Auf den Spuren der Glasindustrie in Boffzen – Kritische Heimatgeschichte in Form eines Glasstelenweges

Die Industrialisierung wird vielfach mit Städten, mit den ausgreifenden urbanen Räumen in Verbindung gebracht. Doch nicht erst seit den bahnbrechenden Arbeiten Sidney Pollards ist klar, dass der Weg in die industrielle Moderne ihren Ausgang von regionalen Gewerbegebieten nahm. Die vielfach denunzierte „Provinz“ hat eine gewichtige Rolle beim Bruch mit der vorindustriellen Welt gespielt. Gleichwohl spiegelt sich dies nur unzureichend in der Forschung, dominierten dort doch Studien zu einzelnen Städten, Branchen und Regionen. Das kleine, vielgestaltige Geschehen der Geschichte ist mit großen Strichen eben leichter nachzuerzählen als mit der Analyse der kleinen Veränderungen in vielgestaltigen und als solchen einzigartigen Orten.

Es war demnach ein Wagnis, sich auf die Spuren der Glasgeschichte in Boffzen zu begeben, einem kleinen Weserdorf, bis Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt von Land- und Forstwirtschaft. Dort stellten zwei 1866 und 1874 gegründete Glashütten die tradierte Ordnung in Frage. Boffzen entwickelte sich binnen eines Jahrzehntes zu einem Industriedorf, das wie in einem Brennglas die allgemeinen Geschichtsläufte der letzten einhundertfünfzig Jahre bündelte. Der Anlass für diese Spurensuche kam von außen, vom lokalen Freundeskreis Glas. Dieser hatte sich 2017 aus der Betreuung des Boffzener Glasmuseums zurückgezogen, nachdem der CDU-geführte Gemeinderat eine Modernisierung der Dauerausstellung nicht gegenfinanzieren wollte. Zwei Jahre später schloss es dann seine Türen. Der Freundeskreis Glas hatte unter Vorsitz des früheren Landrates des Landkreises Holzminden, Walter Waske, jedoch schon zuvor über neue Vermittlungsformen abseits des Glasmuseums nachgedacht. Rasch war klar, dass ein lokaler historischer Rundweg erstellt werden sollte – in Form ästhetisch gestalteter Glasstelen. Er wurde nun am 8. November 2020 offiziell eingeweiht.

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Wegskizze des Boffzener Glasstelenweges (Graphik: Freundeskreis Glas Boffzen)

Ich selbst hatte 2016 einen Vortrag am Boffzener Museum gehalten, damals zur Geschichte des Einkochens im 20. Jahrhundert. Zum kulturpolitischen Zerstörungswerk der „bürgerlichen“ Gemeinderatsmehrheit hatte ich mich kritisch zu Wort gemeldet, hinzu kamen enge Bande zur Familie Waske. Gemeinsam entwickelten wir im Herbst 2019 ein Konzept, das vor Ort allseits unterstützt wurde. Der Freundeskreis Glas beantragte daraufhin einschlägige Fördergelder. Drei Stiftungen bewilligen 12.000 €, die Braunschweigische Stiftung 4.000 €, der Landschaftsverband Südniedersachsen 3.000 € und die Kulturstiftung des Landkreises Holzminden 2.000 €. Auch die in Boffzen ansässige Glashütte Noelle & von Campe hatte auf Basis des Konzeptes 6.100 € für zwei Stelen zur eigenen Unternehmensgeschichte zugesagt, zog diese Zusage jedoch aufgrund der Texte zur NS-Zeit der Firma zurück. Die Gelder wurden durch eine weitere Förderung durch die Braunschweigische Stiftung und eine namhafte Privatspende allerdings rasch gedeckt. Den Hauptteil der Kosten von ca. 45.000 € trug der Freundeskreis Glas.

Der Glasstelenweg

Der Glasstelenweg des Freundeskreises Glas ermöglicht einerseits einen Rundweg zu historischen Orten in Boffzen. Ziel ist es, die bis weit in das 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte der Glasindustrie vor Ort darzustellen und ansatzweise erfahrbar zu machen. Der Weg führt über eine Strecke von ca. zwei Kilometern, die in ein bis anderthalb Stunden bequem zu bewältigen ist. Unternehmens-, Sozial-, Konsum- und Alltagsgeschichte werden gleichermaßen behandelt und in Bezug zueinander gesetzt. Die von der Journalistin und Ausstellungsmacherin Stefanie Waske und mir formulierten Texte wurden mit Bildern ergänzt, von der Neuhauser Graphikerin Angelika Reuter in Form gebracht und dann auf knapp zwei Meter hohe Glasstelen gebrannt. Der Rundweg ist Teil ähnlicher Initiativen im gesamten Weserbergland, zielt damit nicht allein auf die lokale Bevölkerung, sondern auch auf Touristen in dieser historisch vielgestaltigen Region.

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Ausgangspunkt für Führungen (nach Ende der dekretierten Kontaktbeschränkungen): Glaspresse, Masterstele und zwei Themenstelen zu der auf der anderen Straße gelegenen Unternehmervilla Becker und der Georgshütte (Foto: Uwe Spiekermann)

Der Boffzener Glasstelenweg geht allerdings einen wichtigen Schritt weiter, denn er wird ergänzt durch die Website Glas-in-Boffzen.com. Die auch per QR-Code von den Stelen einfach aufrufbare Seite erlaubt zum einen die nötigen Vertiefungen zu den Informationen auf den einzelnen Stelen. Zum anderen ist sie sowohl eine Plattform für die kritische Aufarbeitung der lokalen Glasgeschichte als auch ein Sammelbecken für alle mit dem faszinierenden Werkstoff Glas verbundenen lokalen und regionalen Themen. Die Website enthält entsprechend alle Texte und Bilder der Glasstelen. Sie bietet zugleich aber Vertiefungstexte zu den einzelnen Stelen. Die Stelen mit ihren ca. 1800 Zeichen reißen zwar Hauptpunkte an, doch erst in Kombination mit den Angeboten der Website wird daraus ein Komplettpaket.

Thematische Schwerpunkte des Glasstelenweges

Die zehn thematischen Glasstelen des Rundweges konzentrieren sich zuerst einmal auf Bauten, die die Geschichte der Glasindustrie direkt vor Augen führen. Das betrifft Betriebsstätten, Unternehmervillen, Arbeiterhäuser oder den früheren Konsum. Inhaltlich stehen sie jedoch für drei größere Themenfelder, nämlich die Unternehmens-, Sozial- sowie Konsum- und Alltagsgeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte.

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Georgshütte mit Arbeiterwohnungen im späten 19. Jahrhundert ((Schreiben von G. Becker an die Kreisdirektion Holzminden v. 13. September 1901, Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Bei der Unternehmensgeschichte geht es vorrangig um die beiden Boffzener Glashütten Noelle & von Campe (1866 als Bartling & Co. gegründet) und Georgshütte G. Becker. Beide repräsentieren den im späten 19. Jahrhundert erfolgten Bruch mit den bis weit in die frühe Neuzeit zurückreichenden Waldglashütten des Sollings mit ihren direkt mit Buchenholz befeuerten Glasöfen. Die Gründung in Boffzen erfolgte nahe der Mitte der 1860er Jahre eröffneten Eisenbahnen in Braunschweig, Hannover und dem preußischen Westfalen. Es galt Rohstoffe zu beziehen, vor allem aber Steinkohle aus den Zechen des Ruhrgebietes. Mit deren Hilfe konnten neuartige Glasöfen mit indirekter Gasfeuerung errichtet, dadurch die Glaspreise deutlich reduziert werden. Beide Glashütten konzentrierten sich auf Weißhohlglas, das sie meist über den Großhandel absetzten. Regionale und zunehmend nationale Märkte dominierten, Noelle & von Campe exportierte aber auch wachsende Teile des Angebotes.

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Mittelstand heute: Firmensignets von Noelle + von Campe an Werk I und Werk II (Fotos: Uwe Spiekermann)

Die Stelen – drei zu Noelle & von Campe, eine zur Georgshütte – geben allgemeine Einblicke in die Firmengeschichte bis in die 1980er Jahre. Noelle & von Campe hatte sich zuvor zum Massenbieter für Verpackungsglas gewandelt. Die Georgshütte reagierte auf die wegbrechende Nachfrage bei Einkoch- und Pressglas mit der Herstellung modern gestalteten Dekorationsglases, konnte sich im harten internationalen Wettbewerb jedoch nicht mehr behaupten und musste 1989 Konkurs anmelden. Die bisher vorliegenden Vertiefungstexte behandeln die Anfänge der Glasindustrie, geben aber auch einen Einblick in die handwerkliche Produktion der 1950er Jahre:

Der Glasstelenweg ermöglicht zudem vielfältige Einblicke in die lokale Sozialgeschichte, in die Unterschiede zwischen Arbeitern und Unternehmern, zwischen dem industriell geprägten Oberdorf und dem von der Landwirtschaft dominierten Unterdorf. In Boffzen gibt es drei Unternehmervillen, allesamt gebaut um die Jahrhundertwende. Auch von dem für die Anwerbung von qualifizierten Glasmachern unabdingbaren Arbeiterwohnungsbau gibt es noch zahlreiche Beispiele.

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Unternehmervilla Noelle (1897) und das Arbeiterwohnhaus von Ludwig Düsterdiek (1913) (Fotos: Uwe Spiekermann)

Ein besonderer Reiz geht dabei bis heute von der Arbeitersiedlung Steinbreite aus. Ebenso wie die Unternehmervillen neue Maßstäbe im ländlichen Bauen setzten, verkörperten die fünfzehn von 1906 bis 1913 erbauten Glasarbeiterhäuser einen Bruch mit der zuvor vornehmlich auf serielle Mehrfamilienhäuser setzenden betrieblichen Sozialpolitik. Angeregt durch Vorbilder aus Ost- und Westfalen entstanden einfache, doch relativ große Einfamilienhäuser mit Gartenland und Kleinviehhaltung. Sie waren Angebote für eine loyale Stammarbeiterschaft, markieren aber auch den Handwerkerstolz der Glasbläser.

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Eine Stele zum Lesen, eine Bank zum Verweilen: Impression aus der ehemaligen Arbeitersiedlung Steinbreite (Foto: Uwe Spiekermann)

Die bisherigen Vertiefungstexte geben Einblicke in die unterschiedlichen Bautypen, in den paternalistisch-protestantischen Führungsstil der Unternehmer sowie die materielle und gesundheitliche Lage der Glasarbeiter:

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Die Stele zur Arbeiterkonsumgenossenschaft wird fotografiert, nachdem die Gemeindearbeiter Rasen gesät und die Mitglieder des Vereins Boffzen Aktiv Blumenzwiebeln gepflanzt hatten (Foto: Uwe Spiekermann)

Zugleich darf aber nicht vergessen werden, dass beide Hütten die Konsumgütermärkte und die Alltagskultur mit ihren Produkten mitgeprägt haben. Das gilt für die weit verbreiteten Konservierungsgläser, für Milchflaschen und Bierseidel, für Verpackungsglas von Handels- und Markenartikelunternehmen. Die Hütten entwickelten technisch anspruchsvolle Angebote für Nischenmärkte, ihre Formgestaltung spiegelt die massiven Veränderungen der Konsumwelten vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Formgestaltung für Exportmärkte: Verpackungsglas Ende der 1950er Jahre (Samtgemeindearchiv Boffzen, Sammlung Heide)

Bisher liegen zwei Vertiefungstexte vor, nämlich

Es war von Beginn an der Anspruch des Boffzener Glasstelenweges auch die lokale Geschichte des Nationalsozialismus mit zu behandeln. Für mich war es jedoch mehr als irritierend, dass diese Selbstverständlichkeit in einem offenen, demokratischen Gemeinwesen vor Ort teils nicht geteilt wurde: Nach anfänglicher Unterstützung trafen die einschlägigen Stelenpassagen nämlich auf den massiven Widerstand der Geschäftsführung der Firma Noelle + von Campe und der Nachfahren der damaligen Geschäftsleitung der Familie Becker. Versuche, den Glasstelenweg trotz erfolgter Auftragsvergabe noch Mitte September 2020 zu stoppen, wurden von der Mitgliederversammlung des Freundeskreises Glas allerdings mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.

Teil meiner Irritation war gewiss auch, dass die Stelentexte nur grundsätzlich bekannte Fakten zur NS-Geschichte der beiden Glashütten wiedergaben. Zur Georgshütte wurde lapidar vermerkt: „In den frühen 1920er Jahren und während der Weltwirtschaftskrise lag der Betrieb wiederholt still. Er profitierte danach jedoch von der wirtschaftlichen Erholung, dann von der Rüstungskonjunktur des NS-Regimes: Die Hütte steigerte nach Erweiterungsbauten Anfang der 1940er Jahre die Zahl ihrer Beschäftigten, die Einberufenen wurden durch Zwangsarbeiter aus dem besetzten Osteuropa teils ersetzt.“ Das war natürlich nur die Spitze des Eisberges, der Kürze eines Stelentextes geschuldet. Nicht erwähnt wurde etwa, dass die Georgshütte aufgrund der 1931 beginnenden NSDAP- und SA-Mitgliedschaft des Hauptgesellschafters Carl-August Becker von 1946 bis 1949 unter Treuhänderverwaltung stand, während der frühere und auch spätere Besitzer nach dem Militärdienst ab 1946 als Waldarbeiter beim Forstamt Boffzen tätig war (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Nds. 171 Hildesheim Nr. 44683).

Da für Noelle & von Campe drei Stelen zur Verfügung standen, war die einschlägige Passage zur NS-Geschichte etwas länger: „Noelle & von Campe war ein Renommierprojekt der nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungspolitik. […] Die wirtschaftliche Erholung und die 1936 einsetzende massive Rüstungskonjunktur führten zu steter Auslastung und wachsenden Gewinnen. […] Der Zweite Weltkrieg begann mit neuerlichen Einberufungen, doch Rohstoffe waren weiter vorhanden, auch Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Tschechien und der Slowakei sicherten die zunehmend kriegswichtige Produktion. Rüstungsgüter wurden gefertigt, darunter ab 1944 Glasminen.“ Über beide Hütten werden genauere Beiträge folgen, die sich allerdings nicht allein auf das unternehmerische Handeln und die Einbindung der Hütten in die Wehr- und Kriegswirtschaft konzentrieren werden. Auch Arbeiter und Angestellte profitierten vom damaligen Aufschwung, einem modernen Maschinenpark und hohen Gewinnen, die halfen, schon ab 1945 wieder profitabel produzieren und die ersten Anpassungskrisen in den 1950er Jahren erfolgreich bestehen zu können. Ein Vertiefungstext ist bereits verfügbar:

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Warnhinweis vor deutschen Minen, deren Glaskörper auch in Boffzen von Noelle & von Campe produziert wurden (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 5, 73)

Die Website Glas-in-Boffzen.com

Während der Glasstelenweg Grundinformationen über die Geschichte der Boffzener Glasindustrie und die unmittelbar zu sehenden Objekte liefert, erlaubt die neu eingerichtete und zeitnah zum Rundweg am 6. November 2020 eröffnete Website eine substanzielle Vertiefung der Aussagen. Dabei geht es erstens um eine Kontextualisierung der Stelentexte, also um die Einbettung der lokalen Geschehnisse in allgemeinere Entwicklungen. Dies wird fortgesetzt werden. Zweitens soll der Zugriff aber auch deutlich kleinteiligerer erfolgen, etwa durch die Präsentation und Diskussionen einzelner Geschichten, einzelner Glasobjekte oder aber Quellen. Drittens sind nicht nur Texte und Bilder geplant, sondern zusätzlich auch audiovisuelle Medien. Erste Interviews mit Zeitzeuginnen wurden geführt, müssen allerdings noch transkribiert und redigiert werden. Das Ziel liegt bei je drei Zusatzangeboten zu jeder Stele, also etwa 30 Beiträgen.

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Titelseite der Website Glas-in-Boffzen.com (Abruf: 10. November 2020)

Die Website wird jedoch auch Aufgaben übernehmen, die über den Glasstelenweg und die Geschichte der lokalen Glasindustrie hinausgehen. Glas-in-Boffzen.com dient dem Freundeskreis Glas als Vereinsplattform. Sie wird mit der nicht geringen Zahl von Internetangeboten ähnlicher Vereine und Glasmuseen vernetzt werden. Zugleich dient die Website aber auch zur Präsentation von Glasgeschichte(n), bietet also ein Spielbein für weitergehende Aspekte des Werkstoffs und Sammelobjektes Glas. Die Geschwindigkeit, mit der all dies umgesetzt werden kann, ist natürlich abhängig von den Vereinsmitgliedern. Die Website ist zugleich aber auch ein offenes Forum für alle einschlägig Interessierten. Förderung und Unterstützung kann der Freundeskreis Glas jedenfalls gut gebrauchen – und sie finden auch dazu nähere Informationen auf der Website.

Aussichten einer kritischen Heimatgeschichte Boffzens

Die lokalen Widerstände gegen eine kritische Heimatgeschichte, insbesondere aber eine auch nur rudimentäre Aufarbeitung der NS-Geschichte der Glashütten, ihrer Unternehmer und Arbeiter waren überraschend. Auch wenn jeder weiß, dass die öffentliche Rhetorik des „Kampfes gegen Rechts“ nur Ausdruck der Hilflosigkeit im Umgang mit extremistischen Herausforderungen der Bundesrepublik ist, so war die offenkundige Kombination von Unwissen, Ignoranz und Indifferenz doch bemerkenswert. Boffzen ist dafür nur ein Symptom, ist keineswegs außergewöhnlich. Der massive Abbau des Geschichtsunterrichtes nicht nur in Niedersachsen, die dominante Reduktion von Historie auf Unterhaltungsthemen und nicht zuletzt die öffentliche Erinnerungskultur mit ihren ritualisierten Einseitigkeiten und Selbstgefälligkeiten haben ein gesellschaftliches Klima geschaffen, dass für eine kritische Heimatgeschichte nicht günstig ist. Sie ist dennoch unverzichtbar.

Die lokalen Widerstände haben uns jedenfalls dazu angeregt, parallel, vor allem aber nach der Niederschrift der Stelentexte unsere Quellenrecherchen nochmals deutlich auszuweiten. Neben den einschlägigen Landesarchiven in Wolfenbüttel und Hannover haben Stefanie Waske und ich Akten aus dem Bundesarchiv Lichterfelde, dem Berlin Document Center, den Arolsen Archives und dem United States Holocaust Memorial Museum, Washington, DC zusammengetragen. Die wichtigsten Bestände gab es jedoch in der Region Holzminden, gar in der Samtgemeinde Boffzen. Dass diese Bestände größtenteils offiziell unverzeichnet waren, gab dem Ganzen eine besondere Note und erhöhte unsere Entdeckerfreude. All dies hat unsere Wissensgrundlage über die Geschichte der (Boffzener) Glasindustrie deutlich verbreitet – und wir hoffen in Zukunft hierüber regelmäßig zu veröffentlichen.

Uwe Spiekermann, 11. November 2020

Fern von den Konsumenten: Biermarketing in Deutschland 1890-1970

Die Konsumenten fristen in der wirtschafts- und sozialhistorischen Forschung bis heute ein Schattendasein. Wie sie erfassen, welche Quellen dazu nutzen? In den Blick nehmen lassen sich vor allem ihre Handlungen. Welche Wahlmöglichkeiten bestanden, was wurde gekauft, und wie wurde mit den Waren umgegangen? Markthandeln steht dann im Mittelpunkt. Das Rollenwesen „König Kunde“ zeichnet sich vor allem durch seine Kaufkraft aus, erscheint als funktionaler Akteur im Wirtschaftsgeschehen, Ausgangs- und Endpunkt der Produktion und des Handels.

Die historische Forschung hat diesen Mythos der Souveränität vielfach fundiert hinterfragt, verfehlt das Bild freien ungebundenen Kaufens und Wirtschaftens doch die Realität moderner Konsumgütermärkte. Dort dominieren die Strukturen und Zwänge des Marktes, vor allem aber das Agieren der Händler und Produzenten, der Marketingspezialisten und Wissenschaftler. Diese – so die immer wieder vernehmliche Aussage – würden sich letztlich an einem wie immer gearteten Konsumentenbild orientieren. Die Herrschaft und die Eigeninteressen der Marktexperten interessieren dagegen weniger. Das zeigt sich prägnant an den einfachen Stufenlehren, mit deren Hilfe Konsumgesellschaften gerne periodisiert werden: Da geht es von der Produkt- über die Absatz- hin zur Markt- und Verbraucherorientierung. Oder aber von fragmentierten zu nationalen Märkten, dann zur Marktsegmentierung und immer kleinteiligeren Mikrosegmentierung. Die Konsumenten sind, sprachlich zumindest, irgendwie immer dabei.

All dies hat seinen Wert. Doch müsste man nicht selbstkritisch fragen, was der Eigenwert der Geschichtswissenschaft ist und ob gängige ökonomische und psychologische Modelle und Normen nicht verdecken als erhellen. Erlauben sie wirklich einen „realen“ Bezug zum „Markt“ – oder sind sie nicht primär schwache Krücken im Angesicht der Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit des Konsums? Um hierauf zu antworten, gilt es konkreter rückzufragen: Waren und sind Konsumenten relevante Größen im Marktgeschehen – zumal aus Sicht der Produzenten? Welche Bedeutung messen diese ihnen zu? Wie definieren sie ihr Gegenüber, wie konstruieren sie es? Um derartige Fragen zu beantworten, sind empirische Fallstudien unverzichtbar.

Das Konsumgut Bier eignet sich dafür besonders gut, handelt es sich doch um ein neu gestaltetes Massenkonsumgut des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dessen erste Konsumspitze um 1900 lag, die dann Mitte der 1970er Jahre nochmals übertroffen wurde, ehe der Konsum langsam zurückging. Es gab also – die vielfältigen Brüche dieser Zeitspanne mitdenkend – wiederholte Phasen von Wachstum, Stagnation und Rückgang. Unternehmerisches Kalkül und Expertenwissen waren also immer wieder gefordert, um das kühle Nass dem Konsumenten darzubieten.

Bier läuft – Der Konsument während des Kaiserreichs

Bevor wir starten, müssen wir aber über unseren Gegenstand nachdenken. Denn auch wenn zwischen dem untergärigen Vollbier, das als Helles oder aber als feines Pils um 1900 den Markt bestimmte, und unseren heutigen Standardsorten unter chemisch-physiologischen Aspekten kein gravierender Unterschied besteht: Für die Konsumenten hat sich „Bier“ grundlegend gewandelt. Die Einheitlichkeit entsprechender Begriffe ist daher eine semantische Illusion (dazu Uwe Spiekermann, Abkehr vom Selbstverständlichen. Entwicklungslinien der Ernährung seit 1880, Ernährung im Fokus 7, 2007, 202-208).
Heutzutage sind Alkoholika, auch relativ schwache, wie das Bier, Stimmungswandler. Sie haben vorrangig die „Funktion eines situativen Therapeutikums“ (Stephan Urlings, Geisterkampf und Stimmungswandel. Alkohol-Werbung und Trinkverfassungen, Rheingold Newsletter 2005, Nr. 1, s.p.) und erlauben, den Alltag spezifisch zu gestalten. Demgegenüber treten andere Funktionen des Getränks zurück. Umfragen der frühen 1950er Jahre hoben stattdessen noch die Durst stillende und erfrische Wirkung hervor (Frank Wiese, Der Strukturwandel im deutschen Biermarkt, WiSo. Diss. Köln 1993, 86). Bier war ein alimentärer Allrounder, dem ferner guter Geschmack, Nährwert und Bekömmlichkeit zugewiesen wurde, dessen Konsum vielfach als urwüchsig und gleichsam natürlich bewertet wurde. Vor dem ersten Weltkrieg spielten physiologische Momente eine noch größere Rolle. Bier war damals insbesondere „flüssiges Brot“, eine kräftigende Alltagsspeise. Es verband Ruhe und Geselligkeit, galt als reines und zugleich anregendes Produkt.

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Einkehr, Erfrischung, Ernährung und Erheiterung in einem Zug (Fliegende Blätter 113, 1900, 39)

Nimmt man diese veränderte Konsumentensicht ernst, so verwundert das Festhalten an dem einen Produkt Vollbier. Die Kernleistung der Bierproduzenten lag im 20. Jahrhundert offenbar darin, ein relativ homogenes Produkt für sehr unterschiedliche Aufgaben glaubhaft anzubieten. Nicht die Schaffung neuer Produkte, sondern die virtuelle Kreation von sich wandelnden Produkteigenschaften stand damit im Mittelpunkt unternehmerischer Leistung.

Setzt man dieses voraus, so müsste man von einer relativen Nähe von Produzenten und Konsumenten ausgehen. Die Brauwirtschaft bot um 1900 ihre transportkostenintensive Massenware zumeist in lokalen und regionalen Märkten an, war über die vertraglich gebundene Gastronomie und – zumindest in städtischen Märkten – Heimlieferangebote in vergleichsweise engem Kontakt mit den Trinkenden. Die Zielsetzungen waren vielfach identisch: Es ging um ein standardisiertes Angebot ohne größere Qualitätsschwankungen.

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Abseits standardisierter Angebote – Qualitätsrisiko Gastronomie (Fliegende Blätter 83, 1885, 27 (l.); ebd. 84, 1886, 85)

Vor der Einführung moderner Technologie, insbesondere aber der Kühltechnik und der bakteriologischen Forschung seit den 1870er Jahren, war dies kaum möglich, waren auch Schönungen und Verfälschungen durch Wirte weit verbreitet. Die erste Verwissenschaftlichung hätte grundsätzlich eine große Palette neuer Biersorten erlaubt. Glyzerin wurde dem Bier damals vielfach beigemengt, um den Geschmack vollmundiger, den Schaum feiner zu machen (Curt Michaelis, Die Bier-Frage, Correspondenz-Blatt des Niederrheinischen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 5, 1876, 36-39). Auch Färbemittel wurden häufig verwandt (Nowak, Zur Hygieine des Bieres, ebd. 9, 1880, 102-104). Zahlreiche deutsche Auswanderer nutzten diese Kenntnisse, um in den Vereinigten Staaten trotz anderer Rohwaren gut trinkbare und zugleich leichtere Lagerbiere herzustellen und damit die dunkleren, aus Großbritannien übernommenen Sorten in den Hintergrund zu drängen (Uwe Spiekermann, Marketing Milwaukee. Schlitz and the Making of a National Beer Brand, 1880–1940, Bulletin of the GHI 53, 2013, 55-67). Erst die 1909 erfolgte Übernahme des seit Mitte des 19. Jahrhunderts im süddeutschen Braugebiet zunehmend praktizierten „Reinheitsgebotes“ führte auch im Norden zu einem Ende des an sich möglichen Abenteuers kreativer Biere. Es galt ein hochwertiges, tendenziell helles und gefällig schmeckendes Produkt zu erstellen. Die Brauereien konzentrierten sich dazu auf umfangreiche Wasser- und Gerstenanalysen sowie eine Malzkontrolle, die standardisierte Qualität ermöglichte und die Landwirtschaft verpflichtete. Ein derart einheitliches Produkt, angeboten zu einem akzeptablen Preis schien Garantie dafür, dass Bier lief. Regionale und saisonale Spezialitäten standen dem nicht entgegen, sondern sicherten die Dominanz des Standardbiers.

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Der ideale Konsument in der Karikatur (Fliegende Blätter 103, 1895, Nr. 2426, Beibl. 13)

Aufgabe der Brauereien war es nicht, den Kunden zu analysieren, sondern ihm das Produkt preiswert und in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Dies galt zumal, da Bier gegenüber dem Branntwein als weniger ungesunde Alternative galt. Der Risikodiskurs der Temperenzler und Abstinenzler konnte dadurch abgeschwächt werden. Ein leichtes, nährendes, erfrischendes Produkt galt als deutsch, war Teil einer geselligen und jovialen Nation, schien Teil des Nationalcharakters (Was jedermann vom deutschen Bier wissen muß!, Tageszeitung für Brauerei 11, 1913, 87). Dem charakterfesten Konsumenten wurde nominell die Freiheit der Wahl gelassen werden, doch gute Bürger würden letztlich auch gute deutsche Produkte konsumieren. Die Interessenverbände betonten zudem, dass dies Arbeit für das Gemeinwesen sei, denke man an das volkswirtschaftliche Gewicht der Brauereien für Arbeitsplätze und Steueraufkommen.

Die Firmen konzentrierten sich daher auf das Produkt selbst. Neben der Zucker-, Stärke- und Schokoladenindustrie waren die Bierbrauer Pioniere bei der Etablierung von Betriebslaboratorien, die einerseits die Rohware, andererseits die Endprodukte chemisch und zunehmend auch sensorisch kontrollierten (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Geschichte der Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 319-322). Zugleich wurden Verbands- und Universitätsinstitute gegründet, die Grundlagenforschung betrieben.

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Hygiene und wissenschaftliche Kontrolle – Betriebslaboratorium der Schultheiss AG, Berlin, 1910 (Schultheiss, 1910, 80)

Zudem bemühten sich die Brauereien, breit gefächerte Vertriebsschienen aufzubauen, wobei der Flaschenbierproduktion eine besondere Rolle zukam, auch wenn der Fassbierabsatz insgesamt deutlich überwog (Gustav Stresemann, Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschaefts, Phil. Diss. Leipzig, Berlin 1902). 1907 bedienten ferner mehr als 16.000 spezialisierte Bierhandlungen ihre Kundschaft, 82% davon hatten höchstens zwei Beschäftigte (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 708-709). Ökonomisch war dies alles höchst erfolgreich, lag der Umsatz der Brauwirtschaft um 1900 doch über dem der Montanindustrie.

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Produktion für den Hauskonsum – Flaschenbierproduktion bei Schultheiss 1910 (Schultheiss, 1910, 55)

Die Anbieter taten also viel für die Konsumenten, doch als wirklich eigenständigen Akteure verstanden sie sie nicht. Im repräsentativen „Illustrierten Brauerei-Lexikon“ von 1910 fehlte jeglicher Hinweis, die zahlreichen Fachbücher über das Brauereigewerbe würdigten sie kaum einer Zeile. Das gute Produkt setzte sich halt durch, Konsumenten war Einsichtswesen. Nicht der Käufer wurde beobachtet, wohl aber der Konkurrent. Dessen Werbeaktivitäten zielten im Regelfall auf einen schwachen Konsumenten, so dass „Kundenhetze“ (Concurrenz und Publikum, Deutsche Brau-Industrie 29, 1904, 465-466, hier 465) trotz guter Qualität sehr wohl erfolgreich sein konnte. Wettbewerb wurde als Auseinandersetzung mit den Konkurrenten verstanden, es galt, diesen zu übertrumpfen: „Man wird stets finden, daß das urtheillose Publikum, dieses tausendköpfige Ungeheuer, in seiner Allgemeinheit immer auf Seiten der Großindustrie steht und deren Biere bevorzugt, eine Erscheinung, welche die Großbrauereien natürlich mit allen Mitteln zu fördern suchen. Das Publicum steht von vornherein unter dem Einfluß einer gewaltigen Reklame, welche sein Ohr vertraut werden läßt mit dem Namen der großen Brauereien und den Bezeichnungen ihrer Biersorten. Die colossalen Etablissements, die prunkvollen, comfortablen Ausschänke imponiren ihm und schon macht dieser Einfluß im Geschmack sich geltend“ (Concurrenz, 1904, 465).

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Großbetriebliche Tradition: Werbung der Münchener Salvatorbrauerei für ein saisonales Spezialbier (Der Welt-Spiegel 1914, Ausg. v. 1. Februar, 5)

Nicht eventuelle Wünsche und Vorstellungen der Konsumenten bestimmten Angebot und Werbeansprache. Ihnen mussten vielmehr die Vorzüge des jeweiligen Angebotes wieder und wieder vor Augen geführt werden, da sie als solche schwach, aber immerhin willig waren. Die Konsequenz war die Vorstellung eines von Unternehmern und dann zunehmend auch von Werbefachleuten dominierten Marktgeschehens.

Entsprechend platzierten die Betriebe ihre Werbung alltags- und konsumnah. Die relativ geringe Bedeutung der Anzeigenwerbung und hohe Aufwendungen für einerseits Außen- und Plakatwerbung, anderseits zahlreiche Werbemittel innerhalb der Gaststätten entsprachen dem. Die hohen Transportkosten, die begrenzte Haltbarkeit, aber auch die im Vergleich zu anderen Genussmitteln geringen Gewinnmargen schützten zugleich das Massengeschäft. Modernes Marketing mit integrierter Kundenorientierung, wie es im späten 19. Jahrhundert etwa im Absatz von Schokolade oder aber Suppenpräparaten praktiziert wurden, hatte deshalb im Braugewerbe keine wirkliche Funktion (vgl. als Fallstudie Clemens Wischermann, Zur Industrialisierung des deutschen Braugewerbes im 19. Jahrhundert. Das Beispiel der reichsgräflich zu Stolbergschen Brauerei Westheim in Westfalen 1860-1913, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 30, 1985, 143-180, v.a. 158-163).

Entsprechend nutzten die Brauereien zu dieser Zeit veränderte Verbraucherbedürfnisse nicht – die mehr als eine Dekade währende Mode der alkoholfreien Biere wurde kleinen Spezialanbietern überlassen, da Bier ohne Alkohol ein Widerspruch in sich zu sein schien. Und nur vereinzelt investierten sie in das nach 1900 schnell an Bedeutung gewinnende Geschäft mit Mineralwasser und Limonaden, das ungeliebtes Beiwerk blieb. Die kapitalkräftigen urbanen Brauereien wuchsen schließlich trotz Steuererhöhungen 1906 und 1909 in der Mehrzahl weiter und beschäftigten sich stärker mit dem Aufkauf und der Bekämpfung der Konkurrenz als mit Produktdiversifikation.

Halbe Rationalisierung – Gemeinschaftswerbung und abgegrenzte Märkte in der Zwischenkriegszeit

Lassen Sie uns den Ersten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit überspringen, denn fehlende Rohstoffe und Arbeitskräfte, Regulierung und Rationierung führten zum kurzfristigen Ende des guten Biers für alle. Qualitätsmängel hatten das Vertrauen in das vermeintliche deutsche Nationalgerät vielfach erschüttert. Im Gegensatz zu anderen Lebensmittelbranchen nutzten die Brauer in den 1920er Jahren aber nicht die damals breit rezipierte US-amerikanische agrar- und handelswissenschaftliche Marketingliteratur, sondern setzten auf Bier in Vorkriegsqualität, auf Restauration und Tradition. Während die durch die internationale Agrarkrise unter Druck geratene Veredelungswirtschaft zwischen 1926 und 1928 modernes Marketing nutzte – einerseits staatlich und korporativ finanzierte Gemeinschaftswerbung betrieb, andererseits aber Produktion und Absatz rationalisierte und verbesserte – gab es im Braugewerbe nur eine halbe Rationalisierung.

Das scheinbar ausgereifte Produkt „Bier“ erlaubte kaum Optimierungen und Variationen. Bier Pilsener Brauart hatte 1925/26 außerhalb Bayerns schon einen Marktanteil von ca. einem Fünftel, wobei vor allem Sachsen mit 51% hervorragte (Berthold Herzog, Das Recht der Biererzeugung. Ein Beitrag zu neueren Warenzeichen- und Wettbewerbsfragen, Berlin 1931, 4-5). Angesichts der angespannten Einkommenssituationen und der Bevorzugung preiswerter regionaler Sorten hatten Premiumstrategien zugleich nur begrenzte Chancen. Gleichwohl investierten Staat und Betriebe beträchtliche Summen in Grundlagenforschung und Kontrolle, wobei die Vitaminforschung und Physiologie einerseits, die Rohstoffkunde insbesondere von Malz und Wasser im Mittelpunkt standen (F[riedrich] Hayduck, Das deutsche Brauereigewerbe im Spiegel der Wissenschaft, Der deutsche Volkswirt 8, 1933/34, Nr. 48, Sdr.-Beil., 8-10). Bier wurde im naturwissenschaftlichen Sinne „besser“, für die Konsumenten aber wurde es nicht anders. Nur vereinzelt bauten insbesondere Großbrauereien ihr Angebot nicht alkoholischer Getränke aus, setzten auch auf Malzbier oder sog. Gesundheitsbiere.

Rationalisierung fand innerbetrieblich durchaus statt; Organisation und Technik des Absatzes wurden nunmehr genauer analysiert und eine wachsende Zahl betriebswirtschaftlicher Kennziffern machte Kostenstrukturen transparenter (Alexander Hoecht, Die Organisation und Technik des Bierabsatzes im Braugewerbe, Techn. Diss. TU München 1929).

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Systematisierung der Absatzbestrebungen – Muster für eine Werbekartothek 1930 (Simon, 1931, 23)

Die Werbeanstrengungen wurden gestrafft, aber nur von wenigen Betrieben institutionalisiert. Lediglich fünf von 50 befragten Großbrauereien besaßen 1930 eine Werbeabteilung (Theobald Simon, Die Werbung der Brauereien, Nürnberg 1931, 19). 1936 verfügten nur drei von 50 im Rahmen der Brauwirtschaftsenquete befragten Betriebe über einen gesonderten Werbeetat (Margarete Sy, Die Kundengewinnung im deutschen Braugewerbe, in: Walter Weddigen (Hg.), Grundfragen der deutschen Brauwirtschaft, Leipzig 1939, 210-258, hier 212). Während sich andere Konsumgüterbranchen zunehmend auf den „Markt“ und damit den empirisch erkundeten Konsumenten ausrichteten, führte der durch Konzentration und Kooperation vielfach eingedämmte Wettbewerb zu einer relativen Stagnation des Braugewerbes. Erst in den 1930er Jahren wurden Kundenbefragungen und Marktforschung üblich, doch sie erfolgten vornehmlich auf Branchenebene, kaum durch Einzelbetriebe. Gründe hierfür waren einmal die relative Konstanz der über die betrieblichen Absatzdaten sehr wohl konturenhaft bekannten Konsumentenstrukturen. Angesichts eines Flaschenbieranteiles von 15 bis 25 % bildeten zudem Wirte oder Restaurationsbesitzer die eigentlichen Hauptabnehmer. Von den Werbeausgaben von 53,5 Mio. RM entfielen 1929 mehr als drei Viertel auf Wirtewerbung (Theobald Simon, Werbung für Bier, Nürnberg 1960, 61). Dies bedeutete etwa eine Reichsmark pro verkauften Hektoliter. Der Konsument wurde demgegenüber im Rahmen noch üblicher Typologien als Mensch mit einem gewissen Phlegma verstanden. Die Konsequenz war einfach, keine Experimente und eine unterstützende affirmative Kommunikationspolitik.

08_Scheck_1935_p26-28_Bier_Plakatwerbung_DAB_Schlegel_Loewenbraeu_Werbung

Tradition und Verzehrssituationen – Kundenansprache qua Plakat in den frühen 1930er Jahren (Scheck, 1935, 26-28)

Wie im Kaiserreich wurde plakatiert, kaum Anzeigen in Publikumszeitschriften, eher schon in Zeitungen geschaltet. Gastronomienahe Werbemittel wurden bevorzugt (Simon, 1931, 19). Werbegraphikern nutzte man, um Gemütlichkeit und – mit abnehmender Bedeutung – Tradition zu inszenieren (Fritz Wilck, Brauereibesitzer und Werbegraphiker. Voraussetzungen für erfolgreiche Zusammenarbeit, Tageszeitung für Brauerei 27, 1929, 529-530). Eine Marktsegmentierung fand kaum statt, war Bier doch Volksgetränk. Ausnahmen bei Nischenprodukten zeigten jedoch, dass die Marketingtechniken nicht nur bekannt waren, sondern auch Erfolg haben konnten.

09_Scheck_1935_p18-19_Malzbier_Marketing_Groterjan_Zielgruppensegmentierung

Zielgruppensegmentierung für Groterjan Malzbier 1934 (Scheck, 1935, 18-19)

Diesen relativen Rückstand gegenüber anderen Branchen verteidigten die Brauer selbstbewusst mit der Eigenart des Bieres, die Teil deutschen Volkslebens, deutscher Alltagskultur zu sein schien: „Ohne das deutsche Trinklied und ohne deutschen Humor ist eine feuchtfröhliche Tafelrunde gar nicht denkbar. […] Frohe Lieder und humorvolle Reden machen sehr wirksame Propaganda für das deutsche Volksgetränk“ (Fritz Wilck, Der Humor, ein wirkungsvoller Werbehelfer in der Brauindustrie, Tageszeitung für Brauerei 27, 1929, 663). Das relative Phlegma bei der Umsetzung modernen Marketings und der Ermittlung empirisch gesättigter Konsumententypen darf allerdings nicht mit Werbeaskese verwechselt werden, führten nicht nur die rührigen Antialkoholiker den Konsumzuwachs nach 1924 doch primär auf die fortwährende Anpreisung des Bieres zurück (so etwa Werner Kautzsch, Der Alkohol, Kosmos 22, 1925, 143-145, hier 143; Gegen die Propaganda des Braugewerbes, Blätter für Volksgesundheitspflege 31, 1931, 139). Mitte der 1930er Jahre wurde der Werbeaufwand der Brauereien auf 2-5 % des Umsatzes geschätzt. Das lag deutlich unter dem führender Markenartikelfirmen, doch die Aufwendungen stiegen absolut und relativ. Bierwerbung war 1937/38 ein 100 Mio. RM-Geschäft (Klaus Richter, Variationen der Bierwerbung, Forschungen zur Alkoholfrage 44, 1938, 169-185, hier 170).

Zu dieser Zeit fanden sich darunter auch Zwangsabgaben der 1934 gegründeten Wirtschaftsgruppe Brauerei, mit der Gemeinschaftswerbung forciert wurde. Der deutsche Brauerbund hatte schon 1925 und 1926 mittels großen „Gesundheitstempel“ auf Ausstellungen versucht, Hunderttausende von Besuchern vom Nähr- und Geschmackswert des Bieres zu überzeugen.

10_Scheck_1935_p51_Ausstellung_Bier_Gemeinschaftswerbung

Gemeinschaftswerbung für das deutsche Familien- und Volksgetränk auf der Ausstellung „Die Frau“ 1933 (Scheck, 1935, 51)

Es galt den Verbraucher zu informieren, aufklären, dann würde er die Arbeit der Brauereien schon würdigen und Bier trinken. Entsprechend nahm die Bedeutung verkündender Gemeinschaftswerbung seit 1929 beträchtlich zu (Erich Sturm, Der Absatz der deutschen Brauindustrie […] WiSo. Diss. Frankfurt/M., Bottrop 1933).

11_Die Ernaehrungswirtschaft_3_1929_p423_Scheck_1935_p49_Bier_Gemeinschaftswerbung_Plakatwerbung_Nationale-WerbungWirkliche Bedeutung gewannen derartige Konsumentenappelle aber erst während des Nationalsozialismus, in der Lehr- und Informationsstände für deutsches Bier bei den führenden Wirtschafts- und Gesundheitsausstellungen üblich wurden (Richter, 1938, 181). Allein 1934 wurden auf 41 Ausstellungen Bierwerbestände präsentiert. Die Brauereien zogen gezielt die nationale und nationalsozialistische Karte, doch angesichts der insgesamt geringen Bierimporte sowie der parallelen Werbung für deutschen Wein war die Wirkung der Gemeinschaftswerbung begrenzt. Sie diente einerseits der „Volksaufklärung“ mittels Plakats, Anzeige, Broschüre und Tonfilm, andererseits aber der Abwehr von durchaus ernstzunehmenden Bestrebungen einer staatlichen Regulierung des Bierkonsums. Selbst führende Werbefachleute waren im Falle des Bieres daher von der überlegenen Effizienz der Gemeinschaftswerbung überzeugt (Hanns W. Brose, Werbewirtschaft und Werbegestaltung. 6 Briefe an Herrn „M“, Berlin 1937, v.a. 90-91).

12_Scheck_1935_71_Nahrungsmittelproduktion_Brauwirtschaft_Volksgemeinschaft_Bier_Gemeinschaftswerbung

Das volkswirtschaftliche Gewicht des gleichgeschalteten Brauereigewerbes – Gemeinschaftswerbung 1934 (Scheck, 1935, 71)

Reichsgesundheitsamt und Reichärzteschaft führten ebenso wie die Hitlerjugend und wichtige Teile der Deutschen Arbeitsfront einen anhaltenden Kampf gegen Alkoholkonsum insbesondere von Frauen und Jugendlichen [Verweis] ([Hans] Harmsen, Die Bekämpfung des Alkohol- und Nikotingenusses in den Schulen und die wachsende Reklame des Alkoholkapitals, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 266-268).

13_Neuland_48_1939_p235_Alkohol_Temperenzbewegung_Rationalisierung_Effizienz_Nuechternheit

Effizienz und Ideologie: Antialkoholappelle 1938/39 für eine „neue Trinkepoche“ (Neuland 48, 1939, 235)

Im Denken der Unbedingten war der „Bierphilister“ ein Feindbild, an dessen Stelle der leistungsfähige nationalsozialistische Kämpfer treten sollte (H[ans] Reiter, Genußgifte und Leistung, Deutsches Ärzteblatt 69, 1939, 263-266). Dieses andere Konsumentenbild hing mit Autarkie- und Aufrüstungsbestrebungen zusammen, diente aber auch der Sicherung einer rassisch definierten Gesundheit, die Effizienz und Billigkeit, Heilen und Vernichten in den Mittelpunkt rückte. Die Bierwerbung wurde jedenfalls seit 1934 zunehmend reguliert, alternative Volksgetränke gefördert, Nüchternheit auch durch die zunehmende Motorisierung erforderlich. Die auf Risikokalkülen und rassistischen Vorstellungen gründende Zielgruppensegmentierung der Mediziner führte seit 1936, spätestens aber seit 1939 zu einem faktischen Verbot der Alkoholwerbung für Jugendliche (Richter, 1938, 175; Falk Ruttke, Erbpflege und Bekämpfung von Alkoholschäden im Großdeutschen Reich, Der Öffentliche Gesundheitsdienst 5, 1939/40, 345-349, 361-368, hier 364; Werbung für alkoholhaltige Getränke, Der Öffentliche Gesundheitsdienst 2, Teilausg. B, 1936/37, 703). An der grundsätzlichen Ausrichtung der Werbung bzw. an dem dahinterstehenden tradierten Konsumentenbild aber änderte sich wenig, zumal der Brauindustrie die Rohstoffversorgung zunehmend mehr Sorgen bereitete und die wachsende Kaufkraft zu steigendem Bierkonsum führte. Während der NS-Zeit wurde dem Wettbewerb um Kunden gezielt stillgestellt, galt die „Zeit der Kundenjagd“ (Sy, 1939, 230) doch als überwunden, wurden Preise und indirekt Gewinnmargen doch faktisch festgelegt. Dass dies auch Qualitätsprobleme schuf, ist eine andere Geschichte (Hans Weide, Bierpflege, Tageszeitung für Brauerei 38, 1940, 46, 52, 56, 60).

Der lange Weg zum Marketing – Die 1950er bis 1970er Jahre

Abermals gilt es die Kriegs- und unmittelbare Nachkriegszeit zu übergehen. Die Gründe hierfür sind ähnlich, auch wenn die Bierproduktion und der Stammwürzegehalt während des 2. Weltkrieges weniger eingeschränkt wurden, um die „Stimmung“ nicht zu sehr zu drücken. Die Besatzungszeit brachte jedoch stärkere Einschnitte. Mit der Freigabe der Brauerei von „Vollbier“ im September 1949 begann in Westdeutschland dann jedoch ein langanhaltender Konsumanstieg, der den des späten 19. Jahrhunderts weit in den Schatten stellte. Den Brauereien gelang es in den 1950er Jahren, Bier als zeitgemäßes Produkt darzustellen, als die abendliche Belohnung nach einem arbeitsreichen Tag.

Zugleich änderte sich die Wissensproduktion über die Konsumenten tiefgreifend. Emnid begann im Verbandsauftrag mit Befragungen zum Bier- und Spirituosenkonsum, die schon Mitte der 1930er Jahre einschlägig tätige Gesellschaft für Konsumforschung folgte 1953 mit einer ersten umfassenden Motivstudie zum Bierkonsum (Die Einstellung der Verbraucher zum Bierkonsum. Eine Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung, Nürnberg 1953 (Ms.)). Die kommerzielle Marktforschung wurde seit den frühen 1950er Jahren ergänzt durch zahlreiche akademische Abschlussarbeiten, deren Ergebnisse – ebenso wie die anderer Studien – in der Fachpresse vorgestellt und diskutiert wurden. Damit gewannen Konsumenten an Statur, wurden im Rahmen der Zuschreibungen einfacher sozialstatistischer Kategorien unterscheidbar und typisierbar. Bier stand nun nicht mehr isoliert im Raum, anhand simpler Konsumdaten, sondern wurde als Teil des Trinkens insgesamt verstanden, als Teil alltäglicher Mahlzeiten und auch des Kaufs anderer Gebrauchsgüter.

Gleichwohl änderte sich die Kommunikationspolitik der Brauereien strukturell nur wenig, die relativen Aufwendungen für Werbung sanken gar im Vergleich zur Zwischenkriegszeit. 1961 wurden lediglich 0,13 % des Umsatzes in Anzeigen und Plakate, Rundfunk- und TV-Werbung investiert, das waren 6,4 Mio. von insgesamt knapp 1,6 Mrd. DM Werbeaufwendungen für Markenartikel (Werbeaufwendungen 1961 im Markenartikelbereich, Der Markenartikel 24, 1962, 250-252). Stärkere Bedeutung hatte jedoch wiederum die Gemeinschaftswerbung, in die damals jährlich ca. drei Mio. DM investiert wurden (zur Größenordnung vgl. Hans Mosolff, Marktforschung und Werbung in der Ernährungswirtschaft, Die Ernährungswirtschaft 7, 1960, 183-184, 187, hier 183).

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Gemeinschaftswerbung für Bier 1958 (Der Volkswirt 12, 1958, 2405)

Ihre Koordinierung übernahm die 1953 gegründete Bierwerbe GmbH, die sich mittels Umlagen auf den Hektoliterabsatz finanzierte (Günther Haufe, Wandlungen im deutschen Biervertrieb der Nachkriegszeit, RStwiss. Diss. Freiburg i.Br. 1957, 46-48). Sie begann mit einfachen Slogans, präsentierte Bier dann im Sinne des empirisch ermittelten dominanten Verbraucherverständnisses, unterstützte zugleich die wachsende Exportorientierung (Wiese, 1993, 173).

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Internationales Flair und Tradition um die Ecke – Gesellige Konsumenten im Werbefilm der Gemeinschafts- und der Bitburger-Reklame (Simon, 1960, 150)

Während die Kommunikationspolitik der Brauereien damit kaum als Ursache des Konsumanstieges genannt werden kann, veränderten sich in den 1950er Jahren die Rahmenbedingungen des Absatzes wesentlich. Flaschenbier überholte Fassbier, die Selbstbedienung schuf neue Kaufsituationen, der Konsum verlagerte sich von den Gaststätten in die Haushalte, und der Großhandel wurde zum entscheidenden Akteur im Absatz (Heinz Pritzl, Die absatzwirtschaftliche Bedeutung der Verpackung für Bier, Wiwi. Diss. Nürnberg 1956; Günther Haufe, Wandlungen im deutschen Biervertrieb der Nachkriegszeit, RStwiss. Diss. Freiburg/Br. 1957). All dies waren Faktoren, die in anderen Konsumgüterbranchen zu Marketingorientierung auf breiter Basis führten.

Nicht so in der Brauwirtschaft. Der Verkäufermarkt begünstigte grundlegende Veränderungen nicht, Kritiker monierten Anfang der 1960er Jahre stattdessen „Werbeäußerungen im Stile der ‚Jahrmarktsreklame’“ und Missachtung basaler Regeln der Markentechnik (Lothar Michalski, „durch und durch solide“. Markentechnisch konzipierte Werbung für ein traditionsreiches Erzeugnis, Die Absatzwirtschaft 4, 1961, 654, 656-657). Marktwandel bedeutete vorrangig Delegation von Kommunikationsaufgaben an Handel und Warenausstattung. Die Pflege des Produktes stand nach wie vor im Mittelpunkt, wobei insbesondere der Ausstattung der Flaschen mehr Beachtung geschenkt wurde. Die Produktpolitik wurde kaum verändert, trotz eines langsam auf etwa 10 % wachsenden Anteils von Nichtalkoholika an der Brauereiproduktion. Die in der Fachpresse immer wieder unter Bezug auf die USA angesprochenen Vorteile systematischen Marketings, also des koordinierten Einsatzes von Produkt-, Distributions-, Preis- und Kommunikationspolitik wurden nur von wenigen Anbietern aufgegriffen und ansatzweise umgesetzt (Gerhard Koch, Die Absatzpolitik deutsche Brauereien […], WiSo. Diss. Freiburg/Schweiz, Nürnberg 1965; Herbert Greiner, Bier als Markenartikel, Agrarwiss. Diss. West-Berlin 1969).

Sie aber machten deutlich, dass es schon vor dem eigentlichen Umschwung zum modernen Marketing in den 1970er Jahren erfolgreiche Vorläufer gab, die veränderte Bedarfsstrukturen der Konsumenten erfolgreich angingen. Zwei kurze Beispiele hierzu müssen genügen, erstens die Duisburger König-Brauerei.

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Der König-Konsument als geselliges Männerwesen – Werbefilm 1957 (Chronik, 1958, s.p.)

Ihre auf Geselligkeit zielende Werbung unterschied sich kaum von anderen Firmen, doch sie setzte schon in den 1950er Jahren systematisch auf das feinere Pilsener, das man erstmals 1911 gebraut hatte (Chronik der König-Brauerei 1858-1958, Duisburg-Beeck 1958). Die gerade für das Ruhrgebiet einschneidende Abkehr vom einfachen Export-Bier wurde damit frühzeitig ernstgenommen.

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Premiumstrategie Mitte der 1950er Jahre – Qualitätspositionierung des Pils (Chronik, 1958, 54)

Seit den frühen 1950er Jahren konzentrierte König sein Marketing vornehmlich auf die gehobene Qualität, auch wenn Export noch den Hauptanteil des Umsatzes trug. Abschied vom Alltag durch ein Premiumangebot – das war die wesentliche Werbebotschaft.

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Premiumstrategie Mitte der 1950er Jahre – Gaststättenpflege und Spezialgläser (Chronik, 1958, s.p.)

Dazu polierte König nicht allein die Marke, sondern schuf auch ein Markenambiente, das von der Flaschenausstattung über gesonderte Gläser bis hin zur einheitlichen Gestaltung der Ende der 1960er Jahre mehr als 15.000 Gaststätten ging, in denen das Duisburger Bier ausgeschenkt wurde (Wiese, 1993, 117).

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Premiumstrategie Mitte der 1950er Jahre – Inkonsequente Sozialpositionierung (Chronik, 1958, 55)

Gleichwohl wurde das Konzept lange Zeit nicht so konsequent durchgeführt, wie später bei den Premiumanbietern in den 1970er Jahren. Der Herr trank zwar Pils, doch stand er erkennbar im arbeitenden Leben, suchte Entspannung und Genuss als Ausgleich, nicht als Selbstzweck. Diese Lebensstilorientierung wurde 1962 mit der ersten von Werbe-Gramm in Düsseldorf initiierten Werbekampagne für Wicküler-Bier verstärkt, vor allem aber in neue emotionale Welten übersetzt.

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Vom Produkt zum Lebensstil – Wandel der Wicküler-Werbung seit 1962 (Ernährungswirtschaft 8, 1961, 217; Der Volkswirt 21, 1967, 2705)

Die drei lachenden, Bier trinkenden Musketiere waren abenteuerfreundlich und viril, sympathisch und fern jeder Arbeitswelt. Verbunden mit ähnlich modernen Werbekampagnen für Küppers Kölsch gelang der Wuppertaler Brauerei die schnellste Expansion aller Großbrauereien in den 1960er Jahren (Wicküler-Küpper-Brauerei AG […], Der Volkswirt 23, 1969, Nr. 18, 70-71). Beide Pioniere konnten das hohe Wachstumstempo dieser Zeit jedoch nicht halten. Die systematische Übernahme der modernen Marketingstrategien erfolgte durch kleine Brauereien aus ländlichen Regionen, die bis heute den Markt wesentlich prägen.

Virtuoses Marketing als folgenloses Antanzen der Konsumenten

Die Auswirkungen der „Marketingrevolution“ der 1970er Jahre waren in der Brauindustrie erheblich und veränderten Bier und Bierkonsum beträchtlich (Joachim Schnitzler, Erfolgreich Bier verkaufen, Nürnberg 1975; Thomas May, Marktsegmentierung. Eine zukunftssichernde Marketingstrategie für die Brauwirtschaft, Berlin-West 1980). Der immense Erfolg der Markenartikelanbieter basierte auf einer Neupositionierung von Bier, genauer Pils, als Premiumprodukt und als Ausdruck eines sich wandelnden Lebensstils. Mit Markenbildung und wesentlich erhöhten Werbebudgets wurde ein virtueller Mehrwert geschaffen, der sich in reale Erträge ummünzen ließ. Doch die Kommunikationspolitik war nach wie vor vorrangig produktzentriert, mochten Bier und Ausstattung auch als Aufhänger von Lebensstilelementen wie Exklusivität, Freiheit, Genuss oder Herkunft/Tradition dienen. Die immensen Änderungen im Leben und den Anspruchsprofilen der Konsumenten haben sich in der Werbekommunikation von Bier von den 1970er Jahren bis ins späte 20. Jahrhundert nur oberflächlich niedergeschlagen, hier holte man lediglich das nach, was bei nicht alkoholischen Getränken schon ein, zwei Jahrzehnte zuvor begonnen wurde.

21_Der Spiegel_29_1975_Nr20_p187_Bier_1993_p09_Der Spiegel_54_2001_Nr51_p092_Bier_Werbung_Warsteiner_Bierflasche_Produktorientierung

Das Produkt im Mittelpunkt – Werbung für Warsteiner (Der Spiegel 29, 1975, Nr. 20, 187; Bier, 1993, 9; Der Spiegel 54, 2001, Nr. 51, 92)

Auch die Konsumenten blieben trotz detaillierter Kenntnisse betrieblicher und branchenbezogener Marktforschung eine Chimäre. Nicht deren Bedürfnisse und Wünsche standen im Mittelpunkt der Arbeit der Anbieter. Sie bildeten vielmehr Anknüpfungs- und Andockpunkte, um bestehende Angebote kommunikativ anzudienen. Ausgangspunkt war immer noch das Produkt selbst, gefangen in der Wagenburg des „Reinheitsgebotes“. Dabei hätte ein Blick in andere europäische Länder, stärker aber noch in die USA (Leichtbiere!) aufzeigen können, dass Bedarfs- und Bedürfnisstrukturen der Konsumenten sich offenkundig veränderten. Der langfristige Rückgang des Bierabsatzes mag auch strukturelle Gründe haben, doch der Konservatismus und auch die fehlende Kapitalkraft der vielfach mittelständischen deutschen Brauereien hatten daran ein gerüttelt Maß Mitverantwortung.

22_Unicum_23_2005_Nr04_p07_Bier_Sol_Zielgruppensegmentierung_Mikrosegmentierung

Mikrosegmentierung für Spezialbiere – hier für Studierende (Unicum 23, 2005, Nr. 4, 7)

Das gilt trotz seit den frühen 1970er Jahren einsetzenden virtuosen Handhabung der gesamten Klaviatur der Marketingtheorie, bis hin zum Mikromarketing für fast jede Nische. Blickt man in die betriebswirtschaftliche Fachliteratur, dominierten nicht Verbraucherwünsche, blieben dort bestenfalls schwammig. Dort dominieren Fragen der Premiumpositionierung, der Stärke geringer umkämpfter Regionalmärkte, der Transportkosten, der Produktivität des Maschinenparks sowie der Verankerung im Gastronomiegewerbe. Wer anders als die Vertreter der bekannten „Fernsehbiere“ handelte, konnte jedoch durchaus Erfolg haben. Der in den frühen 1990er Jahren einsetzende Erfolg der Oettinger Brauerei unterstrich die Marktchancen und den Bedarf im sog. Billigsegment, in dem Nährwert und Alkoholgehalt nach wie vor dominieren.

Seit 1979 wurde dann verstärkt alkoholfreie Biere produziert, geschmacklich ansprechende Leichtbiere ergänzten seit 1984 die Produktpalette, erreichten bis zu 5 % Marktanteil. Damit wurde auf veränderte Konsumentenbedürfnisse reagiert, ohne aber das Kernprodukt Bier zu verändern. Dies erfolgte erst seit Anfang des neuen Jahrtausends, indem technologisch virtuos gehandhabte Biermixgetränke auf den Markt geworfen werden.

23_Der Spiegel_59_2005_Nr29_p15_Bier_Werbung_Beck_Biermixgetraenk

Biermixgetränke als Reaktion auf veränderte Konsumgewohnheiten der Jüngeren (Der Spiegel 2005, Nr. 29, 15)

Angesichts der Herausforderung der vornehmlich aus den USA stammenden und hierzulande wieder abebbenden Craft-Bier-Bewegung gilt es hier zu enden, ging es hier doch um eine langfristige historische Perspektive auf den letztlich immer außerhalb der Marketinganstrengungen stehenden Bierkonsumenten. Die veränderte Rohstoffbasis des Kerngetränks hat den Biermarkt hierzulande stark verändert und das Reinheitsgebot weiter unterminiert. Doch die Brauwirtschaft wird hierzulande weiter schrumpfen, wenn sie nicht den Mut und die Kraft zu einem Bruch mit der Tradition einseitiger Produktorientierung hat, die Konsumenten letztlich immer noch nicht ernst nimmt. Sie steht zugleich beispielhaft für Marketing fern vom Konsumenten, dem es nicht zu dienen gilt, sondern den man gemäß eigener Vorstellungen konsumtiv ermuntert und anleitet.

Uwe Spiekermann, 10. Oktober 2020

Betrug, Täuschung oder Lebensmitteldesign? – Der Skandal um den Fleischsaft Puro

Im späten 19. Jahrhundert träumten Wissenschaftler, Unternehmer, Politiker und auch viele Konsumenten von einer Welt ohne Hunger und Not, geschaffen und gesichert durch die Fortschritte der modernen Naturwissenschaften. Synthetische Farben hatten bereits seit den 1880er Jahren den Alltag verändert, neue Werkstoffe erlaubten Hochbau und Maschinenwelten, Mobilität und einfachere Arbeitsabläufe. Warum sollte der Fortschritt vor den Lebensmitteln haltmachen? Auf Basis neuen chemischen Wissens um die Bestandteile der Nahrung hatten sich die Säuglingsernährung und Krankenkost bereits gewandelt. Neugierde und Gewinnaussichten lockten, zumal als man langsam verstand, nicht nur Fett, sondern Fettsäuren, nicht nur Eiweiß, sondern Aminosäuren, nicht nur Kohlehydrate, sondern Stärke, Zucker, Gummi und Zellulose voneinander zu unterscheiden (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland 1840 bis heute, Göttingen 2018, 46-57). Ende des 19. Jahrhunderts entstanden daraufhin zahlreiche neuartige Nähr-, Kräftigungs- und Eiweißpräparate, preiswert und gehaltvoll, Vorboten eines bereits auf Erden Gestalt annehmenden Himmelreiches. Doch sie waren keine göttlichen Gaben, sondern Resultate menschlicher Schaffenskraft, menschlichen Erfindergeistes (Uwe Spiekermann, Die gescheiterte Neugestaltung der Alltagskost. Nähr- und Eiweißpräparate im späten Kaiserreich, Technikgeschichte 78, 2011, 187-209). Nun, wir wissen, dass die Neugestaltung der Alltagskost damals nicht gelang, dass die Träume trogen. Doch sie verflogen nicht. Bis heute hegen wir Vorstellungen auskömmlicher, gerechter, klimaneutraler, ohne Raubbau und Leid hergestellter Lebensmittel, streiten dafür und darum.

Häufig ausgeblendet wird, dass neuartiges Wissen und Innovationen immer auch eine „dunkle“ Seite haben, dass wachsende Komplexität zunehmende Kontrollen gebiert und Systemvertrauen erfordert. Die Graubereiche nahmen und nehmen zu. Kennzeichnungen helfen da nur wenig, orientierten sie sich doch vornehmlich an einer chemisch definierten und politisch regulierten Welt von Stoffen, die nicht nur „Laien“ nicht wirklich kennen und verstehen. Entsprechend vielfältig sind daher die mit Lebensmitteln zusätzlich verbundenen Beschwörungen des Natürlichen, Gesunden, Frischen, etc. Halten wir also ein wenig inne und fragen uns, wie es zu dieser schielenden Situation hat kommen können. Wagen wir uns mitten hinein in den Graubereich zwischen klarer Kennzeichnung und den Wünschen des Ernährungsalltags. Einen Schlüssel hierzu bieten Lebensmittelskandale, die bei genauerem Hinsehen zumeist nuancenreicher sind als die kurzzeitige Schnappatmung einer erregten Öffentlichkeit und fordernder Interessengruppen erahnen lässt (Uwe Spiekermann, Hormonskandale, in: Skandale in Deutschland nach 1945, Bielefeld 2007, 104-112). Das unterstreichen auch scheinbar klare Fälle, so der „Skandal“ um den Fleischsaft Puro, der von 1908 bis 1910 für beträchtlichen Widerhall bei Medizinern, Pharmazeuten, Nahrungsmittelchemikern, Kranken und auch der breiteren Öffentlichkeit sorgte (zur Einführung s. Spiekermann, 2018, 178-180).

Fleischsaft zwischen Haushalt und Markt

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Optimiertes Haushaltsgerät: Dr. Karl Kleins zerlegbare Fleischsaftpresse (Pharmaceutische Post 34, 1901, 300)

Fleischsaft ist heute kaum mehr bekannt. Das „Saftige“ wird mit Kuchen und Früchten, Steaks und dem Grillen verbunden, ist Produkteigenschaft, nicht Produkt. Im späten 19. Jahrhundert war Fleischsaft dagegen ein wichtiger Bestandteil der Krankenernährung. Im Hause, in Apotheken und Kliniken wurde rohes, fettfreies Rindfleisch mittels spezieller Fleischpressen bearbeitet, das flüssige Resultat dann dem Kranken gereicht. Ein Kilo Fleisch ergab ein knappes halbes Pfund Saft mit etwa 15 Gramm Eiweiß. Fleischsaft hatte einen Eiweißgehalt von sechs bis sieben Prozent und damit nach Meinung der damaligen Physiologie hohe Nährkraft. Schließlich galt es, „heruntergekommene Kranke über die gefahrvolle Klippe der drohenden Schwäche hinwegzuleiten“ und „mit allen Mitteln für die Erhaltung der Körperkräfte bzw. für deren energetischen Ersatz zu sorgen“ (Carl Klein, Wie kann man den frischen Fleischsaft mehr, wie dies seither geschah, für die Krankenernährung nutzbar machen?, Berliner klinische Wochenschrift 35, 1898, 584-586, hier 584). Frisch bereiteter Fleischsaft half, hatte jedoch drei gravierende Nachteile: Er war erstens teuer, zweitens nur kurz haltbar und drittens eine recht eintönige und schlecht schmeckende Speise, die nicht selten zu „Fleischekel“ führte.

02_Kladderdatsch_31_1878_Nr23-24_Beibl2_p2_Fliegende Blaetter_82_1885_Nr2071_Beibl_p8_Fleischextrakt_Fleischpepton

Haltbare Hilfsmittel für die bürgerliche Krankenkost: Werbung für Liebigschen Fleischextrakt und Dr. Kochs Fleisch-Pepton (Kladderadatsch 31, 1878, Nr. 23/24, Beibl. 2, 2 (l.); Fliegende Blätter 82, 1885, Nr. 2071, Beibl., 8)

Aus diesen Gründen gewann der seit 1863 hergestellte Liebigsche Fleischextrakt nicht nur als Suppenpräparat, sondern auch in der Krankenkost an Bedeutung. Er war haltbar, bei sparsamem Gebrauch erschwinglich, schmeckte und regte die Verdauung an – doch besaß keinen Nährwert (Spiekermann, 2018, 130-138). Die wissenschaftliche Antwort auf dieses Manko waren die seit Ende der 1870er Jahre allgemein verfügbaren Fleischpeptone (J[oseph] König, Über die Fleischpeptone des Handels, Archiv für Hygiene 3, 1885, 486-99). Fleisch(eiweiß) wurde mit Verdauungssäften bearbeitet, gleichsam künstlich vorverdaut. Die flüssigen Produkte hatten Nährwert, stärkten den Kranken also, und konnten lange aufbewahrt werden. Doch sie waren teuer, vor allem aber hatten sie einen offenbar schlechten, ja widerlichen Geschmack, waren also nur kurzfristig zu verabreichen. Ohne großen Erfolg rührte man die Präparate in wohlschmeckendere Suppen ein, auch Peptonweine oder Peptonkakao konnten sich nicht recht etablieren. Blut- und Fleischpulver erweiterten den Angebotsreigen, doch trotz Trocknung bargen diese Präparate aus Schlachtabfällen hygienische Risiken (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 2, 1883, 385-386). Wichtig ist, den Leidensdruck hinter alle diesen Produkten zu realisieren. Sie waren wenig ausgegorene Hilfen in einer Zeit, in der die künstliche Ernährung von Kranken in den Anfängen steckte. Stellen Sie sich nur die Rekonvaleszenz nach einer Magenoperation vor.

03_Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland_20_1879_p225_Der Bazar_39_1893_p32_Fleischpraeparate_Kraeftigungsmittel_Valentines_Leube-Rosenthalsche-Fleischsolution

Krankenkost mit schweren Mängeln: Werbung für Valentine’s Meat Juice und die verbesserte Leube-Rosenthalsche Fleischsolution (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 20, 1879, 225 (l.); Der Bazar 39, 1893, 32)

Kranke, Ärzte und Haushalte mussten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts also mit Kompromissen leben. Das galt auch für Angebote „flüssigen Fleisches“. Vorreiter waren US-amerikanische Produkte, Quintessenzen neuartiger Schlacht- und Verarbeitungstechniken in Cincinnati und Chicago einerseits, der dortigen „Patent Medicine“ anderseits. Die großbetrieblichen Schlachthöfe nutzten sämtliche Nebenprodukte der Tiere, setzten diese in marktgängige Produkte um, die sie vielfach auch international verkauften. Ohne Rezept erhältliche medizinische und diätetische Präparate wurden in den USA mit rechtlich kaum eingeschränkten Versprechungen beworben, standen zwischen preiswerten Hausmitteln und dem kostenträchtigen Gang zum Arzt. Pionierprodukt war die 1871 von Mann S. Valentine (1824-1892) in Richmond, Virginia entwickelte Valentine’s Meat Juice. Dieser dunkle „Fleischsaft“ wurde 1877 auch in Mitteleuropa eingeführt, doch die Reaktion vieler Pharmazeuten und auch Mediziner war eher negativ. Die braune, in ovalen Zwei-Unzen-Flaschen für 4 bis 5 Mark angebotene Flüssigkeit sollte den Saft von vier US-Pfund besten Rindfleisches enthalten und schmeckte nach Fleischbrühe. Im Vakuum bei mittleren Temperaturen hergestellt, war Valentine’s Fluid Meat fettfrei und haltbar, enthielt zudem – im Gegensatz zum Liebigschen Fleischextrakt – gewisse Mengen Eiweiß (Valentine’s Meat Juice, Pharmaceutische Post 12, 1877, 234-235). Doch angesichts des geringen Nährstoffgehaltes wurde es als „etwas theure Bratensauce“ (Pharmaceutische Post 12, 1879, 281) kritisiert und schien für die Krankenkost kaum empfehlenswert. Doch „der Markt“, also Ärzte und Kranke, entschieden sich dennoch für das relativ intensiv beworbene Produkt. Allen – auch so prominenten Fürsprechern wie dem Pharmakologen Oskar Liebreich (1839-1908) und dem Anthropologen Rudolf Virchow (1821-1902) – war jedoch klar, dass es sich dabei um keinen wirklichen Fleischsaft handelte. Rohes Fleisch stand am Anfang, doch dem eingedampften Saft wurde mineralstoffhaltiger Fleischextrakt als Geschmacksträger und auch als Konservierungsmittel zugesetzt. Würziger Geschmack und zumindest etwas Eiweiß ermöglichten jedoch einen Markterfolg dieser Komposition, zuerst am Krankenbett, dann vermehrt auch als Würze und Suppengrundstoff in der (bürgerlichen) Küche.

04_Illustrierte Sport-Zeitung_06_1897_Nr19_p07_Fleischpraeparate_Kraeftigungsmittel_Bovril_Verpackung_Sporternaehrung

Alte Rezepturen, ansprechendere Verpackung: Bovril als Zusatznahrung beim Sport (Illustrierte Sport-Zeitung 6, 1897, Nr. 19, 7)

US-amerikanische und auch britische Patentmedizin dominierte das kleine, aber wachsende Marktsegment im Deutschen Reich. Armour’s Fluid Beef (Chicago), Wyeth’s Beef Juice (Philadelphia), Bovril und Brand’s Meat Juice (beide London) waren im späten 19. Jahrhundert weit verbreitet und wurden als „Fleischsäfte“ vermarktet. Damit veränderten sie faktisch, nicht rechtlich, die tradierte Definition als „den aus frischem Fleisch mittels Hebel- oder hydraulischer Presse gewonnenen dünnen, milchig schmeckenden Saft von durchsichtig roter Farbe, der das natürliche Fleischeiweiß in Lösung enthält“ (Apotheker-Zeitung 25, 1910, 347). Ausländische Industrieprodukte führten durch die simple Übersetzung ihrer anderslautenden Bezeichnung in eine Grauzone. Diese wurde von einheimischen Substituten anfangs noch nicht genutzt. Im Zeitalter des Nationalismus und hoher bilateraler Zölle gab es allerdings auch deutsche Fleischangebote – wenngleich die im Vergleich zu den USA und Südamerika hohen Fleischpreise enge Grenzen setzten. Zu nennen ist etwa die 1872 eingeführte und immer wieder verbesserte Leube-Rosenthalsche Fleischsolution (R. Mirus, Ueber die Bereitung der Leube-Rosenthalschen Fleischsolution, Pharmaceutische Post 6, 1873, 198-200). Die „breiige Masse […] von angenehmem bratenartigen Geschmack“ (Die Hausfrau 3, 1879, Beilage Allgemeines Bade-Blatt, Nr. 5, 4) wurde als leicht verdauliches Nahrungsmittel in Blechdosen angepriesen. Faktisch handelte es sich um eine eingedickte Fleischbouillon. Obwohl all diese Fleischsaftpräparate ihre Berechtigung hatten, galt spätestens seit der Jahrhundertwende jedoch das Verdikt des Klinikers Otto Dornblüth (1860-1922), „daß diese Zubereitungen heute nicht mehr ernstlich in Frage kommen“ (Moderne Therapie, Leipzig 1906, 113). Der Fleischsaft Puro hatte, so schien es, einen neuen Standard gesetzt.

Der Fleischsaft Puro: Markteinführung und Werbung

Der schon 1896 verfügbare Fleischsaft „Puro“ wurde 1897 vom Medizinisch-chemischen Institut Dr. Scholl eingeführt. Hermann Scholl (1869-1943) war als Assistent an den hygienischen Instituten in Prag und München hervorgetreten, seine akademischen Mentoren Ferdinand Hueppe (1852-1938) und Max von Pettenkofer (1818-1901) waren weltweit führende Wissenschaftler. Pettenkofer war der vielbeschworene „Vater“ der modernen Hygiene, Hueppe etablierte die Konstitutionslehre und wurde der erste Präsident des 1900 gegründeten Deutschen Fußball-Bundes. Scholl etablierte sich im Grenzgebiet zwischen Medizin und Chemie, forschte zu Seren und zur Eiweißchemie (H[ermann] Scholl, Bacteriologische und chemische Studien über das Hühnereiweiss, Archiv für Hygiene 17, 1893, 535-551), entschied sich jedoch für eine Karriere abseits der Universitäten. Er ließ sich als Apotheker in Thalkirchen nieder und vermarktete dort das gemeinsam mit dem Hygieniker Rudolf Emmerich (1852-1914) entwickelte Krebsserum Anticancrin, das sich allerdings als nicht wirklich wirksam erwies (Pharmaceutische Post 28, 1895, 273; Zeitschrift des allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 34, 1896, 454). Ähnliches galt für ein 1894 vorgestelltes und in Scholls neu errichtetem bakteriologischen Privatlaboratorium hergestelltes Milzbrandserum (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, Sp. 487-488; Münchener Medizinische Wochenschrift 41, 1894, 623). Nach diesen Fehlschlägen konzentrierte sich Scholl darauf, den zuvor im Hygienischen Institut der Universität München entwickelten Fleischsaft zur Marktreife zu bringen.

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Mitteilung über ein neues Produkt (Die Heilkunde 1, 1896/97, 566)

Dessen Alleinstellungsmerkmal war ein vergleichsweiser hoher Eiweißgehalt, der sich vor allem positiv von den US-amerikanischen und britischen Präparaten abhob (Pharmaceutische Post, 30, 1897, 214). Er wurde durch Analysen im Institut von Carl Remigius Fresenius (1818-1897) bestätigt, damals führend in der analytischen Chemie. Die frühen Produktankündigungen gründeten auf Empfehlungen und Einschätzungen führender Chemiker und Kliniker, setzten also auf die Überzeugungskraft von „Autoritäten“. Puro wurde umschrieben, als dreifach konzentrierter natürlicher Fleischsaft angepriesen. Zu Beginn galt er als Substitution des Natürlichen: „Das Präparat bietet zum erstemale einen vollkommenen Ersatz für den von vielen unserer ersten Kliniker, wie Ziemssen etc. mit so vortrefflichem Erfolg angewandten rohen Saft aus gehacktem Fleisch“ (Allgemeine Zeitung 1897, Nr. 284 v. 13 Oktober, 3). Wachsende Absatzzahlen ließen Puro jedoch mehr und mehr als Heilmittel eigener Qualität erscheinen, als Substitut des frisch zubereiteten Fleischsaftes. Wissen und Technologie standen dabei Pate, boten etwas Neues, Bequemeres, Gehaltvolleres. Rohware war eben – so schien es – rohes Rindfleisch: „Aus bestem mageren Fleische, das jede nur denkbare thierärztliche und gesundheitspolizeiliche Controle durchgemacht, wird unter hohem Druck ein Saft gewonnen, der in so großem Masse alles, was nahrhaft, kräftigend und vor allem physiologisch wichtig ist, enthält, dass das, was zurückbleibt, nur die trockene, saft- und kraftlose Muskelfaser ist. Im Vaccum nach einem Sterilisationsprocess eingedampft und des Wohlgeschmackes wegen mit frischen Suppenkräutern behandelt und geklärt, gibt der Saft eine syrupdicke Masse von echt charakteristischem gesundem Fleischbrühegeruch“ (Wiener klinische Wochenschrift 14, 1900, 140).

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Kein Kunstprodukt: Naturromantik in der Puro-Werbung (Wiener klinische Rundschau 11, 1897, 837)

Puro galt erst einmal als Präparat für Privatpraxis und Klinik. Die kleinen Glasflaschen hatten eine gefällige Form, eine Stanniolkapsel, darin eingebettet eine Halsschleife mit Garantiemarke. Das Zielpublikum war primär bürgerlich, denn mit 2,50 Mark für etwa 80 Gramm war es für Kleinbürger und Arbeiter zu teuer. Teelöffelgroße Dosen sollten drei- bis viermal täglich in Milch und Kakao, in Suppen, Bier oder Wein eingerührt und dann verspeist werden. „Geradezu eine Delikatesse bildet Puro, auf geröstetem Weissbrot gestrichen, eine Form der Einnahme, welche namentlich gaumenverwöhnte Individuen gustiren“ (Diaetetica, Die Heilkunde 1, 1896/97, 719).

Scholls Institut präsentierte Puro den Ärzten jedoch nicht nur per Anzeige, sondernd war anfangs regelmäßiger Gast auf ärztlichen Kongressen und Ausstellungen (Congreß für innere Medicin in Carlsbad, Prager Tagblatt 1899, Nr. 105 v. 16. April, 6; Die Ausstellung für Krankenpflege zu Berlin. II, Allgemeine Zeitung 1899, Nr. 146 v. 28. Mai, 9). Dabei setzte die Firma auf vergleichende Werbung, moderne Präsentationstechniken und die nationale Karte: „Drei gleichgrosse Glascylinder zeigten die drei verschiedenen Mengen von ausgefälltem Eiweiss aus Puro, Wyeth‘s Beef juice und Valentine’s Meat Juice. Die Ausscheidungen standen im Verhältnis von etwa 66, 20, 10 pCt., während der Preis gleicher Portionen 2,50, 3,50 und 4,50 Mark ist. […] Die auffallende Billigkeit des deutschen Präparates soll durch die günstige Verwerthung der Abfälle allein ermöglicht sein“ (Die Ausstellung gelegentlich der 69. Naturforscher-Versammlung in Braunschweig, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 38, 1897, 743-744, hier 743). Auf derartige Mutmaßungen über die Herkunft des Fleisches ging Scholl jedoch nicht ein, seine Werbung verwies stetig auf bestes Ochsenfleisch.

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Ein Angebot für neue Lebenskraft (Berliner Tageblatt 1897, Nr. 49 v. 28. Januar, 8)

Puro wurde jedoch nicht nur im medizinischen Umfeld beworben. Die Markteinführung 1898 bis 1899 war massiv – und sie erfolgte parallel (und zu weit höheren Kosten) in Tageszeitungen und Publikumszeitschriften. Die dabei geschalteten Anzeigen waren etwas spielerischer und verwiesen auf recht breite häusliche Anwendungsmöglichkeiten. Nicht nur im Krankheitsfalle, sondern als Alltagbegleiter sollte Puro genutzt werden, als Hilfsmittel gegen Unpässlichkeiten, als Kräftigungsmittel. Es stand für Widerstandsfähigkeit und neue Lebenskraft, erlaubte Erholung vom Alltagskampf.

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Gescheitertes Dachmarkenkonzept: Werbung für Wein-Puro (Badische Landes-Zeitung 1897, Nr. 14 v. 17. Januar, Bl. I, 4)

Puro warb mit prototypisch männlichen Attributen, nutzte die Virilität von Fleisch und Blut, von Kraft und Stärke. Zugleich aber wies es allen den Weg dorthin, half Schwäche und temporäre Krisen zu überwinden. Frauen wurden in den Publikumszeitschriften vielfach direkt angesprochen. Schwangerschaftsprobleme waren ein Thema, während die vielfältigen „Frauenkrankheiten“ nur vage anklangen. Kurz nach der Einführung von Puro folgte jedoch Wein-Puro, das sich – so die Werbung – in der „Frauen-Praxis“ besonderes anbieten würde (Allgemeine Zeitung 1897, Nr. 284 v. 13. Oktober, 3). Puro wurde dazu mit spanischem Portwein im Verhältnis von 1:5 gemischt, fertig war das neue Produkt (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, 70). Die Idee, den strengen Fleischgeschmack des Präparates durch den süßlichen Wein zu überdecken und zugleich insbesondere Frauen einen erlaubten Alkoholkick zu gewähren, war jedoch nicht erfolgreich. Angesichts einer großen Zahl erfolgreich eingeführter „stärkender“ Medizinalweine, etwa Seravallo, Niers Duflot-Wein, Burgs oder Liebes Arzneiwein, konnte sich Wein-Puro nicht durchsetzen.

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Etwas mehr Anschauung für das breite Publikum (Wiener Caricaturen 18, 1898, Nr. 21, 11)

Grund hierfür war auch der hybride Charakter von Wein-Puro, sein Changieren zwischen Frau und Mann, dem Süden und dem Norden. Puro wurde nämlich bewusst als deutsches Produkt präsentiert, und strikt gegen die ausländischen Marktführer positioniert: „40mal nahrhafter als anglo-amerikanische Meat-Juice“ (Allgemeine Zeitung 1897, Nr. 202 v. 23. Juli, 8). Es ist erreicht, konnte man denken, denn Puro bot nicht nur der amerikanischen und britischen Konkurrenz die kecke Stirn, sondern schien geeignet, „diese Auslandsprovenienzen aus dem Felde zu schlagen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1897, Nr. 71 v. 9. Februar, 1016). Es half allen Tuberkulösen, Bleichsüchtigen, Skrofulösen, Magenleidenden, war allen Schwachen ein Trost. Auch sein milder Wohlgeschmack hob Puro von den amerikanischen Marken ab. Wohlwollend beschied die Fachpresse: Puro „ist offenbar ein hervorragender Concurrent im friedlichen Streit gegen die bis jetzt meist gehandelten Fleischsäfte von Wyeth und Valentine“ (Pharmaceutische Post 30, 1897, 504).

Die Werbung präsentierte die neue Ware als Convenienceprodukt, als Teil einer weit breiteren Enthäuslichung: „Fleischsaft ‚Puro‘ fehle in keinem Haushalte“ (Neue Freie Presse 1897, Nr. 11756 v. 16. Mai, 25). Sie teilte die Paradoxien damaligen Marketings, präsentierte das neue Produkt als „bewährtes Ernährungs- und Kräftigungsmittel“. In den Tageszeitungen dominierten Anzeigen, vielfach wurde jedoch auch redaktionelle Reklame betrieben. Puro galt darin als vielfältig nutzbares Präparat – eine Umschreibung für eine Neuerscheinung, deren Nische noch nicht gefunden war. Als sicheres Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen wurde es etwa für Zugfahrten gebührend angedient. Es sei kräftigend und belebend, führe „neues, gutes Blut“ zu und gäbe frisches Aussehen (Badische Landes-Zeitung 1897, Nr. 134 v. 11. Juni, Bl. I, 3). Als selbsternannter Helfer des Laien im unübersichtlichen Nährmittelmarkt erschien Puro als Angebot, „von dem Jeder sofort weiß, was er vor sich hat. Dieser Fleischsaft ist aus bestem Ochsenmuskelfleisch gepreßt und nachher unter besonderen Vorsichtsmaßregeln ganz bedeutend concentrirt, so daß ein Glas den gesammten Saft von 5 Pfund Fleisch enthält“ (Wiener Caricaturen 18, 1898, Nr. 16, 6). Für medizinische Lohnschreiber war es Prototyp einer neuen Klasse von Heilmitteln, nämlich hoch konzentrierte und leicht verdauliche Nährpräparate (Ludwig Büchner, Medizinische Wandlungen, Mährisches Tagblatt 1897, Nr. 50 v. 3. März, 1-3, hier 3). Die Werbung selbst war allerdings nicht sonderlich elaboriert, bestand meist aus einfachen Textanzeigen, verwendete keine ansprechenden Graphiken.

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Eine neue kräftigende Alternative zum Alltagsdoping (Sport im Bild 3, 1897, 656)

Parallel schaltete Scholl in Tageszeitungen (Berliner Tageblatt 1898, Nr. 8 v. 6. Januar, 7) und in Publikumszeitschriften Anzeigen mit immer neuen, immer gleichen ärztlichen Empfehlungen. Eine komplette Serie enthalten etwa die „Fliegenden Blättern“, doch auch andere Familienzeitschriften wurden mit derartigen Annoncen bestückt (Der Bazar 44, 1898, Nr. 2 v. 3. Januar, 24; Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 1, s.p.). Die Ärzte, teils renommierte, hatten zuvor Proben des Fleischsaftes zugesandt bekommen und berichteten dann brieflich von ihren „Erfahrungen“. Für jeden wachen Zeitgenossen war klar, dass es sich dabei um an sich wertlose Impressionen, nicht aber um wissenschaftlich seriöse Wertungen handelte. Doch mehr schien dem Publikum, dem Dummen, ohnehin nicht zuzumuten. Puros Werbung entsprach dem Stand der Zeit und der vielfach fehlenden Zurückhaltung vieler Mediziner bei der Vergabe von Gefälligkeiten.

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Werbung mit Slogan-Vorform und ärztlicher Empfehlung (Fliegende Blätter 108, 1898, Nr. 2748, Beibl., 1)

Ab 1900 finden sich nur noch selten Anzeigen in den Publikumszeitschriften. Die Markteinführung war gelungen, Puro hatte sich trotz gewöhnungsbedürftigen Geschmacks und eines nicht geringen Preises im klinischen Bereich fest etabliert, wurde zudem in der Privatpraxis breit verwendet. Es galt vor allem als kräftigende Medizin für Rekonvaleszente, wurde aber auch für eine Reihe weiterer Indikationen eingesetzt (Oskar Dreyer, Ueber neuere Eiweisspäparate, Med. Diss. Göttingen 1902, 6-8). Die Puro-Werbung erschien danach regelmäßig in führenden medizinischen Fachzeitschriften, etwa den Therapeutischen Monatsheften, der Berliner klinischen Wochenschrift, der Münchener Medizinischen Wochenschrift oder aber der Wiener klinischen Wochenschrift. Das erfolgreiche Ende der Markteinführung wurde gleichsam symbolisiert in dem seit 1899 verwendeten schwarzen Dreieck, seither der Blickfang des Präparates. Vornehmlich in medizinischen Zeitschriften geschaltet, diente es der Erinnerungswerbung jedoch auch in Tageszeitungen. Scholl nutzte zudem zeittypische Werbemittel, etwa Puro-Sammelbilder. Sie strichen vor allem das internationale Renommee des Fleischsaftes farbenfroh heraus – beispielsweise durch glückliche Eskimos vor ihrem Iglu, die fröhlich Fisch und Fleischsaft konsumierten.

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Ein schwarzes Dreieck als Erkennungselement der Puro-Werbung (Therapeutische Monatshefte 40, 1899, H. 12, II; Allgemeine Zeitung 1899, Ausg. v. 8. April, 12)

Puro wurde demnach zwischen 1897 und 1899 durch massive Werbeanstrengungen im Markt verankert, etablierte sich dadurch als Marktführer in der Nische der Fleischpräparate. Die Werbeformen war anfangs noch recht offen, doch der durch die Käuferresonanz zunehmend klare Platz des Produktes erlaubte Konsolidierung und Begrenzung vorrangig auf die Fachwerbung – in einer Größenordnung von jährlich etwa 50.000 M. Spätere Auslassungen Hermann Scholls, „daß sich Puro lediglich durch sich selber und nicht wie die meisten anderen Nährpräparate durch eine jährlich Hunderttausende verschlingende Reklame Bahn gebrochen hat“ (H[ermann] Scholl, Der Fleischsaft „Puro“. Eine Abwehr der Angriffe auf mich und mein Präparat, München 1908, 10) sind also falsch. Des Betruges bezichtigt, versuchte er die hohen Aufwendungen für die Markenidentität seiner Schöpfung möglichst gering erscheinen zu lassen: Es sei eben keine „‘Riesenreklame‘“ betrieben worden, es sei vielmehr so, „daß gerade Puro dasjenige Präparat ist, für das effektiv die geringste Reklame gemacht wird“ (Ebd., 10). Weiter behauptete Scholl wahrheitswidrig: „Puro exisitiert heute ungefähr zwölf Jahre, hat sich ohne Publikumsreklame nur durch direkte Versuche, die tausende von Aerzten mit dem Präparat gemacht, Bahn gebrochen“ (Ebd., 15).

Der Fleischsaft Puro wurde konventionell vermarktet. Der Absatz erfolgte vor allem in größeren Chargen über Grossisten, im Ausland über Agenturen (vgl. für Mailand Milano Scelta, 3, 1907, 280). Apotheken und Drogerien bildeten das Rückgrat des Verkaufs, doch Puro konnte im Ausland auch in Kolonialwarenhandlungen gekauft werden (Tages-Post [Linz] 1901, Nr. 162 v. 17. Juli, 7). Er besaß eine Schutzmarke, im Deutschen Reich jedoch kein geschütztes Warenzeichen. Anders in vielen Auslandsmärkten, etwa seit 1898 in den USA (The Chemist and Druggist 53, 1898, 341). Dank langer Haltbarkeit konnte man das Präparat in der gesamten westlichen Welt kaufen.

Etablierung als Standarddiätetikum

Ein neuer Fleischsaft, das war eine wissenschaftliche Überraschung. In München stellten die Apotheken nach wie vor täglich frischen Fleischsaft her. Versuche, diesen zu konservieren waren durchweg gescheitert. Max von Pettenkofer, damals auch Leiter der Königlichen Hofapotheke, hielt es für ausgeschlossen, dass dies gelingen könne (Apotheker-Zeitung 25, 1910, 3447). Puro schien ihn eines Besseren zu belehren. Derartige Skepsis wurde öffentlich jedoch nicht geteilt, das neue Präparat vielmehr freudig begrüßt. Das wies auch darauf hin, dass im wissenschaftlich weltweit führenden Mitteleuropa die kritische Überprüfung neuer Heilmittel offenbar defizitär war. Blicken wir daher genauer auf die verschiedenen Kontrollorgane, die allesamt dazu beitrugen, den Fleischsaft Puro zum Standarddiätetikum der Jahrhundertwende zu etablieren.

Am Anfang stand meist eine chemisch-pharmakologische Untersuchung. Schon 1896 untersuchte die Münsteraner Versuchsstation Puro, fand dabei deutlich höhere Peptonanteile als bei der von Scholl bezahlten Untersuchung von Fresenius (J[oseph] König, Chemische Zusammensetzung der menschlichen Nahrungs- und Genussmittel, 4. verb. Aufl. bearb. v. A[loys] Bömer, Berlin 1903, 89 und 1468). Rückfragen unterblieben jedoch. Die Fachzeitschriften begnügten sich fast durchweg mit der Wiedergabe der Anbieterangaben (Fleischsaft „Puro“, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 38, 1897, 254). Das damals maßgebliche Königsche Handbuch zitierte letztlich gar die Werbeprospekte der Puro-Gesellschaft, pries indirekt die damit verbundene relative Transparenz (J[oseph] König, Die menschlichen Nahrungs- und Genussmittel […], 4. verb. Aufl., Bd. 2, Berlin 1904, 543). Dies galt auch für einschlägige Handbücher damaliger Arzneimittel (Loebisch, Puro, Encyclopädische Jahrbücher der gesammten Heilkunde 7, 1897, 467; H[ermann] v. Tappeiner, Lehrbuch der Arzneimittellehre und Arzneiverordnungslehre, 5. neu bearb. Aufl., Leipzig 1904, 319).

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Trügerisches Wissen: Handbuchherausgeber Joseph König (1843-1930) und Ernst von Leyden (1832-1910) (Wikipedia (l.); Berliner Leben 1, 1898, 152)

Ähnlich unkritisch agierten Mediziner. Die diätetischen Lehrbücher konzentrierten sich vielfach auf Produktvergleiche, bei denen Puro gegenüber den ausländischen Fleischpräparaten durchweg punkten konnte (Carl Wegele, Die diätetische Küche für Magen- und Darmkranke, Jena 1900, 22). Darreichungen wurden aufgefächert, die Grenzen des Produktes benannt (Felix Hirschfeld, Nahrungsmittel und Ernährung der Gesunden und Kranken, Berlin 1900, 120). Nicht die Zusammensetzung, sondern die Wirkung Puros stand im Mittelpunkt (Dreyer, 1902, 6-8). Dabei beobachteten Mediziner sehr wohl die sich verändernde Zusammensetzung des Präparates. Anfangs wurde etwa der Zusatz von Borsäure kritisch moniert, ein Konservierungsmittel, dass nur wenige Jahre später in der Nahrungsmittelproduktion verboten wurde (R[udolf] Kolisch, Lehrbuch der diätetischen Therapie chronischer Krankheiten […], Bd. I, Leipzig und Wien 1899, 88). Deutlicher noch Georg Klemperer (1865-1946), führender Internist. Im repräsentativen Leydenschen Handbuch, kritisierte er die dunkel blutrote Farbe des Fleischsafts, sah darin ein Problem namentlich bei Patientinnen (Ueber Nährpräparate, in: E[rnst] v. Leyden (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, Bd. 1, Abt. 1, Leipzig 1897, 282-304, hier 289). Sechs Jahre später war dieses Problem abgestellt – und die Produktvorstellung entsprach dem allgemeinen Lobpreis (Über künstliche Nährpräparate, in: E[rnst] von Leyden und G[eorg] Klemperer (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, 2. umgearb. Aufl., Bd. 1, Leipzig 1903, 336-362, hier 345). Puro regte, so der Tenor, den Appetit an, erlaubte Eiweisszufuhr in kleinen Mengen. Über die Ursachen hierfür wurde durchaus gemutmaßt, genauere Kausalanalysen fehlten jedoch (P[almir] Rodari, Grundriss der medikamentösen Therapie der Magen- und Darmkrankheiten […], 2. verm. Ausg., Wiesbaden 1906, 211-212).

Diätetische Lehrbücher sollten die Quintessenz der Forschung enthalten. Und das Lob für Puro entsprach den knapp drei Dutzend von mir gesichteten klinischen Fallstudien. Zusammengefasst zeigte sich eine enge Verbindung zwischen dem Versenden kostenloser Warenproben, den daraus resultierenden Schreiben und ersten Studien, die sich fast durchweg dem Tenor der Werbeaussagen anschlossen. Nationale Bewertungen fanden sich immer wieder, stolz verkündeten Kliniker, „dass der Fleischsaft ‚Puro‘ allen ähnlichen Produkten überlegen ist“ (Ref. v. Werner, Die moderne Therapie und der Fleischsaft, Deutsche Medizinische Presse 1899, Nr. 10, Wiener klinische Rundschau 14, 1900, 139-140, hier 139). Nähr- und Anregungsmittel zugleich, erschien Puro als „vornehmster Vertreter dieser Classe“ neuartiger Nähr- und Heilpräparate (Ebd., 140). Anfangs dominierten Untersuchungen in verschiedenen Kliniken, darunter auch Zuchthäusern und Kinderabteilungen (Ludwig Nied, Ueber die therapeutische Verwendung von „Puro“, Der Heilkunde 6, 1902/03, 304-305; Julian Marcuse, Der Nutzwert des Fleischsaftes, Ebd. 9, 1905/06, 69-72). Die Qualität der meisten dieser auch in damals führenden Fachzeitschriften erschienenen Arbeiten war gering, Ausdruck einer von Marktinteressen dominierten Wissenschaft: Die meist recht kurzen Artikel verwiesen in einer allgemeinen Einführung zumeist zurück auf Liebig und die frühen Fleischpräparate, erörterten teils aber auch auf die Fortschritte der Ernährungstherapie und deren lichte Zukunft. Es folgten Angaben zum Produkt selbst, meist Wiedergaben der Firmen-PR. Zahlreiche Einzelfälle schlossen sich an, letztlich kurze Berichte aus den Krankenakten. Am Ende stand eine fast durchweg lobende Einschätzung. Die Quintessenz zog dann die Puro-Gesellschaft selbst, veröffentliche sie doch zwei Broschüren mit Fleischsaftelogen im wissenschaftlichen Gewande (Wissenschaftliche Abhandlungen über Fleischsaft Puro, München 1901; Einige neuere Arbeiten über Fleischsaft „Puro“, s.l. 1904).

Derartige Fachartikel waren Folge der immens gewachsenen Zahl von Pharmazeutika allgemein, von Nähr- und Eiweißpräparaten speziell. Die damals nur geringe Regulierung der Werbung und die schwach ausgeprägte Selbstkontrolle der Pharmazeuten, Chemiker und Mediziner führte zu einem wachsenden Bedarf an wissenschaftlicher Expertise: Selbsthilfe, um die Spreu vom Weizen zu trennen (so auch Rattner, Praktische Versuche am Krankenbett und in der ambulanten Praxis mit dem Fleischsaft „Puro“, Die Heilkunde 10, 1906/07, 66-69, hier 66, dem dann Purolob folgte). Neue, vor der Jahrhundertwende erlassene Gesetze über das Apothekerwesen und den Unlauteren Wettbewerb hatten kaum mildernd gewirkt. Neue, zwischen Geheimmitteln und seriösen Therapeutika positionierte Präparate konnten mit ihren „wunderwirkenden Eigenschaften“ (Johann Landau und Anton Schudmak, Erfahrungen über Puro in der Kinderpraxis, Die Heilkunde 5, 1900/01, 298-301, hier 298) durchaus gepriesen werden. Das Beispiel des Fleischsaftes Puro verdeutlicht, dass Wissenschaftler ihr Wächteramt vielfach nicht erfüllten und die immer wieder beschworene Ehrsamkeit des eigenen Standes eine Chimäre war. Bis zur Aufdeckung des Betruges wurde gelobt und Puro als „wunderbares Hilfsmittel“ (P. Schütte, „Puro“ und seine therapeutische Bewertung, Der praktische Arzt 48, 1908, 73-79, hier 76) empfohlen. Zu welch kruden Ideen sich einzelne Mediziner verstiegen, zeigen nicht nur Arbeiten zur vermeintlichen Förderung „guten Blutes“ durch Puro (Erich v. Matzner, „Puro“ und seine Bedeutung für die Zusammensetzung der Blutflüssigkeit, Die Heilkunde 11, 1907/08, 65-69). Livius Fürst (1840-1907), ein bedeutender Leipziger Pädiater, sah in ihm gar ein „Naturprodukt“, das „im erfreulichen Gegensatz zu dem heutigen Ueberwuchern von Kunstproducten auf dem Markt der Diätetica“ stehe („Puro“ in der Kranken-Diätetik, Therapeutische Monatshefte 16, 1902, 25-29, hier 26).

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„Saft aus rohem Ochsen-Muskelfleisch“ – Auszug aus einer ganzseitigen Puro-Werbung (Wiener Medicinische Wochenschrift 53, 1903, Sp. 1-2)

Gewiss, es gab Kritik, auch am Fleischsaft Puro. Anfangs wurde der relativ geringe Eiweißgehalt wiederholt moniert, dem Präparat der Nährcharakter abgesprochen (Pharmaceutische Rundschau 2, 1898, 407; Die Heilkunde 3, 1898/99, 643). Mediziner begrenzten zudem dessen Anwendungsgebiete (Therapeutischer Almanach 26, 1899, 35). Ende der 1890er Jahre schienen diese sehr weit gefächert, sollte Puro doch Bleichsucht, Skrofulose und Rachitis erfolgreich bekämpfen und auch bei der Behandlung von Kachexien und Tuberkulose herangezogen werden (Wiener Medizinische Wochenschrift 48, 1898, Sp. 329-330). Mediziner dämpften also Erwartungen, etablierten und festigten mit ihren Fallstudien zugleich aber die Marktführerschaft im Fleischpräparatesektor. Puro selbst galt als deutsche Spitzenleistung, sein Schöpfer schien in einer Kette mit den führenden Ernährungswissenschaftlern der Zeit zu stehen: „Was v. Liebig, der Erfinder des Fleischextractes, vor Jahren als erstrebenswerthes und wünschenswerthes Ziel hinstellte, […] ist im Puro einigermassen erreicht“ (Max Heim, Die künstlichen Nährpräparate und Anregungsmittel, Berlin 1901, 123).

Ökonomischer und gesellschaftlicher Erfolg waren der vermeintlich verdiente Lohn für Hermann Scholl. Er war „Millionär“ (Pharmazeutische Presse 15, 1910, 76), sein Vermögen wurde 1914 auf etwa drei Millionen Mark geschätzt (Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre in Bayern, Berlin 1914). 1899 erwarb er für 90.000 M eine standesgemäße Villa mit einem mehr als 3.000 m² großen Grundstück in bester Münchener Lage. 1905 ließ er dieses abreißen, zahlte mehr als 230.000 M für ein neues Anwesen, das er 1907 bezog (Angaben n. Bayerische Geschichte(n) 2011, Nr. 24: Mit Fleischsaft zur herrschaftlichen Villa [Verweis]). Hermann Scholl war damals mit seiner Gattin Mitglied der Münchener Gesellschaft, vergnügte sich beim Maskenball des Kaufmannskasinos gemeinsam mit Prinzregent Luitpold und bei vielen anderen Gelegenheiten (Alex Braun, Maskenball des Kaufmannskasino, Allgemeine Zeitung 1906, Nr. 93 v. 27. Februar, 4-5, hier 5). Bürgerliche Wohltätigkeit war ihm nicht fremd (Walderholungsstäte Holzapfelskreuth, Allgemeine Zeitung 1906, Nr. 459 v. 4. Oktober, 6). Darunter fiel auch Scholls Engagement in der Deutschen Kolonialgesellschaft, dessen Münchener Abteilung er ab Ende Januar 1908 als Erster Vorsitzender vorstand (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 51 v. 1. Februar, 3-4). In dieser Eigenschaft reiste er kurz darauf nach Deutsch-Ostafrika, um den Kern einer „Kolonialsammlung“ in München anzulegen.

Aufdeckung des Betruges

So schien alles wohl etabliert. Der Fleischsaft Puro wurde selbst von kritischen Kämpfern für mehr Transparenz im Präparatemarkt prospektgemäß dargestellt (G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1905, 440). Die Firma selbst beschickte weiterhin führende Ärztekongresse und tönte dort vom eigenen natürlichen Fleischsaft (Verhandlungen des Kongresses für Innere Medizin. Dreiundzwanzigster Kongress. Gehalten zu München vom 23.-26. April 1906, Wiesbaden 1906, 779-780 hier 779). Doch dann, 1908, kam es, das Ende: „Zerschlagt die Welt und laßt das Chaos kreisen / Denn Lug ist alles, alles falscher Schein! Selbst ‚Puro‘ ist nach chemischen Erweisen, / Der reine Fleischsaft Puro, ist nicht rein“ (Das Ende, Kladderadatsch 61, 1908, Nr. 21, Beibl. 5, 3).

Fleischsaft Puro war kein Fleischsaft, sondern ein Kunstprodukt aus Fleischextrakt, Hühnereiweiß und einigen Zusatzstoffen. Das war die Quintessenz mehrerer parallel laufender Untersuchungen des Präparates durch Forscher in Kairo, München und Berlin. Verbindendes Band war eine neuartige biochemische Methode. Die spezifische Präzipation stand für die damaligen Fortschritte in der Immunologie. Sie wurde 1901 von dem Hygieniker Paul Uhlenhuth (1870-1957) entwickelt und erlaubte einen Vergleich der Eiweißstrukturen zweier Organismen. Davon profitierte erst einmal die Forensik, da Menschen- und Tierblut nun sicher voneinander unterschieden werden konnten. Nahrungsmittelchemiker hatten ein anderes Kontrollarsenal, so dass es einige Jahre dauerte, bis die Präzipation auch von ihnen angewandt wurde. Entsprechend wurde der Betrug von Biochemikern und Hygienikern aufgedeckt.

Der erste Strang führte nach Kairo. Ende 1906 kaufte W. A. Schmidt, ein an der dortigen Government School of Medicine seit 1899 tätiger Professor für Chemie in einer Apotheke zwei Fläschchen Puro, um den Fleischsaft als Testmittel bei Experimenten zu nutzen. Der aus Göttingen stammende Eiweißforscher war jedoch überrascht, dass er eben keine genuinen Eiweißstoffe in dem Präparat fand. Schmidt schrieb rückfragend an Scholl, der beruhigend betonte, „‚daß zu meinem Präparat ‚Puro‘ nur Rindfleisch verwandt wird, ferner daß beim Auspressen und Herstellung Chemikalien keine Anwendung finden und daß ‚Puro‘ bei einer Temperatur von 20-35° zur Eindickung gelangt‘“ (Schreiben d. Instituts Dr. H. Scholl v. 18. Juli 1907, zit. n. W.A. Schmidt, Woraus besteht der Fleischsaft Puro?, Medizinische Klink 1908, 800-802, hier 801). Schmidt war irritiert, führte im Oktober 1907 weitere Untersuchungen durch, die analoge Ergebnisse erzielten. Auch Kollegen bestätigten das gänzliche Fehlen von Muskeleiweiß im Präparat. Schmidt veröffentlichte seine Ergebnisse erst am 24. Mai 1908, gleichsam als Protest gegen eine abwiegelnde Werbeanzeige der Puro-Gesellschaft auf derweil veröffentlichte Ergebnisse aus München. Sein Puro-Antiserum bestätigte nämlich den von der Firma in Abrede gestellten Zusatz von Eiereiweiß. Es war offenkundig, dass die Schollsche Firma ihre Käufer täuschte (Schmidt, 1908, 800).

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Max von Gruber 1913 (1853-1927) und sein japanischer Schüler Tsuguo Horiuchi 1933 (1873-1855) (Wikipedia)

Zu diesem Zeitpunkt hatten die am 17. April 1908 veröffentlichten Münchener Untersuchungen den „Skandal“ zu einem ersten Höhepunkt geführt. Der im gleichen Jahr nobilitierte Hygieniker, Serologe und auch Rassenhygieniker Max Gruber hatte bereits Mitte November 1907 erste Ergebnisse vergleichender Analysen der gängigen Fleischpräparate in einem Vortrag in der Münchener Morphologisch-physiologischen Gesellschaft vorgestellt. Gruber betonte später: „Anlass der Untersuchung gab eine rein wissenschaftliche Frage, ob man nämlich mit dem Verfahren der spezifischen Präzipation (nach Ulenhuth [sic!]) Aufschluss über die Herkunft der zahlreichen Fleisch-Nährpräparate bekommen könne“ (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 448, 1908, 299). Scholl erfuhr hiervon, sah sich jedoch weder zu einer Korrektur der Produktion noch der Werbung veranlasst. Die „Münchener“ Untersuchungen stammten von dem japanischen Gastwissenschaftler Tsuguo Horiuchi, dem Direktor der Hygienischen Instituts der Akademie der Medizin auf Formosa, dem heutigen Taiwan, zwischen 1895 und 1945 eine japanische Kolonie. Horiuchis Untersuchungen an Kaninchen stehen für die Ausweitung der spezifischen Präzipation auf Nahrungsmitteluntersuchungen von Fleischprodukten. Bei werbungsadäquater Produktion hätte der Fleischsaft Puro auf ein Antirindfleischserum reagieren müssen. Das unterblieb. Horiuchi wies ferner nach, dass das Eiweiß in Puro von Hühnereiweiss war. Bei dem „Fleischsaft“ handelte es sich um eine Mischung aus 40 % Fleischextrakt, 20 % getrocknetem Hühnereiweiß, knapp 7 % Glyzerin sowie Wasser. Statt der Essenz des Ochsen wurde also eine Kombination industriell hergestellter Zwischenprodukte verkauft (T[suguo] Horiuchi, Diätetische Nährpräparate vor dem Forum der spezifischen Präzipation, Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 900-902). Die Drucklegung hatte Gruber veranlasst (M[ax] Gruber, Ueber die Fleischsäfte „Puro“ und „Robur“, Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 791-792, hier 791). Scholl reagierte, strengte eine folgenlose Klage gegen den japanischen Forscher an, der derweil nach Formosa zurückgereist war (Max Gruber, Nochmals der „Fleischsaft“ Puro, Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 1024).

Gruber stand zudem Pate für die zeitgleiche Publikation einer weiteren, nun allerdings chemischen Analyse. Sie stammte von Ludwig Geret, einem Eiweiß- und Hefeforscher, auch er früherer Assistent am Hygienischen Institut in München. Er hatte den Fleischsaft dort schon 1898 und 1899 analysiert und war zu dem Schluss gekommen, dass die angegebene Zusammensetzung nicht stimmen könne (Hermann Bremer und [Ludwig] Geret, Diätetische Nahrungsmittel der Neuzeit, in: Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. 71. Versammlung zu München, T. 2, 1. Hälfte, Leipzig 1900, 173-176, hier 175). Scholl hatte die Resultate seinerzeit bestritten. Geret wechselte im Herbst 1901 zur Liebig-Compagnie in Amsterdam, deren enge Beziehungen zu München auf Liebig selbst, aber auch auf Max von Pettenkofer und Carl von Voit (1831-1908) zurückgingen, die den Liebigschen Fleischextraktes im Firmenauftrag und gegen Salär kontrollierten. Geret nahm 1901, 1904 und 1907 weitere Untersuchungen vor, deren Ergebnisse er nun nach einer Anfrage von Gruber veröffentlichte (L[udwig] Geret, Der Fleischsaft „Puro“, Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 902-904, hier 904). Demnach war Puro von Anfang an aus Blut bzw. käuflichem Albumin (also Eiweiß) unter Zusatz von Fleischextrakt hergestellt worden. Seine Zusammensetzung habe sich 1899 (oder schon 1898) mit der Abkehr vom Blut deutlich verändert, seine Farbe wandelte sich von blutrot zu dunkelbraun. Die Details müssen uns hier nicht interessieren, wohl aber Gerets chemisch begründete Aussage, dass ein minderwertiger Fleischextrakt verwendet worden sei. Die Konservierung des „Fleischsaftes“ Puro erfolge durch Glyzerin, nachweisbar sei aber auch Borsäure. Dabei handele es sich um eine Verunreinigung des ebenfalls verwandten Seesalzes bzw. Salpeters, wie sie in Pökelbrühen eingesetzt wurden, die ihrerseits zu Fleischextrakt weiterverarbeitet werden konnten (Nochmals der „Fleischsaft Puro“, Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1264).

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Puro in der Sprache der Chemie: Analyseergebnisse 1899-1907 (Geret, 1908, 903)

Die Redaktion der Münchener Medizinische Wochenschrift resümierte, dass die Bezeichnung von Puro als Fleischsaft „irreführend“ sei: „Wir müssen dem Hygienischen Institut München dankbar dafür sein, dass es durch diese Untersuchungen Aufklärung geschaffen hat über eine grobe Täuschung, die an Aerzten und Publikum durch diese Präparate [Puro und Robur, US] seit Jahren verübt wurde“ (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 943). Nachgeschoben wurde kurz darauf noch eine weitere klinische Studie, die ebenfalls nahelegte, dass Puro kein Ochsenfleisch, wohl aber Hühnereiweiss enthielt (P. Landmann, Ein seltener Fall von Idiosynkrasie gegen Hühnereiweiss nebst Beitrag zur Würdigung des „Fleischsaft“ Puro, Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1079).

Abgerundet wurde die wissenschaftliche Beweisführung durch eine weitere Untersuchung aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin. Paul Uhlenhuth hatte dort seit längerem die Anwendungsfelder seiner Methode getestet. Um die Jahreswende 1907/08 beschäftigte sich seine Arbeitsgruppe mit Fälschungen von (Rind-)Fleischwaren durch Pferdefleisch oder -blut. Puro diente dabei, dank seines Werbeimages, abermals als Referenzmittel, doch eine Reaktion bei Zusatz eines Rinderantiserums erfolgte nicht ([Paul] Uhlenhuth, [Oskar] Weidanz und [Wilhelm] Wedemann, Technik und Methodik des biologischen Verfahrens zum Nachweis von Pferdefleisch, Arbeiten aus dem Reichsgesundheitsamte 28, 1908, 449-476, hier 469). Sie wissen, warum.

17_Der Welt-Spiegel_1906_12_09_p4_Biochemiker_Paul-Uhlenhuth

Paul Uhlenhuth (Der Welt-Spiegel 1906, Ausg. v. 9. Dezember, 4)

Und doch, diese wissenschaftlichen Untersuchungen verursachten nicht den Skandal. Ihre Veröffentlichung erfolgte vielmehr nach einer Enthüllung des Betruges in Kenntnis dieser Forschungsarbeiten. Die Wissenschaftler zögerten, wogen ab, hatten sich dadurch das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lassen. Es war der später im Dresdener Hygiene-Museum tätige Münchener Augenarzt Otto Neustätter (1871-1943), der in der „volkstümlichen Monatsschrift“ „Gesundheitslehrer“ am 1. März 1908 über „Puro – der Fleischsaft“ berichtete. Der Druckort war wohl gewählt, es handelte sich um das Organ der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums. Gründend auf 1907 durchgeführte Untersuchungen des Münchener Oberapothekers Rudolf Rapp (1866-1941), auf Horiuchi resp. Gruber behauptete Neustätter, „daß der allbekannte ‚Fleischsaft‘ Puro mit Fleisch nicht das mindeste gemein habe, aus Eiereiweiß bestehe, mithin Schwindel sei“ (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 235; auch für die folgenden Zitate Neustätters). Puro-Werbung und Untersuchungsergebnisse wurden kontrastiert, die Diskrepanz pointiert offengelegt: „Die ganze Puro-Geschichte ist nämlich ein purer Humbug. Puro – vollkommen pur von jedem Fleischsaft.“ Das waren in der Tat „merkwürdige Mitteilungen“ (Pharmazeutische Post 41, 1908, 368; s. auch Der Fleischsaft „Puro“, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 6, 1908, 94-95). Betrug und Täuschung schienen offenkundig: „Es ist eben genau so, wie wenn jemand ‚Kaviar‘ zu Kaviarpreisen verkaufen würde, der vielleicht aus Stärke, Eiereiweiß, Glyzerin und etwa grauer Farbe hergestellt wurde.“ Neustätters Artikel war engagiert geschrieben, enthielt Zuspitzungen und Übertreibungen, auch einige sachliche Fehler.

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Gestorben im erzwungenen Exil. Grabstein von Otto Neustätter in Baltimore, MD (Oliver Bryk)

Doch er machte lange nur in Expertenkreisen bekannte Vorwürfe öffentlich, machte deren Veröffentlichung unverzichtbar. Doch machen wir uns kurz frei von den Experten. Die Öffentlichkeit reagierte auf Neustätters Enthüllung kaum. Der Artikel wurde gelesen, interessierte Kreise reagierten vorhersehbar. Der Verband der Nahrungsmittelproduzenten schloss sich der scharfen Kritik an, unterminierten Unternehmer wie Scholl doch die Stellung der Hersteller bei den Konsumenten. Zugleich aber fragte man sich, warum die bayerischen Behörden nichts gemerkt hätten (Der Fleischsaft „Puro“, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 6, 1908, 94-95; Dass., 165). Zum öffentlichen Skandal wurde die Angelegenheit aber erst Ende April. Schrittmacher waren die Münchner Untersuchungen, die auch in Publikumszeitschriften vorgestellt und diskutiert wurden (Die Fleischsäfte „Puro“ und „Robur“, Berliner Tageblatt 1908, Nr. 222 v. 2. Mai, 10; Gegen den Fleischsaft „Puro“, Berliner Volks-Zeitung 1908, Nr. 264 v. 6. Juni, 3). Die Presse spitzte den Sachstand nochmals zu, wobei sie insbesondere Gerets Aussagen über wohl minderwertigen Fleischextrakt aus Pökelbrühe in den Vordergrund rückte („Puro.“, Berliner Tageblatt 1908, Nr. 249 v. 16. Mai, 5; „Puro.“, Berliner Volks-Zeitung 1908, Nr. 231 v. 17. Mai, 2). Zum Eklat kam es jedoch erst durch die Reaktion der Puro-Gesellschaft auf die Vorwürfe. Die Leugnung jeglicher Verfehlung ließ nicht nur Schmidt zur Veröffentlichung schreiten. In Hamburg protestierten Ärzte offen gegen die Machenschaften der Münchener Firma, nachdem Untersuchungen am dortigen Hygienischen Institut die Vorwürfe abermals bestätigt hatten (Beschlagnahme von Puro-Fleischextrakt, Hamburgischer Correspondent 1908, Nr. 252 v. 18. Mai, 9). Mitte Mai beschlagnahmte daraufhin die Hamburger Staatsanwaltschaft die bei Grossisten gelagerten Puro-Flaschen (Neue Hamburger Zeitung 1908, Nr. 232 v. 18. Mai, 5). Damit wurde auch der Export unterbunden. Die Hauptstadtpresse ergänzte: „Von einer Beschlagnahme in Berlin ist bisher noch nichts bekannt geworden; sie wird sich aber nach den letzten Feststellungen kaum umgehen lassen“ („Puro.“, 1908). Gerüchte waberten, Hermann Scholl solle verhaftet werden und sei geflüchtet (Grazer Tageblatt 1908, Nr. 138 v. 19. Mai, 7). Das war falsch, doch ein spannendes Gesprächsthema (Pharmazeutische Post 41, 1908, 474). Wichtiger war gewiss, dass auch Abnehmer reagierten: Grossisten und Apotheker sandten teils ihre Bestände zurück, erhielten dafür den Kaufpreis zurückerstattet (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 334). Die Puro-Gesellschaft knickte nun rhetorisch ein, strich den Begriff Fleischsaft aus ihren Anzeigen, nachdem diese in alter Form nicht mehr angenommen wurden. Daraufhin wurde die Beschlagnahme aufgehoben „und somit der Verkauf desselben in ganz Deutschland wieder freigegeben“ (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1366). Man sollte meinen, dass der Skandal nun gängige Formen annahm, also Entschuldigungen, Produktrückzug, Präsentation eines neuen, besseren, zumindest aber transparent gekennzeichneten Präparates. Doch dem war nicht so.

Was ist „Betrug“? Kontroverse Reaktionen auf die Enthüllungen

Die Presse berichtete über den Skandal, umfangreichere Kommentare aber fehlten – dies unter dem steten Vorbehalt, dass eine fundierte Analyse von Tageszeitungen und Zeitschriften im digitalen Entwicklungsland Bundesrepublik Deutschland nicht wirklich möglich ist. Doch schweifen wir nicht ab, sondern widmen uns zuerst den Reaktionen auf die Enthüllungen. Die Puro-Gesellschaft, das ist schon klar geworden, verteidigte ihr Produkt, attackierte ihrerseits die analysierenden Wissenschaftler. Drei Ebenen sind dabei hervorzuheben: Rechtlich ging die Firma gegen zentrale Aussagen der Kritiker vor. Werblich schaltete sie erst kurze, dann zunehmend umfangreichere Anzeigen, um Kunden und Öffentlichkeit alternative Fakten zu liefern. Publizistisch trat Herrmann Scholl mit zwei Broschüren hervor, um seine Sicht der Dinge zu verbreiten.

Gegen die Aussagen im „Gesundheitslehrer“ gingen die Puro-Hersteller rechtlich vor, versandten Berichtigungen auch an Zeitungen, die aus Neustätters Artikel zitiert hatten. Der Tenor war einfach, nämlich dass die Vorwürfe „gegenstandlos seien“ (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 314). Demgegenüber bekräftigte die Zeitschrift die wissenschaftlich fundierten Vorwürfe. Neustätter beharrte darauf, daß „Millionen für das Präparat zu viel bezahlt worden sind“ (Zu der „Aufklärung der Firma Puro-Dr. Scholl“, Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 931-932, hier 932). Es begann ein unfruchtbares Hin und Her, etwa um die Frage ob der mit N. gezeichnete Artikel wirklich von Neustätter oder aber von einem Anonymus geschrieben worden sei (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1111). Dabei spielte die Firma auch über Bande, indem ihr wohlgesonnene Ärzte Einzelangaben Neustätters berechtigt korrigierten. Beispiel hierfür war der Neurologe Hans Lungwitz (1881-1967), Redakteur der Therapeutischen Rundschau, in den 1920er Jahren Begründer der „Psychobiologie“, seit 1926 dann NSDAP-Mitglied. Er riet zu Gelassenheit: „Ob wohl Herr Dr. Neustätter sich endlich mal über Puro beruhigen wird?“ (Quamvis sint subaqua…., Therapeutische Rundschau 2, 1908, 766). Neustätter griff diesen und andere Einwände auf, veröffentlichte im November 1908 im „Gesundheitslehrer“ „Puro redivivus und die Therapeutische Rundschau“. Scholl verklagte Neustätter nun wegen Beleidigung, doch das Amtsgericht München I wies die Klage zurück, „wenn auch die Aeußerungen an sich und objektiv wohl geeignet gewesen seien, den Kläger verächtlich zu machen“ (Apotheker-Zeitung 24, 1909, 168-169, hier 168). Wichtiger sei, dass Neustätter als Sachwalter der Öffentlichkeit berechtigte Interessen verteidigt habe. Auch die 2. Instanz wies die Beleidigungsklage Scholls ab (Münchener Medizinische Wochenschrift 56, 1909, 487). Deutlicher noch war die Abfuhr der beiden späteren Eigentümer und damaligen Prokuristen der Puro-Gesellschaft Oskar Freygang und Oskar Langguth. Sie hatten den Herausgeber des „Gesundheitslehrers“ verklagt. Der böhmische Primararzt Heinrich Kantor (1859-1926) sollte nicht nur für die vielen Unwahrheiten über Puro zur Rechenschaft gezogen werden, sondern er habe den Artikel nur aus Ärger und Rache über nicht geschaltete Anzeigen veröffentlicht, und Neustätter stehe im Solde der Konkurrenz, der Liebig-Compagnie. „Die Verhandlung ergab auch nicht den Schatten eines Beweises für diese für die Behauptungen“ (Apotheker-Zeitung 244, 1909, 876). Die Behauptungen wurden bedauernd zurückgenommen, eine Geldstrafe verhängt, all das öffentlich zur Kenntnis gebracht. Hinter derartig unbegründeten Strafverfahren stand zweierlei: Zum einen ging es um die Grenzen des öffentlich Sagbaren, um die Chancen für öffentliche Interventionen von Wissenschaftlern gegen kommerzielle Interessen. Zum anderen ging es offenbar auch darum, jüdische Wissenschaftler an den Pranger zu stellen. Neustätter, Kantor, auch Gruber waren jüdischen Glaubens – und die imaginierten Rechtsbrüche wurden von den strikt nationalen Vertretern der Puro-Gesellschaft bewusst gestreut. Es würde schon etwas hängenbleiben… München war bekanntermaßen mehr als Schwabing, schon vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur vermeintlich liberale Enklave, sondern auch ein Ort virulenten Antijudaismus und Antisemitismus. Doch das ist nicht unsere Fragestellung. Unter dem Aspekt des Skandals ist das Recht jedoch immer Mittel im kommunikativen Kampf, Element der Verzögerung und Abwehr, der Einschüchterung und des Stillstellens. All das gilt, mag am Ende auch die Gerechtigkeit siegen.

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Abwiegeln und Leugnen: „Aufklärungs“-Anzeige der Puro-Gesellschaft vom 18. April 1908 (Wiener Medizinische Wochenschrift 58, 1908, Sp. 834)

Die Puro-Gesellschaft schaltete ab April 1908 zudem mehrere Anzeigen in medizinischen Fachzeitschriften, aber auch in Tageszeitungen, in denen sie Nebenaspekte der publizierten Artikel in den Vordergrund schob und ihre Kritiker der Unwahrheit bezichtigte. „Zur Aufklärung“ stritt die Firma Betrug und Täuschung ab. Wer darüber berichtete erhielt Post, in denen die Firma betonte, daß die über sie „gebrachten Ausstreuungen grundlos seien. Es könne bewiesen werden, daß die Firma im Jahre 1906 zur Herstellung von Puro 19.800, im Jahre 1907 20.217 kg festes Fleischextrakt bezogen und verwendet habe. Da aus einem Stück Vieh nur 5 kg festen Fleischextrakts gewonnen werden, so wären in den beiden erwähnten Jahren 8000 Stück Rindvieh erforderlich gewesen“ (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 282). Damit gab sie indirekt die Kundentäuschung zu. Vorsichtig hieß es in der pharmazeutischen Fachpresse: „Diese Erklärung scheint noch nicht genügend, um das rege gewordene Misstrauen gegen Puro zu entkräften“ (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 48, 1908, 235).

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Kontinuierliche Fleischsaft-Werbung in Auslandsmärkten (St. Petersburger Medicinische Wochenschrift 33, 1908, 310)

Die Puro-Gesellschaft sah anfangs zugleich keinen Anlass, ihre Werbung umzustellen und insbesondere auf den Begriff „Fleischsaft“ zu verzichten. Ihre Anzeigen wurden im Regelfall von Annoncenexpeditionen verwaltet, die langfristige, häufig einjährige Verträge abschlossen, um so Mengenrabatte zu erhalten. Enthüllungen und Untersuchungen beeinflussten das erst einmal nicht. Dennoch weigerten sich, worauf wir am Ende nochmals genauer eingehen werden, die einschlägigen Fachzeitschriften spätestens ab Ende April, tradierte Puro-Anzeigen zu veröffentlichen. Die Firma selbst sah keinen Anlass, diese freiwillig zurückzuziehen bzw. zu ändern.

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Kampf gegen vermeintliche „Hetze“ – Anzeige der Puro-Gesellschaft Ende Mai 1908 (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 103 v. 30. Mai, VI)

Parallel aber beklagte sie in Anzeigen ein Klima der „Hetze“ gegen ihr bewährtes Produkt und bat ihre Käufer, sich dadurch nicht beirren zu lassen, sondern in Treue fest zu Puro zu stehen. Im Hintergrund stand stets der Vorwurf, dass ausländische Konkurrenz – vornehmlich die Londoner Liebig’s Extract of Meat Company – ein erstklassiges deutsches Präparat vom Markt verdrängen wolle. Neustätter betonte trotzig: „Das Präparat Puro ist und bleibt gerichtet“ (Neustätter, 1908, 932); und doch fanden dessen Produzenten mit ihren Vorwürfen durchaus Widerhall.

Drittens meldete sich auch der Erfinder Puros und Eigentümer des Medizinisch-chemischen Instituts Hermann Scholl nach seiner Rückkehr aus Deutsch-Ostafrika zu Wort. Dazu wählte er nicht die sich langsam verbreitende Form des Interviews, sondern die der darstellenden Broschüre. Sie wurde als Privatdruck erstellt und dann an Kunden und interessierte Kreise verschickt. Für ihn war all dies ein von Neustätter initiierter „wohlvorbereiteter, konzentrischer Angriff auf den Fleischsaft Puro und anschließend auf meine Person“ (Scholl, 1908, 3). Er beschrieb beredt, dass Max von Pettenkofer selbst seine Forschungen angeregt habe, um die ausländischen Präparate durch ein besseres Produkt vom deutschen Markt zu verdrängen. Er habe jedoch einsehen müssen, dass ein aus Fleisch direkt gewonnener Saft viel zu teuer geworden wäre und auch nicht den erforderlichen Geschmack gehabt hätte. Daher sei er zum Lebensmitteldesign übergegangen, habe etwas Neues geschaffen. Den Begriff Fleischsaft habe er analog zu den englischen Vorbildern gewählt, bei denen es ja klar gewesen sei, dass es sich nicht um Fleischsäfte im engeren Sinne des Wortes handelte, „denn der Begriff ‚Fleischsaft‘ ist speziell beim Publikum nicht der konkrete, den meine Gegner ihm gerne geben möchten“ (Ebd., 11). Ja, Puro sei ein Produkt aus Fleischextrakt und Eiweiss, doch es wirke und die Ärzte seien dankbar dafür – das allein sei entscheidend. Seine Kritiker seien heuchlerisch, da jeder Fachmann wisse, dass ein Präparat zu diesem Preis aus frischem Fleisch nicht hätte produziert werden können. Auch ein Blick in seine Firma hätte jedem deutlich gemacht, „daß Puro überhaupt nicht ausschließlich hier fabriziert wird“ (Ebd., 13). Betriebskontrollen hätten nie Beanstandungen ergeben. Der eingesetzte Fleischextrakt stamme vom Rind, der Preis Puros sei moderat, niedriger als der der Konkurrenz. Eine Übervorteilung des Publikums habe es daher nicht gegeben. Ein wirklicher Fleischsaft hätte mit etwa acht Mark pro Flasche kaum Käufer gefunden. Sein Herstellungsverfahren habe er geheim halten müssen, da es keinen gesetzlichen Schutz für derartige Präparate gäbe. Er habe Puro jedoch mehrfach verbessert, nutze gegenwärtig teureres Rohmaterial als zu Beginn der Produktion. Besseres sei gewiss denkbar, doch gegenwärtig gehe es nur um den „Ruin des zur Zeit relativ besten Präparates“ (Ebd., 20).

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Titelblatt von Scholls erster Verteidigungsbroschüre (Scholl, 1908, I)

Die Fachpresse griff Scholls Ausführungen durchaus auf, kaum aber die Öffentlichkeit (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 48, 1908, 315; Apotheker-Zeitung 32, 1908, 363). Die Resonanz war jedoch eindeutig, die Täuschung offenbar: „Die Rechtfertigung Dr. Scholls ist missglückt, wie es bei einer durch und durch faulen Sache nicht anders möglich war; der Erfinder des Puro kann nichts besseres tun, als sein Präparat so geräuschlos als möglich vom Schauplatz verschwinden zu lassen“ (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1159). Ähnlich äußerten sich Gruber und Geret (Puro, Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 1150-1151; Nochmals, 1908, 1264), die zudem bestritten, dass Puro einem frischen Fleischsaft gleichwertig sei.

Scholl schrieb im Anschluss eine weitere Broschüre: „Mit welchen Mitteln wird der Fleischsaft Puro bekämpft?“. In dieser Polemik zielte er offen auf Neustätter und Gruber, stellte sich als Opfer der Liebig-Compagnie dar, als ein nur bestes Rohmaterial verwendender Erfinder-Unternehmer. Horiuchi erschien darin als willfähriger Handlanger Grubers, dem eigentlichen Drahtzieher der ganzen Affäre (Angaben n. Apotheker-Zeitung 25, 1908, 396). Standpunkt stand gegen Standpunkt, Fachleute mokierten sich langsam über die „Preßpolemik über den Fleischsaft Puro“ (Apotheker-Zeitung 25, 1908, 417). Scholl und seine Firma hatten damit gewiss ein Ziel erreicht: Lebensmitteldesign erschien im Umfeld ausländischer Konkurrenz durchaus angemessen. Täuschung und Betrug schienen offenkundig, doch war dies wirklich entscheidend?

Diese Relativierung wirtschaftskriminellen Verhaltens gründete auch auf Vorwürfen, dass die falsche Bezeichnung Puros als Fleischsaft in Fachkreisen letztlich allgemein bekannt gewesen sei. Die schon erwähnten ersten Untersuchungen Gerets wurden schließlich auf der Jahresversammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte vorgetragen, einem Stelldichein der Experten. Wörtlich hieß es damals, dass der Fleisch Karno, „ebenso wie Puro aus Blut (oder neuerdings aus käuflichem Albumin) unter Zusatz von Fleischextract gewonnen wird“ (Bremer und Geret, 1900, 175). Ein öffentlicher Aufschrei über die offenkundige Diskrepanz zwischen diesem Ergebnis und der Puro-Werbung blieb jedoch aus.

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Ernüchternde Analysen von Puro am London Hospital 1901: Robert Hutchinson (1871-1960) in älteren Jahren (Wikipedia)

Auch international fiel der Fleischsaft Puro als ein falsch bezeichnetes Produkt auf. Robert Hutchinson, Pädiater und Diätetiker am London Hospital, veröffentlichte 1902 in der wichtigsten britischen Fachzeitschrift Untersuchungen von Nährpräparaten, darunter sieben Fleischsäfte. Puro, so schrieb er, „is a German preparation, which is of some interest, because originally, I believe, Puro was the concentrated juice of meat preserved in a special way. But on examining recently another preparation of Puro I found that it contained a large portion of egg albumen. In fact, it amounts to this: that it is a preparation artificially enriched by the addition of white of egg when I am supposed to be paying for the juice of meat. When you ask for meat juice people have no right to give you white of egg“ (An Address on Patent Foods, The Lancet 80, 1902, T. 2, 1-6, hier 4). Lektüre schützt vor Neuentdeckungen… Aber auch damals folgte kein Skandal. Berücksichtigen sollte man dabei allerdings, dass Scholl alles tat, um diese Ergebnisse kleinzuhalten. Hutchinson schrieb beispielsweise an die Puro-Gesellschaft, erhielt jedoch nur eine ausweichende Antwort. Weitere Anfragen nach der Zusammensetzung des Fleischsaftes wurden nicht mehr beantwortet. Ähnlich reagierte Scholl bei der Korrespondenz mit Schmidt. Gleichwohl zeigen diese beiden Publikationen, dass die einschlägigen Fachleute offenbar weniger belesen waren als gemeinhin angenommen. Der Skandal um den Fleischsaft Puro war also seit 1899 grundsätzlich bekannt. Es waren die Fachleute selbst, die erst spät intervenierten und den harten Wind der öffentlichen Kontroverse zuvor offenbar scheuten.

Entsprechend forderte man parallel zu den Enthüllungen verbesserte Kontrollsysteme für Heil- und Nährpräparate zu verbessern. Vor dem Ersten Weltkrieg war das ehedem fortschrittliche deutsche Nahrungsmittelgesetz von 1879 völlig veraltet, doch eine Reform scheiterte an den sich blockierenden Interessen: Es gab damals keine Handhaben gegen Täuschungen ohne Verfälschungen, keine wirklich verbindlichen Begriffsbestimmungen für Nahrungsmittel und zahllose unterschiedlich definierte Rechtsbegriffe. Das Wettbewerbsrecht war im Deutschen Reich schwach ausgebildet, letztlich konnte nur das Strafrecht angewandt werden. Neustätter und Scholl stimmten daher darin überein, dass es dringend neuer Institutionen für die Kontrolle und bedingt auch der Zulassung von Heil- und Nährpräparaten bedürfe. Dies fand grundsätzlich Zustimmung, doch schon die Umsetzung war strittig. Sollte das Kaiserliche Gesundheitsamt zuständig sein? Sollte ein gesondertes Laboratorium gegründet werden? Hätte dieses seine Untersuchungsergebnisse einfach veröffentlichen dürfen? (Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 792). Diese Fragen stellen sich bis heute. Vertreter der Apotheker waren jedoch skeptisch, da dies ihr Geschäftsmodell untergrub: „Die recht peinliche Angelegenheit ist Wasser auf die Mühle derjenigen, welche den Geheimmittel- und Spezialitätenverkehr unter strengste Ueberwachung der Regierungsorgane stellen wollen“ (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 48, 1908, 219). Puro sei eine Verfehlung, doch zu viel Staat schien ein noch größeres Problem zu sein.

Die Experten, Pharmazeuten, vor allem aber die Mediziner, bevorzugten stattdessen Standespolitik durch Selbstverpflichtungen. Insbesondere Ärzte sahen in der Skandalierung eines bewährten Standarddiätetikums einen Angriff auf ihre wissenschaftliche Autorität. Der schon erwähnte Hans Lungwitz gab den Takt vor: „Ein an sich unbedeutendes Ereignis wird, wenn es nur plötzlich und unerwartet eintritt oder von interessierten Kreisen geschickt benutzt wird, oft genug zu einer Staatsaktion, die nicht bloß die flachen Köpfe erregt, sondern selbst ruhige Gemüter tangieren kann. Die Kritik verblaßt vor der Stimmung – bis die Sache historisch geworden ist und alsdann ihren wahren Wert offenbart“ (Wahre Werte, Therapeutische Rundschau 2, 1908, 523-524, hier 523). Habe man vergessen, dass „erste Autoritäten“ des Faches Puro begutachtet und belobigt hätten? „Wie konnte man es wagen, das Urteil solcher Persönlichkeiten zu mißachten – aus dem einen Grunde, der eine Wertung des Präparats als Nähr- und Kräftigungsmittel gar nicht zuließ, sondern – sagen wir – rein juristische Art war“ (Die Heilkunde 12, 1908/09, 393-394, hier 393). Diese Verniedlichung von Wirtschaftskriminalität wurde zwar durchaus kritisiert (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 667), entsprach aber dem Denken vieler Ärzte. Ähnlich wie Lungwitz sahen sie ein „Kesseltreiben“, eine Art deutscher Selbstkasteiung durch einen „mit Pauken und Trompeten, mit Haubitzen und Granaten inszenierte[n] Feldzug“ gegen Puro (Lungwitz, 1908, 524).

„Wozu all der Lärm?“ hieß es, letztlich sei es doch egal, woher die Ochsen stammten – und auch die Frage Hühner- oder Fleischeiweiß sei „von sekundärer Art“ (Der Fleischsaft „Puro“, Drogisten-Zeitung 23, 1908, 258). Teils liefen redaktionelle Reklametexte zu Puro einfach ungeprüft weiter, in denen es auch Ende 1908 noch hieß, dass es „aus erstklassigem Rohmaterial hergestellt“ (Hebammen-Zeitung 22, 1908, Nr. 22 v. 1. Dezember, 11) sei. In Teilen der Presse verfing die PR-Offensive Scholls, machten stattdessen Verschwörungstheorien die Runde: „Nur eine wohlinformierte Konkurrenz konnte den ganzen „Puro-Rummel“ zu einer Zeit in Szene setzen, als Dr. Scholl gerade in Ostafrika weilte und sein Erzeugnis dem Ansturm wehrlos preisgegeben war“ (Die Zeit 1908, Nr. 2210 v. 17. Oktober, 9). Insgesamt aber setzte sich das Wissen um den Betrug allseits durch (Wiener klinische Wochenschrift 22, 1908, 335; Die Geheimnisse der Fleischsäfte Puro und Robur, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 18, 1908, 302-303; Medizinische Klinik 4, 1908, 692; Schmidt’s Jahrbücher der gesammten in- und ausländischen Medicin 297, 1908, 264).

Verurteilung, Revision und Verurteilung – Die Puro-Prozesse 1909 und 1910

Auch die publizistische Öffentlichkeit hatte im Mai 1908 ihr Urteil schon parat. Eine österreichische Satirezeitschrift bündelte es, mochten auch nicht alle Einzelheiten stimmen: „Es war ein Mann, mit Namen Doktor Scholl, / Chemiae, smart und tatenfreudevoll. / Der hat zu München etwas fabriziert / Und im Pauschale ständig inseriert. / Der Doktor zog, es zog der schöne Namen / Und auch die Wissenschaft sprach gläubig Amen. / Der Doktor brachte ja die Analyse / Schon fertig mit. So unterschrieb man diese. / Der Fleischsaft Puro wurde Allgemeingut / Und wirkte Wunder, wie das schon so sein tut, / Wenn etwas hübsch verpackt ist und recht teuer. / Da kam zu Hamburg dieses Ungeheuer, / Den Staatsanwalt, einmal die Skepsis an, / Ob bei dem Puro alles wohlgetan? / Und siehe: Fleisch war wirklich nicht dabei, / Nur Pökelbrüh‘ und etwas Schweinerei. / Der Doktor Scholl ist seither durchgegangen, / Uns aber braucht deswegen nicht zu bangen. / War auch ein Schmarrn der attestierte Saft – / Uns bleibt die attestierte Wissenschaft!“ (Kiek Kiek, Der Fleischsaft Puro, Die Muskete 6, 1908, Ausg. v. 28. Mai, 10). Dieses Spottgedicht blieb nicht ohne Resonanz, denn Dr. Mößmer III, Scholls Rechtsanwalt, sandte der Redaktion eine Richtigstellung (Der Fleischsaft Puro, Die Muskete 6, 1908, Ausg. v. 23. Juli, 10). Satire darf nicht alles…

24_Badische Presse_1908_08_01_Nr352_p6_Lebensmittelskandal_Kraeftigungsmittel_Fleischsaft-Puro_Fleischpraeparate

Neuartige Benennung – Puro als „concentriertes flüssiges Fleischpräparat“ (Badische Presse 1908, Nr. 351 v. 1. August, 6)

Puro mochte gerichtet sein, doch verurteilt war weder das Präparat noch sein Hersteller. Die rechtliche Lage war keineswegs klar. Eine strafrechtliche Verfolgung würde nicht einfach sein, da eine einfache Klage einen „Geschädigten“ erforderte und der Sachverhalt der Schädigung schwierig nachzuweisen war. Entsprechend zog sich die Anklage hin. Derweil regelte Scholl sein Unternehmen. Schon am 1. Januar 1908 hatte er sein Institut in eine offene Handelsgesellschaft umgewandelt, die bisherigen Prokuristen Oskar Freygang und Oskar Langguth wurden Mitgesellschafter (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 8 v. 6. Januar, 7). Die Affäre führte keineswegs zur gesellschaftlichen Ächtung: Noch im März erhielt er den preußischen Roten Adlerorden vierter Klasse für seine Verdienste beim Aufbau des Deutschen Museums in München (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 103 v. 6. März, 3). Puro wurde weiter beworben, nun aber als „concentriertes flüssiges Fleischpräparat“. Die Werbung erfolgte nicht allein in der Fachpresse, sondern auch in Tageszeitungen.

25_Neue Freie Presse_1908_10_07_Nr15841_p37_Lebensmittelskandal_Fleischpraeparate_Fleischsaft-Puro

Neue Kontrolleure und eine neue Produktbezeichnung (Neue Freie Presse 1908, Nr. 15841 v. 7. Oktober, 37)

Puro wurde nun extern durch Handelschemiker kontrolliert, verantwortlich zeichnete das 1888 gegründete Münchener chemische Institut von Bender und Holbein, das eine Schrittmacherrolle in der Geschichte der Ausbildung pharmazeutisch-chemischer Assistenten hatte. Die Fachwerbung wurde von der chemischen Zusammensetzung weg, hin auf die therapeutische Wirkung des Präparates gelenkt. Die falsche Kennzeichnung wurde korrigiert. Doch dies war abgerungen, erfolgte nicht aus Einsicht. Denn Scholl betonte weiterhin, nichts Unrechtes begangen zu haben. Er wurde darin längere Zeit durch die zögerliche Münchener Justiz bestätigt. Der Staatsanwalt erhob zwar Anzeige gegen ihn wegen Betrugs, Betrugsversuch und Vergehens wider das Nahrungsmittelgesetz. Doch das Landgericht lehnte die Einleitung des Hauptverfahrens gegen Scholl ab. Erst nach einer Beschwerde des Staatsanwalts beschloss der Strafsenat des Obersten Landesgerichts das Strafverfahren aufgrund fortgesetzten Betrugs und Betrugsversuchs zu eröffnen (Die Heilkunde 1909/10, 63-64, hier 63). Scholl habe, so die Anklage „eine sehr große Anzahl von Vorständen von Krankenhäusern und Anstalten sowie von Privatpersonen in einen Irrtum über die Zusammensetzung und Eigenschaften des ‚Puro‘ versetzt und zu versetzen gesucht und die von ihm Getäuschten zur Abnahme des Präparates veranlaßt, wodurch diese an ihrem Vermögen geschädigt wurden“ (Fleischsaft „Puro“, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 8, 1910, 22-23).

26_Therapeutische Rundschau_03_1909_Nr03_pIV_Kraeftigungsmittel_Fleischsaft-Puro_Krankenkost

Wirkung entscheidend: Puro-Werbung 1909 (Therapeutische Rundschau 3, 1909, Nr. 3, IV)

Der „Sensationsprozess“ (Die Heilkunde 1909/10, 63-64, hier 63) am Landgericht München I währte schließlich vier Tage, vom 20. bis 23. Dezember 1909. Die Münchener Presse, insbesondere die Münchener Neueste Nachrichten brachten darüber „Tag für Tag spaltenlange Berichte“ (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 49, 1909, 819). Diese abseits der lokalen Archive und Bibliotheken nachzulesen, ist leider nicht möglich. Ein einschlägiges DFG-Projekt zur Digitalisierung der MNN hat zwar 2019 begonnen – doch derartiges wird in diesem unserem Lande viele Jahre dauern. Gleichwohl gibt es detaillierte Paraphrasen des Prozesses in medizinischen Fachzeitschriften (Der Prozess Puro, Münchener Medizinische Wochenschrift 57, 1910, 52-55).

Am Ende stand erst einmal ein Schuldspruch gegen Scholl, der „wegen fortgesetzten Vergehens und Betrugs zu 1 Monat Gefängnis und 3000 Mk. Geldstrafe verurteilt“ (Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 9, 1910, 23) wurde, außerdem die Prozesskosten zu tragen hatte. Die Geldstrafe lag zwar unter den von der Staatsanwaltschaft geforderten 5000 M, doch die Verhängung einer Haftstrafe war für sie ein großer Erfolg. Die Urteilsbegründung betonte, „Etiketten und Reklameschriften hätten objektiv falsche Tatsachen enthalten, die den Eindruck erwecken mußten, als ob der Angeklagte eine wichtige Entdeckung gemacht habe“ (Apotheker-Zeitung 24, 1909, 971). Allerdings habe Scholl nicht gegen das Nahrungsmittelgesetz verstoßen, Puro sei nicht nachgemacht, sondern ein völlig neues Produkt. Öffentliche Vorbehalte, dass es „unangängig [sei], dem Publikum den drei- oder vierfachen Betrag dessen abzuknöpfen, was ein Präparat wert ist“ (Woraus der Fleischsaft „Puro“ besteht, Die Umschau 12, 1908, 478) schienen damit gesühnt. Buchprüfungen hatten allerdings ergeben, dass die Gestehungskosten eines Fläschchen Puros bei 1,06-1,09 M lagen, der Abgabepreis bei 1,61 M, dass also der Großteil der Gewinne der jährlich etwa 500.000 Einheiten von Grossisten und Apothekern resp. Drogisten erzielt wurden (Münchener Medizinische Wochenschrift 57, 1910, 52). Scholl jedenfalls akzeptierte das Urteil nicht, sondern legte dagegen Revision beim Reichsgericht ein (Puro-Fleischsaft, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 8, 1910, 101-102).

Fast wichtiger aber war, dass sich die Sachverständigen in der Sache eben nicht einig waren, sondern eine Einschätzungskakophonie boten. Neben zahlreichen vom Gericht befragten Zeugen waren auf Antrag von Anklage und Verteidigung eine Reihe renommierter Wissenschaftler geladen, die zumeist schriftliche Gutachten vorlegten, teils aber auch im Prozess aussagten. Aus Berlin der Physiologe Adolf Bickel (1875-1946), der Bakteriologe Max Piorkowski (1859-1937), der schon erwähnte Internist Georg Klemperer, der Sanitätsrat Theodor Goerges und der Chemiker Sigismund Aufrecht (1862-1938). Aus Jena berichtete der Pathologe Hermann Dürck (1869-1941). Aus München war die erste Garde präsent, Max von Gruber, die Chemiker Theodor Paul (1862-1928) und Johannes Hoppe, der Hofapotheker Carl Wagenhäuser, Hofrat Franz Brunner (1850-1944) vom Krankenhaus München-Schwabing, der Landgerichtsarzt Friedrich Anton Hermann (1860-1930) und auch der Internist Friedrich von Müller (1858-1941). So viele Experten, doch kein Konsens. Weder über die Definition des Fleischsaftes noch über die Frage der Fälschung resp. Täuschung, der therapeutischen Wirkung von Puro und dessen angemessenen Preis. Das Verfahren war umkämpft, und es schien fast so, als hätten beide Seiten jeweils ihre Wahrheit wissenschaftlich begründet. Das Resultat war jedenfalls ein öffentliches Desaster für die Urteilsfähigkeit von Wissenschaft – vielleicht auch, weil ja bis heute die Mär vorherrscht, Wissenschaft sei ein verbindlicher Modus zur Entscheidungsfindung.

In den Fachzeitschriften wurde das Urteil zumeist beifällig aufgenommen oder nur vermeldet. Doch auch Scholl hatte Fürsprecher, die die „Hetze gegen ‚Puro‘“ (Der Streit um „Puro“, Drogisten-Zeitung 25, 1910, 41-42, hier 41) scharf verurteilten. Der Unternehmer wurde demnach verurteilt, weil er „beim Vertrieb seines Präparates, bezw. bei der Textierung seiner Reklame diejenigen Vorschriften unbeachtet ließ, die ein veraltetes, reformbedürftiges Gesetz verlangt“ (Ebd.). Auch die Frage eines angemessenen Preises für Puro wurde kontrovers beantwortet. Die einen verwiesen auf die einwandfreien Rohwaren (Puroprozeß, Pharmazeutische Presse 15, 1910, 76), die anderen dagegen auf deren Materialwert von lediglich 35 Pfennig, so dass „der Verdienst an diesem Schwindelmittel ein ganz ungeheurer gewesen ist“ (Verurteilung, Tierärztliche Rundschau 16, 1910, 8).

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Die Puro-Gesellschaft präsentiert ihre Deutung des Prozesses – Auszug aus einer ganzseitigen Anzeige (Leipziger Tageblatt 1910, Nr. 66 v. 8. März, 4)

Der Prozess selbst gebar weitere Rechtshändel. Max von Gruber musste um seine Stellung als Sachverständiger kämpfen, wurde er doch von Scholls Verteidigern wegen seiner seit Mitte 1908 bestehenden und mit jährlich 6.000 M vergüteten Kontrolltätigkeit für die Liebig-Compagnie als befangen abgelehnt (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 49, 1909, 819). Diese teils als „sensationell“ (Streit, 1908, 42) bewerteten Aussagen waren schon im Prozess zwischen der Puro-Gesellschaft und Kantor erwähnt worden – und Gruber betonte, dass die Geschäftsbeziehung erst nach der Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse eingesetzt, es also keinen Interessenkonflikt gegeben habe. Die Verteidigung behauptete ferner, dass Münchens Oberbürgermeister, der Zentrumspolitiker Wilhelm Borscht (1857-1943) bestätigen könne, dass Gruber ihm gesagt habe, die Angriffe auf Scholl wären unterblieben, hätte dieser die angefragte Spende von 50.000 M für das geplante Pettenkofer-Haus gezahlt (Münchener Medizinische Wochenschrift 57, 1910, 53). Dies führte zu einer Beleidigungsklage, die gegenstandlos blieb, da Borscht die Aussage abstritt (Apotheker-Zeitung 25, 1910, 541). Die Puro-Gesellschaft griff diese Vorwürfe jedoch abermals in einer weit verbreiteten ganzseitigen Textanzeige „Aufklärungen über Puro“ auf (Leipziger Tageblatt 1910, Nr. 66 v. 8. März, 4; Neues Wiener Journal 1910, N. 5897 v. 23. März, 13). Darin beschwor sie den Wert des Präparates, feierte es als einen „Fortschritt in der Ernährungstherapie“. Ansonsten folgten die Vorwürfe des Jahre 1908, sah man sich also von „der Konkurrenz“ attackiert, namentlich von der „englischen“ „Liebig-Company“, in deren Dienst Ludwig Geret und auch Max von Gruber ständen. Neustätters Kritik wurde als tendenziös und unpräzise abgewertet. Puro sei ein deutsches Produkt, weit besser als frisch gepresster Fleischsaft und amerikanische und englische Angebote. Maschinell hergestellt und immer wieder verbessert sei es ein recht billiges Präparat, das nun in seinem Wert nochmals von „zuständiger Seite“ geprüft und gelobt wurde (Neues Wiener Journal 1910, N. 5897 v. 23. März, 13). Der Münchener Ärztliche Verein sah sich angesichts der Vorwürfe gegen Gruber jedenfalls zu einer einstimmig ergangenen Ehrenerklärung genötigt (Die Heilkunde 15, 1910/11, 140).

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Wegducken und Verwirren: Kontinuierliche Vorwürfe gegen Max von Gruber (Leipziger Tageblatt und Handelszeitung 1910, Nr. 91, v. 3. April, 8)

Während die Puro-Gesellschaft also weiter gegen die (jüdischen) Kritiker schoss, um so das eigene wirtschafts-kriminelle Handeln zu überdecken, schied Hermann Scholl Anfang 1910 aus seiner Firma aus, „um seinen persönlichen Gegnern gegenüber völlig freie Hand zu haben“ (Leipziger Tageblatt 1910, Nr. 66 v. 8. März, 4). Sie firmierte seither als Puro-Gesellschaft Freygang & Langguth (Verurteilung, Tierärztliche Rundschau 16, 1910, 27). Nähere Informationen über die finanziellen Konditionen dieser Transaktion fehlen.

Der zweite Akt in der juristischen Bewältigung des Puro-Skandals fand im April 1910 vor dem Reichsgericht in Leipzig statt. Scholls Verteidiger bestritten die Zuständigkeit des Landgerichtes, monierten vor allem aber die unzureichende Feststellung des Straftatbestandes (Der Fleischsaft „Puro“ vor dem Reichsgericht, Leipziger Tageblatt 1910, N. 100 v. 12. April, 15). Das Reichsgericht wies fast alle Monita zurück, kritisierte jedoch den unklaren Nachweis einer Vermögensschädigung durch den Vorrichter (Puro-Fleischsaft, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 8, 1910, 101-102). „Eine Vermögensschädigung könne vor allem dann nicht gegeben sein, wenn der Preis eines Heilmittels im Verhältnis zu den günstigen Wirkungen, den das Präparat zur Folge habe, als vollkommen angemessen gelten könne. Durch die Tatsache aber, daß viele Aerzte das Puro-Präparat jahrelang mit sehr gutem Erfolge ihren Patienten verordnet hätten, sie zur Genüge bewiesen, daß der Preis des Präparates in Anbetracht dieser Wirkungen und vor allem im Vergleiche mit anderen ähnlichen Präparaten als vollkommen angemessen anzusehen sei“ (Puro-Fleischsaft. (Reichsgerichts-Entscheidung.), Apotheker-Zeitung 25, 1910, 287-288, hier 288).

29_Library of Congress_LC-DIG-ppmsca-00967_Reichsgericht_Leipzig

Das 1895 eingeweihte Gebäude des Reichsgerichtes in Leipzig (Library of Congress, LC-DIG-ppmsca-00967)

Der Revisionsprozess fand vom 24. bis 17. Oktober 1910 vor der 4. Strafkammer des Landgerichtes München statt (Der Prozess Puro, Münchener Medizinische Wochenschrift 60, 1910, 2377-2382). Der Staatsanwalt plädierte für die gleiche Strafe wie im ersten Prozess, die Verteidigung forderte abermals Freispruch. Am Ende wurde Hermann Scholl vom Vorwurf des Betruges freigesprochen, erhielt jedoch eine Geldstrafe von 1000 Mark wegen Täuschung nach dem Nahrungsmittelgesetz und musste die (erheblichen) Prozesskosten tragen (Wiederaufnahme des Puro-Prozesses, Pharmazeutische Post 43, 1910, 870-871, hier 870).

Inhaltlich erbrachte das Gerichtsverfahren wenig Neues. Es glich einem Gladiatorenkampf. Einer der Sachverständigen, der Münchener Pharmazeut Karl Bedall, sprach von einem „einem leicht entzündlichen und ‚donnernden Beifall‘ spendenden Auditorium“ (Ein Epilog zum Puroprozess, Süddeutsche Apotheker-Zeitung 50, 1910, 715). Abermals waren zahlreiche Sachverständige präsent, ihre Namen vielleicht noch prominenter. Ferdinand Hueppe, Scholls Doktorvater, war dabei, der Berliner Neurologe Albert Eulenburg (1840-1917), die Chemiker Paul Jeserich (1857-1927) und Rudolf Sendtner (1853-1933), aus Frankfurter der Arzt Max Flesch (1852-1943) und der Chemiker Kurt Poppe – und wiederum zahlreiche bayerische Wissenschaftler, insbesondere Pharmazeuten, Chemiker und Mediziner. Abermals konnten sich die Koryphäen selbst über elementare Sachverhalte nicht einigen, etwa den Begriff des Fleischsaftes oder aber den angemessenen Preis des Präparates. Korrespondenten konstatierten Aussagen „nach den auseinandergehendsten Richtungen hin“, sahen sich daher außer Stande, angemessene Paraphrasen des Geschehens zu geben (Der Kampf um „Puro“, Süddeutsche Apotheker-Zeitung 50, 1910, 691-692). Dennoch: Die Unterschiede zwischen den Ärzten und den Chemikern waren offenkundig. Während erstere den therapeutischen Wert Puros hervorhoben, ihnen alles andere weniger wichtig schien, waren für letztere Täuschung und Betrug offenkundig (Wiederaufnahme des Puro-Prozesses, Pharmazeutische Post 43, 1910, 870-871, hier 870). Eulenburg benannte diesen Unterschied, der im Interesse des Patienten liege. Objektiv sei „Fleischsaft“ eine falsche Bezeichnung, doch für den Kranken bedeute sie Hoffnung (Münchener Medizinische Wochenschrift 60, 1910, 2380). Auch Hueppe erklärte die von ihm eingeräumte Täuschung als absolut nebensächlich. Für den überzeugten Lebensreformer und Eugeniker war er über die Wirkung des Prozesses im Ausland entsetzt, denn der Puro-Skandal „sei eine furchtbare Schädigung einer aufblühenden Industrie“, unterminiere eine „deutsche Industrie“ (Ebd., 2381).

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Veränderte Bezeichnung von Puro vor dem zweiten Prozess gegen Scholl (Wiener Medizinische Wochenschrift 60, 1910, Sp. 490)

Gerade diese Äußerungen wurden heftig diskutiert. Die Redaktion der Münchener Medizinischen Wochenschrift kritisierte die „Laxheit der Begriffe von geschäftlicher Moral“ und hielt fest: „Puro war kein Ruhmestitel für München und hat dem guten Rufe der Münchener Industrie nur geschadet“ (Ebd., 2382). Das Urteil selbst wurde jedoch kaum erörtert, denn die Berichterstatter schienen froh, dass die „leidige Puro-Affäre“ (Wiener Medizinische Wochenschrift 61, 1911, Sp. 155) nun an ein Ende gekommen sei. Sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft kündeten nach dem Urteil zwar Revisionsklagen an, weitere Hauptverfahren fanden jedoch nicht statt.

Lehren und fehlende Konsequenzen

Was blieb nun von dieser „großes Aufsehen erregende[n] Affäre“ (Puro-Prozeß, Pharmazeutische Presse 15, 1910, 348)? Hermann Scholl hatte in Leipzig und München Achtungserfolge erzielt, verließ die Gerichte als freier Mann, den Geldstrafe und Prozesskosten nicht sonderlich trafen. Er reüssierte fortan als „Privatgelehrter“ und blieb Teil von Münchens Gesellschaft. Seine Tochter Irma Scholl (1898–1988) heirate 1924 Walther von Miller, Sohn des Bauingenieurs und Mitbegründers des Deutschen Museums, Oskar von Miller (1855-1934) (Sport im Bild 30, 1924, 1342). Scholl förderte dieses Technikmuseum weiterhin aktiv durch Exponate und Gremienarbeit. In seiner Villa hatte er bereits 1909 eine imposante Sternwarte einbauen lassen und blieb der Astronomie sein Leben lang verbunden.

Das Präparat Puro wurde weiterhin angeboten: „Wer an der Geschäftsgebahrung der Firma Scholl keinen Anstoß nimmt, kann heute Puro mit derselben wissenschaftlichen Berechnung verschreiben wie früher“ (Ad. Schmidt, Diätetische Küche und künstliche Nährpräparate, in: Ernst von Leyden und Georg Klemperer (Hg.), Die deutsche Klinik am Eingange des zwanzigsten Jahrhunderts […], Bd. XIII, Berlin und Wien 1911, 296-234, hier 316). Als „Fleischsaft“ war Puro schon 1908 zurückgezogen worden und wurde unter anderen Bezeichnungen vermarktet. Im Frühjahr 1910 feierte das Präparat jedoch als „künstlicher, konzentrierter Fleischsaft“ Puro eine Rückkehr in Demut (Zeitschrift des Allgemeinen Österreichischen Apotheker-Vereins 48, 1910, 228). Die Zusammensetzung des Präparates wurde transparent gemacht, um damit jegliche Beanstandungen auszuschließen (G[eorg] Arends, Spezialitäten und Geheimmittel […], 8. verm. u. verb. Aufl. Berlin 1924, 179). Auch die Packungsbeilage wurde verändert. Kurz darauf firmierter Puro gar als „Fleischersaftersatz“, gewissermaßen als medizinisches Mock Food.

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Puro, ein verbesserter Ersatz für rohen Fleischsaft (Wiener Medizinische Wochenschrift 62, 1913, Sp. 542)

Zu einer Preisreduktion konnte man sich nicht entschließen, das Fläschchen kostete weiter 2,50 M (Pharmazeutische Post 43, 1910, 436). Puro wurde noch 1914 chemisch analysiert, doch der Absatz war deutlich zurückgegangen. Es ist wohl spätestens Anfang der 1920er Jahre vom Markt verschwunden (Hermann Thoms (Hg.), Handbuch der praktischen und wissenschaftlichen Pharmazie, Bd. 3, T. 1, Berlin 1925, 403). Als Therapeutikum wurde Puro „das z. T. Hühnereiweiß enthält“ (Wolfgang Siegel, Therapeutisches Taschenbuch der Lungenkrankheiten, Berlin 1910, 128) auch nach den Enthüllungen weiter empfohlen. „Sein diäetetischer Wert wird dadurch nicht berührt“ (Carl von Noorden und Hugo Salomon, Handbuch der Ernährungslehre, Bd. 1, Berlin 1920, 633), hieß es noch nach dem Ersten Weltkrieg und warme Fürsprache folgte. Der Vergleich mit den Konkurrenzprodukten fiel weiterhin zugunsten des Münchener Präparates aus.

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Puro als Präparat mit den meisten Nährgeldwerteinheiten pro Mark (Therapeutische Rundschau 3, 1909, 87)

Puro sah sich zudem neuer Konkurrenz ausgesetzt, denn ab 1909 entstanden Substitute des Fleischpräparates. Die Münchener Fabrik medizinisch-chemische Präparate Wilhelm Pick warb Mitte 1909 für den „Fleischsaft“ Karsan und behauptete im Puro-Werbeton, dieser sei hergestellt mit Saft aus frischem Ochsenfleisch ohne künstlichen Zusatz von Eiern oder sonstigem Eiweiß (so die Anzeige in Münchener Medizinische Wochenschrift 56, 1909, Nr. 26, Umschlag, 27). Das irritierte Pharmazeuten und das Präparat verschwand trotz 35% Fleischeiweiß rasch vom Markt (Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereins 47, 1909, 70).

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Puro-Substitut Valid (Wiener Medizinische Wochenschrift 60, 1910, Sp. 2575)

Auch das Fleischpräparat Valid wurde in München hergestellt (Pharmazeutische Presse 1911, 403). Die Analyse stammte wiederum von Fresenius, und für die Kontrolle zeichnete der Nahrungsmittelchemiker Max Winckel (1875-1960), zwischen 1925 und 1945 einer der wichtigsten deutschen Ernährungsfachleute. Valid war eine Nachbildung von Puro, nun allerdings mit rechtskonformer Deklaration. Es sollte „sowohl bezüglich der ernährenden, als der anregenden Eigenschaften analog wie Fleischsaft wirken“ (Pharmazeutische Presse 15, 1910, 338). Auch dieses Präparat wurde nur kurze Zeit angeboten.

Schließlich entstanden auf Grundlage der Enthüllungen neue Apothekenzubereitungen. Ein Gemisch aus trockenem Eiweiß, Wasser und Fleischextrakt hatte, so das Rezept „die Konsistenz eines dünnen, noch fließenden Extraktes und einen 30%igen Eiweißgehalt“ (Apotheker-Zeitung 25, 1910, 348). Das Ergebnis konnte für 1,20 M angeboten werden, unterbot Puro also um mehr als die Hälfte. Der Besitzer der Münchener Adler-Apotheke offerierte ab Herbst 1910 denn auch einen wohl ähnlich hergestellten „Fleischsaft Adlermarke“ für 1,50 M. Doch natürlich war die Bezeichnung irreführend und er wurde vom Münchener Schöffengericht mit Verweis auf die Puro-Prozesse zu einer Geldstrafe von 50 M wegen Täuschung verurteilt (Ein neuer Fleischsaftprozeß, Pharmazeutische Zeitung 56, 1911, 917). Summa summarum waren die Substitute trotz niedrigerer Preise nicht erfolgreich, fehlten doch Markenidentitäten und Vertriebsstrukturen.

Der Puro-Skandal war zugleich eine nicht unwichtige Episode bei der Institutionalisierung öffentlicher Kontrolle über Nahrungs- und Heilmittel. Als solche kann sie Teil einer Fortschrittsgeschichte der Naturwissenschaften. Wissenschaft agierte als Aufklärungsmacht, Wissenschaftler als Verbrauchersachwalter. Biochemiker verwiesen voll Stolz auf ihre neue Methoden, durch die es gelang, „einen Fall aufzudecken, dem die Chemie fast machtlos gegenüber stand“ (Schmidt, 1908, 802). Das war nicht ganz richtig, doch Tierärzte und Humanmediziner sahen den Fall zurecht als Beleg für die Leistungsfähigkeit der „biologischen Methode“ (Tiede, Bedeutung und Technik des biologischen Eiweißdifferenzierungsverfahren (Präzipation) […], Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 21, 1910/11, 124-126, hier 125; E. Küster, Die praktischen Ergebnisse der Serumforschung, Der praktische Arzt 48, 1908, 241-255, hier 254). Der Puro-Skandal markiert die wachsende Bedeutung elaborierter biochemischer Methoden zumal in der Nahrungsmittelkontrolle. Das war gewiss ein Fortschritt. Doch die in den Puro-Prozessen immer wieder thematisierte Differenz von gesundem Menschenverstand, ärztlicher Therapie und der erhofften Eindeutigkeit und Reinheit der Heilmittel hatte auch Schattenseiten. Die Methodengläubigkeit war Teil des Vordringens von eng kausalen und pharmakologischen Wissensformen, die alternative Blicke auf Krankheit und Gesundheit tendenziell ausgrenzten. Die widersprüchlichen Aussagen der Sachverständigen vor Gericht gaben eine Vorstellung von wissenschaftsimmanenten Röhrenblicken, die selbst mit dem Wissen von Nachbardisziplinen kaum mehr etwas anfangen konnten. In den 1920er Jahren führte dies zu einer langanhaltenden Krise der Medizin (vgl. etwa Carsten Timmermann, Weimar Medical Culture. Doctors, Healers, and the Crisis of Medicine in Interwar Germany, 1918-1933, Phil. Diss. Machester 1999). Für die Nahrungsmittelchemie markierte der Puro-Skandal dagegen den Weg hin zu neuen Untersuchungsmethoden von Fleischsäften, -präparaten und Fleischextrakt, die einer stofflichen Normierung des Sektors Bahn brachen (Karl Micko, Über die Untersuchung von Fleischsäften, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 20, 1910, 537-564).

Die wohl wichtigste Folge des Puro-Skandals war wachsende Selbstkritik innerhalb der Medizin über die fehlende Distanz zu den kommerziellen Verlockungen durch Pharmazeutika, Heil- und Nährmitteln. Puro konkretisierte allgemeinere Vorstellungen von überteuerten und irreführenden künstlichen Präparaten (dazu schon M[ax] Rubner, Ueber Volksgesundheitspflege und medizinlose Heilkunde, Berlin 1899, insb. 22). Innerhalb der medizinischen Profession wurden die vielfältigen Gefälligkeitsgutachten angeprangert, wissenschaftsimmanente Regeln im Umgang mit der Heil- und Nährmittelindustrie gefordert. Das Sponsoring der Hersteller wurde benannt und kritisiert, ebenso die indirekten Wirkungen der Werbung für die Verschreibungspraxis. Diese kritische Selbstreflexion war gewiss nicht dominant, führte aber mittelfristig zu einer Reihe von Selbstbeschränkungen und Selbstverpflichtungen. „Kurpfuscher“ und Geheimmittel mochten Gefahren für die öffentliche Gesundheit sein, doch die einseitige Hörigkeit vieler Mediziner gegenüber „wissenschaftlichen“ Anbietern stellte diese vielfach in den Schatten.

Das zeigte sich im Fall des Fleischsaftes Puros vor allem am Umgang mit grenzwertigen Inseraten. Nach den Enthüllungen, im April/Mai 1908, verschwanden diese aus den meisten medinischen Fachzeitschriften. Puro bot dem Ausschuss der freien Vereinigung der medizinischen Fachpresse einen Anlass für einheitliche Verfahren bei die Ablehnung derartiger Anzeigen (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1055, 1112; [Hans] Lungwitz, „Spezifikum“, Therapeutische Rundschau 2, 1908, 322-323; Die Zeit 1908, Nr. 2210 v. 17. Oktober, 9). Im Fall Puro wurde die Macht der Fachpresse durchaus spürbar, war der Boykott doch ein Element für die Revision der Bezeichnung Puros als „Fleischsaft“. Allerdings gab es auch Kritik an den nun plötzlich aufkommenden Reinlichkeitsbestrebungen: Nötig wäre nicht nur ein Durchforsten der Anzeigen, sondern viel wichtiger wäre eine Revision der zahllosen „Analysen“ der neuen Präparate in tönenden „Originalartikeln“ und Referaten (Der Fleischsaft „Puro“, Drogisten-Zeitung 23, 1908, 258). Im Fall Puro hörten nach den Enthüllungen „auch die wunderbaren Kurerfolge des Puro auf“ (W. Jaworski und E. Miesowicz, Ueber den verderblichen Einfluß der gegenwärtigen Richtung in den chemischen Fabriken und Apotheken auf die praktische Medizin, Zeitschrift des Allgemeinen Österreichischen Apotheker-Vereines 51, 1913, 527-530, hier 529). Die Selbstkritik zielte auch auf die mangelhafte fachliche Bildung der Ärzteschaft: „Die Entrüstung, die durch die ganze Fachpresse ging, als sie Verfälschung des „Fleischsaftes Puro“ durch Eiereiweiß bekannt wurde, bewies deutlich, wie wenig sich die Ärzte die Wirkung eines solchen Präparates klar gemacht hatten“ (R[udolf] Staehelin, Über Eiweißpräparate, Therapeutische Monatshefte 23, 1909, 634-638, hier 637-638). Ärzte hätten als Sachwalter der Patienten versagt, hätten unkritisch der Werbung und den Lohnschreibern geglaubt.

Der Fall Puro führte schließlich zu einer Neufassung des im Nahrungsmittelgesetz verankerten Begriffes der „Nachahmung“. Puro konnte damit nicht gefasst werden, gab es für das Präparat doch kein Vorbild. Die sprachliche Assoziation mit Fleisch war – das führten die kontroversen Positionen der Experten während der Prozesse klar vor Augen – eben nicht justiziabel: „Die Sache hat die Gerichte länge beschäftigt; sie wollten erst gar nicht recht heran, haben sich schließlich aber doch entschieden: Fleischsaft aus Hühnereiweiß und Extrakt ist ein nachgemachtes Nahrungsmittel, denn wenn es auch bislang noch keinen haltbaren Fleischsaft im Handel gab, so kann die Bezeichnung doch nicht anders als die aus dem Fleische gepreßte Flüssigkeit aufgefaßt werden“ (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genussmittel 34, 1917, 16 (Adolf Beythien)). Der Puro-Skandal wurde damit Teil einer allerdings erst 1927 kodifizierten Erneuerung des Lebensmittelrechtes, die nun auch die Realitäten künstlicher Kost ernst nahm.

Der Fleischsaft Puro gründete auf Betrug, sein Hersteller täuschte seine Kunden. Das Präparat aber war ein typisches Beispiel für Lebensmitteldesign schon im Kaiserreich, für die wachsende Zahl von Nähr- und Heilmitteln, die seit dem späten 19. Jahrhundert die Alltagskost erst beeinflussten, dann zunehmend veränderten. Lebensmitteldesign wurde danach kleinteiliger, Bestandteil von immer mehr Produkten, mochten diese sprachlich auch Kontinuität und tradierte Herkunft suggerierten. Der Puro-Skandal fand in einer Übergangszeit statt, die neuer Untersuchungsmethoden, eines neuen regulatorischen Rechtsrahmens und besserer Fachausbildung bedurfte. Er steht für die schwierige Austarierung des Spannungsgefüges von Ernährung, Gesundheit und Markt. Seine facettenreiche Geschichte unterstreicht wieder einmal, dass wir in der Gegenwart immer wieder alte Probleme behandeln, genauso abwegig und genauso wichtig wie die im Umgang mit Hermann Scholls Fleischsaft Puro.

Uwe Spiekermann, 29. September 2020

1932 – Das Jahr des Jo-Jos

„Wir spielen als Kind, als Knabe, als Jüngling, als Mann, als Frau, als Greis und als Matrone mit gleichem Vergnügen; der Hang, die Lust daran bleibt immer dieselbe, nur die Spielzeuge ändern sich“ (Friedrich Justin Bertuch, Ueber das Joujou de Normandie, und die Moden der Joujous überhaupt, Journal des Luxus und der Moden 7, 1792, 4-13, hier 4). Spielen erschien dem Verleger und Aufklärer Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) etwas zutiefst Menschliches – und sein Weimarer Geistesbruder Friedrich Schiller (1759-1805) würdigte in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen Spiel und Spieltrieb wenig später als Ausdruck wahren Menschentums. Und doch… Spielen ist mehr als ein erstrebenswertes Ideal, gar eine anthropologische Konstante. Der „Homo Ludens“ war nie nur er selbst, sondern immer auch Abbild und Ausdruck einer, eben seiner Zeit. Spielen charakterisiert die Zeitläufte, die sozialen und ökonomischen Formationen, erlaubt dadurch einen anderen Blick auf Vergangenheit. Die Ludologie, die Wissenschaft vom Spiel(en), hat dies, (zu)recht ernst und vielfältig analysiert, vornehmlich in der Pädagogik, der Kulturanthropologie und der Theologie. Doch bevor wir uns im Spiel der Worte verlieren, hin zum Thema, der Geschichte des Jo-Jo-Spiels. 1932, so sagen wir Historiker, war ein Jahr der Weltwirtschaftskrise, des Aufstieg des Nationalsozialismus, des Bürgerkrieges auf den Straßen, von Massenarmut und Not. Doch 1932 war zugleich das Jahr des Jo-Jos.

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Alltagsvirtuosität 1932 (Nebelspalter 59, 1933, Nr. 1, 6 – Nachdruck aus dem Punch)

Blicken wir etwa nach Wien, wo es überzeichnend hieß: „Die ganze Firma spielte Yo-Yo. Keiner war fähig, an etwas zu denken. Das Telephon wurde abgeschaltet, damit sein Klingeln nicht störte. Kundschaften wurden unhöflich behandelt und schlecht oder gar nicht beliefert, so daß sie zur Konkurrenz gingen. Zahlungstermine wurden vergessen. Einige große Schuldner gingen in den Ausgleich. Die Forderungen wurden nicht angemeldet, das Geld verloren. Wechsel wurden fällig und nicht bezahlt. Das Warenlager wurde gepfändet, die Bureaueinrichtung wurde gepfändet, aber in der Firma wurde nur Yo-Yo gespielt“ (George Stoeßler, Der Bankrott, Das interessante Blatt 50, 1932, Nr. 43 v. 27. Oktober, 11).

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Jo-Jo-Spiel im Büro (Das interessante Blatt 50, 1932, Nr. 43 v. 27. Oktober, 11)

Nein, Jo-Jo hat die Weltwirtschaftskrise weder bewirkt, noch verschärft – und doch. Das Spiel breitete sich 1932 binnen weniger Monate in Europa aus, erst im Westen, dann in der Mitte, schließlich auch im Osten. Während die ökonomischen Strukturen zerbrachen, alter und neuer Mittelstand gärten, sich Bauern und Teile der Arbeiterschaft radikalisierten, schien Jo-Jo den Alltag stillzulegen und zugleich mit neuem Zauber zu versehen.

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Alltag im Aufruhr (La Lutte Syndicale 1933, Nr. 14 v. 8. April, 2)

Karikaturisten gewannen dem spielerischen Treiben vielfältige Aspekte ab, auch hoffnungsfrohe. Das Auf und Ab der Politik spiegelte sich im Spiel der Jo-Jo-Scheiben. Und siehe da, Völkerverständigung schien möglich, Abrüstung und Frieden, der Mensch wurde ganz Mensch, verbindende Linien waren sichtbar: „Es gibt keine Zwistigkeiten mehr, denn Jo-Jo überbrückt alles und zieht jeden in seinen Bann. Wie der Hypnotiseur sein Medium auf eine Kugel starren läßt, so ist der Spielende von einer kleinen glänzenden Scheibe fasciniert. Stundenlang halten die vom Jo-Jo Besessenen den dünnen Faden in der Hand, um mit der größten Aufmerksamkeit die rotierende Scheibe zu beobachten“ (Josef Kostelnik, Yo-Yo erobert sich die Welt! Ein Spiel beherrscht den Kontinent, Neue Zürcher Nachrichten 1932, Nr. 271 v. 5. Oktober, 4).

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Jo-Jo als Chance für die „große“ Politik (Nebelspalter 58, 1932, Nr. 44, 3)

Folgt man den Tageszeitungen, so kam die Welle aus Kanada, erreichte im Frühsommer Großbritannien. Korrespondenten berichteten über ein scheinbar leichtes, letztlich aber forderndes Spiel, angegangen, um Aufmerksamkeit zu erregen und „Langeweile zu bannen“ (Wie sich die Londoner Gesellschaft amüsiert, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13856 v. 18. Juni, 6). Frankreich folgte mit noch stärkerer Resonanz. Am Anfang standen die Badeorte, standen auch publizistisch gezielt gestreute Gerüchte; etwa über einen jungen, scheinbar geisteskranken Amerikaner im mondänen französischen Badeort Deauville, der am Strande tagaus, tagein Jo-Jo spielte: „Eine Woche später wurde im Hotel ‚Normandy‘ in Deauville ein ‚Gala-Yo-Yo-Abend‘ abgehalten. Wieder eine Woche später hatte das Yo-Yo Paris erobert, dann Cannes, Juan-les-Pins, Rom, Berlin, London, Budapest, Wien, ganz Europa“ (Kostelnik, 1932).

All dies geschah im Sommer 1932, Anfang September. Der Berliner Soziologe und Journalist Siegfried Krakauer (1889-1966) weilte damals im französischen Seebad Royan. Er deutete das Phänomen als Teil allgemeiner Amerikanisierung, Jo-Jo war für ihn „eine Art Kaugummi für die Hand“ (Berliner Nebeneinander. Ausgewählte Feuilletons 1930-33, Zürich 1996, 298). Seitdem war das Spiel europäisches Pressethema und Alltagspraxis – und blieb es über den Herbst bis in die frühe Winterzeit (Le Nouveau Jeu. Le Yo-Yo, L’Elclaireur 1932, Nr. 20 v. 25. Oktober, 1; Robert Delys, Les Jeux à la Mode, Le Progrès 1932, Nr. 1929 v. 27. Oktober, 2; Yo-yo-mani, L’Eveil de l’AEF 1932, Nr. 31 v. 3. Dezember, 12). In Deutschland staunte man zu Beginn über die Manie im Westen, doch die Übernahme des neuen „Geduldspiels“ folgte auf dem Fuß: „Uns Deutschen wird dieses Spiel besonders liegen. Wir sind daran gewöhnt, Geduld haben zu müssen. Uns ist es seit vielen Jahren gegangen wie dem Jo-Jo, immer auf und runter“ (Das Geheimnis des Jo-Jo, Hamburger Nachrichten 1932, Ausg. v. 28. September, 7).

Die Jo-Jo-„Manie“ als gemachter Trend: Das Yo-Yo in den USA

Dabei könnte man es belassen. Doch kurzfristige Moden wie die des Jo-Jos sind ein konstitutives Element moderner Konsumgesellschaften. Sie stehen für Dynamik, für Wahlhandeln, für die Attraktion des Neuen. All das ist brüchig – und die Geschichte des Jo-Jos erlaubt einen Blick hinter das vordergründige Geschehen einer solch kurzfristigen Sonderkonjunktur.

Zuvor vielleicht aber noch wenige Sätze zum Objekt der Begierde. Ein Jo-Jo besteht aus zwei durch einen Mittelsteg verbundene Scheiben. Das Spielzeug wird durch eine am Mittelsteg befestigte Schnur in Bewegung gesetzt; und die Kunst besteht darin, dem Auf und Ab Dauer und Virtuosität zu verleihen. Das Jo-Jo ist spielerisch angewandte Physik (detailliert hierzu Wolfgang Bürger, The Yo-yo: A Toy Flywheel, American Scientist 72, 1984, 137-142): „Wer das Geheimnis dieses Auf- und Niederrollens physikalisch ergründen will, wird bei jener wunderbaren und herrlichen Naturkraft landen, der wir so viele schöne Dinge verdanken, der sogenannten Trägheit. Ich versetze die Doppelscheibe mit einem seitlichen Anstoß – Stümper und Anfänger rollen die ganze Schnur auf – und die Schwerkraft zieht meine Scheibe nach unten. Da sie aber an der Schnur hängt, muß sie sich drehen, und weil sie sich dreht, so will sie sich auch dann noch drehen, wenn es eigentlich gar nicht mehr notwendig wäre, und so wickelt sich das Scheibchen wieder verkehrt an der Schnur auf und das Spiel beginnt von neuem“ (Spielen Sie schon Yo-Yo?, Salzburger Chronik für Stadt und Land 1932, Nr. 244 v. 22. Oktober, 8). 1932 handelte es sich fast durchweg um Holzspielzeug, Blech wurde nur selten verwandt. Auch andere Werkstoffe wurden herangezogen, erlaubten Marktdifferenzierung bis hin zu teuren Anfertigungen aus Silber oder Elfenbein. Doch es soll hier nicht um das Objekt selbst, sondern vielmehr um das gesellschaftliche Ereignis im Jahre 1932 gehen, um die Wucht einer Mode, der sich damals kaum jemand entziehen konnte.

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Jo-Jos als Ware: Hausierer mit Bauchkasten in Wien 1932 (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 30)

Sie gilt es jedoch nicht zu feiern, sondern zu analysieren. All den netten Berichten und Bildern zum Trotz war die Jo-Jo-Mode eben kein naturwüchsiges Ereignis, sondern eine kühl geplante kommerzielle Landnahme. Der Trend wurde rational in Gang gesetzt und in Gang gehalten, sein Ziel war ökonomischer Gewinn. Berichte über die Jo-Jo-„Manie“ waren Bestandteil umfassender Presse- und PR-Arbeit. Gewiss, Moden und Kaskadeneffekte sind nicht vollends zu berechnen oder gar zu beherrschen; die wechselhafte Geschichte der Schnellballsysteme unterstreicht dies. Die plötzliche Alltagsmacht des Spieles galt damals jedoch als Beleg für erfolgreiches „social engineering“, also die systematische und erfolgreiche Beeinflussung der öffentlichen Meinung, der Wähler und Konsumenten. Die junge Marketing-“Wissenschaft“ ging damals noch von schwachen Konsumenten und starken kommerziellen Reizen aus, Märkte und Politiken schienen machbar (Walter Lippmann, Public Opinion, Washington 1922; Edward L. Bernays, Propaganda, New York 1928).

Die unmittelbaren Anfänge der europäischen Jo-Jo-Mode des Jahres 1932 lagen in den USA. Als „Erfinder“ wird gemeinhin der philippinische Einwanderer Pedro Flores (1896-1964) genannt. Er studierte Jura in Berkeley und San Francisco, verließ die Hochschulen jedoch ohne Abschluss. Mitte der 1920er Jahre entwickelte er den „Yo-Yo“ zu einem Konsumgut, charakterisiert durch eine neuartige Schleifenaufhängung der Schnur. Gegenüber der tradierten einfachen Befestigung am Mittelsteg ergaben sich dadurch neuartige, virtuos anzuschauende Spielarten. Flores gründete 1928 im kalifornischen Santa Barbara die “Yo-Yo Manufacturing Company”, die er mit Hilfe lokaler Investoren rasch ausbaute (David F. Crosby, The Yo-Yo: Its Rise and Fall, American History 2002, August, 52-56). Der Einwandererunternehmer setzte auf Direktmarketing, auf Produktdemonstrationen, bei denen die Teilnehmenden die Möglichkeiten des Spielzeugs sehen und es selbst ausprobieren konnten. 1929 verkaufte er bereits 300.000 „Flores Yo-Yos“, 1930 ließ er sich den Begriff “Yo-Yo” schützen (https://www.thoughtco.com/pedro-flores-inventor-1991879). Zum eigentlichen Macher wurde jedoch der Detroiter Investor Donald F. Duncan (1892-1971).

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Pedro Flores (1896-1964, l.) und Donald Franklin Duncan (1892-1971) (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000049)

Duncan hatte bereits ein Vermögen mit dem Absatz von Speiseeis gemacht, war Mitgründer der in seinem Geburtsstaat Ohio 1920 gestarteten Firma „Good Humor“. Sie war bekannt für die Einführung des „Eskimo Pies“, eines mit Schokolade überzogenen Vanilleeises am Stil, und ihre die Vororte durchfahrenden Verkaufswagen. Bei einer Yo-Yo-Demonstration realisierte Duncan 1929 das Marktpotenzial des neuen Spielzeuges. 1930 gründete er die „Donald F. Duncan Inc.“ in Detroit mit einem Kapital von 25.000 Dollar, die Flores im gleichen Jahr inklusive der Markenrechte aufkaufte. Flores arbeitete von nun an für Duncan, ebenso wie weitere philippinische Einwanderer, etwa der Marketingspezialist Tom Ives. Übernahmen kleinerer Yo-Yo-Produzenten schlossen sich an (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000031).

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Promotiontour von Tom Ives, Duncan Yo-Yo Corp., 1931 (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000005)

Duncan hatte das Kapital und die Kontakte, um insbesondere den bevölkerungsreichen Mittleren Westen und die Ostküste der USA zu durchdringen, Flores selbst steuerte sein bewährtes Absatzsystem bei. Außerdem erlaubten seine Kontakte zu philippinischen Einwandererkreisen das von ihm geschaffene Narrativ der vermeintlich philippinischen Ursprünge des Yo-Yos fortzuspinnen. US-weit halfen jedenfalls ab 1931 immer mehr junge philippinische und auch einige chinesische „Champions“ das Yo-Yo zu verbreiten. Sie etablierten Produkt und Namen, während die durchaus vorhandene Konkurrenz sich mit umschreibenden Markennamen begnügen musste, etwa “come-back” oder “whirl-a-gig” (Marv Balousek, Famous Wisconsin Inventors and Entrepreneurs, Verona 2003, 105).

Bevor wir auf die Vermarktung genauer eingehen, einige abschließende Worte zu Duncan. Dieser produzierte bis in die späten 1950er Jahre Yo-Yos, obwohl er sich ab 1935 durch den Erwerb von Rechten für Parkuhren einen noch profitableren Geschäftszweig eröffnet hatte. Er übergab das Geschäft an seinen Sohn, Donald F. Duncan Jr., der massiv investierte, um den Weg ins Kunststoffzeitalter zu ebnen und die Zahl der Spielwaren zu erhöhen. Seine Strategie scheiterte, die Firma ging 1965 Bankrott – vor allem nachdem sie die Markenrechte verlor. Yo-Yo sei ein Alltagsbegriff geworden, der nicht länger geschützt werden könne (Parking meter, Yo-Yo promoter dead at 79, Daily Reporter 1971, Ausg. v. 17. Mai, 8; New Braunfels Herald-Zeitung 1998, Ausg. v. 16. Dezember, 5). Der Kunststoffproduzent Flambeau Products Corp. übernahm Duncan und machte das Tochterunternehmen wieder profitabel (Lisa Berman, Yo-Yo up when Business down, The Independent 1975, Ausg. v. 13. Februar, 33). Donald F. Duncan Sr. stieg Anfang der 1970er Jahre nochmals in den Spielzeugsektor ein, vermarktete nun neuartige Plastik-Yo-Yos. An die Erfolge der 1930er bis 1950er Jahre – mit jährlichen Absatzzahlen bis hin in den zweistelligen Millionenbereich – konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen (Cassie Domek, Guide to the Duncan Family Yo-yo Collection, Washington 2002, 2). Dennoch: Duncan machte das Yo-Yo zum Alltagsgegenstand – wie Asa Griggs Candler (1851-1929) Coca-Cola oder Ray Kroc (1902-1984) McDonald’s –, indem er es zu einer Ware reduzierte, die produkt- und erlebnisnah vermarktet wurde.

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Ein Markenartikel: Duncans Yo-Yo (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 28. August, 7)

Das Yo-Yo wurde seit 1930 als Markenartikel verankert, Duncan und Yo-Yo wurden rasch Synonyme. Flores war ähnlich vorgegangen, seine Werbetouren vermarkteten explizit „Flores Yo-Yo“ (Yo-Yo Contest of Clarksdale Fans Will be Held Wednesday at Marion, Clarksdale Press Register 1929, Ausg. v. 2. September, 8). Doch der Absatz wurde noch begleitet von einer Do-it-Yourself-Kultur, die Jungen aufforderte, sich ihr philippinisches Yo-Yo selbst zu basteln (Hi Sibley, Make a Filipino „Yo-Yo“, Popular Mechanics 52, 1929, Nr. 7, 135-136). Ab 1930 wurde dies eine Ausnahme – auch aufgrund der geringen Verkaufspreise. Mit einem „Dime“, zehn Cents, konnte man einsteigen und mitmachen.

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Geschichtsklitterung als Geschäftsmasche (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 28. August, 7)

Der Markenartikel wurde mit einer Ursprungsgeschichte verbunden, die Kinder ansprach und nach Abenteuer klang. Strikt kontrafaktisch wurde das Spielzeug als handliche Variante einer philippinischen Waffe der indigenen Krieger vermarktet, als „an obscure Asian jungle-fighting weapon” (Marketer Of Yo-Yo, Parking Meter Dead, The Herald 1971, Ausg. v. 17. Mai, 17). Dies war wirksam in einem Land, das die Philippinen 1898 nicht einfach von den Spaniern erobert, sondern dass die philippinische Unabhängigkeitsbewegung mit massiver Gewalt unterworfen hatte. Bis zu einem Fünftel der Einheimischen kam dabei ums Leben. Der letzte organisierte Widerstand wurde erst während des Ersten Weltkrieges gebrochen, von Kämpfen mit Filipinos konnte man immer wieder lesen. In der Werbung war das kein Thema, wohl aber wurde eine fiktive Begegnung von Flores und Duncan in San Francisco geschildert, die Entdeckung eines armen, aber gewitzt geschickten Einwanderers und seines Yo-Yo durch einen etablierten Repräsentanten des weißen Amerikas. Zähmung des Wilden und Vermarktung des Neuen gingen Hand in Hand, gaben zugleich eine gute Begründung für die Rekrutierung junger philippinischer Billigangestellter als Verkaufsrepräsentanten und Yo-Yo-„Champions“.

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Philippinische Yo-Yo-Virtuosen (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 27. September, 68)

Yo-Yo war exotisch, ein “Filipino fun bug that climbs merrily up and down a string” (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 6. Oktober, 11). Der Verkauf erfolgte über Kioske, Lebensmittel- und Drogerieläden, Warenhäuser und den Fachhandel, das neue Spielzeug war ein billiger Mitnahmeartikel. Doch diese indirekte Nähe zum Kunden reichte nicht, nur durch Direktmarketing schien es möglich, die Kunden einzunehmen und zu begeistern. Nicht Absatz, sondern Wettbewerb stand dabei scheinbar im Mittelpunkt – und den Einstieg erlaubten lokale Yo-Yo-Demonstrationen der jungen wilden Duncan-Repräsentanten. Diese fanden jedoch nicht einfach statt, sondern wurden häufig als Kooperationsveranstaltung lokaler Medien, meist Zeitungen, und von Duncan durchgeführt (vgl. etwa If Yo Can Yoo-Hoo You Can Yo-Ho; Enter Tribune Contest, Cash Prizes, Altoona Tribune 1930, Ausg. v. 30. Juni, 14).

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Philippinische Yo-Yo-Virtuosen (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 27. September, 68)

Yo-Yo-Absatz war ein Ereignis, eine Show. Das Yo-Yo wurde vorgeführt, Virtuosität nahm ein, weckte den Wunsch zum Mitmachen, zum Nachahmen. Schaustellungen auf Jahrmärkten und Rummelplätzen verbanden sich mit den Anpreisungen im Hausier- und Straßenhandel. Auch die gedruckte Werbung war spaßgeprägt, das Spiel einfach, die vielfältigen virtuosen Techniken scheinbar leicht zu erlernen. Vor allem aber war es ein Produkt für alle, klassen- und altersübergreifend, entsprach dem Teilhabeversprechen der amerikanischen Konsumgesellschaft (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 17. September, 17).

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Werbung für Duncan Yo-Yos 1931 (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 6. Oktober, 11)

Für den Absatz boten die zahlreichen Tricks Attraktionen und Lernziele zugleich, schufen sie doch eine Parallelwelt zum raschen Abtauchen. Erst staunte man über The Spinner, Walking the Dog, The Creeper, Over the Falls, Bouncing Betsy, The Sleeper, The Sizzler, Around the World, The Break Away, Loop-the-Loop und viele andere mehr – und dann folgte ein erster Versuch. Yo-Yo-Spiel war Spaß, setzte aber Wissen um dessen Besonderheiten voraus, erforderte Zucht und Selbstdisziplin, sollten die Tricks gelingen, wollte man ebenso locker und cool erschienen wie die kleinen, dunkelhäutigen “Champions”.

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Anleitung für Jo-Jo-Tricks 1932 (San Bernardino County Sun 1932, Ausg. v. 28. Juli, 7)

Yo-Yo war nicht nur ein Spiel für Jugendliche, es gab ihnen auch die Chance, sich einen Freiraum zu erobern, eine akzeptierte Nische. Die Jugendlichen machten Ernst mit dem Spiel, Ratgeber und Zeitungsartikel präsentierten gängige und immer wieder neue Tricks, die es zu erlernen und zu erproben galt. Ihre Spielarbeit hatte zudem ein lohnendes Ziel, nämlich den Sieg beim Wettbewerb, den kleinen Pokal, die große Anerkennung. All dies ließ auch Ältere nicht ruhen, denn wer wollte schon von den Kindern abgehängt werden. Während die Weltwirtschaftskrise den Wettbewerb zwischen Arbeitssuchenden massiv intensivierte, bot Yo-Yo eine Form des friedlichen Miteinander-Ringens – die gleichwohl hart und fordernd war.

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Werbung für eine Yo-Yo-Präsentation in Lincoln, Nebraska (Nebraska State Journal 1932, Aus. v. 28. Mai, 10)

Die wachsende Zahl philippinischer Yo-Yo-Virtuosen erlaubte zahlreiche, präzise geplante parallele Kampagnen in den USA. Die kleinen Verkaufsgruppen zogen von Ort zu Ort, um dort das Yo-Yo-Fieber in Gang zu setzen, um Duncan Yo-Yos zu verkaufen. All das wurde begleitet von zahllosen Artikeln und Bildern, zunehmend aber auch durch eine Populärkultur, die anfangs angestoßen, dann aber zum Selbstläufer wurde. Schlager und Jazz-Titel waren im Radio zu hören, verbanden Tanz und Ausgehen mit dem neuen Produkt: Alice Brasels „Yo-Yo“, Jack „Fuzzie“ und Ree Millers „My Yo-Yo“ (1930), E. Howards „Everybody Yo-Yoing Now“ (1931) oder der „Yo-Yo Song“ sind dafür Beispiele. Wichtig war auch die Zusammenarbeit mit Hollywood-Schauspielern, die für ein für ein Paar Dollar bereitwillig das Yo-Yo präsentierten.

Anfang 1932 war es dann geschafft, die „yo-yo-craze“ (Yo-Yo Top Craze, Kiowa Record 1932, Ausg. v. 17. März, 4) in den USA entfacht, und der Lauf setzte sich über Kanada und England nach Kontinentaleuropa fort. Unterschiede waren offenkundig, denn die US-Kampagnen zielten anfangs vor allem auf Jungen. Nur so waren einschlägige lyrische Ergüsse denkbar, etwa: „What takes the place of my best girl, / Is treasured more than any pearl, / And sets my senses in a whirl. / My Yo-Yo“ (Ogden Standard Examiner 1932, Ausg. v. 23. Juli, 8). Gleichwohl weiteten sich die Kampagnen zunehmend auch auf Mädchen – Motto: „Girls also Yo-Yo“ (Ogden Standard Examiner 1932, Ausg. v. 25. Juni, 8) – und dann Erwachsene aus. In Europa war die Geschlechter- und Altersparität deutlich ausgeprägter.

Die USA boten die Folie für die europäische Jo-Jo-Mode. Duncans Kommerzlegenden wurden von der einschlägigen Presse weiter gesponnen, so etwa in der Frühphase der britischen Jo-Jo-Mode von der britischen Schriftstellerin Jan Struther (1901-1953), die die Entwicklung des Jo-Jos von einer tödlichen philippinische Waffe zu einem kanadischen, nun in England erhältlichen Konsumgut bedauerte (Yo-Yo, the newest fad, The Living Age 343, 1932, September, 63-65, hier 65). Träumereien über das Wilde im wohlbürgerlichen Ambiente…

Jo-Jo als Sonderkonjunktur in der europäischen Krise

Ja, Jo-Jo war ein „amerikanischer Wurf, der bis nach Europa gereicht hat“ (Yo-Yo, Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 1932, Nr. 46 v. 12. November, 3). Doch das Spiel geriet kaum in den Mahlstrom der recht stereotypen Amerikanisierungsdebatte der späten 1920er Jahre. Das lag zum einen daran, dass zwar die Herkunft allgemein bekannt war, dass aber eine daraus resultierende Ablehnung eine rare Ausnahme war. Obrigkeit und insbesondere die hehre Pädagogik schritten ab und an gegen das Jo-Jo-Spiel ein, sei es, um die Verkehrssicherheit, sei es, um den Unterricht zu garantieren. Doch das in Neustadt a.d. Donau, dem heutigen Novi Sad im November 1932 „unter Androhung strengster Bestrafung“ (Ein Verbot des Yo-Yo-Spieles, Die Neue Zeitung 1932, Ausg. v. 18. November, 4) erlassene Spielverbot in Schulen, auf Schulhöfen und auch offener Straße folgte der gängigen Logik der schwarzen Pädagogik, nicht einem antiamerikanischen Kalkül. Man mag das auf ein sich Fügen in das Unvermeidliche zurückführen, auf das Wissen, dass jede Mode ein Ende findet. Plausibler aber dürfte sein, dass das Jo-Jo 1932 eine Sonderkonjunktur bildete, ein Stück Bewegung, der vielbeschworene Silberstreif am Horizont. Wenn sich der Spielemarkt so plötzlich ändern konnte, warum nicht auch anderes?

Die Jo-Jo-Mode begann zwar in den USA, doch Duncan war keineswegs deren direkter Profiteur. In Frankreich brachte die konservative Tageszeitung „L’Intransigeant“ die Scheiben ins Rollen, andere Journale verstärkten den Trend. Davon profitierten Franzosen: „Im Nu haben sich einige geschäftstüchtige Kaufleute der Sache angenommen und die Yo-Yos für alle Preislagen mit allen hölzernen und metallenen Raffinessen hergestellt“ (Pieter Pott, Yo-Yo, Tagblatt 1932, Nr. 217 v. 18. September, 2-3). Produktionsziffern fehlen, ebenso genaue Angaben über die Jo-Jo-Hersteller. Doch während Duncan in den USA den Markt klar dominierte, gab es weder in Europa insgesamt noch in den einzelnen Staaten entsprechende Marktführerschaften. Yo-Yo/Jo-Jo war kein Markenzeichen, sondern eine allgemein nutzbare Bezeichnung. Die Sonderkonjunktur nutzte den durch die Krise darniederliegenden Spielwarenregionen der einzelnen Staaten. Diese produzierten vielfach noch im Heimgewerbe, Nebenerwerbslandwirtschaft war nicht selten, diente als Krisenpuffer. In Frankreich galt das etwa für das Departement Jura. Die Wiener Journalistin Lotte Sternbach-Gärtner (d.i. Caroline Kohn) bemerkte pointiert, das „der Yo-Yo-Rummel vermocht [habe, US], was alle Weltkonferenzen nicht zustande brachten: es gibt dort so gut wie keine Arbeitslosen mehr“ (Yo-Yo, die große Mode. Ein Kinderspielzeug, das alle Welt beschäftigt, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13980 v. 21. Oktober, 9). Ähnliches galt für den Böhmerwald, wo „die Betriebstätigkeit wesentlich zugenommen hat“ (Neues Wiener Journal 1932, Nr. 14006 v. 17. November, 14).

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Kleine Anzeige eines kleinen Anbieters (Die Stunde 1932, Nr. 2884 v. 21. Oktober, 10)

In Wien, wo im September mehr als 10.000 Jo-Jos verkauft worden sein sollen, nutzten auch lokale Anbieter, etwa Drechsler, ihre Marktchance (Kostelnik, 1932). Im Deutschen Reich profitierte insbesondere die Nürnberger Spielwarenindustrie (Yo-Yo Saves German Industry, Komomo Tribune 1932, Ausg. v. 16. Dezember, 15). Auch der sozialdemokratische „Vorwärts“ frohlockte, als er aus dem oberpfälzischen Furth im Walde berichtete: Dort sei „groß und klein damit beschäftigt, die notwendigen Materialien für Jo-Jo bereitzustellen, und die Aufträge sind so groß, daß noch die ganze dörfliche Umgebung beschäftigt wird. Eine Mode, die ganz plötzlich auftauchte, hat einer ganzen Stadt Arbeit gebracht“ (Die Jo-Jo-Stadt, Vorwärts 1932, Nr. 568 v. 2. Dezember, 3).

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Moden machen Mode: Werbung für einen Jo-Jo-Hut (Die Stunde 1932, Nr. 2881 v. 18. Oktober, 10)

Koppeleffekte, etwa durch Merchandising und ergänzende Applikationen, lassen sich nachweisen, auch wenn die Zahl spezieller Yo-Yo-Abendtaschen nicht allzu groß gewesen sein dürfte (Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 31. Dezember, 2). Jo-Jos wurden von Beginn an auch als Zugaben, als teils kostenlose Werbeartikel für Drogerieartikel und Lebensmittel produziert (Lotte Sternbach-Gärtner, Yo-Yo, die große Mode. Ein Kinderspielzeug, das alle Welt beschäftigt, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13980 v. 21. Oktober, 9).

Wichtiger dürften noch die Auswirkungen auf Dienstleister gewesen sein, etwa Gaststätten und Veranstaltungsräume. Jo-Jo-Polonaisen erfreuten sich nicht nur beim Münchener Oktoberfest im sächsischen Riesa großer Beliebtheit (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 254 v. 28. Oktober, 8). Wer es etwas distinguierter haben wollte, der konnte dort auch zum Jo-Jo-Ball gehen. Die gutbürgerliche Gesellschaft schuf sich ihre eigenen Konsumorte, ein wenig abgehoben vom Durchschnitt, doch mit Effekten auf Wachstum und Beschäftigung.

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Krise macht erfinderisch: Jo-Jo-Ball im sächsischen Riesa (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 277 v. 26. November, 8)

Nicht vergessen werden sollte, dass die hier großenteils verwandten Quellen ebenfalls Resultate wirtschaftlicher Aktivitäten waren. Die Jo-Jo-Mode gab Zeitungen und Zeitschriften „Stoff“, erlaubte leichte Artikel und Karikaturen in schweren Zeiten. Die Berichterstattung war insgesamt locker, das Phänomen wurde gefeiert, Verwunderung war gepaart mit kindlicher Begeisterung. Zugleich folgte man häufig den Texten anderer, vielfach auch den PR-Mythen Duncans. Fundierte Recherchen fehlten, die ökonomische Grundlegung des Trends blieb außen vor, stattdessen erschien Jo-Jo als Ausdruck des nicht zu bändigen Spieltriebes des Menschen, als Einbruch eines imaginierten Archetyps in den wankenden Alltag der Mehrzahl: „Man weiß eigentlich nicht genau, wieso es kam. Eines Tages war es eben da!“ („Yo-Yo“ – ein Spiel erobert die Welt, Linzer Volksblatt 1932, Nr. 266 v. 2. Dezember, 6).

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Deutschland im Jo-Jo-Fieber 1932 (Welt-Spiegel 1932, Ausg. v. 23. Oktober, 12)

Die Sprache suggerierte eine Art Naturereignis, eine positiv zu wertende Pandemie: „Wie ein Bakterium verbreitet sich die Manie des Yo-Yo über Europa und viele, die heute noch unschuldsvoll fragen: ‚Yo-Yo, was ist das?‘ sind morgen schon infiziert und dem Dämon der tanzenden Scheibe verfallen“ (Die Yoyomanie. Der Dämon in der Laufspule, Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 25. September, 25). Jo-Jo war eine „Weltkrankheit“ (Kostelnik, 1932), eine „Seuche“ (Vorarlberger Landes-Zeitung 1932, Ausg. v. 22. Oktober, 9), eine „Epidemie“ (Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3), Seit an Seit mit der bevorstehenden „Grippeepidemie“ (Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5) – doch weniger tödlich. Auch biblische Plagen wurden beschworen: „Wie Heuschreckenschwärme oft ins Land kommen, so wurden wir gegenwärtig mit den [sic!] Yo-Yo überschwemmt“ (Yo – Yo … Jou – Jou?, Illustriertes Familienblatt 38, 1932, Nr. 23, 15). Und, erwartbar, die „Yo-Yo-Pest“ (Yo-Yo, Die Bühne 1932, Nr. 336, 40).

Wer mag sie nicht, die dann folgenden leichten, atmosphärisch dichten Glossen, die sich abarbeiteten an den kleinen Dingen des Lebens? Doch mit Realitätssinn hatten die meisten Beiträge wenig zu tun, denn geglaubt und weitergereicht wurde (fast) alles, zumal Skurriles. Waren das Falschmeldungen? Gar Verschwörungstheorien über untergründige Mächte? Die große Zahl der Biologismen sollte stutzig machen, die schon bald mörderische Pseudoverwissenschaftlichung des Sozialen. Doch dazu bedürfte es einer genaueren Analyse, eines breiteren Quellenkorpus.

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Jo-Jo im Café und im Kino (Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3)

Das gilt auch für den Boulevard, die kleinen allzu menschlichen Nachrichten. Da war die Trauung in Madrid, bei der der Geistliche wenig Resonanz für die Zeremonie verspürte. Selbst Braut und Bräutigam blickten weg, brachen gar plötzlich in Lachen aus. Der Grund: Ein kleiner Junge hatte in der Kirche begonnen Jo-Jo zu spielen (Yo-Yo in der Kirche, Kärtner Volkszeitung 1932, Ausg. v. 12. November, 2). Jo tempora, jo mores… Auch Herr Bordelaire, seriöser Inhaber eines Pariser Porzellangeschäftes, hätte in diese Wehklage einstimmen können, denn seine Gattin handhabte ihr Jo-Jo derart offensiv, dass sie in Cafés, Vergnügungslokalen und gar auf offener Straße Bekanntschaften anknüpfte. Die Scheidungsklage folgte – doch Herr Bordelaire ließ sich umstimmen als seine Denise ihm vor Gericht versprach, „sich beim Yo-Yo-Spiel künftighin weniger kokett zu benehmen“ (Yo-Yo als Scheidungsgrund, Neue Freie Presse 1932, Nr. 24504 v. 1. Dezember, 5). Realität und Boulevard, Farce und Tragödie waren kaum mehr zu unterscheiden, denn das Leben war ein Witz: „‚Mutter, ich lasse mich scheiden!‘ kommt weinend Grete nach Hause. ‚Aber, was ist passiert, ihr wart doch bis jetzt so glücklich?‘ meint verwundert die Mutter. ‚Jetzt ist es aus‘, erklärt die junge Frau, ‚denke dir nur, was der Mann mit angetan hat – er hat die Schnur von meinen [sic!] Yo-Yo abgeschnitten ‘“ (Die Bühne 1932, Nr. 348, 49). Derartige Sternstunden des Journalismus spiegelten die Interessen der Mehrzahl, den Wunsch nach Heiterkeit. Sie waren aber auch fern vom hehren Ideal der vierten Gewalt. Journalisten hatten ihr Blatt käufernah zu füllen, um Anzeigen zu verkaufen – Jo-Jo war dabei eine willkommene Hilfe.

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Eine der vielen Lektionen der Jo-Jo-Champions Perry und Joe (L’Intransigeant 1932, Ausg. v. 4. Oktober, 6)

Zeitungen und Zeitschriften banden durch ihre Jo-Jo-Berichterstattung Käufer an sich, zumal junge. Auch wenn die in den USA üblichen Medienpartnerschaften in Europa nur selten anzutreffen waren, so wurden Klischees gerne benutzt, um etwa die wichtigsten Jo-Jo-Tricks zu präsentieren, um so den Spielern ein Ratgeber zu sein. Das stimmte auf die wachsende Zahl philippinischer und US-amerikanischer „Champions“ ein, die im Herbst 1932 Touren durch die europäischen Metropolen starteten, in denen sie nicht allein für das Jo-Jo-Spiel warben, sondern explizit für führende Importware. Dennoch gab es aufgrund der deutlich anderen Produktionsstrukturen in Europa eine bedeutsamere Bastelstruktur. Zeitungen und Zeitschriften konnten dabei mit ihren Beilagen punkten.

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Bastelzeichnung für ein Jo-Jo. Benötigt werden Zwirnspulenscheiben mit einem Durchmesser von fünf Zentimeter (1), ein acht Millimeter starkes Rundstäbchen (2) und ein schmiegsamer Wollfaden (Radio Wien 9, 1932, Nr. 3, 17)

Die Zahl der „Champions“ in Europa lag deutlich unter der in den USA, denn der Warenabsatz erfolgte stärker über die gängigen Kanäle des Handels, etwa Warenhäuser, den wesentlich wichtigeren Fachhandel oder aber die während der Krise insgesamt anwachsende Branche der Straßenhändler und Hausierer. Hinzu kamen Versandgeschäfte. Gleichwohl fanden die „Champions“ gebührenden Widerhall in der Presse. Der „Vorwärts“ berichte begeistert über vier „braunhäutige Studenten von den Philippinen“ in Berlin: „Was dieses Jo-Jo-Meister-Quartett den erstaunten Augen darbot, war allerdings verblüffend und stellte einen Jongleurakt dar, der an den seligen Rastelli erinnert. Acht Spiele flogen – jeder Spieler hielt links und rechts ein Jo-Jo – wie von Geisterhand geschnellt nach allen Richtungen. Das wirbelte wie toll im Kreis herum, schoß auf die Erde, beschrieb hier eine Bahn, flog zwischen den Beinen hindurch, über die Achsel retour, hielt sekundenlang auf halbem Weg nach unten inne und schoß bei Berührung mit der Fingerspitze wieder nach oben, beschrieb Spiralen und machte komplizierte Saltos, tänzelte im Takt der Musik“ („Hochschule“ für Jo-Jo, Vorwärts 1932, Nr. 555 v. 25. November, 7). Andere Beobachter lobten nicht zuletzt den Kreiselflug „im Walzertakt“ (Die hohe Schule des Yo-Yo, Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5). Die „Champions“ gaben potenziellen Jüngern Unterricht, machten sie so zu Botschaftern des Jo-Jos. Selbstverständlich fehlte nicht der Auftritt im Varieté und Ende Dezember 1932 gar in Fox Tönender Wochenschau (Österreichische Film-Zeitung 1932, Nr. 53 v. 31. Dezember, 12).

Die fehlenden starken Jo-Jo-Marken führten in Europa zu deutlich anderen Formen der Produktwerbung, so dass die Anzeigenerlöse niedriger lagen als in den USA. Die Anzeigengestaltungen war wenig elaboriert, Produktorientierung dominierte.

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Sachliche Werbung 1932 (Altonaer Nachrichten 1932, Nr. 233 v. 21. September, 4; La Sentinelle 1932, Nr. 232 v. 6. Oktober, 3)

Gleichwohl reagierten einzelne Werbegraphiker und auch Kritiker der Jo-Jo-Mode auf die Vielzahl der Karikaturen, in denen glücklich dreinschauende Menschen mit ihrem Jo-Jo eins waren. Humorvolle Werbung – dezent, man war deutsch! – wurde geschaltet. Und die vermeintliche Billigkeit des Jo-Jos wurde von kommunistischen Kadern angesichts bestehender Massenarmut als Kampfesmittel gegen das kapitalistische System gedeutet, um so die Weltrevolution voranzubringen und Mitgliedsbeiträge für die KPD zu generieren.

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Kritik und Agitation seitens der Kommunisten (Der Arbeiter-Fotograf 7, 1933, 21); Übertragung der Jo-Jo-Aktivitäten auf andere Konsumbereiche (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 57, 1933, 343)

Damit kommen wir zum letzten Aspekt der Sonderkonjunktur in der Krise, dem Widerhall der Jo-Jo-Mode in der Populärkultur. Das Spiel war der Ausgangspunkt, doch Jo-Jo stand nun für Lebensfreude und Optimismus. Der Begriff Yo-Yo/Jo-Jo löste sich vom Gegenstand, gewann eine abstrakte Qualität. Bemerkenswert war insbesondere die große Zahl von Schlagern und Tanzmusik, die sich an den Trend andockten. Blicken wir beispielhaft auf die österreichischen Radioprogramme der Jahreswende 1932/33: Leo Monosson (1897-1967), der Interpret von „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ präsentierte den Foxtrott „Ja, Ja, wir spielen Yo-Yo“ (Die Muskete 1932, 973), nicht wissend, dass er kurz darauf aus Deutschland fliehen musste. Bert Silving (1887-1948), ab 1938 Flüchtling, komponierte den „Yo-Yo-Marschfox“ (Reichspost 1932, Ausg. v. 15. Dezember, 12), Mallna-Ruzicka den „Yo-Yo-biguine“ (Radio Wien 1932, Ausg. v. 23. Dezember, 54), Oskar Kanita sang Jascha Doranges „Wir spielen nur Yo-Yo“ (Neuigkeits-Welt-Blatt 1933, Ausg. v. 5. Januar, 47). Leo Aschers (1880-1942) „Yo-Yo“-Foxtrott wurde wiederholt aufgeführt, der erfolgreiche Operettenkomponist musste Österreich ebenfalls 1938 verlassen (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1933, Nr. 5 v. 7. Januar, 13). Österreich ohne Walzer – undenkbar! Und der tschechische Komponist Bohuslav Leopold legte mit „Yo-Yo“ einschlägig nach (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1933, Nr. 5 v. 7. Januar, 14). Der Wiener Erik Jaksch (1904-1976) schuf einen gleichnamigen Rumba und später NS-Operettenfilme (Neues Wiener Journal 1933, Ausg. v. 7. Januar, 8). E. Chalers „Yo-Yo“-Walzer setzt den Reigen fort (Neues Wiener Journal 1933, Ausg. v. 10. Januar, 11), ebenso Charliers „Le Valse du Yo-Yo“ (Salzburger Volksblatt 1934, Nr. 118 v. 26. Mai, 13).

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Der „Yo-Yo-Trott“, imaginierter Modetanz 1933 (Das kleine Blatt 1933, Ausg. v. 17. Februar, 17)

Auch Paul O’Montis (1894-1942), einer der erfolgreichsten Interpreten der späten 1920er Jahre, präsentierte einen Foxtrott namens „Yo-Yo“, begleitet vom Paul Godwin-Tanzorchester (Moderne Welt 14, 1933, H. 5, 5); als Homosexueller floh er 1933 aus Deutschland, wurde 1939 jedoch in Prag verhaftet und starb im KZ Sachsenhausen. Fast schon zynisch erscheint da der Schlager „Was hat Yo-Yo mit Erotik zu tun?“, den die Jazzband Fred Bird Rhythmicans 1933 aufnahm, ehe sie als Fred Bird Tanz-Orchester neu firmieren musste (Neues Wiener Journal 1933, Nr. 14102 v. 22. Februar, 15). Die Jo-Jo-Mode griff über auf die leichten Muse, eine Kunstform die zu heiter und albern war als dass sie nach der Machtzulassung 1933 weiter hätte gepflegt werden können.

Das Phänomen Jo-Jo drang auch in den visuellen Medien vor, wenngleich es sich dabei vielfach nur noch um zeichenhafte Reminiszenzen handelte. Ein Beispiel ist die Filmkomödie „Fräulein Yo-Yo“, inszeniert von dem schon 1932 in die Schweiz emigrierten Fritz Kortner (1892-1970), der mit Dolly Haas (1910-1994) eine weitere Emigrantin und mit Willy Forst (1903-1980) einen Günstling des späteren NS-Systems zusammengeführt hatte.

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Fritz Kortner reizt mit „Fräulein Yo-Yo“ (Prager Tagblatt 1933, Nr. 59. v. 10. März, 10)

Auch im Theater finden sich eine Reihe weiterer Jo-Jo-Stücke: Die Operettengroteske „Adam, Yo-Yo und Eva“ (Der Abend 1932, Ausg. v. 5. Dezember, 11; Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 29. November, 7) etwa. Oder die Kinderrevue „Das Märchen vom Yo-Yo“ von Robert Peiper (1902-1966), der nach dem „Anschluss“ Österreich ebenfalls verlassen musste (Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 10. Dezember, 11). Festzuhalten ist, dass der Lalllaut Jo-Jo in den Folgejahren eine eigenständige Stellung als Name erhielt. Dafür steht etwa Henri van Wermeskerkens (1882-1937) Kinderbuch „Elefant Jo-Jo“ von 1937.

Jo-Jo und die Weltwirtschaftskrise: Erklärungsversuche

„Man kann noch durch die kleinste Nebenpforte in den Mittelpunkt menschlichen Wesens gelangen“ (Siegfried Kracauer, Georg Simmel, in: Ders., Das Ornament der Masse, Frankfurt a.M. 1977, 209-248, hier 224) – und entsprechend gab es zahlreiche zeitgenössische Erklärungen für das um sich greifende Jo-Jo-Spiel. Das Spiel wurde als „Spule der Geduld“ (Mimi Konried, Yo-Yo, ein Spiel und eine Weltanschauung, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13975 v. 16. Oktober, 9) geadelt, als „Symbol einer abgeklärten Weltanschauung“: „Ein Heilmittel für unsere zerrütteten Nerven: Nur Geduld! Es wird schon gehen!“ (Kostelnik, 1932). Wer meint, dass die Postmoderne in den 1970er Jahren begann, der wird durch das Jo-Jo eines besseren belehrt. Einzelne betonten: „In seiner Einfachheit liegt das Geheimnis seines Erfolges, in nichts anderem“ (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 31). Andere sahen die Ursachen der Manie im aufreibenden modernen Leben, das den Spieltrieb verkümmern lasse: „Ist es nicht vielleicht eine Auflehnung gegen die Vergewaltigung der menschlichen Natur durch Rationalisierung und Entseelung der Arbeit? Wer mag das wissen?“ (Yo-Yo, Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 1932, Nr. 46 v. 12. November, 3). Jo, Jo. Versuchen wir also die große Zahl zeitgenössischer Erklärungen etwas zu systematisieren. Fünf Aspekte treten dann in den Vordergrund.

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Spielende Kinder in Wien 1932 (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32)

Jo-Jo wurde, vor allem zu Beginn, als Lappalie gedeutet, als Spiel für Kinder und Dumme: „Es sagt die kluge Tante Els: «No, no / Was glaubst Du denn: ich spiel Yo-Yo? / Das ist ein Spiel für kleine Kinder / Und solche die im Geist noch minder.»“ (Yo-Yo-Fimmel, Nebelspalter 58, 1932, Nr. 52, 8). Bestand Distanz zum Spiel, hatte man es selbst nicht probiert, so war das Verdikt strikt: Zu „Yo-Yo braucht man wirklich nicht eine Spur von Verstand“ (Yo-Yo, Kärtner Volkszeitung 1932, Ausg. v. 10. Oktober, 5). Auch die Kärtner Schriftstellerin Paula Brix-Bogensberger (1889-1964), selbst Produzentin leichter Romankost, kanzelte das Spiel harsch ab: „Es ist grad nicht für große Geister, / Von Übel nur ist der Verstand, / Und wer in diesem Spiele Meister, / Das Pulver sicher nicht erfand“ (Yo-Yo, Freie Stimmen 1932, Ausg. v. 2. Dezember, 2). Derartige Stimmen waren jedoch selten und zudem häufig gebrochen. Der anfänglichen Verdammung folgte oft ein Innehalten, Nachdenken über die verlorene Unschuld der Kindheit, ein Lob der Torheit, des Unernsten (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32). Mehrfach war das Verdikt auch Anlass zur praktischen Bekehrung. So auch bei Tante Els: „Doch kaum hat sie das Spiel zur Hand, / Geht sie ans Lernen unverwandt. Sie zieht die Schnur hinaus, doch munter / Fällt der Yo-Yo stets wieder runter. Mit aller Hirn- und Körperkraft / Die Tante mit dem Yo-Yo schafft, / Und deutlich ist es zu erkennen: Sie kann sich nicht mehr von ihm trennen. / Moral: Es ist im Leben öfters so: Erst sagt man Nein und dann Jo, jo“ (Yo-Yo-Fimmel, 1932).

Weitaus verbreiteter war die Verbindung des Spiels mit Massenarbeitslosigkeit und zwangsweiser freien Zeit. Jo-Jo erschien als „ein der Jetztzeit gut angepaßtes Nervenberuhigungsmittel“ (Man spielt Yo-Yo, Neue Freie Presse 1932, Nr. 24441 v. 28. September, 6), als Zerstreuungs- und Nervenberuhigungsspiel, das „die so oft vermißte stumpfsinnige Glückseligkeit“ (Pott, 1932) erlaube. Jo-Jo stellte die Menschen offenkundig still, beschäftigte die Hände (Sternbach-Gärtner, 1932). Es wirkte besänftigend, beruhigend, galt als das „einzige Mittel gegen die Krise“ (Die Stunde 1932, Ausg. v. 16. Oktober, 10). Doch die Verbindung von Arbeitslosigkeit und Jo-Jo-Spiel trügt. Zeit war in der Tat vorhanden, doch sie war ein „tragisches Geschenk“ (Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt a. M. 1971, 83). Die Marienthal-Studie legte nahe, dass unbegrenzt verfügbare Zeit eben nicht zu deren einfacher Füllung führte, sondern zum Zerfall, ja zur Auflösung von Zeiteinteilungen (Ebd., 86). Jo-Jo mochte ein „Sorgenbrecher“ (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3) sein, doch dieses Gefühl hielt nur eine gewisse Weile vor. Jo-Jo war weder das „neueste Spiel der sich einsam fühlenden Frau“ (H.K. Breslauer, Teufelei…, Die Stunde 1932, Nr. 2820 v. 6. Dezember, 7) noch das der Arbeitslosen. Es war ein Spiel der breiten und durchaus noch beschäftigten Mitte der Gesellschaft, des neuen Mittelstandes. Es war nicht Ausdruck von Verzweiflung, sondern von dessen Gegenteil: „Yo-Yo verscheucht die Sorgen, Yo-Yo bekehrt uns zum Optimismus und mit dem aus dem Yo-Yo gewonnenen Optimismus kurbeln wir dann die Weltwirtschaft an“ (Die hohe Schule des Yo-Yo, Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5). Der kommerziell in Gang gesetzte Spieltrend stand für den eben nicht überall fraglich gewordenen Glauben an eine zwar zyklische, aber grundsätzlich wachsenden Wirtschaft, für das Heilsversprechen einer raschen Erholung nach der erforderlichen Rosskur und mittels der Selbstheilungskräfte des Marktes. Das Spiel beschwörte den Tag herbei, „an dem wieder endlich alles wie am Schnürchen läuft“ (Harry Schreck, Traktat vom Yo-Yo, Vossische Zeitung 1932, Nr. 473 v. 2. Oktober, 21).

Jo-Jo repräsentierte just auf dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise Aufstiegschancen im Wettbewerb – gesellschaftlich, aber auch individuell. Jo-Jo war eine liberale Utopie. Vorbild war Harvey Lowe (1918-2009), ein Kanadier chinesischer Abstammung, der am 12. September 1932 die Yo-Yo-Weltmeisterschaft und 4.600 $ in London gewann und anschließend durch Europa tourte. Jo-Jo war kein Gruppenspiel, auch wenn man es in der Gruppe spielen konnte. Es ging um Selbstbeherrschung, das Erlernen einer Konkurrenztechnik und auch die Durchsetzung des Besten: „An jeder Straßenecke, bei jedem Haustor werden Meisterschaften ausgefochten und jeder Mensch, ob groß oder klein, freut sich, wenn er es besser kann als sein Nachbar“ (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32). Anfangs, im September und Oktober 1932, gab es vielfältige lokale Wettbewerbe ohne einheitliche Leitung (Le championnat vaudois de yoyo, Le Rhone 1932, Nr. 80 v. 7. Oktober, 7). Doch parallel etablierte sich – analog zu den USA – eine wachsende Zahl von institutionalisierten Wettbewerben (L. Loeske, Yo-Yo Rollpendel-Schaufensteruhr, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 56, 1932, 590). Jo-Jo war nicht allein kontemplative Spielerei: „Scharf passen die Kinder auf, daß das Auf- und Abschnellen nicht einmal aussetzt. Denn ihnen geht es schon nicht mehr ums Vergnügen, sondern um Höheres, um den Rekord. Bald scheiden sich die Spieler in solche, bei denen Yo-Yo schon nach kurzer Zeit stille steht, und solche, die Yo-Yo beliebig lange rollen lassen, vorausgesetzt – daß nicht die Rolle ins Trudeln kommt“ (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3). Rekorde aber verlangten Training, erforderten einen Rückgriff auf die physikalischen Grundlagen des Spiels, die bis heute die Jo-Jo-Literatur mitprägen (vgl. auch D.W. Gould, The Top, Folkstone 1975, 98-101). Mehr als zwei Jahrzehnte vor der Veröffentlichung des ersten Guinness-Buchs der Rekorde rangen die Spieler um Anerkennung und Preise. Im November wurde beispielsweise der bis dahin geltende Weltrekord im Dauerrollen pulverisiert. Eine Budapesterin hatte die Bestmarke auf 2946-maliges Auf- und Ab geschraubt, doch dann kam ein neuer Star, ein nur 14jähriger Erzgebirgler, Sohn eines Holzwarenfabrikanten in Nassau. Dieser schaffte es unter Aufsicht sein Jo-Jo binnen einer Stunde und 49 Minuten genau viertauendmal rollen zu lassen (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 271 v. 19. November, 3). Anders als in den USA blieb die Professionalisierung des Jo-Jo-Sports jedoch in den Anfängen stecken. Ein Weltkongress der Yo-Yo-Spieler wurde in Prag einberufen, hatte jedoch keinen nachhaltigen Erfolg (Salzburger Wacht 1932, Ausg. v. 17. November, 2). Es fehlte an zahlungskräftigen Sponsoren.

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Jo-Jo im Jahresrückblick 1932 (Zeitbilder 1933, Nr. 1 v. 1. Januar, 8)

Leisten wir uns nun etwas Distanz – und nutzen das reichhaltige Arsenal der damaligen Philosophie für eine Erklärung des Phänomens. Jo-Jo war dann beispielsweise Ausdruck der Existenz in der Massengesellschaft. Das jedenfalls war die Quintessenz der Idee des „Man“, die der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) in seinem frühen Hauptwerk „Sein und Zeit“ entwickelt hatte (16. Aufl., Tübingen 1986, 126-130). Die moderne Massengesellschaft und ihre individuelle indifferente Infrastruktur charakterisierten demnach ein Miteinander, in dem der Mitmensch nicht mehr von anderen unterschieden wurde und in seiner Ausdrücklichkeit verschwand: „In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom »großen Haufen« zurück, wie man sich zurückzieht“ (Ebd., 126-127). Das Man stand für die Durchschnittlichkeit modernen Lebens, für ein abgepuffertes Dasein, das die Amplituden einebnete. Es nahm individuelle Urteile, individuelle Entscheidungen vorweg, entlastete den Alltag, machte ihn leicht, ließ in leicht nehmen. Selbstverständlich war das Man eine Fiktion, doch es ordnete das Dasein, schuf Realität. Es erlaubte Bezug auf die Anderen, zugleich aber Unterscheidungen. Das Jo-Jo-Spiel war dafür ein Beispiel, denn man spielte es: „Spielen Sie schon Yo-Yo? Wenn nicht, so schämen Sie sich. Denn die ganze Welt spielt Yo-Yo“ (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1932, Nr. 244 v. 22. Oktober, 8). Es war uneigentlich, hatte keine Substanz, sondern war Ausdruck der Botmäßigkeit gegenüber anderen. Zugleich machte es Unterschiede deutlich, gab dem Einzelnen eine Chance, vorhandene Fähigkeiten im Wettbewerb mit anderen zu adeln. Heidegger, als Nationalsozialist und Antisemit dann wahrlich übermannt, erlaubte einen existenzialphilosophischen Zugang zur Jo-Jo-Manie, blendete aber die damit verbundenen gesellschaftlichen und ökonomischen Perspektiven aus. Das gilt zumal für den Internationalismus, der mit dem Jo-Jo verbunden war. Das Spiel war idealiter an keine Nation und keine Rasse gebunden, stand für Heterogenität in Spiel und Wettbewerb – und gegen abgeschlossene Vorstellungen eines dumpfen Man, einer erstrebenswerten Volksgemeinschaft.

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Abkehr von den Alltagspflichten (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 243 v. 15. Oktober, 16)

Die Jo-Jo-Mode wurde 1932 zudem vielfach als Eskapismus gedeutet: „Brennende politische Fragen werden nicht mehr diskutiert, Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise scheinen vergessen. Die Menschen haben keine Sorgen mehr“ (Yo-Yo erobert sich die Welt, 1932). Jo-Jo erlaubte kurzfristiges Abtauchen, Kurzzeitvergessen: Verschwunden „die unbezahlten Rechnungen in der Kohlenkiste, das Steuermandat, den Geschäftsgang, die Preise, die Politik“ (Vorarlberger Landes-Zeitung 1932, Ausg. v. 22. Oktober, 9). Jo-Jo war Eskapismus auch vom Deutsch-Nationalen und Völkischen, von den Verordnungen, den Regularien, von den Fährnissen der Zeit. Heiteren Ernst kennzeichneten die Bemühungen, ein wenig Freiraum galt es zu gewinnen: „Jo-Jo ist jetzt das Modespiel. / Man spielt es fern und nah. / Jo-Jo spielt heute der Jugendstil, / Jo-Jo spielt die Mama. / Die Oma spielt’s im weißen Haar, / die Tante ebenso. / Es ist ja auch ganz wunderbar, / Das neue Spiel Jo-Jo. / Jo-Jo spielt die Verkäuferin, / Wenn sie ist gerade frei. / Die Köchin hat Jo-Jo im Sinn, / Vergißt dabei den Brei. / Jo-Jo spielt, wenn die Luft ist rein, / Die Tippmaid im Büro. / Wer heute recht modern will sein, / Der übt sich im Jo-Jo“ (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 243 v. 15. Oktober, 16). Die Blödelkunst der damaligen Populärkultur schien hier auf – doch Eskapismus war Teil der Krise, verlängerte sie. Jo-Jo verkörperte die Handlungsunfähigkeit der Zeit, das Abdriften in Nabelschau und Träumereien: „Und die Leute spielen – Vogel Strauß!“ (Annette Stein, Yo Yo – Jo jo!, Marchfeldbote 1932, Ausg. v. 7. Oktober, 7).

Entamerikanisierung: Jo-Jo als europäischer Wiedergänger

Damit könnten wir eigentlich enden. Doch wir würden dann zwei zentrale Charakteristika der Jo-Jo-Manie des Jahres 1932 ausblenden: Jo-Jo geriet zum einen nämlich kaum in den üblichen Mahlstrom der Amerikanisierungsdebatte, weil in Europa eine andere, eine national geprägte, aber doch europäische Geschichtsdeutung verbreitet wurde. Zum anderen aber war Jo-Jo 1932 keine wirkliche Innovation, sondern ein Wiedergänger. Die Joujou-Mode der frühen 1790er Jahren enthielt fast alle Elemente, die 1932 als neuartig und modisch beschworen wurden.

Gewiss, auch in Europa war Geschichtsklitterung an der Tagesordnung. „Le yo-yo n’a donc paru nouveau qu’à cause de l’ignorance de l’histoire“ [Das Jo-Jo galt nur aufgrund der Unkenntnis der Geschichte als neu] (Propos d’un Parisien, Le Matin 1932, Nr. 17750 v. 24. Oktober, 1). Doch diese resultierte vorrangig aus der fehlenden Bildung der Journalisten, war nicht Ausdruck eines gezielt irreführenden Geschichtsnarrativs zum Absatz eines Markenartikels. Viele Journalisten kokettierten zudem mit den vermeintlich unbekannten Ursprüngen des Spieles und seines Erfinders. Faktenfreies Fabulieren galt einigen als Tugend, bis hin zur Mär von der chinesische Kaiserin Yo-Yo, der Erfinderin des einschlägigen Pläsiers (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3). „Ja, alles ist schon dagewesen, / Auch dieses Spiel, genannt Yo-Yo. / In der Geschichte kann man lesen, / Schon die Chinesen spielten so“ (Brix-Bogensberger, 1932). Ha, ha… Korrekter waren da schon Verweise auf die griechische Antike (Die Yoyomanie. Der Dämon in der Laufspule, Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 25. September, 25). Zugleich gab es viele Reminiszenzen an die eigene Geschichte, denn schon Väter und Großväter hatten das Jo-Jo offenbar geschätzt. Es war ein „wieder volkstümlich“ (Die Frau und Mutter 21, 1932, H. 11, 34) gewordenes Spiel. Duncan Yo-Yo wurde dagegen nicht erwähnt; schließlich handelte es sich um eine gleichsam naturwüchsige Mode, nicht um die Auswirkungen gezielten Marketings.

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Der niemals regierende französische König Louis XVII (1785-1795) mit einschlägigem Spielzeug (La Rhone 1932, Nr. 88 v. 4. November, 5)

Die Geschichte des Jo-Jos wurde aber durchaus korrekt an den britischen Hof – der spätere König Georg IV. (1762-1830) spielte als Jugendlicher „Bandalor“ –, vor allem aber ins französische Versailles zurückverfolgt. Das Spiel gelangte wohl aus dem Orient nach Europa, wo es seit 1790 vom Adel, zunehmend aber auch vom Bürgertum aufgegriffen wurde (Gould, 1975, 105-106). Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) sah es erstmals 1790 in Venedig: „Welch ein lustiges Spiel! Es windet am Faden die Scheibe, Die von der Hand entfloh, eilig sich wieder herauf! Seht, so schein‘ ich mein Herz bald dieser Schönen, bald jener Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zurück“ (Werke, Bd. 1, Wien 1816, 411). Ausgangspunkt der im gleichen Jahr beginnenden Mode war jedoch die Handelskapitale der Welt, London. Von dort „kam es, vermuthlich durch die Normandie zuerst nach Flandern und nach Holland, wo man seine Abkunft und rechten Nahmen, Bandeliro, nicht wußte, und es also nach der Provinz woher es kam, Joujou de Normandie, nannte. Durch junge Engländer wurde es im vorigen Sommer an verschiedene Orte in Deutschland gebracht, und sonderlich zuerst in den Bädern, Spaa, Aachen, Pyrmont und Carlsbad bekannt“ (Bertuch, 1792, 12). Paris griff den Trend erst etwas später auf, im Oktober 1791. „Seit ein Paar Monaten aber ist das Joujou dort so allgemein Mode, daß Alt und Jung mit einem Joujou in der Hand geht, und sonderlich die Filles unsägliche Narrheiten damit treiben, um sich bemerkbar zu machen“ (Ebd.).

Das Joujou de Normandie bekam rasch neue Namen, bürgerte sich vor allem als „Emigrant“ ein, war es doch Begleiter adeliger (und bürgerlicher) Emigranten, galt als „jeu de émigrés“ (Le Croix 192, Ausg. v. 13. Oktober, 1). Ein anderer Name war „Coblentz“ (Yo-Yo, Ric et Rac 1932, Nr. 182 v. 3. September, 2), Sammelort vieler Geflüchteter. Begriffe wie „emigrette“ oder „pierrot à la Coblentz“ schlossen sich an (Mercure de France 1932, Nr. 240 v. 15. November, 217), doch auch deutsche Bezeichnungen, etwa „Bullenspiel“. Die Scheiben erinnerten an die Wachssiegel der Privilegien, Beglaubigungsschreiben und Pässe.

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Das Joujou de Normandie 1792 (Journal des Luxus und der Moden 7, 1792, Taf. III)

Die Jo-Jo-Mode der frühen 1790er Jahre glich der des Jahres 1932. Die andersartigen Verkehrs- und Kommerzverhältnisse streckten das Geschehen allerdings über einen etwas längeren Zeitraum: „Es ist sonderbar mit welchem allgemeinen Bayfalle dieß neue Mode-Joujou jetzt durch ganz Europa fliegt. Es beschäftigt überall Drechsler, Gold-Arbeiter, Juwelier und Moden-Handlungen. In London und Amsterdam besetzt man es mit Brillanten, in Paris werden die meisten galanten Etrennes heuer in schönen Joujous bestehen; die Aerzte finden schon, daß es wegen der gemäßigten Bewegung die es verschafft den Kranken überaus empfehlenswerth sey; junge Ritter werfen es neben ihren Damen her galoppirend, wie sonst den Wurfspieß mit einem Helden-Air; Knaben und Männer, Mädchen, Frauen und Matronen spielen es im Kreise ihrer Geschäfte“ (Bertuch, 1792, 13). Ja, es kam noch ärger: „Die Manie breitete sich nun, wie weiland die Influenza über ganz Deutschland aus. Allenthalben Joujou. Auf den Straßen fühlte man oft unvermuthet einen kleinen Stos an den Kopf; man sahe hinauf, und der Stos kam vom Joujou, das ein süßer Herr zum Fenster heraus spielte. Auf Bällen handhabten die Figuranten statt Aufmerksamkeit ihr Joujou. In jedem Strickbeutel fand man eins“ (Ueber das Joujou de Normandie, Leipzig 1792, 20). Adel und Bürgertum prägten die Anfänge des Spiels, doch es gab rasch einen sozialen Rieseleffekt, „bis es endlich alle Gassen-Jungen auch hatten, und sogar die Schornstein-Feger auf den Schornsteinen es spielten“ (Joujou de Normandie, in: Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 72, Berlin 1797, 695-709, hier 698).

Das Joujou de Normandie wurde breit diskutiert, die meisten Aspekte der Debatten von 1932 lassen sich wiederfinden, müssen allerdings anders eingebettet und erklärt werden. Es schien sich um eine Art Krankheit zu handeln, die „Manie für dieses schnurbewickelte Rädchen“ (Joujou, 1792, 4) schien anders kaum zu erklären. Zur Zeit der französischen Revolution spiegelte es den allgemeinen Umsturz. Just die Älteren erfüllten nicht mehr länger ihre ständischen und göttlichen Pflichten, so in Chemnitz: „Das beliebte Joujou ist auf der Wanderung, die es, wie die Influenza, durch Europa macht, auch hierher gekommen, und man sieht nicht blos Kinder, sondern auch ernsthafte gesetzte Personen die Zeit mit dieser Tändeley verderben“ (Deutsche Zeitung 9, 1792, Sp. 245). Schuld schien nicht zuletzt die „tyrannische Allgewalt“ der Mode (F. Wolff, Ueber die Modesucht und ihre nachtheiligen Folgen, Neues Hannoversches Magazin 1811, Sp. 641-656, hier 641).

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Moralische Verdammung des Jo-Jos 1792 (Joujou, 1792, vor 1)

In den 1790er Jahren stritt man deutlich stärker über Moral als 1932, ohne aber die Aufladung unserer heutigen Zeit zu erreichen. Denn der Wertehorizonte war einheitlicher, noch an Gott und bürgerlicher Rechtschaffenheit orientiert. Entsprechend galt das Joujou als „Zeitverderber“ (Der Anzeiger 1792, 189), als ein zeittötendes Mittel (Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung 8, 1795, T. 2, Sp. 801). Spielende Bürger erschienen nicht schicklich, Spiel war etwas für Kinder und adelige Nichtsnutze. Doch all das Klagen half nicht: „Anno 1791 war die Welt so alt, daß sie kindisch ward: – es fieng das kindliche Jahrhundert an, dann [sic] alle Menschen spielten mit Joujou“ (Preßburger Zeitung 1791, Nr. 86 v. 26. Oktober, s.p. [20]).
Die damalige Umbruchszeit spielte sich aber auch in der durchaus kontroversen Bewertung des Spieles. Theologen sahen das Joujou als Substitut für den kaum mehr genutzten Rosenkranz. Ärzte verwiesen dagegen auf die durchaus beruhigende Kraft des Repetitiven, sahen darin teils eine „Universalmedizin“ (Joujou, 1792, 39). Andere befürchteten, dass die einseitige Belastung „eine krumme, bucklichte, ungerade Generation“ (Preßburger Zeitung, 1791) produziere. Spötter, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Laukhard (1757-1822) hielten mit Hilfe des Spieles der bürgerlichen Ehrsamkeit einen Spiegel vor, verulkten deren Bigotterie (Annalen der Universität zu Schilda […], T. 1, s.l. 1798, 199-200). Nach dem Furor der Anfangszeit glätteten sich allerdings die Wogen: Das Joujou galt als „ein unschuldiges, nicht ganz unnützes, und […] nicht verwerfliches Spiel“ (Johann Christoph Friedrich Guts-Muths, Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und Geistes, Schnepfenthal 1802, 311 – ein Plagiat aus Krünitz, 1797, 698). Beachtenswert auch die ökonomischen Wirkungen: „Der Emigrant war allenthalben zu sehen, man sah ihn an den Thüren der Kaufläden, in den Häusern, an den Fenstern, auf Spaziergängen; er war zur Raserei geworden. Es wurde zur Verfertigung dieses kleinen Spielzeugs eine ungeheure Masse von Rosen- und Ebenholz, sowie Elfenbein verbraucht. Eine bedeutende Anzahl armer Familien hatte durch diese Fabrikation Brod und Erwerb und schon deshalb verdient der Emigrant nicht ganz vergessen zu werden“ (Geschichte der Spielzeuge. Der Kugelfänger, der Hampelmann, der Emigrant, der Teufel, Illustrirte Zeitung 3, 1844, 394).

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Spiele im geborgenen Ambiente, darunter der Emigrant (Mädchenlust in den Erholungsstunden auf dem Schlosse zu Feldbrunn, Wien 1823, n. 32)

Obwohl vielfach zu lesen ist, dass das Jo-Jo-Spiel ab Mitte der 1790er Jahre „schnell vergessen“ (Franz Gräffer, Joujou, in: Ders., Kleine Wiener Memoiren, T. 1, Wien 1845, 45-46, hier 45) wurde, so blieb es auch im 19. Jahrhundert ein weithin bekanntes Spiel, vornehmlich im Bürgertum. Das hatte mit der anderen Bewertung des Spielens selbst zu tun, mit veränderten Erziehungskonzepten (vgl. allgemein Dorothea Kühme, Bürger und Spiel. Gesellschaftsspiele im deutschen Bürgertum zwischen 1750 und 1850, Frankfurt a.M. und New York 1997). Die frühere Zeitverschwendung mutierte nun zum „Zeitvertreib“ (Gabr[iel] Christ[oph] Benj[amin] Busch, Handbuch der Erfindungen, T. 7, 4. ganz umgearb. und sehr verm. Aufl., Eisenach 1814, 92).

Der Begriff „Joujou“ wurde allerdings zunehmend eingedeutscht. Das galt einmal für den Lalllaut selbst, der als „Ju-Ju“ bis mindestens in die 1880er Jahre gebräuchlich war (Hanna Janensch, Jo Jo = Ju Ju, Vossische Zeitung 1932, Nr. 497 v. 16. Oktober, 23; Ein Spiel überfällt die Welt, Volksblatt für Stadt und Land 1932, Ausg. v. 30. Oktober, 3). Joujou galt nach den sog. Befreiungskriegen als ein Ausdruck der „Verwelschung“, die es unbarmherzig zu beseitigen gelte. Der Berliner Historiker, Nationalist und Antisemit Friedrich Rühs (1781-1820) peitschte ein: „Französische Moden wurden in ganz Deutschland nachgeahmt und die jämmerlichsten Thorheiten und Erbärmlichkeiten, die die Franzosen ausheckten, wie das abgeschmackte Joujou de Normandie, verbreiteten sich mit Blitzesschnelle von Paris bis an die Ostsee“ (Historische Entwickelung des Einflusses Frankreichs und der Franzosen auf Deutschland und die Deutschen, Berlin 1815, 323). Die gängigen Hilfsmittel zur „Verteuschung“ der deutschen Sprache empfahlen statt Joujou „Spielwerk“ (Eduard Beer (Hg.), Neuestes Fremdwörterbuch zu Verteutschung […], Bd. 1, Weimar 1838, 592 und Verteutschungsbuch der in unserer Sprache üblichen fremden Wörter und Redensarten, 2. Aufl., Kempten 1829, 166) oder aber „Auf- und Abrollspiel“ (Joh[ann] Christ[ian] Aug[ust] Heyse, Kleine Fremdwörterbuch zur Verdeutschung […], Hannover 1840, 220), doch durchsetzen konnten sich diese deutschen Kunstworte nicht. „Joujou“ war noch bis Ende des 19. Jahrhundert gebräuchlich (Joujou, Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl., Bd. 9, Wien 1889, 274). Schon deutlich früher wurde der Begriff – das französische Wort für Spielzeug – abstrahiert, mutierte zum Steckenpferd und Kosenamen.

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Vom Spiel zum Steckenpferd: Abstraktion des Begriffs Joujou (Petersburg 1830 [erstmals erschienen 1807], 1)

Anstelle der Kunstworte der Fremdwortfeinde etablierten sich andere deutsche Worte, etwa der schon erwähnte „Emigrant“ oder die noch an die französischen Ursprünge erinnernden „Patriotchen“ oder „Patriotel“ (Gräffer, 1845, 46). Spannender ist der seit spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisbare Begriff „Rollrädchen“ (Hermann Wagner, Illustrirtes Spielbuch für Knaben, Leipzig 1864, 135-136). Ebenso wie der Berliner Begriff „Kletterspule“ verwies er auf die Veränderungen des Maschinenzeitalters, auf Feinmechanik und Textilproduktion. Es ist daher auch kein Zufall, dass Jo-Jos in den 1860er Jahren teils neu konzipiert und zumindest in den USA patentiert wurden. Doch diese hatten nicht die kommerzielle Durchschlagskraft eines Flores oder eines Duncan, mochte das 1867 patentierte „Return Wheel“ des deutschstämmigen Einwanderungsunternehmer Charles Kirchhof auch auf den Erfahrungen in seinem Vaterland basieren; die mehr als hundertjährige Geschichte der 1852 in New York gegründeten und dann in Newark, NJ ansässigen Kirchhof Patent Company prägten andere Metall- und Spielwaren.

Auf und Ab

Kommen wir abschließend zurück zum „Yo-Yo-Rummel“ (Die Stunde 1933, Nr. 2982 v. 19. Februar, 10) des Jahres 1932. Er war keineswegs ein „unlösbares Rätsel“ (Spiel, 1932), sondern Folge eines in den USA in Gang gesetzten kommerziellen Trends, der in Europa allerdings ganz andere und vielfach überraschende Konturen gewann. Elaboriertes Marketing war und ist eben abhängig von den gesellschaftlichen, ökonomischen Bedingungen in den jeweiligen Märkten. Der geringe Verkaufserfolg von Duncan Yo-Yo in Europa war Folge der nur gering entwickelten Auslandsexpertise dieser auf den US-amerikanischen und kanadischen Markt konzentrierten Firma. Obwohl kommerziell in Gang gesetzt, unterstreicht die Geschichte der Jo-Jo-Mode sowohl die Kraft als auch die strukturellen Grenzen ökonomischer Kampagnen und eines eng gefassten Marketings. Moderne ausdifferenzierte Konsumgesellschaften besitzen immer einen Überschuss, der Überraschungen birgt (und damit wiederum Marktchancen). Die Jo-Jo-Mode geriet in Europa Ende 1932 ins Stocken, hielt sich zwar noch über Monate auf niedrigerem Niveau, ebbte dann aber ab und die Berichterstattung endete. Andere Spiele, etwa das aus Frankreich stammende Brettspiel Diablotin („Diablotin“, Tagblatt 1933, Ausg. v. 9. September, Beil., 3), rangen um die Nachfolge, doch der Breitenerfolg blieb aus.

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Ein neuer Trend? Abkehr vom Jo-Jo 1933 (Neues Wiener Journal 1933, Nr. 14080 v. 31. Januar, 1)

Die Geschichte der Jo-Jo-Mode 1932 liefert wichtige Einblicke in das Funktionieren von Konsumgütermärkten und die enge Verzahnung von Alltag, Gesellschaft und Wirtschaft. Drei allgemeine Aspekte scheinen mir am Ende diskussionswürdig:

Die Jo-Jo-Mode 1932 präsentierte erstens Geschichte als kommerzielle Ressource. Das amerikanische Yo-Yo wurde mit Hilfe von Kommerzlegenden aus dem wilden Philippinen beworben, erschien als gezähmte Innovation in einer weißen und distinguierten Gesellschaft, die ihren Spieltrieb zwar nicht verloren, doch kultiviert hatte. Yo-Yo war eine Innovation, die Vermarktung folgte dem Neuigkeitsversprechen massenindustriell hergestellter Waren. Geschichte war Beiwerk, diente als Zierrat, schuf eine Aura von Spannung und Wildheit. Das galt anfangs auch in Europa. Das Jo-Jo wurde als unaufhaltsame urwüchsige Kraft wahrgenommen, als ein irrationaler Einbruch in eine grundsätzlich geordnete, gegenwärtig aber aus den Fugen geratene Welt. Rasch aber wurde nach den Ursprüngen gefragt, Jo-Jo mit dem eigenen historischen Erbe verbunden. Das erfolgte versatzstückhaft, blieb konsumnahes Stückwerk. Statt wilder Urwaldkämpfer erinnerte man sich an gepuderte Adelszöglinge, an eine vergangene, vielleicht gar bessere Zeit. Dem dienten auch die durchaus vorhandenen Reminiszenzen an Jo-Jo als Spielzeug der eigenen Kindheit. Europa blickte zurück, verklärte nostalgisch; in USA dagegen konzentrierte man sich auf den Spaß und Wettbewerb in der Gegenwart.

Aus heutiger Sicht überraschend ist, dass die schon damals bestehenden Chancen der gegenwärtigen „Bereicherungsökonomie“ (vgl. dazu Luc Boltanski und Arnaud Esquere, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2018, insb. 220-225, 293-300) ungenutzt blieben. Die reiche europäische Jo-Jo-Geschichte diente nicht dazu, teurere Jo-Jos und Applikationen, solche mit Aura und Patina zu verkaufen, die Preise entsprechend höher zu schrauben. Die Handwerkskunst der Drechsler und Juweliere wurde noch nicht als Besonderheit verstanden, als Chance für Wert- und Gewinnsteigerungen. 1932 entstanden mit Jo-Jo-Bällen und -Polonaisen, mit einschlägigen Schlagern und Tanzmusiken neue Formen ironisch-beschwingten Umgangs mit dem Phänomen, während die Joujou-Kultur des Adels und des Bürgertums im späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts für „Events“ und Festivals nicht genutzt und vermarktet wurde. Das wäre heute anders, denn Geschichte ist eine zentrale Ressource der „Bereicherungsökonomie“, weit profitabler als die üblichen Marketinglegenden einfacher Massengüter (vgl. etwa Mate oder Kolaprodukte). Die Geschichtswissenschaft steht all dem kritisch und aufklärend entgegen – wenn sie denn Wissenschaft ist und nicht gängige Lohnschreiberei.

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Jo-Jo und die „großen“ Themen (Nebelspalter 58, 1932, Nr. 45, 6)

Die Jo-Jo-Mode 1932 verdeutlicht zweitens die Engführung der gängigen Geschichte auf die vermeintlich großen Themen, während die Nöte und Freuden des Alltags teils ausgeblendet, teils nicht mit der großen Geschichte verbunden werden. Das Jahr 1932 steht hierzulande für die Weltwirtschaftskrise, für Massenarbeitslosigkeit und massive Not, für Präsidialdiktatur und Bürgerkrieg, für den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Selbstaufgabe der Republik. Die Jo-Jo-Manie zeigt jedoch andere, für die Mehrzahl sehr wichtige Aspekte dieser Zeit. Niemand wird die Bedeutung der großen Geschichte in Abrede stellen, doch eine einseitig darauf fixierte Geschichtserzählung und Geschichtsdidaktik werden zwingend eng bleiben, wichtiges ausgrenzen, werden Menschen „nicht mitnehmen“.

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Charakteristika der Zeit (Nebelspalter 59, 1933, Nr. 1, 6)

Die Geschichte des Jo-Jos im Jahre 1932 verdeutlicht drittens schließlich die Multiperspektivität der Historie und den Eigensinn vieler Zeitgenossen. Die destruktive Kraft des Nationalismus und des Nationalsozialismus waren ein Zeittrend, einer der nicht abbrach wie der des Jo-Jos. Doch der aus heutiger Sicht vermeintlich zwingende Weg hin zum „Dritten Reich“ erschien 1932 keineswegs notwendig: „Ob sich Herr Hitler auch so viel / Gedanken macht bei diesem Spiel? / Die Laufbahn dieses Dingsda mahnt / auch an die seine ganz frappant“ (Yo-Yo, Der Morgen-Wiener Montagsblatt 1932, Ausg. v. 10. Oktober, 16). Die Zeitgenossen verbanden ihre Alltagsrealität mit dem Auf und Ab des Jo-Jos, hofften auf Verbesserung. Das bedeutete nicht zwingend einen Schwenk zu Adolf Hitler (1889-1945) und der NSDAP, zumal die Machtzulassung Anfang 1933 nicht nur aus dem Drängen der NS-Bewegung und ihrer Granden resultierte, sondern vornehmlich dem Kalkül einer kleinen nationalkonservativen und antidemokratischen Kamarilla. Ein wenig Jo-Jo hätte vielleicht helfen können, so die Idee einzelner: „Herr Hitler braucht ja so wie so von Zeit zu Zeit ein Nervenberuhigungsmittel. Zwischen all diesem Schreien und Stöhnen, diesem Versprechen und Nichthalten, diesem Hängen und Köpfen immer mal ein bißchen Yo-Yo“ (Pott, 1932, 3). So schrieb es Pieter Pott, dessen journalistische Karriere wohl 1933 mit einem letzten Gedicht im sozialdemokratischen „Lübecker Volksboten“ endete (Nr. 69 v. 7. April, 3). Hitler spielte kein Jo-Jo.

Uwe Spiekermann, 13. August 2020

Tod durch Kinderkost? Gekochte Milch, Säuglingsskorbut und unwissende Wissenschaftler im Deutschen Reich, 1880-1930

Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich das vorwissenschaftliche Verständnis von Essen und Ernährung grundlegend. [1] Gründend auf der im späten 18. Jahrhundert einsetzenden chemischen „Revolution“ wurden neu benannte und definierte Nahrungsstoffe – Eiweiß, Kohlenhydrate und Fette – die entscheidenden Elemente für das europäische Projekt der modernen Ernährungswissenschaften. In den 1840er Jahre verband der Gießener Chemiker Justus Liebig (1803-1873) zahlreiche Einzelbeobachtungen zu einem neuen Modell der „Natur“, nämlich eines für Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermaßen geltenden Stoffwechsels. Leben war demnach nicht primär Gottes Schöpfungswerk, sondern gründete auf Materie, auf chemischen Prozessen und steten stofflichen Reaktionen.

Auf den ersten Blick schien eine derart agnostische und rational-reduktionistische Vorstellung kaum geeignet, allgemein akzeptiert zu werden. Die Chemie galt schließlich nicht von ungefähr als „eine völlig esoterische Wissenschaft“ [2]. Gemäß dem Stoffparadigma war Essen – im Gegensatz zur Alltagserfahrung – nicht mehr länger ein integraler Bestandteil von menschlichem Leben und Gesundheit, sondern die Kombination und Zufuhr nicht direkt sichtbarer Nahrungsstoffe. Dennoch: Das neue, durch Chemiker, Physiologen, Pharmazeuten und dann auch viele Mediziner propagierte Wissen etablierte binnen weniger Jahrzehnte eine neue Vorstellung von der Alltagskost, durch die es möglich wurde, Alltagshandeln und Ernährungsweisen zu rationalisieren und zu optimieren. Der menschliche Körper schien vergleichbar mit der Dampfmaschine, benötigte er zum Funktionieren doch gleichermaßen Treibstoff. Das Ziel der verschiedenen Wissenschaften war nicht allein die Erkenntnis der vom Menschen geschaffenen Welt, sondern zunehmend die Kontrolle der menschlichen Lebensumwelt, der Nahrung und des Menschen selbst.

Die Kinderernährung war der erste Versorgungssektor, der auf Grundlage des neuen Stoffparadigmas umgestaltet wurde. [3] An die Stelle der „natürlichen“ Muttermilch sollte etwas Besseres, etwas Künstliches gesetzt werden. „Künstlich“ wird heute vor allem mit Begriffen wie Intelligenz oder aber Befruchtung verbunden. Sein Bedeutungsgewinn begann in den 1870er Jahren jedoch vor allem als „künstliche Säuglingsernährung“. Diese schien erst einmal unnatürlich zu sein, schien Muttermilch doch als Garant guter und gesunder Kinderernährung. Auch deren damals gängige Substitute waren noch „natürlich“, handelte es sich doch um die Milch von Ammen oder aber von Tieren, vornehmlich Kühen und Ziegen. „Künstliche Säuglingsernährung“ umgriff dagegen neuartige gewerblich hergestellte Produkte, die chemisch analysiert und häufig von Medizinern verordnet wurden. Es war das Wissen der Nahrungsmittelchemie und der Ernährungsphysiologie das neue Märkte schuf und der neuen Profession der Pädiater den Weg bahnte.

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Alltagsverluste: Der Tod des Erstgeborenen (The Leisure Hour 14, 1855, 817)

„Künstliche Säuglingsernährung“ war eine Antwort auf die epidemisch verbreitete Kindersterblichkeit, neben den Infektionskrankheiten die wichtigste Todesursache im 19. Jahrhundert. Die Industrialisierung mochte vorangehen, doch die jüngsten Erdenbewohner erreichten immer seltener das zweite Lebensjahr. In Preußen, dem wichtigsten deutschen Teilstaat, stieg die Kindersterblichkeit seit den 1820er Jahren vergleichsweise kontinuierlich und erreichte zwischen 1860 und 1900 eine nie wieder erreichte Höhe von etwa zwanzig Prozent.

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Deutsche Rückständigkeit: Kindersterblichkeit in Europa im späten 19. Jahrhundert (Prausnitz, 1912, 295)

Über die Gründe für diese humanitäre Katastrophe wird bis heute beredt gestritten. Historische Demographen verwiesen etwa auf ein weiter bestehendes traditionelles „system of wastage“ [4], also einer angesichts hoher Geburtenraten üblichen relativen Vernachlässigung des einzelnen Kindes, das den kulturellen Wandel, sozio-ökonomische und wissenschaftliche Veränderungen lange Zeit bremste. Sozialhistoriker verwiesen dagegen eher auf die beträchtlichen Gesundheitsprobleme der frühen Industrialisierung und Urbanisierung, die man erst ab Ende des 19. Jahrhunderts durch politische und medizinische Interventionen erfolgreich verringern konnte. [5] Wichtige Elemente einer verbesserten Alltagshygiene waren demnach die verbesserte Milchversorgung, der steigende Konsum von Nährpräparaten und die neu entstehende Pädiatrie, die im frühen 20. Jahrhundert allesamt zu sinkender Kindersterblichkeit geführt hätten. Genauere Analysen haben jedoch ergeben, dass all diese Elemente vorrangig bürgerliche Kreise betrafen, nicht jedoch die Mehrzahl der Bevölkerung. [6]

Wissenschaft als Garant für eine Reduktion der Kindersterblichkeit

Analysiert man allerdings die wissenschaftlichen und auch wirtschaftlichen Debatten des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, so ging man das Problem der Kindersterblichkeit doch anders an: Die Ernährung wurde erstens Gegenstand einer chemischen Analyse. Kulturelle und sozioökonomische Unterschiede mochten ihre Bedeutung haben, doch Veränderungen glaubte man primär durch eine Analyse der materiellen Welt der Nahrungsstoffe und Körper bewirken zu können, der Markt würde die Ergebnisse dann allseits verbreiten.

Der Säugling war kein zartes, der Zuwendung bedürftiges Menschenjunges, sondern ein organisches Wesen mit zwei Besonderheiten: Seine Physiologie war noch unausgebildet, nicht an die neue Umwelt angepasst. Und seine Bedürfnisse orientierten sich vornehmlich auf Essen und Wachsen. Babys waren einfach und auskömmlich mit nur wenigen Lebensmitteln zu ernähren. Für ihr Gedeihen schien die Verdaulichkeit und die Resorption der Nahrungsstoffe entscheidend. Trotz ihrer offenkundigen Materialismus standen die frühen Kinderärzte noch unter dem Bann der Natur, mochten sie diese auch in die Sprache der Chemie und Physiologie übersetzen. Muttermilch war deren Sinnbild, harmonisch zusammengesetzt, alles enthaltend, was der Säugling benötigte. Tiermilch schien demgegenüber nur „ein trauriger Notbehelf“ [7]. Schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten chemische Analysen die vom Menschen abweichende chemische Zusammensetzung nachgewiesen – und zugleich die Fiktion einer relativ einheitlichen Zusammensetzung der Muttermilch genährt. Während man nun einerseits versuchte, die Tiermilch etwa durch Verdünnung der menschlichen Norm anzupassen, diente die Muttermilch als Ideal einer gewerblichen Rekonstruktion.

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Führende Vertreter der Bakteriologie: Louis Pasteur (1823-1895) und Robert Koch (1843-1910) (Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 14. Oktober, 3)

Der Blick der Wissenschaftler richtete sich aber nicht allein auf die Nahrungsstoffe, sondern auch auf die Vorgänge im Körper der Neugeborenen. Zentral hierfür wurde die 1857 von Louis Pasteur (1823-1895) beschriebene Milchsäuregärung. Erst schien es undenkbar, dann, in den 1860er Jahren, wurde es Gemeinplatz, dass diese Gärung von lebendigen Bakterien verursacht wurde. Im Inneren des kindlichen Körpers tobte eine andauernder Kampf zwischen Bakterium und Mensch um die Nutzung der Nahrungsstoffe. Dies konnte die Magen- und Darmkrankheiten erklären, die insbesondere im Sommer zu zahllosen Todesfällen führten. Tiermilch war nicht nur anders zusammengesetzt als die der Mutter, sondern enthielt auch Keime, die lebensgefährlich sein konnten. Eine verbesserte Milchhygiene war unabdingbar, wollte man Menschenleben retten.

Mochten die Konturen damit klar sein, so wusste man doch nur wenig über die Details der Verdauung der Kleinkinder. [8] Physiologie und Biochemie der körperinneren Vorgänge blieben unklar. Für eine gezielte Gesundheitsprävention reichte das bestehende Wissen nicht aus, zumal man weder genauere Vorstellungen über „Eiweiß“ oder „Kohlenhydrate“ besaß. Hinzu kam ein strukturelles Problem der Stoffwechselforschung: An Durchschnitten und Gesetzmäßigkeiten interessiert, zielte sie auf allgemeine Interventionen, nicht aber auf individuelle Therapien. Die beträchtlichen Abweichungen zwischen einzelnen Säuglingen und auch einer durch Konstitution und Herkunft heterogenen Milchkost machten vieles möglich, unterstrichen vor allem aber die Vielfalt der „Natur“. Künstliche, vom Menschen nach dem Ideal der Natur hergestellte Säuglingskost schien ein Ausweg aus diesem Dilemma zu sein.

Gewerbliche Verbesserungen? Der Bedeutungsgewinn der Kindernährmittel

Muttermilch blieb das Ideal gesunder Säuglingsernährung, Selbststillen schien erforderlich. Kinderärzte forderten dies von den Wöchnerinnen, sahen sich selbst als Sachwalter der Natur. Die beträchtlichen statistischen Unterschiede zwischen der Lebenserwartung gestillter und nicht gestillter Kinder unterstützten diesen Rigorismus am Kindbett. Doch ein gewisser Anteil der Frauen war von Natur aus nicht fähig zu stillen, hinzu kamen beträchtliche soziale, konfessionelle und regionale Unterschiede. Im späten 19. Jahrhundert wurden etwa drei Viertel bis zwei Drittel der Kleinkinder mit Muttermilch aufgezogen. [9] Der große Rest erhielt vornehmlich Tiermilch, in wachsendem Maße aber auch künstliche Kindernährmittel. Menschlicher Erfindergeist war also gefragt, Ziel war die Nachbildung der Natur. Die neuen Präparate waren getragen vom neuen Stoffparadigma der Chemie, wurden begrenzt durch die vermeintlichen Erfordernisse der Bakteriologie. Es galt zu gestalten, neu zu schaffen – zugleich aber die hygienisch heiklen Substitute der Muttermilch zu ersetzen. Künstliche Nährpräparate hatten theoretisch beträchtliche Vorteile: Sie waren gleichmäßig zusammengesetzt, wurden keimarm produziert, waren im Prinzip dauerhaft verfügbar. Die betriebliche Praxis mochte zahlreiche Probleme mit sich bringen, doch schien es möglich, Wissenschaft und Technik zum Wohl des Ganzen einzusetzen und die Kindersterblichkeit deutlich zu reduzieren.

Hier ist nicht der Ort für eine genaue Analyse der frühen Produktion künstlicher Säuglingsernährung. Grobe Konturen müssen genügen. Die Zahl der Präparate stieg seit den 1860er Jahren rasch an. Den Anfang machten Nährmittel, die auf wissenschaftlichen Theorien und Ratschlägen gründeten und sich noch an die häusliche Praxis anlehnten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die von Justus von Liebig entwickelte und propagierte Malzsuppe. Chemisch war sie ein Analogon der Muttermilch, das Rezept folgte der Logik des Laboratoriums: Die Mütter sollten einen Brei kochen, in diesen dann Kali und Malz einrühren. Kochen, sieben und verfüttern schlossen sich an. [10] Das Rezept wurde – zumal von Ärzten – sehr positiv aufgenommen, das Renommee Lebigs sorgte für allgemeine Aufmerksamkeit. Doch die Malzsuppe scheiterte rasch in der haushälterischen Praxis. Der Geschmack ließ zu wünschen übrig, die suppige Textur schien geringe Nährkraft zu suggerieren. Zudem musste die Suppe immer wieder frisch gekocht werden, war relativ teuer und nicht haltbar. Liebigs Malzsuppe scheiterte als Alltagsspeise. Ihr Grundprinzip wurde allerdings vom Stuttgarter Lizenznehmer, dem Apotheker Franz Eduard Loeflund (1835-1920), aufgegriffen, der seit 1865 Kindernährmittel produzierte und die Liebigsche Malzsuppe zu einem Nährpräparat umgestaltete. [11] Auch die Dresdener Firma J. Paul Liebe bot kurz danach einen löslichen Extrakt der Liebigschen Malzsuppe an.

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Transformation einer frischen zubereiteten Suppe in ein Fertigprodukt (Die Presse 1869, Nr. 180 v. 1. Juli, 8; Kladderadatsch 24, 1871, Nr. 1, Beibl., 2)

Der offenkundig geringe Erfolg haushaltsnaher Angebote unterstützte die Neigung vieler Ärzte und Pharmazeuten, die Alltagspraxis durch neue Produkte zu verändern. Wissenschaftliche Präparate sollten an die Stelle von risikoreicher Haushaltszubereitungen treten, sollten den Alltag nach rationalen Kriterien verändern. Nicht mehr Mutters Kochlöffel, sondern die Maschinenwelt sollte das Wohl der Kinder garantieren. Dabei lassen sich zwei Entwicklungsstränge unterscheiden. Auf der einen Seite orientierte man sich an der Milch, auf der anderen am Mehl als jeweils zentralem Bestandteil der neuen künstlichen Säuglingsnahrung. Aus Sicht der Experten lautete der Unterschied anders, ging man entweder vom Nahrungseiweiß oder aber von den Kohlenhydraten aus, um Muttermilch zu ersetzen.

Für die ersten Entwicklungsstrang stand paradigmatisch Biederts Rahmgemenge. Es war Ergebnis umfangreicher physiologischer Studien des Mediziners Philipp Biedert (1847-1916), in deren Mittelpunkt die Unterschiede zwischen menschlichen und tierischem Milcheiweiß standen. [12] An die Stelle der Tiermilchverdünnung im Haushalt mit ihren „Fäulnisschäden“ setzte er eine Rahmspeise, die – wie die Liebigsche Malzsuppe – anfangs im Haushalt hergestellt werden sollte, seit 1874 aber auch als Fertigprodukt in der Büchse gekauft werden konnte. Die neue Kindernahrung war jedoch zu teuer, konnte aufgrund der sirupartigen Textur schlecht dosiert werden und barg neue Risiken, konnte die Büchse doch nicht luftdicht verschlossen werden. Es folgten vielfältige Verbesserungen und zahlreiche Präparate mit anderer Textur und Zusammensetzung. Einen Durchbruchserfolg konnte jedoch keines erzielen, mochten sie in der ärztlichen Privatpraxis auch häufig verschrieben worden sein.

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Wissenschaftliche Werbung für Biederts Kindernahrung 1880 (Berliner klinische Wochenschrift 17, 1880, vor 237)

Während der Markterfolg der Milchpräparate gering blieb, fanden Kindermehle seit den 1860er Jahren einen deutlich breiteren Widerhall. Nestlés Kindermehl war ein heute noch bekanntes Leitprodukt, doch 1881 konkurrierten mindestens 43 verschiedene Präparate um die Gunst der Käufer. [13] Sie bestanden zumeist aus erhitzer und eingedickter Kuhmilch und vorbehandelten Getreide- und Leguminosenmehlen. Die Hitzebehandlung wandelte die Sträke in Dextrin um, erleichterte dadurch die Verdauungsarbeit des Säuglings. Die Kindermehle wurden zumeist als Brei verfüttert.

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Säuglingsernährung im antiken Athen und im damaligen München: Karikatur 1886 (Fliegende Blätter 84, 1886, 130)

Die frühen Kindernährmittel wurden meist gewerblich, noch nicht industriell gefertigt. Das erfolgte erst seit den 1890er Jahren. Doch schon zuvor handelte es sich um Fertig- und Halbfertigprodukte, die auf Grundlage wissenschaftlicher Problemdefinitionen entwickelt wurden, die regelmäßig untersucht und in einem möglichst hygienischen Umfeld hergestellt wurden. Aufgrund ihrer relativ hohen Kosten waren sie jedoch Aushilfen, konnten die bestehende Alltagspraxis nicht wirklich durchbrechen und die Kindersterblicheit reduzieren. Auch aus diesem Grunde wurde insbesondere seit den 1880er Jahren versucht, die Präparate durch neuartige Haushaltsgeräte zu ergänzen, um so die Haushaltspraxis nach hygienischen Prinzipien umzugestalten.

Sichere Kost: Milchkonservierungsapparate als Garanten häuslicher Hygiene

Die bakteriologische Gärungstheorie formulierte seit den 1860er Jahren klare Ratschläge gleichermaßen für Haushalte und Gewerbe. Milch sollte vor dem Verzehr ausreichend erhitzt werden, um gesundheitsgefährdende Keime zu töten. [14] Folgerichtig waren die frühen Kindernährmittel durchweg hitzebehandelt und damit „sicher“. Das galt jedoch nicht für die Ernährung mit Tiermilch. Fehlende Stallhygiene, häufige Streckung mit hygienisch heiklem Wasser, fragile Transportsysteme und unausgereifte Kühltechnik waren die wichtigsten Probleme einer hochwertigen Milch, einer Reduktion der Kindersterblichkeit. [15]

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Milchkuranstalten als Garanten hygienischer Milch (Allgemeine Zeitung 1882, Ausg. v. 24. Februar, 816)

Aus bakteriologischer Sicht schien es entscheidend, die unvermeidliche Zersetzung der Milch entweder möglichst lange zu unterbinden oder sie gar ganz zu stoppen. Seit den 1860er Jahren gab es daher vermehrte Bemühungen, alle Elemente der Milchkette zu optimieren. Dies reichte von der Hand- und Euterpflege über die Transportbehältnisse, die Marktstände und Milchläden bis hin in die Haushalte. Einfacher und rascher wirksam schien dagegen die „Pasteurisierung“ der Milch: Sie sollte erhitzt, die Bakterien dadurch nicht allein an der Vermehrung gehindert, sondern ganz beseitigt werden. Als in den 1870er Jahren die Zahl der genossenschaftlich organisierten Molkereien rasch zunahm, zeigten sich jedoch die Probleme derart einfacher Vorschläge. Milch verändert durch Erhitzung ihren Geschmack, entsprach dann nicht mehr den Vorstellungen des zahlenden Publikums. Die technisch schwer zu steuernde Pasteurisierung wurde daher das Kennzeichen sogenannter Milchkuranstalten, die sich ihre Dienste von einem urbanen Publikum jedoch gut bezahlen ließen und über das Bürgertum nicht hinausreichten. [16]

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Kampf den Keimen: Milchsterilisierer im Haushalt (Berliner Tageblatt 1886, Nr. 55 v. 31. Januar, 22)

Mit derart exklusiven Unternehmen und einer höchst heterogen organisierten Milchversorgung war es jedoch auch aus anderen Gründen kaum möglich, eine aseptische Milchproduktion sicherzustellen. Auch der Haushalt bildete eine kaum zu kontrollierenden und nur bedingt zu beeinflussende Schwachstelle. Hygienische gewonnene „Kindermilch“ und auch pasteurisierte Angebote konnten dort unangemessen behandelt und damit zu einer Gesundheitsgefahr für die Säuglinge werden. Dies führte zu einer konsequenten Antwort: Es galt, die bakterielle Keimtötung in den Haushalt zu verlegen, sie zu verhäuslichen. Neuartige Haushaltsgeräte sollten dies garantieren, also Milchkochapparate. Wenn die Mütter schon nicht fähig oder in der Lage waren, ihre Kinder zu stillen, so sollten sie zumindest lernen, wie sie diese Geräte zu bedienen hatten und Bakterien sicher töten konnten.

Entsprechende Geräte wurden seit den 1860er Jahren empfohlen, diskutiert und entwickelt. Eine punktgenaue Erhitzung war jedoch nicht einfach. Einfaches Kochen veränderte nämlich das Milcheiweiß und verursachte dadurch Magen-Darm-Probleme. Erste Apparate mit schonenderen und doch effektiven Verfahren wurden seit den frühen 1880er Jahren angeboten, ersetzten die zuvor gängigen Milchsieder unterschiedlicher Konstruktion. Der lang erwartete Durchbruch erfolgte jedoch erst 1886. Damals präsentierte der Münchener Agrarchemiker und Tierphysiologe Franz Soxhlet (1848-1926) [17] im dortigen Ärztlichen Verein „einen Sterilisirungs-Apparat, welcher ursprünglich ein Laboratoriums-Apparat war, in der Kinderstube meiner Familie aber die Wandlung zu einem relativ einfachen Hausgeräth durchgemacht und vor seiner Empfehlung die Probe der Gebrauchsfähigkeit bestanden hatte.“ [18]

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Einzelkomponenten des Soxhlet-Apparates 1886 (Münchener Medizinische Wochenschrift 33, 1886, 277)

Soxhlet bot nicht nur einen sinnreich konstruierten Milchkocher an, sondern ein komplettes Set. Der Kochtopf hatte Einsätze für die mit Messstrichen versehenen Glasflaschen. Ein Einfüllglas, zehn Kautschukstöpsel, zehn Saugvorrichtungen, ein Spritzkautschukball zum Reinigen, ein Gestell zur Aufbewahrung der Utensilien, ein Blechtopf zum Erwärmen der Milchflaschen vor der Verfütterung sowie Reinigungsbürsten zeugten von dem beträchtlichen Aufwand, um keimarme Milch herzustellen. Die Einzelkomponenten waren nicht nur präzise gearbeitet, sondern programmierten die Zubereitung, fixierten die Einzelschritte. Nach dem Kochen wurden die Glasflaschen mit den Kautschukstöpseln verschlossen, kurze Zeit stehen gelassen, dann in kaltem Wasser gekühlt werden. Dadurch zogen sich die Verschlüsse nach innen, schützten die Milch gegen Keime in der Luft. Das Kochen erfolgte einmal täglich. Die Milchflaschen wurden an einem kühlen Ort aufbewahrt, vor der Nutzung dann in warmem Wasser leicht erwärmt. Der Stöpsel wurde schließlich entfernt, durch einen Sauger ersetzt und die Flasche dann dem Baby gereicht. [19]

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Werbung für Soxhlet-Apparate 1888 (Schmidt, 1888, 31)

Der Soxhlet-Apparat war relativ teuer, kostete zwischen 13 und 20 Mark, also etwa 1,5% eines durchschnittlichen Jahreseinkommens eines Arbeiters. Absatzdaten fehlen, doch während der späten 1880er Jahre wurden mehrere tausend Appparate an bürgerliche Haushaltungen, vor allem aber an Kinderärzte, Kliniken und Milchkuranstalten verkauft. Wichtiger noch als derartige Zahlen war die breite Akzeptanz des wirkenden Grundprinzipes: Der Soxhlet-Apparat materialisierte die Erkenntnisse moderner Bakteriologie, machte Milch „rein“, beseitigte Keime und Bakterien. Zugleich reorganisierte er über Messungen und Portionierungen das häusliche Tun gemäß dem vermeintlich objektiven Wissen der Experten. Der Soxhlet-Apparat lenkte die Handlungen der Hausfrauen und Dienstboten, sicherte damit die Umsetzung wissenschaftlichen Wissens ab.

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Verbesserter Apparat, modernere Werbung 1902 (Fliegende Blätter 117, 1902, Nr. 2980, Beibl., 9)

Die meisten Mediziner reagierten positiv, teils begeistert – wenngleich ab und an begleitet von Kritik an dem geschäftstüchtigen Agrarchemiker. [20] Wie bei den meisten Innovatationen gab es auch beim Soxhlet-Apparat eine Reihe praktischer Probleme, die Verbesserungen und immer neue Geräte nach sich zogen, die meist unter dem Namen der Konstrukteure vermarktet wurden. [21] Wichtiger aber war, dass sie alle das Grundprinzip einer häuslichen Milchsterilisation fortspannen, dass sie alle darauf zielten, ein keimfreies Substitut für die Muttermilch zu ermöglichen. Trotz wachsender Konkurrenz blieb der Soxhlet-Apparat im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn Marktführer – und wurde zugleich in alle führenden westlichen Staaten exportiert.

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Werbung für sterilisierte Milch vor Alpenidylle 1909 (Drogisten-Zeitung 24, 1909, Nr. 45, 1)

Allen Verbesserungen zum Trotz gelang den Milchsterilisatoren jedoch kein Durchbruch hin zum Massenmarkt. Sie blieben ein „Vorrecht der Reichen“ [22]. Das galt nicht nur für die reinen Anschaffungskosten, sondern ebenso für die Nutzung. Nur bürgerliche Haushalte verfügten über Dienstboten und Zeitreserven, um die Geräte kontinuierlich zu nutzen. Die soziale Schlagseite war offenkundig, bürgerliche Experten machten Angebote für ein vorrangig bürgerliches Klientel. Eine Breitenwirkung erforderte andere Angebote, andere Institutionen. Klinisch-institutionell entstanden nun zunehmend Milchküchen und Kindermilchstationen, die aber auf Groß- und Mittelstädte begrenzt blieben. Die Kindernährmittelindustrie reagierte mit neuen Produkten, weiterhin verbunden mit dem Versprechen, damit die ansteigenden Kindersterblichkeitsraten reduzieren zu können. [23]

Auch Soxhlet wusste um die soziale Begrenztheit seiner Angebote. Er empfahl eine Doppelstrategie: Einerseits sollten die Apparate im Haushalt weiter genutzt werden, anderseits aber forderte er bessere Milch, möglichst pasteurisiert, möglichst sauber, möglichst ohne Exkremente und Straßenstaub. [24] Entsprechend intensivierten Soxhlets Lizenznehmer die Werbung für den Apparat und intensivierten ihre Exportbemühungen, um durch höheren Absatz den Verkaufspreis senken zu können. Der „Soxhlet“ wurde dadurch ein Haushaltsname und baute seine Marktführerschaft aus, doch führende Pädiater kritisierten diese kommerzielle Offensive. [25] Die wachsende Verbreitung der Apparate führte zu keinem Rückgang der auf historischen Höchstständen liegenden Kindersterblichkeit. Dies lag gewiss an Defiziten in der Milchversorgung, lag aber auch an der mit den Konservierungsapparaten verbundenen einseitigen Fokussierung auf bakteriologische Probleme. Zugleich wurde aber immer deutlicher, dass die Keimbekämpfung neue Gesundheitsgefahren hervorrief.

Kosten des Fortschritts? Der Bedeutungsgewinn der Möller-Barlowschen Krankheit

Kindernährmittel and Milchkonservierungsapparate reduzierten die Gefahren bakteriell zersetzter Milch. Seit den 1880er Jahren wurde jedoch klar, dass die „reine“ Milch ihrerseits eine Gefahr für die Kinder sein konnte. Bereits 1859 hatte der Königsberger Mediziner Julius Otto Ludwig Möller (1819-1887) verschiedenen Krankheitsfälle nach der Verfütterung gekochter Milch beobachtet. Im Rahmen der damaligen Ätiologie interpretierte er diese als „acute Rachitis“ and veröffentlichte genaue Beschreibungen der Einzelfälle. [26] Ähnliche Beobachtungen folgten. 1871 koppelte dann der Kopenhagener Mediziner V. Intergslev die von ihm untersuchten Fälle erstmals mit Skorbut, das damals als Krankheit von Erwachsenen galt. [27] Er publizierte seine Forschungen in dänischer Sprache, doch diese wurden im Ausland nicht aufgegriffen. Anders dagegen mehrere zwischen 1878 und 1883 erschienene Aufsätze des Londoner Arztes Walter Butler Cheadle (1836-1910): Er glaubte es mit einer neuen Form von mit Rachitis verbundenem Skorbut zu tun zu haben und setzte therapeutisch auf eine Diät aus rohem Fleisch, frischer Milch und Kartoffelbrei. [28] 1883 präsentierte der britische Mediziner Thomas Barlow (1845-1945) schließlich 31 klinisch und pathologisch präzise beschriebene Fallstudien und bezeichnete das Krankheitsbild als skorbutisch. [29] Die Kinder litten unter allgemeinen Gliederschmerzen, die jede Bewegung zur Pein machten. Zugleich waren Weichteile und Extremitäten deutlich angeschwollen. Barlow führte dies auf eine falsche und einseitige Ernährung zurück, doch er wusste nicht, welche der Bestandteile der gekochten Milch die Krankheit verursachte. Die Kinder erholten sich jedenfalls rasch nach Gabe frischer Milch oder anderer Frischkost.

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Great Ormond Street Hospital, London, Wirkstätte von Thomas Barlow (r.) (Bokay, 1922, 74 (l.); http://hharp.org/%5B…%5D)

Barlows Studie lenkte die Aufmerksamkeit zahlreicher Mediziner auf die Auswirkungen gekochter Milch auf die Kindesentwicklung. Im folgenden Jahrzehnt folgten einschlägige Untersuchungen in den meisten europäischen Staaten und in den USA. In Deutschland gab 1892 der Kinderarzt Otto Heubner (1843-1926) einen ersten Überblick, konstatierte zugleich aber, dass diese „eigenthümliche Erkrankung“ [30] in Deutschland bisher kaum diskutiert worden sei. Im Gegensatz zu seinen US-amerikanischen und französischen Kollegen, die sie zumeist als Skorbut bezeichneten, sprach er wie viele europäische Mediziner von „Barlow’s Krankheit“. Er vermied dadurch vorschnelle Engführungen, denn nach seiner Meinung unterschieden sich die Symptome der neuen Kinderkrankheit deutlich von denen des Skorbutes der Erwachsenen. [31] Die meisten deutschen Ärzte teilten diese Einschätzung. Zugleich aber wollten Sie Möllers erste Beschreibung der neuen Kinderkrankheit angemessen ehren, so dass sich im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung „Möller-Barlowsche Krankheit“ durchsetzte. [32]

Deutsche Forscher trugen erst relativ spät zu den internationalen Forschungsdiskussionen bei, doch in den 1890er und 1900er Jahren nahm die Zahl einschlägiger Arbeiten rasch zu. Neue “und eigenartige Krankheiten” [33] wurden untersucht. Sie verwiesen fast durchweg auf eine enge Korrelation vom Verzehr hocherhitzter Milch und Nährpräparaten und dem Siechtum vieler Säuglinge. [34] Dennoch wurde die Milcherhitzung nicht in Frage gestellt, sondern weiterhin propagiert. Der Soxhlet-Apparat wurde verbessert, weitere Konservierungsgeräte entwickelt. [35] Das spätere Weck-System wurde 1892 patentiert. Mit ihm begann der Siegeszug der Hitzesterilisierung, des sog. Einmachens in deutschen Haushalten, während parallel Kochkisten die Zubereitungspraxis der Arbeiter preiswerter gestalten sollten. [36] Das bakteriologische Paradigma war zu dieser Zeit noch dominant. Die aus späterer Sicht recht zahlreichen Hinweise auf dessen nur begrenzten Aussagewert mündeten noch nicht in neue, breitere Denkstile. Es sollte noch fast zwei Jahrzehnte dauern, bis die Vitaminlehre eine erst wagende und dann befriedigende Antwort auf die Ursache der Möller-Barlowschen Krankheit gab.

14_Bendix_1913_p129 und nachp128_Vitaminmangelkrankheit_Moeller-Barlowsche-Krankheit

Erste akute Krankheitsphase: Schwellungen an Gliedmaßen und im Gesicht (Bendix, 1913, 129 (l.); n. 128)

Die frühe deutsche Debatte gründete auf insgesamt fast 800 Einzelfällen, zumeist beobachtet in anderen europäischen und später dann nordamerikanischen Staaten. [37] Die Zahl der klinischen Fälle blieb vergleichsweise niedrig, erreichte ihren Höhepunkt 1902 mit 34 Berliner Erkrankungen. Im Gegensatz zu den frühen britischen Beobachtungen trat die Möller-Barlowsche Krankheit im Deutschen Reich fast ausschließlich bei bürgerlichen Kinder auf – ein wichtiger Grund für ihre recht hohe Bedeutung in der Forschung. [38] Die meisten Kinder waren sechs bis achtzehn Monate alt, die Ärzte wurden aufgrund innerer Blutungen und Druckschmerz konsultiert. Die „Kinder schreien schon aus Angst vor und noch mehr bei jedem Versuch, sie aufzunehmen, sie umzukleiden, zu baden; sie vermeiden es, ihre Glieder activ in Bewegung zu bringen, liegen wie gelähmt da, halten bestimmte Stellungen stundenlang inne, ohne sich zu rühren“ [39]. Arme, Beine und das Gesicht waren angeschwollen, die entzündeten Knochen schmerzten beträchtlich. Fast keines der betroffenen Kinder wurde gestillt. Die herbeigerufenen Ärzte änderten zumeist ihre Ernährung – und die meisten der kleinen Patienten erholten sich rasch.

Die Möller-Barlowsche Krankheit wurde in Deutschland von Beginn an mit dem Konsum von Kindernährmitteln und gekochter Milch in Verbindung gebracht. [40] Einseitige Ernährung mit Kindermehlen hatte allerdings nur sehr selten derart schmerzhafte Konsequenzen. Die meisten Krankenfälle waren mit dem Konsum erhitzter Milch verbunden: „The loss of certain fresh properties in the milk, through heating it, is one of the most important causes of this affection, and other important factors are insufficient feeding and monotony in diet“ [41]. Es war offenkundig, dass die Milchbestandteile durch Erhitzung chemisch modifiziert wurden, doch trotz breiter Forschung konnte man diese nicht genau benennen. [42] Es war offenkundig, das die neue „wissenschaftliche“ Ernährung der Kinder Tücken hatte, gefährlich, gar tödlich sein konnte. Adolf Baginsky (1843-1918), führender Berliner Pädiater, warnte eindringlich: „Es tritt neuerdings das Bestreben hervor, den Kindern eine absolut steril gemachte Milch zu verabreichen. Dieses Vorgehen halte ich für die Ernährung der Kinder für gefährlich. Es darf in der That nicht auf diesem Wege weiter geschritten werden, sonst wird die Barlow’sche Krankheit viel mehr um sich greifen, als dies bisher gewesen ist.“ [43] Allerdings konnte auch er die einfache Gegenfrage nicht überzeugend beantworten: Wenn gekochte Milch potenziell gefährlich war, warum war dann die Zahl der Krankheitsfälle so gering? Aus heutiger Sicht ist die Antwort einfach: Kindernährmittel und auch sterilisierte Milch waren keineswegs so sicher und verlässlich wie dies die Werbung versprach. [44] Produktions- und Vertriebsmängel hatten den Nebeneffekt, dass nicht alle B- und C-Vitamine zerstört wurden. Zudem war unter den deutschen Ärzten Mitte der 1890er Jahre unbestritten, dass Hitzesterilisierung tausende von Kinderleben rettete – und das Glück der großen Zahl war ein Argument für den Soxhlet-Apparat, mochte dieser auch gefährliche Nebeneffekte haben. [45]

15_Der Bazar_50_1904_p370_Saeuglingsernaehrung_Stillen_Lactagol_Pearson

Selbststillen und dessen Kommerzialisierung: Werbung für Lactagol (Der Bazar 50, 1904, 370)

Entsprechend war das wichtigste Ergebnis der deutschen Forschungsdebatte über die Möller-Barlowsche Krankheit eine intensivere Stillpropaganda: „Nieder mit dem Soxhlet! Hoch die Brüste!“ [46] war ein damals populärer Slogan. Obwohl eugenische Dystopien die zunehmende Unfähigkeit der Frauen zum Stillen beschworen, betrug deren Anteil an den Gebärenden relativ stabil etwa fünf Prozent. [47] Die Stillpropaganda der Jahrhundertwende stand gegen die rasch wachsende Kindernährmittelindustrie. Ausländische Anbieter, etwa die britische Anglo-Swiss Condensed Milk Company oder die schweizer Nestlé galten als Negativsymbole für die allgemeine Kommerzialisierung des menschlichen Daseins. Die deutschen Hersteller blieben demgegenüber klein, waren mittelständisch geprägt. Es war jedoch abermals Franz von Soxhlet, der 1893 einen standardisierten Milchzucker entwickelte, den er als „Nährzucker“ breit vermarktete. Der Kampf zwischen Ärzten und Produzenten war denn auch kein grundsätzlicher Kampf um gesundheitliche Gefahren, sondern eher einer um die Dominanz auf dem Markt der Säuglingsernährung. Die „modernen“ Kindernährmittel – 1914 gab es im Deutschen Reich allein etwa einhundert Kindermehle [48] – boten den Käufern Alternativen zur tradierten Art häuslicher Säuglingspflege und der doch recht teuren Behandlung durch Ärzte und in Krankenhäusern. Kaum verwunderlich waren diese öffentlich geführten Debatten häufig antikapitalistisch aufgeladen. Auch sozialdarwinistische Positionen gewannen an Bedeutung. Für viele Eugeniker führten Kindernährmittel und hitzesterilisierte Milch zu wachsender Verweichlichung und dem Überleben geringwertiger Kinder. Verbesserte Hygiene war gewiss erforderlich, doch eine hohe Kindersterblichkeit erschien auch als ein Garant für eine starke und robuste deutsche Nation. [49]

16_Ueber Land und Meer_081_1898-99_Nr05_sp_Saeuglingsernaehrung_Kindernaehrmittel_Mellin_Amerikanisierung

Ausländische Angebote für deutsche Kleinkinder (Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 5, s.p.)

All diese Kämpfe und Debatten konnten jedoch nicht die Tatsache überdecken, dass die moderne Medizin um die Jahrhundertwende nicht in der Lage war, eine kausale Erklärung für die Möller-Barlowsche Krankheit zu geben. Sie blieb ein „Rätsel“ [50]. In den USA wurde sie als eine Art von Skorbut verstanden und untersucht, während deutsche Forscher diese Annahme immer wieder kritisierten und sie stattdessen mit Rachitis in Verbindung brachten. [51] Andere Wissenschaftler waren dagegen – gemäß dem dominanten bakteriologischen Paradigma – überzeugt, dass die Möller-Barlowsche Krankheit durch ein Bakterium verursacht würde, das lediglich einzelne Kinder berühre. [52]

Erfolgreiche Therapie und rätselhafte Ursachen

Das Rätsel der Möller-Barlowschen Krankheit war auch deshalb besonders fordernd, weil die Therapie einfach und fast immer erfolgreich war. Einmal entdeckt und diagnostiziert, gab es kaum eine andere innere Krankheit, „wo die Therapie einen solch wunderbaren Erfolg hat wie hier.“ [53] Nötig war eine Umstellung der Ernährung: „Die Mehlpräparate und die künstlichen Milchpräparate sind vor Allem ganz aus der Kost zu entfernen.“ [54] Rohe oder nur kurz aufgekochte Milch, frisch gepresster Fleischsaft, Fruchtsaft, Gemüse, eine Hühnerbrühe oder aber Kartoffelmus wurden stattdessen gereicht. [55] All dies führte „to a complete revolution in the objective and subjective condition of the patient. Severe conditions and menacing appearances diminish in an almost magical manner.“ [56] Für die Babys und ihre Angehörigen war der rasche therapeutische Erfolg entscheidend, nicht jedoch für die Wissenschaftler. Sie versuchten mit Verve mehr über die mysteriöse Krankheit zu lernen. Kein Detail des Krankheitsverlaufs sollte vergessen werden, galt es doch die Ursache ausfindig zu machen. Die deutschen Forscher nutzten die modernste Medizinaltechnik ihrer Zeit, um Fortschritte zu erzielen. Mit Hilfe der ab 1896 verfügbaren Röntgenapparate wurden die entzündeten Knochen analysiert.

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Ein Blick ins Innere des Körpers: Röntgenbild eines Oberschenkels nach viermonatiger unbehandelter Möller-Barlowscher Krankheit (Salge, 1910, 335)

Während die Zahl der Krankheitsfälle langsam zurückging, wurden die erkrankten Kinder immer genauer untersucht. [57] Anatomische Zeichnungen und zahlreiche Photographien ermöglichten genauere und frühere Diagnosen. [58]

 

 

 

 

 

 

18_Feer_1922_p075_Vitaminmangelkrankheit_Moeller-Barlowsche-Krankheit

Typische innere Blutungen eines erkrankten dreijährigen Kindes (Feer, 1922, 75)

Zudem wurde die Möller-Barlowsche Krankheit in zahlreichen Tierversuchen künstlich erzeugt – doch ohne das interpretative Wissen der noch nicht etablierten Vitaminforschung half derartiges empirisches Material nicht bei des Rätsels Lösung.

19_Hart-Lessing_1913_TafXIII_Vitaminmangelkrankheit_Moeller-Barlowsche-Krankheit_Tierversuche_Affe

Makakenaffe mit hämorrhagischem Ödem (Hart und Lessing, 1913, Tafel XIII)

Während die Wissenschaft weiter nach einer kausalen Ursache der Krankheit forschte, veränderten sich die Märkte für Kindernährmittel und auch die alltägliche Säuglingsernährung. Obwohl die Ärzte die Hitzesterilisierung der Milch fast durchweg als ein unaufgebbares Element einer gesunden und sicheren Kinderernährung empfahlen, warnten sie zunehmend vor einer alleinigen Ernährung mit gekochter Milch und Kindermehlen. Zunehmend hieß es, „daß alle Künsteleien in der Säuglingsernährung zu meiden sind, und daß die Sterilisation der Milch nicht zu weit getrieben und der Soxhletgebrauch im Hause nicht zu lange ausgedehnt werden soll.“ [59] Maß und Mitte schienen angemessen, solange die Wissenschaft die Krankheitsursache nicht gefunden hatte.

20_Fliegende Blaetter_135_1911_Nr3445_Beibl_p09_Saeuglingsernaehrung_Konservierungsgeraet_Demo-Sterilisator_Thermos_Bickel_Roeder

„Frische“ abgekochte Milch oder Neue Milchkonservierungsapparate (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3445, Beil., 9)

Sollte es nicht möglich sein, Kindernährmittel und gekochte Milch zu vermeiden, so sollte zugleich ab und an „frische“ Kost gereicht werden. Darunter verstand man rohe oder nur kurz erhitzte Milch, Obstzubereitungen und Gemüse. Zugleich wurde den Konsumenten empfohlen, die Kochdauer im Soxhlet von vierzig auf zehn Minuten zu reduzieren. [60] Festzuhalten ist, dass sich schon vor der „Vitaminrevolution“ das Alltagshandeln und auch die Empfehlungen wandelten – dazu bedurfte es nicht einer umstürzenden Veränderung in den wissenschaftlichen Modellen einer allein stofflich zu erfassenden Welt.

21_Friedel-Keller_Hg_1914_p116_Milchproduktion_Produktionsstaetten_Bolle_Pasteurisierung

Pionier der Produktion preiswerter pasteurisierter Milch: Die Berliner Meierei Bolle 1905 (Friedel und Keller (Hg.), 1914, 116)

Vielleicht noch wichtiger waren die schon deutlich früher einsetzenden Debatten über die Hitzesterilisierung der Milch. [61] Carl Bolle (1832-1910), der mit Abstand wichtigste Hersteller von Milch und Milchprodukten in Berlin, war schon früh davon überzeugt, dass die Möller-Barlowsche Krankheit durch eine zu lange Erhitzung der Milch hervorgerufen wurde. Kurz nach der Jahrhundertwende hatte er Fütterungsexperimente mit Meerschweinchen finanziert und wurde dadurch, seiner Ansicht nach, bestätigt. [62] Aus diesem Grunde begann er in seinem Unternehmen Milch lediglich zu pasteurisieren. [63] Dies war erst einmal kostenträchtig, denn die neue Technologie war anfangs nicht einfach zu handhaben. Es galt, kurzfristig eine Temperatur von über 70 Grad sicher einzuhalten, die Milch aber eben nicht zu kochen. Bakterien konnten so abgetötet, die unbekannten Kochschäden der Milch vermieden werden. Da jedoch eine wachsende Zahl von Kunden und auch Wissenschaftlern von gekochter Milch als „Gift“ sprachen, schien ein technologischer Wandel angeraten zu sein. [64] Eine Zwangspasteurisierung der Milch wurde im Deutschen Reich jedoch erst durch das Milchgesetz von 1930 eingeführt.

Keine Selbstkritik: Neue Wege der Säuglingsernährung unter dem Vitamin-Paradigma

Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis im Deutschen Reich die Existenz der „Vitamine“ allgemein akzeptiert wurde, also einer neuen Stoffklasse, die 1911 durch den russischen Biochemiker Casimir Funk (1884-1967) erstmals benannt wurde. [65] Entsprechend dauerte es eine ganze Weile, bis die Möller-Barlowsche Krankheit als Vitamin-C-Mangelkrankheit und eine infantile Form des Skorbuts, als Säuglingsskorbut, klassifiziert wurde. Die lange Zeit weltweit führenden und in der Ideenwelt der Kalorienlehre und der Bakteriologie sozialisierten deutschen Forscher benötigten etwa ein Jahrzehnt um zu realisieren, dass ihr Modell der materiellen Welt viel zu einfach und als solches vielfach irreführend gewesen war. Für die Therapie der Möller-Barlowschen Krankheit, die während des Weltkrieges und der weiter bestehenden völkerrechtswidrigen Blockade des Deutschen Reiches wieder häufiger auftrat, hatte dieses keine unmittelbaren Konsequenzen. [66] Seit den frühen 1920er Jahren nahmen die medizinischen Lehrbücher die neue Vitaminlehre langsam auf, nach der einige Vitamine durch Hitze beschädigt und zerstört werden konnten – und das Kinder durch einseitige Ernährung mit einschlägig produzierten Kindermehlen und vor allem gekochter Milch Schaden nehmen, krank werden und sogar sterben konnten. [67] Seit den frühen 1930er Jahren wurde die Möller-Barlowsche Krankheit dann Teil der Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte der Medizin und der Biochemie: Nun hieß es, dass die krankhaften Veränderungen der Knochen, der Einsatz von Röntgentechnologie und eine detaillierte Kasuistik dazu geführt hätten, die ehedem rätselhafte Krankheit als eine Vitaminmangelkrankheit auszumachen. [68] Die neue Vitaminlehre wurde in den 1920er Jahren insbesondere von den urbanen Mittelschichten allgemein akzeptiert, leitete zunehmend die öffentliche Ernährungsberatung. Die Möller-Barlowsche Krankheit wurde selten, fand sich lediglich noch bei den Ärmsten, bei denen, die auf Fürsorgezahlungen angewiesen waren und sich „frische“ Milch, Obst und Gemüse kaum leisten konnten. [69]

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Pasteurisierte Milch für propere Babies. Werbung für Wecks Gramma-Sterilisator 1927 (Weck (Hg.), 1927, 1)

Neue Säuglingskost und Milchkonservierungsapparate gewannen weiter an Bedeutung und waren ein wichtiger Faktor für die Verringerung der Kindersterblichkeit im 20. Jahrhundert. Auf Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde der Produktionsprozess verändert und die Erhitzungszeiten weiter reduziert. Die neuen Produkte waren, so die allgemein akzeptierte Meinung, mit vitaminreicher “Frischkost” zu verbinden. Die gemäß eines einseitigen medizinischen Wissens und entsprechender unternehmerischer Praxis genährten, dann erkrankten und teils verstorbenen Kleinkinder waren aus dieser Sicht eine Art Preis, der für diese Verbesserungen zu zahlen war.

Aus meiner Sicht stellt die hier kurz vorgestellte Geschichte der Möller-Barlow-Krankheit Narrative des Fortschritts jedoch strukturell in Frage. Sie präsentiert Wissenschaft und Gesellschaft in Aktion. Sie erzählt etwas über die Grenzen von Expertensystemen, die immanenten Gefahren jeglicher Arbeitsteilung, über strukturelle Gewalt, die in das Gefüge moderner Wissensgesellschaften eingewoben ist. Sie erinnert uns an den hohen Preis auch des Fortschritts, mag diesen Fortschritt auch niemand missen wollen: “Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.” [70]

Uwe Spiekermann, 20. Juli 2020

Quellen und Literatur

[1] Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 31-37.
[2] Kurt Hoesch, Emil Fischer. Sein Leben und sein Werk, Berlin 1921, 140.
[3] Spiekermann, 2018, 86-103.
[4] Arthur E. Imhof, Unterschiedliche Säuglingssterblichkeit in Deutschland, 18. bis 20. Jahrhundert – Warum?, Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 7, 1981, 343-382.
[5] Jörg Vögele, Sozialgeschichte städtischer Gesundheitsverhältnisse während der Urbanisierung, Berlin 2001.
[6] Samuel J. Fomon, Infant Feeding in the 20th Century: Formula and Beikost, Journal of Nutrition 131, 2001, 409S-420S.
[7] I[sidor] Rosenthal, Vorlesungen über die öffentliche und private Gesundheitspflege, Erlangen 1887, 11.
[8] Paul Zweifel, Untersuchungen über den Verdauungsapparat der Neugeborenen, Berlin 1874.
[9] Vgl. A[gnes] Bluhm, Stillfähigkeit, in: A[lfred] Grotjahn und I[gnaz] Kaup (Hg.), Handwörterbuch der Sozialen Hygiene, Bd. II, Leipzig 1912, 555-570, die auch die eugenischen Bedeutung dieser Statistiken diskutiert.
[10] Justus v. Liebig, Suppe für Säuglinge, 3. erw. Aufl., Braunschweig 1877.
[11] Armin Wankmüller, Die Firma Eduard Löflund & Co., Stuttgart, in: ders. (Hg.), Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte, Bd. VIII, Tübingen 1968-70, 13-15.
[12] Vgl. Emil Görgen, Philipp Biedert und seine Bedeutung in der deutschen Pädiatrie, Düsseldorf 1939; Dorothee Vaupel, Philipp Biedert (1847-1916). Leben, Werk, Wir¬kung, Med. Diss. Hanover 1993 (Ms.).
[13] [Albert] Villaret, Von der Hygiene-Ausstellung, Berliner klinische Wochenschrift 20, 1883, passim, hier 735.
[14] Vgl. etwa Verhaltensmassregeln zur Verhinderung der Sterblichkeit neugeborner Kinder, Wiener Medizinische Wochenschrift 19, 1869, Sp. 977-980, 993-995.
[15] Th[eodor] Escherich, Ueber die Keimfreiheit der Milch nebst Demonstration von Milchsterilisirungs-Apparaten nach Soxhlet’schem Princip, Münchener Medizinische Wochenschrift 36, 1889, 783-785, 801-805, 824-827. Einen Überblick bietet Uwe Spiekermann, Zur Geschichte des Milchkleinhandels in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Helmut Ottenjahn und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. […], Cloppenburg 1996, 91-109, insb. 95-98.
[16] Fr[iedrich] Dornblüth, Die Milchversorgung der Städte und ihre Reform, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 12, 1880, 413-424.
[17] Anton Mößmer, Beitrag zur Säuglingsernährung vor 100 Jahren. Erinnerungen an Franz von Soxhlet, Der Kinderarzt 15, 1984, 1203-1210.
[18] F[ranz] Soxhlet, Ein verbessertes Verfahren der Milch-Sterilisirung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 335-339, 353-356, hier 335. Vgl. auch Ders., Ueber Kindermilch und Säuglings-Ernährung, Münchener Medizinische Wochenschrift 33, 1886, 253-256, 276-278.
[19] J.S. Fowler, Infant Feeding. Practical Guide to the Artificial Feeding of Infants, London 1909, 40-41.
[20] Discussion über den Vortrag des Prof. Dr. Soxhlet: Ueber ein verbessertes Verfahren der Milchste-rilisirung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 431 (Ranke); Ferdinand Frühwald und Hochsinger, „Ueber den Soxhlet’schen Milchkochapparat.“, Hebammen-Zeitung 3, 1889, 25-28.
[21] Vgl. etwa W. Hesse, Dampf-Sterilisierungsapparat für Laboratorium und Küche, […], Deutsche Medizinische Wochenschrift 14, 1888, 431-432; Oskar Israel, Zu Soxhlet’s Milchkochapparat, Berliner klinische Wochenschrift 26, 1889, 640-641; A[lexander] Hippius, Ein Apparat zum Sterilisiren der Milch im Hause, Berliner klinische Wochenschrift 27, 1890, 1048-1051.
[22] [Walter] Birk, Die Bedeutung der Milch als Nahrungsmittel, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 36, 1925/26, 321-328, hier 323.
[23] Vgl. [Alexander] Backhaus, Die Herstellung von Kindermilch. […], Wochenblatt des Landwirthschaftli-chen Vereins im Großherzogthum Baden 1895, 632-636.
[24] F[ranz] Soxhlet, Ueber Milchverfälschung und Milchverunreinigung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 537-538, here 538.
[25] Vgl. etwa Adalbert Czerny, Die Pädiatrie meiner Zeit, Berlin 1939, 40-41.
[26] J[ulius] O[tto] L[udwig] Möller, Acute Rhachitis, Königsberger Medizinische Jahrbücher 1, 1859, 377-379; Ders., Zwei Fälle von acuter Rachitis, Königsberger Medizinische Jahrbücher 3, 1862, 136-149.
[27] Philip R. Evans, Infantile scurvy: the centenary of Barlow’s disease, British Medical Journal 287, 1983, 1862-1863. Vgl. auch Elizabeth Lomax, Difficulties in Diagnosing Infantile Scurvy before 1878, Medical History 30, 1986, 70-80.
[28] Kumaravel Rajakumar, Infantile Scurvy: A Historical Perspective, Pediatrics 108, 2001, E76. Detaillierter, manchmal allerdings anekdotenhaft ist Kenneth J. Carpenter, The History of Scurvy and Vitamin C, Cambridge et al. 1986, 158-172; Annemarie de Knecht-Van Eekelen, Naar een rationele Zuigelingenvoeding. Voedingsleer en Kindergeneeskunde in Nederland (1840-1914), Nijmegen 1984, 158-165.
[29] Thomas Barlow, On cases described as ‘acute rickets’ which are possibly a combination of rickets and scurvy, the scurvy being essential and the rickets variable, Medico-Chirurgical Transactions 66, 1883, 159-220.
[30] O[tto] Heubner, Ueber die scorbutartige Erkrankung rachitischer Säuglinge (Barlow’sche Krankheit), Jahrbuch für Kinderheilkunde 34, 1892, 361-368, hier 361.
[31] W[ilhelm] v. Starck, Infantile Scurvy, in: M[einhard] Pfaundler und A[rthur] Schlossmann (Hg.), The Diseases of Children, Bd. 2, Philadelphia und London 1912, 192-201, hier 192.
[32] H[arald] Hirschsprung, Die Möller’sche Krankheit. (Synon.: ‘Acute Rachitis’. Scorbut bei Kindern. Barlow’sche Krankheit. Cheadle-Barlow’sche Krankheit etc.), Jahrbuch für Kinderheilkunde 41, 1896, 1-43
[33] N[athan] Zuntz, Über neuere Nährpräparate in physiologischer Hinsicht, Berichte der Deutschen Pharmaceutischen Gesellschaft 12, 1902, 363-381, hier 377.
[34] Ed. Meyer, Ueber Barlow’sche Krankheit, Berliner klinische Wochenschrift 33, 1896, 85-86; Hamburg, Ueber die Zusammensetzung der Dr. Riethschen Albumosemilch und deren Anwendung bei Kindern und Erwachsenen, Berliner klinische Wochenschrift 33, 1896, 785-790, hier 787-788.
[35] O[tto] Heubner, Lehrbuch der Kinderheilkunde, Bd. I, Leipzig 1903, insb. 67.
[36] Vgl. Uwe Spiekermann, Zeitensprünge. Lebensmittelkonservierung zwischen Industrie und Haushalt 1880-1940, in: Katalyse und Buntstift (Hg.), Ernährungskultur im Wandel der Zeit, Köln 1997, 30-42.
[37] Arthur Dräer, Die Barlow’sche Krankheit. Kurze Zusammenstellung der bisher über diese Krankheit gesammelten Erfahrungen, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 378-387, hier 378.
[38] [Wilhelm] v. Starck, Zur Casuistik der Barlow’schen Krankheit, Jahrbuch für Kinderheilkunde 37, 1894, 68-71; Carl Seitz, Kurzgefasstes Lehrbuch der Kinderheilkunde, 2. erw. u. überarb. Aufl., Berlin 1901, 278.
[39] Otto Hauser, Grundriss der Kinderheilkunde mit besonderer Berücksichtigung der Diätetik, Berlin 1894, 316.
[40] Unger, Rez. v. Cassel, Ein Fall von Scorbut bei einem 1¾ Jahre alten Kinde, AfK 15, 1893, Jahrbuch für Kinderheilkunde 36, 1893, 499-500, hier 500.
[41] Starck, 1912, 197. Ähnlich Hauser, 1894, 317.
[42] [Wilhelm] v. Strack, Barlow’sche Krankheit und sterilisirte Milch, Münchener Medizinische Wochenschrift 42, 1895, 976-978, hier 976.
[43] Meyer, 1896, 86 (Baginsky).
[44] Johannes G. Altendorf, Sterilisirung der Milch in Einzelportionen mittels des neuen Soxhlet’schen und des Olldendorff’schen Verschlusses, Bonn 1892, insb. 10-13; Andr. Carstens, Ueber Fehlerquellen bei der Ernährung der Säuglinge mit sterilirter Milch, Jahrbuch für Kinderheilkunde 36, 1893, 144-160, hier 144.
[45] Milch-Sterilisir-Apparat, Bregenzer Tagblatt 1895, Nr. 2816 v. 7. Juni, 3.
[46] Ferdinand Hueppe, Frauenmilch und Kuhmilch in der Säuglingsernährung, Deutsche Medizinische Wochenschrift 33, 1907, 1597-1603, hier 1597.
[47] Diese Angabe n. Koiti Shibata, Ueber die Häufigkeit des Stillungsvermögens und die Säugungserfolge bei den Wöchnerinnen der kgl. Universitäts-Frauenklinik zu München in den Jahren 1884 bis Ende 1887, Med. Diss. Munich 1891, während G[ustav] v. Bunge, Die zunehmende Unfähigkeit der Frauen ihre Kinder zu stillen. Ein Vortrag, Nachdruck der 5. Aufl., Munich 1907 ein Bestseller wurde.
[48] Max Klotz, Die Bedeutung der Getreidemehle für die Ernährung, Ergebnisse der inneren Medizin und Kinderheilkunde 8, 1912, 593-696, hier 682.
[49] Graßl, Ueber die Kindersterblichkeit in Bayern, Allgemeine Zeitung 1907, Nr. 66, Beil., 521-524, hier 521-522.
[50] B[ernhard] Bendix, Die Barlow’sche Krankheit und ihre Behandlung, Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 4, 1907, 33-40, hier 38.
[51] Alfred F. Hess, Scurvy. Past and Present, Philadelphia und London 1920, 14.
[52] Vgl. L[ivius] Fürst, Infantiler Scorbut oder hämorrhagische Rhachitis? Berliner klinische Wochenschrift 32, 1895, 389-393, hier 392; Klautsch, Ref. v. Baron: Zur Frage der Möller(Barlow)’schen Krankheit, MMW 1898, Nr 18/19, Der Kinder-Arzt 9, 1898, 204-205.
[53] E[mil] Feer, Diagnostik der Kinderkrankheiten mit besonderer Berücksichtigung des Säuglings, 2. erw. und verb. Aufl., Berlin und Heidelberg, 1922, 75.
[54] Heubner, 1892, 368.
[55] Hauser, 1894, 317; Seitz, 1901, 279.
[56] Starck, 1912, 200.
[57] Rudolf Manz, Beiträge zur Kenntnis der Möller (Barlow’schen) Krankheit, Med. Diss. Heidelberg 1899; J[ohannes] Schoedel und C[ölestin] Nauwerck, Untersuchungen über die Möller-Barlow’sche Krankheit, Jena 1900; Eugen Schlesinger, Zur Symptomalogie der Barlowschen Krankheit, Münchener Medizinische Wochenschrift 52, 1905, 2073-2075
[58] R[udolf] Hecker und J[osef] Trumpp, Atlas und Grundriss der Kinderheilkunde, München 1905, 126, 130-131.
[59] Bendix, 1907, 40.
[60] H[einrich] Finkelstein, Sammelreferate über neuere Erfahrungen in der Säuglingsernährung, Die Therapie der Gegenwart 45, 1904, 73-80, hier 75.
[61] Th. Homburger, Die jüngsten Fortschritte und der heutige Stand der Kinderheilkunde, Therapeutische Monatshefte 15, 1901, 27-31.
[62] C[arl] Bolle, Zur Therapie der Barlow’schen Krankheit, Zeitschrift für diätetische und physikalische Therapie 6, 1903, 354-356, hier 355-356.
[63] Dies war eine Debatte mit langer Vorgeschichte, vgl. Rowland Godfrey Freeman, Should all Milk used for Infant Feeding be heated for the Purpose of Killing Germs? If so, at what Temperature and how long continued? Archives of Pediatrics 15, 1898, 509-514.
[64] [Robert] Ostertag, Wie hat sich die Gesundheitspolizei gegenüber dem Verkauf pasteurisierter Milch zu stellen?, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 15, 1905, 293-295.
[65] Alex[ander] Lipschütz, Die Vitamine, Allgemeine Zeitung 1917, Ausg. v. 20. Mai, 210-211. Zur Geschichte s. Uwe Spiekermann, Bruch mit der alten Ernährungslehre. Die Entdeckung der Vitamine und ihre Folgen, Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung des Essens. Mitteilungen H. 4, 1999, 16-20.
[66] F[riedrich] Göppert und L[eo] Langstein, Prophylaxe und Therapie der Kinderkrankheiten, Berlin 1920, 192.
[67] H[einrich] Finkelstein, Lehrbuch der Säuglingskrankheiten, Bd. 1, 2. vollst. überarb. Aufl., Berlin und Heidelberg 1921, 357; P[aul] György, Der Skorbut im Säuglings- und Kinderalter, in: W[ilhelm] Stepp und ders. (Hg.), Avitaminosen und verwandte Krankheitszustände, Berlin und Heidelberg 1927, 403-459, hier 437-438; C. Seyfarth, Lehrbuch der speziellen Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten, Bd. 2, 31. und 32. vollst. überarb. Aufl., Berlin 1934, 354.
[68] Walter Freund, Skorbut im Säuglingsalter (Möller-Barlowsche Krankheit) und im Kindesalter, in: M[einhard] Pfaundler und A[rthur] Schlossmann (Hg.), Handbuch der Kinderheilkunde, 4. Aufl., Bd. 1, Berlin 1931, 812.
[69] Julius Zapfert, Soziologie der Säugingskrankheiten, in: A[dolf] Gottstein, A[rthur] Schlossmann und L[udwig] Teleky (Hg.), Handbuch der Sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge, Bd. 5, Berlin 1927, 556-614, hier 593; Freund, 1931, 820.
[70] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: Theodor W. Adorno und ders., Integration und Desintegration, Hannover 1976, 33-46, hier 38.

Kochende Soldaten? Verpflegung in der kaiserlichen Armee zwischen Fremd- und Selbstversorgung

Im frühen 19. Jahrhundert lösten moderne, auf der allgemeinen Wehrpflicht beruhende Massenheere die zuvor üblichen Söldner- oder Kabinettsarmeen ab. Die Ausbildung in dieser neuen „Schule der Nation“ konzentrierte sich auf wehrfähige Männer, vermittelte ihnen das Kriegshandwerk sowie Hierarchie und Unterordnung. Parallel entstanden einheitliche Uniformen, wurden die Truppen kaserniert. Die Sorge für die Verpflegung aber blieb bis Mitte des 19. Jahrhundert Privatsache, wenngleich – etwa in Preußen – erst eine Brotportion, dann eine Beköstigungsportion eine gewisse Grundverpflegung garantierten. Beide entstanden aus Marschverpflegungen, prägten dann jedoch vorrangig den Truppenalltag.

Seit der Mitte des Jahrhunderts geriet die Militärverpflegung zunehmend unter den Einfluss der Ernährungsphysiologie. Ärzte wie Wilhelm Hildesheim sowie Physiologen wie Carl Voit (1834-1908) schlugen nicht nur Kostsätze und Mahlzeiten für die einzelnen Soldaten vor, sondern sahen in der „Zusammensetzung der Leiber“ ([Carl] Voit, Anforderungen der Gesundheitspflege an die Kost in Waisenhäusern, Casernen, Gefangenen- und Altersversorgungsanstalten, sowie in Volksküchen, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 8, 1876, 7-55, hier 20) eine vorrangige Ordnungsaufgabe des Staates. Nur wohlgenährte Soldaten konnten ihre Aufgaben plangemäß erfüllen.

Die Folgen waren zunehmend detaillierte Verpflegungssätze, die sich einerseits an den physiologischen Notwendigkeiten, anderseits an den Kosten für nahrhafte, möglichst eiweißhaltige Nahrungsmittel orientierten. Die sog. Einigungskriege 1864-1871 verdeutlichten die Defizite der Truppenverpflegung, bereiteten aber zugleich den Weg für neuartige Nahrungsmittelkonzentrate, Präserven oder aber Konserven – mit der Erbswurst als Leitprodukt. Diese neuen Kunstpräparate veränderten weniger die Alltagsverpflegung, stärker aber die sog. Eiserne Ration der Soldaten, also deren am Mann mitzuführende Marsch- und Kampfnahrung (umfassend hierzu Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 108-129). Das zunehmend professionalisierte Heeressanitätswesen begann spätestens seit den 1890er Jahren mit umfangreichen Forschungsarbeiten zur optimalen Beköstigung der Soldaten und entwickelte Nahrungsmittel für spezielle Kampferfordernisse, etwa den Einsatz in den Kolonien.

Die nicht zuletzt aufgrund von Kostengründen weiter bestehenden Defizite der Versorgung resultierten allerdings nicht allein aus der Menge und Art der verausgabten Nahrungsmittel, sondern stärker noch aus deren mangelhafter Zubereitung und ihrem Geschmack. Die nur während Manövern ausgegebenen Konserven blieben Ausnahmen. Derart vorgekochte Speisen, die kalt verzehrt werden konnten, vielfach nur erhitzt werden mussten, bildeten ein Ideal, waren nicht alltäglich. Im Kern veränderte sich die Militärkost trotz intensiver Diskussionen und auch Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur wenig – weniger jedenfalls als die Alltagskost. Um 1900 hieß dies – natürlich gab es vielfältige Unterschiede – täglich 750 Gramm Brot (oder etwas weniger Zwieback), 375 Gramm Frischfleisch (oder weniger Räucherfleisch), 250 Gramm Hülsenfrüchte (oder geringere Mengen Gemüsekonserven bzw. Dörrgemüse), sowie Salz, Kaffee/Tee und Zucker ([Wilhelm] Balck, Taktik, Bd. 4, 3. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1903, 264).

Gründe für diesen beträchtlichen Konservatismus waren die höheren Kosten vorgefertigter Speisen, aber auch die ungeregelte, von Region zur Region, von Standort zu Standort stark abweichende Art der Verpflegung. Der Verpflegungssatz wurde teilweise in Menagen durch Köchinnen zu Speisen weiterverarbeitet (Die Einführung der Mannschaftsmenagen im Großen, Der Kamerad 5, 1866, 61-62), doch vielfach war dies Aufgabe der Soldaten selbst resp. ihrer Frauen, Verlobten, Familienangehörigen oder aber von Gastwirten. Eine umfassende Modernisierung der Militärverpflegung war ohne einen grundlegenden Bruch mit diesen Zubereitungsweisen nicht möglich. Der Geschmack und die begrenzten Kochfertigkeiten standen im Hintergrund aller gelehrten Debatten über einzelne Lebensmittel, Produkte und Speisen. Das Militär gründete eben nicht nur hinsichtlich der öffentlich breit diskutierten körperlichen Fähigkeiten und den politischen Einstellungen der Soldaten auf vorgelagerten gesellschaftlichen Ressourcen, sondern auch auf der erlernten oder aber eben nicht erlernten Fähigkeit, zu kochen und damit Nährwerte verfügbar zu machen. Effizientes Kriegshandwerk bedurfte auch der Kochkunst.

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Gefahren schlechter Verpflegung am Beispiel der US-Streitkräfte im Krieg gegen Spanien (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 12, 8)

Die Zubereitungskompetenz der Männer aber war gering. Plädoyers für eine „gemeinschaftliche Küche“ zur Zubereitung einer Morgen- und Mittagssuppe wurden nicht nur mit Kostenargumenten begründet, sondern galten auch als „unschätzbare Vorschule für die Verpflegung im Felde […], indem dadurch jeder Soldat lernt, sich selber Speise zu bereiten, und mit allen Küchen-Vortheilen bekannt wird“ (W[ilhelm] Hildesheim, Die Normal-Diät, Berlin 1856, 90 bzw. 88 (vorheriges Zitat)). Während des deutsch-französischen Krieges machte sich „der Mangel an Kenntnissen in der Kochkunst ausserordentlich bemerklich“ (W[ilhelm] Roth, Beiträge zu den Fragen der Militär-Gesundheitspflege aus dem gegenwärtigen Feldzuge Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentlichen Gesundheitspflege 3, 1871, 62-72, hier 66), verminderte Motivation und Kampfkraft der Truppen. Es ging um die Kochkompetenz ansonsten stets bekochter Männer. Die Aufgabe, sich selbst ernähren zu können, stellte sich just in Hochzeiten patriarchalischer Arbeitsteilung und einer vermeintlich typisch männlichen Institution. Paradoxerweise fand sich auch innerhalb der Armee das empirisch nicht belegte zeitgenössische Lamento über den Niedergang der bürgerlichen Küche und der allgemeinen Kochfertigkeiten, das parallel zur Institutionalisierung hauswirtschaftlicher Bildung für Frauen führte: „Während die Kochkunst in den großen Küchen sich hebt, sinkt sie an den wichtigeren kleineren Herden bis zu gesundheitsgefährlicher Unkenntnis, während dort schwierige Probleme für Feinschmecker gelöst werden, verlernt man hier die einfachsten Regeln, und ein Wiederschein dieses Zustandes findet sich im Heer“ (C[arl] Koettschau, Irrtümer des Friedenssoldaten im Feld (1890), zit. n. Walter Berges, Die Grundsätze für die Ernährung des Soldaten vom Beginn des 19. Jahrhunderts ab, Med. Diss. Düsseldorf, Bochum-Langendreer 1937, 22). Auf der anderen Seite entwickelte sich gerade nach der Jahrhundertwende die Berichterstattung über große Manöver zu einem Genre in den vornehmlich von Frauen gelesenen Illustrierten, in dem nicht allein die Feldlagerromantik abseits des Wandervogels, sondern insbesondere das Kochspiel der Männer dargestellt wurde (Vgl. etwa Richard Schott, Das Ganze Halt!, Die Woche 2, 1902, 1687-1689; Karl August v.d. Pinnau, Besuch im Biwak, Ebd. 5, 1903, 1671-1675; Richard Schott, Die französischen Armeemanöver 1905, Ebd. 7, 1905, 1700-1704; A. Oskar Klaußmann, Soldatenkost, Ebd. 7, 1905, 1975-1978). Rustikales Scheitern hatte durchaus Unterhaltungswert.

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Biwak-Romantik als Spiegelbild männlicher Zubereitungsinkompetenz (Fliegende Blätter 82, 1885, 11)

Mochte die Frage der Kochkompetenz im Frieden daher auch heitere Momente haben, musste sich der Mann im Krieg jedoch gerade am Kochgeschirr bewähren, wollte er seine Kampfkraft erhalten und wiederherstellen. Männerwirtschaft im Krieg war weit entfernt vom Ideal des geordneten bürgerlichen Haushalts: „Das Grabenmachen, das Wasser- und Holzholen, das schmutzige Wasser, diese Gesichter und Hände, der Lärm, das Überkochen, das Umfallen und Umwerfen der Kochgeschirre – das Alles sind bekannte Dinge. Und endlich kommt jede Mahlzeit aus dem russigen, glühenden Feldkessel. Wer dann einen Gang über den Lagerplatz und beim Anblick der Massen von ausgeschüttetem Reis und der Menge von umherliegenden Brocken halbgekochten Fleisches oder schlecht benagten Knochen noch Freund dieses Systems bleiben kann, der stellt die Form über das Wesen“ (Die Heeresverpflegung im Krieg und Frieden, Allgemeine Militär-Zeitung 1879, zit. n. C[arl] A[lphons] Meinert, Armee- und Volksernährung, Th. 2, Berlin 1880, 318). Vorschriftgemäßes Abkochen sah das Ausheben eines 30×40 Zentimeter großen Kochgrabens vor, worin dann die Viktualienportion erhitzt wurde (Charles Lutz, Der Koch im Felde, Kochkunst 5, 1903, 222-223). Alternativ wurden die eisernen Portionen auch in einem gemeinsamen Kessel erhitzt, der in ein Kochloch von 0,8 Meter Tiefe, 1,5 Meter Länge und 0,5 Meter Breite gehängt wurde (Heinrich Heim, Kriegsmäßiges Abkochen, Kochkunst und Tafelwesen 10, 1908, 313-314). Militärkost wurde also fast durchweg gekocht, Suppen und Eintöpfe dominierten den Feldalltag. Aromatischere Arten der Zubereitung, insbesondere Braten und Backen, waren dagegen kaum möglich.

Gewürzte Nahrung

Wie nun diesem Dilemma begrenzter Zubereitungskompetenz entgehen, wie ihm zumindest produktiv begegnen? Vor dem Ersten Weltkrieg gab es vor allem drei Antworten: Die erste, der Einsatz von Würzen, war unmittelbar mit Konzepten künstlicher Kost verbunden, also dem Ersatz von mangelnden Kochfertigkeiten durch vorgefertigte, einfach zuzubereitende Produkte. Ziel des Gewürzzusatzes war eben nicht, die allgemeine Kochkompetenz zu erhöhen, sondern mangelhaft gekochte Nahrung genießbar zu halten. Wie wichtig derart akzeptabler Geschmack war, hatten schon in den 1860er und 1870er Jahren umfangreiche Untersuchungen in Gefängnissen gezeigt, wo aus Gründen von Kosten und Bestrafung eine sehr eintönige und wasserhaltige Kost verabreicht wurde, deren negative Folgen durch den Zusatz von preiswerten Gewürzen aber in Grenzen gehalten werden konnten (Oscar Liebreich, Über den Nutzen der Gewürze für die Ernährung, Therapeutische Monatshefte 18, 1904, 65-68). Die Überdeckung des Eigengeschmacks der gekochten Speise durch Würzen erfolgte nach der Jahrhundertwende vornehmlich durch Maggi-Würze oder ähnliche Präparate.

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Produktionsräume von Maggis Würze im Schweizerischen Kemptthal (Wiener Hausfrauen-Zeitung 31, 1905, Sondernr., 50)

Doch einschlägige „Gewürzextracte und Gewürzsalze“ wurden schon seit 1866 durch den Dresdener Chemiker und Unternehmer Louis Naumann (1843-1900) entwickelt und seit 1872 produziert. Die in Patronen und Kästen gelieferten Würzen – Bouillon- und Pfeffersalz im Grundpaket, mehr als zwei Dutzend Mischungen für die Truppenoffiziere und Kesselwagen – wurden seitens des sächsischen und preußischen Militärs getestet und in geringen Mengen geordert. Doch blieb die Vorstellung eine Chimäre „dass in späterer Zeit kein Mann der Armee zum Manöver oder in’s Feld ausrücken wird, ohne neben seiner Chargirung auch die Naumann’sche kleine Bouillon- und Pfeffersalzpatrone zu führen“ (Ueber die Dr. Naumann’schen Gewürzsalze und Gewürzextracte für den Armeegebrauch, Neue Militärische Blätter, in: L[ouis] Naumann, Der eiserne Bestand im Felde, Dresden 1877, 19-27, hier 27). Relativ hohe Preise und die Komplexität des Würzsystems verhinderten seine breitere Verwendung im Militär, während die Produkte im späten 19. Jahrhundert viele Käufer in Privathaushalten gewannen.

Professionalisierung und Technisierung des Küchenwesens in der Armee

Wesentlich wichtiger war zweitens die Ausbildung militärinterner Zubereitungskompetenz. Dabei gilt es zwei Ebenen zu unterscheiden, nämlich einerseits Humankapitalbildung durch Ausbildung von Kochpersonal, anderseits die Technisierung der Truppenküchen. Die deutschen Armeen besaßen im Gegensatz etwa zu England, wo es seit den 1860er Jahren in Aldershot eine Schule für Militärköche gab, keine einschlägigen Ausbildungsinstitutionen. Man nutzte die Ressourcen der Zivilgesellschaft. Der auch vor dem Ersten Weltkrieg nicht überall durchgesetzte Menagenbetrieb wurde vielfach von bediensteten Köchinnen bestritten, doch zunehmend wollte man im Kriegsfall auf die Kompetenz ausgebildeter Köche resp. Fleischer und Bäcker zurückgreifen – schließlich schien die fast durchweg männliche Hotel- und Gaststättenküche zu belegen, dass Männer Frauen auch in deren vermeintlich natürlichen Revier mindestens ebenbürtig waren, wenn sie denn nur wollten. Doch das war Ziel, nicht historische Realität. Auch in vielen rückwärtigen Diensten, etwa den Lazaretten, waren vor und auch während des Weltkrieges vorrangig Köchinnen beschäftigt (Felix Reinhard, Geschichte des Heeressanitätswesens, insbesondere Deutschlands, Jena 1917, 72-73). Ohne Frauen wäre die vermeintliche Männerinstitution Militär zusammengebrochen.

Diese Situation änderte sich erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als zunehmend Küchenunteroffiziere ernannt wurden, um einerseits den Menagenbetrieb zu organisieren, um andererseits aber die neu eingeführten mobilen Feldküchen zu bedienen (H[ans] Bischoff, Nahrungs- und Genussmittel, in: Ders., W[ilhelm] Hoffmann und H[einrich] Schwiening (Hg.), Lehrbuch der Militärhygiene, Berlin 1910, 261-390, hier 261-262). Sie wurden von zivilen Küchenmeistern unterrichtet, militärinterne Schulungen erfolgten erst während des Ersten Weltkrieges (vgl. Eugen Brunfaut, Unsere Armeeküche, Die Woche 12, 1910, 381-383).

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Vortrag eines Zivilküchenmeisters vor Unteroffizieren 1910 (Die Woche 12, 1910, 382)

Derartige Schulungen waren aber an den Einsatz moderner Küchentechnologie geknüpft. Es gab zahlreiche Vorschläge – und auch reale Umsetzungen, wie die 1850 in der schleswig-holsteinischen Armee eingesetzte Dampfküche (Michael Peltner, Soldatenernährung unter besonderer Berücksichtigung ernährungsphysiologischer und angewandter ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse in der deutschen Wehrmacht, Med. Diss. Düsseldorf 1994, 12) –, doch gab man lange Zeit einfachen Kesselwagen den Vorzug, während Schlachtereien und Bäckereien in rückwärtigen Gebieten stationär eingerichtet wurden. Hauptargument gegen diese Mobilisierung war die Vergrößerung des Versorgungstrosses, die immer auch bedeutete, relativ weniger Soldaten an der Frontlinie zu haben (Meinert, 1880, Th. 2, 321).

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Ständische Vorrechte: Das Feldküchenautomobil des Kaisers mit Herd, Eisschränken, Küchenutensilien, Zelt und Tisch für zwölf Personen (Der Welt-Spiegel 1910, Ausg. v. 11. August, 2)

Das Gegenargument einer schnellen mobilen Kriegsführung abseits der Eisenbahnen griff lange Zeit kaum, auch wenn 1886 der Peyersche Feldbacköfen und dann 1896 allgemein fahrbare Feldbacköfen eingeführt wurden. Erst die guten Erfahrungen der russischen Truppen mit mobilen Kücheneinheiten während des Krieges gegen Japan 1904/05 führten zu einem allgemeinen Wandel. Motorkraftfahrzeuge wurden in der Armee allerdings nur zögerlich eingeführt, eine motorisierte Versorgung von zentralisierten Zubereitungsstätten schien daher unrealistisch. Das preußische Kriegsministerium schrieb 1905 und 1906 daher Wettbewerbe für mobile, von Pferden gezogene Küchen aus und erprobte verschiedene Modelle bei Manövern (W[ilhelm] Haunauer, Die Verpflegung der Truppen im Kriege, Die Umschau 19, 1915, 9-13, hier 12-13; [Hermann] v. Francois (Hg.), Feldverpflegungsdienst bei den höheren Kommandobehörden, T. 2, 2. Aufl., Berlin 1909; W[ilhelm] Schumburg, Hygiene der Einzelernährung und Massenernährung, Leipzig 1913 (Handbuch der Hygiene, hg. v. Th[eodor] Weyl, 2. Aufl., Bd. 3, Abt. 3), 441-447). Seit 1908 begann die Einführung eines Standardmodells, das jedoch lediglich erlaubte – anders als der irreführende Populärbegriff „Gulaschkanone“ suggerierte –, Speisen zu kochen. Die ansatzweise Trennung von Kampf und Kochen erhöhte gleichwohl die Destruktionskraft des Männerkollektivs: „Marschküchen sind nicht bloß ein bequemeres Ernährungsinstrument, da sie den Soldaten von einer seiner eigentlichen Bestimmung als Kämpfer fremden Arbeit entlasten und den vollen Ersatz der in Gefechten und auf Märschen aufgebrauchten Kräfte sichern, sondern geradezu ein Kriegsmittel, wenn man will, eine Waffe“ (Unsere Marschküchen, Der Militärarzt 43, 1909, Sp. 54-55, hier Sp. 54).

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Rückansicht einer deutschen Feldküche 1909 (Bischoff, 1910, 414)

Auch wenn die Feldküchen im deutschen Heer erst 1915 allseits eingeführt waren – noch 1914 waren russische Feldküchen begehrte Beutegüter –, so führte diese Technisierung doch seit 1909 zu Vorschlägen, gesonderte Verpflegungsoffiziere zu ernennen, deren Aufgabe auch die Rekrutierung (und Ausbildung) von Köchen und Küchenpersonal sein sollte (Francois (Hg.), 1909, 217-220). Die damit einhergehende Wissensbildung regelte das Problem fehlender Zubereitungskompetenzen jedoch nur scheinbar, warnten doch gerade Militärstrategen: „Erst wenn wir Feldküchen haben, bekommt diese sachkundige Fürsorge ihre volle Bedeutung,…“ ([Heinrich] Laymann, Die Ernährung der Millionenheere des nächsten Krieges, Berlin 1908, V). Deren Beschaffung stockte jedoch vor dem Ersten Weltkrieg; auch als Folge der beträchtlich wachsenden Truppenstärken durch die Heeresreform 1912.

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Eroberte russische Feldküche im Dienst des deutschen Militärs 1914 (Der Welt-Spiegel 1914, Ausg. v. 27. September, 4)

Kochkurse für Soldaten

Entsprechend wurde drittens versucht, durch Kochkurse und allgemeine Unterrichtungen die praktischen Kompetenzen der Soldaten selbst zu verbessern. Über dieses vermeintlich unmännliche Kapitel finden sich deutlich weniger Quellen als über die anderen Formen, doch war es gleichwohl breitenwirksam. Schon vor und insbesondere nach dem deutsch-französischen Krieg wurde die „Idee einer kurzen praktischen Kochanweisung für Soldaten“ (Roth, 1871, 66) intensiv diskutiert und auch praktiziert. Parallel gab es ein ziviles Marktangebot sogenannter Feldkochbücher (Auguste Kux, Gründliche Anleitung für Jedermann die Speisen im Manöver und Felde mit den gegebenen Mitteln möglichst wohlschmeckend und nahrhaft zuzubereiten, Berlin 1878). In der Felddienst-Ordnung wurde Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Truppe unmittelbar mit einer guten Zubereitung der Verpflegung gekoppelt, und es hieß unmissverständlich: „Der Soldat muß hierzu praktische Anleitung erhalten“ (Laymann, 1908, 8. Ähnlich Schumburg, 1913, 429). Gerade in Kenntnis der Ernährungsphysiologie mussten auch Abwechslung und Geschmack beachtet werden, galt doch, dass der Soldat kein „Füllofen“ sei, für den es genüge, „die erforderlichen Gramm Eiweiß, Fett und Kohlehydrate“ herbeizuschaffen (beide Zitate n. Laymann, 1908, 11). Nicht Hunger, sondern der einzelne Mann sollte der beste Koch sein, nicht zuletzt, um dem Einerlei des ausgekochten Rindfleisches und der Eintöpfe ab und an entkommen zu können (Das Rindfleisch und die Soldatennahrung, Die Gesundheit in Wort und Bild 1907, Sp. 447-448). Wenn die Truppe gleichwohl „ungeübt und die Zubereitung mangelhaft“ (Rez. v. Laymann, Die Mitwirkung der Truppe bei der Ernährung der Millionenheere des nächsten Krieges, Berlin 1907, Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 36, 1907, 431-432, hier 431) blieb, so lag dies nicht zuletzt an den vielfach fehlenden Kocheinrichtungen in den Kasernen und an dem vorrangig repräsentativem Tschingderassabum vieler Manöver. Männer sollten laufen und schießen, nicht aber kochen und abschmecken.

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Männer der Tat: Unterricht an der Feldküche (Die Woche 12, 1910, 383)

Während die Mannschaften zumeist durch Militärköche in Menagen unterrichtet wurden, entstanden schon vor dem Ersten Weltkrieg auch Kochkurse speziell für Mannschaften, die zumeist von Hauswirtschaftslehrerinnen durchgeführt wurden. In München etwa trafen sich 1910 dreißig Teilnehmer einen Monat lang viermal wöchentlich in einer von der Militärbehörde bezahlten Hauswirtschaftsschule, brachten ihre Abendportionen mit, die sie dann nach theoretischer Einführung unter Anleitung kochten. Hedwig Heyl (1850-1934), Kochbuchautorin und Hauswirtschaftlerin, unterstützte diese Bestrebungen ausdrücklich: „Es ist einleuchtend, daß, wenn diese Veranstaltung größeren Umfang erhielte, alle mit geprüften Lehrkräften besetzten Schulen größerer Garnisonen solche Kurse abhielten und diese von den Militärbehörden derartig wie in München unterstützt würden, die Ernährung durch die Soldatenküche bei einem Teil des Volkes ganz anders wirken müßte wie heute, wo zufällig erworbene Kenntnisse der Massenkocherei doch noch viel Lücken zeigen“ (Gute Soldatenküche – bessere Volksernährung, Blätter für Volksgesundheitspflege 10, 1910, 187-188, hier 187). Der angeleitete Erwerb praktischer Kompetenzen und auch abstrakten Wissens über Ernährungslehre, Preise und Qualitäten schien ihr einen doppelten Vorteil zu haben. Auf der einen Seite könnte durch die Ausbildung von männlichen Kochfachkräften das Militär „zu einer Art Kochschule für das Volk aufsteigen“ und zu einem „Hebel zu durchgreifender Besserung der Volksernährung in breiten Schichten“ (beide Zitate n. Heyl, 1910, 188) werden. Zugleich aber hoffte sie, dass ein kompetenter Mann auch bei der Gattinnenwahl höhere Ansprüche stellen würde, sodass die Ausbildung der Männer eine verbesserte Schulung der Frauen nach sich ziehen würde. Basale Bildungsarbeit erschien daher volkswirtschaftlich und -biologisch wünschenswert. Die Küche des Militärs wurde als Teil der großen nationalen Tischgemeinschaft gedacht, in der Hausmannskost (noch) wichtiger war als künstliche Kost. Das sollte sich während des Ersten Weltkrieges nicht ändern, wohl aber während der 1930er Jahre (Spiekermann, 2018, 580-601).

Uwe Spiekermann, 16. Juni 2020

Alltagsdoping – Eine Skizze zu Kola-Dallmann

Konsumgesellschaften basieren auf dem andauernden Vergessen und dem damit immer wieder möglichen Neubeginn. Entsprechende Innovationsillusionen nähren und schaffen Märkte. Ein gutes Beispiel hierfür ist das breite und heterogene Feld von Produkten zur Leistungssteigerung von Gehirn und Körper. Das klingt technisch, nicht einnehmend. Seit den 1990er Jahren werden sie daher trendig-anglophil als „Performance Food“ vermarktet. Hohe Gewinnmargen sind bei den vornehmlich mit Versprechungen angereicherten Waren üblich, auch wenn Umsätze und Erträge weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, die Marketingexperten, Ernährungswissenschaftler und Journalisten während des Hypes um „Functional Food“ in den 1990er Jahren hegten.

Kolaprodukte sind ein wichtiges Segment dieses „Performance Food“. Einschlägige Getränke sind Alltagsbegleiter, etwa die 1886 eingeführte Coca-Cola, ihr Konkurrent Pepsi-Cola (1893), die deutsche afri cola (1931), die Schweizer Variante Vivi Kola (1938) oder aber zahlreiche spätere Adaptionen aus deutschen Landen (fritz-kola, 2002; Red Bull Cola, 2008). Auch andere Flüssigperformer enthalten Kola, etwa die vermeintlich akademisch-hippen Mate-Getränke Club Mate oder Mio-Mio Mate, ihrerseits Nachfolger einschlägiger, seit mehr als einhundert Jahren verfügbarer Markenartikel. Kola findet sich zudem in zahlreichen Snacks, namentlich in Kombination mit Schokolade. Die 1935 eingeführte Schokakola diente als Sport- und Fliegernahrung, gab Soldaten den Kick im harten Kampfe, half bei Prüfungsvorbereitungen und Alltagsproblemen. Doch schon Anfang der 1890er Jahre offerierten Schokoladeproduzenten, etwas Sarotti, Kola-Kakao, -Schokolade, -Bonbons und mehr (Der Bazar 39, 1893, 195).

Kolaprodukte enthalten in der Regel Teile der bis heute vornehmlich in West- und Zentralafrika angebauten Kolanuss, insbesondere aber deren Wirkstoffe Koffein und Theobromin. Als Kolonialprodukte wurden sie in Deutschland seit Mitte der 1880er Jahre verarbeitet und vermarktet. Sie waren zugleich Wissensprodukte, Materialisierungen eines stofflich-reduzierten und gerade deshalb erfolgreichen Denkens und Handelns in Wissenschaft und Wirtschaft (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018). Paradigmatisch hierfür standen die seit 1888 beworbenen Kola-Pastillen des Apothekers und Pharmazeuten Georg Dallmann (1858-1940), als Kola-Dallmann bzw. Dallkolat ein prominenter und breit beworbener Markenartikel bis weit in die 1960er Jahre. Sie waren bis zur Produktionseinstellung 1998 „Performance Food“ pur, dienten dem Alltagsdoping derer, die bei Geselligkeit, Sport und Wettbewerb Vergnügen und Herausforderungen fanden oder einfach nur müde und abgespannt waren. Der kleine Helfer für den Alltag in dem sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden kapitalistischen System wurde jedoch nicht einfach erfunden, setzte sich eben nicht als fertiges Angebot durch. Kola-Dallmann war Resultat wechselnder Marktpositionierungen, musste das neuartige Kolaprodukt doch erst einmal Anwendungsfelder finden. Kola-Dallmann begann als Medikament, als Adaption afrikanischer Alltagskultur in einem europäisch-„zivilisierten“ Rahmen. Es mutierte zu einem Angebot für besonders geforderte Gruppen, dann einem Standardbegleiter der bürgerlichen „leisure classes“, ehe es in der Zwischenkriegszeit zu einem Alltagsgut der urbanen Mittelschicht wurde.

Dallmann & Co. – Unternehmen und Produktpalette

Während Produktinnovationen heutzutage meist den Blaupausen vorheriger Produkte folgen, war dies im späten 19. Jahrhundert nicht ganz so einfach. Dallmanns Kola-Pastillen waren kein „Performance Food“, sie wurden es erst. Blicken wir erst einmal auf den Unternehmer Georg Dallmann, seine Fabrik und deren doch deutlich breitere Produktionspalette.

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Georg Dallmann als erfolgreicher Unternehmer (Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 15. Januar, 3)

Georg Jacob Friedrich Dallmann wurde am 17. Januar 1858 in der pommerschen Kreisstadt Cöslin geboren. Er besuchte das Gymnasium in Stollberg und lernte 1875 bis 1878 das Apothekerhandwerk zuerst im thüringischen Großbreitenbach, dann im oberpfälzischen Oberviechtach, ehe er schließlich eine eigene Apotheke in Gummersbach eröffnete (Deutsche Apotheker-Biographie, Ergänzungsbd. 1, Stuttgart 1986, 71). Über die Person ist relativ wenig bekannt (Georg Dallmann zum 125. Geburtstag, Deutsche Apotheker-Zeitung 123, 1983, 66-67), doch scheint in diesem Fall eine Binnensicht auf unternehmerische Entscheidungen auch nicht zwingend erforderlich. Person und Firma waren nämlich typisch für die Markt- und Markenpositionierungen, die sich nach der Etablierung des deutschen Produktionsregimes 1879/80 in vielen Branchen vollzogen und die bis in unsere Zeit reichen. Die Firma wurde im November 1901 in größere Produktionsstätten nach Schierstein verlegt, heute ein Stadtteil von Wiesbaden (Wilhelm Vershofen, Die Anfänge der chemisch-pharmazeutischen Industrie, Bd. 3: 1870-1914, Berlin et al. 1958, 58). Georg Dallmann war reichsweit bekannt, agierte als Vertreter des Vereins für pharmazeutische Großindustrie (Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 101). Er gehörte zu den führenden selbständigen pharmazeutischen Unternehmern in einer ansonsten durch Aktiengesellschaften und Manager geprägten Branche. Obwohl selbst approbierter Apotheker, lieferte er sich mit deren Standesvertretern harte, teils überharte Händel (Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 115). Dabei ging es um die für Dallmanns Firma zentrale Frage, ob Apotheken oder die Industrie die Standards im Arzneimittelmarkt setzen sollten (Jan Weckerth, Zwischen Arbeitsmarkt und Ausbildung: der Einfluss der Verbände, in: Volker Müller-Benedict (Hg.), Der Prozess der fachlichen Differenzierung an Hochschulen. Die Entwicklung am Beispiel von Chemie, Pharmazie und Biologie 1890-2000, Wiesbaden 2014, 87-178, insb. 102-103). Notizen zu seinem 70. Geburtstag finden sich in der überregionalen Presse, doch handelte es sich lediglich um karge Notate (Illustrirte Zeitung 1928, 156). Ähnliches gilt für seinen 75. Geburtstag, gefeiert in „geistiger und körperlicher Frische“ (Georg Dallmann, 75 Jahre, Badische Presse 1933, Nr. 5. v. 4. Januar, 5). Sein Tod wurde vermeldet, Nachrufe in überregionalen Zeitungen konnte ich jedoch nicht finden (Deutsche Apotheker-Zeitung 55, 1940, 370). Die Firma wurde länger vor und nach dem Tod des Patriarchen in einem recht typischen Familienverbund geführt, häutete sich jedoch. Es blieben die 1959 eingeführten Salbei-Bonbons, nicht aber eine selbständig geführte Firma.

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Werbung für pharmazeutische Handverkaufsartikel 1891 (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 32, 1891, 246)

Die Fabrik chemisch-pharmaceutischer Präparate Dallmann & Co. wurde 1889 als offene Handelsgesellschaft gegründet. In den Werbeanzeigen trat sie erst ab 1890 hervor. Festzuhalten ist, dass es sich bei der Neugründung nicht um eine der im Geheimmittelmarkt vielfach üblichen Firmen für den Absatz des einen, des vermeintlichen heilbringenden Produktes handelte. Die später so zentralen Kola-Pastillen waren von Beginn an ein wichtiger Umsatzträger der Fabrik, in der pharmazeutischen Werbung traten sie jedoch gegenüber anderen Präparaten zurück.

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Zentrum der pharmazeutischen Werbung: Dallmanns Tamarindenessenz (Rundschau für die Interessen der Pharmazie, Chemie, Hygiene und der verwandten Fächer 20, 1894, 163)

Im Vordergrund stand stattdessen Dallmanns Tamarindenessenz, ein Abführmittel aus verarbeiteter Tamarinde, der indischen Dattel. Dieses Kolonialprodukt wurde vergoren, lange in großen Gebinden gelagert und häufig abgezogen (G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1905, 518). Das Produkt unterschied sich deutlich von den gängigen, in Apotheken zubereiteten Tamarindenessenzen. Konkurrierende Produzenten hatten jedoch schon zuvor ähnliche Zubereitungen auf den Markt gebracht, etwa das Kanoldtsche Tamar Indien aus Gotha (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 29, 1889, 87). Dallmann bewarb sein Produkt relativ aggressiv, setzte auf Anzeigen in Tageszeitungen und Fachzeitschriften, Werbezettel, die Präsenz bei Ausstellungen und Fachkongressen, eine feste 30-prozentige Handelsspanne sowie redaktionelle Werbung: „Das Dallmann’sche Präparat besitzt einen angenehmen, erfrischenden Geschmack, der Jedem behagt und durch den es sich neben seiner prompten Wirkung vor anderen Purgirmitteln auszeichnet“ (Pharmaceutische Post 27, 1894, 83). Die Essenz wurde insbesondere für Kinder und Wöchnerinnen empfohlen, da die Wirkung sanft, ohne Schmerzen erfolgte und zudem von „lieblichem Wohlgeschmack“ (Wiener Medizinische Wochenschrift 46, 1896, 39) sei. Die Werbezettel präsentierten auf Ausstellungen gewonnene Medaillen und listeten Empfehlungsschreiben auf (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, n. 458; Süddeutsche Apotheker-Zeitung 35, 1895, Nr. 98 v. 6. Dezember, Beilage). Das war eigentlich der Tenor der Geheimmittelwerbung der „Kurpfuscher“, gegen die promovierte Mediziner und Apotheker seit den späten 1860er Jahren relativ erfolglos agitierten. Dallmann erntete mit einigen seiner Anzeigen schlicht Spott, manchen schien dessen zornige Verdammung von Konkurrenzprodukten einzig „hochkomisch“ (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreiche Sachsen 55, 1893, 55). Gleichwohl etablierte sich die Tamarindenessenz relativ rasch und blieb ein langfristig erfolgreiches Produkt.

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Neuheiten im Umfeld des Apothekerhandwerks: Werbung für Dallmanns Pepsinsaft nach ersten kritischen Stellungnahmen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 34, 1894, 48)

Mit ähnlichen Mitteln verlief 1893 die Markteinführung eines konzentriertes Pepsin-Saftes, der als Mittel gegen Verdauungsbeschwerden vermarktet wurde. Auch hier gab es zahlreiche Vorgänger, die in diesem Falle ihre Marktstellung allerdings behaupten konnten. Der Dallmannsche Pepsin-Saft war kein wirklicher Erfolg, seine Produktion wurde nach einigen Jahren wieder aufgegeben. Das Beispiel hilft jedoch, die unternehmerische Logik hinter diesen Heilmitteln zu verstehen. Pharmazeutische Firmen entwickelten Spezialitäten, pumpten sie mittels massiver Werbung in einen grundsätzlich aufnahmefähigen und strukturell wachsenden Markt – und warteten dann auf die Marktresonanz. Misserfolge wurden rasch zurückgezogen, sich gut verkaufende Waren dagegen weiter offensiv beworben. Der Markt war der Richtplatz für Innovationen.

Entsprechend war und blieb Dallmann & Co. eine Präparateschmiede. Nur geringen Erfolg hatte beispielsweise der 1897 eingeführte Dr. Schmeysche Peru-Cognac, eine scharf schmeckende, durch Zimtsäure abgerundete Mixtur von Perubalsam mit Kognak. Als „Perco“ stand sie für den Wandel hin zum individuellen Markenprodukt, doch die als Mittel gegen Lungentuberkulose positionierte Spirituose konnte die medizinischen Erwartungen nicht erfüllen (Zeitschrift des allgem. oesterreich. Apotheker-Vereines 52, 1898, 57; Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 40, 1899, 61, 140; Ebd. 42, 1901, 4-5). Erfolgreich waren später dagegen das 1925 eingeführte Vitamin- und Mineralstoffpräparate Eligol (Jahresbericht der Pharmazie 60, 1925, 290; Chemisches Zentralblatt 96, 1925, 213), der kosmetische Artikel Pergo oder aber das seit 1933 angebotene Munddesinfektionsmittel Ringulein, ein in Ringform angebotenes Antiseptikum mit Pfefferminz- bzw. Fenchelgeschmack (Pharmazeutische Monatshefte 15, 1934, 245), das nicht zuletzt gegen Grippe helfen sollte.

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Kontinuierliche Produktion marktgängiger Präparate: Ringulein-Tabletten 1933 (Deutsche Apotheker-Zeitung 48, 1933, Nr. 82)

Die Forschungsintensität der zu Unrecht auf die Kola-Pastillen reduzierten Firma Dallmann unterstrich auch die Vermarktung des chinasauren Harnstoffes Urol (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 42, 1901, 651; Ueber Urol, Ebd., 688-689). Dieses Mittel gegen Gicht, Harn- und Nierengries wurde nicht allein in europäischen Staaten, sondern auch in den USA angeboten. Für die Vermarktung des Ende 1901 in den USA patentierten Präparats gründete Dallmann gemeinsam mit dem Pharmazeuten Otto Schütz eine eigene Gesellschaft (Journal of the Society of Chemical Industry 23, 1904, 100).

Bevor wir zum späteren Kernprodukt der Firma, Kola-Dallmann, übergehen, noch einige Hinweise zum Geschäftsgebaren Dallmanns. Während die angebotenen pharmazeutischen Präparate über den engen Raum der Einzelapotheke hinauswiesen und die Werbung eine der Ehrsamkeit der tradierten Apothekerschaft kaum entsprechende Rührigkeit entfaltete, blieb die Absatzgestaltung überraschend traditionell. Die Präparate waren preisgebunden, gewährten Produzent und Händlern einen soliden, tendenziell über dem Marktdurchschnitt liegenden Nutzen. Dallmann reihte sich in die tradierte Absatzkette Produzent, Großhandel und Apotheke (ab 1897 auch Drogerie) verlässlich ein, versuchte kaum, die Absatzwege zu verkürzen. Bestellungen von Letztkonsumenten wurden angenommen, doch der Absatz durch Apotheken und Drogerien dominierte klar. Noch während der Weltwirtschaftskrise 1932 betonte die Firma, dass Geschäftskunden nicht befürchten müssten, auf den Firmenpräparaten sitzen zu bleiben, da man einerseits dauernd Reklame machen, anderseits „nur den Fachhandel“ (Deutsche Apotheker-Zeitung 47, 1932, 694) beliefern würde. Der direkte Absatz an Konsumenten entsprach nicht dem Wirtschaftsmodell des Georg Dallmann, obwohl die Zahl der Versandapotheken seit den späten 1890er Jahren rasch zunahm.

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Die erste Schutzmarke der Firma Dallmann (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, n. 458)

Wenig innovativ, ja halbherzig, blieb auch der Warenschutz. Die ersten Präparate wurden noch als individuelle Artikel Georg Dallmanns angepriesen. Doch Dallmanns Präparate waren weder als eigene Wortmarken eingetragen, noch gab es eine spezielle Schutzmarke. Das änderte sich nach dem Warenzeichengesetz vom Mai 1894, das zur Eintragung einer allgemeinen Schutzmarke für alle Präparate führte. Es folgten die damals üblichen öffentlichen Warnungen, Anzeigen also, die Konkurrenten vor Nachahmungen abschrecken und Konsumenten auf die besondere Qualität der Produkte hinweisen sollten (für die Tamarindenessenz s. Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, 84). Es überrascht allerdings, dass Warenzeichen für einzelne Produkte erst ab 1912 eingetragen wurden. Das betraf Tamess, die umbenannte Dallmansche Tamarinden-Essenz, vor allem aber Kola-Dallmann (Deutsche Apotheker-Zeitung 27, 1912, 560). Wohl als Folge des intensivierten Wettbewerbs bei Anregungsmitteln, zumal der beträchtlichen werblichen Präsenz des in Berlin produzierten Kola-Dultz, ließ Dallmann die Warenzeichen Dallkolat, Kola-Dallmann und Dallmanns Kola-Pastillen schützen (Zentralblatt der gesamten Arzneimittelkunde 1, 1912/13, 203). Die Stärke des noch nicht geschützten, gleichwohl aber schon zuvor verwendeten Begriffs Kola-Dallmann führte jedoch dazu, dass die Versuche des Markentransfers von Kola-Dallmann auf Dallkolat letztlich scheiterten. Bis Mitte der 1920er Jahre wurden die Kola-Pastillen doppelt bezeichnet, Kola-Dallmann und Dallkolat erschienen in den Anzeigen Seit an Seit. Kola-Dallmann war jedenfalls schon vor dem Ersten Weltkrieg ein etablierter Alltagsbegriff geworden, Wegbegleiter und Wegbereiter des Alltagsdopings.

Von den Kola-Pastillen zum Markenartikel Kola-Dallmann

Dallmanns Kola-Pastillen waren eine marktkonforme Materialisierung des deutschen Kolonialismus. Konkret: Einerseits handelte es sich dabei um ein „veredeltes“, gleichsam zivilisiertes Produkt der deutschen Herrschaft in Kamerun (allgemein hierzu Albert Gouaffo, Wissens- und Kulturtransfer im kolonialen Kontext. Das Beispiel Kamerun – Deutschland (1884-1919), Würzburg 2007). Anderseits stand die alltägliche Nutzung von Kola-Produkten in den Ländern der Kolonialmächte für deren massiven Ausgriff auf die naturalen Ressourcen der unterworfenen Länder. Bevor wir uns mit den Dallmannschen Kola-Pastillen direkt befassen, müssen wir daher die Kolanuss etwas genauer in den Blick nehmen.

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Naturkundliche Erfassung der kolonialen Kolanuss (Prometheus 9, 1898, 483)

Bei der Kolanuss handelte es sich um ein in Zentralafrika für westliche Märkte erst gesammeltes, dann auch gezielt angebautes Kolonialprodukt. Der Samenkern war kastaniengroß und bildete getrocknet eine harte Masse, außen braun, innen weiß bis rosenrot. Die Kolanuss gewann ihren Wert für die Kolonialherren durch ihren Stoffgehalt: Etwa 2 bis 2,5 % Koffein, Gerbsäure, den Kakaowirkstoff Theobromin sowie den Farbstoff Kolarot (Paul Zipperer, Kakao und Schokolade, in: Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, Bd. 4, 9. Aufl., Leipzig 1897, 699-708, hier 707). Die Nuss schmeckte sehr bitter, musste also bearbeitet werden, um Konsumgut zu werden. Üblich wurden verschiedene Röstverfahren, ebenso die Behandlung mit Alkalien bzw. schwachen Säuren, etwa dem als Haarbleichmittel schon damals bekannten Wasserstoffperoxid. Die fertige Masse mischte man dann zumeist mit Kakao, Zucker und „Korrigenzien“, um Wirkung, Nährwert und insbesondere den Geschmack zu heben. Sie wurde seit den 1880er Jahren zuerst in Apotheken zu diversen Tinkturen, Extrakten und Essenzen weiterverarbeitet, häufig auch mit Alkohol vermengt. Am Ende stand ein Heilmittel gegen Herzbeschwerden, Nervenstörungen oder aber die Seekrankheit.

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Kurzlebiges Konkurrenzprodukt: J. Henschels Kola-Bitter (Berliner Volksblatt 1890, Nr. 197 v. 26. August, 4)

Doch die Kolanuss bot mehr: „Der Kolagenuss, der mit geringen Mengen – man rechnet 40 g auf Person und Tag – zu befriedigen ist, gestattet den Negern überdies, im Nothfall mit sehr geringen Mengen an Nahrungsmitteln auszukommen und Perioden des Hungers ohne augenblickliche Erschöpfung zu überwinden. Aber er macht die Leute ausserdem heiter, wander- und arbeitslustig“ (Carus Sterne, Die Kolanuss, Prometheus 9, 1898, 465-467, 481-485, hier 466). Kola stand damit in einer Reihe mit anderen, öffentlich diskutierten „Volksnahrungsmitteln“, etwa der lateinamerikanischen Koka bzw. Mate. Deren Einfuhr und Konsum schien bürgerlichen Reformer ein möglicher Beitrag zur Lösung der sozialen Frage, also der Integration der städtischen und ländlichen Arbeiter in die bürgerliche Gesellschaft. Hoffnungsfroh hieß es beispielsweise in Bayern: „Kola-Chokolade ist so stark, daß ein Arbeiter mit einer als Frühstück genossenen Tasse voll ohne alles andere den ganzen Tag arbeiten kann, ohne zu ermüden“ (Die Kolanuß, Rosenheimer Anzeiger 1888, Nr. 49 v. 29. Februar, 4). Wichtig war zudem die vor allem von französischen Entdeckungsreisenden und Medizinern propagierte Verbesserung von Marschleistungen (Edouard Heckel, Les Kolas Africains, Paris 1893). Kola schien eine Alternative zum beim Militär noch gängigen Alkohol bzw. dem Tabak zu sein, eine sanftere Droge für das gemeine Volk (B[ernhard] Schuchardt, Die Kola-Nuss, Correspondenz-Blätter des Allgemeinen ärztlichen Vereins von Thüringen 19, 1890, 293-317; F.E. Steward (Hg.), An Illustrated Monograph of Kola, Detroit 1894). Kola war preiswerter als Kaffee, reizte nicht auf, überdeckte die Müdigkeit. Es war damit ein perfekter Grundstoff für Produktentwicklungen. Während sich Kola in den USA und dann auch anderen westlichen Ländern über Getränke einbürgerte, gab es jedoch einen deutschen Sonderweg: Hier verschwanden die frühen Kolagetränke wieder rasch, während Pastillen, seltener auch Schokoladen, den Markt prägten. Was Coca-Cola für die USA, waren Kola-Pastillen für den deutschsprachigen Raum.

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Angebote des Hauptkonkurrenten Dallmanns, der Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft (Über Land und Meer 81, 1898-99, Nr. 5 (l.); Gordian 3, 1897/98, 1091)

Die medizinische und pharmazeutische Forschung konnte gewiss kein verlässliches Stoff- und Wirkungsprofil der Kolanuss erstellen, vielfach auch aufgrund der steten Vermischung wissenschaftlicher und kommerzieller Interessen. Der Schöneberger Nervenarzt Kurt Ollendorf resümierte kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedoch vier allgemein akzeptierte Wirkungen: „1. auf das Zentralnervensystem. Die geistigen Fähigkeiten werden angeregt, das Ermüdungsgefühl verscheucht. Die Respiration wird ausgiebiger und vertieft. 2. auf das Zirkulationssystem. Die Herztätigkeit wird angeregt, der Blutdruck und die Diurese wird gesteigert […]. 3. auf die Muskeln. Die Muskelermüdbarkeit wird teilweise aufgehoben, die Arbeitsleistung gesteigert, ein Faktum, welches Bergsteigern und Sportsleuten seit langem bekannt ist. 4. auf die allgemeine Ernährung. Kola ist ein eminentes Sparmittel, indem es den Stoffwechsel des Körpers verlangsamt. Die Stickstoffausscheidung wird verzögert“ (Kola als Heilmittel, Allgemeine Medizinische Central-Zeitung 81, 1912, 446-447, hier 447). Kola besaß damit ein für unterschiedliche Zielgruppen attraktives Wirkstoffspektrum, war offen für Neupositionierungen. Georg Dallmann bewarb seine Kolapräparate anfangs allerdings als Medikamente.

Seine Fabrik chemisch-pharmazeutischer Präparate Dallmann & Co. wurde 1889 im oberbergischen Gummersbach gegründet. Sie diente der Vermarktung schon zuvor bestehender Produkte der Apothekenpraxis, darunter auch die schon 1888 beworbenen Kola-Pastillen und ein wohl ebenfalls zuvor angebotener Kola-Wein.

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Vermarktung vor der Firmengründung (Allgemeine Zeitung 1888, Nr. 335 v. 2. Dezember, 4944)

Diese Anzeige in der Münchener Allgemeinen Zeitung verweist auf eine damals gängige, sich aus dem lokalen Apothekengeschäft entwickelnde Absatzstruktur: Größere Apotheken wurden für den Handverkauf beliefert, Großhandelsdepots für die Versorgung von weiteren Apotheken und auch Drogenhandlungen eingerichtet. Die Firmengründung bot ab 1889 einen industrielleren Rahmen für die Vermarktung – damals Ausdruck von Fortschritt und Professionalität. Sie erfolgte einerseits in den bewährten Formen des Spezialitätenabsatzes der Apotheken. Das bedeutete Anzeigen in einschlägigen pharmazeutischen Fachzeitschriften, umfasste aber auch ausführlichere Produktprospekte. Sie wurden beigelegt, bei späteren Bindungen meist entfernt. Für die Dallmannschen Kola-Pastillen ist ein doppelseitig bedruckter Werbezettel allerdings erhalten geblieben (Altonaer Nachrichten 1890, Nr. 181 v. 5. August, nach 6). Das Produkt erschien darin als Resultat europäischen Entdecker- und Forschungsfreude: Es stammte aus den westafrikanischen Kolonien des Deutschen Reiches, griff die Alltagsverwendung der einheimischen Bevölkerung auf, transferierte sie in handhabbare und standardisierte Pastillen, wendete sie jedoch auf europäische Problemlagen an. Es folgten die obligaten Empfehlungsschreiben renommierter Doktoren und begeisterter Kunden. Dallmanns Präparate standen im breiten Grenzfeld von Geheim- und Arzneimittel, von Nahrungsergänzung und Pharmakon. Im pharmazeutischen Werbekontext wurden die Kola-Pastillen allerdings nicht nur einzeln, sondern zumeist als Teil des Dallmannschen Gesamtangebotes vermarktet.

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Ein Kolonialprodukt leistet Hilfe im Alltag (Dresdner Nachrichten 1889, Nr. 75 v. 16. März, 4)

Auch in den Publikumszeitungen wurden die Kola-Pastillen als Arzneimittel präsentiert, dienten also noch keinem Alltagsdoping. Das Werbeversprechen war konkreter: Hilfe gegen Kopfschmerzen und Migräne, bei überbürdender Zecherei und allgemeiner Überarbeitung. Dallmann entsprach damit Nutzenerwartungen, mit der Kolanüsse schon Mitte der 1880er Jahren einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurden (Neues Mittel gegen den Katzenjammer, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 296 v. 18. Dezember, 3). Nicht einzelne Gruppen, sondern potenziell alle Konsumenten wurden mit derartigen Anzeigen angesprochen; vorausgesetzt, sie konnten die eine Mark für die Schachtel bezahlen. Ein Facharbeiter verdiente damals ca. 1.000 bis 1.200 Mark – pro Jahr. Die Kundschaft war daher sozial eng begrenzt, doch das galt für die Mehrzahl der damaligen Medikamente.

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Kola gegen Migräne, Kopfschmerzen und Kater (Allgemeine Zeitung 1891, Nr. 149 v. 31. Mai, 4)

Dallmann nutzte von Beginn an neben der Fachpresse auch Tageszeitungen für die Werbung. Er war von Beginn an exportorientiert, einschlägige Anzeigen erschienen seit 1889 im europäischen Ausland. Die deutsche pharmazeutische Industrie hatte zu dieser Zeit bereits eine weltweit führende Stellung, die durch die fast durchweg exportorientierten Unternehmen systematisch weiter ausgebaut wurde (Otto N. Witt, Die chemische Industrie des Deutschen Reiches im Beginne des 20. Jahrhunderts, Berlin 1902, 155-160).

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Konstitutive Exportorientierung (La Suisse Liberale 1889, Nr. 133 v. 8. Juni, 4 (l.); Prager Tagblatt 1889, Nr. 293 v. 23. Oktober, 20)

Das Produkt war für nationale und internationale Märkte bestens geeignet: Eine Spezialität für solvente Bürger, in „Schachteln“, Blechdosen verstaut, gut zu versenden, lange zu lagern. Ein standardisiertes Präparat, gewerblich hergestellt, wohl unter Einsatz der damals üblichen Tablettenformmaschinen. Diese aber dürften noch manuell bedient worden sein, hinzu kamen die arbeitsaufwendige Verpackung und der Versand. Die Kola-Pastillen waren keine Frischware, sondern eine abstrakte Ware für einen abstrakten Markt. Ihr Nutzen war anfangs recht klar umschrieben, zielte auf die Beseitigung einfacher gesundheitlicher Beeinträchtigungen.

Gleichwohl waren die Resultate all dieser Bemühungen überschaubar. Es gelang, die Kola-Pastillen einzuführen, während der seit 1892 beworbene Kola-Nusslikör offenbar den Erwartungen nicht entsprach und rasch zurückgezogen wurde (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 33, 1893, 19). Der Kola-Wein blieb länger im Angebot, verschwand jedoch Mitte der 1890er Jahre. Hinzu kam der Verlust von Auslandsmärkten. In der Schweiz konnten sich die Kola-Pastillen schon in den späten 1880er Jahren nicht durchsetzen, der russische Markt wurde für das „Geheimmittel“ 1898 gesperrt (Archiv für Gesetzgebung und Statistik 50, 1898, 507).

Führt man sich dies vor Augen, so lösen sich spätere PR-Legenden von Georg Dallmann und „seinem“ Präparat in Luft auf (50 Jahre Kola-Dallmann, Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, 412). Dallmanns Kolapräparate waren einige unter vielen. Sie entsprachen den Erwartungen einer international wie national geführten Diskussion in Wissenschaft und Öffentlichkeit und wurden mit einer durchaus konventionellen Produktionstechnik hergestellt. Dallmanns Werbung war breit angelegt, doch die des Marktführers, der Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft, konnte sich damit sicherlich messen. Sie produzierte ihre Kolaprodukte zudem in Lizenz des wesentlich bekannteren Ludwig Bernegaus (1860-1923), eines in Wissenschaft, Militär und Kolonialverwaltung bestens vernetzten Pharmazeuten, der später auch das Monopol für den Kolaimport aus Kamerun erhielt (André Schön und Christoph Friedrich, Zu Leben und Wirken des Apothekers und Nahrungsmittelchemikers Ludwig Bernegau, Geschichte der Pharmazie 67, 2015, hier 32-34). Der Kolonialpropagandist erprobte Mitte der 1890er Jahre zahllose Verwendungsmöglichkeiten der Kolanuss, bis hin zum Futtermittel (L[udwig] Bernegau, Die Bedeutung der Kola-Nuss als Beifutterstoff, Altona 1897). Die Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft machte zudem deutliche Schritte hin zu einer Neupositionierung der Kolapräparate, wurden sie doch nicht nur allgemein beworben, sondern auch gezielt für die „Sport-, Reise-, Bade- und Manöver-Saison“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, Nr. 14, VI). Dallmann ging diesen Weg mit – und überholte schließlich die Konkurrenz.

Der lange Weg zur Zielgruppensegmentierung

Zielgruppensegmentierung war Bestandteil unternehmerischer Praxis lange bevor die damals entstehende Betriebswirtschaftslehre das Konzept ausformulierte und zu einer universell anwendbaren Technik verdichtete. Ihrer Etablierung ging ein doppelter Lernprozess voraus: Auf Seiten der Konsumenten galt es Gruppenzusammenhänge und damit verbundene Konsumbedürfnisse zu realisieren, die abseits tradierter Modelle von nach Ständen oder Klassen unterscheidbarer Personen bestanden. Auf Seiten der Unternehmer mussten diese Veränderungen ebenfalls wahrgenommen und dann hervorgehoben und verstärkt werden. Zielgruppendefinitionen erlaubten passgenaue Ansprache, passgenaue Produkte und damit letztlich höhere Wertschöpfung. Gesamtgesellschaftlich bedeutete dies soziale Schließung und Mobilitätschance zugleich. Konsumgüter hatten nicht mehr primär einen direkten Nutzen – etwa die Wirksamkeit eines Medikamentes –, sondern vermehrt auch einen Zusatznutzen, den der sozialen Zugehörigkeit und der Abgrenzung von Nichtkonsumenten. Das konnte wirtschaftlich genutzt werden.

Blicken wir dazu auf einige Anzeigen der Dallmannschen Kola-Pastillen, bevor diese zum Markenartikel Kola-Dallmann resp. Dallkolat mutierten. In einer redaktionellen Werbung hatte es 1889 etwa geheißen: „Das Gefühl von Müdigkeit, Schlappheit, welches sich besonders nach körperlicher Ueberanstrengung, wie z.B. auf Märschen, beim Bergklettern u.s.w. einzustellen pflegt, wird durch den Gebrauch einiger Cola-Pastillen beseitigt. Dem durch den Genuss geistiger Getränke, Aufenthalt in Rauchluft etc. entstehenden Kopfschmerz beugt man durch eine Dosis von 3-6 Pastillen (am besten vor dem Schlafengehen genommen) vor“ (Kola, Der Fortschritt 5, 1889, 119). Dieses Angebot entsprach noch einem direkten Nutzen der Pastillen in einer bestimmten Situation des nicht näher beschriebenen Konsumenten.

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Übergang zum Anregungsmittel für klar abzugrenzende Gruppen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, Nr. 59 v. 23. Juli, 562)

Acht Jahre später war die Anzeige der Kola-Pastillen formal und zielgruppenbezogen deutlich verändert. Die Verpackung des Produkts diente als Blickfang, verband Werbebotschaft und den Kaufakt in der Apotheke. Die Schutzmarke des gewerblichen Produktes wurde integriert, auch wenn noch die Verbindung zum Apotheker Georg Dallmann handwerkliche Traditionen imaginierte. Festpreise für Deutschland, Frankreich, Österreich-Ungarn und Italien suggerierten internationales Renommee der Pastillen. Doch ihr sozialer Nutzen wurde nur ansatzweise klar. Reisen und Radtouren bildeten den denkbaren Anlass für den Kauf, die Zugehörigkeit zur Gruppe der Touristen bzw. Radfahrer wurde eigens hervorgehoben. Die Annonce quoll über von teils widersprüchlichen Elementen unterschiedlicher Marketingkonzepte. Freizeit und militärischer Dienst wurden vermengt, Offiziere und Touristen parallel angesprochen. Mann, Mann, Mann! Eine gewisse gesellschaftliche Exklusivität war offenkundig, denn nur wenige hatten damals Zeit und Geld für Reisen. Radfahren war jedoch ein nie exklusives bürgerliches Vergnügen, das durch die damals schon übliche Massenfabrikation von Fahrrädern zunehmend günstiger wurde, dem Angestellte und auch Facharbeiter frönen konnten. Die Werbung wurde verändert, blieb aber unausgegoren, halbherzig.

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Die Verbindung von Pastillen und sozialer Situation (Kladderadatsch 56, 1903, Nr. 39 v. 27. September, Beibl. 2, 1)

Sechs Jahre später finden wir in der Karikaturzeitschrift Kladderadatsch eine Reihe unterschiedlicher Werbeanzeigen, die im Folgejahr auch in Danzer’s Armee-Zeitung geschaltet wurde. Das erlaubte Variationen bei dennoch einheitlicher Werbebotschaft. Hierin war erstmals von der „Marke Dallmann“ die Rede (Kladderadatsch 56, 1903, Nr. 47 v. 22. November, Beibl. 2, 2), doch die meisten Annoncen vermengten nach wie vor unterschiedliche Nutzenprofile und Zielgruppen, verwandten dazu gar Sätze und Begrifflichkeiten aus Anzeigen und Werbezetteln der mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Einführungsphase. Offenkundig kombinierte die Reklameabteilung der Firma Wortelemente im sinnarmen Baukastenstil, reflektierte ihre Bedeutung nur ansatzweise. Auch wenn das heute noch die Antwortpraxis vieler „Servicecenter“ sein mag, so war dies doch bereits vor mehr einem Jahrhundert nicht mehr Stand erfolgreicher Reklamepraxis. Die obige Anzeige war allerdings anderer Art. Als Blickfang diente nun die konturenscharf dargestellte Verkaufsverpackung. An die Stelle des Apothekers Georg Dallmann war die Firma Dallmann & Co. getreten, die gewerbliche Herkunft wurde klar und selbstbewusst benannt. Recht klar war zudem die Fokussierung der Anzeige auf eine soziale Situation, auf bürgerliche Geselligkeit. Auch hier vermengte man abermals Freizeit und Arbeit. Doch eine gewisse Richtung wurde erkennbar.

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Markenbildung und situative Produktpräsentation (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3413, Beibl.)

Es dauerte allerdings nochmals sieben Jahre, bis die Firma sich auf der Höhe der „Werbekunst“ der damaligen Zeit befand. Zum einen wurde die Marke als solche betont. Rechtlich korrekt verwies man auf die Schutzmarke Dallmann & Co., doch verband man diesen Namen nun deutlich mit dem in Großbuchstaben gehaltenen Begriff KOLA (noch deutlicher in Fliegende Blätter 133, 1909, Nr. 3409, Beibl.). Als Blickfang diente nun aber eine soziale Situation, in der ein vorheriger Konsum der Pastillen angeraten sinnvoll erschien. Der Blick wurde auf die Breite menschlicher Strapazen gelenkt, der medizinische Hintergrund war demnach noch präsent. Der Mensch war Mängelwesen, doch Abhilfe durch die Ware möglich. Mit dem Rückbezug auf körperliche Anstrengungen koppelte der unbekannte Werbetexter Lebensbezüge, löste diese mit dem Bild der jungen Skifahrerin jedoch sportlich-dynamisch auf. Der Mensch bewährte sich in den angezeigten Situation, er konnte sich behaupten, konnte dazu zur Pastille greifen. Noch aber handelte es sich nicht wirklich um Alltagsdoping, denn Strapazen standen nicht im Mittelpunkt der Lebenswelt der konsumtiven Klassen. Dazu wurde die hier angedeutete Werbekampagne 1911 ausgeweitet und dann 1912 in eine neue Werbeform überführt. Dies war jedoch keineswegs Ausfluss einsamer Ratschlüsse in Schierstein, sondern Ausdruck veränderter Marktverhältnisse einerseits, der steten öffentlich Diskussion über Doping anderseits.

Alltagsdoping und Sportdoping

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Die Werbeaufgabe vor Augen geführt: Präsentiere ein Massenprodukt, als wäre es für individuelle Käufer gemacht (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 8, 1912, Nr. 46 v. 9. November, 15)

Alltagsdoping ist der Schlüsselbegriff, um den Erfolg der Dallmannschen Kola-Pastillen zu verstehen. Dies gilt nicht metaphorisch, denn dieses Alltagsdoping gründete auf dem Umgang mit dem sich um 1900 rasch etablierenden Sportdoping. Der Begriff Doping ist ein Lehnwort aus dem US-Amerikanischen, fand sich in Kontinentaleuropa als Beipack der frühen Erfolge amerikanischer Reitställe, Jockeys und Trainer. Gerüchte machten um 1900 die Runde, vor Augen standen mit Kokain und Strychnin vollgepumpte Pferde. In Österreich, dann auch in Ungarn erließen die Jockeyclubs daraufhin Maßregeln gegen die „Anwendung von Droguen, subcutanen Einspritzungen oder Geheimmitteln irgend welcher Art“. Doping war damals „die aus Amerika importirte Anwendung von stimulirenden oder niederschlagenden Mitteln bei Rennpferden“ (Das Doping, Illustrierte Sport-Zeitung 9, 1902, Nr. v. 2. Dezember, 1310). Beim Austria-Preis 1901 wurden die damit verbundenen Probleme deutlich. Rennpferd Edgardo wurde disqualifiziert, doch der Dopingnachweis konnte nicht geführt werden (Die Edgardo-Affaire, Illustrierte Sport-Zeitung 8, 1901, Nr. 44, 2-4). Die Verabreichung leistungssteigernder Mittel bedurfte eines Kontrollregimes und veterinärmedizinischer Expertise – und diese fehlten. Entsprechend änderte sich mit der raschen Ausweitung einschlägiger Maßregeln in den USA (Doping, Pester Lloyd 1902, Nr. 306 v. 24. Dezember, 9), dann auch in Frankreich, Russland, England und Deutschland (Gegen das Doping, Allgemeine Sport-Zeitung 24, 1903, Nr. 88 v. 4. Oktober, 1281) wenig; zumal weiterhin behauptet wurde, dass die gängigen Stimulantien nicht wirksam seien (Das „Doping“ des Rennpferdes, Illustrierte Sport-Zeitung 11, 1902, Nr. 1 v. 5. Januar, 2-3).

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Wettkampf der Radrennfahrer im Berliner Olympia-Park – ein Zuschauer- und Dopingspektakel (Sport im Bild 19, 1913, 514)

Die Diskussionen am Turf führten zu ähnlichen Diskussionen über Doping bei Menschen. Der Tod des walisischen Radrennfahrers Arthur Linton (1868-1896) markierte einen gewissen Startpunkt. Stimulantien waren zur Jahrhundertwende vor allem im professionellen Kraft- und im Radsport weit verbreitet: „Die bekanntesten dieser Mittel sind (abgesehen von den Alkoholika, wie Sherry, Cognac, Champagner etc.) Kolawein, Arsenik, Strychnin, Coffein, Blaustift u.s.w.“ (Maxime Lurion, Das Doping des Radfahrers, Neues Wiener Tagblatt 1900, Nr. 333 v. 4. Dezember, 39-40, hier 39). Kola war dabei ein wichtiges Stichwort. Denn bei aller Verdammung der fast durchweg gesundheitsgefährdenden Stimulantien durch Ärzte galt damals: „Das einzige Mittel, welches vom ärztlichen und praktischen Standpunkt aus empfohlen werden könnte, ist Kola“ (Ernst Schultze, Über Doping, Radfahrer-Rundschau 5, 1901, Nr. 23 v. 1. Dezember, 5). Kola wurde zwar als Dopingmittel benannt, profitierte davon aber als ein zur Wettkampfvorbereitung durchaus empfehlenswertes Mittel.

In Danzer’s Armee-Zeitung, in der Dallmann seit 1900 sein Kola-Pastillen bewarb, hieß es über Kolapräparate: „Ihr Werth besteht darin, daß sie bei Ermüdung oder Erschöpfung oder ähnlichen auf Abnahme der Muskel- oder Herzkraft beruhenden Verhältnissen anregend wirken. Zu dem Zweck aber, sie zu einer bevorstehenden schwereren Körperleistung zu gebrauchen, möchte ich sie nicht empfehlen. Es sind Erholungsmittel – unter gewissen Umständen – aber keine Stärkungsmittel“ (Wilhelm Mitlacher, Das Wesen des „Doping“ im Sport, Danzer’s Armee-Zeitung 6, 1901, Nr. 3 v. 17. Januar, 15-16, Nr. 4 v. 24. Januar, 15-16, hier Nr. 4 15-16). Dies führte zu einer gespaltenen Diskussion: Während Kokain, Arsen und Strychnin durchweg abgelehnt wurden, schien Kola akzeptabel zu sein (Ueber das Doping, Neues Wiener Tagblatt 1901, Nr. 235 v. 28. August, 28). Das galt zumal in den Folgejahren, als sich die moralische Empörung zunehmend legte: „Heute denkt man über das Doping anders, anerkennt seinen Wert innerhalb gewisser Grenzen und nimmt bloß Stellung gegen die übertriebene Anwendung“ (Doping, Neues Wiener Tagblatt 1905, Nr. 355 v. 24. Dezember, 42-43, hier 42). Das galt auch für den immer größere Kreise ziehenden Motorsport sowie den sich nun institutionalisierenden Fußball. Dallmann griff diese Debatten unmittelbar auf, etwa in einer redaktionellen Werbung: „Eine animierte, heitere Gesellschaft wird sich auch für die Zukunft nicht gut ohne ein Glas Wein oder Bier denken lassen, aber bei dem Sport, dem ernsten Sportbetrieb, wo es darauf ankommt, eine lange Zeit hindurch, vielleicht den ganzen Tag, leistungsfähig zu bleiben und den heranstürmenden Ereignissen ruhig und mit klarem Kopf entgegenzutreten, da greift der moderne Sportsmann nicht mehr zu dem Alkohol, sondern zu einem anderen Anregungsmittel, das zwar nicht so augenblicklich wie das erstere das Kraftgefühl, die Stimmung und den Wagemut (bis zur Verwegenheit) aufstachelt, sondern, langsam beginnend, dann aber anhaltend und ohne darauffolgende Erschlaffung, dem Körper eine zähe Ausdauer und Energie verleiht, die Lebensfreude und Genussfähigkeit wach erhält und ihn in den Stand setzt, große Strapazen mit Leichtigkeit zu ertragen“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 34, 9-10).

Hinzu kam, dass das Kokettieren mit dem Unerlaubten, das Unterlaufen von Kontrollen vielfach als eine eigene Art des Sports verstanden wurde. Die Bedenkenträger wurden verspottet: Paradigmatisch dafür war das medizinische Präparat „Doping“, eine Mischung aus Strychnin, Koffein und Kokain, das Pferden 40 Minuten vor dem Rennen in einer ausgehöhlten Rübe verabreicht werden sollte, um bessere Leistungen zu erzielen (Pharmazeutische Praxis 3, 1904, 420). Dopingfälle und damit verbundene Skandale gab es viele, doch vor Gericht konnten die Vergehen mangels eindeutiger Nachweise zumeist nicht eindeutig nachgewiesen werden. Die Folge war ein gewisser Überdruss am „Doping-Rummel“ (Freudenauer Oktobermeeting, Neues Wiener Tagblatt 1911, Nr. 292 v. 23. Oktober, 12). Ein bisschen Nachhelfen, das war doch normal…

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Aufschwung der Sportmedizin und der Psychotechnik: Ein Ergograph zur Messung der Muskelkraft (Max Willner, Sportwissenschaftliche Messungen beim Training, Sport im Bild 20, 1914, 326-328, 330, hier 328)

Die Dopingdebatte wies weit über die allgemeine Akzeptanz von Kolapräparaten als relativ unschädliches Stimulanzmittel hinaus. Sie war Schrittmacher für die Professionalisierung der Sportmedizin, deren Messtechniken wirksame Kontrollen etwa bei den geplanten olympischen Spielen in Berlin 1916 ermöglichen sollten. Sie war Teil einer in immer mehr Lebensbereiche eindringenden Biopolitik, bei der es um die Kontrolle und die Leistungssteigerung der Arbeit ging. Der Wettbewerb zwischen Firmen und Menschen, ebenso der seit den 1890er Jahren massiv aufkommende professionelle Sport führten zu einer ebenso massiven Nachfrage nach Ratgebern, Coaching- und Trainingsverfahren, um sich in Alltag und Freizeit erfolgreich behaupten zu können. Kola-Dallmann griff all diese hier Entwicklungen auf – und wurde zu einem hierfür passgenauen Angebot, zur Grundlage erlaubten und gesundheitlich unschädlichen Alltagsdopings.

Auf dem Weg zum Alltagsbegleiter

Die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg war in vielem der unseren ähnlich. Die rechtlichen Liberalisierungen im langen 20. Jahrhundert führten zu neuen Freiräumen im Leben der Mehrzahl, vor allem aber im Bürgertum und der neuen urbanen Mittelschicht. Die Arbeitszeiten waren noch lang, die Durchschnittseinkommen deutlich niedriger als heute. Doch neben den freien Sonntag traten Teile des Samstags, die Reallöhne stiegen. Das waren die Wohltaten eines kapitalistischen Systems, das zwar massive soziale Ungleichheiten produzierte, das aber die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten verbessern half. Der Preis hierfür war jedoch ein vermehrter Alltagsdruck im allseits präsenten und diskutierten Kampf um das Dasein, im Wettbewerb mit Unbekannten und seinem beruflich-sozialen Umfeld. Freizeit entstand, war jedoch von der Arbeitswelt nicht geschieden, war vielfach Repräsentationskultur. Nervosität und Angespanntheit wurden beklagt, Ruhe und Erholung ersehnt. Lebensreform und Wanderbewegung profitierten hiervon.

All dies waren Treibsätze für die dynamischen Fortentwicklung der Konsumgesellschaft, denn alle diese Herausforderungen führten zu neuen Konsumpraktiken, zu neuen Konsumgütern. Produkte und Dienstleistungen erlaubten den Einstieg in all das Neue, zugleich aber den temporären Ausstieg. Kola-Dallmann bot Hilfe und Unterstützung, war eine diskrete Alltagswaffe. Die Pastillen demokratisierten den Gebrauch von subtilen Stimulantien, bürgerlich eingebettet, Teil eines teils auch rauschenden Lebens. Das Leben der Jahrhundertwende bot vielfältige neue Chancen, die man ergreifen konnte, wenn man die dafür nötige Kondition und Konstitution hatte. Kola-Dallmann half diskret, ja, erschien als Bedingung für Freude und Erfolg.

Um derartig allgemeine Veränderungen genauer zu verstehen, ist eine Analyse der werblichen Umsetzung derart abstrakter Aussagen erforderlich. Georg Dallmann intensivierte seine Reklame ab 1910 quantitativ und qualitativ. In einer ersten Serie trat 1910 bis 1912 die Marke Kola-Dallmann vollends in den Mittelpunkt. Sie wurde umkränzt von neuartigen Bildelementen, Fettungen bestimmten die Aufmerksamkeit mit, ebenso Variationen der Verpackung.

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Die Beschwörung des medizinischen Nutzens: Ein Auslaufmodell der Dallmannschen Werbung (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3411, Beibl.)

Die damals einsetzende Anzeigenlawine dürfte nicht zuletzt mit der Herausforderung des 1909 eingeführten Präparates Kola-Dultz zusammengehängt haben, einer Kautablette aus Kola, phosphorsaurem Kalzium und Vanillin (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 50, 1909, 839). Zugleich reagierte Dallmann damit auf die immense Ausweitung der Markenartikelwerbung seit der Jahrhundertwende. Damals hatte die Werbeplakatkunst – viele meinten ein Widerspruch in sich, faktisch handelte es sich aber um eine Facette der umfassenden Kommerzialisierung der Kunst – ihren Höhepunkt bereits überschritten. So elegant und eingängig die vielfach nur auf ein Produkt und dessen Namen reduzierten Anzeigen auch waren, so vernachlässigten sie doch eine Kernaufgabe moderner Werbung: Die Brückenbildung hin zum Konsumenten, zu seinen Ideen und Wünschen. Bei Dallmann führte dies ab 1912 zu vielen Dutzend Wortanzeigen, die durch große handschriftliche Kickwörter eingeführt wurden. Während die gängige Werbekunst noch vielfach ihr Produkt als das Produkt präsentierte, wurde Kola-Dallmann in eine Vielzahl von Alltags- und Freizeitsituationen eingebettet, spielte regelmäßig mit der vermeintlichen Natur des Menschen. Es zielte auf ein bürgerliches Publikum, nicht auf Facharbeiter oder gar weniger. Eine Anzeige im sozialdemokratischen Vorwärts hat es bis zu dessen Verbot 1933 nicht gegeben, ebenso fehlten Aufträge für die sozialdemokratische Karikaturzeitschrift Der Wahre Jacob. Das war Ausdruck einer patriarchalischen Unternehmerkultur, zugleich aber der Versuch, ein standardisiertes Massenprodukt sozial klar zu verorten. Die Gewinnspannen für die Firma und ihre Abnehmer blieben hoch, der Preis von einer Mark pro Packung konstant. Beispiele müssen ausreichen, geordnet nach Themen und Inhalten der Werbung.

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Die Ausgeglichenheit der Frau – stofflich unterstützt (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3478, Beibl.)

Beginnen wir mit der Geschlechterfrage, eine der Schlüsseldebatten des neuen Jahrhunderts. Der Zugang der Frauen zu den Universitäten hatte begonnen, selbst in Preußen. Um das Frauenwahlrecht wurde gerungen, die Sozialdemokratie sollte es 1918 dann verankern. Weibliche Autonomie wurde gefordert, freie Sexualität, ein Vorgehen gegen die Prostitution, außerhalb und im bürgerlichen Haushalt. Noch aber ging auch frau von einem gewissen Wesensunterschied von Mann und Frau aus, real, nicht diskursiv geformt. Die Werbung für Kola-Dallmann griff all dies auf, stellte Frauen als aktiv und selbstbewusst dar, nicht jedoch im Kontext tradierter Arbeit. Die Frau hatte ein Heim auszugestalten, war aktiver Part bei Feiern, im Theater, in der Konversation mit anderen ihres oder ihres Mannes Umfelds. Kola-Dallmann sorgte für „beste Laune, köstlichen Humor und feinsten Esprit“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3472, Beibl.). Die Pastillen erst gaben ihr wahre Empfindungen, stützten sie als „Sonne im Haus“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 9. Januar, 8). Der unter Migräne, Menstruationsbeschwerden und Nervenanspannung leidenden Frau erschienen sie unverzichtbar (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3481, Beibl.). Auch in den tristeren Alltag zauberte das Kolapräparat Frohsinn, kitzelte die „Frohnatur“ aus dem „Mütterchen“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 9, 1913, Nr. 18, 12). Sport und auch Wandertouren gehörten zum freudigen Damendasein (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 38, 12). Frauen konnte Großes vollbringen, so die US-amerikanische Frauenrechtlerin und Bergsteigerin Fanny Bullock Workman (1859-1929), deren Himalaja-Tour 1906 werblich gewürdigt wurde (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 19. Juni, 5). Dallmann griff die sich wandelnde Stellung der Frauen werblich auf, sprach sie explizit an, wies dem „zarten Geschlecht“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3647, Beibl.) aber noch eine gewisse Zurückhaltung zu.

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Alles herausholen, Leben ist fordernd (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3482, Beibl.)

In der Kola-Dallmann-Werbung waren auch Frauen Teil der modernen Wanderkultur, wenngleich der Ton härter, männlicher war. Freie Männer und Jünglinge standen im Konsumreigen Seit an Seit mit hochgemuten Frauen (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 12. Juni, 12). Übermüdung und Erschlaffung waren zu überwinden, auch vom fröhlichen Wandersmann, der jubelnd in die „schöne Natur“ hinauszog (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3540, Beibl., 29). Natur war für den Menschen da, Konsumgut, zu erobern, zu nutzen, zu genießen. Zurückhaltung war keine Tugend, die (imaginierten) vielen leeren Dallkolat-Schachteln der Münchener Bergsteiger an der Zugspitze galten als Ausdruck der „hellen Freude“ dieser Sportsleute, nicht als solche des ökologischen Raubbaus (Fliegende Blätter 141, 1914, Nr. 3599, Beibl., 12).

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Freie Bahn dem Konsumenten (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3536, Beibl., 3)

Sport erschien in der Dallmann-Werbung als eine Essenz des Lebens, als elementarer Wettbewerb: „Heute triumphiert König Sport über all seine Gegner“ (Sport im Bild 19, 1913, 510). Niemand konnte sich dem entziehen. Körperliche Schwäche und auch Faulheit bei der sportlichen Arbeit waren durch Kolazufuhr vermeidbar (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3483, Beibl.). Sport war Vergnügen, gewiss. Doch dank Kola-Dallmann galt: „Niemals zurück!!“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3486, Beibl.). Dessen Konsum schien sogar „Social ausgleichend“ Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3490, Beibl.), denn anstelle von Stand und Herkommen trat nunmehr individuelle Leistungsfähigkeit. Wahres Menschentum, in „Freude und Schönheit“, gründete nicht nur auf körperlichen und geistigen Fähigkeiten, sondern entstand erst durch deren volle Aktivierung mittels Kolakraft (Die Muskete 14, 1912, Nr. 355, 13). Sport war nicht kontemplativ, sondern ein Messen mit und ein Besiegen von anderen.

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Siege dank (nicht verbotenem) Doping (Badische Presse 1914, Nr. 165 v. 8. April, 8)

Die Firma Dallmann propagierte ihre Kola-Pastillen offensiv als probates Dopingmittel. Explizit nannte sie in redaktionellen Werbungen zahlreiche Radrennfahrer, die ihre Siege dank des Schiersteiner Mittelchens errungen hätten (Glänzende Siege, Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 30, 10). Der Leipziger Straßenrennfahrer Friedrich Franke gewann nach eigenem Zeugnis so den Gepäckmarsch „Rund um Glauchau“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 36, 9), ähnliches schrieben der Radrennfahrer Gustav Janke und andere „Sieger“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 8, 1912, Nr. 30, 19). Einschlägige Rekorde schienen „fast durchweg mit Hilfe der Echten KOLA-Pastillen Marke: Dallmann aufgestellt. Ohne sie sind sportliche Höchstleistungen selten oder gar nicht mehr denkbar“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 30, 12). Der Siegerkick wurde auch dem Amateursportler anempfohlen: „Wer nicht nach dem Ruhme strebt, in seinem Sport das Höchste zu leisten, sondern ihn als Mittel betrachtet, neben ebenmässiger Körperausbildung sich Geist und Körper elastisch und frisch zu unterhalten, der wird doch manchmal, wenn er nicht besonders disponiert ist, gern zu einem Anregungsmittel greifen, das ihm […] schnell über Indispositionen, Ermüdung und Abspannung aushilft“ (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3445, Beibl., 1). Die Werbung war nicht zweideutig verdruckst, sondern enthielt explizite Aufforderungen zum Konsum der leistungsfördernden Kolapräparate während sportlicher Veranstaltungen (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3450, Beibl.), Tourenfahrten (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3455, Beibl.) oder auch bei Weltrekorden im Flugsport (Kladderadatsch 66, 1913, Nr. 45, Beibl. 3, 3). Die Firma Dallmann förderte und profitierte von Doping, damals noch erlaubt und allgemein praktiziert – und übertrug diese Mechanismen in den Alltag.

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Lebensfreude durch Alltagsdoping (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3414, Beibl.)

Doping war nicht auf den Sport- und Freizeitbereich zu begrenzen. Die Dallmann-Werbung quoll über von Verweisen auf Lebensfreude, auf eine „fröhliche aufjauchzende Lebensbejahung“, die „bei dem hastigen geschäftlichen Streben und bei der gesellschaftlichen Ueberbürdung und Ueberreizung fast verlorengegangen“ sei (Sport im Bild 19, 1913, 338). Die kleine Pastille gab den Alltagskick, um gut drauf zu sein, um nicht in Depressionen zu verfallen. Konsumiere und der „Frohsinn ist Dein Gefährte!“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 17. Juli, 6). Die Wirkungen des Alltagsdopings waren mentaler, psychologischer Art: „Ich fühle freudig meinen Mut wachsen und meine Kräfte machtvoll herausquellen“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 1. Januar, 7). Lebensfreude auf Präparatebasis ging allerdings mit einem hierarchischen Menschenbild einher. Der Kolakonsument war eine „Herrennatur“ (Sport im Bild 20, 1914, 304), die sich über andere erhob, sich vom „Philister“ und „den grossen Haufen“ abgrenzte. Das propagierte Selbstbild dieses Konsumenten war „der geistig rege, intelligente Mensch“ (Fliegende Blätter 136, 1913, Nr. 3524, Beibl., 12), waren frohe „Menschen die dankbar geniessen, was ihnen der Tag bietet“ (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3517, Beibl., 3).

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Germanenkult in der Kolawerbung (Die Muskete 14, 1912, Nr. 356, 11)

Die Firma Dallmann propagierte in ihrer Werbung ein hierarchisches Menschenbild und das Recht des Stärkeren – und dieses schien mit Nationalismus und Deutschtum einher zu gehen. Einseitige gedeutete Wagner- und Nietzschefetzen standen bei den Texten vielfach Pate, begründeten eine Sonderstellung der „Germanen“ (hier zu den Analogien beim deutschen Eichelkult). Schon 1908 hatte die Firma Wasser auf die Mühlen des Nationalismus gespült, als sie ihre österreichisch-ungarischen Preislisten anlässlich der tschechisch-deutschen Nationalitätenkonflikte um folgende Notiz ergänzte: „‚Außer in den Hauptsprachen kann man die Ausstattung der Kola-Pastillen auch in den minder verbreiteten Mundarten, wie holländisch, ungarisch, schwedisch, finnisch, malayisch und mehreren anderen, erhalten. Die Lieferung in tschechischer Sprache ist jedoch ganz ausgeschlossen‘“ (Znaimer Tagblatt 1908, Nr. 267 v. 18. November, 3). Derartiger Antislawismus fand nicht nur in Österreich zahlreiche Fürsprecher, die das „stramme Vorgehen einer deutschen Geschäftsunternehmung“ begrüßten (Freie Stimmen 1908, Nr. 130 v. 8. November, 11). In den Anzeigen fand man öfters Verweise auf die germanische Sagenwelt: „Wie ein Siegfried“ sollte man das Land durchwandern, natürlich nicht ohne die den Germanen doch recht fremde Kola-Pastille (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3484, Beibl.). Das Siegfriedmotiv fand sich in einer weiteren Werbung (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3488, Beibl.), doch auch „Wotan der Wanderer“ trat vor das Lesepublikum (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3491, Beibl.), also die Odin-Schrumpfgestalt aus Wagners Siegfried-Oper. All das entsprach dem Dünkel und den Bildungsversatzstücken breiter Teile des damaligen Bürgertums, nicht unbedingt aber einem aggressiven völkischen Nationalismus. Dazu war in der Dallmannschen Werbewelt viel zu viel von Freude, Schönheit und Jauchzen die Rede. Graf zu Eulenburg hätte daran seine Freude gehabt.

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Herausforderung Kulturleben (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3471, Beibl.)

Entsprechend ambivalent erschien auch die Welt der bürgerlichen Kultur, also Konzerte, Theateraufführungen, Empfänge und Ballveranstaltungen: „Ich bin gänzlich indisponirt meine gesellschaftlichen u. geschäftlichen Talente zur Geltung zu bringen, anregende Konversation zu machen und grosszügig zu disponieren, weil ich übermüdet und abgespannt bin. UND ES GEHT DOCH!“ (Sport im Bild 19, 1913, 416). Der sportliche Natur- und Freizeitmensch litt unter dem plätschernd-unverfänglichen Palavern, das für ihn nur Fortsetzung der Arbeitsanstrengungen war. Er brauchte eine Partydroge, um „ganz passabel“ seinen Mann zu stellen „und mit neuerwachter Genussfreudigkeit gute Konversation“ zu machen (Muskete 16, 1913, Nr. 388, 13). Ähnliches galt für Frauen. Erst Kola-Dallmann transformierte „die junge Frau B.“ zum munteren und geistreichen Herrenfang (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3475).

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Herausforderungen im Alltag, gemeistert dank moderner Stimulanzien (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3474, Beibl.)

Ein Großteil der Dallmannschen Anzeigen kurz vor dem Ersten Weltkrieg kokettierte mit Freizeit und Geselligkeit, entsprang nicht dem Arbeitsleben. Doch auch dort vermochte das Produkt der Kolanuss zu helfen, galt es doch in „verantwortungsreicher Stellung“ klar zu denken und im rechten Moment richtig zu handeln (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3468, Beibl.). Auch das Arbeitsleben war eines unter Konkurrenten, es galt, „im ernsten Lebenskampfe wie im heiteren Spiel und Sport siegesfreudig“ seinen Mann zu stellen (Sport im Bild 19, 1913, 478). Die Dallmann-Werbung spielte mit der Vorstellung von Entscheidungssituationen, etwa von mit „vieler Ueberlegung und grossem Bedacht“ geführten Konferenzen (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3466, Beibl.). Auch Redner konnten mit Kolahilfe „klare Gedanken“ großzügig entwickeln sowie „ein geschärftes Gedächtnis und sicheres Selbstvertrauen“ erlangen (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3467, Beibl.). Juristen wurden angesprochen, benötigten sie doch offenkundig Kola-Dallmann um „bei anstrengenden Sitzungen und Verhandlungen einen klaren Kopf zu erhalten“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 27. Februar, 6). Die Arbeitswelt erlaubte Macht und Aufstieg. Beides aber verlangte Kraft und stete Präsenz, erforderte einen Ausbruch aus der Mittelmäßigkeit. „Ohne besondere Hilfsmittel geht das heute nicht mehr“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3470, Beibl.). Erfolg hing demnach „nicht zum wenigsten davon ab, ob Du körperlich vollmobil bist und geistig jederzeit Dein ganzes Können in die Wagschale zu werfen verstehst“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 20. Januar, 6). Kola-Dallmann war Hilfe und Tröster zugleich in einer Arbeitswelt voller Konkurrenz und ohne rechte Kooperation.

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Werbliches Zwischenfazit nach vier Jahren, zugleich Aufbau einer Firmenlegende (Badische Presse 1914, Nr. 243 v. 27. Mai, 8)

1914, zum 25-jährigen Bestehen von Dallmann & Co., veröffentliche die Firma nicht nur ein kleine vierseitige Werbebroschüre (25 Jahre Dallkolat, Trier 1914), sondern zog in redaktionellen Werbetexten auch ein geschöntes Resümee ihrer Geschichte (Ein 25 jähriges Jubiläum, Badische Presse 1914, Nr. 265 v. 10. Juni, 7; Danzer’s Armee-Zeitung 19, 1914, Nr. 26, 8). Kola-Pastillen Marke Dallmann erschienen darin als das zentrale Produkt der Firma – zwei Jahre nach Eintragung der Warenzeichen, mindestens 26 Jahre nach den ersten Anzeigen. Angesichts des offensichtlichen Verkaufserfolges mochte dies dem damaligen Stand der Geschäfte entsprechen, doch es galt sicher nicht für die Gesamtgeschichte der Firma. Schon zwei Jahre später musste der Verkauf der Pastillen aufgrund mangelnder Rohstoffzufuhren eingestellt werden. Dallmann & Co. überstand die Kriegs- und Nachkriegszeit, da es breiter aufgestellt war als seine eigene Werbung suggerierte.

Liebesgaben, neuartige Werbung und Produktionsende während des Ersten Weltkrieges

Dennoch, der Erste Weltkrieg schien zu Beginn durchaus absatzsteigernd. Die Firma brachte neue Anzeigen im alten Stil, verstand den Weltenbrand als Fortsetzung der Freizeitkultur mit anderen Mitteln. Abermals Strapazen, abermals Zwang zur Wachsamkeit, zum kühlen Kopf. Um die Bande zur Front zu bewahren, ließ die Firma Dallmann vorgefertigte Feldpostbriefe in Apotheken und Drogerien auslegen, startete zudem eine Direktverbindung ins Feld. Adresse und 4,20 Mark genügten, ein kleiner Aufpreis also für den Aufwand.

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Der Krieg als Marktchance (Berliner Tageblatt 1914, Nr. 484 v. 23. September, 8)

„Kola-Dallmann“ schien ideal, um allen Herausforderungen gegenüber gewappnet zu sein: „Die Feldgrauen besonders die, welche früher Sport getrieben hatten, kennen ein kleines Hilfsmittel, um den strapaziösesten Anstrengungen des Dienstes gewachsen zu sein, die Nerven zu beruhigen und die Gemütsruhe zu bewahren“ (Fliegende Blätter 141, 1914, Nr. 36177, Beibl., 4). Kola-Pastillen sollten, „im Lager und Quartier eine zufriedene, frohe Gemütsverfassung“ (Berliner Tageblatt 1914, Nr. 527 v. 17. Oktober, 6) verschaffen. Sorgen bereitete der Firma weniger der Krieg, sondern minderwertige Nachahmungen des Markenartikels. Sie forderte die Frauen an der Heimatfront auf, nur das echte Produkt zu verschicken: „Die Krieger danken es Euch“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3638, Beibl., 4). Die Werbetexter imaginierten Soldaten, die sich nach „Sturm und Kampf“ nach dem echten Kola-Dallmann sehnten, um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass ihre Lieben ihnen „irgend eine der vielen neu auftauchenden unbewährten Kola-Marken“ zugesandt hatten, „welche von ihren Herstellern in der Eile nur zusammengebraut sind, um die Konjunktur für ein gutes Geschäft auszunutzen“ (Die Woche 17, 1915, nach 576). Eigene Anzeigen mahnten neuerlich: „Schickt keine minderwertigen Liebesgaben ins Feld!“ (Die Muskete 20, 1915, Nr. 502, 9). Sollten es aber die echten gewesen sein, dann gingen sie „im Schützengraben“ „von Hand zu Hand“ (Die Woche 17, 1915, nach 540).

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Werbefigur Kola-Dallmann-Mann (Lustige Blätter 31, 1916, Nr. 31, 15)

Das meinte auch der neu entworfene Kola-Dallmann-Mann, Beleg für Investitionen in die Marke auch nach Ausbruch des Krieges (Fliegende Blätter 143, 1915, Nr. 3659, Beibl., 2). Nicht wirklich feldmäßig gekleidet, reichte er den zumindest an der Ostfront noch vorwärts marschierenden Soldaten die Kola-Pastille, die nunmehr für einen etwas günstigeren Preis auch als Großpackung verkauft wurde. Der Markenauftritt wird nicht billig gewesen sein, denn Werbegraphiker Ivo Puhonny (1876-1940) gehörte damals zu den erfolgreichsten seiner Profession. Von seinen zahlreichen Kampagnen für reichsweit führende Markenartikel sind die Arbeiten für den Mannheimer Fettproduzenten Heinrich Schlinck (Palmin) und die Baden-Badener Zigarettenfabrik A. Batschari besonders hervorzuheben.

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Der Kola-Dallmann-Mann sorgt würgend für gute Stimmung (Fliegende Blätter 143, 1915, Nr. 3650, Beibl., 3)

Der Kola-Dallmann-Mann bezirzte die Damen „mit vielen häuslichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3647, Beibl.), kämpfte mit allerhand Fabelgestalten, nicht nur dem Griesgram (Ebd., Nr. 3652, Beibl.), las die große, große Zahl von Anerkennungsschreiben aus dem Felde (Ebd., Nr. 3646, Beibl., 7). 1916 bereiste er dann noch verschiedene Frontabschnitte, berichtete aus Österreich, von der Isonzofront und dem neuen Fliegerfrühstück, bestehend aus – nein wahrlich – Kola-Dallmann (Fliegende Blätter 144, 1916, Nr. 3701, Beibl., 2; Ebd., Ebd., Nr. 3683, Beibl., 2; Ebd., Nr. 3689, Beibl., 8). Erfreut nahm er seine Ausstellung durch die Typographische Vereinigung zur Kenntnis (Typographische Mitteilungen 13, 1916, 84), weniger erfreut dagegen die kritische Debatte angesichts angeblicher Phantasiepreise des Markenartikels in Österreich (Pharmazeutische Post 49, 1916, 564, 604, 657-658). Dann aber hieß es Abschied zu nehmen, denn mit der abgeschnittenen Kolazufuhr verebbten Werbung und Absatz. Der Kola-Dallmann-Mann wurde 1924 nochmals kurz aktiviert (Jugend 29, 1924, 783), anschließend jedoch durch neue Motive ersetzt.

Ein Lebensstilprodukt für Angestellte und mehr

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Wie früher: Sportgebot Vorteilsnahme (Jugend 29, 1924, 622)

Nach Ende von Blockade, Zwangswirtschaft und Hyperinflation erschien Kola-Dallmann ab 1924 wieder in altem Gewande, galt es neuerlich „Riesenerfolge“ in Freizeit und Alltag einzufahren. Die Firma Dallmann knüpfte erst einmal an die Formensprache der Vorkriegszeit an, werbliche Restauration parallel zur geschäftlichen. Allerdings wurde der Markenauftritt Mitte der 1920er Jahre neuerlich verändert, deutlich ästhetisiert. Marker hierfür war etwa eine von Ludwig Hohlwein (1874-1949) gestaltete Anzeige (Sport im Bild 31, 1925, 513 (schwarz-weiß) resp. 1019 (farbig)). Dieser war führender Werbegraphiker seiner Zeit, seit 1933 dann auch führender Plakatkünstler des NS-Regimes. Hohlwein positionierte Kola-Dallmann nobel für Sportsleute, Geistesarbeiter und Damen. Parallel erschienen neue Motive Ivo Puhonnys mit den für ihn typischen Mischungen von Zeichnungen und Werbegedichten: „Auf! Bringt den Wagen mit heraus, / Heut führ das Steuer ich / Und fahr mit Kola-Dallmann aus! / Nun Gegner wehre dich!“ (Sport im Bild 31, 1925, 56).

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Fritz und Lola als dynamisches Werbeduo (Jugend 29, 1924, 954)

Ähnlich poetisch ging es in anderen Werbeserien 1924 und 1925 zu. Die von unterschiedlichen Werbegraphikern erstellten Motive präsentierten im damals modischen Scherenschnittstil einerseits Motive aus dem Leben des Werbepaares Fritz und Lola, anderseits aus der Welt des Sportes oder der Jagd („Auf leichter Sohl, die Sinne all / Geschärft durch zwei Kola Dall-/ mann zieh ich fröhlich aus zur Pirsch / auf Bock und Sau und auf den Hirsch“ (Sport im Bild 30, 1924, 1136). Viele davon erscheinen heute unfreiwillig komisch, doch handelte es sich durchweg um Variationen der schon vor dem Ersten Weltkrieg behandelten Themen und Inhalte. Nun aber, während der demokratischen Weimarer Republik, fehlten die Reminiszenzen an Wagner und Nietzsche, denn mit Humor schien alles besser zu gehen.

Kola-Dallmann gewann seine Vorkriegsstellung im Markt rasch zurück. Die Werbung war Teil des Alltags geworden, Teil des vom Markenartikelkonsum zunehmend stärker geprägten Alltagslebens. Bezeichnend hierfür war etwa ein Gedicht des Werbegraphikers Wigo Weigand: „Zederström in Bettes Pfühlen / Liegt und träumt mit Mischgefühlen. / Auf dem hellen runden Monde, / Schwant dem Schläfer, chlorodonte / Sich das Schaf die weißen Zähne; / Schaumponierte sich die Mähne; / Spritzt Divinia, weils es hat, /Und dann nähm es Dallkolat; / Rauchte mit dem Wikingbilde / Eine Reemtsma, eine milde; / Und zum ersten Frühstück schmausend / Setzt sichs nieder, winkelhausend“ (Zederström in Bettes Pfühlen, Die Jugend 31, 1926, 276). Margarine, Mundwasser, Haarshampoo, Parfüm, Kola-Pastillen, Zigaretten, Weinbrand – Kola-Dallmann inmitten alltäglicher Konsumgüter.

Zugleich aber passte sich Dallmann der immer stärker visuellen Werbewelt an, reagierte auf die sozialen und ökonomischen Veränderungen. Beleg hierfür sind die 1926 einsetzenden, von dem Hannoveraner Maler August Weber-Brauns (1887-1956) gestalteten Werbemotive. Der dienstbare Kreative, der auch für Schwarzkopf tätig war, stellte sich ab 1933 in den Dienst des NS-Regimes und illustrierte beispielsweise linientreue Kinderbücher. Für Dallmann modernisierte und vereinheitlichte er den Werbeauftritt bis Anfang der 1930er Jahre. Kola-Dallmann blieb damit einerseits gleich, ging anderseits aber mit der Zeit. Alltagsdoping war weiterhin erforderlich, doch nicht mehr länger beim Wandern, seltener bei geselligen Ereignissen. Die Werbesprache veränderte sich, wurde entjauchzt, war weniger durchtränkt von Freude und Frohsinn. Sie wurde klarer, prononcierter, war Ausdruck neuer Abgeklärtkeit, modernen Problembewusstseins. Die Motorisierung des Straßenverkehrs führte zu neuartigen Einsatzfeldern, die Werbung öffnete sich verstärkt der Lebenswelt der mittleren Angestellten, und schließlich positionierte man Kola-Dallmann verstärkt als Problemlöser im Alltag.

35_Hamburger Nachrichten_1931_06_26_Nr291_p4_Kola-Dallmann_Urlaub_Bahnreise_Welt-Spiegel_1928_05_13_p10_Straßenverkehr_Unfall_Selbstdisziplin

Herausforderung Mobilität (Hamburger Nachrichten 1931, Nr. 291 v. 26. Juni, 4 (l.); Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 13. Mai, 10)

Die Mobilität veränderte sich während der 1920er Jahre, die Massenmotorisierung verstärkte sich, vornehmlich durch Motorräder, weniger durch Automobile. Mobilität wurde nicht mehr länger als rasches Eintauchen in die Natur verstanden, sondern war mit neuen Herausforderungen verbunden, wurde Teil eines modernen Gefahrenreservoirs (Helen Barr, „Das Gesicht unserer Zeit!“ Anmerkungen zum Menschenbild in der Reklame illustrierter Zeitschriften der 1920er Jahre, in: Jens Eder, Joseph Imorde und Maike Rainerth (Hg.), Medialität und Menschenbild, Berlin und Boston 2013, 237-251, hier 247). Der intensivere, schnellere Verkehr auf Schiene und Straße verlangte stete Aufmerksamkeit, einen klaren Kopf und rasche Reaktionen. Die Kola-Dallmann-Werbung forderte all dies ein, pries das eigene Produkt als Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr und im Alltag. Die heiteren Zeiten des frohen Wanderns waren vorbei, doch Kola-Pastillen blieben weiter erforderlich.

36_Karlsruher Tagblatt_1929_06_18_Nr167_p8_Kola-Dallmann_Angestellte_Welt-Spiegel_1928_04_29_p8_Büro_Müdigkeit

Herausforderungen der verwalteten Welt (Karlsruher Tagblatt 1929, Nr. 167 v. 18. Juni, 10 (l.); Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 29. April, 8)

Die gesellschaftlichen Umbrüche nach der Revolution und die Veränderungen im Arbeitsleben führten zu neuen gesellschaftlichen Leitfiguren und einer wachsenden Berücksichtigung der Bedürfnisse des neuen urbanen Mittelstandes. An die Stelle der zuvor beschworenen Herrennatur traten vermehrt Alltagsprobleme der Angestellten. Schreibtischarbeit wurde als monoton und fordernd präsentiert, überforderte und ermüdete. Klar, die Pastille half – doch dahinter stand eine soziale Neupositionierung des Produktes. Die Welt der Reitrennbahnen und der Ballsäle wurde kaum mehr bedient, das deutlich ernüchternde Leben der Angestellten trat in den Vordergrund. Geadelt wurde dies mit dem häufig verwendeten Begriff des Geistesarbeiters. Die schwindende soziale Exklusivität des Produktes ging allerdings einher mit potenziell wachsenden Konsumentenzahlen.

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Alltagprobleme bewältigt man mit Kola-Dallmann (Berliner Tageblatt 1926, Nr. 106 v. 4. März, 7 (l.); Sport im Bild 33, 1927, 1348)

Neben die Arbeitswelt der kleinen, pardon mittleren Leute trat eine zunehmend allgemeinere Nutzenkommunikation. Während die Kola-Pastillen in der Vorkriegszeit häufig in konkreten Situationen und Stimmungen empfohlen wurden, wurde das Anwendungsprofil nun breiter und zugleich alltäglich. Überlastung schien das Schicksal der modernen Frau zu sein, Müdigkeit das des modernen Menschen. Damit war Kola-Dallmann ein undifferenzierter Alltagsbegleiter geworden, dauerhaft von jedem und jeder konsumierbar, unverzichtbar, Alltagsdoping pur.

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Wer nicht dopt, ist selber schuld (BZ am Mittag 1929, Nr. 161 v. 16. Juni, 7)

Und doch blieb ein wichtiger Residualbereich übrig, der moderne Massensport, die Spielwiese moderner „Kraftmenschen“ (Sport im Bild 32, 1926, 588). Kola-Dallmann wurde auch weiterhin als Dopingmittel für den Sport propagiert; und das, obwohl Mediziner dem Doping zunehmend ablehnend gegenüberstanden. Pointiert hieß es: „Wir wollen bei Wettkämpfen körperliche Leistungen messen und nicht die Wirkung von Arzneistoffen erproben“ (Worringen). 1927 erklären die deutschen Sportärzte, dass Doping „verwerflich und gesundheitsgefährlich“ sei (beide Zitate n. Doping im Sport, Sport-Tagblatt 1927, Nr. 134 v. 16. Mai, 7). Doch auch in den 1920er Jahren blieb die Vorstellung „vom harmlosen Kola“ (André Reuze, Gedanken der Landstraße, Vorwärts 1928, Nr. 518 v. 11. Januar, 6) bestehen, mochten Sportler auch verstärkt auf vitamin- und eiweißreiche Kost setzen. Auf Basis komplexerer Wirkungsmodelle setzen Sportärzte in den 1930er Jahren verstärkt auf rasch verfügbare Kohlehydrate, etwa Traubenzucker, Malz- oder Bierhefeextrakte, während die „Nervenreizmittel“, darunter auch Kola, zunehmend kritischer gesehen wurden (Anregungs- und Reizmittel zur Leistungssteigerung im Sport, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 69).

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Sportlicher Erfolg durch Stimulantien (Berliner Tageblatt 1928, Nr. 396 v. 28. August, 11 (l.), Berliner Tageblatt 1928, Nr. 321 v. 10. Juli, 15)

Die medizinische Dopingdebatte hinterließ jedoch keine Bremsspuren in der Kola-Dallmann-Werbung. Sportler/innen ließen sich dadurch kaum erreichen. Kommerzieller Sport basiert schließlich bis heute nicht allein auf der Nutzung aller rechtlich erlaubten Hilfsmittel, denn die Tugend der Fairness geht meist einher mit ökonomisch fatalen Niederlagen. Die Sportmedizin hat zudem nicht nur die Grundlagen für Dopingkontrollen und Gefährdungsanalysen gelegt, sondern war und ist stets integraler Teil der Dopingszene. Das zeigte sich auf allen Olympiaden dieser Zeit. Die Werbeansprache blieb direkt, setzte moralischen Bedenken gegen Betrug und mangelnder Fairness klare Nutzenerwägungen entgegen: „Töricht, wer diesen bescheidenen, leistungsfähigen Helfer nicht in seine Dienste stellt.“ (Uhu 8, 1931/32, H. 12, 3). Alle dopen sich für und im Alltag, tu es also auch.

Abkehr vom Sportdoping, Dominanz der Alltagsdroge

Die Firma Dallmann kokettierte auch während der NS-Zeit mit Sportdoping, doch einschlägige Motive traten zunehmend in den Hintergrund. Das scheint erst einmal überraschend zu sein, denn der Kampf um das Dasein, die strikte Unterscheidung von Siegern und Verlierern, das Aufputschen im Wettkampf und Krieg waren Kernpunkte nationalsozialistischen Denkens. Demgegenüber standen allerdings eugenische und sozialhygienische Bedenken, die sich gegen jegliche „Keimgifte“ wandten, gegen Alkohol, Tabak, Kaffee und auch Kola. Koffein war im Denken von NS-Medizinern ein gefährliches Reizmittel, das die Zeugungs- und Gebärfähigkeit der Jugend gefährden konnte, das es deshalb grundsätzlich zu ersetzen galt. Kaffee, aber auch Kola, waren zudem devisenträchtige Importgüter, die die deutsche Handelsbilanz belasteten. Begleitet wurden derartige Debatten von zunehmend strikteren Einschränkungen der Werbung allgemein, der Heilmittelwerbung speziell (Matthias Rücker, Wirtschaftswerbung unter dem Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. et al. 2001, insb. 257-261). Vor diesem Hintergrund schien es ratsam, den bereits beschrittenen Weg hin zur Positionierung von Kola Dallmann als eines Alltagsbegleiters für Alltagsprobleme weiter zu forcieren. Konkrete Wirkungsaussagen waren inopportun bzw. untersagt, die Pastillen erschienen zunehmend als ein allgemeines Stärkungs- und Lebensstilprodukt.

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Belobigt als überzeugende Werbung auf kleinem Raum (Seidels Reklame 21, 1937, 356)

Das wurde unterstützt durch einen neuen, wohl seit 1936 eingesetzten Slogan: „Kola Dallmann macht Müde mobil.“ Parallel wurde die alte Schutzmarke der Firma verändert, das Dreieck zierte im Inneren nun ein in voller Fahrt befindlicher Streitwagen. Zudem begann 1934 die Ausdifferenzierung des Pastillenangebotes.

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Übergang zu einer Dachmarkenstrategie: Kola-Dallmann-Variante aus frischen Kola-Nüssen (Deutsche Apotheker-Zeitung 49, 1934, Nr. 29, III)

Im Massenmarkt angekommen, schien der Firma Dallmann ab 1934 eine Dachmarkenstrategie angemessen, um weiterhin spezielle Zielgruppen ansprechen und Wertschöpfung erhöhen zu können. Neben die alten Kola-Pastillen traten nun solche aus frischen Kolanüssen. Es folgten später Kola-Pastillen für Diabetiker, mit Lecithin und Dallmanns Kola-Traubenzucker (Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, 4. Neuausg. hg. v. P.H. List und L. Hörhammer, Bd. 4, Berlin, Heidelberg und New York 1973, 235). Dies war wiederum nur ein Ausschnitt aus der Arbeit der Schiersteiner Präparateschmiede.

Die Kola-Dallmann-Werbung setzte während der NS-Zeit weiterhin auf die bewährten Themen – unter Verzicht auf das explizite Sportdoping. All Alltagsprodukt war es gleichsam weichgewaschen, konturenarm und gefühlsstark. Beispiel hierfür war eine Anzeige mit dem Blickfang eines im Cutaway gewandeten Violinisten: „Auch die Saiten Ihrer Seele bedürfen der richtigen Spannung, damit Leistungen zustande kommen, die Sie und andere erfreuen. Der Geiger stimmt die Saiten von neuem, wenn ihre Spannkraft nachläßt. Was tun Sie, wenn die ‚Stimmung‘ sinkt?“ (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 900). Sie kennen, gewiss, die marktgängige Antwort.

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Marketingillusionen: Die Zeiten verändern sich – Kola Dallmann bleibt (Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, Nr. 48, 8)

Die Firma Dallmann war während der NS-Zeit ein systemtreues, fest etabliertes Pharmazieunternehmen, auf dessen Fabrikgebäude nicht nur der riesige Schriftzug „Kola-Dallmann“ prangte, sondern auch die Hakenkreuzfahne. Doch das ist eine andere Geschichte. Die Kola-Pastillen konnten während des Zweiten Weltkrieges anfangs weiter produziert werden, doch abermals waren die Kolanussvorräte bald aufgebraucht, versiegte der Nachschub, musste die Produktion eingestellte werden.

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Erinnerungswerbung nach Produktionseinstellung (Völkischer Beobachter 1944, Nr. 118 v. 7. April, 7)

Nach Krieg und Besatzungszeit wurde die Produktion neuerlich aufgenommen. Die Werbung griff auf die Bildmotive der 1920er Jahre zurück, der gähnenden Mann war eine Werbeikone auch der Wirtschaftswunderzeit (Simpl 4, 1949, 236). Inhaltlich führte die Firma die allgemein gehaltenen Themen der NS-Zeit weiter, verstärkte allerdings die Verkehrswerbung, bewarb Kola-Dallmann als Wachmacher und Wachhalter. Das Präparat blieb während der 1950er Jahre ein Alltagsprodukt, doch wirklich neue Akzente vermochte die Firma dem Produkt nicht mehr zu geben. Die Endphase im Lebenszyklus des Markenartikels war erreicht.

44_Kristall_144_1959_p464_Kola-Dallmann_Anregungsmittel

Langwieriger Abschied: Defensivwerbung (Kristall 14, 1959, 464)

Epilog

Die Geschichte von Kola-Dallmann dokumentierte die für starke Markenartikel recht typische Neupositionierung. Aus der Apothekerware mit kolonialem Hintergrund wurde ein zunehmend industriell hergestelltes Massenprodukt, aus dem medizinische Präparat ein Hilfsmittel für bestimmte Einzelgruppen, ein im Bürgertum verankertes Spezialpräparat für Sport- und Alltagsdoping, schließlich ein Alltagsbegleiter des kleinen und mittleren Mannes, der kleinen und mittleren Frau. Die Marke wurde erst spät geschützt und etabliert, die Markenpflege changierte zwischen verschiedenen Begriffen, einheitliche Markenführung gab es erst seit Mitte der 1920er Jahre. Die Firma Dallmann blieb während des gesamten Zeitraumes eine Präparateschmiede, die das zweimalige komplette Wegbrechen ihres Hauptverkaufsartikels just aufgrund ihrer breiteren Angebotspalette überstehen konnte.

Die Geschichte von Kola-Dallmann erlaubte profunde Einblicke in die Geschichte des Sportdopings, seiner Leugnung und Beschwichtigung. Wichtiger aber war Kola-Dallmann als frühes, vor mehr als einhundertdreißig Jahren entstandenes „Performance Food“. Es erlaubte Alltagsdoping im tagtäglichen Wettbewerb, im Ringen um berufliche und soziale Anerkennung, um Fortkommen und Erfolg. Die Geschichte des Präparates macht deutlich, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit erst im Bürgertum, dann im neuen Mittelstand fließend verliefen. Arbeit und Freizeit wurden konsumtiv durchdrungen, waren Einsatzfeld einer Alltagsdroge, die Wirkung ohne Reue versprach. Es ist daher verfehlt und verfälschend, „Performance Food“ als Ausdruck gesellschaftlicher und sozialer Veränderungen allein der letzten Jahrzehnte zu deuten, als Ausfluss von Deutungskonzepte wie Wertewandel und Individualisierung, von Neoliberalismus und einem außer Takt laufenden globalen Kapitalismus.

Das Beispiel Kola-Dallmanns führt uns über die vermeintlich tiefen Brüche um 1970, nach dem Ende der goldenen Ära des Kapitalismus, zurück zu den Anfängen des modernen Kapitalismus in Deutschland. Kola-Dallmann steht für den Ausgriff auf die Ressourcen der Welt, ihre Hege und Verarbeitung im westlichen Rahmen, für die stete Präsenz von pharmazeutisch wirksamen Stoffen zur Verhaltensregulierung, zur psychischen Stärkung und Stabilisierung. Alltagsdoping war eine Begleiterscheinung der Etablierung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, Kola-Dallmann war eine der vielen vermarktbaren Ausprägungen dieses Phänomens. Es steht beispielhaft für die Dynamik und den raschen Wandel moderner Konsumgesellschaften, für ihre Fähigkeiten aus den Rangkämpfen Nutzen zu ziehen und damit das Rad der Wertschöpfung weiterzudrehen. Kola-Dallmann steht zugleich für die moralische Indifferenz gegenüber den negativen Folgen des Wettbewerbs im Sport, in der Arbeitswelt und im vielbeschworenen Leben. Die Geschichte von Kola-Dallmann hält dieser Gesellschaft einen Spiegel vor – und jeder mag selbst beurteilen, ob ihn heiter, froh und jauchzend stimmt, was er darin erblickt.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2020

„Was hat das 19. Jahrhundert gebracht?“ – Gedicht, Bilder und Kommentare

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Fortschritt und Emanzipation als Ziele des neuen Jahrhunderts (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 1, 1)

Anfang Januar 1900 war durchaus vergnüglich. Natürlich nicht im offiziellen Berlin. Die Neujahrsansprache Kaiser Wilhelm II. an die Offiziere der Garnison kritisierte den „Gamaschendienst“ der preußischen Armee um 1800, das ehedem „in Luxus und Wohlleben und thörichter Selbsterhebung“ verkommene Offizierskorps. Die Reorganisation des Landheeres sei Grundlage der vom Heer errungenen deutschen Einheit gewesen, nun werde er ähnliches mit der Marine vornehmen (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 1 v. 2. Januar, 1). In Berlin hatte es zuvor eine von Hunderttausenden frequentierte Silvesterfeier gegeben: „Nach elf Uhr strömten aus den Theatern, Tingeltangels und Kaffeehäusern neue Schaaren auf die Straßen, und das Wetter war auch wie geschaffen zum Lustwandeln; denn infolge der Dunkelheit und des unerhörten Gedränges bemerkte man nicht, wie wenig erfreulich die unteren Partien der Kleidung sich rasch infolge des centimeterhoch auf den Straßen liegenden Schmutzes gestalteten, sondern man erfreute sich an der milden Luft und an dem prachtvollen Sternenhimmel“ (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 1 v. 2. Januar, 1). Es folgten Schüsse der Gardeartillerie. Fanfarenklänge der festlich geschmückten Stadtkapelle begrüßten das neue Jahr, das neue Jahrhundert. All das war begleitetet vom rituellen Kampf gegen die Zylinder – Wichskopp! Wichskopp! –, doch die in kolossaler Stärke angerückte Polizei hielt den Schabernack im Rahmen.

Neujahr kam, der Kater, der Alltag. Und doch, es gab ein nettes Aperçu: Zuerst in der Hauptstadtpresse, dann auch in den Provinzen, zuerst in Zeitungen, dann auch in den Zeitschriften konnte man einen Abschiedsgesang auf das 19. Jahrhundert lesen, eine Art Leistungsbilanz. Was hat das 19. Jahrhundert gebracht? – So fragte ein rhythmisch-stakkatohaftes Gedicht. Darin dominierten Errungenschaften, die das Deutsche Reich zu einem Machtstaat, zugleich aber zu einer Konsumgesellschaft gemacht hatten, beides präsent bei der Feier der Jahrhundertwende. Es war mit einem Lächeln geschrieben, mit Sinn für die Eitelkeiten der Zeit, für die Abwege des Alltags. Anders als seine Majestät widmete es sich aber nicht den ach so großen Themen der Zeit, sondern ihrer Dynamik, dem immer voran Drängenden – und schlug damit durchaus einen Bogen bis heute. Die Nervosität der Zeit wurde deutlich, doch es waren Vibrationen der bürgerlichen Zivilgesellschaft, der ungestüm vorandrängenden urbanen Marktgesellschaft, die so in Reime gegossen wurden (mehr hierzu bietet Das Neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsentwürfe um 1900, hg. v. Ute Frevert, Göttingen 2000; Visionen der Zukunft um 1900. Deutschland, Österreich, Russland, hg. v. Sergej Taskenov und Dirk Kemper, Paderborn 2014).

Das 19. Jahrhundert hat die Grundlagen unseres Wohlstandes, unserer Art des Lebens geschaffen – doch in der Öffentlichkeit spielt es kaum mehr eine Rolle, ist im Großen und Ganzen vergessen. Daher folgt dem Gedicht ein zweiter Reigen, einer mit Abbildungen aus dieser Zeit. Das kommt nicht so eingängig-nett daher wie diese Alltagspoetik, kann Ihnen aber vielleicht diese Zeit plastischer vor Augen führen und eventuell auch Lehrer ermutigen, dem 19. Jahrhundert abseits der Gründung des kleindeutschen Reiches und der Industrialisierung Konturen zu verleihen und auf Geschichte neugierig zu machen. Doch nun erst einmal Platz für den unbekannten Autor und seinen Betrag zur Jahrhundertwende 1900:

„Was hat das neunzehnte Jahrhundert gebracht?

Was wir sahn in hundert Jahren,
sollt prägnant ihr hier erfahren:
Neue Reiche, neue Staaten,
Gasbeleuchtung, Automaten,
Emancipation der Neger,
Wollregime von Dr. Jäger,
Seuchen, Revolutionen,
Kaffee ohne Kaffeebohnen,
Ansichtskartensammelwuth,
Weine ohne Traubenblut,
Biere ohne Malz und Hopfen,
Magenpumpe, Hoffmannstropfen,
Dichtungen von Schiller, Goethe,
Kriege, Krisen, Hungersnöthe,
Deutsche Zollvereinigung,
Dampflatrinenreinigung,
Impfzwang, Repetirgewehre,
Amateure und Masseure,
Vielerlei Assecuranzler,
Deutschen Kaiser, Deutschen Kanzler,
Deutsches Heer und Deutsche Flotte,
Anarchistische Complotte,
Pulver ohne Knall und Rauch,
Deutsche Colonien auch,
Nihilistenattentate,
Rothes Kreuz, Brutapparate,
Brod- und Wurst- und Weinfabriken,
Oertel-Curen für die Dicken,
Streichhölzer und Eisenbahnen,
Heines Lieder, Freytags „Ahnen“,
Telegraphen mit und ohne
Leitungsdrähte, Telephone,
Auch Torpedos, rasch versenkbar,
Flugmaschinen, beinah lenkbar,
Reblaus-, Schildlausinvasion,
Rotationsdruck, Secession,
Bahnhofsperre (läst‘ge Fessel!),
„Fuhrmann Henschel“, „Weißes Rössel“,
Chloroform, Antipyrin,
Morphium, Phenacetin,
Vegetarierkost — o jerum!
Diphtherie-, Pest-, Hundswuthserum,
Erbswurst, Marlitt, Sanatorien,
Panzerzüge, Crematorien,
Phonographen, Mauserflinten,
Röntgen-Strahlen,
Schnurrbartbinden,
Fahrrad-, Ski- und Kraxelsport,
Tennis, Fußball und so fort,
Sonnenbäder, Wasser-Curen,
Hygiene-Professuren,
Auerlicht, Acetylen,
Straßenbahn, Sanatogen,
Klapphornverse, Streichholzscherze,
Caviar aus Druckerschwärze,
Feuerwehren, stets bereit,
Europäische Einheitszeit,
Motordroschken, Interviews,
Bestdressirte Känguruhs,
Waarenhäuser und Basare,
Färbemittel für die Haare,
Zähne-, Waden-Surrogate,
Maggi, Soxleth-Apparate,
Lyddit-Bomben, Gasmotoren,
Fango, weibliche Doctoren,
Influenza, Heilsarmee,
Ethische Culturidee,
Bogenlampen, Glühlichtstrümpfe,
Börsenkrachs, Parteigeschimpfe,
„Hurrah“- Ruf statt „Hoch“ Geschrei,
Dr. Schenks Austüftelei,
Robert Mayers Theorie,
Falb-Prognose (stimmt fast nie!),
Dreyfus-Sache, Zola-Briefe,
Richard Wagners Leitmotive,
Nordpolfahrten, Schweizerpillen,
Reinculturen von Bacillen,
Wasmuths Hühneraugenringe
und noch tausend andere Dinge.
Dies des Säculums Bedeutung,
nach der „Magdeburger Zeitung“
(Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 4 v. 4. Januar, 9-10).

Diese Fassung stammt aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 4. Januar 1900 – und erschien parallel in weiteren führenden Hauptzeitungen (Berliner Tageblatt, Nr. 4 v. 3. Januar, 3, Volks-Zeitung 1900, Nr. 4 v. 4. Januar, 5). Die Quelle zur „Magdeburger Zeitung“ zurückverfolgen konnte ich nicht, denn ein solcher Titel ist in der Zeitschriftendatenbank für dieses Jahr nicht nachgewiesen. Doch es gibt einen Grund für die Verwischung der Spuren. „Was hat das 19. Jahrhundert gebracht“ ist nämlich die deutlich gekürzte, umgestellte und teils auch ergänzte Fassung des Gedichtes „Ein halbes Säkulum“, erschienen mehr als anderthalb Jahre zuvor in der Münchener Kunst- und Satirezeitschrift „Jugend“ (3, 1898, Nr. 19 v. 7. Mai, n. 325). Autor war Biedermeier mit ei, ein Pseudonym des Schriftleiters Fritz von Ostini (1861-1927). Das Gedicht war eine fröhliche Selbstreflektion anlässlich eines fiktiven fünfzigsten Geburtstag, Teil eines Heftes im Andenken an das tolle Jahr 1848. Es war ein Dankesgruß dem „Wohl der Wissenschaft / Und des Menschengeistes Schläue“, eine atemlose Beschwörung der Errungenschaften und Erfindungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch der Erfolg war begrenzt, Nachdrucke gab es jedenfalls nur vereinzelt (Wochenblatt für Zschopau 1898, Nr. 61 v. 24. Mai, 6).

Angesichts der nach wie vor auf dem Stand eines Entwicklungslandes verharrenden Digitalisierung deutscher Tageszeitungen und Wochenzeitschriften kann man die Verbreitung von „Was hat das 19. Jahrhundert gebracht“ leider nicht genau nachzeichnen. Doch angesichts des breit gestreuten Abdrucks in der dank der vorzüglichen Arbeit der Österreichischen Nationalbibliothek einfach zu erschließenden deutschsprachigen Presse Österreich-Ungarns ist es recht sicher, dass das Gedicht Millionen Leser fand (Neue Freie Presse 1900, Nr. 12704 v. 5. Januar, 1, Neues Wiener Journal 1900, Nr. 227 v. 5. Januar, 5, Das Vaterland 1900, Nr. 5 v. 6. Januar, 7-8, Innsbrucker Nachrichten 1900, Nr. 5 v. 8. Januar, 10, Arbeiter-Zeitung 1900, Nr. 7 v. 9. Januar, 4, Tages-Post [Linz] 1900, Nr. 5 v. 9. Januar 3, Grazer Tagblatt 1900, Nr. 10 v. 10. Januar, 7, Leitmeritzer Zeitung 1900, Nr. 3 v. 10. Januar, 47, Volksblatt für Stadt und Land [Wien] 1900, Nr. 2 v. 11. Januar, 3; Freie Stimmen 1900, Nr. 9 v. 31. Januar, Roman-Beil., 280, Signale für die musikalische Welt 58, 1900, 122, Drogisten-Zeitung 1900, Nr. 7 v. 8. April, 154, Pharmaceutische Post 15, 1900, Nr. 33 v. 15. April, 218). Auch in der Schweiz ward es abgedruckt, etwas später, gewiss (Schweizer Sportblatt 3, 1900, Nr. 3, 3). Und selbstverständlich ergötzten sich auch Auslandsdeutsche an dem Gedicht (Der Deutsche Correspondent 1900, Nr. 21 v. 20. Januar, 9). Die rasche Verbreitung dürfte Wolffs Telegraphisches Bureau ermöglicht haben, die 1850 in Berlin gegründete führende deutsche Nachrichtenagentur. Das Gedicht tauchte auch später noch ab und an auf (Vorarlberger Tagblatt 1903, Nr. 5100 v. 2. Januar, 1, Neuigkeits-Welt-Blatt 1900, Nr. 215 v. 21. September, 10), schließlich müssen Zeitungen ja gefüllt werden.

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Ein gut lesbarer Dreispalter. Die Mehrzahl der Abdrucke erfolgte im Fließtext (Prager Tagblatt 1900, Nr. 4 v. 5. Januar, 1)

Damit könnten wir es eigentlich belassen. Doch Sie haben nun die Chance, sich das Gedicht abermals zu Gemüte zu führen; dieses Mal aber mit einschlägigen Abbildungen und Werbeanzeigen dieser für uns so vergangenen Zeit. Zur Vertiefung des Zeitpanoramas habe ich die bibliographischen Fundstellen angegeben und kurze Anmerkungen hinzugefügt. Sollten Sie mehr wissen wollen, graben Sie einfach eigenständig weiter. Das 19. Jahrhundert, zumal die unmittelbare Jahrhundertwende, war die Entstehungszeit der vielfach beschworenen Moderne, in der viele der heutigen Problemlagen, gewiss modifiziert, entstanden und kontrovers diskutiert wurden (vertiefende Lektüre bietet – trotz einer Reihe von Fehlern und Fehldeutungen – Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914, München 2011).

Neue Reiche, neue Staaten,

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Karte von Europa 1871 (Asher & Adams new topographical atlas and gazetteer of New York—Europe, New York 1871, s.p., Library of Congress, https://lccn.loc.gov/2012590219)

1871 entstand das Deutsche Reich als eine kleindeutsche Lösung der deutschen Frage. Schon der Wiener Kongress hatte 1815 zahlreiche deutsche Staaten bestätigt, verschoben und neu arrondiert, die sog. “Einigungskriege” 1864, 1866 und 1871 weitere Grenzen verschoben. In Italien endete 1870 das Risorgimento, das Habsburger Reich etablierte sich nach der Niederlage 1866 als Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Das Osmanische Reich verlor Einfluss und auch Gebiete, Russland expandierte, in Skandinavien dominierte noch Schweden. Die westlichen Staaten vergrößerten ihre Kolonialreiche in Afrika und Asien, Spanien und Portugal verloren dagegen große Teile in Nord- und Südamerika. Nationale Bewegungen agitierten für neue Staaten. Die vom monarchischen Prinzip zusammengehaltenen Reiche dominierten noch, verloren jedoch an Legitimität.

Gasbeleuchtung, Automaten,

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Gasbeleuchtung im Kaufhaus Rudolph Hertzog (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 269)

Das Verbrennen von Gas zur Beleuchtung setzte Anfang des 19. Jahrhunderts in Westeuropa, namentlich in Großbritannien ein. In deutschen Landen begann Hannover 1826 mit der Gasbeleuchtung, kurz darauf folgte Berlin. Seit den 1870er Jahren gab es in allen größeren Städten Gasnetze. Sie ermöglichten neuartiges Heizen und Kochen, ebenso den Betrieb gewerblicher Maschinen. In den Haushalten verbreitete sich parallel das Gaslicht, auch wenn es vor Einführung des Gasglühlichtes recht schwach schimmerte und die Luft belastete.

005_Lustige Blaetter_14_1899_Nr06_p13_Automat_Kognak_Schömann_Köln

Rationalisierung im Alltag: Automatischer Kognak-Ausschenker (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 6, 13)

Maschinen waren ein Treibsatz des 19. Jahrhunderts, sie arbeiteten automatisch, mit Dampf, später auch mit Elektrizität, teils auch Gas. Verkaufsautomaten funktionierten dagegen mechanisch, setzten aber ebenfalls präzise Metallverarbeitung voraus. Erste automatische „Verkaufsbehälter für Cigarren“ gab es ab 1883. Einfache Schachtapparate für Süßwaren vertrieb seit den späten 1880er Jahren die Kölner Firma Stollwerck, die Vorbilder aus den USA aufgriff. Automaten verbreiteten sich im späten 19. Jahrhundert rasch, weiteten sich auf Dienstleistungen aus (Fahrkarten), die Automatenrestaurants der 1890er Jahre boten bereits „Fastfood“ in Form belegter Brote und Brötchen. Die neue Form des Verkaufs wurde allerdings durch polizeiliche Maßnahmen, durch strikt durchgehaltene Sonntagsruhe- und Landschlussgesetze sowie die geringe Bereitschaft des Einzelhandels begrenzt, Automaten kundengerecht aufzustellen.

Emancipation der Neger,

006_Deutsches Montags-Blatt_1877_10_29_p06_Unterhaltungsindustrie_Konzert_Sklaven_Spirituals_Sklavenemanzipation

Eigenartige und anheimelnde Sklavenlieder in Berlin – nach der Sklavenemanzipation in den USA (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 29. Oktober, 6)

Die Sklavenbefreiung in den USA durch die Emancipation Proclamation vom 1. Januar 1863 dient heute als wichtigste Wegmarke für die Geltung universeller Menschenrechte im „Westen“, zumal sie zum zentralen Kriegsgrund des amerikanischen Bürgerkriegs mutierte. Die Sklavenemanzipation geht jedoch bis weit in das 17. Jahrhundert zurück: Portugal verbot die Sklaverei in seinem Kolonialreich bereits 1761, und der britische Slavery Abolition Act von 1833 brachte für deutlich mehr Sklaven die Freiheit. Der Abolitionismus war vor allem christlich geprägt, Quäker und Katholiken waren wichtige Wegbereiter. Im Deutschen Reich gab es im späten 19. Jahrhundert öffentlich vernehmbare Abolitionistengruppen, deutsche US-Emigranten wirkten vorher schon in den USA. Grassierender Rassismus aber war mit der Sklavenemanzipation nicht beseitigt, ebenso die massive Armut und rudimentäre Bildung.

Wollregime von Dr. Jäger,

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Wollkleidung als Gesundheitsgarant (Berliner Tageblatt 1886, Nr. 55 v. 31. Januar, 21)

Das 19. Jahrhundert war voller inspirierender Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Der österreichische, später württembergische Naturkundler Gustav Jäger (1832-1917) legte zahlreiche Überblicksdarstellungen der modernen Biologie und Physik vor, betätigte sich auch naturphilosophisch. Bekannt aber wurde er als Propagandist des Wollregimes, das er erst in Zeitschriften, dann auch in seinem weit verbreiteten Buch „Die Normalkleidung als Gesundheitsschutz“ 1881 popularisierte. Jäger lizensierte sein System seit 1879 an den Stuttgarter Textilproduzenten Wilhelm Benger, weitere Kooperationen folgten, seit 1884 auch in Großbritannien. Für Jäger war der Mensch eine Maschine, die Düfte produzierte und absonderte. Eng anliegende Wollkleidung erschien ihm gesund und artgemäß. Jägers Wollregime führte zu erbitterten Fehden, die etablierte Wissenschaft lehnte es strikt ab. Doch auch die Naturheilkunde zerfaserte im Kleiderstreit: Heinrich Lahmann (1860-1905) stritt für reine Baumwolle, die Naunhofer Excelsior-Werke für Merino-Kammgarn, etc., etc.

Seuchen, Revolutionen,

008_Kladderadatsch_045_1892_Nr18_p09_Seuchen_Cholera_Typhus_Mars_Hamburg_Infektionskrankheiten

Seuchenvorstellungen angesichts der Hamburger Choleraepidemie 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 18, 9)

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein traten Seuchen regelmäßig auf, konnten nur eingedämmt, nicht aber wirksam bekämpft werden. Cholera, Typhus, Diphterie, Ruhr und viele weitere Infektionskrankheiten forderten gerade in den großen Städten regelmäßig hunderte, ja tausende Tote und Versehrte. Die Bakteriologie erlaubte zunehmend Impfungen, doch es war nicht zuletzt die moderne Daseinsvorsorge (Wasserversorgung, Müllentsorgung, Nahrungsmittelüberwachung), die vor der Entdeckung von Impfstoffen und Antibiotika halfen, die Seuchen einzuschränken. Sie zu besiegen ist jedoch nichts anders als ein frommer Wunsch.

009_Duesseldorfer Monatshefte_01_1847-48_p341_Revolution_Bürgertum_Bürgerwehr

Bündnis von Bürgertum und Monarchie 1848 (Düsseldorfer Monatshefte 1, 1847/48, 341)

Revolutionen waren seit dem späten 18. Jahrhundert (USA, Frankreich) Wegbereiter der Emanzipation und Machtteilhabe des Bürgertums, der Verrechtlichung und des Parlamentarismus. In deutschen Landen blieben Revolutionen lange Zeit aus, oktroyierte Verfassungen und Verfassungsversprechungen traten an deren Stelle. Erst 1830/31 gab es massiven Aufruhr vornehmlich in Nord- und Mitteldeutschland, doch noch blieb die monarchische Ordnung dominant. Das änderte sich durch die bürgerliche Revolution 1848/49, die zu vielfältigen Änderungen in den Staaten des Deutschen Bundes führte, die zugleich aber ihr ehrgeiziges Ziel eines deutschen Verfassungsstaates nicht erreichte. Die Dynamik der Revolution führte zu einer Spaltung der bürgerlichen Kräfte in demokratisch-republikanische und monarchistisch-repräsentative Kräfte. Gleichwohl blieb der Liberalismus eine zentrale Kraft während der Jahrhundertmitte, die auch ohne neuerliche Revolution breitgefächerte Reformen anstieß und umsetzte.

Kaffee ohne Kaffeebohnen,

010_Kladderadatsch_042_1889_Nr02_Beibl1_p4_Nahrungsmittelfälschung_Kaffee_Jean-Heckhausen-Weies_Köln

Die Form stimmt, der Gehalt wohl weniger (Kladderadatsch 42, 1889, Nr. 2, Beibl. 1, 4)

Aufgrund seines Preises und der vielfach nicht ausgeprägten Kenntnisse der Verbraucher wurde Kolonialkaffee häufig verfälscht. Mischungen mit allerhand Kaffeesubstituten waren recht üblich. Zugleich entstand im späten 19. Jahrhundert mit dem Malzkaffee ein neuer industriell gefertigter Ersatzkaffee auf Gerstebasis. Gemeinsam mit dem im frühen 19. Jahrhundert popularisierten Zichorienkaffee war er bis in die 1950er Jahre hinein das wichtigste Heißgetränk in Deutschland, während andere Kaffeesubstitute, etwa der Eichelkaffee, im 19. Jahrhundert stark an Bedeutung verloren.

Ansichtskartensammelwuth,

011_Lustige Blaetter_15_1900_Nr01_p16_Jahrhundertwende_Ansichtskarten_Postkarte_Fortschritt

Da ist sie schon, die erste Ansichtskarte des neuen Jahrhunderts (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 1, 16)

Ansichtskarten waren ein Resultat von Postreformen und veränderter Drucktechnik. Briefmarken entstanden um die Jahrhundertmitte, ein einigermaßen einheitliches deutsches Postgebiet erst nach der Reichsgründung 1871. Damals gab es erste Postkarten, ab dem 1. Juli 1872 durften sie auch Abbildungen enthalten; und der Nürnberger Graphiker Frank Rorich (1851-1912) präsentierte erste ansprechende Entwürfe. Die Farblithographie führte seit den 1880er Jahren zu einer rasch wachsenden Zahl von Ansichtskarten, die ab den 1890er Jahre durch reproduzierte Fotografien ergänzt wurden. Illustrierte Postkarten wurden nun zum Massenphänomen, getragen von einer wachsenden Zahl von touristisch erschlossen Gebieten und von Urlaubern. Und rasch reihten sich die Ansichtskarten in Sammelalben ein – so wie schon Briefmarken, Poesie und erste Photos. 1894 entstand in Hamburg ein erster „Sammelverein für illustrierte Postkarten“, und seit 1895 bot die „Monatsschrift für Ansichtskarten-Sammler“ vertiefende Informationen über die sich rasch verbreitende Alltagspassion.

Weine ohne Traubenblut,

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Weinessenz als Grundstoff eines ansprechenden Kunstweines (Berliner Tageblatt 1891, Nr. 175 v. 4. August, 4)

Im 19. Jahrhundert war Wein häufig eine Mischung, ein Cuvée verschiedener Einzelweine. Der Handel wurde von schweren Dessertweinen dominiert, etwa Sherry oder Portwein. Höhere Qualitäten verkaufte man nach Herkunftsgebieten und Lagen, dafür garantierten spezialisierte Händler, die Groß- und Einzelhandel meist verbanden. Wein wurde (wie heute auch) in der Regel gezuckert, die Verfahren von Jean-Antoine Chaptal (1756-1832), Ludwig Gall (1791-1863) und Abel Petiot (1847-1878) unterstrichen den praktischen Wert der modernen Chemie. Weinextrakte erlaubten „Kunstwein“ gar ohne Weinbau, handelte es sich doch um Aromastoffe und getrocknete Weinreste, die mit Alkohol, Wasser und Zucker dann zu einem süffigen Getränk vermengt wurden. Gegen derartige Kunstprodukte wandten sich Winzer, Händler und Gastronomen, die „naturreinen“ Wein anboten. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879, das Weingesetz von 1892, insbesondere aber dessen Novelle von 1901 schufen notwendige Rahmenbedingungen für Qualitätswein auch in Deutschland.

Biere ohne Malz und Hopfen,

013_Industrie-Blaetter_03_1866_Nr01_p01_Nahrungsmittelkontrolle_Nahrungsmittelfälschung_Wiissenschaft

Titelblatt der 1864 gegründeten „Industrie-Blätter“, die in den Folgejahrzehnten chemisch-pharmazeutische Expertise gegen Nahrungsmittelfälschungen und „Geheimmittel“ setzte (Industrie-Blätter 3, 1866, Nr. 1, 1)

Entgegen vielfältiger Klagen über „wässeriges“ Bier wurde dieses nicht vollständige vergorene, aus den löslichen Bestandteilen des Hopfens unter Zugabe von Malz hergestellte Getränk eher selten verfälscht. Das war auch Folge des Siegeszuges des industriell produzierten hellen „bayerischen“ Lagerbiers, das weltweit die zuvor dominanten dunkleren englischen Biere verdrängte. Getrickst wurde vor allem bei der Qualität des Malzes, das trotz des eben noch nicht reichsweit geltenden Reinheitsgebotes teils nicht aus Gerste, sondern aus billigeren stärkehaltigen Ersatzmitteln bestand, etwa Reis, Mais, Kartoffelsirup oder Süßholz. Hopfensurrogate kamen noch seltener zum Einsatz. Bier ohne Hopfen und Malz war technisch möglich, war aber eher Horrorvorstellung denn reales Angebot. Qualitative Mindeststandards wurden jedoch nicht nur durch die praktische Sinneskontrolle der Zecher festgelegt, sondern seit den 1860er Jahren auch durch Pharmazeuten, seit den späten 1870er Jahren durch die sich rasch professionalisierenden Nahrungsmittelchemiker. Selbstverpflichtungen des Braugewerbes unter dem Banner des Reinheitsgebotes galten reichsweit jedoch erst ab 1906.

Magenpumpe, Hoffmannstropfen,

014_Medizinische Klinik_21_1925_p394_Medizinaltechnik_Magenpumpe_John-Weiß

Medizinische Handwerkskunst (Medizinische Klinik 21, 1925, 394)

Die 1825 von John Weiß (1773-1843), einem deutsch-englischen Einwandererunternehmer, konstruierte Magensonde erweiterte das Arsenal der noch recht kleinen Zahl der Ärzte. Das erst in den 1870er Jahren allgemein eingesetzte Instrument diente dem Auspumpen des Magens und war insbesondere bei Vergiftungen eine wirksame Hilfe. Die Magenpumpe ergänzte die schon gängigen chirurgischen Geräte und ist ein frühes Beispiel für die im späten 19. Jahrhundert rasch anschwellende Zahl medizinischer Apparate.

015_Memminger Zeitung_1875_10_27_Nr275_p3_Heilmittel_Hoffmannstropfen_Drogerieartikel_Wilhelm-Fichtner

Das breite Angebot einer Drogerie – inklusive Hoffmannstropfen (Memminger Zeitung 1875, Nr. 275 v. 27. Oktober, 3)

Hoffmannstropfen passen nicht recht in den zeitlichen Reigen des Gedichtes, war doch der „Erfinder“ Friedrich Hoffmann (1660-1742) ein Hallenser Frühaufklärer. Das stark alkoholhaltige Kräftigungsmittel bestand vornehmlich aus Ätherweingeist und war insbesondere in der Jahrhundertmitte im Bürgertum weit verbreitet. Es erweiterte die Gefäße und senkte den Blutdruck, half daher bei Schwächezuständen aller Art.

Dichtungen von Schiller, Goethe,

016_Das interessante Blatt_24_1905_04_17_Nr14_p17_Konversationslexikon_Brockhaus_Goethe_Schiller_Globus

Der käufliche Horizont des deutschen Bürgerhaushalts: Schiller, Globus, Goethe und Brockhaus (Das interessante Blatt 24, 1905, Nr. 17 v. 27. April, 17)

Klassikerausgaben wurden seit dem späten 18. Jahrhundert Zierrat bürgerlicher Haushalte. Die Werke von Friedrich Schiller (1759-1805) und Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ragten dabei hervor. Beide waren deutsche „Dichter und Denker“, verkörperten deutsche Bildung, führten die Denkmalsmanie des 19. Jahrhunderts an. Die Hundertjahrfeiern ihrer Geburtstage waren wichtige Wegmarken der liberalen Nationalbewegung. Goethes und Schillers Werke wurden im Schulunterricht gelesen, ihre Dramen blieben Eckpunkte des bürgerlichen Theaters während des gesamten 19. Jahrhundert. All dies sollte allerdings nicht zu dem Fehlschluss führen, ihre Werke seien abseits des veröffentlichten Lebens alltagsrelevant gewesen. Dort dominierten zeitgenössische Dichter und Schriftsteller, vor allem aber die heute vielfach vergessene Kolportageliteratur. Die Werke von Schiller und Goethe dienten dagegen bevorzugt als Steinbruch, in dem jede Zeit, nicht nur das 19. Jahrhundert, fündig wurde.

Kriege, Krisen, Hungersnöthe,

017_Kladderadatsch_045_1892_Nr41_p3_Hunger_Seuchen_Armut_Russland_Wirtschaftskrise

Hunger, Seuche und Geldnot – gezeichnet anlässlich der Hungersnöte in Russland 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 41, 3)

Im 19. Jahrhundert wurden Kriege noch als legitime Fortsetzung der Politik verstanden, entsprechend populär waren die nationalen Einigungskriege. Das änderte sich langsam um die Jahrhundertwende, zumal durch brutale Kolonialkriege, etwa der Briten gegen die Buren 1899-1902. 1899 kam es zu einer ersten internationalen Verrechtlichung militärischer Konflikte durch die Haager Landkriegsordnung, eine Folge auch des Drängens einer zahlenmäßig schwachen, jedoch medial recht präsenten Friedensbewegung. Auch Hunger wurde im späten 19. Jahrhundert nicht mehr länger als Schicksal akzeptiert. Insbesondere die Hungersnöte in Russland (1891/92) und Indien (1896/97) führten zu internationalen Hilfsaktionen, teils mit Geld, vor allem aber mit Nahrungsmittellieferungen.

 

Deutsche Zollvereinigung,

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Die Schaffung eines kleindeutschen Binnenmarktes: Entwicklung des Deutschen Zollvereins seit 1834 (Wikimedia)

Der deutsche Zollverein war wichtig für die Schaffung eines einheitlichen, durch Binnengrenzen möglichst unbeschränkten Warenverkehr. Anders als die spätere borussische Geschichtsschreibung, die in dem von Preußen geführten kleindeutschen Reich das eigentliche Ziel des Zollvereins sah, sollte man die zeitgenössischen wirtschaftlichen Vorteile der Handelsliberalisierung betonen. Der Staat verlor zwar für den Staatshaushalt noch sehr wichtige Zolleinnahmen, doch diese wurden durch wachsende Erträge aus Gewerbe- und Grundsteuern vielfach übertroffen. Zugleich erlaubte der Zollverein einheitliche Außenzölle, die für das Wachstum vieler in den 1830er bis 1870er Jahren noch nicht wettbewerbsfähigen Industriezweige notwendig erschienen. Der Zollverein war ein zukunftsweisendes Vertragswerk zwischen souveränen Staaten, eine Blaupause für die umfangreichen vornehmlich bilateralen Handelsverträge des späteren Deutschen Reiches mit anderen Staaten.

Dampflatrinenreinigung,

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Hygiene durch Maschineneinsatz: Angebote nach der Jahrhundertwende (Die Städtereinigung 1909, Nr. 6, s.a.)

Im 19. Jahrhundert gab es eine umfassende Verhäuslichung körperlicher Verrichtungen. Aborte und Latrinen wurden erst am, dann im bürgerlichen Hause geplant, um Gestank zu minimieren und die Sittlichkeit zu heben. Um den öffentlichen Raum sauber zu halten, wurden zudem städtische Bedürfnisanstalten eingerichtet, damit auch Seuchenprävention betrieben. Sie waren vielfach an das öffentliche Abwassersystem angebunden, doch zumeist fehlten Spülanlagen. Ihre Reinigung wurde im späten 19. Jahrhundert breit diskutiert. Maschinenbetriebene Pumpen und Tankabfuhrwagen verringerten hygienische Probleme, schufen ein von strengen Gerüchen unbeeinträchtigtes Einkaufsumfeld. Schon im frühen 20. Jahrhundert begann jedoch ein langsamer Abbau dieser Form moderner Daseinsfürsorge, deren Betriebskosten angesichts der weiteren Verbreitung von häuslichen Aborten nicht mehr tragbar erschienen.

Impfzwang, Repetirgewehre,

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Kampf gegen den Impfzwang mit statistischen Daten (Carl Löhnert, Graphisches ABC-Buch für Impffreunde, Chemnitz 1876, 6)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Blattern resp. Pocken eine weit verbreitete Infektionskrankheit, deren Narben auch die Überlebenden zeichneten. Die Pockenschutzimpfung des britischen Arztes Edward Jenner (1749-1823) bot seit 1796 eine einfache Möglichkeit, diese Krankheit einzudämmen. Sie verbreitete sich rasch auf dem europäischen Kontinent. Bayern und Baden machten diese Impfung 1807 verpflichtend, während die Mehrzahl der deutschen Staaten lediglich Empfehlungen aussprach. Das änderte sich nach der Pockenepidemie 1869-1871, der im Gebiet des dann gegründeten Deutschen Reich ca. 180.000 Menschen zum Opfer fielen. Das Reichsimpfgesetz von 1874 erließ einen Impfzwang für Kinder von ein bis zwölf Jahren. Das Gesetz wurde jedoch nicht durchweg begrüßt, sondern zum Anlass für eine breite Gegenbewegung von Impfgegnern. Sie plädierten für das Recht auf körperliche Unversehrtheit, wiesen auch auf Mängel der vielfach nicht hygienischen Impfung hin. Die Impfgegner waren Teil einer Opposition gegen das Vordringen angewandter Naturwissenschaften und statistischer, vom Einzelfall absehender Verfahren, die in der kulturkritischen Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende ihren ersten Höhepunkt hatte.

021_Volks-Blatt_1903_01_20_Nr031_p05_Waffen_Gewehr_Mauser_Modell-98_Repetiergewehr

Das deutsche Infanteriegewehr „Modell 98“ (Volks-Blatt 1903, Nr. 31 v. 20. Januar, 5)

Der technische Fortschritt, insbesondere eine präzisere Metallverarbeitung, die Entwicklung widerstandsfähiger Stahlsorten und die Produktion von zündsicheren Patronen erlaubte seit Mitte des 19. Jahrhunderts massive Verbesserungen der Distanzwaffen, insbesondere von Gewehren und Artillerie. Repetiergewehre ermöglichten über mechanische Zieh- und Verschlusssysteme das rasche Nachladen der Waffe aus einem Patronenlager. Sie verdrängten Hinterladergewehre, wurden ihrerseits dann durch automatische Selbstladewaffen verdrängt. Seit 1898 etablierte sich im Deutschen Reich das von der württembergischen Firma Mauser produzierte „Modell 98“ als Standardgewehr, das auch viele andere Armeen übernahmen.

Amateure und Masseure,

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Jedermann kann photographieren (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2274, Beibl., 8)

Die vor allem durch die 1837 eingeführte Daguerreotypie geprägte Photobranche war ein halbes Jahrhundert ein Expertenhandwerk. In den seit 1840 auch in deutschen Landen entstehenden Photostudios hantierten Fachleute nicht nur mit schwierig zu handhabenden optischen Instrumenten, sondern auch mit giftigen und leicht entzündlichen Chemikalien. Bis weit ins 19. Jahrhundert prägten Lithographien und Holzstiche die zahlreichen illustrierten Blätter, das Photo blieb ein Prestigeprodukt für den eigenen Haushalt. Das änderte sich in den späten 1890er Jahren. Einfachere und preiswertere Kistenkameras, standardisierte Fixierflüssigkeiten und leichter handhabbare Photoplatten erlaubten nun auch bürgerlichen Enthusiasten das Photographieren. 1900 brachte der amerikanische Marktführer mit der Kodak Brownie eine tragbare Kamera auf den Markt, der die Amateurphotographie sowohl in den USA als auch im Deutschen Reich zu einem gängigen Hobby im bürgerlichen Milieu machte.

023_Schilling_1897_p242_Massage_Therapie

Die helfende Hand des Masseurs bei der Einleitungsmassage (F[riedrich] Schilling, Kompendium der Ärztlichen Technik, Leipzig 1897, 242)

Während des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Massage als Teil der physikalischen Therapie bzw. Mechanotherapie als eine etablierte ärztliche Technik. Streichen, Reiben, Kneten und Hacken wurden auf Grundlage zunehmend genauerer anatomischer Kenntnisse gezielt eingesetzt. Gegen Ende des Jahrhunderts ergänzten mechanische Instrumente die etablierten Handtechniken, während Maschinen noch außen vor blieben. Die Massage ist zugleich ein gutes Beispiel für den internationalen Transfer von Therapien. Viele stammten aus Schweden (Per Henrik Ling (1776-1839)), etablierten sich durch schwedische Auswanderer in den USA und wurden von dort auch ins Deutsche Reich übertragen (Albert Hoffa (1859-1907)). Die Naturheilkunde setzte ebenfalls stark auf Massagetechniken und popularisierte sie um die Jahrhundertwende in zahlreichen, teils in Millionenauflagen vertriebenen Gesundheitslehren.

Vielerlei Assecuranzler,

024_Ueber Land und Meer_081_1898-99_Nr05_sp_Versicherungen_Lebensversicherung_Stuttgart

Popularisierung der Sorge: Werbung für eine Lebensversicherung (Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 5, s.p.)

Versicherungen sind Institutionen zur gemeinsamen Risikoübernahme. Sie konzentrierten sich seit der frühen Neuzeit auf elementare Risiken, etwa die in Städten weit verbreiteten Feuer oder aber Hagelschlag und Ernteverluste. Transportversicherungen entstanden parallel zur europäischen kolonialen Expansion. Die Versicherung von Besitz und Leben begleitete in deutschen Landen den Aufschwung des Bürgertums seit dem frühen 19. Jahrhundert. Die Assekuranzen benötigten beträchtliches Kapital, waren daher Pioniere der Aktiengesellschaften. Um ihr betriebliches Risiko abschätzen zu können, bedienten sie sich schon seit dem späten 18. Jahrhundert mathematischer Verfahren. Für die Mehrzahl der Deutschen hatten Assekuranzen nur geringe Bedeutung, sie zahlten eher für lokale Begräbnisvereine und Sterbekassen, während elementare Lebensrisiken (Krankheit, Unfall, Alter) von den in den 1880er Jahre eingeführten Sozialversicherungen peu a peu gemildert wurden.

Deutschen Kaiser, Deutschen Kanzler,

025_Lustige Blaetter_14_1899_Nr29_p10_WilhelmI_Otto-von-Bismarck

Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto v. Bismarck grüßen vom Himmel (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 29, 10)

Das 1871 gegründete kleindeutsche Reich wurde als Ende der fehlenden deutschen Staatlichkeit gefeiert, als nationaler Machtstaat – obwohl es Abermillionen von Deutschen ausschloss, Abermillionen nationale Minderheiten umgriff. Die Kaiserwürde knüpfte an die mittelalterliche Geschichte an, ebenso wie schon 1849, beim vergeblichen Versuch des demokratisch gewählten Paulskirchenparlaments, dem preußischen König die Krone anzudienen. Auch 1871 hatte der spätere Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) gewichtige Bedenken, war Preußens und Hohenzollerns Mission doch nicht Deutschland. Das neue Reich war eine Monarchie eigenen Typs, die Herrschaft von Monarch, Militär und Obrigkeit war durch Verfassung und Parlament eingeschränkt. Der Kaiser regierte durch den Reichskanzler, der vom ihm ernannt und entlassen wurde, der zugleich aber beträchtliche Rechte hatte, die eine starke Persönlichkeit nutzen konnte. Der erste Kanzler, Otto von Bismarck (1815-1898), dominierte die Politik bis 1890, ohne dass diese in eine „Kanzlerdiktatur“ abglitt. Es folgte das „persönliche Regiment“ des irisierenden Wilhelm II. (1859-1941), dessen Reichskanzlern es nur selten gelang, „seine Majestät“ im Zaum und auf Kurs zu halten.

Deutsches Heer und Deutsche Flotte,

026_Illustrirte Zeitung_113_1899_p211_Militär_Artillerie_Haubitze_Fetthenne

Haubitzenbatterie während eines Manövers bei Fettehenne, heute Wuppertal (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 211)

Die Siege in den sogenannten Einigungskriegen 1864, 1866 und vor allem 1870/71 stärkten die Stellung der Armee in der Bevölkerung, verdrängten teilweise ihre Funktion als Machtmittel der Fürsten. Die „deutsche“ Armee blieb rechtlich eine Chimäre, denn sie bestand aus Kontingenten der Einzelstaaten unter dem Oberbefehl des Kaisers. Eine parlamentarische Kontrolle erfolgte allein über die notwendige Zustimmung des Reichstags zum Militärbudget, die jedoch für immer längere Zeiträume gewährt wurde. Das Heer blieb fest in adeliger Hand, und eine gesonderte Militärgerichtsbarkeit ermöglichte die Aufrechterhaltung ständischer Formen von Ehrsamkeit und Unterordnung. Militärisch blieben die deutschen Truppen eher konventionell, besaßen keine strukturellen Vorteile gegenüber denen anderer Großmächte. Die Truppenführung mit ihrem Fokus auf Offensive und Entscheidungsschlacht sowie die – abseits der Artillerie und der Telegraphie – häufig zögerliche Einführung moderner Technik sollten sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als schwere Belastung erweisen.

027_Gartenlaube_1898_p045_Marine_Kreuzer_Ostasien_Imperialismus

Ein deutsches Kreuzergeschwader in Ostasien (Gartenlaube 1898, 45)

Eine deutsche Flotte war schon ein Ziel der liberalen Mehrheit des Paulskirchenparlaments 1848/49. Ab 1871 wurden die nicht allzu zahlreichen Einheiten des Deutschen Bundes einem einheitlichen kaiserlichen Kommando unterstellt. Sie dienten der Küstenverteidigung und dem Schutz deutscher Handelsinteressen – zumal nach Erwerb erster Kolonien. Unter dem Druck von Wilhelm II. und des Staatssekretärs im Reichsmarineamt, Alfred von Tirpitz (1849-1930), begann das Deutsche Reich jedoch 1897 mit dem Aufbau einer Schlachtflotte. Sie wurde von der bürgerlichen Öffentlichkeit enthusiastisch begrüßt, die außenpolitischen Risiken dieser gegen die Dominanz Großbritanniens gerichteten Maßnahme billigend in Kauf genommen. Neben den Militarismus trat der Navalismus. Dennoch war schon um die Jahrhundertwende absehbar, dass die „schwimmende Wehr“ ein finanzpolitisches und strategisches Desaster sein würde.

Anarchistische Complotte,

028_Der Wahre Jacob_18_1901_p3620_Anarchismus_Terror_Herrschaftstechniken

Anarchismus als Konsequenz der Heuchelei der herrschenden Klassen (Der Wahre Jacob 18, 1901, 3620)

Der Anarchismus ist eine philosophisch-politische Lehre, die unter Flaggenwörtern wie Freiheit und Selbstbestimmung den dezentralen Aufbau der Gesellschaft in Kommunen und Syndikaten anstrebt und zugleich hierarchische staatliche Strukturen bekämpft. Entstanden vor allem in den 1840er Jahren, waren Anarchisten vielfach Teil demokratischer und dann sozialdemokratischer Bewegungen, wurden seit den 1870er Jahre jedoch zunehmend ausgegrenzt. Grund war die viel und kontrovers diskutierte „Propaganda der Tat“, also die gezielte Gewaltanwendung gegen Repräsentanten der staatlichen und wirtschaftlichen Ordnung. Die zahlreichen Attentate in Russland, Frankreich, Spanien und auch Deutschland führten zur massiven Bekämpfung der Anarchisten. Ihre Aktionen waren zugleich ein dankbar aufgegriffener Vorwand für staatliches Vorgehen gegen Sozialdemokraten und Liberale.

Pulver ohne Knall und Rauch,

029_Kladderadatsch_045_1892_Nr29_p08_Munition_Pulver_Versandgeschäft_W-Güttler_Reichenstein

Rauchloses Pulver und Patronen für die Jagd (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 29, 8)

Bis in die 1880er Jahre wurde für Schusswaffen vor allem Schwarzpulver verwandt, eine Mischung aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle. Es verbrannte recht schnell, so schnell, dass bei größeren Kalibern der Geschosslauf beeinträchtigt wurde. Langsamer explodierende, ihre Energie recht vollständig auf die Projektile übertragende Sprengstoffe veränderten dies. Zahlreiche Forscher und Unternehmer knüpften dabei an die 1867 erfolgte Erfindung des Dynamits durch den schwedischen Chemiker Alfred Nobel (1833-1896) und dessen Weiterentwicklung des Nitroglycerins an. Der französische Chemiker Paul Vieille (1854-1934) stellte 1882 mit dem „Poudre B“ ein erstes rauchschwaches Pulver vor, zahlreiche weitere Sprengstoffe folgten binnen weniger Jahre. Doch auch diese explodierten nach wie vor mit einem recht lauten Knall.

Deutsche Colonien auch,

030_Der Wahre Jacob_11_1894_p1784_Kolonialismus_Zivilisation_Menschenwürde_Rassismus

Die Peitsche als Herrschaftsinstrument des „Weißen Mannes“ (Der Wahre Jacob 11, 1894, 1784)

Das Deutsche Reich trat kurz nach seiner Gründung in den Kreis der Kolonialmächte ein. Dies wurde von einer einflussreichen bürgerlichen Kolonialbewegung gefördert und begrüßt (1882 Gründung des Deutschen Kolonialvereins), ebenso von den christlichen Kirchen. Wie schon bei der Debatte um die Sklavenhaltung gab es allerdings auch antikoloniale Vereine, deren Bedeutung aber gering blieb. Ab 1884 folgte die Fahne dem Handel, wurden doch Gebiete mit starken deutschen Handelsgesellschaften unter den Schutz des Deutschen Reichs gestellt. 1884/85 galt dies für Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika sowie die Pazifikregionen Neuguinea und die Marshallinseln. Die Kolonien waren ein ökonomisches Verlustgeschäft, verschlangen doch der Aufbau der rudimentären Infrastruktur und die Besatzungsherrschaft beträchtliche Summen. Politisch stieg die Chance für Konflikte mit den anderen Kolonialmächten beträchtlich. Moralisch wurde zwar immer wieder auf die zivilisierende Aufgabe der Deutschen verwiesen, doch die häufig militärische Brechung lokalen Widerstandes wurde schon vor den brutalen Kolonialkriegen in Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika als Verletzung elementarer Menschenrechte gebrandmarkt.

Nihilistenattentate,

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Attentat von Dr. Karl Eduard Nobiling (1848-1878) auf Kaiser Wilhelm I. am 2. Juni 1878 in Berlin, Unter den Linden (Über Land und Meer 40, 1878, 749)

Wie beim Anarchismus handelte es sich auch beim Nihilismus um eine breite philosophische Bewegung, die teils die Möglichkeit der Erkenntnis, teils die Existenz des Seins negierte. Die Konsequenz war eine strikte Fokussierung auf das Individuum, seine Bedürfnisse und Triebe. Der Begriff wurde seit den 1860er Jahren von russischen Sozialrevolutionären aufgegriffen, die einen gewaltsamen Umsturz der bestehenden Ordnung anstrebten. Nihilismus und Anarchismus wurden daraufhin vermengt und gerade in der politischen Debatte austauschbar. Das konnte man deutlich an den beiden Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. 1878 sehen. Obwohl beide Attentäter erklärte Gegner der Sozialdemokraten waren, dienten die Gewaltakte als Vorwand für das bis 1890 währende Sozialistengesetz, durch das sozialdemokratische Vereine, Zeitungen und Verlage verboten und tausende Anhänger von ihren Wohnorten vertrieben wurden.

Rothes Kreuz, Brutapparate,

032_Fliegende Blaetter_90_1889_Nr2881_Beibl_p11_Lotterie_Rotes-Kreuz_München

Lotterie zugunsten des Roten Kreuzes in Bayern 1889 (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2281, Beibl., 11)

Selten hatte das Engagement eines Einzelnen einen größeren Effekt: Der schweizerisch-französische Geschäftsmann Henri Dunant (1828-1910) bemühte sich 1859 um ein Gespräch mit dem französischen Kaiser Napoleon III. (1808-1873), um ihm seine Kolonisierungsideen in Algerien vorzustellen. Geplant war ein Treffen im oberitalienischen Solferino, wo am 24. Juli mehr als 150.000 französisch-italienische Soldaten die Truppen Österreichs vernichtend schlugen und so den Weg zur nationalen Einigung Italiens ebneten. Dunant sah das Elend auf den Schlachtfeldern, organisierte vor Ort Hilfe und veröffentlichte 1862 „Eine Erinnerung an Solferino“ im Eigenverlag. Darin schlug er die Gründung einer neutralen Organisation freiwilliger Helfer vor, gut ausgebildet und in Kriegs- und Krisenzeiten einsetzbar. Er sprach gezielt Staatsoberhäupter an, warb in ganz Europa für seine Idee. Das spätere Rote Kreuz entstand 1863 als „Internationales Komitee der Hilfsgesellschaft für Verwundetenpflege“ in Genf, ein Jahr später regelten in der 1. Genfer Konvention zwölf Staaten die Rechte der seit 1876 „Internationales Komitee vom Rothen Kreuz“ genannten Hilfsorganisation. Es stand unter dem Banner des roten Kreuzes auf weißem Grunde (eine Spiegelung der Schweizer Flagge), 1876 ergänzt durch den roten Halbmond in der islamischen Welt. Im Deutschen Reich war die supranationale Organisation anfangs regional organisiert, seit 1879 bestand ein Zentralkomitee. Die Finanzierung erfolgte durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Lotterien und staatliche Zuschüsse.

033_Flügge_Hg_1896_p560_Bakteriologie_Medizinaltechnik_Brutapparat_Lautenschläger_Thermoregulator

Brutapparat für Bakterienkulturen (C[arl] Flügge (Hg.), Die Mikroorganismen, 3. völlig umgearb. Aufl, T. 1, Leipzig 1896, 560)

Am Anfang war das Ei, denn Brutapparate entstanden schon in der frühen Neuzeit, um Küken für die Hühnerzucht auszubrüten. Diese einfache Aufgabe setzte zwei für die modernen Naturwissenschaften, aber auch viele Gewerbe entscheidende Techniken voraus: Temperaturmessung und Hitzeregulierung. Brutapparate für die Hühnerzucht wurden im 19. Jahrhundert immer wieder verändert und verbessert, doch der eigentliche Durchbruch zum „Inkubator“ erfolgte parallel mit dem Aufschwung der Bakteriologie. Sie setzte kontrollierte Laborbedingungen voraus, um Bakterienkulturen gezielt vermehren und auch untersuchen zu können. Typisch für die enge Verbindung von Forschung und Gerätetechnik waren in den 1880er Jahren zahlreiche im Umfeld universitärer Institute entwickelte Brutkästen, von denen der hier gezeigte „Thermoregulartor“ der 1888 gegründeten Berliner Firma F. & M. Lautenschläger die auch international weiteste Verbreitung hatte.

Brod- und Wurst- und Weinfabriken,

034_Der Bazar_43_1897_p082_Nahrungsmittelindustrie_Fleischwaren_Wurst_Schinken_Produktionsstätte_Vogt-Wolf_Gütersloh_Versandgeschäft

Einkauf per Versandgeschäft in Deutschlands größter Wurst- und Schinkenfabrik (Der Bazar 43, 1897, 82)

Der Aufstieg der Ernährungsindustrie begann in deutschen Landen in den 1830er Jahren, indem Pflanzen verarbeitet wurden, die in Haushalten kaum bearbeitet werden konnten. Im Vordergrund standen Rübenzuckerraffinerien, Getreide- und Ölmühlen, die Tabak- und Zichorienverarbeitung. Brot, Backwaren, Fleisch und auch Wein wurden dagegen kleingewerblich und verbrauchernah, vielfach auch noch zuhause hergestellt. In der Mitte des Jahrhunderts begann die Mechanisierung weiterer Nahrungsmittelbranchen, insbesondere von Bierbrauereien und dann Margarinefabriken. Maschinen wurden jedoch auch im Nahrungsmittelhandwerk eingesetzt, das seine Stellung durch direkten Verkauf gar ausbauen konnte. Die Brot- und Weinproduktion blieb daher von kleinen und mittleren Betrieben geprägt, anders als etwa in Großbritannien. Wurstfabriken gewannen im späten 19. Jahrhundert etwas größere Bedeutung. Fleischwaren waren länger haltbar, die Rohwaren durch den 1881 in Preußen erlassenen Schlachthauszwang in größeren Mengen konzentriert, und die teils von deutschen Einwandererunternehmern gegründeten US-Mammutunternehmen in Cincinnati und Chicago boten technische und kommerzielle Vorbilder für die Großproduktion. Dennoch gab es in Deutschland 1895 erst drei Fleischerbetriebe mit mehr als 100 Beschäftigten.

Oertel-Curen für die Dicken,

035_Fliegende Blaetter_090_1889_Nr2285_Beibl_p4_Kurort_Bad-Reichenhall_Oertel

Werbung für eine Kur in Bad Reichenhall – inklusive einer Oertel-Kur (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2285, Beibl., 4)

Die meisten der heutigen Diäten sind Wiedergänger einschlägiger Kuren und Ratschläge des 19. Jahrhunderts. Sie entstanden vor dem Hintergrund der Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten Stoffwechsellehre, die im Körper eine Maschine, in Bewegung Energieverlust und in den Nahrungsstoffen Betriebsmittel sah. Die richtige Mischung schien im Kampf gegen die Fettsucht und die Pfunde entscheidend zu sein: Seit den 1860er Jahren propagierte die aus England stammende Banting-Diät den Verzehr vornehmlich eiweißhaltiger Nahrung, während die Ebstein-Diät der 1880er Jahre fettreich und kohlehydratarm war. Die nach dem Münchner Hals-, Nasen-, Ohrenarzt Max Joseph Oertel (1835-1897) benannte Diät verbot dagegen Fette, setzte zudem auf die Reduktion von Getränken. Nur leicht modifiziert war die Schwenninger-Diät, die jedoch dank der PR seines Propagandisten – Ernst Schwenninger (1850-1924) war unter anderem Leibarzt Otto von Bismarcks – große Resonanz hervorrief. Während heute Diäten individualisiert sind, der Kampf gegen das Übergewicht privat geführt wird, war es für bürgerliche Kreise im 19. Jahrhundert allerdings noch üblich, sich einer Kur in einer Privatklinik zu unterziehen.

Streichhölzer und Eisenbahnen,

036_Deutsches Montags-Blatt_1877_10_29_p08_Streichhölzer_Norrköpings Tändsticksfabriks_Kleinau-Borchardt

Schwedische Importwaren in deutschen Landen (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 29.10., 8)

Die Nutzung des Feuers stand nicht nur am Beginn menschlicher Zivilisation, sondern auch für die industrielle Welt voll Kohle und Eisen. Feuer wurde bis weit in das 19. Jahrhundert hinein im Herd gehegt, leicht entzündlicher Zunder war erforderlich, um es durch Funkenschlag wieder zu entfachen. Streichhölzer haben dies wesentlich vereinfacht. Sie waren Anwendungen chemischer Forschung, Resultat steten und nicht ungefährlichen Experimentierens. Weißer Phosphor brannte hell, konnte um sich greifen und war giftig, auch Kaliumchlorat nicht ungefährlich. Reibbare Streichhölzer gab es seit den 1830er Jahren – und der Markt für Zündstoffe entwickelte sich rasch, nachdem auch roter Phosphor genutzt wurde. Wichtiger noch war die Verlagerung der gefährlicheren Chemikalien in eine Reibfläche, durch die allein das imprägnierte Holz entzündet werden konnte. Der Frankfurter Chemiker Rudolf Christian Boettger (1806-1881) entwickelte das wohl wirkmächtigste Verfahren. Er verkaufte sein Patent an schwedische Investoren, deren Sicherheitshölzer den Markt in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts dominieren sollten.

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Der „Dampfwagen“ Adler startet in ein neues Zeitalter des Verkehrs (Illustrierte Technik für Jedermann 4, 1926, 43)

Die Eisenbahn war die wichtigste Innovation des 19. Jahrhunderts. Sie war Leitsektor der Industrialisierung, zumal des Maschinenbaus, der Metallverarbeitung und des Bergbaus. Ihre Finanzierung mündete in ein modernes Bankensystem, etablierte die Rechtsform der Aktiengesellschaft, förderte das Börsenwesen. Die Eisenbahn veränderte die Landschaft, das Empfinden von Entfernungen, war zentral für die Bildung regionaler und nationaler Märkte. Sie erlaubte rasche Bewegungen von Truppen und Ausrüstung. Das Eisenbahnnetz erforderte überregionale Koordinierung, Fahrpläne, möglichst einheitliche Zeiten, einheitliche Spurbreiten und Standards. Sein Aufbau und seine Aufrechterhaltung benötigte eine immense Zahl von Arbeitern, un- und angelernte für die Gleisarbeiten, Facharbeiter für Lokomotiven, Waggons, Signaltechnik, Verkehrsregulierung, Gebäudebau und vieles mehr. Die anfangs vielfach privat betriebenen Eisenbahnen wurden zunehmend verstaatlicht, blieben im Deutschen Reich jedoch unter der Hoheit der Länder. Damit wurde nicht nur der Staat zu einem zentralen wirtschaftlichen Akteur, sondern es entwickelte sich eine für das Deutsche Reich typische enge Verzahnung von Banken, Unternehmern, Investoren und dem Staat.

Heines Lieder, Freytags „Ahnen“,

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Porträts von Heinrich Heine und Gustav Freytag (Kikeriki 33, 1893, Nr. 11 v. 5. Februar, 2; Illustrirte Frauen-Zeitung 22, 1895, 89)

Heinrich Heines (1797-1856) 1827 erschienener Gedichtband „Buch der Lieder“ bündelte die große Mehrzahl der frühen Gedichte des heutzutage vor allem als scharfsinnigen Satiriker, Zeitkritiker und demokratischen Feuilletonisten geschätzten Dichters. Er bestand vor allem aus Liebesgedichten und Landschaftsbeschreibungen und war ein Schlüsselwerk der Romantik. Dennoch blieb der seit 1831 im Pariser Exil lebende und 1835 mit Publikationsverbot im Deutschen Bunde belegte Heine eine Persona non grata für Nationalisten und engstirnige Christen, für Antisemiten und Duckmäuser. Wer jedoch die deutsche Sprache klingen hören, wer ihre utopisch-grimmige Kraft spüren möchte, der lese Heine. Gustav Freytag (1816-1895) war ein anderes Kaliber, Journalist und liberaler Politiker, Theater- und Romanschriftsteller, ein Lehrer der Künste, Biograph und populärer Geschichtsschreiber. All dies bündelte sich in seinem sechsbändigen, von 1872 bis 1880 erschienenen Romanzyklus „Die Ahnen“. Darin verfolgte er Werdegang und Wandlung der fiktiven Familie König über wahrlich stattliche 1500 Jahre. Der gefeierte „Hausdichter des deutschen Bürgertums“ verstand den Roman als Baustein eines dringend erforderlichen historischen Bewusstseins der Deutschen.

Telegraphen mit und ohne

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Damen und Herren der Morseabteilung eines Telegraphenamtes (Über Land und Meer 88, 1902, 946)

Im 19. Jahrhundert entstanden parallel zu massiven Veränderungen des Verkehrswesens neuartige Kommunikationsnetze, ohne die nationale Märkte und globale Arbeitsteilung kaum möglich gewesen wären. Telegraphie erfolgte anfangs optisch, mit Flügeltelegraphen, war damit wetterabhängig und störungsanfällig. Die elektrische Telegraphie entwickelte sich seit den 1840er Jahren dagegen parallel zur Eisenbahn, nutzte vielfach deren Trassen. Sie diente weniger strategisch-militärischen, sondern vorrangig kommerziellen Interessen, etwa der Übermittlung von Preisen und Schiffsankünften. Die Nachrichten wurden codiert, auf ihren Kern reduziert. Seit Mitte des Jahrhunderts dominierte das einfache System des US-Katholikenfeindes und Malers Samuel Morse (1791-1872), bei dem Striche und Punkte per Signalgeber auf Papier gestanzt wurden. Die elektrische Telegraphie erforderte internationale Kooperation und Zusammenarbeit, die Ausweitung europaweiter Landnetze durch internationale Unterwasserkabel ließ die Welt beträchtlich zusammenwachsen. Zunehmend wurden Informationen auch durch „Telegraphenbüros“ gebündelt und vertrieben. Diese Nachrichtenagenturen bildeten die Grundlage für ein sich rasch ausdifferenzierendes Pressewesen, das neue Möglichkeiten überregionaler Produktwerbung schuf.

Leitungsdrähte, Telephone,

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Werbung für Telefonanlagen 1883 (Officieller Katalog der allgemeinen deutschen Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens, Berlin 1883, Annoncen, 119)

Auch wenn hierzulande der Lehrer Johann Philipp Reis (1834-1874) als Erfinder des Telefons gilt – von ihm stammt ein Apparat zur Umwandlung elektrischer Impulse in mechanische und dann akustische Schwingungen sowie die Bezeichnung (1861) –, so wurden die Grundlagen des modernen Kommunikationssystems doch in den USA gelegt. Alexander Graham Bell (1847-1922) entwickelte nicht nur einen Apparat, mit dem man zwei Teilnehmer miteinander verbinden konnte, sondern schuf mittels der American Telephone & Telegraph Company auch einen der ersten elektrotechnischen Großkonzerne. In Deutschland wurde das 1876 patentierte Verfahren 1877 durch die staatliche Reichspost aufgegriffen und mittels der telegraphischen Infrastruktur auch eingeführt. Umfang und Leistungsfähigkeit des vorerst lokal begrenzten Telefonnetzes wurde durch Vermittlungsbüros deutlich erhöht. Bis zur Jahrhundertwende blieb das Telefon jedoch ein relativ teures, vornehmlich geschäftlich genutztes Gerät.

Auch Torpedos, rasch versenkbar,

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Stolz der Kriegsmarine: Hauptwaffe eines Torpedobootes (Illustrierte Weltschau 1914, Nr. 6, 2)

Die globale Vorherrschaft der europäischen Nationalstaaten gründete vor allem auf ihrer überlegenen Militärtechnik. Torpedos, also zigarrenförmige, selbst angetriebene und mit einer Sprengladung versehene Unterwasserwaffen, entstanden in den 1860er Jahren, Wegbereiter waren österreichische und englische Militärs und Ingenieure. In Großbritannien wurden Anfang der 1870er Jahre dann gesonderte Torpedoboote entwickelt, gering gepanzerte schnelle Schiffe, die gegen Handelsschiffe eingesetzt, aber auch Großkampfschiffen gefährlich werden konnten. Torpedoboote galten rasch als Kernelement kleinerer, eher auf Küstenverteidigung setzende Marinen. Im Deutschen Reich begann ihr Bau 1882. Seit 1898 entwickelte die Kaiserliche Marine dann auch Große Torpedoboote, die mit stärkeren Geschützen ausgerüstet und hochseetauglich waren. U-Boote sollten erst im 20. Jahrhundert folgen.

Flugmaschinen, beinah lenkbar,

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Ikarus als Vorbild: Beispiel einer nur ansatzweise flugfähigen Maschine (Berliner Börsen-Zeitung 1894, Nr. 564 v. 2. Dezember, 17)

Der Welt zu entfliegen, das gelang erst im frühen 20. Jahrhundert. Doch im 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Ingenieure und Praktiker, die mittels Maschinen in die Lüfte und gar in den Weltraum aufsteigen wollten. Freiluft- und Fesselballons beflügelten seit dem späten 18. Jahrhundert die Phantasie, ein wirklicher Flug, mit Muskel- oder aber Motorkraft, gelang jedoch noch nicht. Bis heute bekannt sind die Versuche des Drachenfliegers Wilhelm Kress (1836-1913), des gescheiterten Motorfliegers Alexander Moschaiskis (1825-1890), des Gleitfliegers Otto Lilienthal (1848-1896), des Maschinengewehrentwicklers Hiram Maxim (1840-1916) und des Luftschiffers Hermann Ganswindt (1856-1934). Der Traum vom Fliegen mit lenkbaren Maschinen wurde erst im frühen 20. Jahrhundert erfüllt.

Reblaus-, Schildlausinvasion,

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Verschiedene Entwicklungsstufen der Reblaus (D-F) sowie Schädigungen der Rebwurzel (A-C) (Hermann Eulenburg (Hg.), Handbuch des öffentlichen Gesundheitswesens, Bd. 2, Berlin 1882, 616)

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit wachsender Naturkenntnisse, so dass die engen Grenzen der erweiterten Subsistenzwirtschaft der frühen Neuzeit zunehmend durchbrochen werden konnten. Gleichwohl blieb man abhängig von den Unbilden der Natur, von Missernten. Das zeigte sich besonders deutlich an der Reblausinvasion der 1860er Jahre, die große Teile der europäischen Weinstöcke vernichtete. Das unscheinbare, lediglich anderthalb Millimeter große Insekt stammte aus den USA und gelangte im Wurzelwerk von Setzlingen nach 1860 über Großbritannien nach Südfrankreich, verbreitete sich dann auf dem Kontinent. Die befallenen Pflanzen wuchsen nicht mehr, die Blätter wurden gelb, verwelkten, die Trauben kamen nicht mehr zur Reife, schließlich starben die Rebstöcke ab. Es dauerte jedoch mehrere Jahre, ehe 1868 „Phylloxera rastatrix“ im Wurzelwerk der Pflanzen als Ursache erkannt wurde. Dennoch wurden die Verheerungen größer, bis 1885 waren schließlich mehr als drei Viertel der französischen Anbaufläche betroffen. Am Ende blieb nur die Kultivierung neuer, aus den USA importierter resistenter Rebstöcke. Auch in deutschen Landen waren die Schäden beträchtlich, zumal man bis Mitte der 1870er Jahre über angemessene Gegenmaßnahmen stritt.

Rotationsdruck, Secession,

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Neue Drucktechnik im Einsatz (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 13. August, 8)

Maschinen veränderten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die Grundlagen von Presse und Buchhandel. Lumpen und ab den 1860er Jahren auch Holz wurden erst manuell, dann maschinell zu Papier in immer spezialisierter Form verarbeitet. Die Drucktechnik erreichte durch den Einsatz rotierender Walzen einen neuen Aggregatzustand. Erste brauchbare Rotationsdruckmaschinen wurden in den USA und Frankreich entwickelt, doch schließlich setzten in den 1860er und 1870er Jahren britische und deutsche Anbieter die Standards. Die Folgen waren nuanciertere Illustrationen in Zeitschriften, höhere Auflagen von Büchern und das teils mehrfach tägliche Erscheinen einer Reihe meinungsbildender Tageszeitungen.

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Neue Märkte durch neuartige Kunst (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 18, 3)

Die bildenden Künste emanzipierten sich im 19. Jahrhundert langsam von ihrer engen Bindung an Adel und Kirche, zielten zunehmend auf das kaufkräftige Bürgertum und auch den Massenmarkt. Gleichwohl blieb der Einfluss zumal der expandierenden Höfe der Hohenzollern, Wittelsbacher und auch Wettiner hoch. Die lokalen Künstlervereine wurden Anfang der 1890er Jahre noch von konservativen Historien- und Porträtmalern, wie etwa Anton von Werner (1843-1915) oder Franz Lenbach (1836-1904) angeführt. Sie hatten zudem großen Einfluss an den Kunsthochschulen, dominierten den Kunsthandel und die regelmäßigen Verkaufsausstellungen. Trotz dieser Machtstellung kam es 1892 zu einer ersten Sezession in München, also der Abspaltung einer Künstlergruppe und dem Aufbau eines konkurrierenden Ausstellungs- und Verkaufsbetriebes. In München erfolgte dies unter dem Banner der Moderne, dann des Jugendstils. 1891/92 zerbrach am Fall Munch auch die Berliner Künstlerszene, wenngleich die Berliner Sezession erst 1898 erfolgte. Ausschluss und Denunziation der Werke des norwegischen Malers Edvard Munch (1863-1944) durch Werner sowie konservative Kreise waren der Anlass insbesondere impressionistischer Künstler für die Gründung eigener sezessionistischer Strukturen. In Wien zerbrach die Künstlerszene 1897, dort allerdings unter dem klaren Banner des Jugendstils.

Bahnhofsperre (läst‘ge Fessel!),

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Ordnung hat seinen Preis: Fahrkartenhalter für das raschere Durchqueren der Bahnsteigsperre (Fliegende Blätter 104, 1896, Nr. 2240, Beibl. 1, 2)

Die Bahnhofsperre war Ordnungsfaktor und Sieb zugleich. Es handelt sich um eine kontrollierte Absperrung, meist ein Gatter oder Zaun, die eine Kontrolle der Bahnhöfe und insbesondere der Bahnsteige ermöglichte – und damit auch den Ausschluss missliebiger Besucher. Bahnhöfe waren nämlich auch öffentliche Treffpunkte, zumal am freien Sonntag. Bahnsteigsperren waren zugleich notwendiger Arbeitsschutz für Bahnschaffner. Die frühen Reisewaggons entstanden nach dem Vorbild der Kutschen, besaßen demnach klar voneinander geschiedene Abteile, die durch eine Tür zum Bahnsteig hin geöffnet werden konnten. Das nutzte den vorhandenen Raum gut aus, erlaubte einen geordneten Ein- und Ausstieg, brachte jedoch Probleme beim Kontrollieren der Fahrscheine mit sich. Schaffner mussten sich entweder von außen von Abteil zu Abteil entlanghangeln oder bei jedem Halt alle Zusteigenden kontrollieren. Die Bahnhofsperre ermöglichte demnach Zeitgewinn, konnte die Fahrkartenkontrolle doch vorverlagert werden. Sie wurde in Preußen und Sachsen ab dem 1. Oktober 1893 eingeführt, nicht aber in Bundesstaaten, die wie etwa Württemberg mit Durchgangswaggons fuhren. Die von Beginn an umstrittenen Bahnsteigsperren wurden durch die vermehrte Indienstnahme dieser in Preußen anfangs den D-Zügen vorbehaltenen Waggons mit Seitengang und Faltenbalgübergängen in der Zwischenkriegszeit peu a peu abgebaut.

„Fuhrmann Henschel“, „Weißes Rössel“,

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Schauspieler der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Drama „Fuhrmann Henschel“ am Deutschen Theater in Berlin (Rittner als Fuhrmann Henschel, Lehmann als Hanne, Sauer als Hauswirt) (Berliner Leben 1, 1898, 156)

Im späten 19. Jahrhundert war Gerhart Hauptmann (1862-1946) Bahnbrecher des Naturalismus, ab 1933 kroch er vor den Nationalsozialisten. Der schlesische Dramatiker begann seine Laufbahn furios und mutig, „Die Weber“ (1892) werden nicht nur wegen ihres Sozialrealismus bis heute gelesen. „Fuhrmann Henschel“, 1898 uraufgeführt, kreist um die Frage nach den Konsequenzen eines gegebenen Versprechens, um das Scheitern an eigenen Ansprüchen, um ein Leben in Schuld und den Selbstmord als Konsequenz. Auf sich selbst angewandt hat es der eitle Großdichter jedoch nie.

048_Oesterreichische Musik- und Theaterzeitung_11_1898-99_Nr05_p2-3_Theater_Schwank_Im-weissen-Rössl_Oskar-Blumenthal_Gustav-Kadelburg

Ein Lustspiel aus der „Stückefabrik“: Kritik am „Weissen Rössl“ im schönen Wien (Österreichische Musik- und Theaterzeitung 11, 1898/99, Nr. 5, 2-3)

Die wahrlich große Zahl literarisch bedeutender Theater- und Opernwerke des späten 19. Jahrhunderts sollte nicht verdecken, dass die Mehrzahl der Angebote primär kurzweiliger Unterhaltung und der Abkehr vom Arbeitsalltag diente. Gemeinsam mit dem Wiener Schauspieler und Dramatiker Gustav Kadelburg (1851-1951) bediente Oskar Blumenthal (1852-1917), Kritiker, Theaterdirektor und Schachkomponist den Markt der leichten Possen virtuos: Mann und Frau, Irrungen und Wirrungen, Intrigen und Ränkespiele, Düsternis und Sonnenaufgang – und am Ende ein Happy End, lange vor dem Aufstieg Hollywoods. Als Operette wurde „Im weißen Rössl“ seit 1930 zum neuerlichen Kassenschlager, Musikfilme folgten, rätselte das Publikum in dieser himmelblauen Walzerwelt doch immer wieder von neuem, warum der Sigismund so schön war.

Chloroform, Antipyrin,

049_Leipziger Zeitung_1847_10_06_Nr253_p6517_Pharmazeutika_Chloroform

Eine Arznei mit strikter Wirkung (Leipziger Zeitung 1847, Nr. 253 v. 6. Oktober, 6517)

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte der anfangs von französischen Forschern geprägte Aufschwung der organischen Chemie zur Entdeckung und Darstellung zahlreicher Stoffe, deren medizinisches Wirkungsprofil anfangs nicht sonderlich interessierte. Der „Chlorkohlenstoff“, so nannte ihn sein deutscher Entdecker (es gab 1831 noch einen französisches und einen US-amerikanischen), der Gießener Apotheker und Chemiker Justus Liebig (1803-1873), dieser Chlorkohlenstoff sollte erst nach vielen Versuchen ab 1848 in Großbritannien zu einem Narkosemittel bei Kindergeburten werden. Nach dem kurz zuvor erstmals eingesetzten Äther gab es damit ein zweites stärker wirkendes Pharmazeutikum, mit dem Patienten betäubt werden konnten, das sie schmerzunempfindlicher machte und ihre Bewegungen einschränkte. Dies erlaubte gezielte chirurgische Eingriffe. Chloroform war gleichwohl nicht ungefährlich, die Dosierung musste auf