Vergehender Glanz: Hochschulen und „deutsche“ Wissenschaft während der Weimarer Republik

Trotz beträchtlicher Aufwendungen sind die Universitäten der Bundesrepublik Deutschland international bestenfalls zweitklassig, findet Spitzenforschung eher in außeruniversitären Forschungsanstalten und vor allem in Unternehmen statt. Fragt man nach den Gründen für diese Dauermisere so werden je nach Disziplin und Institution höchst unterschiedliche Punkte benannt: Ein leistungsfeindliches Berufsbeamtentum, die verfehlte Koppelung von Lehre und Forschung, eine bürgerliche Exklusionskultur sowie ein mittelmaßfreundlicher Bildungsföderalismus. Sie sind strukturell bedingt, im Rahmen der bestehenden politischen Strukturen auf absehbare Zeit auch nicht zu reformieren. Begriffe wie „Bildungspolitik“ resp. „Exzellenzinitiative“ (mit jährlich ganzen 148 Millionen Euro für die aktuelle Förderlinie) sind jedenfalls irreführend und Ausdruck der herrschenden zynischen Vernunft.

Vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit, um zu verstehen, wie sich diese Dauermisere entwickelt hat. Gemeinhin richtet man dann den Blick auf die 1960er und 1970er Jahre, den damaligen massiven Ausbau der Universitäten, die halbherzige Abkehr von der Ordinarienuniversität und die Erweiterung der Zahl der Disziplinen und Studiengänge. Spannender scheint dagegen ein Blick in die Weimarer Republik zu sein, fanden damals doch ähnlich dramatische Veränderungen statt. Während die Wilhelminische Ära vielfach als „Glanzzeit“ deutscher Wissenschaft galt – deutsch wurde die weltweit führende Wissenschaftssprache – dominierten in der Weimarer Zeit Vorstellungen einer allgemeinen Krise, ja, einer „Leidenszeit“ deutscher Wissenschaft. Derartige Selbstzeugnisse der Mehrzahl der damaligen akademischen Eliten sind mit Vorsicht zu genießen. An die Stelle akademischen Herzeleids gilt es ein wenig Strukturwissen setzen: Erstens über das Hochschulwesen selbst, zweitens die Politisierung der Wissenschaften und drittens die sich strikt wandelnde Stellung von Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Einen möglichen Bezug zum Heute können Sie gewiss selbst ziehen.

Strukturen des deutschen Hochschulwesens während der Weimarer Republik

Das Hochschulwesen der Weimarer Republik stand im langen Schlagschatten der preußischen Universitätsreformen des frühen 19. Jahrhunderts. Der damit verbundene Wandel der Hochschulen von Lehr- zu Forschungsuniversitäten setzte jedoch in größerem Umfang erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Er war vor allem mit der „Ausdifferenzierung und Spezialisierung der naturwissenschaftlichen, philosophisch-historischen-philologischen Disziplinen und der Medizin“ (Sylvia Palatschek, Was heißt „Weltgeltung“ deutscher Wissenschaft? Modernisierungsleistungen und -defizite der Universitäten im Kaiserreich, in Michael Grüttner et al. (Hg.), Gebrochene Wissenschaftskulturen, Göttingen 2010, 29-54, hier 30) verbunden. Zentrale, bis heute prägende Strukturen wurden damals eingeführt, beispielsweise Seminare, Institute und Laboratorien, die Habilitation als Grundlage der Professur und nicht zuletzt die Berufung der Professoren nach Leistungen, die in der Forschung zu erbringen waren.

Forschungsfreiheit, staatliche Finanzierung, ein Wettbewerbsföderalismus, die wachsende Koppelung von Universitäten und Wirtschaft sowie eine im Vergleich zu anderen Staaten relativ große soziale Offenheit ließen das kaiserliche Deutschland zur führenden Wissenschaftsnation aufsteigen. Gleichwohl bestanden schon vor dem Ersten Weltkrieg beträchtliche Probleme, die allesamt auch die Weimarer Zeit kennzeichnen sollten: Die Lehre war vielfach unstrukturiert und unklar organisiert, die meisten Hochschullehrer waren konservativ-elitär, deutlich sichtbar an der engen Koppelung der alten Herren zum studentischen Verbindungsleben und seiner Manneszucht. Frauen wurden erst seit der Jahrhundertwende zum Studium zugelassen, ohne aber im Lehrkörper (ein bis heute gebräuchliches Wort) Bedeutung zu gewinnen. Die Finanzierung vor allem der Naturwissenschaften geriet rasch an ihre Grenzen. Die 1911 erfolgte Gründung der forschungszentrierten Kaiser-Wilhelm-Institute, der heutigen Max-Planck-Gesellschaften, war eine zukunftsweisende Konsequenz, die zugleich aber die Stellung der Universitäten als Stätten der Forschung unterminierte. Dies galt auch für die wachsende Bedeutung von Forschung und Entwicklung in der Industrie. Die voranschreitende Spezialisierung der Wissenschaften führte zu Rückfragen nach dem Kern universitärer Lehre. Wie lehrt man Nationalökonomie, wenn deren Bildungsgehalt und Synthesekraft nun von Einzeldisziplinen wie Volkswirtschafts- und Handelslehre, Statistik, Soziologie und Wirtschaftsgeschichte zu gewährleisten war? Allgemeinbildung wurde inneruniversitär unwichtiger, Spezialkenntnisse gewannen mehr und mehr an Bedeutung. Staatsgläubigkeit und eine undemokratische Ordinarienherrschaft, also die Selbstrekrutierung der akademischen Eliten, unterminierten schon damals die Grundlagen einer Leistungsauslese.

Gleichwohl: Die Wissenschaft während der Zeit der Weimarer Republik knüpfte noch an die Erfolge der Vorkriegszeit an und konnte eine internationale Führungsrolle vielfach behaupten, auch wenn die Vereinigten Staaten hier Terrain wettmachten und das Deutsch Reich zunehmend überflügelten. Es ist gewiss schwierig, wissenschaftliche Leistung objektiv zu bewerten. Doch sowohl vor als auch nach dem Ersten Weltkrieg waren deutschsprachige wissenschaftliche Bücher ein wichtiges Exportgut: Noch Ende der 1920er Jahre wurden 30-40% aller in Deutschland gedruckten wissenschaftlichen Bücher im Ausland abgesetzt. Noch heute kann man davon profierten, kann man die deutsche Unwilligkeit zur Digitalisierung doch mittels Datenbanken des Auslandes ansatzweise umgehen. Deutsche Forscher gewannen bis in die 1930er Jahren mehr Nobelpreise als die anderer Staaten. Dies galt für die Hälfte der Chemie-, ein Drittel der Physik- und ein Fünftel der Medizinnobelpreise. Neben diesen Disziplinen waren deutsche Wissenschaftler auch in den technischen Disziplinen, etwa dem Maschinenbau oder der Luftfahrttechnik, der Forstwissenschaft und der Züchtungsforschung besonders stark. In den Geisteswissenschaften standen die Altertums-, die vergleichenden Sprachwissenschaften und die Musikwissenschaft im Vordergrund, während die deutschen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften international an Bedeutung verloren. Deutsche Wissenschaft hatte demnach auch nach dem Ersten Weltkrieg Weltgeltung.

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Abkehr vom gymnasialen Bildungsideal durch die Schulreform 1919 (Kladderadatsch 72, 1919, Nr. 2)

Blickt man jedoch genauer hin, so finden man auch konträre Entwicklungen. Das neuhumanistische Ideal einer Humboldtschen Universität wurde beispielsweise immer wieder propagiert, doch entsprach es auch nicht ansatzweise der Realität des Studiums. Die damit verbundene Einheit von Forschung und Lehre bestand nur noch in Ausnahmefällen, die (notwendige) Einsamkeit des Einzelforschers ging, zumal in den Naturwissenschaften, im Forschungsverbund auf. Die Freiheit von Lehre und Forschung war zwar rechtlich garantiert, doch politisch konservative Grundgesinnung und das Kastendenken deutscher Professoren führte sie ad absurdum. Soziale und politische Selektionskriterien dominierten den Leistungsgedanken. Dennoch wurde das Humboldtsche Ideal immer wieder in Festreden und Alltagsdebatten hochgehalten – so wie heute auch. Dies diente jedoch vor allem der Selbstdefinition des Bildungsbürgertums und auch der Denunziation einer als kulturlos verunglimpften Republik.

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Neugründung als Ausnahme: Universität Hamburg 1919 (Zeitbilder 1919, Ausg. v. 6. April, 2)

Insgesamt verblüfft die strukturelle Konstanz des Universitätssystems: Die Zahl der Universitäten veränderte sich kaum. 1914 gab es deren 22, 1930 waren es 23: Straßburg fiel an Frankreich, und allein 1919 wurden in Hamburg und Köln neue Universitäten gegründet. Die Zahl der Technischen Hochschulen verringerte sich durch die Völkerbundsverwaltung von Danzig gar von 11 auf 10. Auch die relativen Größen blieben recht konstant. Nach wie vor zog Berlin die meisten Studierenden, gefolgt von München und Leipzig. Schlusslicht war Rostock.

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Zahl der Studierenden an wissenschaftlichen Hochschulen in Deutschland 1830-1940 (Hartmut Titze, Hochschulen, in Dieter Langewiesche und Heinz-Elmar Tenroth (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. V, 1918-1945, München 1989, 210)

Diese wissenschaftlichen Institutionen hatten in den 1920er Jahren einen außergewöhnlichen Zuwachs an Studierenden zu bewältigen. Dabei war erst einmal der Rückstau der Kriegsteilnehmer zu verarbeiten, doch der auch durch die Hyperinflation bedingte Rückgang der Studierendenzahl von 1923 bis 1925 war nur von kurzer Dauer. Der Höchststand wurde im Sommersemester 1931 mit knapp 140.000 Studierenden erreicht, danach erfolgte durch die Weltwirtschaftskrise und die NS-Politik ein beispielloser Rückgang der Studierendenzahlen. Dies erschien keineswegs als problematisch, eher stand man der großen Zahl der Studierenden kritisch gegenüber (sie erreichen allerdings nicht einmal 5% der heute Immatrikulierten). Darüber mokierten sich nicht nur Bildungsbürger, die vom „Hochschulfimmel“ sprachen: „Ach, auf Deutschlands hohen Schulen, ist es wirklich gar zu dumm: Alle Volksgenossen buhlen Um die Alma Mater rum. Gleich 10000 Musensöhne – Pro Semester, allerhand! Und es geht jetzt bei Athene laufend wir bei Ford am Band. Doktorhüte gibts im Dutzend, Staatsexamen gleich per Schub, und das Volk wird weiheits-strutzend Bald ein Absolventenklub. Von Anwälten, Ärzten, Chemikern, Wimmelt es bei uns direkt; und wir sind mit Akademikern, Für Dezennien eingesetzt. Hochschulfimmel hat gezündet, Und uns infiziert mit Macht. Wenn ein Deutscher Dächer schindelt, macht er erst den Dr. Dachd“ (Fliegende Blätter 172, 1930, 255).

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Vorlesung des Mathematiker Rudolph Rothe an der TH Berlin 1932 (Zeitbilder 1932, Ausg. v. 25. September, 4)

Der Anstieg der Studienzahlen war auch durch das Studium von Frauen mitbedingt. Ihr Anteil betrug im Sommersemester 1931 immerhin ein Siebtel der Studierenden. Die deutschen Universitäten verabschiedeten sich langsam vom Standard einer Ausbildungsstätte für protestantische Männer. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war der Anteil katholischer Studierender auf ein knappes Viertel gestiegen, während der Weimarer Zeit stieg er weiter auf rund 30 % – also nur knapp unter dem Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung. Die Anzahl der jüdischen Studierenden nahm dagegen sowohl relativ als auch absolut ab – auch wenn der Anteil von mit 5,3 % im Sommersemester (hierzulande immer noch gerne SS abgekürzt) 1925 deutlich über dem Anteil von Juden an der Gesamtbevölkerung lag (Martin Liepach, Das Wahlverhalten der jüdischen Bevölkerung in der Weimarer Republik, Tübingen 1996, 85).

Die Universitäten blieben auch während der Weimarer Republik vor allem Ausbildungsstätten für Juristen, Mediziner und auch Geisteswissenschaftler (s. Hartmut Titze, Hochschulen, in Dieter Langewiesche und Heinz-Elmar Tenroth (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. V, 1918-1945, München 1989, 211). Während der Weimarer Zeit nahm der Anteil vor allem der angewandten Sozial- und Wirtschaftswissenschaften jedoch deutlich zu. Auch der Anteil der Theologen stieg beträchtlich, während die Naturwissenschaften nach wie vor nur einen kleinen Anteil der Studierenden an sich banden. Diese wurden zunehmend älter – in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre waren schon 20 % der Studierenden über 25 Jahre – und nur noch ein Drittel von ihnen hatte ein Gymnasium besucht. Diese relative Lockerung der schulischen Vorbildung zugunsten der stärker neusprachlich-naturwissenschaftlich ausgerichteten Realgymnasien und Oberrealschulen ging allerdings mit einer Verengung der Zugangschancen einher: Das Reifezeugnis wurde verbindlich, 1932 hatte nur ein Prozent der Studierenden einen anderen Hintergrund.

Die Weimarer Republik erlaubte nicht nur einer größeren Zahl junger Menschen das Studium, auch sozial erfolgte eine bedingte Öffnung – wenngleich die Arbeiterschaft faktisch ausgegrenzt blieb. Rund ein Drittel kam aus dem etablierten Wirtschafts- und Bildungsbürgertum, während rund 60% aus dem alten und neuen Mittelstand stammten. Gerade für Beamten-, in geringerem Maße für Angestelltenhaushalte galten die Universitäten als Basis sozialen Aufstiegs. Dem dienten auch die männerbündischen studentischen Verbindungen, die 1932 ca. 70.000 aktive Mitglieder hatten, also etwa 60% der Studierenden. Die Mehrzahl der Studierenden war völkisch-national eingestellt: Bis Mitte der 1920er Jahre dominierte der Deutsche Hochschulring die Studentenvertretungen, und in einer Ende 1926 in Preußen anberaumten Urabstimmung sprachen sich 77% der Studenten für den Ausschluss jüdischer und ausländischer Studierender aus der Studentenschaft aus. Die preußischen Studentenschaften wurden daraufhin aufgelöst – bis 1933.

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Studierende der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 1922 (Deutsch-Amerika 8, 1922, Nr. 34, 6)

Anders als bei den Studierenden blieb die Zahl der Lehrenden nach 1918 erst einmal relativ stabil. 1925 lag sie bei ca. 6.700, darunter knapp 2.400 ordentliche, also im Stellenplan regulär vorgesehene Professoren. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stieg die Zahl der Stellen dann um ca. ein Viertel; wie in so vielen Bereichen staatlichen Handelns. Der Begriff „Professoren“ ist übrigens keine böswillige Irreführung eines die Segnungen einer genderpolitisch korrekten Sprache nicht würdigenden Mannes: Die Zahl der Professorinnen lag deutlich unter einem halben Prozent. Erst 1919 wurden Frauen in Deutschland zur Habilitation zugelassen, insgesamt wagten bis 1933 ganze 47 diesen Schritt, darunter mehr als die Hälfte Naturwissenschaftlerinnen und Medizinerinnen. Die heute gern genannten Namen Lise Meitner (1878-1968) und Emmy Noether (1882-1935) sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass abseits der Universitäten Berlin und Hamburg Frauen sehr seltene Ausnahmen in Forschung und Lehre waren.

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Dominanz angewandter Wissenschaften: Vorlesung mit einem neuen Projektionsapparat (Illustrierte Technik 11, 1933, H. 5, p. XI)

Innerhalb des Lehrkörpers dominierten Mediziner und Naturwissenschaftler, zumal die Technischen Hochschulen mittlerweile einen Anteil von fast 30 % an den Dauerstellen hatten. Die geisteswissenschaftlichen Fächer behaupteten einen Anteil von über 20 % und stellten dabei fast ein Viertel der Ordinarien. Diese Gruppe besaß nach wie vor eine herausgehobene Stellung innerhalb der Gesellschaft und sah sich auch selbst als die geistige Elite der Nation. „Nation“ ist hier nicht unbedacht gewählt. Schaut man auf die politische Orientierung der Lehrenden, so standen sie in ihrer großen Mehrzahl der Weimarer Demokratie reserviert, ja feindlich gegenüber. Grob lassen sich während der 1920er Jahre vier Gruppen unterscheiden:

Die große Mehrzahl, mindestens zwei Drittel, organisiert in der deutsch-nationalen „Hochschullehrervereinigung“, verband den Weimarer Staat mit der Niederlage 1918 und sah das demokratische Gemeinwesen als eine ungebührliche Einschränkung ihrer geistesaristokratischen Führungsrolle. Zweitens definierte sich ca. ein Fünftel als Wissenschaftler ohne Bezug zur Politik. Sie empfanden sich vornehmlich als unpolitische Gelehrte, waren aber von ihrem geistigen Führungsanspruch überzeugt. Drittens gab es eine kleine, vielleicht 10% umfassende Gruppe von „Vernunftrepublikanern“, die sich 1926 in der „Vereinigung verfassungstreuer Hochschullehrer“ eine institutionelle Plattform gaben. Hierunter befanden sich bekannte Namen wir Max Planck (1858-1947), Max Haber (1868-1934) oder Friedrich Meinecke (1862-1954). Die spätere demokratisch motivierte Benennungskultur sollte nicht überdecken, dass es sich hierbei um nicht mehr als eine wichtige Minderheit handelte. Das galt viertens in noch stärkerem Maße für die kleine Schar sozialdemokratischer und linksliberaler Professoren, deren Anteil bei etwa 2% gelegen haben dürfte. Obwohl nicht zuletzt ihre wissenschaftliche Leistung bis heute hoch geschätzt wird, standen sie damals unter enormem Druck – zumal sie sich immer wieder Vorwürfen der Parteibuchkarrieren ausgesetzt sahen.

Diese kleine Gruppe war auch während der Weimarer Zeit steter Kritik und Repressionen ausgesetzt. Ein Beispiel mag genügen, das des Heidelberger Statistikers Emil Julius Gumbel (1891-1966). Er hatte vor dem Krieg Mathematik und Nationalökonomie studiert und sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. An der Front wandelte er sich zum überzeugten Pazifisten und auch Sozialisten. Es gelang ihm 1915 sich vom Frontdienst zu dispensieren, er arbeitete dann im Bereich der Luftfahrt- und Elektrotechnik. Nach der Revolution engagierte er sich für die USPD und arbeitete als Dozent für den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund, bevor er sich 1923 im Fach Statistik in Heidelberg habilitierte und dort als Privatdozent lehrte.

07_Gumbel_1922_Vier Jahre Politischer Mord

Empirisch solide Realitätsbeschreibung, von der Mehrzahl als „Nestbeschmutzung“ beschimpft

Gumbel trat öffentlich nicht nur journalistisch, sondern vor allem durch seine Bücher „Zwei Jahre politischer Mord“ bzw. „Vier Jahr politischer Mord“ hervor, in denen er detailliert alle politischen Morde von links und rechts auflistete. Diese Dokumentation belegte nicht nur den Umfang des vornehmlich völkischen Terrors, sondern auch die vielfach bestehende Kumpanei von Rechtsradikalen und Justiz. Weitere Bücher behandelten in den 1920er Jahren die Binnenwelt der Freikorps, die Fememorde und auch die illegale Aufrüstung der Reichswehr. Damit stieß er auf deutlichen Widerspruch der völkisch-konservativen Studentenschaft, die in Heidelberg, aber auch im gesamten Reich, an den Universitäten dominierte. Anfeindungen vor Ort wurden ergänzt durch Vorwürfe des Landesverrats, zumal als Gumbel 1924 die Schlachtfelder des Weltkriegs als „Feld der Unehre“ bezeichnet hatte. Gumbel überstand diese Herausforderungen vornehmlich durch Rückendeckung des liberalen badischen Kultusministeriums. 1930 wurde er dann auch – ein früher normales Verfahren – zum außerplanmäßigen Professor ernannten. Unter Führung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes begannen nun die sog. Gumbelkrawalle, genauer Gebäudebesetzungen der Studierenden, die mit Polizeigewalt gebrochen wurden. Kritik, Schmähungen und Störungen des Lehrbetriebs gingen jedoch weiter. Als Gumbel sich dann auf einer öffentlichen Veranstaltung des sozialistischen Studentenbundes ironisch dafür ausgesprochen hatte, anstelle der für ein Kriegerdenkmal anvisierten leichtbekleideten Jungfrau doch besser eine Kohlrübe zu wählen, da diese die Kriegserfahrungen besser repräsentieren würde, verlor er die Rückendeckung auch des Ministeriums, das ihm 1932 dann die Lehrbefugnis entzog: Deutsche Treue im Hochschulsektor. 1933 emigrierte Gumbel nach Frankreich, die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm aberkannt. 1940 folgte die zweite Emigration, dieses Mal in die USA. Dort lehrte er erfolgreich als Statistiker.

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Häme gegen einen demokratischen Universitätslehrer – Karikatur 1932 (Kladderadatsch 85, 1932, Nr. 37)

Während die Causa Gumbel ein klarer Fall von politischer Verfolgung war – wobei mit Ausnahme vornehmlich des Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) die Rückdeckung der „Kollegen“ Professoren meist ausblieb, standen jüdische Wissenschaftler schon während der Weimarer Republik unter Beobachtung, wurden zunehmend angegriffen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der bekannteste Wissenschaftler der Weimarer Zeit, Albert Einstein (1879-1955). Trotz seiner Beiträge zur theoretischen Physik, insbesondere die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie, war Einstein, von Max Planck 1913 nach Berlin geholt und dort seit 1914 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, von Beginn an umstritten. Seine Arbeit stellte bestehende Ideen von Leben und Realität in Frage.

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Umstürzende Erkenntnisse im Widerspruch – Karikatur 1920 (Ulk 49, 1920, Nr. 48)

Sein pazifisches Engagement und sein eher intellektuelles Bekenntnis zum Judentum machten ihn schon früh zu einer Angriffsfolie völkischer Agitatoren, aber auch von Kollegen. Die Physik-Nobelpreisträger Philipp Lenard (1862-1947) und Johannes Stark (1874-1954) wandten sich schon in den 1920er Jahren gegen Einsteins „verfälschte jüdische Theorie“ und plädierten für eine der arischen Rasse eigene, experimentelle „Deutsche Physik“. Einstein, anderseits, nutzte wie kein anderer das Renommee des Nobelpreises für die Propagierung seiner Theorien. Sein Werk wurde schon früh popularisiert – der animierte Einstein-Film von 1922 war ein Meilenstein des Dokumentarfilms. Einsteins umfangreiche Reisetätigkeit machte ihn zu einer bekannten öffentlichen Figur, zum Repräsentanten eines neuen, demokratischen Deutschlands. In seinem Heimatland sah er sich jedoch seit Ende 1920er Jahre immer stärker antisemitischer Hetze ausgesetzt. 1932 reiste er wieder einmal in die USA, doch kam er dieses Mal nicht zurück, sondern lehrte ab 1933 in Princeton. So weit, so schlecht. Einstein ist aber nicht nur ein Beispiel für Antisemitismus und seine Folgen für führende deutsche Wissenschaftler. Einstein selbst steht für die Ambivalenz dieser Gruppe.

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Albert Einstein als beneideter Exponent der Republik – Karikatur 1931 (Kladderadatsch 84, 1931, Nr. 12)

Einstein wurde in Deutschland nämlich auch als Genie präsentiert und vergöttert. Das war Führerkult in der Wissenschaft, der die enge Bindung von Wissenschaft und Nation, von Wissenschaft und Politik belegte. Der Geniekult verwies auf die wachsende Trennung von Wissenschaft und Alltagsleben. Kaum mehr verstandene Theorien, nurmehr bewunderte Technologien, prägten und veränderten den Alltag. Die Herrschaft der Experten wurde hier plastisch – und ihr tendenziell antidemokratischer Impetus wird bis heute mit wohlklingenden Begriffen wie „social engineering“ oder „consumer engineering“ verbrämt, bei den Repräsentanten des Neuen Bauens ja ehrerbietig gefeiert. Zugleich war Einstein, trotz seines öffentlichen und beherzten Eintretens für Demokratie und Pazifismus doch Kind seiner Zeit. Britta Scheideler hat in ihrer Analyse seines politischen Denkens zu Recht darauf verwiesen, dass er ein Konzept einer „geistigen Elite“ vertrat, dem er die „rohen Massen“ gegenüberstellte (Albert Einstein in der Weimarer Republik. Demokratisches und elitäres Denken im Widerspruch, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53, 2005, 381-419). Demokratie war für ihn eine Sache gebildeter Eliten. Dem Parteizwist und dem Zwang zum Kompromiss der Weimarer Zeit stand Einstein stets kritisch, ja verächtlich gegenüber. Die Brüchigkeit dieser elitär-demokratischen Idealgesellschaft hat der stets moralisch argumentierende Gelehrte selbst aufgezeigt, als er sich 1931 in Briefen für die Todesstrafe für „schädliche“ und „wertlose“ Individuen aussprach und zugleich betonte, dass er „am Leben mehr die Qualität als die Quantität“ schätze (zit. n. Scheideler, 2005, 390, Anm. 54).

Nationalisierung von Wissenschaft und die Forcierung außeruniversitärer Forschung

Die demokratische Weimarer Republik steht ebenfalls für eine wachsende Nationalisierung der Wissenschaft. Im Ersten Weltkrieg hatte sich die große Mehrheit der Wissenschaftler bekanntermaßen für die Kriegsziele des Deutschen Reichs ausgesprochen und sich in den Dienst der mit den deutschen Kriegszielen einhergehenden Beherrschung Kontinentaleuropas gestellt. In zahlreichen Aufrufen rechtfertigten sie die Verletzung der belgischen Neutralität, betonten die Kriegsschuld der Alliierten, präsentierten sich als Teil einer kämpfenden Volksgemeinschaft und unterstützten die ruhmreiche deutsche Armee. Dies führte, parallel zur Nationalisierung der Wissenschaft auch in den Staaten der Gegner, zu einer internationalen Isolierung der deutschen Wissenschaft, die mit dem Versailler Vertrag im Sommer 1919 ihren Höhepunkt erreichte. Alle bisherigen internationalen Konventionen auf wissenschaftlichem Gebiet mit Deutschland galten als aufgelöst. Deutsche Gelehrte wurden aus wissenschaftlichen Gesellschaften ausgeschlossen und zu internationalen Kongressen nicht mehr eingeladen. Wissenschaftliche Publikationen wurden teils rigide abbestellt, fanden nicht einmal mehr Erwähnung in den Bibliographien vieler alliierter Staaten. Umgekehrt wandten sich fast alle deutschen Wissenschaftler gegen den Versailler Vertrag und die von ihm propagierte Kriegsschuld Deutschlands. Dies wurde weidlich zur Hetze gegen den vermeintlich „schwachen“ Weimarer Staat genutzt; eine Hetze, die durch Artikel 142 der Weimarer Verfassung gedeckt wurde, in der die Freiheit von Wissenschaft und Lehre garantiert wurde. Überraschend einmütig waren die deutschen Wissenschaftler jedoch auch der Überzeugung, dass nur die Wissenschaft die Basis für den nationalen Wiederaufstieg Deutschlands als Großmacht bilden könne. Forschungsgelder machen sinnlich…

Dies war Überzeugung, aber auch Quintessenz des Kriegseinsatzes der deutschen Wissenschaft. Dieser hatte zu neuen Formen zentralisierter Forschungs- und Wissenschaftsplanung geführt, bei denen der Staat Auftraggeber und Finanzier zugleich war. Ähnlich wie bei den darbenden, für die Selbstwahrnehmung als Bildungsnation jedoch hochgeschätzten Theatern sprang der Staat auch nach 1918 willig ein, um wissenschaftliche Forschungsinstitute und Forschungsstellen zu sichern. Die Politik teilte die Wertschätzung der Wissenschaft als letzten verbliebenen „Aktivposten“ Deutschlands: Die politische, militärische und wirtschaftliche Macht sei gebrochen, doch nach wie vor sei Deutschland eine „Großmacht des Geistes“.

Ein Beispiel hierfür mag genügen, eines das sich auf die ja bis 1923 kritische, teils desaströse Lebensmittelversorgung Deutschlands bezieht. Die Agrar- und Ernährungswissenschaften waren während des Krieges systematisch gefördert worden, doch neue Institute hatte man nicht gegründet. Das änderte sich seit 1920: Damals wurde das Institut für Seefischerei in Geestemünde errichtet, ebenso eine Anstalt für Fischereiuntersuchungen in Langenhagen. 1922 folgten die Kieler Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, die Süddeutsche Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Weihenstephan sowie die Versuchs- und Forschungsanstalt für Tierzucht in Tschechnitz. Trotz Hyperinflation folgten 1923 die Berliner Versuchs- und Forschungsanstalt für Getreideverarbeitung sowie die Bayerische Landesanstalt für Tierzucht in Grub bei München und schließlich 1924 die Preußische Versuchs- und Forschungsanstalt in Potsdam bzw. Geisenheim.

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Neue Orte der Wissensproduktion – Die Kieler Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft 1922 (Zehn Jahre Preußische Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, Kiel, 1922-1932, Hildesheim 1932, 16)

Das waren beträchtliche Investitionen in außerwissenschaftliche Forschungsinstitute. Ihre Ziel war Forschung, um eine Hungerkatastrophe während neuerlicher Konflikte unmöglich zu machen: Kurt Teichert, ein führender Milchwissenschaftler, fasste dies 1929 in griffige Worte: „Wir führten nicht nur einen Krieg mit Soldaten, Gewehren, Kanonen und Munition, wir führten auch einen Krieg mit den Leistungen unserer gesamten Volkswirtschaft, in welchem Pflug und Sense, Butterfaß und Zentrifuge zu wichtigen Waffen wurden“ (Süddeutsche Molkerei-Zeitung 50, 1929, Festschrift, 70).

Was aber wurde in diesen Instituten erforscht? Eine Denkschrift aus dem Jahre 1921 nannte vier Schwerpunkte: „1. Wie lassen sich die zur Verfügung stehenden Rohstoffe vom Standpunkte der Wissenschaft vorteilhafter als bisher ausnutzen? 2. Wie lassen sich die bisherigen Verfahren zur Verarbeitung der Rohstoffe auf Lebensmittel im Interesse einer bestmöglichen Ernährung der Bevölkerung vom Standpunkt der Wissenschaft zweckmäßiger gestalten? 3. Wie ist es der Bevölkerung möglich, die zur Zeit zur Verfügung stehenden Lebensmittel nicht nur möglichst schmackhaft, sondern zugleich auch so zuzubereiten, daß sie soweit als nur möglich und so zweckmäßig als nur möglich vom Körper ausgenutzt werden? 4. Können neue Nährstoffquellen für den Menschen erschlossen werden?“ (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genussmittel 42, 1922, 13) Forschung zielte auf eine „wissenschaftliche Volksernährung“, deren Grundlagen besseres Brot, synthetische Fette, neues preiswertes Eiweiß aus Sojabohnen, Zucker aus Holzabfällen, die Nutzung hornartiger Stoffe und vieles anderes mehr sein sollten. Derartige Produkte finden man heute in jedem Supermarktregal, derartige Produkte kennzeichneten aber bereits die Wehrmachtverpflegung im 2. Weltkrieg.

Angesichts solch verlockender Perspektiven blieb die Symbiose von Politik und Wissenschaft eng, wurde gar wichtiger. Das Reich und die Länder finanzierten den erweiterten Wissenschaftsbetrieb, über deren Ziele nationalen Wiederaufstiegs meist Einigkeit herrschte. Die 1911 gegründete Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die trotz der Abdankung Wilhelms II. ihren Namen in der Weimarer Republik beibehielt, wurde von einer preußischen zu einer gesamtdeutschen Institution mit öffentlicher Finanzierung. Auf ihre Mitinitiative hin wurde im Oktober 1920 die „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ gegründet, die seit 1929 unter heutigen Namen Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) firmierte. Dieser Zusammenschluss aller wissenschaftlichen Forschungsstätten Deutschlands wurde ebenfalls vor allem aus Mitteln des Reichs finanziert.

Gerade die DFG konzentrierte seit Mitte der 1920er Jahre ihre Forschungsgelder mehr und mehr auf nationalwirtschaftlich relevante Felder, auf Themen die dem „Konkurrenzkampf mit dem Ausland und Amerika“ dienten. Dabei konzentrierte man sich insbesondere auf synthetische Produkte, etwa Kunstharz, Kunstseide, Buna und viele andere Rohstoffe, die aus strategischen Gesichtspunkten unverzichtbar waren. Die entsprechenden Zielsetzungen des nationalsozialistischen Vierjahresplans 1936 intensivierten diese Forschung mit klarem Fokus auf die Kriegsführung. Die Grundlagen hierfür wurden jedoch in der Weimarer Republik gelegt. Die DFG finanzierte auch Rüstungsforschung der Reichswehr, mochte dies auch durch den Versailler Vertrag rechtsverbindlich untersagt worden sein. 1929 führte diese nationale Forschung zu einer ersten Krise und einem gewissen Revirement, als sozialdemokratische Politiker die Förderung explizit antisemitischer und nationalsozialistischer Forscher – Stichwort Rassenkunde – zum Anlass nahmen, um die Vergabepolitik einer engeren politischen Kontrolle zu unterwerfen. Die Gräben zwischen Parlamentarismus und Wissenschaften wurden dadurch nochmals vertieft, die Vorbehalte gegen sozialdemokratische Kulturminister, etwa Adolf Grimme (1889-1963) in Preußen, nahmen weiter zu.

Aufmarsch der Experten: Wissenschaft in der Öffentlichkeit am Beispiel der Vitamine

Während der Weimarer Republik veränderte sich schließlich auch die Stellung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Abermals mag ein Beispiel genügen, in diesem Fall die Entdeckung der Vitamine und ihre Folgen. Diese wurden 1911/12 von dem russisch-polnisch-britischen Physiologen Casimir Funk (1884-1967) entdeckt, genauer benannt. Die Entschlüsselung dieser komplexen und chemisch sehr heterogenen Lebensstoffe dauerte bis weit in die 1930er Jahre. Daran waren deutsche, vor allem Göttinger und Heidelberger Wissenschaftler führend beteiligt – auch wenn die Vitaminlehre die Grundannahmen der zuvor geltenden und vorranging von deutschen, genauer Berliner und Münchener Wissenschaftlern vertretenden Kalorienlehre in Frage stellte.

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Eine neue Ernährung(slehre) durch die Kenntnis der Vitamine (Die Volksernährung 5, 1930, 308)

Die Vitaminlehre fand während des Kriegs keinerlei Berücksichtigung in Deutschland, doch dies änderte sich seit den frühen 1920er Jahren. Während die Ernährungswissenschaft vor 1914 vor allem den Wert des tierischen Eiweißes propagiert hatte und eine gesunde Kost sich entsprechend um Fleisch, Wurst, Milch und Käse gruppierte, galten seit den frühen 1920er Jahren Obst, Gemüse, Brot und Getreideprodukte als das Rückgrat einer gesunden Kost. Was heute allgemein bekannt ist – auch wenn sehr viele sich nicht daran orientieren – war in den frühen 1920er Jahren eine Zumutung, insbesondere für die Ritter vom Fleische, die Männer. Nicht mehr der reine Nährwert bestimmte den Wert der Nahrung, sondern ein abstrakter chemisch definierter Gehalt von sinnlich nicht erfahrbaren Mikrostoffen.

Nicht die Erfahrung der Mehrzahl der Hausfrauen und fremdversorgten Männer, sondern Tierversuche in Laboratorien prägte die Vorgaben für eine „gesunde“ Ernährung, die natürlich auch volksbiologisch und volkswirtschaftlich geboten zu sein schien. Die Folgen der zunehmend breiteren, alle neuen Medien umfassenden Propagierung einer vitaminreichen Kost durchzogen wachsende Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft: Der Aufschwung der Furchtsaftproduktion und der in den 1920er Jahren stark steigende Südfrüchte- und Rohkostkonsum gründeten auf der „Neuen Ernährungslehre“. Die durchschnittliche Kochdauer der Speisen verringerte sich, schonendere Zubereitungsweisen wie das Dämpfen wurden vermehrt propagiert. Neues Kochgeschirr, Dampf- und Schnellkochtöpfe unterstützten diese Veränderungen. Die Bewertung ganzer Produktgruppen, etwa der Dosenkonserven, veränderte sich grundlegend. Die Auswirkungen von Konservierungsmitteln sowie die Wärmebehandlung von Nahrungsmitteln standen in den späten 1920er Jahren zur Debatte. Der Vitaminverlust einzelner Nahrungsmittel, etwa von gebleichtem Mehl, poliertem Reis oder pasteurisierter Milch, wurde nun öffentlich als Wertverlust diskutiert. Zivilisationsängste richteten sich zunehmend auf verarbeitete Lebensmittel und die Folgen ihres Konsums.

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Unbehagen angesichts imaginierter synthetischer Nahrung – hier „Kraftnahrung aus Holz“ 1930 (Jugend 35, 1930, 141)

Die Vitaminlehre verdeutlichte einerseits die wachsende Bedeutung von Wissenschaft für den Alltag, der zunehmend durch Experten beeinflusst wurde. Die Vitaminforscher der damaligen Zeit waren öffentlich bekannte Persönlichkeiten, ihr Wort hatte auch außerhalb der Laboratorien Gewicht. Anderseits wurde gerade am Beispiel der Vitaminlehre deutlich, dass wissenschaftliches Wissen strittig und keineswegs gesichert war. Die Kalorienlehre und die darauf gründende hauswirtschaftliche Bildung vor 1920 war einseitig, hatte auf unzureichenden Kenntnissen geruht.

Neben die akademisch gebildeten Forscher traten entsprechend vermehrt akademisch ausgebildete Publizisten und Privatgelehrte, die in diesem Falle vor allem im Felde der Lebensreform aktiv waren. Der nicht nur aufgrund des Bircher-Müslis bekannte Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner (1867-1939) sah seine Lehre von der Sonnenlichtnahrung durch die Vitaminlehre bestätigt. Zahlreiche Alternativärzte etablierten sich in den 1920er Jahre als Gegenexperten. Sie stellten die Ergebnisse der Fachwissenschaften mit einfachen, vielfach einseitigen, durchweg aber energisch propagierten Kernsätzen in Broschüren und Büchern in Frage; und sie fanden Widerhall in den gängigen Medien. In den späten 1920er Jahren waren derartige Gegenexperten publizistisch weitaus präsenter als die Akademiker, deren Fachbeiträge aufgrund von Mathematisierung und chemischer Fachsprache kaum mehr allgemeinverständlich waren.

Die langen 1920er Jahre kennzeichnete nicht allein eine umfassende Verwissenschaftlichung des Alltags und ein öffentlicher Bedeutungsgewinn von Experten und Gegenexperten. Die Weimarer Republik war auch eine moderne Wissensgesellschaft, in der Wissen zur zentralen Ressource der Wirtschaft wurde und in der es nicht nur darum ging, Wissen zu schaffen und zu verbreiten, sondern in der die zentrale Frage war, welches Wissen angemessen und handlungsleitend sein sollte. Während des Nationalsozialismus beantwortete die „deutsche“ Wissenschaft diese klar im Sinne des Regimes.

Uwe Spiekermann, 15. Juli 2019

Das Verschwinden des Hanfes. Landwirtschaftliche Produktion, gewerbliche Verarbeitung und Konsumwandel im langen 19. Jahrhundert

„Es ist unnötig, unsere Hanfpflanze zu beschreiben, da sie jedermann kennt.“ [1] Als der Nürnberger Naturforscher Ernst von Bibra (1806-1878) dies Mitte des 19. Jahrhunderts niederschrieb, war Hanf ein Alltagsprodukt, lieferte einen beträchtlichen Teil der Kleidung auf dem Lande, war Grundstoff für Seile, Taue und Segel, lieferte Öl zur Beleuchtung und zum Anstrich. Hanf war Mitte des 19. Jahrhunderts allgegenwärtig – und doch zugleich unsichtbar, eine uncharismatische Pflanze. Sie glich darin Mais und Soja, die heute in einem Großteil unserer Lebensmittel vorkommen, doch hinter den daraus hergestellten Produkten verschwinden.

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Weibliche und männliche Hanfpflanzen im späten 18. Jahrhundert (Johann Zorn, Icones plantarum medicinalium, Nürnberg 1790, Tafel 532 (l.) und 531 (r.))

Heutzutage ist Hanf ebenfalls allgemein bekannt. Doch es handelt sich nicht mehr um eine ehedem gängige landwirtschaftliche Pflanze. Hanf ist heute vor allem Platzhalter für eine Droge, für Cannabis, für Marihuana, für Haschisch, für die zahlreichen Probleme und Paradoxien der Drogenregulierung und die immensen Probleme, Wirkungen von Pflanzenbestandteilen präzise zu benennen und zu regulieren. Hanf steht heutzutage somit für einen verengten Blick auf und die geringe Wertigkeit von Alltagspraktiken und Konsummustern der eigenen ruralen und gewerblichen Vergangenheit.

Falsch wäre es, die Mitte des 19. Jahrhunderts als simple Scharnierzeit zu denken, als die Zeit eines langsamen Übergangs von Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt hin zu Hanf als Droge. Stattdessen haben wir es einerseits mit dem langfristigen Auslaufen einer ländlichen Lebens- und Konsumkultur zu tun, der Substitution heimischer Kulturpflanzen durch leistungsfähigere „cash crops“ mit vielfach kolonialem Hintergrund. In Mitteleuropa geriet der Hanfanbau zwischen die Mahlsteine von Industrialisierung und Globalisierung. Eingebunden in eine bäuerliche Lebenswelt war die Umstellung des Anbaus und der Verarbeitung leicht zu fordern, doch schwer umzusetzen. Der heimische Hanfanbau endete, abgesehen von einigen hundert Hektar, schon vor dem Ersten Weltkrieg, am Ende des langen 19. Jahrhunderts. Anderseits war zu diesem Zeitpunkt Hanf in Mitteleuropa als Droge nur von marginaler Bedeutung. Gewiss, Mitte des 19. Jahrhunderts war Cannabis Indica für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab – und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte damals nur Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte wurden als Apotheker- und Medizinerware genutzt, als Narkotikum, in Hühneraugenmedizin, als Schlafmittel. Einige wenige Präparate etablierten sich gar als öffentlich beworbene Konsumgüter. Doch als indischer Hanf 1929 im Rahmen einer Revision des Opiumgesetzes im Deutschen Reich verboten wurde, hieß es lapidar und zugleich korrekt: „Die suchtmäßige Verwendung des Indischen Hanfs und der aus ihm hergestellten Zubereitungen ist […] in Deutschland nicht bekannt“. [2]

Dieses Verbot veränderte den Alltag nicht, erst in den 1960er Jahren stand Hanf hierzulande für ein Drogenproblem. Das 1971 und 1982 nochmals ausgeweitete Verbot veränderte die Perspektive auf den Hanf weiter, der nun nicht mehr auch als Alltagsprodukt einer vergangenen bäuerlichen Lebenswelt verstanden wurde, sondern allein als Wirkstoffträger mit potenziell gefährlichen Auswirkungen. Die seit den frühen 1970er Jahren anschwellende wissenschaftliche und populäre Literatur handelt denn auch fast ausschließlich von Cannabis, Marihuana und Haschisch. Das galt erst einmal für die wichtigsten Werke der Hanfaktivisten. Hainer Hais Hanf Handbuch erschöpfte sich in einer thematischen Engführung auf den Anbau, die Inhaltsstoffe, die Wirkungen, Fragen der Strafverfolgung und Details zur Extraktion des Hanföls, reproduzierte dabei die Argumente der Verbotsbefürworter mit negativem Vorzeichen. [3] Auch in Hans-Georg Behrs Hauptwerk war von Hanf eben kaum die Rede, stattdessen wurden zahllose historische Quellen unkritisch zusammengeführt, um eine vermeintliche Ubiquität der Droge auch im 19. Jahrhundert zu belegen. [4] Diese, aber auch zahllose andere Publikationen aus dem taktgebenden angelsächsischen Raum etablierten Haschisch als „a mark of fashion“ [5], als Ausdruck einer rebellischen und gesellschaftskritischen Lebenshaltung, denen sich auch wissenschaftliche Werke verpflichtet sahen. Die nicht allzu zahlreichen geschichtswissenschaftlichen Analysen konzentrierten sich entsprechend vornehmlich auf Hanf als Droge, vernachlässigen die Alltagskultur im Umgang mit Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt. [6] Dieser modischen Attitüde folgten auch die vielen nach der Wiederzulassung des Nutzhanfanbaus in Deutschland 1996 veröffentlichen Hanfhandbücher und -kochbücher. Zwischen dem steten Verweis auf die „uralte“ Kulturpflanze Hanf und dem beträchtlichen Marktpotenzial der heutigen Hanfprodukte fehlt eine auch nur ansatzweise fundierte Analyse der Verwendung von Hanf als Alltagsprodukt und Handelsgut vor dem Ersten Weltkrieg. [7] Stattdessen wird mit vermeintlich berauschenden und abhebenden Wirkungen der Hanfprodukte kokettiert, obwohl diese durch die bestehende Gesetzeslage ausgeschlossen sind. [8]

Im Folgenden wird es darum gehen, die fehlende Perspektive auf Hanf als eines bis Ende des langen 19. Jahrhunderts gängigen landwirtschaftlichen Handelsgutes und eines Alltagsproduktes in groben Strichen aufzuarbeiten. Hanf wird dabei als Teil der mitteleuropäischen bäuerlichen Hauswirtschaft des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts analysiert. Dabei wird sich der Blick auf die im Begriff „Industrialisierung“ kaum beachtete Transformation der ländlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen und deren materielle Kultur richten. Die zahlreichen Bemühungen, den Hanfanbau zu intensivieren, führten zwar zu veränderten hauswirtschaftlichen und gewerblichen Verarbeitungsweisen der Faser, des Öls und der Samen – also zu neuen, im Haushalt und vielen Wirtschaftssektoren nutzbaren Konsumgütern. Doch dies war nicht ausreichend, um den erst relativen und dann absoluten Niedergang des Hanfanbaus zu stoppen, dessen Revitalisierung im Ersten Weltkrieg und auch später misslang. Der heutige, primär auf hippe Nahrungshappen und Heilsöle zielende Anbau basiert ohnehin auf anderen Grundlagen. Er ist nicht nur Teil, sondern auch Ausdruck einer ubiquitären Konsumkultur, unterstreicht die Integration einer pseudorebellischen Gegenkultur in globale Verwertungszusammenhänge.

Hanf zwischen bäuerlicher Hauswirtschaft und nebengewerblicher Marktproduktion

Mitte des 18. Jahrhunderts war Hanf etwas Alltägliches, eben darum auch etwas Prosaisches: „Hanf […] ist ein bekanntes Feldgewächs, das einen einzigen, geraden, viereckichten, dichten, rohen, hohlen, und mit einer safigten Schale überzogenen, auch an manchen Orten oft einer Mannslänge hohen Stengel treibt. Die Blätter sind länglicht, schmal, spitzig und in etwas gekerbt, und wachsen in Gestalt einer offenen Hand, haben eine braun- oder dunkelgrüne Farbe, sind linde anzufühlen, und haben einen widerwärtigen stinkenden Geruch und unangenehmen Geschmack.“ [9] Der Blick allein auf die Pflanze verdeckt jedoch mehr als er enthüllt. Dinge, seien es landwirtschaftliche Güter oder aber Konsumwaren, sind implizite Handlungsprogramme, die das Leben ihrer Produzenten und Konsumenten indirekt organisieren. [10] Das gilt für den Hanf in besonderem Maße, handelte es sich doch um eine arbeitsintensive Pflanze, die zu einer Vielzahl heterogener Güter verarbeitet werden konnte und sowohl im bäuerlichen Haushalt als auch im Markt wichtige Funktionen einnahm. Hanf stand zwischen der vorindustriellen und industriellen Zeit, ist daher ein gutes Beispiel für die grundstürzenden Veränderungen, die mit der „Industrialisierung“ und der Etablierung moderner Konsumgesellschaften einhergingen.

Will man verstehen, was den Hanfanbau im 18. und insbesondere im langen 19. Jahrhundert ausgemacht hat, so muss man sich zurückversetzen in ein gewerblich entwickeltes, gleichwohl eindeutig landwirtschaftlich dominiertes Europa, in dem 90 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande wohnten und kleinbäuerliche Familienhaushalte eine zentrale Rolle spielten. Hanf diente nicht dem unmittelbaren Überleben, zielte nicht auf die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Getreide und dann auch Kartoffeln. Hanfanbau war ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dezentral betrieben, das einerseits Gelderwerb ermöglichte, anderseits aber die Herstellung von Stoffen und Kleidung im hauswirtschaftlichen Verbund erlaubte. Stärker als Flachs auf die Selbstversorgung ausgerichtet, erlaubte die Gespinstpflanze die Produktion einer „Leinwand der Armen“. [11] Ihre Herstellung war eingebunden in eine von Jahreslauf und Wetter abhängige Wirtschaftsweise: „Hanf und Flachs sind vorzüglich deshalb in einer Haushaltung viel werth, weil durch dessen Bereitung die Arbeitshände zu einer Zeit Beschäftigung erhalten, wo ohnedem dieselben bei der regnerischen Witterung ruhen müßten.“ [12] Die vielfältigen und recht unterschiedlichen Verarbeitungsschritte zwischen der Ernte und dem Verkauf der Faserstoffe oder Samen erlaubten die Füllung von Arbeitslücken und damit eine erhöhte Produktivität der nicht weit über dem Subsistenzniveau existierenden Haushalte. Hanffasern konnten im Winter zu Garn gesponnen und zu Stoffen gewoben werden, die Erträgnisse dieser Hausarbeit dann wieder entweder selbst genutzt oder aber verkauft werden. Hanf organisierte zugleich strikt funktionale Geschlechterverhältnisse. Während Aussaat und Ernte vornehmlich Männerarbeit waren, lag die langwierige Verarbeitung in den Händen der Frauen und auch der Kinder. [13] Der Hanfanbau erfolgte zumeist in kleinen Gärten, war ein Nebengewerbe. Spezialisierte Hanfbauern gab es nur selten – und dann eher in Italien oder Frankreich als in Deutschland, Österreich oder Russland. Die Hanfverarbeitung erlaubte eine breite Palette wirtschaftlicher Existenzen – von der Selbstversorgung über die nebengewerbliche Heimarbeit bis hin zum protoindustriellen Hauptgewerbe in der Hausindustrie. Der Hanfanbau war damit anschlussfähig an eine quasiautarke bäuerliche Existenz, an die damals übliche begrenzte Einbindung in die Geldwirtschaft, aber auch an das im 18. Jahrhundert zunehmend wichtigere Verlagswesen, bei dem Kaufleute Produktion und Absatz von Textilien organisierten und die beteiligten Haushalte vertraglich abgestimmte Kontingente herstellen mussten. [14] Hanf stand, ebenso wie Flachs, die Schafhaltung, die vielfältigen Färbepflanzen oder auch Maulbeerbäume für die langsame Weitung der traditionellen Landwirtschaft, die durch das Missverhältnis von langsamem Bevölkerungswachstum und geringeren Produktivitätsfortschritten zunehmend unter Druck geraten war. [15] Hanfanbau war Ausdruck einer Lebens- und Wirtschaftsform, bei der ein Wandel des Wirtschaftens immer auch eine Veränderung des Lebenszuschnittes mit sich zog. Die vielgestaltigen Rationalisierungsbemühungen der Hanfproduktion hatten dies im frühen 19. Jahrhundert noch im Blick, wenn sie einen erhöhten und intensivierten Anbau an die Menge des verfügbaren Landes, die Düngung und die Arbeitskapazitäten der Hauswirtschaft koppelten. [16]

Jedes Verstehen des fragilen Mobiles des Hanfanbaus setzt Grundkenntnisse über die jeweiligen Arbeitsschritte voraus. Hanf stammte ursprünglich aus Zentralasien und gelangte über den Nahen Osten noch Mitteleuropa. [17] Als Carl von Linné die zweigeschlechtliche Pflanze 1753 als Cannabis Sativa in sein botanisches Ordnungssystem integrierte, war sie hierzulande weit verbreitet und soweit Gegenstand zahlreicher gelehrter Abhandlungen, dass 1765 resümiert werden konnte: „Man hat bereits sehr vieles über den anbau [sic!] des Hanfes geschrieben, […].“ [18]

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Hanfpflanze (l.) und Hanffaser (r.) (O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 65; Hermine Bartesch und Mathilde Fiedler, Die moderne Damenschneiderei in Wort und Bild, Leipzig/Nordhausen 1918, 284)

Im Mittelpunkt der meisten Schriften standen Beschreibungen des Anbaus und der Verarbeitung des Hanfes (und meist auch des ähnlich zu handhabenden Flachses). Was im Rückblick wie eine Wiederholung des Immergleichen erscheint, entpuppt sich bei genauerer Lektüre als eine kleinteilige und alltagspraktische Analyse mit immer wieder kleinen Variationen. Französische Autoren gaben anfangs den Takt vor, doch italienische, schweizerische und auch deutsche Autoren nahmen die Vorlagen noch im späten 18. Jahrhundert auf und ergänzten ihre eigenen Beobachtungen und Ratschläge. [19]

Hanf erforderte einen sandigen, feuchten und gut vorbereiteten Boden, den es ab April zu lockern und von Unkraut zu befreien galt. [20] Die Aussaat sollte frühestens Anfang Mai erfolgen, da die Pflanze sehr empfindlich gegen Nachfrost und Kälte war. Den lange Zeit von Kirchenfeiertagen vorgegebenen, regional leicht variablen Saattagen folgte eine Woche aufmerksamer Pflege, worunter vor allem die Bekämpfung von Vögeln zählte. War die Pflanze jedoch entwickelt, bedurfte sie etwa zwölf Wochen keiner größeren Pflege, auch wenn ein wenig Jäten und ergänzendes Düngen angeraten wurden. Die Ernte startete dann Anfang bis Mitte August. Sie begann mit dem für die Faserproduktion einschlägigen männlichen Hanf, wurde vier Wochen später mit dem weiblichen Hanf fortgesetzt, bei dem die Samenproduktion im Mittelpunkt stand. Die meist von Männern durchgeführte Ernte erforderte Übung und Sorgfalt, mussten Brüche der teils zwei Meter, teils aber auch längeren Pflanzen doch vermieden werden.

Die abgeernteten Faserstängel wurden zuerst einer Röste unterzogen. Dies hieß, sie zwischen vier und acht Tagen in Wasser zu legen, meist in einen Bach oder Teich, zunehmend in gesondert angelegten Röstegruben. Teilweise bediente man sich aber auch der sogenannten Tauröste, legte die Fasern also auf Wiesen, um sie so dem Morgentau auszusetzen. Ziel war die Auflockerung und Zerstörung der Stängel, um so Zugang zu den im Inneren angesiedelten Fasern zu bekommen. An die Röste schloss sich das Ausspreiten, also das Trocknen der gerösteten Stängel bei gleichzeitiger moderater Bewässerung an. Abhängig vom Wetter, konnte diese Phase nach neun bis vierzehn Tagen abgeschlossen werden. Die Qualität der Faserstoffe war abhängig vom passgenauen Übergang zwischen den einzelnen Verarbeitungsschritten. Dies erforderte Erfahrung und genaue Bobachtungsgabe. Es folgten das Dreschen und Risten der Stängel, um so die Hanfsamen gewinnen zu können. Daran schloss sich das Brechen der Stängel an, also das Zerbrechen und Entfernen des holzigen Kerns, dann das teils durch Mühlen und Reiben durchgeführte Boken. Durch Quetschen und Stampfen mussten Stängel und Fasern weicher gemacht werden. Es folgte das Stoßen, also die Zerteilung des Reinhanfs in zwei oder drei meist etwa 80 cm lange Teile. Am Ende stand schließlich das Hecheln, also die Trennung von Faserstoffen und den holzigen Ummantelungen. Nun, nach langen und mühseligen Arbeitsschritten, konnte auch ein wenig Agrarromantik Einkehr halten: „Im fröhlichen Kreise setzen sich zu diesem Geschäfte die Hanfbauern familienweise im Freien zusammen, bei einem von den abgeschlußten Stengeln unterhaltenen Lustfeuer.“ [21]

Kühlere Analytiker verwiesen dagegen auf Ertragsparameter, nach denen 100 kg geerntete Hanfstängel 10-15 kg Reinhanf ergaben, zudem 30-45 kg Werg, also weiterverwertbare Faserstoffe. [22] Der gehechelte Hanf bildete – neben den Hanfsamen – die eigentliche Handelsware, bildete das Rohmaterial für die Folgearbeiten der Seiler und der Textilindustrie. Auch in Mutters Stübele schloss sich das Spinnen und dann das Weben an, sollte die Familie versorgt werden. Das mochte genügen, doch die neuen Chancen des Industriezeitalters erlaubten zahlreiche effizientere und produktivere Anbauweisen, vor denen die langsamen Verbesserungen des späten 18. Jahrhunderts keine Gnade fanden: „Seit Jahrhunderten dachte bey uns niemand an die Verbesserung der alt hergebrachten Behandlungsweise; niemand arbeitete mit Ernst und Beharrlichkeit und mit den nöthigen Vorkenntnissen, an die Erhebung dieses Zweiges der Landes-Cultur; wenigstens ist nichts dieser Art, zur öffentlichen Kunde gelangt. Man blieb beym alten Schlendrian, und begnügte sich mit dem, was die Natur mit einiger einfachen Aushülfe, gern gab.“ [23]

Hanfanbau wurde zu dieser Zeit in ganz Europa betrieben. Frankreich konnte sich in der napoleonischen Zeit fast selbst versorgen,  Großbritannien und Deutschland blieben wichtige Importregionen, Norditalien sowie insbesondere in Russland wichtige Exportländer. Nationenbegriffe führen allerdings irre, denn durchweg gab es regionale Schwerpunkte beim Anbau, vielfach auch beim Verbrauch. Österreich wies beispielsweise hohe Produktionsziffern in Galizien, der Bukowina, Mähren, der Steiermark und dem Krain auf, zugleich aber gab es große Gebiete ohne Hanfanbau. [24] In Deutschland waren im späten 18. Jahrhundert Schlesien, Westfalen, die Pfalz, Baden, Bayern und auch Lüneburg wichtige Hanfanbaugebiete. [25] Im 19. Jahrhundert brachen jedoch die protoindustriellen Heimgewerberegionen Schlesien und Westfalen spätestens in den 1840er Jahren weg. Dagegen entwickelte sich Baden zur eigentlichen Kernregion des deutschen Hanfanbaus. Ähnliche regionale Cluster bildeten sich etwa in den italienischen Regionen Bologna und Ferrara. Nicht nur die Industrialisierung war anfangs ein regionales Phänomen, sondern auch in der damals noch wichtigeren landwirtschaftlichen Produktion fanden sich analoge Prozesse. [26]

Alle Hanfanbaugebiete sahen sich seit dem frühen 19. Jahrhundert unter Veränderungsdruck. Dieser erfolgte nicht immer direkt, also durch Güter in Konkurrenz zu den noch zu behandelnden Hanfprodukten. Der Druck erfolgte vor allem indirekt, durch wachsende Marktchancen. Binnenwanderung war Chancenwanderung, zunehmend lockte auch das freiere Amerika. Die sich nach dem Vorbild Englands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beträchtlich verändernde Landwirtschaft bot zahlreiche neue Einkommenschancen. Insbesondere das rasche Vordringen des arbeitsintensiven Hackfruchtanbaus (Kartoffeln, Zuckerrüben) ging vielfach zulasten des Hanfanbaus, erforderten sie beide doch ähnlichen Arbeitseinsatz und ähnliche Böden. Diese langsame zweckrationale Umgestaltung führte zu höherer Produktivität und Marktanbindung der Agrarwirtschaft. Sie zernierte jedoch auch die kleinbäuerliche Lebenswelt, in die der Hanfanbau verankert war. Doch in der Expertenliteratur las man fast ausschließlich das vorwärtstreibende Mantra der Moderne: „Es möge der alte Schlendrian der handwerksmässigen Betriebe, wie er leider nur noch zu häufig auf dem Lande anzutreffen ist, der steife Aberglaube, alle landwirhtschaflichen [sic!] Verrichtungen müssen nach gewissen Kalendertagen oder nach dem und dem Heiligen geschehen und dergleichen, es möge der mechanische oder instinktmässige Trieb, ‚wie der Grossvater es gemacht, so macht es der Vater, und wie der Vater sein Feld bestellt, so thue auch ich es‘, doch bald hierin auf hören.“ [27]

Die intensiven Versuche, den Hanfanbau zumal in Deutschland zu intensivieren, ihn damit durch Wandel wettbewerbsfähig zu machen, zu bewahren und gar auszubauen, können hier natürlich nur kursorisch behandelt werden. Zentral war dabei ein anderer Blick auf die landwirtschaftliche und gewerbliche Produktion, angetrieben von Wissensformen, wie sie moderne Naturwissenschaften, der Maschinenbau und die Ökonomie entwickelten und gesellschaftlich hierarchisierten.

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Die Pflanzenbotanik des Hanfes als Optimierungshilfe  (O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung der offizinellen Gewächse, Bd. 3, Leipzig 1861, Tafel XIXb)

Getragen von einem breiten Netzwerk aus landwirtschaftlichen Vereinen und einer neuen, zunehmend naturwissenschaftlich arbeitenden Agrarwissenschaft begann man Mitte des Jahrhunderts mit einer Verbesserung des Saatgutes. Das bedeutete nicht nur eine umfassende Neukombination der Sorten zur Hebung des Faserertrages; etwa durch die Anpflanzung von sibirischem und italienischem Hanf. [28] Das bedeutete auch einen systematischen Wechsel des Saatgutes und dessen Vertrieb durch qualifizierten Samengroßhandlungen im In- und Ausland. Zudem forderten Experten eine sorgsamere Ernte, um sicherzustellen, dass die weiblichen Pflanzen auch wirklich bestäubt wurden und eigene Samen ausbilden konnten. [29] Der moderne Hanfbauer musste demnach die Art der Aussaat besser kontrollieren. Breitwürfiges Aussäen verursachte Fehleinsatz, entsprechend galt es die sparsameren Drillmaschinen einzusetzen. [30] Die Saat sollte noch stärker als zuvor auf die letztlich gewünschten Hanfarten abgestimmt werden, schließlich differierte die Saatmenge von Spinnhanf, Seilerhanf und Samenhanf etwa um den Faktor 4. [31] Auch die Züchtungsforschung widmete sich dem Hanfanbau, bemühte sich dabei nicht nur um besseres Saatgut, sondern auch um die Kreation nur weiblicher resp. nur männlicher Pflanzen, da die Zweigeschlechtlichkeit immensen Aufwand bedeutete. [32]

Auch wenn der Düngung schon im späten 18. Jahrhundert hohe Aufmerksamkeit geschenkt wurde, handelte es sich doch durchweg um organische Materialien. Dies änderte sich mit dem Aufkommen der Agrikulturchemie, die dem mineralischen „Kunstdünger“ den Weg bereitete: „Genügt die Stallmistdüngung nicht allein, so können auch konzentrierte Düngemittel mit bestem Erfolg Verwendung finden. Man nimmt Phosphorsäure und Stickstoff, ebenso hat sich Kali gut bewährt.“ [33] Während die Ernte nach wie vor mechanisch mit der Sichel erfolgte, konnte mit verbesserter Düngung neues Hanfland erschlossen werden. [34] Angesichts der nicht unbeträchtlichen Kosten für die modernen Düngemittel und den tendenziell nachgebenden Hanfpreisen setzte man in Deutschland bis vor dem Ersten Weltkrieg allerdings sowohl organischen als auch mineralischen Dünger ein. [35]

Die Rationalisierung des Hanfanbaus wurde schließlich auch durch verfeinertes chemisches Wissen vorangetrieben. Nicht nur der indische, sondern auch der einheimische Hanf wurden immer wieder untersucht. [36] Mochten die frühen Analysen auch kaum heutigen Kriterien genügen, so schufen sie doch Referenzwissen, mit dessen Hilfe man Auswirkungen der Düngung oder neuer Anbautechniken genauer einschätzen konnte. [37] Gerade die Fortschritte der Fett- und Eiweißchemie im späten 19. Jahrhundert wurden rasch auf die Analyse von Ölsaaten übertragen. [38]

Neben dieses naturwissenschaftliche Wissen trat seit Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch immer stärker ökonomisches Wissen. Dies bedeutete den Siegeszug der Zahl zur Festschreibung empirischer Realität und zum zweckgebundenen Vergleich. Das bedeutete für die Landwirtschaft zunehmend genauere Kenntnisse des Betriebsablaufes, ergab aber auch Zielmargen für die eigene Produktion. Wer wusste, dass „100 Pfd. gerotteter und getrockneter Stengel“ „gewöhnlich nahe bei 30 Pfd. an geschwungenem Hanfe [geben, US], was 9 bis 12 Prozent vom Gewichte der grünen Stengel ausmacht,“ [39] konnte seine Arbeit besser planen, seinen Ertrag besser abschätzen. Statistisches Wissen erlaubte aber nicht nur einzel-, sondern auch volkswirtschaftliches relevantes Orientierungswissen. Auch wenn Handelsdaten schon im 17. Jahrhundert gesammelt wurden und im 18. Jahrhundert in den Intelligenzzeitschriften breiten Niederschlag fanden, so erlaubte doch erst der Ausbau der landwirtschaftlichen Anbau- und später Produktionsstatistik eine gezielte Förderungspolitik der deutschen Staaten. Es ist kein Zufall, dass die offenkundige Krise des heimischen Leingewerbes seit den 1830er Jahren zu umfassenden Untersuchungen in Baden, dem Zollverein und später auch Österreich führte. [40] Mittels statistischen Wissens konnte nicht nur die Gewerbe- und Handelspolitik besser begründet, sondern auch die Effekte staatlicher Maßnahmen im Vorfeld besser eingeschätzt werden. Hanfimporte blieben auch nach der Zollwende 1879 praktisch zollfrei, hätten erhöhte Zölle doch die bestehende Verarbeitungsindustrie hart getroffen.

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Wachsende Importabhängigkeit. Außenhandel des Deutschen Zollvereins mit Hanf 1854-1864   (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 61)

Neues natur- und gesellschaftliches Wissen erlaubte aber auch gezielte Prozessverbesserungen. Beim Hanfanbau betrug dies vorrangig die Röste, also die Wässerung und gesteuerte Verrottung der frisch geernteten Hanfstängel. Schon im späten 18. Jahrhundert wurden alternative chemischen Verfahren getestet, insbesondere der Einsatz von Laugen und Pottasche. [41] Dies hätte aber großbetriebliches Arbeiten vorausgesetzt. Die „Umständlichkeit, Unsicherheit und Unvollkommenheit“ des Röstens wurde immer wieder betont, die Chemie als „treue Helferin“ des Landmannes bemüht. [42] In Deutschland blieb das Rösten dennoch kaum verändert, Verbesserungen erzielte man vor allem bei der Anlage von Röstgruben. Dies geschah aber eher aus ökologischen Gründen, zur „Abwendung der nachtheiligen Folgen, welche Wasser, in dem Flachs oder Hanf geröstet wird, für die Erhaltung der Fische herbeiführt“. [43] „Luftverderbnis“ wurde häufig beklagt, auch wenn die Verwirrung und Betäubung der Beschäftigten zumeist auf die betörende Hanfpflanze zurückgeführt wurde. Spätestens in den 1870er Jahren war jedoch vorgegeben, Röstgruben außerhalb menschlicher Behausungen und fließender Gewässer angelegen, sie regelmäßig zu desinfizieren und zu reinigen. [44] Es ist allerdings unklar, wieweit die Regulative wirkten.

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Optimierte Hanfröste in Gottenheim, Baden, späte 1890er Jahre (Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 91)

Neben derartige Prozessverbesserungen trat seit dem frühen 19. Jahrhundert vermehrt der Einsatz verbesserter Geräte und neu konstruierter Maschinen. Dabei spielte das mechanische Rösten anfangs eine wichtige Rolle, auch wenn sich die vornehmlich aus Frankreich stammenden Maschinen nicht durchsetzen konnten. [45] Später konzentrierten sich Praktiker und Ingenieure dann stärker auch das Brechen und das Hecheln. [46] Die Hanfverarbeitung blieb in Deutschland wenig mechanisiert, bis zum relativen Ende vor dem ersten Weltkrieg dominierte Handarbeit. Anders war dies bei der Hanfspinnerei und -weberei, die es hier jedoch nicht weiter zu verfolgen gilt. [47]

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Verbesserung bäuerlicher Geräte: Hanfbreche als Beispiel ([Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 36)

Charakteristisch für die mitteleuropäische Landwirtschaft und auch den Hanfanbau waren eng auf die Pflanzen, ihren Anbau, ihre Düngung, die Ernte, die möglichen Geräte sowie den möglichen Maschineneinsatz ausgerichtete Debatten. Der Absatz respektive die Vermarktung besaßen keine wirkliche Bedeutung, modernes Agrarmarketing setzte in Deutschland erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein. [48] Diese Einschränkungen galten auch für Interessenvereine, so etwa die von 1851 bis 1857 bestehende Gesellschaft zur Beförderung des Flachs- und Hanfanbaus.

Staatliche Instanzen unterstützten den Hanfanbau mit vielfältigen Maßnahmen, insbesondere in Baden. Hier gab es Gemeinschaftsdarren, wurden früh schon Röstgruben angelegt. Für die Bauern gab es spezialisierte Märkte, Kennzeichnungssysteme wurden staatlich garantiert. [49] Zollschutz wurde von ihnen mehrfach gefordert, doch liberale Mehrheiten lehnten diesen 1840 in Baden und auch später anderswo wiederholt ab. [50]

Hanfprodukte in sich stetig wandelnden Märkten

Der Hanfanbau war zumeist ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dessen Hauptziel der Erwerb eines Ergänzungseinkommens war. Hanf wurde gepflanzt und verarbeitet, um die so gewonnen Produkte zu verkaufen. Sie alle wurden jedoch auch direkt im Haushalt verwendet, zumal weniger marktfähige Qualitäten. Seit dem späten 18. Jahrhundert nahm die Bedeutung des Haushaltskonsum jedoch ab, auch wenn insbesondere in Osteuropa resp. Russland begrenzte Eigenwirtschaft auch noch im frühen 20. Jahrhundert betrieben wurde.

Die nur noch geringe Bedeutung der Naturalwirtschaft zeigt sich deutlich an der Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel im eigenen Haushalt. In der frühen Neuzeit wurden auch in Mitteleuropa Hanfsamen noch vielfach dem Brei und anderen Speisen zugefügt, diente Hanföl auch als Speiseöl. [51] In der Schweiz bzw. dem deutschen und französischen Oberrhein nutzte man es zum Kochen, vermengte es mit Butter oder dem Schmalz geschlachteter Tiere. Gerade während der Fastenzeit war Hanföl ein wichtiges Substitut für die dann verbotenen tierischen Fette. In Notzeiten – und die gab es in der frühen Neuzeit durchschnittlich alle sieben Jahre – dienten auch die bei der Ölgewinnung übriggeblieben Reste der menschlichen Nahrung, während Ölkuchen und Ölbrot ansonsten Viehfutter waren. [52]

Die zuvor referierten volkskundlichen Berichte beruhen auf Erfahrungsberichten und Befragungen. Zeitgenössische Publikationen unterstreichen ihre Aussagen. Zedlers Universallexikon konzentrierte sich auf die vielfältigen Heilwirkungen des Hanfs, insbesondere des Hanföls, das von der Humoralpathologie hoch geschätzt wurde. Doch auch als Nahrungsmittel fand er Verwendung: „Die gemeinen Leute reiben den Hanff in einem Asche mit etwas Milch, schlagen dieses durch einen Durchschlag und kochen hernachmahls Suppen davon, die einen gar angenehmen Geschmackes sind.“ [53] Dies unterstrich auch der Leipziger Professor für Weltweisheit Carl Günther Ludovici (1707-1778) in seinem weit verbreiteten Kaufmannslexikon. Für ihn war dies jedoch eine „Speise für das gemeine Volk“ [54], nichts für den bürgerlichen Haushalt. Allerdings wurden Hanfsamen in der frühen Neuzeit auch im noch teuren Zucker gesotten und dann als Beispeise auf die Festtafel gebracht – doch dies war Mitte des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa nicht mehr üblich. [55] Hanfsamen wurde nach wie vor in Osteuropa, insbesondere in Russland verzehrt: „Der Landmann röstet ihn nämlich bey wenigem Feuer im Backofen, und stampfet ihn mit den Schalen in einer sehr einfachen Maschine. […] Wenn bey Gelegenheit der Hunger erinnert, nimmt man hiervon etwas auf ein kräftiges Stück grobes schwarzes Brod, würzet sich selbiges mit polnischem Stein- oder russischem Seesalze, und glaubt, daß man sich in der strengsten Fasten kein besseres Gericht wünschen könne. In der That schmeckt auch der geröstete und gestampfte Hanf mit etwas Salz, gleich nach dem Mohn, vor allen anderen hiesigen Oelfrüchten so gut, daß selbst der adelige Einwohner besagter Gegenden, welcher fast durchgängig an eine sehr reichlich besetzte Tafel gewöhnt ist, ihn oft auf der Jagd oder Reise zu versuchen Appetit bekommt.“ [56] Hanfsuppen waren im späten 18. Jahrhundert noch üblich, also vor der allgemeinen Verdrängung der Frühstückssuppen durch Brot- und Kaffeespeisen [57]: „Wo ein starker Hanfbau ist, pflegen die gemeinen Leute auch aus den Hanfkörnern Suppe zu kochen, welche eben nicht übel schmeckt. Zu Bereitung dieser Hanfsamensuppe, werden die Hanfkörner in einer Reibesatte klein gerieben, die zerriebenen Körner in einen Durchschlag gethan, kochendes Wasser darauf genossen, und die harten Schalen und Hülsen zurück gelassen, und zur Viehfütterung verwendet.“ [58] Hanfsuppen mutierten zu einer diätetischen Speise, dienten ab und an der Versorgung von Schwangeren.

Im 19. Jahrhundert finden sich kaum noch Belegstellen für die Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel, einzig als Notnahrung wurde er in eine breite Palette „wohlfeiler Nahrungsmittel“ eingegliedert. [59] Hanf wurde zu einer Speise der anderen, insbesondere des fernen Russlands, wo die „schwer verdauliche vegetabilische Kost […] gewöhnlich mit Lein- oder Hanföhl zubereitet“ [60] wurde. Diese Exklusion ist sicher auch Ausdruck des damaligen Nationalismus und der damit einhergehenden Etablierung holzschnittartiger Nationalcharaktere. Russen wurden in der Bildsprache der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur zunehmend als ungehobelte Trampel dargestellt, sondern ihr vermeintlicher Gestank auch zurückgeführt auf „eine bedeutende Quantität Hanföl, Buchweizen und andere übelriechende Vegetabilien, welcher der Russe verzehrt, und deren Essenz durch seine Schweißlöcher zu strömen scheint.“ [61] Parallel begann eine Exotisierung der Hanfnahrung, die sich vor allem an den wohlbeleibten Körpern der Araber festmachte, Folge sowohl vermeintlicher Faulheit als auch des Hanfsamenkonsums. [62] Diese Exotisierung galt am Ende des 19. Jahrhunderts aber auch für das Land, für die Benennung bedrohter Traditionen, wie etwa dem in der Provinz Posen noch bestehenden Brauch, dem Gesinde am Weihnachtsabend Hanfsuppe mit Mohn zu reichen. [63] Faktisch aber wollte der bürgerliche Städter davon nichts mehr wissen, bewertete daher die ehedem wohlschmeckende Hanfsuppe nun als „die unangenehmste und unverdaulichste“ [64] aller Löffelspeisen.

Während Hanfsamen somit ab dem späten 18. Jahrhundert zu einem recht seltenen bäuerlichen Nahrungsmittel in Mitteleuropa wurden, gewannen sie nicht nur an Bedeutung als Handelssaatgut für neue Hanfkulturen und als Grundstoff der Hanfölproduktion. Hanfsamen fanden zudem guten und regelmäßigen Absatz als Futter für die seit dem 18. Jahrhundert in Tirol, den Niederlanden und dann vor allem im Harz gezüchteten Kanarienvögel.

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Anzeige für Hanfsamen als Vogelfutter 1880 (Der Nebelspalter 6, 1880, H. 17, s.p.)

Einseitige Fütterung hatte jedoch ihren Preis, denn die Ziervögel nahmen zwar rasch zu, beendeten aber vielfach auch den vom bürgerlichen Publikum so erwünschten Gesang. [65] Entsprechend wurden Hanfsamen Teil von Futtermischungen – und die Presse des 19. Jahrhunderts ist durchzogen von Ratschlägen, welche Vogelart welche Mischung zu sich nehmen müsse, um allseits zu delektieren. [66] Hanfsamen wurden vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nicht als Supernahrungsmittel verstanden, sondern „als kleines, graues Korn mit öligem Kern“, das man für die “kleinen gelben Sänger“ „in Papierdüten vom Kaufmann nach Hause tragen“ konnte. [67]

Hanfsamen hatten Mitte des 19. Jahrhunderts keinen hohen Wert mehr, galten zusammen mit Lein- und Mohnsamen als das „Proletariat der Schalenfrüchte“ [68]. Als Haus- und Heilmittel konnten sie jedoch noch eine gewisse Bedeutung behaupten, nutzten doch Fachärzte Hanfsamenmilch als ein wirksames Mittel gegen Harnbeschwerden und Diarrhoe. [69] Die Mehrzahl der Ernte und insbesondere der Importware ging jedoch in Produktion von Hanföl.

Hanföl war vorrangig Handelsgut, Welthandelsware. Das wichtigste Produktionszentrum bildete seit dem frühen 18. Jahrhundert Russland und das Baltikum. Schätzungen gehen von etwa vier Millionen russischen Bauern aus, die Anfang des 19. Jahrhundert marktbezogen Hanf anbauten. [70] Neben den Faserstoff trat der Hanfsamen, der in den größeren Hafenstädten der Ostseeküste, in Riga, St. Petersburg und Königsberg, zu Öl verarbeitet und dann vor allem nach Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien verschifft wurde. Hanföl war in erster Linie ein Zwischenprodukt, das anfangs vor allem als Grundstoff für die Seifenherstellung, für Ölfarben und zunehmend auch zur Firnisproduktion eingesetzt wurde. Außerdem wurde es im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert als Beleuchtungsmittel eingesetzt.

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Werbeanzeige für importiertes Hanföl 1830 (Leipziger Zeitung 1830, Nr. 171 v. 19. Juli, 1980)

Auf der anderen Seite des Nutzungsspektrums standen bäuerliche Haushalte, in denen Hanföl „bald zum Brennen, bald zur Wagenschmiere, bald in der Arztney gebrauchet“ [71] wurde. Hanfsamen wurde an der Sonne getrocknet, gesäubert, mit einer Wind- oder Staubmühle nochmals gereinigt und dann kalt geschlagen. [72] Das so gewonnene Öl diente vornehmlich als Leuchtmittel, als Anstrich, selten als Nahrungszusatz. Für die bäuerliche Ökonomie waren auch die Reste der Ölherstellung wichtig. Der sogenannte Ölkuchen wurde an Rindvieh, Schweine, Schafe und auch Pferde verfüttert, fand auch Verwendung als Fischköder. [73] Die Masse der Hanfsamen wurde jedoch nicht häuslich genutzt, sondern verkauft. Die Textilindustrie bot im späten 18. Jahrhundert noch günstige Absatzmöglichkeiten, diente Hanföl doch der Vorbehandlung von Garnen und Stoffen. [74] Es blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiges Handelsgut, im Haushalt dagegen fanden sich immer weniger Anwendungen. Als Leuchtmittel war es nicht ideal, rußte es doch beträchtlich, verbrannte auch relativ schnell. [75] Es wurde ersetzt durch die in den 1830er Jahren aufkommenden Stearin- und dann Paraffinkerzen, schließlich durch das Petroleum. Auch die Ölkuchen gerieten seit der Jahrhundertmitte in den Bannstrahl der sich rasch entwickelnden Agrarwissenschaft. Aufgrund der harten Fruchtschalen hatten die Abfälle der Hanfölproduktion einen recht niedrigen Futterwert. Das reichte für die Nebenerwerbslandwirtschaft, doch die immer häufiger spezialisierten Haupterwerbsbetriebe tendierten zunehmend zu kolonialen Futtermitteln, die höhere Eiweiß- und Fettgehalte besaßen und mit denen sicherere Masterfolge erzielt werden konnten. Der Ölkuchen wurde dann als Dünger genutzt.

Die Ölproduktion war teils landwirtschaftliches Nebengewerbe, teils schon großbetrieblich betriebene Großmüllerei. Entsprechend finden sich relativ früh beträchtliche Rationalisierungsgewinne durch technische Innovationen. Zu Beginn der Industrialisierung wurde Hanföl durch Ausschlagen sowie kalte und warme Pressung gewonnen. [76] Um 1840 dominierte noch das einmalige Ausschlagen, doch mit leistungsfähigen hydraulischen Pressen konnte der Ertrag deutlich gesteigert werden. In den 1870er Jahren wurde Hanföl vor allem mittels Keilpressen gewonnen, daneben gab es auch eine einmalige warme Pressung. [77] In den 1880er Jahren betrug die Ausbeute des Hanföls durchschnittlich 25%, konnte aber durch neue Extraktionstechniken auf 30-32% erhöht werden. [78] Als Lösungsmittel wurden Benzin, Schwefelkohlenstoff und Äther eingesetzt, entsprechend unterschied sich die Ölgewinnung von der heutzutage gängigen, doch erst Anfang der 1970er Jahre eingeführten Hochdruckextraktion mit Kohlendioxid. [79] Die damaligen Lösungsmittel waren stärker invasiv, wenngleich mit ihrer Hilfe durchaus erfolgreiche Markenprodukte produziert werden konnten. Kaffee HAG ist wohl das bekannteste Extraktionsprodukt – dabei wurde Koffein mit Hilfe von Benzol aus dem Rohkaffee entfernt. [80] Die Hanfölerträge konnten bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nur noch moderat gesteigert werden. 1911 hieß es: „Die kalte Pressung liefert bis zu 25 % eines ziemlich dünnen, hellgrünen, die warme Pressung bis zu 30 % eines dickeren und dunkelgrünen Öls. Unter dem Einfluß der Luft wird das Öl braungelb. Die besseren Sorten dienen, besonders in Rußland, als Speiseöl, die geringeren werden zu Firnissen und Seifen verwendet, die in Norddeutschland sehr verbreitete ‚grüne Seife‘ ist eine Schmierseife aus Hanföl.“ [81]

Das Zitat dokumentiert Fortschritte in der Ölverarbeitung, belegt indirekt aber noch die relativ verhaltene Entwicklung der Fettchemie. Selbst an sich einfache Parameter, wie der Ölgehalt der Hanfsamen, wurden bis in die 1880er Jahre hinein mit 20-25% deutlich zu niedrig angegeben, so dass potenzielle Ertragssteigerungen kaum gesehen wurden. [82] Erst danach wurde das Öl auf Basis seiner verschiedenen Fettsäuren (damals Leinölsäure, Oelsäure, Palmitinsäure und Stearinsäure) eingeschätzt, erst danach war Extraktionstechnik oder aber die Dampfdestillation überhaupt denkbar. [83] Kurz vor dem ersten Weltkrieg hatte man ein deutlich differenzierteres Bild von der Zusammensetzung des Hanföls gewonnen. [84] Für eine Intensivierung der Ölproduktion war es damals jedoch schon zu spät, denn kurz vor dem Ersten Weltkrieg war der Hanfanbau in Deutschland im Wesentlichen eingestellt worden. Das war vor allem Folge des ökonomischen Niedergangs der Hanffaser. Hanföl hätte, zumal aus heutiger Sicht, grundsätzlich Chancen für andere nichttechnische Angebote gegeben. Es gab solche, wenngleich sie Ausnahmen bildeten: In Österreich wurde 1825 den in Prag produzierenden Gebrüdern Löwy ein Privileg auf ein Kunst- und Gesundheitsöl zugesprochen, bei dem Hanföl mit Schwefelsäure versetzt und mit Ethanol vermischt wurde, um das Produkt dann mit süßen und bitteren Mandeln zu einer kosmetischen Mandelmilch zu vermengen. [85] Hanföl wurde auch zu anderen kosmetischen Zwecken eingesetzt, etwa für ein kurzlebiges Haarwuchsmittel in Ungarn. [86] Diese Beispiele verweisen auf Marktchancen, die nicht genutzt wurden – obwohl die Kosmetikbranche ein wichtiger Wachstumsmotor des Konsumgütermarktes im späten 19. Jahrhundert wurde.

Das galt auch für andere Produkte der Hanfherstellung. Ab und an wurde Hanf beispielsweise als Substitut für Hopfen beim Bierbrauen vorgeschlagen – und zwar zu Zeiten als das mythenbeladene bayerische resp. deutsche Reinheitsgebot noch nicht griff. [87] Was Anfang des 19. Jahrhunderts noch undenkbar schien, wurde in der Mitte wissenschaftlich begründet, sei doch Hanf ähnlich bitter wie der Hopfen, böte die stetere Ernte zudem eine höhere Betriebssicherheit. “Daß auch unser Hanf (Cannabis sativa) betäubend wirkt, ist den Producenten hinlänglich bekannt.“ [88] Die vom Nürnberger Chemiker Rudolph von Wagner (1822-1880) propagierte Idee wurde seinerzeit zwar breit gestreut, doch offenkundig nicht aufgegriffen. [89] Ebenso scheiterten nach 1900 eher zaghafte Versuche, Hanfstauden als dekorative Zierpflanzen in die Rundbeete deutscher Gärten einzuführen. [90] Stattdessen behauptete sich die Rizinusstaude.

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Hanf als Zierpflanze – Ein Versuch von 1908 (Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351)

Hanf war vor allem ein Gespinstpflanze, Hanffasern das wichtigste Produkt. Deren Präsenz in der vorindustriellen Gesellschaft war offenkundig: „Mit Hanf werden Schiffe gelenkt, Glocken geschwenkt, Bettstätten verschränkt und Schelme gehenkt.“ [91] Doch nicht allein der Markt wurde beschickt, die Hanffaser prägte die ländlichen Konsumsphäre bis weit in das 19. Jahrhundert hinein: „Sie liefert ihm die Stoffe zur ersten Hülle bei seinem Erscheinen auf diesem Schauplatze der Natur. Sie bekleidet ihn bis an sein Ende und selbst noch im Grabe. Mit roher Hoffnung blickt das Mädchen des Landmanns auf das Gedeihen dieser Pflanze, welche ihr den Stoff zu ihrer Aussteuer liefert.“ [92] Stärker noch als der vor allem für Garne und Kleidung verwandte Flachs war Hanf ein Universalrohstoff für zahlreiche Produkte der Hauswirtschaft und des Gewerbes. Die aus bäuerlich-kleingewerblichen Milieu stammende Schweizer Volkskundlerin Anna Ithen (1858-1924) listete kurz nach der Jahrhundertwende vieles auf: „Frucht- und Mehlsäcke, Seile, Stränge, Stricke, Wagendecken, des Kaufmanns starkes Packtuch und des Schusters Pechdraht wurden aus dem starken Hanfe bereitet. Der einstigen Schiffahrt lieferte er die Taue und Segeltücher, der alle Schiffbauer verstopfte mit geringerm Werg die Fugen und Risse, und der Brunnenbauer der alten Zeit versuchte ebenfalls mit Werg schadhafte Stellen seiner hölzernen Dünkelleitung wasserdicht zu machen. Auch der Nähfaden (‚Zwirn‘) ward aus der Hanfreist gedreht.“ [93] Hanffasern eröffnen den Blick auf eine vergangene materielle Kultur, die heute durch andere funktionalere und preiswertere Werkstoffe verdrängt ist.

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Hanf als ubiquitärer Faserstoff. Ein nostalgischer Rückblick der NS-Propaganda 1943 (Die lustige Hanffibel, hg. v. Reichsnährstand, Berlin o.J. [1943], 7)

Im 18. Jahrhundert dienten Hanffasern noch vielfach der protoindustriellen Garn- und Stoffproduktion. In den wichtigsten Produktionsregionen wurden aber auch erste Fabriken errichtet, so etwa die 1762 in Lörrach gegründete Firma Gaup, Kupfer und Breitenbach. [94] Hanfstoffe konnten einfach gefärbt werden (damals noch mit heimischen „Naturfarben“) und erwiesen sich als besonders haltbar: „Die Würmer fressen den Hanffaden nicht an.“ [95] Je nach Verwendungszweck wurden die Garne mit Wolle, Baumwolle, Leinen und Haaren verwoben, um Stoffe billiger anbieten zu können, um zugleich aber die immer etwas kratzigen und starren Hanfgeflechte tragfähiger und anschmiegsamer zu machen. Hanfgarn erzielte auch daher geringere Preise als Flachsgarn. Relative Schwere, Dauerhaftigkeit und Widerstandskraft gegen Nässe waren bei Segeltuch jedoch von Vorteil, ebenso bei Tauen, Stricken und Netzen. Im Bereich der Schifffahrt besaßen Hanfprodukte daher lange Zeit ein Quasimonopol, waren zugleich kriegswichtig. Die Handels- und Kriegsflotten Englands, Spaniens und der Niederlande bedurften immenser Zufuhren, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem von Russland befriedigt wurden, während sich in deutschen Landen Frankfurt a.M. als Handelsdrehscheibe etablieren konnte. Mitte des 18. Jahrhunderts stammten 90 Prozent der in England benötigten Hanffasern aus Russland, und selbst in den späten 1850er Jahren lag deren Marktanteil noch bei 75 Prozent. [96] Zu dieser Zeit erforderten Segel und Tauwerk eines Linienschiffes etwa 90 Tonnen Rohhanf. [97] Hanf, so der paradoxe Schluss, bot also die für den europäischen Ausgriff auf die koloniale Welt notwendigen Materialien, erlaubte den Zugriff auf koloniale Fasersubstitute und auch den indischen Hanf.

Hanffasern wurden anhand äußerer Kriterien und mittels Sinnesprüfung unterschieden. Feinheit und Farben bestimmten die Qualität der Garne, ebenso deren Länge und Stärke. [98] Hanffasern machten nur etwa 3-6 % des Gewichtes der geernteten Hanfstängel aus und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unterschieden Händler auch nach dem Glanz der jeweiligen Ware. [99] Für den Fernhandel entwickelten russische Kaufleute schon Mitte des 18. Jahrhunderts einfach abgrenzbare Qualitätsabstufungen. Andere Produktionsregionen folgten, so dass die Käufer anhand von Verpackungen, Buchstaben und Nummern die jeweilige Ware einschätzen konnten. Derartige Informationen waren für die meist lokal arbeitenden Seiler weniger wichtig, kauften sie doch meist von lokalen Anbietern und Kaufleuten mit bewährter Importware. Hanfwerg und geringe Qualitäten wurden zudem zu Papier verarbeitet, ehe der Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführte Holzschliff dieser Produktion ein Ende bereitete.

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Ausverkauf von Leinenwaren aus Flachs und Leinen 1874 (Düsseldorfer Volksblatt 1874, Nr. 53 v. 7. März, s.p.)

Hanfgewebe wurden im Textilsektor kaum beworben, sie erschienen, ebenso wie Flachs, unter dem Dachbegriff von Leinenwaren. Ihre dennoch hohe Wertigkeit zeigt sich aber in Diebstahlsinventaren, die sich im frühen 19. Jahrhundert auch in Tageszeitungen finden. Dort wurde Hanfkleidung explizit als solche hervorgehoben, erleichterte solche Genauigkeit doch das Auffinden von Diebesgut und Dieben. [100] Generell aber war die Innovationskraft der Hanf- und Flachsspinner und -weber jedoch gering, erschöpfte sich in schnelleren Maschinen und verbesserter Anbautechnik, nicht aber in neuartigen Produkten. Eine Ausnahme bildete der in den 1840er Jahren populäre und in Frankreich entwickelte Hanffilz, dessen Fasern wärmebehandelt und mit Fetten und Harzen getränkt waren. So blieb der Stoff relativ temperaturunabhängig, konnte zudem gut geformt werden. Feuereimer, Wasserröhren, Felleisen, Hutkästen, Blumenvasen, Waschbecken, Becher, Flaschen und nicht zuletzt relativ leichte Dachschindeln wurden daraus gefertigt. [101]

Auch nach dem Wegbrechen der Hanf -und Flachsverarbeitung im Heimgewerbe, das in den 1840er Jahren vor allem in Westfalen und Schlesien beträchtliche soziale und wirtschaftliche Verwerfungen hervorrief, gab es jedoch weiterhin eine durchaus wachsende deutsche, vor allem aber in ganz Europa etablierte Flachs- und Hanfindustrie. [102] Im Deutschen Reich gab es 1884 sieben Hanfspinnereien und Bindfadenfabriken mit einem Geschäftskapital von 12,5 Mio. Mark und 2.389 Beschäftigten, die allerdings nur die Spitze des Eisberges bildeten, da die Mehrzahl der Garne und Stoffe in Leinenspinnereien und -webereien produziert war. Um 1880 war das Deutsche Reichs der weltweit größte Importmarkt für Hanf mit einer Produktionsmenge von ca. 11.000-17.000 Tonnen. [103]

Substitution und Verschwinden des Hanfes seit dem späten 19. Jahrhundert

Diese Weiterverarbeitung vor allem von Importware gibt einen Eindruck von den beträchtlichen Umgestaltungen während der ersten Globalisierung im langen 19. Jahrhunderts, deren Auswirkungen denen heutiger Globalisierung kaum nachstehen. Hanf wurde davon besonders getroffen, denn dessen Fasern konnten durch Importe aus Kolonien oder überseeischen Produktionsgebieten kostensparend substituiert werden. Die Sprache der neuen Billigfasern deutet ihre Marktwirkung noch an. Schon in den 1830er Jahren galt dies für den neuseeländischen Flachs (aus der Flachslilie), den Sunn-Hanf (aus der Klapperschote), den Aloe-Hanf (aus mexikanischer Agave) und vor allem den philippinischen Manila-Hanf (aus der Pisangpflanze). [104] Aus ihnen konnten Bindfäden, Seile, auch Segeltuch gefertigt werden. Dies geschah im Zeitalter des Imperialismus auch, um die Abhängigkeit von Importen aus potenziellen Feindesländern zu minimieren und die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Herrschaftsbereich zu fördern. Im Deutschen Reich war Sisalhanf ein wichtiges Argument für die Kolonisierung Deutsch-Ostafrikas, wo 1913 in der Tat 19.700 Tonnen produziert und ins Reich zur Weiterverarbeitung exportiert wurden. [105] Seit der Jahrhundertmitte kam zudem Bombay-Hanf – Jute – auf und nahm dem Hanf große Marktanteile bei Tauen und Säcken ab. [106] Marktdruck gab es aber auch durch die beträchtlichen Fortschritte in der eisenverarbeitenden Industrie. Eisen- und dann Stahlseile gewannen im Bergbau und schließlich der Schifffahrt immer größere Bedeutung, erlaubten Fördermengen und Transportleistungen, die mit Hanf und anderen Faserstoffen nicht möglich gewesen wären.

„Vom facettenreichen Phänomen «Cannabis» blieb nur noch ein Rauschgift übrig.“ [107] Diese Sentenz des Zürcher Sozial- und Wirtschaftshistorikers Jakob Tanner beschreibt die Richtung, doch diente ihm die neuen Debatten um die Drogenlegalisierung als Messlatte. Für das lange 19. Jahrhundert galt dies nicht. Hanf wurde Ende des 19. Jahrhunderts zwar noch, zusammen mit Tabak, Tee, Kaffee, Opium, Hanf, Baumwolle und Getreide, zu den „Grossmächten der Pflanzenwelt“ [108] gezählt, doch der relative Abstieg war damals schon akut. In Deutschland verschwand der Hanf dagegen faktisch vor dem Ersten Weltkrieg, die Produktionsmenge lag 1913 noch bei ganzen 100 Tonnen. [109] Analog zur Schweiz galt auch hierzulande: „Immer seltener werden in unserer Gegend die Saatfelder von Flachs und Hanf, dieser einst in der Hauswirtschaft so hochgehaltenen Kultur. Die Werkzeuge, welche dazu dienten, diese Pflanzen durch alle Stadien der Bearbeitung zur fertigen Leinwand zu verwandeln, stehen auf dem Estrich oder in Rumpelkammern, dem Roste und Holzwurme preisgegeben.“ [110]

Das hatte 1880 noch deutlich anders ausgesehen. Damals lag die Produktion im Deutschen Reich zwar weit hinter den führenden Produktionsländern Russland, Italien und Ungarn, doch immerhin noch auf der Höhe der USA als dem wichtigsten Agrarproduzenten weltweit. Hanf wurde vor allem importiert, dann hierzulande abgesetzt oder aber als Fertigware exportiert.

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Hanf als globale Handelsware 1880 (Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 20)

Nun aber kumulierten die zuvor schon mehrfach erörterten Veränderungen im Hanfmarkt. [111] Hanf wurde, wie auch die anderen dominanten Textilstoffe des frühen 19. Jahrhunderts (Schafwolle, Flachs und Seide) durch Pflanzenfaserstoffe aus dem globalen Süden verdrängt. Gerade die auf Sklaven- und Plantagenwirtschaft gründende Baumwolle setzte zum globalen Siegeszug an, „King Cotton“ hatte die Leinenkleidung abseits der bäuerlichen Selbstversorgung bis spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts verdrängt. Hanf hatte auch gegenüber Jute deutliche Preisnachteile, konnte sich im Verpackungssektor daher nicht länger behaupten. Tropische Langfasern wurden zunehmend für Taue und Seile genutzt, neben Sisal, Aloe und den anderen bereits erwähnten Kolonialprodukten traten nun auch Bananen- und Kokosfasern. Die noch nennenswerte Ölfarbenproduktion geriet durch die kostengünstigeren Teer- und auch Pigmentfarben der deutschen chemischen Industrie unter harten Wettbewerbsdruck. [112] Importierte Lein-, Mohn- und Rizinusöl sowie asiatisches Holzöl, Perillaöl und Sojaöl dominierten nun bei den trocknenden Ölen, während nach dem Ersten Weltkrieg, Hanföl, aber auch Nuss-, Sonnenblumen- und Baumwollsamenöl „nur sehr selten Anwendung“ [113] fanden. Der Niedergang wurde gewiss durch die in Baden übliche Nebenerwerbslandwirtschaft verlangsamt, die mit gewerblicher Haupterwerbsarbeit verbunden und weiterhin von Frauen mitgetragen wurde. Die Hanfanbauflächen sanken nun rasch. Wurden 1878 noch 21.000 ha kultiviert, so sank diese Zahl über 15.000 ha 1883 und 8000 ha 1893 auf 3.500 ha 1900 und wohl 200 ha 1913. [114]

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Hanfbrechmaschine in den USA (S.S. Boyce, Hemp (Cannabis sativa), New York 1900, 97)

Dies bedeutete (noch) nicht ein Verschwinden der globalen Hanfproduktion, die für die deutsche Textilindustrie nach wie vor eine gewichtige Rolle spielte. Schätzungen gehen für 1913 von weltweit 850.000 ha Anbaufläche und einem Ertrag von ca. 500.000 t aus. Diese Werte lagen 1924/25 bei nur noch 300-400.000 ha resp. 220.000 t. [115] Der Rückgang erfolgte, obwohl insbesondere in den USA der Maschineneinsatz sowohl bei der Ernte als auch bei der Verarbeitung auf neue Höhen gebracht wurde und Handarbeit dort Ausnahme wurde. Russland spielte auch nach der Machtübernahme durch die Sowjets eine führende Rolle im Billig- und Massensektor, während Italien hochwertige Produkte, zugleich aber auch alle anderen Marktsegmente bediente. [116] Das Deutsche Reich nahm diese grundlegenden Veränderungen hin, ließ den heimischen Hanfanbau ohne Zollschutz. Das war ökonomisch rational, zumal die Hanf- und Flachsindustrie anders als die Getreide- oder Zuckerwirtschaft keine schlagkräftige Interessenvertretung besaß. Während das Deutsche Reich zur weltweit zweitgrößten Handelsnation aufstieg, und gewiss zu den Globalisierungsgewinnern dieser Zeit zu zählen ist, zeigt das Verschwinden des Hanfanbaus, dass dieser Weg mit beträchtlichen Verwerfungen erkauft war, darunter die Zernierung der Lebens- und Wirtschaftsweisen breiter Teile des kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Grund war aber auch, daß im Deutschen Reich Landwirtschaft immer stärker im Hauptgewerbe betrieben wurde und Bauern sich auf ertragsstarke und gut absetzbare Produkte konzentrierten. Die Hanfbauern waren keineswegs Opfer, sondern sie optieren vielfach bewusst und zweckrational für lukrativere Tätigkeitsfelder. [117] Dies missachteten auch zahlreiche Fachbücher, die in romantisierender Weise Flachs und Hanf immer noch als „liebe alte Bekannte unserer Landwirtschaft und unseres deutschen Hauses“ [118] präsentierten.

Der Erste Weltkrieg bildete einen Testfall für die Auswirkungen derartiger Strukturwandlungen. 1913 wurden noch 159.000 t Flachs, Hanf (55.000 t) und Werg im Wert von 118 Mio. Mark eingeführt, also etwa 5% der gesamten Rohstoffimporte im Wert von 2,447 Mrd. Mark. [119] Trotz beträchtlicher Eroberungen russischer Hanfproduktionsflächen [120] gelang es nicht, die hohen Importe zumal aus dem 1915 vom Verbündeten zum Kriegsgegner mutierten Italien zu kompensieren. Schon 1915 setzten daher Appelle und Förderprogramme ein, um den heimischen Hanfanbau zu revitalisieren. [121] Höchstpreise wurden festgelegt, die vorhandenen Vorräte beschlagnahmt und der Markt durch eine frisch gegründete Deutsche Hanfbaugesellschaft bewirtschaftet. Nun war es „vaterländische Pflicht der deutschen Landwirte Gespinnstpflanzen anzubauen.“ [122] All dies wurde umkränzt von Broschüren, die an die Ratgeber der Zeit um 1800 erinnerten. [123] Obwohl es einen zunehmend spürbaren Mangel an Stricken und Verpackungsmaterial gab, stand dieser nicht im Vordergrund. Es hieß nun „Baut Ölpflanzen!“ [124], denn insbesondere im Felde technischer Anstriche und Firnisse herrschte ein eklatanter Mangel.

Die Folge waren prozentual bemerkenswerte Steigerungen von 1915 417 ha über 1916 1600 ha bis hin zu 1918 3650 ha. 1920 wurde mit 5350 ha ein Höchstwert erreicht, der dem der späten 1890er Jahre entsprach. Die Erzeugungsmengen von 1918 1820 t und 1920 2575 t reichten jedoch auch nicht ansatzweise an die 55.000 t Hanfimporte von 1913 heran. Entsprechend brach der Hanfanbau nach dem Auslaufen der Zwangswirtschaft auch rasch wieder zusammen und erreichte 1932 einen Tiefstwert von 200 ha. [125] Parallel zum Verbot des indischen Hanfes als Rauschgift war der einheimische Hanf neuerlich verschwunden. Das gilt, obwohl insbesondere in Baden beträchtliche Anstrengungen unternommen worden waren, das Nachkriegsniveau zumindest zu halten, obwohl die Textilindustrie nach dem neuerlichen Anlaufen der Hanfimporte weiterhin Rohware zu Fäden und Spezialstoffen verarbeitete, und obwohl die NS-Autarkiepolitik den Hanfanbau im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkrieges auf neuerliche Höhen schnellen ließ. [126] In der Zwischenkriegszeit waren die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen längst weggebrochen, auf denen der Hanfanbau im langen 19. Jahrhundert gründete. Der heute wieder legale Nutzhanfanbau und die daraus entstehende neue Gütervielfalt beruhen denn auch auf gänzlich anderen Grundlagen als die einer längst verlorenen Vergangenheit mit einer vom Hanf stark geprägten Alltags- und Konsumkultur.

Uwe Spiekermann, 29. Juni 2019

Quellen- und Literaturnachweise:
[1] Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, 265.
[2] Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, 7.
[3] Hainer Hai, Das Definitive Deutsche Hanf Handbuch, Löhrbach o.J. (1982).
[4] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982.
[5] Patrick Matthews, Cannabis Culture, London 2000, 25.
[6] Vgl. etwa James H. Mills, Cannabis Britannica. Empire, trade, and prohibition, 1800-1928, Oxford 2003; Martin Booth, Cannabis. A History, New York 2003.
[7] Vgl. etwa Kim Lutz, Super Seeds. Cooking with Power-Packed Chia, Quinoa, Flax, Hemp & Amaranth, New York 2014; Jack Herer und Mathias Bröckers, Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf, Solothurn 2017.
[8] Kathrin Gebhardt, Backen mit Hanf. Berauschend gut, 4. Aufl., Aarau/München 2003; Dominik Schlemmer, Hanf Kochbuch. Cannabis Rezepte, Marihuana und Haschisch backen zum Kochen und Abheben, o.O. 2017.
[9] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 239-251, hier Sp. 239.
[10] Vgl. Arjun Appadurai, The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge/New York 1986; Zygmunt Bauman, Consuming Life, Cambridge/Malden 2007; Daniel Miller, Consumption and Its Consequences, Cambridge/Malden 2012.
[11] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 108.
[12] Johann Ernst von Reider, Die neuesten Entdeckungen in den wichtigsten Gegenständen der Landwirthschaft und des Gartenbaues, Bamberg 1835, 117-123, hier 117.
[13] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 229.
[14] Markus Promberger, Topographie der Leiharbeit. Flexibilität und Prekarität einer atypischen Beschäftigungsform, Berlin 2012, 43.
[15] Vgl. Rolf Peter Sieferle, Der Europäische Sonderweg. Ursachen und Faktoren, Stuttgart 2000; Markus Cerman, Vorindustrielles Gewerbe und Proto-Industrialisierung, in: ders. et al. (Hg.), Wirtschaft und Gesellschaft. Europa 1000-2000, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, 211-227, insbesondere 224.
[16] Friedrich Koch, Ansichten über das Pflanzen und Zubereiten von Hanf (Rysten) und Flachs, Bern 1824, 36.
[17] Barney Warf, High Points: An Historical Geography of Cannabis, Geographical Review 104, 2014, 414-438.
[18] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes Flachses betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 43.
[19] Vgl. etwa Zubereitung des Hanfes und Flachses nach einer Methode des Herrn Marcandier, nebst einichen andern Vorschlägen, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 75-98; Erste Sammlung Nützlicher Unterrichte, Laybach 1770, 94-116; Neue Art, den Hanf mit wenigerem Abgange und geringeren Kosten zu bereiten, und ihn am besten zu nutzen, Der Sammler 5, 1783, 162-167; Karl la Hard, Abhandlung vom Hanfe, Wien/Prag/Leipzig 1785; Gilbert Baur, Stallfütterung, Klee-Hanf-Flachs- und Grundbirnbau, Augsburg 1794, 84-93; Franz Fuß, Ausführliche Abhandlung über den Flachs und Hanf, Prag 1796, 75-95.
[20] Dies und das Folgende nach Vollständige und genaue Beschreibung wie der Hanf im Stifte Osnabrück gebauet und bereitet werde, Detmold/Meyenberg 1787.
[21] Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 110.
[22] Julius Zipser, Die textilen Rohmaterialien und ihre Verarbeitung zu Gespinsten, T. 1, Wien/Leipzig 1895, 24.
[23] Anleitung den Hanf und Flachs auf das vortheilhafteste zu pflanzen, […], St. Gallen 1812, VI.
[24] Arthur von Hohenbruck, Beiträge zur Statistik der Flachs- und Hanf-Production in Oesterreich, Wien 1873, 5 sowie die Karte im Anhang.
[25] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 765-838, hier 765.
[26] Vgl. auch den groben Überblick bei Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898, 7.
[27] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 53-54.
[28] Centralblatt des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 26, 1837, 62.
[29] O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 66.
[30] B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 100.
[31] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 425.
[32] Friedr[ich] Haberlandt, Kann man durch Culturmaßregeln auf die Hervorbringung männlicher oder weiblicher Hanfpflanzen einen Einfluß nehmen?, Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 19, 1869, 25-26.
[33] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 423-424.
[34] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 83, 85.
[35] Eduard Birnbaum, Pflanzenbau, 8. Aufl., bearb. v. Paul Gisevius, Berlin 1911, 133.
[36] Untersuchung mehrerer Theile der Cannabis sativa, von S. Schlesinger, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 490-491.
[37] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[38] Victor Griessmayer, Die Proteide der Getreidearten, Hülsenfrüchte und Ölsamen sowie einiger Steinfrüchte, Heidelberg 1897, 294.
[39] Karl Karmarsch, Grundriß der mechanischen Technologie, Bd. 2, Hannover 1841, 613.
[40] Vgl. [Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840; Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 96-111; Josef Hain, Handbuch der Statistik des österreichischen Kaiserstaates, Bd. 2, Wien 1853, 40-41, 150.
[41] [Georg Rudolph] Böhmer, Technische Geschichte der Pflanzen […], T. 1, Leipzig 1794, 514-526.
[42] Ed[uard] Brinckmeier, Der Hanf. Sein Anbau, seine Bereitung und seine Verwendung, 2. Aufl., Ilmenau/Leipzig 1886, 7. Vgl. auch Ueber die Zubereitung des Flachses und Hanfes, hg. durch die Centralstelle für die Landwirthschaft im Großherzogthum Baden, Karlsruhe 1853, mit einer Analyse irischer Röstverfahren.
[43] L[eopold] Gottlieb Kraus und W[ilhelm] Pichler (Bearb.), Encyclopädisches Wörterbuch der Staatsarzneikunde, Bd. II, Erlangen 1873, 113.
[44] Vgl. E[uard] Reichard[t], Schädliche Wirkung des Röstwassers von Flachs und Hanf für die Fischzucht, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 22, 1881, 522-523.
[45] Joh[ann] Gottfr[ied] Dingler, Bericht an Freiherr von Gravenreuth über die Brauchbarkeit der von Hrn. Christian in Paris erfundenen Hanf- und Flachs-Brechmaschine, Kunst- und Gewerb-Blatt des polytechnischen Vereins im König-Reiche Bayern 5, 1819, Sp. 81-92. Deutlich kritischer Fahnenberg, Bemerkungen über die neue Hanfbereitungs-Maschine und einige damit angestellte Versuche, Ebd., Sp. 92-96.
[46] Ueber die neue Methode, den Flachs und Hanf zu brechen und zu bearbeiten, Leipzig 1822; Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 238-239, hier 239 und den Überblick von Hermann Grote, Bilder und Studien zur Geschichte vom Spinnen, Weben, Nähen, 2. Aufl., Berlin 1875, 7-8.
[47] Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, R. Choimet, theoretische und praktische Elemente der Maschinen-Flachs-, sowie auch Hanf- und Werg-Spinnerei, Weimar 1852 und (vielfach deckungsgleich) Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, C. Ancellin, der praktische Flachs-, Hanf- u. Wergspinner auf Maschinen, Weimar 1857.
[48] Gleichwohl galten die im internationalen Hanfhandel bestehenden Standardisierungen in den USA noch nach dem Ersten Weltkrieg als vorbildlich, vgl. Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 68-70.
[49] Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 65-69; Lauter, Notizen über den Hanfbau in Weißweil und Wyhl im Breisgau Badens, Agronomische Zeitung 9, 1854, 817-819.
[50] Karlsruher Zeitung 1839, Nr. 273 v. 2. Oktober, 3053; Karlsruher Zeitung 1840, Nr. 186 v. 11. Juli, 1150.
[51] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 107.
[52] Moritz Caduff, Essen und Trinken im Lugenz, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 82, 1986, 223-276, hier 230-231.
[53] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 463.
[54] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[55] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, hier 205.
[56] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 828.
[57] Uwe Spiekermann, Suppe im Wandel. Zur Karriere einer Alltagsspeise, Historicum 1995, Herbstausgabe, 15-21.
[58] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[59] D. Nikolai, Vorschlag wohlfeiler Nahrungsmittel, Allgemeiner Anzeiger 1812, Nr. 246 v. 12. September, Sp. 2521-2526, 2529-2533, hier Sp. 2532.
[60] Vermischte Abhandlungen aus dem Gebiete der Heilkunde (Fortsetzung), Medizinisch-chirurgische Zeitung 1835, 257-272, hier 259.
[61] St. Petersburg im Jahre 1843, Wiener Zeitschrift 1843, Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1843, Nr. 257 v. 27. Dezember, 2050-2052, hier 2052. Vgl. auch Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 73.
[62] So etwa E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Bedeutung (Fortsetzung), Deutsche Klinik 1870, Nr. 36 v. 3. September, 329-330, hier 329.
[63] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[64] Von Hartungen, Über die Suppe, Meraner Zeitung 1913, Nr. 127 v. 22. Oktober, 1.
[65] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 827.
[66] Fütterung der Kanarienvögel, Feldkircher Anzeiger 1876, Nr. 25 v. 20. Juni, 6-7; Futterrezept für Papageien, Praktische Mitteilungen für Gewerbe und Handel, Land- und Hauswirtschaft. Beilage zum Pusterthaler Bote 1908, Nr. 23 v. 5. Juni, 3.
[67] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[68] Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 161.
[69] Ebd., 217, 243; Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 361.
[70] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 253.
[71] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[72] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 400.
[73] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, 206.
[74] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes und die Zurüstung betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 48.
[75] L. Kober, Reinigung des Hanföls, Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen 1830, Nr. 256 v. 21. September, Sp. 3422-3423, hier Sp. 3422; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 603.
[76] Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 621.
[77] C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 95, 121.
[78] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 537.
[79] Hanföl, Drogisten-Zeitung 53, 1938, Nr. 4, 8.
[80] Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 194.
[81] Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 284.
[82] Vgl. die Angaben bei J[öns] J[akob] Berzelius, Lehrbuch der Chemie, übersetzt von F[riedrich] Woehler, Dresden/Leipzig 1837, 493 (25%); Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131 (23%); B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 98 (20-24%). Eine Ausnahme bildete Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345 mit einem Schätzwert von etwa einem Drittel.
[83] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 538; Eduard Gildemeister und Friedrich Hofmann, Die ätherischen Öle, Miltitz 1910, 342.
[84] Vgl. Emil Abderhalden (Hg.), Biochemisches Handlexikon, Bd. III, Berlin 1911, 22; Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 285-286.
[85] Oesterreichisch-Kaiserliche priveligirte Wiener Zeitung 1838, Nr. 130 v. 7. Juni, 815.
[86] Neues Haaröl, Verhandlungen und Mitteilungen des Gewerb-Vereines zu Köln 6, 1841, 12.
[87] Ueber Hopfen-Stellvertreter, Kaiserlich privilegirter Reichs-Anzeiger 1801, Nr. 162 v. 30. Juni, Sp. 2169-2171, hier 2170.
[88] Kurier für Niederbayern 1853, Nr. 188 v. 12. Juli, 754.
[89] Didaskalia 1853, Nr. 167 v. 15. Juli, s.p.; Hanf als Ersatzmittel für Hopfen, Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft 1854, Nr. 36 v. 9. September, 192.
[90] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[91] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 54.
[92] J[ohann] L[udwig] F[riedrich] Müller, Die Gespinnstpflanzen Flachs und Hanf, Stuttgart 1861.
[93] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 235.
[94] Mode-, Fabriken- und Gewerbszeitung 1, 1788, 22.
[95] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 830.
[96] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 252-253.
[97] Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131.
[98] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 245-247; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 598.
[99] Viktor Pöschl, Warenkunde, in: Georg Obst (Hg.), Das Buch des Kaufmanns, 7. Aufl., Bd. 1, Stuttgart 1928, 635-704, hier 692.
[100] Vgl. etwa Karlsruher Zeitung 1828, Nr. 359 v. 27. Dezember, 2094.
[101] Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345.
[102] Carl von Oberleithner, Flachs- und Hanf-Industrie. (Gruppe V, Section 3), in: Officieller Ausstellungs-Bericht, hg. v.d. General-Direction der Weltausstellung 1873, Wien 1874, 1-34.
[103] Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 17-19 (auch für die vorherigen Angaben).
[104] Carl Hartmann, Populäres Handbuch der allgemeinen und populären Technologie, Bd. 2, Berlin 1841, 371.
[105] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[106] Rhode und Beysell, Hanf, in: Pierers Universal-Conversationslexikon, 6. vollst. umgearb. Aufl., Bd. 9, Berlin/Leipzig 1877, 777-778.
[107] Jakob Tanner, Rauchzeichen. Zur Geschichte von Tabak und Hanf, in: Thomas Hengartner und Christoph Maria Merki (Hg.), Tabakfragen. Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, Zürich 1996, 15-42, hier 36-37.
[108] J. Brassel, Narkotische Nahrungs-, resp. Genussmittel. IV. Der Tabak, in: Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen naturwissenschaftlichen Gesellschaft 1887/88, Zürich 1889, 382-419, hier 382.
[109] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[110] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 228.
[111] Das Folgende nach W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 100.
[112] Hanföl wurde nicht genannt in der detaillierten Präsentation von P[aul] Schultze-Naumburg, Technik der Malerei, Leipzig 1901, 21-65.
[113] Max Bottler, Die Lack- und Firnisfabrikation, 2. verb. u. verm. Aufl., Halle a.S. 1924, 4.
[114] W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 109.
[115] Ebd., 108.
[116] Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898.
[117] Vgl. Paul Hoffmann, Die Wiederbelebung des Flachsbaus und der Hausweberei in Deutschland und ihr Einfluss auf die ländlichen Arbeitsverhältnisse, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 2-3.
[118] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 73.
[119] L[udwig] Jungmann, Der Weltkrieg, Bühl 1918, 39.
[120] Die hauptsächlichsten Oelfrüchte, Drogisten-Zeitung 34, 1919, 394-395, hier 394.
[121] Badischer Beobachter 1915, Nr. 539 v. 20. November, 6.
[122] Durlacher Wochenblatt 1916, Nr. 34 v. 10. Februar, 3.
[123] Hans Wacker, Der Handelsgewächsbau, Friedrichswerth 1917, 60-64.
[124] J[ohannes] Richter, Böttgers Praktische Anleitung zur Kultur der wichtigsten Ölgewächse, 2. Aufl., Leipzig 1916, 4.
[125] Alle Angaben n. W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. III. D: Langfaserwirtschaft, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 197-204, hier 200-201.
[126] Vgl. Die Gespinstpflanzen Flachs und Hanf auf der landwirtschaftlichen Ausstellung, Der Volksfreund 1924, Nr. 225 v. 26. September, Beilage; Körner, Leistungsfähiger Faserpflanzenanbau in Baden, Der Führer 1941, Nr. 128 v. 10. Mai, 5; Schiffstaue aus badischem Hanf, Der Führer 1943, Nr. 33 v. 2. Februar, 4.

Rationale Stoffkreisläufe: Die Verfütterung von Fleischmehl und „Kadaverfleisch“ vor dem Zweiten Weltkrieg

BSE ist heutzutage unter Kontrolle, der letzte Fall von „Rinderwahnsinn“ wurde hierzulande 2014 gemeldet. Nichts erinnert mehr an die politischen Verwerfungen und gesellschaftlichen Debatten, die in Deutschland nach dem ersten bestätigten BSE-Fall im November 2000 einsetzten und große Teile der Öffentlichkeit über Monate in ihren Bann zog. Bilder von konvulsivisch-zitternden und zusammenbrechenden Rindern verstörten, zumal eine realistische Gefahr der Übertragung auf den Menschen bestand: BSE-haltiges Rindfleisch konnte einen elenden Tod durch die Creutzfeldt-Jacob-Krankheit nach sich zu ziehen. Bis November 2000 schien diese Gefahr auf Großbritannien begrenzt. Dort hatte man seit den frühen 1980er Jahren begonnen, die Standards für die Produktion des Futtermittels Tiermehl aus Kadavern zu senken. Fleisch an Schweine und auch an Wiederkäuer zu verfüttern war EU-weit üblich, konnten so doch einerseits für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignetes Fleisch effizient entsorgt, anderseits die Rinder mit preiswertem Eiweiß versorgt werden. Doch die Abkehr von den lange geltenden Produktionsverfahren – in Deutschland beispielsweise seit 1939 – zerstörte bestehende Sicherheitsmechanismen gegen die erst Anfang der 1980er Jahre benannten Prionen. Großbritannien wurde vom EU-Markt ausgeschlossen, ab 1994 durfte Tiermehl nicht mehr an Wiederkäuer verfüttert werden. Doch Millionen Menschen hatten zuvor die infizierten Rinder verspeist – und entsprechend hieß es Mitte 2000 warnend: „Zahl der BSE-Toten nimmt zu“ (Die Tageszeitung 2000, Nr. 6194 v. 17. Juli, 7). Forscher warnten vor einer „BSE-Epidemie“ (Handelsblatt 2000, Nr. 152 v. 9. August, 45), Unsicherheit und Sorgen waren die Folgen.

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Ende einer Selbsttäuschung: Schlagzeile im November 2000 (Frankfurter Rundschau 2000, Nr. 267 v. 27. November, 1)

Die Verwerfungen der Jahre 2000/2001 darzustellen und zu analysieren war lange Zeit ein lukrativer Markt für Sozialwissenschaftler und Epidemiologen. Hier gilt es stattdessen den Blick zu weiten: Seit wann gibt es Tiermehl? Seit wann und warum wurde es zu einem Tierfutter auch für Pflanzenfresser? Warum verstand man in früheren Zeiten Tiermehl als ein modernes und leistungsstarkes Futtermittel? Antworten auf solche Fragen können helfen, die Strukturen auch des heutigen Agrar- und Ernährungsmarktes besser zu verstehen. BSE war schließlich nur ein Symptom für allgemeine Strukturen unserer Art der Agrarwirtschaft und Lebensmittelproduktion.

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Justus von Liebig in seinem Münchener Arbeitszimmer (Über Land und Meer 31, 1874, 268)

Am Beginn dieser vergessenen Geschichte stand Justus von Liebig (1803-1873). Der erst in Gießen, dann in München wirkende Apothekersohn aus Darmstadt gilt als Stammvater der organischen Chemie, der „Agrikulturchemie“ und der Ernährungswissenschaft. Er war Impulsgeber einer neuen Zeit (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 32-37). Liebigs Arbeiten bündelten und popularisierten spätestens seit 1840 eine Agrarwissenschaft, die landwirtschaftliche Prozesse zunehmend unter dem Aspekt eines Kreislaufes von Stoffen, eines Stoffwechsels verstand. Landwirtschaft war demnach die angewandte Lehre von Stoffgehalten, Stoffaustausch und Stoffersatz, war die Nutzung einer kausalen Naturmechanik: „Der Landwirth wird damit in Stand gesetzt sein, ähnlich wie in einer wohleingerichteten Manufactur, ein Buch zu führen über einen jeden seiner Aecker, mit Genauigkeit im voraus zu bestimmen, welche Stoffe und in welcher Menge er sie hinzuführen muß, um den Acker, je nach der Menge der geernteten Frucht in seinen ursprünglichen Zustand der Fruchtbarkeit zurückzuversetzen“ (Justus Liebig, Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie, 6. Aufl., Braunschweig 1847, 277). Damit geriet die tradierte Düngung der Bauern in den Blick. Der im Betrieb entstehende Wirtschaftsdünger, also etwa Jauche, Mist oder Stroh, wurde als Stoffträger analysiert und peu a peu durch mineralischen „Kunstdünger“ ergänzt, schließlich gar ersetzt: Stickstoff, Phosphor, Kalium und Kalzium wurden auf die Felder aufgebracht, anfangs häufig in Form importierter Naturdünger (Guano, Chile-Salpeter), später dann verstärkt als chemisch synthetisierte Düngemittel.

03_Kaiserslauterer Wochenblatt und Plakat-Anzeiger_1868_04_11_Nr15_p2_Düngemittel_Knochenmehl_Michel-Lederle_Ludwigshafen

Optimierte Landwirtschaft durch Zufuhr von Makronährstoffen: Düngerwerbung 1868 (Kaiserslauterer Wochenblatt und Plakat-Anzeiger 1868, Nr. 15 v. 11. April, 2)

Es war nur konsequent, auch tierische Abfallstoffe in diesen Kreislauf einzuspeisen. Phosphorhaltiges Knochenmehl etablierte sich als Dünger erst im industriellen Pionierland England, seit der Jahrhundertmitte aber auch in Mitteleuropa (Julius Adolph Stöckhardt, Chemische Feldpredigten für deutsche Landwirthe, Abt. 1, Leipzig 1851, 169-192). Es wurde in speziellen Knochenmühlen produziert, um so Mineralstoffe nutzen zu können, bei denen gesundheitsschädliche Gärungsprozesse ausgeschlossen schienen. Schon in den 1860er Jahren entstanden größere Betriebe, etwa in München, Linden und in der Nähe von Leipzig (Grazer Zeitung 1871, Nr. 347 v. 31. Dezember, 5). Wichtiger aber waren die Folgen der internationalen Arbeitsteilung bei der Produktion etwa von Wolle und Fleisch für die europäischen Märkte. Die dabei entstehenden Abfallstoffe wurden weiterverarbeitet und führten zu einer breiten Palette tierischer getrockneter und konzentrierter Düngemittel. Neben fein gemahlenem und gedämpftem Knochenmehl standen etwa Wolldünger, Blutdünger und auch Fleischmehl aus Südamerika und den Weiten des britischen Kolonialreichs (Gemeinde-Zeitung 2, 1863, 522).

Die Düngung der Pflanzen wurde in den 1870er Jahren rasch durch die Fütterung von Tieren ergänzt. Auch sie waren letztlich nichts anders als eine Stoffansammlung, ihr Leben Teil des universell gültigen Stoffwechsels. Die zunehmend chemisch analysierten Futtermittel galten als regelrechte Bausteine für Zucht und Hege. Die physiologisch richtige Mischung von Eiweiß, Kohlehydraten, Fetten, Mineralstoffen und Wasser erschien als Garant des Züchtungs- und Masterfolges. Die Natur wurde von jedem Mystizismus befreit, allein materielle Faktoren zählten. Der tierische Organismus erschien als eine „Durchgangsstätte für chemische Stoffe“ und als „Ort ihrer Umwandlung“ (Ernst Mangold, Die physiologische Bedeutung der Ernährung und des Stoffwechsels für die landwirtschaftlichen Nutztiere, in: ders. (Hg.) Handbuch der Ernährung und des Stoffwechsels […], Bd. 1, Berlin 1929, 1-9, hier 1). Es ist offenkundig, dass dieser strikte Materialismus – der weit folgenreicher war als etwa der Materialismus Marxscher Prägung – keineswegs wertfrei war: Da tierisches Eiweiß als Quelle der Muskelkraft und als Garant körperlicher Stärke verstanden wurde, gewannen eiweißreiche Futtermittel rasch an Bedeutung. Das Fazit für die Tierfütterung war simpel: „Fleisch giebt Fleisch“ (C[arl] J. Eisbein, Das Fleischfuttermehl als willkommene Beihülfe bei der Ernährung der landwirtschaftlichen Nutztiere, Berlin/Neuwied 1886, 3). Doch tierische Futtermittel waren hygienisch heikel und relativ teuer. Letzteres sollte sich durch den Erfolg von Liebigs Fleischextrakt und die verbesserte Transportinfrastruktur binnen kurzem ändern.

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Liebigs Fleischextrakt als wissenschaftliches Stärkungsmittel (Hannoverscher Courier 1867, Ausg. v. 1. Juli, 4)

Um den Wandel hin zur allgemeinen Tiermehlverfütterung nachvollziehen zu können, müssen wir uns in der Tat wieder Justus von Liebig zuwenden, der eben nicht nur abstraktes Handlungswissen schuf. Schon 1847 hatte er auf Basis theoretischer Überlegungen die Produktion eines Rindfleischextraktes angeregt, um so die „Essenz“ des billigen und bisher kaum genutzten Fleisches in Südamerika für die breite Mehrzahl der europäischen Bevölkerung zu nutzen (Spiekermann, 2018, 130-138). Doch es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, ehe mit Hilfe vor allem deutschen Kapitals 1864 die Liebig’s Extract of Meat Company in Fray Bentos, Uruguay, die Produktion aufnehmen konnte. Südamerika bot in der Tat großflächige Weidegebiete und erlaubte eine preiswerte Aufzucht von Rindern. 30-32 Kilogramm Fleisch dienten zur Produktion von einem Kilogramm Fleischextrakt. Das von Fett und Sehnen größtenteils, von Knochen vollständig befreite Fleisch wurde dazu auf etwa 70-80° C erhitzt, der aroma- und mineralstoffreiche Extrakt abgeführt. Übrig blieben Knochen und ausgelaugtes Fleisch, also Abfallprodukte mit hohem Phosphor- bzw. sehr hohem Eiweißgehalt. Die zahlreichen in Mitteleuropa etablierten Knochenmühlen verhinderten Importerfolge von Knochenmehl, doch entsprechende Fleischreserven gab es hier nicht. Sie wurden in Fray Bentos getrocknet, gemahlen und sodann als Liebigsches Fleischfuttermehl weltweit vertrieben.

Das neue Futter fand nicht zuletzt wegen seines mehr als 70%igen Eiweißanteils rasch Interesse bei deutschen Wissenschaftlern und Landwirten. Im Deutschen Reich gab es zwar zahlreiche „Kraftfuttermittel“, doch Rapskuchen, Malzkeime oder Leguminosenkörner waren eher eiweißarm. Fleischmehl hatte zudem einen relativ hohen Fettanteil, der nur von verschiedenen Ölkuchen erreicht wurde. Es füllte demnach eine Lücke, die Jahrzehnte später durch Sojafuttermittel geschlossen wurde. Die chemische Zusammensetzung war also verheißungsvoll, entsprechend engagiert begannen seit den späten 1860er Jahre breit angelegte Fütterungsversuche. Der Bonner Physiologe Eduard Kemmerich (1845-1916) – später Fleischextraktproduzent in Santa Elena, Argentinien – erprobte 1869 das Fleischfuttermehl an Schweinen. Durch Zumischungen von Kali und Kochsalz konnte er dessen Nährwert beträchtlich steigern, was bei Liebig Freude hervorrief (Eisbein, 1886, 4). Weitere Versuche erfolgten in den 1870er Jahren an vielen Orten, etwa in München (Julius Lehmann (1825-1894)), Dresden (Carl Haubner (1806-1882)), Bonn-Poppelsdorf (Friedrich Wilhelm Dünkelberg (1819-1912)) und Möckern (Gustav Kühn (1840-1892)) (Der Praktische Landwirth 11, 1874, 138; Fühlings Landwirtschaftliche Zeitung 25, 1876, 776; Deutsche Landwirtschaftliche Presse 6, 1879, Nr. 93; Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 29, 1879, 374-375).

Die zahlreichen Fütterungsversuchen zuerst an Schweinen, dann auch an Pferden, Schafen und Ochsen, ließen Marktchancen konkret werden: Anfangs war das aus Blut-, Fleisch- und Knochenabfällen hergestellte Fleischmehl von Uruguay in plombierten Säcken nach Antwerpen verschifft worden, wurde dort nochmals chemisch kontrolliert und dann als Düngemittel insbesondere in der Rheinprovinz verwendet (Gemeinde-Zeitung 12, 1873, Nr. 23 v. 19. Juni, 14). Nun aber zeigte sich, dass Fleischmehl gut verdaut und resorbiert wurde, dass man es auch zur Fleischmast und zur Produktion qualitativ besserer Milch und Butter nutzen könne. Allerdings blieb der Geruch ein Problem. Hunde bekümmerte dies kaum, Schweine und Geflügel ließen sich durch kleinere Portionen und Futtermischungen leicht überzeugen. Dagegen zeigten Pferde, Schafe und Rinder offenen Widerwillen gegen das neue Futtermittel. Doch anders als bayerische Soldaten, die sich 1875 strikt und erfolgreich weigerten, ein heimisches Fleischmehl als Suppengrundstoff zu akzeptieren, konnten die Wiederkäuer keinen effektiven Widerstand leisten. Mast- und auch Milchbauern kochten das Fleischmehl nochmals, mischten erst kleinste, dann größere Mengen dem üblichen Futter bei und erreichten so zumindest Gewöhnung auf niedrigem Niveau (H[ermann] Haefcke, Die technische Verwerthung von thierischen Cadavern, Cadavertheilen, Schlachtabfällen u.s.w., Wien/Pest/Leipzig 1899). Die Praxis setzte der Theorie des Stoffkreislaufs also klare Grenzen: Fleischmehl konnte nur ein ergänzendes Kraftfuttermittel sein, um eiweißarme Futtermittel physiologisch angemessen zu ergänzen (ca. 1 kg/Tag und Rind). Zu große Portionen konnten bei Milchvieh zudem Durchfälle hervorrufen und den Geschmack von Milch und Butter beeinträchtigen.

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Variationen des Liebigschen Fleischfuttermehls 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 19 v. 8. Mai, 7)

Der Doyen der deutschen Chemie nahm an diesen Versuchen regen Anteil. Er sandte Fleischmehl bereitwillig an alle an, die Untersuchungen durchführen wollten (Prager Landwirthschaftliches Wochenblatt 6, 1875, 32). Schon 1869 unterstützte Liebig Versuche, das Futter gezielt mit Kochsalz und Kali zu fortifizieren, auch wenn der von verschiedenen Fettsäuren herrührende Geruch dadurch kaum verbessert werden konnte. Liebig regte 1872 dann auch an, die Forschungen auf Wiederkäuer auszuweiten: „Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Fleischmehl auch von Rindvieh und Schafen gefressen wird, wenn man mit kleinen Gaben beginnt und wenn bei diesen Thieren ähnliche Erfolge erzielt werden, wie bei Schweinen, so dürfte dieses der beste Weg sein, Fleisch rasch nach Europa zu importiren; in dem Magen unserer Thiere verwandelt sich das Fleischmehl in Fleisch“ (zit. n. Der Praktische Landwirth 13, 1876, 292). Und so geschah es: „Man muß deshalb mit kleinen Portionen beginnen, dieselben mit den gern genommenen zerkleinerten Wurzelfrüchten oder Kartoffeln resp. Schlempe recht gut mischen und schon am zweiten oder dritten Tage ist die erste, durch den eigentümlichen, an Parmesankäse erinnernde Geruch entstandene Scheu überwunden. Schreiber dieser Zeilen hat bei verschiedenen Fachgenossen wiederholt konstatieren können, daß selbst unvermischt in die Krippe gestreutes Fleischmehl von den Kühen mit Begierde aufgeleckt wurde. Sie erhoben sich sofort und à tempo aus ihrer liegenden Stellung, wenn der Viehwärter zur bestimmten Zeit in den Stall trat und bewillkommneten ihn und seine ersehnte Gabe mit freudigem Gebrüll. Selbst ganz junge Kälber nehmen es gern, falls man es ihnen in Form von Brot beibringt“ (Eisbein, 1886, 30). Unabhängig vom Wahrheitsgehalt derartiger Aussagen wurde Fleischmehl jedenfalls seit Anfang der 1880er Jahre in der Kälbermast eingesetzt, galt als praktikables und sinnvolles Kraftfuttermittel für Mastochsen und auch Milchvieh. Nur selten wurde die Frage gestellt, ob es sinnvoll sei, ein tierisches Produkt an einen Pflanzenfresser zu verfüttern (Fleischmehl aus Fray Bentos, als Kraftfuttermittel für Rindvieh, Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft 1875, Nr. 50 v. 11. Dezember, 365). Die abstrakte Vorstellung des tierischen Stoffwechsels reduzierte Futter auf chemische Inhaltsstoffe – und diese waren grundsätzlich austauschbar. Auch wenn das Fleischmehl vorrangig zur Fütterung der omnivoren Schweine eingesetzt wurde, etablierte es sich als Ergänzungsfutter für Wiederkäuer (Karl Römer, Die Kraftfuttermittel, 2. Aufl., neu bearb. v. F[ranz] Weckesser, Stuttgart 1911, hier 99-102; Das Fleischfuttermehl und sein hoher Werth für die Landwirthschaft, Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1894, 670-671; Fleischfuttermehl, in: Konrad zu Putlitz und Lothar Meyer (Hg.), Landlexikon, Bd. 2, Stuttgart 1911, 637).

Seit den 1890er Jahren wurde die Palette tierischer Futtermittel nochmals erweitert. Neben die auch von zahlreichen Konkurrenten der Liebig Company in Argentinien, Australien und den USA vermarkteten Fleischmehle traten zuerst Rückstände aus der sich langsam entwickelnden Fleischkonservenindustrie, dann aber vor allem die Tierkörpermehle. Dabei handelte es sich um Restprodukte aus der schnell an Gewicht gewinnenden Tierkörperbeseitigung (Boretius, Das Abdeckereiwesen und seine Regelung, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 34, 1902, 475-498). Während zuvor Schlachtreste, Kadaver und kleinere Haus- und Nutztiere meist vergraben wurden, die Verarbeitung auch zu Dünger nicht die Regel war, setzte nun eine tiefgreifende, allerdings auf größere Städte begrenzte Mechanisierung der Tierkörperbeseitigung ein. Seit Anfang der 1890er Jahre wurden leistungsfähige „Desinfectoren“ eingesetzt, in denen die Tierreste unter hohem Druck (bis zu 7 bar) und hohen Temperaturen (ca. 90-100° C) bis zu 8 Stunden lang zu Tierkörpermehl (und anderen Produkten) verarbeitet wurden. Diese Maßnahmen galten als ausreichend, um sämtliche Krankheitskeime sicher abzutöten (J[ohannes] Haas, Über Kadaververnichtung und -Verwertung, Der Zeitgeist 2, 1909, 474-477). Damit konnten die meist an größeren Schlachthöfen angesiedelten Abdeckereien ihren Markt erweitern: An die Stelle einer aufwändigen Seifenfett- und Düngerproduktion (Verwerthung der Tiercadaver, Vereinigte Laibacher Zeitung 1874, Nr. 48 v. 28. Februar, 1005) traten vermehrt „Tierkörpermehl“ bzw. „Tiermehl“ als Futtermittel vornehmlich für Schweine. Die Städte trugen diesen Prozess, das Reich sicherte ihn rechtlich ab. Das Tierkadaverbeseitigungsgesetz von 1911 institutionalisierte diese Praxis grundsätzlich und beendete – trotz beträchtlicher Ausnahmen – das „wilde“ Entsorgen der Tierkadaver (Begründung des Tierkadaverbeseitigungsgesetzes v. 17.06.1911, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 35, 1911, 727-745, hier 729). Die Menge potenziellen Tierfutters stieg somit vor dem Ersten Weltkrieg deutlich an, obwohl die Bedeutung des südamerikanischen Fleischmehles aufgrund der wachsenden Bedeutung des internationalen Fleischkonserven- und Gefrierfleischhandels sowie effizienterer Fleischextraktproduktion tendenziell sank. Liebig’s Extract of Meat Company produzierte aber nach wie vor beträchtliche Mengen: 1898 handelte es sich um 2.440 Tonnen Fleischmehl und 2.950 Tonnen fleischhaltige Düngemittel (Allgemeine Zeitung 1901, Nr. 117 v. 28. April, 14).

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Tierkörperverwertung in der städtischen Abdeckerei Dresden-Löbtau, ca. 1900 (Apparate und Transportwagen zur Verwertung und Beseitigung von Tierkadavern und Schlachthofkonfiskaten, Berlin 1908, 11)

Gleichwohl ergaben sich beim „Kadavermehl“ neue Probleme. Denn während Schweine und Geflügel auch dieses Futter fraßen, zeigten Wiederkäuer eine noch deutlichere Abneigung (F[ranz] Honcamp (Hg.), Die tierischen Abfallstoffe Blutmehl, Fleischmehl, Tierkörpermehl und Waltiermehl […], Berlin 1932, 72). Dies galt nicht zuletzt, weil nicht mehr allein Fleisch, sondern auch Knochen und Eingeweide zu Tierkörpermehl verarbeitet wurden: „Während beim Liebig’schen nur eine Fleischsorte gesunder geschlachteter Tiere verarbeitet wird, werden in den Abdeckereien Fleischsorten aller möglichen Provenienzen verwendet; kranke, zum menschlichen Konsum ungeeignete Tiere, Hunde, Katzen, verendete Tiere, verdorbene Fleischwaren, Schlachthausabfälle etc. Aus dieser Verschiedenheit des Rohmaterials folgt schon, daß die Kadavermehle sehr große Schwankungen in ihrer Zusammensetzung aufweisen müssen“ (Johann Wittmann, Über den Einkauf von Fischfuttermittel mit besonderer Berücksichtigung der Verdaulichkeit, in: Adolf Gasch (Hg.), Die Teichwirtschaft, Bielitz 1911, 40-62, hier 41). Zugleich sank der Eiweißanteil auf ca. 50 %. Entsprechend fielen die Preise, nur große Tierkörperverwertungsanlagen arbeiteten kostendeckend (ca. 1.500 Tonnen Tierkörpermehl wurden 1908 reichsweit vertrieben, während die Fleischmehlimporte bei etwa 5.000 Tonnen lagen (Haas, 1909, 476, 477)). Zugleich aber regte sich auch öffentlicher Widerstand gegen „Müllschweine“ oder aber „Kadavermehl“. Deutlichen Niederschlag fand dieser beispielsweise beim Interessenverband der Nahrungsmittelindustrie, dem Bund Deutscher Nahrungsmittel-Fabrikanten und Händler. Er empfahl die Produkte der „Kadaver-Vernichtungsanstalten“ als Dünger, empörte sich aber über die „allgemeine Verwendung in der Schweinemästerei“ (Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1, 1903, 70-71, hier 70). Die Gewerbetreibenden argumentierten moralisch: „Billig ist solches Futter allerdings, aber es bedarf keines Wortes, daß die Fütterung mit Kadaverfleisch ekelerregend ist und das Fleisch der so gemästeten Tiere unbedingt als minderwertig angesehen werden muß“ (Deutsche Nahrungsmittelmittel-Rundschau 6, 1908, 71). Auch der Deutsche Fleischer-Verband kritisierte den Einsatz fast aller Abfälle, insbesondere aber von Fischabfällen, dem Fleisch kranker Tiere, von Blutmelasse und Zentrifugenschlamm (Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 3, 1905, 168). Doch die geforderte Deklarationspflicht kam nicht zustande. Zu Zeiten hoher Importzölle auf Fleisch und Getreide und fast regelmäßiger Fleischteuerungsdebatten war ein erschwinglicher Preis jedenfalls wichtig für diejenigen, die sich Moral nicht wirklich leisten konnten. Entsprechend bildete sich vor dem Ersten Weltkrieg bei Agrarwissenschaftlern und Hygienikern ein Konsens reflektierter Distanz aus. „Kadavermehl“ sei zuerst Dünger und nur in zweiter Linie ein Futtermittel, „denn bei der Art seiner Gewinnung ist es doch gar nicht ausgeschlossen, dass auch das Fleisch vergifteter Tiere, oder doch solche tierische Stoffe, die sich selbst infolge Fäulnis starke Gifte haben entstehen lassen, verwendet wird“ (Römer, 1911, 101). Obwohl es eine merkliche Milzbrandgefahr gab, wurden Tiermehl und Tierkörpermehl dennoch weiterhin an Schweine und auch an Wiederkäuer verfüttert. Blutmehl und Reste der Fleischkonservenindustrie füllten ebenfalls die Futtertröge.

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Trocknung von Fleischkadavern im Extraktions- und Trockenapparat System Grove (Apparate und Transportwagen zur Verwertung und Beseitigung von Tierkadavern und Schlachthofkonfiskaten, Berlin 1908, 15)

Der Erste Weltkrieg führte dann zu einer wesentlich intensivierten Nutzung der Tierkadaver und Fleischreste, brachen doch die Fleischmehlimporte aufgrund der alliierten Wirtschaftsblockade zusammen (W. Hoenig, Kadaververwertung, Kosmos 15, 1918, 145-146). Kommunen und Länder bauten neue Kapazitäten auf, um Fleisch und Fett, Futter und Dünger in größerem Umfang zu gewinnen. Die Ergebnisse blieben völlig unzureichend. Großbetriebliche Modellanlagen, wie etwa die 1908 eingeweihte Fleischvernichtungs- und Verwertungsanstalt in Rüdnitz bei Bernau, blieben Ausnahmen. Insbesondere auf dem Lande wurden Kadaver auch während des Krieges meist verbrannt und vergraben (Verwertung der Tierkadaver, Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 24, 1916, 239). Die Forschung für Futtersubstitute wurde intensiviert, doch all dies konnte nicht vergessen machen, dass die Kosten für die Tiermehlproduktion sich erst bei einem jährlichen Produktionsvolumen von 200 Tonnen amortisierten (R[ichard] Fischer, die Beseitigung, Vernichtung und Verarbeitung der Schlachtabfälle und Tierleichen […], Stuttgart 1905, 148). Reichsweit erreichten das nur wenige Anlagen. Abdeckereien blieben aufgrund hoher Maschinenkosten und geringer Futterpreise meist Zuschussbetriebe. Während des Krieges wurden die vorhandenen Fleischkörpermehle – nach dem „Schweinemord“ von mehr als fünf Millionen Tieren 1915 – verstärkt für eine fettreichere Milchproduktion genutzt (H. Kleemann, Gewinnung von volkswirtschaftlich bedeutungsvollen Werten aus Tierleichen, Schlachthausabfällen usw., Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure 63, 1919, 1062-1066). Daneben baute die Kaiserliche Armee beträchtliche Kapazitäten für die eigene Fleischversorgung auf.

08_Deutsche Tierärztliche Wochenschrift_25_1917_98 und Nr 36_pI_Tiermehl_Tierkörperverwerter_Militärverpflegung_Preuß-Winzen_Viersen

Mobiler Tierkörperverwerter für den Feldeinsatz (Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 25, 1917, 98 (l.); ebd., Nr. 36, I)

Nach Kriegsende dauerte es Jahre bis zu einer begrenzten Entspannung auf dem Futtermarkt. Die neuerliche Anbindung an den Weltmarkt und der Abbau der Zwangswirtschaft erfolgte erst 1920/21. Dann aber nahm die Bedeutung tierischer Futtermittel wieder rasch zu, insbesondere durch große Mengen importierter Fisch- und Walmehle. Mischfuttermittel gewannen dadurch rasch an Bedeutung, Tiermehl wurde oft eine nicht mehr sichtbare, weil nicht mehr explizit beworbene Ware. Angesichts großer Außenhandelsdefizite und wachsender Autarkiebestrebungen wurde die Produktion von „deutschem Tiermehl“ dennoch gezielt gefördert (Heyck, Über Tiermehl, Tierkörpermehl, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 45, 1934/35, 206-209; G[ustav] Fingerling, Bedeutung der Schlachthofabfälle für die Fütterung, Mitteilungen für die Landwirtschaft 50, 1935, 968-969). 1925 dürften im Deutschen Reich ca. 4.500 Tonnen Tierköpermehl produziert worden sein (E[rich] Moegle, Der heutige Stand der Regelung des Abdeckereiwesens, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 35, 1924/25, 211-213, hier 213). Die während des Krieges aufgebauten Kapazitäten konnten während der Friedenszeit deutlich besser genutzt werden. Die heimische Produktion profitierte aber auch von der in den späten 1920er Jahren nach langen Vorarbeiten erfolgten Standardisierung des Futtermittelmarktes. Mit dem parallel zum Lebensmittelgesetz erlassenen Futtermittelgesetz vom 1. November 1927 wurden erstmals rechtlich verbindliche Begriffe festgelegt: Die aus geschlachteten und gesunden Tieren produzierten Futtermittel wurden abhängig von ihrem Knochengehalt als Fleischmehl, Fleischknochenmehl und Knochenschrote bezeichnet. Die „Kadavermehle“ mutierten dagegen zu Tierkörpermehl resp. Tiermehl. Diese Marktordnung half den Wildwuchs zu begrenzen, der in den 1920er Jahren eingerissen hatte und namentlich dem Absatz von „Kadavermehlen“ als Futtermittel zugesetzt hatte (Der fortschrittliche Landwirt 9, 1927, 378). Die Landwirte konzentrierten die Fleischfuttermittel zudem auf Schweine und Geflügel, gab es doch mit Soja- und Sonnenblumenkuchen neue preiswerte Eiweißfuttermittel für Wiederkäuer (Das argentinische Fleischmehl ein billiges Eiweißfutter, Der fortschrittliche Landwirt 11, 1929, 662-663).

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Ausgriff aufs Land: Modell einer mittleren Tierkörperbeseitigungsanlage (R[obert] v. Ostertag und E[rich] Moegle (Hg.), Die Tierkörperbeseitigung, Berlin 1940, 160)

Während der 1920er und 1930er Jahre wurde die Technik der Tierkörperbeseitigung weiter optimiert (G[ustav] Hönnicke, Entwickelung der sog. Indirekten Durchdämpfung bei der Tierkörper-Verwertung, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 36, 1925/26, 193-198, 210-212). Dies war auch eine Reaktion auf die qualitativen Verwerfungen während des Jahrzehnts der Ernährungskrise 1914 bis 1923 mit häufig gesundheitsschädlichen Angeboten. Zudem stellte die Vitaminforschung neue Aufgaben. Dämpfen und Sterilisieren reduzierte den Vitamin A-, vor allem aber den Vitamin D-Gehalt (Arthur Scheunert et al., Über den Vitamingehalt von Tiermehl […], in: Honcamp (Hg.), 1932, 48-61). Intensiv gefütterte Schweine entwickelten Rachitis, auch Verferkelungen kamen vor (F[ranz] Lehmann, Tierische Mehle und Futtermittel aus niederen Tieren, in: Mangold (Hg.), 1929, 498-527, hier 515-521). Dagegen setzte man auf neuartige Mischungen, etwa der Fortifizierung mit phosphorsaurem Kalk. Das Stoffparadigma lenkte weiterhin Denken und Handeln der Experten. Prozesstechnisch setzte man auf höhere Temperaturen, niedrigerer Druck (ca. 3-4 bar) und ein geringerer Energieaufwand. Das schien wirtschaftlich, doch auch veterinärmedizinisch geboten: „Die Temperatur von rund 140° C tötet alle Krankheitskeime absolut sicher ab“ (F[ranz] Lehmann, Tierische Mehle und Futtermittel aus niederen Tieren, in: Mangold (Hg.), 1929, 498-527, hier 518).

Während des Nationalsozialismus dominierten wehrwirtschaftliche Zielsetzungen die Tierfuttermittelproduktion. Fleischmehl wurde durch neue Verfahren ein Großteil des Fettes entzogen, um so die heimische „Fettlücke“ ansatzweise zu schließen (Franz Lehmann, Fleischmehl und Knochenschrot als Futtermittel, Mitteilungen für die Landwirtschaft 52, 1937, 192-193; Wilhelm Ziegelmayer, Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung, 4. verb. u. erw. Aufl., Dresden/Leipzig 1941, 181-198). Kurz vor dem 2. Weltkrieg hieß es stolz: „Fleischabfälle und Blut werden heute fast ausnahmslos zu Futtermehl und technischem Fett verarbeitet. Das mit modernen Apparaten gewonnene Futtermehl hat einen hohen Gehalt an eiweißartigen Stoffen. Je nach Art des Rohmaterials beträgt derselbe bei dem aus Fleischabfällen und dergleichen gewonnenem Tierkörpermehl im Durchschnitt 60-70 %, bei Blutmehl ungefähr 80 %“ (A. Lutter, Verwertungsmöglichkeit für Abfälle in der Fleischwaren- und in der Fischindustrie, Deutsche Lebensmittel-Rundschau 1939, 43-45, hier 43-44). Das Futtermehl war ein Eiweißkonzentrat, so wie von Liebig angestrebt. Insgesamt nahm seine Produktion beträchtlich zu, zumal die Importe moderat zurückgefahren wurden. Schätzungen sprachen von jährlich ca. 30.000 Tonnen Tiermehl. Angesichts von rechnerischen Ressourcen von ca. 540.000 Tonnen blieb die Stoffbilanz jedoch mager (Erich Moegle, Schlachthofabfälle und Verwertungsanlagen, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 46, 1935/36, 214-215, hier 215). Daran konnte auch das 1939 erlassene Tierkörperbeseitigungsgesetz kaum etwas ändern. Es unterstützte eine erhöhte Produktion vornehmlich in den Mittel- und Kleinstädten. Und seine Ausführungsbestimmungen legten auch die Grundprinzipien der Drucksterilisierung verbindlich fest, die im Kern bis zur BSE-Krise dauern sollten: Erhitzung auf mindestens 133°C bei 3 bar Druck für mindestens 20 Minuten. Führende Wissenschaftler hatten darauf hingearbeitet und verlautbarten selbstbewusst: „Die Unschädlichmachung von Konfiskaten und Tierkadavern bei gleichzeitiger Verarbeitung der verwertbaren Teile dürfte heute eine technisch gelöste Frage sein“ (Honcamp (Hg.), 1932, 11). Sie sollten sich irren.

Uwe Spiekermann, 15. Juni 2019

„Ramschbazar“ und Einzelhandelspionier: Das Berliner Magazin A. Lubasch

Die zahlreichen, häufig kulturalistischen Studien über die „Warenhausgesellschaft“ vor dem Ersten Weltkrieg können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bis heute eine zufriedenstellende Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Warenhäuser im Kaiserreich – und auch danach – schlicht fehlt. Diese Großbetriebe sind ein selbstreferenzieller Mythos geworden, passen sie doch perfekt in gängige, auch geschichtspolitisch nutzbare Narrative: Warenhäuser stehen für die Demokratisierung des Konsums, die Emanzipation leistungsbereiter und transnational lernfähiger jüdischer Unternehmer, für neue Freiräume von Frauen, für die Gefährdungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch Antisemiten, Nationalisten und Antikapitalisten. All das ist nicht falsch, doch es ist Stückwerk, nicht eingebettet in die Gesamtentwicklung der Gesellschaft, des Einzelhandels und der breiten Fülle schon zuvor entstandener anderer erfolgreicher Betriebsformen. Auch wenn dies vielfach auf intellektuelle Bequemlichkeit zurückzuführen ist, so hört man doch eher den resignativen Verweis auf die höchst prekäre Quellenlage, zumal in Deutschland mit seiner rückständigen Digitalisierungskultur. Ja, jede Anstrengung bleibt unbefriedigend, kann aus verstreuten Hinweisen bestenfalls ein fragmentiertes Mosaik zusammenzusetzen.

Das gilt auch – leider – für die vorliegende kleine Fallstudie über das Magazin A. Lubasch, das in den 1890er Jahre in einem Atemzug mit den damals aufstrebenden Warenhäusern und den großen Kaufhäusern genannt wurde. Der vagabundierende Intellektuelle Leo Colze (1880-1918) schrieb kurz nach der Jahrhundertwende: „Im Anfang also in Berlin war ‚Lubasch‘ in der Oranien- und Rosenthalerstraße. Er war Vorläufer der Berliner Warenhäuser“ (Berliner Warenhäuser, 3. Aufl., Berlin/Leipzig o.J., 56). Colze feierte in seinem viel zitierten Büchlein die erfolgreichen Warenhäuser, doch er wusste noch um die Verlierer des Ringens um die Kundschaft: „Lubasch machte es sich aber größtenteils zum Prinzip, nur Partiewaren zu führen, und baute die einzelnen Rayons nicht aus. Er kaufte alles Mögliche zusammen. So bekam er auch u. a. fertig, große Lager Tapeten, verschiedene Waggons Gummischuhe, etwa eine halbe Million Paar zu kaufen, von denen er noch heute übrig haben soll. Bekannt war ja besonders die Art seiner Auszeichnung mit Kreide auf alten Pappdeckeln“ (Ebd.). Das Magazin A. Lubasch hat keine archivalische Überlieferung hinterlassen. Seine Kundenansprache erfolgte vielfach abseits des Annoncenwesens, repräsentative Bilder der Läden und auch des Leitungspersonals fehlen. Eine Annäherung ist nur indirekt möglich, über Resonanzen der Firma bei Gegnern und Zeitgenossen. Schauen wir also, wie weit wir bei diesem Puzzle kommen…

Langsames Wachstum im Familienverbund

Beginnen wir mit dem Geschäftsbetrieb selbst (und sollte ihnen die Rekonstruktion eines jahrzehntelangen mühseligen Betriebswachstums zu kleinteilig kann, übergehen sie ruhig die nächsten zweieinhalb Seiten). Im Berliner Adressbuch finden sich schon vor der Jahrhundertmitte ein „Handelsmann“ Lubasch, in der Lietzmannsgasse 2, also östlich vom Alexanderplatz, neben der damaligen Judengasse (Berliner Adressbuch 1849, 86). 1854 wurde dann ein Putz- und Modewarenhändler namens L. Lubasch in der nahe gelegenen Königsstr. 22 erwähnt (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin und Umgebungen 1854, 319). Drei Jahre später tauchte er als „Galanteriewaarenhändler“ in der Prenzlauerstr. 40 auf, wiederum in der unmittelbaren Nachbarschaft seines früheren Standortes. Damals trat jedoch auch ein „Weißwaarenhändler“ S.A. Lubasch hervor (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1857, 269). Er residierte in der Neuen Friedrichstraße 66a, also weiter südlich und westlich vom Alexanderplatz. Bei diesen beiden kleinen Händlern handelte es sich um Seelig Abraham Lubasch und seinen Sohn Levy Lubasch.

01_Überblickskarte Familie Lubasch

Überblickskarte der Geschäftssitze der Familie Lubasch 1849-1870 (1: Lietzmanngasse 2 (1849); 2: Königsstraße 22 (1854); 3: Prenzlauerstraße 40 (1857); 4: Neue Friedrichstraße 66a (1857); 5: Alte Jakobsstraße 73 (1860); 6: Weberstraße 30 (1860); 7: Kommandantenstraße 44 (1863); 8: Oranienstraße 59 (1870))Gib eine Beschriftung ein

Seelig Abraham Lubasch wurde 1797 in Posen geboren und heiratete Henriette Jette Lubasch, geb. Cohn (dagegen vermerkt Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556 den Geburtsnamen Jacob). Sie hatten zwei Söhne, Levy (1824-1894) und Philipp (1845-1909), sowie wahrscheinlich fünf Töchter, nämlich die in Filehne, Posen geborene Caroline (1830-1885), Ernestine (*1830), Berta (*1834) sowie die im nahegelegenen Schönlanke geborenen Zwillinge Julie (1843-1913) und Rebecca (1843-1892). Die Lubaschfamilie war Teil des Mitte des 19. Jahrhunderts noch starken Landjudentums in den preußischen Ostprovinzen, doch stand ebenso für dessen Wanderung in größere Städte, hier nach Berlin. Untypisch war dagegen Seelig Abraham Lubaschs Tätigkeit als Brauer, die lange Zeit vor dem Handelsgeschäft stand. Die Namenswahl der Kinder deutet auf eine offenkundige Assimilationsbereitschaft. Seelig Abraham Lubasch dürfte dem Reformjudentum eines Abraham Geiger (1810-1874) nahegestanden haben, zumindest spendete er für die von diesem Rabbiner propagierte jüdisch-theologische Fakultät in Leipzig (Allgemeine Zeitung des Judenthums 2, 1838, 339), auch wenn eine solche erst 1854 in Breslau entstand.

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Messehandel von Alexander Lubasch 1860 (Magdeburgische Zeitung 1860, Nr. 39 v. 15. Februar, 11)

Anzeigen des frühen Handelsgeschäftes in Berlin konnte ich nicht finden, wohl aber einige Angaben in der Magdeburgischen Zeitung. Anlässlich der dortigen Frühjahrs- und Herbstmessen finden wir in den späten 1850er Jahren regelmäßig Anzeigen der Familie Lubasch, die dort an einem Handelsstand Gummischuhe verkauften, durchweg amerikanischer, teils französischer Herkunft. Es unterschrieben L., P. und A. Lubasch, also wohl Levy Lubasch, sein jüngerer Bruder Philipp Lubasch und Levys Sohn Alexander Lubasch (Magdeburgische Zeitung 1856, Nr. 24 v. 29. Januar, 6; ebd. 1857, Nr. 41 v. 18. Februar, 7; ebd. 1857, Nr. 223 v. 24. September, 7; ebd. 1858, Nr. 34 v. 10. Februar, 7). Die Lubaschfamilie handelte in den späten 1850er Jahren demnach mit Gebrauchsgütern, betrieb sowohl Markt- als auch Ladenhandel, verkaufte vorrangig Fertig- aber auch noch gebrauchte Waren. Ihre Geschäfte standen damals zwischen den tradierten Formen des Trödel- und Hausierhandels und den neuen, durch Judenemanzipation und Gewerbefreiheit ermöglichten Arten ladengebundenen Absatzes.

Kleine Geschäfte dieser Art hatten zumeist eine geringe Kapitalkraft, eine nur geringe Betriebsdauer und immer wieder neue Verkaufslokalitäten. 1860 findet man Seelig Abraham Lubasch entsprechend in der Alten Jakobsstraße 73, Loewy Lubasch dagegen in der Weberstraße 30 – beide allerdings kontinuierlich als Galanteriewaren-, resp. Weißwarenhändler (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1860, Berlin 1860, 301). Die langsame Südwanderung der Lubaschfamilie hielt an, endete aber nun im Stadtteil Kreuzberg. Hier etablierte man sich. Levy firmierte bis 1868 noch in der nördlich gelegenen Weberstraße, zuletzt als Inhaber eines Posamentier- und Weißwaaren-Geschäftes (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1868, Berlin 1868, 400). Zwei Jahre später erschien er nach wie vor als Inhaber eines Posamentier- und dann Kurzwarengeschäftes, doch trat am neuen Kreuzberger Standort Oranienstraße 59 das Großhandelsgeschäft mit Schwämmen immer stärker in den Vordergrund (Allgemeine Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1870, Berlin 1870, 498). Levy Lubasch begann dieses spätestens 1867, und es ersetzte peu a peu das Kleinhandelsgeschäft mit Kurzwaren (Berliner Gerichts-Zeitung 15, 1867, Nr. 59 v. 21. Mai, 4; Berliner Gerichts-Zeitung 16, 1868, Nr. 34 v. 21. März, 6). 1880 gründete er eine gesonderte Großhandelsfirma und erteilte seinem Sohn Alexander Prokura. 1882 nahm er ihn auch als Gesellschafter des Unternehmens auf; und dieses florierte, expandierte später auch international (Berliner Börsenzeitung 1880, Ausg. v. 8. Oktober, 14; Berliner Tageblatt 1882, Nr. 586 v. 13. Dezember, 4; Amtsblatt zur Wiener Zeitung 1889, Nr. 259 v. 9. November, 733). Levy Lubasch starb am 6. Juni 1894, doch der Schwammgroßhandel wurde von seinem Sohn erst fortgeführt und schließlich an neue Inhaber verkauft, die anfangs noch den eingeführten Namen Lubasch nutzen (Volks-Zeitung 1894, Ausg. v. 7. Juni, 3; Berliner Adreßbuch 1899, Bd. 1, 898).

Alexander Lubasch war es auch, der 1863 ein Handelsgeschäft gründete, dass später zum Magazin A. Lubasch werden sollte (Volks-Zeitung 1895, Nr. 189 v. 24. April, 4). Es lag an der Kommandantenstraße 44, unmittelbar an der Einmündung zur Hauptverkehrsachse dieses Viertels, der Oranienstraße (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1864, Berlin 1864, 342). Zu diesem Zeitpunkt war das Posamentier- und Weißwarengeschäft von Seelig Abraham Lubasch bereits an seine Gattin übergegangen, er selbst starb am 4. April 1864 (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1863, Berlin 1863, 323). Es ging dann in das neue Handelsgeschäft auf. Doch es blieb nicht dabei: 1866 gründete Alexander Lubasch eine Papier- und Pappenfabrik in der Stallschreiberstrasse 32, abermals in direkter Nachbarschaft. 1868 heiratete er und verkaufte im selben Jahr die Fabrik an seinen Onkel Philipp Lubasch (Nationalzeitung 1868, Nr. 195 v. 26. April, 9; Christoph Sandler, Handbuch der Leistungsfähigkeit der gesammten Industrie des Preussischen Staates, Leipzig 1873, 11). Er sollte spätestens 1870 dann das „Posamentier- und Kurzwaarenlager“ in der Kommandantenstr. 44 übernehmen. Die genauen Umstände sind unklar, doch denkbar ist, dass dies parallel mit dem Neubau der Immobilie durch die Präge-Anstalt für Luxus- etc. Papier von Hennig erfolgte (Berlin und seine Entwicklung 5, Berlin 1871, 130).

Wer war nun Philipp Lubasch, der das Magazin A. Lubasch zu einem der bekanntesten Geschäfte Berlins ausbauen sollte? Es gibt nur karge Daten. Demnach wurde er am 27. Februar 1845 (seine Heiratsurkunde – Landesarchiv Berlin, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874-1920, Berlin I, 1890, Nr. 676 – gibt 1841 an) im pommerschen Schönlanke als Sohn von Seelig Abraham und Jette Lubasch geboren. Er starb mit 64 Jahren am frühen Nachmittag des 5. September 1909 in Berlin-Charlottenburg (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556). Lubasch heiratete am 14. August 1890, im relativ hohen Alter von 45 Jahren, die damals 24-jährige Auguste Friedländer. Die Tochter des schon verstorbenen Kaufmanns Joseph Friedländer und seiner Ehefrau Mathilde hatte am 30. September 1865 in Osterrode in Ostpreußen das Licht der Welt erblickt und war „ohne besonderen Beruf“. Sie gebar am 15. Juli 1891 einen Sohn, Kurt, und am 15. Juni 1893 eine Tochter, Lili Mathilde Henriette. Bereits am 26. Juli 1896 verstarb sie 30-jährig. Wahrlich karge Daten, doch sie deuten auf ein Leben voller Arbeit und im Familienkreis hin. In der teils digitalisierten jüdischen Presse des späten 19. Jahrhunderts taucht Philipp Lubasch nicht auf, ähnliches gilt für eine Reihe führender Berliner Tageszeitungen. Selbst die im 19. Jahrhundert gängigen Fremdenlisten enthalten nur einen einzigen Auslandsurlaub, nämlich 1882 in Österreich (Ischler Bade-Liste 1882, Ausgabe v. 1. August, 4). All das ist wenig für das Leben eines lange Zeit erfolgreichen Unternehmers.

Ähnliches gilt für die eigentliche Aufstiegsphase des Magazins bis in frühen 1890er Jahre. Lubasch reüssierte nicht im Zentrum Berlins, auch wenn das Modehaus Herrmann Gerson oder das Kaufhaus Rudolph Hertzog kaum ein Kilometer entfernt waren. Doch Kreuzberg war B-Lage, ein relativ armes Viertel mit 1890 ca. 300.000 Einwohnern, die Mehrzahl Arbeiter, kleine Leute. „Straße auf, Straße ab stand in oft sehr langen Reihen die glatte Mietskaserne, die Berlin in den sechziger Jahren für den plötzlich eindringenden Zuwanderstrom geschaffen hatte. Und in den Erdgeschossen waren, so weit es das Bedürfnis verlangte, einfache Läden geschaffen, die nach alter Sitte trocken und sachlich ihre Waren auslegten. […] Statt daß die Waren ordentlich aufgebaut waren, lagen sie in Haufen im Fenster. Die Preise, nicht zu Fünfern und Zehnern abgerundet, waren auf gelben Zetteln angegeben“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510 v. 7. Oktober, 1-2). Und doch bot das Viertel gute Wachstumsbedingungen, war es zugleich Zentrum der exportorientierten Konsumgüterindustrie, ein nahezu ideales Umfeld für die Erweiterung von Sortimenten, sei es durch Schmuck und Inneneinrichtungen, durch Lederwaren oder Besatzartikel (Peter Stürzebecher, Das Berliner Warenhaus, o.O. o.J. (1979), 13).

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Betriebswirtschaftliches Vorbild: Anzeige eines Wanderlagers auf der Karlsruher Messe 1888 (Karlsruher Tageblatt 1888, Nr. 306 v. 7. November, 4191)

Lubasch nutzte Einkaufsgelegenheiten, kaufte billige Ware aus der Nachbarschaft, aus gescheiterten Transaktionen und brachte diese dann unter die Leute. Diese Idee stammte von den sogenannten Wanderlager und Wanderauktionen (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, München 1999, 277-293). Durch das Freizügigkeitsgesetz von 1867 und die neue Gewerbeordnung im Norddeutschen Bund von 1869 fielen die früheren Begrenzungen des Gewerbebetriebes im Umherziehen, zumal die Steuerlast. Das zunehmend dichtere Eisenbahn- und Straßennetz erlaubte den Aufkauf großer Warenpartien, deren kurzfristige Konzentration an Verkaufsorten und einen raschen Abverkauf von Textilien, Kurzwaren, von Porzellan, Glas und Haushaltsgegenständen. Die Wanderlager verkauften beliebige Waren, waren nicht länger an bestimmte Sortimente gebunden. Vieles von dem, was fälschlich als typisch für die späteren Warenhäuser galt, wurde von ihnen praktiziert: Barzahlung, hohe Umschlagsgeschwindigkeiten und relativ niedrige Gewinnspannen dank geringer Fixkosten und großem Warenabsatz. Wanderlager und Wanderauktionen waren jedoch nicht stationär. Sie mieteten für kurze Zeit Verkaufsräume an, zogen dann weiter zum nächsten Ort. Der beträchtliche Erfolg dieser Unternehmen in den 1870er Jahren führte zu einer ersten massiven Mobilisierung des stehenden Gewerbes, zumal der kleineren lokal verankerten Händler. Sondersteuern halfen sie zu begrenzen, doch ihre Bedeutung blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beträchtlich. Wichtiger aber noch ist, dass ihre Grundideen auch im ladengebundenen stationären Handel vordrangen. Die Gründerkrise führte seit 1873 zu einer Vielzahl von Konkursen – und es entwickelten sich zahlreiche Partiewarengeschäfte, die Warenlager zu niedrigen Preisen absetzten. In Berlin waren das vielfach Unternehmen jüdischer Händler, etwa von Leopold Simonsohn oder Gustav Meyer (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 6. August, 7; ebd., Ausg. v. 24. September, 8). Partiewarengeschäfte dienten aber nicht nur dem Absatz von Konkurswaren, sondern zunehmend auch als Puffer für die riskante Produktion von Modewaren. Davon sollte insbesondere das Magazin A. Lubasch profitieren.

Ausgangspunkt soll ein größerer Posten Handschuhe gewesen sein. Dieser wurde mit Aushängen und Auslagen kräftig beworben. Der Absatz stieg und Lubasch nahm „immer neue Waren auf und immer neue Räume hinzu. Schließlich waren es viele Läden mit ihren dunklen Hinterräumen, in denen man die allerverschiedensten Dinge aufgestapelt sah: Pfefferkuchen, Seidenbänder, Schuhe, Heiligenbilder, Spielzeug, Handschuhe und Stiefelwichse“ (Das erste Warenhaus in Berlin, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 525 v. 15. Oktober, 2). Diese im Rückblick anekdotisch dargebotene Entwicklung erscheint recht zufällig. Doch Lubasch baute in den 1880er Jahren nicht nur sein Sortiment an Kurz- und Besatzwaren stark aus, sondern ergänzte es peu a peu um neue dauerhaft geführte Warengruppen. 1891 wies das Magazin „Posamentier-, Weißwaaren-, Strumpf-, Glas- und Porzellan“-Abteilungen auf (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.). Da ein Großteil des Einzelhandels nach vermeintlich zusammenhängenden Warengruppen organisiert war, erschien die Konzentration derartig vieler heterogener Waren in einem Geschäft als neuartig und ungewöhnlich. Es ist daher kein Zufall, dass Lubasch schon 1891 als „Waarenhaus“ bezeichnet wurde (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6) – also lange bevor der Konkurrent Wertheim diese Bezeichnung für sich wählte und kurz bevor das erste „richtige“ Warenhaus, der nur kurzlebige Berliner Kaiser-Bazar, am 15. April 1891 seine Pforten öffnete. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Lubasch auch über eigene Produktionskapazitäten, um einerseits Saisonwaren herzustellen, zum anderen aber Modewaren rasch umzuarbeiten (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8 mit Verweis auf Webereikapazitäten).

Das Magazin A. Lubasch stand in der Tradition der sogenannten Bazare, also von Vertriebsstätten billiger Gebrauchsgüter für klein- und unterbürgerliche Käufergruppen. Ausverkäufe und „krumme“ Preise waren für sie gängige Wettbewerbsmittel, ebenso die dezidierte Nutzung der eigenen Fassaden und der Schaufenster für Reklamezwecke. Sie führten zudem sogenannte Einheitspreise ein. Das tat Lubasch nicht. Doch gerade seine direkte Werbung durch Warenauslagen, Handzettel und eine größere Zahl von Schaufenstern brach mit Vorstellungen des gediegenen Fachhandels, der mit der Qualität von Waren und Service überzeugen wollte. Die Anfang der 1890er Jahre nochmals intensivierte Sortimentsausweitung orientierte sich an Kundenwünschen: „Besonders die Damen der Vororte, welche nicht so häufig nach Berlin hineinfahren möchten und doch grade dort ihre Weihnachtseinkäufe besorgen wollten, fänden es ungemein bequem, an nur eine Stelle kaufen zu können und doch auch an dieser eine recht große Auswahl verschiedenster Artikel vorzufinden. Und so werde denn Alles, was irgend dort zu bekommen sei, bei Wertheim, Lubasch etc. gekauft, während die Geschäftsleute in den Vororten sehen könnten, wo sie bleiben“ (Friedenauer Lokal-Anzeiger 1, 1894, Nr. 78 v. 19. Dezember, 1).

In solchen Zitaten spiegelt sich der Widerstand, den Lubasch, ebenso wie andere Pioniere der Branche, rasch zu spüren kam. Neben dem Vorwurf, die kleinen Händler um die ihnen zustehenden Kunden zu bringen und damit deren Untergang herbeizuführen, trat jedoch eine strikte Kritik an den billigen Konsumgütern. Sie seien nicht mehr von handwerklicher Qualität, etwa Schuhe oder Kleidung. Sie seien „Schundwaare“ (Pluto, Schundwaare, Die Zukunft 8, 1894, 43-46), billig und schlecht. Die „Uniformität der Bazarwaaren“ würde die Individualität der Käufer missachten (Rud[olf] Grätzer, Großmagazine und Kleinhandel, Blätter für Genossenschaftswesen 39, 1892, 238-240, hier 240). Das Magazin A. Lubasch stand Anfang der 1890er Jahre im Mittelpunkt von breiter geführten Debatten über die Durchsetzung massenhaft produzierter Konsumgüter als wichtiges Element der Wohlfahrtssteigerung moderner Konsumgesellschaften. Es galt als „Ramschbazar“ – und wir werden darauf noch zurückkommen. Festzuhalten aber ist, dass Lubasch Anfang der 1890er Jahre mit deutlich über einhundert Beschäftigten eine Ausnahme im Kleinhandel war. Er verkörperte ein Prinzip, das den langfristigen Trend in eine Dienstleistungsleistungsgesellschaft tragen sollte, dass nämlich „unter den heutigen Produktionsverhältnissen an den zum Verbrauch gelangenden Materialien weit mehr verdient wird, als an der Arbeit selbst“ (Max Broesicke, Das Berliner Tapeziergewerbe, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 1, T. 1, Berlin 1895, 107).

Philipp Lubasch, ein patriarchaler Arbeitgeber

Die Geschichte des Magazins A. Lubasch ist auch die Geschichte eines frühen Aufbegehrens der Beschäftigten im Handelsgewerbe gegen einen patriarchalischen Unternehmer, der sich als Herr im eigenen Haus sah und Widerspruch, gar eine organisierte Interessenvertretung, nicht akzeptierte. Dies entsprach dem Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, der vornehmlich durch den aufrüttelnden Streik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1889 auf die öffentliche Agenda gebracht wurde. Arbeiterkommissionen, vielfach noch erfüllt von Treuevorstellungen gegenüber Herrscher und gerechter Obrigkeit, drangen damals wortwörtlich bis vor die Stufen des Throns. Auch wenn der Streik ohne direkten Erfolg blieb, begann doch spätestens mit der Übernahme des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe durch Hans von Berlepsch (1843-1926) und die Kanzlerschaft Leo von Caprivis (1831-1899) ein „Neuer Kurs“, der nicht allein in einer liberaleren Zollpolitik, sondern auch in einer neuen Sozialpolitik, einer neuen Gewerbeordnung mündete. Getragen von breiten bürgerlichen Schichten, bekämpft von Linksliberalen, den ab 1890 nicht mehr verbotenen Sozialdemokraten und Konservativen, etablierte sie neuartige Schutzrechte auch im Handelsgewerbe. Die Begrenzung der Arbeitszeiten und eine langsame Reduktion der Sonntagsarbeit mochten zwar noch Stückwerk sein, doch sie setzten einen langwierigen und von strikten Auseinandersetzungen geprägten Prozess in Gang, der dann vor allem in der Weimarer Republik zu umfassenderen Verbesserungen der Lage der Angestellten im Handel führte (vgl. Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

Die Arbeiterbewegung stand derart moderaten Verbesserungen anfangs kritisch gegenüber. Der Aufstieg von Großbetrieben im Kleinhandel war für ihre Repräsentanten eine Bestätigung der simplen Gesellschaftsmechanik des Kapitalismus. Lubasch zahlte seinen Webern mittlere Löhne von 15-19 Mark pro Woche. Doch dies wurde als Hungerlohn verstanden, nicht als eine Verbesserung gegenüber dem bei 12 Mark liegenden Lohnniveau der in Berlin weit verbreiteten Hausindustrie (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8). Stattdessen dominierte das Marxsche Verelendungstheorem: „Die ganze Organisation des großen Betriebes ‚spart‘ ungeheuer an Arbeit. Durch Provisionen und Prämien wird der Eifer der Angestellten auf das Aeußerste angespornt. Die Löhne sinken hier am leichtesten, weil das große Geschäft eine dauernde Anstellung zu verbürgen scheint und weil die Thätigkeit darin eine Empfehlung für die Zukunft ist. Alle Raffinements der Ausbeutung und des Lohndruckes: Hausordnungen, Strafgelder, periodische Abstoßung und Heranziehung von Arbeitskräften, können hier ungehindert zur Anwendung kommen“ (Der Großbetrieb im Detailhandel, Die Neue Zeit 9, 1890/91, 617-624, hier 622).

Das Magazin A. Lubasch stand seit Anfang der 1890er Jahre vor allem wegen seiner Mitte der 1880er Jahre erlassenen Arbeitsordnung in der Kritik der Sozialdemokratie. Dabei handelte es sich um ein rigides Regelwerk, das Arbeitszeiten und Verhaltensweisen der Angestellten detailliert festlegte. Pünktlichkeit wurde verlangt, Unpünktlichkeit mit Lohnabzug sanktioniert. Saubere und dunkle Kleidung, festes Schuhwerk und weiße Wäsche waren vorgeschrieben, mussten von den Angestellten selbst bezahlt werden. Die Arbeitsordnung regelte das Odeur der Bediensteten, verbot etwa warme Speisen, Knoblauchwürste, alle Sorten Käse, Radieschen und Schnittlauch. Mutwillig oder fahrlässig beschädigte Ware musste ersetzt werden, nicht nur von Einzelnen, sondern auch von allen Angestellten einer Abteilung, sollte der Täter nicht ermittelt werden können. Auf viele Vergehen stand die unmittelbare Kündigung. Besonders kritisiert wurde, dass bei Krankheit nicht nur kein Lohn gezahlt wurde, sondern dass binnen zwei Stunden der Grund des Fernbleibens vom Arbeitsplatz mitgeteilt und binnen zehn Stunden ein ärztliches (und das heißt kostenträchtiges) Attest eingereicht werden musste (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6). Lubasch hätte wohl auf die aus seiner Sicht hohen Löhne verwiesen (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.), ebenso auf die sehr ähnlichen Arbeitsordnungen anderer Handelsgeschäfte. Sozialdemokraten sahen dagegen eher Analogien zum industriellen Sektor, wo gerade in der Textil- und Schwerindustrie Arbeitsordnungen genutzt wurden, um die Risiken gewerblicher Arbeit einseitig den Beschäftigten aufzubürden.

Philipp Lubasch leitete sein Magazin wie ein Patriarch. Er bestimmte, die Angestellten hatten sich an seine Anweisungen zu halten. Anfang September 1893 kam es jedoch zum Eklat. In der neuen Filiale in der Rosenthalerstraße fiel Ende August eine Unterschlagung auf – und der Missetäter wurde fristlos entlassen. „Gleichzeitig verbreitete sich aber auch im Geschäft das Gerücht, daß Herr Lubasch seine sämmtlichen Angestellten im Verdacht habe, von dem Diebstahl gewußt zu haben. Das war dem Personal doch etwas zu stark; trotz ihrer gedrückten Lage hatten sich 85 Personen, Damen und Herren, etwas bewahrt, was man im gewöhnlichen Leben Ehrgefühl nennt.“ Sie trafen sich nach Dienstschluss und verabschiedeten nach zehn Minuten Diskussion einen Brief an Philipp Lubasch, in dem sie eine genaue Untersuchung forderten, sich zugleich aber dessen Unterstellungen verbaten. Der Patriarch erfuhr davon und entließ am nächsten Morgen den vermeintlichen Rädelsführer. Doch dabei blieb es nicht: „Herr Lubasch ging zu jedem seiner Angestellten und frug: Sind Sie in der betreffenden Versammlung gewesen? und kündigte weiteren 14 Theilnehmern derselben […] während neun Angestellte sich solidarisch mit den Entlassenen erklärten und selbst kündigten“ (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 6 – auch für das vorherige Zitat). Insgesamt wurden 34 Beschäftigte entlassen bzw. nahmen ihren Hut (Vorwärts 1893, Nr. 216 v. 14. September, 4).

04_Protestversammlung gegen A. Lubasch_Vorwärts_1893_09_12_Nr214_p4

Protest gegen Maßregelungen von Angestellten 1893 (Vorwärts 1893, Nr. 214 v. 12. September, 4)

Über Löhne hätte man wohl reden können, nicht jedoch über Ehre. Der Berliner Gewerkschafts-Kommission war klar, dass angesichts zahlloser Arbeitssuchender und mangels jeglicher Organisation ein Streik aussichtslos sein würde. Daher wählte man das Kampfmittel der öffentlichen Versammlung: „Jeder, der es mißbilligt, daß die Ehre der Arbeiter mit Füßen getreten wird, hat die Pflicht, in dieser Versammlung zu erscheinen“ (Vorwärts 1893, Nr. 215 v. 13. September, 6). Als Hauptredner für den 14. September 1893 gewann man den sozialdemokratischen Gewerkschafter, frisch gewählten Reichstagsabgeordneten und späteren Reichsernährungs- und -wirtschaftsminister Robert Schmidt (1864-1943), der zuvor mit Lubasch gesprochen hatte. Die Diskussion war gehaltvoll, ergab allerdings auch, dass die Arbeitsordnungen anderer Großbetriebe, etwa des Kaufhauses Rudolph Hertzog, fast deckungsgleich mit der von Lubasch waren. Auch die Löhne mochten objektiv niedrig sein, doch sie lagen keineswegs unter denen der Konkurrenz. Schließlich hatte die lokale Frauen-Agitationskommission schon im März die niedrigen Löhne des späteren Warenhauses Wertheim moniert und sie in einer öffentlichen Protestversammlung angeprangert (Vorwärts 1893, Nr. 55 v. 5. März, 10; Vorwärts 1893, Nr. 73 v. 26. März, 4). Dennoch kamen erste Boykottforderungen gegen Lubasch auf. Am Ende der Versammlung stand Protest gegen „die ärgste Vergewaltigung und Unterdrückung seines Personals“ sowie die Pflicht, die dortigen Vorfälle und Geschäftspraktiken in die Berliner Öffentlichkeit zu tragen (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 7).

05_Lohnverhältnisse des Verkaufspersonals im Magazin A. Lubasch 1893

Eine Stellungnahme von Philipp Lubasch ist nicht überliefert. Auf die Forderungen der Angestellten ging er jedoch nicht ein. Nun nahm sich die kleine, 1890 in Leipzig gegründete Freien Vereinigung der Kaufleute der Sache an. Sie nutzte eine neuerliche öffentliche Versammlung in dem Aschinger gehörenden Etablissement Buggenhagen am Moritzplatz – also in unmittelbarer Nähe zum Lubaschschen Hauptgeschäft –, um am 27. September 1893 den „Fall Lubasch“ neuerlich aufzurollen und zugleich Mitglieder für die sozialdemokratische Branchengewerkschaft zu werben. Aus Leipzig war der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bruno Schoenlank (1859-1901) gekommen, ein führender Theoretiker und Empiriker sowie früherer Redakteur des „Socialpolitischen Centralblattes“. Das „Kapital macht vor dem Kaufmannsstande nicht Halt; […] Diese Bazare, deren Verkaufspaläste mit dem glänzendsten Komfort der Neuzeit ausgestattet sind, deren Reklamen überall hin dringen und deren elegante Geschäfte in allen Stadttheilen anzutreffen sind, – diese Geschäfte, deren Reklamewagen man die Leichenfuhrwerke der kleinen Detaillisten nennen kann, denn sie begraben nicht nur die Hoffnungen der in der Nähe der Bazare Wohnenden, sondern aller kleiner Detaillisten Berlins – diese sind nur möglich dadurch, daß Unternehmer mit großen Kapitalien sie ins Leben rufen, gegen deren Uebermacht der kleine Kapitalist nicht ankämpfen kann.“ Angestellte seien „Arbeiter im Handelsgewerbe, denn sie sind nichts anderes als Arbeiter, ausgebeutete und brutal behandelte Arbeiter, während alle die Bezeichnungen als Handlungsgehilfen, Kommis etc. auf gut Berlinisch gesagt, nur Mumpitz sind […].“ Widerstand gegen das „Pascha- und Sultansgehabe der Herren Bazarinhaber“ sei erforderlich, zumal gegen die Arbeitsordnung bei Lubasch. Hoffnungsfroh verkündete Schoenlank: „Die kapitalistische Entwickelung des Handelsgewerbes schafft die Bedingungen für den Klassenkampf auch in diesem Erwerbszweig.“ Die „Proletarier im Handelsgewerbe“ müssten sich organisieren: „Mit Blut und Tränen ist die Geschichte dieser Arbeiter-Kategorie geschrieben, wie viele junge Mädchen sind auf dem Weg der Prostitution durch diese entsetzlichen Zustände gedrängt worden, wie viele werden noch täglich dazu gedrängt; der Einzelne vermag nichts in diesem wilden Verzweiflungskampfe, nur die Gesammtheit, die Organisation! Sie sind lange genug Amboß gewesen, seien sie endlich mal Hammer!“ (Vorwärts 1893, Nr. 226 v. 26. September, 4). Die Rhetorik glich der der Mittelstandbewegung, dem damaligem Rechtspopulismus. Doch bei den Angestellten verfing sie kaum, waren diese doch vielfach überzeugt, sich durch eigene Arbeit hocharbeiten, gar ein eigenes Geschäft gründen zu können. Philipp Lubasch unterstützte auch deshalb die neu eingerichteten Fortbildungsschulen, die Aufstieg durch Qualifizierung propagierten (Harry Schmitt, Die Kaufmännischen Fortbildungs-Schulen Berlins, Berlin 1891, 81). Die Versammlung schickte schließlich eine dreiköpfige Kommission zu Lubasch, um die Arbeitsordnung zu revidieren und die Entlassungen rückgängig zu machen.

Doch der geschmähte Pascha zeigte kein Einsehen, die Gespräche mit der Kommission verliefen ergebnislos. Eine dritte öffentliche Versammlung folgte am 2. November 1893, abermals in der direkten Nachbarschaft des Magazins A. Lubasch (Vorwärts 1893, Nr. 255 v. 29. Oktober). Etwa 1500 Männer und Frauen kamen. Die Kommission berichtete, dass „Herr Lubasch auf sein Ehrenwort versichert habe, daß niemand von seinem Personal wegen der bekannten Besprechung gemaßregelt worden, daß er zu dieser Zeit gar nicht in Berlin gewesen sei, daß die rigorose Geschäftsordnung schon seit 6 Jahren außer Kraft sei und daß auch Strafgelder nicht mehr in Abzug gebracht würden“ (Vorwärts 1893, Nr. 260 v. 4. November, 10-11 – auch für die folgenden Zitate). Für die Kommission waren dies Lügen. Bruno Schoenlank referierte abermals, nun zum Thema „Wie steuert die Berliner Arbeiterschaft der Sklaverei der Angestellten in den Großmagazinen?“ Lubasch wurde als „Vertreter des Großkapitalismus“, als „Vernichter des Kleinhandels“ und als durchaus ehrenwerter Mann präsentiert. Ihn zu bekämpfen helfe allen: “Die Berliner Arbeiterschaft könne in dem Falle Lubasch sehr viel mehr wirken zu gunsten der Handelsangestellten, dem Trumpfe der modernen Handelsfeudalisten einen andern Trumpf entgegensetzen. Niemand könne gezwungen werden, Herr Lubasch seine Kundschaft zuzuwenden, bei ihm zu kaufen.“ Eine Resolution war vorbereitet worden, die neuerlich forderte, die Arbeitsordnung zu beseitigen, die Entlassenden wieder einzustellen und ihnen gegenüber eine öffentliche Ehrenerklärung abzugeben. Geschähe dies nicht, sollten die Arbeiter bei Lubasch nicht mehr kaufen. Sie wurde nicht verabschiedet, da der Unternehmer in diesem Falle Rechtsmittel gegen die Gewerkschaftskommission angekündigt hatte (Neueste Nachrichten 1893, Nr. 56 v. 4. November, 3). Doch man „nahm an, daß die Arbeiter auch ohne Annahme dieser Resolution wissen würden, was sie zu thun hätten“ (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 562 v. 3. November, 2).

Lubasch vernahm die Aufforderung, doch er folgte ihr nicht. Weitere öffentliche Versammlungen der Berliner Gewerkschaftskommission folgten (Vorwärts 1893, Nr. 262 v. 7. November, 4; Vorwärts 1893, Nr. 270 v. 16. November, 10). Doch trotz neuerlicher Appelle an Solidarität und Mitgefühl verebbte der Boykott gegen Lubasch im märkischen Sande. Das Fazit im Frühjahr 1894 war ernüchternd: „Der ‚Fall Lubasch‘ beweise, daß sich die große Masse der arbeitenden Klassen leider nicht an derartige Beschlüsse kehre“ (Vorwärts 1894, Nr. 102 v. 5. Mai, 11). Als im Mai 1894 ein neuerlicher Konsumboykott auf der Tagesordnung stand – dieses Mal gegen die Burger Schuhfabrik Conrad Tack, die ihre Waren über ein System eigener Filialen absetzte – nahm man entsprechende Resolutionen nicht an, da ein Konsumentenstreik im Einzelhandel offenbar nur begrenzte Erfolgsaussichten hatte. Das war nicht das Ende von Konsumentenboykotten, endete der Berliner Bierboykott von 1894 doch mit einem begrenzten Sieg der Arbeiterbewegung. Aus der für Konsumgesellschaften scheinbar so passgenauen Waffe wurde jedoch vornehmlich ein Mittel gegen vermeintlich willkürliche Lebensmittelteuerungen, kaum aber zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Philipp Lubasch, Besitzer eines vermeintlichen „Ramschbazars“, hatte sich in dieser Auseinandersetzung jedenfalls als konfliktfähig erwiesen und setzte damit einen konfrontativen Standard für die Großbetriebe im Kleinhandel: „Diese ersten Anfänge eines autoritären Personalwesens sollten die deutschen Häuser in der Zeit bis zum Krieg und darüber hinaus prägen“ (Heinrich Hartmann, Organisation und Geschäft. Unternehmensorganisation in Frankreich und Deutschland 1890-1914, Göttingen 2011, 218).

Der „Ramschbazar“ Lubasch als Projektionsfläche für Antikapitalisten und Antisemiten

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung bekämpfte nicht allein Lubasch, sondern für sie ging es um die Fundamente gesellschaftlicher Ordnung. Lubasch stand für den aufstrebenden Großbetrieb, für die zerstörerische Kraft des Kapitalismus. Er war ökonomisch erfolgreich, attraktiv für eine rasch wachsende Zahl von Konsumenten. Nach dem Siegeszug des zunehmend großbetrieblich organisierten Industriekapitalismus veränderte sich mit den Großbetrieben des Kleinhandels auch der Alltag der kaufenden Massen. Für die sozialdemokratischen Repräsentanten bestätigte dies ihre Gesellschaftsanalyse. Der distributive Großbetrieb galt als Angriff auf die Ehre und Würde der Beschäftigten, auf die Sittlichkeit der arbeitenden jungen Frauen. Die bewegende Kraft war das Kapital, Philipp Lubasch erschien als Agent des Weltgeistes: „Es ist eine dämonische Kraft, die in der Gier nach kapitalistischer Macht steckt. Welches typische Bild entsteht da in dem Falle Lubasch. Was kümmert den Großmann des Kleinhandels die empörte öffentliche Meinung? Er schließt sich in die enge Welt der Interessenten seines Schlages ein. Hat er einen Konkurrenten um eine Länge geschlagen, das ist seine Wollust, sein Triumph. Hat das Geschäft mit gierigen Fangarmen neuen [sic!] Artikel in sich aufgesogen, das ist seine Befriedigung. Immer vorwärts, rastlos weiter drängt ihn sein Spekulationsfieber und auf dem erbärmlichsten Druck zahlloser Mitmenschen baut sich seine überragende Größe auf. Was kümmert ihn das Murren über seine famose Hausordnung, über die klägliche Entlohnung seiner Angestellten bei nervenzerstörender Anstrengung, über die existenzvernichtenden Ramsch- und Masseneinkäufe? Er hört es kaum und denkt wie der Fabrikant in Coppé’s Gedicht vom Streik der Schmiede: ‚Ich halt‘ es aus!‘ Mögen ihn Hundertausende anklagen, wenn nur ein Dutzend seiner Konkurrenten in ihm den Handelsmann großen Stils rühmt. Aber stärkerer Uebermuth, als der von Lubasch ward schon gebrochen auf Erden!“ (Alpha, Sonntagsplauderei, Vorwärts 1893, Nr. 261 v. 5. November, 10).

Die Sozialdemokraten blickten damals vor allem auf die sozialen Auswirkungen der mit dem Wachstum der Großbetriebe verbundenen Umwälzungen. Angestellte wurden zu Arbeitern, selbständige Kleinhändler zu Proletariern: „In allen Geschäftsstraßen fände man in den Schaufenstern der kleinen Geschäftstreibenden jene verhängnißvollen Plakate, welche den Ausverkauf infolge Konkurses oder wegen Aufgabe des Geschäftes anzeigten.“ Der Kleinhandel sei nicht in der Lage mit Großbazaren, „wie Werthheim [sic!], Lubasch, Herzog [sic!] u.s.w.“ (Vorwärts 1893, Nr. 123 v. 28. Mai, 10 – für beide Zitate) erfolgreich zu konkurrieren – so, wie zuvor das Handwerk der Industrie habe weichen müssen. Die „Ramschbazare“ seien Beschleuniger der Umwälzung, denn anders als die tradierten Geschäfte der Oberschicht zielten sie auf das bisherige Hauptklientel der kleinen und mittleren Händler; man vergaß dabei, dass der Handwerkshandel vor allem vom ladengebundenen Kleinhandel verdrängt worden war.

Derartige Analysen wurden von Antisemiten und der Mittelstandsbewegung dankbar aufgegriffen. Als der Vorwärts Mitte 1893 den Konkurrenzkampf von Lubasch und Wertheim thematisierte, übernahm die Zeitschrift des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stöcker (1835-1909) dessen Aussagen, fragte allerdings im altlutherschen ketzerischen Sinne „‚wo giebt es ähnliche christlich-deutsche Schleuderbazare?‘“ Die Antwort der Redakteure fiel gut marxistisch aus: „Wir kümmern uns nicht um die Religion der Schleuderbazare, und wissen nicht, ob Herr Herzog [sic!] das Ausbeutungsgeschäft besser betreibt, als die Herren Lubasch und Wertheim. Aber das wissen wir, daß tausende ‚christlich-deutscher‘, derzeit echt antisemitischer Fabrikanten und Geschäftsleute im Königreich Sachsen das Ausbeutungsgeschäft noch unmenschlicher üben, als die Firmen Wertheim und Lubasch es thun, und daß sie Hungerlöhne bezahlen, die hinter denen der Firmen Lubasch und Wertheim weit zurückstehen. Sind daran die Juden schuld, Herr Oberwinder-Stöcker?“ (Vorwärts 1893, Nr. 169 v. 21. Juli, 3 – beide Zitate).

Die Sozialdemokraten wiesen den Vorwurf des Antisemitismus immer wieder deutlich zurück; doch nicht zufällig war ihre Haltung zu den Antisemiten um Hermann Ahlwardt (1846-1914) ein umkämpftes Themenfeld auf den Parteitagen in Berlin 1892 und Köln 1893. August Bebel (1840-1913) distanzierte sich im Namen der SPD klar vom Antisemitismus – doch die Schilderung der „Kapitalisten“ trug weiterhin ebenso klare antisemitische Züge. Die sozialdemokratische Kritik an den Großbetrieben im Einzelhandel war gespickt mit antisemitischen Klischees der Geldgier, der Verführung, des Talmis oder der Unterwanderung. Es war eben kein Zufall, wenn ein wackerer Sozialdemokrat wie der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bock (1846-1931) in den Debatten über die Konsumgenossenschaften darauf verwies, „daß die großen Warenhäuser a la Rudolph Herzog [sic!], Lubasch, Wertheim etc. dem mittleren und kleineren Kaufmann mehr schadeten, als alle Konsumvereine zusammengenommen“ (Düsseldorfer Volksblatt 1894, Nr. 16 v. 18. Januar, 1). Die Debatte um Lubasch unterstreicht den Antisemitismus der Linken, auch wenn dieser in Frankreich oder Österreich noch deutlich ausgeprägter war (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. I, o.O. 1980, 82-96).

Die Mittelstandsbewegung dieser Zeit brauchte lange, bevor sie die Großbetriebe in den Blick nahm. Sie war antikapitalistisch und antisemitisch – und sie blieb es, beträchtlichen Lernprozessen zum Trotz. In den späten 1880er und frühen 1890er Jahren widmete sie sich vor allem der Konkurrenz von Hausierern, Abzahlungsgeschäften und insbesondere der aufstrebenden Konsumgenossenschaften (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland, Frankfurt a.M. et al. 1994, 32-35). Warenhäuser, das waren anfangs die Berliner „Warenhäuser“ für Offiziere und Beamte, also große Genossenschaften und Versandhändler. Der moderne Begriff des Warenhauses entwuchs erst den Debatten über die verschiedenen Sondersteuern auf Großbetriebe im Kleinhandel um die Jahrhundertwende. Großbetriebe war dagegen das anfangs entscheidende Stichwort, lernten die Mittelstandsvertreter doch durchaus von der marxistischen Todesglöckchenphilosophie. Strikt wandte man sich gegen das „Großkapital“. Erst dadurch konnten sich Negativ-Dispositive bildeten, in denen immer wieder Lubasch erschien. Seit 1893 finden wir im einschlägigen Schriftgut regelmäßig den einebnenden Verweis auf die „Bazare der Herren Werthheim [sic!], Lubasch pp.“ (Mittheilungen des Zentral-Verbandes deutscher Kaufleute 3, 1892/93, Nr. 7/8, 8) – mochten diese auch in strikter Konkurrenz zueinander stehen. Fast beliebig wurden nun Großbetriebe nebeneinandergestellt, unabhängig von ihren teils gegensätzlichen Geschäftsprinzipien. Als „Waarenhäuser“ erschienen beispielsweise der „Kaiser-Bazar (Nachfolger), Mey & Edlich, Wertheim, Lubasch etc.“ (F. Neuhofer, Unsere Zeit- und Streitfragen. IV., Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 19, 1894, 266-270, hier 270) – also ein Warenhaus, ein Versandgeschäft und zwei „Ramschbazare“. Die Bedrohungslage schien akut, doch das neue Fremde wurde nicht analysiert, sondern denunziert. Widerstand schien angeraten, gegen „die vernichtende Konkurrenz der Magazine, Lager, Großverkaufshäuser (Wertheim, Lubasch, Kaiserbazar u.s.w.)“ (Otto Wiedfeldt, Entwickelungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720 bis 1890, Leipzig 1898, 104), gegen die „Ueberwucherung von Großbazaren und Monopolgeschäften à la Wertheim, Jandorf, Lubasch, Aschingers Bierquelle, Loeser u. Wolf, Bolle etc.“ (Berliner Tageblatt 1898, Nr. 29a v. 18. Januar, 5). Hier gingen Antikapitalismus und Antisemitismus eine antiintellektuelle Allianz ein, für die es unwichtig war, ob es gegen die Meierei des christlichen Unternehmers Carl Bolle (1832-1910), den protestantischen Restaurateur und Bierschwemmenbesitzer August Aschinger (1862-1911) oder den jüdischen Warenhausbesitzer Adolf Jandorf (1870-1932) ging. Die Überlappung von Mittelstands- und Arbeiterbewegung manifestierte sich auch in dem vordergründigen Interesse am Schicksal der Beschäftigten, zumal der Verkäuferinnen: „In den Großbazaren und Massenzweiggeschäften wird der Verkauf immer mechanischer, Waarenkunde ist kaum noch erforderlich. Jeder kann dort fast ohne Vorkenntnisse verkaufen, die Waaren haben bestimmte Einheitspreise. In diesen Großbazaren u.s.w. kümmert sich der Inhaber nicht im Geringsten um die Weiterbildung seiner Angestellten, er ist dazu gar nicht im Stande. […] Nach einer anderen Statistik der Ortskrankencasse der Berliner Kaufleute wurden durchschnittlich 7 Percent Erkrankungen verzeichnet, in dem Bazar von Lubasch aber 14 Percent“ (Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Deutsches Wochenblatt 1899, Nr. 3732 v. 25. Mai, 4).

Lubasch war für diese Kritiker kein reales Geschäft, sondern Chiffre einer nicht gewollten Moderne. So konnte er, trotz nur einer Filiale, auch ein Filialtreiber werden (J. Rosenbaum, Filial-Treiberei und Massen-Bazare, Bamberg o.J. (1895), 11). 1895 gab es gar Warnungen vor anarchistischen Attentaten, welche „die Sprengung mehrerer großer Geschäfte wie Gerson, Herzog [sic!], Wertheim, Lubasch durch Dynamit“ ankündigten (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1893, Nr. 289 v. 13. Dezember, 2). Als „Ramschbazar“ stand Lubasch für neue Formen des Warenangebots, die man als „Nachahmungen aller Art, Qualitätsfälschungen, Quanitätsverkürzungen, Scheinausverkäufen und Scheinauktionen, Gelegenheits-, Reste- und Partiegeschäften“ denunzierte (Paul Dehn, Die Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Berlin 1899, 5). Die Stärke und Gefälligkeit des Feindbildes Großbetrieb ermöglichte es gar noch Jahre nach dem Ende des Geschäftsbetriebes bei Lubasch die Reden des Deutschen Antisemitenbundes mit den „Ramschbazaren“ „Wertheim, Tietz, Lubasch“ zu würzen (Im deutschen Reich 9, 1903, 545).

Der verlorene Kampf mit Wertheim

Wertheim – dieser Name fiel bereits häufiger. Das Unternehmen dieses Namens siegte im direkten Konkurrenzkampf mit dem Magazin A. Lubasch; und seit seinen triumphalen Geschäftsneubauten in Berlins Leipzigerstraße gilt es als Vorzeigebetrieb der Betriebsform Warenhaus. Und doch entstand das Warenhaus Wertheim erst im Kampf mit und in der Abgrenzung von Lubasch. Die Brüder Abraham (1819-1896) und Theodor Wertheim hatten bereits 1852 ein erstes Modewarengeschäft im mecklenburgischen Stralsund gegründet, dem 1875 ein Kurzwarengeschäft am gleichen Standort folgte. Ein Jahr später traten Abrahams Söhne Georg (1857-1939) und Hugo Wertheim (1856-1883) in das Geschäft ein, das nicht nur erfolgreich war, sondern schon früh den Berliner Markt in den Blick nahm. Für das Stralsunder Laden suchte man in Berlin Verkäufer (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 196 v. 23. August, 11), und bereits 1879 verkaufte Abraham Wertheim Modewaren in der Kochstraße 15 „unterm Kostenpreise“ (Berliner Tageblatt 1879, Ausg. v. 6. September, 12). Es schien, als würde sich eine Geschichte wie die von Lubasch wiederholen. Doch Wertheim verlagerte sein Geschäft nicht, sondern gründete 1885 eine erste Filiale in Berlins Rosenthalerstraße 27, einer jüdisch geprägten Einkaufsstraße, mehr als zwei Kilometer entfernt vom Magazin A. Lubasch. Wertheim hatte dort harte lokale Konkurrenz und war gewiss mit anderen Käufererwartungen konfrontiert als im beschaulichen Stralsund. Man passte sich an, zumal nachdem Abraham Wertheims Sohn Georg Wertheim (1857-1939) 1888 nach Berlin übergesiedelt war. Das erste Berliner Wertheimgeschäft verkaufte Waren des „billigen Massenkonsums“ (Julius Hirsch, Das Warenhaus in Westdeutschland, Leipzig 1910, 20), vornehmlich Textilien, rasch aber auch andere Gebrauchsgegenstände.

Der Kampf mit Lubasch begann, nachdem Wertheim am 31. März 1890 einen Laden an der Oranienstraße 145 eröffnet hatte. Dieser lag knapp 300 Meter von Lubasch entfernt, zielte also auf dessen Käuferklientel. Der nun einsetzende Konkurrenzkampf wurde in der zeitgenössischen Literatur mehrfach erwähnt, doch die kurzen Notate sind nahezu durchweg sachlich falsch. Das gilt auch für die Darstellung von Simone Ladwig-Winters, die einseitig die Erfolgsgeschichte Wertheims singt. Glaubt man ihr, so war die Filialgründung durchaus reizvoll, „konnte man doch messen, wer besser ankam – Lubaschs billiger Laden, der die Kundschaft allein über den Preis warb, oder Wertheims teureres Geschäft, in dem die Käufer dafür sicher sein konnten, keinen Ramsch zu erwerben“ (Erica Fischer und Simone Ladewig-Winters, Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Reinbek 2007, 72). Belege für diese Behauptung wurden nicht präsentiert – und diese steht in offenkundigem Gegensatz zur zeitgenössischen Gleichsetzung von Wertheim und Lubasch als einerseits „Ramschbazare“, anderseits Großbetriebe des Kleinhandels. Ladewig-Winters zitiert jedoch ein vermeintliches „Tagebuch“ von Georg Wertheim, das unter dem 31. März 1890, also dem Tag der Ladeneröffnung in der Oranienstraße, folgendes vermerkt habe: „Infolge der Konkurrenz mit A. Lubasch mussten die von diesem geführten Artikel, Wirtschaftswaren und Galanterie-Artikel, auch bei uns eingeführt werden. Dies bedeutet den ersten Schritt zu der Wandlung des Manufaktur-Geschäfts in den sogenannten Warenhaus-Betrieb. Wir gerieten unbeabsichtigt auf diese Bahn und ohne uns bewusst zu sein, zu welchem Ziele dieser erste Schritt führen würde. Warenhäuser gab es damals in Deutschland noch nicht; nur A. Lubasch führte außer Manufakturwaren auch Glas, Porzellan und Wirtschafts- sowie Galanterie-Artikel, jedoch in einer partiewarenmäßigen Art und nur in billigsten Qualitäten; er machte jedoch seinerzeit auf diese Weise ein großes Geschäft. Als wir also gezwungenermaßen dazu übergingen, seine Artikel ebenfalls zu führen, entstanden daraus bei uns ordnungsgemäß geführte Abteilungen, wie sie unser Geschäftshandhabung entsprachen“ (Wertheim. Geschichte eines Warenhauses, Berlin 1997, 19). Es ist offenkundig, dass es sich bei diesem Eintrag um einen später geschriebenen Rückblick auf die Geschehnisse seit 1890 handelt, verfasst unter dem Eindruck des Sieges über Lubasch. Der verfehlte Gegensatz von Ramsch- und Qualitätsware wurde von Ladewig-Winter (mit Bezug auf Stürzebecher, 1997 und – irreführend – Hirsch, 1910) zudem mit dem nicht näher kontextualisierten geflügelten Wort „Wer bei Lubasch kauft, bringt nichts von Wert heim“ unterstrichen. Belege, dass dies just 1890 bis 1895 entstanden ist, sucht man vergeblich. Entsprechende Sentenzen gab es für fast alle führenden Warenhausunternehmen und sie sind beliebig aufladbar: Im Westen des Reiches hieß es etwa „Von Tietz, man sieht’s!“ oder auch „Wer bei Tietz kauft, bringt nichts von Wert heim!“ (Werner Rubens, Der Kampf des Spezialgeschäfts gegen das Warenhaus, Köln-Ehrenfeld 1929, 14) – doch wer würde deshalb auf die konkrete Qualität der Angebote der wichtigsten Warenhausdynastie des Reiches schließen? Ladewig-Winters verschweigt schließlich auch, dass der Kampf von Lubasch und Wertheim eben nicht allein in der Oranienstraße geführt wurde, sondern dass er in mindestens gleichem Maße in der Rosenthalerstraße tobte.

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Überblickskarte des Kampfes zwischen Lubasch und Wertheim (1: Lubasch, Kommandantenstraße 44/44a (1863), 2: Wertheim, Rosenthalerstraße 27 (1885), 3: Wertheim, Oranienstraße 145 (1890-1894), 4: Lubasch, Rosenthalerstraße 49 (1893-1895); 5: Wertheim, Oranienstraße 53/54 (1894-1913, Neubau))

Um all dies nachvollziehen zu können, müssen wir uns erst einmal die Geschehnisse selbst vor Augen führen. Wertheim etablierte seinen Laden 1890 in der Oranienstraße 145, also in Laufweite von Lubasch. Doch Lubasch nahm die Herausforderung an und eröffnete seinerseits einen großen Laden in der Rosenthalerstraße 49, also schräg gegenüber dem ersten Berliner Geschäft von Wertheim. Der wiederum ließ sich nicht lumpen, kaufte Grund am Moritzplatz auf, legte zwei Häuser nieder und eröffnete 1894  seinen Neubau in der Oranienstraße 53/54. 1895 schließlich gab Lubasch auf und schloss seine Filiale in der Rosenthalerstraße. Wertheim, der 1892 schon einen ersten Laden in der Leipzigerstraße 111 eröffnet hatte, ging somit als Sieger aus dem Ringen hervor.

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Veränderung in der Nachbarschaft: Geschäftseröffnung von Wertheim in der Oranienstraße 145 am 31. März 1890 (Berliner Tageblatt 1890, Nr. 163 v. 30. März, 20)

Zu beantworten ist, warum dieser Kampf um den Kunden beträchtliches Aufsehen erregte. Nun, hier rangen zwei der größten „Ramschbazare“ Berlins um die Hegemonie im Billigsegment – und sie taten dies mit innovativen Mitteln. Es war Lubasch, der in der Kommandantenstraße begann, die Preise von Wertheim gezielt um einzelne Pfennige zu unterbieten: „Zuerst wurden die Hausfrauen wild, dann fingen die Kaufleute an, sich halb lachend zu ärgern und zu schimpfen. Dann wurde die Sache des Quartiers eine Sache der Stadt, die interessiert und belustigt den Kampf der Gegner verfolgte. Witzblätter und Couplets nahmen den Stoff auf. Und beide Gegner wurden berühmt“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510, 1-2). Wir sehen hier Marktwirtschaft in Aktion, doch Preiswettbewerb war zu dieser Zeit in breiten Teilen des Handels noch nicht üblich. Hier ging man von festen Gewinnspannen aus. Gewiss, Konsumgenossenschaften, Wanderlager, Bazare und Partiewarengeschäfte warben bereits seit längerem mit ihren Preisen. Doch im Kampf von Lubasch gegen Wertheim wurde der abstrakte Preismechanismus konkret, denn Wertheim zog nach, reduzierte seinerseits die Preise – und nun konnte das Spiel von Neuem beginnen. Der allgemeine Spott über die Kombattanten regte sich aber auch deshalb, weil das sich Unterbieten anfangs nur bei einzelnen, für den Kunden besonders sichtbaren und gut vergleichbaren Artikeln erfolgte. Diese „Lockvögel“ machten nur kleine Teile des gesamten Sortiments aus – und die Kunden lernten damit umzugehen.

Anfang 1893 nahm das Ringen richtig Fahrt auf, abermals mit Lubasch als Angreifer: „Gerade gegenüber dem bekannten Magazin von A. Wertheim ist vor kurzem eine Filiale des nicht minder bekannten Magazins von A. Lubasch (Kommandantenstraße) errichtet worden. Wer jetzt die Rosenthalerstraße in der Nähe der Weinmeisterstraße passirt, sieht zur Rechten wir zur Linken lange Reihen von Schaufenstern, die nur von den genannten Firmen besetzt sind. Beide suchen sich besonders in der Breitenausdehnung gegenseitig zu überbieten, um dem Publikum recht aufzufallen. Vorläufig verfügt aber noch die Firma Wertheim über die breiteste Front: sie hat bereits drei neben einander liegenden Häuser mit Beschlag belegt. In diesen Schaufenstern kann man alles Mögliche und Unmögliche sehen, Kochtöpfe und Damenhüter, Scheuerlappen und Reisehandbücher und tausenderlei andere Waaren in wunderlichster Zusammenstellung. Die Preise, welche mit Riesenziffern an jedem Stück befestigt sind, sind bei dem einen immer niedriger als bei dem anderen, sodaß der Passant, welcher der Skylla zur Linken glücklich entronnen ist, der Charybdis zur Rechten schließlich doch in den Rachen gerathen muß“ (Vorwärts 1893, Nr. 163 v. 14. Juli, 7). Ja, beide Firmen intensivierten den Preiswettbewerb, investierten in Außenwerbung und Kundenansprache. Es war ein Ringen auf Augenhöhe mit anfangs offenem Ausgang. Waren dienten nicht unmittelbaren Gebrauchszwecken, sondern wurden Mittel im Wettbewerb. Wertheim baute sein Geschäft nicht kühl und sachlich aus, sondern beide Geschäfte erweiterten kundennah, angestachelt von den Aktionen des Wettbewerbers. Es war just zu dieser Zeit, als der Begriff des „Ramschbazars“ zum Alltagsbegriff wurde. Doch der Vorwärts hielt dagegen, verwies auf die von Wertheim und Lubasch gleichermaßen betriebene Qualitätsdifferenzierung: „‚Ramschen‘ heißt: bei günstiger Gelegenheit billig (und zuweilen auch wirklich gut) kaufen. Die ‚Riesenbazare‘ ‚ramschen‘ nicht; sie dienen im Gegenteil eher dem kleineren ‚Ramscher‘ als Bezugsquelle. Sie kaufen nicht bei Gelegenheit Waaren aus einem Konkurse, alte Ladenhüter oder Reste von besserer Qualität auf, sondern sie geben mit ihrem ungeheuren Umsatze Jahr aus Jahr ein ganzen Fabriken Beschäftigung. In diesen Fabriken werden die Waaren von vornherein in der bescheidenen Qualität hergestellt, welche dem geringen, von der Arbeiterklasse gerade nur zu erschwingenden Preise angemessen ist […]“ (Vorwärts 1893, Nr. 8166 v. 18. Juli, 6). Entsprechend distanziert stand die Sozialdemokratie den Billigheimern gegenüber: Sie verwiesen auf die Kosten der billigen Waren, auf die Folgewirkungen auf Arbeiter und Verkäufer, die betroffenen Branchen und den Arbeitsmarkt. Und sie nahmen zugleich eine gängige Trope der mittelständischen Kritik auf, dass billige Waren eben auch schlechte Waren seien. Parallel realisierten die Sozialdemokraten die makroökonomischen Folgen der großen Billiganbieter: Sie gaben den arbeitenden Klassen den Anschein materiellen Besitzes, verbesserten über günstige Konsumgüter gar deren Lebensstandard. Dadurch aber erlaubten sie grundsätzlich aber auch geringe oder gar sinkende Löhne.

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Vorboten des Sieges: Annonce der Geschäftseröffnung von A. Wertheim in der Leipziger Straße 1892 (Berliner Tageblatt 1892, Nr. 513 v. 9. September, 4)

Die dritte und letzte Eskalation des Kampfes zwischen Lubasch erfolgte Ende 1894: Wertheim war trotz des Angriffes von Lubasch in der Lage, seinen angemieteten und zwischen durch erweiterten Laden in der Oranienstraße durch einen Neubau am Moritzplatz zu ersetzen, der nochmals 50 Meter näher am Lubaschschen Hauptgeschäft lag. „Herr Wertheim trägt sich vermuthlich mit der Absicht, seinen Konkurrenten Lubasch (Ecke Oranien- und Kommandantenstraße), in dessen Nähe er bereits vor längerer Zeit eine kleine Filiale errichtet hat, durch Errichtung eines neuen großen Waarenhauses an derselben Stelle gänzlich aus der dortigen Gegend zu verdrängen“ (Vorwärts 1893, Nr. 220 v. 19. September, 5). Wertheim hatte bereits 1892 in der Leipzigerstr. 111 ein weiteres Geschäft etabliert, das auf sechs Etagen die gesamte Palette der Gebrauchsgüter abdeckte. Es waren die Gewinne dieser Filiale, die den Neubau ermöglichten und zugleich die notwendigen Bankkredite absicherten. In der Leipzigerstraße hatte sich Wertheim nicht mehr an einem „Ramschbazar“, sondern an wohl etablierten Berliner Handelsfirmen zu orientieren. Hier traf er auf ein anderes Publikum, gehobener, solventer, interessiert an mittleren und gehobenen Qualitäten. Wertheim war in der Lage, sich einerseits früh aus dem Ringen um den Arbeiterkunden zu befreien, dieses anderseits aber zu nutzen, um sich des zuvor auf Augenhöhe kämpfenden Konkurrenten zu entledigen. Das neue, am 2. Dezember 1894 eröffnete Wertheimgeschäft in der Oranienburgerstraße 53/54 beendete die Zeitspanne, in der der „Ramschbazar von Lubasch in nächster Nachbarschaft noch als ein in Betracht kommendes Konkurrenzunternehmen“ (Die Eroberung der Leipzigerstraße, Vorwärts 1904, Nr. 281 v. 30. November, 9-10) galt. Für Wertheim war das der Durchbruch zur Respektabilität, doch es dauerte Jahre, bis die Firma in Berlin „zu Ansehen kam“ (ebd., 9). Wertheim gewann den Kampf mit Lubasch also nicht direkt, sondern indem er ihn nicht gänzlich annahm, sondern zugleich Alternativen zum Kampf fand. Lubasch verlor, weil er ihm aufging, ihn als persönliche Angelegenheit verstand.

Am Ende des Kampfes hatte sich gleichwohl gezeigt, dass Preis- und Qualitätsdifferenzierungen, Mischkalkulation, extensive Reklame und gezielte Kundenansprache Grundelemente unternehmerischen Erfolgs im Kleinhandel waren. Sie wurden von allen erfolgreichen Großbetrieben Berlins übernommen, strahlten weit in den Mittelstand hinaus. Wertheim lernte im Ringen mit Lubasch zudem, dass insbesondere die Lagerhaltung zu diesen Grundelementen gehörte. Anders als Lubasch, der stets in großen Partien kaufte und daher eine umfangreiche Lagerhaltung betreiben musste, führte Wertheim zwar die notwendigen, teils auch von der Konkurrenz aufgezwungenen Waren, hielt davon jedoch nur überschaubare Mengen. So konnte er rascher wechseln, hatte weniger Ladenhüter und geringere Fixkosten (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9).

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Aufgabe der Lubaschschen Filiale in der Rosenthalerstraße 1895 (Berliner Tageblatt 1895, Nr. 472 v. 19. Juli, 15)

Lubasch realisierte seine Niederlage nur langsam, zog dann aber die richtigen unternehmerischen Konsequenzen: Im Juli 1895 verkündete er die Schließung seiner Filiale in der Rosenthalerstraße – und seine scheinbar wunderliche Behauptung, dass dies wegen „unzureichend gewordener Verkaufsräume“ erfolge, war nicht ohne Logik. Lubasch hatte nach wie vor immense Lagerbestände, weit größer als sein Konkurrent Wertheim. Aus diesem Grunde zog sich das Ende über Monate hin (Volks-Zeitung 1895, Nr. 445 v. 2. September, 10; Volks-Zeitung 1895, Nr. 473 v. 9. Oktober, 6). Lubasch war nicht allein ein Virtuose der Verzögerung, er musste auch die Ware abverkaufen, die ihm die Luft zum erfolgreichen Kampfe genommen hatte.

Die Posse „Lupas und Wörthaim“

Die kleine Schlacht um den Kunden war geschlagen – und in einer Konsumgesellschaft war auch das eine Ware. Der ökonomische Kampf zwischen Lubasch und Wertheim fand Widerhall nicht nur in Alltagsgesprächen und Zeitungsartikeln. Auch die holde Kunst bemühte sich, genauer die Budapester Possen-Theater-Gesellschaft. Im Oktober/November 1893 legte sie der Zensur „Lupas und Wörthaim“ vor, eine derbe Parodie auf das Geschehen in der Oranien- und Rosenthaler Straße (Peter Sprengel, Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1944, Berlin 1997, 52). Autor war Donat Herrnfeld (1867-1916), ein jüdischer Schauspieler, der zusammen mit seinem Bruder Anton Herrnfeld (1866-1929) die Geschicke des Familienunternehmens bestimmte (Anton und Donat Herrnfeld, Der Humorist 28, 1908, Nr. 1, 2; Vom „Gebrüder Herrnfeld-Theater“ in Berlin, Der Humorist 29, 1909, Nr. 1, 4-6, hier 5). Die Theatergesellschaft bestand aus lediglich elf Mitgliedern, vielfach Familie, und da war das kleine „Orchester“ schon mit inbegriffen. Das Repertoire bestand aus kurzen, komischen Einaktern, meist aus dem bürgerlich-jüdischen Leben. Draller Humor, Schenkelklatscherwitze, „Komik als Selbstironie“ (Peter W. Marx, Jargontheater, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 3, Stuttgart/Weimar 2012, 170-173, hier 171). Die Gesten waren überzeichnet, die Charaktere ebenso, Männer waren noch Männer, das Ewigweibliche stets präsent. Nein, hehre Kunst boten die Herrnfelds nicht, doch Alfred Kerr (1867-1947), der kommende Kritikerpapst, schrieb 1897: Das „ist das Wundervollste und Erschütterndste an Komik, was der bescheidene Schreiber dieser Zeilen seit Geburt erlebt hat“ (Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895-1900, Berlin 1997, 271). Ihre Karriere in Berlin startete mit „Lupas und Wörthaim“, das 1893/94 mehr als 600 Aufführungen erlebte und „ein durchschlagender Erfolg“ (Heidelore Riss, Ansätze zu einer Geschichte des jüdischen Theaters in Berlin 1889-1936, Frankfurt et al. 2000, 22) wurde. Der Kampf zwischen Lubasch und Wertheim war der Ausgangspunkt dieser Posse – und man spielte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Geschehen, teils im Parodie-Theater in der Oranienstraße, teils im Grand-Hotel am Alexanderplatz, einem der vielen kleinen Varietés der Reichshauptstadt.

09_Anzeige für die Posse Lupas und Wörthaim_Hamburger Anzeiger_1894_11_16_p8_Vorwärts_1896_08_15_Nr190_p8

Langwährender Lacherfolg: Werbung für „Lupas und Wörthaim“ in Hamburg und Berlin (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 16. November, 8; Vorwärts 1896, Nr. 190 v. 15. August, 8)

Die Namensgleichheit diente jedoch nur als Köder, der Untertitel „Die concurrierenden Heiraths-Vermittler“ ist präziser. Der Inhalt dieses Einakters mit Gesang ist rasch erzählt: Die gut bemittelte Witwe Regenwurm will sich wieder verheiraten, ein Geschäft, das sich die Heiratsvermittler Lupas und Wörthaim nicht entgehen lassen wollen. Doch die holde Dame hat schon einen Favoriten, den Operettentenor Sonnenstich. Da können die Kandidaten der Vermittler – Lupas schickt den tauben Schneider Heißblut ins Werberennen, Wörthaim den Fuhrbesitzer Gottlieb – leider nicht mithalten. Doch Wörthaim weiß Rat. Denn er findet heraus, dass der Tenor den Glanz der Vorwochen, seine Braut Nett’l, ob der besseren Partie schmählich verstoßen hatte, ohne sich seiner Liebesschwüre zu erinnern. Wörthaim tut dies kund, Regenwurm versteht den Betrug, wendet sich dem soliden Gottlieb zu, die Heirat wird versprochen. Lupas steht außen vor, doch Wörthaim gibt sein stolzes Honorar der Nett’l, die nun abseits des Sonnenstichs auf dem Heiratsmarkt agieren kann (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 17. November, 2). Urkomisch, drollig, ein wenig derb, doch nicht unzüchtig – so urteilten die Kritiker. Selbst im kühlen Hamburg berichtete man von ganz außerordentlichen Lachsalven und einem Kassenmagnet erster Güte: „Unstreitig wird das Gastspiel der Budapester Possen-Gesellschaft nach allen Seiten hin einen dauernd günstigen Erfolg haben“ (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 15. November, 15).

Im hohen Norden gastierte die Possen-Gesellschaft Ende 1894, anschließend stand das Stück in Berlin weiterhin auf dem Programm (Volks-Zeitung 1897, Nr. 43 v. 27. Januar, 1; Vorwärts 1897, Nr. 283 v. 12. April, 8). Noch 1900 gab es Aufführungen (Volks-Zeitung 1900, Ausg. v. 6. März, 6). Ja, Lubasch und Wertheim waren populär, ihnen wandte sich der Volkswitz zu: Und doch hieß es „Wertheim ist es – er ist der billige Mann“ (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9 – auch das folgende Zitat). Nicht das alteingesessene Geschäft machte das Rennen, sondern der betriebswirtschaftlich besser organisierte und kapitalkräftigere Neuling aus dem Norden. Doch in den 1890er Jahren ging es noch nicht um hochwertige, gediegene Waren, sondern um den „Reiz des Billigen“, denn „es ist das Publikum, das billig kaufen will, erst billig, dann mag es gut, dann mag es schön, dann mag es tüchtig sein.“ Diese simple Sentenz gilt trotz der großer Warenpaläste von Wertheim und Tietz, denn ihre ökonomische Basis war und blieb der Massenabsatz billiger Ware. Alles andere war Zierrat und Werbung – mögen es viele Historiker auch als Essenz dieser Betriebe missverstehen.

Den Makel des Anfangs als „Ramschbazar“ konnte selbst Wertheim nicht völlig abstreifen, auch wenn schließlich Kaiser Wilhelm II. 1910 für einige hunderttausend Mark Spenden das Warenhaus in der Leipzigerstraße besuchte. Die antisemitische Presse sah dennoch nur ein „Ramschausverkaufshaus“ (Die „Wahrheit“ vor Gericht, Dresdner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 300 v. 4. November, 3). Das war es wahrlich nicht, doch derartige Dispositive blieben bestehen, kamen während der Weltwirtschaftskrise wieder auf, begleiteten die neuerliche Welle der Sondersteuern und dann der „Arisierung“, also des Zangenübergriffs von Nationalsozialisten, Banken und biederen Profiteuren. Die letzten Reminiszenzen seitens der Arbeiterbewegung klangen dagegen nostalgisch. Nachdem bei der preußischen Landtagswahl 1903 im Kreise Teltow-Beeskow Liberale und Sozialdemokratie sich nicht auf einen wohl siegreichen Kompromisskandidaten hatten einigen können, war eine Posse die Antwort auf das die Arbeiter diskriminierende Dreiklassenwahlrecht. Die sozialdemokratischen Wahlmänner waren vollständig erschienen, hoben nicht allein die Hände, um dann von der konservativen Majorität überstimmt zu werden, sondern sie nutzten das ihnen zustehende Rederecht, um der Wahlfarce Kontur zu geben, indem sie fiktive Wunschkandidaten priesen. Sie lobten etwa die vom freisinnigen Vorkämpfer Eugen Richter (1838-1906) häufig erwähnte Figur der rechtschaffenden Spar-Agnes und verlangten auch die Wahl von Lubasch und Wertheim (Das Ende der Wahl in Teltow-Beeslow, Vorwärts 1903, Nr. 273 v. 22. November, 2; Die preußischen Wahlen, Pester Lloyd 1903, Nr. 285 v. 26. November, 3). Donat Herrnfeld hätte sich wohl auf die Schenkel geklatscht.

Das langwierige Ende eines Pionierunternehmens

Mitte der 1890er Jahre war Lubasch zwar populär, doch die Wachstumskraft seines Unternehmens war nach der Aufgabe der Filiale in der Rosenthalerstraße gebrochen. Der Sieg Wertheims führte zu einer stärkeren Spreizung des Geschäftes zwischen dem steten Absatz billiger Textilien und Haushaltswaren (und der Bestände seiner Warenlager) und einer stärkeren Orientierung auf Großkunden, wie Hotels, Cafés und Gaststätten.

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Spezialisierung auf konsumnahe Dienstleistungen (Volks-Zeitung 1895, Nr. 471 v. 8. Oktober, 7)

Anders als bei Wertheim, der dank hoher Gewinne und umfangreicher Kredite seinen Betrieb konsequent ausbaute, setzte Lubasch weiterhin auch auf das tradierte Partiewarengeschäft. Während die Großen der Branche ihre Anzeigen mit immer breiteren Sortimenten anreicherten, annoncierte Lubasch nur ab und an, präsentierte dann aber wieder und wieder die gleiche Ware. Typisch hierfür waren etwa die 1897 in immer gleicher Weise angepriesenen Betten. Gut und groß sollten sie sein, doch im Vordergrund stand der niedrige Preis.

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Kontinuität des Partiewarengeschäftes 1897 (Volks-Zeitung 1897, Nr. 235 v. 21. März, 8)

Angesichts dieser Kontinuität des Partiewarengeschäftes erscheint es paradox, dass sich das Magazin A. Lubasch zwar noch nicht in seinen Annoncen, wohl aber im Berliner Adressbuch zum „Waarenhaus“ (Berliner Adressbuch 1898, Berlin o.J., Bd. 2, 278) erklärte. Ökonomisch half dies wenig. Denn die gewählte Engführung des Betriebes traf Mitte der 1890er Jahre nicht mehr allein auf die Konkurrenz von Bazaren und „Warenhäusern“, sondern zunehmend auch auf spezialisierte Anbieter. Hervorzuheben ist etwa das 1891 an der Jannowitzbrücke, also nördlich der Kommandantenstraße, etablierte Warenhaus für Gelegenheitskäufe Heinrich Hennes (Berliner Börsen-Zeitung 1891, Nr. 516 v. 4. November, 7; Berliner Tageblatt 1898, Nr. 641 v, 18. Dezember, 29).

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Anzeige eines Gelegenheitskaufs bei Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 63 v. 15. März, 9)

Lubasch reagierte hierauf. Er schaltete häufiger Anzeigen, gab diesen ein einheitliches Design. Kräftige schwarze Ränder sorgten für rasche Wiedererkennung. Zugleich annoncierte er immer wieder andere Warenposten, seien es Gardinen, Pelz- und Tapisseriewaren, Leinen, Tapeten, Glas und Tafelgeschirr. Es mag sein, dass dies in Zusammenarbeit mit Hermann Lubaschs Luxuspapierfabrik erfolgte, die auch Reklamekarten und -plakate erstellte (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898). Trotz dieses zeitweiligen Gegenstemmens begann im März 1899 die Auflösung des nach wie vor allgemein bekannten Verkaufsgeschäftes. Ein Haarsalon warb für sich noch im November mit dem Hinweis „gegenüber Magazin Lubasch“ (Berliner Tageblatt 1899, Ausg. v. 26. November, 12).

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Ankündigung der Geschäftsauflösung von Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 119 v. 25. Mai, 10)

Wie schon bei der Abwicklung der Filiale in der Rosenthalerstraße zog sich die Auflösung lange hin, war eher ein Ausverkauf auf Raten. Billig war Trumpf. So wurden Porzellangegenstände für nur 10 Pfennige das Stück verkauft, „‚um die Unzuträglichkeiten einer Gratisverteilung zu vermeiden‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 151 v. 7. Juni, 1). Die Konkurrenz zeterte, denn durch das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb von 1896 war das sogenannte Nachschieben von Waren bei Ausverkäufen unter Strafe gestellt worden. Mehr als ein Jahr nach der angekündigten Auflösung hieß es aber immer noch: „Die Auflösung des Magazin A. Lubasch muß in diesem Jahr beendet sein. Die noch vorhandenen großen Lagerbestände werden demnach zu außerordentlich billigen Preisen verkauft“ (Vorwärts 1900, Nr. 74 v. 29. März, 8).

Es ist nicht klar, wann das Magazin A. Lubasch schließlich seine Türen schloss – auch wenn dies irgendwann im Jahre 1900 geschah. Das Großhandelsgeschäft für Hotels und Gaststätten wurde noch einige Zeit fortgeführt (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032). Formal wurde die Firma A. Lubasch erst 1908 gelöscht (Berliner Tageblatt 1908, Nr. 586 v. 16. November, 11). Philipp Lubasch hatte schon vor der Jahrhundertwende das Amt des Generalvertreters der Helsingborger Gummischuhfabrik übernommen (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898) und reüssierte nach der Jahrhundertwende unter „Gummischuhe Engros“ in der Kreuzberger Michaelkirchstraße 24a (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032; ebd. 1908, Bd. 1, 1556). Lubasch wohnte auch nach der Schließung des Magazins in der Kommandantenstraße, doch zog er dann nach Wilmersdorf in die Joachimsthalerstr. 21 (Berliner Adreßbuch 1908, Berlin o.O., Bd. 1, 1556). Hier starb er am 8. September 1909.

 

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Grabstätte des Ehepaar Philipp und Auguste Lubasch auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee 2019

Sein Ableben wurde vermerkt, traf jedoch auf kaum Widerhall. Er wurde als „Gründer des ersten Berliner Warenhauses“ (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 423 v. 10. September, 8) gewürdigt, gewiss zu Unrecht. Die kurzen Notizen hoben nicht Leistungen, sondern die Niederlage hervor: „Unter der Firma A. Lubasch eröffnete der Verstorbene Ecke Kommandanten- und Oranienstraße ein Kaufhaus, das aber von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ hieß es in der Berliner Volks-Zeitung (Nr. 423 v. 10. September, 4). Auch das Berliner Tageblatt erwähnte, dass sein Geschäft „von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ (Nr. 455 v. 8. September, 10). Philipp Lubasch wurde am 9. September 1909 auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beerdigt (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 455 v. 8. September, 10), sein Grabmal steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu denen von Unternehmern wie Bernhard Loeser (1835-1901), Philipp Freudenberg (1833-1919) und Rudolf Mosse (1843-1920).

Am Ende dieses höchst fragilen Puzzles stellt sich die Frage nach der historischen Bedeutung des Magazins A. Lubasch. Das entspringt dem Wunsch, das „wirkliche Leben noch einmal unwirklich zu erfinden, nicht eins zu eins, sondern viel genauer“ (Herta Müller, Mein Vaterland war ein Apfelkern, München 2014). Das kann nicht gelingen. Lubasch war ein Übergangsphänomen, verkörperte den Aufstieg und Wandel des Kleinhandels von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der Betrieb verdeutlicht die beträchtlichen Probleme, diese Veränderungen begrifflich und analytisch klar zu fassen. Vom Handelsmann über das Magazin hin zum Warenhaus? Wohl kaum. Das Puzzle ist wohl eher eine Rückfrage an unsere Vorstellungen vom Wandel, vom geschäftlichen Erfolg. Das Magazin A. Lubasch steht quer zu gängigen linearen Vorstellungen klar zu definierender Betriebsformen, mögen wir diese auch brauchen, um uns nicht in Einzelgeschichten zu verlieren. Lubaschs Unfähigkeit, vielleicht auch Weigerung, das tradierte Partiewarengeschäft zu systematisieren, in neue, ansprechendere und noch erfolgreichere Formen zu lenken, entsprach paradoxerweise der seiner mittelständischen Konkurrenten, die in seinem Großbetrieb vor allem einen Angriff auf ihre Art des Wirtschaftens, auf ihre Art des Lebens sahen. Die Geschichte seines Magazins lenkt unsere Blicke auf höchst unterschiedliche und doch zusammenhängende Felder: Das des Aufstiegs hin zum reichen Unternehmer, das der um Würde und Einkommen ringenden Beschäftigen, auch das von Gegnerschaft und Feindschaft, so beliebig und doch unerbittlich. Das Feld der harten direkten Konkurrenz, der Niederlage im Wettbewerb, der öffentlichen Bewertung, voller Häme und doch stiller Bewunderung. All das ist eins, so wie auch die Fülle der nicht zusammenpassenden Partiewaren ein Geschäft ergab, das Magazin A. Lubasch.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2019

Humanitäres Vorzeigeprojekt und wissenschaftliches Desaster – Die Quäkerspeisung in Deutschland, 1919-1921

Der Erste Weltkrieg und die damit verbundene Wirtschaftsblockade der Mittelmächte führten im Deutschen Reich zu massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen, zu Unterernährung, Hunger und Tod. Der ineffizienten und halbherzigen Kriegsernährungspolitik gelang es seit spätestens 1916 nicht mehr, den physiologischen Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken. Die Folgen waren verheerend, auch wenn die Menschen nicht direkt verhungerten. Die Zahl der vermeintlichen Toten der Heimatfront, also die sog. „Übersterblichkeit“ durch Infektionskrankheiten, Schwäche, Überbeanspruchung und Vernachlässigung, blieb jedoch politisch umstritten. Die deutsche Seite versuchte die Zahlen nach dem Waffenstillstand möglichst hoch zu halten, um so die deutsche Opferrolle zu unterstreichen (rund 763.000 zivile Opfer der Blockade, so Schädigung der deutschen Volkskraft durch die feindliche Blockade, o.O. o.J (1919), 17). Auch mehr als ein Jahrhundert nach Kriegsbeginn finden sich derartige Zahlen in Gesamtdarstellungen. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard schrieb beispielsweise ohne solide Belege von bis zu 700.000 direkt oder indirekt durch Unterversorgung Verstorbenen (Die Büchse der Pandora, 4. durchges. Aufl., München 2014, 518). Dabei hatten deutsche Statistiker Ende der 1920er Jahre die „Übersterblichkeit“ bereits auf ca. 424.000 Personen reduziert. Dazu wurden die Grippetoten geschätzt und herausgerechnet. Parallel verwiesen sie auf die Folgen des sehr kalten Winters 1917 und des massiven Kohlemangels.

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„Übersterblichkeit“ während des Ersten Weltkrieges ([Emil] Roesle, Die Geburts- und Sterblichkeitsverhältnisse, in F[ranz] Bumm (Hg.), Deutschlands Gesundheitsverhältnisse unter dem Einfluss des Weltkrieges, Halbbd. I, Stuttgart/Berlin/Leipzig 1928, 1-62, hier 28)

Einfache Zahlen über die Kriegsfolgen sind voller Vorannahmen, planieren dabei die beträchtlichen Variationen. Sie sind dennoch hilfreich und zugleich erforderlich. Sie erlauben einen analytischen und vergleichenden Blick, machen die Fährnisse der Zeit deutlich, verweisen auf die Herausforderungen des Alltags. Demgegenüber ist die einebnende Kraft derartiger Durchschnittszahlen zweitranging, kann man doch recht sicher davon ausgehen, dass Einzelschilderungen ihren Platz in der Erinnerungskultur einnehmen werden. Das gilt auch für die Unterernährung selbst, anschaulich gemacht durch die Berechnungen des Berliner Physiologen Max Rubner (1854-1932) über den Körperzustand während des Krieges. Danach sank das Gewicht eines rechnerischen Durchschnittsdeutschen von etwa 60 kg 1913 auf lediglich 49 kg Ende 1917, ein Substanzverlust von fast 20 % (Einfluss der Kriegsverhältnisse auf den Gesundheitszustand im Deutschen Reich, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 229-242, hier 235). Auch die Körpermaße der Kinder veränderten sich gravierend, denn das Wachstum verzögerte sich beträchtlich. Die Heranwachsenden waren ca. 3-5 cm kleiner als ihre gleichaltrigen Altersgenossen vor dem Krieg (vgl. Eugen Schlesinger, Wachstum, Gewicht und Konstitution der Kinder und der heranwachsenden Jugend während des Krieges, Zeitschrift für Kinderheilkunde 22, 1919, 79-123). Viele Einzelstudien dokumentierten derartige „Körperschäden“ mittels Messungen und Wägungen. Diese empirischen Daten waren eindringlich und bedrückend, so dass eine vergleichende Umrechnung anhand der zahlreichen „Formeln des Ernährungszustandes“ bis 1918/19 nur vereinzelt statt.

Diese waren seit dem 18. Jahrhundert aufgekommen, um den körperlichen Zustand des Menschen „objektiv“ erfassen zu können. War dies anfangs Teil der Erfassung und Kategorisierung aller Lebewesen, so geriet seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts der Mensch auch als soziales Lebewesen in den Bannstrahl einer Moral- und Sozialstatistik. Das war ein wichtiges Element in den Debatten über die Industrialisierung und die soziale Frage. Körperformeln waren für Anthropologen und Statistiker von hohem Interesse, um einerseits sozialpolitisch relevante Abweichungen festzustellen. Die schwachen, kränklichen Körper der arbeitenden Klassen bildeten Argumente im Kampf um soziale Reform, mochten andere Zahlen, etwa Preise und Löhne, auch klar dominieren. Das abstrakte Wissen der Normwerte erlaubte anderseits aber auch einen Vergleich verschiedener Bevölkerungsgruppen, der Klassen, Geschlechter, Regionen und „Rassen“, also allgemeine Aussagen über das Menschengeschlecht. Vom Hauptvertreter dieser Richtung, dem belgischen Sozialstatistiker Adolphe Quetelet (1796-1874), stammte denn auch die erste Fassung des heutzutage fast ausnahmslos genutzten Body Mass Index, der damals als unbrauchbar abgelehnt wurde.

Die Bedeutung einschlägiger Normwerte und Körperformeln nahm beträchtlich zu, als nach Kriegsende Hilfsmaßnahmen karitativer Organisationen des neutralen und ehedem feindlichen Auslandes einsetzten. Sie konzentrierten sich auf die vermeintlich Schwächsten der Bevölkerung, auf die Kinder, für die auch deutlich einfacher Geldmittel zu sammeln war. Wessen Herz wird nicht durch große Kinderaugen bewegt?

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Sammlung für die deutsche Quäkerspeisung mit großen Augen und kleinen Körpern 1921 ($3,000,000 Campaign German Child Feeding August 1921 to July 1921, Phila-delphia o.J. (1921) (Bulletin of the American Friends Service Committee, No. 39), 4)

Doch Hilfsmittel sind immer begrenzt. Entsprechend erfordert Hilfe Kriterien für die Auswahl der am härtesten Betroffenen, der am dringendsten zu Unterstützenden. Schon die Auswahl der Kinder für die Erholungs- und Wiederauffütterungsreisen in die Schweiz oder aber skandinavische Staaten verlangte nach „objektiven“ Maßstäben. Ohne einheitliche Koordinierung wurden faktisch jedoch sehr unterschiedliche Kriterien angelegt, die von Arzt zu Arzt und von Organisation zu Organisation stark variierten. Diesen Zustand wollten die US-amerikanischen Quäker ändern, die 1919 schon in Österreich eine breit angelegte und wissenschaftlich fundierte Kinderspeisung begonnen hatten.

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Begegnung von Kindern, deutschen Verantwortlichen und Quäkern in Berlin 1920 (Clara Henriques, Wirkungen der Kinderspeisung und Urteile der Beteiligten, in Dies. (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 99-111, hier 110)

Nach einer ersten Studienreise im Sommer 1919 errichtete eine 15-köpfige Kadergruppe von Berlin ausgehend eine reichsweite Organisation, die im Februar 1920 mit der Kinderspeisung begann. Man startete in wenigen Großstädten, institutionalisierte die Aktion dann in immer mehr Orten (vgl. allgemein Charles E. Strickland, American Aid to Germany, 1919 to 1921, Wisconsin Magazine of History 45, 1965, 256-270; Yukako Otori, Faith-Based Belied and Postwar U.S. Foreign Policy: Quäkerspeisung as a Case Study, 2012). Schon im Juli 1920 wurden täglich mehr als 600.000 Portionen ausgegeben, im Juni 1921 die Millionengrenze überschritten. Bis zur alleinigen Übergabe des Speisungswerkes in deutsche Hände 1925 – ab Oktober 1921 deckten deutsche Gelder schon etwa die Hälfte der Ausgaben – wurden im Rahmen der Quäkerspeisung insgesamt fast 700 Mio. Portionen verteilt. Man kann davon ausgehen, dass „zum mindesten ein Viertel der in den Jahren 1907 und 1919 Geborenen einmal wenigstens ein halbes Jahr lang gespeist worden ist“ (Clara Henriques, Organisation und Durchführung der Speisung, in Dies. (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 62-93, hier 93). In einer nach wie vor hasserfüllten Nachkriegszeit war die vor allem von US-amerikanischen Spenden getragene Kinderspeisung der Quäker nicht allein Glaubenszeugnis und Akt der Barmherzigkeit, sondern zugleich ein Symbol für eine bessere, friedlichere Zukunft.

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Die Organisationskommission der Quäker in Berlin 1920 (Zeitbilder 1920, Ausg. v. 11. Januar, 2)

Doch auch ein derart großzügig dimensioniertes Hilfswerk erforderte eindeutige, „objektive“ Vorgaben für die Verwendung der gespendeten Mittel. Die Speisung sollte die körperlichen Schäden der unzureichenden Kriegsernährung so gut wie möglich ausgleichen, wurde daher als Zusatzspeisung gewährt. Maßstab für die Zulassung zur Speisung sollte einzig der individuelle Ernährungszustand der Kinder sein, wobei in begrenztem Umfang auch Schwangere bzw. Stillende und später auch Jugendliche gespeist wurden. Soziale Gesichtspunkte sollten ausdrücklich keine Rolle spielen. Damit wollte man nicht nur deutlich machen, dass alle Kinder Gottes seien, sondern auch verhindern, dass die strikten Kämpfe um die Kinderspeisung während des Kaiserreiches und der frühen Progressive Era neu aufflammten. Damals argumentierten bürgerliche Sozialreformer auf beiden Seiten des Atlantiks, dass eine strikte Begrenzung der Nahrungsabgabe auf physiologisch Bedürftige erforderlich sei, um nicht eine Kultur der Almosen zu unterstützen, die letztlich zur Verfestigung der Armut führen würde.

Die Quäker setzten allerdings voraus, dass die sozialpolitisch so fortschrittlichen Deutschen auch über ein breit gefächertes Schulgesundheitswesen verfügen würden, das Speisungsbedürftigte und Speisungsberechtigte schon ermittelt hätte. Erstaunt mussten sie registrieren, „daß man für die Quäkerspeisung auf keine allgemein anerkannten ärztlichen Untersuchungsmethoden zurückgreifen konnte und daß in vielen Städten die Zahl der speisungsbedürftigen Kinder ganz unbekannt war und eben erst durch besondere Untersuchungen festgestellt werden mußte“ (Gustav Tugendreich, Die ärztlichen Grundlagen für die Durchführung des Werkes, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 35, 1922, 181-196, hier 188). Die Frage, wie die körperliche Befindlichkeit festzustellen sei, wurde damit drängend. Es galt nicht nur knappe Mittel zu verteilen, sondern man musste auch den Ausgeschlossen begründen können, warum man sie ausschloss.

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Ärztliche Untersuchung potenziell Speisungsbedürftiger 1920 (Henriques (Hg.), 1926, 75)

Die Quäker gingen anfangs pragmatisch vor und schieden vier Gruppen voneinander: Normal ernährte, minder unterernährte, unterernährte und sehr unterernährte Kinder. Auf Basis dieser Kategorien gruppierten vor Ort Vertrauensärzte die Kinder – und das Ergebnis war ein Fiasko. Ohne klare Richtlinien über den Begriff „Unterernährung“ variierte die Anzahl der Kinder in der vierten Gruppe auch an gleichen Orten zwischen 10 % und 90 %. Der ärztliche Blick war offenbar getrübt.

Daraufhin schlug der inzwischen eingerichtete Ärztliche Beirat des Speisungswerkes im Mai 1920 eine Straffung und Präzisierung der Gruppeneinteilungen vor, nämlich „Klasse I, Kinder in ausreichend oder noch unzureichend gesundheitlichem Zustand. Klasse II, leicht unterernährte Kinder, bei denen eine Zusatzspeisung ärztlich erwünscht, aber nicht dringend erforderlich war. Klasse III, ausgesprochen unterernährte, insbesondere in der körperlichen Entwicklung (Gewicht und Länge) zurückgebliebene, skrofulöse, spätrachitische oder blutarme Kinder. Klasse IV, schwer unterernährte Kinder, die sich in einem bedenklichen Zustande, hervorgerufen durch eine längere Periode der Unterernährung befinden“ (Tugendreich, 1922, 189). Aufgrund der Autorität des Beirates – er bestand aus den seinerzeit führenden Pädiatern und Physiologen Adalbert Czerny (1863-1941), Adolf Gottstein (1857-1941), Eugen Rost (1870-1953), Fritz Rott (1878-1959), Max Rubner und Gustav Tugendreich (1876-1948) – gab es innerhalb der deutschen Wissenschaft kaum Kritik an der Einteilung bzw. der Definition der ihr zugrundeliegenden Begriffe. Entsprechend wurde die ärztliche Musterung der Kinder nun vereinheitlicht, insbesondere aber Wägungen und Messungen standardisiert.

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Optimierte Zusatzrationen zur Auffütterung 1920 (Amerikanische Kinderhilfsmission der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker). Bericht 10. – 31. Juli 1922, Berlin 1922, 9)

Die Ergebnisse wurden dadurch besser, doch den Kriterien der rechenschaftspflichtigen Quäker genügten sie noch nicht, zu aufwändig waren die Untersuchungen. Der Ärztliche Beirat griff daher das Vorbild des österreichischen Hilfswerkes auf, wo unter Leitung des Wiener Pädiaters Clemens von Pirquet (1874-1929) die Auswahl aufgrund des von diesem selbst entwickelten Gelidusi-Indexes erfolgte (Fr[anz] Hamburger und K[arl] Jellenigg, Die Gelidusimethode zur Feststellung des Ernährungszustandes, Wiener klinische Wochenschrift 67, 1920, 1131-1132). Dieser war jedoch sehr komplex – der Index basierte auf der 3. Wurzel des durch die Sitzhöhe geteilten 10-fachen Gewichtes eines Kindes – und konnte nur von damit gut vertrauten Ärzten ermittelt und gehandhabt werden. Zudem akzeptierten die meisten deutschen Fachleute nicht das dem Index zugrundliegenden Nem-System, das Pirquets Arbeitsgruppe zwar mit Erfolg in der Säuglingspflege in Wien angewandt hatte, das aber zugleich die Grundlagen der „deutschen“ Ernährungsphysiologie in Frage stellte. Nicht mehr Kalorien resp. die Trias Eiweiß, Kohlehydrate und Fett sollten die Grundlagen für Ernährungsratschläge bilden, sondern die Nähr-Einheit-Milch, die dem Eiweiß eine klare Priorität einräumte (vgl. William E. Carter, The Pirquet System of Nutrition and its Applicability to American Conditions, Journal of the American Dietetic Association 77, 1921, 1541-1546 sowie umfassend Clemens v. Pirquet, System der Ernährung, 4 T., Berlin 1917-1920). Man übernahm daher zwar die Grundidee des die Auswahl erleichternden und begründenden Indexes, bettete sie jedoch anders als in Österreich nicht in ein pädiatrisches Gesamtkonzept ein. Das war angesichts des weitaus größeren und heterogenen Deutschen Reiches grundsätzlich angemessen. Doch als Alternative zur Körperformel Gelidusi-Index wählte man den bis dahin relativ unbekannten Rohrer-Index, obwohl dessen Nutzung als Index des Ernährungszustandes schon vor dem Krieg in kaum beachteten Einzelstudien diskutiert und kritisiert worden war (etwa Jakob Matusiewics, Der Körperlängen-Körpergewichts-Index bei Münchner Schulkindern, Med. Diss. München 1914).

07_Zeitschrift für Kinderheilkunde_29_1921_p221_Normwerte und Körperindizes

Normwerte auf Grundlage unterschiedlicher Körperindizes (untere Kurve Rohrerindex) – verglichen mit der Entwicklung der Körperproportionen (M[einhard] Pfaundler, Über die Indices der Körperfülle und über „Unterernährung“, Zeitschrift für Kinderheilkunde 29, 1921, 217-244, hier 221)

Die 1908 vom Schweizer Anthropologen Fritz Rohrer (1888–1926) vorgeschlagene „Formel zur Bestimmung der Körperfülle“ (Eine neue Formel zur Bestimmung der Körperfülle, Korrespondenz-Blatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Frühgeschichte 39, 1908, 5-7) lautete: Maß der Körperfülle gleich Gewicht durch Länge hoch 3. Faktisch handelte es sich um die mit 100 multiplizierte Buffon-Formel des 18. Jahrhunderts (Gustav Oeder, Der Rohrersche Index als Kriterium für die Auswahl zur Amerikaspeisung, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 1368). Mittels nicht eigens bekannt gemachter Körperdaten erstellte der Ärztliche Beirat eine Indexreihe für die Normalentwicklung bis zu 18-jähriger Kinder (Ergebnisse der im Jahre 1920/21 auf Veranlassung der Kinderhilfsmission der „Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) von Amerika“ durchgeführten ärztlichen Musterung von Schulkindern in Deutschland zur Feststellung ihrer Speisungsbedürftigkeit, Veröffentlichungen des Reichsgesundheitsamts 46, 1922, Nr. 16, Sdr.-Beil., 269-274, hier 269). Die Schulärzte hatten die Kinder nun zu messen und zu wägen, um schließlich den Rohrerindex für jedes Kind einzeln zu ermitteln. Lag der Wert um 15 oder mehr Prozent unter dem Normalwert, so sollte eine Speisung erfolgen – zumindest, wenn die zuvor erfolgte ärztliche Musterung nicht eine Höhergruppierung ergab. Lag die Abweichung niedriger bzw. über dem Normalwert, so wurden die betreffenden Kinder von der Speisung ausgeschlossen – es sei denn, der untersuchende Arzt befürwortete sie ausdrücklich. Das war ein klar definiertes Verfahren, viel weniger aufwändig als die eben nur in Ausnahmefällen vorgesehene individuelle ärztliche Untersuchung. Der Ärztliche Beirat hoffte so den durch die unterschiedlichen Kategorisierungen verunsicherten Ärzten ein sicheres Hilfsmittel an die Hand gegeben zu haben, um Speisebedürftige von nicht Speisebedürftigen scheiden zu können.

Wie war nun das Ergebnis? 2-2,25 Millionen Schüler wurden gespeist – doch es waren vielfach nicht die Richtigen. Die Untersuchungsärzte sahen sehr wohl, dass vielfach auch durchschnittlich entwickelte Kinder ausgewählt wurden, während kleine, untergewichtige und zurückgebliebene Kinder vielfach ausgeschlossen blieben. Vor Ort versuchten sie die Folgen dieser Indexselektion zu mindern und leiteten ihre Ergebnisse an die Berliner Zentrale weiter. Dort wurde das Steuer jedoch (noch) nicht herumgerissen. Die interne Kritik drang vereinzelt Ende 1920, dann in immer stärkerem Maße 1921 in die Öffentlichkeit. Der Einsatz des Indexes für die Ermittlung des Ernährungszustandes glich schließlich dem Unterfangen, den Inhalt einer Kiste aus deren Gewicht und Höhe ermitteln zu wollen.

Der Aussagewert des Rohrerindexes war offenkundig gering. Die Dreierpotenz bei der Länge führte zu deren Überbewertung. Die Kriegsernährung hatte zu einer generellen Veränderung der Körperproportionen geführt, die „Norm“ war also nicht mehr die Norm. Die damaligen Kinder waren leichter und kleiner als die der Vorkriegszeit, während sie zugleich relativ breiter waren. Durchschnittlich waren Kinder 1919 daher schwerer als gleich große Kinder 1913 (vgl. hierzu [Ignaz] Kaup, Einwirkung der Kriegsnot auf die Wachstumsverhältnisse der männlichen Jugendlichen, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 693-696; Redeker, Über die Eignung des Rohrerschen Index zur Bestimmung der Unterernährung der Schulkinder und über die dazu gestellte Tabelle, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 34, 1921, 4-11; [Theodor] Fürst, Die Jugendlichen in ungelernten Berufen vor und nach dem Kriege, ebd., 129-134). Der Rohrerindex und die Referenzdaten berücksichtigten diese Veränderungen nicht. Als Index des Ernährungszustandes versagte der Rohrerindex daher nahezu vollständig. Auch zuvor überzeugte Kliniker erkannten, „daß unterernährte, aber unter dem Mittelmaß des Altershalbjahrs kleinere Kinder nicht niedrigere, sondern höhere Indexwerte als nach Maßgabe der Indextabelle aufwiesen und gut genährte über das Mittelmaß an Länge größere Kinder hinwieder niedrigere Indexwerte als die Indextabelle zeigten. Die ersteren hätten als übernormal ernährt, trotz klinisch festgestellter Unterernährung, bezeichnet werden müssen, die letzteren als unterernährt trotz offenkundig hinreichender Ernährung“ (I[gnaz] Kaup, Neue Grundregeln der Norm und Konstitutionsforschung, Klinische Wochenschrift 3, 1924, 1249-1254, 1297-1303, hier 1251). Rohrer selbst erkannte dies ausdrücklich an und plädierte für eine Erweiterung seiner Formel, die erst dann als Ausdruck des Ernährungszustandes gelten könne (Der Index der Körperfülle als Mass des Ernährungszustandes, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 580-582). Den Auswahlprozess stoppte diese Kritik jedoch nicht.

Die rigide Anwendung des Rohrer-Indexes wurde erst zurückgenommen, nachdem der Münchner Pädiater Meinhard Pfaundler (1872-1947) Anfang 1921 von den Zahlen absah und zur Kardinalfrage durchstieß: Lässt sich der Ernährungszustand überhaupt durch Formeln und Indexreihen ermitteln? Seine Antwort war eindeutig: Der Ärztliche Beirat sei von der im Alltag üblichen Gleichsetzung von unter- und übernormaler Körperfülle mit unter- und überernährt ausgegangen. Die Ermittlung des „Entwicklungszustandes“ eines Kindes müsse jedoch beachten, dass Unterfülle nur als Unterernährung Resultat mangelhafter oder unzureichender Nahrungszufuhr sei. Diese aber habe nur einen „bescheidenen Anteil an der Entstehung der allenthalben angetroffenen Unterfülle“ (alle Zitate aus Über die Indices der Körperfülle und über „Unterernährung“, Zeitschrift für Kinderheilkunde 29, 1921, 217-244). Den Hauptanteil hätten dagegen drei Gruppen von Kindern, die Pfaundler „Dünnknochige, Muskelschwache und Fettarme“ nannte. Übermotorik, gepaart mit dem Durchschnitt vorauseilendem Längenwachstum, mangelnde Bewegung und damit nur geringe Ausbildung der Muskulatur sowie konstitutionelle Magerkeit führte er als Ursachen für Unterfülle an. Diese Kinder seien alle untermassig, nicht aber unterernährt. Das sei durch eine ärztliche Untersuchung einfach zu ermitteln. Der Rohrer-Index ordne sie dagegen sämtlich in die Gruppe der Negativabweichler ein, erlaube ihnen also eine Zusatzspeisung, die keine wirklich positiven Ergebnisse zeigen könne. Formeln und Indizes seien als alleinige oder dominierende Mittel zur Bestimmung des Ernährungszustandes daher zu verwerfen.

Diese fulminante und fundierte Kritik überzeugte den Ärztlichen Beirat. Am 1. August 1921 gab man zwar nicht die Körpermessungen, wohl aber deren Umrechnung in Indexziffern auf. Klärend und zugleich verbrämend hieß es: „Nachdem der Rohrersche Index seine Hauptaufgabe als wichtiges Hilfsmittel bei der Ermittelung des verhältnismäßigen Standes der Speisungsbedürftigkeit der Kinder in den verschiedenen Teilen Deutschlands erfüllt hat und da die Festlegung der Längen-, Gewichts- und Altersangaben eine etwa erforderliche Berechnung des Index jederzeit ermöglichte, ist seine Anwendung durch die musternden Ärzte nicht mehr erforderlich“ (Richtlinien für die Auswahl und Eingruppierung von Schulkindern zur Teilnahme an einer täglichen Speisung. Vom 1. August 1921, in Clara Henriques (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 150-155, hier 151).

Die Folgen der verfehlten Indexanwendung sind nicht genau zu quantifizieren, dies eben stellte das Problem dar. Verschiedene Einzelstudien beziffern den Anteil der zu Unrecht gespeisten und zugleich nicht gespeisten Kinder zwischen 20 % und 50 % (vgl. etwa Bachauer und Lampart, Der Rohrersche Index als Kriterium für die Auswahl zur Amerikaspeisung, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 1296; Fritz Salomon, Die Geraer Schulkinder zu Beginn des Jahres 1921 und die Quäkerspeisung, Öffentliche Gesundheitspflege 6, 1921, 126-128; Gustav Oeder, Der Index ponderis des menschlichen Ernährungszustandes und die Quäkerspeisung, Deutsche Medizinische Wochenschrift 48, 1922, 126-128). Auch in Österreich gab es hohe, etwa ein Viertel betragende Differenzen zwischen den Indexergebnissen und ärztlicher Individualuntersuchung (vgl. Egon Helmreich und Karl Kassowitz, Körperbau und Ernährungszustand in ihrem Einfluß auf den Index der Körperfülle, Zeitschrift für Kinderheilkunde 35, 1923, 67-78, hier 74). Die beträchtlichen Differenzen führten zu durchweg enttäuschenden Gewichtszunahmen (Eugen Schlesinger, Ergebnisse der Quäkerspeisung, Concordia 7, 1920, 182-184). Untermassige, nicht aber unterernährte Kinder nahmen die Plätze derer ein, die körperlich stärker geschädigt waren. Der unreflektierte Einsatz einer Körpernorm hat inmitten einer bedrohlichen Versorgungslage dazu geführt, dass ca. 600.000-800.000 Kinder nicht die Lebensmittel bekamen, derer sie dringend bedurft hätten. Hier wurde Lehrgeld auf Kosten Betroffener bezahlt. Die offenkundigen fachlichen Defizite wurden kaum benannt, wenig diskutiert. Auf Seiten mancher Ärzte verwies man stattdessen auf vermeintlich abstrakte Mächte, etwa das „Unglück, das die Mathematik hier“ angerichtet habe (Hans Bernhardt, Hans: Kritische Bemerkungen zur Tauglichkeit des Rohrer’schen Indexes für die Auswahl der Kinder zur Quäkerspeisung, Berliner klinische Wochenschrift 58, 1921, 418-419, hier 418). Die Zahlengläubigkeit vieler Ärzte und ihre Unkenntnis, also ihr Nicht-Wissen, wurden dagegen bestenfalls indirekt thematisiert. Nicht reflektiert wurde zudem die stete Kulturverbundenheit der „Naturwissenschaftler“, deren Arbeit immer auf Vorannahmen beruhte, die rein fachlich nicht zu begründen war.

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Essende Kinder – nicht alle davon speisungsbedürftig (Lachen Links 1, 1925, 74)

Die Quäkerspeisung war ein bemerkenswertes humanitäres Vorzeigeprojekt, zugleich aber ein wissenschaftliches Desaster. Sie steht für die strukturellen Probleme wissenschaftlicher Arbeit, zugleich aber für die Hybris vieler Naturwissenschaftler, die mit der Anwendung falscher Diagnose- und Kategorisierungsmethoden ihrer Aufgabe gegenüber ihren kleinen Patienten vielfach nicht gerecht geworden sind. Doch die Bedeutung dieses wissenschaftlichen Desasters geht darüber hinaus. Drei Aspekte gilt es hervorzuheben:

1. Die Diskussion über die für die Ermittlung des Ernährungszustandes notwendigen Daten intensivierte sich (vgl. etwa M[einhard] Pfaundler, Vorschlag zur Auswahl speisungsbedürftiger Schulkinder, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 974-976). Neben einer Vielzahl neuer oder neu erscheinender Formeln wurde das anthropometrische Rüstzeug der Schulärzte wesentlich erweitert und methodisch vereinheitlicht (Rudolf Martin, Richtlinien für Körpermessungen und deren statistische Verarbeitung mit besonderer Berücksichtigung von Schülermessungen, München 1924). Dies erhöhte die „Objektivität“ der Messverfahren, mündete aber auch in die zunehmend pseudoempirische Körper- und Rassentypenkonstruktionen, die der Rassenhygiene und -eugenik empirische Grundlagen für Scheinwissenschaft und Verbrechen lieferten. Dies war die Strategie des weiter so.

2. Der Ärztliche Beirat der Kinderhilfe präzisierte die ärztliche Auswahlpraxis durch klarere Definitionen von Habitus, Aussehen und Krankheitsbild der zu speisenden Kinder. Untermassige, aber nicht unterernährte Kinder grenzte man nun gezielt aus (Richtlinien, 1926, 151-154; Größe und Gewicht der Schulkinder und andere Grundlagen für die Ernährungsfürsorge, hg. v. Deutschen Zentralausschuss für die Kinderhilfe E.V. durch dessen Ärztlichen Beirat, Berlin 1924, 5-6). Der individualisierende ärztliche Blick trat damit wieder in sein Recht, gelenkt von präzisierenden Rahmensetzungen. Die Fehlurteile sanken so beträchtlich, hingen allerdings wieder von den Fähigkeiten und der Ausbildung einzelner Schulärzte ab. Dies war die Strategie der Individualisierung der Körperbewertung.

3. Das Kinderhilfswerk selbst änderte aufgrund des Subjektivismus einer körperlichen Einschätzung seine Auswahlkriterien. An die Stelle der körperlichen trat die soziale Indikation; so wie dies seit den spätestens den frühen 1890er Jahren von der Arbeiterbewegung gegen dominante Teile des Bürgertums gefordert worden war. Beginnend 1921, verstärkt seit 1922 orientierten sich die Ärzte immer stärker an der sozialen Bedürftigkeit der Kinder. 1921 hieß es erstmals: „Für die Ursachen des schlechten Ernährungszustandes und für die Notwendigkeit einer Zusatznahrung können häufig wichtige Anhaltspunkte aus Fragen nach den sozialen Verhältnissen gewonnen werden, wie z.B. ob die Eltern leben, ob und welcher Beschäftigung der Vater und die Mutter nachgehen, wie groß die Zahl der Geschwister, die Anzahl der bewohnten Räume ist usw.“ (Richtlinien, 1921, 154). 1924 waren soziale Indikationen dann ein probates Auswahlkriterium: „In besonderen Fällen kann eine Ernährungsfürsorge auch in Frage kommen für Kinder in gutem Körperzustand, bei denen eine plötzliche und durchgreifende Aenderung der wirtschaftlichen Lage ihrer Ernährer die Befürchtung ausreichend begründet, daß ohne Ernährungsfürsorge eine erhebliche Verschlechterung des Körperzustandes eintreten wird“ (Größe, 1924, 5).

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Quäkerspeisung in Nürnberg 1923 (Heimerich, Jugendwohlfahrtspflege, Jahresschau Nürnberg 1, 1923/24 (1924), 120-125, hier 124)

Quäkerspeisung in Nürnberg 1923 (Heimerich, Jugendwohlfahrtspflege, Jahresschau Nürnberg 1, 1923/24 (1924), 120-125, hier 124)

Möglich wurde dies, weil einerseits die Quäker ihre Hauptaktivität auf die Hungerhilfe im sowjetischen Russland verlagerten. Die US-amerikanischen Hilfsfonds, die an die Stelle der Kader traten, ließen den deutschen Gremien wesentlich größere Entscheidungsfreiheit. Anderseits veränderte sich mit der Hyperinflation 1922/23 die Ursache kindlicher Unterernährung. Lebensmittel fehlten nicht mehr, sondern waren schlicht unerschwinglich.

Damit war der Versuch einer „objektiven“ Darstellung des Ernährungszustandes auf Basis anthropometrischer Körpernormen gescheitert. An die Stelle der Kategorisierung des individuellen Körpers trat während der Weimarer Republik zunehmend die Kategorisierung durch das soziale Umfeld. Dies war verbunden mit einem Ausbau der Schulgesundheitspflege, insbesondere der Sozialmedizin und Epidemiologie. Faktisch war man in eine Sackgasse geraten: Naturwissenschaftliche Methodik war weder in der „objektiven“ Variante von Formeln und Indexreihen, noch in der subjektiveren Variante des individuellen ärztlichen Blickes fähig, den Ernährungszustand großer Gruppen hinreichend und einheitlich festzustellen. Ein anderes, neues Paradigma war notwendig, um den Orientierungsanspruch moderner Naturwissenschaft behaupten zu können. Deren Empfehlungen wurden nun abermals aus dem Zusammenspiel physiologischer Vorgänge und der chemischen Analyse der Nahrungsstoffe und ihrer Interaktionen extrahiert. Zufuhrempfehlungen wie die der nationalsozialistischen Deutschen Gesellschaft für Ernährungsforschung und ihrer Neugründung als Deutsche Gesellschaft für Ernährung waren die Folge. Und es sollte Jahrzehnte dauern, bis mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation ein neuerlicher Versuch unternommen wurde, mittels des Body Mass Index ein vermeintlich einfaches und objektives Mittel für den individuellen Ernährungszustand allgemein zu implementieren.

Uwe Spiekermann, 1. Mai 2019

Deutsche Kulis in der hawaiianischen Zuckerindustrie? Hintergründe einer Reichstagsdebatte von 1883

Am 14. Februar 1883 trat der liberale Abgeordnete Friedrich Kapp im Rahmen der Haushaltsdebatte an das Rednerpult im Deutschen Reichstag. Wie in den Jahren zuvor bot der Etat des in Hamburg ansässigen Reichskommissars für das Auswanderungswesen die Chance, allgemeinere Fragen der Migration zu behandeln. Kapp hatte bereits am 5. Februar 1883 in der zweiten Lesung einen Skandal ausgemacht: Deutsche Landarbeiter sollten auf Hawaii angesiedelt und in den dortigen Zuckerplantagen arbeiten. Nun galt es nachzulegen, die Details weiter auszubreiten, den Skandal in Gänze zu benennen. Was beabsichtige, so fragte Kapp, das Bremer Handelshaus Hackfeld & Co. mit dieser Anwerbung von deutschen Auswanderern?

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Friedrich Kapp: Exilant, Selfmademan, Liberaler (Die Gartenlaube 1869, 341)

„So weit ich ihren Plan verstehe, wollen sie Arbeitskräfte gewinnen, um ihren Antheil an den reichen Produkten der hawaiischen Inseln zu sichern. Daß dies ihre ernste Absicht ist, das zeigen die großen Opfer, die sie für diesen Zweck bringen, Opfer, die durch die Lage der Dinge auf jenen Inseln allerdings gerechtfertigt werden. Die Sandwichsinseln sind in dem letzten Jahrzehnt oder vielmehr seit 1875 gerade dadurch, daß sie mit den Vereinigten Staaten einen Vertrag abgeschlossen haben, wonach ihr Zucker dort zollfrei importiert werden kann, sowohl in ihrer Einfuhr als auch in ihrer Ausfuhr mächtig gestiegen; die Inseln eignen sich zu allen tropischen Produkten, ganz besonders aber für Zucker, dessen Anbau besonders vielversprechend ist. Es gibt dort nach dem letzten Gothaischen Almanach 67 Plantagen, von denen der dritte Theil in den Händen von Deutschen ist, und davon wieder die größte Zahl sich in dem Besitz der Firma Hackfeld und Kompagnie befindet“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. V. Legislaturperiode. II. Session 1882/83, Bd. 2, Berlin 1883, 1496-1498, hier 1496 [daraus auch die folgenden Zitate]). Gewinnstreben sei völlig in Ordnung, dazu könne man deutschen Kaufleuten nur Glück wünschen. „Ob sie dieses Ziel aber dadurch erreichen, daß sie deutsche Feldarbeiter auf Kredit befördern und diese die von ihnen gemachten Vorschüsse durch Plantagenarbeit abverdienen lassen, — das ist eine Frage, welche ganz Deutschland tief berührt, und ein Unwesen, welches mir sogar im höchsten Grade unzulässig erscheint.“ Hackfeld & Co. würde auf freie Deutsche damit ein höchst fragwürdiges Vertragssystem anwenden, dass schon seit langem als grausam und unmenschlich verurteilt werde. Man zahle mittellosen Auswanderern die Überfahrt, ermögliche ihnen damit eine zuvor aufgrund ihrer Armut nicht mögliche Mobilität, nötige sie nach der Ankunft dann aber den Vorschuss mit Zinsen durch Arbeit zu begleichen. „Der Kapitalist muß, um sein Kapital zu verzinsen und zu sichern, den ihm Verpflichteten für eine bestimmte Zeit jedes selbständigen Willens entkleiden“. Kapp erschien dies als ein Bruch mit modernem Staatsbürgerrecht, mit der Würde eines Deutschen: „Wenn wir dulden, daß unsere Landsleute in tropische oder subtropische Pflanzungen gebracht werden und an der Seite von Chinesen, Malayen, Ungarn oder wem sonst arbeiten müssen, dann wird die deutsche Arbeit erniedrigt, und die dazu Angehaltenen werden moralisch viel mehr degradirt, als sie möglicherweise physisch auf der anderen Seite gewinnen könnten. […] Haben Sie je gehört, daß ein Franzose, ein Engländer, ein Spanier seine Landsleute in die Tropen zur Arbeit geschickt hätte? Meine Herren, das ist ganz unmöglich, es hat keiner derselben seinen Landsleuten eine derartige Selbstentäußerung ihres innersten Wesens zugemuthet. Selbst der Irländer thut keine Plantagenarbeit; […]. Der Handel mit Menschenfrachten ist ein ungeheuer verführerischer, weil er ein so gewinnbringender ist. […] Es sollte selbst einem anständigen Hause nicht gestattet werden, das in Deutschland zu versuchen, was wir einem fremdem hoffentlich nie erlauben würden.“ Freizügigkeit sei ein hohes liberales Gut, und wer wolle, solle sein Glück auch auf Hawaii versuchen. „Ueber diese Freiheit geht aber bei weitem hinaus, was hier dem deutschen Volke zugemuthet wird, was ich aber zum Besten des Einzelnen und zur Ehre der Gesammtheit vermieden sehen möchte, und was ich nicht aufhören werde als Unfug vor aller Welt zu brandmarken; das ist die mit Vorschuß betriebene Anwerbung von armen Deutschen für Plantagen, daß ist die Ausbeutung deutscher Arbeitskräfte in Form der Plantagenarbeit, in Form einer zeitweisen Knechtschaft, das ist […] die tiefste Entwürdigung deutscher Arbeit, das ist die Herabsetzung der Ehre des deutschen Volkes unter den Nationen der Erde.“ Deutsche als Kulis? Das war in der Tat starker Tobak. Minderes Recht mochte es beim Gesinde in Ostelbien geben oder aber im autokratischen Russland. Aber in der Mitte Deutschlands? Fürwahr, hiergegen galt es einzuschreiten!

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Deutsche Auswanderer auf dem Weg in die USA (Fliegende Blätter 38, 1863, 45)

Als Kapp diese Rede hielt, war der Blick der Öffentlichkeit gen Westen gerichtet. 1882 hatte die Auswanderung mit 250.000 Personen einen neuen Höchstwert erreicht, von 1880-1884 sollten mehr als 860.000 Bürger dem jungen Nationalstaat den Rücken kehren. Fast alle davon, mehr als 96%, zog es in die USA. Hier glaubte man ein besseres Leben führen zu können, konnte ein Stück Land erhalten und den Fährnissen der landwirtschaftlichen Rezession zumal in Nordwest- und Ostdeutschland entfliehen. Doch nicht Massenmigration stand im Mittelpunkt der Rede, denn diese Abstimmung mit den Füßen war Ausdruck eines Menschenrechts, war Hilfsmittel gegen die Inkompetenz und Hoffart des regierenden Adels: „Schaut her, ihr Landesväter, seht sie ziehen, Seht eure schönsten Arbeitskräfte fliehen“ – so der Hamburger Dichter Heinrich Schacht (1817-1863) in seinem Gedicht „Die deutschen Auswanderer“, später Liedzeile im Migrantenlied „Ein stolzes Schiff“ (Bilder aus Hamburg’s Volksleben, 1855, 131). Verglichen damit war die Fahrt einiger hundert Auswanderer von Mitteldeutschland über Bremen nach Hawaii an sich eine Petitesse. Doch dem Reichstagsabgeordneten des Wahlkreises Salzwedel-Gardelegen ging es ums Prinzip. Hawaii war damals noch keine touristische erschlossene Trauminsel; das war ein Produkt des späten 19. Jahrhunderts und der Werbung der Oceanic Steamship Company der deutsch-amerikanischen Industriellenfamilie Spreckels (vgl. Uwe Spiekermann, Expanding the Frontier(s). The Spreckels Family and the German-American Penetration of the Pacific, 1870-1920, in Explorations and Entanglements. Germans in Pacific Worlds from the Early Modern Period to World War I, hg. v. Hartmut Berghoff et al., New York and Oxford 2019, 171-194, hier 178-181). Gleichwohl verbreiteten Reiseberichte idyllische Bilder von Südseeparadiesen (vgl. etwa R[ichard] L[esser], Deutsche Niederlassungen in der Südsee, Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 93-100). Das nominell unabhängige Königreich Hawaii war um 1880 vorrangig Zuckerproduzent, ein Beispiel effizienter Plantagenwirtschaft, aber auch der Ausbeutung fremdländischer Coolies. Für Kapp war die Verfrachtung deutscher Landarbeiter Ausdruck der Naivität ungebildeter Armer, die aufgrund der Werbung eines Handelshauses glaubten, auf einer Südseeinsel durch leichte Arbeit bei der Zuckerkultivierung sich und ihren Familien ein einfaches Auskommen sichern zu können. Schutz schien erforderlich.

03_Kapp

Dokumente eines Lebens als öffentlicher Intellektueller

Will man all das genauer verstehen, so ist tiefer zu bohren, ist nach dem Redner, dem Anlass und dem Gegenstand der Rede zu fragen. Friedrich Kapp (1824-1884) war eine Berühmtheit, einer, dessen Wort im ganzen Deutschen Reich etwas galt (vgl. Wolfgang Hinners, Exil und Rückkehr. Friedrich Kapp in Amerika und Deutschland 1824-1884, Stuttgart 1987; Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Friedrich Kapp, Frankfurt/M. 1969, 1-42; Horst Dippel, Kapp, Friedrich, Neue Deutsche Biographie, Bd. 11, Berlin [W] 1977, 134-135). 1824 in Hamm in Westfalen in gutbürgerlichen Verhältnissen geboren, studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in Heidelberg und dann Berlin. In Baden kam er mit führenden Repräsentanten der demokratischen Freiheitsbewegung zusammen, darunter dem Philosophen und Religionskritiker Ludwig Feuerbach (1804-1872) und Ludwig Bamberger (1823-1899), einem der wichtigsten Vertreter des Liberalismus im Kaiserreich. Kapp schrieb und agitierte auch als Rechtsreferendar im Sinne seiner frühsozialistischen Ideale und brach im März 1848 nach Frankfurt am Main auf, um dort der Revolution zu dienen. Im September 1848 sah er sich jedoch zur Flucht genötigt, die ihn erst nach Brüssel, dann nach Paris und Genf, schließlich 1850 in die USA führte. In New York etablierte er sich als Anwalt, trat als Historiker der amerikanischen Revolutionskriege hervor, schrieb beherzte Traktate gegen die Sklaverei und die Verschickung von deutschen Soldaten durch tyrannische Monarchen im späten 18. Jahrhundert. Kapp wurde zu einer allgemein akzeptierten Stimme der Deutsch-Amerikaner, ein Parteigänger der neu entstandenen Republikanischen Partei und der Sache der Nordamerikanischen Union. Er war zudem ein wichtiger Chronist, berichtete in deutschen Medien regelmäßig über die USA und ihre Geschichte. Obwohl 1855 naturalisiert und mit hohen Ämtern betraut – er war beispielsweise von 1867 bis 1870 New Yorks Commissioner of Emigration und etablierte damals verbesserte Standards auf den Einwandererschiffen – konnte er jedoch nie seinen kulturellen Dünkel den Amerikanern gegenüber ablegen. Schon während der 1860er Jahre ein eifriger Unterstützer der kleindeutschen Lösung, nutzte er die Amnestie 1870, um als reicher Mann zurück nach Deutschland zu kommen. Dort wurde er gleich einer der Mitbegründer der Deutschen Bank und blieb Mitarbeiter zahlreicher liberaler Zeitschriften auf beiden Seiten des Atlantiks. Der protestantische Kapp war ein überzeugter Freihändler, trat für einen deutschen Einheitsstaat ein, focht für eine Erweiterung demokratischer Rechte und die Verfolgung des Katholizismus. Er wurde Mitglied der 1867 gegründeten Nationalliberalen Partei, wurde in die Berliner Stadtverordnetenversammlung, den Preußischen Landtag und 1872 auch in den Reichstag gewählt. In den 1870er Jahren etablierte er sich als politische, publizistische und gesellschaftliche Instanz in Berlin, stand in engem Austausch mit dem von ihm bewunderten Fürst Otto von Bismarck (1815-1898), vor allem aber den Repräsentanten des bürgerlichen Liberalismus. Das Ende der Kooperation von Liberalismus und Staat im Zuge der „zweiten Reichsgründung“ 1879 sah Kapp als „Sezessionist.“ Er war Mitbegründer der sich von den Nationalliberalen loslösenden „Liberalen Vereinigung,“ die während der Reichstagswahl 1881 respektable 46 Mandate gewann. Kapp verwandt den konservativen Schwenk der Bismarckschen Politik jedoch nur schwer und konzentrierte sich zunehmend auf seine publizistische Arbeit. Die Reichstagsrede von 1883 zeigte nochmals eine für ihn typische Mischung aus wirtschaftsliberalem Denken, der Ablehnung kolonialer Abenteuer, dem Engagement für die Belange der unteren Schichten und einem dezidierten Kulturnationalismus.

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Handelshaus und Rohrzuckerproduzent: Anzeige von H. Hackfeld & Co. 1885 (Hawaiian Almanac and Annual for 1886, Honolulu 1885, s.p.)

Kapp hatte sich in seiner Rede auf das Bremer Handelshaus H. Hackfeld & Co. konzentriert, dessen Motive einer deutlichen Kritik unterzogen. Das Unternehmen selbst schien über jeden Zweifel erhaben zu sein. Sein Gründer, Hinrich Hackfeld (1816-1887) stammte aus dem Oldenburgischen, seine Eltern waren arm, Heuersleute (Richard Hawkins, Hackfeld, Heinrich, in Immigrant Entrepreneurship: German-American Business Biographies, 1720 to the Present, Bd. 2). Seefahrt bot eine Chance für Fort- und Einkommen; Hackfeld wurde Seemann, arbeitete im Transatlantik- und Lateinamerikaverkehr. Hawaii betrat er erstmals 1844, wählte die Inselgruppe ab 1848 als Standort eines Frachtgeschäftes mit Bremen. Er konzentrierte sich anfangs auf Holzhandel, suchte sich Partner, weitete das Handelsgeschäft aus und gründete 1853 in Honolulu die Firma „H. Hackfeld & Co. General Commission Agents and Ship Chandlers.“ Obwohl die Versorgung des Walfangs und seit 1855 auch das Chartergeschäft den Kern des Geschäftes ausmachten, investierte Hackfeld doch seit 1854 in den Rohrzuckeranbau, der in Hawaii seit den 1830er Jahren betrieben wurde. Der Zuckerhandel dominierte, doch die Produktion verlangte Kapital und auch Arbeit – 1852 importierte Hackfeld & Co. als erster Betrieb chinesische Feldarbeiter. Hackfeld war zu diesem Zeitpunkt ein wohlhabender Kaufmann, der zwischen Bremen und Honolulu hin- und herreiste. Sein Kompagnon Carl Pflüger (1833-1883) führte derweil die Geschäfte in der Südsee (Berliner Börsenzeitung 1883, Nr. 472 v. 9. Oktober, 8). Der Niedergang des Walfanggeschäftes konnte kompensiert werden, seit den frühen 1870er Jahren nahmen das allgemeine Frachtgeschäft und die Investitionen in die Zuckerwirtschaft deutlich zu (Carol A. MacLennan, Hawai’i Turns to Sugar: The Rise of Plantations Centers, 1860-1880, Hawaiian Journal of History 31, 1997, 97-125; Dies., Sovereign Sugar. Industry and Environment in Hawai’i, Honolulu 2014, Kap. 1-3). Doch erst der in der Rede explizit angesprochene Reziprozitätsvertrag zwischen dem Königreich Hawaii und den USA veränderte die Szenerie nachhaltig. Seit 1876 sorgten die Zollbefreiungen, vor allem aber die Exportsubventionen für massive Investitionen durch amerikanische Kapitalisten, vor allem den Deutsch-Amerikaner Claus Spreckels (1828-1908) (Vgl. Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8, 2010). In Deutschland war klar, dass dies zulasten deutscher Handelshäuser gehen würde (Allgemeine Zeitung 1879, Nr. 166 v. 15. Juni, 12). Nun begann ein zunehmend globaler Wettbewerb um günstige Arbeitskräfte. Das bestehende Netzwerk kleiner Plantagen mit zumeist weniger als hundert Beschäftigten – 1874 waren lediglich 3.800 Personen in der hawaiianischen Zuckerwirtschaft beschäftigt – wurde in eine großbetriebliche Plantagenökonomie transformiert, deren Konsequenzen Gegenstand der Rede waren.

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Die Flagge folgt dem Handel: Aus der Programmatik des Deutschen Kolonialvereins (Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 2)

Friedrich Kapp stand den globalen Bestrebungen deutscher Handelshäuser aufgeschlossen gegenüber. Sie verkörperten einen Handelsimperialismus, der auf Kapitalkraft und überlegenen Produkten basierte. Koloniale Landnahme lehnte der Freihändler dagegen strikt ab, führe sie doch einzig zu Konflikten und letztlich zu Kriegen. Kurz vor der Rede war im Dezember 1882 in Frankfurt/M. der Deutsche Kolonialverein gegründet worden. Repräsentanten von Finanzwesen und Schwerindustrie, von Geographie und Geschichtswissenschaften, plädierten pointiert für ein deutsches Kolonialreich, für die Annexion fremder Länder, deren gezielte Besiedlung und ökonomische Durchdringung. Der 1876 mit Tonga abgeschlossene Freundschaftsvertrag, die 1880 von Bismarck eingebrachte Samoa-Vorlage und die seither von deutschen Finanzinteressen vorangetriebene deutsche Expansion in Neuguinea unterstrichen, dass die Südsee Bestandteil deutscher kolonialer Expansion war. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Initiative von Hackfeld & Co. nicht allein auf der Ebene einiger Schiffsladungen mit deutschen Siedlern verstanden werden konnte, auch wenn der reale Ausbau eines deutschen Kolonialreichs dann 1884/85 in Afrika einsetzte, gefolgt von kleinen Erwerbungen auch in der Südsee.

Will man der Kappschen Intervention gerecht werden, so sind drei Perspektiven hilfreich, die zwiebelhaft jeweils eng miteinander verwobene Aspekte der versuchten Ansiedlung deutscher Arbeiter in der hawaiianischen Plantagenökonomie aufzeigen. Es geht erstens um den direkten Anlass für die Reichstagsrede. Zweitens muss die Hackfeldsche Initiative in die hawaiianische Migrations-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte integriert werden. Drittens schließlich lässt sich zeigen, dass Kapps Rede eng an die öffentliche Debatte über die Moralität der amerikanischen Investitionen auch in den USA rückgebunden war. Während im deutschen Kaiserreich langsam koloniale Fakten geschaffen wurden, wurde dort schon seit Jahren darum gerungen, ob ein demokratischer Staat und seine Bürger bei Direktinvestitionen nicht bestimmte Grenzen zu berücksichtigen hätten, und ob diese nicht auch für Konsumenten hawaiianischen Zuckers gelten müssten.

Friedrich Kapp stand der deutschen Auswanderung ambivalent gegenüber. Sie war für ihn ein notwendiges Übel, das vor allem auf die unzureichenden, teils unhaltbaren Zustände in Deutschland verwies (Pfälzische Volkszeitung 1872, Nr. 111 v. 8. Mai, 2). Der Freiheitsdrang des Menschen lasse sich nicht aufhalten, der Staat habe dies zu akzeptieren, Auswanderungsbeschränkungen lehnte Kapp ab. Der Staat solle sich neutral verhalten, doch er habe zugleich die Pflicht, seinen früheren Bürger noch eine Art sicheres Geleit in ferne Länder zu gewährleisten (Allgemeine Zeitung 1881, Nr. 337 v. 3. Dezember, 4965). Das bedeutete einerseits eine menschenwürdige Überfahrt, anderseits schon früh den Schutz gegen Betrug zumal ganzer Auswanderergruppen. Das betraf vor der Jahrhundertmitte viele Auswanderergesellschaften in die USA, dann aber vor allem Siedlungskolonisten in Lateinamerika: „Viele Pflanzer dort haben Agenten ausgesandt, um mit Geld und Worten deutsche Auswanderer zu verlocken. Wer sich fangen läßt verfällt der Sclaverei und einer Behandlung, die schlechter als die der Kulis (verkaufter Schwarzer) ist; […] Kapp hält es für Deutschlands Ehre geboten, die Auswanderung nach Brasilien zu hindern“ (Amts-Blatt für die königlichen Bezirksämter Forchheim und Ebermannstadt 1872, Nr. 52 v. 14. Mai, 2). Die Reichstagsdebatte bot einen Widerhall derartiger Warnungen. Kapp versuchte mit dem Entwurf eines Auswanderungsgesetzes gesetzliche Mindeststandards festzulegen, initiierte 1880 auch eine einschlägige Resolution des freihändlerischen Kongresses deutscher Volkswirte (Allgemeine Zeitung 1880, Nr. 300 v. 26. Oktober, 4000); doch ein entsprechendes Gesetz wurde im Deutschen Reich erst 1897 erlassen.

Die Emigration nach Hawaii setzte in der Tat neue Maßstäbe, zielte sie eben nicht primär auf Siedlung, sondern auf Arbeit. Um die Passage bezahlen zu können, verpflichteten sich die Haushaltsvorstände, ca. zwei Jahre gegen einen festgelegten Lohn auf einer Zuckerplantage zu arbeiten. Das schändete wahrlich nicht, zumal Freizügigkeit ein Kernelement der liberalen Gesellschaftsverfassung des neuen Deutschen Reiches war. Doch Deutsche standen damit in direktem Wettbewerb mit Arbeitsmigranten aus Asien und Afrika. Hackfeld & Co. hatte bereits im Januar 1881 ein erstes Segelschiff, die Ceder, von Bremen nach Honolulu fahren lassen, das dort im Juli mit 127 Passagieren an Bord eintraf. Es folgte das von Kapp angesprochene hawaiianische Segelschiff Iolani, das Anfang Juni 1882 Geestemünde mit 180 Insassen an Bord verließ und im Oktober in Honolulu landete (Honolulu Advertiser 1882, Ausg. v. 17. Oktober, 2). Kurz vor Kapps Rede war dann der Dampfer Ehrenfels in See gestochen, der am 3. Mai mit 700-800 Arbeitsmigranten in Honolulu eintraf (Hawaiian Gazette 1883, Ausg. v. 24. Januar, 3; Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 53 v. 22. Februar, 3; Hamburger Börsen-Halle 1883, Ausg. v. 23. Februar, 5). 46 Migranten überlebten die Passage nicht, 29 Kinder wurden während der Überfahrt geboren (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 232 v. 21. August, 3). Insgesamt verließen 1883 834 Deutsche über Bremen ihr Vaterland (Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 81).

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Beipack eines Auswanderungsschiffes – Warenimporte der Ehrenfels (Saturday Press [Honolulu] 1883, Nr. 36 v. 5. Mai, 2)

Kapp hatte all dies schon während der Reichstagsdebatte am 5. Februar 1883 mit scharfen Worten kritisiert: „Ich halte es für ein Verbrechen, wenn wir dulden, daß unsere deutschen Landsleute in dieser Weise über den Ozean geschleppt und auf Inseln geführt werden, auf denen es allerdings den englischen nachgeschriebene Gesetze gibt, aber wo die armen Arbeiter, die kein Hawaiisch oder auch kein Englisch kennen […] keine Vertheidiger und keine Stütze haben, auf die sie zurückfallen können, wenn sie sich mit den Plantagenbesitzern nicht vertragen, oder überhaupt irgendwelche Rechtsgeschäfte haben“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. V. Legislaturperiode. II. Session 1882/83, Bd. 2, Berlin 1883, 1299). Kapp kritisierte einerseits den zwischen Arbeitsmigranten und Hackfeld & Co. geschlossenen Vertrag als einseitig, als Ausdruck einer sittenwidrigen Versklavung, da unklar bliebe, wie die Arbeiter zurück nach Hause kommen könnten, wenn die vertraglichen Verpflichtungen nicht eingehalten würden. Das sei anderseits sehr wahrscheinlich, denn die Deutschen seien an harte Arbeit im Freien in den Tropen nicht gewohnt. Dies stieß beim Repräsentanten des Auswärtigen Amtes, dem Geheimen Legationsrat Reichardt, durchaus auf offene Ohren, doch sei es nicht möglich, ohne Beweise für Betrug hiergegen strafrechtlich vorzugehen. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hasenclever (1837-1889) unterstützte die Kritik Kapps, gab zudem präzise Einblicke in die Arbeitsmigration nach Hawaii. Für ihn war der eigentliche Skandal, das deutsche Arbeiter gegeneinander ausgespielt würden, um Löhne möglichst niedrig zu drücken. Das Recht des Arbeiters auf freie Verwendung seiner Arbeitskraft aber sei nicht zu hinterfragen, vielmehr befürwortete er deutsche Kolonien, um auch den Ärmeren Einkommensmöglichkeiten zu erschließen. Dagegen nahm der nationalliberale Bremer Großreeder Hermann Henrich Meier (1809-1898) seine Kollegen des Handelshauses Hackfeld & Co. in Schutz. Der Mitbegründer der Norddeutschen Lloyd und Präsident des Deutschen Handelstages hob nicht nur den hohen Leumund seiner Kollegen hervor, sondern legte dem Hohen Hause zugleich ein Musterexemplar eines der Verträge vor. Demnach hatten sich die Arbeitsmigranten auf vier Jahre zur Plantagenarbeit zu verpflichten, konnten den Vertrag aber nach zwei Jahren kündigen. Geregelt waren die Lohn- und Arbeitsverhältnisse des Haushaltsvorstandes und seiner Familie, die Ausstattung der Dienstwohnung und die regelmäßigen Naturlieferungen. Für Meier schien all dies eine „gute Gelegenheit, vorwärts zu kommen“ (Ebd., 1305).

Diese erste Debatte wurde in der Öffentlichkeit sehr wohl zu Kenntnis genommen, stand aber nicht im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen (vgl. etwa Berliner Tageblatt 1883, Nr. 61 v. 6. Februar, 3; Hamburgische Nachrichten 1883, Ausg. v. 6. Februar, 2; Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 37 v. 6. Februar, 534, 549-550). Das galt auch für den zweiten Teil der Debatte über deutsche Arbeit in der hawaiianischen Zuckerindustrie am 14. Februar 1883 (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 48 v. 17. Februar, 689-692). Allerdings berichteten hawaiianische Zeitschriften detailliert über die Rede (Honolulu Advertiser 1883, Ausg. v. 20. März, 2). Setzt man nun aber die Debattenbeiträge während der ersten Runde im Reichstag voraus, so erscheint Kapps zweite Rede weniger eloquent, weniger inhaltsstark. Der Liberale wiederholte im Wesentlichen seine Argumente und Ansichten. Obwohl er von zahlreichen Anfragen und Beschwerden berichtete, ging er weder auf die Argumente seitens der Arbeiterbewegung, noch die seines liberalen Parteifreundes ein. Darin kommt mehr zum Ausdruck als Prinzipientreue resp. dogmatische Verengung eines Linksliberalen am Ende seiner politischen Karriere. Kapp argumentierte prononciert für Schutzrechte; doch die Arbeitsmigranten hatten ihre Kontrakte aus freien Stücken unterzeichnet, wussten um die Härten und Chancen eines solchen Vertrages. Kapp versuchte, die Vertragsfreiheit auszuhebeln, den freien Arbeitsvertrag als Zentrum einer marktwirtschaftlichen Arbeitsverfassung. Seine Begründung folgte einem Kulturnationalismus, der einerseits die gemeinsame zivilisatorische Mission der „weißen“ Völker hochhielt, der anderseits sich strikt von anderen „Rassen“ abgrenzte, zumal den in der Quelle genannten Asiaten und Afrikanern. Der Linksliberale Kapp plädierte für Staatsintervention, konnte aber keine rechtlich einschlägigen Anhaltspunkte für eine solche Interventionen benennen. Die Quelle unterstreicht damit die innere Ambivalenz des modernen Liberalismus, dessen universalistischer, auf Menschenrechte und Vertragsfreiheit gründender Gesellschaftsentwurf zunehmend von den eigenen nationalen Vertretern in Frage gestellt wurde. Die Zeit der liberalen Vorkämpfer war offenbar vorbei, zivilgesellschaftliches Engagement folgte zunehmend anderen Regeln, verengte sich zudem national.

In Hawaii, im April 1883, begannen jedenfalls schon erste Rechtshändel zwischen deutschen Einwanderern und den Plantagenbesitzern. Siebzehn Arbeitsmigranten hatten auf der 1877 gegründeten Kilauea Sugar Company auf Kauai die Arbeit niedergelegt, um gegen Kontraktverletzungen zu protestieren (William Henry Dorrance, Sugar Islands, 2. Aufl., Honolulu 2005, 32). Sie wurden ins Gefängnis nach Honolulu gebracht, begleitet von weiteren deutschen Zuwanderern. Dort schalteten sie den deutschen Konsul J.C. Glade ein, Mitglied von Hackfeld & Co., verpflichteten einen Rechtsanwalt und verlangten, den geschlossenen Vertrag auflösen zu können (Hawaiian Gazette 1883, Ausg. v. 4. April, 2). Im Verfahren näherte man sich einander an, beiderseits lockerten sich die Verpflichtungen (Honolulu Advertiser 1883, Ausg. v. 11. April, 3). Briefe der Zuwanderer berichteten von wechselseitiger Vertragstreue, von einem Haus mit Stube, Kammer, Küche und Veranda und von langsam urbar gemachtem Land. Die Verpflegung sei gut, fehlendes Bier und geistige Getränke wurden gleichwohl moniert (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 232 v. 21. August, 3). Die deutschen Zuwanderer blieben zu einem beträchtlichen Teil auf Hawaii, nahmen dort zunehmend Leitungsfunktionen in der Plantagenwirtschaft und im Gewerbe ein. Sklaven sind sie nicht geworden – und ihre vermeintliche nationale Ehre dürfte kaum negativ betroffen worden sein.

Was in Deutschland skandaliert wurde, war derweil Alltagsroutine im Hawaiianischen Königreich. Die Zahl der einheimischen Bevölkerung sank seit Jahrzehnten, die Volkszählung 1878 ergab lediglich 57.985 Einwohner. Die Zuckerindustrie konnte nur durch Zuwanderung vorangebracht werden; Kapital und auch Boden waren vorhanden, einzig der Faktor Arbeit begrenzte ein rasches Wachstum. Chinesen, vor allem aus den südlichen Provinzen, galten als billig und arbeitsam, ihre Disziplin wurde durch chinesische Händler und Aufseher gewährleistet. 1884 lag die Zahl der Einwohner bereits bei 80.578, darunter 17.063 Chinesen und 871 Chinesinnen (Allgemeine Zeitung 1885, Nr. 251 v. 10. September, 7). Auch wenn diese im Regelfall abgeschottet auf den Plantagen untergebracht waren, so ergaben sich doch kontroverse Debatten auf der Inselgruppe, wo nicht allein weiße Investoren, sondern insbesondere die hawaiianische Bevölkerung weitere Zuwanderung aus Asien begrenzen wollte.

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Ängste vor einer chinesischen Dominanz in Hawaii (The Wasp 10, 1883, Ausg. v. 5. Mai, 16)

Dies konnte nicht im Sinne der Investoren sein. Zuckerplantagen hatten bereits in den 1870er Jahren eine strikte hierarchische und rassistische Struktur ausgebildet (vgl. Evelyn Nakano Glenn, Race, Labor and Citizenship in Hawaii, in American Dreaming, Global Realities, hg. v. Donna R. Gabaccia und Viki L. Ruiz, Urbana/Chicago 2006, 284-320). Die Leitung lag in den Händen einer weißen Funktionselite, zumeist Händler, Techniker und Handwerker. In Hawaii waren dies Deutsche, vor allem aber US-Amerikaner und Briten. Hawaiianer arbeiteten vereinzelt auf den Plantagen, nicht aber in der fordernden Neukultivierung, der Ernte und der langsam einsetzenden Bewässerung der Felder (C. Allan Jones und Robert V. Osgood, From King Cane to the Last Sugar Mill, Honolulu 2015). Die Umstrukturierung nach dem Reziprozitätsabkommen erfolgte durch ausländische Fachleute. Prototypisch waren die frühen Bewässerungssysteme auf der Insel Maui, die Spreckels durch Teams um den deutschstämmigen Wasserbauingenieur Hermann Schüssler (1842-1919) errichten ließ, nachdem er sich Land und Wasserrechte angeeignet hatte (vgl. Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich, in Tatort Unternehmen, hg. v. Hartmut Berghoff et al., Berlin und Boston 2016, 47-66). Von ihnen blieb nur eine Handvoll auf der Inselgruppe. Die drei Schiffsladungen mit deutschen Arbeitsmigranten waren Teil breiter gelagerter Bemühungen der weißen Pflanzerelite, die ethnischen Hierarchien und Funktionsabläufe der einzelnen Plantagen auszubalancieren, auch wenn dies zu deutlich höheren Kosten führen konnte: Spreckels zahlte 1879 den 125 weißen Beschäftigten seiner Hawaiian Commercial Sugar Company $3-4 pro Tag, während die ersten einhundert Chinesen $10-12 pro Monat erhielten. Mit dem Import europäischer Arbeiter reagierten die Pflanzer zugleich auf die Zurückhaltung der chinesischen Seite, ihre Landsleute zur Arbeit nach Hawaii zu schicken.

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Hawaii als Zielort globaler Arbeitsmigration – Schaubild im Sugar Museum, Maui

Wie Hackfeld bemühte sich auch Spreckels zuerst um norwegische (und schwedische) Einwanderer, hatte er mit ihnen doch gute Erfahrungen in seiner Zuckerraffinerie in San Francisco gemacht. 1881 landeten ca. 500 Personen, doch sie kamen mit dem Klima nicht zurecht und verließen Hawaii großenteils nach sehr kurzer Zeit (Chicago Daily Tribune 1882, Ausg. v. 13. November, 8). Deutlich erfolgreicher waren die 1878 einsetzenden Importe portugiesischer Plantagenarbeiter von der vulkanischen Insel Madeira und dann den Azoren. Die Familien erhielten freie Passage, einen Lohn von einem Dollar pro Tag und die Verpflichtung, drei Jahre Plantagenarbeit abzuleisten. Dieses Importgeschäft wurde vorrangig vom deutschstämmigen Händler Abraham Hoffnung (1833-1908) organisiert, der über Kanada nach Hawaii gekommen war und später in London reüssierte. Die Portugiesen arrangierten sich mit den Verhältnissen, bis 1887 war ihre Zahl auf mehr als 10.000 gestiegen (Hawaiian Almanac and Annual for 1887, Honolulu 1886, 74-78). Anfang der 1880er Jahre hatte sich das System eingespielt, Arbeitskräftezufuhr und der Ausbau der Plantagen waren ausbalanciert, Chinesen und Portugiesen hatten sich als Zuwanderer etabliert. Deutsche Landarbeiter waren nicht mehr erforderlich. Doch das System blieb fragil. 1882 etwa, just während der Importe aus deutschen Ländern, stockte die Zuwanderung aus China, und Claus Spreckels bot an, mit der japanischen Regierung über die Entsendung von 2000 japanischen Arbeitern zu verhandeln. Dies misslang, doch nach der Kolonisierung der Inselgruppe durch die USA 1898 sollten sie zur wichtigsten ethnischen Gruppe Hawaiis aufsteigen.

Die Reichstagsdebatte über deutsche Arbeit in der hawaiianischen Zuckerindustrie war eine der vielen Resonanzen, die der Mechanisierung des Rohrzuckerbaus seit den 1860er Jahren weltweit folgten – seinerseits eine Folge der raschen Fortschritte des hochsubventionierten Rübenzuckerbaus in Frankreich und dem Deutschen Reich. Und doch brach sich diese Debatte nicht allein in den Peripherien. Es kann hier nicht der Ort sein, um die Auswirkungen der veränderten Arbeitsverfassung auf den Zuckerinseln der Südsee, der Karibik, der Philippinen oder aber Sumatras im Detail zu diskutieren. Sie bedeuteten zuerst einmal mehr und preiswerteren Zucker, zumal in den USA. Die Transformation Hawaiis mündete dort jedoch in eine breite öffentliche Debatte über die Bedeutung von Coolie-Arbeit für die amerikanische Politik und auch den amerikanischen Konsumenten. Die deutsche Arbeitsmigration wurde mit ähnlichen Tönen skandalisiert, wie sie Friedrich Kapp im Reichstag antönte. Es galt als ausgemacht, dass Plantagenarbeit “actually degrade free-born Germans to the level of coolies and negroes, rendering them useless to the Fatherland they have left, turning them from men into merchandise and practically using them as human manure for the properties of the sugar planters” (San Francisco Traffic 1883, Ausg. v. 3. Juni, 8 (nach einem Artikel der Leipziger Welt-Post)). Die immer stärkere Nutzung chinesischer Arbeit war in den USA besonders unpopulär – und hier stoppte der Kongress die legale Zuwanderung aus China mit dem Chinese Exclusion Act von 1882. Die führenden amerikanischen Investoren, die in den 1880er Jahren die hawaiianische Wirtschaft klar dominierten, wurden öffentlich als „Chinese lover” attackiert. Parallel diskutierte man zumal vor der Novelle des Reziprozitätsvertrages 1887 darüber, ob es gerechtfertigt sei, einer kleiner Pflanzerelite immense Gewinne auf Basis der Ausbeutung von Arbeitsmigranten und der amerikanischen Konsumenten zu erlauben. Letztlich setzten sich die ökonomischen Interessen allseits durch. Fragen nach globaler Gerechtigkeit wurden im Reichstag und anderswo vor fast anderthalb Jahrhunderten debattiert, doch mehr als graduelle Verbesserungen hat es dadurch nicht gegeben.

Uwe Spiekermann, 4. April 2019

Flucht vor der Vergangenheit? Ein Besuch des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Porta Westfalica

Bei Porta Westfalica durchbricht die Weser die sie begrenzenden Mittelgebirge, verlässt das Weserbergland und fließt durch die norddeutsche Tiefebene der Nordsee entgegen. Dies entgeht den rasch dahinrasenden Autofahrern auf der A2, die es nach Westen oder aber Osten drängt. Doch sie sehen ein riesiges Monument, das 1896 eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Auf vielen Fahrten zwischen Münster und Braunschweig verkörperte es auch für mich Rückkehr oder baldige Ankunft.

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Porta Westfalica vor dem Denkmalsbau (Neue Illustrirte Zeitung 17, 1888/89, 245)

Der aus Detmold stammende Freiheitsdichter Ferdinand Freiligrath (1810-1876) begann hier seinen gemeinsam mit Levin Schücking (1814-1883) verfassten Reisebericht durch das „malerische und romantische Westphalen“, Zeugnis eines weltoffenen und geschichtsbewussten Regionalismus. Von der Mindener Weserbrücke aus sah er „nicht ein enges, zu beiden Seiten schroff und steil in den Strom herabfallendes Felsenthor […], sondern ein nicht allzu schmales Querthal, das ausser dem Strome Wiesen und Ackerland anmuthig ausfüllen“ (Barmen/Leipzig 1840, 12). Er bestieg den Wittekindsberg, benannt nach Widukind, dem mythenumwogenen Anführer der Sachsen im Kampf gegen die Frankenheere Karls „des Großen“ im späten 8. Jahrhundert. Ob der Westgermane dort wirklich zum Christentum übertrat, ist nicht gesichert, doch im Sagenschatz der Deutschen steht dieser Ort auch für den Beginn des Reiches, das in der Spätromantik als „deutsches“ Kaiserreich galt.

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Kaisertod als Marktchance (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2231, 10)

Als am 9. März 1888 Wilhelm I., der erste (und drittletzte) „Deutsche Kaiser“ verstorben war, als die durchaus breite Schar der Trauernden ihre Gedenkmünzen, Büsten, Stickrahmen und vieles mehr gekauft und aufgestellt hatte, drang die Frage nach einem würdigen Gedenken des Heldenkaisers rasch in den öffentlichen Raum. Lokalvereine berieten, ein Wettbewerb zwischen preußischen Provinzen begann. Westfalen voran! Schon im April wurde ein Denkmal an der Porta Westfalica vorgeschlagen. Widerspruch machte sich breit, Widerstand führte am Ende gar zu einem Aufbrechen der Westfalenfront; das 1903 bei der Hohensyburg eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Denkmal materialisierte ihn. Doch Porta Westfalica machte das Rennen. In der Nähe wurde 1759 die für Preußens Existenz wichtige Schlacht bei Minden geschlagen, die mit einer Niederlage der Franzosen und Sachsen endete. Wilhelm I. hatte die Weserscharte als Oberbefehlshaber der verbündeten Armee gegen Frankreich überschritten, Grundlage des militärischen Sieges, ohne den die Gründung des Deutschen Reiches 1871 nicht möglich gewesen wäre. Und Porta Westfalica stand schon namentlich für die 1815 von Preußen okkupierte Provinz Westfalen, deren Landtag am 15. März 1889 den Gründungsbeschluss fasste und 500.000 Mark für die Baukosten bereitstellte (zu Details s. Das Kaiser Wilhelm-Denkmal der Provinz Westfalen auf dem Wittekindsberge der Porta Westfalica, Münster 1905, 4-8). Der recht erhebliche Rest sollte durch Spenden aufgebracht werden. Der Bildhauer Ernst von Bandel (1800-1876) musste fast 40 Jahre antichambrieren, um genügend Geld für das nicht fern gelegene Hermannsdenkmal zusammenzukriegen, Wilhelm I. hatte den Bau schließlich ermöglicht. Das war 1888/89 anders.

Wilhelm I. war zur Zeit seines Todes ein geachteter, ja populärer Monarch. Er galt aufgrund der Siege in den sog. Einigungskriegen als Heldenkaiser, er, der die deutschen Truppen höchstpersönlich beim Sieg in Sedan 1870 angeführt hatte. Wilhelm stand für das preußische Militär, dessen Erziehung er genossen hatte, dessen Denken ihn prägte. 1848 trat er für eine militärische Bekämpfung der Revolutionäre in Berlin ein, war 1849 ein zentraler Akteur bei der Niederschlagung der badischen Revolution. Verbittert beklagte Ferdinand Freiligrath in seinem Gedicht „Die Todten an die Lebenden“ „Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen“ (Nürnberger Tagblatt 1848, Nr. 85 v. 7. Oktober, 339). Doch der als „Kartäschenprinz“ beschimpfte Kronprinz lernte und mäßigte sich, nahm Grundgedanken des Liberalismus ernst und auch auf. Als Prinzregent läutete er 1858 eine kurze „Neue Ära“ ein. Deutsche Geschichte konnte auch etwas anderes sein als „Blut und Eisen“. Obwohl konstitutionell eingehegt, war Wilhelm dennoch vom Gottesgnadentum überzeugt. 1861 krönte er sich selbst – und berief 1862 dann Otto von Bismarck (1815-1898), um die königlichen Prärogative im Verfassungskonflikt strikt zu verteidigen. Wilhelm I. ließ seinen Kanzler agieren, auch wenn er dessen Vorstellungen von einer Zweckkoalition von Monarchie und liberaler Bewegung in einem Nationalstaat nur bedingt teilte. Wilhelm wusste, dass die 1871 festgezurrte kleindeutsche Lösung das Ende Preußens mit einschloss, das Ende der Herrschaft souveräner Fürsten. Er war klug genug, die um Konsolidierung bemühte Außenpolitik seines Kanzlers zu unterstützen. Auch wenn deren Friktionen bei seinem Tod offenkundig waren, galt er nach 17 Jahren ohne Krieg doch als Friedenskaiser. Er verkörperte Pflichtbewusstsein und Arbeitsamkeit, Prunksucht war ihm fremd. Doch er hatte erst Katholiken verfolgen lassen, dann die Sozialdemokraten, obwohl letztere nicht die fünf Attentate auf den Monarchen zu verantworten hatten. Eine gemischte Bilanz, geschönt im nationalen Überschwang.

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Die von Bruno Schmitz geplante Gesamtanlage des Denkmals am Wittekindsberg (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 388)

Friedenskaiser, Heldenkaiser – solche Träume hegte auch sein Enkel Wilhelm II., der 1888 die Kaiserkrone übernahm und zugleich eine Geschichts- und Medienpolitik begann, in der Wilhelm „der Große“ eine zentrale Rolle einnahm (vgl. Die Kaiser und die Macht der Medien, Berlin 2005). Er billigte die bürgerlichen Denkmalspläne, auch wenn öffentlich die Zersplitterung des vermeintlich nationalen Denkmalwerkes breit kritisiert wurde (Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 64). Zuvor aber lief das Denkmalprojekt weiter. Am 31. Januar 1890 startete ein Wettbewerb um den besten Bauentwurf, 56 deutsche Künstler reichten 58 Projekte ein. Ziel war „ein der Landschaft sich anpassendes Bauwerk […], welches den Gedanken des Kaiserdenkmals schon aus der Ferne erkennen lässt und in Verbindung mit einem Bildnis Kaiser Wilhelms“ (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 56) stehen sollte. Die Kosten waren bei 600.000 Mark gedeckelt. Im August standen zwei Sieger fest, von denen schließlich der Entwurf des Berliner Architekten Bruno Schmitz (1858-1916) umgesetzt wurde. Dieser hatte zuvor bereits den vom Deutschen Kriegerbund ausgelobten Wettbewerb um das in Thüringen gelegene Kyffhäuserdenkmal gewonnen. Auch sein eigentlich nur zweitplatzierter Entwurf für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck bei Koblenz wurde schließlich realisiert. Schmitz, der zuvor schon ein monumentales Heldendenkmal in Indianapolis, Indiana gebaut hatte, war schließlich auch für das 1913 in Leipzig eingeweihte Völkerschlachtdenkmal verantwortlich. Wie schon zuvor in den USA konnte er auch bei der Ausgestaltung des Porta-Westfalica-Denkmals auf ausländische Hilfe zurückgreifen. Das erzene Standbild des Herrschers stammte vom Wiener Bildhauer Caspar von Zumbusch (1830-1915), der auch auf Wünsche Wilhelm II. einging (zur Umsetzung vgl. Fred Kaspar, Das Kaiserdenkmal an der Porta-Westfalica, Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 2007, H. 1, 19-21, hier 20-21).

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Der siegreiche Entwurf „Auf hoher Warte“ von Bruno Schmitz (Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 3, 1890, Tafel 102)

Schmitz Entwurf meisterte die Aufgabe der Fernwirkung nicht durch riesige Türme oder gar eine Monumentalfigur, sondern durch eine Kombination von Standbild und offenem, mit einer Kaiserkrone geschmücktem Baldachin mit schmalen Säulen (vgl. Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 3, 1890, 41; Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 481-482). Damit wurde der Betrachter eingeladen, dem Herrscher entgegenzutreten, ihn als machtvolle und quasi unter freiem Himmel stehende Person zu sehen. Der vorgelagerte Festplatz erlaubte gleichermaßen Gruppenreisen wie Festspiele, bot zugleich aber eine gewisse Bewegungsfreiheit. All das war nicht wirklich originell, doch der Entwurf wurde wegen „maßvoller Einfachheit und überzeugender Lebensfähigkeit“ (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 388) gelobt. Das neue Denkmal galt als gelungene Materialisierung des Nationalgedankens, stellte sich zudem bewusst in die lang zurückreichende Historie dieses Ortes (Der Bär 17, 1890/91, 431). Man war sich der „derben, kräftigen Formen“ der Ausführung bewusst, doch damit sollten auch „Beschädigungen durch Muthwillen und zerstörende Einflüsse der Witterung“ (Ebd., 389) ausgeschlossen werden. Vielfach bemängelt wurde allerdings, dass Schmitz sich bei seiner „Verherrlichung des neuen Deutschen Reiches und Kaiser ‚Weißbarts‘“ (L. Paloczy, Porta Westfalica, Pester Lloyd 1896, Nr. 256 v. 26. Oktober, 9) doch zu stark wiederholt habe, erinnerte doch manches an das Kyffhäuserdenkmal. Kritiker monierten auch den „von fast allen nationalen Beziehungen losgelösten Stil, der, fast international, beinahe auf jeden Boden passt“ (Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 482). Die Platzierung des Kaiserstandbildes unter einen Baldachin erschien vielen fraglich, war doch ein direkter Blick oft nicht gewährleistet. Selbstredend gab es grundsätzliche Kritik seitens der Arbeiterbewegung, aus der es hieß, „es ist ein Jammer, in Deutschland zu leben, wo es nicht still werden will von Wilhelms-Denkmal-Enthüllungen […]. Auf deutschen Bergen wirbeln Trommeln, schmettern Trompeten und ertönen die schnarrenden Kommandorufe preußischer Kommandeure. Und die Freiheit? Wohin hat die Freiheit sich geflüchtet? – In die Thäler, wo es brodelt und qualmt und Legionen von Arbeitern stehen“ (Arbeiter-Zeitung 1896, Nr. 291 v. 22. Oktober, 6).

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Das fertig erbaute Denkmal 1896 (Centralblatt der Bauverwaltung 17, 1897, Blatt 44)

1891 wurde der Vertrag zwischen Schmitz und dem westfälischen Provinzial-Ausschuss geschlossen (Centralblatt der Bauverwaltung 11, 1891, 144). Parallel baute man eine touristische Infrastruktur auf. Die AG Porta Westfalica errichtete ein großzügiges Hotel Kaiserhof, es folgten ein Bahnhof, eine Kaiserstraße und eine Trambahn (Der Bär 17, 1890/91, 531). Der eigentliche Bau begann 1892, wurde durch vielfältige Probleme mit Baufirmen und auch der Gestaltung jedoch verzögert. Der ursprüngliche Entwurf erwies sich als zu teuer, hätte ca. 1,262 Millionen Mark verschlungen. Der Provinzial-Landtag verlangte daraufhin Änderungen in der Struktur, den Dimensionen und des Baumaterials (vgl. W[ilhelm] Moelle, Das Kaiserdenkmal an der Porta westphalica, Deutsche Bauzeitung 32, 1898, 1-3, 5). Die geplanten Ecktürme fielen weg, auch auf Schmuck wurde großenteils verzichtet. So blieb man einigermaßen im Kostenrahmen. Ein Jahr später als geplant konnte das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica dann am 18. Oktober 1896 eingeweiht werden (zum Bau selbst vgl. Centralblatt für Bauverwaltung 16, 1896, 469-471; Scientific American 77, 1897, 235).

Der 18. Oktober war bewusst gewählt worden. Dies war der Geburtstag von Friedrich III. (1831-1888), dem Sohn Wilhelm I. Und es war der Tag, an dem verbündete Heere in der Leipziger Völkerschlacht den Sieg gegen die Truppen Napoleons errungen hatten. Das wurde denkmalskräftig an gleich drei Standorten gefeiert: Eingeweiht wurde das von Karl Janssen (1855-1927) geschaffene Reiterstandbild Wilhelm I. in Düsseldorf, das von Schmitz entworfene und gebaute Denkmal für Wilhelms Gemahlin Augusta (1811-1890) in Koblenz und schließlich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica. Etikettegerecht besuchte Wilhelm II. am Morgen das Grab seines Vaters in Potsdam (Altonaer Nachrichten 1896, Nr. 246 v. 19. Oktober, 1), ehe er mit seiner Gattin gen Minden aufbrach, wo er um 14 Uhr 20 eintraf. Dort waren derweil die Vorbereitungen abgeschlossen, zumal der Blumen-, Kranz- und Fahnenschmuck bis hin zum Denkmal. Schade nur, dass es regnete, dass es stürmte. Dennoch herrschte allgemeine Feststimmung. Kriegervereine und Anwohner säumten die Straßen, auf den Tribünen beim Denkmal fand man die westfälischen Honoratioren, die Militärs und auch die Bischöfe. Nicht weniger als 700 Posaunisten warteten auf den immer noch jungen Kaiser, spielten aber schon vor dessen Eintreffen patriotische Weisen (Berliner Tageblatt 1896, Nr. 535 v. 19. Oktober, 2). Über die 60.000 Mark teure Kaiserstraße ging es voran, eine Kürassierschwadron vor der Kutsche des Herrschers, Salutschüsse kündeten sein Eintreffen. 15 Uhr; er in Husarenuniform, sie im moosgrünem Plüschkostüm. Ehrenkompanie abschreiten, allgemeine Begrüßungsrunde im Kaiserzelt. Gesang aus 600 Männerkehlen ertönt zum neu komponierten Sängergruß. Derweil hat es sich aufgeklärt. Der westfälische Vertreter Alexander von Oheimb (1820-1903) preist nun die Hohenzollern, den allerdurchlauchtigsten Kaiser und König, spricht sich für die Wahrung und Förderung des allgemeinen Wohles aus, „daß das Reich in Eintracht erstarke, daß Frieden, Treue und Gottesfurcht in demselben erhalten bliebe“ (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 492 v. 19. Oktober, 1). Es folgt der „Festgesang zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms des Großen“, dann die Besichtigung des Denkmals. Majestät zeigt sich zufrieden. Vorbeimarsch der Ehrenkompanie der Vereine. Sonnenschein, Kaiserzelt. Der Ehrentrunk huldvoll entgegengenommen, der Dank des Herrschers, ein Trinkspruch auf das Wohl der Provinz Westfalen. Allseits Begeisterung. Dann einige Gespräche, kurz vor 16 Uhr Abritt. Allgemeine Hochrufe. Ausspannen, Festmahl im Hotel Kaiserhof mit 370 Personen.

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Schilderwald und Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Auch mein Besuch fand bei Sturm und Regen statt. Gelockt hatten mich Nachrichten vom Umbau und der Wiedereröffnung des Denkmals. 2014 hatte es einen neuerlichen Wettbewerb gegeben, Ziel war vor allem die Stabilisierung von Terrasse und Außenring, ferner eine neugestaltete Gastronomie, ein Besucherzentrum für die Wissbegierigen sowie ein Parkplatz für alle. Das Geld kam vor allem vom Eigentümer, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), zudem gab es eine kräftige Finanzspritze des Bundes und Zuschüsse der Stadt Porta Westfalica. Der Kostenrahmen wurde mehrfach überschritten, am Ende 16,4 Millionen Euro verbaut. 2016 fand die Grundsteinlegung statt, 2018 dann die Neueröffnung. LWL-Direktor Matthias Löb machte zuvor klar: „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“ (zit. n. Bernd Bexte, Mehr als ein Denkmal für den Kaiser, Westfalen-Blatt 2018, Ausgabe v. 21. Februar). Gleich 2000 Jahre solle der Besucher erleben können, „von den Römern in Germanien (ein römisches Marschlager befand sich in direkter Nachbarschaft in Barkhausen) über das Mittelalter (das Areal der Wittkindsburg ist fußläufig erreichbar) bis hin zu Preußens Gloria und dem Elend der Zwangsarbeiter, die in der NS-Zeit im später von den Briten gesprengten Stollen unter dem Denkmal für die Rüstungsindustrie arbeiten und vielfach auch sterben mussten“ (Ebd.). Das klang vielversprechend, nach breit angelegter Geschichtsvermittlung, nach einer Kontextualisierung preußischer, äh, na, wohl eher deutscher Geschichte.

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Getrübter Durchblick: Informationsbehälter mit Ankündigungsmaterial

Bei Ankunft zeigte sich die volle Größe des Parkplatzes, denn an diesem regnerischen Samstag gab es praktisch keine Besucher. Das Denkmal kann kostenlos besucht werden, für das Auto sind aber drei Euro aufzubringen. Hat ja alles gekostet. Vorbei an einem kompakten Kiosk, an technisch hochwertigen Toiletten, vielen Müllbehältern, einer leider beschlagenen Glasvitrine mit daher nicht lesbarer Karte der Gesamtanlage sowie an Informationsbehältern. Dann die Straße die Anhöhe hoch. Ein eigenartiges Geviert wurde sichtbar, der Eingang zum Besucherzentrum.

 

 

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Hier kehrt man gerne ein – Treppenhaus zum „Besucherzentrum“ und zur Gaststätte

Hinab also die gastlich einladende Steiltreppe. Ein wenig glitschig, doch jeder Besuch ist ein Abenteuer. Innen angekommen, wurde ich erst einmal mit den Angeboten des Restaurants vertraut gemacht. Ordentlich bürgerlich, mittlere Preisklasse, bei an sich herrlichem Ausblick sicher schön. Doch der Sinn stand mir eher nach geistigen Genüssen, nach dem angekündigten Parforceritt durch die 2000 langen Jahre. Davon sah man erst einmal nichts, denn unter der Überschrift „Kaiserliche Aussichten“ waren dort zahlreiche Gruppenphotos aufgehängt worden, allesamt Besucher des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Dazwischen moderne Bildschirme, teils mit Spaßprogramm. Jugendliche mit vorgehaltenem Oberlippenbart. Sollte wohl etwas mit Preußen zu tun haben (dabei war die Berliner Bartmode um 1900 doch von spitzen, eingedrehten Bartenden geprägt, nicht aber von den dort gezeigten rundlich wogenden…).

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Nordkorea lässt grüßen. Aus dem Besucherzentrum

Nun ja, voran. Ich stieß auf eine moderne Stehle mit zahlreichen anderen Denkmälern, allesamt mit ein, zwei Sätzen vorgestellt. Vergleichende Denkmalkunde, in der Tat. Der Vergleich blieb zwar auf der Strecke, wurde mit nur wenigen Sätzen begründet, doch nebeneinandergestellt zeigte sich ein globales Panorama. Eine vergleichende europäische Analyse der Nationaldenkmäler hatte der Historiker Thomas Nipperdey (1927-1992) schon im Gefolge seines 1968 erschienenen Aufsatzes „Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert“ gefordert. Dies schien man hier aufgegriffen und gar erweitert zu haben. Kim Il-sung (1912-1994) und Kim Jong-il (1942-2011) traten mir entgegen, kleine Repliken des 2012 umgebauten Großmonuments Mansudae in Nordkorea. Viele andere Bilder fanden sich im Umfeld, etwa die vier US-Präsidenten von Mount Rushmore, der Arc de Triomphe oder die kontrovers beurteilten Monumente des russischen Bildhauers Surab Zereteli (1934-). All das nahm ich sehr rasch wahr, denn viel mehr als Bildunterschriften und einige Thesen zur relativen Ähnlichkeit aller monumentalen Machtausübung war nicht vorhanden. Nun ja, „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“. Deshalb wohl fehlte ein kleiner Skandal aus dem Jahre 1926, als man Denkmäler von Bruno Schmitz in Wasmuths Monatsheften für Baukunst und Städtebau neben sowjetischen Monumenten inklusive der Kremlmauer stellte. Die Akademie des Bauwesens war empört und protestierte (Centralblatt der Bauverwaltung 46, 1926, 488). Hätte gut gepasst, kann aber noch eingearbeitet werden zwecks kritischer Kontextualisierung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Doch im Besucherzentrum blieb diese Kontextualisierung dunkel. Es war irgendwie kritisch. Und kritisch ist gut. Mehr davon.

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Zweisprachig und mit weniger Informationen als der einschlägige Wikipedia-Artikel. Denkmalskunde im Besucherzentrum

Schon war ich am „Rondell“, das den Besuchern das Denkmal näher bringen will. Es bot Informationen zu Wilhelm I. (und den Hohenzollern), zum Bau des Denkmals und zu den Besuchern. Im Mittelpunkt standen wieder Bilder, kurz erläutert von dürren Unterschriften, kaum verbunden mit wenigen Sätzen, die historischen Kontext darboten. War das alles? Der Kaiser als Kartäschenprinz, dann rasch zum Krieg mit Frankreich. Dazwischen nichts. Otto von Bismarck, der Kanzler als eigentlicher Herrscher. Und natürlich der nicht eindeutig Wilhelm I. zuzuschreibende Satz „Ich habe keine Zeit, müde zu sein.“ Nein, müde konnte man von derartigen fundierten Informationen nicht werden, reicht meine Aufmerksamkeitsspanne doch weit über die Öffnungszeiten derartiger Geschichtsanimation hinaus. Und die konnte auch nicht durch nachgespielte Szenen aus der deutschen Geschichte erschöpft werden, Szenen, die selbst im ZDF zu Qualitätsdiskussionen geführt hätten. Geschichte als Drama mit wenigen markanten Sätzen.

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Panoramawand mit Historienschnipseln. 2000 Jahre Geschichte im Besucherzentrum

Doch da war ja noch etwas, nämlich eine Panoramawand. Die mit den 2000 Jahren Geschichte. Ein bisschen Heimatkunde, ein bisschen Animation, allesamt nur einfache Aussagesätze zu den zahlreichen mit der Porta Westfalica verbundenen Themen. Ernsten Themen. Voller Leben, voller Sterben. Wer mehr wissen will, der kann mittels Bildschirm ein wenig vertiefen. Wer noch mehr möchte, kann sicher zu Hause auf das Internet zurückgreifen. Bücher wurden keine verkauft. Doch Werbebroschüren lagen aus. „Historiker, Archäologen, Naturschützer und Heimatpfleger haben für die Stationen interessante Geschichten zusammengetragen“ lese ich dort. Schade, dass sie diese nicht verbunden haben. Immerhin bot die Rückseite der Panoramawand eindringliche Bilder vom Umbau der Terrasse, von den Herausforderungen für Bautechnik und Baustatik. Leider aber kaum etwas zur Geschichte des Denkmals.

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Die neue, attraktiv gestaltete Oberterrasse

Ich verlasse die heiligen Hallen der Bildung und reibe mir kurz die Augen. Auch ein neuerlicher Blick über die neu gestaltete Oberterrasse unterstreicht, dass ich hier wirklich im Besucherzentrum gewesen sein muss. Das also ist alles, was der Landschaftsverband Westfalen-Lippe seinen Besuchern mitteilen möchte. „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“. Ja, ich habe verstanden.

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Errungenschaften der Neugestaltung – Ein architektonisches Meisterstück der Behindertengerechtigkeit

Der eigentliche Stolz der Macher gilt nicht dem Denkmal, gilt nicht diesem grundsätzlich hervorragenden Lernort zur deutschen Geschichte. Er gilt den rollstuhlgerechten Aufzügen zum Besucherzentrum, den Parkplätzen für Gehbehinderte, nein, für „Menschen mit Gehbehinderung“. Die obere Terrasse ist barrierefrei erschlossen. Schade, dass man trotz umfangreicher Neubaumaßnahmen von wahrlich anheimelnder Architektur das eigentliche Denkmal dennoch nicht begehen kann. Denn es hat Treppen, bis heute. Wie rücksichtslos man im 19. Jahrhundert war… Und das bei den vielen Kriegskrüppeln… Die örtliche Gedenkkultur der Veteranen auch nach dem Ersten Weltkrieg erscheint nicht. Die der Amputierten, der Kriegsblinden, der Vernarbten, der Versehrten, der psychisch Labilen, denn an all die wurde auch hier, an diesem Denkmal erinnert. Von denen die übriggeblieben waren, innerlich gezeichnet. Heute ist das anders. Doch warum man die nicht vorhandenen Barrieren überwinden soll, bleibt unklar. Denn für die Vergangenheit, für die Geschichte dieses Denkmals, scheinen sich die Macher nicht zu interessieren.

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Neue Bewehrung: Fernrohre für Weitblicke

Dabei haben sie sich doch so viel Mühe gegeben. Die Brüstung des eigentlichen Denkmals wurde mit neuen Zäunen versehen, so dass niemand zu Schaden kommt. Das ist wichtig. Doch dabei soll natürlich der Spaß nicht zu kurz kommen. Daher verkleidete man die Brüstung mit leistungsfähigen Fernrohren. Nutzbar gegen eine kleine Gebühr. Hat ja alles gekostet. Allein die Pflastersteine. Weitblicke sind so möglich. Besser als nichts. Doch Einblicke wären mir auch ganz lieb gewesen. Vielleicht auch, weil ich vom Bildungsauftrag öffentlicher Einrichtungen überzeugt bin. Schade, dass man beim LWL anders denkt.

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Erinnerungen, die bleiben

Doch Spaß kann man haben. Ein kleiner Automat erlaubt das neckische Umprägen von Kleingeld in Erinnerungsstücke. So kann man etwas mit nach Hause nehmen. Den Eindruck der Gesamteinlage. Das Bild von Baldachin und Standbild. Leider nicht viel mehr. Vielleicht „Kartäschenprinz“, die Kim-Familie und die vielen Gruppenbilder… Stolz vermerken die Macher, dass man es durch den Umbau wohl schaffen werde, die durchschnittliche Verweildauer von 15 Minuten auf eine Stunde zu steigern. Wegen der Gastronomie. Weswegen auch sonst?

 

Ich gehe die Anhöhe wieder herunter. Ja, ich bin länger als der Durchschnittsbesucher geblieben. Und dass, obwohl ich es schaffe an dem Parkplatzkiosk vorbeizukommen, ohne dort etwas gekauft zu haben. „Willem“ heißt es – doch warum, konnte man mir nicht sagen. Ist halt ein Kiosk an irgendeinem Berg…

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Willem Snack and Go oder Die Tristesse der deutschen Grundverpflegung

So verlasse ich denn diesen Ort. Einen Ort, der es erlauben würde, die Geschichte des deutschen Kaiserreichs kritisch zu vermitteln. Doch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe ist daran offenbar nicht interessiert. Die Neugestaltung entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Flucht vor der Vergangenheit. Dabei ist das Kaiserreich bis heute aktuell, führt das Leben Wilhelm I. und die Denkmalsgründung in Porta Westfalica doch an zentrale Themenfelder auch unserer durch den deutschen Staat tagtäglich geprägten Gegenwart heran.

Da ist die Frage nach der Identität unseres Gemeinwesens: Was ist deutsch, was macht dieses Volk, diesen Staat, diese Nation aus? Wilhelm I. stand für die endgültige Aufsplittung der deutschen Kulturnation in zwei Reiche, stand für eine Verengung des Nationalbegriffs auf ein kleindeutsches, ein nationalliberal-konservatives, protestantisches Deutsches Reich. Doch er stand auch für etwas kleineres Großes, für ein ideal gedachtes Preußen, eines, in dem jeder „nach seiner Fasson selich“ werden konnte, in dem das gesatzte Recht galt, die Wissenschaften und das Gewerbe gefördert wurden, neuartige Bildungskonzepte entwickelt und mit Leben gefüllt werden konnten. Führt man sich das vor Augen, so erscheinen die heutigen Debatten eigenartig uninspiriert, der Breite der Geschichte nicht angemessen.

Da ist die Frage nach der Essenz des Bürgertums. Wilhelm I. bekämpfte Revolutionäre, erweiterte Bürgerrechte während der neuen Ära, bekämpfte sie neuerlich, ehe er Kernpunkte des Konstitutionalismus akzeptierte und respektierte. Wie definiert sich der Bürger angesichts der Macht des stets überbürdenden Staates und seiner Institutionen? Ist er Untertan, der sich anpassungsschlau wegduckt angesichts einer „alternativlosen“ Politik, der mitblöckt, wie Heinrich Manns Diederich Heßling? Oder ruft man mit Freiligrath: „Der Rang ist das Gepräge nur, Der Mann das Gold trotz alledem!“ (1843).

Da ist die Frage nach der Wehrkraft eines Landes, nach Verteidigung und Militarismus. Wilhelm I. hat in derartigen Kategorien gedacht, während es in diesem unserem Lande fast den Eindruck hat, dass man zwar mehr Soldaten in Auslandseinsätze schickt als die Kolonialmacht Deutsches Reich, dass man im Innern aber die Funktion bewaffneter Streitkräfte nicht mehr recht versteht, sich damit jedenfalls nicht auseinandersetzen möchte.

Da ist die Frage nach dem Warum dieser Flucht vor der Geschichte. Dient Geschichte, zumal in ihrer erinnerungspolitischen Engführung, nicht mehr dem Leben, ist sie negativ monumentalistisch geworden, weiß keinen Funken mehr zu entzünden? Oder ist sie eine Last, der ein friedlich arbeitender und konsumierender Mensch nicht mehr bedarf, wie eine Herde: „sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig“ (Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Stuttgart 1985, 7).

Da ist aber auch die Frage nach der Essenz der Wissensproduktion der Experten, in diesem Falle der Historiker. Welche Bedeutung besitzt eine kritische Geschichtswissenschaft angesichts staatlicher Geschichtspolitik, die von einem staatlich finanzierten Wissenschaftssystem vielfach affirmativ begleitet und gestützt wird? Folgt man den Moden der Profession, die sich vom 19. Jahrhundert seit langem abgewandt hat und dennoch (vielleicht auch deshalb?) öffentlich zunehmend bedeutungslos wird?

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Wo einst Wilhelm II. residierte – und ein Außenlager des KZ Neuengamme bestand

Zu all diesen Fragen – und natürlich zu den vielen kleinen Fachfragen – hätte ich gerne mehr am Denkmalsort erfahren, doch dies unterblieb. Und so verließ ich den Ort. Nicht ohne nochmals anzuhalten. Am Hotel Kaiserhof, am Fuße des Wittekindsberges. Dort wo einst Wilhelm II. tafelte und wohin er wieder zurückkam, im September 1898, beim Kaisermanöver (Allgemeine Zeitung 1898, Nr. 248 v. 8. September, 6). Seine Geschichte müsste gesondert erzählt werden. Ein anderes Denkmal in Porta Westfalica, das 1933/34 errichtete Schlageter-Denkmal auf der anderen Weserseite, am Jakobsberg, gab quasi den Takt vor. Es stand für die nationalsozialistische Transformation der Region, die auch das Hotel prägte. Im März 1944 wurde hier ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. Bis zu 1.500 Häftlinge mussten hier leben, um Arbeit im Stollen unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals zu leisten. Ca. 600 Personen kamen dabei ums Leben (Informationstafel der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica am Hotel, 20. Februar 2019; https://www.gedenkstaette-porta.de/). Das Hotel musste 2011 Insolvenz anmelden, im gleichen Jahr zerstörte ein Brand große Teile des Hauses. Ein Wiederaufbau des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes ist nicht in Sicht. Das wäre ein guter Ort für eine Gedenkstätte, für ein historisches Museum. Vielleicht wäre das eine Alternative für die Flucht vor der Vergangenheit bergauf.

Uwe Spiekermann, 3. April 2019