Eine sozialistische Heldin: Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall sind die Kenntnisse über die DDR nurmehr schemenhaft. Es war daher nicht überraschend, dass dem Tod des sozialistischen Helden Sigmund Jähn (1937-2019) im letzten Monat Elogen über den „ersten Deutschen im All“ folgten. Vermeintliche Qualitätsmedien präsentierten Jähn als gesamtdeutschen Helden, münzten dessen propagandistische Funktion für die SED-Herrschaft klein (eine wichtige Ausnahme bildete Ilko-Sascha Kowalczuk, Sigmund Jähn verkörperte das DDR-System, Der Tagesspiegel 2019, Ausgabe v. 24. September). Jähn war in der Tat ein Held, er war der ostdeutsche Kosmosheld, NVA-General und SED-Aktivist. Er steht zugleich für eine große Zahl von zumeist vergessenen sozialistischen Helden. Wie Jähn unterstützten und legitimierten sie die DDR, unterstützten und förderten den geplanten Aufbau einer sozialistischen Republik, verkörperten ihn mit Leib und Seele. Das galt auch für die Verdiente Aktivistin Margarete Heinicke, bekannt vor allem durch die 1954 von ihr praktizierte und dann öffentlich propagierte Kochtopfmethode. Ihre vergessene Geschichte ermöglicht Einblicke in die Geschichte der DDR im Jahrzehnt des „Aufbruchs“ und dessen schwierige Legitimation. Sie erweitert den gängigen Blick auf Helden der Arbeitswelt, arbeitete Gretel Heinicke doch im Handel, also im Konsumsektor einer Mangelgesellschaft. Schließlich handelt es sich um die Geschichte einer Heldin – und diese stand im Spannungsraum zwischen Gleichberechtigungsideal und der doch etwas anderen Lebensrealität von Frauen in der DDR.

Sozialistische Helden und Heldinnen

Anders als die Industrie, war und blieb der Handel in der DDR immer nachranging und unterfinanziert. Diese Geringschätzung folgte den Theoretikern des Marxismus, die immer wieder die vermeintlich verteuernden Mittelspersonen zwischen Güterproduzenten und Verbrauchern kritisierten. Sie war allerdings paradox, denn mit den Konsumgenossenschaften hatte die Arbeiterbewegung eine bis in die 1930er Jahre gefürchtete Alternative zum „Profithandel“ geschaffen, eine distributive Gegenwelt zum Kapitalismus (Uwe Spiekermann, Konsummühle Magdeburg; Ders., Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften im frühen 20. Jahrhundert, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags, Stuttgart 1995, 126-149). Der sozialistische Aufbau erfolgte seit dem ersten Zweijahresplan 1949-1950 vorrangig in den Grundstoff- und Investitionsgüterindustrien, während die Konsumgüterindustrien und der Handel nachranging finanziert wurden. Ein sicheres industrielles Fundament schien erforderlich, private Konsumwünsche waren zurückzustellen für das große Ganze. Die materielle Umgestaltung der Gesellschaft gründete auf dem ideellen Konstrukt des Verzichts.

Sozialistische Persönlichkeiten konnten das nachvollziehen, erbrachten zudem einen Beitrag, um die Phase der Entbehrungen zu verringern. Was kleinteilig zu leisten war, zeigten die sozialistischen Helden, die anfangs vor allem im Felde der Grundstoffindustrien auftraten. Ihr Prototyp war der sowjetische Bergmann Alexei Stachanow (1906-1977), ein Kohlenhauer, der 1935 das Vierzehnfache seiner Norm förderte. Mit dieser später mehrfach übertroffenen Höchstleistung setzte der Held der Arbeit nicht nur einen neuen, überplanmäßigen Maßstab für sich selbst, sondern er zeigte anderen Werktätigen, dass auch sie eine höhere Leistung erbringen konnten. In der sowjetischen Besatzungszone trat Adolf Hennecke (1905-1975) am 13. Oktober 1948 in die Fußstapfen Stachanows, indem er seine Tagesnorm um fast das Dreifache übererfüllte. Beide Helden dienten als Vorbild für nacheifernde Aktivisten, für eine offiziell geförderte und von den Gewerkschaften forcierte Aktivistenbewegung. Auch wenn die Auswirkungen auf die Produktion letztlich gering blieben (Wolfgang Weber, DDR – 40 Jahre Stalinismus. Ein Beitrag zur Geschichte der DDR, Essen 1992, 43), begann in der frühen DDR ein Kult um die neuen Vorbilder der Werktätigen. Hennecke zu Ehren wurde seit 1949 am 13. Oktober der Tag des Aktivisten begangen, an dem die herausragenden Leistungen bei der Plan(über)erfüllung, aber auch Beiträge der Neuerer ausgezeichnet wurden. Ehrentitel und Orden folgten, Prämien und höhere Stundenlöhne boten materielle Anreize. Standen anfangs eher quantitative Produktionserhöhungen im Fokus, so sollten Neuerer oder Rationalisatoren später vornehmlich qualitative Verbesserungen ermöglichen. Prozessinnovationen wurden wichtiger, nicht zuletzt im Handel, wo Produktivität und Effizienz anders als in der Industrie zu messen waren.

Sozialistische Helden unterschieden sich deutlich von denen des kapitalistischen Westens. Sie verkörperten erst einmal die Gemeinschaft des sozialistischen Lagers, waren Ausdruck der internationalen Solidarität der Werktätigen. Sie standen im Kollektiv, gingen aber über die konturlosen „Massen“ des Proletariats hinaus (Heiko Haumann, „Held“ und „Volk“ in Osteuropa, Osteuropa 57, 2007, H. 12, 5-15, insb. 12-13). Wer die KPD-Zeitung „Rote Fahne“ während der Zeit der Präsidialkabinette liest, findet darin tagtäglich herausgehobene Kommunisten, die freudig gegen Demokratie, „Sozialfaschismus“ und die Nationalsozialisten kämpfen, um nach dem „Sieg“ das Deutsche Reich nach ihrem Gustus umzugestalten. Deren Opferbereitschaft war wegweisend im „Kampf“, der nach dem Sieg der Sowjetunion über den „Hitlerfaschismus“ dann auf andere, aufbauende Felder übertragen wurde. Sozialistische Helden wie Stachanow und Hennecke brachten individuelle Opfer, doch diese waren gegenüber denen der heroisch stilisierten „Kampfzeiten“ gering. Die Helden der Arbeit senkten gleichsam die Einstiegskosten für Nachfolge, agierten sie doch im Rahmen eines siegreichen Sozialismus (vgl. Hans Günther, Der Heldenmythos im Sozialistischen Realismus, in: Boris Groys und Max Hollein (Hg.), Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit, Ostfildern-Ruit 2004, 106-124).

Sozialistische Helden kennzeichnete ein spannendes Wechselspiel von Außeralltäglichem und Alltäglichem: Sie wurden „als Mustermenschen und damit als Idealtypen des ‚neuen Menschen‘ präsentiert. Sie sind außeralltäglich in ihrem Können, in ihren Fertigkeiten, in ihrer politischen Gesinnung und in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Sache des Sozialismus“ (Rainer Gries und Silke Satjukow, Von Menschen und Übermenschen. Der „Alltag“ und das „Außeralltägliche“ der „sozialistischen Helden“, Aus Politik und Zeitgeschichte 2002, H. 17, 39-46, hier 40). Doch zugleich waren sie alltäglich, Menschen wie du und ich. Sie kamen aus dem „Volk“ – so die anfangs noch national tönende Sprache der SED –, waren Helden zum Anfassen. Grundsätzlich jeder konnte ein Held werden. Dadurch besaßen sie eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Werktätigen und Parteioligarchie – obwohl sie stets die Ziele und Ideale der herrschenden Politik verkörperten. Ihr Glaube hatte sie hart gemacht, hart gegen sich selbst, hart gegen die Mühen des Alltags. Gegen diese kämpften sie, bezwangen sie. Sie waren Vorbilder, die zugleich Zeugnis von der Wahrheit der eingeschlagenen Politik, des zu erfüllenden Plans gaben. All dies, so die Historikerin Silke Satjukow, gründete auf der marxistischen Überzeugung eines an sich guten Menschen, der ein Held sein könne, würde er nur von den Bedrängnissen und Verpflichtungen der alten Gesellschaft befreit werden. Sozialistisches Heldentum war Teil der Verwirklichung der kommunistischen Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer sein würde. Zuvor war der Held nach heldenhafter Tat allerdings auf eine Rolle festgelegt, die er in immer neuen Variationen spielen musste (vgl. Monika Gibas, Tagungsbericht „Sozialistische Helden“, H-Soz-u-Kult 2001, Oktober). Sozialistische Helden waren daher stete Propagandisten des real existierenden Sozialismus – entsprechende Positionen und Privilegierungen halfen dabei.

01_Der Handel_02_1952_p220_DDR_Schaufensterwerbung_Zukunft_Familie

„Schön wird die Zukunft sein“ – Entwurf für ein sozialistisches Schaufenster (Der Handel 2, 1952, 220)

Die DDR kreierte und nutzte Helden. Doch ihr Bewährungs- und Tatfeld veränderten sich. Adolf Hennecke stand für den Aufbau der Industrie, die damals notwendigen Produktivitätssteigerungen. Das galt auch für die wohl bekannteste sozialistische Heldin Frida Hockauf (1903-1974). Sie war ab 1951 Weberin im VEB Mechanische Weberei Zittau und verpflichtete sich im September 1953 zu einer deutlichen Übererfüllung des Planes. Kurz zuvor war die DDR ihrem Ende nur knapp entgangen. Die brachiale Gewaltherrschaft entrechtete immer wieder neue „bürgerliche“ Gruppen und der rigide Austeritätskurs führte zu massiver Unterversorgung. Wachsende Flüchtlingszahlen und der Volksaufstand des 15.-17. Juni 1953 folgten. Durch den schon zuvor von der UdSSR geforderten Neuen Kurs wurde der Druck auf die Bevölkerung anschließend vermindert, die Versorgung mit Konsumgütern wieder stärker beachtet. Hockauf übertrug Produktivitätsideale der Industrie auf die Konsumgüterfertigung. In dem mit ihrer Selbstverpflichtung einhergehenden Aufruf vom 1. Oktober 1953 hieß es verheißungsvoll: „Unsere Bevölkerung braucht mehr, bessere und billigere Textilien, Schuhe, Bekleidungsgegenstände, Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter.“ Dies würde kommen, gewiss, war aber an Vorbedingungen, an Mehrarbeit geknüpft. Die Quintessenz all dessen wurde – später parolenhaft vereinfacht – klar artikuliert: „So wie wir Werktätigen heute arbeiten, wird morgen unser Leben sein“ (Aufruf v. 1. Oktober 1953, zit. n. Ina Merkel, … und Du, Frau an der Werkbank. Die DDR in den 50er Jahren, Berlin 1990, 80). Für sie selbst begann anschließend – wie schon bei Adolf Hennecke – der soziale Aufstieg, war sie doch von 1954 bis 1963 SED-Volkskammerabgeordnete (Torsten Töpler, Die Ausgezeichnete. Biographische Spurensuche um Frida Hockauf, Leipzig 2007). Hockauf war eine einfache Frau, eine zupackende Facharbeiterin. Sie war bescheiden, kam aus einfachen Verhältnissen, sah in der Arbeit ein Mittel nicht nur der Alltagsbewältigung, sondern auch der Zukunftsgestaltung. Ihr Aufruf war vorbildlich, andere sollten folgen. Doch zugleich war er ein Vorschein in eine bessere Zukunft, in der der Vorsprung des Westens eingeholt werden würde, in der die materiellen Bedürfnisse umfassend befriedigt werden würden (Gries und Satjukow, 2002, 43).

Sozialistische Heldinnen im Handel

Eine unmittelbare Übertragung der Ideale von Hennecke und Hockauf auf den Handel war kaum möglich, Gretel Heinicke hätte sich mit ihrer Kochtopfmethode nicht einfach anschließen können. Die Lage des DDR-Handels, aber auch dessen Rolle im seit 1950 laufenden ersten Fünfjahresplan ließen dies nicht zu. Produktivitätsgewinne wären an sich möglich gewesen, doch dazu hätte es massiver Investitionen und struktureller Veränderungen der Planwirtschaft bedurft. Der fehlende Preismechanismus und die unzureichenden Erfassungskriterien wirtschaftlicher Abläufe wurden nicht hinterfragt, stattdessen auf Mängel in der Umsetzung und das leider noch bestehende „bürgerliche“ Bewusstsein auch der Beschäftigten verwiesen. Im westlichen Ausland hatte damals schon eine fundamentale Rationalisierung im Handel eingesetzt, die mit einem massivem Bedeutungsgewinn von Filialbetrieben, Einkaufsgenossenschaften und freiwilligen Ketten einherging und zum Ende der Dominanz inhabergeführter Einzelhandelsbetriebe führen sollte (vgl. Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel im 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, insb. 99-111). Der Handel wurde seither zum eigentlichen Machtzentrum innerhalb der Konsumgütersphäre, große Teile der Industrie blieb nur die Rolle als Zulieferer. Im Ostblock war diese Machtumkehrung nicht möglich und nicht gewollt. Die langfristige Beseitigung des privaten Einzelhandels war politisch-ideologisch, nicht wirtschaftlich bedingt. Die Konsumgenossenschaften, vor allem aber die 1948 gegründete staatliche Handelsorganisation (HO) banden einen Großteil der Investitionsmittel, waren aber vollauf damit beschäftigt, den Schwarzmarkt einzudämmen, den Gütermangel und die Rationierung zu handhaben. 1951/52 gab es zwar eine erste Welle von Selbstbedienungsläden, doch diese ebbte rasch ab, fehlten doch nicht nur verpackte Waren, spezielle Verkaufsmöbel und Registrierkassen, sondern auch Akzeptanz beim Verkaufspersonal und vielen Käufern (Uwe Spiekermann, Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR 1951-1960).

02_Prendel-Wilms_1958_2Snp112_DDR_Selbstbedienung_Verkaufsräume_Einkaufen

Abgebrochene Rationalisierung des DDR-Handels: Selbstbedienungsladen 1951 (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 2. S. n. 112)

Die Rationalisierung im Handel der DDR stockte aber auch aufgrund eines sich gegenüber dem kapitalistischen Westen deutlich abgrenzenden Konsumideals. Konsumgüter wurden über ihren Gebrauchswert definiert, sollten nicht als Statussymbole verwandt werden. Modische Produkte, spezielle Designs und ausgefallene Vorlieben standen unter einem ideologischen Vorbehalt, gediegene Ware für alle war das Ziel – trotz der steten Bevorzugung der Nomenklatura. Die Planungs- und Produktionskapazitäten zielen auf standardisierte Massenfabrikation. Dies sollte Ressourcen einerseits optimal nutzen und preiswerte Konsumgüter ermöglichen, zum anderen aber größere Produktionsmengen erlauben (vgl. Alexandra Köhring und Monica Rüthers, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Ästhetiken des Sozialismus. Populäre Bildmedien im späten Sozialismus, Wien/Köln/Weimar 2018, 7-12, hier 10). Dies führte zu immensen Friktionen zuerst im Bekleidungs-, dann im Gebrauchsgütersektor, schließlich auch im Felde der chemisch-kosmetischen Artikel und der gehobenen Lebensmittel: Die Grundversorgung wurde gesichert, alles darüber hinausgehende war teuer und schwer erhältlich. Trotz beträchtlicher Produktionssteigerungen blieb die DDR – und stärker noch die anderen RGW-Staaten – eine Mangelökonomie, deren Produktqualität an die des vermeintlich goldenen Westens nur selten heranreichte.

03_Der Handel_02_1952_p231_DDR_Neuerer_Verbesserungsvorschläge_Konsumgenossenschaften_Prämien

Werbung für Verbesserungsvorschläge bei den Konsumgenossenschaften Thüringens (Der Handel 2, 1952, 231)

Es ist daher erklärlich, dass die sozialistischen Helden im Handel rar gesät waren. Doch es gab sie – und ihre Zahl nahm seit 1952 stark zu. Damals sprengte die Remilitarisierung den Rahmen des Fünfjahresplans, schienen den ostdeutschen Machthabern Normenerhöhungen und massive Rationalisierungen unabdingbar. Wie zuvor schon in der Produktion standen sowjetische Aktivisten im Mittelpunkt einschlägiger Debatten: Die im sowjetischen Lebensmittelhandel erprobte Kowaljow-Methode zielte beispielsweise auf die gleichmäßigere Verteilung der Käufer auf die Verkaufskräfte, sollte somit Wartezeiten verringern und den Absatz steigern helfen (Helmut Schüller, Kowaljow-Methode auch im Verkauf, Die Waage 1952, 75). In Kauf- und Warenhäusern wurde derweil die Potapow-Stoffwand diskutiert, teils auch eingeführt. Der Leiter des Stscherbakower Kaufhauses in Moskau hing Textilien nebeneinander auf, so dass sich die Kunden schon vor dem Verkaufsgespräch über das Angebot informieren konnten (Der Handel 5, 1955, H. 9, 1). Daneben begann man 1952/53 die auf schnellere Planerfüllung ausgelegte Bewegung des Bergmanns Franz Franik (1907-1975) auch im Handel anzuwenden (Harry Scherer, Franik-Bewegung im Handel setzt sich durch, Der Handel 3, 1953, 551). Schließlich wurde das Vorschlagswesen gefördert, indem Neuerer höhere Prämien und wachsende öffentliche Aufmerksamkeit erhielten (Julius Mader, Wir haben das Vorschlagswesen gefördert!, Der Handel 2, 1952, 230-231). All dies zielte nicht mehr nur auf passive Teilnahme, sondern auf aktive Teilhabe (Rainer Gries, Dramaturgie der Utopie. Kulturgeschichte der Rituale der Arbeiter-und-Bauern-Macht, in: Peter Hübner u. a. (Hg.), Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit, Köln und Weimar 2005, 191-214, hier 205).

04_Der Handel_03_1953_p440_UdSSR_Einzelhandel_Verkäuferin_Neuerer_Sina-Rybakowa

Sina Rybakowa – Vorbild für Aktivistinnen in der DDR (Der Handel 3, 1953, 440)

Zur ersten sozialistischen Heldin des DDR-Handels dieser Zeit wurde 1953 dann die erst 19 Jahre alte Verkäuferin Sina Rybakowa – der Name wurde, da letztlich nur Bezugspunkt, immer mal wieder anders geschrieben. Die sowjetische Aktivistin arbeitete in der Abteilung für Schul- und Schreibbedarf des Moskauer Warenhauses ‚Kinderwelt‘. Sie war Selbstverpflichtungen eingegangen und forderte Kolleginnen zum sozialistischen Wettbewerb auf, also zum direkten Leistungsvergleich. Rybakowa hatte sich verpflichtetet, den Betriebsplan mit mindestens 105% zu erfüllen, auf qualitativ hochwertige Waren zu achten, die Kundeninteressen zu studieren und sie weiterzuleiten, das Technikum des Sowjethandels zu besuchen, um sich bessere theoretische Kenntnisse anzueignen sowie „aktiven Anteil an dem gesellschaftlichen Leben der Belegschaft zu nehmen“ (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Verglichen etwa mit Stachanows Brachialabbau von Kohle war dies fraulich-klein. Doch Rybakowa verkörperte Vertrauen und Leistungsbereitschaft einer jungen Generation, die nun nicht mehr allein die Grundlagen der Wirtschaft verbessern, sondern einen freudigen und zufriedenstellenden Einkauf ermöglichen wollte. Ihre Person passte zudem bestens zum parallel laufenden SED-Feldzug „für strenge Sparsamkeit“: „Der Schwerpunkt liegt bei der Entfaltung des innerbetrieblichen Wettbewerbs von Verkäuferin zu Verkäuferin, von Brigade zu Brigade, von Verkaufsstelle zu Verkaufsstelle und von Abteilung zu Abteilung auf der Grundlage von konkreten Selbstverpflichtungen und nach dem Vorbild der sowjetischen Stachanowverkäuferin Nina Rybakowa“ (Walter Schalm, Die neuen Aufgaben im Wettbewerb, Der Handel 3, 1953, 288-290, hier 289). Derartige Wettbewerbe erforderten flankierende betriebswirtschaftliche Maßnahmen, mit denen die Einzelleistungen bestimmt werden konnten, waren wichtig für eine Feinjustierung des Wirtschaftsplans.

Sina Rybakowa war die Verkörperung der pflichtbewussten, aufstrebenden Verkäuferin. Sie, die erst vor anderthalb Jahren als Lehrling ihre Berufslaufbahn begonnen hatte, legte ihre Ware morgens schon vor Geschäftsbeginn vorbildlich aus, ordnete sie nach Kundenpräferenzen. „Während ihrer Arbeit erlaubt sich die Verkäuferin niemals, ihre Aufmerksamkeit vom Kunden abzuwenden. Sie läßt keine übertriebene Eile oder Ungeduld gegenüber dem Kunden zu, wenn er zu lange auswählt, sondern hilft ihm freundlich, um in der Auswahl seinen Geschmack zu treffen. Im Laufe des Arbeitstages verkauft die Verkäuferin Rybakowa 200-300 Warenartikel. Sie beendigt ihren Arbeitstag eine Stunde früher, da sie abends im Technikum des sowjetischen Handels studiert. […] Der Kreis ihrer Kenntnisse erweitert sich von Tag zu Tag, sie wird zu einer qualifizierten Mitarbeiterin des Handels. Wir führen dieses Beispiel nicht als Ausnahme an. Solche Mitarbeiter gibt es viele in unserem Warenhaus…‘“ (Eifert Nina Rybakowa nach!, Der Handel 3, 1953, 440). Das war viel im durch hohe Fluktuationen, niedrige Löhne und einen mehr als 70-prozentigen Frauenanteil gekennzeichneten DDR-Einzelhandel. Ende 1953 wurde ein monatlicher „Tag des sowjetischen Neuerers“ eingeführt wurde, auch um den inhaltsleeren „Selbstlauf“ der bisherigen Neuererbewegung im Handel zu beenden. Rybakowas „Methode“ sollte allgemein angewendet werden (K. Götz, Auch im Handel ‚Tag des sowjetischen Neuerers‘, Der Handel 3, 1953, 336). 1956 erschien schließlich eine deutschsprachige Broschüre, um Selbststudium zu fördern (Sina Rybakowa, Unsere Kunden wollen gut, gewissenhaft und aufmerksam bedient werden, Berlin (O) 1956).

05_Der Handel_02_1952_p223_DDR_Rationalisierung_Einzelhandel_Kollektivverpflichtung_Schaufensterwerbung

Kollektivverpflichtung von Mitarbeitern der HO Industriewaren in Berlin-Weißensee (Der Handel 2, 1952, 223)

Glaubt man der parteilichen und unter Zensur stehenden Fachpresse, war die Resonanz nicht unbeträchtlich. Hervorgehoben wurden etwa entsprechende Selbstverpflichtungen von 150 Beschäftigten des HO-Warenhauses in Dresden (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Blieb es meist bei ehrenden namentlichen Erwähnungen der Initiatorinnen, so wurde die „Kollegin Arndt“ vom HO Warenhaus Leipzig gar zur „Verdienten Aktivistin“ ernannt. Die Leiterin der dortigen Verkaufsbrigade für Damenwäsche war nicht nur Arbeiterkind, das sich nach Umschulung und Qualifikation von der Aushilfe über die Verkäuferin zur Leiterin hochgearbeitet hatte, sondern sie nahm die Anregungen der Franik- und Rybakowa-Aktivisten direkt auf, eröffnete schon im September 1952 den innerbetrieblichen Wettbewerb und entsprach dem Ideal einer linientreuen Aktivistin: „‚Es ist eine schöne Aufgabe, den Menschen bei ihren Einkäufen Helfer und Berater sein zu können. Seit Beginn meiner Tätigkeit bei der HO nahm ich rege am gesellschaftlichen Leben teil. Im Jahre 1953 machte ich mich mit dem Charakter und dem Ziel innerbetrieblicher Wettbewerbe vertraut. So erkannte ich, wie wichtig auch im Handel der Wettbewerb ist, […] Ich freue mich darüber, daß ich mit meinen Brigademitgliedern einen Anstoß für eine Bewegung gegeben habe, die zeigt, daß auch der Handel der Produktion nicht nachsteht.‘“ Die Produktion von Heldinnen konnte beginnen.

06_Der Handel_03_1953_p565_DDR_Neuerer_Einzelhandel_Verkäuferinnen_Rationalisierung

Verdiente Aktivistinnen: Zwei der elf Preisträgerinnen 1953 (Der Handel 3, 1953, 565)

Die Verdiente Aktivistin Gretel Heinicke

Margarete Heinicke war eine dieser sozialistischen Heldinnen. Heute erinnert niemand an sie, weder Wikipedia, noch einschlägige biographischen Nachschlagewerke (etwa Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs und Dieter Hoffmann (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Bonn 2001). Heinicke war Verkäuferin, seit Oktober 1953 dann Verkaufsstellenleiterin in der HO-Lebensmittel in Leipzig. Die sächsische Metropole war offenbar ein bevorzugter Ort für Neuerer, etwa der Verdienten Aktivistin Arndt. Im dortigen HO Warenhaus begann man 1953 über die sowjetischen Methoden hinauszugehen, appellierte an die Phantasie der Käufer: Stoffe wurden nicht einfach dargeboten, stattdessen zeigte man Schnittmuster und ausgearbeitete Modelle. Das fertige Kleid, der modische Anzug dienten als Anreiz für die häusliche Schneiderei, für den Absatz der dafür nötigen Vorprodukte (Leistungssteigerung durch neue Verkaufsmethoden, Der Handel 3, 1953, 442).

Margarete Heinicke war Teil dieser Neuererbewegung. Ihre Biographie war vorbildlich, vorbildlich für eine sozialistische Heldin (Angaben n. Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Glaubt man den Angaben der Fachpresse, so stammte sie aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie, konnte aufgrund der Enge der Herkunft aber keinen Beruf erlernen. Nach der Schule arbeitete sie als Hausangestellte und Sprechstundenhilfe, wurde anschließend Beiköchin in einer Gaststätte. Die junge Frau wechselte anschließend, also während der NS-Zeit, in eine Baumwohlspinnerei, machte dort innerbetrieblich Karriere: Sie begann als Arbeiterin, wurde Lehrausbilderin, schließlich Angestellte in der Lohnbuchhaltung und Kalkulation. All dies blieb vage, entsprach aber dem Bild einer strebsamen Frau, die Alltagsfährnisse überwand und ihr Leben anständig meisterte. Anfang der 1950er Jahre kam sie zur HO, startete als Wurstverkäuferin. Der staatliche Handel erlaubte eine neue Karriere, ein Volkshochschullehrgang zeugte von Heinickes Lernbereitschaft. Aufgrund ihrer „guten Leistungen“ wurde sie im Oktober 1953 Leiterin der Verkaufsstelle 88 im Süden Leipzigs, wo sie mit neuen Verkaufsformen experimentierte. Im August 1955 stieg sie die Karriereleiter weiter hoch, war als Verkaufsstellen-Abteilungsleiter für mehr als zwanzig Geschäfte der HO-Lebensmittel Leipzig-Süd verantwortlich.

Dieser Aufstieg war, so das Heldinnennarrativ, Folge ihres Einsatzes für das Kollektiv: „‚Ich fühle mich verpflichtet, in meiner Arbeit Vorbild zu sein. Es genügt nämlich nicht mehr, in einer Verkaufsstelle nach neuen Arbeitsmethoden zu arbeiten, überall muß man jetzt konsequent mit der Einführung neuer Arbeitsmethoden beginnen und dabei nicht am Anfang stehenbleiben‘“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Heinicke griff die zeitgenössischen Neuerermethoden auf, setzte sie in ihrem Wirkungskreis um: Anfang 1953 initiierte sie einen innerbetrieblichen Wettbewerb, bei dem jeder Verkäufer 250.000 DM Jahresumsatz erzielen sollte. Damit griff sie die Anregungen Sina Rybakowas auf, koppelte sie mit der Ertragsperspektive der Franik-Methode. Im Herbst 1953 eiferte sie dann dem Vorbild Frida Hockaufs nach, ging Selbstverpflichtungen ein, forderte diese auch von ihren Kolleginnen. Es folgte die Kochtopfmethode, die rasch mit ihrem Namen verbunden wurde. Aus der Nacheifererin wurde somit ein Vorbild, seit 1954 eine Verdiente Aktivistin. Selbstverständlich blieb es nicht bei rein fachlicher Arbeit, ging diese doch einher mit gesellschaftlichen Aktivitäten: 1954 wurde sie Mitglied der Ständigen Kommission für Handel und Versorgung des Rates des Bezirks Leipzig, trat dem Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel und dem FDGB-Bezirksvorstand Leipzig bei, war auch im Leipziger Prüfungsausschuß für die Lehrabschlußprüfungen im Handel aktiv.

07_Der Handel_06_1956_Nr04_p11_DDR_Einzelhandel_Neuerer_Gretel-Heinicke_Fernseher

Das Ehepaar Heinicke in ihrer neu bezogenen Leipziger Wohnung (Der Handel 6, 1956, H. 4, 11)

„Gretel“ Heinicke hatte es geschafft. Sie war eine sozialistische Heldin, durchsetzungsstark und anwendungsklug. Sie sah, so der Tenor, die Rationalisierungspotenziale innerhalb der Handelsorganisation, riss mit ihren Initiativen ihr Umfeld mit. All dies erfolgte gleichsam selbstlos, war Dienst auch am Kunden. Der umgangssprachlich veränderte Rufname unterstrich diese Volkstümlichkeit. Gretel Heinicke wollte Parteibeschlüsse ins Leben tragen, wollte den Einkauf zur Freude machen. Kundenversammlungen ergänzten das Verkaufsgespräch. Heinicke stand zugleich aber für die Entfaltung der Persönlichkeit im Sozialismus. Ein Photo zeigt sie in ihrer Neubauwohnung, präsentiert sie mit liebevollem Ehemann und vor dem just neu angeschafften Fernsehapparat. Gediegenheit und Wohlstand wurden bildlich gebannt, waren Abglanz eines materiell gesicherten Lebens in der bald verwirklichten sozialistischen Gemeinschaft. Dieses Photo wurde auf einer Doppelseite gedruckt, kontrastierte das vermeintliche Drohnen- und Ausbeuterdasein des westdeutschen „Warenhauskönigs“ und Ariseurs Helmut Horten (1909-1987) („Ich habe ein Recht auf gutes Leben“, Der Handel 6, 1956, H. 4, 10) mit dem der Aktivistin aus dem Volk: „Es ist doch gut, daß wir unter unseren Verkäuferinnen so hervorragende Menschen haben. Nicht nur Gretel Heinicke, sondern viele, sehr viele. Wir gaben uns nur noch nicht immer die Mühe, sie zu entdecken, sie zu fördern“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11).

Heinicke war eine sozialistische Heldin, eine ostdeutsche Rybakowa. Ihre Aufgabe war es, Vorbild und Anreiz für die Mehrzahl der Verkäuferinnen im DDR-Handel zu sein. Das war Partei- und Gewerkschaftsziel, entsprechend wurden im Handel überdurchschnittlich viele Frauen ausgezeichnet. 1953 waren nur fünf der sechszehn Verdienten Aktivisten im Handel Männer (Ihre Leistungen sollen uns Ansporn sein, Der Handel 3, 1953, 563-564). Man kann dies als Ausfluss der neuen Chancen von Frauen in der DDR interpretieren, lag ihr Anteil an der Erwerbsarbeit doch höher als in der Bundesrepublik. Man kann hierin aber auch den Versuch sehen, Frauen in Branchen zu fördern, die eher ihrem vermeintlichen Naturell entsprachen. Schließlich kam die Zeit der Trümmerfrauen und Industriearbeiterinnen langsam an ein Ende, pendelten sich tradierte Geschlechtsverhältnisse wieder ein. Die Leitung des Handels war ohnehin männlich dominiert. Ende 1954 gab es 569 Direktoren in den Kreisbetrieben der HO – und nur 19 Direktorinnen. Der höhere Anteil an den Aktivistinnen wurde zufrieden gewürdigt, als „Ausdruck für die neue Stellung der Frauen in unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat“ gefeiert. Sie hätten dazu beigetragen „daß unser Leben immer reicher und schöner wird“. Doch hier galt es nachzulegen, war es doch Frauenaufgabe, „sich ständig fachlich und gesellschaftlich weiter zu qualifizieren, um unsere Handelsbetriebe rentabler zu gestalten, die Verkaufskultur zu verbessern und um mehr als bisher leitende Funktionen einnehmen zu können“ (Zitate n. Ruth Buchmann, Im Geiste Clara Zetkins, Der Handel 5, 1955, H. 5, 3-5, hier 4). Gretel Heinicke unterstützte diese Mischung aus Arbeitsmobilisierung und Fraulichkeit. Zum Internationalen Frauentag 1956, in der DDR ja ein blumiger Feiertag, postulierte sie: „‚Wir Frauen haben die Aufgabe, verantwortungsbewußt mitzuarbeiten und zu kämpfen und zu lernen, um ein schöneres Leben für unsere Kinder zu sichern‘“ (Charlotte Pfeiffer, Unseren Kolleginnen Ehre und Dank!, Der Handel 6, 1956, H. 5, 9).

Die Kochtopfmethode

Der Handel in der DDR hatte im Gründungsjahrzehnt nicht allein frei verkäufliche und bewirtschaftete Waren zu verkaufen, sondern er hatte sich dabei auf die plangemäß gelieferten Güter zu konzentrieren. Die 1948 gegründete HO stand für den staatlichen Anspruch, den Absatz einerseits an die Bedürfnisse der Bevölkerung anzupassen, anderseits den im Schwarzmarkt noch gültigen Preismechanismus von Angebot und Nachfrage durch staatliche Preisfestsetzungen zu ersetzten. Bei der HO konnte man Mangelprodukte frei kaufen, musste dazu jedoch Preise zahlen, die leicht unterhalb des Schwarzmarktniveaus lagen. Die HO-Preise straften die Gleichheitsrhetorik Lügen, boten zugleich aber einen Anreiz für vermehrte Arbeitsleistungen, um sich Waren abseits der Grundversorgung leisten zu können. HO, Konsumgenossenschaften und insbesondere der staatlich drangsalierte private Einzelhandel hatten jedoch allesamt das Problem kaum verkäuflicher Waren. Sie mussten gleichwohl abgesetzt werden, wollte man den Plan erfüllen. Das galt 1954 in Gretel Heineckes Verkaufsstelle etwa für Puddingpulver. Die Frauen – Heinicke und fünf Verkäuferinnen – kochten daher einen ansprechenden Pudding, stellten diesen gut sichtbar aus, ließen die Kunden gar kosten. Und siehe da, der Umsatz stieg nun auf gewünscht-geplante Höhe. Damit begann ein Präsentationsspiel, das 1954 in der Kochtopfmethode kulminierte. Zuvor hatte die sozialistische Heldin einen Abendbrottisch für zwei Personen eingerichtet, darauf vertrauend, dass man die dafür erforderlichen Produkte auch kaufen würde (G. Naumann, Kollegin Heinicke organisiert Kampf um Planerfüllung, Der Handel 4, 1954, H. 22, 27).

08_Der Handel_06_1956_Nr02_p26_DDR_Einzelhandel_Lebensmittelhandel_Verkäuferin_Kochtopfmethode

Hinweisschild auf die Warenangebote nach der Kochtopfmethode in der HO-Verkaufsstelle 20 in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 26)

Die Kochtopfmethode folgte diesem Weg von Einzelprodukten zur Einkaufshilfe: „An einer in das Schaufenster gestellten schwarzen Tafel, die in einen Rahmen zu schieben ist, wird an jedem Morgen ein Rezept angebracht, das jeweils Produkte berücksichtigt, die in der Verkaufsstelle vorrätig sind. Ein am Eingang der Verkaufsstelle angebrachter Hinweis: ‚Was koche ich heute mittag? Unser Tip – siehe Schaufenster!‘ macht die Bevölkerung auf diesen Kundendienst aufmerksam“ (Naumann, 1954). Die Kochtopfmethode war also Dienstleistung und Lenkungsinstrument zugleich. Erstere wurde propagiert, zumal sie für erwerbstätige Frauen mit Doppelbelastung durchaus hilfreich sein konnte (erwerbstätige Männer wurden übrigens nie angesprochen…).

Die Kochtopfmethode war eine lokale Initiative, deren Kernidee anschließend vor Ort verändert und verbessert wurde. Nach kurzer Zeit wurde es üblich, nicht allein die Einzelprodukte des vorgeschlagenen Gerichtes aufzulisten, sondern diese auf einer Tafel gut sichtbar aufzulisten, mit Einzelpreisen zu versehen und auch einen Gesamtpreis zu nennen. Das diente der Information, war nicht Ausdruck vermeintlicher Preiswürdigkeit. Die Tafel fand dann ihre Entsprechung im Inneren der Verkaufsstelle, wo die erforderlichen Produkte gebündelt vorlagen, so dass sie einerseits gut sichtbar waren, anderseits einfach und im Gesamtpack verkauft werden konnten. Die Kochtopfmethode sprach Kundinnen direkt an, knüpfte so ein Band zwischen Handel und Konsumentin. Der Kochtopf war mehr als ein Zubereitungsbehälter, symbolisierte die Gemeinschaft der Werktätigen. Die einfach gehaltenen Speisen knüpften sicher auch an die umfangreiche Eintopfpropaganda an, die während des Nationalsozialismus Opfersinn und Volksgemeinschaft erfolgreich verband (Uwe Spiekermann, Ist Eintopf ein Naziwort?). Mit der Kochtopfmethode verfolgte der Handel daher nicht nur selbstsüchtige Absatzziele, diente nicht nur der rational agierenden Hausfrau. Er schuf auch einen Imaginationsraum wechselseitiger Verpflichtungen und gemeinsamer Ziele. Damit unterfütterte die Kochtopfmethode die oftmals hohlen Phrasen des Aufbaus mit emotionalem Schmaus.

09_Der Handel_06_1956_Nr02_p27_DDR_Einzelhandel_Kochtopfmethode_Leipzig_Werbung

Außenwerbung mit der Kochtopfmethode: Kochzutaten und deren Preise in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 27)

Die neue Initiative machte die Heldin – doch das Narrativ verlangte noch mehr: Heinickes Verkaufsstelle konnte nicht nur den Umsatz steigern, sondern auch ihre Frida Hockauf folgende Selbstverpflichtung erfüllen, den Umsatzplan um monatlich 1000 DM überzuerfüllen. Eine Heldin belässt es jedoch nicht beim Einzelerfolg, sondern schreitet den eingeschlagenen Weg weiter voran: Sie überzeugte vier benachbarte HO-Läden, ihrem Beispiel zu folgen, überzeugte sie gar, den vom Umsatz abhängigen Leistungslohn einzuführen. Diese fünf Verkaufsstellen forderten anschließend weitere HO-Geschäfte zum Franik-Wettbewerb heraus, um so allesamt die geplanten Umsätze früher erreichen zu können (Naumann, 1954). Heinickes HO-Bezirk Leipzig-Süd konnte seine Umsätze im 3. Quartal deutlich steigern und sich im Bezirk Leipzig an die Spitze setzen. Damit stieß Heinicke einen Kaskadeneffekt an, der in Leipzig auf beträchtlichen Widerhall stieß. Die Kochtopfmethode verkörperte Schwung und Dynamik des sozialistischen Aufbauwerkes, als sich am Tag des Neuerers, also am 13. Oktober 1954, alle Mitarbeiter der HO-Lebensmittel Leipzig-Zentrum verpflichteten, nicht nur nicht unbeträchtliche Planungsrückstände bis Jahresende aufzuholen, sondern dazu auch Neuerermethoden zu nutzen: „‘Die Anwendung neuer Arbeitsmethoden, wie das Anbieten von Mittagsgerichten und Abendessen werden wir auf alle Verkaufsstellen übertragen‘“ (Auch im Handel die Planungsrückstände aufholen, Neues Deutschland 1954, Nr. 237 v. 9. Oktober, 3). Und es war gewiss im Sinne Gretel Heinickes, dass ihre Kollegen zugleich „alle Belegschaften der staatlichen und konsumgenossenschaftlichen Handelsbetriebe“ aufforderten, diesem Beispiel zu Ehren der Volkskammerwahlen vom 17. Oktober 1954 zu folgen. Die sozialistische Heldin stand für alle eventuell mit der Kochtopfmethode verbundenen Rückfragen kollegial bereit. Heinicke hatte, so schien es, einen Stein ins Rollen gebracht.

Die Kochtopfmethode als staatlich geförderte Neuerermethode

Zwei Ereignisse markierten den Übergang von Heinickes lokaler Initiative zur dann staatlich propagierten Neuerermethode im Handel. Zum einen berichtete das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ im Februar 1955 über einen Besuch des stellvertretenden Ministers für Handel und Versorgung Kurt Borrmann in Stalinstadt (ab 1961 Eisenhüttenstadt), einer um ein Eisenhüttenkombinat entstandenen sozialistischen Modellstadt (vgl. Rosemarie Beier (Hg.), Aufbau West – Aufbau Ost. Die Planstädte Wolfsburg und Eisenhüttenstadt in der Nachkriegszeit, Ostfildern-Ruit 1997, v. a. die Beiträge von Jörg Roesler und Jenny Richter). Der SED-Funktionär forderte vom lokalen HO-Verkaufsstellenleiter verstärkte Verkaufsanstrengungen: Es „gibt nicht nur hier, sondern bei den meisten unserer Verkaufskräfte eine Scheu vor dem Anbieten, Empfehlen oder Erinnern. Dabei wären viele Hausfrauen recht dankbar dafür. ‚Kennen Sie die Verkaufsmethode der Kollegin Heinecke [sic!] aus Leipzig?‘ wird der junge Verkaufsstellenleiter gefragt. Nein, man kennt sie hier nicht. Aber interessiert hört Hartwig Beier zu, als Genosse Borrmann ihm berichtet, wie die Verkaufsstellenleiterin Heinecke [sic!] ihren Umsatz gesteigert hat. Täglich hat sie ihren Kunden auf einer Tafel einen Vorschlag für den Mittagstisch unterbreitet. Damit hat sie nicht nur den Kunden geholfen, sondern auch die vorrätigen Waren schmackhaft angeboten“ (Hella Iglarz, Handeln, anpreisen, werben, Neues Deutschland 1955, Nr. 35 v. 11. Februar, 5). Die Kochtopfmethode wurde offenbar als eine Chance gesehen, den Wettbewerb im Handel zu intensivieren.

Doch es blieb nicht bei autorativen Empfehlungen. Planungsbehörden und Handelsfunktionäre sprachen Anfang 1955 von einer neuen höheren Phase der Handelsmethoden, die sich deutlich von vereinzelten Übernahmen sowjetischer und einheimischer Neuerermethoden unterscheiden sollte. Vorbild war die Rationalisierungsbewegung in der Industrie, die seit Ende 1954 wieder intensiviert wurde (vgl. Ernst Lange, Die Verbesserung der Lebenshaltung der Bevölkerung in der Deutschen Demokratischen Republik, Einheit 9, 1954, 947-955, hier 950). Dem Handel hatte der Fünfjahresplan bis 1955 um 19,2 Prozent verminderte Vertriebskosten abverlangt, doch Ende 1954 waren erst 8,8 Prozent erreicht. Um dies zu verändern, wurde Anfang 1955 – mittels der Verfügung Nr. 5/55 des Ministeriums für Handel und Versorgung vom 14. Januar – beschlossen, die Kochtopfmethode und den Minutenkauf (Verkauf nach Vorbestellung) obligatorisch in mindestens einer geeigneten Verkaufsstelle jedes HO-Kreises einzuführen. Auch die Konsumgenossenschaften schlossen sich Ende März an, propagierten aber andere Methoden, darunter das sogenannte geschlossene Warensortiment, Adamek-Arbeitszeitpläne, die Potpow-Methode oder das Kolli-System. Es herrschte offenbar kein Mangel an guten Ideen, doch es haperte an der Umsetzung. Der Bildungsstand der Verkäuferinnen war fast durchweg niedrig: „So erklärten uns die Kolleginnen in der Diätverkaufsstelle, in der HO Lebensmittelverkaufsstelle 8 in Potsdam und anderen Verkaufsstätten, daß sie die Kochtopfmethode, den Minuteneinkauf, die Arbeit mit geschlossenen Warensortimenten usw. noch nicht geschildert bekommen haben. Die Kollegin Grunert gab uns eine typische Antwort, wenn sie sagte: ‚Davon habe ich noch nichts gehört. Aber in der nächsten handelspolitischen Schulung werde ich gleich einmal fragen, warum man mit uns darüber noch nicht gesprochen hat. Das sind doch gute Sachen.‘ Und so konnte es vorkommen, daß man die Hinweise der Verdienten Aktivistin Heinicke zu der von ihr erfolgreich angewandten Kochtopfmethode nicht beachtete“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9).

10_Der Handel_05_1955_Nr13_p25_DDR_Einzelhandel_Werbung_Schaufensterwerbung_Kochtopfmethode

Schaufensterwerbung für die Kochtopfmethode: Dekorationsvorschlag 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 25)

Das offenkundige Vollzugsdefizit beantworteten die Handelsfunktionäre zum einen mit lokalen Gegeninitiativen, die über die Fachpresse verbreitet wurden (Erika, Wir wenden in den Verkaufsstellen die ‚Kochtopfmethode‘ an!, Der Handel 5, 1955, Nr. 13, 25). Zum anderen informierte man weiterhin über die Kernpunkte, hoffte auf die Überzeugungskraft nicht nur der Methode selbst, sondern auch ihrer Resonanz bei Käuferinnen: „Sie sind der Sorge, die jede Hausfrau hat, nämlich der täglich wiederkehrenden ‚Angst‘ vor dem ‚Was koche ich heute‘, behoben“ (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 26 – auch für das folgende Zitat). Generell bewegte die Neuererbewegung einiges, nicht zuletzt im nach wie vor quirligen Leipzig, wo unter der Federführung Gretel Heinickes die Verkäuferinnen „immer neue Verkaufsmethoden“ ersannen. Doch die zahlreichen Anregungen kannibalisierten sich wechselseitig, überforderten die Ressourcen der zahllosen kleinen Verkaufsstellen. Wissen des Guten war eben nicht Vollzug des Guten – und diese zermürbende Erfahrung lähmte.

Dies sollte aber nicht das letzte Wort sein, sah doch der neue, 1956 gestartete Fünfjahresplan eine umfassende Modernisierung der DDR-Wirtschaft vor. Die „wissenschaftliche-technische Revolution“ galt aber nicht allein für Kernenergie, Luftfahrtindustrie und weiterhin Schwerindustrie, sondern sollte auch den Handel in die Lage versetzen, die bis 1960 um 40% zu steigernde Konsumgüterproduktion zu bewältigen (Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 36-37). Dazu wurde neuerlich an die Schöpferkraft der Werktätigen appelliert, zugleich aber das ideologisch sichere Lied vom rückständigen Handel angetönt: „Während die Industrie in kurzen Abständen immer wieder wahrhaft revolutionäre Taten vollbringt, vollzieht sich der Handel im wesentlichen in den gleichen Formen, wie sie bereits jahrzehntelang üblich waren. Nicht nur die Verkaufsmethoden, auch die Arbeitsmittel und verschiedene Organisationsformen haben sich seither nur unwesentlich verändert. Es ist daher notwendig, neue Ideen für die Verbesserung und gleichzeitige Erleichterung der Handelstätigkeit zu entwickeln, sie im breiten Erfahrungsaustausch allen zu vermitteln und sich darauf zu konzentrieren, sie schnell zu verwirklichen“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 4). Gretel Heinickes Kochtopfmethode wurde 1956 neuerlich propagiert, ihr Einsatz aber auch flankiert.

11_Der Handdel_06_1956_Nr04_p04_DDR_Einzelhandel_Schaufensterwerbung_Leipzig_Kochtopfmethode

Werbedekoration nach der Kochtopfmethode in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 4, 4)

Dazu wurde erstens die Kochtopfmethode systematisiert und in einem kleinen, vom Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel herausgegeben 10-seitigen Faltprospekt näher vorgestellt (Walter Schalm, Kochtopfmethode, Berlin-Treptow 1956). Es enthielt Abbildungen aus dem Verantwortungsbereich Gretel Heinickes und empfahl drei erfolgsträchtige Kernelemente: Anregende und regelmäßig wechselnde Rezepte, eine ansprechende Präsentation der empfohlenen Waren und eine gut lesbare Angabe der Einzel- und Gesamtpreise (Der Handel 6, 1956, H. 5, 16). Außerdem spezifizierte man die Methode für andere Spezialsortimente, beginnend mit Obst- und Gemüse-, endend bei Spirituosenhandlungen („Neue Arbeitsmethoden für Dich“, Der Handel 6, 1956, H. 6, 29). Die kleine Broschüre wurde über den Handel vertrieben, vor allem aber über Gewerkschaftsvertreter verbreitet. Die üblichen Einzelerfolgsmeldungen fehlten nicht, doch auch die Übernahme der Methode durch gleich 45 Verkaufsstellen in Staßfurt konnte nicht überdecken, dass eine Evaluation möglicher Erfolge nicht erfolgte (Walter Schalm, Aktuelle Agitationsschriften verhelfen dem Neuen zum Durchbruch, Der Handel 6, 1956, H. 11, 22-23, hier 22). Festzuhalten ist, dass diese Festlegung der Kochtopfmethode zugleich ihrer Kanonisierung diente. Auch wenn die sozialistische Heldin Gretel Heinicke in steter Eintracht mit ihrer Methode präsentiert wurde, so ging die Definitionsmacht doch auf Gewerkschafts- und Parteifunktionäre über.

Zweitens begann man auf unterschiedlichen Ebenen Werbeentwürfe für die Kochtopfmethode zu entwickeln, um dadurch dezentrale Arbeit zu minimieren. Die HO schrieb Wettbewerbe für ansprechende Schaufensterentwürfe aus, deren Ergebnis aber kaum befriedigte. Selbst der Siegerentwurf vergaß den Platz für die Rezepte und auch Preise, war von einer allgemeinen Warenanpreisung kaum zu unterscheiden (Der Handel 6, 1956, H. 3, 26). Mit der Kochtopfmethode wurde gleichsam kokettiert, zugleich aber recht heterogene Einzelinteressen unter dessen Deckel versammelt. Selbst Werbung für Feinkost fand sich dergestalt geadelt wieder im Reigen regimetreuer Angebote (Horst Fiedler, Für die Kochtopfmethode zu verwenden, Der Handel 6, 1956, H. 3, 26-27, hier 26).

12_Der Handel_06_1957_Nr07_p05_DDR_Einzelhandel_Werbemittel_Kochtopfmethode_Erfurt

Werbung für die Kochtopfmethode in Erfurt 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5)

Werbung wurde auch weiterhin dezentral erstellt, darunter durchaus ansprechende Lösungen, wie etwa der oben sichtbare graphische Teil eines Handzettels. Doch dies blieben Ausnahmen besonders motivierter Kollektive. Für die Mehrzahl der Nachahmer erstellte die Redaktion der Fachzeitschrift „Der Handel“ 1956 Werbeklischees, die vor Ort ausgestaltet werden konnte. Auf Quadratnetz aufgezeichnet, lud es zum Abpausen ein. Auch hier aber war die Angst groß, dass vor Ort dennoch Fehler auftauchen würden, etwa fehlende Angaben zur Menge oder aber ergänzend erforderliche „Kleinigkeiten“, etwa der Gewürze. Gleichwohl gelang es auf diese Weise, einfache und zielführenden Handreichungen anzubieten, um Gretel Heinickes Vorschläge republikweit zu verbreiten („Kochtopfmethode“ leichtgemacht, Der Handel 6, 1956, H. 8, 29).

13_Der Handel_06_1956_Nr08_p29_DDR_Einzelhandel_Werbemittel_Werbung_Kochtopfmethode

Werbemittel für die Kochtopfmethode (Der Handel 6, 1956, H. 8, 29)

Drittens übte der SED-Staat weiterhin Druck aus, um die Kochtopfmethode und den Minutenkauf zumindest in der HO obligatorisch zu verankern. Kurt Borrmann wies mehrfach auf die gesetzlichen Regelungen für die Einführung neuer Arbeitsmethoden hin, stellte zugleich aber realistisch-resigniert fest: „Sie werden aber in sehr vielen Fällen nicht beachtet“ (Die Konferenz der Handelsneuerer gut vorbereiten!, Der Handel 6, 1956, H. 4, 4-5, hier 5). Diese Indolenz gegenüber selbst gesetzten Vorschriften mag dem gängigen Bild einer gewalttätigen Entwicklungsdiktatur nicht entsprechen. Die Beteiligten wussten jedoch um die strukturelle Überforderung der meisten Verkaufsstellen, die zu Beginn des neuen Fünfjahresplan mit einer Vielzahl neuartiger Ansprüche konfrontiert waren. Die 3. SED-Parteikonferenz, bekannt durch die erste öffentliche Distanzierung vom Massenmörder Stalin, forderte den Handel zu neuen Anstrengungen auf, einerseits für die verbesserte Versorgung auf dem Lande, anderseits für die Schwerpunktverpflegung der Werktätigen in den Industriebetrieben. Fertiggerichte, Versorgungsautomaten, bessere Werkverpflegung fielen sämtlich in das breit gefächerte Profil der HO und der Konsumgenossenschaften. Zahlreiche Dienstleistungen, sei es bei Reparaturen oder dem Anschluss und der Wartung von Elektrogeräten, sollten ebenfalls gemeistert werden: „So stehen die Mitarbeiter des sozialistischen Handels vor einer Reihe neuer, ungelöster Probleme, die nur durch ihre Eigeninitiative und mit Hilfe der örtlichen Verwaltungsorgane gelöst werden können“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 3). Es wären ganz andere sozialistische Helden als Gretel Heinicke nötig gewesen, um die immer wieder erweiterten Ansprüche abarbeiten zu können.

Kollegin Heinicke half jedoch, wem sie konnte: So dem Kollegen Drenschke aus Gernrode, dem sie die Kochtopfmethode präzise beschrieb, die dieser dann auch erfolgreich einführte (Lothar Wilke, Liebe Kollegin Gerda!, Der Handel 6, 1956, H. 16, 28-29). In der gelenkten Presse folgten die üblichen Nachrichten von dankbaren Käuferinnen, die sich stetig fragten, „was morgen wohl an die Tafel geschrieben würde“ (Heinz Hertel, Immer mehr Mitarbeiter beteiligen sich am Wettbewerb, Der Handel 6, 1956, H. 5, 10-11, hier 10). Es sei so schön, helfende Hinweise zu erhalten, „den ‚Magenfahrplan‘ abwechslungsreich zu gestalten“ (Fiedler, Jetzt Puddings und Süßspeisen empfehlen, Der Handel 6, 1956, H. 13, 29-30). Schweigen wir von der hinter solch paternalistischen Sätzen stehenden Geringschätzung der dummen Hausfrauen, denn dies wäre eine längere Philippika. Halten wir aber fest, dass die Kochtopfmethode durchaus Resonanz erzielte, wenn auch von einer flächendeckenden Einführung nicht die Rede sein konnte. Und sie diente der weiteren Rekrutierung von Aktivistinnen, wie etwa der Kollegin Schlottke aus Quedlinburg, die zu Ehren der 3. Parteikonferenz Heinickes Methode in ihrem HO-Laden und dem VEB Harzer Likörfabrik einführte. So entstanden, hicks, Agitationslokale für den „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ (Der Handel 6, 1956, H. 5, 20).

Für sozialistische Helden war all dies Ansporn für noch mehr Arbeit. Der Verdiente Aktivist Gerhard Gering vom Konsum-Warenhaus Suhl fragte entsprechend: „‘Kann es denn Schöneres geben, als an seinem Platz für die Ziele unseres Arbeiter- und Bauern-Staates und der Partei zu arbeiten, deren Mitglied ich bin?“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10) Das war 1958, zwei Jahre nach dem Hauptagitationsjahr für die Kochtopfmethode – im rasch voranschreitenden Sozialismus eine kleine Ewigkeit. Noch hatte man den Fünfjahresplan nicht abgebrochen, um ihn durch einen noch ambitionierten Siebenjahresplan zu ersetzen, den man dann nach nur vier Jahren in einen neuen Perspektivplan überführte. Doch mit dem Bunaprogramm, den „Maßnahmen zur Entlastung der werktätigen Frauen durch den sozialistischen Handel“, begann schon Anfang Januar eine neue Etappe im langen Marsch in die lichte Zukunft. Selbstzufrieden zählten Handelsfunktionäre die lange Liste bisheriger Erfolge auf: „Das Ratiosystem, die Kochtopfmethode, Stumme Verkäufer, ständige Sonderwarenangebote, Inventur bei geöffneter Verkaufsstelle, Kowaljowmethode im Lager, waren Bestandteile der Arbeit geworden“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10). Ja, die Kochtopfmethode wurde weiter angewandt. Allerdings nicht überall und häufig anders als erforderlich. An die Stelle regelmäßig wechselnder Rezepte trat eine gewisse Eintönigkeit, auch von völkerverbindenden Gerichten der sozialistischen Bruderstaaten hörte man nur noch wenig. Der Posener Aufstand oder der ungarische Volksaufstand hatten 1956 doch auf den Magen geschlagen. In Weißenfels wusste man sich zu helfen, empfahl als stetes Beigetränk ein stärkendes Abendbier. Derartig „formale“ Anwendung der Kochtopfmethode sagte man jedoch den Kampf an, ließ ernährungswissenschaftlich optimierte Rezepte entwickeln, um der Hausfrau nicht nur die Sorge für die tägliche Kost, sondern auch für die Gesundheit der Familie teilweise abzunehmen (Bunaprogramm kein fertiges Rezept, Handelswoche 3, 1958, Nr. 3 v. 15. Januar, 10).

Gleichwohl enthielt das Bunaprogramm schon Planungen, die der Kochtopfmethode die Grundlage entziehen sollten. Es sah nicht nur verstärkte und verbesserte Werksverpflegung vor, sondern auch ein breites Sortiment kochfertiger Lebensmittel und Fertiggerichte. Die Kochtopfmethode war dann lediglich noch Übergangstechnik hin in eine arbeitssparende Zeit, die Essen auf Verzehren reduzieren, die Kochen auf Industrie und Gastronomie verlagern würde. So träumte man im Osten, so auch im Westen. Deutsche Gemeinsamkeiten an der Kühltheke. Und doch, die Hausfrauen hatten ihren eigenen Kopf, kauften die frühen Fertiggerichte eher zögerlich. Und in der DDR gab es Versorgungsprobleme bei der Kühltechnik (R. Marczikowski, Das Menü im Zellophanbeutel, Die Handelswoche 3, 1958, Nr. 6 v. 5. Februar, 5). Nun ja, die Kopftopfmethode konnte derweil weiter genutzt werden.

Zwischen Selbstkritik und Denunziation: Soziale Funktionen der Kochtopfmethode

Rationalisierungs- und Verbesserungsvorschläge haben nicht nur wirtschaftliche, sondern immer auch soziale Folgen. Der Historiker Andrew Port hat die damit verbundenen sozialen Mechanismen am Beispiel Saalfelds detailliert untersucht und versucht, die rätselhafte Stabilität der DDR auf die wechselseitigen Blockaden einer Gesellschaft zurückzuführen, die von Neid und fluiden Gruppenidentitäten geprägt war (Die rätselhafte Stabilität der DDR. Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland, Bonn 2011). Sozialistische Helden sollten verbinden, erlaubten aber doch auch Protest, Widerspruch und klar abgegrenzte und damit „sachlich“ begründbare Ablehnung. Den Helden der Arbeitswelt schlug immer auch Feindschaft entgegen. Adolf Henneckes Auto wurde von seinen Kumpeln demoliert, er selbst als „Arbeiterverräter“ beschimpft. All dies milderte sich Mitte der 1950er Jahre, machte sich nun doch eher Apathie breit, ein nur formales Mitziehen, das die erwünschten Effekte nicht erreichen wollte und konnte. Zugleich veränderte sich die Art der sozialistischen Helden, begann mit dem gefeierten Radfahrer Gustav-Adolf „Täve“ Schur (1931-) eine lange Liste von Sport-, ab den späten 1950er Jahren begleitet von den eingangs schon erwähnten Kosmoshelden. Widerspruch war hier selten, betraf vor allem nicht die Funktion des Systems.

Mitte der 1950er Jahre wandelte sich die DDR, mutierte von einem stalinistischen Gewaltstaat hin zu einem bürokratisierten Unrechtsstaat, der individuelle Freiräume ließ und lassen musste und seine Klauen nicht mehr stetig ausfuhr. Erlasse, wie etwa die verpflichtende Nutzung der Kochtopfmethode, galten zwar – wurden aber nicht konsequent umgesetzt. Die Verpflichtung war jedoch stetig mobilisierbar, war eine Waffe in der Hand der Funktionäre, teils auch der staats- und parteitreuen Journalisten. Die Kanonisierung der Kochtopfmethode durch Gewerkschafts- und Parteifunktionäre erlaubte Interventionen nicht allein bei Nichteinführung, sondern auch bei schlechter Ausführung der Methode.

14_Der Handel_05_1955_Nr13_p07_DDR_Einzelhandel_Werbung_Schaufensterwerbung_Potsdam_Kochtopfmethode

So nicht! Blickfang in einer Potsdamer HO-Spätverkaufsstelle 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 7)

Ein Beispiel hierfür war die inkriminierte Werbewand der HO-Spätverkaufsstelle 7 am Potsdamer Platz der Nationen. Formal hatte man die Kochtopfmethode eingeführt, sich also systemgerecht bewegt. Doch hier fehlte offenbar Begeisterung und Stetigkeit, stattdessen sah man „lieblos hingestellte und inzwischen verstaubte Waren, wie Maizena, Büchsen mit Lachs und Heringshappen“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9, hier 7). An solchen Beispielen wurden um richtig und falsch gerungen, von ihnen konnte man lernen. Wichtiger aber war die Prangerfunktion derartiger Darstellungen. Sie dienten immer auch der Beschämung der oft klar benannten Verantwortlichen. Wer darum wusste, versuchte die Methode „richtig“ (oder gar nicht) anzuwenden, konnte das Damoklesschwert der sozialistischen Kritik doch jeden treffen. Das Folgeritual war ebenso klar: Selbstkritik, Selbstläuterung und zukünftig „richtige“ Anwendung. Die Wirkungen derartiger öffentlicher Demütigungen waren damit jedoch nicht abgedungen. Im Gegensatz zu gängigen Vorstellungen einer Gewaltdiktatur dominierte eine subtile Lenkung den öffentlichen Diskurs über die sozialistische Heldin Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode. Die Lichtgestalt gebar stetig Schatten. Selbst die HO in Ostberlins Renommiermeile Stalinallee wurde zur Selbstkritik und zum Lernen aufgefordert, hatte sie doch vor dem Weihnachtsfest 1956 die Methode noch nicht eingeführt, obwohl die Schaufenster dafür Präsentationsflächen besaßen (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 27).

Neben derartige öffentliche Kritik trat die Rückfrage im Kollektiv, am Arbeitsplatz. Neuerermethoden waren das Stöckchen, über das man springen musste, um zum inneren Kreis zu gehören: „Bei den kommenden Wahlen zu den Verkaufsstellenausschüssen sollten sie die bisherigen Ausschußmitglieder und das Verkaufsstellenpersonal fragen, warum in dieser oder jener Verkaufsstelle für Lebensmittel noch nicht die Kochtopfmethode von Gretel Heinicke angewandt wird“ (Wolfgang Müller, Neue Technik – höhere Verkaufskultur – bessere Versorgung, Neues Deutschland 1956, Nr. 68 v. 20. März, 4). So konnten Karrieren verhindert werden, wurde Linientreue belohnt.

15_Der Handel_06_1956_Nr03_p10_DDR_Einzelhandel_Schluderjan_Kochtopfmethode_Kritik

Wer nicht mitzieht, erscheint als Schluderjan: Präsentation pflichtschuldiger HO-Direktoren 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 3, 10)

Systemfragen wurden auf diese Art kaum ausgefochten, Planerfüllung, Anwendung moderner Methoden und die Überzeugungskraft einer sozialistischen Heldin standen nicht zur Debatte. Die höhere Funktionärsebene musste sich jedoch wappnen. Schauen wir auf eine nicht untypische Kritik an vier HO-Direktoren 1956. Schluderjan brachte sie hervor, eine der vielen Kunstfiguren, die formal zwischen NS-Imaginationen wie Kohleklau und Flämmchen und den zahlreichen Werbegeschöpfen stand. Ihre Aufgabe war Bewusstseinsbildung durch das Mittel der klaren Benennung, des öffentlichen Prangers. Schluderjan benannte die rechtlichen Grundlagen für die verpflichtende und obligatorische Nutzung der „von der Verdienten Aktivistin Heinicke entwickelte{n] bedarfslenkende[n] und absatzwerbende[n] ‚Kochtopfmethode‘“ (Der Handel 6, 1956, Nr. 3, 10). Die HO-Direktoren Wohlleben, Hennig, Specht und Zietlow hatten sie nicht eingeführt und bekamen nun eine Abreibung, die auch die Aufsichtsgremien mit einbezog, also die einschlägigen Abteilungen für Handel und Versorgung beim Rat der Bezirke Erfurt, Dresden, Halle/S. und Schwerin.

Es folgten Rituale der Selbstkritik und der Entschuldigung: Danke, die Kritik half weiter und wir werden uns bessern (Specht). Wir wurden zu Unrecht kritisiert, denn die Methode wurde in gleich drei Läden eingeführt (Wohlleben). Wir haben es angeordnet, doch nicht kontrolliert, ob es auch umgesetzt wurde. Das werden wir nun aber tun (Berger für den verhinderten Zietlow). Wir hatten keine Erfahrungen vorliegen, da die Methode bisher kaum bekannt ist, Resultat auch aus deren mangelhafter Popularisierung durch übergeordnete Dienststellen. Doch Wandel naht: „Einer unserer besten Verkaufsstellenleiter, in dessen Verkaufsstelle die Kochtopfmethode schon seit Monaten verwirklicht ist, wird in den nächsten Tagen die Gelegenheit nutzen, um mit der Aktivistin Heinicke direkt in Verbindung zu treten“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5 (Hennig)). Die sozialistische Heldin konnte helfen, als Erlöserin agieren. Damit war ein Exempel statuiert, über dessen Folgen nicht weiter berichtet wurde. Doch die Botschaft war klar: „Die Lehre aus dieser Kritik sollen aber endlich jeder HO-Direktor, jeder Vorstandsvorsitzende einer Konsumgenossenschaft und vor allem die verantwortlichen Mitarbeiter in den Abteilungen für Handel und Versorgung unserer Staatsorgane ziehen“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5). Unklar, wer als nächster getroffen werden würde.

Die Macht der Funktionäre: Die Kochtopfmethode als opportuner Setzungsakt

Die Nutzung der Kochtopfmethode für Herrschafts- und Disziplinierungszwecke resultierte aus der Setzungsmacht von Partei und Staat. Auch der sozialistische Held war ihr unterworfen, er erhielt Autorität und Aura zugewiesen, war ohne sie nicht denkbar. Das wird im Falle der sozialistischen Heldin Gretel Heinicke in doppelter Weise deutlich.

16_Der Handel_05_1955_Nr15_p22_DDR_Einzelhandel_Werbung_Nudeln_HO_Frau-Helle_Kochtopfmethode

Ähnliche Modelle: Frau Helle empfiehlt mittels Anzeige Speisen und Waren (Der Handel 5, 1955, H. 16, 22)

So gab es eine Reihe ähnliche Vorschläge, die sich an die etablierte Methode andockten. Meist handelte es sich Variationen, teils um Verbesserungen. Das galt etwa für die Kunstfigur Frau Helle, die in Potsdam für die HO-Lebensmittel warb. Das oben aufgeführte Beispiel verwendete zentrale Motive der Kochtopfmethode, reduzierte sie jedoch auf Werbung für eine Produktgruppe. Handelsfunktionäre bewerteten dies als „Ergänzung“ der Methode „der verdienten Aktivistin Heinicke“ (Helmut Klare, Unsere ‚Eva‘ heißt: ‚Frau Helle‘, Der Handel 5, 1955, H. 16, 22) und empfahlen eine allgemeinere Verwendung. Das Urteil hätte jedoch auch anders ausfallen können, hätte auch die Kochtopfmethode selbst ersetzen können.

Das zeigt sich indirekt an der Geschichte von Elfriede Maurer, Leiterin einer HO-Lehrverkaufsstelle in Erfurt. Im Februar 1952, Gretel Heinicke war damals noch Wurstverkäuferin, stellte sie sich eine drängende Frage: „‘Wie steigere ich den Verkauf von solchen Lebensmitteln, für die in meinem Umsatzplan größere Mengen vorgesehen sind, als ich sie bisher erfüllen könnte?‘“ (Dies und die weiteren Angaben n. Kurt Sandmann, Verkaufsförderung durch Kochrezepte, Die Waage 1952, 58-59, hier 58). Die Kunden sollten nicht mehr allein Mangel-, sondern auch reichlich vorhandene Lebensmittel kaufen, etwa die in der obigen Anzeige angepriesenen Teigwaren. Und so machte sich Kollegin Maurer ans Werk: Einem Kochbuch entnahm sie Mahlzeiten, „bei denen Teigwaren, Nährmittel, Mehl usw. eine wichtige Rolle spielen und deren Zutaten zeitgemäß sind, schrieb das Rezept auf ein auswechselbares Papier, besorgte sich von der Dekorationsabteilung ein figürliches Schaustück (lachende Hausfrau mit Suppenterrine und dem Motto ‚Was koche ich heute?‘), klebte das Rezept darauf und stellte das Ganze in das Schaufenster. Einmal war es das Rezept für ‚Schusterpfanne‘, dann für ‚Gefüllter Sellerie‘, ‚Hamburger Fisch‘, Nudelauflauf mit Roulade‘, Kaukasisches Ragout‘ oder ‚Ungarische Paprikaschoten‘ usw.“

17_Die Waage_1952_p059_DDR_Einzelhandel_Werbemittel_Erfurt_Elfriede-Maurer_Kochtopfmethode

Werbemittel von Elfriede Mauer, Erfurt, 1952 (Die Waage 1952, 59)

Ja, das waren Kernelemente der Kochtopfmethode – allerdings schon zwei Jahre vor deren Präsentation durch Gretel Heinicke in Leipzig. Die Resonanz war beträchtlich, Haufrauenglück allüberall: „Frau Charlotte Hubert betonte: ‚Ich glaube, vielen Hausfrauen aus dem Herzen sprechen zu können, daß wir die Rezepte im Schaufenster der HO Moritzgasse herrlich finden. Hiermit werden uns manchmal große Sorgen abgenommen.‘ Auf das Wesentliche bei alledem wies Frau Herz hin, die sagte: ‚Die Rezepte im Schaufenster laden geradezu zum Kaufen ein.‘“ Der Fachredakteur regte an, dass es bei der auffälligen Schaufensterwerbung nicht bleiben müsse, dass sie auch im Ladeninneren eingesetzt werden könne. In Erfurt tauschte man die Rezepte wöchentlich aus, nicht täglich wie später in Leipzig. Diese Vorgängermethode unterstreicht eindringlich, dass nicht die Methode, sondern Staat und Partei die sozialistische Heldin machten. Neuerer gab es viele, die Ansatzpunkte und Verfahren ähnelten sich, doch die Mehrzahl wurde nicht angenommen und umgesetzt (vgl. Julius Mader, Die Rationalisatorenbewegung im volkseigenen und genossenschaftlichen Handel, Berlin (O) 1956).

18_Der Handel_05_1955_Nr20_p11_DDR_Neuerer_Prämien_Rationalisierung

Neuerer unter Wert: Förderung ohne Umsetzung (Der Handel 5, 1955, H. 20, 11)

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke setzte zwei Jahre nach Elfriede Maurer ähnliche Ideen um. Dies dürfte den Fachleuten bekannt gewesen sein. Doch es waren wohl Verantwortliche im Ministerium, insbesondere der stellvertretende Minister Kurt Borrmann, die entschieden, dass nun, Ende 1954, Anfang 1955, die Zeit für eine neue Heldin gekommen war. Das mindert nicht die Leistung Gretel Heinickes. Doch als sozialistische Heldin war sie ein Funktionärsgeschöpf.

Das Auslaufen einer Neuerermethode und das Vergessen der sozialistischen Heldin

Die Kochtopfmethode wurde insbesondere 1955/56 propagiert, doch auch danach empfohlen und auch eingefordert. Noch neuere Neuerungen begrenzten ihren Nutzen, doch schmackhafte Fertiggerichte blieben die Ausnahme, konnten die Methode nicht verdrängen. Die 1958 rasch um sich greifende Selbstbedienung schien gar neue Chancen zu eröffnen. Im ersten DDR-Fachbuch hieß es verheißungsvoll: „Auch die ‚Kochtopfmethode‘ kann auf neue Art zur Geltung kommen. Alle Artikel, die die Hausfrau für ein von der Verkaufsstelle empfohlenes Gericht benötigt, werden in Form einer Sonderauslage zusammengestellt und mit einem entsprechenden Blickfang versehen, der auf die Zubereitungsvorschriften und auf den Preis verweist“ (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 167).

19_Prendel-Wilms_1958_6Snp112_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Werbemittel_Suppenpräparate

Von der Speise zum Produkt: Werbeinsel in einem Selbstbedienungsladen (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 6. S. n. 112)

In den noch wenigen SB-Läden mit reflektierter Innenwerbung bevorzugte man allerdings weniger pflegeintensive Werbeinseln für einzelne Produkte, Produktgruppen oder Saisonartikel. Als im Juli 1956 in Halle/S. einer der ersten SB-Musterläden der DDR eingerichtet wurde, bemängelten Fachleute bei der Evaluation das Fehlen der Kochtopfmethode, regten jedoch an „nach ausländischen Erfahrungen zum Zwecke der Werbung und Beratung der Käufer eine Lautsprecheranlage und ein Magnettonband zu benutzen“ (J[ulius] Mader, Neue Konsum-Verkaufsstätte für eilige Kunden, Der Handel 6, 1956, Nr. 13, 6-7, hier 7; Silke Rothkirch, ‚Moderne Menschen kaufen modern‘, in: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln et al. 1996, 112-119, hier 115, gab diese Quelle falsch an). Dem Hinweis könnte man nachgehen, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass es Äquivalente für die Kochtopfmethode im (westlichen) Ausland gegeben hat – und das wohl auch schon in der Zwischenkriegszeit.

Die angeregten technische Fortentwicklungen wurden jedoch nicht aufgriffen. Bei der Leipziger Handelskonferenz von 1959 pries der neue Minister für Handel und Versorgung, Curt-Heinz Merkel (1919-2000), zwar die Arbeit der Neuerer, erwähnte die Kochtopfmethode Gretel Heinickes jedoch nicht mehr (Curt-Heinz Merkel, Bessere Lösung der Versorgungsaufgaben hilft maximalen Zeitgewinn sichern, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 45-70, hier 59). Kurz zuvor war die bisherige Spitze des Ministeriums abgelöst worden, darunter auch Kurt Borrmann, der die Methode stets gefördert hatte. Diskutiert wurden nun weitere Neuerungen, etwa die der „Genossin Bartel“ sowie die Christoph-Wehner-Methode, eine eigentlich seit 1952 bestehende individuelle Spezifizierung der Planziele, vorgeschlagen von dem Baggerführer und sozialistischem Held Willy Wehner (1922-) (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 120 (Welm)).

Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass das letzte vehemente Plädoyer ausgerechnet von Julius Mader (1928-2000) stammte, der seit 1952 zuerst als Mitarbeiter der Thüringischen Konsumgenossenschaften und dann als Redakteur und schließlich stellvertretender Chefredakteur von „Der Handel“ stetig über die Neuererbewegung im Handel berichtet hatte. Er wechselte 1960 zum Ministerium für Staatssicherheit und wurde einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren der DDR, ein Fachmann für Geheimdienste (Paul Madrell, What we have discovered about the Cold War is what we already knew: Julius Mader and the Western secret services during the Cold War, Cold War History 5, 2005, 235-258). Mader war überzeugt, dass Gretel Heinickes Kochtopfmethode in den modernen Selbstbedienungsgeschäften noch wichtiger werden würde als in den traditionellen Bedienungsgeschäften. Er listete die Vorteile der Methode auf, hob ihre Bedeutung in vielfältigen Spezialsortimenten hervor, ehe er zukunftssicher schloss: „Es darf keine Selbstbedienungsstelle für Lebensmittel im sozialistischen Handel geben, in der die ‚Kochtopf-Methode‘ nicht angewendet wird“ (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 70). Selten war ein Requiem vorwärtsgewandter gewesen.

20_Mader_1960_p69_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Werbemittel_Kochtopfmethode

Die Kochtopfmethode im Selbstbedienungsladen: Blickfang einer Verkaufsecke (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 69)

Deutlich realistischer war ein Jahr später Katja Keppke, Graphikerin der Zeitschrift „Handelswoche“. Ihre Karikatur spießte das Kommen und Gehen der Neuerermethoden auf, begrub zugleich die Kochtopfmethode. Gretel Heinicke war schon die Jahre zuvor öffentlich kaum präsent gewesen, starb den typischen Tod vieler sozialistische Helden: Sie wurde vergessen und durch neue Helden ersetzt.

21_Handelswoche_06_1961_Nr02_p05_Nr02_p05_DDR_Einzelhandel_Rationalisierung_Neuerer_Kochtopfmethode_Christoph-Wehner-Methode

Das Kommen und Gehen der Neuerer-Methoden (Handelswoche 6, 1961, Nr. 2, 5)

Ein Land, das Helden brauchte

Gretel Heinicke war eine sozialistische Heldin. 1954 entwickelte sie ihre Version der Kochtopfmethode, 1955 wurde diese verbindlich vorgeschrieben, 1956 massiv gefördert. Wie bei vielen anderen Neuerermethoden ebbte das Interesse daran rasch ab, traten andere an ihre Stelle. Sie steht damit beispielhaft für Versuche des SED-Staates, die Dynamik des wirtschaftlichen Aufbaus der DDR mit Rationalisierungskampagnen abzusichern und Ideen steten Fortschritts Form zu verleihen. Die Heldinnenrolle der Gretel Heinicke war verdient und beliebig zugleich. Die Leipziger Aktivistin erhielt diese Rolle zugewiesen, war sie doch eine von vielen, die Verbesserungsvorschläge entwickelten und diese auch umsetzten. Sie repräsentierte sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft, in der (fast) jeder ein Held werden konnte, der fest an die Aufbaupläne von Staat und Partei glaubte und dieses auch öffentlich kundtat. Die sozialistischen Helden der DDR waren integraler Teil einer Gewaltherrschaft, materialisierten aber zugleich die Träume und Utopien eines Rumpfstaates, der den Wettbewerb mit dem großen Bruder im Westen aufnahm und diesen überflügeln wollte. Diese Träume und Utopien wiesen über die karge Gegenwart hinaus, waren Minderheitenprojekte, dienten der Nomenklatura. Sie waren Teil des historischen Projektes DDR und können mit dem Verweis auf Propaganda und Scheitern nicht vollends beiseite gewischt werden. Nicht zu Unrecht porträtierte der Schriftsteller Horst Mönnich (1918-2014) die reichere Bundesrepublik 1954 doch pointiert als „Land ohne Träume“. Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode laden daher auch zum Nachdenken ein, war und ist Geschichte doch nie alternativlos.

Beide stehen für den beträchtlichen Legitimations- und Selbststilisierungsdruck der DDR, deren Existenz primär durch die sowjetische Schutzmacht garantiert wurde. Gretel Heinicke verkörperte den erwünschten und vielfach geforderten Einsatz für den neuen Staat, verkörperte dessen Wohlstandsversprechen. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung für Werktätige, war praktische Hilfe in einer offenbar defizitären Konsumwelt: Wir helfen euch dabei, das Beste aus dem Jetzt zu machen – und es wird bald besser werden, gewiss. Das war elementar für den Bestand der DDR, lockte doch nicht die westdeutsche Arbeitswelt, wohl aber deren schon Anfang der 1950er Jahre deutlich bessere Alltagsversorgung.

Gretel Heinicke war die erste sozialistische Heldin im Handel der DDR. Sie folgte Vorbildern aus der ostdeutschen Industrie und dem sowjetischen Distributionssystem, doch sie verkörperte den langsamen Übergang von einer produktivistischen zu einer mehr konsumtiven Entwicklungsphase. Das gilt, auch wenn die Kochtopfmethode immer auch einer betriebs- und volkswirtschaftlichen Logik folgte, in der schwerverkäufliche Waren abgesetzt, in der Angebotslücken abgefedert werden mussten. Sie entstand im Nachklang der massiven Unterversorgung 1952/53 und endete mit dem Übergang zu stärker technokratischen Zielen, wie den neuen Produkten und Dienstleistungen des Bunaprogramms und der Selbstbedienung. Diese kollektiven Anstrengungen brauchten keine Einzelhelden mehr, erschienen als notwendige Verheißungen, folgten der vermeintlichen Logik des Zukunftsmarsches des Sozialismus. Die Kochtopfmethode steht damit auch für eine zeitweilige Sonderrolle des Handels, ehe Ende der 1950er die Neuerermethoden – etwa die der Christoph-Wehner-Methode – wieder aus der Industrie übernommen und für den Handel angepasst wurden.

Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode repräsentieren zudem die öffentlich immer wieder propagierte gleichberechtigte Rolle der Frau im Aufbau des Sozialismus, wichtig insbesondere im von Frauenarbeit dominierten Handel. Zugleich aber richtete sich die Methode an Frauen, Hausfrauen, ließ Männer außen vor. Damit offenbarte sie unintendiert die massive Diskrepanz zwischen dem propagandistischen Gleichheitsideal und der nicht gebrochenen Doppelbelastung der arbeitenden DDR-Frauen. Die Kochtopfmethode unterstützte Hausfrauen, griff zugleich aber in ihre hauswirtschaftliche Arbeit ein. Die spät einsetzende ernährungswissenschaftliche Optimierung der Rezepte steht für den Ende der 1950er Jahre einsetzenden Interventionsdruck einer Gesundheitspolitik, der es nicht mehr allein um Bedarfslenkung ging, sondern auch um die Folgen des stark gestiegenen Konsums fett- und eiweißhaltiger Lebensmittel. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung und Nudging, appellierte an die haushälterische Vernunft der Frauen, vertraute am Ende aber stärker auf Expertenwissen.

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke war für all dies Ausgangspunkt, sie war Funktion und Abziehbild, Projektionsfläche und nicht Realperson. Die DDR bediente sich ihrer, brauchte sie nur als Vorstellung. Das lag in der überbordend-irrealen Konstitution von Helden begründet. Es ist daher ein Warnzeichen, wenn sozialistische Helden wie Sigmund Jähn nun gesamtdeutsch und kontextlos gefeiert werden und es aus Philosophenmunde tönt, dass Demokratie Helden brauche. Helden sind Repräsentanten und Spiegelbilder autoritären Denkens, auch wenn sie darin nicht vollends aufgehen. Sie suggerieren Eindeutigkeit angesichts von Wahlzwang und vielfältigen Handlungsoptionen, suggerieren einfache Kausalitäten in einer Welt komplexer Interdependenzen und schwacher Vernetzungen. Helden stehen für Sehnsüchte nach Einfachheit und simplen Lösungen. Die Herausforderungen der realen Welt sind jedoch andere.

Uwe Spiekermann, 11. Oktober 2019

Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR 1951-1960

Selbstbedienung ist eine logische Konsequenz industrieller Massenproduktion. Entstanden ab 1916 in den USA, dauerte es allerdings fast vier Jahrzehnte bis sie sich auch im relativ rückständigen und durch den Zweiten Weltkrieg weiter geschwächten Europa durchsetzen konnte. In den 1940er Jahren waren Schweden, Großbritannien und die Schweiz Vorreiter, westdeutsche Konsumgenossenschaften folgten ab 1949. Der eigentliche Siegeszug der Selbstbedienung begann in der Bundesrepublik jedoch erst Ende der 1950er Jahre (Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, hier 102). In den vier Jahrzehnten zuvor wurde die neue, „amerikanische“ Art des Verkaufens zwar immer wieder diskutiert, praktische Versuche aber blieben Ausnahmen: Einheitspreisgeschäfte nutzten sie seit den späten 1920er Jahren, 1938 gründete der Handelsunternehmer und Ariseur Herbert Eklöh (1905-1978) in Osnabrück einen ersten Selbstbedienungsladen. Weitere Versuchsläden schlossen sich an, und während des 2. Weltkrieges halfen sogenannte Ratio- sowie Einmannbetriebe bei der Auskämmung des Handels, bei der Freisetzung von Arbeitskräften für Wehrmacht und Rüstung (Uwe Spiekermann, Rationalisierung, Leistungssteigerung und „Gesundung“: Der Handel in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Bramsche 2000, 191-210, hier 196-197).

01_Library of Congress_3a33004u_USA_Einzelhandel_Selbstbedienung_Piggly-Wiggly_Memphis_Verkaufsstätte

Modell eines Piggly-Wiggly-Selbstbedienungsladens, Memphis 1917 (Library of Congress, 3a33004u)

Während der erst zögerliche, seit 1957 dann aber enorm rasch einsetzende Wandel hin zur Selbstbedienung in Westdeutschland mehrfach dargestellt wurde (zuletzt Lydia Langer, Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln/Weimar/Wien 2013), gilt dies nicht für die Entwicklung in Ostdeutschland. Doch auch hier tönte es 1958, also fast zeitgleich wie im Westen: „Selbstbedienungsläden sind in vielen Städten der DDR bereits zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Sie ersparen lange Wartezeiten selbst in den ‚Spitzenzeiten‘ und machen den Einkauf zur Freude“ (Bunaprogramm kein fertiges Rezept, Handelswoche 3, 1958, Nr. 3, 10). In der Fachliteratur wird als Beginn derartiger Läden gemeinhin das Jahr 1956 genannt (Mark Landsman, Dictatorship and Demand. The Politics of Consumerism in East Germany, Cambridge und London 2005, 187; Andreas Ludwig (Hg.), KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR, Köln/Weimar/Wien 2006, 26; Rainer Gries, Produktkommunikation. Geschichte und Theorie, Wien 2008, 168, spricht gar von 1958). Frühere Diskussionen werden erwähnt, erscheinen jedoch als unbedeutend (Silke Rothkirch, ‚Moderne Menschen kaufen modern‘, in: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln et al. 1996, 112-119). Damit folgt die Historiographie grundsätzlich der offiziellen Lesart des SED-Regimes: Als die materiellen Möglichkeiten bestanden, die Investitionen in die Grundstoffindustrien getätigt waren, war es dann auch möglich, den Handel zu fördern und damit den Einkaufsalltag freudvoll umzugestalten. Doch so war es nicht. Stattdessen entpuppt sich die Frühgeschichte der Selbstbedienung in der DDR als ein überraschend ungeplantes Hin und Her.

Die erste Welle der Selbstbedienung 1951-1952

Die unmittelbare Nachkriegszeit war in der sowjetischen Besatzungszone trotz fortbestehender Rationierung durch massive Unterversorgung gekennzeichnet. Obwohl „Mitteldeutschland“ deutlich geringere Kriegszerstörungen als die westlichen Besatzungszonen aufwies, litt die verarbeitende Industrie unter den Zerstörungen der Infrastruktur, Kohlemangel, dem Verlust der Lieferbeziehungen nach West und Ost sowie den überdurchschnittlichen Reparationen und Demontagen. Mit der „Bodenreform“ wurden die Eigentumsverhältnisse auf dem Lande sowie die Grundlagen der Agrarproduktion massiv verändert, und Verstaatlichungen umgriffen schon bei der Gründung der DDR 1949 mehr als 60 % der Industrie (André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004, Kap. 1). Im Handel gab es anfangs deutlich geringere Eingriffe: Der private Einzelhandel und die sich wieder neu konstituierenden Konsumgenossenschaften dominierten den legalen Handel. Seit November 1948 trat die staatliche Handelsorganisation (HO) an deren Seite. Sie verkaufte Mangelwaren ohne Bezugsscheine zu höheren Preisen, half damit den Schwarzmarkt peu a peu auszutrocknen. HO und Konsumgenossenschaften erhielten einen Großteil der staatlichen Investitionsmittel, entsprechend war nur von ihnen eine Verbesserung der durchweg bestehenden Mangelversorgung zu erwarten (Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 25-33).

Selbstbedienung schien der Enge der Kriegszeit angemessen, doch während der Besetzungszeit ging es erst einmal um die Sicherung des täglichen Bedarfs (Marcel Boldorf, Sozialfürsorge in der SBZ/DDR 1945-1953. Ursachen, Ausmaß und Bewältigung der Nachkriegsarmut, Stuttgart 1998, 62-86). Fehlende Waren, vor allem aber fehlende Investitionsmittel ließen an mehr als einen Wiederaufbau des Netzwerkes kleiner und bestenfalls mittlerer Lebensmittel- und Gebrauchswarenläden nicht denken. Wie in Westdeutschland, wo das erste 170 m² große Selbstbedienungsgeschäft am 30. August 1949 von der Konsumgenossenschaft „Produktion“ im Hamburger Stadtteil St. Georg eröffnet wurde, wurde das Kapitel Selbstbedienung auch in der DDR durch eine lokale Einzelinitiative neu begonnen. Während der Hamburger Laden jedoch ein Neubau war, der an schwedische und schweizerische Vorbilder anknüpfte, stand am Anfang in der DDR lediglich eine „Selbstbedienungsecke“. Sie resultierte zudem nicht aus längeren öffentlichen Debatten – wie sie in der Bizone 1947 und 1948 insbesondere in der Fachzeitschrift Konsumgenossenschaftliche Rundschau geführt wurde –, sondern entstand offenbar aus der Rezeption „von sowjetischen und amerikanischen Vorbildern“ (Hausfrauen bedient euch selbst! Man kann sich sein Körbchen selbst füllen, aber jeder bezahlt, Neue Zeit 1951, Nr. 238 v. 19. Juni, 5).

02_Der Handel_01_1951_p021_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Chemnitz_Konsumgenossenschaften_Chemnitz_Verkaufsstätten_Brot

Pionierbetrieb Konsumverkaufsstelle 150 in Chemnitz (Der Handel 1, 1951, 21)

Im März 1951 lockte die Konsumverkaufsstelle 150 der traditionsreichen Konsumgenossenschaft Chemnitz die Mitglieder mit einem neuartigen Verkaufssystem, materialisiert in einem Selbstbedienungsregal. Darin fanden sich 75 frei verkäufliche Artikel, gegliedert in drei Gruppen: Wasch- und Reinigungsmittel, Nährmittel und kleinere Artikel, wie Backpulver und Gewürze. Alle waren mit Schildern ausgezeichnet, auf denen auch die Preise vermerkt waren. Auch mit einem hygienischen Streifband versehenes Brot konnte aus einem eigens konstruierten Stapelschrank entnommen werden. Mögliches Misstrauen wurde mit Probegläsern begegnet, ebenso gab es eine Kontrollwage. Die Kunden nahmen sich eine Verkaufsschale, legten die Ware hinein und konnten dann zur Kasse gehen. Das Selbstbedienungsregal wurde allseits begrüßt, schien es doch möglich, Verkaufskräfte einzusparen und Kosten zu senken (Hert, Die Käufer greifen selbst in die Regale. Selbstbedienung, Verkaufsmethode der Zukunft?, Berliner Zeitung 1951, Nr. 189 v. 17. August, 5). Auch die Kunden zogen mit – wenngleich entsprechende Aussagen in den Fachzeitschriften immer unter Zensurvorbehalt und Propagandaverdacht stehen: „Das Anstehen hört auf, der Kunde sieht selbst das ganze Sortiment und kann in Ruhe seine Waren aussuchen, ohne daß hinter ihm eine lange Schlange darauf warten muß, bis er fertig bedient worden ist. Zunächst waren natürlich beträchtliche Hemmungen zu überwinden. Der Kunde, gewohnt, über jedem Warenregal ein ‚Bitte nicht berühren‘ zu lesen, getraute sich zuerst nicht so recht an das Selbstbedienungsregal heran“ (D[örthe] S[äckl], Ist Selbstbedienung eine bessere Verkaufsmethode?, Der Handel 1, 1951, 21). In der Konsumgenossenschaft Chemnitz wurden dazu Mitgliederversammlungen und Vertreterbesprechungen abgehalten, zudem erfolgte eine „wirksame Agitation am Selbstbedienungsregal“.

Der Pioniertat des neuartigen Verkaufsregals folgte die Fachdiskussion auf dem Fuße. Am runden Tisch diskutierten Vertreter von Konsumgenossenschaften, Handelsorganisation, der Gewerkschaften und des Demokratischen Frauenbundes im Frühjahr 1951 Chancen und Limitierungen der neuen Verkaufsmethode (D[örthe] S[äckl], Selbstbedienung – am runden Tisch diskutiert, Der Handel 1, 1951, 51-52 – auch für das Folgende). Sie akzeptierten eine dienende Funktion des Handels für die industrielle Entwicklung der DDR. Selbstbedienung legitimierte sich demnach durch Ziele abseits des privaten Konsums: „Durch die Einführung der Selbstbedienung ist es möglich, Verkaufskräfte einzusparen, also die Selbstkosten zu senken und der Produktion Mittel zuzuführen, gleichzeitig aber werden auch Arbeitskräfte frei, die wir in der Produktion dringend benötigen.“ Doch die fehlende Produktion setzte diesem so wichtigen Ziel gleich Grenzen: Grundnahrungsmittel, wie Zucker, Fette und Fleisch, waren immer noch rationiert und nur gegen Bezugsscheine erhältlich. Dies erforderte den Einsatz von verwaltendem Verkaufspersonal. Komplette Selbstbedienungsläden schienen kaum möglich, da ein Gesamtsortiment nicht angeboten werden konnte. Zudem waren die Waren meist nicht verkaufsfähig: Die große Mehrzahl wurde den Läden in großen Chargen oder gar lose geliefert. Selbstbedienung aber erforderte verpackte Waren, wobei es nicht allein um Portionierung und Schutz des Inhalts ging, sondern immer auch um Informationen etwa über den Hersteller oder den Preis. Die Schilder und Probegläser in Chemnitz waren Resultate just dieser Mangelsituation. Die Experten wussten ferner um die unzureichenden Investitionsmittel der Handelsbetriebe. Neubauten waren praktisch ausgeschlossen, nur kleine Umbauten bzw. neue Einzelmöbel schienen möglich. Entsprechend sollten kleinere Läden zu Vorreitern werden. Deren Verkaufsraum sollte möglichst lang sein, eine Art Verkaufsstraße ermöglichen. Mangels spezieller Verkaufsmöbel, insbesondere von Verkaufsgondeln sowie Kühltruhen, konnte man sich so auf Regale konzentrieren. Diese sollten nicht höher als 1,40 bis 1,50 m sein und nicht tiefer als 50-60 cm. Schließlich erörterten die Experten den an sich erwünschten Einsatz von Registrierkassen, „um von der manuellen zur maschinellen Arbeitsweise zu gelangen und so eine geistige Überanstrengung der Selbstbedienungsverkäuferin zu verhindern.“ Doch solche gab es nicht. Einkäufe wurden auf Bestellblocks geschrieben, nur vereinzelt gab es Addiermaschinen. All dies offenbarte gravierende Unterschiede zwischen der theoretisch wünschenswerten Selbstbedienung und den realen Möglichkeiten des DDR-Handels. Hinzu kam ein grundsätzliches Misstrauen gegen frei agierende Käufer. Der direkte Zugang zur Ware könne Diebstähle erleichtern. Käufererziehung schien daher notwendig, „Bewußtseinsbildung der Bevölkerung auf breiter Grundlage“. Die Chemnitzer Selbstbedienungsecke lenkte im Frühjahr 1951 den Blick auf die immensen Vorarbeiten, erforderlich für das schnelle und direkte Einkaufen. Weitere Beispiele seien zu schaffen, an denen man lernen könne, die Aufgaben praktisch zu schultern.

03_Der Handel_01_1951_p190_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Industriewaren_Dresden_Verkaufsstätte

Selbstbedienungsregale für Industriewaren in Dresden 1951 (Der Handel 1, 1951, 190)

Im Juni 1951 folgten gleich mehrere neue Selbstbedienungsverkaufsstellen. Die Handelsorganisation öffnete einen Laden in Magdeburg, der einerseits bis 22 Uhr geöffnet hatte, anderseits sogenannten Schnellverkauf anbot, also die Vorbestellung von Waren, die dann zusammengestellt wurden und nur noch abgeholt werden mussten (Einkaufsmöglichkeit bis 22 Uhr, Neue Zeit 1951, Nr. 128 v. 7. Juni, 6; Selbstbedienung in Magdeburger HO, Berliner Zeitung 1951, Nr. 143 v. 24. Juni, 7). Beide Maßnahmen dienten „Werktätigen“, insbesondere Arbeiterinnen, waren also wieder Ausdruck der Produktionsorientierung der Leitungskader. Längere Ladenöffnungszeiten, kürzere Wartezeiten und ein beschleunigter Einkauf waren sinnvolle Maßnahmen, um die gängige Doppelbelastung weiter tragen zu können. Die Handelsorganisation richtete parallel in Dresden die erste Selbstbedienungsverkaufsstelle für sogenannte „Industriewaren“ ein, also dauerhafte Gebrauchsgüter, vornehmlich Haushaltswaren, Einrichtungsgegenstände, Textilien und Lederwaren (Erstes Kundenfest der HO, Neue Zeit 1951, Nr. 128 v. 13. Juni, 6). Auch die Konsumgenossenschaften weiteten ihr Selbstbedienungsangebot im gleichen Monat weiter aus, etwa durch eine weitere Verkaufsstelle in Leipzig-Gohlis.

Die (ver)öffentlich(t)e Debatte war Mitte 1951 zwar vorrangig rational ausgerichtet, betonte den Rationalisierungseffekt der neuen Verkaufsmaßnahmen. Wie nicht anders zu erwarten, wurden sie als Beitrag zum Aufbau des Sozialismus interpretiert: „Auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens werden neue, verbesserte Arbeitsmethoden eingeführt, so daß auch der Handel jetzt mehr und mehr bemüht sein muß, mit der steilen Entwicklung unserer Industrie Schritt zu halten“ („Bitte, bedienen Sie sich selbst!“, Neue Zeit 1951, Nr. 205 v. 9. September, 5). Zugleich aber wurde nun auch der utopische Gehalt der Selbstbedienung sichtbar. Sie wurde als Schritt in eine neue Welt des Einkaufens und des Konsums präsentiert: „Im Handumdrehen wandern ein Paket Waschpulver, eine Tube Zahnpasta und eine Tüte Erbsen in den Korb, und zuletzt entnimmt die hausfraulich geübte Hand einem Spezialregal ein Brot der gewünschten Sorte, ohne auch nur im geringsten mit den darunter liegenden Broten in Berührung zu kommen. Nach einer kleinen Rechtswendung kommt man dann vor eine junge Dame zu stehen, die mit liebenswürdiger Geste den gefüllten Korb in Empfang nimmt, ein-, zwei-, dreimal auf die Kassenknöpfe drückt und schließlich das Gekaufte behutsam in die Markttasche der Kundin legt.“ Einkaufen konnte so einfach sein, keine Mühsal mehr: „Wenn man’s nicht selbst gesehen hat, glaubt man gar nicht, wie schnell und mühelos man sich selbst bedienen kann“ (Hausfrauen bedient euch selbst! Man kann sich sein Körbchen selbst füllen, aber jeder bezahlt, Neue Zeit 1951, Nr. 138 v. 19. Juni, 5 (beide Zitate)). All dies war noch eingebettet in die Präsentation der Methode, die Erziehung der Hausfrau zur konsumtiven Tat. Selbstbedienung schien jedoch ein Abglanz des besseren Lebens zu sein, das die Werktätigen nach dem Aufbau des Sozialismus planmäßig genießen würden.

04_Der Handel_01_1951_p223_DDR_Einzelbedienung_Selbstbedienung_HO_Konsumgenossenschaften_Berlin_Verkaufsstätten_Konsumenten

Eine Stadt, zwei Systeme: Links SB-Verkaufsregale der HO-Verkaufsstätte Andreasstraße 44, rechts ein Blick in den komplett auf Selbstbedienung umgestellte Konsum-Verkaufsstelle Elsenstraße 83 in Berlin-Treptow (Der Handel 1, 1951, 223)

Die neue Verkaufsmethode wurde in den Industriestädten Sachsens und Sachsen-Anhalts erstmals eingesetzt, nicht im vermeintlichen „Schaufenster“ der DDR, dem umkämpften Berlin. Doch auch dort etablierte sich im August 1951 die neue Form des Absatzes. In der Friedrichshainer Andreasstraße 44 eröffnete die Handelsorganisation ein erstes Lebensmittelgeschäft mit Selbstbedienung (Wohnhäuser aus Trümmerschutt, Neue Zeit 1951, Nr. 191 v. 19. August, 7). Die Presseberichterstattung verwies im üblichen überbordenden Stolz, dass man diese Methode in der DDR „schon eine ganze Weile“ kenne. Es handelte sich um einen kleinen Laden mit Seitenregalen, gruppiert um einen Mittelgang: „Da liegen sie, sauber, appetitlich und übersichtlich aufgebaut die Kekse mit Marmorfüllung in Zellophanbeuteln, Datteln, Bonbons, Konfekt, in langer Reihe Mehl, Hülsenfrüchte, Gries, Schnellgerichte in Büchsen, Oelsardinen, nein, es läßt sich nicht alles aufzählen. Nur einige Artikel, wie Kuchen, Brot, Brötchen, Käse und Wurst, sind noch von der Selbstbedienung ausgenommen. ‚Bitte, bedienen Sie sich selbst!‘ Nicht zu übersehen ist das große Schild, das Hausfrauen und kauflustige Junggesellen dazu auffordert, selbst in die Regale zu greifen. Auch die freundliche Verkäuferin nötigt immer wieder dazu, denn der Berliner, sonst keineswegs schüchtern, muß sich erst an diese Neuerung gewöhnen, die so völlig auf Vertrauen zur Kundschaft aufgebaut ist.“ Man spürt die Freude am Neuen, spürt zugleich den Wunsch nach Umsatzsteigerung und damit Planerfüllung („Bitte, bedienen Sie sich selbst!“, Neue Zeit 1951, Nr. 205 v. 9. September, 5). Und schon kam die Rede auf ein ähnliches, bald in Treptow geöffnetes Konsum-Geschäft, folgte die Aussicht auf weitere Selbstbedienungsgeschäfte der Handelsorganisation.

Auch abseits des damals als „Groß-Berlin, Demokratischer Sektor“ bezeichneten sowjetischen Sektors des unter Viermächtestatus stehenden Berlins ging der Ausbau der neuen Verkaufsmethode weiter. Die Konsumgenossenschaften schritten voran, die Handelsorganisation folgte, so im sächsischen Annaberg, im mecklenburgischen Güstrow oder im brandenburgischen Forst. Doch statt uns weiter an den kleinen Neuerungen zu erfreuen, sollten wir uns doch näher mit deren Entstehung befassen. In Chemnitz gab es eine lokale Initiative – und ein Regal war rasch gezimmert. Ähnlich war das in Forst, wo sich der einschlägige zehn Meter lange und 63 m² große Selbstbedienungsladen in der Stadtmitte befand. Dort hatten sich alle HO-Beschäftigten am Aufbau beteiligt, hatten also ohne Salär gearbeitet. Das war in der damaligen DDR recht üblich, wenngleich es sich vielfach nicht um völlig freiwillige Sonderschichten handelte. Die Investitionskosten für den neuen Laden lagen dadurch bei ganzen 30 DM. Eine Registerkasse war dafür nicht zu bekommen, doch man experimentierte. So etwa mit leicht im Raum stehenden Verkaufsregalen, die von hinten befüllt werden konnten – wie schon die Ratio-Läden der Edeka seit 1939 (Hert, 1951, 5). Dennoch berichtete die Presse hier, wie auch an anderen Orten, über deutliche Umsatzsteigerungen und Arbeitsplatzeinsparungen.

Und doch: Die erste Welle der Selbstbedienung in der DDR scheiterte spätestens 1952. Zum einen wurden die ambitionierten Ausbaupläne – in Leipzig allein etwa zehn Konsum-Geschäfte mit Selbstbedienungsecken – nicht in die Tat umgesetzt. Zum anderen fand die neue Verkaufsform nach kurzer Zeit nicht mehr genügend Resonanz. 1952 waren in Chemnitz von den sechs Konsum-Geschäften mit Selbstbedienungsecken nur noch drei übrig. Herbert Poller, Initiator dieser Neuerung, vermisste „Schwung und Begeisterung“ der Anfangsphase. Des vermeintlichen Zeitdruckes zum Trotz optierten die Käufer nach einer ersten Probephase wieder für die tradierte Bedienung. Hausfrauen frequentierten die Läden mehrfach täglich, auch um zu sehen, ob neue Ware eingetroffen sei. Warten war zeitraubend, erlaubte aber auch einen kleinen Schwatz. Parallel sperrte sich ab und an auch das Verkaufspersonal: „Die vornehmlich älteren Verkäuferinnen fürchteten, überflüssig zu werden und ihre Arbeit zu verlieren“ (Etwas über die Selbstbedienung und neue Arbeitsmethoden, Die Waage 1952, 246-247, hier 246). Ähnliche Widerstände wurden aus Dresden, Erfurt und Magdeburg berichtet (A. Marga, Wie steht es mit der Selbstbedienung?, Der Handel 2, 1952, 421). Aus der Berliner Andreasstraße hieß es prägnant: „Viele Käufer trauten sich nicht, die Ware selbst aus den Regalen zu entnehmen. Einige lachten bedrückt und verschämt, als sie dazu aufgefordert wurden, andere gewöhnten sich langsam daran“ („Wie hat sich die Selbstbedienung bewährt?, Berliner Zeitung 1953, Nr. 21 v. 25. Januar, 6). Selbstbedienung setzt Warenvertrauen voraus, doch dieses bestand in der damaligen DDR nur ansatzweise.

Für die Handelskader war all dies ein Steilpass, erschien ihnen die Einführung der Selbstbedienung doch weniger als technisches, denn als erzieherisches Problem: „Entscheidend ist, daß man die Kundschaft an das ‚Selbstbedienen‘ gewöhnt“ (Die Diskussion um die Selbstbedienung geht weiter, Die Waage 1952, 277). Doch derartige „demokratische Bewußtseinsbildung“, also etwa Einkauf unter der Prämisse gesamtwirtschaftlicher Rationalisierung, war offenkundig zu kurz gegriffen. Die Defizite waren auch strukturell bedingt, war das Sortiment doch zu klein, fehlten allüberall Tüten, Cellophan und ansprechende Verpackungen. Das Verkaufspersonal wies eine hohe Fluktuation auf, ständig müsste man „immer wieder von vorn anfangen“ – so nochmals der überzeugte Neuerer Herbert Poller (Etwas über die Selbstbedienung und neue Arbeitsmethoden, Die Waage 1952, 246-247, hier 247). Ebenso wichtig war, dass sich das Kleinklein der Einzelinitiativen schlicht nicht rechnete. Die anfangs hochschnellenden Umsätze pendelten sich rasch auf nur leicht überdurchschnittliche Werte ein, Verkaufskräfte konnten nicht eingespart werden. Die meisten der 1951 gegründeten Selbstbedienungsgeschäfte stellten ihren Betrieb spätestens 1952 wieder ein, auch wenn es keine Rückführung auf null gab.

Mangelversorgung und Reorganisation 1952-1955

05_Leipziger Volkszeitung_1953_01_01_Nr01_p08_DDR_Lebensmittelversorgung_1948-1952_Körper

Ein Vergleich von 1948 und 1952: Propagandakarikatur zum Neujahrsfest (Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 1 v. 1. Januar, 8)

Hier gilt es den Blick neuerlich zu weiten: Zu dieser Zeit geriet die DDR in eine existenzgefährdende Versorgungskrise, die im Spiegel als drohende „Hungersnot“ beschrieben wurde (Schweinemord, Der Spiegel 1953, Nr. 2 v. 14. Januar, 12-13, hier 12). Karl Hamann (1903-1973), Minister für Handel und Versorgung und Co-Vorsitzender der Liberaldemokraten, wurde im Dezember 1952 verhaftet, und durch den linientreuen SED-Politiker Curt Wach (1906-1974) ersetzt. Hamann wurde in typisch stalinistischer Manier zur Last gelegt, die Alltagsversorgung sabotiert und „Schädlinge“ bzw. „kapitalistischen Elemente im Handel“ geduldet zu haben. Die sich eklatant verschlechternde Grundversorgung war allerdings unmittelbare Folge der im Juli 1952 beginnenden Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und der Gründung der ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Die Krise spitzte sich 1953 zu und mündete in den Volksaufstand vom 15. bis 17. Juni, obwohl mit dem Neuen Kurs die strikte Durchsetzung einer sozialistischen Entwicklungsdiktatur kurz zuvor gelockert worden war. Der Westen reagierte hierauf nicht, doch verdoppelte sich die Zahl der Übersiedler 1953 auf mehr als 330.000 Personen und der Berliner Senat verteilte mit Unterstützung der USA mehr als 5,5 Millionen Lebensmittelpakete an DDR-Bürger (Michael Lemke, Büchsenmilch als politische Waffe? Die westliche Lebensmittelaktion nach dem 17. Juni 1953 als innerdeutsche Systemkonkurrenz, in: Heiner Timmermann (Hg.), Agenda DDR-Forschung. Ergebnisse, Probleme, Kontroversen, Münster 2005, 133-157).

Die Systemkrise 1953 hatte schon zu Jahresbeginn zu konsumtiven Zugeständnissen geführt, von denen der Handel an sich hätte profitieren sollen. Im Januar fasste das Politbüro der SED dessen Aufgaben neu. Es gelte, „den Lebensstandard ständig zu heben und allen Werktätigen ein besseres und schöneres Leben zu schaffen.“ Pointiert hieß dies: „Mit der ideologischen Unterschätzung des Handels ist Schluß zu machen“ (Zu den Fragen von Handel und Versorgung, Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 22 v. 27. Januar, 3) – das hatte auch der Chemnitzer Herbert Poller bereits 1952 gefordert. Die Folge war eine Reorganisation von Handel und Versorgung: „Im Vordergrund müssen in Zukunft die individuellen Wünsche der Bevölkerung stehen“ (Kommuníqué des Ministerrats, Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 29 v. 4. Februar, 2).

06_Berliner Zeitung_1953_01_25_Nr021_p06_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_HO_Verkaufsstätte_Konsumentinnen

Kontinuität auf niedrigem Niveau: Selbstbedienung im HO-Geschäft Dimitroffstraße 33 (heute Danziger Straße) (Berliner Zeitung 1953, Nr. 21 v. 25. Januar, 6)

Ein neuer Start: Wissenstransfer und Modellgeschäfte 1956-1957

Dies bedeutete jedoch vorrangig mehr Waren zu teils niedrigeren Preisen – also eine gesicherte Grundversorgung. Es sollte allerdings bis 1958 dauern, ehe der private Verbrauch die Vorkriegswerte erreichen und dann auch überschreiten sollte. Während der Reorganisation der Institutionen war an einen Ausbau der Selbstbedienung nicht zu denken. Die Fachzeitschrift „Der Handel“ veröffentliche weder 1953 noch 1954 einschlägige Artikel; in der Presse wurde die Verkaufsmethode nur selten erwähnt (und dann mit Bezug zur Schutzmacht, so etwa Erleichtertes Einkaufen in Moskau, Neues Deutschland 1953, Nr. 248 v. 22. Oktober, 5). Dieser relative Bann endete 1955. „Der Handel“ brachte zuerst kleine Notizen über Selbstbedienung in der UdSSR, berichtete dann auch über SB-Läden in der Bundesrepublik. Die Rezeption erfolgte vorsichtig, da die Verkaufsmethode im Westen einzig der Profitmaximierung und der Entlassung von Beschäftigten dienen würden. Doch „unter sozialistischen Bedingungen“ (Hat die Selbstbedienung als Handelsform eine Zukunft?, Der Handel 5, 1955, Nr. 16, 18) seien die Vorarbeiten eine Diskussion wert. Im Mittelpunkt stand dabei vornehmlich der rasche Ausbau bei den westdeutschen Konsumgenossenschaften (Der Handel 5, 1955, Nr. 20, 17). In der DDR begannen nun jedenfalls vereinzelte Experimente, u. a. im Konsum-Warenhaus Plauen (Der Handel 5, 1955, Nr. 17, 14).

07_Der Verbraucher_05_1951_p135_Einzelhandel_Selbstbedienung_Stuttgart_Konsumgenossenschaften_Verkaufsstätte

Anknüpfen an den Westen auf kleinem Niveau: Selbstbedienungsladen der Konsumgenossenschaft Stuttgart 1951 – reproduziert in der DDR-Fachzeitschrift „Der Handel“ 1956 (Der Verbraucher 5, 1951, 135)

Derartiges Vorpreschen wurde von den Handelsexperten jedoch nicht befürwortet. Ja, die betriebs- und versorgungswirtschaftlichen Vorteile der Selbstbedienung seien offenkundig, doch eine breitere Einführung erfordere mehr Sachkunde (J[ulius] Mader, Einkaufsbummel in einem Stuttgarter SB-Laden, Der Handel 6, 1956, Nr. 3, 8). Diese konnte einerseits aus einer genauen Analyse der Erfahrungen des Auslandes resultieren. Dabei blickte man durchaus auf das sozialistische Ausland. Wiederholt verwies man auf den Einzelhandel der Tschechoslowakei, wo nicht nur die Selbstbedienung schneller vorangekommen war (60 SB-Geschäfte Ende 1955), sondern auch der Automaten- und Schnellverkauf (Im Handel kommt ein erfreulicher Wandel, Neue Zeit 1956, Nr. 63 v. 14. März, 7). Doch auch dort kamen noch 90 Prozent aller Lebensmittel lose in den Handel, darunter auch Butter und Süßwaren. Hinweise auf die „in Polen vorhandenen und bei uns nur völlig ungenügend existierenden Selbstbedienung“ (Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1956, Nr. 189 v. 15. August, 5) unterstrichen aber den Handlungsbedarf im vermeintlich am weitesten entwickelten Staat des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Erwartungsgemäß wurden auch sowjetische Entwicklungen immer wieder thematisiert, wo insbesondere die großen Warenhäuser mit Selbstbedienungsabteilungen experimentierten (Neue Erfahrungen mit der Selbstbedienung, Der Handel 6, 1956, H. 6, 8-9).

Die Erfahrungen des kapitalistischen Westens wurden mit großem Interesse studiert, insbesondere die schwedischen Konsumgenossenschaften galten als Vorbild (Auch von der Selbstbedienung in Schweden können wir lernen, Der Handel 6, 1956, H. 9, 30). Stärker noch als für den Handel galt dies für die Gaststätten, die in der DDR größtenteils von der Handelsorganisation sowie den Konsumgenossenschaften betrieben wurden (Eine Lanze für die Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1956, Nr. 124 v. 31. Mai 1956, 6). Seit 1956 entstanden etwa „Schnellgastronome“. Der in Halle/S. war auf 2000 Personen ausgelegt, Verkaufsfächer ersetzten hier die Servicekräfte, senkten die Kosten für den Betrieb (Unliebsames Warten vorbei, Berliner Zeitung 1956, Nr. 108 v. 10. Mai, 2). Ideologisch sicherte man derartige Wissenstransfers damit ab, Techniken im Sozialismus zu neuen Höhen führen zu können: „Notwendig ist auch, die zahlreichen Erfahrungen des westlichen Auslandes anzuwenden, nachdem sie von dem Schlamm der kapitalistischen Handelsmanieren gereinigt sind“ (Jiri Aron, Die Selbstbedienung im tschechoslowakischen Handel, Der Handel 6, 1956, H. 12, 10-12, hier 12). Doch abseits derartiger ideologischer Aussagen versuchte man die internationalen Veränderungen einzufangen und für die eigenen Belange zu nutzen: „Es ist erstaunlich, wie schnell und erfolgreich sich in Europa rund um unsere Republik seit den letzten neun Jahren die Selbstbedienung im Lebensmitteleinzelhandel durchgesetzt hat“ (J[ulius] M[ader], Unsere internationale Rundschau: Für Sie in Selbstbedienungsläden geblickt, Der Handel 6, 1956, H. 16, 24-25, hier 24).

Westdeutsche Erfahrungen wurden wiederholt herangezogen, doch von einer einseitigen Fixierung auf den großen Bruder im Westen – die DDR-Bürger lagen 1958 bei ca. 60 % des privaten Verbrauchs (Steiner, 2004, 102) – kann nicht die Rede sein. Gleichwohl finden sich in der Fachliteratur Berichte über die für die westdeutsche Entwicklung wichtige Essener Lehrschau „Moderne Verkaufsstätte“ oder aber Informationen über die neuesten Trends im SB-Ladenbau (J[ulius] M[ader], Aus dem Ladenbau in Westdeutschland, Der Handel 6, 1956, H. 17, 8-9). Zudem waren Studienreisen nach West-Berlin bzw. der Bundesrepublik schon aus sprachlichen Gründen relativ einfach (Landsman, 2005, 187). Festzuhalten ist aber auch eine über ideologische Differenzen hinausgehende Interessenidentität der Handelsexperten. Als die Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels 1956 die Parole ausgab, „Das Ziel aller Rationalisierungsbestrebungen ist der Selbstbedienungsladen“ (W[erner] Prendel, Die Moderne Verkaufsstätte, Der Handel 6, 1956, H. 9, 11-12), so traf dies die Gemütslage auch zahlreicher DDR-Repräsentanten.

Der Wissenstransfer mündete zweitens in eine kleine Zahl von Modellgeschäften, auf deren Erfahrungen dann ein allgemeiner Ausbau der Selbstbedienung gründen sollte. Die Federführung lag beim Ministerium für Handel und Versorgung, den Konsumgenossenschaften und der Handelsorganisation, doch weitere Ministerien leisteten Flankenschutz. Im Ministerium für Allgemeinen Maschinenbau wurde 1956 nicht nur an neuen Heiz- und Küchengeräten gearbeitet, sondern auch die Probleme des Einkaufs behandelt. Eine Arbeitsgruppe, natürlich, beschäftigte sich „mit der schrittweisen Einführung der Selbstbedienung, der besseren Verpackung und des Automatenverkaufs“ – wobei man wissend nachschob, dass dies zunächst nur „Zukunftsmusik“ (Ziel: Billige Küchengeräte von Weltniveau, Berliner Zeitung 1956, Nr. 172 v. 26. Juni, 5) sei.

08_Der Handel_06_1956_H13_p07_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Konsumgenossenschaften_Halle-S_Schaufenster

Der Reiz des Neuen: Grünes Neonlicht und neuartige Schaufenster im Hallenser SB-Laden (Der Handel 6, 1956, H. 13, 7)

Den ersten Schritt machten 1956 abermals die Konsumgenossenschaften. Abermals entstand ein Modellladen in einer industriell geprägten Großstadt. Das am 8. Juni 1956 in Halle/S. eröffnete und komplett neu gestaltete Selbstbedienungsgeschäft besaß 150 m² Verkaufsfläche, hatte ein Sortiment von fast 700 Artikeln und war von 8 bis 20 Uhr durchgehend geöffnet (J[ulius] Mader, Neue Konsum-Verkaufsstätte für eilige Kunden, Der Handel 6, 1956, H. 13, 6-7). Platziert in der im Stadtzentrum gelegenen Klement-Gottwald-Straße (heute Leipziger Straße), verband es englische, sowjetische, schwedische, finnische, vor allem aber hamburgische Erfahrungen mit der Versorgungsrealität der DDR. Einkauf schien hier leicht zu sein, auch Konsumfreude: „Durch einen geräumigen Eingang, der von dem Ausgang abgetrennt ist, betreten wir den durch Neonlicht taghell erleuchteten Laden. Ein freundliches junges Mädchen händigt uns einen Korb aus, den jeder Kunde erhält, auch wenn er nicht die Absicht hat, einzukaufen. Links und rechts liegen auf Regalen, sehr übersichtlich angeordnet, griffbereit die mit ihren Verkaufspreisen gekennzeichneten verpackten Waren. Gleichsam im Vorübergehen greift man zu, wie von selbst füllt sich der Korb“ (Wie von selbst füllt sich der Korb, Neue Zeit 1956, Nr. 175 v. 29. Juni, 5). Das sechzehnköpfige Planungskollektiv hatte zuvor durch Presseberichterstattung und Handzettel sichergestellt, dass die Käufer wussten, was sie erwarten konnten. Registrierkassen gab es noch nicht, wohl aber vier Addiermaschinen, die auch einen für die Rückvergütung wichtigen Beleg ausdruckten. Zwei Kühltruhen bargen Käse, Butter, Margarine und Feinfrostartikel, also Tiefkühlkost. Der Fortschritt gegenüber den Läden der frühen 1950er Jahre war offenkundig, dennoch aber handelte es sich bei dem neuen Laden um einen Kompromiss: Am Ende des Verkaufsraumes befanden sich zwei personalintensive Bedienungstheken, eine für bezugsscheinpflichte Waren, eine für Fleischprodukte. Insgesamt arbeiteten 20 Personen in zwei Schichten für die Versorgung der Werktätigen. Diese begrüßten die neue Verkaufsstelle, forderten aber zugleich mehr: Einerseits Schnellverkauf tafelfertiger Gerichte, anderseits mehr Auswahl. Die Fachdiskussion konzentrierte sich auf eher technische Details, so die auf den Verpackungen fehlenden Verkaufspreise, aber auch die für einen modernen Verkaufsraum erforderlichen Verkaufsmöbel aus Leichtmetall, Glas und Kunststoff. Weitere Tests waren jedenfalls geplant: In Halle etwa ein nach westdeutschen Vorbildern einzurichtender Tempoladen sowie Selbstbedienungsinseln für Industriewaren in einem Kaufhaus.

09_Der Handel_06_1956_H13_p07_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Konsumgenossenschaften_Halle-S_Verkaufsstätten_Konsumenten

Blick in die Konsum-Selbstbedienungsverkaufsstelle in Halle/S. (Der Handel 6, 1956, H. 13, 7)

Doch das war in der Tat noch Zukunftsmusik, Vorrang hatte die Versorgung mit Lebensmitteln. Das galt auch für Ost-Berlin, eine bisher in den tradierten Formen des Verkaufens verharrende und mit Hauptstadtanspruch versehene Teilmetropole. Selbst in der so prestigeträchtigen Stalinallee – heute Karl-Marx-Allee – gab es 1956 keinen SB-Laden. Lediglich ein HO-Kaufhaus offerierte Teil-Selbstbedienung in seiner Herrenausstattungsabteilung (Kein Hosenbein ist mehr zu lang, Neues Deutschland 1956, Nr. 130 v. 1. Juni, 3). Das sollte sich ändern und der neu geplante Wohnkomplex Friedrichshain bot dazu eine gute Gelegenheit. Der Chefarchitekt des Magistrats, Hermann Henselmann (1905-1995), integrierte einen großen Selbstbedienungsladen als Versorgungszentrum der zentrumsnahen Hochhaussiedlung (Gedanken zu einem Entwurf, Neues Deutschland 1956, Ausg. v. 24. März, 11). Der am 15. Dezember eröffnete Konsum-Selbstbedienungsladen entstand aber an der Ecke Stalinallee und Fruchtstraße (heute Straße der Pariser Kommune). Das entsprach nicht den ursprünglichen Planungen, auch die Sozialeinrichtungen des Wohnkomplexes wurden zurückgestellt. Der neue Laden war kein Neubau, sondern eine fünf Wochen lang umgebaute Verkaufsstelle. Er war mit dem Hallenser SB-Laden vergleichbar, war mit drei Kassen aber etwas größer ausgelegt (Selbstbedienung auch beim Konsum, Neues Deutschland 1956, Nr. 299 v. 16. Dezember, 6). Während der Weihnachtsfeiertage besuchten ihn täglich 1800 Käufer.

Neue Maßstäbe setzte in Ost-Berlin jedoch die Handelsorganisation, deren Flagschiffladen bereits kurz vor dem kleineren Modelladen der Konsumgenossenschaften an der sogenannten Paradestrecke von Wandlitz nach den Partei- und Regierungsinstitutionen in der Weißenseer Klement-Gottwald-Allee 100 eröffnete worden war (für weitere Abbildungen s. Maritta Adam-Tkalec, Berlin in historischen Aufnahmen. Der erste Selbstbedienungsladen der DDR, Berliner Zeitung 2018, Ausg. v. 5. April, auch wenn die Aussage des Untertitels irreführend ist). Schon im September 1956 drangen erste Details über den neuen Selbstbedienungsladen an die Öffentlichkeit. Bis zur Enteignung war das Ladenlokal von einem zur Karstadtgruppe gehörenden Einheitspreisgeschäft genutzt worden, nun war ein kleines Einkaufsparadies mit sieben Kassen geplant. Die Preise lagen immer noch höher als im Konsum, doch dafür sollte das Angebot umfassend sein. Auch in der Klement-Gottwald-Allee waren jedoch noch Bedienungstheken integriert (Mit kleinem Wagen von Regal zu Regal, Neue Zeit 1956, Nr. 21 v. 9. September, 8). Kurz vor Weihnachten war es dann soweit: Neueröffnung! Schon lange zuvor Kundenauflauf. Türen auf, Blumenstrauß an die erste Kundin. Drinnen alles so wie in Halle, doch größer, viel größer. Hier konnte wahrlich mit dem Auge gekauft werden. Die hier neben den üblichen Körben verfügbaren Einkaufswagen konnten nun genutzt werden: „Das Warensortiment dieser Verkaufsstelle ist so umfangreich, wie wohl kaum in einem anderen Geschäft Berlins. Denn angefangen vom frischen Fleisch über Geflügel, Nährmitteln, Backwaren, Kaffee, den man gleich mahlen kann, den verschiedensten Sorten von Weinen – auch halbe Flaschen werden angeboten –, bis zu Rauchwaren erhält man einfach alles. […] Was hier demonstriert wird, ist wahre Verkaufskultur“ (Hier bedient sich jeder selbst, Neue Zeit 1956, Nr. 292 v. 14. Dezember, 6). Sogar Südfrüchte gab es am 13. Dezember, dem Eröffnungstag. 6000 Kunden wurden während des Feiertagstrubels täglich gezählt (Einkaufen im Vorübergehen, Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6).

10_Neues Deutschland_1957_01_13_Nr12_p06_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_HO_Berlin_Verkaufsstätten_Kassen

Eine neues Raumerlebnis: HO-Selbstbedienungsladen in Berlin-Weißensee (Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6)

Kurz nach der Eröffnung der beiden Berliner Modellläden wurde ein vorläufiges Resümee gezogen. Die Warenversorgung funktionierte, der Kundenzuspruch beider Läden pendelte sich bei täglich 4000 Käufen ein. Diebstähle gab es nur wenige, auch dank zahlreicher Spiegel. Die Kühltechnik arbeitete zufriedenstellend, ebenso die Kassen. Reserven waren jedoch nicht vorhanden, so dass Unsicherheit blieb. Schwerwiegender war, dass die anvisierten Rationalisierungseffekte nicht erzielt wurden. Die vom Kommunalen Großhandel gelieferten Verpackungen hatten keine Bilder und Beschriftungen, Verzögerungen und Rückfragen waren die Folge. Die Verkaufsarbeit konzentrierte sich auf das Kassieren und die Neuverpackung der meisten Waren. Im SB-Konsum Stalinstraße mussten von 80.000 angelieferten Warenposten 70.000 nochmals bearbeitet werden (Einkaufen im Vorübergehen, Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6). In einem launigen Artikel über die „Verpackungsmaterialkrankheit“ im Konsum Friedrichshain wurden die Finger in die Wunden gelegt: „Es ist verständlich, daß es noch geraume Zeit dauern wird, ehe sämtliche Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Verpackung beseitigt werden können. Es geht ja nicht nur um Rohstoffbeschaffung, sondern auch um Normung des Verpackungsmaterials und Entwickeln neuartiger Behälter, um gründliche Abstimmung zwischen Produktion und Handel darüber, wer was und inwieweit verpackt, es geht um die Produktion neuer Abpack- und Schließmaschinen. Doch jetzt ist es höchste Zeit, wenigstens bestimmte, schon jahrelang vorhandene Unzulänglichkeiten schnellstens zu beheben, so das Fehlen von Tüten mit Papiereinlagen, von Säcken und Behältern aus festerem Material“ (Verpackungskrankheit, Berliner Zeitung 1957, Nr. 34 v. 9. Februar, 5). Selbst Cellophan, gängiges Verpackungsmaterial seit den späten 1920er Jahren, war nicht in ausreichender Menge zu erhalten. Anspruch und Wirklichkeit, zukunftsgewandte Verheißungen und die Realitäten einer Mangelgesellschaft trafen hart aufeinander. Parallel zerfiel schon die Leuchtreklame in der Stalinallee. Von den 114 Neonlichtern waren fast die Hälfte ganz oder teilweise ausgefallen (Zwischen ‚obelhaus‘, ‚sum‘ und ‚aren‘, Neue Zeit 1957, Nr. 105 v. 7. Mai, 8). Derartige Informationen wurden nun jedoch gesammelt und in Planungsszenarien integriert. Die noch rudimentären Daten über Absatz, Sortimente und Umsätze boten die Möglichkeit für einen Aufbau von Selbstbedienungssortimenten auf breiter Front.

11_BZ_1957_10_06_Nr242_p08 und Neue Zeit_1958_12_07_Nr286_p06_DDR_Selbstbedienung_Kaufhaus_Industriewaren_Schaufenster_Weihnachten

Bauarbeiten am Kaufhaus Fix 1957 (l.) und Weihnachtswerbung 1958 (Berliner Zeitung 1957, Nr. 242 v. 16. Oktober, 8; Neue Zeit 1958, Nr. 286 v. 7. Dezember, 6)

Dabei war der Lebensmittelsektor noch relativ überschaubar, verglichen zumindest mit dem weiten Feld der Industriewaren, der später so genannten tausend kleinen Dinge. Um dieses näher zu erkunden wurde schließlich als vierter Modellladen am 5. November 1957 das Konsum-Kaufhaus Fix für Industriewaren in der Schönhauser Allee, Ecke Milastraße im Bezirk Prenzlauer Berg eröffnet. Über die Presse wurden die Pläne frühzeitig veröffentlicht, die Bauarbeiten an der 40 Meter langen und von 13 Schaufenstern geprägten Front weckten Neugier. Auf 300 m² Verkaufsfläche wurden „Erzeugnisse der Haushaltschemie, Toiletteartikel, Bestecke, Haushaltsgeräte, Kunststoffartikel, Glas- und Porzellanwaren, Holz- und Bürstenwaren sowie Gummiartikel“ per Selbstbedienung, zudem „Kurzwaren, Kleintextilien, Parfümerieartikeln, Bijouteriewaren und Uhren“ im Tempoverkauf angeboten (Selbstbedienung auch bei Industriewaren, Berliner Zeitung 1957, Nr. 248 v. 23. Oktober, 7). Angepriesen als eine „bisher einmalige Einrichtung in Deutschland“ (Fix ins Kaufhaus „Fix“, Neues Deutschland 1957, Nr. 252 v. 24. Oktober, 6), nahm man gar für sich in Anspruch mit dem Kaufhaus Fix den Selbstbedienungspionier Schweden zu übertreffen. Weltniveau in Ost-Berlin: Höhere Rentabilität, weniger Verkaufskräfte (im Betrieb arbeiteten nur 22 Personen) sowie schnellerer Einkauf, das waren die rationalen Gründe für den neuen Modellladen, der die bisherigen Erfahrungen mit vielen Selbstbedienungsecken und -abteilungen in der DDR vorgab zu berücksichtigen (Fix zu ‚Fix‘, Berliner Zeitung 1957, Nr. 259 v. 5. November, 5). Die Geschäftsöffnung folgte den gängigen Formen, flotte Musik und pullernde Heizungen luden ein. Rasch danach eine erste Evaluation, abermals eine geringe Zahl von Diebstählen, vor allem aber Akzeptanz des neuen SB-Ladens bei Käufern und Verkäuferinnen: „Die neue Art des Verkaufens war ungewohnt und erfuhr bei so mancher Kollegin Skepsis, sogar Abneigung. Aber heute hat sich schon fast alles eingespielt, und jeder steht seinen Mann“ – auch die Frau… (Gisela, Wie geht es mit Kaufhaus „Fix“, Neues Deutschland 1957, Nr. 291 v. 10. Dezember, 6).

12_Der Handel_06_1956_H14_p24_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Neustrelitz_Käufer-Verkäufer_Verkaufsstätte

Kontinuität lokaler Initiativen: Konsum-Selbstbedienungsladen im mecklenburgischen Neustrelitz (Der Handel 6, 1956, H. 14, 24)

Die vier Musterläden in Halle/S. sowie Ost-Berlin standen im Mittelpunkt der öffentlichen und insbesondere der fachlichen Diskussion über die allgemeine Einführung der Selbstbedienung in der DDR. Doch diese Leuchtturmprojekte waren umkränzt von zahlreichen weiteren lokalen Initiativen vornehmlich lokaler Konsumgenossenschaften. Regelmäßig verwies man dabei stolz auf die geringen Anschaffungskosten. In Neustrelitz lackierte man dazu in Eigeninitiative eine alte Ladeneinrichtung um, renovierte den Verkaufsraum und fertig war ein neuer 64 m² großer Selbstbedienungsladen. Dies zählte, mochten auch Addiermaschinen fehlen und das Sortiment mangels Vorverpackung beschränkt sein (In Neustrelitz setzte sich das Selbstbedienungssystem durch, Der Handel 6, 1956, H. 14, 24-25). Auch in Sachsen nahm die Zahl der SB-Geschäfte wieder rasch zu (Selbstbedienung, Neues Deutschland 1956, Nr. 234 v. 30. September, 3), und die Konsumgenossenschaften verpflichteten sich 1957 in allen vierzehn DDR-Bezirken zumindest einen SB-Laden für Industriewaren einzurichten (Selbstbedienung im Vordergrund, Berliner Zeitung 1957, Nr. 10 v. 12. Januar, 5).

Auf dem Weg in die sorgende Diktatur 1957-1958

Die Musterläden fügen sich in den Rahmen der allgemeinen Entwicklung der DDR. Die Versorgungslage hatte sich stabilisiert, die Wirtschaft wuchs nicht allein in den weiterhin im Vordergrund stehenden Grundstoff- und Investitionsgüterindustrien. Die Politik versprach neuerlich deutliche Verbesserungen des Lebensstandards, der 1956 begonnene zweite Fünfjahresplan sollte diese ermöglichen. All das hörte sich an wie die übliche Zukunftsmusik, zumal erst im Frühjahr 1957 klarere Vorgaben für den Handel erlassen wurden. Mit dem sogenannten Bunaprogramm konzentrierte man sich auf „Maßnahmen zur Entlastung der werktätigen Frauen“. Das flankierende Elfpunkteprogramm des Ministeriums für Handel und Versorgung nannte die Schaffung neuer Selbstbedienungsläden an erster Stelle (Mehr Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1957, Nr. 90 v. 15. April, 2). Zugleich wurde die Umsetzung jedoch dezentralisiert und auf Großbetriebe konzentriert. Ladenneubauten sollten zwar gleich als SB-Geschäfte geplant werden, doch die weiterhin eng bemessenen Investitionsmittel sollten zudem Schnellverkauf und Verkaufsautomaten fördern, längere Öffnungszeiten und vorverarbeitete Lebensmittel erlauben, Tiefkühltruhen und Lieferdienste unterstützen, nicht zu vergessen verbesserte Gastronomieangebote (Handel soll arbeitenden Frauen helfen, Berliner Zeitung 1957, Nr. 112 v. 16. Mai, 5). Das war ein bunter Strauß an sich sinnvoller Maßnahmen, der allerdings nur teilweise umsetzbar war, da sie das wirtschaftliche Potenzial der DDR massiv überschätzten. Der Fünfjahresplan musste 1959 abgebrochen werden, wurde dann jedoch durch einen Siebenjahresplan ersetzt, der kaum minder irreale Zielsetzungen verfolgte. Die Fixierung der politischen Führung auf den westdeutschen Konkurrenten ließ zugleich die nicht unbeträchtlichen ökonomischen Erfolge der DDR schrumpfen. Relative Rückständigkeit wurde zum Marker und Makel Ostdeutschlands. Die immer neuen Parolen des Ein- und Überholens erschienen phrasenhaft, zumal als die durchaus ambitionierten Wirtschaftsreformen an den Grundstrukturen einer sozialistischen Planwirtschaft scheiterten.

Die Handelstätigkeit wurde in dieser Zeit moralisch weiter aufgeladen, sollte der sozialistische Handel doch – so das Präsidium des Nationalrates Anfang Mai 1957 – „die Überlegenheit des sozialistischen Systems über dem kapitalistischen System zum Ausdruck bringen“ (Staatsmacht im Dienst des Volkes, Berliner Zeitung 1957, Nr. 106 v. 8. Mai, 6). Viel wurde angekündigt, doch nur weniges umgesetzt. Ein neues „erstes“ HO-Fleischwaren-Selbstbedienungsgeschäft am Bahnhof Friedrichstraße feierte zwar schon Anfang September 1957 Richtfest, konnte jedoch aufgrund von Lieferschwierigkeiten erst Anfang März 1958 eröffnet werden (Schnitzel aus der Kühlvitrine, Berliner Zeitung 1957, Nr. 205 v. 4. September, 8; Neue Selbstbedienungsläden, Neue Zeit 1958, Nr. 51 v. 1. März, 6). Ende 1958 wurde dann kritisiert, dass die Ware nicht ausreiche und vor Verkaufsschluss mehrfach ausverkauft sei (Gute Vorsätze bringen gute Umsätze, Berliner Zeitung 1958, Nr. 304 v. 31. Dezember, 6). So sah das gute Leben nicht aus. Das Bunaprogramm entpuppte sich als „nur ein Beschluß unter vielen“ (Eberhard Russek, Was erwartet die werktätige Frau vom Handel?, Neues Deutschland 1958, Nr. 34 v. 8. Februar, 12), auch wenn die Selbstbedienung Fortschritte gemacht hatte. Im Bezirk Halle/S. gab es derweil 18 SB-Läden, im Bezirk Karl-Marx-Stadt 11. Von einer Verbesserung der Einkaufssituation, vor allem einer Reduktion der langen Wartezeiten, konnte dennoch kaum die Rede sein (über die Erfahrung des Wartens vgl. K. Lehmann, Einkauf leicht gemacht, Neues Deutschland 1957, Nr. 245 v. 16. Oktober, 6).

Die Selbstbedienung gewann 1957 an Bedeutung, von einem Durchbruch konnte aber noch nicht die Rede sein. Dieser sollte erst 1958 und vor allem 1959 erfolgen. Zentral war dabei das Ende der Rationierung am 29. Mai 1958 (Gesetz über die Abschaffung der Lebensmittelkarten vom 28. Mai 1958, Handelswoche 3, 1958, Nr. 23, 4). Sie war trotz damit einhergehender Preiserhöhungen eine Morgengabe für den im Juli stattfindenden 5. Parteitag der SED. Dort wurde festgestellt, dass die Grundlagen des Sozialismus im Wesentlichen geschaffen worden seien und man nun „die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR gegenüber der Herrschaft der imperialistischen Kräfte im Bonner Staat“ auch dadurch unterstreichen sollte, dass „der Pro-Kopf-Verbrauch unserer werktätigen Bevölkerung mit allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgüter den Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft“ (Walter Ulbricht, Unsere ökonomische Hauptaufgabe, in: Ders., Über die Dialektik unseres sozialistischen Aufbaus, Berlin (O) 1959, 93-96, hier 94). Der Parteitag beschloss, „Schluß zu machen mit allen Überresten des nur ‚Verteilens‘ von Waren: Es gilt, auf neue Art Handel zu treiben, d. h. die Warenproduktion mit den Bedürfnissen der Werktätigen in Übereinstimmung zu bringen und den kürzesten Warenweg zu benutzen, die Waren kulturvoll anzubieten und schnell zu verkaufen. […] Der weiteren Entwicklung des sozialistischen Sektors ist dadurch Rechnung zu tragen, daß die Einführung solcher Methoden, wie die Selbstbedienung, der Schnellverkauf, der Versandhandel für die Landbevölkerung und der ambulante Landhandel, der Ausbau und die Spezialisierung der Verkaufskapazitäten in Stadt und Land planmäßig vorangeht“ (Neues Deutschland 1958, Nr. 170 v. 18. Juli, 6). Das lag auf der Linie des Bunaprogramms, doch die neue Form höchster Dringlichkeit trug Früchte. Der Binnenhandel erhielt höhere Investitionsmittel, die nun etwas mehr als 4 % der Gesamtinvestitionen ausmachten (Karl C. Thalheim, Die wirtschaftliche Entwicklung der beiden Staaten in Deutschland, 3. überarb. und erw. Aufl., Opladen 1988, 109). Diese konnten genutzt werden, da man 1958 auf eine breite Palette von Erfahrungen und Vorarbeiten zurückgreifen, die zuvor nicht zur Verfügung standen. Damit gelang in den folgenden zwei Jahren der quantitative Durchbruch der Selbstbedienung in der DDR.

Der quantitative Durchbruch der Selbstbedienung 1958-1960

Die Konsumgenossenschaften blieben Hauptpropagandisten und Hauptträger einer umfassenden Modernisierung des Verkaufsstellennetzes, nicht zuletzt, um die dominierenden Kleinstläden zu erneuern und den Absatz damit wirtschaftlicher gestalten zu können. Sie forderten ein Ende des Kleinklein bei der Selbstbedienung: “Eine Anzahl repräsentativer Verkaufsstellen wurde projektiert und eingerichtet, doch der Aufwand dafür steht in keinem Verhältnis zum eigentlichen Nutzeffekt“ (Böttner und Thiel, Neue Wege im Ladenbau, Handelswoche 1958, Nr. 41 v. 8. Oktober, 10). Der Verband Deutscher Konsumgenossenschaften handelte entsprechend, schuf Rahmenbedingungen für Veränderungen in der Breite. Im März 1957 wurde die Abteilung „Technik des Handels“ gegründet, um alle mit dem Ladenbau zusammenhängenden Fragen anzugehen. Im Mittelpunkt standen dabei standardisierte Selbstbedienungsmöbel. Erste Entwürfe wurden 1957 vorgestellt, anschließend hunderte Ladeneinrichtungen „im konsumeigenen Möbelwerk Arendsee und außerhalb des Plans im Konsum-Holzverarbeitungswerk Eberswalde“ (Andreas Ludwig (Hg.), KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR, Köln/Weimar/Wien 2006, 31) produziert.

13_Handelswoche_03_1958_Nr47_p07_DDR_Selbstbedienung_Konsumgenossenschaften_Verkaufsmöbel_Standardisierung

„Formschön und zweckmäßig“: Beispiele standardisierter SB-Möbel der DDR-Konsumgenossenschaften (Handelswoche 3, 1958, Nr. 47, 7)

1958 begann dann die Serienproduktion von etwa 80 Verkaufsmöbeltypen. Grundprinzipien industrieller Massenproduktion sollten helfen, Massenkonsum rasch und kostengünstig zu ermöglichen: „Vorteile liegen insbesondere in der Festlegung und Anwendung eines einheitlichen Maßsystems, in der vielseitigen Anwendungsmöglichkeit der Standards für die Masse der Verkaufsstellen, in der serienmäßigen, industriellen Produktion dieser Möbel und nicht zuletzt niedrigeren Fertigungskosten. Mit den Standardmöbel ist auch die bisherige Form der individuellen Projektierung und Einrichtung von Verkaufsstellen sowie der damit verbundene Zeit-, Arbeitskraft- und Kostenaufwand überholt“ (Böttner und Thiel, Neue Wege im Ladenbau, Handelswoche 1958, Nr. 41 v. 8. Oktober, 10). Die immer noch große Zahl der Verkaufsmöbel sollte helfen, einer „Uniformierung“ der Läden entgegenzuwirken (Böttner und Thiel, Formschön und zweckmäßig, Handelswoche 1958, Nr. 47 v. 19. November, 7). Sie sollten aber nicht nur den sehr heterogenen Ladenstrukturen der Konsumgenossenschaften entsprechen, sondern auch Vorarbeiten für eine sozialistische Konsumgesellschaft leisten, die den so unterschiedlichen Bedürfnissen der sozialistischen Persönlichkeiten entsprechend sollte. Überschätzen darf man die Auswirkungen der Standardisierung aber nicht: Von den 1958 neu eröffneten 1652 Läden – nicht nur mit Selbstbedienung – der Konsumgenossenschaften, waren lediglich 466 mit standardisierten Möbeln ausgestattet (Ludwig (Hg.), 2006, 33). Für Veränderungen blieben lokale Initiativen unabdingbar.

14_Handelswoche_03_1958_Nr49_p11_Registrierkassen_Secura_Berlin_Rechenmaschinen

Neue Registerkassen als Grundlage für die quantitative Ausweitung: Anzeige 1958 (Handelswoche 3, 1958, Nr. 49, 11)

Die Konsumgenossenschaften gingen ebenfalls das Kernproblem der Registrierkassen an. Der VEB Secura bot jedoch erst 1958 ein verlässliches Modell an, 1800 Geräte konnten im selben Jahr eingesetzt werden. Zuvor versuchte man aus der Not eine Tugend zu machen, indem man Addiermaschinen aus der Buchhaltung für den Verkaufseinsatz umrüstete (Angaben n. Ludwig (Hg.), 2006, 32-33). Trotz beträchtlicher Erfolge wurde die Abteilung „Technik des Handels“ im Rahmen der allgemeinen Umstrukturierung der Wirtschaftsverwaltung allerdings aufgelöst und in das Staatliche Versorgungskontor für Handelsausrüstungen überführt. Dies sollte die Breitenwirkung seiner Arbeit unterstützen.

Die Vorarbeiten der Konsumgenossenschaften, aber auch die Erfahrungen mit den vier Musterläden, mündeten dann in politisch unterstützte regionale Initiativen, unter denen die Berlininitiative herausragte. Ost-Berlin war damals trotz der drei Musterläden eine Selbstbedienungsdiaspora. Im Januar 1958 plante der Magistrat die Errichtung von 38 SB-Läden bis 1960 (Landsman, 2005, 187), doch diese Zahlen wurden rasch gesteigert. Anfang März lagen die Planungen bei 20 weiteren Läden schon im Jahre 1958 (Neue Selbstbedienungsläden, Neue Zeit 1958, Nr. 51 v. 1. März, 6). Der 5. Parteitag der SED und die neuen Perspektivpläne des Siebenjahresplanes führten dann in ganz andere Dimensionen. Am 31.12.1958 gab es in Ost-Berlin 27 Selbstbedienungsläden, 1959 sollte deren Zahl auf 95 steigen. Dann aber legten die Konsumgenossenschaften los und begannen „mit wenigen Mitteln Verkaufsstellen in allen Größen in Selbstbedienung umzubauen“ (Dieter Schindler, Berlin holt auf!, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 160-162, hier 160). Bis zur Leipziger Binnenhandelskonferenz Ende Juli 1959, auf der die Handelskader sich auf die neuen wirtschaftlichen Aufgaben einschworen, waren in Berlin dann 460 SB-Verkaufsstellen eingerichtet worden, 40 % davon kleiner als 50 m² (Ebd., 160).

Selbstbedienung stand in Ost-Berlin für Handelsrationalisierung – und diese war angesichts der Planvorgaben unausweichlich, sollte der Warenumsatz bis 1965 um die anvisierten etwa 50 % gesteigert werden. Das war mit den tradierten Bedienungsgeschäften nicht zu schaffen, zumal die DDR auch zu dieser Zeit jährlich mehr als 100.000 Personen an den Westen verlor und an zusätzliche Verkaufskräfte nicht zu denken war. Die Konsumgenossenschaft Berlin setzte sich in ihren Perspektivplänen daher ambitionierte Ziele: „Bis zum 10. Jahrestag unserer Republik, dem 7. Oktober 1959, werden von den 1300 Konsum-Verkaufsstellen 226 auf Selbstbedienung und Teilselbstbedienung umgestellt. Bis 1961 erhöht sich diese Zahl auf 600“ (Konsum-Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 86 v. 14. April, 5). Die Zahlen umfassten allerdings sehr unterschiedliche Verkaufsmethoden, nämlich Selbstbedienung, Teilselbstbedienung und Schnellverkauf. Klar war aber: „Selbstbedienung wird in den kommenden Jahren groß geschrieben“ (600 Konsum-Selbstbedienungsläden, Berliner Zeitung 1959, Nr. 92 v. 21. April, 5). Und die Pläne waren gar noch größer: „Alle Konsumverkaufsstellen werden bis Ende 1961 renoviert und planmäßig mit Kühlmöbeln, Registrierkassen, Schnellwaagen und anderen modernen Handelsausrüstungen versehen“ (Berliner Konsum hat viel vor, Neues Deutschland 1959, Nr. 108 v. 20. April, 2). Diese Zahlen ließen auch die Konkurrenz nicht unbeeindruckt, auch HO und der unterkapitalisierte private Handel zogen nach und mit (Private Selbstbedienungsläden?, Neue Zeit 1959, Nr. 115 v. 21. Mai, 6). Bis zum Jahrestag der Republik sollten in Berlin 735 SB-Läden bestehen, vorrangig Lebensmittelläden, doch auch zahlreiche Industriewarengeschäfte und Gaststätten. Angesichts solcher Perspektiven war sie wieder da, die Utopie eines besseren Lebens: „Die Zeit der Schimpfkanonaden und berechtigten Kritik am Berliner Handel ist bald vorüber. Wie gehen erfreulichen Zeiten entgegen. Wir werden in den Gaststätten billiger essen, weit mehr Selbstbedienungsgeschäfte antreffen, ja, künftig werden sogar Milch und Schrippen ihren Weg bis zu unserer Haus- und Korridortür finden“ (Frischer Wind im Handel, Neue Zeit 1959, Nr. 98 v. 28. April, 6). Die Planziffern würden zwar nicht erreicht werden, doch der Einkauf rascher erfolgen, die Preise sich vielleicht etwas verringern, das Warenangebot steigen. Utopien dienten dazu, die Bevölkerung in Schach zu halten.

15_Bundesarchiv_Bild 183-61967-0008_CC-BY-SA 3.0_DDR_Selbstbedienung_Eisenhüttenstadt_Schaufenster

Neuer SB-Laden in Stalinstadt 1959 (Bundesarchiv, Bild 183-61967-0008, CC-BY-SA 3.0)

Dieses rasche Wachstum galt der politischen Führung als Bestätigung ihrer Politik. Die Investitionsmittel wurden zwar auf die industriellen Zentren und Prestigeprojekte, wie Leuna, Schwarze Pumpe, das Erölkombinat Schwedt oder Stalinstadt konzentriert, doch offenbar gelang der „Sprung nach vorn“ (Curt-Heinz Merkel, Bessere Lösung der Versorgungsaufgaben hilft maximalen Zeitgewinn sichern, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 45-70, hier 63) in der gesamten DDR. Ende 1959 gab es stolze 7168 Geschäfte mit Voll- und 5781 mit Teilselbstbedienung. Konsumgenossenschaften und HO dominierten klar. Deren 6959 Geschäfte mit Vollselbstbedienung lassen sich weiter aufgliedern: Mit 5292 Läden dominierte der Lebensmittelsektor, gefolgt vom Industriewaren- (810) und Gemischtwarenverkauf (700). Hinzuzuzählen waren 157 SB-Gaststätten (Hans Schlenk, Der Binnenhandel in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Berlin 1960, 81). Fast zwei Drittel dieser Geschäfte waren Teil der Konsumgenossenschaften.

16_Handelswoche_06_1961_Nr26_p10_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_HO_Konsumgenossenschaften_Karte_Statistik

Anteil der HO- und Konsum-Selbstbedienungsgeschäfte am gesamten Lebensmittelhandel in den Bezirken der DDR 1960 (Handelswoche 6, 1961, Nr. 26, 10)

Das Wachstum ging weiter, schwächte sich 1960 aber deutlich ab – eine Folge der wirtschaftlichen Krise der DDR, die unter anderem aus der forcierten Zwangskollektivierung, einer disproportionalen Branchenentwicklung, verschärfter politischer Repression, weiter ansteigenden Flüchtlingszahlen und der temporären Kündigung des Interzonenhandelsabkommes durch die Bundesrepublik resultierte. All dies mündete im Mauerbau, politisch desaströs, wirtschaftlich aber unausweichlich. Ende 1960 gab es bei Konsumgenossenschaften und HO 13.070 Selbstbedienungsläden (8776 für Lebensmittel, 2026 für Industriewaren, 1900 für Gemischtwaren und 358 Gaststätten). 18,5 % des HO- und Konsum-Umsatzes wurden im IV. Quartal 1960 per Selbstbedienung erzielt, bei Lebensmitteln betrug deren Anteil gar 28,2 % (Selbstbedienung setzt sich durch, Handelswoche 6, 1961, Nr. 26 v. 29. Juni, 10; Landsman, 2005, 278 nennt für Ende 1961 12.1912 SB-Geschäfte). Ost-Berlin hatte seinen Rückstand mehr als wettgemacht, besaß seither relativ mehr SB-Geschäfte als die 14 DDR-Bezirke. Die Selbstbedienung war 1960 in der DDR fest etabliert, der Ausbau setzte sich in den 1960er Jahren, wenngleich relativ moderat, weiter fort.

17_Gemeinschaftsarbeit_1959_p001_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Konsumentin_Glasverpackung

DDR-Bürgerin beim Einkauf 1959 (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 1)

Die Einführung der Selbstbedienung in der DDR war ein Kraftakt. Sie veränderte das Einkaufen, sie eröffnete einen Freiheitsraum. Der Käufer war nicht länger der relativen Willkür der Verkäufer und Händler ausgesetzt, er hatte direkten Kontakt zur Ware, konnte wählen: „Ein erhabenes Gefühl, allen Waren allein gegenüberzustehen. Ich verweile vor dem Ständer mit Marmeladen und betrachte sie mir wie ein Gemälde. Ich lese die Etikette, studieren die Preise, nehme ein Glas heraus, stelle es wieder zurück, greife zum nächsten… In jedem anderen Laden hätten der Verkäufer und die hinter mir anstehenden Personen längst mit Marmelade nach mir geschmissen.“ Nach fast zwei Jahrzehnten Rationierung kann man es kaum ermessen, das „herrliche Gefühl, bloß zugreifen zu brauchen, um sich in den Besitz einer Ware zu bringen“ (Zitate aus Kundendienst bei Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 32 v. 7. Februar, 8).

Entsprechend hat insbesondere die Kulturanthropologin Ina Merkel auf die emotional begründete Faszination der Selbstbedienung hingewiesen: „Große Schaufenster, durch die man in das Innere blicken konnte, kräftige Beleuchtung und Neonschriften – die Selbstbedienungsgeschäfte traten als beleuchtete Glaspaläste in Erscheinung und vermittelten einen Hauch von Moderne und von Welt. […] Aus dem Funktionswandel des Einkaufs folgte eine völlig neue Ästhetik, und sie war das eigentlich Bezaubernde. […] Die Verkaufsräume beeindruckten selbst nach geringfügigen Umbauten durch ihre Großzügigkeit und Offenheit. Das Licht war auf die Waren konzentriert. Das Ganze wirkte wie eine große Warenausstellung. Durch die Innenausstattung mit Drahtkörben, Stahlrohrgestellen und plasteverkleideten Regalen kamen moderne Materialien zum Einsatz. Selbst die nach heutigen Begriffen kleinen Einkaufskörbe und die ersten Einkaufswagen entzückten die Konsumenten durch ihren Neuigkeitswert. Für einige wenige Jahre war die Ästhetik der Öffentlichkeit der des privaten Raumes um einiges voraus“ (Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR, Köln/Weimar/Wien 1999, 207).

18_Handelswoche_03_1958_Nr41_p10_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Konsumgenossenschaften_Verkaufsmöbel_Standardisierung

Modell eines standardisierten Konsum-SB-Ladens (Handelswoche 3, 1958, Nr. 41, 10)

Diese Faszination bestand. Doch sie dominierte nicht. Die Einführung der Selbstbedienung in der DDR war nicht allein Resultat länger zurückreichender ökonomischer Notwendigkeiten, sondern sie diente vielfach einem Notwendigkeitskonsum. In Magdeburg war beispielsweise das 1958 gegründete „Tempo-Eck“ die erfolgreichste SB-Verkaufsstelle. Direkt am Hauptbahnhof gelegen, war es Tag und Nacht geöffnet, richtete sich an Reisende, vor allem aber an die Eisenbahner und Werktätigen. Hier konnte man auch Brötchen, Milch, Kakao und Butter ordern, allesamt nötig, um einen harten Arbeitsalltag einfacher organisieren zu können (Vorbildliche Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 41 v. 18. Februar, 5). Faszination konnte von Selbstbedienungsgeschäften ausgehen, doch sie bewirkten wohl eher Erleichterung; Erleichterung darüber, dass nach langen Debatten endlich auch der tägliche Einkauf etwas leichter wurde, dass ein Stück der täglichen Entmündigung abgetragen wurde. Um das damit aufgeworfene Problem besser abschätzen zu können, gilt es abschließend einen genaueren Blick auf die 1959 bis 1960 neu entstandenen Einkaufsstätten zu werfen. Sie wiesen, abgesehen von wenigen Modelläden, deutliche qualitative Defizite auf.

Tonnenideologie oder Ausweitung mit qualitativen Defiziten

Ja, in den späten 1950er Jahre begann der „Siegeszug der Selbstbedienungsverkaufsstätten“ (Gerd Dietrich, Kulturgeschichte der DDR, Göttingen 2018, 1136) auch in der DDR. Vor Ort aber war die Begeisterung oft flau, erinnerte an die rasch abebbende Resonanz 1951/52. Als 1958 im sächsischen Annaberg-Buchholz ein erster HO-Selbstbedienungsladen nach einem Umbau eröffnet wurde, war das Ergebnis ernüchternd: „Anfangs war ein guter Käuferstrom vorhanden, doch in der letzten Zeit flaute dies ab“ (Annamaria Becker, Selbstbedienung ohne Zuspruch?, Neues Deutschland 1959, Nr. 92 v. 4. April, 10). War es die relative Kälte des auf den Wahl- und Kaufakt reduzierten Einkaufs? War es das fehlende Schwätzchen in der Warteschlange? War es der fehlende Kontakt zur Verkäuferin, notwendig auch für begehrte Bückware? Oder aber Widerstand gegen den Zwang zur Mitarbeit, gegen die Ersetzung von Verkäufer- durch Kundenarbeit? Die offizielle Antwort war mangelhaft entwickeltes gesellschaftliches Bewusstsein der Kunden, resultierend aus ungenügender Käufererziehung. Im brandenburgischen Neuglobsow konnte der HO-Verkaufsstellenleiter Otto Schulze durch Hilfe und gutes Zureden vielen alten Frauen die Angst nehmen, den neuen SB-Laden zu betreten (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 77). Das Notwendige musste nur vermittelt werden, dann würde es schon funktionieren.

19_Handelswoche_03_1958_Nr37_p09_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Industriewaren_Verkaufsstätten

Standardpläne für neu einzurichtende Industriewaren-Selbstbedienungsläden (Handelswoche 3, 1958, Nr. 37, 9)

Die durchaus bestehende Zurückhaltung der Käufer war auch eine Folge der geringen Faszination, die von den meisten SB-Läden ausging. Gewiss, es handelte sich an sich um einen neuen Typ des Verkaufs/Einkaufs, für den an sich nicht nur eine neue Absatzkette, neue Verkaufsmöbel, neu gestaltete Waren, sondern nicht zuletzt neue Läden erforderlich waren (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958; Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960). Neue Läden aber blieben in der DDR eine Ausnahme. In ihrer großen Mehrzahl handelte es sich bei den „neuen“ Geschäften um simple Umbauten mit geringen Investitionen. Dies war Folge des relativen und absoluten Rückstandes der DDR nicht nur gegenüber westlichen, sondern auch gegenüber östlichen Staaten. 1958/59 war dieser „Tempoverlust“ ein auch öffentliches Ärgernis, entsprechend massiv musste das Aufholen sein: „Wir können uns, um rasch zu Ergebnissen zu kommen, dabei nicht nur auf den Bau von neuen und die vollständige Neueinrichtung der vorhandenen Verkaufsstellen orientieren. Es müssen nicht pompöse Verkaufspaläste sein. Es kommt vielmehr darauf an, auch die vielen kleineren Verkaufsstellen, in denen die Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs versorgt wird, auf Selbstbedienung umzustellen“ (Oesterliches Intermezzo um lange Wartezeiten, Neue Zeit 1959, Nr. 24 v. 28. März, 6). Es ging, anders ausgedrückt, nicht um den Aufbau einer großen Zahl ansprechender SB-Läden, sondern nur um den Aufbau einer großen Zahl. Es ging um Tonnenideologie auch auf dem Felde des Konsums.

Auf der Leipziger Handelskonferenz machte der neue SED-Minister für Handel und Versorgung, Curt-Heinz Merkel (1919-2000) – Curt Wach war just aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten, er selbst war ein geläutertes NSDAP-Mitglied – nochmals klar, dass man keineswegs Ladenlokale von mindestens 80 m² und Investitionsmittel von mindestens 100.000 DM benötige, um zur Tat zu schreiten: „Die Praxis hat bewiesen, daß die Einführung der Selbstbedienung auch in Verkaufsstellen unter 40 m² und vor allem mit verhältnismäßig wenig finanziellen Mitteln möglich ist“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 63). Dieter Schindler, Vorstandsvorsitzender der Konsumgenossenschaft Berlin-Mitte, machte es noch praktischer: „Es gibt Farbe, Pinsel, Glas und Holz der vorhandenen Einrichtungen, und wir haben die Initiative der Werktätigen. Alles in richtigem Verhältnis eingesetzt, ergibt gutaussehende Selbstbedienungsverkaufsstellen“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 161). Primitiv sollten sie nicht, teuer aber durften sie nicht werden. Selbstbedienung konnte in der Tat einfach sein, orientierte man sich etwa an einem belobigten Konsum-Verkaufsstellenleiter im Kreise Halberstadt: „Er erhielt für das Lager drei Regale geliefert. Kollege Wilms aber meinte, daß diese Regale im Laden besser aufgehoben sind; denn es gehört ja soviel Ware in den Laden wie möglich. Er nahm geringfügige Aenderungen an den Regalen vor, und heute werden die haushaltschemischen Artikel und andere Waren des täglichen Bedarfs in Selbstbedienung verkauft.“ Auch im Kreise Zittau wurden vorhandene Regale verändert und neu angeordnet – und schon konnten die Konsum-Mitglieder sich selbst bedienen (Oesterliches Intermezzo um lange Wartezeiten, Neue Zeit 1959, Nr. 24 v. 28. März, 6). So einfach ging man nicht überall vor. Im Kreise Pirna erforderte der erste SB-Laden Investitionen von 50.000 DM. Doch dank der Schöpferkraft der Werktätigen lagen die Kosten der folgenden 29 Läden nur noch zwischen 2000 und 3000 DM (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 278).

Derartig niedrige Investitionen waren nur möglich durch sogenannte Selbstverpflichtungen. Handelsmitarbeiter und Konsummitglieder leisteten freiwillige Arbeit, bauten Läden um, schufen Verkaufsmöbel. Das war für Konsum und HO nützlich, denn so konnten Mittel und Sachleistungen des Nationalen Aufbauwerkes genutzt werden. Die Zusatzarbeit konnte wiederum als „Aufbaustunden“ geltend gemacht werden, die den Freiwilligen beispielsweise Vorteile bei der Wohnungsvergabe verschaffte (Leidig (Hg.), 2006, 31). 1960 erreichten die ehrenamtlichen Leistungen bei den Konsumgenossenschaften stattliche 9,1 Mio. DM (Wolfgang Heinrichs, Ökonomik des Binnenhandels in der DDR, 2. stark überarb. und erw. Aufl., Berlin (O) 1962, 142). Selbstverständlich wurde offiziell vor der Vorstellung gewarnt, „daß ein weggeräumter Ladentisch, ein paar Einkaufskörbe, ein Warenträger oder Farbe, die nicht zur Ware paßt, schon Selbstbedienung“ sei (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 161 (Schindler)). Doch der massive Anstieg der SB-Geschäfte von 1958 bis 1960 basierte vorrangig auf preiswerten und rasch zu bewerkstelligenden Umbauten. Nur so konnten 1959 im brandenburgischen Kreis Elsterwerda gleich 40 SB-Läden entstehen, und bewiesen werden, „daß auch auf kleinstem Raum und in jedem Dorfe die Einführung der Selbstbedienungsmethode möglich ist“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 269 (Hubert May)).

20_Handelswoche_03_1958_Nr50_p10_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Berlin_Verkaufsstätten_Konsumentin

Kompromisse als Grundlage der quantitativen Ausweitung: Gemischte Bedienungssysteme in Berlin-Friedrichshain (Handelswoche 3, 1958, Nr. 50, 10)

Ladenlokale und auch Verkaufsmöbel waren entscheidend für das quantitative Wachstum der Selbstbedienung in der DDR. Doch damit war das Verkaufssystem eben nicht vollständig implementiert: „Die Frage der Addiermaschinen, der Kassen und der Selbstbedienungskörbe muß endlich gelöst werden, damit der Schwung, in dem sich der Handel zur Zeit befindet, nicht aufgehalten wird“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 135 (Jutta Kretzschmar)). Der Schwung erlahmte, das leidige Verpackungsproblem blieb. Erst 1966 legte die Verordnung über die Planung, Leitung und Organisation des Verpackungswesens fest, dass Produktionsbetriebe ihre Waren verkaufsgerecht zu verpacken hatten. Hinzu kam, dass auch die verpackte Ware vielfach nur rudimentär informierte und nicht verkaufsfördernd ausgestaltet war (Werner Jurich und Eberhard Wieland, Unser Lebensmittelverbrauch, T. II – Entwicklung im Sortiment, Berlin (O) 1965, 16). Das hatte immense betriebswirtschaftliche Folgen: 1962 mussten beispielsweise 18,4 % der Arbeitszeit der Verkaufskräfte in den Konsumgenossenschaften für Abpacken und Preisauszeichnung aufgewendet werden (Hans Schlenk, Der Binnenhandel der DDR, Köln 1970, 83).

21_Handelswoche_13_1968_Nr21_p05_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Einkaufen

Dauerbrenner der Kritik: Karikaturen 1968 (Handelswoche 13, 1968, Nr. 21, 5)

Die Konsequenz von geringen, im Regelfall unzureichenden Investitionen in das Verkaufssystem Selbstbedienung war, dass einerseits Einkaufen mit vielen Problemen verbunden blieb, dass anderseits aber dessen Rationalisierungspotenzial auch nicht annähernd ausgeschöpft werden konnte. Einkaufen war auch in SB-Läden zeitaufwändig, da die flächendeckende Einführung von modernen Secura-Registrierkassen und selbst von Schnellwagen immer wieder auf Hindernisse stieß. Verpackungsdefizite und andauernde Probleme mit der Kühlkette führten zu beträchtlichen Warenverlusten. Zwar konnte die Zahl der Verkaufsstellen von 1962 bis 1971 um ein Drittel reduziert werden, doch die Zahl der Beschäftigten blieb bis zum Ende der DDR relativ konstant. Noch 1974 hatten 70 % aller Verkaufsstellen – ein Großteil davon SB-Geschäfte – eine Verkaufsfläche von unter 50 m², 40 % waren gar kleiner als 25 m² (Handbuch DDR-Wirtschaft, hg. v. Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Reinbek bei Hamburg 1977, 182). Fasst man all diese Punkte zusammen, so zeigt sich, dass die DDR, trotz, ja auch wegen der raschen Einführung der Selbstbedienung 1958 bis 1960 ein Land mit einem immens kostenträchtigen Einzelhandel blieb, der viele Versorgungsaufgaben nur unzureichend erfüllte und der keine sozialistische Alternative zum westlichen Konsummodell hat entwickeln können.

Uwe Spiekermann, 28. September 2019

Der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes: Cannabis zwischen Naturwissenschaften und Markt, 1840-1929

Hanf war in Deutschland bis Ende des langen 19. Jahrhunderts eine gängige landwirtschaftliche Pflanze. Cannabis Sativa – so der botanische Name – diente als Faserstoff der häuslichen Spinnerei und Weberei, war Grundlage der gewerblichen Herstellung von „Leinenwaren“, vor allem aber von Seilen, Tauwerk und Segeltuch. Hanfsamen wurden als Vogelfutter genutzt, dienten als Grundstoff für Seifen, technische Öle, Ölfarben und Firnis. Zahlreiche weitere Verwendungen ließen sich nennen, von Dachschindeln über Löscheimer bis hin zur Papierherstellung und diätetischen Suppen. Doch all dies wurde immer wieder überwölbt von einem packenderen exotischen Thema, nämlich Hanf als Droge.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der aus Indien und dem Nahen Osten eingeführte Haschisch – ein Extrakt des dort kultivierten Cannabis Indica – für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. [1] Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab. Die „Normalwissenschaft“ übernahm und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte vornehmlich Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte mutierten zu Apotheker- und Medizinerwaren, nur wenige Präparate etablierten sich als öffentlich beworbene Konsumgüter. Das Verbot des Indischen Hanfes im Jahre 1929 war denn auch nicht Folge einer irgendwie bedeutsamen Gefährdung von öffentlicher Ordnung oder der „Volksgesundheit“, sondern erfolgte im Rahmen einer internationalen Harmonisierung der Maßnahmen im Gefolge des Opiumgesetzes. [2]

Dabei könnte man es belassen. Doch der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes von ca. 1840 bis in die 1920er Jahre hat Spuren hinterlassen. In dieser Zeit etablierten sich die modernen Naturwissenschaften – Medizin, Chemie und Pharmazie – als die wichtigsten Taktgeber einer nicht nur fachwissenschaftlichen, sondern auch öffentlichen Debatte über Hanf als Droge. Auch wenn heutzutage angewandte Sozialwissenschaften, zumal Kriminalsoziologie, Psychologie und Sozialpädagogik, wichtige Beiträge liefern, um Cannabis/Haschisch/Marihuana als Droge und als gesellschaftliches Problem zu verstehen, so dominiert doch naturwissenschaftliches Wissen (und Gegenwissen) nach wie vor das Themenfeld. Was wäre die Debatte ohne den Bezug auf chemische Konstrukte wie THC oder CBD, was ohne die Deduktion individueller Schädigungen auf Basis abstrakter und kausaler Wirkungsmodelle? Die bis heute damit implizit verbundenen Versprechen, Hanf durch die Reduktion auf dessen Chemie und Physiologie verstehen und einhegen zu können, entstanden Mitte des 19. Jahrhundert, sind Teil einer bald zweihundert Jahre alten Wissensform, die Welt verstehen, ordnen und beherrschen zu wollen. [3] Angesichts der immensen Leistungen der modernen Naturwissenschaften scheint dies erst einmal rational zu sein. Doch der Weg von Laboratorium und Klinik zurück in die soziale und ökonomische Welt ist lang und nicht ohne Brüche möglich. Für die gesellschaftliche und politische Debatte liefern naturwissenschaftliche Beiträge denn auch wenig, sieht man einmal ab von der klaren Benennung des vielfach bestehenden Nicht-Wissens über die Zusammensetzung und Wirkungsweise von Hanf und Cannabispräparaten. Überraschend ist zugleich, dass auch die historische Erforschung der naturwissenschaftlichen Erkundung der Droge bestenfalls in den Kinderschuhen steckt. [4] Wenn in der jüngsten, vom Bundestag gleichsam geadelten und kostenlos verteilten Überblicksdarstellung zu Cannabis jedoch behauptet wird: „Die Inhaltsstoffe der weiblichen Hanfpflanze wurden erst seit den 1960er Jahren wissenschaftlich untersucht“ [5], so dokumentiert dies vor allem Unwissen. Blicken wir also zurück, um unsere Gegenwart und ihre Engführungen besser verstehen zu lernen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich neben dem Hanfanbau, der Hanfverarbeitung und der Nutzung der Hanfprodukte (Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfes) ein zweiter, zeitweilig intensiv diskutierter und deutlich engerer Wissensbereich, in dem Hanf primär als Droge verstanden wurde. Das beträchtliche Interesse vieler Mediziner, Chemiker und Pharmazeuten an der bewusstseinserweiternden Kraft der verschiedenen aus Indien und Ägypten stammenden Haschischformen mündete in eine Forschung, die in den kleinsten Bestandteilen der Pflanze Wirkstoffe finden und dann isolieren wollte. Ziel waren klare Kenntnisse über die Drogenwirkungen, über Einsatzmöglichkeiten bei klar definierten und unspezifischen Krankheiten und eine mögliche Synthese der „natürlichen“ Präparate. Dies diente der Professionalisierung der Experten und war immer auch wirtschaftlich begründet.

Falsch wäre es, von einem plötzlichen Einbruch der Droge in eine vermeintlich heile, vor allem aber drogenferne Welt auszugehen. Dem stehen nicht nur die häufig exzessive Festkultur der frühen Neuzeit und der immense Bedeutungsgewinn des „Branntweinteufels“ seit dem 17. Jahrhundert entgegen, sondern auch die breit debattierten Gefährdungen von gesellschaftlicher Ordnung und „Volkswohlfahrt“ durch die Kolonialprodukte Kaffee und Tabak. [6] Die gesundheitlichen Wirkungen und Gefahren des Haschisch in Europa waren bereits während der frühen Neuzeit grundsätzlich bekannt, ohne dass diese jedoch praktische Auswirkungen hatten. Die häufig erwähnte französische Besetzung Ägyptens im späten 18. Jahrhundert, dann aber vor allem die Forschungen des britischen Mediziners und Unternehmers William O’Shaughnessy (1809-1889) in Indien in den späten 1830er Jahren führten zwar zu beträchtlichen Resonanzen, doch die möglichen berauschenden, heilenden und toxischen Wirkungen des Hanfes waren wahrlich nicht neu. Im Zedlerschen Universallexikon wurden nicht nur die Heilwirkungen des heimischen Hanfes, sondern auch das Haschisch ausführlich erörtert. [7] In der Krünitzschen Encyclopädie hieß es analog 1789: „Die Hanfpflanze hat in allen ihren Theilen einen starken Geruch, und eine besondere Kraft den Geist zu ermuntern, und gleichsam trunken, oder gar verwirrt zu machen“ [8] – und sie enthielt ebenfalls eine umfangreiche Darstellung des Haschisch und seiner Wirkungen.

01_Isar-Zeitung_1862_11_03_Nr304_p1

Neugier, geteilt in der Öffentlichkeit: Ein ärztlicher Bericht über Rauscherfahren (Isar-Zeitung 1862, Nr. 304 v. 3. November, 1)

Schon lange bevor sich die aufkommenden Naturwissenschaften der Droge annahmen, hatten Reisende über deren Kultur vornehmlich in den arabischen Ländern berichtet. [9] Als Anfang der 1840er Jahre mehrere britische Forscher mit Cannabis Indica behandelt hatten, vermerkte ein deutscher Rezensent kühl: „Diese Abhandlung über die Arzneikraft der bezeichneten Pflanze dürfte in Deutschland wenig Aufmerksamkeit erregen; da unsere Aerzte mit den Wirkungen derselben längst bekannt sind und nur daraus abnehmen könnten, dass dieselbe bisher not in medical use in England gewesen ist.“ [10] Bereits 1821 hatte der spätere Amtsarzt Ferdinand Tscheppe die Blätter des einheimischen Cannabis Sativa chemisch untersucht, um darin den wirksamen Stoff des Opiums oder einen ähnlichen Stoff zu finden. [11] Schon vor dem eigentlichen Drogendiskurs waren die möglichen Wirkungen des einheimischen Cannabis bekannt und ansatzweise untersucht worden. Die Hanfverarbeitung hatte demnach potenziell narkotische, schwächende und trübende Auswirkungen auf die meist weiblichen Arbeiter und Bauern. Die giftigen Wirkungen des Röstens, also des Wässerns der Hanfstängel nach der Ernte, auf Wasserläufe und Fischbestand waren bekannt und hatten zu zahlreichen Beschränkungen geführt. Und wenn in einem Hauswirtschaftsbuch gemahnt wurde, darauf zu achten, daß das Geflügel „ja keinen jungen Hanf bekommen [solle, US], denn davon sterben sie“ [12], so war dies Ausdruck einer alltagskulturellen Gefahrenprävention, eines auf Erfahrungswissen beruhenden Umgangs mit der immer auch als Gefährdung verstandenen Pflanzenwelt.

02_Bibra_1855_pI und Martius_1856_pI

Erfahrungsgesättigte Publizistik über den Indischen Hanf Mitte des 19. Jahrhunderts

Gleichwohl setzte eine breitere wissenschaftliche Untersuchung der Droge Hanf erst um 1840 ein, nachdem zuerst in England, dann auch in Frankreich medizinische Beschreibungen mit der Entwicklung neuer Heilmittel einhergingen. [13] Neue Marktchancen waren entscheidend – und deutsche Ärzte bedauerten, „dass man nicht eher den arzneilichen Wirkungen des ausländischen Hanfes nachgeforscht hat“ [14]. Schon 1840 erschien eine knochentrockene chemische Analyse des nun in Haschischform importierten Indischen Hanfes, es folgten zahlreiche medizinische Untersuchungen. [15] In Deutschland war man sich sicher, die englischen und französischen Forschungen rasch übertreffen zu können. [16] Selbstversuche wurden unternommen, die Zahl der Patientengeschichten schwoll rasch an. [17] Parallel begannen erste gezielte Kausalanalysen, etwa über die Bedeutung des Indischem Hanfes für die Einhegung des Wundstarrkrampfes oder aber die Geburtshilfe. [18] In Berlin, Würzburg, Marburg, Erlangen und weiteren Klinikstandorten wurden Experimente an Tieren und Menschen durchgeführt. [19] Der Fürther Mediziner Georg Fronmüller (1809-1889), der seit 1850 mit Cannabis experimentiert hatte, charakterisierte diese Bewegung pointiert: „Es ergab sich, dass das erst in letzter Zeit im Abendlande bekannt gewordene Mittel Anfangs als neues Narkotikum freudig gegrüsst, von vielen Collegen bereits als unsicher und schwach wieder verlassen worden war, in Deutschland sowohl als in Frankreich. In vielen deutschen Spitälern war damit experimentirt worden; mitunter erzielte man auch überraschende Erfolg. Die Sache schlief jedoch wieder ein.“ [20] Der Umgang mit dem neuen Präparat blieb jedoch ambivalent. Die Beschreibungen vom Haschischrausch faszinierten Ärzte und eine kleine bürgerliche Öffentlichkeit, doch zugleich begann ein Risikodiskurs. [21] Eine erste detaillierte Beschreibung der „Cannabis-Krankheit“ findet sich 1853. [22] Dies war allerdings noch nicht eine grundsätzliche Verdammung als Rauschgift, wie sie etwa 1871 der amerikanische Mediziner Alonzo Calkins (1804-1878) vorlegte. [23] Stattdessen ging es um die Erkundung eines Wirkungsspektrums. Hier aber blieb Cannabis obskur. Georg Fronmüller hob die widersprüchlichen Ergebnisse der Forschung hervor, die Folge sehr unterschiedlicher Rohmaterialien waren. Zugleich aber gab es – auch angesichts der Debatten über die Unterschiede der heimischen Cannabis Sativa und der importierten Cannabis Indica – offenkundige Unterschiede zwischen Orient und Okzident: „Ein zweiter Grund für den Rückgang der Hanfanwendung ist darin zu suchen, dass das Mittel im Orient ganz anders wirkt als in Europa.“ Es sei davon auszugehen, „dass irgend ein flüchtiger Stoff in der Hanfpflanze befindlich ist, wahrscheinlich ätherisches Oel, welches auf der Reise zu uns verdunstet.“ Die Konsequenzen waren typisch für seriöse Wissenschaftler: „Diese Verhältnisse machten einen grossen Theil der Praktiker zaghaft und verhinderten sie, zu den höheren Dosen überzugehen, die allein einen sicheren Erfolg erwarten lassen.“ [24] Das Abebben des wissenschaftlichen Interesses am indischen Hanf war also eine für diese Zeit grundlegende Skepsis gegenüber vermeintlichen „Naturprodukten“, die nicht präzise analysiert werden konnten und kein klares Wirkungsspektrum aufwiesen.

Selbstverständlich flossen während des Zeitalters des Nationalismus auch Kulturdeutungen in die Analyse des Haschisch mit ein. Forschung diente der Erklärung der Alltagspraktiken rückständiger Kulturen im arabischen und vielfach auch islamischen Umfeld. Wenngleich vereinzelt auf die Arbeiten und damit die Kompetenz arabischer Ärzte zurückgegriffen wurde [25], bot die Kenntnis vom Indischen Hanf doch auch eine Erklärung und Begründung für den Bedeutungsverlust des Osmanischen Reichs, die Kolonialisierung Indiens und die informelle Beherrschung Nordafrikas.

03_Hager_1883_p703

Cannabisextrakt in einem pharmazeutischen Handbuch (Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, T. 1, 4. Abdruck, Berlin 1883, 703)

Generell unterschied sich die Erforschung des Indischen Hanfes nicht sonderlich von der anderer potenzieller Heilpflanzen. Haschisch wurde gegen eine recht willkürlich erscheinende Zahl von Krankheiten eingesetzt, sollte dabei nicht zuletzt das aufgrund offenkundiger Abhängigkeiten zunehmend kritisch bewertete Opium ersetzen. [26] Es ging um Rheuma, Neuralgien und Krämpfe, um Schlaflosigkeit, Entzündungen und Reizzustände der Atem- und insbesondere der Harnwege. Ebenso breit gefächert wie die Krankheiten war jedoch auch das Präparat selbst. Die Versuche der 1840er und 1850er Jahre enthalten immer wieder genaue Berichte über die Herkunft des untersuchten Haschisch, das aus vieler Herren Länder in vielfältigen Formen und unter zahlreichen fremdländischen Namen zu den Experten gelangte. Generelle Aussagen waren daher kaum möglich: „Der Hanfsamen ist […] ein in Bezug auf Grad und Art seiner Wirkung, nach Verschiedenheit der Individualität und des psychischen Charakters, sowohl im gesunden als kranken Zustande die grösste Mannigfaltigkeit darbietendes, und darum eben höchst unsicheres Mittel, dessen Anwendung die äusserste Vorsicht erfordert.“ [27] Hanfpräparate wurden daher nur zurückhaltend eingesetzt. Als die Troppauer chemische Fabrik G. Hell & Co. Anfang der 1890er Jahre ein stärker wirkendes Extractum Cannabis indicae einführen wollte, traf sie bezeichnenderweise auf den Widerstand vieler Ärzte, die mildere Präparate bevorzugten. [28] In den USA wurden deshalb deutlich mehr Hanfvarietäten zugelassen als in Europa. [29]

Vor dem Hintergrund des raschen Aufstieges der organischen Chemie und der Pharmazie blieb die Unsicherheit über die Wirkung des Indischen Hanfes ein wichtiger Antriebspunkt für die weitere Erforschung möglicher Wirkstoffe, besser, des einen Wirkstoffes. [30] Dass es einen solchen geben müsse, folgerten die Experten aus den beträchtlichen Erfolgen der bakteriologischen Forschung, durch die Infektionskrankheiten wie Cholera, Diphterie, Typhus und Tetanus erfolgreich bekämpft werden konnten. Schon früh schien klar, dass es um „flüchtige Stoffe“ ging, „welche in Verbindung mit einem Harze in besonderen winzigen drüsenartigen Gebilden erzeugt werden“ [31]. Gleichwohl waren die chemischen Kenntnisse bis in die 1890er Jahre „sehr dürftige.“ [32] Was hieß das? Dazu muss man sich auf eine andere, gleichsam vortastende Sprache einlassen, die ihre Unsicherheit gegenüber dem Untersuchungsgegenstand noch transparent ließ: „Das Cannabiskraut enthält etwa 0,3 % eines characteristisch riechenden ätherischen Oeles, welches […] aus Cannaben C18 H20 und Cannabenwasserstoff C18 H22 bestehen soll, ein braunes Weichharz (Cannabinon), ein Cannabin [auch Haschischin] genanntes Glycosid, welches schlaferregende Wirkung besitzt, Harzsäuren ohne physiologische Wirkung, Chlorophyll, Hanföl, herrührend von den anhängenden, eingeklebten Früchten, deren gänzliche Entfernung unmöglich ist. Ferner ein Tetanin […] (Tetano-Cannabin) genanntes Alkaloid, dessen Zusammensetzung nicht näher bekannt ist, welches aber dem Strychnin ähnliche Wirkung besitzen soll. Ausserdem eine eigenthümliche krystallisirende Säure, die Hanfsäure, endlich Gerbsäure, wässerige Extractivstoffe, mineralische Salze. Diese Stoffe sind in der Tinctura Oannabis indicae sowohl, wie in dem Extractum Cannabis indicae zum Theil wenigstens enthalten, woraus sich leicht erklärt, dass diese Formen besonders geschätzte Arzneimittel nicht werden konnten, umsomehr, als der Gehalt der einzelnen Substanzen in den Rohmaterialien ein stets schwankender ist.“ [33]

In der heutigen chemischen und pharmazeutischen Literatur wird vielfach behauptet, dass 1896 erstmals Cannabinol (als C18 H24 O2) identifiziert worden sei – damals als den vermeintlichen Wirkstoff des Indischen Hanfes, nicht als ein nicht psychoaktives Cannabionid. [34] Die unmittelbar einsetzende Kritik verwies jedoch nicht allein auf die Unwahrscheinlichkeit, „dass eine so schwer zersetzbare Substanz wie das Cannabinol der Träger der Wirksamkeit der in dieser Hinsicht so leicht veränderlichen Droge sein könnte,“ [35] sondern konzentrierte sich auch andere Stoffe als vermeintliche psychoaktive Wirkstoffe. Die britischen Autoren räumten ihre technischen Fehler 1899 ein, behielten den Begriff Cannabinol, verwandten ihn nun aber für die auch heute noch gültige Summenformel C21 H26 O2. [36] Der Wiener Chemiker Sigmund Fränkel (1868-1939) nannte dies jedoch Pseudocannabinol und bezeichnete seinerseits 1903 C21 H30 O2 als Cannabinol. [37]

04_Fränkel_1903_p280_Cannabis_Rausch_Tierversuche_Hunde

Hunde im Cannabisrausch – Tierversuche von Sigmund Fränkel 1903 (Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 49, 1903, 280)

Dem Wiener Pharmazeut Max Czerkis gelang es kurz darauf dank „einer verbesserten Apparatur bei niedrigerem Druck und verfeinerter Messung“ [38] das Fränkelsche Cannabinol weiter auszudifferenzieren. Entsprechend plädierte er für C18 H24 O3 als eigentlichen Wirkstoff und als Ausgangspunkt für eine erstrebenswerte Isolation und Synthese. [39]

05_Pharmazeutische Post_43_1910_p759

Pharmazeutisches Laboratorium der Wiener Apotheke Zum heiligen Geist, 1910 – Wirkungsstätte von Max Czerkis (Pharmazeutische Post 43, 1910, 759)

Bei derartigen Rekonstruktionen geht es nicht darum, Fehler der Vergangenheit zu benennen, sondern die strukturellen Schwierigkeiten naturwissenschaftlicher Wirkungsnachweise und der ihnen zugrunde liegenden (kulturellen) Modellannahmen aufzuzeigen. Mit dem Cannabinol war für die Erforschung der Droge Hanf ein ähnliches Flaggenwort geschaffen worden, wie 1911 durch den russisch-polnischen Chemiker Casimir Funk (1884-1967) für die „Vitamine“. Wagende begriffliche Modelle wiesen der biochemischen Forschung mögliche Wege, auch wenn es sich sowohl bei den Vitaminen als auch beim Cannabinol um sehr heterogene Stoffgruppen handelte, für die ein einziges Erklärungsmuster nicht ausreichen konnte. Das wussten schon die Zeitgenossen: Der Zürcher Pharmakologe Carl Hartwich (1851-1917) monierte 1911: „Vielleicht ist das Cannabinol aber nicht allein Träger der Wirksamkeit, denn die damit beobachteten Erscheinungen scheinen nicht sehr stark gewesen zu sein. [40]“ Im seinerzeit maßgebenden pharmazeutischen Handbuch resümierte man 1919 mit wohlverstandener Demut: „Ueber die die narkotische Wirkung bedingenden Stoffe herrscht wenig Klarheit. Cannabin, Oxycannabin, Cannabinin, Tetano-Cannabin sind nicht einheitlich, sondern anscheinend Gemenge harzartiger Körper vielleicht mit Alkaloiden.“ [41] Die Cannabinoide sind auch heutzutage nicht vollständig analysiert – so wie ein Großteil auch werblich genutzter anderer Stoffgruppen, etwa der sekundären Pflanzenstoffe. Heute übernimmt das 1964 isolierte Tetrahydrocannabinol die Rolle als stofflicher Marker der psychoaktiven Wirksamkeit von Hanfprodukten. Dies ist jedoch nur eine Annäherung an komplexe Wirkungsmechanismen, die mit einer simplen stofflich reduzierten und kausalen Logik kaum vollständig einzufangen sind. Synthetische Vitaminpräparate wirken schließlich auch anders als die analogen Stoffkonglomerate frisch aus der Speise.

Trotz der beträchtlichen Unsicherheiten bei den Wirkstoffen blieben Präparate aus Indischem Hanf bis zu dem 1929 erfolgten Verbot gängige Apothekerwaren. [42] Der Grund für dieses Verbot war diplomatischer Natur, resultierte nicht aus hohen Raten Abhängiger oder größeren Gefahren für die vielbeschworene „Volksgesundheit“. Es wurde notwendig aufgrund der am 26. Juni 1929 erfolgten deutschen Ratifizierung des Genfer Opiumabkommens vom 19. Februar 1925 und diente vornehmlich der Harmonisierung der deutschen und der internationalen Rechtslage. Dazu galt es, das bereits am 21. März 1924 revidierte Betäubungsmittelgesetz vom 30.12.1920 zu verändern, mit denen das Deutsche Reich die Vorgaben des internationalen Opiumabkommens vom 23. Januar 1912 – und des Versailler Vertrages – in geltendes deutsches Recht umgesetzt hatte. Ziel war ein direkterer Durchgriff auf die Art und die Verwendung von Betäubungsmitteln, seinerzeit vor allem Opiumpräparate, insbesondere Kokain und Heroin. Damit war noch kein vollständiges Verbot ausgesprochen, wurde damit doch „ein Feind bekämpft, dessen Hülfe die Medizin immer noch nicht entbehren“ [43] konnte. Ärzte konnten Cannabispräparate weiterhin als Arznei nutzen.

Frühere Verbote, etwa das von Haschisch und dem Rauchen von Hanfsamen in Ägypten durch die französischen Kolonialherren vom Jahre 1800, waren Konsequenzen direkt beobachteter schädlicher Wirkungen. [44] In Deutschland gab es um die Mitte des 19. Jahrhunderts erste Verkaufsbeschränkungen, doch Verbote, Cannabis Indica an Nicht-Apotheker in Mengen nicht unter einem Pfund zu kaufen, dienten vornehmlich den Standesinteressen der Apotheker und Ärzte, waren noch nicht Maßnahmen der Drogenbekämpfung. [45] Hanf war Mitte des Jahrhunderts noch ein Alltagsprodukt, mochte es sich auch um Cannabis Sativa, nicht um Cannabis Indica handeln. Letzteres galt als Heilmittel. [46] Mit Gründung des Deutschen Reiches wurden Hanfpräparate daher apothekenpflichtig. [47]

Während der Jahrhundertmitte war der Präparatemarkt allerdings kaum reguliert. Pointiert hieß es aus Bayern: „Der Extract. Cannabis indicae wird jetzt auch in England, Frankreich und in einigen deutschen Städten ächt bereitet und von den Aerzten beliebig in Pillen, Tropfen oder Latwergen verabreicht. Als Narcoticum, leicht berauschendes Mittel, mag es seinen Werth haben, möglich, daß es in größerer Gabe auch krampf- und schmerzstillend wirkt.“ [48] Diese pharmazeutischen Präparate waren noch nicht standardisiert, auch wenn es Verfahren der Qualitätskontrolle gab. Sie erfolgten per Sinnesprüfung, wurden aber zunehmend in die Sprache der organischen Chemie überführt. Entsprechend hieß es in der seinerzeit führenden Arzneimittelkunde zu Hanfsamen bzw. Cannabis: „Geruch aller Pflanzentheile unangenehm, betäubend. Geschmak der Samen süßlich schleimig, unangenehm“ – und dann zu den Samenbestandteilen: „1) Fettes Oel. 2) Pflanzeneiweiss (Emulsin). 3) Schleimzucker mit Extractivstoff. 4) Braunes gummiges Extract. 5) Hanfharz. 6) Vegetabilischer Faserstoff. 7) Hülsen.“ [49]

Als Heilmittel wurde Hanf vor dem Aufkommen des Indischen Hanfes nur sporadisch genutzt. In den der Fürstin Philippine Welser zugeschriebenen Rezeptbüchern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts tauchten Hanfsamen als Mittel gegen Rachitis auf. [50] Auf die humoralpathologischen Verweise im Zedlerschen Universallexikon wurde schon hingewiesen. Krünitz erwähnte im späten 18. Jahrhundert die auch noch um 1900 üblichen Milchemulsionen aus Hanfkörnern, die Schwangeren stärkten und die Niederkunft verzögerten. [51] Auch der Kameralist Georg Gottfried Strelin (1750-1833) vermerkte „mancherley Heilkräfte“ [52] der Hanfpflanze, ging jedoch nur auf veterinärmedizinische Anwendungen ein. Erst im frühen 19. Jahrhundert gab es ein etwas stärkeres Interesse an der heimischen Gespinstpflanze, so etwa seitens des Begründers der Homöopathie Samuel Hahnemann (1755-1843). Dieser nutzte die gesamte Pflanze, verarbeitete sie zu Hanfsaft, mischte sie mit Ethanol, und wandte das so gewonnene Präparat gegen Geschlechtskrankheiten, Brustleiden und Erkrankungen der Sinnesorgane an. [53] Es war der Indische Hanf, der ein stärkeres Bewusstsein dafür schuf, dass Hanf auch ein gesundheitsförderliches Heilmittel sein konnte. [54] In den frühen 1850er Jahren nahm der Apotheker Stutzbach in Hohenmölsen, dann aber vor allem E. Merck in Darmstadt die Produktion von Cannabisextrakt auf. Dieser diente auch zur Produktion von Hanföl (für Einreibungen), Opodeldok (gegen Rheumatismen) und Hanfchloroform (zum Inhalieren). Neben dem Extrakt wurde auch Hanfbutter hergestellt, Stutzbach mischte zudem „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen. [55]

Hanf fand daher einen Platz im preußischen Arzneibuch von 1861. [56] Im ersten noch in lateinischer Sprache veröffentlichen reichseinheitlichen Arzneibuch waren 1872 dann die für die Folgejahrzehnte gängigen Präparate enthalten: Extractum Cannabis Indicae – Indischer Hanfextrakt, Fructus Cannabis – Hanfsamen, Herba Cannabis Indicae – Indischer Hanf und Tinctura Canabis Indicae – Indischhanftinktur. [57] Cannabis Indicae war damals ein Heilmittel, das (zumindest in Bayern) in jeder Apotheke vorrätig sein musste. [58] Art und Bedeutung dieser medizinische Hanfpräparate dokumentieren die einschlägigen Passagen aus der damals gültigen Arzneiverordnungslehre. [59] Sie wurden vornehmlich in Alkohol gelöst, dienten als Narkotikum, zur Hypnose, wurden gegen Asthma eingesetzt. Die Standardanwendungen verdeutlichen zugleich immense Dosierungsprobleme, die teils um das mehr als Zehnfache differierten. Die eher zurückhaltende Verordnungs- und Verabreichungspraxis der Ärzte resultierte auch aus den damit verbundenen Unsicherheiten.

06_Würzburger Stadt- und Landbote_1873_02_24_Nr047_Beilage_p2

Werbung für Grimaults „Indische Cigaretten“ 1873 (Würzburger Stadt- und Landbote 1873, Nr. 47 v. 24. Februar, Beilage, 2)

Neben diesen Apothekerwaren gab es im Deutschen Reich, aber auch in anderen europäischen Staaten, eine Reihe von pharmazeutischen Markenartikeln. Das bekannteste Segment waren wohl Medizinalzigaretten, sog. „Asthma-Zigaretten“. Die seit 1867 in der gesamten westlichen Welt beworbenen und vertriebenen „Indischen Cigaretten“ des Pariser Pharmazieanbieters Grimault & Co. ragten hervor. Sie waren ein typisches Geheimmittel, sollten vor allem gegen Asthma und Bronchialkrankheiten helfen. Morgens und abends geraucht, „hören die Schwierigkeiten des Athmens, die Erstickungsanfälle und das pfeifende Athmen baldigst auf. Ein starker Auswurf wird dadurch ohne Anstrengung hervorgerufen, der trockene Husten vermindert sich, die Beklemmung verschwindet und ein wohlthuender Schlaf beendet die für den Kranken und seine Umgebung so peinlichen Symptome.“ [60] Grimaults Produkte waren in Deutschland bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erhältlich, auch wenn die Anpreisung als „Indische Cigaretten aus Cannabis Indica“ [61] offenkundig irreführend war. Chemische Analysen in Österreich fanden im Produkt 1880 lediglich Belladonnablätter. [62] Daraufhin wurde 1882 die Ein- und Durchfuhr der Zigaretten in Österreich verboten. [63] Weitere Untersuchungen in Deutschland bestätigten die Kernaussage, konnten jedoch sehr geringe Mengen von Cannabis Indica nachweisen. [64] Auch Hamburg untersagte daraufhin 1885 den Vertrieb, in Baden gab es einschlägige öffentliche Warnungen. [65] Grimaults Medizinalzigaretten verloren an Bedeutung, blieben aber Handelsartikel. Andere, ebenfalls meist aus Frankreich stammende Asthmazigaretten ohne Cannabiszusatz gewannen Marktanteile. Im deutschen und im österreichischen Markt gab es jedoch auch andere Cannabiszigaretten, etwa die 1900/01 beworbenen Bronchicol-Zigaretten. [66] In der Hanfaktivistenliteratur wurde ferner (ohne Beleg) behauptet, dass auch abseits von Apotheken erhältliche Zigaretten sowohl der im ägyptischen Port Said ansässigen Firma Simon Arzt als auch der Österreichischen Tabakregie Cannabiszusätze enthalten hätten. [67] Nachweise konnte ich allerdings nicht finden.

07_Berliner Tageblatt_1901_07_10_Nr344_p4

Hanfextrakt gegen Hühneraugen. Werbung der Radlauerschen Kronenapotheke 1901 (Berliner Tageblatt 1901, Nr. 344 v. 10. Juli, 4)

Es gab zudem eine Reihe cannabishaltiger Arzneimittel. Hühneraugentinkturen und auch -pflaster enthielten in vielen Fällen Cannabisextrakte, auch wenn deren Handverkauf im Deutschen Reich erst ab 1896 erlaubt war. Sie wurden meist mit der 1874 isolierten und dann industriell hergestellten Salicylsäure und Kollodium kombiniert. [68] Die Angebote stammten anfangs vor allem von einzelnen Apothekern, wurden dann von US-Anbietern als Markenartikel und schließlich auch von führenden deutschen Pharmazieanbietern vermarkt. Einigen Schmerzmittel wurden ebenfalls Cannabisextrakt zugefügt. [69] Auch das seit Ende der 1880er Jahre in Deutschland angebotene und in den USA hergestellte Schlafmittel Bromidia enthielt Hanf und Bilsenkraut, vor allem aber Chloralhydrat und Brom. [70] Damit sind die wichtigsten Angebotsgruppen benannt, auch wenn die Zahl der Präparate natürlich größer war. Eine detaillierte Analyse folgt an anderer Stelle.

08_Wiener Medizinische Wochenschrift_44_1894_p44_Bromidia_Schmerzmittel

Schlaf durch Bromidia – Anzeige von 1894 (Wiener Medizinische Wochenschrift 44, 1894, 44)

Fasst man zusammen, so findet man um die Jahrhundertwende eine nicht völlig vernachlässigbare, keineswegs aber wirklich bedeutsame Palette von grundsätzlich zugänglichen Cannabispräparaten. Sie wurden zumeist über Apotheker und Mediziner vertrieben und verordnet. Cannabisextrakte waren anfangs Teil des Bedeutungsgewinns moderner Pharmazeutika. Sie wurden, ähnlich wie die damaligen Arzneien Kokain, Heroin, Morphium oder Veronal, öffentlich beworben, waren also auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. [71] Cannabispräparate galten als Heilmittel, nicht als öffentliche Gefahr. Die Haschischkultur galt als exotisch, stand real und noch stärker imaginär für den Nahen Osten und Indien, nicht aber für die „zivilisierten“ Staaten Mitteleuropas. Es mag einen gewissen illegalen Handel mit ihnen gegeben haben, doch dieser hatte keinen nennenswerten Umfang. Selbst während der Nachkriegs- und Inflationsjahre gab es keine relevante öffentliche Debatte über Haschisch und Cannabispräparate – anders als etwa über Morphium und Kokain. Das Verbot 1929 war denn auch keineswegs einschneidend und wurde öffentlich kaum diskutiert.

Nach der Jahrhundertwende war die anfängliche Euphorie über den Indischen Hanf und seine vermeintlich vielfältigen Heilwirkungen schon längst verflogen. Im Rahmen des allgemeinen Aufschwunges der pharmazeutischen Industrie fanden sich Anwendungsfelder für Cannabispräparate, doch diese blieben eher randständig, zumal sie auch bei erfolgreichen Medikamenten eher Zusatzstoffe blieben. Cannabispräparate teilten somit das Schicksal vieler „Naturpräparate“. Sie wurden nur so lange genutzt, bis leistungsfähigere Arzneimittel mit standardisierter Zusammensetzung und klarer Wirkung verfügbar waren. Am wichtigsten wurde für Cannabis die Primärverwendung als Schlafmittel und der Sekundareinsatz bei Hühneraugenmittel. Asthmazigaretten bewarben zwar die heilende Wirkung des Cannabisextraktes, ihre Wirkung beruhte jedoch anderen Wirkstoffen. Obwohl es eine Reihe weiterer Anwendungsfelder gab, sank die Bedeutung des Indischen Hanfes im pharmazeutischen Sektor nach der Jahrhundertwende. Andere, wirkungsfähigere Medikamente kamen auf, traten an die Stelle von Präparaten, die mangels präziser chemischer Analytik und wegen unzureichender Kenntnisse der Wirkstoffe und Wirkmechanismen nur bedingt den Kriterien modernen Arzneimittel entsprachen. Cannabispräparate konnten im langen 19. Jahrhundert den in sie anfänglich gesetzten Hoffnungen nicht gerecht werden. Ihre höchste Bedeutung hatten sie in den 1890er Jahren, danach folgte ein relativer und dann auch absoluter Abstieg. Erst die spätere kulturelle Aufladung der Präparate durch einen Imagewandel auf Seiten der Konsumenten und eine in sich widersprüchliche Anti-Drogenpolitik machten Indischen Hanf wieder zu einem öffentlichen Thema. Der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes im langen 19. Jahrhunderts endete im frühen 20. Jahrhundert. Er endete nicht aufgrund einer damals noch nicht entwickelten Antidrogenpolitik. Er endete aufgrund der Marktmechanismen einer sich entwickelnden pharmazeutischen Industrie und einer wachsenden Zahl von Konsumenten, die Produkten mit relativ klaren Wirkungen und Wirkmechanismen ihr Vertrauen schenkten.

Uwe Spiekermann, 14. September 2019

Quellen- und Literaturhinweise:
[1] Die im 19. Jahrhundert noch gängige Unterscheidung von Cannabis Sativa und Cannabis Indica als zwei strikt unterschiedliche Pflanzenarten wurde zunehmend zugunsten der Vorstellung von nur einer, sich jeweils spezifisch an Klima und Böden angepassten Pflanzart aufgegeben.
[2] Vgl. Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, insb. 7.
[3] Eine Zusammenfassung des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Wissens findet sich – mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen – in: Eva Hoch, Chris Maria Friemel und Miriam Schneider (Hg.), Cannabis: Potenzial und Risiko, Berlin 2019 resp. Ernst Small, Cannabis. A Complete Guide, Boca Raton 2017 (mit irreführenden Hinweisen auf Gefängnisarbeit, ebd., 94).
[4] Barna Bridgeman und Daniel T. Abazia, Medical Cannabis: History, Pharmacology, And Implications for the Acute Care Setting, Pharmacy & Therapeutics 42, 2017, 180-188 enthält lediglich ein Zerrbild der Nutzung des Hanfes für medizinische Zwecke. Fundierter, doch mit zahlreichen Lücken insbesondere im späten 19. Jahrhundert ist Raphael Mechoulam und Lumir Hanus, A historical overview of chemical research on cannabinoids, Chemistry and Physics of Lipids 108, 2000, 1-13. Ein Kernproblem derartiger Publikationen ist die unreflektierte mangelnde Sprachkenntnis der Autoren – und die damit verbundene Ausgrenzung der nicht angelsächsischen Wissenschaftskulturen.
[5] Winfried Häuser, Cannabis als Medizin, in: Eva Hoch, Chris Maria Friemel und Miriam Schneider (Hg.), Cannabis: Potenzial und Risiko, Berlin 2019, 26-30, hier 26.
[6] Vgl. Heinrich Tappe, Auf dem Weg zur modernen Alkoholkultur. Alkoholproduktion, Trinkverhalten und Temperenzbewegung in Deutschland vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1994; Hasso Spode, The first step toward sobriety: the „Boozing Devil“ in sixteenth-century Germany, Contemporary Drug Problems 1995, 453-483.
[7] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 461-462.
[8] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 826.
[9] Die geographische Verbreitung der Berauschungsmittel, Das Ausland 3, 1830, Nr. 181 v. 30. Juni, 723-724, hier 724.
[10] Literarische Zeitung 1843, Nr. 26 v. 1. April, Sp. 422.
[11] Ferd[inand] Tscheppe, Chemische Untersuchung der Hanfblätter, Med. Diss. Tübingen 1821, 3 (mit weiterer Literatur).
[12] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 425.
[13] Vgl. die Literatur in Georgius Freudenstein, De Cannabis Sativae usu ac viribus narcoticis, Marburg 1841.
[14] A.W. Varges, Cannabis indica, Zeitschrift des Deutschen Chirurgen-Vereins 3, 1849, 280-288, hier 280.
[15] Sigmund Schlesinger, Untersuchung der Cannabis sativa, Repertorium der Pharmacie 71, 1840, 190-208.
[16] Ueber Cannabis indica (Indian hemp, Gunjah), von O’Shaugnessy, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 523-524; Gebrauch von Haschisch in Algier, Das Ausland 15, 1842, 499. Als Bezugsgröße dienten zumeist die Publikationen von Ley, Pereira und vor allem O’Shaugnessy, so insbesondere W[illiam] B. O’Shaughnessy, On the Preparations of the Indian Hemp, or Gunjah, (Cannabis Indica), Provincial Medical Journal 6, 1843, Nr. 123, 363-369.
[17] A.W. Varges, Ref. v. Cannabis indica; vom Geh. Sanitätsrat Dr. Wolff, Zeitschrift des Deutschen Chirurgen-Vereins 3, 1849, 65-87.
[18] Franz von Kobylanski, Ueber den Indischer Hanf, mit besonderer Rücksicht auf seine wehenbefördernde Wirkung, Würzburg 1852; Bayerisches Volksblatt 1852, Nr. 227 v. 19. August, 900. Vgl. allgemein Alexander Christison, On the Natural History, Action, and Uses of Indian Hemp, Edinburgh 1851.
[19] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 109.
[20] [Georg] Fronmüller, Klinische Studien über die schlafmachende Wirkung der narkotischen Arzneimittel, Erlangen 1869, 46.
[21] Haschisch-Trunkenheit, Die Gartenlaube 1854, 368; Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, passim.
[22] Heinrich Gottfried Schneider, Handbuch der reinen Pharmakodynamik, Bd. I, Magdeburg 1853, 458-460.
[23] Alonzo Calkins, Opium and the opium-appetite, Philadelphia 1871, 320-330.
[24] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 103-104 (für alle Zitate).
[25] E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Anwendung, Deutsche Klink 1870, Nr. 28 und 29, hier 313.
[26] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[27] Michael Benedict Lessing, Handbuch der speciellen Praktischen Arzneimittellehre, 8. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Leipzig 1863, 34. Auch deshalb unterblieb ein Einsatz als Tierfutter, ansonsten ein gängiges Testfeld vor dem Einsatz am Menschen, vgl. Gutachten über die Wirkung gedörrter Hanfblätter auf die Milchsekretion und Käsebereitung, Archiv für Thierheilkunde 21, 1855, 54-58.
[28] Zur Kritik der Extract-Vorschriften und über fabriksmässig dargestellte Extracte. Aus dem Laboratorium von G. Hell & Comp., Pharmaceutische Post 27, 1894, 147-149, hier 148.
[29] Ueber Hanfsamen und Hanfsamenöl, Drogisten-Zeitung 12, 1897, 484-485.
[30] Vgl. Ueber den indischen Hanf und dessen wirksames Bestandtheil, Archiv der Pharmazie 211, 1877, 189; Der Indische Hanf und dessen wirksames Princip, Archiv der Pharmazie 212, 1878, 378.
[31] Haschisch, Internationale Ausstellungs-Zeitung. Beilage zur Neuen Freien Presse 1873, Nr. 3259 v. 19. September, 2-3, hier 2.
[32] Ernst Schmidt, Ausführliches Lehrbuch der pharmaceutischen Chemie, Bd. 2, 3. verm. Aufl., Braunschweig 1896, 1477.
[33] Bernhard Fischer, Die Neueren Arzneimittel, 5. stark verm. Aufl., Berlin 1893, 291.
[34] T[homas] Barlow Wood, W.T. Newton Spivey und Thomas Hill Easterfield, Charas. The Resin of Indian Hemp, Journal of the Chemical Society, Transactions 69, 1896, 539-546.
[35] Indischer Hanf, Drogisten-Zeitung 13, 1898, 228.
[36] Thomas Barlow Wood, W.T. Newton Spivey und Thomas Hill Easterfield, Cannabinol. Part I., Journal of the Chemical Society, Transaction 75, 1899, 20-36, hier 20.
[37] Sigmund Fränkel, Chemie und Pharmakologie des Haschisch, Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 49, 1903, 266-284, hier 275.
[38] Max Czerkis, Ueber Cannabinol, den wirksamen Bestandteil des Haschisch, Pharmazeutische Post 40, 1907, 49-51, 69-70, 97-98, hier 97.
[39] M[ax] Czerkis, Ueber Cannabinol, den wirksamen Bestandteil des Haschisch, Pharmazeutische Post 42, 1909, 794-795.
[40] C[arl] Hartwich, Die menschlichen Genussmittel, Leipzig 1911, 236.
[41] B[ernhard] Fischer und C[arl] Hartwich (Hg.), Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1919, 591. Ähnlich urteilte Wilhelm Mitlacher, Die offizinellen Pflanzen und Drogen, Wien/Leipzig 1912, 13.
[42] Einen anregenden Überblick bietet – trotz der Fokussierung vor allem auf die Schweiz – J[akob] Tanner, Kurze Geschichte und Kritik der Drogenprohibition im 20. Jahrhundert, Zeitenblicke 8, 2009, Nr. 3 (http://www.zora.ush.ch).
[43] H. Rebmann, Kampf den Nervengiften! Nach der Konvention des Völkerbundes, Vorwärts 1930, Nr. 58 v. 4. Februar, 5.
[44] L[ouis] Lewin, Phantastica. Die betäubenden und erregenden Genussmittel, Berlin 1924, 102.
[45] Verzeichniß derjenigen chemischen und pharmazeutischen Präparate und Arzneiformen, welche Nicht-Apotheker nicht unter einem bürgerlichen Pfunde verkaufen dürfen, Amtsblatt der Regierung zu Düsseldorf 1858, Nr. 33 v. 5. Juni, 341-349, hier 344 (aufgrund der Verordnung den Debit der Arzneiwaaren betreffend v. 29. Juli 1857, einer Revision des Reglements vom 16. September 1836).
[46] Der Begriff Heilmittel wird hier im modernen pharmazeutischen Sinne verstanden. Im heutigen Buchmarkt kursieren stattdessen zahlreiche unwissenschaftliche Publikationen, etwa Wernard Bruining, Hanf heilt. Die Wiederentdeckung einer uralten Volksmedizin, Immenstadt 2013.
[47] So die Verordnung v. 25. März 1872 (Amtsblatt der königlichen Regierung zu Düsseldorf 1872, Nr. 18 v. 4. Mai, 149-152, hier 151), die durch die Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln v. 4. Januar 1875 nochmals bestätigt wurde (Amtsblatt der Königlichen Kreishauptstadt Landshut 1, 1875, Nr. 3 v. 27. Januar, 15-16, hier 16).
[48] Bayerisches Volksblatt 4, 1852, 900.
[49] Michael Benedict Lessing, Handbuch der speciellen Praktischen Arzneimittellehre, 8. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Leipzig 1863, 34.
[50] Otto Zekert, Die Rezeptsammlung der Philippine Welser (Fortsetzung), Scientia Pharmaceutica 12, 1941, 1-4, hier 4.
[51] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[52] Georg Gottfried Strelin, Realwörterbuch für Kameralisten und Oekonomen, Bd. 4, Nördlingen 1788, 514.
[53] Samuel Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, T. 1, 2. verm. Aufl., Dresden 1822, 145-165.
[54] Die einschlägige medizinische Literatur vornehmlich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien wurde (mit manchen Lücken) chronologisch zusammengestellt von Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 5-16.
[55] Ebd., 39, 58-63.
[56] O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung sämmtlicher in der Pharmacopoea Borussica aufgeführten offizinellen Gewächse, H. 17-24, Leipzig 1861, Tafel XIXb.
[57] Pharmacopoea Germanica, Berlin 1872, 111, 160, 175, 342.
[58] Verzeichniß derjenigen Arzneistoffe und Präparate, welche in jeder selbstständigen Apotheke vorhanden sein müssen, Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberbayern 1872, Nr. 95 v. 5. November, Sp. 2106-2122, hier Sp. 2114.
[59] Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 299, 481, 684.
[60] Karlsruher Zeitung 1881, Nr. 33 v. 8. Februar, s.p.
[61] Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 150 v. 1. Juni, 4.
[62] Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349.
[63] Bozener Zeitung 1882, Ausg. v. 21. Juni, 3.
[64] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 191.
[65] Pharmazeutische Post 31, 1898, 381.
[66] Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 568 v. 5. Dezember, 11.
[67] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 165.
[68] Hermann Hager, Kommentar zum Arzneibuch für das Deutsche Reich, Ausgabe 3, Bd. 1, Berlin 1891, 151.
[69] Die Angabe von Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 148, dass das 1894 eingeführte Migränin Hanfextrakt enthalten habe, ist falsch.
[70] Drogisten-Zeitung 3, 1888, 466.
[71] Das gilt auch für Suchtfolgen, annoncierten Sanatorien doch für Entziehungskuren, so etwa Illustrirte Zeitung 113, 1899, 547; Der Welt-Spiegel 1924, Ausg. v. 27. April, 7.

Von der Kunstbutter zur Margarine – Eine Exkursion zu den Anfängen der Speisefettproduktion 1860-1890

„Margarine“ ist eine Sprachschöpfung des deutschen Reichstages. Das 1886 vorgelegte Gesetz „betreffend den Verkehr mit Ersatzmitteln für Butter“ sollte gemäß Regierungsvorlage lediglich Ordnung in den chaotischen Markt mit der neuartigen „Kunstbutter“ bringen. Doch für die Mehrheit der Parlamentarier war das nicht ausreichend. Sie wollte die Veränderungen im Fettsektor auch sprachlich einhegen und damit bändigen. Der fremde, wissenschaftlich hergeleitete Begriff „Margarine“ dient seit dem Erlass des ersten „Margarinegesetzes“ 1887 als Dachbegriff für eine stetig wachsende Zahl von Fettzubereitungen, die nicht Talg, vor allem aber nicht Butter waren. „Reine“, „gute“ Butter, versteht sich.

Margarine wurde eine Erfolgsgeschichte, global, aber auch in Deutschland: Die Produktion stieg von ca. 15.000 t 1887 über 100.000 t 1900 auf 210.000 t 1913 (W[alther] G. Hoffmann, 100 Years of the Margarine Industry, in: J[ohannes] H[ermanns] van (Hg.), Margarine. An Economic, Social and Scientific History 1869-1969, Liverpool 1969, 9-36, hier 22). Der Aufschwung während der Weimarer Zeit war noch spektakulärer, später konnte gar der Konsum von Butter übertroffen werden. Auch wenn die heutigen Konsumdaten weit unter dem Spitzenwert von 1970 liegen (8,9 kg pro Kopf und Jahr versus heutzutage ca. 4 kg), so war doch klar, dass die Margarine gefeiert werden musste, als sich am 15. Juli der Tag des Patentantrages des französischen Chemikers Hippolyte Mège-Mouriès (1817-1880) zum 150sten Male jährte. Medien sekundierten (Erinnerung im Deutschlandfunk) – und ich war selbst Teil der erinnernden Gratulantenschar.

Derartige „runde“ Gedenktage konzentrieren sich auf simplifizierte Kernthemen, also den heroischen Erfinder, die Durchsetzung der Erfindung, den Kampf zwischen Butter und Margarine und die vielfältigen Wandlungen der „Margarine“. Die „Story“ scheint klar: Vor 150 Jahren entstand demnach ein wissenschaftliches, ein menschengemachtes neues Nahrungsmittel, das billiges Fett für Ärmere erschwinglich machte, das sich dank seiner Wandlungsfähigkeit gegen die harte und vielfach unfaire Konkurrenz der Butterproduzenten hat durchsetzen können. All das ist richtig – doch die Geschichte der Margarine ist natürlich weit komplexer.

Leisten wir uns deshalb ein wenig Abstand. Gewiss, „Margarine ist Armeleutebutter!“  (W[ilhelm] Fahrion, Die Fabrikation der Margarine, des Glycerins und Stearins, Berlin/Leipzig 1920, 5). Gewiss, Margarine war Fortschritt. Zumindest aus unserer heutigen Sicht. Doch vor 150 Jahren sah die Welt anders aus. Die harten Debatten um die Kunstbutter waren auch ein Signet für das Ende des bäuerlichen Universums, jener transnationalen, vornationalen und vorindustriellen Welt, deren Zernierungsprozess schon im späten 18. Jahrhundert einsetzte und sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker beschleunigte (Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften, 7. Aufl., Berlin (West) 1979, 44-48). Margarine stand nicht nur für sich, sondern zugleich für neue Ordnungsregime, für eine grundlegende Veränderung der westlichen Welt, in der es nun nicht mehr um die unbedingt notwendigen Güter ging, sondern um neue Angebote, um konsumtive Landnahmen. Dazu musste neue wissenschaftliche Nahrung nicht nur erfunden, sondern durchgesetzt, integriert und reguliert werden.

Blickt man auf die Fachliteratur, so thematisiert sie kursorisch den Moment der Erfindung der Margarine, konzentriert sich dann jedoch voranging auf die Entwicklungen nach der Benennung der „Margarine“. Präsentiert wird die Karriere eines industriell hergestellten Massengutes, das als Markenartikel dank Preiswürdigkeit, strikter Hygiene und ansprechender Reklame neue Käufer gewann, das aber zunehmend staatlich und auch gesellschaftlich reguliert wurde (vgl. etwa Birgit Pelzer und Reinhold Reith, Margarine. Die Geschichte der Kunstbutter, Berlin 2001). Im Folgenden werde ich stattdessen früher, bei den fehlenden zwei Jahrzehnten ansetzen, um die Bedeutung der „Margarine“ angemessener zu verstehen: Wie war die Versorgungssituation vor der Einführung der Kunstbutter? Wie und warum setzte sich die Kunstbutter durch? Welche Probleme rief das neue Produkt hervor? Wie und warum wurde aus der Kunstbutter die „Margarine“? Finden wir hierauf Antworten, so können wir den relativen Furor der Debatten über „Margarine“ besser verstehen und sie zugleich als einen konsumtiven Marker des Endes des bäuerlichen Universums einordnen.

Fette und Ersatzfette vor der „Margarine Mouriès“

Der neue Begriff „Margarine“ rief 1887 breite und kontroverse Debatten hervor. Zwanzig Jahre zuvor wäre er dagegen gänzlich unverständlich gewesen. „Margarin“ war bekannt, jedoch aus anderen Zusammenhängen. So etwa der frühen, vornehmlich von französischen Chemikern geprägten Fettchemie (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 51-52). Eugéne Chevreul (1786-1889) isolierte in den 1810er Jahren erste Fettsäuren, darunter auch die „acide margarique“ (M[ichel] Eugéne] Chevreul, Recherches chimiques sur les Corps d’Origine Animale, Paris 1823, 59-65). Die Eindeutschung „Margarine“ folgte unmittelbar, konnte sich aber nicht behaupten (Morgenblatt für die gebildeten Stände 1814, Nr. 105 v. 3. Mai, 420; Leipziger Literatur-Zeitung 1816, Nr. 82 v. 2. April, Sp. 650). Chemiker sprachen stattdessen von der Margarinsäure beziehungsweise Margarin.

01_Münchener Politische Zeitung_1838_10_24_Nr253_p1560_Margarin-Kerzen

Werbung für Margarin-Kerzen in München 1838 (Münchener Politische Zeitung 1838, Nr. 253 v. 24. Oktober, 1560)

Die Fettchemie hatte praktische Folgen. Seit den 1820er Jahren konnte man etwa in Frankreich, dann auch darüber hinaus, Margarin-Kerzen kaufen (Nicolas Clément‐Désormes, Ueber Beleuchtung, Dinglers Polytechnisches Journal 32, 1829, 104-111, hier 110). Sie wurden erst während der Jahrhundertmitte von preiswerteren Sorten verdrängt. Zum Speisefett aber mutierte „Margarine“ in der Tat erst durch das neue Verfahren von Mège-Mouriès. Er nannte sein Produkt 1869 „beurre economique“, vermarktet wurde es dann seit 1872, vielleicht auch schon früher, als „Margarine Mouriès“.

02_Le Voleur_1874_11_20_Nr907_p746_Margarine-Mouriès

Vorstellung der Margarine Mouriès 1874 (Le Voleur 1874, Nr. 907 v. 20. November, 746)

Während aber das Produkt seit den frühen 1870er Jahren vermehrt Absatz fand, konnte sich der Begriff Margarine im Markt anfangs nicht durchsetzen. Zu stark wirkte das Referenzprodukt, die Butter, ein aus Milchrahm hergestelltes Speisefett. Margarine war ein Ersatzprodukt, ein preiswertes Buttersubstitut. Dies spiegelte die Produktbezeichnung, denn „Margarine“ entstand als Kunst-, als Sparbutter – und diese Begriffe deckten zugleich ein weit über die französische „Margarine Mouriès“ hinausreichendes Gütersortiment ab.

Der Fettkonsum der 1860er Jahre unterschied sich tiefgreifend von dem unserer Zeit. Pflanzliche Fette waren, mit Ausnahme des Rapsöls, selten und teuer, zumal sie vielfach auch gewerblich genutzt wurden (zum Hanföl vgl. Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfs). Fett stammte zumeist aus tierischen Nahrungsquellen. Es dominierte die fast durchweg aus Kuhmilch hergestellte Butter. Spätere Berechnungen des Statistischen Reichsamtes schätzten den jährlichen Prokopfkonsum 1860 auf etwa 5 kg, 1880 und 1900 auf je 6 kg. Das war ungefähr das heutige Konsumniveau (2018 ca. 5,8 kg). Tierische Fette besaßen dagegen einen deutlich höheren Stellenwert. Die entsprechenden Konsumdaten für Talg lagen bei 3,5, 2 und einem Kilogramm (Werner Schüttauf, Die Margarine in Deutschland und in der Welt, 4. verb. u. erw. Aufl., s.l. 1962, Tab. 33). Dieser rasche Rückgang wurde anfangs jedoch nicht durch einen höheren Konsum von pflanzlichen Fetten kompensiert, stattdessen gewann Schweineschmalz an Bedeutung, knapp die Hälfte davon Importware (2, 3,5 und 5 kg/Kopf und Jahr). Der Import von Ölsaaten stieg erst in den 1890er Jahren deutlich an, diente zuvor auch vielfach als Tierfutter. Und der „Margarine“-Konsum lag 1880 lediglich bei 0,2 kg pro Kopf, erreichte 1890 dann ein, 1900 schließlich zwei Kilogramm. Der Veränderungen im Konsum tierischer Fette resultierten dabei nicht aus fehlender Nachfrage, sondern waren Resultat grundlegender Veränderungen im Angebot. Die Mechanisierung der Landwirtschaft setzte erst langsam ein, Kühe und Ochsen waren um die Jahrhundertmitte vornehmlich Arbeitstiere. Sie wurden meist mehr als zehn, teils fünfzehn Jahre alt; und erst dann setzten sie wirklich Fett an. Dies veränderte sich mit der wachsenden Bedeutung der Fleischmast einerseits, der Milch- und Butterwirtschaft anderseits. Sie führten zu einer deutlich niedrigeren Lebensdauer der Nutztiere – und parallel stieg die Bedeutung von Butter und Schweineschmalz einerseits, Pflanzenölen anderseits. Die veränderte Nutzung der Tiere im Deutschen Reich wurde vorrangig durch Importe kompensiert.

Vor dem Hintergrund einer immer rascher zunehmenden Bevölkerung, der wachsenden Kaufkraft bürgerlicher Konsumenten sowie neuer von Marktversorgung abhängiger gewerblicher Arbeiter kam es in den 1850er und 1860er Jahren zu deutlichen Preissteigerungen bei allen Fettarten. Dies betraf Butter in besonderem Maße und führte zu einer beträchtlichen Marktspreizung: Während erstklassige frische Butter „mehr und mehr Luxusartikel“ (Wilhelm Fleischmann, Das Molkereiwesen, Braunschweig 1875, 671) wurde, führte die wachsende Nachfrage gerade in den Städten zu überdurchschnittlichen Preissteigerungen geringerer Qualitäten. Butter war damals keineswegs das standardisierte, wohlgekühlte Produkt, das wir heute kaufen. Die in Kübeln und Fässern transportierte Butter war vielmehr eine äußerst heterogene Ware, die teils durch Hausierer, teils auf Wochenmärkten, zunehmend aber in nun massenhaft entstehenden Verkaufsläden abgesetzt wurde. Die noch geringe Zahl der Molkereigenossenschaften bewirkte zwar Qualitätsverbesserungen, doch der Einsatz mechanischer Milchzentrifugen und wirksamer Kühleinrichtungen mit Natureis erfolgte erst in den späten 1870er Jahren (Helmut Ottenjann und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels, Cloppenburg 1996). Butter war damals ein hygienisch heikles Nahrungsmittel, dessen Geruch und Geschmack stark vom Produktions-, Transport- und Absatzumfeld abhingen und das rasch verdarb (H[einrich] Beckurts, Ueber die Prüfung der Butter auf ihre Verfälschungen, Correspondenz-Blatt des niederrheinischen Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege 8, 1879, 61-63, hier 61). Ranzige Fette waren nicht unüblich und die damalige Bewertung von Fetten kreiste immer wieder um deren Geruch.

Ein standardisiertes und preiswertes Buttersurrogat erschien demnach erstrebenswert: „Gelänge es, gute Kunstbutter aus anderen thierischen Fetten zu bereiten, so ließen sich die letzteren höher, als dies früher möglich war, verwerthen, es würden die Betrügereien im Butterhandel auf ein erheblich geringeres Maß zurückgeführt, es würde der Volksernährung ein nicht geringer Dienst erwiesen, ohne daß der rationellen Production von feiner Butter eine fühlbare Concurrenz erwüchse, ja es ließe sich vielleicht sogar ein Theil der Milch, welche seither der Butterfabrikation diente, zum Segen ganzer Länder als directes Nahrungsmittel wiedergewinnen“ (Fleischmann, 1875, 671). Entsprechende Bemühungen begannen spätestens in den 1810er Jahren, nach den ersten Fortschritten der Fettchemie. Dazu wurden nahezu alle verfügbaren Fette genutzt. In der Hauswirtschaft konzentrierte frau sich auf die Substitution der Butter beim Kochen und Braten, wobei Rinder- und Schweinefett, Speck, aber auch Raps-, Lein-, Oliven- und Palmöl genutzt wurden. „Gute“ Butter diente vorrangig als eine direkt konsumierte Speise, etwa als Brotbelag oder Brotaufstrich. Spätestens seit den 1840er Jahren, parallel zu den beträchtlichen Fortschritten der organischen Chemie, kamen zudem Fettgemische und sog. „Kunstprodukte“ auf, etwa Schmalzöl (aus Rinderfett und Rapsöl) oder Butteröl (aus Erdnussöl) (Johann Carl Leuchs, Kunstbutter, Oelschmalz, Schmalzöl und entwässerte Butter mit großem Gewinn sowohl in Haushaltungen als in Fabriken zu bereiten, 2. ganz umgearb. Ausg., Nürnberg 1877). Auch Schmalzbutter (aus Rindertalg, Schweineschmalz, Palm- und Rapsöl) fand Käufer (H[ermann] Weigmann, Die Kunstbutter, Landwirthschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 40, 1883, 409-410, hier 409). Diese Fettmischungen besaßen teils nur lokale Bedeutung, auch wenn sie auf dem neuen universellen Wissen der Chemiker und auch Praktiker gründeten. Die seit den späten 1860er Jahren rasch wieder ansteigenden Fettimporte aus den USA, insbesondere von Rindertalg und Schweineschmalz, unterstreichen jedoch eindringlich, dass derartige Fettgemenge zugleich Bausteine der Zernierung bäuerlich-dörflicher und regionaler Produktions- und Konsumweisen waren. Die sich sozial rasch ausdifferenzierenden und vermehrt von Verstädterung und gewerblichem Aufschwung gekennzeichneten Gesellschaften Europas durchbrachen die strukturellen Grenzen der tradierten Bauernwirtschaft durch neues Wissen, einen wachsenden internationalen Güteraustausch und durch neue Techniken der Nahrungsmittelproduktion.

Zahlreiche Vorschläge und Verfahren für neuartige Kunstfette waren die Folge. Breite Beachtung in der Fachliteratur fand beispielsweise das 1846 gewährte Patent des Londoner Kerzenproduzenten und Erfinders William Palmer (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Giftmörder). Er behandelte Rinder-, Kälber- und Schaffett mit Lorbeerblättern, um so dessen Geschmack butternah zu machen (The Patent Journal and Inventors‘ Magazine 1, 1846, 367; Du Beurre artificiel, Bulletin Commercial 6, 1878, 117-120, hier 120). Dieses Verfahren setzte sich nicht durch, doch festzuhalten ist, dass die kreative Produktion von Kunstbutter schon vor der Erfindung der „Margarine“ auch großbetrieblich erfolgte. „Flämische Butter“ wurde beispielsweise in großen Mengen für den englischen Markt hergestellt: Sie bestand aus importiertem englischen Rindertalg, der mit vorbehandeltem Mehl zu einer Masse vermengt wurde, der dann 35 Prozent Wasser hinzugefügt wurden (Butter aus Ochsentalg, Industrie-Blätter 7, 1870, 31). Butter wurde dagegen noch großenteils in Bauernwirtschaften hergestellt, wenngleich Genossenschaftsmolkereien seit den 1860er Jahren rasch an Bedeutung gewannen. Sie zentralisierten die Butterproduktion, standen für die Prosperität und Wettbewerbsfähigkeit der immer stärker betriebenen, weil lukrativeren bäuerlichen Milchwirtschaft (zur früher einsetzenden Marktversorgung vgl. Uwe Spiekermann, Milchkleinhandel im Wandel. Eine Fallstudie zu München 1840-1913, Scripta Mercaturae 27, 1993, 91-145). Sie etablieren zugleich aber Produktionsstandards, die den betrieblichen Alltag verstärkt bestimmten und mittelfristig grundlegend veränderten.

Während der Handel mit Kunstbutter und Fettmischungen in den Hafenstädten Belgiens, der Niederlande und Großbritanniens bereits auch großbetrieblich betrieben wurde, blieb er in deutschen Landen auf kleinere Unternehmen begrenzt. Dies lag nicht nur am Fehlen eines nationalen Marktes, sondern auch an der vor der Reichsgründung teils noch nicht bestehenden Gewerbefreiheit. So bot der Münchener Seifensieder Elkan Feuchtwanger (1823-1902), Großvater des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1845-1947), spätestens seit 1865 eine „Schmalzbutter“ an, gefertigt aus Butter-, Schweineschmalz und Nierenfett (fehlerhaft und spekulativ hierzu Heike Specht, Die Feuchtwangers, Göttingen 2006, 51-52). In Nürnberg intervenierten daraufhin lokale Kaufleute und verlangten, den Namen in „Kunstbutter“ umzuändern. Der Magistrat erlaubte den Vertrieb des neuen Produktes, allerdings nur ohne Nennung des Begriffes „Butter“ (Nürnberger Anzeiger 1865, Nr. 312 v. 11. November, 2). In Augsburg wurde ihm der Verkauf durch den obersten Gerichtshof gar verboten, obwohl Feuchtwanger die Bestandteile seiner künstlichen Butter bewusst öffentlich ausgelobt hatte. Derartige Verbote geschahen damals nominell im Interesse des Publikums, „um dasselbe vor Uebervortheilung und Betrug zu sichern […], da auch leicht solche falsche Waare für ächte an irgend einem Platz feilgeboten werden könnte“ (Oeffentliche Sitzung des Stadtmagistrats am 11. September 1866, Augsburger Neueste Nachrichten 1866, Nr. 250 v. 12. September, 2988; zu den verschiedenen Prozessen s. Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt der Pfalz 1866, Nr. 70 v. 7. September, Sp. 1268-1273). Es wurde durchaus abgewogen zwischen Konsumenten- und Gewerbeschutz einerseits, sozialen und unternehmerischen Interessen anderseits.

Dabei gingen die Gerichte meist von souveränen Konsumenten mit einschlägigen Marktkenntnissen aus. 1867 wurde in Bayern beispielsweise eine Kunstbutter erlaubt, obwohl sie ähnlich aussah wie Butterschmalz: „Sollte also auch die sogenannte Kunstbutter im Inlande in den Handel und insbesondere in den Kleinverkehr gelangen, was bisher nicht geschehen zu sein scheint, so besteht selbst, abgesehen von den öffentlichen Bekanntmachungen und dem Unterschiede des Preises, welche Umstände bald von dem neuen Producte reden machen und das Publikum belehren würden, insolange keine Gefahr für das Publikum, als bis es etwa den Fabrikanten gelingen würden, die Kunstbutter dergestalt zu verfertigen, daß deren Unterschied von dem Kuhbutterschmalze nicht sofort von Jedermann erkannt werden könnte“ (Die Fälschung von Nahrungsmitteln, hier die Fabrikation der sogenannten Kunstbutter betreffend, Königlich-bayerisches Kreis-Amtsblatt der Oberpfalz und von Regensburg 1867, Nr. 21 v. 9. März, Sp. 279-281, hier Sp. 280). Auch die vom Münchener Fabrikanten Heinrich Murr aus Rinder- und Schweinefett sowie Sesamöl hergestellte Kunstbutter entstand deutlich vor der „Margarine“ von Mège-Mouriès (Ingolstädter Tagblatt 1869, Nr. 176 v. 29. Juli, 716; Das Bayrische Vaterland 1869, Nr. 102 v. 30. Juli, 4). Vor diesem Hintergrund ist die später aufgestellte und von der Forschung grundsätzlich übernommene Aussage, dass alles, was vorher unter dem Namen Kunstbutter auf den Markt kam, „mehr oder weniger fragwürdig, nicht selten sogar widerwärtiger Natur“ (Paul Lohmann (Hg.), Lebensmittelpolizei, Leipzig 1894, 223) gewesen war, kaum zutreffend. Die strikte Gegenüberstellung von Margarine und Butter ist eine nachträgliche Simplifizierung der Marktsituation der 1860er bis 1880er Jahre, die nicht zuletzt dazu diente, eine Regulierung des Kunstbuttermarktes zu erreichen (Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg. – II. Sess. 1878, Bd. 4: Anlagen, 766-830, hier 785-786). In deutschen Landen sollte es Jahrzehnte dauern, bis sich „Margarine“ gegenüber den vielfältigen Kunstbutterarten durchsetzen konnte. Es handelte sich eben nicht nur um grundsätzlich substituierbare Waren. Der Fettwandel veränderte schließlich auch den Geschmack der Speisen. Tierische Fette und Ersatzprodukte wurden im Nachhinein immer wieder als streng riechend und grob schmeckend bewertet (Adolph Jolles, Ueber Margarin. Eine hygienische Studie, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 15-42, hier 16). Derartige Quellen spiegeln vorrangig einen generellen Geschmackswandel weg vom „Derben“, hin zum feineren Lebensmittel oder, allgemeiner, die Verschiebung von einer ländlich-lokalen zu einer städtisch-internationalen Alltagskost.

Die „Margarine Mouriès“ zwischen Mythos und Markt

Kommen wir nun zur „Margarine“. Angesichts der offenkundigen Bedeutung des neuen Nahrungsmittels sollte anzunehmen sein, dass zumindest deren Entstehungsgeschichte präzise nachzuzeichnen sei. Doch schon über Hippolyte Mège-Mouriès ist erstaunlich wenig bekannt. Er war Chemiker und Praktiker, aktiv in der Anwendung des neuen naturwissenschaftlichen Wissens. Schon in den 1850er Jahren produzierte er Gesundheitsschokoladen, fortifiziert mit Kalzium, Phosphat und Eiweiß. Seinen Zeitgenossen war er vornehmlich durch Arbeiten zu einer rationellen Brotproduktion bekannt (J[an] van Alphen, Hippolyte Mège Mouriès, in: Stuyvenberg (Hg.), 1969, 5-8). Mit der Fettchemie hatte sich der Schüler Chevreuls intensiv beschäftigt und produzierte seit 1862 auf eigene Rechnung Seife (Sur la fabrication du savon, par M. Mège Mouriès, Bulletin de la Société Chimique de Paris NS 2, 1864, 138). Anfang 1867 soll er dazu täglich 3000 Pfund Stearin und Oleo-Margarin verarbeitet haben (A new Method of Saponification, Scientific American 16, 1867, Nr. 9 fr. March 2, 134). Es liegt nahe, dass Mège-Mouriès damals nach lukrativeren Verwendungsmöglichkeiten zumal für das Speisefett Ausschau gehalten hat.

03_Gallica_Agence Rol 99462_Hippolyte Mège Mouriès

Hippolyte Mège-Mouriès (Gallica, Agence Rol 99462)

Glaubt man jedoch den gängigen Geschichten, so hat 1866 resp. 1867 der französische Kaiser Napoleon III. entweder direkt oder aber anlässlich der Pariser Weltausstellung einen Preis für die Entwicklung eines butterähnlichen Fettes ausgeschrieben, einerseits für die Versorgung der französischen Marine, anderseits für die preiswerte Fettversorgung der ärmeren Bevölkerung. Mège-Mouriès gewann den Wettbewerb und durfte dann auf den königlichen Gütern in Vincennes, nahe Paris, weiter forschen. Zwei Jahre später, 1869, hatte er sein Verfahren optimiert und dann am 15. Juli 1869 das französische Patent beantragt, das am 2. Oktober 1869 gewährt wurde. Weitere Patente im Ausland folgten im gleichen Jahr. Mège-Mouriès begann daraufhin in Poissy, nahe Versailles, mit der Produktion seiner künstlichen Butter. Diese wurde ab 1870 auch in den Pariser Markthallen verkauft, wenngleich der Umsatz von Januar bis März lediglich 810 Francs betrug. Nach dem deutsch-französischen Krieg nahm er die Produktion wieder auf, doch zwischen Dezember 1871 und März 1872 blieben die Umsätze in den Hallen ähnlich niedrig (F. Bezancon, Rapport Général sur les Travaux du Conseil d’Hygiène publique et de Salubrité du Département de la Seine depuis 1872 jusqu’a 1877 inclusivement, Paris 1880/1881, 10). Mège Mouriès, der schon zuvor Patenterechte an niederländische, englische und US-amerikanische Investoren verkauft hatte, übertrug sein französisches Patent dann 1872 an die Société anonyme d’Alimentation, die anschließend die Produktion und den Export von „Margarin Mouriès“ in großem Stil aufnahm.

Schaut man genauer hin, so handelt es sich hierbei um eine Geschichte voller Leerstellen und Versatzstücke. Die zahllosen kurzen Hinweise auf die Margarineerfindung zeichnen sich einerseits durch gänzlichen Verzicht auf Quellen, zum anderen durch höchst phantasievolle Beimengungen und Alternativgeschichten aus. Meine Recherchen in den digitalisierten Beständen von Gallica, also der französischen Nationalbibliothek, ergaben jedenfalls keine Hinweise auf den ausgelobten Preis für die künstliche Butter. Auch die vermeintliche Forschungsförderung durch Kaiser resp. Regierung blieb höchst vage. Blickt man auf die Literatur, so wird deutlich, dass seit 150 Jahren immer neue und stetig leicht variierende Histörchen dargeboten werden. Wie gut, dass wenigstens über die Kunstbutter und ihre Produktion grundsätzlich valide Quellen vorliegen.

Wie nahezu alle Kunstbutterproduzenten ging auch Hippolyte Mège-Mouriès vom Wissen der damaligen Fettchemie aus. Tierisches Fett war demnach eine Emulsion aus verschiedenen Fettsäuren, die jeweils spezifische Charakteristika besaßen. Der Chemiker erweiterte dieses Strukturwissen um praktisches Erfahrungswissen: Demnach gaben Kühe trotz unzureichender Fütterung zumindest noch eine Zeitlang fetthaltige Milch. Daraus folgerte er, dass Milchfett nichts anderes als Körperfett der Tiere sei. Im Umkehrschluss hieß dies, dass Milchfett aus Tierfett gewonnen werden konnte (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], 9-11). Die Kernaufgabe war demnach, dem tierischen Talg resp. Unschlitt das seifig schmeckende Stearin zu entziehen, um möglichst reines Olein und Margarin zu erhalten. Diese konnten weiterverarbeitet und zu einem schmackhaften Kunstfett verdichtet werden. Aus heutiger Sicht ging Mège-Mouriès von falschen Annahmen aus. Margarinsäure als solche gibt es nicht, es handelt es sich vielmehr um ein Konglomerat verschiedener Fettsäuren. Ebenso entsteht das Milchfett nicht aus der Resorption des körpereigenen Fettes. Die Erfindung der Margarine steht damit in einer langen Reihe von wissenschaftlichen und technologischen Durchbruchserfolgen, die auf zielführenden Irrtümern beruhten. Liebigs Fleischextrakt oder aber die Vitamine sind andere Beispiele.

04_Dinglers Polytechnisches Journal_224_1877_p206_Margarine_Rindertalg_Fettverarbeitung

Verwissenschaftlichung der Fettproduktion: Gewerbliche Verarbeitung von Rindertalg (Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 206)

Mège-Mouriès ging schon bei der Seifenproduktion vom Rohtalg aus, konzentrierte sich nun aber auf das sog. Nierenfett. Aus diesem extrahierte er mittels Pressung das Oleo-Margarin, reinigte es insbesondere von Stearin und Abfällen. Damit war das Ausgangsmaterial für die Kunstbutterproduktion gewonnen. Der zähflüssigen Fettmasse wurden Milch und kleingeschnittene Euter zugefügt, ebenso Wasser – und dann begann ein längerer Prozess der Vermengung (H[ippolyte] Mège, Darstellung künstlicher Butter, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 585; Ch[arles] Girard und J[acques] de Brevans, La Margarine et le Beurre artificiel, Paris 1889, 6-11). Dieser zweite Schritt war vielleicht noch wichtiger als die schon zuvor von anderen Praktikern erprobte Verwendung von Oleo-Margarin. Die Extraktion erhöhte die Haltbarkeit, verringerte zudem den eher seifigen Geschmack des Ausgangsmaterials. Doch erst durch die anfangs etwa zweistündige Mischung von Grundfett, Milch und Wasser erhielt man ein ansatzweise schmackhaftes und geschmeidiges Produkt ([Eugen] Sell, Ueber Kunstbutter. Ihre Herstellung, sanitäre Beurtheilung und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von Milchbutter, Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 481-528, hier 483).

05_Neueste Erfindungen und Erfahrungen_05_1878_p009_Nahrungsmittelproduktion_Margarine_Kunstbutter_Fleischwaren_Fett

Die Materie zwingen: Fettverarbeitungsmaschinen Mitte der 1870er Jahre (Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 9)

Obwohl die Grundprozesse von Beginn an mechanisiert waren, war die Kunstbutterproduktion anfänglich noch handwerklich organisiert. Das zumeist direkt von Schlachthöfen stammende Fett – ein wichtiger Grund für die Konzentration der frühen Firmen in größeren Städten – wurde durch per Hand in Schwung gesetzte Maschinen kleingehackt und zerquetscht. Die hier gezeigten frühen Beispiele konnten jedoch bereits an einen Transmissionsriemen angeschlossen und daher mittels Dampfkraft betrieben werden. Dies beschleunigte nicht nur die Produktion, sondern führte auch zu einer erhöhten Ausbeute der Schlachtfette.

06_Deite_1878_p353_Fettverarbeitung_Fettpresse_Lehmann_Löbtau

Fettpresse der Firma J.M. Lehmann, Löbtau-Dresden (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 353)

Die Mechanisierung erfolgte rasch, da der Ertrag und die Qualität von Oleo-Margarin und Kunstbutter auch vom Krafteinsatz abhingen. Von Beginn an konnte so eine relativ einheitliche Ware hergestellt werden. Mège-Mouriès setzte sich damit deutlich von der vielgestaltigen Butter ab, auch wenn die Qualität des neuen Produktes von der Art und Qualität der Rohwaren sowie der Sorgfalt und Dauer der Vermengung abhing.

Das neue Produkt stand für einen klaren Bruch mit der kleinbetrieblichen bäuerlichen Butterproduktion. Kunstbutter basierte auf der Zufuhr von firmenfremder Rohware, stand also inmitten einerseits zentralisierender Schlachthöfe und anderseits weit ausgreifender Handelsnetze. Ihre gegenüber Butter größere Haltbarkeit erlaubte zugleich die Beschickung nicht nur lokaler, sondern auch regionaler, nationaler, gar internationaler Märkte. Die Kunstbutter verstärkte damit einen Trend, den leistungsfähigere Molkereigenossenschaften in Deutschland nach dem Erlass des Genossenschaftsgesetzes 1868 begonnen hatten: Die Versorgung urbaner Zentren nicht allein vom Umland, sondern vom Lande (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 308-309).

07_Illustrirte Zeitung_60_1873_p040_Butter_Versandgeschäft_Stadt-Land-Beziehungen_Hamburg_Holstein

Fett vom Lande – hier Butterversand an Kleinhändler (Illustrirte Zeitung 60, 1873, 40)

Vorbild und Konkurrenz führten gleichermaßen zu einer wachsenden Kommerzialisierung des Landes und der bäuerlichen Wirtschaft. Das neue Produkt wurde zuerst in Paris, dann in den Niederlanden verkauft. Wie zuvor bei anderen Kunstfettprodukten gab es Bedenken über mögliche Gesundheitsschädigungen bzw. Täuschungen der Konsumenten. In Paris wurden diese 1872 offiziell ausgeräumt – doch die Geschichte der Kunstbutter blieb eine Geschichte der Rückfragen und der interessegeleiteten Unterstellungen (Beurre artificiel, L’Annèe Scientifique et Industrielle 16, 1872, 449-451). Wichtiger als derartige ohnehin nur lokal greifende Beschränkungen war, dass die reinen Produktionskosten für die „Margarine Mouriès“ nur etwa halb so hoch waren wie die erstklassiger Butter. Margarine war ein Preisbrecher. Zum anderen überzeugten der neutrale Geruch und der Geschmack: „Die Kunstbutter zergeht auf der Zunge rasch, wie echte Butter, läßt sich gut streichen, ist jedoch etwas härter als letztere“ (Fleischmann, 1875, 679). Beim Kochen und Backen war sie aufgrund des geringeren Wassergehaltes ergiebiger und zudem länger haltbar. Die frühe Margarine war ein gleichförmiges Produkt von wachsig, blassgelbem Aussehen (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 148). Durch Färbung konnte sie jedoch den Vorstellungen der Konsumenten von „richtiger“ Butter weiter angenähert werden. All das stimmte hoffnungsfroh: Der kreative Geist des Menschen schien ein neues Nahrungsmittel geschaffen zu haben, das auch den Ärmeren in den Städten ein auskömmliches Dasein sichern könnte. Der Markt würde nun dafür sorgen, dass die obskuren Buttersurrogate aus Großbritannien, den Niederlanden und den USA vom Markt verdrängt werden würden (F[riedrich] Strohmer, Kunst- und Naturbutter, Neue Freie Presse 1886, Nr. 7871 v. 26. Juli, 5). Nahrungsmittelchemiker und Pharmazeuten waren sich jedenfalls Mitte der 1870er Jahre größtenteils einig, dass die neue „Margarine“ „ein vorzügliches Butter-Surrogat“ (Beckurts, 1879, 62) sein könne.

Das galt um so mehr, da seit Anfang der frühen 1870er Jahre zahlreiche Praktiker die Ideen Mège-Mouriès aufgriffen und kleinteilige Verbesserungen patentieren ließen (Butterin, Aerztliches Intelligenz-Blatt 24, 1877, 103). Zeitgenössische Überblicksdarstellungen listeten die vornehmlich in Großbritannien, Frankreich, den USA und den Niederlanden, vereinzelt auch im Deutschen Reich gewährten Kunstbutterpatente auf, ohne aber zu klären, ob diese auch praktisch angewandt wurden (Sell, 1886, 485-486). Die Fettsäuren sollten demnach teils durch Chemikalien getrennt werden, häufiger waren Substitute der zugesetzten Milch, etwa Buttermilch. Ebenso entstanden Verfahren mit zugesetzten Pflanzenölen (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Kunstspeisefette und Pflanzenbutter, 4. vollst. neubearb. Aufl., Wien/Leipzig 1912, 52). Allen Erfindungen zum Trotz blieb das Verfahren von Mège-Mouriès für mehr als zwei Jahrzehnte die vielerörterte Referenz. Es wurde jedoch von Beginn an in der betrieblichen Praxis kleinteilig verändert (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Sparbutter und Butterine, Wien/Pest/Leipzig 1878). So fiel der Zusatz von Euter- oder Magenmasse rasch weg, während neue Maschinen andere Prozesstemperaturen ermöglichen (Benedikt, Butter, in: Ewald Geissler und Josef Möller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 2, Wien/Berlin 1887, 418-422, hier 420).

Die Diffusion der Kunstbutter

Die Erfindung der „Margarine Mouriès“ sagt allerdings wenig über deren realhistorische Bedeutung aus. Die Anfänge der „Margarine“ und damit deren Durchsetzung als „Volksnahrungsmittel“ sind kaum erforscht, präzise Daten fehlen meist. Dennoch ist es wichtig, die Diffusion von Kunstbutter und „Margarine“ in den Blick zu nehmen, denn anders sind die harten Auseinandersetzungen über diese Warengattung kaum verständlich. Die „Margarine Mouriès“ bildete in der Tat den Ausgangspunkt für die Verbreitung der Kunstbutter in der gesamten westlichen Welt. Die 1872 zur Verwertung des Patentes in Paris gegründete und mit einem Kapital von 800.000 Franc ausgestattete Société anonyme d‘Alimentation nahm wohl 1874 den Vertrieb auf. Mitte der 1870er Jahre produzierte sie täglich 20 bis 30 Tonnen. Doch ein Großteil der „Margarine Mouriès“ wurde versandt, meist in den industrialisierten Norden Frankreichs, teils aber ins Ausland, darunter auch ins Deutsche Reich (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 204-208, hier 204). Trotz einer weiteren größeren Fabrik in Nancy blieb der Margarineabsatz in Frankreich jedoch niedriger als in anderen Staaten, insbesondere den Niederlanden und Skandinavien.

08_Trimm_1874_np32_Frankreich_Margarine-Mouriès

Werbung für die neue „Margarine Mouriès“ in Frankreich (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], nach 32)

Die Niederlande entwickelten sich seit den frühen 1870er Jahren zur eigentlichen Drehscheibe des Handels und der Produktion von Kunstbutter und „Margarine“ in Europa. Eine weit entwickelte, marktorientierte Landwirtschaft, ein leistungsfähiges Transportsystem sowie die Nähe zum aufnahmefähigen Markt des Industriepioniers Großbritannien bildeten schon in den 1850er und 1860er Jahren die Basis für eine führende Rolle bei der Versorgung der Insel mit Butter und zunehmend auch Buttermischungen. Ähnlich wie bei der schon erwähnten „Flämischen Butter“ vermengte man preiswerte Butter mit Milch, Stärke unterschiedlicher Provenienz, Sirup und Färbemitteln. Gerade während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 ersetzten derartige Billigimporte die ausfallenden Sendungen aus Frankreich, erschlossen aufgrund ihres niedrigen Preises zudem neuer Käuferschichten (Die Kunstbutterfabrikation, Industrielle Rundschau 1, 1887, 248-250, hier 248-249). Preiswertere Angebote schienen lukrativ, produziert wurden gefärbte Mischungen aus Butter, Oleo-Margarin, Milch, Pflanzenölen.

Das neue Verfahren von Mège-Mouriès gefährdete dieses Geschäftsmodell – und folgerichtig kaufte Anton Jurgens, eine der führenden Buttergroßhandlungen, das neue Patent für 60.000 Francs und gründete 1871 die erste niederländische Margarinefabrik in Oss im Rhein-Maas-Delta. Das Produkt verkaufte sich gut, wurde daher nicht nur als Zumischung verwandt, sondern auch eigenständig vertrieben (N. Schouten, Plantaardige Olie- en Margarine-Industrie, Zeist 1994; Bernhard Gerhard Hülsbeck, Die holländische Margarineindustrie, Diss. Köln, Kleve 1931). Der Pionier blieb nicht allein: „Ein Jahr nach Produktionsbeginn bekam die Firma Anton Jurgens bereits Konkurrenz in nächster Nähe: Die befreundete, auch im Butterhandel engagierte Familie Van den Bergh eröffnete 1872 ebenfalls eine Margarinefabrik in Oss. Da in Holland kein Patentschutz für die Margarineherstellung bestand, hatte Simon Van den Bergh das Verfahren einfach von Jurgens kopiert – ein klassischer Fall von Industriespionage“ (Rainer Herbst, Die Entwicklung der Margarineindustrie zwischen 1869 und 1930 unter besonderer Berücksichtigung des Hamburger Wirtschaftsraumes, Wiwi. Diss. Hamburg 1989, 16). Jurgens und van den Bergh entwickelten sich in den 1870er und 1880er Jahren zu den wichtigsten niederländischen Kunstbutterimporteuren für das Deutsche Reich. Die 1879 erfolgten Zollerhöhungen für Margarine richteten sich nicht zuletzt gegen diese Firmen. 1888 gründeten sie in den niederrheinischen Städten Goch und Kleve Produktionsstätten, die in den Folgejahrzehnten einen Großteil des deutschen Marktes versorgten (Barbara Anne Hendricks, Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert, Bonn 1981, 64-81).

Jurgens und van den Bergh waren Anfang der 1870er Jahre jedoch nur Exponenten einer explosionsartigen Entwicklung der Kunstbutterproduktion in den Niederlanden. 1880 bestanden etwa 70 einschlägige, meist exportorientierte Firmen, deren Be- und Vertriebsorganisationen Maßstäbe setzen. Der beträchtliche Wettbewerb, vor allem aber die intransparenten Fettprodukte, führten jedoch zur Marktbereinigung, zu Standardisierungsbemühungen der Produzenten und einer zunehmenden Regulierung des Kunstbuttermarktes (Fabrikation von Butter und Kunstbutter in Holland. (Schluss.), Das Handel-Museum 2, 1887, 399-401, hier 400). Die Debatten im Deutschen Reich folgten diesen Debatten mit gewissem zeitlichem Abstand.

Auch die Entwicklung der deutschen Kunstbutterindustrie verlief deutlich langsamer. Grund hierfür war nicht nur der technologische Rückstand gegenüber dem westlichen Ausland, sondern auch die Kombination zollfreier Importmöglichkeiten und eines leistungsfähigen Eisenbahn- und Postnetzes. Das Deutsche Reich war schon zu seiner Gründung von Fett- und auch Fleischzufuhren abhängig. Das blieb auch nach der Zollwende 1879 so und führte zu teils beträchtlichen Verwerfungen mit Handelspartnern, insbesondere den USA, Russland und auch Österreich-Ungarn (Uwe Spiekermann, Dangerous Meat? German-American Quarrels over Pork and Beef, 1870-1900, Bulletin of the German Historical Institute 46, 2010, 93-110). Für unser Thema wichtiger ist, dass das Deutsche Reich von Beginn an ein Kunstbutterimportland wurde, dessen heimische Industrie sich nur schwer gegen die ausländische Konkurrenz behaupten konnte.

Eine präzise Untersuchung der Anfänge der Margarineproduktion im Deutschen Reich fehlt. Rainer Herbst verwies in seiner Dissertation auf die 1863 in Hamburg gegründete Firma G.W. Reye & Söhne (Herbst, 1989, 17, 148-149). Getreidehandel stand am Anfang, heute werden Putz- und Gipsprodukte hergestellt. G.W. Reye & Sohn betrieb seit 1871 eine große Schmalzraffinerie und stellte mehrere Jahre auch Kunstbutter her. Die erste Nutzung des Verfahrens von Mège-Mouriès erfolgte aber durch die 1872 im Frankfurter Nordend gegründete und seit 1874 produzierende Frankfurter Margarine-Gesellschaft. In den frühen 1880er Jahren beschäftigte sie ca. 100 Arbeiter und stellte jährlich 3.000-4.000 t Kunstbutter her (Volker Rödel, Fabrikarchitektur in Frankfurt am Main 1774-1924, Frankfurt a.M. 1986, 493). In den 1870er Jahren entstanden weitere Firmen vornehmlich im Rheinland und in Bayern. 1880 nahm dann A.L. Mohr in Hamburg-Bahrenfeld die Produktion von Kunst- und Mischbutter auf. Diese Firma steht für die eigentliche im Schatten des Zollschutzes erfolgte Wachstumsphase der deutschen Margarineindustrie nach 1879. Zugleich trugen ihre Produkte, ähnlich wie in den Niederlanden, zu einer allgemeinen Vertrauenskrise bei, die letztlich zu den Regulierungsbestrebungen des ersten Margarinegesetzes führte.

09_Neue Freie Presse_1881_04_08_Nr5967_p13_Maschinenbau_Margarineproduktion_Wilhelm-Rivoir_Offenbach_Nahrungsmittelproduktion

Spezialmaschinen als Wegmarken der Margarineproduktion – Anzeige 1881 (Neue Freie Presse 1881, Nr. 5967 v. 8. April, 13)

Die Existenz von Firmen sagt jedoch nur wenig über Absatz und Konsumverhältnisse auf. Eine detaillierte Analyse von Haushaltsrechnungen zwischen 1900 und 1940 ergab nämlich das Paradoxon, dass das universelle Kunstprodukt Margarine im Deutschen Reich deutliche regionale Verzehrsunterschiede aufwies: „Insgesamt zeigt sich ein von den Vertriebszentren ausgehendes, sich dann in die Konsumzentren des typischen ‚Butterbrot‘-Verzehrs Sachsen und Schlesien ausdehnendes Muster, dem schließlich die Markterschließung zuerst Mitteldeutschlands, dann des fettarmen Südens folgte“ (Uwe Spiekermann, Regionale Verzehrsunterschiede als Problem der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Räume und Strukturen im Deutschen Reich 1900-1940, in: Hans Jürgen Teuteberg et al. (Hg.), Essen und kulturelle Identität, Berlin 1996, 247-282, hier 267). In der Tat bildete das rheinisch-westfälische Industriegebiet die eigentliche Pionierregion des Kunstbutterkonsums. Derartige regionale Märkte wurden jedoch ergänzt durch das Versandgeschäft führender ausländischer Anbieter, deren Produkte schon in den 1870er Jahren im gesamten Deutschen Reich erhältlich waren. Das galt insbesondere für Sargs Prima Wiener Sparbutter, der wohl bekanntesten Margarinesorte in einem ansonsten von anonymer Ware dominierten Absatzmarkt.

10_Illustrirtes Wiener Extrablatt_1874_05_29_Nr146_p7_Margarine_Sparbutter_Sarg

Anzeige des Neuen: Werbung für Sargs Prima Wiener Sparbutter 1874 (Illustrirtes Wiener Extrablatt 1874, Nr. 146 v. 29. Mai, 7)

Derartige Versandware gründete auf der höheren Haltbarkeit der Margarine und relativ fortgeschrittenen Verkehrsverhältnissen. Zugleich handelte es sich um verpackte Ware in einem Nahrungsmittelmarkt, in dem lose, unverpackte und dann direkt ausgewogene Produkte noch dominierten: „Die Kunstbutter wird in 1 Pfund schweren, viereckigen, mit einen dünnen weißen Baumwollenzeug umwickelten Packeten, die sich bequem in eine Kiste zusammenpacken lassen, versendet, appetitlicher in der Form wie die Marktbutter; die Farbe ist gewöhnlich Gelb“ (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Der Begriff „Sparbutter“ hob einen anderen Gebrauchswertvorteil hervor, nämlich den gegenüber Butter geringeren Wasseranteil. Dadurch war sie ergiebiger, ein wichtiges Argument auch für bürgerliche Kreise: „Eine gut abgerichtete Köchin braucht die Butter nicht zu jeder Speise, sondern nur wo dieselbe unentbehrlich ist, und kann durch Verwendung der Sparbutter ihrer Herrschaft viel Geld ersparen“ (Raphael Molin, Die Sparbutter-Industrie, Das Vaterland 1880, Nr. 319 v. 19. November, 10-11, hier 10). Hinzu kam: Kunstbutter war nicht nur länger haltbar, sondern wurde dadurch nur höchst selten ranzig. Das aber kam bei Milchbutter häufiger vor als es die späteren Hymnen der Agrarier auf die „gute“ Butter wahrhaben wollten (Vom Rhein, Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 61 v. 5. März, s.p.). Die weite Verbreitung der Versandbutter erlaubt schließlich auch Rückfragen an die heutzutage fast litaneihaft vorgetragene Positionierung der Kunstbutter als Fett der Armen und der Arbeiter. Gerade im rückwärtigen gewerblichen Sektor, also bei Bäckern und Konditoren, bei Wirten und Restaurantbesitzern, wurde sie häufig verwandt, um Backwaren und Speisen preiswerter zu machen (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Kunstbutter war immer auch bürgerlich, war keineswegs das Fett allein der Armen.

11_Karlsruher Tagblatt_1875_07_08_Nr184_p6_Margarine_Sparbutter

Kein Fett für die Armen: Werbung für Sparbutter in Karlsruhe 1875 (Karlsruher Tagblatt 1875, Nr. 184 v. 8. Juli, 6)

Der Hersteller der Prima Wiener Sparbutter – ein vom Wiener Magistrat 1874 genehmigter Markenbegriff – war F.A. Sarg Sohn & Co., ein führender Produzent von Stearinkerzen und Glycerinseifen, ein Unternehmen also, das schon früh preiswerte Massenkonsumgüter herstellte und aktiv bewarb. Es diversifizierte zunehmend in die Kosmetikbranche. Die seit 1887 vertriebene Tubenzahncreme Kalodont wurde ein weltweit erfolgreiches Markenprodukt und diente als Dachmarke für viele weitere fetthaltige Kalodontprodukte. Ähnlich wie in Frankfurt am Main und Paris dauerte es auch in Wien fast zwei Jahre, von 1872 bis 1874, ehe die Produktion auf Basis des Mège-Mourièsschen Patentes aufgenommen werden konnte (Sparbutter, Morgen-Post 1874, Nr. 61 v. 3. März, 2). Ihr Absatz war seit 1874 von Anzeigenwerbung begleitet – und blieb damit eine Ausnahme, denn die Werbung für Kunstbutter erfolgte zumeist noch durch die Kleinhändler.

Sargs Sparbutter traf auf eine gespaltene Rezeption. Blicken wir auf eine aufstrebende Industriestadt im südlichen Ruhrgebiet: „Hier in Witten wiesen einzelne renommirte Ladengeschäfte den Verkauf zurück, andere kleine Geschäfte versuchten den Artikel und fanden ihn auch brauchbar. Die Butter ist selbst bei heißer Witterung hart und kernig, schmeckt nicht gerade schlecht und kostet 15 bis 20 Pfg. weniger als geringere Sorten Naturbutter. Das Publikum, auch wenn es noch so genau über die Zusammensetzung der Butter belehrt wurde, verlangte eben ‚Sparbutter‘, weil sie gefälliger für’s Auge und praktischer im Gebrauche sei. So mußten Nachbestellungen folgen und der Artikel ‚zog‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 223 v. 21. August, 3). Die neue Kunstbutter wurde allerdings häufig dazu genutzt, um sie Butter beizumengen und diese dann undeklariert, aber zu leicht niedrigerem Preis zu verkaufen. Umfassende Untersuchungen der lokalen Nahrungspolizei waren die Folge, führten teils gar zu ersten Verboten des Wochenmarktverkaufs. In Düsseldorf hieß es: „Es dürfte unseres Erachtens der Verkauf dieser Butter unter dem Namen ‚Sparbutter‘ auch auf den Wochenmärkten gestattet werden, doch müßten polizeilicherseits dafür gesonderte Verkaufsstellen auf den Marktplätzen angewiesen und diese entsprechend bezeichnet werden“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 270 v. 7. Oktober, 2). Die Sparbutter war ein Einbruch in die tradierte Welt des Absatzes – und auch deshalb schlug ihr beträchtlicher Widerstand entgegen.

12_Dresdner Nachrichten_1875_10_20_Nr293_p6_Sparbutter_Kolonialwarenhandel

Widerstand gegen die Sparbutter in Dresden 1877 (Dresdner Nachrichten 1875, Nr. 293 v. 20. Oktober, 6)

Ein strukturelles Problem war dabei die mangelnde Kenntnis des noch nicht eingeführten Produktes. Über dessen Zusammensetzung gingen „im Publikum die verschiedensten Gerüchte“ um: „Es nimmt dies nicht Wunder, da verschiedene Fabriken dieser Art dem Publikum nicht gestatten, Einsicht von ihrem Betrieb zu nehmen; in Folge dessen denkt dasselbe unwillkürlich an Pferde- und Schweinefett, Kartoffelmehl, Gelèe aus isländischem Moos und sonstige Teufeleien“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106). Während die Kritik im Auslande vielfach allgemein und unspezifisch blieb, sah sich Sarg in Wien regelrechten Denunziationskampagnen ausgesetzt: Butter stamme von der Kuh – und nicht vom Ochsen. Die Sparbutter würde vornehmlich zur Verfälschung der Butter eingesetzt („Kunstbutter.“, Morgen-Post 1877, Nr. 199 v. 22. Juli, 3). Das Neue wurde zum Skandal: „Die Liesinger Sparbutter ist nichts Anderes, als ein Unschlitt- und Glyceringemengsel mit verschiedenen ekelhaften Zuthaten, welche dem Fabrikate den Geschmack und die Structur der wirklichen Butter geben sollen“ (Glycerin-Butter, Morgen-Post 1877, Nr. 223 v. 15. August, 3).

Kritiker beklagten die vermeintliche „rissige“ Struktur der Sparbutter, die daraus resultiere, „daß ihr das, die einzelnen, bunt zusammengewürfelten Bestandtheile zu einem einheitlichen Ganzen verbindende Ferment vollständig abgeht“ (Die Sparbutter und ihre Verehrer, Morgen-Post 1877, Nr. 227 v. 19. August, 3). Die Reaktion der Wiener Firma war bemerkenswert: Zum einen förderte sie redaktionelle Werbung, in der die bestehenden Vorurteile gegen die Nahrungsinnovation argumentativ aufgegriffen wurden (Das Vorurtheil und die Sparbutter, Kikeriki 17, 1877, Nr. 62 v. 5. August, 3). Zum anderen informierte sie die Öffentlichkeit recht präzise über die Sparbutterproduktion, die hohen Hygienestandards und den modernen Maschinenpark (Sarg’s Prima Wiener Sparbutter, Die Presse 1877, Nr. 156 v. 9. Juni, 9; Die Spar- oder Kunstbutter-Fabrikation, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 4, 1877, 222-223; Excursionsbericht, Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins 12, 1886, 194-195). Sarg praktizierte somit Vertrauensbildung durch Firmen- und Produkt-PR lange bevor es reflektierte Public-Relations-Ratgeber gab. Dadurch gewann sie nicht allein wachsendes öffentliches Vertrauen, sondern initiierte auch eine tradierte Elitenkritik an der vermeintlich dummen Masse der Konsumenten und deklassierter Kleinhändler: „Die betreffende Bevölkerung ist theils zu indolent, theils auch gar nicht in Kenntnis von der Beschaffenheit jenes Surrogatmittels, genannt Sparbutter, und daher ganz ausser Stande, davon Gebrauch zu machen“ (Zur Nahrungsmittelfrage. Sarg’s Prima Wiener-Sparbutter, Wiener Medizinische Wochenschrift 27, 1877, Sp. 1175-1177, hier Sp. 1176). Das Beispiel von Sargs Prima Wiener Sparbutter unterstreicht, dass es bei der Einführung der „Margarine“ keineswegs um den simplen Gegensatz von Gewerbe und Landwirtschaft ging, sondern dass hier um die Bedrohung durch das Unbekannte, durch das Neue gerungen wurde. Gerade nach dem Gründerkrise war Skepsis gegenüber einer vom Markt ausgehenden Umgestaltung des Alltags weit verbreitet. Die Durchsetzung der Margarine war schließlich Teil der Durchsetzung und Verankerung kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien.

Gleichwohl zeigt insbesondere die Produkteinführung eine Konsumgesellschaft im Werden. Kunstbutter war eine anonyme Ware. Hersteller und Zusammensetzung waren zumeist nicht bekannt. Der gegenüber Butter geringere Preis und der gegenüber Schmalz und Talg bessere Geschmack waren für den Absatz entscheidend. Anfang der 1870er Jahre erfolgte der Absatz noch vielfach über Wochenmärkte. Die lokale Marktpolizei schritt hiergegen rasch ein, um Übervorteilungen auszuschließen und – im Wortsinne – Markttransparenz zu gewährleisten. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet wurde Kunstbutter anfangs teils vom Wochenmarktverkehr ausgeschlossen, teils wurden die Marktordnungen so verändert, dass der Absatz nur bei expliziter Kennzeichnung erlaubt war (Sell, 1886, 492-493). Die Folge war eine Diffusion des Verkaufs in ladengebundene Nahrungsmittelgeschäfte bzw. Versandgeschäfte. Händler- und Herstellervertrauen traten hier teils an die Stelle der unzureichenden Informationen über die Kunstbutter. Zugleich wurde augenfällig, dass auch die tradierten Nahrungsmittel bisher vorwiegend nach Augenschein und ohne detaillierte Produktinformationen gekauft wurden.

13_Düsseldorfer Volksblatt_1877_11_10_Nr302_p4 und 02_14_p4_Margarine_Sparbutter_Kolonialwarenhandel

Etablierung im Sortiment des Kolonialwarenhandels. Anzeigen von Sparbutter in Düsseldorf 1877 (Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 302 v. 10. November, 4 (l.); ebd., Nr. 42 v. 14. Februar, 4)

Preis und Geschmack dominierten den Abverkauf, nicht aber vertiefende Informationen: „In Dortmund kommt die Kunstbutter waggonweise an. Die Lieferanten sind hauptsächlich zwei holländische Fabriken, und diese können nicht so viel liefern als bestellt wird. […] In Dortmund muß jeder Kaufmann, welcher Kunstbutter feil hält, in seinem Laden einen Anschlag in großen Lettern mit den Worten führen ‚Margarinbutter‘, ‚Kunstbutter‘ oder ‚Sparbutter‘. Das Publikum stößt sich aber hieran nicht.“ Via Hamburg oder Bremen wurde auch amerikanische Kunstbutter „massenhaft angeboten“ (Kunstbutter, Linzer Volksblatt 1878, Nr. 248 v. 26. Oktober, 2). Schon Ende der 1870er Jahre war klar, dass Kunstbutter „unter ihrem wirklichen Namen auch gern vom Publikum gekauft und genossen wird“ (Naturbutter und Kunstbutter, Wider die Nahrungsfälscher! 2, 1879, 46-47, hier 46). Bemühungen von Kleinhändlern, die Vorteile der „reinen“ Butter gegenüber den nun aufkommenden zahlreichen Fettmischprodukten herauszustreichen, hatten dagegen kaum Erfolg: „Von drei Kunden, welche die Kunstbutter verlangen, sind aber nur zwei zu überreden, die gute reelle Waare zu kaufen, der dritte geht weiter und kauft beim Concurrenten die geringe Waare, welche ja äußerlich der anderen sehr ähnlich ist. Er nimmt die Meinung mit sich fort, daß ich mit der Waare zu theuer bin“ (Das Publicum und die Waarenverfälschung. (Bemerkungen eines Kaufmanns.), Deutsche Blätter 1873, Nr. 7, 26-27, hier 27). Der Speisefettmarkt geriet seit Anfang der 1870er Jahre jedoch nicht durch die Margarine selbst in Bewegung, sondern durch die nun rasch wachsende Zahl von Fettgemischen. Sie stammten von Margarineproduzenten, von Groß- und Kleinhändlern und nicht zuletzt von bäuerlichen Butterproduzenten.

Chaos im Fettmarkt: Mischbutter und Qualitätsprobleme

Die Kunstbutter war in den 1870er Jahren nur im rheinisch-westfälischen Gebiet von größerer Relevanz für den Alltagskonsum. Aufgrund des niedrigeren Preises ist es plausibel, dass Bergleute und die Industriearbeiterschaft daran einen überdurchschnittlichen Anteil hatten. Sicher belegt ist dies aber nicht, beziehen sich die meisten Quellen doch auf bürgerliche Konsumenten und das Nahrungsmittelgewerbe. Der spätere, insbesondere in den Reichstagsdebatten immer wieder antönende Gleichklang von „Margarine“ und Arbeiterschaft war immer auch eine bequeme Deutung, von der nicht zuletzt die politischen Parteien profitieren konnten. Liberale und Teile des Zentrums konnten ihr Eintreten für die „reelle“ Margarineindustrie als Sorge für den Arbeiter und sein Wohlergehen präsentieren. Auch Nationalliberale und die konservativen Parteien ließen keinen Zweifel daran, dass sie preiswerte Nahrung unterstützten: Butter für die Bessergestellten, Kunstbutter für die arbeitende Masse. Alle konnten so vergessen machen, dass Unternehmer, Kleinhändler und Landwirte Akteure und Profiteure des sich wandelnden Fettmarktes waren.

Blicken wir zuerst aufs Land: Verstädterung und „Industrialisierung“ hatten beträchtliche Chancen für marktbezogene Versorgung eröffnet, die insbesondere im Nordwesten und in Mitteldeutschland zu tiefgreifenden Veränderungen vornehmlich in der Fleischproduktion sowie der Milch- und Butterherstellung geführt hatten. Tradierte Stadt-Land-Beziehungen veränderten sich: Märkte wurde immer seltener von bäuerlichen Produzenten beschickt, an ihre Stelle traten Händler. Die Zahl der Hausierer und Höker in den Städten nahm zu. Neben das traditionelle Nahrungsmittelhandwerk traten spezialisierte Kleinhandelsgeschäfte, namentlich Fleischwaren-, Milch- und Butterhandlungen. Ohne diese Veränderungen wäre das, was heute immer noch einseitig und irreführend „Industrialisierung“ genannt wird, nicht möglich gewesen. Doch es reicht nicht, auf die Absatz- und Vertriebsstrukturen zu blicken. Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft, des kleinbäuerlichen Betriebes, manifestierte sich gerade in der Marktproduktion von Eiern, von Butter und Milch. Sie wurden zur Ware, waren nicht mehr Teil des bäuerlichen Universums, einem Konglomerat von Selbstversorgung, Tauschwirtschaft und Kapitalarmut. Marktbeschickung erlaubte eine Neudefinition des bäuerlichen Betriebes, erlaubte eine Horizonterweiterung. Doch sie bedeutete auch die Akzeptanz der Regeln urbaner Märkte. Es galt Standards einzuhalten, Expertensetzungen, Menschenwerk. Das war nicht leicht. „Milch“ variierte je nach Tierart, Fütterung, Weidequalität, Jahreszeit, Abkalbedaten und Wetter beträchtlich. Derart „natürlich“ variierende Ware war aber schwieriger abzusetzen, erzielte oft niedrigere Preise. Die Bauern halfen nach, und nicht nur zu sie. Neben die strukturellen Probleme der Nahrungsmittelversorgung traten insbesondere in den 1870er Jahren zahlreiche Wertverringerungen und auch Nahrungsmittelfälschungen (vgl. Gesetz betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg., II. Sess. 1878, Bd. 3, Berlin 1878, 766-830, insb. 775-798). Was für die Milch das Wasser wurde für die Butter nun die Kunstbutter.

Ihr Aufkommen wurde von vielen Landwirte als Weckruf verstanden (Gabriel Belleville, Die Milch und deren Verwerthung, Wein 1879, 177). Die Kunstbutterbranche war offenbar in der Lage, wichtige Nahrungsmittel preiswerter herzustellen. Die Ausbreitung „dieser Industrie“ sei „ein Mahnruf für die Landwirthe, sich die Errungenschaften der Neuzeit auf dem Gebiete des Molkereiwesens recht bald zu Nutze zu machen“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106-107, hier 107). Das war vor allem Wasser auf die Mühlen einer Minderheit von Agrarwissenschaftlern, die im Sinne der wegweisen Arbeiten Albrecht Daniel Thaers (1752-1828) forderten, „daß die Landwirthschaft heutzutage lediglich als ein industrielles Gewerbe zu betrachten ist, dessen zweckmäßige und gewinnbringende Ausbeutung, nach jeder sich darbietenden Richtung hin, die Aufgabe und das Ziel der Landwirthe sein muß“ (Heinrich Janke, Die Kunstbutter-Fabrikation als landwirthschaftliches Nebengewerbe, Seperatabdruck aus dem Jahrbuch für österreichische Landwirthe 1879, o.O. 1879, 1). Butter musste billiger und zugleich qualitativ besser werden.

14_Kladderadatsch_28_1875_Nr11_Beibl02_p3_Butter_Färbung_Butterfarbe_Rendsburg

Aufhübschung als Dauerpraxis: Werbung für Butterfarbe 1875 (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 11, Beibl. 2, 3)

Dieser Aufgabe fühlten sich die Molkereigenos-senschaften verpflichtet. Händler bevorzugten die Kunstbutter nämlich nicht nur wegen ihres geringeren Preises, sondern auch wegen ihrer standardisierten Konsistenz (Naturbutter und Kunstbutter, Fühling’s landwirthschaftliche Zeitung 27, 1879, 111-113, hier 111). Doch die Butter veränderte sich auch durch gezielte Interventionen. Mit den Fortschritten der Farbchemie wurde die Butterfärbung, bei der zuvor vorrangig auf das aus dem brasilianischen Annattostrauch gewonnene Orleans zurückgegriffen wurde, einfacher und auch preiswerter: Das vermeintliche Naturprodukt wurde den Konsumentenerwartungen gemäß ausgestaltet. Kunstbutter konnte genutzt werden, um sie der eigenen „Naturbutter“ hinzuzufügen, um sie entweder billiger anzubieten oder um einen höheren Ertrag zu erzielen. Es galt, „daß selbst unsere biederen weiblichen Butterverkäufer vom Lande die Kunst, Natur durch Surrogat zu ergänzen, sehr trefflich verstehen“ (Strohmer, 1886). Derartige Mischbutter war erlaubt, sollte allerdings als solche ausgewiesen sein. Das war sie häufig nicht.

Bäuerliche Butterproduzenten nahmen daher nicht unbeträchtliche Mengen Kunstbutter ab – und dies übertraf bei weitem die auch im dem europäischen Ausland allgemein verbreitete Praxis, im bäuerlichen Haushalt Kunstbutter zu verzehren, um mehr Butter verkaufen zu können (Lang, 1912, 54-55). Friktionen innerhalb „der“ Landwirtschaft wurden dadurch offenbar. Die bäuerliche Alltagspraxis stand nicht zuletzt im Gegensatz zu den Interessen der noch erfolgreichen Butterexportindustrie. In Norddeutschland und Ostelbien gelegen, belieferte sie insbesondere den britischen Markt mit hochwertiger Ware. Mischbutter unterminierte ihren Qualitätsanspruch. Das Ringen um die „Margarine“ erfolgte also nicht allein zwischen Industrie und Landwirtschaft, sondern auch innerhalb der Landwirtschaft selbst: „Denn, meine Herren, verkennen Sie doch die Gefahr nicht: es ist nothwendig, daß wir den Artikel ‚Kunstbutter‘ unterdrücken, damit nicht auch die Landwirthe die Möglichkeit bekommen, gewissermaßen selbst schon die Fälschung in ihrer eigenen Wirthschaft vorzunehmen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 667 (von Frege)).

Bäuerliche Anbieter haben das Chaos im Fettmarkt nicht hervorgerufen, doch sie haben es verstärkt. Die Produzenten ergänzten ihre Angebote, neben Kunstbutter trat zunehmend Mischbutter. A.L. Mohr produzierte 1887 beispielsweise 880 t Margarine und mehr als 2.600 t Mischbutter (Herbst, 1989, 151). Großhändler kauften Butter und Margarine, vermengten diese dann zu neuen Produkten. Kleinhändler kauften die Fettgemenge an, wiesen deren Zusammensetzung aber nicht aus, kannten sie teils auch nicht. Die Obrigkeit war nur vereinzelt in der Lage, den Mischbutterabsatz zu ordnen und zu begrenzen. Explizite Kennzeichnungspflichten gab es nicht, zumal Mischbutter keine Gesundheitsgefährdung darstellte. Der Nationalstaat reagierte kaum. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb allgemein, behandelte Kunst- und Mischbutter trotz zahlreicher Petitionen nicht explizit.

15_Nebelspalter_12_1886_H15_sp_Kunstbutter_Nahrungsmittelfälschung

Reine Ware in einem Markt ohne Regeln? Karikatur anlässlich der globalen Regulierungswelle (Nebelspalter 12, 1886, H. 15, s.p.)

Spätestens zu dieser Zeit war Mischbutter ein auch öffentlich diskutiertes Problem. Experten diskutierten vorrangig „die Gefahr der Uebervortheilung“ der Konsumenten (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 147). Indikator hierfür waren gemeinhin Butterkontrollen der noch in den Anfängen stehenden Nahrungsmittel-kontrolle. In Hannover hatten Bürger daher ein privates Untersuchungsamt gegründet, um „dieser neuen Form der Nahrungsnoth“ (Wieder die Nahrungsfälscher! 1, 1878, 1) zu begegnen. Dessen Resultate dürften repräsentativ sein. Die – allerdings nicht sehr zahlreichen – Untersuchungen ergaben regelmäßig mit Kunstbutter vermischte „Butter“. Schlechte Butter resultierte aber vielfach auch aus mangelhafter Butterung, also Defiziten in der bäuerlichen Produktion (Ergebnisse des Hannoverschen Untersuchungsamtes, Wider die Nahrungsmittelfälscher! 1, 1878, 27-28, hier 28). Die Konsequenz waren Forderungen einerseits nach klarer Kennzeichnung, anderseits nach Aufklärung des Publikums über die rechte Beschaffenheit von Butter resp. Kunstbutter (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1878, 23). Die Fachleute wussten aber auch, dass ihre Arbeit keine marktbereinigenden Folgen gegen Mischbutter haben konnte: „Die Behörden waren bislang gegen diesen Betrug meistens machtlos, da alle vorgeschlagenen analytischen Methoden […] zu umständlich und viel zu unsicher sind, als dass auf sie hin eine energische Controle denkbar wäre“ (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1879, 168). Das Chaos im Fettmarkt resultierte auch aus dem Mangel an empirisch validen Nachweisverfahren. Neue Verfahren arbeiteten mit polarisiertem Licht, also optischen Verfahren, doch deren Handhabung war kompliziert, teuer und oft nicht gerichtsfest. Während der 1880er Jahre kamen zahlreiche neue Verfahren und Geräte auf, doch eine präzise und zugleich preisgünstige analytische Unterscheidung der einzelnen Fettsäuren war erst nach der Jahrhundertwende möglich.

16_Sell_1886_p543_Nahrungsmitteluntersuchung_Mayer_Butter_Margarine

Wahrheitsverfahren: Butteruntersuchungsapparat des Agrarwissenschaftlers Adolf Eduard Mayer ([Eugen] Sell, Beiträge zur Kenntnis der Milchbutter […], Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 529-545, hier 543)

Auch der bestehende Rechtsrahmen setzte dem Einschreiten der Obrigkeit enge Grenzen. In Leipzig wurden 1886 beispielsweise drei Kaufleute erstinstanzlich wegen des Verkaufs Mohrscher Kunstbutter als „Gutsmischbutter“ zu Geldstrafen verurteilt. Die Revision kassierte das Urteil des Amtsgerichts, da der Fettgehalt beider absolut vergleichbar sei, ein Betrug also nicht vorliegen könne. Das Verfahren wurde zwar an das Landgericht überwiesen, doch dort konnte man nur noch wegen Betruges nach dem Nahrungsmittelgesetz vorgehen – ein quasi aussichtsloses Unterfangen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 213 v. 1. August, 20). Was blieb war vor allem der moralische Appell, da Kennzeichnung nicht einfach dekretiert werden konnten. „In diesem Kampf zwischen ‚Natur‘ und ‚Kunst‘ stehen die Dresdner Hausfrauen natürlich auf der Seite der Naturbutterhändler und wünschen recht sehnlichst, daß sie durch behördliche Fürsorge vor Schwindel und Uebervortheilung bewahrt werden“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 210 v. 29. Juli, 6). Da lachten viele Marktteilnehmer und schritten weiter voran. Gerade Pharmazeuten und Chemiker flüchteten sich angesichts der weitverbreiteten Moralisierung der Märkte in Sarkasmus. Als in London 1870 Fett aus den Themseabfällen gewonnen werden sollte, kommentierte man süffisant: „Philanthropen bemühen sich, den Armen einen billigen Genuß von Butter zu verschaffen“ (Butterverfälschung, Industrie-Blätter 7, 1870, 108-109). Inhaltlich waren sie nicht weit entfernt von den Vorstellungen der Sozialdemokratie, die sich in der Folgezeit zur eigentlichen Partei des Konsumentenschutzes entwickeln sollte. Sie beklagte beredt den Schwindel mit „Butter“, forderte aber zugleich Zwangsmittel, damit die Firmen klar kennzeichneten. Zugleich aber brandmarkte sie die Kennzeichnungsdebatte als bürgerliche Irreführung, ginge es doch darum, „daß die große Masse des Volkes nicht mehr im Stande ist, unverfälschte Nahrungsmittel zu kaufen“ (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 181 v. 6. August, 2).

Das Chaos im Fettmarkt führte auch zu einer steten Präsenz des Verdachts. Fabriken wurden beobachtet, um abschätzen zu können, wie viel sie produzierten und wie viel sie davon ehrlich verkauften (Rosenheimer Anzeiger 1879, Nr. 198 v. 31. August, 3). Wirkmächtiger aber war der Verdacht, „dass ein Theil der Kunstbutter aus ekelerregenden Materialien dargestellt wird“ (Adolf Eduard Mayer, zit. n. Benedikt, 1887, 420). Gerade die Verwendung von Schlachtabfällen führte zu gleichsam apokalyptischen Szenarien allgemeiner Verfälschung, allgemeiner Vergiftung.

17_The Wasp_10_1883_01_06_Nr01_p16_Margarine_Nahrungsmittelfälschung_Fleischwirtschaft

Das Unbehagen an der Kunstbutter: US-Karikatur über die nicht deklarierten Grundstoffe der Margarineproduktion (The Wasp 10, 1883, Nr. 1 v. 6. Januar, 16)

Dem standen Physiologen und Chemiker gegenüber, die berechtigt hervorhoben, dass eine öffentliche Gefahr bei Natur- und Kunstbutter sowie etwaigen Mischungen an sich ausgeschlossen war: „Auf dem Markte wird man füglich dem Geschmacke des Publikums die Rolle des Richters überlassen können und derjenige, welcher sich über den Genuss des feinen Butteraromas hinwegzusetzen vermag und anstatt Naturbutter Kunstbutter mit nach Hause bringt, wird nicht schlechter fahren als Jemand, welcher mit einer geringeren Fleischqualität sich zufrieden stellt“ (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 249, 1883, 319). Fasst man zusammen, so war der Verkauf von Kunstbutter unter der „Maske der Naturbutter“ (Strohmer, 1886) in der Tat weit verbreitet. Die Speisefette bestanden aus zahlreichen Mischungen, doch es gab keine rechtlich verbindlichen Begriffe, um diese Vielfalt präzise fassen zu können. Kunstbutter war Produkt naturwissenschaftlichen Wissens, doch die Wissenschaft war nicht in der Lage, ihre Marktpräsenz stetig und differenziert nachweisen zu können. Dies führte zu Unsicherheit über gängige Alltagsangebote, über die Ordnungskraft von Obrigkeit und Wissenschaft. Staatliches Handeln schien unabdingbar – und seit 1886 lag ein erster Gesetzentwurf vor, der das Chaos im Fettmarkt beenden sollte. Bevor wir auf diesen eingehen, ist nochmals innezuhalten: Die hitzige Diskussion über Kunst-, Misch- und Naturbutter macht schließlich klar, das moderne Produkte ohne eine informative Reklame und das Qualitätsversprechen von Markenartikeln kaum zu etablieren sind. Der Markt kann nicht gänzlich frei sein, muss immer begrenzt und eingehegt sein. In den 1890er Jahren gab es daher weitere Rahmenregulierungen, so 1894 das Gesetz zum Schutz der Waarenbezeichnungen und 1897 das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Staatlich-parlamentarische Intervention: Benennung und Einhegung der „Margarine“

Als die Reichsregierung im Februar 1886 dem Bundesrat einen Gesetzentwurf „über den Verkehr mit Kunstbutter“ vorlegte, war klar, dass ein öffentliches Problem bestand, doch es war unklar, wie dieses zu regeln war (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 48 v. 26. Februar, 2). Der Gesetzentwurf war jedenfalls eine Absage an ebenfalls mögliche detaillierte Verordnungen auf Grundlage des Nahrungsmittelgesetzes, wie sie vornehmlich von landwirtschaftlichen Interessengruppen vielfach gefordert worden war (Otto May, Umschau, Zeitschrift des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 69, 1879, 418-425, hier 424). Kunstbutter war wichtig genug, um in einem Spezialgesetz geregelt zu werden – recht bemerkenswert, denn damals lief die Gesetzesmaschinerie deutlich niedertouriger als heutzutage. Dem Gesetzentwurf vorangegangen waren nicht nur intensive öffentliche Debatten, sondern auch Forderungen nach einem neuerlich höheren Zoll auf Oleomargarin und Kunstbutter, eingebracht 1885 vom Zentrum resp. der freien wirtschaftlichen Vereinigung, einer Vorform der „Kartellparteien“ von Nationalliberalen und Konservativen. Sie trafen auf vehementen Protest der Linksliberalen, scheiterten aber an der schlichten Regierungsaussage, das eine zolltechnische Unterscheidung von Butter und Kunstbutter nicht möglich sei (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 90 v. 18. April, 5).

Während der Entwurf 1886 beraten wurde, waren Umfang und Struktur der Kunstbutterindustrie nur grob bekannt. Eine vom Reichsgesundheitsamt initiierte Denkschrift, die sich vornehmlich den verschiedenen Nachweisverfahren, also einer möglichen Kontrollpraxis widmete, nutzte die Angaben der Berufsgenossenschaft der Nahrungsmittelmittelindustrie. Demnach gab es im Deutschen Reich 45 Kunstbutterproduzenten mit 415 Beschäftigten. Hinzu kamen sieben weitere Firmen, die auch andere Waren produzierten (Sell, 1886, 492). Preußen, und darin insbesondere die Rheinprovinz, dominierte, Bayern folgte mit beträchtlichen zehn Fabriken. Gestützt durch die neu errichteten Zollschranken war die Branche zwischenzeitlich zum Export übergegangen (Kunstbutterfabrikation, 1887, 250). Produktionsziffern lagen nur vereinzelt vor. Kunstbutter wurde vornehmlich in Städten verkauft, insbesondere in Hafenstädten. Mège-Mouriès Initiative hatte also auch den Schiffsproviant verändert. Als Abnehmer wurden die „ärmeren Klassen der Bevölkerung“ (Sell, 1886, 492) genannt, doch der gewerbliche Konsum war ebenfalls beträchtlich. Valide Umsatzziffern fehlten, die Schätzungen schwankten zwischen 18 und 162 Millionen Mark (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 940). Die Margarineindustrie war also relativ klein, ökonomisch recht unbedeutend. Ihre Regulierung durch ein Spezialgesetz erfolgte, weil es um grundsätzliche Ordnungsentscheidungen im sich rasch wandelnden Konsumgütermarkt handelte.

In der Forschung wird das sog. Margarinegesetz von 1887 nun häufig missverstanden als eine einseitige Liebesgabe an landwirtschaftliche Interessen: „Unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes suchte die Landwirtschaft sich missliebiger Konkurrenz zu entledigen“ (Vera Hierholzer, Nahrung nach Norm. Regulierung von Nahrungsmittelqualität in der Industrialisierung 1871-1914, Göttingen 2010, 148). In der Tat gab es seit 1886 eine breite Mobilisierung landwirtschaftlicher Vereine, namentlich des Deutschen Landwirtschaftsrates. Deren Forderungen waren bekannt reißerisch: „Unserseits würden wir am liebsten die Existenz von ‚Kunstbutter-Fabriken‘ ganz beseitigt sehen. Die Gründe, welche man für deren Bestehen geltend macht, sind sehr fadenscheinig und der Nutzen, welchen die Arbeiterwelt in Mittel- und Norddeutschland daraus ziehen soll, ist gering, kann aber jedenfalls den immensen Schaden, der durch die Kunstbutterfabrikation angerichtet wird, bei Weitem nicht aufwiegen“ (Tagesgeschichte, Rosenheimer Anzeiger 1885, Nr. 111 v. 17. Mai, 1). Damit negierten sie das bestehende Chaos im Fettmarkt, negierten insbesondere, dass davon zahlreiche kleinbäuerliche Butterproduzenten profitierten. Während der Debatte über das Margarinegesetz wurde ein Verbot der Kunstbutter jedoch von allen Fraktionen abgelehnt. Stattdessen ging es auch für die zu dieser Zeit noch schwer zu fassenden „Agrarier“ – der Bund der Landwirte wurde erst 1893 gegründet – um eine neue Ordnung dieses für Milchbauern und Fleischmäster wichtigen Konsumgütermarktes. Der Regierungsentwurf hatte genau das anvisiert und blieb gegenüber den natürlich auch in den Reichstag dringenden Forderungen der Agrarier – insbesondere der nicht im Mittelpunkt stehenden Frage der Färbung der Kunstbutter – ablehnend. Das Margarinegesetz war kein Erfolg der Agrarlobby. Wohlig berichtete die liberale Vossische Zeitung über die „Mißstimmung der Agrarier“ (Vossische Zeitung 1887, Nr. 233 v. 22. Mai, 1) nach der für sie eigentlich erfolgreichen 2. Lesung des Gesetzentwurfes. Doch es ging letztlich nicht um die Minderheit der Extremisten vom Lande. Es ging bei dem Margarinegesetz um die Marktregulierung von wissensbasierten Konsumgütern. Das sahen auch die beiden konservativen Parteien und die Nationalliberalen so – also die Kartellparteien, die eine klare Mehrheit im Anfang 1887 neu gewählten Reichstag besaßen.

Was war nun das Ergebnis all dieser Debatten? Der Reichstag agierte als Sprachschöpfer: Der Begriff „Kunstbutter“ wurde quasi amtlich gestrichen und durch den neuen Begriff „Margarine“ ersetzt. Mischbutter wurde grundsätzlich verboten, wenngleich eine relativ geringe Zumischung von Milchbutter zugestanden wurde. „Margarine“ musste als solche gekennzeichnet sein, war im Kleinhandel in Würfelform abzusetzen. Hersteller hatten ihren Namen und die Produktbezeichnung anzugeben, Händler mussten das Produkt benennen und ausschildern. „Margarine“ musste aber nicht gefärbt werden, um sie auch augenscheinlich von Butter abzugrenzen (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494-1495). Damit genügte das Gesetz weder extremen agrarischen Forderungen, noch richtete es sich primär gegen die „Uebervortheilung namentlich der kleinen Leute“ (Der Wendelstein 1886, Nr. 156 v. 30. 12., 1). Es war vielmehr der Versuch, den Fettmarkt mittels einer Kombination von moderaten Eingriffen in den Absatz, tradierten Strafbestimmungen und wissenschaftlicher Kontrolltätigkeit wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Es waren vor allem zwei bisher wenig beachtete Aspekte, die das sog. erste Margarinegesetz zu einem Meilenstein in der Regulierung der Konsumsphäre machten. Zum einen rückten die Parlamentarier die für Konsumgüter wesentlichen semantischen Illusionen in den Mittelpunkt der Gesetzgebung. Zum anderen rangen sie um die Warenästhetik der Konsumgesellschaft, erörterten am wachsgelben Exemplum die visuelle Kultur der neuen Zeit.

Die Parlamentarier waren sich der tiefgreifenden Veränderungen der Nahrungsmittel seit dem Markteintritt der „Margarine Mouriès“ natürlich bewusst. Das galt nicht allein für das Deutsche Reich, denn in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre wurde „Margarine“ in fast allen westlichen Staaten durch Spezialgesetze reguliert. Der Nationalliberale Abgeordnete Friedrich Bahya brachte den Wandel auf den Punkt: „Ich bin weit entfernt, irgend einem Kunstprodukt nahetreten zu wollen; wir leben in einer Zeit, wo alles doch mehr oder weniger dem Kunstbetrieb zugeht“ (RT, Stenographischer Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 290 (Bayha)). Kunstbutter war ein Prototyp neuer künstlicher Kost, der stete Bezug auf Auslandsmärkte, internationale Transfers und wissenschaftliches Wissen unterstrich dies.

Kunstbutter indes war in Zeiten ubiquitär angebotener Mischbutter ein unklarer Begriff geworden, ausgehöhlt, weit entfernt von der ursprünglichen Klarheit der „Margarine Mouriès“, auf die man sich immer wieder als ehrliches Produkt berief. Was war aus Kunstbutter nur geworden: Sparbutter, Kochbutter, Wirtschaftsbutter, Margarinbutter, Naturbutter, Grasmischbutter. Auch Schmalzbutter, Fassbutter, holländische Butter, Butterine wurde angeboten, nicht zu schweigen von Gebirgs-, Alpen- Alpenkräuter-, Senn-, Rittergutsbutter, schließlich Schweizer, Bayerische, Tyroler Butter. Wer Kunstbutter kaufte, fühlte sich an die Schäferromane des Barocks, die einfache ländliche Welt der Romantik erinnert. Auch Butter blieb nicht länger Butter, sondern wurde „gut“ und „rein“, mutierte zur Naturbutter oder Milchbutter. Begrifflich entfernten sich die Anbieter von der recht prosaischen Produktionspraxis, verkauften mit der Ware zunehmend auch Träume. Der Regierungsentwurf wollte diese nicht zerstören, doch die darin vorgeschlagene Rückführung aller Mischfette auf den verbindlichen Begriff der Kunstbutter fand keine Billigung bei der Mehrheit: Im beratenden Kommissionbericht hieß es desillusionierend: Mischbutter „gleicht einer falschen Münze, und verdient auch so behandelt zu werden; sie trägt nicht nur ein erborgtes Kleid, sondern sie borgt von der Naturbutter auch deren Preis, läßt ihr aber deren höhere Produktionskosten, welche den Preis der Milchbutter bedingen und rechtfertigen; sie ist daher nicht nur zu Täuschungen benutzbar, sondern ein Täuschungsprodukt an und für sich; ihre ganze Existenz ist dadurch bedingt, daß eine Täuschung erzielt wird“ (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 942-943). Dem galt es gegenzusteuern, regulativ, aber auch begrifflich. So hatten einzelne Abgeordnete schon während der Diskussionen um das Nahrungsmittelgesetz argumentiert, ohne sich aber durchsetzen zu können (Entwurf, 1878, 786). Nun aber kam man, auch unter dem Einfluss ausländischer Gesetze, zu dem Schluss, dass ein neues wissensbasiertes Produkt auch eines neuen wissenschaftlichen Namens bedürfe.

18_Wiener Hausfrauen-Zeitung_12_1886_141_Margarine_Ignaz-Mößl_Wien_Backen

Dem Kunstfett einen Namen geben: Werbung für Margarin-Produkte 1886 (Wiener Hausfrauen-Zeitung 12, 1886, 141)

Der neue Begriff „Margarine“ verweise nicht allein auf den eigentlichen Ausgangspunkt des Marktwandels – die „Margarine Mouriès“ – sondern erlaube auch eine Vereinheitlichung des Fettmarktes, die mit dem in Deutschland eben nicht überall eingebürgerten Begriff der Kunstbutter nicht zu gewährleisten sei (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 941). Kunstbutter habe zudem einen irreführenden Lockreiz, beziehe sich auf die Kunstfertigkeit der Produktion, auf deren Nähe zum Kunsthandwerk. Der Begriff „Margarine“ sollte zugleich die Trennung von Butter und dem neuen Kunstprodukt unterstreichen. Es ging um begriffliche Trennung, nicht um begriffliche Vermischung. Zugleich unterstrich „Margarine“ das Fremdländisch-internationale dieser Handelsware, während Butter, die reine, im heimisch-ländlichen Raum verankert blieb. Der neue Begriff rief allerdings deutliche Kritik hervor. Die Regierung verteidigte die Kunstbutter pragmatisch, da der Zusatz „Kunst“ doch eher an Ersatzmittel, an Surrogate erinnere (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 281 (Köhler). Kunstwein schmeckte nicht recht, auch Kunstdünger hatte schon damals gewissen Warncharakter. Auch Hinweise, dass „Margarine“ ein wissenschaftlich irreführender Begriff sei, da das Produkt aus Olein und Margarin bestehe – in den USA erließ man 1886 den Oleomargarine Act – und die Margarinsäure keineswegs konstitutiv sei, wurden nicht gehört.

Öffentlich breit diskutiert wurde einerseits die vom Nationalliberalen Ludwig Bamberger (1823-1899) thematisierte Kernfrage, „wie weit soll der Gesetzgeber sich einmischen in den Sprachgebrauch eines Volkes, insofern er sich reflektirt in seinem gewerblichen Verkehr?“ Damit versuchte er die für die deutsche Kulturnation zentrale sprachliche Autonomie der bürgerlichen Gesellschaft zu verteidigen. Zugleich erschien ihm das Lehnwort aus dem Französischen eine „Verunreinigung der deutschen Sprache“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 resp. zuvor 660). Ähnlich argumentierte der freisinnige Abgeordnete Alexander Meyer (1832-1908), der lange bevor dieser Begriff für das Herrschaftssystem Wilhelm II. verwandt wurde, anmerkte, dass „Margarine“ „gewisse cäsarische Neigungen“ verrate, „die Grammatik zu beherrschen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 17. Juni 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 1120). Der Begriff schien ihm nicht handhabbar, erinnere an die Kunstsprache Volapük, nicht aber an klare deutsche Sprache. Diese Kritik ließ die Befürworter der Konservativen, der Nationalliberalen und auch des Zentrums jedoch nicht wanken. Unter dem Spott der liberalen Presse und auch ordentlicher Nationalisten und Germanisten sprachen sie sich für ein welsches Fremdwort aus, nicht aber für das ebenfalls vorgeschlagene schöne deutsche Wort „Talgbutter“. Die sprachlich verordnete „Margarine“ setzte sich nach längerer Gewöhnungsphase schließlich durch – überdeckte so den tiefgreifenden Wandel des Fettproduktes in den folgenden Jahrzehnten. Das aber ist ein wesentliches Kennzeichen semantischer Illusionen.

„Margarine“, ursprünglich noch ein Plural, war nun begrifflich fixiert als „diejenigen, der Milchbutter ähnlichen Zubereitungen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt“ (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494). Ihre Warenästhetik blieb davon jedoch unberührt. Schon die „Margarine Mouriès“ war chamäleonhaft. Frisch hergestellt war sie wachsig-weiß, nicht golden-gelb wie „gute“ Butter. Die Fabrikanten veränderten jedoch schon früh Geschmack, Geruch und insbesondere die Farbe des Fertigproduktes, folgten dabei den Wünschen und den Erwartungen der Käufer. Man griff dabei ins Schatzkästlein auch der Butterproduzenten: Dort fanden sich Butterfarbe, Butteräther, Orleans, Cumarin, Curcuma, nicht zu vergessen die Gelbwurzel, Safran, Saflor, die Ringelblume, das Gelbholz und auch die gemeine Mohrrübe (Kunstbutterfabrikation, 1887, 249; Wider die Nahrungsfälscher! 4, 1881, 78; Jolles, 1895, 19). Sie alle dienten nun auch der Färbung der „Margarine“, ihrer properen und buttergleichen Erscheinung.

Der Vorschlag einer markanten Färbung der Kunstbutter war daher keineswegs so abwegig, wie dies die Kritiker monierten. Abermals handelte es sich um einen Wissenstransfer, dieses Mal aus den USA, wo seit spätestens 1885 die Farben blau, grün und rot in die engere Auswahl kamen, von denen rot, zumindest in New York, auch kurze Zeit angewandt wurde (Strohmer, 1886). Der Deutschkonservative Agrarier Hans von Kanitz (1841-1913) griff derartige Anregungen freudig auf und plädierte 1886 im Preußischen Abgeordnetenhaus für eine Blaufärbung der Kunstbutter (Blau gefärbte Kunstbutter, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 93 v. 20. April, 2). Im deutschen Reichstag war der Freikonservative Abgeordnete Arthur Gehlert (1833-1904) – heute noch erinnert als ein Pionier der Schachkomposition – der Färbungsfrontmann. Er sah den Menschen als eine „zweibeinige Bestie“, die nur durch den Staat als „Inbegriff aller Konsumenten“ gebändigt werden könne. Stupsen reiche nicht, die Lenkung müsse klar sein. Und so plädierte er für eine Kunstbutterfärbung im sanften Hellblau (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 283 resp. 284). Das Protokoll vermerkte hier „große Heiterkeit“ – und doch: Eine Färbung war durchaus praktikabel und insbesondere der Münchener Agrarwissenschaftler Franz von Soxhlet (1848-1926) präsentierte nicht nur eine deutlich breitere Farbpalette ([Franz] Soxhlet, Ueber Margarine, München 1895, 131-149). Um aus der Not der Untersuchungspraxis eine Tugend zu machen, plädierte er während der Beratungen 1887 für den verpflichten Zusatz des aus dem Lackmustest bekannten Phenolphtaleins. Dieses sei „völlig unschädlich“ und leicht festzustellen und belasse die Farbe des Produktes im Vertrieb. Von der heute angenommenen kanzerogenen Wirkung des Stoffes konnte er noch nichts wissen.

In der Tat wären dies wirksame Maßnahmen gegen die „unkontrolirbare“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 21. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 685 (von Holstein)) Kunst- und Mischbutter gewesen. Doch schon in der Kommissionsberatung hatte sich die Regierung gegen die Zwangsfärbung ausgesprochen und eine Kommissionsmehrheit war nicht zu erlangen. Schon zuvor hatte man ein ebenfalls gefordertes Färbeverbot der Kunstbutter abgelehnt. Eine moderate Färbung gehöre zu modernen Konsumgütern dazu, sie könne daher nicht zur einseitigen Diskriminierung verwendet werden (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 939-40, 945). Damit war der Vorschlag eigentlich vom Tisch. Doch er wurde in den Folgedebatten wiederholt aufgegriffen, ging es doch nicht allein um Farbzusätze, sondern um die psychologischen Grundlagen moderner Konsumgesellschaften: Wahrheit verkaufe sich nicht. Diese Plattitüde wurde dann immer wieder von nachplappernden Werbepionieren aufgewärmt, so etwa von Raymond Loewy (1893-1986) (Häßlichkeit verkauft sich schlecht, Düsseldorf 1953). August Lucius (1816-1900), Zentrumsabgeordneter des Düsseldorfer Wahlkreises, wusste bereits, dass es hier um Teilhabe und Respekt ging: „Hüte man sich doch, so weit zu gehen, und bedenke man, daß man den armen Mann durch eine solche Maßregel nicht allein abschreckt, sondern auch beleidigt, degradirt. Welche Frau würde in einen solchen Laden gehen und kaufen oder einen solchen Gegenstand wie gefärbte Butter über die Straße tragen wollen? Das ist eine Zumuthung, die, wenn es möglich wäre, gewiß vermieden werden soll. Denn eine gewisse Befriedigung liegt doch darin, daß die arme Familie glaubt, dieselbe Butter zu essen, wie die reiche Familie. Das Färben der Butter hat etwas despektierliches, unappetitliches und möglicherweise schädliches“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 279). Der Mensch braucht Illusionen, Konsumgüter liefern sie ihm. Mit ernstem Sinn sekundierte Ludwig Bamberger: „Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot, wie es mit Richtigkeit heißt, sondern auch die Phantasie, die Vorstellung […] müssen mit zu Rathe gezogen werden. Und gerade bei dem kleinen Mann, dem die Genüße in der Verfeinerung so viel schmaler zugemessen sind, als den mehr mit Glücksgütern Gesegneten, da ist es von Wichtigkeit, daß auch das Reich der Phantasie, dieser Sinn für das Schöne, die ästhetische Empfindung dessen, was er genießt, ihm nicht verkümmert wird.“ Es sei daher nicht möglich, die Kunstbutter durch Färbung zu „einem Proletarier der vornehmen Naturbutter gegenüber zu machen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 und zuvor 662). Die Margarinefärbung wurde anlässlich des zweiten Margarinegesetzes 1897 neuerlich mit Vehemenz gefordert, doch letztlich nicht eingeführt.

Ein neuer Dachbegriff für ein sich veränderndes Produkt

Blicken wir abschließend auf die Folgen des Spezialgesetzes von 1887. Die neuen Regelungen wurden akzeptiert, auch wenn es teils Jahre dauerte, bis sie umgesetzt wurden. Mischbutter verlor dagegen relativ rasch an Bedeutung. Dies war auch Folge der Professionalisierung der Nahrungsmitteluntersuchung, die langsam selbst in Preußen einsetzte. Der Begriff Kunstbutter verschwand langsam aus dem Sprachgebrauch, im gewerblichen Bereich früher als im Alltag. Entscheidend aber war, dass die neue Definition der „Margarine“ einer neuen Breite des Buttersubstituts ungewollt den Weg bereitete. Während die eigentliche Intention des 1887er-Gesetzes war, eine „Margarine“ zu fördern, deren stoffliche Zusammensetzung der der ursprünglichen „Margarine Mouriès“ entspricht, zeigte sich nicht allein durch die zahlreichen neuen Patente der 1870er Jahre eine beträchtliche Innovationskraft im Fettmarkt (Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 21, 1880, 253; Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Wider die Nahrungsfälscher 4, 1881, 91-92).

19_Vossische Zeitung_1891_04_17_Nr171_p15_Margarine_Pflanzenbutter_Wizemann_Stuttgart

„Margarine“ als Stoffcontainer: Werbung für „Pflanzen-Butter“ nach dem ersten Margarinegesetz (Vossische Zeitung 1891, Nr. 171 v. 17. April, 15)

Mitte der 1890er Jahre war klar: „Was wir heute unter Margarine verstehen, ist etwas wesentlich anderes als vor 10 und 20 Jahren“ (E.H. Burckhardt, Der unlautere Wettbewerb im Butterhandel. Ein Beitrag zur Beurteilung der Margarinefrage, Berlin 1895, 2). Peu a peu verringerte sich die Bedeutung des Rindertalgs als Grundstoff der Margarineproduktion. Das war zum einen eine Konsequenz der schon skizzierten Veränderungen im bäuerlichen Tiereinsatz und der Tiermast, zum anderen aber des Importes von anderen tierischen Fetten. Gebrauchsfertiges Oleo-Margarin und von Stearin befreiter Rindertalg waren mit geringerem Aufwand zu verarbeiten. Daneben trat Schweinefett, insbesondere der sog. Neutrallard, ein geruch- und geschmackloses Bauchfellprodukt (Ernst Storm, Der Wettbewerb zwischen den Speisefetten, Agrarwiss. Diss. Berlin 1933, 18). Der wachsende Margarineverbrauch gründete bis Ende des 19. Jahrhunderts vorrangig auf Importen tierischer Fette, doch die damit einhergehenden Preissteigerungen begrenzten einen höheren Absatz.

Aus diesem Grunde begann man schon in den 1880er Jahren pflanzliche Öle zu nutzen. Sie waren preiswerter, zumal das vornehmlich aus den USA stammende Baumwollsamenöl. Auch deutlich teurere Erdnuss- und Sesamöle wurden einbezogen (Sell, 1886, 490). Gegen die Verpflanzlichung der Margarine gab es aufgrund der weiten Produktdefinition von 1887 keine rechtlichen Bedenken. Allerdings gelang es lange nicht, Öle zu einem konsistenten, streichfähigen und auch bei mittleren Temperaturen verwendbarem Produkt zu verarbeiten (Gustav Hefter (Hg.), Technologie der Fette und Öle, Bd. 3, Berlin 1910, 85-88). Frühe Pflanzenmargarinen zerflossen unter Hitzeeinfluss, waren ohne Eisschränke nicht zu verwenden. Waltran bot ab der Jahrhundertwende eine gewisse Alternative, doch der Geschmack war kratzig. Erst durch die 1901 vom deutschen Chemiker Wilhelm Normann (1870-1939) erfundene, ab 1909 auch allgemein zugängliche Fetthärtung veränderte sich die Margarine zu einem dominant pflanzlichen Fett. Die Kunstbutter wandelte sich dadurch zu einer wirklichen Alternative zur Butter, ließ den Makel des billigen Ersatzmittels hinter sich. Sie wurde zum Stoffcontainer, flexibel einsetzbar, nur mehr rechtlich vom 1887 festgeschriebenen Dachbegriff Margarine zusammengehalten.

Dieses neue, zunehmend als Markenartikel beworbene Produkt kapitalkräftiger Großunternehmen erinnert nur noch sprachlich an das Butteranalogon der 1860er Jahre, das in immer neuen Facetten den frühen deutschen Fettmarkt in ein temporäres Chaos stützte und dessen globale Marktanbindung das Ende des bäuerlichen Universums verdeutlichte. Die Entwicklung der Kunstbutter zur Margarine von den 1860er bis zu den 1890er Jahren ist ein beredtes Beispiel für das Vordringen einer kaum mehr an Räume und Zeiten gebundenen künstlichen Kost, deren Realdefinition ohne Expertensysteme nicht mehr zu leisten ist. Und wir selbst können uns am Beispiel der 1887 von Parlamentariern präsentierten Sprachschöpfung „Margarine“ klarmachen, wie lang der Schlagschatten der Geschichte ist.

Uwe Spiekermann, 26. August 2019

Jugend und „Genußgifte“ im Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus wird vorrangig als destruktive Kraft verstanden und analysiert. Doch in den letzten Jahren ist die Forschung, parallel zum wachsenden Interesse an den nationalsozialistischen Tätern, dazu übergegangen die Konturen einer spezifisch nationalsozialistischen Moral auszuloten (Claudia Koonz, The Nazi Conscience, Cambridge 2003; Raphael Gross, Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, Bonn 2010; Wolfgang Bialas, Moralische Ordnungen des Nationalsozialismus, Göttingen 2014; Wolfgang Bialas und Lothar Fritze (Hg.), Nazi Ideology and Ethics, Newcastle 2014). Kampf und Gewalt, Mord und Vernichtung standen nicht allein, sondern sind auch als Folgen spezifisch nationalsozialistischer Tugendkataloge und Ideale zu analysieren. Wer den Nationalsozialismus erklären will, kommt um die Moral dieses Systems und seiner Träger nicht herum, setzte sie doch Dynamik frei, um selbstgewählte Ziele zu erreichen. Die vorliegenden Debatten sind jedoch häufig ideengeschichtlich gehalten, orientieren sich weniger an der Praxis der NS-Herrschaft. Ein Blick auf das Verhältnis von Jugend und „Genußgiften“ kann daher vielleicht andere, bisher weniger beachtete Nuancen nationalsozialistischer Moral freilegen (für den Marketingsektor vgl. Uwe Spiekermann, German-Style Consumer Engineering: Victor Vogt‘s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann et al. (Hg.), Consumer Engineering 1920s-1970s, Houndsmill/New York 2019, 117-145).

Der Umgang mit den „Genußgiften“ Alkohol und Tabak führt dabei weit über allgemein bekannte Sachverhalte hinaus, dass etwa die SS schon kurz vor Kriegsbeginn der wichtigste Mineralwasserproduzent Europas war und Reichsinnenminister Heinrich Himmler (1900-1945) zahlreiche Gesetze zur Einschränkung des Alkohol- und Tabakkonsums erlassen hat. Die Beziehung von Jugend und „Genußgiften“ verweist vielmehr direkt auf einen nationalsozialistischen Tugendkatalog, da es um den Inhalt einer Erziehung ging, die eine neue Generation „reinerer“, „lauterer“ und somit überlegenerer Charaktere zum Ziel hatte. Doch Ausgrenzung, Verfolgung und „Ausmerze“, also etwa die Sterilisation und die Tötung von „Genußgift“-Abhängigen, standen dabei nicht im Vordergrund. Es ging vielmehr um eine positive Lenkung von Jugendlichen, um dem NS-Ideal der Beherrschung der eigenen Triebe im Sinne eines vermeintlichen Volksganzen zu genügen, dem Annähern an ein Ideal von Nüchternheit und Selbstzucht. Ohne den Blick auf die Moralcodes im Umgang mit alltäglichen Gefährdungen fehlt ein wichtiger Baustein im Verstehen und Erklären dieser Zeit und dieser Jugend.

Gesundheit und Gesundheitsführung im Nationalsozialismus

Das Jahr 1933 bildete auch für die Gesundheitspolitik einen wichtigen Einschnitt – zahlreichen Kontinuitätslinien zum Trotz. Während der Weimarer Republik stand die Gesundheitsfürsorge im Mittelpunkt, nun war es die Gesundheitsführung des deutschen Menschen. An die Stelle von Fürsorge trat vermehrt Vorsorge. Die Gesundheit des Einzelnen wurde in einem völkischen Zusammenhang verstanden, Gesunderhaltung diente der Steigerung individueller Arbeitsleistungen zum Nutzen des deutschen Volkes. Der Einzelne wurde ideologisch auf das reduziert, was er für die Fiktion des Ganzen tat: „Nur der Mensch stellt einen Wert dar, der über eine Leistung verfügt“ (Aufgaben und Ergebnisse zeitgemäßer Ernährungsforschung, Leipzig 1937, 4), so Hans Reiter (1881-1969), Präsident des Reichsgesundheitsamtes. Die Gesundheitspolitik verband die Pflege des völkischen Grundbestandes mit strikter Abgrenzung zu allem „Undeutschen“: „Als Ziel steht der körperlich und seelisch gesunde Mensch mit hoher geistiger Leistung vor uns, den die Zivilisation nicht zu beherrschen und ins Krankhafte zu verändern vermag, sondern der sie beherrscht, weil er neben die Klugheit die Weisheit setzt“ (Walther Klussmann, Gebissverfall und Ernährung, Hippokrates 6, 1935, 767). Heilen und Vernichten, Ausgrenzen und Integrieren gehörten daher zusammen, bildeten die Grundlage für die Dynamik dieses Regimes. Die nationalsozialistische Salutogenese zielte auf die möglichst optimale Entwicklung positiver Anlagen der rassisch zugehörenden und der parallelen Minimierung negativer Umwelteinflüsse. Der Einzelne war schließlich umgeben von Gefahren und Versuchungen, denen er ohne Integration in eine völkische Gemeinschaft nicht Herr werden könne. Als dessen Ausdruck und Repräsentanz forderten Staat und Partei einen Führungsanspruch gegenüber dem Leben jedes Einzelnen, um eine „artgemäße Nahrungs- und Lebensweise“ (Clemens Heine, Brotfrage und Karies ein nationales Problem des Deutschen Volkes, Med. Diss. Würzburg, Bautzen 1938, 6) zu erreichen – so Reichszahnärzteführer Ernst Struck (1893-1974).

01_Auf der Wacht_55_1938_p85_NS-Gesundheitsführung

Bedrohung und Schutz. Arbeitsfelder der NS-Gesundheitsführung (Auf der Wacht 55, 1938, 85)

Die NS-Gesundheitsführung koppelte eine forcierte Bevölkerungspolitik mit einer umfassend gedachten Rassenpolitik. Den wichtigsten Umweltfaktor bildete dabei die Ernährung. Sie sollte einfach und preiswert, nährstoffreich und kräftigend sein. Genuss stand nicht im Vordergrund. Genussmittel waren nicht zu verbieten, wohl aber mäßig zu konsumieren. Diese Zielsetzungen boten ideelle Richtmarken für den Einzelnen. Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti (1900-1945) formulierte die Norm: „Jeder hat heute die Pflicht, gesund zu sein, weil das Volksganze jeden einzelnen Menschen braucht, weil Gesundheit und Arbeitskraft des einzelnen nicht sein Privatbesitz sind, den er nach Belieben verschwenden und vergeuden darf, sondern weil diese Güter ein Teil des ganzen Volksvermögens sind und somit jeder einzelne die Pflicht hat, mit diesem Teil des gesamten Volksvermögens sparsam und wirtschaftlich umzugehen“ (Zur Gründung der Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren, Die Genußgifte 35, 1939, 5-10, hier 5). Die NS-Gesundheitsführung zielte nicht auf den Kranken, im Mittelpunkt stand der „gesunde Mensch“ (Ernst Bauer, Grundsätze in der Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs, in: Partei, Gesundheitsführung, Alkoholmißbrauch, Berlin-Dahlem 1938, 19-22, hier 20).

In diesem Gesamtkonzept bildete die Jugend eine Art Blaupause. Ziel war es, „Erbgut und Anlage in bester Weise zu entfalten“ und im Rahmen der Gesamterziehung mitzuhelfen, „daß die höchste Stufe der Gesundheit, Arbeitskraft und Gesinnung erreicht wird“ (Erika Geisler, Die Gesundheitsführung der Jugend, in: Hans Reiter und Joh[annes] Berger (Hg.), Deutsches Gold, München 1942, 238-290, hier 238-239). Entsprechend setzte die Gesundheitsführung der Jugend auf eine umfassende Erziehung von Leib, Geist und Seele. Es galt den Heranwachsenden „ganzheitlich“ zu behandeln und umfassend zu beeinflussen. Auch diese „Aufklärungsarbeit“ sollte negative Bezugspunkte minimieren, positive dagegen in den Mittelpunkt rücken. Eberhard Kitzing (1911-1941), Leiter des Hauptreferates Gesundheitssicherung der Reichsjugendführung, betonte: „Wir lehnen es ab, mit einem in der Ferne drohenden Gespenst der Krankheit dem jungen Menschen Furcht und Schrecken einzujagen. […] Wir wollen sie zum Stolz auf ihren gesunden Körper erziehen. Wir sagen ihnen, daß sie durch eine vollwertige Ernährung bessere Leistungen im Beruf, im Dienst und im Sport hervorrufen werden“ (Gesundheitsführung der HJ., Alkohol und Tabak, in: Ders. und G[eorg] Reid, Gesundheitsführung der HJ. Alkohol und Tabak, Berlin-Dahlem 1940, 3-9, hier 7). Den Heranwachsenden wurde dazu nicht nur wieder und wieder der Wert eines leistungsfähigen Körpers vor Augen geführt, sondern sie wurden immer wieder auf die eigene Verantwortlichkeit für diesen volkseigenen Körper verwiesen. Zwischen Gesinnung und gesundheitsrelevantem Verhalten bestand ein enges Band. Denn „gesunde“ Jugendliche zeichneten sich durch eine bestimmte „Haltung“ aus, so dass falsches Handeln in der Regel – sieht man einmal von vereinzelten „Fehlern“ ab – erbbiologische Defizite aufdeckte. Dieser Gesinnungsmaterialismus schloss individuelle Freuden und Freiheiten tendenziell aus, so auch den bestrittenen Genuss beim Konsum von Alkohol und Tabak: „Nicht Zügellosigkeit und Bindungslosigkeit, egoistische Freiheit, wollen wir, sondern Einordnung in die großen Forderungen der Volkserhaltung und des planmäßigen Aufbaus unserer Volkskraft, unserer Wirtschaft und unserer Wehrhaftigkeit“ (W[alter] Hermannsen, Kameraden! Herhören!, 3. Aufl., Berlin-Dahlem 1938, 17). Diese Verwertungsimperative der Gesundheitsführung galten als Ausdruck einer überlegenen Rasse, als Abkehr von den Allzweckfeindbildern Judentum, Liberalismus und Marxismus. Im Bereich der Genussmittel dienten dabei die sog. „Bierspießer“ als Negativfolie. Der NSDAP-Vorsitzende Adolf Hitler (1889-1945) hatte schon 1926 eine nüchterne „Kämpfergeneration“ gefordert (Völkischen Beobachter v. 31.03.1926, zit. n. Auf der Wacht 56, 1939, 14-15). Die Jugendlichen sollten gemäß derartiger Ideale „verantwortlich“ wählen.

02_Auf der Wacht_55_1938_p41_Bierspießer_Nationalsozialist

Gläubig, fanatisch, nüchtern – das Ideal des Nationalsozialisten (Auf der Wacht 55, 1938, 41)

Die bisher verwendeten Begriffe „Jugendlicher“ und „Heranwachsender“ müssen allerdings noch aufgesplittet werden: Denn die Gesundheitsführung unterschied deutlich zwischen den Geschlechtern. Dabei ging es einerseits um unterschiedliche Körperlichkeiten. Mädchen wurden auf ihre Mutterrolle eingeschworen. Das Körpergeschehen wurde ihnen als naturgegebene Harmonie dargestellt, die – gleich einem Präzisionsinstrument – durch kleinste Mengen falscher Stoffe aus dem Gleichgewicht geraten würde. „Die ganze Auseinandersetzung mit der Frage des Alkoholmißbrauches […] ist für die heranwachsenden Mädchen nicht nur um ihrer eigenen und ihrer Nachkommen körperlicher Gesundheit willen wichtig. […] So wie die unsichere Haltung der jungen Mädchen dem Alkohol gegenüber […] schon den Keim zur faulen Frucht in sich trägt und häufig genug mit einem unglücklichen oder kranken Leben bezahlt werden muß, so trägt auch die sichere Haltung, die durch rechtzeitig und in lebensnaher Form vermitteltes Wissen um die Dinge erworben werden kann, schon ihre Frucht in sich“ (K. Hoß, Alkohol und weibliche Jugend, Auf der Wacht 56, 1939, 18-20, hier 19). Auch gegenüber den Jungen wurden Fragen der Keimschädigung behandelt, wichtiger aber schien die Auseinandersetzung mit dem Ideal der „Männlichkeit“ zu sein.

Nicht mehr länger sollte der erste Rausch, sollte die Gewöhnung an die Zigarette den symbolischen Eintritt in die Erwachsenwelt bedeuten. Stattdessen galt der Rauschmittelkonsum als „Zeichen mangelnder Selbstbeherrschung, mangelnden Eigenwillens, mangelnder Energie, mangelnder Selbständigkeit des Denkens“ (Tabakmerkblatt für Jugendliche, Zeitschrift für Volksernährung 13, 1938, 41-42, hier 42). Die Mädchen wurden angehalten, sich diesen Jungen zu verweigern, generell wurden die Freundinnen und Frauen von Genußgiftkonsumenten als wenig wertvoll eingestuft. Härte und „Haltung“ charakterisierten Männlichkeit. Dagegen galt: „Genuß macht weich!“ (Hermannsen, 1938, 15). Mädchen sollten warten lernen, sich rassisch korrekt verhalten – auch dies eine wichtige Basis für eine neue „Männlichkeit“ (Günther Hecht, Alkoholmißbrauch und Rassenpolitik, Die Genußgifte 35, 1939, 22-42, hier 38). Jugend war – bei aller Hervorhebung – nur eine Durchlaufstation für den wertvollen Volksgenossen, die wertvolle Volksgenossin und den als ewig gedachten Kreislauf des Volkes.

Die Bedeutung der „Genußgifte“ in der NS-Gesundheits- und Jugendpolitik

All dies waren Normaussagen, erstrebenswerte Ideale. Will man den nationalsozialistischen Kampf gegen die „Genußgifte“ jedoch historisch angemessen einordnen, so sind sechs Punkte besonders hervorzuheben:

In den 1930er Jahren kehrte sich erstens der langfristige Konsumtrend bei den Genussmitteln um. 1932 erreichte der Alkoholkonsum einen säkularen Tiefpunkt, den Gegnern schien ein gänzliches Verdrängen nicht völlig aussichtslos zu sein. Doch seit 1933 zog der Konsum wieder deutlich an, bis 1938 verdoppelte er sich in absoluten Werten. Auch beim Tabak war 1932 ein Tiefpunkt erreicht, der Konsum wuchs ebenfalls deutlich von 105.400 t 1932 auf 1938 128.700 t (Walter G. Hoffmann, Franz Grumbach und Helmut Hesse (Hg.), Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin (W)/Heidelberg/New York 1965, 652). Das Problem der Genussmittel stellte sich somit Jahr für Jahr drängender – und die staatliche Organisation großer Menschenmassen – die Hitlerjugend umfasste Ende 1936 5,4 Millionen, Anfang 1939 dann 8,7 Millionen Mitglieder – bot hierfür einen günstigen Hebel.

03_Tappe_1995_p225_Alkoholverbrauch_Deutschland_1890-1989

Alkoholverbrauch in Deutschland pro Kopf der Bevölkerung 1890-1989 (in l Weingeist) (Heinrich Tappe, Der Genuß, die Wirkung und ihr Bild, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags, Stuttgart 1995, 222-241, hier 225)

Der seit Mitte der 1930er Jahre verwandte Begriff „Genußgift“ war zweitens Ausdruck dieser veränderten Problemstellung. Er steht gegen den gebräuchlichen und rechtlich auch verbindlichen Begriff des Genussmittels. Damit war mehr verbunden als die dann 1939 vollzogene Zusammenfassung der Bewegungen gegen Alkohol, Tabak und weiterer „Gifte“ in der Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren ([Leonardo] Conti, Zur Gründung der Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren, Die Genußgifte 35, 1939, 5-10). Der Begriffswandel sollte einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel unterstreichen. An die Stelle einer vor allem auf Genuss und Geselligkeit zielenden „soziologischen“ Betrachtung alter Zeit trat eine neue „biologisch-naturwissenschaftliche“ Betrachtung neuer Zeit. Die negativen und moralgetränkten Argumente der früheren Antialkoholbewegung sollten nun durch wissenschaftliche Forschung ersetzt werden. Dazu erkundeten staatliche Einrichtungen systematisch die Gesundheitsgefahren durch die „Genußgifte“ (Christoph Maria Merki, Die nationalsozialistische Tabakpolitik, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 46, 1998, 19-42; Robert N. Proctor, The Nazi War on Cancer, Princeton 1999, 173-247, 325-344; Nicole Petrick-Felber, Kriegswichtiger Genuss. Tabak und Kaffee im »Dritten Reich«, Göttingen 2015). Ziel war nun eine „gesetzmäßige Betrachtung von Alkohol und Tabak zunächst für das Jugendalter unter die klare Wirklichkeitslehre des Nationalsozialismus im Sinne einer zielbewußten Gesundheitsführung“ (Georg Reid, Staatsjugend und Genußgifte, Die Genußgifte 37, 1941, 3-9, hier 8).

04_Ludorff_1942_p309_Genußgifte als Krankheitsursache

„Genußgifte“ als Krankheitsursache – Ein Aufklärungsplakat (Walter Ludorff, Genußmittel, in: Hans Reiter und Joh[annes] Berger (Hg.), Deutsches Gold, München 1942, 291-310, hier 309)

Mit der Verwissenschaftlichung beschleunigte sich drittens die Verstofflichung der Genussmittelfrage, also ihre Verlagerung von der gesellschaftlichen auf die biochemisch-pharmakologische Ebene. Alkohol und Nikotin galten als „Zellgifte“, denen man ähnlich entgegentreten müsse, wie etwa krebserregenden Farbstoffen oder Pflanzenschutzmitteln. Entsprechend rigide waren die Vorschläge, zumal als deutlich wurde, dass insbesondere Nikotin die Wehrtauglichkeit Jugendlicher verminderte. Parallel aber wurde begonnen, die mit der Stoffgruppe der Vitamine verbundenen positiven Wertschätzungen für das Regime zu nutzen – bis hin zu gezielten Vitaminaktionen nicht zuletzt für Säuglinge und Schulkinder (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 418-434).

Die staatliche Politik zeichnete viertens ein Dualismus negativer und positiver Maßnahmen aus. Dabei konzentrierte man sich anfangs stark auf repressive Gesetze, etwa die Gesetze zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ bzw. des „Gewohnheitsverbrechertums“. Sterilisation und Hungersterben wurden in den 1930er Jahren in großem Umfang eingesetzt, um „entartete Trunksüchtige“ unschädlich zu machen (Heinz Faulstich, Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949, Freiburg/Br. 1998). Doch schon dieser Begriff enthielt eine Erziehungsaufgabe durch kostensparende Prävention: „Diese Ausmerze ist immer nur ein notwendiges Teilgebiet. Darüber hinaus müssen wir dafür sorgen, daß einmal vorhandenes Erbgut nicht durch Leichtsinn oder Unkenntnis seiner Träger entartet und so immer wieder neues Leid und neue Schmerzen entstehen. Noch wichtiger aber ist es für uns dabei, die ganze Aufmerksamkeit der Erhaltung des bereits gezeugten erbgesunden Lebens und dem Schutze seiner Entwicklung zu widmen“ (Werner Hüttig, Rassenpflege und Alkoholmißbrauch, Berlin-Dahlem 1936, 5). Dieser Wandel stärkte die Bestrebungen, Jugendliche ohne „Genußgifte“ aufzuziehen.

Die 1930er Jahre waren fünftens stark geprägt durch eine Diskussion der Angst vor den Folgen der zunehmend konsumierten Genussmittel. Allgemeine Degeneration, Ängste vor „Fremdrassigen“ sowie überbordender Sexualität wurden auf diesen Bereich projiziert ([Robert] Ley, Genußgifte bedrohen die Volksgesundheit, Volkgesundheitswacht 1938, 100-104; Hans Reiter, Alkohol- und Nikotinmißbrauch und gesundes Volk, Reichs-Gesundheitsblatt 12, 1937, 842-848). Die Erziehung der „Jugend“ war vor diesem Hintergrund eine Politik des Gegenhaltens und möglichen Überwindens durch eine neue „deutsche“ Moral.

Wachsende Bedeutung gewann schließlich sechstens auch die ökonomische Situation des Deutschen Reiches. Nach der Grundsatzentscheidung zum Krieg wurde der Verschwendungsdiskurs immer wichtiger. Spätestens seit 1937 wurde mit dem Verzicht auf „Genußgifte“ immer auch die sinnvollere Allokation von knappen Ressourcen auf ein starkes Reich, also auf Expansion, Krieg und Massenmord verbunden.

05_Auf der Wacht_56_1939_p17_Rauchen_Volkswagen_KdF-Wagen

Rauchen als Vernichtung des Volksvermögens (Auf der Wacht 56, 1939, 17)

Damit begann zugleich ein Wechsel von einer vor allem auf Alkohol ausgerichteten Politik auf die Einschränkung des Tabakkonsums. Schließlich lagen die Devisenausgaben für Tabak deutlich höher als die für vor allem heimisch erzeugten Alkohol. Und so war es kein Zufall, dass seit 1937 die Schlagzahl erhöht wurde, nachdem das Reichsgesundheitsamt die Enthaltsamkeit der Jugend bis zum vollendeten 16. Lebensjahr an die Spitze ihrer Forderungen gegen den Alkohol- und Tabakmissbrauch stellte.

06_Auf der Wacht_55_1938_p1_Gesundheitsführung_NS-Gesundheitspolitik

Zielsetzungen und Mahnungen der Gesundheitsführung 1937 (Auf der Wacht 55, 1938, 1)

Präventionspolitik an verschiedenen Fronten

Die Präventionspolitik agierte unter der Annahme einer umfassenden Bedrohung der Jugend durch Alkohol und Tabak. Ein Beispiel hierfür sind die Ergebnisse einer Umfrage unter 200 Braunschweiger 14-jährigen Jungen aus dem Jahre 1938 (Walter Hermannsen, Erzieher und Erzieherinnen! Ein Wort an Euch! Ideal und Wirklichkeit, Die Genußgifte 35, 1939, 69-86, hier 79-80). Von diesen gaben 183 an, bereits Zigaretten geraucht zu haben, 77 ebenfalls Pfeife und 63 Zigarren. 168 hatten schon Bier getrunken, 184 Wein und 41 Branntwein. Die Eintrittspforte in die Welt des Alkohols bildeten vor allem Volks- und Familienfeste, wobei die Mehrzahl der Eltern (124 von ca. 190) vom Tun ihrer Zöglinge wussten. Doch abseits der Familie gab es weitere und meist entscheidende Vermittlungskanäle:

Informationsgewinnung von 14-Jährigen Braunschweiger Jugendlichen 1938 (Hermannsen, 1939, 80)

07_Hermannsen_1939_p80_Rauchen_Alkohol_Jugendliche_BraunschweigDie kommerzielle Infrastruktur der Genussmittelindustrie ermöglichte einen einfachen Eintritt in die Erwachsenenwelt erlaubter Rauschmittel. 44 Jungen hatten beispielsweise Zigaretten am Automaten gekauft – was gesetzlich verboten war. Zwei weitere Punkte dieser Erhebung sind hervorzuheben: Einmal der Druck der Kleingruppe, also der Jungen untereinander. Beim Rauchen, das meist ohne Wissen der Eltern geschah (von 183 Rauchversuchen waren 172 den Eltern nicht bekannt), gab es klare Bezeichnungen für die, die nicht mitmachten: Feiglinge (46mal), Muttersöhnchen (25mal), Angsthase (15mal), Memme (9mal), Nichtraucher (6mal), Waschweiber (5mal), kleine Kinder (3mal), Säuglinge (3mal), Verräter (3mal), aber auch Schlammschützen, Weichlinge, Flaschen, keine Männer, Drückeberger, Milchjungen, Schlappschwänze, Musterknaben, Pinscher, Grünschnabel, Pflaume. Auffällig war, wer nicht probierte. Pointiert hob der Autor den „Gesinnungsterror“ (Hermannsen, 1939, 80) hervor, der von Eltern, Gleichaltrigen und Werbung ausgeübt wurde. Das Herausreißen des Jugendlichen aus diesen Bezügen schien daher nicht nur sinnvoll, sondern geradezu notwendig.

Derartige Angaben legten zugleich ein gestuftes Vorgehen nahe, um positive Auffälligkeit zu erreichen: „Deshalb muß als erste große Forderung herausgestellt werden, daß gerade der 10-12jährige junge Mensch davon abgebracht wird, überhaupt mit dem Nikotingenuß zu beginnen. Hier liegt in vielen Fällen bereits die Entscheidung, wenn es uns gelingt, die Jungen in diesem Alter vom Rauchen abzuhalten, sich als junge Menschen dem Alkoholgenuß oder gar dem Alkoholmißbrauch zu ergeben“ (Hermannsen, 1939, 82). Gezieltes Vorgehen schien erforderlich, da bloße Appelle auch innerhalb der Hitlerjugend nur begrenzten Widerhall fanden.

Wie sah nun die nationalsozialistische Präventionspolitik bei Heranwachsenden aus? Sechs Felder des „Kampfes gegen die Genußgifte“ stechen hervor:

Im Vordergrund der Politik stand erstens das Lernen am Vorbild. Es war ideal, da sich hierin die Übergabe völkischen Wissens, die Prägung natürlichen Handels von Generation zu Generation manifestierte. Doch zugleich wurde die Verhaftetheit der Erwachsenen in alten Denkformen vielfach beklagt. Entsprechend wurde anfangs vor allem mit dem „Über-Ich des Regimes“, dem Antialkoholiker und Nichtraucher Adolf Hitler geworben.

08_Auf der Wacht_54_1937_p18_Hitler_Alkohol_Tabak

Das nüchterne „Über-Ich“ – präsentiert von Reichsjugendführer Baldur von Schirach (Auf der Wacht 54, 1937, 18. Anfang 1937 waren 120.000 Exemplare dieses Photos verbreitet worden.)

Spätestens seit 1937 begannen jedoch intensive Kampagnen zur Schulung der kleinen Führer, also der (teils noch im Unterricht rauchenden) Lehrer, der Ärzte und insbesondere der Jugendführer. Seit Anfang 1939 (und bis 1943) gab die Dahlemer Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren dazu die Zeitschrift „Alkoholfreie Jugenderziehung“ heraus. Daneben traten Schulungen, vor allem aber eine große Zahl von Aufklärungsbroschüren. Die Ergebnisse etwa der regelmäßigen Reichskonferenzen zur Alkohol- und Tabakfrage wurden in hohen fünf- und sechsstelligen Auflagen verbreitet. Ziel dieser Maßnahmen waren Vorbilder, die Jugendlichen die nüchterne Lehre des Nationalsozialismus vorlebten.

 

Das zweite Arbeitsfeld waren die Schulen. In den Antialkohol- und -tabakvereinen hatten Lehrer, zumal protestantische, seit Anbeginn eine führende Stellung inne. Bereits im Oktober 1933 hatte das Reichserziehungsministerium die schulische Aufklärung über Alkoholgefahren nochmals besonders protegiert, zahlreiche Länderregierungen folgten (Hans Sager, Neues zur Behandlung der Alkoholfrage im Unterricht, Forschungen zur Alkoholfrage 47, 1939, 30-33). Der Begriff der Schule griff dabei bewusst über das Schulgebäude hinaus: In Sachsen wurden die Lehrer beispielsweise etwa per Verordnung angehalten, jugendliche Verstöße gegen das Gaststättengesetz zu beobachten und zu melden. Auch Elternabende dienten der Prävention (Hans Harmsen, Die Bekämpfung des Alkohol- und Nikotingenusses in den Schulen, Volksgesundheitswacht 1936, Nr. 16, 13-15). „Genußgifte“ sollten im Unterricht wiederholt thematisiert werden. Einschlägig waren Chemie, Biologie und Rassenkundeunterricht (vgl. Ferd[inand] Goebel, 30 Experimente zur Alkohol- und Tabakfrage, Berlin-Dahlem 1940). Dazu stellten die Reichstellen bzw. deren zunehmend errichteten Gau- und Kreisstellen nicht zuletzt Lichtbilder zu Verfügung. Neue Ansätze, wie etwa die Analyse der Tageszeitungswerbung oder aber der Berichterstattung über Bier, Brauereien und Verkehrsunfälle, sollten den Unterricht lebendiger und anschaulicher machen. Auch die immer wichtigere Verkehrserziehung wurde in den Dienst der freudigen Abstinenz gestellt. Insgesamt aber waren die schulischen Möglichkeiten begrenzt, zumal praktische Alternativen zum Alkohol, wie etwa die Zubereitung von Joghurt in der folgenden Abbildung, für Heranwachsende nur begrenzte Attraktivität besaßen.

09_Forschungen zur Alkoholfrage_43_1935_p74 und 75_Schule_Joghurt_Milchprodukte

Alternative zum Alkohol: Milch und Milchprodukte im Schulunterricht (M. Javet, Praktische Milchpropaganda in der Schule, Forschungen zur Alkoholfrage 43, 1935, 73-75, hier 74, 75)

Zum zentralen Erziehungssektor entwickelten sich drittens dagegen die NS-Jugendorganisationen. Hier agierten Jugendliche in einem neuen Umfeld, hier sollten sie positiv auffällig werden: „Daß die Hitlerjugend heute ihre Ausrichtung auf das gesundheitlich Ideal […] nicht erreichen kann, ohne einen Bruch mit der gesellschaftlichen ‚Konvention‘ zu vollziehen, dürfte keinem mit der Jugend Lebenden mehr verborgen bleiben können“ (Georg Reid, Fest- und Feiertagsgestaltung bei der HJ, Auf der Wacht 54, 1937, 38-39, hier 39). Die Reichsjugendführung gab hierfür eindeutige Vorgaben: 1937 wurden die Genussgifte als „Zivilisationsseuche“ bezeichnet, wurde der „käuflich erwobene [sic!] Genuß abgelehnt und der erkämpfte Genuß als erstrebenswert hingestellt“ (Hermannsen, 1939, 74). Die gesamte Hitlerjugend galt als ein Experimentierfeld für eine genussgiftfreie Jugend, in der nicht zuletzt eine andere Form von Geselligkeit und Feiern eingeübt werden sollte.

1939 rief der Reichsjugendführer Schirach das „Jahr der Gesundheitspflicht“ aus. Nun sollte jede/r Jugendliche freiwillig dem Vorbild Hitlers folgen, um so ein „artgemäßes Erziehungs- und Lebensideal zu entwickeln“ (Günther Hecht, Alkoholmißbrauch und Rassenpolitik, Die Genußgifte 35, 1939, 22-42, hier 39). Ziel war ein neuer Moralkodex, der in reflektierte Abstinenz mündete. Das Genussempfinden des Einzelnen sollte vor der Verantwortung für die Leerformeln „Volk“ und „Reich“ zurücktreten: „Durch die Erziehung in Lager und Kolonne wird festgelegt, was Ehre ist, und was als unehrenhaft und unmännlich oder unfraulich gilt. […] Wenn dabei in den Einheiten der Jugend immer mehr das Idealbild eines genußgiftfreien Jugendlebens vor die Augen der Jungen und Mädel tritt, indem es als unehrenhaft, als niedrig und gemein gilt, in alkohol- und nikotingeschwängerter Luft eine Scheingeistigkeit und Scheinfröhlichkeit vorzutäuschen, dann wird der Erfolg sein, daß zum Typus des deutschen Leistungsmenschen der Zukunft unbedingt mit hinzugehört, daß er Alkohol und Tabak meidet“ (W[alter] Hermannsen, zit. n. Theo Gl[äß], Jugend, Erzieher, Genußgifte, Forschungen zur Alkoholfrage 48, 1940, 114-116, hier 115-116). Willenskraft sollte helfen, damit „der Gesunde, Vollwertige ohne besondere Schwierigkeiten die ‚Mode‘ des Zigarettenrauchens“ ([Georg] Reid, Weltanschauung, Haltung, Genußgifte, Die Genußgifte 35, 1939, 55-68, hier 61) ablegt. Deutlich erkennbar ist, wie mit der positiven Auffälligkeit auch die negative geschaffen wurde. Dies war eine zwingende und auch erwünschte Folge der neuen Moral.

Doch auf Erziehung und strikte Moralvorgaben allein verließ man sich nicht. Seit 1939 wurde viertens vielmehr der sog. Jugendschutz intensiviert, der Genussmittelkonsum für Jugendliche strikt reguliert. Dieser Jugendschutz stand in der Tradition des Weimarer Interventionsstaates, etwa des Gaststättengesetzes von 1930, in dem ein Ausschankverbot für Branntwein an Jugendliche unter 18 Jahren und Genussmittelkonsum von unter 16-Jährigen nur in Anwesenheit von Erziehungsberechtigten festgeschrieben worden war. Bis 1939 gab es kaum gesetzliche Änderungen – zwei Änderungen des Gaststättengesetzes 1934 und das novellierte Jugendschutzgesetz vom November 1938. Die bestehenden Regelungen rief man allerdings wieder und wieder ins Gedächtnis (Das Alkoholverbot für Jugendliche, Zeitschrift für Volksernährung 12, 1937, 140).

10_Geisler_1942_p269_Jugendschutz_Gaststätten_Rauchen_Alkohol_Regulierung

Gesetzliche Regelungen zum Jugendschutz 1941 (Erika Geisler, Die Gesundheitsführung der Jugend, in: Hans Reiter und Joh[annes] Berger (Hg.), Deutsches Gold, München 1942, 238-290, hier 269)

1939 und 1940 wurde der Jugendschutz dann auf dem Verordnungswege deutlich intensiviert. Der Aufenthalt in Gaststätten wurde zeitlich begrenzt und die Einschränkungen auf Kinos, Kabaretts, Spielhallen und Eiscafés erweitert. Neu war insbesondere das Rauchverbot in der Öffentlichkeit für unter 18-Jährige.

Diese Regelungen griffen tief in das Leben der Jugendlichen ein, schufen insbesondere zahlreiche neue Straftatbestände. Gleichwohl handelte es sich um mühselig erzielte Kompromisse, denn die eigentliche Forderung der Antigenußgift-Bewegung war ein generelles Konsumverbot von Tabak und Alkohol für alle Jugendlichen unter 18 Jahre (so etwa Eberhard Kitzing, Schutz der Jugend vor Genußgiften, Auf der Wacht 57, 1940, 22-24). Das bedeutete auch tiefgreifende Regulierungen der Wirtschaft, etwa eine komplette Neufassung des Automatenrechtes. Diesen Wünschen wurden nicht zuletzt im Hinblick auf die innenpolitische „Stimmung“ nicht nachgegeben. Als zu Jahresbeginn 1942 die neue „Reichskontrollkarte für Tabakwaren“ Frauen lediglich ab 25 Jahre berücksichtigte, führte dies zu erheblicher Empörung, der diese Regelung letztlich wieder zum Opfer fiel (Sigrid und Wolfgang Jacobeit, Illustrierte Alltags- und Sozialgeschichte Deutschlands 1900-1945, Münster 1995, 272).

Ein besonders strittiges Feld der Auseinandersetzung war fünftens die Lenkung der Werbung. Schon 1933 hatte sich die gleichgeschaltete Werbewirtschaft dazu verpflichtet, die Volksgesundheit als Ziel auch der Wirtschaftswerbung anzuerkennen und insbesondere die Außenwerbung einzuschränken. Dieses bedeutete, „daß eine Werbung für alkoholhaltige Erzeugnisse sich nicht an Jugendliche wenden, daß sie durch ihre auf Jugendliche eingestellte Gestaltung diese nicht zum Alkoholgenuß anregen und Jugendliche und Kinder nicht als Motiv der Wirtschaftswerbung benutzen darf“ (Erklärung des Werberats der Deutschen Wirtschaft v. November 1936, zit. n. Keine Alkoholwerbung mit Beziehung auf Jugendliche!, Auf der Wacht 54, 1937, 5). Gegen diese Vorschriften wurde jedoch häufig verstoßen. Ebenfalls gelang es nicht, Traditionsmarken wie Münchener oder Berliner Kindl zu verbieten, die offensiv mit jugendlichen Biertrinkern warben.

11_Auf der Wacht_54_1937_p22_Bier_Berliner-Kindl_Kinder

„Berliner Kindl ist gesund“ – Inkriminierte Anzeige 1937 (Auf der Wacht 54, 1937, 22)

Die Dahlemer Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren und insbesondere das Münchner Hauptamt für Volksgesundheit stritten erbittert gegen die Verwendung des Begriffes Gesundheit in der Genussmittelwerbung. Viele Anzeigenmotive wurden verboten, die Hersteller öffentlich benannt, teils erfolgten Geldstrafen. Der Kampf um die Werbemärkte wurde in strikter Form ausgetragen, ging es doch um 1939 fast sieben Milliarden RM, davon über 100 Millionen RM allein für die Bierwerbung ([Leonardo] Conti, Werbung und Volksgesundheit, Volksgesundheitswacht 1939, 146-150; Klaus Richter, Variationen der Bierwerbung, Forschungen zur Alkoholfrage 44, 1938, 169-185, insb. 170-171). Die NS-Mediziner setzten gegen diese ökonomische Macht eine Gemeinschaftsverpflichtung auch der Industrie und wandten sich gezielt gegen „die von einer oft skrupellosen Geschäftigkeit geführte Propaganda und Reklame, die z. T. nur allzusehr an die Zeiten erinnert, in denen unser Volk der Raffgier jüdischer Geschäftemacher ausgeliefert war“ ([Hans] Reiter, Genußgifte und Leistung, Volksgesundheitswacht 1939, 112-120, hier 118). Seit Oktober 1936 galt jedenfalls eine Presseanweisung des Reichspropagandaministeriums, nach der an „Jugendliche gerichtete Werbung für alkoholhaltige Getränke unerwünscht ist und unterbleiben soll“ (Richter, 1938, 175).

12_Deutsche-Handels-Rundschau_30_1937_Nr27_pI_Einkausgenossenschaften_Edeka_Schaufenster_Alkohol_Berlin

„Genußgifte“ im Schaufenster eines Berliner Edeka-Ladens (Deutsche Handels-Rundschau 30, 1937, Nr. 37, I)

Daneben forderten die Protagonisten der Gesundheitsführung einschränkende Selbstverpflichtungen zumal der Tabakindustrie. 1939 erfolgten erste Übereinkünfte, im Dezember 1941 wurde die Tabakwerbung dann durch den Werberat einschränkend geregelt (Hans Reiter, Volkswirtschaft, Werbung, Volksgesundheit, Volksgesundheitswacht 1939, 150-154). Mädchen und Frauen durften seitdem nicht mehr werblich erscheinen, auch potenzielle Vorbilder der Jugendlichen, etwa Piloten oder Sportler, sollten nicht mehr genutzt werden. Gleichwohl blieb ein Freiraum für die Genussmittelwerbung.

Die Wendung gegen die Genussmittel wurde sechstens schließlich von einer positiven Lenkung auf Alternativen unterstützt. Ziel war die Schaffung neuer besserer Bedürfnisse, um so Alkoholika und Tabakprodukte überflüssig zu machen.

Bei Tabak gestaltete sich entsprechender „Ersatz“ natürlich besonders schwierig, gab es hier doch kein funktionales Äquivalent. Stattdessen wurde die Züchtung nikotinarmer Tabaksorten staatlich gefördert, wurde das wachsende Marktsegment 1939 auf Verordnungswege geregelt und gestützt (W[ilhelm] Preiß, Zur Frage der Entnikotinisierung von Tabakerzeugnissen, Reichs-Gesundheitsblatt 13, 1938; 331-335; „Nikotinarm“, Volksgesundheitswacht 1939, 187-189).

Demgegenüber gab es eine breite Palette von alkoholfreien Getränken, die in Gaststätten auch angeboten werden mussten: „Die idealen Getränke für den Jugendlichen sind der naturreine, ungeschwefelte Süßmost, Magermilch, Milchmischgetränke, deutsche Tees und natürliche Tafelwässer“ (Eberhard Kitzing, Schutz der Jugend vor Genußgiften, Auf der Wacht 57, 1940, 22-24, hier 23). Dagegen schied die bei Jugendlichen sehr beliebte Coca-Cola aufgrund ihres Koffeingehaltes aus. Sie galt vielfach als bekämpfenswertes „Genußgift“ und war seit 1940 innerhalb der Hitlerjugend verboten. Auch Limonaden galten aufgrund des Zuckergehaltes und der verwendeten Aroma- und Farbstoffe als wenig empfehlenswert. Daher setzte man vorrangig auf den Süßmost, also auf Fruchtsaftgetränke. Forschung und Produktion wurden staatlich gefördert, zahllose Großveranstaltungen sollten das neue Getränk popularisieren.

13_Alkoholfreie Jugenderziehung_1_1939_p13 und 14_Schule_Süßmost_Milch_Jugendliche_Wien

Freihandzeichnungen Wiener Hauptschüler anlässlich der Schulwoche für alkoholfreie Jugenderziehung 1939 (Alkoholfreie Jugenderziehung! 1, 1939, 13 (l.) und 14)

Die hohe Bedeutung dieser positiven Lenkung verdeutlicht eine Besprechung am Jahreswechsel 1939/1940, bei der Gesundheitsführung, Reichsnährstand, Wehrmacht, Deutsches Frauenwerk, Reichsjugendführung, Aufsichtsstellen der herstellenden Industrie und der zuständigen Ministerien vertreten waren (Theo Gläß, Deutsche Arbeit gegen die Alkoholgefahren, Forschungen zur Alkoholfrage 49, 1941, 1-12). Diese entwickelte ein Zukunftsprogramm zur Umgestaltung des deutschen Getränkekonsums. Doch die Rohstoffknappheit vor allem bei Obst machte eine umfassende Umsetzung schnell zur Makulatur. Auch die alkoholarmen „Volksgetränke“ hatten nur begrenzten Erfolg (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 543-548).

Resultate und Folgen der NS-Politik für eine „nüchterne“ Jugend

Anfang 1940 zog man seitens der NS-Gesundheitsführung dennoch ein positives Fazit des angelaufenen Kampfes gegen die „Genußgifte“: „Vom alkoholgegnerischen Standpunkt aus war Deutschland besser vorbereitet als die anderen kriegsführenden Länder […]. Die Bevölkerung war bereit, entweder sich freiwillig einzuschränken oder die behördlichen Maßnahmen mit Verständnis entgegenzunehmen. […] Wenn man z. B. die große Verbreitung der unvergorenen Fruchtsäfte beobachtet, so sieht man, daß man wirklich mit einem neuen Deutschland zu tun hat. Das ist ganz besonders für die Jugend der Fall, die sich für den Sport, für Fußwanderungen begeistert, die leistungsfähig bleiben will und sich vielfach vom Alkohol abgewendet hat“ (R[obert] Hercod, Krieg und Alkohol, Forschungen zur Alkoholfrage 48, 1940, 70-84, hier 76). Anfang Oktober verkündete der Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti ganz offiziell das Ziel eines Deutschen Reiches ohne Tabak und ohne Alkohol. Dazu wurden die staatlichen Behörden auf Gau- und Kreisebene weiter ausgebaut, liefen die Schulungen und Ermahnungen in Schule und Hitlerjugend weiter. Parallel schwanden langsam die Vorräte an Tabak, griffen die zugunsten der Getreide- und Kartoffelversorgung angeordneten Einschränkungen der Brau- und Branntweinwirtschaft. Ende November 1940 fanden sich alle für die „Genussgift“-Frage zuständigen Stellen in Berlin zusammen. Die anschließend neu gegründete Abteilung „Jugend und Erzieher“ der Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren sollte den Kampf bis zum Endsieg führen, mochte dieser auch Generationen andauern (T[heo] Gl[äß], Jugend, Erzieher, Genußgifte, Forschungen zur Alkoholfrage 48, 1940, 114-116).

Bei alledem handelte es sich nicht nur um das Ergreifen neuer zeitbedingter Chancen. Es war auch Ausdruck beginnender Bunkermentalität. Während des Weltkrieges gewannen Genussmittel rasch einen nochmals erhöhten Stellenwert. Das Regime war insbesondere beim Tabak gezwungen, der hohen Nachfrage von Wehrmacht und auch Zivilbevölkerung nachzugeben. In Wehrmacht, NSDAP, SA und SS gehörten Alkoholexzesse zum Alltag. Die Jugendlichen waren neuen Gefährdungen ausgesetzt, gewannen zugleich neue Freiheiten. Oktober 1940 warnte der Hannoveraner Oberpräsident die Jugendämter vor der wachsenden Gefährdungen der weiblichen Jugend durch alkoholisierte Soldaten, vor der „Verwahrlosung der Schuljugend aufgrund des Fehlens elterlicher Kontrolle sowie Jugendliche in Tanzlokalen, Gaststätten und Kinos“ (Andreas Urban, „…und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“, in: „Mit 17….“ Jugendliche in Hannover von 1900 bis heute, Hannover 1997, 65-76, hier 74). Während die Anti-„Genussgift“-Propaganda hochtourig weiterlief, gelang es dem Regime nicht, genügend nichtalkoholische Getränke herzustellen. Schon früh wurde hier die Diskrepanz zwischen den Idealen des Nationalsozialismus und der jämmerlichen und widersprüchlichen Umsetzung im Alltag deutlich.

Doch um „Realität“ ging es damals wahrscheinlich kaum mehr. Der Kampf gegen die „Genussgifte“ offenbart vielmehr die Mechanismen einer neuen Gläubigkeit, ohne die das Regime spätestens 1943 aus rationalen Erwägungen den Krieg hätte aufgeben müssen. Der Wille zur Zukunft ließ die Fährnisse der Gegenwart nicht nur ertragen, er ließ sie gar vergessen machen. Der Kampf gegen die „Genußgifte“ wurde dabei von einer spezifisch nationalsozialistischen Moral getragen, ging in dieser aber nicht auf. Die Jugendschutzmaßnahmen wurden schließlich auch nach 1945 beibehalten, die Präventionspolitik folgte ähnlichen Imperativen, ihre Träger waren häufig die der NS-Zeit. Einen Moralbruch hat es in diesem Felde 1945 nicht gegeben, stattdessen dominierte, bis hin zu rassischen Stereotypen, jahrzehntelang Kontinuität. Der Kampf gegen die „Genußgifte“ war und ist ein Projekt akademischer Eliten, die gut begründet und doch übergriffig die Nüchternheit der Anderen einforder(te)n (vgl. die kluge Persiflage von Laibach, The Whistleblowers). Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage nach einer spezifisch nationalsozialistischen Moral offenbar recht eng.

Uwe Spiekermann, 30. Juli 2019

Vergehender Glanz: Hochschulen und „deutsche“ Wissenschaft während der Weimarer Republik

Trotz beträchtlicher Aufwendungen sind die Universitäten der Bundesrepublik Deutschland international bestenfalls zweitklassig, findet Spitzenforschung eher in außeruniversitären Forschungsanstalten und vor allem in Unternehmen statt. Fragt man nach den Gründen für diese Dauermisere so werden je nach Disziplin und Institution höchst unterschiedliche Punkte benannt: Ein leistungsfeindliches Berufsbeamtentum, die verfehlte Koppelung von Lehre und Forschung, eine bürgerliche Exklusionskultur sowie ein mittelmaßfreundlicher Bildungsföderalismus. Sie sind strukturell bedingt, im Rahmen der bestehenden politischen Strukturen auf absehbare Zeit auch nicht zu reformieren. Begriffe wie „Bildungspolitik“ resp. „Exzellenzinitiative“ (mit jährlich ganzen 148 Millionen Euro für die aktuelle Förderlinie) sind jedenfalls irreführend und Ausdruck der herrschenden zynischen Vernunft.

Vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit, um zu verstehen, wie sich diese Dauermisere entwickelt hat. Gemeinhin richtet man dann den Blick auf die 1960er und 1970er Jahre, den damaligen massiven Ausbau der Universitäten, die halbherzige Abkehr von der Ordinarienuniversität und die Erweiterung der Zahl der Disziplinen und Studiengänge. Spannender scheint dagegen ein Blick in die Weimarer Republik zu sein, fanden damals doch ähnlich dramatische Veränderungen statt. Während die Wilhelminische Ära vielfach als „Glanzzeit“ deutscher Wissenschaft galt – deutsch wurde die weltweit führende Wissenschaftssprache – dominierten in der Weimarer Zeit Vorstellungen einer allgemeinen Krise, ja, einer „Leidenszeit“ deutscher Wissenschaft. Derartige Selbstzeugnisse der Mehrzahl der damaligen akademischen Eliten sind mit Vorsicht zu genießen. An die Stelle akademischen Herzeleids gilt es ein wenig Strukturwissen setzen: Erstens über das Hochschulwesen selbst, zweitens die Politisierung der Wissenschaften und drittens die sich strikt wandelnde Stellung von Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Einen möglichen Bezug zum Heute können Sie gewiss selbst ziehen.

Strukturen des deutschen Hochschulwesens während der Weimarer Republik

Das Hochschulwesen der Weimarer Republik stand im langen Schlagschatten der preußischen Universitätsreformen des frühen 19. Jahrhunderts. Der damit verbundene Wandel der Hochschulen von Lehr- zu Forschungsuniversitäten setzte jedoch in größerem Umfang erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Er war vor allem mit der „Ausdifferenzierung und Spezialisierung der naturwissenschaftlichen, philosophisch-historischen-philologischen Disziplinen und der Medizin“ (Sylvia Palatschek, Was heißt „Weltgeltung“ deutscher Wissenschaft? Modernisierungsleistungen und -defizite der Universitäten im Kaiserreich, in Michael Grüttner et al. (Hg.), Gebrochene Wissenschaftskulturen, Göttingen 2010, 29-54, hier 30) verbunden. Zentrale, bis heute prägende Strukturen wurden damals eingeführt, beispielsweise Seminare, Institute und Laboratorien, die Habilitation als Grundlage der Professur und nicht zuletzt die Berufung der Professoren nach Leistungen, die in der Forschung zu erbringen waren.

Forschungsfreiheit, staatliche Finanzierung, ein Wettbewerbsföderalismus, die wachsende Koppelung von Universitäten und Wirtschaft sowie eine im Vergleich zu anderen Staaten relativ große soziale Offenheit ließen das kaiserliche Deutschland zur führenden Wissenschaftsnation aufsteigen. Gleichwohl bestanden schon vor dem Ersten Weltkrieg beträchtliche Probleme, die allesamt auch die Weimarer Zeit kennzeichnen sollten: Die Lehre war vielfach unstrukturiert und unklar organisiert, die meisten Hochschullehrer waren konservativ-elitär, deutlich sichtbar an der engen Koppelung der alten Herren zum studentischen Verbindungsleben und seiner Manneszucht. Frauen wurden erst seit der Jahrhundertwende zum Studium zugelassen, ohne aber im Lehrkörper (ein bis heute gebräuchliches Wort) Bedeutung zu gewinnen. Die Finanzierung vor allem der Naturwissenschaften geriet rasch an ihre Grenzen. Die 1911 erfolgte Gründung der forschungszentrierten Kaiser-Wilhelm-Institute, der heutigen Max-Planck-Gesellschaften, war eine zukunftsweisende Konsequenz, die zugleich aber die Stellung der Universitäten als Stätten der Forschung unterminierte. Dies galt auch für die wachsende Bedeutung von Forschung und Entwicklung in der Industrie. Die voranschreitende Spezialisierung der Wissenschaften führte zu Rückfragen nach dem Kern universitärer Lehre. Wie lehrt man Nationalökonomie, wenn deren Bildungsgehalt und Synthesekraft nun von Einzeldisziplinen wie Volkswirtschafts- und Handelslehre, Statistik, Soziologie und Wirtschaftsgeschichte zu gewährleisten war? Allgemeinbildung wurde inneruniversitär unwichtiger, Spezialkenntnisse gewannen mehr und mehr an Bedeutung. Staatsgläubigkeit und eine undemokratische Ordinarienherrschaft, also die Selbstrekrutierung der akademischen Eliten, unterminierten schon damals die Grundlagen einer Leistungsauslese.

Gleichwohl: Die Wissenschaft während der Zeit der Weimarer Republik knüpfte noch an die Erfolge der Vorkriegszeit an und konnte eine internationale Führungsrolle vielfach behaupten, auch wenn die Vereinigten Staaten hier Terrain wettmachten und das Deutsch Reich zunehmend überflügelten. Es ist gewiss schwierig, wissenschaftliche Leistung objektiv zu bewerten. Doch sowohl vor als auch nach dem Ersten Weltkrieg waren deutschsprachige wissenschaftliche Bücher ein wichtiges Exportgut: Noch Ende der 1920er Jahre wurden 30-40% aller in Deutschland gedruckten wissenschaftlichen Bücher im Ausland abgesetzt. Noch heute kann man davon profierten, kann man die deutsche Unwilligkeit zur Digitalisierung doch mittels Datenbanken des Auslandes ansatzweise umgehen. Deutsche Forscher gewannen bis in die 1930er Jahren mehr Nobelpreise als die anderer Staaten. Dies galt für die Hälfte der Chemie-, ein Drittel der Physik- und ein Fünftel der Medizinnobelpreise. Neben diesen Disziplinen waren deutsche Wissenschaftler auch in den technischen Disziplinen, etwa dem Maschinenbau oder der Luftfahrttechnik, der Forstwissenschaft und der Züchtungsforschung besonders stark. In den Geisteswissenschaften standen die Altertums-, die vergleichenden Sprachwissenschaften und die Musikwissenschaft im Vordergrund, während die deutschen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften international an Bedeutung verloren. Deutsche Wissenschaft hatte demnach auch nach dem Ersten Weltkrieg Weltgeltung.

01_Kladderadatsch_72_1919_Nr02_Gymnasium_Humanismus_Alte-Sprachen_Schulreform

Abkehr vom gymnasialen Bildungsideal durch die Schulreform 1919 (Kladderadatsch 72, 1919, Nr. 2)

Blickt man jedoch genauer hin, so finden man auch konträre Entwicklungen. Das neuhumanistische Ideal einer Humboldtschen Universität wurde beispielsweise immer wieder propagiert, doch entsprach es auch nicht ansatzweise der Realität des Studiums. Die damit verbundene Einheit von Forschung und Lehre bestand nur noch in Ausnahmefällen, die (notwendige) Einsamkeit des Einzelforschers ging, zumal in den Naturwissenschaften, im Forschungsverbund auf. Die Freiheit von Lehre und Forschung war zwar rechtlich garantiert, doch politisch konservative Grundgesinnung und das Kastendenken deutscher Professoren führte sie ad absurdum. Soziale und politische Selektionskriterien dominierten den Leistungsgedanken. Dennoch wurde das Humboldtsche Ideal immer wieder in Festreden und Alltagsdebatten hochgehalten – so wie heute auch. Dies diente jedoch vor allem der Selbstdefinition des Bildungsbürgertums und auch der Denunziation einer als kulturlos verunglimpften Republik.

02_Zeitbilder_1919_04_06_p2_Universität_Hamburg

Neugründung als Ausnahme: Universität Hamburg 1919 (Zeitbilder 1919, Ausg. v. 6. April, 2)

Insgesamt verblüfft die strukturelle Konstanz des Universitätssystems: Die Zahl der Universitäten veränderte sich kaum. 1914 gab es deren 22, 1930 waren es 23: Straßburg fiel an Frankreich, und allein 1919 wurden in Hamburg und Köln neue Universitäten gegründet. Die Zahl der Technischen Hochschulen verringerte sich durch die Völkerbundsverwaltung von Danzig gar von 11 auf 10. Auch die relativen Größen blieben recht konstant. Nach wie vor zog Berlin die meisten Studierenden, gefolgt von München und Leipzig. Schlusslicht war Rostock.

03_Titze_1989_210_Studenten_Universitäten_Hochschulen_Statistik_Schaubild

Zahl der Studierenden an wissenschaftlichen Hochschulen in Deutschland 1830-1940 (Hartmut Titze, Hochschulen, in Dieter Langewiesche und Heinz-Elmar Tenroth (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. V, 1918-1945, München 1989, 210)

Diese wissenschaftlichen Institutionen hatten in den 1920er Jahren einen außergewöhnlichen Zuwachs an Studierenden zu bewältigen. Dabei war erst einmal der Rückstau der Kriegsteilnehmer zu verarbeiten, doch der auch durch die Hyperinflation bedingte Rückgang der Studierendenzahl von 1923 bis 1925 war nur von kurzer Dauer. Der Höchststand wurde im Sommersemester 1931 mit knapp 140.000 Studierenden erreicht, danach erfolgte durch die Weltwirtschaftskrise und die NS-Politik ein beispielloser Rückgang der Studierendenzahlen. Dies erschien keineswegs als problematisch, eher stand man der großen Zahl der Studierenden kritisch gegenüber (sie erreichen allerdings nicht einmal 5% der heute Immatrikulierten). Darüber mokierten sich nicht nur Bildungsbürger, die vom „Hochschulfimmel“ sprachen: „Ach, auf Deutschlands hohen Schulen, ist es wirklich gar zu dumm: Alle Volksgenossen buhlen Um die Alma Mater rum. Gleich 10000 Musensöhne – Pro Semester, allerhand! Und es geht jetzt bei Athene laufend wir bei Ford am Band. Doktorhüte gibts im Dutzend, Staatsexamen gleich per Schub, und das Volk wird weiheits-strutzend Bald ein Absolventenklub. Von Anwälten, Ärzten, Chemikern, Wimmelt es bei uns direkt; und wir sind mit Akademikern, Für Dezennien eingesetzt. Hochschulfimmel hat gezündet, Und uns infiziert mit Macht. Wenn ein Deutscher Dächer schindelt, macht er erst den Dr. Dachd“ (Fliegende Blätter 172, 1930, 255).

04_Zeitbilder_1932_09_25_p4_Universität_Vorlesung_Hörsaal_Mathematiker_Rudolph-Rothe

Vorlesung des Mathematiker Rudolph Rothe an der TH Berlin 1932 (Zeitbilder 1932, Ausg. v. 25. September, 4)

Der Anstieg der Studienzahlen war auch durch das Studium von Frauen mitbedingt. Ihr Anteil betrug im Sommersemester 1931 immerhin ein Siebtel der Studierenden. Die deutschen Universitäten verabschiedeten sich langsam vom Standard einer Ausbildungsstätte für protestantische Männer. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war der Anteil katholischer Studierender auf ein knappes Viertel gestiegen, während der Weimarer Zeit stieg er weiter auf rund 30 % – also nur knapp unter dem Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung. Die Anzahl der jüdischen Studierenden nahm dagegen sowohl relativ als auch absolut ab – auch wenn der Anteil von mit 5,3 % im Sommersemester (hierzulande immer noch gerne SS abgekürzt) 1925 deutlich über dem Anteil von Juden an der Gesamtbevölkerung lag (Martin Liepach, Das Wahlverhalten der jüdischen Bevölkerung in der Weimarer Republik, Tübingen 1996, 85).

Die Universitäten blieben auch während der Weimarer Republik vor allem Ausbildungsstätten für Juristen, Mediziner und auch Geisteswissenschaftler (s. Hartmut Titze, Hochschulen, in Dieter Langewiesche und Heinz-Elmar Tenroth (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. V, 1918-1945, München 1989, 211). Während der Weimarer Zeit nahm der Anteil vor allem der angewandten Sozial- und Wirtschaftswissenschaften jedoch deutlich zu. Auch der Anteil der Theologen stieg beträchtlich, während die Naturwissenschaften nach wie vor nur einen kleinen Anteil der Studierenden an sich banden. Diese wurden zunehmend älter – in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre waren schon 20 % der Studierenden über 25 Jahre – und nur noch ein Drittel von ihnen hatte ein Gymnasium besucht. Diese relative Lockerung der schulischen Vorbildung zugunsten der stärker neusprachlich-naturwissenschaftlich ausgerichteten Realgymnasien und Oberrealschulen ging allerdings mit einer Verengung der Zugangschancen einher: Das Reifezeugnis wurde verbindlich, 1932 hatte nur ein Prozent der Studierenden einen anderen Hintergrund.

Die Weimarer Republik erlaubte nicht nur einer größeren Zahl junger Menschen das Studium, auch sozial erfolgte eine bedingte Öffnung – wenngleich die Arbeiterschaft faktisch ausgegrenzt blieb. Rund ein Drittel kam aus dem etablierten Wirtschafts- und Bildungsbürgertum, während rund 60% aus dem alten und neuen Mittelstand stammten. Gerade für Beamten-, in geringerem Maße für Angestelltenhaushalte galten die Universitäten als Basis sozialen Aufstiegs. Dem dienten auch die männerbündischen studentischen Verbindungen, die 1932 ca. 70.000 aktive Mitglieder hatten, also etwa 60% der Studierenden. Die Mehrzahl der Studierenden war völkisch-national eingestellt: Bis Mitte der 1920er Jahre dominierte der Deutsche Hochschulring die Studentenvertretungen, und in einer Ende 1926 in Preußen anberaumten Urabstimmung sprachen sich 77% der Studenten für den Ausschluss jüdischer und ausländischer Studierender aus der Studentenschaft aus. Die preußischen Studentenschaften wurden daraufhin aufgelöst – bis 1933.

05_Deutsch-Amerika_08_1922_Nr34_p06_Universität_Burschenschaften_Erinnerungskultur_Freidrich-WilhelmIII

Studierende der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 1922 (Deutsch-Amerika 8, 1922, Nr. 34, 6)

Anders als bei den Studierenden blieb die Zahl der Lehrenden nach 1918 erst einmal relativ stabil. 1925 lag sie bei ca. 6.700, darunter knapp 2.400 ordentliche, also im Stellenplan regulär vorgesehene Professoren. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stieg die Zahl der Stellen dann um ca. ein Viertel; wie in so vielen Bereichen staatlichen Handelns. Der Begriff „Professoren“ ist übrigens keine böswillige Irreführung eines die Segnungen einer genderpolitisch korrekten Sprache nicht würdigenden Mannes: Die Zahl der Professorinnen lag deutlich unter einem halben Prozent. Erst 1919 wurden Frauen in Deutschland zur Habilitation zugelassen, insgesamt wagten bis 1933 ganze 47 diesen Schritt, darunter mehr als die Hälfte Naturwissenschaftlerinnen und Medizinerinnen. Die heute gern genannten Namen Lise Meitner (1878-1968) und Emmy Noether (1882-1935) sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass abseits der Universitäten Berlin und Hamburg Frauen sehr seltene Ausnahmen in Forschung und Lehre waren.

06_Illustrierte Technik_11_1933_H05_pXI_Universität_Vorlesung_Projektionsapparat_Mathematik

Dominanz angewandter Wissenschaften: Vorlesung mit einem neuen Projektionsapparat (Illustrierte Technik 11, 1933, H. 5, p. XI)

Innerhalb des Lehrkörpers dominierten Mediziner und Naturwissenschaftler, zumal die Technischen Hochschulen mittlerweile einen Anteil von fast 30 % an den Dauerstellen hatten. Die geisteswissenschaftlichen Fächer behaupteten einen Anteil von über 20 % und stellten dabei fast ein Viertel der Ordinarien. Diese Gruppe besaß nach wie vor eine herausgehobene Stellung innerhalb der Gesellschaft und sah sich auch selbst als die geistige Elite der Nation. „Nation“ ist hier nicht unbedacht gewählt. Schaut man auf die politische Orientierung der Lehrenden, so standen sie in ihrer großen Mehrzahl der Weimarer Demokratie reserviert, ja feindlich gegenüber. Grob lassen sich während der 1920er Jahre vier Gruppen unterscheiden:

Die große Mehrzahl, mindestens zwei Drittel, organisiert in der deutsch-nationalen „Hochschullehrervereinigung“, verband den Weimarer Staat mit der Niederlage 1918 und sah das demokratische Gemeinwesen als eine ungebührliche Einschränkung ihrer geistesaristokratischen Führungsrolle. Zweitens definierte sich ca. ein Fünftel als Wissenschaftler ohne Bezug zur Politik. Sie empfanden sich vornehmlich als unpolitische Gelehrte, waren aber von ihrem geistigen Führungsanspruch überzeugt. Drittens gab es eine kleine, vielleicht 10% umfassende Gruppe von „Vernunftrepublikanern“, die sich 1926 in der „Vereinigung verfassungstreuer Hochschullehrer“ eine institutionelle Plattform gaben. Hierunter befanden sich bekannte Namen wir Max Planck (1858-1947), Max Haber (1868-1934) oder Friedrich Meinecke (1862-1954). Die spätere demokratisch motivierte Benennungskultur sollte nicht überdecken, dass es sich hierbei um nicht mehr als eine wichtige Minderheit handelte. Das galt viertens in noch stärkerem Maße für die kleine Schar sozialdemokratischer und linksliberaler Professoren, deren Anteil bei etwa 2% gelegen haben dürfte. Obwohl nicht zuletzt ihre wissenschaftliche Leistung bis heute hoch geschätzt wird, standen sie damals unter enormem Druck – zumal sie sich immer wieder Vorwürfen der Parteibuchkarrieren ausgesetzt sahen.

Diese kleine Gruppe war auch während der Weimarer Zeit steter Kritik und Repressionen ausgesetzt. Ein Beispiel mag genügen, das des Heidelberger Statistikers Emil Julius Gumbel (1891-1966). Er hatte vor dem Krieg Mathematik und Nationalökonomie studiert und sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. An der Front wandelte er sich zum überzeugten Pazifisten und auch Sozialisten. Es gelang ihm 1915 sich vom Frontdienst zu dispensieren, er arbeitete dann im Bereich der Luftfahrt- und Elektrotechnik. Nach der Revolution engagierte er sich für die USPD und arbeitete als Dozent für den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund, bevor er sich 1923 im Fach Statistik in Heidelberg habilitierte und dort als Privatdozent lehrte.

07_Gumbel_1922_Vier Jahre Politischer Mord

Empirisch solide Realitätsbeschreibung, von der Mehrzahl als „Nestbeschmutzung“ beschimpft

Gumbel trat öffentlich nicht nur journalistisch, sondern vor allem durch seine Bücher „Zwei Jahre politischer Mord“ bzw. „Vier Jahr politischer Mord“ hervor, in denen er detailliert alle politischen Morde von links und rechts auflistete. Diese Dokumentation belegte nicht nur den Umfang des vornehmlich völkischen Terrors, sondern auch die vielfach bestehende Kumpanei von Rechtsradikalen und Justiz. Weitere Bücher behandelten in den 1920er Jahren die Binnenwelt der Freikorps, die Fememorde und auch die illegale Aufrüstung der Reichswehr. Damit stieß er auf deutlichen Widerspruch der völkisch-konservativen Studentenschaft, die in Heidelberg, aber auch im gesamten Reich, an den Universitäten dominierte. Anfeindungen vor Ort wurden ergänzt durch Vorwürfe des Landesverrats, zumal als Gumbel 1924 die Schlachtfelder des Weltkriegs als „Feld der Unehre“ bezeichnet hatte. Gumbel überstand diese Herausforderungen vornehmlich durch Rückendeckung des liberalen badischen Kultusministeriums. 1930 wurde er dann auch – ein früher normales Verfahren – zum außerplanmäßigen Professor ernannten. Unter Führung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes begannen nun die sog. Gumbelkrawalle, genauer Gebäudebesetzungen der Studierenden, die mit Polizeigewalt gebrochen wurden. Kritik, Schmähungen und Störungen des Lehrbetriebs gingen jedoch weiter. Als Gumbel sich dann auf einer öffentlichen Veranstaltung des sozialistischen Studentenbundes ironisch dafür ausgesprochen hatte, anstelle der für ein Kriegerdenkmal anvisierten leichtbekleideten Jungfrau doch besser eine Kohlrübe zu wählen, da diese die Kriegserfahrungen besser repräsentieren würde, verlor er die Rückendeckung auch des Ministeriums, das ihm 1932 dann die Lehrbefugnis entzog: Deutsche Treue im Hochschulsektor. 1933 emigrierte Gumbel nach Frankreich, die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm aberkannt. 1940 folgte die zweite Emigration, dieses Mal in die USA. Dort lehrte er erfolgreich als Statistiker.

08_Kladderadatsch_85_1932_Nr37_Universität_Gumbel_Heidelberg_Professoren_Pazifismus

Häme gegen einen demokratischen Universitätslehrer – Karikatur 1932 (Kladderadatsch 85, 1932, Nr. 37)

Während die Causa Gumbel ein klarer Fall von politischer Verfolgung war – wobei mit Ausnahme vornehmlich des Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) die Rückdeckung der „Kollegen“ Professoren meist ausblieb, standen jüdische Wissenschaftler schon während der Weimarer Republik unter Beobachtung, wurden zunehmend angegriffen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der bekannteste Wissenschaftler der Weimarer Zeit, Albert Einstein (1879-1955). Trotz seiner Beiträge zur theoretischen Physik, insbesondere die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie, war Einstein, von Max Planck 1913 nach Berlin geholt und dort seit 1914 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, von Beginn an umstritten. Seine Arbeit stellte bestehende Ideen von Leben und Realität in Frage.

09_Ulk_49_1920_Nr48_Physiker_Albert-Einstein_Antisemitismus

Umstürzende Erkenntnisse im Widerspruch – Karikatur 1920 (Ulk 49, 1920, Nr. 48)

Sein pazifisches Engagement und sein eher intellektuelles Bekenntnis zum Judentum machten ihn schon früh zu einer Angriffsfolie völkischer Agitatoren, aber auch von Kollegen. Die Physik-Nobelpreisträger Philipp Lenard (1862-1947) und Johannes Stark (1874-1954) wandten sich schon in den 1920er Jahren gegen Einsteins „verfälschte jüdische Theorie“ und plädierten für eine der arischen Rasse eigene, experimentelle „Deutsche Physik“. Einstein, anderseits, nutzte wie kein anderer das Renommee des Nobelpreises für die Propagierung seiner Theorien. Sein Werk wurde schon früh popularisiert – der animierte Einstein-Film von 1922 war ein Meilenstein des Dokumentarfilms. Einsteins umfangreiche Reisetätigkeit machte ihn zu einer bekannten öffentlichen Figur, zum Repräsentanten eines neuen, demokratischen Deutschlands. In seinem Heimatland sah er sich jedoch seit Ende 1920er Jahre immer stärker antisemitischer Hetze ausgesetzt. 1932 reiste er wieder einmal in die USA, doch kam er dieses Mal nicht zurück, sondern lehrte ab 1933 in Princeton. So weit, so schlecht. Einstein ist aber nicht nur ein Beispiel für Antisemitismus und seine Folgen für führende deutsche Wissenschaftler. Einstein selbst steht für die Ambivalenz dieser Gruppe.

10_Kladderadatsch_84_1931_Nr12_Physiker_Albert-Einstein_Populärkultur_Relativitätstheorie_Geniekult

Albert Einstein als beneideter Exponent der Republik – Karikatur 1931 (Kladderadatsch 84, 1931, Nr. 12)

Einstein wurde in Deutschland nämlich auch als Genie präsentiert und vergöttert. Das war Führerkult in der Wissenschaft, der die enge Bindung von Wissenschaft und Nation, von Wissenschaft und Politik belegte. Der Geniekult verwies auf die wachsende Trennung von Wissenschaft und Alltagsleben. Kaum mehr verstandene Theorien, nurmehr bewunderte Technologien, prägten und veränderten den Alltag. Die Herrschaft der Experten wurde hier plastisch – und ihr tendenziell antidemokratischer Impetus wird bis heute mit wohlklingenden Begriffen wie „social engineering“ oder „consumer engineering“ verbrämt, bei den Repräsentanten des Neuen Bauens ja ehrerbietig gefeiert. Zugleich war Einstein, trotz seines öffentlichen und beherzten Eintretens für Demokratie und Pazifismus doch Kind seiner Zeit. Britta Scheideler hat in ihrer Analyse seines politischen Denkens zu Recht darauf verwiesen, dass er ein Konzept einer „geistigen Elite“ vertrat, dem er die „rohen Massen“ gegenüberstellte (Albert Einstein in der Weimarer Republik. Demokratisches und elitäres Denken im Widerspruch, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53, 2005, 381-419). Demokratie war für ihn eine Sache gebildeter Eliten. Dem Parteizwist und dem Zwang zum Kompromiss der Weimarer Zeit stand Einstein stets kritisch, ja verächtlich gegenüber. Die Brüchigkeit dieser elitär-demokratischen Idealgesellschaft hat der stets moralisch argumentierende Gelehrte selbst aufgezeigt, als er sich 1931 in Briefen für die Todesstrafe für „schädliche“ und „wertlose“ Individuen aussprach und zugleich betonte, dass er „am Leben mehr die Qualität als die Quantität“ schätze (zit. n. Scheideler, 2005, 390, Anm. 54).

Nationalisierung von Wissenschaft und die Forcierung außeruniversitärer Forschung

Die demokratische Weimarer Republik steht ebenfalls für eine wachsende Nationalisierung der Wissenschaft. Im Ersten Weltkrieg hatte sich die große Mehrheit der Wissenschaftler bekanntermaßen für die Kriegsziele des Deutschen Reichs ausgesprochen und sich in den Dienst der mit den deutschen Kriegszielen einhergehenden Beherrschung Kontinentaleuropas gestellt. In zahlreichen Aufrufen rechtfertigten sie die Verletzung der belgischen Neutralität, betonten die Kriegsschuld der Alliierten, präsentierten sich als Teil einer kämpfenden Volksgemeinschaft und unterstützten die ruhmreiche deutsche Armee. Dies führte, parallel zur Nationalisierung der Wissenschaft auch in den Staaten der Gegner, zu einer internationalen Isolierung der deutschen Wissenschaft, die mit dem Versailler Vertrag im Sommer 1919 ihren Höhepunkt erreichte. Alle bisherigen internationalen Konventionen auf wissenschaftlichem Gebiet mit Deutschland galten als aufgelöst. Deutsche Gelehrte wurden aus wissenschaftlichen Gesellschaften ausgeschlossen und zu internationalen Kongressen nicht mehr eingeladen. Wissenschaftliche Publikationen wurden teils rigide abbestellt, fanden nicht einmal mehr Erwähnung in den Bibliographien vieler alliierter Staaten. Umgekehrt wandten sich fast alle deutschen Wissenschaftler gegen den Versailler Vertrag und die von ihm propagierte Kriegsschuld Deutschlands. Dies wurde weidlich zur Hetze gegen den vermeintlich „schwachen“ Weimarer Staat genutzt; eine Hetze, die durch Artikel 142 der Weimarer Verfassung gedeckt wurde, in der die Freiheit von Wissenschaft und Lehre garantiert wurde. Überraschend einmütig waren die deutschen Wissenschaftler jedoch auch der Überzeugung, dass nur die Wissenschaft die Basis für den nationalen Wiederaufstieg Deutschlands als Großmacht bilden könne. Forschungsgelder machen sinnlich…

Dies war Überzeugung, aber auch Quintessenz des Kriegseinsatzes der deutschen Wissenschaft. Dieser hatte zu neuen Formen zentralisierter Forschungs- und Wissenschaftsplanung geführt, bei denen der Staat Auftraggeber und Finanzier zugleich war. Ähnlich wie bei den darbenden, für die Selbstwahrnehmung als Bildungsnation jedoch hochgeschätzten Theatern sprang der Staat auch nach 1918 willig ein, um wissenschaftliche Forschungsinstitute und Forschungsstellen zu sichern. Die Politik teilte die Wertschätzung der Wissenschaft als letzten verbliebenen „Aktivposten“ Deutschlands: Die politische, militärische und wirtschaftliche Macht sei gebrochen, doch nach wie vor sei Deutschland eine „Großmacht des Geistes“.

Ein Beispiel hierfür mag genügen, eines das sich auf die ja bis 1923 kritische, teils desaströse Lebensmittelversorgung Deutschlands bezieht. Die Agrar- und Ernährungswissenschaften waren während des Krieges systematisch gefördert worden, doch neue Institute hatte man nicht gegründet. Das änderte sich seit 1920: Damals wurde das Institut für Seefischerei in Geestemünde errichtet, ebenso eine Anstalt für Fischereiuntersuchungen in Langenhagen. 1922 folgten die Kieler Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, die Süddeutsche Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Weihenstephan sowie die Versuchs- und Forschungsanstalt für Tierzucht in Tschechnitz. Trotz Hyperinflation folgten 1923 die Berliner Versuchs- und Forschungsanstalt für Getreideverarbeitung sowie die Bayerische Landesanstalt für Tierzucht in Grub bei München und schließlich 1924 die Preußische Versuchs- und Forschungsanstalt in Potsdam bzw. Geisenheim.

11_Versuchsanstalt_1932_p16_Milchwirtschaft_Kiel_Forschungsinstitut_Agrarwissenschaft

Neue Orte der Wissensproduktion – Die Kieler Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft 1922 (Zehn Jahre Preußische Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, Kiel, 1922-1932, Hildesheim 1932, 16)

Das waren beträchtliche Investitionen in außerwissenschaftliche Forschungsinstitute. Ihre Ziel war Forschung, um eine Hungerkatastrophe während neuerlicher Konflikte unmöglich zu machen: Kurt Teichert, ein führender Milchwissenschaftler, fasste dies 1929 in griffige Worte: „Wir führten nicht nur einen Krieg mit Soldaten, Gewehren, Kanonen und Munition, wir führten auch einen Krieg mit den Leistungen unserer gesamten Volkswirtschaft, in welchem Pflug und Sense, Butterfaß und Zentrifuge zu wichtigen Waffen wurden“ (Süddeutsche Molkerei-Zeitung 50, 1929, Festschrift, 70).

Was aber wurde in diesen Instituten erforscht? Eine Denkschrift aus dem Jahre 1921 nannte vier Schwerpunkte: „1. Wie lassen sich die zur Verfügung stehenden Rohstoffe vom Standpunkte der Wissenschaft vorteilhafter als bisher ausnutzen? 2. Wie lassen sich die bisherigen Verfahren zur Verarbeitung der Rohstoffe auf Lebensmittel im Interesse einer bestmöglichen Ernährung der Bevölkerung vom Standpunkt der Wissenschaft zweckmäßiger gestalten? 3. Wie ist es der Bevölkerung möglich, die zur Zeit zur Verfügung stehenden Lebensmittel nicht nur möglichst schmackhaft, sondern zugleich auch so zuzubereiten, daß sie soweit als nur möglich und so zweckmäßig als nur möglich vom Körper ausgenutzt werden? 4. Können neue Nährstoffquellen für den Menschen erschlossen werden?“ (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genussmittel 42, 1922, 13) Forschung zielte auf eine „wissenschaftliche Volksernährung“, deren Grundlagen besseres Brot, synthetische Fette, neues preiswertes Eiweiß aus Sojabohnen, Zucker aus Holzabfällen, die Nutzung hornartiger Stoffe und vieles anderes mehr sein sollten. Derartige Produkte finden man heute in jedem Supermarktregal, derartige Produkte kennzeichneten aber bereits die Wehrmachtverpflegung im 2. Weltkrieg.

Angesichts solch verlockender Perspektiven blieb die Symbiose von Politik und Wissenschaft eng, wurde gar wichtiger. Das Reich und die Länder finanzierten den erweiterten Wissenschaftsbetrieb, über deren Ziele nationalen Wiederaufstiegs meist Einigkeit herrschte. Die 1911 gegründete Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die trotz der Abdankung Wilhelms II. ihren Namen in der Weimarer Republik beibehielt, wurde von einer preußischen zu einer gesamtdeutschen Institution mit öffentlicher Finanzierung. Auf ihre Mitinitiative hin wurde im Oktober 1920 die „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ gegründet, die seit 1929 unter heutigen Namen Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) firmierte. Dieser Zusammenschluss aller wissenschaftlichen Forschungsstätten Deutschlands wurde ebenfalls vor allem aus Mitteln des Reichs finanziert.

Gerade die DFG konzentrierte seit Mitte der 1920er Jahre ihre Forschungsgelder mehr und mehr auf nationalwirtschaftlich relevante Felder, auf Themen die dem „Konkurrenzkampf mit dem Ausland und Amerika“ dienten. Dabei konzentrierte man sich insbesondere auf synthetische Produkte, etwa Kunstharz, Kunstseide, Buna und viele andere Rohstoffe, die aus strategischen Gesichtspunkten unverzichtbar waren. Die entsprechenden Zielsetzungen des nationalsozialistischen Vierjahresplans 1936 intensivierten diese Forschung mit klarem Fokus auf die Kriegsführung. Die Grundlagen hierfür wurden jedoch in der Weimarer Republik gelegt. Die DFG finanzierte auch Rüstungsforschung der Reichswehr, mochte dies auch durch den Versailler Vertrag rechtsverbindlich untersagt worden sein. 1929 führte diese nationale Forschung zu einer ersten Krise und einem gewissen Revirement, als sozialdemokratische Politiker die Förderung explizit antisemitischer und nationalsozialistischer Forscher – Stichwort Rassenkunde – zum Anlass nahmen, um die Vergabepolitik einer engeren politischen Kontrolle zu unterwerfen. Die Gräben zwischen Parlamentarismus und Wissenschaften wurden dadurch nochmals vertieft, die Vorbehalte gegen sozialdemokratische Kulturminister, etwa Adolf Grimme (1889-1963) in Preußen, nahmen weiter zu.

Aufmarsch der Experten: Wissenschaft in der Öffentlichkeit am Beispiel der Vitamine

Während der Weimarer Republik veränderte sich schließlich auch die Stellung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Abermals mag ein Beispiel genügen, in diesem Fall die Entdeckung der Vitamine und ihre Folgen. Diese wurden 1911/12 von dem russisch-polnisch-britischen Physiologen Casimir Funk (1884-1967) entdeckt, genauer benannt. Die Entschlüsselung dieser komplexen und chemisch sehr heterogenen Lebensstoffe dauerte bis weit in die 1930er Jahre. Daran waren deutsche, vor allem Göttinger und Heidelberger Wissenschaftler führend beteiligt – auch wenn die Vitaminlehre die Grundannahmen der zuvor geltenden und vorranging von deutschen, genauer Berliner und Münchener Wissenschaftlern vertretenden Kalorienlehre in Frage stellte.

13_Die Volksernährung_05_1930_p308_Ernährungswissenschaft_Vitamine_Obst_Gemüse_Kalorien_Leben

Eine neue Ernährung(slehre) durch die Kenntnis der Vitamine (Die Volksernährung 5, 1930, 308)

Die Vitaminlehre fand während des Kriegs keinerlei Berücksichtigung in Deutschland, doch dies änderte sich seit den frühen 1920er Jahren. Während die Ernährungswissenschaft vor 1914 vor allem den Wert des tierischen Eiweißes propagiert hatte und eine gesunde Kost sich entsprechend um Fleisch, Wurst, Milch und Käse gruppierte, galten seit den frühen 1920er Jahren Obst, Gemüse, Brot und Getreideprodukte als das Rückgrat einer gesunden Kost. Was heute allgemein bekannt ist – auch wenn sehr viele sich nicht daran orientieren – war in den frühen 1920er Jahren eine Zumutung, insbesondere für die Ritter vom Fleische, die Männer. Nicht mehr der reine Nährwert bestimmte den Wert der Nahrung, sondern ein abstrakter chemisch definierter Gehalt von sinnlich nicht erfahrbaren Mikrostoffen.

Nicht die Erfahrung der Mehrzahl der Hausfrauen und fremdversorgten Männer, sondern Tierversuche in Laboratorien prägte die Vorgaben für eine „gesunde“ Ernährung, die natürlich auch volksbiologisch und volkswirtschaftlich geboten zu sein schien. Die Folgen der zunehmend breiteren, alle neuen Medien umfassenden Propagierung einer vitaminreichen Kost durchzogen wachsende Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft: Der Aufschwung der Furchtsaftproduktion und der in den 1920er Jahren stark steigende Südfrüchte- und Rohkostkonsum gründeten auf der „Neuen Ernährungslehre“. Die durchschnittliche Kochdauer der Speisen verringerte sich, schonendere Zubereitungsweisen wie das Dämpfen wurden vermehrt propagiert. Neues Kochgeschirr, Dampf- und Schnellkochtöpfe unterstützten diese Veränderungen. Die Bewertung ganzer Produktgruppen, etwa der Dosenkonserven, veränderte sich grundlegend. Die Auswirkungen von Konservierungsmitteln sowie die Wärmebehandlung von Nahrungsmitteln standen in den späten 1920er Jahren zur Debatte. Der Vitaminverlust einzelner Nahrungsmittel, etwa von gebleichtem Mehl, poliertem Reis oder pasteurisierter Milch, wurde nun öffentlich als Wertverlust diskutiert. Zivilisationsängste richteten sich zunehmend auf verarbeitete Lebensmittel und die Folgen ihres Konsums.

14_Jugend_35_1930_p141_Synthetische-Nahrung_Holzzucker_Bergius_Lebensmittelchemie

Unbehagen angesichts imaginierter synthetischer Nahrung – hier „Kraftnahrung aus Holz“ 1930 (Jugend 35, 1930, 141)

Die Vitaminlehre verdeutlichte einerseits die wachsende Bedeutung von Wissenschaft für den Alltag, der zunehmend durch Experten beeinflusst wurde. Die Vitaminforscher der damaligen Zeit waren öffentlich bekannte Persönlichkeiten, ihr Wort hatte auch außerhalb der Laboratorien Gewicht. Anderseits wurde gerade am Beispiel der Vitaminlehre deutlich, dass wissenschaftliches Wissen strittig und keineswegs gesichert war. Die Kalorienlehre und die darauf gründende hauswirtschaftliche Bildung vor 1920 war einseitig, hatte auf unzureichenden Kenntnissen geruht.

Neben die akademisch gebildeten Forscher traten entsprechend vermehrt akademisch ausgebildete Publizisten und Privatgelehrte, die in diesem Falle vor allem im Felde der Lebensreform aktiv waren. Der nicht nur aufgrund des Bircher-Müslis bekannte Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner (1867-1939) sah seine Lehre von der Sonnenlichtnahrung durch die Vitaminlehre bestätigt. Zahlreiche Alternativärzte etablierten sich in den 1920er Jahre als Gegenexperten. Sie stellten die Ergebnisse der Fachwissenschaften mit einfachen, vielfach einseitigen, durchweg aber energisch propagierten Kernsätzen in Broschüren und Büchern in Frage; und sie fanden Widerhall in den gängigen Medien. In den späten 1920er Jahren waren derartige Gegenexperten publizistisch weitaus präsenter als die Akademiker, deren Fachbeiträge aufgrund von Mathematisierung und chemischer Fachsprache kaum mehr allgemeinverständlich waren.

Die langen 1920er Jahre kennzeichnete nicht allein eine umfassende Verwissenschaftlichung des Alltags und ein öffentlicher Bedeutungsgewinn von Experten und Gegenexperten. Die Weimarer Republik war auch eine moderne Wissensgesellschaft, in der Wissen zur zentralen Ressource der Wirtschaft wurde und in der es nicht nur darum ging, Wissen zu schaffen und zu verbreiten, sondern in der die zentrale Frage war, welches Wissen angemessen und handlungsleitend sein sollte. Während des Nationalsozialismus beantwortete die „deutsche“ Wissenschaft diese klar im Sinne des Regimes.

Uwe Spiekermann, 15. Juli 2019

Das Verschwinden des Hanfes. Landwirtschaftliche Produktion, gewerbliche Verarbeitung und Konsumwandel im langen 19. Jahrhundert

„Es ist unnötig, unsere Hanfpflanze zu beschreiben, da sie jedermann kennt.“ [1] Als der Nürnberger Naturforscher Ernst von Bibra (1806-1878) dies Mitte des 19. Jahrhunderts niederschrieb, war Hanf ein Alltagsprodukt, lieferte einen beträchtlichen Teil der Kleidung auf dem Lande, war Grundstoff für Seile, Taue und Segel, lieferte Öl zur Beleuchtung und zum Anstrich. Hanf war Mitte des 19. Jahrhunderts allgegenwärtig – und doch zugleich unsichtbar, eine uncharismatische Pflanze. Sie glich darin Mais und Soja, die heute in einem Großteil unserer Lebensmittel vorkommen, doch hinter den daraus hergestellten Produkten verschwinden.

01_Zorn_Icones plantarum medicinalium_1790_Tafel532_531

Weibliche und männliche Hanfpflanzen im späten 18. Jahrhundert (Johann Zorn, Icones plantarum medicinalium, Nürnberg 1790, Tafel 532 (l.) und 531 (r.))

Heutzutage ist Hanf ebenfalls allgemein bekannt. Doch es handelt sich nicht mehr um eine ehedem gängige landwirtschaftliche Pflanze. Hanf ist heute vor allem Platzhalter für eine Droge, für Cannabis, für Marihuana, für Haschisch, für die zahlreichen Probleme und Paradoxien der Drogenregulierung und die immensen Probleme, Wirkungen von Pflanzenbestandteilen präzise zu benennen und zu regulieren. Hanf steht heutzutage somit für einen verengten Blick auf und die geringe Wertigkeit von Alltagspraktiken und Konsummustern der eigenen ruralen und gewerblichen Vergangenheit.

Falsch wäre es, die Mitte des 19. Jahrhunderts als simple Scharnierzeit zu denken, als die Zeit eines langsamen Übergangs von Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt hin zu Hanf als Droge. Stattdessen haben wir es einerseits mit dem langfristigen Auslaufen einer ländlichen Lebens- und Konsumkultur zu tun, der Substitution heimischer Kulturpflanzen durch leistungsfähigere „cash crops“ mit vielfach kolonialem Hintergrund. In Mitteleuropa geriet der Hanfanbau zwischen die Mahlsteine von Industrialisierung und Globalisierung. Eingebunden in eine bäuerliche Lebenswelt war die Umstellung des Anbaus und der Verarbeitung leicht zu fordern, doch schwer umzusetzen. Der heimische Hanfanbau endete, abgesehen von einigen hundert Hektar, schon vor dem Ersten Weltkrieg, am Ende des langen 19. Jahrhunderts. Anderseits war zu diesem Zeitpunkt Hanf in Mitteleuropa als Droge nur von marginaler Bedeutung. Gewiss, Mitte des 19. Jahrhunderts war Cannabis Indica für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab – und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte damals nur Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte wurden als Apotheker- und Medizinerware genutzt, als Narkotikum, in Hühneraugenmedizin, als Schlafmittel. Einige wenige Präparate etablierten sich gar als öffentlich beworbene Konsumgüter. Doch als indischer Hanf 1929 im Rahmen einer Revision des Opiumgesetzes im Deutschen Reich verboten wurde, hieß es lapidar und zugleich korrekt: „Die suchtmäßige Verwendung des Indischen Hanfs und der aus ihm hergestellten Zubereitungen ist […] in Deutschland nicht bekannt“. [2]

Dieses Verbot veränderte den Alltag nicht, erst in den 1960er Jahren stand Hanf hierzulande für ein Drogenproblem. Das 1971 und 1982 nochmals ausgeweitete Verbot veränderte die Perspektive auf den Hanf weiter, der nun nicht mehr auch als Alltagsprodukt einer vergangenen bäuerlichen Lebenswelt verstanden wurde, sondern allein als Wirkstoffträger mit potenziell gefährlichen Auswirkungen. Die seit den frühen 1970er Jahren anschwellende wissenschaftliche und populäre Literatur handelt denn auch fast ausschließlich von Cannabis, Marihuana und Haschisch. Das galt erst einmal für die wichtigsten Werke der Hanfaktivisten. Hainer Hais Hanf Handbuch erschöpfte sich in einer thematischen Engführung auf den Anbau, die Inhaltsstoffe, die Wirkungen, Fragen der Strafverfolgung und Details zur Extraktion des Hanföls, reproduzierte dabei die Argumente der Verbotsbefürworter mit negativem Vorzeichen. [3] Auch in Hans-Georg Behrs Hauptwerk war von Hanf eben kaum die Rede, stattdessen wurden zahllose historische Quellen unkritisch zusammengeführt, um eine vermeintliche Ubiquität der Droge auch im 19. Jahrhundert zu belegen. [4] Diese, aber auch zahllose andere Publikationen aus dem taktgebenden angelsächsischen Raum etablierten Haschisch als „a mark of fashion“ [5], als Ausdruck einer rebellischen und gesellschaftskritischen Lebenshaltung, denen sich auch wissenschaftliche Werke verpflichtet sahen. Die nicht allzu zahlreichen geschichtswissenschaftlichen Analysen konzentrierten sich entsprechend vornehmlich auf Hanf als Droge, vernachlässigen die Alltagskultur im Umgang mit Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt. [6] Dieser modischen Attitüde folgten auch die vielen nach der Wiederzulassung des Nutzhanfanbaus in Deutschland 1996 veröffentlichen Hanfhandbücher und -kochbücher. Zwischen dem steten Verweis auf die „uralte“ Kulturpflanze Hanf und dem beträchtlichen Marktpotenzial der heutigen Hanfprodukte fehlt eine auch nur ansatzweise fundierte Analyse der Verwendung von Hanf als Alltagsprodukt und Handelsgut vor dem Ersten Weltkrieg. [7] Stattdessen wird mit vermeintlich berauschenden und abhebenden Wirkungen der Hanfprodukte kokettiert, obwohl diese durch die bestehende Gesetzeslage ausgeschlossen sind. [8]

Im Folgenden wird es darum gehen, die fehlende Perspektive auf Hanf als eines bis Ende des langen 19. Jahrhunderts gängigen landwirtschaftlichen Handelsgutes und eines Alltagsproduktes in groben Strichen aufzuarbeiten. Hanf wird dabei als Teil der mitteleuropäischen bäuerlichen Hauswirtschaft des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts analysiert. Dabei wird sich der Blick auf die im Begriff „Industrialisierung“ kaum beachtete Transformation der ländlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen und deren materielle Kultur richten. Die zahlreichen Bemühungen, den Hanfanbau zu intensivieren, führten zwar zu veränderten hauswirtschaftlichen und gewerblichen Verarbeitungsweisen der Faser, des Öls und der Samen – also zu neuen, im Haushalt und vielen Wirtschaftssektoren nutzbaren Konsumgütern. Doch dies war nicht ausreichend, um den erst relativen und dann absoluten Niedergang des Hanfanbaus zu stoppen, dessen Revitalisierung im Ersten Weltkrieg und auch später misslang. Der heutige, primär auf hippe Nahrungshappen und Heilsöle zielende Anbau basiert ohnehin auf anderen Grundlagen. Er ist nicht nur Teil, sondern auch Ausdruck einer ubiquitären Konsumkultur, unterstreicht die Integration einer pseudorebellischen Gegenkultur in globale Verwertungszusammenhänge.

Hanf zwischen bäuerlicher Hauswirtschaft und nebengewerblicher Marktproduktion

Mitte des 18. Jahrhunderts war Hanf etwas Alltägliches, eben darum auch etwas Prosaisches: „Hanf […] ist ein bekanntes Feldgewächs, das einen einzigen, geraden, viereckichten, dichten, rohen, hohlen, und mit einer safigten Schale überzogenen, auch an manchen Orten oft einer Mannslänge hohen Stengel treibt. Die Blätter sind länglicht, schmal, spitzig und in etwas gekerbt, und wachsen in Gestalt einer offenen Hand, haben eine braun- oder dunkelgrüne Farbe, sind linde anzufühlen, und haben einen widerwärtigen stinkenden Geruch und unangenehmen Geschmack.“ [9] Der Blick allein auf die Pflanze verdeckt jedoch mehr als er enthüllt. Dinge, seien es landwirtschaftliche Güter oder aber Konsumwaren, sind implizite Handlungsprogramme, die das Leben ihrer Produzenten und Konsumenten indirekt organisieren. [10] Das gilt für den Hanf in besonderem Maße, handelte es sich doch um eine arbeitsintensive Pflanze, die zu einer Vielzahl heterogener Güter verarbeitet werden konnte und sowohl im bäuerlichen Haushalt als auch im Markt wichtige Funktionen einnahm. Hanf stand zwischen der vorindustriellen und industriellen Zeit, ist daher ein gutes Beispiel für die grundstürzenden Veränderungen, die mit der „Industrialisierung“ und der Etablierung moderner Konsumgesellschaften einhergingen.

Will man verstehen, was den Hanfanbau im 18. und insbesondere im langen 19. Jahrhundert ausgemacht hat, so muss man sich zurückversetzen in ein gewerblich entwickeltes, gleichwohl eindeutig landwirtschaftlich dominiertes Europa, in dem 90 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande wohnten und kleinbäuerliche Familienhaushalte eine zentrale Rolle spielten. Hanf diente nicht dem unmittelbaren Überleben, zielte nicht auf die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Getreide und dann auch Kartoffeln. Hanfanbau war ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dezentral betrieben, das einerseits Gelderwerb ermöglichte, anderseits aber die Herstellung von Stoffen und Kleidung im hauswirtschaftlichen Verbund erlaubte. Stärker als Flachs auf die Selbstversorgung ausgerichtet, erlaubte die Gespinstpflanze die Produktion einer „Leinwand der Armen“. [11] Ihre Herstellung war eingebunden in eine von Jahreslauf und Wetter abhängige Wirtschaftsweise: „Hanf und Flachs sind vorzüglich deshalb in einer Haushaltung viel werth, weil durch dessen Bereitung die Arbeitshände zu einer Zeit Beschäftigung erhalten, wo ohnedem dieselben bei der regnerischen Witterung ruhen müßten.“ [12] Die vielfältigen und recht unterschiedlichen Verarbeitungsschritte zwischen der Ernte und dem Verkauf der Faserstoffe oder Samen erlaubten die Füllung von Arbeitslücken und damit eine erhöhte Produktivität der nicht weit über dem Subsistenzniveau existierenden Haushalte. Hanffasern konnten im Winter zu Garn gesponnen und zu Stoffen gewoben werden, die Erträgnisse dieser Hausarbeit dann wieder entweder selbst genutzt oder aber verkauft werden. Hanf organisierte zugleich strikt funktionale Geschlechterverhältnisse. Während Aussaat und Ernte vornehmlich Männerarbeit waren, lag die langwierige Verarbeitung in den Händen der Frauen und auch der Kinder. [13] Der Hanfanbau erfolgte zumeist in kleinen Gärten, war ein Nebengewerbe. Spezialisierte Hanfbauern gab es nur selten – und dann eher in Italien oder Frankreich als in Deutschland, Österreich oder Russland. Die Hanfverarbeitung erlaubte eine breite Palette wirtschaftlicher Existenzen – von der Selbstversorgung über die nebengewerbliche Heimarbeit bis hin zum protoindustriellen Hauptgewerbe in der Hausindustrie. Der Hanfanbau war damit anschlussfähig an eine quasiautarke bäuerliche Existenz, an die damals übliche begrenzte Einbindung in die Geldwirtschaft, aber auch an das im 18. Jahrhundert zunehmend wichtigere Verlagswesen, bei dem Kaufleute Produktion und Absatz von Textilien organisierten und die beteiligten Haushalte vertraglich abgestimmte Kontingente herstellen mussten. [14] Hanf stand, ebenso wie Flachs, die Schafhaltung, die vielfältigen Färbepflanzen oder auch Maulbeerbäume für die langsame Weitung der traditionellen Landwirtschaft, die durch das Missverhältnis von langsamem Bevölkerungswachstum und geringeren Produktivitätsfortschritten zunehmend unter Druck geraten war. [15] Hanfanbau war Ausdruck einer Lebens- und Wirtschaftsform, bei der ein Wandel des Wirtschaftens immer auch eine Veränderung des Lebenszuschnittes mit sich zog. Die vielgestaltigen Rationalisierungsbemühungen der Hanfproduktion hatten dies im frühen 19. Jahrhundert noch im Blick, wenn sie einen erhöhten und intensivierten Anbau an die Menge des verfügbaren Landes, die Düngung und die Arbeitskapazitäten der Hauswirtschaft koppelten. [16]

Jedes Verstehen des fragilen Mobiles des Hanfanbaus setzt Grundkenntnisse über die jeweiligen Arbeitsschritte voraus. Hanf stammte ursprünglich aus Zentralasien und gelangte über den Nahen Osten noch Mitteleuropa. [17] Als Carl von Linné die zweigeschlechtliche Pflanze 1753 als Cannabis Sativa in sein botanisches Ordnungssystem integrierte, war sie hierzulande weit verbreitet und soweit Gegenstand zahlreicher gelehrter Abhandlungen, dass 1765 resümiert werden konnte: „Man hat bereits sehr vieles über den anbau [sic!] des Hanfes geschrieben, […].“ [18]

01b_Salzwedel_1860_p65 und Bartesch-Fiedler_1918_p284

Hanfpflanze (l.) und Hanffaser (r.) (O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 65; Hermine Bartesch und Mathilde Fiedler, Die moderne Damenschneiderei in Wort und Bild, Leipzig/Nordhausen 1918, 284)

Im Mittelpunkt der meisten Schriften standen Beschreibungen des Anbaus und der Verarbeitung des Hanfes (und meist auch des ähnlich zu handhabenden Flachses). Was im Rückblick wie eine Wiederholung des Immergleichen erscheint, entpuppt sich bei genauerer Lektüre als eine kleinteilige und alltagspraktische Analyse mit immer wieder kleinen Variationen. Französische Autoren gaben anfangs den Takt vor, doch italienische, schweizerische und auch deutsche Autoren nahmen die Vorlagen noch im späten 18. Jahrhundert auf und ergänzten ihre eigenen Beobachtungen und Ratschläge. [19]

Hanf erforderte einen sandigen, feuchten und gut vorbereiteten Boden, den es ab April zu lockern und von Unkraut zu befreien galt. [20] Die Aussaat sollte frühestens Anfang Mai erfolgen, da die Pflanze sehr empfindlich gegen Nachfrost und Kälte war. Den lange Zeit von Kirchenfeiertagen vorgegebenen, regional leicht variablen Saattagen folgte eine Woche aufmerksamer Pflege, worunter vor allem die Bekämpfung von Vögeln zählte. War die Pflanze jedoch entwickelt, bedurfte sie etwa zwölf Wochen keiner größeren Pflege, auch wenn ein wenig Jäten und ergänzendes Düngen angeraten wurden. Die Ernte startete dann Anfang bis Mitte August. Sie begann mit dem für die Faserproduktion einschlägigen männlichen Hanf, wurde vier Wochen später mit dem weiblichen Hanf fortgesetzt, bei dem die Samenproduktion im Mittelpunkt stand. Die meist von Männern durchgeführte Ernte erforderte Übung und Sorgfalt, mussten Brüche der teils zwei Meter, teils aber auch längeren Pflanzen doch vermieden werden.

Die abgeernteten Faserstängel wurden zuerst einer Röste unterzogen. Dies hieß, sie zwischen vier und acht Tagen in Wasser zu legen, meist in einen Bach oder Teich, zunehmend in gesondert angelegten Röstegruben. Teilweise bediente man sich aber auch der sogenannten Tauröste, legte die Fasern also auf Wiesen, um sie so dem Morgentau auszusetzen. Ziel war die Auflockerung und Zerstörung der Stängel, um so Zugang zu den im Inneren angesiedelten Fasern zu bekommen. An die Röste schloss sich das Ausspreiten, also das Trocknen der gerösteten Stängel bei gleichzeitiger moderater Bewässerung an. Abhängig vom Wetter, konnte diese Phase nach neun bis vierzehn Tagen abgeschlossen werden. Die Qualität der Faserstoffe war abhängig vom passgenauen Übergang zwischen den einzelnen Verarbeitungsschritten. Dies erforderte Erfahrung und genaue Bobachtungsgabe. Es folgten das Dreschen und Risten der Stängel, um so die Hanfsamen gewinnen zu können. Daran schloss sich das Brechen der Stängel an, also das Zerbrechen und Entfernen des holzigen Kerns, dann das teils durch Mühlen und Reiben durchgeführte Boken. Durch Quetschen und Stampfen mussten Stängel und Fasern weicher gemacht werden. Es folgte das Stoßen, also die Zerteilung des Reinhanfs in zwei oder drei meist etwa 80 cm lange Teile. Am Ende stand schließlich das Hecheln, also die Trennung von Faserstoffen und den holzigen Ummantelungen. Nun, nach langen und mühseligen Arbeitsschritten, konnte auch ein wenig Agrarromantik Einkehr halten: „Im fröhlichen Kreise setzen sich zu diesem Geschäfte die Hanfbauern familienweise im Freien zusammen, bei einem von den abgeschlußten Stengeln unterhaltenen Lustfeuer.“ [21]

Kühlere Analytiker verwiesen dagegen auf Ertragsparameter, nach denen 100 kg geerntete Hanfstängel 10-15 kg Reinhanf ergaben, zudem 30-45 kg Werg, also weiterverwertbare Faserstoffe. [22] Der gehechelte Hanf bildete – neben den Hanfsamen – die eigentliche Handelsware, bildete das Rohmaterial für die Folgearbeiten der Seiler und der Textilindustrie. Auch in Mutters Stübele schloss sich das Spinnen und dann das Weben an, sollte die Familie versorgt werden. Das mochte genügen, doch die neuen Chancen des Industriezeitalters erlaubten zahlreiche effizientere und produktivere Anbauweisen, vor denen die langsamen Verbesserungen des späten 18. Jahrhunderts keine Gnade fanden: „Seit Jahrhunderten dachte bey uns niemand an die Verbesserung der alt hergebrachten Behandlungsweise; niemand arbeitete mit Ernst und Beharrlichkeit und mit den nöthigen Vorkenntnissen, an die Erhebung dieses Zweiges der Landes-Cultur; wenigstens ist nichts dieser Art, zur öffentlichen Kunde gelangt. Man blieb beym alten Schlendrian, und begnügte sich mit dem, was die Natur mit einiger einfachen Aushülfe, gern gab.“ [23]

Hanfanbau wurde zu dieser Zeit in ganz Europa betrieben. Frankreich konnte sich in der napoleonischen Zeit fast selbst versorgen,  Großbritannien und Deutschland blieben wichtige Importregionen, Norditalien sowie insbesondere in Russland wichtige Exportländer. Nationenbegriffe führen allerdings irre, denn durchweg gab es regionale Schwerpunkte beim Anbau, vielfach auch beim Verbrauch. Österreich wies beispielsweise hohe Produktionsziffern in Galizien, der Bukowina, Mähren, der Steiermark und dem Krain auf, zugleich aber gab es große Gebiete ohne Hanfanbau. [24] In Deutschland waren im späten 18. Jahrhundert Schlesien, Westfalen, die Pfalz, Baden, Bayern und auch Lüneburg wichtige Hanfanbaugebiete. [25] Im 19. Jahrhundert brachen jedoch die protoindustriellen Heimgewerberegionen Schlesien und Westfalen spätestens in den 1840er Jahren weg. Dagegen entwickelte sich Baden zur eigentlichen Kernregion des deutschen Hanfanbaus. Ähnliche regionale Cluster bildeten sich etwa in den italienischen Regionen Bologna und Ferrara. Nicht nur die Industrialisierung war anfangs ein regionales Phänomen, sondern auch in der damals noch wichtigeren landwirtschaftlichen Produktion fanden sich analoge Prozesse. [26]

Alle Hanfanbaugebiete sahen sich seit dem frühen 19. Jahrhundert unter Veränderungsdruck. Dieser erfolgte nicht immer direkt, also durch Güter in Konkurrenz zu den noch zu behandelnden Hanfprodukten. Der Druck erfolgte vor allem indirekt, durch wachsende Marktchancen. Binnenwanderung war Chancenwanderung, zunehmend lockte auch das freiere Amerika. Die sich nach dem Vorbild Englands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beträchtlich verändernde Landwirtschaft bot zahlreiche neue Einkommenschancen. Insbesondere das rasche Vordringen des arbeitsintensiven Hackfruchtanbaus (Kartoffeln, Zuckerrüben) ging vielfach zulasten des Hanfanbaus, erforderten sie beide doch ähnlichen Arbeitseinsatz und ähnliche Böden. Diese langsame zweckrationale Umgestaltung führte zu höherer Produktivität und Marktanbindung der Agrarwirtschaft. Sie zernierte jedoch auch die kleinbäuerliche Lebenswelt, in die der Hanfanbau verankert war. Doch in der Expertenliteratur las man fast ausschließlich das vorwärtstreibende Mantra der Moderne: „Es möge der alte Schlendrian der handwerksmässigen Betriebe, wie er leider nur noch zu häufig auf dem Lande anzutreffen ist, der steife Aberglaube, alle landwirhtschaflichen [sic!] Verrichtungen müssen nach gewissen Kalendertagen oder nach dem und dem Heiligen geschehen und dergleichen, es möge der mechanische oder instinktmässige Trieb, ‚wie der Grossvater es gemacht, so macht es der Vater, und wie der Vater sein Feld bestellt, so thue auch ich es‘, doch bald hierin auf hören.“ [27]

Die intensiven Versuche, den Hanfanbau zumal in Deutschland zu intensivieren, ihn damit durch Wandel wettbewerbsfähig zu machen, zu bewahren und gar auszubauen, können hier natürlich nur kursorisch behandelt werden. Zentral war dabei ein anderer Blick auf die landwirtschaftliche und gewerbliche Produktion, angetrieben von Wissensformen, wie sie moderne Naturwissenschaften, der Maschinenbau und die Ökonomie entwickelten und gesellschaftlich hierarchisierten.

02_Berg-Schmidt_1861_Offizinelle Gewächse_TafelXIXb

Die Pflanzenbotanik des Hanfes als Optimierungshilfe  (O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung der offizinellen Gewächse, Bd. 3, Leipzig 1861, Tafel XIXb)

Getragen von einem breiten Netzwerk aus landwirtschaftlichen Vereinen und einer neuen, zunehmend naturwissenschaftlich arbeitenden Agrarwissenschaft begann man Mitte des Jahrhunderts mit einer Verbesserung des Saatgutes. Das bedeutete nicht nur eine umfassende Neukombination der Sorten zur Hebung des Faserertrages; etwa durch die Anpflanzung von sibirischem und italienischem Hanf. [28] Das bedeutete auch einen systematischen Wechsel des Saatgutes und dessen Vertrieb durch qualifizierten Samengroßhandlungen im In- und Ausland. Zudem forderten Experten eine sorgsamere Ernte, um sicherzustellen, dass die weiblichen Pflanzen auch wirklich bestäubt wurden und eigene Samen ausbilden konnten. [29] Der moderne Hanfbauer musste demnach die Art der Aussaat besser kontrollieren. Breitwürfiges Aussäen verursachte Fehleinsatz, entsprechend galt es die sparsameren Drillmaschinen einzusetzen. [30] Die Saat sollte noch stärker als zuvor auf die letztlich gewünschten Hanfarten abgestimmt werden, schließlich differierte die Saatmenge von Spinnhanf, Seilerhanf und Samenhanf etwa um den Faktor 4. [31] Auch die Züchtungsforschung widmete sich dem Hanfanbau, bemühte sich dabei nicht nur um besseres Saatgut, sondern auch um die Kreation nur weiblicher resp. nur männlicher Pflanzen, da die Zweigeschlechtlichkeit immensen Aufwand bedeutete. [32]

Auch wenn der Düngung schon im späten 18. Jahrhundert hohe Aufmerksamkeit geschenkt wurde, handelte es sich doch durchweg um organische Materialien. Dies änderte sich mit dem Aufkommen der Agrikulturchemie, die dem mineralischen „Kunstdünger“ den Weg bereitete: „Genügt die Stallmistdüngung nicht allein, so können auch konzentrierte Düngemittel mit bestem Erfolg Verwendung finden. Man nimmt Phosphorsäure und Stickstoff, ebenso hat sich Kali gut bewährt.“ [33] Während die Ernte nach wie vor mechanisch mit der Sichel erfolgte, konnte mit verbesserter Düngung neues Hanfland erschlossen werden. [34] Angesichts der nicht unbeträchtlichen Kosten für die modernen Düngemittel und den tendenziell nachgebenden Hanfpreisen setzte man in Deutschland bis vor dem Ersten Weltkrieg allerdings sowohl organischen als auch mineralischen Dünger ein. [35]

Die Rationalisierung des Hanfanbaus wurde schließlich auch durch verfeinertes chemisches Wissen vorangetrieben. Nicht nur der indische, sondern auch der einheimische Hanf wurden immer wieder untersucht. [36] Mochten die frühen Analysen auch kaum heutigen Kriterien genügen, so schufen sie doch Referenzwissen, mit dessen Hilfe man Auswirkungen der Düngung oder neuer Anbautechniken genauer einschätzen konnte. [37] Gerade die Fortschritte der Fett- und Eiweißchemie im späten 19. Jahrhundert wurden rasch auf die Analyse von Ölsaaten übertragen. [38]

Neben dieses naturwissenschaftliche Wissen trat seit Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch immer stärker ökonomisches Wissen. Dies bedeutete den Siegeszug der Zahl zur Festschreibung empirischer Realität und zum zweckgebundenen Vergleich. Das bedeutete für die Landwirtschaft zunehmend genauere Kenntnisse des Betriebsablaufes, ergab aber auch Zielmargen für die eigene Produktion. Wer wusste, dass „100 Pfd. gerotteter und getrockneter Stengel“ „gewöhnlich nahe bei 30 Pfd. an geschwungenem Hanfe [geben, US], was 9 bis 12 Prozent vom Gewichte der grünen Stengel ausmacht,“ [39] konnte seine Arbeit besser planen, seinen Ertrag besser abschätzen. Statistisches Wissen erlaubte aber nicht nur einzel-, sondern auch volkswirtschaftliches relevantes Orientierungswissen. Auch wenn Handelsdaten schon im 17. Jahrhundert gesammelt wurden und im 18. Jahrhundert in den Intelligenzzeitschriften breiten Niederschlag fanden, so erlaubte doch erst der Ausbau der landwirtschaftlichen Anbau- und später Produktionsstatistik eine gezielte Förderungspolitik der deutschen Staaten. Es ist kein Zufall, dass die offenkundige Krise des heimischen Leingewerbes seit den 1830er Jahren zu umfassenden Untersuchungen in Baden, dem Zollverein und später auch Österreich führte. [40] Mittels statistischen Wissens konnte nicht nur die Gewerbe- und Handelspolitik besser begründet, sondern auch die Effekte staatlicher Maßnahmen im Vorfeld besser eingeschätzt werden. Hanfimporte blieben auch nach der Zollwende 1879 praktisch zollfrei, hätten erhöhte Zölle doch die bestehende Verarbeitungsindustrie hart getroffen.

03_Deite_1878_p61

Wachsende Importabhängigkeit. Außenhandel des Deutschen Zollvereins mit Hanf 1854-1864   (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 61)

Neues natur- und gesellschaftliches Wissen erlaubte aber auch gezielte Prozessverbesserungen. Beim Hanfanbau betrug dies vorrangig die Röste, also die Wässerung und gesteuerte Verrottung der frisch geernteten Hanfstängel. Schon im späten 18. Jahrhundert wurden alternative chemischen Verfahren getestet, insbesondere der Einsatz von Laugen und Pottasche. [41] Dies hätte aber großbetriebliches Arbeiten vorausgesetzt. Die „Umständlichkeit, Unsicherheit und Unvollkommenheit“ des Röstens wurde immer wieder betont, die Chemie als „treue Helferin“ des Landmannes bemüht. [42] In Deutschland blieb das Rösten dennoch kaum verändert, Verbesserungen erzielte man vor allem bei der Anlage von Röstgruben. Dies geschah aber eher aus ökologischen Gründen, zur „Abwendung der nachtheiligen Folgen, welche Wasser, in dem Flachs oder Hanf geröstet wird, für die Erhaltung der Fische herbeiführt“. [43] „Luftverderbnis“ wurde häufig beklagt, auch wenn die Verwirrung und Betäubung der Beschäftigten zumeist auf die betörende Hanfpflanze zurückgeführt wurde. Spätestens in den 1870er Jahren war jedoch vorgegeben, Röstgruben außerhalb menschlicher Behausungen und fließender Gewässer angelegen, sie regelmäßig zu desinfizieren und zu reinigen. [44] Es ist allerdings unklar, wieweit die Regulative wirkten.

04_Zeeb_1900_p91

Optimierte Hanfröste in Gottenheim, Baden, späte 1890er Jahre (Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 91)

Neben derartige Prozessverbesserungen trat seit dem frühen 19. Jahrhundert vermehrt der Einsatz verbesserter Geräte und neu konstruierter Maschinen. Dabei spielte das mechanische Rösten anfangs eine wichtige Rolle, auch wenn sich die vornehmlich aus Frankreich stammenden Maschinen nicht durchsetzen konnten. [45] Später konzentrierten sich Praktiker und Ingenieure dann stärker auch das Brechen und das Hecheln. [46] Die Hanfverarbeitung blieb in Deutschland wenig mechanisiert, bis zum relativen Ende vor dem ersten Weltkrieg dominierte Handarbeit. Anders war dies bei der Hanfspinnerei und -weberei, die es hier jedoch nicht weiter zu verfolgen gilt. [47]

05_Vogelmann_1840_p36

Verbesserung bäuerlicher Geräte: Hanfbreche als Beispiel ([Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 36)

Charakteristisch für die mitteleuropäische Landwirtschaft und auch den Hanfanbau waren eng auf die Pflanzen, ihren Anbau, ihre Düngung, die Ernte, die möglichen Geräte sowie den möglichen Maschineneinsatz ausgerichtete Debatten. Der Absatz respektive die Vermarktung besaßen keine wirkliche Bedeutung, modernes Agrarmarketing setzte in Deutschland erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein. [48] Diese Einschränkungen galten auch für Interessenvereine, so etwa die von 1851 bis 1857 bestehende Gesellschaft zur Beförderung des Flachs- und Hanfanbaus.

Staatliche Instanzen unterstützten den Hanfanbau mit vielfältigen Maßnahmen, insbesondere in Baden. Hier gab es Gemeinschaftsdarren, wurden früh schon Röstgruben angelegt. Für die Bauern gab es spezialisierte Märkte, Kennzeichnungssysteme wurden staatlich garantiert. [49] Zollschutz wurde von ihnen mehrfach gefordert, doch liberale Mehrheiten lehnten diesen 1840 in Baden und auch später anderswo wiederholt ab. [50]

Hanfprodukte in sich stetig wandelnden Märkten

Der Hanfanbau war zumeist ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dessen Hauptziel der Erwerb eines Ergänzungseinkommens war. Hanf wurde gepflanzt und verarbeitet, um die so gewonnen Produkte zu verkaufen. Sie alle wurden jedoch auch direkt im Haushalt verwendet, zumal weniger marktfähige Qualitäten. Seit dem späten 18. Jahrhundert nahm die Bedeutung des Haushaltskonsum jedoch ab, auch wenn insbesondere in Osteuropa resp. Russland begrenzte Eigenwirtschaft auch noch im frühen 20. Jahrhundert betrieben wurde.

Die nur noch geringe Bedeutung der Naturalwirtschaft zeigt sich deutlich an der Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel im eigenen Haushalt. In der frühen Neuzeit wurden auch in Mitteleuropa Hanfsamen noch vielfach dem Brei und anderen Speisen zugefügt, diente Hanföl auch als Speiseöl. [51] In der Schweiz bzw. dem deutschen und französischen Oberrhein nutzte man es zum Kochen, vermengte es mit Butter oder dem Schmalz geschlachteter Tiere. Gerade während der Fastenzeit war Hanföl ein wichtiges Substitut für die dann verbotenen tierischen Fette. In Notzeiten – und die gab es in der frühen Neuzeit durchschnittlich alle sieben Jahre – dienten auch die bei der Ölgewinnung übriggeblieben Reste der menschlichen Nahrung, während Ölkuchen und Ölbrot ansonsten Viehfutter waren. [52]

Die zuvor referierten volkskundlichen Berichte beruhen auf Erfahrungsberichten und Befragungen. Zeitgenössische Publikationen unterstreichen ihre Aussagen. Zedlers Universallexikon konzentrierte sich auf die vielfältigen Heilwirkungen des Hanfs, insbesondere des Hanföls, das von der Humoralpathologie hoch geschätzt wurde. Doch auch als Nahrungsmittel fand er Verwendung: „Die gemeinen Leute reiben den Hanff in einem Asche mit etwas Milch, schlagen dieses durch einen Durchschlag und kochen hernachmahls Suppen davon, die einen gar angenehmen Geschmackes sind.“ [53] Dies unterstrich auch der Leipziger Professor für Weltweisheit Carl Günther Ludovici (1707-1778) in seinem weit verbreiteten Kaufmannslexikon. Für ihn war dies jedoch eine „Speise für das gemeine Volk“ [54], nichts für den bürgerlichen Haushalt. Allerdings wurden Hanfsamen in der frühen Neuzeit auch im noch teuren Zucker gesotten und dann als Beispeise auf die Festtafel gebracht – doch dies war Mitte des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa nicht mehr üblich. [55] Hanfsamen wurde nach wie vor in Osteuropa, insbesondere in Russland verzehrt: „Der Landmann röstet ihn nämlich bey wenigem Feuer im Backofen, und stampfet ihn mit den Schalen in einer sehr einfachen Maschine. […] Wenn bey Gelegenheit der Hunger erinnert, nimmt man hiervon etwas auf ein kräftiges Stück grobes schwarzes Brod, würzet sich selbiges mit polnischem Stein- oder russischem Seesalze, und glaubt, daß man sich in der strengsten Fasten kein besseres Gericht wünschen könne. In der That schmeckt auch der geröstete und gestampfte Hanf mit etwas Salz, gleich nach dem Mohn, vor allen anderen hiesigen Oelfrüchten so gut, daß selbst der adelige Einwohner besagter Gegenden, welcher fast durchgängig an eine sehr reichlich besetzte Tafel gewöhnt ist, ihn oft auf der Jagd oder Reise zu versuchen Appetit bekommt.“ [56] Hanfsuppen waren im späten 18. Jahrhundert noch üblich, also vor der allgemeinen Verdrängung der Frühstückssuppen durch Brot- und Kaffeespeisen [57]: „Wo ein starker Hanfbau ist, pflegen die gemeinen Leute auch aus den Hanfkörnern Suppe zu kochen, welche eben nicht übel schmeckt. Zu Bereitung dieser Hanfsamensuppe, werden die Hanfkörner in einer Reibesatte klein gerieben, die zerriebenen Körner in einen Durchschlag gethan, kochendes Wasser darauf genossen, und die harten Schalen und Hülsen zurück gelassen, und zur Viehfütterung verwendet.“ [58] Hanfsuppen mutierten zu einer diätetischen Speise, dienten ab und an der Versorgung von Schwangeren.

Im 19. Jahrhundert finden sich kaum noch Belegstellen für die Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel, einzig als Notnahrung wurde er in eine breite Palette „wohlfeiler Nahrungsmittel“ eingegliedert. [59] Hanf wurde zu einer Speise der anderen, insbesondere des fernen Russlands, wo die „schwer verdauliche vegetabilische Kost […] gewöhnlich mit Lein- oder Hanföhl zubereitet“ [60] wurde. Diese Exklusion ist sicher auch Ausdruck des damaligen Nationalismus und der damit einhergehenden Etablierung holzschnittartiger Nationalcharaktere. Russen wurden in der Bildsprache der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur zunehmend als ungehobelte Trampel dargestellt, sondern ihr vermeintlicher Gestank auch zurückgeführt auf „eine bedeutende Quantität Hanföl, Buchweizen und andere übelriechende Vegetabilien, welcher der Russe verzehrt, und deren Essenz durch seine Schweißlöcher zu strömen scheint.“ [61] Parallel begann eine Exotisierung der Hanfnahrung, die sich vor allem an den wohlbeleibten Körpern der Araber festmachte, Folge sowohl vermeintlicher Faulheit als auch des Hanfsamenkonsums. [62] Diese Exotisierung galt am Ende des 19. Jahrhunderts aber auch für das Land, für die Benennung bedrohter Traditionen, wie etwa dem in der Provinz Posen noch bestehenden Brauch, dem Gesinde am Weihnachtsabend Hanfsuppe mit Mohn zu reichen. [63] Faktisch aber wollte der bürgerliche Städter davon nichts mehr wissen, bewertete daher die ehedem wohlschmeckende Hanfsuppe nun als „die unangenehmste und unverdaulichste“ [64] aller Löffelspeisen.

Während Hanfsamen somit ab dem späten 18. Jahrhundert zu einem recht seltenen bäuerlichen Nahrungsmittel in Mitteleuropa wurden, gewannen sie nicht nur an Bedeutung als Handelssaatgut für neue Hanfkulturen und als Grundstoff der Hanfölproduktion. Hanfsamen fanden zudem guten und regelmäßigen Absatz als Futter für die seit dem 18. Jahrhundert in Tirol, den Niederlanden und dann vor allem im Harz gezüchteten Kanarienvögel.

06_Nebelspalter_06_1880_H17

Anzeige für Hanfsamen als Vogelfutter 1880 (Der Nebelspalter 6, 1880, H. 17, s.p.)

Einseitige Fütterung hatte jedoch ihren Preis, denn die Ziervögel nahmen zwar rasch zu, beendeten aber vielfach auch den vom bürgerlichen Publikum so erwünschten Gesang. [65] Entsprechend wurden Hanfsamen Teil von Futtermischungen – und die Presse des 19. Jahrhunderts ist durchzogen von Ratschlägen, welche Vogelart welche Mischung zu sich nehmen müsse, um allseits zu delektieren. [66] Hanfsamen wurden vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nicht als Supernahrungsmittel verstanden, sondern „als kleines, graues Korn mit öligem Kern“, das man für die “kleinen gelben Sänger“ „in Papierdüten vom Kaufmann nach Hause tragen“ konnte. [67]

Hanfsamen hatten Mitte des 19. Jahrhunderts keinen hohen Wert mehr, galten zusammen mit Lein- und Mohnsamen als das „Proletariat der Schalenfrüchte“ [68]. Als Haus- und Heilmittel konnten sie jedoch noch eine gewisse Bedeutung behaupten, nutzten doch Fachärzte Hanfsamenmilch als ein wirksames Mittel gegen Harnbeschwerden und Diarrhoe. [69] Die Mehrzahl der Ernte und insbesondere der Importware ging jedoch in Produktion von Hanföl.

Hanföl war vorrangig Handelsgut, Welthandelsware. Das wichtigste Produktionszentrum bildete seit dem frühen 18. Jahrhundert Russland und das Baltikum. Schätzungen gehen von etwa vier Millionen russischen Bauern aus, die Anfang des 19. Jahrhundert marktbezogen Hanf anbauten. [70] Neben den Faserstoff trat der Hanfsamen, der in den größeren Hafenstädten der Ostseeküste, in Riga, St. Petersburg und Königsberg, zu Öl verarbeitet und dann vor allem nach Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien verschifft wurde. Hanföl war in erster Linie ein Zwischenprodukt, das anfangs vor allem als Grundstoff für die Seifenherstellung, für Ölfarben und zunehmend auch zur Firnisproduktion eingesetzt wurde. Außerdem wurde es im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert als Beleuchtungsmittel eingesetzt.

07_Leipziger Zeitung_1830_Nr171_07_19_p1980

Werbeanzeige für importiertes Hanföl 1830 (Leipziger Zeitung 1830, Nr. 171 v. 19. Juli, 1980)

Auf der anderen Seite des Nutzungsspektrums standen bäuerliche Haushalte, in denen Hanföl „bald zum Brennen, bald zur Wagenschmiere, bald in der Arztney gebrauchet“ [71] wurde. Hanfsamen wurde an der Sonne getrocknet, gesäubert, mit einer Wind- oder Staubmühle nochmals gereinigt und dann kalt geschlagen. [72] Das so gewonnene Öl diente vornehmlich als Leuchtmittel, als Anstrich, selten als Nahrungszusatz. Für die bäuerliche Ökonomie waren auch die Reste der Ölherstellung wichtig. Der sogenannte Ölkuchen wurde an Rindvieh, Schweine, Schafe und auch Pferde verfüttert, fand auch Verwendung als Fischköder. [73] Die Masse der Hanfsamen wurde jedoch nicht häuslich genutzt, sondern verkauft. Die Textilindustrie bot im späten 18. Jahrhundert noch günstige Absatzmöglichkeiten, diente Hanföl doch der Vorbehandlung von Garnen und Stoffen. [74] Es blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiges Handelsgut, im Haushalt dagegen fanden sich immer weniger Anwendungen. Als Leuchtmittel war es nicht ideal, rußte es doch beträchtlich, verbrannte auch relativ schnell. [75] Es wurde ersetzt durch die in den 1830er Jahren aufkommenden Stearin- und dann Paraffinkerzen, schließlich durch das Petroleum. Auch die Ölkuchen gerieten seit der Jahrhundertmitte in den Bannstrahl der sich rasch entwickelnden Agrarwissenschaft. Aufgrund der harten Fruchtschalen hatten die Abfälle der Hanfölproduktion einen recht niedrigen Futterwert. Das reichte für die Nebenerwerbslandwirtschaft, doch die immer häufiger spezialisierten Haupterwerbsbetriebe tendierten zunehmend zu kolonialen Futtermitteln, die höhere Eiweiß- und Fettgehalte besaßen und mit denen sicherere Masterfolge erzielt werden konnten. Der Ölkuchen wurde dann als Dünger genutzt.

Die Ölproduktion war teils landwirtschaftliches Nebengewerbe, teils schon großbetrieblich betriebene Großmüllerei. Entsprechend finden sich relativ früh beträchtliche Rationalisierungsgewinne durch technische Innovationen. Zu Beginn der Industrialisierung wurde Hanföl durch Ausschlagen sowie kalte und warme Pressung gewonnen. [76] Um 1840 dominierte noch das einmalige Ausschlagen, doch mit leistungsfähigen hydraulischen Pressen konnte der Ertrag deutlich gesteigert werden. In den 1870er Jahren wurde Hanföl vor allem mittels Keilpressen gewonnen, daneben gab es auch eine einmalige warme Pressung. [77] In den 1880er Jahren betrug die Ausbeute des Hanföls durchschnittlich 25%, konnte aber durch neue Extraktionstechniken auf 30-32% erhöht werden. [78] Als Lösungsmittel wurden Benzin, Schwefelkohlenstoff und Äther eingesetzt, entsprechend unterschied sich die Ölgewinnung von der heutzutage gängigen, doch erst Anfang der 1970er Jahre eingeführten Hochdruckextraktion mit Kohlendioxid. [79] Die damaligen Lösungsmittel waren stärker invasiv, wenngleich mit ihrer Hilfe durchaus erfolgreiche Markenprodukte produziert werden konnten. Kaffee HAG ist wohl das bekannteste Extraktionsprodukt – dabei wurde Koffein mit Hilfe von Benzol aus dem Rohkaffee entfernt. [80] Die Hanfölerträge konnten bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nur noch moderat gesteigert werden. 1911 hieß es: „Die kalte Pressung liefert bis zu 25 % eines ziemlich dünnen, hellgrünen, die warme Pressung bis zu 30 % eines dickeren und dunkelgrünen Öls. Unter dem Einfluß der Luft wird das Öl braungelb. Die besseren Sorten dienen, besonders in Rußland, als Speiseöl, die geringeren werden zu Firnissen und Seifen verwendet, die in Norddeutschland sehr verbreitete ‚grüne Seife‘ ist eine Schmierseife aus Hanföl.“ [81]

Das Zitat dokumentiert Fortschritte in der Ölverarbeitung, belegt indirekt aber noch die relativ verhaltene Entwicklung der Fettchemie. Selbst an sich einfache Parameter, wie der Ölgehalt der Hanfsamen, wurden bis in die 1880er Jahre hinein mit 20-25% deutlich zu niedrig angegeben, so dass potenzielle Ertragssteigerungen kaum gesehen wurden. [82] Erst danach wurde das Öl auf Basis seiner verschiedenen Fettsäuren (damals Leinölsäure, Oelsäure, Palmitinsäure und Stearinsäure) eingeschätzt, erst danach war Extraktionstechnik oder aber die Dampfdestillation überhaupt denkbar. [83] Kurz vor dem ersten Weltkrieg hatte man ein deutlich differenzierteres Bild von der Zusammensetzung des Hanföls gewonnen. [84] Für eine Intensivierung der Ölproduktion war es damals jedoch schon zu spät, denn kurz vor dem Ersten Weltkrieg war der Hanfanbau in Deutschland im Wesentlichen eingestellt worden. Das war vor allem Folge des ökonomischen Niedergangs der Hanffaser. Hanföl hätte, zumal aus heutiger Sicht, grundsätzlich Chancen für andere nichttechnische Angebote gegeben. Es gab solche, wenngleich sie Ausnahmen bildeten: In Österreich wurde 1825 den in Prag produzierenden Gebrüdern Löwy ein Privileg auf ein Kunst- und Gesundheitsöl zugesprochen, bei dem Hanföl mit Schwefelsäure versetzt und mit Ethanol vermischt wurde, um das Produkt dann mit süßen und bitteren Mandeln zu einer kosmetischen Mandelmilch zu vermengen. [85] Hanföl wurde auch zu anderen kosmetischen Zwecken eingesetzt, etwa für ein kurzlebiges Haarwuchsmittel in Ungarn. [86] Diese Beispiele verweisen auf Marktchancen, die nicht genutzt wurden – obwohl die Kosmetikbranche ein wichtiger Wachstumsmotor des Konsumgütermarktes im späten 19. Jahrhundert wurde.

Das galt auch für andere Produkte der Hanfherstellung. Ab und an wurde Hanf beispielsweise als Substitut für Hopfen beim Bierbrauen vorgeschlagen – und zwar zu Zeiten als das mythenbeladene bayerische resp. deutsche Reinheitsgebot noch nicht griff. [87] Was Anfang des 19. Jahrhunderts noch undenkbar schien, wurde in der Mitte wissenschaftlich begründet, sei doch Hanf ähnlich bitter wie der Hopfen, böte die stetere Ernte zudem eine höhere Betriebssicherheit. “Daß auch unser Hanf (Cannabis sativa) betäubend wirkt, ist den Producenten hinlänglich bekannt.“ [88] Die vom Nürnberger Chemiker Rudolph von Wagner (1822-1880) propagierte Idee wurde seinerzeit zwar breit gestreut, doch offenkundig nicht aufgegriffen. [89] Ebenso scheiterten nach 1900 eher zaghafte Versuche, Hanfstauden als dekorative Zierpflanzen in die Rundbeete deutscher Gärten einzuführen. [90] Stattdessen behauptete sich die Rizinusstaude.

08_Haus, Hof, Garten_30_1908_09_26_Nr39_p351

Hanf als Zierpflanze – Ein Versuch von 1908 (Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351)

Hanf war vor allem ein Gespinstpflanze, Hanffasern das wichtigste Produkt. Deren Präsenz in der vorindustriellen Gesellschaft war offenkundig: „Mit Hanf werden Schiffe gelenkt, Glocken geschwenkt, Bettstätten verschränkt und Schelme gehenkt.“ [91] Doch nicht allein der Markt wurde beschickt, die Hanffaser prägte die ländlichen Konsumsphäre bis weit in das 19. Jahrhundert hinein: „Sie liefert ihm die Stoffe zur ersten Hülle bei seinem Erscheinen auf diesem Schauplatze der Natur. Sie bekleidet ihn bis an sein Ende und selbst noch im Grabe. Mit roher Hoffnung blickt das Mädchen des Landmanns auf das Gedeihen dieser Pflanze, welche ihr den Stoff zu ihrer Aussteuer liefert.“ [92] Stärker noch als der vor allem für Garne und Kleidung verwandte Flachs war Hanf ein Universalrohstoff für zahlreiche Produkte der Hauswirtschaft und des Gewerbes. Die aus bäuerlich-kleingewerblichen Milieu stammende Schweizer Volkskundlerin Anna Ithen (1858-1924) listete kurz nach der Jahrhundertwende vieles auf: „Frucht- und Mehlsäcke, Seile, Stränge, Stricke, Wagendecken, des Kaufmanns starkes Packtuch und des Schusters Pechdraht wurden aus dem starken Hanfe bereitet. Der einstigen Schiffahrt lieferte er die Taue und Segeltücher, der alle Schiffbauer verstopfte mit geringerm Werg die Fugen und Risse, und der Brunnenbauer der alten Zeit versuchte ebenfalls mit Werg schadhafte Stellen seiner hölzernen Dünkelleitung wasserdicht zu machen. Auch der Nähfaden (‚Zwirn‘) ward aus der Hanfreist gedreht.“ [93] Hanffasern eröffnen den Blick auf eine vergangene materielle Kultur, die heute durch andere funktionalere und preiswertere Werkstoffe verdrängt ist.

09_Die lustige Hanffibel_1943_p7

Hanf als ubiquitärer Faserstoff. Ein nostalgischer Rückblick der NS-Propaganda 1943 (Die lustige Hanffibel, hg. v. Reichsnährstand, Berlin o.J. [1943], 7)

Im 18. Jahrhundert dienten Hanffasern noch vielfach der protoindustriellen Garn- und Stoffproduktion. In den wichtigsten Produktionsregionen wurden aber auch erste Fabriken errichtet, so etwa die 1762 in Lörrach gegründete Firma Gaup, Kupfer und Breitenbach. [94] Hanfstoffe konnten einfach gefärbt werden (damals noch mit heimischen „Naturfarben“) und erwiesen sich als besonders haltbar: „Die Würmer fressen den Hanffaden nicht an.“ [95] Je nach Verwendungszweck wurden die Garne mit Wolle, Baumwolle, Leinen und Haaren verwoben, um Stoffe billiger anbieten zu können, um zugleich aber die immer etwas kratzigen und starren Hanfgeflechte tragfähiger und anschmiegsamer zu machen. Hanfgarn erzielte auch daher geringere Preise als Flachsgarn. Relative Schwere, Dauerhaftigkeit und Widerstandskraft gegen Nässe waren bei Segeltuch jedoch von Vorteil, ebenso bei Tauen, Stricken und Netzen. Im Bereich der Schifffahrt besaßen Hanfprodukte daher lange Zeit ein Quasimonopol, waren zugleich kriegswichtig. Die Handels- und Kriegsflotten Englands, Spaniens und der Niederlande bedurften immenser Zufuhren, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem von Russland befriedigt wurden, während sich in deutschen Landen Frankfurt a.M. als Handelsdrehscheibe etablieren konnte. Mitte des 18. Jahrhunderts stammten 90 Prozent der in England benötigten Hanffasern aus Russland, und selbst in den späten 1850er Jahren lag deren Marktanteil noch bei 75 Prozent. [96] Zu dieser Zeit erforderten Segel und Tauwerk eines Linienschiffes etwa 90 Tonnen Rohhanf. [97] Hanf, so der paradoxe Schluss, bot also die für den europäischen Ausgriff auf die koloniale Welt notwendigen Materialien, erlaubte den Zugriff auf koloniale Fasersubstitute und auch den indischen Hanf.

Hanffasern wurden anhand äußerer Kriterien und mittels Sinnesprüfung unterschieden. Feinheit und Farben bestimmten die Qualität der Garne, ebenso deren Länge und Stärke. [98] Hanffasern machten nur etwa 3-6 % des Gewichtes der geernteten Hanfstängel aus und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unterschieden Händler auch nach dem Glanz der jeweiligen Ware. [99] Für den Fernhandel entwickelten russische Kaufleute schon Mitte des 18. Jahrhunderts einfach abgrenzbare Qualitätsabstufungen. Andere Produktionsregionen folgten, so dass die Käufer anhand von Verpackungen, Buchstaben und Nummern die jeweilige Ware einschätzen konnten. Derartige Informationen waren für die meist lokal arbeitenden Seiler weniger wichtig, kauften sie doch meist von lokalen Anbietern und Kaufleuten mit bewährter Importware. Hanfwerg und geringe Qualitäten wurden zudem zu Papier verarbeitet, ehe der Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführte Holzschliff dieser Produktion ein Ende bereitete.

10_Düsseldorfer Volksblatt_1874_03_07_Nr53_sp

Ausverkauf von Leinenwaren aus Flachs und Leinen 1874 (Düsseldorfer Volksblatt 1874, Nr. 53 v. 7. März, s.p.)

Hanfgewebe wurden im Textilsektor kaum beworben, sie erschienen, ebenso wie Flachs, unter dem Dachbegriff von Leinenwaren. Ihre dennoch hohe Wertigkeit zeigt sich aber in Diebstahlsinventaren, die sich im frühen 19. Jahrhundert auch in Tageszeitungen finden. Dort wurde Hanfkleidung explizit als solche hervorgehoben, erleichterte solche Genauigkeit doch das Auffinden von Diebesgut und Dieben. [100] Generell aber war die Innovationskraft der Hanf- und Flachsspinner und -weber jedoch gering, erschöpfte sich in schnelleren Maschinen und verbesserter Anbautechnik, nicht aber in neuartigen Produkten. Eine Ausnahme bildete der in den 1840er Jahren populäre und in Frankreich entwickelte Hanffilz, dessen Fasern wärmebehandelt und mit Fetten und Harzen getränkt waren. So blieb der Stoff relativ temperaturunabhängig, konnte zudem gut geformt werden. Feuereimer, Wasserröhren, Felleisen, Hutkästen, Blumenvasen, Waschbecken, Becher, Flaschen und nicht zuletzt relativ leichte Dachschindeln wurden daraus gefertigt. [101]

Auch nach dem Wegbrechen der Hanf -und Flachsverarbeitung im Heimgewerbe, das in den 1840er Jahren vor allem in Westfalen und Schlesien beträchtliche soziale und wirtschaftliche Verwerfungen hervorrief, gab es jedoch weiterhin eine durchaus wachsende deutsche, vor allem aber in ganz Europa etablierte Flachs- und Hanfindustrie. [102] Im Deutschen Reich gab es 1884 sieben Hanfspinnereien und Bindfadenfabriken mit einem Geschäftskapital von 12,5 Mio. Mark und 2.389 Beschäftigten, die allerdings nur die Spitze des Eisberges bildeten, da die Mehrzahl der Garne und Stoffe in Leinenspinnereien und -webereien produziert war. Um 1880 war das Deutsche Reichs der weltweit größte Importmarkt für Hanf mit einer Produktionsmenge von ca. 11.000-17.000 Tonnen. [103]

Substitution und Verschwinden des Hanfes seit dem späten 19. Jahrhundert

Diese Weiterverarbeitung vor allem von Importware gibt einen Eindruck von den beträchtlichen Umgestaltungen während der ersten Globalisierung im langen 19. Jahrhunderts, deren Auswirkungen denen heutiger Globalisierung kaum nachstehen. Hanf wurde davon besonders getroffen, denn dessen Fasern konnten durch Importe aus Kolonien oder überseeischen Produktionsgebieten kostensparend substituiert werden. Die Sprache der neuen Billigfasern deutet ihre Marktwirkung noch an. Schon in den 1830er Jahren galt dies für den neuseeländischen Flachs (aus der Flachslilie), den Sunn-Hanf (aus der Klapperschote), den Aloe-Hanf (aus mexikanischer Agave) und vor allem den philippinischen Manila-Hanf (aus der Pisangpflanze). [104] Aus ihnen konnten Bindfäden, Seile, auch Segeltuch gefertigt werden. Dies geschah im Zeitalter des Imperialismus auch, um die Abhängigkeit von Importen aus potenziellen Feindesländern zu minimieren und die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Herrschaftsbereich zu fördern. Im Deutschen Reich war Sisalhanf ein wichtiges Argument für die Kolonisierung Deutsch-Ostafrikas, wo 1913 in der Tat 19.700 Tonnen produziert und ins Reich zur Weiterverarbeitung exportiert wurden. [105] Seit der Jahrhundertmitte kam zudem Bombay-Hanf – Jute – auf und nahm dem Hanf große Marktanteile bei Tauen und Säcken ab. [106] Marktdruck gab es aber auch durch die beträchtlichen Fortschritte in der eisenverarbeitenden Industrie. Eisen- und dann Stahlseile gewannen im Bergbau und schließlich der Schifffahrt immer größere Bedeutung, erlaubten Fördermengen und Transportleistungen, die mit Hanf und anderen Faserstoffen nicht möglich gewesen wären.

„Vom facettenreichen Phänomen «Cannabis» blieb nur noch ein Rauschgift übrig.“ [107] Diese Sentenz des Zürcher Sozial- und Wirtschaftshistorikers Jakob Tanner beschreibt die Richtung, doch diente ihm die neuen Debatten um die Drogenlegalisierung als Messlatte. Für das lange 19. Jahrhundert galt dies nicht. Hanf wurde Ende des 19. Jahrhunderts zwar noch, zusammen mit Tabak, Tee, Kaffee, Opium, Hanf, Baumwolle und Getreide, zu den „Grossmächten der Pflanzenwelt“ [108] gezählt, doch der relative Abstieg war damals schon akut. In Deutschland verschwand der Hanf dagegen faktisch vor dem Ersten Weltkrieg, die Produktionsmenge lag 1913 noch bei ganzen 100 Tonnen. [109] Analog zur Schweiz galt auch hierzulande: „Immer seltener werden in unserer Gegend die Saatfelder von Flachs und Hanf, dieser einst in der Hauswirtschaft so hochgehaltenen Kultur. Die Werkzeuge, welche dazu dienten, diese Pflanzen durch alle Stadien der Bearbeitung zur fertigen Leinwand zu verwandeln, stehen auf dem Estrich oder in Rumpelkammern, dem Roste und Holzwurme preisgegeben.“ [110]

Das hatte 1880 noch deutlich anders ausgesehen. Damals lag die Produktion im Deutschen Reich zwar weit hinter den führenden Produktionsländern Russland, Italien und Ungarn, doch immerhin noch auf der Höhe der USA als dem wichtigsten Agrarproduzenten weltweit. Hanf wurde vor allem importiert, dann hierzulande abgesetzt oder aber als Fertigware exportiert.

11_Heinzerling_1888_p20

Hanf als globale Handelsware 1880 (Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 20)

Nun aber kumulierten die zuvor schon mehrfach erörterten Veränderungen im Hanfmarkt. [111] Hanf wurde, wie auch die anderen dominanten Textilstoffe des frühen 19. Jahrhunderts (Schafwolle, Flachs und Seide) durch Pflanzenfaserstoffe aus dem globalen Süden verdrängt. Gerade die auf Sklaven- und Plantagenwirtschaft gründende Baumwolle setzte zum globalen Siegeszug an, „King Cotton“ hatte die Leinenkleidung abseits der bäuerlichen Selbstversorgung bis spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts verdrängt. Hanf hatte auch gegenüber Jute deutliche Preisnachteile, konnte sich im Verpackungssektor daher nicht länger behaupten. Tropische Langfasern wurden zunehmend für Taue und Seile genutzt, neben Sisal, Aloe und den anderen bereits erwähnten Kolonialprodukten traten nun auch Bananen- und Kokosfasern. Die noch nennenswerte Ölfarbenproduktion geriet durch die kostengünstigeren Teer- und auch Pigmentfarben der deutschen chemischen Industrie unter harten Wettbewerbsdruck. [112] Importierte Lein-, Mohn- und Rizinusöl sowie asiatisches Holzöl, Perillaöl und Sojaöl dominierten nun bei den trocknenden Ölen, während nach dem Ersten Weltkrieg, Hanföl, aber auch Nuss-, Sonnenblumen- und Baumwollsamenöl „nur sehr selten Anwendung“ [113] fanden. Der Niedergang wurde gewiss durch die in Baden übliche Nebenerwerbslandwirtschaft verlangsamt, die mit gewerblicher Haupterwerbsarbeit verbunden und weiterhin von Frauen mitgetragen wurde. Die Hanfanbauflächen sanken nun rasch. Wurden 1878 noch 21.000 ha kultiviert, so sank diese Zahl über 15.000 ha 1883 und 8000 ha 1893 auf 3.500 ha 1900 und wohl 200 ha 1913. [114]

12_Boyce_1900_p97

Hanfbrechmaschine in den USA (S.S. Boyce, Hemp (Cannabis sativa), New York 1900, 97)

Dies bedeutete (noch) nicht ein Verschwinden der globalen Hanfproduktion, die für die deutsche Textilindustrie nach wie vor eine gewichtige Rolle spielte. Schätzungen gehen für 1913 von weltweit 850.000 ha Anbaufläche und einem Ertrag von ca. 500.000 t aus. Diese Werte lagen 1924/25 bei nur noch 300-400.000 ha resp. 220.000 t. [115] Der Rückgang erfolgte, obwohl insbesondere in den USA der Maschineneinsatz sowohl bei der Ernte als auch bei der Verarbeitung auf neue Höhen gebracht wurde und Handarbeit dort Ausnahme wurde. Russland spielte auch nach der Machtübernahme durch die Sowjets eine führende Rolle im Billig- und Massensektor, während Italien hochwertige Produkte, zugleich aber auch alle anderen Marktsegmente bediente. [116] Das Deutsche Reich nahm diese grundlegenden Veränderungen hin, ließ den heimischen Hanfanbau ohne Zollschutz. Das war ökonomisch rational, zumal die Hanf- und Flachsindustrie anders als die Getreide- oder Zuckerwirtschaft keine schlagkräftige Interessenvertretung besaß. Während das Deutsche Reich zur weltweit zweitgrößten Handelsnation aufstieg, und gewiss zu den Globalisierungsgewinnern dieser Zeit zu zählen ist, zeigt das Verschwinden des Hanfanbaus, dass dieser Weg mit beträchtlichen Verwerfungen erkauft war, darunter die Zernierung der Lebens- und Wirtschaftsweisen breiter Teile des kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Grund war aber auch, daß im Deutschen Reich Landwirtschaft immer stärker im Hauptgewerbe betrieben wurde und Bauern sich auf ertragsstarke und gut absetzbare Produkte konzentrierten. Die Hanfbauern waren keineswegs Opfer, sondern sie optieren vielfach bewusst und zweckrational für lukrativere Tätigkeitsfelder. [117] Dies missachteten auch zahlreiche Fachbücher, die in romantisierender Weise Flachs und Hanf immer noch als „liebe alte Bekannte unserer Landwirtschaft und unseres deutschen Hauses“ [118] präsentierten.

Der Erste Weltkrieg bildete einen Testfall für die Auswirkungen derartiger Strukturwandlungen. 1913 wurden noch 159.000 t Flachs, Hanf (55.000 t) und Werg im Wert von 118 Mio. Mark eingeführt, also etwa 5% der gesamten Rohstoffimporte im Wert von 2,447 Mrd. Mark. [119] Trotz beträchtlicher Eroberungen russischer Hanfproduktionsflächen [120] gelang es nicht, die hohen Importe zumal aus dem 1915 vom Verbündeten zum Kriegsgegner mutierten Italien zu kompensieren. Schon 1915 setzten daher Appelle und Förderprogramme ein, um den heimischen Hanfanbau zu revitalisieren. [121] Höchstpreise wurden festgelegt, die vorhandenen Vorräte beschlagnahmt und der Markt durch eine frisch gegründete Deutsche Hanfbaugesellschaft bewirtschaftet. Nun war es „vaterländische Pflicht der deutschen Landwirte Gespinnstpflanzen anzubauen.“ [122] All dies wurde umkränzt von Broschüren, die an die Ratgeber der Zeit um 1800 erinnerten. [123] Obwohl es einen zunehmend spürbaren Mangel an Stricken und Verpackungsmaterial gab, stand dieser nicht im Vordergrund. Es hieß nun „Baut Ölpflanzen!“ [124], denn insbesondere im Felde technischer Anstriche und Firnisse herrschte ein eklatanter Mangel.

Die Folge waren prozentual bemerkenswerte Steigerungen von 1915 417 ha über 1916 1600 ha bis hin zu 1918 3650 ha. 1920 wurde mit 5350 ha ein Höchstwert erreicht, der dem der späten 1890er Jahre entsprach. Die Erzeugungsmengen von 1918 1820 t und 1920 2575 t reichten jedoch auch nicht ansatzweise an die 55.000 t Hanfimporte von 1913 heran. Entsprechend brach der Hanfanbau nach dem Auslaufen der Zwangswirtschaft auch rasch wieder zusammen und erreichte 1932 einen Tiefstwert von 200 ha. [125] Parallel zum Verbot des indischen Hanfes als Rauschgift war der einheimische Hanf neuerlich verschwunden. Das gilt, obwohl insbesondere in Baden beträchtliche Anstrengungen unternommen worden waren, das Nachkriegsniveau zumindest zu halten, obwohl die Textilindustrie nach dem neuerlichen Anlaufen der Hanfimporte weiterhin Rohware zu Fäden und Spezialstoffen verarbeitete, und obwohl die NS-Autarkiepolitik den Hanfanbau im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkrieges auf neuerliche Höhen schnellen ließ. [126] In der Zwischenkriegszeit waren die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen längst weggebrochen, auf denen der Hanfanbau im langen 19. Jahrhundert gründete. Der heute wieder legale Nutzhanfanbau und die daraus entstehende neue Gütervielfalt beruhen denn auch auf gänzlich anderen Grundlagen als die einer längst verlorenen Vergangenheit mit einer vom Hanf stark geprägten Alltags- und Konsumkultur.

Uwe Spiekermann, 29. Juni 2019

Quellen- und Literaturnachweise:
[1] Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, 265.
[2] Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, 7.
[3] Hainer Hai, Das Definitive Deutsche Hanf Handbuch, Löhrbach o.J. (1982).
[4] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982.
[5] Patrick Matthews, Cannabis Culture, London 2000, 25.
[6] Vgl. etwa James H. Mills, Cannabis Britannica. Empire, trade, and prohibition, 1800-1928, Oxford 2003; Martin Booth, Cannabis. A History, New York 2003.
[7] Vgl. etwa Kim Lutz, Super Seeds. Cooking with Power-Packed Chia, Quinoa, Flax, Hemp & Amaranth, New York 2014; Jack Herer und Mathias Bröckers, Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf, Solothurn 2017.
[8] Kathrin Gebhardt, Backen mit Hanf. Berauschend gut, 4. Aufl., Aarau/München 2003; Dominik Schlemmer, Hanf Kochbuch. Cannabis Rezepte, Marihuana und Haschisch backen zum Kochen und Abheben, o.O. 2017.
[9] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 239-251, hier Sp. 239.
[10] Vgl. Arjun Appadurai, The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge/New York 1986; Zygmunt Bauman, Consuming Life, Cambridge/Malden 2007; Daniel Miller, Consumption and Its Consequences, Cambridge/Malden 2012.
[11] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 108.
[12] Johann Ernst von Reider, Die neuesten Entdeckungen in den wichtigsten Gegenständen der Landwirthschaft und des Gartenbaues, Bamberg 1835, 117-123, hier 117.
[13] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 229.
[14] Markus Promberger, Topographie der Leiharbeit. Flexibilität und Prekarität einer atypischen Beschäftigungsform, Berlin 2012, 43.
[15] Vgl. Rolf Peter Sieferle, Der Europäische Sonderweg. Ursachen und Faktoren, Stuttgart 2000; Markus Cerman, Vorindustrielles Gewerbe und Proto-Industrialisierung, in: ders. et al. (Hg.), Wirtschaft und Gesellschaft. Europa 1000-2000, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, 211-227, insbesondere 224.
[16] Friedrich Koch, Ansichten über das Pflanzen und Zubereiten von Hanf (Rysten) und Flachs, Bern 1824, 36.
[17] Barney Warf, High Points: An Historical Geography of Cannabis, Geographical Review 104, 2014, 414-438.
[18] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes Flachses betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 43.
[19] Vgl. etwa Zubereitung des Hanfes und Flachses nach einer Methode des Herrn Marcandier, nebst einichen andern Vorschlägen, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 75-98; Erste Sammlung Nützlicher Unterrichte, Laybach 1770, 94-116; Neue Art, den Hanf mit wenigerem Abgange und geringeren Kosten zu bereiten, und ihn am besten zu nutzen, Der Sammler 5, 1783, 162-167; Karl la Hard, Abhandlung vom Hanfe, Wien/Prag/Leipzig 1785; Gilbert Baur, Stallfütterung, Klee-Hanf-Flachs- und Grundbirnbau, Augsburg 1794, 84-93; Franz Fuß, Ausführliche Abhandlung über den Flachs und Hanf, Prag 1796, 75-95.
[20] Dies und das Folgende nach Vollständige und genaue Beschreibung wie der Hanf im Stifte Osnabrück gebauet und bereitet werde, Detmold/Meyenberg 1787.
[21] Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 110.
[22] Julius Zipser, Die textilen Rohmaterialien und ihre Verarbeitung zu Gespinsten, T. 1, Wien/Leipzig 1895, 24.
[23] Anleitung den Hanf und Flachs auf das vortheilhafteste zu pflanzen, […], St. Gallen 1812, VI.
[24] Arthur von Hohenbruck, Beiträge zur Statistik der Flachs- und Hanf-Production in Oesterreich, Wien 1873, 5 sowie die Karte im Anhang.
[25] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 765-838, hier 765.
[26] Vgl. auch den groben Überblick bei Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898, 7.
[27] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 53-54.
[28] Centralblatt des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 26, 1837, 62.
[29] O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 66.
[30] B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 100.
[31] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 425.
[32] Friedr[ich] Haberlandt, Kann man durch Culturmaßregeln auf die Hervorbringung männlicher oder weiblicher Hanfpflanzen einen Einfluß nehmen?, Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 19, 1869, 25-26.
[33] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 423-424.
[34] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 83, 85.
[35] Eduard Birnbaum, Pflanzenbau, 8. Aufl., bearb. v. Paul Gisevius, Berlin 1911, 133.
[36] Untersuchung mehrerer Theile der Cannabis sativa, von S. Schlesinger, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 490-491.
[37] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[38] Victor Griessmayer, Die Proteide der Getreidearten, Hülsenfrüchte und Ölsamen sowie einiger Steinfrüchte, Heidelberg 1897, 294.
[39] Karl Karmarsch, Grundriß der mechanischen Technologie, Bd. 2, Hannover 1841, 613.
[40] Vgl. [Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840; Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 96-111; Josef Hain, Handbuch der Statistik des österreichischen Kaiserstaates, Bd. 2, Wien 1853, 40-41, 150.
[41] [Georg Rudolph] Böhmer, Technische Geschichte der Pflanzen […], T. 1, Leipzig 1794, 514-526.
[42] Ed[uard] Brinckmeier, Der Hanf. Sein Anbau, seine Bereitung und seine Verwendung, 2. Aufl., Ilmenau/Leipzig 1886, 7. Vgl. auch Ueber die Zubereitung des Flachses und Hanfes, hg. durch die Centralstelle für die Landwirthschaft im Großherzogthum Baden, Karlsruhe 1853, mit einer Analyse irischer Röstverfahren.
[43] L[eopold] Gottlieb Kraus und W[ilhelm] Pichler (Bearb.), Encyclopädisches Wörterbuch der Staatsarzneikunde, Bd. II, Erlangen 1873, 113.
[44] Vgl. E[uard] Reichard[t], Schädliche Wirkung des Röstwassers von Flachs und Hanf für die Fischzucht, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 22, 1881, 522-523.
[45] Joh[ann] Gottfr[ied] Dingler, Bericht an Freiherr von Gravenreuth über die Brauchbarkeit der von Hrn. Christian in Paris erfundenen Hanf- und Flachs-Brechmaschine, Kunst- und Gewerb-Blatt des polytechnischen Vereins im König-Reiche Bayern 5, 1819, Sp. 81-92. Deutlich kritischer Fahnenberg, Bemerkungen über die neue Hanfbereitungs-Maschine und einige damit angestellte Versuche, Ebd., Sp. 92-96.
[46] Ueber die neue Methode, den Flachs und Hanf zu brechen und zu bearbeiten, Leipzig 1822; Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 238-239, hier 239 und den Überblick von Hermann Grote, Bilder und Studien zur Geschichte vom Spinnen, Weben, Nähen, 2. Aufl., Berlin 1875, 7-8.
[47] Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, R. Choimet, theoretische und praktische Elemente der Maschinen-Flachs-, sowie auch Hanf- und Werg-Spinnerei, Weimar 1852 und (vielfach deckungsgleich) Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, C. Ancellin, der praktische Flachs-, Hanf- u. Wergspinner auf Maschinen, Weimar 1857.
[48] Gleichwohl galten die im internationalen Hanfhandel bestehenden Standardisierungen in den USA noch nach dem Ersten Weltkrieg als vorbildlich, vgl. Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 68-70.
[49] Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 65-69; Lauter, Notizen über den Hanfbau in Weißweil und Wyhl im Breisgau Badens, Agronomische Zeitung 9, 1854, 817-819.
[50] Karlsruher Zeitung 1839, Nr. 273 v. 2. Oktober, 3053; Karlsruher Zeitung 1840, Nr. 186 v. 11. Juli, 1150.
[51] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 107.
[52] Moritz Caduff, Essen und Trinken im Lugenz, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 82, 1986, 223-276, hier 230-231.
[53] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 463.
[54] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[55] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, hier 205.
[56] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 828.
[57] Uwe Spiekermann, Suppe im Wandel. Zur Karriere einer Alltagsspeise, Historicum 1995, Herbstausgabe, 15-21.
[58] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[59] D. Nikolai, Vorschlag wohlfeiler Nahrungsmittel, Allgemeiner Anzeiger 1812, Nr. 246 v. 12. September, Sp. 2521-2526, 2529-2533, hier Sp. 2532.
[60] Vermischte Abhandlungen aus dem Gebiete der Heilkunde (Fortsetzung), Medizinisch-chirurgische Zeitung 1835, 257-272, hier 259.
[61] St. Petersburg im Jahre 1843, Wiener Zeitschrift 1843, Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1843, Nr. 257 v. 27. Dezember, 2050-2052, hier 2052. Vgl. auch Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 73.
[62] So etwa E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Bedeutung (Fortsetzung), Deutsche Klinik 1870, Nr. 36 v. 3. September, 329-330, hier 329.
[63] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[64] Von Hartungen, Über die Suppe, Meraner Zeitung 1913, Nr. 127 v. 22. Oktober, 1.
[65] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 827.
[66] Fütterung der Kanarienvögel, Feldkircher Anzeiger 1876, Nr. 25 v. 20. Juni, 6-7; Futterrezept für Papageien, Praktische Mitteilungen für Gewerbe und Handel, Land- und Hauswirtschaft. Beilage zum Pusterthaler Bote 1908, Nr. 23 v. 5. Juni, 3.
[67] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[68] Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 161.
[69] Ebd., 217, 243; Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 361.
[70] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 253.
[71] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[72] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 400.
[73] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, 206.
[74] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes und die Zurüstung betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 48.
[75] L. Kober, Reinigung des Hanföls, Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen 1830, Nr. 256 v. 21. September, Sp. 3422-3423, hier Sp. 3422; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 603.
[76] Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 621.
[77] C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 95, 121.
[78] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 537.
[79] Hanföl, Drogisten-Zeitung 53, 1938, Nr. 4, 8.
[80] Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 194.
[81] Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 284.
[82] Vgl. die Angaben bei J[öns] J[akob] Berzelius, Lehrbuch der Chemie, übersetzt von F[riedrich] Woehler, Dresden/Leipzig 1837, 493 (25%); Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131 (23%); B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 98 (20-24%). Eine Ausnahme bildete Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345 mit einem Schätzwert von etwa einem Drittel.
[83] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 538; Eduard Gildemeister und Friedrich Hofmann, Die ätherischen Öle, Miltitz 1910, 342.
[84] Vgl. Emil Abderhalden (Hg.), Biochemisches Handlexikon, Bd. III, Berlin 1911, 22; Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 285-286.
[85] Oesterreichisch-Kaiserliche priveligirte Wiener Zeitung 1838, Nr. 130 v. 7. Juni, 815.
[86] Neues Haaröl, Verhandlungen und Mitteilungen des Gewerb-Vereines zu Köln 6, 1841, 12.
[87] Ueber Hopfen-Stellvertreter, Kaiserlich privilegirter Reichs-Anzeiger 1801, Nr. 162 v. 30. Juni, Sp. 2169-2171, hier 2170.
[88] Kurier für Niederbayern 1853, Nr. 188 v. 12. Juli, 754.
[89] Didaskalia 1853, Nr. 167 v. 15. Juli, s.p.; Hanf als Ersatzmittel für Hopfen, Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft 1854, Nr. 36 v. 9. September, 192.
[90] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[91] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 54.
[92] J[ohann] L[udwig] F[riedrich] Müller, Die Gespinnstpflanzen Flachs und Hanf, Stuttgart 1861.
[93] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 235.
[94] Mode-, Fabriken- und Gewerbszeitung 1, 1788, 22.
[95] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 830.
[96] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 252-253.
[97] Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131.
[98] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 245-247; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 598.
[99] Viktor Pöschl, Warenkunde, in: Georg Obst (Hg.), Das Buch des Kaufmanns, 7. Aufl., Bd. 1, Stuttgart 1928, 635-704, hier 692.
[100] Vgl. etwa Karlsruher Zeitung 1828, Nr. 359 v. 27. Dezember, 2094.
[101] Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345.
[102] Carl von Oberleithner, Flachs- und Hanf-Industrie. (Gruppe V, Section 3), in: Officieller Ausstellungs-Bericht, hg. v.d. General-Direction der Weltausstellung 1873, Wien 1874, 1-34.
[103] Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 17-19 (auch für die vorherigen Angaben).
[104] Carl Hartmann, Populäres Handbuch der allgemeinen und populären Technologie, Bd. 2, Berlin 1841, 371.
[105] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[106] Rhode und Beysell, Hanf, in: Pierers Universal-Conversationslexikon, 6. vollst. umgearb. Aufl., Bd. 9, Berlin/Leipzig 1877, 777-778.
[107] Jakob Tanner, Rauchzeichen. Zur Geschichte von Tabak und Hanf, in: Thomas Hengartner und Christoph Maria Merki (Hg.), Tabakfragen. Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, Zürich 1996, 15-42, hier 36-37.
[108] J. Brassel, Narkotische Nahrungs-, resp. Genussmittel. IV. Der Tabak, in: Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen naturwissenschaftlichen Gesellschaft 1887/88, Zürich 1889, 382-419, hier 382.
[109] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[110] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 228.
[111] Das Folgende nach W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 100.
[112] Hanföl wurde nicht genannt in der detaillierten Präsentation von P[aul] Schultze-Naumburg, Technik der Malerei, Leipzig 1901, 21-65.
[113] Max Bottler, Die Lack- und Firnisfabrikation, 2. verb. u. verm. Aufl., Halle a.S. 1924, 4.
[114] W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 109.
[115] Ebd., 108.
[116] Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898.
[117] Vgl. Paul Hoffmann, Die Wiederbelebung des Flachsbaus und der Hausweberei in Deutschland und ihr Einfluss auf die ländlichen Arbeitsverhältnisse, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 2-3.
[118] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 73.
[119] L[udwig] Jungmann, Der Weltkrieg, Bühl 1918, 39.
[120] Die hauptsächlichsten Oelfrüchte, Drogisten-Zeitung 34, 1919, 394-395, hier 394.
[121] Badischer Beobachter 1915, Nr. 539 v. 20. November, 6.
[122] Durlacher Wochenblatt 1916, Nr. 34 v. 10. Februar, 3.
[123] Hans Wacker, Der Handelsgewächsbau, Friedrichswerth 1917, 60-64.
[124] J[ohannes] Richter, Böttgers Praktische Anleitung zur Kultur der wichtigsten Ölgewächse, 2. Aufl., Leipzig 1916, 4.
[125] Alle Angaben n. W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. III. D: Langfaserwirtschaft, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 197-204, hier 200-201.
[126] Vgl. Die Gespinstpflanzen Flachs und Hanf auf der landwirtschaftlichen Ausstellung, Der Volksfreund 1924, Nr. 225 v. 26. September, Beilage; Körner, Leistungsfähiger Faserpflanzenanbau in Baden, Der Führer 1941, Nr. 128 v. 10. Mai, 5; Schiffstaue aus badischem Hanf, Der Führer 1943, Nr. 33 v. 2. Februar, 4.