Eine sozialistische Heldin: Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall sind die Kenntnisse über die DDR nurmehr schemenhaft. Es war daher nicht überraschend, dass dem Tod des sozialistischen Helden Sigmund Jähn (1937-2019) im letzten Monat Elogen über den „ersten Deutschen im All“ folgten. Vermeintliche Qualitätsmedien präsentierten Jähn als gesamtdeutschen Helden, münzten dessen propagandistische Funktion für die SED-Herrschaft klein (eine wichtige Ausnahme bildete Ilko-Sascha Kowalczuk, Sigmund Jähn verkörperte das DDR-System, Der Tagesspiegel 2019, Ausgabe v. 24. September). Jähn war in der Tat ein Held, er war der ostdeutsche Kosmosheld, NVA-General und SED-Aktivist. Er steht zugleich für eine große Zahl von zumeist vergessenen sozialistischen Helden. Wie Jähn unterstützten und legitimierten sie die DDR, unterstützten und förderten den geplanten Aufbau einer sozialistischen Republik, verkörperten ihn mit Leib und Seele. Das galt auch für die Verdiente Aktivistin Margarete Heinicke, bekannt vor allem durch die 1954 von ihr praktizierte und dann öffentlich propagierte Kochtopfmethode. Ihre vergessene Geschichte ermöglicht Einblicke in die Geschichte der DDR im Jahrzehnt des „Aufbruchs“ und dessen schwierige Legitimation. Sie erweitert den gängigen Blick auf Helden der Arbeitswelt, arbeitete Gretel Heinicke doch im Handel, also im Konsumsektor einer Mangelgesellschaft. Schließlich handelt es sich um die Geschichte einer Heldin – und diese stand im Spannungsraum zwischen Gleichberechtigungsideal und der doch etwas anderen Lebensrealität von Frauen in der DDR.

Sozialistische Helden und Heldinnen

Anders als die Industrie, war und blieb der Handel in der DDR immer nachranging und unterfinanziert. Diese Geringschätzung folgte den Theoretikern des Marxismus, die immer wieder die vermeintlich verteuernden Mittelspersonen zwischen Güterproduzenten und Verbrauchern kritisierten. Sie war allerdings paradox, denn mit den Konsumgenossenschaften hatte die Arbeiterbewegung eine bis in die 1930er Jahre gefürchtete Alternative zum „Profithandel“ geschaffen, eine distributive Gegenwelt zum Kapitalismus (Uwe Spiekermann, Konsummühle Magdeburg; Ders., Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften im frühen 20. Jahrhundert, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags, Stuttgart 1995, 126-149). Der sozialistische Aufbau erfolgte seit dem ersten Zweijahresplan 1949-1950 vorrangig in den Grundstoff- und Investitionsgüterindustrien, während die Konsumgüterindustrien und der Handel nachranging finanziert wurden. Ein sicheres industrielles Fundament schien erforderlich, private Konsumwünsche waren zurückzustellen für das große Ganze. Die materielle Umgestaltung der Gesellschaft gründete auf dem ideellen Konstrukt des Verzichts.

Sozialistische Persönlichkeiten konnten das nachvollziehen, erbrachten zudem einen Beitrag, um die Phase der Entbehrungen zu verringern. Was kleinteilig zu leisten war, zeigten die sozialistischen Helden, die anfangs vor allem im Felde der Grundstoffindustrien auftraten. Ihr Prototyp war der sowjetische Bergmann Alexei Stachanow (1906-1977), ein Kohlenhauer, der 1935 das Vierzehnfache seiner Norm förderte. Mit dieser später mehrfach übertroffenen Höchstleistung setzte der Held der Arbeit nicht nur einen neuen, überplanmäßigen Maßstab für sich selbst, sondern er zeigte anderen Werktätigen, dass auch sie eine höhere Leistung erbringen konnten. In der sowjetischen Besatzungszone trat Adolf Hennecke (1905-1975) am 13. Oktober 1948 in die Fußstapfen Stachanows, indem er seine Tagesnorm um fast das Dreifache übererfüllte. Beide Helden dienten als Vorbild für nacheifernde Aktivisten, für eine offiziell geförderte und von den Gewerkschaften forcierte Aktivistenbewegung. Auch wenn die Auswirkungen auf die Produktion letztlich gering blieben (Wolfgang Weber, DDR – 40 Jahre Stalinismus. Ein Beitrag zur Geschichte der DDR, Essen 1992, 43), begann in der frühen DDR ein Kult um die neuen Vorbilder der Werktätigen. Hennecke zu Ehren wurde seit 1949 am 13. Oktober der Tag des Aktivisten begangen, an dem die herausragenden Leistungen bei der Plan(über)erfüllung, aber auch Beiträge der Neuerer ausgezeichnet wurden. Ehrentitel und Orden folgten, Prämien und höhere Stundenlöhne boten materielle Anreize. Standen anfangs eher quantitative Produktionserhöhungen im Fokus, so sollten Neuerer oder Rationalisatoren später vornehmlich qualitative Verbesserungen ermöglichen. Prozessinnovationen wurden wichtiger, nicht zuletzt im Handel, wo Produktivität und Effizienz anders als in der Industrie zu messen waren.

Sozialistische Helden unterschieden sich deutlich von denen des kapitalistischen Westens. Sie verkörperten erst einmal die Gemeinschaft des sozialistischen Lagers, waren Ausdruck der internationalen Solidarität der Werktätigen. Sie standen im Kollektiv, gingen aber über die konturlosen „Massen“ des Proletariats hinaus (Heiko Haumann, „Held“ und „Volk“ in Osteuropa, Osteuropa 57, 2007, H. 12, 5-15, insb. 12-13). Wer die KPD-Zeitung „Rote Fahne“ während der Zeit der Präsidialkabinette liest, findet darin tagtäglich herausgehobene Kommunisten, die freudig gegen Demokratie, „Sozialfaschismus“ und die Nationalsozialisten kämpfen, um nach dem „Sieg“ das Deutsche Reich nach ihrem Gustus umzugestalten. Deren Opferbereitschaft war wegweisend im „Kampf“, der nach dem Sieg der Sowjetunion über den „Hitlerfaschismus“ dann auf andere, aufbauende Felder übertragen wurde. Sozialistische Helden wie Stachanow und Hennecke brachten individuelle Opfer, doch diese waren gegenüber denen der heroisch stilisierten „Kampfzeiten“ gering. Die Helden der Arbeit senkten gleichsam die Einstiegskosten für Nachfolge, agierten sie doch im Rahmen eines siegreichen Sozialismus (vgl. Hans Günther, Der Heldenmythos im Sozialistischen Realismus, in: Boris Groys und Max Hollein (Hg.), Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit, Ostfildern-Ruit 2004, 106-124).

Sozialistische Helden kennzeichnete ein spannendes Wechselspiel von Außeralltäglichem und Alltäglichem: Sie wurden „als Mustermenschen und damit als Idealtypen des ‚neuen Menschen‘ präsentiert. Sie sind außeralltäglich in ihrem Können, in ihren Fertigkeiten, in ihrer politischen Gesinnung und in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Sache des Sozialismus“ (Rainer Gries und Silke Satjukow, Von Menschen und Übermenschen. Der „Alltag“ und das „Außeralltägliche“ der „sozialistischen Helden“, Aus Politik und Zeitgeschichte 2002, H. 17, 39-46, hier 40). Doch zugleich waren sie alltäglich, Menschen wie du und ich. Sie kamen aus dem „Volk“ – so die anfangs noch national tönende Sprache der SED –, waren Helden zum Anfassen. Grundsätzlich jeder konnte ein Held werden. Dadurch besaßen sie eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Werktätigen und Parteioligarchie – obwohl sie stets die Ziele und Ideale der herrschenden Politik verkörperten. Ihr Glaube hatte sie hart gemacht, hart gegen sich selbst, hart gegen die Mühen des Alltags. Gegen diese kämpften sie, bezwangen sie. Sie waren Vorbilder, die zugleich Zeugnis von der Wahrheit der eingeschlagenen Politik, des zu erfüllenden Plans gaben. All dies, so die Historikerin Silke Satjukow, gründete auf der marxistischen Überzeugung eines an sich guten Menschen, der ein Held sein könne, würde er nur von den Bedrängnissen und Verpflichtungen der alten Gesellschaft befreit werden. Sozialistisches Heldentum war Teil der Verwirklichung der kommunistischen Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer sein würde. Zuvor war der Held nach heldenhafter Tat allerdings auf eine Rolle festgelegt, die er in immer neuen Variationen spielen musste (vgl. Monika Gibas, Tagungsbericht „Sozialistische Helden“, H-Soz-u-Kult 2001, Oktober). Sozialistische Helden waren daher stete Propagandisten des real existierenden Sozialismus – entsprechende Positionen und Privilegierungen halfen dabei.

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„Schön wird die Zukunft sein“ – Entwurf für ein sozialistisches Schaufenster (Der Handel 2, 1952, 220)

Die DDR kreierte und nutzte Helden. Doch ihr Bewährungs- und Tatfeld veränderten sich. Adolf Hennecke stand für den Aufbau der Industrie, die damals notwendigen Produktivitätssteigerungen. Das galt auch für die wohl bekannteste sozialistische Heldin Frida Hockauf (1903-1974). Sie war ab 1951 Weberin im VEB Mechanische Weberei Zittau und verpflichtete sich im September 1953 zu einer deutlichen Übererfüllung des Planes. Kurz zuvor war die DDR ihrem Ende nur knapp entgangen. Die brachiale Gewaltherrschaft entrechtete immer wieder neue „bürgerliche“ Gruppen und der rigide Austeritätskurs führte zu massiver Unterversorgung. Wachsende Flüchtlingszahlen und der Volksaufstand des 15.-17. Juni 1953 folgten. Durch den schon zuvor von der UdSSR geforderten Neuen Kurs wurde der Druck auf die Bevölkerung anschließend vermindert, die Versorgung mit Konsumgütern wieder stärker beachtet. Hockauf übertrug Produktivitätsideale der Industrie auf die Konsumgüterfertigung. In dem mit ihrer Selbstverpflichtung einhergehenden Aufruf vom 1. Oktober 1953 hieß es verheißungsvoll: „Unsere Bevölkerung braucht mehr, bessere und billigere Textilien, Schuhe, Bekleidungsgegenstände, Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter.“ Dies würde kommen, gewiss, war aber an Vorbedingungen, an Mehrarbeit geknüpft. Die Quintessenz all dessen wurde – später parolenhaft vereinfacht – klar artikuliert: „So wie wir Werktätigen heute arbeiten, wird morgen unser Leben sein“ (Aufruf v. 1. Oktober 1953, zit. n. Ina Merkel, … und Du, Frau an der Werkbank. Die DDR in den 50er Jahren, Berlin 1990, 80). Für sie selbst begann anschließend – wie schon bei Adolf Hennecke – der soziale Aufstieg, war sie doch von 1954 bis 1963 SED-Volkskammerabgeordnete (Torsten Töpler, Die Ausgezeichnete. Biographische Spurensuche um Frida Hockauf, Leipzig 2007). Hockauf war eine einfache Frau, eine zupackende Facharbeiterin. Sie war bescheiden, kam aus einfachen Verhältnissen, sah in der Arbeit ein Mittel nicht nur der Alltagsbewältigung, sondern auch der Zukunftsgestaltung. Ihr Aufruf war vorbildlich, andere sollten folgen. Doch zugleich war er ein Vorschein in eine bessere Zukunft, in der der Vorsprung des Westens eingeholt werden würde, in der die materiellen Bedürfnisse umfassend befriedigt werden würden (Gries und Satjukow, 2002, 43).

Sozialistische Heldinnen im Handel

Eine unmittelbare Übertragung der Ideale von Hennecke und Hockauf auf den Handel war kaum möglich, Gretel Heinicke hätte sich mit ihrer Kochtopfmethode nicht einfach anschließen können. Die Lage des DDR-Handels, aber auch dessen Rolle im seit 1950 laufenden ersten Fünfjahresplan ließen dies nicht zu. Produktivitätsgewinne wären an sich möglich gewesen, doch dazu hätte es massiver Investitionen und struktureller Veränderungen der Planwirtschaft bedurft. Der fehlende Preismechanismus und die unzureichenden Erfassungskriterien wirtschaftlicher Abläufe wurden nicht hinterfragt, stattdessen auf Mängel in der Umsetzung und das leider noch bestehende „bürgerliche“ Bewusstsein auch der Beschäftigten verwiesen. Im westlichen Ausland hatte damals schon eine fundamentale Rationalisierung im Handel eingesetzt, die mit einem massivem Bedeutungsgewinn von Filialbetrieben, Einkaufsgenossenschaften und freiwilligen Ketten einherging und zum Ende der Dominanz inhabergeführter Einzelhandelsbetriebe führen sollte (vgl. Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel im 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, insb. 99-111). Der Handel wurde seither zum eigentlichen Machtzentrum innerhalb der Konsumgütersphäre, große Teile der Industrie blieb nur die Rolle als Zulieferer. Im Ostblock war diese Machtumkehrung nicht möglich und nicht gewollt. Die langfristige Beseitigung des privaten Einzelhandels war politisch-ideologisch, nicht wirtschaftlich bedingt. Die Konsumgenossenschaften, vor allem aber die 1948 gegründete staatliche Handelsorganisation (HO) banden einen Großteil der Investitionsmittel, waren aber vollauf damit beschäftigt, den Schwarzmarkt einzudämmen, den Gütermangel und die Rationierung zu handhaben. 1951/52 gab es zwar eine erste Welle von Selbstbedienungsläden, doch diese ebbte rasch ab, fehlten doch nicht nur verpackte Waren, spezielle Verkaufsmöbel und Registrierkassen, sondern auch Akzeptanz beim Verkaufspersonal und vielen Käufern (Uwe Spiekermann, Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR 1951-1960).

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Abgebrochene Rationalisierung des DDR-Handels: Selbstbedienungsladen 1951 (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 2. S. n. 112)

Die Rationalisierung im Handel der DDR stockte aber auch aufgrund eines sich gegenüber dem kapitalistischen Westen deutlich abgrenzenden Konsumideals. Konsumgüter wurden über ihren Gebrauchswert definiert, sollten nicht als Statussymbole verwandt werden. Modische Produkte, spezielle Designs und ausgefallene Vorlieben standen unter einem ideologischen Vorbehalt, gediegene Ware für alle war das Ziel – trotz der steten Bevorzugung der Nomenklatura. Die Planungs- und Produktionskapazitäten zielen auf standardisierte Massenfabrikation. Dies sollte Ressourcen einerseits optimal nutzen und preiswerte Konsumgüter ermöglichen, zum anderen aber größere Produktionsmengen erlauben (vgl. Alexandra Köhring und Monica Rüthers, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Ästhetiken des Sozialismus. Populäre Bildmedien im späten Sozialismus, Wien/Köln/Weimar 2018, 7-12, hier 10). Dies führte zu immensen Friktionen zuerst im Bekleidungs-, dann im Gebrauchsgütersektor, schließlich auch im Felde der chemisch-kosmetischen Artikel und der gehobenen Lebensmittel: Die Grundversorgung wurde gesichert, alles darüber hinausgehende war teuer und schwer erhältlich. Trotz beträchtlicher Produktionssteigerungen blieb die DDR – und stärker noch die anderen RGW-Staaten – eine Mangelökonomie, deren Produktqualität an die des vermeintlich goldenen Westens nur selten heranreichte.

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Werbung für Verbesserungsvorschläge bei den Konsumgenossenschaften Thüringens (Der Handel 2, 1952, 231)

Es ist daher erklärlich, dass die sozialistischen Helden im Handel rar gesät waren. Doch es gab sie – und ihre Zahl nahm seit 1952 stark zu. Damals sprengte die Remilitarisierung den Rahmen des Fünfjahresplans, schienen den ostdeutschen Machthabern Normenerhöhungen und massive Rationalisierungen unabdingbar. Wie zuvor schon in der Produktion standen sowjetische Aktivisten im Mittelpunkt einschlägiger Debatten: Die im sowjetischen Lebensmittelhandel erprobte Kowaljow-Methode zielte beispielsweise auf die gleichmäßigere Verteilung der Käufer auf die Verkaufskräfte, sollte somit Wartezeiten verringern und den Absatz steigern helfen (Helmut Schüller, Kowaljow-Methode auch im Verkauf, Die Waage 1952, 75). In Kauf- und Warenhäusern wurde derweil die Potapow-Stoffwand diskutiert, teils auch eingeführt. Der Leiter des Stscherbakower Kaufhauses in Moskau hing Textilien nebeneinander auf, so dass sich die Kunden schon vor dem Verkaufsgespräch über das Angebot informieren konnten (Der Handel 5, 1955, H. 9, 1). Daneben begann man 1952/53 die auf schnellere Planerfüllung ausgelegte Bewegung des Bergmanns Franz Franik (1907-1975) auch im Handel anzuwenden (Harry Scherer, Franik-Bewegung im Handel setzt sich durch, Der Handel 3, 1953, 551). Schließlich wurde das Vorschlagswesen gefördert, indem Neuerer höhere Prämien und wachsende öffentliche Aufmerksamkeit erhielten (Julius Mader, Wir haben das Vorschlagswesen gefördert!, Der Handel 2, 1952, 230-231). All dies zielte nicht mehr nur auf passive Teilnahme, sondern auf aktive Teilhabe (Rainer Gries, Dramaturgie der Utopie. Kulturgeschichte der Rituale der Arbeiter-und-Bauern-Macht, in: Peter Hübner u. a. (Hg.), Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit, Köln und Weimar 2005, 191-214, hier 205).

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Sina Rybakowa – Vorbild für Aktivistinnen in der DDR (Der Handel 3, 1953, 440)

Zur ersten sozialistischen Heldin des DDR-Handels dieser Zeit wurde 1953 dann die erst 19 Jahre alte Verkäuferin Sina Rybakowa – der Name wurde, da letztlich nur Bezugspunkt, immer mal wieder anders geschrieben. Die sowjetische Aktivistin arbeitete in der Abteilung für Schul- und Schreibbedarf des Moskauer Warenhauses ‚Kinderwelt‘. Sie war Selbstverpflichtungen eingegangen und forderte Kolleginnen zum sozialistischen Wettbewerb auf, also zum direkten Leistungsvergleich. Rybakowa hatte sich verpflichtetet, den Betriebsplan mit mindestens 105% zu erfüllen, auf qualitativ hochwertige Waren zu achten, die Kundeninteressen zu studieren und sie weiterzuleiten, das Technikum des Sowjethandels zu besuchen, um sich bessere theoretische Kenntnisse anzueignen sowie „aktiven Anteil an dem gesellschaftlichen Leben der Belegschaft zu nehmen“ (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Verglichen etwa mit Stachanows Brachialabbau von Kohle war dies fraulich-klein. Doch Rybakowa verkörperte Vertrauen und Leistungsbereitschaft einer jungen Generation, die nun nicht mehr allein die Grundlagen der Wirtschaft verbessern, sondern einen freudigen und zufriedenstellenden Einkauf ermöglichen wollte. Ihre Person passte zudem bestens zum parallel laufenden SED-Feldzug „für strenge Sparsamkeit“: „Der Schwerpunkt liegt bei der Entfaltung des innerbetrieblichen Wettbewerbs von Verkäuferin zu Verkäuferin, von Brigade zu Brigade, von Verkaufsstelle zu Verkaufsstelle und von Abteilung zu Abteilung auf der Grundlage von konkreten Selbstverpflichtungen und nach dem Vorbild der sowjetischen Stachanowverkäuferin Nina Rybakowa“ (Walter Schalm, Die neuen Aufgaben im Wettbewerb, Der Handel 3, 1953, 288-290, hier 289). Derartige Wettbewerbe erforderten flankierende betriebswirtschaftliche Maßnahmen, mit denen die Einzelleistungen bestimmt werden konnten, waren wichtig für eine Feinjustierung des Wirtschaftsplans.

Sina Rybakowa war die Verkörperung der pflichtbewussten, aufstrebenden Verkäuferin. Sie, die erst vor anderthalb Jahren als Lehrling ihre Berufslaufbahn begonnen hatte, legte ihre Ware morgens schon vor Geschäftsbeginn vorbildlich aus, ordnete sie nach Kundenpräferenzen. „Während ihrer Arbeit erlaubt sich die Verkäuferin niemals, ihre Aufmerksamkeit vom Kunden abzuwenden. Sie läßt keine übertriebene Eile oder Ungeduld gegenüber dem Kunden zu, wenn er zu lange auswählt, sondern hilft ihm freundlich, um in der Auswahl seinen Geschmack zu treffen. Im Laufe des Arbeitstages verkauft die Verkäuferin Rybakowa 200-300 Warenartikel. Sie beendigt ihren Arbeitstag eine Stunde früher, da sie abends im Technikum des sowjetischen Handels studiert. […] Der Kreis ihrer Kenntnisse erweitert sich von Tag zu Tag, sie wird zu einer qualifizierten Mitarbeiterin des Handels. Wir führen dieses Beispiel nicht als Ausnahme an. Solche Mitarbeiter gibt es viele in unserem Warenhaus…‘“ (Eifert Nina Rybakowa nach!, Der Handel 3, 1953, 440). Das war viel im durch hohe Fluktuationen, niedrige Löhne und einen mehr als 70-prozentigen Frauenanteil gekennzeichneten DDR-Einzelhandel. Ende 1953 wurde ein monatlicher „Tag des sowjetischen Neuerers“ eingeführt wurde, auch um den inhaltsleeren „Selbstlauf“ der bisherigen Neuererbewegung im Handel zu beenden. Rybakowas „Methode“ sollte allgemein angewendet werden (K. Götz, Auch im Handel ‚Tag des sowjetischen Neuerers‘, Der Handel 3, 1953, 336). 1956 erschien schließlich eine deutschsprachige Broschüre, um Selbststudium zu fördern (Sina Rybakowa, Unsere Kunden wollen gut, gewissenhaft und aufmerksam bedient werden, Berlin (O) 1956).

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Kollektivverpflichtung von Mitarbeitern der HO Industriewaren in Berlin-Weißensee (Der Handel 2, 1952, 223)

Glaubt man der parteilichen und unter Zensur stehenden Fachpresse, war die Resonanz nicht unbeträchtlich. Hervorgehoben wurden etwa entsprechende Selbstverpflichtungen von 150 Beschäftigten des HO-Warenhauses in Dresden (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Blieb es meist bei ehrenden namentlichen Erwähnungen der Initiatorinnen, so wurde die „Kollegin Arndt“ vom HO Warenhaus Leipzig gar zur „Verdienten Aktivistin“ ernannt. Die Leiterin der dortigen Verkaufsbrigade für Damenwäsche war nicht nur Arbeiterkind, das sich nach Umschulung und Qualifikation von der Aushilfe über die Verkäuferin zur Leiterin hochgearbeitet hatte, sondern sie nahm die Anregungen der Franik- und Rybakowa-Aktivisten direkt auf, eröffnete schon im September 1952 den innerbetrieblichen Wettbewerb und entsprach dem Ideal einer linientreuen Aktivistin: „‚Es ist eine schöne Aufgabe, den Menschen bei ihren Einkäufen Helfer und Berater sein zu können. Seit Beginn meiner Tätigkeit bei der HO nahm ich rege am gesellschaftlichen Leben teil. Im Jahre 1953 machte ich mich mit dem Charakter und dem Ziel innerbetrieblicher Wettbewerbe vertraut. So erkannte ich, wie wichtig auch im Handel der Wettbewerb ist, […] Ich freue mich darüber, daß ich mit meinen Brigademitgliedern einen Anstoß für eine Bewegung gegeben habe, die zeigt, daß auch der Handel der Produktion nicht nachsteht.‘“ Die Produktion von Heldinnen konnte beginnen.

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Verdiente Aktivistinnen: Zwei der elf Preisträgerinnen 1953 (Der Handel 3, 1953, 565)

Die Verdiente Aktivistin Gretel Heinicke

Margarete Heinicke war eine dieser sozialistischen Heldinnen. Heute erinnert niemand an sie, weder Wikipedia, noch einschlägige biographischen Nachschlagewerke (etwa Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs und Dieter Hoffmann (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Bonn 2001). Heinicke war Verkäuferin, seit Oktober 1953 dann Verkaufsstellenleiterin in der HO-Lebensmittel in Leipzig. Die sächsische Metropole war offenbar ein bevorzugter Ort für Neuerer, etwa der Verdienten Aktivistin Arndt. Im dortigen HO Warenhaus begann man 1953 über die sowjetischen Methoden hinauszugehen, appellierte an die Phantasie der Käufer: Stoffe wurden nicht einfach dargeboten, stattdessen zeigte man Schnittmuster und ausgearbeitete Modelle. Das fertige Kleid, der modische Anzug dienten als Anreiz für die häusliche Schneiderei, für den Absatz der dafür nötigen Vorprodukte (Leistungssteigerung durch neue Verkaufsmethoden, Der Handel 3, 1953, 442).

Margarete Heinicke war Teil dieser Neuererbewegung. Ihre Biographie war vorbildlich, vorbildlich für eine sozialistische Heldin (Angaben n. Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Glaubt man den Angaben der Fachpresse, so stammte sie aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie, konnte aufgrund der Enge der Herkunft aber keinen Beruf erlernen. Nach der Schule arbeitete sie als Hausangestellte und Sprechstundenhilfe, wurde anschließend Beiköchin in einer Gaststätte. Die junge Frau wechselte anschließend, also während der NS-Zeit, in eine Baumwohlspinnerei, machte dort innerbetrieblich Karriere: Sie begann als Arbeiterin, wurde Lehrausbilderin, schließlich Angestellte in der Lohnbuchhaltung und Kalkulation. All dies blieb vage, entsprach aber dem Bild einer strebsamen Frau, die Alltagsfährnisse überwand und ihr Leben anständig meisterte. Anfang der 1950er Jahre kam sie zur HO, startete als Wurstverkäuferin. Der staatliche Handel erlaubte eine neue Karriere, ein Volkshochschullehrgang zeugte von Heinickes Lernbereitschaft. Aufgrund ihrer „guten Leistungen“ wurde sie im Oktober 1953 Leiterin der Verkaufsstelle 88 im Süden Leipzigs, wo sie mit neuen Verkaufsformen experimentierte. Im August 1955 stieg sie die Karriereleiter weiter hoch, war als Verkaufsstellen-Abteilungsleiter für mehr als zwanzig Geschäfte der HO-Lebensmittel Leipzig-Süd verantwortlich.

Dieser Aufstieg war, so das Heldinnennarrativ, Folge ihres Einsatzes für das Kollektiv: „‚Ich fühle mich verpflichtet, in meiner Arbeit Vorbild zu sein. Es genügt nämlich nicht mehr, in einer Verkaufsstelle nach neuen Arbeitsmethoden zu arbeiten, überall muß man jetzt konsequent mit der Einführung neuer Arbeitsmethoden beginnen und dabei nicht am Anfang stehenbleiben‘“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Heinicke griff die zeitgenössischen Neuerermethoden auf, setzte sie in ihrem Wirkungskreis um: Anfang 1953 initiierte sie einen innerbetrieblichen Wettbewerb, bei dem jeder Verkäufer 250.000 DM Jahresumsatz erzielen sollte. Damit griff sie die Anregungen Sina Rybakowas auf, koppelte sie mit der Ertragsperspektive der Franik-Methode. Im Herbst 1953 eiferte sie dann dem Vorbild Frida Hockaufs nach, ging Selbstverpflichtungen ein, forderte diese auch von ihren Kolleginnen. Es folgte die Kochtopfmethode, die rasch mit ihrem Namen verbunden wurde. Aus der Nacheifererin wurde somit ein Vorbild, seit 1954 eine Verdiente Aktivistin. Selbstverständlich blieb es nicht bei rein fachlicher Arbeit, ging diese doch einher mit gesellschaftlichen Aktivitäten: 1954 wurde sie Mitglied der Ständigen Kommission für Handel und Versorgung des Rates des Bezirks Leipzig, trat dem Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel und dem FDGB-Bezirksvorstand Leipzig bei, war auch im Leipziger Prüfungsausschuß für die Lehrabschlußprüfungen im Handel aktiv.

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Das Ehepaar Heinicke in ihrer neu bezogenen Leipziger Wohnung (Der Handel 6, 1956, H. 4, 11)

„Gretel“ Heinicke hatte es geschafft. Sie war eine sozialistische Heldin, durchsetzungsstark und anwendungsklug. Sie sah, so der Tenor, die Rationalisierungspotenziale innerhalb der Handelsorganisation, riss mit ihren Initiativen ihr Umfeld mit. All dies erfolgte gleichsam selbstlos, war Dienst auch am Kunden. Der umgangssprachlich veränderte Rufname unterstrich diese Volkstümlichkeit. Gretel Heinicke wollte Parteibeschlüsse ins Leben tragen, wollte den Einkauf zur Freude machen. Kundenversammlungen ergänzten das Verkaufsgespräch. Heinicke stand zugleich aber für die Entfaltung der Persönlichkeit im Sozialismus. Ein Photo zeigt sie in ihrer Neubauwohnung, präsentiert sie mit liebevollem Ehemann und vor dem just neu angeschafften Fernsehapparat. Gediegenheit und Wohlstand wurden bildlich gebannt, waren Abglanz eines materiell gesicherten Lebens in der bald verwirklichten sozialistischen Gemeinschaft. Dieses Photo wurde auf einer Doppelseite gedruckt, kontrastierte das vermeintliche Drohnen- und Ausbeuterdasein des westdeutschen „Warenhauskönigs“ und Ariseurs Helmut Horten (1909-1987) („Ich habe ein Recht auf gutes Leben“, Der Handel 6, 1956, H. 4, 10) mit dem der Aktivistin aus dem Volk: „Es ist doch gut, daß wir unter unseren Verkäuferinnen so hervorragende Menschen haben. Nicht nur Gretel Heinicke, sondern viele, sehr viele. Wir gaben uns nur noch nicht immer die Mühe, sie zu entdecken, sie zu fördern“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11).

Heinicke war eine sozialistische Heldin, eine ostdeutsche Rybakowa. Ihre Aufgabe war es, Vorbild und Anreiz für die Mehrzahl der Verkäuferinnen im DDR-Handel zu sein. Das war Partei- und Gewerkschaftsziel, entsprechend wurden im Handel überdurchschnittlich viele Frauen ausgezeichnet. 1953 waren nur fünf der sechszehn Verdienten Aktivisten im Handel Männer (Ihre Leistungen sollen uns Ansporn sein, Der Handel 3, 1953, 563-564). Man kann dies als Ausfluss der neuen Chancen von Frauen in der DDR interpretieren, lag ihr Anteil an der Erwerbsarbeit doch höher als in der Bundesrepublik. Man kann hierin aber auch den Versuch sehen, Frauen in Branchen zu fördern, die eher ihrem vermeintlichen Naturell entsprachen. Schließlich kam die Zeit der Trümmerfrauen und Industriearbeiterinnen langsam an ein Ende, pendelten sich tradierte Geschlechtsverhältnisse wieder ein. Die Leitung des Handels war ohnehin männlich dominiert. Ende 1954 gab es 569 Direktoren in den Kreisbetrieben der HO – und nur 19 Direktorinnen. Der höhere Anteil an den Aktivistinnen wurde zufrieden gewürdigt, als „Ausdruck für die neue Stellung der Frauen in unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat“ gefeiert. Sie hätten dazu beigetragen „daß unser Leben immer reicher und schöner wird“. Doch hier galt es nachzulegen, war es doch Frauenaufgabe, „sich ständig fachlich und gesellschaftlich weiter zu qualifizieren, um unsere Handelsbetriebe rentabler zu gestalten, die Verkaufskultur zu verbessern und um mehr als bisher leitende Funktionen einnehmen zu können“ (Zitate n. Ruth Buchmann, Im Geiste Clara Zetkins, Der Handel 5, 1955, H. 5, 3-5, hier 4). Gretel Heinicke unterstützte diese Mischung aus Arbeitsmobilisierung und Fraulichkeit. Zum Internationalen Frauentag 1956, in der DDR ja ein blumiger Feiertag, postulierte sie: „‚Wir Frauen haben die Aufgabe, verantwortungsbewußt mitzuarbeiten und zu kämpfen und zu lernen, um ein schöneres Leben für unsere Kinder zu sichern‘“ (Charlotte Pfeiffer, Unseren Kolleginnen Ehre und Dank!, Der Handel 6, 1956, H. 5, 9).

Die Kochtopfmethode

Der Handel in der DDR hatte im Gründungsjahrzehnt nicht allein frei verkäufliche und bewirtschaftete Waren zu verkaufen, sondern er hatte sich dabei auf die plangemäß gelieferten Güter zu konzentrieren. Die 1948 gegründete HO stand für den staatlichen Anspruch, den Absatz einerseits an die Bedürfnisse der Bevölkerung anzupassen, anderseits den im Schwarzmarkt noch gültigen Preismechanismus von Angebot und Nachfrage durch staatliche Preisfestsetzungen zu ersetzten. Bei der HO konnte man Mangelprodukte frei kaufen, musste dazu jedoch Preise zahlen, die leicht unterhalb des Schwarzmarktniveaus lagen. Die HO-Preise straften die Gleichheitsrhetorik Lügen, boten zugleich aber einen Anreiz für vermehrte Arbeitsleistungen, um sich Waren abseits der Grundversorgung leisten zu können. HO, Konsumgenossenschaften und insbesondere der staatlich drangsalierte private Einzelhandel hatten jedoch allesamt das Problem kaum verkäuflicher Waren. Sie mussten gleichwohl abgesetzt werden, wollte man den Plan erfüllen. Das galt 1954 in Gretel Heineckes Verkaufsstelle etwa für Puddingpulver. Die Frauen – Heinicke und fünf Verkäuferinnen – kochten daher einen ansprechenden Pudding, stellten diesen gut sichtbar aus, ließen die Kunden gar kosten. Und siehe da, der Umsatz stieg nun auf gewünscht-geplante Höhe. Damit begann ein Präsentationsspiel, das 1954 in der Kochtopfmethode kulminierte. Zuvor hatte die sozialistische Heldin einen Abendbrottisch für zwei Personen eingerichtet, darauf vertrauend, dass man die dafür erforderlichen Produkte auch kaufen würde (G. Naumann, Kollegin Heinicke organisiert Kampf um Planerfüllung, Der Handel 4, 1954, H. 22, 27).

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Hinweisschild auf die Warenangebote nach der Kochtopfmethode in der HO-Verkaufsstelle 20 in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 26)

Die Kochtopfmethode folgte diesem Weg von Einzelprodukten zur Einkaufshilfe: „An einer in das Schaufenster gestellten schwarzen Tafel, die in einen Rahmen zu schieben ist, wird an jedem Morgen ein Rezept angebracht, das jeweils Produkte berücksichtigt, die in der Verkaufsstelle vorrätig sind. Ein am Eingang der Verkaufsstelle angebrachter Hinweis: ‚Was koche ich heute mittag? Unser Tip – siehe Schaufenster!‘ macht die Bevölkerung auf diesen Kundendienst aufmerksam“ (Naumann, 1954). Die Kochtopfmethode war also Dienstleistung und Lenkungsinstrument zugleich. Erstere wurde propagiert, zumal sie für erwerbstätige Frauen mit Doppelbelastung durchaus hilfreich sein konnte (erwerbstätige Männer wurden übrigens nie angesprochen…).

Die Kochtopfmethode war eine lokale Initiative, deren Kernidee anschließend vor Ort verändert und verbessert wurde. Nach kurzer Zeit wurde es üblich, nicht allein die Einzelprodukte des vorgeschlagenen Gerichtes aufzulisten, sondern diese auf einer Tafel gut sichtbar aufzulisten, mit Einzelpreisen zu versehen und auch einen Gesamtpreis zu nennen. Das diente der Information, war nicht Ausdruck vermeintlicher Preiswürdigkeit. Die Tafel fand dann ihre Entsprechung im Inneren der Verkaufsstelle, wo die erforderlichen Produkte gebündelt vorlagen, so dass sie einerseits gut sichtbar waren, anderseits einfach und im Gesamtpack verkauft werden konnten. Die Kochtopfmethode sprach Kundinnen direkt an, knüpfte so ein Band zwischen Handel und Konsumentin. Der Kochtopf war mehr als ein Zubereitungsbehälter, symbolisierte die Gemeinschaft der Werktätigen. Die einfach gehaltenen Speisen knüpften sicher auch an die umfangreiche Eintopfpropaganda an, die während des Nationalsozialismus Opfersinn und Volksgemeinschaft erfolgreich verband (Uwe Spiekermann, Ist Eintopf ein Naziwort?). Mit der Kochtopfmethode verfolgte der Handel daher nicht nur selbstsüchtige Absatzziele, diente nicht nur der rational agierenden Hausfrau. Er schuf auch einen Imaginationsraum wechselseitiger Verpflichtungen und gemeinsamer Ziele. Damit unterfütterte die Kochtopfmethode die oftmals hohlen Phrasen des Aufbaus mit emotionalem Schmaus.

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Außenwerbung mit der Kochtopfmethode: Kochzutaten und deren Preise in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 27)

Die neue Initiative machte die Heldin – doch das Narrativ verlangte noch mehr: Heinickes Verkaufsstelle konnte nicht nur den Umsatz steigern, sondern auch ihre Frida Hockauf folgende Selbstverpflichtung erfüllen, den Umsatzplan um monatlich 1000 DM überzuerfüllen. Eine Heldin belässt es jedoch nicht beim Einzelerfolg, sondern schreitet den eingeschlagenen Weg weiter voran: Sie überzeugte vier benachbarte HO-Läden, ihrem Beispiel zu folgen, überzeugte sie gar, den vom Umsatz abhängigen Leistungslohn einzuführen. Diese fünf Verkaufsstellen forderten anschließend weitere HO-Geschäfte zum Franik-Wettbewerb heraus, um so allesamt die geplanten Umsätze früher erreichen zu können (Naumann, 1954). Heinickes HO-Bezirk Leipzig-Süd konnte seine Umsätze im 3. Quartal deutlich steigern und sich im Bezirk Leipzig an die Spitze setzen. Damit stieß Heinicke einen Kaskadeneffekt an, der in Leipzig auf beträchtlichen Widerhall stieß. Die Kochtopfmethode verkörperte Schwung und Dynamik des sozialistischen Aufbauwerkes, als sich am Tag des Neuerers, also am 13. Oktober 1954, alle Mitarbeiter der HO-Lebensmittel Leipzig-Zentrum verpflichteten, nicht nur nicht unbeträchtliche Planungsrückstände bis Jahresende aufzuholen, sondern dazu auch Neuerermethoden zu nutzen: „‘Die Anwendung neuer Arbeitsmethoden, wie das Anbieten von Mittagsgerichten und Abendessen werden wir auf alle Verkaufsstellen übertragen‘“ (Auch im Handel die Planungsrückstände aufholen, Neues Deutschland 1954, Nr. 237 v. 9. Oktober, 3). Und es war gewiss im Sinne Gretel Heinickes, dass ihre Kollegen zugleich „alle Belegschaften der staatlichen und konsumgenossenschaftlichen Handelsbetriebe“ aufforderten, diesem Beispiel zu Ehren der Volkskammerwahlen vom 17. Oktober 1954 zu folgen. Die sozialistische Heldin stand für alle eventuell mit der Kochtopfmethode verbundenen Rückfragen kollegial bereit. Heinicke hatte, so schien es, einen Stein ins Rollen gebracht.

Die Kochtopfmethode als staatlich geförderte Neuerermethode

Zwei Ereignisse markierten den Übergang von Heinickes lokaler Initiative zur dann staatlich propagierten Neuerermethode im Handel. Zum einen berichtete das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ im Februar 1955 über einen Besuch des stellvertretenden Ministers für Handel und Versorgung Kurt Borrmann in Stalinstadt (ab 1961 Eisenhüttenstadt), einer um ein Eisenhüttenkombinat entstandenen sozialistischen Modellstadt (vgl. Rosemarie Beier (Hg.), Aufbau West – Aufbau Ost. Die Planstädte Wolfsburg und Eisenhüttenstadt in der Nachkriegszeit, Ostfildern-Ruit 1997, v. a. die Beiträge von Jörg Roesler und Jenny Richter). Der SED-Funktionär forderte vom lokalen HO-Verkaufsstellenleiter verstärkte Verkaufsanstrengungen: Es „gibt nicht nur hier, sondern bei den meisten unserer Verkaufskräfte eine Scheu vor dem Anbieten, Empfehlen oder Erinnern. Dabei wären viele Hausfrauen recht dankbar dafür. ‚Kennen Sie die Verkaufsmethode der Kollegin Heinecke [sic!] aus Leipzig?‘ wird der junge Verkaufsstellenleiter gefragt. Nein, man kennt sie hier nicht. Aber interessiert hört Hartwig Beier zu, als Genosse Borrmann ihm berichtet, wie die Verkaufsstellenleiterin Heinecke [sic!] ihren Umsatz gesteigert hat. Täglich hat sie ihren Kunden auf einer Tafel einen Vorschlag für den Mittagstisch unterbreitet. Damit hat sie nicht nur den Kunden geholfen, sondern auch die vorrätigen Waren schmackhaft angeboten“ (Hella Iglarz, Handeln, anpreisen, werben, Neues Deutschland 1955, Nr. 35 v. 11. Februar, 5). Die Kochtopfmethode wurde offenbar als eine Chance gesehen, den Wettbewerb im Handel zu intensivieren.

Doch es blieb nicht bei autorativen Empfehlungen. Planungsbehörden und Handelsfunktionäre sprachen Anfang 1955 von einer neuen höheren Phase der Handelsmethoden, die sich deutlich von vereinzelten Übernahmen sowjetischer und einheimischer Neuerermethoden unterscheiden sollte. Vorbild war die Rationalisierungsbewegung in der Industrie, die seit Ende 1954 wieder intensiviert wurde (vgl. Ernst Lange, Die Verbesserung der Lebenshaltung der Bevölkerung in der Deutschen Demokratischen Republik, Einheit 9, 1954, 947-955, hier 950). Dem Handel hatte der Fünfjahresplan bis 1955 um 19,2 Prozent verminderte Vertriebskosten abverlangt, doch Ende 1954 waren erst 8,8 Prozent erreicht. Um dies zu verändern, wurde Anfang 1955 – mittels der Verfügung Nr. 5/55 des Ministeriums für Handel und Versorgung vom 14. Januar – beschlossen, die Kochtopfmethode und den Minutenkauf (Verkauf nach Vorbestellung) obligatorisch in mindestens einer geeigneten Verkaufsstelle jedes HO-Kreises einzuführen. Auch die Konsumgenossenschaften schlossen sich Ende März an, propagierten aber andere Methoden, darunter das sogenannte geschlossene Warensortiment, Adamek-Arbeitszeitpläne, die Potpow-Methode oder das Kolli-System. Es herrschte offenbar kein Mangel an guten Ideen, doch es haperte an der Umsetzung. Der Bildungsstand der Verkäuferinnen war fast durchweg niedrig: „So erklärten uns die Kolleginnen in der Diätverkaufsstelle, in der HO Lebensmittelverkaufsstelle 8 in Potsdam und anderen Verkaufsstätten, daß sie die Kochtopfmethode, den Minuteneinkauf, die Arbeit mit geschlossenen Warensortimenten usw. noch nicht geschildert bekommen haben. Die Kollegin Grunert gab uns eine typische Antwort, wenn sie sagte: ‚Davon habe ich noch nichts gehört. Aber in der nächsten handelspolitischen Schulung werde ich gleich einmal fragen, warum man mit uns darüber noch nicht gesprochen hat. Das sind doch gute Sachen.‘ Und so konnte es vorkommen, daß man die Hinweise der Verdienten Aktivistin Heinicke zu der von ihr erfolgreich angewandten Kochtopfmethode nicht beachtete“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9).

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Schaufensterwerbung für die Kochtopfmethode: Dekorationsvorschlag 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 25)

Das offenkundige Vollzugsdefizit beantworteten die Handelsfunktionäre zum einen mit lokalen Gegeninitiativen, die über die Fachpresse verbreitet wurden (Erika, Wir wenden in den Verkaufsstellen die ‚Kochtopfmethode‘ an!, Der Handel 5, 1955, Nr. 13, 25). Zum anderen informierte man weiterhin über die Kernpunkte, hoffte auf die Überzeugungskraft nicht nur der Methode selbst, sondern auch ihrer Resonanz bei Käuferinnen: „Sie sind der Sorge, die jede Hausfrau hat, nämlich der täglich wiederkehrenden ‚Angst‘ vor dem ‚Was koche ich heute‘, behoben“ (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 26 – auch für das folgende Zitat). Generell bewegte die Neuererbewegung einiges, nicht zuletzt im nach wie vor quirligen Leipzig, wo unter der Federführung Gretel Heinickes die Verkäuferinnen „immer neue Verkaufsmethoden“ ersannen. Doch die zahlreichen Anregungen kannibalisierten sich wechselseitig, überforderten die Ressourcen der zahllosen kleinen Verkaufsstellen. Wissen des Guten war eben nicht Vollzug des Guten – und diese zermürbende Erfahrung lähmte.

Dies sollte aber nicht das letzte Wort sein, sah doch der neue, 1956 gestartete Fünfjahresplan eine umfassende Modernisierung der DDR-Wirtschaft vor. Die „wissenschaftliche-technische Revolution“ galt aber nicht allein für Kernenergie, Luftfahrtindustrie und weiterhin Schwerindustrie, sondern sollte auch den Handel in die Lage versetzen, die bis 1960 um 40% zu steigernde Konsumgüterproduktion zu bewältigen (Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 36-37). Dazu wurde neuerlich an die Schöpferkraft der Werktätigen appelliert, zugleich aber das ideologisch sichere Lied vom rückständigen Handel angetönt: „Während die Industrie in kurzen Abständen immer wieder wahrhaft revolutionäre Taten vollbringt, vollzieht sich der Handel im wesentlichen in den gleichen Formen, wie sie bereits jahrzehntelang üblich waren. Nicht nur die Verkaufsmethoden, auch die Arbeitsmittel und verschiedene Organisationsformen haben sich seither nur unwesentlich verändert. Es ist daher notwendig, neue Ideen für die Verbesserung und gleichzeitige Erleichterung der Handelstätigkeit zu entwickeln, sie im breiten Erfahrungsaustausch allen zu vermitteln und sich darauf zu konzentrieren, sie schnell zu verwirklichen“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 4). Gretel Heinickes Kochtopfmethode wurde 1956 neuerlich propagiert, ihr Einsatz aber auch flankiert.

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Werbedekoration nach der Kochtopfmethode in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 4, 4)

Dazu wurde erstens die Kochtopfmethode systematisiert und in einem kleinen, vom Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel herausgegeben 10-seitigen Faltprospekt näher vorgestellt (Walter Schalm, Kochtopfmethode, Berlin-Treptow 1956). Es enthielt Abbildungen aus dem Verantwortungsbereich Gretel Heinickes und empfahl drei erfolgsträchtige Kernelemente: Anregende und regelmäßig wechselnde Rezepte, eine ansprechende Präsentation der empfohlenen Waren und eine gut lesbare Angabe der Einzel- und Gesamtpreise (Der Handel 6, 1956, H. 5, 16). Außerdem spezifizierte man die Methode für andere Spezialsortimente, beginnend mit Obst- und Gemüse-, endend bei Spirituosenhandlungen („Neue Arbeitsmethoden für Dich“, Der Handel 6, 1956, H. 6, 29). Die kleine Broschüre wurde über den Handel vertrieben, vor allem aber über Gewerkschaftsvertreter verbreitet. Die üblichen Einzelerfolgsmeldungen fehlten nicht, doch auch die Übernahme der Methode durch gleich 45 Verkaufsstellen in Staßfurt konnte nicht überdecken, dass eine Evaluation möglicher Erfolge nicht erfolgte (Walter Schalm, Aktuelle Agitationsschriften verhelfen dem Neuen zum Durchbruch, Der Handel 6, 1956, H. 11, 22-23, hier 22). Festzuhalten ist, dass diese Festlegung der Kochtopfmethode zugleich ihrer Kanonisierung diente. Auch wenn die sozialistische Heldin Gretel Heinicke in steter Eintracht mit ihrer Methode präsentiert wurde, so ging die Definitionsmacht doch auf Gewerkschafts- und Parteifunktionäre über.

Zweitens begann man auf unterschiedlichen Ebenen Werbeentwürfe für die Kochtopfmethode zu entwickeln, um dadurch dezentrale Arbeit zu minimieren. Die HO schrieb Wettbewerbe für ansprechende Schaufensterentwürfe aus, deren Ergebnis aber kaum befriedigte. Selbst der Siegerentwurf vergaß den Platz für die Rezepte und auch Preise, war von einer allgemeinen Warenanpreisung kaum zu unterscheiden (Der Handel 6, 1956, H. 3, 26). Mit der Kochtopfmethode wurde gleichsam kokettiert, zugleich aber recht heterogene Einzelinteressen unter dessen Deckel versammelt. Selbst Werbung für Feinkost fand sich dergestalt geadelt wieder im Reigen regimetreuer Angebote (Horst Fiedler, Für die Kochtopfmethode zu verwenden, Der Handel 6, 1956, H. 3, 26-27, hier 26).

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Werbung für die Kochtopfmethode in Erfurt 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5)

Werbung wurde auch weiterhin dezentral erstellt, darunter durchaus ansprechende Lösungen, wie etwa der oben sichtbare graphische Teil eines Handzettels. Doch dies blieben Ausnahmen besonders motivierter Kollektive. Für die Mehrzahl der Nachahmer erstellte die Redaktion der Fachzeitschrift „Der Handel“ 1956 Werbeklischees, die vor Ort ausgestaltet werden konnte. Auf Quadratnetz aufgezeichnet, lud es zum Abpausen ein. Auch hier aber war die Angst groß, dass vor Ort dennoch Fehler auftauchen würden, etwa fehlende Angaben zur Menge oder aber ergänzend erforderliche „Kleinigkeiten“, etwa der Gewürze. Gleichwohl gelang es auf diese Weise, einfache und zielführenden Handreichungen anzubieten, um Gretel Heinickes Vorschläge republikweit zu verbreiten („Kochtopfmethode“ leichtgemacht, Der Handel 6, 1956, H. 8, 29).

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Werbemittel für die Kochtopfmethode (Der Handel 6, 1956, H. 8, 29)

Drittens übte der SED-Staat weiterhin Druck aus, um die Kochtopfmethode und den Minutenkauf zumindest in der HO obligatorisch zu verankern. Kurt Borrmann wies mehrfach auf die gesetzlichen Regelungen für die Einführung neuer Arbeitsmethoden hin, stellte zugleich aber realistisch-resigniert fest: „Sie werden aber in sehr vielen Fällen nicht beachtet“ (Die Konferenz der Handelsneuerer gut vorbereiten!, Der Handel 6, 1956, H. 4, 4-5, hier 5). Diese Indolenz gegenüber selbst gesetzten Vorschriften mag dem gängigen Bild einer gewalttätigen Entwicklungsdiktatur nicht entsprechen. Die Beteiligten wussten jedoch um die strukturelle Überforderung der meisten Verkaufsstellen, die zu Beginn des neuen Fünfjahresplan mit einer Vielzahl neuartiger Ansprüche konfrontiert waren. Die 3. SED-Parteikonferenz, bekannt durch die erste öffentliche Distanzierung vom Massenmörder Stalin, forderte den Handel zu neuen Anstrengungen auf, einerseits für die verbesserte Versorgung auf dem Lande, anderseits für die Schwerpunktverpflegung der Werktätigen in den Industriebetrieben. Fertiggerichte, Versorgungsautomaten, bessere Werkverpflegung fielen sämtlich in das breit gefächerte Profil der HO und der Konsumgenossenschaften. Zahlreiche Dienstleistungen, sei es bei Reparaturen oder dem Anschluss und der Wartung von Elektrogeräten, sollten ebenfalls gemeistert werden: „So stehen die Mitarbeiter des sozialistischen Handels vor einer Reihe neuer, ungelöster Probleme, die nur durch ihre Eigeninitiative und mit Hilfe der örtlichen Verwaltungsorgane gelöst werden können“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 3). Es wären ganz andere sozialistische Helden als Gretel Heinicke nötig gewesen, um die immer wieder erweiterten Ansprüche abarbeiten zu können.

Kollegin Heinicke half jedoch, wem sie konnte: So dem Kollegen Drenschke aus Gernrode, dem sie die Kochtopfmethode präzise beschrieb, die dieser dann auch erfolgreich einführte (Lothar Wilke, Liebe Kollegin Gerda!, Der Handel 6, 1956, H. 16, 28-29). In der gelenkten Presse folgten die üblichen Nachrichten von dankbaren Käuferinnen, die sich stetig fragten, „was morgen wohl an die Tafel geschrieben würde“ (Heinz Hertel, Immer mehr Mitarbeiter beteiligen sich am Wettbewerb, Der Handel 6, 1956, H. 5, 10-11, hier 10). Es sei so schön, helfende Hinweise zu erhalten, „den ‚Magenfahrplan‘ abwechslungsreich zu gestalten“ (Fiedler, Jetzt Puddings und Süßspeisen empfehlen, Der Handel 6, 1956, H. 13, 29-30). Schweigen wir von der hinter solch paternalistischen Sätzen stehenden Geringschätzung der dummen Hausfrauen, denn dies wäre eine längere Philippika. Halten wir aber fest, dass die Kochtopfmethode durchaus Resonanz erzielte, wenn auch von einer flächendeckenden Einführung nicht die Rede sein konnte. Und sie diente der weiteren Rekrutierung von Aktivistinnen, wie etwa der Kollegin Schlottke aus Quedlinburg, die zu Ehren der 3. Parteikonferenz Heinickes Methode in ihrem HO-Laden und dem VEB Harzer Likörfabrik einführte. So entstanden, hicks, Agitationslokale für den „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ (Der Handel 6, 1956, H. 5, 20).

Für sozialistische Helden war all dies Ansporn für noch mehr Arbeit. Der Verdiente Aktivist Gerhard Gering vom Konsum-Warenhaus Suhl fragte entsprechend: „‘Kann es denn Schöneres geben, als an seinem Platz für die Ziele unseres Arbeiter- und Bauern-Staates und der Partei zu arbeiten, deren Mitglied ich bin?“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10) Das war 1958, zwei Jahre nach dem Hauptagitationsjahr für die Kochtopfmethode – im rasch voranschreitenden Sozialismus eine kleine Ewigkeit. Noch hatte man den Fünfjahresplan nicht abgebrochen, um ihn durch einen noch ambitionierten Siebenjahresplan zu ersetzen, den man dann nach nur vier Jahren in einen neuen Perspektivplan überführte. Doch mit dem Bunaprogramm, den „Maßnahmen zur Entlastung der werktätigen Frauen durch den sozialistischen Handel“, begann schon Anfang Januar eine neue Etappe im langen Marsch in die lichte Zukunft. Selbstzufrieden zählten Handelsfunktionäre die lange Liste bisheriger Erfolge auf: „Das Ratiosystem, die Kochtopfmethode, Stumme Verkäufer, ständige Sonderwarenangebote, Inventur bei geöffneter Verkaufsstelle, Kowaljowmethode im Lager, waren Bestandteile der Arbeit geworden“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10). Ja, die Kochtopfmethode wurde weiter angewandt. Allerdings nicht überall und häufig anders als erforderlich. An die Stelle regelmäßig wechselnder Rezepte trat eine gewisse Eintönigkeit, auch von völkerverbindenden Gerichten der sozialistischen Bruderstaaten hörte man nur noch wenig. Der Posener Aufstand oder der ungarische Volksaufstand hatten 1956 doch auf den Magen geschlagen. In Weißenfels wusste man sich zu helfen, empfahl als stetes Beigetränk ein stärkendes Abendbier. Derartig „formale“ Anwendung der Kochtopfmethode sagte man jedoch den Kampf an, ließ ernährungswissenschaftlich optimierte Rezepte entwickeln, um der Hausfrau nicht nur die Sorge für die tägliche Kost, sondern auch für die Gesundheit der Familie teilweise abzunehmen (Bunaprogramm kein fertiges Rezept, Handelswoche 3, 1958, Nr. 3 v. 15. Januar, 10).

Gleichwohl enthielt das Bunaprogramm schon Planungen, die der Kochtopfmethode die Grundlage entziehen sollten. Es sah nicht nur verstärkte und verbesserte Werksverpflegung vor, sondern auch ein breites Sortiment kochfertiger Lebensmittel und Fertiggerichte. Die Kochtopfmethode war dann lediglich noch Übergangstechnik hin in eine arbeitssparende Zeit, die Essen auf Verzehren reduzieren, die Kochen auf Industrie und Gastronomie verlagern würde. So träumte man im Osten, so auch im Westen. Deutsche Gemeinsamkeiten an der Kühltheke. Und doch, die Hausfrauen hatten ihren eigenen Kopf, kauften die frühen Fertiggerichte eher zögerlich. Und in der DDR gab es Versorgungsprobleme bei der Kühltechnik (R. Marczikowski, Das Menü im Zellophanbeutel, Die Handelswoche 3, 1958, Nr. 6 v. 5. Februar, 5). Nun ja, die Kopftopfmethode konnte derweil weiter genutzt werden.

Zwischen Selbstkritik und Denunziation: Soziale Funktionen der Kochtopfmethode

Rationalisierungs- und Verbesserungsvorschläge haben nicht nur wirtschaftliche, sondern immer auch soziale Folgen. Der Historiker Andrew Port hat die damit verbundenen sozialen Mechanismen am Beispiel Saalfelds detailliert untersucht und versucht, die rätselhafte Stabilität der DDR auf die wechselseitigen Blockaden einer Gesellschaft zurückzuführen, die von Neid und fluiden Gruppenidentitäten geprägt war (Die rätselhafte Stabilität der DDR. Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland, Bonn 2011). Sozialistische Helden sollten verbinden, erlaubten aber doch auch Protest, Widerspruch und klar abgegrenzte und damit „sachlich“ begründbare Ablehnung. Den Helden der Arbeitswelt schlug immer auch Feindschaft entgegen. Adolf Henneckes Auto wurde von seinen Kumpeln demoliert, er selbst als „Arbeiterverräter“ beschimpft. All dies milderte sich Mitte der 1950er Jahre, machte sich nun doch eher Apathie breit, ein nur formales Mitziehen, das die erwünschten Effekte nicht erreichen wollte und konnte. Zugleich veränderte sich die Art der sozialistischen Helden, begann mit dem gefeierten Radfahrer Gustav-Adolf „Täve“ Schur (1931-) eine lange Liste von Sport-, ab den späten 1950er Jahren begleitet von den eingangs schon erwähnten Kosmoshelden. Widerspruch war hier selten, betraf vor allem nicht die Funktion des Systems.

Mitte der 1950er Jahre wandelte sich die DDR, mutierte von einem stalinistischen Gewaltstaat hin zu einem bürokratisierten Unrechtsstaat, der individuelle Freiräume ließ und lassen musste und seine Klauen nicht mehr stetig ausfuhr. Erlasse, wie etwa die verpflichtende Nutzung der Kochtopfmethode, galten zwar – wurden aber nicht konsequent umgesetzt. Die Verpflichtung war jedoch stetig mobilisierbar, war eine Waffe in der Hand der Funktionäre, teils auch der staats- und parteitreuen Journalisten. Die Kanonisierung der Kochtopfmethode durch Gewerkschafts- und Parteifunktionäre erlaubte Interventionen nicht allein bei Nichteinführung, sondern auch bei schlechter Ausführung der Methode.

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So nicht! Blickfang in einer Potsdamer HO-Spätverkaufsstelle 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 7)

Ein Beispiel hierfür war die inkriminierte Werbewand der HO-Spätverkaufsstelle 7 am Potsdamer Platz der Nationen. Formal hatte man die Kochtopfmethode eingeführt, sich also systemgerecht bewegt. Doch hier fehlte offenbar Begeisterung und Stetigkeit, stattdessen sah man „lieblos hingestellte und inzwischen verstaubte Waren, wie Maizena, Büchsen mit Lachs und Heringshappen“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9, hier 7). An solchen Beispielen wurden um richtig und falsch gerungen, von ihnen konnte man lernen. Wichtiger aber war die Prangerfunktion derartiger Darstellungen. Sie dienten immer auch der Beschämung der oft klar benannten Verantwortlichen. Wer darum wusste, versuchte die Methode „richtig“ (oder gar nicht) anzuwenden, konnte das Damoklesschwert der sozialistischen Kritik doch jeden treffen. Das Folgeritual war ebenso klar: Selbstkritik, Selbstläuterung und zukünftig „richtige“ Anwendung. Die Wirkungen derartiger öffentlicher Demütigungen waren damit jedoch nicht abgedungen. Im Gegensatz zu gängigen Vorstellungen einer Gewaltdiktatur dominierte eine subtile Lenkung den öffentlichen Diskurs über die sozialistische Heldin Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode. Die Lichtgestalt gebar stetig Schatten. Selbst die HO in Ostberlins Renommiermeile Stalinallee wurde zur Selbstkritik und zum Lernen aufgefordert, hatte sie doch vor dem Weihnachtsfest 1956 die Methode noch nicht eingeführt, obwohl die Schaufenster dafür Präsentationsflächen besaßen (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 27).

Neben derartige öffentliche Kritik trat die Rückfrage im Kollektiv, am Arbeitsplatz. Neuerermethoden waren das Stöckchen, über das man springen musste, um zum inneren Kreis zu gehören: „Bei den kommenden Wahlen zu den Verkaufsstellenausschüssen sollten sie die bisherigen Ausschußmitglieder und das Verkaufsstellenpersonal fragen, warum in dieser oder jener Verkaufsstelle für Lebensmittel noch nicht die Kochtopfmethode von Gretel Heinicke angewandt wird“ (Wolfgang Müller, Neue Technik – höhere Verkaufskultur – bessere Versorgung, Neues Deutschland 1956, Nr. 68 v. 20. März, 4). So konnten Karrieren verhindert werden, wurde Linientreue belohnt.

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Wer nicht mitzieht, erscheint als Schluderjan: Präsentation pflichtschuldiger HO-Direktoren 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 3, 10)

Systemfragen wurden auf diese Art kaum ausgefochten, Planerfüllung, Anwendung moderner Methoden und die Überzeugungskraft einer sozialistischen Heldin standen nicht zur Debatte. Die höhere Funktionärsebene musste sich jedoch wappnen. Schauen wir auf eine nicht untypische Kritik an vier HO-Direktoren 1956. Schluderjan brachte sie hervor, eine der vielen Kunstfiguren, die formal zwischen NS-Imaginationen wie Kohleklau und Flämmchen und den zahlreichen Werbegeschöpfen stand. Ihre Aufgabe war Bewusstseinsbildung durch das Mittel der klaren Benennung, des öffentlichen Prangers. Schluderjan benannte die rechtlichen Grundlagen für die verpflichtende und obligatorische Nutzung der „von der Verdienten Aktivistin Heinicke entwickelte{n] bedarfslenkende[n] und absatzwerbende[n] ‚Kochtopfmethode‘“ (Der Handel 6, 1956, Nr. 3, 10). Die HO-Direktoren Wohlleben, Hennig, Specht und Zietlow hatten sie nicht eingeführt und bekamen nun eine Abreibung, die auch die Aufsichtsgremien mit einbezog, also die einschlägigen Abteilungen für Handel und Versorgung beim Rat der Bezirke Erfurt, Dresden, Halle/S. und Schwerin.

Es folgten Rituale der Selbstkritik und der Entschuldigung: Danke, die Kritik half weiter und wir werden uns bessern (Specht). Wir wurden zu Unrecht kritisiert, denn die Methode wurde in gleich drei Läden eingeführt (Wohlleben). Wir haben es angeordnet, doch nicht kontrolliert, ob es auch umgesetzt wurde. Das werden wir nun aber tun (Berger für den verhinderten Zietlow). Wir hatten keine Erfahrungen vorliegen, da die Methode bisher kaum bekannt ist, Resultat auch aus deren mangelhafter Popularisierung durch übergeordnete Dienststellen. Doch Wandel naht: „Einer unserer besten Verkaufsstellenleiter, in dessen Verkaufsstelle die Kochtopfmethode schon seit Monaten verwirklicht ist, wird in den nächsten Tagen die Gelegenheit nutzen, um mit der Aktivistin Heinicke direkt in Verbindung zu treten“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5 (Hennig)). Die sozialistische Heldin konnte helfen, als Erlöserin agieren. Damit war ein Exempel statuiert, über dessen Folgen nicht weiter berichtet wurde. Doch die Botschaft war klar: „Die Lehre aus dieser Kritik sollen aber endlich jeder HO-Direktor, jeder Vorstandsvorsitzende einer Konsumgenossenschaft und vor allem die verantwortlichen Mitarbeiter in den Abteilungen für Handel und Versorgung unserer Staatsorgane ziehen“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5). Unklar, wer als nächster getroffen werden würde.

Die Macht der Funktionäre: Die Kochtopfmethode als opportuner Setzungsakt

Die Nutzung der Kochtopfmethode für Herrschafts- und Disziplinierungszwecke resultierte aus der Setzungsmacht von Partei und Staat. Auch der sozialistische Held war ihr unterworfen, er erhielt Autorität und Aura zugewiesen, war ohne sie nicht denkbar. Das wird im Falle der sozialistischen Heldin Gretel Heinicke in doppelter Weise deutlich.

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Ähnliche Modelle: Frau Helle empfiehlt mittels Anzeige Speisen und Waren (Der Handel 5, 1955, H. 16, 22)

So gab es eine Reihe ähnliche Vorschläge, die sich an die etablierte Methode andockten. Meist handelte es sich Variationen, teils um Verbesserungen. Das galt etwa für die Kunstfigur Frau Helle, die in Potsdam für die HO-Lebensmittel warb. Das oben aufgeführte Beispiel verwendete zentrale Motive der Kochtopfmethode, reduzierte sie jedoch auf Werbung für eine Produktgruppe. Handelsfunktionäre bewerteten dies als „Ergänzung“ der Methode „der verdienten Aktivistin Heinicke“ (Helmut Klare, Unsere ‚Eva‘ heißt: ‚Frau Helle‘, Der Handel 5, 1955, H. 16, 22) und empfahlen eine allgemeinere Verwendung. Das Urteil hätte jedoch auch anders ausfallen können, hätte auch die Kochtopfmethode selbst ersetzen können.

Das zeigt sich indirekt an der Geschichte von Elfriede Maurer, Leiterin einer HO-Lehrverkaufsstelle in Erfurt. Im Februar 1952, Gretel Heinicke war damals noch Wurstverkäuferin, stellte sie sich eine drängende Frage: „‘Wie steigere ich den Verkauf von solchen Lebensmitteln, für die in meinem Umsatzplan größere Mengen vorgesehen sind, als ich sie bisher erfüllen könnte?‘“ (Dies und die weiteren Angaben n. Kurt Sandmann, Verkaufsförderung durch Kochrezepte, Die Waage 1952, 58-59, hier 58). Die Kunden sollten nicht mehr allein Mangelwaren, sondern auch reichlich vorhandene Lebensmittel kaufen, etwa die in der obigen Anzeige angepriesenen Teigwaren. Und so machte sich Kollegin Maurer ans Werk: Einem Kochbuch entnahm sie Mahlzeiten, „bei denen Teigwaren, Nährmittel, Mehl usw. eine wichtige Rolle spielen und deren Zutaten zeitgemäß sind, schrieb das Rezept auf ein auswechselbares Papier, besorgte sich von der Dekorationsabteilung ein figürliches Schaustück (lachende Hausfrau mit Suppenterrine und dem Motto ‚Was koche ich heute?‘), klebte das Rezept darauf und stellte das Ganze in das Schaufenster. Einmal war es das Rezept für ‚Schusterpfanne‘, dann für ‚Gefüllter Sellerie‘, ‚Hamburger Fisch‘, Nudelauflauf mit Roulade‘, Kaukasisches Ragout‘ oder ‚Ungarische Paprikaschoten‘ usw.“

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Werbemittel von Elfriede Mauer, Erfurt, 1952 (Die Waage 1952, 59)

Ja, das waren Kernelemente der Kochtopfmethode – allerdings schon zwei Jahre vor deren Präsentation durch Gretel Heinicke in Leipzig. Die Resonanz war beträchtlich, Haufrauenglück allüberall: „Frau Charlotte Hubert betonte: ‚Ich glaube, vielen Hausfrauen aus dem Herzen sprechen zu können, daß wir die Rezepte im Schaufenster der HO Moritzgasse herrlich finden. Hiermit werden uns manchmal große Sorgen abgenommen.‘ Auf das Wesentliche bei alledem wies Frau Herz hin, die sagte: ‚Die Rezepte im Schaufenster laden geradezu zum Kaufen ein.‘“ Der Fachredakteur regte an, dass es bei der auffälligen Schaufensterwerbung nicht bleiben müsse, dass sie auch im Ladeninneren eingesetzt werden könne. In Erfurt tauschte man die Rezepte wöchentlich aus, nicht täglich wie später in Leipzig. Diese Vorgängermethode unterstreicht eindringlich, dass nicht die Methode, sondern Staat und Partei die sozialistische Heldin machten. Neuerer gab es viele, die Ansatzpunkte und Verfahren ähnelten sich, doch die Mehrzahl wurde nicht angenommen und umgesetzt (vgl. Julius Mader, Die Rationalisatorenbewegung im volkseigenen und genossenschaftlichen Handel, Berlin (O) 1956).

18_Der Handel_05_1955_Nr20_p11_DDR_Neuerer_Prämien_Rationalisierung

Neuerer unter Wert: Förderung ohne Umsetzung (Der Handel 5, 1955, H. 20, 11)

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke setzte zwei Jahre nach Elfriede Maurer ähnliche Ideen um. Dies dürfte den Fachleuten bekannt gewesen sein. Doch es waren wohl Verantwortliche im Ministerium, insbesondere der stellvertretende Minister Kurt Borrmann, die entschieden, dass nun, Ende 1954, Anfang 1955, die Zeit für eine neue Heldin gekommen war. Das mindert nicht die Leistung Gretel Heinickes. Doch als sozialistische Heldin war sie ein Funktionärsgeschöpf.

Das Auslaufen einer Neuerermethode und das Vergessen der sozialistischen Heldin

Die Kochtopfmethode wurde insbesondere 1955/56 propagiert, doch auch danach empfohlen und auch eingefordert. Noch neuere Neuerungen begrenzten ihren Nutzen, doch schmackhafte Fertiggerichte blieben die Ausnahme, konnten die Methode nicht verdrängen. Die 1958 rasch um sich greifende Selbstbedienung schien gar neue Chancen zu eröffnen. Im ersten DDR-Fachbuch hieß es verheißungsvoll: „Auch die ‚Kochtopfmethode‘ kann auf neue Art zur Geltung kommen. Alle Artikel, die die Hausfrau für ein von der Verkaufsstelle empfohlenes Gericht benötigt, werden in Form einer Sonderauslage zusammengestellt und mit einem entsprechenden Blickfang versehen, der auf die Zubereitungsvorschriften und auf den Preis verweist“ (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 167).

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Von der Speise zum Produkt: Werbeinsel in einem Selbstbedienungsladen (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 6. S. n. 112)

In den noch wenigen SB-Läden mit reflektierter Innenwerbung bevorzugte man allerdings weniger pflegeintensive Werbeinseln für einzelne Produkte, Produktgruppen oder Saisonartikel. Als im Juli 1956 in Halle/S. einer der ersten SB-Musterläden der DDR eingerichtet wurde, bemängelten Fachleute bei der Evaluation das Fehlen der Kochtopfmethode, regten jedoch an „nach ausländischen Erfahrungen zum Zwecke der Werbung und Beratung der Käufer eine Lautsprecheranlage und ein Magnettonband zu benutzen“ (J[ulius] Mader, Neue Konsum-Verkaufsstätte für eilige Kunden, Der Handel 6, 1956, Nr. 13, 6-7, hier 7; Silke Rothkirch, ‚Moderne Menschen kaufen modern‘, in: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln et al. 1996, 112-119, hier 115, gab diese Quelle falsch an). Dem Hinweis könnte man nachgehen, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass es Äquivalente für die Kochtopfmethode im (westlichen) Ausland gegeben hat – und das wohl auch schon in der Zwischenkriegszeit.

Die angeregten technische Fortentwicklungen wurden jedoch nicht aufgriffen. Bei der Leipziger Handelskonferenz von 1959 pries der neue Minister für Handel und Versorgung, Curt-Heinz Merkel (1919-2000), zwar die Arbeit der Neuerer, erwähnte die Kochtopfmethode Gretel Heinickes jedoch nicht mehr (Curt-Heinz Merkel, Bessere Lösung der Versorgungsaufgaben hilft maximalen Zeitgewinn sichern, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 45-70, hier 59). Kurz zuvor war die bisherige Spitze des Ministeriums abgelöst worden, darunter auch Kurt Borrmann, der die Methode stets gefördert hatte. Diskutiert wurden nun weitere Neuerungen, etwa die der „Genossin Bartel“ sowie die Christoph-Wehner-Methode, eine eigentlich seit 1952 bestehende individuelle Spezifizierung der Planziele, vorgeschlagen von dem Baggerführer und sozialistischen Held Willy Wehner (1922-) (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 120 (Welm)).

Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass das letzte vehemente Plädoyer ausgerechnet von Julius Mader (1928-2000) stammte, der seit 1952 zuerst als Mitarbeiter der Thüringischen Konsumgenossenschaften und dann als Redakteur und schließlich stellvertretender Chefredakteur von „Der Handel“ stetig über die Neuererbewegung im Handel berichtet hatte. Er wechselte 1960 zum Ministerium für Staatssicherheit und wurde einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren der DDR, ein Fachmann für Geheimdienste (Paul Madrell, What we have discovered about the Cold War is what we already knew: Julius Mader and the Western secret services during the Cold War, Cold War History 5, 2005, 235-258). Mader war überzeugt, dass Gretel Heinickes Kochtopfmethode in den modernen Selbstbedienungsgeschäften noch wichtiger werden würde als in den traditionellen Bedienungsgeschäften. Er listete die Vorteile der Methode auf, hob ihre Bedeutung in vielfältigen Spezialsortimenten hervor, ehe er zukunftssicher schloss: „Es darf keine Selbstbedienungsstelle für Lebensmittel im sozialistischen Handel geben, in der die ‚Kochtopf-Methode‘ nicht angewendet wird“ (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 70). Selten war ein Requiem vorwärtsgewandter gewesen.

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Die Kochtopfmethode im Selbstbedienungsladen: Blickfang einer Verkaufsecke (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 69)

Deutlich realistischer war ein Jahr später Katja Keppke, Graphikerin der Zeitschrift „Handelswoche“. Ihre Karikatur spießte das Kommen und Gehen der Neuerermethoden auf, begrub zugleich die Kochtopfmethode. Gretel Heinicke war schon die Jahre zuvor öffentlich kaum präsent gewesen, starb den typischen Tod vieler sozialistische Helden: Sie wurde vergessen und durch neue Helden ersetzt.

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Das Kommen und Gehen der Neuerer-Methoden (Handelswoche 6, 1961, Nr. 2, 5)

Ein Land, das Helden brauchte

Gretel Heinicke war eine sozialistische Heldin. 1954 entwickelte sie ihre Version der Kochtopfmethode, 1955 wurde diese verbindlich vorgeschrieben, 1956 massiv gefördert. Wie bei vielen anderen Neuerermethoden ebbte das Interesse daran rasch ab, traten andere an ihre Stelle. Sie steht damit beispielhaft für Versuche des SED-Staates, die Dynamik des wirtschaftlichen Aufbaus der DDR mit Rationalisierungskampagnen abzusichern und Ideen steten Fortschritts Form zu verleihen. Die Heldinnenrolle der Gretel Heinicke war verdient und beliebig zugleich. Die Leipziger Aktivistin erhielt diese Rolle zugewiesen, war sie doch eine von vielen, die Verbesserungsvorschläge entwickelten und diese auch umsetzten. Sie repräsentierte sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft, in der (fast) jeder ein Held werden konnte, der fest an die Aufbaupläne von Staat und Partei glaubte und dieses auch öffentlich kundtat. Die sozialistischen Helden der DDR waren integraler Teil einer Gewaltherrschaft, materialisierten aber zugleich die Träume und Utopien eines Rumpfstaates, der den Wettbewerb mit dem großen Bruder im Westen aufnahm und diesen überflügeln wollte. Diese Träume und Utopien wiesen über die karge Gegenwart hinaus, waren Minderheitenprojekte, dienten der Nomenklatura. Sie waren Teil des historischen Projektes DDR und können mit dem Verweis auf Propaganda und Scheitern nicht vollends beiseite gewischt werden. Nicht zu Unrecht porträtierte der Schriftsteller Horst Mönnich (1918-2014) die reichere Bundesrepublik 1954 doch pointiert als „Land ohne Träume“. Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode laden daher auch zum Nachdenken ein, war und ist Geschichte doch nie alternativlos.

Beide stehen für den beträchtlichen Legitimations- und Selbststilisierungsdruck der DDR, deren Existenz primär durch die sowjetische Schutzmacht garantiert wurde. Gretel Heinicke verkörperte den erwünschten und vielfach geforderten Einsatz für den neuen Staat, verkörperte dessen Wohlstandsversprechen. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung für Werktätige, war praktische Hilfe in einer offenbar defizitären Konsumwelt: Wir helfen euch dabei, das Beste aus dem Jetzt zu machen – und es wird bald besser werden, gewiss. Das war elementar für den Bestand der DDR, lockte doch nicht die westdeutsche Arbeitswelt, wohl aber deren schon Anfang der 1950er Jahre deutlich bessere Alltagsversorgung.

Gretel Heinicke war die erste sozialistische Heldin im Handel der DDR. Sie folgte Vorbildern aus der ostdeutschen Industrie und dem sowjetischen Distributionssystem, doch sie verkörperte den langsamen Übergang von einer produktivistischen zu einer mehr konsumtiven Entwicklungsphase. Das gilt, auch wenn die Kochtopfmethode immer auch einer betriebs- und volkswirtschaftlichen Logik folgte, in der schwerverkäufliche Waren abgesetzt, in der Angebotslücken abgefedert werden mussten. Sie entstand im Nachklang der massiven Unterversorgung 1952/53 und endete mit dem Übergang zu stärker technokratischen Zielen, wie den neuen Produkten und Dienstleistungen des Bunaprogramms und der Selbstbedienung. Diese kollektiven Anstrengungen brauchten keine Einzelhelden mehr, erschienen als notwendige Verheißungen, folgten der vermeintlichen Logik des Zukunftsmarsches des Sozialismus. Die Kochtopfmethode steht damit auch für eine zeitweilige Sonderrolle des Handels, ehe Ende der 1950er die Neuerermethoden – etwa die der Christoph-Wehner-Methode – wieder aus der Industrie übernommen und für den Handel angepasst wurden.

Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode repräsentieren zudem die öffentlich immer wieder propagierte gleichberechtigte Rolle der Frau im Aufbau des Sozialismus, wichtig insbesondere im von Frauenarbeit dominierten Handel. Zugleich aber richtete sich die Methode an Frauen, Hausfrauen, ließ Männer außen vor. Damit offenbarte sie unintendiert die massive Diskrepanz zwischen dem propagandistischen Gleichheitsideal und der nicht gebrochenen Doppelbelastung der arbeitenden DDR-Frauen. Die Kochtopfmethode unterstützte Hausfrauen, griff zugleich aber in ihre hauswirtschaftliche Arbeit ein. Die spät einsetzende ernährungswissenschaftliche Optimierung der Rezepte steht für den Ende der 1950er Jahre stärker fühlbaren Interventionsdruck einer Gesundheitspolitik, der es nicht mehr allein um Bedarfslenkung ging, sondern auch um die Folgen des stark gestiegenen Konsums fett- und eiweißhaltiger Lebensmittel. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung und Nudging, appellierte an die haushälterische Vernunft der Frauen, vertraute am Ende aber stärker auf Expertenwissen.

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke war für all dies Ausgangspunkt, sie war Funktion und Abziehbild, Projektionsfläche und nicht Realperson. Die DDR bediente sich ihrer, brauchte sie nur als Vorstellung. Das lag in der überbordend-irrealen Konstitution von Helden begründet. Es ist daher ein Warnzeichen, wenn sozialistische Helden wie Sigmund Jähn nun gesamtdeutsch und kontextlos gefeiert werden und es aus Philosophenmunde tönt, dass Demokratie Helden brauche. Helden sind Repräsentanten und Spiegelbilder autoritären Denkens, auch wenn sie darin nicht vollends aufgehen. Sie suggerieren Eindeutigkeit angesichts von Wahlzwang und vielfältigen Handlungsoptionen, suggerieren einfache Kausalitäten in einer Welt komplexer Interdependenzen und schwacher Vernetzungen. Helden stehen für Sehnsüchte nach Einfachheit und simplen Lösungen. Die Herausforderungen der realen Welt sind jedoch andere.

Uwe Spiekermann, 11. Oktober 2019

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