Die Tafel neu decken. Der lange Schatten des Wissens- und Technologiebruchs des späten 19. Jahrhunderts

Unser Essen, unsere Ernährung sind deutlich weniger modern als wir dies denken. Die üblichen Erzählungen konzentrieren sich eben nicht auf die Strukturen der Lebensmittelversorgung, sondern blicken auf die kleinteilige Produktwelt, auf kurzfristige und eben darum kaum verstandene Veränderungen [Verweis: Zeit]. Angesichts der strukturellen Wandlungen des späten 19. Jahrhunderts sind wir jedoch Epigonen. Wir haben uns eingerichtet in einer Welt längst angelegter und lediglich fortgesetzter Veränderungen. Wie anders ab Mitte des 19. Jahrhunderts: Der einschneidende Wandel von einer Agrar- zur Industriegesellschaft machte es unabdingbar, die Tafel neu zu decken. Dies betraf anfangs die deutschen Lande, dann das kleindeutsche Kaiserreich. Doch im späten 19. Jahrhundert, während der sog. ersten Globalisierung, wurden zudem die Grundlagen des heutigen globalen Ernährungssystems gelegt. Dabei spielte Deutschland eine zentrale Rolle.

Der Aufstieg zur führenden Wissenschafts- und Wirtschaftsnation gründete auf den Branchen der sog. zweiten Industrialisierung. Deutschland war bis in den 1870er Jahre der britischen Entwicklung gefolgt, hatte Primärindustrien wie den Bergbau, die Eisen- und Stahlproduktion und die Textilindustrie aufgebaut. Dann aber entstanden auch wissensbasierte Industrien wie Chemie, Maschinenbau und Elektrotechnik, die bis heute unseren Wohlstand sichern. Deutschland hatte sich zuvor schon vom Agrarexporteur zu einem -importeur gewandelt. Seit der Mitte des Jahrhunderts stieg Deutschland parallel zum Zentrum der Ernährungs- und Agrarwissenschaften auf. Wissenschaftliches Know-how wurde in Maschinen, Anlagenbau, Kontroll- und Messgeräte und Saatgut materialisiert. Ihre Verbreitung ermöglichte national und global einen Produktivitätssprung, der half, die Tafel neu zu decken. All dies zerbrach durch den Ersten Weltkrieg. Der Staffelstab ging über an die USA.

Fünf Aspekte dieser Veränderungen will ich Ihnen näher vorstellen. Eine vertiefte, mit breiten Quellen- und Literaturversehene Darstellung finden Sie in meinem gemeinsam mit Stefan Manz, Professor of Global History an der Aston University in Birmingham, im Frühjahr bei Oxford University Press erschienenen Buch „Making Food Empires. German Technology and Global Mass Production, 1870-1914“. Dessen hier auch durchscheinende Kernthese ist, dass das Deutsche Reich im späten 19. Jahrhundert die bereits bestehenden kolonialen und quasikolonialen Imperien Großbritanniens, Frankreichs und der USA nutzte, um ein anders geartetes wissenschaftlich-ökonomisches „Empire“ zu etablieren. Die Welt war verteilt, doch man dachte und machte sie neu. In diesem Artikel steht allerdings das die deutsche Entwicklung im Vordergrund, denn sie bot die Grundlage für Neugestaltung der globalen Lebensmittelversorgung. Am Anfang steht das neue Wissenschafts- und Innovationssystem. Danach dienen drei Branchenstudien dazu, die Verwissenschaftlichung, die Chemisierung und die Technisierung der Lebensmittelproduktion national und global nachzuzeichnen. Es wird um damalige Hightech-Industrien gehen, um Zucker und Süßstoffe, um den nicht nur in der Karibik produzierten Rum und die Bierbrauerei. Ein kurzes Fazit wird die Ambivalenz dieses Wissens- und Technologiebruchs gesondert behandelt.

Grundlagen des Wissens- und Technologiebruchs

Vier Entwicklungen können erklären, warum dieses neue „Empire“ just in Deutschland aufgebaut wurde. Es war erstens die Wiege der angewandten organischen Chemie und auch der Ernährungswissenschaft. Mangels Kolonialbesitz besaß es zweitens seit dem 18. Jahrhundert eine Tradition, teure Kolonialwaren durch billigere Ersatzmittel zu substituieren. Drittens erforderten die zunehmend gewerblich produzierten Lebensmittel neue Gefahren und Unsicherheiten, die dank neuartiger Kontroll- und Messverfahren gemildert werden konnten. Viertes schließlich war Deutschland nicht nur auf den Weg zur weltweit führenden Exportnation, sondern exportierte parallel qualifizierte Emigranten, die für die Übernahme und Verbreitung deutscher Wissenschaft und Technik zuvor unbekannte Möglichkeiten bieten sollten.

Rekonstruktion des Gießener Laboratoriums von Justus Liebig im Deutschen Museum München (Illustrierte Technik für Jedermann 6, 1928, H. 27, VI)

Zur Wissenschaft: Die Naturlehre hatte im 18. Jahrhundert begonnen, Leben und Materie auf ihre kleinsten Bestandteile zurückzuführen. Britische und französische Gentlemen-Forscher waren federführend, das Periodensystem der chemischen Elemente ein wegweisendes Ergebnis. Noch galt es, die gottgegebene Ordnung zu verstehen. Die Nahrungsstoffe waren im frühen 19. Jahrhundert jedoch von anderem Kaliber. Nahrung bestand aus höchst heterogenen Elementen. Diese interagierten im Körper. Es entstanden nicht nur neue Stoffe, sondern diese garantierten auch das Leben. Der Sprachwandel der Sattelzeit erlaubte nun wagende Spekulationen über neue, zuvor unbekannte Ordnungen. Das Leben. Die Natur.

Die neue Ernährungswissenschaft verstand sich nicht mehr nur als Hort von Ordnung und Sicherheit. Ihr Ziel war es, den Dingen auf den Grund zu gehen, nicht konkret für einmal, sondern gesetzesmäßig für immer. Wissen wurde fluid, herstellbar. Wissenschaft implizierte Forschung, sie produzierte Zukunft. Das regelhafte Erschließen neuer Bezirke des Wissens erforderte jedoch Reduktionismus. Das Kleine bot ein Abbild des Großen. Die tradierte Humoralpathologie wurde verdrängt. Aus dem Apfel wurde ein Stoffkonglomerat, das Stoffparadigma der organischen Chemie überwölbte tradierte Vorstellungen von Essen und Ernährung. Die Folge war ein Ordnungs- und Gestaltungswissen, das im Laboratorium entstand, das darin aber nicht verblieb.

Erster von Vielen: Justus von Liebig in seinem Münchener Arbeitszimmer (Über Land und Meer 31, 1874, 268)

Dieser Wandel wird gemeinhin mit Justus Liebig (1803-1873) verbunden, dessen Gießener Laboratorium weltweit Vorbild wurde. Dieser Kunstraum schuf kontrollierte Bedingungen für Forschungen, erlaubte die Überprüfung wagemutiger Hypothesen. Das galt etwa für sein Modell der Natur als chemischen Stoffwechsel, der Pflanze, Tier und Mensch miteinander verband. Die grob bekannten Nährstoffe wurden chemisch definiert und hatten klar voneinander zu scheidende Funktionen. Dieses Wissen gründete auf dem Experiment, war messbar, quantifizierbar – und unmittelbar anwendungsbezogen: Wissen war Macht – Handlungsmacht. Das konkretisierte sich 1840 in Liebigs „Agriculturchemie“, der wagenden Grundlegung einer dann weiter ausdifferenzierten Düngerlehre (Justus Liebig, Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie, Braunschweig 1840). Liebig stand für die umgestaltende Kraft der Wissenschaft, vertrat die liberale Utopie einer gottlosen, doch aufgeklärten Gesellschaft wachsenden Wohlstands. Die Eiweißnot der Armen sollte mit Hilfe seines aus Südamerika stammenden Fleischextrakts beseitigt, die Kindersterblichkeit mit seiner Malzsuppe bekämpft, das Brot mit seinem Backpulver nahrhafter werden – solche Anregungen gab er im Dutzendpack.

„Volksnahrungsmittel“ Carne pura – ein getrocknetes, aus Südamerika importiertes Fleischpulver ([Julius] Stinde, Special Catalog für den Pavillon Carne pura, Berlin 1882, 11)

Liebigs Anregungen scheiterten fast durchweg – und der polemisch schreibende Rechthaber hat vieles gebremst und behindert. Doch als bewegende, inspirierende Kraft gab es weltweit keinen Zweiten. Sein Feld war nicht nur die Stoffwelt, sondern auch die Welt: „Es wächst hienieden Brot genug / Für alle Menschenkinder.“ Stoffe sollten weltweit vom Ballast befreit, haltbar und nutzbar gemacht werden. Fleischextrakte, -peptone und das Fleischpulver Carne pura waren solche Innovationen, gefolgt von verarbeitetem und billigerem pflanzlichen Protein. Man scheiterte an vielem, nicht zuletzt am Geschmack und der Ignoranz gegenüber den Routinen der Alltagskost. Doch im zweiten Anlauf würde es schon klappen.

Das war auch das Credo der im 18. Jahrhundert etablierten deutschen Ersatzmittelwirtschaft. Sie stand für deutschen Tabak, Zichorienkaffee und Rübenzucker. Virginia-Tabak oder Mokka schmeckten anders, gewiss. Doch beim Zucker hatte man das Original schon verbessern können.

Ein veränderter Produktionsrahmen: Wissenschaft als Bedrohung bürgerlicher Gemütlichkeit, als neue Chance der Lebensmittelproduktion (Liederbuch für fröhliche Fälscher, Berlin 1878, IV (l.); Berliner Wespen 10, 1877, Nr. 38, 4)

Mitte des 19. Jahrhundert war die deutsche Alltagskost bereits in einem tiefgreifenden Wandel begriffen, hervorgerufen von Kartoffeln und auch Kartoffelschnaps. Schnellessig war verfügbar, teure Gewerbeprodukte wie Mineralwasser, Sekt, Konserven, Schokolade und Konfitüren. Seit den 1860er Jahren trat die Bierproduktion hinzu, dann die Milch-, langsam auch die Fleischwirtschaft, in den 1870er Jahren die Kunstbutter. All dies zernierte den traditionellen Zuschnitt der bäuerlichen Wirtschaft, erzwang weiteren Marktbezug, intensivierte die Geldwirtschaft und damit den Kauf anderer, so nicht bekannter Nahrungsmittel. Das war potenziell gefährlich, mündete in intensive Debatten über Qualität und Verfälschung, schließlich in das Sicherheitskorsett des 1879 erlassenen Nahrungsmittelgesetzes. Das Janusgesicht der Chemie wurde damals überdeutlich, denn neue Farb- und Konservierungsstoffe, neue Aromen und Zusätze entwerteten die auf Sinnesproben ausgerichtete tradierte Kontrolle vor Ort, erforderten neue Formen wissenschaftlicher Qualitätskontrolle.

Kontroll- und Messgeräte: Trichinen-Mikroskop und Milchprüfer (Josef Ruff, Illustriertes Gesundheits-Lexicon, 4. Aufl., Straßburg, 1887, 646 (l.); Kladderadatsch 31, 1878, Nr. 4, Beibl. 2, 3)

Wissenschaft schuf Probleme, reduzierte zugleich deren Folgen. Nun entstanden zahllose wissenschaftliche Kontroll- und Messgeräte. Sie hatten Schutzcharakter, dienten zugleich aber auch einer qualitativ höherwertigen Produktion. Das galt vor allem für die Milchverarbeitung, bis in die 1920er Jahre der umsatzstärkste deutsche Gewerbezweig.

Wissenschaft als Garant für eine ehrliche Lebensmittelwirtschaft (Industrie-Blätter 3, 1866, Nr. 1, 1)

Die Wissenschaft – und insbesondere die Chemie – konnte dadurch ihr Image grundlegend verbessern, war nicht mehr länger schwarze Kunst, sondern Garant für verbesserte und ehrliche Produkte. Sie schied die lauten Fälscher von den lauteren Herstellern.

Humankapitaltransfer durch qualifizierte und arbeitswillige Immigranten und Zielkonflikte nicht nur beim Essen und Trinken (Wasp 7, 1881, 136 (l.); Puck 62, 1907, Nr. 1600, s.p.)

Bleibt noch die vierte Grundlage, die Emigration. Im 19. Jahrhundert verließen etwa sechs Millionen Deutsche ihre Heimat, 90 Prozent davon Richtung USA. Die eigenen Kolonien lockten kaum Siedler, doch weltweit entstanden gerade an Handels- und Verkehrsplätzen informelle „deutsche Kolonien“. Die Akkulturation erfolgte nirgends konfliktlos, doch bessere Grundqualifikationen, Arbeitsbereitschaft und Aufstiegsorientierung waren Andockpunkte für nachfolgende Transfers. Als Gruppe gesehen, waren diese Auswanderer erfolgreicher als die Zurückgebliebenen.

Die Verwissenschaftlichung des Süßen

Die erste Fallstudie umfasst das Süße. Etwas Außergewöhnliches in der vorindustriellen Alltagskost, sieht man von Honig und Sirup ab. Rohrzucker kam aus der Plantagen- und Sklavenwirtschaft der Karibik. Sein kalorischer Überschuss war, neben Kohle, ein wichtiger Faktor für die englische Frühindustrialisierung. In deutschen Landen war Zucker selten, teuer, adelig und bürgerlich. Billiger Ersatz war Teilhabe, seit dem frühen 19. Jahrhundert hieß die Antwort Rübenzucker. Die frühe Industrie kollabierte, doch auf Grundlage neuen Wissens gab es seit den 1830er Jahren einen zweiten Anlauf, dieses Mal erfolgreich. Entscheidend hierfür war die enge Interaktion zwischen organischer Chemie, angewandten Agrarwissenschaften und Maschinenbau. Rübenzucker wurde vorrangig exportiert, britische und amerikanische Konsumenten profitierten von billigen Dumpingpreisen. Diese Weltmarktpräsenz qua Endprodukt zerbrach um 1900, doch zu dieser Zeit war der Export des Knowhows bereits weit wichtiger: Anlagen und Maschinen, Kontrollgeräte und Saatgut, ebenso die deutsche Fachliteratur. Dieses Knowhow global präsenter deutscher Chemiker und Ingenieure ermöglichte dann die Rückkehr des Rohrzuckers als global dominante Süße.

Rohrzucker als Kolonialprodukt: Werbetafel einer Kolonialwarenhandlung von 1890 in der Rue des Petits Carreaux, Paris (Uwe Spiekermann, 2024)

Rohrzucker basierte auf Plantagen- und Sklavenökonomie. Doch er war zugleich ein europäisches Endprodukt. In den Karibikkolonien produzierte und konsumierte man Vorprodukte, zumal Melasse. Diese wurden nach Großbritannien, nach Amsterdam und Hamburg verschifft. 1807 gab es in Hamburg 217 Zuckersiedereien, noch in den 1860er Jahren bestanden europaweit fast achthundert Rohrzuckerfabriken.

Zucker lässt sich jedoch nicht nur aus Zuckerrohr extrahieren. Rohr und Rübe waren weltweit zweitrangig gegenüber Süßgräsern, etwas dem in Asien dominierenden Sorghum. Rübenzucker war hierzulande anfangs Ersatz; zugleich aber Hilfsmittel für eine gerechtere Welt. Der hugenottische Preuße Franz Carl Achard (1753-1821) legte mit seinen schlesischen Feldforschungen seit 1800 die wissenschaftlichen Grundlagen für die Extraktion. Rohrzucker war für ihn Sklavenkraut. Die Quäker seien daher zum Ahornzucker übergegangen. Doch die „Selbsterzeugung des Zuckers in Europa [sei] ein noch weit zuverlässigeres und sicheres Mittel, den Sklavenhandel zu vernichten.” „Erzeugung des Zuckers aus Runkelrüben” sei „Sache der Menschlichkeit” (Franz Carl Achard, Die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben […], neue verb. Aufl., Leipzig 1812, 425 und 426).

Rübenzuckerproduktion und Rohrzuckerimporte im Deutschen Zollverein 1836 bis 1871 (in Zentnern) (Darstellung auf Basis von Richard von Kaufmann, Die Zucker-Industrie, Berlin 1878, 42-43, 46-47)

Mittelfristig gelang dies, der Neustart erfolgte im Schutz des 1834 errichteten Deutschen Zollvereins. In den 1850er Jahren verdrängte Rübenzucker die Rohrzuckerimporte. Der Kartoffelanbau hatte arbeitsintensive Hackfrüchte etabliert, Rüben folgten, erst als Futtermittel, dann als Rohware. Die Besteuerung erfolgte nach der Erntemenge – und dies war ein massiver Anreiz für die gezielte Erhöhung des Zuckergehalts der Pflanzen. Verbesserte Düngung verdoppelte den Feldertrag von 1850 bis 1900, parallel verdreifachte Züchtungsforschung den Zuckerertrag.

Die Wissenschaft leitet die Neugestaltung der modernen Zuckerproduktion (Das neue Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, 7. erw. und verb. Aufl., Bd. 5, Leipzig und Berlin 1878, 41 (l.); Richard v. Regner, Die Fabrikation des Rübenzuckers, Wien, Pest und Leipzig 1879, I)

Angewandte Wissenschaft verbilligte die Produktion. Man nutzte – wie die Konservenfabrikation – Vakuumtechniken, – wie die Milchwirtschaft – Zentrifugalkräfte und – wie die Bierproduktion – neuartige Filtertechniken. Die etwa 400 von Rübenbauern errichteten Fabriken verfügten über ausreichend Kapitel für einen sich stetig verbessernden Maschinenpark. Die Plantagenökonomie war von Sklavenblut besudelt, doch die Wissenschaft erlaubte ein reines, hellgelbliches Produkt, das durch den Einsatz von Ultramarin gar weiß schien.

Das Ersatzmittel verdrängt das Original: Weltmarktanteile von Rüben- und Rohrzucker 1840-1900 (Darstellung auf Basis von Ben Richardson, Sugar: Refined Power in a Global Regime, Houndmills und New York 2009, 51)

Die deutschen Fabrikanten überholten die anfangs führenden französischen Anbieter, eroberten mit ihrem reinen Wissensprodukt parallel die Exportmärkte in Großbritannien und den USA. Der stetig wachsende Markt war der Erfolg des Rübenzuckers.

Politisch gestoppt: Synthetisierte Süßstoffe in den 1890er Jahren (Schwäbischer Merkur 1898, Nr. 303 v. 28. Dezember, 2757 (l.); Das Echo 20, 1892, Nr. 488, II; Deutscher Reichsanzeiger 1895, Nr. 306 v. 24. Dezember, 12 (r.o.); ebd. 1896, Nr. 25 v. 28. Januar, 13, r.u.))

Rübenzucker stand allerdings selbst unter Druck. In den USA wurde zwischen 1850 und 1880 mit hohen Mitteln versucht, Sorghum-Zucker zu etablieren. Man scheiterte an der Extraktion und Klebrigkeit der Zuckerhirse. In Deutschland entstanden seit den 1880er Jahren andere, wahrlich wissenschaftliche Konkurrenten, nämlich synthetische Süßstoffe, Pendants der Teerfarben. Saccharin und Dulcin substituierten 1901 etwa ein Achtel des Zuckermarktes, wurden dann jedoch rezeptpflichtig.

Anlagenbau: Rübenzuckerfabrik der Braunschweiger Maschinenbau-Anstalt 1878 (Das neue Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, 7. erw. u. verb. Aufl., Bd. 5, Leipzig und Berlin, 1878, 41)

Der deutsche Zuckerkonsum stieg stetig an, erreichte um 1900 etwa zehn Kilogramm pro Kopf, vor dem Ersten Weltkrieg dann 25 Kilogramm. Doch wichtiger war die grundlegende wissenschaftlich-technische Infrastruktur: Erstens die enge Kooperation von Agrarwissenschaft, Maschinenbau und Chemie. Zweitens begann in den 1870er Jahren der Anlagenbau, also das Angebot schlüsselfertiger Fabriken. Die Braunschweiger Maschinenbau-Anstalt lieferte bis 1877 einundvierzig solche Fabriken – erst im Inland, dann im europäischen Ausland.

Klonen und Verbreiten: Angebote der Braunschweigischen Maschinenbau-Anstalt (Weekly Statistical Sugar Trade Journal 27, 1903, Nr. 46, 5)

Bis zur Jahrhundertwende waren es dann etwa 180 Fabriken, nun aber weltweit. Drittens ergänzten deutsche Anbieter solche Anlagen kleinteilig, durch neu patentierte Technik, durch neu entwickelte Verfahren. All dies zielte viertens auf eine möglichst automatisierte Zuckerproduktion. Die Rüben – oder aber das Zuckerrohr – wurden angeliefert, die Essenz extrahiert – und am Ende stand eine wachsende Palette standardisierter Zuckerprodukte.

Deutsche und österreichische Patente, deutsche Maschinen, französisches und deutsches Saatgut, deutsch-amerikanischer Unternehmer: Die erste großbetriebliche Rübenzuckerfabrik in den USA 1889 (Herbert Myrick, The American Sugar Industry, New York, Springfield und Chicago 1889, 170)

Die Kunsträume der Zuckerproduktion wurden global errichtet, die Umwelt passte sich den Fabriken an, nicht umgekehrt. Hier sehen Sie die erste größere Rübenzuckerfabrik in den USA, errichtet vom deutsch-stämmigen Zuckerkönig Claus Spreckels (1828-1908). Er hatte zuvor Hawaii zum Rohrzuckerarchipel umgestaltet. Nach Ende des Sorghum-Abenteuers war diese Fabrik der Beginn eines vor allem von Spreckels angeführten Aufbaus einer amerikanischen Rübenzuckerindustrie.

Alte und neue Produktionsmethoden in der britischen Kolonie Barbados (Barbados Illustrated 1911, T. 2, 29 (l.); ebd., 23)

Wissenschaft und Technik sind anpassungsfähig, und chemisch gibt es keinen Unterschied zwischen Rohr- und Rübenzucker. Der Maschinenpark unterschied sich vornehmlich bei den Zerkleinerungsmaschinen und der Filtertechnik. Oben sehen Sie neu implementierte Vakuumpfannen in Barbados, gefertigt von englischen Maschinenbauern. Das reichte für Produktivitätssprünge bei Zwischenprodukten, während die eigentliche Wertschöpfung weiter in den Raffinerien der westlichen Zentren erfolgte.

Mikrokontrolle der Zuckerproduktion: Laboratoriumsgeräte wie Polariskope oder Alkohollampen; patentiert für Georg Stade, Berlin (Verzeichnis der Rübenzuckerfabriken und Zucker-Raffinerien im deutschen Reiche 17, 1900/01, Werbung, 89 (l.); Rufus Frost Herrick, Denaturated or Industrial Alcohol, New York 1907, 230)

Für einen wissenschaftlichen Betrieb waren Laboratoriumsgeräte wichtiger als zuvor schon eingeführte Erntemaschinen: Oben ein Polariskop zur Messung des Zuckergehaltes und eine Alkohollampe für Produktion ohne Abgase.

Aufbau dezentralisierter Maschinenbaufirmen – auf Grundlage nicht zuletzt deutscher Expertise und Patente (Louisiana Planter Sugar Magazine 35, 1905, Nr. 3, xxxvi)

Ein weiterer Schritt deutscher informeller Imperien war die dezentrale Produktion auf Basis von Patenten. Oben ein Einblick in die Honolulu Iron Works, wo westliche Facharbeiter und Ingenieure auf Basis von Blaupausen dezentral Midtech-Produkte herstellten.

Importierte und vor Ort verbesserte Zuckerrüben in den USA (Beet Sugar Gazette 1, 1899/1900, Nr. 8, 9)

Der globale Transfer von Wissenschaft und Technik umfasst auch Saatgut. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg lieferte die Klein Wanzlebener Firma Rabbethge & Giesecke 55 Prozent des globalen Zuckerrübensaaten, der Quedlinburger Konkurrent Dippe ein weiteres Sechstel. Die Experten dieser Firmen bündelten das globale Wissen, waren weltweit vor Ort tätig, förderten dort die Verwissenschaftlichung der Produktion.

Zielorte deutschen wissenschaftlichen Know-hows: Rohrzuckerproduktion 1911 (Hendrik C. Prinsen-Geerligs, The World’s Cane Sugar Industry, Manchester 1912, XVI)

All dies führte zu einer um 1900 einsetzenden und zuvor kaum für möglich gehaltenen Renaissance des globalen Rohrzuckeranbaus. Die vorrangig aus Deutschland stammende Expertise, die Maschinen und Geräte, Samen nebst Pflanzenschutzmitteln prägten und veränderten die Weltwirtschaft.

Umkehr der Verhältnisse: Weltmarktanteile von Rüben- und Rohrzucker 1840-1920 (Darstellung auf Basis von Richardson, 2009, 51)

Flankiert von den durch die Brüsseler Zuckerkonvention wegbrechenden Exportsubventionen wuchs der Weltmarktanteil des Rohrzuckers dramatisch, überholte 1911 wieder den des Rübenzuckers. Die Technik glich sich an, Klima- und Arbeitskostenvorteile traten hervor. Der Weltkrieg beschleunigte diesen Wandel, 1920 lag der Anteil des Rübenzuckers nurmehr bei etwas über 20 Prozent. Die Auswirkungen des Versailler Vertrages zerstörten die Vorkriegsstellung der deutschen Zuckerwirtschaft endgültig. Doch die Verwissenschaftlichung des Süßen war damals längst erfolgt.

Die Chemisierung des Rums

Nun zu Rum, heute ein 37 Milliarden Dollar-Markt. Rohrzucker und Melasse wurden auch zu Schnaps vergoren. Doch Rum ist nicht Rum ist nicht Rum. Das scharfe koloniale Gesöff wurde seit dem späten 19. Jahrhundert nicht zuletzt mit deutschem Knowhow zu einem milderen Getränk. In Deutschland war es wohlbekannt, doch kaufen konnte man nur Kunstprodukte. Diese Unordnung im deutschen Markt führte zu neuen Kontroll- und verbesserten Produktionsverfahren. Die Chemisierung gründete zudem auf Versuchen um deutschen Ersatz. Auch eigener Kolonialrum wurde angegangen, scheiterte jedoch. Am Ende erlaubte deutsche Expertise weltweit neuartige Firmen für chemischen reinen Rum.

Rum besitzt bis heute chemisch ungeklärte Aromenspektren. Der Begriff stammt von der britischen Karibikkolonie Barbados, wo er seit 1651 als „Rumbullion“, als „Kill Devil“, bekannt war. Als Nebenprodukt der Rohrzuckerwirtschaft verbreitete sich das Gärungsprodukt im 17. und 18. Jahrhundert, wurde zum Alltagsgetränk in den britischen Kolonien Nordamerikas. In Europa etablierte sich das Kolonialgetränk seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, doch spätestens seit den 1830er Jahren geriet der Markt durch Temperenzbewegung und Abolitionismus unter Druck. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jamaika Barbados als wichtigsten Produktionsstandort längst abgelöst, während der US-Markt vornehmlich von der spanischen Kolonie Kuba beliefert wurde.

Deutscher Rum: Ersatzprodukt aus vergorenem Rohrzucker (Allgemeiner Anzeiger [Gotha] 1812, Nr. 117 v. 2. Mai, Sp. 1216)

In deutschen Landen nahm der Konsum von Rum seit dem späten 18. Jahrhundert im Bürgertum, teils auch im Adel langsam zu. Die Kontinentalsperre der napoleonischen Zeit unterbrach allerdings den Import. Ersatzmittel waren die Folge, doch Deutscher Rum aus heimischen Rohstoffen konnte nicht überzeugen. Selbst kapitalkräftige Firmen scheiterten am Geschmack, an fehlenden chemischen Kenntnissen, an der noch in den Anfängen stehenden Aromaforschung.

Die moderne Hausfrau: Rum-Rezept in einer führenden Frauenzeitschrift (Wiener Hausfrauen-Zeitung 20, 1894, Nr. 5, 43)

„Deutscher Rum“ war Ersatz in einem Markt ohne wirklich reiner Rum. Das koloniale Gesöff kam über die Londoner Docks nach Hamburg und Bremen. Gewiss, es gab durchaus sog. „echten“ Rum. Doch der 75%ige Jamaika-Rum war zu scharf. Wasser half, ebenso Aromastoffe. Echter Rum war Verschnittrum von 50/55 Prozent. Akzeptabel, denn er wurde ja als Grog weiter verdünnt, diente ansonsten als Küchengewürz, als Zusatz zu Schnaps und Korn.

Warum aber da stehen bleiben? Die breite Masse des Marktes bestand aus Kunstrum, war eine Mischung aus Kartoffelsprit und aromatischen Zusätzen. Das Rezept unterstreicht, dass frau das auch selbst herstellen konnte, Apotheken und Drogerien boten die Grundstoffe.

Rum à la Jamaika: Do-it-yourself Rumessenzen von Max Noa (Berliner Volks-Zeitung 1904, Nr. 487 v. 16. Oktober, 4)

Derartige chemische Selbstermächtigung gab es auch in wohlbetuchten Kreisen. Dazu diente Faconrum, also Kunstrum mit etwa einem Zehntel Importrum. Schlechter Verschnitt. Bequemer und preiswerter waren dagegen die seit den 1890er Jahren reichsweit orderbaren Do-it-yourself-Varianten, die Rumessenzen. Weingeist, Essenz, umrühren – Wohlsein!

Der deutsche Rummarkt war vielgestaltig und ungeordnet: Fabrikanten tüftelten an Mischungen und Aromen, besser als das unbekannte Naturprodukt. Die Chemiker waren bis Anfang des 20. Jahrhunderts allerdings nicht in der Lage, Verfälschungen gerichtssicher aufzudecken. Importkontrollen scheiterten. Umgekehrt bot dies neue Exportchancen: Gerade Hamburg entwickelte sich zum führenden Exporteur für deutschen Kunstrum, der insbesondere in den französischen und deutschen Kolonien den „echten“ Karibikrum aus dem Markt drängte.

Chemisch reine und verträgliche Spirituosen: Kampf dem Füselöl (Von oben n. unten: Lintner, 1886, 23; Hilger und Kayser (Hg.), 1886, 27; Lenze, 1894, I (l.); Klemm, 1890, I)

Die chemische Marktordnung scheiterte, trotz umfassender Bemühungen des Reichsgesundheitsamtes. Doch Anstrengungen haben Folgen. Wenn man schon den Markt nur grob kontrollieren konnte, so wollte man doch zumindest unmittelbar drohende Gefahren minimieren. Das galt für die bei der Vergärung entstehenden sog. Fuselöle. Produktions- und Filtermethoden für möglichst reine, fuselfreie Spirituosen etablierten sich. Neue Produktionsverfahren waren einerseits reiner, anderseits auch für Melassevergärung geeignet. Neue Maschinen folgten und ermöglichten einen neuerlicher Aufschwung der Rumproduktion in der Karibik.

Automatische Destillationsanlage der West India Rum Refinery in Barbados (George Stade, Modern Sugar Machinery, Berlin s.a., 97)

Wie im Falle von Zucker, durchdrangen deutsche Ingenieure die Imperien der Anderen. Bacardi auf Kuba stellte als erster auf fuselfreie Rumproduktion um. Doch die Deutschen folgten. Dies ist die Zeichnung einer von der Maschinenfabrik Sürth bei Köln erstellten kontinuierlichen Destillationsanlage. Sie wurde Ende 1892 nach Barbados verfrachtet. Die eigens gegründete Firma Stade Bros. lieferte einen anerkannt reinen Rum.

Zertifizierter fuselölfreier Rum: Anzeige für Stade’s Rum (Barbados Herald 1893, Ausg. v. 11. Dezember)

1895 produzierte Stade mit seiner deutsch-dänischen Expertengruppe bereits zwei Drittel des Rums auf Barbados, ein Großteil der traditionellen Produzenten zog sich aus dem Geschäft zurück. Georg(e) Stade (1863-1922), längst britischer Staatsbürger, blieb bis 1898 auf Barbados, entwickelte neue Maschinen und Geräte, die er nach seiner Rückkehr von Berlin aus weltweit vermarktete.

Globale Diffusion neuer automatisierter und fuselfreier Brennblasen im französischen Karibikkolonie Martinique (M. Colletas, La Fabrication actuelle des Rhums, principalement á la Martinique, Journal d’Agriculture Tropicale 5, 1905, 68-75, hier 72 (l.); ders., L’Avenir de la Rhummerie, ebd. 6, 1906, 165-168, hier 166)

Stade steht für eine Reihe global aktiver deutscher Ingenieure, die ihre Maschinen und Dienstleistungen über Agenturen weltweit anboten. Üblicher waren allerdings Entwicklungsingenieure, die ihre Patente an größere Maschinen- und Anlagenbauer verkauften. Die Chemisierung des Rums wurde damit weltweit gefördert, auch wenn die Anlagen – hier eine aus Französisch-Martinique – vielfach nicht den Produktionssprung des Rohrzuckers erreichten. Das lag nicht nur am Produkt, sondern auch an der fehlenden Konkurrenz eines mindestens ebenbürtigen Ersatzprodukts.

Die Technisierung des Biers

Bleibt noch Bier als neues Tafelgetränk – und das werden Sie als Deutsche ja aus dem Eff-Eff kennen. Sie wissen von den großbetrieblichen Anfängen des Gewerbes in Großbritannien – wo sonst. Sie wissen über den Geschmackswandel hin zum Münchener Lagerbier, zum böhmischen Pilsener. Sie wissen um die umfassende Technisierung des Biers in den 1860er bis 1880er Jahren, durch die ein völlig neues standardisiertes Getränk entstand, das vielen anfangs gar nicht mundete. Sie dürften weniger wissen über den Transfer der Bierbrauerei zu den deutschen Nachahmern in die USA. Das Vaterland war ihnen anfangs Vorbild, doch spätestens seit den 1890er Jahren waren ihre Braustätten weit größer und technisch versierter, ihr Bier moderner. Deutsche und Deutschamerikaner waren zugleich Hauptkonkurrenten im globalen Wettbewerb um Bier und Biertechnik. Vom englischen Porter und Ale sprach man vor dem Weltkrieg kaum noch, denn mit deutscher Technik hatte sich Lagerbier auch auf der Insel etablieren können.

Englischer Porter war das erste großbetrieblich hergestellte Bier, London wurde seit Mitte des 18. Jahrhunderts zum Innovationszentrum. Das obergärige Getränk konnte ohne Kühltechnik bei mittleren Temperaturen gebraut werden. Es war vollmundig und nach kurzer Lagerzeit trinkfertig. Durch starken Malzeinsatz besaß es hohen Nährwert und Alkoholgehalt. Das britische Imperium ermöglichte seine weltweite Verbreitung.

Unerreichtes Vorbild: Schemazeichnungen einer englischen Porter-Brauerei (Johann Carl Leuchs, Vollständige Braukunde, Nürnberg 1831, 596)

Wie anders die Situation in Deutschland. Ein Großteil des Bieres entstand in Hausbrauerei. Bier war Saisonware, nicht lange haltbar, schmeckte immer wieder anders. In Großbritannien hatte man dagegen „Monsterbetriebe“ mit hunderten von Beschäftigten aufgebaut, setzte Dampfmaschinen ein. Kontrolltechniken der Eisenverhüttung und der Bergbaus standen Pate für Messtechnik wie das Thermometer und das neu entwickelte Saccharometer. In Bayern folgte die Nutzung erst aufgrund typischer Industriespionage.

Ausdruck deutscher technologischer Hybris: Werbung für Johann Hoffs Berliner Porter-Brauerei in der Gründerzeit (Hamburger Nachrichten 1872, Nr. 232 v. 29. September, 9 (o.); Berliner Börsen-Zeitung 1873, Nr. 81 v. 18. Februar, 9)

Nach Ausbau der industriellen Basis gab es vielfältige Versuche, Porter auch in deutschen Landen einzuführen. In Nord- und Ostdeutschland gab es eine weit zurückreichende Tradition von Braun- und Schwarzbieren. Nach dem Sieg über Frankreich etablierte der Berliner Werbepionier Johann Hoff eine Porter-Brauerei und dichtete hoffnungsfroh: „Was wär‘s, das Deutsche Industrie / Nicht auch zu Stande brächte?“ Er scheiterte rasch, sein Kunstgebräu muss ekelig geschmeckt haben. Doch insbesondere im Süden bevorzugte man ohnehin untergärige, sogenannte Lagerbiere.

Ein neues Getränk: „Deutsches“ Bier

Lagerbiere, der Name sagt es, sind technisch anspruchsvoller, erfordern Nachreife und umfangreiche Kühlung. Sie sind wetterabhängig, bedürfen eines kontrollierten Umfeldes. Das war über lange Zeit Handwerkskunst kleiner Betriebe. Doch das veränderte sich ab der Jahrhundertmitte. Anfangs kamen weitere Innovationen aus dem Ausland, Liebigs Gegenspieler Louis Pasteur (1822-1895) klärte den Gärungsprozess. Zentral war die Schaffung von Reinhefe, durch das wildes Bier eingehegt werden konnte. Die mit Carl Linde (1842-1934) in München unmittelbar verbundene Kühltechnik ersetzte zunehmend das Natureis, erlaubte erst Kunsteis, dann ein kühles, kontrolliertes Produktionsumfeld. Die bestehenden Hilfsmittel wurden verbessert, neue Kontrollgeräte entwickelt. Die deutschen Agrarwissenschaftler hoben zugleich die Kontrolle über die Rohstoffe auf eine neue Ebene, gerade beim Malz. Die Brauwirtschaft wuchs, die Staaten finanzierten erste Brauerkursen, dann weltweit einladende Versuchs- und Lehranstalten. Durch die deutsche Einheit verankerte sich bayerisches Bier in ganz Deutschland. Dass man parallel das vielfach überlegene Wissen böhmischer Brauer nutzte, ließ den Fanfarenklang nicht abklingen. Ökonomisch entscheidend waren die nun erst erlaubten Aktiengesellschaften. Sie bündelten Kapital, verdichteten Innovationen, multiplizierten die Technik. Und sie suchten größere Märkte, Weltmärkte.

Exportbiere auf deutschen Landen (Oben v. l. n. r.: Dresdner Nachrichten 1906, Nr. 82 v. 25. März, 8; Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 52, Bibl. 2, 2; Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 200 v. 25. August, 7: unten: Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 11, Beibl. 1, 1 (l.); Fliegende Blätter 107, 1897, Nr. 2712, Beibl. 5, 4)

Hier sehen Sie einige damals typische Werbemittel – die Geschmackseinbußen durch Pasteurisierung wurden allerdings nicht adressiert.

Werbung für Deutsches Pilsener in Britisch-Indien (The Civil and Military Gazette (Lahore) vom 1. Juni 1886)

Während hierzulande vielfach über „Dividendenjauche” geklagt wurde, klang es im Ausland anders: „The lightest, purest and most wholesome“ tönte Becks etwa in Britisch-Indien.

Spezialisierte Export-Brauereien: Betriebsstätte der neu erbauten Bamberger „Frankenbräu“ (Bier-Export-Blatt 2, 1886, Nr. 13, 1)

Seit den 1880er Jahren entwickelten sich zudem Exportbrauereien, spezialisiert auf haltbare und dennoch akzeptable Biere.

Globaler Wettbewerb der Biersorten: Angebot der deutsch-amerikanischen San Francisco Stock Brewery (Wasp 12, 1884, Nr. 2, II)

Dieser deutsche Exportdruck verdrängte innerhalb von wenigen Jahrzehnten die zuvor dominanten dunklen, trunken machenden britischen Biere. Die USA waren das erste umfassende Testfeld, die deutschstämmigen Einwanderer halfen als Konsumenten und als Brauer. Es folgte die Durchsetzung in Süd- und Mittelamerika: Deutsche Einwandererunternehmer etablierten sich in Mexiko, Brasilien und Kolumbien, veränderten die dortigen Trinkgewohnheiten. Markant war auch Japan: Dort wurden in Deutschland ausgebildete Braumeister engagiert, Kapital kam aus lokalen Quellen. Die dritte Welle bildeten in Deutschland ausgebildete Brauspezialisten, die dann in ihrer Heimat „deutsches“ Bier fabrizierten. Helles deutsches Bier setzte sich durch, wie zuvor der helle deutsche Zucker.

Das Produkt Bier war das eine. Wichtiger aber war abermals der Übergang vom Produkt- zum Technologieexport. Paradigmatisch dafür stand die Augsburger Maschinenbaufabrik Riedinger. Zwischen 1886 und 1896 errichtete sie weltweit mehr als einhundert Lagerbierbrauereien. Kapital sammeln, telegraphisch ordern, deutsche Braumeister anheuern, schon konnte es losgehen. So einfach war es natürlich nicht, die Übertragung etwa des metrischen in das „imperial system“ belieb schwierig. Doch deutsche Technik und deutsche Braumeister drangen auch in Großbritannien vor, Lagerbier etablierte sich als gleichberechtigte Ergänzung im Stammland der dunklen Biere.

„Dividendenjauche“: Qualitätsprobleme als Anfangsbürde des Neuen (Puck 5, 1880/81, 183)

Das Janusgesicht der neuen Brauereitechnik blieb jedoch. Die neuen Biere waren nur selten rein, enthielten Zusatz-, Konservierungs- und Farbstoffe. In Bayern nicht sehr ausgeprägt, doch im Norddeutschen Braugebiet üblich. Die Brauerei war – wie beim Rum – marktnah und erfolgreich; doch hierzulande setzte sich Fiktion von „Reinheit“ und „natürlichen Grundstoffen“ 1906 durch, als das Reinheitsgebot reichsweit festgeschrieben wurde.

Den Lehrmeister überholen: Schlitz Brewing Company, Milwaukee (William John Anderson und Julius Bleyer (Hg.), Milwaukee’s Great Industries, Milwaukee 1892, 340)

Zusatzstoffe und andere Rohstoffe waren allerdings ein wichtiger Bestandteil der Braukunst der deutschen Einwanderer in den USA. Mit deutscher Technik, deutschem Knowhow bauten sie neue „Monsterbrauereien“. Sie nutzen Zusatzstoffe nicht nur Fälschung, sondern um in der Ferne ein echt „deutsches“ Bier zu brauen, trotz anderen Hopfens, anderer Gerste, anderen Wassers. Sie importierten anfangs deutsche Maschinen, verbesserten diese aber. Der riesige Markt, das andere Klima, sie erforderten kleinteilige Kühltechnik, Kühlwaggons, andere Verpackungen. Flaschenbier setzte sich dort schneller durch.

Das war ein anderer Pfad deutscher Braukunst, die man zugleich feierte wie daheim. Doch die USA waren das bessere Deutschland, kein Land der Zensur, des Militarismus: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, / Erwirb es, um es zu besitzen.“ Und es dann selbst auszugestalten.

Modernes Marketing, modernes Getränke-Design: Blue Ribbon, eingeführt 1882 (The Theatre 1, 1913, Nr. 152, XII (l.); ebd., Nr. 151, X)

Dies gelang – und sie kennen solche Biere seit zwei Jahrzehnten als „Craft Beer“. Sie waren nicht nur modern, sondern moderner – und sie verdrängten seit den 1890er Jahren weltweit das „deutsche“ Bier von der Exportmärkten. Das Bier der früheren Heimat war zu teuer, das Marketing vielfach veraltet.

Die gegen die irischen, gegen die deutschen Trunkenbolde gerichtete Prohibition zerstörte diese deutsch-amerikanische Bierkultur – so wie man in Deutschland zuvor die gefährliche Neuerung der Süßstoffe verboten hatte, die in den USA nicht nur erlaubt blieben, sondern auch fürs Brauen genutzt wurden.

Made in Milwaukee: Deutsch-Amerikanische Maschinen für die Joseph Schlitz Brewing Company: Toepfer’s Mechanische Wende-Darren (Der Amerikanische Bierbrauer 19, 1886, 284)

Deutsche Technik, deutsche Braukunst bestimmten für mehrere Jahrzehnte den Weltmarkt. Doch die deutschstämmigen Amerikaner zeigten, dass zeitweilige Vorsprünge rasch eingeholt werden konnten. Zuerst erfolgte dies bei der Verarbeitung der Rohwaren, betraf dann aber auch den Kern des Betriebes – und nach der Jahrhundertwende importierten deutsche Großbrauereien zunehmend Technik der deutschen Emigranten.

Transatlantischer Technologietransfer: Automatische Fass-Reinigungsmaschinen und Maisch-Aufhackmaschinen für die Joseph Schlitz Brewing Company (Western Brewer 36, 1910, Nr. 5, 158 (l.); Bayerisches Brauer-Journal 18, 1908, Nr. 20, II)

Bis zum Ersten Weltkrieg gab es einen wechselseitigen Technologietransfer – Folge einer zunehmenden Spezialisierung einzelner Maschinenbaufirmen. Der globale Biermarkt war durch die Diffusion deutscher Technik viel breiter, Bier zum weltweiten Tafelgetränk geworden. Doch der deutsch-deutschamerikanische Wettbewerb zeigte zugleich, dass der Vorsprung des Pioniers geschwunden war. Der Weltkrieg zerbrach die erste Globalisierung. Deutsche Wissenschaft, Chemie und Technik hatten die Tafel zuvor weltweit neu gedeckt. Doch sie hatten nicht nur Abnehmer gefunden, sondern auch Fortsetzer und Nachfolger. Das Modell einer aus deutschen Landen stammenden wissenschaftlich-technischen Lebensmittelproduktion war etabliert, wurde eigenständig übernommen – und die Welt folgt dem bis heute.

Die erste Globalisierung als Folie heutiger Ernährungsweisen

Hunger als Waffe: Herero-Krieg, Ablieferung von Milchkühen, Ablieferungsschlacht (Der Welt-Spiegel 1906, Nr. 85 v. 25. Oktober, 4 (l.); Simplicissimus 24, 1919/20, 231; Mehl und Brot 43, 1943, 354 (r.))

1. Die Tafel wurde im späten 19. Jahrhundert neu gedeckt, der Hunger erst in Europa, später auch in den meisten Teilen der Welt beseitigt. Kein Mensch muss mehr hungern. Doch es gilt auch: Was einst Folge begrenzter Agrar-, Produktions- und Transportmöglichkeiten war, wurde parallel und vor allem im 20. Jahrhundert eine bewusst und reflektiert eingesetzten Waffe. Die Zahl der Hungertoten schnellte erst nach der Beseitigung des Hungers massiv hoch.

Laboratorium und Hauswirtschaft Seit an Seit (Collier‘s 51, 1913, Nr. 7, 21)

2. Die Tafel wurde im 19. Jahrhundert neu gedeckt, die Verwissenschaftlichung, Chemisierung und Technisierung der Produktion weitete sich aus auf Handel und Haushalte. Doch es gilt auch: Die Binnenrationalität der Versorgungs- und Wertschöpfungsketten grenzt zwingend zahlreiche andere Rationalitäten auf, produziert zugleich „Irrationalität“. Anpassung, Veränderung und Verweigerung werden dadurch gleichermaßen erschwert, problematisch, teils kaum mehr möglich.

Der Globus als Markt (Kölnische Zeitung 1897, Nr. 1153 v. 29. Dezember, 4 (l.); Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 3, s.p.)

3. Die Tafel wurde im späten 19. Jahrhundert neu gedeckt, dank zunehmend leistungsfähigerer, international und multinational tätiger Akteure in der Verarbeitung, in der Distribution. Doch es gilt auch: Diese Akteure folgen zwingend eigenen Interessen und Kodierungen des Marktes. Sie etablieren und verfestigen globale Arbeitsteilungen der Zeit der Imperien, dienen und verdienen. Interessenfragen sind zu stellen und zu beantworten.

4. Die Tafel wurde im späten 19. Jahrhundert neu gedeckt, die Unsicherheiten einer Agrargesellschaft, der Frühindustrialisierung großenteils beseitigt. Doch es gilt auch: An ihre Stelle traten neue Formen der Unsicherheit, von Gefahren und Risiken. Das tägliche Brot ist sicher und bleibt unsicher.

Anteil am Lebensglück oder Der stetig offene Erwartungshorizont (Hamburger Echo 1914, Nr. 101 v. 1. Mai, 2)

5. Die Tafel wurde im 19. Jahrhundert neu gedeckt, der Bruch mit der Ernährungstradition und das Vertrauen in die Problemlösungskapazitäten des Marktes erfolgte hoffnungsvoll. Doch es gilt auch: Fremdversorgung im Elementarbereich menschlicher Existenz wirft grundlegend neue Fragen über die Essenz des Menschlichen auf.

Fleisch auch für die Armen: Desinfektionsapparat einer Freibank (Franz Kögler und Max Tempel, Der Schlacht- und Viehhof in Chemnitz, in: Festschrift zur 39. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Ingenieure, Chemnitz 1898, 85-93, hier 93)

6. Die Tafel wurde im späten 19. Jahrhundert neu gedeckt, die Utopien einer modernen (bürgerlichen) Konsumgesellschaft grundsätzlich erfüllt. Doch es gilt auch: Die damit einhergehenden massiven sozialen und globalen Differenzen, auch die ökologischen Folgen, bleiben zentrale Bürden. Die Unhaltbarkeit dieser Utopien ist offenkundig.

Uwe Spiekermann, 22. August 2026

Der vorliegende Beitrag ist eine leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Sommerakademie „Mahlzeit! Koch- und Esskultur zwischen Überleben und Lifestyle“ der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart am 3. August 2026.

Wissens- und Technologietransfer auf das Land: Die Anfänge der Rübenzuckerindustrie in Kalifornien, 1850-1900

„Jemand muss beginnen – wer wird der Glückliche sein? Denn es ist sicher, dass der Tag nahe ist, an dem Tausende von Tonnen Rübenzucker in Kalifornien hergestellt werden.“ [1] Als diese Frage 1857 im amerikanischen Westen aufkam, war Rübenzucker in Kontinentaleuropa bereits ein Erfolg. [2] Der Zuckergehalt der gemeinen Rübe war im 18. Jahrhundert von deutschen Praktikern nachgewiesen worden, Extraktionstechniken folgten. Züchtungsforschung und verbesserte Maschinen führten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Gründung zahlreicher Fabriken. Die Rübenzuckerindustrie gründete auf staatlicher Förderung, namentlich in Frankreich, Belgien und den deutschen Staaten, nachdem die britische Seeblockade französischer Häfen die Zerbrechlichkeit globaler Versorgungsketten deutlich gemacht hatte. Das neue ländliche Gewerbe galt als „heimisch“, denn es ermöglichte wachsende Unabhängigkeit vom globalen Rohrzuckerhandel, der vom Vereinigten Königreich und seinem wachsenden Kolonialimperium dominiert wurde. Rübenzucker war eine der ersten Industrien auf dem Lande: Die „rationale“ Landwirtschaft nutzte Wissenschaft und Technik, durchaus im Sinne des großen Vorbildes Großbritannien. Geist, angewandtes Wissen über die Natur, erlaubte die Produktion moderner Süße auf eigener Scholle. Rübenzucker galt als Triumph des Menschen über die Natur, als Sieg der Agrarwissenschaft und des Maschinenbaus über die Widrigkeiten von Boden und Klima. Die frühe Globalisierung führte eben nicht nur zur wirtschaftlichen Durchdringung und Ausbeutung kolonialer Regionen, sondern löste vielfältige Gegenreaktionen in den Zentren der westlichen Welt aus. Die Aufwertung des Rübenzuckers war Teil einer breiteren Bewegung zum Ersatz von Kolonialwaren durch heimische Substitute. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren ein Nachzügler im Zuckergeschäft. Die allein nennenswerte Rohrzuckerindustrie in Louisiana war klein; fast der gesamte Zucker, den die US-Amerikaner – seit den 1860er Jahren die zweitgrößten Pro-Kopf-Verbraucher der Welt – konsumierten, stammte damals aus der Karibik, dem Pazifikraum und aus europäischen Rübenzuckerimporten. [3] Die junge Nation musste dafür hohe Beträge an Ausländer zahlen – und gemäß den vorherrschenden Narrativen in diesem Hochzollland war eine einheimische Zuckerproduktion erforderlich, um amerikanischen Wohlstand zu sichern, um weitere Agrarsektoren aufzubauen. Mitte des 19. Jahrhunderts verfügten die USA allerdings noch nicht über die technologischen und wissenschaftlichen Kapazitäten zum Aufbau einer solchen Industrie. Getreide und Baumwolle waren die Hauptexportgüter dieses aufstrebenden, aber immer noch rückständigen Preisbrechers im Westen. Wissensbasierte Produkte waren noch Ausnahmen.

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Zukunftsvisionen: Vom Zuckerimportland zum Selbstversorger (American Sugar Industry 12, 1910, 318)

US-amerikanische Fachleute und Politiker waren Mitte des 19. Jahrhundert jedoch zuversichtlich, dass sie eine eigene Zuckerindustrie aufbauen und die europäischen Mächte in naher Zukunft gar überholen könnten: Erste Versuche der Zuckerherstellung waren zwar gescheitert, etwa die 1838 vom Bostoner Journalisten David Lee Child betriebene technische Nutzung seiner belgischen Erfahrungen [4]. Doch die Eroberung und Erschließung der neuen westlichen Territorien Mitte des 19. Jahrhunderts schien neue Chancen zu eröffnen. Als 1856 in San José erstmals Rübenzucker präsentiert wurde [5], galt die Natur als wichtigster Verbündeten der Pioniere. Stolz hieß es über Kalifornien: „Das reichste Land der Welt! Von der Natur mit allem ausgestattet, was das Herz des Menschen begehrt! Reich an Bodenschätzen; unvergleichlich an fruchtbaren Böden“ [6]. Das kalifornische Klima schien für den Rübenanbau perfekt geeignet, zwei Rübenernten pro Jahr möglich. Mochten die Arbeitskosten im Westen auch hoch sein, so sei die Sonne doch Garant für kontinuierliche Ernten und erfolgreiche Produktion. [7] Erste Versuche, in San José eine Rübenzuckergesellschaft zu gründen, scheiterten 1857 allerdings am mangelnden Interesse der Farmer. [8] Der erträumte „Garten des Pazifiks“ [9] blieb erst einmal unbestellt.

„Eine Abfolge von Katastrophen“ – Die frühe Geschichte der kalifornischen Rübenzuckerindustrie

Liest man gängige Darstellungen der US-Geschichte, so wurde diese unbefriedigende Situation durch den Einfallsreichtum des amerikanischen Kapitals und amerikanischer Unternehmer geändert, die den Weg zum Erfolg ebneten und dabei schließlich von den lokalen, bundes- und nationalstaatlichen Regierungen unterstützt wurden. [10] Wahrlich, frühe Versuche, in den 1860er und 1870er Jahren eine Rübenzuckerindustrie zu etablieren, scheiterten, doch um 1900 hatte sich die Branche bereits etabliert und schien ein mehr als überlegener Konkurrent der Rohr- und Rübenzuckerimporteure werden zu können. Dieses Narrativ einer „amerikanischen“ Erfolgsgeschichte ist jedoch höchst fragwürdig. Die amerikanische Rübenzuckerindustrie war stattdessen das Ergebnis eines Wissens- und Technologietransfers aus Europa, namentlich aus Deutschland. Sie war zudem in erster Linie das Geschäft von eingewanderten Unternehmern, allen voran des deutsch-amerikanischen Einwanderers Claus Spreckels. Die Etablierung dieser „heimischen“ Industrie war zugleich integraler Teil einer breiteren Geschichte des Imperialismus und des amerikanischen Zugriff auf Protektorate und Kolonien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Um diese Thesen zu untermauern, müssen wir ins Detail gehen: Dieser Beitrag wird Ihnen zunächst einen kurzen Überblick über die Entwicklung der kalifornischen (und US-amerikanischen) Rübenzuckerindustrie vor Ende der 1880er Jahre geben, als Claus Spreckels seine erste große Rübenzuckerfabrik in Watsonville, Kalifornien, gründete. Zweitens werde ich die Gründe für dessen Erfolg erörtern und dann drittens sein Scheitern bei der Errichtung eines großen Netzwerkes dezentraler Rübenzuckerfabriken in den frühen 1890er Jahren. Dies führte viertens zur Etablierung eines stärker zentralisierten Konzepts der Zuckerproduktion um die Jahrhundertwende, materialisiert in der für viele Jahrzehnte größten Rübenzuckerfabrik im Salinas Valley. Sie wurde zur Blaupause des raschen Wachstums der ländlichen Industrie auch abseits des Vorreiterstaates Kalifornien.

Am Anfang stand das französische Beispiel. In Kalifornien gehörten französische Rübenzuckerexperten wie Eugene Delessert zu den ersten Förderern der neuen Süßpflanze, Rübenzucker galt damals als „französisches Unternehmen“ [11]. Nach dem Goldrausch und getrieben durch steten Kapital- und Arbeitskräftezufluss war es 1857 kein Problem, Kapital für die Gründung einer ersten Rübenzuckerfabrik in San José aufzubringen [12], die von der kalifornischen State Agricultural Society enthusiastisch gefördert wurde. [13] Deren Schatzmeister J.C. Cobb hatte bereits 1855 in San José mit Experimenten begonnen. Zuckerproduktion war eben nicht irgendeine neue Branche, sondern hatte massive Koppeleffekte zur Folge: Sie würde die Versorgungsbasis des neuen US-Bundesstaates verbreitern, den Agrarhandel intensivieren und Agrarwirtschaft enger mit der industriellen Entwicklung verzahnen: „Sie beschäftigt eine große Menge an Land und Arbeitskräften, erhöht die Bodenwerte, führt zu einer Verbesserung des Viehbestands, stimuliert die verarbeitende, mechanische und andere landwirtschaftliche Arbeit im Allgemeinen.“ [14] So war es in Frankreich und Deutschland geschehen, so würde es auch im amerikanischen Westen werden. Die ermutigenden Ergebnisse dieser ersten Versuche überzeugten die kalifornischen Farmer jedoch nicht davon, die neue arbeitsintensive Kulturpflanze anzubauen, die ständige Pflege und vorsichtige Behandlung erforderte. [15] Rübenzucker blieb ein Importgut aus Frankreich und Deutschland, denn die einheimischen Farmer bevorzugten den sicheren und weniger arbeitsintensiven Getreideanbau. Die State Agricultural Society „machte die Öffentlichkeit wiederholt auf die Rübenzuckerproduktion aufmerksam“ [16], doch derartige Appelle bleiben mehr als ein Jahrzehnt praktisch echolos.

Dies änderte sich nach dem Bürgerkrieg [17]. In den späten 1860er Jahren entbrannte eine ähnliche Diskussion wie im Jahrzehnt zuvor – nun aber mit explizitem Bezug auf das erstaunliche Wachstum der deutschen, insbesondere der preußischen Rübenzuckerindustrie. Drei Gruppen trieben die neue Industrie voran: Agrarwissenschaftler, Zuckerproduzenten und Risikokapitalgeber. Während die Produzenten vorrangig versuchten, die Rohstoffbasis möglicher Fabriken zu verbreitern und von den Ergebnissen ihrer Anbauversuche meist enttäuscht waren [18], wurden die Risikokapitalgeber in den späten 1860er Jahren zur dominierenden Kraft, als in Sacramento und Alvarado die ersten Rübenzuckerfabriken gebaut wurden. [19]

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Öffentliche Ankündigung der Gründung der Sacramento Valley Beet Sugar Company 1868 (Sacramento Daily Union 1868, 27. April, 5)

Wagniskapital war mehr als ausreichend vorhanden: Als die Sacramento Beet Sugar Company am 24. April 1868 gegründet wurde, war das Grundkapital von 100.000 Dollar deutlich überzeichnet. [20] Die meisten Kapitalisten hatten jedoch nicht die geringste Ahnung von der Zuckerproduktion. Wie also der gemeinen Rübe genügend Zucker extrahieren? Der fähigste der Direktoren, William Wadsworth, ehemals Redakteur einer landwirtschaftlichen Zeitschrift, reiste zunächst in die amerikanische Fabrik in Chatsworth, Illinois [21] und dann nach Frankreich und Deutschland, um die Rübenzuckerproduktion zu studieren, Maschinen und Saatgut zu kaufen und Fachleute einzustellen, die mit der Branche vertraut waren. [22] Man glaubte, dadurch die Probleme gelöst zu haben: Wadsworth kam begeistert zurück und lobte die gegenüber Rohrzucker vergleichsweise einfache und rentable Herstellung von Rübenzucker. [23] Sein Vorschlag, das 1865 von Julius Robert im mährischen Großseelowitz entwickelte Diffusionsverfahren anzuwenden, stieß jedoch auf Skepsis. Auf Anraten eines französischen Experten testete man die neue Methode in einer kleinen Versuchsanlage, so dass die Produktion erst 1871 aufgenommen wurde. [24] Unter der Leitung eines deutschen Superintendenten und Chefingenieurs war die erste fast ausschließlich auf deutschen Maschinen und deutschem Saatgut basierende Kampagne durchaus erfolgreich. Wie parallel die frühen kalifornischen Winzer – anfangs viele deutsche, später dann zunehmend italienische Einwanderer – zogen auch die Rübenbauern ihr Saatgut anschließend selbst heran. Die Rübenanbaufläche betrug 500 Hektar, die Investition von 225.000 Dollar ermöglichte eine Verarbeitungskapazität von täglich 75 Tonnen Rüben. [25] Die Zeitungen lobten den „vollen Erfolg“ [26] der Sacramento Beet Sugar Company und erwarteten weitere und noch größere Fabriken. 1871/72 pachtete die Firma 1.100 zusätzliche Hektar, doch die Ernte wurde durch den Heerwurm, einen in Europa unbekannten Schädling, nahezu vernichtet. Es folgten Umstrukturierungen und eine weitere Vergrößerung der gepachteten Rübenflächen – und in den beiden folgenden Jahren gab es geringe Gewinne. Dennoch: Eine kalifornische Rübenzuckerproduktion schien sich zu etablieren: Mehr als 650 Männer – 150 „Weiße“ in der Fabrik und 500 „Chinesen“ auf den Feldern – waren in dem Nachfolgeunternehmen Sacramento Valley Beet Sugar Factory beschäftigt. [27] Doch die Verantwortlichen bekamen die technischen Probleme nicht vollends in den Griff, scheiterten insbesondere an der Standardisierung der Produktion. Nicht weniger als sieben technische Leiter widmeten sich der Verbesserung des Rübenanbaus, des Transports und der Verarbeitungstechnik. Verbesserungen waren sichtbar, die Reinheit des Produkts nahm zu, die Farbe des raffinierten Zuckers änderte sich von Braun zu fast Weiß, und das Unternehmen konnte eine eigene Saatgutproduktion aufbauen. 1875 galt die Zuckerindustrie vielen Investoren daher als „ein sicheres Geschäft, in das sich das Kapital mit völligem Vertrauen einbringen kann“ [28] – auch wenn es immer noch schwierig war, qualifizierte Arbeiter zu finden. Doch eine Dürre veränderte die natürlichen Rahmenbedingungen, und ein heftiger Preiskampf zwischen den Rohrzuckerraffinerien in San Francisco, darunter auch der von Claus Spreckels, führte zu Preissenkungen. Außerdem wollten die meisten Direktoren und Investoren nach dem Tod von William Wadsworth im Jahr 1874 auch erste Dividenden für ihr eingezahltes Kapital sehen. Das führte zum raschen Ende: Fabrik und Gelände wurden 1875 für 74.000 Dollar verkauft; die Maschinen brachten 45.000 Dollar ein und wurden für eine neue Rübenzuckerfabrik in Soquel verwendet. [29] Die landwirtschaftliche Presse, die das Unternehmen jahrelang als kalifornischen Vorzeigebetrieb gepriesen hatte, klagte nun über den „Mangel an sorgfältiger Betriebsführung“ [30] und dass man den offenbar minderwertigen Boden im Vorfeld nicht geprüft hatte. Bis zum letzten Kampagne 1875 stockte die Produktion immer wieder, während zugleich lukrative Führungspositionen mit Investoren und Politikern besetzt wurden, denen es an der nötigen Erfahrung und Kompetenz fehlte. [31]

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Die gängige Melange von Korruption und Geschäftssinn: Rückfragende Karikatur 1876 (Wasp 1, 1876, 81)

Günstiger war die Entwicklung der Zuckerfabrik Alvarado, die gemeinhin als die erste erfolgreiche Rübenzuckerfabrik in der kalifornischen und amerikanischen Geschichte gilt. Sie wurde 1870 mit einem Investitionsvolumen von 130.000 Dollar errichtet und nahm noch im selben Jahr die Produktion auf. [32] Die Maschinen, einschließlich der bereits veralteten Zentrifugentechnologie, wurden von der gescheiterten Fond Du Lac-Fabrik in Wisconsin gekauft. Zwei deutsche Einwanderer, die Maschinenbauer Andreas Otto und Ewald Lineau, übernahmen die Leitung des neuen Unternehmens. [33] Die mit einer Tageskapazität von 50 Tonnen Rüben eher kleine Fabrik arbeitete in den ersten vier Jahren erfolgreich und konnte die Zuckerproduktion von 500.000 Pfund im Jahr 1870 auf mehr als 1.000.000 im Jahr 1872 verdoppeln. [34] Interne Probleme führten jedoch zum Rückzug der Investoren aus Wisconsin; damit verlor man zugleich Fachwissen, zumal parallel große Teile des Maschinenparks in ein neues Werk in Soquel transferiert wurden. Im Jahr 1876 vernichtete eine weitere Dürre die gesamte Ernte, und die Fabrik wurde geschlossen. Die Alvarado Company blieb allerdings formal bestehen. Der Neuengländer Ebenezer Dyer reorganisierte das Unternehmen 1879, organisierte neues Kapital und führte die Standard Sugar Manufacturing Co. mit Maschinen aus Sacramento zum Erfolg. Unterstützt von dem deutschen Einwanderer Ernst T. Gennert war das Unternehmen das einzige kalifornische und amerikanische Rübenzuckerunternehmen, das in den 1880er Jahren erfolgreich arbeitete. Dyer etablierte sich parallel als Propagandist für den Rübenzucker, doch angesichts regelmäßig scheiternder Firmen war das Interesse potenzieller Investoren gering. [35]

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Produktionsstätten der Beet Sugar Factory Alvarado (Pacific Rural Press 30, 1885, 57)

In den 1870er Jahren gab es allerdings weitere Unternehmungen. Am wichtigsten war die bereits erwähnte Fabrik in Soquel. Sie wurde oft mit dem Namen von Claus Spreckels in Verbindung gebracht, doch gibt es keine Belege für eine etwaige finanzielle Beteiligung. [36] Rübenzucker wurde in Soquel erstmals 1869 hergestellt. Aber auch nach der Umstrukturierung der Firma im Jahr 1874 war die Santa Cruz Beet Sugar Company mit 70 Arbeitern und einer Tageskapazität von 50 Tonnen Rüben ein noch recht kleines Unternehmen. [37] Allerdings gab es zwei wichtige Besonderheiten: Erstens war es das erste kalifornische Unternehmen, das ein Vertragssystem nutzte, um Farmer für den Rübenanbau zu gewinnen – man etablierte damit das europäische System, das schon lange vor der Ernte feste Lieferungen privatrechtlich festschrieb. Zweitens regten die bis 1880 ökonomisch recht erfolgreichen fünf Kampagnen den führenden Rohrzuckerproduzenten Claus Spreckels an. Seine große Aptos-Ranch lag in der Nähe, im nahe gelegenen Watsonville sollte er sein erstes Rübenzuckerunternehmen gründen.

Misserfolge dominierten jedoch – zum Beispiel in Isleton und Alameda [38]. Wichtiger als Details zu den dortigen Firmen ist es jedoch, die Hauptgründe für die enttäuschende Entwicklung der kalifornischen und amerikanischen Rübenzuckerindustrie in den 1870er und 1880er Jahren herauszuarbeiten. Obwohl Boden und Klima – und die wachsende Nachfrage nach Zucker – an sich ideale Rahmenbedingungen für ein schnelles Wachstum der Industrie boten, waren fünf Hindernisse entscheidend für stete Misserfolge und geringe Fortschritte der neuen Industrie:

Erstens besaßen die meisten Produzenten keine fundierten Fachkenntnisse über den komplexen Prozess des Anbaus, der Herstellung und der Raffination von Rübenzucker. Importierte Maschinen und Saatgut konnten nicht effizient eingesetzt werden, denn es mangelte am Know-how, an der unaufwändigen selbständigen Regelung an sich kleiner Herausforderungen. Die angeworbenen deutschen Experten waren nicht in der Lage, diese Lücke zu schließen, zumal einige von ihnen kein Englisch sprachen, so dass sie Arbeiter und Farmer kaum anleiten konnten. [39]

Noch gravierender war zweitens der Mangel an Rüben für die Verarbeitung. Den ersten Unternehmen fehlten durchweg Rohprodukte. Die Farmer scheuten das Risiko statt der dominanten Getreidearten eine neue arbeitsintensive Hackfrucht zu kultivieren, die viel Pflege erforderte und neue Schädlinge mit sich brachte. Die Rübenpreise mochten zwar etwas höher gelegen haben als bei den bisherigen Agrarprodukten – doch für eine Umstellung hätte es stärkerer Pull- und Pushfaktoren bedurft. Das lag nicht nur an den Farmern selbst, sondern auch an einer nur gering entwickelten Beratung durch die Unternehmen oder aber bundesstaatliche agrarwissenschaftliche Institute. Dadurch nutzte man bestehende Bewässerungsmöglichkeiten nur unzureichend, blieb der Pflanzenschutz in den Kinderschuhen stecken und stellten wechselnde Witterungsbedingungen die Farmer immer wieder vor große Probleme.

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Zuckerrüben vor der Zuckerrübenraffinerie in Alvarado (Pacific Rural Press 30, 1885, 57)

Drittens war die Rübe in den 1860er und 1870er Jahren nur eine von vielen Pflanzen, die als Rohstoffbasis für eine heimische Zuckerindustrie propagiert wurden. Sorghum wurde vom Federal Bureau of Agriculture intensiv gefördert. Auch Wassermelonen schienen in den südlichen Regionen eine gute Alternative zu sein. [40]

Im Gegensatz zu Europa, wo die Rübenzuckerproduktion ein integraler Bestandteil der privatwirtschaftlichen oder genossenschaftlichen Landwirtschaft war, waren die frühen Unternehmen viertens kaum mit der landwirtschaftlichen Wissensbasis in Kalifornien verbunden – dies gewiss eine Folge der hohen Bedeutung von Wagniskapital. Die Zeitungen und auch die landwirtschaftlichen Fachzeitschriften kommentierten die bestehenden Herausforderungen und Probleme mangels Fachkompetenz kaum. Sie waren stattdessen lediglich an einer weiteren großen einheimischen Industrie interessiert, zeichneten immer wieder Wunschwelten, versprachen Investoren irreale Geschäfte.

Fünftens schmälerte schließlich der damalige, durch die Preiskämpfe der Zuckerraffinerien und ein wachsendes Rohrzuckerangebot von den Sandwich-Inseln und den Philippinen verursachte Preisverfall die Gewinne der Rübenzuckerindustrie. Verbraucher und Erzeuger wichen auf preiswerten Rohzucker aus, sahen für sich kaum Vorteile einer „heimischen“ Industrie. [41]

Ein neuer Anfang: Claus Spreckels Western Beet Sugar Company

Allen Misserfolgen zum Trotz wurde Kalifornien in den 1880er Jahren weiterhin als „das Zuckerland schlechthin“ [42] angepriesen. Doch ein neuer Realismus beendete diese „Ära der Übertreibung“ [43], das naive Lob der Rübenzuckerproduktion. Die Kalifornier waren zwar immer noch stolz darauf, über die einzige Fabrik in den Vereinigten Staaten zu verfügen, doch es war offensichtlich, dass Breitenwachstum ein anderes Geschäftsmodell erforderte.

Es war der deutsche Einwanderer Claus Spreckels, der den Unterschied machte. Er wurde in dem kleinen norddeutschen Dorf Lamstedt als Sohn von Kleinbauern geboren. Bevor er 1846 in die USA kam, erhielt er eine Volksschulausbildung und arbeitete als Landarbeiter. In seinem neuen Vaterland betätigte er sich zunächst im Einzel- und Großhandel. Im Juni 1856 siedelte Spreckels nach Kalifornien über, wo er im Einzel- und Großhandel, im Brauereiwesen und ab 1863 in der Zuckerraffination Geld verdiente. In den 1870er Jahren gelang es ihm, zum führenden Rohrzuckerproduzenten des Westens aufzusteigen. Mit Hilfe moderner Maschinen, innovativer Technik und knallharter Geschäftsprinzipien entwickelte sich seine California Sugar Refinery zum führenden kalifornischen Unternehmen. Sie bildete die industrielle Grundlage zur Verarbeitung immer größerer Importe aus dem Königreich Hawaii. Der 1876 geschlossene Reziprozitätsvertrag förderte amerikanische Direktinvestitionen, und Spreckels etablierte Zuckerplantagen in bisher unbekannter Größe. Binnen weniger Jahre schuf er einen vertikal integrierten Zuckerkonzern, der die Produktion, den Transport, die Herstellung, die Finanzierung und den Großhandel mit Rohrzucker im amerikanischen Westen beherrschte. [44]

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Herzstück des Spreckelsschen Zuckerimperiums: Die California Sugar Refinery in San Francisco 1881 (Kirk, 2000, 17)

Als „Zuckerkönig des Westens“ hatte Spreckels eine ambivalente Stellung gegenüber der kalifornischen Rübenzuckerproduktion: Ein Netzwerk einheimischer Erzeuger konnte seine beherrschende Stellung in Frage stellen. [45] Doch der deutsche Einwanderer bekämpfte die lokalen Bestrebungen nicht. Stattdessen plädierte er stets für staatlichen Zollschutz [46] und senkte in den 1880er Jahren seine Zuckerpreise nicht so weit, dass dies der Fabrik in Alvarado den Garaus gemacht hätte. [47]

Dies war für die Öffentlichkeit überraschend, den Claus Spreckels galt nicht zu Unrecht als einer der vielen rücksichtslosen und gierigen Oligarchen, die mit billigen Arbeitskräften und Preisabsprachen rasch immense Vermögen anhäuften [48]. Doch Spreckels war schon früh an Rübenzucker interessiert. Zwischen 1865 und 1867 hatte er in Preußen dessen Anbau und Herstellung studiert. [49] Sein Bruder und Geschäftspartner Peter Spreckels, nach seiner Rückkehr ins Deutsche Reich ein erfolgreicher Bankier und Investor in Sachsen, war einer der ersten Direktoren der Rübenzuckerfabrik in Alvarado. [50] Claus Spreckels nutzte zudem seine 1872 erworbene Ranch in Aptos für den Anbau von Zuckerrüben und gründete dort gar eine kleine Zuckerfabrik – die California Sugar Beet Company in Capitola –, die von 1874 bis 1879 gleichsam im Testlauf geringe Mengen Rübenzucker produzierte. [51] Zu dieser Zeit war Spreckels jedoch nicht willens, in großem Umfang in die Rübenzuckerproduktion zu investieren. In Deutschland und Frankreich war die Rübenzuckerproduktion nicht zuletzt aufgrund billiger Landarbeiter und Pächter rentabel. In Kalifornien lagen die Lohnkosten für Landarbeiter und die Preise für die von Farmern gezogenen Rüben jedoch über der Rentabilitätsschwelle. [52] Das Scheitern fast aller frühen Unternehmungen bestätigte Spreckels Bewertung.

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Spreckels Landsitz in Aptos: Versuchsort für die Rübenzuckerproduktion (Santa Cruz, 1879, n. 64)

Mitte der 1880er Jahre änderten sich jedoch die Rahmenbedingungen. Fünf Gründe bewirkten den Wandel, kaum einer davon war auf die Lage in Kalifornien zurückzuführen:

Erstens konnten aufgrund des technischen Fortschritts in Europa die Produktionskosten erheblich gesenkt werden, wenn man denn Größenvorteile nutzen konnte. [53] Das belegte auch Spreckels großbetriebliche Plantagenwirtschaft auf den Sandwich-Inseln. Trotz stetig sinkender Zuckerpreise konnte er seine Gewinne in den 1880er Jahren steigern, konnte sich dadurch zugleich gegen Wettbewerber mit ungünstigeren Kostenstrukturen durchsetzen.

Zweitens hatte der Aufbau des hawaiianischen Rohrzuckergeschäftes Spreckels gelehrt, das erfolgreiche Zuckerproduktion politische Unterstützung bedurfte. Die Vereinigten Staaten zahlten US-Investoren seit dem Reziprozitätsvertrag von 1876 eine Prämie von zwei Cent pro Pfund für die Einfuhr von Rohrzucker nach Kalifornien. Trotz einer Vertragsverlängerung 1883 war es in den späten 1880er Jahren jedoch offensichtlich, dass diese hohe Subvention nicht länger Bestand haben würde. Mit dem McKinley-Tarif von 1890 wurden sie denn auch abgeschafft. Zugleich aber etablierte er neue Subventionen für „heimische“ Produzenten: Dank der engagierten Intervention kalifornischer Interessengruppen und von Vertretern der Republikanischen Partei – in der die Familie Spreckels ein wichtiger Faktor war – erhielten amerikanische Zuckerrübenproduzenten seither eine Prämie von zwei Cent pro Pfund heimischen Zuckers. [54] Zugleich erhöhte man die Zölle für Zuckerimporte. Das waren keine Petitessen: Vor 1913 stammten bis zu zehn Prozent des US-Bundeshaushalts aus Zuckerzöllen.

Drittens erodierte in den späten 1880er Jahren die ehemals dominante Stellung von Claus Spreckels auf Hawaii. Einerseits versuchten die lokalen Plantagenbesitzer neue Wege für den Verkauf und die Raffination ihres Rohrzuckers zu finden: Bisher waren sie fast gänzlich auf die Segelschiffe und Dampfer der Spreckelsschen Oceanic Steamship Company und seine Zuckerraffinerie in San Francisco angewiesen; nun begann man angesichts sinkender Schiffsfrachtraten mit Direktsendungen nach New York, intervenierte politisch gegen die hohen Eisenfrachtraten in Washington, plante zudem eigene Raffinerien in Kalifornien. Anderseits kündigte sich ein Ende des dominanten Spreckelsschen Einflusses auf Hawaii an. 1887 brach der kalifornische „Zuckerkönig“ mit König Kalakaua, und reduzierte sein Engagement in der hawaiianischen Rohrzuckerproduktion. Zusätzlicher Rübenzucker konnte die Ressourcenbasis der Zuckerraffinerie in San Francisco zugleich verbreitern und sichern.

Viertens befand sich Spreckels ab 1887 in einem heftigen Kampf mit der neu gegründeten American Sugar Refinery Company. Nachdem er sich geweigert hatte, diesem Zuckertrust beizutreten, begann ein langer „Krieg“ zwischen dem Monopolisten im Westen und dem Quasi-Monopolisten im weitaus lukrativeren Osten. Der deutsche Immigrantenunternehmer konnte sein westliches Territorium in einem harten Preiskampf verteidigen. Dazu errichtete er in Philadelphia die größte Zuckerraffinerie der USA, griff seine Konkurrenz also an der Ostküste an, in deren Territorium. 1891 garantierte der Zuckertrust das Monopol von Spreckels im amerikanischen Westen und kaufte die Fabrik in Philadelphia für einen weit über den Investitionskosten liegenden Preis. Während dieser Auseinandersetzung war die Diversifizierung der Rohzuckerversorgung von entscheidender Bedeutung, denn man versuchte wechselseitig, die Zuckerzufuhren zu kappen. [55]

Fünftens glaubte Spreckels in den späten 1880er Jahren, dass er angesichts der seit langem währenden Agrarkrise die kalifornischen Farmer mit Versprechungen auf neuen ländlichen Wohlstand überzeugen könne. Die Getreidepreise waren beträchtlich gesunken, während die Rübenproduktion auch dank der staatlichen Subventionen eine rentable Alternative zu sein schien. Der weiterhin akute Arbeitskräftemangel sollte mit einer Kombination aus hohen garantierten Preisen, dem Anwerben nichteuropäischer Landarbeiter und neuartigen Werbemethoden gemildert, vielleicht gar überwunden werden.

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Erkundung des Landes: Mögliche Anbauflächen für Rüben- und Rohrzucker nach Untersuchungen des US-Landwirtschaftsministeriums in den späten 1880er Jahren (The Review of Reviews 15, 1897, 673)

Das Ergebnis all dieser Überlegungen war die Gründung der Western Beet Sugar Corporation am 18. Oktober 1887 mit einem Grundkapital von 500.000 Dollar. [56] Im Gegensatz zu den meisten früheren Rübenzuckerfirmen war Spreckels Unternehmung das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitungen, einer fünfmonatigen Reise nach Deutschland, Böhmen, Belgien und Frankreich und moderner Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Spreckels Besuch in Europa diente vor allem den Zweck, „die Durchführbarkeit der Einführung des Zuckerrübenanbaus in großem Maßstab nach europäischen Methoden in den Vereinigten Staaten zu prüfen.“ [57] Er war überzeugt, dass eine amerikanische Rübenzuckerindustrie nur mittels europäischem Wissen, Maschinen und Patenten gedeihen konnte. Zu diesem Zweck gab er 250.000 Mark für Maschinen und Patente in Köln und Prag aus und kaufte zudem 25 Tonnen Rübensamen in Frankreich und Deutschland. [58] Ebenso wichtig wie diese Investitionen in moderne Technik und den Technologietransfer von Europa nach den Vereinigten Staaten war eine breit angelegte öffentliche Kampagne für die Rübenzuckerproduktion in der Neuen Welt. Der eingewanderte Unternehmer nutzte sowohl den amerikanischen Stolz als auch die offenkundige amerikanische Rückständigkeit, um Farmer, Politiker und die Öffentlichkeit für seine Ziele zu gewinnen. Claus Spreckels präsentierte sich als starke Führungspersönlichkeit, die die Zukunft der Branche und des Landes verändern könne. Als er im September 1887 aus Europa zurückkam, erklärte er: „Ich werde niemals ruhen, bis ich die Vereinigten Staaten zum größten Rübenzuckerproduzenten, -hersteller und -markt der Welt gemacht habe, noch vor Deutschland oder Frankreich.“ [59] Die Rübenzuckerindustrie würde dazu beitragen, Abermillionen Dollar im Lande zu behalten. [60] Ähnlich wie zuvor Dyer nutzte auch Spreckels nationale und nationalistische Argumente, um für sein Privatunternehmen zu werben. Pointiert benannte er Defizite der aufstrebenden Wirtschaftsmacht: Amerikanische Mechaniker könnten zwar zahlreiche Maschinen herstellen, doch sie seien „unwissend“ [61], könnten keine moderne Rübenzuckerfabrik ausrüsten. Folgerichtig warb Spreckels Agrarchemiker und erfahrene Praktiker aus Deutschland ab. Sie würden aber nicht in typisch deutscher Manier arbeiten, sondern sich in Kalifornien mit den örtlichen Bedingungen vertraut machen, um dann sein Unternehmen optimal zu betreiben. [62] Erst so könnten die natürlichen Vorteile des Landes genutzt werden. Für Spreckels waren die Vereinigten Staaten ein Land, das Wissen aus dem Ausland benötigte, um mit den führenden europäischen Nationen, insbesondere dem Technologieführer Deutschland konkurrieren zu können. Doch einmal in die Gleise gesetzt, würde man schon an Fahrt aufnehmen, aufschließen und überholen. Selbstverständlich hatten diese an die Öffentlichkeit und Politiker gerichteten Stellungnahmen auch den Zweck, die Zollpolitik in seinem Sinne zu beeinflussen. [63]

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Die Spreckelssche Zuckerrübenfabrik in Watsonville 1889 (Shaw, 1903, 317)

Für den praktischen Erfolg waren Spreckels lokale und regionale Kampagnen in Kalifornien gewiss ebenso wichtig. Zunächst wandte er sich an lokale Politiker und Geschäftsleute, warb bei ihnen für Unterstützung seines Investitionsvorhabens. Damit schürte er bewusst den Standortwettbewerb. [64] Spreckels betonte, dass er seine Fabrik nur an dem Ort mit den besten Bedingungen und einer Mindestanbaufläche von 2.500 Acres errichten werde. [65] In zahlreichen Interviews nannte er zahlreiche Investitionsstandorte, zumeist in Kalifornien, aber auch einige in Oregon oder im Staate Washington. Die letztliche Entscheidung für Watsonville, Santa Cruz County, war nicht nur eine Folge der zuvor bestehenden und nahe gelegenen Soquel-Fabrik, den dabei gewonnen Erfahrungen vieler Farmer und den Vorarbeiten in Aptos resp. Capitola. Die Entscheidung resultierte auch aus der kostenlosen Überschreibung des Fabrikgeländes durch einen am Ort ansässigen Geschäftsmann und der ausdrücklichen Bereitschaft vieler Farmer, Verträge über die Lieferung von Rüben zu unterzeichnen. Spreckels besuchte allerdings die meisten der möglichen Standorte, traf sich dort mit lokalen Repräsentanten, um die genaueren Bedingungen seines Engagements zu erörtern. [66] Für den Kapitalisten aus San Francisco war dabei die Menge des gelieferten Rübenzuckers und die Qualität der Zuckerrüben wichtiger als die an sich nicht hohen Kosten eines Grundstücks im ländlichen Kalifornien.

Spreckels traf sich aber auch stets mit Repräsentanten der lokalen Farmer. Um diese für die neue ländliche Industrie zu gewinnen, bediente er sich im Watsonville umgebenden Pajaro-Tal einer doppelten Strategie: Zum einen verwies er auf die natürlichen Besonderheiten Kaliforniens, die einen Erfolg begünstigen würden. Für den aus Norddeutschland stammenden Spreckels waren Boden und Klima im Westen „für den Zweck günstiger als selbst in Deutschland“. [67] Die früheren Unternehmen seien aufgrund unzureichender Maschinen und mangelnder Geschäftserfahrung gescheitert. Mit ihm hätten die Farmer eine zweite Chance auf Wohlstand und höhere Einkommen als mit dem Getreideanbau. Zum anderen aber war es für Spreckels klar, dass amerikanische Farmer und Arbeiter im Anbau und in der Pflege der neuen Nutzpflanze sorgfältig zu schulen waren. [68] Der frühere Landarbeiter unterstützte so die unabhängige, freie Existenz der Farmer, während er seine eigene Rolle zurücknahm: Er sei ein Kapitalist mit Ideen, aber letztlich nur unzureichenden Fähigkeiten: „Man hat es hier vor 18 Jahren versucht und ist gescheitert, selbst als der Zucker 12 Cents pro Pfund kostete. Jetzt kann ich es schaffen, und es wird kein Misserfolg sein. Ich bin nur einer von 65.000.000 und kann nicht alles alleine machen. Ich brauche die Unterstützung der Farmer.“ [69] Spreckels predigte sein Evangelium von Wohlstand und Reichtums jedem, der bereit war, ihn zu unterstützen. Seine Fabrik in Watsonville sollte vornehmlich die Rübenzufuhren unabhängiger Farmer verarbeiten, eigenes, durch Landarbeiter bearbeitetes Rübenland sollte lediglich ergänzen. Die Lieferverträge enthielten jedoch detaillierte Vorgaben, banden so die Vertragspartner an den reibungslosen Ablauf der Produktion. Spreckels kaufte das Saatgut, Chemiker und Manager gaben Hilfestellungen, ein Prämiensystem belohnte einen höheren Zuckergehalt der abgelieferten Rüben. Der Einwandererunternehmer importierte nicht nur europäische Maschinen und Patente, sondern auch neue Formen vertragsbasierter Geschäftsbeziehungen.

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Fabrik auf dem Lande: Rübenzuckerfabrik Watsonville 1889 (The Review of Reviews 15, 1897, 677)

Die Fabrik in Watsonville war von Anfang an ein Erfolg. Obwohl die Gewinne in der ersten Kampagne bei weniger als 3.000 Dollar lagen, produzierte Spreckels fast 1.500 Tonnen Rohzucker und beschäftigte 135 Mitarbeiter. [70] Zeitgenossen lobten seinen Mut und seinen Unternehmergeist: „Die Rübenzuckerfabrik in Watsonville war die Grundlage und der Startpunkt der Rübenzuckerindustrie der Vereinigten Staaten; und Claus Spreckels war ihr Gründer und Repräsentant.“ [71] In den folgenden Jahren steigerte die Fabrik ihre Produktion, die Beschäftigtenzahl und den Gewinn. Selbst in den von Dürre geprägten späten 1890er Jahren bestätigte sie ihren Ruf als „Cash Cow“, war ihre Kostenstruktur doch günstiger als die der dann aufkommenden Konkurrenz. [72] Das Narrativ, Claus Spreckels habe „den Grundstein für einen neuen Industriezweig in Kalifornien gelegt, der dem Obstanbau an Bedeutung in nichts nachsteht“ [73] war nicht falsch. Die Gebrüder Oxnard, die 1889 in Chino eine weitere Zuckerrübenfabrik auf dem Lande gründeten, waren unmittelbare und wichtige Nachahmer. [74] Claus Spreckels unternehmerische Idee wies allerdings deutlich über Watsonville hinaus. In den späten 1880er Jahren versuchte er, Kalifornien in ein Rübenzuckerland mit einem breiten Netz dezentraler Fabriken zu transformieren. Doch diese Idee sollte erst einmal scheitern.

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Gewichtiger Nachahmer: Die Zuckerraffinerie in Chino 1895 (Los Angeles Herald 1895, Nr. 31 v. 11. November, 11)

Scheiternde Massenproduktion – Spreckels Occidental Beet Sugar Company

Für Spreckels war die Fabrik in Watsonville nur der Ausgangspunkt für ein viel größeres Unternehmen. Er glaubte an die von ihm propagierte Idee einer neuen riesigen Agrarindustrie, die ihm und vielen Kaliforniern Reichtum bringen sollte. Im April 1888 gründeten Claus Spreckels, sein ältester Sohn John D. Spreckels und einige befreundete lokale Kapitalisten die Occidental Beet Sugar Company. [75] Das Grundkapital betrug 5.000.000 Dollar, die beiden Spreckels hielten die Hälfte dieser Summe. Die Grundidee war, die Fabrik in Watsonville zu kopieren und bis zu zehn Rübenzuckerfabriken an den Orten zu errichten, an denen die Landwirte die Produktion von ausreichend Rüben für den Betrieb der Fabrik garantierten. Die Kosten für diese neuen Fabriken sollten sich auf je 400.000 bis 500.000 Dollar belaufen. Insgesamt sollte das Netzwerk 50.000 Tonnen Rübenzucker pro Jahr produzieren, wofür 350.000 bis 500.000 Tonnen Rüben benötigt worden wären. [76] Mehr als 1.500 Menschen sollten in diesen Anlagen beschäftigt werden. [77] Dies wäre eine echte Massenproduktion gewesen: Die Kosten für die Maschinen hätten erheblich gesenkt werden können, ebenso wie die Patentkosten für das Steffen-Verfahren, das fünf Jahre nach der Erfindung des Wiener Ingenieurs Carl Steffen von der Fabrik in Watsonville in Amerika eingeführt wurde. Das Netzwerk hätte den Spreckels die Möglichkeit gegeben, eine große Zahl von Facharbeitern, Führungskräften und Landwirten einzustellen und auszubilden. Das Ziel der Familie Spreckels, und damit war nun immer mehr John D. Spreckels gemeint, war es, eine auf Wissens- und Technologietransfer basierende Industrie zu entwickeln – und parallel Fachpersonal auszubilden, industrielle Kapazitäten in der Werkzeugmaschinenindustrie, im Bauwesen sowie der Agrarchemie aufzubauen. [78] Unter dem Primat wirtschaftlicher Ziele setzten diese Ideen zugleich auf Unterstützung durch Kommunal-, Landes- und Bundespolitik.

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Claus Spreckels und John D. Spreckels (Wasp 38, 1897, 18. September, 20 (l.); Hall, 1896, 748)

Für das Scheitern der Occidental Beet Sugar Company gab es zwei Hauptgründe: Erstens enttäuschte der McKinley-Tarif Claus Spreckels. Sein Sohn verkündete – natürlich auf der Suche nach politischer Unterstützung – „dass sein Vater über die Haltung des Kongresses gegenüber dem Produkt etwas beunruhigt war und dass er sich zu diesem Zeitpunkt nicht berechtigt fühlte, irgendwelche Erweiterungen in seinem Werk vorzunehmen.“ [79] Die Spreckels argumentierten, dass eine Senkung des Zuckerzolls den Ruin der Zuckerrübenindustrie in Kalifornien bedeuten würde – und konnten zumindest die zuvor lange diskutierte Prämie für die heimische Industrie sichern. [80] Es gelang ihnen jedoch weder, ein den Kongress Beine machendes „Rübenzuckerfieber“ [81] zu entfachen, noch die Senkung des in Kraft tretenden Zuckerzolls für Ausländer zu verhindern. Claus Spreckels Vision von letztlich bis zu vierhundert Rübenfabriken in den USA galt als unrealistische Fata Morgana. [82] Entsprechend nahm man mehr Rücksicht auf die deutschen Exportinteressen als es Spreckels lieb war.

Zweitens und viel wichtiger war, dass es den Spreckels nicht gelang, genügend Farmer für ihr ehrgeiziges Ziel zu gewinnen. Obwohl der Rübenzuckeranbau faktisch überwiegend von billigen asiatischen Landarbeitern betrieben wurde, konnte die weiße Farmerelite – eben keine Bauern im deutschen Sinne – nicht davon überzeugt werden, dass der arbeitsintensive Rübenanbau eine echte Alternative zum Getreide- und dem immer wichtigeren Obstanbau darstellte. Dies war nicht nur für die Familie Spreckels enttäuschend, sondern auch für staatliche Agrarwissenschaftler, die in den späten 1880er Jahren in Kalifornien mindestens zwanzig erfolgversprechende Anbaugebiete erkundet und empfohlen hatten. [83] Diese Experten argumentierten volkswirtschaftlich, mit einem abstrakten, aggregierten Nutzen des Rübenzuckeranbaus für Kalifornien und die USA. Die Spreckels versuchten dagegen, den einzelnen Farmer anzusprechen, sein individuelles Streben nach Einkommen und Wohlstand herauszukitzeln. Als Unternehmer glaubten sie an die Überzeugungskraft von Zahlen, an eine überdurchschnittliche Rendite ihrer Investitionen. So versprach Claus Spreckels, wie schon im Wettbewerb um die erste Fabrik, weitere „in jeder Ortschaft zu errichten, in der die Farmer ihm 2.500 Acres Standardrüben garantieren“ [84]. Als Investoren arbeiteten die Spreckels eng mit den örtlichen Handelskammern zusammen, die ihrerseits Farmer ansprachen und Standorte erkundeten, deren Bodenqualität die geforderte Mindestmenge an Rüben liefern konnte. Um dies zu unterstützten und zu gewährleisten, entwickelten sie einen detaillierten Aktionsplan: Sie schickten Rübensamen an die Handelskammern, diese verteilten sie an die Farmer, ergänzten die von den Spreckels erarbeiteten „Anweisungen für die Anpflanzung und den Anbau von Zuckerrüben-Samen“ um lokale Details. Die Investoren boten den Farmern zugleich eine kostenlose chemische Untersuchung ihrer Rüben im Laboratorium der California Sugar Refinery in San Francisco an. [85]

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Die kalifornische Rübenzuckerindustrie als Absatzmarkt für deutsche Maschinen (Louisiana Planter and Sugar Manufacturer 7, 1891, Nr. 2, xx)

Alle diese Versuche scheiterten, mochten sie auch mit beträchtlichem Aufwand verbunden gewesen sein: San Diego war seit 1887 ein wichtiger Investitionsstandort der Spreckels geworden, erwarb man doch zahlreiche Immobilien in Coronado und der Stadt, investierte in den Hafen und die lokale Infrastruktur. An die dortige Handelskammer versandte man 800 Pakete Saatgut, die sämtlich verteilt und durch einen örtlichen Saatguthändler noch ergänzt wurden. [86] Die Spreckels lobten zudem attraktive Preise für die Rüben mit dem höchsten Saccharingehalt aus. [87] Doch das Ergebnis dieser kostenträchtigen Vorleistungen war enttäuschend: Am Ende erhielten die Spreckels nur zwei Dutzend Rübenproben zurück. Diese waren durchaus zufriedenstellend, doch es war offensichtlich, dass die Farmer des Bezirks San Diego nach anfänglichem Interesse nicht bereit waren, die neue ländliche Industrie zu unterstützen. [88] Einige Jahre später resümierte Claus Spreckels: „Ich habe versucht, Farmer in verschiedenen Teilen des Landes für Experimente mit dem Rübenanbau zu interessieren, aber es war unmöglich. Das Saatgut, das ich kostenlos verteilte, ging in den meisten Fällen verloren oder wurde als Schweinefutter verwendet, und wir hatten so gut wie keine Vorteile von unseren Anstrengungen.“ [89]

Claus und John D. Spreckels versuchten in der Tat, Farmer in ganz unterschiedlichen Regionen zu gewinnen: San Diego, Santa Cruz und Linn County, Ost-Oregon und Edmonton in Kanada waren einige der Regionen, die öffentlich diskutiert wurden. [90] In keinem dieser Orte war es möglich, eine Garantie der für den Fabrikbau erforderlichen Liefermenge zu erhalten. Obwohl aus Deutschland georderte Maschinen für mindestens eine der neuen Fabriken bereits in San Francisco lagerten [91], beschlossen die Spreckels daher, die Errichtung weiterer Rübenzuckerfabriken zu verschieben, ließen diesen Plan letztlich aber fallen. Die Occidental Beet Sugar Company wurde am 22. Dezember 1899 aufgelöst, scheiterte aber schon viel früher. [92] Claus Spreckels setzte sich dennoch weiterhin für die Rübenzuckerindustrie ein, änderte aber seine Strategie: Weihnachten 1895 warb er erneut für seine Idee: „Ich bin bereit, mich in diesem Staat durch die Errichtung von Rübenzuckerfabriken weiter zu engagieren. Ich hoffe dadurch die Kalifornier für dieses großen Thema sensibilisieren zu können, mache es aber auch zum persönlichen Vorteil.“ [93] Doch solche Appelle fruchteten nicht. Es bedurfte letztlich der Unterstützung des Staates, um Spreckels persönliche Investitionen, aber auch die kalifornische Rübenzuckerindustrie insgesamt voranzutreiben.

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Statistische Erfassung des Geschehens: Betriebsergebnisse der Spreckelsschen Western Beet Sugar Corporation 1888-1897 (Pacific Rural Press 56, 1898, 414)

„Die größte Rübenzuckerfabrik der Welt“ – Spreckels Sugar Company im Salinas Valley

In der Zwischenzeit hatte sich die Fabrik in Watsonville erfolgreich entwickelt. Von 1888 bis 1897 stieg die Menge der verarbeiteten Rüben von 15.000 auf mehr als 110.000 Tonnen, während die Menge des produzierten Rohzuckers gar auf fast 15.000 Tonnen Rohzucker verzehnfacht werden konnte. Das Unternehmen war während des gesamten Jahrzehnts rentabel, und davon profitierten nicht nur die Investoren: 1897 erhielten die Farmer 43 Dollar pro Acre mit Rüben, begonnen hatten sie 1888 mit 34 Dollar. [94] Dennoch stagnierte die kalifornische Rübenzuckerindustrie: Es gab nur drei Fabriken in Alvarado, Chino und Watsonville.

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Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft: Von Spreckels getestete Zuckerrübenvarietäten (Sacramento Daily Union 1897, Nr. 33 v. 23. September, 4)

Die Gründe hierfür spiegelten das Scheitern der Occidental Beet Sugar Company: Die Farmer zögerten und der politisch umstrittene Zollschutz machte jede Investition höchst spekulativ. Abermals preschte Claus Spreckels vor, trieb die Rübenzuckerindustrie mit neuen Investitionszusagen voran, stützte sich dabei aber nun auf eine erfolgreiche Öffentlichkeits- und politische Lobbyarbeit in Sacramento und Washington.

1896 begann er eine neue öffentliche Kampagne: Im Frühjahr gab er mehrere Interviews, in denen er seine Fähigkeit und Bereitschaft betonte, große Summen in die Rübenzuckerindustrie zu investieren. Dieses „stehende Angebot“ [95] stellte er als eine Art rational begründete Mission dar: „Ich bin bereit, meinen Glauben an den Rübenzucker mit allem Kapital zu untermauern, das erforderlich ist.“ [96] Parallel dazu erwarb Spreckels große Anbauflächen in verschiedenen Regionen des Landes. Von Mai bis Juni 1896 reiste er erneut nach Deutschland, Belgien und Frankreich, um die dortigen Technologien zu studieren und Saatgut, Patente und Maschinen zu bestellen – diesmal vor allem in Deutschland und Belgien. Anfang Juni 1896 startete er von Paris aus eine Pressekampagne und lockte in bekannter Weise kalifornische Investoren mit dem Versprechen, drei oder vier „immense Zuckerfabriken“ [97] mit einer Verarbeitungskapazität von täglich 3.000 Tonnen zu errichten. Abermals standen jedoch Farmer im Mittelpunkt seiner Vorhaben, denn ohne Rübenanbau ging nichts voran: Im Sommer startete er eine weitere Versandrunde von Saatgut an interessierte Farmer, dieses Mal allerdings gegen ein geringes Entgelt und mit einer ausführlichen Broschüre, die über den Wert der Rüben für den Boden, die Vorteile der Fruchtfolge und die wirtschaftlichen Vorteile informierte: „Je mehr sie anbauen, desto reicher werden sie sein. Ich kann alles verarbeiten, was sie anbauen können. Mein Plan wird die Rettung des Landes sein, aber es gibt viel zu tun, um dieses Ziel zu erreichen.“ [98]

Als er Ende Juli nach Kalifornien zurückkehrte, begann Claus Spreckels eine Werbetour zu mehreren Städten, die an der Errichtung derart großer Fabriken interessiert waren. Lokale Initiativen und der große Finanzier trafen sich, um eine blühende Zukunft auszumalen und von einem Leben im Überfluss zu träumen. Als Spreckels in Salinas ankam, seiner ersten Wahl, wurde er von einem Bürgerkomitee, einer großen Menschenmenge und einer Blaskapelle empfangen, die ihm den Weg zum Rathaus wies, das mit Zuckerrüben – echten und gemalten – und dem Schriftzug „Unsere Zukunftsindustrie“ [99] geschmückt war. Spreckels wurde mit einer Lobrede geehrt, in der man auf alle Erfolge des Multimillionärs verwies: „Er kennt keinen Misserfolg. […] Er ist aus einem armen Bauernjungen hervorgegangen und hat sich durch die Kraft seines eigenen unerschrockenen Geistes einen unübertroffenen Platz unter den industriellen Kräften der Welt erobert. Und doch ist er ein einfacher amerikanischer Bürger, dessen Sympathien den Arbeitern und Mechanikern gelten.“ Spreckels Pläne wurden als „der Anbruch einer neuen Ära in unserem eigenen schönen und fruchtbaren Tal“ angekündigt. In seiner Antwort präsentierte sich Spreckels als realistischer Visionär. Mantrahaft hieß es, seine Investition bräuchten Garantien für den Anbau großer Rübenmengen. Er bat um „einen gewissen Schutz“ für die aufstrebende Industrie. Er appellierte an den Stolz der Kalifornier, verwies auf deutschen Fleiß und Erfindergeist als Vorbild. Er appellierte an das Ehrgefühl der Geschäftsleute und Farmer, fragte er sie doch, ob sie in der Lage seien, mit Europäern zu konkurrieren. Ja, gewiss: Seiner Meinung nach könnten Amerikaner alles erreichen, was sie erreichen wollten. Die Rüben seien „die Rettung für die Farmer“. Spreckels beendete seine Rede mit dem Versprechen, „hier die größte Zuckerraffinerie zu errichten, die jemals auf der Erde gebaut werden wird.“ [100]

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Moderner Stahlskelettbau: Bauarbeiten im Salinas Valley 1898 (Breschini, Gudgel und Haversat, 2006, 17)

Claus Spreckels wäre nicht zur dominierenden Figur im Zuckergeschäft des Westens geworden, wenn er nur seinen eigenen Aussagen geglaubt hätte. Für Fachleute war klar, dass selbst eine Fabrik mit einer Tagesproduktion von 3.000 Tonnen Rüben kleiner sein würde als die Rübenzuckerfabriken im belgischen Wanze und im französischen Cambrai mit Kapazitäten von bis zu 4.200 Tonnen. [101] Spreckels nutzte die amerikanische Begeisterung für Superlative, um für sein neues Unternehmen zu werben, das in der Tat die mit Abstand größte amerikanische Rübenzuckerfabrik werden sollte. Parallel aber intensivierte er in den Kauf von Rübenzuckerland, denn er traute den Zusagen der regionalen Farmer nicht mehr. Als der Bau 1897 begann, besaß Spreckels 6.000 Acres Rübenzuckerland; 1919 besaß, pachtete oder betrieb das Unternehmen 66.000 Acres. [102] Die Fabrik in Watsonville wurde hauptsächlich von unabhängigen Farmern beliefert, doch zwei Drittel der Feldarbeit wurde von etwa 1000 chinesischen und japanischen Landarbeitern geleistet [103]. Das Unterfangen im Salinas Valley besaß dagegen einen eher paternalistischen Charakter. Das Unternehmen führte ein duales System ein: Zum einen ein Vertragssystem für unabhängige Farmer, zum anderen eine Art europäische Gutsstruktur, bei der Land an Kontraktnehmer verpachtet und dann von einer großen Zahl von (in diesem Fall meist asiatischen) ländlichen Vertragsarbeitern bewirtschaftet wurde. Typisch dafür war die Zusammenarbeit Spreckels mit der Heilsarmee, die im nicht fernen Fort Romie ihre erste ländliche Kolonie gründete, in der sie vor allem deutschen Einwanderern Siedlungsland zum Rübenanbau anbot. [104] Die paternalistische Haltung führte auch zur Errichtung der kleinen Stadt Spreckels unmittelbar neben der dominierenden Fabrik. Dort fanden Arbeiter, Angestellte und das Leitungspersonal ein neues Zuhause und eine Infrastruktur abseits der Firma. Diese kümmerte sich um fast alles, erwartete aber Loyalität und harte Arbeit.

Der Bau der Rübenzuckerfabrik war zugleich abhängig vom Flankenschutz durch die Bundesregierung. Der Dingley-Tarif erhöhte die Rübenzuckerzölle, schützte und förderte damit die heimische Industrie, mochten sie auch niedriger als vor 1890 liegen. [105] 1896, vor der Wahl des republikanischen Präsidenten William McKinley, setzten sich sowohl Claus Spreckels als auch John D. Spreckels – letzterer damals einer der führenden Repräsentanten der Republikanischen Partei in Kalifornien – für die Zolltariffrage ein und betrieben erfolgreich Lobbyarbeit zugunsten eines Schutzzolls. Dies erfolgte, zugleich aber wurde die Rübenzuckerindustrie indirekt unterstützt. James Wilson, der neue Landwirtschaftsminister, verstärkte die einschlägige Agrarforschung und intensivierte die Schulung und Beratung von Farmern und Investoren. Langfristig half dies, die Abhängigkeit von ausländischem Know-how, Saatgut und Maschinen zu verringern. [106] Spreckels gelang es zugleich, finanzstarke Geschäftspartner für die Finanzierung seines Vorhabens zu gewinnen. Ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr, übernahm der Zuckertrust die Hälfte der Investitionen. [107]

17_Myrick_1899_pVIII_Zuckerindustrie_Ruebenzucker_Salinas_Spreckels_Produktionsstaette

Die Zuckerfabrik und der neu erstellte Ort Spreckels 1899 (Myrick, 1899, VIII)

Mit lokaler, staatlicher und finanzieller Unterstützung begannen die Bauarbeiten im Jahr 1898. Es war eine Investition von 2.500.000 Dollar, die eine ganze Region veränderte. Die Spreckels Sugar Company wurde erst am 1. März 1899 mit einem Kapital von 5.000.000 $ gegründet. Damit reorganisierte Spreckels sein kalifornisches Zuckergeschäft. Die Western Beet Sugar Company wurde von ihr übernommen, dann auch die Raffinerie in San Francisco und die neue Fabrik im Salinas Valley. [108] Claus Spreckels gehörte nicht zu den Direktoren, da er den größten Teil seiner Zuckerinteressen bereits an seine Söhne John D. und Adolph B. Spreckels übertragen hatte, die Direktoren und Großaktionäre des neuen Unternehmens wurden. [109] Die neue Fabrik kombinierte moderne Bautechnologie, nämlich eine Stahlrahmenkonstruktion und die intensive Nutzung von Elektrizität mit modernen ausländischen Maschinen – mengenmäßig nicht weniger als 2.800 Tonnen. [110] Sie verfügte über ein großes Laboratorium, in dem nicht nur Rüben im Sinne der Qualitätssicherung untersucht wurden, sondern zunehmend auch die Böden und das Endprodukt. Die Fabrik war Zentrum eines riesigen Eisenbahnnetzes [111] und eines „verschlungenen Netzes von Straßen, […] Mülldeponien, Bewässerungskanälen, Brunnen und Pumpen sowie Rohrleitungen“. [112] Während der Kampagne beschäftigte das Werk fast 700 Arbeiter. Die tägliche Wasserversorgung betrug damals 13.000.000 Gallonen – die gleiche Menge wie San Francisco. Durch die konsequente Nutzung von Skaleneffekten konnten die Produktionskosten erheblich gesenkt werden. Während die Fabrik in Alvarado in den späten 1880er Jahren sechs Dollar pro Tonne Rüben aufwandte, waren es in Salinas nur noch zwei Dollar. [113] Die kontinuierliche voll mechanisierte Produktion gründete auf einem Bewässerungssystem, durch das selbst schwere Dürren wie in den späten 1890er Jahren überstanden werden konnten. Zudem hatte Spreckels dafür gesorgt, dass fast alle Nebenprodukte der Rübenzuckerproduktion verwertet wurden: Die Zuckerschnitzel boten Futter für 600 Kühe, damals noch unüblich. [114]

18_San Francisco Call_1899_09_01_Nr093_p03_Zuckerindustrie_Kalifornien_Salinas_Produktionsstaette_Claus-Spreckels_Ruebenzucker

Ikone des modernen Kaliforniens: Die Monsterfabrik im Salinas-Tal 1899 (San Francisco Call 1899, Nr. 93 v. 1. September, 3)

Spreckels Unternehmen in Salinas erwirtschaftete von Beginn an Gewinne – und blieb jahrzehntelang die größte amerikanische Rübenfabrik. Als eine Art siegreiche Festung in einem Umfeld langer relativer Stagnation wurde sie erst 1982 geschlossen. Wichtiger aber noch war, dass dieses „Mammut-Zuckerunternehmen“ [115] zu einem unerreichten Vorbild für die gesamte Rübenzuckerindustrie wurde – in Kalifornien und in den Vereinigten Staaten. Ab 1897 wurde eine Rübenzuckerfabrik nach der anderen gebaut: die American Beet Sugar Company, Oxnard in Ventura County, ein 500-Mann-Unternehmen, das von den Oxnards organisiert wurde, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Führung in der Branche übernehmen sollten [116]; die Los Alamitos Sugar Company, Los Angeles im Orange County; die California Beet Sugar & Refining Company, Crockett im Contra Costa County; und die Union Sugar Company in Santa Maria.

19_Out West_35_1912_p345_Zuckerindustrie_Kalifornien_Oxnard_American-Beet-Sugar-Factory_Produktionsstaette

Erfolgreiche Mitzügler: American Beet Sugar Factory, Oxnard (Out West 35, 1912, 345)

Von 1898 bis 1913 wurden in den Vereinigten Staaten insgesamt sechsundachtzig Rübenzuckerfabriken gebaut, die Hälfte davon bis 1903. [117] Kalifornien verlor seine führende Position an andere Staaten, insbesondere an Michigan und Nebraska. Die Spreckels Sugar Company blieb jedoch ein Wahrzeichen für die Pionierrolle Kaliforniens und des eingewanderten Unternehmers Claus Spreckels.

Schlussfolgerungen

Die Analyse der Entwicklung der frühen kalifornischen und amerikanischen Rübenzuckerindustrie steht nicht nur für sich allein. Sie mündet vielmehr in Thesen auch für breitere Themen:

Erstens machten Einwanderer den Unterschied. Obwohl das Kapital vielfach von amerikanischen Investoren kam, wurde die Rübenzuckerindustrie vor allem von französischen und deutschen Einwanderern vorangetrieben. Ihr Fachwissen und ihre persönlichen Netzwerke ebneten den Weg für neue Unternehmen in Kalifornien, für Arbeit und Wohlstand in der neuen Welt.

Zweitens basierte die Rübenzuckerindustrie auf einem intensiven Technologietransfer von Europa, insbesondere von Deutschland und Österreich-Ungarn nach Kalifornien. Der westliche Bundesstaat bot ein günstiges Klima und gute Böden, aber ohne moderne Maschinen, Patente und auch Saatgut hätte sich die neue Industrie auf dem Lande nicht entwickeln können. Europäisches Know-how war entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung des amerikanischen Westens.

Drittens waren die reichen Böden und das günstige Klima nicht nur ein Vorteil, sondern auch eine Belastung für die Entwicklung der kalifornischen Landwirtschaft. Die frühe Konzentration auf die Getreide- und dann auch Obstproduktion mündete in Zurückhaltung bei arbeitsintensiven Agrargütern, insbesondere bei Hackfrüchten. Die globale Wirtschaft des späten 19. Jahrhunderts führte daher nicht nur zur Spezialisierung und Nutzung naturaler Rahmenbedingungen, sondern auch zur Übernahme europäischer „Cash crops“ und entsprechender Anbauweisen.

Viertens machte die Fallstudie deutlich, dass „Amerika“ – ein Begriff ohne klar definierte Substanz – immer auch ein Mythos zur Durchsetzung von Partikularinteressen war. Das Paradoxon, dass es sich bei der „heimischen“ Industrie vorrangig um ein Geschäft erfolgreicher Einwanderer war, wurde nie reflektiert, weil der Begriff „Amerika“ der Sammlung diente und zumeist in Zukunftskontexten verwendet wurde. Ähnlich wie bei der Selbstdarstellung von Claus Spreckels als Mann ohne Fehl und Tadel, wurden Visionen einer zuckerexportierenden USA, von Wohlstand und Überfluss für alle Bürger genutzt, um Kapital, Arbeitskräfte, Subventionen, Prämien und Zölle zu mobilisieren. Der Mythos „Amerika“ (und gewiss auch „Kalifornien“) war eine dynamische Fiktion, die zur Entwicklung des Landes auch nach dem Ende der Frontier-Ära beitrug. Er wurde nicht nur von der/den Regierung(en) genutzt, um mit anderen Nationen zu konkurrieren, sondern auch von eingewanderten Unternehmern, um dadurch Ressourcen in ihrem Sinne zu erschließen.

Fünftens kann die Entwicklung der kalifornischen Rübenzuckerindustrie als Prisma für allgemeinere Themen der amerikanischen Geschichte genutzt werden: Die Erschließung und Ausbeutung des Westens, das Erstarken Amerikas im Zeitalter des Imperialismus, die Kommodifizierung von „Cash Crops“, die Nutzung (und der Missbrauch) der „Natur“, die Rassenfrage und die Idee der Vorherrschaft des weißen Mannes, die sich verändernden ethnischen Hierarchien in einer Einwanderungsgesellschaft, etc. Die erfolgreiche Entwicklung einer neuen Industrie auf dem Lande bietet damit einen Schlüssel zu all den bitteren und rückfragenden Geschichten, die für die Mehrheit der Kalifornier typischer waren als die süße Karriere des Zuckerkönigs Claus Spreckels.

Uwe Spiekermann, 14. Juli 2022

Quellen und Literatur

[1] Who will Pioneer the Manufacture of Beer Sugar?, California Farmer and Journal of Useful Sciences 8, 1857, Nr. 2.
[2] Vgl. Max-Ferdinand Krawinkel, Die Rübenzuckerwirtschaft im 19. Jahrhundert in Deutschland: Analyse und Bewertung der betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Entwicklung , Köln 1994; Herbert Pruns, Innovationen in der Rübenzuckerindustrie – Ein frühes Segment des Industrialisierungsprozesses, in Rolf Walter (Hg.), Innovationsgeschichte, Stuttgart 2007, 209-248.
[3] For details and data s. Roy A. Ballinger, A History of Sugar Marketing, Washington 1971.
[4] David Lee Child, The Culture of the Beet, Boston 1840.
[5] Beet Sugar in California, California Farmer and Journal of Useful Sciences 39, 1873, Nr. 2 v. 30. Januar.
[6] Letter from Rev. B. Corwin, Ebd. 8, 1857, Nr. 21.
[7] The Sugar Beet in California, Daily Alta California 1857, 29. August.
[8] Cultivation of the Sugar Beet Hemp and Castor Bean, California Farmer and Journal of Useful Sciences 22, 1864, Nr. 21 v. 16. Dezember.
[9] California Sugar Beet, Daily Alta California 1868, 24. Juni.
[10] Harry A. Austin, History and Development of the Beet Sugar Industry, Washington 1928, 16-21; Deborah Jean Warner, Sweet Stuff. An American History of Sweeteners from Sugar to Sucralose, Washington 2011, 85-108.
[11] Manufacture of Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 6, 1856, Nr. 11. Vgl. Beet Sugar, ebd. 7, 1857, Nr. 5.
[12] Beet Sugar Manufactory, Sacramento Daily Union 1857, 13. Februar.
[13] California State Agricultural Society, California Farmer and Journal of Useful Sciences 6, 1856, Nr. 19.
[14] Beet Sugar Profits, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 4 v. 28. Januar.
[15] Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 7, 1857, Nr. 4.
[16] State Agricultural Society, Sacramento Daily Union 1868, 31. Januar.
[17] Vgl. hierzu und zum Folgenden bereits Uwe Spiekermann, Labor as a Bottleneck, Entangled Commodity Chains in Sugar in Hawaii and California in the Late Nineteenth Century, in Andrea Komlosy und Goran Music (Hg.), Global Commodity Chains and Labor Relations, Leiden und Boston 2021, 177-201, hier 189-196.
[18] Sugar Beet, and Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 31, 1869, Nr. 4 v. 11. Februar (George Gordon). Zu Spreckels Versuchen s. den dritten Abschnitt.
[19] Einen konzisen Überblick zu Kaliforniens Landwirtschaft und Agrarwirtschaft bietet Richard Walker, The Conquest of Bread: 150 Years of Agri-Business, New York 2004.
[20] Beet Sugar in California, Daily Alta California 1868, 8. Juni.
[21] In Chatsworth etablierten die beiden deutschstämmigen Einwanderer Gottlieb and Ernst T. Gennert 1865 (oder gar schon 1863) die Germania Sugar Company, die bis 1870 in Betrieb war (vgl. Andrew Taylor Call, Jacob Bunn: Legacy of an Illinois Industrial Pioneer, Lawrenceville 2005, 119-120; H[arvey] W. Wiley, The Beet-Sugar Industry: Culture of the Sugar-Beet and Manufacture of the Beet Sugar, Washington 1890, 37; The Chatsworth Experiment, Louisiana Planter and Sugar Manufacturer 30, 1903, 66).
[22] Industrial Condition of the State, Daily Alta California 1868, 28. Dezember.
[23] Industrial Condition of the State, Ebd. 1869, 9. März.
[24] Beet Sugar its Prospects—A New Process, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 1, 7. Januar.
[25] California Beet Sugar, Pacific Rural Press 4, 1872, Nr. 8 v. 24. August.
[26] The Sacramento Sugarie a Success, Pacific Rural Press 2, 1871, Nr. 22 v. 2. Dezember; ähnlich Progress in Beet sugar Interest, California Farmer and Journal of Useful Sciences 36, 1871, Nr. 16 v. 19. Oktober.
[27] Vgl. Richard Street, Beasts in the Field. A Narrative of California Farmworkers, 1789-1913, Stanford 2004.
[28] Beet Sugar, Pacific Rural Press 9, 1875, Nr. 12 v. 20. März.
[29] Sacramento Daily Union 1877, 13. März.
[30] Beet Sugar in California, Pacific Rural Press 13, 1877, Nr. 14 v. 7. April.
[31] Beet Sugar in California, Ebd. 17, 1879, Nr. 24 v. 14. Juni.
[32] The Alvarado Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1870, 22. November.
[33] The Beet Sugar Operations at Alvarado, Sacramento Daily Union 1870, 28. November.
[34] Industrial Condition of the Slope, Daily Alta California 1872, 11. November.
[35] 1887 wurde die Produktion aufgrund von Trockenheit, einem allgemeinen Preisverfall und einer großen Explosion unterbrochen, die Firma musste geschlossen werden. Dyer gelang es jedoch, das Unternehmen zu reorganisieren und zu vergrößern. 1888 wurde es als Pacific Coast Sugar Company neu gegründet und zugleich fortgeführt (Beet Sugar at Alvarado, Pacific Rural Press 35, 1888, Nr. 7 v. 18. Februar).
[36] Another Beet Sugarie, Ebd. 6, 1873, Nr. 21 v. 22. November.
[37] The Sugarie, Ebd. 14, 1877, 22. September.
[38] Beet Sugar in Isleton, Pacific Rural Press 19, 1880, 104; Sugar from Beets in California, Red Bluff Independent 1869, 20. Januar, 4; New Manufactures 1870, 27. Mai, 2 (Alvarado Beet Sugar Company).
[39] Ernst Th. Gennert, Beet sugar in California, Ebd. 17, 1879, Nr. 24 v. 14. Juni.
[40] San Francisco Market Review, Sacramento Daily Union 1868, 2. Mai; Cane-Sugar from Beets, Sacramento Daily Union 1868, 5. Mai. Vgl. William Lloyd Fox, Harvey W. Wiley’s Search for American Sugar Self-Sufficiency, Agricultural History 54, 1980, 516-26.
[41] L.D. Morse, The Beet Sugar Question, Pacific Rural Press 18, 1879, Nr. 21 v. 21. November.
[42] Ernst Th. Gennert, The Sugar Industry, Ebd., Nr. 8 v. 23. August.
[43] California Abroad, Ebd. 24, 1882, Nr. 16, 14. Oktober.
[44] Genauer hierzu Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8 (2010).
[45] Our Sugar Supply, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 14 v. 8. April.
[46] Obwohl Claus Spreckels letztlich der größte Nutznießer des im Reziprozitätsvertrag festgeschriebenen Subventionssystems wurde, argumentierte er anfangs strikt gegen die neuen Regelungen. Eines seiner Argumente war, dass die kalifornische Rübenzuckerindustrie durch steigende Importe hawaiianischen Rohrzuckers stark in Mitleidenschaft gezogen werden würde: Hawaiian Reciprocity, Daily Alta California 1874, 10. Juli; The Hawaiian Treaty, Daily Alta California 1875, 2. März.
[47] Kill the New Industry, Pacific Rural Press 4, 1872, Nr. 24 v. 14. Dezember; California for Sugar, ebd. 29 1885, Nr. 2 v. 10. Januar.
[48] Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich: Claus Spreckels, die Hawaiian Commercial Company und die Grenzen wirtschaftlicher Einflussnahme im Königtum Hawaii, 1875 bis 1898, in Hartmut Berghoff, Cornelia Rauh und Thomas Welskopp (Hg.), Tatort Unternehmen. Zur Geschichte der Wirtschaftskriminalität im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin und Boston 2016, 47-67.
[49] Allen Collins, Rio Del Mar: A sedate residential community, the depth of its character, 225 years of local history, o.O. 1995, 7.
[50] Beetroot Sugar in California, Australian Town and Country Journal 1871, 11. Februar, 13.
[51] The Coast Countries, Daily Alta California 1872, 16. Oktober 16, 1; Our Beet Sugar Interest, Pacific Rural Press 6, 1873, Nr. 11, 13. September.
[52] Claus Spreckels, in San Francisco: Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Francisco 1913, 3-10, hier 6.
[53] Das war den Produzenten natürlich bekannt. Fehlende Kapital- und Maschinenzufuhr begrenzten in den 1880er Jahren allerdings Pläne für größere Betriebsanlagen. Vgl. John L. Beard, The Beet Sugar Industry, Pacific Rural Press 30, 1885, Nr. 4 v. 25. Juli.
[54] Recht typisch war die Argumentation der San Francisco Chamber of Commerce. S. Beet-Root Sugar, Daily Alta California 1888, 1. Februar bzw. die Gegenargumente in Beet Sugar Bounty, Daily Alta California 1888, 3. Februar.
[55] Fighting a Trust, Daily Alta California 1888, 3. September.
[56] Beet Sugar Company, Los Angeles Herald 1887, 18. Oktober, 2.
[57] Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1887, 24. September.
[58] Claus Spreckels’ Sugar Scheme, Chicago Daily Tribune 1887, 16. September, 5.
[59] Ebd.
[60] Great Enterprise in Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[61] Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1887, Nr. 32 v. 27. September.
[62] Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[63] Entsprechend wurde der Bau der Zuckerfabrik durch eine große Zahl öffentlicher Feiern und Feste umkränzt, wobei die Grundsteinlegung im April 1888 herausragte. Vgl. A Great Enterprise, Daily Alta California 1888, 29. April; The Beet-Sugar Enterprise at Watsonville, Pacific Rural Press 35, 1888, Nr. 18, 5. Mai.
[64] Ventura County: Rival Localities Competing for the Sugar Factory, Los Angeles Times 1886, 3. Oktober, 13.
[65] A Beet Sugarie Established at Watsonville, Pacific Rural Press 34, 1887, 24. Dezember.
[66] Great Enterprise in Beet Sugar, Ebd. 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[67] Claus Spreckels on Beet Sugar, Ebd. 35, 1888, Nr. 1 v. 7. Januar.
[68] Vgl. seinen Brief an die Farmer in Beet Sugar, Daily Alta California 1887, 23. Dezember und seine späteren Überlegungen in To Fight the Sugar Trust, New York Times 1889, 25. April.
[69] Claus Spreckels on Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 20, 12. November.
[70] The Beet Sugar Experiment, Australian Town and Country Journal 1889, 28. Februar, 29.
[71] W[illiam] W. Allen und R[ichard] B. Avery, California Gold Book, San Francisco und Chicago 1893, 367.
[72] Commercial, Los Angeles Times 1897, 22. April.
[73] The Bay of San Francisco. The Metropolis of the Pacific Coast and its Suburban Cities. A History, Bd. I, Chicago 1892, 351.
[74] Thomas J. Osborne, Claus Spreckels and The Oxnard Brothers: Pioneer Developers of California’s Beet Sugar Industry, 1890-1900, Southern California Quarterly 54, 1972, 117-125; Jeffrey Wayne Maulhardt, Oxnard Sugar Beets. Ventura County’s Lost Cash Crop, Mount Pleasant 2016. Analog zu Watsonville nutzte auch die Fabrik in Chino das Steffen-Verfahren, das ebenso von der deutschen Maschinenfabrik Grevenbroich geliefert wurde. Zum sozialhistorischen Hintergrund s. Carey McWilliams, Factories in the Field. The Story of Migratory Farm Labor in California, Berkeley, Los Angeles und London 2000.
[75] Beet Sugar Company Incorporated, Fitchburg Sentinel 1889, 17. April, 4; American Settler 1888, 11. Mai, 4.
[76] Thomas J. Vivian, The commercial, industrial, transportation, and other Interests of California, Washington 1891, 329.
[77] Sugar Refining, Daily Alta California 1889, 19. April.
[78] A Gigantic Project, Daily Alta California 1889, 19. Mai. Die Occidental Beet Sugar Company wird nicht erwähnt in Sandra E. Bonura, Empire Builder. John D. Spreckels and the Making of San Diego, Lincoln 2020.
[79] Beet Sugar, Los Angeles Herald 1889, 8. Oktober.
[80] The Beet-Sugar Industry, Daily Alta California 1890, 22. März.
[81] Agricultural and Pastoral, Queenslander 1888, 10. März, 390.
[82] Claus and the Farmers, Chicago Daily Tribune 1888, 8. März, 6. Claus Spreckels intervenierte sowohl in Kalifornien als auch in Washington. Im Untersuchungsausschuss über den Zuckertrust plädierte er offensiv für eine „heimische“ Industrie, die „unseren eigenen Zucker“ produzierten würde (Sugar Trust Investigation, Boston Daily Globe 1888, 24. März, 5).
[83] Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 19, 5. November.
[84] Sugar Beets, The Great Southwest 1, 1889, Nr. 5, 2.
[85] Ebd., Nr. 7, 5 und Nr. 8, 8.
[86] Ebd. 2, 1890, Nr. 2, 1.
[87] Sugar Beets: The Seed promised by Spreckels has been received, Ebd. 2, 1889, Nr. 2, 2-3, hier 2.
[88] More Beet Tests, Ebd. 2, 1890, Nr. 9, 4; National City Beets, ebd. Nr. 10, 13.
[89] Mr. Spreckels on the Sugar Beet Question, Pacific Rural Press 50, 1895, Nr. 24, 14. Dezember.
[90] Beet Sugar: An Interview With Mr. J.D. Spreckles [sic!], Los Angeles Herald 1889, 2. Januar; Sugar Beet Factories, Australian Town and Country Journal 1889, 14. September, 42; Colonies and India 1895, 3. August, 22.
[91] A Valuable Industry, Daily Alta California 1889, 14. September.
[92] San Francisco Call 1899, 24. November.
[93] Claus Spreckels, on the Sugar-Beet Industry, Northern Star 1896, 26. März, 4.
[94] Ten Years of Beet sugar at Watsonville, Pacific Rural Press 56, 1898, Nr. 26 v. 24. Dezember.
[95] The Sugar Industry, San Francisco Call 1896, 12. Mai.
[96] Beet Farming, Sausalito News 1896, 7. März.
[97] Refined Sugars Are Reduced, Boston Daily Globe 1896, 7. Juli, 9.
[98] Detailed Plans of the Sugar King, Chicago Daily Tribune 1896, 3. Juli, 1. Ähnlich Santa Claus Spreckels, Los Angeles Times 1896, 3. Juli, 1. Dieser lange Vorlauf von mehreren Jahren resultierte aus den Erfahrungen in Watsonville. Es erforderte gemeinhin zwei bis drei Jahre, um Farmer zu leistungsfähigen Rübenzuckerlieferanten umzuschulen und Fehler abzustellen.
[99] Dies und auch das Folgende nach Citizens of Salinas Unite in Honoring Claus Spreckels, San Francisco Call 1896, 2. August.
[100] Ergänzende Einblicke in dieses bemerkenswerte Treffen finden sich in Salinas Valley Citizens Applaud His Far-Reaching Enterprise, San Francisco Call 1896, 2. August.
[101] Beet Sugar Gazette 1, 1899/1900, Nr. 3, 20; Alfred Musy, The Largest Sugar Mill in the World, Beet Sugar Gazette 3, 1901/02, 135.
[102] Spreckels kaufte von Beginn an weiteres Land an. Ende 1897 gab er beispielsweise $275,000 für zusätzliche 12,000 Acres Zuckerland aus, s. News of the Big Cities, Chicago Daily Tribune 1897, 9. Dezember, 3.
[103] In Beet Fields, Pacific Commercial Advertiser 1897, 31. Juli, 2.
[104] Colony Homes, Los Angeles Herald 1897, 27. Mai; The All-Absorbing Topic, Sacramento Daily Union 1897, 17. Oktober.
[105] Senatorial Sugar, Los Angeles Herald 1897, 16. Mai.
[106] Beet Sugar, Ebd., 16. Mai. Nationalistische Slogans wie etwa „America for Americans“ waren Bestandteil dieses neuen Ansatzes.
[107] Entsprechende Gerüchte kamen 1897 auf, vgl. Commercial, Los Angeles Times 1897, 22. April; Sugar Trust Buys Up More Mills, Chicago Daily Tribune 1897, 21. April; One-Sided Hawaiian Reciprocity, Chicago Daily Tribune 1897, 24. April, 3. Eine Folge war ein Verleumdungsprozess zwischen Claus Spreckels und dem aufstrebenden Verleger William R. Hearst, den letzterer verlor.
[108] Weekly Statistical Sugar Trade Journal 23, 1899, Nr. 43, 26. Oktober, 6.
[109] Spreckels Company Organization, Chicago Daily Tribune 1897, 7. August, 7; Spreckels in Beet Field, Chicago Daily Tribune 1899, 2. März, 3.
[110] Washington Post 1898, 24. April, 22.
[111] Colossal Beet Sugar Exploitation, Chicago Daily Tribune 1896, 1. Juli, 1.
[112] Gary S. Breschini, Mona Gudgel und Trudy Haversat, Spreckels, Charleston 2006, 32.
[113] Local Benefits of the Beet Sugar Industry, Pacific Rural Press 53, 1897, Nr. 4, 23. Januar.
[114] To Produce Our Own Sugar, Beet Sugar Gazette 3, 1901/02, 120.
[115] Wheels of the Mammoth Sugar Factory at Spreckels Begin to Turn, San Francisco Call 1899, 1. September.
[116] A Visit to a Beet Sugar Factory, Pacific Rural Press 64, 1902, Nr. 7, 17. August.
[117] Leonhard J. Arrington, Science, Government, and Enterprise in Economic Development: The Western Beet Sugar Industry, Agricultural History 41, 1967, 1-18.