Fern des „Echten“: Rum im 19. Jahrhundert

Rum, Karibik und die Piraten: Dieser Dreiklang durchzieht das westliche Denken seit mehr als 300 Jahren. Die kolonialen Eroberungen Spaniens, Portugals, Englands, Frankreichs, auch Dänemarks und der Niederlande zielten nicht nur auf die neue Süße des Rohrzuckers, auf Plantagenwirtschaft und Sklavenhaltung. Der Zucker wurde stetig zu einem neuen Schnaps vergoren, scharf und mit einem kräftig-mild-süßlichem Geschmack (Charles A. Coulombe, Rum. The Epic Story of the Drink that Conquered the World, New York 2004). Jamaika entwickelte sich zum Zentrum der Rumproduktion, die Londoner Docks bildeten den Mittelpunkt des Handels in die deutschen Lande. Als Getränke echter Kerle, von Gentlemen und Seebären, aber auch als dezente Zugabe zum Tee der Damen eroberte der Rum sich einen Platz in der europäischen Alkoholkultur, erst der Kolonialstaaten, dann auch der europäischen Binnenländer. Die Literatur fing diese Veränderungen seit dem frühen 18. Jahrhundert ein, Abenteuerromane spiegelten sie. Daniel Defoe (1660-1731) überführte die reich ausgeschmückten Tatsachenromane über die Karibik und die Piraten in das Reich der Fiktion, Walter Scott (1771-1832) brachte sie einhundert Jahre später zu erster Meisterschaft. Handelsschiffe lagen tief im Wasser, voller Tabak, Zucker und Rum, doch die Piraten lauerten, die Beute lockte, am Ende das grölige Gelage mit dem Trank der Sieger. Der Mitte der 1920er und Anfang der 1950er Jahre höchst erfolgreiche Piratenfilm schuf Bilder des mitreißend-exotischen Dreiklangs Rum, Karibik und Piraten – und wir haben Captain Jack Sparrow vor Augen, diesen unwiderstehlichen Tausendsassa, trunken und verlogen, charmant und einnehmend.

Kingston, Jamaika, ca. 1870: Zentrum des Rumexportes (Wikipedia)

Das wirkliche Leben tritt dahinter zurück. Seit dem späten 18. Jahrhundert nahm der Konsum von Rum im Bürgertum, teils im Adel langsam zu. Der Arbeitsmann, der Bauer, sie tranken eher eine Art Bier oder Most, dann in immer größeren Mengen Kartoffelschnaps, Begleiterscheinung des seit dem späten 18. Jahrhundert einsetzenden Kartoffelanbaus und des 1817 patentierten Pistoriusschen Brennapparates. Die damalige deutsche Alkoholkultur zerbrach, Destillate dominierten sie bis in die 1880er Jahre, ehe die „Branntweinpest“ langsam überwunden wurde. Spirituosen aber blieben Alltagsgut, bei Bürgern und Arbeitern, auch bei likörigen Damen. Während sich die Piraten schon längst in der frühen Populärkultur festgesetzt hatten und „ächter“ Jamaika-Rum in Kolonialwarenländen, Drogerien und Apotheken verkauft wurde, war aus dem stolzen Getränk der Karibik jedoch ein höchst heterogenes Gesöff geworden.

Rumangebote in der Mitte des 19. Jahrhunderts (Leipziger Zeitung 1860, Nr. 297 v. 15.12., 5981 (l.); Ebd. 1859, Nr. 295 v. 14.12., 6065 (r.o.); Coburger Zeitung 1872, Nr. 304 v. 30.12., 1240)

Vier, im Alltag nicht immer eindeutig voneinander abgrenzbare Arten sind zu unterscheiden. Erstens gab es den „echten“ Rum. Dabei handelte es sich um nicht veränderten Importrum bzw. dessen Verschnitt auf einen Alkoholgehalt von ca. 50-55 %. Dieses obere Ende des Marktes war klein und erschien Zeitgenossen zu Recht als Ausnahme. Rum war ein unklarer Gattungsbegriff. Markenartikel kamen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf, Importfirmen – also Händler – dominierten den Markt. Sie verkauften an Kleinhändler, denen die Käufer vertrauen mussten, bevor die eigenen Sinne übernahmen. Kennzeichnungspflichten fehlten, Rumkontrollen waren unüblich, verlässliche Kriterien dafür gab es nicht. Die Händler warben mit Ferne, benannten die koloniale Herkunft, nicht aber die folgenden Veränderungen.

„Echter“ Importrum war ein hochwertiges und seltenes Angebot. Mengenmäßig dominierte spätestens seit den 1840er Jahren Kunstrum. Rum war als ein stark alkoholhaltiges Getränk mit einem charakteristischen Geschmack bekannt; und dieses baute man durch Kartoffelsprit und aromatische Zusätze nach. Kunstrum war „deutscher Rum“, hierzulande hergestellt und vermarktet, jedoch erschwinglich. Lässt man das Odium des Ersatzmittels einmal beiseite, so handelte es sich um eine preiswerte und massenkompatible heimische Alternative zum „echten“ Rum. „Karibiksonne“ hatte ihn nie beschienen, doch er war Abglanz eines Zeitalters wissenschaftlicher Entdeckungen in der organischen Chemie. Der Liebig-Schüler Friedrich Knapp (1814-1904) präzisierte 1847: „Der feine, dem Aroma des Rums sehr nahe kommende Geruch des Buttersäureäthers […] hat die Veranlassung gegeben, daß diese Verbindung gegenwärtig sehr häufig zur Nachahmung des Rums mittelst gewöhnlichen Branntweins benutzt wird“ (Lehrbuch der chemischen Technologie, Bd. 2, Braunschweig 1847, 411). Buttersäureäther war Großchemie im Kleinen, entstand durch den Einsatz von Kalilauge und Schwefelsäure, erforderte eine Destillation. Während es der Grundlagenforschung vorrangig um die Erkundung der Materie ging, nutzten Unternehmer dieses Wissen für neue und preiswertere Produkte, angeleitet durch einen wachsenden Markt von Ratgebern. Seit den 1840er Jahren nahm die Zahl von Halbfertigäthern zu. Sie ermöglichten schon lange vor der Isolation natürlicher und der Synthese künstlicher Aromen die Kreation von Geschmacksprofilen.

Experten rieten, Hersteller folgten: Rezepte für Kunst- und Façonrum (Practical Directions, Receipts and Processes […] manufactured by Fritzsche, Schimmel & Co., New York 1875, 36 (l. o.); John Rack, The French Wine and Liquor Manufacturer, New York 1863, 107 (r.o.), Gustav Hell, Die Pharmaceutische Nebenindustrie, Troppau 1879, 142 (l. u.); Dass., 2. verb. u. verm. Aufl., Troppau 1888, 148)

Ja, die gute alte Zeit… Die technische Entwicklung des Kunstrums ging von geschmacklich dominanten zu nuancenreicheren Zusätzen. Aromatisierter Kunstrum wurde mit Zuckercouleur, Sirup und/oder Eichenrinde abgerundet und braun gefärbt: „Die Leichtgläubigkeit des Publikums geht manchmal so weit, daß es einen gefärbten und mit etwas Essigsäure- oder Buttersäureäther versetzten fuselhaltigen Branntwein auch für Rum nimmt“ klagte 1859 der österreichische Chemiker Ferdinand Artmann (1830-1883) (Die Lehre von den Nahrungsmitteln, ihrer Verfälschung und Conservirung […], Prag 1859, 456). Doch die Zahl fertig käuflicher Ingredienzien nahm rasch zu. Der Erfolg des Kunstrums basierte nicht nur auf dem niedrigen Preis, sondern auch auf einer geschmacklich zusagenden und berechenbaren Aromatisierung. In Österreich gilt entsprechender Inländerrum bis heute als geschützte Spezialität – mit Stroh-Rum als bekanntester Marke. Die Zusätze konnten in Apotheken und Drogerien einfach gekauft werden. An die Seite der Fabrikanten, Destillateure und Budiker traten daher auch zahlreiche Hausfrauen, um dem Mann zu frommen oder Silvester punschig zu feiern.

Aromatisierter Kunstrum war ein künstliches Getränk eigenen Rechts, stand aber (wie auch die Margarine unter dem Verdikt der Nahrungsmittelfälschung. Entsprechend entstand drittens in den 1860er und 1870er Jahren mit dem Façonrum eine weitere Rumart, eine Mischung aus Verschnitt- und Kunstrum. Aromen und Kartoffelsprit ergänzte man nun um einen mehr oder minder großen Anteil von Kolonialrum. Fünf oder zehn Prozent „echter“ Importrum gaben ihm eine andere Note, erlaubten zugleich höhere Preise.

Selbstbereiteter Rum: Preiswert durch den Hausmix von Essenzen, Wasser und Weingeist (Vorwärts 1900, Nr. 303 v. 30.12., 11)

Doch dabei blieb es nicht: Façonrum und Kunstrum nutzten viertens vermehrt auch Rumessenzen, also Fertigprodukte der parallel zur pharmazeutischen und kosmetischen Industrie entstehenden Essenzenindustrie. Deren industriell gefertigte Angebote unterschieden sich deutlich von den Chemikalien der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie waren teils synthetisiert (wie Vanillin), vor allem aber stofflich standardisiert, waren also nicht nur in großer Menge (und damit billiger) herzustellen, sondern konnten gezielt als Vor- und Zwischenprodukte eingesetzt werden. Mit ihnen glaubte man damals, das „Reservatrecht der Natur“ (Emil Fischer) durch Synthese durchbrechen und so zu einer neuen, vom Menschen gestalteten Welt gelangen zu können. Der Geschmack war gewiss eigen, doch er lag nun in der eigenen Hand: Seit den 1890er Jahren ersparten die DIY-Angebote den Käufern die lange Tüftlerphase der Produzenten, denn mit Wasser, Weingeist (also Kartoffelsprit) und Essenz konnte jede/r „Rum“ zu Hause herstellten.

Am Rum sehen wir im 19. Jahrhundert die typischen Pendelschläge bei der Entwicklung trinkfertiger künstlicher Kost. Die teure Kolonialware wurde zuerst mittels heimischer Rohwaren substituiert. Vergorener Rübenzucker schmeckte nicht recht, daher nutzte man „chemische“ Kunstprodukte. Die offenkundigen Defizite wurden anschließend vermindert – zuerst durch verbesserte Aromatisierung mit chemischen oder natürlichen Geschmacksstoffen, dann mit einem schmeckbaren, doch nicht zu umfangreichen Einsatzes des Originalproduktes. Und dann durften Konsumenten schließlich angeleitet kreativ sein. Lernprozesse dieser Art prägen bis heute große Teile des Lebensmittelangebots, mögen uns überwölbende Produktbezeichnungen und die allgemeine Ästhetisierung beworbener Nahrung auch anderes suggerieren.

Uwe Spiekermann, 27. Juni 2026

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