Deutsche Einwanderer auf dem Weg zu amerikanischen Vorzeigeunternehmern: Die Familie Spreckels, 1850-1930

Seit Gründung der USA haben mehr als siebeneinhalb Millionen „Deutsche“ ihr Vaterland verlas­sen, um jenseits des Atlantiks ein besseres Leben zu führen. Die Mehrzahl von ihnen stammte aus unteren und mittleren Verhältnissen, suchte den sozialen Aufstieg und fand ihn vielfach in einer selbständigen Existenz als Farmer, Handwerker oder Händler. Deutsche Einwanderer schufen nach dem gängigen, von der Migrationsforschung wesent­lich mitgeprägten Bild zwar eine breite mittelständische Grundlage der US-Wirt­schaft des 19. und 20. Jahrhunderts, doch die unternehmerischen Eliten entstammten demnach vorrangig „Protestant, Anglo-Saxon, native-born, well-to-do families“ [1]. Schon kurzes Nachdenken führt zur Skepsis gegenüber dieser Aufstiegsgeschichte aus den Reihen der Kolonisten vorwiegend des 18. Jahrhunderts: Pfizer, Merck, Heinz, Levi Strauss, Anheuser-Busch, Miller, Pabst, Steinway, Studebaker, Boeing – das sind zehn hingeworfene und rasch zu ergän­zende Namen bedeutender amerikanischer Firmen, die von deutschen Einwanderern erster oder zweiter Generation gegründet wurden. Im Washingtoner German Historical Institute haben unsere Recherchen 2009 eine keineswegs Liste mit mehr als achthundert „signifikanten“ deutsch-amerikanischen Unternehmern ergeben. Analoge Verzeichnisse von Einwanderer­unternehmer aus Skandinavien und Italien, Österreich-Un­garn und Russ­land, China und Mexiko dürften ebenfalls umfangreich sein.

Dies war Anlass, um 2010 das Projekt „Immigrant Entrepreneurship. Ger­man-American Busi­ness Biographies, 1720 to the Present“ zu starten. Darin sollte am Beispiel deutsch-amerikani­scher Einwanderer analysiert werden, welche Bedeutung diese für die Ausbil­dung und Etablierung der USA als führender Wirtschaftsmacht der Welt gehabt haben. [2] Das bis 2015 währende Projekt blieb gewiss hinter den selbstgesetzten Erwartungen zurück, doch die frei zugängliche Webseite [https://www.immigrantentrepreneurship.org] bietet mit knapp 180 biographischen und zahlreichen weiteren thematischen Artikeln einen einzigartigen und insbesondere empirisch fundierten Einblick in die deutsch-amerikanische Migrations- und Unternehmensgeschichte. Dennoch musste die Kernfrage nach dem spezifisch „deutschen“ Beitrag für die US-Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte offen bleiben. Zwar konnte der Mythos einer primär von den tradierten angelsächsischen Kolonisten geprägten und dominierten Wirtschaftssupermacht USA falsifiziert werden, doch die Einwanderer aus deutschen Landen bildeten eine zu heterogene und in sich vielfach widersprüchliche Gruppe, die nicht als klar konfiguriertes Gegenbild zum Establishment der jeweiligen „amerikanischen“ Unternehmer dienen kann. [3]

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Claus Spreckels (1828-1908) (San Francisco Newsletter 26, 1877, 29. Dezember, n. 16 (l.); Phelbs, 1881, vor 449)

Vom Landarbeiter zum Zuckerkönig? Die Karriere von Claus Spreckels

Umso wichtiger bleiben Fallstudien. Die Geschichte der kaliforni­schen Familie Spreckels bietet sich dazu an. Es handelt sich um eine der – nach den Astors – sicherlich erfolgreichsten deutschstäm­migen Immigrantenfamilien; einzig die in Milwaukee und Detroit ansässigen Uihleins dürften in den USA um 1900 eine ähnlich wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle gespielt haben. [4] Familien wie die Spreckels erlauben eine langfristige Analyse nicht nur unternehmerischen Erfolges resp. Misserfolges, sondern ermöglichen auch recht genaue Einblicke in die Akkulturation, die Integration und die sich wandelnde Identität von Einwanderern. [5] Das gilt insbesondere, wenn der in diesem Fall immense Wohlstand die zumeist geltenden Hemmnisse von materieller Enge, Fremdheitserfahrungen und relativer Isolation in der ethnischen oder religiösen Nische kaum zur Tragen kommen lässt: Claus Spreckels rangierte 1998 auf einer methodisch durchaus fraglichen  Liste der reichsten Amerikaner aller Zeiten auf Platz 40, und seine Söhne konnten das Gesamtvermö­gen der Familie nochmals mehren.

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Visualisierte Stationen im Leben eines erfolgreichen Einwandererunternehmers (Sugar in the Making, hg. v. d. Western Sugar Refinery San Francisco, 2. Aufl., San Francisco 1932, s.p.)

Claus Spreckels wurde 1828 als ältestes von sieben Kindern einer alteingesessenen Kötnerfa­milie in Lamstedt, nahe Cuxhaven, geboren. [6] Er wuchs unter beengten Verhältnis­sen und ohne weiterführende Schulbildung auf und verdingte sich seit 1843 als Landarbeiter. 1846 wanderte über Bremen in die USA aus, obwohl er weder über Kapital noch englische Sprachkenntnisse verfügte. In seinem Zielort Charleston, South Carolina, fand er Beschäfti­gung bei einem deutschstämmigen Kolonialwaren- und Alkoholhändler, dessen Geschäft er nach wenigen Jahren übernahm. Spreckels weitere Karriere gründete auf einer Ketten­wande­rung von Lamstedt in die USA. [7] Er heiratete 1852 seine aus einem Nachbarort von Lamstedt stammende Schulkameradin Anna Christina Mangels (1830-1910), die kurz zuvor nach New York emigriert war und dort als Dienstmädchen arbeitete. Mit Hilfe seines Schwagers Claus Mangels (1832-1891), spä­ter Millionär in San Francisco, erwarb Spreckels 1855 ein Groß- und Einzelhandelsge­schäft in New York, das schnell Gewinn abwarf. Ein Jahr später folgte er seinem Bruder Bernhard (1830-1861) nach San Francisco und baute mit seinem Kapital dessen Groß- und Einzelhandels­geschäft aus. [8]

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Industrielle Anfänge im Familienverband – Anzeige der Albany Brewery (San Francisco Directory 1861, 533)

In San Francisco investierte Claus Spreckels gezielt in Wachstumsmärkte. Zusammen mit seinem Bruder Peter (1839-1922) und seinem Schwager gründete er 1857 die Albany Brauerei, die mittels moderner Technologie und innovativer Produkte rasch zu den führenden lokalen Unternehmen aufschloss. [9] Binnen weniger Jahre zu Wohlstand gekommen, zielte Spreckels jedoch auf die weitere Maximie­rung seines Vermögens. In der späteren Selbst- und Fremdstilisierung wird die Gründung zweier Zuckerraffinieren, der Bay Sugar Refinery 1863 und der California Su­gar Refinery 1867, als der eigentliche Durchbruch zum späteren Zuckerimperium gedeu­tet. Doch für Spreckels war die Zuckerbranche zu diesem Zeitpunkt nur ein Feld einer breit gestreuten Tätigkeit als Venture-Kapitalist. In den 1860er und 1870er Jah­ren inves­tierte er in eine weitere Brauerei (Lyons Brewery), Gold- und Silberminen (Virgi­nia Hill Gold and Silver Mining Company, Kennedy Mining Company), in das Diamanten­ge­schäft (Diamond Match Company), die Seidenproduktion (Union Pacific Silk Manufac­turing Company), in die lokale Gasversorgung, den Kanalbau (Mission Creek Canal Com­pany), das Versicherungsgewerbe (Fireman’ Fund Insurance Company, Commer­cial Insu­rance Company of California), Immobilien sowie das Bankgeschäft (Ger­man Savings and Loan Society). [10]

Gleichwohl, die Zuckerbranche wurde zu Spreckels Hauptdomäne. Er setzte von Beginn an moderne Maschinen ein, die er zuerst an der amerikanischen Ostküste, dann auch in Deutschland kaufte. Er nutzte konsequent Größen- und Verbundvorteile: Die California Sugar Re­finery wurde zwischen 1867 und 1881 fünfmal vergrößert, der Maschinenpark mit teils auf Spreckels Namen patentierten neuesten Maschinen bestückt. [11] Die Konkurrenz wurde mit Kampfpreisen aus dem Markt gedrängt. Standardisierte Qualitäten und neue, auf die Letztkonsumenten zugeschnittene Produktinnovationen sowie kleine Packungen gemahlenen Zuckers wa­ren Teil des Erfolgskonzeptes. Parallel knüpfte Spreckels direkte Handelsbeziehungen nach den Philippinen, Hawaii und Mittelamerika, um eine möglichst sichere und zeitli­ch länger gestreckte Rohzuckerversor­gung zu garantieren. Seit Mitte der 1870er Jahre domi­nierte Spreckels die Produktion und zunehmend auch den Außenhandel mit Rohrzucker im Westen der USA.

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California Sugar Refinery, San Francisco 1881 (San Francisco News Letter 1881, Christmas-Nr.)

Diese Position schien bedroht zu sein, als 1876 ein Reziprozitätsvertrag zwischen den USA und dem Königreich Hawaii geschlossen wurde, der für Zuckerimporte aus Hawaii nicht nur keine Zölle vorsah, sondern zudem eine Subvention von zwei Cent pro Pfund. [12] Spre­ckels hatte anfangs seinen politischen Einfluss geltend gemacht, um die­sen Vertrag zu sabotieren. Nach Abschluss stellte er sich jedoch als erster auf die neuen Verhält­nisse ein. Nach kurzer Anlaufzeit begann er mit massiven Investitionen in den Rohrzuckeran­bau. Er erwarb 40.000 Acres Land in Maui, korrumpierte dazu König und Regierung, über­zog mit Hilfe deutschstämmiger Ingenieure die Insel mit einem Netzwerk von Bewässerungska­nälen, Straßen und Eisenbahnen und gründete mehrere Raffine­rien im neu gegründeten Spreckelsville. [13] Spreckels siedelte Tausende von Arbeitern aus Portu­gal, China, Japan, aber anfangs auch Hunderte aus Norwegen und Deutschland in Maui und zahlreichen weiteren Plantagen in Big Island an. [14] Er setzte Standards für die grundlegende Veränderung der Wirtschafts- und Sozial­struktur Hawaiis und bereitete mit seinen Investitionen der späteren Annektie­rung der Inselgruppe durch die USA den Boden – mochte er selbst auch aus ökonomischen Gründen ein Verfechter der Unabhängigkeit Hawaiis gewesen sein.

Aus unternehmenshistorischer Sicht wichtiger war der rasche Aufbau eines vertikal integrier­ten Zuckerkonzerns. Die gemeinsam mit seinen ältesten Söhnen geführte Oceanic Steam­ship Company dominierte das Transport-, Personen- und Postgeschäft mit Hawaii für Jahrzehnte. Neu gegründete Großhandelsorganisationen vertrieben den Rohzucker der wachsenden Zahl hawaiianischer Zuckerplantagen. Von Spreckels kontrol­lierte Banken finanzierten das kapitalintensive Geschäft mit der süßen Rohware. Anfang der 1880er Jahre war Spreckels (nach heutigen Maßstäben) Milliar­där, Quasimachthaber in Hawaii, dessen politischer Einfluss in Kalifornien und Washing­ton die Verlängerung des Reziprozitätsvertrages 1883 auch gegen erbitterten Widerstand der Öffentlichkeit ermöglichte. [15] Zu dieser Zeit stand Spreckels Name als Syno­nym für die Gefahren von Big Business, der umstürzen­den und korrumpierenden Macht der großen Korporationen: Die Arbeitsbedingungen in seinem Plantagensystem waren Gegenstand zahlreicher Regierungsuntersuchungen, er wurde wegen der hohen Monopolpreise für Zucker stetig kritisiert, sein politischer Ein­fluss in der republikani­schen Partei schien die U.S.-Politik zu unterminieren. [16] Die Tarifpoli­tik der großen Eisenbahnlinien, die Spreckels Zuckermonopol im Westen mit Son­derta­rifen schützten, machte die Gefahr der Trusts für die Allgemeinheit nochmals offenkundig. [17]

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Trust-Regulierung als vernachlässigte staatliche Aufgabe (Puck 24, 1888, 137)

Seit Mitte der 1880er Jahren erodierte jedoch die Macht des Zuckerkönigs. Dies galt ein­mal für Hawaii, wo Wettbewerber an Boden gewannen und die Macht des auf Spre­ckels angewiese­nen Königs Kalakaua (1836-1891) spätestens seit der Revolution 1887 schwand. [18] Auch die politi­schen Rahmenbedingungen wandelten sich, die Tarifpolitik des demokratischen Präsi­den­ten Grover Cleveland (1837-1908) war hierfür nur ein Vorbote. Wichtiger noch war die 1887 er­folgte Gründung der American Sugar Refinery Company, des so genannten Zucker­trusts. All dies führte zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Spreckelschen Unterneh­men:

Erstens, verlagerte er seine Aktivitäten stärker zurück nach Kalifornien, wo er seit 1887 zum Pionier der Rübenzuckerproduktion wurde. Nach einem siebenmonatigen Studienaufent­halt in Deutschland im Jahre 1865 hatte Spreckels schon seit 1872 mit Ver­suchsanbau von Rübenzucker begonnen, doch der arbeitsintensive Zuckerrübenan­bau war aufgrund fehlender Farmer resp. Landarbei­ter noch nicht wettbewerbsfähig. [19] Das änderte sich durch den Preisverfall einschlägiger Cash Crops, hinzu kamen Subventio­nen der U.S.-Regierung, die dadurch die Abhängigkeit von Zuckerimporten vermindern wollte. Spreckels informierte sich 1887 während einer fünfmonatigen Reise durch Öster­reich, Frankreich, Belgien und Deutschland über den aktuellen Stand der Rübenzuckerin­dust­rie, importierte anschließend Patente und Technik vornehmlich aus Deutschland und baute südlich von San Francisco zuerst 1887 in Watsonville, dann seit 1898 in Salinas und der neu gegründeten Stadt Spreckels die zu ihrer Zeit jeweils größ­ten Zuckerraffinerien der USA, nach eigenem, nicht zutreffenden Bekunden, auch der Welt auf. [20]

Zweitens, nahm Spreckels publikumswirksam den Kampf mit dem Zuckertrust auf. Die Idee, auch an der Ostküste Zucker anzubieten, hatte er seit langem gehegt; und er setzte sie konsequent um, nachdem der Zuckertrust 1888 eine kleinere konkurrierende Raffine­rie in San Francisco aufgekauft hatte und einen Preiskampf begann. Spreckels zog nun gen Osten, verhandelte mit mehreren Städten wegen Subventionen und errich­tete errichtete seit 1889 die damals weltgrößte Zuckerraffinerie in Philadelphia. [21] Opera­tiv von seinen Söhnen geleitet, ermöglichte sie einen intensiven Preiskampf, der zeitwei­lig zu einer Halbierung des Zuckerpreises in den USA führte. Der vielfach umsatzstärkere und kapitalkräftigere Zuckertrust lenkte schließlich 1891 ein, überließ Spreckels den Westen der USA und kaufte die Fabrik in Philadelphia für das Doppelte der Investitionssumme. [22] Westmonopo­list Claus Spreckels wurde mit diesem Coup zu einer populären öffentlichen Figur, der die Stellung und Werte des Einzelunternehmers gegen die Trusts verteidigt hatte.

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Spreckelsche Zuckerraffinerie in Philadelphia, PA, 1893 (Frank Leslie‘s Illustrated Newspaper 1890, Nr. 1821 v. 8. September, 576)

Drittens begann Claus Spreckels, der sich seit 1893 inoffiziell aus dem operativen Ge­schäft zurückgezogen hatte, mit einer Diversifizierung seiner unternehmerischen Aktivitä­ten. Er schloss damit an die frühere Phase des Venture-Kapitalisten an. Stich­worte müssen genügen, auch wenn es sich teils um (aus heutiger Sicht) Milliardengeschäfte gehandelt hat. Spreckels investierte in verschiedene Eisenbahnunternehmen, um seine Rübenzuckerproduk­tion zu unterstützen (Pajaro Valley Railroad; Pajaro Valley Consoli­dated Railway), um das Quasi-Monopol der Southern Pacific Railway Co. zu attackieren (San Fran­cisco and San Joaquin Valley Railroad Company; Bakersfield and Los Angeles Railway Company) sowie die Infrastrukturentwicklung Südkaliforniens voranzutreiben (National City & Otay Railroad). [23] Sein öffentliches Image als Monopolbrecher erlaubte ihm lukra­tive Investitionen im Infrastruktursektor, wo er unter anderem als Preisbrecher im Gas- und Elektrizitätsgeschäft agierte (Independent Light and Power Company), um seine Aktien nach einigen Jahren mit hohem Gewinn zu verkaufen [24]. Schließlich inves­tierte er zunehmend in Immobilien, darunter den ersten Wolkenkratzer im Westen der USA, das 1897 eröffnete Claus Spreckels Building, Sinnbild des aufstrebenden San Francisco. [25]

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Der Bau der San Joaquin Valley Road als Heil für die Region – Werbemotiv für die Spreckelsche Eisenbahnlinie, 1896 (Valley Road, 1896, 67)

Herkunft als Ressource: Erfolgsfaktoren eines Multimilliardärs

Man kann diese Karriere als US-amerikanische Erfolgsgeschichte lesen, als den Übergang vom Landarbeiter zum Zuckerkönig. Dies wird jedoch weder den Besonderheiten der USA im 19. Jahrhundert noch dem Status eines Einwandererunternehmers gerecht.

Claus Spreckels war seit 1855 Bürger der USA. Er lernte rasch Englisch, auch wenn er es bis an sein Lebensende mit deutlichem deutschem, genauer niederdeutschem, Akzent sprach. Er war stolz auf sein neues Vaterland, pries dessen Freiheitsversprechen und die Unabhängigkeit seiner Bür­ger und wandte sich, je später, je mehr, gegen den US-Imperialismus und die um sich greifende Korruption in der Politik – auch wenn er diese über Jahrzehnte systematisch betrieben hatte. [26] Er war Mitglied, teils Gründungsmitglied der wichtigsten amerikani­schen Vereine der Westküste, aktiv in der Nationalgarde und ein führender Repräsen­tant der Republikaner in Kalifornien. Er förderte den lokalen Patriotismus mit Spenden für die Statuten von James A. Garfield (1831-1881), Ulysses S. Grant (1822-1885), George Dewey (1837-1917), Abraham Lincoln (1809-1865) und William McKinley (1843-1901). Zugleich aber unterstützte er ein Leben lang seine lutherische St. Markus-Gemeinde, war Mitglied im San Francisco Verein und dem Verein Arion, förderte Deutsche Tage und Wochen, das German Altenheim und das Goethe-Schiller-Denkmal. 1899 schenkte er seiner Heimatstadt 1899 ei­nen Temple of Music, nicht zuletzt zur Pflege deutscher Musik.

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Ein Ort deutscher und amerikanischer Weisen: Spreckels Temple of Music (Mark Hopkins Review of Art 1, 1899/1900, Nr. 3, 10)

Spreckels wurde bis in die 1890er Jahre vielfach als Immigrant wahrgenommen. Seine Geschäftspraktiken wurden als die eines „greedy Prussian“ [27] oder aber eines „German Jews“ [28] denunziert. Aufgrund seines Eintretens für chinesische Kontraktarbeiter oder seines Beharrens auf Hawaiis Selbstständigkeit galt er vielfach als national unsicherer Kantonist. Im Deutschen Reich und auch bei deutsch-amerikanischen Vereinigungen wurde er dage­gen vielfach national verein­nahmt, sei es als jovialer Plattdeutsch-Sprecher oder als der „deutsche Zuckerkö­nig“. [29] Deutsche Besucher vermerkten jedoch zunehmend kritisch, dass er „keine ande­ren als rein amerikanische Interessen habe“; und da half es wenig, dass sein Pfarrer ihn am Grabe mit einer deutschen Eiche verglich. [30] In der deutschsprachigen US-Presse hieß es klagend, dass er „für das hiesige Deutschtum und das Deutschtum überhaupt [nicht, US] viel übrig gehabt“ [31] habe. Das war falsch, doch Claus Spreckels achtete stets auf die öffentliche Wirkung und die soziale Bindekraft seiner Zuwendungen auch über die deutsche Nische hinaus.

In den USA wurde er seit den frühen 1890er Jahren immer stärker als ein Repräsentant erst des aufstreben­den Kaliforniens, dann auch der amerikanischen Nation und ihrer Verheißung individueller Entfaltung gese­hen. Gleichwohl, seine Karriere ist ohne seine Herkunft aus Deutschland kaum zu erklären. Deutsche Immigranten ermöglichten ihm jeweils den Start in Charleston, New York und San Francisco. Deutsch-amerikanische Ingenieure und Architekten planten die Plantagenwirt­schaft in Hawaii und die Raffinerie in Philadelphia. Spreckels beschäftigte zahlreiche Facharbeiter aus Deutschland und gab immer wieder Familienmitgliedern die Chance, in seinen Unternehmen zu arbeiten und aufzusteigen. Sein ältester Sohn wurde 1869-1871 auch in Deutschland, an der Polytechnischen Schule in Hannover, erzogen. [32] Deutsche Besucher und Politiker wurden von ihm in Hawaii und San Francisco empfangen und bewirtet.

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Sedan-Feier in San Francisco unter Leitung von Claus Spreckels (San Francisco Abend Post 1871, 30. August, 2)

Er selbst reiste mehrfach für längere Aufenthalte nach Deutschland, um dort vor Ort die Zuckerproduktion zu studieren. Seit 1867 importierte er Maschinen aus Deutschland, seine Zuckerrübenfabriken wurden fast gänzlich mit deutscher Technologie ausgestat­tet, auf kalifornischen Feldern deutsche Rübensaaten angepflanzt. Und doch: Der Grund für diese engen Beziehungen lagen in der Qualität von Know-how und Produk­ten. Spre­ckels folgte einer ökonomischen Logik, keiner nationalen. Falls Saatgut in Frankreich oder Dänemark günstiger angeboten wurde, so kauft er es dort. Zugleich nutzte er seine deutsche Herkunft vielfach geschickt aus, um insbesondere bei Verhandlun­gen um Zolltarife Vorteile zu erzielen; war er doch ein Amerikaner, der vorgab, die Deutschen zu kennen. In Hawaii positionierte er sich als Garant amerikanischer Interessen gegenüber der britischen und deutschen Konkur­renz. Die Gefahr wachsender deutscher Zuckerimp­orte instrumentalisierte er zur Subventio­nierung der US-Rübenzuckerindustrie.

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Blick in die St. Bartholomäus Kirche, Lamstedt, Taufort von Claus Spreckels (Uwe Spiekermann, 2018)

Spreckels blieb seiner Heimat eng verbunden: Er finanzierte nicht nur das Haus seiner Schwester in Lamstedt, sondern ein Jahr vor seinem Tod auch die Orgel seiner Heimatgemeinde. Doch spätes­tens seit den frühen 1890er Jahren führten ihn die regelmäßigen Transatlantikreisen immer häufiger auch nach London, dann vielfach nach Paris und den böhmischen Bädern. Seine pompöse Villa in San Francisco wurde mit französischen Kunstwerken ausgestat­tet, darin wirkten nicht nur deutsche Hausmädchen, sondern auch englische Butler und Gärtner. [33] Der deutsche Immigrant in Amerika war auch ein Freund der französischen Kü­che – und entsprach damit dem Geschmack des sich ausbildenden internationalen Smart Set.

Auf dem Weg zur reichsten und einflussreichsten Familie Kaliforniens? Die zweite Unternehmergeneration der Spreckels

Schon diese wenigen Hinweise unterstreichen die Künstlichkeit klarer nationaler Identitäten im ausgehenden 19. Jahrhundert. Claus Spreckels war im Königreich Hannover geboren worden; und eine deutsche Staatsbürgerschaft gab es formal erst 1913, also nach seinem Tode. Seit 1855 war er naturalisierter Bürger der USA, doch dabei handelte es sich um einen rasch expandierenden Staat mit unklaren Grenzen: Kalifornien wurde 1850 Teil der USA. Kalifornien selbst war noch nicht der heutige Staat mit etwa der Einwohnerzahl, die 1850 der Deutsche Bund aufwies. Für Claus Spreckels war er jedoch der wichtigste Bezugs- und auch Gestaltungsraum, während er das von ihm lange dominierte Hawaii immer als informellen Herrschaftsraum, nicht aber als eigenständigen Staat verstand, zu dem er nie eine innere Bindung hatte.

Fragen nach der Akkulturation und der Integration eines solchen Repräsentanten einer transnationalen Funktionselite zeugen schon bei einer Person von multiplen, parallel gelebten und genutzten Identitäten. Doch der eigentliche Testfall ist gewiss die zweite Einwanderergeneration. Dieser ist im Falle der Fami­lie Spreckels besonders ergiebig, denn die harte Schule des Zuckerkö­nigs führte nicht nur zu innerfamiliären Zerwürfnissen, sondern auch zur Ausbil­dung von vier unternehmeri­schen Talenten, die allesamt auf Grundlage der Arbeit und des Kapitals des Vaters ihre je eigenen Karrieren entwickelten und das Vermögen der gesam­ten Familie bis in die Mitte der 1920er Jahre nochmals vergrößerten. Skizzenar­tige Charakterisierungen müssen genügen.

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John D. Spreckels (1853-1926) (Austin, 1924, n. 74 (l.); ebd., n. 162; Coshocton Tribune 1922, 3. September, 3 (r.))

John Diederich Spreckels, der älteste 1853 in Charleston geborene Sohn, war das viel­leicht größte unternehmerische Talent der vier Brüder. [34] Er wurde von seinem Vater schon früh mit dem Management des Hawaiianischen Besitzes betraut – und führte mit seinem jüngeren Bruder Adolph B. seit den 1890er Jahren die kalifornischen Zuckerbetriebe. Parallel baute er seit 1878 die Oceanic Steamship Company auf, die nicht nur im Fracht- und Postverkehr nach Hawaii tätig war, sondern seit den 1880er Jahren erste regelmäßige Fahrten nach Neuseeland, Australien, Samoa und später auch nach Asien anbot. Die gemeinsam mit seinen Brü­dern Adolph B. und Claus A. gegründete Holding Spreckels & Bros. agierte als Agentur für viele kleinere US-Reeder und zahlreiche europäische Linien im Pazifik- bzw. im Schiffsverkehr von der Ost- zur Westküste. Breite Teile der Versorgung der Westküste mit Kohle, Koks, Düngemitteln und Metallen – von Australien, aber auch aus Großbritannien – erfolgten im Chartergeschäft durch Spreckels & Bros.

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Wirtschaftliche und touristische Erschließung des Pazifikraums durch J.D. Spreckels & Bros. (Ports, 1889, 62 (l.); Oceanic Steamship Company 1902, s.p.)

John Diederich Spreckels emanzipierte sich von seinem Vater mit 1887 einset­zenden systematischen Investitionen in San Diego; auch wenn der alte Herr diese finanziell mittrug und seine Rechte erst um die Jahrhundertwende an die beiden älteren Söhne übertrug. John D. Spreckels engagierte sich für den Ausbau der Hafeninfrastruktur, baute in den 1890er Jahren ein weit über Bedarf geplantes Straßenbahnnetz auf, gründete Elektrizitäts- und Wasserwerke, kaufte zudem die wichtigsten lokalen Tageszeitungen auf. Dies diente der Etablierung von San Diego und der vorgelagerten Insel Coronado als Touristenzentrum und Altersresidenz [35], führte mittelfristig auch zu immensen Gewinnen im Grundstücksgeschäft, da John D. Spreckels einen Großteil des zukünftigen Baulandes preiswert gekauft hatte. Nach dem Erdbeben 1906 siedelte er dauerhaft nach San Diego über und investierte einerseits in zentrale Bürogebäude, baute daneben an sich weit überdimensionierte Theater, Musikstätten und Vergnügungsparks. Parallel sicherte er die Wasserversorgung der Region durch ein Netzwerk von Staudämmen und Kanalsystemen.

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Übernahme und Ausbau bestehender Infrastruktur: Coronado und San Diego 1888 (Coronado Beach Company, 1888, s.p.)

Mit der Spreckels Savage Tire Company, der ersten amerikanischen Reifenfirma westlich vom Produktionszentrum Akron, legte er zugleich Grundlagen für die industrielle Entwicklung San Diegos und des Südwestens Kaliforniens. Als Investor ähnlich breit aufgestellt wie sein Vater, war auch John D. im Eisenbahngewerbe tätig (National City & Otay Railroad, Coquile River Road, San Diego & Southeastern Railway Company, Coos Bay, Roseburg and Eastern Railway). Die 1919 fertiggestellte San Diego and Arizona Railroad band San Diego an das transnationale Eisenbahnnetz der USA an und bildete einen Schlussstein in der verkehrstechnischen Erschließung Südkaliforniens. John Ds. Lebens­stil war aufwendig, er besaß die jeweils größten und schnellsten Yachten der West­küste, zeigte Interesse an Boxsport, Polo und Autorennen und war in den 1890er Jahren nicht nur aufgrund seines Geldes die bestimmende politische Kraft der republikani­schen Partei Kaliforniens. Dennoch stand er nach dem Tode seines Vaters mit jährlich über einer Million Dollar lange Zeit an der Spitze der Einkommenspyra­mide Kalifor­niens und hinterließ bei seinen Tode 1926 mit 25 Millionen Dollar ein aus heuti­ger Sicht Milliardenvermögen. [36]

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Adolph B. Spreckels (1857-1924) (San Francisco Call 1896, 17. September, 7; Men of the Pacific Coast 1902, 188; Jockey Club, 1923, s.p.)

Adolph Bernhard Spreckels, 1857 in San Francisco geboren, stand vielfach im Schatten seines großen Bruders; und doch finanzierte er die meisten seiner Unternehmungen auf 50-Prozent-Basis, war Kapitalist im Wortsinne. Nachdem er 1881 Michel De Young, den Besitzer des San Francisco Chronicle, auf­grund dessen einseitiger Berichterstattung über seinen Vater und insbesondere seiner Mutter niedergeschossen hatte, letztlich aber freigesprochen wurde, führte er längere Zeit ein eher zurückgezogenes Leben. [37] Seine Passion war der Pferderennsport. Er war einer der wichtigsten, vor allem aber der lange Zeit wirtschaftlich erfolgreichste kalifornische Pferde­züch­ter und gründete mehrere Pferderennbahnen in Nordkalifornien und auch – nach dem Verbot erst der Pferdewetten, dann des Alkoholkonsums in Kalifornien – in Mexiko. [38]

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Tanforan Pferderennbahn vor der Wiedereröffnung 1923 (Jockey Club, 1923, s.p.)

Adolph B. Spre­ckels agierte viele Jahre ehrenamtlich als Park Commissioner, verantwortlich für den Golden Gate Park. [39] Als einziger Spreckels dieser Generation engagierte er sich im boomenden Ölgeschäft, konnte sich aber mittelfristig nicht gegen die Konkurrenz der Standard Oil Company behaupten. [40] Obwohl ein beträchtlicher Teil seines Vermögens auf Drängen seiner Gattin Alma des Bretteville Spreckels (1881-1968) in den frankophonen California Palace of the Legion of Honor floss, dem in sei­nem Todesjahr 1924 eröffneten wichtigsten Kunstmuseums der Westküste, hinterließ er seinen Erben immerhin noch 15 Millionen Dollar. [41]

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Bohrtürme und Verarbeitungsindustrie der Sunset Monarch Oil Company, 1910 (Sunset 25, 1910, 243)

Während John D. und Adolph B. die autokratische Grundhaltung ihres Vaters lebenslang ertrugen, rebellierten die beiden jüngeren Brüder Claus Augustus und Rudolph Anfang der 1890er Jahre gegen Claus Spreckels. In jahrelangen Rechtsverfahren gelang es ihnen Millionenwerte vom Vater zu erstreiten, die sie dann für ihre eigenen Unternehmun­gen nutz­ten. [42]

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Verwerfungen im Hause Spreckels: Karikatur zur Serie von Gerichtsverfahren zwischen Claus Spreckels und seinen Söhnen Rudolph und Claus A., 1892-1896 (Oakland Tribune 1908, 10. Januar, 1)

Beide hatten für ihren Vater die Zuckerraffinerie in Philadel­phia geleitet, beide wa­ren desillusioniert von deren Verkauf an den Zuckertrust, den sie doch eigentlich bekämp­fen und besiegen wollten. Claus A. und Rudolph erhielten als Ausgleich ein Millionen-Kapital, vor allem aber die Verfü­gungsgewalt über das Herzstück des Spreckelschen Zuckergeschäft in Hawaii, der Hawaiian Commercial Sugar Company. Sie führten diese durch einen finanziellen Engpass in den frühen 1890er Jahren, um sie 1898 schließlich mit Millionengewinnen zu verkaufen, freilich gegen ihren Willen. [43]

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Claus A. Spreckels (1858-1946) (New York Journal 1897, 4. Juli, 24 (l.); Evening Telegram New York 1911, 22. Juli, s.p.; Kansas City Sun 1918, 26. Januar, 3 (r.))

Claus A. Spreckels nutzte dieses Kapital, um 1902 in Yonkers, nördlich von New York City, die Federal Sugar Refinery aufzu­bauen, die sich aufgrund neuartiger Produktionsverfahren rasch nicht nur zur größten unabhängigen Zuckerraffinerie der USA entwi­ckelte, sondern Anfang der 1920er Jahre mit mehr als 3.000 Beschäftigen auch die größte Zuckerfabrik der USA war. [44] Bevor er sich Mitte der 1920er Jahre aus dem akti­ven Geschäft zurückzog, agierte er – ein potenter Finanzier der demokrati­schen Partei – als ein politisch einflussreicher Gegenspieler des Zuckertrusts und auch der US-Kriegsernäh­rungswirtschaft unter Herbert Hoover (1874-1964).

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Federal Sugar Refining Co. – Leitbetrieb der „Unabhängigen“ in den USA, 1922 (Postkarte, Privatbesitz)

Der auch im Bankgeschäft tätige Claus A. Spre­ckels setzte sich damals in Frankreich zur Ruhe. Sein Vermögen ist nicht präzise zu taxieren. Anfang der 1920er Jahre gewiss noch (nach heutigem Maßstab) ein einfacher Milliardär, verlor er sein Vermö­gen mit dem Bankrott der Federal Sugar Refinery 1932 und starb 1946 in Paris in gesicherten, doch eher modera­ten Verhältnissen. [45]

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Rudolph Spreckels (1872-1958) (San Francisco Call 1895, 7. März, 2 (l.); Los Angeles Times 1906, 27. Oktober, I1; Who’s who in California, 1929, 33 (r.))

Dieses Schicksal teilte auch der jüngste der vier Brüder, der 1872 geborene Rudolph Spreckels. 1928 mit zeitweilig mehr als 30 Millionen Dollar das vermögendste Mitglied der zweiten Generation, brach sein neu strukturiertes Geschäftsimperium während der Weltwirtschaftskrise spektakulär zusammen. Ru­dolph hatte sich mit 1898 im Alter von 26 Jahren mit einem Vermögen von vier Millionen Dollar zur Ruhe ge­setzt und nichts deutete darauf hin, dass er vielleicht der schillerndste, sicher aber der in den USA bekann­teste Spreckelszögling werden sollte. Grund hierfür war sein Engagement erst in der Bekämpfung der Korruption in San Francisco, dann sein aktives Eintreten für die Progres­sives in den USA. [46] In der Metro­pole Kalifor­niens finanzierte Rudolph Spreckels 1906-1909 mit – nach heutigem Wert – fast 20 Millio­nen Dollar die spektakuläre An­klage gegen die Stadtregierung, die Union Labor und die Republican Party. Seine Ankündi­gung, auch die vornehmlich aus der Geschäfts­welt stammenden Korruptionsge­ber vor Gericht zu stellen, führte zur Spaltung der Gesellschaft in San Francisco.

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Rudolph Spreckels als Saubermann und „Diktator“ San Franciscos nach dem Erdbeben 1906 (New York Times 1907, 7. Juli, SM10)

Die Graft Prosecution er­reichte letztlich ihre selbstgesteck­ten Ziele nicht, doch San Fran­cisco und auch Ru­dolph Spreckels wurden zum Symbol für eine notwendige Reform der amerikanischen Politik und auch des unterneh­merischen Ethos. Rudolph Spreckels, zwischen­zeitlich als Banker, Investor und Immobilienspekulant erfolgreich etabliert [47], wurde für mehrere Jahre zu einem führenden Vertre­ter der Progressive Republi­cans. Während und nach dem Ersten Welt­krieg konzipierte er ambitionierte Infra­strukturprojekte in Kalifornien, die unter anderem die Verstaatlichung von Eisenbah­nen, den Bau moderner Fernstraßen sowie die kom­plette Übernahme des Was­ser- und Elektrizitätsgeschäftes durch den Staat Kalifornien vorsahen. Alle diese Pro­jekte scheitern seinerzeit, doch mehrere wurden in den 1930er Jahren im Rahmen des New Deal angegangen und umgesetzt. Rudolph Spreckels reorgani­sierte Mitte der 1920er Jahre seine unternehmerischen Aktivitäten, verabschie­det sich aus dem Bankge­schäft und investierte seine beträchtlichen Mittel in die Zukunfts­märkte der Radio- und TV-Branche (Federal Telegraph Company, Kolster Ra­dio) sowie in der Reorgani­sation des Spreckelschen Zuckerimperiums in New York (Spre­ckels Sugar Corpora­tion). [48] Anfäng­lich profitierte er vom Boom der Börse, doch dann wurden seine auf Expansion ausgerichteten Betriebe durch die Weltwirtschafts­krise und den Preisverfall im Zuckermarkt hart getroffen. 1930 musste erst das Radio-, anschließend auch das Zuckergeschäft einge­stellt werden. Rudolph Spreckels weigerte sich, das Familienunternehmen zu akzeptab­len Bedingungen an General Foods zu verkaufen, doch die geplante Reorganisation schei­terte am fehlenden Kapital. 1936 leis­tete der frühere Milliardär einen Offenbarungs­eid. [49]

Reminiszenz und Last: „Deutschtum“ in der zweiten Generation

Es scheint schwierig aus diesen vier kursorischen Lebensbildern das Gemeinsame ihrer Stellung als amerika­nische Einwandererunternehmer der zweiten Generation herauszuarbeiten. Es besteht kein Zweifel, dass sich alle vier Brüder als amerikanische Staatsbürger verstan­den, deren deutsche Herkunft zunehmend brüchig und irrelevant wurde. Wie ihr Va­ter, wurden auch die Söhne schon in den 1890er Jahren als Vorzeigeunternehmer des amerikani­schen Westens präsentiert und wahrgenommen – und sie nutzten ihrerseits die von ihnen teils beherrschte Presse, um ein solches Bild zu zeichnen.

Die fast zwanzigjährige Altersdifferenz zwischen John D. und Rudolph verweist aber schon auf eine sich wandelnde Sozialisation. Während der Ältere zwei Jahre in Deutschland zur Fachschule ging, vor Ort in die amerikanischen und deutsch-amerikanischen Vereine einge­führt wurde, zum Colonel der Nationalgarde avancierte und regelmäßig sowohl an Festlichkeiten im San Francisco Schuetzen­park als auch an Massenversammlungen der Deutschen in San Francisco beteiligt war [50], fokussierte sich die häusliche Erziehung des asthmatischen Ru­dolph lediglich auf Grund­kenntnisse der deutschen Sprache, Kultur und Geschichte. Er blieb den deutsch-amerikani­schen Vereinen fern, im Hause wurde mit ihm Englisch gesprochen. Sein Vater bot ihm ein Studium in Yale an, doch Rudolph zog die Verantwortung im Geschäft vor.

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Deutschstämmige Nationalgardisten in San Francisco (Wasp 3, 1878, 64)

Parallel schwand die Bindekraft kultureller Faktoren. Die zweite Generation nahm Ab­stand vom deutsch-lutherischen Glauben des Claus Spreckels, auch wenn die Brüder Mitglieder protestanti­scher Kirchen blieben. John D. und Adolph B. wurden führende Reprä­sentan­ten der kalifornischen Freimaurer, standen ansonsten der episkopalen Kir­che nahe. Claus D. brach im Heiligen Jahr 1924 zu einer Pilgerfahrt nach Rom auf, während Rudolph die methodistische Kirche unterstützte. Musik war für alle Spreckels­söhne wichtig, doch nur John D. blieb als passionierter Orgelspieler der deut­schen Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts verhaftet, während seine Brüder die zeitgenös­sische europäische und amerikanische Musik zu schätzen wussten. Das zeigte sich analog bei vielen, in der Oberschicht üblichen Spenden: John D. Spreckels ermöglichte der University of Berkeley 1904/05 den Ankauf der bis heute renommierten Bibliothek des Berliner Philologen Karl Weinhold (1823-1901) mit mehr als 6000 Büchern und knapp 2.300 Manuskripten, die einen wichtigen Grundstock für die Germanistik an der Westküste bildete. [51] Er folgte dabei der Spendentradition seines Vaters, der den dortigen Büchergrundstock in den Rechts- und Staatswissenschaften legte. Rudolph hatte bereits 1902/03 vorgelegt, indem er Berkeley ein für die Berufung des damals in Chicago tätigen deutschstämmigen Physiologen Jacques Loeb (1859-1924) erforderliches physiologisches Laboratorium finanzierte. [52]

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Repräsentative Kalifornier in den 1890er Jahren: John D. Spreckels und Adolph B. Spreckels, Einwanderer der zweiter Generation (San Francisco Call 1896, 27. September 27, 1 (l.); Kirk, 2000, 21)

Im geschäftlichen Sektor war Claus Spreckels ein strikter Vertreter eines unternehmerischen Paternalismus, entsprechend fühlte er sich der großen Mehrzahl sei­ner Facharbeiter und führenden Angestellten persönlich verpflichtet. Dies galt auch noch für John D., dessen Unternehmen schon aufgrund der weit überdurchschnittlichen Löhne in den ersten Jahrzehnten kaum Arbeitskämpfe verzeichneten – was sich in den managergeführten Unternehmen in San Diego wandeln sollte. Claus A. setzte dagegen auf einen strikt antige­werkschaft­lichen Kurs und ließ seinen Neffen und Generalmanager Louis Spre­ckels (1869-1929) seine Fabrik 1913 angesichts von gewerkschaftlichen Lohnforderungen kurzfristig schlie­ßen. [53] Anderseits agierte Rudolph als sozial engagierter Unternehmer, der wäh­rend der Inflation des Weltkriegs die Löhne freiwillig erhöhte, um seiner sozialen Verantwor­tung gerecht zu werden. [54] Dies war für ihn jedoch Ausdruck ei­ner funktional-technokratischen Grundhaltung, die eine faire Bezah­lung vorsah, eine persönliche Bezie­hung zwischen Unternehmer und Bediensteten aber in Abrede stellte. Für die Söhne war Deutschland weniger die frühere Heimat als vielmehr eher ein Wettbewer­ber um Marktanteile in der Zuckerbranche und der Außenpolitik. In verschiede­nen Senatsanhörungen wurde Deutschland von ihnen stets als Konkurrent präsentiert, um auf diese Weise die Tarif- und Subventionspolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen. John D. nahm im imperialen Wettstreit im Pazifik wiederholt Partei gegen die Weltpolitik Wil­helm II. und Großbritanniens und unter­stützte mit seiner Dampferflotte die US-Politik in Südamerika und den Philippinen. [55]

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John D. Spreckels Privatjacht “Venetia” als USS Venetia (SP 431) 1919 (U.S. Navy NH 85180-A)

Die schwindende Bedeutung der deutschen Herkunft zeigte sich besonders an den Ehe­frauen der Brüder. Sie alle entstammten amerikanischen Fami­lien, keine davon mit deutsch-amerikanischem, zwei dagegen aus irisch-amerikanischem (und katholischen) Hintergrund. Sie orientierten sich an den kulturellen Standards New Yorks und der westeuropäischen Gesellschaften, ihre zumeist jährlichen Auslandsreisen führ­ten sie nach London und insbesondere Paris, nach Monte Carlo, den böhmischen Bä­dern und Italien. Ihre Vorstellung von Kunst, Kultur und Mode war vornehmlich frankophon ge­prägt, dort besaß man Villen und Apart­ments, dort war man Teil der hohen Gesell­schaft. [56] Das wurde einzelnen Mitgliedern der Familie Spreckels im Deutschen Reich expli­zit verwehrt. Als Rudolph Spreckels 1913 von Wilson als U.S.-Botschaf­ter in Berlin nominiert worden war, liefen nicht nur deutsch-amerika­nische Ver­eine Sturm, sondern hielt sich auch die deutsche Regierung bedeckt. Die Spreckels erschie­nen ihnen nicht nur als Konkurrenten im Zuckergeschäft und Ru­dolph als verkappter Sozialdemokrat, sondern sie waren als Abkömmlinge von norddeut­schen Kleinbauern gesellschaftlich einfach nicht satisfaktionsfähig. [57]

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Rudolph Spreckels als Kritiker des saturierten Establishment (Salt Lake Telegram 1924, 20. September, 3)

Gleichwohl wäre es verfehlt, von einer vollständigen Integration der Einwandererunterneh­mer in die US-Gesellschaft auszugehen. „Deutschtum“ wurde an die Söhne immer wieder als Fremddeutung herangetragen. In Auseinandersetzungen um Hawaii, beim Eintreten für die Immigration asiatischer Arbeiter, beim Kampf gegen Korruption in San Francisco und anderswo – immer wieder wurden von der Presse und vielen Gegnern Vorwürfe „unamerikanischen“ Verhaltens laut. John D. und Adolph B. kompensierten dies mit besonderem Patriotismus und knüpften enge Verbindungen zum Kriegsministerium und der Marine. Das galt zumal im Ersten Weltkrieg, als sie sich schon lange vor dem US-Kriegseintritt betont patriotisch gaben. Die mit französischen Regierungsstellen eng vertraute Mrs. Adolph B. Spreckels schien deutschen Stellen seit ihrem 1915 einsetzenden Engagement für das Belgische Hilfswerk als dezidierte Gegnerin des Kaiserreichs. John D.s zum Torpedoboot umgebaute Yacht Ve­netia kämpfte 1918 im Mittelmeer erfolgreich gegen deutsche U-Boote, und der Besitzer popularisierte anschließend gar die falsche Legende, dass sie U-20 zerstört habe, das Boot, das 1915 die Lusitania versenkt hatte. [58] Rudolph dagegen geriet schon während des Ersten Weltkrieges in die Mühlen der Red Scare. Als Kriegsgegner wurde er nicht nur als Teil feindlich gesinnter „pro-German elements“ angeprangert, sondern nach den Bombenatten­tat am Prepardness Day 1916 in San Francisco in die Nähe des Anarchismus gerückt. [59] In Yonkers, NY musste der nicht naturalisierte Walter P. Spreckels (1888-1976) 1918 seine Position als stellvertretender Geschäftsführer der Federal Sugar Refinery als uner­wünsch­ter Ausländer aufgeben [60]; der unmittelbare Kontakt zu Präsident Woodrow Wilson (1856-1924) von drei der Brüder konnte dem nicht entgegenwirken. Ru­dolph Spreckels Eintreten für ver­stärkte Regulierung und höhere Steuern führte wäh­rend der Weltwirtschaftskrise zu sei­ner Denunziation als Agent der Sowjetunion. [61] Auch amerikanische Vorzeigeunterneh­mer wurden wie die große Mehrzahl der Einwanderer aus Osteuropa behandelt, wenn sie sich nicht an die Spielregeln des US-Mainstreams hielten.

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Maskenspiel und Doppelbödigkeit eines etablierten Fremden – Karikatur 1908 (Oakland Tribune 1908, 8. Januar, 1)

Deutsche Herkunft und amerikanische Realität: Ein Zwischenfazit

Eine kurze Fallstudie kann nur Hinweise liefern. Doch thesenartig verdichtet ist sie für Vergleichsstudien wichtig, kann Anregungen zum Nachdenken über die fragile Identität deutscher Einwandererunternehmer geben, zugleich Rückfragen an die starren Kategorisierungen im Forschungsalltag anregen.

Im vorliegenden Falle war Amerikanisierung erst einmal die Konsequenz aus Auswanderungsentscheidung und frühem Erfolg. Familiäre und ethnische Netzwerke wurden ge­nutzt, um Erfolg im neuen amerikanischen Umfeld zu haben. Sie wurden ergänzt durch neu etablierte geschäftliche Netzwerke, zumal in der Einwandererstadt San Fran­cisco. Für diese war Kapital entscheidend, weniger die Herkunft. Die Offenheit einer Grenzland­situation erforderte zugleich aktives politisches Gestalten auf lokaler, regiona­ler und staatlicher Ebene. Dem konnte sich ein Unternehmer, zumal in der von politi­schen Rahmenbedingungen abhängigen Zuckerbranche, nicht verschlie­ßen. In einer demo­kratischen Gesellschaft ohne starken Staat war dies ein wichtiges Integrationsmo­ment. Die gesellschaftliche Anerkennung als Amerikaner, die schon früh medial in der Massen­presse verhandelt wurde, hatte für diese Elitenemigranten entsprechend hohe Bedeu­tung. Es ging nicht allein um Besitz, sondern auch um die Akzeptanz des unternehmeri­schen Handelns. Offensive Pressearbeit sowie gezieltes Mäzenatentum waren spätes­tens seit den 1880er Jahren die Folge.

Die simple Dichotomie des Deutsch-Amerikanischen verkennt die breit gefächer­ten Identi­tätsstrukturen dieser Zeit. Der jeweilige Lebensort war ebenso wichtig wie das Her­kunftsland. Kalifornien trat neben die Vereinigten Staaten von Amerika und wurde überwölbt durch neue transnationale Identitä­ten des westlichen Smart Set, einer globalen Oligarchie der Reichen und Superreichen. Der Blick auf die zweite Generation verweist auf sich stetig wandelnde Sozialisationen und kulturelle Selbstverständlichkeiten – wenngleich in unterschiedlichem Maße. Rückbezug auf das Deutschtum war für die Spre­ckels spätestens seit den 1880er Jahren lediglich ein Senti­ment, nicht mehr entschei­dend für die Alltagsgestaltung. Dies war für sie kein Verlust, sondern ein Übergang zu anderen Identitätsangeboten.

Der Bezug auf Deutschland war für die Spreckels gebrochen, weil das Vaterland Konkur­renz und Ideen- und Technologiezentrum zugleich war. Dies führte zu einer Rationali­sierung des Umgangs mit der früheren Heimat aus der Perspektive der damit verbundenen Chancen im amerika­nischen Umfeld.

Die Spreckels wurden Amerikaner von der ersten Generation an. Gleichwohl wurde der deutsche Hintergrund immer wieder von anderen Amerikanern – und auch Deutschen – thematisiert. Die Spreckels, zumal ab der dritten Generation, konnten sich jegliche Extrava­ganzen im gesell­schaftlichen Bereich leisten, ohne als Amerikaner hinterfragt zu werden. Sie praktizierten unterschiedliche Formen des Unternehmertums, die allesamt ihren Platz in der Wirtschaftsverfassung der USA hatten. Sobald sie aber den politischen Mainstream hinterfragten, wurden sie immer wieder auf den Status der Immig­ranten reduziert.

Uwe Spiekermann, 14. Juni 2022

Literatur und Anmerkungen

[1] Reinhard Bendix und Frank Howton, Social Mobility and the American Business Elite, in Seymour M. Lip­set und Reinhard Bendix (Hg.), Social Mobility in Industrial Society, New Brunswick 1992, 114-146, hier 138. Vgl. auch Walter A. Friedman und Richard S. Tedlow, Statistical Portraits of American Business Elites: A Re­view Essay, Business History 45, 2003, 89-113.
[2] Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann, Immigrant Entrepreneurship: The German-American Business Biography, 1720 to the Present. A GHI Research Project, Bulletin of the German Historical Insti­tute 47, 2010, 69-82; Uwe Spiekermann und Hartmut Berghoff, Immigrant Entrepreneurship: German American Business Biographies, 1720 to the Present. Zielsetzungen, Organisation und Herausforderungen eines Forschungsprojektes des Deutschen Historischen Instituts Washington, Jahrbuch der historischen Forschung: Berichtsjahr 2012 [2013], 53-61.
[3] Detailliert hierzu Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann (Hg.), Immigrant Entrepreneurship. The German-American Experience since 1700, Washington 2016.
[4] Uwe Spiekermann, Family Ties in Beer Business: August Krug, Joseph Schlitz und the Uihleins, Yearbook of German-American Studies 48, 2013 [2015], 59-112.
[5] Andrea Colli, The History of Family Business, 1850-2000, Cambridge et al. 2003; Ders. und Mats Larsson, Family business and business history: An example of comparative research, Business History 56, 2014, 37-53; Andrea Calabrò (Hg.), A Research Agenda for Family Business. A Way Ahead for the Field, Glos und Northampton, MA 2020; Hartmut Berghoff und Ingo Köhler, Verdienst und Vermächtnis. Familienunternehmen in Deutschland und den USA, Frankfurt/M. und New York 2020.
[6] Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8 (2010); Ders., Claus Spreckels: Robber Baron and Sugar King (2011) Claus Spreckels: Robber Baron and Sugar King | Immigrant Entrepreneurship (immigrantentrepreneurship.org) [12.06.2022].
[7] Allen Collins, Rio Del Mar, Aptos 1995 (Ms.), 6-10.
[8] Spreckels, Claus, Bancroft Library C-D 216-230, reel 25, C-D 230. Vgl. auch die hagiographische aber materialreiche Arbeit von William Woodrow Corday, Claus Spreckels of California, Phil. Diss. University of Southern California 1955 (Ms.).
[9] Die gängigen Angaben einer raschen Marktführerschaft lassen sich nicht bestätigen. Ende der 1860er Jahre besaß die Albany Brewery vielmehr einen lokalen Marktanteil von 10-12%, vgl. The Brewers, Daily Alta California (DAC) 1869, 20. Januar; The Brewers, ebd., 5. Februar.
[10] Angaben nach Claus Spreckels, in San Francisco. Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Fran­cisco 1913, 3-10, hier 5; DAC 1864, 3. April; Kennedy Mining Company, DAC 1876, 31. Mai; Profits Show a Decrease, Chicago Daily Tribune (CDT) 1899, 2. Februar, 9; A Meeting of the Stockholders, DAC 1874, 10. März; Mission Creek Canal Company, DAC 1868, 10. Mai; DAC 1866, 10. Mai; DAC 1868, 20. März; Sacramento Daily Union (SDU) 1868, 6. April.
[11] John S. Hittell, The Commerce and Industries of the Pacific Coast, San Francisco 1883, 547, 550.
[12] Jacob Adler, Claus Spreckels. The Sugar King in Hawaii, Honolulu 1966, 3-15.
[13] Jon M. Van Dyke, Who owns the Crown Lands of Hawai’i?, Hawai’i 2008, 100-110; Jessica B. Teisch, Engineering Nature: Water, Development, & Global Spread of American [sic!] Environmental Expertise, Chapel Hill 2011, 134-150, insb. 137-141; Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich: Claus Spreckels, die Hawaiian Commercial Company und die Grenzen wirtschaftlicher Einflussnahme im Königtum Hawaii, 1875 bis 1898, in Hartmut Berghoff, Cornelia Rauh und Thomas Welskopp (Hg.), Tat­ort Unternehmen. Zur Geschichte der Wirtschaftskriminalität im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin und Boston 2016, 47-67.
[14] Uwe Spiekermann, Labor as a Bottleneck. Entangled Commodity Chains of Sugar in Hawaii and California in the Late Nineteenth Century, in Andrea Komlosy und Goran Music (Hg.), Global Commodity Chains and Labor Relations, Leiden und Boston 2021, 177-201.
[15] Vgl. etwa Outragous Monopoly, CDT 1882, 7. November, 8; Spreckels’ Monopoly, CDT 1883, 15. Januar, 6. Zur Stellungnahme der Zuckerpflanzer s. The Hawaiian Reciprocity Treaty, The Planters’ Monthly 1882, 188-196. Spreckels wies Vorstellungen eines etwaigen Monopols stets zurück, vgl. Claus Spreckels: The Sugar Monopoly, CDT 1882, 16. Dezember, 15.
[16] Prononciert etwa der Erfahrungsbericht Slave or Starve, CDT 1881, 18. Oktober, 5. Ankla­gend hieß es: „His monopoly is based upon injustice, corruption, and bribery” (Claus Spreckels’ Monopoly, CDT 1883, 9. Januar, 4). Zusammenfassend und starker abwägend John Tyler Morgan: Report from the Committee on Foreign Relations and Appendix in Relation to the Hawaiian Islands, Washing­ton 1894, 67-77.
[17] The Sugar Fraud, CDT 1882, 12. Februar, 2; A Hawaiian Sugar Monopoly, New York Times (NYT), 1882, 12. April. Zur allgemeinen Debatte s. Richard R. John, Robber Barons Redux: Antimonopoly Reconsidered, Enterprise and Society 13, 2012, 1-38.
[18] Sugar. Opposition to Claus Spreckels, CDT 1884, 20. Februar, 3; The Far West, CDT 1885, 4. November, 6; The Two Sandwich Kings, CDT 1887, 2. Mai, 9.
[19] The Coast Countries, DAC 1872, 16. Oct., 1.
[20] The Tariff on Sugar. Claus Spreckels tells about his Beet Sugar Business, NYT 1889, 10. Januar; Jimmie Don Conway, Spreckels Sugar Company: The first Fifty Years, Thesis San Jose State Univer­sity 1999 (Ms.); Gary S. Breschini, Mona Dudgel und Trudy Haversat, Images of America: Spreckels, Charleston et al. 2006. Zur Gesamtentwicklung der Branche s. Progress of the Beet-sugar Industry in the United States in 1902, Washington 1903.
[21] Spreckels in New York, CDT 1888, 7. März, 6; Claus Spreckels’ Idea, ebd., 13. Mai, 9.
[22] Spreckels‘ Refinery Absorbed, Washington Post (WP) 1892, 28. März, 1; There Will Be No More Competition Between Them, CDT 1891, 7. April, 5; Spreckels Tells of Money Disbursed, CDT 1895, 12. April, 5; David Genesove and Wallace P. Mullin, Predation and its rate of return: the sugar industry, 1887-1914, RAND Journal of Economics 37, 2006, 47-69.
[23] The Valley Road, San Francisco 1896; New Transcontinental Road, CDT 1898, 21. September, 10; Southern California Growing, Wall Street Journal (WSJ) 1906, 26. August, 7.
[24] Pacific Gas and Electric and the Men who made it, San Francisco 1926, 34-35.
[25] Alfred Darner: A Factor in the New San Francisco. The Claus Spreckels Building, Overland Monthly 30, 1897, 571-576; Michael R. Corbett, The Claus Spreckels Building, San Francisco, San Francisco 2013.
[26] Vgl. etwa Spreckels Ausführungen in Defies the Sugar Trust, CDT 1891, 9. August, 2; Hawaiian would fight, WP 1893, 18. September, 1; Claus Spreckels’ Indifference, ebd., 23. Oktober, 4.
[27] Spreckel’s Sugar, NYT 1883, 6. Januar.
[28] Stevens to Blount, CDT 1893, 30. November, 2.
[29] Die Zucker-Industrie in den Vereinigten Staaten von Amerika, Die chemische Industrie 24, 1901, 520-525, 563-569, hier 524. Die vorherige Einschätzung aus Der Zuckerkönig, Hansa 21, 1884, 128.
[30] Zitat n. Albrecht Wirth, Californische Zustände, Deutsche Rundschau 92, 1897, 65-85, hier 68; Noted Pioneer is Buried with Simple Rites, San Francisco Call (SFC) 1908, 29. Dezember, 3.
[31] Emil Ließ, Aus Kalifornien, Abendpost 1916, Nr. 268 v. 10. November, 3.
[32] Archiv der TIB/Universitätsarchiv Hannover, Best. 9, Nr. 45 und 46.
[33] National Archives and Records Administration, 1900 U.S. Federal Population Census, Line 97, Enumeration District 0113, Sheet B, 2.
[34] Hagiographisch: H. Austin Adams, The man, John D. Spreckels, San Diego 1924. Biographisch fundiert, doch mit vielen unternehmenshistorischen Lücken: Sandra E. Bonura, Empire Builder. John D. Spreckels and the Making of San Diego, Lincoln 2020.
[35] Hotel des Coronado History, hg. v. Hotel del Coronado Heritage Department, Coronado 2013.
[36] Million a Year List Still Growing, NYT 1914, 25. Oktober, 14.
[37] Vgl. Mike De Young Shot, CDT 1884, 20. November, 1; The Far West, CDT 1885, 7. Juni, 11; Young Spreckels Free, ebd., 2. Juli, 1; The Spreckels Trial, Los Angeles Times (LAT) 1885, 6. Juni, 4.
[38] California Jockey Club Organizes, CDT 1893, 4. Januar, 7; Day of Upsets at Bay District, CDT 1894, 22. März, 11; Ingleside Track Owners Disagree, CDT 1897, 12. März, 8; Another California Track, CDT 1901, 17. Mai, 7.
[39] Adolph Bernhard Spreckels, in San Francisco. Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Fran­cisco 1913, 20-24, hier 22-23.
[40] Anthony Kirk, A Flier in Oil. Adolph B. Spreckels and the Rise of the California Petroleum Industry, San Francisco 2000.
[41] Legion of Honor. Inside and Out, hg. v. Fine Arts Museums of San Francisco, San Francisco 2013; Spreckels Leaves $14,944,495 Estate, Ogden Standard Examiner 1926, 14. Oktober, 13.
[42] Claus Spreckels Sued, NYT 1893, 26. November, 8; The Disgusting Squabble in the Spreckels Family, CDT 1895, 31. Mai, 16; At War with Two Sons, WP 1896, 19. Januar, 20.
[43] Maui’s Cane Fields, CDT 1898, 14. August, 33; Hearings held before the Special Committee on the Investigation of the American Sugar Refining Co. and others. House of Representatives, Bd. III, Washington 1911, 2209-2216.
[44] To Build Big Sugar Refinery, CDT 1902, 22. Juli, 3; Financial Notes, CDT 1922, 6. Dezember, 28; Detailliert hierzu Uwe Spiekermann, An Ordinary Man among Titans: The Life of Walter P. Spreckels (2015) (An Ordinary Man among Titans: The Life of Walter P. Spreckels | Immigrant Entrepreneurship (immigrantentrepreneurship.org) [12. Juni 2022]; Huge Judgment Against Spreckels, San Mateo Times and Daily News Leader 1940, 3. Februar, 12).
[45] ‚Gus‘ Spreckels Dies in Paris, Oakland Tribune 1946, 10. November, A-13.
[46] Vgl. Uwe Spiekermann, Cleaning San Francisco, cleaning the United States: The graft prosecutions of 1906-1909 and their nationwide consequences, Business History 60, 2018, 361-380.
[47] Slope Briefs, LAT 1906, 5. Mai, I3; Rudolph Spreckels, Christian Science Monitor (CSM) 1922, 15. August, 10.
[48] United Bank & Trust Co. of California, WSJ 1923, 21. August, 4; California Bank Merger, WSJ 1927, 23. März, 8; Kolster Radio Obtains Rights to 600 Patents, CSM 1928, 17. November, 1; Coast Frosts, Time 1929, 22. April; Broken Caneheart, Time 1932, 1. Februar; District Court of Appeal, First District, Division 2, California. Raine v. Spreckels et al., 77 Cal.App.2d 177, 174 P.2d 857.
[49] Rudolph Spreckels Tells R.C. Court of $33,000,000 Failure, San Mateo Times and Daily News Leader 1939, 26. Oktober, 1, 4.
[50] Military Items, DAC 1878, 22. Mai, 1; Horticultural Hall, DAC 1879, 27. April.
[51] Oakland Tribune 1904, 16. August, 6; Great German Library Classified, ebd. , 11. August, 12; Commemorate Gift of Great Library, ebd., 22. September, 9.
[52] Famous Physiologists Coming to California, LAT 1902, 12. November, 5. Im Gefolge gelang es auch, den Leipziger Chemiker Wilhelm Ostwald (1853-1932) für Vorträge zu gewinnen (Sends Report to Governor, SFC 1905, 22. Januar, 34; Savant will soon come to University, SFC 1905, 18. März, 6).
[53] Heads Off Sugar Strike, NYT 1913, 15. April, 20.
[54] Rudolph Spreckels Raises Salaries, LAT 1917, 4. Januar, I5.
[55] Chilean Brutality, Los Angeles Herald 1891, 22. Dezember, 1; On the Naval List, San Francisco Morning Call 1892, 26. Januar, 2; Merritt is Leader, CDT 1898, 5. Juni, 3.
[56] Bernice Scharlach, Big Alma. San Francisco’s Alma Spreckels, San Francisco 2015.
[57] Opposing Spreckels, The California Outlook 14, 1913, Nr. 24, 3; Waging War on Spreckels, LAT 1913, 8. Juni, I4. Spreckels selbst stellte in diesem, wie in allen anderen Fällen klar, dass er für ein öffentliches Amt nicht zur Verfügung stehen würde.
[58] John D. Spreckels Yacht Returns Home With Gold Star: Knocked Out the Submarine That Sank the Lusitania, Eau Claire Leader 1919, 9. März, 6.
[59] Jeanne Redman, San Francisco’s Cup of Bitterness, LAT 1916, 30. Juli, III3; The Fickert Fight, LAT 1917, 24. November, II4 (Zitat).
[60] W.P. Spreckels Barred From Sugar Plant, NYT 1918, 1. Mai, 11; Spiekermann, Walter P. Spreckels.
[61] Spreckels’ Panacea, WP 1930, 25. September, 6.

Joints im kaiserlichen Berlin? Die kurze Geschichte der Bronchiol-Asthmazigaretten

Joints im kaiserlichen Berlin? Ja, die gab es – vorausgesetzt, man denkt dabei an cannabishaltige Zigaretten. Nein, die gab es nicht – denn diese Zigaretten dienten nicht dem Vergessen und der Entspannung, sondern einem medizinischen Zweck: Cannabishaltige Zigaretten waren wichtiger Teil einer breiten Palette von Heilmitteln gegen Asthma, gegen Bronchialkatarrhe, gegen Atemnot. Asthmazigaretten dieser Art konnte man während des gesamten Kaiserreiches in Berlin und andernorts kaufen. Cannabis war damals ein gängiger Inhalts- und Wirkstoff, auch wenn dessen Bedeutung in einem Markt ohne Verbot bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges gering war und abgenommen hatte. Asthmazigaretten wurden anfangs von ausländischen Anbietern verkauft, vorwiegend Franzosen, teils auch Holländern. Doch parallel zum Aufstieg der heimischen Pharmaindustrie drangen auch deutsche Anbieter in die Marktnische. Das zeigte sich vor allem an der kurzen, von 1901 bis 1914/16 währenden Geschichte der Berliner Bronchiol GmbH. Es handelte sich um eine kleine Gruppe jüdischer Geschäftsleute, die Ideen eines kränkelnden Zahnarztes, des Hauptes der amerikanischen Kolonie in Berlin aufgriffen, um dessen „Gesundheitszigaretten“ in Berlin, im Deutschen Reich und auch im Ausland anzubieten. Die Bronchiol GmbH wird im Mittelpunkt dieses kleinen Ausfluges stehen. Doch um deren Geschichte verstehen und einordnen zu können, müssen wir mehr über ihre Vorgeschichte wissen.

Indischer Hanf gegen Asthma: Die Etablierung der Asthmazigaretten

Asthma ist eine chronische Entzündung der Atemwege, die zu steten Hustenattacken und Atemnot führt. Im 19. Jahrhundert war es eine weit verbreitete Alltagskrankheit, die in ihrer chronischen Form nicht wirklich kuriert, einzig gelindert werden konnte (W[ilhelm] Brügelmann, Ueber Asthma, sein Wesen und seine Behandlung, 3. verm. Aufl., Wiesbaden 1895). Kräutertherapien milderten die Symptome, seit dem späten 18. Jahrhundert wurden dazu vornehmlich Bilsenkraut, Tollkirsche (Belladonna) und Stechapfel (Stramonium) genutzt. Man trocknete diese Naturprodukte, zerbröselte sie, zerkleinerte sie zu Pulvern. Um die Lunge krampflösend zu erreichen, wurden sie einerseits geraucht, zuerst als Pfeife, dann in Zigarren, seit den 1850er Jahren auch in Zigaretten (Mark Jackson, „Divine Stramonium“: The Rise and Fall of Smoking for Asthma, Medical History 54, 2010, 171-194; Cecile Raynal, De la fumée contre l’asthme, histoire d’un paradoxe pharmaceutique, Revue d’histoire de la pharmacie 94, 2007, Nr. 353, 7-24). In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden zudem erste Inhalationsapparate. Die Heilmittel wurden entzündet, der Patient atmete den Dampf teils direkt, teils mittels eines Tubus oder eines Schlauches ein. Rauchen und Inhalieren halfen bei akuten Asthmaanfällen, linderten Schmerzen, konnten aber die Ursachen der chronischen Entzündung nicht beseitigen. Das war ein Steilpass für Erfindergeist, für neue Marktangebote, insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um 1900 gab es für die Bekämpfung von Asthma daher eine kaum überschaubare Zahl innerlich und äußerlich anwendbarer Mittel: Tees, Essenzen und Tinkturen wurden angeboten, Asthmapapiere, -pappen, -kerzen, -pulver, -kräuter, zudem zahlreiche Asthmazigaretten (Otto von Lengerken, Handbuch neuerer Arzneimittel, Frankfurt a.M. 1907, 148-149): „Die Auswahl ist groß – der Erfolg gering“ (Jaroslaw Hrach, Das Bronchialasthma und die pneumatische Kammer, Wiener Medizinische Wochenschrift 55, 1905, Sp. 2025-2028, hier Sp. 2026). Die Ärzteschaft schien therapeutisch „wehrlos“ (Paul v. Terray, Ueber Asthma bronchiale und dessen Behandlung mit Atropin, Medizinische Klinik 5, 1909, 79-83, hier 79).

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Heimapparaturen für den Selbstbetrieb (Berliner Tageblatt 1910, Nr. 501 v. 3. Oktober, 7)

Im langen 19. Jahrhundert hatten sich jedoch nicht nur die Darbietungsformen der Heilmittel geändert. Auch neue Wirkstoffe wurden eingesetzt, darunter der Mitte des 19. Jahrhunderts erst in Großbritannien, dann in Frankreich, schließlich auch im deutschsprachigen Raum bekannte und medizinisch eingesetzte indische Hanf. Anders als der einheimische Hanf, Cannabis Sativa, der seit dem Mittelalter in der Volksmedizin zur Beruhigung und gegen Entzündungen eingesetzt wurde, war Cannabis Indica von Beginn mit Rausch und der Exotik des Orients verbunden. Mediziner und Pharmazeuten untersuchten und erprobten das neue Kraut, setzten es therapeutisch ein, verdichteten es zu neuen, allerdings nicht sonderlich erfolgreichen Pharmazeutika.

Die Asthmatherapie war anfangs eine Ausnahme, denn sie wurde stark geprägt von einem weltweit präsenten Unternehmen, der Pariser Pharmafirma Grimault & Co. Ihr Geschäftserfolg basierte auf der Erschließung globaler, meist kolonialer naturaler Ressourcen für die aufstrebende pharmazeutische Industrie. Deren Stärke war es, die belebte und unbelebte Materie auf Stoffe zurückzuführen, auf Wirkstoffe, die mehr oder weniger kausale Effekte hervorrufen konnten. Grimault bot jedenfalls seit den 1850er Jahren eine rasch wachsende Palette ummantelter Wirkstoffe an, vorrangig Stärkungsmittel aus Pflanzenextrakten, wie etwa Matico oder Guarana. Als Sirup oder in Pillenform wurden sie international vermarktet, dienten als Allzweckmittel gegen eine Vielzahl von Alltagskrankheiten (American Medical Times NS 2, 1861, Nr. 26, 4; Allgemeine Illustrirte Zeitung 1, 1865, 112, 136; Über Land und Meer 23, 1869/70, 383). Obwohl die Besitzer seit den frühen 1870er Jahren mehrfach wechselten, stand der Name weltweit für „französische Specialitäten“, durchaus mundende Hilfsmittel gegen die Fährnisse des bürgerlichen Alltags. Spätestens seit 1862 bot Grimault auch „Indische Cigaretten“ aus Cannabis Indica an (Die Anwendung des Matico, hg. v. Grimault und Comp., Paris s.a. [1862], 35). Sie sollten zum bekanntesten Produkt des Unternehmens werden. Anfangs im Heimatmarkt und dann in Österreich als „Hachisch-Cigaretten“ [sic!] (Der Militärarzt 1, 1867, Sp. 327) beworben, setzten sie sich unter dem neutraleren Begriff „Indische Cigaretten“ auch in Übersee fest: Bereits 1867 waren sie in Australien und im frankophonen New Orleans erhältlich, ab 1868 in Indien, spätestens 1869 finden sich Anzeigen in Kanada, dann auch in Großbritannien. Seit 1871, just nach dem verlorenen Krieg, eroberte Grimault rasch die Marktführerschaft im neu gegründeten Deutschen Reich. Die cannabishaltigen Asthma-Zigaretten wurden bis Mitte der 1880er in deutschen Tageszeitungen breit beworben, dann auch wieder zwischen 1895 und 1906. Verfügbar waren die in schicken gelben Papierovalen angebotenen Glimmstängel bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges (C[arl] Bachem, Deutsche Ersatzpräparate für pharmaceutische Spezialitäten des feindlichen Auslandes, Bonn 1916, 11), doch auch wieder danach. Sie konnten in Apotheken direkt, ohne Rezept, gekauft werden.

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Marktführer im Nischenmarkt: Grimaults „Indische Cigaretten“ (Kölnische Zeitung 1871, Nr. 359 v. 28. Dezember, 4 (l.); ebd. 1876, Nr. 31 v. 31. Januar, 4)

Grimault etablierte cannabishaltige Asthmazigaretten im Alltag der Mittel- und Oberschicht. Andere, frühere Angebote gab es, doch es handelte sich um Apothekerware, angefertigt für eine begrenzte lokale Nachfrage, meist auf Rezept eines Arztes. Der Hohenmölsener Apotheker Carl Stutzbach (1789-1871) hatte zwar schon in den frühen 1850er Jahren „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen angefertigt (Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 39, 58-63), doch dies schuf keinen neuen Markt. Stutzbach und auch die später führende Darmstädter Firma E. Merck blieben Spezialanbieter für Cannabispräparate, die Apotheker dann zu Hanföl (für Einreibungen), Opodelbok (gegen Rheuma) und Hanfchloroform (zum Inhalieren gegen Asthma) und auch für Asthmazigaretten weiterverarbeiteten und verabreichten.

Werbung für Grimaults Indische Cigaretten in Berlin (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 194 v. 28. April, 4 (l.); Berliner Tageblatt 1905, Nr. 219 v. 1. Mai, 6)

Während lokale Apotheker nach grundsätzlich bekannten Rezepten arbeiteten, zeigten sich am Beispiel von Grimault & Co. typische Probleme eines breit angebotenen Geheimmittels. Die Pariser Firma bewarb zwar offensiv den Cannabis-Gehalt der Zigaretten, doch die genaue Zusammensetzung des Krautes war unklar. Die zunehmend üblichere pharmazeutisch-chemische Kontrolle nährte Zweifel, ob die Zigaretten tatsächlich indischen Hanf enthielten (Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349). Ergänzende Untersuchungen konnten zwar geringe Mengen nachweisen, doch der Hauptwirkstoff war Belladonna, waren also fein zerstoßene Tollkirschenblätter (Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 191). Die Werbung war demnach irreführend, „eine Täuschung und Uebervortheilung des Publikums“ (Karlsruher Tagblatt 1885, Nr. 117 v. 30. April, 1891). Öffentliche Warnungen folgten, denn Gesundheitsschäden konnten aufgrund der unklaren Zusammensetzung nicht ausgeschlossen werden. Die Marktstellung von Grimault wurde dadurch empfindlich getroffen, die Werbung für längere Zeit eingestellt. Dennoch verordneten viele Ärzte weiterhin das Präparat: „Wenige Athemzüge lassen sehr oft erhebliches Asthma verschwinden, indess sind die Gefahren des Haschischrauchens bekanntlich so gross, dass man die Cannabis in Cigarettenform nur ausnahmsweise gestatten kann. Der willkürliche Verkauf dieser Cigaretten ist streng zu untersagen“ (Brügelmann, 1895, 127). Grimaults Indische Cigaretten blieben dennoch verfügbar. Nicht aber als vermeintlicher Joint auf Rezept, sondern als überteuertes Geheimmittel mit gewisser Wirkung.

Französisches Pionierprodukt: Espic-Zigaretten und -Pulver (Kölnische Zeitung 1858, Nr. 194 v. 15. Juli, 6 (l.); Münchner Neueste Nachrichten 1893, Nr. 7 v. 5. Januar, 6)

Hauptwettbewerber von Grimault war die französische Firma Espic. Sie bot seit Mitte des 19. Jahrhunderts Inhalatoren an (Jahrbücher der in- und ausländischen Medicin 67, 1850, 412), spätestens seit 1858 auch Asthmazigaretten. Diese enthielten ein sehr kleine Prise Opium, bestanden vornehmlich aus Tollkirschen- und Stechapfelblättern, aus Bilsenkraut und dessen Samen, waren entsprechend atropinhaltig (Annali Universali di Medicina 166, 1858, 656; Kölnische Zeitung 1897, Nr. 209 v. 8. März, 4). Ihre Anwendung war nicht unumstritten, längerer Gebrauch bewirkte nervöses Zittern ([Carl] L]udwig] Merkel, Die neuesten Leistungen auf dem Gebiete der Lehre vom Asthma, Jahrbücher der in- und ausländischen Medicin 109, 1861, 225-247, hier 244). Auch bei Espic wurde diskutiert, ähnlich wie unter anderen Vorzeichen bei Grimault, ob der Opiumgehalt nur werbeträchtig vorgespielt sei (Drogisten-Zeitung 22, 1907, 11). Angeboten in einer schmucken Büchse, kosteten sie aufgrund der preiswerteren Inhaltsstoffe 1,70 resp. 2 Mark pro Büchse mit zehn Stück (Echo der Gegenwart 1879, Nr. 31 v. 31. Januar, 4; Sport & Salon 3, 1880, Nr. 3, 22). Das war deutlich weniger als die 2,50 Mark für ein Döschen Grimault-Zigaretten. Beide linderten Asthmaanfälle, die Kosten sprachen aber gegen das cannabishaltige Präparat. Langfristig näherten sich die Preise allerdings an, nach der Jahrhundertwende galt 1,50 Mark als Standardpreis für eine 10er-Packung Asthmazigaretten (Lengerken, 1907, 149).

Marktalternative: Holländische Asthmazigaretten mit dem Wirkstoff Tollkirsche (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 201 (l.), Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 97 v. 8. April, 4)

Ein früher Preisbrecher waren die „holländischen“ Asthmazigaretten der vor allem durch ihren Chinawein bekannten pharmazeutischen Firma Kraepelien & Holm aus dem holländischen Zeist, nahe Utrecht. Auch dabei handelte es sich um ein „aus verschiedenen Kräutern“ (Reichs-Medicinal-Kalender für Deutschland auf das Jahr 1890, T. 2, Leipzig 1889, Anzeigen, 58) hergestelltes Geheimmittel. Die Wirkung resultierte vornehmlich von Belladonnakräutern. Opium und indischer Hanf außen vor blieben. Mit 1,50 Mark war es günstiger als Espic und Grimault, markierte damit einen Trend des späten 19. Jahrhunderts: Exotische Rauschgifte wie Opium und Cannabis Indica wurden durch preiswertere Kräuter substituiert. Das verhinderte nicht zwingend gefährliche Nebenwirkungen, denn der freie Verkauf von Tollkirschenpräparaten war von Verbotsforderungen und Warnungen begleitet (Germann, Asthma-Cigaretten, Correspondenzblatt für Schweizer Ärzte 19, 1889, 157). Doch es galt das Leiden der Patienten mit möglichen anderen Gesundheitsgefahren abzuwägen. Im Deutschen Reich wurde die massive Deregulierung des Arzneimittelmarktes in den späten 1860er Jahren zwar mehrfach wieder zurückgenommen, doch trotz zunehmender Apothekenpflicht und begrenzter Werbeverbote für Geheimmittel blieb der deutsche Markt offen für die heute als Drogen regulierten Wirkstoffe. Die Anbieter nahmen Rücksicht auf Behörden und Apotheker, behaupteten für die aus London importierten „Joys Asthma-Cigaretten“ gar: „Garantiert unschädlich für Kinder, Damen, überhaupt für jede Constitution“ (Westfälische Zeitung 1892, Nr. 175 v. 29. Juli, 3). Ein Verbot der Asthmazigaretten stand damals nicht auf der Tagesordnung – und neue Angebote kamen schon aufgrund des Preisvorteils meist ohne Cannabis und Opium aus. Ein Beispiel hierfür waren die in Berlin produzierten Asthmazigaretten von Dr. Graff & Co. (Führer durch die Ausstellung der Chemischen Industrie Deutschlands auf der Columbischen Weltausstellung in Chicago 1893, Berlin 1893, 87).

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Indische Zigaretten als Herkunftsbezeichnung für Standardtabakwaren (Kölnische Zeitung 1899, Nr. 891 v. 12. November, 4 (l.); Iserlohner Kreisblatt 1897, Nr. 297 v. 20. Dezember, 4)

Indische Zigaretten waren trotz ihres teils süßlich-penetranten Geruchs, trotz der teils unklaren Zusammensetzung Alltagsgegenstände. In einem vornehmlich von orientalischen Tabakmischungen aus dem Osmanischen Reich und Ägypten geprägten Zigarettenmarkt hatten Angebote aus der britischen Kronkolonie Indien bei „gesunden“ Rauchern durchaus Erfolg. Genuss, Exotik und Nikotin schien eine Erfolgsmischung zu sein.

Berliner Medizinaljoints: Die amerikanische Familie Abbot als Ideengeber

Als die Berliner Bronchiol GmbH im August 1900 mit der Werbung für ihre cannabishaltige Zigarette begann, baute sie auf ein für Geheimmittel typisches Narrativ: „Dr. Abbot, welcher dreißig Jahre an Asthma litt, gelang es, verschiedene Kräuter der südamerikanischen Flora zu finden, welche sich von linderndem Wesen gegen das Asthma erwiesen! Das Präparat dieser Kräuter ist nun von Dr. Abbot in Form einer Cigarette den Patienten gegeben, welche die Bronchiol-Gesellschaft Berlin, Mittelstr. 23, herstellt“ (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 419 v. 19. August, 11). Hierin stimmte wenig, doch das war in vielen Werbungen damals üblich, det war nicht nur Berlin. Immerhin: Es gab den besagten „Dr. Abbot“.

Dabei handelte es sich um Francis Peabody Abbot (1827-1886). Er wurde 1827 in Portland, Maine, geboren, stammte aus der Oberschicht Neu-Englands. Im zarten Alter von sechs Jahren erkrankte er an Scharlach, und dies war wahrscheinlich Auslöser eines Asthmaleidens, „das ihn ein Leben lang geplagt und schließlich zu seinem relativ frühen Tod mit 59 Jahren führte“ (Julian C. Anthony, Willoughby Dayton Miller (1853 – 1907) American dentist und deutscher Zahnarzt: eine Karriere in zwei Erdteilen, Med. Diss. Regensburg 2019, 80). Abbot erhielt 1851 den „Doctor of Dental Surgery“ vom Baltimore College of Dental Surgery (Boston Medical and Surgical Journal 44, 1851, 208). Er reiste umher und ließ sich 1852 in Berlin nieder. Dort lebte und arbeitete er erst in der Oberwallstraße 20, fand seine eigentliche Wirkungsstätte dann am hundert Meter südlich gelegenen Hausvogteiplatz 2 (Adreß-Kalender für Berlin 1853, 308; Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1863, 1; Berliner Adreßbuch für das Jahr 1886, T. III, 467). Preußens Zahnärzte waren damals Virtuosen des Extrahierens, vom Plombieren aber verstanden sie wenig. Derartige Zahnrettung entwickelte sich zu Abbots Spezialgebiet. Auch seine wissenschaftlichen Arbeiten erkundeten die Wirksamkeit unterschiedlicher Füllungen auf Gebiss und Mundhöhle (F[rancis] P. Abbot, Ansichten über das zu frühzeitige Extrahiren der ersten Molarzähne, Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 17, 1877, 340-341). Die Folgen waren beträchtlich: Abbots Arbeiten machten tiefen Eindruck auf einen 1877 in Berlin weilenden Studenten, Willoughby D. Miller (1853-1907), der 1879 nicht nur seine Tochter heiratete und in seiner Praxis als Zahnarzt tätig war, sondern mit seiner Kariestheorie die Zahnheilkunde grundlegend veränderte (Die Mikroorganismen der Mundhöhle, Leipzig 1889).

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Francis P. Abbot als Werbegarant für Gustav Lohses Kampfer-Zahnpulver (Der Damen-Salon 1877, Nr. 1, 8)

Francis P. Abbot war damals eine Führungsfigur der US-Bürger in Berlin. Als „der am Längsten hier ansässige americanische Bürger“ (Coburger Zeitung 1881, Nr. 228 v. 28. September, 1) hielt er die Trauerrede auf den nach einem Attentat verstorbenen Präsidenten James A. Garfield (1831-1881). Abbots Zahnarztpraxis war seinerzeit Anlaufpunkt für Berlins höhere Gesellschaft, hohe Preise schreckten nicht. Der geschäftstüchtige Amerikaner war zugleich offen für Werbekooperationen, wie etwa mit dem Parfümhersteller Gustav Lohse, dessen Stammsitz in der Jägerstraße in unmittelbarer Nachbarschaft lag (Elisabeth Bartel und Lutz Hermann, Berliner Düfte. Parfüms, Parfümeure und Parfümhäuser, Berlin 2015, 35). Ende des 19. Jahrhunderts mischten lokale Apotheker zudem Abbotsche Zahnpulver und Mundwässer (Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 120 v. 12. März, 2). Privat aber war Abbots Leben von Asthma überschattet: Die Nächte verbrachte er nicht im Bett, sondern in einem Sessel (Anthony, 2019, 80).

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Francis P. Abbot mit Asthmazigarette (l.), rechts Willoughby D. Miller (Anthony, 2019, 91)

Francis P. Abbot griff zur Linderung unter anderem zu Asthmazigaretten. Es ist unklar, um welche Marken und Mischungen es sich gehandelt hat. Doch es ist zugleich nicht unwahrscheinlich, dass Abbot unterschiedliche Mischungen versuchte und mit ihnen experimentierte, um sein Leiden zu verringern. Die Werbung der Bronchiol-Zigaretten betonte jedenfalls: „Präparat nach Dr. Abbot“ (Kölner Local-Anzeiger 1901, Nr. 95 v. 19. April, 6). Zu diesem Zeitpunkt war Francis P. Abbot allerdings schon längst verstorben, das liebreizende Berliner Adreßbuch vermerkte Ende 1886 lapidar: „Abbot, F. P., Dr., Zahnarzt ist zu streichen“ (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1887, Nachtrag, s.p.). An seine Stelle trat sein 1862 in Berlin geborener Sohn Charles Henri Abbot. Er erhielt seinen Doctor of Dental Surgery 1885 von der Harvard University (The Dental Cosmos 27, 1885, 503), war Anfang der 1890er Jahre auch US-Vize-Generalkonsul (Berliner Tageblatt 1894, Nr. 358 v. 17. Juli, 4), etablierte sich als Zahnarzt schließlich nahe am Potsdamer Platz in der Königgrätzer Straße 140, der heutigen Stresemannstraße. Möglich, dass er das Wissen über die Mischung einer cannabishaltigen Asthmazigarette an die Gründer der Bronchiol GmbH verkauft hat. Doch mangels Quellen bleibt es bei begründeten Mutmaßungen.

Die Berliner Bronchiol-Gesellschaft mbH

Mutmaßungen? Nicht mehr? Doch, es gibt mehr, nämlich verstreute Informationen, die es einem Puzzle gleich zusammenzusetzen gilt. Nicht mutmaßen ist die Profession des Historikers, sondern eine Geschichte gut begründet zu rekonstruieren und zu erzählen. Dass dies bei einem kleinen Spezialanbieter schwieriger ist als bei Haupt- und Staatsaktionen oder gut alimentierten „Firmengeschichten“ steht außer Frage: Doch just so können wir vielleicht auch eingefahrene Denkmuster über Vergangenes in Frage stellen.

Am Anfang der Berliner Bronchiol GmbH stand eine Geschäftsidee, der Wunsch einer kleinen Gruppe jüdischer Geschäftsleute auszubrechen aus ihrem Alltagsgeschäft, neben Bestehendes Neues zu setzen, vielleicht gar den großen Coup zu landen. Heinrich Przedecki – wir werden später auf ihn, seine Kompagnons und Nachfolger zurückkommen – betrieb die Firmengründung professionell. Er meldete am 21. März 1900 das Bildzeichen „Bronchiol“ an, eingetragen wurde es am 14. Mai: Der Geschäftsbetrieb sollte kreisen um: „Heilmittel, Rauchtabak und Zigaretten, hauptsächlich Zigaretten, welche aus besonders präparierten Stoffen gefertigt werden“ (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 132 v. 5. Juni, 12). Dieses Warenzeichen Nr. 43751 verkörperte einen noch immateriellen Wert, doch Przedecki überschrieb es als Teil seiner Stammeinlage am 22. Juli 1900 auf die Bronchiol GmbH (Ebd., Nr. 198 v. 21. August, 11). Diese Gesellschaft mit beschränkter Haftung hatte er am 3. Juli 1900 gegründet. Das Stammkapital betrug 20.000 Mark, zwei Geschäftsführer wurden eingesetzt, neben Przedecki auch der Berliner Kaufmann Bernhard Hirschfeld, der zugleich Kapital einzahlte. Das stammte nämlich kaum von Przedecki, der neben dem Warenzeichen aber noch das „Verfahren, die Gesundheitszigarette Bronchiol herzustellen“ mit einbrachte (Ebd., Nr. 278 v. 28. Juli, 15). Die kommerzielle Nutzung des Verfahrens war auf zehn Jahre beschränkt, doch Verlängerung möglich. Nun konnte es losgehen – und es begann der Aufbau der Produktion in der Mittelstraße 23, einer Seitenstraße von Berlins Prachtallee Unter den Linden. Werbung folgte, parallel der Aufbau eines Vertriebs- und Absatznetzwerkes. Doch dann die Hiobsmeldung am 25. Oktober 1900: „Der Geschäftsführer Heinrich Przedecki ist verstorben“ (Ebd., Nr. 259 v. 30. Oktober, 14).

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Bildzeichen Bronchiol (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 132 v. 5. Juni, 12)

Privatpersonen sterben, nicht jedoch juristische Personen. Und so machte man weiter unter Federführung Bernhard Hirschfelds. Offenbar nicht ohne Erfolg, denn das Stammkapital der Bronchiol GmbH wurde am 19. Dezember 1901 auf 40.000 Mark verdoppelt (Ebd. 1901, Nr. 12 v. 15. Januar, 10). Der Ausbau der Firma erforderte Kapital – und Hirschfeld konnte dieses mobilisieren. Über den Geschäftsbetrieb kann man – weiter unten – nur begründet mutmaßen. Hirschfeld blieb Geschäftsführer bis Anfang 1906, wurde dann vom Berliner Kaufmann Siegmund Schoenlank abgelöst (Ebd. 1906, Nr. 23 v. 26. Januar, 15). Dieser agierte bis Anfang 1910, es folgte der Charlottenburger Kaufmann Kurt Fröbus (Ebd. 1910, Nr. 33 v. 8. Februar, 11). Die Bronchiol GmbH wurde nach den anfangs anvisierten zehn Jahren – der üblichen Dauer für den Schutz eines Bildzeichens – allerdings nicht aufgelöst, scheinbar war noch Gewinn zu erzielen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg dürfte sich dies jedoch gewandelt haben. Der Wechsel von Fröbus zum sehr jungen Wilmersdorfer Fräulein Elli Salamonski im Juli 1913 deutet schon auf eine brüchige Fassade hin (Ebd. 1913, Nr. 178 v. 30. Juli, 7). Nach Beginn des Krieges zogen die Verantwortlichen jedenfalls rasch die Konsequenzen aus den daraus resultierenden Schwierigkeiten, die naturalen Rohstoffe ihrer Gesundheitszigarette importieren zu können.

Am 22. November 1914 beschied das Kgl. Amtsgericht Berlin-Mitte: „Die Gesellschaft ist aufgelöst“ (Ebd. 1914, Nr. 277 v. 25. November, 8). Die Liquidation zog sich allerdings hin: Liquidator Julius Mosessohn annoncierte mehrfach: „Gläubiger wollen sich melden“ (Ebd. 1915, Nr. 58 v. 10. März, 8; ebd. Nr. 56 v. 8. März, 9). Das Warenzeichen „Bronchiol“ wurde am 5. August 1915 gelöscht (ebd., Nr. 156 v. 20. August, 12). Mitte 1916 hieß es dann schließlich: „Die Firma ist gelöscht; die Liquidation ist als beendigt angemeldet“ (Ebd. 1916, Nr. 176 v. 28. Juli, 8).

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Firmensitze der Berliner Bronchiol GmbH 1900-1915 (Stadtplan 1913: Wikipedia; Berliner Adreßbuch 1901-1915)

Die wechselvolle Unternehmensgeschichte der Bronchiol GmbH spiegelt sich in ihren Firmensitzen. Anfangs nahe der Prachtallee Unter den Linden angesiedelt, verlagerte sie ihren Sitz wohl 1902 in die Taubenstraße, nahe der Friedrichstraße. Beide standen für das kommerzielle und politische Zentrum der damaligen Reichshauptstadt. 1906/07 verlagerte die Bronchiol GmbH ihren Sitz jedoch nach Wilmersdorf, in die Regensburgerstraße 23. Dies war ein aufstrebendes Viertel im expandierenden Berliner Westen, besaß den höchsten Anteil jüdischer Bewohner aller Bezirke. Doch es war vorrangig Wohn- und Geschäftsgebiet, kaum Gewerbezentrum. Die neuerlichen Adresswechsel in die nähere Umgebung 1914 und 1915 spiegelten die Agonie der Firma, die damals nicht mal mehr über einen Telefonanschluss verfügte. Ella Salamonski, nicht Fräulein, sondern Frau, dürfte wenig zu tun gehabt haben.

Wie bietet man cannabishaltige Zigaretten an?

Die im Juli 1900 hoffnungsfroh gegründete Bronchiol GmbH hatte eigentlich eine einfache unternehmerische Aufgabe. Sie musste ein neues Produkt einführen, gewiss. Doch zugleich musste sie für Asthmazigaretten selbst nicht mehr werben, denn diese waren bekannt, hatten einen klar abgrenzbaren Markt. Cannabis Indica war durch die 1895 wieder einsetzende Werbung für Grimaults „Indische Cigaretten“ ein zwar seltenes, aber doch etabliertes Heilmittel. Auch die Leipziger Firma Robert Paul & Co. (dann Wagner & Wiebe) hatte 1900 einen neuen holzspanartigen Asthmazünder „Pressant“ auf den Markt gebracht, dessen Räuchermasse nicht nur 40 Prozent Stramonium enthielt, sondern auch 10 Prozent Cannabis Indica (Apotheker-Zeitung 15, 1900, 732, Fortschritte der Heilstoffchemie 1946, 85).

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Vom Geheimmittel zur Spezialität (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 183 v. 8. August, 4 (l.); Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 508 v. 30. Oktober, 18)

Die Bronchiol GmbH offerierte ihre ab Anfang August in Tageszeitungen annoncierte Gesundheitszigarette auch daher als Geheimmittel, also ohne Angabe der Inhaltsstoffe (so noch Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 470 v. 7. Oktober, 19). Schon vor dem Tod Heinrich Przedeckis begann man dann aber, die wichtigsten Bestandteile inklusive des Cannabis Indica anzugeben (Münchner Neueste Nachrichten 1900, Nr. 495 v. 25. Oktober, 10). Die Asthmazigaretten waren seither eine Spezialität, also ein Pharmazeutikum mit grundsätzlich bekannter Zusammensetzung (Berliner-Börsen-Zeitung 1900, Nr. 544 v. 20. November, 19; Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 301 v. 25. Dezember, 4). Die Firmenangaben wurden von Pharmazeuten nicht in Frage gestellt, sondern weiterverbreitet. Die Bronchiol-Zigaretten bestanden demnach – und das war neu – aus Tabak, Stechapfel, Cannabis Indica, Salpeter und Anisöl (Zeitschrift des Allgemeinen oesterr. Apotheker-Vereines 41, 1903, 874; Eduard Hahn und J[oachim] Holfert, Spezialitäten und Geheimmittel. Ihre Herkunft und Zusammensetzung, 6. verm. u. verb. Aufl., bearb. v. G[eorg] Arends, Berlin 1906, 13). Die aus heutiger Sicht bemerkenswerte Nutzung der „Droge“ Cannabis war vor einhundertzwanzig Jahren offenbar nicht besonders erwähnenswert – was mehr über uns als über unsere Vorfahren aussagt. Asthmazigaretten wurden wegen eines allgemeinen Wirkungsversprechens gekauft, nicht aber wegen bestimmter Inhaltsstoffe. Entsprechend war in der eingangs erwähnten Anzeige wichtig, dass Dr. Abbott „verschiedene Kräuter“ kombiniert hatte. Diese mochten grundsätzlich gefährlich sein – doch wichtiger schien, dass sie wirksam waren. Die Bronchiol-Zigaretten waren gewiss medizinisch wirksame Joints, doch neu – und respiratorisch eher bedenklich – war die ungewöhnliche Kombination von Tabak und dem stark atropinhaltigen Stechapfel. Ihre Positionierung als gezielt einsetzbares Alltagsprodukt begrenzte zugleich die Menge des Konsums. Exzesse waren auch bei asthmatischem Leidensdruck nicht zu erwarten, empfohlen wurde der Konsum von etwa zwei Zigaretten pro Tag.

Auch ansonsten war die Vermarktung der Bronchiol-Zigarette recht konventionell, entsprach dem Standard gängiger öffentlich beworbener Heilmittel. Das galt etwa für Prominentenwerbung. Die Stelle heutiger B- und C-Sternchen nahmen damals natürlich wohlangesehene Adelige ein (Münchner Neueste Nachrichten 1900, Nr. 395 v. 27. August, 3). Die Berliner Macher verwiesen, kaum ohne ein kleines Entgelt für deren darbende Haushalte, zum einen auf Maria Luise von Hohenzollern-Sigmaringen (1845-1912), durch Heirat mit Prinz Philipp von Belgien (1837-1905) immerhin Prinzessin von Belgien. Zum anderen nannten sie Gabriele von Hatzfeld-Wildenburg (1825-1909), die aus einem traditionsbewussten hessischen Geschlecht entstammte und deren Linie im Euskirchener Raum residierte, nicht unweit der belgischen Grenze. Dem gängigen Drehbuch einschlägiger Anzeigen folgte auch der Bezug auf einen akademischen Gewährsmann, der sich lobend über das neue Präparat ausgesprochen hatte. Bei dem erwähnten praktischen Arzt Dr. Krüger dürfte es sich um den in der Schöneberger Hauptstraße 135 praktizierenden Dr. Samuel Krüger gehandelt haben (Berliner Adressbuch für 1900, T. 1, 824). Przedecki, Hirschfeld und Krüger dürften sich gekannt haben. Ob die erwähnten Tests mit „verschiedenen Asthmatikern“ (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 187 v. 12. August, 3) wirklich stattgefunden haben ist unklar, aber nicht ausgeschlossen.

Bevor wir dieses jüdische Netzwerk näher beleuchten, noch ein Verweis auf die durchaus ungewöhnlich Art des Absatzes. Anders als Grimault, Espic oder Kraepelien & Holm, die viel Wert auf ansprechende Kleinpackungen legten – was auch deshalb ungewöhnlich war, da Zigaretten damals vielfach per Stück verkauft wurden – setzte die Bronchiol GmbH tendenziell auf den Dauerkunden. Entsprechend bot sie die apothekenpflichtigen Zigaretten vorrangig in Pappkartons mit je 100 Stück an. Trotz des vereinheitlichen Namens gab es den Markenartikel Bronchiol jedoch nicht in nur einer Zusammensetzung, sondern er wurde in vier unterschiedlichen Mischungen zu 15, 10, 7,50 und 5 Mark angeboten (Vossische Zeitung 1901, Nr. 3 v. 3. Januar, 9). Das klingt teuer – der Jahresverdienst von Arbeitern lag damals bei ca. 1.500 Mark –, doch die Preise pro Stück variierten zwischen 15 und 7,5 Pfennig. Das war deutlich weniger als bei den Wettbewerbern: Bronchiol-Zigaretten waren also relative Preisbrecher. Die Preisunterschiede der Mischungen resultierten dabei nicht aus den eigentlichen Wirkstoffen, sondern aus dem verwandten Tabak. Es gab normale und milde Varianten, die dann nochmals nach Männern und Frauen – Entschuldigung, Herren und Damen – gestaffelt waren (Neue Freie Presse 1900, Nr. 12912, 13; Münchner Neueste Nachrichten 1902. Nr. 91 v. 23. Februar, 11). Die Bronchiol GmbH war sich ihres Preisvorteils bewusst, warb in ihren Anzeigen auch mit den Vergleichspreisen für gängige 10 Stück-Packungen (Dresdner Nachrichten 1901, Nr. 69 v. 10. März, 19). Zudem offerierte sie Probeschachteln mit weniger Zigaretten, so dass Kunden sie anfangs schon für 60 Pfennig ausprobieren konnten. Es ist anzunehmen, dass bei der Markteinführung auch Gratisproben angeboten wurden; doch ein Beleg hierfür fehlt. Insgesamt gelang es der Bronchiol GmbH jedoch nicht, die 100er-Vorratspackungen als neuen Standard zu etablieren. Schon Ende 1900 wurden vereinzelt Kartons à 10, 20, 50 und 100 Stück angeboten (Hamburger Nachrichten 1900, Nr. 280 v. 29. November, 11). Die Kunden verlangten wohl üblichere Packungen, auch weil dann der Preisvorteil offenkundig war. In Köln wurden 10er-Kartons für 50 und 75 Pfennige angeboten (Kölner Local-Anzeiger 1901, Nr. 123 v. 3. Mai, 8). Nach der Markteinführung, also ab Frühjahr 1901, erhielt man die cannabishaltigen Asthmazigaretten in vier Mischungen à 10, 20, 50 und 100 Stück, also in insgesamt sechszehn Varianten (Westfälische Zeitung 1902, Nr. 9 v. 11. Januar, 7). Das war typisch für eine Zeit erst beginnender Verpackungsnormierung, erhöhte aber den Lageraufwand in den von immer neuen Angeboten vielfach berstenden Apotheken. Die Preise blieben während der gesamten Produktionszeit identisch, die damals geltende Preisbindung unterband lokale Sonderangebote. Auch im Ausland blieb die Preisabstufung ähnlich wie im Deutschen Reich (L’Imperial 1902, Nr. 6536 v. 23. März, 12).

Die Bronchiol GmbH als Netzwerk jüdischer Geschäftsleute

Bevor wir noch genauer auf das Absatz- und Vertriebsnetz der Bronchiol GmbH eingehen, ist ein Blick auf die eigentlichen Akteure, also die Berliner Unternehmer zu werfen. Während die französischen Anbieter vorrangig Katholiken, die holländischen Protestanten waren, waren die Akteure in der Reichshauptstadt fast durchweg jüdischen Glaubens. Man kann die Bronchiol GmbH als Teil der besonderen Fähigkeit einer überdurchschnittlich gebildeten und vielfach auch fleißigeren Minderheit sehen, neue Märkte zu antizipieren, neue Produkte und Dienstleistungen passgenau anzubieten und sie mittels virtuos gehandhabter Reklame erfolgreich anzupreisen (Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933, Frankfurt a.M. 2011, passim). Während des Kaiserreichs entwickelte sich insbesondere Berlin zum Paradebeispiel einer deutsch-jüdische Symbiose und repräsentierte den atemberaubenden Aufstieg einer leistungsbereiten Minderheit, die noch Mitte der 1920er Jahre nicht weniger als 30 Prozent aller direkten Steuern der Reichshauptstadt trug. Eine genauere Analyse der jüdischen Erfolge wird jedoch Schattierungen in diesem Gloriolenschein sehen (Uwe Spiekermann, Paul Lerner und Anne Schenderlein, Jews, Consumer Culture, and Jewish Consumer cultures: An Introduction, in: Dies. (Hg.), Jewish Consumer Cultures in Nineteenth and Twentieth-Century Europe and North America, Cham 2022, 1-39, insb. 1-24) – auch die Geschichte der Bronchiol GmbH zeigt die beträchtlichen Schwierigkeiten, Wachstumsgeschichten fortzusetzen.

Beginnen wir unsere biographische Erkundung mit dem eigentlichen Macher, mit Heinrich Przedecki (1850-1900). Bei der Familie Przedecki handelte es sich um aschkenasische Juden aus der Stadt Moosburg im heutigen Polen (wo nicht anders vermerkt Angaben n. Family tree Przedecki / Perdeck / van Perdeck (gerritspeek.nl) bzw. den von Ancestry.com digitalisierten Personenstandsakten des Landesarchivs Berlin). Heinrich Przedecki wurde 1850 in Warschau als Sohn von Abraham Przedecki (1805-1872) und seiner Frau Ernestine, geb. Lubliner (1811-1887), geboren. Er heiratete 1876 Martha Ginsberg [auch Giensberg] (1856-1934), mit der er sechs Kinder hatte: Albert (1877) Predeck [Namenswechsel 1908], Else Elisabeth (1878), Rosalie (1879), Salo (1882), Leopold Max (1885) Predeck [Namenswechsel 1908] und Morris Martin (1893). Heinrich Przedecki starb am 25. September 1900 im Alter von 50 Jahren.

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Die Przedeckis als Pionierunternehmer der Zigarrettenproduktion (Kladderadatsch 20, 1867, Nr. 59/60, 14)

Zuvor lebte und arbeitete er im Familienverbund seines Bruders Stanislaus (1834-1883) und dessen Sohn Ludwig (1867-1926). Ersterer hatte 1862 zusammen mit Emanuel Kary in Breslau die „Sultan“ gegründet, die türkische Tabake importierte und zu Zigaretten weiterverarbeitete (Sammlung der deutschen Handels-Register, Bd. 1, Köln 1862, 186). Zusammen mit Joseph Huppmann (1814-1897), der 1862 in Dresden den Marktführer Compagnie Laferme gründete, war Stanislaus Przedecki einer der Pionierunternehmer der deutschen Zigarettenindustrie. Die spätere Selbstbezeichnung als „größte u. älteste Fabrik Preußens“ unterstrich dies (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1895, T. I, 260). Stanislaus‘ Bruder Heinrich erhielt 1874 Prokura in dem neuen Berliner General-Depot der Türkischen Cigaretten- und Tabakfabrik „Sultan“ und leitete dessen Geschäft in der Friedrichsstraße 196 (Deutscher Reichsanzeiger 1874, Nr. 253 v. 28. Oktober, 4). 1876 übernahm Heinrich kurzfristig das General-Depot als Eigentümer, 1877 ging es dann an seinen Neffen Ludwig Przedecki über (Ebd., 1876, Nr. 81 v. 3. April, 7; ebd. 1877, Nr. 107 v. 8. Mai, 5). Der inzwischen verheiratete Heinrich agierte weiterhin für die „Sultan“, führte auch den Laden 42 („Türkisches Zelt“) in der 1873 gegründeten Kaiserpassage, die Friedrichstraße und Unter den Linden verband (Berliner Adreßbuch 1877, T. I, 214). Parallel wurde im Namen seiner Frau Martha die Fabrik Turkestant in Berlin Unter den Linden 20 gegründet, Heinrich erhielt Prokura (Deutscher Reichsanzeiger 1877, Nr. 210 v. 7. September, 3). Die Familie Przedecki zelebrierte die Exotik der Angebote aus dem Vorderen Orient, lange bevor Heinrich Präparate mit Cannabis Indica produzierte und vertrieb.

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Werbung unter eigenem Namen (Kölnische Zeitung 1878, Nr. 325 v. 22. November, 8 (l.); Neueste Nachrichten 1878, Nr. 328/9 v. 24. November, 14)

1878 folgte eine Werbeoffensive im deutschen Sprachraum, zugleich aber wurden Grenzen der Expansion erkennbar. Der Schweizer „Nebelspalter“ machte Heinrich Przedeckis Säumigkeit bei der Zahlung von Insertionsschulden öffentlich (Nebelspalter 5, 1879, H. 37, s.p.). Man konsolidierte, der junge Unternehmer übernahm später Läden in der Friedrichstraße und in der Kaiserpassage. Gleichwohl wurde 1893 ein Konkursverfahren über sein Vermögen eröffnet (Deutscher Reichsanzeiger 1893, Nr. 153 v. 29. Juni, 14; Echo der Gegenwart 1893, Nr. 149 v. 1. Juli, 10). Es folgte ein Zwangsvergleich, der 1894 schließlich rechtlich bestätigt wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1893, Nr. 243 v. 10. Oktober, 10; ebd. 1894, Nr. 76 v. 31. März, 15; ebd., Nr. 114 v. 17. Mai, 10; Nr. 133 v. 8. Juni, 10). Damit konnte der Konkurs abgewandt werden. Die Gründe für diesen Ritt am Abgrund sind unbekannt: Heinrich Przedecki, der in der anfangs modischen Kaiserpassage einen zweiten Laden resp. ein Lager für Bernstein-, Meerschaum-, Leder- und Luxuswaren errichtet hatte (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1884, T. 1, 769; ebd., 1888, T. I, 873), dürfte jedoch der wachsenden Konkurrenz durch leitungsfähigere Wettbewerber wie Lubatsch, Wertheim, Hermann Tietz, Jandorf, Israel, etc. kaum mehr gewachsen gewesen sein. Ihm blieb in den späten 1890er Jahren noch sein Laden 42 in der Kaiserpassage und der Hoflieferantentitel S. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Karl von Preußen (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1899, T. I, 1141).

Dieser relative Bedeutungsverlust kontrastierte deutlich mit dem Aufschwung der Breslauer Zigarettenfirma, die derweil von Heinrichs beiden Neffen Ludwig und Joseph (1863-1929) geleitet wurde. Ihr Erfolg gründete auf eher hochpreisigen Zigaretten, doch schon im späten 19. Jahrhundert bot die Firma auch erste Filter („Mundstücke“) an, um die Schäden durch das Rauchen zu minimieren. 1901 siedelte die mittlerweile zur Egyptian Cigarette Company umbenannte Firma nach Berlin über (Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 326 v. 15. Juli, 13). Kurz vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigte sie etwa 700 Arbeiter und produzierte jährlich mehr als 200 Millionen Zigaretten (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1912, T. IV, 506). Vor dem Hintergrund des nur knapp abgewendeten Konkurses und angesichts des bemerkenswerten unternehmerischen Erfolgs anderer Familienmitglieder war die Bronchiol GmbH für Heinrich Przedecki mehr als eine einfache Firmengründung. Sie sollte seinen Weg zurück zu neuerlichem Erfolg bahnen. Die für Asthmazigaretten unübliche Zumengung von Tabak zu Stechapfel und Cannabis Indica lässt sich zudem eher mit seinem Berufsfeld als mit Francis P. Abbots vermeintlicher Mixtur erklären.

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Gesundheitsangebot für den konventionellen Kunden: Zigaretten mit Mundfiltern aus dem Angebot von Heinrich Przedeckis Neffen (Die Woche 7, 1905, Nr. 4, VII)

Kommen wir zu Przedeckis Kampagnon, dem Berliner Kaufmann Burkhard Hirschfeld (1855-1938). Auch er war anfangs im Handel tätig, 1883-1892 übernahm er das Handelsgeschäft von „Hirschfeld & Goldschmidt“ (Deutscher Reichsanzeiger 1883, Nr. 166 v. 18. Juli, 8; ebd. 1892, Nr. 31 v. 4. Februar, 10). Auch er übernahm rasch bedeutungsvollere Aufgaben, war von 1888 bis 1892 Brandenburger Generalbevollmächtigter der Hamburger Janus AG, einem Versicherungsunternehmen mit 1,5 Million Mark Grundkapital und einer Bilanzsumme von 1889 mehr als 24 Million Mark (Ebd. 1888, Nr. 319 v. 19. Dezember, 8; ebd. 1890, Nr. 100 v. 23. April, 8). 1892 trat an seine Stelle sein langjähriger Geschäftspartner Otto Goldschmidt (Ebd. 1892, Nr. 38 v. 12. Februar, 10). Mit diesem hatte Burkhard Hirschfeld zuvor die offene Handelsgesellschaft „Wechselstube Hirschfeld & Goldschmidt“ mit einem Geschäftslokal in der Alexanderstraße 50 gegründet (Ebd. 1892, Nr. 26 v. 30. Januar, 10). Das relative Auf und Ab mündete 1895 in ein Konkursverfahren über das Vermögen Bernhard Hirschfelds, das ebenso wie im Falle Heinrich Przedeckis mit einem Zwangsvergleich endete und somit aufgehoben wurde (Ebd. 1896, Nr. 28 v. 31. Januar, 16). Auch für Hirschfeld war die Bronchiol GmbH also eine Chance, geschäftliche Krisen zu überwinden, neue berufliche Ufer zu erreichen. Nach seinem Ausscheiden aus der Bronchiol GmbH – über deren Gründe ist nichts bekannt – arbeitete Hirschfeld weiter in seiner Wechselstube, wurde Gesellschafter, ab 1909 dann Inhaber der in Schöneberg gelegenen Auskunftei „Reform“ (Ebd. 1909, Nr. 91 v. 19. April, 37). Auf diese konzentrierte er sich bis in die 1930er Jahre (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1930, T. I, 72; Berliner Handels-Register 67, 1931, 15). Der unverheiratete Bernhard Hirschfeld starb am 16. April 1938 im Jüdischen Altersheim in der Lützowstraße 48 (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister, Sterberegister, Nr. 300 via Ancestry.com).

Hirschfelds Nachfolger als Geschäftsführer war der 1865 geborene Siegmund Schoenlank. Er hatte seine ersten Sporen in der Handelsgesellschaft Steinau & Schoenlank verdient, die er 1888 übernahm und unter eigenem Namen fortführte (Deutscher Reichsanzeiger 1888, Nr. 266 v. 18. Oktober, 8). Parallel zu seiner Arbeit für die Bronchiol GmbH betrieb er weiterhin ein eigenes Handelsgeschäft (Ebd. 1908, Nr. 127 v. 30. Mai, 13). Nach seinem Ausscheiden 1910 gründete der in Wilmersdorf ansässige Schoenlank ein Kino mit Ausschank. Expansionspläne mündeten 1911 in die Tip-Top Kino GmbH, doch umgesetzt wurden diese nicht (Ebd. 1912, Nr. 31 v. 2. Februar, 11).

Während alle anderen Mitglieder der Führungsriege „mosaischen“ Glaubens waren, bildete der von 1910 bis 1913 aktive Geschäftsführer Kurt [Alexander] Fröbus eine Ausnahme, denn er wurde 1877 als Katholik getauft (Landesarchiv Berlin Personenstandsregister, Geburtsregister, Nr. 43). Er arbeitete im elterlichen Betrieb, einem 1875 gegründeten Agentur- und Kommissionsgeschäft. Er übernahm dieses Anfang 1913, schied dann aus der Bronchiol GmbH aus (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1911, T. 1, 718; Ebd. 1914, T. 1, 773; Handels-Register des Königlichen Amtsgerichts Berlin-Mitte 49, 1913, 254). Das in unmittelbarer Nähe vom Kaufhaus des Westens gelegene elterliche Geschäft führte er auch in den 1920er Jahren weiter (Berliner Handels-Register 59, 1923, 163).

Letzte Geschäftsführerin war die einzige Frau, Elli Salamonski (1886-1918). Sie stammte aus einer wohlsituierten Berliner Familie, die schon in den 1870er Jahren südlich vom Gendarmenmarkt ein Auskunfts-Bureau für Handel und Gewerbe etabliert hatte (Berliner Wespen 12, 1879, Nr. 13 v. 28. März, 1). Nach der Jahrhundertwende residierte es in der Taubenstraße 35, von 1902 bis 1906 auch Sitz der Bronchiol GmbH. Dies deutet auf Kapitalverflechtungen hin. Elli Salamonski lebte ihrerseits in der Wilmersdorfer Bayerischen Straße 29 (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1914, T. III, 55), ein Haus neben dem damaligen Sitz der Bronchiol GmbH. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass die junge Dame kein Beleg für die wachsende Frauenemanzipation dieser Zeit war, sondern dass sie als Name in einem Abwicklungsprozess diente. Ihre persönliche Lebensgeschichte war jedenfalls traurig, todesnah. Geboren als am 3. September 1886 heiratete Elli im September 1911 den aus Braunschweig stammenden Kaufmann Georg Katz (LA Berlin, Personenstandsregister, Geburtsregister, Nr. 72; ebd., Heiratsregister, Nr. 417). Ihr Vater war damals schon verstorben, die Mutter leitete das Auskunfts-Bureau, sie selbst war ohne Beruf. Elf Monate später gebar sie einen toten Sohn (Ebd., Sterberegister, Nr. 1270). Ellis Gatte starb 1918 im Alter von 36 Jahren, sie selbst folgte knapp zwei Wochen später am 19. Dezember im Alter von 32 Jahren (Ebd., Sterberegister, Nr. 1270). Auch der Liquidator Julius Mosessohn (1853-1921) war Mitglied dieser eng vernetzten Gruppe jüdischer Geschäftsleute. Er heiratete, doch die Ehe blieb kinderlos. Seinen Tod meldete Kurt Salamonski den Behörden, Ellis Bruder (LA Berlin, Personenstandsregister, Sterberegister, Nr. 30).

Fassen wir die biographischen Informationen zusammen, so handelte es sich bei den führenden Personen der Bronchiol GmbH um gut qualifizierte und eng vernetzte Kaufleute, die im jüdischen Milieu von Berlin-Mitte, Schöneberg und Wilmersdorf arbeiteten und lebten. Sie alle erreichten Wohlstand, wirklichen Reichtum aber repräsentierten sie nicht. Sie alle dürften in der Bronchiol GmbH eine Chance gesehen haben, mit einem gezielten Investment, mit ihnen bekannten Arbeiten nicht nur Einkünfte zu erzielen, sondern ihren materiellen Lebensunterhalt zu verbessern. Man kann es auch anders fassen: Französische Ideen exotischer Cannabiszigaretten wurden von einem US-Amerikaner aufgegriffen und verfeinert, diese wiederum dienten aus dem Osten des Deutschen Reiches stammenden jüdischen Geschäftsleuten dazu, ein bisher stets importiertes Konsumgut im deutschen Umfeld zu produzieren: Die Bronchiol GmbH war insofern recht typisch für das Berlin dieser Zeit. Det war Berlin.

Aufbau eines Vertriebs- und Absatznetzwerkes

Der Absatz der Bronchiol-Zigaretten war einfach und schwierig zugleich. Der übliche Weg war das Versandgeschäft. Dazu erforderlich war eine breit gestreute Reklame, waren ansprechende Verpackungen und großtönende Wirkungsversprechen. Dazu eigneten sich vor allem Novitäten, vermeintlich nie dagewesene Angebote. Die Preise waren meist relativ hoch, die Produkte in der Regel überteuert. Bei Asthmazigaretten hatte man es jedoch mit einem etablierten Heilmittel zu tun, das über Apotheken verkauft und in der Öffentlichkeit eher moderat erinnernd beworben wurde. Ein Preisbrecher wie die Bronchiol-Zigaretten hätte gewiss die ungewöhnliche Kombination von Tabak, Stechapfel und Cannabis Indica preisend hervorheben können. Doch es ist nachvollziehbar, dass man versuchte, seinen Hauptvorteil, den Preis, im bestehenden Netzwerk auszuspielen. Das war übersichtlich und handhabbar: 1899 gab es 5.391 Apotheken im Deutschen Reich (Vossische Zeitung 1899, Nr. 603 v. 24. November, 11). Sie sollten möglichst allesamt Bronchiol-Zigaretten mit der offizinellen Heilpflanze Cannabis Indica anbieten.

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Wachsende Vertriebsnetze in Berlin (Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 438 v. 19. September, 12 (l.); ebd., Nr. 496 v. 23. Oktober, 11)

Blicken wir erst einmal auf den Heimatmarkt Berlin. Der Vertrieb begann wenig überraschend mittels verschiedener Apotheken mit jüdischen Besitzern. Erste Anbieter waren die Apotheke zum König Salomo in der Charlottenstraße 54 und die Löwen-Apotheke in der Jerusalemerstraße 30 (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 193 v. 19. August, 4). Anfangs wurde noch die A. Lucae-Apotheke, Unter den Linden 53 genannt, die dann aber wieder absprang (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 183 v. 8. August, 4, nicht mehr vorhanden in ebd., Nr. 190 v. 16. August, 4). Man begann den Vertrieb also einerseits im jüdischen Berlin, anderseits in der unmittelbaren Nachbarschaft.

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Vertriebsnetz der Bronchiol GmbH in Berlin 1901 (Stadtplan 1902: Wikipedia; auf Basis von Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1901, Nr. 3 v. 4. Januar, 10)

Anschließend folgte man einem räumlichen Raster, um den Weg für die Kunden möglichst gering zu halten. Die Werbung informierte durchweg über die lokalen Kaufmöglichkeiten. Das war typisch für ein Nischenprodukt, denn die für Massenangebote übliche Werbung durch Emailleschilder oder Schaufensterplatzierungen war Produkten mit höherem Umsatz vorbehalten.

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Vertriebsnetz der Bronchiol GmbH in Köln 1902 (Stadtplan 1900: Mayer via Wikipedia; auf Basis von Kölner Local-Anzeiger 1902, Nr. 71 v. 15. März, 3)

Das Absatznetzwerk war, wie die Lage der Apotheken selbst, räumlich vorgeprägt. In den Großstädten war es wichtig, nicht nur das Zentrum zu besetzen, sondern auch die Wohnviertel der einkommensstärkeren Bewohner abzudecken. Das gelang zumindest in den Metropolen. Ähnlich wie in Köln sah es in den meisten Großstädten des Deutschen Reiches aus. Dabei wurde dem massiven Städtewachstum durchaus Rechnung getragen. Neben die Kölner Apotheken traten etwa weitere drei Vertriebsorte im westlich gelegenen Köln-Ehrenfeld und im 1914 eingemeindeten Mülheim a. Rhein.

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Erweitertes Netzwerk im Rheinland (Bonner Zeitung 1901, Nr. 123 v. 25. Mai, 4 (l.); Echo der Gegenwart 1901, Nr. 374 v. 25. Mai, 4)

Die Großstädte waren zugleich Ausgangspunkte für die weitere Durchdringung der umliegenden Mittelstädte. Die Anzeigen verdeutlichen ein analoges Vorgehen wie in den Großstädten: In Bonn konnte man 1901 Bronchiol-Zigaretten in vier Apotheken kaufen, zudem im erst 1904 eingemeindeten Poppelsdorf. Ähnlich sah es in Aachen aus, denn hinter dem Hinweis auf „alle“ Apotheken der Stadt dürften sich wenig mehr Apotheken verborgen haben, mochte die aufstrebende Grenzstadt damals auch mehr als doppelt so viele Einwohner wie die spätere Bundeshauptstadt zählen.

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Wachstum über Großhandels-Vertreter (Berichte der Deutschen Pharmaceutischen Gesellschaft: Berichte für 1901, Berlin 1903, Werbeanhang, s.p.)

Der Aufbau derartiger Vertriebsnetzwerke erfolgte dezentral. Die Bronchiol GmbH schloss dazu Verträge mit bestehenden Großhandelsfirmen ab, die ihnen exklusive Rechte für eine bestimmte Region gewährten, die ihnen aber zugleich die Aufgabe zuwiesen, regionale Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. Die Bronchiol GmbH akzeptierte also die damals schon nicht mehr unumstrittene Lieferkette von Produktion über Großhandel hin zum Einzelhandel. Das bedeutete zugleich feste Handelsspannen, so dass die Gewinne niedriger waren als etwa bei einem Versandgeschäft. Dafür aber konnte man die Reputation lang ansässiger Unternehmen nutzen.

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Großhandelsdepots der Bronchiol GmbH im Deutschen Reich und im Ausland 1903 (Karte: Wikipedia; auf Basis von Berichte, 1903, s.p.)

Mit Hilfe etablierter Absatzstrukturen für Pharmazeutika gelang es der Berliner Bronchiol GmbH ihre Asthmazigarette binnen nur eines Jahres in den meisten Regionen des Deutschen Reiches, im deutschsprachigen Raum und in westeuropäischen Staaten anzubieten. Das ist hervorzuheben, denn noch hatten die meisten Produkte regionale Schwerpunkte, war der einheitliche nationale Markt nur eine Zukunftsvision. Der Markenartikel Bronchiol war jedenfalls fast überall zu erhalten, denn viele Apotheken versandten ihrerseits an die auswärtige, insbesondere die ländliche Kundschaft. Das dürfte vornehmlich für den Nordosten und den Nordwesten gegolten haben, denn dort fehlten regionale Großhandelsvertreter. Möglich, dass Apotheken in diesen Gebieten auch direkt von der Berliner Zentrale beliefert wurden.

Die Bronchiol GmbH war ein kleines Unternehmen, Beschäftigten- und Umsatzzahlen liegen allerdings nicht vor. Es war zugleich aber ein multinationales Unternehmen, stand für die engen wirtschaftlichen Verflechtungen in der Hochzeit der ersten Globalisierung. Gleichwohl dürfte der Anteil der Auslandsmärkte am Gesamtumsatz überschaubar gewesen sein. Das zeigte sich schon im cisleithanischen Österreich. Die erste mir bekannte Anzeige erschien am 4. August 1900, also vor Beginn des geordneten Absatzes in Berlin: Darin hieß es anpreisend: „Anerkannt vorzüglich im Geschmack, die Athemnot lindernd, von Aerzten und hohen Persönlichkeiten wiederholt bezogen. Diese Asthma-Cigaretten Bronchiol nach dem Präparat des Dr. Abbot sind sehr beliebt und werden von der Bronchiol-Gesellschaft m.b.H. in Berlin, Mittelstrasse 23, versendet gegen Nachnahme oder vorherige Einsendung des Betrages“ (Neue Freie Presse 1900, Nr. 12912 v. 4. August, 13).

21_Wiener Caricaturen_1900_08_12_Nr33_p9_Österreichs Illustrierte Zeitung_13_1903-04_H45_p907_Bronchiol_Asthma_Medizinalzigaretten_Versandgeschäft

Werbung ohne Angaben zur Zusammensetzung (Wiener Caricaturen 20, 1900, Nr. 33 v. 12. August, 9 (l.); Österreichs Illustrierte Zeitung 13, 1903/04, H. 45, 907)

In Österreich war die rechtliche Lage schwierig. Zum einen mussten Ausländer eine Firmendependance gründen, um im Binnenmarkt direkt verkaufen zu können. Zum anderen waren die Behörden restriktiver als ihre deutschen Kollegen; der Import von Grimaults Indischen Zigaretten war dort seit Anfang der 1880er Jahre verboten. Zudem gab es in der k.u.k.-Monarchie bereits ein leistungsfähiges einheimisches Angebot. Die Apotheker-Dynastie von Trnkóczy bot seit den frühen 1880er Jahren cannabishaltige Asthmazigaretten an, die per Versandgeschäft und über Apotheken gekauft werden konnten. In der Habsburger Monarchie konnte man sie dort allerdings nicht direkt kaufen, sondern benötigte ein ärztliches Rezept (Pharmaceutische Post 29, 1896, 584). Entsprechend beließ es die Bronchiol-Gesellschaft bei Versandangeboten per Nachnahme oder Vorkasse in Mark.

22_Fremden-Blatt_1899_03_25_Nr24_p10_Innsbrucker Nachrichten_1881_06_20_Nr137_p2128_Asthma_Medizinalzigaretten_Trnkoczy_Cannabis_Laibach

Überlegener Marktführer: Anzeigen für Trnkóczy Asthmazigaretten (Fremden-Blatt 1899, Nr. 24 v. 25. März, 10 (l.); Innsbrucker Nachrichten 1881, Nr. 137 v. 20. Juni, 2128)

Auch in der Schweiz war die rechtliche Lage herausfordernd. Die Sanitätsbehörden waren kantonal organisiert, doch 1900 hatten sich die wichtigsten Kantone der Deutsch-Schweiz zur Kontrollstelle des Konkordats zur Bekämpfung des Geheimmittelwesens (und zum Schutz der einheimischen Pharmaindustrie) zusammengeschlossen (Der Bund 1909, Nr. 70 v. 11. Februar, 1). Ihre erste, 1901 vorgelegte Liste vom 15. April 1901 enthielt 611 Präparate, darunter auch die Bronchial-Zigaretten aus Berlin (Amtsblatt für den Kanton Zürich vom Jahre 1908, Zürich 1909, 307). Das bedeutete kein Verbot, wohl aber Werbeeinschränkungen. Das System von Positivlisten war allerdings höchst lückenhaft: Die Grimaults Indische Zigaretten oder aber die Asthma-Zigarillos des Frankfurter Apothekers Neumeier wurden durchaus beworben (Der Bund 1904, Nr. 77 v. 17. März, 5; Neue Zürcher Zeitung 1904, Nr. 15 v. 15. Januar, 3).

23_Feuille d'Avis de Neuchatel_1902_04_16_Nr086_p1_Jorunal de Jura_1902_02_26_Nr48_p4_Bronchiol_Asthma_Medizinalzigaretten

Sachliche Wiederholung gängiger Informationen und Versprechungen (Feuille d’Avis de Neuchatel 1902, Nr. 86 v. 16. April, 1 (l.); Journal du Jura 1902, Nr. 48 v. 26. Februar, 4)

Deutlich einfacher war der Absatz allerdings in der Romandie, also der französischsprachigen Westschweiz. Dort konnte für die cannabishaltigen Zigaretten geworben werden, und dort etablierten die beiden Schweizer Großhandelsdepots Absatznetzwerke wie im Deutschen Reich (L’Imperial 1902, Nr. 6536 v. 23. März, 12; La Tribune de Genève 1902, Nr. 114 v. 18. Mai, 2; La Liberté 1902, Nr. 142 v. 22. Juni, s.p.). Insgesamt dürfte sich die Absatzlage vor dem Ersten Weltkrieg jedoch weiter verschärft haben: In Zürich empfahl die lokale pharmazeutische Kontrollstelle 1911 ein Verbot der Berliner Medizinaljoints (Journal Suisse de Chimie et Pharmacie 49, 1911, 141)

Bronchiol-Zigaretten waren auch in den Niederlanden und in Großbritannien erhältlich, gewannen dort aber keine größere Bedeutung, auch wenn der Londoner Großhändler Newbery & Co. zu den führenden Anbietern von „Patent Medicine“ gehörte (Alan Mackintosh, The Patent Medicines Industry in late Georgian England: A Respectable Alternative to both Regular Medicine and Irregular Practice, Social History of Medicine 30, 2017, 22-47). In Frankreich, der eigentlichen Heimat der Asthmazigaretten, fand ich keine Hinweise auf Bronchiol. Dass das Präparat zeitgleich im Reichsland Elsass-Lothringen frei verfügbar war, unterstreicht aber nochmals die Bedeutung staatlicher Regulierung auch in den recht freien Gesundheitsmärkten dieser Zeit.

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Notiz für Fachleute (Times 1902, Nr. 36782 v. 31. Mai, 19)

Die Werbung für Bronchiol-Zigaretten

Bronchiol war 1900 nicht nur ein neuartiges Präparat, sondern ein erster Markenartikel im Nischenmarkt der Asthmamittel. Während die Wettbewerber ihre Produkte meist nach dem Anbieter benannten, handelte es sich nun um einen abstrakter Begriff, der das Wirkungsfeld suggestiv benannte. Die Idee war einfach: Ähnlich wie Aspirin oder Odol, die tradierte Märkte für Schmerzmittel oder Mundwasser neu definierten und alte, nach Herstellern benannte Angebote vom Markt verdrängten, sollte auch die deutlich preiswertere und gleichwohl „unbedingt“ wirksame Bronchiol-Zigarette den Markt aufrollen und dominieren. Dies war Teil einer umfassenden Kommerzialisierung der Alltagssprache, die nun von zehntausenden neuer Begriffe und Sprachbilder mitgeprägt wurde: „Die moderne Reklame hat nun in großen Mengen zum Teil ganz merkwürdige Wort- und Bildzeichen erzeugt, wie Odol und Trybol, Carminol und Bronchiol, Javol und Floreol, Ni O ne und Wuk, Maggi zum Würzen der Suppen, Hundolin und Petrolina“ (Gebrauchsmuster und Warenbezeichnungen, Berliner Tageblatt 1904, Nr. 180 v. 9. April, 8). „Bronchiol“ war im Trend dieser Zeit: Fachbegriffe wurden in die Alltagssprache übertragen, gewannen als Markenartikel einen eigenen Charakter. Bronchiol war Teil des Siegeszuges neuartiger Endungen, wie -in, -on, -one, -ma, -en, -al, -ta, -il, -ol. Neue Produkte hießen nun Aspirin, Brillantine, Tropon, Kaloderma, Sanatogen, Duotal, Odonta, Pomeril, Odol oder eben Bronchiol (Richard Palleske, »Glühweinnol«. Eine neue sprachliche Modenarrheit, Zeitschrift des Allgemeinen Sprachvereins 18, 1903, Sp. 43-45; Ernst Wülfing, Hundolin und Petrolina […], Scranton Wochenblatt 1904, Nr. 1 v. 7. Januar, 6).

Bronchiol repräsentierte gleichermaßen den sprachlichen Wandel der pharmazeutischen Angebote und der Zigarettenindustrie. Das war auch Folge massiver Defizite des Rechtsschutzes. Noch galt das überholte Markenschutzgesetz von 1874, erst 1904 sollte das Gesetz zum Schutze der Warenbezeichnungen ermöglichen, neue Wortzeichen (neben Bildzeichen) einzutragen und damit zu schützen. In der Zigarettenbranche, zumal in Berlin, erlaubte das fröhliche Betrügerei. Geheime Druckereien entstanden, „welche sich lediglich mit der Anfertigung nachgemachten Cigarettenpapiers und falscher Etiketten befaßten“ (Gebrauchsmuster, 1904). „Bronchiol“ stand begrifflich also für Seriosität und Modernität, auch deshalb verwiesen die Anzeigen auf das von Heinrich Przedecki zuerst beantragte Bildzeichen Nr. 43751.

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Karge Information mit Wirkungsversprechen (Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 424 v. 11. September, 11 (l.); Badische Presse 1900, Nr. 241 v. 16. Oktober, 3)

Die Bronchiol GmbH konzentrierte ihre Werbemaßnahmen – anders als die Mehrzahl der Geheimmittelproduzenten – auf Anzeigen in Tageszeitungen. (Teurere) Annoncen in Zeitschriften gab es, doch sie blieben Ausnahmen (Illustrirte Zeitung 1900, Nr. 2980, 220). Die kleinen Hinweise finden sich meist im hinteren Anzeigenteil der Zeitungen, hoben sich von den vielfach visuell anspruchsvolleren Reklamen für andere Produkte kaum ab. In den nie bebilderten Anzeigen dominierten werblich drei Aspekte: Das Einsatzfeld – Asthma –, den Markennamen – Bronchiol – und die Herkunft – Berlin. Mit dieser Trias glaubten die Anbieter eine zurückhaltende Werbung mit Erfolg am Verkaufstresen der Apotheken verbinden zu können. Hinzu kam – die Anbieter waren liberale Verfechter des Deutschtums – der immer mit zu denkende nationale Gegensatz. Deutsche Pharmazeutika dominierten die Weltmärkte; und auch im Heimatmarkt sollte man tunlichst dem deutschen Präparat den Vorrang geben.

Die Anzeigenwerbung für die Medizinaljoints wurde von der Berliner Zentrale, von den Großhändlern, auch von einzelnen Apothekern in Auftrag gegeben, nicht aber selbst gestaltet. Diese Aufgabe übernahm eine Anzeigenagentur, im Regelfall die Annoncen-Expedition von Rudolf Mosse (1843-1920) – auch er ein aus Ostdeutschland nach Berlin gezogener jüdischer Pionierunternehmer. Sie erstellte nach den Wünschen der Auftraggeber eine Vorlage, ein Klischee – und der Setzer versuchte dann, dies passgenau in den Bleisatz einzufügen. Entsprechend gab es von Zeitung zu Zeitung kleine Unterschiede trotz einheitlich verwandter Klischees.

Die Einzelmotive variierten kaum: Selten standen Werbeversprechen am Kopf der Anzeige, wobei an die Stelle des anfangs üblichen „Erfolg unbedingt“ zunehmend der moderatere Hinweis „Erfolg ärztlich nachweisbar“ trat. Damit war aber keine stärkere Zurückhaltung verbunden, denn während man Bronchiol 1901 immer wieder als „Linderungsmittel“ anpries mutierte es 1902 vielfach zum „Heilmittel“ (Münchner Neueste Nachrichten 1901, Nr. 134 v. 21. März, 10; ebd. 1902, Nr. 91 v. 23. Februar, 11).

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Leichte Variationen bei gleichartiger Grundstruktur (Dresdner Nachrichten 1901, Nr. 147 v. 29. Mai, 28 (l.); Straßburger Post 1900, Nr. 966 v. 13. November, 4)

Festzuhalten ist, dass die Bronchiol GmbH ihre Werbung ab Mitte 1902 reichsweit einstellte (in Sachsen zuletzt Dresdner Nachrichten 1902, Nr. 149 v. 1. Juni, 28, im Elsass Straßburger Post 1902, Nr. 390 v. 27. April, 7). Dies bedeutet nicht zwingend die Einschränkung des Geschäftes. Grimault beendete Annoncenwerbung im Deutschen Reich Mitte der 1880er Jahre, setzte sie Mitte der 1890er Jahre wieder gleichartig fort. Es ist eher davon auszugehen, dass Bronchiol-Zigaretten grundsätzlich eingeführt waren, dass man es nun den Apothekern überließ, das eigene Präparat weiter anzubieten. Zu bedenken ist, dass die Bronchiol GmbH nach dem Tode Heinrich Przedeckis ein Ein-Produkt-Unternehmen blieb. Forschung und Entwicklung wurden nicht betrieben, die Zigaretten wurden nach Rezept hergestellt und dann an die Großhändler versandt. Sinkende Kosten ließen die Gewinne auch bei sich langsam abschleifendem Absatz auf akzeptabler Höhe bleiben. Die Einstellung der Werbung war Ausdruck von Realismus: Der große Coup war nicht gelungen, Bronchiol-Zigaretten ein etabliertes Angebot neben anderen. Während andere Ein-Produkt-Unternehmen, etwa die Tropon- oder die Sanatogen-Werke, ihre Angebote ausdifferenzierten und sich weltweit etablierten, gelang dies der Bronchiol GmbH nicht.

Eine fragile Marktstruktur

Über die Gründe kann man mangels Quellen wiederum nur begründet mutmaßen. Erwähnenswert ist erstens ein sich langsam verschärfendes regulatives Umfeld. Die vor allem von Medizinern und Pharmazeuten getragen Proteste gegen die vermeintlich wachsende Zahl von Geheimmitteln und obskuren Spezialitäten ergab 1903 einen wichtigen symbolischen Erfolg, als der Bundesrat ein Werbeverbot für 90 Angebote erließ, darunter auch die Zematone Asthmazigaretten (Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin 3. F. 26, 1903, 424-428, hier 425).

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Zematone: Werbeverbot ab 1. Januar 1904 (Kölnische Zeitung 1899, Nr. 891 v. 12. November, 2)

Zweitens veränderte sich das steuerliche Umfeld. Asthmazigaretten wurden von den deutschen Zoll- und Steuerbehörden bei Gründung der Bronchiol GmbH nicht als Zigaretten, sondern als Heilmittel definiert (Gustav Müller, Die chemische Industrie in der deutschen Zoll- und Handelsgesetzgebung des neunzehnten Jahrhunderts, 1902, 224). Dies änderte sich 1906 mit der Einführung der Zigarettensteuer. Sie war eine indirekte, also beim Produzenten erhobene Verbrauchssteuer, Teil eines Gesamtpaketes zur Finanzierung des Flottenbaus. Die Frage, ob Asthmazigaretten Zigaretten im Sinne des Gesetzes waren, wurde parallel aufgerollt. Die Bronchiol GmbH, deren Gesundheitszigaretten ja auch Tabak enthielten, richteten 1906 eine Eingabe „betreffend der Steuerpflicht von Asthmazigaretten“ an den Bundesrat (Protokolle über die Verhandlungen des Bundesrats des Deutschen Reichs 1906, Berlin o.J., 526). Doch die Eingabe drang nicht durch. Während Asthmazigaretten ohne Tabak weiter als Heilmittel galten, war die Bronchiol-Zigarette doppelt betroffen (Wilhelm Cuno, Zigarettensteuergesetz vom 3. Juni 1906, Berlin 1906, 4). Zum einen stiegen die Einfuhrzölle für Tabak, zum anderen hatte die Berliner Firma nun Zigarettensteuer zu entrichten (Protokolle, o.J., 426). Angesichts der starren Verkaufspreise minderte dies die Gewinne der Bronchiol GmbH. Immerhin, die Exporte in die deutschen Kolonien blieben davon unbeeinträchtigt.

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Exporte deutscher Asthmazigaretten in die Kolonien (Export 30, 1908, 529)

Drittens wuchsen nach der Jahrhundertwende die Zweifel an der medizinischen Wirksamkeit der Asthmazigaretten (Adolf von Strümpell, Lehrbuch der speciellen Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten, Leipzig 1904, 293). Während man zuvor Besorgnisse vor allem angesichts einer nur ungenauen Dosierung der potenziell toxischen Inhaltsstoffe hatte (Rudolf Kobert, Lehrbuch der Pharmakotherapie, Stuttgart 1897, 441), ergaben nun präzise Analysen des Rauches, dass die darin enthaltenen Mengen Atropin für kausale Effekte kaum ausreichend waren (F. Netolitzky und R. Hirn, Rauchversuche mit einigen Asthmamitteln, Wiener Klinische Wochenschrift 16, 1903, 584-585). Asthmazigaretten galten daher zunehmend als Mittel, „das entweder ausschließlich oder doch hauptsächlich suggestiv wirkt“ (Allgemeine Medizinische Central-Zeitung 80, 1911, 439). Weitere Studien ergaben demgegenüber, dass nur hartes Lungenrauchen einen kausalen Effekt habe (Gustav Günther, Darf man den Stramoniumzigaretten eine arzneiliche Wirkung zuschreiben?, Wiener klinische Wochenschrift 24, 1911, 748). In dieser Debatte spiegelte sich nicht nur das durch die Anwendung seinerzeit modischer Heilmittel wie Veronal oder Heroin gestiegene Bewusstsein für die Gesundheitsgefahren moderner Pharmazeutika, sondern auch der Wunsch nach einer kausalen, und das heißt stofflich nachweisbaren Wirkung der Asthmazigaretten. Rückfragende Hinweise, dass „doch den Pat[ienten, US] zu helfen erstes Gesetz bleibt“ (Excerpta Medica 16, 1906/07, 437) traten demgegenüber in den Hintergrund. Für die Bronchiol GmbH waren Zweifel an der Wirksamkeit ihres Präparates jedoch eine Bürde.

Viertens wurde die Marktstellung der Bronchiol-Zigaretten kurz nach der Jahrhundertwende durch neue, anders zusammengesetzte Präparate beeinträchtigt. Cannabis war ein unzuverlässiger Inhaltsstoff, seine Wirksamkeit schwankte, zumal über die Wirkstoffe wissenschaftlich trefflich gestritten wurde. Wichtiger aber war, dass es teurer war als andere Naturstoffe. Das galt insbesondere im Vergleich mit Stechapfelpräparaten. Dieses war Hauptbestandteil des wohl ab 1905 angebotenen Astmol. Das sowohl als Pulver als auch als Zigarette angebotene Präparat wurde von den Farbenfabriken Elberfeld (Bayer) produziert und der Frankfurter Engels-Apotheke vertrieben (Proceedings of the Annual Meeting of the New York State Pharmaceutical Association 27, 1905, 103; Pharmazeutische Praxis 4, 1905, 81). Später übernahm das Frankfurter Pharmaunternehmen Galenus diese Aufgaben.

29_Simplicissimus_12_1908-09_p612_Badische Presse_1924_10_24_Nr394_p11_Asthma_Astmol_Dr-Elswirth_Medizinalzigaretten

Astmol gegen die „peinliche Krankheit“ Asthma (Simplicissimus 13, 1908/09, 612 (l.); Badische Presse 1924, Nr. 394 v. 24. Oktober, 11)

Astmol war eine mit Menthol aromatisierte Mischung aus Stechapfel (40 %), Grindelie, Blutmohn und Lärchenschwamm (je 10 %) (Hahn und Holfert, 1906, 15; Leipziger Tageblatt 1907, Nr. 306 v. 4. November, 7). Das apothekenpflichtige Medikament wurde entweder als Pulver in Blechdosen oder aber in Zigaretten eingerollt vertrieben, beide für 2,50 M pro Dose resp. Schachtel. Während die Zigaretten einfach auf Lunge geraucht wurden, hatte man das Pulver teelöffelweise auf einen Teller zu legen, dann anzuzünden und den Dampf tief einzuatmen. Husten war die Folge, dann Auswurf, schließlich – so das Versprechen – Erleichterung (Sport im Bild 29, 1923, 512). Die in Zeitungen und Zeitschriften geschaltete Werbung präsentierte das „wunderwirkende“ (Deutsches Südmährerblatt 1906, Nr. 1 v. 5. Januar, 3) Astmol anfangs als ein „absolut zuverlässiges Mittel […], welches nicht nur die Anfälle sofort beseitigt und diesselben verhütet, sondern auch in vielen Fällen diesen Zustand vollständig beseitigt“ (Kindergarderobe 15, 1908, H. 12, 24).

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Asthmazigaretten als Atemgarant (C.V.-Zeitung 9, 1930, 113 (l.); Badische Presse 1931, Nr. 540 v. 19. November, 12)

Als Pharmazeutikum war Astmol ein Übergangspräparat. An die Stelle des im Bronchiol aktiv beworbenen indischen Hanfs traten billigere, in ihrer Wirksamkeit kausal besser abschätzbare Inhaltsstoffe. An die Stelle kleiner Spezialanbieter traten mittlere und größere Pharmaunternehmen. Die Präparate aus „Naturstoffen“ wurden seit den 1920er Jahren jedoch zunehmend durch synthetische Arzneimittel auf Ephedrin- oder Theophyllinbasis verdrängt.

Nachklang: Bronchiol gegen Erkältung

Während die Asthmatherapie in den 1920er Jahren neue Wege ging, wurde 1922 auch wieder Bronchiol angeboten. Dieses Mal handelte es sich allerdings nicht um eine cannabishaltige Zigarette, sondern um ein Husten- und Erkältungsmittel (Klinische Wochenschrift 1, 1922). Das Produkt verging, der Name blieb. Das Warenzeichen „Bronchiol“ wurde am 27. Dezember 1922 der Westfälischen Essenzen-Fabrik GmbH in Dortmund erteilt (Deutscher Reichsanzeiger 1923, Nr. 16 v. 19. Januar, 19). Sie vermarktete das zu zwei Dritteln aus karamellisiertem Zuckersirup bestehende „Hustenpräparat“ als Alltagswaffe, setzte als Wirkstoff dabei auf Kaliumsulfogusjakolat (Badische Presse 1927, Nr. 77 v. 16. Februar, 8). Die Werbung war breit gefächert, richtete sich etwa an „Touristen, Sänger, Redner, Raucher, Sportler sowie alle, die beruflich viel sprechen müssen“ (Badische Presse 1926, Nr. 558 v. 1. Dezember, 8). Es wurde als „erfrischend, angenehm lösend und Hustenreiz stillend“ angepriesen (ebd.), als „das altbewährte, führende deutsche Vorbeugungsmittel gegen alle Erkrankungen der Atmungsorgane“ (Badische Presse 1926, Nr. 582 v. 15. Dezember, 8). Auch nach dem Zweiten Weltkrieg half es gegen Husten, Heiserkeit und Katarrh.

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Bronchiol als Hilfsmittel gegen Husten und Erkältung (Badische Neueste Nachrichten 1950, Nr. 213 v. 21. Oktober, 12 (l.); ebd., Nr. 219 v. 28. Oktober, 16)

Das Präparat ist heute nicht mehr lieferbar. Doch auf Bronchiol müssen Sie nicht verzichten. Bronchiol, das ist heutzutage der Name eines Gummibonbons mit japanischem Minzöl, angeboten vom Süßwarenhersteller Haribo. Anfangs mit Stevia gesüßt, dominieren heute Glukosesirup und Zucker die „gesunden“ Drops. Wer von den Käufern heute noch weiß, was ehedem mit Bronchiol verbunden war?

Mehr als Joints im kaiserlichen Berlin?

Wir sind am Ende unserer vielgestaltigen Mutmaßungen über ein kleines, kurzlebiges multinationales Unternehmen ohne Quellenüberlieferung. Man kann die Geschichte aus heutiger Sicht überrascht zur Kenntnis nehmen, dokumentiert sie doch einen pragmatisch rationalen Umgang mit Stoffen, die heutzutage wohlbegründet als „Drogen“ gelten, aller „Liberalisierung“ des Cannabis zum Trotz.

Als Unternehmen war die Bronchiol GmbH nicht außergewöhnlich. Und doch ist es im Rückblick spannend zu sehen, wie einige wenige Personen binnen nur eines Jahres ohne größeres Kapital eine im gesamten Deutschen Reich und auch im Ausland tätige Firma haben ins Rollen bringen können. Das Kaiserreich war eine Zeit des unternehmerischen Aufbruchs, des wirtschaftlichen Fortschritts, die Rahmenbedingungen aufwies, die Begüterten beträchtliche Chancen bot. Gleichwohl zeigt die Geschichte der Bronchiol GmbH auch ein langsames Erodieren dieser Grundlagen, sei es durch zunehmende Regulierung, sei durch einen expandierenden Steuerstaat. Sie zeigt aber auch, dass es sich um eine harte Wettbewerbslandschaft handelte, in der neue Produkte eine geringe Halbwertszeit hatten, in dem Preisdruck herrschte, in der weniger wirksame Produkte aus dem Markt verdrängt wurden. Dergestalt zeigt die Geschichte der Bronchiol GmbH den liberalen Kapitalismus mit all seinen Möglichkeiten – mochte die Kartellbewegung, die Bürokratisierung und strikten Klassengegensätze dieser Zeit auch die Grenzen dieses Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell klar konturieren.

Sozialgeschichtlich spiegelt die Geschichte der Bronchiol GmbH einerseits die bürgerliche Aufwärtsmobilität des späten Kaiserreichs: Eine erst 1871 mit umfassenden Bürgerrechten versehene jüdischen Minderheit nutzte die Chancen des eben nicht nur anonymen Marktes. Mit Hilfe enger ethnischer und auch persönlicher Netzwerke etablierten sie ein lukratives Geschäft, das in der eigenen, durchaus weit gefassten Klasse blieb. Gleichwohl geben die Biographien der Geschäftsführer auch einen Blick auf die Brüche innerhalb dieses Aufstiegsmilieus frei. Die Fallhöhe war tief, Konkurse möglich, Ausbrechen aus vorgegebenen Bahnen hatte seinen Preis.

Konsumhistorisch steht die Bronchiol GmbH für tiefgreifende Wandlungen vor dem Ersten Weltkrieg, vor dem immer wieder beschworenen Bruch in der Weimarer Republik. Die cannabishaltigen Asthmazigaretten stehen für eine beträchtliche Ausweitung des Güterangebotes, für dessen relative Verbilligung – aber auch für die hohen Kosten der an sich jedem Asthmatiker zustehenden Gesundheitsprodukte. Bronchiol stand für den immer mächtigeren Einfluss breit bekannter Markenartikel und nationaler, ja internationaler Absatzstrukturen. Die Produkte der Bronchiol GmbH waren nicht mehr durch Herkunft gekennzeichnet, Berlin war Produktionsort, Vermengungsort international eingekaufter Rohware. Doch Bronchiol stand zugleich für die Leistungsfähigkeit der deutscher Pharmazeutika, war Ausdruck der zunehmend beliebigen Projektionskraft moderner Konsumgüter. Es etablierte eine Kunstwelt des Gelingens, in der Leiden bekämpft werden konnte, kein Schicksal mehr war. Bronchiol-Zigaretten waren moderne Produkte, mag uns die Werbung auch zurückhaltend, ja hausbacken erscheinen.

Als Medikament verkörperten die Medizinaljoints nichts Neues. Sie materialisierten das immanente Erlösungs- und Heilversprechen der modernen Pharmazie, der modernen Medizin: Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen, es muss nur noch gefunden und richtig angewandt werden, um erst Linderung, dann aber auch Heilung zu garantieren. Die Asthmazigaretten waren eingebettet in ein Leben steter Gefährdung, waren zugleich noch Teil einer tätigen Praxis des Dagegenhaltens, der bewussten Wahl für eine von vielen Therapien. Die Bronchiol-Zigaretten waren ein Angebot in einer Übergangszeit hin zu wirksameren Pharmazeutika, die ihre Nutzung scheinbar selbst programmierten. Sie stehen für den Wandel von der Patienten- zur Medikamentensouveränität, von der begrenzten Autonomie der (bürgerlichen) Patienten hin zur Dominanz der Pharmazeuten, der Ärzte und ihrer Produkte.

Als Teil einer moderner Wissensgeschichte ging es schließlich um die Dominanz unterschiedlicher Wissensregime: Die Bronchiol-Mischung aus Tabak, Stechapfel und Cannabis Indica war krampflösend und wirksam, doch ihre Wirkung war ungewiss, variierte individuell, konnte experimentell kaum eindeutig bestätigt werden. An die Stelle helfender, nicht aber eindeutig erklärbarer Angebote traten zunehmend Produkte mit stofflich-kausalen Wirkmechanismen, die im Modell sicher funktionierten, vielfach auch in der Praxis. Cannabis Indica war in diesem Umfeld ein unsicheres Kraut, verschwand daher vor dem begrenzten Verbot 1929 aus dem Alltagsangebot relevanter Hilfsmittel. Ob aber eine „Liberalisierung“, die auf den gleichen stofflich-pharmakologischen Wissensbeständen (und dem ökonomischen Gewinnstreben eines Heinrich Przedecki) beruht wie die Pharmazie, vorrangig das Wohl der Patienten im Blick hat, mag füglich bezweifelt werden.

Uwe Spiekermann, 14. Mai 2022

Glas in den häuslichen Alltag! Konservieren und Einkochen bis zum Zweiten Weltkrieg

Denkt man heute ans Einmachen, so stehen einem schöne, satte Bilder vor Augen – die Farben des Herbstes, der Ernte. Doch Idylle ist fehl am Platz, reden wir historisch über Konservierung. Sie war (und ist) elementar, erforderlich, um die geernteten Nahrungsmittel, um geschlachtete Tiere und ihre Produkte möglichst lange, das ganze Jahr über zu nutzen, zumindest aber bis zur nächsten Ernte damit hauszuhalten. Nahrung ist ohne Konservierung ein flüchtiges Gut. Sie ist nicht einfach für uns da, ihr Wesen ist Verwesung, Zersetzung, Entwertung, Auslaugung, Verderb. Konservierung kann diesen Prozessen Einhalt gebieten. Sie steht für die Selbstbehauptung des Menschen im Angesicht einer grundsätzlich feindlichen Natur und einer zwischen Lebewesen bestehenden Fraßkonkurrenz.

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„Conserven“ – Dachbegriff für länger haltbar gemachte Nahrungsmittel (Kladderadatsch 42, 1889, Nr. 44/45, Beibl., 2)

Im 19. Jahrhundert war dies alltagspräsent, Hungersnöte prägten noch die Jahre 1816/17 und 1846/47. Konserven konnten etwas dagegensetzen. Dieser Begriff stand bis Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht für einzelne Produkte oder Verfahren, sondern für verarbeitete und haltbare Lebensmittel als solche. Doch Mitte des Jahrhunderts veränderte sich diese Struktur mit dem aufkommenden Maschinenzeitalter, mit der das Alltagsleben langfristig grundlegend verändernden Industrialisierung. Maschinen nährten die Hoffnung auf menschliche Herrschaft über die Natur, auf neue Souveränität. War Konservierung zuvor in den bäuerlichen und bürgerlichen Haushalt eingebunden, in Ernterhythmen und Jahreszeiten, so schien mit dem Aufkommen einer Konservierungsindustrie im späten 19. Jahrhundert eine neue Zeit des Umgangs mit der Nahrung anzubrechen. Technik sollte helfen Zeiten und Räume zu durchbrechen, zu überwinden. Die Träume dieser Zeit prägen vielfach noch unsere heutige Welt: technischer Fortschritt, regionale und nationale Arbeitsteilung, der Ausgleich des Mangels durch freien Handel. Dadurch sollten Hunger und Mangelernährung besiegt, soziale Konflikte vermindert und die Haushalte von mühseliger Arbeit entlastet werden. Die tradierten Techniken des Pökelns und Dörrens, des Einkellerns und Räucherns sollten zentralisiert und durch Hitzesterilisierung und Kältetechnik, durch Büchsenkonservierung und chemische Konservierungsmittel abgelöst werden.

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Gewerbliche Konservierung und häusliches Einmachen („Tischlein deck dich“ kein Märchen mehr, Hanau und Frankfurt a.M. 1901, 1 (l.); Die Frischhaltung 44, 1950, H. 7, s.p.)

Doch schon diese Bilder unterstreichen, dass die Geschichte anders verlief. Die Konservierungsindustrie führte eben nicht zu einer raschen Verdrängung der häuslichen Konservierung, wohl aber zu deren tiefgreifender Veränderung (Uwe Spiekermann, Zeitensprünge. Lebensmittelkonservierung zwischen Haushalt und Industrie 1880-1940, in: Ernährungskultur im Wandel der Zeiten, hg. v. Katalyse/Buntstift, Köln 1997, 91-109).

Konservierung im 19. Jahrhundert: Anfänge einer Versorgungsindustrie

Um die Geschichte des häuslichen Einkochens verstehen zu können, ist es dennoch ratsam mit der frühen gewerblichen Konservierung anzufangen. In deutschen Landen startete diese relativ spät – zumal im Vergleich zu Großbritannien, der damals führenden Weltmacht. Obwohl die grundlegenden Konservierungstechniken seit Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt waren, entwickelten sich erste handwerklich arbeitende Betriebe erst in den „hungrigen“ 1840er Jahren; und erst in den 1860er Jahren begann der Aufstieg der fischverarbeitenden Industrie an der Nord- und Ostseeküste oder der bis heute bekannten Braunschweiger Spargelkonservenindustrie (Martin Humbert, Die Entstehung der Konservenindustrie und ihre technische sowie wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland im Bereich der Obst- und Gemüsekonserven, Diss. rer. pol. Hamburg 1997). Deren Produktion blieb jedoch vor 1890 gering, erst danach begann ein rascher Aufstieg (Wolfgang Horn, Vom Klempnergag zur Massenware, die Anfänge der Braunschweiger Konservenindustrie, Braunschweig 1988(Ms.); Carsten Grabenhorst, Seesen – Stadt der Konserve. Geschichte der Seesener Konserven- und Blechwarenindustrie von 1830 bis 1926, Seesen 2011).

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Von der regionalen zur nationalen Delikatesse: Werbung für Spargelkonserven 1886 (Fliegende Blätter 85, 1886, Nr. 2155, Beibl.)

Spargel in Blechkonserven war ein Luxusprodukt, war eine edle bürgerliche Speise. Das lag weniger an den Kosten für Anbau und Ernte, sondern vorrangig an den hohen Aufwendungen bei Herstellung und Verpackung. Das Kochen der Pflanzen war langwierig, erst 1873 wurden Autoklaven eingesetzt, in denen Nahrung durch Überdruck schneller sterilisiert werden konnte. Die Dosen mussten noch per Hand verlötet werden; erst 1889 wurden erste automatische Dosenverschlussmaschinen eingesetzt. Dosenkonserven blieben daher bis ins späte 19. Jahrhundert einem kaufkräftigen bürgerlichen Publikum vorbehalten.

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Konservensonderverkauf im KaDeWe (Berliner Tageblatt 1912, Nr. 135 v. 14. März, 12)

Konserven wurden jedoch nicht nur durch Maschineneinsatz billiger. Auch der Einzelhandel modernisierte sich während des Kaiserreichs rasch, erweiterte sein Sortiment, bot neue haltbare Produkte an. Am Anfang standen seit den 1870er Jahren vor allem Versandgeschäfte. An deren Seite traten Massenfilialbetriebe und ab den 1890er Jahren dann erste Warenhäuser. Sie alle nutzten Konserven, um dem Publikum ihre Preiswürdigkeit unter Beweis zu stellen.

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Fehlende Einheitlichkeit: Form- und Materialvielfalt bei Rahmprodukten ([Paul] Buttenberg, Über Dauermilchpräparate, in: Bericht über die Allgemeine Ausstellung für hygienische Milchversorgung im Mai 1903 zu Hamburg, hg. v. Deutschen Milchwirtschaftlichen Verein, Hamburg 1904, 25-43, hier 29)

Ein Kernproblem der Blechkonserven war allerdings, dass man nicht sah, was man kaufte, dass man dem Anbieter und dem Verkäufer trauen musste (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 458-460). Anfangs hatten die Dosen vielfach nicht einmal Etiketten, denn lang haltende Klebstoffe sind technisch komplex (Wilhelm Gruber, Das Konservenetikett im Wandel der Zeit, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 50, 1965, 204-209). Doch auch die Qualität schwankte beträchtlich, zudem waren die Büchsen teils nur unzureichend gefüllt. Das änderte sich erst nach der Jahrhundertwende, auch aufgrund der Klagen der Käufer. Während größere Firmen ihre Markenprodukte vielfach noch in eigenen Verpackungen in unterschiedlichen Größen anboten, vereinbarten insbesondere kleine Anbieter Offerten in einheitlichen Größen. Seit 1907 gab es erste Einheitsdosen etwa für Obst und Gemüse. Das half Vertrauen zurückzugewinnen. Die Konsummengen aber blieben begrenzt: Um 1900 verzehrte der Durchschnittsdeutsche etwa ein Kilogramm Konserven pro Jahr und Kopf, um 1913 war es dann immerhin schon die doppelte Menge.

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Glas statt Blech? Transparent angebotenes Eigelb 1896 (Fliegende Blätter 104, 1896, Nr. 2656, Beibl.)

Die nicht unerhebliche Skepsis gegenüber undurchsichtigen Konservenbüchsen führte zur Suche nach Alternativen. Glaskonserven wurden schon im späten 19. Jahrhundert angeboten, doch ihre Brüchigkeit und ihr relativ hoher Preis legten den Einsatz nur bei hochwertigen Angeboten nahe, insbesondere bei Arzneien und Drogerieartikeln. Noch in den späten 1930er Jahren lag die durchschnittliche Bruchquote bei 2 bis 3 Prozent (Eduard Nehring, Die Verwendung metallischer und nichtmetallischer Werkstoffe als Verpackungsmaterial in der Konservenindustrie, in: Wissenschaft und Technik in der Konservenindustrie, Braunschweig 1939, 41-54, hier 44-45). Für Glas sprach damals vor allem seine Geschmacksneutralität, seine Undurchlässigkeit, seine Ungiftigkeit. Verzinntes Dosenblech war relativ korrosionsbeständig, tolerant gegenüber Druck und Temperaturen, leichter als Glas und besser stapelbar. Doch je nach Füllgut gab es trotz des 1887 erlassenen Blei-Zink-Gesetzes immer wieder Vergiftungsfälle durch gelösten Zinn und auch gelöstes Lötblei.

Wie bei der Blechkonservenindustrie hing die Nutzung des Werkstoffes Glas von dessen preiswerter Massenproduktion ab. Das bedeutete vor allem eine rationale und auch mechanisierte Hohlglasherstellung. Die handwerklich betriebenen Waldglashütten bekamen schon seit der Jahrhundertmitte Konkurrenz durch Glashütten mit größer gebauten Schmelzöfen mit einer oder gar mehreren Schmelzwannen. Holzfeuerung wurde zunehmend auf Kohle, Gas und Koks umgestellt und ermöglichte dünnwandigeres und schlierenfreieres Glas (L[udwig] Lobmeyr (Hg.), Die Glasindustrie, ihre Geschichte, gegenwärtige Entwicklung und Statistik, Stuttgart 1874, insb. 166-177). Die Produktionssprünge im späten 19. Jahrhundert resultierten vor allem aus größeren und heißeren Öfen. Dabei ragte der seit 1867 grundsätzlich verfügbare Siemenssche Regenerativofen heraus. Er war ursprünglich für die Stahlproduktion entwickelt worden, bewährte sich aber auch bei der Leichen- und Tierkadaververbrennung. Die durch indirekte Hitzeführung möglichen höheren Temperaturen ließen das Glasgemenge schneller schmelzen und den Durchfluss beträchtlich steigen. Doch noch erfolgte die Produktion vornehmlich per Hand und Mund durch die standesbewusste Gruppe der Glasbläser  (Georg Goes, Arbeitermilieus in der Provinz. Geschichte der Glas- und Porzellanarbeiter im 20. Jahrhundert, Essen 2001, insb. Kap. VII).

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Mechanisierung der Hohlglasherstellung: Owens-Maschine 1912 (Library of Congress, Washington DC, ncl2004001184)

Das änderte sich erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als vollautomatisch blasende Maschinen eingeführt wurden. Die erste sog. Owens-Maschine lief im Deutschen Reich 1908 an, doch ein Kartell wachte über eine markt- und preisschonende Etablierung. Entsprechend veränderte sich die Hohlglasherstellung nur langsam. Selbst in technisch führenden Unternehmen, wie etwa Gerresheim, wurden tradierte Verfahren über Jahrzehnte weiter genutzt. Dadurch konnten sich viele mittlere Unternehmen behaupten, wenn sie ihre Produktion auf Nischen konzentrierten.

Handarbeit führte dazu, dass die im 19. Jahrhundert produzierten gläsernen Vorratsgefäße deutlich anders aussahen als die uns allen bekannten Konservengläser (Astrid Bergmeister, Mindestens haltbar bis… Konservieren und Bevorraten in Glasgefäßen, Essen 1998, insb. 24-37). Sie wurden teils frei, teils modelgeblasen. Die Gläser wurden zumeist mit einem Korken verschlossen, teils auch verwachst. Sie waren daher hygienisch heikel, die gewölbten Böden schwer zu reinigen. Aus diesem Grunde wurden sie vielfach geschwefelt, was wiederum gesundheitsgefährdend war. Die Konservierungsgläser dieser Zeit waren noch nicht standardisiert, auch wenn man sie in unterschiedlichen Größen kaufen konnte. In den Haushalten wurden sie etwa mit Marmelade oder Gelee gefüllt und dann mit Papier, Blasen oder Leim verschlossen. Das war nicht steril, so dass es bei den Glaskonserven häufig Verderb gab.

Der Haushalt als Experimentierfeld technischer Innovationen

Die häusliche Konservierung lebt bis heute von einnehmenden Bildern, wie sie uns aus bürgerlichen Kochbüchern und Haushaltslehren des späten 19. Jahrhunderts im Gedächtnis prangen: Gefüllte Vorratskeller mit schimmernd lockenden Regalen, ein wenig auch die behäbige Gemütlichkeit Wilhelm Buschs (1832-1908): „Eben geht mit einem Teller / Wittwe Bolte in den Keller, / Daß sie von dem Sauerkohle / Eine Portion sich hole, / Wofür sie besonders schwärmt, / Wenn er wieder aufgewärmt“ (Max und Moritz, München 1865, 11). Festzuhalten ist jedoch, dass häusliche Konservierung notwendig war, um preiswert und ohne größere gesundheitliche Schäden durch das das Jahr, zumal durch Winter und Frühling zu kommen. Häusliches Konservieren war mühselig, das Ergebnis nicht immer schmackhaft. Es ging nicht um eine abwechslungsreiche Küche, sondern um die Befriedigung von Grundbedürfnissen.

Hausfrauen beharrten daher nicht auf Traditionen, sondern nahmen die vielfältigen Neuerungen der modernen Zeit rasch auf. Das war nicht modisches „Do-it-yourself“, kein „Prosuming“, sondern notwendige Selbsthilfe. Bis zur Jahrhundertwende erfolgten viele Verbesserungen, nicht aber grundlegende Veränderungen: Die wichtigste Konservierungstechnik war das Einkellern oder Einmieten vor allem von Kartoffeln, aber auch von Kohl, Äpfeln oder Möhren. Entsprechende Vorräte fanden sich meist über das ganze Haus, über die kleine Wohnung verteilt. Wichtig waren ferner das Einlegen in Essig, Trocknen, Dörren, Pökeln und Räuchern. Konservierung war jedoch in vielen Haushalten kaum möglich, setzte es doch den Besitz oder Kauf von Kleinvieh, von Obst und Gemüse voraus. Damals wurde deutlich weniger Fleisch, Obst und Gemüse gegessen, Der Konsum richtete sich stark nach Ernte- und Schlachtzeiten. Häuslich konservierte Nahrung war aber sozial weiter verbreitet, denn man bekam sie, wie auch Getreide und Mehl, noch als Lohn für Arbeit. Vieles blieb regional begrenzt, wie etwa die Mostherstellung im Süden und Südwesten. Manches verlor an Bedeutung, etwa das Dörren in gemeinsam genutzten Dörrhäuschen.

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Nicolas Appert und eines seiner gläsernen Konservierungsgefäße (Wikipedia)

Neue industrielle Produkte veränderten nur langsam die häusliche Konservierung. Am wichtigsten war der Einsatz der Konservierungsmittels Zucker, wodurch die Muskocherei um Marmeladen und Gelees ergänzt werden konnte. Viele Verfahren waren bekannt, konnten jedoch nicht umgesetzt werden. Der französische Koch und Konditor Nicolas Appert (1749-1841) entwickelte beispielsweise schon 1804 aus heutiger Sicht praktikable Verfahren der Hitzesterilisierung in Gläsern. Die Art der von ihm verwandten Gläser verdeutlicht aber auch, dass der sterile Verschluss ein Kernproblem des Verfahrens blieb. Es verwundert daher nicht, dass er seine Luxuskonserven ab 1812 in Blechbüchsen packte und verkaufte. Sein Hauptwerk wurde 1832 ins Deutsche übersetzt, weitere Auflagen folgten ([Nicolas] Appert, Die Kunst, alle animalischen und vegetabilischen Nahrungs-Substanzen durch viele Jahre aufzubewahren […], Prag 1844). Doch die Auswirkungen blieben begrenzt.

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Haushaltskonservierung mittels Blechbüchsen (Kladderadatsch 22, 1869, n. 48)

Die Modernisierung des häuslichen Konservierens begann daher nicht mit Glasbehältnissen, sondern mit „hermetisch verschließbaren“ Blechkonserven. Glasanbieter konterten, boten ihrerseits sicher verschließbare Glasgefäße an. Im letzten Drittel des 19. Jahrhundert tobte ein Kampf zwischen Blech und Glas, getrieben von Haushaltslehrerinnen und Kleintüftlern, von Unternehmern und Chemikern.

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Glaskonserven in den 1870er Jahren (A[nton] Hausner, Die Fabrikation der Conserven und Canditen, Wien, Pest und Leipzig 1877, 156)

Dabei ging es nicht nur um die Gefäße, sondern vor allem um den sicheren und sterilen Verschluss derselben. „Luftdicht“ oder „hermetisch“ wurden zu zentralen Werbeversprechen. Obwohl die Palette der Patente und Angebote wuchs, blieben die Ergebnisse bescheiden: Für den normalen Haushalt waren Blechdosenmaschinen zu teuer, während der Gläserinhalt entgegen den Anpreisungen immer wieder verdarb.

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Konservenglas mit Bügelverschluss und blecherne Einmachbüche (H[einrich] Timm, Die Obst- & Gemüseverwertung für Haushaltungs- und Handelszwecke, Stuttgart 1892, 73 (l.) und 74)

In einer dynamischen Markt- und Konsumgesellschaft führte dies zu Alternativangeboten. Die Defizite der Gefäße sollten beispielsweise durch neue chemische Konservierungsmittel gemildert, ja gebannt werden (Ueber Salicylsäure und ihren Gebrauch im Haushalte, Allgemeine Hausfrauen-Zeitung 1, 1878-79, 26). Rasch bekannt wurde beispielsweise Dr. Oetker’s Salicyl, das auf das Einmachgut gestreut wurde, um Schimmelbildung zu verhindern. Die seit Mitte der 1870er Jahre vertriebene Salizylsäure nutzte man aber vor allem als Arzneimittel, etwa gegen Hühneraugen. Aufgrund ihrer akut reizenden Wirkung konnte sie Magen-Darm-Schädigungen hervorrufen, wurde aber trotz kontroverser Debatten um die Jahrhundertwende erst 1959 als Konservierungsstoff für Lebensmittel verboten. Dr. Oetker verringerte schon vor dem Ersten Weltkrieg die Dosis und taufte das Produkt zur „Einmach-Hülfe“ um (Daheim 50, 1914, Nr. 45, 33).

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Chemische Hilfsstoffe für das Einmachen (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 19 v. 8. August, III (l.); Die Woche 7, 1905, Nr. 29, III)

Die eigentliche Innovation beim Einkochen, beim dann so genannten Einwecken, erfolgte durch Johann Carl Weck (1841-1914), einem der vielen Tüftler in diesem Felde [Verweis Frische]. Er war es, der 1895 das Patent eines kurz zuvor verstorbenen Chemikers, Rudolph Rempel (1859-1893) aus Gelsenkirchen erwarb. Es war das Patent eines Apparates zum selbständigen Schließen und Entlüften von Sterilisiergefäßen. Weck war Lebensreformer, Antialkoholiker und Vegetarier. Mit seinem Apparat wollte er nicht nur Gewinn machen, sondern die Alltagsernährung verändern (J[ohann] Weck, Erfahrung über Konservierung, Vegetarische Warte 31, 898, 80-81). Er verband seinen Namen mit dem des Apparates (Deutscher Reichsanzeiger 1898, Nr. 89 v. 15. April, 11), baute ein Netzwerk von Agenturen und Zweigniederlassungen auf. Schon 1902 verließ Weck sein Unternehmen, Lizenzzahlungen versüßten den Abschied. Das eigentliche Geschäft machte Georg van Eyck (1869-1951), ein erfahrener Groß- und Einzelhändler für Haushaltswaren im niederrheinischen Emmerich. Er hatte gemeinsam mit Johann Weck Anfang 1901 die J. Weck GmbH im badischen Öflingen gegründet (Deutscher Reichsanzeiger 1901, Nr. 7 v. 9. Januar, 11), und er war es, der die Firma zum Marktführer erst im Deutschen Reich, später auch in Europa machte.

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Johann Weck und seine Schutzmarke (Wikipedia (l.); Tischlein, 1901, 12)

Die Grundlage für diesen Erfolg war einerseits Werbung, die bis heute ihre Liebhaber findet. „Frischhaltung“, Markenbegriff und neues mit dem Einmachen zunehmend deckungsgleiches Substantiv, erschien als Verheißung eines besseren Lebens, einer Gesellschaft, in der der Mensch die Natur befriedet hatte und beherrschte. Anfangs schaltete Eyck nur wenige Anzeigen, warb stattdessen mit Plakaten, mit Broschüren, hob sich dadurch von den vielen anderen Anbietern ab. Doch Werbung allein wäre zu wenig gewesen, mochte der Apparat auch so funktionieren, wies es sich Appert schon ein Jahrhundert zuvor erträumt hatte. Weck bot seit der Jahrhundertwende jedoch nicht nur einen Apparat zum Einkochen an, sondern weitete die Palette auf Einkochgläser und Dienstleistungen aus, bot ein Gesamtpaket an, ein Rundum-Sorglos-Paket. Das hatten andere eben nicht.

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Apparat, Gläser und ein sicherer Verschluss (H[ans] Allihn und [Ottilie] Allihn, Rationelle Krankenkost, 2. verb. Aufl., Öflingen 1911, 44)

Zudem knüpfte die Firma ein direktes Band mit ihren Kundinnen (W.D. Müller, Aus der Werbegeschichte des Hauses „Weck“, Mitteilungen des Vereins Deutscher Reklamefachleute, 1915, 280-282). Sie gründete Beratungsstellen, die Hausfrauen zeigten, wie Apparate und Gläser zu nutzen waren. Sie beschäftigte Wanderlehrerinnen, die auch auf dem Land präsent waren. Sie gab seit 1901 zudem eine eigene Zeitschrift heraus, „Die Frischhaltung“, die 1915 immerhin ca. 10.000 zahlende Abonnenten hatte, die sie unterhielt, informierte und mit vielfältigen „erprobten“ Rezepten versorgte. Hinzu kamen zahlreiche im Auftrag der Firma herausgegebene Broschüren, Rezept- und Kochbücher, Haushalts- und Gesundheitslehren.

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Konservierungsgläser der Firma Weck (M[ax] Hotop und E[dmund] Michael (Bearb.), Koche auf Vorrat, Bd. 1, Öflingen 1905, 12, 13)

Für das Wachstum der Firma waren weniger die Apparate als vielmehr die Konservierungsgläser entscheidend. Sie sorgten für steten Nachkauf, zumal immer neue Formen, Größen und Spezialgläser angeboten wurden.

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Einkochen als eine Kombination von Glas, Gummi, Hitze und hauswirtschaftlicher Arbeit (Hotop und Michael (Bearb.), 1905, 14 (l.), Dass., 9. Aufl., Öflingen 1911, 14)

Erfolgsgaranten waren dabei die flach geschliffenen Deckel, die mittels eines Gummirings dicht hielten und die Bügel, die während des eigentlichen Einkochens unverzichtbar waren. Geräte und Gläser machten zugleich etwas her, waren präsentabel, nicht nur in Küche und Keller, sondern auch auf der Tafel. Die Firma Weck bot zudem eine Reihe ergänzender Geräte und Gefäße an, etwa Gemüsedämpfer. Ihr Absatz reichte zwar nicht an den der eigentlichen Einweckapparate heran, war für das Wachstum von Firma und Umsatz aber wichtig. Weck konnte dadurch eine breite Palette haushälterischer Tätigkeiten aus einer Hand bedienen.

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Steinzeug als Alternative: Konkurrierendes Angebot einer kleineren Glashütte (Der Praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau 18, 1908, Nr. 22, Anzeigenteil, 1)

Weck wies vor dem Ersten Weltkrieg einer ganzen Branche und vielen Glashütten den Weg. Nachahmerprodukte kamen rasch auf, Apparate und vor allem Einmachgläser wurden vielfach variiert. Kein Konkurrent besaß jedoch ein derart breites Angebot und auch eine derart vielgestaltige Werbung wie der im Schwarzwald ansässige Pionier. Dessen Angebote waren relativ teuer, die Firma hielt die Preise bewusst hoch. Sie folgte einer Qualitätsstrategie, bei der es nicht nur um haltbare Nahrung, sondern auch um lange nutzbare Geräte und Gefäße ging.

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Anhaltender Wettbewerb zwischen Fabrik- und Haushaltskonserven (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3521, Beibl.)

Der Durchbruchserfolg Wecks zeigte sich aber auch an anderen Marktbewegungen. Schon vor dem ersten Weltkrieg nutzte die Firma erfolgreich die weiterhin bestehenden Geschmacks- und Sicherheitsprobleme der Blechkonserven, um die im Glas eingemachten Produkte als wohlschmeckend zu vermarkten, als höherwertige Alternative zu den „faden Konserven“ der Industrie. Diese Kampagnen waren so erfolgreich, dass auch Anbieter zeitgenössischer Haushaltshelfer – hier Liebigs Fleischextrakt – diese breit geteilte Vorstellung unterstützten.

Verpflichtungen: Einmachen und staatliche Krisenbewältigung

Vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges gab es also eine spannende Wettbewerbsstruktur: Auf der einen Seite eine rasch wachsende Konservenindustrie, deren Produkte zunehmend preiswerter wurden, die auch immer wieder neue Angebote integrierte, so etwa die in den 1890er Jahren aufkommenden Bockwürstchen der Halberstädter Firma Heine. Auf der andern Seite wurde um 1900 die häusliche Konservierung zu einer einfach umsetzbaren bürgerlichen Tugend, zum Stolz der selbstbewussten Hausfrau, die mit Hilfe neuer Technik und neuer Gläser für ihre Liebsten sorgte. Um 1914 hätten Analysten wohl ein weiteres rasches Wachstum der Konservenindustrie beschworen, da die Arbeiterschaft für billige Konserven zunehmend gewonnen werden konnte. Das legten zumindest die Absatzzahlen der Konsumgenossenschaften nahe. Doch es sollte anders kommen – und das war die Folge der Weltkriege und Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht Enthäuslichung dominierte, sondern eine neuartige Verhäuslichung des Konservierens.

Während des Ersten Weltkrieges galt Einkochen als nationale Pflicht, als Rückgrat der Alltagsversorgung, als Mittel zum Durchhalten. Just deshalb griff nun der Staat ein, vornehmlich auf lokaler und regionaler Ebene. Die Ernten mussten mit weniger Personal und Fuhrwerk eingebracht werden, das Militär wurde vorrangig versorgt. Staatliche Instanzen machten nun dort weiter, wo Weck bereits angesetzt hatte, bei der umfassenden Belehrung über das Einkochen durch Hausfrauenvereine und Hauswirtschaftlerinnen. Zugleich aber investierte der Staat in neue Techniken. Zinnblech war durch die alliierte Seeblockade ab 1915 kaum mehr verfügbar, wurde vorrangig für Militärbelange zurückgehalten. Glashütten produzierten vermehrt für den Kriegsbedarf, und auch dort fehlten die vielen eingezogenen Fachkräfte. Daher förderte der Staat vor allem alternative Techniken, insbesondere das Dörren und die Kühltechnik.

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Aufrüstung im Haushalt (Joh. Ernst Brauer-Tuchorze, Transportable Trockner für die Dauerbereitung von Gemüse […], Prometheus 27, 1916, 616-620, hier 617 (l.) und Johannes Schneider, Das Dörren des Obstes und der Gemüse, Leipzig 1916, 12)

Dörren, also das Trocknen von Nahrungsmitteln, wurde nicht nur gewerblich betrieben, sondern drang mittels einfacher und auch elaborierter Apparate in die Haushalte vor. Doch die Technik war unausgegoren, Obst, Gemüse und Fleisch hielten nicht lange, schmeckten schlecht. Gerade seit dem Hungerwinter 1916/17 nahm nicht nur die Menge, sondern gerade auch die Qualität der Nahrung deutlich ab. Doch es blieb die sehnsuchtsvolle Erinnerung an die gefüllten Konservengläser des ersten und zweiten Kriegsjahres.

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Alternativen zum Weck-Verfahren: Vakuum Schnellkonservierungsapparat (Voss 1921, Nr. 46 v. 17. Dezember, 16)

Aufgrund der Materialbewirtschaftung während und auch unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Produktion neuer häuslicher Konservierungsapparate beschränkt, musste man sich insbesondere in ärmeren Haushalten mit Konservierungstechniken des späten 19. Jahrhunderts behelfen oder aber hamstern. Doch nach dem Kriege nahmen die Angebote rasch zu. Im Mittelpunkt standen zum einen billige Verfahren, um so die teureren Apparate umgehen zu können. Doch zugleich wurden von vielen Firmen, teils auch direkt von Glashütten, Konservengläser wieder vermehrt angeboten, fielen doch die Militäraufträge weg. Dies führte zu einem relativen Preisverfall Anfang der 1920er Jahre, so dass nun auch vermehrt Arbeiterhaushalte zum Einkochen übergingen. Das war aber war auch notwendig, denn gerade während der Hyperinflation 1922 und vor allem 1923 galt es wieder schlicht, die Grundversorgung im Winter sicherzustellen.

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Vielfältige Angebote: Konservierungsverfahren Anfang der 1920er Jahre (Zeitschrift für Waren- und Kaufhäuser 20, 1922, Nr. 22, 51 (l.); ebd., Nr. 33, 43; ebd., Nr. 26, 17 (r.))

Firmen und Marken wie Linn, Rex oder Duplex, boten zudem preiswerte Komplettangebote an (Ratgeber zum Selbstgebrauch […] in Konservengläsern und Einkochapparaten Marke „LINN“, Arnstadt o.J.). Der Marktführer Weck geriet dadurch unter Druck, zugleich aber verbreiterte sich der gesamte Absatzmarkt während der 1920er Jahre erheblich. Dagegen stagnierte die Konservenindustrie. Das hatte nicht nur mit der vermehrten Haushaltskonservierung und dem Dosenmangel während des Krieges zu tun. Vielmehr war die Qualität der Konserven deutlich schlechter geworden, da die Qualität der Vorprodukte deutlich sank, da die Zahl beschädigter, undichter Dosen deutlich stieg. Zunehmend Sorgen bereitete auch der Vitamingehalt der Angebote. „Vitamine“ wurden erst 1911/12 benannt, doch nun wurde rasch klar, dass große Hitze B- und C-Vitamine zerstörte. Das unterminierte das Renommee der Konservennahrung weiter. Schonendere Verfahren mit leistungsfähigeren Maschinen und einer besseren Hitzeführung folgten, doch der Absatz nahm erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wieder stärker zu.

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Vermehrte Anzeigenwerbung (An unsere Geschäftsfreunde! Eine Reihe Vorlagen für wirkungsvolle Anzeigen, hg. v. J. Weck und Co., Öflingen 1927 (Ms.), 2)

Was machte parallel der Marktführer Weck? Zuerst machte er weiter wie bisher, warb mit den bekannten Argumenten und begründete die hohen Anschaffungskosten mit der hohen Qualität von Gläsern und Apparaten (Warum ist die Marke WECK immer noch die verhältnismäßig billigste?, hg. v. J. Weck & Co., Öflingen 1927 (Ms.). Herausgestellt wurde auch der Geschmack und der Nährwert der häuslich konservierten Nahrung; dass, obwohl sich beim Einmachen das Problem des geringen Vitamingehaltes gleichermaßen stellte und die Haushaltshygiene nicht immer ideal war. Das fiel aber beim Selbstmachen scheinbar nicht so ins Gewicht. Weck intensivierte daher auch vermehrt in Werbung, nutzte nun auch vermehrt Anzeigen (Der große Erfolg. Reklame-Ratgeber, hg. v. J. Weck & Co., Öflingen 1928). Nicht vergessen werden darf, dass die hohen Verkaufspreise auch hohe Handelsspannen ermöglichten. Daher bevorzugten Händler die badischen Angebote, präsentierten sie in ihren Läden an bevorzugten Plätzen, nutzten gerne die einladend gestalteten Plakate für Verkaufsräume und Schaufenster oder die Vorlagen für Zeitungsanzeigen.

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Weck als Weltmarke Mitte der 1930er Jahre (Kleines Lehrbuch für erfolgsicheres [sic!] Einkochen der Nahrungsmittel mit den Frischhaltungs-Einrichtungen Weltmarke WECK, Öflingen 1935, hinteres Titelblatt)

Zugleich verbesserte die Firma ihre Kostenstruktur. Obwohl weiterhin neue Gläser entwickelt und vermarktet wurden, nahm deren Variationsbreite doch ab, wurden die Formen länger beibehalten. Wichtiger noch war der verstärkte Export. Er führte zu niedrigeren Fixkosten, stärkte zugleich die Stellung der deutschen Premiummarke gegenüber staatlichen Instanzen und der Öffentlichkeit. Mitte der 1930er Jahre hatte Weck fast 4000 Beschäftigte, war damit ein wichtiger Faktor innerhalb des vom NS-Regime neu etablierten Reichsnährstandes.

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Einkochen in Dosen (Einmachen von Obst und Gemüse, hg. v. Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung, Leipzig 1935, 7)

Gleichwohl gelang es nicht, die Glaskonservierung auch im häuslichen Bereich alternativlos zu machen (Blechdosen oder WECK-Gläser?, Frischhaltung 28, 1928/29, 178-180). Während der 1920er Jahren wurden jährlich immerhin 30.000 Büchsenverschlussmaschinen verkauft, 1930 kauften Privathaushalte ca. 27 Millionen leere Blechbüsen, die in der Regel zweimal gefüllt wurden. Der Umgang mit diesen Dosen war in dieser Zeit einfacher geworden und auch billiger, wenn man über etwas größere Herde und Vorratskapazitäten verfügte. Weck, aber auch andere Anbieter nahmen diese Herausforderung an und warben verstärkt auf dem Lande und in Kleinstädten: „Nun schlüpft sogar das liebe Schwein / als ‚Wurst‘ ins Glas von Weck hinein“ (zit. n. Bergmeister, 1998, 48; vgl. auch Das Schwein im Weck – die Sparkasse der Hausfrau, Frischhaltung 28, 1928/29, 82-85). Das mag heute fern unserer Alltagsernährung klingen. Doch 1933 gab es letztmals mehr Beschäftigte in der Landwirtschaft als in der Industrie; und die Zahl der Kleingärtner lag bei 2,6 Millionen. Sie erwirtschafteten schätzungsweise 30 Prozent des deutschen Gemüseertrags, zogen die Mehrzahl der Kaninchen groß.

Mittels dieser Maßnahmen gelang es der Firma Weck ihre Marktführerschaft nicht nur zu behaupten, sondern während der Weltwirtschaftskrise noch auszubauen. Während die Arbeitslosigkeit den männlichen Familienernährer besonders traf, konnte die Hausfrau – und vermehrt wieder in der Mittelschicht – so einen produktiven Beitrag zur Familienwirtschaft beisteuern. Generell ist der Bedeutungsgewinn der Glaskonservierung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nicht ohne einen Blick auf die sich ändernde Rolle der Hausfrauen, der Frauen allgemein, zu verstehen. Firmen wie Weck adelten von Beginn an die rechnende Hausfrau, die mit Hilfe ihrer Apparate und Gläser eine Art Zusatzeinkommen schuf, die ihre Hauswirtschaft wie eine kleine Fabrik leitete.

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Einkochen als produktive Tätigkeit der Hausfrauen (Die Frischhaltung 48, 1954, H. 6, s.p.)

Einkochen war eine weibliche Arbeit, doch eine, die Geld sparte und das Haushaltsgeld vermehrte. Und dies war nicht mehr die von Friedrich Schiller im späten 18. Jahrhundert besungene „züchtige Hausfrau“, die mit „ordnendem Sinn“ ihre Rolle erfüllte und nimmer ruhte. Die einkochende Hausfrau war eine Marktexpertin, kannte sich im Garten und in der Hauswirtschaft aus, kalkulierte kühl und rechenhaft den Einkauf und das eigene Konservieren. Der Mann mochte das Haupteinkommen verdienen, doch die Frau dachte mit und schuf Mehrwert.

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Einkochen im völkischen Umfeld: Haushaltsführung, Kinderbetreuung, Sicherung des Volksvermögens (Anleitungen für das Einkochen von Nahrungsmitteln mit den Frischhaltungsgeräten Marke Weck, Öflingen 1941, 79)

Was während der Weimarer Republik noch Ausdruck einer modernen, effizienten Hausfrau war, wandelte sich während der NS-Zeit jedoch beträchtlich. Glaskonserven und Einmachen standen immer auch im Zusammenhang mit deren Ideologie, deren Biologismen. Es ging nie nur um Arbeit für die eigene Familie, sondern diese war immer auch Arbeit für das deutsche Volk, die deutsche Rasse (Nancy R. Reagin, Marktordnung and Autarkic Housekeeping: Housewives and Private Consumption under the Four-Year Plan, 1936-1939, German History 19, 2001, 162-184). Was der Bauer auf den Markt brachte, der Kleingärtner erntete, wurde durch vielfach blond dargestellte Hausfrauen bewahrt und für alle gemehrt. Damit diente sie sich selbst, ihren Kindern, ihrem Gatten, ihrem Volk.

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Einkochen als Pflicht der deutschen Frau (Lehrbuch, 1935, 31 (l.); Anleitungen, 1941, Titelblatt)

Einkochen wurde während des Nationalsozialismus zu einem häuslichen Quasi-Militärdienst der Frau, war ihr Beitrag zur „Nahrungsfreiheit“ des Deutschen Reichs, reduzierte die Importe. Die Firma Weck stellte sich willig in den Dienst des NS-Regimes, unterstützte Ideen landwirtschaftlicher Autarkie. In ihren Publikationen war die Volksgemeinschaft immer auch eine Einkochgemeinschaft. Einkochen wurde zur moralischen Verpflichtung, zum Dienst für Führer und Vaterland (Mechtilde Raetsch (Bearb.), Meine Vorratsküche, erw. Ausg., Berlin 1936).

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Moralische Verpflichtung (Lehrbuch, 1935, 1)

Für die Firma Weck hatte die einkochende Frau ihre natürliche Aufgabe gefunden, eine Aufgabe, die sie glücklich und dankbar machen sollte (Glück im Glas, hg. v. J. Weck & Co., Öflingen o.J. (1936). Eine einfache haushälterische Tätigkeit wie das Einkochen wurde im Sinne des Regimes aufgeladen – und die Mehrzahl der Hausfrauen folgte willig. Und doch: Der eigentliche Umschwung hin zu modernen Formen der Fremdversorgung und Konservierung erfolgte just während der NS-Zeit (Spiekermann, 2018, insb. 474-548). Fast die Hälfte der öffentlichen Forschungsinvestitionen von 1933 bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges floss in die Agrarwirtschaft und den Lebensmittelsektor.

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Einsäuerung von Sauerkraut, Trocknen von Obst (Einmachen, 1935, 13)

Die Folge war ein besseres Wissen über Erntepraktiken, Lagertechniken, Verarbeitung und Konservierung, über Geschmack und Lebensmittelpsychologie. Selbst getrocknete Nahrungsmittel wurden nun zunehmend schmackhaft. Die Haushaltsratgeber der 1930er Jahre empfahlen das Einkochen, präsentierten aber auch eine breite Palette tradierter Formen des Einmachens (Ewald Köhnemann, Saft, Mus und Marmelade, Berlin 1940). All dies auf dem vermeintlich neuesten Stand der Wissenschaft, was selbst für die Vergärung von Kohl zu Sauerkraut galt.

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Abseits der Sterilisierungsapparate: Einkochen im Gasbackofen (Kochbuch für den Junker u Ruh Gasherd, Karlsruhe 1940, 54)

Auch die wachsende Zahl von Elektro- und Gasherden erlaubte neue Formen des Einmachens – ganz ohne teure Konservierungsgeräte. Daneben zahlte sich die intensive Forschung von Kühl- und Gefriertechnik aus. Diese war zwar vornehmlich für die Wehrmacht gedacht, auch der „Volkskühlschrank“ ließ auf sich warten. Der Aufbau der Kühlkette sollte den eroberten europäischen Großraum miteinander und dann auch die Haushalte mit vitaminhaltiger und tiefgefrorener „Frischkost“ versorgen. Der Elektrokühlschrank, in Deutschland seit Ende der 1920er Jahre von der US-Firma Frigidaire in den Massenmarkt eingeführt, blieb eine Ausnahme für wohlhabende Haushalte. Doch die Werbung vermittelte schon einen Abglanz ganz anderer, schonenderer Verfahren für die Haushaltskonservierung und einer nationalsozialistischen Wohlstandsgesellschaft.

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Vorbote eines neuartigen technischen Systems: Werbung für Elektrokühlung (Lebe gesund durch Elektrokühlung […], Mannheim 1939, Titelblatt)

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es schon ein breites, vor allem propagandistisch aufbereitetes Angebot von Gefrierkonserven, die im Haushalt nur noch gelagert oder besser sofort verwertet werden sollten. Die Mehrzahl der Deutschen aß solche Produkte erst ein bis zwei Jahrzehnte später, erst in den 1960er Jahren setzte sich Tiefkühlkost allgemein durch.

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Hitzesterilisierung, Einkochen und andere Konservierungsverfahren im Deutschen Reich 1941 (Ergebnisse, 1942, 81)

Im Zweiten Weltkrieg aber – das zeigen die Ergebnisse einer Untersuchung der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung von ca. 14.000 Personen im Deutschen Reich 1941 (Ergebnisse einer Untersuchung über die häusliche Vorratshaltung, Markt und Verbrauch 14, 1942, 49-87) – wurde in fast jedem deutschen Haushalt Vorratshaltung betrieben; zumeist von Obst und Gemüse, aber auch von Fleisch und selbst Pilzen. Dies galt für Stadt und Land. Frischware wurde nicht nur zum unmittelbaren Verzehr gekauft, sondern auch, um sie einzumachen, um einen Puffer bei Versorgungsengpässen zu haben. Blicken wir auf die Konservierungsarten, so dominierte die Hitzesterilisierung bei weitem. Sie erfolgte zumeist in Gläsern. Das betraf insbesondere Obst und Gemüse, aber auch Fleisch, Wurst und Speck. Marmelade wurde vorwiegend eingekocht, Gurken eingesalzen oder eingesäuert, Pilze vielfach gedörrt, Wurst und Speck häufig geräuchert. Bemerkenswert war auch, dass es nur geringe soziale Unterschiede bei der Haushaltskonservierung gab. Ein Volk, ein Reich, und (fast) alle Haushalte am Konservieren.

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Kampf dem Verderb (Lehrbuch, 1935, 28)

Das war auch ein Folge der 1936 im Rahmen des Vierjahresplan einsetzende Kampagne „Kampf dem Verderb“. Sie sollte die Hauswirtschaft effizienter machen, auf Engpässe, Rationierung und Krieg vorbereiten, gab daher Hilfestellungen für Einkauf, Zubereitung, Konservierung, Einkellerung und Resteverwertung. Weck, aber auch viele andere Firmen, unterstützten mit eigenen Werbekampagnen. All dies ging einher mit propagandistischen Feldzügen à la „Brot ist kostbares Volksgut“, „Richtig Verbrauchen“, „Kampf dem Verderb – so gut wie Erwerb“ und schuf neue Phantasiegeschöpfe, etwa „Groschengrab, das Ungeheuer“ (Spiekermann, 2018, 388-391). Weck, ein NS-Musterbetrieb, profitierte davon. Bis Kriegsende propagierte dieser Einmachen als Teil des vermeintlichen Schicksalskampfes des deutschen Volkes, beschwor Nahrung als Waffe und die einkochende Hausfrau als Kämpferin (Hanns W. Brose, Die Wirtschaftswerbung im Dienste der häuslichen Vorratshaltung, Markt und Verbrauch 14, 1942, 131-135).

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Mobilisierung bis zum Schluss (Die Deutsche Volkswirtschaft 13, 1944, 744 (l.); Einmachzeit, 1940, Titelblatt)

Wachsende Fülle: Haushaltskonservierung und Haushaltshandeln in Zeiten der Enthäuslichung

Über die Nachkriegszeit will ich Ihnen nur einige allgemeine Trendaussagen geben, denn dies ist eine Zeitspanne, die sie selbst aus ihrer Lebenspraxis und/oder den Erinnerungen ihrer Familien oder Freunde kennen – oder zumindest kennen könnten. Weck transformierte seine Botschaft der Haushaltskonservierung jedenfalls in die Nachkriegszeit, verlor aber Produktionsstätten und Glashütten im „Osten“. Ersatz kam zeitweilig von kleineren Anbietern, darunter etwa der bis heute bestehende Boffzener Anbieter Noelle & von Campe.

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Sortimentsstrukturen in SB-Geschäften und Supermärkten 1954-1988 (Spiekermann, 2018, 665)

Die Bedeutung konservierter Nahrung stieg seit den 1950er Jahren immens an, auch wenn uns das vielfach nicht bewusst ist. Die Konservierung wurde jedoch immer stärker vom Haushalt in die Versorgungsketten zurückverlegt, im großen Stil erfolgte Enthäuslichung. Selbst „frische“ Nahrung ist heute vielfach vorbehandelt, wird insbesondere gekühlt. Die in der Zwischenkriegszeit beträchtlich fortentwickelten Techniken des Gefrierens und Kühlens, des Trocknens, des Einsatzes immer leistungsfähigerer Verpackungen, von Zusatzstoffen und Aromen wurden nun mit der weiter entwickelten amerikanischen und britischen Technik gekoppelt. Die angelegten Veränderungen gestalteten Einkauf und Vorratshaltung ab den 1950er Jahren tiefgreifend um, setzten sich dann in den 1960er Jahren durch, wurden durch die Technisierung der Haushalte, insbesondere durch Kühlschränke und Gefriertruhen in den 1970er Jahren nochmals beschleunigt.

Häusliche Konservierung ist auch heutzutage nicht unwichtig. Doch ihre Bedeutung hat sich grundlegend gewandelt. Sie ist kaum mehr Mittel gegen Not, Mangel und Enge. Stattdessen ist sie Beziehungspflege, Ausdruck von Zuwendung und Liebe, von Selbstbehauptung angesichts überquellender Verkaufsregale. In einer Welt austauschbarer Güter sind selbstgemachte Marmeladen oder selbst eingelegte Gemüse etwas Besonderes (Heinz G. Gans, Konservieren rund ums Jahr, Köln 2013). Das nehmen wir gerne an, teilen es auch gerne, denn es soll zeigen, wer wir sind und dass wir sind.

Wir leben heute – trotz neuerlicher „Versorgungsengpässe“ – in einer im Vergleich zum 19. und frühen 20. Jahrhundert fast paradiesischen Welt, kaum mehr rückgebunden an Ernterhythmen, an die Mühsal der Agrikultur. Die Hoffnungen des 19. Jahrhunderts, sie haben sich erfüllt, wir haben sie erfüllt, vielfach gar übertroffen. Die Geschichte der Haushaltskonservierung zeigt jedoch, dass dieser Weg in die Versorgungssicherheit nicht alternativlos war. Haushalte dominierten die Konservierung noch um 1940, trotz funktionierender und leistungsfähiger Industrien. Dies gründete auf einer speziellen Rolle der Hausfrau, auf spezialisierten und unterstützenden Unternehmen, auf staatlichen Zielen relativer Autarkie. Fremdversorgung war nie alternativlos, das unterstreicht die Geschichte der Haushaltskonservierung in Glas, in Blech und mittels anderer Techniken. Wir haben unsere Wahl getroffen, haben damit Freiheiten abseits des früher üblichen Haushaltshandelns gewonnen. Doch dies bedeutet nicht, dass wir oder unsere Nachfahren nicht doch einst auf entsprechende Selbsthilfe wieder zurückgreifen werden, vielleicht gar müssen.

Uwe Spiekermann, 30. April 2022

Deutsches Kauen: Nationalsozialistisches „Rösen“ und seine Vorgeschichte

Kauen, dieses Hin und Her, Auf und Ab im Munde, ist allen Menschen gemein. Der Mund ist das Haupteintrittstor der Nahrung, hier wird sie zerkleinert und aufgeschlossen, hat auch der Geschmack einen Ort. Die Bedeutung guten Kauens für Genuss, für Verdauung und Gesundheit ist kulturübergreifendes Gemeingut. In deutschen Landen lässt sich dieses Wissen bis ins hohe Mittelalter zurückverfolgen: „De gôd kaut, de gôd daut“ hieß es im Holsteinischen (Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hg.), Deutsches Sprichwörter-Lexicon, Bd. 2, Leipzig 1870, Sp. 1215). Das hochdeutsche Sprichwort „Gut gekaut / Ist halb verdaut“ ziert seit Mitte des 19. Jahrhunderts die einschlägigen Lexika (Karl Simrock, Die deutschen Volkbücher, Bd. 5, Frankfurt/M. 1846, 148; Wilhelm Körte, Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Deutschen, Neue Ausgabe, Leipzig 1847, 181). Adel und das aufkommende Bürgertum bauten darauf seit dem späten 18. Jahrhundert Anstandsregeln und Umgangsformen auf: „Wer gut verdauen will, muß vor allem Andern langsam essen und gut kauen“ betonte der Gastrosoph Eugen von Vaerst (1792-1855) (Gastrosophie oder die Lehre von den Freuden der Tafel, Leipzig 1851, 38). Sein französischer Vorgänger Alexandre Grimond de la Reynière (1758-1838) verlangte gar, dass man jeden Bissen vor dem Herunterschlucken mindestens 32mal kauen sollte – jeder Zahn sollte seine Chance erhalten. Die Medizin des 19. Jahrhundert nahm dies auf, auch um die Ordnung am Tische und im Leben sicherzustellen: „‚Esse langsam,‘ damit du hinreichend Zeit habest, Alles klein zu zerbeißen, alles Nahrhafte gut auszuquetschen, Alles Genossene gut gekaut auch richtig einzuspeicheln!“ (J[ohann] A[ugust] Schilling, Schlechte Zähne, – schlechter Magen, Augsburger Sonntags-Blatt 1877, 364-367, hier 366).

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Kauen als Arbeit des Gourmands (Fliegende Blätter 113, 1900, 176)

Sinnsprüche wie „Gut gekaut ist halb verdaut“ waren Teile einer uns heute kaum mehr geläufigen Sentenzenwelt. Zwischen „Richtiges Kochen bringt Mark in die Knochen“ und „Höre auf, wenn Dir’s am besten schmeckt“ wurde Kochen und Essen verortet, das eigene Tun mit den großen Empfehlungen verbunden. Das war nicht nur bevormundend und erzieherisch, denn auch Bekömmlichkeit, Umgangsformen und die Achtung des anderen am Tisch ließen sich damit vereinen. Die Alltäglichkeit und Unverzichtbarkeit des Essens und des Kauens erlaubten aber zugleich, unter deren breitem Denkmantel ganz andere Ziele zu verfolgen. Denken Sie nur an die Werbung: Kalodont, eine der ersten Zahnpastamarken, rundete eben nur ab, was gutes Kauen vorbereitet hatte (Wiener Salonblatt 1907, Nr. 29 v. 20. Juli, 14). Das Kauen, dem „Schlingen“ zunehmend entgegengesetzt, wurde um die Jahrhundertwende auch zum Ausdruck einer guten, alten, gemütlichen Zeit, die Distanz zur vermeintlich modernen Hast und einer ungebührlichen Eile auch beim Essen erlaubte.

Gutes Kauen war nun nicht mehr nur Zeichen eines gesunden Lebens, praktizierter Lebenskunst. Es wurde Teil einer bürgerlichen, auch kleinbürgerlichen Welt des Innehaltens: Auf dem Teller, am heimischen Tisch konnte ein wenig Widerstand geleistet, Abstand gewonnen werden: „1. Schneide dir nicht den nächsten Bissen, solange du am vorigen noch kaust oder schluckst. 2. Kaue so, daß beim Gefühl im Munde oder dein Geschmack unterscheiden, was fest und weich, was trocken und was feucht, was flüssig, salzig, süß oder sauer ist. […] 3. Kaue möglichst so lange, bis keine ungleichen Teile mehr im Bissen sind! 4. Vergiß das Atmen beim Kauen (Essen) nicht! 5. Ist dir die Zeit bei Tische wirklich knapp, so verwende sie lieber aufs wirkliche Essen als auf die Nachtischzigarre oder aufs Zeitungslesen. 6. Wenn du kannst, iß in Gesellschaft. Die hastigsten Esser sind gewöhnlich Alleinesser. 7. Wenn die Zeit oder Ruhe in ganz besonderem Maße fehlt, so gibt es nur einen Rat: Iß weniger, als du essen willst“ (Alfred Pohl, Vom richtigen Kauen, Das Rote Kreuz 16, 1908, 220-221, hier 221). Entschleunigung ist keineswegs neu.

Kauen wurde um die Jahrhundertwende vermehrt Projektionsfläche für vielfältige Veränderungen, die mit der steten Bewegung des Auf und Ab, des Hin und Her an sich wenig zu tun hatten. Kauen wurde aus der Alltagspraxis herausgelöst, in neue Zusammenhänge gestellt. Bis heute bekannt ist der „Fletcherismus“, eine auf dem rechten Kauen aufbauende, in den USA zuerst propagierte, dann aber auch weltweit praktizierte lebensreformerische, „alternative“ Gesundheitslehre. Während des Ersten Weltkriegs wurde das intensive, feine Kauen nationalisiert, galt als patriotische Pflicht, um aus der Nahrung mehr herauszuholen, um an der Heimatfront länger durchhalten zu können. Beide Bewegungen mündeten während des Nationalsozialismus in eine propagandistische Bewegung für harte Nahrung und gutes Kauen. Sie wurde schließlich „Rösen“ genannt, nach dem völkisch-nationalistischen Zahnarzt und Ernährungsreformer Carl Röse (1864-1947). Kauen wurde deutsch, war Ausdruck einer scheinbar volkswirtschaftlich sinnvollen, gesundheitlich notwendigen und rassistisch fundierten Selbstdisziplin der Deutschen. Wie das? Wie konnte es dazu kommen, dass ein alle Menschen einigendes Tun der Abgrenzung, der Selbsterhöhung galt? Wohlan, blicken wird genauer hin.

 

Horace Fletcher – oder die Ideologisierung des Kauens

Ein erster Schritt hierbei war die Ideologisierung des Kauens durch den „Fletcherismus“, eine amerikanische Gesundheitslehre. Richtiges Kauen ermögliche eine bessere, eine vollständige Nutzung der Nahrung, bringe den Menschen zurück zu seinen natürlichen Ursprüngen, so Horace Fletcher (1849-1919), ein Unternehmer mit ehedem massiven Gewichts- und Darmproblemen. Wie so viele Ernährungsreformer präsentierte auch er seit den späten 1890er Jahren eine Geschichte von Krankheit, Einsicht und Umkehr, die dann in Bekenntnis und Mission mündete. Worum ging es? Fletcher beschloss, zur Rekonvaleszenz nicht mehr zu essen als nötig. Dazu bediente er sich einer neuen Kautechnik, nahm damit tradierten Ratschläge des „Well chewed is half digested“ wörtlich. Das wenige Essen – Ideal war eine Reduktion auf die Hälfte – sollte besser genutzt, die Verdauung schon in den Mund vorverlegt werden. Zähne und Speichel sollten werken, die Nahrung sich zu einem Saft verflüssigen. War auf der Zunge nichts Festen mehr zu spüren, so wurde geschluckt – doch das erfolgte gleichsam natürlich. Der Gaumen bestimmte, wurde zur „Schildwache der Gesundheit“ (Matthaei, Das Fletchern, eine Ergänzung des Vegetarismus, Vegetarische Warte 40, 1907, 77-78, 89-91, hier 77), zum diätetischen Gewissen, zum Garanten einer natürlichen, instinktgemäßen Ernährung.

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Horace Fletcher, Kaupropagandist und Bestsellerautor (Horace Fletcher, Fletcherism […], 3. Aufl., New York 1913, II (l.), Good Health 42, 1907, Nr. 9, 13)

Fletcher schrieb seine Erfahrungen nieder, baute auf seiner Art des richtigen Kauens eine, seine Lebensphilosophie auf. Sie entsprach dem bürgerlichen Individualismus, dem Wollen und Zwingen selbstbestimmter Menschen. Kauen stand für die bewusste Wahl eines gesunden Lebens, stand für eine Rückfrage an den an sich geteilten Mainstream des modernen Daseins. Fletchers Bücher „Menticulture“, „Happiness“, „What Sense? or Economic Nutrition“ waren Bestseller der Jahrhundertwende, entfachten eine populäre Bewegung, wie sie ähnlich schon Mitte der 1860er Jahre William Banting mit seiner Korpulenz-Diät losgetreten hatte (Hillel Schwartz, Never Satisfied. A Cultural History of Diets, Fantasies and Fat, New York und London 1986, 125-131; J[ames]C. Whorton, “Physiologic optimism”: Horace Fletcher and hygienic ideology in Progressive America, Bulletin of the History of Medicine 55, 1981, 59-87). Fletcher hielt der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor, zeigte am eigenen Beispiel jedoch Auswege aus einer von Hast und Kommerz, vom Verlust der Natur und der Dominanz gesellschaftlicher Konventionen geprägten Gegenwart: “Mastication”, richtiges Kauen war Ruhepol, war Konzentration auf eigenes Tun. Fletchers Programm war breit angelegt, der Einzelne Teil einer umfassenden Sozialreform, die Effizienz und Natur harmonisch miteinander verbinden sollte. Der Reformer suchte folgerichtig nicht nur Kontakt zu anderen Reformern, etwa zu John Harvey Kellogg (1852-1943), sondern auch zu etablierten Wissenschaftlern. Er ließ sich auf physiologische Versuche ein, die er großenteils selbst bezahlte.

Die 1902 bis 1904 vom Physiologen Russell Henry Chittenden (1856-1943) in Yale durchgeführten Untersuchungen bestätigten, auch am Beispiel Fletchers, dass die starren Regeln des seit Jahrzehnten geltenden Voitschen Kostmaßes nicht immer galten. Die darin empfohlenen täglichen 118 Gramm Eiweiß waren eine schon zuvor wiederholt hinterfragte Setzung, gesundes und sparsames Leben auch mit weniger möglich (Russell H. Chittenden, Physiological Economy in Nutrition […], New York 1907; Vernon R. Young and Yong-Ming Yu, Dietary Protein Standard Can Be Halved (Chittenden, 1904), Journal of Nutrition 127, 1997, 1025S-1027S). Fletcher transformierte diese Ergebnisse in neue Bestseller („The New Glutton or Epicure“; „The new Menticulture“), unternahm nun aber auch umfangreiche Vortragsreisen durch Europa (Margaret Barnett, Fletcherism. The chew-chew fad of the Edwardian era, in: David F. Smith, Nutrition in Britain […], 6-28). Auch dort suchte er Kontakt mit geneigten Wissenschaftlern, etwa dem dänischen Mediziner Mikkel Hindhede (1862-1945). Weitere Forschungen folgten, vielfach von Fletcher finanziert. „Fletchern“ blieb auch dadurch öffentliches Thema (Jason Pickavance, Gastronomic Realism: Upton Sinclair’s The Jungle, the Fight for Pure Food, and the Magic of Mastication, Food & Foodways 11, 2003, 87-112). Was kümmerte es da, dass rückfragende Untersuchungen schon 1903 klar ergaben, dass die physiologischen Effekte intensivierten Kauens marginal, dass also Fletchers Kernbotschaft unzutreffend war (L. Margaret Barnett, ‚Every Man His Own Physician‘: Dietetic Fads, 1890-1914, in: Harmke Kamminga und Andrew Cunningham (Hg.), The Science and Culture of Nutrition, 1840-1940, Amsterdam und Atlanta 1995, 155-178, hier 171).

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„Zahnverderbnis“ humoristisch gewendet (Lustige Blätter 19, 1904, Nr. 7, 6)

Auch im Deutschen Reich wurde der Fletcherismus kontrovers diskutiert. Er passte in die Fin de Siècle-Stimmung, wie sie insbesondere von den Brotreformern gepflegt wurde. Sie verstanden die Abkehr vom (vielfach fiktiven) harten Roggenbrot der Vorfahren als Verweichlichung, als „Entartung“ (Uwe Spiekermann, Vollkornbrot in Deutschland. […], Comparativ 11, 2001, 27-50, hier 28-29). Alfred Kuhnert (1870-194?), Gustav Simons (1861-1914), Stefan Steinmetz (1858-1930) und andere mehr standen für eine völkisch-nationalistische Deutung des Übergangs zum Industriestaat und zur Konsumgesellschaft, der sich auch viele Zahnärzte anschlossen: „Wer die Nachteile vermindern will, die die verfeinerten Lebensweise mit sich bringt, muss sich schon im Kindesalter an eine möglichst kräftige Kauthätigkeit gewöhnen. […] Man wende mir nicht ein, die Kinder seien zum Genusse des harten Brotes nicht zu bewegen. Wo nur ein Wille, da ist auch ein Weg“ (C[arl] Röse, Anleitung zur Zahn- und Mundpflege, 5. Aufl., Jena 1900, 28).

Hartes Brot und gutes Kauen bedingten einander, schienen den bürgerlichen Aktivisten deshalb unabdingbar für ein gesundes und zukunftsfähiges Deutsches Reich. Aber musste dies in Form eines kruden amerikanischen Kausystems erfolgen? Wo blieb da edler deutscher Sinn, die schweigende Andacht am Familientisch? Solche Rückfragen wurden zumindest innerhalb der vegetarischen Bewegung laut. Weniger Eiweiß, zumal weniger Fleisch – das war in ihrem Sinne. Gutes, geduldiges Kauen – das hatte schon der vegetarische Schriftsteller und Restaurantbesitzer Carlotto Schulz (1842-1901) angemahnt. „Gut gekaut, ist halb verdaut!“ stand auf seinen Speisekarten. Doch Fletchern? „Die übergroße Mehrzahl unserer Mitmenschen hat gar nicht die Zeit, um einer so genau zu beobachtenden Kautätigkeit obzuliegen, wie sie Fletcher verlangt. Die kärglichen Minuten, die dem im Erwerbsleben stehenden Manne außerhalb der Berufstätigkeit verbleiben, kann er doch nicht ausschließlich dem Kauen widmen. Das ist wohl Leuten möglich, die lediglich ihrer Gesundheit zu leben vermögen, wie dies bei Fletcher der Fall war, nicht aber der auf Erwerb angewiesenen Bevölkerung“ – so der Theosoph Julius Sponheimer (1868-1939), der vom Menschen mehr verlangte, als „im rein mechanisch-vegetativem Tun“ aufzugehen (Das Fletcherisieren, Vegetarische Warte 39, 1906, 41-42, für beide Zitate).

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Kauen in der lebensreformerischen Praxis (Borosini, Eßsucht, 4. Aufl., 1912, n. 192)

Während die erste Woge der Rezeption des Fletcherismus 1905/1906 abebbte, war die zweite Welle ab 1911 heftiger. Der Grund war einfach, hatte Fletcher doch mit dem Münchener Arzt August Joseph von Borosini (1874-1965) einen bekennerfreudigen Jünger gefunden. Er veröffentlichte 1911 „Die Eßsucht und ihre Bekämpfung durch Horace Fletcher A.M.“, vermarktete den Fletcherismus als Diät und Verjüngungskur. Sein Fletchers Lehre kondensiertes, auch mit eigenen Ideen angereichertes Erfolgsbuch wurde zum Ankerpunkt aller Kauwilligen. Im Gedächtnis haften blieb vor allem Borosinis strikt-militärisches Kauregime, Gesundheitsarbeit, die viele spätere Wellness-Wellen vorwegnahm. Obwohl bis 1912 10.000 Exemplare gedruckt worden waren, galt der Fletcherismus damals aber eher als Absonderlichkeit, als Ausfluss eines obskuren Amerikaners und seines deutschen Künders: „Merk, du große Menschenherde: / Nur das Kauen bringt Genuss! / Dieser Kasus macht die Erde / Zu ‚nem einzigen Kau-kasus. / Der Prophet will, dass man flott / Rings im weiten Weltenbau, / Kau‘ in Moskau, Zwickau, Grottkau, / Afri- und Amerikau! / Heil dem Yankee Horace Fletcher! / Bringt ein Hoch ihm kräftigen Lauts / Schließt euch an, Kartoffelquetscher! / Wer nicht kaut, der ist ein Kauz“ (Der Kau-Boy, Die Lebenskunst 7, 1912, 532). In der Populärkultur wurde die Ideologisierung des Kauens im Rahmen eines lebensreformerischen Gesundheitsregimes gnadenlos aufgespießt. Gewiss, „gut gekaut, ist halb verdaut“ – doch man kann alles übertreiben: „Herr Fletcher predigt gutes Kau’n, / Nur so gelingt es, zu verdau’n. / Der ganze Mensch sei konzentriert / Auf jeden Gang, den man serviert. / Man lese keinen Mordbericht, / Wenn man verspeist sein Leibgericht. / Und lauf‘ nicht gleich, lärmt s‘ Telephon, / Vom Mittagstisch auf und davon! / Vor allem kaue man exakt, / Gemächlich im Larghettotakt. / Wer solchen Fletcherismus treibt, / Nochmal so lang am Leben bleibt!“ (Die Kunst des Kauens oder: Die neueste Art, das Leben zu verlängern, Nebelspalter 37, 1911, H. 2, s.p.).

 

Deutschland fletschere! – Die Nationalisierung des Kauens während des Ersten Weltkriegs

Der Erste Weltkrieg führte dennoch zu einer Nationalisierung des Kauens. Vor dem Hintergrund massiver Versorgungsprobleme wandelte sich zugleich dessen Begründung: Gutes Kauen diente nicht mehr vorrangig einer besseren Gesundheit oder dem Abnehmen. Gutes Kauen schien vielmehr angeraten, um die vorhandenen Nahrungsreserven besser auszunutzen. Horace Fletcher stand dafür weiterhin Pate, Borosini und viele Vegetarier sekundierten. Doch hinzu kamen nun zahlreiche national gesinnte Ärzte, die damit Sparsamkeit an der Heimatfront stärken, zugleich aber auch Hilfestellungen angesichts drohender Mangelernährung geben wollten.

Sparsamkeit war erforderlich, war das Deutsche Reich doch abhängig von Nahrungsmittel-, vor allem aber von Futtermittelimporten. Nur etwa 80 % des Vorkriegskonsums stammten aus eigener Produktion, Fett und Eiweiß waren besonders knapp. Die völkerrechtswidrige Seeblockade der Royal Navy nutzte dieses aus. Da man auf deutscher Seite von einem kurzen siegreichen Krieg ausging, knüpften Sparsamkeitsappelle anfangs meist an tradiertes Wissen an. In der wichtigsten Handreichung für Ernährungsmultiplikatoren hieß es schon im Herbst 1914: „Man soll weniger essen, dafür aber besser kauen“ (Paul Eltzbacher (Hg.), Die deutsche Volksernährung und der englische Aushungerungsplan, 17.-22. Tausend, Braunschweig 1915, 177). Doch nach dem Verlust der Marneschlacht war dies zu schwach, zu unklar, denn der Krieg würde länger dauern. Die Analysen wurden deutlicher, die Ratschläge fordernder: „Nachdem nun unserem Volke der entscheidende rücksichtslose Daseinskampf aufgezwungen wurde, ist uns dringend vonnöten die völlige Klarheit über unsere Daseinsquellen und der unbeugsame Entschluß zu ihrer möglichst restlosen Nutzbarmachung in allen Teilen der Volkswirtschaft, vor allem aber für die Lebensnotdurft“ ([Georg] Stieger, Unsere Daseinsquellen in der Kriegszeit, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft 30, 1915, 105-108, hier 105).

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Propagandabilder fern der Realität (Lustige Blätter 30, 1915, Nr. 11, 6)

Der Berliner Bakteriologe Max Piorkowski (1859-1937) war einer von vielen, die nun Fletchers Lehre empfahlen. Essen sei schon lange nicht mehr vom Appetit geprägt, sondern verlaufe wie nach einem „mechanischen Uhrwerk“. Hier gelte es umzusteuern, die Kunst zu pflegen, „mit wenigen, aber gut gekauten Bissen auszukommen.“ Im nationalen Überschwang vergaß er die begründete Kritik am Fletcherismus, versprach vielmehr erstaunlichen „Wohlgeschmack und nie geahnte Tafelfreuden“ nach 30- bis 40maligem Kauen (Das Fletchern, Berliner Tageblatt 1915, Nr. 90 v. 18. Februar 1915, 5). Neben solche Empfehlungen trat zunehmend indirekter Zwang. Brot war als wichtigstes Lebensmittel von Beginn an Gegenstand kriegswirtschaftlicher Maßnahmen. Im Herbst 1914 wurde das K-Brot, das Kartoffelbrot, als Kriegsbrot eingeführt. Die ursprünglich 65 %ige Getreideausmahlung stieg 1915 auf 75 %, 1916 auf 82 % und 1917 schließlich auf 94 %. Die Folge waren Unverträglichkeiten und Magenprobleme, eine Bürokratie der Ausnahmegenehmigungen. Doch die Ärzte berichteten auch von Anpassungen: Die Beschwerden über hartes Brot „nahmen nicht zu, vielen tat es gut, es zwang sie, besser zu kauen. […] Ein gesunder Zug kam in viele Menschen“ (G[eorg] Klemperer, Die Krankenernährung in jetziger Zeit, Berliner klinische Wochenschrift 54, 1917, 642-643, hier 642).

Getragen von Hunderten von Zeitungsartikeln, Ratgebern und Kriegskochbüchern etablierte sich ab 1915 eine Art Wünsch-Dir-Was-Physiologie. Fletchers Vorstellungen einer umfassenden Mundverdauung wurden für bare Münze genommen: „Kauen, bis die Nahrung im Munde flüssig, schleimig und geschmacklos ist, sonst findet keine Vorverdauung derselben durch den Speichel und keine Aufschließung der in der winzigen Zelle ruhenden Nährstoffe statt“ (Georg Hiller, Wir verhungern nicht! […], Hannover 1917, 5). Begleitet wurde all dies durch Sprachpflege. Fletcher wurde eingedeutscht, mutierte zu „Fletscher“ und zum „Fletscherismus“ (E[rnst] W[alter] Trojan, Die Zukunft der deutschen Volksernährung, Vegetarische Warte 48, 1915, 63-64, hier 63). Das war Teil allgemeiner Sprachreinigung, so wie das Abschlagen von „Cinema“-Reklamen, der Ersatz von „Restaurant“ durch Gasthaus oder dem zeitweiligen Aufkommen von „Biefstücks‘ und ‚Schatobriangs“ (Hans Sachs, Der deutsche Kaufmann und die deutsche Sprache, Das Plakat 7, 1916, 210-219, hier 212). Fletschern wurde mit religiösem Fasten verglichen (E[rnst] W[alter] Trojan, Fasten und leiblich sich bereiten!, Vegetarische Warte 48, 1915, 195-196), mutierte aber auch zum „Feinkauen“. Dieses sei „eine hohe vaterländische Pflicht für Volk und Heer, sonst kommt der Körper rasch herunter; wir können nicht durchhalten und all die großen Opfer sind vergeblich gebracht“ (Adolf Mang, Streckung unserer Lebensmittel, Die Lebenskunst 12, 1917, 151-152, hier 152). Auch August von Borosini stieß ins nationale Horn, verzichtete gar auf seinen Leitbegriff „Vermunden“. Alle sollten seine Vorkriegsratschläge aufgreifen: „Ihr nützt dadurch euch selbst, euren Kindern und dem Vaterlande, denn wer fletschert, hilft durchzuhalten!“ (Fletschert!, Die Lebenskunst 12, 1917, 179-180, hier 180).

Zum meistzitierten Kaupropagandisten mutierte während des Ersten Weltkrieges allerdings der Aachener Zahnarzt und Geheimrat Georg Kersting, der sein Gewicht während des Krieges auch durch das Rösen von 216 auf 140 Pfund reduzierte. Seit Frühjahr 1915 veröffentlichten die Gazetten seine nationalistischen Artikel, in denen er von Sachkenntnissen unbelastet über die Lehre des „englischen Arztes Fletcher“ fabulierte. Umsetzungsprobleme gab es nicht: „Die Vorschrift ist einfach, kostet kein Geld, keine Mühe, keine Entbehrungen, jedermann begreift sie sofort, kann jeden Tag ohne Berufsstörung nach derselben leben und hat noch Gewinn dabei für seinen Geldbeutel, seine Gesundheit und als edelsten Gewinn das stolze Bewußtsein: auch ich helfe meinem Vaterlande siegen“ (Eßt weniger – aber richtig!, Badischer Beobachter 1915, Nr. 160 v. 8. April, 1). Kauen war für Kersting ein Kampfmittel, es konnte Schlachten gewinnen, den Schlachtgewinn sichern. Richtig Kauende benötigten nur noch die Hälfte der Nahrung, auch die österreichischen Truppen hätten ihre belagerte galizische Festung in Przemysl halten können, hätten sie nur gefletschert (Deutschland fletschere!, 19.-23. Tausend, Köln 1916, 25). Der Hamburger Hygieniker Rudolf Otto Neumann (1868-1952) sprach nach dem Kriege treffend von „Übertreibungen und Entgleisungen, die an das Pathologische streifen“ (Die im Kriege 1914-1918 verwendeten und zur Verwendung empfohlenen Brote, Brotersatz- und Brotstreckmittel […], Berlin 1920, 34). Obwohl Fletschern bis 1917 immer wieder eingefordert wurde, ebbte die publizistisch-nationalistische Welle dann massiv ab. Der Grund war einfach, denn das intensivierte Kauen war faktisch wirkungslos, wurde deshalb auch nur von kleinen Kreisen praktiziert. „Der Schlinger braucht das Doppelte“ (F[ritz] Herse, Sparsame Ernährung durch gründliches Kauen, Vegetarische Warte 49, 1916, 182-184, hier 183) – solche Wandsprüche erwiesen sich angesichts massiven Hungers als hohle Phrasen, als irreführende Wolkenkuckucksheime nationalistischer Möchtegernexperten.

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Kauen gegen den Mangel – Ratgeberliteratur (Kersting, 1916, I (l.); Rhein- und Ruhrzeitung 1917, Nr. 247 v. 16. Mai, 3)

Die physiologischen Effekte des Kauens wurden im Deutschen Reich während des Krieges nochmals mehrfach unabhängig voneinander untersucht – und die Ergebnisse waren eindeutig. Der damals führende Ernährungswissenschaftler Max Rubner (1854-1932) urteilte: „Ein gesunder und vernünftiger Mensch mit leidlich gesunden Zähnen verliert mit der Fletscherschen Regel nur unnötig Zeit. Die Versuche bei Brot zeigen, daß auch durch das Kauen in verstärktem Maße hier nichts mehr zu gewinnen ist. Was die beste Mühle nicht zermahlen kann, zermahlt auch nicht unser Gebiß. […] Viel wichtiger als die feinste Verteilung ist der bakterielle Eingriff, und diesen können wir nicht beeinflussen, auch erfolgt er in größerem Umfange erst dort, wo im Darm die Stellen ausgiebiger Resorption schon überschritten sind“ (Max Rubner, Untersuchungen über Vollkornbrote, Archiv für Physiologie 1917, 245-372, hier 361-362). Auch der Diätetiker Carl von Noorden (1858-1944) bewertete Fletchern als „Verschwendung. Man würde ansehnliche Massen wertvollen Materials durch den Darm treiben, das für die menschlichen Gewebe nicht greifbar ist, und man würde es Nutztieren, die es gut verarbeiten, vorenthalten“ (Carl v. Noorden und Ilse Fischer, Neuere Untersuchungen über die Verwendung der Roggenkleie für die Ernährung des Menschen, Deutsche Medizinische Wochenschrift 43, 1917, 673-676, hier 673). Dieses Wissen setzte sich langsam auch in der unter Zensur stehenden Presse durch: Fletchers Kaulehre sei nur „ein Sport und Eigengebiet eines beschränkten Kreises, ganz ebenso wie Okkultismus, Christian science, Mazdazananlehre [sic!] usw. Sie kann nicht als Methode der Allgemeinheit empfohlen werden, da keine physiologischen Gründe für sie sprechen“ (Sp. Irving, Diätheilslehren für den Krieg, Frankfurter Zeitung 1917, Ausg. v. 27. März, zit. n. Neumann, 1920, 34). Doch ebenso wie die breite Mehrzahl der Deutschen die Niederlage nicht akzeptieren konnte, blieb die Vorstellung von der wundersamen physiologischen Kraft des Kauens auch während der Weimarer Republik virulent.

 

Kauen ohne Übertreibung – Der physiologische Konsens während der Weimarer Republik

Zu Beginn der Weimarer Republik etablierte sich auf Grundlage der physiologischen Forschungsergebnisse allerdings ein Grundkonsens, den Max Rubner wiederholt unterstrich: Das Fletchern sei eine Empfehlung, „die auf dem alten Satz fußt: Gut gekaut ist halb verdaut. Die Leute, die nach ihm die Methode ausführen, sagen, und verbreiten es durch Broschüren, daß man unbedingt mit der Hälfte oder höchstens zweidrittel der Nahrung auskommen kann. Es ist Zeit, solchem Unfug ein Ende zu machen. Wie soll man denn nur die Hälfte oder nur ein Drittel mehr aus der besseren Verdauung herausschaffen können, wenn man weiß, daß im Durchschnitt von unserer Nahrung überhaupt nur 7-8% verloren gehen und von dieser Masse sind meist wieder nur 1/3 d.h. 2-3% des Genossenen unverdaut gebliebene Anteile, die selbst ein Wiederkäuer nicht viel weiter verarbeiten könnte“ (Die Kriegserfahrungen über die Volksernährung, Halbmonatsschrift für Soziale Hygiene und praktische Medizin 26, 1918, 187-189, 195-197, hier 188). Für „den hastenden Amerikaner, der sein Essen möglichst schnell hinabwürgt, [sei Fletchern, US] ganz gut. Alle Eltern wissen, daß man auch bei Kindern oft Mühe hat, ein langsames Essen zu erzielen. Also wirklich altbekannt. Aber was Fletscher [sic!] weiter behauptet – die wesentliche Verringerung des Nahrungsbedarfes war unrichtig. Während der Blockade hatte man bald erfahren, daß die Portionen mit dem Kauen nicht größer werden“ (Über neuere Strömungen in der Krankenernährung, Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 28, 1931, 413-416, 451-454, 479-484, 519-526, 548-551, hier 482). Weitere Forschungen bestätigten Rubners Einschätzung (Otto Jipp, Selbstversuche über die Ausnutzung der Nahrung beim Fletschern, Zahnmed. Diss. Hamburg 1923). Fletchern blieb ein Heilverfahren insbesondere bei Magenerkrankungen und Darmentzündungen (an denen auch Horace Fletcher gelitten hatte) (Theodor Brugsch, Lehrbuch der Diätetik des Gesunden und Kranken, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1919, 278). Darüber hinaus weisende Empfehlungen schienen jedoch unbegründet (Oscar Spitta, Grundriss der Hygiene, Berlin 1920, 298).

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Schaubildimaginationen: Volkswirtschaftliche Kosten ungenügenden Kauens (Der Welt-Spiegel 1928, Nr. 42 v. 14. Oktober, 10)

Das Fletchern geriet dadurch ins Hintertreffen, vergessen aber wurde es nicht. Zum einen legte die volkswirtschaftlich attraktive Idee eines effizienten Gesundheitswesens die Idee besseren Kauens immer wieder nahe. Das sich etablierende System allgemeiner Ortskrankenkassen führte zu neuer Kostentransparenz, die verbesserte Schulzahnpflege machte ebenso wie neue Visualisierungstechniken die volkswirtschaftlichen Lasten kranker Zähne und verfehlten Kauens deutlich. Selbst ein so abwägender Soziologe wie Adolf Günther (1881-1958) sprach damals noch vom „Nutzeffekt“ des Fletcherns, der durch Erziehung grundsätzlich gesteigert werden könnte (Sozialpolitik, T. 1: Theorie der Sozialpolitik, Berlin und Leipzig 1922, 207).

Wichtiger als solche in Zeiten allgemeiner Rationalisierungsdebatten attraktiven Aspekte war jedoch der kontinuierliche Lobpreis des guten Kauens und des Fletcherns in der allerdings kleinen Schar der Vegetarier. Fletchern mochte aufwendig sein, doch angesichts des allgemeinen Zwangs zur Sparsamkeit könne man darauf nicht verzichten (Carl Blietz, Leben oder Tod?, Vegetarische Warte 53, 1920, 5-7, hier 6). Auch die durch Hindhede, Ragnar Berg (1873-1956) und Carl Röse weiter in Gang gehaltene Eiweißminimumdebatte sorgte für kontinuierliches öffentliche Interesse (G[ustav] Riedlin, Unser Eiweißbedarf, Ebd. 57, 1924, 61-62; Böhme, Wozu essen wir?, Ebd. 59, 1926, 71-73). An Ermahnungen zum langsamen Essen und zum guten Kauen fehlte es zudem nicht.

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Kauen als Freizeitbeschäftigung: Wrigleys Kau-Bonbons und Kaugummiautomat in Berlin (Der Volksfreund 1926, Nr. 46 v. 24. Februar, 11 (l.); Illustrierte Technik für Jedermann 5, 1927, 66)

Zugleich wurde mehr oder weniger bewusstes Kauen durch neue Konsumgüter unterstützt. Das galt für Pfefferminzbonbons, wie die Ende der 1920er Jahre immer stärker beworbenen Marken Vivil und Dr. Hillers. Das galt insbesondere aber für das Kaugummi. Der US-Konzern Wrigley produzierte von 1925 bis 1932 im Deutschen Reich, machte Jugendliche und Angestellte „kaugummireif“ (Ernst Lorsky, Die Stunde des Kaugummis, Das Tagebuch 7, 1926, 913-915, hier 913). Unter Medizinern und Drogisten wurde medizinisches Kaugummi diskutiert und empfohlen (Wolfgang Weichardt, Kaugummi zur Desinfektion der Mundhöhle, Die Medizinische Welt 3, 1929, T. 2, 1837-1838). Im Konsumsektor wurden nach den Übertreibungen des Weltkrieges transatlantische Gemeinsamkeiten erkennbar. Doch sie währten nicht lange, denn spätestens mit der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer konservativen Bündnispartner trat „Deutsches Kauen“ wieder auf die öffentliche Agenda.

 

Die Reideologisierung des Kauens während des Nationalsozialismus

1933 gilt gemeinhin als Wasserscheide zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Rechtsstaat und Maßnahmenstaat. Zerschlagung und Verbot von Gewerkschaften und Parteien, die schon vor dem „Judenboykott“ vom 1. April 1933 einsetzende Drangsalierung und schleichende Entrechtung der deutschen Juden, Massenmobilisierung und Remilitarisierung, Gewalt und Folter – Stichworte eines raschen Wandels hin zum NS-Staat. Und doch ist dies zu eng gedacht, nicht nur weil das Deutsche Reich ab 1930 in ein autoritäres Präsidialsystem transformiert wurde, sondern weil es massive Kontinuitäten in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft gab. Doch konzentrieren wir uns auf das Kauen: Charakteristisch für die NS-Zeit war das Anknüpfen an tradierte Denkmuster des Kaiserreichs, an ideologisierte und nationalistische Deutungen der Kriegszeit. Regimenahe Ernährungsreformer und Zahnärzte setzten ungeachtet anderslautender wissenschaftlicher Forschungsergebnisse auf überholte, aber griffige Parolen. Das war kein Rückfall in vormoderne Zeiten, schließlich ist Wissenschaft ein Modus der begründeten Hierarchisierung von Wissen. Am Beispiel des deutschen Kauens zeigt sich, dass sich gesellschaftlich nicht hinterfragte und politisch einseitig gestützte Wissensformationen nicht nur halten, sondern dass sie revitalisiert werden können.

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Negativbild Tempo (Der Welt-Spiegel 1928, Nr. 8 v. 19. Februar, 13)

Ein guter Andockpunkt war die von Ernährungswissenschaftlern und Zahnärzten immer wieder beklagte Hast und Eile der Moderne. War diese während der Weimarer Republik noch Signum einer dynamischen, fortschrittsaffinen Zeit, so traten nun Denkmuster der Vorkriegszeit wieder in den Vordergrund: „Der heutige Mensch hat leider das richtige Kauen verlernt, weil die Auswahl der Nahrungsmittel und eine große Bequemlichkeit bei der Bearbeitung des Bissens, oft auch eine nervöse Hast es gar nicht zur Ausübung der Funktion des Mahlens und Zerreibens kommen läßt, sondern die Kiefer nur auf- und abwärts bewegt“ (Schönwald, Der Einfluß des systematischen Kauens auf Kiefer und Zähne, Forrog-Blätter 1, 1934, Sp. 65-78, hier 65-66). Dass sich zur gleichen Zeit Metaphern wie „jüdische Eile“ oder „jüdische Hetze“ wachsender Beliebtheit erfreuten, war eben kein Zufall, ging vielmehr einher mit der Ausgrenzung und dem Berufsverbot „marxistischer“ und „jüdischer“ Ärzte und Zahnärzte (Norbert Guggenbichler, Zahnmedizin unter dem Hakenkreuz […], Frankfurt/M. 1988, 127-162). Denen half auch nicht, dass sie während des Weltkrieges gleichermaßen zum „Fletschern“ aufgerufen hatten.

Dies ging einher mit einer durch die Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise nochmals verstärkten Kritik an der Kommerzialisierung des Alltagslebens und dem damit einhergehenden Verdrängen guter, einfacher Nahrung: Das 20. Jahrhundert erschien als „das Jahrhundert des Technikers und Krämers oder […] das Jahrhundert der Ueberwucherung der werteschaffenden Arbeit durch den Handel. Handel und Industrie haben sich auch eines großen Teiles der Nahrungsmittel bemächtigt und verändern sie weitgehend, ehe sie sie dem Menschen zuführen“ (Walther Klussmann, Gebissverfall und Ernährung, Hippokrates 6, 1935, 500-505, 522-529, 721-730, 752-769, hier 528-529). Charakteristisch war jedoch keine Rückkehr zu vorindustriellen Denkmustern, sondern die paradoxe Parole „Vorwärts zur Natur!“, wie sie etwa vom führenden nationalsozialistischen Hygieniker Werner Kollath (1892-1970) ausgegeben wurde (Uwe Spiekermann, Der Naturwissenschaftler als Kulturwissenschaftler: das Beispiel Werner Kollaths, in: Gerhard Neumann, Alois Wierlacher und Rainer Wild (Hg.), Essen und Lebensqualität, Frankfurt/M. und New York 2001, 247-274, hier 253-254). An die Stelle eines technisch-zivilisatorischen Zeitalters werde ein biologisch-kulturelles treten. Das Kauen, das gute, war ein Hebel, um grundsätzlichere Fragen zunehmender „Konstitutionsverschlechterung“ (M[aximilian] Bircher-Benner, Diätetische Erfahrungen und ihre Perspektiven, Hippokrates 5, 1934, 185-191, 245-253, 280-286, 326-333, hier 185) angehen zu können.

Wichtig war dabei zweierlei: Zum einen wurde dieses Denken nun eingebunden in rassistische Deutungsmuster, wie sie insbesondere in der Neuen Deutschen Heilkunde und im Reichsverband der Zahnärzte Deutschlands offensiv vertreten wurden (Robert Jütte et al., Medizin und Nationalsozialismus […], Göttingen 2012; Dominik Groß et al. (Hg.), Zahnärzte und Zahnheilkunde im „Dritten Reich“ […], Berlin 2018). Reichsärzteführer Gerhard Wagner (1888-1939) betonte: „Diese Weltanschauung sieht den Menschen nicht als einzelnes Individuum, sondern als Glied einer großen, deutschen, blutsverbundenen Volksfamilie, als Erben rassischer, körperlicher und geistig-seelischer Eigenschaften, die er als Träger der Zukunft seines Volkes an künftige Generationen weiterzugeben hat“ (Ausbau der deutschen Heilkunde, Hippokrates 5, 1934, 223-224, hier 223). Der als bedrohlich wahrgenommene schlechte Zahnstatus der Deutschen war ein Symbol für die Verschlechterung der völkischen Substanz. Zahnkrankheiten wie Karies bedrohten die gesamte Volksgemeinschaft, schlechte Zähne schienen „Ausdruck einer Allgemeinerkrankung“ (Walter Wegner, Mund-Fokalinfektion und Volksernährung, Deutsches Ärzteblatt 68, 1938, 178-179, hier 178). Herdinfektionen konnten Gesundheit und Leben bedrohen, spiegelten zugleich aber Gefahren für den deutschen Volkskörper. Gutes Kauen war ein einfaches und preiswertes Vorbeugungsmittel, dessen Umsetzung auch die völkische Gesinnung der Deutschen widerspiegeln sollte. Die Volksgemeinschaft war immer auch Kaugemeinschaft.

Zweitens wurde die Propaganda für gutes Kauen von Beginn an mit der Brotfrage gekoppelt (Uwe Spiekermann, Vollkorn für die Führer. Zur Geschichte der Vollkornbrotpolitik im Dritten Reich, 1999 16, 2001, 91-128, insb. 101-107). Die Interessen der Getreidewirtschaft hatten schon während der Weimarer Republik zu breiten Kampagnen für Roggenbrot geführt, „Der Patriot ißt Roggenbrot“. Nun traten zudem Knäcke- und Vollkornbrot in das Blickfeld von Gesundheitspolitik und Ärzteschaft. 1933 wurde die Forschungsgemeinschaft für Roggenbrotforschung gegründet, die zahlreiche Studien zu Karies und Kauen finanzierte. Hartes Brot und gutes Kauen harmonierten scheinbar. Für Wilhelm Kraft (1887-1981), Gründer der Burger Knäckebrotwerke und völkisch-nationaler Ernährungsreformer, lag hier der Hebel für die Renaturierung der deutschen Menschen: „Wer gut kaut, verdaut nicht nur viel besser, sondern hat einen viel besser entwickelten, feineren, natürlichen Geschmacksinn als der ‚Schlinger‘. Er wählt sich spontan eine physiologisch richtig zusammengesetzte Nahrung und eine mäßige Nahrungsmenge“ (Kampf dem Gebißverfall!, Volksgesundheitswacht 1936, Nr. 3, 10-14, hier 13).

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Fletchern führt zu guten Gebissen: Suggestive Zahnabdrücke (Forrog-Blätter 1, 1934/35, Sp. 72 und 73)

Vor diesem Hintergrund war es folgerichtig, dass dem Kauen eine prominente Rolle auch in der Ernährungsbildung zugebilligt wurde. Die zehnte der „Zwölf wichtige[n] Regeln für Deine Ernährung“ der Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung – Vorläufer der heutigen 10 Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung – lautete: „Gut gekaut ist halb verdaut. Iß ruhig und sorgfältig, denn das Essen ist keine Nebensache“ (Reichs-Gesundheitsblatt 12, 1937, 50). Auch das Fletchern trat nun wieder hervor, wurde in ärztlichen Fachorganen neuerlich propagiert: „Wenn wir unser Volk wieder zu einer naturnahen Nahrung zurückführen wollen, dann müssen wir zuerst wieder die Wertschätzung richtig durchgeführten Kauens durchsetzen: Je ausgiebiger gekaut wird, desto besser vermag unser Körper die Nahrung auszunützen. […] Desto weniger brauchen wir ihm also Speisen zuzuführen. […] Was liegt mehr im Interesse des Vierjahresplanes, als auf dem Wege über diese Kaugewohnheit, der Wiedereinführung einer wahrhaft vorbildlichen Tischkultur, Verschwendungen zu vermeiden?“ (Heinrich Böhme, Das Fletschern. Das gründliche Kauen in seiner überragenden Gesundheitsbedeutung, Zahnärztliche Mitteilungen 28, 1937, 973-977, hier 976-977). Gutes Kauen diente der Effizienzsteigerung während des 1936 einsetzenden Vierjahresplans, war Teil der Rüstungen für den Krieg.

 

Vor der Wiederentdeckung: Zur Biographie Carl Röses

All dies erfolgte ohne Verweis auf Carl Röse, den späteren Namensgeber des „Rösens“, des bewussten deutschen Kauens. „Röse, das klingt in unserer kurzleidigen Zeit wie ein Ruf aus einer anderen Welt“ ([Alfred] Kuhnert, Röse und seine jüngste Forschertätigkeit, Forrog-Blätter 2, 1935, Sp. 59-68, hier Sp. 59). Und doch; spätestens 1934 begann innerhalb der deutschen Zahnärzteschaft eine bemerkenswerte Wiederentdeckung – obwohl der Veteran in den 1920er Jahren nur eine nennenswerte Broschüre veröffentlicht hatte. Blicken wir mittels seiner Biographie zurück in die scheinbar andere Welt des Kaiserreichs (Detailreich, aber wissenschaftlich unzureichend Thomas Nickol, Das wissenschaftliche Werk des Arztes und Zahnarztes Carl Röse (1864-1947), Frankfurt a.M. et al. 1992, 1-10; Ute Hopfer-Lescher, Carl Röse (1864-1947). Sein Leben und Wirken unter besonderer Berücksichtigung der zahnmedizinischen Aspekte, Med. Diss. 1994, 10-41. Ebenfalls voller Fehler Sabine Merta, Wege und Irrwege zum modernen Schlankheitskult, Stuttgart 2003, 145-148).

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Annonce des Münchner Zahnarztes Carl Röse (Münchner Neueste Nachrichten 1896, Nr. 223 v. 13. Mai, 3)

Carl Röse wurde 1864 im thüringischen Clingen als Sohn eines Mühlenbesitzers und Landwirts geboren. Er studierte 1884 bis 1888 Medizin in Jena, München und Heidelberg, wo er 1888 schließlich auch promovierte. Röse begann seine ärztliche Tätigkeit erst in München, dann in Rheinhessen. Seine Schwerhörigkeit erschwerte jedoch den Umgang mit Patienten. Er sattelte um, studierte zwei Semester Zahnheilkunde in Berlin und Erlangen und ließ sich 1891 in Freiburg a.Br. nieder, wo er im Dezember habilitiert wurde. Er arbeitete dort als Privatdozent bis 1894 resp. 1896, siedelte dann nach München über, wo er eine wenig erfolgreiche Privatpraxis führte. Zwischen 1900 und 1909 leitete er die Lingnersche Zentralstelle für Zahnhygiene, parallel eine vom Odol-Produzenten ebenfalls finanzierte Schulzahnklinik ([Carl] Röse, Die Zentralstelle für Zahnhygiene und die Schul-Zahnklinik, in: Fr[iedrich] Schäfer (Hg.), Wissenschaftlicher Führer durch Dresden, Dresden 1907, 307-308). Nach der Auflösung dieser Institutionen chargierte Röse zwischen Forschungsprojekten und einer zahnärztlichen Privatpraxis, erst allein in Dresden, dann in Gemeinschaft mit seiner seit 1892 angetrauten Frau Else in Erfurt. Abermals scheiterte er an Krankheiten und den Patienten. Nach einem Selbstmordversuch zog er sich 1913 aus der Zahnarzttätigkeit zurück, kaufte mit Familienunterstützung Land im thüringischen Schirma. Röse baute Obst, Blumen- und Gemüsesamen an, verkaufte die 35 Morgen jedoch 1919. Zuvor, 1917, wurde er nach einer Affäre mit einer minderjährigen Bediensteten, schuldig geschieden, heiratete diese später, zeugte mit ihr sechs Kinder. Nach der Revolution wollte er auswandern, kehrte 1920 aber nach Deutschland zurück und erwarb im thüringischen Gebesee ein Grundstück von 38, später 43 Morgen. In den 1920er Jahren publizierte er kaum, lebte vom Ertrag des Gartenbaus, ohne aber den Kontakt insbesondere zum Dresdner Hygiene-Museum und Ragnar Berg gänzlich abbrechen zu lassen.

Liest sich die Biographie erst einmal wie eine Abfolge begrenzter Erfolge und wiederholten Scheiterns, so bilden seine Forschungsarbeiten teils originelle Beiträge zu zentralen Fragen im Grenzgebiet zwischen Zahnheilkunde und Ernährungswissenschaft. Der im universitären Betrieb gescheiterte Röse dachte eben nicht im engen Blickfeld disziplinärer Binnenlogiken, sondern verband auf Grundlage einer völkisch-nationalistischen Deutungswelt Mundhöhle, Stoffwechsel, wirtschaftlichen Wandel und „Entartung“ zu gesellschaftshygienischen Kausalgeflechten, die während des Nationalsozialismus wieder anschlussfähig wurden. Grob gesprochen lassen sich drei Forschungsperioden voneinander abgrenzen.

In den 1890er Jahren, insbesondere während seiner Privatdozentur, konzentrierte sich Röse auf zahnmedizinische Themen. Anfangs dominierten phylogenetische Fragen der Zahnentwicklung bei Tier und Mensch. In Anlehnung an die Kariestheorie des in Berlin wirkenden Zahnheilkundlers Willoughby D. Miller (1853-1907) – Ursache der „Zahnfäule“ waren von Bakterien ausgelöste Stoffwechselprozesse in der Mundhöhle – wandte sich Röse dann jedoch Fragen des Kalkstoffwechsels und des Speichelflusses zu (Katherine MacCord, Development, Evolution, and Teeth […], Phil. Diss. Arizona State University 2017, 57-78). Als gelernter Mediziner und in stetem Drang, seine Wichtigkeit in Freiburg unter Beweis zu stellen, weitete er seinen Blickwinkel auch auf erste Reihenuntersuchungen, zuerst von Schulkindern, dann auch von Rekruten (Ueber die Zahnverderbnis in den Volksschulen, Oestereichisch-ungarische Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 10, 1894, 313-340; Ueber die Zahnverderbnis der Musterungspflichtigen in Bayern, ebd. 12, 1896, 381-449). Diese Arbeiten waren unter Professionalisierungsgesichtspunkten interessant, bot die sich langsam etablierende Schulzahnpflege doch Dauerstellen. Röse lieferte damit aber auch Beiträge zur damaligen Industrie-Agrarstaatsdebatte. Er griff die Angst vor einer allgemeinen „Entartung“ nicht nur der Großstädte sondern auch des Landes auf, warnte vor einer körperlichen „Degeneration“ der Menschen, die nicht zuletzt die Wehrfähigkeit des Deutschen Reiches zu unterminieren schien.

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Carl Röse als Teil seiner Reihenuntersuchungen (Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie 3, 1906, 120)

Während seiner Dresdener Zeit hatte Röse dann die Chance, diesen Fragen mit Hilfe von Massenuntersuchungen nachzugehen (Ulf-Norbert Funke, Leben und Wirken von Karl August Lingner […], Hamburg 2014, 57-63). Fast eine Viertelmillion Kinder und auch Erwachsene wurden auf Basis einheitlicher Frageraster untersucht – im In- und europäischen Ausland. Im Mittelpunkt dieser sozialstatistischen Erfassungen standen die Verbreitung und die Ursachen der Karies. Röse konzentrierte sich dabei auf die Bedeutung von Mineralstoffen, vornehmlich Kalk und Magnesium. Trotz eines kleinen Laboratoriums in Dresden ging es dabei vornehmlich um Trinkwasser, Nahrungsmittel und deren Auswirkungen auf Zahngesundheit und Allgemeinbefinden. Auf Grundlage seiner Hochschätzung des menschlichen Speichels als alkalisches Schutzfluidum in der Mundhöhle wandte er sich zunehmend strikter gegen eine kalkarme Ernährung, gegen zu weiches Wasser. Obwohl heute der stupende Empirismus und die apodiktische Sprache Röses irritieren, konnte er die Bedeutung des Mineralstoffwechsels für die Zahngesundheit doch genauer justieren und auch prophylaktische Maßregeln begründen. Just deshalb wurde er 1906 vom Eugeniker Gustav von Bunge (1844-1920) für den Nobelpreis für Medizin vorgeschlagen, kam aber nicht einmal auf die Kurzliste möglicher Anwärter (Dominik Gross und Nils Hansson, Carl Röse (1864-1947) […], British Dental Journal 229, 2020, 54-59, hier 55-57). Röse hatte zuvor Bunges Behauptung eines kausalen Zusammenhangs von Kariesinzidenz und Stillunfähigkeit unterstützt (G[ustav] v. Bunge, Die zunehmende Unfähigkeit der Frauen ihre Kinder zu stellen, 6. verm. Aufl., München 1908, 29).

Nach der Entlassung in Dresden war an Massenuntersuchungen kaum mehr zu denken. Röses Interesse lenkte sich notgedrungen auf engere Fragen, bei denen die Untersuchung des Mineralstoffwechsels mit dem des Eiweißbedarfs gekoppelt wurde. Schon zuvor hatte er eine vornehmlich basische Kost empfohlen, auch wenn er säurehaltiges Fleisch oder Brot nicht von der Tafel verbannen wollte. Von 1912 bis 1915 wurden unter der Leitung seines früheren Mitarbeiters Ragnar Berg an Röse und seinem Sohn Walter zahlreiche Versuche im Lahmannschen Sanatorium „Weißer Hirsch“ durchgeführt (C[arl] Röse und Ragnar Berg, Ueber die Abhängigkeit des Eiweissbedarfs vom Mineralstoffwechsel, Münchener Medizinische Wochenschrift 65, 1918, 1011-1016). Auf diesen Grundlagen entwickelt Berg seine breit rezipierte Säure-Basen-Diät (Christian Rummel, Ragnar Berg. Leben und Werk des schwedischen Ernährungsforschers und Begründers der basischen Kost, Frankfurt a.M. et al. 2003, insb. 87-92, 118-119, 180). Röse zog aus den Untersuchungen eigene Schlüsse, lebte fortan von einer Kartoffel-, Gemüse- und Milchdiät mit täglich knapp 40 Gramm Eiweiß. Für ihn war dies eine Idealkost, für das darbende Vaterland eine Sparkost, mit der volkswirtschaftliche Versorgungsprobleme gemildert und die Volksgesundheit gehoben werden konnte (Carl Röse, Eiweiß-Überfütterung und Basen-Unterernährung, 2. völlig umgearb. u. erw. Aufl., Dresden 1925). Die Beziehung von Mineral- und Eiweißstoffwechsel blieb Röses Kernanliegen, auch in den 1930er Jahren, als er mit nun wieder wachsender Unterstützung offene Forschungsfragen weiter verfolgen konnte. Aus dem Kariesforscher war ein Ernährungsreformer geworden; und just dies machte ihn für nationalsozialistische Bundesgenossen interessant (dies verkennen Groß und Hannson, 2020, 57).

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Zahnkunde als Rassenkunde: Beispiel für Röses Schädelstudien (Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie 3, 1906, 131)

Während sich die Forschungsschwerpunkte Röses mehrfach veränderten, blieb das Grundmotiv seines Schaffens jedoch konstant. Der Mediziner, Zahnarzt, Sozialhygieniker und Ernährungsreformer war Sozialdarwinist, völkischer Aktivist, Rassenvorkämpfer. Schon seine im Mund verorteten Zahnstudien standen im Gesamtgefüge des Darwinismus, im „Kampfe ums Dasein“ (Karl Röse, Die Zahnpflege in den Schulen, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 8, 1895, 65-87, hier 66). Antiurbanismus dominierte, Auslöser der „Entartung“ sei vornehmlich die städtischen Bevölkerung, seien künstliche Säuglingsernährung, Alkoholgenuss und „Stubenluftelend“ ([Carl] Röse, Über Beruf und Militärtauglichkeit [Referat], Die Umschau 9, 1905, 611-615, hier 613). Doch auch ländliche Bevölkerung und Jugend degenerierten: „Wenn schon die Mehrzahl der Kinder nicht kräftig kauen kann, dann muss eine körperliche Entartung des gesamten Volkes eintreten“ (C[arl] Röse, Anleitung zur Zahn- und Mundpflege, 5. Aufl., Jena 1900, 61). Zähne waren für ihn nur „der Spiegel des menschlichen Körpers oder das Wasserstandsrohr am Dampfkessel des Organismus“ (C[arl] Röse, Erdsalzarmut und Entartung, Berlin 1908, 60). Röse ging es um die Bewahrung einer Deutschland noch beherrschenden „germanischen Oberschicht“, als dessen Teil er sich verstand. Doch auch in der Breite des Volkes gäbe es „noch viel nordisches Blut“, das zu fördern sei. Eugenik, Rassenhygiene und eine „kluge Rassenpolitik“ seien erforderlich, seine Arbeit Inventuren des dringend zu stoppenden und zu wendenden völkischen Niedergangs (C[arl] Röse: Beiträge zur europäischen Rassenkunde und die Beziehungen zwischen Rasse und Zahnverderbnis. V., Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie 3, 1906, 42-134, Zitate 104, 106, 108). An all dem machte der an sich wendige Röse auch später keine Abstriche. Und all dies war auch selbstgesetztes Programm der NSDAP und ihrer die Universitäten, Forschungsinstitute und Fachverbände in den 1930er Jahren zunehmend dominierenden Repräsentanten.

 

Wiederentdeckung eines Vorkämpfers: Die Rezeption Carl Röses in den 1930er Jahren

Die Wiederentdeckung Carl Röses begann schon vor 1933. Mit Unterstützung schweizerischer Kollegen – hier hatte er zuvor Zugang zu lebensreformerischen Kreisen gefunden – begann er 1930 neuerliche Selbstversuche zur Klärung der Eiweißminiumfrage, demonstrierte seine körperliche Leistungsfähigkeit 1930 und 1931 mit dem Besteigen unter anderem des Matterhorns (C[arl] Röse, Vierjährige Ernährung an der Grenze des Eiweißmindestbedarfes, Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin 94, 1934, 579-595). Wichtiger als eigene Untersuchungen war jedoch die neuerliche Rezeption einerseits durch die nun vielfach nationalsozialistisch geadelte Naturheilkundebewegung (Uwe Spiekermann, Aussenseiter und Wegbereiter: Die Rezeption Bircher-Benners im Deutschen Reich in den 1930er Jahren, in: Eberhard Wolff (Hg.), Lebendige Kraft […], Baden 2010, 134-150, insb. 139-143), anderseits durch eine Koalition von Brotreformern und Zahnärzten.

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Werbung für Röse (und Fletcher und Borosini) im Umfeld der Ernährungsreform (Das neue Leben 2, 1930/31, 240 (l.); Ragnar Berg und Martin Vogel, Die Grundlagen einer richtigen Ernährung, 5.-7. T., Dresden s.a. [1925], 222)

Röse passte bestens in die Agrar- und Ernährungspolitik des Nationalsozialismus. Er empfahl keine Importgüter, sondern die basischen, „die natürlichen und billigen Nahrungsmittel: Milch, Quark, Eier, grüne Gemüse, Hülsenfrüchte“ (Carl Röse, Erdsalzarmut und Entartung, Naturärztliche Rundschau. Physiatrie 6, 1934, 74-77, hier 76). Anders als Vegetarier lieferte Röse aber auch physiologische Begründungen für diese Wahl. Der breit publizierende Ragnar Berg, von 1902 bis 1909 Röses Mitarbeiter in Dresden, verwies immer wieder auf Röses Forderung nach genügend Kalk und Magnesium, nach harter und nährender Kost: „Daß hierbei das Brot tatsächlich von außerordentlicher Bedeutung ist, hat schon vor dreißig Jahren Röse zeigen können“ (Der Einfluß der Ernährung auf die Zähne, Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift 38, 1935, 654-658, hier 654). Hartes Brot konnte demnach weiches Trinkwasser überkompensieren, erfordere es doch überdurchschnittlichen Speichelfluss. Kauen sei wichtig, stärke die Kiefermuskulatur: „Fehlt diese naturgemäße Beanspruchung der Kauorgane, geht ihre Gesamtentwicklung zurück und der Speichel verliert einen guten Teil seiner nützlichen Eigenschaften“ (Ragnar Berg, Unser Brot und unsere Zähne, Die Umschau 42, 1938, 51-53, hier 52). Seitens der Naturheilkunde wurde Carl Röse als „Arzt, Rassenforscher, Bauer“, ferner als „Ernährungslehrer“ gefeiert. Hätte man 1914 auf ihn gehört, wäre man zu einer von ihm empfohlenen Kartoffel-Grüngemüse-Milch-Kost übergegangen, so wäre eine Aushungerung Deutschlands unmöglich gewesen. Sein steter Verweis auf möglichst hartes Trinkwasser, harte Möhren und hartes Brot erschien wegweisend (Der Zahnarzt Hofrat Dr. med. Carl Röse. Die Bedeutung des Trinkwassers, in: Alfred Brauchle (Hg.), Naturheilkunde in Lebensbildern, Leipzig 1937, 326-334, Zitate 332). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sah das ähnlich, gewährte dem akademischen Außenseiter 1936 und 1938 insgesamt drei Sachbeihilfen für Forschungen zum Eiweißstoffwechsel (Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde R 73/14038).

Auch Zahnärzte und Brotreformer würdigten Röse als einen der Ihren ([Eduard] Schrickel, Was wir wollen, Forrog-Blätter 1, 1934/35, Sp. 1-4, hier 2). Dabei bezog man sich vornehmlich auf dessen Massenuntersuchungen, zog daraus weitergehende Schlüsse: „Wie ihnen bereits aus den Arbeiten von Röse, Kunert, Kleinsorge und anderen Verfassern bekannt ist, stimmen sie alle darin überein, daß tägliche Kauübungen mit festen Speisen, konsequent bei Kindern durchgeführt, normalere Kiefer und Zähne erzeugen, als bei Kindern, die nicht zum richtigen Kauen erzogen wurden“ (Schönwald, 1934/35, Sp. 76-77). Reichszahnärzteführer Ernst Stuck (1893-1974) hielt große Stücke auf Röse, förderte ihn mit eigenen Mitteln. Auch der wichtigste Zahnarztfunktionär des Dritten Reiches, Hermann Euler (1878-1961), würdigte Röse als Wegbereiter der „Ernährungswissenschaft in der Zahnheilkunde“ (Die Ernährungswissenschaft in der Zahnheilkunde, eine geschichtliche Betrachtung, Zahnärztliche Mitteilungen 26, 1935, Sdr-Nr. v. 29. September, 20-23, hier 23). Ehrungen waren da nicht fern. Röse erhielt 1935 den Miller-Preis der Deutschen Zahnärzteschaft und im Folgejahr die Bronze-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.

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Lobeshymne durch den Reichszahnärzteführer (Zahnärztliche Mitteilungen 29, 1938, 365)

Mitte der 1930er Jahre hatte Carl Röse also Ehrungen wie zuletzt in Dresdner Zeiten erhalten. Doch dies war erst der Anfang. Denn seither begann vornehmlich durch nationalsozialistische Zahnärzte und Brotreformer eine Stilisierung Röses zum Vorzeigekämpfer. Dazu gehörte sein nie verhehlter Antisemitismus. Er wurde als „Feind der Juden“ (W[alther] Klußmann, Röse, ein Forscherschicksal, Zahnärztliche Mitteilungen 27, 1936, 601-605, hier 603) belobigt, habe „frühzeitig die Gefahr erkannt, die das Judentum für unser Volk bildet, und bekannte sich mannhaft zu seiner Ueberzeugung“ (Klussmann, 1935, 526). Lächerliche Gerüchte wurden gestreut, seine Forschungen seien von Juden bekämpft wurden. Das galt einem deutschen Visionär, der schon vor mehr als einem Menschenalter „mit seherischer Kraft“ (Ebd.) auf Ernährungsschäden hingewiesen habe. Die Stilisierung zum nationalsozialistischen Wissenschaftskrieger fand ihren Höhepunkt 1938 anlässlich Röses goldenen Doktorjubiläums: „Röse verbindet in seltener Harmonie eine geniale Intuition mit der Unbestechlichkeit des wahren Forschers, einen bewundernswerten Idealismus mit der unerbittlichen Fragestellung im Experiment. Nur so ist seine bedingungslose Hingabe an die Sache und seine Selbstaufopferung im Kampf um die als richtig erkannte Idee zu verstehen. […] Ueber die deutsche Zahnärzteschaft hinaus aber muß jeder deutsche Volksgenosse der mit dem wieder erstandenen fruchtbaren Leben seines Volkes im Dritten Reich verbunden ist, in Röse einen aufrechten und unerschrockenen Vorkämpfer nationalsozialistischer Prägung sehen, den uns die Vorsehung noch lange in voller Rüstigkeit erhalten möge“ ([Eduard] Schrickel, Intuition, Wissen und Selbstaufopferung: die Kennzeichen C. Röse’s […], Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift 41, 479-480, Zitate 479, 480). Da lag es nahe, ihm Dank zu erweisen. Sein früherer Weggefährte Otto Escher (1863-1947) regte die Gründung einer „Zentralstelle für Ernährungswissenschaft“ an, zugleich Forschungs- und Ausbildungsstätte: „Die Lösung der Ernährungsfrage hält Röse für eine wichtige politische Angelegenheit, um unser Volk vor der nächsten großen Krisis ernährungshygienisch geschult zu haben“ (Hofrat Dr. med. Carl Röse zum 50jährigen Promotions-Jubiläum am 15. Mai 1938, Zahnärztliche Mitteilungen 29, 1938, 372-376, hier 376). Krieg stand bevor, Röse hatte wieder vorgedacht.

 

Das „Rösen“ – Ein Nebenstrang gutes Kauens für Deutschland

Kommen wir damit zum „Rösen“, dieser Ehrbezeichnung des nationalsozialistischen Deutschen Reichs an einen seiner Gesundheitsführer. Sie knüpfte an diese Stilisierung des Ernährungsreformers und Erforschers der Kariesursachen unmittelbar an. Doch sie erfolgte nicht ohne Röses Zutun. Er nahm den Lobpreis ernst, präsentierte sich als „Nationalsozialist der Tat“ (Escher, 1938, 376). Analog zu den Narrativen der nationalsozialistischen Führer deutete er seine Lebensgeschichte. Seine langjährigen Selbstversuche zielten nicht auf Stelle, Geld und Anerkennung: „Ich tue es für mein Volk, vor allem für die nordische Führerschicht unseres Volkes. Unser von allen Seiten bedrohtes und leider auch gehaßtes Volk darf nicht weiterhin tiefer im Schlammkessel von Eiweißüberfütterung und Harnsäureüberladung versinken. Es muß gesunder werden als seine Nachbarn, wenn es nicht vom Erdboden vertilgt werden soll“ (Carl Röse, Zur Eiweißfrage, Zeitschrift für Volksernährung 12, 1937, 125-127, hier 125). Er habe mit seinem Forschen ein Beispiel gegeben, habe dem Geldmangel getrotzt, um seine Mission für das deutsche Volk zu erfüllen: „Nicht an Ratten, sondern an meinem eigenen Leibe mußten die Versuche durchgeführt werden“ (Ebd.). Doch ihm ging es nicht mehr um sein zahnärztliches, ihm ging es um sein ernährungswissenschaftliches Wirken: „Seit 26 Jahren lebe ich nun ununterbrochen dem deutschen Volke vor, wie man bei Innehaltung vorwiegend pflanzlicher basenreicher Kost mit geradezu lächerlich geringen Mengen des teuersten Lebensmittels Eiweiß auskommen kann“ (Carl Röse, Im 75. Lebensjahr bei schmaler, eiweißarmer Kost auf Mönch und Jungfrau, Hippokrates 10, 1939, 296-297, hier 296). Dazu gehörte auch, seine eigenen Arbeiten immer wieder umzudeuten. Die Millersche Kariestheorie hatte er in den 1900er Jahren kaum mehr beachtet – kompatibel mit dem sozial- und rassehygienischen Ansätzen seines Arbeitgebers Karl August Lingner (1861-1916). Seine in den 1910er Jahren stets freundliche Bewertung des einflussreichen Doyens der Ernährungswissenschaft Max Rubner wandelte sich mit der Nähe zur Ernährungsreform in strikte Distanz zum „Eiweißfanatiker Rubner“ (C[arl] Röse, Das Märchen vom Eiweißmangel der Zittauer Weber, Forrog-Blätter 2, 1935, Sp. 57-60, hier Sp. 57). Röses Kritik war Teil einer umfassenden Denunziation des liberal-konservativen Forschers, bis hin zu seiner Diskreditierung als „Jude“ (Prof. Dr. Max Rubner war deutschblütiger Herkunft, Hippokrates 7, 468). Es verwundert daher nicht, dass Röse auch seine Verbindungen zur Brotreform öffentlich hervorhob. Wahrheitswidrig tönte er: „44 Jahre sind bereits darüber verflossen, seitdem ich zum erstenmal die Notwendigkeit eines derben Vollkornbrotes aufgedeckt und betont habe. Heute endlich beginnt man die Notwendigkeit ausreichender Basenzufuhr in der menschlichen Nahrung allgemein einzusehen. […] Ich hoffe aber, es noch zu erleben, daß diese Basenlehre auch unter den Ärzten ebenso allgemein durchdringen wird, wie die Vollkornbrotlehre bereits durchgedrungen ist“ (C[arl] Röse, Tomatensaft als Kurmittel, Hippokrates 9, 1938, 985-987, hier 985).

Festzuhalten ist, dass Röse zwar für sein „nordisch-germanisches Kulturideal“ und die „Aufklärung ernährungsphysiologischer Problemstellungen“ gewürdigt wurde, nur in Ausnahmefällen aber als Propagandist des guten Kauens ([Hanns] D[erstro]ff, Hofrat Dr. med. Karl Röse feierte seinen 75. Geburtstag, Zahnärztliche Mitteilungen 30, 1939, 331-332, hier 331). Festzuhalten ist auch, dass Röses (und Bergs) basische Ernährung von der Mehrzahl der damaligen Ernährungswissenschaftler abgelehnt wurde. Der Münchner Mediziner Wilhelm Hermann Jansen (1886-1959) hatte schon 1918 die Aussagen Röses und Bergs über den Eiweißumsatz als „nicht haltbar“ kritisiert (Zur Frage der Abhängigkeit des Eiweissbedarfs vom Mineralstoffwechsel, Münchener Medizinische Wochenschrift 65, 1918, 1112). Anfang der 1930er Jahre erneuerte und verschärfte er seine Kritik (Ueber Eiweißbedarf und Mineralstoffwechsel […], Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 373-375; Was ist an der Ernährungslehre vom Basenüberschuß?, Münchener Medizinische Wochenschrift 79, 1798-1799; Ragnar Berg und W[ilhelm] H[ermann] Jansen, Was ist an der Ernährungslehre vom Basenüberschuß?, ebd., 2089-2090). Der Charlottenburger Arzt Benno Süßkind folgerte aus seinen Selbstversuchen mit basischer Rohkost Ende der 1920er Jahre, dass diese tendenziell gesundheitsgefährdend sei – und erwähnte Röse dabei nicht einmal (B[enno] Süßkind, Zur Frage des Eiweißbedarfs bei Rohkost, Die Volksernährung 3, 1928, 215-217; Ders., Kritische Betrachtungen zur Eiweißfrage, Zeitschrift für Volksernährung 9, 1934, 113-119). Auch der bestens vernetzte Berliner Physiologe Adolf Bickel (1875-1947) kritisierte Röses „teleologische Deutung“ (Eiweißminimum und Basengehalt der Nahrung, Referat, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 71) seiner Selbstversuche scharf. Röses Antwort bot keine Gegenargumente, nur sein eigenes Lebensbeispiel (Carl Röse, Zur Eiweißfrage, Zeitschrift für Volksernährung 12, 1937, 125-127). Bickel antwortete kühl, „die praktische Volksernährung […] verlangt bessere Garantien für die Sicherung des Gesundheitszustandes des Volkes“ (Antwort, Zeitschrift für Volksernährung 12, 1937, 128). Er empfahl 80 Gramm Eiweiß pro Tag, ein Wert, der später auch Grundlage des Rationierungssystems werden sollte. Allen Ehrungen zum Trotz blieb Carl Röse für eine Mehrzahl auch der NS-Ärzte trotz seiner Karies- und Rasseforschungen ein eigenbrödlerischer Ernährungsreformer. Diese mochten ihre Verdienste haben, so der Physiologe Karl Eduard Rothschuh (1908-1984): „Aber die Bewährung des praktischen Handels vor der Wirklichkeit macht aus wahnhaften Theorien nicht ohne weiteres eine wissenschaftliche begründete Vorstellung“ (Wahn, Wissenschaft und Wirklichkeit in der Ernährungslehre vom ärztlichen Standpunkt, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 58-60, hier 60).

Gutes Kauen war derweil auch ohne Röse zum propagandistischen Thema geworden. Zahnmediziner und Brotreformer hatten schon seit der Weimarer Republik vermehrt auf die Bedeutung eines nahrhaften Roggenbrotes hingewiesen. 1930 gab es erbitterte Kontroversen über die Mehlbleichung, die vielfach als Krebs- und Kariesauslöser galt, die aber dennoch beibehalten wurde (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 563). Die Kariesinzidenz konnte in den 1930er Jahren nicht verringert, der Abbau der Schulzahnpflege durch die propagandistisch durchaus wirksamen neuen fahrbaren Zahnambulanzen nicht kompensiert werden. 1937 begann mit ersten regionalen Kampagnen für verstärkten Vollkornbrotverzehr ein weiterer propagandistischer Feldzug für bessere Ernährung und gutes Kauen. Relative Erfolge in Schwaben und Sachsen führten schließlich im Sommer 1939 zur Gründung des Reichsvollkornbrotausschusses, der kurz nach Kriegsbeginn fast 100 Beschäftigte aufwies und eine reichsweite, zunehmend dezentralisierte, zugleich auf viele eroberte Staaten ausgeweitete Tätigkeit aufnahm (Uwe Spiekermann, Brown Bread for Victory: German and British Wholemeal Politics in the Inter­war Period, in: Frank Trentmann und Flemming Just (Hg.), Food and Conflict in Eu­rope in the Age of the Two World Wars, Basingstoke und New York 2006, 143-171, insb. 150-155). Vollkornbrotpropaganda war immer auch Kaupropaganda:“Für die Zähne, für das Blut / ist Vollkornbrot besonders gut. / Der Zahn wird stark, wenn man gut kaut, / und gut gekaut ist halb verdaut“ (Vollkornbrotfibel, Planegg 1941, 7).

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Braune Pädagogik: Vollkornbrot erspart den Zahnarzt (Vollkornfibel, Planegg 1941, 15)

Brotpropaganda war allerdings nicht Röses Ziel. Er aß vornehmlich Kartoffeln und Gemüse, dazu ein wenig Milch. Säurehaltiges Brot verzehrte er selten. Auch sein Zahnstatus war dafür unzureichend, besaß er 1936 doch nur noch „3 völlig nutzlose Mahlzähne“ (C[arl] Röse, Warum ich persönlich das dünne Delikateß-Knäckebrot bevorzuge?, Forrog-Blätter 3, 1936, 7-8, hier 8). Just im Hauptorgan der Brotreformer betonte er: „In den Augen der neuzeitigen Ernährungslehre ist auch das beste Brot nur ein notwendiges Übel“ ([Carl] Röse, Brot oder Kartoffel?, Ebd., 76-77, hier 77).

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Carl Röse und öffentliche Werbung für das Rösen ([Georg] Kersting, Gesundheit und Deutschlands Nahrungsfreiheit durch Rösen, Jungborn/Harz 1941, II (l.), Nationalsozialistischer Volksdienst 8, 1941, 40)

Dennoch kam es 1941 zum „Rösen“, also einer unmittelbar an Horace Fletchers Kaulehre anschließenden Empfehlung zum guten deutschen Feinkauen. Der Aachener Arzt und Zahnarzt Georg Kersting hatte ab 1915 überzeugungsstark zum allgemeinen Fletschern aufgerufen. Nun, vor dem Angriff auf die Sowjetunion, trat er wiederum in Aktion, praktizierte abermals Sprachpflege, um all das wieder einzufordern, was schon 1916/17 nicht recht Widerhall fand. Sein Büchlein „Gesundheit und Deutschlands Nahrungsfreiheit durch Rösen“ bestand abermals aus einer Sammlung von zuvor veröffentlichen Einzelartikeln, die nun allerdings ein konzises Ganzes ergaben. Kersting hatte vor dem Krieg noch für das Fletschern getrommelt, vor dem Hintergrund des Vierjahresplans abermals immense Einsparungen durch „besseres Kauen“ versprochen (Was ist „Fletschern“?, Freie Stimmen 1938, Nr. 165 v. 20. Juli, 9).

Veröffentlicht wurde die knapp hundert Seiten starke Broschüre im lebensreformerischen Jungborn-Verlag, breit bekannt für vegetarische Kochbücher. Im nahe von Bad Harzburg gelegenen Jungborn-Sanatorium wurde ein „Nationalsozialismus der Tat“ (Rudolf Just, 40 Jahre Jungborn, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 282-285, hier 284) praktiziert. Hier war eine Zinne der Ernährungsreform, wurde pflanzlicher Kost von eigener Scholle das Wort geredet: „Ernährt sich ein Volk richtig, dann leistet es viel; lernt ein Volk einteilen und entbehren, so wird es hart und verzagt nicht in Zeiten der Not“ (Rudolf Just, Vom Brotbelag, Zeitschrift für Volksernährung 12, 1937, 51-53, hier 53). Der Sanatoriumseigner und Verleger Rudolf Just (1877-1948) stand bereits 1917 mit Kersting in Kontakt, fletcherte die von Just befehligte Kompagnie angesichts unzureichender Truppenverpflegung doch auf Grundlage von dessen Empfehlungen (Kersting, Gesundheit, 1941, 76). Bad Harzburg stand symbolisch für die 1931 erfolgte Gründung der Harzburger Front von Nationalsozialisten, Stahlhelm, Deutschnationalen, Reichslandbund und Alldeutschen. Es war aber auch die Wirkungsstätte des Zahnarztfunktionärs und Bestsellerautors Walther Klussmann. Dieser hatte Carl Röse immer wieder als NS-Vorkämpfer gewürdigt, war zugleich Autor des reich illustrierten „ABC der Zahnpflege“, das 1942 eine Auflage von 400.000 erreichte und in der Bundesrepublik eine Neuauflage erfuhr. Er hatte schon 1934 empfohlen, einen hohen Ausmahlungsgrad des Getreides vorzuschreiben ([Walther] Klussmann, Die Zukunftsaufgabe der Zahnheilkunde, Zahnärztliche Mitteilungen 25, 1934, Sp. 1327-1334, 1373-1378, hier 1329), war damit ein Wegbereiter der Vollkornbrotpolitik.

Der Begriff „Rösen“ hatte unterschiedliche Aufgaben. Erstens war er eine Ehrbezeugung gegenüber Carl Röse. Zweitens erlaubte dieser Begriff die Vermeidung des „Fletscherns“. Das war nicht nur eine Abgrenzung von den USA, sondern sollte vor allem keine Erinnerung an die unselige Zeit der Mangelversorgung im Ersten Weltkrieg hervorrufen. Fletchern, so die unausgesprochene Botschaft, sei nicht nötig, denn das Großdeutsche Reich präsentierte sich als „blockadefest“, als Zentrum einer europäischen „Großraumwirtschaft“, als gelungenes Beispiel für „Nahrungsfreiheit“. „Rösen“ diente der Unterstützung einer vermeintlich erfolgreichen Rationierungspolitik, war eine Option für diejenigen, die mehr tun wollten. Drittens war der Begriff Teil einer breiteren Umdeutung der Wissenschaftsgeschichte: „Wir alle kennen den Ausdruck und den Vorgang des Fletschern und haben uns angewöhnt, gutes Kauen mit jenem Amerikaner als dessen ‚Entdecker‘ in Zusammenhang zu bringen. Dabei ist es, wenn man von dem auch in Deutschland üblichen Rat aller gewissenhafter Ärzte, gut zu kauen, absieht, nicht der Amerikaner Fletscher, sondern der deutsche Arzt und Zahnarzt Röse gewesen, die die Kunst des Kauens zuerst wissenschaftlich untersucht und seine Ergebnisse in verschiedenen Schriften niedergelegt hat.“ „Rösen“ war „eine späte, aber doch noch rechtzeitige Wiedergutmachung eines begangenen Unrechts an dem Forscher Röse“ (Gesundheit durch ‚Rösen‘, Zahnärztliche Mitteilungen 32, 1941, 220-221, hier 220 für beide Zitate). Das war Geschichtsklitterung, doch zugleich Teil einer Germanisierung (und Entjudung) der Forschungsgeschichte. Zugleich diente es dem gern gepflegten Mythos des genialen Forschers, obwohl selbst die seit dem Ersten Weltkrieg stetig zurückfallende deutsche Wissenschaft zunehmend in Forschungsverbünden organisiert war.

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Denunzierte Wissenschaftler: Max Rubner und der Stolperstein von Otto Kestner (Zeitbilder 1932, Nr. 19. v 8. Mai, 2 (l.); Wikipedia)

„Rösen“ war jedoch nicht nur ein Begriffswechsel. Es war die Transformation einer aus dem amerikanischen Individualismus stammenden Gesundheitslehre in eine nationalsozialistische Tugend. Es ging eben nicht darum, dass Kersting in seinem Buch weiterhin verkündete, dass man mit dem deutschen Kauen mal ein Drittel, mal die Hälfte der Nahrung sparen könne (Kersting, 1941, 47 bzw. 68). „Rösen“ diente der Implementierung der nationalsozialistischen Gesundheitsauffassung in die Praxis möglichst vieler. Es galt an die Stelle vermeintlicher Trägheit und Faulheit die adelnde Selbstarbeit zu setzen: „Dazu gehört bessere Arbeitsgelegenheit, in diesem Falle: weniger weiche Speisen, besseres Arbeitsgerät: bessere Zähne, und eine gute Arbeitsweise: das Rösen“ (Ebd., 45). „Rösen“ stand nicht allein für gutes Kauen. Es materialisierte „die nationalsozialistische Weltanschauung durch Erfüllung der deutschen Grundsätze und Bestrebungen, Gemeinnutz geht vor Eigennutz, Volksgemeinschaft, Blut und Boden, Rassereinheit, Vierjahresplan und durch andere wünschenswerte Folgen. Wer den Grundsatz Gemeinnutz geht vor Eigennutz befolgen will durch Verbesserung der Volksgesundheit und Ersparen von Nahrungsmittel, dem ist es durch das Rösen leicht gemacht; denn der Nutzen für die eigene Gesundheit und Geldbeutel fällt hier mit dem Gewinn für die Allgemeinheit zusammen“ (Kersting, 1941, Gesundheit, 68-69).

Die haltlose Umdeutung der Wissenschaftsgeschichte machte dabei aber nicht vor Fletcher Halt. „Rösen“ war eben nicht nur lustiges „Zähneturnen“, sondern diente der Tilgung zentraler Forschungsergebnisse des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Das betraf zum einen das Voitsche Kostmaß und dessen flexiblere Fassung durch Max Rubner. Das galt auch für das in Gemeinschaft mit dem Reichsgesundheitsamt herausgegebene Buch „Die Ernährung des Menschen“ (Otto Kestner und H[ugo] W[ilhelm] Knipping, Berlin 1924), in dem eine ausgewogene Mischkost mit ausreichend tierischem Eiweiß empfohlen wurde (ebd., 27-30). Kersting – wie auch Carl Röse – verstanden darunter Asphaltkultur, Angestelltenmassen, jüdische Wissenschaft. „Rösen“ stand demnach auch für eine wissenschaftliche Verschwörungstheorie, spiegelte eine Weltverschwörung gegen das Deutschtum: „Ist diese ‚exakte‘ materialistische, plutokratische Ernährungslehre auch wissenschaftlich überwunden, so hat sie doch unter obrigkeitlichem Schutz und Förderung ein halbes Jahrhundert geherrscht, ist in die großen und kleinen Koch- und Eßgemeinschaften so tief eingedrungen, daß unsere ganze Ernährung und Eßweise darunter heute leidet. Die Schule Rubner-Cohnheim [Kestner wurde als Cohnheim geboren, US] und der durch sie Schätze häufende Handel sind die eigentlichen Verführer des Volkes in der Auswahl der Nahrung, die durch ihren Gehalt und die Vorbehandlung zum Vielessen reizt und teils mittelbar, teils unmittelbar gegen das Rösen arbeitet“ (Kersting, Gesundheit, 1941, 72).

All das fand freudigen Widerhall bei den führenden Zahnärzten. Kersting konnte seine – wir erinnern uns – „an das Pathologische“ (Neumann, 1920, 34) streifende Mär von der Halbierung der notwendigen Nahrung in führenden Fachzeitschriften unwidersprochen propagieren ([Georg] Kersting, Schlucken, Schlingen, Würgen und die entsprechenden Vorgänge beim „Rösen“, Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift 44, 1941, 398-399; Ders., Das Rösen, Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift 44, 1941, 668-669; Ders., Rösen und Speichelsaugen, Hippokrates 14, 1943, 360-362). Auf der 1. Reichstagung der Zahnärztlichen Arbeitsgemeinschaft für medizinisch-biologische Heilweisen in der Führerschule der Deutschen Ärzteschaft in Alt-Rhese erntete Kersting „Großen Beifall“– dies mit explizitem Verweis auf den „Altmeister der Ernährungslehre, Hofrat Dr. Röse in Gebesee“ (W[ilhelm] Holzhauer, Alt-Rehse – Schule zwischen See und Wald, Zahnärztliche Mitteilungen 32, 1941, Sp. 378-381, 402-406, hier 404). Spitzenfunktionär Hermann Euler stimmte dem zu, resümierte einen Forschungsüberblick mit Verweis auf die Vollwerternährung Kollaths und die Kaulehre des „Rösens“: „Ernährung im Sinne Kollaths, Funktion im Sinne Roeses (Der neueste Stand der Kariesforschung unter besonderer Berücksichtigung der Ernährung, Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift 44, 1941, 635-642, hier 642). Vor diesem Hintergrund mutet es schon tapfer an, dass der Jungborn-Verlag Kerstings Broschüre eine Bemerkung voranstellte, in dem er vor „utopischen Ausschmückungen“ des Aachener Sanitätsrates warnte.

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Carl Röse als Propagandist des guten Kauens?

Bevor wir uns abschließend fragen, welche Bedeutung das „Rösen“ abseits der Binnenwelten nationalsozialistischer Funktionseliten besaß, gilt es noch einen Blick auf Carl Röses Forschungsarbeiten zu werfen. Schließlich wird dieser Protagonist einer basischen Kartoffel-Gemüse-Milch-Diät bis heute als Protagonist des guten Kauens präsentiert: „In general, he recommended thoroughly chewing food, which even became a verb in German (‘rösen’)” (Groß und Hansson, 2020, 56). „Rösen“ war jedoch etwas völlig anderes als gutes Kauen. Und Carl Röse ist in seinen Forschungsarbeiten eben kaum über den bis ins Mittelalter zurückzuverfolgenden Gemeinplatz „Gut gekaut ist halb verdaut“ hinausgekommen und -gegangen. Kersting gab für seine Aussagen keine Belege, sondern lediglich die Jahre 1894 resp. auch mal 1897 an ([Georg] Kersting, Rösen und Speichelsaugen, Hippokrates 14, 1943, 360-362, hier 360), Gross und Hannsson verwiesen neben unreflektierten Paraphrasen in Hopfer-Lescher, 1994 (wohl 120-123) auf einen Beitrag von 1896 –Seitenangaben fehlen allerdings. Sie verkennen dabei, dass guten Kauen für Röse keinen Selbstwert besaß, sondern rein funktional verstanden wurde.

Carl Röse tönte 1938, dass er 1894 „zum erstenmal die Notwendigkeit eines derben Vollkornbrotes aufgedeckt und betont habe“ (Röse, 1938, 985). Das ist nur richtig, wenn man diesen Satz so versteht, dass er für sich damals erstmals die Bedeutung des harten Brotes realisiert habe (vom Kauen schrieb er hier übrigens nicht). Die Bedeutung eines solchen Brotes wurde aber von vielen Gelehrten und Praktikern seit langem hervorgehoben; Röse selbst verwies damals auf Justus von Liebigs Empfehlungen (Röse, 1895, hier 76). Das Jahr 1894, von Kersting mehrfach betont, bezieht sich auf Röses erste Reihenuntersuchungen in Freiburg sowie die daraus resultierenden prophylaktischen Folgerungen. Der Privatdozent bezog sich in seiner ersten einschlägigen Arbeit explizit auf Millers Säuretheorie, daraus resultierte die Ablehnung eines „weichen klebrigen Weizenbrotes“ (Röse, 1894, 314). Er referierte anschließend Liebigs Empfehlung eines „derben Schwarzbrotes“ und zog daraus die Schlussfolgerung: „Ueberall dort, wo ein derbes Schwarzbrot gegessen wird, findet man eine straffe gesunde Mundschleimhaut trotz der mangelhaftesten Mundpflege. Der Genuss des derben Schwarzbrotes ersetzt die Zahnbürste, putzt die Zähne blank und erhält das Zahnfleisch gesund“ (Röse, 1894, 315). Röse wiederholte damals völlig gängige Thesen führender Wissenschaftler – um dann auf sein Hauptthema zu kommen, nämlich den Zusammenhang von Kalkverzehr und Karies. Röse empfahl weder den Konsum von Vollkornbrot, noch von Brot überhaupt. Brot erschien ihm vielmehr als „die widernatürlichste und künstlichste Nahrung des Menschen“ (Karl Röse, Die Zahnpflege in den Schulen, Zeitschrift für Zahngesundheitspflege 8, 1895, 65-87, hier 67). Wenn schon Brot, dann allerdings „ein derbes, dickrindiges, abgelagertes Roggenbrot“ (Röse, 1894, 329). Brot war damals – wie auch später – für Röse ein Notbehelf, mit dem man pragmatisch umzugehen hatte, da es das Rückgrat der Alltagsernährung bildete. Weder gutes Kauen, noch gar Fletchern wurde hier empfohlen, sondern Röse zielte auf eine allgemein verbesserte Zahnpflege, die am besten durch eine kalkreiche Ernährung, durch den Einsatz von Zahnbürsten und eine stetige Schulgesundheitspflege zu gewährleisten sei. Röse ging es 1894/95 zudem nicht um die Allgemeinbevölkerung, sondern um Schulkinder. Entsprechend beendete er 1895 einen Aufsatz mit dem wissenschaftlich nicht gerade innovativen Hinweis: „Ein altes Sprichwort sagt mit Recht: ‚Gut gekaut ist halb verdaut‘. Und eine gute Verdauung ist bei Kindern eine unumgängliche Vorbedingung für die kräftige Entwicklung von Leib und Seele!“ (Röse, 1895, 87).

Schwarzbrot sei besser als weiches Brot, Kuchen oder Kartoffeln, doch entscheidend für die Zahngesundheit sei eine sorgsame Mundpflege (C[arl] Röse, Ueber die Zahnverderbnis in den Volksschulen, Wien 1895, 17 resp. 19). In seinen Empfehlungen findet sich 1894 der danach mehrfach wiederholte Merkspruch „Der Genuss des derben Schwarzbrotes ersetzt die Zahnbürste, putzt die Zähnen blank und erhält das Zahnfleisch gesund“ (Ebd., 3), doch dieser stand eben nicht allein, muss vielmehr im Kontext gelesen werden. Das gilt analog auch für den von Groß und Hansen herangezogenen Artikel von 1896, in dem Röse Hauptergebnisse seiner Rekrutenuntersuchungen vorstellte. Auch dort betonte er: „Unter allen stärkehaltigen Nahrungsmitteln ist ein derbes, dickrindiges, abgelagertes Roggenbrot den Zähnen am wenigsten schädlich” (Röse, 1896, 394). Analog zu zeitgenössischen Dekadenztheorien der frühen Brotrefomer beklagte der Freiburger Zahnarzt die durch die weiche, künstlich zubereitete Nahrung erst mögliche Existenz der Träger schlechter Gebisse. „Würden beim Menschen gute Zähne zum Zerkauen harter Nahrung unbedingt erforderlich sein, dann könnte sich die Zahncaries unmöglich so weit verbreitet haben! Die schlecht bezahnten Individuen würden ihre Zähne nicht auf die Nachkommen vererben können, sondern würden infolge schwächlicher Allgemeinentwicklung aussterben“ (Röse, 1896, 428). Weiche Kost würde das Gebiss verkümmern lassen. Bei Älteren sei eine Intervention schon vergeblich, Prävention sei daher erforderlich: „Auch aus diesen Erwägungen ist daher der Schluss zu ziehen, dass es sehr wichtig ist, die Kinder an ein energisches Kauen zu gewöhnen. Man verbiete ihnen das Trinken während des Essens, da die Kinder sehr geneigt sind, sich die Mühe des Kauens dadurch zu ersparen, dass sie den Bissen mit Wasser herunterspülen; gebe ihnen kein weiches klebriges Weizenbrot, sondern ein härteres, trockenes, aus gröberen Mehlsorten bereitetes Brot u. s. w.“ (Röse, 1896, 448). Neuerlich handelte es sich um eine Empfehlung an Kinder im Zusammenhang einer breiter gefassten Mundpflege.

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Zahnpflege nach Röse: Zahnbürsteneinsatz an den Innenflächen der Zähne (Röse, 1900, 42)

In seiner späteren Handreichung für Schul- und Zahnärzte präsentierte Röse „Zehn Leitsätze der Zahn- und Mundpflege“. Kauen wurde dort als solches nicht empfohlen, einzig das „kräftige Kauen eines derben, dickrindigen Schwarzbrotes“ (Röse, 1900, 60). Röse ging es eben nicht um das Kauen als solches. Dies war sinnvoll, nicht aber sein zentrales Anliegen: „Wenn schon die Mehrzahl der Kinder nicht kräftig kauen kann, dann muss eine körperliche Entartung des gesamten Volkes eintreten“ (Röse, 1900, 61). Angesichts solcher im kulturkritischen Diskurs dieser Zeit tropenhaft auftretenden Allgemeinplätze ist es nicht verwunderlich, dass Röse auch hier auf den Volksmund verwies: „Hartes Brot macht die Wangen rot“ und „Gut gekaut ist halb verdaut“ (Röse, 1900, 9) hieß es dann. Das aber hat mit dem Fletcherismus nichts zu tun, auch nichts mit dem späteren nationalsozialistischen „Rösen“.

Eine Ausnahme gab es, sie stammt aus dem Jahre 1912. In seinem erstmals in der Deutschen zahnärztlichen Wochenschrift (15, 1912, 593-598, 658-659) veröffentlichten Beitrag „Schlingsucht und naturgemäße Kautätigkeit“ griff Röse die Thesen Horace Fletchers auf und stellte sich mit ihm in eine Reihe: Er habe „immer wieder auf die Notwendigkeit ausgiebiger Kautätigkeit hingewiesen und den Genuss harten Brotes empfohlen, das ohne ausgiebige Behandlung in der Mundhöhle überhaupt nicht gut verschluckt werden kann. Es ist mir gelungen, durch mühsame Stoffwechselversuche nachzuweisen, dass schon kalkreiche Ernährung die Menge und Wirksamkeit des Speichels steigern kann. Um wieviel günstiger wird ausgiebige Kautätigkeit von Jugend an auf die Entwicklung der Speichdrüsen einwirken! In der letzten Ausgabe meiner Zahnpflegebroschüre empfehle ich daher ausdrücklich, jeden Nahrungsbissen 80-100 mal zu kauen, ehe man ihn hinabschluckt“ (C[arl] Röse, Schlingsucht und naturgemäße Kautätigkeit, Berlin und Heidelberg 1912, 5). Dies war ein Jahr nach der Publikation von Borosinis Buch über „Die Eßsucht und ihre Bekämpfung“. Röse war ohne Festanstellung. Im sozialdemokratischen Vorwärts hieß es zum Hintergrund: „Dr. Rose [sic!], einer dieser Forscher, will jetzt die schwedischen Brotsorten, besonders das Hartbrot (Knäckebrot), untersuchen und ihre Einführung in Deutschland anbahnen“ (Vorwärts 1912, Nr. 170 v. 24. Juli, 5).

Fassen wir diesen rückfragenden Exkurs zusammen, so war Carl Röse weder Brotreformer, noch Kaupropagandist. Sein Interesse galt andern Fragen, erst im Nachhinein stilisierte er sich als Vorreiter, wurde von anderen auch als solcher präsentiert. Diese aber haben seine Arbeiten kaum gelesen, im Falle eines Falles aber missverstanden. Der Namensgeber des „Rösen“ wurde während des Kaiserreichs von Brotreformern durchaus rezipiert. Doch sie interessierten sich für seine Kariesforschungen, denn sie bestätigten scheinbar den körperlichen Niedergang der Deutschen und begründeten damit ihr Drängen nach hartem, „deutschen“ Brot (A[lfred] Kunert, Unsere heutige falsche Ernährung als letzte Ursache für die zunehmende Zahnverderbnis und die im ganzen schlechtere Entwicklung unserer Jugend, 3. Aufl., Breslau 1913, insb. 48-49).

 

Nationalsozialistische Kaupropaganda – Ein breites Unterfangen abseits des „Rösens“

George Orwell schrieb ab 1946 an seinem Roman „1984“, in dem er Erfahrungen des Stalinismus, Nationalsozialismus und auch der britischen Kriegspropaganda zu einer bis heute gültigen Dystopie verdichtete. Das „Rösen“ war ein gutes Beispiel für die Kontrolle und Umdefinition der Vergangenheit als Herrschaftsinstrument. Carl Röse, ein akademisch gescheiterter und stets umstrittener Forscher wurde während der NS-Zeit als Vorkämpfer aufgebaut und hofiert, seine Arbeiten mythologisiert und zu einem möglichen Alltagskonzept verdichtet. „Rösen“ stand für die Selbstpraxis einer rassistischen Gesundheitslehre. Sie war wissenschaftlich substanzlos, doch sie erlaubte das Wegdrängen unbequemer Wissenschaftler, unbequemer Sachverhalte. Sie erlaubte zugleich, die massiven Defizite der NS-Gesundheitspolitik und der NS-Zahngesundheitspflege zu überdecken, hatte es doch jeder Volksgenosse in Hand und Mund, sein und seines Volkes Schicksal zu wenden.

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Hartes Brot, gutes Kauen – und Zahnpflege mit Chlorodont (Illustrirte Zeitung 1940, 211)

Blicken wir abschließend zurück in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Damals gab es im Deutschen Reich eine intensive Kaupropaganda, zumindest bis Mitte 1942, als nicht nur die Rationen deutlich gesenkt wurden (die dennoch weit über denen der beherrschten Gebiete lagen), sondern auch die Zeitungen und Anzeigen massiv schrumpften. Trotz des steten regimetreuen Zeugnisses von Ärzten und Zahnärzten war die Kaupropaganda erstens integraler Bestandteil der Vollkornbrotpolitik, erfolgte zweitens aber eher indirekt, wurde nämlich von staatsnah agierenden Unternehmen getragen. Hinzu traten drittens die vielfältigen gesundheitspolitischen Maßnahmen in der Hitler-Jugend, der NS-Frauenschaft oder des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst. Sie alle griffen jedoch nur selten das „Rösen“ auf, sondern knüpften an tradiertes Alltagswissen an, mochte dieses im Rahmen der nationalsozialistischen Denkens auch eine andere Aufladung besitzen: „Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist das Kauen an sich. ‚Gut gekaut ist halb verdaut!‘ sagt ein altes, nur zu wahres Sprichwort; denn im Munde beginnt bereits die Verdauung. Langsam essen, damit die Speicheldrüsen des Mundes ausreichende Gelegenheit zur Arbeit haben und die Nahrung gründlich durchgespeichelt wird, ist ebenso wichtig wie ein gutes Kauen, das heißt hinreichende Zerkleinerung der Nahrung“ (Mund und Magen, Völkischer Beobachter 1939, Nr. 50 v 19. Februar, 24). Kauen war trotz vertrauter Sentenzen nicht mehr in das Belieben des Einzelnen gestellt, Schlingen untergrub die „Arbeitskraft des Volkes“ (Die Medizinische Welt 16, 1942, 228) und der Wirtschaft, gefährdete Wehrfähigkeit und rassistische Qualität (Franz G.M. Wirz, Lebensreform und Nationalsozialismus, Volksgesundheitswacht 1938, 313-319, insb. 316). Deutsches Kauen war im Nationalsozialismus Grundmotorik, Körperlichkeit im Umgang mit der Materie, war Behauptung in einer an sich feindlichen Umwelt.

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Kaupropaganda durch Unternehmen: Chlorodont-Werbung (Völkischer Beobachter 1941, Nr. 268 v. 25. September, 3)

Die visuelle Präsenz der Kaupropaganda garantierten vornehmlich Unternehmen, die ein unmittelbares wirtschaftliches Interesse am Kauen und an Zahnpflege hatten. Herausragend dabei waren mehrere Werbekampagnen der Dresdner Firma Chlorodont. Kauen war darin notwendiger und integraler Bestandteil einer breiter gefassten Mundpflege, eine Ergänzung zu Zahnpasta, Mundwasser und Zahnbürste. Das galt ähnlich für die Burger Knäckebrotwerke. Während Chlorodont mit Parolen, erläuternden Texten und eingängigen Schaubildern warb, erinnern die illustrierten Knäckebrot-Anzeigen teils an gern gelesene Comics. Sie standen teils aber auch für eine Umdeutung der deutschen Vergangenheit, in der das harte Vollkornbrot – eine Erfindung der Brotreformer, die erst um die Jahrhundertwende an Bedeutung gewann – Teil der guten alten deutschen Zeit war.

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Knäckebrot als Kau-Schule für die Jüngsten (Die Gesundheitsführung. Ziel und Weg 1943, H. 1, V)

Die Vollkornbrotpropaganda stieß in die gleiche Richtung, doch es ging hier vor allem um die Verbrauchslenkung auf ein vielfach ungeliebtes hartes Brot (Spiekermann, 2001, 117-122). Trotz vielfältiger pädagogischer Anstrengungen – „Der Vollkornbrotverzehr macht jede Brotmahlzeit zur Turn- und Gymnastikstunde für Kiefer, Zähne und Kaumuskeln“ (H. Gebhardt, Die zahnärztliche Vollkornbrot-Werbung, Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift 44, 1941, 354-355, hier 354) – fehlten nachhaltige und evaluierte Maßregeln über das sorgfältige Kauen. Viel wichtiger war Vitaminversorgung, waren Absatz und Qualität des Vollkornbrotes. Kauwilligkeit war Grundbedingung seiner Akzeptanz, nicht aber Wert an sich. Es ging um eine bessere Nährstoffversorgung. Gebissförderung und Kariesbekämpfung waren wichtige Nebeneffekte.

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Zahnkräftigung durch hartes, kauintensives Vollkornbrot – Kinowerbung 1940 (Mehl und Brot 40, 1940, 438)

Diese moderateren und indirekten Formen der Kaupropaganda wurden wissenschaftlich breit flankiert, doch stand die „Kaugymnastik“ (Eugen Wannenmacher, Zivilisationsschäden und Gebiß, in: Heinz Zeiss und Karl Pintschovius (Hg.), Zivilisationsschäden am Menschen, München und Wien 1940, 184-199, hier 198) nie allein, war Teil breiterer prophylaktischer Maßnahmen. „Rösen“ blieb öffentlich unbedeutend, noch unbedeutender als das wesentlich breiter propagierte Fletchern während des Ersten Weltkrieges. Das änderte nichts an der offiziellen Wertschätzung, die der Namensgeber weiter erfuhr: 1941 wurde Carl Röse Ehrenmitglied der Deutschen Zahnärzteschaft, 1944 erhielt er gar die Goethe-Medaille (Kölnische Zeitung 1944, Nr. 108 v. 19. April, 2). In beiden Fällen wurde das „Rösen“ nicht erwähnt. Carl Röse war auch nicht beteiligt, als in Berlin im Februar 1942 das Institut für Kariesforschung eröffnet wurde (Das Institut für Kariesforschung wurde in Berlin errichtet, Zahnärztliche Mitteilungen 33, 1942, 93-98). Er verbrachte die letzten fünf Jahre seines Lebens im Rollstuhl. Einen Nachruf habe ich nicht finden können.

Gutes deutsches Kauen blieb bis zum Kriegsende wichtig, wurde immer wieder eingefordert. Während der Endsieg beschworen und die Vergeltungswaffen bejubelt wurden, schien es weiterhin opportun auf die Verdopplung des Nahrungswertes durch verflüssigendes Kauen hinzuweisen (Gut kauen – sättigt besser! Die Vorteile des richtigen Kauens für die Gesundheit, Gemeinschaftsverpflegung 1944, 328). „Rösen“ wurde im Deutschen Reich sporadisch propagiert, während in der Schweiz eine analoge Kaupropaganda abgelehnt wurde. Selbst im ernährungsreformerischen Lager hieß es dort: „Wie ist es möglich, dass immer wieder kluge Menschen von listigen ‚wissenschaftlichen Experimenten‘ überlistet werden?!“ (W[illy] B[ircher], Bringt sorgfältiges Kauen einen Gewinn an Nährkraft bei knapper Nahrungsversorgung?, Der Wendepunkt im Leben und im Leiden 20, 1943, 69-72, hier 72). Deutsches Kauen wurde zwar bis Kriegsende empfohlen, inmitten des Bombenkrieges noch die „Hetze“ beim Essen beklagt, kämpferisches Einspeicheln gefordert (F[ritz] Blumenstein, Kauen – kriegswichtig, Deutsche Dentistische Wochenschrift und Dentistische Reform 1944, 165-167). Seit den späten 1940er Jahren hieß es dann weiter gefällig „Gut gekaut ist halb verdaut“. Es war nun wieder Verweis auf eine mythische Welt des Innehaltens und des Abstands zum Alltagsgeschehen.

Uwe Spiekermann, 14. April 2022

Die erste moderne Diät – William Bantings Kur gegen Korpulenz in Mitteleuropa

William Banting (1797-1878) – dieser Name steht für die erste moderne Diät, für „low carb“. Bantings 1863 vorgestellte Maßregeln verlangten nicht Nahrungsverzicht und Bewegung, sondern eine begründete Nahrungsauswahl, gezieltes Essen gegen die Korpulenz. Doch die Banting-Kur steht für deutlich mehr: In den 1860er Jahren zerbrachen traditionelle Formen des Fastens, religiöse Rituale wurden zunehmend ersetzt durch wissenschaftlich begründete Interventionen. Diäten waren nicht mehr länger Privatsache, sondern entfalteten in der bürgerlichen Öffentlichkeit eine zuvor unbekannte Breitenwirkung, die nicht zuletzt das Bild der Dicken deutlich veränderte. Der „Bantingismus“ wurde in England rasch eine „craze“, eine Manie, eine modische Massenerscheinung, über die ärztlich häufig geschimpft, über die in den Gazetten couragiert debattiert wurde. Die Banting-Kur war aber auch ein kommerzielles Phänomen: Sie gab jedem ein einfaches Rezept an die Hand, um Ballast abzuwerfen und den eigenen Körper gefälliger zu formen. Neue Dienstleistungen und Diätprodukte dockten sich an den Trend an und zogen daraus Gewinn. Schließlich war die Kur eine offenkundige Demütigung der ärztlichen Profession, denn Banting war ein Laie, kein Wissenschaftler. Doch diese Demütigung setzte weitere physiologische Forschung in Gang, um die Gesetze der Stoffumsetzung seriös zu begründen und die Körpermaschinerie dann wissenschaftlich in Balance und im Gewicht zu halten. Weitere, andere Diäten waren die Folge. Die Banting-Kur entstand im Zentralort der damaligen Welt, in London. Sie fand Widerhall erst in Großbritannien, dann in den USA. Es folgte Kontinentaleuropa, vorrangig Österreich, und nach etwa einem Jahr auch die Länder des späteren Deutschen Reichs. Auf letztere werden wir uns konzentrieren.

Vom Fasten zu Diäten

Die Banting-Kur war ein Übergangsphänomen. Sie stand am Ende diätetischer Regime, die noch auf antikem Wissen gründeten. Korpulenz war demnach Ausdruck eines aus der Balance geworfenen Körpers und Lebens. Heutige Kriterien, etwa der Verweis auf allgemein gültige Normalgewichte, auf kausal mit der Körperfülle erklärbare Krankheitsbilder oder aber füglich akzeptierte Schönheitsideale traten demgegenüber zurück. Fette Bäuche, so hieß es im späten 18. Jahrhundert, seien der „Denkzettel […], welche die Natur denen anhinge, die sich an ihr versündiget hätten“ (Fettigkeit, in: Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie, T. 12, Berlin 1786, 675-687, hier 677). Den Naturforschern und Medizinern war klar, dass sie mit zu viel Nahrung verbunden waren, gab es doch augenfällig eine zu große Anhäufung von Ölen und Fetten unter der Haut. Diese führten sie jedoch auf überflüssige Nahrungssäfte zurück, die durch das Blut nicht abtransportiert werden konnten. Die Therapie der Korpulenz bestand demnach nicht im Essen bzw. Nicht-Essen bestimmter Nahrungsstoffe, sondern im Verzehr von Nahrung und Speisen nicht anderen Gehaltes, sondern anderer Qualität. Gleich wichtig war die Mobilisierung der Selbstheilungskräfte: Die offenbar zu schlaffen Zellen sollten durch kalte Bäder wieder aktiviert werden, „Leibesbewegung“ war durch trockenes Reiben der Haut zu ergänzen. Dabei konnte Seife helfen, ebenso vermehrte Exkretionen (Malcolm Flemying, Auszug aus einer Abhandlung von der Natur, den Ursachen und der Kur der Feistigkeit, Bremisches Magazin zur Ausbreitung der Wissenschaften, Künste und Tugend 6, 1762/63, 315-322). Diätetische Ratschläge kreisten um weiche, flüssige und sehr nahrhafte Speisen, etwa Kraftsuppen, weiches Fleisch, Milch- und Mehlspeisen, starkes Bier und Fette. Dennoch ging es weniger um anderes Essen als vielmehr um ein anderes Leben (Handbuch zum Nutzen & Vergnügen des Bürgerstandes, Wien 1795, 109-113). Die ruhige Lebensart und die vermeintliche Schläfrigkeit, ja Unempfindlichkeit des Phlegmatikers machten Korpulenz auch zu einer Typfrage.

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Ein fröhlicher und gutmütiger Dicker (Düsseldorfer Monatshefte 5, 1852, 134)

Korpulenz war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine klar umrissene Krankheit, sondern eher ein Unpässlichkeit, die nur selten zu einer „Untauglichkeit zu allen Geschäften“ (Carl von Linné, Auserlesene Abhandlungen aus der Naturgeschichte, Physik und Arzneywissenschaft, Bd. 2, Leipzig 1777, 254) führte. Der Begriff war noch eine Raummetapher, korpulente Bücher waren dicke Wälzer. Korpulenz war angesiedelt im neutralen Feld zwischen Gesundheit und Krankheit. Sie konnte durchaus als „das Gepräge vorzüglich gelungener Ernährung“ (Anton Friedrich Fischer, Prüfende Blicke auf das Embonpoint der Männer und Frauen, Nürnberg 1832, 1) gelten. Mediziner waren noch der Ansicht, dass „ein mäßiger Grad von Wohlbeleibtheit dem Manne zur Zierde gereicht, und daß ein mittlerer Grad von Embonpoint den jüngeren und älteren, unvermählten und vermählten Damen zu großer Reizerhöhung dient“ (ebd., 2-3). Im Falle wirklich krankhafter Korpulenz wurde Mischkost ohne Übermaß empfohlen, zudem Kräuter-, Obst- und Gemüseextrakte sowie Heilwasser, um die Mischungsverhältnisse des Blutes zu verändern und den Abfluss der Nahrungsstoffe zu erleichtern. Allerdings versuchten frühe Naturheilkundler auch striktere Maßregeln. Am bekanntesten wurde die kombinierte Wasser- und Hungerkur von Johann Schroth (1798-1856). Erstere sollte „die fetten, zähen, festsitzenden alten Verschleimungen und unreinen Stoffe“ (Die letzte Zuflucht oder der Naturarzt Johann Schroth und dessen Heilmethode, Breslau 1844, 7) als eigentlichen Krankheitsherd auflösen, letztere durch eine individualisierte Enthaltsamkeit von Flüssigkeiten und einer vornehmlich aus Brötchen, Breien sowie gekochtem Obst und Gemüse bestehenden Kost die Heilung unterstützen.

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Ärztliche Kunst im Kampf gegen die Korpulenz (Düsseldorfer Monatshefte 3, 1850, 108)

All dies änderte sich seit den 1830er und 1840er Jahren durch die sich etablierende, in den Folgejahrzehnten auch die Medizin durchdringende Stoffwechselphysiologie (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 32-37). Diese in deutschen Landen insbesondere vom Chemiker Justus Liebig (1803-1873) propagierte neue Lehre reduzierte Nahrungsmittel auf chemisch klar definierte Stoffe, die dann die Körpermaschinerie nährten und in Gang hielten. Korpulenz mutierte zu einem Rechenexempel. Weniger Stoffe und/oder deren vermehrte Verbrennung durch körperliche Anstrengung wurden dadurch zu Königswegen gegen die Korpulenz. Der französische Mediziner Jean-Francois Dancel propagierte schon lange vor Banting eine physiologisch begründete Diät mit möglichst wenig fett- und kohlenhydrathaltigen Nahrungsmitteln und viel Fleisch (Préceptes fondés sur la chimie organique pour diminuer l’embonpoint, 2. Aufl., Paris 1850, 111-128). Eine Breitenwirkung erzielte er damit jedoch nicht; auch eine deutsche Übersetzung seiner Vorschläge verebbte abseits der medizinischen Profession. Die Banting-Kur änderte dies.

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Eiweißernährung macht nicht fett, wohl aber Fett und Kohlehydrate – Jean-Francois Dancels Broschüre für eine rationelle Diät nach Liebig (Karlsruher Zeitung 1852, Nr. 293 v. 11. Dezember, 4 (l.); Dancel, 1850, 3)

William Bantings „Letter on Corpulence“

Wilhelm Banting war ein wohlhabender Beerdigungsunternehmer in London. Anfang der 1860er Jahre hatte er sich bereits aus dem Familienunternehmen zurückgezogen, organisierte aber weiterhin Begräbnisse hochrangiger Persönlichkeiten, etwa des früheren britischen Premierministers Lord Palmerston (1784-1865) (Die Todtenfeier für Palmerston, Neue Freie Presse 1865, Nr. 421 v. 30. Oktober, 2). Obwohl Dienstleister für höchste und allerhöchste Kreise, ist von Bantings Leben nur wenig bekannt (vgl. A Virtual History Tour Of William Banting – YouTube). So wichtig und finanziell lukrativ repräsentative Beerdigungen im viktorianischen Zeitalter auch waren, „Undertaker“ blieben etablierte Außenseiter (Paul S. Fritz, The Undertaking Trade in England. Its Origins and early Development 1660-1830, Eighteenth-Century Studies 28, 1994/95, 241-253; Trevor May, The Victorian Undertaker, Bloomington 2008).

Bantings Brief erschien 1863 im Anschluss an seine eigene erfolgreiche Diät (William Banting, Letter on Corpulence, 3. Aufl., London 1864). Erfahrungsberichte galten jedoch nicht als wissenschaftliche Abhandlungen, die durchaus üblichen Fallgeschichten dienten Ärzten gemeinhin als Zierkranz eigener Untersuchungen. Banting hatte nicht studiert, war nicht Teil der ärztlichen Kreise, pflegte keine Fachsprache oder gar einen latinisierten Duktus. Er kokettierte kurz mit einem Bericht in „The Lancet“, dem führenden britischen medizinischen Fachjournal, nahm davon aber Abstand. Als im April 1863 ein populär gehaltener Artikel über die Ursachen der Korpulenz in einer vornehmlich literarisch ausgerichteten Zeitschrift erschienen war (Corpulence, Cornhill Magazine 7, 1863, 457-468), wollte er erst einen ergänzenden Brief an die Herausgeber schicken, publizierte diesen jedoch im Mai in erweiterter Form als Privatdruck. Es handelt sich um eine Leidens- und Erlösungsgeschichte, um denen zu helfen, die wie er unter Korpulenz litten.

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Bantings vergebliche Bemühungen, Gewicht zu verlieren (Kladderadatsch 18, 1865, 92)

Der Brief war kurz, gedruckt nicht länger als 19 kleine Seiten. Banting schilderte darin erst einmal seinem Kampf gegen den „Parasiten“ Übergewicht. Er sei stets aktiv gewesen, ein fleißiger, ordnungsliebender Mensch. Dennoch habe er ab Mitte 30 kontinuierlich zugenommen. Die Korpulenz war für ihn anfangs keine Krankheit, sondern eher eine Unpässlichkeit, die sein geselliges Leben einengte. Er nahm den Kampf gegen die Pfunde auf, verbündete sich dabei im Laufe der Jahre mit mehr als zwanzig Ärzten, darunter einschlägige Autoritäten. Sie gaben allgemeine Ratschläge, verstanden Korpulenz aber eher als eine Begleiterscheinung des Alterns. Banting haderte damit, nahm türkische Bäder, trieb Sport und Gymnastik, wollte den „Parasiten” so verdammen: „I have tried sea air and bathing in various localities; taken gallons of physic and liquor potassae; riding on horseback“ (Banting, 1864, 12). Mit jeder körperlichen Anstrengung wuchs aber nicht nur seine Kraft, sondern auch sein Appetit, so dass er letztlich weiter zunahm. Hungerkuren folgten, der Ausschluss fettreicher Lebensmittel, die Suche nach den das Übergewicht verursachenden Nahrungskomponenten; doch alles vergebens.

Bantings Brief lebt von der Spannung zwischen seiner mit einfachen Worten beschriebenen Hilflosigkeit und seinem ungebrochenen Willen, gegenüber dem „Parasiten“ zu obsiegen. In wenigen Sätzen beschrieb er die kleinen bohrenden Schmähungen und Hänseleien in der Öffentlichkeit, ausgesprochen von einfachen Arbeitern und Dienstboten gegenüber ihm, dem bürgerlichen Fettwanst. Scham bemächtigte sich seiner als er kaum mehr in der Lage war, seine Füße zu sehen, seine Schuhe zu schnüren. Banting musste schließlich Treppen rückwärts steigen, trugen seine Beine doch kaum mehr den feisten Körper. Ein Nabelbruch kam hinzu, weitere Beschwerden. Als Folge konsultierte er Spezialisten für ganz andere Krankheiten, darunter den Londoner Ohrenarzt William Harvey (1806-1876), dessen Name nicht im Brief erwähnt wurde, dem Banting aber nach Rückfragen das Verdienst zuwies, ihn auf eine neuartige Diät gesetzt zu haben.

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Leiden an der Korpulenz (Kladderadatsch 18, 1865, 93)

Diese Diät erschien Banting erst einmal paradox, denn sie erlaubte ihm kulinarische Fülle: „I was advised to abstain as much as possible were:—Bread, butter, milk, sugar, beer, and potatoes, which had been the main (and, I thought, innocent) elements of my existence“ (Banting, 1864, 17). Ansonsten aber durfte er schwelgen und unterstrich dies mit einem kaum eine Seite langem Speisezettel. Mageres Fleisch und Fisch standen nun im Mittelpunkt, Obst und Gemüse, hinzu kamen Weine, nicht aber Champagner. Tee und einige Biskuits zwischen den Hauptmahlzeiten, abends noch einen Grog oder einen Sherry. Banting griff getreulich zu – und er nahm stetig ab, fast ein Viertel seines Gewichtes.

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Linie in ein unbelastetes Leben: William Bantings Gewicht während seiner Diät 1862-1863 (The Science News-Letter 13, 1928, 407)

Er konnte sich nicht recht erklären warum. Doch ebenso wie ein Pferd nicht an sich nährende Bohnen, sondern Heu und Gras fressen solle, so habe seine Diät die ihm nicht zuträglichen Lebensmittel erfolgreich ausgeschlossen. Seine Tafel sei nun besser als zuvor, er aß mehr und mit Genuss. Als Leser teilt man die Freude Bantings an seinem neuen leichteren Leben, mit normalem Treppensteigen, besserem Seh- und Hörsinn, verbessertem Gesamtbefinden und eigenständiger Lebensgestaltung. Sein Brief schloss mit der Hoffnung, dass es anderen Leidensgenossen ebenso ergehen möge. Die Diät müsse gewiss stets ein wenig anders gestaltet werden, doch ihre Essenz, der Ausschluss von stärke- und fetthaltigen Lebensmitteln, sei allen Korpulenten anzuraten.

Banting verteilte die 1000 Exemplare seines Privatdruckes ab Mai 1863 kostenlos an Bekannte, an Ärzte, auch an Multiplikatoren. Aufgrund der beträchtlichen Resonanz schob er 1863 nochmals 1500 Broschüren nach. Die Druckkosten waren mit drei Pence gering, doch der Vertrieb und vor allem die sich anschließende Privatkorrespondenz teuer und zeitaufwändig. 1864 übertrug er daher die Vertriebsrechte an den Londoner Verlag Harrison. Die 1864 erschienene dritte Auflage 1864 betrug 50.000 Exemplare, den damit erzielten Gewinn spendete der Autor (The Bookseller 76, 1864, 239). 1869 folgte schließlich eine vierte Auflage, 13.000 Broschüren, jede für einen Schilling. Auch diese Tantiemen spendete Banting für soziale Zwecke (A „Banting“ Convalescent Institution, The Lancet 93, 1869, 833). Schon 1864 erschien eine US-amerikanische Ausgabe. Der Text des „Letter on Corpulence“ blieb während der ersten drei Auflagen praktisch identisch, während Vorwort und Anhang zunehmend umfangreicher wurden. Die vierte Auflage war dann deutlich korpulenter, da Banting und sein Arzt William Harvey auf Rückfragen und öffentliche Kritik eingingen (Jaime M. Miller, „Do you Bant?“ William Banting and Bantingism. A Cultural History of a Victorian Anti-Fat Aesthetic, Phil. Diss. Norfolk, VA 2014, 91). Banting tat also einiges, um seinen Erfahrungsbericht zu verbreiten. Zum Bestseller und einer in der gesamten westlichen Welt diskutierten Diätkur wurde er jedoch erst durch die kontroverse Diskussion in der bürgerlichen Öffentlichkeit.

Der Widerhall in Großbritannien und den USA

Bantings „Letter on Corpulence“ führte zu einer breiten innerwissenschaftlichen und öffentlichen Debatte, die dann in den sog. „Bantingism“ mündete, also einer breit gefächerten, teils obsessiven Diätbewegung mit beträchtlichem Widerhall in der Populär- und Konsumkultur (detailliert und oberflächlich zugleich hierzu Miller, 2014). Da es in diesem Artikel um die Bedeutung der Banting-Kur in Mitteleuropa geht, sind nur Kernpunkte der britischen und auch US-amerikanischen Geschehnisse hervorzuheben, denn sie bildeten eine Folie für die Rezeption Bantings auf dem Kontinent.

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Der Korpulente im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit (Punch 46, 1864, 200)

Vier Aspekte sind hervorzuheben: Erstens war Bantings „Letter on Corpulence“ für die meisten Ärzte ein Ärgernis. Apodiktisch hieß es: „The professional literature about corpulence is tolerably complete“ (Bantingism, The Lancet 83, 1864, 520). Banting ignoriere und überdecke mit seinem Vorpreschen die bisherige medizinische Forschung: „There was nothing new in the statements made by Mr. Banting, nothing that was not previously well known to physiologists“ (Edinburgh Medical Journal 11, 1865, 826). Verwiesen wurde auf den eingangs schon zitierten Malcolm Flemyng (1700-1764), häufiger noch auf den Mediziner William Wadd (1776-1829). Dieser Mann von Stand und Profession hatte, ähnlich wie Banting, seine Lebens- und Leidensgeschichte in Form eines Briefes präsentiert (Cursory Remarks on Corpulence, London 1810). Justus Liebig wurde mehrfach erwähnt, insbesondere aber der oben schon vorgestellte Jean-Francois Dancel. Dessen 1854 veröffentlichtes Werk wurde 1864 als „an act of justice“ ins Englische übersetzt und enthielt in der Tat ein langes Literaturverzeichnis (Obesity, Or Excessive Corpulence, Toronto 1864, iii resp. 116-127). 1863 veröffentlichte er ein weiteres französisches Buch über Ursachen und Behandlung der Korpulenz (Traité théorique et pratique de l’Obésité, Paris 1863). Festzuhalten aber ist, dass dieses Spezialistenwissen auch bei den von Banting herangezogenen „Autoritäten“ kaum präsent war. Die Mehrzahl der Ärzte spann noch Ideen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts weiter, während Bantings Kur Ausdruck der Leistungsfähigkeit just der neuen Stoffwechselphysiologie war (Bantingism, The Lancet 84, 1864, 493-494).

Zweitens initiierte Bantings Brief eine kontroverse Debatte über die Bedeutung von Laien und Öffentlichkeit für Wissenschaft und die medizinischen Professionen. Die Ärzte hoben sofort das wirkende Prinzip der Kur hervor, nämlich “excluding ‘starch and saccharine matter as much as possible’” (Corporation Reform, Punch 45, 1863, 195). Als Laie habe Banting dies natürlich nicht wissen können, indes, sein Brief offenbare mögliche Wohltaten der Wissenschaft für das Alltagsleben (The Search after Health, The Saturday Review 16, 1863, 721-722, hier 721). Banting sei allerdings nicht der eigentlichen Anreger der Kur, die intellektuelle Urheberschaft liege vielmehr beim Fachkollegen William Harvey (A Cure for Corpulence, British Medical Journal 1, 1864, 99-100; John Harvey, Bantingism, The Lancet 83, 1864, 571). Der Brief des Beerdigungsunternehmers sei anmaßend gewesen, “blowing the trumpet of the medical man” (Bantingism, 1864) nicht statthaft. In den USA war die einschlägige Kritik noch strikter, denn Korpulenz war dort recht selten, Selbstmedikation ein stetes Ärgernis (Bantingism, The Boston Medical and Surgical Journal 71, 1864, 183-186, hier 185). Zudem kritisierte man insbesondere in Neuengland den überbürdenden Alkoholkonsum Bantings (Bantingism and Stimulants, The Boston Medical and Surgical Journal 71, 1864, 227-228). Für die Ärzte glich die von Banting ausgelöste Bewegung einer Springflut, der sie nicht Herr werden konnten, der sie aber ausgeliefert waren: “It is the single case which the public always does jump at, without regard to general principles or consequences” (Bantingism, The Boston Medical and Surgical Journal 71, 1864, 183-186, hier 185). Die Masse sei gefährlich, nicht lenkbar, könne nicht gebremst werden. So dachte eine Elite, die sich kaum erklären konnte und brauchte.

Diese Kritik entsprang drittens einem rasch stärker werdenden Risikodiskurs, war die Diät doch mit gesundheitlichen Gefahren verbunden (Bantingism, The Lancet 84, 1864, 387-388). Vorsicht sei geboten, denn aufgrund der Erfahrungen mit Jockeys wusste man, dass eine „low carb“-Diät nur bis zu einer gewissen Grenze fortgeführt werden dürfe (A few Words concerning Bantingism, Edinburgh Medical Journal 10, 1864, 288-289). Von Einseitigkeiten wie der Banting-Kur sei generell abzuraten, moderate Mischkost zu empfehlen. Einseitiger Fleischkonsum könne Krankheiten hervorrufen, die individuelle Konstitution sei bei jeder Diät zu beachten (Charles Munde, A few Words on Bantingism and Obesity, The Boston Medical and Surgical Journal 72, 1865, 457-460). Damit verbunden waren auch Warnungen vor der neuen Stoffwechselphysiologie und ihres materiellen Reduktionismus. Man möge stofflich richtig düngen, möge Tiere gezielt füttern, aber: “Men are not pigs, to be estimated entirely by the standard of weight”. Die Banting-Kur, “possibly well adapted for the training of a brutal gladiator, is in every respect unfitting for the nutriment of a reasonable Christian” (Banting on Corpulence, The Living Age 83, 1864, 553-561, hier 554). Dennoch führten die wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten zu einem vorwärtsgerichteten Konsens. Bantings Erfolg zeige, wie wichtig klare und einfache Vorgaben, wie bedeutsam eine verständlichere Sprache für die Verbreitung und Akzeptanz von Wissenschaft sei. Diese “episode has shown how willing the public is to be taught, and has proved how desirable it is that its teachers should be thoroughly informed men” (Edinburgh Medical Journal 11, 1865, 826).

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Dicke im Banne der möglichen Kur (Punch 47, 1864, 142)

Diese drei Aspekte – Ignoranz der bisherigen Erforschung der Korpulenz, Anmaßung eines Laien, Unterschätzung von Gesundheitsrisiken – beeinflussten ähnlich gelagerte Debatten auf dem europäischen Kontinent. Noch stärker war viertens jedoch die Strahlkraft der englischen Populärkultur. Der Bruch mit tradierten Formen des Fastens erfolgte weniger bei vielfach zögerlichen, teils unkundigen Medizinern. Er erfolgte durch die Betroffenen selbst, eingebettet in einer bürgerlich-liberalen Medienlandschaft und Konsumkultur. Die Bandbreite der einschlägigen Graphiken, Gedichte, Geschichten, Lieder und Sketche ist wahrlich beeindruckend. Sie oszillierten gemeinhin zwischen dem vollen, prallen Leben und der Gefahr von Siechtum und Tod. Die Karikaturzeitschriften füllten sich rasch mit Zeichnungen von Dicken in allen Lebenslagen. Korpulente galten als plump und bedauernswert, die dank der Banting-Kur eine zweite Chance erhielten, mochten sie diese auch erst einmal nicht sehen. Anfang 1864 ergötzte man sich noch vielfach am Grundparadoxon der Banting-Kur, nämlich einer Gourmetdiät, durch die man abspecken konnte: “Take a fresh lease of life, and commence a new era, / Mr. Banting’s advice makes one long to begin— / ‘Drink claret and sherry, good grog, and Madeira, / Take four meals a day and—grow gracefully thin’” (The Banting Code, Punch 46, 1864, 115). Zunehmend aber wurde in Frage gestellt, ob die Bekämpfung der Korpulenz zu einem guten und gesunden Leben führen würde. Beispiel hierfür war ein Modetanz, dessen schlichte Zeilen von einem Dirigenten kündeten, der durch die Kur zunehmend schmaler wurde, bis von ihm lediglich ein dünner bedauernswerter Rest übrig war (Saturday Review 18, 1864, 1058; C.H.R. Marriott, The Banting Quadrille, London 1864, 7-8, 12-13).

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Vor und nach der Banting-Kur (Marriott, 1864, 1)

Ähnlich klangen die Abschiedsverse auf einen ehedem korpulenten Gastwirt, der eine Banting-Kur begann, doch erst im Tod davon lassen konnte: “So rapidly was he reduced / That though some people think / That fat is always sure to swim, / He soon began to sink” (The Doleful Ballad of Billy Bulky. Dedicated to Mr. Banting, Fun 7, 1864, Ausg. v. 29. Oktober, 61). Solcher Schabernack lag bei der Kur eines Beerdigungsunternehmers nahe, schwarzer Humor feierte fleißige Urstände. Lächelnd, doch mit Sinn für die Bedeutung des wohlbeleibten Körpers als Marker von Prosperität und Besitz, wurde der Verlust der Fülle kommentiert. „Oh, why was I so jolly green / Extremes to go in Banting! / I’m fleshless now as any rat, / I scarcely knew what I was at, / I feel I was a fool, that’s flat; / I really must regain my fat” ([Howard Paul], Banting, Fun 7, 1864, Christmas-Number, 14). In diesem Falle verlor ein Ehemann erst sein Fett und dann seine Frau. Parallel wurde die neue Kur oft zu Grotesken verdichtet: Eine neu gegründete Banting Restaurant AG kredenzte ihren Gästen demgemäß erlesene Fleischspeisen fast ohne Fett und Kohlenhydrate. Chemiker und Professoren der Gastronomie erforschten in ihrem Dienste neue schmackhafte Speisen im Mikrokosmos des Erlaubten (The Banting Restaurant Joint Stock Company (Limited), Punch 47, 1864, 143). Banting war 1864 immer für einen Lacher gut, doch die Kur galt zunehmend als exzentrische Abirrung eigenartiger Charaktere. Der Neujahrswunsch der Karikaturzeitschrift Punch war daher eindeutig: “Now let the sports begin for which you ‘re panting, / Laugh and grow fat, and bother Mr. Banting!” (Punch 47, 1864, 267).

Die Rezeption in Mitteleuropa

Die Rezeption der Banting-Kur in Mitteleuropa verlief zeitversetzt: Die französische und die österreichische Öffentlichkeit setzten sich schon 1863/64 mit der Diät und ihren Auswüchsen auseinander. Auch in deutschen Landen gab es damals erste Berichte. 1864 erschienen zunehmend medizinische Rezensionen, die öffentliche Debatte setzte aber erst nach der Übersetzung und Kommentierung des „Letter on Corpulence“ ein. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1865/66, also mit beträchtlicher Zeitverzögerung. Der Transfer mündete dennoch in eine kurzzeitige „Banting-Manie“, die mit dem „Deutschen Krieg“ im Sommer endete.

Anfangs, 1863, galt Bantings Kur schlicht als ein Witz. Im mährischen Brünn spottete man, dass man diese „Heilmethode“ auf den Wiener Finanzplan anwenden solle, um diesen mager zu machen (Mährischer Correspondent 1863, Nr. 139 v. 20. Juni, 4). Die Diät galt als Spleen der höheren englischen Gesellschaft (Ebd., Nr. 199 v. 1. September, 4). Bissige Kommentare über zu üppige Schauspielerinnen forderten Bühnenrückzug oder Banting-Kur – und der Bürger schmunzelte, mochte er auch nicht im Detail informiert gewesen sein (Ebd., Nr. 213 v. 19. September, 4).

Die 1864 einsetzende Rezeption von William Bantings „Letter on Corpulence“ in deutschen Landen erfolgte nicht direkt. Sie war unmittelbar verknüpft mit dessen Übersetzung, Kommentierung, Modifikation und Erklärung durch den Hallenser Mediziner Julius Vogel (1814-1880). Seine im Juni 1864 veröffentlichte Broschüre „Korpulenz. Ihre Ursachen, Verhütung und Heilung durch einfache diätetische Mittel. Mit Benutzung der Erfahrungen von William Banting“ sollte ein Bestseller werden, der auch das Wortfeld des Übergewichtes neu umriss: Zuvor übliche Begriffe wie Feistigkeit, Beleibtheit, Fettsucht, Fettleibigkeit, Embonpoint, Dicke oder Wohlbeleibtheit verloren seither an Bedeutung. Vogel hatte in München promoviert, in Göttingen habilitiert, war seit 1846 Ordinarius für Heilkunde in Gießen, ab 1855 in Halle/S. Er trat vor allem als Anatom und Pathologe hervor, war dabei Grenzgänger auch hin zur Physiologie (Vogel, Julius, in: Biographisches Lexicon hervorragender Ärzte, hg. v. J[ulius] Pagel, Bd. 6, Wien/Leipzig 1884, 193).

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Julius Vogel und das Titelblatt seines Erfolgsbuches (Wikipedia (l.))

Vogel war sich des Risikos bewusst, ein populäres, nicht vorrangig an die Herren Kollegen gerichtetes „Schriftchen“ (Vogel, 1864, X) von etwas mehr als siebzig Seiten zu veröffentlichen. Eine allgemeinfassliche Darstellung sei jedoch nicht nur durch Bantings Vorlage angeraten, sondern dürfte, so der Autor, dazu beitragen, „der gerade unter dem gebildeten Theile des Publikums leider immer mehr überhand nehmenden Neigung: mit Umgehung der Aerzte, den Rath von Quacksalbern und Charlatanen zu befolgen, sowie allerlei in den Zeitungen angepriesenen Mittel zu gebrauchen, durch eine Belehrung über die daraus zu befürchtenden Nachtheile entgegenzuwirken“ (ebd., XI). Vogel griff damit die angelsächsische Debatte auf, knüpfte aber auch an populärere Schriften wie Justus Liebigs „Chemische Briefe“ oder Julius Adolf Stöckhardts (1809-1886) „Chemische Feldpredigten“ an, die Agrikulturchemie und Stoffwechsellehre in der deutschen Öffentlichkeit etablierten halfen.

Missbilligungen Vogels ließen nicht auf sich warten. In Wien kritisierte man seinen Verweis auf Liebig als typisch teutsche Anmaßung, den deutschen Ursprung allen Fortschritts nachweisen zu wollen (Die Mageren und die Dicken, Neues Fremden-Blatt 1865, Nr. 8 v. 23. Mai, 4), während man in London diesem durchaus beipflichtete (Bantingism abroad, British Medical Journal 1, 1865, Nr. 211, 42-43, hier 43). In bayerischen Fachzeitschriften glaubte man an die Rotation der verstorbenen Häupter der Hallenser medizinischen Fakultät in ihren Gräbern, voll Scham ob des Abstiegs eines Wissenschaftlers in die Lebens- und Leidenswelt eines Laien (Rez. v. Vogel, Corpulenz, 81865, Ärztliches Intelligenzblatt 13, 1866, 136-138, hier 138). Auch eine führende pharmazeutische Zeitschrift schäumte ob der vermeintlichen Weihe des Bantingschwindels, der „nun an allen ölwassersüchtigen Deutschen bereits gründlich ausprobirt sein muss“ (Ein deutscher Professor der Heilkunde und der Bantingschwindel, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 7, 1866, 141-143, hier 141). Kaum verwunderlich, dass selbst in neueren biographischen Arbeiten die Broschüre Vogels unerwähnt blieb (Johannes Büttner, Gießener Schüler Justus von Liebigs mit späteren Tätigkeiten in der Medizin, Gießener Universitätsblätter 34/35, 2001, 35-48, hier 37-38). Aus heutiger Sicht war Vogel einer der vielen Wissenschaftspopularisierer, die nicht nur in der Profession Pionierarbeit leisteten, sondern auch den Unterbau für die zeitweilig weltweit führende Stellung der deutschen Wissenschaft schufen.

Dass die Debatten über die Banting-Kur im deutschen Sprachraum faktisch Debatten über Vogel und Banting waren, lag vor allen an zwei Punkten. Erstens erklärte Vogel die Funktionsweise der Kur in einer bis heute fesselnden Darstellung der Stoffwechsellehre und ihrer Unschärfen. Zweitens übersetzte er nicht nur rein wörtlich, sondern stellte in einer Fußnote Bantings Speisezettel eine gleichsam deutsche Version an die Seite. Dies war die mundgerechte Anleitung für die nun einsetzende Diät-Praxis: Bantings Tee wurde von Vogel durch möglichst schwarzen Kaffee ersetzt. Brot war in engen Grenzen erlaubt, doch beim Frühstück sollte auf Kuchen oder Butter möglichst verzichtet werden, nicht aber auf Eier, kaltes Fleisch oder aber rohen Schinken. Auf das zweite Frühstück solle man nur wenig Wert legen. Mittags empfahl Vogel eine Fleischbrühsuppe möglichst ohne Einlagen, fettarmes Gemüse und Kompott, erlaubte auch wenige Salzkartoffeln und etwas Brot. Nachmittags sei wieder Kaffee-, nicht aber Kuchenzeit, ehe man abends den Tag mit etwas Fleischbrühsuppe oder Tee, mit Salat, kaltem Fleisch, Schinken, Eiern und ein wenig Brot abrunden könne. Als Getränk und Seelentröster durften Wein, aber auch Apfelwein getrunken werden. Vergleicht man Vogels Speisezettel mit dem Bantings, so war ersterer einfacher und preiswerter, zielte auf einen bürgerlichen Tisch, erinnerte an leichte Kost in Sanatorien. Physiologisch waren sie austauschbar, enthielten beide – im Gegensatz zu späteren rigideren „low carb“-Diäten – moderate Fett- und Kohlenhydratmengen. Dies diente der Abfederung einer zu einseitigen Kost und erlaubte, wie Bantings Gewichtskurve unterstrich, eine stetige, sich über längere Zeit hinziehende Abnahme.

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William Banting und eine deutsche Imagination eines Engländers (Wikipedia.de (l.); Fliegende Blätter 42, 1865, 70)

William Banting mutierte 1864/65 zu einer in Mitteleuropa bestens bekannten Persönlichkeit, galt als „Wohlthäter der überfütterten Menschheit“ (Ein System der Entfettung, Fränkische Zeitung 1864, Nr. 271 v. 15. November, 2). Überrascht nahm man seine steile Karriere zur Kenntnis: „Kaum gelangte je ein einfacher Mann so schnell zu ausgebreitetem Ruf als Mr. William Banting zu London“ (Neue Würzburger Zeitung 1865, Nr. 29/30 v. 20. Januar, 1-2, hier 1). Angesichts nur dürrer Kenntnisse über seine Biographie reicherten Journalisten seine Lebensgeschichte beherzt an, machten ihn so zu einer populären Figur (Wie William Banting auf seine Methode kam, Waldheims Illustrirte Zeitung 1866, H. 17, 66). Dabei spielte sein Beruf eine wichtige Rolle, fehlte es doch nicht an Bonmots über Diät und Sterben. Da viele Journalisten aus medizinischen Rezensionen abschrieben, mischten sich jedoch auch negative Stimmen in den breiten Chor des Lobes: „Wissenschaftliche Bildung hat er keine. Sein oftgenanntes Schriftchen ist ganz crüde in Form und Inhalt“ (Neue Freie Presse 1865, Nr. 141 v. 20. Januar, 5).

Vereinzelte Berichte beschworen schon vor dem Erscheinen der Vogelschen Broschüre die offenkundigen Erfolge der neuen Diät (Ueber Wohlbeleibtheit, Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1864, Nr. 125 v. 4. Mai, 2521). In Mitteleuropa war man stärker als in Großbritannien mit Hungerkuren vertraut, war religiöses Fasten verbreiteter. Entsprechend freudig nahm man zur Kenntnis, dass man gut essend abnehmen konnte (Bayerische Zeitung 1864, Nr. 258/259 v. 19. September, 879). Bantings Leidensgeschichte berührte, die Kur – ein Begriff der (ähnlich wie „Banting-System“) erst 1864 im deutschen Sprachraum aufkam – gaben jedem Dicken ein schicksalswendendes Mittel in die Hand. Der Erfolg war handgreiflich, keine theoretische Spielerei, sondern praktische Tatsache (Diät gegen Fettleibigkeit, Passauer Blätter für Unterhaltung und Belehrung 1865, Nr. 27 v. 9. Juli, 215-216, hier 216). Es ist wahrscheinlich, dass der „Knalleffekt“ (Die Fettleibigkeit und die sogenannte Banting’sche Kur, Der Bayerische Landbote 1865, Nr. 40 v. 9. Februar, 157-158, hier 157) der neuen Diät in Norddeutschland eher vernommen wurde als im Süden. Doch da man dort – von wenigen Ausnahmen abgesehen – bis heute mit der Quellendigitalisierung fremdelt, dominieren hier Stimmen fernab der üblichen Transferorte Bremen und Hamburg.

Korpulenz wurde nun ernster genommen, galt zunehmend als gesundheits-, ja lebensgefährdend. Spott sei verfehlt, Heilung nun aber einfach. Das unterstrichen insbesondere Berichte in medizinischen Fachzeitschriften (Das Banting-System gegen Fettleibigkeit, Wiener Medizinische Wochenschrift 15, 1865, Sp. 943-944; Die Banting-Kur, Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer 24, 1865, 127-128; Dass., Zeitschrift des allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 3, 1865, 421; Die diätetische Kur gegen Korpulenz, Der praktische Arzt 7, 1866, 150-151). Sie verwiesen auf die bisherigen Erfahrungen in England, auf „Hunderte von fetten Personen“, die nun wieder ein gutes Leben führen würden (H. Meissner, Ueber Wohlbeleibtheit, Schmidt’s Jahrbücher der in- und ausländischen Medicin 127, 1865, 168-174, hier 169). Mit der zeitlichen Distanz konnte die Wirksamkeit der Diät besser beurteilt werden. Stärker als in England oder gar den USA bröselten auf dem Kontinent die Trennwände zwischen hehrer Wissenschaft und gesundheitlicher Praxis: „Wo es sich nun gar um diätetische Massregeln handelt, da ist das Popularisiren immer an seinem Platze. Ist doch ein grosser Theil unserer heutigen Heilkunde nichts Anderes als angewandte Diätetik, richtige Anwendung und Benützung von Licht, Luft, Wasser, Nahrungsmitteln u.s.w.“ (Pichler, Banting’s System gegen Corpulenz, Allgemeine Wiener Medizinische Wochenschrift 10, 1865, 217). Solche Aussagen spiegelten die größere Bedeutung von Naturheilkunde und Homöopathie in Mitteleuropa, deren Herausforderungen für die akademische Medizin durchaus produktiv waren (Karl Müller, Die Korpulenz, Die Natur 14, 1865, 76-78).

Unterschiede gab es auch bei der Einschätzung der Stammväter und Vorläufer der Banting-Cur. Vogel hatte Liebig in den Vordergrund gerückt, ihm sein Werk gewidmet. Die Rezensenten folgten, griffen anders als in Großbritannien nicht mehr auf überholte Ratschläge des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zurück (Die Banting-Kur gegen Fettleibigkeit, Sachs‘ repertorisches Jahrbuch für die neuesten und vorzüglichsten Leistungen der gesammten Heilkunde 33, 1866, 134-138). Allerdings mit einer Ausnahme: Die 1826 veröffentlichten Diätratschläge des Gastrosophen Anthelme Brillat-Savarin (1755-1826), nämlich „Mässigkeit im Essen, Enthaltsamkeit im Schlaf, Bewegung zu Fuss oder zu Pferde“ (Physiologie des Geschmacks oder Physiologische Anleitung zum Studium der Tafelgenüsse, Braunschweig 1865, 214), entstammten noch dem Denken der Humoralpathologie, wurden aber ärztlich breit empfohlen. Sie knüpften an die Alltagserfahrungen einer bäuerlichen Gesellschaft an: Fleischfressende Tiere waren im Regelfall schlank, während – die omnivoren Schweine mögen mir verzeihen – Masterfolge vor allem mit kohlenhydrathaltigen Futtermitteln erzielt wurden. Der französische Richter und Bonvivant empfahl auch daher „eine mehr oder minder strenge Enthaltsamkeit von Mehl und Stärkemehl enthaltenden Nahrungsmitteln“ (ebd., 216) als Gegenmittel zur Korpulenz. Die Übersetzung seines Hauptwerkes just im Jahre 1865 ist ohne die Diskussionen über die Banting-Kur nicht zu verstehen (P[aul] Niemeyer, Das Banting-System keine neue Erfindung!, Deutsche Klinik 18, 1866, 159).

Die verhaltende Banting-Manie 1865/66

Auch in Kontinentaleuropa gab es eine „Banting-Manie“ (Pulver und Pillen, Wiener Medizinische Wochenschrift 15, 1865, Sp. 1055-1058, hier Sp. 1055), auch wenn einige Dutzend einschlägiger Quellen deren Umfang nicht präzise umreißen können. Gewiss ist, dass es sich um eine dominant bürgerliche Bewegung handelte und die Metropolen hierbei Vorreiter waren. Ungewiss ist, ob nicht einige der Berichte mit Wissen um den „Bantingismus“ verfasst wurden, denn Manien waren, wie Verbrechen, Modetorheiten und Skandale, gern gepflegtes Genres schon vor dem Aufkommen einer Boulevardpresse. Und da man „dickbäuchigen Lords und Misters“ bei ihren „vielfachen Experimenten“ (Ein System der Entfettung, Würzburger Anzeiger 1866, Nr. 312 v. 10. November, 2) gefolgt war, waren die groben Umrisse eines kontinentaleuropäischen Korpulenztheaters schon ansatzweise vorgegeben. Auch britische Beobachter sprachen darüber (British Medical Journal 1865, Bd. 2, Nr. 239, 99).

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Fort mit Kohlenhydraten, fort mit den Pfunden! (Kladderadatsch 18, 1865, 94)

Die Manie war ein ernstes Unterfangen, nicht umsonst sprach man zwischen zwei realen Kriegen vom „Krieg gegen die Korpulenz“ (Diät gegen Fettleibigkeit, Passauer Blätter für Unterhaltung und Belehrung 1865, Nr. 27 v. 9. Juli, 215-216, hier 216). Banting gab die Anregung, Vogel die Hilfsmittel, nun hatten die Dicken ihre Chance: „Noch vor drei Wochen stöhnten sie unter einer unmäßigen Ueberfrachtung des Körpers, und heute waren sie, Dank den Erfolgen der Banting-Kur, ‚um den Leib nicht so dick wie eine Adlersklaue‘, und hätten mit dem jugendlichen Sir John ‚durch eines Aldermans Daumenring kriechen können‘“. Banting, einst Märtyrer, wurde nun “Heiland der Fettleibigkeit“ (beide Zitate n. Banting, Neue Würzburger Zeitung 1865, Nr. 160/161 v. 12. Juni, 1-4, hier 1). Fleischessen wurde – fast wie heute dessen Nicht-Essen – zu einer politischen Tat, mit der man kauend Leib und Welt umgestalten konnte. Ja, die Zeiten hatten sich rasch gewandelt: „In der guten Gesellschaft mag auf einmal Niemand mehr als ‚Fetter‘ auftreten. Da sogar diejenigen, welche sich nie eines Überflusses an Fett rühmen konnten, der allgemeinen Sitte zu Liebe sich der ‚Banting’schen Kur gegen die Korpulenz‘ unterwarfen, so mögen die Aerzte entscheiden, ob wir es hier mit einer modernen Geistesepidemie zu thun haben“ (Die englische Diät gegen Korpulenz, Der Sammler 34, 1865, 44). Doch wie immer die Bewertung ausfiel, man musste sich darauf einstellen: „Ladet man jetzt seine Freunde zu einem Gastmahl, so kann man darauf wetten, daß sich mehrere unter denselben befinden, welche als Bantingianer zu jener spezifischen Eß- und Trinkmethode geschworen haben – und Wirth und Wirthin durch beharrliches Versagen der verbotenen Genüsse und durch ihre Bitten um gewisse Nahrungsstoffe in nicht geringe Verlegenheit bringen“ (Corpulenz, Die Debatte 1865, Nr. 30 v. 30. Januar, 1).

Für Außenstehende besaß das Geschehen etwas Sektenhaftes, ähnlich wie beim Vegetarismus. Und zugleich nährte die Mode sich selbst: Die Jünger „üben mit allem Fleiße und strenger Konsequenz die Banting-Kur, welche ihren Gläubigen das Gelübde der Enthaltsamkeit von Bier, Mehlspeise, namentlich von Fett auferlegt. Die Bekenner der Banting’schen Lehre, welche in Wien zusehends mehr Anhänger gewinnt, erzählen Wunderdinge von den unfehlbaren Erfolgen, welche sie durch den Genuß der vorgeschriebenen und Entbehrung der verbotenen Nahrungsstoffe an sich und ihren Proselyten erzielt haben. Hier zeigt ein solcher Banting-Apostel auf die Stelle, wo sich sein ‚ehemaliger Bauch‘ befand, der bereits vollständig verdunstet ist – dort weiset er auf einen Freund, der noch vor wenig Wochen als Fettwanst das Entsetzen aller Omnibuspassagiere, gegenwärtig eben nur seinen Platz anständig ausfüllt – ein Banting-Fanatiker macht seit einem Monate von 3 zu 3 Tagen eine Probe seines abnehmenden Umfanges bei dem Drehkreuz am Eingang des Museums, und siehe da, unser dicker Freund, der noch Mitte Juni regelmäßig stecken blieb, passirt jetzt diesen Kreuzweg bereits ohne alle Schwierigkeit“ (Wiener Plaudereien, Neues Fremden-Blatt 1865, Nr. 60 v. 13. Juli, 13).

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Banting-Kur oder Gymnastik? Für viele eine einfache Wahl (Kladderadatsch 18, 1865, 93 (l.); Fliegende Blätter 41, 1864, 63)

Die Banting-Kur schien einfach, die Anleitung war „in jedem Bücherladen“ erhältlich (Kraft und Größe, Der Bazar 12, 1866, 198). „Ueberall spricht man von Banting“ – so hieß es (Das Banting-Fieber, Mnemosyne 1865, Nr. 60 v. 26. Juli, 244). Entkommen schien kaum möglich, Banting war und blieb Stadtgespräch, in öffentlichen Lokalen, in den Wartesälen der ersten und zweiten Klasse (nicht der dritten und vierten), ebenso in geräumigeren Bahnabteilen (Ueber das sogenannte Banting-System gegen Fettleibigkeit, Pfälzer Zeitung 1865, Nr. 270 v. 17. November, 1-2, hier 1). Auch einer der damals führenden deutschen Mediziner, Felix von Niemeyer (1820-1871), bestätigte die Breite der Bewegung und, mehr noch, ihre Wirksamkeit: „Schon jetzt wandern zahlreiche lebende Beweise von Erfolgen der Banting-Kur auch auf unsern Straßen einher“ (Die Behandlung der Korpulenten nach dem sogenannte Bantingsystem, Berlin 1866, 15).

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Korpulenz als bürgerliches Problem, als Teil der sozialen Frage (Fliegende Blätter 45, 1866, 40)

Bei aller Freude am Spektakel sollte man jedoch nicht vergessen, dass die Banting-Manie die sozialen und wirtschaftlichen Hierarchien des damaligen bürgerlichen Zeitalters spiegelte und reproduzierte. Der gemeine Mann, der Arbeiter, der arme Schreiber, sie waren in der Regel dünn, zudem deutlich kleiner als Menschen heutzutage. Banting schien „einfache, unschädliche Mittel gefunden [zu haben, US], welchen den ‚Austernfriedhof‘ des dicken Bankiers in normale Formen zu bringen wissen – die ‚moderne Heilkunde‘ hat auch ihr ‚training‘ und ihr ‚trainer‘ heißt William Banting“ (Die Mageren und die Dicken, Neues Fremden-Blatt 1865, Nr. 8 v. 23. Mai, 4). Die Banting-Kur, auch in der Vogelschen Variante, war teuer. Wild, Kompott, Fleisch, Fisch – sie waren selten auf dem Tisch der Armen, fehlten teils ganz, so wie Rotwein, Sherry oder Madeira. Die Trainingsmetapher war sprechend und wurde vielfach aufgegriffen. Doch nun wurden nicht Jockeys abgespeckt, um Rennen zu gewinnen, sondern die Herren vom Jockey-Club, um im Wettbewerb ums Abnehmen zu siegen, um fideler und erfolgreicher ihren Geschäften nachgehen zu können (Neues Fremden-Blatt 1867, Nr. 109 v. 21. April, 5).

Natürlich waren die Berichte voll von kleinen Abweichungen, hatte Banting (Prösterchen!) doch die Größe der Gläser nicht vorgegeben. Die Banting-Manie war ein Fest der Bürger, ihrer so trefflichen Emanzipation von dem noch herrschenden Adel. Ehedem dicke Herren standen wieder auf dürren Freiersfüßen, hielten Ausschau nach nun wieder junonischen Damen. Und dann aß man gemeinsam “eine große Tasse Bouillon-Suppe, eine große Forelle, eine große Portion ‚kaltes Aufgeschnittenes‘, ein kolossales Beefsteak, ein Prachtstück von einem Karfiol, ein enormes Brathuhn mit einem respektablen Teller gekochter Kirschen, eine famose Flasche Wein“ (Banting-Fieber, 1865, 331) – doch da auf Brötchen und Bier verzichtet wurde, war es Teil der Kur, Teil der Körpergesundung.

All dies wurde gelassen wahrgenommen, der scharfe Ton in Großbritannien, gar den USA, fehlte in diesen Berichten aus meist katholischen Gegenden. Man gedachte der darbenden Bierwirte, mochten die Dünneren nun auch endlich Platz auf den Bänken der Bierschwemmen haben (Aus dem Wiener Leben, Wiener Abendpost 1865, Nr. 64 v. 18. März, 254). Bäckern und Bädern ständen schwere Zeiten bevor. Doch auch während des vermeintlichen Krieges gegen die Korpulenz ertönten noch vernehmbare Stimmen des Widerstandes: „O theurer Freund, was muß ich hören, / Was fängst Du doch für Unsinn an, / Im Banting will ich Dich nicht stören, / Doch alles Andere gieb nur d’ran. / Morgens, Mittags, Abends, Wasser. / Und dann nur magere Kost dazu; / Du wirst von Tag zu Tag ja blasser, / Und nimmst der Freundin ihre Herzesruh‘ / Verlier‘ doch nicht die runde Fülle / Ich bitte Dich, sie steht Dir gut. / Veränderst Du des Geistes Hülle, / Der Zauber bricht, ich bin Dir nicht mehr gut“ (Echo der Gegenwart 1865, Nr. 233 v. 26. August, 3).

Die Banting-Kur in der Populärkultur

Wie in England, so wurde die Banting-Kur auch in Mitteleuropa rasch Teil der Populärkultur. Die Karikaturzeitschriften brachten dies und das, Ertrag und Umfang waren aber nicht vergleichbar mit dem englischer Magazine (Hans Jörgel von Gumpoldskirchen 34, 1865 v. 8. Juli, H. 28, 4). Dicke wurden bespöttelt, doch seltener als im Lande Bantings. Dessen Leidens- und Erlösungsgeschichte wurde auch humoristisch persifliert, doch handelte es sich dabei um ein Einzelstück (Durch Dick und Dünn, Kladderadatsch 18, 1865, 92-94). Ob das daran lag, dass es auf dem Kontinent weniger übergewichtige Bürger gab, ist nicht zu ermitteln. Aussagefähige Messdaten liegen für Soldaten, teils auch Arbeiter und Insassen von Wohlfahrtseinrichtungen vor, kaum aber für die Wohlhabenden. Schmähungen dicker Häupter unterblieben, dabei hätte Queen Victoria (1819-1901) doch dazu reichlich Anlass geboten. Einzig Napoleon III. erhielt sein Fett weg (Figaro 9, 1865, Nr. 26 v. 10. Juni, 103). Einschlägige Zeichnungen griffen dagegen vielfach auf bekannte Vorbilder zurück, so im folgenden Beispiel des nach der Kur nicht mehr erkannten Ehemannes.

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Der unerkannte Ehemann (Illustrirte Dorfzeitung des Lahrer Hinkenden Boten 4, 1866, 491-492)

Größeren Widerhall erfuhr die Kur dagegen im Gesang und im Theater. Der Wiener Männergesangsverein präsentierte mehrfach eine Improvisation des Komponisten Alois Sebera (1827-1909). Dessen ‚Apostrophe an Banting‘ besang und präsentierte die Transformation eines 230 Pfund schweren Kerls in einen Mann, „schlank ‚wie eine Palme‘“ (Neues Fremden-Blatt 1865, Nr. 140 v. 1. Oktober, 5). Nicht alle Possen aber waren erfolgreich, so der dramatische Scherz „Die Banting-Kur“ (Die Debatte 1866, Nr. 18 v. 20. Januar, 2). Trotz Karneval und gefälligem Spiel bekannter Schauspieler fiel er durch und wurde von der Direktion des Theaters an der Wien nach der ersten Aufführung vom Spielplan genommen: Die Posse war „an Stoff und Witz zu mager, als daß irgend eine Kunst ihr helfen könnte“ (Neue Freie Presse 1866, Nr. 501 v. 22. Januar, 2).

Auch abseits der Donau wurde Banting gewürdigt, etwa vom Pfälzer Mundartdichter Karl August Woll (1834-1893) (Die Bantingkur, Pfälzer Zeitung 1865, Nr. 276 v. 24. November, 1). Eine klagende Hausfrau drängte ihren immer dicker werdenden Mann zwecks Banting-Kur ins Wirtshaus, doch dieser fand Gefallen an der guten Speise, so dass er nicht nur die Haushaltskasse leerte, sondern auch einen halben Zentner zunahm (Gedichte, Speyer 1868, 21-23).

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Der vermeintliche Kreislauf der Korpulenz (Kladderadatsch 18, 1865, 92)

Banting blieb auch in den 1870er Jahren ein gern herangezogener Gast auf deutschen Bühnen, in deutscher Literatur. Zwei Beispiele mögen genügen: In der komischen Oper „Der Wunderdoctor in der Liedertafel zu Singsanghausen“ Carl Kuntzes (1817-1883) tritt ein französischer Scharlatan auf, dem man Banting erklären muss: „Grande homme! – Le plus grande homme! – Rapide succés!“ (Leipzig 1870, 14). Auch Adolf Wilbrandt (1837-1911) pries in seinem Lustspiel „Ein Kampf ums Dasein“ einen korpulenten Winzer, der sich Dank Banting verpflichtete kurzzeitig „nur von Fleisch zu leben, ohne Fett, ohne Mehl, ohne Süßigkeiten“ (Leipzig 1873, 43-44). Zusammengefasst ergibt sich das Bild gefälligen Frohsinnes – und das im vermeintlichen Zeitalter des Realismus. Die Populärkultur verwies auf die Chancen und die Wirksamkeit der neuen, der ersten Diät. Deren Gefahren aufzuzeigen, blieb der Medizin vorbehalten.

Wirksam und gesund? Zur zeitgenössischen Bewertung der Banting-Kur

Die öffentliche Berichterstattung über die Banting-Cur führte zu einer abwägenden Bewertung in den großen Familienzeitschriften: „Zur Verhütung und Beseitigung übermäßiger Fettproduction ist die sogenannte Banting-Cur ein erprobtes Verfahren“ hieß es 1866 in der in sechsstelliger Auflage erscheinenden Frauen- und Modezeitschrift „Der Bazar“ (12, 1866, 280). Auch im konservativen „Daheim“ fand sich eine klare Empfehlung (Das Banting-System gegen Fettleibigkeit, Daheim 3, 1867, 752). Das in Stuttgart erscheinende „Illustrirte Buch der Welt“ preschte gar weiter vor, sah keinerlei Gefahr und hoffte, dass die Banting-Kur „alle die früher gebräuchlichen, sehr eingreifenden und gefährlichen, und leider dennoch erfolgarmen Curen der Fettsucht mittelst Essig, Apfelwein, Jod, Karlsbad, Marienbad, Bilin etc.“ verdrängen würden. Hauptvorteil sei, dass man sie variieren und auch ohne Probleme abbrechen könne (Wurm, Die Banting der Corpulenz, Das Illustrirte Buch der Welt 1866, 150-152, hier 152). Doch es gab auch andere Stimmen: Der Marktführer „Gartenlaube“ riet zu einer behutsamen Anwendung, warnte vor jedem Übereifer, denn dann sei die Kur gefährlich und bewirke, dass die Anwender „gewöhnlich garstig zusammenrunzeln“ ([Carl Ernst]Bock, Diätetisches Recept für Fettleibige, Die Gartenlaube 1866, 151-152, hier 151). Auch „Der Bazar“ schwenkte 1867 um, riet vor Beginn der Diät unbedingt zur Konsultation eines Arztes: „Die plötzliche Veränderung der jahrelang gewöhnten Diät kann unter Umständen Abmagerung und Entkräftung, ja, einen raschen Tod zur Folge haben!“ (Der Bazar 13, 1867, 328, ähnlich ebd. 14, 1868, 148). Die Massenzeitschriften gaben demnach unterschiedliche Ratschläge, beließen die Entscheidung aber in der Verantwortung der Leserinnen.

Dadurch waren die Mediziner gefordert. Die Banting-Kur, so hieß es einvernehmlich, sei grundsätzlich wirksam und vor Beginn stets ein Arzt zu Rate zu ziehen. Befürworter hoben ihren wichtigen Impuls für Volksbildung, eine verbesserte Gesundheitspflege und die Selbstverantwortung hervor (J. Seegen, Die Aufgaben der Nahrung für den Haushalt des Thieres, mit besonderer Rücksicht auf die Bantingcur, Wiener Medizinische Wochenschrift 18, 1868, Sp. 375-378). Über die „üblen Folgen einer einseitigen Ernährungsweise“ waren die Experten jedoch unterschiedlicher Ansicht (Ueber die Behandlung der Korpulenz auf Grundlage des Banting-Systems, Memorabilen 11, 1866, 70-71, hier 70). Eine körperliche Schwächung sei wahrscheinlich, Banting eine Ausnahme von der Regel. Die simplen Speisepläne seien unausgegoren, vernachlässigten insbesondere Kochsalzzufuhr und Speichelfluss (Ch. Hildmann, W. Banting und J. Vogel über Corpulenz, Deutsche Klinik 17, 1865, 429-430).

Schwerwiegender war eine wachsende Zahl akuter Gesundheitsschäden, gar mehrerer Todesfälle. Schon früh wurde ein enger Konnex zur Lungentuberkulose und auch psychischen Störungen behauptet (Die Bantings-Kur [sic!] und Fettentziehung als Ursache psychischer Störungen, Zeitschrift des allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 6, 1868, 486-487). Mehrere bekannte Persönlichkeiten, etwa der Brünner Oberlandesgerichtspräsident Lewinsky oder der Komponist Erik Nessl (1831-1883) starben bzw. erkrankten im Anschluss an eine Banting-Kur schwer (Wiener Sonn- und Montag-Zeitung 1869, Nr. 38 v. 2. Mai, 2; Die Debatte 1869, Nr. 190 v. 11. Juli, 3; (Neue Freie Presse 1869, Nr. 1748 v. 11. Juli, 7). Der Frankfurter Kliniker Theodor Clemens (1824-1900) führte 1869 schließlich drei Todesfälle auf eine durch die Diät bewirkte Abmagerung der Nieren fest. Mit Ingrimm auf die „blutgierigen Fleischfresser“ verwies er auf die Gefahren eines raschen Übergangs zu „einer ganz entgegengesetzten Lebensweise“ (Schlimme Folgen der Banting-Cur, Deutsche Klinik 21, 1869, 10). Doch wer gedacht hatte, dass die Begleitung durch einen Arzt solche Nebenwirkungen ausschließen könne (Pierers Universal-Conversationslexikon, 6. vollst. umgearb. Aufl., Bd. 2, Oberhausen und Leipzig 1875, 651), sah sich bald eines besseren belehrt. Die klinische Forschung besaß zu dieser Zeit eben nicht einmal eine klare Definition der Korpulenz und ihrer Varianten (Wilhelm Epstein, Die Fettleibigkeit (Corpulenz) und ihre Behandlung nach physiologischen Grundsätzen, Wiesbaden 1882, 1). Bei krankhafter Fettsucht seien Diäten nicht anzuwenden, müsse die Hoffnung auf die Banting-Kur trügen (H[ermann] Kühne, Die Bedeutung des Anpassungsgesetzes für die Therapie, Leipzig 1878, 82). Vorsicht sei generell anzuraten.

Wachstumsmarkt Korpulenz: Die Vermarktung der Banting-Kur

Die Banting-Kur war dennoch erfolgreich, denn sie entstand im Rahmen einer modernen Konsumgesellschaft. Korpulenz war eben nicht nur ein medizinisches Problem, sondern Grundlage neuer Märkte. Die Diät wurde nicht nur in der Öffentlichkeit und von Ärzten kontrovers diskutiert, sondern schuf reale Marktchancen. Neben die ärztliche Praxis traten Ratgeber, Dienstleistungen und Diätprodukte. Ende des 19. Jahrhundert kam mit den pharmazeutischen Schlankheitspräparaten noch ein weiteres Marktsegment hinzu.

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Einfache Annoncierung des Vogelschen Buches (Aachener Zeitung 1864, Nr. 230 v. 19. August, 4 (l.); Fürther Tagblatt 1865, Nr. 134 v. 6. Juni, 3)

Am Anfang der Banting-Rezeption im deutschsprachigen Raum stand weniger Bantings Brief als vielmehr die von Julius Vogel 1864 veröffentlichte Broschüre über Korpulenz. Sie präsentierte dem Publikum eine mit Kommentaren versehene Übersetzung der dritten Auflage von William Bantings „Letter on Corpulence“, seiner Vor- und Nachworte. Der Widerhall in Zeitungen und Zeitschriften war beträchtlich, diese bürgerlichen Medien popularisierten Ratgeber und Diät. Vogels Broschüre bot jedoch auch eine stupende Weitung und Interpretation des Themas. Die Modernität des Buches resultierte nicht nur aus einer prägnanten Darstellung der neuen Stoffwechselphysiologie und einer darauf gründenden wissenschaftlichen Rationalisierung der Banting-Kur. Die Modernität des Buches lag auch in der Profanisierung der Diät selbst. An die Stelle des zuvor stetig zu konsultierenden Arztes trat der gedruckte Ratgeber, trat die Broschüre. An die Stelle einer auf die bürgerlichen Klassen begrenzten medizinischen Dienstleistung trat tendenziell Selbsthilfe. Der Beerdigungsunternehmer William Banting bot ein Modell der bürgerlichen Selbstoptimierung, stand damit für das liberale Zeitalter. Damit verbunden war aber auch eine wachsende individuelle Verpflichtung, gegen Korpulenz eigenständig vorzugehen. Während Handel und Gaststätten mit nahrhaften Nahrungsmitteln und schmackhafter Kost lockten, entstand parallel ein weiterer Markt zur Eindämmung der Konsumfolgen. Dazwischen aber stand der Konsument in seiner Qual der Wahl.

Die Werbung für die Vogelsche Publikation spielte anfangs noch mit den gängigen Hierarchien der Zeit. Napoleon III. (1808-1873), wohlbeleibter Kaiser der Franzosen, erschien als Gewährsmann der Banting-Kur (Allgemeine Rundschau 1865, Nr. 2 v. 8. Januar, 15; Augsburger Tagblatt 1865, Nr. 82 v. 23. März, 706). Im Ringen um den Stellenwert von Bantings „Schrift eines Laien in der Medicin über Medicin“ (Ueber das sogenannte Banting-System gegen Fettleibigkeit, Pfälzer Zeitung 1865, Nr. 270 v. 17. November, 1-2, hier 1) spiegelte sich noch die Abgrenzung der studierten Ärzte gegenüber breiten Teilen der mittleren Gesellschaftsschichten. „Wir empfehlen allen Lesern das kleine viel Lehrreiches enthaltende Schriftchen“ (Rez. v. Vogel, Corpulenz, Graevell’s Notizen für praktische Ärzte 8, 1865, 127-128, hier 128) – das war nicht nur Empfehlung, sondern unterstrich die soziale Stellung der Wissensexperten. Die Verlagswerbung kippte diese Perspektive, argumentierte vermehrt aus Sicht der potenziellen Käufer. Das Buch sei „jedem Laien völlig verständlich“ und zeige „fern von aller medicamentösen Behandlung“ wie man „von seinem größten Feinde, der Fettsucht, nebst allen ihren Folgeübeln sicher geheilt werden könne und müsse“ (Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik 18, 1864, Nr. 109 v. 19. April, 1872). Kurze Zeit später setzte der Verlag den Willen zur Selbsthilfe schon voraus, annoncierte eine „für an starker Körperfülle Leidende unentbehrliche Schrift“ (Nürnberger Anzeiger 1866, Nr. 110 v. 21. April, 3). Die 1867 bereits in zehnter Auflage vorliegende Broschüre erlaubte zudem ein Andocken an tradierte Formen des Fastens: Beim „Beginn der Frühlungscuren [sic!] wird von Neuem auf diese praktisch bewährte Heilmethode hingewiesen“ (Badischer Beobachter 1867, Nr. 92 v. 18. April, 4). Vogel bot Wissenschaft zur Selbstanwendung, ermutigte die Korpulenten zu Kur und Kauf. Der Leipziger Verleger Ludwig Denicke wies parallel Buchhändler auf die damit einhergehenden Absatzchancen hin: „Verwenden Sie sich, ich bitte, nach Kräften, wie ich es meinerseits an Anzeigen nicht fehlen lassen werde“ (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1866, Nr. 67 v. 4. Juni, 1253). Gesundheitliche Selbstoptimierung und Geschäftsinteressen harmonierten, die unsichtbare Hand des Marktes schien das Gute zu gewährleisten.

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Broschürenwerbung (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1866, Nr. 33 v. 19. März, 672; Julius Vogel, Korpulenz, 22. Aufl. bearb. v. J[osef] Goliner, Berlin 1897, I)

Die Vogelsche Broschüre lag 1878, zwei Jahre vor dem Tod des Autors in der fünfzehnten Auflage vor. Nach dem Tode des Hallenser Mediziners wurde sie von dem Berliner, später Erfurter Mediziner Josef Golimer in neuem Verlag fortgeführt. Stand anfangs Bantings Brief im Zentrum, so nahm die wissenschaftliche Handreichung zur Selbstkur im Laufe der Zeit immer mehr Platz ein. In den 1880er Jahren etablierten sich weitere, physiologisch ganz anders begründete Diäten, die von Golimer gebührend beachtet wurden. Aus der Vogelschen Banting-Broschüre wurde nun eine allgemeine wissenschaftliche Handreichung über den Kampf gegen die Pfunde (Julius Vogel, Korpulenz, 21. Aufl. bearb. v J[osef] Golimer, Berlin 1889; Dass., 24. Aufl., Berlin 1904). Noch 1922 erschien eine Neuauflage mit dem bezeichnenden Umschlagtitel „Wie man wieder schlank wird“ (Dass., 25. Aufl., Oranienburg 1922). Während es Vogel anfangs um eine Popularisierung der Liebigschen Stoffwechselphysiologie ging, propagierte Golimer praktikable Diäten. Der Weg ging von einer Aufklärung der Laien zwecks Anwendung von Wissenschaft zu einer Handreichung für die unmittelbare Anwendung. Das Resultat der Diät trat in den Vordergrund, die Begründung aber zurück. Wissenschaftspopularisierung etablierte Vertrauen in Wissenschaft als solcher.

Julius Vogels Broschüre blieb Marktführer, doch sie war keineswegs ohne Konkurrenz. Schon 1865 propagierte eine weitere Broschüre eine leicht modifizierte Banting-Kur, doch der verlegerische Erfolg blieb aus. Der Wiener Arzt Hermann Fischer versprach im gleichen Jahr die „Heilung der Fettleibigkeit“ durch ein verbessertes Banting-System (Morgen-Post 1865, Nr. 40 v. 9. Februar, 4), legte aber erst ein knappes Jahrzehnt später mit einem nur mäßig erfolgreichen Ratgeber nach.

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Nachfolgepublikationen im deutschen Sprachraum (Kölnische Zeitung 1865, Nr. 132 v. 13. Mai, 3 (l.); Neue Freie Presse 1874, Nr. 3675 v. 18. November, 12)

Fischer repräsentierte damit schon den wachsenden Dienstleistungsmarkt für Diäten. Prototypisch hierfür stand der Münchener Naturheilkundler und Sanatoriumsbesitzer Josef Steinbacher (1819-1869). Auch dieser veröffentliche 1866 eine modifizierte Version der Banting-Kur (Asthma, Fettherz, Korpulenz (Fettsucht), deren Wesen, Verhütung und Heilung durch das Naturheilverfahren mit besonderer Berücksichtigung des Bantings-Systems, Stuttgart 1866). Darin verband er Bantings diätetische Grundsätze mit seiner seit Anfang der 1850er Jahre praktizierten und seit Anfang der 1860er Jahre breit dargelegten „Regenerationskur“. Diese kombinierte, verwissenschaftlichte und ergänzte die Wasser- und Hungerkuren von Schroth und Vincenz Prießnitz (1799-1851). Steinbacher plädierte in der 60-seitigen Abhandlung entsprechend für die „Anwendung der Banting-Kur in Verbindung mit den den Stoffumsatz mächtig befördernden Mitteln, wie Dunstbad, feuchte Wärme, Verringerung der Flüssigkeitszufuhr, Bäder, Bewegung“ (Bad Brunnthal bei München, Augsburger Neueste Nachrichten 1866, Nr. 95 v. 7. Mai, 1068). Er plädierte zudem für eine nur begrenzte Flüssigkeitszufuhr, nahm damit schon Empfehlungen des Münchener Mediziners Max Joseph Oertel (1835-1897) vorweg, die sich 1884 als sog. Oertel-Diät etablierten. Steinbachers Broschüre war Belehrung und Warnung zugleich, unmittelbar an Laien gerichtet. Befriedigt stellte er eingangs der zweiten Auflage fest: „Viele haben durch einfachen Wechsel der Nahrungsmittel und Getränke ihre Schwerathmigkeit und Fettanhäufung verloren und fühlen sich – die Vorschriften auch ferner festhaltend wie neugeboren“ (Steinbacher, Asthma, 2. Aufl., Augsburg 1868, IV).

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Banting-Kuren unter ärztlicher Aufsicht (Kölnische Zeitung 1866, Nr. 104 v. 15. April, 4)

Doch dabei blieb es nicht, denn Steinbacher war seit 1863 eben auch Besitzer der bei München gelegenen Naturheilanstalt Brunnthal (Erich Ebstein, Steinbacher: Josef St., in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 54, Leipzig 1908, 460-463, hier 462). Diese therapierte ein auch internationales gutbürgerliches Publikum und warb mit wirksamen Erfolgen gegen Fettsucht (National-Zeitung 1866, Nr. 186 v. 22. April, 16). Steinbacher griff mit seinem Angebot die medizinische Kritik an einer zu strikten und einseitigen Banting-Kur auf, bot ärztliche Begleitung mit garantiertem Erfolg (Regensburger Conversations-Blatt 1866, Nr. 133 v. 9. November, 4). Bis zu seinen frühen Tod 1869 pilgerten Hunderte in seine Anstalt, um angeleitet ihre Korpulenz zu bekämpfen.

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Medikalisierung der Banting-Kur (Neuburger Wochenblatt 1869, Nr. 64 v. 27. Mai, 312)

In Brunnthal wurde die modifizierte Banting-Kur auch danach weiter angeboten, auch wenn sich das Dienstleistungsangebot nach einigen Jahren wieder auf die Kernelemente der Regenerativkur, also Dampf- und Sonnenbäder sowie Gymnastik konzentrierte. Ergänzt wurde dies durch neue modischere Angebote, etwa galvanische Kuren oder pneumatische Drucktherapien. Zwar ebbte die Dienstleistung Banting-Kur nicht so schnell ab wie die öffentliche Begeisterung 1865/66, doch Ärzte und Sanatorien reagierten auf die veränderte Nachfrage. Banting-Kuren wurden in den späten 1860er Jahren vielerorts angeboten, teils ergänzt durch Pillen und Elixiere, deren Wirkungsversprechen wohl größer war als ihre nachhaltige Wirkung (Nationalzeitung 1866, Nr. 266 v. 12. Juni, 10). Ende der 1870er Jahre boten im Deutschen Reich nur noch wenige Heilanstalten Banting-Kuren an, darunter Dr. Hackers Thalkirchener Sanatorium und die Dr. Rosenfeldsche Hydrodiätetische Heilanstalt in Berlin (Aerztliches Taschenbuch NF 18, 1878, s.p.).

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Bekämpfung der Korpulenz in und außerhalb klinischer Anstalten (Allgemeine Hausfrauen-Zeitung 1, 1878/79, 76)

Diese Engführung war Folge einerseits der Privatisierung der Banting-Diät via Ratgeber, anderseits aber der Spezialisierung der Kurmedizin. Aufgrund seiner vielgestaltigen kalten Säuerlinge war der böhmische Kurort Marienbad bereits Mitte des 19. Jahrhunderts für Gewichtsreduktionen bekannt. Diese Marktstellung wurde mit Angeboten modifizierter Banting-Kuren weiter ausgebaut. Der dortige Brunnenarzt Carl Samuel Schindler (1840-1901) veröffentlichte 1867/68 einschlägige Broschüren (Die Banting-Kur in Verbindung mit den Marienbader Quellen, Marienbad 1867; Die Reduktionskur zur Verhütung und Heilung der Fettleibigkeit und Fettsucht sowie ihrer Folgekrankheiten mit Bezugnahme auf Marienbad, Wien 1868) auch um eine kaufkräftige internationale Klientel weiter an Marienbad zu binden.

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Banting-Kur im Kurort Marienbad (Allgemeine Wiener Medizinische Wochenschrift 13, 1868, 136)

Mehrere Brunnenärzte überwachten die Banting-Kuren vor Ort. Mehr noch: Für Enoch Heinrich Kisch (1841-1918) hatte der Londoner Beerdigungsunternehmer nur etwas propagiert, was in Marienbad mit seiner „mehr animalischen Kost“ (Allgemeine Wiener Medizinische Wochenschrift 12, 1867, 227) auf Grundlage der Arbeiten Jakob Moleschotts (1822-1893) und Friedrich Theodor Frerichs (1819-1885) schon seit langem praktiziert wurde. Historische Narrative und behauptete Traditionen waren marktrelevant, wurden deshalb systematisch gepflegt. Davon profitierten nicht nur Sanatorien, sondern auch die einschlägigen Hotels: „In Klingers Hotel (dem feinsten unter Allen) wird an einem separaten Tische auch das Mittagsessen nach dem Banting-System um 1 fl. verabreicht; es besteht in Fischen, einem Entrée-Braten, Gemüse, zweiten Braten und einigen Compots – Suppe und Rindfleisch kommt an diesem Tische niemals an die Reihe“ (Aussiger Anzeiger 1867, Nr. 23 v. 8. Juni, 181). Marienbad sicherte auch dadurch seinen Ruf als Stelldichein kosmopolitischer Eliten, denn diese konnten hier kuren und entspannen, abspecken und konvenieren. Doch die Kritik an dieser „Anarchie“ war drastisch: „Die Quantitäten, so da konsumirt werden, sind unglaublich, und die Qualitäten unfasslich. Keine Spur eines diätetischen Regimes, keine Ahnung von diätetischer Selbstbeherrschung. Schindler, Begründer und Beherrscher der Banting-Kur in Marienbad, wo weilen deine Gläubigen, wo deine Unterthanen?“ (W[ilhelm] Schlesinger, Von Kurplätzen. I., Wiener Medizinische Wochenschrift 24, 1874, Sp. 799-802, hier 801). Marienbad blieb ein Zentrum für Entfettungskuren bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, die Schindler-Barnayschen Marienbader Reduktionspillen und die Kischschen Lehrbücher über Korpulenz unterstrichen diesen Anspruch. Die Markenkraft der Banting-Kur trat gegenüber der Marke Marienbad zurück.

Die dritte Säule der Vermarktung der Banting-Kur bildeten schließlich Diätprodukte, wozu auch die während der Kur gereichten und in noch größerem Maße versandten Heilwässer zu zählen sind. Ab Ende 1865 gab es in Wien Banting-Zwieback zu kaufen, eine „jetzt so zeitgemäße Zwieback-Sorte“ (Neues Fremden-Blatt 1865, Nr. 229 v. 31. Dezember, 17). Typisch für die Marktbildung war der öffentlichkeitswirksame Streit über die Diätprodukte. Gewiss, Bantings Speisezettel enthielt „biscuits“. Aber die physiologische Erklärung der „low carb“-Diät hatte doch jedem Anwender klar gemacht, „daß Brod ihm Gift ist“ (Bantingiana, Das Vaterland 1866, Ausg. v. 28. Februar, 3). Doch wer wollte so beckmesserisch sein, wenn man gewohnt war, Brot in seinen Rotwein zu tunken? Nun gab es dazu eine gesunde Alternative, wurde das schlechte Gewissen durch ein einschlägig beworbenes Produkt beruhigt. Den Banting-Zwieback gab es jedenfalls noch bis mindestens Frühling 1866 (Konstitutionelle Volks-Zeitung 1866, Nr. 12 v. 18. März, 8). In Großbritannien wurden Banting-Gebäcke noch über Jahrzehnte angeboten (The Lancet General Advertiser 1877, Ausg. v. 4. August, s.p.).

24_National-Zeitung_1866_04_15_Nr174_p04_Der Kamerad_05_1866_p184_Diaetprodukte_Gebaeck_Biscuits_Banting_Emil-Thiele_Zwieback

Inhalt unklar – Trendprodukte mit Banting-Bezug (Nationalzeitung 1866, Nr. 162 v. 8. April, 11 (l.); Der Kamerad 5, 1866, 184)

Der Name „Banting“ war eben nicht nur bekannt, sondern gewann auch eine eigene Markenqualität. Deutsche Anbieter folgten dem Trend, boten 1866 ebenfalls Banting-Biscuits an. Parallel wurde „Banting“ auch für völlig andere Produkte verwendet. Banting-Halskragen bzw. Banting-Krawatten erheischten eben mehr Aufmerksamkeit als rein sachlich beschriebene Angebote (Figaro 13, 1869, Nr. 5 v. 30. Januar, 6). Diese für eine Konsumgesellschaft übliche reflexive Vermarktung, also das Anknüpfen an Bekanntes und ein damit verbundener Transfer auf andere Angebote, zeigte sich gar in der Miederwerbung der Pariser Madame Weiß. Frauen hätten ihre Leibesform zu kultivieren: „Die schönste und schlankeste Taille kann doch zur vollen Geltung erst durch das Mieder gelangen, und rascher als eine Banting-Cur wird ein gutes Mieder im Stande sein, eine corpulente Büste auf das Ebenmaß der Schönheit zurückzuführen“ (Neue Freie Presse 1867, Nr. 1101 v. 24. September, 9). In solchen Aperçus erkennt man die durchdringende Kraft neuer Ideen, hier solcher der Körperformung und -kontrolle.

Die Umwertung der Dicken und des dicken Körpers

Die Debatten über die Banting-Kur, ihre Wirksamkeit, ihre Gefahren und ihre Marktchancen blieben nicht folgenlos. Sie verstärkten eine seit Mitte des Jahrhunderts bestehende, sich im Fluss befindende Umwertung des Körpers und seiner Leistungsfähigkeit. Und sie übertrugen vornehmlich in den angelsächsischen Staaten bestehende Denkmuster nach Kontinentaleuropa und insbesondere in die deutschen Lande. Dadurch nahm die Akzeptanz eines korpulenten Körpers langsam ab, mochte eine tolerable Fülle auch noch erträglich erscheinen. Festzuhalten ist, dass die Pathologisierung des Korpulenten eben nicht durch die Medizin dieser Zeit vorangetrieben wurde. Movens war vielmehr eine bürgerliche Öffentlichkeit, die durch Marktangebote bisher kaum bekannte Wahlmöglichkeiten erhielt. Mediziner und Physiologen zogen nach, gewiss. Doch sie waren immer auch Getriebene von Öffentlichkeit und Markt. Die praktischen Konsequenzen der Stoffwechselphysiologie wurden von Wissenschaftlern eben langsamer gezogen als von Praktikern und Betroffenen.

Korpulenz war in der Zeit des Übergangs vom Fasten zur Diät anfangs nichts Schlimmes, sondern Naturgeschehen: „Ein ‚Wohlgenährter‘ wurde bis heute für einen Mann gehalten, der ein warmes Herz und gutmüthige Sinnesart besitzt; man achtete ihn der Freundschaft werth, denn ein ‚dicker‘ Freund war von jeher gleichbedeutend mit ‚treuer‘ Freund.“ Korpulente, so die aufstrebende Statistik, begingen weniger Verbrechen, neigten weniger zum Selbstmord. „So kann man denn die korpulenten Leute weit gediegenere Grundpfeiler der staatlichen Ordnung nennen als die mageren, zumal da letztere sich weit schneller revolutionären Ideen und Handlungen anschließen sollen als die ersteren“ (beide Zitate n. Diät, 1865, 44). Nun, es sollte noch dauern, bis sich das Bild des dürren fanatischen Anarchisten und Bombenlegers in der Öffentlichkeit etablierte, gefolgt vom kaum weniger bedrohlichen Anblick der spindeldürren Frauen mit ihren Ansprüchen auf universitäre Bildung und Wahlrecht. Doch die Praxis der Banting-Kur stand für Bewegung innerhalb des Bürgertums. Korpulenz wurde zunehmend als Schwäche gedeutet, nicht nur körperlich, sondern insbesondere als eine des Charakters. Der enge Konnex mit dem Phlegma war kaum mehr wegzudenken, Körperkontrolle und Leistungsfähigkeit rückten enger zusammen. Die Trennung von natürlicher Wohlbeleibtheit im Alter und einer Fettleibigkeit schon in jüngeren, geschäftstüchtigern Jahren erlaubte allerdings unterschiedliche Verhaltensweisen gegenüber den „ungehörigen Fettmassen“ (Bock, Recept, 1866, 151).

25_Fliegende Blaetter_044_1866_p104_Koerper_Korpulenz_Buergertum

Der dicke Bürger kritisch betrachtet (Fliegende Blätter 44, 1866, 104)

Die Banting-Manie stand für Selbstreflektion innerhalb des Bürgertums. Wirtschaftlich hatte man den Adel längst überholt, Bildung und Nationalstolz prägten es, die Übernahme auch der politischen Macht stand scheinbar kurz bevor. Disziplin war Bürgerpflicht, nicht mehr fremdbestimmt, wie bei Rekruten, sondern selbstbestimmt. Ein vorzeigbarer Körper war Teil dieses Denkens, war Grundlage der beträchtlichen Resonanz der Banting-Kur. Das zeigt sich insbesondere an der Peripherie der bürgerlichen Gesellschaft, etwa am Zierrat des Bürgers, nämlich seiner Gattin. Bezeichnend waren etwa Berichte über aufgelöste Verlobungsversprechen gegenüber dicken Damen. Ein Verlobter begründete dies brieflich: „Sie sind in ein Ungeheuer verwandelt und flößen mir Grauen ein. Ich habe eine Rose geliebt, aber keinen Kürbiß, keine Biertonne, keinen Kartoffelberg. Ihr Gesicht glich früher einer Lilie, jetzt ist es ein Schinken, der in Paradeissauce schwimmt. Selcher und Brauer werden sich gewiß um solche Reize reißen. Ich mag aber mit keinem keuchenden Fleischberg das Lager theilen.“ Der Verlobte fuhr zurück nach Hause – und in einem weiteren Schreiben stand abschließend die Zeile: „Brauchen Sie die Banting-Hungerkur, vielleicht bekommen Sie wieder ein menschliches Aussehen“ (beide Zitate n. Konstitutionelle Volks-Zeitung 1866, Nr. 50 v. 9. Dezember, 6). Solch strikte Äußerungen waren gewiss ungewöhnlich, doch sie spiegelten die möglichen Konsequenzen eines Lebens abseits „größter Mäßigkeit im Essen und Trinken“ (Felix Balden, Die weibliche Schönheit, Politische Frauen-Zeitung 1870, Nr. 6 v. 6. Februar, 174-175, hier 174). Parallel etablierte sich die schon von Banting erwähnte öffentliche Diskriminierung dicker Bürger durch unterbürgerliche Schichten: Man fühlte sich getroffen, wenn man „auf der Straße von Hinzen und Kunzen auf den (allerdings corpulenten) Bauch geklopft wird und [man, US] hören muß: ‚Nein, werden Sie dick!‘ oder wenn ihn die Müllers und Schulzes mit den Redensarten verfolgen: ‚Sie müssen nach Carlsbad‘; ‚Wollen Sie denn nicht die Banting’sche Entfettungscur vornehmen?‘“ ([Carl Ernst] Bock, Strafpredigt gegen rücksichtslose Leute. 1. Für Die im Trink- und Speisehause, Die Gartenlaube 1866, 814-816, hier 814-815).

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Selbstekel angesichts fehlender Selbstkontrolle (Fliegende Blätter 53, 1870, 205)

Auch im Theater, dieser Bildungs- und Unterhaltungsstätte, wurde Körperlichkeit nun anders bewertet. Ein Wiener Kritiker echauffierte sich einschlägig: „Bei wie viel Pfund Körpergewicht hört jede Nachsicht auf? Darf ein Theaterdirector zu einer Stimme zwei bis drei Centner Zuwage geben? […] Eine Sängerin, die wie eine Bombe kugelrund und gefüllt und zum Platzen reif, wie diese, uns auf das Theater geschleudert, d.h. gerollt wird?“ (Frank, Zu dick!, Wiener Sonn- und Montag-Zeitung 1869, Nr. 72 v. 16. August, 1-2, hier 1). Eine Banting-Kur schien unverzichtbar. Die Folgen für viele Sängerinnen und Schauspielerinnen waren Hungerkuren – die erst später zu einem öffentlichen Spektakel männlicher Hungerkünstler werden sollten. Den Zeitgenossen waren die Konsequenzen für die Betroffenen klar, auch wenn sie humoristisch umtänzelt wurden: „Möge doch die Künstlerin Maß zu halten verstehen und nicht in dem Wunsche, stets in schlanker ätherischer Schöne dahinzuschweben, sich soweit vergessen, daß zuletzt einer ihrer Verehrer die klagende Kunde den Freunden bringen wird: ‚Boulotte ist verloren; heute sind blos einige kleine geisterhafte Fragmente von ihr vorgefunden worden. Auf dem Toilett-Tischchen der Unglücklichen lag ein Buch: ‚Banting, oder die radicale Embonpoint-Cur‘“ (Aus der Wiener Theaterwelt, Die Presse 1867, Nr. 314 v. 15. November, 14). Kaum verwunderlich, dass parallel dicke Damen nicht nur im Prater, sondern auf vielen Volksfesten präsentiert wurden (M. A. Grandjean, Wiener Silhouetten, Tagespost [Graz] 1865, Nr. 155 v. 9. Juli, 1). Dicke wurden dem Pöbel, den Ungebildeten vorgeführt – während die bürgerliche Norm zunehmend dünnere, nicht ausufernde Formen forderte. Banting-Kuren erlaubten die Umkehr, doch zum Ideal wurde zunehmend Prävention, moderate Ernährung und eine entsprechende Denkweise. Es ging bei der Banting-Kur nur vordergründig um die körperliche Hülle. Korpulente konnten “äußerlich, wie unsere Kartoffelmenschen, recht wohlgenährt aussehen“ (Müller, 1865, 78), waren innerlich aber Schwächlinge. Die Banting-Kur war ein Wegmarker in eine effiziente und gesunde Welt. Doch sie erforderte Innenleitung als „zuverlässige Schildwache“ (Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i.Br. 1873, 219). Dies gelang nur ansatzweise, nicht nur aufgrund des Abebbens des „Bantingismus“ in den späten 1860er Jahren. Zivilisationskritische Töne waren eine Folge dieser am Körper manifesten Brüchigkeit bürgerlichen Daseins. Denker wie Friedrich Nietzsche (1844-1900) reagierten hierauf.

27_Fliegende Blaetter_078_1883_p184_Diaet_Koerper_Korpulenz_Ratgeber

Eine Dame, aus der Zeit gefallen (Fliegende Blätter 78, 1883, 184)

Verwissenschaftlichung: Die Physiologie der Korpulenz

Doch nicht nur Philosophen reagierten. Für Naturwissenschaftler war Banting ein Ärgernis, zugleich aber eine Chance. Wissenschaft ist ein Modus der Umwandlung von Nicht-Wissen in bezahlte Forschung. Entsprechend beließen es die vermeintlichen Experten nicht bei Schmähungen und Vorsichtsmaßregeln. Sie sahen durchaus die Leerstellen ihres Wissens, wussten, dass die Heilkunde trotz aller Fortschritte, „noch heute mehr ein Wissen und Denken als ein Können und Handiren ist“ (Paul Niemeyer, Physikalische Diagnostik, Erlangen 1874, 83). Die Banting-Kur war eine Herausforderung, zumal für die weltweit führende Münchener Schule der Physiologie mit ihrem Vorreiter Justus Liebig. Sie bestätigte einerseits deren Kernannahmen, war in gewisser Weise Höhepunkt des imaginären Kultes von animalischem Eiweiß und Fleisch. Auf der anderen Seite zeigte die Diät-Praxis, wissenschaftlich ja ein Massenexperiment, dass die Körperentwicklung keineswegs so einfach war, wie diese mit der Maschinenmetapher der Physiologie beschrieben wurde.

Die Aufgabe des Arztes war demnach ähnlich der eines Lokführers: „Er muß den Verbrennungsproceß, welchem unser Körper beständig ausgesetzt ist, bis zu dem Grade steigern, bei welchem auch das im Uebermaaß vorhandene Fett verbrannt wird. 2) Er muß die Zufuhr von neuem Brennmaterial so lange einschränken, bis der Ueberschuß des angehäuften Fettes durch die Verbrennung verzehrt ist“ (Niemeyer, 1866, 29). Die Banting-Kur verringerte nun die Menge der sog. Respirationsstoffe zugunsten der sog. plastischen Stoffe – oder, im uns besser bekannten Duktus, die Menge der Kohlenhydrate und Fette zugunsten des Eiweißes. Beide Stoffklassen hatten nach damaliger Ansicht höchst unterschiedliche Aufgaben, die mit den sprechenden Begriffen eingefangen wurden. Die plastischen Stoffe dienten dem Körperaufbau, schufen Muskeln, stärkten die Kraft des Körpers. Die Respirationsstoffe hatten dagegen die Aufgabe, den Körper, die Atmung selbst am Laufen zu halten, die Maschinerie zu schmieren (Vogel, 1864, 35-37). Doch schon die Nutzung derartiger Sammelbegriffe dokumentiert die nur geringen Detailkenntnisse über Fettsäuren, Aminosäuren oder der Saccharide, ganz zu schweigen von Mineralstoffen und den noch nicht bekannten Vitaminen. Die Banting-Kur popularisierte das einfache Grundschema und die damit verbundenen Wertungen: Seither “theilt bald jeder Laie die Nährstoffe so ein, wie es die Chemiker, namentlich Liebig, schon vor vielen Jahren gethan und sagt von einer Classe der Nährstoffe ‚sie geben Kraft‘, von der anderen ‚sie machen fett‘“ (Joseph Weil, Abhandlung über die Krankheiten des Magens, Constanz 1868, 41).

Die Wirksamkeit der Banting-Kur konnte dadurch einfach erklärt werden. Erhöhte Eiweißzufuhr bei gleichzeitiger Reduktion der Kohlenhydrate und Fette änderte deren Relation, zwang den Körper, die plastischen Komponenten zu stärken. Daher wurde der Stoffwechsel intensiviert, mehr Sauerstoff in den Körper gezogen, aufgespeichertes Fett dadurch verbrannt. Kohlenhydrate konnten dieses ansatzweise ersetzen. Entsprechend musste das Ernährungsregime länger beibehalten werden, zumal sich der Prozess dann beschleunigte. Mehr Eiweiß führte zu vermehrtem Fettabbau, geringere Kohlenhydratversorgung verringerte den Ersatz. „Auf diese Weise steigert sich nach und nach Alles, um den wunderbaren Effekt hervorzubringen“ (Carl v. Voit, Ueber die Theorien der Ernährung der thierischen Organismen, München 1868, 33 – auch zuvor). Die innere Dynamik dieser Stoffwechselprozesse erklärte die Gefahren einer forcierten Diät und den Ruf nach ärztlicher Konsultation (Ferdinand Francken, Ein Beitrag zur Lehre von der Blutgerinnung im lebenden Organismus und ihre Folgen, Dorpat 1870, 69).

Doch diese simple Mechanik entsprach einem Modelldenken, das schon bei vielen Tierexperimenten nicht klappte. Die Vorgänge beim Stoffersatz waren unklar, insbesondere die Beziehung zwischen Kohlenhydraten und Fett warf Fragen auf. Warum unterschiedliche Stoffgruppen, wenn sie doch scheinbar gleiche Funktionen besaßen? Warum ein künstlicher Eingriff in die von der Natur doch so trefflich eingerichteten Regelkreise? Warum die „goldene Mittelstraße“ (C. Ludwig, Vegetarier und Bantingisten. Die Nothwendigkeit diätetischer Versuche am Menschen, Im neuen Reich 1, 1871, T. II, 601-611, hier 602) einer Mischkost verlassen? Warum keine individuell erstellten Diäten, passend für den Einzelnen? (Friedrich Wilhelm Beneke, Grundlinien der Pathologie des Stoffwechsels, Berlin 1874, 71). Solche Fragen kamen nicht nur von praktischen Ärzten, sondern auch von Physiologen. Die Banting-Kur habe ihre Meriten, doch die „Banting-Propaganda“ (Ders., Balneologische Briefe zur Pathologie und Therapie der constitutionellen Krankheiten, Marburg/Leipzig 1876, 69) führe in die Irre. Eingriffe in die Lebensprozesse würden angesichts begrenzten Wissens „immer auf Kosten der Gesundheit und Leistungsfähigkeit“ (Karl Reklam, Lebensregeln, Berlin 1877, 62) gehen. Die Diskussion innerhalb der Wissenschaft folgte damit in gewisser Weise dem Geschehen in der Diät-Praxis, wo die Banting-Kur zunehmend seltener angewandt wurde. Die Bürger lernten mit den neuen Wahlmöglichkeiten umzugehen, lernten vorsichtiger zu werden, mochte das Körperfett auch schwinden „wie der Schnee vor der Märzensonnen“ (Fedor F. Erisman, Gesundheitslehre für Gebildete aller Stände, München 1878, 199).

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Dem Fett auf der Spur: Propagierung der Stoffwechselversuche Carl Voits (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1884, Nr. 73 v. 27. März, 1472 (l.); Fliegende Blätter 81, 1884, Nr. 2037, Beibl., 5)

Parallel wurde die physiologische Grundlagenforschung intensiviert (H[ermann] Immermann, Fettsucht in: H[ugo] v. Ziemssen, Handbuch der Speciellen Pathologie und Therapie, Bd. 13, T. 2, Leipzig 1876, 283-414). Carl von Voit (1831-1908) veröffentlichte die Ergebnisse seiner langjährigen Versuche schließlich 1881 (Handbuch der Physiologie des Gesammt-Stoffwechsels und der Fortpflanzung, Leipzig 1881), schob 1884 noch Teilabdrucke seiner Studien zur Fettablagerung nach. Er attestierte darin Vogel eine „ungenügende Erklärung“ (ebd., 317, FN 1), doch dieses Verdikt galt auch seinen eigenen früheren Ausführungen. Der Stoffwechsel war offenkundig komplexer als zu Bantings Zeiten angenommen, vor allem die Interaktion von Fett und Kohlenhydraten unterminierte das simple Ideengebäude Liebigs, auch wenn sie den Gesamtbau nicht zum Einsturz brachte. Die Quintessenz wurde rasch in die Öffentlichkeit getragen: „Durch Kohlenhydrate […] wird direct kein Fett gebildet, wol aber durch seinen Einfluß Fett aus dem Eiweiß abgespaltet. Fett, in richtigem Maße genossen, begünstigt den Fleischansatz und verhindert das Zustandekommen der Fettleibigkeit“ (Banting und Ebstein, Neue Freie Presse 1883, Nr. 6851 v. 23. September, 1-2, hier 2). Die praktischen Konsequenzen für Korpulente waren offenkundig: „Sie dürfen wieder Brod, Gemüse, Butter, Eier, Lachs u. s. w. essen. Professor Voit in München, einer unserer ersten Physiologen, hat nachgewiesen, daß diese Nahrungsmittel durchaus nicht in dem Maße die Fettbildung begünstigen, wie man früher angenommen. Gemischte Kost ist also auch für die Fettleibigkeit die zuträglichste“ (Durlacher Wochenblatt 1882, Nr. 144 v. 7. Dezember, 2).

29_Allgemeine Zeitung_1882_10_13_Nr286_Beil_p4214_Korpulenz_Ebstein_Diaet_Banting

Diese Ergebnisse bedeuteten nicht das Ende der Banting-Kur. Doch sie ergänzten und ersetzen sie, just weil sie einseitig und wirksam war: „Die Bantingkur stellt eben zu große Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des fettleibigen Menschen“ (Emil Pfeiffer, Die Corpulenz und eine neue Cur derselben, Industrie-Blätter 20, 1883, 3-4, hier 3). Voit selbst empfahl sie, doch sollte man nach ersten Wirkungen in einer zweiten Phase neben dem Eiweiß auch verstärkt Kohlenhydrate verzehren. Auf der differenzierteren physiologischen Grundlage erhöhte sich die Zahl wissenschaftlich fundierter Diäten Anfang der 1880er Jahre rasch. Die Oertel-Kur bzw. die praktisch deckungsgleiche Schweninger-Kur empfahlen Fett- und Flüssigkeitszufuhr zu vermindern. Die physiologisch und klinisch deutlich breiter abgesicherte Ebstein-Diät zielte auf möglichst wenig Kohlenhydrate, erlaubte aber Fette. Diese pluralen Diäten konkurrierten im medizinischen Markt, riefen anfangs auch neuerliche Diätmoden hervor. Die Konsumenten nutzten diese, waren zugleich überwältigt: „Montags wird gebantingt, / Dienstags wird vegetarianert, / Mittwochs geebsteint, / Donnerstag geörtelt, / Freitags geschwenigert und die Sonnabende halte ich mir vorläufig noch frei für die nächste Entfettungsmethode, die doch über kurz oder lang entdeckt werden wird. So habe ich wenigstens noch die Sonntage für mich und führe an ihnen ein menschenwürdiges Dasein“ (Schmauser, Ueber Selbst-Entfettung, Kladderadatsch 37, 1884, 146).

An die Bedeutung der Banting-Kur und der Banting-Manie der 1860er Jahre konnten diese neuerlichen Moden jedoch nicht ansatzweise anknüpfen. Diese erste Diät war noch umfassend, verband virtuelle und reale Körper, koppelte Physiologie und Wohlgeschmack. William Bantings Kur gegen Korpulenz unterstrich noch eindringlich den janushaften Charakter von Essen und Ernährung, das mit der Spezialisierung der Wissenschaften immer stärker auseinanderanalysierten Wechselspiel von Natur und Kultur. Die erste Diät war Teil des Aufstiegs eines meritokratischen Bürgertums, das nicht mehr allein aufgrund ausgeprägteren Geschäftssinns und höherer Bildung gesellschaftliche Führung beanspruchte, sondern auch wegen leistungsfähigerer, gepflegteren und repräsentativerer Körper. Die Banting-Kur war Kind einer Konsumkultur, die nicht nur Güter, sondern auch Heil und Glück versprach, die dies in immer neue Dienstleistungen und Güter ummünzte. William Banting öffnete mit seinem „Letter on Corpulence“ 1863 aber auch die Pforte in eine neue Welt der Körpermodellierung und Körperkontrolle, in eine Welt des unausgesprochenen Zwangs, des Wettbewerbs um relevante Äußerlichkeiten. Fast 160 Jahre ist dies her, doch auch Sie, verehrter Leser, verehrte Leserin, stehen im breiten Schlagschatten dieser Vergangenheit.

Uwe Spiekermann, 30. März 2022

Das Scheitern der „guten“ Bakterien: Die Acidophilusmilch und der Reformjoghurt Saya

Bakterien sind Krankheitserreger, sind Feinde des Menschen. Das war das Credo der Mikrobiologie, der Bakteriologie, als sie seit den 1870er Jahren ihren raschen Siegeszug begann. Geleitet von den Ideen und der praktischen Arbeit von Louis Pasteur (1822-1895) und Robert Koch (1843-1910) wurden zahlreiche Infektionskrankheiten auf ihre kausalen Ursachen zurückgeführt. Der Mensch war offenbar Angriffspunkt eine Mikrowelt des Schreckens, denn Bakterien konnten zu Milzbrand und Cholera, Typhus und Paratyphus, Tuberkulose und Pest, Lungenentzündungen und Keuchhusten, Scharlach und Diphterie, Fleckfieber und Ruhr, etc. führen (Silvia Berger, Bakterien in Krieg und Frieden. Eine Geschichte der medizinischen Bakteriologie in Deutschland 1890-1933, Göttingen 2009). Immer weitere Einbruchsschneisen wurden im späten 19. Jahrhundert entdeckt, der Blick auf die bakteriellen Erreger von Tier- und Sexualkrankheiten geweitet.

Die kausale Koppelung von Bakterien und Krankheiten schuf nicht nur Klarheit, sondern erlaubte auch Gegenmaßnahmen. Impfstoffe wurden entwickelt, wappneten große Gruppen gegen die drohenden Gefahren, verhießen den Sieg über den imaginären Feind (Malte Thießen, Immunisierte Gesellschaft. Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2017). Bauten, Infrastrukturen und Versorgungsketten konnten zielgerichtet umgestaltet werden. Die neue Wissenschaft der Hygiene begleitete dies, gab Ratschläge für persönliche Gefahrenminderung. Neue Sicherungssysteme verbesserten die Alltagsversorgung, die bakteriologische Milch- und Fleischbeschau waren hierbei Vorreiter. Parallel zerbrachen tradierte Vorstellungen von Krankheit und Körper, wurden die Menschen in einen neuartigen Bezug zur Natur gesetzt (Philipp Sarasin, Die Visualisierung des Feindes. Über metaphorische Technologien der frühen Bakteriologie, Geschichte und Gesellschaft 30, 2004, 250-276). Das Unsichtbare und Untergründige wurde bewusst, das Geschehen in Luft und Wasser, Darm und Zellen ward öffentlich thematisiert. Wichtiger noch: Zahllose neue Märkte, Dienstleistungen und Produkte entstanden, schufen Wachstum und Wohlstand durch zivile Vernichtung.

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Markt versus Bakterien: Anzeige für ein aseptisches Mundwasser 1890 (Berliner Tageblatt 1890, Nr. 163 v. 30. März, 22)

Und doch, trotz aller Erfolge trogen viele mit dem Aufstieg der Mikrobiologie verbundene Hoffnungen. Viele Krankheiten konnten mit diesem Wissen nicht erklärt und eingedämmt werden. Aseptische Reinheit konnte wiederum eine Krankheitsursache sein, wie die von sterilisierter Säuglingsmilch hervorgerufene Möller-Barlow-Krankheit schlagend belegte. Zudem blieben die Mikrowelten trotz aller Entdeckungen großenteils unbekannt, Vitamine und Viren harrten noch ihrer Entdeckung.

Joghurt oder das Aufkommen des „guten“ Bacillus bulgaricus

Zugleich zeigte sich, dass Bakterien nicht allein Feinde, sondern auch unverzichtbare Bestandteile eines gedeihlichen und gesunden Lebens waren. Dies jedenfalls war die Quintessenz weiterer, vor allem vom französisch-russischen Bakteriologen Elie Metchnikoff (1845-1916) popularisierten Forschungen (Elias Metschnikoff, Studien über die Natur des Menschen. Eine optimistische Philosophie, Leipzig 1904; Ders., Beiträge zu einer optimistischen Weltauffassung, München 1908). Er war ein gläubiger Naturwissenschaftler, der mittels genauer Kenntnis der Mikrowelten Entzündungen abmildern, Stoffwechselprozesse optimieren und das Leben verlängern wollte. Wohlbedacht konnten Bakterien auch Helfer werden, Heinzelmännchen des Wohlbefindens und der Gesundheit. Das bis heute bekannteste Beispiel hierfür war der von Metchnikoff propagierte Joghurt (Scott Podolsky, Cultural Divergence: Elie Metchnikoff’s Bacillus Bulgaricus Theraphy and His Underlying Concept of Health, Bulletin of the History of Medicine 72, 1998, 1-27).

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Lobpreis der „guten“ Bakterien (Kladderadatsch 61, 1908, Nr. 2, Beibl. 2)

Joghurt, so Metchnikoff und auch andere Forscher des Pariser Institut Pasteurs, enthielt eine Bakterienart, die er nach der Herkunft des untersuchten Fermentes Bacillus bulgaricus nannte. Verzehr von Joghurt führe diese ins Körperinnere ein. Im Darm nähmen sie dann den Kampf mit den anderen, tendenziell „bösen“ Bakterien auf, hielten sie nieder. Nachschiebender Konsum verhindere „Darmfäulnis“ und Verstopfung – und all die gravierenden Folgen einer Verseuchung des Körpers. Bulgarien war dabei nicht nur Chiffre für die Weisheit des Ostens und die Herkunft des Untersuchungsmaterials. Es stand auch für eine noch intakte bäuerliche Kultur, für einen anderen, gleichsam natürlichen Lebensstil. Entsprechend langlebig waren die bulgarischen Bauern, erreichten teils 80, teils über 100 Lebensjahre. All das waren Mythen, doch sie entsprachen einer Sehnsucht im Fin de Siècle, in den von Konventionen und dem Markt geprägten Großstadtkulturen des Westens. Breite Debatten schlossen sich an, durchaus im Einklang mit positiver Eugenik. Metchnikoff jedenfalls gab einfache Antworten auf komplexe Fragen: Ein gesundes langes Leben erfordere einen entsprechenden Lebensstil. Doch im Kern bedeutete dies den Kauf und steten Verzehr eines neuen, zuvor unbekannten Produktes. Es galt nicht anders zu essen (und zu leben), sondern es galt anderes zu essen, vor allem aber zu kaufen. Den Rest erledigten die „guten“ Bakterien.

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Joghurt zwischen „Gesundheitsmilch“ und Ferment für den Hausgebrauch (Vorwärts 1912, Nr. 144 v. 23. Juni, 19 (l.); Münchner Neueste Nachrichten 1913, Nr. 305 v. 18. Juni, 6)

In ganz Europa war dies Auftakt für intensive Forschung einerseits, breitgefächerte Marktbildung anderseits (Uwe Spiekermann, Twentieth-Century Product Innovations in the German Food Industry, Business History Review 83, 2009, 291-314, hier 300-302). Joghurt etablierte sich als Functional Food, also als Hybrid von Nahrung einerseits, Arznei anderseits (Uwe Spiekermann, Functional Food: Zur Vorgeschichte einer „modernen” Produktgruppe, Ernährungs-Umschau 49, 2002, 182-188, hier 185-186). Ab 1908 boten zahlreiche städtische Molkereien Joghurt einem vornehmlich bürgerlichen Publikum an. Hinzu kam ein breiter Markt der Selbstbereitung: Zahlreiche Versandgeschäfte offerierten Joghurtkulturen und -brüter, Glasfläschchen und Rezepte inklusive. Joghurtprodukte folgten, etwa mit „gutem“ Joghurt vermischte Butter oder aber einschlägig angereicherte Bonbons oder Käsevarietäten. Marktdifferenzierung also, wie es sie schon bei Schokolade oder Nährsalzen gegeben hatte. Auch bei den Milchprodukten hatte es Vorläufer gegeben, sei es bei der Einführung von Kumys, sei es bei der Etablierung von Kefir. Joghurt stand eben nicht allein, sondern war Teil einer tief gefächerten Gruppe von Sauermilchprodukten, Kommerzimporte vorrangig aus Russland und dem Orient, die nun allesamt als „Kampfstoffe gegen die Darmfäulnis“ (M[ax] Düggeli, Die Mikroflora der Sauermilcharten und deren Verwendung, Schweizerische Zeitschrift für Allgemeine Pathologie und Bakteriologie 1, 1938, 273-312, hier 282) galten. Joghurt konnte sich allerdings deutlich breiter etablieren und blieb als Naturjoghurt ohne Zucker und Fruchtzubereitung Teil des urbanen Konsumangebots vor dem Ersten Weltkrieg.

Damit war keine grundlegende Änderung der Ernährungsweise verbunden. Joghurt blieb Ergänzungsspeise, vorwiegend im Sommer. Das lag zum einen an dem üblichen Wildwuchs bei den Angeboten: „Erfolgen standen Versager gegenüber. Ein objektives Urteil war um so schwerer zu erlangen, weil die verschiedensten Sauermilchen unter dem Namen Yoghurt benutzt wurden und weil Laien und Kurpfuscher sich am Kampfe beteiligten“ (Julius Kleeberg, Die therapeutische Bedeutung von Yoghurt und Kefir in der inneren Medizin, Deutsche Medizinische Wochenschrift 53, 1927, 1093-1095, hier 1093). Kontrollverfahren wurden entwickelt, Nahrungsmittelchemiker unterstrichen ihren Anspruch als Wächter des Marktes und Beschützer der Konsumenten. Einzelne Marken etablierten sich, am bekanntesten gewiss der in Lizenz in vielen Großstädten produzierte Dr. Axelrod Joghurt. Auch das Versandgeschäft konzentrierte sich nach dem kurzen Boom auf wenige verlässliche Anbieter, etwa die Münchner Firma Dr. Klebs. Joghurt stand demnach für eine erfolgreiche Nahrungsmittelinnovation, mehr nicht. Die nutritive Revolution war ausgeblieben, der Siegeszug des „Guten“ blieb verhalten.

Der Bacillus acidophilus: Ein konkurrierendes „gutes“ Bakterium

Warum siegte die Trägersubstanz der „guten“ Bakterien nun nicht? Trägheit, Kosten, Verfügbarkeit, Geschmack? All dies, gewiss. Doch im Kern bestand Skepsis gegenüber den wissenschaftlichen Versprechungen. Verständlich angesichts der offenkundige Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Bulgarien mochte für manche eine Bauernidylle sein, doch die Öffentlichkeit sah es als ein rückständiges Land mit einem wankelmütigen König, als Unruhestifter auf dem Balkan. Weniger bekannt, doch zunehmend wichtiger wurden bakteriologische Rückfragen an das von Metschnikoff präsentierte Wirkungskonzept.

Einerseits ergaben Dutzende von Untersuchungsreihen, dass die vorhergesagte Harmonie im Darm auch nach regelmäßigem Joghurtverzehr nicht eintrat. Anderseits häuften Bakteriologen und Kinderärzte immer genauere Kenntnisse über die menschliche Darmflora an (Forschungsüberblick bei Leo F. Rettger und Harry A. Cheplin, Treatise of the Transformation of the Intestinal Flora with special Reference to the Implantation of Bacillus Acidophilus, New Haven 1921, 1-10). Einen Durchbruch bildete schon 1900 die Entdeckung eines neuen Darmbakteriums durch den österreichischen Pädiater Ernst Moro (1874-1951) (Ueber den Bacillus acidophilus, Jahrbuch für Kinderheilkunde 52, 1900, 38-65). Er benannte es plakativ Bacillus acidophilus, also „säureliebendes Milchbazillus“. Säurefest besiedelte er den menschlichen Darm. Eine damit versehene, „geimpfte“ Milch hatte offenbar Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden (Karl Leiner, Die Bakterien als Erreger von Darmerkrankungen im Säuglingsalter, Wiener klinische Wochenschrift 13, 1900, 1200 -1204, hier 1203). Doch eine genaue Scheidung und Isolation der Bakterienstämme blieb äußerst schwierig, so dass viele Forscher weiterhin von der Identität der Bulgaricus- und Acidophilusbakterien ausgingen (P.G. Heinemann und Mary Fefferan, A Study of Bacillus Bulgaricus, Journal of Infectious Diseases 6, 1909, 304-318, insb. 317-318).

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Lactobacillus acidophilus unter dem Mikroskop sichtbar gemacht (Damm, 1929, 1129)

Die Wissenschaft folgte damit der Alltagspraxis. Sauermilch war auch in Mitteleuropa eine häuslich hergestellte Alltagsspeise. Für Dickmilch, Setzmilch oder Schlippermilch goss man ungekochte Milch in ein Glas oder eine Schale, stellte sie an die (mit Bakterien durchsetzte) Luft oder fügte einen Schuss der noch verfügbaren restlichen Dickmilch zu. Auch Buttermilch gewann um die Jahrhundertwende wachsende Bedeutung als Säuglingskost. Doch Mikrobiologie war Klassifikation, Ausdifferenzierung, Scheidekunst und Isolation. Die im Alltag undifferenziert genutzten Einzelstämme sollten in ihren jeweiligen Wirkungen verstanden werden, so wie dies auch bei Nahrungsstoffen und Pharmazeutika seit längerem üblich war.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg setzten insbesondere amerikanische Forscher auf breit angelegte Tierversuche mit kontrollierten Testdiäten. Sie legten nahe, dass Metchnikoffs optimistische Annahmen trogen, denn der Bacillus bulgaricus wurde durch die körpereigenen Verdauungssäfte sicher beseitigt, konnte per Joghurt daher nicht zur Walstatt im Darm eilen. Anders jedoch der Bacillus acidophilus. Ca. 90 % der säurefesten Kleinlebewesen überwanden die Körperbarrieren (Rettger und Cheplin, 1921). Die Frage nach den „guten“ Bakterien war damit entschieden, wenngleich noch Anfang der 1920er Jahre über deren Leistungsfähigkeit gerungen wurde (Anthony Bassler und J. Raymond Lutz: Bacillus Acidophilus. Its very limited value in intestinal disorders, Journal of the American Medical Association 79, 1922, 607-608; Nicholas Keploff und Clarence O. Cheney, Studies on the Therapeutic Effect of Bacillus Acidophilus Milk and Lactose, ebd. 79, 1922, 609-611).

Derweil arbeitete man in Yale und in anderen Orten bereits an der kommerziellen Nutzung der neuen Erkenntnisse. An die Stelle der Joghurt-Milch sollte eine Acidophilus-Milch treten. Dazu war es erforderlich, Reinkulturen zu produzieren und den Produktionsprozess ohne Luftzufuhr ablaufen zu lassen, da andernfalls Verunreinigungen mit schneller wachsenden Fremdbakterien auftreten würden. „Indess, diese Schwierigkeiten sind durch die Anwendung von geeigneten Mitteln, mit Hilfe eines sorgfältigen und fähigen Arbeiters und durch strenge Beaufsichtigung seitens eines geübten Bakteriologen erfolgreich überwunden worden“ (Leo R. Rettger, Milchsäurebakterien mit besonderer Bezugnahme auf den Bacillus Acidophilus Typus, Welt-Kongress für Milchwirtschaft, 1923. Auszug, U.S. Department of Agriculture, Abstract No. 188, 2). Deutlich erkennt man hieran die zunehmende Verwissenschaftlichung der Nahrungsmittelproduktion: Dickmilch konnte jeder herstellen, Joghurt bedurfte der Milchexperten oder der bakteriologischen Versandgeschäfte, Acidophilusmilch konnte dagegen vom Konsumenten lediglich gekauft werden, erforderte akademisch gebildete Fachleute. Doch am Ende sollte nun endlich ein angenehm mundendes, nährendes, zähflüssiges Getränk stehen, dessen Wirkung im Darm gesichert war (Leo F. Rettger, Acidophilus Milk a Therapeutic Agent and Health Drink, American Food Journal 20, 1925, Nr. 6, 301-302). In den USA setzte der Vertrieb nach mehr als vierjährigen Vorarbeiten 1925/26 ein. Das neue Produkt etablierte sich im Umfeld einer größeren Zahl bakteriologischer Institute.

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Wachsende Marktpräsenz: Werbung für Walker-Gordon Acidophilusmilch (Evening Star [Washington, DC] 1926, Nr. 29878 v. 18. Februar, 6)

Amerikanisierung? Deutsche Debatten über die Acidophilusmilch

Im Deutschen Reich war derweil nach dem verlorenen Krieg, dem Abbau und der Aufhebung der Zwangswirtschaft und der Stabilisierung der Währung langsam wieder Normalität eingetreten. Joghurt wurde weiterhin angeboten, beworben mit den bekannten Vorkriegsmetaphern: „Joghurt, diese Götterspeise, / Fördert Dich in jeder Weise, / Joghurt gibt Dir neue Kräfte, / Joghurt stärkt die Magensäfte, / Joghurt tötet die Bakterien, / Die im Darm Du hast in Serien. / Joghurt ist auch leicht verträglich! / Drum, iß Joghurt Du tagtäglich […] / Und zum Aerger Deiner Erben / Wirst Du alt – wirst lang‘ nicht sterben!“ (Dresdner Neueste Nachrichten 1925, Nr. 273 v. 22. November, 9). Nun, das konnte nicht stimmen, zumindest nicht in Gänze. Doch angesichts der massiven Einbrüche, die die Milchwirtschaft während des Jahrzehnts der Ernährungskrise 1914-1923 erlitten hatte, war es nicht nur notwendig, den Milch-, Butter- und Käseabsatz wieder auf alte Höhen zu bringen. Das war volkswirtschaftlich geboten, denn die Wertschöpfung der Milchwirtschaft war damals höher als die des Bergbaus und der Stahlindustrie zusammen. Doch Zusatzangebote schienen ebenfalls erforderlich, wurden auch als eine Art Friedensdividende der umfangreichen Forschungen während der Kriegszeit verstanden: Trockenmilch, Kasein, Milchzucker sowie die Molkenverwertung gewannen an Bedeutung, neben Endprodukte traten vermehrt Zwischenprodukte (L[udwig] Eberlein, Die neueren Milchindustrien, Dresden und Leipzig 1927).

Ein vermehrter Joghurtabsatz passte zu dieser Neuakzentuierung, doch der Markt für Sauermilchangebote war begrenzt: „In landwirtschaftlichen Kreisen war zwar das Interesse für diese Milcharten sehr rege, auch eine kleine Anzahl von Konsumenten fand sich, besonders in den großen Städten. Aber das Gros der Bevölkerung blieb teilnahmslos, auch die Mehrzahl der Aerzte. Im Beginn dieses Jahrhunderts hatte Metschnikows Eifer auch in Deutschland einigen Widerhall gefunden. Allein nach wenigen Jahren war alles vergessen, und man darf sagen, daß man die wenigen Aerzte und Laien, die ihre Kuren mit Yoghurt oder Kefir betrieben, etwas mit Spott ansah“ (Julius Kleefeld und Hans Behrend, Die Nährpräparate mit besonderer Berücksichtigung der Sauermilcharten, Stuttgart 1930, 191). Das lag an typisch deutschen Problemen, etwa einer vielfach fehlenden Marktorientierung, kaum vorhandenen Marken und Gütezeichen, einer unzureichenden Standardisierung und weiterhin akuten Qualitätsproblemen. Neben diese für fast alle Agrarsektoren geltenden ökonomischen Probleme gab es bei den technisch komplexeren Milchpräparaten aber auch naturwissenschaftliche Defizite. Die vorhandenden Reinkulturen waren höchst unterschiedlich wirksam, entsprechend hatten die Produkte trotz gleichen Namens eine recht unterschiedliche Zusammensetzung, Textur und Geschmack (Julius Kleeberg, Studien über Yoghurt und Kefir. I. , Centralblatt für Bakteriologie Abt. II 68, 1926, 321-326, hier 326; Traugott Baumgärtel, Milchspezialitäten. (Joghurt, Kefir, Acidophilusmilch, Saya), Milchwirtschaftliches Zentralblatt 59, 1930, 17-21, hier 19).

Vor diesem Hintergrund bot die Acidophilusmilch eine besondere Chance. Sie stand für die pragmatische und marktnahe Forschung in den USA, dieser Siegermacht des Weltkrieges, diesem Hort des Wohlstandes und der Fülle. Kam der Joghurt aus dem Osten, so schien es nun ein noch leistungsfähigeres Angebot aus dem Westen zu geben. Kaum beachtet wurde dabei, dass Acidophilusmilch in den USA auch Folge der Prohibitionskultur war. In Mitteleuropa wurde sie jedenfalls Anfang der 1920er Jahre bereits vereinzelt in Kliniken als Kräftigungsmittel gereicht (Wiener Medizinische Wochenschrift 74, 1924, Sp. 1719). Brückenkopf einer möglichen Amerikanisierung der deutschen Milchwirtschaft wurde die Preußische Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Kiel. Dort hatte man bereits 1924 Milchexperten versammelt, um amerikanisches Rahmeis in Deutschland einzuführen (Uwe Spiekermann, Die verfehlte Amerikanisierung. Speiseeis und Speiseisindustrie in Deutschland in der Zwischenkriegszeit, in: Hermann Heidrich und Sigune Kussek (Hg.), Süße Verlockung, Molfsee 2007, 31-38, hier 34). Dies scheiterte, doch davon ließ sich der Anstaltsleiter Wilhelm Henneberg (1871-1936) nicht beirren. Für ihn war die Acidophilusmilch eine Art Joghurt 2.0, ein Edel- bzw. Reformjoghurt. Am Geschmack des amerikanischen Präparates sei gewiss noch zu arbeiten, doch das Bakteriologische Institut der Forschungsanstalt würde Reinkulturen erstellen und an alle Interessenten versenden, zudem Proben des fertigen Produktes kontrollieren: „Da der ‚Reform-Yoghurt‘ (=Acidophilusmilch), der genau so einfach und auf die gleiche Weise wie der Yoghurt im kleinen oder großen Maßstab bereitet werden kann, sehr gut schmeckt, wird er sich in Deutschland leicht einführen lassen“ (Über Bacillus acidophilus und „Acidophilus-Milch“ (= Reform-Yoghurt), Molkerei-Zeitung 40, 1926, 2633-2635, hier 2635).

Das war forsch, denn Henneberg wusste gewiss von den sorgfältigen Arbeiten der amerikanischen Pioniere. Doch dem 1922 eingesetzten neuen Direktor ging es darum, einen Prozess in Gang zu setzten. Dass dies möglich war, legten aber auch erste deutsche Präparate nahe, so die bereits 1925 zur Begutachtung eingesandte „Saya-Milch“ (Bericht der Preußischen Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Kiel 1922 bis 1925, Berlin 1925, 50). Dennoch kritisierten Praktiker Hennebergs Vorpreschen, etwa der Schweizer Unternehmer J. Spohr. Er hatte 1926 im Tessin mit der Produktion von Reinkulturen begonnen und bot mit Acimil eine der ersten Marken-Acidophilusprodukte an (Schweizerisches Handelsamtblatt 44, 1926, 1265). Spohr wandte sich strikt gegen die semantischen Illusionen des Deutschen. Acidophilusmilch sei eben kein Edeljoghurt, „so wie der Bandwurm dem Regenwurm stets verschieden sein wird“ (J.L.P. Spohr, Acidophilus-Milch, Molkerei-Zeitung 41, 1927, 604-605, hier 604). Wer die gravierenden Unterschiede nicht ernst nähme, der würde im Markt zwingend scheitern. Henneberg wischte solche Kritik jedoch beiseite. Neue Bezeichnungen seien erforderlich, „da sich der Laie unter Acidophilusmilch garnichts [sic!] vorstellen kann. Ferner ist es Tatsache, daß sehr viele Menschen sich ekeln, wenn sie erfahren, daß die Acidophilusmilch durch Bakterien, die aus dem Menschendarm (Exkrementen) stammen, erzeugt wird. Bei der Bezeichnung Reformjoghurt forschen die meisten nicht weiter nach, sie erfahren, daß es sich um eine neue, verbesserte Art Joghurt handelt. Herstellungsweise und Geschmack ist ja auch fast wie bei dem alten Joghurt.“ ([Wilhelm] Henneberg, Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung „Acidophilus-Milch“, Molkerei-Zeitung 41, 1927, 605). Es gäbe jedenfalls „viel Interesse“ am Reform-Yoghurt, zahlreiche Molkereien hätten Reinkulturen geordert.

Acidophilusmilch im deutschen Markt

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Dr. Pohls Acidophilusmilch in Karlsruhe (Badische Presse 1927, Nr. 310 v. 7. Juli, 13)

In der Tat boten spätestens 1927 mehrere großstädtische Molkereien vorrangig im Sommer Acidophilusmilch an. Präsentiert wurde ein wissenschaftliche Präparat: Neuere amerikanische Forschungen hätten die „die Resultate älterer Forschungen ins Wanken“ gebracht, hätten einen neuen Reform- oder Edel-Yoghurt entwickelt. Hierzulande finde dieser „ebenfalls Anklang und das Interesse, welcher dieser Heilmilch, besonders von wissenschaftlicher Seite, entgegengebracht wird“ stimme optimistisch, sei Grund für einen wagenden Kauf (O[tto] Pohl, Einiges über die Acidophilusmilch und ihre Wirkung, Karlsruher Tagblatt 1927, Nr. 185 v. 7. Juli, 7). Es folgten optimistische Verallgemeinerungen: „Schon heute werden große Mengen Acidophilus-Milch in Amerika, neuerdings auch in Deutschland, besonders in Süddeutschland, hergestellt und mit bestem Heilerfolge genossen” (Otto Druckrey, Uber Lactobacillus acidophilus und Acidophilus-Milch, Phil. Diss. Leipzig, Jena 1928, 373). Doch zugleich ergaben bakteriologische Untersuchungen der neuen deutschen Präparate, dass sie „zu therapeutischen Zwecken nicht geeignet waren“ (Ebd., 392).

Die Diskrepanz war offenkundig: Bakteriologische Forschung konnte an Tiermodellen nachweisen, dass Acidophilusmilch in der Lage war, „die Darmfäulnis und ihre schädlichen Folgen zu mindern und zu einer länger andauernden Umstimmung der Darmflora beizutragen“ (Helmut Damm, Kefir, Yoghurt und Acidophilus-Milch, Apotheker-Zeitung 1929, 1127-1130, hier 1129). Doch der Markterfolg blieb aus – obwohl die Proben des „Reform-Yoghurts“ auch geschmacklich überzeugten. Es gelang den Anbietern nämlich nicht, ihr Produkt in stetig gleicher Qualität anzubieten. Die raschen Deutschen hatten die Kernaussage der amerikanischen Forscher ignoriert: „Da jedoch nur geringfügige Abweichungen bei der Herstellungsweise eine hundertprozentige Güte in Frage stellen, wird sich die Acidophilus-Milch nur schwer ihren Weg erobern können, im Gegensatz zu der bulgarischen Milch, die zu ihrer Herstellung viel weniger Aufwand an Zeit und Mühe erfordert, abgesehen davon, daß zur Ueberwachung der Entwicklungsstadien unbedingt ein Bakteriologe zugegen sein muß“ (Alfred Schreiber, Acidophilus-Milch, Milchwirtschaftliche Zeitung 1929, 1576-1577, hier 1576). Die in Kiel erstellte und vertriebene Reinkultur war offenbar regelmäßig verunreinigt. Das amüsierte die Konkurrenz, etwa den Münchener Produzenten der Dr. Axelrod Joghurt-Reinkulturen: „Als in neuerer Zeit in Amerika der Bacillus acidophilus entdeckt wurde, waren auch Fachgelehrte in Deutschland gleich der Meinung, daß dieser nun sofort den Bacillus bulgaricus verdrängen, ja den Joghurtvertrieb vollständig lahm legen können. Der Mann der Praxis lächelte hierüber. Heute darf ich sagen, daß vor allem in Deutschland der Joghurt weiter gesiegt hat. Ich will aber nicht verkennen, daß auch jene Städte, denen ich das Ferment für die Acidophilusmilch liefere, Erfolge erzielen, wenn auch bescheidene“ (Spieker, Joghurt in der Theorie und Praxis, Milchwirtschaftliche Zeitung 1929, 1505-1508, hier 1505). Doch die Qualitätsprobleme standen zugleich für die damals vielfach zu Tage tretende Unfähigkeit zahlreicher deutscher Unternehmen, die Massenproduktion hochwertiger Konsumgüter aufzunehmen.

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Wachsender Absatz von Joghurt – Ergänzungssortiment Acidophilusmilch Millacol (Der Volksfreund 1927, Nr. 171 v. 26. Juli, 9)

Die unbedachte und unzureichend vorbereitete Markteinführung der Acidophilusmilch mündete in Ablehnung seitens der Konsumenten. Der Joghurt dominierte weiter – obwohl das Narrativ der „guten“ Bakterien für dieses Produkt nicht mehr galt. Für Bakteriologen und Milchwissenschaftler war dies durchaus ein Moment der Neubesinnung. Der Staffelstab wurde nun von Vertretern der Süddeutschen Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchforschung Weihenstephan in Freising übernommen. Sie erstellten eine Reinkultur nicht nur unter bakteriologischer Aufsicht, sondern stellten sicher, dass die geimpfte Milch auch keimfrei war. Das „gute“ Acidophilus-Darmbakterium entwickelte sich nämlich langsamer als einschlägige Milchbakterien. „Ist nun die Milch nicht ganz keimfrei, so werden sich die anderen Bakterien, die darin sind, rascher als der Acidophilus entwickeln und diesen im Laufe von mehreren Umimpfungen nach wenigen Tagen vollständig unterdrücken“ (Karl J. Demeter, Ueber Acidophilus- und Joghurtmilch, Berliner Volks-Zeitung 1930, Nr. 277 v. 14. Juni, 4).

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Produkte auf der Suche nach einem Markt (Villacher Zeitung 1928, Nr. 15 v. 18. Februar, 7)

Aufgrund verbesserter Reinkulturen bestand also durchaus eine Zukunft für die Acidophilusmilch. Die von den Amerikanern propagierten reinen Produkte wurde jedenfalls auch in gängigen Tageszeitungen gefordert – und als Vorteil der Acidophilusmilch präsentiert (Hoffmann, Der Wert der Sauermilch, Sächsische Volkszeitung 1931, Nr. 213 v. 13. September, Beilage Die praktische Hausfrau, 3). Dies wurde weiterhin begleitet vom Narrativ des Bakterienkampfes im Körperinnern: „In der Milch sind für gewöhnlich beide Gruppen von Bakterien vertreten und wenn nicht besondere Verhältnisse vorwalten, siegt auch hier das ‚Gute‘ über das ‚Böse‘. Das gute Prinzip in der Milch sind die Milchsäurebakterien, ihr Umsetzungsprodukt, die Milchsäure, ist das Gegenmittel, dem die Fäulnis- und Giftbakterien erliegen. […] Saure Milch ist also in jeder Form gut und die Milchsäurebakterien sind die Freunde der Menschen“ ([Hermann] Weigmann, Bakterien als Förderer der Gesundheit, Die Neue Zeitung 1931, Beilage der Naturarzt Nr. 2, 1). Wenn Naturwissenschaftler ihre Metaphern schleudern, dann schweigen die Kolportageautoren.

Saya: Eine deutsche Acidophilusmilch

Frischen Wind in die zwischen Kiel und Weihenstephan hin und her wogende deutsche Debatte kam jedoch auch von einem etablierten Außenseiter. Richard Wehsarg (1862-1946) hatte nach dem Medizinstudium in Gießen und München 1888 seiner Schwester Wilhelmine geholfen, eine Kuranstalt in Hobbach im bayerischen Spessart zu gründen (Heinz Linduschka, Vom »reitenden Doktor« und dem Spessart, Main-Post v. 16. November 2015). Diese scheiterte nach mehreren Jahren, doch Wehsarg etablierte sich im benachbarten Sommerau erst als Arzt, leitete dort nach der Jahrhundertwende dann sein Sanatorium, eine Nervenheilanstalt (Allgemeine Zeitung 1904, Nr. 284 v. 26. Juni, 4). Von Beginn an engagierte er sich auch für die Verbesserung der hygienischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der armen Mittelgebirgsregion. 1906 gründete der in der Heimatschutzbewegung engagierte Wehsarg die bis heute existierte Zeitschrift „Spessart“, in der Regionalgeschichte, Volkskunde, Tourismus, soziale und wirtschaftliche Themen zeittypisch gebündelt wurden. Wehsarg, der für sein Engagement den Sanitätsratstitel verliehen bekam, stand in der Tradition sozial engagierter Wissenschaftler: „Der Arzt ist gewissermaßen Pionier und muß sich an allen Lebensfragen der Bevölkerung beteiligen“ ([Richard] Wehsarg und Will, Das Ernährungsproblem im Spessart und seine wirtschaftlichen Grundlagen, Zeitschrift für Ernährung 2, 1932, 265-274, hier 265). Als solcher präsentierte er seit Mitte der 1920er Jahre eine Eigenentwicklung, die er nach einem anderen russischen Sauermilchpräparat „Saya“ nannte.

Saya war für Wehsarg ein Heilmittel, ein erprobtes Therapeutikum, Resultat ständigen bis Anfang der 1890er Jahre zurückreichenden Pröbelns (Rich[ard] Wehsarg, Moderne Milchtherapie bei Verdauungsstörungen und Tuberkulose, München 1928, 81). Wie viele andere Ärzte strebte er nach einem Alleinstellungsmerkmal, fand dieses in der Milchtherapie. Ihn störte allerdings, dass bei der Herstellung von Kefir und Joghurt „die lebendige Kraft der Rohmilch verloren“ (Ebd., 29) gehe. Saya diente erst einmal seinen Patienten, diente der Kräftigung und Erfrischung. Die Herstellung des Präparates zog sich allerdings lange hin, währte Wochen. „Das Verfahren ist nicht einfach und daher im Privathause oder in einer Krankenanstalt nicht ohne weiteres durchführbar“ (Ebd., 81). Doch am Ende stand ein lang haltbares Therapeutikum, Kern einer mittel- und langfristigen Kur. Wehsarg war vom Wert seiner Erfindung überzeugt: „Sayakuren bedeuten eine völlige Umwälzung aller seither geübten Methoden“ (Ebd., 88). Das Präparat übertraf demnach alle anderen Milchprodukte durch seinen Reichtum „an Enzymen und einer entsprechenden Flora von Verdauungsbakterien“ (Ebd.). Saya sollte stärken und prophylaktisch wirken, als Heilmittel bei Verdauungsstörungen, Verstopfung, Diabetes, Arteriosklerose, Herz- und Nierenkrankheiten, Bronchitis, Tuberkulose sowie Fieberkrankheiten dienen (Ebd., 89-92). Das war ein breites Spektrum, doch die „guten“ Enzyme und Bakterien würden es gewiss richten. Wehsarg kreiste aber nicht nur im Selbst- und Sayalob, sondern bot das Milchpräparat auch Ärzten kostenlos zum Test an.

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Richard Wehsarg und seine Gattin Maya im heimatlichen Ambiente (Main-Post 2015, Ausg. v. 16. November)

Wehsarg strebte nach Anerkennung: Zum einen betonte er, dass Saya „ein völlig neuartiges Produkt“ (Richard Wehsarg, Wesen und Bedeutung der „Saya-Milch“, Molkerei-Zeitung 43, 1929, 1989-1991, hier 1989) sei, anzusiedeln zwischen Joghurt und Kefir. Er präsentierte sich als Pionier einer neuen Arzttums, das seine Kraft aus praktischer Arbeit, nicht aus chemisch-physiologischem Wissen schöpfte. Er verstand sich als Gesundheitsführer, dem Patienten durch gleichsam natürliche Autorität übergeordnet. Entsprechend knüpfte Wehsarg nicht an die bakteriologische Debatte an, deren Details er offenkundig nicht kannte: „Ich suchte vor allem ein leicht verdauliches und trotzdem schmackhaftes Milchpräparat herzustellen, mit dessen Hilfe ich auch solchen Patienten die Nährstoffe der Milch in größeren Mengen zuführen konnte, welche die gewöhnliche Kost, Frischmilch und die bisher bekannten Sauermilchpräparate nicht vertrugen, also vor allem Kindern, alten Leuten und Magen- und Darm-Kranken. Nach langjährigen Versuchen ist mir das gelungen. Durch bestimmte Kombination von, in der Hauptsache Mikro- und Streptokokken erzielte ich unter Sauerstoffabschluß, bei langer Gärdauer und tiefer Temperatur ein Produkt, das außerordentlich leicht verdaulich ist und zu meiner eigenen Überraschung sich bei kühler Aufbewahrung monatelang unverändert hält“ (Ebd.). Doch Wehsarg wusste um seine Grenzen und übertrug die Herstellung der Reinkultur an die Süddeutsche Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, nachdem er das Verfahren patentiert hatte.

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Kraft und Gesundheit durch trinkfertige Angebote am Milchhäuschen (Molkerei-Zeitung 49, 1929, 887)

Damit veränderte sich auch die Marktpositionierung des Milchpräparates. Für Wehsarg blieb Saya ein Heilmittel, doch 1929 trat seine Bedeutung als mögliches Volksgetränk hervor. Im Einklang mit dem 1926 gegründeten Reichsmilchausschuss propagierte er sein Milchgetränk als Massengetränk, um gleichermaßen Fleisch- und Alkoholkonsum einzugrenzen. Sauermilchpräparate sollten an die Stelle der viel zu teuren Mineralwässer und Limonaden treten. Saya sei durch seinen guten Geschmack eine Alternative für Konsumenten, „die den Geschmack der Milch und anderer Milchpräparate nicht schätzen und die lange Haltbarkeit, ferner gute Bekömmlichkeit und leichte Verdaulichkeit“ (Ebd., 1990) zu würdigen wissen. Diesem Tenor folgte auch die Saya-Werbung in der Schweiz (Von der „Saya-Milch“, Der Bund 1930, Nr. 68 v. 11. Februar, 6).

Saya und andere Milchpräparate

Saya wurde beschrieben als eine „dickflockige, sauer riechende und sauer schmeckende unmittelbar trinkfertige Milch, die nach Angaben des Herstellers monatelang haltbar ist. […] Der Geschmack ist eigenartig“ (Kleeberg und Behrendt, 1930, 259). Neben derartige Produktbeschreibungen traten nach Vertriebsbeginn chemisch-physiologische Analysen. Diese bestätigten die meisten von Wehsargs Aussagen. Saya bestand demnach aus ungekochter Vollmilch, die mit patentierten (also im Detail unbekannten) Bakterien geimpft wurden und dann bei relativ tiefen Temperaturen „eine 4wöchige spezifische Gärung […] in völlig sauerstofffreiem Milieu“ (Hermann Mohr, Milchtherapie mit dem Milchpräparat Saya, Medizinische Klinik 25, 1929, 230-231, hier 230) durchmachten. Das Milchkasein wurde dadurch größtenteils abgebaut, das Milcheiweiß in eine einfacher lösliche und leicht resorbierbare Form überführt. Anders als Kefir enthielt Saya praktisch keinen Alkohol, jedoch deutlich schmeckbare Kohlensäure (Wiener Tierärztliche Monatsschrift 17, 1930, 157).

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Visualisierung der relativen Vorteile von Saya gegenüber Frischmilch, Kefir und Joghurt (Forster, 1929, 84)

Die in verschiedenen bayerischen Kliniken und Laboratorien durchgeführten Untersuchungen waren vergleichend angelegt, auch wenn das neue Produkt im Mittelpunkt stand. Mit den damals zunehmend verwandten Visualisierungstechniken wurden die Spezifika von Saya gebührend hervorgehoben, galt das Interesse doch einem bayerischer Spezialprodukt. Deutlich wurde die gegenüber Frischmilch, Kefir und Joghurt bessere Verdaulichkeit, außerdem die schon von Wehsarg hervorgehobene lange Haltbarkeit. Deutlicher noch waren die jeweiligen Vitamingehalte, die mittels Rattenversuchen auch gut ins Bild gesetzt werden konnten. Schon die unterschiedlichen Ausgangsmaterialien (aufgekochte versus frische Milch) waren hierfür verantwortlich (A[ugust] Forster, Ueber das Sauermilchpräparat „Saya“, Milchwirtschaftliches Zentralblatt 58, 1929, 73-74; Ders., „Saya“ ein neues Sauermilchpräparat, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1929, 83-85; Ders., Vitamingehalt der Sauermilchpräparate, Süddeutsche Molkereizeitung 50, 1929, 749-751). Das quasi vorhersehbare Ergebnis lautete denn auch, dass Saya nicht nur eine wichtiges Heilmittel, sondern vor allem ein hervorragendes Volksgetränk sei (F. Kieferle, K[arl] J. Demeter und A[ugust] Forster, „Saya“, ein neues Sauermilchpräparat, Süddeutsche Molkerei-Zeitung 50, 1929, 101-102, hier 101).

12_Molkerei-Zeitung_49_1929_p1990_Forster_1929_p751_Saya_Acidophilusmilch_Vitamine_Ratten_Schaubild_Joghurt_Kefir

Der Vitamingehalt von Saya als Wachstumsgarant: Links drei 8 Wochen B-vitaminfrei gefütterte Ratten, die zudem täglich 5 gr Joghurt, Kefir bzw. Saya erhielten: rechts die jeweiligen A-, C- und D-Vitamingehalte (Molkerei-Zeitung 49, 1929, 1990 (l.); Forster, 1929, 751)

Die Saya GmbH

All dies erfolgte parallel zur Gründung einer Produktions- und Vertriebsfirma für die neuartige Acidophilusmilch. Die Saya Gesellschaft mit beschränkter Haftung wurde am 9. April 1929 in München gegründet, die Geschäftsräume lagen oberhalb des Hauptbahnhofs in der Nymphenburgerstraße 25 (Deutscher Reichsanzeiger 1929, Nr. 127 v. 4. Juni, 9). Dort war auch der Kemptner Käseproduzent Alfred Hindelang ansässig, der für die neue Firma freudig warb (Gräfinger Zeitung 1929, Nr. 178 v. 3. August, 7). Das Stammkapital der Saya GmbH lag bei 24.000 Reichsmark, Geschäftsführer wurde der Diplomlandwirt Josef von Dall’Armi, Spross einer der führenden Münchner Familien. Der aus Trient stammende Andreas Michael Dall’Armi (1765-1842) war einst ein einflussreicher Bankier und Offizier, gilt zudem als Begründer des Münchner Oktoberfestes (Markus A. Denzel, Münchens Geld- und Kreditwesen in vormoderner Zeit, in Hans Pohl (Hg.), Geschichte des Finanzplatzes München, München 2007, 1-40, hier 20-22).

Der Gegenstand der Saya GmbH war breit angelegt, war für Expansion offen, nämlich die „Herstellung und der Vertrieb von Saya-Milch und deren Nebenprodukten, die Vergebung von Lizenzen zu deren Herstellung und Verkauf und die Beteiligung an anderen Unternehmen, welche sich mit Milch oder Milchprodukten befassen“ (Deutscher Reichsanzeiger 1929, Nr. 127 v. 4. Juni, 9). Es ist unklar, ob die nicht sehr dynamische Unternehmensentwicklung, bestehender Kapitalmangel oder persönliche Gründe dazu führten, dass Josef von Dall’Armi Anfang 1930 als Geschäftsführer zurücktrat und vom Frankfurter Kaufmann Otto Goll (1864-1953) ersetzt wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1930, Nr. 44 v. 21. Februar, 10). Dabei dürfte es sich um den gleichnamigen Chemiker gehandelt haben, der verschiedene Patente in die IG Farben einbrachte, wo er von 1926 bis 1930 Prokura besaß (Die Chemische Industrie 49, 1926, 227; Deutscher Reichsanzeiger 1930, Nr. 286 v. 12. August, 12 (Hoechst), ebd., 11 (Bayer); ebd., Nr. 300 v. 24. Dezember, 15 (BASF)). Golls Eintritt dürfte die Kapitalkraft der Saya GmbH deutlich verbessert haben, denn im April 1930 wurde das Stammkapital auf 66.000 Reichsmark erhöht (Deutscher Reichsanzeiger 1930, Nr. 114 v. 17. Mai, 15).

Die Firma dürfte sich die Verwertungsrechte an den Wehsargschen Patenten gesichert haben. Saya wurde in zwei Varietäten hergestellt, nämlich auf Voll- und auf Magermilchbasis, verkauft als Kursaya resp. Saya. Das Herstellungsverfahren blieb unbekannt (Kleeberg und Behrendt, 1930, 259). Es wurde im November 1929 aber auch in der Schweiz patentiert (Schweizerisches Handelsamtblatt 49, 1931, 2034), der österreichische Markt vorrangig mittels Versandgeschäft beliefert (Pharmazeutische Monatshefte 10, 1929, 177). Zudem gab es eine Dependance im 130 Kilometer östlich von München gelegenen Grenzort Mauerkirchen (Tages-Post [Linz] 1929, Nr. 206 v. 6. September, 3).

Über den Umsatz und die Beschäftigten der Saya GmbH ist nichts bekannt. Die vielfach in Abstimmung mit der Firma durchgeführten wissenschaftlichen Analysen erbrachten aber weitere Details: Mikrokokken und Streptokokken beherrschten die Ausgangsflora, wobei letztere vorrangig aus Milch- bzw. Aromabakterien bestanden (Strept. kefir und Strept. citrovorus) (Kieferle, Demeter und Forster, 1929, 102). Die Reinkultur entstand in Weihenstephan, möglichweise auch am Produktionsort Steingaden. Dieser lag 90 Kilometer südwestlich von München, nördlich vom Ammergebirge. Die Sayaproduktion selbst wurde für eine 1932 in Dresden entstandene Dissertation auf dem sächsischen Rittergut Benndorf nachmodelliert. Die Schilderung verdeutlicht, dass Wehsarg in der Tat eine sehr eigenständige Technik entwickelt hatte, die deren weitere Verbreitung sowie das Lizenzgeschäft erschwerte: Benötigt wurden ein großer Mischkessel mit Rührwerk, komprimierte Kohlensäure und eine Flaschenabfüllvorrichtung – eine zylinderförmige Glastrommel – mit direkter Verbindung zum Mischkessel. Rohmilch von ca. 18°C wurde in den Kessel gefüllt, mit der Reinkultur vermengt, Waldmeisteressenz diente als Geschmacksveredeler. Der Deckel wurde verschlossen, unter weiterem Rühren Kohlensäure eingeleitet, um einen Überdruck zu schaffen. Nach fünf Minuten Rühren öffnete man dann die Abfüllvorrichtung, die Trommel wurde gefüllt und der Inhalt dann unter Druck und automatisch abgefüllt (Käte Kunze, Über das Sauermilchpräparat Saya, Phil. Diss., Leipzig 1932, 3).

13_Illustrierter Sonntag_1929_Nr21_08_18_p04_Sueddeutsche Molkerei-Zeitung_50_1929_FS_p86_Acidophilusmilch_Joghurt_Saya_Verpackung

Gesundheit aus der Spezialflasche: Verpackung von Saya (Illustrierter Sonntag 1929, Nr. 21 v. 8. August, 4 (l.); Süddeutsche Molkerei-Zeitung 50, 1929, Festschrift, 86)

„Die Saya-Flaschen sind starkwandig und ähneln in der Form der bekannten Selterswasserflasche mit Bügelverschluss, nur daß sie weithalsiger gestaltet sind; das Fassungsvermögen beträgt 3/8 Liter. Nach dem Abfüllen werden die Flaschen festverschlossen, drei bis vier Tage lang bei einer Temperatur von 15 bis 18ˆC. vorgelagert und dann vorsichtig ohne Schütteln zur Ausgärung in einen Lagerraum, dessen Temperatur auf 11ˆC. zu halten ist, gebracht. In dem Lagerraum bleiben die Flaschen sechs Wochen; vor Ablauf dieser Zeit ist die Milch nicht reif und genussfähig“ (Ebd.).

Werbung für Saya

Die mit einem Gummiring abgedichteten Saya-Flaschen waren demnach funktional, mussten sie doch hohem Druck standhalten und zugleich den eigentlichen Gärraum schützen. Doch sie waren zugleich ein wichtiger Werbeträger. Im Gegensatz zu den Mitte der 1920er Jahre zunehmend eingeführten Milcheinheitsflaschen hoben sie Saya aus dem gängigen Angebot auch von Joghurt und Kefir heraus. Die Verpackung portionierte vor, strich damit den Conveniencecharakter des unmittelbar verzehrsfähigen Produktes heraus. Das weiß-matte Fläschchen kokettierte zudem mit der wissenschaftlichen Aura von Medizinal-, Laboratoriums- und Apothekerglas. Nicht umsonst wählten auch die führenden Anbieter von Functional Food-Milchprodukten um die Jahrtausendwende ähnliche Kleinbehälter, wenngleich aus Kunststoffen. Zugleich präsentierte man das Produkt als „Gesundheitsmilch“, grenzte sich also bewusst von dem werblich beschädigten Begriff der Acidophilusmilch ab, auch wenn dieser zutreffender gewesen wäre.

14_Boersenblatt für den deutschen Buchhandel_1928_07_25_Nr171_p6123_Wehsarg_Saya_Milchtherapie_Otto-Gmelin_Muenchen

Werbung für Wehsargs Broschüre über die Milchtherapie (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1928, Nr. 171 v. 25. Juli, 6123)

Die Saya GmbH nutzte für ihre Werbung zweitens die wissenschaftliche Aura ihres Erfinders, des Sanitätsrats Dr. Wehsarg. Das war üblich für viele meist kleinere Anbieter pharmazeutischer und kosmetischer Produkte, ebenso im breiten und rechtlich kaum geregelten Grenzgebiet zwischen Nahrungs- und Heilmitteln: Dr. Axelrod (ein Phantasietitel) und Dr. Klebs wurden bereits erwähnt, eine breite Palette von Säuglingsnährmitteln wäre zu ergänzen. Mit „Sanitätsrat Dr. Wehsarg“ war das Narrativ des Tüftlers eingebettet, des letztlich erfolgreichen Visionärs (Entgiftung durch Diät, Illustrierter Sonntag 1929, Nr. 21 v. 18. August, 4). Wehsarg hatte dieses in seinem Büchlein über die Milchtherapie unterstrichen. Hinzu kam eine gewisse öffentliche Präsenz, etwa Rundfunkvorträge über „Milch als Nahrungsmittel“ (AZ am Abend 1928, Nr. 283 v. 5. Dezember, 9). Insgesamt gelang die enge Verbindung von Wissenschaftler und wissenschaftlichem Produkt. Teils war gar die Rede von „Wehsargschen Bakterien“ (Pharmazeutische Monatshefte 11, 1930, 30).

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Werbung für die Fachleute: Produktpräsentation mit Verweis auf Ausstellungspräsenz (Milchwirtschaftliches Zentralblatt 58, 1929, 358)

Drittens war die Saya GmbH in der Anfangszeit auf mehreren landwirtschaftlichen Ausstellungen präsent. Dies diente einerseits der Popularisierung des neuen Produktes, zielte anderseits aber auf die dort breit vertretenen Molkereien: „Lizenzen zur Herstellung und zum Vertrieb von ‚Saya‘ werden für alle größeren Plätze oder Bezirke vergeben“ (Milchwirtschaftliches Zentralblatt 58, 1929, 187). Zugleich profitierte das neue Produkt von der stets umfangreichen Berichterstattung über derartige Ausstellungen. Dazu richtete man einen Saya-Ausschank ein – so wie schon in den 1880er Jahren für Carne pura-Produkte und viele andere Innovationen. Journalistischer Widerhall war damit quasi garantiert: „Die Saya-Milch ist sehr kalorienreich, sie erhält einen Zusatz von frischgewonnenem Rahm, ihr Geschmack ist angenehm säuerlich“ (Neue Milchprodukte, Münchner Neueste Nachrichten 1929, Nr. 252 v. 16. September, 13). Wichtiger aber war noch die stete Wiederholung des Narrativs vom bakteriellen Krieg im Darm, für die Funktion von Saya als „Darmreinigungsmittel“ (Will, Ein modernes Milchgetränk. Saya-Gesundheitsmilch als Heil- und Genußmittel, Münchner Neueste Nachrichten 1929, Nr. 252 v. 16. September, 12). Die landwirtschaftlichen Ausstellungen boten zudem breitere Absatzchancen, war doch Joghurt zu dieser Zeit ein nicht unübliches Futtermittel für malade Ferkel und Kälber (Hoenow, Vom Joghurt, Ingolstädter Anzeiger 1928, Nr. 21 v. 26. Januar, 4). Folgerichtig wurde Saya auch als Heilmittel für streptokokkenkranke Kühe getestet (Tierärztliche Rundschau 36, 1930, 553).

16_Muenchner Neueste Nachrichten_1929_06_04_Nr149_Sonderbeilage_p17_Acidophilusmilch_Gesundheitsmilch_Saya_Wehsarg_Volksgetraenk

Saya als „Volksgetränk der Zukunft“ (Münchner Neueste Nachrichten 1929, Nr. 149 v. 6. April, Sonderbeilage, 17)

Viertens schließlich schaltete die Saya GmbH Anzeigen in gängigen Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Erstere dienten der Marktpflege im bayerischen, letztere der im nationalen Rahmen. Diese Anzeigen waren sachlich gehalten, einzig die fett gedruckte Überschrift propagierte einen weitergehenden Anspruch. Die Anzeigen sollten über das Produkt aufklären, seinen Nutzen und Sinn kommunizieren. Dabei bediente man sich – abseits der Bezeichnung „Gesundheitsmilch“ – jedoch keiner Werbesprache im engeren Sinne, sondern listete wissenschaftliche überprüfte Argumente auf. Die in den meisten Motiven enthaltenen elf Vorzüge von Saya (Werbefachleute hätten wohl eher zu zehn geraten) waren Destillate der Wehsargschen Schriften und parallel laufender wissenschaftlicher Studien.

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Variationen der Werbung durch „wissenschaftliche“ Gutachten (Münchner Neueste Nachrichten 1929, Nr. 183 v. 8 Juli, 9)

Entsprechend finden sich in den Anzeigen abseits der Saya-Flasche keine weiteren Abbildungen. Variiert wurden die appellativen Überschriften, zusätzlicher Platz wurde mit Auszügen aus Gutachten, selten auch mit Empfehlungsschreiben gefüllt. Die Saya-Anzeigen entsprachen damit eher der pharmazeutischen Fachwerbung als etwa der damals durchaus bunten, mit Zeichnungen und Strichmännchen aufgelockerten Werbung für Joghurt. Die Bakterien, die „guten“ wie die „bösen“, waren durchaus präsent, wurden jedoch umschrieben („besondere, experimentell ermittelte Stoffe“; „Darmfäulnis“). Diese Zurückhaltung mochte mit dem faktischen Scheitern der Acidophilus-Angebote 1927/28 zusammengehangen haben, auch der schon von Henneberg betonten Reserviertheit des Publikums im Umgang mit den im Kot zahlreich vorhandenen Darmbakterien. Sie war aber auch ein Reflex auf den in der 2. Hälfte der 1920er Jahre gängigen Kampf von Interessengruppen und die wachsende Bedeutung von Experten und Gegenexperten. Die lange Haltbarkeit von Saya war gewiss ein wichtiges Argument in einem Umfeld heißer Sommer und fehlender Kühlschränke. Doch Joghurtproduzenten begegneten dem mit Kritik an der „Konservenform“ des Edeljoghurts, um stattdessen frische Kost zu propagieren (Behandlung des Joghurt in der heißen Zeit, Fürstenfeldbrucker Zeitung 1928, Nr. 157 v. 11. Juli, 3).

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Propagierung als „tägliches Getränk“ (Illustrierter Sonntag 1929, Nr. 21 v. 18. August, 4)

Die Anzeigenwerbung unterstrich dennoch das Ziel, Saya als Volksgetränk für Kranke und Gesunde zu positionieren, also die Wehsargsche Welt des Sanatoriums zu durchbrechen. Saya sollte ein „tägliches Getränk“ werden, modern und auf der Höhe der Zeit. Dabei zielte man vorrangig auf Angestellte, Akademiker und bürgerliche Konsumenten. Unklar blieb, ob die vielfach hervorgehobene „Billigkeit“ des Produktes zutraf, denn Preise konnte ich leider nicht finden.

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Einfache Präsentation als Functional Food (Münchner Hochschulalmanach WS 1929-1930, München 1929, 5)

Saya als Heil- und Kurmittel

Trotz dieser Öffnung hin zum Massenmarkt blieb Saya jedoch vorrangig ein Heil- und Kurmittel. Zahlreiche Studien verwiesen wieder und wieder auf ihren hohen diätetischen Wert (Josef Gloetzl, Beiträge zur Kenntnis der stickstoffhaltigen Bestandteile, insbesondere des Reststickstoffs der Kuhmilch, Landw. Diss. Weihenstephan 1929, Berlin und Heidelberg 1930, 53). Klinische Interventionsstudien bestätigten viele der Wehsargschen Annahmen, wenngleich die Studienanlagen aus heutiger Sicht kaum überzeugend zu nennen sind. Saya wurde gut vertragen, kaum abgelehnt. Bei Kolitis, also Darmentzündungen, siegten die „guten“ Bakterien regelmäßig (Mohr, 1929). Auch bei Gastroenteritiden sowie Magengeschwüren milderte sie die Symptome (Pharmazeutische Monatshefte 11, 1930, 63). Die Hauptbedeutung schien jedoch in „einer raschen und zuverlässigen Kräftigung des Gesamtorganismus“ (Kieferle, Demeter und Forster, 1929, 102) zu liegen, also bei unspezifischen Krankheits- und Schwächezuständen wie Rekonvaleszenz, Bleichsucht oder Blutarmut. Aufgrund ihres relativ hohen Nährwerts ermöglichte Saya auch Gewichtszunahmen (H[ans] Seel, Experimentelle Untersuchungen über das Sauermilchpräparat „Saya“, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 41, 1930/31, 294-297).

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Gewichtskurven als vermeintlicher Beleg für die Wertigkeit von Saya (Seel, 1930/31, 296)

Dennoch führten die Untersuchungen auch zu kritischen Rückfragen. Leichte Besserungen etwa bei Lungentuberkulose konnten schon deshalb nicht kausal auf den Einfluss von Saya zurückgeführt werden, da die Wirkmechanismen unklar blieben (C[arl] Funck, Nutritive Allergie als Faktor in der Pathogenese initialer Lungentuberkulose, Archiv für Verdauungskrankheiten 44, 1928, 356-361, hier 360-361). Bei Tuberkulose war Saya generell wirkungslos; so jedenfalls das Ergebnis einer Studie an 81 Kindern in der Prinzregent-Luitpold-Kinderheilstätte Scheidegg (L. Bötticher und Hans Heinrich Knüsli, Versuche mit Saya-Milch bei den verschiedenen Formen der kindlichen Tuberkulose, Zeitschrift für Tuberkulose 54, 1929, 130-131). Die damals vor allem von der sog. SHG-Diät – einer von Sauerbruch, Herrmannsdorffer und Gerson propagierten salzfreien Tuberkulosediät – geweckten Hoffnungen an eine wirksame Bekämpfung des „weißen Todes“ erwiesen sich auch im Falle von Saya als trügerisch.

Das Wehsargsche Acidophilusmilch dürfte gleichwohl von der Ende der 1920er Jahre wachsenden Bedeutung ernährungsbasierter Therapien, der Rohkostdiäten und der Vitaminlehre profitiert haben. Jedenfalls wurden Milchtherapien öffentlich häufiger empfohlen. Das galt vor allem bei Frühjahrskuren, bei denen Sauermilchpräparate – darunter auch explizit Saya-Milch – für eine „Durchspülung des ganzen Körpers und die Anregung der Nieren- und Darmtätigkeit“ (W[aldemar] Schweisheimer, Frühlingskuren mit Milch, Frauenzeitung 1931, Nr. 12 v. 4. Juni, 1) sorgen sollten. Wiederum also die helfende Symbiose von Mensch und „guten“ Bakterien. Das galt aber auch für die Schönheit der menschlichen Außenhülle. Verheißend hieß es, Milch – explizit auch Saya-Milch – „geht zum Teil in das Blut über, schafft Gesundheit, heiße Augen, frische, natürliche Gesichtsfarbe und zarte Haut“ (Hildegard G. Fritsch, Natürliche Schönheitsmittel, Internationale Frisierkunst und Schönheitspflege 20, 1932, H. 1, 18). Richard Wehsarg griff derartige Moden auf, denn er hatte Schönheitsfehler schon seit langem mittels Ernährungsumstellung und Milchtherapie behandelt. Rückgang von Gesichtspickeln und Besserung von Ekzemen waren die Folgen, ebenso regelmäßiger Stuhlgang ([Richard] Wehsarg, Hautpflege / Milch und Butter, Die Volksernährung 5, 1930, 369-370, hier 370).

Qualitätsprobleme

Die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Etablierung von Saya im Massenmarkt und im klinischen Alltag waren also gut. Doch wie schon bei der Acidophilusmilch bestanden massive Qualitätsprobleme, so dass der Markenartikel nicht in stetig gleicher Güte angeboten wurde. Ausgerechnet Traugott Baumgärtel (1891-1969), damals frisch ordinierter Mikrobiologe an der TH München und später einer der wichtigsten deutschen Milchbakteriologen, erhielt im August 1928 eine Fehlcharge von Saya. Und er wetterte in heiligem Zorne gegen das „neuerdings so lebhaft propagierte Sauermilchfabrikat ‚Saya‘“ (Baumgärtel, Milchspezialitäten, hier 17): Wer „Saya-Milch etwas näher betrachtet, wird sie auf den ersten Blick für eine in Fäulnis übergegangene Flaschenmilch halten. Man erkennt deutlich die gelb-grünliche Molke, in welcher das von Gasblasen durchsetze Milcheiweiß Koagula bildet, die an der Oberfläche eine dicke Rahmdecke tragen, an welcher man mitunter mehrere Schichten wahrnehmen kann. Entsetzt wird man aber zurückfahren, wenn man die meist unter Druck stehende Flasche öffnet und den fauligen, wenn nicht jaucheartigen Geruch ihres Inhalts wahrnimmt. Nach der Gebrauchsanweisung soll der Inhalt jeder Flasche vor dem Gebrauch kräftig geschüttelt und das klümpchenhaltige Koagulum verrührt werden. Es mag sein, daß hierdurch das Präparat etwas an Appetitlichkeit gewinnt, während es seinen unangenehmen Geruch und Geschmack nach wie vor beibehält. Nach allem gehört eine starke Überwindung dazu, ein Sauermilchprodukt wie Saya zu genießen; es sei denn, daß man sich als Kranker – im festen Glauben an die Heilkraft der Arznei – an den Geruch und Geschmack der Saya gewöhnt“ (Ebd., 21). Für Baumgärtel war klar, dass Präparate, die „wegen ihres fäulnisartigen Aussehens, Geruchs und Geschmacks geradezu ekelerregend wirken“, keine Marktchancen haben, höchstens als Arznei bestehen konnten.

Baumgärtel ruderte zurück, als ihm die Kollegen aus Weihenstephan Produktionsprobleme eingestanden und ihm vorschriftsgemäß hergestellte Fläschchen lieferten. Er veröffentlichte daraufhin einen zweiten Artikel, in dem er nicht nur den säuerlich-erfrischen Geschmack lobte, sondern auch das Konzept und dessen volkswirtschaftliche und volkshygienische Bedeutung (Traugott Baumgärtel, „SAYA“ ein spezifisches Milchgärprodukt?, Milchwirtschaftliches Zentralblatt 59, 1930, 137-139). Doch die Milch war in den Brunnen gefallen, denn welcher Konsument wollte sich auf das Lotteriespiel einlassen, ein verdorbenes Produkt zu erwerben, dessen Qualität er trotz der durchsichtigen Flasche eben nicht unmittelbar einschätzen konnte. Außerdem gelang es der Saya GmbH auch in der Folgezeit nicht, die Qualitätsprobleme abzustellen: „Bei der Herstellung der Saya im Grossen ist wiederholt die unliebsame Erfahrung gemacht worden, dass das Präparat nicht haltbar war und noch vor Ablauf der Reifeperiode ungeniessbar wurde. […] Der Geschmack war scharf bitter, und der Geruch stechend scharf“ (Kunze, 1932, 23). Die damalige deutsche Unfähigkeit zur Massenproduktion komplexer Gebrauchsgüter wurde dadurch nochmals unterstrichen.

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Flaschenhygiene als Qualitätsproblem: Reinigungsmaschine von Ernst Mäurich, Dresden (Süddeutsche Molkerei-Zeitung 50, 1929, 780)

Die Ursachen hierfür lagen allerdings nicht bei der Reinkultur, sondern offenkundig in unzureichender Hygiene. Das betraf zum einen Kessel und Abfüllanlage, vor allem jedoch Flaschen und Gummiringe. Diese mussten nämlich keimfrei sein, ansonsten setzten sich rasch die „bösen“ Bakterien durch. Das wusste jede einmachende Hausfrau, doch Saya bedurfte eines deutlich reineren Umfeldes als die gern genommene und mit Konservierungsstoffen (Zucker) versehene Marmelade. Fremdinfektionen waren auch deshalb wahrscheinlich, weil die gängigen chemischen Reinigungsmittel aufgrund ihrer Auswirkungen auf den Geschmack nicht eingesetzt werden konnten.

Praktiker und Bakteriologen empfahlen gleichermaßen regelmäßige Belehrungen der Beschäftigten, sogleich aber auch der Hausfrauen, da verdorbene Ware grundsätzlich Erkrankungen nach sich ziehen konnte (Spieker, 1929, 1506). Hefen, anaeroben Sporenbildern und vor allem die gängigen Escherichia coli-Bakterien mussten schlicht gänzlich beseitig werden, bevor Saya gelang (Karl J. Demeter, Bakteriologische und biologische Untersuchungsmethoden, in: Willibald Winkler (Hg.), Handbuch der Milchwirtschaft, Bd. 2, T. 2, Wien 1931, 397-437, hier 403). Die Qualitätsprobleme der Wehsargschen Gesundheitsmilch unterstrichen indirekt, dass die Milchwirtschaft noch einen weiten Weg hin zur aseptischen Produktion auch nur der Milchspezialitäten vor sich hatte (Tr[augott] Baumgärtel, Die Anwendung von Mikrobenreinkulturen in der Milchwirtschaft, Milchwirtschaftliches Zentralblatt 67, 1938, 81-88, hier 88).

Vom Nahrungsmittel zur Arznei

Die Saya GmbH in Liquidation wurde schließlich am 3. August 1932 gelöscht (Deutscher Reichsanzeiger 1932, Nr. 186 v, 10. August, 7). Die genauen Ursachen hierfür sind unklar, doch es lag sicherlich nicht an den „guten“ Bakterien. Wie schon die einfache Acidophilusmilch scheiterte Saya wohl an fehlender Hygiene und unausgereifter Technik. „Diese Milchart wurde […] unter dem Namen ‚Reform-Joghurt‘ in Deutschland eingeführt, ohne jedoch die Verbreitung zu finden, die ihrer Bedeutung als Heilmittel zukommt“ (Heinrich Thomsen, Joghurt, Acidophilusmilch und Kefir, Hildesheim 1951, 17). Und doch, das Scheitern von Acidophilusmilch und Saya war nicht vollständig.

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Trockenprodukte im Trend: „Acidophilus“ als Kaufanreiz für häuslich einzusetzende Sauermilchkulturen (C.V.-Zeitung 9, 1930, 495)

Ähnlich wie schon kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als frischer Joghurt mit einer großen Zahl von rasch entwickelten Trockenpräparaten konkurrieren musste, konnten Konsumenten seit Ende der 1920er Jahre auch auf eine Reihe von Acidophiluspräparaten zurückgreifen. Aus Nahrungsmitteln wurden Heilmittel. Der Absatz von Acidophilusmilch verlagerte sich von den Milch- und Kolonialwarenhandlungen in die Drogerien, die Apotheken und Reformhäuser. Im Deutschen Reich erweiterte Dr. Klebs sein Angebot unter der Dachmarke von Joghurt-Tabletten. In Österreich bot das Wiener Laboratorium Groll mit Acidophil gar ein Trockenprodukt an, mit dem sich jeder die „guten“ Bakterien eigenverantwortlich zuführen konnte.

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Vom Nahrungsmittel zum Pharmazeutikum: Werbung für Grolls Acidophil (Neue Freie Presse 1933, Nr. 24699 v. 18. Juni, 13)

Anfang der 1930er Jahre wuchs das Arzneimittelangebot weiter. Baktolax war eine Mischung aus Lactobacillus acidophilus, Fragulaextrakt sowie Gleit- und Quellmitteln, das Darmkontrolle und innere Harmonie verhieß (Hermann Poras, Über Baktolax, ein neues Darmregulans, Wiener Medizinische Wochenschrift 85, 1935, 47-49). Im Deutschen Reich konnte man auf die Edelweiß-Tabletten oder aber Acidophilus Dr. Düll zurückgreifen (Neue Erkenntnisse im Verdauungsvorgange, Badische Presse 1933, Nr. 13 v. 1. August, 6; Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, 118). Diese pulverförmigen Präparate waren einfacher herzustellen, ihr Hersteller hatten weniger heikle Hygienefragen zu klären als die Saya GmbH und viele Molkereien. Gleichwohl konnte man Acidophilusmilch weiterhin vereinzelt zu kaufen, etwa als Angebot der Wiener Molkereien (Acidolphilusmilch (Wimo), Medizinische und Pharmazeutische Rundschau 7, 1931, Nr. 145, 10). Doch all dies ummäntelte nur das Scheitern der Acidophilusmilch und des Reformjoghurts Saya in Mitteleuropa. Erst der 1957 eingeführte „Bioghurt“ sollte dies schließlich ändern.

Uwe Spiekermann, 15. November 2021

Karstadt in Flammen! Der Braunschweiger Warenhausbrand 1899

Konsum ist Gewalt – und das umfasst weit mehr als den notwendig zerstörerischen Akt des Konsumierens und die verdrängende Kraft der Versorgungsketten. Konsum hat Scheidequalitäten – wer nicht erwerben, nicht zahlen kann, erfährt Ausgrenzung, weiß um Defizite seiner selbst. Konsum geht zugleich einher mit Handgreiflichkeiten, mit speziellen Formen aktiver Gewalt. Während der frühen Neuzeit richteten sich Widergesetzlichkeiten und Katzenmusiken gegen Kaufleute und die Obrigkeit, denn diese galten – zumindest in Städten – als Garanten der Alltagsversorgung, die angesichts regelmäßiger Missernten und Preissteigerungen Vorsorge zu treffen hatten. Vorstellungen des ehrlichen Kaufmanns und des gerechten Preises definierten Kipppunkte, rechtfertigten konkrete Aktionen, Plündern und Stehlen. Im Laufe des langen 19. Jahrhunderts wurde all dies mittels Markt und starkem Staat befriedet, nicht aber beendet.

Gewohnt an den großen Blick, geraten die kleinen lokalen Konflikte aus dem Blick. Reallohnsteigerungen überdecken Mangel und akute Not, die zunehmend prächtigen Einkaufsstraßen und Verkaufsstätten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen Konsum als Feld struktureller Gewalt scheinbar verschwinden. Dabei war die Zahl der Krawalle Legion, ausgelöst meist durch Preissteigerungen, Nahrungsmittelfälschungen oder Warenzurückhaltung. Dafür war zuerst der „Pöbel“ verantwortlich, darunter viele Frauen. Das Proletariat entwickelte dann stärker kollektive Kampfformen, die zahlreichen Boykotte der 1890er Jahre zeugen davon. In höheren Kreisen gewann zeitweilig das Stehlen, der „Warenhausdiebstahl“, an Bedeutung, wurde als vermeintlich weibliche Kriminalität pathologisiert und lange nicht recht ernst genommen (Uwe Spiekermann, Theft and Thieves in German Department Stores. A Discourse about Morality, Crime and Gender, in: Geoffrey Crossick und Sergé Jaumain (Hg.), The European Department Store 1850-1939, Aldershot 1998, 135-159).

Der Warenhausdiebstahl war kriminell, stand gegen die bürgerliche Rechtsordnung. Doch er war zugleich eine Übersprungshandlung, gewalttätiger Ausgleich zwischen der wachsenden Fülle der Waren und der sinnesreizenden Pracht der immer größeren Verkaufsläden. Aus Manufakturwarenhandlungen wurden Magazine, dann Kaufhäuser und Bazare, das Warenhaus bündelte all dies in Deutschland seit den 1890er Jahren. Es stand für die Verheißungen der modernen materiellen Welt, war betörend und billig zugleich. Doch es gab Gegner, mächtige zumal. Da war die Konkurrenz, die kleinen und mittleren Händler: Das Warenhaus sei materialisierte Gewalt, unterminiere die Grundlagen eines sich auf Gottesgnadentum, Religion, Militär und einem starken königstreuen Mittelstand stützenden Staates. Es verderbe Sitte und Anstand bei den Käuferinnen, aber auch der nun erst wachsenden Zahl junger Verkäuferinnen. Hier sei die Plutokratie am Werke, international aufgestellt, das Großkapital, immer auch der Jude. Die Kritik der Mittelstandsbewegung entsprach einem Gefühl der Zeit, geprägt von den Herausforderungen und Verwerfungen der ersten Globalisierung und der zweiten Industrialisierung. Entsprechend teilten auch Sozialdemokratie bzw. Konsumgenossenschaftsbewegung zentrale Punkte der schrillen und mit sprachlicher Gewalt vorgetragenen Kritik.

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Gewalt gegen die vermeintlichen Totengräber des Mittelstandes (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 12, 9)

All das führte zu staatlichen Regulierungen, zu teils massiven „Warenhaussteuern“, zugleich aber zu Modernisierungsbestrebungen im Handel (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland. Mittelstandsbewegung, Kapitalismus und Rechtsstaat im späten Kaiserreich, Frankfurt/M. et al. 1994). Das Warenhaus wurde dabei zum Symbol einer ambivalenten, einer gewalttätigen Moderne. Dieser Wellenschlag war noch in den Kaufhausbrandstiftungen des frühen RAF-Terrors vernehmbar (Alexander Sedlmaier, Konsum und Gewalt. Radikaler Protest in der Bundesrepublik, Berlin 2018, 41-89). Die Linksterroristen waren krude Antisemiten – und diese Seite der Gewalt durchzieht nicht nur das späte Kaiserreich, sondern auch die Weimarer Republik bis hin zur „Arisierung“ der großenteils von Bürgern jüdischen Glaubens geführten Warenhauskonzerne während des frühen Nationalsozialismus. Nationalsozialisten, Antisemiten und Mittelstandsbewegung wollten die Konsumgesellschaft „reinigen“ – und dabei waren Vorstellungen eines reinigenden Feuers immer wieder präsent (Paul Lerner, The Consuming Temple. Jews, Department Stores, and the Consumer Revolution in Germany, 1880-1940, Ithaca 2015, 179-211). Anders als im Rheinischen Kapitalismus gab es Brandstiftungen im Deutschen Kaiserreich jedoch nur wenige, keine davon endete in niedergebrannten Verkaufsstätten. Doch es gab zahlreiche „natürliche“ Brände, meist durch Unachtsamkeit, Verantwortungslosigkeit, durch „Unfälle“ – das Berliner Unternehmen Grinell warb 1928 mit der Zahl von 96 durch seine Wassersprinkler gelöschten Warenhausbrände (25 Jahre Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser, Berlin 1928, 142). Ein solcher fand in Braunschweig statt, im späten 19. Jahrhundert noch Hauptstadt eines selbständigen Herzogtums: Am Abend des 17. Mai 1899 hieß es: Karstadt in Flammen! Ein Einzelfall, gewiss. Zugleich aber Ausdruck der zuvor angelegten Themen und der beachtlichen Brandgefahr im späten 19. Jahrhundert.

Brände als Gefahr für die populäre Konsumkultur

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Grauen zum Konsumieren: Theaterbrand in Schwerin (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 340)

Brände verbindet man gemeinhin mit der frühen Neuzeit, als Feuersbrünste viele in engen Mauern verdichtete Städte verwüsteten – Friedrich Schiller hat diese Gefahr in der bekanntesten deutschen Ballade wortmächtig eingefangen. Städtewachstum und Urbanisierung veränderten dies, schufen neue Viertel, breitere Straßen und damit Feuerschneisen. Die großen Stadtbrände in Hamburg 1842, vor allem aber in Chicago 1871 verwiesen jedoch auf eine andauernde Gefahr. Heizung und Beleuchtung blieben die Hauptrisiken, ebenso gewerbliche Arbeit, verbunden mit Funkenschlag und offenem Schmiedefeuer. Doch während das Gewerbe zunehmend am Stadtrand ansiedelte, entstanden mit der langsamen Transformation der Stadtmitten in Dienstleistungs- und Konsumzentren neue Gefahren. Der Brand des Brooklyn Theatres kostete 1876 fast vierhundert Menschenleben, die der Oper in Nizza 1881 knapp 200, der verheerende Wiener Ringtheaterbrand im gleichen Jahr offiziell fast 400, wahrscheinlich aber deutlich mehr (Elmar Buck, Thalia in Flammen, Theaterbrände in Geschichte und Gegenwart, Erlensee 2000). All dies war Folge eines teils kenntnisarmen, teils unbedachten und sorglosen Umgangs mit neuer Technik, mit Gas, Elektrizität, mit wenig geeigneten Baustoffen und Metallen (Aug[ust] Fölsch, Theaterbrände und die zur Verhütung derselben erforderlichen Schutz-Maßregeln, Hamburg 1878). Die Behörden reagierten mit Regulierungen, mit Zonenplänen, verschärften die bestehenden Bauordnungen. Zugleich wurden die Feuerwehren verstärkt und technisiert, mit Ausziehleitern, Pumpen und Dampfspritzen. Die meist privaten Theaterunternehmer nahm man in die Pflicht, die nun übliche Wasserversorgung half die Schäden zu begrenzen, Menschenleben zu retten. Der Kunst- und Kulturgenuss war ein Risiko, dessen war sich die Kundschaft bewusst; doch davon ließ sie sich nicht verdrießen, wähnte sie sich doch in einer Zeit des Fortschritts, der sukzessiven Gefahrenminderung.

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Der brandgefährliche Schaufensterbummel (Fliegende Blätter 90, 1889, 209)

Entsprechend wurden Gefahren der immer sinnenträchtigeren Warenpräsentationen eher gering geachtet. Schaufenster setzten seit den 1860er Jahren die Käufer in ein neues Verhältnis zur Warenwelt. Sie erlaubten eine Vorabinspektion, ohne Kaufzwang, ohne die lenkende Kraft von Händlern und Verkäufern. Diese lernten langsam ihre Angebote in Szene zu setzen; in Berlin soll es 1880 bereits „3000 wirkungsvolle Schaufenster“ (Hermann Weidemann, Skizze zur Geschichte des Glases, Prometheus 24, 1913, 341) gegeben haben. Viele nahmen daran Anstoß, sahen darin übergriffige Werbung, die spätere Außenwerbung führte zu bürgerlichem Protest gegen derartig raumgreifende Reklame. Doch die Schaufenster bildeten auch eine neuartige Feuergefahr, denn sie wurden während und auch nach dem vor 1900 großenteils um 20 Uhr einsetzenden Ladenschluss beleuchtet, ja illuminiert. Anfangs geschah dies mit Kerzen und Petroleumleuchten, dann mit Gasbrennern. Schadenfeuer war kaum zu vermeiden, teils durch direkte Entzündung, teils durch Erhitzung und folgendem Brand der Auslagen. Seit den späten 1880er Jahren kamen vermehrt elektrische Bogenlampen auf, seit den 1890er dann Gasglühlampen (Uwe Spiekermann, Display Windows and Window Displays in German Cities of the Nineteenth Century, in: Clemens Wischermann und Elliott Shore (Hg.), Advertising and the European City: Historical Perspectives, Aldershot und Burlington 2000, 139-171, hier 157). Damit beseitigte man Gefahren offenen Feuers, doch die Schalttechnik blieb äußerst anfällig, Kurzschlüsse waren an der Tagesordnung. Allein in Berlin musste die Feuerwehr von 1895 bis 1900 849 mal ausrücken, um Schaufenster und Schaukästen zu löschen (Bericht über die Gemeinde-Verwaltung der Stadt Berlin 1895 bis 1900, T. 3, Berlin 1905, 294).

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Neue Verkaufsräume für die wachsende Zahl der Waren: Zukunftsvision 1895 (Fliegende Blätter 103, 1895, 2)

In den meisten Fällen gingen die Schaufensterbrände glimpflich aus, endeten mit zerstörter Auslage und verrußten Waren; eine Folge auch der Sicherungswände, die den kommerziellen Kunstraum vom eigentlichen Laden abtrennten. Dieser aber vergrößerte sich massiv durch die wachsende Zahl der Spezialgeschäfte für Manufakturwaren und Möbel, der Kaufhäuser und dann auch der in den frühen 1890er Jahren entstehenden Warenhäuser. In Berlin besaßen Wertheim, Hermann Tietz und seit 1904 auch Rudolph Hertzog mehr als 10.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, Karstadt übertraf diese Marge erstmals 1912 im neu erbauten Verkaufspalast in der Hamburger Mönckebergstraße. Für die Baupolizei betraten die Käufer gefährliches Terrain: In den Warenhäusern „bewegen sich Käufer und Kaufende namentlich in der Weihnachtszeit dicht gedrängt zwischen brennbaren, bisweilen leicht entzündlichen Waren hin und her, und die Zeit, in der des Abends die künstliche Beleuchtung erstrahlt, ist die vom Publikum bevorzugteste. Durch zwei oder mehrere Geschosse pflegt sich bei größeren, den neuzeitlichen Anforderungen entsprechenden Bauten der Verkaufsraum zu dehnen, man ersteigt mittels offener Freitreppen die sich um ausgedehnte Lichthöfe galerieartig hinziehenden oberen Geschosse, in denen ebenfalls Waren aller Art feilgehalten werden“ (O[tto] v. Ritgen, Der Schutz der Städte vor Schadenfeuer, Jena 1902, 54). Allen Vorkehrungen zum Trotz schien Einkauf als Tanz auf dem Vulkan, als Balanceakt angesichts der damit verbundenen Brandgefahren.

Braunschweig, 17. Mai 1899: Der Brand

Das galt auch für Braunschweig, einer traditionsreichen Hanse- und Handelsstadt, die um die Jahrhundertwende im raschen Wandel begriffen war. Im westlichen Ringgebiet hatten sich bereits zahlreiche aufstrebende Maschinenbauunternehmen etabliert, befördert durch die frühe Agrarindustrialisierung der Region, durch prosperierende Mühlen, Zuckerraffinerien und Konservenfabriken. Die damals etwa 120.000 Einwohner zählende Landeshauptstadt entwickelte sich zu einem industriellen Zentrum, Unternehmen des Fahrzeugbaus (Büssing, gegründet 1903) oder der optischen Industrie (Voigtländer, ab 1898 AG) verbreiterten die industrielle Basis. Karstadts 1898 in der Stephanstraße 6 neu bezogenes Geschäftshaus stand für den parallelen Aufbruch auch im Handelsgewerbe, auch in der Braunschweiger Altstadt, von der es noch 1900 hieß: „Man braucht nur durch die stillen idyllischen Straßen Braunschweigs zu wandern, um sich sogleich zu sagen, daß hier unter den Menschen noch alte gute Gemächlichkeit zu Hause ist, und daß der Drang nach Erwerb, nach Reichtum und Karriere andere Regungen noch nicht ganz unterdrückt hat“ (Heinrich Lee, Deutsche Landsmannschaften in Berlin. XIV. Braunschweiger, Berliner Tageblatt 1900, Nr. 227 v. 5. Mai, 6-7, hier 6). Karstadt stand für die Kapitalkraft auswärtiger Investoren, doch auch lokale Unternehmen veränderten tradierte Formen des Einkaufens. Adolf Frank (1889-1920) hatte an der Ecke Schuhstraße/Stephanstraße 1889 eine Kurzwarenhandlung gegründet, die er bis zur Jahrhundertwende zu einem stattlichen Magazin fortentwickelt hatte. Beide Geschäfte setzten neue Maßstäbe durch große Verkaufshäuser und tiefe Sortimente gewerblich produzierter Waren.

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Braunschweigs Altstadt auf dem Weg zum Einkaufszentrum. Das schräg gegenüber von Karstadt liegende Magazin Adolf Frank 1899 (heute Ort der New Yorker-Filiale) (Wikipedia)

Es gibt allerdings Bereiche, in denen sich die Gemächlichkeit der vermeintlich guten alten Zeit bis heute gehalten hat, oberflächlicher Modernität zum Trotz. Das Land Niedersachsen, in den 1946 auch der Freistaat Braunschweig eingegliedert wurde, hat es beispielsweise in den 75 Jahren seines Bestehens nicht vermocht, auch nur eine der dort vor der Landesgründung erschienenen Tageszeitungen zu digitalisieren (karge Ansätze finden sich allein bei der Landesbibliothek Oldenburg). Diese kulturelle Einöde wird allerdings durchbrochen von tradierten Überlieferungen. Das Stadtarchiv Braunschweig birgt Material über den Warenhausbrand im Bestand H XIV Nr. 62, dessen Bibliothek eine kleine Gedenkbroschüre. Dieses gebührend erweiterte dürre Material liefert das Gerüst zur Rekonstruktion der Geschehnisse im Mai 1899, als es schreckerfüllt hieß: Karstadt in Flammen!

Am Mittwoch, den 17. Mai 1899 befanden sich kurz vor Ladenschluss noch etwa 70 Personen, darunter 30 Käufer, im Kaufhaus Karstadt in der Braunschweiger Stephanstraße 6. Im äußersten rechten Schaufenster – es gab insgesamt sechs davon – entstand zwischen 19.40 und 19.45 Uhr ein Brand. Eine glühende Leitung hatte Textilien erhitzt, diese fingen Feuer, das Schaufenster brannte aus, ebenso die Rückseite. Der Brand griff auf den Verkaufsraum über, fand Nahrung durch leicht entzündliche Waren. „Innerhalb weniger Minuten verbreitete sich, begünstigt von der breiten, nach dem ersten Stocke führenden Treppe, das Feuer in die oberen Stockwerke. Eine hohe Feuersäule und dichter Qualm schlugen nach oben, Alles um sich verzehrend und den Hauptausgang versperrend“ (Eine furchtbare Brandkatastrophe, Neueste Nachrichten 1899, Nr. 116 v. 19. Mai). Feuermelder waren nicht vorhanden, ebenso keine Alarmanlage. Ein Fahrradfahrer sah den Brand, eilte zur nahegelegenen Wache der Berufsfeuerwehr, wo der Alarm um 19.50 einging. Erste Einheiten rückten nach zwei Minuten aus, erreichten drei bis fünf Minuten später den Brandort. Die Feuerwehr der Turner und verschiedene Fabrikwehren folgten, ebenso freiwillige Feuerwehren aus dem unmittelbaren Umland.

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Die Freitreppe als potenzieller Schlot: Blick in das Berliner Kaufhaus Hermann Hoffmann (Baukunde des Architekten, Bd. 2, T. 5, 2. vollst. neu bearb. Aufl., Berlin 1902, 75)

Bei Karstadt hatten sich derweil die Geschehnisse überschlagen. Die Mehrzahl der Käufer und auch des Personals entkamen in den Hinterhof durch die Nottüren im Erdgeschoss. Die Richtung zu diesem unbekannten Fluchtweg wiesen Angestellte. Die elektrische Anlage war trotz des Kurzschlusses und der Angst vor weiterem Funkenschlag nicht abgestellt worden, so dass man den rettenden Weg trotz des Qualmes sehen und einschlagen konnte. Während die Personen im Erdgeschoss also rasch entkommen konnten, spitzte sich die Situation für die Besucher und Bediensteten in der ersten und zweiten Etage massiv zu. Sie wurden vom Feuer getrieben, konnten teils durch eine im Hause gelegene Nottreppe entkommen, retteten sich teils aber auch auf und über die Balustraden und Dächer des Geschäftshauses. Die Feuerwehr begann, ihre bis zu 18 Meter hohen hölzernen Leitern in Stellung zu bringen. All dies dauerte, und in ihrer Not kam es bei einigen zu beherzten Panikreaktionen.

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Lageplan auf Grundlage der Karte von Ernst Stier, Führer durch die Stadt Braunschweig und deren Umgebung, 2. verb. u verm. Aufl., Braunschweig 1899, s.p. (Wikipedia)

Folgen wir einer der Schilderungen, wohl wissend, dass dies ausschmückender Lokaljournalismus war, nachträglich erstellt: „In ihrer Verzweiflung sprangen einige der ängstlichen Personen von ihrem so sehr gefährdeten Standorte ohne unteren Schutz ins Freie. Einige kletterten, wie bereits oben angedeutet, aus den Giebelfenstern auf das Ziegeldach des benachbarten Schmidt’schen Hauses, oder wagten lebensgefährliche Sprünge auch auf dieses. Ein Mann sprang in seiner Angst sogar ins Leere, hatte aber doch noch die Geistesgegenwart, sich, während er nach unten sauste, an eine Sprosse einer Leiter festzuhalten, wo er, zum Entsetzen der Untenstehenden, zwischen Himmel und Erde hängen blieb. Die Aufregung der Letzteren steigerte sich jeden Augenblick und wuchs, als die Kräfte des Unglücklichen zu erlahmen drohten. Ein wackerer Feuerwehrmann erklomm so rasch es ging die Leiter und es gelang ihm schließlich unter Aufbietung all seiner Kräfte, den Aermsten zu sich herüberzuziehen. Zum Tode erschöpft kamen Retter und Geretteter zur Freude der Untenstehenden unten an“ (Brandkatastrophe, 1899). Der Artikel lenkte dann zum Höhepunkt über, den Sprüngen einzelner in die Tiefe der Hinterhöfe. Doch diese erfolgten schon vor Eintreffen der Feuerwehr. Der Schneider Karl Bosse sprang wohl bereits um 19.47 Uhr vom zweiten Stock aus auf die Straße. Seine Beine waren gebrochen, sein Rückgrat schwer beschädigt, Kopfwunden kamen hinzu. Der blutende Mann wurde in das hinter Karstadt gelegene Schmidtsche Etablissement getragen, einer beliebten, für seine Damenkapelle bekannten Restauration. Er war bei vollem Bewusstsein, verwies auf weitere vom Feuer drangsalierte Schneiderinnen im 2. Stock. Karl Bosse wurde mit einem Rettungswagen in das Herzogliche Krankenhaus gebracht, wo er in der Nacht verstarb.

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Sammelplatz vieler Brandopfer – Anzeige für Schmidts Etablissement (Braunschweigisches Adreß-Buch für das Jahr 1899, Braunschweig 1899, Werbung, 60)

Es folgte die Schneiderin Emma Müller. Sie erlitt einen doppelten Beinbruch, verstauchte sich das andere Bein, wies ebenfalls schwere Verletzung des Rückgrats und des Kopfes auf (Das Feuer bei Karstadt, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 200 v. 18. Mai). Ihr Zustand war kritisch, schien aber nicht lebensgefährlich zu sein, so dass sie von einem Sanitätswagen in die Obhut ihrer Eltern gebracht wurde. Es ist unklar, ob und wie viele weitere Personen in den Hof heruntersprangen. Doch diesen war das Glück hold, sicher auch Folge des verwinkelten und teils mit Zwischenmauern versehenen Hinterhofs. Drei Schneider sprangen zudem auf das acht Meter tiefer gelegene Dach des feuersicheren Treppenhauses, von wo sie dann mit Leitern gerettet wurden (Zum Brandunglück an der Stephanstraße, Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 138 v. 19. Mai 1899; Gedenkblatt an die Brandkatastrophe Karstadt am 17. Mai 1899, Braunschweig 1899, 9). Dramen spielten sich auch im Inneren des Karstadtschen Geschäftshauses ab. Eine junge Frau war in den Ölkeller des Hauses geflohen, schlug dort die Eisentür hinter sich zu, konnte diese dann aber nicht mehr öffnen. Andere hat dies bemerkt, Männer brachen das Straßengitter mit einem zufällig verfügbaren Brecheisen auf, retteten so ein Leben. Unmittelbar danach fingen in dem mit Rauch erfüllten Raum geplatzte Ölfässer Feuer, hüllten die Vorderfront des Hauses in dunkle Schwaden.

Der Berufsfeuerwehr war es kurz darauf gelungen, zahlreiche, wohl bis zu achtzehn Personen mittels ihrer Leitern zu retten. Gemeinsam mit den anderen Wehren wurde Karstadt von allen vier Seiten mit Löschwasser bestrichen. Dies diente nicht allein der Brandbekämpfung, sondern sollte vor allem verhindern, dass sich das Feuer auf die benachbarten Gebäude ausbreitete. Dabei half der einsetzende leichte Regen. Brennende Waren flogen jedoch hoch, fielen in der Nachbarschaft nieder. Sie fanden sich teils jenseits von Dom und Burgplatz, ohne aber weitere Brandherde zu entfachen. Auch Personen waren dadurch gefährdet: Ein Stoffballen traf eine Musikerin der Damenkapelle beim Einpacken, ihr Rock fing Feuer, doch die Flammen konnten rasch erstickt werden. Neben dem raschen Eingreifen der Wehren und der Sicherung des Hinterhofs halfen vor allem die drei hohen Giebelwände den Brand einzudämmen. In der Nachbarschaft, insbesondere im Bazar von Adolf Frank und im Schmidtschen Etablissements zersprangen Scheiben, wurden Außenwände und Mauerwerk beschädigt. Doch das Feuer war kurz nach 21 Uhr im Wesentlichen gelöscht. Zwei Stunden später zogen die ersten Wehren wieder ab, ebenso die Soldaten, die gemeinsam mit der fast komplett mobilisierten Polizei Sicherungsaufgaben übernommen hatten.

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Sammelpunkt der Menschenmenge: Der südlich vom Brandort gelegene Braunschweiger Kohlmarkt (Der Bär 26, 1900, 511)

Dies war erforderlich, denn die „schauerlichen Sturmsignale von den Thürmen, der helle Feuerschein und die mächtigen schwarzen Rauchwolken hatten eine nach Tausenden zählende Menschenmenge angelockt, welche das furchbare Schauspiel mit ansehen wollten“ (Brandkatastrophe, 1899). Die Schaulustigen wurden aus den umliegenden Straßen zurückgedrängt, Schützen- und Neuestraße, Sack und Schuhstraße abgesperrt. Der Straßenbahnverkehr kam teils zum Erliegen, Rückstaus waren die Folge. Ja, es gab etwas zu sehen: „Der Zudrang zur Brandstätte war gestern Abend unbeschreiblich; der Kohlmarkt war z.B. derart von Zuschauern bestanden, daß es dem Einzelnen schwer hielt, den Platz zu durchqueren“ (Brandunglück, 1899).

Die Menge zerstreute sich wieder, die Berufsfeuerwehr bekämpfte weiterhin schwelende Brandherde, Polizisten blieben auf Posten. Der Brand war ein Ereignis, doch noch war von Toten nicht die Rede. Am späten Abend zogen Journalisten und Agenturen eine erste Bilanz: „Im Waarenhaus von Karstadt entstand heute Abends 7¾ Uhr infolge Kurzschlusses der elektrischen Leitung Feuer, das rasch um sich griff. Alle vier Stockwerke sind ausgebrannt. Mehrere Angestellte sind verletzt, einige werden vermisst. Der Schaden ist sehr bedeutend“ (Berliner Tageblatt 1899, Nr. 249 v. 18. Mai, 3; ähnlich Berliner Börsen-Zeitung 1899, Nr. 230 v. 18. Mai, 5; Neue Hamburger Zeitung 1899, Nr. 229 v. 18. Mai, 4). Der nächste Tag sollte zeigen, dass die Verheerungen schlimmer waren als gedacht.

Das Warenhausunternehmen Rudolph Karstadt

Bevor wir darauf eingehen, sollten wir uns kurz dem Unternehmen widmen, dessen Braunschweiger Filiale jäh zerstört wurde. Der Name Karstadt steht einerseits für die übliche Entwicklung der deutschen Warenhäuser. 1881 gründeten Rudolph Karstadt (1856-1944) und seine Geschwister Ernst und Sophie-Charlotte unter dem Namen des Vaters Christian im mecklenburgischen Wismar das Manufakturwarengeschäft C. Karstadt & Co. Wie Wertheim, die Tietz-Brüder oder aber auch Althoff begnügte sich Rudolph Karstadt nicht mit nur einem prosperierenden Geschäft, mochte er es ab 1884 auch unter eigenem Namen führen. Rudolph Karstadt beschritt stattdessen den für die Warenhäuser üblichen Weg von der Provinz in die größeren Städte. 1884 folgte ein Geschäft in Lübeck, 1888 in Neumünster, 1890 dann in Braunschweig. Diese Filialbildung machten den Einkauf billiger, mochten die Läden auch noch eingeschossig sein und sich kaum von gängigen mittelständischen Geschäften unterscheiden. In Kiel, Preetz, Heide, Mölln und Eutin folgten weitere Karstadt-Betriebe. Erfolgreiche Häuser wurden rasch erweitert, so auch 1898 das Braunschweiger Geschäft in der Stephanstraße 6, inmitten der Altstadt (Die Rudolph Karstadt A.G. und die mit ihr verbundenen Unternehmungen, Berlin 1929, 9-16). Das damals in Kiel ansässige Unternehmen entwickelte sich in der Folgezeit zum wichtigsten Warenhauskonzern in Nord- und dann auch (neben Alsberg und Leonhard Tietz) in Westdeutschland. Rudolph Karstadt übernahm dazu die Läden seines Bruders Ernst Karstadt (1900-1901) sowie dann des Althoff-Konzerns (1918-1920).

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Nur für Christen: Stellenanzeige von Rudolph Karstadt Braunschweig (Allgemeine Zeitung 1907, Nr. 182 v. 20. April, 12)

Karstadt war anderseits aber eine Ausnahme innerhalb der diskreten Elite der Warenhausbesitzer (Heidrun Homburg, Warenhausunternehmen und ihre Gründer in Frankreich und Deutschland, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1992/I, 183-219). Bis 1912, der Eröffnung des Hamburger Warenhauses in der Mönckebergstraße firmierten seine Filialen als Kaufhäuser. In Braunschweig verkaufte er zuvor kein sortimentsübergreifendes Komplettangebot, sondern Textilien aller Art, Damen-, Herren- und Kinderkonfektion sowie Gardinen und Teppiche. Karstadt firmierte vor Ort nicht als Warenhaus, sondern als „Handlung mit Manufacturwaaren“ (Braunschweigisches Adreß-Buch für das Jahr 1896, Braunschweig 1896, 126; ebd. 1899, 145). Das diente der (letztlich erfolglosen) Vermeidung drohender Warenhaussteuern sowie der damals ebenfalls intensiv diskutierten Filialsteuern. Karstadt war zudem Lutheraner, also nicht jüdischen Glaubens. Auch wenn er virtuos Anzeigen schaltete, regelmäßig Ausverkäufe veranstaltete und nicht zuletzt Waren relativ preiswert verkaufte, bot er aufgrund seines christlichen Glaubens der immer auch antisemitischen Mittelstandsbewegung deutlich weniger Angriffsfläche als die Warenhauskonkurrenz. Dies wurde unternehmerisch auch genutzt, denn Karstadt setzte sich teils bewusst von der jüdischen Konkurrenz ab: Als Jude hatte man innerhalb des Karstadt-Imperiums nur begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten. Der Brand des Braunschweiger Hauses konnte daher von der gegen die gewaltsame Umgestaltung des Handels wetternde Mittelstandskonkurrenz also weniger einfach genutzt werden.

Braunschweig, 18. Mai 1899: Entdeckende Aufräumarbeiten

Am Morgen des 18. Mai 1899 war mit Karl Bosse ein erstes Todesopfer zu beklagen. Doch es gab Gerüchte über weitere Tote, zumal noch mehrere Personen vermisst wurden. Die Verwüstungen waren aber auch so bereits immens: „Das zerstörte Gebäude ist ein dreistöckiger Massivbau mit einem Dachgeschoß, dem drei große Giebelbauten vorgelegt worden sind; der mittlere stürzte zusammen, der westliche wurde heute Morgen abgetragen. In das untere Stockwerk waren 6 große Schaufenster und der breite Eingang eingeordnet; die beiden oberen Stockwerke hatten in der Front je 10 Fenster. Der Bau hat eine Tiefe von etwa 20 Metern“ (Brandunglück, 1899). Der Schaden wurde auf mindestens eine halbe Million Mark geschätzt, das gesamte Warenlager war verbrannt. Der Straßenbahnverkehr blieb beeinträchtigt, die Brandstätte abgesperrt. Kleine Brände loderten immer wieder auf, wurden jedoch rasch gelöscht. Hauptkasse und Geldschrank wurden zwischen den Trümmern gefunden. Der Keller war voller Wasser, darin schwammen Einrichtungsgegenstände und Waren. „Die Kellerdecken zeigen mehrfach Risse und drohen jeden Augenblick einzustürzen. Die eisernen Pfeiler sind eingeknickt, die Sandsteinpfeiler geborsten. Die Stockwerke machen einen beängstigenden Eindruck. Verbogene Eisenpfeiler, gebrochene und abgeschmolzene Traversen, verkohlte Fußböden, bedeckt mit fußhohem Schutt und rauchender Asche, das ist das Bild, dem man auf Schritt und Tritt begegnet“ (Zum Brande des Karstadt’schen Geschäftshauses, Neueste Nachrichten 1899, Nr. 117 v. 20. Mai).

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Die verwüstete Fassade des Karstadt-Hauses (Neueste Nachrichten 1899, Nr. 117 v. 20. Mai; Gedenkblatt, 1)

Am Morgen kamen auch Angehörige der Vermissten in die Stephanstraße 6. Sie forderten die Feuerwehr auf, in der Ruine genauer zu suchen. Die Mannschaften räumten ab 10 Uhr den Schutt aus dem nordwestlich gelegenen abgegrenzten Treppenhaus, das vielen erst ein Entkommen ermöglicht hatte. Sie drangen nach Mittag dann zu den im Hinterflügel des 2. Stocks gelegenen Schneiderwerkstätten vor. Lassen wir uns nochmals auf eine stilisierte Schilderung des Geschehens ein: „Ein schmaler Raum, mächtige Schutthaufen bedecken, wie alle übrigen Räume, den Boden, ein penetranter Brandgeruch steigt von demselben auf, der Verputz der Wände bedeckt den unheimlichen Haufen, langsam sickert das kohlengeschwärzte Wasser aus demselben hervor und bildet stellenweise dicke, zähe Lachen. Da gewahrt ein Feuerwehrmann eine verkohlte Hand, in Todesqual zur Faust geballt, welche aus dem Schutthaufen hervorragt. Schreckensrufe, heiser und schrill werden laut. Man ist an der Unglücksstätte angelangt. Vorsichtig wird der Schutt entfernt und ein Knäuel menschlicher Gliedmaßen, bis zur Unkenntlichkeit zusammengebrannt, wird frei gelegt. Es sind die fünf vermißten Schneiderinnen, fest umschlungen, als hätten sie gewußt, daß der unerbittliche Tod sie Alle auf einmal dahinraffen würden, müssen sie ihrem schrecklichen Ende entgegen gesehen haben. […] Die Namen der jungen Mädchen sind […] Paula Trippler, Frankfurterstr. 35, Meta Schulz, Alte Waage 21, Marie Becker (der Stiefvater derselben heißt Bartels), Alte Waage 21, Elsbeth Ruthemann, Haupt-Bahnhof und Frieda Jordan, Gliesmaroderstraße 46“ (Brande, 1899). Die Leichen wurden vom Schutt befreit, in den Hof getragen, dort von einem Karstadt-Angestellten rekognosziert. Dann brachte man sie in die Leichenhalle des Herzoglichen Krankenhauses. Dort hatten die Angehörigen die Möglichkeit Abschied zu nehmen.

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Hinterhof mit Außenreklame: Von Punkt 1 sprangen Karl Bosse und Emma Müller hinab, hinter den Punkten 2 lagen die Arbeitsräume der fünf erstickten Schneiderinnen. Das Schmidtsche Etablissement befand sich hinter den Mauern an der rechten Seite (Gedenkblatt 1899, 10)

Die Ermittlungen ergaben, dass die jungen Frauen in ihrem Arbeitsraum den Ausstand von Meta Schulz gefeiert hatten (Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 249 v. 31. Mai). Sie wollte am Pfingstsonntag heiraten. Die Aussagen zum Geschehen sind widersprüchlich. Augenzeugen wollten Meta Schulz, aber auch mehrere andere Personen an den Fenstern gesehen haben, doch sie sei zurück ins Zimmer gefallen, nachdem sie sich nicht zum Sprung habe entschließen können (Volks-Zeitung 1899, Nr. 233 v. 20. Mai, 3). Karl Bosse gab zu Protokoll, dass Meta Schulz die zum drei Meter entfernten Treppenhaus führende Tür geöffnet habe, durch die Hitze und das Feuer aber zurückgefallen sei. Sicher ist, dass sich mehrere in unmittelbarer Nähe befindliche Schneider retten konnten, doch hatten diese die Schneiderinnen nicht noch eigens gewarnt. Die Untersuchungen der Feuerwehr ergaben, dass eine der mit etwa einem Meter Schutt bedeckten Leichen mit den Füßen zur Tür aufgefunden wurde, drei Leichen zusammenlagen, die fünfte etwas versetzt gefunden wurde. Die Schneiderinnen hatten demnach das Feuer erst um ca. 19.46 Uhr bemerkt, seien aber vom Rauch, eventuell auch vom Schrecken niedergestreckt worden und dann erstickt. Die Feuerwehr habe ihren Tod daher nicht verhindern können (Sitzungsbericht 61 vom 30. Mai 1899 BL, Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 160, Beilage, 775-793, hier 779).

Beherztes Eingreifen anderer Beschäftigter oder Käufer hätte vielleicht etwas wenden können. Die Vorsteherin der Schneiderinnenwerkstatt, die aus Ahlum stammende Marie Grigat, brachte beim Brandausbruch fertig genähten Textilien ins Erdgeschoss. „Als sie in die zweite Etage kam, schlugen ihr schon die Flammen entgegen und sie lief nun ohne Weiteres aus dem Hause. Sie hat allerdings den unten stehenden Leuten zugerufen, daß sich noch acht junge Mädchen oben im Hause befänden, doch muß in der entsetzlichen Aufregung Niemand darauf geachtet haben“ (Das Feuer bei Karstadt, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 202 v. 19. Mai). Die Schneiderin im Ölkeller wurde gerettet, die in ihrer Werkstätte Feiernden reagierten zu spät und wurden vergessen.

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Extrablatt mit Todesnachrichten (Braunschweigische Landezeitung 1899, Extrablatt v. 18. Mai)

Am Mittag des 18. Mai 1899 war demnach klar, dass der Braunschweiger Brand mindestens sechs Todesopfer gefordert hatte. Diese Nachricht fand reichsweite Resonanz, wenngleich es meist bei einer kurzen Meldung blieb (Vossische Zeitung 1899, Nr. 230 v. 18. Mai, 8; Berliner Tageblatt 1899, Nr. 250 v. 18. Mai, 4; Neue Hamburger Zeitung 1899, Nr. 229 v. 18. Mai, 9; Der sächsische Erzähler 1899, Nr. 58 v. 20. Mai, 4). Teilwiese paraphrasierte man die Berichte der Braunschweiger Zeitungen (Vossische Zeitung 1899, Nr. 231 v. 19. Mai, 12). Die Toten und der Schaden standen im Mittelpunkt der Berichterstattung: „Der angerichtete Materialschaden ist, wie schon gesagt, sehr bedeutend. Das Gebäude ist mit 150.000 M, die Waarenvorräthe sind mit 225.000 M versichert“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1899, Nr. 253 v. 20. Mai, 4006). Die „Brandkatastrophe“, das „Brandunglück“ wurde auch im Ausland breit rezipiert (vgl. etwa die Berichte in Prager Tagblatt 1899, Nr. 138 v. 19. Mai, 9; Grazer Tagblatt 1899, Nr. 138 v. 19. Mai, 16; L’Universe 1899, Ausg. v. 20. Mai, 4; La Suisse Libérale 1899, Nr. 155 v. 20. Mai, 3; Feldkircher Zeitung 1899, Nr. 41 v. 24. Mai, 3; Auerthal-Zeitung 1899, Nr. 62 v. 24. Mai, 3).

Eigenproduktion

Der Tod von bei Karstadt in eigenen Werkstätten angestellten Schneidern und Schneiderinnen mag auf den ersten Blick überraschen. Es handelte sich dabei nicht allein um Vorläufer der bis heute in gehobenen Fachgeschäften vorhandenen Änderungsschneidereien. Vielmehr spiegelt dies die Traditionslinie der Magazine – Adolf Franks benachbartes Geschäft firmierte noch als solches –, also von Ladengeschäften mit integrierter Warenproduktion, die von den Warenhäusern fortgeführt wurde (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 376-377). Das größte deutsche Warenhaus, Wertheim in Berlin, beschäftigte 1895 beispielsweise 4.670 Personen. Doch darunter befanden sich im Haupthaus 180 Arbeiter, zudem 250 Schneider, 1200 Näherinnen und je 100 Stickerinnen und Putzmacherinnen in gesonderten Werkstätten (Werner Sombart, Die deutsche Volkswirtschaft im Neunzehnten Jahrhundert, Berlin 1903, 578). 40 Prozent der Beschäftigten stellten demnach Textilien und Besatzartikel her, änderten und reparierten Kleidung.

Die Braunschweiger Toten stehen für die rückwärtige Seite des breiten und kulanten Angebotes von Karstadt, für rasch zu erledigende Dienstleistungen der ja noch nicht durchkonfektionierten und normierten Angebote dieser Zeit. Die Warenhäuser intensivierten diese Eigenproduktion, teils als Bestandteil ihres Kundendienstes, aufgrund der abnehmenden Zahlen kleiner selbständiger Schneidereien, dem Reiz „exklusiver“ Angebote und der größeren Flexibilität bei Modewaren. 1908 besaßen 33 von 35 befragten Warenhausunternehmen eigene Produktionsstätten (Käthe Lux, Studien über die Entwicklung der Warenhäuser in Deutschland, Jena 1910, 150-152). Diese vertikale Konzentration war zugleich ein wichtiger Puffer gegen die schwer abwägbaren Einflüsse der Mode. Schwer verkäufliche Kollektionen konnten so umgearbeitet, nicht verkäufliche Stoffe und Muster anderweitig genutzt werden. Gerade Karstadt entwickelte sich, trotz der Brandtoten, schon vor dem Ersten Weltkrieg zum wichtigsten Protagonisten einer derartigen in einem Handelskonzern integrierten Warenproduktion (Heinrich Husemann, Die Eigenproduktion der deutschen Warenhauskonzerne, Hamburg 1930, 21; Käthe Lux, Die Eigenproduktion der deutschen Warenhäuser, Magazin der Wirtschaft 3, 1927, 1381-1383, insb. 1381). Dies führte allerdings zu massiver Kapitalbindung, so dass während der Weltwirtschaftskrise hohe staatliche Kredite und Subventionen erforderlich waren, um den Konkurs von Karstadt zu verhindern.

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Verspäteter Nachruf. Traueranzeige Rudolph Karstadts für seine verstorbenen Bediensteten (Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 236 v. 20. Mai)

Die Presse, die Gerüchte und die Ordnung

Der Karstadt-Brand war ein Ereignis elementarer Wucht auch abseits der Toten und Verletzten. So verloren die meisten Beschäftigten unmittelbar ihre Arbeit. Das war üblich, ebenso wie das überschüssige Wabern zahlreicher Gerüchte. Die Presse verbreitete einige davon, begünstigte sie mit übertriebener, teils fehlerhafter Berichterstattung. Als zentrales Medium abseits des Alltagsgesprächs verstand sie sich dennoch vor allem als Korrektiv, als Garant von Wahrheit und Ordnung.

Entsprechend traten die verschiedenen Zeitungen erst einmal Übertreibungen entgegen. Am Mittag nach dem Brand sprach man in der Stadt schon davon, dass man Menschenschädel oder gar vollständige Leichen gefunden habe. Das in der Presse immer wieder luzide ausgebreitete Leid der Betroffenen wurde fortgeführt: So etwa in der Fama, dass sich der Bräutigam von Meta Schulz in seiner Verzweiflung erschossen habe, nachdem er die zerborstene Leiche seiner Braut im Krankenhaus identifizierte hatte. Hier vermengte die Phantasie zwei unterschiedliche Ereignisse, denn in der Tat hatte sich am 19. Mai ein 19-Jähriger Kutscher mit einem Revolver erschossen (Das Feuer bei Karstadt, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 202 v. 19. Mai). Fabuliert wurde auch über weitere Opfer, die Vorsteherin der Schneiderwerkstatt mutierte zur vermissten und wohl verbrannten Käuferin.

Auch der Brand selbst gebar seine eigene Realität. Mehrere Nottüren seien verschlossen gewesen, die Feuerwehr habe zu spät reagiert und die Sprungtücher vergessen. Selbst in Berlin wurde gemeldet: „Die Feuerwehr zeigte sich der Situation durchaus nicht gewachsen, worüber hier große Entrüstung herrscht“ (Volks-Zeitung 1899, Nr. 230 v. 18. Mai, 3). Die lokalen Zeitungen verteidigten die Wehren, betonten ihre Mannhaftigkeit und ihre Tapferkeit, ihre Professionalität und Ortskunde. Offenkundige Abstimmungsprobleme zwischen Polizei und Feuerwehr wurden dagegen nicht thematisiert, obwohl Hinweise auf die Vermissten die Berufsfeuerwehr erst am Morgen nach dem Brand erreichten. Über den Anzeigenkunden Karstadt wurde kaum kritisch berichtet, denn er hatte gegen die baupolizeilichen Vorgaben scheinbar nicht verstoßen. Es kümmerte kaum, dass es keine Feuerleitern gab. Auch dass die zum Hof führende Nottür anfangs verschlossen war, fand nur Erwähnung, da der Schlüssel rasch zur Hand war. Die fehlenden Feuermelder waren kein Thema. Dabei hatte nicht nur der wackere Fahrradfahrer den Brand gemeldet, sondern unmittelbar darauf auch die Turmwache der nördlich gelegenen Andreaskirche sowie – per Feuermelder – ein Angestellter des in der Schuhstraße 33 befindlichen Kaufhauses Pfingst, einer Filialgründung des Nürnberger Warenhausbesitzes Julius Tietz (Vom Brande bei Karstadt, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 209 v. 25. Mai). Die unmittelbar nach dem Brand entbrannte Debatte über die Braunschweiger Baupolizeiordnung lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit stattdessen auf die nicht mehr zeitgemäße Regulierung moderner Verkaufsstätten. Dies war im Einklang mit der Staatsregierung, hatte Staatminister Adolf von Hartwieg (1849-1914) doch die Brandstätte am 18. Mai besucht und derartige Verbesserungen in Aussicht gestellt.

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Der Tod als Schicksal – Gebrauchspoetik zum Karstadt-Brand (Vaterländische Volkszeitung 1899, Nr. 28 v. 15. Juli)

Selbstkritik fehlte in den Tageszeitungen, Fehlmeldungen wurden auf die Augenzeugen geschoben, die nicht imstande gewesen seien „kaltblütig und ruhig zu beobachten“ (Folgen des Karstadtschen Brandes, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 253 v. 2. Juni). Die Schaulustigen wurden eher ungläubig zur Kenntnis genommen. Ihre Neugierde wurde nicht als Ausdruck eines Wissens um untergründige Alltagsgefährdungen verstanden, als Beleg für die Unsicherheit des Lebens und ubiquitäre Gewalt, sondern als hysterische Übersprungshandlung: „Geradezu widerlich und abstoßend sei es, wenn Mütter, den Säugling im Arme und ein bis zwei Kinder an der Hand, sich in das Gewühl der schaulustigen Menge stürzen, lediglich zu dem Zwecke, um ‚auch dabei gewesen zu sein!‘ wie es bei dem Karstadt’schen Brande leider so vielfach zu beobachten war. Ich möchte nur wissen, was sich diese Mütter dabei denken, ob sie überhaupt mit ihrem Spatzengehirn die Tragweite ihrer Handlungsweise zu fassen in der Lage sind und vor Allem, was die resp. Gatten dazu sagen“ (Wovon man spricht, Neueste Nachrichten 1899, Nr. 118 v. 21. Mai).

Braunschweig, 21. und 22. Mai 1899: Beerdigungen

Nach dem Brand stand das Pfingstfest in Braunschweig unter dem Eindruck der Ereignisse. Das Leid der anderen, das „Unglück“ der sechs Toten löste eine Welle der Anteilnahme aus. Am Pfingstsonntag, dem 21. Mai 1899, wurde zuerst der Schneider Karl Bosse zu Grabe getragen. Er war in seiner Wohnung aufgebahrt worden, der Leichenzug traf um 13 Uhr auf dem Zentralfriedhof ein. Sein zerborstener Leichnam lag in einem schlichten schwarzen Sarg, sein Grab im heutigen Gräberfeld 31. Die Trauerfeier war einfach, „nur wenige Neugierige nahmen daran Theil“ (Gedenkblatt, 1899, 13). Das sollte sich bei der unmittelbar folgenden Beerdigung der Schneiderin Frieda Jordan ändern. Auch ihr Leichnam wurde