckels, 1857 in San Francisco geboren, stand vielfach im Schatten seines großen Bruders; und doch finanzierte er die meisten seiner Unternehmungen auf 50-Prozent-Basis, war Kapitalist im Wortsinne. Nachdem er 1881 Michel De Young, den Besitzer des San Francisco Chronicle, auf­grund dessen einseitiger Berichterstattung über seinen Vater und insbesondere seiner Mutter niedergeschossen hatte, letztlich aber freigesprochen wurde, führte er längere Zeit ein eher zurückgezogenes Leben. [37] Seine Passion war der Pferderennsport. Er war einer der wichtigsten, vor allem aber der lange Zeit wirtschaftlich erfolgreichste kalifornische Pferde­züch­ter und gründete mehrere Pferderennbahnen in Nordkalifornien und auch – nach dem Verbot erst der Pferdewetten, dann des Alkoholkonsums in Kalifornien – in Mexiko. [38]

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Tanforan Pferderennbahn vor der Wiedereröffnung 1923 (Jockey Club, 1923, s.p.)

Adolph B. Spre­ckels agierte viele Jahre ehrenamtlich als Park Commissioner, verantwortlich für den Golden Gate Park. [39] Als einziger Spreckels dieser Generation engagierte er sich im boomenden Ölgeschäft, konnte sich aber mittelfristig nicht gegen die Konkurrenz der Standard Oil Company behaupten. [40] Obwohl ein beträchtlicher Teil seines Vermögens auf Drängen seiner Gattin Alma des Bretteville Spreckels (1881-1968) in den frankophonen California Palace of the Legion of Honor floss, dem in sei­nem Todesjahr 1924 eröffneten wichtigsten Kunstmuseums der Westküste, hinterließ er seinen Erben immerhin noch 15 Millionen Dollar. [41]

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Bohrtürme und Verarbeitungsindustrie der Sunset Monarch Oil Company, 1910 (Sunset 25, 1910, 243)

Während John D. und Adolph B. die autokratische Grundhaltung ihres Vaters lebenslang ertrugen, rebellierten die beiden jüngeren Brüder Claus Augustus und Rudolph Anfang der 1890er Jahre gegen Claus Spreckels. In jahrelangen Rechtsverfahren gelang es ihnen Millionenwerte vom Vater zu erstreiten, die sie dann für ihre eigenen Unternehmun­gen nutz­ten. [42]

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Verwerfungen im Hause Spreckels: Karikatur zur Serie von Gerichtsverfahren zwischen Claus Spreckels und seinen Söhnen Rudolph und Claus A., 1892-1896 (Oakland Tribune 1908, 10. Januar, 1)

Beide hatten für ihren Vater die Zuckerraffinerie in Philadel­phia geleitet, beide wa­ren desillusioniert von deren Verkauf an den Zuckertrust, den sie doch eigentlich bekämp­fen und besiegen wollten. Claus A. und Rudolph erhielten als Ausgleich ein Millionen-Kapital, vor allem aber die Verfü­gungsgewalt über das Herzstück des Spreckelschen Zuckergeschäft in Hawaii, der Hawaiian Commercial Sugar Company. Sie führten diese durch einen finanziellen Engpass in den frühen 1890er Jahren, um sie 1898 schließlich mit Millionengewinnen zu verkaufen, freilich gegen ihren Willen. [43]

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Claus A. Spreckels (1858-1946) (New York Journal 1897, 4. Juli, 24 (l.); Evening Telegram New York 1911, 22. Juli, s.p.; Kansas City Sun 1918, 26. Januar, 3 (r.))

Claus A. Spreckels nutzte dieses Kapital, um 1902 in Yonkers, nördlich von New York City, die Federal Sugar Refinery aufzu­bauen, die sich aufgrund neuartiger Produktionsverfahren rasch nicht nur zur größten unabhängigen Zuckerraffinerie der USA entwi­ckelte, sondern Anfang der 1920er Jahre mit mehr als 3.000 Beschäftigen auch die größte Zuckerfabrik der USA war. [44] Bevor er sich Mitte der 1920er Jahre aus dem akti­ven Geschäft zurückzog, agierte er – ein potenter Finanzier der demokrati­schen Partei – als ein politisch einflussreicher Gegenspieler des Zuckertrusts und auch der US-Kriegsernäh­rungswirtschaft unter Herbert Hoover (1874-1964).

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Federal Sugar Refining Co. – Leitbetrieb der „Unabhängigen“ in den USA, 1922 (Postkarte, Privatbesitz)

Der auch im Bankgeschäft tätige Claus A. Spre­ckels setzte sich damals in Frankreich zur Ruhe. Sein Vermögen ist nicht präzise zu taxieren. Anfang der 1920er Jahre gewiss noch (nach heutigem Maßstab) ein einfacher Milliardär, verlor er sein Vermö­gen mit dem Bankrott der Federal Sugar Refinery 1932 und starb 1946 in Paris in gesicherten, doch eher modera­ten Verhältnissen. [45]

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Rudolph Spreckels (1872-1958) (San Francisco Call 1895, 7. März, 2 (l.); Los Angeles Times 1906, 27. Oktober, I1; Who’s who in California, 1929, 33 (r.))

Dieses Schicksal teilte auch der jüngste der vier Brüder, der 1872 geborene Rudolph Spreckels. 1928 mit zeitweilig mehr als 30 Millionen Dollar das vermögendste Mitglied der zweiten Generation, brach sein neu strukturiertes Geschäftsimperium während der Weltwirtschaftskrise spektakulär zusammen. Ru­dolph hatte sich mit 1898 im Alter von 26 Jahren mit einem Vermögen von vier Millionen Dollar zur Ruhe ge­setzt und nichts deutete darauf hin, dass er vielleicht der schillerndste, sicher aber der in den USA bekann­teste Spreckelszögling werden sollte. Grund hierfür war sein Engagement erst in der Bekämpfung der Korruption in San Francisco, dann sein aktives Eintreten für die Progres­sives in den USA. [46] In der Metro­pole Kalifor­niens finanzierte Rudolph Spreckels 1906-1909 mit – nach heutigem Wert – fast 20 Millio­nen Dollar die spektakuläre An­klage gegen die Stadtregierung, die Union Labor und die Republican Party. Seine Ankündi­gung, auch die vornehmlich aus der Geschäfts­welt stammenden Korruptionsge­ber vor Gericht zu stellen, führte zur Spaltung der Gesellschaft in San Francisco.

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Rudolph Spreckels als Saubermann und „Diktator“ San Franciscos nach dem Erdbeben 1906 (New York Times 1907, 7. Juli, SM10)

Die Graft Prosecution er­reichte letztlich ihre selbstgesteck­ten Ziele nicht, doch San Fran­cisco und auch Ru­dolph Spreckels wurden zum Symbol für eine notwendige Reform der amerikanischen Politik und auch des unterneh­merischen Ethos. Rudolph Spreckels, zwischen­zeitlich als Banker, Investor und Immobilienspekulant erfolgreich etabliert [47], wurde für mehrere Jahre zu einem führenden Vertre­ter der Progressive Republi­cans. Während und nach dem Ersten Welt­krieg konzipierte er ambitionierte Infra­strukturprojekte in Kalifornien, die unter anderem die Verstaatlichung von Eisenbah­nen, den Bau moderner Fernstraßen sowie die kom­plette Übernahme des Was­ser- und Elektrizitätsgeschäftes durch den Staat Kalifornien vorsahen. Alle diese Pro­jekte scheitern seinerzeit, doch mehrere wurden in den 1930er Jahren im Rahmen des New Deal angegangen und umgesetzt. Rudolph Spreckels reorgani­sierte Mitte der 1920er Jahre seine unternehmerischen Aktivitäten, verabschie­det sich aus dem Bankge­schäft und investierte seine beträchtlichen Mittel in die Zukunfts­märkte der Radio- und TV-Branche (Federal Telegraph Company, Kolster Ra­dio) sowie in der Reorgani­sation des Spreckelschen Zuckerimperiums in New York (Spre­ckels Sugar Corpora­tion). [48] Anfäng­lich profitierte er vom Boom der Börse, doch dann wurden seine auf Expansion ausgerichteten Betriebe durch die Weltwirtschafts­krise und den Preisverfall im Zuckermarkt hart getroffen. 1930 musste erst das Radio-, anschließend auch das Zuckergeschäft einge­stellt werden. Rudolph Spreckels weigerte sich, das Familienunternehmen zu akzeptab­len Bedingungen an General Foods zu verkaufen, doch die geplante Reorganisation schei­terte am fehlenden Kapital. 1936 leis­tete der frühere Milliardär einen Offenbarungs­eid. [49]

Reminiszenz und Last: „Deutschtum“ in der zweiten Generation

Es scheint schwierig aus diesen vier kursorischen Lebensbildern das Gemeinsame ihrer Stellung als amerika­nische Einwandererunternehmer der zweiten Generation herauszuarbeiten. Es besteht kein Zweifel, dass sich alle vier Brüder als amerikanische Staatsbürger verstan­den, deren deutsche Herkunft zunehmend brüchig und irrelevant wurde. Wie ihr Va­ter, wurden auch die Söhne schon in den 1890er Jahren als Vorzeigeunternehmer des amerikani­schen Westens präsentiert und wahrgenommen – und sie nutzten ihrerseits die von ihnen teils beherrschte Presse, um ein solches Bild zu zeichnen.

Die fast zwanzigjährige Altersdifferenz zwischen John D. und Rudolph verweist aber schon auf eine sich wandelnde Sozialisation. Während der Ältere zwei Jahre in Deutschland zur Fachschule ging, vor Ort in die amerikanischen und deutsch-amerikanischen Vereine einge­führt wurde, zum Colonel der Nationalgarde avancierte und regelmäßig sowohl an Festlichkeiten im San Francisco Schuetzen­park als auch an Massenversammlungen der Deutschen in San Francisco beteiligt war [50], fokussierte sich die häusliche Erziehung des asthmatischen Ru­dolph lediglich auf Grund­kenntnisse der deutschen Sprache, Kultur und Geschichte. Er blieb den deutsch-amerikani­schen Vereinen fern, im Hause wurde mit ihm Englisch gesprochen. Sein Vater bot ihm ein Studium in Yale an, doch Rudolph zog die Verantwortung im Geschäft vor.

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Deutschstämmige Nationalgardisten in San Francisco (Wasp 3, 1878, 64)

Parallel schwand die Bindekraft kultureller Faktoren. Die zweite Generation nahm Ab­stand vom deutsch-lutherischen Glauben des Claus Spreckels, auch wenn die Brüder Mitglieder protestanti­scher Kirchen blieben. John D. und Adolph B. wurden führende Reprä­sentan­ten der kalifornischen Freimaurer, standen ansonsten der episkopalen Kir­che nahe. Claus D. brach im Heiligen Jahr 1924 zu einer Pilgerfahrt nach Rom auf, während Rudolph die methodistische Kirche unterstützte. Musik war für alle Spreckels­söhne wichtig, doch nur John D. blieb als passionierter Orgelspieler der deut­schen Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts verhaftet, während seine Brüder die zeitgenös­sische europäische und amerikanische Musik zu schätzen wussten. Das zeigte sich analog bei vielen, in der Oberschicht üblichen Spenden: John D. Spreckels ermöglichte der University of Berkeley 1904/05 den Ankauf der bis heute renommierten Bibliothek des Berliner Philologen Karl Weinhold (1823-1901) mit mehr als 6000 Büchern und knapp 2.300 Manuskripten, die einen wichtigen Grundstock für die Germanistik an der Westküste bildete. [51] Er folgte dabei der Spendentradition seines Vaters, der den dortigen Büchergrundstock in den Rechts- und Staatswissenschaften legte. Rudolph hatte bereits 1902/03 vorgelegt, indem er Berkeley ein für die Berufung des damals in Chicago tätigen deutschstämmigen Physiologen Jacques Loeb (1859-1924) erforderliches physiologisches Laboratorium finanzierte. [52]

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Repräsentative Kalifornier in den 1890er Jahren: John D. Spreckels und Adolph B. Spreckels, Einwanderer der zweiter Generation (San Francisco Call 1896, 27. September 27, 1 (l.); Kirk, 2000, 21)

Im geschäftlichen Sektor war Claus Spreckels ein strikter Vertreter eines unternehmerischen Paternalismus, entsprechend fühlte er sich der großen Mehrzahl sei­ner Facharbeiter und führenden Angestellten persönlich verpflichtet. Dies galt auch noch für John D., dessen Unternehmen schon aufgrund der weit überdurchschnittlichen Löhne in den ersten Jahrzehnten kaum Arbeitskämpfe verzeichneten – was sich in den managergeführten Unternehmen in San Diego wandeln sollte. Claus A. setzte dagegen auf einen strikt antige­werkschaft­lichen Kurs und ließ seinen Neffen und Generalmanager Louis Spre­ckels (1869-1929) seine Fabrik 1913 angesichts von gewerkschaftlichen Lohnforderungen kurzfristig schlie­ßen. [53] Anderseits agierte Rudolph als sozial engagierter Unternehmer, der wäh­rend der Inflation des Weltkriegs die Löhne freiwillig erhöhte, um seiner sozialen Verantwor­tung gerecht zu werden. [54] Dies war für ihn jedoch Ausdruck ei­ner funktional-technokratischen Grundhaltung, die eine faire Bezah­lung vorsah, eine persönliche Bezie­hung zwischen Unternehmer und Bediensteten aber in Abrede stellte. Für die Söhne war Deutschland weniger die frühere Heimat als vielmehr eher ein Wettbewer­ber um Marktanteile in der Zuckerbranche und der Außenpolitik. In verschiede­nen Senatsanhörungen wurde Deutschland von ihnen stets als Konkurrent präsentiert, um auf diese Weise die Tarif- und Subventionspolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen. John D. nahm im imperialen Wettstreit im Pazifik wiederholt Partei gegen die Weltpolitik Wil­helm II. und Großbritanniens und unter­stützte mit seiner Dampferflotte die US-Politik in Südamerika und den Philippinen. [55]

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John D. Spreckels Privatjacht “Venetia” als USS Venetia (SP 431) 1919 (U.S. Navy NH 85180-A)

Die schwindende Bedeutung der deutschen Herkunft zeigte sich besonders an den Ehe­frauen der Brüder. Sie alle entstammten amerikanischen Fami­lien, keine davon mit deutsch-amerikanischem, zwei dagegen aus irisch-amerikanischem (und katholischen) Hintergrund. Sie orientierten sich an den kulturellen Standards New Yorks und der westeuropäischen Gesellschaften, ihre zumeist jährlichen Auslandsreisen führ­ten sie nach London und insbesondere Paris, nach Monte Carlo, den böhmischen Bä­dern und Italien. Ihre Vorstellung von Kunst, Kultur und Mode war vornehmlich frankophon ge­prägt, dort besaß man Villen und Apart­ments, dort war man Teil der hohen Gesell­schaft. [56] Das wurde einzelnen Mitgliedern der Familie Spreckels im Deutschen Reich expli­zit verwehrt. Als Rudolph Spreckels 1913 von Wilson als U.S.-Botschaf­ter in Berlin nominiert worden war, liefen nicht nur deutsch-amerika­nische Ver­eine Sturm, sondern hielt sich auch die deutsche Regierung bedeckt. Die Spreckels erschie­nen ihnen nicht nur als Konkurrenten im Zuckergeschäft und Ru­dolph als verkappter Sozialdemokrat, sondern sie waren als Abkömmlinge von norddeut­schen Kleinbauern gesellschaftlich einfach nicht satisfaktionsfähig. [57]

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Rudolph Spreckels als Kritiker des saturierten Establishment (Salt Lake Telegram 1924, 20. September, 3)

Gleichwohl wäre es verfehlt, von einer vollständigen Integration der Einwandererunterneh­mer in die US-Gesellschaft auszugehen. „Deutschtum“ wurde an die Söhne immer wieder als Fremddeutung herangetragen. In Auseinandersetzungen um Hawaii, beim Eintreten für die Immigration asiatischer Arbeiter, beim Kampf gegen Korruption in San Francisco und anderswo – immer wieder wurden von der Presse und vielen Gegnern Vorwürfe „unamerikanischen“ Verhaltens laut. John D. und Adolph B. kompensierten dies mit besonderem Patriotismus und knüpften enge Verbindungen zum Kriegsministerium und der Marine. Das galt zumal im Ersten Weltkrieg, als sie sich schon lange vor dem US-Kriegseintritt betont patriotisch gaben. Die mit französischen Regierungsstellen eng vertraute Mrs. Adolph B. Spreckels schien deutschen Stellen seit ihrem 1915 einsetzenden Engagement für das Belgische Hilfswerk als dezidierte Gegnerin des Kaiserreichs. John D.s zum Torpedoboot umgebaute Yacht Ve­netia kämpfte 1918 im Mittelmeer erfolgreich gegen deutsche U-Boote, und der Besitzer popularisierte anschließend gar die falsche Legende, dass sie U-20 zerstört habe, das Boot, das 1915 die Lusitania versenkt hatte. [58] Rudolph dagegen geriet schon während des Ersten Weltkrieges in die Mühlen der Red Scare. Als Kriegsgegner wurde er nicht nur als Teil feindlich gesinnter „pro-German elements“ angeprangert, sondern nach den Bombenatten­tat am Prepardness Day 1916 in San Francisco in die Nähe des Anarchismus gerückt. [59] In Yonkers, NY musste der nicht naturalisierte Walter P. Spreckels (1888-1976) 1918 seine Position als stellvertretender Geschäftsführer der Federal Sugar Refinery als uner­wünsch­ter Ausländer aufgeben [60]; der unmittelbare Kontakt zu Präsident Woodrow Wilson (1856-1924) von drei der Brüder konnte dem nicht entgegenwirken. Ru­dolph Spreckels Eintreten für ver­stärkte Regulierung und höhere Steuern führte wäh­rend der Weltwirtschaftskrise zu sei­ner Denunziation als Agent der Sowjetunion. [61] Auch amerikanische Vorzeigeunterneh­mer wurden wie die große Mehrzahl der Einwanderer aus Osteuropa behandelt, wenn sie sich nicht an die Spielregeln des US-Mainstreams hielten.

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Maskenspiel und Doppelbödigkeit eines etablierten Fremden – Karikatur 1908 (Oakland Tribune 1908, 8. Januar, 1)

Deutsche Herkunft und amerikanische Realität: Ein Zwischenfazit

Eine kurze Fallstudie kann nur Hinweise liefern. Doch thesenartig verdichtet ist sie für Vergleichsstudien wichtig, kann Anregungen zum Nachdenken über die fragile Identität deutscher Einwandererunternehmer geben, zugleich Rückfragen an die starren Kategorisierungen im Forschungsalltag anregen.

Im vorliegenden Falle war Amerikanisierung erst einmal die Konsequenz aus Auswanderungsentscheidung und frühem Erfolg. Familiäre und ethnische Netzwerke wurden ge­nutzt, um Erfolg im neuen amerikanischen Umfeld zu haben. Sie wurden ergänzt durch neu etablierte geschäftliche Netzwerke, zumal in der Einwandererstadt San Fran­cisco. Für diese war Kapital entscheidend, weniger die Herkunft. Die Offenheit einer Grenzland­situation erforderte zugleich aktives politisches Gestalten auf lokaler, regiona­ler und staatlicher Ebene. Dem konnte sich ein Unternehmer, zumal in der von politi­schen Rahmenbedingungen abhängigen Zuckerbranche, nicht verschlie­ßen. In einer demo­kratischen Gesellschaft ohne starken Staat war dies ein wichtiges Integrationsmo­ment. Die gesellschaftliche Anerkennung als Amerikaner, die schon früh medial in der Massen­presse verhandelt wurde, hatte für diese Elitenemigranten entsprechend hohe Bedeu­tung. Es ging nicht allein um Besitz, sondern auch um die Akzeptanz des unternehmeri­schen Handelns. Offensive Pressearbeit sowie gezieltes Mäzenatentum waren spätes­tens seit den 1880er Jahren die Folge.

Die simple Dichotomie des Deutsch-Amerikanischen verkennt die breit gefächer­ten Identi­tätsstrukturen dieser Zeit. Der jeweilige Lebensort war ebenso wichtig wie das Her­kunftsland. Kalifornien trat neben die Vereinigten Staaten von Amerika und wurde überwölbt durch neue transnationale Identitä­ten des westlichen Smart Set, einer globalen Oligarchie der Reichen und Superreichen. Der Blick auf die zweite Generation verweist auf sich stetig wandelnde Sozialisationen und kulturelle Selbstverständlichkeiten – wenngleich in unterschiedlichem Maße. Rückbezug auf das Deutschtum war für die Spre­ckels spätestens seit den 1880er Jahren lediglich ein Senti­ment, nicht mehr entschei­dend für die Alltagsgestaltung. Dies war für sie kein Verlust, sondern ein Übergang zu anderen Identitätsangeboten.

Der Bezug auf Deutschland war für die Spreckels gebrochen, weil das Vaterland Konkur­renz und Ideen- und Technologiezentrum zugleich war. Dies führte zu einer Rationali­sierung des Umgangs mit der früheren Heimat aus der Perspektive der damit verbundenen Chancen im amerika­nischen Umfeld.

Die Spreckels wurden Amerikaner von der ersten Generation an. Gleichwohl wurde der deutsche Hintergrund immer wieder von anderen Amerikanern – und auch Deutschen – thematisiert. Die Spreckels, zumal ab der dritten Generation, konnten sich jegliche Extrava­ganzen im gesell­schaftlichen Bereich leisten, ohne als Amerikaner hinterfragt zu werden. Sie praktizierten unterschiedliche Formen des Unternehmertums, die allesamt ihren Platz in der Wirtschaftsverfassung der USA hatten. Sobald sie aber den politischen Mainstream hinterfragten, wurden sie immer wieder auf den Status der Immig­ranten reduziert.

Uwe Spiekermann, 14. Juni 2022

Literatur und Anmerkungen

[1] Reinhard Bendix und Frank Howton, Social Mobility and the American Business Elite, in Seymour M. Lip­set und Reinhard Bendix (Hg.), Social Mobility in Industrial Society, New Brunswick 1992, 114-146, hier 138. Vgl. auch Walter A. Friedman und Richard S. Tedlow, Statistical Portraits of American Business Elites: A Re­view Essay, Business History 45, 2003, 89-113.
[2] Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann, Immigrant Entrepreneurship: The German-American Business Biography, 1720 to the Present. A GHI Research Project, Bulletin of the German Historical Insti­tute 47, 2010, 69-82; Uwe Spiekermann und Hartmut Berghoff, Immigrant Entrepreneurship: German American Business Biographies, 1720 to the Present. Zielsetzungen, Organisation und Herausforderungen eines Forschungsprojektes des Deutschen Historischen Instituts Washington, Jahrbuch der historischen Forschung: Berichtsjahr 2012 [2013], 53-61.
[3] Detailliert hierzu Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann (Hg.), Immigrant Entrepreneurship. The German-American Experience since 1700, Washington 2016.
[4] Uwe Spiekermann, Family Ties in Beer Business: August Krug, Joseph Schlitz und the Uihleins, Yearbook of German-American Studies 48, 2013 [2015], 59-112.
[5] Andrea Colli, The History of Family Business, 1850-2000, Cambridge et al. 2003; Ders. und Mats Larsson, Family business and business history: An example of comparative research, Business History 56, 2014, 37-53; Andrea Calabrò (Hg.), A Research Agenda for Family Business. A Way Ahead for the Field, Glos und Northampton, MA 2020; Hartmut Berghoff und Ingo Köhler, Verdienst und Vermächtnis. Familienunternehmen in Deutschland und den USA, Frankfurt/M. und New York 2020.
[6] Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8 (2010); Ders., Claus Spreckels: Robber Baron and Sugar King (2011) Claus Spreckels: Robber Baron and Sugar King | Immigrant Entrepreneurship (immigrantentrepreneurship.org) [12.06.2022].
[7] Allen Collins, Rio Del Mar, Aptos 1995 (Ms.), 6-10.
[8] Spreckels, Claus, Bancroft Library C-D 216-230, reel 25, C-D 230. Vgl. auch die hagiographische aber materialreiche Arbeit von William Woodrow Corday, Claus Spreckels of California, Phil. Diss. University of Southern California 1955 (Ms.).
[9] Die gängigen Angaben einer raschen Marktführerschaft lassen sich nicht bestätigen. Ende der 1860er Jahre besaß die Albany Brewery vielmehr einen lokalen Marktanteil von 10-12%, vgl. The Brewers, Daily Alta California (DAC) 1869, 20. Januar; The Brewers, ebd., 5. Februar.
[10] Angaben nach Claus Spreckels, in San Francisco. Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Fran­cisco 1913, 3-10, hier 5; DAC 1864, 3. April; Kennedy Mining Company, DAC 1876, 31. Mai; Profits Show a Decrease, Chicago Daily Tribune (CDT) 1899, 2. Februar, 9; A Meeting of the Stockholders, DAC 1874, 10. März; Mission Creek Canal Company, DAC 1868, 10. Mai; DAC 1866, 10. Mai; DAC 1868, 20. März; Sacramento Daily Union (SDU) 1868, 6. April.
[11] John S. Hittell, The Commerce and Industries of the Pacific Coast, San Francisco 1883, 547, 550.
[12] Jacob Adler, Claus Spreckels. The Sugar King in Hawaii, Honolulu 1966, 3-15.
[13] Jon M. Van Dyke, Who owns the Crown Lands of Hawai’i?, Hawai’i 2008, 100-110; Jessica B. Teisch, Engineering Nature: Water, Development, & Global Spread of American [sic!] Environmental Expertise, Chapel Hill 2011, 134-150, insb. 137-141; Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich: Claus Spreckels, die Hawaiian Commercial Company und die Grenzen wirtschaftlicher Einflussnahme im Königtum Hawaii, 1875 bis 1898, in Hartmut Berghoff, Cornelia Rauh und Thomas Welskopp (Hg.), Tat­ort Unternehmen. Zur Geschichte der Wirtschaftskriminalität im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin und Boston 2016, 47-67.
[14] Uwe Spiekermann, Labor as a Bottleneck. Entangled Commodity Chains of Sugar in Hawaii and California in the Late Nineteenth Century, in Andrea Komlosy und Goran Music (Hg.), Global Commodity Chains and Labor Relations, Leiden und Boston 2021, 177-201.
[15] Vgl. etwa Outragous Monopoly, CDT 1882, 7. November, 8; Spreckels’ Monopoly, CDT 1883, 15. Januar, 6. Zur Stellungnahme der Zuckerpflanzer s. The Hawaiian Reciprocity Treaty, The Planters’ Monthly 1882, 188-196. Spreckels wies Vorstellungen eines etwaigen Monopols stets zurück, vgl. Claus Spreckels: The Sugar Monopoly, CDT 1882, 16. Dezember, 15.
[16] Prononciert etwa der Erfahrungsbericht Slave or Starve, CDT 1881, 18. Oktober, 5. Ankla­gend hieß es: „His monopoly is based upon injustice, corruption, and bribery” (Claus Spreckels’ Monopoly, CDT 1883, 9. Januar, 4). Zusammenfassend und starker abwägend John Tyler Morgan: Report from the Committee on Foreign Relations and Appendix in Relation to the Hawaiian Islands, Washing­ton 1894, 67-77.
[17] The Sugar Fraud, CDT 1882, 12. Februar, 2; A Hawaiian Sugar Monopoly, New York Times (NYT), 1882, 12. April. Zur allgemeinen Debatte s. Richard R. John, Robber Barons Redux: Antimonopoly Reconsidered, Enterprise and Society 13, 2012, 1-38.
[18] Sugar. Opposition to Claus Spreckels, CDT 1884, 20. Februar, 3; The Far West, CDT 1885, 4. November, 6; The Two Sandwich Kings, CDT 1887, 2. Mai, 9.
[19] The Coast Countries, DAC 1872, 16. Oct., 1.
[20] The Tariff on Sugar. Claus Spreckels tells about his Beet Sugar Business, NYT 1889, 10. Januar; Jimmie Don Conway, Spreckels Sugar Company: The first Fifty Years, Thesis San Jose State Univer­sity 1999 (Ms.); Gary S. Breschini, Mona Dudgel und Trudy Haversat, Images of America: Spreckels, Charleston et al. 2006. Zur Gesamtentwicklung der Branche s. Progress of the Beet-sugar Industry in the United States in 1902, Washington 1903.
[21] Spreckels in New York, CDT 1888, 7. März, 6; Claus Spreckels’ Idea, ebd., 13. Mai, 9.
[22] Spreckels‘ Refinery Absorbed, Washington Post (WP) 1892, 28. März, 1; There Will Be No More Competition Between Them, CDT 1891, 7. April, 5; Spreckels Tells of Money Disbursed, CDT 1895, 12. April, 5; David Genesove and Wallace P. Mullin, Predation and its rate of return: the sugar industry, 1887-1914, RAND Journal of Economics 37, 2006, 47-69.
[23] The Valley Road, San Francisco 1896; New Transcontinental Road, CDT 1898, 21. September, 10; Southern California Growing, Wall Street Journal (WSJ) 1906, 26. August, 7.
[24] Pacific Gas and Electric and the Men who made it, San Francisco 1926, 34-35.
[25] Alfred Darner: A Factor in the New San Francisco. The Claus Spreckels Building, Overland Monthly 30, 1897, 571-576; Michael R. Corbett, The Claus Spreckels Building, San Francisco, San Francisco 2013.
[26] Vgl. etwa Spreckels Ausführungen in Defies the Sugar Trust, CDT 1891, 9. August, 2; Hawaiian would fight, WP 1893, 18. September, 1; Claus Spreckels’ Indifference, ebd., 23. Oktober, 4.
[27] Spreckel’s Sugar, NYT 1883, 6. Januar.
[28] Stevens to Blount, CDT 1893, 30. November, 2.
[29] Die Zucker-Industrie in den Vereinigten Staaten von Amerika, Die chemische Industrie 24, 1901, 520-525, 563-569, hier 524. Die vorherige Einschätzung aus Der Zuckerkönig, Hansa 21, 1884, 128.
[30] Zitat n. Albrecht Wirth, Californische Zustände, Deutsche Rundschau 92, 1897, 65-85, hier 68; Noted Pioneer is Buried with Simple Rites, San Francisco Call (SFC) 1908, 29. Dezember, 3.
[31] Emil Ließ, Aus Kalifornien, Abendpost 1916, Nr. 268 v. 10. November, 3.
[32] Archiv der TIB/Universitätsarchiv Hannover, Best. 9, Nr. 45 und 46.
[33] National Archives and Records Administration, 1900 U.S. Federal Population Census, Line 97, Enumeration District 0113, Sheet B, 2.
[34] Hagiographisch: H. Austin Adams, The man, John D. Spreckels, San Diego 1924. Biographisch fundiert, doch mit vielen unternehmenshistorischen Lücken: Sandra E. Bonura, Empire Builder. John D. Spreckels and the Making of San Diego, Lincoln 2020.
[35] Hotel des Coronado History, hg. v. Hotel del Coronado Heritage Department, Coronado 2013.
[36] Million a Year List Still Growing, NYT 1914, 25. Oktober, 14.
[37] Vgl. Mike De Young Shot, CDT 1884, 20. November, 1; The Far West, CDT 1885, 7. Juni, 11; Young Spreckels Free, ebd., 2. Juli, 1; The Spreckels Trial, Los Angeles Times (LAT) 1885, 6. Juni, 4.
[38] California Jockey Club Organizes, CDT 1893, 4. Januar, 7; Day of Upsets at Bay District, CDT 1894, 22. März, 11; Ingleside Track Owners Disagree, CDT 1897, 12. März, 8; Another California Track, CDT 1901, 17. Mai, 7.
[39] Adolph Bernhard Spreckels, in San Francisco. Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Fran­cisco 1913, 20-24, hier 22-23.
[40] Anthony Kirk, A Flier in Oil. Adolph B. Spreckels and the Rise of the California Petroleum Industry, San Francisco 2000.
[41] Legion of Honor. Inside and Out, hg. v. Fine Arts Museums of San Francisco, San Francisco 2013; Spreckels Leaves $14,944,495 Estate, Ogden Standard Examiner 1926, 14. Oktober, 13.
[42] Claus Spreckels Sued, NYT 1893, 26. November, 8; The Disgusting Squabble in the Spreckels Family, CDT 1895, 31. Mai, 16; At War with Two Sons, WP 1896, 19. Januar, 20.
[43] Maui’s Cane Fields, CDT 1898, 14. August, 33; Hearings held before the Special Committee on the Investigation of the American Sugar Refining Co. and others. House of Representatives, Bd. III, Washington 1911, 2209-2216.
[44] To Build Big Sugar Refinery, CDT 1902, 22. Juli, 3; Financial Notes, CDT 1922, 6. Dezember, 28; Detailliert hierzu Uwe Spiekermann, An Ordinary Man among Titans: The Life of Walter P. Spreckels (2015) (An Ordinary Man among Titans: The Life of Walter P. Spreckels | Immigrant Entrepreneurship (immigrantentrepreneurship.org) [12. Juni 2022]; Huge Judgment Against Spreckels, San Mateo Times and Daily News Leader 1940, 3. Februar, 12).
[45] ‚Gus‘ Spreckels Dies in Paris, Oakland Tribune 1946, 10. November, A-13.
[46] Vgl. Uwe Spiekermann, Cleaning San Francisco, cleaning the United States: The graft prosecutions of 1906-1909 and their nationwide consequences, Business History 60, 2018, 361-380.
[47] Slope Briefs, LAT 1906, 5. Mai, I3; Rudolph Spreckels, Christian Science Monitor (CSM) 1922, 15. August, 10.
[48] United Bank & Trust Co. of California, WSJ 1923, 21. August, 4; California Bank Merger, WSJ 1927, 23. März, 8; Kolster Radio Obtains Rights to 600 Patents, CSM 1928, 17. November, 1; Coast Frosts, Time 1929, 22. April; Broken Caneheart, Time 1932, 1. Februar; District Court of Appeal, First District, Division 2, California. Raine v. Spreckels et al., 77 Cal.App.2d 177, 174 P.2d 857.
[49] Rudolph Spreckels Tells R.C. Court of $33,000,000 Failure, San Mateo Times and Daily News Leader 1939, 26. Oktober, 1, 4.
[50] Military Items, DAC 1878, 22. Mai, 1; Horticultural Hall, DAC 1879, 27. April.
[51] Oakland Tribune 1904, 16. August, 6; Great German Library Classified, ebd. , 11. August, 12; Commemorate Gift of Great Library, ebd., 22. September, 9.
[52] Famous Physiologists Coming to California, LAT 1902, 12. November, 5. Im Gefolge gelang es auch, den Leipziger Chemiker Wilhelm Ostwald (1853-1932) für Vorträge zu gewinnen (Sends Report to Governor, SFC 1905, 22. Januar, 34; Savant will soon come to University, SFC 1905, 18. März, 6).
[53] Heads Off Sugar Strike, NYT 1913, 15. April, 20.
[54] Rudolph Spreckels Raises Salaries, LAT 1917, 4. Januar, I5.
[55] Chilean Brutality, Los Angeles Herald 1891, 22. Dezember, 1; On the Naval List, San Francisco Morning Call 1892, 26. Januar, 2; Merritt is Leader, CDT 1898, 5. Juni, 3.
[56] Bernice Scharlach, Big Alma. San Francisco’s Alma Spreckels, San Francisco 2015.
[57] Opposing Spreckels, The California Outlook 14, 1913, Nr. 24, 3; Waging War on Spreckels, LAT 1913, 8. Juni, I4. Spreckels selbst stellte in diesem, wie in allen anderen Fällen klar, dass er für ein öffentliches Amt nicht zur Verfügung stehen würde.
[58] John D. Spreckels Yacht Returns Home With Gold Star: Knocked Out the Submarine That Sank the Lusitania, Eau Claire Leader 1919, 9. März, 6.
[59] Jeanne Redman, San Francisco’s Cup of Bitterness, LAT 1916, 30. Juli, III3; The Fickert Fight, LAT 1917, 24. November, II4 (Zitat).
[60] W.P. Spreckels Barred From Sugar Plant, NYT 1918, 1. Mai, 11; Spiekermann, Walter P. Spreckels.
[61] Spreckels’ Panacea, WP 1930, 25. September, 6.

Reenactment – Ein Besuch in Kalifornien zur Feier von 100 Jahren San Diego & Arizona Railway

Neuntausend Kilometer mit dem Flugzeug, dann nochmals achthundert mit dem Auto: Der Aufwand war groß, um einen kleinen Ort mit etwas mehr als zweitausend Einwohnern zu besuchen. Doch als ich im Februar hörte, dass in Campo, Kalifornien, der hundertste Jahrestag der Vollendung der „unmöglichen“ Eisenbahn von San Diego nach El Centro, Arizona, gefeiert werden würde, war klar: Ich musste dabei sein.

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Stationen der San Diego & Arizona Railway 1919 (San Diego & Arizona Railway, Werbebroschüre 1921, s.p.)

Warum? Es ging um ein Versprechen, ein Familientreffen und das Reenactment als solches. Das Versprechen stammte von John D. Spreckels (1853-1926), dem Präsidenten der San Diego & Arizona Railway. Als der deutsch-amerikanische Unternehmer am 15. November 1919 einen goldenen Nagel in die letzte verbindende Bohle der von Westen und von Osten vorangetriebenen Teilstücke der neuen Bahnlinie schlug, war dies mehr als eine symbolische Handlung. San Diego erhielt damit einen weiteren, nicht mehr über Los Angeles führenden Zugang zum Transkontinentalnetz. Sein in Wüstengegenden liegendes Hinterland konnte nun gezielt erschlossen werden, Touristen aus dem Osten schneller nach San Diego gelangen. Wieder und wieder waren ähnliche Eisenbahnprojekte gescheitert, 1893 etwa eine Bahnlinie von Phoenix nach San Diego. Spreckels hatte die auch über mexikanisches Gebiet führende Linie 1906 gemeinsam mit dem Bahnriesen Southern Pacific begonnen, doch letzterer stellte 1909 seine Zahlungen ein. Statt abzubrechen, übernahm Spreckels, „let me do it“ (San Diego Union 1919, Ausg. v. 16. November, 1). Dankbarkeit paarte sich mit hohen Erwartungen: „Every man, woman, and child in San Diego, Cal., is looking to him to give that town its first direct railroad connection with the east” (Chicago Daily Tribune 1909, Ausg. v. 15. August, 8).

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Ikonographischer Moment: John D. Spreckels schlägt den „Golden Spike“ ein, Carrizo Gorge, 15. November 1919 (Programmbroschüre Gold Spike Centennial, Campo Railroad Park & Museum, 2019 (l.); San Francisco Chronicle 1919, Ausg. v. 5. Dezember, 16)

Dreizehn Jahre lang wurde eine 148 Meilen lange Eisenbahnlinie durch arides Ödland, durch Granitfelsen und unerschlossene Canyons vorangetrieben, obwohl sich in dieser Zeit die Rahmenbedingungen für den Gütertransport grundlegend änderten. Lastwagen und Straßenbau traten damals an die Seite der zuvor unangefochten dominierenden Eisenbahnen. Die San Diego & Arizona Railway war schon bei der Eröffnung 1919 obsolet, Gewinne waren nicht zu erwarten. Spreckels wusste dies – und dennoch pumpte er einen beträchtlichen Teil seines Milliardenvermögens in dieses Unternehmen. Die Eisenbahn war für ihn Schlusspunkt eines Konzeptes, das San Diego, um 1900 ein Städtchen mit 17.700 Einwohnern, zur führenden Metropole Südkaliforniens machen sollte. Gemeinsam mit seinem Bruder Adolph B. Spreckels (1857-1924) hatte er seit den späten 1880er Jahren Grundstücke und Land aufgekauft, übernahm und modernisierte die Straßenbahn, die Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung, baute den Hafen aus, leistete sich zwei Tageszeitungen, errichtete Geschäftshäuser, Hotels und Theater und vieles andere mehr. San Diego war eine „one-man-town“, sollte sich aber häuten, hin zu einer wirtschaftlich prosperierenden und zugleich touristisch attraktiven Stadt. Wagemut und Paternalismus kamen zusammen, fügten sich zu einer Booster-Town, größenwahnsinnig und profitabel zugleich.

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Ein alter Mann erfüllt sein Versprechen: John D. Spreckels im Führerhaus einer Lok der San Diego & Arizona Railway, wohl 1919 (H. Austin Adams, The Man John D. Spreckels, San Diego 1924, nach 274)

Doch da war mehr als einem deutsch-amerikanischen Einwandererunternehmer Referenz für sein gehaltenes Versprechen zu erweisen. Die Historikerin Sandra Bonura, die im nächsten Jahr eine Biographie über John D. Spreckels veröffentlichen wird, hatte schon 2018 zahlreiche Nachfahren der Spreckelsfamilie in Coronado zusammengebracht. Nun hatte sich abermals ein knappes Dutzend angesagt. Obwohl ich die Geschichte der Familie schon seit Jahren erforsche und 2021 eine Familienbiographie vorlegen möchte, hatte ich bis dato Distanz zur Familie gehalten. Doch eine derart einfache Begegnung reizte mich.

Schließlich war ich gespannt, wie man diesen Jahrestag vor Ort begehen würde. Im Februar hörte ich das Zauberwort „Reenactment“, also das Nachspielen eines historischen Ereignisses. Wer je auf dem denkmalgesprenkelten Terrain in Gettysburg oder auch den Feldern westlich von Königgrätz herumgewandert ist, verbindet damit Schlachtenlärm, Männer in frisch geschneiderten Uniformen, auf schneidigen Pferden, Gewehrsalven und Geschützlärm. In Campo aber ging es um das Reenactment eines zivilen Ereignisses. Das wollte ich, als Zuschauer, miterleben. Als Historiker reizte mich zudem die damit verbundene Erkundung von Vergangenheit. Es war der britische Philosoph Robin George Collingwood (1889-1943), der in seinen 1919 erschienenen „Principles of History“ eine bis heute nachwirkende Theorie des „Reenactment“ vorstellte. Ihm ging es um die Kernfrage, wie man Vergangenheit erforschen und erfahren kann. Der Historiker, so Collingwood, „must re-enact the past in his own mind“ (Robin George Collingwood, Principles of History, Oxford 1919, 282). Wie schon Geschichtsphilosophen vor ihm, etwa der Stammvater der Hermeneutik Johann Gustav Droysen (1808-1884), grenzte er historische Arbeit strikt von naturwissenschaftlicher ab. Das Nachbilden sei situativ, ziele auf Gedanken und Handlungen, Ereignisse und darin eingebettete Emotionen. Es sei keine rein abstrakte Tätigkeit, kein Nachkauen im Geiste. „Reenactment“ sei praktisch, interessiert an der Logik und dem Ablauf des Geschehens, wohl wissend, dass ein vollständiges Nachempfinden ebenso wenig möglich sei wie eine im engen Sinne kausale Erklärung historischer Vorgänge.

Das Gold Spike Centennial in Campo, Kalifornien

Mir war klar, dass sich jedes Reenactment auf wesentliche Aspekte konzentrieren muss. Abstriche waren zu machen: Die Veranstaltung fand am 16. November 2019 statt, nicht am 15. Ein gutes Abendessen im ehedem Spreckelschen Hotel del Coronado tröstete darüber hinweg, eingeleitet mit einem Champagner-Toast der Historikerin Reena Deutsch. Auch der Ort war ein anderer: 1919 hatte der Sonderzug aus San Diego nicht nur 750 Gäste an Bord, sondern hielt in Carrizo Gorge, dem wohl spektakulärsten Teil der „unmöglichen Eisenbahn“. Das Reenactment 2019 fand dagegen westlich davon, in Campo, statt.

Dort gab es eine Dependance des Pacific Southwest Railroad Museums, einer 1961 im kalifornischen La Mesa gegründeten gemeinnützigen Institution. In Campo hatten Eisenbahnenthusiasten 1980 begonnen, einerseits die Geschichte der San Diego & Arizona Railway aufzuarbeiten, anderseits Lokomotiven, Wagons, Gebäude und Maschinen und Objekte zu sammeln und funktionsfähig zu halten. Sie konnten dazu Teile des früheren Camp Lockett nutzen, einer 1941 gegründeten Kaserne für die letzten Kavallerieeinheiten der US-Army. Schon in den späten 1870er Jahren und während des Ersten Weltkriegs waren in Campo Einheiten zur Grenzsicherung stationiert. 1944 wurden die US-Truppen abgezogen, Camp Lockett dann als Armeelazarett und Kriegsgefangenenlager weiterverwendet. Ab 1944 beherbergte es italienische und deutsche Soldaten, größtenteils Gefangene der Kämpfe in Nordafrika. Das Pacific Southwest Railroad Museum in Campo wird durchweg von Freiwilligen betrieben und ausgebaut. Für sie war das hundertjährige Jubiläum der Höhepunkt einer bemerkenswerten Aufbauleistung, die das ganze Jahr über gefeiert wurde. Als sich verschiedene Besucher aus den urbanen Zentren der Pazifikküste darüber mokierten, nun „in the desert“ gelandet zu sein, konnte ich mein Befremden hierüber kaum unterdrücken. Ehrenamtliche Passion ermöglichte in der Wüste schließlich etwas, was in der Millionenstadt San Diego nicht möglich gewesen wäre.

Vor Ort erwartete Besucher ein breit gefächertes Programm. Clowns und der Quacksalber Dr. Lunar sorgten für Kinderbelustigung, die Beköstigung war erwartungsgemäß fleischlastig, umgriff aber auch Veggie Burger. Zahlreiche Geschichtsvereine präsentierten ihre Arbeit, zielten nicht vorrangig auf den Verkauf von Druckwerken, sondern auf Engagement vor Ort. Darunter war auch die San Diego Electric Railway Association, die bald eine zweite „Original“-Straßenbahn restauriert und fahrfähig gemacht haben wird. John D. Spreckels hätte daran wohl seine Freude gehabt. Gemeinsam mit seinem Bruder Adolph B. hatte er 1891 die San Diego Electric Railway Company gegründet, die seine Erben 1948 schließlich verkauften. Wer lediglich schauen wollte, kam ebenso auf seine Kosten: Eine Oldtimerparade präsentierte Modelle aus der Zwischenkriegszeit, auch Traktoren durften nicht fehlen. Bands spielten auf, alte Weisen des Westens wurden gesungen, ab und an unterbrochen vom Pfeifen der Eisenbahnhörner. Weit über hundert Gäste starteten am Morgen zu einer ersten Fahrt in historischen Wagons der San Diego & Arizona Railway, am Nachmittag, nach dem „Golden Spike Reenactment“, sollte eine zweite folgen.

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Gedenktafel der Native Sons of the Golden West, Campo, Kalifornien

Nicht alles verlief wie geplant. Die Native Sons of the Golden West sollten am Morgen eigentlich eine bronzene Gedenktafel der Jahrhundertfeier einweihen, doch diese war leider vergessen worden. Daher verschob man die Zeremonie auf den frühen Nachmittag, unmittelbar vor das eigentliche Reenactment. John D. Spreckels, geboren in Charleston, South Carolina, war nie Mitglied gewesen. Doch es ist unstrittig, dass er die Brüderschaft seit der Jahrhundertwende wiederholt unterstützt hatte. Die 1875 in San Francisco gegründeten Native Sons (Töchter folgten 1886) waren eine konservativ-nativistische Brüderschaft gebürtiger Kalifornier, deren Ziel die Bewahrung des Geistes der Pioniere von 1849 war. In der Zwischenkriegszeit agierte sie nationalistisch und rassistisch, grenzte sich strikt gegen Nicht-Weiße und Migranten ab. Heutzutage handelt es sich um eine patriotische Gesellschaft, gesellig und eine zentrale Stütze der Pflege des historischen Erbes Kaliforniens.

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Führende Mitglieder der Native Sons of the Golden West während des einführenden Gebetes

Die Zeremonie begann mit einem Gebet, es folgten kurze, prägnante Ansprachen. Sie füllten das Motto der Organisation aus, „Loyalty, Friendship und Charity“. Von der alten Zeit war die Rede, den Gründungsjahrzehnten Kaliforniens, dem Pioniergeist dieser Tage. Mensch stand gegen Natur, sie zu zwingen war und ist Aufgabe. Wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand für alle seien die Folge. Kaliforniens Demokratie wurde hochgehalten, die Verantwortung des Einzelnen für das Wohlergehen aller beschworen. Zu spüren war etwas von einem Gemeinwesen, das auf Familie, Nachbarschaft und Gemeinden gründet. Das nicht immer nach dem Staat ruft, sondern diesen formt und lebt: „America! America! God mend thine every flaw, Confirm thy soul in self-control, Thy liberty in law!“ Mit der heimlichen Hymne „America the Beautiful“ endete die Zeremonie.

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Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs?! Ansprache von Manuel Herandez (Baja California Railroad) während der Grußworte

Das Vorprogramm ging weiter. Natürlich, Offizielle kamen zu Wort, mussten zu Wort kommen: Die Präsidentin des Eisenbahnmuseums, Repräsentanten der lokalen Verkehrsgesellschaften, die demokratischen Repräsentanten von Stadt, Bezirk, Staat und dem US-Senat. Das war wichtig für das Museum, denn Zuschüsse sind für dessen Betrieb unabdingbar. Doch es war auch wichtig für Stadt und Region. Die San Diego & Arizona Railway transportierte bis 1951 Passagiere, das Frachtgeschäft wurde 1983 eingestellt. Kleine Teile der Bahnlinie sind bis heute in Betrieb, darunter die in Mexiko gelegenen vierundvierzig Meilen von Tijuana bis Tecate, die 1970 verkauft worden waren. Die mexikanische Baja California Railroad will denn ab 2020/21 den Verkehr auch auf amerikanischer Seite wieder aufnehmen. Unterstützer und Fürsprecher sind dafür nötig; und die anwesenden erhielten warmen Applaus, ging es doch, wie 1919, um die Verkehrsanbindung der Region.

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Die Akteure von 1919: Einstimmen auf die Ansprachen während der Intonierung der US-Nationalhymne

Nun konnte das eigentliche Reenactment beginnen. Die Szenerie folgte der detaillierten Schilderung in der San Diego Union vom 16. November 1919. Dort wurden Bilder veröffentlicht, ebenso die Kernelemente der Reden. Herren beherrschten die Szene, gekleidet in eleganten schwarzen Anzügen und den hohen, fast spitz zu nennenden Hüten dieser Zeit. Die Zeitung gehörte John D. Spreckels, sie präsentierte seine Deutung des Ereignisses. In Campo aber hatte man zwei Elemente vorgeschaltet: Zum einen fuhren Gleisarbeiter mit einer Draisine vor, verlegten die letzte Bohle, bereiteten den Spreckelsschlag vor. Zum anderen wurden die anwesenden Herren kurz mit einem herbeigelaufenen Arbeiter konfrontiert, der die Mühen der Konstruktion beschwor. Nein, von Arbeitsunfällen sprach er nicht, auch nicht vom Wassermangel auf den Baustellen. Doch er gab zumindest eine Idee davon, dass hier „Unmögliches“ gewagt und auch erreicht wurde.

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Zum Einstimmen: Begleitbroschüre mit dem „San Diego Progress“-Marsch von Esther M. Bush

Die zuvor präsentierten Photos geben natürlich kein Abbild der Veranstaltung, sind auch nicht sinnlich genug. Denn das Reenactment wurde von Musik begleitet: Die San Diego City Guard Band spielte patriotische und beliebte Weisen. Ein Kalliope-Musikwerk ergänzte sie. Schon wieder also „deutsche“ Reminiszenzen, wurde die Kalliope Musikwerke AG doch 1898 in Leipzig gegründet. Ihre mechanischen Spielwerke waren auch in den USA erfolgreich. John D. Spreckels, Musikliebhaber und passionierter Orgelspieler, wird sie gekannt haben. Musik war aber nicht allein Beiwerk, emotionale Umrahmung. Musik spielte nämlich 1919 eine wichtige Rolle während der Einweihungsfeier. Eigens komponiert und aufgeführt wurde der Marsch „San Diego Progress“ von Esther Mugan Bush, einer lokalen Repräsentantin der leichten Muse. Das Lied behandelt vornehmlich das wundervolle Wetter in San Diego, die dort stets blühenden Blumen, den fantastischen Hafen und die verheißungsvolle Zukunft: „Prosperity has come to stay In San Diego at the Sea“. Die Veranstalter hatten Text und Musik eigens verteilt, doch es lag sicher nicht an der mit Verve spielenden Band, dass die Besucher nicht mitsangen. Das galt auch für zeitgenössische Schlachtrufe zu Ehren des Eisenbahndirektors: „What’s the matter with John D.? He’s all right! What’s the matter with John D.? Out of Sight! He’s a live on and full of vim, Now take it from us, we’re strong for him!“ Dennoch: Musik und Gesang prägten die Feier 1919; und sie erst gaben dem Reenactment ein Gefühl nachfolgender Anwesenheit.

Die Reden der schauspielenden Freiwilligen führten zurück in die Situation 1919. Der Weltkrieg war gewonnen, die scharfen Auseinandersetzungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten überwunden. Die Kriegskonjunktur war Labsal für San Diego, das sich endgültig als Standort der US-Navy and der Marineflieger etablierten konnte. 1917 hatte John D. Spreckels den nördlichen Teil von Coronado an den Bundesregierung verkauft, bis heute ankern dort Flugzeugträgergruppen der amerikanischen Streitkräfte. Die Redner blickten allesamt nach vorn. Die Mühen der Bauphase, der zahlreichen Brücken und der einundzwanzig durch Felsen gesprengten Tunnel, sie verblassten angesichts einer verheißungsvollen Zukunft. Das brachte Juan P. Quemper, Richter im mexikanischen Tecate, salbungsvoll zum Ausdruck: „You have made possible dreams of long ago; you have brought into realization hopes born and cherished at the warmth of civilization. Yours is a brotherly work, yours is a patriotic and noble impulse, which will start a new era of development and betterment which will reach from one end of our country to the other. […] If God Almighty made us forever neighbors, let Him make us forever friends“ (San Diego Union 1919, Ausg. v. 16. November, 3). Auch Esteban Cantu, Governor von Baja California, unterstrich den Gedanken der Völkerfreundschaft, könne die Bahn doch Menschen miteinander verbinden, durch persönlichen Kontakt Vorurteile abbauen und diese durch Kenntnisse ersetzen. Die amerikanischen Vertreter legten größeren Wert auf die Erschließung des fruchtbaren Imperial Valley und den rascheren und preiswerteren Transport gen Osten. Der Reigen der Reden wurde beendet von David W. Pontius, dem General Manager der Bahnlinie und zugleich Repräsentanten der Southern Pacific. Spreckels wurde gelobt, doch alle Anwesenden wussten, dass man ohne das neuerliche Engagement des Bahngiganten die Linie zu diesem Zeitpunkt nicht hätte abschließen können. Dessen Kapital und Expertise brachten das Unterfangen nach der Überschwemmung von Gleisen und Depots 1916 wieder nach vorn, erlaubten zudem Sondergenehmigungen, um den Bau auch während des Weltkrieges fortzusetzen. Pontius dankte allseits, doch als er endete, brach 1919 die Menge los: „Let’s see it!“

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Der Darsteller von Generalmanager David W. Pontius, Bruce Semelsberger, zeigt der Menge den „Golden Spike“

In Campo waren die Anwesenden zurückhaltender, das Rufen übernahmen die Darsteller der Offiziellen. Der „Golden Spike“, ehedem $286 teuer, nach der Feier wieder in sicheres Gewahrsam gebracht und 1967 (zusammen mit den Archivalien der Bahnlinie) der University of California, San Diego übergeben, war wahrlich ein Hingucker. Seit der Zusammenführung der Linien der Union Pacific und Central Pacific zur ersten Transkontinentalstrecke 1869 gehörte ein derart blinkendes Stück Metall zum Inventar fast aller größeren Eisenbahneinweihungen. In Campo kam eine Nachbildung zum Einsatz, doch instinktiv begriff nun jeder, um was es hier ging: Den Schlussakkord eines großen Unterfangens.

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Auftritt und Rede von „John D. Spreckels“

Noch fehlte John D. Spreckels. Er kam in Gestalt von Jake Schaible, eines jovialen Deutschamerikaners, Mitglied des vierköpfigen Organisationskomitees der Jahrhundertfeierlichkeiten. Er hatte Spaß, er konnte mitreißen. Seine Rede war verhalten, Dank klang an, Stolz darauf, sein Versprechen gehalten zu haben. Spreckels war 1919 ein alter Mann, gezeichnet von Krankheiten, nicht mehr der 1,80 Meter große blonde Modellathlet früherer Zeiten. Er konnte nicht mehr kraftvoll und zielgenau zuzuschlagen. Den Nagel traf er erst im dritten Anlauf, Anwesende lachten spöttisch.

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Der „Golden Spike“ an seinem Bestimmungsort

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„John D. Spreckels“ vor dem ersten Schlag

Das Reenactment nahm dieses auf. Der Darsteller schlug zu, fehlte, nahm abermals Schwung, traf, trieb den Nagel nun mit zwei weiteren Schlägen in den Bohlengrund. So hatte man es sich wohl vorgestellt, das virile Ende eines Projektes, dessen Erledigung in San Diego seit Jahrzehnten herbeigesehnt wurde.

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„John D. Spreckels“ schlägt den „Golden Spike“ in die letzte Bohle ein

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„Well done, Mr. Spreckels“

Beifall brandete auf, die Dramaturgie riss mit, die Besucher fühlten mit dem Akteur, teilten dessen Freude, mochte sie denn auch nur gespielt sein. Anschließend waren alle eingeladen, sich in einem Panoramaphoto zu verewigen. So war es auch 1919. Wir schritten voran, reihten uns ein, standen neben einem mit Kokarden und Flaggen geschmückten Zug. Weitere Photos wurden gemacht, das Reenactment war vorüber.

Nun ja, nicht ganz. Denn es stand noch eine Bahnfahrt auf historischer Trasse an, in rollfähigen Wagons der San Diego & Arizona Railway. Gegen mein Naturell hatte ich 1. Klasse geordert, gemeinsam mit Mitgliedern der Spreckelsfamilie. Es wurde eine gemächliche Fahrt, nicht schneller als 30 Meilen die Stunde. Die Landschaft war karg und felsig. Die Sonne brannte, Wind machte sie erträglich. Eine Rundtour aber war es nicht. Die Reise endete an der mexikanischen Grenze. 1920 brauchten Passagiere keinen Ausweis, wenn sie die zwischen Mexiko und den USA oszillierende Linie nutzten. Während der Prohibition ermöglichte die lange Fahrt durch Mexiko „nasse“ Freuden. Heute ist all dies anders. Hundert Jahre Fortschritt… Wir kehrten um, zurück nach Campo. Am Grenzzaun war das Nachspielen endgültig zu Ende gegangen.

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Die Grenze zwischen den USA und Mexiko nahe Tecate

Ein Familientreffen der Spreckels

Die Rücktour erlaubte weitere Gespräche mit den Mitgliedern der Spreckels-Familie. Die meisten waren Nachfahren von John D. Spreckels, fast durchweg noch an der Westküste ansässig. Sandra Bonura hat all dies ermöglicht, hat die aufgrund einer alten Familienfehde entfremdeten Nachfahren der unterschiedlichen Familienteile wieder zusammengebracht.

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Eintreffen von Spreckels-Nachfahren. In der Mitte Sandra Bonura, links Stefanie Waske

Die Nachfahren kamen gern nach Campo, wurden so dessen gewahr, was einer der Ihren einst angestoßen und vollendet hatte. Genauere Kenntnisse der Familiengeschichte hatten sie jedoch nicht. Im Familienbesitz sind noch zahlreiche Photoalben, vereinzelt gibt es auch historische Ausarbeitungen zur eigenen Geschichte. Schriftquellen sind eher rar gesät.

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Gruppenbild mit Spreckels-Damen und einem historischen Porträt von Claus Spreckels, der Lamstedt 1846 verließ (Photo: Stefanie Waske)

Dennoch ist ein solches Treffen auch für einen Historiker anregend. Man kann etwas lernen über Familiennarrative, über gängige Anekdoten und Erinnerungen, auch über nicht Sagbares. Man lernt mehr über Empfindlichkeiten, über das Verblassen historischer Größe und Bedeutsamkeit. Klar wird auch, stärker noch als im Quellenstudium privater Aufzeichnungen, dass die eigene Arbeit direkt bedeutsam sein kann, nicht nur analytisch korrekt. Sie gleicht einem scharfen Schwert: In einem Tage zuvor in Napa geführten Gespräch kam die Rede auf die Zuckerraffinerie von Claus Spreckels (1828-1908) in San Francisco, dem Vater von John D. Meine Gesprächspartnerin fragte, ob ich diese denn schon besucht habe. Ich verneinte, schließlich sei sie vor längerer Zeit abgetragen worden. Doch, sie liegt in Crockett. Meine Mutter hat sie uns immer gezeigt, wenn wir die Bay südlich von Vallejo überquerten. Nein, das war die Konkurrenz, war meine wehmütig korrekte Antwort. In der Tat, die 1906 von hawaiianischen Zuckerpflanzern gegründete C & H Sugar Company sollte das Monopol der Spreckelsfamilie brechen. Ich zerbrach so das familieninterne Bild vom immer noch sichtbaren Erbe.

Die andere Wahrheit des Reenactment

Damit sind wir wieder zurück beim Reenactment. Ebenso wie das Gespräch mit Nachfahren hat auch das Nachspielen historischen Geschehens eine eigene Logik. Sie liegt nicht in der korrekten Widergabe von Vergangenem. Wäre dem so, so wäre die Feier in Campo eine Ansammlung von Fehlern: Ort und Zeit falsch, vor allem aber die Zusammenführung von klar voneinander zu scheidenden Ereignissen (vgl. Patrick W. O’Bannon, Railroad Construction in the Early Twentieth Century: The San Diego and Arizona Railway, Southern California Quarterly 61, 1979, 255-290; Robert M. Hanft, San Diego & Arizona: The Impossible Railroad, Glendale 1984; Reena Deutsch, San Diego and Arizona Railway: The Impossible Railroad, Charleston 2011; Wayne M. Scarpaci, San Diego and Arizona Eastern motive power and equipment, Gardnerville 2017).

Der Festzug, der am 15. November 1919 den 1913 von der Santa Fe neu errichteten Bahnhof um 6.50 Uhr mit ca. 600 Passagieren gen Osten verließ (National City News 1919, Nr. 46 v. 21. November, 1), hielt zuerst im mexikanischen Tecate, wo Richter Quemper seine Rede hielt. Mittags traf man in Jacumba, 20 Meilen östlich von Campo, mit 150 Repräsentanten aus dem Imperial Valley zusammen, nahm ein Mittagessen zu sich und brach dann gemeinsam auf, um im nahegelegenen Carrizo Gorge die Eröffnungszeremonie zu begehen. 18 Uhr lief der Sonderzug wieder in San Diego ein.

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Ziel der neuen Eisenbahn: Die Entwicklung von Imperial Valley (San Diego Union. Annual Edition 45, 1914, s.p. [60])

Der Tenor der Presseberichte lag primär auf der wirtschaftlichen Erschließung des Imperial Valley und der weiteren Entwicklung von San Diego. Das lag in Linie mit der Berichterstattung der vergangenen Jahre. Sie gaben zugleich Eindrücke von der harten Konstruktionsarbeit und den zahlreichen Fehlschlägen beim Bau. Völkerverständigung mit Mexiko mochte ein Aspekt sein, doch dieser war für die US-Seite nicht vorrangig. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Rede von Governor Cantu in spanischer Sprache gehalten, von der Mehrzahl nicht verstanden wurde. Die neue Bahnlinie galt als Sieg über die widerspenstige Natur, unterstrich, dass die neue Supermacht alles erreichen könne, wenn sie denn nur wolle und arbeite.

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Das Profil der „impossible railroad“ 1919 (Los Angeles Times 1919, Ausg. v. 15. November, 13)

Wichtiger als derartige Detailkritik war das Ausblenden des historischen Kontextes, sei es das schwierige Verhältnis von Southern Pacific und der Spreckelsfamilie, sei es die strategische Bedeutung der Eisenbahn für eine wehrhafte USA. Die Golden Spike-Zeremonie war zugleich nur der Auftakt für zahlreiche Festivitäten, die am 1. Dezember in San Diego einsetzten, als der erste Passagierzug in San Diego eintraf. Vier Tage lang feierten ca. 25.000 Menschen, jeder Tag stand unter einem eigenen Motto. Am Flugtag stiegen mehrere hundert Maschinen hoch, manifestierten die Geburt eines neuen Zeitalters. Der Großraum von San Diego beherbergt heute knapp fünf Millionen Menschen, mehr als der von Berlin. John D. Spreckels genoss seine Rolle als „City-Builder“. Doch er wusste um die Probleme der Eisenbahn. In seiner Rede anlässlich des Festdiners der Stadt am 1. Dezember hieß es: „The road is built. It is at your service. […] It is now up to the people of San Diego to go ‘over the top,’ and get all they can for their city” (San Diego Weekly Union 1919, Ausg. v. 4. Dezember, 6). Die Resonanz blieb verhalten, die Geschichte der San Diego & Arizona Railway war verlustreich. Die Spreckelsfamilie verkaufte ihre Anteile 1932, konnte sich die Bahn nicht mehr leisten. 18 Millionen Dollar waren investiert worden, am Ende war der 50%ige Anteil noch 2,8 Millionen Dollar wert.

All dies sind gewiss wichtige Einwände gegen die „Wahrheit“ des Reenactment. Doch sie treffen nicht den Kern, also das Nachspielen einer historischen Situation. Das Ausblenden des Kontextes und der Nachgeschichte sind vielmehr konstitutiv für diese Form historischen Wissens. Es geht um konkrete Situationen, hier also um den Tag des eingelösten Versprechens. Allen „Fehlern“ zum Trotz wurde deutlich, dass im Gelingen eine eigene Logik lag, eine in der Feier geteilte Freude, vielleicht auch nur Erleichterung. Mochte diese auch eine freundliche Morgengabe der Manager der Southern Pacific an den Unternehmer Spreckels gewesen sein, so wurde die Situation doch anders bewertet, erlebt und wahrgenommen. Das Reenactment machte deutlich, wie ein Traum gelingen kann und welche Kräfte der Weg dorthin freizusetzen vermag. Es kennzeichnet einen Überschuss, den eine rein analytische Geschichtswissenschaft kaum einzufangen vermag. Zwischen den „Fakten“ stecken Träume und Albträume, Hoffnungen und Enttäuschungen. Um das zu visualisieren, hilft ein Blick auf die Werbung der San Diego & Arizona Railway.

20_San Diego and Arizona Railway_1921_sp_Carrizo Gorge

Wolkenritt in der Eisenbahn. Werbezeichnung der Fahrt durch Carrizo Gorge 1921 (San Diego & Arizona Railway, Werbebroschüre 1921, s.p.)

All die Mühen des Baus und die vier Millionen Dollar, die allein das elf Meilen lange Teilstück durch Carrizo Gorge verschlang, sind in dieser Zeichnung vergessen. Der Mensch schwingt sich auf zu neuen Höhen, auch wenn er zuvor nur Bohle an Bohle reihte, Nagel nach Nagel einschlug. Im Reenactment wurde etwas von dem Faszinosum deutlich, das große Technik, große Infrastrukturen umgibt. Der Schriftsteller E.B. White (1899-1985) hat dies in prägende Worte gefasst: „For almost a hundred years the Iron Horse was America’s Mount; the continent was his range, and the sound his hoofs made in the land was the sound of stability, majesty, punctuality, and success“ (E.B. White, The Railroad [1960, 1962], in: ibid., Essays, New York et al. 1979, 208-221, hier 211). Im Eisenbahnbau kam die USA zu sich selbst, wurden die Vereinigten Staaten geformt. John D. Spreckels Einschlagen des „Golden Spike“ zeigte ihn als Pionier nach der Pionierzeit, als Amerikaner, der seine deutsche Herkunft hinter sich ließ und eine neue gewann.

Uwe Spiekermann, 5. Dezember 2019