Ist Eintopf ein Nazi-Wort?

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San Bernardino County Sun v. 26. Februar 1934, 2 (rechts Kunigunde Knorr)

Kunigunde Knorr hat diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Glaubt man der San Bernardino County Sun, so kochte sie im Februar 1934 ein „Eintopf-Gericht“ für die Besatzung des deutschen Motorschiffes Havel – und der launig-ungläubige Kommentar vermerkte: „Die Besatzungen von Nazi-Schiffen essen lediglich in einem Topf gekochte Speisen, um Geld zu sparen. Das Eingesparte  schicken sie dann an Kanzler Hitler, um damit arbeitslose Nazi-Arbeiter zu speisen“ (”Members of the crew on Nazi vessels eat only food which may be cooked in one pot to save money. The savings are sent back to Chanellor Hitler to feed unemployed Nazi workers.”). Kunigundes langer Schatten reichte bis in ein Interview in der Online-Ausgabe der Welt vom 9. Mai, in dessen Überschrift „Eintopf“ und auch „Nährmittel“ als „Nazi-Wörter“ bezeichnet wurden: Redakteur Matthias Heine und seine Gesprächspartnerin, die Mannheimer Philologin Heidrun Kämper, fanden sich dabei scheinbar auf der sicheren Seite: Der Kulturanthropologe Konrad Köstlin hatte schon 1986 in seinem Aufsatz „Der Eintopf der Deutschen“ pointiert festgestellt: „Vor 1930 gibt es das Wort »Eintopf« nicht, und als es in die deutsche Welt gesetzt wird, da hat das Zusammengekochte seine kochtechnische Unschuld verloren.“

Und wer wollte bestreiten, dass das Eintopfgericht spätestens ab dem 13. September 1933 zu einem Kultessen der virtuellen Volksgemeinschaft mutierte, als Kanzler Adolf Hitler eine „Winterhilfsaktion gegen Hunger und Kälte“ in Gang setzte. Diese Solidaraktion war nicht nur propagandistisch mit dem Eintopf-Sonntag verbunden, der am 1. Oktober 1933,

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Die Leuchtrakete 11, 1933, Nr. 11, 12

dem Erntedankfest, einsetzte. Das Sonntagsessen sollte jeweils zu Montagsbeginn, später in kürzeren Abständen, durch ein einfaches Opfermahl ersetzt werden. Der eingesparte Betrag – ca. 50 Pfennig – wurde dann von freundlich-drängenden Personen in Uniform eingesammelt und dem neu eingerichteten Winterhilfswerk zugeführt. Die Mehrzahl der Deutschen machte mit, teils willig, teils unter dem offenkundigen Kontrolldruck. Besonders engagiert zeigten sich viele Hauswirtschaftslehrerinnen, etwa die später mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Erna Horn, deren kleine Broschüre über den Eintopf – „das deutsche Spargericht“ –, Rezeptvorschläge unterbreitete. Sie fühlten sich von den neuen Maßnahmen bestätigt, hatten sie doch schon lange für „Eintopf“ als eine vernünftige Antwort auf Nahrungsmangel und Einkommensengpässe geworben.

Schon lange? Ja, auch Kunigunde, die Havel-Köchin, hätte dies eigentlich wissen müssen. „Eintopf“ gab es schon lange vor 1933 – oder auch 1930 – in Deutschland. Das Wort wurde während der NS-Zeit allerdings neu aufgeladen, symbolisierte das Zusammenstehen des deutschen Volkes in Zeiten der Bewährung, des Kampfes, war einer von vielen nationalsozialistischen Propaganda-Begriffen. Eintopf stand während der NS-Zeit für völkische Inklusion und rassistische Exklusion – so wie viele andere Speisen dieser Zeit. Aber dies geschah während der NS-Zeit. Die verengende Bezeichnung von Eintopf als Nazi-Wort blendet dagegen die komplexe Vorgeschichte dieses Begriffes aus.

Unstrittig ist, dass es die Speisen, die heutzutage als Eintopf bezeichnet werden, schon vor der Industrialisierung gab. Sie waren häufig Armenspeisen, wie etwa die seit etwa 1800 gereichte Rumford-Suppe. Doch Eintöpfe waren zugleich regionalen Spezialitäten, beispielsweise die schwäbische Gaisburger Marsch oder der niederbayerische Pichelsteiner. Im Norden Deutschlands waren Eintöpfe verbreiteter, da die Küchentechnik weniger elaboriert war und auch die neuen Sparherde meist nur eine wirkliche Feuerstelle hatten. Eintöpfe, das waren Gemüse-Fleisch-Kombinationen. Hülsenfrüchte waren üblich, nicht aber alternativlos. Suppen aus Bohnen, Linsen oder Erbsen finden sich in den bürgerlichen Kochbüchern seit dem frühen 19. Jahrhundert – und gerade letztere wurde gerne verspeist: „Die überall bekannte und beliebte Erbensuppe verdient eine besondere Erwähnung. Man riecht im ganzen Hause dieses verführerische Gericht, wenn es in der Küche gekocht wird“ – so Oscar Peterson in seiner 1894 publizierten „Küche der Zukunft.“ Doch neben die Küche fanden sich Eintöpfe im späten 19. Jahrhundert insbesondere in der sich langsam Bahn brechenden institutionellen Ernährung: Armen- und Volksküchen dienten der Grundversorgung, Krankenhäuser und Kasernen boten Speisen für klar definierte Sondergruppen, ebenso frühe Mensen oder Schulspeisungen.

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Illustrierte Weltschau 1914, Nr. 13, 7

Eintöpfe waren vor dem Ersten Weltkrieg weitverbreitet, und vor allem im Norden eine Alltagsspeise. Die Speise(n) waren bekannt, doch lediglich unter Einzelnamen. Es fehlte ein verbindender Dachbegriff. Er entstand im Ersten Weltkrieg – und es waren Hauswirtschafterinnen und Praktiker der Ernährungspolitik, die ihn gezielt benutzten. Als im März 1915 die Generaloberin des Badischen Roten Kreuzes, Mathilde von Horn, über die Konsequenzen der englischen Seeblockade für die Hauswirtschaft sprach, empfahl sie „Eintopfgerichte aus Kartoffeln, Gemüse und etwas Fleisch“ (Der Volksfreund v. 26. März 1915). Die Agrarwissenschaftlerin Gertrud Dyhrenfurth mahnte 1916 in ihrer Broschüre „Das Vaterland und die deutschen Hausfrauen“: „Die sogenannten Eintopfgerichte haben soviele Vorzüge, daß sie unbedingt überall bekannt und eingeführt werden sollen.“ In den zahllosen Kriegskochbüchern, Helfern im Umgang mit der neuen Enge der Hauswirtschaft, finden sich nicht nur zahlreiche Rezepte von Einzelspeisen, sondern vielfach auch der Dachbegriff der „Eintopfgerichte“. Im deutschen Sparkochbuch von Victoria Löbenberg hieß es ab 1915 gleich in der Einleitung: „Kriegsgemäß sind alle Eintopfgerichte“. In vielen Regionen mussten diese neuen Speisen begründet werden, war ein Wandel tradierter Ernährungsgewohnheiten doch schwierig. Im Schwäbischen Kriegskochbuch von Luise Hainlen hieß es 1916 entsprechend: „Die Eintopf- oder Mischgerichte, unter Verwendung von wenig Fleisch und Fisch, die in Norddeutschland schon lange heimisch sind, verdienen in Kriegszeiten besondere Beachtung. Erhebliche Ersparnis an Kochgeschirren erleichtert die Küchenarbeit, die Möglichkeit, die Gerichte in der Kochkiste oder auf der Grude zuzubereiten ermöglicht der Hausfrau manche Morgenstunde zu anderer gewinnbringender Arbeit.“

Diese Argumente überzeugten zumindest die Verwaltungsbeamten und Militärs vor Ort, die eine seit 1915 zunehmend rationierte Lebensmittelversorgung organisieren sollten. Der Karlsruher Stadtverordnete Schneider stellte 1916 prototypisch fest: „Der Eintopf bewährt sich vorzüglich. Die norddeutsche Küche (Eintopf) hat mir besser geschmeckt, als die süddeutsche mit zwei Töpfen, wenn man alles durcheinander kocht, schmeckt das Essen besser.“ (Badischer Beobachter v. 14. Oktober 1916). Begrifflich findet sich der Singular „Eintopf“ selten, klar dominierten Komposita wie „Eintopfgerichte“ und „Eintopfspeisen“. Sie waren mit dem raschen Wachstum der Kriegsküchen verbunden, also Massenspeisungseinrichtungen in den urbanen und industriellen Zentren des Deutschen Reiches. Eintopf war jedoch – zumal in Bayern – nicht beliebt. Er stand für die Rationalität von Staat und Ernährungsexperten, doch Widerstreben war weit verbreitet. In München hieß es etwa 1918: „Im Hinblick auf die Vereinfachung der Zubereitung und des Betriebes wäre wohl das Eintopfgericht die zweckmäßigste Art dieser Mittagsbeköstigung. Es wurde aber dem Geschmacke unserer Bevölkerung, die sehr an der Suppe hängt, Rechnung getragen.“ (Öffentliche Gesundheitspflege 3, 1918, 9) Aus Nürnberg hieß es explizit: „Von dem Eintopfgericht, das süddeutschem Geschmack nicht entspricht, wurde meist abgesehen und nur im äußersten Falle davon Gebrauch gemacht.“ (Öffentliche Gesundheitspflege 3, 1918, 195) Dagegen wurden im Südwesten „Eintopfküchen“ eingerichtet, die auf die Versorgung der minderbemittelten Haushalte zielten. Oberhalb der Mainlinie und auch in Sachsen waren die Akzeptanzprobleme geringer, während in Berlin das Bürgertum recht reserviert blieb. Die zunehmenden Schwierigkeiten der deutschen Obrigkeit bei der Sicherung der Alltagsversorgung verwässerte allerdings die Erfolge der Speisungsbestrebungen, denn an die Stelle eines dampfend-sämigen und nährenden Eintopfes waren schon längst fettarme und wasserreiche Speisen getreten. „Eintopf“ galt zwischen 1917 und 1919 vielfach als Marker für schlechtes Essen.

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Werbung für Eintopf 1930 (Badische Presse 1930, Nr. 568 v. 6. Dezember, 8)

Nach dem Ersten Weltkrieg war Eintopf zwar bekannt, doch die wässerigen und schlecht schmeckenden Notspeisen lockten nicht, sie galt es vielmehr zu überwinden. Entsprechend setzte sich der Begriff noch nicht in der kulinarischen Literatur durch – wenngleich Belegstellen gewiss zu finden wären. „Eintopfgerichte“ finden sich in den 1920er Jahren dennoch zum einen im Umfeld von Notspeisungen, zumal während der Hyperinflation 1923. Zweitens etabliert er sich seither auch als Speisenbezeichnung in studentischen Mensen. Die angehenden Akademiker kokettierten mit der temporären Not, die nach dem Studium gewiss überwunden werden würde. Schließlich hielten Hauswirtschaftslehrerinnen an dem Begriff fest, versuchten nun, ihn aufzuhübschen, indem sie einerseits Rezepte lieferten, anderseits Eintöpfe als regionale und nationale Spezialitäten präsentierten. Das galt selbst für die süddeutsch-österreichische Küche. In den 1920er Jahren etablierte sich ein qualitativ hochwertigerer Eintopf, sachlich und auch begrifflich. Im Vorwärts verband man „Eintopfgerichte“ mit Ferienschiffen und Schulspeisungen. Und auch in den Imbissen der Warenhäuser konnte man günstige Eintopfgerichte finden.

Die Szenerie änderte sich während der Weltwirtschaftskrise. Ab 1930 wurden Notstands-, zumal Arbeitslosenspeisungen wieder üblich, ja erforderlich. „Eintopf“ diente zur Bezeichnung der Speisen, wurde aber auch zu einem Symbol der Nöte der Zeit. Deutschland, seine Arbeitslosenheere, schienen wieder auf eine Situation nicht verantworteter Enge zurückgeworfen. Solidarität war erforderlich, so wie während des Krieges, so wie während der Inflationszeit.

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Eintopf auf den Tisch (Das kleine Blatt 1932, Nr. 101 v. 11. April, 4)

Doch „Eintopf“ stand nicht zwingend für die Nation am Kochtopf, mochte er auch arbeitslosen Stahlhelm- und SA-Angehörigen verabreicht werden. Auch Sozialdemokraten und – als Arbeitslosenpartei – die KPD verteilten Eintöpfe; für sie war das Ausdruck von Klassensolidarität angesichts der letzten Zuckungen des sterbenden Kapitalismus. Hauswirtschafslehrerinnen lenkten den Blick aber auch auf die große Zahl von Eintöpfen jenseits der Grenzen. Sie unterstrichen, dass „der ‚Eintopf“ in aller Welt beliebt und nicht nur die notwendige Folge und Begleiterscheinung von Herrn Schmalhans ist.“ (Das kleine Blatt v. 11. April 1932)

1933 stiegen die Nennungen erst im Herbst an. Zuvor findet sich „Eintopf“ eng verbunden mit studentischen Mensen, weniger mit Notstandsspeisungen. Das änderte sich mit dem Winterhilfswerk und dem Eintopfsonntag. Doch dies sollte nicht dazu führen „Eintopf“ als ein Nazi-Wort misszuverstehen. Der Begriff wies vielmehr zurück auf die Zeit des Ersten Weltkrieges, auf die ohne Lohn gebliebenen Opfer des Weltenbrandes. „Eintopf“ verwies auf eine neue Kampfsituation unter anderen, noch friedlichen Rahmenbedingungen. Er griff damit weit über die Grenzen der NS-Bewegung hinaus, verwies auf Gefahren und Bewährungsproben, die im Ersten Weltkrieg für (fast) alle bestanden. „Eintopf“ war ein breitgefächertes ideologisches Fahnenwort, das eben deshalb erfolgreich war. Es stand in der Tradition nationaler Inklusion, wie etwa bei der politischen Inszenierung beim Tag von Potsdam. „Eintopf“ war erfolgreich, weil der Begriff mehr war als ein „NS-Wort“. Kunigunde Knorr mag dies übersehen haben. Heutige Wissenschaftler und auch Journalisten aber sollten es besser wissen.

Uwe Spiekermann, 14. Mai 2018

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