Die Tafel neu decken. Der lange Schatten des Wissens- und Technologiebruchs des späten 19. Jahrhunderts

Unser Essen, unsere Ernährung sind deutlich weniger modern als wir dies denken. Die üblichen Erzählungen konzentrieren sich eben nicht auf die Strukturen der Lebensmittelversorgung, sondern blicken auf die kleinteilige Produktwelt, auf kurzfristige und eben darum kaum verstandene Veränderungen [Verweis: Zeit]. Angesichts der strukturellen Wandlungen des späten 19. Jahrhunderts sind wir jedoch Epigonen. Wir haben uns eingerichtet in einer Welt längst angelegter und lediglich fortgesetzter Veränderungen. Wie anders ab Mitte des 19. Jahrhunderts: Der einschneidende Wandel von einer Agrar- zur Industriegesellschaft machte es unabdingbar, die Tafel neu zu decken. Dies betraf anfangs die deutschen Lande, dann das kleindeutsche Kaiserreich. Doch im späten 19. Jahrhundert, während der sog. ersten Globalisierung, wurden zudem die Grundlagen des heutigen globalen Ernährungssystems gelegt. Dabei spielte Deutschland eine zentrale Rolle.

Der Aufstieg zur führenden Wissenschafts- und Wirtschaftsnation gründete auf den Branchen der sog. zweiten Industrialisierung. Deutschland war bis in den 1870er Jahre der britischen Entwicklung gefolgt, hatte Primärindustrien wie den Bergbau, die Eisen- und Stahlproduktion und die Textilindustrie aufgebaut. Dann aber entstanden auch wissensbasierte Industrien wie Chemie, Maschinenbau und Elektrotechnik, die bis heute unseren Wohlstand sichern. Deutschland hatte sich zuvor schon vom Agrarexporteur zu einem -importeur gewandelt. Seit der Mitte des Jahrhunderts stieg Deutschland parallel zum Zentrum der Ernährungs- und Agrarwissenschaften auf. Wissenschaftliches Know-how wurde in Maschinen, Anlagenbau, Kontroll- und Messgeräte und Saatgut materialisiert. Ihre Verbreitung ermöglichte national und global einen Produktivitätssprung, der half, die Tafel neu zu decken. All dies zerbrach durch den Ersten Weltkrieg. Der Staffelstab ging über an die USA.

Fünf Aspekte dieser Veränderungen will ich Ihnen näher vorstellen. Eine vertiefte, mit breiten Quellen- und Literaturversehene Darstellung finden Sie in meinem gemeinsam mit Stefan Manz, Professor of Global History an der Aston University in Birmingham, im Frühjahr bei Oxford University Press erschienenen Buch „Making Food Empires. German Technology and Global Mass Production, 1870-1914“. Dessen hier auch durchscheinende Kernthese ist, dass das Deutsche Reich im späten 19. Jahrhundert die bereits bestehenden kolonialen und quasikolonialen Imperien Großbritanniens, Frankreichs und der USA nutzte, um ein anders geartetes wissenschaftlich-ökonomisches „Empire“ zu etablieren. Die Welt war verteilt, doch man dachte und machte sie neu. In diesem Artikel steht allerdings das die deutsche Entwicklung im Vordergrund, denn sie bot die Grundlage für Neugestaltung der globalen Lebensmittelversorgung. Am Anfang steht das neue Wissenschafts- und Innovationssystem. Danach dienen drei Branchenstudien dazu, die Verwissenschaftlichung, die Chemisierung und die Technisierung der Lebensmittelproduktion national und global nachzuzeichnen. Es wird um damalige Hightech-Industrien gehen, um Zucker und Süßstoffe, um den nicht nur in der Karibik produzierten Rum und die Bierbrauerei. Ein kurzes Fazit wird die Ambivalenz dieses Wissens- und Technologiebruchs gesondert behandelt.

Grundlagen des Wissens- und Technologiebruchs

Vier Entwicklungen können erklären, warum dieses neue „Empire“ just in Deutschland aufgebaut wurde. Es war erstens die Wiege der angewandten organischen Chemie und auch der Ernährungswissenschaft. Mangels Kolonialbesitz besaß es zweitens seit dem 18. Jahrhundert eine Tradition, teure Kolonialwaren durch billigere Ersatzmittel zu substituieren. Drittens erforderten die zunehmend gewerblich produzierten Lebensmittel neue Gefahren und Unsicherheiten, die dank neuartiger Kontroll- und Messverfahren gemildert werden konnten. Viertes schließlich war Deutschland nicht nur auf den Weg zur weltweit führenden Exportnation, sondern exportierte parallel qualifizierte Emigranten, die für die Übernahme und Verbreitung deutscher Wissenschaft und Technik zuvor unbekannte Möglichkeiten bieten sollten.

Rekonstruktion des Gießener Laboratoriums von Justus Liebig im Deutschen Museum München (Illustrierte Technik für Jedermann 6, 1928, H. 27, VI)

Zur Wissenschaft: Die Naturlehre hatte im 18. Jahrhundert begonnen, Leben und Materie auf ihre kleinsten Bestandteile zurückzuführen. Britische und französische Gentlemen-Forscher waren federführend, das Periodensystem der chemischen Elemente ein wegweisendes Ergebnis. Noch galt es, die gottgegebene Ordnung zu verstehen. Die Nahrungsstoffe waren im frühen 19. Jahrhundert jedoch von anderem Kaliber. Nahrung bestand aus höchst heterogenen Elementen. Diese interagierten im Körper. Es entstanden nicht nur neue Stoffe, sondern diese garantierten auch das Leben. Der Sprachwandel der Sattelzeit erlaubte nun wagende Spekulationen über neue, zuvor unbekannte Ordnungen. Das Leben. Die Natur.

Die neue Ernährungswissenschaft verstand sich nicht mehr nur als Hort von Ordnung und Sicherheit. Ihr Ziel war es, den Dingen auf den Grund zu gehen, nicht konkret für einmal, sondern gesetzesmäßig für immer. Wissen wurde fluid, herstellbar. Wissenschaft implizierte Forschung, sie produzierte Zukunft. Das regelhafte Erschließen neuer Bezirke des Wissens erforderte jedoch Reduktionismus. Das Kleine bot ein Abbild des Großen. Die tradierte Humoralpathologie wurde verdrängt. Aus dem Apfel wurde ein Stoffkonglomerat, das Stoffparadigma der organischen Chemie überwölbte tradierte Vorstellungen von Essen und Ernährung. Die Folge war ein Ordnungs- und Gestaltungswissen, das im Laboratorium entstand, das darin aber nicht verblieb.

Erster von Vielen: Justus von Liebig in seinem Münchener Arbeitszimmer (Über Land und Meer 31, 1874, 268)

Dieser Wandel wird gemeinhin mit Justus Liebig (1803-1873) verbunden, dessen Gießener Laboratorium weltweit Vorbild wurde. Dieser Kunstraum schuf kontrollierte Bedingungen für Forschungen, erlaubte die Überprüfung wagemutiger Hypothesen. Das galt etwa für sein Modell der Natur als chemischen Stoffwechsel, der Pflanze, Tier und Mensch miteinander verband. Die grob bekannten Nährstoffe wurden chemisch definiert und hatten klar voneinander zu scheidende Funktionen. Dieses Wissen gründete auf dem Experiment, war messbar, quantifizierbar – und unmittelbar anwendungsbezogen: Wissen war Macht – Handlungsmacht. Das konkretisierte sich 1840 in Liebigs „Agriculturchemie“, der wagenden Grundlegung einer dann weiter ausdifferenzierten Düngerlehre (Justus Liebig, Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie, Braunschweig 1840). Liebig stand für die umgestaltende Kraft der Wissenschaft, vertrat die liberale Utopie einer gottlosen, doch aufgeklärten Gesellschaft wachsenden Wohlstands. Die Eiweißnot der Armen sollte mit Hilfe seines aus Südamerika stammenden Fleischextrakts beseitigt, die Kindersterblichkeit mit seiner Malzsuppe bekämpft, das Brot mit seinem Backpulver nahrhafter werden – solche Anregungen gab er im Dutzendpack.

„Volksnahrungsmittel“ Carne pura – ein getrocknetes, aus Südamerika importiertes Fleischpulver ([Julius] Stinde, Special Catalog für den Pavillon Carne pura, Berlin 1882, 11)

Liebigs Anregungen scheiterten fast durchweg – und der polemisch schreibende Rechthaber hat vieles gebremst und behindert. Doch als bewegende, inspirierende Kraft gab es weltweit keinen Zweiten. Sein Feld war nicht nur die Stoffwelt, sondern auch die Welt: „Es wächst hienieden Brot genug / Für alle Menschenkinder.“ Stoffe sollten weltweit vom Ballast befreit, haltbar und nutzbar gemacht werden. Fleischextrakte, -peptone und das Fleischpulver Carne pura waren solche Innovationen, gefolgt von verarbeitetem und billigerem pflanzlichen Protein. Man scheiterte an vielem, nicht zuletzt am Geschmack und der Ignoranz gegenüber den Routinen der Alltagskost. Doch im zweiten Anlauf würde es schon klappen.

Das war auch das Credo der im 18. Jahrhundert etablierten deutschen Ersatzmittelwirtschaft. Sie stand für deutschen Tabak, Zichorienkaffee und Rübenzucker. Virginia-Tabak oder Mokka schmeckten anders, gewiss. Doch beim Zucker hatte man das Original schon verbessern können.

Ein veränderter Produktionsrahmen: Wissenschaft als Bedrohung bürgerlicher Gemütlichkeit, als neue Chance der Lebensmittelproduktion (Liederbuch für fröhliche Fälscher, Berlin 1878, IV (l.); Berliner Wespen 10, 1877, Nr. 38, 4)

Mitte des 19. Jahrhundert war die deutsche Alltagskost bereits in einem tiefgreifenden Wandel begriffen, hervorgerufen von Kartoffeln und auch Kartoffelschnaps. Schnellessig war verfügbar, teure Gewerbeprodukte wie Mineralwasser, Sekt, Konserven, Schokolade und Konfitüren. Seit den 1860er Jahren trat die Bierproduktion hinzu, dann die Milch-, langsam auch die Fleischwirtschaft, in den 1870er Jahren die Kunstbutter. All dies zernierte den traditionellen Zuschnitt der bäuerlichen Wirtschaft, erzwang weiteren Marktbezug, intensivierte die Geldwirtschaft und damit den Kauf anderer, so nicht bekannter Nahrungsmittel. Das war potenziell gefährlich, mündete in intensive Debatten über Qualität und Verfälschung, schließlich in das Sicherheitskorsett des 1879 erlassenen Nahrungsmittelgesetzes. Das Janusgesicht der Chemie wurde damals überdeutlich, denn neue Farb- und Konservierungsstoffe, neue Aromen und Zusätze entwerteten die auf Sinnesproben ausgerichtete tradierte Kontrolle vor Ort, erforderten neue Formen wissenschaftlicher Qualitätskontrolle.

Kontroll- und Messgeräte: Trichinen-Mikroskop und Milchprüfer (Josef Ruff, Illustriertes Gesundheits-Lexicon, 4. Aufl., Straßburg, 1887, 646 (l.); Kladderadatsch 31, 1878, Nr. 4, Beibl. 2, 3)

Wissenschaft schuf Probleme, reduzierte zugleich deren Folgen. Nun entstanden zahllose wissenschaftliche Kontroll- und Messgeräte. Sie hatten Schutzcharakter, dienten zugleich aber auch einer qualitativ höherwertigen Produktion. Das galt vor allem für die Milchverarbeitung, bis in die 1920er Jahre der umsatzstärkste deutsche Gewerbezweig.

Wissenschaft als Garant für eine ehrliche Lebensmittelwirtschaft (Industrie-Blätter 3, 1866, Nr. 1, 1)

Die Wissenschaft – und insbesondere die Chemie – konnte dadurch ihr Image grundlegend verbessern, war nicht mehr länger schwarze Kunst, sondern Garant für verbesserte und ehrliche Produkte. Sie schied die lauten Fälscher von den lauteren Herstellern.

Humankapitaltransfer durch qualifizierte und arbeitswillige Immigranten und Zielkonflikte nicht nur beim Essen und Trinken (Wasp 7, 1881, 136 (l.); Puck 62, 1907, Nr. 1600, s.p.)

Bleibt noch die vierte Grundlage, die Emigration. Im 19. Jahrhundert verließen etwa sechs Millionen Deutsche ihre Heimat, 90 Prozent davon Richtung USA. Die eigenen Kolonien lockten kaum Siedler, doch weltweit entstanden gerade an Handels- und Verkehrsplätzen informelle „deutsche Kolonien“. Die Akkulturation erfolgte nirgends konfliktlos, doch bessere Grundqualifikationen, Arbeitsbereitschaft und Aufstiegsorientierung waren Andockpunkte für nachfolgende Transfers. Als Gruppe gesehen, waren diese Auswanderer erfolgreicher als die Zurückgebliebenen.

Die Verwissenschaftlichung des Süßen

Die erste Fallstudie umfasst das Süße. Etwas Außergewöhnliches in der vorindustriellen Alltagskost, sieht man von Honig und Sirup ab. Rohrzucker kam aus der Plantagen- und Sklavenwirtschaft der Karibik. Sein kalorischer Überschuss war, neben Kohle, ein wichtiger Faktor für die englische Frühindustrialisierung. In deutschen Landen war Zucker selten, teuer, adelig und bürgerlich. Billiger Ersatz war Teilhabe, seit dem frühen 19. Jahrhundert hieß die Antwort Rübenzucker. Die frühe Industrie kollabierte, doch auf Grundlage neuen Wissens gab es seit den 1830er Jahren einen zweiten Anlauf, dieses Mal erfolgreich. Entscheidend hierfür war die enge Interaktion zwischen organischer Chemie, angewandten Agrarwissenschaften und Maschinenbau. Rübenzucker wurde vorrangig exportiert, britische und amerikanische Konsumenten profitierten von billigen Dumpingpreisen. Diese Weltmarktpräsenz qua Endprodukt zerbrach um 1900, doch zu dieser Zeit war der Export des Knowhows bereits weit wichtiger: Anlagen und Maschinen, Kontrollgeräte und Saatgut, ebenso die deutsche Fachliteratur. Dieses Knowhow global präsenter deutscher Chemiker und Ingenieure ermöglichte dann die Rückkehr des Rohrzuckers als global dominante Süße.

Rohrzucker als Kolonialprodukt: Werbetafel einer Kolonialwarenhandlung von 1890 in der Rue des Petits Carreaux, Paris (Uwe Spiekermann, 2024)

Rohrzucker basierte auf Plantagen- und Sklavenökonomie. Doch er war zugleich ein europäisches Endprodukt. In den Karibikkolonien produzierte und konsumierte man Vorprodukte, zumal Melasse. Diese wurden nach Großbritannien, nach Amsterdam und Hamburg verschifft. 1807 gab es in Hamburg 217 Zuckersiedereien, noch in den 1860er Jahren bestanden europaweit fast achthundert Rohrzuckerfabriken.

Zucker lässt sich jedoch nicht nur aus Zuckerrohr extrahieren. Rohr und Rübe waren weltweit zweitrangig gegenüber Süßgräsern, etwas dem in Asien dominierenden Sorghum. Rübenzucker war hierzulande anfangs Ersatz; zugleich aber Hilfsmittel für eine gerechtere Welt. Der hugenottische Preuße Franz Carl Achard (1753-1821) legte mit seinen schlesischen Feldforschungen seit 1800 die wissenschaftlichen Grundlagen für die Extraktion. Rohrzucker war für ihn Sklavenkraut. Die Quäker seien daher zum Ahornzucker übergegangen. Doch die „Selbsterzeugung des Zuckers in Europa [sei] ein noch weit zuverlässigeres und sicheres Mittel, den Sklavenhandel zu vernichten.” „Erzeugung des Zuckers aus Runkelrüben” sei „Sache der Menschlichkeit” (Franz Carl Achard, Die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben […], neue verb. Aufl., Leipzig 1812, 425 und 426).

Rübenzuckerproduktion und Rohrzuckerimporte im Deutschen Zollverein 1836 bis 1871 (in Zentnern) (Darstellung auf Basis von Richard von Kaufmann, Die Zucker-Industrie, Berlin 1878, 42-43, 46-47)

Mittelfristig gelang dies, der Neustart erfolgte im Schutz des 1834 errichteten Deutschen Zollvereins. In den 1850er Jahren verdrängte Rübenzucker die Rohrzuckerimporte. Der Kartoffelanbau hatte arbeitsintensive Hackfrüchte etabliert, Rüben folgten, erst als Futtermittel, dann als Rohware. Die Besteuerung erfolgte nach der Erntemenge – und dies war ein massiver Anreiz für die gezielte Erhöhung des Zuckergehalts der Pflanzen. Verbesserte Düngung verdoppelte den Feldertrag von 1850 bis 1900, parallel verdreifachte Züchtungsforschung den Zuckerertrag.

Die Wissenschaft leitet die Neugestaltung der modernen Zuckerproduktion (Das neue Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, 7. erw. und verb. Aufl., Bd. 5, Leipzig und Berlin 1878, 41 (l.); Richard v. Regner, Die Fabrikation des Rübenzuckers, Wien, Pest und Leipzig 1879, I)

Angewandte Wissenschaft verbilligte die Produktion. Man nutzte – wie die Konservenfabrikation – Vakuumtechniken, – wie die Milchwirtschaft – Zentrifugalkräfte und – wie die Bierproduktion – neuartige Filtertechniken. Die etwa 400 von Rübenbauern errichteten Fabriken verfügten über ausreichend Kapitel für einen sich stetig verbessernden Maschinenpark. Die Plantagenökonomie war von Sklavenblut besudelt, doch die Wissenschaft erlaubte ein reines, hellgelbliches Produkt, das durch den Einsatz von Ultramarin gar weiß schien.

Das Ersatzmittel verdrängt das Original: Weltmarktanteile von Rüben- und Rohrzucker 1840-1900 (Darstellung auf Basis von Ben Richardson, Sugar: Refined Power in a Global Regime, Houndmills und New York 2009, 51)

Die deutschen Fabrikanten überholten die anfangs führenden französischen Anbieter, eroberten mit ihrem reinen Wissensprodukt parallel die Exportmärkte in Großbritannien und den USA. Der stetig wachsende Markt war der Erfolg des Rübenzuckers.

Politisch gestoppt: Synthetisierte Süßstoffe in den 1890er Jahren (Schwäbischer Merkur 1898, Nr. 303 v. 28. Dezember, 2757 (l.); Das Echo 20, 1892, Nr. 488, II; Deutscher Reichsanzeiger 1895, Nr. 306 v. 24. Dezember, 12 (r.o.); ebd. 1896, Nr. 25 v. 28. Januar, 13, r.u.))

Rübenzucker stand allerdings selbst unter Druck. In den USA wurde zwischen 1850 und 1880 mit hohen Mitteln versucht, Sorghum-Zucker zu etablieren. Man scheiterte an der Extraktion und Klebrigkeit der Zuckerhirse. In Deutschland entstanden seit den 1880er Jahren andere, wahrlich wissenschaftliche Konkurrenten, nämlich synthetische Süßstoffe, Pendants der Teerfarben. Saccharin und Dulcin substituierten 1901 etwa ein Achtel des Zuckermarktes, wurden dann jedoch rezeptpflichtig.

Anlagenbau: Rübenzuckerfabrik der Braunschweiger Maschinenbau-Anstalt 1878 (Das neue Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, 7. erw. u. verb. Aufl., Bd. 5, Leipzig und Berlin, 1878, 41)

Der deutsche Zuckerkonsum stieg stetig an, erreichte um 1900 etwa zehn Kilogramm pro Kopf, vor dem Ersten Weltkrieg dann 25 Kilogramm. Doch wichtiger war die grundlegende wissenschaftlich-technische Infrastruktur: Erstens die enge Kooperation von Agrarwissenschaft, Maschinenbau und Chemie. Zweitens begann in den 1870er Jahren der Anlagenbau, also das Angebot schlüsselfertiger Fabriken. Die Braunschweiger Maschinenbau-Anstalt lieferte bis 1877 einundvierzig solche Fabriken – erst im Inland, dann im europäischen Ausland.

Klonen und Verbreiten: Angebote der Braunschweigischen Maschinenbau-Anstalt (Weekly Statistical Sugar Trade Journal 27, 1903, Nr. 46, 5)

Bis zur Jahrhundertwende waren es dann etwa 180 Fabriken, nun aber weltweit. Drittens ergänzten deutsche Anbieter solche Anlagen kleinteilig, durch neu patentierte Technik, durch neu entwickelte Verfahren. All dies zielte viertens auf eine möglichst automatisierte Zuckerproduktion. Die Rüben – oder aber das Zuckerrohr – wurden angeliefert, die Essenz extrahiert – und am Ende stand eine wachsende Palette standardisierter Zuckerprodukte.

Deutsche und österreichische Patente, deutsche Maschinen, französisches und deutsches Saatgut, deutsch-amerikanischer Unternehmer: Die erste großbetriebliche Rübenzuckerfabrik in den USA 1889 (Herbert Myrick, The American Sugar Industry, New York, Springfield und Chicago 1889, 170)

Die Kunsträume der Zuckerproduktion wurden global errichtet, die Umwelt passte sich den Fabriken an, nicht umgekehrt. Hier sehen Sie die erste größere Rübenzuckerfabrik in den USA, errichtet vom deutsch-stämmigen Zuckerkönig Claus Spreckels (1828-1908). Er hatte zuvor Hawaii zum Rohrzuckerarchipel umgestaltet. Nach Ende des Sorghum-Abenteuers war diese Fabrik der Beginn eines vor allem von Spreckels angeführten Aufbaus einer amerikanischen Rübenzuckerindustrie.

Alte und neue Produktionsmethoden in der britischen Kolonie Barbados (Barbados Illustrated 1911, T. 2, 29 (l.); ebd., 23)

Wissenschaft und Technik sind anpassungsfähig, und chemisch gibt es keinen Unterschied zwischen Rohr- und Rübenzucker. Der Maschinenpark unterschied sich vornehmlich bei den Zerkleinerungsmaschinen und der Filtertechnik. Oben sehen Sie neu implementierte Vakuumpfannen in Barbados, gefertigt von englischen Maschinenbauern. Das reichte für Produktivitätssprünge bei Zwischenprodukten, während die eigentliche Wertschöpfung weiter in den Raffinerien der westlichen Zentren erfolgte.

Mikrokontrolle der Zuckerproduktion: Laboratoriumsgeräte wie Polariskope oder Alkohollampen; patentiert für Georg Stade, Berlin (Verzeichnis der Rübenzuckerfabriken und Zucker-Raffinerien im deutschen Reiche 17, 1900/01, Werbung, 89 (l.); Rufus Frost Herrick, Denaturated or Industrial Alcohol, New York 1907, 230)

Für einen wissenschaftlichen Betrieb waren Laboratoriumsgeräte wichtiger als zuvor schon eingeführte Erntemaschinen: Oben ein Polariskop zur Messung des Zuckergehaltes und eine Alkohollampe für Produktion ohne Abgase.

Aufbau dezentralisierter Maschinenbaufirmen – auf Grundlage nicht zuletzt deutscher Expertise und Patente (Louisiana Planter Sugar Magazine 35, 1905, Nr. 3, xxxvi)

Ein weiterer Schritt deutscher informeller Imperien war die dezentrale Produktion auf Basis von Patenten. Oben ein Einblick in die Honolulu Iron Works, wo westliche Facharbeiter und Ingenieure auf Basis von Blaupausen dezentral Midtech-Produkte herstellten.

Importierte und vor Ort verbesserte Zuckerrüben in den USA (Beet Sugar Gazette 1, 1899/1900, Nr. 8, 9)

Der globale Transfer von Wissenschaft und Technik umfasst auch Saatgut. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg lieferte die Klein Wanzlebener Firma Rabbethge & Giesecke 55 Prozent des globalen Zuckerrübensaaten, der Quedlinburger Konkurrent Dippe ein weiteres Sechstel. Die Experten dieser Firmen bündelten das globale Wissen, waren weltweit vor Ort tätig, förderten dort die Verwissenschaftlichung der Produktion.

Zielorte deutschen wissenschaftlichen Know-hows: Rohrzuckerproduktion 1911 (Hendrik C. Prinsen-Geerligs, The World’s Cane Sugar Industry, Manchester 1912, XVI)

All dies führte zu einer um 1900 einsetzenden und zuvor kaum für möglich gehaltenen Renaissance des globalen Rohrzuckeranbaus. Die vorrangig aus Deutschland stammende Expertise, die Maschinen und Geräte, Samen nebst Pflanzenschutzmitteln prägten und veränderten die Weltwirtschaft.

Umkehr der Verhältnisse: Weltmarktanteile von Rüben- und Rohrzucker 1840-1920 (Darstellung auf Basis von Richardson, 2009, 51)

Flankiert von den durch die Brüsseler Zuckerkonvention wegbrechenden Exportsubventionen wuchs der Weltmarktanteil des Rohrzuckers dramatisch, überholte 1911 wieder den des Rübenzuckers. Die Technik glich sich an, Klima- und Arbeitskostenvorteile traten hervor. Der Weltkrieg beschleunigte diesen Wandel, 1920 lag der Anteil des Rübenzuckers nurmehr bei etwas über 20 Prozent. Die Auswirkungen des Versailler Vertrages zerstörten die Vorkriegsstellung der deutschen Zuckerwirtschaft endgültig. Doch die Verwissenschaftlichung des Süßen war damals längst erfolgt.

Die Chemisierung des Rums

Nun zu Rum, heute ein 37 Milliarden Dollar-Markt. Rohrzucker und Melasse wurden auch zu Schnaps vergoren. Doch Rum ist nicht Rum ist nicht Rum. Das scharfe koloniale Gesöff wurde seit dem späten 19. Jahrhundert nicht zuletzt mit deutschem Knowhow zu einem milderen Getränk. In Deutschland war es wohlbekannt, doch kaufen konnte man nur Kunstprodukte. Diese Unordnung im deutschen Markt führte zu neuen Kontroll- und verbesserten Produktionsverfahren. Die Chemisierung gründete zudem auf Versuchen um deutschen Ersatz. Auch eigener Kolonialrum wurde angegangen, scheiterte jedoch. Am Ende erlaubte deutsche Expertise weltweit neuartige Firmen für chemischen reinen Rum.

Rum besitzt bis heute chemisch ungeklärte Aromenspektren. Der Begriff stammt von der britischen Karibikkolonie Barbados, wo er seit 1651 als „Rumbullion“, als „Kill Devil“, bekannt war. Als Nebenprodukt der Rohrzuckerwirtschaft verbreitete sich das Gärungsprodukt im 17. und 18. Jahrhundert, wurde zum Alltagsgetränk in den britischen Kolonien Nordamerikas. In Europa etablierte sich das Kolonialgetränk seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, doch spätestens seit den 1830er Jahren geriet der Markt durch Temperenzbewegung und Abolitionismus unter Druck. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jamaika Barbados als wichtigsten Produktionsstandort längst abgelöst, während der US-Markt vornehmlich von der spanischen Kolonie Kuba beliefert wurde.

Deutscher Rum: Ersatzprodukt aus vergorenem Rohrzucker (Allgemeiner Anzeiger [Gotha] 1812, Nr. 117 v. 2. Mai, Sp. 1216)

In deutschen Landen nahm der Konsum von Rum seit dem späten 18. Jahrhundert im Bürgertum, teils auch im Adel langsam zu. Die Kontinentalsperre der napoleonischen Zeit unterbrach allerdings den Import. Ersatzmittel waren die Folge, doch Deutscher Rum aus heimischen Rohstoffen konnte nicht überzeugen. Selbst kapitalkräftige Firmen scheiterten am Geschmack, an fehlenden chemischen Kenntnissen, an der noch in den Anfängen stehenden Aromaforschung.

Die moderne Hausfrau: Rum-Rezept in einer führenden Frauenzeitschrift (Wiener Hausfrauen-Zeitung 20, 1894, Nr. 5, 43)

„Deutscher Rum“ war Ersatz in einem Markt ohne wirklich reiner Rum. Das koloniale Gesöff kam über die Londoner Docks nach Hamburg und Bremen. Gewiss, es gab durchaus sog. „echten“ Rum. Doch der 75%ige Jamaika-Rum war zu scharf. Wasser half, ebenso Aromastoffe. Echter Rum war Verschnittrum von 50/55 Prozent. Akzeptabel, denn er wurde ja als Grog weiter verdünnt, diente ansonsten als Küchengewürz, als Zusatz zu Schnaps und Korn.

Warum aber da stehen bleiben? Die breite Masse des Marktes bestand aus Kunstrum, war eine Mischung aus Kartoffelsprit und aromatischen Zusätzen. Das Rezept unterstreicht, dass frau das auch selbst herstellen konnte, Apotheken und Drogerien boten die Grundstoffe.

Rum à la Jamaika: Do-it-yourself Rumessenzen von Max Noa (Berliner Volks-Zeitung 1904, Nr. 487 v. 16. Oktober, 4)

Derartige chemische Selbstermächtigung gab es auch in wohlbetuchten Kreisen. Dazu diente Faconrum, also Kunstrum mit etwa einem Zehntel Importrum. Schlechter Verschnitt. Bequemer und preiswerter waren dagegen die seit den 1890er Jahren reichsweit orderbaren Do-it-yourself-Varianten, die Rumessenzen. Weingeist, Essenz, umrühren – Wohlsein!

Der deutsche Rummarkt war vielgestaltig und ungeordnet: Fabrikanten tüftelten an Mischungen und Aromen, besser als das unbekannte Naturprodukt. Die Chemiker waren bis Anfang des 20. Jahrhunderts allerdings nicht in der Lage, Verfälschungen gerichtssicher aufzudecken. Importkontrollen scheiterten. Umgekehrt bot dies neue Exportchancen: Gerade Hamburg entwickelte sich zum führenden Exporteur für deutschen Kunstrum, der insbesondere in den französischen und deutschen Kolonien den „echten“ Karibikrum aus dem Markt drängte.

Chemisch reine und verträgliche Spirituosen: Kampf dem Füselöl (Von oben n. unten: Lintner, 1886, 23; Hilger und Kayser (Hg.), 1886, 27; Lenze, 1894, I (l.); Klemm, 1890, I)

Die chemische Marktordnung scheiterte, trotz umfassender Bemühungen des Reichsgesundheitsamtes. Doch Anstrengungen haben Folgen. Wenn man schon den Markt nur grob kontrollieren konnte, so wollte man doch zumindest unmittelbar drohende Gefahren minimieren. Das galt für die bei der Vergärung entstehenden sog. Fuselöle. Produktions- und Filtermethoden für möglichst reine, fuselfreie Spirituosen etablierten sich. Neue Produktionsverfahren waren einerseits reiner, anderseits auch für Melassevergärung geeignet. Neue Maschinen folgten und ermöglichten einen neuerlicher Aufschwung der Rumproduktion in der Karibik.

Automatische Destillationsanlage der West India Rum Refinery in Barbados (George Stade, Modern Sugar Machinery, Berlin s.a., 97)

Wie im Falle von Zucker, durchdrangen deutsche Ingenieure die Imperien der Anderen. Bacardi auf Kuba stellte als erster auf fuselfreie Rumproduktion um. Doch die Deutschen folgten. Dies ist die Zeichnung einer von der Maschinenfabrik Sürth bei Köln erstellten kontinuierlichen Destillationsanlage. Sie wurde Ende 1892 nach Barbados verfrachtet. Die eigens gegründete Firma Stade Bros. lieferte einen anerkannt reinen Rum.

Zertifizierter fuselölfreier Rum: Anzeige für Stade’s Rum (Barbados Herald 1893, Ausg. v. 11. Dezember)

1895 produzierte Stade mit seiner deutsch-dänischen Expertengruppe bereits zwei Drittel des Rums auf Barbados, ein Großteil der traditionellen Produzenten zog sich aus dem Geschäft zurück. Georg(e) Stade (1863-1922), längst britischer Staatsbürger, blieb bis 1898 auf Barbados, entwickelte neue Maschinen und Geräte, die er nach seiner Rückkehr von Berlin aus weltweit vermarktete.

Globale Diffusion neuer automatisierter und fuselfreier Brennblasen im französischen Karibikkolonie Martinique (M. Colletas, La Fabrication actuelle des Rhums, principalement á la Martinique, Journal d’Agriculture Tropicale 5, 1905, 68-75, hier 72 (l.); ders., L’Avenir de la Rhummerie, ebd. 6, 1906, 165-168, hier 166)

Stade steht für eine Reihe global aktiver deutscher Ingenieure, die ihre Maschinen und Dienstleistungen über Agenturen weltweit anboten. Üblicher waren allerdings Entwicklungsingenieure, die ihre Patente an größere Maschinen- und Anlagenbauer verkauften. Die Chemisierung des Rums wurde damit weltweit gefördert, auch wenn die Anlagen – hier eine aus Französisch-Martinique – vielfach nicht den Produktionssprung des Rohrzuckers erreichten. Das lag nicht nur am Produkt, sondern auch an der fehlenden Konkurrenz eines mindestens ebenbürtigen Ersatzprodukts.

Die Technisierung des Biers

Bleibt noch Bier als neues Tafelgetränk – und das werden Sie als Deutsche ja aus dem Eff-Eff kennen. Sie wissen von den großbetrieblichen Anfängen des Gewerbes in Großbritannien – wo sonst. Sie wissen über den Geschmackswandel hin zum Münchener Lagerbier, zum böhmischen Pilsener. Sie wissen um die umfassende Technisierung des Biers in den 1860er bis 1880er Jahren, durch die ein völlig neues standardisiertes Getränk entstand, das vielen anfangs gar nicht mundete. Sie dürften weniger wissen über den Transfer der Bierbrauerei zu den deutschen Nachahmern in die USA. Das Vaterland war ihnen anfangs Vorbild, doch spätestens seit den 1890er Jahren waren ihre Braustätten weit größer und technisch versierter, ihr Bier moderner. Deutsche und Deutschamerikaner waren zugleich Hauptkonkurrenten im globalen Wettbewerb um Bier und Biertechnik. Vom englischen Porter und Ale sprach man vor dem Weltkrieg kaum noch, denn mit deutscher Technik hatte sich Lagerbier auch auf der Insel etablieren können.

Englischer Porter war das erste großbetrieblich hergestellte Bier, London wurde seit Mitte des 18. Jahrhunderts zum Innovationszentrum. Das obergärige Getränk konnte ohne Kühltechnik bei mittleren Temperaturen gebraut werden. Es war vollmundig und nach kurzer Lagerzeit trinkfertig. Durch starken Malzeinsatz besaß es hohen Nährwert und Alkoholgehalt. Das britische Imperium ermöglichte seine weltweite Verbreitung.

Unerreichtes Vorbild: Schemazeichnungen einer englischen Porter-Brauerei (Johann Carl Leuchs, Vollständige Braukunde, Nürnberg 1831, 596)

Wie anders die Situation in Deutschland. Ein Großteil des Bieres entstand in Hausbrauerei. Bier war Saisonware, nicht lange haltbar, schmeckte immer wieder anders. In Großbritannien hatte man dagegen „Monsterbetriebe“ mit hunderten von Beschäftigten aufgebaut, setzte Dampfmaschinen ein. Kontrolltechniken der Eisenverhüttung und der Bergbaus standen Pate für Messtechnik wie das Thermometer und das neu entwickelte Saccharometer. In Bayern folgte die Nutzung erst aufgrund typischer Industriespionage.

Ausdruck deutscher technologischer Hybris: Werbung für Johann Hoffs Berliner Porter-Brauerei in der Gründerzeit (Hamburger Nachrichten 1872, Nr. 232 v. 29. September, 9 (o.); Berliner Börsen-Zeitung 1873, Nr. 81 v. 18. Februar, 9)

Nach Ausbau der industriellen Basis gab es vielfältige Versuche, Porter auch in deutschen Landen einzuführen. In Nord- und Ostdeutschland gab es eine weit zurückreichende Tradition von Braun- und Schwarzbieren. Nach dem Sieg über Frankreich etablierte der Berliner Werbepionier Johann Hoff eine Porter-Brauerei und dichtete hoffnungsfroh: „Was wär‘s, das Deutsche Industrie / Nicht auch zu Stande brächte?“ Er scheiterte rasch, sein Kunstgebräu muss ekelig geschmeckt haben. Doch insbesondere im Süden bevorzugte man ohnehin untergärige, sogenannte Lagerbiere.

Ein neues Getränk: „Deutsches“ Bier

Lagerbiere, der Name sagt es, sind technisch anspruchsvoller, erfordern Nachreife und umfangreiche Kühlung. Sie sind wetterabhängig, bedürfen eines kontrollierten Umfeldes. Das war über lange Zeit Handwerkskunst kleiner Betriebe. Doch das veränderte sich ab der Jahrhundertmitte. Anfangs kamen weitere Innovationen aus dem Ausland, Liebigs Gegenspieler Louis Pasteur (1822-1895) klärte den Gärungsprozess. Zentral war die Schaffung von Reinhefe, durch das wildes Bier eingehegt werden konnte. Die mit Carl Linde (1842-1934) in München unmittelbar verbundene Kühltechnik ersetzte zunehmend das Natureis, erlaubte erst Kunsteis, dann ein kühles, kontrolliertes Produktionsumfeld. Die bestehenden Hilfsmittel wurden verbessert, neue Kontrollgeräte entwickelt. Die deutschen Agrarwissenschaftler hoben zugleich die Kontrolle über die Rohstoffe auf eine neue Ebene, gerade beim Malz. Die Brauwirtschaft wuchs, die Staaten finanzierten erste Brauerkursen, dann weltweit einladende Versuchs- und Lehranstalten. Durch die deutsche Einheit verankerte sich bayerisches Bier in ganz Deutschland. Dass man parallel das vielfach überlegene Wissen böhmischer Brauer nutzte, ließ den Fanfarenklang nicht abklingen. Ökonomisch entscheidend waren die nun erst erlaubten Aktiengesellschaften. Sie bündelten Kapital, verdichteten Innovationen, multiplizierten die Technik. Und sie suchten größere Märkte, Weltmärkte.

Exportbiere auf deutschen Landen (Oben v. l. n. r.: Dresdner Nachrichten 1906, Nr. 82 v. 25. März, 8; Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 52, Bibl. 2, 2; Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 200 v. 25. August, 7: unten: Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 11, Beibl. 1, 1 (l.); Fliegende Blätter 107, 1897, Nr. 2712, Beibl. 5, 4)

Hier sehen Sie einige damals typische Werbemittel – die Geschmackseinbußen durch Pasteurisierung wurden allerdings nicht adressiert.

Werbung für Deutsches Pilsener in Britisch-Indien (The Civil and Military Gazette (Lahore) vom 1. Juni 1886)

Während hierzulande vielfach über „Dividendenjauche” geklagt wurde, klang es im Ausland anders: „The lightest, purest and most wholesome“ tönte Becks etwa in Britisch-Indien.

Spezialisierte Export-Brauereien: Betriebsstätte der neu erbauten Bamberger „Frankenbräu“ (Bier-Export-Blatt 2, 1886, Nr. 13, 1)

Seit den 1880er Jahren entwickelten sich zudem Exportbrauereien, spezialisiert auf haltbare und dennoch akzeptable Biere.

Globaler Wettbewerb der Biersorten: Angebot der deutsch-amerikanischen San Francisco Stock Brewery (Wasp 12, 1884, Nr. 2, II)

Dieser deutsche Exportdruck verdrängte innerhalb von wenigen Jahrzehnten die zuvor dominanten dunklen, trunken machenden britischen Biere. Die USA waren das erste umfassende Testfeld, die deutschstämmigen Einwanderer halfen als Konsumenten und als Brauer. Es folgte die Durchsetzung in Süd- und Mittelamerika: Deutsche Einwandererunternehmer etablierten sich in Mexiko, Brasilien und Kolumbien, veränderten die dortigen Trinkgewohnheiten. Markant war auch Japan: Dort wurden in Deutschland ausgebildete Braumeister engagiert, Kapital kam aus lokalen Quellen. Die dritte Welle bildeten in Deutschland ausgebildete Brauspezialisten, die dann in ihrer Heimat „deutsches“ Bier fabrizierten. Helles deutsches Bier setzte sich durch, wie zuvor der helle deutsche Zucker.

Das Produkt Bier war das eine. Wichtiger aber war abermals der Übergang vom Produkt- zum Technologieexport. Paradigmatisch dafür stand die Augsburger Maschinenbaufabrik Riedinger. Zwischen 1886 und 1896 errichtete sie weltweit mehr als einhundert Lagerbierbrauereien. Kapital sammeln, telegraphisch ordern, deutsche Braumeister anheuern, schon konnte es losgehen. So einfach war es natürlich nicht, die Übertragung etwa des metrischen in das „imperial system“ belieb schwierig. Doch deutsche Technik und deutsche Braumeister drangen auch in Großbritannien vor, Lagerbier etablierte sich als gleichberechtigte Ergänzung im Stammland der dunklen Biere.

„Dividendenjauche“: Qualitätsprobleme als Anfangsbürde des Neuen (Puck 5, 1880/81, 183)

Das Janusgesicht der neuen Brauereitechnik blieb jedoch. Die neuen Biere waren nur selten rein, enthielten Zusatz-, Konservierungs- und Farbstoffe. In Bayern nicht sehr ausgeprägt, doch im Norddeutschen Braugebiet üblich. Die Brauerei war – wie beim Rum – marktnah und erfolgreich; doch hierzulande setzte sich Fiktion von „Reinheit“ und „natürlichen Grundstoffen“ 1906 durch, als das Reinheitsgebot reichsweit festgeschrieben wurde.

Den Lehrmeister überholen: Schlitz Brewing Company, Milwaukee (William John Anderson und Julius Bleyer (Hg.), Milwaukee’s Great Industries, Milwaukee 1892, 340)

Zusatzstoffe und andere Rohstoffe waren allerdings ein wichtiger Bestandteil der Braukunst der deutschen Einwanderer in den USA. Mit deutscher Technik, deutschem Knowhow bauten sie neue „Monsterbrauereien“. Sie nutzen Zusatzstoffe nicht nur Fälschung, sondern um in der Ferne ein echt „deutsches“ Bier zu brauen, trotz anderen Hopfens, anderer Gerste, anderen Wassers. Sie importierten anfangs deutsche Maschinen, verbesserten diese aber. Der riesige Markt, das andere Klima, sie erforderten kleinteilige Kühltechnik, Kühlwaggons, andere Verpackungen. Flaschenbier setzte sich dort schneller durch.

Das war ein anderer Pfad deutscher Braukunst, die man zugleich feierte wie daheim. Doch die USA waren das bessere Deutschland, kein Land der Zensur, des Militarismus: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, / Erwirb es, um es zu besitzen.“ Und es dann selbst auszugestalten.

Modernes Marketing, modernes Getränke-Design: Blue Ribbon, eingeführt 1882 (The Theatre 1, 1913, Nr. 152, XII (l.); ebd., Nr. 151, X)

Dies gelang – und sie kennen solche Biere seit zwei Jahrzehnten als „Craft Beer“. Sie waren nicht nur modern, sondern moderner – und sie verdrängten seit den 1890er Jahren weltweit das „deutsche“ Bier von der Exportmärkten. Das Bier der früheren Heimat war zu teuer, das Marketing vielfach veraltet.

Die gegen die irischen, gegen die deutschen Trunkenbolde gerichtete Prohibition zerstörte diese deutsch-amerikanische Bierkultur – so wie man in Deutschland zuvor die gefährliche Neuerung der Süßstoffe verboten hatte, die in den USA nicht nur erlaubt blieben, sondern auch fürs Brauen genutzt wurden.

Made in Milwaukee: Deutsch-Amerikanische Maschinen für die Joseph Schlitz Brewing Company: Toepfer’s Mechanische Wende-Darren (Der Amerikanische Bierbrauer 19, 1886, 284)

Deutsche Technik, deutsche Braukunst bestimmten für mehrere Jahrzehnte den Weltmarkt. Doch die deutschstämmigen Amerikaner zeigten, dass zeitweilige Vorsprünge rasch eingeholt werden konnten. Zuerst erfolgte dies bei der Verarbeitung der Rohwaren, betraf dann aber auch den Kern des Betriebes – und nach der Jahrhundertwende importierten deutsche Großbrauereien zunehmend Technik der deutschen Emigranten.

Transatlantischer Technologietransfer: Automatische Fass-Reinigungsmaschinen und Maisch-Aufhackmaschinen für die Joseph Schlitz Brewing Company (Western Brewer 36, 1910, Nr. 5, 158 (l.); Bayerisches Brauer-Journal 18, 1908, Nr. 20, II)

Bis zum Ersten Weltkrieg gab es einen wechselseitigen Technologietransfer – Folge einer zunehmenden Spezialisierung einzelner Maschinenbaufirmen. Der globale Biermarkt war durch die Diffusion deutscher Technik viel breiter, Bier zum weltweiten Tafelgetränk geworden. Doch der deutsch-deutschamerikanische Wettbewerb zeigte zugleich, dass der Vorsprung des Pioniers geschwunden war. Der Weltkrieg zerbrach die erste Globalisierung. Deutsche Wissenschaft, Chemie und Technik hatten die Tafel zuvor weltweit neu gedeckt. Doch sie hatten nicht nur Abnehmer gefunden, sondern auch Fortsetzer und Nachfolger. Das Modell einer aus deutschen Landen stammenden wissenschaftlich-technischen Lebensmittelproduktion war etabliert, wurde eigenständig übernommen – und die Welt folgt dem bis heute.

Die erste Globalisierung als Folie heutiger Ernährungsweisen

Hunger als Waffe: Herero-Krieg, Ablieferung von Milchkühen, Ablieferungsschlacht (Der Welt-Spiegel 1906, Nr. 85 v. 25. Oktober, 4 (l.); Simplicissimus 24, 1919/20, 231; Mehl und Brot 43, 1943, 354 (r.))

1. Die Tafel wurde im späten 19. Jahrhundert neu gedeckt, der Hunger erst in Europa, später auch in den meisten Teilen der Welt beseitigt. Kein Mensch muss mehr hungern. Doch es gilt auch: Was einst Folge begrenzter Agrar-, Produktions- und Transportmöglichkeiten war, wurde parallel und vor allem im 20. Jahrhundert eine bewusst und reflektiert eingesetzten Waffe. Die Zahl der Hungertoten schnellte erst nach der Beseitigung des Hungers massiv hoch.

Laboratorium und Hauswirtschaft Seit an Seit (Collier‘s 51, 1913, Nr. 7, 21)

2. Die Tafel wurde im 19. Jahrhundert neu gedeckt, die Verwissenschaftlichung, Chemisierung und Technisierung der Produktion weitete sich aus auf Handel und Haushalte. Doch es gilt auch: Die Binnenrationalität der Versorgungs- und Wertschöpfungsketten grenzt zwingend zahlreiche andere Rationalitäten auf, produziert zugleich „Irrationalität“. Anpassung, Veränderung und Verweigerung werden dadurch gleichermaßen erschwert, problematisch, teils kaum mehr möglich.

Der Globus als Markt (Kölnische Zeitung 1897, Nr. 1153 v. 29. Dezember, 4 (l.); Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 3, s.p.)

3. Die Tafel wurde im späten 19. Jahrhundert neu gedeckt, dank zunehmend leistungsfähigerer, international und multinational tätiger Akteure in der Verarbeitung, in der Distribution. Doch es gilt auch: Diese Akteure folgen zwingend eigenen Interessen und Kodierungen des Marktes. Sie etablieren und verfestigen globale Arbeitsteilungen der Zeit der Imperien, dienen und verdienen. Interessenfragen sind zu stellen und zu beantworten.

4. Die Tafel wurde im späten 19. Jahrhundert neu gedeckt, die Unsicherheiten einer Agrargesellschaft, der Frühindustrialisierung großenteils beseitigt. Doch es gilt auch: An ihre Stelle traten neue Formen der Unsicherheit, von Gefahren und Risiken. Das tägliche Brot ist sicher und bleibt unsicher.

Anteil am Lebensglück oder Der stetig offene Erwartungshorizont (Hamburger Echo 1914, Nr. 101 v. 1. Mai, 2)

5. Die Tafel wurde im 19. Jahrhundert neu gedeckt, der Bruch mit der Ernährungstradition und das Vertrauen in die Problemlösungskapazitäten des Marktes erfolgte hoffnungsvoll. Doch es gilt auch: Fremdversorgung im Elementarbereich menschlicher Existenz wirft grundlegend neue Fragen über die Essenz des Menschlichen auf.

Fleisch auch für die Armen: Desinfektionsapparat einer Freibank (Franz Kögler und Max Tempel, Der Schlacht- und Viehhof in Chemnitz, in: Festschrift zur 39. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Ingenieure, Chemnitz 1898, 85-93, hier 93)

6. Die Tafel wurde im späten 19. Jahrhundert neu gedeckt, die Utopien einer modernen (bürgerlichen) Konsumgesellschaft grundsätzlich erfüllt. Doch es gilt auch: Die damit einhergehenden massiven sozialen und globalen Differenzen, auch die ökologischen Folgen, bleiben zentrale Bürden. Die Unhaltbarkeit dieser Utopien ist offenkundig.

Uwe Spiekermann, 22. August 2026

Der vorliegende Beitrag ist eine leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Sommerakademie „Mahlzeit! Koch- und Esskultur zwischen Überleben und Lifestyle“ der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart am 3. August 2026.

Esst nicht so romantisch! Zeit, semantische Illusionen und Bereicherungsökonomie

Wir schielen, wenn wir über Essen und Ernährung sprechen. Eindeutigkeit fehlt, Sprache und Bilder irrlichtern. Wir reflektieren in der Regel weder die Grenzen, Sachverhalte präzise zu benennen, noch die historischen Kontexte der uns umgebenden und prägenden Bildwelten. Es fehlt zudem an einem reflektierten Bezug von Zeit. Die Folge ist eine in selbstgeschaffenen und -gehegten verbleibende Gesprächs- und Diskussionskultur über Essen und Ernährung. Die immense Fülle einschlägiger Publikationen, Features und Podcasts ist daher kein inhaltlicher Gewinn, sondern vor allem Symptom für die kaum ausgeprägte Fähigkeit unsere Sprache, unsere Bildwelten und die ihnen zugrundliegenden Zeitstrukturen angemessen zu reflektieren.

Um dieses strukturelle Dilemma genauer einzufangen, gilt es sich erst einmal mit dem Phänomen der Zeit näher auseinanderzusetzen (Norbert Elias, Über die Zeit, Frankfurt/M. 2014; Achim Landwehr, Geburt der Gegenwart, Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2014; Rüdiger Safranski, Zeit, 4. Aufl., Frankfurt/M. 2018). Sie ist eben nicht einfach gegeben, sondern existiert in sehr unterschiedlichen und historisch gewachsenen Formen. Sie ist eben mehr als dass „Heute morgen Gestern“ (Alfred Polgar, Schwarz auf Weiß, Berlin 1929, 210) ist. Es folgt ein kurzer Blick auf den Stellenwert der Geschichtswissenschaft, gibt es doch nicht nur Raum-, sondern auch Zeitpfleger. Um nicht im Abstrakt-theoretischen zu verbleiben, gilt es dann anhand einschlägiger empirischer Bespiele einerseits Sprache und Zeit miteinander in Beziehung zu setzen, die mit Essen und Ernährung verbundenen „semantischen Illusionen“ näher zu untersuchen. Schon hier verschwimmen Wörter und Bilder, Sprache und visuelle Kultur. Anderseits wird ein vertiefender Blick auf die heutige „Bereicherungsökonomie“ helfen, die Umdeutung und Nutzung von Zeitstrukturen und Bildern über Essen und Ernährung zumindest näher einzufangen.

Zeit und Zeiten – Erfahrungswissen und Erwartungshorizonte

Warum sind Geschichte(n) und historisches Wissen wichtig? Welche Vorstellungen von Zeit und Zeiten stehen dahinter? Schließlich leben wir im Hier und Jetzt, müssen ans Morgen denken, haben das Gestern längst vergessen. Doch Geschichtswissenschaft ist nicht umsonst die Wissenschaft mit der größten Laienbewegung. Auch wenn Oma ein mythisches Wesen ist und Vater/Mutter vielfach nicht mehr kochen können, ist Wissen um „gutes“, „schmackhaftes“ Essen vielfach noch Erfahrungswissen. Zeit ist zudem Grundlage und Rahmen jeder Mahlzeit. Sie existiert nur in einem kleinen Zeitfenster: „Essen ist fertig!“. In der Mahlzeit sehen wir jedoch, wenn wir wollen und können, geronnene Zeit, den Boden, die Arbeit, das Kapital. Und wir sehen, wenn wir wollen und können, auch darüber hinaus. Denn das Wesen der Nahrung ist Verwesung, jedes Essen ist ein Hinausschieben des unabänderlichen Endes, unseres Todes.

Menschen verstehen Leben zumeist als Kontinuum, sehen sich als eine Einheit. Als Biowesen verändern sie sich regelmäßig und erneuern sich großenteils, sind stofflich also kaum identisch. Als Kulturwesen aber können sie dennoch Ich und Du sagen. Im Kontinuum der Zeit vergleicht man ein Vorher und ein Jetzt, deutet die Gegenwart vor dem Hintergrund historischer Lernerfahrungen, just gewonnenen Erfahrungswissens (Eric Hobsbawm, Wieviel Geschichte braucht die Zukunft, München und Wien 1998). Bis ins 18. Jahrhundert hinein hieß es zudem „Historia magistra vitae“: Die Historie galt als Lehrmeisterin des Lebens. Verdichtete Erfahrungen halfen der Gattung sich in der Welt zurechtzufinden. Was anders ist traditionelle Kost? Sie scheint einfach, wird aus wenigen Grundnahrungsmitteln immer wieder ähnlich zusammengestellt und zubereitet. Vergangenheit war in der vorindustriellen Zeit gegenwartsbestimmend und zukunftsweisend. Wandel erfolgte im Rückbezug auf Vergangenes. Die Renaissance war vorwärtstreibend, da man das goldene Zeitalter der Antike wieder erreichen wollte. Die Bauernmassen der Reformation forderten das Urchristentum ein, revoltierten just deshalb gegen ihre Herren. Die „gute, alte Zeit“ war nicht Phrase, sondern Ziel, sie zu erreichen und fortzusetzen eine Aufgabe.

All das zerstob spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts. Das tradierte Zeitdenken blieb bestehen, wurde aber während der sog. Sattelzeit zwischen 1750 und 1850 überformt, dadurch altbacken. Am Anfang stand ein einfacher Begriff – die Geschichte. Sensationell neu, denn vorher ging es um Geschichten (Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 1989).

Dieser neue Kollektivsingular verband Erfahrungen, Regelwissen und Erwartungen. Res facta und res fictae verschmolzen. Man hörte und las von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, auch Revolutionen. Der Erfahrungsraum des Einzelnen wurde erweitert durch den Erwartungshorizont von Neuem, von Fortschritt. Die Vergangenheit war nicht länger zu wiederholen, sondern zu überwinden – sie wurde alt. Der Sprachwandel schwenkte vom Konkreten zum Abstrakten. Binnen sechzig Jahren sank etwa die Zahl der Worte für Riecheindrücke auf ein Drittel, wurde anschließend in Fachsprachen allerdings multipliziert (Uwe Spiekermann, Verlust der Sinne? Riechen und Schmecken im Wandel, Mitteilungen des Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens 7, 2000, 33-39. Der Kollektivsingular Geschichte machte Zukunft erst denkbar, dann gestalt- und gar planbar – und schließlich musste sie gestaltet und geplant werden. Dynamik allüberall. Das bedeutete auch dass Geschichte fungibel und machbar wurde. Seither werden Traditionen systematisch erfunden. Denken Sie an „Nation“, an das „Dirndl“, an das „deutsche Bier“ – alles Erfindungen dieser Sattelzeit.

Allegorie auf die Unverfügbarkeit der Zeit (Jugend 5, 1900, 25)

Wie mit Geschichte umgehen?

Damit war die Büchse der Pandora geöffnet. Geschichte war ein in die Zukunft hin offener Begriff, war nicht länger gebremst vom Erfahrungswissen. Grob lassen sich drei Arten neuartigen Umgangs aufzeigen: Erstens galt es den führenden Naturwissenschaftlern des 18. Jahrhunderts nachzueifern, wohl situierten Männer, die vielfach einer Gentlemen-Passion folgten, im eigenen Laboratorium nach der Wahrheit suchten. Dieses Geistesaristokraten hatten sich feste Regeln gesetzt, denken Sie an reproduzierbare Experimente. Historiker folgten. Sie bedurften allerdings der Quellen, entwickelten zugleich eine neuen Kunst kontrollierten Lesens. Als Ehrenmänner waren sie mit einem wissenschaftlichen Ehrenkodex verbunden. Als Geistesaristokraten vertraten sie zugleich aber auch ihre Herrschaftsinteressen. Ihre Geschichte war zumeist rechtlich und politisch ausgerichtet, diente der zu errichtenden „Nation“, schuf dazu die Vorgeschichten.

Das Bürgertum war skeptisch, solche Geschichte dünkte ihm zu eng. Goethe brachte dies auf den Punkt: „Wer nicht von dreitausend Jahren / Sich weiß Rechenschaft zu geben, / Bleib im Dunkel unerfahren, / Mag von Tag zu Tage leben“ (Johann Wolfgang Goethe, West-östlicher Divan, München 1961 [Erstausgabe 1819], 44). Regeln und Ehre hatte man selbst, doch historisches Wissen war für Bürger breiter und mehr: Es war Teil der Bildung. Und der breitere Blick erlaubte auch eine andere Geschichte, teils emanzipatorisch gegen den Adel, die Reaktion (Ferdinand Lasalle, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 3, Leipzig 1891, 203). Bürger waren und sind jedoch Marktwesen. Entsprechend wurde Geschichte zunehmend zum Geschäft, diente der Unterhaltungsindustrie, wurde gebogen und geschaffen als Teil gängigen Marktgehorsams.

Bleibt noch eine dritte Art, vielleicht die wichtigste. Gemeinhin referiert man dazu jüdische Denker wie Theodor Lessing, Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin (Theodor Lessing, Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, München 1919; Siegfried Kracauer, Geschichte, von den letzten Dingen, Frankfurt/M. 1973; Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: Theodor W. Adorno und ders., Integration und Desintegration, Hannover 1976, 33-85). Doch in einer katholischen Akademie brauche ich keinen Umweg: „Tradition bedeutet, der unscheinbarsten aller Klassen – unseren Vorfahren – eine Stimme zu geben. Es ist die Demokratie der Toten. Die Tradition weigert sich, sich einer kleinen und arroganten Oligarchie derer zu unterwerfen, die zufällig gerade am Leben sind“ (Gilbert K. Chesterton, Orthodoxy, New York 1959 [Erstausgabe 1908], 48, eigene Übersetzung). So Gilbert K. Chesterton, uns bekannt als Krimiautor, doch zugleich Verteidiger des Glaubens.

Und Nicht-Katholiken sei es gesagt: Katholizismus ist eine historische Erfahrungsgemeinschaft, das Volk Gottes als solches heilig, zugleich darauf hoffend, das nach der Auferstehung der Toten die Zeit endet, das zeitlose Paradies beginnt. Doch zuvor verhindert die „Demokratie der Toten“ die vergangenen Leiden zu vergessen und zu verdrängen. Gewiss, das Gericht steht Gott zu, man ist kein Aktivist auf Erden. Doch Geschichte darf nicht allein aus der Perspektive der Durchgekommen und Sieger geschrieben werden. Das wäre blasphemisch – und fernab der getrockneten Tränen, der erstrebten Tischgemeinschaft mit dem Herrn (Unsere Hoffnung. Ein Beschluss der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1973; Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, Mainz 1977).

Aufgabe und Konturen der Geschichtswissenschaft

Abwege, gewiss. Doch Sie verstehen nun vielleicht mehr über die Kakophonie der Zeitebenen und Geschichtsbilder, die allesamt auch Essen und Ernährung prägen, die Grundlagen unserer Existenz. Aufgrund heterogener Zeitebenen und Geschichtsbilder reicht ein gemeinsames Thema eben nicht für ein gemeinsames Gespräch. Wir mögen die gleichen Worte verwenden, sprechen aber nicht über das Gleiche, reden über unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen. Wir schielen.

Hier aufklärend zu wirken, ist eine Aufgabe just von Historikern. Doch sie nicht keine Helden der Ordnung und Eindeutig, bauen eben nicht wirklich Brücken, führen zusammen. Die Malaise der universitären Profession, die Beliebigkeit der vielen bunten historischen Publikationen ist vielmehr Teil des Schielens. Ein guter Historiker bringt zudem keinen Frieden, sondern untersucht Welten im Krieg: Essen ist zwingend ein Gewaltakt, Resultat von Hegen und Töten.

Geschichtswissenschaft integriert idealiter alle aufgezeigten Formen und Arten von Historie und Geschichte. Als Metawissenschaft analysiert sie menschliches Hoffen, Streben und Streben in der Zeit. Sie verflüssigt disziplinäre Grenzziehungen, verbindet das Wissen von Alltag, Wirtschaft und Wissenschaft, zeigt ihre zeitbezogene Bedingtheit auf. Das ist für disziplinär denkende Menschen irritierend. Wissen wird verdichtet, doch nicht im Sinne einer klaren Handlungsanweisung, eines praktischen, direkt umsetzbaren Wissens.

Herauszustreichen ist, dass Geschichtswissenschaft eine Gegenwartswissenschaft ist (Uwe Spiekermann, Was kann die Geschichtswissenschaft zur Analyse gegenwärtigen Ernährungsverhaltens beitragen?, in: Andreas Bodenstedt et al., Materialien zur Ermittlung von Ernährungsverhalten, Karlsruhe 1997, 13-21). Vergangenheit kann nicht abgebildet werden, das verschwundene Mahl zeigt dies. Doch das Mahl wird vergegenwärtig unter Bedingungen der Gegenwart: Hat’s geschmeckt? Geschichtswissenschaft ist zudem eine empirische Wissenschaft. Ihre Aussagen sind zwingend rückgebunden an Quellen und Zeugnisse, finden hierin Gewicht und Stärke. Das Empiriekonzept ist breit, offen für jegliche Form menschlicher Äußerungen und Überreste. Diese Empirie hat selbstverständlich Grenzen, zumal beim Essen: Stetig da, stetig weg. Sie ist daher nicht theorielos. Doch es geht nicht um das Abarbeiten an einigen jeweils modischen Ansätzen, Turns und Wissenschaftsheiligen. Historiker wollen den Garten analysieren, nicht Topfpflanzen hegen.

Mit Blick auf Essen und Ernährung sind Historiker demnach unverzichtbar: Erstens geht es um erweiterte Vorstellungen von Wirklichkeit. Zweitens kann die Profession verlässliches Strukturwissen anbieten, die arroganten Lebenden in eine Langzeitentwicklung stellen. Drittens mündet das erweitere Wirklichkeitskonzept zwingend in ein erweitertes Konzept von Rationalität. Gerade beim Essen dominiert die Rationalität des vermeintlich Irrationalen. Viertens kann Geschichtswissenschaft helfen, die Bedeutung von Individualität präziser auszuloten. Der Einzelne als Einzelner, zugleich aber Individualität als ein kollektiver Mythos. Schließlich, fünftens, geht es immer auch um Selbstaufklärung von Wissenschaften und anderen Herrschaftsinstitutionen. Die Agrar- und Ernährungswissenschaften erhielten bis zu 50 Prozent der öffentlichen Forschungsgelder während des Nationalsozialismus – und machten fast ungebrochen weiter. Heute dominieren nationalsozialistische Kernbegriffe wieder unsere Debatten: Moral, Achtung, Wertschätzung, Haltung – das trennte damals die „Volksgemeinschaft“ von den „Gemeinschaftsfremden“.

Semantische Illusionen: Essen und Ernährung als Sprach- und Zeitblasen

Nun aber ins engere Feld des Essens und der Ernährung. Es wird erst einmal um die damit verbundenen semantischen Illusionen geben. Dieser sperrige Begriff soll die vielfältigen und stets widersprüchlichen Aussagen über Essen und Ernährung bündeln (zum Hintergrund: Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018). Sprache, so der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767-1835) während der Sattelzeit, „steht ganz eigentlich einem unendlichen und wahrhaft gränzenlosen Gebiete, dem Inbegriff alles Denkbaren, gegenüber. Sie muß daher von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch machen“ (Wilhelm v. Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts, Berlin 1836, 106). Unterschiedliche Zeitkorridore sind dabei zentral, denn Sprache ist Zeitcontainer, transportiert Vergangenheit. Wissenschaft, Wirtschaft und Medien haben mit der Tradition der vorindustriellen Zeit gebrochen, doch sie nutzen weiterhin Sprache und Bilder von Erfahrungswelten, die es nicht mehr gibt, die dennoch in Gegenwart und Zukunft hineinragen. Sechs Felder gilt es zu beleuchten.

Attributierungen

Erstens: Essen und Ernährung sind heute nicht mehr konkret, stehen nicht mehr für sich. Sie sind Teil einer semantischen Umfriedung, aus der sie kaum ausbrechen können. Die tägliche Kost ist verwoben mit Attributierungen wie „Kraft“, „Qualität“, „Gesundheit“, „Genuss“ oder gar „Natur“. Dies sind inhaltsleere Platzhalter. Will man Essen und Ernährung verstehen und analysieren, so sind ihre historischen Kontexte zu rekonstruieren. Ziel wäre zugleich eine konkretere Sprache, die mehr bietet als ahnende Sehnsucht nach dem „Guten“, „Echten“, „Urtümlichen“, nach „Bio“, „klimaneutral“ oder „vegan“.

Frischeangebote auf dem Flughafen in San Francisco 2019 (Uwe Spiekermann)

Betrachten wir „Frische“: Das Foto habe ich einst im Vorbeigehen geschossen, damals nicht recht verstanden. Die Frischeangebote sind allesamt hochverarbeitet und hygienisch verpackt. Was aber ist mit „frisch“ gemeint?

„Frische“: Nennungshäufigkeit in Literatur und Publizistik 1600-1999 (erstellt auf Basis von https://www.dwds.de/wb)

Als Attributierung bündelt „Frische“ Wünsche und formuliert Ansprüche. Sie ist eine Aussage über uns und unser Verhältnis zur Welt. Als Kollektivsingular entstand „Frische“ just zur Sattelzeit, etablierte sich seit Gründung des Kaiserreichs als zentrales Bewertungskriterium von Essen und Lebensmitteln, blieb dies bis Ende des Zweiten Weltkrieges, trat dann aber zurück, denn mit dem ubiquitären Einsatz von Kühltechnik wurden die Wünsche und Ansprüche anscheinend erfüllt.

Frische Lebensmittel: Unverarbeitet oder aber handwerkliche Zubereitung (Münchner Tageblatt 1832, Ausg. v. 5. Dezember, 1363 (l.); Neustadter Zeitung 1866, Nr. 264 v. 9. November, 2)

Lebensmittel sind flüchtige Güter. Ihre „Natur“ ist es, auszulaugen, zu verderben, ungenießbar, ja giftig zu werden. „Frische“ beschreibt dagegen einen Zustand, wo wir zulangen können. Es geht nicht um die Dinge, es geht um uns. Die in München (links) angebotenen Importwaren wie Trüffeln oder Polenta-Mehl waren „frisch“, da sie noch unverarbeitet, also unmittelbar nutzbar waren. In den Metzgeranzeigen (rechts) war „frisches“ Fleisch Ergebnis handwerklicher Arbeit. Das war konkret und griffig. Parallel erodierten aber die in Ernterhythmen und Jahreszeiten eingebundenen Versorgungsstrukturen von immer nur temporärer Fülle. Agrarreformen, industrielle Lebensmittelproduktion und zunehmend ausgreifende Handelsnetze führten sie auf leistungsfähigere Ebenen. Herkunft und Qualität der Lebensmittel wurden zum Problem.

Frische als Resultat haushälterischer Arbeit: Weck-Schutzmarke („Tischlein deck dich“ kein Märchen mehr, hg. v. d. J. Weck GmbH, Hanau und Frankfurt/M. 1900, 1)

„Frische“ bedeutete zunehmend Bewahrung, Sicherung von Nährwert und Bekömmlichkeit. Dazu dienten zuerst häusliche Verfahren der Konservierung und „Frischhaltung“. Sie wurden nun aber ergänzt durch den gewerblichen Einsatz von Konservierungsmitteln, von Hitze- und Kältetechnik, von Zwischenlagern und Verpackungen. „Frische“ war ohne Technik und Wissenschaft nicht denkbar, war marktrelevant, Normalität und Ideal zugleich.

Frische durch branchenspezifische Sicherungssysteme: Informationsstand der Hannoverschen Frischei Genossenschaft 1931 (Genossenschaftsblatt 20, 1931, Nr. 13, (2))

Umfassende Frischversorgung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht möglich. Doch einzelne Branchen, etwa die Eierwirtschaft, begannen damals „Frische“ produktspezifisch zu definieren und zu garantieren. All dies sicherte die Grundversorgung, erhöhte zugleich die Ansprüche. „Natur“ wurde umgestellt, an die Nachfrage fremdversorgter Menschen angepasst.

Frische durch technologische Transformation (Hans Mosolff (Hg.), Tiefkühl ABC, Hamburg 1941, 16)

Technischer Fortschritt orientierte sich am Ideal ganzjährig frischer und stets verfügbarer Lebensmittel, veränderte so die Umwelt, die Welt. Den wichtigsten Beitrag zur Versorgung mit frischen Lebensmitteln in der Zwischenkriegszeit bildete die Kühlung und Tiefkühlung von Lebensmitteln. Der massive Eingriff war sowohl stetig, als auch kurz, ultra-kurz, nicht zerstörerisch, stabilisierte scheinbar etwas Gegebenes. Der Aufstieg der kühlen Frische ging einher mit der Durchsetzung stofflichen Wissens in der Bevölkerung, ein hoher Vitamingehalt galt als Garant für „Frische“.

Frische als normierende Fiktion (50 Jahre Selbstbedienung. Sonderausgabe „Dynamik im Handel“, o.O. 1998, 152)

Elektrokühlschränke, Gefriertruhen sowie die Transformation des Handels etablierten dann neue offene Kunsträume, in denen „Frische“ präsentiert und inszeniert wurde. Frische wurde zum Wert an sich, ein positiv stimmender kühl-freudiger Breitbandbegriff. „Frisch“ sollten die Waren sein, „frisch“ aber auch das Leben, ja der Mensch selbst. Die Fassade „frisch“ hilft, die zahllosen unabdingbaren Eingriffe in unsere Lebensmittel vergessen zu machen. Entscheidend ist das Produkt, nicht die Wertschöpfungskette, nicht dessen Geschichte. „Frische“ ist demnach keine unschuldige Attributierung. Sie führt zu überbordenden Anforderungen an Lebensmittel, unser Umfeld und uns selbst, deren Erfüllung enorme Folgekosten mit sich bringt. „Frische“ ist ein Selektionsmodus der Moderne, zugleich ein Bedeutungsfresser, der andere Bewertungen verdrängt. „Frische“ weist zugleich aber zurück auf Verlorenes, ist eine Ursprungssehnsucht, Heimatersatz in einer heimatlosen Welt voller semantischer Illusionen.

Lebensmittel

Zweitens: Mit Wörtern schaffen und ordnen wir die Welt. Sie sind zugleich Träger von Vergangenem, falls es sich nicht um gängige Plastikworte handelt. Der Lebensmittelsektor war jedoch nicht statisch, war geprägt durch neue Produktionsverfahren, neue Rohstoffe, durch stoffliche Substitution. Margarine bestand anfangs aus Rinderfett, in den 1930er Jahren aus Waltran und Billigölen, ist heute meist Container heterogener Pflanzenöle. Konkret: Margarine ist keine Margarine ist keine Margarine.

Aus diesem Grunde sind Lebensmittel ein Hauptkampfplatz von Sprachspielen und Sprachkämpfen. Vegane Wurst unterstreicht dies. Doch solche Häutungen sind nicht neu, wenn sie etwa an nikotinfreie Zigarren in den 1870er oder an alkoholfreies Bier in den 1890er Jahren denken. Die Begriffe transportieren tradierte Werte und Vorstellungen – und die semantische Illusion suggeriert Einheitlichkeit.

Dachbegriff Tomate: Marktangebote Ende der 1930er Jahre und Veränderungen von Standardtomaten 1900, 1920 und 1940 (Martin Kämpfer, Entwicklung und gegenwärtiger Stand des Qualitätsbegriffs bei Gemüse, Landwirtschaftliche Jahrbücher 93, 1944, 523-662, hier 551 (l.), 587)

Das gilt auch für Grundnahrungsmittel, wie etwa die Tomate. Ein einheitlicher Begriff, der Heterogenität überdeckt. Oben sehen Sie gängige Marktangebote der Vorkriegszeit. Tomaten waren Teil der für alle Agrargüter geltenden Züchtungsziele. Dies erhöhte Stoffgehalte, machte die Formen handhabbarer, letztlich auch preiswerter. Doch was ist eine Tomate?

Heutige Tomaten: Breit gefächertes Angebot mit Miniaturisierungen und „alten Sorten“ (Uwe Spiekermann, 2026)

Zielte der Massenkonsum auf billige Grundversorgung, so führt die heutige Marktsegmentierung zu einer neuerlichen Heterogenisierung des homogenen Produktes. Das dient der Wertschöpfung.

Tomaten in Supermarktqualität, als Vorstellung der verarbeiteten Ware, als Rahmen für die Vermarktung uncharismatischer Produkte (Das Beste aus Reader‘s Digest 26, 1973, Nr. 5, 123 (l.); ebd. 22, 1969, Nr. 9, 126)

Zugleich überbrückte die homogene glatte Ware die zunehmend dominante Verarbeitung. Lebensmittel werden Beiwerk, werden Zutaten.

Veränderungen ohne Wissen um die einschlägig verwandten Tomaten: Tomatenmark und Tomatenketchup (Frankfurter Illustrierte 1959, Nr. 20, 59 (l.); Das Beste aus Reader‘s Digest 22, 1969, Nr. 9, 83)

Heutzutage werden bis zu 60 Prozent der in Deutschland konsumierten Tomaten verarbeitet, die Sorten sind dafür optimiert. Etwa 96 Prozent aller hiesigen Tomaten werden importiert, weit mehr als im Kaiserreich. Experten und Politiker begrüßen den wachsenden Gemüsekonsum, doch die Tomate ist keine Tomate ist keine Tomate. Ist solcher Gemüsekonsum wirklich „gesund“ oder „klimafreundlich“?

Speise- und Produktbezeichnungen

Drittens: Moderne arbeitsteilige Gesellschaften gründen auf komplexen wissenschaftlich-technischen Versorgungs- und Wertschöpfungsketten. Doch zugleich wird die Aussagekraft von Speise- und Produktbezeichnungen illusionär. Auch dies allerdings ein alter Hut, wie die Normierung etwas der Speisenbezeichnungen in der Restaurantküche in den 1890er Jahren unterstrich.

Italien in unsere Küchen durch Miracoli („Wunder“): Die Mär von den fremden Spaghetti, von den fremden Maccaroni (Die Neue Verpackung 18, 1965, 1576)

Als Beispiel können Maccaroni dienen. Im frühen 19. Jahrhundert, lange vor dem Einsatz von Extrudern und Formmaschinen, war dies ein Dachbegriff für italienische Nudeln aller Art, nicht wie heute eine kleingezwackte Sorte.

Lange vor dem Massentourismus: Maccaroni-Stand in Neapel (Das Pfennig-Magazin 1, 1833/34, 297)

Selbstverständlich war der Reiz der fremden Küche Teil bürgerlicher Bildung, Neapel war um 1800 Europas drittgrößte Stadt. Dortiges Street Food musste probiert werden, war Teil der Grand Tour.

Abkehr von der schmutzigen Handarbeit auf den Straßen: Maccaronipressen der Nordländer (Dinglers Polytechnisches Journal 159, 1861, Taf. VII (l.); Kick, 1873, II)

Für die Nordländer war dies Exotik, doch zugleich ineffizient, unhygienisch, Ausdruck von Rückständigkeit. Neue, aus der Metallverarbeitung übernommene Technik führte erst in Großbritannien, dann auch in Deutschland seit Mitte der 19. Jahrhunderts zu einer eigenen Maccaroni-Produktion.

Deutsche Maccaroni, besser, billiger und auch mit Eiern (Kölnische Zeitung 1883, Nr. 359 v. 28. Dezember, 8 (o.); Karlsruher Tagblatt 1887, Nr. 162 v. 16. Juni, 2109)

Maccaroni wurden dadurch spätestens in den 1880er Jahren deutsch. Die neue Waren war haltbar und maschinell gefertigt, obsiegten auf internationalen Ausstellungen gegen die italienische Konkurrenz. Anfangs noch aus russischer und italienischer Rohware gefertigt, wurde zunehmend auch deutscher Hartweizengries verarbeitet. Und man verbesserte weiter, teils durch Proteinzusätze, teils durch die für deutsche Nudeln ja häufig verwandten Eier.

Maccaroni als reichsweit präsenter Markenartikel (Die Woche 13, 1911, 4. S. v. 1451)

Maccaroni sind demnach seit hundertfünfzig Jahren deutsch, ein Markenartikel, industriell gefertigt, sauber, appetitlich und billig.

Alltagspräsenz qua Humor (Kölner Local-Anzeiger 1912, Nr. 75 v. 18. März, 11; Humor-Bacillen 2, 1892, Nr. 69, 4)

All die Witze der 1950er und 1960er Jahre, der komplexe Umgang mit den Maccaroni/Spaghetti, waren gängig schon im Kaiserreich. Und doch erzählten meine Eltern immer gern von ihren frühen kulinarischen Erfahrungen in Italien – es handelte sich um Illusionstheater, immer wieder aufgewärmt, so wie abendliche Nudeln. Maccaroni/Spaghetti sind semantische Illusionen, deren Herkunft und „Originalität“ nur dank historischen Vergessens funktioniert.

Chemische Stoffe

Viertens: Wohlan, es gibt vielleicht noch festen Grund, gibt es doch die Naturwissenschaften. Schon der Begriff verdeutlicht allerdings fehlende Reflektion, denn Natur ist eine kulturelle Konstruktion. Dennoch folgen wir willig ihren kaum verstandenen Modellannahmen.

Vitamine als lenkender und markt-ordnender Mythos (Die Volksernährung 5, 1930, 308 (l.); Hermann Ertel, Die gesundheitliche Bedeutung der Ernährung, in: Hans Reiter und Joh[annes] Berger (Hg.), Deutsches Gold. Gesundes Leben – Frohes Schaffen, München 1942, 105-129, hier 108)

Betrachten wir „Vitamine“: Schon seit der 1911 erfolgten Benennung dieser neuen Gruppe lebensnotwendiger und krankheitsverhindernder Stoffe kritisierten gerade Naturwissenschaftlern den Begriff – und spätestens seit den 1930er Jahren werden die A-B-C-D-E-Hülsen fachlich kaum mehr verwandt. Doch dem bis heute währenden Lockreiz tat das kaum Abbruch. Zentral war hierbei das Liebigsche Minimumgesetz, nach dem Stoffe erst im Verbund wirken, Kleinstmangel große Folgen hat. Dennoch schienen die neuen Lebensstoffe sonnenhoch über der tradierten kalorischen Kost.

Vitamine: Gezielte Lebensmittelauswahl erlaubt Prävention, verhindert Krankheiten (Deutscher Reichsanzeiger 1923, Nr. 44 v. 21. Februar, s.p. (l.); Die Ernährung der Pflanze 28, 1932, 332)

Die Benennung der Vitamine veränderte Forschung, Wirtschaft und Ernährungsalltag. Lebensmittel wurden verstärkt nach Stoffgehalten bewertet und vermarktet. Ernährung mutierte zur Krankheitsverhinderung und Prävention. Die wachsende Zahl essenzieller Stoffe fütterte Expertensysteme, die Auskunft über die „richtige“ Ernährung gaben, tradiertes Alltagswissen zugleich entwerteten. Breiteres Wissen über die „Lebensstoffe” ging einher mit schwindender Beachtung der Erfahrung, des historisch konkreten Lebens und Essens.

Gutes und völkisch wertvolles Leben durch Vitaminzufuhr (V.l.n.r.: Bremer Zeitung 1942, Nr. 28 v. 28. Januar, 4; ebd., Nr. 92 v. 2. April, 4; Simplicissimus 47, 1942, 127; ebd., 42)

Die Synthese erster Vitamine führte vor allem während des Krieges zu neuen Darreichungsformen, geadelt durch Attributierungen fast jeder Art. Kraft, Entspannung, Arbeitsfreude, Leistungsfähigkeit waren aber zugleich Teil des Wehrschaffens der Volksgemeinschaft. Parallel erfolgte eine nie wieder erreichte Vitaminpolitik für die Arbeits-, Wehr- und Gebärsstände.

Vitaminisierung: Lebensmittel als variable Stoffcontainer (V.l.n.r.: Deutsche Handels-Rundschau 1941, Nr. 19, II; Hamburger Abendblatt 1952, Nr. 265 v. 13. November, 8; Stern 1962, H. 14, 94; Revue 1963, Nr. 10, 3)

Vitamine adelten seither auch industriell verarbeitete Produkte, rundeten sie ab, machten sie „gesund”. Folge war eine zunehmende Beliebigkeit der Lebensmittel, war eine Unterminierung ihrer tradierten Funktionen und Werte.

Kräftigung und Performance: Vitaminpräparate (Revue 1960, Nr. 20, 57 (l.): Der Spiegel 1954; Nr. 39 v. 22. September, 31)

Die Isolierung der Vitamine erlaubten scheinbar die Korrektur jeglicher Einseitigkeiten der Alltagskost. Ein kommerzieller Bypass. Gesundes war einfach käuflich, alles machbar, ohne eigene Anstrengung. Semantische Illusionen beförderten Wandel, die Abkehr vom täglichen Kochen, einer saisonalen und regionalen Nahrungsauswahl.

Fake History

Fünftens: Schon lange vor den heutigen KI-Debatten über die künstliche Neuschaffung der Vergangenheit war Fake History gängig.

Das Backpulver wurde von Dr. Oetker eingeführt, gar erfunden!?? (V. l. n. r.: Hamburger Nachrichten 1869, Nr. 84 v. 9. Februar, 7; Bonner Zeitung 1879, Nr. 270 v. 2. Oktober, 1090; General-Anzeiger für Elberfeld-Barmen 1896, Nr. 93 v. 21. April, 8)

Dies erfolgte zum einen über die Werbung, durch eine Überdosierung geglaubter Geschichten. Auch wenn ich eigentlich vorab hätte fragen müssen: Wer hat das Backpulver eingeführt, gar erfunden, so bin ich sicher das die Marktmacht von Dr. Oetker die gewünschte Antwort bewirkt hätte. Doch das wäre Fake History. Backpulver wurde hierzulande Ende der 1860er Jahre von Justus Liebig und seinem Schüler Eben Norton Horsford eingeführt. Ein Durchbruch unterblieb, doch in den Folgejahrzehnten offerierten leistungsfähige und reichsweit agierende Unternehmen all das, was August Oetker von ihnen Anfang der 1890er Jahre abkupferte.

Tiefkühlkost ist eine Innovation der Wirtschaftswunderzeit!?? (Hakenkreuzbanner 1941, Nr. 88 v. 29. März, 8 (l.); Hannoverscher Kurier 1941, Nr. 84 v. 5. März, 6)

Gängig sind zudem Narrative, durch die ein Bezug auf die für die Nachkriegsernährung konstitutive NS-Zeit getilgt wird. Das Deutsche Tiefkühl-Institut feierte im letzten Jahr freudig 70 Jahre Tiefkühlkost. Dabei waren die damaligen Akteure zumeist schon Teil der nationalsozialistischen Großraumwirtschaft, der Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung und Wehrmacht durch Frischwaren besetzter und kooperierender Staaten. Entsprechende Fake History ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Reform- und Alternativwirtschaft

Sechstens: Beendeten möchte ich diesen Abschnitt mit Blick auf die Reform- und Alternativwirtschaft. Diese Bannerträgerin einer zukünftigen Umgestaltung des Bestehenden scheitert daran ja ebenso verlässlich. Sie gleicht darin der öffentlichen Ernährungskommunikation, die seit einhundert Jahren berechenbar ihren selbstgesetzten Zielen nicht erreicht, zur historischen Selbstreflektion dennoch nicht in der Lage ist. Scheitern mündet in intensiviertes und noch lukrativeres Weiter-so.

Gesunde Reformkost per Versandgeschäft vor dem Ersten Weltkrieg (Vegetarische Warte 46, 1913, s.p.)

Eine breite, anfangs aber deutlich kleinere Alternativwirtschaft gibt es seit eineinviertel Jahrhundert. Die Abkehr vom verderblichen Genuss des Animalischen und das Flaggenwort Gesundheit dominierten. Die Angebotspalette war breit, konzentrierte sich auf Getreideprodukte, etwa das neu entstandene Vollkornbrot, auf Pasten und Konzentrate oder auch auf Süßwaren. In all diesen Segmenten wurde man Schrittmacher für den Massenmarkt – und das gilt bis heute.

Fleischersatz als gängiges Angebot vor dem Ersten Weltkrieg (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 126 v. 30. Mai, 17 (l.); ebd. 1916, Nr. 224 v. 22. September, 12)

Heute gängige Segmente wie etwa Fleischersatzprodukte waren schon in den Anfängen üblich, denn trotz der vielbeschworenen Natürlichkeit ging es auch damals bereits um High-Tech-Produkte.

Nischenprodukt Fleischersatz? Thronfolger Franz Ferdinand besucht einen Karna-Verkaufspavillon im Wienerwald (Neues Wiener Journal 1912, Nr. 6569 v. 6. Februar, 13 (l.); ebd., Nr. 6697 v. 16. Juni, 24)

Der Alternativsektor war klein – aber bildungsbürgerlich und lautstark. Entsprechend wirkten die Anbieter weit über die nur geringe Zahl der Vegetarier. Die Neuform, die Dachorganisation des Alternativhandels, hatte in den 1930er Jahren rund 2.000 Filialen.

Alternative wozu? Bioprodukte des Jahres 2024 (Schrot & Korn 2024, Nr. 1, 34)

Ich will und kann nicht vertiefen, doch auf drei Punkte verweisen: Erstens werden gerade bei der Vermarktung die agrarischen Restbestände immer wieder revitalisiert, obwohl Biolandwirtschaft eine begrüßenswerte Fortentwicklung der konventionellen Landwirtschaft bildet. Zweitens ignoriert die fehlende historische Selbstreflektion die enge, ja symbiotische Beziehung mit der sonstigen „konventionellen” Ernährungswirtschaft. Die jährlich prämierten besten Bioangebote unterscheiden sich in Preis und Rohstoffqualität vom Standardangebot, doch eine Alternative bieten sie nicht. Drittens aber überdecken die schönen Bilder das Kernproblem, dass nämlich mehr als ein Jahrhundert alternativer Angebote nicht zu einem Wandel in Produktion und Konsum geführt haben. Man setzt auf die Zukunft, die lichte, wird als Nische für betuchtere Kreise auch weiterhin von der ökologischen Zukunft sprechen, während rundum der Grundlagen erodieren.

Bereicherungsökonomie: Ästhetisierung und Geschichtsfälschung zwecks Wertschöpfung

Es folgt der vierte Abschnitt, ein zweiter, deutlich kürzerer inhaltlicher Teil. Für einen Sozial- und Wirtschaftshistoriker kann es eben nie nur um Sprachspiele gehen, sind die materiellen, die politik-ökonomischen Grundlagen doch mindestens gleichrangig. „Bereicherungsökonomie” ist ein recht neues, gleichermaßen von Soziologen und Ökonomen entwickeltes Konzept (Luc Boltanski, Arnaud Esquerre, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2018; Ha-Joon Chang, Edible Economics. A Hungry Economist Explains the World, Dublin 2022). Die Kernpunkte sind einfach und überzeugend, werden allerdings nicht historisiert. Bereicherungsökonomie ist demnach Konsequenz eines veränderten Industriekapitalismus und des lange gängigen Massenkonsums. Wertschöpfung erfolgt durch die Heterogenisierung homogener Güter – denken sie etwa an Wasser – und die Umdeutung der Deindustrialisierung in Chancen für neuen Wohlstand. Das Ländliche, Handwerkliche, Alte wird aufgewertet, Vergangenheit und Traditionen hervorgehoben und ästhetisiert. Pointiert: Wohlig stinkender Käse wird zum Ausdruck handwerklicher Könnerschaft. All das ist angebunden an die Plattformökonomien. Regionale Traditionen machen Kunsthandwerk und Sammeln attraktiv, bereichern den Tourismus, ermöglichen Ausstellungen, leiten die Trends bei Landlust, Manufactum und vielen anderen. 15 bis 20 Prozent des BIP sollen dadurch möglich sein.

Storytelling: Rumvermarktung trotz fehlenden Porträts: Georg Stade, aus Peine stammender Gründer der West Indies Rum Refinery, Barbados (1893) wird gefunden und gemalt (Rufus Frost Herrick, Denaturated or industrial Alcohol, New York 1907, 33; https://maisonferrand.com/brand/stades-rum)

All das reicht von Slow Food Festivals bis hin zum einfachen Storytelling. Dafür ein schlagendes Beispiel: Der im französischem Besitz befindliche Marktführer von Rum auf Barbados beschloss vor sechs Jahren seine Produktpalette zu ändern, verstärkt Markenartikel anzubieten. Vom Gründer, dem deutschen Zivilingenieur Georg Stade, gab es jedoch kein Foto. Man wusste aber um ein älteres Betriebsfoto von Geo. Stade & Co., sah darauf einen unpassenden Herrn mit Melone, ließ ein schmeichelndes Gemälde anfertigen.

Der Außenblick des Konsumenten: Stade’s Rum West Indies Rum Distillery, Barbados (Teil von Maison Ferrand, Paris), 85%iger Marktanteil aller Rum-Getränke aus Barbados (https://maisonferrand.com/brand/stades-rum)

Das bildete den Hintergrund für den Produktlaunch von „Stade‘s Rum“ – und nun hieß es „The Legend lives again“. Drei Facetten derartiger Bereicherungsökonomie will ich ihnen vorstellen, auch um die Breite des veränderten Umgangs mit Geschichte zu verdeutlichen.

Arbeit und Könnerschaft

Erstens: Die Adelung handwerklicher Könnerschaft ist nicht neu, hat – parallel zur Schutzzollpolitik – das tradierte Lebensmittelhandwerk hierzulande lange unterstützt. Dennoch ist die Zahl der Betriebe seit dem Kaiserreich auf etwa acht Prozent geschrumpft. Stärker noch war der Bedeutungsverlust der Landwirtschaft. Auch wenn Deutschland seit den 1890er Jahren Industriestaat wurde, gab es im Primärsektor noch 1933 mehr Beschäftige als im Gewerbe. Heute liegt der Anteil je nach Erhebungsmethode bei 1,2 oder aber 1,9 Prozent.

Regionale „Originale“ werben für Tetrapak-Verpackungen (Der Verbraucher 27, 1973, Nr. 21, 29)

Die Folge der massiven Umwälzungen war eine Entwertung handwerklicher und landwirtschaftlicher Arbeit. Hier sehen sie den Wurzelsepp als Werbefigur, die Trachtendame als Restposten.

Unbekannte Vergangenheit, Emotionalisierung, Handarbeit (https://xn--traditionsbcker-blb.de/wir-feiern-unser-brot-aus-tradition-mit-liebe/)

Heutige Bereicherungsökonomie versucht gegenzuhalten – wir können entsprechenden Bildern nicht entgehen. Doch Tradition hat an sich keinen Wert, Begriffe wie Echt und Liebe können mehr sein als emotionalisierende Werbebezeichnungen. Auch Handarbeit hat seine Makel. Solche schönen Bilder beziehen sich auf eine irreale, historisch nicht recht nachweisbare Vergangenheit und Handwerkskunst. Sie sind eben nicht echt.

Moderner Hofladen mit Artefakten längst ausgesonderter Arbeitsgeräte (https://geheimtippmuenchen.de/geheimtipp/schwabinger-hofladen-regional-bio-ehrlich-ein-einkaufserlebnis/)

Das gilt ähnlich für die Direktvermarktung landwirtschaftlicher Güter. Vergangenheit wird inszeniert, die Fron des früheren Alltags verkitscht. Das klingt einseitig, gewiss. Doch die Bereicherungsökonomie ist ja eine Defensivreaktion auf strukturelle politik-ökonomische Wandlungen. Und abseits der nur imaginierten Geschichte ist zu fragen, ob nicht veränderte Politiken, veränderte wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, eine stärkere Gewichtung materieller Grundlagen wichtiger wären. Aber es scheint ertragreicher, Bananen im Hofladen zu verkaufen…

Zukunftsträume statt historisch reflektierter Menschenverstand

Zweitens: Bereicherungsökonomie verschiebt zeitliche Bezüge aber auch im großen Ganzen. Wir reden zunehmend über Zukunft, denn dort ist noch alles möglich. Kritische Rückfragen auf Basis der Erfahrung der großen Mehrzahl der Toten, der Alten, sie unterbleiben. Das führt zu massiven Fehlallokationen, zum kopfschüttelnden Abwenden.

Jeder Trend bricht – doch die Kurven in die Zukunft zeigen stetiges Wachstum (https://www.sphericalinsights.com/de/reports/vegan-food-market)

Dazu kein Bild, sondern eine der gängigen Zukunftsinszenierungen. Seit zwanzig Jahren werden Markterwartungen zunehmend interpoliert, in die Zukunft fortgeschrieben. Produzenten und Lohnschreiber applaudieren.

Historisch gebrochene Trends: Erfahrungswissen bleibt ohne Widerhall (Uwe Spiekermann, Propheten und Apokalyptiker. Ein Rückblick auf die Diskussion über grüne Gen­tech­nik im späten 20. Jahrhundert, Mitteilungen des Internationaler Arbeitskreis für Kultur­for­schung des Es­sens 6, 2000, 30-46, hier 33 (o.); Dirk Bessau, Nadine Hoppe und Thomas Lehr, Chancen und Risiken des Functional Food Marktes. Historische Entwicklung, Rechtslage, Entwicklungstendenzen und Unternehmensstrategien, s. l. 2002, 11)

Doch Trends brechen – zwingend. Denken Sie an die früheren Megatrends Mood Food, Nutrigenomics oder Nanotechnologie. Blicken Sie auf diese beiden Zukunftsprognosen zur Gentechnik oder aber dem wichtigsten Segment von Functional Food – und urteilen Sie selbst über die Rationalität entsprechend zukunftsaffiner „Experten“.

Geschichte als Steinbruch

Der dritte und letzte Aspekt ist dagegen nicht neu. Doch die Nutzung von Geschichte als Steinbruch wird in den Bildwelten unserer Zeit einfacher und üblich.

Kriegspropaganda für vegetarische Ernährung: J. Howard Millers „Rosie the Riveter“-Plakat für Westinghouse (1943) und Werbung für die Veggienale 2025 (WikiCommons (l.); Schrot & Korn 2025, Nr. 10, 64)

Historische Sachverhalte werden zunehmend aus ihren Kontexten gelöst, zu neuen Memen verdichtet, beliebig neu gefüllt. Hier dient etwa eine Propagandaplakat des Zweiten Weltkrieges leicht verändert der Anpreisung einer Lebensmittelmesse. Das mag in unsere militarisierte Gegenwart passen, in gängiges Freund-Feind-Denken. Doch es sagt vor allem etwas über die Verbreiter solcher Umdeutungen, nichts über die Angebote.

Kommerz und Traditionspflege beim FC St. Pauli (https://www.rindchen.de/weine/topkategorien/kein-wein-den-faschisten)

Wie abstrus derartige Bereicherungsökonomie sein kann, sehen Sie hier: „Kein Wein den Faschisten“ heißt es beim Absteigers FC St. Pauli, angeboten wird zugleich „Antifaschistenwein”. Für die Vermarktung wird auf den revolutionären antifaschistischen Kampf in Spanien oder auch hierzulande verwiesen. Nichts von dessen kläglichem Scheitern, nichts von den Verbrechen auch der roten Kämpfer; und nichts über den Wein.

Kann man etwas tun – und sollte man etwas tun?

Weiten wir am Ende nochmals den Blick.

Erstens: Wissenschaft ist unverzichtbar, hat aber nicht die Aufgabe von Führung. Sie spiegelt und verändert die Gegenwart, kann Szenarien und Prognosen entwickeln, uns Klarheit über die Folgen unseres Tuns gaben – mehr aber nicht. „Follow the Science“ ist autoritär und antidemokratisch, lenkt ab von der bestehenden Pluralität der Wissenschaft, vor allem aber von fehlenden gesellschaftlichen Debatten.

Zweitens: Geschichtswissenschaft verweigert sich im Idealfall den Illusionen der Gegenwart, den Anspruchshaltungen der Zukunft. In Bezug auf die jeweilige Art des Essens und der Ernährung ist sie eine Putzkolonne. Zu fragen ist dabei: Wie und auf welche Weise wird Geschichte weitergetragen, wie verstehen wir sie, wie kann man die Mythenstrukturen durchbrechen – und damit mehr über Essen und Ernährung in Erfahrung bringen. Heute legt sich Zitat legt sich über Zitat über Zitat. Doch es gilt, zu den Quellen zurückzufinden, sie zu überprüfen und damit die „Realität“ zu hinterfragen, eine, die zumeist einer Überprüfung nicht standhält.

Drittens: Menschen sind – auch heute noch – verankert, haben ihre eigene Historie. Sie leben abseits der „Realität“, in eigenen Zeitkorridoren, haben einen eigenen Lebenswillen, sind befähigt, in einer unwirtlichen, in einer zunehmend unhaltbaren Welt zu überleben. Sie werden sich einrichten, auch in etwas anderem, abseits der Illusionen einer Welt der sozial-ökologischen Transformation, den heute noch dominanten Zukunftsträumen und Geschichtserzählungen von absterbenden, nur noch medial dominanten Generationen (Ingolfur Blühdorn, Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Berlin 2024).

Viertens: Wir sind Teil dieses Wandels, denn der Begriff des Fortschritts passt nicht mehr. Doch auch das ist nicht neu: Goethe schrieb 1825 an seinen Freund Carl Friedrich Zelter: „Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff, den er bearbeitet. […] Laß uns soviel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir her ankamen; wir werden, mit vielleicht wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die sobald nicht wiederkehrt“ (Schreiben v. 6. Juni 1825, in: Ernst Beutler (Hg.), Johann Wolfgang Goethe. Gedenkausgabe, Zürich 1950, 632-634, hier 634). Das gilt für mich in meiner Funktion, das gilt für uns Zeitgenossen. Nicht Trauer sollte uns dabei lenken, sondern die nüchterne Erkenntnis, dass andere Zeiten angebrochen sind. Wir stehen vor Aufgaben fernab des bürgerlichen „Lifestyles“ einer Gesellschaft, die sich in selbstgewebten Geschichten verfangen hat und diese Knäuel nicht mehr zu entwirren weiß.

Uwe Spiekermann, 8. August 2026

Der vorliegende Beitrag ist eine leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Sommerakademie „Mahlzeit! Koch- und Esskultur zwischen Überleben und Lifestyle“ der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart am 1. August 2026.

Fern des „Echten“: Rum im 19. Jahrhundert

Rum, Karibik und die Piraten: Dieser Dreiklang durchzieht das westliche Denken seit mehr als 300 Jahren. Die kolonialen Eroberungen Spaniens, Portugals, Englands, Frankreichs, auch Dänemarks und der Niederlande zielten nicht nur auf die neue Süße des Rohrzuckers, auf Plantagenwirtschaft und Sklavenhaltung. Der Zucker wurde stetig zu einem neuen Schnaps vergoren, scharf und mit einem kräftig-mild-süßlichem Geschmack (Charles A. Coulombe, Rum. The Epic Story of the Drink that Conquered the World, New York 2004). Jamaika entwickelte sich zum Zentrum der Rumproduktion, die Londoner Docks bildeten den Mittelpunkt des Handels in die deutschen Lande. Als Getränke echter Kerle, von Gentlemen und Seebären, aber auch als dezente Zugabe zum Tee der Damen eroberte der Rum sich einen Platz in der europäischen Alkoholkultur, erst der Kolonialstaaten, dann auch der europäischen Binnenländer. Die Literatur fing diese Veränderungen seit dem frühen 18. Jahrhundert ein, Abenteuerromane spiegelten sie. Daniel Defoe (1660-1731) überführte die reich ausgeschmückten Tatsachenromane über die Karibik und die Piraten in das Reich der Fiktion, Walter Scott (1771-1832) brachte sie einhundert Jahre später zu erster Meisterschaft. Handelsschiffe lagen tief im Wasser, voller Tabak, Zucker und Rum, doch die Piraten lauerten, die Beute lockte, am Ende das grölige Gelage mit dem Trank der Sieger. Der Mitte der 1920er und Anfang der 1950er Jahre höchst erfolgreiche Piratenfilm schuf Bilder des mitreißend-exotischen Dreiklangs Rum, Karibik und Piraten – und wir haben Captain Jack Sparrow vor Augen, diesen unwiderstehlichen Tausendsassa, trunken und verlogen, charmant und einnehmend.

Kingston, Jamaika, ca. 1870: Zentrum des Rumexportes (Wikipedia)

Das wirkliche Leben tritt dahinter zurück. Seit dem späten 18. Jahrhundert nahm der Konsum von Rum im Bürgertum, teils im Adel langsam zu. Der Arbeitsmann, der Bauer, sie tranken eher eine Art Bier oder Most, dann in immer größeren Mengen Kartoffelschnaps, Begleiterscheinung des seit dem späten 18. Jahrhundert einsetzenden Kartoffelanbaus und des 1817 patentierten Pistoriusschen Brennapparates. Die damalige deutsche Alkoholkultur zerbrach, Destillate dominierten sie bis in die 1880er Jahre, ehe die „Branntweinpest“ langsam überwunden wurde. Spirituosen aber blieben Alltagsgut, bei Bürgern und Arbeitern, auch bei likörigen Damen. Während sich die Piraten schon längst in der frühen Populärkultur festgesetzt hatten und „ächter“ Jamaika-Rum in Kolonialwarenländen, Drogerien und Apotheken verkauft wurde, war aus dem stolzen Getränk der Karibik jedoch ein höchst heterogenes Gesöff geworden.

Rumangebote in der Mitte des 19. Jahrhunderts (Leipziger Zeitung 1860, Nr. 297 v. 15.12., 5981 (l.); Ebd. 1859, Nr. 295 v. 14.12., 6065 (r.o.); Coburger Zeitung 1872, Nr. 304 v. 30.12., 1240)

Vier, im Alltag nicht immer eindeutig voneinander abgrenzbare Arten sind zu unterscheiden. Erstens gab es den „echten“ Rum. Dabei handelte es sich um nicht veränderten Importrum bzw. dessen Verschnitt auf einen Alkoholgehalt von ca. 50-55 %. Dieses obere Ende des Marktes war klein und erschien Zeitgenossen zu Recht als Ausnahme. Rum war ein unklarer Gattungsbegriff. Markenartikel kamen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf, Importfirmen – also Händler – dominierten den Markt. Sie verkauften an Kleinhändler, denen die Käufer vertrauen mussten, bevor die eigenen Sinne übernahmen. Kennzeichnungspflichten fehlten, Rumkontrollen waren unüblich, verlässliche Kriterien dafür gab es nicht. Die Händler warben mit Ferne, benannten die koloniale Herkunft, nicht aber die folgenden Veränderungen.

„Echter“ Importrum war ein hochwertiges und seltenes Angebot. Mengenmäßig dominierte spätestens seit den 1840er Jahren Kunstrum. Rum war als ein stark alkoholhaltiges Getränk mit einem charakteristischen Geschmack bekannt; und dieses baute man durch Kartoffelsprit und aromatische Zusätze nach. Kunstrum war „deutscher Rum“, hierzulande hergestellt und vermarktet, jedoch erschwinglich. Lässt man das Odium des Ersatzmittels einmal beiseite, so handelte es sich um eine preiswerte und massenkompatible heimische Alternative zum „echten“ Rum. „Karibiksonne“ hatte ihn nie beschienen, doch er war Abglanz eines Zeitalters wissenschaftlicher Entdeckungen in der organischen Chemie. Der Liebig-Schüler Friedrich Knapp (1814-1904) präzisierte 1847: „Der feine, dem Aroma des Rums sehr nahe kommende Geruch des Buttersäureäthers […] hat die Veranlassung gegeben, daß diese Verbindung gegenwärtig sehr häufig zur Nachahmung des Rums mittelst gewöhnlichen Branntweins benutzt wird“ (Lehrbuch der chemischen Technologie, Bd. 2, Braunschweig 1847, 411). Buttersäureäther war Großchemie im Kleinen, entstand durch den Einsatz von Kalilauge und Schwefelsäure, erforderte eine Destillation. Während es der Grundlagenforschung vorrangig um die Erkundung der Materie ging, nutzten Unternehmer dieses Wissen für neue und preiswertere Produkte, angeleitet durch einen wachsenden Markt von Ratgebern. Seit den 1840er Jahren nahm die Zahl von Halbfertigäthern zu. Sie ermöglichten schon lange vor der Isolation natürlicher und der Synthese künstlicher Aromen die Kreation von Geschmacksprofilen.

Experten rieten, Hersteller folgten: Rezepte für Kunst- und Façonrum (Practical Directions, Receipts and Processes […] manufactured by Fritzsche, Schimmel & Co., New York 1875, 36 (l. o.); John Rack, The French Wine and Liquor Manufacturer, New York 1863, 107 (r.o.), Gustav Hell, Die Pharmaceutische Nebenindustrie, Troppau 1879, 142 (l. u.); Dass., 2. verb. u. verm. Aufl., Troppau 1888, 148)

Ja, die gute alte Zeit… Die technische Entwicklung des Kunstrums ging von geschmacklich dominanten zu nuancenreicheren Zusätzen. Aromatisierter Kunstrum wurde mit Zuckercouleur, Sirup und/oder Eichenrinde abgerundet und braun gefärbt: „Die Leichtgläubigkeit des Publikums geht manchmal so weit, daß es einen gefärbten und mit etwas Essigsäure- oder Buttersäureäther versetzten fuselhaltigen Branntwein auch für Rum nimmt“ klagte 1859 der österreichische Chemiker Ferdinand Artmann (1830-1883) (Die Lehre von den Nahrungsmitteln, ihrer Verfälschung und Conservirung […], Prag 1859, 456). Doch die Zahl fertig käuflicher Ingredienzien nahm rasch zu. Der Erfolg des Kunstrums basierte nicht nur auf dem niedrigen Preis, sondern auch auf einer geschmacklich zusagenden und berechenbaren Aromatisierung. In Österreich gilt entsprechender Inländerrum bis heute als geschützte Spezialität – mit Stroh-Rum als bekanntester Marke. Die Zusätze konnten in Apotheken und Drogerien einfach gekauft werden. An die Seite der Fabrikanten, Destillateure und Budiker traten daher auch zahlreiche Hausfrauen, um dem Mann zu frommen oder Silvester punschig zu feiern.

Aromatisierter Kunstrum war ein künstliches Getränk eigenen Rechts, stand aber (wie auch die Margarine unter dem Verdikt der Nahrungsmittelfälschung. Entsprechend entstand drittens in den 1860er und 1870er Jahren mit dem Façonrum eine weitere Rumart, eine Mischung aus Verschnitt- und Kunstrum. Aromen und Kartoffelsprit ergänzte man nun um einen mehr oder minder großen Anteil von Kolonialrum. Fünf oder zehn Prozent „echter“ Importrum gaben ihm eine andere Note, erlaubten zugleich höhere Preise.

Selbstbereiteter Rum: Preiswert durch den Hausmix von Essenzen, Wasser und Weingeist (Vorwärts 1900, Nr. 303 v. 30.12., 11)

Doch dabei blieb es nicht: Façonrum und Kunstrum nutzten viertens vermehrt auch Rumessenzen, also Fertigprodukte der parallel zur pharmazeutischen und kosmetischen Industrie entstehenden Essenzenindustrie. Deren industriell gefertigte Angebote unterschieden sich deutlich von den Chemikalien der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie waren teils synthetisiert (wie Vanillin), vor allem aber stofflich standardisiert, waren also nicht nur in großer Menge (und damit billiger) herzustellen, sondern konnten gezielt als Vor- und Zwischenprodukte eingesetzt werden. Mit ihnen glaubte man damals, das „Reservatrecht der Natur“ (Emil Fischer) durch Synthese durchbrechen und so zu einer neuen, vom Menschen gestalteten Welt gelangen zu können. Der Geschmack war gewiss eigen, doch er lag nun in der eigenen Hand: Seit den 1890er Jahren ersparten die DIY-Angebote den Käufern die lange Tüftlerphase der Produzenten, denn mit Wasser, Weingeist (also Kartoffelsprit) und Essenz konnte jede/r „Rum“ zu Hause herstellten.

Am Rum sehen wir im 19. Jahrhundert die typischen Pendelschläge bei der Entwicklung trinkfertiger künstlicher Kost. Die teure Kolonialware wurde zuerst mittels heimischer Rohwaren substituiert. Vergorener Rübenzucker schmeckte nicht recht, daher nutzte man „chemische“ Kunstprodukte. Die offenkundigen Defizite wurden anschließend vermindert – zuerst durch verbesserte Aromatisierung mit chemischen oder natürlichen Geschmacksstoffen, dann mit einem schmeckbaren, doch nicht zu umfangreichen Einsatzes des Originalproduktes. Und dann durften Konsumenten schließlich angeleitet kreativ sein. Lernprozesse dieser Art prägen bis heute große Teile des Lebensmittelangebots, mögen uns überwölbende Produktbezeichnungen und die allgemeine Ästhetisierung beworbener Nahrung auch anderes suggerieren.

Uwe Spiekermann, 27. Juni 2026

Tiefkühlkost während des Nationalsozialismus

Tiefkühlkost wurde in Deutschland während der NS-Zeit eingeführt. Obwohl die damaligen Produktionsmengen erst Anfang der 1960er Jahre wieder überschritten wurden, wird diese „neue“ und höchst erfolgreiche Innovation dennoch gemeinhin mit dem „Wirtschaftswunder“ in beiden deutschen Staaten verbunden. Die Konsumgeschichte folgt damit politischen Legitimationsinteressen, die Kontinuitäten gering gewichten, ja ausblenden. Die „Massenkonsumgesellschaft“ habe sich eben erst mit dem „Wiederaufbau“ etabliert (vgl. etwa Michael Wildt, Am Beginn der ‚Konsumgesellschaft‘. Mangelerfahrung, Lebenshaltung, Wohlstandshoffnung in Westdeutschland in den fünfziger Jahren, Hamburg 1994; Arne Andersen, Der Traum vom guten Leben. Alltags- und Konsumgeschichte vom Wirtschaftswunder bis heute, Frankfurt/M. und New York 1997). Dieses Zerrbild führt dazu, dass der Volkswagen zum Symbol westdeutscher Prosperität mutieren konnte und „Feinfrost“ zum Kennzeichen der technisch fortgeschrittenen DDR. Selbst neuere Arbeiten blenden die enge Verzahnung der nationalsozialistischen und der nachkriegsdeutschen Kühl- und Gefriertechnik konsequent aus (Karl Christian Führer, Das Fleisch der Republik, Berlin und Boston 2022, 96).

Einer der Gründe für diese kaum angemessenen Zuschreibungen liegt in der dualen Struktur der Tiefkühlkost. Während des Nationalsozialismus seien zwar die technischen Grundlagen für eine Gefrierindustrie gelegt, die neuen „Gefrierkonserven“ aber primär an die Wehrmacht geliefert worden. Tiefkühlkost wurde demnach nicht vorrangig für die Zivilbevölkerung produziert, auch wenn deren Versorgung durchaus mitbedacht worden sei (Ulrike Thoms, The Introduction of Frozen Foods in West Germany and Its Integration into the Daily Diet, in: Kostas Gavroglu (Hg.), History of Artificial Cold, Scientific, Technological and Cultural Issues, Dordrecht et al. 2014, 201-229, hier 202). Die fest etablierte Gefrierindustrie sei nach Kriegsende zusammengebrochen, der Ende der 1950er Jahre einsetzende Aufschwung daher in der Tat etwas völlig Neues gewesen sei. Erst die in Ost und West gleichermaßen erfolgte Selbstbedienungsrevolution habe dieses Marktsegment wirklich ermöglicht, die mit Gefrierkühlschränken verbundene Verlängerung der Kühlkette bis in die Haushalte habe sie dann zu neuen Höhen geführt.

All das unterschätzt, wie eng die gern beschworene Nachkriegsprosperität mit den Innovationen und mentalen Erwartungshaltungen der nationalsozialistischen Zeit verzahnt war. Bundesrepublik und DDR setzten in den 1950er und 1960er Jahren vielfach das um, was zuvor von nationalsozialistischen Funktionseliten als Teil einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft gedacht, propagiert und auch umgesetzt wurde. Um diese These zu unterfüttern, ist die Einführung der Tiefkühlkost während der NS-Zeit genauer unter die Lupe zu nehmen. In einer ersten Analyse habe ich dies vor allem unter wissenshistorischen Gesichtspunkten getan, also das Innovationssystem und seine Implementierung untersucht (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2019, 476-487). Regime kollabierten, Fachleute setzten ihre Arbeit fort. Nachfolgend werde ich den Blick weit stärker auf die zivile Versorgung während des Zweiten Weltkrieges legen. Dies ist möglich, da die seither erfolgte Digitalisierung zahlreicher Tageszeitungen und illustrierter Zeitschriften einen breiteren Blick aus der Perspektive des Alltags ermöglicht. Gewiss, diese Quellen sind propagandistisch eingefärbt, präsentieren staatlich gewünschte und tolerierte Informationen. Doch sie erlauben einerseits einen präziseren Blick auf die Alltagspräsenz der neuen tiefgekühlten Waren, geben anderseits auch eine Vorstellung von den mit der Tiefkühlkost verbundenen Verheißungen. Sie war Abglanz einer breiteren nationalsozialistischen Konsumgesellschaft nach dem siegreichen Krieg, dessen erste Konturen aber bereits während dieser vermeintlichen Kampf- und Bewährungszeit deutlich wurden.

Die Reintegration der nationalsozialistischen Zeit in die Kontinuitäten der deutschen Konsumgeschichte gründet zugleich auf den bisher kaum beachteten alliierten Untersuchungen der deutschen Konsumgüterindustrie 1945. Das Resultat zahlreicher Gespräche mit nationalsozialistischen Fachleuten und Besuchen in führenden Firmen hieß es darin: Die deutsche Gefrierindustrie „played a definite role in the feeding of both the Wehrmacht and the German civilian population during the recent war. Although information received from various sources indicates a difference of opinion as to the best actual importance of frozen foods, the best available estimate on 1944 production (40 to 45 Million Kilos) would suggest that substantial amounts of frozen foods were consumed by at least certain elements of the German Army and the civilian population“ (C.J. Mangan et al., German Frozen Foods, in: G.T. Carlin, A Survey of German Wartime Food Processing, Packaging and Allocation, T. 1, Frankfurt/Main 1945 (BIOS Misc. Report 19) (Ms.), 44-70, hier 45). Die Wehrmacht habe vorrangig Fisch geliefert bekommen, die Zivilbevölkerung dagegen Obst und Gemüse. Letzte werden daher auch im Mittelpunkt dieses Beitrages stehen.

Etablierung und Struktur der deutschen Gefrierindustrie

Anfang 1941 nahm Gestalt an, worüber seit Frühjahr 1940 ab und an, seit Herbst 1940 dann immer häufiger zu lesen gewesen war: „Es ist wirklich eine fabelhafte neue Sache, mit der wir Sie hier bekanntmachen, und zwar kein Projekt, das erst in grauer Ferne in den Bereich der praktischen Wirklichkeit einrücken wird, sondern mit dem wir alle schon bald Bekanntschaft machen werden. Bisher kannten wir haltbargemachtes Obst und Gemüse nur aus der Konservenbüchse, wo es durch das Einkochen schon einen Teil seines Nährwertes eingebüßt hat. Durch die Methode des Schnellgefrierens dagegen werden Früchte und Gemüse, Fleisch und Fisch in rohem Zustand, in aller Zartheit und Vitaminfülle haltbar gemacht und dem Verbraucher zugeleitet“ (Frisches Frühlingsgemüse aus dem Eis, Schlesische Sonntagspost 1941, Nr. 5 v. 2. Februar, 10-11). Das klang verheißungsvoll, spiegelte zugleich die Sprache dieser Zeit. „Tiefkühlkost“, dieser heute gebräuchliche Dachbegriff, etablierte sich in Westdeutschland erst seit Mitte der 1950er Jahre. Während des Zweiten Weltkrieges sprach man von „Feinfrost“, „Kühlkost“ oder „Gefrierkonserven“, präsentierte diese zugleich als Teil der Versorgungsleistungen des NS-Staates. Die Konsumenten hatten durch die schon vor dem Überfall auf Polen etablierte Lebensmittelrationierung schließlich einen Anspruch auf Grundversorgung. Das bedeutete auch die Zuleitung vitaminreichen Obstes und Gemüses durch den sorgenden, den versorgenden NS-Staat. Und es bedeutete auch Teilhabe an den Errungenschaften wissenschaftlicher Geistesarbeit, an den Errungenschaften der modernen Technik.

Die wichtigsten Akteure der Gefrierindustrie etablierten sich bis 1942 in einem vom NS-Staat gesetzten Rahmen. Das betraf das regulative Umfeld, die wissenschaftliche Grundlagenforschung, die Entscheidungen über Rohstoffe und Devisen. Den eigentlichen Impuls gab der Vierjahresplan, also die Ende 1936 intensivierte Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft auf den spätestens 1940 zu führenden Krieg. Allerdings war die mittelbetrieblich organisierte Konservenindustrie anfangs nicht bereit, die hohen Investitionskosten zu tragen, um einerseits die neue Technik praxisnah zu entwickeln, andererseits ein neues Marktsegment ohne größere Subventionen aufzubauen („Aufbau der Gefrierwirtschaft“, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 484 v. 22. September, 4). Das Reichsernährungsministerium, die aufstrebende Vierjahresplanadministration und nicht zuletzt die Wehrmacht griffen deshalb zu einem für die NS-Wirtschaft typischen Mittel: Es wurden neue Unternehmen gegründet, damit die bestehenden Strukturen des an sich gebundenen Marktes in Frage gestellt. Dadurch stieg der Druck, die nun anlaufende Entwicklung nicht zu verpassen. Zugleich legte man sich staatlicherseits noch nicht auf nur eine Produktionstechnik, auf nur wenige Lebensmittel fest. Die leistungsfähigsten Maschinen, die ansprechendsten Konsumgütersortimente sollten sich im oligarchischen Wettbewerb herausstellen.

Der Aufbau eine neuen Gefrierindustrie markierte einen gewissen Bruch innerhalb der nationalsozialistischen Agrar- und Ernährungspolitik: Standen die ersten Jahre unter den vorrangig quantitativen Zielsetzungen einer „Erzeugungsschlacht“, so ging man ab 1936/37 zunehmend dazu über, die vorhandenen Lebensmittel auch möglichst optimal zu nutzen. Landwirtschaftliche Selbstversorgung blieb aus Devisengründen ein vorrangiges Ziel, doch nun wurde verstärkt versucht, die vorhandenen Nahrungsgüter im Rahmen einer „Erhaltungsschlacht“ möglichst verlustarm zu verwerten. Nicht nur hauswirtschaftlich hieß es „Kampf dem Verderb“, sondern auch die Lebensmittelindustrie sollte leichtverderbliche Nahrungsgüter möglichst schonend lagern und konservieren, Schwund und Verluste möglichst minimieren. „Verbrauchslenkung“ diente zur Abpufferung dieser Politik, spiegelte die immer noch stark saisonale Prägung des Angebotes. Anderseits verbesserte verstärkter „Vorratsschutz“ die staatliche Lagerhaltung und Rationierungswirtschaft (G[eorg] Kunike, Aufgaben und Ziele des Vorratsschutzes, in: Forschung für Volk und Nahrungsfreiheit, Berlin 1938, 559-561).

Nachzügler bei der Kühltechnik: Hygieneprobleme beim Lebensmittelabsatz (Kölnische Illustrierte Zeitung 8, 1933, 662)

Seit 1938 entstanden binnen weniger Jahren mehrere große „Konzerne“, die teils auch die Tiefkühlwirtschaft der Nachkriegszeit prägen sollten. Sie knüpften an teils länger zurückreichende Vorgänger an, denn mehr oder minder praktikable Schnellgefrierverfahren hatte es bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegeben. Pionierprodukt war Fisch, seine Gefrierkühlung wurde hierzulande während des Ersten Weltkrieges verbessert, seit Anfang der 1920er Jahre auch praktisch erprobt. Kernfragen des Geschmacks und der Lagerhaltung konnten allerdings noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden, denn die als Kühlmittel verwandte Salzsole veränderte die Gefrierwaren unvorteilhaft. Das Deutsche Reich barg zwar eine exportorientierte Kühltechnik, und auch das globale Renommee des deutschen, des bayerischen Bieres gründete darauf (Stefan Manz und Uwe Spiekermann, Making Food Empires. German Technology and Global Mass Production, 1870-1914, Oxford 2026, 171-172). Doch Deutschland war kein Land der Tiefkühlung, keines des Gefrierens. Das galt eher für Großbritannien, das beträchtliche Mengen seines Fleischbedarfs per Seetransport aus dem überseeischen Empire deckte. Das galt insbesondere aber für die Vereinigten Staaten, deren Lebensmittelversorgung auf einem immensen Netzwerk von Kühlwaggons, Kühlhäusern und auch gewerblichen Kühlschränken gründete. Während die Reichsbahn Ende der 1920er Jahre 2.200 Kühlwaggons besaß, zählte man in den USA etwa 180.000 (Hanns-Liudger Dienel, Ingenieure zwischen Hochschule und Industrie, Göttingen 1995, 62). Die hiesige Kühlhausfläche betrug Anfang der 1930er Jahre weniger als ein Hundertstel der westlichen Flügelmacht und erreichte lediglich Temperaturen von knapp über dem Gefrierpunkt (Henning, Die Segnungen der Kälte-Industrie für der Lebensmittelverkehr, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 42, 1935, 195-199, hier 197).

Die vielgestaltige Infrastruktur in den USA ermöglichte in den 1920er Jahren ein „Kühlwunder“, getragen von Speiseeis und vor allem Gefrierfisch: 1926 produzierten etwa fünfzig Firmen 18 Mil. Pfund verpackter Ware, zwei Jahre später waren es bereits neunzig Firmen mit 65 Mio. Pfund (W[alther] Pohlmann, Neuere Fischgefriermethoden in Amerika, Die Kälte-Industrie 26, 1929, 89-92, hier 88). Zahlreiche Verfahren des Schnellgefrierens wetteiferten um die wirtschaftlichste Methode; und es war anfangs keineswegs ausgemacht, dass die bei der General Seafoods Corp. in Gloucester, Mass. implementierte Methode des US-Biologen Clarence Birdseye (1886-1956) im Folgejahrzehnt das Rennen machen sollte (s. mit vielen Verkürzungen und Fehlern Mark Kurlansky, Birdseye. The Adventures of a Curious Man, New York et al. 2012). Ende der 1920er Jahre verbreiterten kapitalkräftige Massenfilialisten ihr tiefgekühltes Angebot erst auf Fleisch, dann auch auf Obst und Gemüse. Beträchtlichen Wachstums zum Trotz blieb die Revolution der Alltagsernährung während der Weltwirtschaftskrise ohne den erwarteten, ja erhofften Schwung. Dennoch blieben die USA das große Vorbild der gefriertechnischen Umgestaltung, der politisch-wirtschaftliche Einschnitt 1933 war dafür unerheblich. Doch nicht nur aus Devisenmangel investierte man hierzulande vorrangig in eigene Technik, insbesondere in das auf die Fischindustrie zugeschnittene Luftgefrierverfahren nach Heinrich Heckermann (1883-1945). Seefisch erlaubte mehr Eiweiß ohne Devisen.

Vorbild USA: Tiefgefrorenes Lammfleisch der Frosted Foods Company (Die Bedeutung des Birdseye-Verfahrens, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/32, 27-31, hier 29)


Kartellierte Industrie

Die Gefriertechnik bot in den 1930er Jahren demnach einen Hebel für eine neue Art des Produzierens und Konsumierens. Sie verband agrarpolitische Ziele wie Erhaltungs- und Lagerschutz mit dem Konsumenteninteresse an hochwertigen und gering verarbeiteten Lebensmitteln. Für Technokraten wie den nationalsozialistischen Ingenieur und Lebensmitteltechniker Rudolf Heiss (1903-2009) lag darin die Chance einer umfassenden Rationalisierung des Konsumsektors und einer beträchtlichen Leistungssteigerung in Wirtschaft und Wehrmacht (Rudolf Heiss, Die Aufgaben der Kältetechnik in der Bewirtschaftung Deutschlands mit Lebensmitteln, Berlin 1939). Dazu waren allerdings immense Investitionen erforderlich, also kapitalkräftige Großunternehmen. Bis 1942 etablierten sich insgesamt vier führende „Gefrierkonzerne“, die mit jeweils unterschiedlichen Rohstoffen, Techniken, regionalen Zuschnitten und Kapitalstrukturen den Markt dominierten. Während man 1940 in der Presse noch freudig von vierzehn größeren „Gefrierunternehmungen“ sprach, schmolz diese Zahl in den Folgejahren rasch ab, fügte man sich in die staatlich geförderten Verbünde. Ziel dieser Quasi-Kartelle war es, „durch weitere Verbesserung der Maschinen und Apparate, durch Erweiterung der Kühlfläche auf etwa zwei Millionen Quadratmeter und durch entsprechende Werbung allmählich weiteste Volkskreise für diese hervorragende und einzigartige Konservierungstechnik zu gewinnen. Bald wird das ‚Gefrierpaket‘ in jeder Küche zu finden sein“ (Gefrierkonserven für den Tisch, Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1940, Nr. 227 v. 26. September, 3).

Den Anfang machte die Fischwirtschaft. Die 1938 in Hamburg gegründete, von der dort ebenfalls ansässigen Firma Philipp Reemtsma finanziell mitgetragenen Firma Andersen & Co. GmbH konzentrierte sich auf den zuvor schon im Vordergrund stehende Gefrierfisch (Der Siegeslauf der Kühltechnik, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 156 v. 8. Juli, 156, Stadtbl., 4). Sie setzte auf das von Rheinmetall-Borsig in Kooperation mit Linde verbesserte Heckermann-Verfahren, das heute als Pioniertechnologie des Schockfrostens gilt. Anfangs ging es vor allem um verkürzte Verderbszeiten, um Schnellgefrieren auf hoher See. Analog zum 1936 wieder aufgenommenen Walfang sollten die erbeuteten Tiere „fangfrisch“ in einem Mutterschiff verarbeitet werden. Die Kühlung durch rasch zirkulierende kalte Luft erlaubte kontinuierliches Gefrieren ohne Vorverpackung (Wilhelm Ziegelmayer, Die Ernährung des deutschen Volkes, Dresden und Leipzig 1947, 602). Andersen konzentrierte sich anfangs fast ausschließlich auf die Fischversorgung der Wehrmacht. Nach Beginn des Krieges und dem damit verbundenen Einbruch der Hochseefischerei diversifizierte sie auch in die Tiefkühlung von Obst und Gemüse. Ihre Bedeutung für den Zivilmarkt blieb dennoch gering, Hauptgeschäft war die Belieferung von Großkunden.

Flexibler Einsatz mobiler Gefrieraggregate: Einsatz von Andersen-Geräten in der Konservenfabrik Gifhorn 1942 (Tiefkühlgemüse, 1965, 343)

Anfang 1939 wurde als zweiter Gefrierkonzern in Berlin die Solo-Feinfrost GmbH mit einem Stammkapital von 6 Mio. RM gegründet. Sie nutzte die zuvor von der Hamburger Margarine-Verkaufs-Union erworbenen Birdseye-Patente. Solo-Feinfrost war Teil des niederländisch-britischen Konzerns Unilever, der aufgrund der geltenden Devisenzwangswirtschaft seit den frühen 1930er Jahren die nicht unbeträchtlichen Gewinne nicht mehr an die ausländische Muttergesellschaft abführen durfte. Das Kapital investierte man daher im Deutschen Reich, rüstete Walfangflotten aus, beteiligte sich am Fischereikonzern und Massenfilialisten Nordsee Deutsche Hochseefischerei AG. Solo-Feinfrost erschloss weitere Sortimente, konzentrierte sich seit Herbst 1939 auf das Tiefgefrieren von Obst und Gemüse (Heinrich Lohmann, Der Bremer Fichtenhof und seine Bewohner, Bremen 2018, 96). Der Gefrierkonzern war finanziell in der Lage, die hohen Kosten für die dezentrale Gefrierinfrastruktur aufzubringen: Ein Plattenfroster kostete etwa 40.000 RM, eine Gefriertruhe 1.500 RM. Solo-Feinfrost etablierte ab 1939 ein schnell wachsendes Netzwerk dezentraler Gefrierstätten, indem es vertraglich gebundenen Konservenfabriken Gefrieraggregate zur Verfügung stellte. Auf gleicher Grundlage lieferte man Gefriertruhen an leistungsfähige Einzelhändler (Der Aufbau der deutschen Gefrierwirtschaft, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 478 v. 19. September, 4). Es ging offenbar auch ohne die tradierte und gut organisierte Konservenindustrie, denn die Technik wurde gestellt, der weitere Absatz übernommen. Solo-Feinfrost hatte seit Mai 1939 auch mit dem Tiefgefrieren von Fischfilets in den Anlandehäfen Wesermünde und Cuxhaven experimentiert, baute diesen gleichermaßen von der Nordsee und der Wehrmacht geförderten Betriebszweig aber nicht weiter aus (Neue Forschungsergebnisse beim Gefrieren von Lebensmitteln, Hamburger Fremdenblatt 1940, Nr. 16A v. 17. Januar, 3). Märkte wurden wie Filets passgenau zugeschnitten. Dass Unilever 1940 in Deutschland unter Treuhänderschaft gestellt wurde, erlaubte anschließend eine Ausweitung der Vertragsproduktion mit Birdseye-Technik auch in das besetzte und verbündete Europa (Frozen Foods Skyrocketed In Wartime Germany, Food Industries 18, 1946, 183).

Regionale Verteilung der Plattenfroster der Solo-Feinfrost GmbH​ im Deutschen Reich 1940-1944 (Uwe Spiekermann auf Basis von Mangan et al., 1945, 46)

Der dritte Gefrierkonzern entwickelte sich aus der Speiseeisindustrie, wobei die 1933 von Josef Pankofer (1907-1963) in München eröffnete Eisdiele namensgebend wurde. Er bündelte länger bestehende Expertise, etwa der 1925 gegründeten Berliner Grönland GmbH, die bereits 1927 Obst mittels Trockeneis erfolgreich eingefroren hatte. In Kooperation mit der Potsdamer Konservenfabrik Zinnert lieferte sie Luxuswaren insbesondere für den Berliner Gastronomiekonzern Aschinger, der 1935 seinerseits mit dem Fleischgefrieren für den eigenen Restaurantbetrieb begann (Gefrorene Nahrungsmittel, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 380 v. 28. Juli, 4). Josef Pankofer kooperierte mit der 1935 gegründeten Unilever-Tochter Langnese, zudem mit dem 1937 in Nürnberg gegründeten Lizenznehmer Karl Schoeller. Unterstützt von der Vierjahresplanbehörde begann Pankofer & Co. ab 1939 mit dem Direktabsatz von Gefrierkonserven, Gefriertruhen wurden den Einzelhändlern geliefert. Die Firma expandierte rasch, machte 1942 dann einen weiteren Entwicklungsschritt. Die gemeinsam mit der zuvor aus dem Zigarettengeschäft ausgestiegenen Familie Neuerburg in München gegründete Firma Neuerburg & Pankofer wies ein Stammkapital von fünf Mio. RM auf, erforderlich vor allem zur Europäisierung des Geschäfts. Eroberungskriege müssen schließlich zu etwas Nutze sein. Ziel waren nicht zuletzt alkoholfreie „Volksgetränke“, ermöglicht durch im Ausland tiefgekühlte Fruchtkonzentrate, ein in den USA damals bereits gängiges Verfahren (Die vierte Gefriergruppe, Frankfurter Zeitung 1942, Nr. 392 v. 4. August, 4).

Schließlich schlossen sich 1942 zahlreiche zuvor schon in der Gefrierkonservierung tätige mittlere Dosenkonservenhersteller zur Ahena zusammen, der in Düsseldorf ansässigen Arbeitsgemeinschaft von Herstellern tiefgefrorener Nahrungsmittel GmbH. Die anfängliche Zurückhaltung der Branche war damit gebrochen, die neuen Marktchancen überwogen offenbar die finanziellen und technischen Risiken. Die Ahena bestand aus teils schon zuvor aktiven Firmen, wie etwa Dr. Willy Knoll in Nürnberg, der schon erwähnten Konservenfabrik W. Zinnert in Potsdam oder der Fa. Sössing in Laufa a.d. Unstrut. Auch das badische Unternehmen Gebr. Bratzler, Kühlhaus Müggensturm, die Firma Aschinger und das in Brandenburg ansässige Kühl- und Gefrierhaus „Vitam“ gehörten zu dieser Gruppe (vgl. Die zweite Gefrierkonservensaison, Frankfurter Zeitung 1942, Nr. 103 v. 23. Februar, 2; Frozen Foods, 1946, 183). Im Verbund froren sie vor allem Gemüse und Obst, belieferten Zivilbevölkerung und Großverbraucher wie die Wehrmacht, agierten aber auch multinational, etwa mittels der Dutch Winterzon-Conserven N.V.

Die vier Gefrierkonzerne bauten vielgestaltige Produktionsstätten und Absatzketten auf. Dies basierte einerseits auf einer neu ausgebildeten Gefriermaschinenindustrie, zum anderen auf Dienstleistern für die auszudehnende Kühlkette. Erstere wuchs gleichsam organisch aus der je ein halbes Dutzend klingende Namen umfassenden Kältemaschinen- und Kühlschrankindustrie (Hans Mosolff (Hg.), Der Aufbau der deutschen Gefrierindustrie, Hamburg 1941). Letztere bestand vor allem aus der 1941 gegründeten Kühldienst GmbH resp. der Deutschen Behälter-Verkehrs GmbH (F.W. Packenius, Die Kühlkonserve, Das Reich 1941, Nr. 40 v. 5. Oktober, 10). Getragen vornehmlich von staatlichen Stellen, sollten beide die von der Reichsbahn und dem zunehmend ausgedünnten Fernlastverkehr gelassenen Lücken schließen (Kühldienst für Lebensmittel, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 267 v. 28. Mai, 4). Neben Transportmitteln entwickelten sie insbesondere aus Leichtmetall bestehende Transportcontainer mit integrierter Gefriertechnik, die an Produktionsstätten gefüllt wurden, im Güterverkehr einsatzfähig, zugleich aber als Kühlzellen nutzbar waren (Sicherung der Gemüseversorgung, Gartenbauwirtschaft 58, 1941, Nr. 44, 2). Die Kühlkette wurde dadurch flexibilisiert, sehr unterschiedliche Zugmaschinen und die Reichsbahn übernahmen den Transport. So konnte man mit überschaubarem Kapitalaufwand an unterschiedlichen Ernteplätzen produzieren, den Versorgungsbedarf an unterschiedlichen Orten decken. Das war wichtig, handelte es sich bei der Gefrierkonservierung doch immer noch um einen Saisonbetrieb, der von „natürlichen“ Ernte-, Fang- und Schlachtrhythmen abhängig war.

Weitere Firmen und Techniken wären zu nennen, doch hier geht es um die Grundstruktur von Produktion und Absatz. Sie basierte auch auf den bei Quasi-Kartellen üblichen Absprachen über die Gefrierguter, über die Absatzmärkte (Die Kapitalinteressen in der Konserven-Industrie, Stuttgarter Neues Tageblatt 1940, Nr. 256 v. 17. September, 7). Die Firmen konkurrierten und kooperierten zugleich, agierten sie doch in von Rationierung und Kriegseinschränkungen geprägten Wachstums- und Verkäufermärkten. Kompromisse waren daher einfacher. Flankiert wurde all dies durch „Marktordnung“, durch staatliche und halbstaatliche Regulierungen. Das bedeutete Qualitätsnormen, Sortenbegrenzung, Zuchtziele und eine gesicherte Stellung der Gefrierkonserven im Vierklang mit Frisch-, Trocken- und Dosenwaren (Gefrierkonserven in der Marktregelung, Neueste Zeitung 1941, Nr. 189 v. 14. August, 3; Gefrierkonserven gleichberechtigt, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 112 v. 2. März, 2. Morgenbl., 3). Gewiss, während der NS-Zeit gab es eine deutliche Diskrepanz zwischen der plantechnisch aufgebauten Struktur und den Problemlagen des Alltags. Doch die Struktur war just für den Zivilsektor arbeits- und ausbaufähig.

Warum Tiefkühlkost?

Der Aufbau der deutschen Gefrierindustrie wurde damals vorrangig unter technischen, wissenschaftlichen, politischen und ökonomischen Aspekten diskutiert, während der Verbrauch(er) in der Literatur nur als funktionierendes und zu belehrendes Endglied vorkam. Dies entsprach dem Selbstverständnis der Funktionseliten, die hochwertige Waren produzieren wollten, beim Absatz aber auf deren Überzeugungskraft setzten. Gutes würde gegessen werden, den Rest erledigten Marketing und Konsumnarrative. Der Markt war ein Rieselgeschehen (vgl. etwa Karl Paech und Erwin Loeser, Die Gefrierkonservierung von Gemüse, Obst und Fruchtsäften, Berlin 1941; R[udolf] Heiss u.a., Fortschritte der Lebensmittelforschung, Dresden und Leipzig 1942, 21-46, 150-182; Rudolf Heiss, Anleitung zum Frischhalten der Lebensmittel, 2. verb. u. erw. Aufl., Berlin 1945; Rudolf Heiss, Fortschritte in der Technologie des Konservierens von Obst und Gemüse, Braunschweig 1955, 9-105). Die Frage nach dem Warum der Tiefkühlkost, nach ihrer Alltagsbedeutung war darin gesetzt. Die folgenden fünf Unterkapitel werden auf Basis vor allem an Durchschnittsverbraucher gerichteter Zeitungsartikel nun versuchen, andere Antworten auch aus Perspektive der Konsumenten zu geben.

Dominanz der Militärverpflegung?

Tiefkühlkost diente während des Nationalsozialismus vor allem der Verpflegung der Wehrmacht. Dieses Mantra der Fachliteratur basiert auf deren Vorbildfunktion für eine kämpfende Nation, für eine überlegene Rasse. Eine vitaminreiche Militärverpflegung mit hohem Eiweißgehalt garantierte Kampfkraft, ansprechende Textur und guter Geschmack sollten die Stimmung hochhalten. Sie war ein männlich ersonnenes Abbild einer bequem handhabbaren und ernährungswissenschaftlich austarierten Nachkriegsernährung (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 583-611). Die Fortschritte gegenüber den Kaiserlichen Armeen wurden 1939/40 voller Stolz öffentlich präsentiert, repräsentierten den vermeintlichen Rüstungsvorsprung der Wehrmacht ebenso wie der Stuka, die 88-mm-Flak oder die U-Boote. Tiefkühlkost war Teil dieser Rüstungs-PR, symbolisierte den Wandel hin zum Neuen: „Bei Gemüse, Obst und Fleisch geht die Wehrmacht mehr und mehr zur Tiefkühlung über, deren Vorteile nicht nur für die Organisation des Nachschubs gelten, sondern auch in der Erhaltung der Vitamine und der Haltbarkeit und in dem ausgezeichneten Geschmack der tiefgekühlten Ware liegen, der sich von der frischen in keiner Weise unterscheidet. In ziegelsteinförmigen Blöcken werden Spinat, Karotten, grüne Bohnen und andere Gemüse, Erdbeeren, Kirschen, Brombeeren, Aepfel und jedes andere Obst, ebenso wie brat- und kochfertiges Fleisch bei 30 Grad unter Null eingefroren, um in der Feldküche in wenigen Minuten aufgetaut zu werden. Auch bei größter Hitze kann diese Ware tagelang von der Truppe mitgeführt werden, ohne daß sie im geringsten leidet“ (Tiefgefrorene Soldatenkost, Zeno-Zeitung 1940, Nr. 154 v. 4. Juni, 4). Tiefkühlkost war hochwertige Männerkost, auch daraus resultierte ihre hohe Wertschätzung. In der Presse wurde bei Einführung der neuen Produkte entsprechend immer wieder darauf verwiesen, dass die „ersten Mengen [20.000-25.000 Tonnen, US] vor allem den Lazaretten, Krankenhäusern und denjenigen Truppenteilen unserer Wehrmacht zur Verfügung gestellt [werden], bei denen auch in den Wintermonaten eine möglichst vitaminreiche Kost erforderlich ist“ (K. v. Philippoff, Gefrierkonserven, Der Sächsische Erzähler 1940, Nr. 281 v. 29. November, 7).

Grobes für die Wehrmacht: Ausgepackter Fleischziegel, Packungen in verschiedenen Größen, Gefrierrahmen (Wiener Neueste Nachrichten 1939, Nr. 272 v. 22. Dezember, 7; R[udolf] Heiss et al., Fortschritte der Lebensmittelforschung, Dresden und Leipzig 1942, 155)

Wird an solchen Aussagen schon deutlich, dass Gefrierkost eher für Rekonvaleszente, Etappe oder Ruhestellungen bestimmt war, so finden sich zugleich öffentlich kaum Bildbelege für Gefrierkost bei der kämpfenden Truppe. Bei den Bildern dominierte die gern gezeigte, nun mit einer Bratvorrichtung versehene „Gulaschkanone“, ansonsten aber Brot, Wurstwaren, ferner das wohl gefüllte Feldgeschirr in der Hand des gut gelaunten Soldaten. Die wichtigste Ausnahme war beredt, der Fleischziegel. Ein Koloss der Kraftübertragung, eine quadratisch oder rechteckig gepresste tiefgekühlte Gefrierkonserve. Seit 1939 seien „wöchentlich Hunderte von Tonnen Fleisch“ gefroren worden, um die Gefrierapparate auch während des Winters auszunutzen – so der Leiter des Verpflegungsabteilung im Heeresverwaltungsdienst Wilhelm Ziegelmayer (1898-1951). Die Vorteile bei Transport und Hygiene seien offenkundig. Doch er hob bezeichnenderweise die lange Haltbarkeit auch bei unzureichender Kühlung, bei Fahrten in lediglich isolierten Waggons hervor. Auch über den so sehr geförderten Gefrierfisch schrieb er im Futurum (Ziegelmayer, 1947, 603). Es verwundert daher nicht, dass die Nachkriegsuntersuchungen der britischen Streitkräfte zu einem ernüchternden Urteil kamen: „In the early stages of the war the ‘Cold Chain’ did not reach to the front lines but only to army camps, division headquarters etc. Later on in the war when supply lines had been shortened there was little or no frozen food available. […] Likewise, it appears that frozen foods supplied to the Wehrmacht went primarily to Norway and Russia” (Mangan et al., 1945, 45-46). Verlässliche Zahlen fehlen, auch deshalb sollte man vorsichtig sein, ehe man den NS-Wissenschaftlern und ihren Begründungen für die eigene Arbeit glaubt.

Präsentation der modernisierten Wehrmachtskost inklusive mehrerer Gefrierkonserven (Stuttgarter NS-Kurier 1940, Nr. 300 v. 30. Oktober, 18)

Gefrierkost war auch für die Wehrmacht schwer zu handhaben, die Kühlkette nur selten sicherzustellen, überforderte sie doch die Truppe abseits von Kasernen, Garnisonen und festen Truppenunterkünften. Angesichts beträchtlicher Probleme im vielfach noch per Pferd oder Esel bewegten Nachschub ist es recht unwahrscheinlich, dass es sich um eine an der Front häufiger eingesetzte Kostform handelte, um mehr als eine begrenzte Ergänzung (Ebd., 70). Hinzu kamen die Defizite an den Zielorten selbst, denn nach dem Krieg betonten Beteiligte, dass bei der
Wehrmacht ganze Ladungen aufgrund unzureichender Kühlung verdarben und Spediteure und Lageristen nur unzureichend geschult werden konnten (J.L. Heid, Aufgaben der Forschungsabteilung in der Nahrungsmittel-Industrie, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 36, 1951, 18-20, hier 19).

Angesichts dieser nicht quantifizierbaren Eindrücke ist es nicht überzeugend, die Wehrmacht als den eigentlichen Nutznießer der Gefrierindustrie in den Vordergrund zu rücken. Zeitgenössisch diente der Verweis auf den Militärbedarf vor allem der Camouflage. Die anvisierten und öffentlich kommunizierten Produktionsmengen wurden nicht erreicht, das Surplus von der Wehrmacht aufgenommen – eine perfekte Begründung für den hinter den selbst geschürten Erwartungen zurückbleibende Verkauf an die Zivilbevölkerung. Zugleich aber sollte die in den „sog. ‚Konservengebieten‘“ (Ausgabe von Gefrierkonserven [11.4.1942], in: Verfügungen / Anordnungen / Bekanntgaben, hg. v.d. NSDAP, München 1943, 694-695, hier 695) versorgte Bevölkerung für diese Sonderzuteilungen dankbar sein. Schließlich würden von der weisen Führung doch „alle Maßnahmen getroffen, auch den Bedürfnissen der Zivilbevölkerung weitestgehend gerecht zu werden“ (Feinfrost-Gemüse und -Obst, Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 212 v. 2. August, 5). Der vermeintlich hohe Gefrierkostanteil der Militärverpflegung war vor allem Teil des Spieles mit den Erwartungen der Zivilbevölkerung. Schließlich verschwanden Markenartikel und ganze Konsumgütersegmente ab Herbst 1941 vornehmlich aufgrund der bevorzugten Wehrmachtslieferungen und nicht aufgrund unzureichender Planungen und fehlender Ressourcen in einem schon damals verlorenen Krieg.

Europäische Großraumwirtschaft als Herrschafts- und Kooperationsprojekt

Die nur geringen Steigerungsraten der Tiefkühlkostproduktion in Deutschland sollten und wurden durch die Europäisierung der Gefrierindustrie aufgefangen, die Wachstumsgeschichte dadurch bestätigt. Ebenso wie sich die Wehrmacht möglichst aus den eroberten und besetzten Gebieten versorgen sollte, so bekam auch die deutsche Zivilbevölkerung ihren Anteil an der Beute. Dies erfolgte in an sich zivilisierter Weise und nicht nur zu Lasten der okkupierten und kooperierenden Länder. Ohne die deutschen Investitionen in Norwegen wäre dessen Nachkriegsentwicklung schwieriger verlaufen – auch wenn diese ökonomisch begründete Aussage gesellschaftspolitisch anders ausfallen müsste (Harald Espeli, Economic consequences of the German occupation of Norway, 1940-1945, Scandinavian Journal of History 38, 2013, 502-524; Simon Gogl, Laying the Foundations of Occupation. Organisation Todt and the German Construction Industry in Occupied Norway, Berlin 2020). Die Ausbeutung naturaler Ressourcen erfolgte gegen Bezahlung, Technologietransfer war Usus, ähnlich wie zuvor zwischen den Gefrierkonzernen und den deutschen Vertragsproduzenten.

Der vom Deutschen Reich begonnene Zweite Weltkrieg war ein Raub- und Vernichtungskrieg, wenngleich die Akzentuierungen nach Region und Rasse deutlich unterschiedlich waren. Er stand in der geopolitischen Tradition der Großmächte im Kolonialzeitalter, der Umgestaltung der Einflusssphären während und nach dem Ersten Weltkrieg, war auch beeinflusst von den Utopien globaler Arbeitsteilung. Die deutsche Agrar- und Ernährungspolitik war schon vor dem Krieg von Vorstellungen hierarchischer Kooperation mit ausländischen Staaten durchzogen, die Clearing-Geschäfte mit Norwegen oder die Kooperationen mit südosteuropäischen Staaten spiegelten teils schon die kommende europäische Großraumwirtschaft (Gustavo Corni und Horst Gies, Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 364-376). Die Gefrierindustrie war ein Paradebeispiel für die Kooperation im Konsumsektor unter deutscher Herrschaft (Ed[uard] Emblik, Die Bedeutung der Gefrierkonserve in der europäischen Großraumwirtschaft, ihre Herstellung und ihr Transport, Zeitschrift für die gesamte Kälteindustrie 50, 1943, 89-93). Hinweise müssen genügen, eine gesonderte Aufarbeitung fehlt.

Mit Beginn des Krieges begannen Nordsee und Solo-Feinfrost mit Verhandlungen über die Gründung eines deutsch-norwegischen Unternehmens, das mittels Birdseye-Frostern Fischfilet für den deutschen Markt produzieren sollte (W[alther] Pohlmann, Fischgefrieranlage in Norwegen, Zeitschrift für die gesamte Kälteindustrie 50, 1943, 87-89). Die Vertragshandlungen zogen sich bis März 1940 hin, parallel wurde in Trondheim die Frostfilet AS eingerichtet. Gefeiert als größte Fischgefrieranlage Europas, waren dort unter deutscher Leitung sechs deutsche Meister und 150 norwegische Beschäftigte tätig (Eine Groß-Fischgefrieranlage der „Nordsee“, Westfälische Zeitung 1940, Nr. 249 v. 22. Oktober, 6). Angesichts der aufgrund der britischen Seeblockade zusammenbrechenden Hochseefischerei schien die neue Technik lukrativ, da die Produktion von Stock- und Klippfisch in Norwegen gar zu sehr an die Zeit des Ersten Weltkriegs erinnert hätte. Nach der deutschen Okkupation Norwegens begannen im Juli 1940 die Exporte, doch die Kühlkette wies Mängel vor allem beim Landtransport auf. Lapidar urteilte Nordsee-Direktor Wilhelm Roloff (1900-1979): „Die Qualität des tiefgefrorenen Filets aus Norwegen hat nicht befriedigen können“ (Wilhelm Roloff, Probleme der Tiefgefrierung von Seefischen, Zeitschrift für die gesamte Kälteindustrie 51, 1944, 93-95, hier 94). Norwegen blieb dennoch ein wichtiger Lieferant von Gefrierfisch, auch wenn der Hauptnutznießer wohl die deutschen Besatzungsarmee war (Björn-Petter Finstadt, The Norwegian Fishing Sector During the German Occupation: Continuity or Change?, in: Mats Ingolstadt, Hans Otto Froland und Jonas Scherner (Hg.), Industrial Collaboration in Nazi-Occupied Europe: Norway in Context, London 2016, 389-415). Daneben gab es weiter europäische Direktinvestition von Andersen und Solo-Feinfrost. Letztere produzierte mit Birdseye-Frostern seit 1940 in der Türkei, seit 1942 auch im französischen La Rochelle (Lohmann, 2018, 106).

Kühlraum für gefrorenes Obst- und Gemüse in der Region Paris 1943 (Froid 1943, Nr. 28, 5)

Die Eroberung Westeuropas mündete Ende 1940 auch in eine Kooperation von Andersen, Solo-Feinfrost und Pankofer mit mehr als einem Dutzend leistungsfähiger französischer Konservenproduzenten (oberflächlich Julia S. Torrie, Frozen Food and National Socialist Expansionism, Global Food History 2016, 2-23). Analog zu den deutschen Gepflogenheiten schloss man verbindliche Lieferverträge, um die Erträge der klimatisch begünstigen Gartenbauwirtschaft mit deutscher Technik in Gefrierkonserven für die Wehrmacht umzuwandeln. 1941 sollten 74 Froster in dann 27 Werken arbeiten, die Produktionsmenge die Höhe der einschlägigen Gefrierproduktion im Deutschen Reich erreichen. Unter Einbezug schon vorher mit der Technik vertrauten niederländischen Firmen waren für 1941 20.000 Tonnen geplant (Gefriersyndikat für Wehrmachtslieferungen, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 657 v. 24. Dezember, 2. Morgenbl., 3). Diese Werte dürften nicht erreicht worden sein, parallel gelangte ein unbekannter Anteil auch in den deutschen Zivilabsatz. In den Folgejahren nahm die Zahl der Vertragspartner zu, auch belgische Firmen wurden Teil des Syndikats. In der deutschen Besatzungspresse hieß es selbstbewusst: „Ein wiederbelebter französischer Frühobst- und Frühgemüsebau kann als entscheidender Versorgungsfaktor für Europa gelten, besonders bedeutungsvoll, wenn es gelingt, einen Teil der hier immer vorhandenen Ernteüberschüsse in Gefrierkonserven zu verwandeln“ (Chancen für Frankreichs Gemüsebau, Pariser Zeitung 1941, Nr. 10 v. 24. Januar, 6; vgl. auch Industries des tres basses Températures et Congélation rapide, Froid 1943, Nr. 28, 3-5). Auch die Ahena begann 1942 mit der Westexpansion, gehörten ihr doch zwei niederländische Gefrierkonservenproduzenten an (Gefrierkonserven gleichberechtigt, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 112 v. 2. März, 2. Morgenbl., 3). Europa wurde zum Arbeitsfeld aller deutschen Gefrierkonzerne.

Ambitioniert war zudem die vor allem von Pankofer seit 1941 getragene Kooperation mit italienischen und insbesondere bulgarischen Obstproduzenten. Das war Markt- und Technikzugang unter Verbündeten, diente dem Ausbau der zunehmend dominanten deutschen Wirtschaftsinteressen. Die Kombination von dezentral eingesetzten Plattenfrostern mit Leichtmetallcontainer für jeweils vier bis fünf Tonnen Gefrierobst konnte die Anlagen- und Transportkosten minimieren, den deutschen Konsumenten zugleich Trauben, Erdbeeren und andere Saisonware auch im Winter bieten (Packenius, 1941). Zudem galt es, die durch unzureichende Transportmittel und Lagerflächen hohe Abfallrate zu minimieren. Südosteuropa wurde durch diese Investitionen zeitweilig eng mit den Konsumgütermarkten der deutschen „Konservenstädte“ verbunden. Gerade in Bulgarien zog die neue Industrie beträchtliche einheimische Privatinvestitionen an, 1943 zählte man 95 einschlägige Unternehmen. Im besetzten Polen, in Warschau entstand 1943 das erste Gefrierunternehmen (Frozen Foods, 1946, 183).

Pankofer als Wegbereiter europäischer Verbundwirtschaft unter deutscher Herrschaft (Die Wehrmacht 6, 1942, Nr. 1, 8; Das Reich 1943, Nr. 5, 8)

Ähnlich, wenngleich auf niedrigem Niveau, war die Entwicklung in Ungarn. Dort bauten Gemeinschaftsunternehmen von Solo-Feinfrost und Pankofer wie die Hungaria Container-Verkehrs- und Kühlindustrie AG oder die Ungarische Lebensmitteltransport- und Warenhandels-AG die Gefrierkapazitäten aus, investierten in Lagerhäuser und integrierten den Wasserweg der Donau in die Kühlketten (Ausbau der Tiefkühlung in Ungarn, Hamburger Fremdenblatt 1943, Nr. 102 v. 12. April, 7). Jährlich 12.000-15.000 Tonnen Kühlkost seien möglich (Donau-Kühlkette Wien-Südosten, Neues Wiener Tagblatt 1944, Nr. 199 v. 21. Juli, 4). Rumänien folgte, doch die Rote Armee unterband weitere Kooperationen (Kühlkette nach dem Südosten, Kölnische Zeitung 1944, Nr. 213 v. 5. August, 5)

Gefriertransporte auch per Fluss: Das 1943 in Dienst gestellte Kühlschiff 1 (Hamburger Fremdenblatt 1943, Nr. 163 v. 15. Juni, 7)

Leisten wir uns nun ein wenig Abstand: Wir sehen zumindest ansatzweise den Aufbau einer europäischen Großraumwirtschaft zur Produktion von Gefrierkonserven vornehmlich für den deutschen Markt. Die Wehrmacht stand am Anfang, doch vor allem lockte der Massenmarkt in der Mitte Europas. Die Funktionseliten kollaborierten, profitierten von den neuen Gegebenheiten unter deutscher Dominanz. Die Großraumplanungen zielten nach Überzeugung von NS-Experten wie dem Reichsfachwart der Deutschen Gartenbauwirtschaft Johannes Boettner (1889-1970) auf die Überwindung der steten Agrarkrise des Kontinents, von Absatznot und Überproduktion (Johannes Boettner, Gartenbau im großeuropäischen Raum, Gartenbauwirtschaft 58, 1941, Nr. 4, 1). Die neue Technik würde Ausgleich schaffen, gerechte Preise ermöglichen. Die Landwirtschaft könne sich nun endlich weiter spezialisieren, Klima und Bodenqualität ausspielen, verbunden durch das einigende Band der Kühlkette (Hamburger Anzeiger 1944, Nr. 134 v. 6. Dezember, 2). Im Deutschen Reich würde das die Bühler Obstgegend fördern, die Kirschen kämen aus dem Burgenland, Spinat und Frühgemüse vom Neusiedler See. Noch stärker die Effekte für Europa: „Italien baut Blumenkohl und andere feine Gemüse, das gleiche gilt für Holland, weiter sei auf die Erdbeerkulturen in Bulgarien, auf den Anbau von Paradeisern und Paprika in Ungarn oder gewisse Südfrüchte in Griechenland hingewiesen“ (Marktausgleich durch Kühlware, Neues Wiener Tageblatt 1942, Nr. 346 v. 15. Dezember, 4). Technokratische Utopien dieser Arten sollten eine gemeinsame Grundlage für die Nachkriegszeit bilden, für die Agrarpolitik von EWG und EU.

All das war Teil einer öffentlich geführten Debatte, für jeden deutschen Volksgenossen transparent. Deutschland erschien als Vormacht auf dem Kontinent, die Eliten in Wirtschaft und Landwirtschaft arbeiteten für die deutschen konsumtiven Interessen. Die Macht der Wehrmacht hatte den Rahmen gesetzt, die Gefrierindustrie erschloss nun den Raum. Und die deutschen Konsumenten würden davon profitieren. Kühlkost wurde zu etwas Deutschem, mochte die Rohware auch aus dem Ausland stammen.

Sieg über die unwirtliche Natur: Die Angleichung saisonaler Rhythmen

Ein dritter Grund für die Einführung der Tiefkühlkost in Deutschland war der Fachleute und Konsumenten verbindende Traum der Überwindung der saisonalen Rhythmen. Dieser Zeitensprung hatte seit jeher die häusliche und gewerbliche Konservierung geleitet, trug auch die Werbung für das in Deutschland damals von fast allen Haushalten praktizierte Einmachen. Dazu war jedoch individuelle Arbeit erforderlich, beträchtliche Geldmittel für Apparate, Gläser, Steingut oder auch Dosen. Die Gefriertechnik überließ diesen Aufwand anderen, „man geht – den Erfordernissen einer kaum weniger ans Märchenhafte grenzenden modernen Technik entsprechend, […] zu seinem Lebensmittelhändler und erhält dort, aus der von schneeweißem Email und silbrigen Beschlägen nur so blinkenden Tiefkühl-Truhe, ein ziegelsteingroßes, zierlich umhülltes Päckchen. Es ist seiner Herkunft gemäß etwas kalt anzufühlen; und einige nähere Gebrauchsanweisungen muß man sich auch mit auf den Heimweg geben lassen. Allein der Endeffekt ist derselbe wie im Märchenbuch der Gebrüder Grimm: man kann geraume Zeit später zu Hause eine Schüssel voll frisch duftender Erdbeeren auf den Tisch stellen“ (Obst und Gemüse erntefrisch mitten im Winter, Neue Mannheimer Zeitung 1941, Nr. 43 v. 3. Februar, 8). Das hört sich für uns kitschig an, übertrieben. Doch die Saisonalität hielt die Ernährung unserer Vorfahren in weitaus engeren Grenzen als wir uns dies gemeinhin vor Augen führen. Wir, die wir kaum mehr Sehprobleme haben, weil im Frühjahr Vitamin A fehlt. Die vor der neuen Ernte nicht mehr Zahnweh und Abgespanntheit spüren, weil Vitamin C nur unzureichend verfügbar war. Wir, für die Erdbeeren im Winter ein Vergehen gegen das imaginierte Klima ist, haben wir doch Alternativen durch Technik und Fremdversorgung.

In den späten 1930er Jahren schwankte das Marktangebot von Inlandsgemüse trotz Lagerhaltung und Wintergemüse um den Faktor eins zu vier. Bei Obst war die saisonale Diskrepanz noch größer, mindestens eins zu zehn (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 26 und 28). Um die saisonalen Ausschläge zu verringern, importierte man Südfrüchte und Auslandsobst, doch diese waren teurer, kosteten Devisen, die nicht mehr für die Rüstung eingesetzt werden konnten.

Marktangebot von Obst im Deutschen Reich inklusive und exklusive der Importe 1936/37 versus das Versprechen steter Frische (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 28 (l.); Der Vierjahresplan 5, 1941, 790)

In der nationalsozialistischen Presse wurde erwartungsgemäß die politisch-volkswirtschaftliche Ebene mit dem Freiheitsgewinn durch saisonal kaum mehr zurechenbare Kühlkost verbunden. Sie war Teil systematisch betriebener „Vorratspolitik“, um sich „weitgehend von den Ernteschwankungen unabhängig zu machen“ (Durch Kälte von der Jahreszeit unabhängig, Nachrichten und Anzeiger für Naundorf […] 1940, Nr. 230 v. 1. Oktober, 1). Belobigt wurde die „Erhaltung der Vitamine“ (Vitamine im Eiskeller, Der Sächsische Erzähler 1940, Nr. 41 v. 18. Februar, 5) durch die „neuen bahnbrechenden und fortschrittlichen Methoden der Vorratswirtschaft“, die durchaus eingeräumte jahreszeitliche Schwierigkeiten vermindern würden (Hans Wöckener, Die Tiefgefrierkonserve in der deutschen Vorratswirtschaft, Siegener Zeitung 1940, Nr. 101 v. 30. April, 5). Wie eine göttliche Macht wurde die „Technik“ gefeiert, die Frische bewahren, ja schaffen könne (Frische Kirschen im Winter, Haaner Zeitung 1941, Nr. 90 v. 18. April, 3).

Utopie der steten Verfügbarkeit (Dresdner Nachrichten 1938, Nr. 530 v. 11. November, 7)

Die Zeitungen übertrieben, bewusst, gaben der Freude über die neue Technik freien Lauf: „Ein vor vier Jahren geschlachtetes Hähnchen kommt so saftig und frisch aus seiner Eistüte, als habe es gestern noch auf dem Hof den Sand gescharrt. Und die richtig aufgetauten Gemüse und Früchte können gekocht werden, als kämen sie eben vom Gartenbeet oder Obstbaum“ (Das Geheimnis der Schnellkühlung, Hamburger Anzeiger 1941, Nr. 161 v. 12. Juli, 5).

In der zweiten, dritten Saison nahm die Emphase allerdings ab. Hervorgehoben wurde zwar die gütemäßige Verbesserung der Alltagskost im späten Winter (K. v. Philippoff, Gefrierkonserven, Wurzener Tageblatt 1941, Nr. 286 v. 29. November, 8). Die Freude am nun möglichen Zeitensprung wurde jedoch überlagert vom zunehmend durchscheinenden Kriegsgeschehen, von ersten Verringerungen der Rationen: Gefrierkost half nun Reserven zu schaffen, auch um „irgendwo auftretende Bedarfslücken schnell“ füllen zu können (Neue Formen der Gemüseverwertung, Kölnische Zeitung 1942, Nr. 145 v. 20. März, 3). Es ging um Verfügungsgewalt über die Natur, derweil die Verfügungsgewalt über den Krieg langsam entglitt.

Eine US-amerikanische Lastwagenwerbung visualisiert den auch für Deutschland geltenden Traum von der steten Verfügbarkeit moderner Lebensmittel (Time 1947, Nr. 12, 43)

Bemerkenswert ist bei alledem die Rücknahme des Konsumenten selbst. Die grundstürzenden Veränderungen im Natur-Kultur-Verhältnis wurden begrüßt, vor allem aber freudig hingenommen. Tiefkühlkost war etwas Fremdes, von Anderen Geschaffenes. Während parallel die Rezeptspalten hauswirtschaftliche Tugenden priesen, während man mit geringeren Qualitäten und kriegsbedingt eintönigerer Nahrung umgehen musste, nahm man das kühle Neue als Gabe an. Gefrierkost zeigte, dass Vertrauen in die Wissenschaft, die Technik und die Führung letztlich belohnt werden würde. Das war die konsumtive Welt, nach der man sich sehnte – und das nicht nur in Deutschland. Denn die Wissenschaft, die Technik und die Führung würden die Welt verbessern, konnten sie doch bereits das Kommen und Gehen der Jahreszeiten abmildern und glätten.

Frischgemüse vor der Frühernte, Frischfisch zu jeder Zeit (Der Südosten 21, 1943, Nr. 5, 10-11)

Eine neue, höhere Qualität

Tiefkühlkost bedeutete nicht nur einen Sieg über die Zeit. Sie symbolisierte auch eine neue Produktqualität: „Die Qualität der Gefrierkonserven steht an der Spitze aller Konserven“ (Herstellung an Gefrierkonserven beginnt, Sächsische Volkszeitung 1940, Nr. 29 v. 3. Februar, 2). Dadurch habe sie sich in den USA durchsetzen können, ähnliches gelte auch hierzulande. Die neue Technik umhülle das Produkt mit einem stillstellenden Panzer. Die natürlichen Stoffwechselprozesse würden neutralisiert, endlich war man Herren des Konsums. Es schien unglaublich: „Selbst in Geschmack, Form und Aussehen treten keine Veränderungen ein, und die wichtigen Kohlhydrate, Eiweiß- und Mineralstoffe bleiben neben dem Vitamingehalt voll bestehen“ (Gemüse und Obst aus der Kühltruhe, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 97 v. 27. April, Stadtbl., 2). Nicht länger müsse man essen, was wegmüsse, nun ging es darum, was man selbst essen wolle. Hinzu käme die Vorleistung der Industrie: Gemüse würde in kochendes Wasser geschüttet, Fischfilet nach dem Auftauen in der Pfanne gebraten, direkt verzehrt. Tiefkühlkost war bequem, die Arbeit des Putzens, des Schälens, des Entgrätens war mit dem Kauf schon geleistet.

Güte, der die Natur nichts anhaben kann (Mosolff (Hg.), 1941, Tiefkühl ABC, 16)

Gewiss, das war ein konsumtiver Traum, doch ein schöner, ein gerne verbreiteter. Der Einkaufsalltag sah anders aus, nicht immer entsprach die Ware dem „Ehrgeiz des Primats“ (Die erste Saison der Gefrierkonserven, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 117 v. 21. März, 4). Schon nach der ersten Saison wurde ein wenig zurückgerudert, doch Qualität blieb auch weiterhin ein Argument für Tiefkühlkost. Probleme resultierten eben nicht aus der Technik, sondern an der manchmal fehlenden 1a-Qualität der Rohware. Das werde sich aber einrenken, bei deutscher Ware durch klar definierte Qualitätsparameter, ansonsten durch das Ausgreifen auf das Beste, was Europa zu bieten hatte. Probleme waren Übergangserscheinungen einer sich vollends entpuppenden Industrie. Und man werde dem vielleicht einfach begegnen können: A-Ware für allerbeste Waren, B-Ware für den gehobenen Rest. Der aber war immer noch weit hochwertiger als wässerige Dosenware ohne feste Konsistenz, als welkes Frischgemüse oder verklumpte Trockenprodukte.

Neue Produkte für eine gesunden und aufstrebende Arbeitsgesellschaft

Die NS-Zeit, insbesondere aber die Kriegszeit erscheint Nachgeborenen zu Recht als eine Periode zunehmender konsumtiver Restriktionen, wachsender materieller Not. Doch sie war zugleich auch eine der überwundenen Not der Weltwirtschaftskrise, langsam steigender Realeinkommen und eines immer breiteren Horizonts neuer Konsummöglichkeiten. Radios wurden Alltagsgegenstände, Urlaub weitete die Horizonte, (ausländische) Filme unterhielten, führten neue Welten vor, neben Motorräder traten Automobile, ließen Grenzen fluid werden. Vermeintlich unpolitische Illustrierte enthielten stetig Bildberichte aus der Ferne, boten Exotisches, andere Lebens- und Konsumstile. Die Werbung war zwar reguliert, doch die Photographien und Zeichnungen offerierten das Ideal eines Lebens in schicklicher Fülle, in einer arbeitssamen und just deshalb prosperierenden Konsumgesellschaft. Neue Nahrungs- und Reinigungsmittel, eine Phalanx neuer Haushaltsgeräte würden die häusliche Fron minimieren helfen. Strom, Gas und fließendes Warmwasser würden den Alltag verändern. Der öffentlich beschworene „Adel der Arbeit“ würde belohnt, Prävention und die reflektierte Abkehr von den „Genussgiften“ ein nicht nur längeres, sondern auch gesünderes Leben ermöglichen.

Gewiss, das war nicht „Der Wohlstand für Alle“, den der russische Anarchist Peter Kropotkin (1842-1921) als Grundlage einer Gesellschaft von Freien und Gleichen einst ausgebreitet hatte (Peter Kropotkin, Der Wohlstand für Alle („La Conquete du Pain“), Zürich s.a. [1896]). Das war auch nicht das Amalgam von liberalem Wohlstandsversprechen und lebensreformerischem Freiheitssinn, das in den bis heute lesenswerten Arbeiten des Konsumgenossenschafters Franz Staudinger (1849-1921) ausgefächert wurde. Eine nationalsozialistische Konsumgesellschaft grenzte breite Teile der Bevölkerung aus der Konsumgemeinschaft aus, nicht nur Juden. Sie war rassistisch und biologistisch, moralisch entsprechend aufgeladen. Doch sie war modern, nutzte die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, scheute nicht zurück vor Gewalt und Raub. Tiefkühlkost, zumal in der Variante der europäischen Großraumwirtschaft, war damit bestens zu verbinden. Die ambivalente Anlehnung an die USA folgte teils fordistischen Ideen (vgl. hierzu Uwe Spiekermann, German-Style Consumer Engineering: Victor Vogt’s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann, Gary Cross und Ingo Köhler (Hg.), Consumer Engineering 1920s-1970s, Houndsmill und New York 2019, 117-145, insb. 128-132), war sich aber überlegener Zurückhaltung gewiss, entsprach damit einer reflektierten, sich selbst moralisch dünkenden, integren Gesellschaft.

Entsprechend genoss man frische Erdbeeren, die nicht Statussymbol waren, sondern Belohnung für die eigene Arbeit, Abkehr von der Härte des Alltags. Entsprechend verband man Tiefkühlkost nicht mit dem in den USA so weitverbreiteten, fett und träge machenden Rahmeis. Fisch, frisches Obst und Gemüse waren Teil einer dem arbeitenden Menschen frommenden gesunden Kost. Tiefkühlkost werde helfen, die Obst- und Gemüseverkehr von den damals täglich ca. 260 Gramm auf die wissenschaftlich propagierten 1,1 Kilogramm zu heben (Karl Paech, Die Bedeutung der Gefrierkonserven von Obst und Gemüse für die Volksernährung, Die Umschau 44, 1940, 275-178, hier 275). Ergänzt um Gefrierfisch könne der Fett- und Fleischkonsum so genussvoll gesenkt werden: „Das Ideal des Men­schen der Zukunft ist nicht ein hauptsächlich mit Fleisch und Fett vollgefressener Dickwanst, sondern der in Arbeit und Sport ge­stählte, gesund und zweckmäßig er­nährte leistungsfähige Körper. In diesem gesun­den Körper werden auch gesunde und geniale Geisteskräfte zur Ent­faltung gelan­gen“ (Mosolff (Hg.), Tiefkühl ABC, 1941, 7-8).

Glück, Gemeinschaft, Geborgenheit – Zukunftsbild auch der nationalsozialistischen Konsumgesellschaft (Simplicissimus 46, 1941, 304)

Die körperliche Ausbildung des Einzelnen war Teil einer gerade im Krieg erforderlichen Stärkung der Volksgemeinschaft. Im Verbund könnten die anstehenden Aufgaben gemeistert werden: „Jede Erhaltung leichtverderblicher Nahrungsmittel, jede bessere Produktionsmöglichkeit der deutschen Industrie durch künstliche Kälte läßt es zu, unsere Leistung zu steigern und damit dem Endsieg näherzukommen“ (Hans-Otto Karl, Der „Eisberg“ aus der Maschine, Der Neue Tag 1942, Nr. 17). Im Rahmen des Krieges sei Tiefkühlkost funktional, „Mittel im Kampf gegen die Aushungerungsversuche Englands“ (Gemüse und Obst aus der Kühltruhe, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 97 v. 27. April, Stadtbl., 2). Aber sie sei zugleich Ausdruck des wachsenden Wohlstandes einer arbeitsamen und kämpfenden Gemeinschaft. Der Speisezettel würde revolutioniert werden, die Eintönigkeit der Ernährung im Winter überwunden (Frischegemüse im Karton, Westfälische Tageszeitung 1941, Nr. 32 v. 2. Februar, 10). Tiefkühlkost sei ein erster Lohn, frische, vollwertige Ernährung Ausdruck der lichten Zukunft des deutschen Volkes, „Anfang zu einer Entwicklung, die nach dem Ende des Krieges ihrer Fesseln gänzlich ledig sein wird“ (Tiefgefrorenes Obst und Gemüse, Altenaer Kreisblatt 1943, Nr. 151 v. 1. Juli, 3). All dies waren Projektionen, Utopien, auch Regressionen einer Kriegsgesellschaft. Doch sie deckten sich mit vielem, das auch heute noch in unseren Zeitungen zu lesen ist.

Wie wurde die Tiefkühlkost im zivilen Sektor eingeführt?

Die Einführung der Tiefkühlkost im nationalsozialistischen Deutschen Reich erfolgte vor der Etablierung einer flächendeckenden, bis in die Haushalte reichenden Kühlkette. Beliefert wurden Wehrmacht, Lazarette, Großküchen, aber auch und gerade die Zivilbevölkerung. Tiefkühlkost wurde reichsweit eingeführt, war jedoch an die Gefrierinfrastruktur vor Ort gebunden. Beliefert wurden Großstädte und industriellen Zentren, nicht aber das flache Land, Klein- und Mittelstädte. Das unterschied die neuen Gefrierkonserven von zahlreichen getrockneten Ersatzmitteln, die während des Krieges mit gleichermaßen informierender und spielerischer Werbung reichsweit eingeführt wurden. Der Eiersatz Milei oder das Nährmittel Migetti sind dafür Beispiele. Der Zivilmarkt für Tiefkühlkost war örtlich begrenzt, gut belieferte Kunden waren umsäumt von Zaungästen der Entwicklung. Die damalige Marketing-Not war offenkundig, aus ihr galt es eine Tugend zu machen.

Wir müssen daher drei eng miteinander verzahnten Ebenen verfolgen. Erstens wurde Tiefkühlkost als neue Produktgruppe in Form gängiger Anzeigen in allerdings regional eng zugeschnittenen Zeitungen und einigen reichsweit präsenten Zeitschriften beworben. Zweitens stellten Unternehmen und staatliche Stellen reichsweit Bildmaterial zur Verfügung, das in der gelenkten Presse ein recht anschauliches Bild sowohl der neuen Industrie als auch der neuen Waren vermittelte. Drittens waren beide Maßnahmen umrahmt von allgemeinen, meist textlichen Berichten über die neuen „Gefrierkonserven“, die explizit auf die Normalität nach dem Sieg und die dann bestehende nationalsozialistische Konsumgesellschaft verwiesen. Produktwerbung, Kühlkettenimaginationen und konsumgesellschaftliche Utopie wirkten im Verbund. Die Analyse allein einer dieser Ebenen würde das bestehende kommunikative Feld ungebührlich engführen. Die Einführung der Tiefkühlkost erfolgte zudem parallel zu zahlreichen Kampagnen der Verhaltensregulierung, sei es zum richtigen Heizen, dem Energiesparen oder dem Luftschutz. Das Kaufen, Zubereiten und Verzehren von Gefrierkonserven war daher immer auch ein Plebiszit über die Versorgungspolitik des NS-Staates.

Produktwerbung: Solo-Feinfrost als Pionier der Anzeigenwerbung

Seit 1939 war in den Tageszeitungen von neuen Gefrierkonserven erstmals die Rede gewesen, seit 1940 konnte man immer häufiger darüber lesen. Die Beneluxstaaten und Frankreich waren bald besiegt, das Neue nun eine erste Friedensdividende: „In München sind zu Beginn dieses Jahres die ersten Gefriertruhen im Einzelhandel aufgestellt. Düsseldorf ist gefolgt. Mit der Herbstsaison wird die Solo-Feinfrost in verschiedenen Großstädten etwa 1000 Einzelhandelsgeschäfte mit Gefriertruhen ausrüsten“ (Gefrorene Nahrungsmittel, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 380 v. 28. Juli, 4). Die Unilever- und Reemtsmatochter schaffte es mit ihren in Deutschland dezentral produzierten Obst- und Gemüsewaren in der Tat, Teile der Ernte 1940 zu gefrieren und von Januar bis März 1941 öffentlich anzubieten. Die kommerziellen Claqueure tönten zukunftsfroh: „Nach den bisherigen Erfahrungen darf man dem ‚getrockneten‘ wie dem ‚gefrosteten‘ Gemüse und Obst eine große Zukunft voraussagen. Die Frische macht’s!“ („Durch Feinfrost zur Feinkost“, Anzeiger und Tageblatt [Bad Oeynhausen] 1940, Nr. 268 v. 14. November, 4) Konserven als Frischeprodukte… Nun gut, die Werbung machts, schließlich sind auch heutzutage Frischwaren Ergebnis massiver Sicherungseingriffe.

Solo-Feinfrost als Feinkost (Derner Lokal-Anzeiger 1941, Nr. 18 v. 22. Januar, 4)

Solo-Feinfrost-Ware war verfügbar, doch die Werbung wurde anfangs von den Einzelhändlern getragen, mochte das Warenzeichen des Herstellers (Warenzeichenblatt 48, 1941, 1890) auch die Verpackung zieren. Anzeigenpräsenz und Presserummel schienen nicht folgenlos zu sein, die „weitverbreitete Annahme, die Gefrierkonserve sei eine vorübergehende Erscheinung“ war offenbar falsch (Fritz Spanier, Der Gefrierkonservenvertrieb im Einzelhandel wesentlich erleichtert, Stuttgarter NS-Kurier 1941, Nr. 50 v. 20. Februar, 7). Grundsätzlich konnte jede Volksgenossin zugreifen. In Halle an der Saale lockten Plakate mit der Aufschrift „Obst und Gemüse tiefgekühlt, markenfrei“. Die Gefrierkonserven standen allerdings für mehr als eine neue Ware, vermittelten bereits eine neue Art des Einkaufs, des Ladens: „Wer in ein solches Geschäft eintritt, dem wird sofort eine große, weiße Truhe auffallen, die aus schneeweißem Email hergestellt und die von silbrig blinkenden Beschlägen besetzt ist“ (Obst aus der Kühltruhe, Hallische Nachrichten 1941, Nr. 77 v. 1. April, 5). Die tiefgekühlte Ware wurde noch über den Verkaufstresen oder aber direkt aus der Gefriertruhe gereicht. Obst und Gemüse gab es nicht lose oder aber in der Tüte, sondern aus einem kleinen Pappkarton: „‚Erbsen (fein)‘ steht darauf oder auch ‚Pariser Karotten‘ oder ‚Spargel‘, ‚Erdbeeren‘ oder ‚Kirschen‘, was eben das Herz begehrte. Aber es fühlt sich an wie ein kleiner Eisblock“ (Hannover ißt Gemüse aus der Eiskiste, Hannoverscher Kurier 1941, Nr. 84 v. 5. März, 6). Damit galt es vorsichtig umzugehen, Broschüren, mehr aber noch die Verkäuferin rieten zu schneller Nutzung. All das war ein kleines Abenteuer im höheren Preissegment. „Feinfrost“ war Feinkost, ein Fünftel, ein Drittel teurer als gängige Dosenkonserven. All das war aber auch eine Auflösung des bewusst nicht vollends gelösten Rätsels, was sich denn in den im Herbst 1940 häufiger zusehenden „geschlossene[n] Lastkraftwagen mit der Ausschrift ‚Solo-Feinkost‘“ befunden hatte. Von der Fabrik zum Kühlhaus transportiert, nunmehr in der Hand, in der Einkaufstasche: „So wird das tiefgekühlte Obst und Gemüse bald zu einem Begriff für die deutschen Hausfrauen werden: die Gefrierkonserve steht am Anfang einer vielversprechenden Entwicklung“ („Durch Feinfrost zur Feinkost“, Anzeiger und Tageblatt [Bad Oeynhausen] 1940, Nr. 268 v. 14. November, 4).

Solo-Feinfrost-Werbung eines Dortmunder Einzelhändlers (Volksblatt [Hörde] 1941, Nr. 9 v. 11. Januar, 4; ebd., Nr. 24 v. 29. Januar, 4; ebd., Nr. 39 v. 15. Februar, 4)

Die Anzeigen chargierten zwischen einfacher Information, Schlagworten und lockenden Anpreisungen: Obst und Gemüse erhielten Produktkonturen, neben Erbsen und Bohnen wurde besonders der Tiefkühlspargel beworben. Der war hochwertiger, „frischer“ als die teure, doch recht wässerig schmeckende Glasware, war Vorschein des bald wieder frisch verfügbaren Frühgemüses. Gefrorene Leguminosen waren eben keine über Nacht zu wässernde Trockenware für den Eintopf, vielmehr handelte es sich um Feingemüse, mit etwas Fett zu dieser Zeit ein gern verspeister Leckerbissen. Das galt stärker noch für Pflaumen, Kirschen und Erdbeeren, Garanten für ein Sonntagskompott, einen außergewöhnlichen Nachtisch. Und doch, zu viel Genuss war nicht kriegsgemäß. Der Verweis auf den hohen Vitamingehalt ließ immer auch die Pflicht zur Gesunderhaltung, zur Leistungsfähigkeit im Ringen mit dem noch renitenten britischen Empire durchscheinen. Dass derweil die Vorbereitungen für den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion liefen, war den meisten noch nicht bewusst.

Werbung für Solo-Feinfrost und vitaminhaltige Gefrierwaren (Die Heimat am Mittag 1941, Nr. 60 v. 12. März, 8)

Die erste Saison 1940/41 war solide, zugleich Vorgeschmack auf mehr: Im noch nicht belieferten Wien gab es im Sommer 1941 bereits Probeessen „für einen ganz kleinen Kreis“. Kredenzt wurde „Karpfen in Butter mit Gurkensalat, Zwetschenknödel, Apfel- und Traubenkost…“. Ab Januar 1942 würde es so weit sein (Das Wunder der künstlichen Eiszeit, Völkischer Beobachter [Wien] 1941, Nr. 166 v. 15. Juni, 10). Markteinführung als versprochene Marktausweitung. In der Wirtschaftspresse resümierte man nüchterner: Eigentlich habe es sich noch um einen Großversuch gehandelt, nachdem 1939/40 bereits erste Firmen Kühltruhen aufgestellt und Gefrierware verkauft hätten. Ein Jahr später gäbe es reichsweit schon 700 Gefriertruhen. Die Konsumenten hätten „nach anfänglicher Scheu“ die auf unbekannte Weise produzierte markenfreie Ware „begierig aufgenommen“. Sie hofften auf „frische“ Ware, erhielten diese meist auch. Gleichwohl habe nicht immer die „versprochene allerbeste Qualität“ geliefert werden können. Doch das seien halt Anlaufschwierigkeiten einer noch jungen Industrie. Auch an den recht hohen Preisen gab es Kritik. Doch bei größeren Mengen würden die mindestens zwanzig Prozent teurere Ware gewiss billiger werden, sich mittelfristig auf dem Preisniveau hochwertiger Dosenware einpendeln. Dazu sei vielleicht auch eine Verringerung der Transportwege, eine weitere Kartellierung des Absatzes erforderlich (zuvor n. Die erste Saison, 1941). Die Erwartungen nach Ende der ersten Saison waren also hoch, mehr und billigere Waren standen an. Die bisherigen Hoffnungen hatten schließlich nicht getrogen.

Produktwerbung: Werbedominanz von Jopa-Tiefkühlung

So war die Erwartungshaltung an die zweite Saison 1941/42 durchaus groß: „In diesem Winter wird das Wort ‚Gefrierkonserve‘ in aller Munde sein“ (K. v. Philippoff, Gefrierkonserven, Wurzener Tageblatt 1941, Nr. 286 v. 29. November, 8). Sie wurde kaum dadurch gemildert, dass die Masse des Gefriergutes offiziell der Wehrmacht geliefert werden würde, „die übrigen Gefrierkonserven“ neuerlich „den Großstädten und Industrierevieren zugeleitet“ (Marktregelung für Gefrierkonserven 1941, Nr. 409 v. 13. August, 4). 1942 begann der Verkauf allerdings später, Ende Februar, Anfang März. Es galt, just in den letzten Wochen des Winters frisches Obst und Gemüse anzubieten; vielleicht lag diese Verlagerung aber auch an der immensen Belastung der Transport- und Versorgungssysteme durch den eben nicht erfolgreichen „Blitzkrieg“ im Osten, wo der Zusammenbruch der Wehrmacht nach dem Desaster vor Moskau nur mit immensen Mühen hatte vermieden werden können. In der Heimat schien man besser gerüstet, stand doch nunmehr in den Läden die dreifache Zahl der Gefriertruhen, etwas mehr als 2.000 (Gefrierkonservensaison, 1942). Das deutete nicht auf einen Angebotsrückgang hin, zumal die Obst- und Gemüseernten deutlich gesteigert werden konnten. Deutsche Ware stand nun neben den Erträgen der anlaufenden europäischen Verbundwirtschaft. Letztere sollte den Unterschied machen, die Konsummöglichkeiten und die Zahl der „Truhenstädte“ weiten, zudem die hohe Qualität garantieren. Die deutsche Landwirtschaft hatte seit jeher große Probleme bei der Lieferung von höherwertigem Obst und Gemüse. Die vor Beginn der NS-Zeit an ausländische Anbieter verlorenen Marktanteile waren auch eine begrenzte Konsumentenrebellion gegen fehlendes Feingemüse und gehobeneres Obst aus deutschen Landen.

Der Konsument als Endziel der Kühlkette (Von l. n. r.: Neues Wiener Tagblatt 1942, Nr. 67 v. 8. März, 12; Westfälische Landeszeitung [Castrop-Rauxel] 1942, Nr. 93 v. 4. April, 3; ebd., Nr. 106 v. 19. April, 8)

Einfacher umzusetzen waren Verbesserungen der Anzeigenwerbung. Hier tat sich der Gefrierkonzern Pankofer hervor, der den von Solo-Feinfrost begonnenen Weg zum Markenartikel konsequent fortsetzte. Parallel zum Ausbau der europäischen Großraumwirtschaft entstand ein auf höherwertige Auslandswaren zugeschnittenes Markenimage, das im Qualitätsdiskurs der Fachleute geschürt worden war. In der professionell gestalteten Werbung erschienen die Hauptfacetten der „Jopa-Tiefkühlung“.

Jopa-Tiefkühlkost-Werbung 1942 (Von l. n. r.: Westfälische Landeszeitung [Castrop-Rauxel] 1942, Nr. 86 v. 28. März; Hamburger Tageblatt 1942, Nr. 104 v. 16. April, 4 (l.); ebd., Nr. 106 v. 18. April, 8)

Da stand einerseits die vielgliedrige Kühlkette, Meisterwerk deutscher Wissenschaft und nationalsozialistischen Großraumdenkens. Die wirtschaftliche Erschließung der Auslandsmärkte materialisierte sich eben nicht nur in Gold, Devisen, Rohstoffen und Zwangsarbeitern, sondern auch in neuen Produkten auf deutschen Tischen. Anderseits aber kündete die Jopa-Werbung vom Vitaminreichtum, der Frische und dem hervorragenden Geschmack der Tiefkühlkost. Hochwertige Nahrung für ein Herrenvolk. Als im Mai der Verkauf beendet wurde, zeichnete man in der Presse die Gefrierkonserve als beliebte Ware. Sie „ist erwiesenermaßen der Dosenkonserve überlegen“ (Am Ende der Tiefkühlkette, Neues Wiener Tagblatt 1942, Nr. 125 v. 7. Mai, 5).

Produktwerbung: Jopas dominante Werbepräsenz 1943/44

Weg von der anonymen Ware: Markenartikel und Markenzeichen (Wiener Illustrierte 62, 1943, Nr. 20, 8 (l.); NS-Frauen-Warte 12, 1943/44, 131)

Ende 1942 endete die Markenfreiheit der Gefrierkonserven. Sie wurden Teil des Rationierungssystems. Dies resultierte nicht aus fehlenden Mengen, denn die Obst- und Gemüseernten konnten auch in der dritten Saison 1942/43 nochmals gesteigert werden. Grund waren nicht zuletzt die gegenüber Dosenkonserven weiterhin deutlich höheren Preisen. Zugleich aber hoffte man dadurch eine auch öffentlich konzedierte Skepsis gegenüber dem Gefriergut zu überwinden: Zahlreiche Hausfrauen „lehnen es ab, weil sie glauben, daß es kein vollwertiges Nahrungsmittel sei und Frischgemüse und -obst nur unvollkommen ersetzen könne“ (Tiefgekühlt – ebensogut wie frisch, Wittener Tageblatt 1943, Nr. 55 v. 6. März, 3). Generell sprach man jedoch vom besonderen Anklang der Tiefkühlkost – und dieser bestand, wenn man die teurere Ware kaufen wollte. Allein der 1938 arisierte Wiener Kolonialwarenhändler Julius Meinl vermerkte in seinen dreißig Filialen Vormerkungen für 75.000 Kunden (Völkischer Beobachter [Wien] 1943, Nr. 46 v. 15. Februar, 4). Gefriergut werde schließlich vielerorts „in größeren Quantitäten als im Vorjahr angeliefert“ werden (Tiefgekühltes Gemüse, Neues Wiener Tagblatt 1942, Nr. 333 v. 2. Dezember, 5). Bei lokalem Überangebot war es zudem möglich, auch mehr als das eine fest zugeteilte Kilogramm Gefrierware zu kaufen (Sortierung der Laufkunden, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 211 v. 25. April, 3).

1943 war wahrscheinlich das Jahr mit dem größten zivilen Absatz der Tiefkühlkost, nunmehr gab es reichsweit offiziell 8.000 Gefriertruhen. Die Anzeigendichte war größer als je zuvor. Jopa blieb Vorreiter, hatte den Weg zur Markenware nicht nur mit entsprechend ausgestatteten Verpackungen beschritten, sondern auch mit einem neuen Warenzeichen und einer Bildmarke, dem stilisierten Eiskristall. Die Anzeigen wurden neu gestaltet, die Zahl der Motive auf mindestens neun ausgeweitet. Zugleich sprach man nicht mehr allgemein von „Tiefkühlung“, sondern offerierte nun gezielt „Kühlkost“, baute also eine doppelte sprachliche Alternative zum „Feinfrost“ von Solo auf.

Wie handhaben? Einführende Anzeigen der zweiten Werbekampagne für Jopa-Kühlkost 1943 (V. l. n. r.: Fliegende Blätter 198, 1943, 139; Litzmannstädter Zeitung 1943, Nr. 84 v. 25. März, 6; Kölnische Zeitung 1943, Nr. 230 v. 8. Mai, 4)

Die Anzeigen dienten der Propagierung der neuen Tiefkühlkost, hatten aber auch spezifischere Aufgaben. Erstens gaben sie der Käuferin genauere Informationen im Umgang mit der Kühlkost: Verpackungshinweise lesen, Ratschläge gegen das rasche Auftauen befolgen, das Gefriergemüse direkt kochen, während man Gefrierobst auftauen lassen sollte, um es dann wie Frischware oder (falls in Zuckerlösung) Kompott weiter zu verarbeiten.

Präsentation einzelner Jopa-Produkte (Simplicissimus 48, 1943, Nr. 14, 215; Neuigkeits-Welt-Blatt 1943, Nr. 197 v. 22. August, 7; Kölnische Illustrierte Zeitung 18, 1943, 393)

Zweitens präsentierte man nunmehr auch einzelne Gefrierprodukte, insbesondere die Spitzenprodukte Erbsen und Erdbeeren. Erstere waren schon gedöppt, küchenfertig einsatzbar; letztere boten einen Hauch von Luxus (und Frühling) im Wintereinerlei. Parallel hob man die Hochwertigkeit der Kühlkost und ihren hohen Conveniencegrad hervor. Der NS-Staat befreite die Hausfrau von unproduktiver Hausarbeit, ein stetes Versprechen der Haushaltsrationalisierung.

Europäische Großraumwirtschaft für die deutsche Konsumentin (Das Kleine Frauenblatt 20, 1943, Nr. 10, 9; Kölnische Illustrierte Zeitung 18, 1943, 546; Der Neue Tag 1943, Nr. 154 v. 5. Juni, 4)

Drittens schließlich positionierte man die Jopa-Produkte als europäische Spitzenprodukte. Der deutsche Konsument erhielt Ware aus Frankreich, den Niederlanden, aus Bulgarien und Italien, hielt gleichsam Ernte im europäischen Garten. Die Indienstnahme ausländischer Ökonomien erhielt einen greifbaren Sinn, erschient als Lohn für den Einsatz, die alltägliche Leistungsbereitschaft.

Werbung auch im Querformat (Illustrierter Beobachten 18, 1943, Nr. 10, 9)

Es gab weitere Nuancierungen, den Wechsel von Hoch- und Querformaten, die Ergänzung von Einzeltexten und Variationen mit Firmennamen und Bildmarke. Werblich war dies gelungen – und die Motive wurden im Folgejahr, der vierten Saison, beibehalten. Während der nach Stalingrad Anfang 1943 offiziell ausgerufene „totale Krieg“ die Investitionsmittel schmälerte und den weiteren Ausbau der Gefrierwirtschaft ausbremste, führten die zunehmend spürbaren Kriegseinwirkungen und die schlechte Obst- und Gemüseernte 1944 zu einem geringeren zivilen Angebot. Trotz vereinzelter Produktinnovationen, etwa tiefgekühlten Beerenkonzentrate als Stärkungsmittel für Rekonvaleszente und Schwangere (Wiener Medizinische Wochenschrift 94, 1944, 170), blieb das Sortiment im Wesentlichen unverändert. Mochte die Wehrmacht auch an allen Fronten auf dem Rückzug sein, die Versorgungslage im Inneren blieb relativ stabil, da man die hierarchischen Kooperationen mit dem Ausland weiter fortführen konnte. Jopa-Kühlkost wurde mit weniger Motiven angezeigt, drei schon 1943 genutzten Anzeigen (Einkaufstasche, Innenverpackung und Fruchtschüssel) erfüllten jedoch den Werbezweck. Zugleich schaltete Pankofer gezielt repräsentative Anzeigen in Vorzeigepublikationen des NS-Staates, kündete so von der weiterhin hohen und kriegswichtigen Produktion der neuen Firma, der neuen Industrie. Wer wollte schon Hungerproteste wie 1917 erleben.

Kontinuierliche Werbebotschaft an repräsentativen Stellen (Das Reich 1944, Nr. 26 v. 25. Juni, 8 (l.); Große Deutsche Kunstausstellung, München 1944, Werbung, 1)

Die Begleittexte in den Tageszeitungen stützten dies, wenngleich eingebettet in die routinierten Formen der Rationierungswirtschaft. Mochte es sich bei der Tiefkühlwirtschaft auch um ein „Kriegskind“ handeln, so lägen ihre größten Zukunftsaussichten jedoch „im Frieden“ (Das fünfte Jahr der Gefrierkonserve, Hakenkreuzbanner 1944, Nr. 92 v. 3. April, 3). Die nunmehr etablierten Unternehmen würden dies garantieren. Parallel aber wies man die zunehmend vom Bombenkrieg gebeutelte Zivilbevölkerung und auch den weiter dienstfertigen Einzelhandel auf ihre Aufgaben hin. Es galt, die Kühlkette weiter aufrecht zu erhalten, „soll nicht der bisher gemachte Kühlaufwand vergeblich gewesen sein“ (Tiefkühltruhen auch in Herner Geschäften, Herner Zeitung 1944, Nr. 144 v. 22. Juni, 3). Die Schlacht um die letzten Gefriertruhen rückte näher.

Produktwerbung: Dezentrale Anzeigen 1941-1944 oder Grenzen der Markenwerbung der Großunternehmen

Der Fokus auf Solo und Jopa, auf die Markenartikelwerbung von 1941 bis 1944, darf allerdings nicht zu falschen Schlüssen führen. Jopa dominierte die Anzeigenwerbung, doch parallel warb auch der wichtigste Konkurrent, einnehmend mit eigenem Warenzeichen. Schließlich besaß Solo Pioniervorteile, zudem das größere Vertriebsnetz.

Gefrierkost als Angebot gehobener Lebensmittelgeschäfte (Der Neue Tag 1942, Nr. 54 v. 23. Februar, 10)

Auch Einzelhändler schalteten weiter Anzeigen. Nicht die Marke stand dabei im Mittelpunkt, sondern der noch mögliche markenfreie Einkauf. Feinkost- und gehobenere Kolonialwarenhändler konnten sich dadurch von der Durchschnittskonkurrenz abheben, der allgemeinen Nivellierung im Einzelhandel noch kurze Zeit entkommen.

Einkaufsvorteil Markenfreiheit (Neue Mannheimer Zeitung 1941, Nr. 43 v. 3. Februar, 8 (l.); Hallische Nachrichten 1941, Nr. 77 v. 1. April, 3)

Bemerkenswert war zudem die Kooperation der Gefrierindustrie mit leistungsfähigen Massenfilialbetrieben, wie etwa Kaiser’s Kaffeegeschäft oder Cornelius Stüssgen. Diese bevorzugten allerdings anonyme Angebote, wollten sich nicht zum Umschlagplatz von Markenware degradieren. Die vom NS-System vielfach übernommenen und strikt kontrollierten Konsumgenossenschaften verkauften ebenfalls anonyme Tiefkühlkost, allerdings keine aus Eigenproduktion. Sie hatten schon zu Beginn der 1930er Jahre die amerikanischen Entwicklungen genauestens beobachtet (Erich Kraemer, Gefrorene Lebensmittel, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 28, 1931, 171-173, 196-197, 216-218) und sahen in der Gefriertechnik eine willkommene Ergänzung ihrer eigenen Dosenkonservierung. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Westen insbesondere nach dem Kauf einer eigenen Fabrik in Wiesloch 1955, sollten die Konsumgenossenschaften für einige Jahre zum Vorreiter der bundesdeutschen Tiefkühlindustrie werden (Hermann Flick, Tiefgekühlte Lebensmittel in den Konsumgenossenschaften, Der Verbraucher 13, 1959, 228-230).

Vertrieb durch Massenfilialbetriebe: Gefrierkonservenangebot bei Kaiser’s Kaffee-Geschäft (Neue Mannheimer Zeitung 1941, Nr. 43 v. 3. Februar, 9)

Tiefkühlkost war – bei vorhandener Gefriertruhe – zudem eine Warengattung, die sich in das gängige Sortiment einfügte. Die neue Technik konnte schließlich abseits der Gefriersaison für die Kühlung von Milchprodukten, Fleischwaren, Wein und Flaschenbier genutzt werden. Die großen Verkaufsmöbel waren auch abseits des späten Winters Ausdruck einer beginnenden Umgestaltung der Läden.

Gefrierkost als Sortimentsbestanteil (Wittener Tageblatt 1943, Nr. 80 v. 22. Juli, 4 (l.); Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 80 v. 21. März, 7)

Bei ihnen aber dürfen wir nicht stehenbleiben. Tiefkühlkost war nämlich nicht nur bei den ersten Verkostungen 1939 ein Aperçu auch der Restaurantküche und der im Handel integrierten Gaststätten (Tiefgekühltes Mittagessen – Kulinarische Überraschungen, Hamburger Fremdenblatt 1940, Nr. 328 v. 28. Oktober, 5). Feinfrost- und Kühlkostwaren repräsentierten ein gehobenes Speisenangebot – und Köche präsentierten zeigestolz den Umgang mit gefrorenen Rohwaren. Nicht nur Gemüse und Obst, sondern auch Fischfilets und „blutfrischer“ Feinfrostkarpfen zeugten von der repräsentativen Qualität des Neuen, die man sich schmecken ließ, zugleich aber auch gern mit anderen teilte (Karpfen in der Tüte, Westfälische Landeszeitung [Castrop-Rauxel] 1941, Nr. 334 v. 3. Dezember, 5).

Gefrierkost als Speisenbestandteil in Gaststätten (Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 80 v. 21. März, 7; Schlesische Sonntagspost 1941, Nr. 5 v. 2. Februar, 10)

Faszination und Realität der Kühlkette

Die Werbung für Tiefkühlkost lässt sich nicht auf die Endprodukte reduzieren. Die neuen Waren wurden als Teil von etwas Größerem vermarktet, dem Aufbau einer neuen Industrie, erst deutsch, dann auch europäisch. Sie etablierten eine „Kühlkette“, begrifflich in den Debatten der Fachleute seit den späten 1920er Jahren etabliert, nach dem Vierjahresplan als Alltagsbegriff verankert. Das Konzept selbst ist älter, schon 1914 präsentierte der amerikanische Praktiker A.M. Mortensen „Betrachtungen über die Notwendigkeit einer umfassenden Organisation der Transportgesellschaften für durchgehende Beförderung verderblicher Waren vom Herkunfts- und Produktionsort nach den Konsumzentren, einschliesslich Verteilung der Waren sowie des Rechts der Ueberführung oder Weiterversendung von einem Markt zum andern“ (Die Kälte-Industrie 11, 1914, 202-204). „Kühlkette“ war griffiger, allerdings irreführend. Denn es ging um eine Gefrierkette, um wesentlich tiefere Temperaturen als die für Butter, Speisefett und Gefrierfleisch erforderliche Kühlung. Zwanzig zusätzliche Grad Celsius. Heute ein Knopfdruck, damals ein Quantensprung. Rudolph Plank (1886-1973), russischstämmiger Doyen der deutschen Kältetechnik, war sich noch 1940 sicher, dass diese Gefrierkette kaum möglich sei, denn „im Augenblick wird ein solcher Spezialwagenpark bei uns kaum zu schaffen sein“ (Neue Lebensmittel- und Kältetechnik, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 47 v. 27. Januar, 4). Gleichwohl war die Kühlkette werblich unverzichtbar, denn die Utopie des großen Ganzen, des Zusammenwirkens der kleinen dezentralen Einheiten, war nicht nur bei Ingenieuren üblich, sondern gerade auch in einer Gesellschaft des „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“. Prozessanalysen wurden damals üblich, Schwachstellenanalysen möglich, erdacht, gepflegt, zum Normalen erklärt. Die Ubiquität von HACCP-Analysen und Wertschöpfungsketten-Analysen unterstreicht ihre bis heute währende Unverzichtbarkeit.

Die „Kühlkette“ zielte auf die einheitliche Koordinierung miteinander verzahnter Sektoren, also der Durchbrechung von aus dem 19. Jahrhundert stammenden Einheitsphantasien wie „Landwirtschaft“, „Industrie“, „Transport“ und „Handel“. Ziel war „die Herstellung einer qualitativ hochwertigen Ware“ und das bedeutete Arbeit und Wandel vom Feld bis zum gedeckten Tisch: „Sie beginnt bei dem Anbau, wo nur das vollkommen einwandfreie, qualitativ hochwertige Frischerzeugnis, sei dies nun Fisch, Fleisch, Gemüse oder Obst, sofort nach Fang, Schlachtung oder Ernte Verwendung finden darf. Der Gefriervorgang selbst muß mit größter Sorgfalt hinsichtlich Vorbereitung des Gefriergutes – Zerteilen, Blanchieren, Verpacken – durchgeführt werden. Die Lagerung selbst muß bei absolut konstanten, tiefen Temperaturen, die für die einzelnen Kühlgüter vorgeschrieben werden, stattfinden. Der Transport, entweder vom Gefrierapparat zum Kühlhaus oder vom Kühlhaus zum Verteiler, findet in isolierten Spezialgefäßen oder Spezialwaggons oder Spezialautos statt. Der Großverteiler bekommt Gefriertruhen geliefert, in denen das Produkt bis zur Abgabe an den Verbraucher weiterhin gefroren lagert, und letzten Endes wird in Zukunft auch der kleinste Verbraucher einmal einen Kühlschrank besitzen, in dem er das Gefriergut noch etwas lagern kann, wenn er es nicht zum sofortigen Verzehr bestimmt hat“ ([Lieselotte] Scupin, Die Zukunft der Gefrierkonserve, Gartenbauwirtschaft 57, 1940, 6). Das war ein faszinierendes Aufgabenfeld, erforderte den Gleichklang der Interessen, des Wollens, der Handlungen. Die Volksgemeinschaft im Richt-Euch!

Die Erdbeere in der Tiefkühlkette (Mosolff (Hg.), 1941, Tiefkühl ABC, 19)

Das öffentlich präsentierte, über Zeitungen und Illustrierte einfach zugängliche Bildmaterial war allerdings in Sequenzen aufgeteilt, denn Einheitlichkeit war schwer herzustellen, zumal bei vier nicht nur kooperierenden, sondern auch miteinander konkurrierenden Gefrierkonzernen, bei unterschiedlichen Techniken und heterogenen lokalen Bedingungen. „Kühlkette“ bündelte jedoch Einzelbilder, so wie der Führerwille das Volk. Und so gaben die veröffentlichten Bilder nicht nur präzise und/oder propagandistische Einblicke in die Praxis der Gefrierindustrie, sondern schufen auch ein Bild des Ganzen im Bewusstsein des Betrachters. Sachliche Richtigkeit erhöhte die Wirksamkeit, war Teil der Werbung, der Propaganda.

Säuberung von Blattspinat vor der Tiefkühlung (Der Südosten 21, 1943, Nr. 5, 11)

Die Bildreportagen setzten gemeinhin mit der Rohware ein, nicht mit der ansonsten gern präsentierten bäuerlichen Arbeit: „Die Erzeugnisse werden von der Anbaufläche zur Konservenfabrik gebracht. Hier wird das Gemüse und Obst in der üblichen Weise gereinigt, geputzt, geschnitten und was sonst zur küchentechnischen Herrichtung gehört. Dann ist das Gemüse kurz vorzukochen, damit die Fermente, die auch bei niederen Temperaturen gewisse chemische Umsetzungen – Farb-, Geruch- und Geschmacksveränderungen – bewirken können, unwirksam gemacht werden“ ([Helmut] Schieferdecker, „Die Kühlkette“, Gartenbauwirtschaft 59, 1942, Nr. 1, 2). Dergestalt erklärt, wurden einfache Brauseköpfe zur Beseitigung der anhaftenden Erde zu etwas anderem, zum reinigenden Vorspiel der Transformation.

Frauenarbeit am Band: Vorbereitung von Blattspinat, Verpackung des Gefriergutes (Der Südosten 21, 1943, Nr. 5, 10)

An den Transportbändern war Frauenarbeit üblich, beim Waschen, insbesondere bei der Verpackung des Gefriergutes. Männer dienten als Zwischenglieder, bei kräftiger Arbeit, vor allem aber beim Bestücken der Plattenfroster, zudem bei der nicht im Vordergrund stehenden Wartung und Reparatur, auch beim Fahren der großen Wagen, dem Rangieren der Waggons. Gezeigt wurde Handarbeit, auch wenn Ingenieure diese möglichst beseitigen wollten.

Vorverpackung von Fischen, Abwiegen von Beerenobst (Kölnische Illustrierte Zeitung 17, 1942, 128 (l.); Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 212 v. 2. August, 5)

Der Blick auf die mechanisch arbeitenden Frauen erlaubte noch den Blick auf die Rohware, auf das zum Gefrieren vorbereitete Gut. Das Bild der Hausfrau, der sorgenden Mutter mochte mitschwingen, doch der Betriebsalltag forderte mehr. Blicken wir in einen Solo-Feinfrost-Betrieb nah bei Hannover: „Sauber, appetitlich frisch liegen die Schnippelbohnen in den hübschen Kästchen aus wasserabstoßendem Material, jede Packung genau auf volles Gewicht des Inhalts geprüft. Flinke Frauenhände legen Manschetten um die Packungen, falten Zellophanhüllen darüber, und dann wandern die Kästchen mit den ‚kochfertig‘ zubereiteten Bohnen in große Kühlschränke hinein, um darin auf minus 38 Grad Celsius ‚feinfrost‘ eingefroren zu werden. In mächtigen Kühlzellen, in denen insgesamt etwa 10 bis 12 Tonnen Feinfrostgemüse gelagert werden können, verlebt unsere ‚Prinzeß‘ eine kurze Uebergangszeit, um dann als stille Reserve für Mutters Kochtopf in die Kühlhäuser der Großstädte gebracht zu werden“ (G.A. Mulach, Im Reiche der ‚Doppelten Prinzeß‘, Hannoverscher Kurier 1941, Nr. 220 v. 10. August, 6).

Das Ideal des vollautomatisch erfolgenden Schnellgefrierens: Das von Linde-Borsig verbesserte Heckermann-Verfahren (Heiss et al., 1942, 26)

Derartige Bilder (und Begleittexte) zielten nicht auf die Strukturen des Gefrierprozesse, sondern knüpfen an haushälterische Logiken an, denn diese waren den Leserinnen und späteren Käuferinnen bekannt. Parallel gab es zahlreiche abstrahierende Schaubilder, in Wissenschaftsillustrierten, insbesondere aber in der Fachliteratur. In den Fachbüchern fehlten allerdings die Menschen, stand die Maschine im Mittelpunkt. Menschen sind fehleranfällig, Maschinen funktionieren. Das spiegelte sich in den vielen Arbeiten zum Heckermann-Verfahren, denn dieses ermöglichte eine kontinuierliche Produktion. Die Maschine wurde bestückt, Vorverpackung war nicht erforderlich, das Gefriergut wurde herausgenommen, in Form gebracht, zersägt, portioniert.

Bestückung eines Plattenfrosters mit Gefriergut und Abpacken in Verkaufsverpackungen (RGA-Illustrierte 1941, Nr. 1 v. 4. Januar, 2 (l.); Velberter Zeitung 1940, Nr. 351 v. 19. Dezember, 7)

Beim Birdseye-Verfahren war Vorverpackung und Einzelbestückung erforderlich, nicht umsonst sprach man auch von „Kälte-Bäckerei“. Der Froster wies Temperaturen von -35 bis -40 °C auf, denn bei diesen Temperaturen wurde das Gewebe, die Zellstruktur nicht zerstört, blieb stabil bis zum Aufbrechen des Gefrierpanzers. In der Presse hieß es flotter: „Nach der Vorbereitung geht die Arbeit des Gefrierverfahrens am laufenden Band. In mit Pergamentpapier ausgelegte Kartons wird das Obst oder Gemüse eingefüllt und genau abgewogen. Zwetschen erhalten als Beigabe eine Zuckerlösung, damit sie als Kompott usw. sofort gebrauchsfertig sind. Die Kartons werden am laufenden Band verschlossen, erhalten noch eine Cellophanumhüllung und wandern dann zu großen Gefrier- oder wie man auch sagt Tiefkühlapparaten, die je 720 Kilo Großpackungen oder etwa 500 Kilo Kleinverpackungen aufnehmen. In zwei- bis dreieinhalb Stunden geschieht bei 32 bis 40 Grad das Einfrosten“ („Durch Feinfrost zur Feinkost“, Anzeiger und Tageblatt [Bad Oeynhausen] 1940, Nr. 268 v. 14. November, 4).

Sicherung der Kühlkette: Tiefkühltruhe und transportable Tiefkühlzellen (Neue Mannheimer Zeitung 1941, Nr. 43 v. 3. Februar, 8)

Die Gefrierkonserven wurden nun umgeladen, Kunsträume der Kälte bargen sie, bewahrten sie bis zum konsumtiven Endzweck. Risiken lauerten bei Unterbrechungen, beim Umladen. Unterschiedliche Transportmittel wurden ersonnen und erprobt, vielfach pragmatisch agiert, denn optimale Lösungen kosteten, waren im Wettbewerb mit dem Rüstungsbedarf kaum erreichbar: „Auf nahe Entfernungen, vom Kühlhaus zur Kühltruhe des Einzelhändlers in derselben Stadt soll der gewöhnliche Lieferwagen genügen. Für größere Entfernungen werden Kühlwagen und Waggons mit Trocken- oder eutektischem Eis, aber auch der Altek-Wagen verwendet. Dabei scheint der Kraftlastwagen wegen seiner niedrigeren Kosten bevorzugt zu werden“ (Kühldienst für Lebensmittel, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 267 v. 28. Mai, 4). Deren Zahl war allerdings begrenzt, ebenso die Gefrierflächen in den Kühlhäusern.

Beweglichkeit durch Gefriercontainer: Solo-Feinfrost-Transporter mit Dreiachsanhänger von Brown, Boveri & Cie. sowie Universal-Tiefkühlbehälter von Kässbohrer (Mosolff (Hg.), Aufbau, 1941, 106 und 98)

Gleichwohl durften diese Zwischenelemente nicht fehlen, denn sie spiegelten das Bild einer mobilen Industrie, mochte die Tiefkühlkost auch gemeinhin über Monate stillstehen, bis hin zum finalen Transport in den Laden. Dort warteten Gefriertruhen, gern gezeigt, doch „noch nicht bis zum letzten ausprobiert“ (Wirtschaftsfragen im Lebensmittel-Handel, Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 111 v. 22. April, 5).

Der Einzelhändler als Bediener der ladengebundenen Gefriertruhe (Hannoverscher Kurier 1941, Nr. 84 v. 5. März, 6) (l.); Aushändigung der gewünschten Ware (Kölnische Illustrierte Zeitung 17, 1942, 128)

Nun endlich sah sich die Leserin in ihrer Sphäre, adrett gekleidet in damaliger Mode, umzirzt von Verkäuferinnen in ihren unverzichtbaren Kitteln. Die Bildreportagen blendeten die Zwischenprodukte aus, tiefgefrorene Pulpen, Fruchtfüllungen, Getränkekonzentrate, zunehmend üblich in Bäckereien und Abfüllereien, vom Kunden nicht als Gefriergut wahrgenommen. Stattdessen erklang das Loblied der neuen Waren: „Wir sehen sie im Laden stehen, eine schmucke, weiße Truhe, hinter deren isolierten Wänden eine Temperatur von minus 35 Grad Celsius herrscht. Der Verkäufer öffnet mit einem Griff die Klappen: ‚Was darf es also sein, Obst oder Gemüse? Uebrigens können Sie auch kochfertigen Fisch bekommen…‘ Unsere Hausfrauen werden einem neuen Werbespruch ihre Aufmerksamkeit schenken müssen: ‚Gemüse erntefrisch auch im Winter auf den Tisch!‘ Freilich, muß man bei der Verwertung von Obst ein bißchen Geduld haben. Man kann die Früchte nicht gleich auf der Zunge zergehen lassen, denn bei normaler Zimmertemperatur dauert das Auftauen etwa vier Stunden. Schneller ist das Gemüse tafelfertig, weil es am besten im gefrorenen Zustand ins kochende Wasser gegeben oder gedämpft wird“ (Hannover, 1941).

Gute Ratschläge für den richtigen Umgang mit dem Gefriergut (Hans Mosolff (Hg.), Tiefkühl ABC, Hamburg 1941, 26)

Noch war Gefriergut erklärungsbedürftig, doch Anzeigenwerbung, Zeitungsartikel, Ratgeber und auch Beratung durch die NS-Frauenschaft wiesen den richtigen Weg. Der Rest würde sich im Gespräch zwischen nicht nur blonden Hausfrauen regeln, denn Novitäten waren wohl spannender als die Fährnisse der Kinderlandverschickung, Luftschutzdienste, Klagen über die stetigen Sammlungen. Und zu anderem schwieg man lieber, schaute weg; Erdbeeren im Winter, lecker!

Geöffnetes Gefriergut (Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 212 v. 2. August, 5 (l.); Hans Mosolff, Der Aufbau der deutschen Gefrierindustrie, Der Vierjahresplan 5, 1941, 600)

In der Tat: Die Bildberichte erlaubten den Blick just auf die Ware, sollte frau doch wissen, was in den weißen Papp-Packungen zu erwarten war. In wenig Reif überzog das Gefriergut, doch schon kurze Zeit später war es nutzbar, würde schmecken.

Umgang mit tiefgefrorenen Kartoffeln und Eiern (Margriet 1942, Nr. 5, 6)

Auch dazu gab es Anleitungen, die Fragen zu fehlenden Haushaltsgefriertruhen allerdings kaum erörterten. Die Hoffnungen auf den Volkskühlschrank waren bereits zerstoben, bei Kriegsbeginn gab es im mächtigen Deutschen Reich lediglich 250.000 Elektrokühlschränke. Dem galt es sich anzupassen: „Da die Haushaltungen nicht in der Lage sind, das Gemüse richtig aufzubewahren (selbst der gewöhnliche Eisschrank und Kühlschränke reichen nicht aus), ist es also unmöglich, die Feinfrostgemüse im Haushalt zu lagern. Jeder Haushalt kaufe deshalb nur die Menge, die er tatsächlich schnell verbrauchen kann“ (Tiefgefrorenes Obst und Gemüse, Litzmannstädter Zeitung 1943, Nr. 72 v. 13. März, 4). So hieß es in Litzmannstadt, der aufstrebenden Metropole im Osten – in den deutschen Wohnquartieren, nicht im nahegelegenen Ghetto, in der Saison zuvor Hauptlieferant des KZ Kulmhof, doch immer noch zeitweiliger Bewahrort preiswerter Arbeitskräfte.

Gefrierkost als Teil einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft

Erhöhen wir am Ende dieser Analyse der Werbemittel nochmals den Abstraktionsgrad. Denn Werbung für Gefrierkost blieb nicht beim Produkt stehen. Sie traf Aussagen über die Konsumwelt der Gegenwart, über die Hoffnungen auf die kommende voll ausgebildete nationalsozialistische Konsumgesellschaft – oder sollte man im Sinne der Sprache der Zeit nicht besser von einer Konsumgemeinschaft reden? Gefrierkost stand für die Leistungsfähigkeit des NS-Regimes in der Gegenwart, zugleich aber für die Zukunftsvorstellungen von Funktionseliten und Volk. Warum sonst hätte man während des Krieges mit dem Aufbau einer so komplizierten und kapitalintensiven Industrie beginnen können? Dieser Ausgriff auf die Zukunft war nicht allein hilfreich, um bestehende Probleme kleinzureden. Es ging in zahlreichen Zeitungsartikeln just um die anvisierte Utopie eines NS-Regimes im Frieden. Über das bestehende, vom Krieg in Anspruch genommene, mit Makeln versehene könne, ja müsse man reden. Doch am Beispiel der neuen Tiefkühlkost wurde auch über das nach dem Sieg sich etablierende Großreich sinniert, mächtig, prosperierend, ohne Mangel, voller Optionen. Lebensmittel würden erntefrisch sein, die saisonale Enge durchbrochen.

Innovationsversprechen Gefrierkonserve: Vorbote der kommenden Konsumgesellschaft (Merseburger Zeitung 1940, Nr. 264 v. 24. September, 7)

Diese nationalsozialistische Konsumgesellschaft würde die bisherigen sozialen Schranken durchbrechen, den Lebensstandard erhöhen, dem einfachen Bürger das bieten, was zuvor nur wenigen vorbehalten war: „In Zukunft wird man also auch im Winter frischen Spargel, frische Erdbeeren und frischen Gurkensalat auf dem Tisch bringen können“ (Fische, Obst, Gemüse zu jeder Tageszeit frisch auf den Tisch, Anzeiger und Tageblatt [Bad Oeynhausen] 1940, Nr. 232 v. 3. Oktober, 4). Es ging um Teilhabe an den materiellen Möglichkeiten der Welt, schon jetzt in kleinen Packungen symbolisch greifbar, doch die „vollständige Vollendung“ werde folgen (Wenn es Fisch zu kaufen gibt…, Westfälischer Beobachter 1942, Nr. 355 v. 29. Dezember, 3). Nach dem Sieg werde sich der „Tisch mit selbst in Vorkriegszeiten nicht erträumten Genüssen decken (Tiefkühltruhen auch in Herner Geschäften, Herner Zeitung 1944, Nr. 144 v. 22. Juni, 3). Jeder würde mitgenommen, keiner zurückgelassen: „Auch der kleinste, mit den bescheidensten Mitteln ausgestattete Haushalt wird sich den Auswirkungen der Gefrierkonserven auf seine Wirtschaftsführung nicht mehr entziehen können“ (Europäische Lebensmittel-Kühlkette im Werden, Bremer-Zeitung 1944, Nr. 159 v. 11. Juni, 7). Vieles sei bereits geschehen, mehr werde folgen: „Hunderttausende Einzelhandelsgeschäfte warten bereits auf Gefriertruhen“ (Die Gefrierkonserve im Vormarsch, Gartenbauwirtschaft 57, 1940, Nr. 40, 4). Gewiss, das waren Versprechungen, ungedeckte Schecks auf die Zukunft. Doch sie gründeten auf Bestehendem – und der überbrückende Rest erfolgt im Kopf des Lesers, der Käuferin.

Gefrierkonserven als Abglanz einer neuen Konsumwelt: Schlagzeiten 1940/41 (Von oben n. unten: Anzeiger und Tageblatt 1940, Nr. 232 v. 3. Oktober, 4; Westfälische Tageszeitung 1941, Nr. 32 v. 2. Februar, 10; Völkischer Beobachter [Wien] 1941, Nr. 166 v. 15. Juni, 10; Westfälische Tageszeitung 1941, Nr. 350 v. 19. Dezember, 5)

Glaubwürdigkeit gewannen derartige Konsumszenarien aber nicht nur anhand der bestehenden Angebote. Sie standen eben für mehr, schon zu Kriegszeiten. Da war erstens ihre Modernität, die darin eingebettete Vorstellung von technischem Fortschritt. Alles Neu hieß es bereits im Blick auf die konkurrierenden Konservierungsverfahren: „‚Weckgläser‘ und ‚Konservendosen‘ sind zwar auch heute noch durchaus neuzeitliche Erscheinungen, aber erst die moderne Gefriertechnik, die in der jüngsten Zeit von deutschen Fachleuten vervollkommnet wurde, ist in der Lage, das Problem zu lösen“ (Die Gefrierfibel, Westfälische Zeitung 1940, Nr. 157 v. 6. Juli, 11).

Neuartige Verpackungen: Gefrierkonserven in Papp-, Spezial- und Zellglaskartons (Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 663 v. 29. Dezember, Technik und Betrieb, 2)

Das Neue des Neuen unterstrichen auch die Verpackungen der Tiefkühlkost. Sie waren nicht nur Spielwiese von Verfahrenstechnikern und Werkstoffspezialisten, sondern fühlten sich in der Tat anders an, sahen anders aus als gängige Dosen, Nährmittel- und Trockenwarenumhüllungen (vgl. Neue Konservendosen, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 237 v. 11. Mai, 5; Johannes Hoffmann, Wandlung des Werkstoffes Papier, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 663 v. 29. Dezember, Technik und Betrieb, 2 sowie allgemein Spiekermann, 2018, 458-465). Sie waren leicht, funktional, stapelfähig, innen beschichtet, mit Cellophan ausgelegt. Flüssigkeits- und Obstverpackungen waren mit Leichtmetall verstärkt, standen aufrecht, Zellglas gab ihnen eine knisternde Aura.

Zweitens war Gefrierkost neu, galt als „Volksnahrungsmittel zu gleichblei­benden gerechten Festpreisen während des ganzen Jahres“ (Mosolff, 1940, 142-143). Während tradierte Lebensmittel immer auch den Büttel der überwunden geheißenen Klassengesellschaft mit sich trugen, wie Butter und Margarine zwischen Bürgern und Arbeitern schieden, sei es nun möglich, eine Innovation gerecht auszugestalten, mit erschwinglichen Preisen für alle. Wer arbeite, solle auch essen. Die Preise waren noch hoch, doch der Fortschritt führe zu Gerechtigkeit: „Die Zeit geht weiter, die Erfinder sorgen für den Fortschritt!“ (Hannover, 1941)

Drittens besaß Tiefkühlkost auch eine volksbiologische und rassistische Komponente. Sie sei Vorzugsspeise, Augenweide, erlaube die Pflege der leistungsfähigen Deutschen, die Hege der kommenden Geschlechter: „Unabhängig von der Jahreszeit macht es die Tiefkühlung werdenden und stillenden Müttern möglich, ihre Ernährung vielseitiger und hochwertiger zu gestalten, was für Mutter und Kind von unschätzbarem Nutzen ist. Ein Volk kann mit Tiefkühlung gesünder und leistungsfähiger werden als es ihm sonst sein Lebensraum erlauben würde, denn ihm steht die Möglichkeit offen, sich hochwertige und insbesondere vitaminreiche Erzeugnisse an Obst und Gemüse aus klimatisch günstigen Nachbarländern mehr als bisher nutzbar zu machen“ ([Franz G.M.] Wirz, Tiefgekühlte Lebensmittel sind die besten Diener der Gesundheit, in: Mosolff (Hg.), Tiefkühl ABC, 1941, 3-4). „Erntefrische“ bedeutete ausreichend „Wirkstoffe“, um die höherwertigen Erbanlagen voll ausbilden zu können.

Die Antizipation einer kommenden nationalsozialistischen Konsumgesellschaft war einfacher fortzusetzen als in der Anzeigenwerbung und Bildreportagen. Sie war Fiktion, die Glauben erforderte, aber auch Kräfte weckte. Sie sprach unterschwellig von den Belohnungen nach dem Sieg, über den Sinn der Entbehrung, der Anstrengungen und Opfer. Ein kommunikativer Strohhalm, an dem man sich klammern konnte, wenn man denn wollte. Im kriegsverwüsteten Hamburg verwies man noch kurz vor Weihnachten 1944 getreu auf „tiefgreifende wirtschaftliche, ernährungsphysiologische und gastronomische Wandlungen“ (Hamburger Anzeiger 1944, Nr. 134 v. 6. Dezember, 2) durch die Gefrierkonserven. Objektiv ebbte die Werbung in allen drei Formen mit der Integration der Tiefkühlkost in das Rationierungssystem 1943 langsam ab. Da es nicht gelang, die Absatzmengen plangemäß auszuweiten, damit die Preise zu verringern und das neue Angebot als „Volksnahrungsmittel“ zu verankern, glich die bis Ende 1944 weiter präsentierte Werbewelt eher der schon seit 1942 vielfach üblichen Erinnerungswerbung. Doch sie war zugleich, rigiden Werberestriktionen und der wachsenden Papierknappheit zum Trotz, bis Mitte 1944 alltagspräsent. Die 1944 eingefrorenen Bestände konnten 1945 allerdings nicht mehr geordnet ausgeliefert werden.

Werbung, Propaganda und die Frage nach der „Realität“ der Tiefkühlkost

​​Es ist notwendig, die Selbstbilder der nationalsozialistischen Konsumgesellschaft zu aus analytischen Gründen zu rekonstruieren. Nur so kann diese Zeit, können die Träger dieses Aberwitzes abseits der einfachen Verführungsnarrative verstanden werden. Doch es ist auch zugleich Aufgabe der Analyse, die Brüche bereits im zeitgenössischen Diskurs über Tiefkühlkost und die bestehenden Problemlagen der Gefrierindustrie aufzuzeigen. Das ist möglich, war angesichts der hier gewählten Quellen auch damals möglich. Zuvor aber ist es erforderlich, das Geschehen ansatzweise zu quantifizieren, um zumindest graduelle Aussagen über die Bedeutung der Gefrierindustrie und ihre Stellung im Versorgungsalltag treffen zu können.

Quantitative Angaben auf teils wackeligen Beinen

Festzuhalten ist erstens, dass die „Kriegserzeugungsschlacht“ zu einem massiver Bedeutungsgewinn des Gartenbaus während des Zweiten Weltkrieges führte.

Die Rohstoffgrundlage für die Gefrierindustrie wurde damit deutlich erweitert. Die Gemüseernten stiegen von 4,6 Mio. Tonnen 1939/40 auf 8,5 Mio. Tonnen 1942/43, sanken in der Folgekampagne auf 7,0 Mio. Tonnen, um dann wieder anzusteigen (Kurt Häfner, Materialien zur Kriegsernährungswirtschaft 1939-1945, s.l. s.a. (Ms.), Kap. Entwicklung der Versorgung mit den wichtigsten Nahrungsmitteln, 27). Unter Einberechnung der Kleingärtenerträge und der nicht unbeträchtlichen Einfuhren, angesichts der um fast neun Millionen gestiegenen Zahl verpflegungsberechtigter Menschen, ergab sich ein Jahresverbrauch von 1939/40 50, 1941/42 60, 1943/44 etwa 70 und 1944/45 77 Kilogramm (Ebd., 23). Bei Obst gab es witterungsbedingt größere Schwankungen: 1939 und 1943 gab es gute, 1940 bis 1942 geringe und 1943 eine mittlere Ernte. Etwa die Hälfte der Erträge wurde über das Rationierungssystem verteilt. Der geschätzte Prokopfkonsum betrug 1939/40 49, 1941/42 23 und 1944/45 31 Kilogramm (Ebd., 28, 24). Der Gefrierindustrie standen also stark wachsende Mengen an Rohware zur Verfügung. Angesichts der relativen Stagnation der Produktion ab 1942/43 spiegelt diese die Qualitätsprobleme des deutschen Gartenbaus, den Übergang insbesondere zu Massenware und die objektiv nur geringe Bedeutung der Gefrierkonservierung für die landwirtschaftliche Branche.

Deutsche Tomaten (als Mark gefrierfähig), deutscher Feldsalat (nicht gefrierfähig), farbig eingefangen (Deutscher Garten 58, 1943, 75 (l.), 51)

Zweitens: Die Einführung der Tiefkühlkost war Teil einer allgemein zunehmenden Bedeutung von konserviertem Obst und Gemüse. Die höchsten Steigerungsraten wies die Trocknungsindustrie auf, während die Dosenkonservierung insgesamt dominierte. Gefrierkonserven gewannen nicht unerhebliche Anteile, die aber vor allem auf fehlende Konservendosen zurückzuführen waren.

Die Produktion von Obst- und Gemüsekonserven stieg von 1932 82 Mio. Kilogrammdosen auf 1939 fast 200 Mio. Stärker noch legten die Produktionsmengen von Trockengemüse, Süßmost/Fruchtsaftgetränken und Frucht- und Mischmarmeladen zu (Mehr Gemüse und Obstkonserven, Frankfurter Zeitung 1939, Nr. 235 v. 10. Mai, 3). Der Anteil der Tiefkühlkost am Konservierungsmarkt betrug 1940 etwa ein Sechstel bis ein Fünftel (Control over Occupied Territories improves economic Position of the Reich, Chemical & Metallurgical Engineering 47, 1940, 500-502, hier 501). Bis 1943 stieg der Anteil an der konservierten Rohware allerdings auf mehr als ein Drittel (Wo bleibt das Gemüse?, Der Oberschlesische Wanderer 1943, Nr. 181 v. 4. Juli, 6).

Plandaten im lockenden Schaubild (Stuttgarter NS-Kurier 1940, Nr. 308 v. 7. November, 8)

Drittens: Für eine solide quantitative Bewertung der Gefrierindustrie fehlen die verlässlichen Quellen. Die britischen und einheimischen Schätzungen belegen allerdings eine kontinuierliche Produktion, die noch 1944 bei knapp einem halben Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung gelegen haben dürfte.

Nach technischer Erprobung 1937/38 wurde 1939 auf niedrigem Niveau mit der Pro­duktion von Tiefkühlkost begonnen. 1940 dürften ca. 22.000 Tonnen Gefriergüter produziert worden sein, davon 14.000 Tonnen Obst und Gemüse, sowie 7.000-8.000 Tonnen Fisch (Mosolff (Hg.), 1940, Aufbau, 17). Parallel wurden auch 25.000 Tonnen genannt (Gartenbauwirtschaft 57, 1940, Nr. 40, 4). Damals waren etwa 100 Tiefgefrierappa­rate im Einsatz, von denen 74 in 27 Dosenkonservenfabriken aufge­stellt wurden (Etwas über die deutschen „feingefrorenen“ Nahrungsmittel, Braun­schweigi­sche Konserven-Zeitung 1942, Nr. 29/30, 7-8, hier 8). Ihre Kapazität betrug täglich 200 bis 800 Tonnen (Gefrorene Nahrungsmittel, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 380 v. 28. Juli, 4). Die Zielmargen für 1942 lagen bei 120-150.000 Tonnen (Die Gefrierkonserve im Vormarsch, Gartenbauwirtschaft 57, 1940, Nr. 40, 4). 1943 sollten mehr als 200.000 Tonnen aus (Ebd., 8).

Die Zahl der Gefriertruhen, ein zentraler Indikator für den Zivilverkauf, soll zu Beginn der Kampagne 1940/1941 etwa 1.000 betragen haben, im Frühling 1942 ca. 2.500, Ende 1942 ca. 6.000 und zu Beginn des Verkaufs 1943 etwa 8.000 (Gelenkter Ausbau der Gefrierkonserven-Industrie, Stuttgarter Neues Tagblatt 1940, Nr. 211 v. 3. August, 7; Packenius, 1941; Neue Formen der Gemüseverwertung, Kölnische Zeitung 1942, Nr. 145 v. 20. März, 3; Wo bleibt das Gemüse?, 1943). Dies spricht für einen rasch steigenden Verkauf von Tiefkühlkost an die Zivilbevölkerung, basierend vor allem auf den nicht quantifizierbaren Importen aus dem europäischen Ausland.

Produktion von Obst- und Gemüsegefrierkonserven im Deutschen Reich 1941 bis 1944 und in der Bundesrepublik Deutschland 1948 bis 1964 (Tiefkühlgemüse und -obst in Deutschland, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 50, 1965, 341-344, hier 344)

Spätere Schätzungen der Dosenkonservenindustrie geben eine Gefrierkonservenproduktion von 1941/42 9.000, 1942/43 15.400 und 1943/44 11.500 Tonnen Obst und Gemüses an. Diese Daten berücksichtigen die wahrscheinlich deutlich höher liegende Produktion im europäischen Ausland nicht. Hinzu käme Gefrierfisch in unbekannte Menge. Dagegen stehen die eingangs schon zitierten Schätzungen der britischen Analysten, die unmittelbar nach Kriegsende von einer Produktion von 40.000 bis 45.000 Tonnen für 1944 ausgingen (Mangan et al., 1945, 45). Da ihr Blick auf die Gefrierkonzerne gerichtet war, sie also auch die Auslandsproduktion berücksichtigen, dürften die Produktionsmengen zumindest in den zwei vorherigen Kampagnen nicht unerheblich höher gelegen haben.

Fasst man zusammen, so lassen sich die Größenordnungen der Gefrierindustrie im Deutschen Reich in groben Zügen nachzeichnen. Einer raschen Wachstumsphase mit Ausbau entsprechender Kapazitäten folgte ein weiteres moderateres Wachstum, das vor allem auf der europäischen Expansion der Gefrierkonzerne gründete. Die Wehrmacht mochte bevorzugt beliefert worden sein, doch der Aufbau der Gefriertruhenkapazitäten lässt eine überproportionale Belieferung des Zivilsektors nicht unwahrscheinlich erscheinen. Bezogen auf die Gesamtversorgung mit Obst und Gemüse blieb die Tiefkühlkost jedoch von quantitativ zweitrangiger Bedeutung. Die vorhandenen Strukturen waren aber mindestens so solide wie Anfang der 1960er Jahre, als sich Tiefkühlkost in West- und Ostdeutschland zu einem unverzichtbaren Marktsegment entwickelte.

Rationierungspraxis und Konsumentenkritik

Bisher wurden Einschätzungen und Reaktionen der Konsumenten nur indirekt eingefangen. Das veränderte sich ansatzweise durch die Integration der Gefrierkonserven in die Rationierung. Dadurch wurden ihnen einerseits klare Vorgaben für ihre Warenbeschaffung gegeben. Anderseits aber waren sie seither auch Gegenstand der Überwachung durch den Sicherheitsdienst der SS, für den die Lebensmittelversorgung seit Beginn der Rationierung ein möglicher Hort des Aufruhrs und des Protestes war.

Die markenfreie Versorgung mit Gefrierwaren war Folge der begrenzten gefriertechnischen Absatzstrukturen. Kühlhäuser und Gefriertruhen ließen sich nur in Großstädten und industriellen Agglomerationen kostendeckend nutzen. Auch wenn sich die Versorgung offiziell auf Orte konzentrierte, die „überwiegend keine Verbindung mit dem Lande haben und mit unbewirtschafteten Lebensmitteln weniger gut versorgt sind als kleinere Städte und das flache Land“ (Erlaß. Betrifft: Verteilung von Gemüse und Obstkonserven v. 28. Oktober 1940, Deutscher Reichsanzeiger 1940, Nr. 286 v. 5. Dezember, 2-3, hier 2), so kennzeichnet der zeitgenössische Begriff „Truhenstadt“ die Auswahlkriterien doch präziser. Die rasch wachsende Zahl der Gefriertruhen und der Verkaufsdruck für die im europäischen Ausland erzeugten und bezahlten Gefrierwaren führten 1943 dann zur Bewirtschaftung. Für die Industrie bedeutete das höhere Planbarkeit und sicheren Absatz, zumal sich angesichts der zurückgefahrenen Ausbaupläne an der Zahl der belieferten Städte nur noch wenig änderte.

1943 konnten die zuständigen Ernährungsämter tiefgefrorenes Obst und Gemüse ab Februar ausgeben, sollten das Angebot aber nicht vor Mitte Mai einstellen: „Die Ausgabe der Gefrierkonserven kann mit Rücksicht auf das Fassungsvermögen der Kühltruhen und die ständig fließende Nachlieferung von Gefrierkonserven an die Geschäfte nur allmählich erfolgen; die Verbraucher sind beim Aufruf hieraus ausdrücklich aufmerksam zu machen“ (Verkündungsblatt des Reichsnährstandes 1942, 519). „Aufruf“ bedeutete, dass Ware verfügbar war. Konsumenten waren an bestimmte Einzelhändler gebunden, mussten vorsprechen, der Kauf wurde dann durch einen Stempel im Haushaltsausweis bestätigt, teils gab es auch gesonderte Bezugsscheine (Sortierung der Laufkunden, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 211 v. 25. April, 3). Es gab keinen Anspruch auf bestimmte Sorten, selbst die Wahl zwischen Obst und Gemüse konnte der Einzelhändler selbst treffen. Das eine Kilogramm Gefrierkonserven gab es nur auf Voranmeldung, fehlte diese, so erhielt man Dosenkonserven, die aufgrund der unzureichenden Schwarzblechdosen oder anderer Ersatzmaterialen aber vielfach deutliche Qualitätsmängel aufwiesen. Dosenware dominierte, etwa ein Fünftel dieser Konserven wurde als Gefrierware ausgegeben, in Städten mit vielen Gefriertruhen konnten es aber auch fast die Hälfte sein (Gefrierkonserven gleichberechtigt, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 112 v. 2. März, 2. Morgenbl., 3). Der um 20 bis 25 Prozent höhere Preis der Tiefkühlkost wirkte regulierend, andernfalls entschieden Voranmeldungen und Einzelhändler. Generell war das in geringerer Menge ausgegebene gefrorene Obst deutlich begehrter als Gefriergemüse (Tiefkühlkonserven, Tages-Post [Linz] 1943, Nr. 88 v. 14. April, 6).

Der Konsument als Bittsteller: Karikatur auf das hierarchische Verhältnis von Käufer und Verkäufer (Illustrierter Beobachter 1943, Nr. 27, 12)

Das Rationierungssystem klärte zwar Zuständigkeiten, doch im Falle eines Falles wurde vor Ort verhandelt, wurden Beziehungen genutzt, war der Umgangston harsch. Das Recht auf Nahrung, auf gute Ware wurde strikt verteidigt. Das betraf insbesondere eine an sich hochwertige Ware wie Tiefkühlkost: „In Meldungen zur Ernährungslage und Lebensmittelversorgung werden immer wieder Klagen der Verbraucher über die Qualität der Gemüsekonserven und das Trockengemüse wiedergegeben. […] Die Hausfrauen seien entsetzt darüber, dass ihnen für teures Geld eine derart schlechte Ware angeboten werde“ (Meldungen aus dem Reich 1943, Nr. 379 v. 29. April, 24, Bundesarchiv R 58 182-0350, 350). Der Sicherheitsdienst der SS hatte ähnliches schon Ende März 1943 aus Hamburg gemeldet. Dort waren die Hausfrauen verstimmt. Einerseits waren die Preise hoch, tendenziell zu hoch, anderseits erhielten sie statt erstklassiger Ware faktisch Überraschungspakete. Nicht die aus Bildreportagen bekannten feinen Erbsen oder Karotten gab es, sondern ordinären Kohlrabi, Möhren und gar Zwiebeln. Das Wurzelgemüse gab es bereits frisch für ein Zehntel des Preises. Die Hausfrauen stellten Logik und Expertise der Gefrierexperten beredt in Frage, denn frische Zwiebeln seien doch wohl gesünder als die Gefrierkonserven. Die Anbieter schienen offenbar alles verfügbare Gemüse in die Froster gepackt, keine Rücksicht auf das eigene Markenimage genommen zu haben. Auch beim Vorputzen gäbe es beträchtliche Mängel, Bohnen seien etwa mit den Fäden eingefroren worden. Und wie diese ziehen, da man sie doch frostkalt ins kochende Wasser werfen solle? Es seien daher „Maßnahmen erforderlich seien, die es der Industrie im neuen Erntejahr unmöglich machen, Gemüse in großen Mengen frei zu kaufen“. Die Tiefkühlindustrie solle sich allein „auf die Verarbeitung von hochwertigem und nicht langerfähigem Gemüse beschränken“ (Ebd. 1943, Nr. 371 v. 29. März, 25, Bundesarchiv R 58 10695, 151). Ähnlich berechtigter Zorn wurde auch aus dem Ruhrgebiet berichtet. Auch dort habe man Gefriergemüse parallel zu dem deutlich billigeren Frischgemüse ausgegeben. Nun verkaufe es sich schlecht, laufe gar in Gefahr zu verderben. In Hagen mussten Lieferfahrzeuge gar unausgeladen zum Kühlhaus zurückfahren. Das entspräche nicht der nötigen Sparsamkeit im „totalen Krieg“. Und es sei schon paradox, dass sich Gefriergutproduzenten nicht an die saisonbedingten Verhältnisse anpassen könnten (Meldungen aus dem Reich 1943, Nr. 379 v. 29. April, 25, Bundesarchiv R 58 182-0350, 351). Die Berichte verdeutlichen, dass Hausfrauen die Versprechen der Anbieter ernst nahmen, dass sie eine hochwertige Ware zeitig erhalten wollten, dass sie aber dann grollten, ja grollen mussten, wenn die Versprechungen nicht gehalten wurden.

1944 gab es ähnliche Problemlagen, vor allem aber zu wenige und dann vielfach zu späte Lieferungen. Die Logistik der Produzenten war teils unausgereift, teils wurde die Ware nicht regelmäßig ergänzt, da half auch hochwertiger Inhalt wenig (Ausgabe von tiefgefrorenem Gemüse, Siegener Zeitung 1944, Nr. 110 v. 12. Mai, 3). Besondere Probleme hatten Laufkunden, denen ihr Recht auf Einkauf abseits des eigenen Stammgeschäftes wenig half. Da kein Rechtsanspruch auf Ware bestand, hieß es häufig: „Wir bitten daher die Verbraucher, Geduld zu haben“ (Zur Ausgabe von tiefgekühltem Obst und Gemüse, Oberdonau-Zeitung 1944, Nr. 144 v. 26. Mai, 4). Geduld aber war im Umfeld zunehmend karger, kaum ausreichender Rationen ein noch knapperes Gut als Tiefkühlkost.

Zwischen Luxuskost und Volksnahrungsmittel: Hohe Preise als selbstgeschürtes Problem

1939 hatte der Schriftsteller Bruno Frank (1887-1945), der als Jude und Republikaner das Deutsche Reich nach dem Reichstagsbrand hatten verlasse müssen, eine kleine antinationalsozialistische Kampfschrift namens „Lüge als Staatsprinzip“ geschrieben (Bruno Frank, Lüge als Staatsprinzip, hg. v. Peter Graf und Tobias Roth, Berlin 2024). Lüge sei Grundprinzip des NS-Regimes, aller seiner Repräsentanten, des von ihnen beherrschten Staates. Die Philippika wurde seinerzeit nicht veröffentlicht, wäre bei der Mehrzahl der Deutschen auch nicht auf großen Widerhall gestoßen. „Wahrheit“ und „Ehrlichkeit“ galten offiziell als Tugenden des Regimes, die Glaubwürdigkeit von Vorhersagen, Zielsetzungen und Verheißungen wurden in der gelenkten Presse immer wieder betont. Selbstverständlich handelte es sich um begriffliche Instrumente der Herrschaftssicherung – doch viele Aussagen fanden Glauben, galten nicht von vornherein als Lügen.

Ideal Volksnahrungsmittel (Westfälische Neueste Nachrichten 1940, Nr. 30 v. 5. Februar, 5)

Gefrierkonserven wurden von Anfang an als „Volksnahrungsmittel“ propagiert, einem seit Mitte des 19. Jahrhunderts gern gewählten Begriff, um Popularität und Massentauglichkeit neuer Lebensmittel zu bezeichnen, um aber auch neuen Angeboten einen Weg in den Massenmarkt zu bahnen. 1940 stand dieser Begriff zudem in einer Kette mit vielfältigen „Volksprodukten“, dem Volksempfänger, der Volksgasmaske, dem Volkswagen und dem schon erwähnten Volkskühlschrank. Ihnen gemein war ein günstiger, vom Durchschnittsbürger grundsätzlich bezahlbarer Preis. Und so war die Einführung der Tiefkühlkost von einem vielstimmigen Chor begleitet: „Gefrierware soll kein Luxusartikel sein, sondern ist für die Versorgung der breiten Masse der Bevölkerung bestimmt“ (Gefriererzeugnisse 1941, Meinerzhagener Zeitung 1941, Nr. 142 v. 20. Juni, 4). Das traf jedoch offenkundig nicht zu, zumindest war sie 20 bis 25 Prozent teurer als Dosenware, die ihrerseits mehr kostete als frische, dann allerdings noch zu bearbeitende Angebote.

Grund dafür war offiziell die hohe Qualität, waren gewiss auch die hohen Anlage- und Kapitalkosten, zudem der noch geringe Absatz. Doch man versprach sinkende Preise, angelehnt an gängige Dosenware. Erreicht werden könne dies durch die „zweckmäßige Sortenwahl der Rohware sowie die Vereinfachung und Verbilligung des Produktionsganges und des Weges zum Verbraucher“ (Gefrierkonserve als Volksnahrungsmittel, Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 80 v. 21. März, 6). Dafür gab es breite Unterstützung, denn Tiefkühlkost sollte in einer gerechten und sozialen Volksgemeinschaft eben nicht „nur eine Angelegenheit der Feinschmecker mit großem Geldbeutel“ sein, sondern Speise für jeden Volksgenossen. Anfangs wurden die hohen Preise noch gerechtfertigt, seien diese doch typisch für Innovationen. Doch schon am Ende der zweiten Saison hieß es fordernd klar: „Als Mangel empfindet man zurzeit mit Recht den hohen Preis“. Volksnahrungsmittel, das bedeute Gefriertruhen in jedem Geschäft, also in Laufweite, um „küchenfertige, naturfrische Gefriererzeugnisse aller Art preiswert kaufen“ zu können (beides n. Das Geheimnis der Schnellkühlung, Hamburger Anzeiger 1941, Nr. 161 v. 12. Juli, 5).

1942 nahm die Unzufriedenheit über die weiterhin hohen Preise zu, denn schließlich waren Preise damals staatlich veränderbar. Doch just während der europäischen Expansion hätten Preissenkungen diese wohl deutlich verlangsamt. Offiziell begründete man hohe Preise daher mit dem nur geringen Inlandsangebot und steigenden Importpreisen. Ferner wies man darauf hin, dass in einem Kilogramm geputzter Gefrierkonserve faktisch ja mehr Inhalt als ausgewiesen enthalte. Auch Dosenware weise hohe Wasser- und Brüheanteile auf, habe daher nur 500 bis 650 Gramm wirkliches Füllgewicht (Ausgabe von Gefrierkonserven [11.4.1942], 1943). Das war nicht falsch, verschleierte aber den Sachverhalt von Preisen, die für einen Luxusartikel recht niedrig, für ein Volksnahrungsmittel aber zu hoch lagen. Kamen dann noch Qualitätsprobleme hinzu, war der 1943 offiziell eingefangene Zorn der Hausfrauen vorhersehbar.

„Feinfrost“, „Kühlkost blieben zu teuer, hatten Erwartungen geschürt, die sie letztlich nicht hielten, wohl auch nicht halten konnten. Die britischen Analysen brachten dieses Dilemma auf den Punkt: „In the cause of civilians, frozen foods were reported to be definitely a luxury item because of their high price and thus were generally available those who could afford them“ (Mangan et al., 1945, 46). Und in der US-Fachpresse resümierte man ein Jahr später mit breiterem Blick: „Prices of frozen Foods were from 20 to 25 percent higher than canned foods, although the quality was not always superior. The young industry was having difficulties in the choice of raw materials, in freezing technic, and in packaging. Undesirable flavors were produced in strawberries and stone fruits, and in asparagus, tomatoes, salsify and celery” (Frozen Foods, 1946, 183). Das implizite Versprechen geringerer Preise hatte die Industrie offenkundig gebrochen. Das führte noch nicht zum Vorwurf der Lüge, erodierte aber doch die Glaubwürdigkeit der Industrie, auch des NS-Regimes. Ähnliches galt für die Qualität der Tiefkühlkost.

Die Realität der Gefrierware: Qualitätsfragen und Qualitätsprobleme

Qualitätsführerschaft war das Ziel der Gefrierindustrie, ein Ideal, basierend auf Kenntnissen von der Zersetzung der Lebensmittel, von den Erfahrungen in zahlreichen Testreihen. Die Markteinführung der Tiefkühlkost war ein vielfach ernüchternder Lernprozess, denn die Realität der Gefrierware entsprach vielfach nicht den Deduktionen der Experten: Nur ein knappes Viertel der Produkte war erstklassig, ansonsten gab es vielfältige Wertminderungen, insbesondere Geschmackseinbu­ßen (Müller, Ref. v. Heiß, Ergebnis, 1941, Die Ernährung 7, 1942, 236-237). Für Ingenieure und Hygieniker war dies Folge des raschen Aufbaus und der noch nicht optimierten Technik. Die Arbeitsbedingungen just in den Vertragsbetrieben entsprachen vielfach nicht den hehren Bildern des DAF-Amtes „Arbeit und Schönheit“. Es fehlte an Waschgelegenheiten und Toiletten, vielfach auch an einfachen Hilfsmitteln für das Putzen und Sortieren der Gefriergüter. Das sollte sich durch den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen nicht verbessern.

Fehlende Normierung und begrenzte Produktionsstätten: Erbsensortierung vor dem Gefrieren (Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 212 v. 2. August, 5)

Doch die von vielen Konsumenten beklagten und auch in der Presse immer wieder zumindest erwähnten Qualitätsprobleme reichten tiefer. Erstens wurden die Fachleute insbesondere bei der Gefrierkonservierung von Obst und Gemüse davon überrascht, dass ihre Annahmen über die Veränderungen des Gefriergutes vielfach trogen: „Schon bei der Sterilisierung von Erbsen und Bohnen zeigt sich, daß durchaus nicht Erbse gleich Erbse, Bohne gleich Bohne ist“ (Die richtige Gefriersorte, Bozener Tagblatt 1944, Nr. 219 v. 29. September, 4). Lieselotte Nicolaisen-Scupin (1898-1979), führende Qualitätsforscherin, stellte verwundert und zugleich fasziniert fest, dass die Unterschiede „[e]rheblich krasser“ als bei Dosenkonserven ausfielen: „Nicht allein Farbe und Konsistenz, sondern vor allem auch der Geschmack ist bei der Sortenbewertung erheblich größeren Schwankungen unterworfen“ (L[ieselotte] Scupin, Hochwertiges Gefriergemüse, Gartenbauwirtschaft 61, 1944, Nr. 32, 1-2, hier 1). Die Europäisierung, das Wildern in fremden Gärten, potenzierte die Schwierigkeiten, einheitliche Waren herzustellen. Gefrierkost war daher in der Tat weitab von der an sich angestrebten Standardisierung, Grundlage jeden Massenkonsums. Die Technik mochte funktionieren, doch wusste man zu wenig über die Biologie und Physiologie der Rohware – und das schloss die Lagerhaltung mit ein. Für die Konsumenten war ernüchternd, „daß in manchen Fällen die Dosenkonserve oder die Trockenkonserve vorzuziehen ist“ (Fortschritte in der Herstellung von Gefrierkonserven, Wurzener Tageblatt 1941, Nr. 156 v. 8. Juli, 6).

Solches Wissen führte zu den üblichen Appellen an die Gartenbauwirtschaft, doch nur bestimmte Sorten anzupflanzen. Die Sortenregister müssten überprüft, „Gefriersorten“ definiert und dann Saatgut gezüchtet werden. Ein von der Dosenkonservenindustrie schon vor dem Ersten Weltkrieg eingeführter Vertragsanbau mit normiertem Saatgut und klaren Qualitätsstandards wurde zwar seit 1942 üblich, ließ sich aber aufgrund der Kriegssituation nicht vollends durchsetzen (Ausgabe von Gefrierkonserven, Hamburger Tageblatt 1942, Nr. 63 v. 5. März, 6). Zudem intensivierte man die Quali­tätsforschung, entwickelte und erprobte Klassifikationssysteme zur Objektivierung von Geruch und Ge­schmack, ohne damit aber noch große Effekte zu erzielen (R[udolph] Plank, Fortschritte in der Herstellung von Gefrierkonserven, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 51, 1944, 15-16, hier 16; ders., Ein Bewertungsschema für die Quali­tätsprüfung von Obst und Gemüse, ebd., 65-66). Für die Übergangszeit wurden verschiedene Qualitätsklassen empfohlen, da das Versprechen allgemeiner Hochwertigkeit nicht gehalten werden konnte. Das unterblieb, galt angesichts der Qualitätspropaganda auch ein Offenbarungseid.

Einfache Selektion: Qualitätskontrollen in der Propaganda (Mosolff (Hg.), 1941, Tiefkühl ABC, 16)

Zweitens minderten absehbare Probleme in der Kühlkette die Qualität des Gefriergutes. Gerade die Lagerkapazitäten blieben unzureichend, begrenzten also das Wachstum der Branche. Die Tiefkühlhäuser, „die großen Konservenbüchsen der Er­nährungswirtschaft“ (Hans Mosolff, Vorratswirtschaft durch Kälte, Die Deutsche Volkswirtschaft 8, 1939, 84-86, hier 86), erforderten Temperaturen von mindestens -15 bis -25° C. Die Vierjahresplanadministration steigerte zwar die Kühlraumfläche beträchtlich, die Kapazitäten der Plattenfroster konnten aber dennoch nicht voll ausgelastet werden. Mehr hochwertige Rohware hätte diese Probleme nicht beseitigt. Hinzu traten Wissensdefizite. Seit 1936 intensivierte Kühllagerungsversuche bezogen sich anfangs noch nicht auf Gefrierkonserven, sondern eher auf lediglich zu kühlende Massengüter wie Kartoffeln oder Kohl (F[riedrich] Kiermeier und G[ottfried] Krumbholz, Lagerungsversuche mit Kartoffeln mit beson­derer Berücksichtigung der Kaltlagerung, Vorratspflege und Lebensmittelforschung 5, 1942, 1-20). Gefriergut veränderte sich nicht allein bei der Produktion selbst, sondern just danach, selbst bei optimalen Bedingungen. Auch dies war sortenabhängig (G[ottfried] Krumbholz, Ergebnisse und Aufgaben der Forschung auf dem Gebiet der Kaltlage­rung von Kern- und Steinobst, ebd. 4, 1941, 209-218, hier 209).

Einwirkung von Lagertemperatur auf die Beschaffenheit von Tomaten (L[ieselotte] Scupin, Ein Beitrag zur Frage der Tomatenlagerung, Vorratspflege und Lebensmittel­for­schung 4, 1941, 531-540, hier vor 533)

Hinzu kamen vielfältige kleinteilige Probleme bei der Verpackung, dem Transport und der Verteilung der Gefrierwaren (Erich Borkenhagen, Die Gefrierkonserve in der Kriegsernährungswirtschaft, Deutsche Agrarpolitik NF 1, 1942/43, 253-254; Gefrierkonserven gleichberechtigt, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 112 v. 2. März, 2. Morgenbl., 3). Diese waren bekannt, wurden aber (auch kriegsbedingt) nicht angegangen: „There is evidence that an effort was made by the industry to maintain the quality of frozen foods at a high level but in the last years of the war and in the summer of 1945 little attention was paid to quality and greatest emphasis was placed on the conservation of any raw material as long as it was edible” (Mangan et al., 1945, 70).

Die Gefrierindustrie wurde rasch aufgebaut, der Glaube an Technik und rasche Erfolge ebnete ihr den Weg. Doch die heterogene Qualität des Gefriergutes unterstrich, dass man die Vorteile des Nachfolgers nicht wirklich genutzt hat. Die vielgestaltigen Erfahrungen in den USA wurden großenteils ignoriert, da man wohl meinte, es aus eigener Kraft besser machen zu können. Die Probleme im Markt überließ man Praktikern, war zugleich überrascht, dass ihr emsiges Bemühen von berechtigten Klagen der Konsumenten begleitet war. Die deutsche Gefrierindustrie produzierte durchaus Spitzenqualität, doch dem einzelnen Käufer konnte sie diese nicht garantieren. Das erodierte Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Festzuhalten ist aber auch, dass die Tiefkühlkost zwar vielfältiger Kritik ausgesetzt war, dass diese aber nicht grundsätzlich war. Es ging um konkrete Probleme, die zwar ärgerlich, aber überwindbar waren. Die Werbung für Tiefkühlkost hatte auf allen drei Ebenen Erwartungen geschürt, hinter die man nicht nur schwer zurückfallen konnte, sondern auch nicht wollte. Gefrierkost war während der NS-Zeit als Traum von einer besseren, wohlverdienten Spitzennahrung fest verankert worden, so fest, dass Konsumenten und Wissenschaftler gleichermaßen einforderten, was die Gefrierindustrie in der zweiten Kriegshälfte offenbar nicht mehr ausreichend liefern konnte. Das war in der folgenden Übergangszeit eine schwere Hypothek.

Hin zur zweiten Wellte

Es dürfte deutlich geworden sein, dass Tiefkühlkost im Deutschen Reich von 1940 bis 1944 eine relevante Rolle just im Zivilsektor gespielt hat. Das eiserne Dreieck von NS-Staat, Wirtschaft und Wissenschaft etablierte seit 1938 eine Gefrierindustrie, teils auf Basis amerikanischer Patente, teils mittels eigener Technik. Sie war in der Lage, Ansätze zu einer europäischen Großraumwirtschaft zu legen, naturale Rohstoffe besetzter und verbündeter Staaten zu verarbeiten, den deutschen Markt mit nicht unbeträchtlichen Mengen relativ hochwertiger Gefrierwaren zu versorgen. Vor Beginn des Kriegs dominierten die Interessen der Wehrmacht, doch nach den ersten Waffenerfolgen trat der Zivilmarkt immer stärker hervor. Das galt insbesondere für die Obst- und Gemüseversorgung. Tiefkühlkost war werblich und propagandistisch hervorragend nutzbar, verkörperte die vermeintlich überlegene deutsche Wissenschaft und Technik, das sorgende NS-Regime, bot einen Abglanz der noch zu erkämpfenden und zu sichernden nationalsozialistischen Konsumgesellschaft. Bei der Einführung 1940/41 gab es öffentlich breit kommunizierte Versprechungen, ja Verheißungen, die sich als großenteils nicht haltbar erwiesen. Die Preise blieben relativ hoch, die Qualität ließ teils zu wünschen übrig, die Kühlkette wies Lücken und Engpässe auf, der Ausbau blieb hinter den anfangs genannten Größenordnungen deutlich zurück. Doch es gelang Industrie und Handel, Tiefkühlkost abseits der gar nicht so dominanten, während des Krieges vielfach zurücktretenden Wehrmachtslieferungen als Alltagsware in Großstädten und Industriezentren zu etablieren. Die Implementierung von etwa 8.000 Verkaufstruhen während des Krieges unterstrich nicht nur die Bereitschaft, sondern auch die Fähigkeit, Gefrierkost einer wachsenden, möglichst umfassenden Zahl von Konsumenten zu liefern. Der Ausbau der Gefrierwirtschaft stagnierte spätestens seit 1943, lief jedoch auf einem bemerkenswert hohen Niveau weiter. Das war ein entwicklungsfähiges Plateau, das einen raschen Ausbau der Branche nach dem Ende der Besatzungsherrschaft grundsätzlich ermöglicht hätte.

Ausverkauf preisreduzierter Solo-Feinfrost-Produkte im bundesdeutschen Markt (Badische Neueste Nachrichten 1949, Nr. 74 v. 16. April, 11)

Es kam anders, doch dies war ein selbstgewählter Bruch, der Ende der 1950er Jahre korrigiert wurde. Die unmittelbare Kontinuität nach einer Wachstumsdelle von einem Jahrzehnt ist nicht Gegenstand dieses Beitrages. Die Industrie war nach dem Krieg im Wesentlichen intakt, produzierte weiter, belieferte die in die Fußstapfen der Wehrmacht tretenden Besatzungstruppen, seltener auch die Zivilbevölkerung. 1948/49 wurden in Westdeutschland etwa 12.000 Tonnen Gefrierobst und -gemüse produziert. Trotz Wegfalls der mittel- und ostdeutschen Produktionsstätten, überschaubaren, kaum ersetzten Verlusten durch die Kriegshandlungen und begrenzte Demontagen, trotz des Wegfalls der Erträge der Vertragsproduktion in ganz Europa. Die Funktionseliten der Gefrierindustrie trauerten ob dieser Verluste, eine verdeckende Weinerlichkeit, die für große Teil der deutschen Nachkriegsgesellschaft(en) galt. Nicht nur war der Kapitalstock im besiegten Deutschen Reich trotz aller Zerstörungen 1945 höher als 1939. Gerade auch die Gefrierindustrie verfügte über ein zuvor unbekanntes Anlagenvermögen, vielgestaltige Expertise und relativ neue Technik, die unmittelbar hätte genutzt werden können, wäre man denn so wagemutig gewesen wie 1938 bis 1942 unter den Rahmenbedingungen des fordernden und bereitwillig unterstützenden NS-Systems (Bate-Smith, E.O. et al., Food Preservation, with Special Reference to the Applications of Refrigeration, London 1947 (BIOS, Final Report 275), 4-19 (Forschung), 20-49 (Technik und Produkte).

Werbung für tiefgekühlte „Feinfrost“-Gerichte in der DDR (Berliner Zeitung 1957, Nr. 279 v. 29. November, 4)

Während in der DDR der Wiederaufbau der Investitionsgüterindustrien die Mittel aufzehrte, waren es in der Bundesrepublik die massiven Importe von Dosenkonserven, die nicht nur der verbliebenen Dosenkonservenindustrie massiv zusetzten, sondern die Chancen für hochpreisige Tiefkühlkost verringerten. 1949/50 senkten die großenteils noch bestehenden, teils unter neuem Namen weiter produzierenden Unternehmen massiv die Preise, leerten ihre Lager, obwohl man zuvor die Sortimente nochmals erweitert hatte. Stattdessen lockte man mit Preisen „von 1944“ (Wieder „Solo-Feinfrost“, Berliner Zeitung 1950, Nr., 256 v. 3. November, 6). Die Gefrierindustrie versetzte sich in eine kurzen Kälteschlaf, produzierte auf deutlich niedrigerem Niveau vorrangig hochwertige Produkte für sichere Abnehmer. Es wäre irreführend, hieraus den Schluss zu ziehen, dass die Ende der 1950er Jahre einsetzende zweite Welle des Ausbaus der Tiefkühlkost etwas anderes war als eine Fortsetzung der während des Nationalsozialismus gelegten Strukturen unter ansprechenderen, nun offenkundig lukrativeren Rahmenbedingungen.

Uwe Spiekermann, 13. Juni 2026

Walfang, Waltran und weitere Walprodukte in den 1930er Jahren. Eine Erinnerung

Der Buckelwal „Timmy“ zieht gegenwärtig Medien und Millionen in seinen Bann. Die mögliche Rettung eines ob seiner Größe majestätischen Tieres gilt als Ausdruck „uns“ verbindenden Mitgefühls, eines respektvollen Umgangs mit der Natur. Vor einem knappen Jahrhundert hätte sich die Mehrzahl der Deutschen über solches Gebaren lediglich gewundert. Nach dem verlorenen Weltkrieg erlaubten neue Ölraffinerien die zunehmend geschmacksneutrale Verarbeitung importierten Waltrans. Und als Folge erst wirtschaftlicher, dann politischer und militärischer Debatten trat in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre das nationalsozialistische Deutsche Reich wieder ein in die kleine Gruppe der Walfangnationen. Waltran stand im Mittelpunkt der wissenschaftlich und technisch optimierten Jagd in der Antarktis, durch die „Timmys“ Vorfahren effizient geortet, erlegt und fast vollständig verwertet wurden.

Walharpune mit Widerhaken und Sprenggranate (Albert Weber, Die Jagd auf Wale, in: Nicolaus Peters (Hg.), Der neue deutsche Walfang, Hamburg 1938, 144)

Die „Fettlücke“ als wirtschaftliches und politisches Problem der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Dies sollte helfen, die hierzulande vielbeschworene „Fettlücke“ zu schließen, also die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichende fehlende Selbstversorgung mit preiswerten Fetten durch die heimische Milch- und Schlachtwirtschaft. Dies war Folge der nach der Jahrhundertwende zunehmend möglichen Verarbeitung importierter und „gehärteter“ Ölsaaten zu preiswerter Margarine. Anfangs ging es um Baumwollsamen-, Erdnuss- und Sesamöl, dann auch Kokos- und Palmöl. Hinzu trat schon vor dem ersten Weltkrieg Sojaöl, schließlich auch der technisch nochmals schwerer zu bearbeitende, zudem „kratzig“ schmeckende Waltran. Die vorwiegend in der Hand niederländischer und britischer Unternehmen liegenden Importe erforderten allerdings beträchtliche Devisenzahlungen. Während des Kaiserreichs war dies ökonomisch unproblematisch, erwirtschaftete die florierende Exportwirtschaft doch genügend Mittel, zumal dank der billig eingeführten Nahrungs-, Futter- und Düngemittel auch die Löhne niedrig gehalten werden konnten. Während der Weimarer Republik wurde dies aufgrund weltweit höherer Zölle und auch hoher, der Niederlage folgenden Reparationszahlungen schwieriger. Und während der mit weiteren Zollerhöhungen verbundenen Weltwirtschaftskrise waren Fettimporte aufgrund schwindender Massenkaufkraft zwar geboten, standen aber in immer größerer Spannung zu politischen Bestrebungen, die deutsche Wirtschaft von den Fährnissen der Weltwirtschaft möglichst abzukoppeln.

Waltran als unsichtbarer Teil der Margarine: Fettkonsum im Deutschen Reich 1933 (Rheinische Bäcker- und Konditorei-Zeitung 37, 1935, 282)

Mit der Machtzulassung der NSDAP und ihrer konservativen Bündnispartner verschärfte sich dieses Problem, denn die Verwendung von Devisen war nun nicht länger ein vorrangig ökonomisches, sondern immer stärker ein machtpolitisches Problem. Die im massiv geschwundenen Exporthandel erwirtschafteten Devisen sollten weniger für den Konsum als vielmehr für die Grundlagen von „Wehrfreiheit“ und dem Aufbau einer seit 1935 „Wehrmacht“ genannten Militärmaschinerie eingesetzt werden. Um dies zu erreichen, zielten die neuen Machthaber – durchaus in der Tradition vieler ihrer Vorgänger – einerseits auf eine erhöhte inländische Produktion von Milch- und Schlachtfetten sowie heimischen Ölsaaten. Dazu wurde 1933 die „Erzeugungsschlacht“ ausgerufen, galt Selbstversorgung als anzustrebendes Ziel. Die limitierten landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, die aufgrund des wach­senden Militärbedarfs und der wenig effektiven Flurbereini­gung kaum erweitert werden konnten, begrenzten die Produktion von Butter, Schlachtfetten und heimischen Ölsaaten jedoch deutlich. Das scheint alles fern von den Vorfahren unseres Buckelwals „Timmy“ zu liegen. Doch das damalige abstrakte Denken in Devisen, Außenhandels- und Nahrungsbilanzen kreiste zunehmend um vermeintlich unerschlossene Reserven. Wir kommen damit zum Habitat der Wale, zum Meer.

Das Meer als Kolonie

Anfangs ging es weniger um Wale als vielmehr um Seefisch. Seit 1934, spätestens aber seit der Versorgungskrise im Winter 1935/36 gewann das Meer als „Deutschlands gegenwärtig einzige Kolonie“ (K.H. Hoffmann, Deutschlands gegenwärtig einzige Kolonie – das Meer, Zeitschrift für Volkser­näh­rung 14, 1939, 93-95, 187) in den Expertendiskussionen einen rasch wachsenden Platz. Ernährungsfachleuten und Politikern erschien es als unerschöpfliche Quelle von Fett und Eiweiß. Seefi­sche – und dann auch Wale – galten seit lan­gem als „‚Schätze des Meeres’, die geerntet werden können, ohne daß gesät zu wer­den braucht“ ([Walter] Reichert-Facilides, Die Bedeutung des Seefisches für die Volksernährung, Hannover­sche Hausfrau 25, 1927/28, Nr. 10, VI-VII, hier VII). Diese Ernte erforderte allerdings einerseits be­trächtliche Investitio­nen in eine Fangflotte, eine verarbeitende Industrie sowie ein effizientes Lagerungs- und Absatzsystem. Anderseits galt es Vorurteile gegen Fisch (und Walprodukte) bei den Verbrauchern abzuschleifen, die um den vermeintlich ge­ringen Sättigungswert und ihre besonders im Sommer geringe Qualität kreisten.

Der stete Kampf gegen die vermeintlichen Vorurteile gegen Seefisch (Die Glocke. Ausgabe F, 1937, Nr. 108 v. 22. April, Unterhaltungsblatt, 4)

Der Walfang profitierte von dieser Diskussion, den organisatorischen Umgestaltungen der Fischwirtschaft, dem Ausbau der Hochseefischerei (vgl. detaillierter Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018). Ende 1936 sah der für den anvisierten Krieg unverzichtbare Vierjahresplan eine Verdop­pelung der deutschen Fisch­fänge bis 1940 und einen Pro-Kopf-Konsum von zwanzig Kilogramm vor (Hans Mosolff, Steigerung der deutschen Seefischversor­gung und ihre Grundlagen, Die Deutsche Volkswirtschaft 6, 1937, 1051-1056, 1087-1089). Fangflotten und Fischindustrie sollten entspre­chend ausgebaut werden. Obwohl auf Grundlage zahlreicher neuer Fachgeschäfte, von Fischbratküchen, von massiver Werbung und einer vehementen Verbrauchslenkung der Konsum beträchtlich gesteigert werden konnte, blieb das Ergebnis von knapp zwölf Kilogramm hinter den hohen Erwartungen zurück. Der allgemeine Einzelhandel mochte angesichts geringer staatlich festgelegter Handelsspannen die nötigen Investitionen nicht recht tragen. Die Gefriertechnik stand noch in den Kinderschuhen, entsprechend war der Verderb der Frischware hoch, wurden viele Verbraucher durch qualitativ geringwertige Waren in ihrer Reserviertheit gegenüber dem Produkt Fisch bestätigt. Der von 1933 bis 1936 um knapp drei Kilogramm gestiegene Pro-Kopf-Konsum erhöhte sich zwischen 1936 und 1938 trotz breit gefächerter Propaganda nur noch moderat um ein Pfund, auf Filetgewicht be­rechnet stag­nierte er gar. Auch die beträchtlichen Verzehrsunterschiede zwischen küstennahen und küstenfernen Regionen verringerten sich kaum noch. Wie sich Anfang 1939 zeigen sollte, konnte Seefisch auch die damals offen zutage tretenden Versor­gungs­engpässe bei Fleisch und Fettwaren nicht wirklich auffangen (Deutschlands wirtschaftliche Lage in der Jahresmitte 1939, o.O. o.J. (1939) (Ms.), 16). Die parallel teils entwickelten, teils verbesserten Angebote, also Fischklöße, -fri­kadel­len, -pasten, -puddings, -extrakte oder aber -würste boten zwar Abhilfe, ver­deutlichten zugleich aber die Grenzen neuartiger Angebote aus Fischrohwaren. Die negativen Erfahrungen entsprechender Fischprodukte während des Ersten Weltkriegs wirkten noch nach. Da halfen auch neue Gewürzmischungen und Aromen wenig. „Ueber den Geschmack ent­scheidet die Tunke“ (Deutsche Handels-Rundschau 31, 1938, 940) blieb eine Floskel, trotz Umsetzung in der Gemeinschaftsverpflegung. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte die „Kolonie Meer“ jedoch ohnehin nicht mehr unbehelligt genutzt werden, wurden die Fanggründe in der Nordsee und dem Atlantik zum Schlachtfeld zwischen Menschen.

Die wachsende Produktpalette der „unterirdischen Weiden“ (National-Zeitung, 1939, Nr. 36 v. 5. Februar, 5)

Billige Konsummargarine und die Lockkraft des Waltrans

Der nur begrenzte Bedeutungsgewinn von devisenfrei gefangenem Seefisch unterstrich die Schwierigkeiten, bestehende Ernährungsge­wohnheiten von der Angebotsseite her rasch zu ändern. Gegen die in der Alltagskost eingewobene kulturelle Selbstorgani­sation wetterten die Ernährungsfachleute. Sie orientierten sich nicht an der Tradition, sondern an physiologisch und medizinisch optimierten Modellen, hatten zugleich aber die volks- und privatwirtschaftlichen Kosten des importbasierten Fett- und auch Genussmittelkonsum im Blick. Darüber wurde in zunehmend martialischem Ton aufgeklärt, doch die von den Experten vielfach angenommene Allmacht werblicher Kommunikation erwies sich als Chimäre. Fisch blieb für die Mehrzahl ein schwaches, nicht wirklich sättigendes Lebensmittel, vor dem sein Eiweiß-, Vitamin- und Mineralstoffreichtum verblasste. Ernährungsfachleute in Wirtschaft und Wissenschaft zogen daraus eine einfache Lehre: Ernährungsumstellungen bei Grundnah­rungsmitteln waren we­niger erfolgreich als die gleichsam unsichtbaren Veränderungen in der Zusam­mensetzung neuer Produkte. Die Margarine war hierfür ein Paradebeispiel.

Margarine bestand während der 1920er Jahre, der „Ära der gehärteten Öle“ (Die Deutsche Margarineindustrie, Berlin 1930, 52 (Juckenack)), vorwie­gend aus pflanzlichen Fetten. Während die Bedeutung der ehedem dominie­renden tierischen Fette weiter sank, gewann importierter gehärteter Waltran kontinuierlich an Be­deutung: Sein Anteil am Gesamtangebot stieg von 9,8 Prozent 1924 auf 15,9 Prozent 1928 (Ebd., 47). Die daraus herge­stellte Margarine war im Wortsinne härter, schmolz langsa­mer und erforderte intensivere Verdauungsarbeit, doch sie war zugleich preiswerter. Dieser Wandel gründete auf technologi­schen Innovationen, auf neuen Raffinerien, die Fetthärtung ermöglichten und allgemein üblich machten. Waltran diente bis 1900 vorwiegend als Leuchtstoff, während gegen seine Verwendung als Speisefett „große Widerstände“ (Fr. W. Landgraeber, Walfang und Walfettgewinnung einst und jetzt, Braune Wirtschafts-Post 6, 1937, 482-484, hier 482) bestanden. Entsprechende Vorbehalte wurden von den meisten mittleren deut­schen Produzenten unterstützt, denn den neuen Rohstoff verarbeiteten vorrangig multinationale britische und niederländische Unternehmen. Jurgens & Prinz produzierte Margarine aus gehärtetem Waltran seit 1912 in Emmerich, doch das neue Produkt durfte erst ab Juli 1914 im Deutschen Reich angeboten werden, nachdem Untersu­chungen im Reichs­gesundheitsamt seine gesundheitliche Unbedenklichkeit belegt hatten (Die Öl- und Fettlücke, DAF-Rohstoff-Dienst 1939, 977-1045, hier 1008). Aufgrund der Blockade der Entente brachen 1914 die Importe insbesondere aus dem britischen Empire weg, konnten aber durch Angebote aus dem neutralen Norwegen ansatzweise kompensiert werden. Dadurch etablierten sich Handelskontakte zur weltweit führenden Walfangnation, die auch während der 1920er Jahren fortbestanden, als Waltran von immer mehr Firmen als Rohstoff für preiswerte Marga­rine genutzt wurde.

Die lebendige Hülle des Trans: Nach Größe geordnete Walarten (Johannes Paulsen, Neudeutscher Walfang, Langensalza, Berlin und Leipzig 1938, 5)

Waltran blieb dennoch ein umstrittener Rohstoff. Die während der Weltwirtschaftskrise Oberwasser gewinnenden Autarkiebefürworter kritisierten „die Abhängigkeit die­ses Ersatznah­rungsmittels von ausländischen Stoffen“ (Hans Peter Danielcik, Margarineversorgung, in: Ders. (Hg.), Deutschlands Selbstversorgung, München 1932, 179-180, hier 179) sowie die Dominanz des „Margarine-Trusts“ scharf. Die von ausländischem Kapital getragenen niederländischen Marktführer Jurgens & Prinz sowie Van den Bergh hatten sich 1928 zur Margarine-Union zusammengeschlossen, die 1930 dann mit der britischen Lever zu Unile­ver fusionierte (vgl. Ben Wubs, Niederländische Multinationals in Deutschland: Das Beispiel Unilever, 1890-1960, in: Hein A.M. Klemann und Frisco Wielanga (Hg.), Deutschland und die Niederlande, Münster et al. 2009, 173-186) – und dadurch war die Fettverarbeitung politisch nur schwer zu steuern. Das eigentliche Problem lag jedoch im immens gestiegenen Margarinekonsum: Anfang der 1920er Jahre hatte der 1913 auf drei Kilogramm pro Kopf geschätzte Verzehr den der Butter überholt und konnte diesen Vorsprung trotz beträchtlicher Rationalisierungsanstrengungen der Butterproduzenten behaupten. 1932 wurden mit knapp acht Kilogramm pro Kopf ein devisenträchtiger Spitzenwert erreicht. Dies war Folge der vergleichsweise geringen Leistungsfähigkeit und hohen Preise der deutschen Milch- und Fleischwirtschaft. Die insbesondere wäh­rend der Weltwirtschafts­krise immens ansteigenden Waltranimporte waren zudem preisgünstiger als die entsprechenden Importmengen pflanzlicher Öle. Daher konnten weder der seit 1930 gültige Beimi­schungs­zwang für deutsche Fette, noch der sog. Fettplan der neuen Regierung Hitler den Übergang zum Walöl stoppen. Im Gegenteil forcierte gerade der Neue Plan die Importe aus Norwegen, da Clearing-Geschäfte hier, anders als etwa mit den Ölexporteuren in der Mandschurei oder Indien, in größerem Maße möglich waren (O[skar] Schwalling, Die Margarine, Rundschau des Reichsbundes der deutschen Verbrau­cher­genossen­schaften 32, 1935, 648-651, hier 651).

Produkt ohne Information der genutzten Rohstoffe: Margarinewerbung 1934 (Illustrierter Beobachter 9, 1934, 198)

Der Übergang zum Waltran und dann zum Walfang resultierte auch aus dem faktischen Scheitern der NS-Regierung bei der Eindämmung des Margarinekonsums. Ab März 1933 versuchte der deutschnationale Ernährungsminister Alfred Hugenberg einerseits die einheimische Fettproduktion zu steigern, anderseits aber die devisenträchtigen Fettimporte deutlich zu verringern. Verwendungsquoten für deutsche Fette wurden zwar weiter festgeschrieben, der Konsum mittels einer Fettsteuer von fünfzig Pfennig pro Kilogramm erheblich verteuert, eine Reichsstelle für Öle und Fette zur Importkontrolle etabliert und die Margarine- und Speiseölproduktion auf die Hälfe der Menge des letzten Quartals 1932 kontingentiert. Gewisse Erfolge waren spürbar, der Selbstversorgungsgrad von Fett stieg von 1932 44 Prozent über 1933 51 Prozent auf 1934 56 Prozent. Doch das NS-Regime war zu schwach, um die Verdoppelung der Fettpreise gegenüber der ärmeren Bevölkerung beizubehalten. Schon im September 1933 wurde die Hälfte der Margarine als „Haushaltsmargarine“ zu stark subventionierten Preisen auf den Markt gebracht, etwa zwanzig Millionen Deutsche nutzen dies. Bereits zuvor wurde das Margarinekontingent auf 60 Prozent erhöht. Der Fettplan zeitigte Teilerfolge, doch das war wenig in einer schnelllebigen Zeit, in der es galt, Erfolge rasch zu erzielen: Die beträchtlichen Preissteigerungen ließen erstens den Margarinekonsum um 40 Prozent auf 1933 4,8 Kilogramm sinken, reduzierten also die Devisenaufwendungen erheblich, ehe die alten Werte langsam wieder erreicht wurden. Zweitens wurde seitens der Politik ein institutionelles Instrumentarium geschaffen, mit dem man die Fettversorgung auch in den Folgejahren ansatzweise steuern konnte. Nicht länger bestimmte der Unilever-Konzern den Markt, sondern zunehmend der nationalsozialistische Staat. Die Fettversorgung wurde schon lange vor Kriegsbeginn reglementiert, Kundenlisten, Produktionsverbote und Versorgungsengpässe waren seit Ende 1936 üblich. Die Margarinequalität nahm weiter ab, parallel wurde gehärteter Waltran als Rohfett der billigen Konsummargarine üblich. Das akzeptierte auch die Mehrzahl der deutschen Anbieter, sicherte die übergeordnete Reichsnährstandorganisation doch stabile Gewinne. Wer nach den Regeln des NS-Regimes handelte, profitierte wirtschaftlich.

Der Übergang zum deutschen Walfang

1933/34 stand ein eigenständiger deutscher Walfang allerdings noch nicht oben auf der Agenda des Reichs­nährstandes. Es galt schlicht, die Fettversorgung sicherzustellen und die nach Bildung der Wirtschaftlichen Vereinigung der Margarine- und Kunstspeisefettindustrie im Juli 1933 staatlich strikt regulierte Branche zu stabilisieren. Die NS-Agrarpolitik zielte im Einklang mit der „Erzeugungsschlacht“ parallel mittels Anbauprämien und hohen Festpreisen auf einen intensivierten Ölsaatanbau, forcierte zudem die Milchfettproduk­tion: „150 bodenständige Bauernhöfe sind uns wichtiger als ein einziger überflüssig ein­geführter Walfisch“ (Fettwirtschaft, o.O. 1936, 9). Doch nicht nur angesichts des 1934 einsetzenden japani­schen Walfangs, durch den die jahrzehntelange Dominanz Nor­wegens und Großbri­tanniens herausgefordert wurde, trat die „für alle Völker freie Kolonie Antarktis“ (Otto Hugo, Deutscher Walfang, Ruhr und Rhein 17, 1936, 528-530, hier 528) in den Fokus auch deutscher Ernährungspolitik. Die Fischwirt­schaft, namentlich der Deutsche Seefischerei-Verein, unterstützte neuerli­chen deutschen Walfang.

Das frühere Walfangschiff „Deutschland“ während der deutschen Südpolarexpedition 1911 (Das Buch für Alle 46, 1911, 512)

Die Interessenvertreter knüpften dabei nicht nur an die Walfangtradition vieler Hansestädte in der frühen Neuzeit an, son­dern stärker noch an Vorläufer während des späten Kaiserreichs. Die 1903 und 1904 auslaufenden, vom Deutschen Seefischerei-Verein finanziell geförderten Dampfer der Hamburger Walfang- und Fischindustrie AG galten als Traditionsanker, ebenso die 1914 gegründete Deutsch-Südwestafrikanische Walfang AG, deren Schiffe aller­dings nicht mehr zum Einsatz kamen (W[erner] Schnakenbeck, Der Walfang, Stuttgart 1928, 32). Eine Neuaufnahme des Walfangs scheiterte 1927 jedoch an fehlenden Investitionsmitteln der mittelständisch geprägten Branche (Nicolaus Peters, Kurze Geschichte des Walfanges von den ältesten Zeiten bis heute, in: Ders. (Hg.), Der neue deutsche Walfang, Hamburg 1938, 6-23, hier 20). Die Fischindustrie mochte die Werbetrommel rühren, die Inves­titionsmittel kamen in den 1930er Jahren jedoch von der fettverarbeitenden Industrie: Eine Fangflotte mit Mutter- und Fangschiffen erforderte Anlageinvestitionen von ca. zwölf Mio. Reichsmark, hinzu kamen pro Expedition vier bis fünf Mio. Reichsmark für Sachmittel und die über 400 Beschäftig­ten (Wilhelm Schultze, Strukturwandel des Walfanges, Der deutsche Volkswirt 13, 1938/39, 718-722, hier 718). Die Fett- und Seifenindustrie hatte sich anfangs zurück­gehalten, doch spätestens mit dem 1934 wieder anziehenden Welt­marktpreisen bot der Walfang gute Gewinnchancen. Zugleich erlaubte er begrenzte Freiräume innerhalb des regulier­ten deutschen Fettsektors. Angesichts der be­grenzten Erfolge der ersten „Erzeugungsschlacht“ wurde der Walfang nun auch vom Reichsnähr­stand unterstützt: Ab Dezember 1934 musste Margarine nämlich zu mindestens 50 Prozent aus Waltran bestehen. Neben die nun etablierten Clearing-Geschäfte mit Norwegen traten nunmehr eigene Fangflotten, die halfen, die deutsche Devisenbilanz zu ent­lasten.

Walfangmutterschiff „Unitas“ (E[duard] Gramcko, Die Organisation der deutschen Walfangunternehmungen, in: Peters (Hg.), 1938, 54)

1934 wurde aus Fischereikreisen die „Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft“ in Wesermünde gegründet, die im folgenden Jahr vom Düsseldorfer Seifen- und Waschmittelproduzenten Henkel übernommen wurde (Materialreich und politikarm ist Friedrich Bohmert, Der Walfang der Ersten Deutschen Walfang Gesellschaft. Ein Beitrag zur Geschichte des Unternehmens Henkel, Düsseldorf s.a. (1982); Ders., Vom Fang der Wale zum Schutz der Wale. Wie Henkel Wale fing und einen Beitrag zu ihrer Rettung leistete, Düs­seldorf 1982). 1935 folgte der mit der NSDAP eng liierte Margarine- und Ölprodu­zent Walter Rau mit der Walfang AG, ebenso weitere Firmen, bei denen Uni­lever vielfach dominierte (Martin Fiedler, Die Fetthärtung, die Margarine und der Walfang. Ökologische Folgen des Massenkonsums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Michael Prinz (Hg.), Der lange Weg in den Überfluss, Pa­derborn et al. 2003, 465-487, hier 479-481). Deren Investitionen basierten auf den devisenrechtlichen Restriktionen des Deutschen Reichs, die den Gewinntransfer ins Ausland unterbanden.

Private Walfangflotten und ihre Besitzer (Öllücke, 1939, 1011)

Die ersten Flotten fuhren 1936 in die Antarktis aus, in der Saison 1938/39 waren es schließlich sieben. Deutscher Walfang war ein propagan­distisch gefeiertes Ereignis, bei dem der Kampf des Menschen gegen die größten lebenden Tiere und der Kampf um „Rohstofffreiheit“ im Sinnbild eines ewigen Kampfes um das Da­sein verschmolzen. Er war aber auch ökonomisch erfolgreich, sowohl für die meis­ten Einzelfirmen als auch für die deutsche Fettbilanz. 1936/37 wurden 33.000 t Walöl, 1937/38 91.850 t und 1938/39 schließlich 84.170 t angelandet. Das war ein knappes Fünftel der globalen Jagdergebnisse. Etwa ein Viertel des damaligen deutschen Rohstoffbedarfs für Margarine konnte dadurch gedeckt werden, mochten die Planer anfangs auch von noch höheren Anteilen geträumt haben (Öllücke, 1939, 1010-1011; Fritz Lücke, Fisch­fang­stei­gerung – ein Mittel zur Nahrungssicherung, in: Aufgaben und Ergebnisse zeitgemäßer Ernäh­rungsfor­schung, Leipzig 1937, 21-27, hier 25).

Weltweit getötete Buckelwale 1921 bis 1937 (Hans Hoppe, Statistische Zahlentafeln, in: Peters (Hg.), 1938, 219)

Kaum weniger wichtig waren die indirekten weltwirtschaftlichen Auswirkungen der deutschen Fangflotten: Der rigide, durch das Londoner Abkommen zur Rege­lung des Walfangs vom Juni 1937 kaum gemilderte Raubbau an den Walbe­ständen ließ das international verfügbare Fettvolumen beträchtlich ansteigen, wodurch die Preise auch der konkurrierenden Ölsaaten beträchtlich sanken (Deutschland im Walfang, Die Deutsche Volkswirtschaft 6, 1937, 597-598, hier 597). Weltweit bildete die Fangsaison 1937/38 mit insge­samt 43.100 erlegten Walen (gegenüber einem Durchschnitt von 26.000 Tieren zwischen 1928 und 1935) einen nicht mehr erreichten Höhepunkt. 1938/39 konnten die Kapazitäten der weltweit ins­ge­samt 34 Fangflotten nicht mehr ausgenutzt werden (Hans Hoppe, Statistische Zahlentafeln, in: Peters (Hg.), 1938, 208-226), regionale Fangverbote kamen hinzu. Für das Deutsche Reich war der Walfang dennoch volkswirtschaftlich erfolgreich, minderte er doch parallel zur forcierten Rüstungs- und Vorratswirtschaft während des Vierjahresplans den deutschen De­visenaufwand für Importfette. Die hohen Erträge ermöglichten zudem eine kriegswichtige Fettreserve: Anfang 1939 lagerten ca. 200.000 Tonnen Waltran in größtenteils neu errichteten Tanks der ölverarbeitenden Unternehmen (Tätigkeitsbericht der Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie zur Leistungssteigerung, Deutsche Lebensmittel-Rundschau 1939, 151-152, hier 151).

Aufschleppen eines getöteten Blauwals in ein Walfangmutterschiff (Otto Hugo, Deutscher Walfang in der Antarktis, Oldenburg und Berlin 1939, 35)

Der Wal als Rohstoffträger

Eine Fabrik auf See: Schemazeichnung des Walfangmutterschiffs „Walter Rau“ (Der technische Betrieb einer Walfang-Expedition, Deutsche Fischerei-Rundschau 60, 1937, 544-548, hier 547)

Diese Anstrengungen wären ohne die Kooperation innerhalb des „eisernen Dreiecks“ von Wissenschaft, Wirtschaft und Staat nicht möglich gewesen. Walfang war nicht allein ein finanzielles Wagnis, sondern erfor­derte umfangreiche technologische und wissenschaftliche Vorarbeiten, um die Mee­ressäuger ökonomisch verwerten zu können. Die Mutterschiffe hatten Ähnlichkeit „mit einer modern eingerichteten chemischen Fabrik“ (Schultze, 1938/39, 718). Unterhalb des Schlachtdecks befand sich ein komplizierter Maschinenpark, dessen Verfah­renstechnologie seit den frühen 1930er Jahren neu entwickelt worden war (C. Kaysler, Die Bearbeitung und Verwertung der Wale an Bord der Kocherei, in: Peters (Hg.), 1938, 152-167).

Speckkocher und Ölabscheider (r.) in einem Walfangmutterschiff (Hugo, 1939, 77 und 85)

Zuvor war es üblich gewesen, alle Teile des Wales ohne Zerkleinerung in die Kochapparate zu werfen. Bei der ebenfalls praktizierten me­chanischen Zerkleinerung wurden die einzelnen Teile mit ihren unter­schiedlichen Ölarten und -gehalten zwar voneinander geschieden (Fachgebiet Fettchemie. Sitzung vom 8. Juli 1937, Angewandte Chemie 50, 1937, 625-626, hier 626 (Fauth)). Doch dies war aufwendig, zielte lediglich auf einen Durchschnittstran. Seit 1933/34 ging man zuerst auf den in deutschen Werften gebauten norwegischen Mutterschiffen, dann auch bei ihren in Deutschland gebauten Nachfolgern stattdessen dazu über, die einzelnen Bestandteile des Wales im Vorfeld voneinander zu trennen und sie anschließend in gesonderten Apparaturen zu kochen. Gestützt auf chemische Analysen an Bord wurden dadurch passgenaue Ölqualitäten gewonnen und die Erträge beträchtlich gesteigert.

Eindosen von Walfleisch an Bord eines Walfangmutterschiffes (Hugo, 1939, 95)

Obwohl die Trangewinnung im Mittelpunkt der Jagd stand, nahm zudem die Nut­zung der sonstigen Bestandteile des Jagdgutes zu. Ein Blauwal von 100 Tonnen Gewicht ergab etwa 28 bis 30 Tonnen Öl, zudem Barten und Innereien. Die beträchtlichen Fleischmengen wurden lange Zeit wieder ins Meer gekippt, obwohl mittels werbeträchtiger Testessen seit den 1880er Jahren immer wieder versucht worden war, Walfleisch im In- und Ausland zu vermarkten (Präserviertes Walfischfleisch, Bonner Zeitung 1883, Nr. 216 v. 8. August, 3; „Heute Abend Walfleisch, verschiedenartig zubereitet!“, Barmer Zeitung 1903, Nr. 201 v. 28. August, 1): „Ge­ruch und Geschmack, das dunkle Aussehen und das schnelle Verderben des Flei­sches“ (Hans Schmalfuß und Hans Werner, Walfleischverwertung, in: Peters (Hg.), 1938, 183-189, hier 184) sprachen jedoch lange gegen seinen Verzehr, so dass immense Mengen Eiweiß (und begrenzte Mengen Fett) verloren gingen. Seit Ende der 1920er Jahre begannen zu­erst norwegische Forscher, dann auch deutsche Chemiker und Ingenieure mit Grundlagenforschung zur Verfahrenstechnik (W[alther] Pohlmann, Die Waltranproduktion und das Walgefrierfleisch, Die Kälte-Industrie 28, 1931, 60). Der Mannheimer Unter­nehmer Karl-Heinz Fauth, ein etab­lierter Anbieter von Tierkörperbeseitigungs- und Tiermehlgewinnungsanlagen, ent­wickelte leistungsfähige Geräte für die Walmehlproduk­tion. Neuartige Kochver­fahren des Leiters des Hamburger Chemischen Staatsin­stituts, Hans Schmalfuß, sollten Wal­fleisch zudem als Lebensmittel für den Menschen er­schließen. Die Devise lautete zunehmend: „Weniger Wale fangen und die voll ausnutzen! Hierfür muß die wis­senschaftliche Walforschung die Grundlagen schaffen“ (H[ans] Schmalfuß, Zur Walfleischverwertung, Vorratspflege und Lebensmittelforschung 1, 1938, 392-395, hier 394).

Walfangmutterschiff „Jan Wellem“ mit Fangbooten (Paulsen, 1938, 9)

Walmehl, Walfleisch und mehr: Neue Produktpaletten

Mit verbesserter Technik und präziserem chemischen Wissen verbreiterte sich die Produktpalette der deutschen Walfangflotten. Das galt etwa für hochwertiges Tierfutter, sog. Walmehl, von dem 1936/37 2.500 Tonnen, 1937/38 dann 4.000 Tonnen angelandet wurden. Ende der 1920er Jahre wiesen die als Schweinefutter eingesetzten Vorgängerprodukte zwischen 25 und 41 Prozent Eiweiß auf, während man mit neuen Verfahren nun Werte von 85 Prozent erreichte (F[ranz] Honcamp (Hg.), Die tierischen Abfallstoffe […], Berlin 1932, 88). Die zunehmend umfassender ansetzende Erforschung des Roh­stoffträgers Wal erfolgte durch die einzelnen Firmen, durch Branchenlaboratorien, aber auch durch öffentlich finanzierte Institutio­nen. 1937 wurde in Hamburg die staatlich betriebene Reichsstelle für Walforschung gegründet. Bis zur Übernahme durch die Reichsanstalt für Fischerei 1939 gehörten ihr zehn Wissenschaftler und drei technische Kräfte an. Ihre Aufgaben lagen zum einen in der Walbiologie, zum ande­ren aber in praktischen Fragen der Walverwer­tung. Forscher der Reichsstelle beglei­teten die meisten deutschen Fangflotten (Hanns Piegler, Deutsche Forschungsstätten im Dienste der Nahrungsfreiheit, Neudamm 1940, 321).

Besondere Fortschritte machte die Fettforschung. Die Einführung gehärteten Wal­trans hatte bereits 1914/15 Grundlagenforschung sowohl zur Physiologie als auch zur chemischen Zusammensetzung des keineswegs einheitlichen Fettes angeregt (Otto Bürger, Über die Verwendung des gehärteten Trans in der Margarinebutter-Fabrika­tion, Naturwissenschaftliche Wochenschrift 30, 1915, 197-198; Philipp O. Süßmann, Sind die ge­här­teten Fette für den menschlichen Genuß geeignet?, Archiv für Hygiene 84, 1915, 121-145). Man folgte damit Erfolgspfaden deutscher Wissenschaftler und Techniker, die vor dem Ersten Weltkrieg die Lebensmittelproduktion weit stärker beeinflussten als dies die nur begrenzten Warenexporte widerspiegelten (umfassend hierzu Stefan Manz und Uwe Spiekermann, Making Food Empires. German Technology and Global Mass Production, 1870-1914, Oxford 2026). Nach dem Ersten Weltkrieg be­trieben derartige Analytik vor allem die der Qualitätssicherung dienenden Betriebslaboratorien größerer Margarineproduzenten. Die dann insbesondere von der Ersten Deutschen Wal­fang-Gesellschaft forcierte Grundlagenforschung analysierte die Walfette seit Mitte der 1930er Jahre allerdings wesentlich differenzierter, war ein hoher Reinheitsgrad doch entscheidend für die Lagerfähig­keit (R[udolf] Dietrich, Walfang und Walverarbeitung, Angewandte Chemie 51, 1938, 715-718, hier 717).

Der stofflich reduzierte Blick auf ein Lebewesen: Schaubild 1939 (Öllücke, 1939, 1019)

Staatlich finanzierte Forschung trat hinzu, wurde unternehmensunabhängig nutzbar. Die 1936 gegründete Deutsche Gesellschaft für Fettforschung, ihr Vorsitzender, der Münsteraner Chemiker Hans Paul Kaufmann sowie die Arbeits­gruppe Öl- und fettwirtschaftliche Forschung des Forschungsdienstes unterstützten und ergänzten privatwirtschaftliche Arbeiten mit ähnlich gelagerter Grundlagenforschung (H[ans] P[aul] Kaufmann, Neuere Ergebnisse der Fettforschung, in: Forschung für Volk und Nahrungsfreiheit, Berlin 1938, 546-551; Georg Greitemann, Blau- und Finnwalöl für Ernährungszwecke, Gewinnung und Weiterverarbeitung, in: Lebensmittel und Rohstoffe vom Wal, bearb. v.d. Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung, Dresden und Leipzig 1939, 14-19; Hans Paul Kaufmann, Über Pottwalöl, in: ebd., 19-25). Verbessertes Wissen über die stoffliche Zusammensetzung des Waltrans ermöglichte nicht nur dessen gezieltere Verwendung, sondern erweiterte auch die Einsatzmöglichkeiten der Fettwirtschaft insgesamt, zumal bei der damals massiv geförderten Fettsynthese.

Für Wirtschaft, Staat und Wissenschaft gleichfalls wichtig war die Verarbeitung der immensen Mengen von Walfleisch. Während Walmehl dem menschlichen Konsum über die Schweinemast nur indirekt zugutekam, galt es nun auch Verfahren zu entwickeln, um die rasch verderblichen Massen von Walfleisch auch direkt für den Menschen nutzbar zu machen. Im Wesermünder Institut für Seefischerei wurden zahlreiche Konservierungsverfahren – Pökeln, Hitzesterilisierung, Gefriertechnik – und auch Konservierungsge­fäße erprobt, sodass seit 1938/39 auch Walfleischprodukte für den Heeresbedarf und den Massenmarkt hergestellt wurden (Dietrich, 1938, 716; zur parallelen norwegischen Forschung Carl Heinrich Hudtwalcker, Der Walfang als volks­wirtschaftliches Problem, Wiwi. Diss. München, Forchheim 1935, 107). Deutsches und engli­sches Steak, falscher Hase, Frisch- und Dauerwurst, aber auch Lachsschinken wur­den aus Walfleisch hergestellt, ohne allerdings einen nennenswerten Beitrag zur deutschen Fleischversorgung zu leisten. Doch das Aufzeigen möglicher Alternativen zum Alltagskonsum war ein wichtiger Bestandteil der Verheißungen einer nationalsozialistischen Konsumwelt, die sich durchaus an den hohen Standards der USA maß. Parallel zum Aufbau der Gefriertechnologie schienen sich die Weidegründe des Deutschen Reiches immens zu weiten: „Etwa 115000 t erst­klassiges Gefrier-Walfleisch warten auf ihre Verarbeitung in Deutschland zu schmackhaften Fleisch- und Wurstwaren“ (Schwieger, Walfang und Walprodukte für die menschliche Ernährung, Vorratspflege und Lebens­mittelforschung 1, 1938, 488-494, hier 492).

Bekanntgabe Wochen nach der Einführung: Vom Wal stammende Vitamin-A-Zusätze zur Margarine (Bergische Landes-Zeitung 1941, Nr. 42 v. 19. Februar, 4)

Die umfangreichen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zielten zudem nicht nur auf die Substituierung bestehender Lebensmittel. Es galt den Wal auch so zu nutzen, dass gängige Lebensmittel gehaltvoller wurden. Margarine war schließlich – im Gegensatz zu Butter – ein nahezu vitaminloses Produkt. Vitaminzusätze wurden seit Ende der 1920er Jahre diskutiert, in einigen Ländern auch praktiziert, nachdem erste Präparate verfügbar waren. Die Walleber ent­hielt in der Tat be­trächtliche Mengen Vitamin A, die nun nutzbar gemacht werden sollten. 1937/38 gab es einschlägige Kooperationen zwi­schen der Margarinefabrik Isserstedt, dem Hamburger Chemiker Hans Schmalfuß und dem Leipziger Vitaminforscher Arthur Scheunert, um ein wirksames Extraktionsverfahren zu entwickeln (Schmalfuß, 1938, 394). Analoge Forschungen des Freiburger Mediziners Christian Bomskov wurden von der Vierjahresplanorganisation finanziert. Man hoffte damals, mit den Erträgen des Walfangs den gesamten deutschen Marga­rinekonsum vitaminisieren zu können (Die Walerzeugnisse in der menschlichen Ernährung, Zeit­schrift für Volksernährung 14, 1939, 105-106, hier 106). Dadurch sollte nicht nur die Gesundheit zumal im Winter verbessert, sondern auch die devisenträchtige Abhängigkeit von Schweizer Vitaminpräparaten verringert werden. Scheunert, damals einer der einflussreichsten nationalsozialistischen Ernährungswissen­schaftler, schlug jedenfalls Anfang 1939 während einer Arbeitssit­zung der Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung vor, „die Margarine, welche einen erheblichen Anteil an der Fettversorgung hat, mit Vitamin A in ähnlichem Um­fang zu versehen, wie es die Butter enthält. Die Möglichkeiten dazu sind durch den deutschen Walfang erschlossen worden“ (Ebd.). Billige Walölmargarine würde der minderbemittelten Bevölkerung somit doppelt nutzen: Die „Kolonie Meer“ würde sowohl den Fett- als auch den Vitaminbedarf decken können (Arthur Scheunert, Die Deckung des Vitamin-A-Bedarfs durch Fette unter Berücksichtigung von Walerzeugnissen, in: Lebensmittel und Rohstoffe, 1939, 34-40, hier 40).

Fettforschung und neue Virtuosität im Umgang mit den Grundstoffen

Typisch für derartige Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen waren (und sind) Koppeleffekte, also zuvor kaum beachtete Folgen für benachbarte Arbeits- und Forschungsfelder. Der Ende der 1930er Jahre scheinbar kostengünstig und devisenfrei verfügbare Waltran sollte damals auch in der Lebensmittelverarbeitung Butter vermehrt ersetzen. Am Berliner Institut für Bäckerei fanden seit 1936 Versuche statt, um die Backeigenschaften des Trans genauer zu bestim­men, zugleich aber auch Höchstmengen für eine mögliche Beimischung festzulegen (P[aul] Pelshenke und A[dolf] Zeisset, Backeignungsprüfung einiger Pflanzenfette und -öle und gehärteter Waltrane, Mehl und Brot 37, 1937, Nr. 1, 1-3). Geringe Zusätze hatten kaum Auswirkungen, doch bei größeren Mengen schmeckten Gebäcke „tranig und fade“ (Werner Hofmann, Die Fetteinsparung bei Fettgebäcken. II., Mehl und Brot 37, 1937, Nr. 9, 11, 13 und 17, hier Nr. 9, 3). Bei solchen Ergebnissen beließ man es nicht, sondern entwickelte zahlreiche Rezepte, mit deren Hilfe Waltran ohne signifikante Geschmackseinbußen mit anderen Fetten kombiniert werden konnte. Ziel dieser staatspolitisch wichtigen Forschung war, nach der Formulierung des Staatssekretärs Herbert Backe, „Öl in billigster Form“ ([Herbert] Backe, Warum wurde eine Neuregelung des Fettverbrauchs und Fettbezuges notwen­dig?, Der Vierjahresplan 1, 1937, 4-8, hier 6). Die Käufer würden sich die veränderten Backwaren deut­scher Konditoreien gewiss auch weiterhin schmecken lassen.

Dieser Maxime folgend, wurde die Backwarenbranche nach Einsetzen des Vierjahresplans 1936 immer stärker von Alternativfetten geprägt. Ebenso wie Waltran waren sie unmittelbar kaum zu schmecken, zumal sie meist nicht de­klariert werden mussten. Zwischenprodukte wurden zum Einlasstor für neue, aus der „Kolonie Meer“ gewonnene Angebote, denn bei einigermaßen akzeptablem Geschmack schien keine Ableh­nung durch die Konsu­menten zu befürchten. Die eigentliche Diffusion der Fangprodukte fand daher nicht als Walfleisch oder als Seefischfilet statt, sondern in Form hochverarbeiteter Zwischenprodukte. Ihre Existenz wurde keineswegs verheim­licht, die vielen neuen (Ersatz-)Produkte wurden vielmehr sowohl in der Werbung als auch in der staatlichen Propaganda als Ausdruck „deutschen Erfindertums“ präsentiert.

Das wichtigste aus Fischrohstoffen hergestellte neue Präparat war „Wiking Ei­weiss“, hergestellt von der ei­gens hierfür Anfang 1935 gegründeten Hamburger Eiweiss-Gesellschaft mbH. Hierbei handelte es sich um „Fisch in Pulverform“ (Willi Rudolph, Nahrung und Rohstoffe aus dem Meer, Stuttgart 1946, 94), ge­nauer um 94-prozentiges aus Fischfilets gewonnenes Trockeneiweiß. Die Fische, vorrangig nicht vermarktbarer Kabeljau, Seelachs, Kattfisch, Seewolf und Langfisch, wur­den getrocknet und mittels Salz- und Schwefelsäure hydrolysiert (Emil Abderhalden, Eiweiß von Seefischen als Nahrungsmittel. Ein Beitrag zur Lösung der Frage des Eiweißbedarfs im Inland, Deutsche Fischerei Rundschau 1936, 193-194).. Technolo­gisch war es beson­ders schwierig, die Aromastoffe der Fische so zu beseitigen, um ein möglichst ge­schmacks- und geruchsneutrales Produkt herstellen zu können. Doch dies gelang.

Verarbeitete Fischreste als Zwischenprodukt (Zeitschrift für Volksernährung 17, 1942, H. 1, I)

Die „Zusammenarbeit von Wissenschaft, Technik und Organisation“ (Peter Paul Hiltner, Ein wichtiges deutsches Forschungsergebnis: Trocken-Eiweiß aus Seefi­schen, Deutsche Fischerei-Rundschau 1936, 1-3, hier 1) erlaubte eine umfangreiche Nutzung der „Kolonie Meer“, zielte auf neue Verwertungsketten abseits von Margarine und Alternativfetten. Der Umgang mit den Rohstoffen der Wale war leitgebend für eine große und wachsende Palette bisher ungenutzter Spezialprodukte. Es ging um die Nutzung von zuvor Unverkäuflichem, um die Reduktion von Fett- und Eiweißimporten. Das war Teil einer in diesem Sektor durchaus erfolgreichen Ersatzstoffwirtschaft, für die auch der Eiersatz Milei und das Magermilchnährmittel Migetti standen. Wiking Eiweiss drang trotz nicht wesentlich günstigerer Preise seit 1937/38 jedenfalls in die deutschen Backstuben vor, ersetzte dort Eiweiß und sparte Fett. Es gelang zwar nicht, die anvisierte Hälfte der dort verbrauchten Eier zu ersetzen, doch ab 1939 wurden täglich mehr als drei Tonnen des Fischproduktes hergestellt (Anton Lübke, Das deutsche Rohstoffwunder. Wandlungen der deutschen Rohstoffwirtschaft, Stuttgart 1938, 453; Produktion nach Tätigkeitsbericht, 1939, 151). Als hochwertiger „Austausch­stoff“ gewann es während des Krieges weiter an Bedeutung, denn es war lange haltbar, erforderte weniger knappe Transportmittel als tradierte Angebote. Wiking Ei­weiss konnte sich auch nach 1945 im Markt behaupten, war ab 1948 „wieder erhält­lich“ und diente bis in die 1960er Jahre als Hilfsmittel für Back- und Kondito­renwa­ren bzw. Cremes und Mayon­naisen.

Zusammengefasst spiegelt die seit Mitte der 1930er Jahre Fahrt aufnehmende Erschließung der „Kolonie Meer“ eine recht effiziente Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft und Staat zulasten bisher kaum bejagter Meeressäuger und Fische. Es gelang zusätzliche Nähr- und Wirkstoffe mit vergleichsweise geringen Kosten zu erschließen, auch wenn die Zielsetzungen und Träume der Funktionseliten (wie üblich) weit darüber hinaus reichten. Gerade der Walfang zeigte allerdings, dass man auch die Weltallmende Meer nicht beliebig nutzen konnte. Schon 1937 war klar, dass die Ressourcengrundlagen überdehnt waren, dass sich die Walbestände ohne Jagdeinschränkungen nicht mehr regenerieren konnten. Der forcierte deutsche Walfang war nicht nachhaltig, auch wenn er während der Aufrüstung der zweiten Hälfte der 1930er Jahre für das NS-Regime eine wichtige Lücke füllte. Die beträchtlichen wissenschaftlichen und technischen Erkenntnisse flossen zudem in andere Sektoren der Lebensmittelproduktion mit ein, prägten damit auch die Konsumwelten der Nachkriegszeit.

All das scheint fern zu sein von dem einen Buckelwal, dem medial und politisch ausgeschlachteten „Timmy“. Die emotionalisierte Geschichte der einen Walrettung übertüncht den – trotz Walschutzabkommen – gänzlich anderen Umgang mit den Meeressäugern, überdeckt die alltäglichen Nutzungszusammenhänge von Mensch und Natur. Diese Diskrepanz aber ist zentral für unsere Art des Lebens, des Konsumierens, des Verwertens. Während „Timmy“ seinem vorbereiteten Weg heim zu seiner imaginierten Familie, heim zu den geschätzten 25.000 bis 30.000 Buckelwalen im Nordatlantik, heim ins Habitat des freien Meeres folgt, kreisen wir weiter in den wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und auch staatlichen Lebensfurchen vergangener Zeiten, von denen die kurze Geschichte des deutschen Walfangs während der NS-Zeit nur ein kleiner, wenngleich bezeichnender Ausschnitt ist.

Uwe Spiekermann, 30. April 2026

Wirkungstreffer gegen Hitler? Die Internationale Karikaturen-Ausstellung in Prag 1934 und ihre Nachfolger 1937 und 1940

Wie wirksam sind Karikaturen? Das fragte sich Thomas Theodor Heine (1867-1948) anlässlich der Internationalen Karikaturen-Ausstellung in Prag im April 1934. Als Mitbegründer und kritischer Kopf des 1896 gegründeten „Simplicissimus“ hatte er stetig gegen den Wilhelminismus, das saturierte Bürgertum und den aufkommenden Nationalsozialismus gezeichnet. Im März 1933 war der Nachfahre eines wohlhabenden jüdischen Unternehmers von den neuen Machthabern gezwungen worden, seine Beteiligung an der Münchener Karikaturzeitschrift aufzugeben, eine Loyalitätsverpflichtung gegenüber der „nationalen Regierung“ zu unterschreiben. Heine erhielt Redaktionsverbot, musste fast mittellos erst nach Berlin, dann nach Prag fliehen. Sein rückfragender Artikel wurde honoriert, half Rechnungen zu bezahlen. Heines Tonfall war skeptisch und realistisch zugleich: „Die Welt ist kein Paradies, und jeder wehrt sich gegen sie auf seine Weise. […] Ich glaube nicht mehr, daß eine Karikatur dem Gegner schaden kann. Es ist ihr nicht gelungen Kriege zu verhindern oder schlechte Regierungssysteme auszurotten. Selbst die bissigste Karikatur wird, wenn sie gut ist, Lachen hervorrufen, und Lachen bringt Fröhlichkeit. Wer lacht, haßt nicht mehr. Können Sie sich vergnügte Revolutionäre vorstellen? Hat man je Barrikaden gesehen, auf denen lachende Menschen kämpfen?“ (Th[omas] Th[eodor] Heine, Karikaturistische Wirkungen. Zur Ausstellung bei Mánes, Prager Tagblatt 1934, Nr. 84 v. 11. April, 4) Antiwilhelminische Karikaturen hätten das autokratische Gehabe des letzten Hohenzollern-Kaisers popularisiert und verharmlost, seien der Macht nicht gefährlich geworden. Sie hätten dessen Herrschaft letztlich stabilisiert, würden gar „zur Unschädlichmachung gefährlicher Spannungen gebraucht“. Und so mache er „jetzt keine Zeichnungen mehr, die sich mit deutscher Politik befassen“.

Heines Skepsis gegenüber der Wirkmächtigkeit der Karikatur brach mit den damals gängigen Einschätzungen der Aktivisten, zumal auf der extremen Rechten und der Linken. Sie dachten noch in Vorstellungen starker Wirkungen, Anleitung und Führung gebender Bildwelten. Die Masse sei lenkbar, die Karikatur ersetze tausend Worte, Hass auf das Bestehende sei ihr Antrieb. Mjölnir [d.i. Hans Schweitzer (1901-1980)], der „Zeichner der nationalsozialistischen Bewegung“, galt als „Wegbereiter zum neuen Reich“ (Illustrierter Beobachter 9, 1934, 375) – und bahnte als Reichsbeauftragter für künstlerische Formgestaltung ab 1935 einer dreistelligen Zahl von NS-Karikaturisten den Weg (Gerhard Paul, Aufstand der Bilder, Bonn 1990, 143-145, 161-164; Angelika Plum, Die Karikatur im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Politikwissenschaft, Aachen 1998, 133-143). KPD und linke Sozialdemokraten schrieben der Kunst gleichermaßen politische Wirksamkeit zu, priesen sie als Türöffner zum aufgeklärten Bewusstsein: „Aufgewacht! Wir reichen euch kein Schlafpülverlein, / Wir stellen euer Leben in Scheinwerferschein, / Daß ihr’s endlich seht und euer Antlitz sich straffe: / Kunst ist nicht Dunst noch snobistisch Gegaffe, / Kunst ist Waffe!“ (Friedrich Wolf, Kunst ist Waffe [1928], in: Helmut und Ingrid Kreuzer (Hg.), Deutsche Gedichte zwischen 1918 und 1933, Stuttgart 1999, 42-43) Derartige Agitprop umgriff auch und gerade die visuellen Medien. Karikaturen unterstützten die jeweilige Parteilinie in den nicht allzu zahlreichen Parteizeitungen. Elaboriertere Bildwerke fanden seit 1924 Platz in der „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“ – ein kommunistischer Vorläufer des nationalsozialistischen „Illustrierten Beobachters“. Besondere Beachtung fand die neue Technik der Fotomontage, die John Heartfield (1891-1968) als Kampfmittel gegen Sozialdemokratie, Kapitalismus und „Faschismus“ nutzte. Obwohl die meisten Artefakte im Exil entstanden, glaubten die Macher an die Wirksamkeit dieser Kunst. Ähnlich dachten auch viele moderater agierende Sozialdemokraten.

Der Glaube an die verändernde Kraft der Agitation, der Massenaktion, der Karikatur (Die Rote Fahne 1932, Nr. 150 v. 8. Juli, 5 (l.); Illustrierter Beobachter 6, 1931, 1027)

Die Frage der Wirksamkeit von Karikaturen wird bis heute unterschiedlich beantwortet, auch wenn ergänzenden Adjektive wie „politisch“ und „kritisch“ unterstreichen, dass Unterhaltungsware dominiert. Von der weltverändernden Kraft der Kunst, der Karikatur, will man dennoch nicht recht lassen. Und so wird das jeweils bestehende „System“ bildlich bekämpft, werden Herrschende geschmäht und der Lächerlichkeit preisgegeben, mobilisiert man „gegen rechts“ mit bunten und grellen Bildern.

In diesem Artikel gilt es konkreter zu werden, soll die Frage der Wirkung und Wirkmächtigkeit der Karikatur an einem historischen Beispiel untersucht werden. Heines Artikel erschien anlässlich einer internationalen Ausstellung von Karikaturen im Mánes-Pavillon in Prag 1934. Aufgrund der Intervention der nationalsozialistischen deutschen Regierung gilt sie bis heute als Beleg der störenden Wirksamkeit kritischer Kunst, als „antifaschistisches“ Ereignis. Dies ist hochgradig fraglich. Um das zu belegen, werde ich die eine Ausstellung nicht nur zeithistorisch präziser einordnen als dies in gängigen auf Künstlerheroen, Einzelereignisse und Bildintentionen fixierten kunsthistorischen Arbeiten erfolgt. Dazu gilt es über Prag hinauszublicken, andere Akteure mit einzubeziehen. Vor allem aber gilt es die 1934 präsentierte Ausstellung in eine historische Perspektive zu stellen. An gleicher Stelle fand 1937 eine weitere Präsentation moderner kritischer Kunst statt – und rief ähnliche Reaktionen hervor. 1940 war der Mánes-Pavillon dann „deutsch“, okkupiert; und nun fand just hier eine große Karikaturenausstellung der nationalsozialistischen Zeichenkunst statt. Diese Weitung wird uns erlauben, die Frage nach der jeweiligen Wirksamkeit genauer zu beantworten – und damit auch die immer noch vom Mythos der Wirksamkeit zehrenden Künstler und Ausstellungsmacher zu hinterfragen. Karikaturen sind marktgängige Angebote in einer spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert vorhandenen Bereicherungsökonomie. Ohne Zuschreibung von Widerständigkeit, gar Wirksamkeit schwindet ihr Marktwert. Beleuchten wir aber erst einmal die Szenerie.

Karikaturen vor 1933

Karikaturen, einzeln oder auch als Reihenbilder, als Comics, bieten „eine tendenziöse Interpretation eines ohnehin bekannten Ereignisses“ (Severin Heinisch, Die Karikatur, Köln und Wien 1988, 14). Sie dienen den Deutungsinteressen ihres Publikums, der sozialen Kohäsion, kaum aber der Überzeugung Dritter. Die politische Karikatur war in der Regel aktuell, übertrieb, verfremdete Freund und vor allem Feind, verdichtete das Geschehen auf eine, auf eine erwartbare Aussage. Doch es ging immer auch um Pointen, um ein Schmunzeln, einen Witz – mal kalauernd, mal treffend und grimmig (Franz Schneider, Die politische Karikatur, München 1988, 11-66). Die deutschen Karikaturzeitschriften, die „Fliegenden Blätter“ (1844) und der „Kladderadatsch“ (1848) boten nach der 1848er Revolution eine Mischkost von Witz und Kritik (und Anzeigen). Das galt prinzipiell auch für kritischere Konkurrenten, für die sozialdemokratischen „Der Wahre Jacob“ (1879) und den „Süd-Deutschen Postillon“ (1882). „Ulk“ (1872), „Lustige Blätter“ (1886) und „Meggendorfer Blätter“ (1889) zielten vorrangig auf gediegenen Spaß, während „Jugend“ (1896) und „Simplicissimus“ eine ästhetisierte und um Gehör ringende bürgerliche Welt bedienten. Karikaturen besaßen ihr eigenes Recht, ihre eigenen Medien, drangen, auch aufgrund der komplizierteren Drucktechnik, erst langsam in die Tageszeitungen ein. Das änderte sich teils im Ersten Weltkrieg – als der Bedarf an nationaler Propaganda, an der Rechtfertigung des wechselseitigen Abschlachtens beträchtlich wuchs und nicht zuletzt auch von der großen Schar zuvor „kritischer“ Zeichner bedient wurde (Sabine Schulze, Leonie Beiersdorf und Dennis Conrad (Hg.), Krieg & Propaganda 14/18, München 2014).

Wunschwelten einer fairen und gerechten Welt nach Kriegsende (Die Fackel 16, 1919, Sdr.-Ausg., Februar, 1)

Die weitgehende Aufhebung der Zensur, die nun wieder offene Fragmentierung der Burgfriedensgesellschaft sowie das Ringen um die neue Staatsform nach der Doppelrevolution im Oktober und November 1918 begünstigten agitatorische Plakate und Karikaturen, zugleich aber humoristischen Eskapismus. Tageszeitungen verstärkten dies marktnah vor allem nach der Stabilisierung der Weimarer Demokratie Ende 1923. Karikaturen wurden Alltagsbegleiter, auch wenn Pressefotografien deutlich schneller vordrangen. Aufgrund der ihnen zugeschriebenen Wirksamkeit etablierten sich Karikaturen insbesondere in den Parteizeitungen der politischen Extreme und der Sozialdemokratie. Entsprechend vorgeprägt spiegelte und kommentierte die neue visuelle Zeichenkunst nicht nur tagesaktuelle Ereignisse, sondern auch die nach dem Ersten Weltkrieg augenscheinlich zutage tretenden strukturellen Veränderungen Deutschlands: die wachsende Zernierung des Landes und ländlichen Lebens, die rasch vordringende Kommerzialisierung, die offenkundige Abhängigkeit Deutschlands von einem globalisierten Finanz-, Güter- und Arbeitskräfteverkehr sowie die Folgen des relativen Niedergangs der noch dominanten europäischen Mächte. Die meisten Karikaturisten deuteten diese Strukturwandlungen allerdings kulturell. Simplifizierende und nostalgische Ideen konnten bestens karikiert werden. Einfache Lösungen, die lenkenden Hände der Führer und Arbeitermassen, gingen Hand in Hand mit den Utopien einer wirksamen weltwendenden Kunst. Das galt für reaktionäre, völkische und nationalsozialistische, aber auch für reformistische, sozialistische und kommunistische Aktivisten.

Antisemitische Verschwörungstheorien als Teil kommunistischer Agitation (Die Rote Fahne 1929, Nr. 171 v. 5. September, 4 (l.); ebd. 1931, Nr. 229 v. 15. Dezember, 2)

Die Überlappungen zwischen den unterschiedlichen Lagern waren dennoch frappierend. Das galt nicht nur formal, aufgrund der genrehaften Zwänge von Karikatur und Pressezeichnung. Auch inhaltlich waren die politischen Extreme keineswegs trennscharf auseinanderzuhalten. Das galt nicht nur aufgrund eines weit verbreiteten Hasses auf die demokratische und pluralistische Ordnung, sondern ebenso für vielgestaltige, teils bis heute wirksame Verschwörungstheorien. Antisemitismus war integraler Bestandteil nicht nur des Unternehmerbildes mancher Sozialdemokraten, sondern würzte auch den kommunistischen Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus, gegen USA und Großbritannien (Olaf Kistenmacher, Arbeit und „jüdisches Kapital“, Bremen 2016; Gerhard Hanloser, Die Rote Fahne und der Antisemitismus, Sozial.Geschichte Online 20, 2017, 147-173).

Bis heute lautet die kunsthistorisch unterfütterte Vorstellung, dass „Bruder Hitler“ am erfolgreichsten „im Bild, in der Zeitungskarikatur und in Heartfields Fotomontagen“ (Viktoria Hertling, Wulf Koepke und Jörg Thunecke, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Hitler im Visier. Literarische Satiren und Karikaturen als Waffe gegen den Nationalsozialismus, Wuppertal 2005, 9-13, hier 9) gestellt wurde. Das mag für nostalgisch-rechthaberische Kataloge „antifaschistischer“ Kunst und geschichtsdidaktische Handreichungen gelten, doch der widerständige Effekt dieser künstlerischen Interventionen hat den Aufstieg der NSDAP nicht verhindern können. Es galt, den Verlierern Denkmäler zu setzen, Thesen vom deutschen Sonderweg zu hinterfragen.

Die Machtzulassung der NSDAP und ihrer konservativen Bündnispartner hing eng mit der machtpolitisch geprägten Politik der Kabinette Brüning zusammen, mit der Zielsetzung einer autoritären Präsidialdiktatur, die bis Anfang 1933 dennoch die einzige praktische Alternative zur Machtbeteiligung der NSDAP blieb (Wolfram Pyta und Rainer Orth, Nicht alternativlos. Wie ein Reichskanzler Hitler hätte verhindert werden können, Historische Zeitschrift 312, 2021, 400-444). Hinzu kam die zunehmende Auflösung der bürgerlichen Ordnung und der alltäglichen Sicherheit. NSDAP und KPD besaßen ab 1932 nicht nur vielfach negative Mehrheiten, sondern schufen ein Klima des steten Bürgerkriegs, des gewaltsamen Wandels (Dirk Blasius, Weimars Ende. Bürgerkrieg und Politik 1930-1933, Frankfurt a.M. 2008). Karikaturen, Agitprop und Schmähungen des politischen Feindes waren dafür wichtige Hilfsmittel – ebenso wie Pistolen und Messer.

Das SPD-Milieu als Wellenbrecher der NS-Bewegung (Vorwärts 1931, Nr. 259 v. 6. Juni, 3)

Ein Blick in die Parteizeitungen der „Linken“, also der demokratischen SPD und der demokratiefeindlichen KPD, macht allerdings rasch klar, dass die dort veröffentlichten Karikaturen keineswegs so zielgerichtet waren, wie das nachträgliche Idealisierungen nahelegen. Im „Vorwärts“ (und „Der Abend“) erschien 1931/32 zwar täglich eine Karikatur, doch nur ein Bruchteil davon galt der NSDAP, ihren Repräsentanten und Verbrechen. Breiten Raum nahm der Kampf gegen die „Reaktion“ ein – und dies war Ausdruck einer verfehlten Gesellschaftsanalyse, die das Neue des Nationalsozialismus sträflich unterschätzte. Auch die Karikaturen des KPD-Organs „Die Rote Fahne“ zielten im Sinne der Agententheorie – der Nationalsozialismus wurde als reaktionärster Teil des Monopolkapitals gedeutet – weniger auf die NS-Bewegung, sondern eher auf die Schlotbarone und Finanzkapitalisten, auf Militärs, Adel und Junker (vgl. Bernd Hoppe, In Stalins Gefolgschaft. Moskau und die KPD 1928-1933, München 2007). Folgerichtig parolte es: „Hakenkreuz ist Papenkreuz“ (Die Rote Fahne 1932, Nr. 198 v. 29. Oktober, 14). Etwa die Hälfte der 1931/32 präsentierten Karikaturen galt aber der Denunzierung und Verächtlichmachung des eigentlichen Feindes, der „sozialfaschistischen“ Sozialdemokratie. KPD und SPD raunten zwar immer wieder von der „Einheitsfront“ gegen den „Faschismus“, doch sie verstanden darunter jeweils gänzlich anders, erschöpften ihre Kraft im Kampf mit den Genossen (Andreas Wirsching, Die Stunde des Kommunismus, Berlin 2024, insb. Kap. III).

Die Fahnen der kommunistischen Antifaschistischen Aktion wehen gegen Junker, „Klerikalfaschisten“, Monarchie, Militär, Unternehmer und auch Nationalsozialisten (Die Rote Fahne 1932, Nr. 146 v. 3. Juli, 1)

„Antifaschistische“ Zuschreibungen

Entsprechend kann von einer auch nur ansatzweise einheitlichen „antifaschistischen“ Karikaturagitation vor 1933 nicht die Rede sein. Dieser Begriff etablierte sich erst Mitte der 1920er Jahre, bezeichnete den Widerstand gegen die Schwarzhemden Benito Mussolinis (1883-1945), die faschistische Bewegung Italiens. Er etablierte sich als ein beliebiges Flaggenwort des Gegenhaltens, war Spiegelbild bequemer Theoriedebatten, die das theatralische Anknüpfen der NSDAP an den italienischen Faschismus für bare Münze nahmen. Wer von „Antifaschismus“ spricht, will vom Nationalsozialismus nicht reden. Schon vor 1933 wurden die Regierungen Brüning, Papen und Schleicher gleichermaßen als „faschistisch“ bezeichnet, ebenso viele der autoritär und monarchisch regierten Staaten in Ost- und Südosteuropa. Die im Juli 1932 gegründete „Antifaschistische Aktion“ der KPD richtete sich nicht vorrangig gegen die NSDAP, sondern war primär eine Gegengründung zu der im Frühjahr 1932 langsam aktiver werdenden sozialdemokratischen „Eisernen Front“. Wer heute Begriffe wie „Faschismus“ und „antifaschistisch“ verwendet, agiert ahistorisch, stakt auch im Brackwasser der im Kalten Krieg populären Totalitarismustheorien. Das gilt ebenso für heutige postkoloniale Verwendungen des Faschismusbegriffs, die von historisch-empirischen Rückbindungen gänzlich befreit sind. „Faschismus“ ist dann irgendetwas, das man ablehnt und das mit Kolonialismus und Kapitalismus irgendwie verwoben ist. „Antifaschismus“ wird so eine beliebig aufladbare Chiffre, die heutige Praxis begründen möchte, sich dabei aber einer heterogenen und letztlich fiktiven Geschichtserzählung bedient (Jens Späth, Antifaschismus. Begriff, Geschichte und Forschungsfeld in westeuropäischer Perspektive (2019), Docupedia-Zeitgeschichte). „Antifaschismus“ sichert heutzutage Macht und Geld in einem zunehmend autoritären politischen Umfeld, das man geflissentlich ignoriert (Ingolfur Blühdorn, Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Berlin 2024).

Das Schwarze-Peter-Spiel „linker“ Karikaturisten (Der Abend 1931, Nr. 278 v. 17. Juni, 2 (l.); Die Rote Fahne 1931, Nr. 220 v. 1. Dezember, 2)

Diese Vorgeschichte hilft, den Stellenwert der Prager Mánes-Ausstellung 1934 genauer einzuordnen. Dort war „kritische“ Bildkunst zu sehen, doch einen inneren Zusammenhang erhielt sie erst durch den von außen, vom NS-Regime ausgeübten „negativen“ Druck. Bürgerliche, SPD und KPD waren angesichts der Machtzulassung der NSDAP brutal gescheitert – und die Wirksamkeit ihrer Karikaturen zu Zeiten relativ freier Meinungsäußerungen war offenkundig marginal. Im Exil aber sollte sich dies ändern (zur langfristigen Einbettung s. Gerhard Langemeyer et al. (Hg.), Mittel und Motive der Karikatur in fünf Jahrhunderten. Bild als Waffe, München 1984; zudem Werner Hofmann, Werner Nekes und Jutta M. Pilcher, Ich traue meinen Augen nicht. Streifzüge durch 400 Jahre Karikatur und Bildsatire, St. Pölten 2011).

Die vielgestaltigen Widerständigkeiten zahlloser Sozialdemokraten und auch Kommunisten in der Auseinandersetzung und im „Kampf“ gegen NSDAP und SA werden dadurch nicht herabgewürdigt. Doch das fehlende und verfehlte Gegenhalten resultierte eben immer auch aus Organisationsfetischismus und selbstbezüglicher Agitprop. Die „Rote Fahne“ reagierte auf die Kanzlerschaft Hitler bezeichnenderweise mit zwei Karikaturen gegen die SPD (Nr. 25 v. 29. Januar, 2; Nr. 29 v. 3. Februar, 4). Die vermeintlich überlegene Organisation und Theoriebildung beider linker Parteien erwies sich angesichts eines letztlich moderner und effizienter agierenden Feindes rasch als Illusion. Das verstanden viele „Linke“ erst nach der Machtzulassung, nach dem Beginn systematischen Terrors. Dennoch blieb es erst einmal bei wütenden und erstaunten Reaktionen: „Der nationalsozialistische Parteistaat von 1933 ist vulkanisches Produkt, entstanden aus einem geglückten Staatsstreich, den man fälschlich Revolution nennt, und voll innerer Widersprüche. Er ist nicht mehr nur Herrenstaat, er ist auch Karikatur eines Volksstaates, wobei der zum Alleinherrscher emporgestiegene Schwätzer Adolf Hitler eine Karikatur des Aufstiegs der Arbeiterklasse darstellt – die hohnvollste, die man sich ungefähr vorstellen kann! Und an die Stelle einer einheitlichen konservativen Weltanschauung ist eine gärende Mischung konservativer Ideen, faulender demokratischer und sozialistischer Gedankenkreise und konfuser Rassentheorien getreten, deren Geruch Bewußtseinsstörungen und Erbrechen hervorruft“ (Friedrich, Der Parteistaat. Vom Junkerstaat zum Konzentrationslager, Deutsche Freiheit 1933, Nr. 67 v. 6. September, 3). Man erwartete den baldigen Kollaps des Regimes, agitierte und zeichnete weiter, um diesen zu beschleunigen. Die Mánes-Ausstellung 1934 stand in dieser illusionären Tradition.

Die demokratische Tschechoslowakei als Zufluchtsort des Exils

Die Machtzulassung der NSDAP und ihrer konservativen Koalitionspartner mündete insbesondere nach dem Reichstagsbrand und den Märzwahlen in eine Welle des Terrors. Genaue Zahlen fehlen, doch mehr als 100.000 politisch motivierte Verhaftungen sprachen 1933 eine klare Sprache (Richard J. Evans, The Coming of the Third Reich, New York et al. 2003, 348). Die Zahl der getöteten SPD-Mitglieder lag im hohen dreistelligen Bereich, die der Kommunisten noch darüber. Das Zerschlagen der demokratischen oppositionellen Kräfte bildete den eigentlichen Dammbruch hin zu einer dann innenpolitisch nicht mehr zu stoppenden Verfolgung, Diskriminierung und letztlich auch Ermordung anderer eugenisch oder aber rassistisch definierter Gruppen. Fluchtbewegungen begleiteten all dies: Im Dezember 1933 gab es nach Schätzungen des Flüchtlingskommissars James MacDonald (1886-1964) insgesamt 65.000 deutsche Emigranten, 80 Prozent davon waren jüdischen Glaubens. Im April 1934, zur Zeit der Eröffnung der Mánes-Ausstellung, lebten etwa 900 davon in der Tschechoslowakei (65.000 Emigranten, Prager Tagblatt 1934, Nr. 89 v. 17. April, 3).

Dieser mitteleuropäische Kleinstaat mit etwa 15 Millionen Einwohnern war 1918 aus den cisleithanischen Gebieten abseits Österreichs entstanden. Der von Tschechen dominierte neue Staat etablierte und behauptete sich auch dank des aus dem Exil zurückgekehrten Präsidenten Tomáš Masaryk (1850-1937) als parlamentarische Demokratie, doch wie schon das Habsburgerreich blieb er von Nationalitätskonflikten geprägt. Deutsche (23 %), Slowaken (15 %), Ungarn (5 %) und Ruthenen (4 %) erhielten zwar international garantierte Autonomierechte, doch um deren Ausgestaltung wurde immer wieder erbittert gerungen. Industriell einst das Kraftzentrum Österreich-Ungarns, wuchs die Tschechoslowakei in den 1920er Jahren ökonomisch beträchtlich. Entsprechend stark litt sie unter der 1931 massiv einsetzenden Weltwirtschaftskrise, die ähnlich verheerend verlief wie im Deutschen Reich, doch erst 1936 langsam überwunden werden konnte. Die Kultur des neuen Staates erlebte in den 1920er Jahren eine neue Blüte, insbesondere die Hauptstaat Prag war ein weit über die Grenzen hinaus ausstrahlendes Zentrum für funktionale Architektur, avantgardistische Kunst, Literatur, Musik und Theater (Martin Kohlrausch, Brokers of Modernity, Leuven 2019; Marta Filipová, Modernity, History, and Politics in Czech Art, New York und Abingdon 2019). Kulturelle Vielfalt und nationale Konflikte waren dort eng miteinander verzahnt.

Für die deutschen Emigranten bot die Tschechoslowakei nicht zuletzt aufgrund des großen deutschen Bevölkerungsanteils, den starken sozialdemokratischen Parteien und einer recht großen jüdischen Minderheit vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten. Thomas Theodor Heine berichtete: “Besuchte zuerst die Leute beim ‘Prager Tageblatt [sic!]‘, wo ich sehr freundlich aufgenommen wurde und bald sämmtliche [sic!] Emigranten und jüdischen Flüchtlinge kennen lernte. Es ist wie eine grosse Familie hier. Immer wieder tauchen Leute auf, die einem von Berlin W. her bekannt sind. U.a. die beiden Olden, die beiden Herzfelde (Heartfield), Frey u.s.w., und alle möchten etwas herausgeben. Frey hat eine Zeitung, der ‚Gegenangriff‘, gemacht, von der Nr. 1. erschienen ist. Schlecht. Er will, ich soll für Nr. 2 etwas zeichnen. Ich tue es aber nicht. Ich werde vorläufig überhaupt nichts über deutsche Zustände veröffentlichen. Meiner Familie und Besitzung wegen“ (Schreiben v. Th. Th. Heine an Franz Schoenberner v. 10. Mai 1933, in: Die Wahrheit ist oft unwahrscheinlich, hg. v. Thomas Raff, Göttingen 2004, 11-15, hier 15).

Die Tschechoslowakei wurde seit 1933 Rettungsland und Drehscheibe für politische Flüchtlinge. Prag wurde Sitz der Sopade, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Exil. In Karlsbad erschien ab Juni 1933 das Wochenblatt „Neuer Vorwärts“ und verkündete hoffnungsfroh: „Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein“ (Neuer Vorwärts 1933, Nr. 1 v. 18. Juni, 1). Seit Juli wurden recht regelmäßig Karikaturen zu den deutschen Verhältnissen veröffentlicht, bis zum Kriegsbeginn immerhin ca. 450. Dabei beschäftigte die von Friedrich Stampfer (1874-1957) geleitete Redaktion vornehmlich tschechische Künstler, anfangs vor allem Hans Georg Trapp (1900-1977), ab September 1933 vorrangig Bert—József Jusztusz (1900-1944).

Karikaturen des Nationalsozialismus: Das Leid der Arbeiter und die Herrschaft von Unternehmern und Militärs (Neuer Vorwärts 1933, Nr. 7 v. 30. Juli, 1 (l.); ebd., Nr. 22 v. 12. November, 1)

Auch die KPD setzte ihre Bildproduktion im Exil fort. Der Berliner Malik-Verlag wurde in Prag reetabliert, seit September 1933 die „Neuen Deutschen Blätter“ herausgegeben. Die Titel weiterer Exilzeitschriften – „Die Wahrheit“ (ab 1933 mit neuer Ausrichtung), „Aufruf. Streitschrift für Menschenrechte“ und „Die neue Weltbühne“ – spiegelten Kontinuität und ungebrochene Agitationslust (Zbynek Zeman, Heckling Hitler. Caricatures of the Third Reich, London 1987, 70; Štěpán Zbytovksý, Auf zerklüftetem Boden. Die Prager Zeitschrift „Die Wahrheit“ (1921-1938) zwischen Kultur und Politik, Wien und Köln 2024). Für unseren Blick auf die visuelle Kultur wichtiger war die Fortführung der kommunistischen „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“ seit März 1933. Stärker noch als im Deutschen Reich wurde sie von den Fotomontagen John Heartfields geprägt (Vladimir Birgus und Jan Micoch, Tschechische Fotografie des 20. Jahrhunderts, Bonn und Prag 2009, 117). Ein Großteil der im niedrigen fünfstelligen Bereich liegenden Auflage wurde in die UdSSR versandt, eine geringe Zahl im Kleinformat auch nach Deutschland geschmuggelt.

Ergänzt wurde dieses Weiter-so durch neu gegründete Karikaturzeitschriften. Heines Zitat verwies bereits auf den von der Komintern getragenen „Gegen-Angriff“. Wichtiger war jedoch der seit Januar in Prag herausgegebene „Simplicus“ (Tomáš Prokůpek, József Jusztusz – ein Opfer seiner Zeit, Deutsche Comicforschung 20, 2024, 44-51, hier 45-47). Der Name knüpfte an den längst gleichgeschalteten „Simplicissimus“ an, zielte auf dessen „Wiedergeburt“. Das von tschechischen und Exilkünstlern getragene Prager Blatt warb selbstbewusst: „Der ‚Simplicus‘ setzt mit Elan, wenn auch nicht durchwegs mit Geschmack, zur Erfüllung seiner Devise ‚In tyrannos!‘ an und man darf wohl von ihm den Beweis dafür erwarten, daß es in deutscher Sprache doch noch so etwas wie eine mutige Satire gibt“ (Der „Simplicus“, Die Stunde 1934, Nr. 3268 v. 3. Februar, 5). In tschechischer und deutscher Sprache bot die neue Zeitschrift eine Mischung von Satire, humoristischen Bildern und politischer Karikatur. Andere Exilzeitschriften druckten sie nach. Die harten Kontroversen angesichts der Mánes-Ausstellung schienen deren Wirksamkeit zu unterstreichen: „Nachdem der ‚Gleichschaltungsprozess‘ in den umliegenden Staaten die politische Satyre nahezu unmöglich gemacht und eine drückende geistige Atmosphäre geschaffen hat, musste das Erscheinen eines neuen Kämpfers auf diesem Gebiet wirklich befreiend wirken. In Karikatur und Schrift geht der ‚Simplicus‘ den oft grotesken Auswüchsen des Faschismus energisch zu Leibe. Unerschrocken begiesst er den neu erstandenen masslos übertriebenen und lächerlichen Autoritätsdünkel gewisser Individuen an hohen Stellen mit sprühendem Witze und bekämpft mannhaft den neuen Götzenkult“ (SMUV-Zeitung 1934, Nr. 24 v. 16. Juni, 6).

Nicht nur Anti-NS-Karikaturen: Humoristische Zeichnungen aus dem „Simplicus“ (Prager Tagblatt 1934, Nr. 81 v. 7. April, 3 (l.); ebd., Nr. 87 v. 14. April, 4)

Thomas Theodor Heine war integraler Teil dieser Szene. Gerettete „unpolitische“ Teile seines Werkes wurden im Spätsommer 1933 in der Prager Galerie Dr. Feigl präsentiert (Thomas Theodor Heine, Deutsche Freiheit 1933, Nr. 79 v. 20. September, 4). Das diente, ebenso wie die Exilpresse, nicht allein dem Kampf gegen das NS-Regime, sondern immer auch der Sicherung der eigenen materiellen Existenz (Markéta Říhová, „Immer wird mir das Leben ein Spiel mit Wundern sein.“ Thomas Theodor Heine auf dem Weg ins Exil und die ersten Exiljahre in der Tschechoslowakei, Brünn 2007 (Ms.)).

NS-Terror und Karikaturen

Karikaturen waren um diese Zeit immer auch ein Notbehelf. Wie sonst konnte man Terror darstellen, wenn es davon kaum Fotos gab, wenn die Informationskontrolle des NS-Regimes eine realistische Darstellung systematisch unterband? (Diethart Kerbs und Walter Uka, Bilddokumente der Verfolgung, in: Dies. und Brigitte Walz-Richter (Hg.), Die Gleichschaltung der Bilder. Zur Geschichte der Pressefotografie 1930-36, West-Berlin 1983, 127-140) Und wie konnte man nach der Suspendierung zentraler Grundrechte und neuer, fast willkürlich handhabbarer Straftatbestände die pseudolegale Nutzung der Strafjustiz deutlich machen?

Fotos des NS-Terrors: Rückenansicht eines gefolterten Arbeiters; Demütigung des früheren SPD-Reichstagsabgeordneten Bernhard Kuhnt (1876-1946) in Chemnitz (Sozialdemokrat 1933, Nr. 84 v. 8. April, 3 (l.); ebd., Nr. 87 v. 12. April, 6)

Karikaturen konnten den Terror zeichnerisch darstellen, doch die damit zwingend einhergehende Ästhetisierung, die Übersteigerung und die dem Genre immanente Tendenz zur Groteske führte zu leicht abwehrbaren Verallgemeinerungen. Die Zeichner folgten Deutungstraditionen, entsprachen künstlerischen Trends, auch ihrem eigenen Federstrich. Anderseits konnten Karikaturen Kontexte einbinden, Bezüge herstellen, Blicke über die Tat hinauslenken. Entsprechend spannen viele Zeichner die offenkundig gescheiterten Deutungsweisen vor der Machtzulassung fort. Die Sozialfaschismusthese trat zwar in den Hintergrund, nach im März 1933 einsetzenden Judenboykotten auch der Antisemitismus, doch die Agententheorie feierte weiterhin fleißig Urstand. Hinzu traten neue Verschwörungstheorien, zumal die NS-Täterschaft beim Reichstagsbrand. Entsprechend finden wir in Bilder gewobene Geschichtsnarrative zum ewig leidenden Proletariat, von der Versklavung der Arbeiter unter der Knute der nun wieder herrschenden Kapitalisten. „Antifaschistischer“ Traditionalismus ersetzte vielfach Lernbereitschaft.

Mythenwelten und Knuten-Traditionalismus in der Karikatur (Sozialdemokrat 1934, Nr. 76 v. 31. März, 1 (l.); Neuer Vorwärts 1934, Nr. 37 v. 25. Februar, 5)

Was dürfen Karikaturen? Schwindende Möglichkeiten auch abseits des Deutschen Reiches

Die neuen alten Karikaturen entstanden im Umfeld wachsender Repression auch außerhalb des Deutschen Reiches. In Österreich etablierte sich der „Ständestaat“, trotz Verbot der österreichischen NSDAP im März 1933 gern auch als „Austrofaschismus“ in Reih und Glied gesetzt (Carlo Moos (Hg.), (K)ein Austrofaschismus? Studien zum Herrschaftssystem 1933-1938, Wien 2021). Im Februar 1934 wurde die sozialdemokratische Opposition mit militärischen Mitteln geschlagen. Die Zensur wurde intensiviert, auch wenn Karikaturen des mit 1,51 Meter eher klein geratenen Kanzlers Engelbert Dollfuß (1892-1934) weiterhin möglich waren (Wann ist eine Karikatur gestattet?, Kleine Volks-Zeitung 1934, Nr. 32 v. 3. Februar, 11). Sie mussten allerdings rein humoristisch sein; und so wurden schon Anfang März 1934 die linke Exilzeitung „Prager Mittag“ und der „Simplicus“ in Österreich verboten (Neues Wiener Journal 1934, Nr. 14471 v. 6. März, 3).

Auch im vom Völkerbund verwaltetem Saarland untersagte man zeitweilig Exilzeitungen: Die sozialdemokratische „Deutsche Freiheit“ wurde auf Antrag des christdemokratischen NS-Gegners Bartholomäus Koßmann (1883-1952) im September 1933 aufgrund einer aus dem „Neuen Vorwärts“ übernommenen Hindenburg-Karikatur für eine Woche verboten (Deutsche Freiheit 1933, Nr. 83 v. 24. September, 1). Sie sollte in der Mánes-Ausstellung neuerlich für Kritik sorgen. Die Redaktion stritt ab, den zum Kamel mutierten Reichspräsidenten hatte schmähen zu wollen: „Uns geht es nicht um den Menschen, sondern um das System, das unter seiner Regentschaft und der von ihm beschworenen Verfassung sich entwickelt hat“ (Zu einem Zeitungsverbot, Deutsche Freiheit 1933, Nr. 88 v. 1. Oktober, 3). Kurz darauf folgte ein Prozess gegen einen Zeitschriftenhändler, der im saarländischen Dudweiler ein antirassistisches Titelblatt der Prager Zeitschrift „Aufruf“ ausgelegt hatte (Die „schamlose“ Zeichnung, ebd., Nr. 133 v. 25. November, 7).

Zeitungsverbot wg. vermeintlicher Herabwürdigung des Reichspräsidenten durch diese Karikatur (Neuer Vorwärts 1933, Nr. 14 v. 17. September, 5)

Staatliche Maßnahmen gegen missliebige Karikaturen gab es auch in der Nachbarschaft der Tschechoslowakei. Seit Ende Februar 1934 kooperierten das autoritär regierte Polen und das Deutsche Reich „in Fragen der öffentlichen Meinungsbildung“; und schon zuvor wurde ein katholisches Blatt wegen einer Hitler-Karikatur zeitweilig verboten (Deutsche Freiheit 1934, Nr. 49 v. 28. Februar, 2). Auch die Tschechoslowakei wandte sich gegen ausländische politische Infiltration. Das galt vorrangig für nationalsozialistische Druckwerke, doch auch für die KPdSU-Zeitschrift „Prawda“ (Prager Tagblatt 1934, Nr. 87 v. 14. April, 2). Auch das Hakenkreuz war dort längere Zeit öffentlich verboten, ehe deutscher Druck die Akzeptanz als deutsches Hoheitszeichen erzwang.

Ausstellungen gewannen dadurch an Bedeutung, auch wenn sie gängigen Vorstellungen einer Gegenöffentlichkeit kaum entsprachen. Doch sie waren pressewirksam – insbesondere durch Verbote und Skandale. Aus Solidarität integrierten nun auch große Kunstausstellungen zunehmend Zeitkunst, so etwa die im Februar 1934 eröffnete, 4600 Exponate starke Retrospektive „Kunst der letzten 50 Jahre“ im Pariser Grand Palais. In der Exilpresse hieß es allerdings wirkungsskeptisch: „Das Chaos treibt viele zur Ausweglosigkeit. Bezeichnend sind: sehr viele Dadaisten, Angreifer, Karikaturisten und Spötter“ (Baptiste, Führung durch die Ausstellung der Unabhängigen, Deutsche Freiheit 1934, Nr. 31 v. 7. Februar, 7). Bei kleineren Ausstellungen reichte dagegen schon eine Hitler-Karikatur für Pressenotizen. Vielleicht auch, weil sie von der Chansonette Yvette Guilbert (1865-1944) stammte (Ebd., Nr. 38 v. 15. Februar, 3). Anfang 1934 gehörten tagesaktuelle Karikaturen jedenfalls zum Alltagsgeschäft des Kunsthandels. Im Pariser Salon der Humoristen überließ man ihnen im März einen eigenen Saal (Ebd. 1934, Nr. 58 v. 10. März, 8). Die internationale Karikaturenausstellung im Prager Mánes-Pavillon schloss sich an diesen Trend an.

Mánes und die Karikaturenausstellungen

Die Künstlervereinigung Mánes wurde 1887 in Prag gegründet. Der Name ehrte Josef Mánes (1820-1871), einen tschechischen Nationalisten, dessen romantische Gemälde nationale Besinnung widerspiegelten. Die Ausstellungs- und Verkaufsinstitution präsentierte zeitgenössische Kunst in vielfachen Schattierungen. Seit der Jahrhundertwende konzentrierte sie sich zunehmend auf Avantgardekunst, wurde insbesondere zur Plattform des Kubismus (Das kubistische Prag 1909-1925. Ein Stadtführer, Prag 1996, 210). Die Vereinszeitschrift „Volné Směry“ (Freie Bahnen) war ein auch international wahrgenommenes Diskussionsform moderner Kunst.

Der 1930 erbaute Mánes-Pavillon (Derek Sayer, Modernism, Seen from Prague, March 1937, ARTL@S Bulletin 3, 2014, 18-29, hier 26)

Der 1930 erbaute Mánes-Pavillon spiegelte die Bedeutung der Künstlervereinigung sowohl für die tschechische als auch für die internationale Kunst. Anlässlich einer Ausstellung französischer Künstler hieß es 1931 auch aus Deutschland anerkennend: „Wahrlich, diese mutige Künstlerschar geht aufs Ganze. An der Moldau hat sie sich ein repräsentatives Gebäude errichtet, so repräsentativ, daß die Fama behauptete, die Bauherren machten dran Pleite“ (Prager Kunsttaten und -untaten, Hamburger Fremdenblatt 1931, Nr. 87A v. 28. März, 2). Regelmäße Ausstellungen waren daher doppelt erforderlich, traf die Weltwirtschaftskrise den Kunstmarkt doch hart. Das Angebot wurde erweitert, teils in Richtung des frühen tschechischen Surrealismus, teils hin zu populäreren Genres.

Beispiel dafür war die 1932 präsentierte Mánes-Kunstschau „100 Jahre tschechische Karikatur“. Sie bot mehr als das, nämlich einen Überblick zur Entwicklung der humoristischen Zeichenkunst in Großbritannien, den USA, Österreichs und Deutschlands. Werke von Wilhelm Busch (1832-1908), Adolf Oberländer (1845-1923) und Wilhelm Scholz (1824-1893) waren dort zu sehen, ebenso solche der „Simplicissimus“-Künstler Thomas Theodor Heine, Olaf Gulbransson (1873-1958) und Wilhelm Schulz (1865-1952). George Grosz (1893-1959) stand für die zeichnerische Avantgarde. Die sozialdemokratische Presse vermisste dennoch tagesaktuelle „innenpolitische“ Karikaturen (Humor aus aller Welt. Internationale Karikaturenausstellung im Künstlerhaus, Arbeiter-Zeitung 1932, Nr. 93 v. 3. April, 14).

Die 1932er Karikaturenausstellung war beim Publikum und wohl auch beim Handel erfolgreich, wurde entsprechend ergänzt und verlängert (Zur internationalen Karikaturenausstellung, Arbeiter-Zeitung 1932, Nr. 112 v. 22. April, 11). In der österreichischen Presse lobte man insbesondere die deutschen Zeichner, stellte ihr Niveau über das der eigenen Künstler (Wolfgang Born, Internationale Karikaturenausstellung, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13767 v. 19. März, 6). Die Prager Ausstellung wurde von den Kubisten Emil Filla (1882-1953) und Alois Wachsman (1898-1942) zusammengestellt, beide später Opfer des Nationalsozialismus. Das galt auch für den dritten Macher, den linksintellektuellen Maler Adolf Hoffmeister (1902-1973). Er war Mitbegründer des „Simplicus“ und wesentlich verantwortlich für die „kritischen“ Karikaturen in der Folgeausstellung 1934. Hoffmeister musste 1939 ins Exil fliehen, gelangte über Frankreich, Marokko und Portugal in die USA, wo er im politischen Widerstand gegen die Achsenmächte arbeitete. Nach der Befreiung kehrte er zurück in die Tschechoslowakei und diente der kommunistischen Regierung in zahlreichen Funktionen, u. a. als Botschafter in Paris. Seit 1951 Professor in Prag, wurde er 1964 Vorsitzender des Verbandes der tschechoslowakischen Bildenden Künstler, emigrierte nach Ende des Prager Frühlings kurzfristig nach Frankreich, ließ sein Leben jedoch in der Heimat ausklingen. Sein 1955 in Prag erschienenes Überblickswerk „Sto let č eské karikatury“ (Hundert Jahre tschechische Karikatur) gibt einen guten Eindruck insbesondere über die tschechischen Karikaturen in den Ausstellungen der Künstlervereinigung Mánes.

Das Programm der Internationalen Karikaturen-Ausstellung 1934

Die (zweite) Internationale Karikaturen-Ausstellung 1934 scheint gut erforscht. Der systemtreue tschechische Germanist Jiří Veselý (1932-2009) analysierte schon 1975 die Grundkonturen der 1934er und 1937er Ausstellungen (Die Mánes-Affären, Philogica Pragensia 57, 1975, 35-45). Der US-Kunsthistoriker Keith Holz bettete sie (und insbesondere die 1937er Ausstellung) in eine vergleichende Analyse der deutschen Exilkunst ein, hat dazu auch länger in der Tschechoslowakei geforscht (Modern German Art for Thirties Paris, Prague, and London. Resistance and Acquiescence in a democratic Public Sphere, Ann Arbor 2004). Doch aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse wurden deutschsprachige Quellen nur unzureichend einbezogen, blendeten kunsthistorische Perspektiven immer wieder den historischen Kontext aus. Holz unterschätzte die Ambivalenz des Exils und gewichtete den kommunistischen Widerstand zu stark. Fehlender Quellenbezug kennzeichnet auch die Diplomarbeit der österreichischen Kunsthistorikerin Sonja Ingeborg Bogner, deren karger Ertrag in der Präsentation vieler Exponate der Mánes-Ausstellung liegt (Die internationale Karikaturenausstellung im Prager Kunstverein Mánes 1934, Diplomarbeit Wien 2008 (Ms.)). Diese drei Arbeiten sind typisch für eine moralische Herangehensweise, bei denen der vermeintliche Heroismus der Exilkünstler eine reflektierte Analyse des Geschehens tendenziell überlagert. Hinzu kommt ein überbürdendes Faible für John Heartfield und seine Fotomontagen, das an die zahl- und kritiklosen Elogen auf den Schöpfer des SED-Abzeichens und des Staatsemblem der DDR anknüpfte. So wurde die Mánes-Ausstellung 1934 zur Projektionsfläche, mit der man das Scheitern insbesondere des kommunistischen „Antifaschismus“ stetig übertünchen konnte. Kaum eine Publikation über Karikatur während der NS-Zeit, selbst im Kontext des Holocaust, verzichtet auf eine kurze Erwähnung (Emil Gruber, Israël Souviens Toi! Early Representations of the Holocaust Between Caricature and Comic Book, in: Ole Frahm, Hans-Joachim Hahn und Markus Streb (Hg.), Beyond MAUS, Wien, Köln und Weimar 2021, 81-99, hier 87).

Titelblatt des Kataloges der Internationalen Ausstellung für Karikatur und Humor nebst Auszügen aus der Preisliste der Exponate (Vŷstava, 1934, 1, 22, 24)

Schon ein Blick in den Ausstellungskatalog verdeutlicht jedoch dreierlei: Erstens lautete der korrekte Titel „Internationale Ausstellung für Karikatur und Humor“. Die Anknüpfung an 1932, an die humoristische Seite des Genres, war dabei offenkundig. Die nachträgliche Verkürzung auf den Begriff „Internationale Karikaturenausstellung“ folgte dem Sprachgebrauch in der gelenkten deutschen Presse, fokussierte den Blick zugleich auf die kritisierten Karikaturen. Zweitens handelte es sich bei der Mánes-Ausstellung erst einmal um eine Verkaufsausstellung. Insbesondere für Thomas Theodor Heine war dies existenziell wichtig. Die gezeichneten Exponate waren längst veröffentlicht worden, nun konnte man retrospektiv Originale oder auch Abzüge für Heim, Handel oder Museum erstehen. Ausnahmen gab es, so die nur in Reproduktionen dargebotenen Fotomontagen Heartfields. Es handelte sich also nicht um eine vorrangig politische Ausstellung, auch wenn Debatten und Skandale den Verkauf sicher ankurbeln konnten. Drittens abstrahierte das Vorwort explizit von den politischen Funktionen der Karikaturen: Gewiss, sie seien erst einmal nützlich, tagesaktuell. Doch in der Ausstellung ginge es um den künstlerischen Wert der Zeichnungen. Sie seien eine Art Schatten von Personen, vom Geschehen. Sie seien zugleich die letzte und schärfste Waffe, falls Worte nicht mehr ausreichten. Entsprechend breit sei die Bandbreite der Exponate, reiche von elegant-sarkastischen Reminiszenzen bis hin zu gleichsam grausamen und unerbittlichen Angriffen. In der Gegenwart sei Gespött nicht mehr ausreichend, sei Hass vielmehr Teil auch der Kunst (Vŷstava, 1934, 5-6).

Ausgestellte Karikaturen mit begrenztem Erregungspotenzial (Prager Tagblatt 1934, Nr. 80 v. 6. April, 2)

Entsprechend wurden in dem mit der Künstlervereinigung Mánes eng verbundenen „Prager Tagblatt“ am Eröffnungstag keine politischen Karikaturen veröffentlicht, sondern humoristische Stücke. Das galt zumal für Thomas Theodor Heine, von dem die führende deutschsprachige Tageszeitung Prags zuvor schon kleinere launige Texte und Zeichnungen veröffentlicht hatte (Thomas Theodor Heine, Ein Jagdunfall Ludwig Thomas, Prager Tagblatt 1933, Nr. 143 v. 20. Juni, 3; Der Hausbesitzer, dem sein Haus weggesteuert wird, ebd., Nr. 188 v. 13. August, 6). Man wollte verkaufen, nicht provozieren.

Eröffnung der Internationalen Ausstellung für Karikatur und Humor am 6. April 1934 durch Mánes Präsident Josef Gočár

Die für einen Monat angesetzte Internationale Ausstellung für Karikatur und Humor wurde am Freitag, dem 6. April 1934, durch den Architekten und Mánes-Präsidenten Josef Gočár (1880-1945) eröffnet. Sie war abermals von Emil Filla, Adolf Hoffmeister und Alois Wachsmann organisiert worden, ein Ausschuss von vierzehn Mánes-Mitgliedern begleitete Konzeption und Umsetzung. Dreiundvierzig Künstler stellten aus, einundzwanzig Tschechen, fünfzehn Franzosen, je ein Belgier, Däne und US-Amerikaner. Hinzu kamen vier staatenlose Emigranten aus Deutschland, neben Heine und Heartfield auch Otto Dix (1891-1969) und George Grosz (1893-1959). Zwei Aussteller waren bereits verstorben, zwölf der französischen Künstler entstammten mit jeweils ein bis zwei Karikaturen dem Kreis der Karikaturzeitschrift „Le Rire“. Der Katalog verzeichnete 536 Exponate, gezeichnete Karikaturen, Gemälde, Heartfields Fotomontagen. Die Organisatoren hatten auch deutsche Karikaturisten eingeladen, doch Heines Exkollegen, die NS-treuen „Simplicissimus“-Zeichner, sagten anders als 1932 dankend ab (Neues Wiener Tagblatt 1934, Nr. 24477 v. 13. April, 2).

Der Eindruck auf erste Kritiker war ambivalent. Trotz vieler schöner Stücke wirkte die Ausstellung improvisiert, blieb „den Gesamtüberblick über das Beste der europäischen Karikatur leider schuldig“ (Karikaturen, Sozialdemokrat 1934, Nr. 85 v. 12. April, 6). Am Abend vor der Eröffnung fehlten noch die Beschriftungen, waren noch nicht alle Bilder aufgehängt. Die meisten waren humorvoll, erotische Darstellungen lockten. Die Ausstellung sollte helfen „mit Geist und Laune über die Schwächen dieser Welt hinwegzulachen“ (Karikaturen-Ausstellung im Manes, Deutsche Zeitung Bohemia 1934, Nr. 80 v. 6. April, 5). Einheimische Kritiker hoben jedoch auch die „allerschärfste Satire“ der Prager Zeichner Frantisek Bidlo (1895-1945) und Adolf Hoffmeister hervor, rechneten auch Erich Godals (1899-1969) Werke hierzu. Sie brachen mit bewährter Karikaturkunst: „Man geht von allzu viel Maximalismus schließlich deprimiert zwischen den beiden Kojen Heines und Ladas hin und her und freut sich, daß es unter den Karikaturisten noch Leute gibt, denen das Lachen wichtiger ist als das Vernichten“ (Karikaturen bei Mánes, Prager Tagblatt 1934, Nr. 80 v. 6. April, 2). Ein sozialdemokratischer Kritiker lobte den „antifascistische[n] Kampf“ der deutschen Emigranten, doch gefiel ihm die amüsante Anklage des „fascistisch-kapitalistische[n] Raubrittertums“ durch die tschechischen Karikaturisten besser. Heartfields Fotomontagen blieben im Hintergrund, waren in einer Ecke platziert, traten in ihrer propagandistischen Wirkung auch hinter den Karikaturisten zurück (Karikaturen, 1934). All das klang nicht nach einer allseits befriedigenden Ausstellung, sondern nach ein wenig Zusatzverdienst, ein wenig Solidarität. Von einem internationalen Skandal ahnte man nichts. Erst deutscher Protest machte aus der Mánes-Ausstellung ein bis heute erinnertes Ereignis. Nicht die Bilder selbst bewirkten den „Skandal“, sondern die nationalsozialistischen Machthaber im Propagandaministerium, im Auswärtigen Amt und in der deutschen Gesandtschaft in Prag.

Beginn der deutschen Presseaktion

Am 13. April waren die deutschen Tageszeitungen in draller Protestlaune. Anlass war eine Nachricht des seit Anfang 1934 aktiven Deutschen Nachrichtenbüros (DNB). Dessen quasi offizielle Texte sicherten einheitliche Verlautbarungen. Die Auswahl oblag zwar den Redaktionen, doch bei außenpolitischen Nachrichten dieser Art war es auch ohne nominelle Presseanweisung klar, dass eine solche Nachricht abgedruckt werden musste. Was blieb war die Freiheit der prägnanten Schlagzeile – und davon machten die Schriftleiter regen Gebrauch.

Schlagzeilen in westdeutschen Tageszeitungen am 13. April 1934 (Von oben n. unten: Westfälische Volks-Zeitung, Bergische Post, Mindener Zeitung, Halversche Zeitung, Wittgensteiner National-Zeitung, Lüdenscheider General-Anzeiger, Hattinger Zeitung)

Worin bestand nun nach deutscher Lesart die „unerhörte Frechheit“ der Mánes-Ausstellung? Blicken wir dazu in das „Berliner Tageblatt“: „Der tschechische Künstlerverein Manes veranstaltet augenblicklich eine Karikaturenausstellung, die in der Prager Oeffentlichkeit grosses Aufsehen erregt. Namentlich die von Emigranten ausgestellten Bilder verhöhnen in unerhörtester Weise reichsdeutsche Staatsbürger und das deutsche politische Leben. Selbst in den öffentlichen Auslagefenstern der Ausstellung wird ein grosses Bild der [sic!] Reichskanzlers gezeigt, durch das man ihn öffentlich auf das schwerste verletzen möchte. In der Ausstellung selbst fallen sofort willkürliche Verzerrungen der Gestalten und Antlitze Hindenburgs, Hitlers, Görings, Röhms und anderer führender deutscher Persönlichkeiten auf. Das Hakenkreuz wird in einem Falle aus blutigen Hackbeilen, in einem anderen aus Leichen zusammengesetzt gezeigt. In Bildern, die deutsche Verhältnisse darstellen sollen, soll der Eindruck erweckt werden, als ob im Deutschen Reich nur Mord und Vergewaltigung an der Tagesordnung wären. Es handelt sich bei diesen Zeichnungen durchweg um geradezu abscheuliche Hetzereien und keineswegs um künstlerische Werke. In deutschen Kreisen hat die Möglichkeit einer solchen Ausstellung sowie die damit verbundenen Tatsachen lebhaftestes Befremden hervorgerufen, um so mehr, als es gerade in der jetzigen Zeit angebrachter wäre, alle Herausforderungen zu vermeiden“ (Konflikt mit Prag, Berliner Tageblatt 1934, Nr. 173 v. 13. April, 1). Prägnant verdichtet lautete die Anklage: „Mord, Marter und Vergewaltigung“ (Hetzerische Sudeleien, Warburger Kreisblatt 1934, Nr. 85 v. 13. April, 3).

Anlass dieses moralischen Überschwangs war eine am Vortag vom deutschen Gesandten in Prag dem tschechischen Außenministerium zugeleitete Demarche: Dr. Koch habe „in einer Verbalnote beim Außenministerium gegen diese erneuten Beleidigungen und Verunglimpfungen des Reichspräsidenten, des Reichskanzlers und anderer führender deutscher Staatsmänner sowie gegen die Herabwürdigung des deutschen politischen Lebens und der Staatssymbole schärfste Verwahrung eingelegt. Die Verbalnote weist darauf hin, dass das Zeigen dieser Darstellungen an verkehrsreichen Stellen im Zentrum der Stadt, teils öffentlich, teils in einer Aufsehen erregenden Ausstellung mit dem offensichtlichen Zweck, Haßgefühle gegen das Deutsche Reich hervorzurufen, geeignet ist, die Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und dem Deutschen Reiche zu gefährden. Das tschechoslowakische Außenministerium wird daher dringend ersucht, für die beschleunigte Entfernung dieser Machwerke Sorge tragen zu wollen“ (Unverschämtheiten in Prag, Pulsnitzer Anzeiger 1934, Nr. 86 v. 13. April, 1).

Fassen wir die deutschen Argumente zusammen: Die Jeremiade wandte sich erstens gegen die Einmischung des Auslandes, hier der Tschechoslowakei, in die inneren Angelegenheiten des Deutschen Reiches. Zweitens verwahrte man sich gegen einen Angriff von Emigranten, also von Personen, die während der „nationalen Revolution“ im Sinne der Schaffung einer Volksgemeinschaft erfolgreich bekämpft worden seien. Drittens galt der Angriff nicht allein dem Nationalsozialismus, sondern den Repräsentanten der deutschen Nation und ihrer neuen Staatssymbole. Viertens verwahrte man sich gegen die Kritik der Karikaturen selbst, die die innenpolitische Lage verzehrt und übertrieben darstellen würden. Fünftens ziele die Mánes-Ausstellung nicht auf kleine Künstlerkreise, sondern wende sich mittels Schaukasten an die breite Öffentlichkeit. Die deutsche Regierung habe sechstens auf wiederholte Attacken der tschechischen Regierung zurückhaltend reagiert, nun aber sei eine Wendung gegen Hass und Hetze unabdingbar.

Gründe für die nationalsozialistische Adelung „antifaschistischer“ Karikaturen

Warum nun diese ganz Deutschland betreffende Eruption? Schließlich spiegelte die Nachricht ja Alltagswissen über den Terror des NS-Regimes, bestätigte und überhöhte gar die kontinuierliche Arbeit oppositioneller Kräfte. Die deutsche Aktion stand erst einmal in der Tradition staatlicher Inventionen gegen Propaganda im Ausland. So wurden in Dänemark nach einer Intervention der UdSSR sowjetkritische Karikaturen 1927 entfernt. Die Pflege der wechselseitigen Beziehungen war auch demokratisch legitimierten Regierungen zumeist wichtiger als die Kunstfreiheit (Geschichte der Empfindsamkeit, Posener Tageblatt 1927, Nr. 160 v. 17. Juni, 7).

Gleichwohl überraschte die Intervention. Noch 1933 hatte Ernst Hanfstaengl (1887-1975), Münchener Kunsthändler, früher Sponsor Hitlers und seit 1931 Auslandspressechef der NSDAP eine bemerkenswerte Zusammenstellung von mehr als achtzig Hitler-Karikaturen des In- und Auslandes in einer Auflage von letztlich 50.000 Exemplaren veröffentlicht. Das widersprach grundlegenden Prinzipien der NS-Propaganda, die ein wirkliches Eingehen, gar ein argumentatives Abarbeiten an Argumenten des Gegners eigentlich nicht vorsah. Der natürlich im „Einverständnis mit meinem Führer“ (Ernst Hanfstaengl, Hitler in der Karikatur der Welt / Tat gegen Tinte, Berlin 1933, 11) veröffentliche Band sollte den gestandenen Staatsmann im Lichte seiner Erfolge präsentieren. Jede Karikatur wurde dazu mit den propagandistisch überhöhten Erfolgen des Reichskanzlers kontrastiert, nicht zuletzt um so die Bösartigkeit der Zeichner zu entlarven: „Die Karikatur wird solchen [überdurchschnittlichen, US] Persönlichkeiten gegenüber nicht selten zum üblen richtenden politischen Kampfmittel. Sie kann damit vorübergehend Schaden und Verwirrung anrichten, denn sie wird die Schwachen auf ihre Seite locken, aber sie wird damit bei allen Überzeugten nur Abwehr und Teilnahme und bei allen Gesunden und rein Empfindlichen Abscheu auslösen. Damit trägt sie in der Überspitzung blinder Gehässigkeit den Keim des eigenen Todes in sich und wird durch eigene Niedrigkeit zur Lächerlichkeit geführt“ (Ernst Hanfstaengl, Spott im Bild 39, 1933, 1111). Anders ausgedrückt: Jede kämpferische Karikatur werde am Werk eines befehdeten Staatsmannes scheitern. Das war gar nicht fern von Heines Skepsis über die Wirkmächtigkeit der Karikatur.

Vor diesem Hintergrund war die Intervention gegen die Prager Karikaturenausstellung 1934 scheinbar ein Eingeständnis fehlender Souveränität und staatsmännischer Persönlichkeit. In einem von der Hitler-Nostalgie motivierten Nachdruck wurde gar von einem Unterlaufen der NS-Zensur geraunt (HITLER in der Karikatur der Welt 1924-1934 mit Kommentaren aus dem DRITTEN REICH, Darmstadt 1973, 5). Auch Zeitgenossen wunderten sich, dass Anti-Hitler-Karikaturen frei verfügbar waren (Gregor, Hitler in der Karikatur, Deutsche Freiheit 1934, Nr. 101 v. 3. Mai, 5; Hitlers Angst vor Karikatur. Tinte gegen Satire, Neuer Vorwärts 1934, Nr. 46 v. 29. April, 7).

Breit zirkulierte Hitlerkarikaturen während der NS-Zeit (Hanfstaengl, Hitler, 62 (l.), 111)

Der Grund für gewandelten Umgang mit kritischen Karikaturen hatte demnach andere Ursachen. Wen sollten die Handvoll der größtenteils in Deutschland bereits bekannten Exponate Heartfields, Heines oder Grosz denn wirklich beeinflussen? Der Untergrundmarkt für Exilliteratur war marginal, die Menschenverluste beim Einschmuggeln der Zeitungen hoch. Das Gewaltmonopol des NS-Regimes war wirksamer als die Hoffnung auf Agitationserfolge durch Bilder, die ohnehin nur das präsentierten, was man in den schwer betroffenen Kreisen ohnehin wusste.

Die Gründe für die Presseoffensive gegen die Mánes-Ausstellung lagen demnach in sich zuspitzenden inneren Verhältnissen. Nach der Emphase der Gleichschaltungsphase 1933, die ja zu beträchtlichen Stellenneubesetzungen im öffentlichen Dienst und der Wirtschaft geführt hatten, trat angesichts der immer noch hohen Arbeitslosigkeit eine Ernüchterung in der Öffentlichkeit ein. Dagegen setzte das NS-Regime neuartige Werbekampagnen zu Weihnachten, zugleich aber auch erste reichsweite Kampagnen gegen bürgerliche „Meckerer“. Die vom NS-Zeichner Werner Hahmann (1883-1977), später Dekan der TU Berlin, erstellte Propagandaserie „Herr und Frau Knätschrich“ versuchte öffentlich gegenzuhalten. Nach längeren Vorbereitungen, zu denen auch die Presseoffensive gegen die Mánes-Ausstellung gehörte, forcierte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (1897-1945) im Mai 1934 dann eine reichsweite Kampagne gegen sog. Meckerer, Nörgler und Miesmacher. Parallel stellte die paramilitärische SA eine aktivistische Gefahr für die NS-Führung dar. Beide Bedrohungen führten zu den Röhm-Morden Ende Juni 1934, denen die Spitze der SA, aber auch zahlreiche Konservative zum Opfer fielen. Darunter war Hitlers Vorgänger Kurt von Schleicher (1882-1934), aber auch der katholische Münchner Journalist Fritz Gerlich (1883-1934), dessen Wochenzeitschrift „Der gerade Weg“ seit 1932 zahlreiche Hitler-Karikaturen und -Fotomontagen veröffentlicht hatte.

Die eigentliche Krise des NS-Regimes war jedoch wirtschaftlich bedingt. Die Remilitarisierung und viele Arbeitsbeschaffungsprojekte führten das Reich an den Rand einer „wirtschaftlichen Katastrophe“ (Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung, Berlin 2007, 95). Die illusionäre Autarkiepolitik, die Überbewertung der Deutschen Mark, die Zollschranken vieler Handelspartner und die fehlende Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie mündeten im Januar 1934 in eine tiefgreifende Devisenkrise, der man trotz massiver Ausschöpfung der verbliebenen Gold- und Währungsreserven nur durch eine Art Zweiteilung der Wirtschaft Herr werden konnte. Die Konsumgüterindustrien wurden zugunsten der Investitionsgüterindustrien zurückgefahren, Hoffnungen auf eine substanzielle Verbesserung des Lebensstandards zerstoben dadurch.

Das NS-Regime in der Krise. Karikatur von Erich Godal und Bert—József Jusztusz (Sozialdemokrat 1934, Nr. 101 v. 1. Mai, 6 (l.); Neuer Vorwärts 1934, Nr. 43 v. 8. April, 5)

In dieser politisch prekären Lage bot die Mánes-Ausstellung eine bequeme Möglichkeit, innenpolitische Probleme durch die Ablenkung auf einen äußeren Feind zu übertünchen. Sie bündelte bestehende Feindbilder gegen den „Marxismus“, Emigranten, Demokratie und Slawentum, bettete diese noch in bestehende nationale Konflikte ein, die das Verhältnis zur Tschechoslowakei seit der Machtzulassung immer wieder stark belastet hatten. Pointiert formuliert war die Mánes-Ausstellung ein dankbar angenommenes Geschenk für das NS-Regime. Im April 1934 wurde nicht aufgrund der Wirksamkeit einiger Bilder im fernen Prag interveniert, sondern weil man auf diese Weise die eigene Herrschaft stabilisieren konnte.

Höhepunkt und Abebben der deutschen Presseaktion

Am 13. April hatte die gleichgeschaltete deutsche Presse mit fast identischem Inhalt gegen eine Ausstellung protestiert, die keiner der verantwortlichen Schriftleiter jemals gesehen hatte. Der Nachrichtentext, vor allem aber die aufpeitschenden Schlagzeilen emotionalisierten, appellierten an die nationalen und nationalistischen Gefühle der Mehrzahl der Deutschen. Am 14. April folgte eine offizielle Nachricht, die einerseits erste Erfolge der Verbalnote hervorhob und damit die offenkundige Angemessenheit des Protestes unterstrich. Anderseits hielt sie die Angelegenheit in der Schwebe, ermöglichte ein Nachkarten nach eigenem Gusto: „Wie die ‚Lidove Novini‘ melden, hat die Verbalnote des Prager deutschen Gesandten, Dr. Koch, in der Angelegenheit der Karikaturenausstellung Manes das Ergebnis gehabt, daß Minister Dr. Krofta seiner Umgebung erklärte, er könne sich nicht in eine künstlerische Angelegenheit, wie sie die Ausstellung darstelle, einmischen. Krofta habe aber durch die Vermittlung eines Beamten des Außenministeriums den Verein Manes ersucht, aus dem Ausstellungsfenster das Bild des Reichskanzlers Hitler zu entfernen, das vor allem den Anlaß zu dem deutschen Schritt gegeben hat. Das Blatt bemerkt dazu: Die Entfernung des Bildes stellt lediglich ein Entgegenkommen der Ausstellungsleitung dar. Ein neues Karikaturenarrangement mit Stalin, Dollfuß und einheimischen Politikern wurde veranstaltet. Im Innern der Ausstellung hat man nichts geändert“ (Die Karikatur des Reichskanzlers aus der Ausstellung entfernt, Solinger Tageblatt 1934, Nr. 87 v. 14. April, 6).

Schlagzeilen in westdeutschen Tageszeitungen am 14. April 1934 (Von oben n. unten: Langenberger Zeitung, Westfälische Landeszeitung, Aachener Anzeiger, Westfälischer Beobachter, Zeno-Zeitung. DGA-Duisburger General-Anzeiger)

Die offizielle Nachricht fand wunschgemäße Aufnahme, die Schlagzeilen suggerierten einen Prestigegewinn der deutschen Seite. Das schien erst einmal ausreichend zu sein. Die Presse sollte keine Flurschäden hervorrufen, sondern deutsche Vernunft und Besonnenheit zum Ausdruck bringen. Die einschlägige Presseanweisung am 14. April verordnete lapidar: „Ueber unsere Meldungen und die Meldungen des DNB. hinaus soll jetzt nichts mehr über die Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei über die Frage ‚Ausstellung‘ veröffentlicht werden (Gabriele Toepser-Ziegert (Bearb.), NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit, Bd. 2, München et al. 1985, 181).

Darin hielten sich fast alle Zeitungen. Allerdings nicht alle. Denn typisch für die gelenkte Presse war ein stetes Nachkarten durch kleine Kommentare am Ende der gleichsam offiziellen Meldungen. Das wenige Wochen zuvor nach NS-Vorgaben umgestaltete „Volksblatt“ wetterte entsprechend gegen die im Ausland angesiedelten deutschen Emigranten, den fehlenden Widerstand der Prager Regierung und die Herabwürdigung des Hakenkreuzes. Während sich das „Emigrantengesindel“ austoben dürfe, würden die Tschechen zugleich Reichsdeutsche verfolgen und auch anklagen (Prager Unverschämtheiten, Volksblatt [Hörde] 1934, Nr. 88 v. 16. April, 3). Die Tschechen, so die Anklage, maßen stetig mit zweierlei Maß: Stalin (1878-1953) und Gabrielle D’Annunzio (1863-1938) würden freundlich karikiert, die Deutschen dagegen „als Verbrecher oder mit abstoßender Fratze dargestellt“ (Hitler-Karikaturen entfernt, Lenneper Kreisblatt 1934, Nr. 87 v. 14. April, 2). Und so köchelte der Konflikt auf niedriger Flamme weiter.

Fort- und Ausköcheln der Proteste: Schlagzeilen vom 23. bis 26. April 1934 (von oben n. unten: Dortmunder Zeitung, Münstersche Anzeiger, Warburger Kreisblatt, Rhein- und Ruhrzeitung, Neußer Zeitung, Westfälische Landeszeitung)

Wer sich über die Interventionen in Prag genauer unterrichten wollte, musste auf die deutsch-tschechische oder aber österreichische Presse zurückgreifen, die präzise über die Entfernung von sieben inkriminierten Bildern aus der Ausstellung berichteten (Erfolg des reichsdeutschen Protestes, Reichspost 1934, Nr. 105 v. 18. April, 3). In der deutschen Presse kochte das Thema erst wieder hoch als neben den Erfolgen der eigenen Intervention auch Proteste weiterer Staaten einsetzten und rasch Erfolg hatten (Die Prager Karikaturen, Kölnische Zeitung 1934, Nr. 197 v. 19. April, 2). Man war stolzer Vorreiter: „Deutschland hat sich nicht gescheut, in einer offenen diplomatischen Aktion gegen die bildhaften Schmähungen seiner Staatsmänner vorzugehen. Der Erfolg blieb nicht aus […]. Nun haben sich auch die Oesterreicher, die Polen und die Italiener beschwert. Sie merken plötzlich alle, daß es sich hier nicht mehr um geistreiche Karikaturen, sondern um Hohn und Spott ohne tiefere Bedeutung handelt. Nun, wir gönnen den Nachläufern, daß auch sie Erfolg haben“ („Schwachheit, dein Name ist Weib!‘, Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung 1934, Nr. 110 v. 24. April, 1). Parallel hatte aber schon der nächste kleine Konflikt begonnen, prangte doch in einer Prager Shakespeare-Inszenierung über Richard III. Thron so etwas wie ein Hakenkreuz (Neue deutsche Beschwerde in Prag, Neues Wiener Tagblatt 1934, Nr. 24484 v. 20. April, 2). Und wieder hieß es Protest! Protest!

Die Berichte der deutschen Botschaft in Prag

Nachrichten, Schlagzeilen und Kommentare der deutschen Presse gaben natürlich kein angemessenes Bild des politischen Kalküls auf deutscher, aber auch auf tschechischer Seite. Doch in den Akten der Reichskanzlei finden sich die offiziellen Berichte der deutschen Gesandtschaft in Prag, so dass wir nochmals genauer nachfassen können (Bundesarchiv Berlin, R 43 I/153 Reichskanzlei. Auswärtige Angelegenheiten (1919-1944), Bd. 5). Von wirksamen Karikaturen war darin nicht die Rede, wohl aber von einer gern genutzten Gelegenheit im diplomatischen Scharmützel zwischen den beiden so ungleichen Staaten. Der Gesandte Walter Franz Koch (1870-1947) war allerdings nicht als nationalsozialistischer Scharfmacher bekannt. Am Ende des Kaiserreichs noch zum sächsischen Innenminister ernannt, trat er in die nationalliberale Deutsche Volks-Partei ein. Seit 1919 fungierte er erst als sächsischer, seit 1921 dann als deutscher Gesandter in Prag. Er besaß vertrauensvolle Beziehungen insbesondere zu dem seit 1918 amtierenden Außenminister Edvard Beneš (1884-1948). Das betraf nicht zuletzt die Bekämpfung der nationalistischen Deutschen Nationalpartei und der (tschechischen) Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, die ihrem Verbot im Oktober 1933 durch Selbstauflösung zuvorkamen. An ihre Stelle trat die kurz zuvor gegründete Sudetendeutsche Heimatfront, die nicht zuletzt aufgrund deutscher Unterstützung 1935 zur zweitstärksten Partei im stark fragmentierten tschechischen Abgeordnetenhaus aufsteigen konnte. Koch versuchte nach der Machtzulassung die wechselseitigen Beziehungen einigermaßen intakt zu halten. Er vertrat selbstbewusst die begrenzten Autonomierechte der deutschen Minderheit, versuchte zugleich die zahllosen Übergriffe gegen tschechische Staatsbürger im Deutschen Reich zu verteidigen. Den deutschen Emigranten stand er strikt ablehnend gegenüber, half etwa aktiv, die Mörder des Philosophen Theodor Lessing (1872-1933) vor Strafverfolgung zu schützen und die deutsche Verantwortung zu vertuschen (Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918-1945, Ser. C, Bd. I, T. 2: 16. Mai bis 14. Oktober 1933, Göttingen 1971, insb. Nr. 411 und 414). Die Mánes-Ausstellung bot Koch die Chance, seine feindliche Haltung gegen deutsche Emigranten neuerlich unter Beweis zu stellen.

Der von der tschechoslowakischen Regierung anstelle der 1938 zerschlagenen Grabstelle 1958 errichtete Gedenkstein für Theodor Lessing auf dem Jüdischen Friedhof in Marienbad (Uwe Spiekermann, Juli 2025)

Koch arbeitete mit seiner am 12. April 1934 übergegebenen Verbalnote also aktiv dem Führer entgegen, verfolgte zugleich aber auch eigene Zwecke. Sein diplomatisches Schreiben war wesentlich präziser als die gekürzte, durch das Deutsche Nachrichtenbüro verbreitete Fassung. Es zielte explizit gegen die im Mánes-Schaufenster an der „verkehrsreichen ‚Riegerovo nábřeží‘“ platzierte Heartfield-Fotomontage „Adolf, der Übermensch“. Der Gesandtschaft fielen „wegen ihrer gehässigen Darstellung besonders die Machwerke von John Heartfield, B. Šukajev und Godal auf“, ferner eine „Unzahl übler Darstellungen des Reichspräsidenten, des Reichskanzlers und aller leitenden deutschen Staatsmänner“, von denen sieben präzise benannt wurden. Auch das Hakenkreuz werde „in gemeinster Weise besudelt“. Hiergegen protestierte Koch „auf das Schärfste“, verwies auf die gefährdeten Beziehungen und bat „das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, für eine beschleunigte Entfernung dieser Machwerke Sorge tragen zu wollen“ (Verbalnote in Schreiben der Deutschen Gesandtschaft in Prag an das Auswärtige Amt v. 12. April, BA Berlin, R 43 I/153, 121-122). Kochs Verbalnote wurde im Deutschen Reich verdichtet, zugleich aber auch entschärft. Durch ihre Schärfe bot sie aber zugleich den Anlass für die Presseaktion des Reichspropagandaministeriums. Sie würde wirken, doch anders als von den exilierten Künstlern intendiert.

Skandalträchtiges im Nachdruck: Exponate von John Heartfield in der Mánes-Ausstellung (Zeman, 1987, 68 (l.); Anneliese Hübscher, Fotografie + Dynamik. John Heartfield und die Fotomontage, Urania 27, 1981, 376-383, hier 381)

In einem sechsseitigen Schreiben erläuterte der deutsche Gesandte am 14. April seine Kritik an den Exponaten. Er war sich bewusst, dass es sich großenteils um Altware handelte, um Titelblätter der AIZ, um Karikaturen aus „Gegen-Angriff“ und „Simplicus“. Das war in seinen Augen Schmähkritik, die einzig darauf zielte, das Dritte Reich „nach jeder Richtung hin“ herunterzuziehen. Nicht Wirkung, sondern Kränkung sei das Ziel. Koch verstand den NS-Staat offenbar als nationale Wiedergeburt, während die Karikaturen an die unbewältigte Niederlage im Ersten Weltkrieg erinnerten: „Es handelt sich bei der Ausstellung um eine Zusammenstellung der bildlichen Darstellungen der typischen Greuelhetze,-wie wir sie bereits einmal im Kriege erlebt haben,-gegen uns. Man wird beim Beschauen der Ausstellung unwillkürlich an die Bilder erinnert, mit denen Frankreich während des Krieges den Einmarsch in Belgien und die deutsche Armee karikierte, nur daß z.B. die Darstellung Görings als Menschenschlächter (das betreffende Bild trägt die Überschrift ‚Der deutsche Fleischhacker‘ und stellt Göring blutbefleckt als Schlächtermeister dar) in seiner aufhetzenden Wirkung vielleicht alles bisher Dagewesene übertrumpft“ (Schreiben der Deutschen Gesandtschaft in Prag an das Auswärtige Amt v. 14. April, BA Berlin, R 43 I/153, 124-129, hier 124-125). Nicht die vermeintliche „antifaschistische“ Wirkung war Anlass, sondern die Erinnerung an ein nationales Trauma. Kochs Intervention stand demnach in der langen Linie einer von vielen Kriegsteilnehmern als Verhöhnung ihrer Leiden und ihres Opfers verstandenen Kommentierung des Krieges durch DADA-Künstler wie Raoul Hausmann (1886-1971), George Grosz oder John Heartfield (Gerd Krumeich, Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik, Freiburg i.Br., Basel und Wien 2018, 238-245). Dass Pazifismus und Respekt vor den Kriegsopfern auch verbunden werden konnten zeigten insbesondere Ernst Toller (1893-1939) in seiner Tragödie „Hinkemann“ (1922) oder aber Georg Wilhelm Pabst (1885-1967) in seinem Antikriegsfilm „Westfront 1918“ (1930). Auf offizieller deutscher Seite schwangen Debatten der späten 1920er Jahre über das preußische Erbe, nationale Identität, über Pazifismus und den Sinn des verlorenen opferreichen Krieges mit, die sich im Kampf gegen die Friedericus Rex-Filme oder dem Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ polarisiert hatten. Man sollte dabei nicht vergessen, dass auch die paramilitärischen Kampfbünde des Reichsbanners und des Rotfrontkämpferbundes das Männerspiel des uniformierten Militärs praktizierten.

Fasst man die längeren Berichte des deutschen Gesandten zusammen, sind vor allem drei Punkte festzuhalten, nämlich Pedanterie, grundsätzliches Einvernehmen mit den tschechischen Partnern sowie die Vorstellung eines diplomatischen Erfolges. Erstens enthalten die langen Berichte vom 14. und dem 19. April pedantische Darstellungen aller Exponate mit vermeintlich deutschfeindlichem Gehalt. Während in der Öffentlichkeit von acht deutscherseits beanstandeten Karikaturen die Rede war, listete der Bericht am 14. April zweiundzwanzig Bilder auf. Die deutsche Seite konzentrierte sich in ihrer Verbalnote also nur auf die offenkundigsten Schmähungen. Heartfields Fotomontagen dominierten mit zehn Nennungen; sicher auch deshalb, weil sie als kommunistische Agitprop schon aus der Zeit der Präsidialdiktatur bekannt waren. Viermal erwähnte man Porträtzeichnungen des im Pariser Exil lebenden Russen Wassili Iwanowitsch Schuchajew (1887-1973, hier „Šukajew“). Hindenburg, Kronprinz Wilhelm und Papen wurden von ihm karikiert, also das nationale, nicht das nationalsozialistische Deutschland. Hinzu traten zwei Simplicus-Zeichnungen Erich Godals, ferner vier des tschechischen Künstlers BertJózsef Jusztusz, und je eine von Josef Čapek und Anton Pelc (1895-1967). Die deutsche Gesandtschaft konzentrierte ihren öffentlichen Protest also auf Exilkünstler, lenkte ihn nicht auf Einheimische (Schreiben der Deutschen Gesandtschaft in Prag an das Auswärtige Amt v. 14. April, BA Berlin, R 43 I/153, 124-129). Ein zweiter Bericht vom 19. April beschrieb dann 45 vermeintlich deutschfeindliche Exponate. Damit konnte man in den Verhandlungen mit den tschechoslowakischen Stellen den Protest detailliert begründen, zugleich aber die Verbalnote als zwar scharf formuliert, zugleich aber als doch konziliant darstellen. Selbstverständlich dienten derart pedantische Auflistungen auch der weiteren Überwachung der einschlägigen Kunstszene.

Inkriminierte Karikaturen des aus Berlin geflohenen Zeichners Erich Godal: „Röhms Hochzeit“ (r.) wurde trotz deutscher Aufforderung nicht abgehängt (Prager Tagblatt 1934, Nr. 88 v. 15. April, 9 (l.); Zeman, 1977, 57)

Zweitens hob Walter Koch immer wieder die grundsätzliche Kooperationsbereitschaft der tschechoslowakischen Seite hervor, unterstrich also den Sinn diplomatischer Interventionen. Zum einen galt dies für die einheimische Presse (Das neue Deutschland und die tschechoslowakische Presse, Bericht der Deutschen Gesandtschaft Prag an d. Auswärtige Amt v. 14. März 1933, in: Deutsche Gesandtschaftsberichte aus Prag, T. 4, bearb. v. Heidrun und Stephan Dolezel, München 1991, 31-32, hier 31). Sie habe nicht nur die deutsche Verbalnote nahezu unkommentiert veröffentlicht, sondern sich auch über die Entfernung der Heartfield-Fotomontage aus dem Schaufenster kaum echauffiert. Koch unterstrich das Entgegenkommen durch den stellvertretenden Außenminister Kamil Krofta (1876-1945), eines katholischen, nationaltschechischen Historikers, der nach der Wahl von Beneš zum Staatspräsidenten zum Außenminister aufstieg, unter deutscher Besatzung in den Widerstand ging und an den Folgen seiner Inhaftierung umkam. Die Gesandtschaft habe zwar die Exilpresse nicht gänzlich stillstellen können, wohl aber mehrere Bundesgenossen insbesondere in der emigrationsfeindlichen Presse gefunden (Schreiben der Deutschen Gesandtschaft in Prag an das Auswärtige Amt v. 16. April, BA Berlin, R 43 I/153, 130-133). Zum anderen sei man beidseitig an einer Deeskalation interessiert. Explizit meldete Koch: „Minister Krofta sagte mir, daß Minister Beneš, der soeben von Genf zurückgekommen sei, ihn zu äußerstem Entgegenkommen gegen Deutschland angewiesen habe. Er werde sich alsbald mit der Ausstellung, die er noch nicht gesehen habe, befassen, und die nötigen Anordnungen treffen“ (Schreiben der Deutschen Gesandtschaft in Prag an das Auswärtige Amt v. 14. April, BA Berlin, R 43 I/153, 124-129, hier 129). Die nur zögerliche Erfüllung der deutschen Forderungen liege vornehmlich an den mitregierenden (tschechischen) Sozialdemokraten und an „Leuten, die die Straße fürchten“. Er hoffte zugleich, dass diese zurückhaltend reagieren würden, gab ihnen deshalb auch längere Bedenkzeit (Schreiben der Deutschen Gesandtschaft in Prag an das Auswärtige Amt v. 16. April, BA Berlin, R 43 I/153, 130-133, hier 133).

Ausstellungswand mit Fotomontagen John Heartfields – nach der „Säuberung“ des Schaukastens (Douglas Kahn, John Heartfield: Art and Mass Media, New York 1985, 8)

Drittens herrschte am Ende der Affäre große Zufriedenheit auf deutscher Seite. Das Auswärtige Amt resümierte in einem Bericht an andere Ressorts vom 28. April: „Nachdem auf den ersten Protest hin zunächst die Karikaturen des Führers aus dem Schaufenster der Ausstellung entfernt worden waren, hatten weitere Rücksprachen des Gesandten im tschechoslowakischen Aussenministerium den Erfolg, dass schließlich fast alle beanstandeten Machwerke aus den Ausstellungsräumen gänzlich entfernt wurden. Diese prompte Erledigung der deutschen Beschwerde durch die Prager Regierung bedeutet für das deutsche Ansehen in der Tschechoslowakei einen erheblichen Erfolg. Zudem hat die Schlappe, die die Prager Regierung erlitt, und die sie hauptsächlich den jüdischen Emigranten verdankt, zur Folge gehabt, erstmalig und wirkungsvoll die Aufmerksamkeit der gesamten tschechischen Öffentlichkeit auf die Gefahr des Zuzuges derartiger Elemente zu lenken“ (BA Berlin, R 43 I/153, 118-119). Koch vermerkte zudem, dass man durch seine Intervention die Spannungen sowohl zwischen den Regierungsparteien als auch den unterschiedlichen sozialdemokratischen Parteien habe erhöhen können (Gespräch mit Senator Křepek über die innenpolitische Lage der Tschechoslowakei, Bericht der Deutschen Gesandtschaft Prag (Walter Koch) an d. Auswärtige Amt v. 13. Mai 1934, in: Gesandtschaftsberichte, 109-112, hier 112). Von einer möglichen Wirksamkeit der Karikaturen war bei alledem nicht die Rede. Sie waren nur Mittel zum Zweck, Hilfsmittel für einen diplomatischen Erfolg des Deutschen Reiches.

Zugleich aber unterstreichen die Akten, dass neue nationalsozialistische Amtsträger es dabei nicht wirklich belassen wollten. Der Karrierediplomat Vicco v. Bülow-Schwante (1891-1970), Leiter des 1933 für die Behandlung der sog. Judenfrage neu geschaffenen Sonderreferats Deutschland, fasste Ende April 1934 nochmals nach und forderte in zwei Schreiben die Nachprüfung von 87 Exponaten der Mánes-Ausstellung (Schreiben des Auswärtigen Amtes, Vicco v. Bülow-Schwante, an die Deutsche Gesandtschaft in Prag v. 26. April, BA Berlin, R 43 I/153, 144; zu Bülow-Schwante Eckart Conze et al., Das Amt und die Vergangenheit, o.O. o.J. [München 2010], 43-46). Zudem sandte der nur zwei Wochen zuvor zum Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes ernannte Reinhard Heydrich (1904-1942) dem Auswärtigen Amt neuerliche Karikaturen aus dem „Simplicus“, forderte vom offenbar zögerlichem Amt „auf diplomatischen Wege mit aller Schärfe gegen die Schreibweise dieses Hetzblattes zu protestieren“ (Schreiben des Geheimen Staatspolizeiamtes an das Auswärtige Amt v. 2. Mai 1934; BA Berlin, R 43 I/153, 151). Hier kündigte sich schon ein strikteres Vorgehen gegen die Tschechoslowakei an, die nach der Okkupation des Sudetenlands und dem deutsch-österreichischen Einmarsch in die „Resttschechei“ zur Gründung des Protektorates Böhmen und Mähren führen sollte – und zur deutschen Karikaturenausstellung im Mánes-Pavillon 1940.

Proteste in Österreich, Polen, Italien und dem Vatikan

Die deutschen Proteste gegen einzelne Karikaturen der Mánes-Ausstellung hatten 1934 Rammbockqualität. Es folgten weitere Proteste, erst aus Österreich, dann aus Polen und Italien, schließlich still aus dem Vatikan. Sie bewirkten mehr Abhängungen als die deutsche Intervention. Zurück blieb eine vielfach gerupfte Ausstellung, teils aus Opportunitätsabwägungen der tschechischen Regierung, teils aufgrund der rechtsstaatlichen Eingriffe der Polizei.

Die deutsche Verbalnote wurde am 13. April in zahlreichen österreichischen Zeitungen abgedruckt (Deutschland beschwert sich in Prag, Tiroler Anzeiger 1934, Nr. 83 v. 13. April, 1). Einmal auf die sonst kaum beachtete Ausstellung aufmerksam gemacht, wurde nun vermerkt, dass sich in Prag auch Bilder befänden, „die die österreichischen Verhältnisse in einer Art darstellen, die mit künstlerischer Karikatur nichts zu tun hat“. Dabei wurden deutsche Emigranten wie Thomas Theodor Heine oder George Grosz explizit genannt (Deutscher Protest in Prag, Freie Stimmen 1934, Nr. 85 v. 14. April, 1). Doch es gab auch Verteidiger der Mánes-Ausstellung: „Das politische Leben aller Staaten wird, wie es ja auch Sinn der Satire ist, in den Bereich der ausgestellten Karikaturen gezogen“ (Protest gegen Karikaturen, Salzburger Volksblatt 1934, Nr. 86 v. 16. April, 6). Dennoch stellte sich unausgesprochen die Frage, ob österreichische Ehre nicht auch verteidigt werden müsse. In der durch Verbote der nationalsozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Blätter arg ausgedünnten österreichischen Presse wurde dann am 18. April über eine Beschwerde des österreichischen Gesandten in Prag Ferdinand Marek (1881-1947) berichtet. Wie Koch war er seit den demokratischen Revolutionen in der Tschechoslowakei tätig. Nun hieß es, mehrere Karikaturen würden „das heutige Regime in Österreich herabsetzen. In dem Schreiben werden diese Karikaturen als künstlerisch wertlose Geschmacklosigkeiten bezeichnet. Beanständet [sic!] werden hauptsächlich Werke von Bert, Bidlo und John Heartfield. Das Außenministerium wird ersucht, sich selbst ein Urteil über die Tendenz dieser Bilder zu machen“ (Österreichische Demarche wegen der Prager Karikaturenausstellung, Der Wiener Tag 1934, Nr. 3916 v. 18. April, 4). Spiegelbildlich zu Koch verwies Marek auf sieben zuvor in der „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“ und dem „Simplicus“ veröffentlichte Zeichnungen führender österreichischer Persönlichkeiten (Wegens caricaturen-tentoonstelling, De Courant 1934, Nr. 11783 v. 18. April, 1). Man hob allerdings zugleich den „sehr freundschaftlichen Ton“ des Schreibens hervor (Österreich protestiert in Prag, Das Echo 1934, Nr. 49 v. 17. April, 1). Nun wurde auch öffentlich, dass die österreichische Gesandtschaft das Außenministerium schon deutlich früher auf die Schmähbilder hingewiesen habe (Kärntner Tagblatt 1934, Nr. 91 v. 20. April, 2). Scharfe Gegenreaktionen der deutsch-tschechischen Sozialdemokraten führten zu Pressehändeln, unterstrichen für die meisten (österreichischen) Journalisten jedoch, dass ein energisches Einschreiten zwingend geboten sei (Ein unerhörter Presseangriff gegen den österreichischen Gesandten in Prag, Tiroler Anzeiger 1934, Nr. 93 v. 23. April, 3).

Das diplomatische Spiel nahm nun Fahrt auf: Am 21. April protestierte auch Italien offiziell gegen die „Prager Karikaturen“ (Telegraf am Mittag 1934, Nr. 54 v. 21. April, 3). Gesandter Guido Rocca monierte eine Karikatur Mussolinis von Anton Pelc. Im direkten Anschluss erhob auch der polnische Gesandte Einspruch gegen ein zuvor im „Simplicus“ erschienenes Bild des starken Mannes Polens, des Marschalls Józef Piłsudski (1867-1935) (Pester Lloyd 1934, Nr. 91 v. 23. April, 6). All das wurde flankiert von deutschen Journalisten, die nochmals gegen die bei Mánes ausgestellten „Greuelbilder der Emigranten“ agitierten (Weitere Proteste gegen die Prager Schmutzkarikaturen, Dortmunder Zeitung 1934, Nr. 187 v. 23. April, 2). Derartige Proteste mag man als unberechtigte Eingriffe in die Kunstfreiheit wegwischen, sind aber doch vor dem Hintergrund der Werthaltungen dieser damals katholisch geprägten Staaten zu verstehen. Die Proteste galten einer modernen Kunst, deren „hyperrealistische, krasse, plakathafte Darstellungsweise“ nur zu beabsichtigen schien, „die Werte der Religion, der Sitte und des Patriotismus zu besudeln und in den Kot zu ziehen. […] Man kann die Prager nicht verhindern, sich an diesen Karikaturen zu ‚erfreuen‘, aber man kann sich wohl dagegen wehren, wenn durch sie andere Staaten beleidigt werden.“ Die österreichische Stimme schob aber auch nach: „Der deutschen Regierung […] wäre übrigens bestens zu empfehlen, sich auch einmal die innerdeutsche, nachhitlerische Karikaturen’produktion‘ anzuschauen. Wenn Oesterreich ihr Thema ist, dürfte sie sich von den in Prag gezeigten Dingen kaum unterscheiden“ (Der christliche Ständestaat 1, 1934, Nr. 20, 20-21). Die Proteste gegen einige der Mánes-Exponate sind daher nicht „faschistisch“ resp. mit Zustimmung zum Nationalsozialismus zu verwechseln. Auch Kunstfreiheit hat Grenzen. Im demokratischen Rechtsstaat Tschechoslowakei waren Polizeiinterventionen keine Willkür, mochte das Auswärtige Amt auch Druck ausüben.

Abgehängt: Heines Spott auf die Ultramontanen (Simplicissimus 12, 1908, 749)

Es war daher nicht verwunderlich, dass auch der Heilige Stuhl still, aber beharrlich intervenierte (Protest van de Apostolische Nuntiatur te Praag, De Tijd 1934, Nr. 27536 v. 28. April, 5). Die Mánes-Leitung protestierte zwar, doch die tschechische Polizei entfernte auf Antrag des Geschäftsträgers der Apostolischen Nuntiatur Giovanni Panico (1895-1962) je zwei Kunstwerke von Alois Kohut (1891-1991) und George Grosz, darunter dessen berühmt-berüchtigte Zeichnung „INRI“ resp. Christus mit der Gasmaske, die schon 1928 Gegenstand eines Berliner Prozesses wg. Gotteslästerung war, der allerdings mit einem Freispruch endete (Die empfindliche katholische Kirche, Der Freidenker 17, 1934, 138). Auch eine Vorkriegszeichnung Thomas Theodor Heines wurde polizeilich entfernt.

Noch vor Ende April musste sich die Leitung der Internationalen Karikaturen-Ausstellung also mehrfach dem rechtsstaatlichen Druck der tschechischen Polizei, teils auch dem „Rat“ der Regierung beugen. Die Deutsche Gesandtschaft veranlasste die Entfernung einer Hitler-Fotomontage aus dem Schaufenster des Mánes, ferner das Abhängen von sieben Exponaten. Die Interventionen Österreichs, Italiens, Polens und des Vatikans führten zur Entfernung von deutlich mehr Kunstwerken. Es ging also nicht um „antifaschistische“ Kunst an sich, sondern auch um Fragen des Persönlichkeitsrechtes auswärtiger Staaten, Staatsmänner und religiöser Gefühle. Die Frage ist allerdings, wie nachträgliche Interpreten dennoch hervorheben konnten, dass es in der Kontroverse über die Mánes-Exponate um eine „major controversy” handelte „in which protection of the freedom of art and artists seemed to many tantamount to the defense of political sovereignty of Czechoslowakia” (Holz, 2004, 84). Dazu gilt es, den Blick auf die Geschehnisse und Debatten innerhalb des souverän agierenden demokratischen Rechtsstaates in der Mitte Europas zu lenken.

Resonanzen in der Tschechoslowakei und dem Exil

Die Erinnerung an die Mánes-Ausstellung ist geprägt von deren tapferem „antifaschistischen“ Widerstand. Das galt nicht nur nach außen, denn tschechische Ex-Kommunisten erwähnten auch eine „Kampagne“ der tschechischen „profaschistische[n] Presse“ gegen zahlreiche Exponate (Jiří Veselý, Von der Utopie des Exils zur Exilforschung unter ideologisch beschränkten Bedingungen, in: Bernhard Spieß (Hg.), Ideologie und Utopie in der deutschen Literatur der Neuzeit, Würzburg 1995, 160-170, hier 167). Andere Kunsthistoriker betonten den wackeren Widerstand vor Ort: “The idea of government officials […] expressing the views of their governments on matters concerning art, was ironic in itself, and was seen as such by the local press” (Zeman, 1987, 71). Beleg hierfür waren Stellungnahmen von Künstlern in der linken Presse. Der kommunistische tschechische Surrealist und Kunstkritiker Karel Teige (1900-1951) resümierte beispielsweise Ende Mai in der „Dobna”, dass die Ausstellung durch die Proteste zu einer “extraordinarily important artistic anti-fascist manifestation, an occasion for a confrontation between fascist reaction and the anti-fascist left on the cultural front” geworden sei (zit n. Ebd.). Die eigene Kunst sei wirksam!

Blickt man in die digital zugänglichen Tageszeitungen, bestätigen sich allerdings die Eindrücke der deutschen Gesandtschaft. Die deutsche DNB-Nachricht wurde praktisch unkommentiert veröffentlicht (Deutsche Zeitung Bohemia 1934, Nr. 86 v. 13. April, 1; Westböhmische Tageszeitung 1934, Nr. 88 v. 15. April, 1). Das der Künstlervereinigung Mánes nahestehende „Prager Tagblatt“ konzedierte, dass es „sehr scharfe“ Karikaturen gäbe, betonte aber verteidigend, dass diese nicht allein deutsche Repräsentanten attackieren würden (Protest gegen Karikaturen, Prager Tagblatt 1934, Nr. 86 v. 13. April, 4). Am 17. April berichtete sie freudig, dass die Verbalnote zu einer um eine Stunde verlängerte Öffnungszeit und zu „viele[n] tausende[n] Besuchern geführt habe“. Den Druck der Regierung habe der Mánes-Vereinsvorstand „einstimmig“ zurückgewiesen, so dass man „freiwillig keinerlei Veränderungen“ vornehmen werde (Mánes beharrt auf der Weigerung, Prager Tagblatt 1934, Nr. 89 v. 17. April, 5). Einen Tag später zitierte man jedoch aus dem Schreiben des Prager Polizeipräsidenten, der die Abnahme von sieben Bildern aus „Gründen des öffentlichen Aergernisses“ verfügt hatte. Binnen einer Stunde wurde dem durch die Künstlervereinigung Folge geleistet, die Polizeikräfte mussten nicht selbst zur Tat schreiten. Einzig das Verdikt gegen „Röhms Hochzeit“ von Erich Godal war abgelehnt worden. Zugleich betonte die Künstlervereinigung, dass der zuvor gemeldete Beschluss nicht gefasst worden sei, da man keine Sitzung durchgeführt habe. Die Organisatoren richteten sich nach den Vorgaben der Polizei, waren nicht widerständig, sondern folgsam (Sieben Karikaturen entfernt, Prager Tagblatt 1934, Nr. 90 v. 18. April, 7). Dennoch berief sich die internationale Presse vielfach auf die vermeintliche Weigerung der Künstlervereinigung „irgend welche Änderungen in den Ausstellungsobjekten vorzunehmen, da“ diese „nach streng künstlerischen Grundsätzen“ ausgesucht worden seien (Rekordbesuch der Prager Karikaturenausstellung, Der Wiener Tag 1934, Nr. 3915 v. 17. April, 4). Vor Ort vermerkt wurde der beträchtliche Besucherandrang. Nach verhaltenem Anlauf gab es nach der deutschen Demarche einen Besucherrekord „von fast 3.000 Menschen“. Mit „insgesamt 7.000 Besuchern in acht Tagen“ wurde sie „zur meistbesuchten Ausstellung in der Geschichte Prags“ (De Caricaturen Tentoonstelling, Arnhemsche Courant 1934, Nr. 14669 v. 17. April, 5). Abseits der sozialdemokratischen und kommunistischen Presse blieb dies jedoch unkommentiert. Öffentliche Hinweise auf die zweimalige Verlängerung der Ausstellung bis zum 3. Juni und an sich übliche Resümees sind kaum nachweisbar. Auch in der Tschechoslowakei musste man die internationale Presse heranziehen, um beispielsweise etwas über die Drohung einzelner Künstler zu erfahren, alle ihre Beiträge zurückzuziehen, sollten einzelne ihrer Werke abgehängt werden. Ebenso ging die Eingabe der Sopade unter, die gegenüber dem tschechischen Außenministerium für die „Rechte der deutschen und tschechischen Aussteller in der Prager Ausstellung“ eintrat (Der Prager Skandal, Siegener Zeitung 1934, Nr. 90 v. 18. April, 2).

Innerhalb der Tschechoslowakei deuteten die politischen Lager die Ausstellung im Sinne ihrer jeweiligen Überzeugungen. Insbesondere Aussagen in der konservativen „Venkov“, dem Organ der stärksten tschechischen Partei, fanden durch ihre Multiplikation in der deutschen und österreichischen Presse auch internationale Verbreitung. Diese Agrarier priorisierten tschechische Interessen und wandten sich strikt gegen die aus Deutschland vertriebenen Künstler: „Wir haben der jüdischen Emigration aus Deutschland ein Asyl gewährt, die bei uns ihre Rechnung mit dem Hitlerregime erledigen will. Schon einigemal haben wir darauf aufmerksam gemacht, daß das Asylrecht ein Betragen voraussetzt, das weder zu innerpolitischen noch zu außenpolitischen Konflikten führen darf. Es ist das eine Frage des Taktes. Die Emigration aus Deutschland hat diesen Takt nicht“ (zit. n. Streiflichter, Grazer Tagblatt 1934, Nr. 182 v. 21. April, 2, auch nachfolgend). Man verwies zugleich auf einen ähnlichen Fall in Berlin Mitte der 1920er Jahre, bei dem damals die tschechische Intervention erfolgreich gewesen war. Entsprechend setzte man auf Kooperation: „Der Konflikt mit Deutschland, hervorgerufen durch die tendenziösen Zeichnungen einer jüdisch-emigrantischen Propaganda, halten wir für unsere Interessen und für unser Prestige für schädlich.“ Auch die „Deutsche Presse“, die Zeitschrift der sudetendeutschen Christlich-Sozialen Volkspartei, wandte sich deutlich gegen die Mánes-Ausstellung: „Es kann nicht ruhig hingenommen werden, was man sich in dieser Ausstellung auch an Verspottung und Verhöhnung religiöser Gefühle zu leisten wagt. Ganz beim Eintritt in den ersten Saal erblickt man ein Machwerk ärgster Sorte ehemaliger Berliner Asphaltkunst, das schon seiner Zeit berechtigtes Mißfallen erregte. Man sieht einen Christus mit Gasmaske, eine Verhöhnung des Christentums, wie sie ärger wohl nicht gedacht werden kann. […] Es wäre an der Zeit, daß sich die geistliche Oberbehörde mit diesen Dingen befassen würde“ (zit. n. Münstersche Anzeiger 1934, Nr. 428 v. 24. April, 1). Beide Parteien waren Mitglieder der Regierungskoalition.

Der vermeintliche Realismus der Karikaturen (Simplicus 1934, Nr. 12, 11 (BA Berlin, R 43/I 153, 152))

Während also Mitte-Rechts-Parteien die Kritik ausländischer Proteste teilten, gar begrüßten, sah dies bei den Sozialdemokraten gänzlich anders aus; trotz ihrer Regierungsbeteiligung. Die Mánes-Ausstellung war für sie kein Skandal, sondern tendenziell eine „Sensation“ (Forum4, 1934, 131). Die Exponate schienen anfangs nicht sonderlich herausragend zu sein (Sozialdemokrat 1934, Nr. 85 v. 12. April, 6), doch die Redakteure der Parteizeitung „Sozialdemokrat“ hofften, dass der deutsche Protest gründlich abblitzen werde (Hitler in der Karikatur, Sozialdemokrat 1934, Nr. 87 v. 14. April, 3). Die erste Abhängung schien ihnen dagegen „ein Beweis dafür, in welch‘ empörender Weise der Druck des [sic!] hitlerdeutschen Unkultur auf ganz Mitteleuropa lastet“ (Ferner liefen …., Sozialdemokrat 1934, Nr. 90 v. 18. April, 4, auch für das Folgende). Deutlich wortreicher beschäftigte man sich mit dem österreichischen Protest, sah darin – kontrafaktisch – eine blinde Gefolgschaft des „Millimetternichs“ aus Wien gegenüber „IHM“, dem großen Vorbild aus Berlin. Dollfuß Eintreten für die Gefühle der österreichischen Katholiken sei unglaubwürdig, sei vielmehr vom Schuldbewusstein angesichts des unbarmherzigen Vorgehens gegen das Schutzbundmitglied Karl Münichreiter (1891-1934) geprägt. Der Sozialdemokrat war im Februar entgegen der Bitte Kardinal Inzingers (1875-1955) schwerverletzt zum Würgegalgen geschleppt und getötet worden: „Glaubt er wirklich, die Welt würde ihn in milderem Lichte sehen, wenn es ihm gelingt, unter fleißiger Assistenz seiner begabten Diplomaten, die verhaßten zeichnerischen Dokumente der österreichischen Wahrheit von den Wänden bei Mánes zu reißen?! Bilder, die aus Leben geboren sind, und seien sie noch so sehr mit Demagogie gefüllt, zunichte machen!“ Rückfragen nach weiteren Inhaftierten folgten, die Porträtwünsche der „Gentlemen der braunen Konzentrationslager“ wurden persifliert, „gern mit Vergißmeinnicht-Sträußchen im blondgelockten Germanenhaar“ (Herr Koch, wir bitten um Auskunft!, Sozialdemokrat 1934, Nr. 91 v. 19. April, 4).

Die sozialdemokratische Presse nutzte die Interventionen gegen Exponate der Mánes-Ausstellung zur Verspottung und Schmähung ihrer politischen Feinde und zur klaren Positionierung gegen die deutschsprachigen Regime. Zugleich aber kritisierte sie die vom Außenministerium kofinanzierte „Prager Presse“, die für begrenzte Konzessionen eintrat. Der folgende Kommentar zur parallelen Absetzung von Ferdinand Bruckners (1891-1958) antirassistischem Drama „Die Rassen“ am Prager Stadttheater erfolgte auch mit Blick auf die abgehängten Karikaturen: “Wir sind nicht ohne Verständnis für gewisse Rücksichten, die ein kleines Land einem großen bösen Nachbar gegenüber zu nehmen gezwungen sein kann; aber wenn der Druck, den die Hitler und Goering auf die ganze Welt auszuüben trachten, so weit geht, daß man in der Tschechoslowakei dem freien Geist, der buchmäßigen und bühnenhaften Auseinandersetzung mit den größten und wichtigsten sozialen, ethischen und psychologischen Problemen, in Deutschland geschmiedete Ketten anzulegen sich bemüßigt sieht, dann schafft man damit, ob man will oder nicht, dem Fascismus selbst Raum. […] Es wird Zeit, daß man sich an höchster Stelle mit diesen Dingen befaßt – denn viele solcher ‚Siege‘ angeblich diplomatischer Klugheit könnte die tschechoslowakische Demokratie nicht ohne fühlbare Schwäche und Schädigung ertragen!“ (Was noch? Zensurstreich gegen die „Rassen“, Sozialdemokrat 1934, Nr. 91 v. 19. April, 6) Dem österreichischen Gesandten drohte man anschließend, dass er im Falle einer neuerlichen Regierungsübernahme der SPÖ in Wien sein Dasein als Emigrant fristen müsse (Sozialdemokrat 1934, Nr. 92 v. 20. April, 4). Bei derartigen Verbalscharmützeln blieb es, Konzilianz und Kompromisse gab es nicht. Man warnte vor Zugeständnissen, insbesondere gegenüber Christen: „Wenn der Kreuzzug der ‚verletzten Gefühle‘, denen bekanntlich ‚die ganze Richtung nicht paßt‘, erst einmal richtig beginnt, was wird dann wohl noch vor dem Einspruch des entfesselten Spießers sicher, was überhaupt noch erlaubt sein?“ (Ein Vorschlag zur Güte!, Sozialdemokrat 1934, Nr. 100 v. 29. April, 4)

Eine kritische Würdigung des Abhängens beanstandeter Karikaturen (Sozialdemokrat 1934, Nr. 94 v. 22. April, 3)

Die tschechische Resonanz auf die Interventionen gegen die Mánes-Karikaturen war demnach hochgradig fragmentiert, spiegelte die politische und nationale Zerrissenheit des Mittelstaates. Während sich die nationalen Parteien viele Argumente der Kritiker zu eigen machten, hielten sich zentristische Kreise eher bedeckt. Sozialdemokraten (und Kommunisten) polemisierten, stellten aber auch grundsätzlichere Fragen nach dem Stellenwert der Kunstfreiheit und nach den Grenzen der Kompromissbereitschaft. Die Lager beharrten auf ihren Wahrheiten, so auch bei der sich anschließenden Debatte über die Kontingentierungen deutscher und amerikanischer Filme in den tschechischen Kinos. Auch dort riefen Sozialdemokraten zum Widerstand auf, wussten sie doch, dass sie bei der Mánes-Ausstellung eine Niederlage erlitten hatte: „Soll er [Walter Koch, US] auch diesmal wieder nach Berlin über einen Erfolg berichten können, der zu weiteren Attacken ähnlicher Art ermuntert?“ (Schweigen über den amerikanischen Film, Sozialdemokrat 1934, Nr. 104 v. 5. Mai, 6).

Wie aufgeladen die innenpolitische Situation in der Tschechoslowakei 1934 war, zeigte sich dann nicht zuletzt während des sog. Insignienstreites Ende November. Die eingeforderte Abgabe jahrhundertealter Würdenzeichen durch die Deutsche Universität führte zu nationalistischen Ausschreitungen zwischen deutschen und tschechischen Studenten (Drei unruhige Tage, Sozialdemokrat 1934, Nr. 278 v. 27. November, 1-2). Liberale Pressehäuser wurden belagert, tschechische Nationalisten demonstrierten mit Steinen in den Taschen auch vor dem Mánes-Pavillon. Bei größeren antideutschen Unruhen lag er unter einem Steinbombardement, zerbrachen Scheiben, gerieten Gäste in Gefahr. Beschwerden der Künstlervereinigung an die Prager tschechische Universität blieben jedoch folgenlos (Sozialdemokrat 1934, Nr. 300 v. 23. Dezember, 3). Der hohe Anteil jüdischer Künstler wurde auch „in der demokratischten Republik Europas“ zu einem Risiko (Campo, Auch eine „jüdische“ Sache…, Die Neue Welt 8, 1934, Nr. 418, 2).

Bedingte Stille in der deutschen Exilpresse

Wie reagierten nun deutsche Emigranten auf die umkämpfte Karikaturen-Ausstellung? Kurz gefasst: Ruhig und verhalten. Man beschwor zwar auch im Exil den Witz als letzte Waffe in Zeiten der Reaktion, wusste jedoch, dass es sich bei den in der Mánes-Ausstellung präsentierten Werken eben vielfach nicht um humorvolle Bilder handelte (Gelächter um Hitler, Neuer Vorwärts 1934, Nr. 40 v. 18. März, 6). Es ging den ins Exil Vertriebenen um das Zerschlagen des „Faschismus“, nicht um irgendwelche Kompromisslinien. Angesichts von Terror und Repression ist das mehr als nachvollziehbar, macht zugleich aber die wachsende Bedeutung kommunistischer Vorstellungen des gewalttätigen Klassenkampfes deutlich. 1934 handelte es sich eben nicht um heutzutage unmittelbar anschlussfähige Debatten über Kunstfreiheit und die Grenzen staatlicher Intervention. Es ging um kulturelle Hegemonialkämpfe, ein Ringen um die Machtmittel.

Angesichts der weiter oben angerissenen Auseinandersetzungen zwischen Emigranten und staatlichen Autoritäten war für erstere ein genaueres Eingehen auf die Ereignisse in Prag risikobehaftet; das überließ man daher fest etablierten linken Parteien wie etwa der deutsch-tschechischen Sozialdemokratie. Man selbst informierte, so etwa mittels der vielfach nachgedruckten DNB-Meldung über das deutsche Vorgehen (Hitlers Karrikatur [sic!], Deutsche Freiheit 1934, Nr. 87 v. 15. April, 2). Die eigenen Leser würden sich darauf schon ihren eigenen Reim machen können. Für pointiertere Aussagen nutzte man zweitens Zitate, etwas des kommunistischen „Prager Mittags“. Demnach fühlte sich die deutsche Regierung von den Karikaturen hart getroffen, führe deshalb die „schärfsten Geschütze des diplomatischen Verkehrs“ auf (Angst vor Satire, Pariser Tageblatt 1934, Nr. 125 v. 16. April, 2, auch für das Folgende). Das deutete man als Angst vor der Kunst, vor der Wahrheit der Bilder. Zudem unterstützte man den Künstler der eigenen Seite in seiner Freiheit, „die Dinge so darzustellen, wie er sie sieht“. Drittens präsentierte man die Angriffe als Ausdruck der Schwäche gegenüber wirksamen Karikaturen. Die „braunen Herren“ hätten eben „zarte Nerven und dann tun ihnen sogar Karikaturen weh, die in Prag ausgestellt werden“ („Ich sage gar nichts“, Deutsche Freiheit 1934, Nr. 127 v. 13. Juni, 5).

Die Schwäche der nicht kommunistischen Oppositionskräfte und ihr Hauptfokus auf eine ansatzweise funktionierende Widerstandsorganisation erforderte andere Prioritäten als lange Debatten über Kunst und Kunstfreiheit. Im tschechischen Exilblatt „Der Kampf“ bedauerte man entsprechend zwar, dass „Bild auf Bild […] auf Geheiß der Polizei entfernt“ werde. […] Aber was geht das uns an? […] Liegt das im Interesse unserer Demokratie? […] Internationale Höflichkeit ist ganz schön und ist notwendig. Aber […] etwas weniger Höflichkeit und mehr innerdemokratische Festigkeit sind nützlicher!“ (Gefährliche Verbote, Der Kampf [Sozialistische Revue] 1, 1934, 94-95). Angesichts der Kämpfe der damaligen Zeit mochte das richtig sein. Doch die fehlende breitere Debatte der Ereignisse in Prag mündete zugleich in eine Erinnerungskultur, die von wenigen Unentwegten geprägt wurde und die an einer empirisch reflektierten Rekonstruktion der Ereignisse nicht interessiert war.

Das zeigt sich etwa an dem wohl bekanntesten Artefakt eines Exilkünstlers in Reaktion auf das Abhängen inkriminierter Karikaturen in Prag. John Heartfield, Meister des verfremdenden Recyclings, nutzte dafür ein im Juni 1932 präsentiertes Titelbild der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ 11, 1932, 873). Es zeigte den just von der Polizei in Waltershausen erschossenen 26-jährigen arbeitslosen Arbeitersamariter Oskar Kaufmann (Henner Reitmeier, Tod durch Polizeikugel, Neue Rheinische Zeitung Online 2026, Ausgabe v. 23. Februar). Heartfield enthistorisierte das Bild, überlagerte die Leiche mit einer Fotografie des Zuchthauses im englischen Dartmoor, ansonsten Kulisse in Schauerromanen und Edgar-Wallace-Krimis. Darüber montierte der frühere Dadaist nun eingerahmte eigene Bilder aus der Mánes-Ausstellung. Durch die Lücken der abgehängten Montagen sah man auf das Gemäuer in Devon, doch transzendierend hieß es zugleich: „Je mehr Bilder sie weghängen, umso sichtbarer wird die Wirklichkeit!“ Als wären seine Prager Reproduktionen von Nazischergen abgehängt worden. An dieser Fotomontage war alles falsch, doch im Klassenkampf schien eben alles erlaubt. Bis heute zeigt sie scheinbar den kreativen Geist des kommunistischen Exils, wird als solche auch gewürdigt (Nicola Hille, Der Schnitt entlang der Zeit: Hitlerkarikaturen und politische Fotomontagen von John Heartfield als satirischer Beitrag aus dem Exil, in: Viktoria Hertling, Wulf Koepke und Jörg Thunecke (Hg.), Hitler im Visier, Wuppertal 2006, 193-209, hier 206).

Online-Präsentation der Fotomontage „Zur Intervention des Dritten Reiches“ aus der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung 13, 1934, Nr. 18

Gespaltene Einschätzungen: Mánes-Ausstellung und Kunstfreiheit in westeuropäischen Demokratien

Das alles rückfragend zusammenzutragen ist recht ermüdend. Doch da die kunsthistorische Literatur von einer breiten Debatte über Kunstfreiheit, zugleich aber von der Mánes-Ausstellung als „antifaschistischem“ Erfolg berichtet, gilt es weiter zu fragen: Gab es überhaupt größeren Widerhall der Prager Ereignisse in demokratischen westeuropäischen Staaten?

Blicken wir zuerst in die Schweiz. Wie in Deutschland wurde auch dort der deutsche Protest als Nachricht verbreitet. Und wie in Deutschland nutzte man Schlagzeilen um das Geschehen einzuordnen: „Humorlose Politik“, „Humor ist staatsgefährlich“ oder „Die gekränkte Leberwurst“ hieß es dann (Der Bund 1934, Nr. 170 v. 13. April, 4; Neue Zürcher Nachrichten 1934, Nr. 103 v. 16. April, 2; Oberegger Anzeiger 1934, Nr. 16 v. 20. April, 3). Auch das weitere Prager Geschehen wurde zu kurzen Nachrichten verdichtet, die allerdings eher neutral übertitelt waren (Um die Karikaturenausstellung, Der Bund 1934, Nr. 176 v. 17. April, 6). Insgesamt bewerteten Schweizer Redakteure das deutsche Vorgehen als unangemessen, thematisierten es aber nur am Rande. Eine breitere Diskussion über Kunstfreiheit oder aber mögliche Gefahren auch für die Eidgenossenschaft fand nicht statt. Das galt auch für die 1875 gegründete liberale Karikaturzeitschrift „Nebelspalter“. Im Deutschen Reich kurz nach der Machtzulassung verboten, kritisieren deren Zeichner und Redakteure sowohl die Nationalsozialisten als auch die Schweizer Frontisten mit spitzer Feder. Staatliche Interventionen kannte und verurteilte man, glaubte aber nicht jede davon aufgreifen zu müssen. Das mag auch daran gelegen haben, dass man die restriktive Asylpolitik der Schweizer Behörden gegenüber politischen Flüchtlingen und deutschen Juden unterstützte.

Schwierigkeiten mit jüdischen Immigranten (Nebelspalter 60, 1934, Nr. 16, 4)

Wie bereits in der Tschechoslowakei berichteten sozialdemokratische Tageszeitungen auch in der Schweiz deutlich umfassender und zugleich kritischer über das Abhängen inkriminierter Karikaturen. Insbesondere die italienische Intervention fand Spott und Erwähnung. Auf unklarer Quellenbasis verwies man auch auf ein besonderes Interesse der Arbeiterschaft an den Exponaten (Unangenehme Ausstellung für Diktatoren, Berner Tagwacht 1934, Nr. 97 v. 27. April, 11). Üblich war zugleich die Übernahme von Artikeln aus der sozialdemokratischen Auslandspresse. Kritik an Prag war dabei gekoppelt mit Kritik an analogen Zensurbestrebungen innerhalb der Schweiz (Krieg gegen Karikaturen, Berner Tagwacht 1934, Nr. 111 v. 15. Mai, 6). Größere Meinungsartikel oder gar übergreifende Debatten fehlten jedoch.

In den Niederlanden reagierte man ähnlich. Dort wurden anfangs die Nachrichten des Duitsche Nieuwsbureau unkommentiert nachgedruckt, so dass man um die Proteste gegen die Mánes-Ausstellung allgemein wusste. Umfassendere Darstellungen und Kommentare findet man abermals fast ausschließlich in sozialdemokratischen (und kommunistischen) Zeitungen. Darin griff man auch die Berichte der deutlich größeren Zahl politischer und jüdischer Flüchtlinge im eigenen Land auf. Sarkastisch wurde der deutsche Protest unterstützt, denn es handele sich in Prag gewiss nicht um Kunstwerke: „Es sind … Bilder der Realität“ (Geen caricaturen! De Tribune 1934, Nr. 187 v. 14. April, 7). Das Prager Geschehen wurde auch aufgegriffen, um allgemein auf die schwierige Lage vieler deutscher Flüchtlinge hinzuweisen. Einsatz für den Verbleib der Karikaturen war für die niederländischen Sozialdemokraten eine Grundsatzaufgabe einer offenen Gesellschaft (Caricaturen van Hitler en Dollfuss, Het Volk 1934, Nr. 12677 v. 21. April, 2). Folgerichtig verwiesen sie daher auf ähnliche Restriktionen im eigenen Land. So wurde parallel zu Prag eines der eindringlichsten Gemälde gegen den Terror der Nationalsozialisten, geschaffen von Harmen Meurs (1891-1964), polizeilich beschlagnahmt und aus einer Amsterdamer Kunstausstellung entfernt. Anklagend hieß es seitens kommunistischer Kommentatoren: „In den Niederlanden bedarf es keiner Unterstützung von Ausländern. Dort verschwören sich Polizei und Regierung, gegebenenfalls unterstützt von den Sozialdemokraten, um jegliche Kritik der Arbeiter an ihnen zu unterdrücken und – vorzugsweise im Geheimen – zu bekämpfen“ (Stedelijke tijdbeelden, Links Front 1934, Nr. 4, 23-25, hier 25). Harmen Meurs lebte während der deutschen Besatzungszeit mit seiner jüdischen Frau Berthe Ederstein (1901-1993) zurückgezogen in Ermelo, wo er sein Zeitbild aus Sicherheitsgründen zerstörte.

Abgehangen in Amsterdam: Ein Zeitbild von Harmen Meurs und Protest-Fotomontage (Links Front 1934, Nr. 4, 24; ebd., 1)

Wunschwelten der Wirksamkeit

Unsere gewiss aufwändige Reise unterstreicht, dass die Proteste und Karikaturabhängungen in Prag im April 1934 in vielen europäischen Staaten zur Kenntnis genommen und insbesondere von sozialdemokratischen und auch kommunistischen Zeitungen kritisch kommentiert wurden. Doch weder für die Öffentlichkeit, noch für die linken Parteien waren sie irgendwie vorrangig, gar ein Thema, um Fragen einer demokratischen Öffentlichkeit und der Kunstfreiheit systematisch zu erörtern. Es gab schließlich vielfach auch Zensurbestrebungen vor Ort, die näher lagen als Geschehnisse im fernen Prag. Dieses Ergebnis steht in deutlichem Gegensatz zu den so anderen Aussagen in der späteren, der heutigen kunsthistorischen Literatur. Sie sind einerseits Ausdruck einer heroischen, ja hagiographischen Präsentation der Werke und der Person John Heartfields. Sie sind zugleich irritierende Beispiele für eine Forschung, die Wunschwelten wirksamer „antifaschistischer“ Kunst höher gewichtet als Quellenlektüre und Quellenkritik. Diese Forschungsliteratur ist Ausdruck bestürzender Voreingenommenheit, Einseitigkeit und des gläubigen Abschreibens ohne rückfragende Recherche.

Hierzu wäre vieles zusammenzutragen, doch ich belasse es bei einigen Belegen: Typisch etwa die folgende Deutung der Prager Geschehnisse in der DDR: „Am 6. April 1934 wurde im Prager Manes-Pavillon eine Ausstellung internationaler Karikaturen eröffnet, John Heartfield war mit seinen besten antifaschistischen Fotomontagen vertreten. Es kam zu einem Skandal und zu internationalen Verwicklungen. Die Hitlerregierung forderte die Entfernung jener bitter-satirischen, die führenden nazistischen Staatsmänner entlarvenden Blätter. Die Tschechoslowakische Regierung griff jedoch nicht ein, und die Prager Bevölkerung strömte in die Ausstellung. Die internationale Presse berichtete ausführlich über die Vorgänge und veröffentlichte Heartfields Arbeiten. Zahlreiche Künstler solidarisierten sich mit ihm, aus Frankreich kam eine Einladung, dort auszustellen“ (Hübscher, 1981, 382). Forschung wird so zur kommunistischen Heldengeschichte, die alles ausgrenzt, was den Kampf des wackeren Kämpen Heartfield mit der Hitlerregierung hätte differenzieren können. Das geht einher mit völlig irrealen Vorstellungen über die Wirkungen der Mánes-Ausstellung: „The exhibition of anti-fascist cartoons in Prague in April-May 1934 exposed the criminal nature of Hitler’s regime, as well as capturing the true character of Nazi leaders. But until this time, that knowledge appears to have been confined to central Europe: the rest of the world, including western Europe, was still largely ignorant of the Nazi threat” (Zeman, 1987, 14). Niederlagen werden zu Erfolgen umgedeutet – Gläubige daran findet man immer.

John Heartfield wurde spätestens in den 1970er Jahren zu einem der bekanntesten „antifaschistischen“ Künstler auch in Westeuropa und den USA, seine Fotomontagen zierten Kataloge und als Poster die Heime vieler studentischer Gevierte (Photomontages of the Nazi Period. John Heartfield, New York 1977). Genauere Rückfragen an die darin enthaltenen Fehler, Fälschungen und Verschwörungstheorien unterblieben großenteils: „Die Ausstellung wurde in einem Masse legendär, dass sich eine Aufzählung der dort gezeigten Werke Heartfields erübrigt“ (Jan M. Tomes, John Heartfield und der Künstlerverein Mánes, in: Peter Becher und Peter Heumos (Hg.). Drehscheibe Prag. Zur deutschen Emigration in der Tschechoslowakei 1933-1939, München 1992, 65-74, hier 71). Die Mánes-Ausstellung war in dieser Heldenerzählung Bewährungs- und Durchbruchszeit, die empirisch nicht zu belegenen Besucherziffern – die weit überhöhte Zahl von 60.000 Besuchern folgt einer Jubelschätzung Adolf Hoffmeisters – unterstrichen die Strahlkraft und Wirksamkeit der dortigen großenteils ja schon vor 1933 entstandenen Heartfield-Fotomontagen (Michael Krejsa, NS-Reaktionen auf Heartfields Arbeit 1933-1939, in: Helen Adkins (Hg.), John Heartfield, Köln 1991, 368-379). Diese wurden in nostalgischer Verklärung und ohne Bezug auf die demokratiefeindlichen Kernelemente der KPD-Agitation zu dem Bedeutendsten gezählt, „was die kommunistische Kunst dieser Jahre überhaupt aufzuweisen hatte“ (Jost Hermand und Frank Trommler, Die Kultur der Weimarer Republik, Frankfurt a.M. 1988, 426). Als karikaturistische Zuspitzung und Deutung, als künstlerische Widerspiegelung der fragmentierten und brüchigen Existenz in einem repressiven kapitalistischen System, das gleichermaßen von Sozialdemokraten, Reaktion und deren nationalsozialistische Agenten geprägt war, war deren Wirkung insbesondere in Intellektuellenkreisen beachtlich. Schon 1931 präsentiert die Große Berliner Kunstausstellung Heartfield und auch den KPD-Plakatkünstler Sándor Ek (1902-1975). Trotz Kritik wurden nicht Heartfields Karikaturen aus der Ausstellung entfernt, sondern das bekannte – und „unsittliche“ – Abtreibungsplakat Alice Lex-Nerlingers (1893-1975). Abseits der AIZ drang Heartfields Kunst auch öffentlich vor, einschlägige Fotomontagen zierten 1932 Berlins Litfaßsäulen, darunter auch die aus dem Schaufenster des Mánes-Pavillons entfernte Montage über Adolf, den Übermenschen (Sabine Kriebel, Photomontage in the Year 1932: John Heartfield and the National Socialists, Oxford Art Journal 31, 2008, 97-127). Das war umkränzt von frühem Personenkult „des genialen ‚Monteurs‘ John Heartfield“ (Durus (d.i. Alfred Kemény), Fotomontage als Waffe im Klassenkampf, Der Arbeiter-Fotograf 6, 1932, 55-57, hier 56).

Viele Kunsthistoriker verwenden bis heute zeitgenössische, auch von Heartfield gern verwandte Begriffe wie „demokratisch“ und „antifaschistisch“, ohne aber deren stalinistische Umdeutung zu reflektieren. Freudig berichtet man von Heartfields „feste[r] Entschlossenheit, die politischen Zustände in Deutschland zu beeinflussen“ (Jindřich Toman, Ein Künstler auf der Flucht. John Heartfield in Prag, in: Angela Lammert, Anna Schultz und Rosa v.d. Schulenburg (Hg.), John Heartfield. Fotografie plus Dynamit, München 2020, 188-193, hier 189) – ohne die Folgen einer kommunistischen Herrschaft auf Kunstfreiheit und Alltagsleben zu erörtern. Heartfield wurde auch in der Tschechoslowakei umhimmelt, dort entstand die große Mehrzahl seiner Fotomontagen. Mánes-Künstler wie Adolf Hoffmeister und Karel Teige sahen zu ihm auf, verteidigten ihn auch während der Mánes-Ausstellung 1934 (Pavlína Vogelová, Czech Interwar Photography between Art, Society and Politics, Metszetek 7, 2018, Nr. 4, 105-123). Ihre damaligen Meinungsartikel werden bis heute gern zitiert, nicht aber empirisch überprüft und historisch kontextualisiert (Vladimir Birgus und Jan Micoch, Tschechische Fotografie des 20. Jahrhunderts, Bonn und Prag 2009, 117-118). Katholische Heiligenverehrung ist kritischer als der marktgängige und zudem Stellen sichernde Kult um „The Artist of German Communism” (Andrés Mario Zervigón, John Heartfield and the Agitated Image. Photography, Persuasion, and the Rise of Avant-Garde Photomontage, Chicago und London 2012, 235-241).

Fern der heiligen Hallen stellen sich Fragen der Wirksamkeit deutlich anderes. Die Mánes-Ausstellung mochte eine größere Besucherzahl als üblich anlocken, doch als Verkaufsausstellung dürften die Erträge übersichtlich gewesen sein. Schließlich blieben genügend Karikaturen übrig, die am 5. November 1934 zugunsten der Prager Aktion „Demokratie für die Jugend“ versteigert wurden (Sozialdemokrat 1934, Nr. 257 v. 2. November, 6). Auch Heines Werke waren darunter – und er unterstrich nach der Mánes-Ausstellung seine skeptische Haltung gegenüber der Wirksamkeit der Karikatur in einem Lichtbildvortrag in der Prager Urania (Sozialdemokrat 1934, Nr. 265 v. 11. November, 6).

Das Weiter-so der „antifaschistischen“ Kritik

Der Streit um die Mánes-Karikaturen war ein Nebenschauplatz, der in Deutschland nationale Kohäsion erlaubte, von den massiven wirtschaftlichen Problemen ablenkte. Er war ein von der deutschen Regierung initiierter Skandal, den tschechische und exilierte Künstler aufgriffen, weil die gelenkte Wut ihrer Vorstellung von Wirksamkeit entsprach, weil er ihren Marktwert erhöhte. An das „kalte Pogrom“ an den deutschen Juden wurde parallel zwar erinnert (Die Lage der Juden in Deutschland, Pariser Tageblatt 1934, Nr. 123 v. 14. April, 1), doch es gab weder eine wirksame Agitation einerseits für wachsende Emigrationskontingente für in Deutschland Verfolgte, anderseits für die erforderliche Eindämmung des Deutschen Reiches durch glaubhaften militärischen Druck. Die Vorstellung einer friedlichen, demokratischen und sozialistischen Welt war durch die Zwangskollektivierung und den Holodomor in der UdSSR 1932/33 kaum erschüttert worden. Die Kritik am kapitalistischen, imperialistischen und kolonialen Westen wurde beibehalten, teils intensiviert, die eigene Marginalität so unterstrichen. Doch es bliebt das wohlige Gefühl des Gegenentwurfs, der Volksfront, einer letztlich friedlichen Welt nach erfolgreichen kulturellen Kämpfen. Das Exil mochte Recht haben in seiner Verdammung des NS-Regimes, der Benennung der Verbrechen, der Warnung vor dem Krieg. Doch ein realistisches und wirkmächtiges Konzept folgerte daraus nicht. Die antikommunistische, antisemitische und xenophobische Praxis des NS-Regimes dürfte breiteren Widerhall gefunden haben (beispielhaft für die USA ist Ira Katznelson, Fear Itself. The New Deal and the Origins of Out Time, New York 2013).

Derart strukturelle Probleme wurden im deutschen Exil nicht wirklich aufgegriffen, fehlte es doch an einer auch nur ansatzweise realistischen Analyse des Nationalsozialismus. „Antifaschistische“ Karikaturen bestätigten die eigenen Vorstellungen, stärkten und dokumentierten. Alfred Kerr (1867-1948), vor der Machtzulassung gefeierter Literaturkritiker, meinte abwägend: „Gewiß, das alles vertreibt Hyänengeschöpfe nicht aus ihrem befestigten Stall. Das versperrt nicht ihre feig und schlau betonierten Mordstraßen. Doch etwas nicht zu tun, bloß weil es vielleicht nicht nützt, ist nichtsnutzig in gewissen Fällen“ (Die Karikatur als Waffe, Neuer Vorwärts 1935, Nr. 114 v. 18. August, 6-7, auch für das Folgende). Für ihn galt der Satz des Schriftstellers Georg Hirschfeld (1867-1942): „Man muß protestieren“. Und er führte mutmachend fort: „Läßt sich solchem Gesindel mit Bildhumor beikommen? Doch. Warum nicht? Es kann nicht schaden. Jede Form ist mir heut recht. Sogar die hoffnungslos scheinende – sie braucht nicht hoffnungslos zu sein. Jeder Wille zum Feststellen fördert. Jede Wallung zum Widerstand. Jedes Lachen als Anklage. Jeder Heiterkeit als Angriff. Alles wird willkommen sein – nur das Nichthandeln nicht. Man muß protestieren (Freilich: organisieren ist besser. Vergeßt es nicht.).“

Als Vorwort einer Broschüre mit Karikaturen und Texten (Juden Christen Heiden im III. Reich, Prag 1934) mochte dies angemessen sein. Doch generell galt, dass die wirkmächtige Karikatur „sich in ihren Inhalten und Methoden nach dem Gegner“ richten müsse, „den sie bekämpfen muß“ (Die antifaschistische Kritik, Neuer Vorwärts 1936, Nr. 170 v. 13. September, 5-6: auch für das Folgende). Die Exilkünstler wussten um Wünsche nach mehr Ruhe, Würde und Objektivität, sahen sich durchaus in der Tradition gehobener Gebrauchskunst des 18. und 19. Jahrhunderts: Doch „kann man im Ernst von uns erwarten, daß wir mit kühler Ruhe das wahnsinnige Treiben von Menschen betrachten, die das Rad der Geschichte rückwärts drehen wollen und in ihrer blinden Zerstörungswut bis auf die Wurzeln alles vernichtet haben, was es an mühsam erkämpften politischen, kulturellen und sozialen Errungenschaften in Deutschland gegeben hatte?“ Wirkungen waren gesetzt, ebenso der Sieg des Sozialismus, „der einzigen rettenden Idee, die eine gequälte Menschheit von ihren Nöten befreien kann. Sie hat ihre Pflicht zu erfüllen, ihren Todfeind zu entlarven, ihn der Schande preiszugeben und zum Untergang reif zu machen.“ Und so zeichnete man. Fips [d.i. Philipp Rupprecht (1900-1975)] und Mjölnir agierten ähnlich. Alternativlose Gesinnungstäter in Illusionen und Hass vereint.

Schmähkritik als Kampfmittel des sozialistischen Exils (Neuer Vorwärts 1936, Nr. 158 v. 21. Juni, 3; ebd., Nr. 143 v. 8. März, 5)

Entsprechend gab es keine wirklichen Lernprozesse, keine Fortentwicklung der Karikatur im Exil. Niederlagen wie die Mánes-Ausstellung wurden mit einem Weiter-so beantwortet. Das belegen gleich mehrere 1934 erschienene Broschüren, deren Bildmaterial teils noch aus den Beständen der Mánes-Ausstellung stammte.

In den Präsentationen und Besprechungen der im September erschienen 52-seitigen Broschüre „Das III. Reich in der Karikatur“ rückte man allerdings den Witz in den Vordergrund: „Lächerlichkeit tötet. Nichts hassen die Machthaber des Dritten Reiches mehr als das Lachen der Welt“ (Berner Tagwacht 1934, Nr. 192 v. 18. August, 8). Da wunderte es nicht, dass man das mörderische System im Vorwort verniedlichte, es in die Tradition des „deutschen Spießers“ stellte (Heinrich Mann, Das Gesicht des Dritten Reiches, Sozialdemokrat 1934, Nr. 179 v. 3. August, 6). Gleichwohl erregte das Bändchen Aufsehen, wurde es doch in der demokratischen Schweiz durch die Bundesanwaltschaft beschlagnahmt (Der Schweizer Koch, Berner Tagwacht 1934, Nr. 212 v. 11. September, 2). Man mutmaßte eine Intervention des deutschen Gesandten in Bern, doch das spätere NSDAP- und CDU-Mitglied Raban Adelmann (1912-1992) hatte nicht protestiert (Bundesrätliche Pressezensur?, Berner Tagwacht 1934, Nr. 216 v. 15. September, 1). Im liberalen „Bund“, den man zuvor im Deutschen Reich verboten hatte, hieß es gar: „Die deutsche diplomatische Mission in Bern hat wegen Verunglimpfungen durch die Presse noch nie einen offiziellen Schritt unternommen“ (Der Bund 1934, Nr. 434 v. 18. September, 2). Da der Schweizer Bundesrat die Broschüre wieder freigab, löste sich die Angelegenheit in Luft auf, unterstützte vielleicht gar den Verkauf.

Broschüren gegen den „Faschismus“: Titelblätter von „Der Bürgerkrieg in Österreich“ (April) und „Das III. Reich in der Karikatur“ (September, Prag 1934), gezeichnet von Thomas Theodor Heine resp. Bert—József Jusztusz (Deutsch, 1934, I (l.); Reich, 1934, I)

Parallel etablierte sich die politische Karikatur. Die Stuttgarter Staatsgalerie hatte parallel „Die politische Karikatur und Satire in der Zeichnung der Gegenwart“ präsentiert, wo Heines Ex-Kollegen vom „Simplicissimus“, vorwiegend aber die Zeichner der 1931 gegründeten nationalsozialistischen Karikaturzeitschrift „Die Brennessel“ ein Forum erhielten (Mjölnir stellt aus, NS-Kurier 1934, Nr. 124 v. 15. März, 5). Eine kurz darauf in Stockholm eröffnete Karikaturenausstellung fand aufgrund ihrer Völkerbundkritik deutsches Wohlwollen („Das Testament von Genf.“, Erzgebirgischer Volksfreund 1934, Nr. 118 v. 24. Mai, 1). Welche Bedeutung die NS-Machthaber der Karikatur zumaßen zeigte sich auch im Konzentrationslager Dachau, wo Häftlinge den Speisesaal „mit Karikaturen von Sozialdemokraten, Zentrumsführern, Juden und Kommunisten des alten Regimes“ ausgestalten mussten. Das Schriftband höhnte “Das waren sie!“ (Besuch in Dachau, Deutsche Freiheit 1934, Nr. 98 v. 28. April, 2) Und Goebbels hatte sich während der „Kampfzeit“ immer wieder über kritische Karikaturen gefreut: „Das 8 Uhr Abendblatt bringt eine gemeine Karikatur von mir. Immerzu! Vor!“ (Joseph Goebbels, Tagebücher 1924-1945, hg. v. Ralf Georg Reuth, 3. Aufl., München und Zürich 2003, 408; vgl. auch 487)

Für deutsche Exilkünstler etablierte sich Paris zur wichtigen Drehscheibe, hier fanden 1934 Ausstellung von John Heartfield und George Grosz statt (Pariser Tageblatt 1934, Nr. 125 v. 16. April, 2). Auch in Frankreich gab es wiederholt Proteste der deutschen Geschäftsträger, doch wahrte man dort noch den Rahmen, etwa angesichts einer in Straßburg präsentierten Hitler-Karikatur bei einer kommunistischen Wahlveranstaltung (Freiburger Nachrichten 1936, Nr. 239 v. 14. Oktober, 3). Das erfolgreiche Vorgehen in Prag blieb dennoch Referenzrahmen, dürfte zu vorauseilendem Gehorsam in der europäischen Kunstszene geführt haben. Bei einer von der deutschen Presse im Januar 1938 attackierten Ausstellung über „Fünf Jahre Hitler-Regime“ urteilten neutrale Beobachter abwägend, dass die Angriffe „bei weitem nicht an die wütende Pressekampagne gegen die Tschechoslowakei“ herangereicht hätten, als dort wieder „antideutsche“ Karikaturen präsentiert worden waren (Mißstimmung gegen Frankreich, Neue Zürcher Zeitung 1938, Nr. 190 v. 1. Februar, 1). Doch dabei bezog man sich nicht mehr auf 1934, sondern auf deren Nachgänger 1937. Geschichte kann sich wiederholen, zumal bei allseitigem Weiter-so.

Die Mánes-Ausstellung im Oktober 1937

Prag blieb Mitte der 1930er Jahre ein Zentrum der deutschen Exilkultur und des europäischen Kulturlebens. Ein Beispiel hierfür war die Mánes-Fotoausstellung 1936, die Werke von sechs tschechischen Avantgarde-Fotografen und zudem von John Heartfield, Man Ray (1890-1976), László Moholy-Nagy (1895-1946), Alexander Rodtschenko (1891-1956) und Arkadi Schaichet (1898-1959) präsentierte. Heartfields Fotomontagen fanden besonderes Interesse, doch eine Intervention der deutschen Seite blieb aus (Abseits von der Reichskulturkammer, Das Neue Tage-Buch 4, 1936, 285). Gleichwohl lenkte die schon 1934 gestellte Frage „Wann ist in Prag der nächste Skandal fällig?“ in die richtige Richtung (Prager Skandale, Bautzener Nachrichten 1934, Nr. 96 v. 25. April, 1). Anlass bot dann die Ausstellung „Die heutige Mánes“ (Dnešní Mánes), die vom 12. Oktober bis 28. November 1937 gezeigt wurde.

Mit staatlicher Unterstützung: Einladung zur Ausstellungseröffnung (Dnešní Mánes | Databáze uměleckých výstav v českých zemích 1820 – 1950)

Die „heutige Mánes“ war die dritte und letzte Kunstausstellung der Künstlervereinigung anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums. Die erste hatte sich mit moderner französischer Kunst beschäftigt, die zweite mit der Arbeit der Mánes-Künstler bis etwa 1930 (J. Pečirka, Dritte Jubiläumsausstellung des „S.V.U. Mánes“, Prager Presse 1937, Nr. 297 v. 28. Oktober, 10). Nun aber stand die heutige Avantgarde im Mittelpunkt, insbesondere der tschechische Surrealismus. Der Katalog listete 241 Exponante von 74 Künstlern auf (Výstava Dnešní Mánes, Prag 1934), zumeist Gemälde, doch auch Skulpturen, Fotografien, Fotomontagen und Karikaturen. Darunter befanden sich auch Werke prominenter Gäste, insbesondere des norwegischen Altmeisters Edvard Munch (1863-1944) oder des Architekten Le Corbusier (1887-1965). Dem Anlass entsprechend, hatte der tschechische Staatspräsident Edvard Beneš die Schirmherrschaft übernommen, hinzu kam ein Ehrenpräsidium aus Ministerpräsident Milan Hodža (1878-1944), Schul- und Bildungsminister Emil Franke (1880-1939), Außenminister Kamil Krofta und dem Prager Bürgermeister Petr Zenkl (1884-1975). Neben Mánes-Präsident Josef Gočár begrüßte auch Franke Mitglieder und Notable, spiegelte den Stolz von Stadt und Land auf die wichtigste Künstlervereinigung des Landes (Die dritte Mánes-Ausstellung, Sozialdemokrat 1937, Nr. 241 v. 13. Oktober, 6). Die Ausstellung war experimentell angelegt, insbesondere die surrealistischen Kunstwerke polarisierten die Kritiker vor Ort, etwa Jindřich Šíyrskŷs (1899-1942) „Huldigung an Karl Marx“. Der Kopf des deutschen Gesellschaftstheoretikers war waagerecht auf einen Frauenrumpf und einen Spieß gesteckt worden. Der offenkundig irritierte sozialdemokratische Kritiker vermerkte: „Es bleibt der Zeit überlassen, was aus solchen Experimenten vielleicht einmal erwächst und ob spätere Generationen darin erst ertastete Stationen auf neuen Wegen erkennen oder ob sie als Symptome einer in sich problematisch gewordenen, suchenden und alles versuchenden Uebergangszeit gewertet werden“ (Der heutige Mánes, Sozialdemokrat 1937, Nr. 249 v. 22. Oktober, 6).

Blick in einen der Ausstellungsräume (Dnešní Mánes | Databáze uměleckých výstav v českých zemích 1820 – 1950)

„Die heutige Mánes“ war eine Art Leistungsschau der heimischen Kunst, war damit unausgesprochen auch Gegenentwurf zu der am 19. Juli eröffneten Münchner Doppelausstellung von „Erster Großer Deutscher Kunstausstellung“ und „Entarteter Kunst“, der kunstpolitischen Absage „deutscher Kunst“ an die andernorts dominante Avantgarde. Bis Ende November sollten in der „Hauptstadt der Bewegung“ mehr als zweieinhalb Millionen Eintrittskarten verkauft werden. In Prag würde es wohl wieder bei kleineren Kreisen bleiben. Doch mit den neun im Katalog angekündigten Karikaturen Franticek Bidlos und Antonin Pelc bot das zwölfköpfige Organisationskommitee auch einen tagesaktuellen Bezugsrahmen, der durch sechs Fotomontagen John Heartfields nochmals akzentuiert wurde. Dies spiegelte den deutlichen Linksruck der Künstlervereinigung in den 1930er Jahren, deren Repräsentanten vielfach für die Sowjetunion als Gegengewicht zum deutschen Nachbarn optierten. Die nationalliberale Prager „Deutsche Zeitung Bohemia“ kritisierte angesichts der offiziellen Rückendeckung vorab die Veranstalter, dass diese „nicht auf einige politische Karikaturen und Photomontagen verzichten wollen, die peinlich aus dem offiziellen Rahmen fallen. […] Für die künstlerische Bewertung des ‚Mánes‘-Mitgliedschaft sind sie bedeutungslos. Noch wäre es Zeit, diesen Schönheitsfehler zu beseitigen“ (Der heutige „Mánes“, Deutsche Zeitung Bohemia 1937, Nr. 110 v. 12. Oktober, 5).

Neuerliche staatlich gelenkten Presseproteste in Deutschland 1937

Der deutsche Protest gegen die Karikaturen und Fotomontagen war vorhersehbar. Schon Anfang Oktober hatte es eine Art Vorglühen gegeben, hatte eine vom Verband der tschechischen Frontkämpfer veranstaltete Prager Antikriegsausstellung doch mit zahlreichen Beispielen begeisterter Kriegskarikaturen versucht, dem neuerlichen Rüsten Einhalt zu gebieten. Im Deutschen Reich wurde die angeprangerte „Deutsche Barbarei“ im Kontext der feindlichen Kriegspropaganda des Weltkriegs verstanden. Das galt als „Hetze gegen alles Deutsche“ (Tschechischer ‚Frontgeist‘, Bote für Stadt und Land 1937, Nr. 269 v. 1. Oktober, 1). Auch österreichische Journalisten bliesen zur Abwehr, aktivierten die Erinnerung an 1934: „Die Manes-Karikaturen-Ausstellung des Jahres 1934, die sogar mit diplomatischen Rückwirkungen verbunden war und beispielsweise das zweimalige Einschreiten des damaligen Prager deutschen Gesandten erforderlich machte, dürfte noch in zu frischer Erinnerung sein, als daß man auf tschechischer Seite versuchen wollte, die der Ausstellung zugrundeliegende antideutsche Tendenz abzuschwächen oder überhaupt zu leugnen“ (Eine skandalöse Ausstellung, Salzburger Volksblatt 1937, Nr. 228 v. 5. Oktober, 1).

Aktivierung der deutschen Presse gegen die Mánes-Ausstellung 1937 (Karen Peter (Bearb.), NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit, Bd. 5, München 1998, 816-817)

Am 13. Oktober 1937 gab eine morgendliche Presseanweisung die Order zur Attacke. Auf Grundlage eines detaillierten Berichtes über die Prager Eröffnungsfeier in der von deutschen Geldern unterstützten Reichenberger Tageszeitung „Die Zeit“ (Neues Mánes-Skandal in Prag, Die Zeit [Reichenberg] 1937, Nr. 241 v. 13. Oktober, 2) verschickte das Deutsche Nachrichtenbüro abermals eine verpflichtend abzudruckende Meldung. Lapidar hieß es „Die Ausstellung enthält eine ganze Reihe von deutsch-feindlichen Karikaturen“ (Neue Herausforderung in Prag, Kölnische Zeitung 1937, Nr. 519 v. 13. Oktober, 2, auch für das Folgende). Sie wurden benannt und beschrieben – und empört koppelte man diese mit der gleichsam offiziellen Ansprache des Ministers Emil Franke: „Wenn in Deutschland eine Ausstellung mit Schmähungen der geheiligten Prager Demokratie von einem Minister eröffnet würde, möchte man die Entrüstung nicht nur dort sehen! Diese Verunglimpfung Deutschlands soll aber natürlich etwas andres sein, und dazu bietet auch ein tschechoslowakischer Minister deutschen Namens seine Hand. Wird dadurch nicht der Kulturbolschewismus bestätigt, den man in Prag immer ableugnet?“ Die deutsche Presse tönte, die Schlagzeilen dröhnten.

Verdammung nach Vorgabe: Schlagzeilen in westdeutschen Tageszeitungen am 13. und 14. Oktober 1937 (Von oben n. unten: Velberter Zeitung, Volks-Zeitung für den rheinisch-westfälischen Industriebezirk, Sauerländer Zeitung, Oberbergischer Bote, Gelsenkirchener Zeitung)

Die derweil nach vielen staatpolitisch relevanten Einsätzen brav mitziehenden Schriftleiter wussten, dass im Sinne deutscher Auftragstaktik mehr erwartet wurde. Vom hohen Ross des vermeintlich Verunglimpften folgten unvermittelt zahlreiche ergänzende Kommentare. Auch diese Ausstellung sei „eine Verhetzung der Menschen gegen ein friedliebendes Volk, das nur die Knechtschaft jener Minderwertigen von sich abgeschüttelt hat, die sich jetzt auch in dieser tschechischen Ausstellung wieder als ein Konsortium der überall Gleichen gefunden haben und im Sinne des Kulturbolschewismus Propaganda machen. Wir sind gewiß, daß die deutsche Reichsregierung mit ihrer Meinung in Prag über diesen Skandal nicht hinter dem Berge halten wird. Denn darin ist sich das deutsche Volk bis auf den letzten Mann einig, daß es seinen Führer und sich selbst nicht von solch minderwertigen Hetzern beleidigen läßt“ (Prager Kulturbolschewismus will Deutschland beleidigen, Velberter Zeitung 1937, Nr. 279 v. 13. Oktober, 1).

Das war gewollt, war den Machthabern recht. Doch 1937 war die nationalsozialistische Presselenkung genauer getaktet als 1934: Die Abendpresse des 14. Oktobers sollte „in schärfster Form noch einmal auf die Verunglimpfungen und Beleidigungen der tschechischen Kunst-Ausstellung“ hinweisen. „Zwar haben die verantwortlichen Stellen in der Tschechoslowakei versucht, einige Bilder zu entfernen, es bleiben aber noch vier Bilder übrig, die Deutschland auf tiefste beleidigen und kränken. Es soll vor allem gegen die Tatsache polemisiert werden, dass ein aktiver tschechischer Minister die Ausstellung eröffnet hat und ausserdem im Präsidium der Ausstellung der Staatspräsident der Tschechoslowakei und der Ministerpräsident aufgeführt sind. Die deutschen Zeitschriften müssen ausdrücken, dass das deutsche Volk in schärfster Weise Protest gegen diese Ausstellung erhebt“ (Peter (Bearb.), 1998, 819).

In der Tat waren bereits nach dem ersten Rundgang der politischen Repräsentanten am Mittag des 12. April zwei Hitler-Karikaturen von František Bidlo, wahrscheinlich auch „Wilsons Frieden“ von Antonin Pelc abgehängt worden; also vor der Öffnung für das breite Publikum. Vier Fotomontagen John Heartfields, die sich gegen den Kriegskurs des NS-Regimes wandten, blieben jedoch hängen, wurden unter Polizeischutz gestellt (Veselý, 1975, 44-45). Während am gleichen Tag die Prager Börse einbrach und Bankenstützungen erforderlich wurden, erlaubten die „antifaschistischen“ Fotomontagen weitere Angriffe. Zwei prägnante Beispiele mögen genügen. Der von der NSDAP übernommene „Oberbergische Bote“ polterte: „Wie hat Deutschland sich bemüht, die Beziehungen nicht zu trüben, vielmehr alles zu vermeiden, was unkorrekt sein könnte. Vergebens, die Prager Machthaber und ‚Künstlerkreise‘ haben noch immer nicht gemerkt, daß es ihr eigener Dreck und Schmutz ist, mit dem sie das deutsche Volk zu bewerfen versuchen. Natürlich ohne etwas dabei zu erreichen! Ob der ehrliche Teil der Bevölkerung den Gassenjungen der Kulturwelt zustimmt, das erscheint mehr als zweifelhaft. […] Es sind immer dieselben, die das Volk verhetzen und mit Schmutz um sich werfen. Die Prager Ausstellung ist ihr getreues Konterfei. Noch ein solches Unternehmen, mit derart prominenten Protektoren, dann sind die ‚Prager Ausstellungen‘ schon zu einem Begriff geworden für alles Unanständige und Gemeine“ (Prag liebt Unanständigkeiten, Oberbergischer Bote 1937, Nr. 241 v. 14. Oktober, 2). Das unverlangte Entgegenkommen der tschechischen Seite griff das „Posener Tageblatt“ auf, eine Zeitschrift der deutschen Minderheit in Polen. In der „unglaubliche[n] Schmutzigkeit verschiedener Machwerke in der vom Schulminister eröffneten Ausstellung des Kunstvereins Manes“ sah ihr verantwortlicher Schriftleiter ein anschlussfähiges Eingeständnis. Mehr müsse folgen: „Es ist […] ein grundlegendes Erfordernis wirklicher Kultur, daß man aus der Prager Ausstellung alle Anstößigkeiten entfernt“ (Tschechische ‚Kultur‘-Propaganda, Posener Tageblatt 1937, Nr. 237 v. 15. Oktober, 3).

In Prag hatte man derweil schon eingelenkt, auf Anweisung des Schul- und Bildungsministers entfernte man am 13., spätestens aber am 14. Oktober die „anstößigen“ Exponate. Die Presseanweisung vom Abend des 14. Oktobers spiegelte dies: „Die Polemik gegen die Prager Kunstausstellung soll vorlaeufig nicht fortgefuehrt werden. Weitere Anweisungen folgen morgen auf der Pressekonferenz“ (Peter (Bearb.), 821). Die deutsche Seite hatte neuerlich scheinbar wirksame „antifaschistische“ Karikaturen verbannen können, behielt sich zudem weitere Schritte vor. In der tschechischen und der Exilpresse fehlen einschlägige Abbildungen, die deutsche Seite veröffentlichte dagegen Fotomontagen John Heartfields. Sie passten offenbar in das Propagandakalkül des NS-Regimes.

Visualisierung vermeintlicher Doppelstandards: Göring als Raubfisch und Deutschland als Friedensmacht nach der Zusicherung der „Unverletzlichkeit und Integrität“ der belgisch-deutschen Grenze (Lenneper Kreisblatt 1937, Nr. 241 v. 15. Oktober, 2 (l.); Westfälische Landeszeitung 1937, Nr. 243 v. 16. Oktober, 1)

Am 15. Oktober setzte man die Angriffe fort, plante zugleich deren Ausklang (Immer noch Hetzbilder in der Prager Schau, Kreuz-Zeitung 1937, Nr. 241 v. 15. Oktober, 9). In der folgenden Presseanweisung hieß es: „Aus der Prager Manes-Ausstellung seien ja nun die anstoessigen Bilder entfernt worden. Dazu muessten noch einige Kommentare erscheinen, in denen man diese Tatsache mit Genugtuung zur Kenntnis nehme, aber doch mit Bedauern feststelle, dass es erst einer grossen Pressekampagne bedurft habe, um diesen Erfolg zu erreichen. Der Geist, der in der Tschechoslowakei herrsche, sei durch diesen Vorfall klar unter Beweis gestellt worden (Peter (Bearb.), 1998, 824).

Bestellte Emotionen: Schlagzeilen westdeutscher Tageszeitungen am 15. und 16. Oktober 1937 (National-Zeitung, Dortmunder Zeitung, Herforder Kreisblatt, Die Heimat am Mittag, Steinheimer Zeitung)

Während die deutsche Außenpolitik mit der deutsch-belgischen Erklärung vom 13. Oktober 1937 ihre friedlichen und kooperativen Absichten unter Beweis zu stellen schien – der Angriff auf Belgien sollte am 10. Mai 1940 folgen – war die Mánes-Affäre Teil der langsamen Unterminierung der staatlichen Existenz der Tschechoslowakei. Der 1934 noch dominierende Kampf gegen deutsche Emigranten wurde zunehmend mit Antislawismus verwoben. Prägnant kommentierte die „Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung“: „Ein bißchen durcheinander geht’s noch in der Tschechoslowakei zu, und man versteht das, wenn man sich bestrebt, die Verhältnisse in diesem Lande nicht an denen in der Kultur hochstehender Völker zu messen…. Dort unten hat alles noch ein bißchen Mindermaß, ganz gleich, ob es sich um Sachen auf dem Gebiete des Anstandes oder auf dem Gebiete der Moral handelt“. Heartfield war hier kein „antifaschistischer“ Heros, sondern wurde als „bolschewistische[r] Rinnsteinkünstler“, als Teil eines „landflüchtige[n] Verbrechergesindel[s] bolschewistischer Prägung“ denunziert (Die Wochenschau, Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung 1937, Nr. 284 v. 17. Oktober, 9).

Die rasch und still („Mánes“ entfernt Hitler-Karikaturen, Deutsche Zeitung Bohemia 1937, Nr. 242 v. 14. Oktober, 4) abgehängten Karikaturen und Fotomontagen waren eher peinlich denn Ausdruck öffentlichen Widerstands. Und es waren die nationalsozialistischen Machthaber, die diesen umdeuteten und propagandistisch nutzten. Stärker als 1934 wurde nun über Bande gespielt, spielten sich doch deutsche, österreichische und tschechoslowakische Medien die Bälle zu. In der NS-freundlichen sudetendeutschen Presse zitierte man freudig aus dem „Berliner Tageblatt“, das von „Pöbeleien“ und „Produkt[en] politischer Hetzer“ schrieb (Berlin empört über ‚Mánes‘, Die Zeit [Reichenberg] 1937, Nr. 242 v. 14. Oktober, 2). Im noch unabhängigen Ständestaat solidarisierten sich viele Zeitschriften mit ihren deutschen Pendants, übernahmen den Empörungsduktus, berichteten über den Erfolg der Karikaturenentfernung (Deutschfeindliche ‚Kunst‘ in Prag, Salzburger Volksblatt 1937, Nr. 236 v. 14. Oktober, 3; Neues Wiener Tagblatt 1937, Nr. 286 v. 16. Oktober, 4). Zeitschriften der nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei versuchten in der Tschechoslowakei zugleich Stimmung gegen „deutschfeindliche“ Tendenzen und jüdisch-kommunistische Emigranten wie den „Graphiker Herzfeld“ zu machen. Auch internationale Nachrichtenagenturen waren Teil der Kampagne. Eine United-Press-Meldung verwies zitierend auf das verletzte „Ehrgefühl jedes Deutschen“, verbreitete einen Kommentar des Berliner „Angriffs“, in dem John Heartfields Fotomontagen als Schurkenwerk, als „schizophrene Verirrung“ bezeichnet wurden (Die Affäre der Prager Manes-Ausstellung, Pester Lloyd 1937, Nr. 234 v. 15. Oktober, 4).

In der deutschen Presse folgten weitere, zunehmend interventionistisch klingende Kommentare. Die tschechoslowakische Regierung dulde die „Schmutzfinkereien volksfremder Elemente“, unterstütze deren „bolschewistische Tendenz[en]“. Und man drohte: „Das deutsche Volk ist nicht willens, sich diese Unverschämtheiten des internationalen Judentums gefallen zu lassen“ (Wie lange noch?, Nethegau und Weser-Zeitung 1937, Nr. 124 v. 15. Oktober, 2). Zugleich aber nutzte man die Gelegenheit, um dieses Zerrbild weiter zu konturieren.

SdP-Karikaturist Erik—Hanns Erich Koehler harkt nach: Nationalsozialistische Kritik an der Manes-Ausstellung und der Ehrung des Anti-NS-Theaterstücks „Die weiße Krankheit“ von Karel Capek (Die Zeit [Reichenberg] 1937, Nr. 245 v. 17. Oktober, 3; ebd., Nr. 256 v. 31. Oktober, 3)

Typisch hierfür war das Wechselspiel mit den sudetendeutschen Nationalsozialisten. Einerseits etablierte man sich als deren Schutzmacht, tönte markig: „Wer die Sudetendeutschen provoziert, der provoziert das deutsche Volk“ (Die Logik des Gummiknüppels, Gelsenkirchener Zeitung 1937, Nr. 286 v. 19. Oktober, 1). Anderseits attackierten diese in Text und Karikatur deutschlandkritische Künstler. Typisch hierfür war das Werk des sudetendeutschen Karikaturisten Erik—Hanns Erich Koehler (1905-1983), der nach der Okkupation der Tschechoslowakei nicht nur zu einem der führenden NS-Propagandazeichner im Reich werden, sondern als Karikaturist von „FAZ“, „Welt“ und „Die Zeit [Hamburg]“ zum bildprägenden politischen Karikaturisten der Bundesrepublik aufsteigen sollte (Matthias Kretschmer, Alte Kameraden: Köhler, Iversen, Ifland und der Simplicissimus, Deutsche Comicforschung 20, 2024, 96-123, insb. 96-103). Erik karikierte die „antifaschistische“ Mánes-Ausstellung mit wirren Strichen: „Sie haben keinen blauen Dunst, / was verrückt ist – und was Kunst. / Aus ihren Bildern merkt man bloß. / In Pöbeleien sind sie groß“ (Die Zeit [Reichenberg] 1937, Nr. 245 v. 17. Oktober, 3). In seinen wöchentlichen Bildkommentaren legte er schon zwei Wochen später nach, attackierte die Verleihung des tschechischen Staatspreises an Karel Čapek für sein bis heute eindringliches Drama „Die weiße Krankheit“.

Die deutsche Regierung nutzte in der Folge nahezu jede sich bietende Gelegenheit zur Kritik an der Tschechoslowakei, die nächste Presseanweisung (zu den Teplitzer Demonstrationen) folgte bereits am 18. Oktober 1937 (Peter (Bearb.), 1998, 832). Der Anlass war ein anderer, der Tenor jedoch vergleichbar: „Braucht sich unter diesen Umständen das tschechische Volk zu wundern, wenn es von den ihn umgebenden 80 Millionen Menschen deutschen Volkstums als Hort der Vergewaltigung und der Brutalität, als Hüterin bolschewistischer Methoden angesehen wird?“ (Siegblätter 1937, Nr. 243 v. 19. Oktober, 1) In Bezug auf die Mánes-Ausstellung würdigte man nicht die vorsichtige und entgegenkommende Reaktion der Prager Offiziellen, sondern sah sich in seiner Kritik am „deutschfeindlichen“ Nachbarn bestätigt. Typische Schlagzeilen lauteten nun „Zu spät“ oder „Warum nicht gleich?“ (Posener Tageblatt 1937, Nr. 239 v. 17. Oktober, 3; Der Gemeinnützige 1937, Nr. 243 v. 18. Oktober, 2) Fragen der Kunstfreiheit in der Demokratie wurden aufgegriffen und imperial gewendet: „Im Namen der Freiheit der Kunst darf in Prag politischer Mißbrauch mit der Kunst getrieben werden, weil es eben gegen Deutsche gerichtet war. Die Freiheit der öffentlichen Meinungsäußerung hat in der tschechischen Demokratie dann Geltung, wenn ein fremdes Regime und sogar ein fremdes Staatsoberhaupt beschimpft wird“ (Das Schuldkonto der Demokratien, Gelsenkirchener Zeitung 1937, Nr. 291 v. 24. Oktober, 2). Temporäre Verbote des sudetendeutschen Kampfblattes „Die Zeit“ dienten als Pseudobeleg für vermeintliche Zensurbestrebungen gegenüber dem tschechischen Staatsvolk.

Zusammengefasst ermöglichte die Mánes-Ausstellung dem NS-Staat einen billigen Sieg, beschädigten die unbedacht präsentierten Karikaturen und Fotomontagen das internationale Renommee des zunehmend bedrohten tschechoslowakischen Staates (Deutsche Beschwerden in Prag, Neue Zürcher Zeitung 1937, Nr. 1846 v. 15. Oktober, 2). Die Künstlervereinigung hatte ihre politischen Fürsprecher desavouiert, die „antifaschistischen“ Karikaturen fanden abseits kleiner Zirkel kaum Widerhall. Abermals unterminierte man notwendige „Einheitsfronten“, dieses Mal jedoch mit den Prager Garantiemächten, mit Frankreich und Großbritannien. Kämpferisch klang es, doch der parallel tobende Spanische Bürgerkrieg zeigte die höchst ambivalente Rolle moskauhöriger Kader bei der Verteidigung der Reste der Spanischen Republik.

Das mussten auch Mitglieder der Mánes erfahren. Zahlreiche Exponate der Ausstellung „Der heutige Mánes“ wurden anschließend nämlich in eine Ausstellung tschechischer Kunst in Moskau eingebracht. Dort gestaltete sich die Zusammenarbeit schwierig, einige Arbeiten wurden vorab entfernt, andere nur in einem Nebenraum gezeigt (Moskau zensiert tschechische ‚Kunst‘, Hamburger Tageblatt 1937, Nr. 311 v. 14. November, 2). Die Freiheit der Kunst war in der so hoffnungsfroh hofierten UdSSR ebenso begrenzt wie im nationalsozialistischen Deutschen Reich (Ivan Pfaff, Stalin und die tschechische Linkskultur, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 36, 1988, 437-482, insb. 448-449).

Als auf der Münchner Konferenz Ende September 1938 die Abtretung des Sudetenlandes zwischen Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien vereinbart wurde, stand die mit der Tschechoslowakei verbündete UdSSR abseits. Die Partner der „kleinen Entente“, also Rumänien und Jugoslawien, erwiesen sich als machtlos. Polen und Ungarn, 1935 im Hodža-Plan noch als mögliche mitteleuropäische Partner umworben, okkupierten 1938 ebenfalls Teile des tschechoslowakischen Staatsgebietes. Die französische Mitte-Links-Regierung setzte auf die Beschwichtigung des Deutschen Reiches, doch die beabsichtigte Modernisierung der eigenen Streitkräfte blieb unzureichend. Allein Großbritannien nutzte die verbliebene Zeit zu massiver Aufrüstung und war 1939 bis 1941 der eigentliche Fels, an dem die hegemonialen Pläne des NS-Regimes zerschellten. Das galt, obwohl die mit Deutschland seit August 1939 verbündete UdSSR bis Mitte 1941 die nationalsozialistische Machtbasis systematisch stützte. Die tschechoslowakische Außenpolitik wusste um die deutsche Gefahr, fand aber keine Mittel ihr zu begegnen, blieb wirkungslose Karikatur.

Bittere Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise humorvoll bebildert (Prager Tagblatt 1936, Nr. 183 v. 13. August, 3)

Schon zuvor aber zog die Künstlervereinigung Mánes ihre eigenen Konsequenzen. Eine lang vorbereitete, für Januar 1938 geplante Ausstellung von Karikaturen Thomas Theodor Heines sagte sie kurz vorher ab: „Man hat ihnen gedroht, die Fenster einzuschlagen und alles zu demolieren, wenn sie eine Ausstellung von mir machen, ganz gleich, ob es harmlose Sachen wären. Das wollte man natürlich nicht riskieren. Ob die tschechischen Faschisten wieder von deutschen angestiftet waren, weiss ich nicht, es kann sein. Ich entwickelte mich zu einem Trotzki der Kunst, wenn ich auch kein künstlerischer (noch sonstiger) Revolutionär bin, und kann nirgends mehr ausstellen. Im deutschen Kunstverein sowieso nicht, und die tschechischen würden es gern machen, aber sie trauen sich nicht. Im Ausland ist es zu kostspielig. […] Man malt so vor sich hin“ (Schreiben von Th. Th. Heine an Franz Schoenberner v. 5. Dezember 1937, in: Raff (Hg.), 89-90, hier 90).

Zwischenspiel: Eine nationalsozialistische Persiflage

Es folgte noch eine weitere Karikaturenausstellung in den Mánes-Räumen. Erik und Mjölnir sollten 1940 einziehen, als Zeichner und als Organisatoren. Doch es gab noch ein anklopfendes Intermezzo im März 1938. Unter dem Titel „Unzeit“ veröffentlichte die Redaktion der nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei (SdP) eine persiflierende Sonderausgabe, mit der sie die Mánes-Ausstellungen verhöhnte. Dazu spiegelte man die Geschehnisse 1934 und 1937 – eingebettet in den fiktiven Rahmen eines forderungslosen Regierungseintritts der SdP.

In einer wirren Melange zuvor unvereinbar scheinender Personen eröffnete nun der Reichsmusikkammerpräsident Peter Raabe (1872-1945) einvernehmlich mit dem sowjetischen Kulturkommissars die 1938er Mánes-Ausstellung als Zweigveranstaltung der damals durch deutsche Lande ziehenden Wanderausstellung „Entartete Kunst“ – allerdings unter Leitung der beiden surrealistischen Schauspieler Jan Werich (1905-1980) und Jiří Voskovec (1905-1981), die wenige Monate später ins Exil fliehen mussten. Ein besonderes Augenmerk fiel auf die beitragenden, ironisch verfremdeten Künstler. John Heartfields fiktives Werk „Die braune Pest“ wurde gewürdigt: „Eine berauschende Fotomontage, mit der er seine aus früheren Manesausstellungen bekannten Leistungen übergipfelt.“ Auch Frantisek Bidlo tauchte verfremdet auf, wurde antisemitisch eingebettet. Die Würdigung persiflierte den Duktus der Künstlervereinigung: „Die Bilder sind menschliche Auseinandersetzungen mit diesem Weltdasein, Konfrontation jedes Irdischen mit dem Generationalen, dazu äußerst geladene Irretationsmomente, fortreißende und aufsprühende Raketen in jene große Leerheit hinein, deren Widerspiel unsere Welt ist.“ Und wieder einmal stand am Ende Protest. Der Negus, der abessinische Kaiser Haile Selasie I. (1892-1975), nach dem italienischen Kolonial- und Vernichtungskrieg im britischen Exil, intervenierte gegen ein Mohnblumenbild, das ihn an seinen Hofstaat erinnern würde. Schwarze Köpfe in roter Umrahmung. Da gluckste der schenkelklatschende Rassist: Ja, Machtpolitik kann lustig sein – wenn man mächtig ist und nicht allein auf die Wirkungen von Karikaturen vertrauen muss.

Karikaturistische Rache, machtpolitischer Vorgriff: Persiflage auf die Ausstellungen der Künstlervereinigung Mánes 1934 und 1937 (Die Unzeit 1938, Sdr.-Ausg. v. 1. März, I)

Wie nicht anders zu erwarten, steuerte auch Erik—Hanns Erich Koehler einige eigene Karikaturen bei – angelehnt an die übliche Fünferspalte seiner Wochenrückblicke. Sie waren von Wunschbildern der noch Herrschenden geprägt, etwa dem dekonstruktivistisch präsentierten Zerfall der Sudetendeutschen Partei. Doch sie führten auch Drohendes vor, etwa eine Bücherverbrennung der Werke Lion Feuchtwangers (1884-1958) und Thomas Manns (1875-1955) auf dem Prager Wenzelsplatz: Hart und zart, wie es sich für einen Künstler des Striches gehört.

Umwidmung: Persiflage des SdP-Zeichners Erik—Hanns Erich Koehler (Die Unzeit 1938, Sdr.-Ausg. v. 1. März, III)

Genug des NS-Schabernacks. Denn das Kulturleben ging auf allen Seiten weiter seinen Gang. In der Tschechoslowakei protestierten die deutschen Repräsentanten Anfang April gegen die Prager Ausstellung „China gestern und heute“, in der die japanischen Massenmorde offenbar nicht recht abgedunkelt worden waren, in der die Macher auch die ein oder andere Spitze gegen die Achsenmächte nicht unterlassen hatten (Eine antijapanische Tendenzausstellung, Die Zeit [Reichenberg] 1938, Nr. 82 v. 7. April, 7). Nur gut, dass die Empfindlichkeiten andernorts wirksame Folgen hatten. In der Schweizer Fastnacht verzichtete man 1939 auf das missverständliche Tragen von Gesichtsmasken ausländischer Staatsmänner: „Die Weltlage ist leider so ernst, daß wir es nicht riskieren wollen, durch solchen Schabernack Spannungen heraufzubeschwören, die leicht vermieden werden können“ (Die Welt versteht keinen Spaß mehr, Freiburger Nachrichten 1939, Nr. 25 v. 1. Februar, 3). Die Invasion konnte vermieden werden, lukrative Geschäfte mit dem Deutschen Reich kompensierten in den Folgejahren für derartige Frohsinnsbrüche.

Compiègne im Kleinen: Das Stelldichein nationalsozialistischer Karikaturisten im Mánes-Pavillon 1940

Zurück nach Prag, nach dem deutschen Einmarsch am 15. März 1939 bald wieder Bestandteil des deutschen Kulturlebens. Im Mai 1940 begann mit dem Doppelschlag von Wilhelm Furtwängler (1886-1954) und Alfred Rosenberg (1893-1946) ein Kultursommer abseits der Fährnisse an der Westfront, bald getragen aber von der Hochstimmung angesichts des „Sieges im Westen“. Konzerte, Schauspiele und Opern folgten, deutsche, wohlgemerkt. „Zu allem noch zwei Ausstellungen in [sic!] Manes-Pavillon, eine mit politischen Karikaturen, vor allem des glänzenden, an Ideen überreichen sudetendeutschen Zeichners Erik; eine andere mit moderner deutscher Graphik. Schließlich Vorträge: Franz Höller über dramatische Zeitfragen, […] E.H. Lehmann über politische Karikaturen“ (H.H. Stuckenschmidt, Prager Kunstwochen, Kölnische Zeitung 1940, Nr. 299 v. 14. Juni, 4).

Karikatur von Erik—Hanns Erich Koehler zur Schmach von Compiègne und Verdeckung des französischen Siegesdenkmal in Compiègne mit der Reichskriegsflagge anlässlich der Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstandes am 22. Juni 1940 (Die Zeit [Reichenberg] 1940, Nr. 172 v. 23. Juni, 4 (l.); Die Wehrmacht 4, 1940, Sdr.-Ausg., 3)

Endlich also wieder Karikaturen im Mánes-Pavillon. Das war Erinnerungskultur pur, eine Neuinszenierung an bekannter Stelle – so wie kurz danach im Westen, im nordwestlich von Paris gelegenen Compiègne. Diese Stadt war damals in Deutschland bekannt als Ort der als schmachvollen empfundenen Kapitulation, der alternativlosen Unterzeichnung des Waffenstillstandes Deutschlands mit den Alliierten in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Rethondes am 11. November 1918. An diesem Ort, im gleichen Waggon, hatte nun ein französischer Repräsentant den Waffenstillstand zu unterzeichnen. Der Wagen sollte anschließend gen Berlin touren.

Auch der Mánes-Pavillon wurde wiederverwendet, nun für eine Inszenierung der deutschen Sieger. Die Ausstellung „Die politische Karikatur“ wurde von der Gruppe Kulturpolitische Angelegenheiten beim Reichsprotektor in Böhmen und Mähren veranstaltet, Erik—Hanns Erich Koehler und Mjölnir—Hans Schweitzer hatten sie zusammengestellt und beschickt. An der am 25. April 1940 eröffneten Schau nahmen fünfzehn Karikaturisten teil, allesamt Könner nationalsozialistischer Propaganda (Stuttgarter Neues Tagblatt 1940, Nr. 114 v. 26. April, 11). Die alte Garde vom „Simplicissimus“ war dabei, Olaf Gulbransson, Karl Arnold (1883-1953), Eduard Thöny (1866-1950) und Erich Schilling (1885-1945). Thomas Theodor Heine fehlte wieder einmal, er war bereits 1938 nach Norwegen geflohen, dort 1940 verhaftet worden, hatte 1942 schließlich Zuflucht in Schweden gefunden. Seine Werke wurden erst nach Jahrzehnten wieder in bundesdeutschen Ausstellungen gewürdigt, während das nationalsozialistische Oeuvre der Prager Aussteller nach dem Zweiten Weltkrieg weißgewaschen wurde.

Auch bewährte Nationalsozialisten vom „Kladderadatsch“ stellten aus, Oskar Garvens (1874-1951) und Arthur Johnson (1874-1954). Die weitere Garde umfasste so prominente Namen wie Kurt Balkie (1905-), Waldl-Bogner [d.i. Walter Hofmann] (1905-1977), Hans Bruns (1909-), Gerhard Brinkmann (1913-1990), Charles Girod (1897-1945), E.O. Plauen [d.i. Erich Ohser] (1903-1944) und Manfred Schmidt (1913-1999). Ähnlich wie bei früheren Mánes-Ausstellungen gab es eine Sonderabteilung mit ausländischen, vorwiegend französischen und englischen Karikaturen. Ziel war „ein umfassendes Bild von dem hohen Niveau der deutschen politischen Karikatur“ (Politische Karikatur der Gegenwart, Volksstimme 1940, Nr. 116 v. 27. April, 3). Auch die Hannoveraner „Wilhelm-Busch-Gesellschaft“ sollte nach 1945 die Arbeiten mehrerer dieser Künstler freudig als „kritische“ Kunst präsentieren – allerdings unter Ausblendung ihrer NS-Propaganda.

Antibritische Karikaturen aus der Prager Karikatur-Ausstellung im Mánes-Pavillon im April/Mai 1940: Exponate von Mjölnir—Hans Schweitzer und Erik—Hanns Erich Köhler (Die Zeit [Reichenberg] 1940, Nr. 116 v. 27. April, 7)

Die Ausstellung war – wie schon „Entartete Kunst“ – als Wanderausstellung konzipiert. An Prag schloss sich Reichenberg an, eine Ehrerbietung gegenüber Erik, gegenüber der Redaktion von „Die Zeit“. Die Karikaturen hatten einen klaren politischen Zweck, so Gauleiter Konrad Henlein (1898-1945) in seiner Rede zur Ausstellungeröffnung: „Deutschland steht in einem Kampf, in dem das ganze Volk mit seinen totalen Kräften mitwirkt, und darin haben auch die Künstler, Zeichner und Publizisten ihren Platz. Auch ihre Kräfte sind zum Gelingen des Ganzen unbedingt notwendig. Die Künstler, die hier ausstellen, wollen zeigen, was sie zur Stützung der Heimat und zur Zersetzung der Front des Feindes geleistet haben“ (Ausstellung politischer Karikaturen, Die Zeit [Reichenberg] 1940, Nr. 141 v. 23. Mai, 6).

Die Wirksamkeit der Karikaturen auch während des Krieges wurde vorausgesetzt. Joseph Goebbels hatte schon bei Kriegsbeginn frohlockt: „Wir lassen glänzende Karikaturen gegen die Engländer zeichnen. Unsere Zeichner sind sehr auf der Höhe“ (Goebbels, 2003, 1331). Neben antibritische traten antiplutokratische, antiamerikanische, antisemitische, antibolschewistische Karikaturen – allesamt schon zuvor Standard im „Simplicissimus“, im „Kladderadatsch“, in Wochen- und Tageszeitungen. Zeichenkunst ist eine Technik, besitzt keine immanenten Werte. Ebenso wie sich die „antifaschistischen“ Karikaturisten in einem Verteidigungskampf wähnten und hofften, Wirkungstreffer gegen Hitler landen zu können, ebenso kämpften die meisten deutschen Zeichner gegen vermeintliche Angriffe von außen, taten dies, wie Erich Schilling, bis in den Selbstmord hinein. Nicht nur John Heartfield und viele seiner „antifaschistischen“ Mitstreiter hingen Verschwörungstheorien an, die sie versuchten bildlich möglichst wirkungsvoll umzusetzen. Noch 1944 betonte Ernst Herbert Lehmann (1908-1996), damals habilitierter Lehrbeauftragter an der Universität Berlin und Regierungsrat im Reichspropagandaministerium, nach dem Krieg Psychotherapeut in Stuttgart, deren Imperativ: „Der Verleumdungsfeldzug, der in den Jahren zwischen 1933 und 1939 gegen Deutschland durchgeführt wurde, muß klar als Kriegshetze bezeichnet werden. Alle Formen der öffentlichen Meinungsbildung – vorwiegend Presse, Rundfunk und Film – wurden mobilisiert. Jedes propagandistische Mittel war recht, gegen das Reich eingesetzt zu werden. So fand beispielsweise im April und Mai 1934 im Manes-Pavillon in Prag eine internationale Karikaturenausstellung statt, die von Juden veranstaltet und von jüdischen Zeichnern aus der ganzen Welt beschickt worden war. Das Thema aller Zeichnungen lautete: Haß gegen das Reich und Rache an Deutschland“ (Ernst Herbert Lehmann, Entwicklung und Methode der Kriegshetze, in: Kriegsschuld und Presse, Nürnberg 1944, 1-29, hier 7).

Qualitätsware gegen „Plutokratie“ und „Judenwirtschaft“ aus deutscher Feder. Exponate von Charles Girod und Erik—Hanns Erich Köhler (Die Zeit [Reichenberg] 1940, Nr. 141 v. 23. Mai, 6)

Die Künstlervereinigung Mánes wurde nach der deutschen Besetzung gleichgeschaltet, arbeitete im Rahmen der deutschen Kulturpolitik aber weiter. Der Mánes-Pavillon überstand den Weltkrieg, ging 1956 nach der Auflösung der Künstlervereinigung durch die tschechische Regierung an den Tschechischen Fond für bildende Kunst über. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde er Anfang der 1990er Jahre wieder in altem Glanz restauriert, die Künstlervereinigung wiederbelebt. Wirkungstreffer gegen Hitler waren in diesem Anwesen aber nicht erzielt worden, weder 1934, noch 1937, und schon gar nicht 1940.

Es waren die Truppen des britischen Empire, der UdSSR, der USA und einiger Verbündeter, die das Deutsche Reich und seine Verbündeten niederkämpften. Karikaturen mögen dabei geholfen haben, stärkten aber auch die Durchhaltekraft der Deutschen über die Niederlage hinaus. Es wäre wichtig, all diese Karikaturen als Zeugnisse eines ideologisierten Zeitalters zu erkennen, als Ausdruck überbürdender und menschenverachtender Ideologien. Das bedeutet auch anzuerkennen, dass ein modernes Leben ein Leben ohne Utopie ist, eines mit ideologiefreien Räumen, die jedem, auch Gegnern, erlauben, „auf einfache Art würdig zu leben“ (Joachim Fest, Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, 2. Aufl., Berlin 1991, 99; Václav Havel, Versuch in der Wahrheit zu leben, Reinbek b. Hamburg 1989, insb. 26-29). Davon sind wir noch weit entfernt.

Uwe Spiekermann, 28. Februar 2026

Interessengeflechte: Deutsche Ernährungspolitik zwischen Agrarpolitik, Verbraucherschutz und Gesundheitsfürsorge im 20. Jahrhundert

Was ist Ernährungspolitik? Der Begriff fehlte im gedruckten Brockhaus, in Meyers Lexikon, wurde erst 2019 in die Wikipedia-Enzyklopädie eingetragen. Heutige Ernährungspolitik scheint also Neuland zu erschließen, ist scheinbar Gestaltungsaufgabe. Der Begriff kam jedenfalls während der BSE-Krise 2000/01 neu auf. Meist undefiniert verwandt, bündelte er vor zwei Jahrzehnten offenbar veränderte gesellschaftliche Anspruchshaltungen an das politische System, an die politische Teilhabe der Bürger, manifestierte zugleich bestehende Sorgen um die tägliche Kost und die eigene Gesundheit. Der Begriff erlaubte, unsere Art der Regulierung von Nahrungsmittelproduktion, Ernährungsmärkten und der Essenden im Zusammenhang denken, sie zu verbessern und zukunftsfähig zu gestalten.

Themenfelder der staatlichen Ernährungspolitik (Straka, 2007, 732; nach Meier-Ploeger, 2005, 5)

Dies ist auch Wissenschaftlern nicht verborgen geblieben. Politikwissenschaftler feierten etwa den Übergang vom Schutz zur Aktivierung der Konsumenten als Anbruch einer neuen Ära (Christoph Strünck, Re-Shaping Consumer Policy in Europe. Enabling Consumers to Act?, German Policy Studies 4, 2008, 1-6). Die Ernährungswissenschaftlerin Dorothee Straka sah damals Anzeichen dafür, „dass Deutschland ernährungspolitisch der Vision von einer ‚Ernährungspolitik im Verbraucherbereich‘ in den letzten Jahren näher gekommen ist“ (Dorothee Straka, Ernährungspolitik in Deutschland. Von der Ernährungssicherung bis zum gesundheits­fördernden Lebensstil, Ernährungs-Umschau 54, 2007, 730-736, hier 736). Diese wurde 2005 in einem „Grundsatzpapier Ernährungspolitik“ des Wissenschaftlichen Beirates „Verbraucher und Ernährungspolitik“ beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz analysiert (Angelika Meier-Ploeger, Grundsatzpapier Ernährungspolitik […], Witzenhausen und Berlin 2005). Das Forum Gesundheitsstiftungen hatte im November 2008 ergänzend die „staatliche Verantwortung für gesunde Ernährung“ angemahnt und eine verbesserte Verhältnisprävention gefordert (Gesa Schönberger und Thomas Hartmann, Staatliche Verantwortung für gesunde Er­nährung, Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung des Essens. Mitteilungen 17, 2009, 34-41). Es knüpfte damit an zahlreiche gesundheitspolitische Aktionspläne an, wie sie etwa die Weltgesundheitsorganisation ein Jahrzehnt zuvor ausformuliert hatte (Erster Aktionsplan Lebensmittel- und Ernährungspolitik. Europäische Region der WHO 2000-2005, o.O. 2001). Man propagierte nicht mehr allein Krankheitsbekämpfung, sondern zielte zunehmend  auf Gesundheitsförderung.

Diesen zu Papier geronnen Entwicklungen und Einschätzungen standen allerdings auch gewichtige kritische Stimmen gegenüber. Das Kölner Katalyse Institut hob schon 2004 hervor, dass die hierzulande angekündigte Ernährungswende die politischen und wissenschaftlichen Institutionen nicht wirklich verändert habe (Frank Waskow und Regine Rehaag, Ernährungspolitik nach der BSE-Krise – ein Politikfeld in Transforma­tion, Köln 2004). Auch der Verbraucherverein Foodwatch bescheinigte den rot-grünen und rot-schwarzen Bundesregierungen eine nur magere ernährungs- und agrarpolitische Bilanz (Bilanz und Ausblick deutscher Ernährungs- und Agrarpolitik aus Verbrauchersicht, Berlin 2005 (Ms.)). Nach dem Regierungs- und Ministerwechsel sei das Ernährungsministerium nun wieder ein „Klientelministerium“, das vorrangig die etablierten Interessen der Land- und Ernährungswirtschaft bediene. Hierüber wird zu reden sein.

Ein Historiker nimmt derartige Debatten und Aktionspläne interessiert zur Kenntnis, stellt sie jedoch in andere Perspektiven. Um die politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben im Ernährungsbereich in Gegenwart und Zukunft anzugehen, scheint es mir sinnvoll, ja unabdingbar, die bestehenden Strukturen des kaum definierten Gestaltungsfeldes Ernährungspolitik in einen breiten historischen Kontext zu stellen. Ohne derartiges Orientierungswissen über die Gründe für die heutigen Strukturen wird man nicht in der Lage sein, Aufgaben realistisch zu definieren und zu hierarchisieren. Ohne historische Grundkenntnisse wird man einzig an Fehlern und Illusionen scheitern, die schon Generationen vor uns begangen haben.

Denn der seit 2000/01 wieder breiter verwandte und zunehmend modische Begriff Ernährungspolitik war weder neu, noch mit neuartigen Gestaltungsaufgaben verbunden. Von „Ernährungspolitik“ wurde vereinzelt schon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gesprochen, um angesichts der interessengetriebenen Agrarpolitik die Belange der Konsumenten nicht zu vergessen. Der Begriff setzte sich dann im Ersten Weltkrieg allgemein durch. Angesichts wachsender Unterversorgung der arbeitenden Bevölkerung in den Städten versuchte man dadurch begrifflich die tradierte Agrarpolitik und die Versorgungsansprüche der städtischen Konsumenten in ein erträgliches Gleichgewicht zu bringen. Dergestalt wurde Ernährungspolitik ein Leitbegriff während der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus. Während der Nachkriegszeit hielt man an ihm in Ost und West fest, doch er verlor angesichts wachsenden Wohlstands an Bedeutung, ehe die BSE-Krise die natürlich auch vorher bestehenden Strukturprobleme des Gestaltungsfeldes offen zu Tage treten ließ.

Die folgenden drei Kapitel werden die Hauptlinien der deutschen Ernährungspolitik im kurzen 20. Jahrhundert aufzeigen: Am Anfang steht eine kurze Darstellung der aktuellen Strukturen. Zweitens gilt es dann in wagemutiger Verkürzung die historischen Strukturen des Politikfeldes darzustellen, ehe ich abschließend versuchen werde, die Gestaltungsmöglichkeiten des Politikfeldes Ernährung vor dem Hintergrund historischer Pfadabhängigkeiten pointiert zu bewerten.

Ein widersprüchliches Politikfeld: Konturen der heutigen Ernährungspolitik

Lassen Sie mich im Hier und Jetzt beginnen: Ernährungspolitik steht heute zwischen den Polen eines randständigen und zerklüfteten Politikfeldes und eines für die Zukunftsfähigkeit moderner Gesellschaften zentralen Handlungsfeldes. Es geht um wichtige, um prägnante Fragen: Wie organisieren wir unsere Lebensmittelproduktion, und wie kann ein breites, hochwertiges und zugleich bezahlbares Nahrungsangebot auch in Zukunft sichergestellt werden? Wie schaffen wir eine Balance zwischen den Vorgaben „richtiger“, „gesunder“ Ernährung und dem Wunsch nach einem guten Leben, nach Genuss und Tischgemeinschaft? Wie schützen wir uns alle vor Übervorteilung und falschen Versprechungen, wie stärken wir uns durch Bildung und realisieren unsere Selbstverantwortung? Wie ist all das mit globalen Herausforderungen und Aufgaben zu verbinden?

Diese großen Fragen werden nicht nur von einem kleinen Bundesministerium beantwortet, das knapp zwei Prozent des Bundeshaushalts verteilt, das vornehmlich für die sozialen Belange der Bauern aufkommt. Dominieren im Ernährungsministerium nach wie vor agrarpolitische Aufgaben, so beschäftigen sich auch das Gesundheits- und Umweltministerium mit Fragen einer „gesunden“ und „nachhaltigen“ Ernährung. Der Rahmen lässt sich weiter fassen: Forschungs- und Bildungspolitik, Rechts- und Wirtschaftspolitik, die zahlreichen bundesdeutschen Parlamente; sie alle beeinflussen das Handlungsfeld Essen/Ernährung. Sie sind jedoch nur lose miteinander vernetzt und folgen vielfach nicht miteinander abgestimmten, teils widersprüchlichen Zielen. Nichtraucherschutz und die Subventionierung von Tabakanbau sind dafür ein beredtes Beispiel. Nicht nur auf Bundesebene finden wir ein zersplittertes Politikfeld: Ernährungspolitik wird im Rahmen globaler Abkommen, der Europäischen Union, der Bundes-, Landes- und Kommunalebenen unterschiedlich definiert und gehandhabt. Der Verzicht auf das EU-Schulobstprogramm in mindestens vier Bundesländern steht etwa in klarem Gegensatz zu den Zielsetzungen des Bundesgesundheitsministeriums und vieler halbstaatlicher Akteure. Die gemeinsame Klammer dieser Ebenen bilden Personenverbände, vorwiegend agrarwirtschaftlicher und medizinisch-naturwissenschaftlicher Experten. Sie sind vielfach staatlich finanziert, dienen aber auch wirtschaftlichen und medizinischen Interessengruppen sowie den zahlreichen Institutionen des Verbraucherschutzes und der Ernährungsaufklärung. Man kann die Unterschiede betonen, doch realistischer ist es, von einer strukturell recht einheitlichen Wissens- und Funktionselite auszugehen. 

Da die Auflistung nur der wichtigsten staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure den Umfang sprengen würde, will ich nur die damit verbundenen Konsequenzen benennen: 1. Ernährungspolitik in seinen unterschiedlichen Interessen dient erst einmal Partikularinteressen, sei es der Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Handel und nicht zuletzt der Wissenschaft. Sie ist 2. in umkämpften gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Feldern angesiedelt, birgt deshalb ein grundsätzlich hohes Konfliktpotenzial. Ernährungspolitik wird 3. in kleinteiligen Debatten erörtert. Stichworte wie Milchbauern, Amflora oder Übergewicht zeigen deutlich, dass thematische Snacks im Vordergrund stehen, während die gedeckte Tafel kaum sichtbar wird. Einzelthemen und Kampagnen dominieren in der Öffentlichkeit, prägen die Arbeit der Akteure, werden im Mediensystem eng widergespiegelt. Ernährungspolitik zielt 4. schließlich auf den Essalltag und die Ernährungspraxis, verfügt aber kaum über Wissensbestände und Handlungsoptionen, um hier Erfolge erzielen zu können. Die Gründe für diese Engführungen sind nur historisch zu erklären.

Genese und Wandel der deutschen Ernährungspolitik im kurzen 20. Jahrhundert

„Ernährungspolitik“ – das schrieb ich schon eingangs – ist begrifflich und inhaltlich ein Kind des Ersten Weltkrieges. Angesichts der völkerrechtswidrigen Blockade der Alliierten und der Unfähigkeit der bestehenden öffentlichen und militärischen Institutionen, eine effiziente und gerechte Verteilung der vorhandenen Nahrung zu organisieren, zentralisierte man zuvor von den Landwirtschaftsministerien der Länder und der Daseinsfürsorge der Kommunen wahrgenommene Aufgaben. 1916 entstand das Kriegsernährungsamt, aus dem schließlich 1924 das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft hervorging. Dadurch sollten die zuvor vorrangig auf Ebene der Bundesstaaten und der Kommunen angesiedelter ernährungsbezogener Politiken koordiniert und ergänzt werden.

Kooperation zwischen Reich und Ländern: Ernährungsministerkonferenz 1921 (Der Welt-Spiegel 1921, Nr. 11 v. 6. März, 3)

Die Kommunen hatten im Städterecht des 19. Jahrhunderts einen Blankoscheck zur Regelung aller sie unmittelbar betreffenden Angelegenheiten erhalten. Selbstverwaltung der Bürger umgriff die Regulierung lokaler Märkte, die Kontrolle der Lebensmittel, die Sicherung der Verbraucher vor Täuschung und Gesundheitsschädigung sowie die Armenfürsorge. Auch die hygienische Grundversorgung wurde zur kommunalen Aufgabe: Wasserversorgung und Abwassersysteme, später auch Krankenhäuser, Säuglingsküchen und kommunale Untersuchungsämter bildeten ein Netzwerk der Daseinsfürsorge, dessen Ausbau die Lebenserwartung beträchtlich erhöhte.

Erziehung und Aufklärung der Konsumentinnen: Kochunterricht in einer Berliner Gemeindeschule (Das interessante Blatt 24, 1905, Nr. 26, 6)

Die deutschen Staaten konzentrierten sich dagegen stärker auf die Förderung der Landwirtschaft, also den bis in die 1890er Jahre wichtigsten Wirtschaftssektor. Kreditgewährung, Entwässerung, Flurbereinigung, Moorerschließung, Straßen- und Kanalbau, die Liste einschlägiger Infrastrukturprojekte ließe sich erweitern. Sie wurde spätestens seit der Mitte des Jahrhunderts ergänzt durch umfassende Investitionen in die Agrarwissenschaften, die nicht nur an Universitäten gelehrt, sondern zunehmend auch in Forschungsanstalten, in landwirtschaftlichen Experimentierstationen, institutionalisiert wurden. Dies galt auch für die neuen, akademisch gebildeten Gruppen der Chemiker, dann der Nahrungsmittelchemiker, der Physiologen, der Pädiater, der Militärärzte und, zahlenmäßig am stärksten, der Veterinärmediziner und ihrer Hilfskräfte. Die Länder kümmerten sich um die Lebensmittelkontrolle, allein die Zahl der Fleischbeschauer lag um 1900 bei mehr als 30.000 Personen. Daneben wurden in hauswirtschaftlichen Lehranstalten Frauen im Kochen und der Haushaltsökonomik unterrichtet. Parallel entwickelte sich eine naturwissenschaftlich orientierte Wissenschaft der Lebensmittelzubereitung, die sich nicht nur im Laboratorium, sondern vorrangig am Markt zu bewähren hatte.

Grundsicherung: Fleischkontrolle in Berlin (Daheim 39, 1902/03, Nr. 1, 19)

Der spät entstandene deutsche Zentralstaat konzentrierte sich anfangs auf Grundlagenforschung, etwa im Rahmen des 1876 gegründeten Reichsgesundheitsamtes, sowie eine allgemeine Rahmengesetzgebung, etwa durch das 1879 erlassene Nahrungsmittelgesetz oder spätere Gesetze gegen unlauteren Wettbewerb. Auch das Außenhandelsrecht erlaubte wichtige Entscheidungen über die verfügbaren Lebensmittel und wurde zunehmend zum Schutz der Landwirtschaft genutzt. Die Regulierungsdichte aber blieb gering, der Staat konzentrierte sich auf Versorgungssicherheit und Gesundheitsschutz. Die von Pharmazeuten und Chemikern vorangetriebene stoffliche Normierung und die von der Physiologie entwickelten Kostmaße des empfohlenen Essens blieben rechtlich unverbindlich, mochten sie auch für Gefängnisse, Krankenanstalten und das Militär an Bedeutung gewinnen. Die Art der Ernährung blieb dem Einzelnen überlassen, hauswirtschaftliche Bildung ebenso.

Trotz mancher Tendenzen der Vereinheitlichung waren für das Kaiserreich Abstimmungsprobleme und Interessengegensätze zwischen den einzelnen Ebenen der Ernährungspolitik üblich. Hohe Zölle und preiswerte Versorgung der Arbeiter standen miteinander im eklatanten Widerspruch, der Kontrolldruck auf die Ernährungswirtschaft war in Preußen gering, während das agrarische Bayern zum weltweiten Vorbild moderner Lebensmittelkontrolle wurde. Wohlhabende Kommunen investierten in ein breit gefächertes Netzwerk der Ernährungsfürsorge, ärmere nahmen diese Aufgaben kaum wahr. Ähnliches galt für den Verbraucherschutz, der noch vorwiegend auf Selbsthilfe durch Konsumgenossenschaften und bürgerlichem Engagement gründete, da die wenigen Gesetze nur grobe Missstände beseitigten.

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg als Büttel der Agrarlobby 1912 und der Leiter des Kriegsernährungsamtes Adolf von Batocki-Friebe als gerechter Ernährungsdiktator (Der Wahre Jacob 29, 1912, 7642 (l.); Ulk 45, 1916, Nr. 22, 5)

Insgesamt gab es also schon vor einem Jahrhundert ein breites Arsenal ernährungsbezogener Politiken, die jedoch unkoordiniert, regional disparat und rechtlich vielfach unverbindlich waren. Insbesondere der Zentralstaat übte seine Gesetzgebungskompetenz zurückhaltend aus und nahm systematisch Rücksicht auf die Interessen von Landwirtschaft, Ernährungsindustrie und mittelständischem Handel. Kennzeichnungsvorschriften und Verpackungszwang wurden erst 1916/17 rechtsverbindlich, Mindestqualitäten und Lebensmittelbezeichnungen erst nach der Novelle des Lebensmittelgesetzes 1927, Handelsklassen folgten Jahre nach der Weltagrarkrise seit 1930. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne wachsende Investitionen des Zentralstaates und auch der Länder in zahlreichen Reichs- und Landesforschungsanstalten. Die Politik setzte auf die Definitions- und Gestaltungsmacht der Natur- und Wirtschaftswissenschaften, um den deutschen Binnenmarkt effizienter zu gestalten, um zugleich aber die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten zu vermindern. Dies bedingte eine neuerliche Forcierung der Agrarsubventionen und einem 1930 einsetzenden und 1933/34 wesentlich beschleunigten Übergang zu einer gelenkten Wirtschaft im Bereich der Ernährung, die schon früh die Kriegswirtschaft vorwegnahm.

Sport, gesunde Ernährung und Hygiene als Grundlagen eines langen Lebens (Der Welt-Spiegel 1931, Nr. 4 v. 25. Januar, 15)

Während der 1930er Jahre wurde etwa die Hälfte der öffentlichen Forschungsgelder in den Agrar- und Ernährungssektor gelenkt. Ein neuerlicher Krieg war ohne eine integrierte Ernährungspolitik unter Einbezug der Einzelnen nicht zu gewinnen – das war eine zentrale Lehre aus der Niederlage 1918. Das bedeutete auch neue Anforderungen an die Gesundheitspolitik, die in den Innenministerien von Reich und Ländern sowie den kommunalen Gesundheitsämtern verankert wurde. Die Sozialhygiene sah in der Ernährung schon seit langem einen Schlüsselfaktor der Armutsbekämpfung und der Gesundheitsprävention. Die Rassenhygiene des NS-Staates konzentrierte sich dann auf die gezielte Hege des deutschen Menschen und der Volksgesundheit. Die Entdeckung der Vitamine und die wachsende Bedeutung der Mineralstoffe gaben Idealen einer wissenschaftsbasierten Umstellung der Alltagskost Überzeugungskraft. Aufklärung und Ernährungspropaganda wurden zunehmend verstaatlicht.

Hauswirtschaftliche Bildung und Haushaltsratgeber 1939/40 (Blick in die Welt 1939, Nr. 12, 3 (l.); Ernährungs-Dienst 1940, Nr. 26, 1)

Die Haushalts- und Ernährungswissenschaften propagierten unisono eine dominant vegetabile, regionale und saisonale deutsche Kost, gesundheitliche Ernährungslenkung  ging einher mit agrar- und rüstungspolitisch motivierter Verbrauchslenkung. Neu etablierte Berufe, wie etwa der der Diätassistentin, und ein wachsender Bedarf an ausgebildeten Köchinnen und Hauswirtschaftskräften integrierten hunderttausende junge Frauen in die Anstrengungen des Regimes, Frauen, die bis in die 1970er Jahre die west- und ostdeutsche Ernährungsaufklärung prägten. Die Ernährungskommunikation wurde zentralisiert, kombinierte erfolgreich praktische Übungen mit schriftlichen und visuellen Informationen. Zufuhrempfehlungen und Zuweisungen veränderten die immer stärker staatlich organisierte Außer-Haus-Verpflegung, von der am Kriegsende ein Drittel der Deutschen elementar abhängig war. Dies ging einher mit zahlreichen Regulierungen der Lebensmittelkennzeichnung und des Schadstoffgehalts, obwohl zugleich preiswerte Lebensmittelaustauschstoffe immer größeres Gewicht gewannen und während des Krieges viele Maßnahmen wieder suspendiert wurden. Unabhängige Verbrauchervertretungen gab es während des NS-Regimes nicht, doch die große und wachsende Schar wissenschaftlicher Experten sah sich vielfach als Sachwalter und zugleich Erzieher der Konsumenten. Auch die alternative Landwirtschaft expandierte, die Reformwarenwirtschaft erlebte einen beträchtlichen Boom, die Reichsgesundheitsgütemarke nahm das Biosiegel vorweg. Diese hier nur angerissenen Entwicklungen einer integrierten Ernährungspolitik wurden auch durch neu errichtete halbstaatliche Organisationen, wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsforschung, den Forschungsdienst oder die Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung, getragen. All dies diente dem übergeordneten politischen Ziel von auf Eroberung, auch auf Nahrung zielenden Eroberungskriegen. Die Versorgung der deutschen Bevölkerung konnte auf Kosten der besetzten Gebiete und von Abermillionen Hungertoten „im Osten“ fast bis Kriegsende auf einem auskömmlichen, zumindest aber erträglichen Niveau gehalten werden.

Selbstdarstellung der NS-Ernährungspolitik 1940 – Der Mythos einer Kooperation aller Betroffenen (Ernährungsdienst 1940, Nr. 25, I, IV)

Die relative Effizienz der ernährungspolitischen Strukturen zeigte sich nicht zuletzt in der Fortführung der Reichsnährstandstrukturen bis 1948. In der unmittelbaren Nachkriegszeit trat die Frage einer qualitativ hochwertigen Ernährung in den Hintergrund, die Politik dieser Zeit kreiste erst einmal um eine ausreichende Grundversorgung. Abgesehen von einer kurzen Periode moderaten Wettbewerbs Anfang der 1950er Jahre wurden der Landwirtschaft systematische staatliche Produktionsanreize gegeben, die angesichts der intensivierten Technisierung, Chemisierung und Kapitalisierung der Landwirtschaft nun auch zu rasch steigenden Flächenerträgen führte. Der Grüne Plan 1955 und die Römischen Verträge 1957 mündeten in eine „subventionierte Unvernunft“, wobei das Hauptziel der Versorgungssicherheit zunehmend vom Nebenziel eines sozialpolitisch abgemilderten Strukturwandels des Agrarsektors überwölbt wurden.

Rationengesellschaft: Lebensmittelversorgung deutscher Zivilisten durch die US Army (Time 1945, Nr. 13, 22)

Ernährungspolitik mutierte in den 1950er Jahren auch deshalb wieder zur Agrarpolitik, weil die ernährungsbezogene Gesundheitspolitik ideologisch desavouiert war, die Ernährungswissenschaft sich neuerlich organisieren musste und die relativ liberale Wirtschaftspolitik den Marktkräften an sich Raum zur Entfaltung gab. Staatlicher Verbraucherschutz gewann trotz des dominierenden Leitbildes eines schwachen und einfach verführbaren Konsumenten nur langsam an Bedeutung. Konsumgenossenschaften und Hausfrauenverbände bündelten dagegen ihre Kräfte und gründeten 1953 die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände, deren politischer Einfluss jedoch begrenzt blieb.

Kontinuierlicher Strukturwandel der Landwirtschaft: Größere, doch weniger Betriebe in Schleswig-Holstein (Hamburger Abendblatt 1960, Nr. 295 v. 17. Dezember, 24)

Politische Veränderungen wurden in den 1950er Jahren erstmals vom Parlament und einer breiten öffentlichen Protestbewegung gegen vermeintlich vergiftetes Essen errungen, die zunehmend auch von Gegenexperten unterstützt wurde. Das Lebensmittelgesetz von 1958 etablierte das Vorsorgeprinzip, Folgeverordnungen verboten zahlreiche Zusatz- und Konservierungsstoffe, verboten und regelten neue Konservierungstechniken, festigten zugleich aber die Kontroll- und Definitionsmacht der Naturwissenschaften. Dies galt erst einmal für die agrarwissenschaftliche Ressortforschung, die 1953 gegründete Deutsche Gesellschaft für Ernährung, die wissenschaftlichen Beiräte der Ministerien und halbstaatliche Institutionen der Ernährungsbildung, etwa dem aid. Doch auch die Medizin gewann im Kampf gegen vermeintliche Zivilisationskrankheiten wieder an Bedeutung: 1961 wurde mit dem neu gegründeten Bundesministerium für Gesundheitswesen die Suchtprävention und der Kampf gegen Fehlernährung verstärkt, war doch der Gewichtsanstieg der deutschen Bevölkerung in den zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Beispiel. Rivalitäten zwischen den Ministerien und den verschiedenen Institutionen in Bund, Ländern und Kommunen nahmen zu dieser Zeit zu. Neue Oberbehörden, wie die 1967 gegründete Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, verstärkten diesen Trend, zeugten zugleich aber vom Reformoptimismus dieser von Machbarkeitsvorstellungen geprägten Zeit. Dies galt auch für die stärker zentralisierte DDR, deren Agrarpolitik zu dieser Zeit vielen westdeutschen Wissenschaftlern als zukunftsweisend galt, deren Gesundheitspolitik sich hinter der des westlichen Bruders kaum verstecken musste.

Massentierhaltung als Dienst am Konsumenten: Geflügelwerbung in Ost- und Westdeutschland (Neues Deutschland 1960, Nr. 200 v. 23. Juli, 5 (l.); Hör Zu 1968, H. 43, 50)

Die wachsenden Finanzierungsprobleme der ausufernden und von Ost- und Westdeutschland nicht mehr souverän zu gestaltenden Agrarpolitik, die seit den 1960er Jahren zunehmend wahrgenommenen Umweltschäden und die mit dem Wandel zu postmateriellen Werten einhergehende Neubelebung der ökologischen Bewegung ließen Anfang der 1970er Jahre Fragen nach qualitativem Wachstum und einer qualitativ hochwertigen Ernährung auf die Tagesordnung auch der Politik treten. Das galt für Ost und West, doch die Ignoranz der damit verbundenen Aufgaben waren ein wichtiger Grund für den Kollaps der DDR 1989. Die westdeutsche Ernährungspolitik reagierte mit der Integration der Verbraucherpolitik deutlich offener, etablierte 1964 nach langen Debatten auch die Stiftung Warentest. Umweltschutzthemen wurden schon lange vor der Gründung des Ministeriums 1986 im Innen-, Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium institutionalisiert. Die sozialliberale Koalition setzte eine stärkere Regulierung der Lebensmittelkennzeichnung durch, während sich in den frühen 1970er Jahren neuerlich die öffentlichen Auseinandersetzungen über die industrialisierte Landwirtschaft, die Schadstoffbelastung und die Qualität der Lebensmittel intensivierten. Begrenzte Veränderungen erfolgten im EU-Bereich, nicht aber ein struktureller Wandel der weiter landwirtschaftlich dominierten Ernährungspolitik. Die Auseinandersetzungen von Bauernverband und Landwirtschaftsministerien mit dem wieder erstarkenden Ökolandbau und die innerwissenschaftlichen Debatten über Vegetarismus und Vollwerternährung verdeutlichen einen auch in historischer Perspektive außergewöhnlichen Strukturkonservatismus des Juste milieu der Bundesrepublik.

Ende der tradierten Agrarpolitik? Karikatur zur BSE-Krise 2000 (Frankfurter Rundschau 2000, Nr. 297 v. 21. Dezember, 1)

Einen wichtigen rhetorischen Einschnitt bildete schließlich die BSE-Krise 2000/01. Der dramatische (wenngleich kurzfristige) Vertrauensverlust der breiten Mehrzahl reagierte auf eine alltagsferne Agrarpolitik, die die Folgen der eigenen Strukturentscheidungen nicht tragen, sondern vertuschen wollte. In Deutschland folgerten hieraus beträchtliche, in den Begriffen „Agrarwende“ und „Ernährungswende“ gebündelte Veränderungen, mochten beide auch weit hinter den ursprünglichen Zielen zurückgeblieben sein. Nach EU-Vorbild wurden Risikobewertung und Risikomanagement voneinander getrennt, an die Stelle des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin traten 2002 insbesondere das Bundesinstitut für Risikobewertung sowie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Schon zuvor hatten sich die Verbraucherschützer mit der Verbraucherzentrale Bundesverband eine schlagkräftigere Vertretung gegeben, nachdem unterschiedlich ausgerichtete Verbraucherorganisationen die Interessenvertretung erschwert hatten. Sie fanden nun wachsendes Gehör, ohne aber politikbestimmend zu werden. Dagegen veränderte die Ressortforschung ihre Ausrichtung kaum, blieb der Ausbau von Ernährungskompetenzen trotz der Integrationen einschlägiger Referate des Gesundheitsministeriums gering. Der staatliche Verbraucherschutz wurde gewiss verbessert, das inhaltlich gescheitere Verbraucherinformationsgesetz aber verwies auf gravierende Defizite bei der Informationsgewinnung und den Verbraucherrechten. Die Agrarpolitik stand nach wie vor im Zentrum der Arbeit des Ernährungsministeriums, die Ernährungspolitik wurde in enger Kooperation mit den einschlägigen Interessengruppen der Ernährungswirtschaft formuliert. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen, wie etwa über die Gentechnik resp. „Biotechnologie“ dauerten an, ebenso die am Beispiel der Milchbauern offenkundigen Wechselspiele des Marktgeschehens.

Ernährungspolitik als Gestaltungsaufgabe!? Ergebnisse und Konsequenzen

Fassen wir zusammen, ziehen daraus auch Folgerungen für die Gestaltungsaufgabe Ernährungspolitik:

  1. Die Ernährungspolitik befand sich seit dem späten 19. Jahrhundert in einer defensiven und reaktiven Stellung zu den Veränderungen im Handlungsfeld Essen/Ernährung, zur Dynamik einer Wissens- und Konsumgesellschaft. Die relativ abnehmende Bedeutung der Landwirtschaft, das schnell anwachsende Wissen der Naturwissenschaften und Medizin sowie ihr Gestaltungsoptimismus im Umgang mit dem „menschlichen Tier“ verankerten eine sektoral ausgerichtete Interventionskultur, die erhebliche nicht intendierte negative Folgen für andere Wirtschaftssektoren und Lebensbereiche billigend in Kauf nahm, um Partikularinteressen zu genügen. Eine Überwindung dieser defensiv-reaktiven Grundausrichtung erfordert eine Rückbesinnung auf die gesellschaftliche und alltagspraktische Bedeutung von Essen/Ernährung und die Berücksichtigung von Ernährungspolitik als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe.
  2. Die Ernährungspolitik hat zentrale Bereiche des Ernährungswandels des letzten Jahrhunderts nicht mit bedacht und daher auch nicht mit bestimmt. Dies gilt für die bis heute kaum problematisierte einseitig naturwissenschaftliche Deutung von Nahrung und Ernährung, die Gestaltungsdynamik von Industrie und insbesondere Handel, die Kommerzialisierung der Nahrung, die mit den Umdefinitionen des Räumlichen verbundenen Identitätsprobleme sowie den im Ernährungsbereich dominierenden semantischen Illusionen, die inhaltleere, weil an Alltagspraxen nicht rückgebundene Begriffe wie „Frische“, „Genuss“, „Geschmack“, „Gesundheit“ oder „Natur“ zwingend mit sich bringen. Ernährungswandel war und ist wirtschaftlich und gesellschaftlich bedingt. Ernährungspolitik wird nachhaltige und zukunftsfähige Gestaltungskraft nur dann gewinnen, wenn die sie tragenden und prägenden Personen diese Entwicklungen seriös analysieren und langfristige Strategien in Kooperation, teils aber auch im Konflikt mit wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren entwickeln. Ignoranz einer mit den eigenen Vorstellungen nicht kompatiblen „Realität“ wird bestehende Probleme nicht mildern, sondern verschärfen.
  3. Der Begriff der Ernährungspolitik besitzt den Charme, sektoral unterschiedliche Politikfelder integrieren zu können. Doch diese Integration darf sich nicht in der effizienteren Koordinierung von Agrar-, Gesundheits-, Umwelt- und Verbraucherschutz erschöpfen. So wichtig und unabdingbar die mit dem Begriff Ernährung verbundene Perspektive auf die Wertschöpfungsketten und den Metabolismus auch sein mag; will man Alltagshandeln erfolgreich und eigenbestimmt verändern, dann sind auch die mit dem Begriff des Essens verbundenen Bedeutungsdimensionen mit zu bedenken. Ebenso wie derjenige, der Essen verbessern will, abseits der Ernährungswissenschaft immer auch eine Esswissenschaft benötigt, um situationsadäquat denken und handeln zu können, so bedarf auch das Handlungsfeld Essen/Ernährung einer Ernährungs- und einer Esspolitik. Die Regulierung der Essenden wird scheitern, nimmt man diese nicht erst, versteht man nicht die Rationalität auch offenbar „irrationalen“ Verhaltens und Essens. Ernährungspolitik auch als Esspolitik zu denken, mag anachronistisch und naiv klingen. Doch diese Ergänzung erscheint mir gerade in formal demokratischen Gesellschaften unabdingbar zu sein. Ernährungspolitik wird dann vielleicht mehr erlauben als effizienteres Krisenmanagement, stetig neuartige Kampagnen und Aktionspläne, die wohlmeinende Lenkung der anderen, der Mehrzahl. Die Gestaltungsaufgabe Ernährungspolitik setzt verändertes Denken der Experten ebenso voraus, wie ein breiteres Problembewusstsein der demokratisch gewählten und nominell dienenden Repräsentanten.

Uwe Spiekermann, 22. November 2025

Bei dem vorliegenden Artikel handelt es sich um einen moderat veränderten und mit teils anderen Abbildungen versehenen Vortrag zur Tagung „Über den Tellerrand. Gestaltungsaufgabe Ernährungspolitik“, die am 1. und 2. März 2010 in Berlin als Gemeinschaftsanstrengung der Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten (deren Vorsitzender ich damals war) und der Verbraucherzentrale Bundesverband veranstaltet wurde. Derweil ist einiges geschehen, in der Ressortforschung, der Gesundheitsaufklärung, der Ernährungskommunikation – nicht immer zum Bessern. Doch aus meiner Sicht spiegelt dieser fünfzehn Jahre alte Artikel die intellektuelle Stagnation der deutschen Ernährungspolitik deutlich wieder. Sie ist weiterhin eine Klientelpolitik, deren Gunstgruppen zwar je nach politischen Vorzeichen wechseln, die sich aber vor allem strukturell lernunfähig zeigt. Wiederholt gescheiterte Ansätze und Politiken werden wiederholt, der eigene Anteil an den bestehenden Problemlagen im Handlungsfeld Essen/Ernährung mit bunten Bildchen und Sprachspielen übertüncht.

Trug und Weltgeschäft: Der Bierersatz Hopkos

Um 1900 konnte man mit alkoholfreien Getränken eine schnelle Mark machen. Kohlensäure, Essenzen und Aromastoffe ermöglichten neuartige Angebote, die neben Wasser, tradiertem Fruchtsirup, die Heilwässer und Heißgetränke traten. Seit 1896 entstanden zudem alkoholholfreie Weine und auch alkoholfreie Biere. Sie waren teils Werbefiktionen, entsprachen vor allem geschmacklich nur selten den alkoholhaltigen Originalen. Doch Alkoholika wurden damals verstärkt in Frage gestellt, Mäßige und Abstinente forderten eine Nüchternheitswende – und der Markt, viele Tüftler und Geschäftsleute lieferten. Sie agierten in einem gestalterischen Möglichkeitsraum, denn die uns geläufigen Produktkategorien waren noch nicht definiert und staatlich reguliert. Die Nichtalkoholika spiegelten und materialisierten denn auch die tiefgreifenden wirtschaftlichen, sozialen, wissenschaftlichen und technologischen Brüche der Jahrhundertwende, des Fin de Siècle.

Die soziale Frage dominierte die Politik, der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital überwölbte und verdrängte die autoritäre Ordnung der ständischen Gesellschaft. Die Ernährungswissenschaften hatten tradierte Vorstellungen über richtiges Essen (und Trinken) in Frage gestellt. Das Wissen um chemische Stoffe und den Stoffwechsel in Pflanzen, Tieren und Menschen erlaubte überzeugende, „gesunde“ Alternativen. Neu entwickelte Maschinen ermöglichten Eingriffe in das Innere der nun gewerblich umgestaltbaren Natur. Seit den 1860er Jahren nahm die Zahl neuartiger Lebensmittel rasch zu, Rübenzucker und Säuglingskost, Margarine und Suppenpräparate sind nur plakative Beispiele für eine große und wachsende Palette immer neuer Angebote. Auch die Getränke veränderten sich: Seit den 1820er Jahren kam der Kartoffelschnaps, der „Branntwein“ auf, und das tradierte Bier veränderte sich seit den 1870er Jahren zu einem zuvor kaum denkbaren standardisierten Produkt. Auch Nichtalkoholika blieben vom Malstrom der Umgestaltung nicht unberührt: Die zunehmend separierte, gefilterte, auf hohen Fettgehalt optimierte und teils auch pasteurisierte Milch unterschied sich deutlich vom Melkertrag früherer Zeiten. Ähnliches galt für die „künstlichen“, mit Kohlensäure prickelnd gehaltenen Mineralwässer, die gegenüber ihren „natürlichen“ Namensvettern Geschmacks- und Haltbarkeitsvorteile hatten. Während aber in Großbritannien und den USA auch „Soft Drinks“, also kunstfertige Mischungen aus Wasser, Kohlensäure, Kräuterextrakten, Aromen, Zucker und Süßstoffen entstanden – Tonic Water und Coca-Cola sind bekannte Beispiele –, blieb dieses Marktsegment in Mitteleuropa unterentwickelt. Teurer Zucker, das Hausbrauen, ein weniger strikt agitierender Protestantismus und die vermeintlich „schwache“ Natur dieser Getränke bieten Erklärungen.

Der Aufschwung der alkoholfreien Getränke um die Jahrhundertwende war demnach eine nachholende Entwicklung. Sie verlief entsprechend stürmisch, schuf zugleich Wildwuchs und Marktverwerfungen. In dem neuen Marktsegment wurden nicht einfach Getränke entwickelt und verkauft, sondern zugleich Träume von Gesundheit und Nüchternheit. Das lockte Investoren, Techniker und Wissenschaftler: Hier war Neuland zu gewinnen, Vermögen anzuhäufen, ein späteres ehrsames Leben als wohlsituierter Erfinder und Unternehmer möglich.

Hopkos war eines der bekanntesten Beispiele dieser ersten Welle alkoholfreier kohlensäurehaltiger Getränke, die langfristig die hiesigen Trinkgewohnheiten tiefgreifend umgestalten und neue Probleme schaffen sollten. Doch Hopkos verkörperte erst einmal Fortschritt, zielte auf ein neues besseres Leben. Es wurde als Bierersatz vermarktet, gar als alkoholfreies Bier, schließlich bestand es – so die lockende Werbeaussage – aus Hopfen und Malz. Wohlschmeckend und alkoholfrei war es, die Tage des alten, alkoholhaltigen Bieres schienen gezählt. Doch Hopkos verschwand nach ein, zwei Jahren wieder vom Markt, wurde ersetzt durch andere, ähnliche Getränke. Die schnelle Mark machten nur wenige, denn trotz einer modernen „amerikanischen“ Werbung verloren die meisten Investoren Geld. Es ist besonders reizvoll, ein solches Scheitern historisch zu analysieren, denn gängige Lohnschreiber präsentieren vorrangig Erfolgsgeschichten. Das Beispiel Hopkos steht zugleich beispielhaft für die große Zahl von Lebensmittel-„Hypes“, die bis heute immer wieder aufköcheln, von Werbung und (nicht nur käuflichen) Medien unterstützt und forciert. Um 1900 klangen die hoffnungsfrohen Aussagen von Wandel, Reform und Transformation vielfach ähnlich wie heutzutage, die „wir“ immer noch um Antworten angesichts von Alkoholmissbrauch, globaler Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung ringen. Wir sind nur neue Hamster im alten Rad.

Dieser Beitrag ist der zweite von insgesamt vier Artikeln, in denen ich der Geschichte des alkoholfreien Bieres empirisch fundiert untersuche. Am Anfang stand eine Arbeit zum „Original alkoholfreien Bier“ des sächsisch-fränkischen Brauers Valentin Lapp (1856-1908). Damit wurde in der Tat Neuland betreten, auch wenn dieses kräftig schäumende und fast alkoholfreie Produkt nur von 1896 bis 1905 verkauft wurde. Der Ihnen vorliegende Artikel wird sich am Beispiel von Hopkos mit den nichtalkoholischen Kunstgetränken beschäftigen, die das Idealbild eines wirklichen Bierersatzes nutzten, um hochverarbeitete Markenartikel anzubieten, die einzig Trugbilder eines solchen Substituts waren. Im dritten Artikel wird es um das alkoholfreie Bier Trinkmit der Bochumer Schlegel-Brauerei gehen, um neuartige Marktchancen, die auch Alkoholproduzenten durch die Verbreiterung des Getränkemarktes erhielten. Viertens schließlich werden diese drei Beispiele in den breiten Kontext der Neugestaltung der deutschen Trinkkultur um die Jahrhundertwende gestellt werden, die ein treffliches Spiegelbild der laufenden Versuche sind, „unsere“ heutige Ernährung fundamental umzugestalten.

Britische Ursprünge – Hopkos und Gingerbeer

Der Begriff „Hopkos“ führt erst einmal ins England der 1890er Jahre. John Abbey, Sekretär der Church of England Temperence Society in Norwich, hatte in den späten 1880er Jahren in zahlreichen Pamphleten mannhaft gegen die Trunksucht der Arbeiter, insbesondere aber der Landarbeiter agitiert. Wohlbegründet verwies er auf den durch Alkohol bewirkten körperlichen und geistigen Verfall, auf die Gefahren für das Familien- und Berufsleben, auf die persönlichen und volkswirtschaftlichen Kosten (John Abbey, Thoughts for Working Men, London 1889). Doch er wusste offenkundig um die begrenzte Wirksamkeit moralischer Appelle. 1891 bot er daher auch praktische Anregungen, präsentierte Rezepte von drei griffig benannten alkoholfreien Sommergetränken: Stokos wurde aus Haferflocken, Zucker und geschnittenen Zitronen zubereitet, Cokos war ein Mischgetränk aus Haferflocken, Kakao und Zucker. Hopkos schließlich bestand aus Hopfen, Ingwer und Zucker, der namensgebende Hopfen konnte auch durch getrockneten Andorn ersetzt werden. Abbey verwies stolz darauf, dass das alkoholfreie Trio “quite popular with the crop-gatherers of 1892” geworden sei (Three Temperance Beverages, Journal of the American Medical Association 23, 1892, 677). Die Anglikaner griffen den Vorschlag auf, popularisierten ihn, Mitglieder berichteten von einer schmackhaften und erfrischenden Alternative zum schweren Porter, zum dunklen Ale: „‚That is good!‘ ‚This is better than ale!’ ‘This is something to work upon!’ ‘I should like a recipe of this!’” (C.E.T.S Work at the Rotts. Agricultural Show, Southwell Diocesan Magazine 6, 1893, 107-108, hier 108). Auch Spottgedichte über die neuen alkoholfreien Billiggetränke wurden geschrieben, auch sie halfen Stokos, Cokos und Hopkos weiter zu popularisieren.

Spottgedicht auf die Mäßigkeitsgetränke – Hopkos war billig und wirksam (Fun 53, 1891, 250)

Die Rezepte verbreiteten sich rasch über England hinaus, fanden sich in den USA, im britischen Empire (Items of Interest 15, 1893, 561; American Analyst 9, 1893, 157; Hawaiian Gazette 1893, Nr. 43 v. 24. Oktober, 4; The Cultivator & Country Gentleman 58, 1893, 661; The War Cry 4, 1898, Nr. 2, 12; Hildagonda J. Duckitt, Hilda’s Diary of a Cape Housekeeper, London 1902, 234 (Südafrika); Pearsons’ Weekly 1904, Nr. 735 v. 18. August, 118; ebd. 1905, Nr. 784 v. 27. Juli, 62; W.H. Simmonds, The Practical Grocer, Bd. 4, London 1909, 190; Everything a Lady should know, 26. Aufl., hg. v. George B. Philip & Son, Sydney s.a. [1923-24], 69 (Australien)). Stokos, Cokos und Hopkos etablierten sich, wurden die Rezepte doch immer wieder in Zeitungen und Zeitschriften reproduziert, fanden ihren Platz in gängigen Kochbüchern. Auch in Europa gab es beträchtlichen Widerhall; die Sommergetränke ließen sich zudem in den „Tropen“, also den europäischen Kolonien, häuslich zubereiten (De Baanbreker 10, 1911, Ausg. v. 12. August, 4).

Die drei Nichtalkoholika fanden auch rasch den Weg nach Österreich-Ungarn und ins Deutsche Reich, wo der Anteil der Landarbeiter deutlich höher lag als im Stammland der Industrialisierung (Englische Sommergetränke, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 18, 1891, 514-515; dass., Die Fundgrube 19, 1892, 577). Dort versuche man zeitgleich, den paraguayischen Mate-Tee einzuführen (Maté als Getränk für Landarbeiter, Das Land 3, 1894/95, 313-314). Die neuen englischen Rezepte boten ergänzende Optionen, forderten aber angesichts der noch holz- und kohlenbefeuerten Herde Hausfrauen, Köchinnen und Dienstbotinnen: „Hopkos: 25 g Hopfen und 15 g gepulverter Ingwer werden 25 Minuten hindurch in 6,75 l Wasser gekocht, dann setzt man zur Flüssigkeit 500 g Rohrzucker, kocht weitere 10 Minuten, seiht das Getränke [sic!] durch ein sauberes leinenes Tuch und füllt den Hopkos auf die Flasche“ (Josef Bersch, Chemisch-technisches Lexikon, Wien, Pest und Leipzig 1893/94, 251).

Stokos, Cokos und Hopkos standen Anfang der 1890er Jahre für eine große Zahl in den deutschen Landen bekannten und vornehmlich im Norden auch getrunkenen „englischen“ Getränken, von denen das Ginger Beer, das Ingwerbier, sicherlich das bekannteste war. Ähnlich wie Hopkos wurde es lange häuslich hergestellt. Dazu mischte und verkochte man Ingwer etwa mit Zucker, Limonensaft und Eiweiß, mengte Honig und Zitronenöl hinzu, füllte die Masse dann nach vier Tagen Lagerung ab (Die Reform 1863, Nr. 102 v. 26. August, 2). In Großbritannien, vornehmlich in Nordengland und Schottland gab es schon längst ein breit gefächertes Angebot, mehr als tausend Markennamen zeugten von einem beträchtlichen kommerziellen Erfolg. Die Hausbrauerei wurde parallel von vorgefertigten Extrakten aus Hopfen, Kräutern, zunehmend aber auch Essenzen, ätherischen Ölen, Aromen, Süß- und Farbstoffen, umgestaltet (John Burnett, Liquid Pleasures. A Social History of Drinks in Modern Britain, London und New York 1999, 97). Derartige Bierpulver hatten auch im Zollvereinsgebiet die chemisch-technische Modernisierung der Brauerei begleitet, und angesichts etwa des „Berliner Bierpulvers“ der Firma Grüne & Co. unkten Zeitgenossen schon zur Jahrhundertmitte, mit „der Bierbrauerei scheint’s zu Ende zu gehen“ (Westfälische Zeitung 1859, Nr. 167 v. 17. Juli, 2). Diese Vorhersage war verfrüht, die Bierpulver verschwanden rasch, kamen in den späten 1890er Jahren jedoch neuerlich auf, ermöglichten unmittelbar nach der Jahrhundertwende auch breit beworbene Do-it-yourself-Aktivitäten der vor allem im Spirituosenbereich boomenden Essenzenindustrie.

Ingwerbier als Medizinalgetränk (Central-Volksblatt für den Regierungsbezirk Arnsberg 1891, Nr. 27 v. 4. März, 4)

Schon seit Anfang 1890er Jahre, parallel mit dem englischen Hopkos-Rezept, erweiterte sich auch das Angebot von Ingwerbier. Vor allem die in Kassel ansässige Firma Dr. G. Hilgenberg Nachf., Ende 1878 vom Chemiker Gustav Hilgenberg als Mineralwasserfabrik und Laboratorium gegründet (Deutscher Reichsanzeiger 1879, Nr. 5 v. 7. Januar, 4), praktizierte Konsumgütertransfer. Ingwerbier war damals vornehmlich anonyme Apothekerware. Ingwersirup wurde mit Weinsäure und Zuckercouleur versetzt, das schaumige Getränk erinnerte farblich durchaus an Bier (G. Schneider, Alkoholfreie Getränke, Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 794-796, hier 796). Hilgenbergs Firma wurde 1885 vom Kasseler Apotheker Ludwig Scherff (1836-1899) übernommen, der neben Ginger Beer dann auch weitere „alkoholfreie Biere“ produzierte (Wiesbadener Fachausstellung für das Hotel- und Wirtschaftswesen, Wiesbadener General-Anzeiger 1896, Nr. 184 v. 8. August, 1). 1896/97 präsentierte er im Rahmen zahlreicher Ausstellungen alkoholfreies Bockbier, Ale und vor allem Bassara. Bier wurde nach dem Brauen der Alkohol entzogen und Kohlensäure zugesetzt. Das auch als Exportgetränk gedachte Bassara enthielt aus England importierte Pflanzenauszüge, das Rezept aber wurde geheim gehalten. Das schien ein Erfolgsgarant zu sein: “Es ist kaum zu bezweifeln, dass die Getränke bei dem immer mehr an Terrain gewinnenden Streben nach Heilung auf ‚naturgemässe‘ Art, eine grosse Zukunft haben, und es wäre wohl angebracht, wenn die deutschen Apotheker versuchten, den Debit dieser Getränke ihrem Handverkauf zu sichern“ (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 38, 1897, 558).

Zwischen Bier und Brause: Werbung für Ingwerbier und Ingwerbier-Extrakte (Neues Tagblatt und Generalanzeiger für Stuttgart und Württemberg 1897, Nr. 136 v. 15. Juni, 14 (l.); Leipziger Tageblatt 1900, Nr. 273 v. 31. Mai, 4487)

Ingwerbier war aus heutiger und auch aus damaliger Sicht gewiss kein Bier, denn es war nicht gebraut worden, hatte keine Gärung durchlaufen. Es wurde dennoch als „alkoholfreies Bier“ beworben (Geschäftsblatt für den obern Teil des Kantons Bern 1899, Nr. 40 v. 20. Mai, 4). Noch gab es keine verbindlichen Definitionen der neuen Produkte, noch herrschte die Setzungsmacht der Anbieter. Die Brauer protestierten gegen derartige Anmaßungen, seien doch Bier und Wein zwingend alkoholhaltig. Auch Abstinente stimmten dem zu: „Diese Getränke verdanken nur der Rücksicht auf die Trinksitte ihren Ursprung und sind nichts als eine lächerliche Nachahmung des Bieres, ohne irgend einen besonderen Vorzug zu besitzen, der ihre Bierform entschuldigen könnte. Sie zeigen nur, wie schwer es den Menschen wird, sich sogar von der Form des Bieres, von dem braunen, schäumenden Getränk, ganz zu trennen, und müssen von der Abstinenzbewegung rücksichtslos abgelehnt werden“ (Georg Keferstein, Ueber die alkoholfreien Getränke, Der Alkoholismus 3, 1902, 266-290, hier 273). Die federführenden Mäßigen aber sahen in derartigen alkoholfreien Bieren ein wichtiges Brückenangebot, konnte man doch dem Alkohol entsagen, ohne mit seinen Trinkgewohnheiten strikt zu brechen.

Der technische Fortschritt schien zudem immer bessere, auch geschmacklich zusagende Angebote zu ermöglichen. Neben die Ingwerbiere traten Ingwerbierkonzentrate, ermöglichten rasch zuzubereitende, brausende und alkoholfreie Erfrischungen. Neue Bierpulver folgten: „Man schüttet einfach einen Eßlöffel der köstlichen Substanz in ein Glas Wasser, und der besiegte Bacchus […] verhüllt sich klagend das Haupt“ (Das Bierpulver!, Bonner Volkszeitung 1901, Nr. 224 v. 7. Juli, 9). Gewiss, noch war der Geschmack gewöhnungsbedürftig, doch grundsätzlich konnte das Trinken so auch billiger werden. Ernst Kochs Bier-Extrakt versprach alkoholfreies Bier für vier Pfennig pro Liter (Vorwärts 1901, Nr. 135 v. 13. Juni, 8). Die neuen Produktbezeichnungen unterminierten allerdings die bestehende Sprache, unterminierten zugleich die Sprache des Rechts. Ein Speisewirt lockte Kunden mit einem unentgeltlichen alkoholfreien Bier, das er „durch Auflösen von Pillen in Wasser herstellte“. Er wurde daraufhin wegen einer fehlenden Schankkonzession letztinstanzlich zu einer Geldstrafe verurteilt (Schankwirtschaft und Zuckerwasser, Kölnische Zeitung 1903, Nr. 446 v. 25. Mai, 1). Damit fügte man neue Kunstgetränke ungewollt in den Reigen des Bestehenden ein.

Intermezzo: Alkoholfreie Biere vor der Gründung der American German „Hopkos“ Company 1903

Die englischen Getränke waren alkoholfrei und wurden seit 1896 auch vermehrt als „alkoholfreie Biere“ vermarket. Deren Erfindung und Etablierung im Deutschen haben wir bereits am Beispiel des „Original alkoholfreien Bieres“ von Valentin Lapp genauer analysiert. Für unsere Analyse des neuen Hopkos sind vier Aspekte festzuhalten:

Auch wenn der Begriff des „alkoholfreien Bieres“ vereinzelt schon Mitte der 19. Jahrhunderts nachweisbar ist und – zumeist mit Bezug auf England – sich seit den späten 1880er Jahren langsam einbürgerte, handelte es sich erstens doch um ein Lehnwort einer technischen Innovation des Schweizer Önologen Hermann Müller-Thurgau (1850-1927). Er pasteurisierte frisch gepresste Fruchtsäfte bei 60-70 °C, ermöglichte dadurch sterile, nicht weiter vergärende Fruchtsäfte. Sie wurden seit 1896 mit breiter Unterstützung von Alkoholgegnern als „alkoholfreie Weine“ vermarktet. Das war sprachliches Neuland, an sich widersprüchlich, zeigte jedoch die Absicht, den Kampf gegen den alten alkoholischen Wein auch praktisch aufzunehmen. In den Anzeigen wurde daher nie nur das Fehlen des Alkohols vermerkt, sondern immer auch die mit der neuartigen Verarbeitung einhergehenden Vorteile, zumal den aufgrund des gestoppten Abbauprozesses höheren Nährwert.

Werbung für Müller-Thurgaus neu entwickelte „alkoholfreien Weine“ (Schweizer Frauen-Zeitung 18, 1896, Nr. 44, Beil., 4)

Müller-Thurgau richtete zweitens das Augenmerk der Ingenieure und Tüftler auf neue Technologien, um auch das Bier alkoholfrei zu machen. Grundsätzlich wurden seit 1895/96 drei Verfahren angewandt: Erstens folgte man dem Schweizer Vorbild, destillierte den Alkohol kunstvoll ab, frischte das Gebräu dann mit Kohlensäure auf. Ein solches Verfahren ließ sich der Chemiker, Lebensreformer, Konserven- und Fruchtsafthersteller Walther Nägeli (1851-1919) 1896 patentieren. Dieser Rechtsakt bedeutete die grundsätzliche Akzeptanz des neuen Begriffs „alkoholfreies“ Bier, gegen den nicht nur die Brauerlobby seit 1898 durchaus erfolgreich Sturm lief. Nägelis Frada-Bier hatte allerdings nur geringen Erfolg, seine Marktpräsenz blieb gering. Zweitens wurde die Bierwürze nicht weiter vergoren, auf eine Gärung also verzichtet. Dem Sud wurde Diastase und auch Hopfen zugefügt, alles zentrifugiert, gefiltert und mehrfach mit Kohlensäure imprägniert. Diesen Weg wählte Valentin Lapp für sein „Original alkoholfreies Bier“, für ein Jahrzehnt der wichtigste Vertreter der neuen Getränkesorte. Beide Verfahren waren aufwändig, erforderten hohe Investitionen. Deshalb begannen drittens insbesondere Apotheker und Mineralwasserfabrikanten an ihre recht simple Technik anzuknüpfen. Ein Mineralwasserapparat erlaubte die Imprägnierung einer Flüssigkeit mit Kohlensäure, zentral für Textur und mundkitzelnde Frische. Anstelle von Wasser konnte man auch Fruchtsäfte sättigen, ebenso Mixturen von Wasser, Malz- und Hopfenextrakten. Das perlende Getränk konnte anschließend mit Süß- und Farbstoffen oder auch Zucker weiter modifiziert werden. Diese dritte Variante hatte den Vorteil geringerer Fixkosten, einfachen Maschineneinsatzes und einer variantenreichen Ausgestaltung des Geschmacks. Der Unterschied zu den damals insbesondere für Kinder und Frauen vermehrt produzierten farbig-grellen und pappig-süßen Brauselimonaden war allerdings gering. Im Gegensatz zu den ersten beiden Verfahren bestand außerdem die Gefahr einer fortgesetzten Gärung. Der kurz nach Hopkos in Hamburg auf den Markt gebrachte Hansatrunk hatte beispielsweise 1,44 Prozent Alkohol (Pharmaceutische Praxis 6, 1907, 152) – und war Teil langwieriger Debatten über Grenzwerte und die Redlichkeit der Hersteller.

Wabernde Begriffe: Alkoholfreier „Hansatrunk“ – mit 1,44 Prozent Alkoholgehalt (Hamburger Fremden-Blatt 1904, Nr. 130 v. 5. Juni, 27)

Drittens waren alkoholfreie Biere nicht nur Reflex auf eine schnelle Mark, auf die Marktchancen der Jahrhundertwende. Sie materialisierten zugleich Forderungen der Mäßigkeitsbewegung nach positiven Hilfsmitteln im Kampf gegen Trunksucht und Alkohol. Alkoholfreies Bier würde die modernde Hast, die modernde Nervosität reduzieren, würde auch die randständige Position der Enthaltsamen verringern. Einmal entwickelt, würde es sich im Lebenskampf durchsetzen: „Wo es Enthaltsame giebt, stellt sich auch bald alkoholfreies Bier und alkoholfreier Wein ein“ (Matthaei, Die Erhöhung der Kriegstüchtigkeit eines Heeres durch Enthaltung vom Alkohol, Der Alkoholismus 1, 1900, 164-184, hier 174). Die großenteils bürgerliche, von protestantischen Pfarrern, Lehrern und Notablen geprägte Bewegung erschien nicht nur als sicherer Nischenmarkt, sondern auch als ein Bundesgenosse für nichtkommerzielle Werbung und Verbreitung. Wirklich „alkoholfreie“ Biere konnten vielleicht auch die schwelenden Konflikte zwischen den bier- und weintrinkenden Mäßigen und den Abstinenten befrieden. Das galt selbst für Nahrungsmittelchemiker. Bernard Carl Niederstadt, Hamburger Chefkontrolleur, empfahl Hopkos nicht nur aufgrund seiner stofflichen Zusammensetzung, sondern auch, „da der Alkohol größere Verheerungen anrichte“ (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 110 v. 12. Mai, 13). Dies wurde von den Produzenten des neuen Bierersatzes unmittelbar verwertet: „Hopkos ist keine schwächliche Limonade, sondern ein bierähnliches, aber alkoholfreies Getränk. Als Kampfmittel gegen den Alkohol unvergleichlich!“ (Hamburger Echo 1903, Nr. 166 v. 19. Juli, 10)

Alkoholfreie Biere etablierten sich seit 1896 im Flaschenbierhandel, langsam auch in den alkoholfreien Cafés und Gaststätten, mochte ihr höherer Preis von den sparsamen Bürgern auch stets moniert werden. Wichtiger blieb viertens aber der ungewohnte Geschmack. Selbst in der Krankenkost urteilten einzelne Ärzte apodiktisch-ablehnend: „Die neuerdings hergestellten ‚alkoholfreien Biere‘ sind wegen ihres schlechten Geschmackes untrinkbar“ (Carl Wegele, Die diätetische Küche für Magen- und Darmkranke, Jena 1900, 18). Süße Bierersatzgetränke mochten davon weniger betroffen sein, doch seitens des Alkoholhandels hieß es immer noch selbstbewusst: „Alle Surrogate und Ersatzmittel für Alkohol erscheinen völlig wirkungslos. Kohlensaure Malzwürze, als alkoholfreies Bier getrunken, ist so wenig Bier, wie eine Brauselimonade ein Champagnerwein sein kann“ (Wattenscheider Zeitung 1904, Nr. 297 v. 28. Dezember, 3). Hopkos wurde folgerichtig als wohlschmeckender alkoholfreier Bierersatz angeboten.

Die American German Hopkos Company und der moderne Touch der Amerikanisierung

Warenzeichen der American German „Hopkos“ Company (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 256 v. 30. Oktober, 12)

Die „American-German Hopkos Company mit beschränkter Haftung“ wurde am 14. Januar 1903 ins Hamburger Handelsregister eingetragen, der Gesellschaftsvertrag war am 3. Januar abgeschlossen worden (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 25 v. 16. Januar, 5; Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 14 v. 17. Januar, 12). Gegenstand des Unternehmens war „die Einrichtung von Fabriken zur Herstellung des alkoholfreien, kohlensäurehaltigen, in Amerika erfundenen und unter dem Namen ‚Hopkos‘ geschützten Getränkes zum Ersatz für helle und dunkle Biere, der Vertrieb dieses Getränkes sowie die Eingehung aller mit diesem Gesellschaftszwecke zusammenhängenden Geschäfte“ (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 14 v. 17. Januar, 13). Das Stammkapital betrug 59.000 M, von den Gesellschaftern wurden nur zwei namentlich erwähnt: Der Magdeburger Unternehmer Theodor Freytag brachte Hopfen und Malzextrakt im Wert von 1250 M ein, die Weißenburger Handelsgesellschaft M. & G. Weid Maschinen im Wert von 1000 M, erhielt aber zugleich eine ungenannte Barauszahlung. Geschäftsführer wurden die beiden Kaufleute Otto Karl Heinrich Schorre und Hermann Friedrich Hannesen. Das oben abgebildete Warenzeichen war bereits am 2. Januar beantragt worden, der vor einer aufgehenden Sonne flügelschlagende Adler hielt die deutsche und die US-amerikanische Fahne in seinen Klauen. Viel Pathos angesichts einer „Limonadenfabrik“, die ein „alkoholfreies, limonadenähnliches Getränk“ produzieren wollte.

Der Firmennamen und das prangende Signet machen stutzig. Schließlich hat uns die Geschichte des Landarbeitergetränks „Hopkos“ nach England geführt, ebenso die Ingwerbiere und Bierextrakte. Doch noch Jahre nach dem Konkurs der Firma hieß es so lapidar wie selbstverständlich: „Hopkos ist ein aus Amerika eingeführtes, alkoholfreies Getränk, das aus Extrakten hergestellt wird“ (Heinrich Timm, Limonaden und alkoholfreie Getränke, Wien, Pest und Leipzig 1909, 165). Trotz emsiger Recherche gibt es jedoch keinen Beleg für diese Kommerzlegende, keine einschlägigen Patente, keine beim späteren Konkurs bevorzugten Zahlungen an Erfinder oder Lieferanten in der neuen Welt. Dennoch machte dieses auch offiziell verbreitete Narrativ wirtschaftlich Sinn. Mit dem globalen Hegemon Großbritannien befanden sich deutsche Kaufleute im Wettbewerb, ebenso die der zweiten Flügelmacht, der aufstrebenden Vereinigten Staaten. Hamburg war zwar Einfuhrplatz englischer Waren, galt als Hort englischer Ideen und Konsummuster. Bei Hopkos aber ging es um den Weltmarkt, um eine gemeinsame Anstrengung der beiden Herausforderer gegen den Hegemon. Amerika war nicht mehr länger das Land der Freiheit und neuer Chancen, in das bis 1914 insgesamt 5,5 Millionen Deutsche auswanderten, um ein besseres Leben zu führen. Es war auch ein Land neuer praktischer Massenprodukte; und diesen Anspruch sollte das neue Hopkos materialisierten. Entsprechend stellte man „American“ vor „German“ – als einzige deutsche Firma vor 1945.

Die amerikanische Invasion im Konsumgütersektor (Der Wahre Jacob 18, 1901, 3553; Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 345 v. 26. Juli, 8)

Die schutzzollbewehrte US-Wirtschaft galt bis in die 1870er Jahren vorrangig als Agrarexporteur, dessen billigen Weizen, Kühl- und Gefrierfleisch, hochwertiges Obst und Gemüse das Deutsche Reich mit Zöllen und Hygienevorschriften begrenzte (vgl. Uwe Spiekermann, Dangerous Meat? German-American quarrels over Pork and Beef, 1870-1900, Bulletin of the German Historical Institute 46, 2010, 93-110). Zunehmend traten aber auch preiswerte massenproduzierte Gebrauchsgüter hervor, etwa Nähmaschinen oder Klaviere. Die Deutschen führten dies lange auf die rührige Exporttätigkeit deutscher Auswanderer und ihrer Söhne zurück – etwa Isaac Merritt Singer (1811-1875) oder Heinrich Engelhard Steinway (1797-1871) –, verstanden aber nicht, dass sich Massenproduktion und hohe Qualität nicht zwingend ausschlossen. Dabei unterstrichen die US-Exporterfolge etwa im Bereich der Elektrotechnik und der Unterhaltungsindustrie, dass die deutsche Wirtschaft dem Hegemon Großbritannien zwar wirtschaftlich zusetzte, dass sie parallel aber unter Druck aus Übersee geriet. Selbst deutsches Bier wurde in den 1890er Jahren von US-Bier in globalen Drittmärkten erfolgreich be- und verdrängt (Stefan Manz und Uwe Spiekermann, Making Food Empires. German Technology and Global Mass Production, 1870-1914, Oxford 2026, Kap. 7 und 8).

US-Einflüsse auf die Trinkgewohnheiten: American Bars und Cocktails (Jugend 8, 1903, 89)

Hopkos, so meine nicht sicher zu belegende These, Hopkos wurde von den deutschen Eignern bewusst (und wahrheitswidrig) als amerikanische Innovation präsentiert, denn so konnten sie auf einer Erfolgswelle schwimmen, die seit der Jahrhundertwende nicht mehr zu ignorieren war: Billige amerikanische Haushalts- und Fitnessgeräte, Uhren und Petroleumlampen, Rechen- und Schreibmaschinen, Schuhe und Fahrräder fanden ihren Weg ins Reich, Kosmetika, Modeschmuck, Korsetts, Füllfederhalter und natürlich Kodak-Fotoapparate wären zu ergänzen. Nicht nur Karl May schuf Bilder des Wilden Westens, sondern auch der exportierte Buffalo Bill oder die gefeierten Schaustellungen von Barnum & Bailey, dem größten Zirkus der Welt. Gleichermaßen verbreiteten sich verarbeitete Nahrungsmittel, Frühstückcerealien wie Quaker Oats, Reformwaren von John Harvey Kellogg oder Maizena Maisprodukte. Die Hafenstadt Hamburg war dabei vielfach der Ausgangspunkt für die Eroberung des deutschen Marktes, etwa beim zeitgleich vermarkteten Nährmittel Force (Hannoverscher Courier 1903, Nr. 24199 v. 27. Januar, 4; Schwäbischer Merkur 1903, Nr. 91 v. 25. Februar, 10). Auch wenn die Deutschen amerikanische Limonaden und Temperenzgetränke kaum schätzten, waren diese in den US-amerikanischen Kolonien in den Großstädten durchaus gängig. Hopkos schloss an all das an, ihre Macher wollten davon profitieren.

Erträge durch angewandte Wissenschaft und Technik. Die „Macher“ von Hopkos

Meine Skepsis gegenüber den amerikanischen Ursprüngen des alkoholfreien Getränkes resultiert auch aus genaueren Informationen über die führenden Repräsentanten der neuen American-German Hopkos Company. Es handelte sich fast durchweg um junge, hochqualifizierte Naturwissenschaftler und Kaufleute, die den Märkten ihrer Zeit mit neuen Konsumgütern, mit massenfabrizierten Markenartikeln, ihren Stempel aufdrücken wollten. Schauen wir uns also die Riege quirlig begabter Herren näher an.

Theodor Freytag war nicht ohne Bedacht der erstgenannte Gesellschafter. In Magdeburg ansässig, war er gewissermaßen der „Erfinder“ von Hopkos, hatte er doch bereits am 20. September 1900 das einschlägige Warenzeichen beantragt, das ihm am 10. November 1900 dann erteilt wurde. Er dürfte zuvor von den drei englischen Temperenzgetränken gehört haben, noch 1905 sicherte er sich das erinnernde Warenzeichen Storkos (Warenzeichenblatt 1906, 49). Das Hopkos-Warenzeichen wurde allerdings erst am 25. Juli 1903 auf die Hamburger Hopkos Company übertragen (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 178 v. 31. Juli, 8). Das deutsche Hopkos hatte mit dem englischen Getränk einzig den Namen gemein.

Das offizielle Hopkos-Warenzeichen (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 291 v. 7. Dezember, 12)

Theodor Freytag war Fabrikant von alkoholfreien Erfrischungsgetränken. Seine Magdeburger „Frucht-Sirup- und Essenzen-Fabrik“ (Deutscher Reichsanzeiger 1909, Nr. 86 v. 13. April, 56), seine „Dampf-Fabrik ätherischer Öle, Essenzen, Fruchtsaftpresserei“ (Adressbuch für Magdeburg 1910, T. I, 73) koppelte die Errungenschaften der modernen Chemie, der weltweit führenden deutschen Aromenindustrie, mit dem Marktbedarf kohlensäurehaltiger alkoholfreier Markenartikel. Während er in Magdeburg nur für einen überschaubaren regionalen Markt produzierte, sollte Hopkos ein Weltgeschäft werden. Dazu aber bedurfte es Partner.

Auszüge aus Theodor Freytags wachsender Palette der immergleichen neuen Produkte (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 43 v. 19. Februar, 13 (o.); ebd., Nr. 219 v. 16. September, 11)

Die Handelsgesellschaft M. & G. Weid lieferte die maschinelle Grundausstattung der Hamburger Firma – und auch der späteren auf Lizenzbasis gegründeten Hopkos-Filialen. Sie war, abseits ihres eigentlichen Handelsgeschäfts, seit 1896 in einem Wachstumsmarkt tätig, produzierte immer wieder verbesserte Mineralwasserapparate zur selbsttätigen Abfüllung in Flaschen (Bonner Volkszeitung 1896, Nr. 28 v. 25. Januar, 3). Schon 1900 offerierten die beiden in Weißenburg im Elsass ansässigen Kaufleute reichsweit eine „Anleitung und Rezepte zur Selterswasser-, Brauselimonade-, Schaumwein- etc. Fabrikation“ (Hamburger Echo 1900, Nr. 64 v. 17. März, 8; Hamburger Neueste Nachrichten 1900, Nr. 65 v. 18. März, 14; Lippische Landes-Zeitung 1900, Nr. 64 v. 16. März, 3; Badische Presse 1900, Nr. 64 v. 17. März, 7). Der Wachstumsmarkt karbonisierter Getränke lockte, unbedingt alkoholfrei mussten diese allerdings nicht sein. Mit „Weids Ideal“ verkauften M. & G. Weid seit 1902 einen neuen Apparat, mit dem Wasser „ohne Fachkenntnisse“ mit Extrakten und Kohlensäure versetzt werden konnte. Seine Tagesproduktion lag bei 500 bis 1000 Flaschen. Eine derart bereitete Flasche Mineralwasser kostete einen Pfennig, Brauselimonaden zwei bis drei Pfennige. Schaumwein resp. Milchsekt dürften etwas teurer gewesen sein (Der Schwarzwald 14, 1902, Nr. 17, 15). Durch diesen Apparat konnte man auch Hopkos preisgünstig herstellen, konnte die damals recht hohen Handelsspannen der preisgebundenen Markenartikel problemlos tragen, zugleich einen hohen Gewinn erzielen. Die Einrichtung und die Vertragsverhandlungen forderten Präsenz in Hamburg, entsprechende Übernachtungen der Weids in Hamburger Hotels sind nachweisbar (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 4 v. 6. Januar, 8; ebd., Nr. 40 v. 17. Februar, 8; ebd., Nr. 82 v. 7. April, 20).

Preiswerte Technik für die neue alkoholfreie Getränkewelt (Der Schwarzwald 14, 1902, Nr. 17, 15)

Über die beiden Geschäftsführer ist weniger bekannt. Otto Karl Heinrich Schorre war Mitinhaber der im Jahr zuvor gegründeten nicht näher spezifizierten offenen Handelsgesellschaft Schorre & Co. (Hamburgischer Correspondent 1902, Nr. 279 v. 18. Juni, 4). Diese kümmerte sich um ein erstes werbeträchtiges Hopkos-Plakat, eventuell auch um weitere Werbeklischees (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 37 v. 12. Februar, 29). Ebenso greifbar war das Interesse an marktgängigen Konsumgütern. Schorre & Co. agierte 1904 als Generalagentur von Kummers Kuchen, einer neuen fertigen Kuchenmasse.

Neue Sensationen: Backmischung für willige Hausfrau (Hamburger Echo 1904, Nr. 118 v. 21. Mai, 12 (l.) Warenzeichenblatt 1904, 828)

Derartige Backmischungen kamen damals neu auf, Kummers Kuchen entstammte der Berliner Fabrik von Heinrich Stern (Berliner Tageblatt 1904, Nr. 617 v. 4. Dezember, 47). Sie etablierten sich rasch, basierten auf billigen und gelingsicher vermischten Zutaten. Da der zweite Geschäftsführer zuvor kaum hervorgetreten war – Hermann Friedrich Hannesen agierte lediglich als Liquidator einer Kaffee-Import-Firma (Hamburger Fremden-Blatt 1902, Nr. 89 v. 17. April, 10) – können wir zum anfangs nicht genannten Eigentümer der Hamburger Hopkos Company übergehen, dem Chemiker Bruno Friling (1870-1934). Sein Name zierte von Januar bis April alle Hamburger Hopkos-Anzeigen (Hamburger Nachrichten 1903, Nr. 47 v. 29. Januar, 8), ehe er sich dann auf das wohl lukrativere Feld der Backmischungen konzentrierte.

Eine sichere Sache: Frilings fertige Kuchenmasse „Backe bequem“ (Hamburger Fremdenblatt 1904, Nr. 148 v. 26. Juni, 23)

Doch der Reihe nach: Peter Julius Bruno Friling wurde im August 1899 mit einer Dissertation „Ueber β-Benzylisochinolin“ promoviert, interessierte sich also für Alkaloide des Schlafmohns – und wohl auch für die damals aus den Naturstoffen gewonnenen opiatbasierten Medikamente, die als Schmerz- und Schlafmittel einige Zeit freudig-unschuldig eingesetzt wurden. Nicht nur Cannabis war damals frei käuflich. 1901 wurde der junge Chemiker Prokurist bei Möller & Linsert, einer Hamburger Fabrik chemischer und pharmazeutischer Präparate, verließ diese aber Ende August 1902 (Hamburger Fremden-Blatt 1902, Nr. 13 v. 16. Januar; Hamburgischer Correspondent 1902, Nr. 411 v. 3. September, 5). Über seine anschließenden geschäftlichen Beziehungen zu Hopkos konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Friling, der schon parallel zur Hopkos-Etablierung eine eigene Kommanditgesellschaft gegründet hatte, beantragte Ende Juli 1903 jedenfalls das Warenzeichen seiner neuen Backmischung, das unter dem Markennamen „Backe bequem“ ein kommerzieller Erfolg wurde (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 49 v. 30. Januar, 6; Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 304 v. 29. Dezember, 12). Der Begriff zeugt von einer genauen Kenntnis der damaligen Werbesprache, in der aktivierende Slogans modisch waren: „Werde gesund“ war die Dachmarke einer Berliner Fabrik heilgymnastischer Apparate; und das den Kaiserbart festigend-stützende Bartbindenwasser „Es ist erreicht“ des Hoffriseurs Francois Haby (1861-1938) wurde gar zu einem häufig karikierten Signet der wilhelminischen Gesellschaft (Lustige Blätter 18, 1903, Nr. 19, 13; ebd., Nr. 1, 20). „Backe bequem“ enthielt, wie Hopkos, nur „beste Zutaten“, stand unter chemischer Kontrolle und ermöglichte acht verschiedene Kuchensorten zu relativ billigem Preis. 1906 siedelte die von Friling gegründete Nährmittelfabrik schließlich nach Berlin über (Hamburger Correspondent 1904, Nr. 174 v. 29. Januar, 5; Gordian 12, 1906/07, 697-698).

Unternehmen Handelschemie: Vorstellung von Carl Enochs Chemisch-hygienischem Institut (Hamburger Adressbuch 1893, Werbung, 19)

Ein „Macher“ fehlt noch. Carl Enoch (1866-1922) überwachte die Produktion von Hopkos, hatte zudem ein werbeträchtig ausgeschlachtetes Gutachten über dessen chemische Zusammensetzung erstellt. Enoch hatte im Laboratorium von Emil Fischer (1852-1919) in Würzburg gearbeitet, promovierte 1890 unter Leitung von Julius Tafel (1862-1918) in Erlangen über Säureamide. Er wechselte anschließend als Assistent an das Prager Hygienische Institut unter Ferdinand Hueppe (1852-1938), einem führenden Hygieniker, zugleich Eugeniker, Abstinenter, Antisemit und später auch erster Vorsitzender des Deutschen Fußball-Bundes. Der jüdische Chemiker Carl Enoch zog rasch nach Hamburg weiter, wo er 1892 ein Chemisch-hygienisches Institut gründete (F.W. Eitzen, Hamburger Börsenfirmen im Jahre 1898, Hamburg und Berlin s.a. [1898], 116). Mit ambivalenten Marktangeboten kannte er sich bald aus, teilte er doch die Geschäftsadresse mit der Vertriebszentrale des Malzextraktproduzenten M. Hoff, ehe er mit seinem Laboratorium 1900 umzog.

Enoch war ein erfolgreicher Unternehmer, zugleich ein glänzender Wissenschaftler, 1900 zum Ehrenmitglied der Londoner „Society of Biological Chemistry” gewählt (Hamburgischer Correspondent 1900, Nr. 469 v. 6. Oktober, 12). Als einer von knapp zwanzig in Hamburg vereidigten Handelschemikern übernahm er vielfältige Gutachten, bewertete dabei neue Präparate häufig positiv und anbieterfreundlich. Das betraf etwa das zum Brauen geeignete Konservierungsmittel Chinosol, das Haarfärbemittel Gloria-Wasser und das frühe Haarshampoo Javol, nach der Jahrhundertwende das Desinfektionsmittel Vitalin, das pepsinhaltige Magenmittel China-Bitter und die Angebote der Antwerpener General Wine Company. Enoch war ein Mann für das öffentlich vorzeigbare Gutachten, der seinen analytischen Blick kundennah zu begrenzen wusste. Das galt auch für Hopkos. Der weit über Hamburg geschätzte Enoch war zugleich Temperenzler und ein Mann vom Fach. Im Jahre 1900 wurden ihm gleich zwei Patente „zur Herstellung blanker, alkoholfreier Fruchtsäfte“ erteilt (Hamburger Fremden-Blatt 1901, Nr. 286 v. 6. Dezember, 21; ebd. 1902, Nr. 50 v. 28. Februar, 21).

Fasst man diese biographischen Skizzen zusammen, so handelte es sich bei den Machern von Hopkos um wissenschaftlich hochqualifizierte, um zumeist junge aufstiegsorientierte Männer, die ihre Expertise konsumnah nutzten, um gewinnträchtige Markenartikel im Massenmarkt zu etablieren. Obwohl sie sich alle um den neuen Bierersatz Hopkos scharten, besaßen sie sämtlich jedoch genügend Flexibilität und rasch zu erschließende alternative Optionen, um ihr Geschick auch mit anderen ähnlichen Produkten zu versuchen. Die Macher waren an einer schnellen Mark interessiert, nicht an einem spezifischen Produkt, das nur Mittel zum Zweck war.

Zwischen Ingwerbier, alkoholfreiem Bier und Limonade: Was war Hopkos?

Hopkos wurde in Hamburg, aber auch an allen Filialorten als ein neuartiges Getränk fernab gängiger Kategorien angeboten: „Es gleicht den Bieren im Aussehen und Farbe und ist erfrischender, bekömmlicher und äußerst wohlschmeckend“ (Pester Lloyd 1903, Nr. 124 v. 26. Mai, 4). Hopkos war ein karbonisiertes Getränk, ähnlich und doch besser als Bier, farblich erinnerte es an Ingwerbier. Den Anspruch verdeutlichen die unteren Werbezeichnungen. Hopkos wurde in zwei Varianten, als Helles und Dunkles, in kleinen mit aufwändigem Bügelverschluss versehenen Flaschen angeboten. Es stand für die Selbstbehauptung des Menschen angesichts der in der Natur, ja im Menschen selbst stetig stattfindenden Gärung, der scheinbar nicht stillzustellenden Alkoholproduktion. Dies führte zu lebensbedrohlichen Stoffwechselprozessen, zum Abbau, zum frühen, zu frühen Tod. Doch der mannhaft-beherzte Hopkostrinker konnte durch Kauf, konnte durch Konsum diese Gefahr reduzieren, dem Tod ein Schnippchen schlagen.

Den Tod bannen: Werbedarstellung als gesundheitlicher Labetrunk (Frankfurter Zeitung 1903, Nr. 136 v. 17. Mai, 1. Morgenbl., 4; ebd., Nr. 169 v. 20. Juni, 4. Morgenbl., 3 (l. u. r.))

Fernab der Marktsphäre urteilten die Nahrungsmittelchemiker prosaischer, unterminierten den güldenden Glanz des vermeintlich amerikanischen Gesundheitstranks. Der schon erwähnte Bernhard Carl Niederstadt resümierte, dass Hopkos eine Mischung kohlensäurehaltigen und gefärbten Wassers mit Malz- und Hopfenextrakten sei: „Es ist davon ein dunkler Porter und ein heller Ale im Handel. […] In beiden Getränken ist gut Hopfen und Malz enthalten. Fremde Bitterstoffe, ebenso Conservierungsmittel (Salicylsäure und Borsäure) fehlen absolut. Die Biere sind absolut frei von Alkohol, sind gut kohlensäurehaltig und gesund“ (Niederstadt, Die Abstinenz und die alkoholfreien Getränke, Allgemeine Zeitschrift für Bierbrauerei und Malzfabrikation 31, 1903, 343-346, hier 345-346, Bundesarchiv Lichterfelde R 86 Nr. 2032). Derartige Analysen konzentrierten sich auf das Endprodukt, die Zusammensetzung und Güte der Einzelkomponenten konnte so nicht ermittelt werden. Das schien aber kaum erforderlich, denn die Produktion folgte der gängigen Praxis der Apotheken bei ähnlichen Getränken. Bierextrakte bestanden zumeist aus dem aufkommenden kalorienhaltigen Zwischenprodukt Invertzuckersirup, zudem aus Weinsäure für einen erfrischend säuerlichen Geschmack. Die gerade im norddeutschen Braugebiet noch häufig zum Schönen der Biere verwandten Hopfenextrakte simulierten mit ihren Bitter- und Aromastoffen eine gewisse Biernähe. Schließlich fügte man Zuckerkulör oder Farbmalzextrakte hinzu, um die Farbe, aber auch den Malzgehalt einzustellen. Die fertige Mischung gab man in Flaschen, füllte dann maschinell kohlensäurehaltiges Wasser hinzu (Schneider, 1903, 796). Das gut geschüttelte Ergebnis konnte schließlich mit einem schönen Namen, etwa Hopkos, verkauft werden.

Hopkos als alkoholfreies Bier (Langenberger Zeitung 1903, Nr. 206 v. 3. September, 4)

In Hamburg konzentrierte sich das Untersuchungsamt allerdings weniger auf die Produktionstechnik. Hopkos schien kein gesundheitsschädliches Ersatzgetränk zu sein (Übersicht über die Jahresberichte der öffentlichen Anstalten zur technischen Untersuchung von Nahrungs- und Genußmitteln für das Jahr 1903, Berlin 1906, 166). Stattdessen konzentrierten sich die Analysen auf die offenkundige Differenz zwischen den Werbeaussagen und dem Stoffgehalt, um den Hersteller wegen unlauteren Wettbewerbs, wegen Verbrauchertäuschung zu belangen. Doch derartiger Trug war schwer nachzuweisen, auch wenn an Enochs Gutachten kollegialer Anstoß genommen wurde. Erste Beanstandungen sowohl nach dem Nahrungsmittelgesetz als auch dem Gesetz gegen Unlauteren Wettbewerb blieben ohne greifbares Resultat (K. Farnsteiner et al., V. Bericht über die Nahrungsmittelkontrolle in Hamburg in den Jahren 1903 und 1903, Hamburg 1905, 70). Hinweise, dass Hopkos hell und dunkel jeweils 0,05 Prozent Alkohol enthalte, reichten angesichts der undefinierten Begriffe „alkoholfrei“ und „alkoholarm“ nicht einmal für eine öffentliche Meldung (Pharmaceutische Praxis 6, 1907, 152).

Die spätere Umfirmierung der American German Hopkos Company in Internationale Hopkos-Gesellschaft führte jedoch zu neuerlichen Untersuchungen. Wie schon 1903 stieß man sich an der intensiven Reklame, stellte bei einer offenkundig verdorbenen Probe auch einen Alkoholgehalt von 0,97 Prozent fest (Internationale Monatsschrift zur Bekämpfung der Trinksitten 18, 1908, 161). Doch das reichte nicht für den vom Nahrungsmittelgesetz verlangten Nachweis einer täuschenden Absicht. Und eine Rückfrage wegen unlauteren Wettbewerbs wurde von der Staatsanwaltschaft abschlägig behandelt, zumal keinerlei Strafanträge vorlagen (Übersicht über die Jahresberichte der öffentlichen Anstalten zur technischen Untersuchung von Nahrungs- und Genußmitteln für das Jahr 1904, Berlin 1908, 146). Angesichts der parallel bestehenden und öffentlich immer wieder beredt beklagten Missstände bei „Geheimmitteln“ oder „Kräftigungsmitteln“ wurden zwar stetig präzisere und schärfere Gesetze gefordert, doch einzig die Novelle des Gesetzes gegen Unlauteren Wettbewerb 1909 sollte mit dem schwammigen Straftatbestand „Verstoß gegen die guten Sitten“ Wildwüchse in der Warenanpreisung etwas stutzen.

Werbeversprechen und die nachweisbare Zusammensetzung ausgesuchter „alkoholfreier Biere“ (A[dolf] Beythien, Über alkoholfreie Getränke, Sitzungsberichte und Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ISIS 1905, Dresden 1906, 70-90, hier 79)

So blieb es bei analytischen Daten in der Fachliteratur und benennenden Einschätzungen für Chemiker und Pharmazeuten: „Hopkos, ein alkoholfreier Bierersatz ist […] eine alkoholfreie, mit Kohlensäure imprägnierte Zuckerlösung, welche nur ganz geringe Mengen aus Malz und Hopfen herstammender Bestandteile enthält“ (Neueste Erfindungen und Erfahrungen 35, 1908, 285). Die Brauer fühlten sich in ihrer strikten Ablehnung, in ihren frühen Warnungen bestätigt (Denkschrift des Zentralverbandes der österr. Brauerei-Industriellen-Vereine gegen die projektierte Biersteuererhöhung, Der Böhmische Bierbrauer 36, 1909, 334-338, hier 337). Und die Hamburger Untersuchungsbehörde beanstandete Hopkos pflichtgemäß und folgenlos auch noch 1905, als der Markt, die Verbraucher, schon längst ihr Verdikt ausgesprochen hatten (Fünfter Bericht über die Nahrungsmittel-Kontrolle in Hamburg. II. (Schluß.), Hamburger Fremden-Blatt 1906, Nr. 24 v. 30. Januar, 21). Alle beteiligten Interessenvertreter verteidigten ihre Sichtweisen, hofften auf neue oder altbewährte Konsummuster, auf einen Wandel der Begriffsbestimmungen, der angesichts der Novelle des Branntweinsteuergesetzes (und des Weingesetzes) 1907 auch kam. Es war der Steuerstaat, der Geldbedarf für die Flottenrüstung, durch den der Kranz von Normalbestimmungen auch auf alkoholfreie Getränke ausgeweitet wurde, indem man einfachen und recht willkürlichen Vorgaben der Nahrungsmittelchemiker folgte. Rückblickend führte man sich dann die wilden Zeiten fast schelmisch vor Augen: „Es ist vielleicht auf keinem Fabrikationsgebiet so viel gesündigt worden“ (Walther Schrauth, Genussmittel, ihre Surrogate und ihre Entgiftung, Technische Rundschau 14, 1908, Nr. 35, 501-503, hier 501). Die Macher von Hopkos konnten also ungefährdet und ungestraft am Rande des Rechtes agieren.

Der Geschäftsbetrieb in Hamburg

Die American German Hopkos Company residierte anfangs in einem repräsentativen Kontorhaus, dem Asia-Haus, erbaut vom Schiffsmakler Emil Theodor Lind in Hamburgs Altstadt, am Standort Alte Gröningerstraße 24-25 und Zippelhaus 10, gegenüber der Speicherstadt. Viele Firmen teilten sich die Adresse des mit kolonialen Ornamenten gezierten, vielfach im neuen Jugendstil gehaltenen Geschäftshauses, darunter das technische Büro der Hapag. Der Bau bot große, flexibel eingeteilte Kontore, zudem auch Kellerräume, Personen- und Warenaufzüge und Elektrizitätsversorgung (Hamburgischer Correspondent 1900, Nr. 398 v. 26. August, 15). Das Asia-Haus stand für das Weltgeschäft Hamburgs, bildete zugleich einen Informationscluster: Die dort ab 1904 ansässige Firma Handels- und Schiffsbedarfsfirma Carl Bödiker vertrieb ebenfalls alkoholfreies und auch alkoholhaltiges Bier (Warenzeichenblatt 1907, 48).

Kontorhaus Asia-Haus, Geschäftssitz der American German Hopkos-Company 1903 (Wikipedia-Dirtsc, 2011)

Die repräsentative Hülle des zerstörten, neu aufgebauten und mehrfach aufgehübschten Asia-Hauses darf jedoch nicht vergessen machen, dass die Rekonstruktion des eigentlichen Geschäftsbetriebes nur ansatzweise möglich ist. Die Hopkos-Company und ihre Macher haben keine Archivalien hinterlassen. Werbeanzeigen in einem für Übertreibungen und auch bewusste Irreführungen bekanntem Marktsegment haben nur begrenzten Aussagewert, gewerbliche An- und Abmeldungen, Warenzeichen und Patente bieten allein ein karges Informationsraster. In einem sich weitenden Marktfeld beurteilten Zeitgenossen häufig nicht die einzelnen Produkte, sondern eher die gesamte Branche. Oder erinnern Sie sich an einzelne vegane Markenartikel? Auch Hopkos war Flugsand der Geschichte.

Die Markteinführung des namensgebenden Getränks begann zwei Wochen nach der Konstituierung des Unternehmens. In den Hamburger Zeitungen tönte es weltenwendend: „Der American-German Hopkos-Company Zentrale Hamburg, ist es gelungen, ein alkoholfreies Getränk ‚Hopkos‘ herzustellen, welches in jeder Beziehung den Anforderungen an ein gesundes, wohlschmeckendes und durststillendes Getränk entspricht. Nicht nur allen Gesunden, Kranken und Rekonvalescenten ist es als ein vornehmes Tafelgetränk zu empfehlen, sondern es ist auch ein äußerst nahrhaftes und bekömmliches Volksgetränk. Es wirkt erfrischend und anregend. Da das Bier auch durchaus nicht teurer ist wie unsere billigsten Biere, darf mit der Erfindung des Hopkos ‚Ale‘ und Hopkos ‚Porter‘ die so wichtige soziale Alkoholfrage um ein gut Teil gelöster erscheinen“ (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 27 v. 1. Februar, 20). Das moderne Leben mit seiner Hast, seinem „vielfach rasenden Tempo“ verbrauche rasch die Kräfte, verbiete aber zugleich den Alkoholkonsum, den „so zu Herzen gehenden Trank des Gambrinus“. Hopkos erlaube Erholung und Gemütlichkeit ohne Harm, zugleich fördere es die Verdauung, verdränge die Harnsäure, fördere „das Wohlbefinden des Menschen“ (Zeitgemäße Betrachtungen, Hamburger Nachrichten 1903, Nr. 53 v. 1. Februar, 3). Hopkos bekämpfe auch die bei rastlos tätigen Menschen immer wieder eintretende Erschöpfung, die bei alkoholischen Erfrischungen wie dem Bier nicht zu vermeiden sei. „Analysen erster Autoritäten der Nahrungsmittel-Branche“ würden bestätigen, dass dieses „aus reinsten Ingredienzien“ bestehende Getränk Neuland beträte (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 53 v. 1. Februar, 18). Nicht Limonade oder Selterswasser, schon gar nicht Bier, sondern Hopkos materialisiere die Zukunft des Trinkens des modernen, tätigen und vorwärtsstrebenden Menschen (Ein neues Volksgetränk, Hamburger Neueste Nachrichten 1903, Nr. 28 v. 3. Februar, 5).

Hopkos wurde als neues, gesellschaftliche Probleme aufgreifendes und ansatzweise lösendes alkoholfreies Getränk präsentiert, als Substitut gleichermaßen für Bier und die alten schwachen karbonisierten Wässerchen. Hopkos wurde als Getränk für alle angeboten, mochte der Schwerpunkt des Lobpreises auch auf den modernen Bürger, den modernen Angestellten zielen. Hopkos war ein Labetrunk für Alt und Jung, für Männer und Frauen, für Gesunde und Kranke. Sein Platz war das Kontor, die Arbeitsstätte, das gemütliche Heim, die Krankenstätte, das Sanatorium. Hopkos transformierte den Getränkekonsum – so die Werbung – in eine neue Sphäre, würde die Konkurrenz daher verdrängen, galt doch auch im Markt das Gesetz des Besseren, des Stärkeren. Wir werden dies unten genauer analysieren, denn Hopkos wurde nicht mit nur mit einem schönen Werbebild präsentiert, sondern mit breit angelegten, vielfach variierten Werbemitteln.

Umzug zu einem neuen Fabrikationsgebäude und Prämienangebote zwecks Auslastung der neuen Produktionskapazitäten (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 229 v. 17. Mai, 26 (l.); Hamburger Neueste Nachrichten 1903, Nr. 137 v. 14. Juni, 7)

Die Gesellschaft zog Mitte 1903 von der Altstadt in die Arndtstraße 14 im nördlich gelegenen Stadtteil Uhlenhorst um, das nicht lange zuvor erstellte Funktionsgebäude war per Fleet mit der Außenalster verbunden. Das heute denkmalgeschützte Ensemble wurde damals vornehmlich gewerblich genutzt, das Unternehmen annoncierte eine eigene „Hopfen- u. Malz-Extract-Fabrik“ (Hamburger Adressbuch 118, 1904, T. III, 13). Nicht das wahrscheinliche Aussteigen des Eigentümers Bruno Friling stand im Vordergrund, nicht die folgende Staffelstabübergabe des Alltagsgeschäftes an den Generalagenten Carl W. Meyer, der in der Brennerstraße 74-78 residierte, nahe dem Steindamm, einer quirligen Geschäftsstraße im zentralen Stadtteil St. Georg. Auch Meyers parallele Tätigkeit für Alkoholproduzenten, wie die Berliner Bockbrauerei AG, blieb unerwähnt (Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen im Oberpostdirektionsbezirk Hamburg 1903, 42).

Stattdessen präsentierte die American German Hopkos Company den Umzug als Teil einer stellaren Erfolgsgeschichte des neuen Bierersatzes. Dessen „schon jetzt“ enormer Absatz habe „die Uebersiedelung in ein grösseres Fabrikgebäude und die Fabrikation des Extraktes an Ort und Stelle nötig gemacht“. Die dampfbetriebene und mit neuen Maschinen ausgestattete Fabrik habe eine „tägliche Herstellungskapazität von Extrakten zu einem für 250.000 Flaschen reichenden Quantum“ (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 115 v. 17. Mai, 16). Anders ausgedrückt: An der neuen Produktionsstätte wurden Extrakte gefertigt, sie war Zentrum des Versands lizensierter Grundstoffe an die parallel langsam entstehenden Filialen im In- und Ausland. Der Getränkeabsatz dürfte zu dieser Zeit allerdings nicht den erhofften Umfang erreicht haben. Einerseits fabulierte man plötzlich von der neuen Entdeckung einer eminent durststillenden Wirkung des Hopkos, um rechtszeitig zum Sommergeschäft auch Touristen, Radfahrer, Turner und körperlich Arbeitende explizit anzusprechen. Anderseits lobte man kurz nach dem Bezug der neuen Produktionsstätte Erfolgsprämien für Einzelhändler aus, um dadurch den Absatz zu steigern. Für Juli schrieb man einen Wettbewerb aus, in dem der Krämer, der zuerst 1000 Flaschen eingekauft habe, eine Prämie von 50 Mark erhielt. Zugleich zahlte man jedem Abnehmer, der diese Marke überschritt, 10 Mark (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 137 v. 14. Juni, 40). Die Firma gewährte also ohne Reduktion des Endpreises von zehn Pfennig einen Mindestrabatt von zehn Prozent (Hamburger Nachrichten 1903, Nr. 273 v. 14. Juni, 13; ebd., Nr. 285 v. 21. Juni, 4). Bei einer monatlichen Produktionskapazität von nominell 7,75 Millionen Flaschenportionen waren derartige Prämien für recht geringe Abnahmemengen einzig Beleg für einen recht überschaubaren Absatz in Hamburg.

Wir Konsumenten dürfen allerdings nicht ignorieren, dass das Kerngeschäft nicht allein der lokale Absatz eines alkoholfreien Bierersatzes war. Laut Telefonbuch war das Unternehmensziel „Paten[t]verwert.“, ebenso konnte man im Adressbuch lesen: „American-German Hopkos Company mit beschränkter Haftung, Patentverwerthungen“ (Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen im Oberpostdirektionsbezirk Hamburg 1903, 19; Hamburger Adressbuch 117, 1903, Mai-Anhang, 103). Das Hamburger Geschäft hatte Modellcharakter, sollte möglichen Investoren nicht nur abstrakt von Marktchancen tönen, sondern ein belegbares und besichtigungsfähiges Beispiel eines Erfolgsunternehmens geben. Das Hamburger Unternehmen war ein Franchiseunternehmen, gehörte zu den Pionieren dieses heutzutage allgegenwärtigen Geschäftsmodells im Deutschen Reich. Hopkos wurde in Hamburg als Marke etabliert, einheitliche Werbeklischees entwickelt, klare Rezepturen, Maschinen und die geschmacksgebenden Extrakte. Interessierte konnten gegen regelmäßige Gebühren die Rechte für einen entsprechenden Be- und Vertrieb an einem anderen Ort, in einer anderen Region erwerben – und dann in begrenzter Eigenregie Hopkos verkaufen. Der Lizenznehmer trug eigenes unternehmerisches Risiko, nicht jedoch die Kosten für die erfolgreiche Etablierung eines Geschäfts. Der Lizenzgeber profitierte von steten Gebühren, war zugleich gegenüber lokalen Absatzschwankungen abgesichert. Im Deutschen Reich waren damals Gebietsmonopole durchaus üblich, doch diese bezogen sich zumeist auf den alleinigen Absatz eines bestimmten Markenartikels in einem klar umrissenen Gebiet. Steinway-Flügel oder Singer-Nähmaschinen konnte man vor Ort nur von einem Unternehmen kaufen, mochte dieses in Großstädten auch verschiedene Filialen eröffnet haben. Bei Hopkos aber übernahm der Lizenznehmer nicht Fertigprodukte, sondern hatte diese Produkte dezentral selbst herzustellen, erhielt dafür Extrakte und Werbemittel. Das war in den USA durchaus üblich, Coca-Cola ein gutes Beispiel. Im Deutschen Reich gewann das Franchise-System später nicht nur im Getränkesektor an Bedeutung, wo die aus Milchsäure hergestellte Limonade Chabeso seit 1911 diese Geschäftsmodell nutzte (Ueber Milchsäuregetränke und deren Nutzen für die menschliche Gesundheit, Deutsch-Englischer- Reise-Courier 9, 1912/13, H. 11, 11-13).

Auf der Suche nach Investoren „in jeder Stadt der Welt“ (Badische Presse 1903, Nr. 49 v. 27. Februar, 4 (l.); Frankfurter Zeitung 1903, Nr. 57 v. 26. Februar, 3. Morgenbl., 4)

Entsprechend schaltete die Hopkos-Company seit Ende Februar erst reichsweit, seit Mai auch europaweit nahezu gleichlautende Anzeigen in führenden Wirtschaftsmedien, um potenzielle Franchisenehmer mit den neuen Geschäftschancen vertraut zu machen. Hopkos war dabei nur Mittel zum Zweck für eine schnelle Mark, für scheinbar sichere Einkommen. Der Tenor war entsprechend lockend: „Bedeutender Gewinn! Vornehmen, lukrativen Industriezweig bilden die Hopkos-Fabriken in jeder Stadt der Welt. Einheitliche Organisation!! Einheitliche Reklame!! Hopkos […] ist ein Massenconsumgetränk vorzüglichster Qualität. Verkaufspreis per Flasche franco Haus 10 Pfg. für Arm und Reich“ (Schwäbischer Merkur 1903, Nr. 91 v. 25. Februar, 10). Nicht die Reform der Gesellschaft, nicht die Transformation der Trinksitten, nein, die Rendite war treibende Kraft aller Anstrengungen. Die Hopkos-Company lieferte bei Vertragsabschluss „complette Fabrik-Anlagen mit elektrischem Betriebe sammt sämmtlichen zu einem Bierversandt-Geschäft nötigen Requisiten wie: Wagen, Flaschen etc. franco Haus“ (Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg 1903, Nr. 48 v. 27. Februar, 7). Dieser Service hatte seinen nach Ortsgrößen gestaffelten Preis: In Städten unter 50.000 Einwohner 9000, in Großstädten 25.000 Mark. Hamburg war Vorzeigeort, doch die Gesellschaft verwies auch auf Berlin und Leipzig, auch wenn dort noch keine festen Filialen bestanden. Investoren erhielten zudem Rentabilitäts-Nachweise, also Werbeunterlagen mit ansprechend hochgerechneten lokalen Markterwartungen.

Diese erste Anzeigenwelle führte zum Aufbau von Franchiseunternehmen in Bremen, Berlin, Frankfurt a.M., Leipzig, Wiesbaden – und Ennigerloh. Im Mai begann dann der Einstieg in das europäische Lizenzgeschäft, in das Weltgeschäft. Das „bekannte alkoholfreie Erfrischungsgetränk ‚Hopkos‘“, so hieß es „wird sich bald über ganz Europa verbreitet haben. Die Verbreitung geht mit erstaunlicher Geschwindigkeit vor sich, ein Zeichen, daß dieses als Bierersatz vielgepriesene Getränk eine Lücke füllt.“ Man sprach von einer Hopkos-Vertriebs-Gesellschaft in London, einer russischen Zentrale in Lodsch, von bald folgenden russisch-finnischen, französischen, italienischen, belgischen und holländischen Pendants. Die im Deutschen Reich derweil gegründeten Filialen mutierten zu Zeugen des weitergehenden Aufschwungs, „so daß jeder Deutsche bald überall sein Hopkos trinken kann“ (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 229 v. 17. Mai, 17; Neue Hamburger Zeitung 1903, Nr. 232 v. 19. Mai, 10). Das war begleitet von neuen, allerdings kürzer gehaltenen Annoncen, die mit der wichtigsten Botschaft endeten: „Großartige Rentabilität!“ (Kölnische Zeitung 1903, Nr. 776 v. 25. August, 4; ebd., Nr. 790 v. 29. August, 4). Andernorts nannte man auch Zahlen. Über eine anvisierte Filialfabrik in Oldenburg hieß es: „Das Kapital verzinst sich mit ca. 300% pro anno“ (Nachrichten für Stadt und Land 1903, Nr. 164 v. 16. Juli, 4). Das war offenkundig illusionär, größerer Trug als der Verkauf eines karbonisierten Getränks als „Bierersatz“, als verbessertem alkoholfreiem Bier. Doch die Zahlen blendeten nur wenige. Im September versprach die American German Hopkos-Company nicht mehr länger „Große Rentabilität“, sondern hatte bereits Mittelsmänner einschaltet, das kriselnde Geschäft teils übergeben (General-Anzeiger der Stadt Mannheim und Umgebung 1903, Nr. 412 v. 6. September, 6). In der zweiten Jahreshälfte zeigte sich erst in Deutschen Reich, in der Folge auch im europäischen Ausland, dass die Verheißungen trogen, dass Hopkos ein Auslaufprodukt war. Das alkoholfreie Getränk teilte dieses Verdikt mit vielen anderen ähnlichen Produkten, auch wenn die Macher von deren Scheitern durchaus lernten.

Ein Blick auf die Konkurrenz: Methon als Beispiel

Die American German „Hopkos“ Company war als nationales, gar multinationales Franchiseunternehmen, mochte ihr auch kein durchschlagender Erfolg beschieden gewesen sein. Das alkoholfreie Getränk sollte Bier ersetzen, stand zugleich aber in erbittertem Wettbewerb mit anderen alkoholfreien Angeboten. Deren Macher annoncierten abschätzig: „Alkoholfr. Bier (Methon), sehr wohlschmeckend, nicht zu verwechseln mit Hopkos!“ (Velberter Zeitung 1903, Nr. 217 v. 16. September, 4). Hopkos präsentierte sich als Bierersatz, vereinzelt auch als alkoholfreies Bier. Dieser Anspruch war unbegründet, die Analysen hatten dies offenbar unterstrichen. Und doch stand Hopkos für zahlreiche Versuche, Bier nicht technisch, sondern chemisch nachzubilden. Uns Nachgeborenen mag dies anmaßend erscheinen, doch nicht so unseren Ahnen: Kindermehle und Säuglingsmilch bildeten seit den 1860er Jahren die Muttermilch chemisch nach, um Gewinne zu erzielen und die horrende Säuglingssterblichkeit zu verringern. Aus Sicht der Tüftler bildeten sie Stoffkonglomerate, die um Kohlehydrate resp. Eiweiß gruppiert waren, sich aber dem Ideal der Muttermilch annäherten. Das naturwissenschaftlich-chemische Denken kreiste um Gemeinsamkeiten fernab des Alltagswissens, darin waren Rohr- und Rübenzucker gleichermaßen Glukose. Alkoholfreies Bier war demnach ein Getränk, das der chemischen Zusammensetzung des Bieres möglichst nahe kam. Geschmack, Textur, Technologie und Tradition erschienen demgegenüber zweitrangig. Wer fragte schon ein Baby (einen Kunden) nach seinen Präferenzen, entscheidend war der Nährerfolg (Markterfolg).

Das oben beworbene Methon war eines der neuen alkoholfreien Getränke, dessen Absatz durch Hopkos grundsätzlich bedroht wurde. Das Warenzeichen war sieben Monate vor Hopkos im Mai 1900 für die Dresdener „Fabrik ätherischer Oele und Essenzen“ von Franz Hermann Loebel in Dresden. Sie hatte sich bis Mitte der 1890er Jahre vor allem auf Zwischenprodukte konzentriert, belieferte Bäcker, Konditoren, Destillateure, Süßwaren- und Getränkehersteller (Kölnische Zeitung 1895, Nr. 207 v. 9. März, 11). Doch in den Folgejahren öffnete sich Loebel auch dem Endkundengeschäft. Vor Methon offerierte er schon den Bierextrakt Süss-Meth-Extrakt (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 259 v. 30. Oktober, 13), 1903 folgte die Limonade Apfelborn und die Brotaufstriche Schleckerchen und Frugalin. Begleitet war all das von verbalem Klappern; ein Flugblatt über Süss-Meth tönte hoffnungsfroh, das die Herstellung alkoholfreien Bieres nun „bequem und einfach ohne irgend welche Neuanschaffungen mit denjenigen Apparaten und Einrichtungen vorgenommen werden kann, welche in jeder, auch der kleinsten Mineralwasserfabrik vorhanden sind. Das neue Volksgenußmittel, das technisch, da seine Herstellung nicht auf dem altüblichen Maisch-, Brau- und Gährverfahren beruht, nicht als ‚Bier‘ zu bezeichnen ist, gelangt unter meiner Originaletiquette Süßmeth-Extract zur Einführung.“ Das war alkoholfreies Bier in chemischer Nachbildung. Brauer urteilten abschätzig: „Wir glauben kaum, daß sich auch nur ein vernünftiger Mensch auf der Welt finden dürfte, der Lust hat, diesen sonderbaren Extract zu versuchen“ (Zitate n. Unfug mit der Wortbezeichnung ‚Bier‘, Gambrinus 27, 1900, 248-249).

Methon, suggestiv angezeigt als „Alkoholfreies Bier“ (Deutscher Reichsanzeiger 1901, Nr. 83 v. 9. April, 15)

Ähnlich, doch aktiver wurde das Folgeprodukt Methon beworben: „Alkoholfreie Biere herzustellen war daher längst eine brennende Frage, bisher allerdings ungelöst im Sinne einer Bereinigung von Wohlfeilheit und Schmackhaftigkeit. Neueste Erfahrungen haben in dem würzigen, gänzlich alkoholfreien, patentamtlich geschützten Methon ein Volksgenußmittel gezeitigt, welches mit erfrischendem Geschmack, glanzheller Färbung und prickelndem, sahnigen Mouffleur den hohen Extraktgehalt und die Vollmundigkeit der besten Münchner Biere vereinigt, ohne deren durch den Alkohol bedingte Schwere und berauschende Wirkung zu besitzen. – Nicht nach dem altüblichen Brauverfahren gewonnen, daher frei von allen Gährungskeimen, aber auch frei von künstlichen Süß-. Farb- und Konservierungsmittel ist Methon ein echter Haus-, Familien-, Tafel- und Gesundheitstrank“ (Lippstädter Zeitung 1901, Nr. 41 v. 6. April, 1). Methon war demnach kein Ersatz, sondern eine alkoholfreie Fortentwicklung des Bieres. Auch weißer Rübenzucker wurde als reiner Fortschritt gegenüber dem braunen Rohrzucker voller Rückstände beworben.

Loebel produzierte Methon seit 1900, doch erst nach der Gründung der Deutschen Methon-Gesellschaft im Mai 1901 nahm der Vertrieb Geschwindigkeit auf (Bautzener Nachrichten 1901, Nr. 115 v. 20. Mai, 133). Doch die Methon-Gesellschaft produzierte keine Getränke, sondern lediglich Grundstoffe. Methon wurde unmittelbar am Verkaufsort „frisch“ hergestellt (Lippstädter Zeitung 1901, Nr. 86 v. 20. Juli, 1). Abnehmer erhielten für fünf Mark eine Kiste mit zwei Flaschen fertigem ‚Methon‘ zum Kosten, Extrakt für die Herstellung von 250 Flaschen, Etiketten und eine Erläuterung des Verfahrens (Alkoholfreies Bier, Gambrinus 28, 1901, 291-292). Glasflaschen und ein Mineralwasserapparat wurden vor Ort angekauft. Die Werbung verwies auf den biergleichen Geschmack, die Reinheit des Getränks. Für die Brauer war Methon jedoch irreführender „Pantsch“, handelte es sich doch um nichts anderes als „eine gewöhnliche Brauselimonade ohne Hopfen und Malz“ (Unfug mit der Wortbezeichnung „Bier“, Gambrinus 28, 1901, 673). Eine Analyse des Stettiner Chemikers Paul Mecke konnte im Methon dann auch weder Hopfen noch Malz nachweisen, befand es als eine „parfümirte, mit Schaumessenz versetzte Zuckercouleur“ (Pharmaceutische Presse 6, 1901, 278). Das aus Invertzucker, Saponin und dem bis heute weit verbreiteten E 150 bestehende Getränk geriet darauf unter öffentlichen Druck, musste seine Werbung moderat verändern, wurde aber weiterhin als „alkoholfreies Bier“ angeboten (Gladbecker Zeitung 1901, Nr. 212 v. 14. September, 4: Essener Volks-Zeitung 1902, Nr. 170 v. 26. Juli, 10). Die Deutsche Methon-Gesellschaft stellte ihr Produkt „den besten Bieren gleich“ (Geseker Zeitung 1903, Nr. 54 v. 7. Juli, 4). Als vermeintlichen Beleg nutzte sie dafür ein Gutachten des Dresdner Nahrungsmittelchemikers und Inhaber eines öffentlichen chemischen Laboratoriums Friedrich Schmidt.

Trotzwerbung gegen die chemischen Untersuchungsergebnisse (Dresdner Neueste Nachrichten 1906, Nr. 219 v. 15. August, 14 (l.); ebd. 1909, Nr. 225 v. 20. August, 13)

Das Konkurrenzprodukt Methon dürfte von den Machern des Hopkos präzise analysiert worden sein. Es war demnach erstens ratsam, polarisierende Begriffe wie „alkoholfreies Bier“ nicht zu verwenden, diese zu umschreiben, die Assoziationsfähigkeit der (deutschen) Sprache zu nutzen. Es war zweitens ratsam, die Überzeugungskraft der Wissenschaft von Beginn an zu nutzen, mit einem eigenen Gutachten voranzugehen, nicht auf spätere chemische Kontrollen zu warten. Drittens schien es ratsam, den bei Methon grundsätzlich noch vorhandenen Zugriff auf die wertgebenden Grundstoffe nicht aus der Hand zu geben. Die Analyse allein des Endproduktes bot viel mehr Ausflüchte – und entsprechend weniger Möglichkeiten der Regulierung oder gar sanitätspolizeilicher Intervention. Methon mochte ein irreführend beworbener Bierersatz und Konkurrent von Hopkos gewesen sein. Doch zugleich war es ein Steigbügelhalter für eine passgenauere, mit dem geltenden Recht nicht im direkten Konflikt stehende Marktpräsenz. Die für uns heute selbstverständlichen definitorischen Unterschiede zwischen Limonaden, Extrakten und alkoholfreien Bieren wurden dadurch vorgeformt.

Werbung und Vermarktung in Hamburg

Hamburg war der Geschäftssitz der American German Hopkos Company, hier musste ein Beispiel für das gegeben werden, was nachfolgend an anderen Orten und in anderen Ländern geschehen sollte. Wir hatten zuvor bereits die verbale Anpreisung des Bierersatzes genauer betrachtet, den Eigenlob, die Positionierung von Hopkos als Getränk für alle, die nicht länger am alten Bier, an schwachen Nichtalkoholika festhielten. Die Sprache war großspurig, herausfordernd, teils anmaßend – doch formal waren die ersten Anzeigen altbacken. Hopkos wurde in Hamburg nicht wirklich „amerikanisch“ beworben, fehlten doch die visuellen Marker entweder des Produktes selbst oder aber glücklich-überzeugter Konsumenten. Der Eindruck einer „amerikanischen“ Reklame gründete denn auch mehr auf der steten Präsenz der Werbebotschaften. Drei Phasen lassen sich grob unterscheiden.

Graphisch aufbereitete Kaskaden der Kaufgründe (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 47 v. 29. Januar, 8 (l.); Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 91 v. 19. April, 24)

Von Ende Januar bis etwa Mitte April 1903 dominierten informierende, die Hauptanliegen der Selbstdarstellung gleichsam einhämmernde Anzeigen. Visueller Ankerpunkt war der Produktname, entweder markant wiederholt oder aber graphisch ansprechend aufbereitet. Die Annoncen erschienen in allen führenden Tageszeitungen Hamburgs, adressierten damit die gesamte Bevölkerung, Arbeiter, einfache Bürger, die urbane Kaufmannschaft. Das Einhämmern verankerte den Preis, die edle Grundlage von Hopfen und Malz, den hohen Nährwert, die Kampfstellung gegen das Bier, die repräsentative Kraft des Neuen, unbedingte Alkoholfreiheit und schließlich das duale Angebot einer hellen und einer dunklen Variante. Das war Überwältigungsreklame, zielte auf die Verankerung von Werbebotschaften im Hirn der Massen – und damit ihre bedingte Dressur für den Kauf, ging man damals doch noch von der starken Wirkungsmacht der Reklame aus.

Belehrung des Publikums über den wahren Preis (Hamburger Nachrichten 1903, Nr. 115 v. 10. März, 7)

Die gefühlte Überlegenheit der Hopkos-Macher führte denn auch dazu, dass man der sich in recht geringen Absatzzahlen niederschlagenden Ignoranz der Konsumenten durch belehrende Information begegnete. Hopkos war nicht billig: Zwar kosteten auch gängige Flaschenbiere zehn Pfennig pro Flasche, doch diese enthielten zwischen 0,3 und 0,4 Liter, während Hopkos in Fläschchen von lediglich 0,1 Liter verkauft wurde. In Gaststätten – und dort wurde die Masse des Bieres getrunken – lagen die Bierpreise nochmals niedriger. Außerdem verdoppelte sich der Einstiegspreis durch das Flaschenpfand von nochmals zehn Pfennigen. Die Macher ignorierten die damaligen Debatten über das Besitzrecht an gekauften Produkten und ihren Verpackungen. Und man unterstrich mit der oberen wieder und wieder geschalteten Anzeige, dass die kleine Erfrischung einen ganzen Groschen kostete. Bei Monatssalären von vielfach nur 60 bis 100 Mark, bei Frauen stetig weniger, war das eine Hürde, die den Massenabsatz deutlich begrenzte. Zudem waren derartige Nichtalkoholika auch in der Mitte der Gesellschaft vielfach noch nicht eingeführt. Die aufstrebende Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“ verkaufte 1903 ihren etwa 15.000 Mitgliedern ganze 5186 Liter Saft und keine Limonaden (Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ zu Hamburg. Geschäfts-Bericht für das Fünfte Geschäftsjahr 1903, Hamburg 1904, 29).

Weg vom Alkohol, hin zur Abstinenz: Hopkos als Brückengetränk (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 159 v. 4. April, 8)

Im März/April 1903 gab es weitere Anzeigenmotive – doch ihre Größe (und die Kosten) sank gegenüber den Einführungsmonaten. Man bewarb Hopkos als idealen, als wunderbaren Bierersatz, stellte nun jedoch auch einzelne Vorteile des Getränks besonders hervor. Zugleich positionierte man es noch deutlicher als Temperenzgetränk, als Novität mit einer hohen Mission.

Vermarktung im Schlagschatten der Abstinenz (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 80 v. 4. April, 8)

Die zweite Phase reicht von Mitte April bis Mitte Mai. Den Machern dürfte damals deutlich geworden sein, dass die anvisierten Absatzzahlen kaum zu erreichen waren. Der Inhaber zog daraus Konsequenzen und sattelte auf den marktgängigeren Absatz von Backmischungen um. In dieser Phase dominierten neuerlich Textanzeigen. Im Gegensatz zur Einführungszeit bedienten sie nun jedoch höchst heterogene Themen, verbanden diese mit Hopkos. Parallel zu den Pferderennen in Hamburg Horn war es „ein totsicherer Tip im Kampfe des Lebens, im nimmer rastenden Rennen um die Gesundheit von Geist und Körper“, gleichermaßen geeignet „für Abstinenzler und Biertrinker“ (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 97 v. 26. März, 24). Man grenzte sich ab von Konkurrenzangeboten, insbesondere zu dem in Hamburg produzierten Apfelpräparat Pomril, bemängelte dessen moderaten Alkoholgehalt, verwies dagegen auf die gutachterlich bestätigte Alkoholfreiheit. Man bettete dies aber auch ein in den Wettstreit der Völker, bei dem sich Zivilität in den Trinksitten manifestiere (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 189 v. 24. April, 12). Hopkos, so die Aussage, erlaube „allen Alkoholgegnern die große Freude, daß sie jetzt Bier trinken dürfen, alkoholfreies Bier; denn Hopkos – der Name ist etwas schwer, und die Zunge macht jedesmal einen Hopser – enthält keinen Alkohol und besteht doch aus Malz und Hopfen“ (Hopkos, Märkischer Sprecher 1903, Nr. 111 v. 13. Mai, 7). Neben derartige redaktionelle Reklamen setzte man aber auch kleine Geschichten, gleichsam literarische Schleichwerbung, versah sie augenzwinkernd mit „Nachdruck erlaubt“: Ein Wagnersänger musste etwa trunken eine Lohengrin-Aufführung abbrechen, die gramgebeugte Gattin fragte einen alten Sanitätsrat um Rat. Nein, die Nerven seien wirklich ein Problem, Lampenfieber müsse bekämpft werden, Gesang und Durst seien eng miteinander verbunden. Einem Künstler Genüsse und Erfrischung zu verwehren sei kontraproduktiv. Nur gut, dass es Hopkos gebe, diese bierähnliche Stärkung aus der Flasche. Und der Sanitätsrat empfahl der Dame, „‚lassen Sie ihren Mann statt Bier nur noch Hopkos trinken. Er wird den Unterschied kaum merken und binnen kurzem der alte sein‘“ (Ewaldo v. Santen, Ein furchtbares Erlebnis, Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 91 v. 19. April, 27). Ja, die Welt war (und ist) einfach: Kaufen, Trinken, Gesunden…

Ein eingeführtes Getränk (Hamburger Echo 1903, Nr. 184 v. 9. August, 6)

Drittens: Nach dem erfolgreichen Umzug nach Uhlenhorst startete die Hopkos-Company dann von Mitte Mai bis Mitte August eine dritte Werbephase. Die Anzeigentaktung nahm neuerlich zu, eingesetzt wurden nun auch vereinzelte visuelle Elemente, etwa den schon oben präsentierten Wegweiser an den neuen Standort. Parallel weiteten sich die Themen, gab es formale Variationen. Hopkos wurde – im bürgerlichen Hamburg! – in vielfältigen Formen zum König der alkoholfreien Getränke gekrönt, erschien als Hilfsmittel gegen Durst und Trunkenheit, diente zugleich dem Kampf gegen „Nervosität, Armut, Zunahme der Verbrechen, Arbeitsscheu, Lebensüberdruss“ (Hamburger Neueste Nachrichten 1903, Nr. 149 v. 28. Juni, 14).

Hopkos als volkswirtschaftlicher Aktivposten, als König aller alkoholfreien Getränke, als Getränk der Getränke (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 321 v. 12. Juli, 8 (l.); Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 191 v. 16. August, 16)

Neuerlich wurden die Vorteile des idealen Bierersatzes Hopkos aufgelistet und mit Ausrufungszeichen versehen. Es schien, als wolle man mit diesen unten abgebildeten Anzeigen den Verbraucher nochmals aufrütteln, während parallel die Geschäfte immer schlechter liefen. Die Werbesprache blieb appellativ-trotzig: „Das Getränk der Getränke! Hopkos ist nahrhaft, da es aus Hopfen und Malz hergestellt wird, wie Bier. Hopkos ist belebend, wie Wein und kräftigt dabei die Nerven, da es absolut alkoholfrei ist. Hopkos ist erfrischend und blutreinigend und löscht wunderbar das Durstgefühl. Hopkos ist ein wissenschaftlich absolut einwandfreies modernes Getränk für die Tafel, den Hausgebrauch, das Krankenzimmer, die Restauration, den Turn- u. Spielplatz – kurz für alle Welt. […] Prosit!“ (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 191 v. 16. August, 16). Doch die erwünschte Resonanz blieb aus, auch wenn es an ironischer Unterstützung nicht fehlte. Ein abgelehnter Dichter musste lesen: „Ihr ‚Lied eines Wüstlings‘ ist so entsetzlich, daß wir uns nicht zum Abdruck entschließen konnten; einem Redakteur, der das durchlas, mußte sofort mit zwei Flaschen Hopkos wieder auf die Beine geholfen werden“ (Hamburgisches Fremden-Blatt 1903, Nr. 203 v. 30. August, 17).

Ein Getränk für alle (Hamburger Anzeiger 1903, Nr. 174 v. 28. Juli, 5 (l.); Hamburger Echo 1903, Nr. 178 v. 2. August, 4)

Auch in dieser dritten Phase gelang es den Hopkos-Machern nicht, ihr Produkt zielgruppengenau anzudienen, den Ersatzbiergarten für alle zu verlassen: „Für Jung und Alt, Gesunde und Kranke!“ (Hamburgischer Correspondent 1903, Nr. 345 v. 26. Juli, 8). Ein Massengetränk müsse sich auch an die Masse der Konsumenten richten, dürfe nicht ausgrenzen. Dieses Credo mochte vielleicht in den vergleichsweise wohlhabenden, an Mittelstandsnormen und hochwertigen Standardprodukten angepassten Vereinigten Staaten gelten. In der hanseatischen Klassengesellschaft verfehlte eine derartige Werbung tendenziell die Absatzaufgaben. Die Hopkos-Macher adressierten zwar durchaus die „tapferen Frauen der arbeitenden Klasse“, präsentierten Hopkos aber nicht in deren Lebenswelt, sondern als Verbürgerlichungsgetränk, als Bestandteil einer vielfach verhassten fürsorglichen Belagerung just der Chemiker, Ärzte, Lehrer und Sozialpolitiker, die Hopkos warm empfahlen (Hamburger Echo 1903, Nr. 166 v. 19. Juli, 10).

Unterentwickelter Vertriebsweg Gaststätte: Hopkos-Bier und andere Limonaden (Harburger Anzeigen und Nachrichten 1903, Nr. 172 v. 25. April, 8 (l.); ebd. 1903, Nr. 241 v. 17. Juli, 8)

Überraschend war schließlich, dass Hopkos trotz aller Bemühungen um Akzeptanz der Lebensmittelhändler auf deren eigenständige Werbeunterstützung kaum zählen konnte. Die Hopkos-Werbung erfolgte zentral, nicht dezentral. Das galt selbst für Cafés und Restaurants, auch für die langsam wachsende Zahl der alkoholfreien Gaststätten.

Werbeträchtige Scheindebatten

Die Hopkos-Macher zogen in Hamburg allerdings eine bemerkenswerte Konsequenz aus den Marktauftritten alkoholfreier Konkurrenzprodukte, nicht nur von Methon. Sie inszenierten vermeintliche Angriffe, auf die sie dann souverän öffentlich reagierten. Damit nahm die American German Hopkos Company einerseits den bürokratisch-sachlichen Hinweisen der Untersuchungsämter präventiv Wind aus den Segeln, konnte anderseits aber den Blick der Verbraucher gezielt auf die scheinbar eindeutigen Vorteile von Hopkos lenken.

Volle Breitseite gegen Kritik am neuen Getränk (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 63 v. 15. März, 15)

Anlass einer ganzseitigen „Zur Abwehr!“ übertitelten Anzeige war einerseits ein öffentlich kontrovers diskutiertes Anti-Alkoholpamphlet des Hamburger Richters Hermann Martin Popert (1871-1932), anderseits die Abwehr von nicht näher spezifizierten Vorwürfen, Hopkos sei nicht alkoholfrei. Popert hatte die negativen Auswirkungen aller Alkoholika beredt beschworen, ließ dabei das Bier nicht aus: „Vor allen Dingen sind die Brauereien und die Bierwirtschaften nicht minder Ausstrahlungspunkte schwerer nationaler Schädigung, als die Brennereien von Trinkbranntwein oder die Keller der Branntweinwirte“ (Hermann M. Popert, Hamburg und der Alkohol, Hamburg 1903, 49). Der Autor war eine schillernde Persönlichkeit, jüdischstämmiger Jurist, Schriftsteller, liberaler Bürgerschaftsabgeordneter und Guttempler. Mit seinem 1910 erschienen Erfolgsroman „Helmut Harringa“ veröffentlichte er einen Schlüsseltext der antimodernen und rassistischen Lebensreform (Kai Detlev Sievers, Antialkoholismus und Völkische Bewegung. Hermann Poperts Roman Helmut Harringa, Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 29, 2004, 29-54). Popert schlug präzise Maßnahmen zur Austrocknung der Alkoholwirtschaft in Hamburg vor, darunter auch die öffentliche Förderung alkoholfreier Wirtschaften. Nichtalkoholika waren für ihn Garanten einer Umkehr von allgemeiner Entartung. Ein alkoholdürstendes Volk sei nicht in der Lage Weltgeltung und „Deutsche Seeherrschaft“ (Ebd., 51) zu erlangen.

Hopkos wurde nicht erwähnt, doch Poperts Aussagen konnten dem Absatz nur förderlich sein. Entsprechend lobte der Anbieter das Produkt als „vollgültiger Ersatz des Bieres […]. Hopkos besitzt alle Vorzüge eines guten, nahrhaften Bieres und keinen seiner Nachteile“. Es sei ein „Temperenzgetränk par excellence“, ignoriere auch nicht die auch von Popert propagierte Lebensfreude. Mäßige hatten dieses Recht eingefordert, verteidigten es in der intensiv geführten öffentlichen Debatte, da Alkoholtrinker ohne Pragmatismus nicht zu gewinnen seien ([Theodor] Deneke, Dr. H. Poperts Buch „Hamburg und der Alkohol“, Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 59 v. 11. März, 13). Hopkos wurde in diesen Scharmützeln nicht erwähnt, nicht als Hilfsmittel der Umkehr benannt. Die Anzeige sollte das Getränk propagieren, entsprechend erfand die Firma nicht näher bezeichnete schädigende „Ausstreuungen“. Das bewirkte sarkastische Antworten: Forderungen eines Guttemplers nach Zwangsmitgliedschaft von Arbeitern in dieser, gerade in Hamburg wichtigsten Abstinentenvereinigung konterte ein sozialdemokratischer Redakteur übersteigernd: „Natürlich! Und zugleich sollte man ihm die Verpflichtung auferlegen, täglich mindestens fünf Liter Pomril oder Hopkos zu konsumiren“ (Hamburg und der Alkohol, Hamburger Echo 1903, Nr. 65 v. 18. März, 5).

Nachgelegt: Hopkos als alkoholfreies Substitut für Bier (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 71 v. 25. März, 24)

Derartiger Spott missfiel den Hopkos-Machern, eine weitere ganzseitige Stellungnahme folgte. Neuerlich sprach man dunkel von Schmähbriefen und Hohn. Dagegen erhob man sich wacker, betonte Wohlgeschmack und Alkoholfreiheit des Hopkos, präsentierte die Ergebnisse des bestätigenden Gutachtens des eigenen Mitarbeiters Carl Enoch. Und es folgte eine Eloge auf den „Bierersatz ersten Ranges“, billig und zukunftsträchtig. So brachte die Firmenleitung ihr Getränk in die Diskussion – zu allerdings hohen Kosten: Die beiden Inserate im Fremden-Blatt kosteten 316,80 Mark; und sie wurden auch in den günstigeren Hamburger Nachrichten veröffentlicht (Hamburger Fremden-Blatt 1903, Nr. 74 v. 28. März, 17). Wie sehr es in dieser Debatte allein um Publizität ging, unterstrichen zwei gleichartige, mehr als drei Monate später mit anderen Einleitungen versehene Anzeigen der Frankfurter Hopkos-Gesellschaft (Frankfurter Zeitung 1903, Nr. 177 v. 28. Juni, 4. Morgenbl., 4; ebd. , Nr. 174 v. 25. Juni, 3. Morgenbl. 3). Pseudodebatten und erfundene Niedertracht gehörten zur Präsentation von Hopkos.

Verdammung durch die Brauwirtschaft

Empörung über derartige Machenschaften ist kaum angebracht, denn solches Gebaren gehörte zum wirtschaftlichen Wettbewerb. Plagiatsvorwürfe durchzogen damals die Gazetten, Verfahren wurden vielfach angestrengt, um Strafbefehle von zehn, fünfzig, hundert Mark öffentlich annoncieren zu können, um die eigene Ehrsamkeit und Rechtschaffenheit dann angemessen zu beleuchten. Die American German Hopkos-Company schwieg allerdings ihre profunden Kritiker öffentlich tot, schuf also lediglich eine Werbewelt eigener Qualität. Das betraf die Analysen und Rückfragen der Untersuchungsämter, das betraf aber vor allem die Kritik der Brauer, die am vermeintlichen Bierersatz Hopkos kein gutes Haar ließen.

Deutsche und böhmische Fachzeitschriften berichteten anfangs durchaus sachlich über die neu gegründete Hamburger Gesellschaft, um dann gleich in die Hörner der Abwehr und Verdächtigung zu stoßen: „Wieder einmal ein Ersatz für Bier! Es wäre wahrlich höchste Zeit, daß sich die Sanitätsbehörden mit derlei problematischen Erzeugnissen etwas eingehender befassen sollten, als dies bisher der Fall gewesen“ (Alkoholfreier Schwindel, Gambrinus 30, 1903, 193; Hopkos, Zeitschrift für das gesammte Brauwesen 26, 1903, 291). Die Einlassungen der Brauwirtschaft spiegelten die vielgestaltigen Verwerfungen des Fin de Sieclé, verteidigte sie mit dem Bier doch nicht nur ihr eigenes Geschäft, sondern zugleich das tradierte Leben vor den Herausforderungen einer rasch vorwärtsdringenden Moderne. Die Kritik war vielfach zutreffend, seitens der sich in den Jahrzehnten zuvor grundstürzend modernisierten Brauwirtschaft aber doch überraschend und selbstblind. Die Antialkoholbewegung wurde nicht als Resultat verbesserter physiologischer und medizinischer Kenntnisse verstanden und ernstgenommen, sondern als eine aus dem Norden nach Süden vordringende utopisch-kreischende Bewegung, deren Vertreter man eigentlich, wie die Vegetarier, als Sonderlinge ignorieren müsse. Produkte wie Hopkos hätten dies jedoch verändert, „die nur schlecht eingewurzelte, künstlich genährte Pflanze treibt nämlich giftige Blüten mit hochtönenden Namen, gar wundersam anzusehen.“ Hopkos verkünde lautstark, gesünder als Bier zu sein, dieses verdrängen zu können. „Diese in echt amerikanischer Manier veröffentlichte Reklame ist offenbar ein Attentat auf die Leichtgläubigkeit des Volkes, und es ist nun unsere Pflicht, in dieser Angelegenheit ein offenes fachmännisches Wort zu sprechen, damit nicht tausende von Personen, welche das gedruckte Wort als ein Evangelium betrachten, diesem Humbug zum Opfer fallen.“ das tradierte Gute stand dem anmaßenden Neuen gegenüber: „Das tatsächlich aus Hopfen und Malz erzeugte Bier, das seit Jahrhunderten von aller Welt getrunken und verehrt wurde, ist zum Kampfobjekt der Abstinenzler geworden, das ‚Hopkos‘ aber, ein auf chemischem Wege erzeugtes Getränk, das niemals aus Malz und Hopfen erzeugt sein kann, dieses Getränk also, das der Gesundheit kaum zuträglich sein kann, wird dem Volke als Genußmittel angepriesen! Eine große Gesellschaft mit bedeutenden Mitteln konstituiert sich, die Behörden geben auch noch ein Patent auf dieses Produkt, Agenten durchziehen das Reich und machen Proselyten und das Volk, welches sich zum Genuß des ‚Hopkos‘ verleiten läßt, wird geschädigt, den Vorteil einzig und allein haben die ausländischen Unternehmer, die ‚Hopkos‘-Company, welche sich mit den im Schweiße seines Angesichtes verdienenden Hellern des Arbeiters die Tasche füllen und schließlich, wenn das Volk zur Einsicht gekommen sein wird – liquidieren.“ Die Untersuchungsbehörden müssten einschreiten, denn letztlich würden solche Unternehmen den monarchischen Staat, die mittelständische Gesellschaft unterminieren. „Geradezu frech“ sei es zudem, dass derartige Produkte von Wissenschaftlern verteidigt würden. Als Sachwalter des Gemeinwohls müsse die Brauwirtschaft daher „das Volk eindringlich vor dem Genusse eines Getränkes, das bisher unbekannt war und es noch ist“ warnen (Zitate n. Ein Appell an die Sanitätsbehörden, Gambrinus 30, 1903, 704-705). Antiamerikanismus, Antikapitalismus, Ideen eines einheitlichen Volkskörpers, einer einheitlichen Wissenschaft, Vorstellungen von Überfremdung und Angst vor der Innovationsflut der Moderne; all dies findet sich hier, hatte über die damalige Mittelstandsbewegung auch beträchtliche politische Auswirkungen. Die Abwehr von Hopkos ging weit über das Trinken oder Nicht-Trinken einer trügerisch beworbenen Getränkeinnovation hinaus. Hopkos war auch Projektionsfläche vielfach nicht erwünschter, gleichwohl kaum zu stoppender Veränderungen des Alltagslebens, der Kommerzialisierung zumindest des urbanen Alltags.

Beschwörung des Alten: Selbstdarstellung der Münchener Braukunst 1905 (Münchener Bier-Chronik 1905, Ausg. v. 1. September, 1)

Entsprechend wurden die neuen alkoholfreien Getränke nicht distanziert analysiert, auch die damit verbundenen eigenen Marktchancen außer Acht gelassen: Es hieß, „die Fabrikanten der alkoholfreien Getränke treiben ein gefährliches Spiel mit ihren Anpreisungen von chemischen Produkten“ (Alkoholfrei, Gambrinus 30, 1903, 830, auch zum Folgenden). Immer wieder forderten die Brauereivertreter das scharfe Schwert der Wissenschaft, forderten Enthauptungsschläge gegen die Konkurrenz. Sie ignorierten, dass die neuen Produkte zumeist nicht gesundheitsschädlich – und wirtschaftliche Schädigungen kaum nachweisbar waren. Sie warnten vor zeittypischen Getränken, etwa Ceres-Fruchtsäften, Bilz-Brause und eben auch Hopkos, während sie die Gründe für den im Deutschen Reich seit 1900 zurückgehenden Bierkonsum nur unwillig in den Blick nahmen. Die Kritik am Neuen sollte die Reihen schließen und führte zu einer Wagenburgmentalität der Branche, die apodiktisch verteidigte statt sich zu verändern. Typisch dafür war das unausgesprochene Verbot als Brauer „alkoholfreie Biere“ zu produzieren und anzubieten. Das veränderte sich langsam, Trinkmit der Bochumer Schlegel-Brauerei war später eine seltene und doch zukunftsweisende Ausnahme.

Die Kritik der Brauer an Hopkos und ähnlichen Getränkeinnovationen unterstrich aber auch die beginnende Stagnation des Braugewerbes, dessen Symbol die rechtlich verbindliche Festschreibung des Reinheitsgebotes im gesamten deutschen Braugebiet 1906 war. Man wetterte gegen die „Abstinenzfanatiker“ (Cluss, Die wichtigsten Gesichtspunkte der Alkoholfrage vom Standpunkte der Mässigkeit. II, in: Letter on Brewing 6, 1906, 80-99, hier 91), gegen ihre unanständige Propaganda, ihre steten Unwahrheiten und Übertreibungen. Die neuen Getränke, „dargeboten unter sprechenden Phantasienamen wie „‚Methon‘, ‚Hopkos‘, ‚Pomril‘, ‚Kaiserperle‘, ‚Edelblume‘ u.s.w.“ (Ebd., 95), lehnten sie sämtlich ab, verwiesen auf das gute altbewährte Bier mit seinem nur geringen Alkoholgehalt. Anbieter wie die Hopkos-Company – aber auch die Brauer folgten den eigenen Narrativen, blickten nicht über den Glasrand hinweg (vgl. Birgit Speckle, Streit ums Bier in Bayern. Wertvorstellungen um Reinheit, Gemeinschaft und Tradition, Münster 2001, 197-206). Diese allseits bestehende Ignoranz gegenüber konfligierenden Ansprüchen begünstigte in den USA den Weg in die Prohibition, die sich die erfolgsverwöhnten Brauer letztlich nicht vorstellen konnten, gegen die sie zu spät aufbegehrten (Thomas Welskopp, Amerikas große Ernüchterung. Eine Kulturgeschichte der Prohibition, Paderborn 2010, 11-50). Die wechselseitigen Attacken von Brauern und Anbietern neuartiger Nichtalkoholika führten auch in Deutschland zu einer Versäulung der jeweiligen Vorstellungen vom richtigen und falschen Trinken.

Nationale Expansion: Hopkos-Lizenznehmer im Deutschen Reich

Die seit spätestens Februar 1903 laufenden Bemühungen um Franchisenehmer hatten im Deutschen Reich nur gegrenzten Erfolg. Die Hamburger Hopkos-Zentrale lieferte zwar Maschinen, Extrakte und Werbevorlagen, erlaubte vor Ort durchaus eigenständige Marketingmaßnahmen, doch die Verträge engten die lokalen Aktivitäten auch ein, wurden lokale Besonderheiten doch kaum berücksichtigt. Insbesondere der reichsweit einheitliche Verkaufspreis war zu hoch, schon für eine einkommensstarken Standort wie Hamburg, gewiss aber für wirtschaftlich schwächere Regionen. Auch gleichartige Werbung war im regional heterogenen deutschen Föderalstaat nicht immer ein Vorteil. Unser kurzer Überblick wird sich daher vor allem auf lokale Besonderheiten und das für ein Franchise-Geschäft typische Spannungsgefüge zwischen Lizenzgeber und -nehmer konzentrieren. Drei Beispiele also, Frankfurt a.M./Wiesbaden, Berlin und Ennigerloh, zudem ein Memento zu Beginn.

Eine Leipziger Gesellschaft wurde aller Wahrscheinlichkeit schon im Februar 1903 vertraglich vorbereitet, doch sie entfaltete vor Ort kaum Wirkung (Leipziger Tageblatt 1903, Nr. 96 v. 22. Februar, 1356). Die Bremer American German Hopkos Company wurde am 14. Mai 1903 mit einem Stammkapital von 30.000 M gegründet, das im März 1904 gar auf 39.000 M erhöht wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 117 v. 19. Mai, 13; ebd. 1904, Nr. 73 v. 25. März, 29). Die Gesellschaft bemühte sich neben dem Kerngeschäft um die Etablierung von Filialen im Großherzogtum Oldenburg (Nachrichten für Stadt und Land 1903, Nr. 164 v. 16. Juli, 4; Jeversches Wochenblatt 1903, Nr. 195 v. 21. August, 3). Der Erfolg blieb aus, die Firma wurde am 4. April 1904 aufgelöst, erlosch nach erfolgreicher Liquidation im Januar 1907 (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 104 v. 3. Mai, 25; ebd. 1907, Nr. 31 v. 2. Februar, 20).

Das erste Beispiel führt uns nach Frankfurt a. M. und die benachbarte Kur- und Residenzstadt Wiesbaden. Als Handelsstadt mit Hafen und rasch wachsender Industrie war die frühere Freie Hansestadt mit Hamburg durchaus vergleichbar. Die American German Hopkos Company W. & P. Foucar begann am 15. April 1903, Gesellschafter waren der Kaufmann Wilhelm Foucar und seine Gattin Paula (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 111 v. 12. Mai, 27). Wilhelm Foucar hatte zusammen mit seinem Bruder 1900 die zuvor von seinem Vater Heinrich Wilhelm Foucar, einem seit 1870 in der Rheinprovinz tätigen Kaufmann, geführte Firma Foucar & Bender in eine neue Handelsgesellschaft überführt (Deutscher Reichsanzeiger 1899, Nr. 175 v. 27. Juli, 7; ebd. 1900, Nr. 38 v. 10. Februar, 15). Für das noch junge Ehepaar schien Hopkos eine Chance der Emanzipation vom Familienverband und eine selbstbestimmte Zukunft zu sein.

Tagesproduktion 12.500 Flaschen, Frankfurter Zeitung 1903, Nr. 132 v. 13. Mai, 1. Morgenbl., 4)

Die Foucars übernahmen Technik, Grundstoffe und Flaschen aus Hamburg, setzen aber von Beginn an eigene Akzente in der Werbung. Die Charakteristika wurden dem Publikum zwar ebenso eingehämmert, doch die Werbeklischees von Beginn an variiert (Frankfurter Israelitisches Familienblatt 1, 1902/03, Nr. 28, 8). Dicke Ränder sorgten in der werblich eher rückständigen Frankfurter Zeitung für besondere Aufmerksamkeit, zudem informierte man aus Renommeegründen genauer über den Geschäftsgang. 12.500 Flaschen Hopkos sollen Anfang Mai produziert worden sein, ein beachtlicher Wert auch für eine Metropole mit mehr als 300.000 Einwohnern und einem dicht besiedelten Umfeld. Die Frankfurter Dependance listete zudem mehrfach die Hopkos-Niederlagen auf, Läden also, in denen man den Bierersatz sicher kaufen konnte. Schon im Mai standen unter den Anzeigen 89 Adressen, darunter auch der aufstrebende Lebensmittelfilialist Jakob Latscha. Parallel hatte man früh fünf Generaldepots in Hanau, Cronberg, Oberursel, Hofheim und Darmstadt eingerichtet (Frankfurter Zeitung 1903, Nr. 136 v. 17. Mai, 1. Morgenbl., 4). Die Firma expandierte auch weiter gen Norden, etwa nach Gießen (Gießener Anzeiger 1903, Nr. 117 v. 20. Mai, 4).

Ein alkoholfreies Getränk in kleinen Bierflaschen – gleichwohl ein großes Kampfmittel gegen Siechtum und Tod (Frankfurter Zeitung 1903, Nr. 155 v. 6. Juni, 3. Morgenbl., 4 (l.); ebd., Nr. 136 v. 17. Mai, 1. Morgenbl., 4)

Selbstbewusst schuf das Ehepaar Foucar eigene Werbemittel, führte Hopkos damit den Kunden genauer vor Augen, griff in Illustrierten und Karikaturzeitschriften schon länger übliche Werbetrends auf. Selbstbewusst zettelte das Duo auch Scheinfehden an, um Hopkos in der Öffentlichkeit als hochwertiges, wohlschmeckendes und vor allem alkoholfreies Getränk zu etablieren (Frankfurter Zeitung 1903, Nr. 174 v. 25. Mai, 3. Morgenbl., 3; ebd., Nr. 177 v. 28. Juni, 4. Morgenbl., 4).

Produktdiversifizierung als Grundlage für höhere Krisenfestigkeit (Neues Adressbuch für Frankfurt am Main und Umgebung 1904, T. III, 2 (l.); ebd., T. I, 28)

Die American German Hopkos Company W. & P. Foucar offerierte neben dem Bierersatz eine breitere Palette alkoholfreier Getränke, darunter das Kunstgetränk Calvella, Ersatz des am Main so wichtigen Apfelmosts. Entsprechend glaubte man sich von dem Konkurs der Hamburger Zentrale abkoppeln zu können, versprach nicht nur von Hopkos, sondern auch die „künstlichen Mineralwässern und Limonaden“ weiterproduzieren zu wollen (Ebd. 1904, Nr. 77 v. 17. März, 1. Morgenbl., 3). Gleichwohl musste das Frankfurter Franchise-Unternehmen kurz darauf Konkurs anmelden und wurde am 24. Januar 1905 aufgelöst (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 30 v. 3. Februar, 14). Das Ehepaar Foucar verschwand, war im August 1905 nicht mehr greifbar, als die Berliner Annoncenexpedition Haasenstein & Vogler versuchte, ausstehende Insertionszahlungen in Höhe von 2.283,77 Mark einzuklagen (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 197 v. 22. August, 6).

Die Dezentralisierung des Hopkos-Lizenzgeschäftes wurde von den Foucars konsequent vorangetrieben, Hopkos war im zentralhessischen Raum allseits präsent. Wiesbaden, die Hauptstadt der preußischen Provinz Hessen-Nassau, wurde dem alteingesessen Handelsunternehmen Carl Doetsch übertragen, das 1879 vom gleichnamigen Weinhändler gegründet, 1889 aber an neue Eigentümer verkauft worden war (Deutscher Reichsanzeiger 1879, Nr. 46 v. 22. Februar, 6; ebd. 1889, Nr. 58 v. 28. Februar, 13). Auch in Wiesbaden griff man auf die Hamburger Werbevorlagen zurück, veränderte sie aber mit Regionalbezug. Der ‚Dorscht‘ der Hessen wurde beschworen, die hohen Preise des lokalen Apfelweins beklagt, das vermeintlich amerikanische Hopkos gepriesen. Man reduzierte den Hopkos-Preis in Gaststätten auf fünfzehn Pfennig, fünf Pfennig niedriger als andernorts (Ein billiges, nahrhaftes und erfrischendes Getränk, Wiesbadener Tagblatt 1903, Nr. 292 v. 27. Juni, Morgenausg., 3). Einheimische und auch Touristen durften Hopkos vor Ort kostenlos probieren, Koppeleffekte auf andere Orte wurden erhofft (Wiesbadener Streifzüge, Wiesbadener General-Anzeiger 1903, Nr. 160 v. 12. Juli, 1).

Einführung in Wiesbaden mit Proben (Wiesbadener Tagblatt 1903, Nr. 280 v. 19. Juni, Abendausg., 7)

In Wiesbaden war die Werbung variantenreich, doch es blieb zumeist bei gestalteten Textanzeigen, die regelmäßig die lokalen Hopkos-Händler auflisteten. Wurden Ende Juni zwanzig Namen genannt, waren es Anfang Juli schon 93, Anfang August schließlich 109 Niederlagen (Wiesbadener General-Anzeiger 1903, Nr. 144 v. 25. Juni, 7; ebd., Nr. 156 v. 8. Juli, 6; ebd., Nr. 177 v. 1. August, 5). Hinzu kamen Anfang Juli gezielte Hinweise auf immerhin zwölf „Ausschänkstätten“ (Wiesbadener Bade-Blatt 1903, Nr. 182 v. 2. Juli, 34). Das galt auch für übliche Cafés und Gaststätten, nicht nur für das alkoholfreie Restaurant „Zur Gesundheit“ (Wiesbadener Tagblatt 1903, Nr. 561 v. 2. Dezember, Morgenausg. 12).

Aufbau eines lokalen Vertriebsnetzes in Wiesbaden (Wiesbadener Tagblatt 1903, Nr. 286 v. 23. Juni, Abendausg. 10)

Die zeitlich begrenzte Vertretung von Hopkos war für das Wiesbadener Generaldepot Carl Doetsch wahrscheinlich erfolgreich. Die Großhandelsfirma belieferte ihre Kunden mit einer ganzen Palette alkoholfreier Markenartikel und auch eigener Handelsmarken (Wiesbadner General-Anzeiger 1904, Nr. 19 v. 23. Januar, 7). Hopkos war im Vergleich zu anderen Reformwaren relativ billig, ein Einstiegprodukt für solvente Interessenten. In Wiesbaden wurde es bis Mitte 1904 verkauft (Wiesbadener General-Anzeiger 1904, Nr. 56 v. 6. März, 6: ebd. Nr. 113 v. 15. Mai, 5; ebd., Nr. 167 v. 20. Juli, 12).

Das zweite Beispiel führt uns nach Berlin, gewinnen wir dort doch nähere Informationen über die Vertragsverhältnisse, die Größe der dezentralen Betriebe und die bisher ja völlig ausgeblendeten Beschäftigungsverhältnisse. Die Berliner Hopkos-Gesellschaft mit beschränkter Haftung wurde relativ spät gegründet (Volks-Zeitung 1903, Nr. 300 v. 30. Juni, 3). Der Etablierung am 27. Juni 1903 waren jedoch lange Verhandlungen vorausgegangen, ging es doch um „den Kauf einer Fabrikanlage mit Maschinen und Zubehör und die Lizenz, betreffend die ausschließliche Herstellung und den ausschließlichen Vertrieb des ‚Hopkosgetränkes‘ für den gesamten Postbezirk Berlin (Berliner Börsen-Zeitung 1903, Nr. 304 v. 2. Juli, 21). Die Verhandlungen hatten im Februar mit einem Vorvertrag begonnen, ein Zessionsvertrag vom April regelte Kreditlinien und Anteilsrechte der Hamburger Zentrale. Das Stammkapital lag schließlich bei 120.000 M, die Geschäftsführung teilten sich der Schöneberger Kaufmann Wolf Cohn und der Berliner Ingenieur Johannes Brandes (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 154 v. 3. Juli, 13). Rasch zeigten sich Friktionen, die Geschäftsführung wurde bereits nach knapp zwei Wochen ausgetauscht (Ebd., Nr. 164 v. 15. Juli, 10).

Übernahme und Variation Hamburger Werbeklischees in der Reichshauptstadt (Vorwärts 1903, Nr. 119 v. 24. Mai, 14 (l.); ebd., Nr. 125 v. 31. Mai, 13)

Auch in Berlin war Hopkos zeitweilig breit präsent, konnte etwa in den ca. 300 Filialen der Likörfabrik, Weingroßhandlung, Fruchtsaftpresserei, Mineralwasser- und Schaumwein-Fabrik Hermann Meyer & Co. gekauft werden (Vorwärts 1903, Nr. 125 v. 31. Mai, 133). Ähnliches galt für die in Berlin besonders wichtigen Flaschenbiergroßhandlungen. Das Geschäft wurde allerdings durch ein behördliches Verkaufsverbot vom 20. Oktober bis 28. November 1903 begrenzt (Berliner Börsen-Zeitung 1903, Nr. 557 v. 28. November, 14). Ende Januar 1904 konnte man die Groß-Berliner Lizenz und den Maschinenpark dann „unter coulanten Bedingungen“ erwerben (Berliner Tageblatt 1904, Nr. 51 v. 29. Januar, 11). Es folgte die Zahlungseinstellung und am 12. April 1906 schließlich die Löschung der Berliner Hopkos-Gesellschaft (Berliner Börsen-Zeitung 1906, Nr. 179 v. 18. April, 14).

Die im Herbst 1903 auch öffentlich diskutierte Absatzkrise erlaubt genauere Einblicke in den Geschäftsgang. Die in der Chausseestraße 3 gelegene Hopkos-Fabrik beschäftigte anfangs etwa fünfzehn Arbeiter und sieben Kutscher. „Da das Unternehmen aber finanziell sehr schlecht fundiert war und das Fabrikat auch nicht genügend Abnehmer fand, verkrachte die Gesellschaft bereits nach einigen Monaten. Der Konkurs wurde zwar angemeldet, doch wegen Mangel an Masse zurückgewiesen. Schon während der ersten Monate war das Personal verringert worden, so daß zuletzt noch zwei Kutscher, drei Kellerarbeiter und eine Buchhalterin verblieben“ (Vorwärts 1903, Nr. 240 v. 14. Oktober, 9). Lohn wurde keiner mehr gezahlt, die Ansprüche addierten sich. Doch die komplexen Vertragsverhältnisse erschwerten den Regress, derweil beträchtliche Teile des Inventars verkauft wurden. Dem Rechtsanwalt der Arbeiter gelang es, die maschinelle Grundausstattung vor dem Verkauf zu retten. Dennoch bekamen seine Mandanten ihre zwischen 75 und 300 Mark liegenden Forderungen nicht erstattet, da es vorrangige Mietschulden gab. Die öffentlich angegriffene Berliner Hopkos-Gesellschaft verwies den sozialdemokratischen Vorwärts auf die bestehende Rechtslage. Der Zessionsvertrag begünstige einige Gläubiger, auch Zugriffsrechte der Hamburger Zentrale unterbänden die Lohnzahlung an die Beschäftigten (Vorwärts 1903, Nr. 251 v. 27. Oktober, 10-11). Das sind bis heute vielfach typische Folgen eines auf Franchise aufbauenden Geschäftsmodells. Deutlich wird aber auch, dass der Berliner Lizenznehmer – und gewiss nicht nur dieser – seit Spätsommer 1903 vornehmlich abwickelte. Hopkos scheiterte rasch, an fehlendem Betriebskapital, vor allem aber am fehlenden Absatz. Die anfangs ausgegebenen „Rentabilitäts-Nachweise“ trogen, gründeten auf illusionären Erwartungen.

Das dritte Beispiel führt uns von der Reichshauptstadt in die westfälische Provinz, nach Ennigerloh, einer landwirtschaftlich geprägten Gemeinde mit etwa 1.500 Einwohnern. Es erlaubt einerseits Einblicke in die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Lizenznehmer, unterstreicht anderseits die trotz Verträgen nicht unbeträchtliche unternehmerische Freiheit fernab der Zentrale in Hamburg.

Bierersatzwerbung im Münsterland und in Ostfalen (Die Glocke 1903, Nr. 106 v. 9. Mai, 3 (l.); Bielefelder Volks-Zeitung 1903, Nr. 128 v. 6. Juni, 8)

Die American-German ‚Hopkos‘ Company Badde & Schlemann in Ennigerloh hatte bereits am 1. April 1904 ihren Betrieb aufgenommen (Münsterischer Anzeiger 1903, Nr. 253 v. 1. Mai, 3). Die treibende Kraft war der als Prokurist fungierende Heinrich Schlemann. Er war ehedem Landwirt, seit 1900 Mitinhaber eines lokalen Wasserkalkwerks (Bielefelder Volks-Zeitung 1900, Nr. 79 v. 3. April, 5). Der Betrieb scheiterte, über das Vermögen Schlemanns wurde 1902 der Konkurs eröffnet, 1905 schließlich aufgehoben (Ebd. 1902, Nr. v. 20. Mai, 4; ebd. 1904, Nr. 52 v. 4. März, 3; Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 44 v. 20. Februar, 42). Der lokale Absatz des alkoholfreien Bieres verlief in den gängigen Bahnen, Hopkos-Klischees buhlten in der westfälischen Provinz um Käufe. Der Absatz dürfte überschaubar gewesen sein.

Doch Schlemann sah, ebenso wie zuvor Konstantin Delpy in Hamburg, im Hopkos-Konkurs eine Chance. Er gründete im September 1904 mit Hilfe seiner Frau Anna die Mineralwasserfabrik Dr. Tietzsch u. Schlemann (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 264 v. 8. November 1904, 29). Sie produzierte das von Carl Enoch entwickelte, von der Hopkos-Gesellschaft vermarktete Erfrischungsgetränk Calvina und das neu kreierte Mineralwasser Heinrichs-Sprudel, ein mit Kohlensäure angereicherten Trinkwasser. Die Geschäftsidee war, die „teueren natürlichen Mineralwässer“ durch „ein billiges Tafelwasser“ zu ersetzen; ein Geschäft, das heutzutage Groß- und Handelskonzernen hohe Gewinne sichert (Bielefelder Volks-Zeitung 1904, Nr. 266 v. 19. November, 12).

Angebote über Bande: Calvina, Mineralwasser und Alkoholika (Die Glocke 1904, Nr. 243 v. 21. Oktober, 4)

Nach dem beendeten Konkurs und dem Selbstmord des Kompagnons Rudolf Tietzsch, der, „ein bedauernswerter Mann ohne sittlichen Halt“, zuvor in Berlin die „letzten Reste seines Vermögens durchgebracht hatte“ (Bielefelder Volks-Zeitung 1905, Nr. 96 v. 27. April, 2) gründete der wieder voll handlungsfähige Heinrich Schlemann im August 1905 die Schlemann & Co. GmbH. Mit einem Stammkapital von 21.000 Mark produzierte sie, wie die Internationale Hopkos-Gesellschaft, alkoholfreie Fruchtextrakte und weitere alkoholfreie Getränke.

Fortsetzung Calvinas unter neuem Namen und neuer Flagge (Warenzeichenblatt 1906, 51)

Schlemanns Kalvina war eine eingedeutschte Reminiszenz an die American German Hopkos Company, in dessen im August 1905 beantragten Warenzeichen der Adler nunmehr allein die deutsche Fahne in seinen Klauen hielt. Es ist unklar, wie lange dieses alkoholfreie Erfrischungsgetränk in der westfälischen Provinz verkauft wurde. Die Ennigloher American-German Hopkos Company erlosch jedenfalls am 10. Januar 1909 (Bielefelder Volks-Zeitung 1909, Nr. 12 v. 16. Januar, 4). Sie war der letzte noch bestehende deutsche Lizenznehmer der einstmals verheißungsvoll gestarteten Hamburger Hopkos-Zentrale. Schlemann arbeitete anschließend wohl als Landwirt resp. im lokalen Hotel seines Bruders und nach dem Krieg unter anderem als Repräsentant einer Weinfirma (Die Glocke 1922, Nr. 17 v. 21. Januar, 5). Die schnelle Mark dürfte er nicht gemacht haben, auch wenn er auf die Disruptionen seines Umfeldes professionell reagiert hatte.

Weltgeschäft: Hopkos in Auslandsmärkten

Weltgeschäft… Dieser Begriff ist bei Franchiseunternehmen wie Hopkos eigentlich immer mitzudenken, selbst im Zeitalter von Nationalismus und Imperialismus. Es galt ein erfolgreiches Modell zu etablieren, dieses dann wieder und wieder zu reproduzieren. Franchiseunternehmen sind Spekulationen auf geringe Unterschiede im Konsumverhalten großer Konsumentengruppen. Die Macher sahen Hopkos als einen innovativen Traditionsbrecher, der länderübergreifend Erfolg haben würde. In der Tat gelang der Verkauf von Hopkos-Lizenzen auch außerhalb des Deutschen Reiches. Hopkos repräsentierte in allerdings gebrochener Weise den für viele Nahrungsmittelbranchen typischen Erfolg deutscher Grundstoffe und Maschinen (Manz und Spiekermann, Making Food Empires, Oxford 2026 (i.E.)). In den meisten anvisierten Ländern scheiterte Hopkos jedoch.

Der Blick über die Grenzen lehrt erst einmal, dass das seit 1900 geschützte Warenzeichen schon vor dem Ankauf der Rechte durch die American German Hopkos Company genutzt wurde. 1901 wurde die Ausfuhr von „Hopkos (Ersatz für Weizen-Malz-Bier)“ nach Russland offiziell genehmigt (Deutscher Reichsanzeiger 1901, Nr. 275 v. 19. November, 6; Deutsches Handels-Archiv 1902, 54). 1902 konnte man es durch den Zürcher Unternehmer Albert Bruhin beziehen. Er gehörte zu den Pionieren der Produktion alkoholfreien Bieres in der Schweiz, verkaufte seine Schweizerische Fabrik zur Herstellung alkoholfreier kohlensäurehaltiger Getränke jedoch bereits im Folgejahr (Der Freisinnige 1903, Nr. 75 v. 1. Juli, 4).

Frühe Präsenz in der Schweiz (Neue Zürcher Zeitung 1902, Nr. 300 v. 29. Oktober, 7)

Im wichtigsten europäischen Markt, in Großbritannien, wurde keine Hopkos-Vertriebs-Gesellschaft gegründet, der Bierersatz lediglich als eine „new alcohol-free popular drink“ (The National Druggist 35, 1905, 275) wahrgenommen. Die Hamburger Hopkos-Company plante dagegen die Expansion nach Frankreich. Schon am 6. April 1903 erhielt sie ein fünfzehnjähriges Patent für Flaschenabfülleinrichtung mit vorgelagerter Mischung von Fruchtsirup und kohlensäurehaltigen Flüssigkeiten (Bulletin des Lois de le République Francaise 69, 1904, 428). Über die Nutzung dieses Patents Nr. 330.953 ist allerdings nichts bekannt (Brevet d’Invention 1903, Nr. 14, s.p.). In dem damals noch in Personalunion mit Norwegen vereinten Schweden, einem Kernland der Temperenzbewegung, bemühte sich die Hopkos-Gesellschaft um Franchisenehmer, lud Interessenten jedoch vergeblich zu persönlichen Verhandlungen nach Stockholm ein (Stockholms Dagblad 1903, Nr. 179 v. 7. Juli, 8). Erfolg hatte die Hamburger Firma jedoch im russischen und österreichisch-ungarischen Reich.

Erfolglose Werbereise zur Etablierung von Hopkos in Schweden – erfolgreiche Investorensuche in Budapest (Dagens Nyheter 1903, Nr. 11938 v. 7. Juli, 4; Pester Lloyd 1903, Nr. 124 v. 26. Mai, 4)

Nachdem die Investorensuche im cisleithanischen Österreich ohne Erfolg geblieben war, entstand im August 1903 in Budapest die Continental-Hopkos-Company, vermeintlich aufgrund der „in den letzten Wochen in massenhafter Weise aus allen europäischen und überseeischen Ländern an uns gelangten Aufträge zur Errichtung von Anlagen zur Hopkoserzeugung“ (Neue Freie Presse 1903, Nr. 13999 v. 18. August, 19). Sie sollte das Geschäft in Ungarn, Österreich und dem Orient organisieren.

Budapest als Standort der geplanten weiteren europäischen Expansion von Hopkos (Pester Lloyd 1903, Nr. 197 v. 16. August, 3)

Am Standort Budapest waren Lizenzen zu vergeben, wurden offiziell Extrakte und Maschinen gefertigt (Die Zeit 1903, Nr. 317 v. 18. August, 13). Die dortige Werbesprache lehnte sich an die deutschen Vorlagen an, propagierte das in Flaschen zu je vierzehn Heller erhältliche Erfrischungsgetränk aber auch als ein stärkendes „Heilgetränk“ für Sanatorien und Krankenhäuser (Pester Lloyd 1903, Nr. 235 v. 30. September, 13). Der Aufbau des Geschäfts erfolgte langsam, erst im Frühjahr 1905 bemühte man sich via Anzeige um kapitalkräftige Lizenznehmer in der Habsburgischen Monarchie (Kärtner Zeitung 1905, Nr. 40 v. 7. April, 7; Kurjer Lwowski 1905, Nr. 98 v. 8. April, 8). Der Konsum in Budapest soll damals 20.000 Flaschen täglich betrugen haben (Grazer Tagblatt 1905, Nr. 95 v. 4. Mai, 14). Nach wie vor aber hatte die mittlerweile in Fabrik alkoholfreier Fruchtextrakte Delpy & Co. m.b.H. umbenannte Hamburger Zentrale die Patentrechte inne (Österreichisches Patentblatt 13, 1905, 303). Die Budapester Dependance versuchte Hopkos in Galizien, insbesondere aber an Adriaküste, in Triest und Dalmatien, zu etablieren (Il Picolo 1905, Nr. 8508 v. 30. April, 3; ebd. 1905, Nr. 8582 v. 13. Juli, 3). Dies dürfte misslungen sein. Wahrscheinlich endete die Budapester Continental-Hopkos-Company 1907/08 (Adressbuch aller Länder der Erde 10, 1908, Bd. 18, 38).

Versuche der Etablierung von Hopkos im österreichischen Triest (Il Picolo 1905, Nr. 8485 v. 7. April, 5)

Schneller erfolgte die Etablierung in Russland, genauer im russisch beherrschten Finnland. Erste Werbeanzeigen findet man im Juni 1903; Mitte Juni 1903 wurde schließlich der Gesellschaftervertrag der „Finska Hopkos Aktiebolag“ in Helsinki genehmigt (Hufvudstadsbladet 1903, Nr. 161 v. 20. Juni, 3). In den Zeitungen klang es fast wie in Hamburg: „Das neue Erfrischungsgetränk ‚Hopkos‘, das in Finnland große Aufmerksamkeit erregt und sich in ganz Europa verbreitet, wird auch in Finnland immer beliebter“. Die Sachaussagen waren oft jedoch Wunschvorstellungen: „Der Preis wird so niedrig angesetzt, dass es hoffentlich auch in unserem Land Bier verdrängen kann, wie es in Deutschland, der Heimat des Bieres, bereits der Fall ist“ (Uusi Aura 1903, Nr. 128 v. 6. Juni, 1).

Werbung für Hopkos in der finnischen Hauptstadt Helsinki und in der Gewerbestadt Turko (Hufvudstadsbladet 1903, Nr. 280 v. 18. Oktober, 5 (l.); Uusi Aura 1903, Nr. 76 v. 7. Juli, 3; ebd., 1 (r., o.))

Hopkos galt anfangs als technische Errungenschaft, neben Anzeigen bekannten Tons traten vor Ort zudem Werbebeilagen und Flugblätter (Uusi Aura 1903, Nr. 205 v. 5. September, 2; Uusi Aura 1903, Nr. 160 v. 15. Juli, 1). Hopkos galt als „Amerikkaalista raittiusjuomaa“, als „Amerikanisches Mäßigkeitsgetränk“ (Wiipuri 1904, Nr. 36 v. 4. Mai, 1), während man Hamburg in der Werbung auch mal nach Sachsen verortete (Turun Lethi 1903, Nr. 66 v. 6. Juni, 2). Wie bei vielen deutschen Lizenznehmern war das amerikanisch-deutsche Getränk meist Teil eines breiteren Angebotes alkoholfreier Getränke (Uusi Aura 1903, Nr. 86 v. 30. Juli, 4; ebd. 1904, Nr. 44 v. 19. April, 1). Auch in Finnland wurde die Alkoholfreiheit des Bierersatzes besonders betont, musste auch hervorgehoben werden, da einzelne Analysen geringe Alkoholanteile ergaben (Wiipuri 1904, Nr. 94 v. 24. April, 2; Uusi Aura 1904, Nr. 157A v. 10. Juli, 2). Die lokale Produktion in Finnland dürfte Ende 1904 eingestellt worden sein.

Scheitern, Fortsetzungen und Ende in Hamburg

Die Lizenzeinkünfte aus mehreren deutschen Filialen und zwei europäischen Staaten waren allerdings nicht ausreichend für einen weiter profitablen Geschäftsbetrieb in Hamburg. Ein Jahr nach der Gründung begann der Ausverkauf. Die Einrichtung der Hopkos-Company, ihr Maschinenpark, auch weitere Produktionsmittel wurden erst Anfang Januar, dann nochmals Anfang öffentlich versteigert. Es galt offenbar, noch bestehende Werte zu monetarisieren.

Versteigerung der Hopkos-Einrichtung Anfang 1904 (Hamburgischer Correspondent 1904, Nr. 9 v. 7. Januar, 7 (l.); Hamburger Fremden-Blatt 1904, Nr. 20 v. 21. Januar, 14)

Das Weltgeschäft war vor Ort überschaubar, versteigert wurde je ein Destillier- und Pasteurisierapparat, eine Flaschenspülmaschine, ein kleiner Elektromotor, mehrere Kessel, nur 9000 Flaschen und 200 Flaschenkästen, zudem 100 Korbflaschen und schließlich drei große Fässer mit Hopkos-Extrakt. Alles musste raus, schließlich auch der eiserne Geldschrank. Parallel verkaufte man weiter Restbestände des früheren Getränks der Zukunft.

Der Verkauf geht trotz Verkauf des Interieurs und Geräteparks weiter (Hamburger Fremden-Blatt 1904, Nr. 23 v. 28. Januar, 8; ebd. Nr. 25 v. 30. Januar, 8)

Mit Gesellschaftervertrag vom 1. Februar 1904 wurde die American German Hopkos Company in eine Nachfolgegesellschaft, die Internationale Hopkos Gesellschaft Delpy & Co. mbH überführt, die ein durchaus stattliches Stammkapital von 70.000 Mark aufwies (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 35 v. 10. Februar, 11). Die früheren Macher waren großenteils nicht mehr mit an Bord, Hauptgesellschafter wurde der Kaufmann und Zivilingenieur Maria Hubert Felix Marbaise, der für die für 20.000 Mark bar von der Hopkos-Company erworbenen Firmenrechte – offenkundig Lizenzverträge – einen doppelt so hohen Kapitalanteil angerechnet bekam. Marbaise war nach der Heirat 1898 in die Hamburger Fa. Wilhelm Cordts eingetreten, die unter anderem Repräsentant des Aufzügeherstellers Deutschen Otis-Gesellschaft war, dessen Stammsitz in Yonkers, New York lag, direkt neben der Zuckerraffinerie eines Sohnes des deutsch-amerikanischen Zuckermagnaten Claus Spreckels. Marbaise übernahm diese Gesellschaft später, gründete zudem eine eigene Maschinenfabrik, scheiterte damit jedoch, musste 1910 Konkurs anmelden (Hamburger Fremyden-Blatt 1898, Nr. 270 v. 18. November, 22; Hamburgischer Correspondent 1900, Nr. 422 v. 9. September, 23; ebd. 1905, Nr. 110 v. 1. März, 17; ebd. 1910, Nr. 131 v. 13. März, 36; Hamburger Fremdenblatt 1911, Nr. 34 v. 9. Februar, 14). Neuer Geschäftsführer wurde der Harburger Kaufmann Konstantin Delpy, Kaufmann in Harburg (Neue Hamburgische Börsen-Halle 1904, Nr. 63 v. 7. Februar, 5). Diese Nachfolgegesellschaft wickelte die bisherige Hopkos-Company ab, führte das Lizenzgeschäft weiter, begann zudem mit der Produktion und dem Vertrieb eines neuen alkoholfreien Erfrischungsgetränkes.

Veränderter Firmennamen, unveränderte Anzeige, kontinuierlicher Absatz auch im Facheinzelhandel (Hamburger Fremden-Blatt 1904, Nr. 50 v. 28. Februar, 16 (l.); Bergedorfer Zeitung 1904, Nr. 73 v. 26. März, 5)

Die American German Hopkos Company mbH stellte am 13. Februar 194 ihre Zahlungen ein (Hamburgischer Correspondent 1904, Nr. 74 v. 13. Februar, 13). Die Umsetzung des Konkurses verzögerte sich mehrfach, der finale Prüfungstermin erfolgte schließlich Anfang August 1904. Die noch vorhandenen Mittel von 21.150 Mark wurden an die Gläubiger verteilt, insgesamt gab es Forderungen von 115.426,44 Mark (Hamburger Fremden-Blatt 1904, Nr. 163 v. 14. Juli, 22). Der Konkurs konnte daher Ende August aufgehoben werden (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 205 v. 31. August, 11). Die American-German Hopkos Company mbH wurde schließlich am 25. September 1905 gelöscht (Ebd. 1905, Nr. 230 v. 29. September, 12).

Derweil waren ihre früheren Warenzeichen Anfang April 1904 auf die neue Internationale Hopkos-Gesellschaft übertragen worden, so dass es zumindest rechtlich keine Friktionen im parallel allerdings bröselnden Lizenzgeschäft gab (Ebd. 1904, Nr. 83 v. 8. April, 29). Doch die neue Gesellschaft präsentierte seit Ende April 1904 auch ein weiteres „nach patentiertem Verfahren aus Früchten zubereitet[es], hervorragendes Erfrischungsgetränk“ (Hamburger Fremden-Blatt 1904, Nr. 102 v. 1. Mai, 44). Das Warenzeichen für Calvina war bereits am 18. Juli 1903 beantragt worden, befand sich seit Ende September im Besitz der Hopkos-Company (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 244 v. 16. Oktober, 15). Es handelte sich um gewerblich Nutzung eines der beiden 1900 an Carl Enoch erteilten Patente (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 285 v. 2. Dezember, 13; ebd. 1905, Nr. 77 v. 30. März, 18; DE130103 – Google Patents).

Erweiterung der Produktionspalette: Erfrischungsgetränk Calvina (Hamburger Nachrichten 1904, Nr. 284 v. 23. April, 4)

Das neue Getränk wurde aktiv, doch deutlich verhaltener angepriesen als Hopkos. Es hatte 0,37 Prozent Alkohol, war also durchaus „alkoholfrei“ (Neueste Erfindungen und Erfahrungen 33, 1906, 465). Doch neben Calvina wurde weiterhin auch Hopkos angeboten, beide mit Aplomb: „Von den alkoholfreien Getränken, welche jetzt eine große Rolle spielen, gehören die Fabrikate der ‚Internationalen Hopkos-Gesellschaft‘ zu den beliebtesten. Die unter den Namen ‚Hopkos‘ und ‚Calvina‘ hergestellten Getränke zeichnen sich durch leichte Bekömmlichkeit und angenehmen Geschmack aus, sodaß namentlich für den Sommer das Getränk sehr zu empfehlen ist“ (Hamburger Fremden-Blatt 1904, Nr. 102 v. 1. Mai, 30). Nur vereinzelt brachen die früheren Hopkos-Elogen sich Bahn, wurde vom Durst und der Durstnot geschrieben, bei der die „Hopkos-Gesellschaft“ helfen könne: „Wir trinken Hopkos abwechselnd hell und dunkel und zur besonderen Erbauung unserer Schluckwerkzeuge Calvina. Der ‚viele Durst‘ ist gestillt und keiner kann uns was anhaben!“ (Hopkos, Neue Hamburger Zeitung 1904, Nr. 207 v. 5. Mai, 3)

Daueranzeige für Hopkos und Calvina (Hamburger Fremden-Blatt 1904, Nr. 119 v. 22. Mai, 27)

Beide Produkte wurden im Mai/Juni 1904 mit nur einem Werbeklischee kontinuierlich angezeigt, Enochs geistige Vaterschaft darin nicht näher erwähnt, wohl aber seine kontinuierliche chemische Kontrolltätigkeit. Die Getränke verschwanden anschließend langsam, erschienen noch in Annoncen einzelner Händler (Bergedorfer Zeitung 1905, Nr. 222 v. 21. September, 4). Derweil hatte sich die Internationale Hopkos-Gesellschaft umbenannt, die Warenzeichen wurden Ende August 1905 an die Fabrik alkoholfreier Frucht-Extracte Delpy & Co. mbH übertragen (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 54 v. 3. März, 23). Sie währte nicht lang, wurde am 19. Januar 1907 schließlich aufgelöst und von Konstantin Delpy liquidiert (Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 22 v. 25. Januar, 14).

Das Warenzeichen Hopkos überdauerte sie – zumindest formal. Es erlosch im Dezember 1910 nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist (Deutscher Reichsanzeiger 1910, Nr. 289 v. 9. Dezember, 36). Der Bedeutungsgewinn alkoholfreier karbonisierter Getränke, insbesondere von süßen Limonaden, wurde dadurch nicht gebremst, die schnelle Mark lockte weiterhin Investoren. Herbere Getränke, insbesondere die „alkoholfreien Biere“ hatten damals allerdings „noch keinen besonderen Anklang gefunden […] und es muß daher abgewartet werden, ob die Anstrengungen der Fabrikanten zur Verbesserung ihrer Erzeugnisse zum Ziele führen“ – so das Zwischenresümee der Temperenzler, die unter „alkoholfreien Bieren“ nach wie vor auch „braun gefärbte und aromatisierte Zuckerlösungen“ wie Methon und Hopkos verstanden (Mäßigkeits-Blätter 24, 1907, 202).

Uwe Spiekermann, 25. Oktober 2025

Luftschutz durch alle: Die sächsische Miesrian-Kampagne 1938

Ein weiteres Kapitel Propaganda. Ein weiteres Mal NS-Propaganda. Eine weitere Analyse eines Kernelements modernen Lebens, entsprechend weit vorher einsetzend, bis heute öffentliches, ja wieder alltägliches Thema. Es wird um Luftschutz gehen, den hierzulande, nicht den in der Ukraine, in Russland, in den laufenden und den kommenden Kriegen. Den Luftschutz, der während des Ersten Weltkrieges als Thema aufkam, Ende der Weimarer Republik vielfach gefordert und gefördert wurde. Der im nationalsozialistischen Reichsluftschutzbund dann zur öffentlichen, zur völkischen Aufgabe mutierte, verpflichtend grundsätzlich für jedermann, jedefrau. Und natürlich um die damit geschaffenen Außenseiter, die Miesmacher und Kritikaster, die Miesriane, alle die, die nicht mitziehen wollten. Und die deshalb die Luftschutzgemeinschaft, die Volksgemeinschaft störten, unterminierten. Die zwingend belehrt und bekämpft werden mussten. Argumentativ, denunzierend, ausgrenzend.

Wir werden chronologisch-zwiebelhaft in mehreren Schritten vorgehen: Den neuartigen Luftschutz, dessen Ausgestaltung bis zur Machtzulassung der konservativ-nationalsozialistischen Regierung, ihn gilt es eingangs vorzustellen, insbesondere dessen gesellschaftliche Folgewirkungen. Da alle mitziehen mussten, um die Abwehr leistungsfähig auszugestalten, musste man Abweichler integrieren. Das aber war schwierig, gab es doch Kritik und Verweigerung. Staatliche Propaganda zielte auf innere Kohäsion, grenzte Störenfriede aus, vom Ersten Weltkrieg bis hin zum Reichsluftschutzbund. Dessen Geschichte ist anschließend genauer darzustellen, sein Janusgesicht zwischen der Verteidigung des Elementaren und der für einen Angriffskrieg erforderlichen Wehrhaftigkeit. Übungen zunehmend größerer Teile der Bevölkerung waren dafür unabdingbar, denn der Feind, der äußere, würde keinen Fehler verzeihen. Um die damit einhergehende Dynamik, um die für das Gelingen unabdingbare Gefolgschaft näher einzufangen, werden wir dann eine bisher unbekannte Propagandakampagne aus Sachsen genauer analysieren. Kurz nach der Okkupation Österreichs, vor der Besetzung des Sudetenlandes, schließlich der Tschechoslowakei, schien das nötig, denn Widerstand konnte nicht ausgeschlossen werden. Diese Miesrian-Kampagne präsentierte eine der vielen (imaginären) Negativfiguren, von denen die NS-Propaganda, doch nicht nur sie, übel reich ist. Der Miesrian zog nicht mit. Die Kampagne benannte ihn, materialisierte die bösen Gedanken vieler, den Unwillen sich einzugliedern. Es geht also um den modernen Menschen, einen, der wählen kann – und dessen Wahlmöglichkeiten vom modernen Staat strikt begrenzt wurden.

Luftschutz als neue Aufgabe der Zivilverteidigung der Zwischenkriegszeit

Der erste Weltkrieg war zwar ein Krieg auch zwischen Luftstreitkräften, doch kein Bombenkrieg. Die fast 200.000 produzierten Militärflugzeuge wurden meist frontnah als Jagd- und Aufklärungsmaschinen eingesetzt. Der Krieg gegen das Hinterland war auch aus technischen Gründen limitiert, einzig die deutschen Zeppeline begannen seit Ende 1915 mit ihren insgesamt 124 Angriffen auf Großbritannien, seit 1917 folgten zudem Bomber. Der Aufwand für die Luftabwehr und die Verluste an (eigenem) Kriegsmaterial waren immens, doch auf der Insel wurden „nur“ 1414 Personen getötet und die Zerstörungen von Hafen- und Industrieanlagen blieben relativ gering. Französische, britische und US-amerikanische Bomberbesatzungen töteten im Westen des Deutschen Reichs parallel 729 Menschen (Dietmar Süß, Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England, Bonn 2011, 29). Auch dies hatte keine strategische Bedeutung, Transport- und Produktionskapazitäten blieben intakt. Wichtiger fast waren die propagandistischen Wirkungen, denn Erfolge und Verluste wurden auf allen Seiten genutzt, um den Feind zu benennen, Hass zu schüren, zum Durchhalten zu motivieren. Der Bombenkrieg kroch in die Köpfe, die Imagination der Vernichtung aus der Luft nahm zunehmend Gestalt an.

Bombenkrieg gegen Großbritannien; Beerdigung getöteter Kinder in Karlsruhe (Lustige Blätter 30, 1915, Nr. 6, 16 (l.); Die Wochenschau 8, 1916, 1001)

Der Versailler Friedensvertrag von 1919 hielt nicht nur die Reichswehr bewusst klein, sondern untersagte auch den Aufbau von Luftstreitkräften, ebenso weiteren aktiven Luftschutz durch Erdabwehrkräfte, Flugabwehrkanonen und Flakscheinwerfer. Für die Militärs, aber auch breite Teile der deutschen Öffentlichkeit, war dies demütigend, empfand man sich angesichts der weiter bestehenden und vielfach ausgebauten Luftflotten der Alliierten doch schutzlos. Während der zivile Flugzeug- und Luftschiffbau breite öffentliche Resonanz fand, Transport- und Passagierflugzeuge von Fokker und Junkers für eine neue Mobilität und globale Zukunftsmärkte standen, war man offiziell von der militärischen Entwicklung abgeschnitten. Die geheime Kooperation insbesondere mit der Sowjetunion erlaubte den Anschluss an die technische Entwicklung, doch schien man abgehängt, stand nicht an der Spitze. Die Amerikafahrt von LZ 127 „Graf Zeppelin“ unterstrich 1928 zwar die Weltgeltung der deutschen Ingenieurskunst. Doch trotz der im Januar 1926 erfolgten Gründung der Luft Hansa blieb der Makel der halbierten Luftmacht prägend (Botho von Römer, Die Deutsche Luft Hansa, Illustrierte Technik für Jedermann 5, 1927, 373-377). Während nicht nur Techniker schon über Raketentechnik und Raumfahrt sinnierten, die Populärkultur derartige Träume neu zu erschließender Räume aufgriff und multiplizierte, war die weitere Entwicklung von der Gnade der Garantiemächte des Versailler Vertrages abhängig.

Das Pariser Luftfahrtabkommen vom Mai 1926 lockerte einige der 1919 festgeschriebenen Beschränkungen, ermöglichte den Ausbau der zivilen Luftfahrt und eines zivilen Luftschutzes. Militärs und Politiker bestimmten die öffentliche Debatte, die sich einerseits auf die imaginierte Bedrohungslage konzentrierte, anderseits auf die daraus zu ziehenden institutionellen und organisatorischen Konsequenzen (Bernd Lemke, Luftschutz in Großbritannien und Deutschland 1923-1939, Phil. Diss. Freiburg i.Br. 2001 (Ms.), 125-207 (mit zahlreichen Quellen)). Luftschutz war eine Querschnittsaufgabe, die an sich funktional ausdifferenzierte Subsysteme der modernen Gesellschaft in einen neuen Zusammenhang bringen wollte. Luftschutz war eben nicht an Experten zu delegieren, sondern erforderte den Einsatz aller. Derartige Mobilisierung erforderte Propaganda, um ein begründetes Arsenal von „strengen, präzisen und erwiesenen Regeln“ festzuschreiben (Jacques Ellul, Propaganda. Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird, Frankfurt a.M. 2021 (ebook), 21). Diese Propaganda richtete sich an alle, an die Masse – zugleich aber an jeden Einzelnen. Es ging, in den bereits vorgepreschten Staaten der früheren Entente, doch auch in den nun nachholenden Ex-Mittelmächten, um die freiwillige Konditionierung von Menschen in einem Bedrohungs- und Handlungskollektiv – wie etwa zeitgleich im vom Automobil umgestalteten Straßenverkehr. Jeder hatte dabei eine Funktion, seine quasi unverzichtbare Aufgabe. Doch Erfolg konnte er nur in der Gruppe haben, entsprechend umfassend war der Zwang zum Mitziehen, zur Zustimmung. Die Propaganda zielte entsprechend darauf, dem Individuum keine Möglichkeit zu geben, sich vermeintlichen Sachlogiken zu entziehen (Ellul, 2021, 25).

Aggressives Ausland, schutzloses Deutsches Reich: Militärflugzeuge in Europa 1928 (Militär-Wochenblatt 113, 1929, Sp. 1153-1154)

Für unser Fallbeispiel im Sachsen des Jahres 1938 sind die weitreichenden Folgen der während der Weimarer Republik entwickelten Grundkonzeption entscheidend, nicht die Unterschiede zwischen den nach dem Pariser Luftfahrtabkommen gegründeten privaten Interessenverbänden, vorrangig dem Verein Deutscher Luftschutz (1927) und der Deutschen Luftschutzliga (1931). Das Reichskabinett hatte sich 1927 für passive Schutzmaßnahmen ausgesprochen, rechtfertigte dies mit der „Fürsorge gegen öffentliche Notstände“ der Polizeibehörden. Es herrschte ein Kult der Sachlichkeit, der Überparteilichkeit. Pointiert hieß es: „Die Durchführung solcher Maßnahmen ist weder eine militärische noch eine politische Angelegenheit“ (Vorbereitung des zivilen Luftschutzes, Düsseldorfer Stadt-Anzeiger 1932, Nr. 62 v. 2. März, 1).

Im Vordergrund der Propaganda stand in immer neuen Variationen die vermeintliche Schutzlosigkeit des Deutschen Reiches. Wie schon vor 1914 hieß es „Feinde ringsum!“, der Ruhrkampf 1923 hatte die aggressiven Ziele insbesondere Frankreichs scheinbar unter Beweis gestellt. Dem Kult der Sachlichkeit entsprach eine vor allem von Militärs getragene Aufklärung über die Gefahrenlage, über die mögliche Prävention. Die strukturelle Analogie zum Ernährungs- und Gesundheitssektor ist offenkundig. Es hieß, nicht der vielbeschworene Gaskrieg sei die eigentliche Gefahr, sondern die Verwüstung der ökonomischen Basis, der Infrastruktur und des persönlichen Besitzes. Das sei Folge des „Abrüstungsverrats“ der Ententemächte, des Völkerbundes ([Constantin] v. Altrock, Luftkrieg und Luftschutz, Militär-Wochenblatt 113, 1929, Sp. 1155-1156, hier 1156). Passend zur „Verständigungspolitik“ unter Außenminister Gustav Stresemann (1878-1929) wurde der Luftschutz als defensiv präsentiert, entsprach der Versöhnungsrhetorik der Vernunftrepublikaner. Die konservativ-nationalsozialistische Regierung konnte ab 1933 mit Forderungen nach „Gleichberechtigung“ daran unmittelbar anknüpfen.

Angst vor den Wirkungen: Frankreichs Prototypen des geplanten Bombers „Dyle et Bacalan“ als Drohkulisse (Illustrierter Beobachter 9, 1934, 737)

Polizei-Hauptmann Rudolf Pannier (1897-1978), späterer Standartenführer der Waffen-SS, betonte entsprechend Anfang 1933: „Wir haben die Pflicht, die deutsche Bevölkerung vor einer ihr möglicherweise drohenden Gefahr, die den Charakter einer ungeheuren Katastrophe haben wird, durch vorbeugende Maßnahmen zu schützen und durch ihr Vorhandensein den Anreiz zu Luftangriffen auf deutsches Gebiet abzuschwächen“ (Deutschland in Luftnot, Hamburgischer Correspondent 1933, Nr. 59 v. 4. Februar, 5). Der private Luftschutz unter amtlicher Leitung popularisierte bereits während der Präsidialdiktatur entsprechend umfangreiche Eingriffsverpflichtungen (Für Schaffung des zivilen Luftschutzes, Wilhelmsburger Zeitung 1932, Nr. 12 v. 15. Januar, 5). Der Luftschutz des NS-Regimes intensivierte anfangs ohnehin laufende Maßnahmen (Bernd Lemke, Luftschutz in Großbritannien und Deutschland 1923 bis 1939, München 2005, 98-101). Das neu gegründete Luftfahrtministerium übernahm, eine neue Spitzenorganisation bündelte die bestehenden Luftschutzvereine im April 1933. Die Abwehrmittel schienen begrenzt, doch durch präzise Verhaltensroutinen, durch einen Gleichklang der Abwehr könne man den Gefährdungen trotzen. „Luftangriffe sind eine Nervenprobe!“, der aufgeklärte Einzelne würde daran nicht zerbrechen. Das Ziel war eine Umformung der Nation, des Volkes, passend zu den die Weimarer Republik prägenden Utopien des Neuen Lebens, des Neuen Wohnens: „Die Vielgestaltigkeit der im Luftschutz zu leistenden Kleinarbeit erfordert ein hohes Maß von uneigennützigem Leistungseifer bei allen Führern und Helfern“ ([Alfred] Richter, Nationaler Staat und Luftschutz, Hamburger Tageblatt 1933, Nr. 251 v. 14. Oktober, 9).

Luftschutzübung bei der Oranienburger Auergesellschaft im Juni 1931 (Richard Roskotten, Ziviler Luftschutz, Düsseldorf 1932, vor 17)

Kritik und Rückfragen

Während der Weimarer Republik und der Zeit der Präsidialdiktatur war der Luftschutz jedoch (noch) keine Massenbewegung. Pazifisten, Mitglieder von DDP und Zentrum, insbesondere aber Sozialdemokraten kritisierten ihn zudem als Teil einer umfassenden Militarisierung der Gesellschaft: Die wachsende Zahl öffentlicher Luftschutzübungen rief stetig Kritik hervor: „Es wurde Krieg gespielt. In Kiel stand die ganze Stadt unter dem Eindruck der Uebung. Schulkinder erhielten Mullbinden um den Mund und wurden so ins Freie geführt, Hunderte von Angestellten eines Warenhauses mußten die Flucht in bombensichere Keller üben, die Sirenen heulten, und am Abend wurde die Stadt völlig verdunkelt – alles wie im Kriege. […] Man bereitet sich würdig vor auf den nächsten Ausbruch des Wahnsinns. […] Es geht von solchem Kriegsspiel, das nach dem Vorbild anderer Länder nun auch in Deutschland geübt wird, eine psychologische Wirkung aus, die dem Willen zum Frieden und zur Verständigung der Völker schweren Abbruch tut. Dies Kriegsspiel setzt einen Feind voraus, der unter Bruch der Verträge zum Kriege schreitet und den Krieg mit den grausamsten Mitteln des Gaskrieges aus der Luft gegen die Zivilbevölkerung führt“. Deutlich benannten die Kritiker die in Technokratie und militärischer Logik eingebundenen Vorannahmen: „Diese Spiele legen Zeugnis ab von wachsendem Mißtrauen, nicht von wachsender Verständigung! Das ist nicht moralische Abrüstung, sondern unmoralische Aufrüstung, und es wäre die Aufgabe einer wirklichen Abrüstungskonferenz, solche Kriegsspiele international zu verbieten“ (beides nach Luftkrieg. Die Perspektive zum nächsten Krieg, Vorwärts 1932, Nr. 423 v. 8. September, 3).

Derartige Kritik war auch im Ausland weit verbreitet. Versuche der rechtlichen Einhegung der neuen Gefahren begannen schon vor dem Abheben erster Motorflieger: Bereits vier Jahre vor dem Flug der Gebrüder Wright erließ die Haager Friedenskonferenz 1899 ein nach fünf Jahren wieder ausgelaufenes Verbot des Luftbombardements der Zivilbevölkerung. 1907 fügte man der Haager Landkriegsordnung einen neuen Artikel 25 hinzu, der die unterstützende Bombardierung angegriffener Städte zuließ, nicht aber Luftangriffe im Hinterland. Wesentlich umfassender war die Haager Luftkriegskonvention von 1923, die nicht nur die „Terrorbombardierung“ von Nichtkombattanten (Art. 22) untersagte, sondern auch eine „unterschiedslose Bombardierung der Zivilbevölkerung“ (Art. 24) (Heinz Marcus Hanke, Die Haager Luftkriegsregeln von 1923 […], Revue Internationale de la Croix-Rouge 42, 1991, 139-172, hier 144-145). Der Rechtstext wurde allerdings nicht ratifiziert, dies hätte die Luftflotten radikal limitiert, hätte man doch gegnerische Städte und Infrastruktur als solche kaum mehr angreifen können. Dennoch unterstrich die Konvention, dass es Alternativen zur aktiven und passiven Luftrüstung hätte geben können. Die Kritiker des neuen deutschen Luftschutzes nahmen dies auf, hinterfragten die immensen Kosten und den unklaren Nutzen der öffentlichen und privaten Aufwendungen. Und sie hoben stetig hervor, dass Luftschutz nur Teil der „Propaganda für Deutschlands Aufrüstung in der Luft“ sei (Luftschutz? Neue Organisation, neue Zeitschrift, neue Kosten, Vorwärts 1931, Nr. 447 v. 24. September, 2).

Der Luftkrieg wurde in der Zwischenkriegszeit angesichts leistungsfähigerer Flugzeuge und Bomben also nicht nur radikaler als zuvor durchgespielt, erschien nicht nur als eine neue Phase möglicher Destruktion und des Sieges aus der Luft, ohne den Einsatz der Landheere. Man versuchte zugleich, ihn rechtlich einzuhegen und die Gründe für einen umfassenden Luftschutz abzuschwächen. Doch das waren Minderheitenpositionen. Schon lange vor der Machtzulassung der konservativ-nationalsozialistischen Regierung gab es einen gesellschaftlichen Konsens über eine passive Wehrhaftigkeit. Auch Sozialdemokraten unterstützten und förderten. Die im Luftschutzgedanken angelegte Dynamik nahm nun Fahrt auf: Der Blick wurde anfangs auf den Feind von außen gerichtet. Danach ging es um die Festigung im Innern. Und schließlich begann der Kampf gegen den inneren Feind.

Miesmacher vor den NS-Kampagnen

Diesen inneren Feind kannte man – aus dem Ersten Weltkrieg. Er erschien in vielen Formen, bedrohte den Sieg, das Durchhalten. Und die Dolchstoßlegende sah in ihm die Ursache für die unerwartete Niederlage. Die Heimat, nicht das unbesiegte Heer, habe die Nerven verloren, den Sieg verschenkt, den Dolch in den Rücken der Soldaten gestoßen. Abstrus, denn die Oberste Heeresleitung selbst hatte seit dem 28. September 1918 auf sofortige Waffenstillstandsverhandlungen gedrungen, andernfalls würde die Front in absehbarer Zeit zusammenbrechen (Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, 4. durchges. Aufl., München 2014, 877-878). Deutschland und seine Verbündeten waren militärisch besiegt worden, wenngleich die Kämpfe (noch) nicht auf deutschem Boden tobten.

Der innere Feind hatte viele Gesichter, viele Namen. Besonders bekämpft wurden die „Miesmacher“, eine Antigeneralisierung des Rückfragens, der Unterminierung der Zuversicht: „Die Miesmacher sind wieder an der Arbeit. Sie tuscheln, es müsse doch ziemlich schlecht stehen, wir kämen ja gar nicht vorwärts; sie hätten zuverlässige Kunde von ‚furchtbaren Verlusten‘“ (Die Entscheidungsschlacht, Coburger Zeitung 1914, Nr. 262 v. 7. November, 1). Der Miesmacher diente anfangs als Blitzableiter, war Projektionsfläche angesichts des ausbleibenden raschen Sieges der deutschen Armeen. Wurde anfangs noch an die patriotische Pflicht erinnert, „die Stimmung in den Schützengräben zu verbessern“ (Gegen die Miesmacher, Münchner Neueste Nachrichten 1914, Nr. 663 v. 28. Dezember, 2), so setzte schon Ende 1914, trotz millionenfacher Liebesgaben, eine wachsenden Kritik am fehlenden Verständnis der Heimat ein. Der Chemnitzer Sozialdemokrat Hugo Poetzsch (1863-1946) schrieb „von einem heiligen Zorn […] gegen die Miesmacher und Schwarzseher, die mit ihrer Schreiberei im Inland und in der ausländischen Presse […] dazu beitragen, daß der Krieg verlängert, die Leiden unserer Genossen vergrößert werden.“ Für ihn ging es um „den Willen und die Fähigkeiten […] durchzuhalten, mitzuhelfen, [und so, US] den Kämpfern, die sich für uns opfern, die Nervenkraft und die Seelenstärke bis zu einem dauernden Frieden zu erhalten“ (Pulsnitzer Wochenblatt 1915, Nr. 18 v. 9. Februar, 2).

Die Miesmacher als Stimmungstöter (Lustige Blätter 145, Nr. 45, 10)

Schon Anfang 1915, als nach dem Scheitern der Offensive im Westen und dem Beginn des Grabenkrieges intern um die Gründe für die Fortsetzung des Krieges gerungen wurden, wuchs die Parade der inneren Feinde: Flau- und Miesmacher, Pessimisten, Skeptiker, Bierphilister, Besserwisser und Stubenhocker – sie alle glaubten Lügen, verbreiteten Gerüchte an Stammtischen und beim Klatsch (Prospekt, Jugend 20, 1915, 31). Die Vorstellung einer einheitlich zusammenstehenden Nation wurde nicht als kurzfristige Aufwallung und imaginäre Fiktion verstanden, sondern trotzig hochgehalten, völkisch weiter aufgeladen: „Nie lebte in einem kämpfenden Volk ein gleiches Vertrauen! Und dennoch – Es leben unter uns die ‚Miesmacher‘; also genannt nach einem jüdischen Ausdruck von seltsam zutreffendem Wortklang. Wirklich: schon der Wortklang sagt uns, mit welcher Art Leute wir es zu tun haben.“ Dabei blieb es nicht, denn im Kampf, im Krieg sind Differenzierungen unerwünscht. Stattdessen wandte man sich denunzierend gegen die inneren Feinde: Sie „bedeuten eine Gefahr, die bekämpft werden muß. Denn ihre, gelinde ausgedrückt, melancholischen Betrachtungen und Erwägungen wirken wie eine ansteckende Krankheit. Bazillenträger sind sie. Ihr Zustand ist pathologisch, sie sind seelisch nicht recht normal“ (beide Zitate n. Die Miesmacher. Plauderei des Meergeistes, Daheim 51, 1914/15, Nr. 30, 13). Die Miesmacher erschienen als alte selbstbezügliche Männer mit begrenztem Horizont: „Mit euch könnt’s man nicht wagen, / Solch Weltenschlacht zu schlagen, / Hinweg von hier, ihr Drohnen, / Sonst möcht‘ ich’s bös euch lohnen!!‘“ (H[ermann] Stockmann, Roland und die Miesmacher, Fliegende Blätter 142, 1915, 164-165, hier 165). Der deutsche Volkskörper schien gefährdet, es drohte „Ansteckung und Uebertragung. […] Wenn erst in den Adern deiner Söhne dies Gift zu wirken beginnt, dann sieh zu, wer dein Schwert tragen soll“ (Maria Diers, Der Schwarzseher deutscher Nation, Münchner Neueste Nachrichten 1915, Nr. 60 v. 3. Februar, 2).

Der Miesmacher als vielgestaltige Negativfigur während des Ersten Weltkrieges (Fliegende Blätter 145, 1916, 136 (l.); Lüner Zeitung 1917, Nr. 104 v. 31. August, 6)

Entsprechend verschärfte sich der Ton spätestens als Mitte 1915 klar wurde, dass der Krieg deutlicher länger und härter werden würde. Der Kampf gegen den inneren Feind wurde nun auch zu einem aktiven Akt der inneren Hygiene. Nicht Geldstrafen, nicht Freiheitsstrafen seien angemessen, sondern „die beste Kur für diese Nörgler, Hetzer und Miesmacher“ sei das Stahlbad an der Front (Drei Wochen Schützengraben, Münchener Stadtanzeiger 1915, Nr. 37 v. 11. September, 3). All dies weitete die Entfremdung von Front und Heimat, denn „an der Front ist man der vergiftenden Luft aller Wehleiderei, der Besserwissenwoller, der Eigensüchtigen und Miesmacher entrückt, da herrscht Größe, weiter Blick, freies Aufatmen“ (Erich Deetjen, Schützengraben-Betrachtungen, Daheim 52, 1915/16, Nr. 20, 23-24, hier 24).

In diesem Ton ging es auch 1916/17 weiter, „Herr Angstmeier, Fräulein Zitterig und Tante Miesmacher“ wurden immer wieder beschworen, um Menschen Zustimmung abzuverlangen, sich ihr Geld anzueignen (Aber wie ist es mit der Sicherheit der Kriegsanleihen?, Erzgebirgischer General-Anzeiger 1916, Nr. 210 v. 9. September, 7). Der innere Feind kam parallel auf die Bühne, war Teil der staatlichen zensierten Populärkultur. Reichsweit spielten Theater „Kriegs-Einakter“, darunter auch „Die Miesmacher oder der Krieg am Stammtisch“ (Münchner Neueste Nachrichten 1916, Nr. 13, 8). Otto Reutter (1870-1931) sang eben nicht nur melancholisch nachdenkliche Lieder auf seinen im Mai 1917 in Verdun gefallenen Sohn, sondern auch Propagandaschlager, darunter „Das sind die Richtigen, die hab‘ ich gern (Gegen die Miesmacher)“ (Dortmunder Zeitung 1917, Nr. 126 v. 10. März, 7). 1918, kurz vor der Niederlage, gab es schließlich eine neuerliche Konjunktur des Kampfes gegen die Miesmacher, die späteren „Novemberverbrecher“ ließen grüßen. Hohenzollernprinz Heinrich (1862-1929) warnte vor ihrer seelenvergiftenden Kraft, lokale Militärkommandeure verschärften angesichts von Streiks, Hungerkrawallen und Friedenssehnsucht die Strafbestimmungen (Prinz Heinrich gegen die Schwarzseher, Coburger Zeitung 1918, Nr. 183 v. 7. August, 2; Gegen die Miesmacher, ebd., Nr. 201 v. 28. August, 1). Und während Hindenburg und Ludendorff die Niederlage längst eingestanden hatten, zogen Pfarrer gegen die „Miesmacher und Bauchwehpolitiker“ zu Felde: „Wen es gelüste, die ‚Dummheit der Parlamentarisierung‘ in Berlin mitzumachen, brauche nur nach Rußland zu schauen“ (Rosenheimer Anzeiger 1918, Nr. 220 v. 24. September, 2).

Miesemanns untergründige Zersetzungsarbeit (Illustrierte Zeitung 151, 1918, 521)

Überraschend ist, dass der „Miesmacher“ auch nach dem Ende des Kaiserreichs nicht verschwand (dies und vieles andere ignoriert Stefan Scholl, An den Rändern der Zugehörigkeit verorten: Meckerer und Märzgefallene als Grenzfiguren der >Volksgemeinschaft<, in: Heidrun Kämper und Britt-Marie Schuster (Hg.), Im Nationalsozialismus, T. 1, Göttingen 2022, 103-144). Im Gegenteil etablierte er sich just während der Weimarer Republik. Manches davon konnte noch als Wiederspiegelung der schlechten alten Zeiten dienen: Erwin Kern (1898-1922), rechtsextremer Mörder des deutschen Außenministers Walther Rathenau (1867-1922), konterte etwa die Kritik seiner Mittäter an den neben den Maschinenpistolen mitgeführten Handgranaten mit dem Freikorpsspruch: „Ihr seid ja alle Miesmacher“ (Die Rathenaumörder vor Gericht. (Fortsetzung.), Freie Presse für Ingolstadt 1922, Nr. 236 v. 13. Oktober, 1-2, hier 1). Doch der Miesmacher machte weiter Karriere, wurde demokratietauglich, mutierte zum pluralistischen Abgrenzungs- und Denunzierungsbegriff. Was immer geschah, die Miesmacher waren präsent, kritisierten die neue Rentenmark, die Nominierung Hindenburgs zum Reichspräsidentenkandidaten, die Verhandlungen um ein Ende der Rheinlandbesetzung (Coburger Zeitung 1923, Nr. 279 v. 28. November, 1; Rosenheimer Anzeiger 1925, Nr. 90 v. 21. April, 1; AZ am Abend 1926 v. 21. September, 1). Und da die Miesmacher immer die anderen waren, vermerkte man achselzuckend, dass „deren Geschlecht nicht umzubringen ist!“ (AZ am Morgen 1925, Nr. 129 v. 23. April, 3) Wie zuvor im Krieg hatte dies selbstdisziplinierende Folgen, wollte man doch nicht als Miesmacher verschrien werden (Ingolstädter Anzeiger 1925, Nr. 237 v. 17. Oktober, 2). Dennoch wurde er zu einer Art anthropologischen Konstante, denn „Menschen, die einem das Leben verekeln können“ gab es allüberall (Ingolstädter Anzeiger 1929, Nr. 266 v. 11. Februar, 4). Man richtete den Blick daher in andere Richtung, propagierte stattdessen Optimismus, Lebensmut und Tatendrang. Selbstoptimierung sollte den eigenen Miesepeter überwinden – was man auch heutzutage in dutzenden bedruckten Papierhaufen nachlesen kann, die sich explizit gegen Miesmacher wenden.

Doch der Begriff kann und konnte jederzeit wieder autoritär aufgeladen werden. „Miesmacher“ war und ist eben ein antimoderner Begriff der Eindeutigkeit, der kulturellen Hegemonie, des gezähmten Widerworts. In modernen Gesellschaften sind öffentliche Sachverhalte jedoch kontingent, können so, aber auch anders gehandhabt, müssen daher auch kontrovers diskutiert werden. Im politischen und wirtschaftlichen Meinungskampf der Weimarer Demokratie war der Miesmacher ein negatives Flaggenwort der (ersehnten, im Kleinen geduldeten) Diktatur, des Schweigebanns gegenüber Andersdenkenden. Seine gezielte Neuaufladung während der NS-Zeit verdeutlichte zugleich den langen Schattenwurf des Ersten Weltkrieges auf den Nationalsozialismus (vgl. Gerd Krumeich (Hg.), Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg, Essen 2010).

Der Reichsluftschutzbund

Die während der Weimarer Republik und der Präsidialdiktatur etablierten Strukturen und Prinzipien dienten dem nationalsozialistischen Luftschutz ab 1933 als zu überwindendes Vorbild (Lemke, 2021, 126). Die bestehenden Organisationen gingen in dem am 29. April 1933 gegründeten Reichsluftschutzbund auf, verloren damit ihre begrenzte Unabhängigkeit (Paul Eduard Schriebl, Der Luftschutz im Deutschen Reich von 1933-1945, Diplomarbeit Graz 2021 (Ms.), 36-46). Sachlich-rational hieß es: „Der neue Bund wird auf nationaler Grundlage dem deutschen Volk die lebenswichtige Bedeutung des zivilen Luftschutzes vor Augen führen und streben, jeden Deutschen zu tätiger Mitarbeit zu gewinnen. Neben der Aufklärung und Werbung für den Luftschutz hat der Bund die Vorbereitung und Durchführung des Selbstschutzes der Zivilbevölkerung und die personelle Ergänzung des behördlichen Luftschutzes zur Aufgabe“ (Kölnische Zeitung 1933, Nr. 232 v. 29. April, 2). Die neue Dachorganisation unterstand allerdings dem NS-geführten Reichsluftschutzministeriums, dessen Leiter, der frühere Kampfflieger Hermann Göring (1893-1946), weitere Ziele in den Vordergrund rückte: Der Reichsluftschutzbund „soll in den breiten Massen die sittlichen Kräfte wecken, die zu selbstloser Arbeit und zu Opfern begeistern. Er soll in allererster Linie die moralischen Voraussetzungen schaffen, ohne die ein Volk nicht fähig ist, einen modernen Luftkrieg zu ertragen. Denn nur eine festgeschlossene, von unbeugsamem Lebenswillen beseelte Nation wird diesen Gefahren widerstehen können. […] Ein Volk, das sich untätig und willenlos feindlicher Willkür preisgibt, hat seine Existenz verwirkt. Ein Volk aber, das den eisernen Willen zur Selbsterhaltung in sich trägt, wird auch den Gefahren aus der Luft erfolgreich trotzen“ (Kölnische Zeitung 1933, Nr. 232 v. 29. April, 2). Die NSDAP hatte den passiven Luftschutz zuvor zwar immer gefordert, doch für sie hatte „ein aktiver Luftschutz unter Verwendung von Kampfflugzeugen, Bomben und Gasen aller Art“ Vorrang. Passiver Luftschutz sei hilfreich, erfordere aber eine geistige Mobilisierung der „ganzen Bevölkerung, weil der Krieg der Zukunft durch die Luftwaffe an keine schmale Front gebunden ist“ (beides n. Luftkrieg und Luftschutz, Völkischer Beobachter 1932, Nr. 119 v. 28. April, 5). Es ging um mentale Gleichschaltung, um Akzeptanz fremdgesetzter Vorgaben.

Schutz und Wehrhaftigkeit als Ziele (Edgar Winter, Luftschutz tut not, Berlin 1933, 1 (l.); Knipfer und Burkhardt, 1935, 79)

Mit staatlicher Unterstützung wurden die bestehenden Strukturen ausgebaut. Seit 1935, parallel zur Gründung der Luftwaffe, intensivierte man dann die Werbung für den Reichsluftschutzbund, er mutierte kurz danach hinter der Deutschen Arbeitsfront und vor der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt zur zweitgrößten Massenorganisation des NS-Staates (Jörn Brinkhus, Ziviler Luftschutz im „Dritten Reich“ – Wandel seiner Spitzenorganisation, in: Dietmar Süß (Hg.), Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung, München 2007, 27-40). Der Aufbau des aktiven und passiven Luftschutzes erfolgte anfangs in kleinen Schritten. Ein Blick in meine Heimat, dem Hochsauerland, kann dies verdeutlichen. In der Kreisstadt Brilon präsentierte im August 1933 der Luftschutztrupp Ekkekard nach herzlicher Begrüßung durch Bürgermeister Sauvigny im Rathaus die Aufgaben und Ziele des „deutschen Luftschutzes“ (Sauerländische Zeitung 1933, Nr. 183 v. 11. August, 7), es folgte ein Vortrag, praktische Lehrgänge, dann die Ausbildung eines Lehrtrupps. Am 24. September feierte man im katholischen Vereinshaus die neu gegründete Ortsgruppe Brilon-Thülen des Reichsluftschutzbundes. NSDAP-Ortsgruppenführer Linhoff übernahm die Führung, Sauvigny wurde erster Stellvertreter, Feuerwehr, SA, SS und die Repräsentanten des Gymnasiums Petrinum waren im erweiterten Vorstand präsent (Ebd., Nr. 225 v. 29. September, 7). Kurz zuvor etablierte sich auch der Deutsche Luftsportverband in Brilon. Mit der vom Bürgermeister zugesagten Unterstützung wurde ein Flugplatz geplant und wenig später auch errichtet (Ebd., 1933, Nr. 202 v. 2. September). Luftabwehr und Pilotenrekrutierung gingen Hand in Hand. Josef Paul Savigny (1875-1967), rechter Zentrumsmann und aufgrund des Aufnahmestopps erst später NSDAP-Mitglied, war der bis heute stolz erinnerte Großvater des passionierten Fliegers Friedrich Merz (Merz: „Fliegen war schon immer der Traum meiner Jugend“, SZ.de 2022, Ausg. v. 3. August; Patrik Schwarz, Merz’ Großvater SA- und NSDAP-Mitglied, taz 2004, Ausg. v. 22. Januar). Brilon war typisch für kleinteilige Veränderungen im gesamten Deutsche Reich.

Diese banden allerdings beträchtliche (Human-)Ressourcen. Männer hatten vorrangige Aufgaben in Produktion und Wehrmacht, Frauen und die noch nicht waffenfähige Jugend sollten die Lücken schließen: „Deren Erziehung und Schulung im Frieden für ihre Aufgaben im Krieg erweitert den Aufgabenkreis des Staates auch in geistig-ethischer Hinsicht. Jeder Staatsbürger muß von dem selbstlosen Pflichtbewußtsein und Opferwillen zum Wohle des Volksganzen durchdrungen sein, nicht nur der männliche Teil der Bevölkerung […]“ (Winneberger, Der Luftschutz als staatspolitische Aufgabe, Bergedorfer Zeitung 1933, Nr. 246 v. 19. Oktober, 9). Luftschutz war zudem ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Experten, denn Planungsaufgaben wurden zentralisiert, der Städte- und Wohnungsbau erhielt neue Impulse, die urbane Verdichtung von Industrie und Bevölkerung war zu durchbrechen. Nicht länger sollte „das holde Chaos des Friedens“ herrschen, der Einparteienstaat konzentrierte sich auf seine Kernaufgabe: „Im Krieg begründet sich der Staat als Staat, und durch die beständige Bereitschaft zu ihm begründet er sich beständig neu“ (Hans Freyer, Der Staat, 2. Aufl., Leipzig 1926, 140, 143).

Standardslogans in den Tageszeitungen (Westfälischer Kurier 1938, Nr. 4 v. 6. Januar, 4 (o.); Tremonia, Ausg. F 1938, Nr. 42 v. 19. Februar, 12)

Das wurde im Sommer 1935 deutlich, als die „Luftschutzpflicht für alle Deutschen“ eingeführt wurde. Das Luftschutzgesetz vom 26. Juni bedeutete nicht nur eine Verreichlichung, also eine Zentralisierung und eine am Führerprinzip ausgerichtete Reorganisation. Paragraph 2 bestimmte auch, „daß alle Deutschen zur Dienst- und Sachleistung sowie zu sonstigen Handlungen, Duldungen und Unterlassungen verpflichtet sind, die zur Durchführung des Luftschutzes erforderlich sind.“ Damit gewann der NS-Staat Zugriffsrechte auf alle Personen und jedes Grundeigentum, die folgenden Entrümpelungsaktionen der Vorgärten und Dachböden unterstrichen dies praktisch (Die Luftschutzpflicht der Bevölkerung, Hakenkreuzbanner 1935, Nr. 307 v. 9. Juli, 5). Der federführenden Polizei, zunehmend aber auch den Amtsträgern des Reichsluftschutzbundes war Folge zu leisten, Zuwiderhandlungen standen unter Strafe. Schon im Februar 1935 war das Heimtückegesetz ausgeweitet worden, so dass jegliche Sabotage und Verächtlichmachung des Reichsluftschutzbundes und seiner Amtsträger strafrechtlich verfolgt werden konnte. Auch das Jedermann-Festnahmerecht nach § 127 der Strafprozessordnung erlaubte ein Vorgehen gegen Meckerer und Miesmacher. Nichtteilnahme an den immer häufigeren Schulungen konnte geahndet werden, symbolisch verhängte Haftstrafen unterstrichen dies (Luftschutz ist Pflicht!, Hakenkreuzbanner 1935, Nr. 567 v. 9. Dezember, 4). In den Folgejahren erweiterten Verordnungen und Ausführungsbestimmungen sowohl die Eingriffsrechte als auch die Strafmöglichkeiten (Neugliederung der Aufgaben im zivilen Luftschutz, Wilhelmsburger Zeitung 1937, Nr. 77 v. 3. April, 3). All das wurde umrahmt von einer drängenden, mit Hilfe detaillierter Hauslisten durchgeführten Mitgliederwerbung. Hinzu traten jährliche Werbewochen im Frühsommer, die von einer zweitägigen Haus- und Straßensammlung begleitet wurden (Aufruf des Reichsstatthalters, Erzgebirgischer Volksfreund 1936, Nr. 117 v. 20. Mai, 6). Formal war alles freiwillig, doch der Druck zum Mitmachen war wesentlich schneller spürbar als bei der Winterhilfe. All das waren zugleich Steilpässe für Maßnahmen gegen frei definierbare Miesmacher oder Miesriane, stellte Kritik – auch ohne Prügel – zunehmend still.

Werbung für den Reichsluftschutzbund

Der Reichsluftschutzbund warb anfangs weiter mit der Bedrohung aus dem Ausland, mit dem Zwang einer möglichst effizienten Gefahrenminderung: „Wir dienen unserm Vaterland, / zum Schutz für Heim und Haus / vor Fliegerangriff, Bomben, Brand / und giftger Gase Graus…“ (Rückschau auf die Verdunkelungsübung, Erzgebirgischer Volksfreund 1935, Nr. 75 v. 29. März, 5). Entsprechend überrascht nicht, dass die Mitgliedzahlen im Westen und Norden des Reiches rasch anstiegen. In Hamburg war Ende 1934 bereits ein Fünftel der Bevölkerung Mitglied des Reichsluftschutzbundes (Luftschutz ist Selbstschutz!, Hamburger Fremdenblatt 1934, Nr. 318 v. 17. November, 29). In Mittel-, Süd- und Ostdeutschland sowie den Mittel- und Kleinstädten und auf dem Lande lagen die Anteile jedoch deutlich niedriger (Der Luftschutz in unserer engeren Heimat, Bergedorfer Zeitung 1936, Nr. 114 v. 16. Mai, 9).

Der schützende Aar: Mitgliederwerbung des Reichsluftschutzbundes (Hildener Rundschau 1935, Nr. 31 v. 6. Februar, 8 (l.); Stadtanzeiger für Wuppertal und Umgebung 1933, Nr. 189 v. 15. August, 5)

Nach dem Luftschutzgesetz intensivierte man nicht nur die Mitgliederwerbung, sondern forderte sie zunehmend ein: „Alle Volksgenossen haben die Pflicht, die militärischen Verteidigungsmaßnahmen durch ‚Selbstschutz‘ zu unterstützen. Bei einem Angriff ist die Zivilbevölkerung im Grenzlande ebenso großen Gefahren ausgesetzt, wie der Frontkämpfer im Schützengraben.“ Schließlich mache das Schutzkollektiv „jedem etwaigen Angreifer den Versuch eines Angriffes auf das deutsche Volk zu einer aussichtslosen Sache“ (Luftschutz ist Selbstschutz!, Erzgebirgischer Volksfreund 1935, Nr. 260 v. 7. November, 5). Bedrohung, Angst, Pflicht, dann auch Zwang; dies waren die Grundlagen für einen bemerkenswerten Rekrutierungserfolg.

Option für das Mitmarschieren (Illustriertes Tageblatt 1937, Nr. 176 v. 31. Juli, 6)

Im Jahr nach der Gründung hatte der Reichsluftschutzbund offiziell fast 2000 Ortsgruppen und etwas mehr als 2,5 Millionen Mitglieder (Erzgebirgischer Volksfreund 1934, Nr. 100 v. 30. April, 14). Bis Ende 1936 war die Zahl auf etwa sieben Millionen hochgeschnellt, viereinhalb Millionen hatten Schulungsmaßnahmen durchlaufen. Parallel wuchs die Infrastruktur, etwa 2200 Schulen wurden von einer wachsenden Schar ehren- und hauptamtlicher Kräfte bespielt (Erzgebirgischer Volksfreund 1936, Nr. 2 v. 3. Januar, 3). Mitte 1936 tönte es dann fanfarenhaft von zehn Millionen, vier Jahre nach Gründung schließlich von zwölf Millionen Mitgliedern (Erzgebirgischer Volksfreund 1936, Nr. 166 v. 21. Juli, 5). Reichsweit zählte man damals 3400 Luftschutzschulen, 65.000 Dienststellen, 490.000 meist ehrenamtliche Amtsträger sowie viereinhalb Millionen voll ausgebildete Selbstschutzkräfte. Und doch: „Bis zur vollkommenen Luftschutzbereitschaft des deutschen Volkes ist noch ein weiter Weg“ (Vier Jahre Reichsluftschutzbund, Erzgebirgischer Volksfreund 1937, Nr. 128 v. 5. Juni, 5). Die vielfach nicht verlässlichen Zahlen waren Teil einer Propaganda immer neuer Superlative. Bei Kriegsbeginn sprach man von 14 Millionen Mitgliedern. Sie wurden technisch eingewiesen, hatten Verantwortung für ein Haus, auch eine Nachbarschaft, ergänzten idealiter Polizei und Feuerwehr. Die 1938 ca. 27.000 „Luftschutzlehrer und -lehrerinnen“ – der Nationalsozialist genderte – zielten zugleich auch auf die Ausbildung von nationalsozialistischen Kämpfern: „Dem Gedanken, ihn seelisch zu härten und ihn damit in seiner eigenen Ueberzeugung zu wappnen für die Stunde der Gefahr, sei die gesamte Ausrüstung unterstellt. Front und Heimat würden in Zukunft nicht mehr Einzelgruppen sein, sondern eine geschlossene Kampfgemeinschaft mit dem unerschütterlichen Willen, auch das Letzte für den Bestand des Volkes und der Nation einzusetzen“ (beides nach Erfolge des Reichsluftschutzbundes, Erzgebirgischer Volksfreund 1938, Nr. 50 v. 1. März, 1).

Der Reichsluftschutzbund: Fachzeitschrift und Abzeichen (Berliner Morgenpost 1938, Nr. 26 v. 30. Januar, 4 (l.) Jenaer Volksblatt 1933, Nr. 251 v. 26. Oktober, 8)

Da wir eine sächsische Kampagne genauer untersuchen werden, ist der Beitrag dieses „Grenzlandgaus“ von besonderem Interesse (peinlich verkürzt Stephan Dehn, „Die nationalsozialistische Propaganda in Sachsen 1921-1945“, Phil. Diss. Leipzig 2016 (Ms.), 293-294). Insgesamt waren in diesem wichtigen Industrieland etwa 300.000 Häuser zu verteidigen. 1936 gab es 700.000 Mitglieder, etwa vierzehn Prozent der Bevölkerung (Drei Jahre Reichsluftschutzbund in Sachsen, Erzgebirgischer Volksfreund 1936, Nr. 119 v. 23. Mai, 9). Gemeinden und Reichsluftschutzverband kooperierten bei der Erstellung von Hauslisten zur gezielteren Werbung (Statistische Erhebung für den Zivilen Luftschutz, Erzgebirgischer Volksfreund 1936, Nr. 225 v. 25. September, 5). Ende 1936 lagen die Mitgliedszahlen bei 825.000 Personen, Mitte 1938 dann bei mehr als 1,1 Millionen (Fünf Jahre Reichsluftschutzbund, Erzgebirgischer Volksfreund 1938, Nr. 137 v. 21. Juli, 7). Besonderer Wert wurde auf die Humanressource Frau gelegt: Ende 1936 waren 73.000 der 185.000 Luftschutzhauswarte und zwei Drittel der 75.000 Hausfeuerwehrleute weiblich, weitere 135.000 Laienhelferinnen standen parat. Bei den geschulten Amtsträgern betrug der Frauenanteil allerdings lediglich acht Prozent (Luftschutzarbeit in Sachsen, Zschopauer Tageblatt und Anzeiger 1937, Nr. 2 v. 2. Januar, 2). Sie alle sollten Schulter an Schulter mit der NSDAP den „Geist der Heimat halten“ und den NS-Staatsgedanken stützen (Die Parole des Reichsluftschutzbundes, Erzgebirgischer Volksfreund 1938, Nr. 80 v. 5. April, 3).

(Übertriebene) Masse als Werbeargument (Erzgebirgischer Volksfreund 1937, Nr. 125 v. 2. Juni, 6)

Jede(r) ein(e) Kämpfer(in): Propaganda der klaren Aussagen

Gruppendruck und Zwang waren gewiss wichtige Elemente für diesen immensen Zuspruch. Doch zugleich zogen die Argumente der Verantwortlichen, zog die Propaganda: Ein sozialdemokratischer Bericht aus Bayern betonte im Sommer 1935, „dass ein grosser Teil der indifferenten Bevölkerung die deutsche Aufrüstung positiv beurteilt. Man bringt Verständnis dafür auf, dass Deutschland in der Umgebung hochgerüsteter Staaten ebenfalls aufrüstet. Der Pazifismus hat keine Anhänger mehr. Die Anordnungen des Luftschutzes werden mit grosser Disziplin befolgt und die Menschen, ob für oder gegen Hitler, sehen darin eine lebenswichtige Aufgabe“ (Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sopade 2, 1935, Nr. 9, A-7). Man ging davon aus, dass „ein Krieg früher oder später“ kommen würde (Ebd., A-8).

Wenngleich in anderen Regionen auch andere Einschätzungen zu hören waren, so fand die seit der Weimarer Republik betriebene Propaganda doch offenkundig Resonanz. Die anfängliche Gleichgültigkeit breiter Bevölkerungsschichten nahmen die Verantwortlichen sehr wohl wahr, reagierten darauf aber im Sinne der sich entwickelnden Werbewissenschaft: „Jede Propaganda, die Erfolg haben soll, ist […] so zu gestalten, daß sie die persönliche Anteilnahme derjenigen weckt, auf die sie wirken soll“ (Hartmann, Aufklärung im Luftschutz, Hamburger Tageblatt 1933, Nr. 256 v. 19. Oktober, 16, auch nachfolgend). Gefahrensensibilisierung und der Appell an den Beschützerinstinkt gingen Hand in Hand. Dagegen setzte man erstens „Aufklärung durch Wort“, also Vorträge und Rundfunkfeatures, zweitens eine „Aufklärung durch Bild“. Sachliche Werbeplakate sollten weder übertreiben, noch beunruhigen, ebenso die wachsende Palette von Diapositiven in den Kinos, Klischees für Zeitungen und Theaterprogramme sowie Schaubilder und Fotos von der Luftrüstung anderer Nationen, insbesondere Frankreich, Großbritannien und der UdSSR. Drittens schließlich gab es „Aufklärung durch sonstige Mittel“. Dazu zählten Luftschutzausstellungen, Flugveranstaltungen, die im urbanen Raum präsenten Bombenattrappen. Luftschutz wurde Pflichtfach im Schulunterricht.

Zudem konfrontierte man die Bevölkerung immer stärker mit Vorstellungen eines totalen, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung geführten Krieges: „Ein künftiger Krieg wird nicht mehr sein wie einst, ein Kampf von Armee gegen Armee, er wird ein Volkskrieg sein“. Der zivile Luftschutz wurde als Truppe der Heimat geadelt, als „Bestandteil unserer Wehrmacht, […] genau so wichtig, wenn nicht noch wichtiger ist, wie die Aufstellung neuer Truppenkörper“. Alle hätten „die heilige Pflicht, […] eure Heimat im Innern so zu verteidigen und in der Heimat so zu kämpfen, wie der Soldat in der vordersten Linie kämpft und sein Leben für euch und uns alle opfert“ (Zitate aus Werdet Mitglieder des Reichsluftschutzbundes!, Wilhelmsburger Zeitung 1936, Nr. 126 v. 2. Juni, 3). Die Berichterstattung über den seit 1934 laufenden Bombenkrieg Japans in China, den Giftgaskrieg Italiens gegen die abessinische Bevölkerung und den Einsatz der Luftwaffen im spanischen Bürgerkrieg verwies immer wieder auf die hierzulande erforderliche Vorsorge, den aktiven und freiwilligen Einsatz beim Reichsluftschutzbund. Das galt zumal für Frauen. Göring betonte: „‚Deutschland kann – wenn es einmal angefallen wird – keine schwachen und entnervten Frauen brauchen. Sie werden es um so leichter haben, in der Stunde der Gefahr die Nerven zu behalten, je eher und umfangreicher sie über alle Gefahren und über das, was sie dagegen zu tun haben aufgeklärt sind!‘“ (Deutsche Frau, bist Du bereit?, Erzgebirgischer Volksfreund 1937, Nr. 247 v. 22. Oktober, 3). In der Verteidigung des eigenen Heims, der eigenen Familie könne die Frau ihren Mann stehen.

Suggestion von Sicherheit: Die Volksgasmaske (Hamburger Fremdenblatt 1938, Nr. 201 v. 23. Juli, 37 (l.); Hohenstein-Ernstthaler Tageblatt und Anzeiger 1938, Nr. 207 v. 5. September, 6)

Der 1937 beginnende Verkauf der „Volksgasmaske“ manifestierte nicht nur den sorgenden Staat, sondern machte die immer wieder betonte Gefahr auch leiblich spürbar. Objektiv war sie kaum effektiv, ihr Vertrieb musste zudem wiederholt aufgrund von Rohstoff- und Vertriebsproblemen unterbrochen werden (Karen Peter (Bearb.), NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit, Bd. 6/I: 1938, München 1999, 849). Das galt ebenso für den aus Kostengründen vernachlässigten Bunkerbau. Doch die Propaganda, die regelmäßigen Schulungen, Appelle und Übungen im unmittelbaren Umfeld, zielte eben nicht vorrangig auf militärische Effizienz, sondern auf die Schaffung einer Luftschutzgemeinschaft, die auch den Wehrmachtssoldaten ihren Kriegsdienst einfacher machen sollte: Sichere Heimatfront, erfolgreicher Eroberungskrieg. Dieses geistige Band sei im „totalen Krieg von ausschlaggebender Bedeutung“ (Buersche Zeitung 1938, Nr. 58 v. 1. März, 1).

Einübung des Ernstfalls: Verdunkelungsübungen

Die Miesrian-Kampagne 1938 unterstützte all dies, doch sie war zugleich Teil der wohl eindringlichsten Kontroll- und Werbemaßnahme des Reichsluftschutzbundes, den Verdunkelungsübungen. Bombenkrieg wurde antizierend durchgespielt. Erst ging es um einzelne Industrie- oder Hafenanlagen, einzelne Nachbarschaften, dann um urbane Zentren, schließlich um ganze Regionen. Die Verdunkelung wurde lange vor ihrer militärischen Umsetzung während des Zweiten Weltkrieges zu einem in der Presse stetig präsenten Alltagsphänomen. Anfangs war man darüber noch erstaunt, so wenn etwa Gewährsleute berichteten, dass in Bielefeld „die ganze Stadt, mit Ausnahme des Bahnhofs, völlig verdunkelt werden musste. Auch der Verkehr war stillgelegt“ (Deutschland-Berichte 1, 1934, Nr. 10/11, A-7). Dieses Erstaunen legte sich rasch, mochte der „Luftschutzrummel“ auch immer wieder Unbehagen und Versuche des Wegduckens hervorrufen (Deutschlands-Berichte 3, 1936, Ebd., Nr. 4, A-63).

Für die Propagandisten hatten die Verdunkelungsübungen besonderen Wert, „da sie einem großen Personenkreis vor Augen führt – soweit dies übungsmäßig möglich ist –, in welchem Maße Deutschland luftempfindlich ist, wie sehr jeder einzelne und alles, was ihn persönlich angeht, im Falle eines Luftangriffes bedroht und gefährdet wird“ (Hartmann, 1933, 16). Die Effizienz der Luftschutzmaßnahmen konnte augenscheinlich überprüft werden. Wichtiger noch war der rechtsverbindliche Zugriff auf die Bevölkerung und ihre Grundstücke, Häuser und Wohnungen. Unabhängig von einer Mitgliedschaft beim Reichsluftschutzbund hatten die „Volksgenossen“ die für die Verdunkelung erforderlichen Hilfsmittel aus eigener Tasche zu bezahlen und präzisen Verhaltensroutinen zu entsprechen. Der Luftschutz gebar zugleich eine wachsende Zahl von kleinen Führern und Führerinnen, die in Haus und Nachbarschaft bedingte „Polizeifunktion und Befehlsgewalt“ (Deutschland-Berichte 4, 1937, H. 3, A-17) besaßen, die Abweichungen unmittelbar weitermelden konnten. Der „Volksgenosse“ war unter dauerhafter Beobachtung, denn schließlich konnte die Verdunkelung an der Nachlässigkeit Einzelner scheitern.

Geschäftsfeld Luftschutzgemeinschaft (Hakenkreuzbanner 1938, Nr. 432 v. 18. September, 26)

Seit 1936, nach dem einseitig aufgekündigten Ende der Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages, wurden die Übungen weiter intensiviert: „Ganze Landstriche werden verdunkelt, bis in die entlegensten Gehöfte“ (Deutschland-Berichte 3, 1936, Nr. 8, A-3). Parallel intensivierte man den Luftschutz in größeren Betrieben (Deutschland-Berichte 4, 1937, H. 3, A-17-A-18). Oppositionelle Beobachter sprachen von Kriegsvorbereitung, von Maßnahmen, die in den anderen Ländern nicht ihresgleichen hätten (Kriegsvorbereitung, Neuer Vorwärts 1936, Nr. 162 v. 19. Juli, 8). Sie wurden jedoch, wie auch die damit einhergehenden Freiheitseinschränkungen, generell willig akzeptiert. Aus München hieß es, „dass die Teilnehmer, selbst solche die sehr skeptisch die Arbeit des RLB beurteilen, durch die Vorträge von der Wichtigkeit einer wirksamen Abwehr gegen Luftangriffe überzeugt wurden und zum Teil die grossartige Organisation des RLB bewundern“ (Deutschland-Berichte 4, 1937, H. 3, A-16). Auch die verpflichtende Einberufung der gesamten jüngeren Bevölkerung für den Luftschutzdienst lief relativ reibungslos. Diese Rekrutierungserfolge überdeckten jedoch Fragen nach der Effizienz all dieser Maßnahmen, denn Verdunkelungsübungen erfolgten mit längerem Vorlauf. Alarmübungen zeigten dagegen oft gravierende Defizite. Ein sächsischer Großbetrieb war angesichts plötzlich anfliegender Bomber der Luftwaffe nicht verdunkelt: „Alles flüchtete hilferufend. […] Vielfach hörte man Rufe wie: ‚Die Russen kommen!‘ Von Luftschutz war in dieser Panik nichts zu spüren“ (Deutschland-Berichte 4, 1937, Nr. 6/7, A-06).

Für die Verantwortlichen bedeutete dies Schulungsbedarf und eine stete Verfeinerung der Verdunkelungsübungen: In Leipzig begannen sie 1934, fanden dann in meist jährlichem Abstand statt (Noch nicht dunkel genug?, Deutsche Freiheit 1934, Nr. 232 v. 6. Oktober, 7; Deutschland-Berichte 2, 1935, Nr. 10, A-13). Anfangs beschränkte man die Übungen auf kurze Zeitspannen und ließ Straßenverkehr und Reichsbahn großenteils unbehelligt. Die gängigen Zeitungsartikel betonten anspornend: „Alle waren mit Feuereifer und Disziplin dabei“ (Die Reichshauptstadt im Dunkeln, Wochenblatt für Zschopau und Umgegend 1935, Nr. 67 v. 20. März, 5). Das traf nicht wirklich zu: Bei der Dresdner Verdunkelungsübung stellte der Übungsleiter ernüchtert mangelnde Mitarbeit der Bevölkerung mit: „Es sei erstaunlich, […] daß es im Dritten Reiche noch immer Leute gibt, die nicht begreifen, um was es geht“ (Dresdner Bevölkerung macht Kriegsübungen nicht mit, Sozialdemokrat 1935, Nr. 254 v. 1. November, 2). Die Verdunkelungsübungen wurden auch deshalb zeitlich und räumlich deutlich ausgeweitet, weil man dann direkt intervenieren konnte. Berlin wurde im September 1937 gleich sechs Tage hintereinander verdunkelt (Pulsnitzer Anzeiger 1937, Nr. 221 v. 22. September, 2). An die Seite der Luftschutzverbände traten nun auch die zunehmend aufgebauten Luftschutzeinheiten der Wehrmacht. Anfangs brach das den Elan der Massenschulung, da viele davon ausgingen, dass die Destruktionsspezialisten Sicherheit garantieren würden. Dagegen aber wandte sich die Propaganda, belebte schon lange vor Kriegsbeginn die Vorstellung einer neuerlich bestehenden „Heimatfront“. In der Zeitungsdatenbank Zeit.Punkt NRW fand sich dieser Begriff 1933 ganze 64 Mal, 1935 dann 653 und 1938 424 Mal. Mit Beginn des Weltkrieges wurde er dann wieder ubiquitär (1939 2202 Nennungen).

Reichsweit ähnliche Vorgaben für Verdunkelungsübungen, hier im schlesischen Gleiwitz (Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 3, 1936, H, 6, A-11)

Der innere Feind, der Miesmacher

„Miesmacher sind auszurotten, genau so wie die vielen Parteien und Verbände, die sich uns entgegenstellen“ (Hakenkreuzbanner 1933, Nr. 181 v. 22. Juli, 7). So hieß es während der bis zum Sommer 1933 reichenden Machtergreifungsphase, in der es nicht nur darum ging, konkurrierende Parteien zu verbieten, bestehende Institutionen zu besetzen und neue Organisationen zu schaffen. Es ging um das Stillprügeln der Opposition, das Stillstellen von Widerspruch und ein Ende der Meinungsfreiheit. Politische Meinungsäußerungen wurden nun als „Grober Unfug“ geahndet, zunehmend aber auch als Heimtücke, Vorbereitung zum Hochverrat und als Wehrkraftzersetzung. Die NSDAP und ihre Organisationen wurden unter besonderem Schutz gestellt, auch wenn sich die Verfolgung der „Äußerungsdelikte“ anfangs vorrangig gegen Mitglieder der KPD richtete (Gunther Schmitz, Wider die »Miesmacher«, »Nörgler« und »Kritikaster«, zur strafrechtlichen Verfolgung politischer Äußerungen in Hamburg 1933 bis 1939, in: »Für Führer, Volk und Vaterland …« Hamburger Justiz im Nationalsozialismus, hg. v.d. Justizbehörde Hamburg, Hamburg 1992 (ND 2019), 290-331).

Miesmacher hatte es während der Weimarer Republik und der Präsidialdiktatur noch auf allen Seiten des politischen Spektrums gegeben, wechselseitig benannte man so Andersdenkende. Das Begriffsfeld war weit, neben die Miesmacher traten Meckerer, Nörgler, Kritikaster, Besserwisser, Kümmerlinge, Reaktionäre, Spießer, Saboteure, Störer, Stänkerer, etc. Doch 1933 wurde der Bedeutungskorridor wieder inhaltlich verdichtet. Der Miesmacher wurde Teil der staatlichen Sprache, bezeichnete Gegner der NSDAP und ihres vermeintlichen Aufbauwerkes, ebenso alle Zweifler, Widerredner, Witzereißer, alle Seitensteher (Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin und New York 2000, 403-404). Während in der Literatur die irrige Auffassung vorherrscht, dass die Miesmacher und Kritikaster erst durch die von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (1897-1945) im Mai 1934 initiierten Propagandakampagne „gegen Miesmacher, Kritikaster und Nörgler“ zum öffentlichen Negativthema wurden, gehörten derartige Negativbezeichnungen bereits seit Mitte 1933 zum Standardrepertoire. Die NSDAP verkörpere schließlich das Volk in seiner ganzen Breite, während der wöchentlichen Ausspracheabende ständen die ehrenamtlichen NS-Leiter Rede und Antwort, böten eine basisdemokratische Alternative zum Parlamentarismus (H. Dilcher, Die Schulungsabende der NSDAP, Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 100, 1933, 542). Negativversprechen folgten, gegen die „Miesmacher werde unerbittlich vorgegangen werden“ (Die Mobilmachung des Mittelstandes, Pfälzer Bote für Stadt und Land 1933, Nr. 157 v. 12. Juli, 3).

Das diente gewiss auch der Beruhigung der NS-Aktivisten. Doch schon im Juni 1933 hieß es in einem Runderlass des preußischen Ministerpräsidenten und Ministers des Innern Hermann Göring: „Es ist in letzter Zeit verschiedentlich beobachtet worden, daß Beamte, Angestellte und Arbeiter in der Unterhaltung mit anderen Personen Aeußerungen bekunden, die geeignet sind, Unzufriedenheit über die von der nationalen Regierung getroffenen Maßnahmen zu erzeugen und Mißtrauen zu säen. Es handelt sich um Personen, die man mit dem Ausdruck ‚Miesmacher‘ treffend kennzeichnen kann. Ich bitte, jegliche Beamten, Angestellten und Arbeiter darauf hinzuweisen, daß künftig in solchen Methoden eine Fortsetzung der marxistischen Hetze erblickt wird und Miesmacher als verkappte Marxisten angesehen werden, die sich auf diese Weise noch immer im marxistischen Sinne betätigen“ (Bekämpfung des Miesmachertums, Volksgemeinschaft 1933, Nr. 156 v. 28. Juni, 2). Derartige Miesmacher mussten durch ihre Vorgesetzten gemeldet werden, dies zu unterlassen wurde „als betonte Solidaritätserklärung mit solchen Wühlern und Hetzern“ betrachtet. Kritik hatte zu unterbleiben, andernfalls konnte die berufliche Existenz rasch zerstört werden. Zeitgenossen werteten dies teils als Wiederkehr entsprechender Regelungen des Kaiserreichs, des Kulturkampfes, des Sozialistengesetzes, der Maßnahmen gegen Majestätsbeleidigungen und der strikten Zensur während des Ersten Weltkrieges (Miesmacher hinaus!, Die Stunde 1933, Nr. 3089 v. 1. Juli, 5). Auch symbolisch publizierte Verhaftungen deutete man als Wiederkehr des Alten, des Morschen (Miesmacher in Schutzhaft genommen, Eibenstocker Tageblatt 1933, Nr. 154 v. 4. Juli, 3).

Handgreifliches Vorgehen gegen den inneren Feind (Illustrierter Beobachter 9, 1934, 957)

Doch im völkischen Staat handelte es sich nicht mehr länger um Maßnahmen, die man durch begrenztes Wohlverhalten stillstellen konnte. Die Schaffung einer „gesunden“ Volksgemeinschaft schloss Minderheiten systematisch aus. Das galt für Juden, für „Erkranke“, für „Asoziale“, Homosexuelle, für Sinti und Roma, für ernste Bibelforscher, für „Arbeitsscheue“ und „Berufsverbrecher“, für alle, die dem Ideal der zu schaffenden Gemeinschaft nicht entsprachen. Negativbegriffe wie der Miesmacher, die Miesriane, verwiesen auf den schmalen Grat zwischen Gemeinschaft und „Gemeinschaftsfremden“. Die sprachlich ubiquitäre Verwendung während der NS-Zeit machte deutlich, dass grundsätzlich alle nicht nur Einvernehmen zeigen mussten, sondern dass es praktischer Taten bedürfe, um sich als Mitglied der Gemeinschaft, auch der Luftschutzgemeinschaft zu präsentieren. 1934 handelte es sich um berechtigte Kritik vorwiegend konservativer Kräfte, „die heimlich wühlende Reaktion“ (Unser Wille und Weg 4, 1934, 183; vgl. Hans Kröger, Gestern und heute. Die Kampfbroschüre gegen Miesmacher und Kritikaster, Leipzig 1934). Doch das Verdikt konnte grundsätzlich Jeden treffen, die während der Kampagne tausendfach gezeigten Transparente „Miesmacher sind Landesverräter! Nicht meckern, sondern arbeiten!“ (Kurt Pfeil, Wie wir unsere Aktion gegen Miesmacher und Kritikaster organisierten, Unser Wille und Weg 4, 1934, 226-230, hier 228) unterstrichen dies.

Der Maßnahmenstaat ruft sich in Erinnerung (Bremer Zeitung 1934, Nr. 133 v. 15. Mai, 6)

Die Negativfigur des Miesmachers unterstrich zugleich die relativ beliebige Reichweite der Ausgrenzungen, die nicht länger an klar definierte rassistische, biologisch-eugenische, politische oder soziale Kriterien gebunden waren. Sie repräsentierte den Maßnahmenstaat, den vorbeugenden Verbrecherschutz, forderte mehr als passives Einreihen, stand für eingeforderte Bejahung, den Kampf, die Tat. Die Miesmacher sollten einen inneren Läuterungsprozess durchmachen, entsprechend erhielten sie Mahnungen und Zeit zur Einkehr. Das war die Gnade des moralisch handelnden NS-Staats, der seine Machtmittel moderat einsetzte, um die „sittlich-seelischen Energien des gesamten Volkes“ zu mobilisieren und in jedem Einzelnen zu verankern: „Der einheitliche Wille also, geboren aus der Erkenntnis des Notwendigen für Volk und Nation, wird dieses Reich festigen, und daß jeder die Notwendigkeiten erkenne, darum geht es in diesem Kampf“ (Adolf Kriener, Um die Erkenntnis der Notwendigkeiten. (Zu dem Kampf der Bewegung gegen Miesmacher und Kritikaster.), Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 101, 1934, 457-458, hier 458).

Dem Miesmacher, der auch nach der 1934er Kampagne nicht nur nicht verschwand, sondern in immer wieder neuen Formen den Alltag verbal und visuell begleitete, stand entsprechend immer etwas Positives entgegen. In dessen Ablehnung lag bereits die Rechtfertigung für das Einschreiten und die Abwehr der Mehrzahl, der Gemeinschaft. Nationalsozialismus war Lebensfreude, nicht Muckertum, nicht umsonst war der schon im Kaiserreich zum Pflichtkanon der Grundschule zählende Rundgesang „Freut euch des Lebens“ auch Motto der Organisation Kraft durch Freude. Nationalsozialisten agierten öffentlich, Miesmacher und Miesriane dagegen im Dunkel, im Hintergrund, „um im ‚geeigneten‘ Augenblick ihre mißtönenden Stimmen desto lauter ertönen zu lassen“ (Dämpfling, Meck meck meck…!, Die Bewegung 4, 1936, Nr. 46, 9). Die „Meckerer und Miesmacher schließen Türen und Fensterländen vor dem Sturm der Geschichte, kochen ihr Süppchen auf kleiner Flamme, klammern sich an das Glück im Winkel. Unfähig, ihre Herzen und Hirne der mythischen Volksgemeinschaft zu öffnen, bleiben sie Gefangene des eigenen, kleinen Ich“, so das frühere BDM-Mädel Eva Sternheim-Peters (1925-2020) (Habe ich denn allein gejubelt. Eine Jugend im Nationalsozialismus, München 2016 (ebook), s.p.). Im Dunkel aber agierten die Schädlinge, die während des Karnevals 1936 staatsnah hervorgehobenen „Wühlmäuse“ (Karneval in Mariadorf, Aachener Anzeiger 1938, Nr. 28 v. 3. Februar, 4), die öffentlich stetig bekämpften Hamster. Miesmacher wurden von den staatlich geduldeten Narren ohnehin NS-brav bekämpft, so etwa vom Weiß Ferdl (1883-1949) in seiner Kölner Büttenrede 1935 (Kölnische Illustrierte Zeitung 10, 1935, 245).

Der Meckerer – im Gegensatz zum bejahenden Herrn Froh, als Zielobjekt für die Verachtung der Mehrheit (Berliner Morgenpost 1938, Nr. 1 v. 1. Januar, 14; General-Anzeiger für Bonn und Umgegend 1936, Nr. 15637 v. 12. September, 5)

Die Verdunkelungsübung in Dresden, Leipzig und Bautzen 1938

Damit haben wir den historischen Rahmen gesteckt, um uns nun der sächsischen Miesrian-Kampagne vom März 1938 gezielt zu widmen. Sie führt uns in den Alltag dieser Zeit; so alltäglich, dass sie selbst von reflektierenden Zeitgenossen übergangen wurde. Am 20. März 1938 schrieb der in Dresden lebende Romanist Victor Klemperer (1881-1960) in sein Tagebuch: „Die letzten Wochen sind die bisher trostlosesten unseres Lebens“ (Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1941, 6. Aufl., Berlin 1996, 399). Er bezog sich damit auf die Integration Österreichs in das Deutsche Reich, wachsenden Antisemitismus sowie ihn persönlich betreffende Vertragsverletzungen deutscher Geschäftspartner. Die anstehende Verdunkelungsübung erwähnte er nicht; und dass, obwohl er als „Jude“, so die NS-Bezeichnung für den konvertierten Protestanten, noch Bestandteil der deutschen Luftschutzgemeinschaft war. Erst im Oktober 1938 wurde er ausgeschlossen, nur in vorrangig von Juden bewohnten Häusern durfte diese zunehmend ausgegrenzte Minderheit noch Luftschutz leisten (Lemke, 2001, 378).

Wie oben schon angedeutet, hatte es in den vier Luftschutzgauen des Staates Sachsen bereits regelmäßige Verdunkelungsübungen gegeben, die eine ganze Reihe wiederkehrender Mängel feststellten. Die künstliche Dunkelheit besaß ihren eigenen Reiz, Jugendliche und junge Erwachsende scherten sich vielfach nicht um die Vorgabe, das übliche Leben fortzuführen, sondern strömten in Innenstädte und nach Aussichtspunkten, um dem Schauspiel direkt beizuwohnen (Luftschutzübungen, Wochenblatt für Zschopau und Umgegend 1934, Nr. 228 v. 9. September; Rückschau auf die Verdunkelungsübung, Erzgebirgischer Volksfreund 1935, Nr. 75 v. 29. März, 5). Der Beginn der Übung blieb vielfach unklar, die Sirenensignale ebenso. Die Bevölkerung verdunkelte zwar das eigene Wohnzimmer, nicht aber die anderen Räume, so dass bei jedem Hin und Her der Lichtschein sichtbar wurde. Zudem dachten viele von der Straße her, verdunkelten die Fronten, nicht aber die Hinterhöfe. Lichtschleusen wurden anfangs nur selten berücksichtigt, so dass Licht beim Verlassen und Betreten der Häuser sichtbar wurde. Besondere Probleme bereitete der Straßenverkehr, bei dem Fahrräder, Automobile, der öffentliche Nahverkehr und teils auch die Eisenbahn rigide abblenden mussten. Die passive Sicherheit der Passanten ließ zu wünschen übrig, immer wieder rannten Fußgänger ineinander, kollidierten mit Fahrrädern oder gar Autos (Dippoldiswalde im Dunkel, Weißeritz-Zeitung 1937, Nr. 61 v. 13. März, 1). In der Tat bedeutete die Verdunkelung ein Abstreifen zentralen Errungenschaften der modernen Daseinsvorsorge. Die Einführung der Straßenbeleuchtung erfolgte in Leipzig bereits 1701.

Verdunkelte Stadt während einer Luftschutzübung (Unsere Frauen und die Jugend im Luftschutz, Düsseldorf s.a., 32)

Zugleich aber musste die Luftschutzgemeinschaft ihre virtuelle Höhle mit modernen Mitteln sicherstellen. Jedes Haus, teils jede Etage musste ein Alarmsignal, eine Klingel haben, die Alarmsirenen allein reichten nicht aus. Die Dachböden mussten entrümpelt sein, Sandsäcke enthalten, Hacke, Axt und Schaufel waren für jedes Haus verpflichtend. Die Bewohner hatten eine Hausapotheke einzurichten, insbesondere Verbandsmaterial vorrätig zu halten. In jedem Haus gab es Verantwortliche für den Erste-Hilfe-Einsatz. Wassereimer mussten gefüllt und an zuvor festgelegte Plätze gebracht werden. Auch wenn es keine Uniformpflicht gab, so hatte doch der Hauswart imprägnierte Kleidung und für den Ernstfall geeignetes Schuhwerk zu tragen. Volksgasmasken waren nur bei Gasalarm aufzusetzen, doch auch die Bewohner sollten gefahrenadäquat ausgestattet sein, möglichst Stahlhelme parat haben (Deutschland-Berichte 4, 1937, Nr. 12, A-08). All dies konnte von den Luftschutzhauswarten und -amtsträgern kontrolliert werden, Abweichungen wurden kritisiert, eventuell sanktioniert. Die Polizei war mit ihren vielfach aus SA-Leuten bestehenden Hilfskräften mobilisiert und sollte bei Fehlverhalten „strengstens“ eingreifen. Verdunkelungsübungen waren Bewährungsproben der Luftschutzgemeinschaft: „Von allen Kreisen der Bevölkerung wird erwartet, daß sie diese Übung, die ausschließlich im Interesse des Gesamtwohls der Bevölkerung abgehalten wird, das notwendige Verständnis entgegenbringt und sie durch sachgemäßes Verhalten und gute Verdunkelungsdisziplin wirksam unterstützt“ (Schlagartige Luftschutzverdunkelungsübung im Bereiche der Kreishauptmannschaft Dresden-Bautzen, Der Bote von Geising und Müglitztal-Zeitung 1937, Nr. 23 v. 3. Februar, 8).

Luftschutz als Markt: Spezialversandgeschäft (Dresdner Nachrichten 1938, Nr. 124 v. 15. März, 13)

Die Wiederholungen schufen ansatzweise Ablaufsicherheit, doch die zeitliche Ausweitung der Übungen und auch die langsam verminderten Vorwarnzeiten stellten immer wieder neue Herausforderungen. Gefordert wurden „wirkliche Verdunkelungs-Maßnahmen“, so dass das Ausschalten des Lichtes und ein frühes Schlafengehen nicht ausreichte (Merkblatt für die Verdunkelungsübung, Wochenblatt für Zschopau und Umgegend 1935, Nr. 225 v. 26. September, 5). Abblendmaterial musste vorliegen, ebenso Blenden und Kappen für die Verkehrsmittel. Parallel zeigte der Maßnahmenstaat seine Zähne: Jede Verdunkelungsübung wurde offiziell bekanntgemacht, das Luftschutzgesetz und die regionalen Polizeiverordnungen erlaubten nicht nur Geld-, sondern auch Haftstrafen. Die Übungen wurden durch exemplarisches Strafen begleitet, wobei man auch Haus- und Gutsbesitzer vorführte (Wegen ungenügender Verdunkelung verurteilt, Sächsische Volkszeitung 1936, Nr. 231 v. 2. Oktober, 6). Begleitet wurde all dies schon lange vor der Miesrian-Kampagne durch Kampfansagen an die Miesmacher. Göring betonte wiederholt: „Wir wollen jenen den Kampf ansagen, die glauben, daß sie miesmachen und kritisieren könnten in einer Zeit, in der das ganze Volk in unsagbarer Hingabe an die Arbeit für die Zukunft wirkt“ (Für Deutschlands Sicherheit, Zschopauer Tageblatt und Anzeiger 1937, Nr. 278 v. 29. November, 7). Das war allerdings eine Gradwanderung, denn die Übungen zielten ja auf Kritik an den Vorkehrungen, an den „Volksgenossen“. Kritik, so hieß es stets, sei erforderlich, doch sie müsse positiv, konstruktiv sein. Wo die Grenze verlief, darüber entschieden die NS-Granden. Hier lag ein strukturelles Problem des NS-Staates, denn Regime mit abgedämpfter Kritik sind weniger leistungsfähig als offene Gesellschaften, da sie immer nur nach wenigen regimetreuen Richtungen hin optimieren können.

Öffentliche Erinnerung an die anstehende Verdunkelungsübung – und gereimte Begleitpropaganda (Weißeritz-Zeitung 1937, Nr. 56 v. 8. März, 3 (l.); Dresdner Nachrichten 1938, Nr. 133 v. 20. März, 5)

Die „schlagartige“ Verdunkelungsübung im März 1938 wurde am 28. Februar 1938 bekannt gegeben (Bekanntmachung Betr.: Schlagartige Luftschutzverdunkelungsübung im Bereiche der Kreishauptmannschaften Dresden-Bautzen und Leipzig, Pulsnitzer Anzeiger 1938, Nr. 49 v. 28. Februar, 5). Die Standardanforderungen wurden verschriftlicht, die Defizite früherer Übungen explizit angesprochen. Das betraf die Hinterhofbeleuchtung, die Lichtschleusen, die Einstellung vermeidbaren Fußgängerverkehrs. Besonderes Augenmerk legte man auf die Regulierung des Straßenverkehrs. Die Kenntnis der erlaubten „Nichtlampen“ war eine Wissenschaft für sich, gab es doch regelmäßig Verbesserungen seitens der quirlig-interessierten Industrie. Parallel schwang man die Werbetrommel für neue Mitgliedschaften im Reichsluftschutzbund, für den Kauf der Volksgasmaske (Jeder braucht –, Elbtal-Abendpost 1938, Nr. 52 v. 3. März, 1; Jeder erwirbt die Volksgasmaske!, Ebd., Nr. 66 v. 19. März, 1).

Der Ankündigung der Übung folgte dann Mitte März eine stete Erinnerung an den Terminkorridor (Ein Mittel des Selbstschutzes, Pulsnitzer Anzeiger 1938, Nr. 65 v. 18. März, 3; Dass., Der Bote vom Geising und Müglitztal-Zeitung 1938, Nr. 33 v. 19. März, 12). Der Termin selbst blieb erst einmal in der Schwebe, die Mobilisierung erhielt ein Spannungsmoment. Die Presse begleitete diese Zwischenzeit mit präzisen Anforderungen, mit Appellen gegen unsolidarische „Bequemlichkeit“ (Ratgeber für die Verdunkelung, Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1938, Nr. 65 v. 18. März, 9). „Strengste Disziplin“ wurde gefordert, die Luftschutzaktivisten gebührend belobigt: Niemand dürfte sich „widerspenstig, gleichgültig oder unverständig“ zeigen, da er ansonsten „das Leben Tausender von Mitmenschen“ auf Spiel setzte. Licht an falscher Stelle sei „Verrat für ein ganzes Stadtgebiet“ (Zitate n. Warum Verdunkelungsübung?, Dresdner Neuste Nachrichten 1938, Nr. 66 v. 19. März, 6). Zugleich aber lockte man, denn bei reibungslosem Verlauf müsse künftig seltener geübt werden. Und schließlich hatte das Warten ein Ende: Am 21. März 1938 hieß es, dass die Verdunkelungsübung am morgigen Dienstag von 18 bis 23 Uhr in den beiden Kreishauptmannschaften (und Luftschutzgauen) Dresden-Bautzen und Leipzig stattfinden würde.

Amtliche Veröffentlichung des Verdunkelungstermins am 22. März 1938 (Ottendorfer Zeitung 1938, Nr. 34 v. 22. März, 1)

Die Miesrian-Kampagne

Eine der Verkürzungen der historischen Analyse der nationalsozialistischen Propaganda ist der Glaube an den just propagierten zentralistischen Führerstaat. Hitler auf dem Reichsparteitagsgelände, auf dem Bückeberg, vor der Ewigen Wache. Goebbels im Sportpalast, beim Reichspresseball, bei Ansprachen vor den Kulturschaffenden. Die neue Medienwelt von Wochenschau und Rundfunk hat derartige Bilder in unseren Köpfen verankert – und diese propagandistischen Ereignisse wurden gezielt choreographiert und genutzt, um den „schönen Schein der Diktatur“ schauerlich-anschaulich einzubrennen. Dieses Zerrbild des Großen ist jedoch auch irreführend, lenkt ab von der Vielgestaltigkeit der NS-Propaganda. Mit dem digitalen Zugriff auf die lange ignorierte Bild- und Textwelt der Zeitschriften und Zeitungen wird diese jedoch zunehmend greifbar. Die großen Kampagnen fanden nicht nur ihren Widerhall am Frühstücktisch, beim Friseur und beim Feierabend, sondern sie wurden in der Regel erweitert und spezifiziert. Kampagnen wie Kampf dem Verderb oder Groschengrab bestanden eben nicht nur aus den häufig reproduzierten Plakaten, sondern auch und gerade aus kleinteiligen Artikeln, Bildmotiven, Comicserien, Appellen, Rezepten etc. Die NS-Propagandaforschung blickt auf die Spitze des Eisberges, kann dessen Weite aber nicht einschätzen, denn derartige Forschung fehlt. Dabei waren dezentrale, vielfach nur auf einzelne Regionen und Städte begrenzte Maßregeln für den Erfolg der allgemeinen Vorgaben und Appelle von hoher Bedeutung. Derartig kleinteiligere Propaganda war passgenauer, erläuterte die Reden und Vorgaben der NS-Granden. Dadurch wurden sie nachvollziehbarer, praktischer. Die Miesriam-Kampagne ist dafür ein Beispiel – und ihre Analyse kann helfen, die Zerrbilder des Großen zu hinterfragen. Der Alltag der propagandistischen Lockung, Unterhaltung und Lenkung war konturenreicher als es uns die gängigen Bilder in unseren Köpfen nahelegen. Erst mit ihrer Hilfe ist das nicht nur willige, sondern vielfach auch freudige Mitmachen und Tun der meisten Deutschen angemessen zu erklären.

Der Miesrian war eine in der Forschung bisher nicht bekannte regionale Variante des reichsweit bekannten Miesmachers. Solche gab es auch andernorts, etwa Herrn Mieslich, der 1936/37 mehrfach im Ruhrgebiet und im Münsterland auftauchte ((Elli Haese, Jungmädel in der Jugendfilmstunde, Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung 1936, Nr. 286 v. 17. Oktober, 10; Was wir täglich mit Füßen treten, Münsterischer Anzeiger 1937, Nr. 408 v. 7. September, 5). Den Begriff Miesrian konnte ich abseits der hier vorgestellten Kampagne nur noch ein weiteres Mal finden, nämlich bei einem von Reichsinnenminister Heinrich Himmler (1900-1945) im Mai 1938 veröffentlichten Erlaß gegen die eifrig bekämpfte Waldbrandgefahr: „Immer und überall werden wir ihm hart auf den Fersen bleiben, wenn er sich unterstehen sollte wieder einmal einen Bummel in unseren Wald zu machen. Bei der geringsten Gelegenheit werden wir diesen Miesrian beim Schlafittchen nehmen und ihn dorthin bringen, wo er hingehört!“ (Herr Mieslich… mal sonntags früh… Kennen Sie den Waldbanausen?, Der Neue Tag 1938, Nr. 144 v. 27. Mai, 7)

Genauere Forschung dürfte das Feld jedoch weiten. Schließlich bieten die recht unvollständigen Digitalisierungen der NS-Zeitungen und Zeitschriften nur eine Scheinsicherheit des Rechercheergebnisses. Die für die Miesrian-Kampagne eigentlich einschlägige Datenbank Sachsen.digital ergibt bei Volltextrecherche lediglich eine Nennung, beredter Ausdruck sowohl der völlig unzureichenden Digitalisierungsqualität der eingescannten Mikrofiches als auch der eingesetzten OCR-Technologie. Miesrian wurde von deutsch-amerikanischen Sprachwissenschaftlern jedenfalls auch als typisch nationalsozialistische Parole der seit 1933 laufenden Erzeugungsschlacht der deutschen Landwirtschaft präsentiert: „‚Nicht meckern!‘ ‚Kein Miesrian sein!‘ auch wenn Butter und Eier mitunter knapp sind […]“ (Harry W. Pfund, Kleine Sprachwanderung – Neue Wörter in Neuer Zeit, Monatshefte für Deutschen Unterricht 31, 1939, 41-45, hier 44). Als Teil der vielen Neologismen des Luftschutzes nannte man ihn allerdings nicht.

Motive 1 und 2 (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1938, Nr. 58 v. 10. März, 3 (l.); Sächsische Volkszeitung 1938, Nr. 60 v. 11. März, 4)

Nun aber blicken wir ihm endlich ins Gesicht, dem Herrn Miesrian, dessen griesgrämiges Konterfei nichts Einladendes hatte. Er wurde  den Lesern denn auch so präsentiert, wie sie ihn aus den vielen bereits erwähnten Tiraden der Kritik und der Ausgrenzung kannten: „Herr Miesrian, der Pessimist / Ein ‚Prachtstück‘ seiner Gattung ist. / Ein rückständiger, negativer / Mensch, so blicket er nicht tiefer / In die Erfordernisse ein, / Die für’s Volksganze nötig sein. / Wie stellt sich denn Herr Miesrian / Bei ‚ner Verdunklungsübung an? / Du sollst nun hier ab morgen hören / Von einem, der nicht zu belehren.“ Bild und Gedicht standen am Beginn einer zehnteiligen Serie, die am 10. sowie am 11. März 1938 in den führenden Tageszeitungen der Kreishauptmannschaften Leipzig und Dresden-Bautzen erschien. Sie war Begleitpropaganda der große Verdunkelungsübung. Allerdings fehlte sie in vier durchaus ordentlich digitalisierten Tageszeitungen der nicht direkt betroffenen Kreishauptmannschaft Chemnitz, nämlich dem Eibenstockener Tagblatt, dem Erzgebirgischen Volksfreund, dem Frankenberger Tageblatt, dem Hohenstein-Ernstthaler Tageblatt und Anzeiger. Auch in anderen Regionen fand sie keinen Widerhall.

Die Serie erscheint Tag für Tag, so dass Zeitgenossen den Termin der Verdunkelungsübungen im Vorfeld fast hätten erraten können. Aufgrund unterschiedlicher Erscheinungsweisen endete die Geschichte von Herrn Miesrian in drei Fällen erst am 23. März, also nach Ende der Übung. Die als „dunkle“ Geschichte in 10 Bildern überschriebene Serie war moralisch, zeigte die Fährnisse und Abwege eines gemeinschaftsfremden Außenseiters, der beim Verdunkeln außen vor blieb, sich gegen das Volksganze stellte. Die einzelnen Episoden waren analog aufgebaut, folgten den wachsenden Verstrickungen des sich selbst ausgrenzenden Herrn Miesrian. Den Blickfang bildete stets eine Zeichnung: Achtmal war der negative Held zu sehen, dreimal Ordnungskräfte als Verkörperung der Autorität des nationalsozialistischen Staates. Die Bilder waren zumeist durchnummeriert, Ausnahmen gab es lediglich beim ersten und zweiten Motiv. An den Blickfang schloss sich im Land der Dichter und Denker durchweg ein Gedicht an. Die Einführung war zehnzeilig, dann folgten acht Sechszeiler, schließlich am Ende ein Vierzeiler. Ergänzt wurden sie ab dem zweiten Motiv durch ein mit erhobenem Zeigefinger geziertes zweizeiliges Motto, das bei Motiv 10 gar vierzeilig auswaberte. Während die Zeichnungen des von mir nicht identifizierten „Roland“ dem üblichen Standard der Zeit entsprachen, insbesondere Licht und Schatten gut einfingen, galt dies nicht für die Gedichte und Motti, deren sprachliche Qualität weit unter der üblichen Reimpropaganda lag.

Doch es ging nicht um künstlerische Werte, sondern um die ahndungswürdigen Fehler im Umfeld der Verdunklungsübung. Miesrian wurde im zweiten Bild durch den uniformierten Amtsträger an seine Pflicht erinnert, doch er wies die ausgestreckte Hand des Sendboten der Luftschutzgemeinschaft schnöde zurück: „Der Luftschutzhauswart klopfet an / Beim Zeitgenossen Miesrian: / ‚S’wird bald Verdunklungsübung sein / Drauf richten bitte Sie sich ein!‘ / Doch der sagt: ‚Kommt ja nich in Frage / Sowas, auf meine alten Tage!‘ / Motto: Zur bittren Wahrheit ward’s schon vielen: Wer nicht hören will, muß fühlen!“

Motive 3 und 4 (Der Bote von Geising und Müglitztal-Zeitung 1938, Nr. 31 v. 15. März, 11 (l.); Pulsnitzer Anzeiger 1938, Nr. 67 v. 21. März, 10)

Das dritte Motiv bringt uns den Negativhelden etwas näher. Miesrian hieß Emil, war ein mittelständischer Händler, der in seinem kleinen Laden „Bedarfsartikel für Meckerer u. Spießer“ verkaufte. Das war plumpe Häme, spielte aber auf gängige Nachlässigkeiten nicht nur dieses Inhabers an: „Miesrian schließt Laden ab / Und setzt nach Hause sich in Trap. / Dieweil sie heut Verdunklung üben, / Will er nichts sehen mehr nach sieben.– / Ei, was wird wohl der Schutzmann meinen, / Sieht er die Firm’beleuchtung scheinen?? / Motto: Laß leuchten weit Dein Licht hinaus – / Doch zur Verdunklung schalt es aus!“ Wie schon beim zweiten Motiv finden wir unterschiedliche Verantwortlichkeiten, unterschiedliche Adressaten. Der Sechszeiler präsentierte und erläuterte das Fehlverhalten des negativen Individuums, zeigte Miesrian als nachlässigen Zeitgenossen, nicht interessiert an völkischen Notwendigkeiten. Das Motto weitete jedoch den Einzelfall, richtete sich an alle Leser. Sie sollten sich selbst erkennen, ihre innere Fahrlässigkeit überwinden, sich eingliedern in die achtsame Luftschutzgemeinschaft.

Unser Negativheld wurde aber nicht nur bildlich als eine schlaffe schmerbäuchige Person ohne Haltung präsentiert. Emil war zwar noch ein gängiger Vorname, wurde aber immer seltener vergeben, hatte seine besten Zeiten bereits hinter sich. Er spiegelte also die alte, die durch den Nationalsozialismus überwundene Zeit. Und er war zudem sprechend, stand er doch nicht nur für eine heutzutage wieder hervorgehobene Eifrigkeit, sondern im Gefolge von lateinisch aemilius im Umfeld von Eifersucht und Konkurrenz. Emil M. neidete seinem Umfeld ihren Erfolg, erhob sich über andere „Volksgenossen“, bewertete sie und ihre Taten abschätzig. Wichtiger aber war sein Nachname, vor allem die erste Silbe, das kennzeichnende „mies“. Sie war jiddischen Ursprung, bezeichnete etwas Hässliches, Verachtenswertes, etwas Unangenehmes, Widerliches. Hinzu kamen Bedeutungsnuancen von krank und kränklich (Hans Peter Althaus, Chuzpe, Schmus & Tacheles. Jiddische Wortgeschichten, 5. Aufl., München 2024 (ebook), 129-134). Mies reichte zurück ins frühe 19. Jahrhundert, war damals schon in Berlin verbreitet (https://www.dwds.de/wb/mies?o=Mies). Als Abgrenzungs- und Klagebegriff war mies deutlich älter als der Miesmacher, der erst um 1900 als Teil der Soldatensprache aufkam. Festen Tropen gab er Gehalt, beim miesen Hund, beim miesen Schwein, auch bei der miesen (Börsen-)Stimmung. Das Assoziationsfeld war sprechend, ließ Begriffe wie boshaft, bösartig, garstig, gehässig, gemein, niederträchtig, ruchlos, schäbig, schändlich, übel und verrucht hervorscheinen. Ja, Emil Miesrian trug ein schweres Erbe. Und es fehlte ihm offenbar die spätere Leichtigkeit des Wiener Miesmachers, der sich aller Denunzierung zum Trotz im Flüsterwitz stolz und mannhaft zum Gegenhalten bekannte: „Achtung! Achtung! Ich muß mich nicht nennen / Sie werden mich sowieso erkennen. / Ich bin der Mann, der bescheidene Mann, / der den Goebbels zum Rasen bringen kann, / gegen den der Göring am meisten bellt, / gegen den der Hitler in Tobsucht fällt. / Ich bin einer von den Millionen, / die nicht in Wolkenschlössern wohnen, / die nicht jeden Schmäh‘ und jeden Dreh‘ / und jede Meldung des OKW / für Wahrheit halten und nicht wie die Narren / den Hitlerdreck und den Goebbelsschmarren / und die ganze Propaganda fressen / und jedes Versprechen sofort vergessen / und jeden Schwindel mit Wonne schlucken / anstatt ihn kräftig auszuspucken. / Mich macht man nicht blöd, mich haut man nicht hin. / Also, Sie wissen schon wer ich bin; ein Miesmacher“ (Franz Danimann, Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz, Wien, Köln und Graz 1983, 75).

Emil M. hatte im März 1938 ganz andere Sorgen, war er doch augenscheinlich wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten: „Miesrian kommt an zu Hause / Begibt sich gleich in seine Klause / Überlegt, was tun er könnt.— / Am Wagen noch das Standlicht brennt. / Ein Schupomann notiert die Nummer; / Für Miesrian ein neuer Kummer!“ / Motto: Ein Auto mit ‚nem Glorienschein / Darf bei Verdunklung niemals sein!“

Motive 5 und 6 (Dresdner Neueste Nachrichten 1938, Nr. 64 v. 17. März, 20 (l.); Der Freiheitskampf 1938, Nr. 76 v. 18. März, 8)

Während draußen die Polizei Meldung über Miesrians Fahrlässigkeit machte, begann dieser in seinem Heim zu lamentieren: „Herr Miesrian flucht Stein und Bein: / ‚wie schränkt man uns die Freiheit ein! /Man kann nich mal – ich seh’s ja hier – / Heut abend zum gewohnten Bier!! / Die Kneipen finster, weil verschlossen…‘ / So meckert Miesrian verdrossen. / Motto: Um Deine Lippe zu beleuchten / Brauchts Gasthaus nicht nach außen leuchten.“ Verfehlter Freiheitsdrang war den Nationalsozialisten ein steter Dorn im Auge, hatten sie doch ihre eigene Vorstellung von Freiheit, nämlich eine völkisch gebundene, eine der nicht stillzustellenden Idee ehrlichen Kampfes. Und das Lamento war offenkundig unbegründet, vorausgesetzt man wusste, wie man richtig verdunkelte. Niemand hatte schließlich die Kneipen geschlossen, verwehrte den arbeitenden Menschen ihr verdientes Feierabendbier.

Und doch, weiteres Ungemach nahte für den unleidlich hadernden Miesrian. Denn vor lauter innerem Groll hatte er abermals die Verdunkelung vergessen. Das Auge des Gesetzes aber wachte: „In seiner Wohnung macht jetzt Licht / Herr Miesrian.– Das darf er nicht!! / Weil, ohne Fenster abzublenden / Viel Lichtstrahl sie nach außen senden. / Zur Straße fällt der helle Schein – – / Mensch, Miesrian, was fällt Dir ein!?“ Motto: Willst straflos Du bei Lichte sitzen, / Mußt Du verdichten alle Ritzen!“ Miesrian wollte es nicht besser wissen, schmollte einsam vor sich hin. Der fröhlich geduzte Volksgenosse aber hatte noch die Chance auf Übungsbewährung. Er würde seine Fenster, seine gesamte Wohnung vorschriftsmäßig verdichten, für ihn war die Polizei nicht Gegner, sondern der vielbeschworene Freund und Helfer.

Motive 7 und 8 (Dresdner Nachrichten 1938, Nr. 132 v. 19. März, 9 (l.); Weißeritz-Zeitung 1938, Nr. 65 v. 18. März, 3)

Noch waren zwei, drei Tage Vorlauf bis zur Übung, noch konnte man lernen, sich den Kundigen anschließen. Selbst Miesrian bequemte sich gezwungen zum Verdunkeln; um gleich den nächsten Fehltritt zu begehen: „Als Miesrian, nach vielem Drängen / Nun seine Fenster tat verhängen – / Fand er’s zu Hause nicht mehr schön, / Und wollt mal auf die Straße gehen; / Macht Licht im Flur, macht auf die Tür, / Ein Lichtstrom flutet draus herfür! / Motto: Ne Lichtschleuse ist stets vonnöten, / Will ‚finster‘ man ins Freie treten!“ Ja, die Lichtschleuse, eines der schönen neuen Wörter des Luftschutzes. Das war ein kleiner Zwischenraum, durch schwere Vorhänge leicht zu erstellen, in den man aus einem hellen Raum trat und diesen verschloss, bevor man sich in den nächsten Raum oder auch in die Dunkelheit begab.

Miesrian aber dachte nicht mit, würde dem feindlichen Bomberpiloten im Ernstfall durch seinen Lichtschein den Weg zur Zerstörung weisen. Als ignoranter Alter konnte er sich nicht vorstellen, dass selbst ein Kerzenschein in der Finsternis strahlen könne, war für ihn doch alles grau, alles trübselig. Und folgerichtig lenkte er neuerlich der Feinde Anflug: „Voll Neugier läuft er kreuz und quer / In der stockdunklen Stadt umher. / Der Appetit auf-was zu rauchen / Läßt einen Lichtschein auf jetzt tauchen / Mensch, Miesrian, bist du verrückt?? / Hat denn der Teufel dich gezwickt??? / Motto: Im Ernstfall wird’s dem Feinde weisen, / Wo er die Bombe hinzuschmeißen!“ Miesrians Tun war unachtsam, Ausdruck fehlender Selbstzucht und einer selbstbezüglichen Genusssucht. Der Polizist, der mahnende und verwarnende „Volksgenosse“ wurde zwar nicht mit gezeichnet, doch würden auch sie die glimmende Nikotinröhre sehen, würden ihn zur Rechenschaft ziehen.

Motive 9 und 10 (Elbtal-Abendpost 1938, Nr. 68 v. 22. März, 1 (l.); Illustriertes Tageblatt 1938, Nr. 69 v. 23. März, 8)

Am Ende der dunklen Geschichte stand neuerlich Ignoranz und Selbstbezüglichkeit: „Miesrian sieht Autos nahn, / Die beleuchtet fahrn heran. / ‚Die machens auch wie ich, die Leute.‘ Miesrian stellt’s fest mit Freude. / Doch gleich darauf merkt er verdattert, / Daß – Polizei vorüberrattert! / Motto: Mit Parklicht fahrn gestattet sei / Nur Feuerlösch- und Schutzpol’zei!“ Im nationalsozialistischen Volksstaat gab es durchaus Privilegien, doch sie waren Ausdruck höherer Verantwortung. Die Rettungs- und Ordnungskräfte würden im Ernstfall ihre Knochen hinhalten müssen, nicht aber Miesrian. Und daher war ihre fordernde Aufgabe kein Blindflug, denn ohne ein schwaches Licht würde die rettende und ordnende Tat die Gefahr nur vergrößern. Jeder verstand dies, jeder, der sich in eine Hierarchie einordnen konnte. Miesrian aber beharrte darauf, dass ihm die gleichen Rechte hätten zugestanden werden müssen; obwohl sein Handeln zuvor gemeinschaftsgefährdend war.

Emil Miesrian verblieb allein, verdattert ob der um ihn herum laufenden Schutzmaßnahmen. Er verstand nicht, musste entsprechend auf Linie gebracht werden: „Jetzt kommt das dicke Ende nach! / Miesrian besieht bei Tag / Den Haufen zudiktierter Strafen, / Die die ‚Belohnung‘ für den ‚Braven‘!“ Das war ein letzter Wink für den Gemeinschaftsfremden. Er traf ihn empfindlich, in seinem Geldbeutel. Und er würde wissen, dass danach die Haft drohte. Das war der langmütige Selbstschutz der Volksgemeinschaft. Selbst Pimpfe wussten das. Sie, auch andere, würden den Wandel aber auch erzwingen. Denn Miesrian hatte ja gewiss über die letzte Sonnenwendfeier in Altenberg gelesen, in denen drei Strohpuppen ins Feuer geworfen wurden, „den Miesmacher, den Neunmalweisen und den Neider“ (Der Bote vom Geising und Müglitztal-Zeitung 1937, Nr. 72 v. 2. Juni, 3). Wer seine Nachbarn, wer sein Volk fahrlässig dem Brandtod anheim gab, musste damit rechnen, dass ihm andere zuvorkommen würden. Die Leser aber würden aus Miesrians teuren Verfehlungen die richtigen Konsequenzen ziehen: „Motto: Wer ‚contra‘ gibt, hats nie bequem, / und teuer ist es außerdem. – / Drum, Volksgenossen, seid ‚auf Draht‘, / Wenn die Luftschutzübung naht!!“

Miesrian wurde strafrechtlich gezüchtigt; und so würde es allen Miesrianen, allen Miesmachern geschehen. Während die Arbeiter, die Angestellten, die Bauern und Landarbeiter, Jugendliche und Hausfrauen ihre Pflicht erfüllten, gab es immer noch bürgerlicher Überbleibsel aus liberalistischer Zeit, die allen Mahnungen zum Trotz einem verfehlten, sein Volk gefährdenden Individualismus frönten. Die Propaganda gegen die Miesriane, gegen die Miesmacher endete damit nicht. Sie fand in den Folgejahren immer neue Formen, zu nennen sind die wesentlich breiter gefassten Kampagnen über Herr und Frau Spießer 1939/40, über Herrn Bramsig und Frau Knöterich 1941/42 sowie die in Rundfunk und Wochenschau erfolgreiche Liese-Miese-Kampagne von 1943/44. Bis Kriegsende zog die NS-Propaganda gegen die Miesmacher, die Spießer, die Nörgler und Besserwisser zu Felde. Beide deutschen Nachfolgestaaten schlossen daran an, entwickelten und bekämpften ihre neuen strukturell ähnlichen Feindbilder. Und daran hat sich bis heute nur wenig geändert.

Doch leisten wir uns noch etwas mehr Distanz. Victor Klemperer überlebte die Judenverfolgung durch Nationalsozialisten und Mitbürger. Er hatte nicht nur in seinem Tagebuch Zeugnis abgelegt, sondern der Germanistik mit seiner Sprachkritik des Nationalsozialismus neue, nur zögerlich beschritte Wege eröffnet. Er verwies auf die vielen neuen Worte, summierte, „der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewußt übernommen wurden“ (Victor Klemperer, LTI. Notizbuch eines Philologen, Frankfurt a.M. 1982, 21) Der Fachmann für romanische Literatur des 17. bis 19. Jahrhundert unterschätzte dabei allerdings zweierlei: Die NS-Sprache nutzte erstens vielfach Wendungen und Worte aus der Kriegszeit und auch der Weimarer Republik, mochten sie dann auch umgedeutet werden. Winterhilfe und Eintopf sind dafür gute Beispiele – und ganz gewiss der chamäleonhafte Begriff des Miesrians, des Miesmachers. Zweitens wurden diese neuen Worte nicht unbedingt aufgezwungen, sondern vielmehr teils lustvoll aufgegriffen, verwendet und fortentwickelt. Die als Begriffe und Imaginationen weiterlebenden Propaganda-Figuren Groschengrab und Kohlenklau unterstreichen dies ebenso wie die seit einem Jahrzehnt ja wieder modischen „Volks“-Begriffe in der Produktwerbung. Die LTI, die Sprache des Dritten Reiches, war zudem keineswegs immer „die Sprache des Massenfanatismus“ (29). Im Gegenteil waren viele dieser Worte Ausdruck moderner Markttechniken, präzise zugespitzt auf klar definierte Zwecke. Nicht Atavismus kam hierin zum Ausdruck, sondern der Gestaltungswille formal gebildeter Experten. Der Luftschutz bot dafür zahlreiche Beispiele.

Evaluation einer Verdunkelungsübung

Die Miesrian-Kampagne hatte eine dienende Funktion, sollte Verdunkelungsübungen optimieren, Fehler vorab „ausmerzen“. Entsprechend wurde weit stärker als bei früheren Übungen über die lokalen Geschehnisse in der Presse berichtet. Dies waren, gewiss, geschönte Beschreibungen durch willfährige Journalisten. Doch in diesem Fall gab es eine Gegenöffentlichkeit, denn die Bewohner konnten selbst sehen und urteilen. Und so dürften wir in den sieben eigenständigen Berichten über Bischofswerda, Dippoldiswalde, Dresden, Leipzig und Riesa doch einen Lichtschein der Wahrheit erhaschen… (Fünf Stunden Verdunkelung, Der sächsische Erzähler 1938, Nr. 69 v. 23. März, 8; Oertliche Eindrücke von der Verdunkelungsübung, Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1938, Nr. 69 v. 23. März, 3; Ost- und Nordsachsen 5 Stunden verdunkelt, Weißeritz-Zeitung 1938, Nr. 69 v. 23. März, 1; Ganz Nord- und Ostsachsen lag im Dunkeln, Der Freiheitskampf 1938, Nr. 81 v. 23. März, 5; Fünf Stunden Dresden ohne Licht, Dresdner Nachrichten 1938, Nr. 138 v. 23. März, 4; Wohlgelungene Verdunkelungsübung, Sächsische Volkszeitung 1938, Nr. 70 v. 23. März, 2; Heidenauer und Dresden-Pirnaer Tageblatt 1938, Nr. 69 v. 23. März, 1).

Die Negativfigur hatte ihre Aufgabe offiziell erfüllt (Elbtal-Abendpost 1938, Nr. 69 v. 23. März, 1)

Die lokalen Berichte präsentierten die Verdunkelungsübung am 22. März 1938 als ein spannendes Ereignis mit durchaus offenem Resultat. War man vorbereitet? Wird alles klappen? Die Artikel waren fast durchweg chronologisch aufgebaut, setzten am späten Nachmittag ein, beschrieben die anlaufende Verdunkelung, die einbrechende Dämmerung, schließlich die freudig erwartete und öffentlich gefeierte Entdunkelung um 23 Uhr. Atmosphäre wurde geschildert, ein geplantes Geschehen mit offenen Elementen. Anders also als die Appelle, Belobigungen, das Fahnensenken und Fahnenhissen im ritualisierten Ablauf des NS-Terminplans vor Ort.

Grundsätzlich dominierte das Lob an die Teilnehmer, wurden Fortschritte gegenüber früheren Übungen gerne konzediert. Und doch gab es auch mittlere Bewertungen, abhängig auch vom Zackigkeitsgrad der Berichterstatter. Das Lob war summarisch, doch die kleinen Vergehen, die Fahrlässigkeiten vor Ort dominierten die Zeilen. Die Übung begann vor Eintritt der Dunkelheit, bot also eine gewisse Übergangszeit, die von vielen weidlich genutzt wurde, ehe um 19 bis 19.30 Uhr all dies hätte wirklich sichtbar werden können. Nutzten die Volksgenossen diesen Freiraum aus, trotz virtuell angreifender Bomberflotten? Wie strikt wurde kontrolliert, wenn die Verdunkelung erst langsam, nicht schlagartig einsetzte? Trotz klarer Ansagen im Vorfeld, trotz explizierter Präsentation in der Miesrian-Kampagne, gab es weiterhin Licht in den Hinterhöfen, beleuchtete Firmenschilder, weit scheinende Lichtschleusen. Die Journalisten bewegten sich im urbanen Raum, entsprechend eingängig berichteten sie über den abgeblendeten Verkehr, über kleinere Zwischenfälle und durchaus vorkommende Unfälle. Vor Ort gewannen sie auch einen Eindruck von der Art der Verdunkelung. Neben den fachgerechten Auskleidungen der Fenster und Türen gab es doch eine größere, nicht zu quantifizierende Zahl von Bewohnern, die im dunklen Heim verweilten, das Licht ausgeschaltet ließen oder früh ins Bett gegangen waren. Kritik gab es an den vielen, allzu vielen Passanten, den Gaffern und Schaulustigen auf den Straßen.

Bordsteinanstrich als Orientierungshilfe (Kurt Knipfer und Werner Burkhardt, Luftschutz in Bildern, Berlin s.a. [1935], 63)

Die Beschreibungen waren wertend, vielfach moralisch. Lichtverbrecher und Verräter wurden benannt, zugleich aber die pflichtbewusste Arbeit der Helfer und Amtsträger des Luftschutzbundes anerkennend belobigt. Die Journalisten waren nur selten allein unterwegs, sie berichteten „embedded“, nahmen an Kontrolltouren der Verantwortlichen Teil, sahen den offiziellen Kontrolleuren gleichsam über die Schulter. Dadurch sahen sie mehr als die Passanten, die Bewohner in ihren Wohnungen. Sie besetzten die Höhen, schauten auf die Städte hinunter, vom Weißen Hirsch auf Dresden, vom Völkerschlachtdenkmal auf Leipzig, von Wassertürmen und Anhöhen. Das war Pressedienst für die Leser. So präzise manche Einzelbeobachtung auch war, so tönte doch zugleich eine uneigentliche Sprache, verpackte Kritik in freundlichen Worten. Zugleich aber klang durch die Schilderungen die nicht explizite Rückfrage, ob die Übung nicht nur eine Simulation der Abwehrbereitschaft im Ernstfall sei, sondern die Übung selbst eine Simulation der Übung. Die Menschen agierten wie von ihnen gefordert, doch sie nutzten die begrenzten Freiräume, spielten eine Rolle in einer öffentlichen Inszenierung. Eine Bruchlinie bildeten die wenigen Zuwiderhandlungen, die klar benannt und rasch sanktioniert wurden. Hervorgehoben wurden die stets präsenten Ordnungskräfte und Strafandrohungen, die latenten Drohungen waren in die Reportagen eingewoben. Am Ende aber stand Zufriedenheit, Lob, Freude ob des gemeinsam Erreichten, Freude an der zunehmend wirklichen Luftschutzgemeinschaft eines wieder stolzen und wehrhaften Volkes. Zuversichtlich hieß es: „Aus dem 98prozentigen Erfolg, wie er gestern war, wird dann ein hundertprozentiger werden“ (Der sächsische Erzähler 1938, Nr. 69 v. 23. März, 8). Es bedurfte daher kaum der solchen Ereignissen immer nachgereichten offiziellen Bewertungen, die da lauteten – gähn –, daß die Verdunkelungsübung „ein voller Erfolg“ gewesen sei (Dresdner Nachrichten 1938, Nr. 144 v. 26. März, 5).

Defensivparolen für aggressive Wehrhaftigkeit (Die Umschau 43, 1939, 1075)

Auch des Miesrians wurde nochmals gedacht, mochte er auch bereits über alle Berge sein. Er rieb sich bei einzelnen Zwischenfällen „gewiß schmunzelnd die Hände“, manches erinnerte an „eine kleine miesrianische Episode“ („Miesrian“ war über alle Berge…, Elbtal-Abendpost 1938, Nr. 69 v. 23. März, 1). Gleichwohl war dies eine Ausnahme, denn Miesrian gehörte nach diesem Erfolg der Vergangenheit an, war überwunden. Die verachtens- und bemitleidenswerte Propagandafigur hatte sich selbst erledigt, mochten auch weitere Übungen folgen.

Nicht vergessen werden sollte, dass fast zeitgleich in Mittelböhmen eine ähnliche, von einem virtuellen Luftangriff auf Prag eingeleitete Luftschutzübung stattfand. Die Beanstandungen verdoppelten die jenseits der nördlichen Grenze (Bomben und Finsternis, Sozialdemokrat 1938, Nr. 70 v. 24. März, 4). Sozialdemokratische Gewährsleute waren angesichts dieser Übungen vom baldigen Einmarsch in die Tschechoslowakei überzeugt (Deutschland-Berichte 5, 1938, H. 5, A-24g). Der aber erfolgte anders als erwartet. Auf der Münchener Konferenz vom 29. September 1938 – kurz zuvor hatte in der Kreishauptmannschaft Chemnitz eine weitere Verdunkelungsübung stattgefunden, die sich erstmals am „Dauerzustand“ des Alarms ausrichtete (10 Gebote für Verdunkelungsübungen, Frankenberger Tageblatt 1938, Nr. 212 v. 12. September, 7) – wurde das tschechische „Sudetenland“ dem Deutschen Reich zugesprochen, auch Polen und Ungarn besetzten Teile des Staatsgebietes. Dadurch war keine sinnvolle Verteidigung der zerbrechenden Tschecho-Slowakei mehr möglich, der Einmarsch der Wehrmacht am 15. März 1939 in die westlichen Restgebiete erfolgte ohne militärischen Widerstand, ohne denkbare Luftangriffe. Für die früheren Bündnispartner Frankreich und Großbritannien bot das Münchner Abkommen allerdings einen wichtigen Zeitgewinn. Die damals eingeleiteten Rüstungsanstrengungen waren grundlegend für den Abwehrerfolg Großbritanniens in der Luftschlacht um England 1940/41.

Spiegelungen – der virtuelle und der reale Krieg

Wann beginnen Kriege? Der Rückblick auf den „passiven“ Luftschutz, auf die damit unmittelbar verwobene Miesrian-Kampagne, kann ein Anlass sein, die Periodisierungen der Kriege zumindest etwas in Frage zu stellen. Reichsluftschutzbund, Luftwaffe und Wehrmacht hatten seit Jahren den Krieg in den Köpfen durchgespielt, im Informationsraum hatte man ihn schon fast sicher gewonnen, mochte man den eigenen Friedenswillen auch immer beschwören.

Der Zweite Weltkrieg wurde in Europa wiederum von den Landheeren dominiert, doch er war von Anbeginn der direkten Kriegshandlungen immer auch ein Bombenkrieg. Am 1. September 1939 wurde das polnische Wielun bombardiert, es folgten Angriffe der Luftwaffe auf mehr als 150 polnische Städte ohne Truppen. Das Flächenbombardement von Warschau währte vom 24. bis zum 26. September 1939, und die Bomberbesatzungen töten mehr als 10.000 Menschen (Thomas Hirschlein, Deutsche Luftangriffe auf polnische Städte im Herbst 1939, in: Karin H. Grimme, Stephan Horn und Stephan Lehnstaedt (Hg.), Die Luftwaffe im „Dritten Reich“. Verbrechen, Zwangsarbeit, Widerstand, Berlin 2022, 62-74). Kurz vor der Kapitulation der Niederlande erfolgte am 14. Mai 1940 aufgrund von Übertragungsfehlern ein Bombenangriff auf Rotterdam, mehr als 800 Personen kamen dabei um. Daraufhin begann die britische Royal Air Force (RAF) Bombenangriffe auch auf Ziele östlich des Rheins.

Freude am Bombenkrieg der Luftwaffe – Abscheu gegenüber dem Bombenkrieg von RAF und US-Air Force (Simplicissimus 45, 1940, 493 (l.); ebd. 48, 1943, 239)

Der Miesmacher tauchte nun auch in den noch wenigen Luftschutzräumen auf, typologisch begleitet vom Gerüchtemacher, dem Witze-Reißer, dem Luftschutz-Superspezialist, dem Spaßvogel, dem Stänkerer (Zschopauer Tageblatt und Anzeiger 1940, Nr. 288 v. 7. Dezember, 9). Noch konnte man lachen, glaubte an die Effizienz der eigenen Luftabwehr. Erste recht wirkungslose Angriffe auf deutsche Städte, insbesondere auf die Reichshauptstadt Berlin, boten der deutschen Führung seit Mitte August 1940 dann den Anlass für Nacht- und schließlich auch Tagesangriffe auf London und zahlreiche weitere Industrie- und Hafenstädte. Sie führten bis zum Ende regelmäßiger Bombardierungen im Mai 1941 unter beträchtlichen eigenen Verlusten zu etwa 43.000 Toten. Die deutsche Presse, auch große Teile der Bevölkerung, bejubelten diese Attacken, sahen in ihnen nicht nur eine berechtigte Vergeltung, sondern auch Vorboten des nahen Sieges. Begriffe wie „ausradieren“ oder „coventrieren“ unterstrichen den mitleidslosen Jubel über den Tod der anderen.

Technische Fortschritte unterminierten derweil die Handlungsroutinen der Verdunkelungsübungen. Seit 1941 wurden die britischen Bomberflotten zunehmend durch Radarnavigation gelenkt, so dass der Lichtschein am Boden an Bedeutung verlor. Die mechanische Verdunkelung konnte seit 1942 auch durch Infrarotgeräte ausgehebelt werden, die Wärmestrahlung auffingen (Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, 3. Aufl., München 2002, 414-415). Und doch spielte man weiter das Spiel von Sehen und Gesehenwerden, wollte kein Ziel sein: „Mit der Allgegenwart am Himmel hatte der Feind freie Sicht erobert. Wie Gottes strafendes Auge sah er alles, […]. Dies auszuhalten ist schwer, und vermutlich gab das gemeinsame Sinken in die Höhlenfinsternis die Illusion eines Fürsichseins zurück“ (Ebd., 415).

Die Luftschutzgemeinschaft in der Bewährung (Oldenburgische Staatszeitung 1943, Nr. 221 v. 16. August, 5 (l.); Illustrierter Beobachter 18, 1943, Nr. 34, 2)

Die deutschen Abwehrmaßnahmen waren bis 1942 an sich erfolgreich, denn den Briten gelang es nicht, die industriellen und militärischen Strukturen des Deutschen Reiches substanziell zu gefährden. Der aktive Luftschutz, die Kombination aus Früherkennung, Luftwarnung, Flak- und Jägereinsatz erlaubte der RAF einzig den Einsatz der Bomberflotten gegen weiche Ziele, also Flächenbombardements von Groß- und Mittelstädten aus großer Höhe. Auch wenn insbesondere die kombinierten Angriffe der britischen und US-amerikanischen Bomberflotten während der Luftschlacht um Hamburg vom 24. Juli bis 3. August 1943 zu verheerenden Schlägen gegen Hafen und Industrie führten, etwa 34.000 Menschen töteten und mindestens 125.000 verletzten, so blieb dies noch eine Ausnahme. Die Verluste der rasch expandierenden deutschen Rüstungsindustrie lagen 1943 lediglich bei etwa fünf Prozent der Kapazität, im ersten Halbjahr 1944 noch darunter (Werner Wolf, Luftangriffe auf die deutsche Industrie 1942-45, München 1985, 135). Die höchsten Produktionswerte wurden im Herbst 1944 erreicht. Die Grundlagen der Rüstungsproduktion wurden erst durch relativ präzise Angriffe der US-Air Force auf die Metallverarbeitung, die Treibstoffversorgung und das Verkehrsnetz zerbrochen – also durch die Angriffe, die die RAF 1942 aufgegeben hatte. Anders gewiss die Bilanz für die Zivilbevölkerung: „Männer, Frauen und Kinder in Nachthemden, in panischer Angst um ihr Leben in die Keller rennend, sollten die prägenden Gestalten der kommenden Realität darstellen und nicht die uniformierten, unter dem Luftschutzhelm ruhig hervorblickenden Kämpfer“ (Lemke, 2005, 331).

Der Bombenkrieg war unerbittlich, unterstrich die sittliche Verrohung aller Seiten. Die erfolgreicheren Luftwaffen der Alliierten kämpften den Luftschutz nieder. Noch im August 1944 verfügte das Deutsche Reich über 39.000 Luftabwehrbatterien, die von mehr als einer Millionen Menschen bedient wurden (Gerhard L. Weinberg, Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkrieges, überarb. Neuaufl., Hamburg 2002, 619). Doch ohne angemessene Jägerunterstützung und angesichts fehlenden Treibstoffs und knapper Munition wurde die Abwehr zertrümmert. Noch aber ertönte die Propaganda des passiven Luftschutzes, etwa aus dem fast täglich bombardierten Ruhrgebiet: „Wenn die Nächte gellen: Alarm, Alarm! / Wenn die Mütter reißen ihr Kind in den Arm, / dann steigt aus der Roten Erde / grimmig der Ruf empor: / Vorwärts ihr Bombenkämpfer, / wir siegen trotz Tod und Terror“ (K. Kränzlein, Lied der westfälischen Bombenkämpfer, Westfälische Landeszeitung 1944, Nr. 7 v. 10. Januar, 5). Doch der Reichsluftschutzbund war nicht in der Lage, die Zerstörungen der Häuser wirksam zu begrenzen. Die Vorkehrungen haben jedoch, in Kombination mit dem unzureichenden Bunkerbauprogramm, zahllose Menschenleben gerettet. Dennoch zerstob das Parolengeschwätz von Wehrhaftigkeit und größtmöglicher Sicherheit schnell, wurde von funktionierender Apathie ersetzt.

Gewiss, militärisch einzubeziehen sind auch die beträchtlichen Verluste der Angreifer, erst auf Seiten der Luftwaffe, dann auf Seiten der Alliierten. Letztere wurden auf bis zu 9.000 Flugzeuge geschätzt, auf mehr als 158.000 vielfach hochqualifiziertem „Personal“ (Wolf, 1985, 136-137). Das lag über den Verlusten der alliierten Landstreitkräfte seit der Invasion am 6. Juni 1944. Der eigentliche Beitrag der alliierten Luftstreitkräfte lag in der Verkürzung des Landkrieges. Das hat diesem Land den Einsatz von Atomwaffen erspart, die anfangs für einen Einsatz hierzulande entwickelt worden waren. Doch nicht nur dieses neue Waffensystem falsifizierte die Annahmen der Kriegstheoretiker der Zwischenkriegszeit vom Bombenkrieg. Ein strategischer Luftkrieg konnte den Gegner alleine nicht zur Kapitulation drängen. Gleichwohl zeigten die Bombardements, dass riesige Luftstreitkräfte einen relevanten Beitrag zum Sieg besteuern konnten, wenn sie mit den tradierten Verfahren des Land- und Seekrieges kombiniert wurden. Luftschutz konnte das lediglich verzögern.

Die Zahl der im Deutschen Reich im Luftkrieg getöteten Menschen ist exakt nicht zu beziffern. Gesamtdarstellungen gehen von ca. 600.000 Personen aus, davon etwa 40.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene (Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2017, 503). Die Fachpublikationen schwanken zwischen 380.000 und 635.000 Menschen. In Großbritannien fielen etwa 60.000 Personen den deutschen Bomben- und Raketenangriffen zum Opfer (Süß, 2011, 14-15).

Aufgeschichtete Kriegsopfer auf dem Altmarkt in Dresden, wohl 24./25. Februar 1945 (Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn – Wikipedia)

Blicken wir am Ende wieder auf die Heimat des Miesrians, auf Sachsen. Die Bombenangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945 auf Dresden, knapp sieben Jahre nach den hier näher analysierten „erfolgreichen“ Verdunkelungsübungen, wurden zum Massaker aus der Luft. Zwischen 22.000 und 25.000 Menschen starben, lediglich sechs britische Lancaster-Bomber wurden abgeschossen (Rolf-Dieter Müller, Nicole Schönherr und Thomas Widera (Hg.), Die Zerstörung Dresdens am 13./15. Februar 1945, Göttingen 2010). Doch der Krieg endete nicht, bis zum 8./9. Mai 1945 starben weitere Zivilisten, alliierte und täglich ca. 10.000 deutsche Soldaten. Die deutschen V2-Angriffe auf Rotterdam endeten erst am 28. März. Die Propaganda hatte derweil andere Töne angeschlagen, sang aber weiter das Lied der trotzigen Luftschutzgemeinschaft, der unbesiegbaren Volksgemeinschaft: „Der Menschheit Würde ist auch in unsere Hand gegeben, darum ist das viel zitierte und oft mißbrauchte Schlagwort ‚Sieg oder Untergang‘ zur schmucklosen Wahrheit und nicht mehr und nicht weniger als der Weisheit letzter Schluß für uns geworden“ (Hans Hauptmann, „Der Menschheit Würde…“ Gedanken zu Dresdens Schändung, Mittagsblatt 1945, Nr. 41 v. 17. Februar, 2).

Wann beginnen Kriege? Wenn man die Miesmacher und Miesriane zur Seite drückt, wenn man glaubt Kriege gewinnen zu können und nicht verhindern zu müssen.

Uwe Spiekermann, 4. Oktober 2025

Dieser Artikel ist dem Andenken meines Großvaters Lorenz Hammer gewidmet (Entnazifizierung NRW Abteilung Rheinland, SBE Hauptausschuss Landkreis Brilon NW 1095, Nr. 9374). Er schwieg über den Weltkrieg, doch die Ausnahme bildete der Einsatz seiner Einheit – er war nach eigenen Aussage Stabsfeldwebel bei den Pionieren – im bombardierten Dresden nach dem Massaker aus der Luft vom 13. und 14. Februar 1945. Er sagte immer, dass sein von Kindheit an verkrüppelter kleiner Finger Folge einer Kriegsverletzung gewesen sei – und hob ihn dann zur Anklage gen Himmel, von dort, wo damals der Tod herkam. Ich habe ihm nicht ein Wort geglaubt; doch diese Anklage überschattete das Leben seiner Familie, inklusive meiner heute vor 87 Jahren geborenen Mutter.

Neues Brauen: Valentin Lapp und das „Original alkoholfreie Bier“ 1896-1905

Bier ist ein mythenschwangeres Gebräu, dessen geschichtswissenschaftliche Erforschung bestenfalls in den Kinderschuhen steckt. PR-Handreichungen und Frohsinnsvorlagen von Brauereien, Auftragsjournalisten und selbsternannten Bierexperten dominieren nahezu unwidersprochen, feiern das recht homogene Produkt Bier als eines voller Charakter, sind selbst aber billigste Ware. Ähnliches gilt auch für den wachsenden Markt alkoholfreier Getränke, über dessen Geschichte wir, abgesehen von wenigen Markenartikeln, kaum etwas wissen. Niemand wird daher ignorant oder recherchefaul geziehen, wenn er das erste alkoholfreie Bier hierzulande in die 1950er Jahre datiert – oder gar in die 1980er Jahre (vgl. etwa Franz Meußdoerffer und Martin Zarnkow, Das Bier. Eine Geschichte von Hopfen und Malz, München 2014 [ebook]). Der Blick ist auf den Wachstumsmarkt gerichtet, historische Entwicklungen und Pfadabhängigkeiten erscheinen als unwichtiges Beiwerk, werden wie Schaum zur Seite gewischt.

Dieser Beitrag wird den Blick weiter zurückwenden. Hierzulande wurde das erste über mehrere Jahre mit Erfolg angebotene alkoholfreie Bier deutlich vor dem Ersten Weltkrieg vom fränkisch-sächsischen Braumeister Valentin Lapp (1856-1908) produziert und vermarktet. Lapp war allerdings nicht der „Erfinder“ des alkoholfreien Bieres, denn schon kurz zuvor gab es eine Welle immer neuer alkoholfreier Angebote, die teils als „alkoholfreie Biere“ bezeichnet wurden, den heutigen Kriterien dieses Begriffs zumeist jedoch nicht entsprachen. Lapps „Original alkoholfreies Bier“ war es jedoch – und eine historische Analyse dieses Produkt erlaubt zudem, die vielen Schwierigkeiten zu diskutieren, die nicht nur zum Marktaustritt Lapps, sondern auch zum Scheitern vieler anderer alkoholfreier Biere dieser Zeit führten. Wenn Sie dies mitnehmen, wissen Sie schon mehr als viele vermeintliche Experten und Journalisten. Falls Sie jedoch an mehr als oberflächlichem Wissen interessiert sind, dann lade ich Sie ein, sich mit mir auf eine verwickelte, nicht immer eindeutige Reise in die bis dato unbekannte Vergangenheit des neuen alkoholfreien Brauens zu begeben.

Dieser Artikel ist zugleich der erste von vier geplanten Beiträgen, die sich am Beispiel des alkoholfreien Bieres mit der Neugestaltung des Trinkens im Deutschen Reich vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigen. Drei Fallstudien stehen am Anfang: Das neue Brauen von Valentin Lapp behandelt den Umbruch beim Brauen selbst; die Untersuchung des 1901 reichsweit eingeführten „alkoholfreien Bieres“ Hopkos führt zurück in die frühe Werbewelt nicht alkoholischer Limonaden; das vornehmlich im Ruhrgebiet angebotene Trinkmit der Bochumer Schlegel-Brauerei steht für die Integration alkoholfreier Biere in das Sortiment marktnah produzierender Brauereien. Ein vierter Artikel wird dann die entwickelten Fäden zusammenziehen, wird den mit den industriell gefertigten Nichtalkoholika verbundenen Bruch der deutschen Trinkkultur um 1900 zusammenführend analysieren.

Alkohol als Gefahr, Bier als hilfreiches Übel

Am Anfang gilt es erst einmal Abstand zu gewinnen: Im Gegensatz zu gängigen Beschwörungen des guten alten Bieres war dieses schwachalkoholische Getränk bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von höchst heterogener Qualität. Häusliches und gewerbliches Brauen waren stark wetterabhängig, verarbeiteten Rohwaren unterschiedlicher Herkunft und Qualität, nutzten häufig verunreinigtes Wasser. Das änderte sich seit den 1840er, vornehmlich aber seit den 1860er Jahren – und dies ist hier nicht näher darzustellen (Stefan Manz und Uwe Spiekermann, Making Food Empires: German Technology and Global Mass Production, 1870–1914, Oxford 2026, Kap. 7 und 8). Verbesserte chemische Kenntnisse, agrarwissenschaftliche Interventionen, Wissenstransfer von England und Böhmen, ein immer leistungsfähigerer Maschinenbau, ein beträchtlicher Qualifikationsschub durch Fachschulen, Lehrbücher und Fachzeitschriften folgten; sie alle erlaubten Biere neuer Qualität, die nicht nur hierzulande Kunden fanden. Die Wirtschaftsreformen des liberalen Zeitalters ermöglichten stetig größere Betriebe, Aktiengesellschaften prägten zunehmend das Geschäft, Kühltechnik, Pasteurisierung, Reinhefen und neue Transportmittel erlaubten den innerdeutschen Versand, zunehmend auch den internationalen Absatz. Im Gegensatz zu den Aussagen der Hochglanzhistorie führte die Disruption des Bierbrauens in den 1870er und 1880er Jahren jedoch keineswegs zu durchweg hochwertigen Angeboten.

Intensiv geführte Debatten über „Dividendenjauche“ spiegelten vielmehr die weiterhin beträchtlichen Probleme des modernen Brauens, dem vornehmlich oberhalb der Mainlinie vielfach mit den Hilfsmitteln der modernen Chemie abgeholfen wurde. Konservierungs- und Farbstoffe waren nicht unüblich, Hopfensubstitute, Aroma- und Süßstoffe prägten viele Angebote. Ökonomisch waren die Bierbrauereien eine der wichtigsten Träger der Früh- und Hochindustrialisierung, stellten nach Umsatz und Kapitaleinsatz die Textil-, Montan- und chemische Industrie noch um die Jahrhundertwende in den Schatten. Dabei half nicht zuletzt der Aufbau neuartiger Vertriebsstrukturen durch Wirtshäuser und Gaststätten, Biergärten und Kneipen. Als schwachalkoholisches Getränk diente Bier aber auch vielen Alkoholgegnern als Hilfsmittel gegen den dämonisierten Schnapsteufel, also eine sich im frühen 19. Jahrhundert etablierende, vornehmlich vom Branntwein geprägte Alkoholkultur.

Wie gegen das Bier kämpfen? Rausch und Stammtisch als männliche Alltagsfreuden (Fliegende Blätter 85, 1886, Nr. 2161, Beibl., 5 (l.); ebd. 68, 1878, 57)

Der 1883 gegründete „Deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke“ gab der schon in den 1840er Jahren starken Temperenzbewegung neue Impulse (Heinrich Tappe, Der Kampf gegen den Alkoholmißbrauch als Aufgabe bürgerlicher Mäßigkeitsbewegung und staatlich-kommunaler Verwaltung, in: Hans Jürgen Teuteberg (Hg.), Durchbruch zum modernen Massenkonsum, Münster 1987, 189-235, insb. 199-210). Der Feind war der Branntwein, vor allem der billige Kartoffelschnaps, der durch die noch nicht regelmäßig getilgten Fuselöle doppelt toxisch wirkte. Im Gründungsjahr des Vereins wurden fast zwei Drittel des Alkohols im Deutschen Reich als Spirituosen konsumiert, sechs Prozent als Wein, Bier lag bei etwa dreißig Prozent. Der nun einsetzende, staatlich und kirchlich breit unterstützte Kampf gegen den Alkohol konzentrierte sich erst einmal auf das Hauptübel, wollte man doch nicht länger Konsummengen von knapp zehn Liter Weingeist pro Kopf der Erwachsenen hinnehmen (die heutigen Mengen liegen übrigens trotz deutlich sinkender Tendenz noch höher; und bis heute wird Wein hierzulande nicht, Bier nur äußerst moderat besteuert). Bier und Wein blieben lange Bundesgenossen der Temperenzvereine, die 1903 erfolgte Spaltung des Deutschen Vereins in „Ent­haltsame“ und „Mäßige“ verwies jedoch auf letztlich nicht mehr überbrückbare Spannungen innerhalb der Antialkoholbewegung (Hasso Spode, Alkohol und Zivilisation. Berauschung, Ernüchterung und Tischsitten in Deutsch­land bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Berlin 1991, 169-193).

Warum aber erschien Bier erträglich? Zum einen war es eine wichtige Übergangsdroge, die den Verzicht auf Spirituosen einfacher gestalten konnte. Bier hatte zudem nur einem Alkoholholgehalt von zumeist drei bis vier Prozent, war damit deutlich alkoholärmer als die heutigen Pilsener mit Anteilen von etwa fünf Prozent. Bier war aber zugleich ein integraler Bestandteil der Alltagskost. Es war nicht, wie heute, vorrangig ein Stimmungswandler. Es war „flüssiges Brot“, ja, eine kräftigende Alltagsspeise. Bier materialisierte Ruhe und Geselligkeit, regte die Lebensgeister, erfrischte im Sommer, löschte den Durst nach körperlicher Arbeit. Der Biertrinker mochte nach Ansicht der vornehmlich bürgerlichen Temperenzler faul und träge sein, doch anders als der Trunkenbold, der Säufer, galt er nicht als halt- und charakterloses Subjekt, musste nicht vorrangig therapiert, sondern konnte in die richtige, die mäßige Richtung gelenkt werden. Auch in Bierhallen hieß es: „Wo man Bier trinkt, kannst Du ruhig lachen, / Böse Menschen trinken schärf’re Sachen“ (Bayerisches Gastwirths-Zeitung 15, 1894, Nr. 23, 6).

Geselliges Miteinander in einem Berliner Kellerlokal (Illustrirte Zeitung 82, 1884, 415)

Aufbau einer alkoholfreien Gegenkultur

Neben repressive (und durchaus wirksame) Maßnahmen — etwa härtere Strafgesetze gegen Alkoholdelikte, die wegweisende Branntweinsteuer von 1887 und restriktivere Konzessionsvergaben für Gaststätten und Kleinhandel — traten aber von Beginn an „positive“ Alternativen zum Alkoholkonsum. Sie waren Ausdruck einer recht einseitigen fürsorglichen Ausrichtung auf die Erziehung des männlichen Industriearbeiters durch Kirchen, Wohlfahrtspfleger, Wissenschaftler und Sozialstatistiker. Der beträchtliche Alkoholkonsum der eigenen Berufsstände und der Frauen blieben eher im Hintergrund – sieht man einmal von den akademischen Studiosi ab. Das war Sozialreform über Bande, denn schlechte Wohnverhältnisse und das enge Miteinander von Familie, Verwandtschaft und Schlafgängern führten die Betroffenen fast zwingend in die Wirtshäuser und Kneipen, Saufkasinos und Kaschemmen. Konnte man deren Quasimonopol für Feierabend und Wochenende jedoch durchbrechen, so hoffte man mittel- und langfristig die „Trunksucht“ erst beim Branntwein, dann vielleicht auch beim Bier zu vermindern. Dazu sollten zuerst Schankstätten neuen Typus gegründet werden, in denen der gefährliche Trunk durch einen labenden Trank erst ergänzt und dann ersetzt wurde.

In vielen Artikeln und Broschüren präsentierte man die Utopie einer nichtalkoholischen Gaststätten- und Getränkekultur (U[we] Spiekermann, Grundlagen der modernen Getränkekultur. Ein historischer Rückblick, Aktuelle Ernäh­rungsme­dizin 21, 1996, 29-39). Besseres sollte an die Stelle des alkoholtriefenden Alten treten. Man möge, so hieß es in einer Petition des Centralverbandes der evangelisch-christlichen Enthaltsamkeitsgesellschaften in Deutschland zur Bekämpfung der Trunksucht, „statt der Branntweinschänken mehr Kaffeeschenken, Kaffeebuden, Theebuden, Kaffee- und Theewagen, sowie Lokale mit warmen Speisen konzessionir[en, US] und die Steuern auf Kaffee, Thee und alkoholfreies Bier ermäßig[en, US]“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, Leg. 6, Sess. 1884/85, Bd. 6, Anlagen, Berlin 1885, 934).

Dies spiegelt unfreiwillig die noch enge Palette nichtalkoholischer Getränke: Es ging um (Ersatz-)Kaffee und zumeist heimische Teemischungen, die zwar wärmen konnten, nicht aber erfrischen und den Durst löschen. Malzkaffee sollte erst in den 1890er Jahren neue geschmackliche Optionen eröffnen. Das hätten grundsätzlich auch Fruchtsirups, Mischgetränke aus Wasser und Saft sowie die von Frauen gern getrunkene Mandelmilch tun können, doch erstere waren zumeist überzuckert, litten an dem noch brenzligen Pasteurisierungsgeschmack. Hinzu kam das Wasser resp. teures Mineralwasser als eigentliches Temperenzgetränk; und natürlich die Frischmilch. Seltersbuden folgten, nach der Jahrhundertwende auch ein vor allem im Rheinland und Westfalen erstaunlich umfangreiches Netzwerk von Milchhäuschen. Vor diesem Hintergrund ist die ja erst einmal aufhorchen lassende Nennung von „alkoholfreiem Bier“ in der Petition besser verständlich. Darunter verstand man damals aber kohlensäureimprägnierte Limonaden mit bierähnlichem Geschmack, meist aus Großbritannien importiertes Ingwerbier. Doch ein Pendant zur vielgestaltigen, von den britischen und dann auch US-amerikanischen Abstinenzlern vorangetriebenen Alltagskultur karbonisierter Limonaden und Sirupe gab es hierzulande eben nicht (Colin Emmins, Soft Drinks, Merlins Bridge 1991), Folge der lange stärkeren Regulierung der Apotheken und Drogerien. Coca-Cola sollte sich in Deutschland erst nach mehr als vierzig Jahren etablieren. Limonadenessenzen konnte man hierzulande kaufen, gewiss, doch der Geschmack des oft noch selbstbereiteten Tranks war gewöhnungsbedürftig, stand häuslich bereiteten Beerensäften deutlich nach (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 10, Beibl. 2, 3). In einer großenteils außerhäuslichen, öffentlichen Trinkkultur ging es jedoch um neue Marktangebote, konsumierbar im geselligen Miteinander.

Alkoholfreie Trinkhalle für Mineralwasser und Himbeersirup (Hagener Zeitung 1892, Nr. 86 v. 11. April, 4)

Angesichts dieser Malaise der Alternativen gewannen Bestrebungen an Boden, die alkoholhaltigen Weine und das Bier zu entgiften. Der Vorteil war offenkundig, musste man doch die bestehenden Trinkgewohnheiten nicht grundlegend ändern. Dadurch konnte man zudem den bisher duldend akzeptierten schwächeren Alkoholika langfristig die Grundlage entziehen. Welch eine Chance, zumal sich die Deutschen so gut wie kaum eine andere Nation auf die chemisch-technologische Veränderung der Nahrungsmittel verstanden. Das hatte man bereits bei anderen Genussmitteln gezeigt, mochten diese auch weniger erhitzt diskutiert worden sein (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 182-185). Es gab Gesundheitspfeifen und zahlreiche Verfahren für nikotinarme Zigarren, nikotinärmere Tabake dienten neuen Sanitätszigaretten. Auch die Entgiftung des Kaffees war unternehmerisches Ziel (Ein Kaffee ohne Kaffein, Die Umschau 2, 1898, 813-814), mochte es auch bis 1906 dauern, ehe Kaffee HAG diese technische Utopie überzeugend verwirklichte.

Eine Welt ohne Giftstoffe? Anti-Nicotin, nikotinarme Zigaretten aus Dresden (Offizieller Katalog der Deutschen Kunstausstellung Dresden 1899, Dresden 1899, Werbung, 14)

Die Entgiftung der Getränke begann beim Obstwein. Das Deutsche Reich war kein wirkliches Obstland. Der Obstbau lieferte jedoch regional und saisonal teils beträchtliche Mengen an Rohwaren, die kaum von den bestehenden Konservenfabriken, sondern vorrangig von den Hausfrauen eingekocht, zu Mus oder Saft verarbeitet wurden. Ausgepresstes Obst verdarb jedoch rasch, Hefe- und Schimmelpilze forderten ihren Tribut. Leistungsfähige Konservierungsmittel stoppten zwar die Gärung, beeinträchtigten aber den Geschmack. Entsprechend vergor man Obst vor dem allgemeinen Aufkommen der Hitzesterilisierung zum schwachalkoholischen Haustrank, bei dem der aus Äpfeln bereitete Most hervorragte. In den 1890er Jahren begannen dann systematische Forschungen über die Pasteurisierung von Fruchtsäften, einem Verfahren also, das in der Brauerei seit Jahrzehnten angewandt wurde, um die Haltbarkeit des Bieres zu erhöhen ([Julius] Kochs, Technisches aus dem Gebiete der alkoholfreien Obstgetränke, Die Volksernährung 2, 1927, 246-247). Den Unterschied machte der für seine Riesling-Sorte bekannte Schweizer Pflanzenphysiologe Hermann Müller-Thurgau (1850-1927). Er pasteurisierte frisch gepresste Fruchtsäfte bei 60-70 °C, ermöglichte dadurch sterile Fruchtsäfte, die nicht weiter vergoren (H[ermann] Müller-Thurgau, Die Herstellung unvergorener und alkoholfreier Obst- und Traubenweine, Frauenfeld 1896; J[ulius] Neßler, Alkoholfreie Trauben-, Obst- und Beerenweine, Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1898, 442-443). Sie sollten Most und Obstwein ersetzen, wurden daher ab 1896 (und bis zum Weingesetz 1909) als „alkoholfreie Weine“ vermarktet. Dieser Begriff bezeichnete also keine Entgiftung, keine Entalkoholisierung, wohl aber einen alkoholfreien Ersatz für ein gängiges alkoholhaltiges Alltagsgetränk. Temperenz über Bande.

Alkoholfreie Weine nach Müller-Thurgau (Vegetarischer Vorwärts 4, 1897, 194)

Valentin Lapp: Lebensdaten eines führenden Technologen der deutschen Brauwirtschaft

Zurück zum Bier. Die kapitalkräftige Produktion, die zunehmende Standardisierung ansprechender Qualitäten, die reichsweite Präsenz des dunklen Münchner Biers und auch des von nationalistischer Seite strikt bekämpften böhmischen Pilseners sowie die vor allem in den Städten rasch wachsende Zahl von Gaststätten bildeten die Grundstrukturen für einen stetigen Anstieg des Bierkonsums von 1880 79 Litern pro Kopf der Erwachsenen über 1890 100 Liter auf 119 Liter 1900. Damit aber war der Markt gesättigt, denn die Antialkoholbewegung konnte nicht nur den Spirituosenkonsum massiv verringern, sondern setzte nun auch der Brauwirtschaft zu: 1913 lag man bei 103 Litern pro Kopf. Auch wenn die technologische Innovationskraft der deutschen Brauereien Mitte der 1890er Jahre teils schon an die großenteils von deutschen Emigranten geprägte US-amerikanische Bierindustrie übergegangen war, so war man aufgrund dieses Marktdrucks doch emsig bemüht, die eigene Produktion zu optimieren, um preiswerte, hochwertige und zugleich vielgestaltige Biere anzubieten.

Womit wir schließlich bei Valentin Lapp angekommen sind. Er war einer von vielen Technologen, deren Innovationskraft die deutschen Brauereien seit den 1870er Jahren an die Weltspitze hatte treten lassen. Lapp war Bierbrauer durch und durch, eine reibungslos funktionierende Produktion standardisierten Biers war für ihn Grundlage jeden Geschäfts. Er war Prozessoptimierer, ein steter Tüftler, der allerdings über die Entwicklung neuer Verfahren kaufmännischen Pragmatismus mehrfach aus den Augen verlor. Um den späteren Produzenten und Patentinhaber des „Original alkoholfreien Bieres“ genauer einschätzen zu können, ist ein Blick auf die nur teilweise zu rekonstruierende Biographie erforderlich.

Valentin Lapp wurde als Martin Valentin Lapp am 11. Mai 1856 in Neustadt a.d. Aisch, also einer zwischen Würzburg und Nürnberg gelegenen mittelfränkischen Kleinstadt geboren. Er war, wie seine Eltern Christoph Stefan Lapp und Anna Margaretha, geb. Herold, evangelisch-lutherischer Konfession (StdA Dresden, 6.4.25, Eheaufgebote/Eheregister 1876-1922, 1883, Nr. 448). Lapp wuchs in einem bürgerlichen Elternhaus auf, sein 1894 verstorbener Vater war zumindest im Jahrzehnt zuvor Privatier (Aischthalbote 1894, Nr. 24 v. 28. Januar, 2). Zwei jüngere Brüder lassen sich nachweisen, einerseits Johann Paulus Candidus (1858-1941), anderseits Johann Matthäus Stephan Leonhard (1860-1910) (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Nr. 11121, Sterberegister, Nr. 903, Frankfurt IV, 1941, Nr. 1193/IV; ebd. Nr. 9451, Heiratsregister 1849-1930, Bornheim, 1886, Bl. 446, Nr. 1036; ebd. Nr. 10667, Sterberegister Frankfurt II, 1910, Nr. 373).

Am Maifeiertag 1883 verlobte sich Valentin Lapp, damals bereits Braumeister in Dresden, mit der aus der sächsischen Hauptstadt stammenden Hausbesitzertochter Selma Anna Killing, die Heirat folgte am 15. Oktober (Leipziger Tageblatt 1883, Nr. 121 v. 1. Mai, 2227; ebd. 1883, Nr. 294 v. 21. Oktober, 5332). Die evangelisch-lutherische Gattin stammte aus solventem Haus. Ihr verwitweter Vater war Schiffseigner, Weinhändler und Hausbesitzer (StdA Dresden, 6.4.25, Eheregister 1876-1927, 1883, Nr. 448). Am 1. Dezember gebar Selma Lapp einen Sohn, Arthur Alexander. Die Geburtsanzeige erfolgte mehr als eine Woche später durch die Hebamme, am 20. Dezember verstarb die junge Mutter im Alter von nur 20 Jahren (StdA Dresden, 6.4.25, Geburtsregister 1876-1907, 1884, Nr. 3304; ebd., Sterberegister 1876-1957, 1884, Nr. 2909; Dresden, Kirchliche Wochenzettel 1703-1902, Taufanzeigen, 1865; Leipziger Tageblatt 1884, Nr. 358 v. 23. Dezember, 6909). Valentin Lapp verließ kurz darauf Dresden und heiratete nach angemessener Trauerzeit 1886 ein zweites Mal, nun die in Bamberg wohnhafte Restaurationstochter Marie, geb. Greß (Allgemeine Zeitung für Franken und Thüringen 1886, Nr. 143 v. 23. Juni, 2). Doch neuerlich war die Ehe vom Tod überschattet, Sohn Arthur starb zweijährig kurz vor Weihnachten.

Tod der ersten Ehefrau Selma 1884 und des gemeinsamen Sohnes Arthur 1886 (Dresdner Anzeiger 1884, Nr. 360 v. 15. Dezember, 15 (l.); Bamberger Volksblatt 1886, Nr. 287 v. 18. Dezember, 3)

Dieser Tod muss Valentin Lapp tief getroffen haben, schaltete er doch mehrere größere Anzeigen, ebenso eine Danksagung (Allgemeine Zeitung für Franken und Thüringen 1886, Nr. 296 v. 18. Dezember, 2; Bamberger Neueste Nachrichten 1886, Nr. 347 v. 18. Dezember, 4; ebd. 1886, Nr. 350 v. 21. Dezember, 4). Erst knapp fünf Jahre später folgte am 12. November 1891 ein weiterer Stammhalter, der Sohn Theodor (Bamberger Neueste Nachrichten 1891, Nr. 312 v. 13. November, 3). Obwohl Lapp sowohl in Bamberg als auch seiner späteren Wirkungsstätte Leipzig gewiss lokale Prominenz besaß, konnte ich keine weiteren Familienanzeigen finden. Allerdings heiratete er am 12. April 1902 noch ein drittes Mal, nämlich die 1866 in Mähren im Westerwaldkreis geborene Emma Amalie Keppler, Tochter des in Brünn ansässigen Karl Baron Keppler (1817-1891) und seiner Frau Therese, geb. Engelhard (1828-1911). Valentin Lapp heiratete also standesgemäß, doch nach den beiden Schicksalsschlägen in den frühen 1880er Jahren rückte das Berufsleben in den Vordergrund seines Daseins.

Braumeister in Dresden 1881-1884

Nach einer wahrscheinlich im heimischen Franken absolvierten Ausbildung findet man Valentin Lapp 1881 als Braumeister des Hofbrauhauses Dresden (Allgemeine Hopfen-Zeitung 21, 1881, 823). Dresden, damals eine rasch wachsende Metropole mit knapp 200.000 Einwohnern, war mittlerweile vom bayerischen Lagerbier dominiert, auch böhmisches Pilsener gewann rasch Marktanteile (Analysen Dresdner Biere, Zeitschrift für das gesammte Brauwesen NF 3, 1880, 227-230). Das Hofbrauhaus war 1872 als Aktiengesellschaft gegründet worden, eine Folge der Deregulierung durch die erste Aktienrechtsnovelle von 1870 und dem unmittelbar folgenden Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuch. Mit einer Kapitalisierung von 1,761 Mio. M übertraf es die lokale Konkurrenz deutlich (Mason, The Joint Industrial Enterprises of Saxony, Reports form the Consuls of the United States on the Commerce, Manufactures, etc. of their Consular Districts 4, 1881, 453-457, hier 455). Das Hofbrauhaus besaß ein damals für die meisten Brauereien eher unübliches Flaschenbiergeschäft, ferner eine integrierte Malzfabrik (Berliner Börsen-Courier 1889, Nr. 239 v. 12. Mai, 16). Valentin Lapp konnte dadurch seine erlernten Kenntnisse vielgestaltig erweitern und auf den technisch neuesten Stand bringen.

Das wird wohl auch der Grund für einen kurz darauf folgenden Wechsel zur ebenfalls 1872 gegründeten Dresdner Gambrinus Brauerei gewesen sein, entstanden aus der 1860 gegründeten Privatbrauerei Ripl & Sohn Zum Gambrinus (Heinrich Gebauer, Die Volkswirtschaft im Königreiche Sachsen, Dresden 1893, 541). Hier konnte der „liebenswürdige und auf der Höhe der Zeit stehende Braumeister“ (Gambrinus 11, 1884, 387) jedenfalls neue Maschinen einführen und testen, darunter vor allem die Läuterzentrifuge des Frankfurter Braumeisters und Zivilingenieurs Conrad Zimmer. Die Gambrinus Brauerei produzierte zudem deutlich größere Biermengen als das Hofbrauhaus (Mason, 1881, 455).

Die Erste Bamberger Export-Brauerei Frankenbräu 1885-1893

Die Erste Bamberger Export-Bierbrauerei „Frankenbräu“ nach der Fertigstellung (Bier-Export-Blatt 2, 1886, Nr. 13, 1)

1885 verließ Valentin Lapp dann Dresden für eine neue Karriere in Bamberg, etwa 55 km nordöstlich von seiner Geburtsstadt gelegen. Hier hatte der jüdische Kaufmann und Ziegeleibesitzer Simon Lessing (1843-1903), dessen Vater, der Hopfenhändler Samuel Lessing (1808-1878) sich 1862 in Bamberg angesiedelt hatte, 1885 ein etwa 22.500 m² großes Areal mit einer modernen Brauerei und Mälzerei bebauen lassen (Bamberger Neueste Nachrichten 1886, Nr. 4 v. 4. Januar, 2). Am 5. November 1885 kaufte die neu gegründete „Erste Bamberger Export-Bierbrauerei Frankenbräu“ den Betrieb. Regionale Investoren steuerten 1,1 Mio. M Kapital bei (Bayerische Handelszeitung 15, 1885, 660). Valentin Lapp war nicht Mitgründer, wohl aber Vorstand der Direktion (Handbuch der bayerischen und württembergischen Actiengesellschaften 4, 1886, 54). Als auf dem Fabrikgelände residierender Brauereidirektor hatte er sowohl die Produktion vor Ort als auch das anvisierte Exportgeschäft ins Laufen zu bringen. Nicht alle waren vom Erfolg der Neugründung überzeugt: „Ob eine neue Exportbrauerei unter den gegenwärtigen Verhältnissen noch zeitgemäß ist, möchten wir bezweifeln und wir glauben auch nicht, daß wenn die Aktien an den Markt gebracht werden sollten, sich viele Liebhaber finden würden“ (Erste Bamberger Export-Bierbrauerei „Frankenbräu“ in Bamberg, Münchener Fremdenblatt 1885, Nr. 336 v. 2. Dezember, 5). Andere jedoch wünschten „dem Etablissement unter der vorzüglichen Leitung des tüchtigen und erprobten Direktors Herrn Lapp Blühen und Gedeihen“ (Bamberger Neueste Nachrichten 1886, Nr. 4 v. 4. Januar, 2).

Während die meisten Brauereien für den lokalen, gegebenenfalls für den regionalen Markt produzierten und ihr Bier somit frisch in Fässern in die weitere Nachbarschaft verbrachten, zielte eine Exportbrauerei deutlich weiter – auch wenn das Ausland schon abseits der bayerischen Grenzen begann, war das Deutsche Reich doch noch in fünf Brauereigebiete mit eigenen Standards, Steuern und Zöllen aufgeteilt. Dies erforderte eine technisch versierte Produktionstechnologie, vielfach auch die Pasteurisierung des frisch gebrauten Bieres. Die neue Brauerei war von dem Dortmunder Architekten Plücker als eine Musteranlage konzipiert worden, Lapp beaufsichtige gleichermaßen Bau und die von der renommierten Chemnitzer Maschinenfabrik Germania stammende maschinelle Einrichtung. Besonderer Wert wurde auf die hohe Qualität der Vorprodukte gelegt, ein betriebsinternes Darrensystem half die Malzverarbeitung zu kontrollieren. Zwei moderne Eismaschinen und umfangreiche Kelleranlagen erlaubten eine angemessene Reife des Lagerbiers, zwei Dynamos speisten die Lichterzeugung, eine Dampfmaschine trieb die Fabrik an. Die anvisierte Kapazität von 100.000 Hektolitern pro Jahr konnte grundsätzlich weiter erhöht werden (Die Erste Bamberger Export-Bierbrauerei „Frankenbräu“, Bier-Export-Blatt 2, 1886, Nr. 13, 2). Schon vor Produktionsbeginn wurden erste Lieferverträge mit großen preußischen Gaststätten abgeschlossen, im März 1886 erhielt Lapp Prokura. Dennoch dürfte der kaufmännische Betrieb schwerpunktmäßig beim Bürochef Albert Udo Ellerbrock gelegen haben (Bayerische Handelszeitung 16, 1886, 252).

Bierexport von Bayern nach Schlesien und den USA (Breslauer Zeitung 1886, Nr. 643 v. 15. September, 4 (l.), Army Navy Journal 33, 1895, Nr. 1676, 79)

Lapp dürfte von Anbeginn versucht haben, einerseits die geschmacksbeeinträchtigende Pasteurisierung zu verbessern. Stolz annoncierte man „pasteurisirtes Bier in Fässern für überseeischen Export, System Lapp“, erhielt dafür Preise, bewarb derartiges „tropensicheres Faßbier“ (Frankenbräu unter dem Aequator, Würzburger Stadt- und Landbote 1891, Nr. 136 v. 12. Juni, 4). Anderseits dürfte Lapp an der Kohlensäureimprägnierung der Biere gearbeitet haben, da dieser Zusatz das Produkt vollmundig und frisch hielt. Schließlich etablierte er eigene Eis-Waggons, konnten damit auch weiter entferntere Kunden „frisch“ beliefert werden (Bayerisches Bier-Export-Blatt 4, 1888, Nr. 56, 8). All dies waren wichtige Fertigkeiten, die wenige Jahre später in die Produktion seines „Original alkoholfreien Bieres“ mit einfließen sollten. Anregungen dürfte er auch bei einer mehrwöchigen Geschäftsreise nach Schweden gewonnen haben, denn dort war nicht nur die Temperenzbewegung alltagsbestimmend, sondern dort setzten Forschungen zu karbonisierten Limonaden und anderen alkoholfreien Getränken früher ein als im bierseligen Franken (Bamberger Volksblatt 1890, Nr. 143 v. 3. Juli, 3). 1896 wurden im norddeutschen Brauereigebiet pro Kopf 85 Liter gebraut, während es in Württemberg 236 und in Bayern satte 282 Liter waren (Bayerische Gastwirths-Zeitung 18, 1897, Nr. 30, 1).

Unter Valentin Lapps Leitung wurde die Frankenbräu weiter vergrößert und konnte den Ausstoß auf beachtliche Höhen schrauben. Von 1887 auf 1888 verdoppelte er sich auf 68.000 hl, von denen 65.000 exportiert wurden. 1889 stieg der Wert auf 74.000 (71.000 Export), 1890 auf 75.000 hl. Doch die vor allem in den USA einschneidende Wirtschaftskrise 1890/91 ließ die Exporte auf 52.000 hl zurückgehen. 1891 sank der Ausstoß erstmals auf 70.000 hl, neue Marken wie dunkel und gold-gelb gebraute „Deutsche Würze“ konnten dies nicht verhindern. Das galt auch für den auf vier Eis- und Kühlmaschinen sowie drei Dampfmaschinen ausgeweiteten Maschinenpark (Angaben n. Gambrinus 16, 1889, 232; ebd. 17, 1890, 338; ebd. 18, 1891, 369; Gambrinus 19, 1892, 334). Frankenbräu blieb eine exportorientierte Brauerei, repräsentierte deutsches Bier in zahlreichen Auslandsmärkten, beschickte selbstverständlich auch die 1893er Weltausstellung in Chicago (Condensed official catalogue of interesting exhibits […], Chicago 1893, 18).

Werbung für Frankenbräu in einer deutschen Fachzeitschrift (Bayerisches Bier-Export-Blatt 3, 1887, Nr. 29, 8)

Doch kurz danach warf Valentin Lapp die Brocken hin, in der Fachpresse hieß es freundlicher: „Herr Valentin Lapp, der langjährige und mit vielen Erfolgen thätige technische Director der Exportbrauerei ‚Frankenbräu‘ in Bamberg hat auf seine Stelle resignirt“ (Gambrinus 20, 1893, 879). Parallel wurde bekannt, dass er eine Brauerei in Leipzig-Lindenau gekauft hatte (Bayerisches Brauer-Journal 3, 1893, 535; Exportbrauerei „Frankenbräu“, Münchner Neueste Nachrichten 1893, Nr. 511 v. 8. November, 4). Am 27. Dezember 1893 wurde Lapp offiziell durch den zuvor in Arnstadt und Leipzig tätigen Brauereidirektor Elvir Faber ersetzt (Bayerische Handelszeitung 24, 1894, 44).

Anlass für diese einschneidende Veränderung dürfte der nur dank der Zusammenarbeit fast aller Investoren vermiedene Konkurs der Frankenbräu gewesen sein. Die Gewinnentwicklung ließ das Drama erahnen: Hatte die Bamberger Brauerei 1891/92 noch einen Gewinn von 72.664 M erzielt, so schloss das Geschäftsjahr 1892/93 mit dem immensen Verlust von 653.170 M (Gambrinus 21, 1894, 36). Daraufhin beschlossen die Aktionäre einen strikten Kapitalschnitt von mittlerweile 2,2 Mio. M auf 733.000 M, also auf ein Drittel. Innerhalb der Branche hieß es skeptisch: „Der Beschluß, das Actiencapital nicht nur um den Betrag der Unterbilanz, sondern um das Doppelte derselben zu reduciren, läßt darauf schließen, daß trotz der vorgenommenen Abschreibungen die Buchwerthe noch zu hoch in der Bilanz stehen, und deren weitere Herabsetzung nöthig erscheint“ (Gambrinus 21, 1894, 42). Die Lokalpresse urteilte unfreundlicher: „Die Aktie Frankenbräu ist keinen Pfennig werth. […] In Wirklichkeit ist Frankenbräu überschuldet und hätte daher schon längst nach gesetzlicher Vorschrift den Konkurs ansagen sollen“ (Betrüger im Großen, Neue Bayerische Landeszeitung 1894, Nr. 4 v. 8. Januar, 1). Eine Dividende wurde dennoch ausgeschüttet.

Was war passiert? Frankenbräu war Opfer der auch damals gar nicht so seltenen Wirtschaftskriminalität geworden. Die Gebrüder Jakob und Nathan Heßlein waren respektierte und vermögende Geschäftsleute (erst Tuchhändler, dann Bankiers), Nathan seit 1885 stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Bamberger Brauerei. Sie begannen Ende der 1880er Jahre jedoch Differenzgeschäfte an verschiedenen Börsen – und bedienten sich dabei auch der Depositen ihres Bankgeschäftes. Die Spirale von Verlusten und neuerlichen Spekulationen führte in den Ruin: „Was die Aktienbrauerei Frankenbräu anlangt, für welche Heßlein die Mitgründer und Finanziers waren, so hat die Firma die meisten Aktien der ersten Emission al pari übernommen und erheblich über pari verkauft, hat also ganz erheblich verdient; damit nicht zufrieden, hat diese Firma, um den Kurs zu steigern, wieder Aktien eingekauft, um sie noch höher zu verkaufen; letzteres mag ihr nicht ganz gelungen sein, aber verwerthet hat sie alle ihre Frankenbräuaktien. Heute ist nicht die Brauerei Schuldnerin der Firma Heßlein, sondern umgekehrt“ (Das Falliment Heßlein, Neues Münchener Tagblatt 1893, Nr. 146 v. 28. Mai, 4-5). Jakob Heßlein brachte sich nach der Aufdeckung des jahrelangen Betruges um, Bruder Nathan versuchte es zweimal vergebens. Die Passiva der Heßleins betrugen mehrere Millionen, ihr Bankrott wäre seit 1891 nur durch ein Spekulationswunder an der Börse zu verhindern gewesen (Helmbrechtser Anzeiger 1894, Nr. 81 v. 8. Juli, 2-3).

Zeitgenössisch war die Aufregung groß und unterminierte zugleich das Vertrauen in die Geschäftsfähigkeit der Frankenbräu. Die lokale Presse hatte den Fall mit aufgedeckt, der investigative Redakteur wurde anfangs jedoch als „Ehrabschneider und Verleumder“ denunziert (Frankenbräu Bamberg, Neue Bayerische Landeszeitung 1894, Nr. 13 v. 18. Januar, 3). Die neue Leitung der Brauerei betonte, dass sie auch ohne von außen kommende Kritik „von sich aus Ordnung gemacht, die aufgehäuften unsicheren Posten beseitigt, den Betrieb vereinfacht und vernünftig reduzirt, die gebührenden Abschreibungen vollzogen und den Aktionären einen Wein eingeschenkt hätte“ (Frankenbräu Bamberg, Neue Bayerische Landeszeitung 1894, Nr. 53 v. 7. März, 3). Die beträchtlichen persönlichen Opfer der Aktionäre und der Tantiemenverzicht des Aufsichtsrates spiegelten die dennoch erst spät einsetzenden Gegenmaßnahmen. Das Geschäft befand sich seit 1895 neuerlich „in steter und erfreulicher Zunahme begriffen“ (Bamberger Tagblatt 1896, Nr. 193 v. 21. August, 3), 1896/97 betrug der Ausstoß wieder 73.690 hl (Bayerische Gastwirths-Zeitung 18, 1897, Nr. 29, 2), ab 1901 firmierte man um, nannte sich nunmehr „Hofbräu“.

Valentin Lapp äußerte sich anfangs nicht zu diesem nur knapp abgewendeten Konkurs, hatte er doch zuvor seine Position zur Verfügung gestellt, war er derweil schon mit der Aufbauarbeit in Leipzig beschäftigt. Angesichts von späteren Pressevorwürfen erklärte er 1904: „Solange ich dort tätig war, hat die Brauerei Dividende bezahlt, bis sie durch das Fallissement ihres Aufsichtsratsmitgliedes Bankier Heßlein um ca. 700.000 M bar geschädigt wurde. […] Ich war gar nicht in der Lage, diesen Fall zu verhindern“ (Leipziger Tageblatt 1904, Nr. 357 v. 16. Juli, 6). Damals wurde aber auch betont, dass die Frankenbräu hohe Summen für die Forschungen Lapps aufgewandt hatte (Gross-Crostitz, Leipziger Tageblatt 1904, Nr. 386 v. 31. Juli, 13). Diese hatten zuvor die Gewinne der Brauerei ermöglicht und gesichert.

Die Bayerische Bierbrauerei V. Lapp Leipzig-Lindenau 1894-1901/02

Helles und dunkles alkoholfreies Bier für Gesunde und Kranke (Leipziger Tageblatt 1900, Nr. 646 v. 20. Dezember, 9982)

Am neuen Wirkungsort Leipzig sollte Valentin Lapp 1896 das erste „Original Alkoholfreie Bier“ produzieren. Als Wirkstätte hatte er die 1849 errichtete Dampfbrauerei des kurz zuvor verstorbenen Brauers Gustav Adolf Offenhauer (1831-1890) erworben. Die in Leipzig-Lindenau an der Kaiser Wilhelm-Straße 1-3 (heute Endersstraße) gelegene Firma wurde modernisiert, am 17. März 1894 die „Bayerische Bierbrauerei V. Lapp“ mit Lapp als Inhaber ins Handelsregister eingetragen (Leipziger Tageblatt 1894, Nr. 145 v. 21. März, 2106). Wie schon in Bamberg, wohnte Valentin Lapp auf dem Firmengelände (Leipziger Adreßbuch 1895, T. II, 272).

Leipzig war allerdings für jeden Brauer eine Herausforderung. Wurden 1890 im Großraum noch 672.510 hl hergestellt, so war dieser Wert trotz raschem Bevölkerungswachstums 1893 auf 637.512 hl gesunken und erreichte 1896 nur noch 616.534 hl (Die wirthschaftliche Lage des Leipziger Brauereigewerbes, Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 357 v. 16. Juli, 5251). Zudem schwand in Leipzig, aber auch in ganz Sachsen und Thüringen, die Bedeutung just des bayerischen Lagerbieres, während das helle böhmische Pilsner Marktanteile gewann (Die Bierexport-Verhältnisse Bayerns, Leipziger Tageblatt 1896, Nr. 228 v. 6. Mai, 3423). Für einen fränkischen Neuankömmling mit sächsischen Markterfahrungen konnte dies nur zweierlei bedeuten: Einerseits Produktion erstklassiger, dem Namen der Bayerischen Bierbrauerei verpflichteter Angebote, anderseits die Neuentwicklung weiterer marktgängiger Angebote. All dies hatte massive Folgen für den Braubetrieb selbst, denn die betrieblichen Prozesse mussten optimiert, zugleich aber neue Marktchancen erschlossen werden. Valentin Lapp hatte, wie schon in Bamberg, die Innovationsführerschaft zu erringen.

Spezialangebot eines alkoholarmen Champagner-Weißbiers (Leipziger Tageblatt 1899, Nr. 297 v. 14. Juni, 4677)

Das bedurfte längerer Vorarbeiten, zumal das Patent- und Markenrecht damals reichsweit im Fluss war. Lapps erstes Leipziger Patent, ein im April 1894 angemeldetes Verfahren zur Gewinnung von Bierwürze im ununterbrochenen Betrieb, deutete jedoch in die Richtung betrieblicher Rationalisierung (Gambrinus 22, 1895, 251). Auch neu entwickelte Biertransport- und Ausschankgefäße dienten einem schnelleren Betriebsablauf und der Reduktion manueller Arbeit (Deutscher Reichsanzeiger 1896, Nr. 135 v. 8. Juni, 21). Veränderungen im Angebot sind mangels Anzeigen nicht vor 1897 nachweisbar. Lapps Sortiment kreiste anfangs um die erwartbaren bayerischen Sorten. Kunden bewarben etwa sein Bockbier oder aber sein Helles (Leipziger Tageblatt 1895, Nr. 101 v. 24. Februar, 1372; ebd., Nr. 268 v. 2. Juni, 27). Das oben angeführte, jedoch erst 1899 nachweisbare Champagner-Weißbier unterstrich jedoch eine gewisse Erweiterung der Produktpalette. Das anfangs nur als Begriff und Utopie der Temperenzbewegung bekannte alkoholfreie Bier lag demnach im Trend der strukturellen Aufgaben Lapps. Ein zeitgenössischer Analyst sah sie vor allem als Marktchance, „Bier aus billigen Produkten herzustellen, welche obergährig einen guten Geschmack besitzen, auf Flaschen gezogen, lange haltbar sind und noch einen relativ guten Verdienst ergeben“ (Max Wender, Praktische Anleitung zur Fabrikation kohlensäurehaltiger Erfrischungs- und Luxus-Getränke, Berlin und Wien 1898, 218). Dazu aber mussten Verfahren entwickelt werden, um die enge Symbiose von Geschmacks- und Alkoholbildung zu durchbrechen. Die dem Bierbrauen zugrundeliegende alkoholfreie Bierwürze ist kaum trinkbar. Erst die von Hefe ausgelöste Gärung führt zur Alkohol- und Kohlensäureentstehung, zum vollmundigen und frischen Geschmack des Bieres. Wie aber in diesen menschlich genutzten chemischen Prozess eingreifen, um am Ende mehr zu erhalten als nicht trinkbare Plörre?

Neue Marktchancen durch Technologie: Lapps Ausflug in die Biersiphonproduktion

Diese technologische Aufgabe ging Valentin Lapp wahrscheinlich 1895/96 an. Doch über den Entwicklungsprozess, die Ideenfindung und ihre Umsetzung wissen wir kaum etwas. Wir können 1896 erste recht unpräzise Angaben über Lapps auf Verkostungen präsentiertes „Original alkoholfreie Bier“ finden. Pröbeln und Tüfteln sind halt schwerer darzustellen als das finale Produkt. Um zumindest eine Vorstellung von Lapps Vorgehen zu gewinnen, hilft allerdings ein Blick auf eine weitere Innovation, mit der er damals recht erfolgreich war.

Bier war zu dieser Zeit ein vornehmlich in Gläsern außerhäuslich konsumiertes frisches Getränk. Es wurde nach dem Brauen in Holzfässer gefüllt und gelagert, nach der Reife zum Gastwirt, zum Ausschankplatz transportiert und dort mit Hilfe tradierter Mechanik oder aber elaborierter Bierpressionen ausgeschenkt und dem willigen Kunden dargetan. Flaschenbier gab es, aber die stetig entweichende Kohlensäure begrenzte Haltbarkeit und Geschmack. Es kam mit den Flaschenfüllapparaten in den 1870er Jahren auf, doch hierzulande blieb die Mechanisierung der Hohlglasproduktion deutlich hinter der in den USA zurück. Für Exportbiere konnte sich die Flaschenabfüllung durchaus etablieren, blieb jedoch vor Ort bis in die 1890er Jahre eine von den Gastwirten erbittert bekämpfte Alternative.

Das galt auch für die nach britischen Vorbildern entwickelten Biersiphons, die seit 1895 dem häuslichen Bierkonsum eine weitere Option eröffneten (Syphon-Bier, Hopfen-Kurier 15, 1895, Nr. 74, 4). Zwar hieß es abschätzig: „Mit dieser Neuerung hat es in Bayern noch eine gute Weile“ (Bayerische Gastwirths-Zeitung 16, 1895, Nr. 50, 1-2, hier 2), doch mit der 1896 gegründeten Kasseler Bier-Siphon AG gewann das Geschäft reichsweite Dimensionen. Biersiphons verloren deutlich weniger Kohlensäure als Flaschen, zerbrachen nicht, waren zudem einfacher zu kühlen. Üblich waren 5-Liter-Gefäße, die in Brauereien oder aber dem Großhandel gefüllt und gegen Pfand den Haushalten direkt geliefert wurden. In Leipzig wurde im August 1896 eine Filiale der reichsweit führenden Kasseler Bier-Siphon AG eingerichtet (Leipziger Tageblatt 1896, Nr. 322 v. 27. Juni, 4777). Im Innovationszentrum Leipzig wurde sie jedoch rasch von der Deutschen Syphon-Ges. Roesler & Co. abgehängt, die mit ihrem Globus Selbstschänker eine bis weit in die 1920er Jahre genutzte Siphonkonstruktion etablierte (Deutscher Reichsanzeiger 1896, Nr. 210 v. 3. September, 9; Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 329 v. 1. Juli, 4866). Die neuen Geräte erlaubten allesamt häuslichen Konsum frisch verfüllten Bieres, holten gleichsam das Wirtshaus in die eigene Wohnung.

Aufbau eines Vertriebsnetzes und Produktvarianten der Lappschen Biersiphons (Hannoverscher Courier 1897, Nr. 20603 v. 6. März, 4 (l.); Allgemeine Zeitschrift für Bierbrauerei und Malzfabrikation 25, 1897, 1320)

Siphons sicherten und erweiterten den lokalen Markt, doch zugleich konnten die Geräte regional, national und auch in Auslandsmärkten eingesetzt werden. Für den tüftelnden Technologen Valentin Lapp war dies eine Herausforderung – auch als Absatzchance für sein zeitgleich entwickeltes alkoholfreies Spezialbier. Die Werbeankündigungen klangen verheißungsvoll: „Dieser im Gross- und Kleinbetriebe praktisch bewährte, vorzüglich construirte, nicht zerbrechliche Bier-Siphon bildet ein ausserordentlich vollkommenes Bier-Transport-Conservierungs- und Ausschank-Gefäss; speziell für den Haushalt. Derselbe wird in der Grösse von 5 und 10 Liter angefertigt, zeichnet sich besonders durch ein elegantes Aeussere, seine Dauerhaftigkeit sowie vorzügliche Funktion aus und ermöglicht den einfachsten, sparsamsten Betrieb bei geringstem Kohlensäure-Verbrauch und leichtester Reinigung. Derselbe ist mit einem Griff zu öffnen und ebenso wieder absolut zu verschliessen“ (Johannes Kleinpaul (Bearb.), Offizieller Katalog der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbe-Ausstellung zu Leipzig 1897, Leipzig 1897, Anzeigen, 14). Lapp hatte die vorhandenen Geräte präzise analysiert und technisch deutlich verbessert.

Am 28. Dezember 1896 gründete er gemeinsam mit einem lokalen Investor am Sitz seiner Brauerei ein neues Unternehmen, die Leipziger Salon-Bierkrug-Gesellschaft, Valentin Lapp & Co., vermarktete seine derweil erteilten Patente (Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 7 v. 5. Januar, 106; Deutscher Reichsanzeiger 1897, Nr. 173 v. 26. Juli, 15). Das neue Biergefäß etablierte sich rasch: „Nebst dem Reissing’schen Biersyphon ist jener von Lapp der bekannteste und verbreitetste. Diese Syphons […] bestehen aus einem innen silberverzinnten und überdies emaillirten, verschieden gestalteten Gefäss aus Kupfer“ (C. Gronert, Biersyphone (Schluss.), Allgemeine Zeitschrift für Bierbrauerei und Malzfabrikation 25, 1897, 1304-1305, hier 1304). Lapp veränderte seinen Grundtyp rasch: Fass-, Kannen- und Flaschenformen wurden angeboten, zudem auch Glassiphons mit direkten und indirektem Kohlensäuredruck. Dieses Modell „Prosit“ war gezielt für den „überseeischen Bedarf“ entwickelt worden, Lapp nutzte seine zuvor in Bamberg entwickelte Expertise (Hamburgischer Correspondent 1898, Nr. 509 v. 30. Oktober, 17). Hinzu kamen unterschiedliche von einem bis zehn Liter reichende Größen (Allgemeine Zeitschrift für Bierbrauerei und Malzfabrikation 25, 1897, 1320). Die Salon-Bierkrug-Gesellschaft konnte rasch ein reichsweites Vertriebsnetz aufbauen. Zudem nutzte Lapp die Siphons für den Hausversand seiner bayerischen Biere, auch das „Original Alkoholfreie Bier“ konnte nach Erscheinen darin geordert werden.

Neue Absatzformen: Lappsches Bier in selbst konstruierten Siphons (Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 387 v. 21. März, 2110)

Der Leipziger Brauereidirektor konnte also bestehende Marktchancen rasch mit technisch nicht nur wettbewerbsfähigen, sondern neue Standards setzenden Produkten nutzen. Außerdem gelang es dem früheren Exportbrauereileiter, nicht nur lokale, sondern auch überregionale Vertriebsnetze aufzubauen. Lapp zielte auf den häuslichen Konsum, durchbrach die Zwänge der öffentlichen Gaststättenkultur. Biersiphons konnten sich allerdings nur für wenige Jahre gegen den Vormarsch des durch neue Bügelverschlüsse und Kronkorken technisch verbesserten Flaschenbiers behaupten. Das Scheitern dieser – nach den Mineralwässern in den 1870er Jahren – zweiten Siphonmode betraf auch Lapp, denn sein Unternehmen wurde am 7. Juli 1902 aus dem Handelsregister gelöscht (Leipziger Tageblatt 1902, Nr. 343 v. 9. Juli, 4859). Für die Entwicklung und den Vertrieb des neuen alkoholfreien Bieres waren die von Lapp bei den Siphons an den Tag gelegten Fertigkeiten jedoch eine Art Blaupause.

Lapps „Original alkoholfreies Bier“: Zusammensetzung und Produktionsverfahren

Anfang 1897 frohlockte Wilhelm Bode (1862-1922), Geschäftsführer des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch der geistigen Getränke, später Vorstandsmitglied des Vereins für Gasthausreform: „Das neueste ist, daß es seit Ende 1896 auch vorzügliches alkoholfreies Bier gibt, ein sehr nahrhaftes, angenehmes Getränk, dem vielleicht eine große Zukunft bevorsteht“ (Wilhelm Bode, Zur Geschichte des Bieres, Das Leben 11, 1897, 150-157, hier 156). Als „Mäßiger“ plädierte er nun erst recht für „die Bevorzugung der leichten Biere und Einführung alkoholfreier Getränke“ (Die Berliner Frühjahrsversammlungen zur Fürsorge für Wanderer und Arbeitslose, Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 215 v. 29. April, 3203). Zuvor hatte er verschiedene neue Produkte gekostet, Lapps „Original alkoholfreies Bier“ ragte dabei heraus.

Ein neues alkoholfreies Bier, wissenschaftlich umkränzt (Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 133 v. 14. März, 1918)

Lapps Innovation zirkulierte seit Ende 1896 bei den Ausstellungen und Vereinstreffen der Temperenzbewegung, der Naturheilkunde und Sozialreform: „Die Bayerische Bierbrauerei R. [sic!] Lapp in Leipzig-Lindenau bringt seit kurzem ein alkoholfreies Bier in den Handel, das, ohne Surrogate und Konservierungsmittel hergestellt, zum Preise von 15 Pf. (hell) und 20 Pf. (dunkel) pro Flasche Leipzig franko Haus abgegeben wird“. Ein abstinenter Arzt reiste eigens nach Leipzig, um Valentin Lapp und sein Produkt kennenzulernen: „Höchstbefriedigt bin ich von beiden. Das Bier ist absolut alkoholfrei, unbegrenzt haltbar, sehr schmackhaft, nicht durch das widersinnige Verfahren gewonnen, daß man zuerst alkoholhaltiges Bier macht und dann mühsam und teuer den Alkohol wieder entfernt, sondern durch Verhütung jeder Zersetzung in der sorgfältigst bereiteten, sterilisierten und gehopften Würze, unter späterem Zusatz von Kohlensäure. Dabei ist das Bier billig. Daß wir es schon so weit gebracht haben, daß wir unter Bierbrauern welche finden, die wie R. [sic!] Lapp mit seiner ganzen Familie Abstinente sind und ihre Erkenntnis noch in die That umsetzen, ist gewiß erfreulich. Hochintelligent, gut in seinem Fach gebildet, einer idealen Auffassung zugänglich, werden wir in der Mitarbeit dieses bayerischen Bierbrauers einen Kampfgenossen in jenem Lager gefunden haben, wo man es wohl am wenigsten erwartete“ (Beides nach Alkoholfreies Bier, Hygieia 10, 1896/97, 374-375).

Lapp selbst, dessen Abstinenz anderweitig nicht belegt ist, zielte jedoch über den Glasrand der Temperenzbewegung hinaus. Sein alkoholfreies Bier war Wissensprodukt, kein Ersatz, sondern eine neue Biersorte eigener Qualität. Seine vor Ort ab März 1897 geschaltete Anzeigenwerbung präsentierte ein neues „Hausgetränk“ für alle. Formal erinnern die Annoncen an die gerade in Leipzig seit Jahrzehnten besonders gepflegten Malzextrakte, Gesundheitsbiere und Porter. Analysen waren Trumpf, sollten die Güte des Neuen wissenschaftlich bezeugen. Gleich drei renommierte Nahrungsmittelchemiker hatten das „Bier“ Ende 1896, Anfang 1897 untersucht: Die Leipziger Karl Hoffmann und Oskar Bach sowie der Berliner Carl Bischoff. Hoffmann fand ein Getränk „von dunkelrother Farbe, vollkommen klar, von feurigem Glanze, [es, US] schäumte stark und hielt den Schaum genügende Zeit. Dasselbe wirkte erfrischend und ist der Geschmack der süßlich bittere eines guten Bieres.“ Das galt auch noch fünf Wochen später. Bach lobte den gänzlich fehlenden Alkohol, ferner den Verzicht auf Süß- und Zusatzstoffe. Am aussagestärksten war Bischoffs Analyse: Lapp sei demnach vom ärztlichen Wunsch bewegt worden, „ein kräftiges, die normalen Bestandtheile eines Bieres enthaltendes Getränk verwenden zu können, ohne gleichzeitig den Alkoholgehalt mit hinnehmen zu müssen. Es ist das hier vorliegende Erzeugnis entstanden und mit Recht mit dem Namen ‚Alkoholfreies Bier‘ benannt worden, wenn auch gewissermaßen bisher im Allgemeinen ein Gebräu erst Bier genannt wurde, wenn in demselben unter dem Einfluß der Gährung sich Alkohol gebildet hat. […] Man kann den Geschmack des Gebräues sonst als einen sehr kräftigen, brodigen oder malzigen Geschmack kennzeichnen und ist das Getränk durch seinen starken Kohlensäuregehalt auch von recht erfrischendem Geschmack“. Das neue alkoholfreie Bier sei steril produziert, daher lange lagerfähig (alle Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 133 v. 14. März, 1918). Fasst man zusammen, so war dies eine brautechnisch gelungene Innovation, ansprechend und auch geschmacklich dem Bier entsprechend. Bischoff allein verstand jedoch die dahinterstehende Erschütterung der eben nicht festen Welt der Nahrungsmittelbezeichnungen. Bier ohne alkoholische Gärung? Dennoch bezeichneten zwei der Gutachter das „Original alkoholfreie Bier“ just als Bier.

Lapps alkoholfreies Bier per Nachnahme (Tageblatt der 69. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte in Braunschweig 1897, Nr. 1 v. 19. September, 49)

Es dauerte noch ein Jahr, bis auch die neuartige Produktionsweise – auf Basis eines in Großbritannien zuerkannten Patentes – bekannt wurde: Ausgangspunkt war demnach zerkleinertes Malz, das auf 60° C erhitzt, stehengelassen und dann gekocht wurde. Nach dem Abläutern, also dem Abfiltern fester Malzbestandteile, wurde der warmen Bierwürze mehrfach Diastase hinzugefügt, so dass die Stärke in Zucker umgewandelt werden konnte. Der Sud wurde erhitzt, Hopfendrüsen hinzugefügt und verkocht. Die Würze wurde anschließend zentrifugiert, reagierte mit der Luft, wandelte sich in eine schaumige Masse, die man dann sacken ließ und unter möglichst geringem Wärmeverlust filtrierte. Diese Flüssigkeit wurde zerstäubt und mit Kohlensäure imprägniert, anschließend in einer Kühlschlange möglichst rasch auf den Gefrierpunkt abgekühlt. Danach sättigte man die eiskühle Würze nochmals mit Kohlensäure (Mäßigkeits-Blätter 15, 1898, 77-78; Alkoholfreies Bier, Drogisten-Zeitung 24, 1898, 558; Alkoholfreies Bier, Hopfen-Kurier 18, 1898, Nr. 21, 3-4). Diese Informationen wurden großenteils nur wiedergegeben, riefen jedoch auch Widerspruch hervor. Es handelte sich doch um einen Bruch mit der tradierten Braukunst, denn die Bierwürze wurde nicht vergoren: Es hieß, dass der Begriff alkoholfreies Bier „eigentlich sinnlos“ sei, nur der Einfachheit halber genutzt werden könne (Alkoholfreies Bier, Technische Rundschau 4, 1898, 266). Deutlicher war die Resonanz von Brauern: „Die Herstellung dieses Bieres verträgt sich also nicht mit der einschlägigen bayerischen Gesetzgebung“ (Lapp-Bier, Zeitschrift für das gesammte Brauwesen 21, 1898, 193). Wir werden auf diese sich rasch zuspitzende Debatte zurückkommen.

Valentin Lapp hat sein patentiertes Produktionsverfahren anschließend immer wieder verbessert, so dass es sich nur bedingt um ein standardisiertes Markenprodukt gehandelt hat (Mäßigkeits-Blätter 15, 1898, 129). Zudem wurden die zwei Anfangssorten, Helles und Dunkles, rasch um drei weitere Varianten ergänzt. Dabei ging es für den Erfinder nicht nur um den Geschmack: „Dieses für unverdorbene Gaumen sehr wohlschmeckende, stark schäumende Bier hat einen erheblich höheren Nährwert als das alkoholische, das ja mit Unrecht als ‚flüssiges Brot‘ angepriesen wird“ (Wein und Bier ohne Alkohol, Lippstädter Zeitung 1897, Nr. 39 v. 31. März, 1). Redaktionelle Werbung pries die Pioniertat, die Abkehr von ebenso bezeichneten Vorgängern mit ihrem „abscheulichem Geschmack“: „Die Ueberwindung der großen technischen Schwierigkeiten ist nun dem in Fachkreisen als Capacität bekannten Brauereibesitzer Valentin Lapp in Leipzig-Lindenau gelungen. In seinem ‚Original alkoholfreien Bier‘ stellt er ein Getränk her, das allen Anforderungen, namentlich auch in medicinischer Hinsicht, entspricht“ (Hamburgischer Correspondent 1897, Nr. 23 v. 2. Dezember, 12-13). Es folgten obligate Erfolgsmeldungen über die Verwendung als Hausgetränk für Frauen, Kinder und Wöchnerinnen, in Krankenhäusern und Kantinen, auch in den Überseemärkten. Das alkoholfreie Bier war Nähr- und Kräftigungsmittel, diente Rekonvaleszenten und Gebrechlichen, fand auch seinen Weg auf den häuslichen Tisch. Glaubt man der Temperenzpresse, so handelte es sich um einen auch kommerziellen Erfolg: „In Leipzig führen 10 Restaurants das Bier ständig, in Eisenach wird es im Stadtpark verschänkt und an acht Stellen in Flaschen verkauft. Nach München gehen Waggon-Sendungen und neben den Trinkerheilanstalten werden auch Nervenheil- und andere Anstalten gute Abnehmer. An einem deutschen Hofe kommt es auf den Tisch der Prinzen. In Norwegen wird es demnächst auch hergestellt“ (Mäßigkeits-Blätter 15, 1898, 31-32). Valentin Lapp erhielt vielgestaltigen Beifall, galt „als ein hochgebildeter, hervorragend tüchtiger Fachmann“ (Wein und Bier ohne Alkohol, Das Volk 1898, Nr. 147 v. 26. Juni, 9).

Virtuelle Konkurrenten: Bassara und Frada

Lapps „Original alkoholfreies Bier“ steht in der Tradition bieranaloger alkoholfreier Getränke. Ihre Zahl nahm Mitte der 1890er Jahre deutlich zu, der Erfolg der „alkoholfreien Weine“ setzte Forscherenergie und Investorengeld in Bewegung. Vertreter der Temperenzbewegung hatten sich zuvor vor allem von zwei Innovationen das versprochen, was nun Lapps Produkt leisten sollte: Eine Alternative für den täglichen häuslichen Konsum, mit dem man aber auch die Gegenkultur alkoholfreier Gaststätten attraktiver ausgestalten konnte.

Bei den beiden früheren Produkte handelte es sich einerseits um Bassara, das 1896 für eine gewisse Aufmerksamkeit bei Versammlungen von Naturforschern und Medizinern sorgte (Allgemeine Wiener Medizinische Zeitung 41, 1896, 445). Das „alkoholfreie Bier“ bestand aus geheim gehaltenen Zutaten, vornehmlich jedoch Pflanzenauszügen. Das von der Kasseler Firma Dr. Hilgenberg Nachf. produzierte Getränk zielte vornehmlich auf den englischen Markt, dem dortigen Faible für Ingwer- und Rootbeer. Auch wenn gerade Apotheker auf die Marktchancen solcher Nichtalkoholika aufmerksam gemacht wurden, so hatte es mit Bier lediglich den Namen gemein (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 38, 1897, 558).

Entstehen eines Marktes „alkoholfreier Biere“: Bassara und Frada (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 38, 1897, 558 (l.); Badische Presse 1900, Nr. 129 v. 6. Juni, 8)

Deutlich anders zu bewerten ist das ebenfalls 1896 entstandene Frada. Es wurde von dem in der Lebensreformbewegung fest verankerten Chemiker Walther Nägeli (1851-1919) in seiner seit 1878 bestehenden Konservenfabrik in Mainz-Mombach entwickelt (Bayerische Handelszeitung 8, 1878, 80). Das seit Juli 1896 vertriebene Frada war Nebenprodukt einer breiten und Zeitgenossen beeindruckenden Palette von Frada-Fruchtsäften aus Äpfeln, Beerenfrüchten, Kirschen und Pflaumen, die er als „alkoholfreie Weine“ vermarktete. Das Verfahren des alkoholfreien Biers Frada wurde 1896 patentiert, steht also zeitlich vor Lapps „Original alkoholfreiem Bier“ (Westdeutsche Zeitung 1896, Nr. 176 v. 29. Juli, 3). Bier wurde in üblicher Weise hergestellt, der Alkohol dann mechanisch entzogen (Badische Presse 1900, Nr. 129 v. 6. Juni, 8). Der Geschmack variierte, zudem misslang der Aufbau einer leistungsfähigeren Vertriebsstruktur. Nägli verkaufte seine zahlreichen Patente Ende 1899 an die in Berlin neu gegründete Theodor Reissing & Co. GmbH für einen Pauschalpreis von 30.000 M (Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 353 v. 31. Juli, 12). Frada-Bier war nicht viel mehr als ein Versuchsballon, der bald ohne Luft landete. Das Präparat unterstrich vor allem die technologischen Fallstricke der Produktion alkoholfreier Ersatzprodukte, auch wenn der nachträgliche Entzug des Alkohols in der Folge vielfach versucht wurde.

Aufbau eines Vertriebsnetzes für Lapps „Original Alkoholfreie Bier“

Beim Aufkommen dieser alkoholfreien Biere waren sich viele Temperenzler sicher, dass dies nicht drei beliebige Einzelprodukte waren, sie vielmehr eine Zeitenwende einläuteten: „Die Jahre 1896 und 1897 werden in der Geschichte der Getränke und der Trinksitten wahrscheinlich epochemachend sein, […]. Wenn bisher die Streitfrage war: Wein und Bier oder Wasser? so wird sie bald auch lauten: alkoholisches Bier oder alkoholfreies? alkoholischer Wein oder alkoholfreier? gefährliches oder gesundes Getränk?“ (Wein und Bier ohne Alkohol, Kneipp-Blätter 7, 1897, 133-134). Die Jugend würde mit neuen Wahlmöglichkeiten aufwachsen, sie würde der Trunksucht nicht anheimfallen. Dabei handelte es sich jedoch um typische Wunschwelten von Bildungsbürgern fernab wirtschaftlicher Realitäten. Denn so unverzichtbar die Produktentwicklung auch sein mag; über den Markterfolg entscheidet vorrangig der Aufbau eines Vertriebsnetzes, also die Nähe zum Konsumenten. Und darauf gründete die Ubiquität der Alkoholika: 1893 gab es in der Stadt Leipzig nicht weniger als 148 Gastwirtschaften, 1153 Schankwirtschaften mit und 188 ohne Branntweinausschank, zudem noch 281 Branntweinkleinhandlungen (Statistisches Jahrbuch für das Königreich Sachsen 33, 1905, 148).

Im Gegensatz zu Nägeli, der für sein alkoholfreies Bier lediglich die gängigen Absatzwege seiner Frada-Fruchtsäfte nutzte, baute Valentin Lapp ein breit gefächertes, weit über den lokalen Absatz seiner bayerischen Biere hinausreichendes Vertriebsnetzwerk auf. Vier Ebenen sind zu unterscheiden: Erstens nutzte er seine lokalen und regionalen Absatzstrukturen. Alkoholfreie Biere erweiterten das bestehende, gemein vertraglich fixierte Angebot vornehmlich von Münchner, Kulmbacher, Lagerbier und – eine Morgengabe an das sächsische Publikum – Pilsener um die neuen alkoholfreien Sorten. Da es sich um Flaschenbier handelte, schied dies bei größeren Wirtschaften aus, auch wenn 1897 die Offensive der Gastwirte gegen diese Verpackung schon wieder am Abebben war. Hinzu trat vor Ort ein kostenloser Bringdienst zu den gängigen Lieferusancen. Zweitens transformierte Valentin Lapp seine Brauerei in ein Versandgeschäft für das neue Flaschenbier. Probekistchen mit vier Flaschen sollten den Einstieg ermöglichen, ansonsten versandte die Brauerei Bierkästen mit 12, 24, 50 und 100 Flaschen per Nachnahme ins gesamte Inland. Drittens beschritt Lapp mit seinem neuen „Original alkoholfreiem Bier“ den üblichen Weg für damalige Gebrauchsgüter, seien es Fleckenwasser oder aber Asthmazigaretten aus Cannabis: Er versuchte Großhandelsdepots zu errichten, Bierhandlungen und Brauereien für einen gemeinsamen Vertrieb zu gewinnen. Diese vergaben anschließend Regional- und Lokalkonzessionen, derer Inhaber dann einzelne Gaststätten und Einzelhändler belieferten. Viertens schließlich bemühte er sich auch um einen internationalen Ausfuhrhandel.

Genaue Angaben zu den jeweiligen Erfolgen fehlen. Der Preis des „Original alkoholfreien Bieres“ war allerdings relativ hoch, entsprach dem von in Flaschen versandten alkoholhaltigen Spezialbieren, lag damit aber mindestens fünf Pfennig höher als gängige Standardbiere; wobei wir nicht wissen, ob es sich um eine der vielfach üblichen Halbliterflaschen handelte. Da Kunden aber über die „nicht große Flasche“ (Die christliche Welt 11, 1897, Sp. 384) lamentierten, dürfte der Inhalt geringer gewesen sein, zwischen 0,4 und 0,2 Liter, lehnte sich vielleicht an die zumeist 0,3 oder 0,4 Liter fassenden Biergläser in den Gaststätten abseits Bayerns an. Es gab damals keine standardisierten Bierflaschen. Lapps Standardflaschen waren 20 Zentimeter hoch, doch der bauchige Hauptteil machte weniger als die Hälfte aus. Bequemlichkeit hatte ihren Preis.

Standardbierflasche aus Valentin Lapps Brauerei in Leipzig-Lindenau (l.) und Suche nach Generalagenturen für die Belieferung der Großstadtmärkte (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Objekt Nr. Z0135658 (l.); Berliner Tageblatt 1897, Nr. 446 v. 3. September, 10)

Der Bahnversand von Lapps alkoholfreiem Bier erfüllte zumindest anfangs die gesteckten Erwartungen, teilte seine Brauerei doch drei Monate nach der Einführung mit, „sie müsse fast alltäglich ihre Geschirre nach dem Bayerischen Bahnhofe schicken, um die nach Süddeutschland gehenden Sendungen ihres alkoholfreien Bieres, monatlich 120 bis 150 Kisten, zollamtlich behandeln zu lassen“ (Errichtung einer Zollabfertigungsstelle am Bahnhofe zu Plagwitz-Lindenau, Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 260 v. 5. Juni, 4222). Folgen wir nun den Kistchen, etwa in den Schopfsteiner Gasthof „Zum Pflug“: Dort wurde Lapps Dunkles verkostet, sein malziger Geschmack gewürdigt: „Auch der gewiegteste Bierkenner würde im übrigen dem schäumenden Gerstensafte nicht anmerken, daß ihm der Rausch erzeugende Bestandteil fehlt und doch ist dem so. […] Das in Rede stehende Bier hat nur einen Fehler, es ist zu teuer. Während es die Brauerei Lapp-Leipzig-Lindenau an Ort und Stelle für 15 bezw. 20 Pfg. liefern kann, erhöht sich in Schopfheim […] durch Fracht, Steuer u.s.w. der Preis auf 70 Pfg.“ (Ingolstädter Tagblatt 1897, Nr. 38 v. 17. Februar, 5). Beim Bier gab es im Deutschen Reich noch keinen freien Warenverkehr. Unter Temperenzlern hoffe man daher auf eine breitere dezentrale Produktion: „Aber gewiß ist die Zeit nicht mehr fern, wo alle Brauereien in einen edlen Wettstreit eintreten werden, nicht mehr das stärkste (d. h. giftigste) sondern das gesündeste Bier herzustellen“ (Alkoholfreie Weine, Feierstunde 1898, Nr. 36, 3). Bildungsbürgerliches Wunschdenken…

Konzessionierter Absatz (General-Anzeiger für Bonn und Umgegend 1900, Nr. 3854 v. 3. November, 1 (l.); Echo des Siebengebirges 1900, Nr. 95 v. 28. November, 3)

Lapp versuchte daher verstärkt, lokale Vertriebsfirmen zumal im norddeutschen Braugebiet zu gewinnen. Diese wurden am Verkaufserlös angemessen beteiligt, sollten dann Vertrieb und Werbung eigenständig durchführen. Große Biersendungen würden die Kosten deutlich vermindern. Das gelang, wenngleich von einer reichsweiten Vor-Ort-Präsenz des „Original alkoholfreien Bieres“ nicht die Rede sein konnte. Enthaltsamkeit blieb ein teures Unterfangen. Entsprechend dürfte Lapps Produkt auch im Ausland nur geringen Widerhall gefunden haben. Valentin Lapp sprach zwar anfangs von der „außerordentliche[n, US] Verbreitung“, von „Erfolgen in staatlichen und privaten Anstalten“, von „großen nach Ägypten und dem Orient versandten Posten“, pries das alkoholfreie Bier gerade für die Tropen, denn es erfrische, während „man nicht die lähmende und erschlaffende Wirkung des Alkohols mit in den Kauf nehmen muß“ (Alkoholfreies Bier, Deutsche Kolonialzeitung 11, 1898, 201). Doch die umfangreiche Werbung in der einschlägigen Deutschen Kolonialzeitung wurde nach 1898 nicht mehr fortgesetzt, der Widerhall war zu gering (Tropenkoller, Hamburger Fremdenblatt 1903, Nr. 126 v. 31. Mai, 25).

Ein alkoholfreies Getränk für die Kolonien (Deutsche Kolonialzeitung 11, 1898, Nr. 26, Beil., 209)

Vermarktung im Umfeld der Temperenzbewegung

Die vier eingeschlagenen, allerdings nur teils erfolgreichen Vertriebswege waren zwar nicht häufige, grundsätzlich aber auch von anderen Brauereien gewählte Formen, um insbesondere für Spezialbiere überregionalen Absatz zu finden. Sie waren Ausdruck der Produktorientierung der Branche. Es galt ein gutes Bier zu produzieren, dieses dem Kunden vor Augen zu führen – und dann würde er zugreifen, denn er hatte Durst. Das alkoholfreie Bier war jedoch von anderer Qualität, denn es zielte auf die große Zahl der Biertrinker, die dem Alkohol kritisch gegenüberstanden, die aber die vielen anderen Attribute des Bieres nicht missen wollten. Alkoholfreies Bier war damit konsumentenzentriert, durchbrach das brauliche Selbstgespräch am Gärbottich, war das Ergebnis gesellschaftlicher Ansprüche just an die Brauwirtschaft. Lapps Innovation stand für eine neue Macht des Konsumenten, für seine vielfach nur beschworene Souveränität. Es ging nicht um ein verbessertes Weiter-so, sondern um eine neuartige Konsumentenorientierung. Alkoholfreies Bier war die Materialisierung von seit den 1880er Jahren öffentlich artikulierten Ansprüchen. Entsprechend gab es einen fünften, in der Öffentlichkeit auch am stärksten thematisierten Vertriebsweg, nämlich den Absatz über die Institutionen der Temperenzbewegung. Deren zehntausende Vereinsmitglieder waren als Kernmarkt des Neuen eigentlich gesetzt. Alkoholfreies Bier nicht nur zu fordern, sondern es nun auch zu kaufen, schien eine Frage der Fairness zu sein, zumal sich Lapp mit dem neuen Bier nicht nur Freunde schuf: Der lokale Verein Leipziger Gastwirte lehnte es nach kurzem internen Meinungsaustausch strikt ab, das alkoholfreie Bier auch nur zu verkosten (Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 174 v. 6. April, 2580).

Valentin Lapp präsentierte sein „Original alkoholfreies Bier“, aber auch seinen neu entwickelten Malzextrakt und eine Trinkwürze (beides Gesundheitsbiere), bei zahlreichen Ausstellungen sowohl der engeren Temperenzbewegung als auch auf medizinischen und naturwissenschaftlichen Tagungen und Kongressen (Verein für Gesundheitspflege zu L.-Plagwitz, Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 260 v. 23. Mai, 3862). Das neue Produkt wurde als „eine entschiedene Consequenz des gedachten Heilungsregimes“ (Pharmaceutische Post 30, 1897, 504) der Abstinenz zumeist positiv beschrieben (General-Anzeiger für Essen und Umgegend 1897, Nr. 226 v. 2. Oktober, 4; Münchner Neueste Nachrichten 1898, Nr. 139 v. 25. März, 9; Die Ersatzgetränke-Ausstellung in Heidelberg, Mäßigkeits-Blätter 15, 1898, 129-130; Die Neuheiten-Ausstellung, Düsseldorfer Zeitung 1898, Nr. 262 v. 23. September, 3).

Präsentation als „bestes Gesundheitsbier der Welt“ (Saale-Zeitung 1897, Nr. 554 v. 26. November, 8)

Zusammengefasst ragen innerhalb der Berichte drei Punkte hervor, nämlich Freude und Stolz, Fragen des Geschmacks und Rückfragen an den Preis. Die Temperenzler sahen sich erstens durch das Lappsche Produkt selbst bestätigt. Rasch parolte man, dass es nun endlich Mittel gäbe, „die einen Uebergang zum Anti-Alkoholismus ermöglichen: genußreiche Ernährung ohne die Schattenseiten der Berauschung, die so oft in’s Elend führt!“ (Allgäuer Zeitung 1898, Nr. 61 v. 16. März, 5). Alkoholfreies Bier erlaube die der eigenen Bewegung immanente höher entwickelte Lebensfreude. Doch ein vorbehaltloses Ja war nicht zu hören: „Natürlich werden die neuen Getränke nur ganz allmählich Boden gewinnen, wie das auch bei allen heute beliebten der Fall war. Es wird ihnen an Gegnern und Hindernissen nicht fehlen; […]. So treten sie langsam in einen Wettbewerb mit den Alkoholgetränken und viele werden davon Nutzen haben“ (Das Volk 1898, Nr. 147 v. 26. Juni, 9). Zweitens hielt man sich bei der Einschätzung des Geschmacks vielfach zurück. Das alkoholhaltige Bier blieb Geschmacksreferenz, an die Entwicklung einer eigenen Geschmackskultur dachte man nicht. Man wog ab, empfand die helle Variante ansprechender als die dunkle, hob diejenigen Sorten hervor, die „im Geschmack dem gewöhnlichen alkoholhaltigen Bier am nächsten“ kamen (Ersatzgetränke für Alkohol, Wörishofer Blätter 9, 1898, 598-599, hier 599). Selbst kritische Stimmen wurden positiv umgebogen: „Was den Geschmack anbetrifft, so dürfte es dem gesunden Biertrinker kaum imponiren; der Kranke wird ihn faut de mieux sicher gern in den Kauf nehmen, um nur seinen Durst zu stillen“ (Pharmaceutische Post 30, 1897, 504). Drittens war das alkoholfreie Bier vielen schlicht zu teuer. Als bei der Jahresversammlung des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 45 Pfennig für ein halbes Liter gefordert wurden, fand es „wenig Anklang“ (Badischer Beobachter 1898, Nr. 173 v. 30. Juli, s.p.). Dann aber folgte Zukunftsmusik, harfte man das Lied von niedrigeren Preisen bei höherem Absatz.

Vertriebsnetzwerk der Lebensreform (Volkswacht 1898, Nr. 173 v. 28. Juli, 4)

Bei den Ausstellungen und Tagungen suchte Valentin Lapp aber nicht nur Einzelkunden, sondern versuchte vorrangig, sein Produkt in Krankenhäuser, Anstalten und Kantinen einzuführen. Bei den Betreuten galten andere Geschmackskriterien, wir lasen dies schon. Gerade in Trinkerheilanstalten könne alkoholfreies Bier für die Patienten ein wertvolles Mittel sein, „um den Uebergang zum Wasser- und Wenigtrinken zu vermitteln“ (Mäßigkeitstag in Heidelberg, Emscher Zeitung 1898, Nr. 176 v. 30. Juli, 1-2, hier 2). In Kantinen sollten die Arbeiter eine Alternative zum üblichen Bier haben, in Dresden und Berlin soll dies auch gelungen sein (Schutz der Arbeiter gegen den Alkohol, Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 539 v. 22. Oktober, 7745). Die Vermarktung bei Ärzten und Sanatorien hob den höheren Nährwert des alkoholfreien Biers besonders hervor (Bautzener Nachrichten 1898, Nr. 289 v. 14. Dezember, 3349). Und entsprechend weitete sich das Einsatzfeld aus, umgriff blutarme Frauen, aber auch kränkliche Kinder. Otto Dornblüth (1860-1912), späterer Herausgeber des Pschyrembels, forderte seine Kollegen auf, künftig den alkoholhaltigen Malzextrakt durch Lapps nährenden alkoholfreien Trank zu ersetzen (Ärztliche Rundschau 8, 1898, 348-349, hier 349).

Integration des alkoholfreien Bieres in alkoholfreie Gaststätten (General-Anzeiger der Stadt Mannheim und Umgebung 1902, Nr. 308 v. 7. Juli, 8)

Der Worte wurden also viele gewechselt, an Bemühungen fehlte es nicht. Doch im Markt alkoholfreier Getränke waren die Folgen überschaubar. Als Ende 1898 die Redaktion der Siegener Zeitung „Das Volk“ um Adressen von Produzenten alkoholfreier Biere gebeten wurde, verwies sie an den Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, nicht aber an Valentin Lapp oder einen Wettbewerber (Das Volk 1898, Nr. 295 v. 17. Dezember, 7). Dabei hatte der Leipziger Brauer auch innerhalb der Temperenz- und Naturheilkundebewegung um Unterstützung gegeben, insbesondere um lokale Niederlagen einrichten zu können (J. Okic, Sieben Jahre in Wörishofen, Wörishofen 1898, Inserate, 4). Diesen wurde nur sehr selten entsprochen, eine der wenigen Ausnahmen gab es just in der Biermetropole München (Lappsches alkoholfreies Bier, Zeitschrift für das gesammte Brauwesen 21, 1898, 37). Zusammengefasst war das Interesse seitens der Temperenzbewegung groß, ja sehr groß. Doch es gab fast keine wirkliche Unterstützung. Lapps „Original alkoholfreies Bier“ wurde zwar in das noch nicht sonderlich breite Sortiment alkoholfreier Gaststätten integriert, doch dessen Kern bildeten nach wie vor Heißgetränke, Mineralwässer und zunehmend auch süße Limonaden. Alkoholfreie Weine und Bier ergänzten, traten aber nicht in den zuvor viel beschworenen Mittelpunkt. Innerhalb der vornehmlich bürgerlichen, vornehmlich protestantischen Temperenzbewegung waren nur wenige wirklich bereit, einen höheren Preis für Nichtalkoholika von teils ungewohntem Geschmack auszugeben. Gezielte Subventionierungen hätten dies ändern können, doch daran wurde nicht einmal gedacht. Die bürgerlichen Kreise traten zwar beredt für ihre Ideale ein, es fehlte ihnen jedoch das handgreifliche Engagement und die Opferbereitschaft, die das katholische Milieu und insbesondere die sozialdemokratische Arbeiterschaft im späten Kaiserreich auszeichnete.

Widerstand: Was ist Bier, was ist alkoholfreies Bier?

Lapps „Original alkoholfreies Bier“ war Teil einer tiefgreifenden Transformation der deutschen Trinkkultur um die Jahrhundertwende. Ähnlich wie die heutige, mehr behauptete und auf relativ überschaubare Bevölkerungsgruppen begrenzte Transformation – Stichwort vegan – war sie begleitet von Sprachspielen. Dieses war typisch für Versuche, dominante Ernährungs- und Trinkweisen durch relativ kleine, medial präsente Kader aufzubrechen. Was modisch klingen mag und gern mit Verweis auf moderne Theoretiker der kulturellen Hegemonie oder der repressiven Toleranz begründet wird, war allerdings schon tradiertes Wissen für Gebildete im späten 19. Jahrhundert, für die damals gängige Sprachphilosophie. Wilhelm von Humboldt (1767-1835), heute im Schatten seines Bruders stehend, war selbst Transformator, legte als Reformer und Gelehrter die Grundlagen einer heutzutage längst aufgegebenen Idee von Bildung, sei es im Gymnasium, sei es in den Universitäten. Die Sprache, so Humboldt, „steht ganz eigentlich einem unendlichen und wahrhaft gränzenlosen Gebiete, dem Inbegriff alles Denkbaren, gegenüber. Sie muß daher von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch machen, […]“ (Wilhelm v. Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts, Berlin 1836, 106). „Alkoholfreies Bier“ war Ausdruck menschlicher Phantasie, eine Worterfindung durch Übertragung. Es handelte sich um eine Metapher, unsinnig, aber anschaulich und ansatzweise verständlich. Sprache hat ihre Eigengesetzlichkeiten, warum sonst sprechen wir einerseits von Zahnbürste – die doch Zähne reinigt –, anderseits vom Schneckenhaus, obwohl in ihm nur ein Weichtier haust. Alkoholfreies Bier war rein sprachlich ein paradiesischer Begriff, verwies auf die Auflösung der Gegensätze, auf das Miteinander von Wolf und Lamm. Es überrascht daher nicht, dass dieses bildungsbürgerliche Sprachspiel keinen Anklang bei Brauern und Chemikern, Juristen und auch Abstinenzlern fand. Letzteren war das alkoholfreie Bier ein Wolf im Schafspelz, ein falscher Prophet des Nichtvereinbaren.

Die wirtschaftlich interessierten, durch das Neue herausgeforderten Kreise urteilten ähnlich apodiktisch: „Die Bezeichnung alkoholfreies Bier ist ein Unsinn“ (Franz Elsner, Die Praxis des Chemikers, 7. umgearb. u. verm. Aufl., Hamburg und Leipzig 1900, 316). Bier war demnach von Alkohol nicht zu trennen. Es war Resultat einer Vergärung stärkehaltiger Stoffe, eines „natürlichen“ Prozesses, in Gang gesetzt durch kunstfertig bereitete Zutaten, umgesetzt durch eine ausgeklügelte Maschinerie. Das Wunder des Bieres bestand aber auch darin, dass unsachgemäßes Brauen Getränke hervorbringe, die „Abneigung und Widerwillen“ hervorrufen würden. Man konzedierte, dass insbesondere „amerikanischen Kunstgetränke“ dank Zutaten und Kohlensäure „gar nicht schlecht schmecken und auch nicht sehr übel bekommen.“ Bier sei aber chemisch weit komplexer, könne nicht chemisch-technisch simuliert werden. Unabhängig vom Geschmack sei das Resultat aber niemals Bier (Zitate n. Ueber das Lapp’sche Verfahren zur Gewinnung von Bierwürze und das sogenannte alkoholfreie Bier, Gambrinus 25, 1898, 217). Die Kritik am Begriff „alkoholfreies Bier“ hatte noch eine zweite Dimension, die anfangs vor allem aus der besseren Kenntnis der chemischen Zusammensetzung „alkoholfreier Weine“ und „alkoholfreier“ Säfte stammte, an sich aber auch aus rudimentärem Wissen über die Gärung. Alkohol ist fast allgegenwärtig, auch der Mensch produziert es täglich. Die Mengen sind gering, gewiss. Aber mit den damaligen Apparaturen war es nicht möglich, „alkoholfreie“, sondern höchstens alkoholarme Produkte zu schaffen. Dieser implizite Betrugsvorwurf waberte bis in die zeitgenössischen Karikaturblätter (Kladderadatsch 58, 1905, Nr. 2, Beibl. 2, 2). Hinzu kam, dass für Brauer alkoholfreies Bier auch deshalb nicht erforderlich war, weil Bier selbst das alle anderen überstrahlende Temperenzgetränk sei (Alkoholfreies Bier, Gambrinus 25, 1898, 93-94, hier 94).

Sollte das wissenschaftlich präsentierte „Original alkoholfreies Bier“ gar keines sein? (Saale-Zeitung 1898, Nr. 78 v. 16. Februar, 12)

Lapps „Original alkoholfreies Bier“ setzte einen definitorischen Streit in Gang, der grundsätzlich dazu hätte führen können, dass sich Naturwissenschaftler (und viele naturwissenschaftlich gebildete Praktiker) als Modellplatonisten erkannten, als unreflektierte Kulturwissenschaftler. Jede Beschwörung von „Natur“ ist unreflektierter Mystizismus – und so auch die damalige (teils bis heute hochgehaltene) Definition von Bier. Erst in den Folgejahren, parallel zu Steuererhöhungen auf Alkoholika und der Besteuerung nichtalkoholischer Getränke, agierten zumindest die staatlichen Kontrollorgane weniger apodiktisch als die Interessenvertreter der Brauer. 1906 bündelte der führende Nahrungsmittelchemiker Adolf Beythien (1867-1949) das damalige Wissen über „alkoholfreies Bier“. Auch er betonte, dass es derartiges nicht geben könne, doch aufgrund einer inkonsistenten Vergabe von Warenzeichen und Patenten habe sich der Begriff im Markt einbürgern können, müsse man mit ihm arbeiten. Drei Verfahren seien zu unterscheiden: Erstens die nachträgliche Entfernung des Alkohols aus vergorenem Bier, wie beim patentierten Frada-Bier. Zweitens die Verkochung von Malz mit Hopfen nebst nachträglicher Kohlensäurezufuhr, also der von Valentin Lapp gewählte Weg. Drittens aber auch der Einsatz von Mikroorganismen, die den Zucker der Bierwürze ohne Alkoholbildung zerlegten – ein auch von Lapp nach der Jahrhundertwende beschrittener Weg (A[dolf] Beythien, Über alkoholfreie Getränke, Sitzungsberichte und Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ISIS 1905, Dresden 1906, 70-90, hier 76-77). Diese drei Verfahren wurden seitens der Freien Vereinigung Deutscher Nahrungsmittelchemiker 1907 akzeptiert, flossen dann auch in die Steuergesetze ein. Acht Jahre zuvor war das noch anders, denn der Internationale Kongress für angewandte Chemie in Wien nahm 1899 eine Resolution an, die es als unstatthaft erklärte, die Begriffe Bier oder Wein für unvergorene Getränke zu verwenden (Jahresbericht über die Fortschritte und Leistungen auf dem Gebiet der Hygiene 17, 1899, 521).

Diese Debatten über Sprache und Definitionen waren wichtig, führten sie doch zur Akzeptanz und zur Ablehnung ganzer Branchen – wie wir in den letzten Jahren an der sprachlichen Libertinage im Umgang mit veganen Produkten oder aber der Dubai-Schokolade erfahren haben. Und sie hatten wichtige Auswirkungen auf die Stellung gerade des Pionierproduktes Valentin Lapps. Dieser hatte sein neues Produkt nach Eingang der Analysen am 2. Februar 1897 beim Patentamt angemeldet, und bereits am 11. März wurde sein Warenzeichen unter Nummer 22749 eingetragen. Beim „Original Alkoholfreien Bier“ handelte es sich demnach um ein Brauereierzeugnis, um „Bier, alkoholfreies Bier“ (Alkoholfreies Bier – kein Bier, Gambrinus 26, 1899, 349-350, hier). Wie schon zuvor bei Nägelis Patent des Frada-Bieres war der Begriff damit rechtlich verbindlich anerkannt.

Lapps Warenzeichen für „alkoholfreies Bier“ (Deutscher Reichsanzeiger 1897, Nr. 73 v. 26. März, 21)

Gleichwohl wurde Valentin Lapp ein Patent für seine Erfindung verweigert. Das Kaiserliche Patentamt holte zuvor drei Gutachten ein. Die Handelskammer Leipzig bejahte, dass die „Bezeichnung ‚alkoholfreies Bier‘ eine übliche Warenbezeichnung geworden sei“ (Leipziger Tageblatt 1898, Nr. 520 v. 13. Oktober, 7667). Das Berliner Pendant, die Ältesten der Berliner Kaufmannschaft, erklärten die Bezeichnung dagegen „als eine mißbräuchliche Verwendung des Wortes Bier“ (Alkoholfreies Bier, Zeitschrift für das gesammte Brauwesen 21, 1898, 687). Die Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin, die neben Weihenstephan wichtigste Ausbildungsstätte der Brauer, gab daraufhin den Ausschlag. Sie sang das Lied der sie finanzierenden Kreise: Bier entstehe durch Vergärung. Wenn man bei der Herstellung einen Bestandteil „herausnimmt, so verliert das Getränk seinen Charakter und seine eigenthümliche Genußwirkung als Bier. […] Die womöglich gesetzlich sanktionirte Bezeichnung ‚alkoholfreies Bier‘ würde vielmehr nur den Zweck haben können, aus dem Umstande, daß es sich dabei um ein alkoholfreies Getränk handelt, auf Kosten des wirklichen ‚alkoholhaltigen‘ Bieres Kapital zu schlagen, indem es vor dem Publikum als das ‚unschädliche‘ Bier gegenüber dem ‚schädlichen alkoholhaltigen‘ Bieres ausgegeben wird.“ Dies sei unlauterer Wettbewerb zu Lasten der Bierbrauerei, es gelte, „die Möglichkeit einer solchen mißbräuchlichen Anwendung der ohnehin widersinnigen Bezeichnung ‚alkoholfreies Bier‘ schon im Keime auszuschließen“ (Alkoholfreies Bier gibt es nicht, American Brewers‘ Review 12, 1898/99, 395). Dieses Ergebnis „eingehender Ermittelungen“ (Die Unzulässigkeit der Bezeichnung „alkoholfreies Bier“, Bayerisches Brauer-Journal 9, 1899, 186) wurde in der Fachpresse gefeiert, dann breit in der Presse gestreut (etwa Lüdenscheider Wochenblatt 1899, Nr. 76 v. 30. März, 6; Hamburger Fremdenblatt 1899, Nr. 77 v. 31. März, 22. Offiziell: Reichs-Medizinal-Anzeiger 24, 1898, 313).

Alkoholfreies Bier gibt es nicht – Eine Eloge (Kladderadatsch 52, 1899, Nr. 17, Beibl. 2, 3)

Lapp legte Widerspruch ein, schließlich musste er sein alkoholfreies Bier als Bier versteuern, resultierte der hohe Preis auch aus dieser Veranlagung, denn es gab keine Steuer für alkoholfreie Getränke. Das preußische Finanzministerium schmetterte sein Anliegen ab, denn alkoholfreies Bier sei zwar keine Verkehrsbezeichnung, wohl aber handele es sich um ein Bier im Sinne des Brausteuergesetzes (Bier, 1899, 350). Die Brauereipresse frohlockte, verwies auf die Besonderheiten der norddeutschen Gesetzgebung, zugleich aber auf den Zwang einer einheitlichen nationalen Regelung. Valentin Lapp habe nicht unlauter gehandelt, zumal alkoholfreier Wein ein gängiger, unbeanstandeter Verkehrsbegriff sei. Doch nun müsse man Klarheit schaffen.

Lapp kritisierte diese Ungleichbehandlung, verwies auf die breite Marktpräsenz und die Gutachten wissenschaftlicher Kapazitäten (Leipziger Tageblatt 1899, Nr. 193 v. 17. April, 3068). Die Versagung des Patents hatte zwar keine unmittelbaren Auswirkungen, doch die öffentliche Debatte nützte dem neuen Produkt sicher nicht. Zeitgenossen witzelten, ob man denn künftig noch Wasser als „Gänsewein“ bezeichnen dürfe (Hamburgischer Correspondent 1901, Nr. 580 v. 11. Dezember, 12). Und in mehreren anderen Fällen, so bei dem von Karl Michel (1836-1922), dem Leiter der Münchener praktischen Brauerschule hergestellten alkoholfreien Bieres, entschieden die Gremien noch strikter. „Alkoholfreies Bier“ war zwar Teil der Alltags- und Werbesprache, zeitweilig aber nicht der Warenzeichen und Patente. Valentin Lapp ließ sich dadurch allerdings nicht irritieren, arbeitete weiter in vermintem Gelände. Er entwickelte in den folgenden Jahren mehrere Verfahren zur Herstellung verbesserten alkoholfreien Bieres; und diese wurden dann auch patentiert.

Tradierte Werbung

Die Bierwerbung des späten Kaiserreichs, zumal die damals gängige Anzeigenwerbung, war wenig elaboriert, fiel rasch hinter die zunehmend übliche Ästhetisierung und Abstrahierung insbesondere der Markenartikelwerbung zurück. Bier zeichnete sich eben weniger durch Marken als vielmehr durch Sorten aus, klebte am Begriff des Bieres selbst. Genannt wurden die Namen der Brauereien, doch für die Produkte hatte man nur Gattungsbegriffe. Bier als großenteils lokal gebrautes und konsumiertes Getränk war vor Ort präsent, Anzeigenwerbung verwies auf saisonale Spezialbiere, auf das Angebot größerer Gastwirtschaften und Bierhallen. Auch Valentin Lapp hielt am Sortenbegriff fest, mochte er auch eine neue Biersorte geschaffen haben. Diese aber hob er nicht eigens hervor, sondern verwies mit dem Begriff „Valentin Lapps ‚Original alkoholfreies Bier‘“ auf seinen Pionierbetrag, verband ihn mit seinem Namen – nicht aber dem seiner Brauerei. Die Werbung für dieses Produkt wurde nicht von den zunehmend wichtigen Reklamefachleuten gestaltet, wurde nicht mittels der in anderen Branchen üblichen Bildwelten präsentiert. Das Gesundheitsbier stand zwar teils in der Tradition der Heilmittelwerbung, erreichte aber auch nicht ansatzweise deren eingängige, direkt ins Auge fallende Gestaltung.

Informative Werbung für ein neuartiges Produkt (Siegener Zeitung 1897, Nr. 275 v. 25. November, 3)

Die Anzeigen der Einführungsphase waren sachlich gehalten, verzichteten zumeist auf Bildschmuck, arbeiteten mit einfachen Fettungen. Sie stellten die Alkoholfreiheit der neuen Biersorte heraus, verzichteten vor Ort häufig darauf, den Erfinder ansprechend hervorzuheben. Lapps Produkt wurde mit den damals üblichen Symbolen hoher Qualität vorgestellt, also Medaillen, Belobigungen und Analysen. Letztere wurden auch als Flugblätter verteilt, die – wie damals bei Geheimmitteln üblich – gleich zu „Broschüren“ geadelt wurden (General-Anzeiger für Halle und den Saalkreis 1898, Nr. 31 v. 6. Februar, 2); durchaus mit schönen Titelvignetten.

Extrabeilagen als Werbemittel, also doppelseitige bedruckte Werbeblätter (Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 387 v. 2. August, 5613)

Die Anzeigen waren anfangs vielfach mit redaktioneller Werbung gekoppelt. Sie wurden über Annoncenexpedition dann reichsweit geschaltet. Es handelte sich zumeist um Heroen- und Fortschrittsgeschichten: „Nachdem es bereits seit längerer Zeit ermöglicht war, Wein alkoholfrei herzustellen, ist es nach langen kostspieligen Versuchen dem bekannten Bierbrauer gelungen, ein vollkommen alkoholfreies Bier herzustellen, das mit den weitverbreiteten englischen Erzeugnissen dieser Art in keiner Weise zu vergleichen ist und dieselben weit an Nährwerth übertrifft“ (Siegener Zeitung 1897, Nr. 277 v. 27. November, 3). Der stete Verweis auf die Analysen hob das Produkt besonders hervor, zugleich grenzte man sich von unberufenen Kräften ab (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1898, Nr. 112 v. 17. Mai, 3). Beim Nährwert verglich man das neue Bier mit Porter oder Malzextrakt, doch anders als diese sei es nicht erschlaffend, sondern erfrischend. Die wissenschaftliche Aura unterstrich man mit entsprechenden Begriffen, schrieb über Kohlensäure und Nährsalze. Das zielte auf die übliche, meist nur behauptete, Qualitätsführerschaft.

Lapps Werbung positionierte sein alkoholfreies Bier als wissenschaftlich und gesellschaftlich eingefordertes Produkt, als ein Bier, dass dessen rätselhaften Reiz bewahre, doch auch neuen Anforderungen gerecht werde (Bautzener Nachrichten 1898, Nr. 288 v. 13. Dezember, 3334). Entsprechend galt es als ein Getränk für alle, benannte diese Gruppen auch: „So wäre denn in dem alkoholfreien Bier auch ein lange gesuchtes Getränk für Kinder und Frauen, aber auch für Sänger, Sportsleute, sowie alle Solche gefunden, die geistig und physisch angestrengt thätig sind“ (Coburger Zeitung 1898, Nr. 91 v. 20. April, 1). Sein Konsum sei modern und zukunftsgewandt, trendy und hip: „Bei der überall in steigender Tendenz begriffenen Enthaltsamkeits- und Mäßigkeitsbewegung wird das original-alkoholfreie Bier, welches schon jetzt von vielen Seiten als das beste Bier der Welt anerkannt sein soll, eine große Zukunft haben“ (Thorner Presse 1898, Ausg. v. 30. Juni, 6).

Versand als stete Option im nationalen Markt (Alkoholismus 1, 1900, n. 456)

Die lokale, von den Niederlagen direkt geschaltete Werbung knüpfte an solche Aussagen an, war jedoch kleiner, hob das Besondere hervor, koppelte es aber auch mit alkoholischen Getränken.

Attraktion des alkoholfreies Biers – als wissenschaftliche-rationales Produkt und als Ergänzung des Standardsortiments (General-Anzeiger für Halle und den Saalkreis 1898, Nr. 34 v. 10. Februar, 3 (l.); General-Anzeiger für Düsseldorf und Umgegend 1898, Nr. 289 v. 19. Oktober, s.p.)

Gerade größere Bierhandlungen, sog. Bierverlage, integrierten Lapps Alkoholfreies zwar in ihre Werbung, präsentierten es aber als Teil eines breiteren Sortiments. Es stand hier als Spezialbier zum Kauf, während es im deutlich kleineren Umfeld der Temperenzler als Produkt ohne Alkohol präsentiert wurde. Lapp selbst schied in seinem Leipziger Heimatmarkt zwischen seinen alkoholhaltigen Biersorten und dem „Original alkoholfreien Bier“ aus „reinem Malz und Hopfen“ (Leipziger Tageblatt 1899, Nr. 249 v. 18. Mai, 3942).

Alkoholfreies Bier als Versandgut einschlägiger Bierhandlungen (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1898, Nr. 194 v. 23. August, 4)

Nicht zu vergessen ist die umfangreiche, auch auf Lapp zielende Agitation gegen alkoholfreie Biere. Meist handelte es sich um Witze, um Fragen der Männlichkeit, um lustige Verse, mit denen man sich von den Sonderlingen, von Bier ohne Alkohol abgrenzte: „‚Vögel, die nicht singen, Glocken die nicht klingen, Pferde die nicht springen, Kinder die nicht lachen – wer hat Lust an solchen Sachen!‘“ (Kreuz und quer, Westfälische Zeitung 1903, Nr. 96 v. 25. April, s.p.)

Insgesamt warb Valentin Lapp, warben auch seine lokalen Vertragspartner für das neue Produkt weit intensiver als es in der Branche üblich war. Sie hatten jedoch keine über die Produktpräsentation hinausgehende Strategie, ihnen gelang keine produktspezifische Formensprache. Auch deshalb wurde das alkoholfreie Bier von der zeitgleich einsetzenden Welle karbonisierter Limonaden werbetechnisch weit in den Schatten gestellt. Sie schufen neue Markenartikel mit eigener Produktidentität, spielten mit der sprachlichen Unbestimmtheit des Feldes, präsentierten Mischungen von Aromen, Farbstoffen, Süßstoffen und Kohlensäure als alkoholfreies Bier. Valentin Lapp dürfte das mit Befremden zur Kenntnis genommen haben, doch führte dies nicht zur Veränderung seiner Werbung. Das war auch deshalb bemerkenswert, weil er sich nach der Jahrhundertwende abermals unternehmerisch veränderte, seine Bayerische Brauerei in Leipzig verkaufte, verlagerte und in ein neues, ambitioniertes Projekt einer großenteils automatisiert arbeiteten Brauerei und Mälzerei überführte. Das „Original alkoholfreie Bier“ wurde parallel weiter gepflegt, verändert und verbessert.

Verkauf und Neugestaltung: Die Brauerei Groß-Crostitz 1901/02-1904

Im August 1901 wurde in Leipzig die Brauerei Groß-Crostitz AG mit einem Kapital von 1,5 Mio. M gegründet. Ziel war der „der Erwerb und Fortbetrieb der von Val. Lapp in Leipzig-Lindenau bisher betriebenen Brauerei“, der Kauf seines „Brauereigrundstücks in Groß-Crostitz, die Einrichtung und der Betrieb einer Brauerei auf demselben, die Herstellung und der Verkauf von Bier jeglicher Art und die Verwerthung und Ausnutzung der Systeme, Patente und Verfahren des genannten Lapp“ (Leipziger Tageblatt 1901, 435 v. 27. August, 6079). Der Brauer erhielt 900.000 M, 320.000 für die auf den Grundstücken lastenden Hypotheken, 350.000 in bar und 250.000 in 250 Aktien. Sowohl das englische Patent für alkoholfreies Bier, die in Deutschland derweil angemeldeten Verfahren und die Verfügungsrechte über einen in den USA patentierter Apparat zur Herstellung von alkoholfreiem Bier gingen dadurch in die Hände einer Investorengruppe über, deren Zentrum die Brauerfamilie Naumann bildete, die seit 1828 in Leipzig Bier produzierte.

Die Neugründung bedeutete nicht das Ende der Karriere von Valentin Lapp, war für ihn vielmehr der Einstieg in noch ambitionierteres Unternehmen. Rein äußerlich veränderte sich erst einmal wenig: Lapp wurde zum Vorstand bestellt, der ihm schon zuvor nach Leipzig gefolgte Albert Udo Ellerbrock erhielt Prokura und kümmerte sich um den kaufmännischen Bereich (Brauerei Groß-Crostitz, Actiengesellschaft in Leipzig, Gambrinus 28, 1901, 716). Die neue Brauerei sollte ein Musterbetrieb werden, eine großenteils automatisch arbeitende Brauerei und Mälzerei. Letzteres schien besonders lukrativ, auch weil Kathreiner dort eines seiner Inlandswerke für Malzkaffee betrieb. Die meisten Lapp zuvor erteilten Patente betrafen bereits Einzelkomponenten des neuen Idealbetriebes (Zeitschrift für das gesammte Brauwesen 26, 1903, 660). Er sollte weiterhin alkoholfreies Bier produzieren, ein im Mai 1901 erteiltes Patent Verfahren zur Herstellung eines alkoholfreien gehopften Malzgetränkes unterstreicht die kontinuierliche Entwicklungsarbeit (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 110 v. 11. Mai, 20).

Kontinuität des Verkaufs (Neues Tagblatt und Generalanzeiger für Stuttgart und Württemberg 1902, Nr. 174 v. 29. Juli, 7 (l.); General-Anzeiger für Bonn und Umgegend 1902, Nr. 4389 v. 11. Mai, 5)

Gross-Crostitz lag etwa zwanzig Kilometer nordöstlich von Leipzig-Lindenau, Lapp besaß dort einen mit Mauerwerk für eine kleine Brauerei versehenen Bauplatz. Bereits 1897 begannen konkretere Überlegungen für den Neubau einer an der Peripherie der Metropole gelegenen Brauerei. 1898 errichtete der Chemnitzer Maschinenbaufabrikant Richard Heymann die Groß-Crostitzer Lagerbier-Brauerei, die aber schon im Folgejahr wieder verkauft wurde (Leipziger Tageblatt 1897, Nr. 357 v. 16. Juli, 5251; Eine eigenartige Gründung, ebd. 1898, Nr. 474 v. 18. September, 33; ebd., Leipziger Tageblatt 1899, Nr. 311 v. 21. Juni, 4886). Für unsere Perspektive auf das neue Brauen sind die Details der Verlagerung der Lappschen Brauerei nicht weiter von Belang. Die „Bayerische Bier-Brauerei, V. Lapp in Leipzig“ wurde im Mai 1902 im Handelsregister gelöscht (Leipziger Tageblatt 1902, Nr. 2244 v. 4. Mai, 3236). Der Brauereibetrieb wurde fortgeführt und peu a peu an den neuen Standort verlagert (nicht eingesehen wurde der Aufsatz von Fritz Halm, Vom Brauen in Leipzig-Lindenau, Leipzig s.a., StdA Leipzig, Nr. 6811).

Lapps Produktionsmethode galt derweil als Standardverfahren für alkoholfreies Bier (Volkshochschulvorträge, Leipziger Tageblatt 1902, Nr. 117 v. 6. März, 1639). Die Kontakte zur Temperenzbewegung blieben bestehen, „Original alkoholfreies Bier“ wurde weiter angeboten (Leipziger Jubiläumsausstellung für naturgemäße Lebensweise, Leipziger Tageblatt 1902, Nr. 243 v. 14. Mai, 9). Zunehmend wurde allerdings publik, dass es durchaus alkoholhaltig war, mochten einzelne Untersuchungen auch immer noch betonen: „Alkohol fehlt!“ (Niederstadt, Analysen alkoholfreier Getränke, Pharmaceutische Zeitung 38, 1903, 895). Genauere Analytik ergab 1904 jedoch einen Alkoholgehalt von 0,67 Prozent (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 10, 1905, 766; Leipziger Tageblatt 1905, Nr. 442 v. 31. August, 9). Der seitens der Gewerkschaften 1903 verhängte Boykott gegen die neue Brauerei Groß-Crostitz führte ebenfalls zu Renommeeverlusten (Merseburger Kreisblatt 1903, Nr. 180 v. 17. Mai, 4). Da half es wenig, dass der Temperenztrank andernorts als „Socialreformer in der Flasche“ gepriesen wurde, als Hilfsmittel für die Integration der Fabrikarbeiter in die bürgerliche Gesellschaft (Ein Socialreformer in der Flasche, Wiesbadener General-Anzeiger 1902, Nr. 149 v. 29. Juni, 4).

Werbung im naturheilkundlichen Kontext (Wiesbadener Tagblatt 1903, Nr. 174 v. 15. April, Abendausg., 7)

Festzuhalten sind zudem deutliche Preissteigerungen. Während die Flasche in Leipzig und Mitteldeutschland zumeist 20 Pfennig kostete, führte der langsame Ausbau alkoholfreier Wirtschaften und Cafés zu teils deutlichen Preissprüngen, griff hier die Preisbindung doch nicht. Im Wiesbadener Kneipp-Haus kostete die Flasche 1902 zwischen 30 und 40 Pfennige (Wiesbadener Tagblatt 1902, Nr. 139 v. 23. März, Morgenausg., 8; ebd. 1902, Nr. 221 v. 14. Mai, Morgenausg. 9). Ähnliches galt für lokale vegetarische Restaurants und auch Vereinslokale der Temperenzbewegung (Wiesbadener Tagblatt 1902, Nr. 405 v. 31. August, Morgenausg., 7; Solinger Zeitung 1902, Nr. 163 v. 15. Juli, 3). Die Erträge aus Lapps eingeführtem alkoholfreiem Bier dienten der Institutionalisierung der nichtalkoholischen Gegenwelt, der Erfinder profitierte davon bestenfalls indirekt. Parallel gewann man aufgrund der höheren Kapitalkraft der neuen Brauerei neue Vertragsgaststätten gewinnen, in denen das alkoholfreie Bier nun neben Sorten wie Original Groß-Crostitzer, Export, Urquell und Schankbier verkauft wurde (General-Anzeiger für Halle und den Saalkreis 1904, Nr. 117 v. 20. Mai, 9). Alkoholfreies Bier sickerte langsam in die üblichen Gaststätten ein.

Der Neubau der Brauerei in Gross-Crostitz verbesserte zeitgleich die Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten Lapps. Mehrere Technologen wurden angestellt, darunter auch Experten aus dem Ausland, wie etwa der schwedische Inspekteur Hans Waerner bzw. der zuvor in Konstantinopel tätige Betriebskontrolleur Hermann Schneider. Davon dürfte auch die Produktionstechnik alkoholfreien Bieres profitiert haben. Mitte Januar 1904 wurde Valentin Lapp ein neues Verfahren im cisleithanischen Österreich patentiert (Gambrinus 31, 1904, 331). Schon Mitte Mai folgte ein verbessertes Verfahren, das den eingeschlagenen Weg noch konsequenter beschritt. Die Bierwürze wurde nun in einem Vakuum einer zeitweiligen Hefegärung unterworfen, ohne dass sich dabei Alkohol bildete. Anschließend begann die zuvor übliche Imprägnierung mit Kohlensäure. So wollte man die berechtigten „Ansprüche an Qualität, Geschmack und Aussehen“ in ein besseres Produkt umsetzen (AT Nr. 16243B). Derartige Innovationen waren jedoch nur wichtiges Beiwerk bei der Schaffung einer neuen Musterbrauerei. Heinrich Trillich, zentrale Figur bei der Entwicklung von Kathreiners Malzkaffee und 1904 bei Kaffee HAG, pries später die „vom Gedanken des Massenbetriebes einheitlich konstruierte Neuanlage“ als „grossartige, mit ganz neuen Gedanken arbeitende Brauerei […]. Hier tritt zum ersten Male das Prinzip durch, Bau und Einrichtungen einheitlich den grossen Massen anzupassen“ (Heinrich Trillich, Die deutsche Industrie. I. Das deutsche Braugewerbe, Die Umschau 10, 1906, 70-73, hier 71).

Konkurs und Abschied aus Leipzig 1904-1905

Das aber war schon ein Schwanengesang: Die seit Anfang 1903 in Gross-Crostitz arbeitende, seit Herbst auf Volllast produzierende Brauerei geriet Mitte 1904 in Zahlungsschwierigkeiten. Die neue Aktiengesellschaft wies damals 320.000 M Hypotheken und mehr als 400.000 M offene Forderungen auf, die schwebende Schuld wurde auf 650.000 M geschätzt (Hallesche Zeitung 1904, Nr. 553 v. 16. Juli, 6; Frankfurter Zeitung 1904, Nr. 195 v. 15. Juli, Morgenbl., 2). Man hoffte, diese Malaise mittels einer die Gläubiger mit einbindenden Kapitalerhöhung befriedigen zu können (Saale-Zeitung 1904, Nr. 325 v. 14. Juli, 4). Obwohl der Hauptgläubiger, die uns schon von der Frankenbräu bekannte Chemnitzer Maschinenfabrik Germania, dem Verfahren zustimmte, scheiterte der Vergleich an den Schuckert-Siemens-Werken, deren Forderungen lediglich 21.000 M betrugen (Frankfurter Zeitung 1904, Nr. 195 v. 15. Juli, Abendbl., 4). Entsprechend wurde am 15. Juli 1904 Konkurs angemeldet.

Valentin Lapp geriet nun in das Sperrfeuer öffentlicher und interner Kritik (Gross-Crostitz, Leipziger Tageblatt 1904, Nr. 386 v. 31. Juli, 13; Leipziger Tageblatt 1904, Nr. 391 v. 3. August, 9). Die Vorwürfe ähnelten denen der Spätphase der Frankenbräu, abermals wurden die Investitionen in Maschinen sowie zu hohe Ausgaben für Forschung & Entwicklung kritisch vermerkt. Die Details sind spannend, hier aber nicht zu diskutieren. Das Hauptproblem war die Unterkapitalisierung des Modellbetriebes: „Nur mit einem Kapital von M. 1.500.000,- ausgestattet, hatte die Gesellschaft zum Bau der Brauerei M. 2.375.000 benötigt“ (Richard Steinert, Kapitalsbewegung und Rentabilität der Leipziger Aktiengesellschaften, Leipzig 1912, 35). Man wird die Kosten von Beginn an unterschätzt haben, hat aber nicht zuletzt auf Drängen Lapps die anfangs geschmiedeten Pläne umgesetzt und nicht revidiert. Lapps Expertise war dafür ein wichtiges Druckmittel, denn mehrfach bot er seine Demission an, mehrfach wurde diese abgelehnt (Leipziger Tageblatt 1904, Nr. 357 v. 16. Juli, 6).

Lapps alkoholfreies Bier aus Groß-Crostitz, angeboten kurz vor der Konkurseröffnung (General-Anzeiger für Halle und den Saalkreis 1904, Nr. 160 v. 10. Juli, 10)

Die Folgen des nicht zustande gekommenen Vergleichs waren jedenfalls tiefgreifend. Lapp selbst verzichtete auf Forderungen von insgesamt ca. 200.000 M, verlor die gleiche Summe nochmals bei sich bis Anfang 1906 hinziehenden Verteilung der Aktiva (Brauerei Gross-Crostitz, A.-G. in Leipzig, Saale-Zeitung 1904 v. 16. Juli, 6). Anfangs hoffte man etwa die Hälfte der Buchwerte realisieren zu können, am Ende war es ein Drittel (Frankfurter Zeitung 1904, Nr. 222 v. 11. August, Abendbl., 4; (Leipziger Tageblatt 1905, Nr. 662 v. 30. Dezember, 6). Während die Liegenschaften der früheren Brauerei in Lindenau gewinnträchtig zu Baugrundstücken umgewidmet werden konnten, bildeten die hochbewerteten Patente Lapps das eigentliche Problem. Die aufgrund ständiger Änderungen Lapps und verspätet gelieferter Maschinen der Maschinenfabrik Germania Mitte 1904 nur mit einem Fünftel der vorgesehenen Kapazität arbeitende Mälzerei ließ Investoren zurückschrecken, die nach den Friktionen die Idealfabrik praktisch arbeiten sehen wollten, ehe sie weiteres Geld investierten. Während des Konkurses produzierte die Brauerei weiter, Lapp betreute die Produktion als technischer Beirat, zog aber nach Leipzig (Ed[uard] Eckenstein, Entwickelung und Fortschritte der Malzfabrikation in den letzten vierzig Jahren, Basel 1908, 111).

Im August 1905 hatten sich Investoren und Gläubiger dann auf die Zukunft des Unternehmens geeinigt. Die Bierproduktion wurde in der Folge beendet, die technisch ambitionierte Mälzerei als Deutsche Malzfabrik in Groß-Crostitz, G.m.b.H. fortgeführt. Die Lappschen Patente blieben in ihrem Besitz. Parallel liefen verschiedene Schadensersatzklagen, die letztlich aber nur Petitessen in einem krachend gescheiterten Zukunftsprojekt waren (Brauerei Groß-Crostitz, Saale-Zeitung 1905, Nr. 360 v. 3. August, 5). Die Firma blieb ein wichtiger Akteur der mitteldeutschen Malzwirtschaft.

Trotz all dieser Fährnisse, trotz der fordernden Neuanlage vornehmlich der Mälzerei, haben weder Valentin Lapp, noch die sich im Konkurs befindliche Brauerei Groß-Crostitz die Fortentwicklung des alkoholfreien Bieres schleifen lassen. Das im April 1905 patentierte US-amerikanische Patent zeigte vielmehr Fortschritte bei der alkoholfreien Gärung im Vakuum und bei nunmehr um den Gefrierpunkt liegenden Temperaturen (Pharmaceutische Praxis 4, 1905, 333; H[ans] Blücher, Auskunftsbuch für die Chemische Industrie, 9. verb. u. stark verm. Aufl., Leipzig 1915, 32-33). Dieses Patent wurde international intensiv diskutiert (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 14, 1907, 764; Biochemisches Zentralblatt 6, 1907, 619; Chemisches Zentralblatt 78, 1907, 1515; Le Moniteur Scientifique 71, 1909, 161). Ziel war die Beseitigung des Würzegeschmacks und -geruchs. Dazu diente auch eine neuartige Vorbehandlung der Hefe (Herstellung von alkoholfreiem Bier mit normalen Biergeschmack, Chemiker-Zeitung 31, 1907, Repertorium, 76). Es ist unklar, ob dieses Verfahren noch vor Ort angewendet wurde. Es wurde 1908 jedoch auch im Deutschen Reich für die Deutschen Malzfabrik patentiert (Uhlands Technische Rundschau 1908, 44).

Wir sehen also auch nach dem Konkurs ein für Technologen vielfach übliches Verhalten. Lapp wusste um die Mängel seiner eigenen Erfindung, verbesserte diese stetig. Immer wieder gab es kleinteilige Verbesserungen, mochte das „Original alkoholfreie Bier“ sprachlich auch immer gleich beworben werden: Verbesserung als Dauerschleife, besser werden, nicht stehenbleiben. Es waren Praktiker und Unternehmer wie Lapp, deren Fleiß, deren Beharrlichkeit Schatten bis in unsere Gegenwart werfen – unabhängig von damit einhergehenden Makeln.

Arbeit und Tod am Berliner Kurfürstendamm 1906-1908

Der Konkurs der von Valentin Lapp geleiteten Groß-Crostitzer Brauerei und der Übergang zur Deutschen Malzfabrik führten zwar zum Ende der Marktpräsenz des Lappschen „Original alkoholfreien Bieres“ im deutschen Markt, nicht aber zu einem Ende verbesserter Brauverfahren dieses Spezialbieres. Für Lapp bedeutete das Ende der Bierproduktion einen neuen Lebensabschnitt als Vermarkter seiner eigenen Patente, als Berater für alle mit der Brauerei und dem Restaurationsbetrieb verbundenen Fragen – so jedenfalls seine Selbstbezeichnung bei einem im April 1906 beantragten Warenzeichen (Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 30 v. 1. Februar, 20). Valentin Lapp wurde noch bis Ende 1905 in der Presse als „Bierbrauerei-Direktor in Leipzig“ bezeichnet (Pester Lloyd 1905, Nr. 300 v. 3. Dezember, 15), dürfte aber im Frühjahr 1906 nach Berlin umgezogen sein. Er mietete eine Wohnung am Kurfürstendamm 47, die er auch als Geschäftssitz nutzte (Gambrinus 33, 1906, 574; ebd., 192 lokalisierte ihn noch in Leipzig). 1907 wurden ihm noch zwei Warenzeichen für neue Biere zugesprochen, Urquell und Lapp’s Urstoff (Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 30 v. 1. Februar, 20; ebd., Nr. 168 v. 16. Juli, 20).

Todesanzeige Valentin Lapps (De Preanger-Bode 1909, Nr. 28 v. 4. Februar, 3)

Valentin Lapp starb 52-jährig am 25. Jahrestag des Todes seiner ersten Frau Selma. Er wurde von seinem in Potsdam lebenden, sich in einer Brauerlehre befindlichen Sohn Theodor tot aufgefunden. Seine dritte Frau war nicht anwesend, sie lebte damals in Loschwitz bei Dresden (Landesarchiv Berlin, Sterberegister 1874-1985, 1908, Nr. 703). Eine Todesanzeige in der Berliner Presse konnte ich nicht ausfindig machen – was aber angesichts der höchst lückenhaften Digitalisierung der dortigen Zeitungen nicht viel heißt. Die hier abgedruckte Anzeige einer holländischen Zeitung nannte lediglich drei trauernde Familienmitglieder, seinen Sohn, seinen Bruder, seinen Schwager.

Auch in der Fachpresse war der Widerhall auf den Tod „des bekannten Technologen“ (Der Böhmische Bierbrauer, 36, 1909, 15) gering. Das war eigentlich typisch für die eher diskrete Gruppe der Ingenieure, der Tüftler und Erfinder; nicht aber für selbststolze Brauer. Es blieben dürre Zeilen: „Am 20. Dezember 1908 ist in Berlin der durch seine brautechnischen Patente bekannte Herr Valentin Lapp plötzlich verschieden. Lapp war bis vor einigen Jahren Brauereidirektor in Bamberg und zuletzt in Leipzig und begründete sodann ein Geschäft in Berlin zur Verwertung seiner zahlreichen Erfindungen“ (Gambrinus 36, 1909, 113). Paradoxerweise wurde jedoch noch kurz vor Kriegsbeginn ein letzter Artikel veröffentlicht: Es ging um ein alkoholfreies Malzgetränk, Bierwürze mit Kohlensäure imprägniert, unter kontinuierlich hohem Druck gekühlt, dann gefiltert, nochmals mit Kohlensäure gesättigt, schließlich abgefüllt (Val[entin] Lapp, Verfahren zur Herstellung eines alkoholfreien gehopften Malzgetränkes mittels flüssiger Kohlensäure, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 41, 1914, 412). Der Vorhang fiel mit einem weiteren geschmacklich verbesserten „alkoholfreien Bier“.

Uwe Spiekermann, 13. September 2025