Eine sozialistische Heldin: Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall sind die Kenntnisse über die DDR nurmehr schemenhaft. Es war daher nicht überraschend, dass dem Tod des sozialistischen Helden Sigmund Jähn (1937-2019) im letzten Monat Elogen über den „ersten Deutschen im All“ folgten. Vermeintliche Qualitätsmedien präsentierten Jähn als gesamtdeutschen Helden, münzten dessen propagandistische Funktion für die SED-Herrschaft klein (eine wichtige Ausnahme bildete Ilko-Sascha Kowalczuk, Sigmund Jähn verkörperte das DDR-System, Der Tagesspiegel 2019, Ausgabe v. 24. September). Jähn war in der Tat ein Held, er war der ostdeutsche Kosmosheld, NVA-General und SED-Aktivist. Er steht zugleich für eine große Zahl von zumeist vergessenen sozialistischen Helden. Wie Jähn unterstützten und legitimierten sie die DDR, unterstützten und förderten den geplanten Aufbau einer sozialistischen Republik, verkörperten ihn mit Leib und Seele. Das galt auch für die Verdiente Aktivistin Margarete Heinicke, bekannt vor allem durch die 1954 von ihr praktizierte und dann öffentlich propagierte Kochtopfmethode. Ihre vergessene Geschichte ermöglicht Einblicke in die Geschichte der DDR im Jahrzehnt des „Aufbruchs“ und dessen schwierige Legitimation. Sie erweitert den gängigen Blick auf Helden der Arbeitswelt, arbeitete Gretel Heinicke doch im Handel, also im Konsumsektor einer Mangelgesellschaft. Schließlich handelt es sich um die Geschichte einer Heldin – und diese stand im Spannungsraum zwischen Gleichberechtigungsideal und der doch etwas anderen Lebensrealität von Frauen in der DDR.

Sozialistische Helden und Heldinnen

Anders als die Industrie, war und blieb der Handel in der DDR immer nachranging und unterfinanziert. Diese Geringschätzung folgte den Theoretikern des Marxismus, die immer wieder die vermeintlich verteuernden Mittelspersonen zwischen Güterproduzenten und Verbrauchern kritisierten. Sie war allerdings paradox, denn mit den Konsumgenossenschaften hatte die Arbeiterbewegung eine bis in die 1930er Jahre gefürchtete Alternative zum „Profithandel“ geschaffen, eine distributive Gegenwelt zum Kapitalismus (Uwe Spiekermann, Konsummühle Magdeburg; Ders., Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften im frühen 20. Jahrhundert, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags, Stuttgart 1995, 126-149). Der sozialistische Aufbau erfolgte seit dem ersten Zweijahresplan 1949-1950 vorrangig in den Grundstoff- und Investitionsgüterindustrien, während die Konsumgüterindustrien und der Handel nachranging finanziert wurden. Ein sicheres industrielles Fundament schien erforderlich, private Konsumwünsche waren zurückzustellen für das große Ganze. Die materielle Umgestaltung der Gesellschaft gründete auf dem ideellen Konstrukt des Verzichts.

Sozialistische Persönlichkeiten konnten das nachvollziehen, erbrachten zudem einen Beitrag, um die Phase der Entbehrungen zu verringern. Was kleinteilig zu leisten war, zeigten die sozialistischen Helden, die anfangs vor allem im Felde der Grundstoffindustrien auftraten. Ihr Prototyp war der sowjetische Bergmann Alexei Stachanow (1906-1977), ein Kohlenhauer, der 1935 das Vierzehnfache seiner Norm förderte. Mit dieser später mehrfach übertroffenen Höchstleistung setzte der Held der Arbeit nicht nur einen neuen, überplanmäßigen Maßstab für sich selbst, sondern er zeigte anderen Werktätigen, dass auch sie eine höhere Leistung erbringen konnten. In der sowjetischen Besatzungszone trat Adolf Hennecke (1905-1975) am 13. Oktober 1948 in die Fußstapfen Stachanows, indem er seine Tagesnorm um fast das Dreifache übererfüllte. Beide Helden dienten als Vorbild für nacheifernde Aktivisten, für eine offiziell geförderte und von den Gewerkschaften forcierte Aktivistenbewegung. Auch wenn die Auswirkungen auf die Produktion letztlich gering blieben (Wolfgang Weber, DDR – 40 Jahre Stalinismus. Ein Beitrag zur Geschichte der DDR, Essen 1992, 43), begann in der frühen DDR ein Kult um die neuen Vorbilder der Werktätigen. Hennecke zu Ehren wurde seit 1949 am 13. Oktober der Tag des Aktivisten begangen, an dem die herausragenden Leistungen bei der Plan(über)erfüllung, aber auch Beiträge der Neuerer ausgezeichnet wurden. Ehrentitel und Orden folgten, Prämien und höhere Stundenlöhne boten materielle Anreize. Standen anfangs eher quantitative Produktionserhöhungen im Fokus, so sollten Neuerer oder Rationalisatoren später vornehmlich qualitative Verbesserungen ermöglichen. Prozessinnovationen wurden wichtiger, nicht zuletzt im Handel, wo Produktivität und Effizienz anders als in der Industrie zu messen waren.

Sozialistische Helden unterschieden sich deutlich von denen des kapitalistischen Westens. Sie verkörperten erst einmal die Gemeinschaft des sozialistischen Lagers, waren Ausdruck der internationalen Solidarität der Werktätigen. Sie standen im Kollektiv, gingen aber über die konturlosen „Massen“ des Proletariats hinaus (Heiko Haumann, „Held“ und „Volk“ in Osteuropa, Osteuropa 57, 2007, H. 12, 5-15, insb. 12-13). Wer die KPD-Zeitung „Rote Fahne“ während der Zeit der Präsidialkabinette liest, findet darin tagtäglich herausgehobene Kommunisten, die freudig gegen Demokratie, „Sozialfaschismus“ und die Nationalsozialisten kämpfen, um nach dem „Sieg“ das Deutsche Reich nach ihrem Gustus umzugestalten. Deren Opferbereitschaft war wegweisend im „Kampf“, der nach dem Sieg der Sowjetunion über den „Hitlerfaschismus“ dann auf andere, aufbauende Felder übertragen wurde. Sozialistische Helden wie Stachanow und Hennecke brachten individuelle Opfer, doch diese waren gegenüber denen der heroisch stilisierten „Kampfzeiten“ gering. Die Helden der Arbeit senkten gleichsam die Einstiegskosten für Nachfolge, agierten sie doch im Rahmen eines siegreichen Sozialismus (vgl. Hans Günther, Der Heldenmythos im Sozialistischen Realismus, in: Boris Groys und Max Hollein (Hg.), Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit, Ostfildern-Ruit 2004, 106-124).

Sozialistische Helden kennzeichnete ein spannendes Wechselspiel von Außeralltäglichem und Alltäglichem: Sie wurden „als Mustermenschen und damit als Idealtypen des ‚neuen Menschen‘ präsentiert. Sie sind außeralltäglich in ihrem Können, in ihren Fertigkeiten, in ihrer politischen Gesinnung und in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Sache des Sozialismus“ (Rainer Gries und Silke Satjukow, Von Menschen und Übermenschen. Der „Alltag“ und das „Außeralltägliche“ der „sozialistischen Helden“, Aus Politik und Zeitgeschichte 2002, H. 17, 39-46, hier 40). Doch zugleich waren sie alltäglich, Menschen wie du und ich. Sie kamen aus dem „Volk“ – so die anfangs noch national tönende Sprache der SED –, waren Helden zum Anfassen. Grundsätzlich jeder konnte ein Held werden. Dadurch besaßen sie eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Werktätigen und Parteioligarchie – obwohl sie stets die Ziele und Ideale der herrschenden Politik verkörperten. Ihr Glaube hatte sie hart gemacht, hart gegen sich selbst, hart gegen die Mühen des Alltags. Gegen diese kämpften sie, bezwangen sie. Sie waren Vorbilder, die zugleich Zeugnis von der Wahrheit der eingeschlagenen Politik, des zu erfüllenden Plans gaben. All dies, so die Historikerin Silke Satjukow, gründete auf der marxistischen Überzeugung eines an sich guten Menschen, der ein Held sein könne, würde er nur von den Bedrängnissen und Verpflichtungen der alten Gesellschaft befreit werden. Sozialistisches Heldentum war Teil der Verwirklichung der kommunistischen Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer sein würde. Zuvor war der Held nach heldenhafter Tat allerdings auf eine Rolle festgelegt, die er in immer neuen Variationen spielen musste (vgl. Monika Gibas, Tagungsbericht „Sozialistische Helden“, H-Soz-u-Kult 2001, Oktober). Sozialistische Helden waren daher stete Propagandisten des real existierenden Sozialismus – entsprechende Positionen und Privilegierungen halfen dabei.

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„Schön wird die Zukunft sein“ – Entwurf für ein sozialistisches Schaufenster (Der Handel 2, 1952, 220)

Die DDR kreierte und nutzte Helden. Doch ihr Bewährungs- und Tatfeld veränderten sich. Adolf Hennecke stand für den Aufbau der Industrie, die damals notwendigen Produktivitätssteigerungen. Das galt auch für die wohl bekannteste sozialistische Heldin Frida Hockauf (1903-1974). Sie war ab 1951 Weberin im VEB Mechanische Weberei Zittau und verpflichtete sich im September 1953 zu einer deutlichen Übererfüllung des Planes. Kurz zuvor war die DDR ihrem Ende nur knapp entgangen. Die brachiale Gewaltherrschaft entrechtete immer wieder neue „bürgerliche“ Gruppen und der rigide Austeritätskurs führte zu massiver Unterversorgung. Wachsende Flüchtlingszahlen und der Volksaufstand des 15.-17. Juni 1953 folgten. Durch den schon zuvor von der UdSSR geforderten Neuen Kurs wurde der Druck auf die Bevölkerung anschließend vermindert, die Versorgung mit Konsumgütern wieder stärker beachtet. Hockauf übertrug Produktivitätsideale der Industrie auf die Konsumgüterfertigung. In dem mit ihrer Selbstverpflichtung einhergehenden Aufruf vom 1. Oktober 1953 hieß es verheißungsvoll: „Unsere Bevölkerung braucht mehr, bessere und billigere Textilien, Schuhe, Bekleidungsgegenstände, Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter.“ Dies würde kommen, gewiss, war aber an Vorbedingungen, an Mehrarbeit geknüpft. Die Quintessenz all dessen wurde – später parolenhaft vereinfacht – klar artikuliert: „So wie wir Werktätigen heute arbeiten, wird morgen unser Leben sein“ (Aufruf v. 1. Oktober 1953, zit. n. Ina Merkel, … und Du, Frau an der Werkbank. Die DDR in den 50er Jahren, Berlin 1990, 80). Für sie selbst begann anschließend – wie schon bei Adolf Hennecke – der soziale Aufstieg, war sie doch von 1954 bis 1963 SED-Volkskammerabgeordnete (Torsten Töpler, Die Ausgezeichnete. Biographische Spurensuche um Frida Hockauf, Leipzig 2007). Hockauf war eine einfache Frau, eine zupackende Facharbeiterin. Sie war bescheiden, kam aus einfachen Verhältnissen, sah in der Arbeit ein Mittel nicht nur der Alltagsbewältigung, sondern auch der Zukunftsgestaltung. Ihr Aufruf war vorbildlich, andere sollten folgen. Doch zugleich war er ein Vorschein in eine bessere Zukunft, in der der Vorsprung des Westens eingeholt werden würde, in der die materiellen Bedürfnisse umfassend befriedigt werden würden (Gries und Satjukow, 2002, 43).

Sozialistische Heldinnen im Handel

Eine unmittelbare Übertragung der Ideale von Hennecke und Hockauf auf den Handel war kaum möglich, Gretel Heinicke hätte sich mit ihrer Kochtopfmethode nicht einfach anschließen können. Die Lage des DDR-Handels, aber auch dessen Rolle im seit 1950 laufenden ersten Fünfjahresplan ließen dies nicht zu. Produktivitätsgewinne wären an sich möglich gewesen, doch dazu hätte es massiver Investitionen und struktureller Veränderungen der Planwirtschaft bedurft. Der fehlende Preismechanismus und die unzureichenden Erfassungskriterien wirtschaftlicher Abläufe wurden nicht hinterfragt, stattdessen auf Mängel in der Umsetzung und das leider noch bestehende „bürgerliche“ Bewusstsein auch der Beschäftigten verwiesen. Im westlichen Ausland hatte damals schon eine fundamentale Rationalisierung im Handel eingesetzt, die mit einem massivem Bedeutungsgewinn von Filialbetrieben, Einkaufsgenossenschaften und freiwilligen Ketten einherging und zum Ende der Dominanz inhabergeführter Einzelhandelsbetriebe führen sollte (vgl. Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel im 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, insb. 99-111). Der Handel wurde seither zum eigentlichen Machtzentrum innerhalb der Konsumgütersphäre, große Teile der Industrie blieb nur die Rolle als Zulieferer. Im Ostblock war diese Machtumkehrung nicht möglich und nicht gewollt. Die langfristige Beseitigung des privaten Einzelhandels war politisch-ideologisch, nicht wirtschaftlich bedingt. Die Konsumgenossenschaften, vor allem aber die 1948 gegründete staatliche Handelsorganisation (HO) banden einen Großteil der Investitionsmittel, waren aber vollauf damit beschäftigt, den Schwarzmarkt einzudämmen, den Gütermangel und die Rationierung zu handhaben. 1951/52 gab es zwar eine erste Welle von Selbstbedienungsläden, doch diese ebbte rasch ab, fehlten doch nicht nur verpackte Waren, spezielle Verkaufsmöbel und Registrierkassen, sondern auch Akzeptanz beim Verkaufspersonal und vielen Käufern (Uwe Spiekermann, Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR 1951-1960).

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Abgebrochene Rationalisierung des DDR-Handels: Selbstbedienungsladen 1951 (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 2. S. n. 112)

Die Rationalisierung im Handel der DDR stockte aber auch aufgrund eines sich gegenüber dem kapitalistischen Westen deutlich abgrenzenden Konsumideals. Konsumgüter wurden über ihren Gebrauchswert definiert, sollten nicht als Statussymbole verwandt werden. Modische Produkte, spezielle Designs und ausgefallene Vorlieben standen unter einem ideologischen Vorbehalt, gediegene Ware für alle war das Ziel – trotz der steten Bevorzugung der Nomenklatura. Die Planungs- und Produktionskapazitäten zielen auf standardisierte Massenfabrikation. Dies sollte Ressourcen einerseits optimal nutzen und preiswerte Konsumgüter ermöglichen, zum anderen aber größere Produktionsmengen erlauben (vgl. Alexandra Köhring und Monica Rüthers, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Ästhetiken des Sozialismus. Populäre Bildmedien im späten Sozialismus, Wien/Köln/Weimar 2018, 7-12, hier 10). Dies führte zu immensen Friktionen zuerst im Bekleidungs-, dann im Gebrauchsgütersektor, schließlich auch im Felde der chemisch-kosmetischen Artikel und der gehobenen Lebensmittel: Die Grundversorgung wurde gesichert, alles darüber hinausgehende war teuer und schwer erhältlich. Trotz beträchtlicher Produktionssteigerungen blieb die DDR – und stärker noch die anderen RGW-Staaten – eine Mangelökonomie, deren Produktqualität an die des vermeintlich goldenen Westens nur selten heranreichte.

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Werbung für Verbesserungsvorschläge bei den Konsumgenossenschaften Thüringens (Der Handel 2, 1952, 231)

Es ist daher erklärlich, dass die sozialistischen Helden im Handel rar gesät waren. Doch es gab sie – und ihre Zahl nahm seit 1952 stark zu. Damals sprengte die Remilitarisierung den Rahmen des Fünfjahresplans, schienen den ostdeutschen Machthabern Normenerhöhungen und massive Rationalisierungen unabdingbar. Wie zuvor schon in der Produktion standen sowjetische Aktivisten im Mittelpunkt einschlägiger Debatten: Die im sowjetischen Lebensmittelhandel erprobte Kowaljow-Methode zielte beispielsweise auf die gleichmäßigere Verteilung der Käufer auf die Verkaufskräfte, sollte somit Wartezeiten verringern und den Absatz steigern helfen (Helmut Schüller, Kowaljow-Methode auch im Verkauf, Die Waage 1952, 75). In Kauf- und Warenhäusern wurde derweil die Potapow-Stoffwand diskutiert, teils auch eingeführt. Der Leiter des Stscherbakower Kaufhauses in Moskau hing Textilien nebeneinander auf, so dass sich die Kunden schon vor dem Verkaufsgespräch über das Angebot informieren konnten (Der Handel 5, 1955, H. 9, 1). Daneben begann man 1952/53 die auf schnellere Planerfüllung ausgelegte Bewegung des Bergmanns Franz Franik (1907-1975) auch im Handel anzuwenden (Harry Scherer, Franik-Bewegung im Handel setzt sich durch, Der Handel 3, 1953, 551). Schließlich wurde das Vorschlagswesen gefördert, indem Neuerer höhere Prämien und wachsende öffentliche Aufmerksamkeit erhielten (Julius Mader, Wir haben das Vorschlagswesen gefördert!, Der Handel 2, 1952, 230-231). All dies zielte nicht mehr nur auf passive Teilnahme, sondern auf aktive Teilhabe (Rainer Gries, Dramaturgie der Utopie. Kulturgeschichte der Rituale der Arbeiter-und-Bauern-Macht, in: Peter Hübner u. a. (Hg.), Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit, Köln und Weimar 2005, 191-214, hier 205).

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Sina Rybakowa – Vorbild für Aktivistinnen in der DDR (Der Handel 3, 1953, 440)

Zur ersten sozialistischen Heldin des DDR-Handels dieser Zeit wurde 1953 dann die erst 19 Jahre alte Verkäuferin Sina Rybakowa – der Name wurde, da letztlich nur Bezugspunkt, immer mal wieder anders geschrieben. Die sowjetische Aktivistin arbeitete in der Abteilung für Schul- und Schreibbedarf des Moskauer Warenhauses ‚Kinderwelt‘. Sie war Selbstverpflichtungen eingegangen und forderte Kolleginnen zum sozialistischen Wettbewerb auf, also zum direkten Leistungsvergleich. Rybakowa hatte sich verpflichtetet, den Betriebsplan mit mindestens 105% zu erfüllen, auf qualitativ hochwertige Waren zu achten, die Kundeninteressen zu studieren und sie weiterzuleiten, das Technikum des Sowjethandels zu besuchen, um sich bessere theoretische Kenntnisse anzueignen sowie „aktiven Anteil an dem gesellschaftlichen Leben der Belegschaft zu nehmen“ (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Verglichen etwa mit Stachanows Brachialabbau von Kohle war dies fraulich-klein. Doch Rybakowa verkörperte Vertrauen und Leistungsbereitschaft einer jungen Generation, die nun nicht mehr allein die Grundlagen der Wirtschaft verbessern, sondern einen freudigen und zufriedenstellenden Einkauf ermöglichen wollte. Ihre Person passte zudem bestens zum parallel laufenden SED-Feldzug „für strenge Sparsamkeit“: „Der Schwerpunkt liegt bei der Entfaltung des innerbetrieblichen Wettbewerbs von Verkäuferin zu Verkäuferin, von Brigade zu Brigade, von Verkaufsstelle zu Verkaufsstelle und von Abteilung zu Abteilung auf der Grundlage von konkreten Selbstverpflichtungen und nach dem Vorbild der sowjetischen Stachanowverkäuferin Nina Rybakowa“ (Walter Schalm, Die neuen Aufgaben im Wettbewerb, Der Handel 3, 1953, 288-290, hier 289). Derartige Wettbewerbe erforderten flankierende betriebswirtschaftliche Maßnahmen, mit denen die Einzelleistungen bestimmt werden konnten, waren wichtig für eine Feinjustierung des Wirtschaftsplans.

Sina Rybakowa war die Verkörperung der pflichtbewussten, aufstrebenden Verkäuferin. Sie, die erst vor anderthalb Jahren als Lehrling ihre Berufslaufbahn begonnen hatte, legte ihre Ware morgens schon vor Geschäftsbeginn vorbildlich aus, ordnete sie nach Kundenpräferenzen. „Während ihrer Arbeit erlaubt sich die Verkäuferin niemals, ihre Aufmerksamkeit vom Kunden abzuwenden. Sie läßt keine übertriebene Eile oder Ungeduld gegenüber dem Kunden zu, wenn er zu lange auswählt, sondern hilft ihm freundlich, um in der Auswahl seinen Geschmack zu treffen. Im Laufe des Arbeitstages verkauft die Verkäuferin Rybakowa 200-300 Warenartikel. Sie beendigt ihren Arbeitstag eine Stunde früher, da sie abends im Technikum des sowjetischen Handels studiert. […] Der Kreis ihrer Kenntnisse erweitert sich von Tag zu Tag, sie wird zu einer qualifizierten Mitarbeiterin des Handels. Wir führen dieses Beispiel nicht als Ausnahme an. Solche Mitarbeiter gibt es viele in unserem Warenhaus…‘“ (Eifert Nina Rybakowa nach!, Der Handel 3, 1953, 440). Das war viel im durch hohe Fluktuationen, niedrige Löhne und einen mehr als 70-prozentigen Frauenanteil gekennzeichneten DDR-Einzelhandel. Ende 1953 wurde ein monatlicher „Tag des sowjetischen Neuerers“ eingeführt wurde, auch um den inhaltsleeren „Selbstlauf“ der bisherigen Neuererbewegung im Handel zu beenden. Rybakowas „Methode“ sollte allgemein angewendet werden (K. Götz, Auch im Handel ‚Tag des sowjetischen Neuerers‘, Der Handel 3, 1953, 336). 1956 erschien schließlich eine deutschsprachige Broschüre, um Selbststudium zu fördern (Sina Rybakowa, Unsere Kunden wollen gut, gewissenhaft und aufmerksam bedient werden, Berlin (O) 1956).

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Kollektivverpflichtung von Mitarbeitern der HO Industriewaren in Berlin-Weißensee (Der Handel 2, 1952, 223)

Glaubt man der parteilichen und unter Zensur stehenden Fachpresse, war die Resonanz nicht unbeträchtlich. Hervorgehoben wurden etwa entsprechende Selbstverpflichtungen von 150 Beschäftigten des HO-Warenhauses in Dresden (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Blieb es meist bei ehrenden namentlichen Erwähnungen der Initiatorinnen, so wurde die „Kollegin Arndt“ vom HO Warenhaus Leipzig gar zur „Verdienten Aktivistin“ ernannt. Die Leiterin der dortigen Verkaufsbrigade für Damenwäsche war nicht nur Arbeiterkind, das sich nach Umschulung und Qualifikation von der Aushilfe über die Verkäuferin zur Leiterin hochgearbeitet hatte, sondern sie nahm die Anregungen der Franik- und Rybakowa-Aktivisten direkt auf, eröffnete schon im September 1952 den innerbetrieblichen Wettbewerb und entsprach dem Ideal einer linientreuen Aktivistin: „‚Es ist eine schöne Aufgabe, den Menschen bei ihren Einkäufen Helfer und Berater sein zu können. Seit Beginn meiner Tätigkeit bei der HO nahm ich rege am gesellschaftlichen Leben teil. Im Jahre 1953 machte ich mich mit dem Charakter und dem Ziel innerbetrieblicher Wettbewerbe vertraut. So erkannte ich, wie wichtig auch im Handel der Wettbewerb ist, […] Ich freue mich darüber, daß ich mit meinen Brigademitgliedern einen Anstoß für eine Bewegung gegeben habe, die zeigt, daß auch der Handel der Produktion nicht nachsteht.‘“ Die Produktion von Heldinnen konnte beginnen.

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Verdiente Aktivistinnen: Zwei der elf Preisträgerinnen 1953 (Der Handel 3, 1953, 565)

Die Verdiente Aktivistin Gretel Heinicke

Margarete Heinicke war eine dieser sozialistischen Heldinnen. Heute erinnert niemand an sie, weder Wikipedia, noch einschlägige biographischen Nachschlagewerke (etwa Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs und Dieter Hoffmann (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Bonn 2001). Heinicke war Verkäuferin, seit Oktober 1953 dann Verkaufsstellenleiterin in der HO-Lebensmittel in Leipzig. Die sächsische Metropole war offenbar ein bevorzugter Ort für Neuerer, etwa der Verdienten Aktivistin Arndt. Im dortigen HO Warenhaus begann man 1953 über die sowjetischen Methoden hinauszugehen, appellierte an die Phantasie der Käufer: Stoffe wurden nicht einfach dargeboten, stattdessen zeigte man Schnittmuster und ausgearbeitete Modelle. Das fertige Kleid, der modische Anzug dienten als Anreiz für die häusliche Schneiderei, für den Absatz der dafür nötigen Vorprodukte (Leistungssteigerung durch neue Verkaufsmethoden, Der Handel 3, 1953, 442).

Margarete Heinicke war Teil dieser Neuererbewegung. Ihre Biographie war vorbildlich, vorbildlich für eine sozialistische Heldin (Angaben n. Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Glaubt man den Angaben der Fachpresse, so stammte sie aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie, konnte aufgrund der Enge der Herkunft aber keinen Beruf erlernen. Nach der Schule arbeitete sie als Hausangestellte und Sprechstundenhilfe, wurde anschließend Beiköchin in einer Gaststätte. Die junge Frau wechselte anschließend, also während der NS-Zeit, in eine Baumwohlspinnerei, machte dort innerbetrieblich Karriere: Sie begann als Arbeiterin, wurde Lehrausbilderin, schließlich Angestellte in der Lohnbuchhaltung und Kalkulation. All dies blieb vage, entsprach aber dem Bild einer strebsamen Frau, die Alltagsfährnisse überwand und ihr Leben anständig meisterte. Anfang der 1950er Jahre kam sie zur HO, startete als Wurstverkäuferin. Der staatliche Handel erlaubte eine neue Karriere, ein Volkshochschullehrgang zeugte von Heinickes Lernbereitschaft. Aufgrund ihrer „guten Leistungen“ wurde sie im Oktober 1953 Leiterin der Verkaufsstelle 88 im Süden Leipzigs, wo sie mit neuen Verkaufsformen experimentierte. Im August 1955 stieg sie die Karriereleiter weiter hoch, war als Verkaufsstellen-Abteilungsleiter für mehr als zwanzig Geschäfte der HO-Lebensmittel Leipzig-Süd verantwortlich.

Dieser Aufstieg war, so das Heldinnennarrativ, Folge ihres Einsatzes für das Kollektiv: „‚Ich fühle mich verpflichtet, in meiner Arbeit Vorbild zu sein. Es genügt nämlich nicht mehr, in einer Verkaufsstelle nach neuen Arbeitsmethoden zu arbeiten, überall muß man jetzt konsequent mit der Einführung neuer Arbeitsmethoden beginnen und dabei nicht am Anfang stehenbleiben‘“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Heinicke griff die zeitgenössischen Neuerermethoden auf, setzte sie in ihrem Wirkungskreis um: Anfang 1953 initiierte sie einen innerbetrieblichen Wettbewerb, bei dem jeder Verkäufer 250.000 DM Jahresumsatz erzielen sollte. Damit griff sie die Anregungen Sina Rybakowas auf, koppelte sie mit der Ertragsperspektive der Franik-Methode. Im Herbst 1953 eiferte sie dann dem Vorbild Frida Hockaufs nach, ging Selbstverpflichtungen ein, forderte diese auch von ihren Kolleginnen. Es folgte die Kochtopfmethode, die rasch mit ihrem Namen verbunden wurde. Aus der Nacheifererin wurde somit ein Vorbild, seit 1954 eine Verdiente Aktivistin. Selbstverständlich blieb es nicht bei rein fachlicher Arbeit, ging diese doch einher mit gesellschaftlichen Aktivitäten: 1954 wurde sie Mitglied der Ständigen Kommission für Handel und Versorgung des Rates des Bezirks Leipzig, trat dem Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel und dem FDGB-Bezirksvorstand Leipzig bei, war auch im Leipziger Prüfungsausschuß für die Lehrabschlußprüfungen im Handel aktiv.

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Das Ehepaar Heinicke in ihrer neu bezogenen Leipziger Wohnung (Der Handel 6, 1956, H. 4, 11)

„Gretel“ Heinicke hatte es geschafft. Sie war eine sozialistische Heldin, durchsetzungsstark und anwendungsklug. Sie sah, so der Tenor, die Rationalisierungspotenziale innerhalb der Handelsorganisation, riss mit ihren Initiativen ihr Umfeld mit. All dies erfolgte gleichsam selbstlos, war Dienst auch am Kunden. Der umgangssprachlich veränderte Rufname unterstrich diese Volkstümlichkeit. Gretel Heinicke wollte Parteibeschlüsse ins Leben tragen, wollte den Einkauf zur Freude machen. Kundenversammlungen ergänzten das Verkaufsgespräch. Heinicke stand zugleich aber für die Entfaltung der Persönlichkeit im Sozialismus. Ein Photo zeigt sie in ihrer Neubauwohnung, präsentiert sie mit liebevollem Ehemann und vor dem just neu angeschafften Fernsehapparat. Gediegenheit und Wohlstand wurden bildlich gebannt, waren Abglanz eines materiell gesicherten Lebens in der bald verwirklichten sozialistischen Gemeinschaft. Dieses Photo wurde auf einer Doppelseite gedruckt, kontrastierte das vermeintliche Drohnen- und Ausbeuterdasein des westdeutschen „Warenhauskönigs“ und Ariseurs Helmut Horten (1909-1987) („Ich habe ein Recht auf gutes Leben“, Der Handel 6, 1956, H. 4, 10) mit dem der Aktivistin aus dem Volk: „Es ist doch gut, daß wir unter unseren Verkäuferinnen so hervorragende Menschen haben. Nicht nur Gretel Heinicke, sondern viele, sehr viele. Wir gaben uns nur noch nicht immer die Mühe, sie zu entdecken, sie zu fördern“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11).

Heinicke war eine sozialistische Heldin, eine ostdeutsche Rybakowa. Ihre Aufgabe war es, Vorbild und Anreiz für die Mehrzahl der Verkäuferinnen im DDR-Handel zu sein. Das war Partei- und Gewerkschaftsziel, entsprechend wurden im Handel überdurchschnittlich viele Frauen ausgezeichnet. 1953 waren nur fünf der sechszehn Verdienten Aktivisten im Handel Männer (Ihre Leistungen sollen uns Ansporn sein, Der Handel 3, 1953, 563-564). Man kann dies als Ausfluss der neuen Chancen von Frauen in der DDR interpretieren, lag ihr Anteil an der Erwerbsarbeit doch höher als in der Bundesrepublik. Man kann hierin aber auch den Versuch sehen, Frauen in Branchen zu fördern, die eher ihrem vermeintlichen Naturell entsprachen. Schließlich kam die Zeit der Trümmerfrauen und Industriearbeiterinnen langsam an ein Ende, pendelten sich tradierte Geschlechtsverhältnisse wieder ein. Die Leitung des Handels war ohnehin männlich dominiert. Ende 1954 gab es 569 Direktoren in den Kreisbetrieben der HO – und nur 19 Direktorinnen. Der höhere Anteil an den Aktivistinnen wurde zufrieden gewürdigt, als „Ausdruck für die neue Stellung der Frauen in unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat“ gefeiert. Sie hätten dazu beigetragen „daß unser Leben immer reicher und schöner wird“. Doch hier galt es nachzulegen, war es doch Frauenaufgabe, „sich ständig fachlich und gesellschaftlich weiter zu qualifizieren, um unsere Handelsbetriebe rentabler zu gestalten, die Verkaufskultur zu verbessern und um mehr als bisher leitende Funktionen einnehmen zu können“ (Zitate n. Ruth Buchmann, Im Geiste Clara Zetkins, Der Handel 5, 1955, H. 5, 3-5, hier 4). Gretel Heinicke unterstützte diese Mischung aus Arbeitsmobilisierung und Fraulichkeit. Zum Internationalen Frauentag 1956, in der DDR ja ein blumiger Feiertag, postulierte sie: „‚Wir Frauen haben die Aufgabe, verantwortungsbewußt mitzuarbeiten und zu kämpfen und zu lernen, um ein schöneres Leben für unsere Kinder zu sichern‘“ (Charlotte Pfeiffer, Unseren Kolleginnen Ehre und Dank!, Der Handel 6, 1956, H. 5, 9).

Die Kochtopfmethode

Der Handel in der DDR hatte im Gründungsjahrzehnt nicht allein frei verkäufliche und bewirtschaftete Waren zu verkaufen, sondern er hatte sich dabei auf die plangemäß gelieferten Güter zu konzentrieren. Die 1948 gegründete HO stand für den staatlichen Anspruch, den Absatz einerseits an die Bedürfnisse der Bevölkerung anzupassen, anderseits den im Schwarzmarkt noch gültigen Preismechanismus von Angebot und Nachfrage durch staatliche Preisfestsetzungen zu ersetzten. Bei der HO konnte man Mangelprodukte frei kaufen, musste dazu jedoch Preise zahlen, die leicht unterhalb des Schwarzmarktniveaus lagen. Die HO-Preise straften die Gleichheitsrhetorik Lügen, boten zugleich aber einen Anreiz für vermehrte Arbeitsleistungen, um sich Waren abseits der Grundversorgung leisten zu können. HO, Konsumgenossenschaften und insbesondere der staatlich drangsalierte private Einzelhandel hatten jedoch allesamt das Problem kaum verkäuflicher Waren. Sie mussten gleichwohl abgesetzt werden, wollte man den Plan erfüllen. Das galt 1954 in Gretel Heineckes Verkaufsstelle etwa für Puddingpulver. Die Frauen – Heinicke und fünf Verkäuferinnen – kochten daher einen ansprechenden Pudding, stellten diesen gut sichtbar aus, ließen die Kunden gar kosten. Und siehe da, der Umsatz stieg nun auf gewünscht-geplante Höhe. Damit begann ein Präsentationsspiel, das 1954 in der Kochtopfmethode kulminierte. Zuvor hatte die sozialistische Heldin einen Abendbrottisch für zwei Personen eingerichtet, darauf vertrauend, dass man die dafür erforderlichen Produkte auch kaufen würde (G. Naumann, Kollegin Heinicke organisiert Kampf um Planerfüllung, Der Handel 4, 1954, H. 22, 27).

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Hinweisschild auf die Warenangebote nach der Kochtopfmethode in der HO-Verkaufsstelle 20 in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 26)

Die Kochtopfmethode folgte diesem Weg von Einzelprodukten zur Einkaufshilfe: „An einer in das Schaufenster gestellten schwarzen Tafel, die in einen Rahmen zu schieben ist, wird an jedem Morgen ein Rezept angebracht, das jeweils Produkte berücksichtigt, die in der Verkaufsstelle vorrätig sind. Ein am Eingang der Verkaufsstelle angebrachter Hinweis: ‚Was koche ich heute mittag? Unser Tip – siehe Schaufenster!‘ macht die Bevölkerung auf diesen Kundendienst aufmerksam“ (Naumann, 1954). Die Kochtopfmethode war also Dienstleistung und Lenkungsinstrument zugleich. Erstere wurde propagiert, zumal sie für erwerbstätige Frauen mit Doppelbelastung durchaus hilfreich sein konnte (erwerbstätige Männer wurden übrigens nie angesprochen…).

Die Kochtopfmethode war eine lokale Initiative, deren Kernidee anschließend vor Ort verändert und verbessert wurde. Nach kurzer Zeit wurde es üblich, nicht allein die Einzelprodukte des vorgeschlagenen Gerichtes aufzulisten, sondern diese auf einer Tafel gut sichtbar aufzulisten, mit Einzelpreisen zu versehen und auch einen Gesamtpreis zu nennen. Das diente der Information, war nicht Ausdruck vermeintlicher Preiswürdigkeit. Die Tafel fand dann ihre Entsprechung im Inneren der Verkaufsstelle, wo die erforderlichen Produkte gebündelt vorlagen, so dass sie einerseits gut sichtbar waren, anderseits einfach und im Gesamtpack verkauft werden konnten. Die Kochtopfmethode sprach Kundinnen direkt an, knüpfte so ein Band zwischen Handel und Konsumentin. Der Kochtopf war mehr als ein Zubereitungsbehälter, symbolisierte die Gemeinschaft der Werktätigen. Die einfach gehaltenen Speisen knüpften sicher auch an die umfangreiche Eintopfpropaganda an, die während des Nationalsozialismus Opfersinn und Volksgemeinschaft erfolgreich verband (Uwe Spiekermann, Ist Eintopf ein Naziwort?). Mit der Kochtopfmethode verfolgte der Handel daher nicht nur selbstsüchtige Absatzziele, diente nicht nur der rational agierenden Hausfrau. Er schuf auch einen Imaginationsraum wechselseitiger Verpflichtungen und gemeinsamer Ziele. Damit unterfütterte die Kochtopfmethode die oftmals hohlen Phrasen des Aufbaus mit emotionalem Schmaus.

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Außenwerbung mit der Kochtopfmethode: Kochzutaten und deren Preise in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 27)

Die neue Initiative machte die Heldin – doch das Narrativ verlangte noch mehr: Heinickes Verkaufsstelle konnte nicht nur den Umsatz steigern, sondern auch ihre Frida Hockauf folgende Selbstverpflichtung erfüllen, den Umsatzplan um monatlich 1000 DM überzuerfüllen. Eine Heldin belässt es jedoch nicht beim Einzelerfolg, sondern schreitet den eingeschlagenen Weg weiter voran: Sie überzeugte vier benachbarte HO-Läden, ihrem Beispiel zu folgen, überzeugte sie gar, den vom Umsatz abhängigen Leistungslohn einzuführen. Diese fünf Verkaufsstellen forderten anschließend weitere HO-Geschäfte zum Franik-Wettbewerb heraus, um so allesamt die geplanten Umsätze früher erreichen zu können (Naumann, 1954). Heinickes HO-Bezirk Leipzig-Süd konnte seine Umsätze im 3. Quartal deutlich steigern und sich im Bezirk Leipzig an die Spitze setzen. Damit stieß Heinicke einen Kaskadeneffekt an, der in Leipzig auf beträchtlichen Widerhall stieß. Die Kochtopfmethode verkörperte Schwung und Dynamik des sozialistischen Aufbauwerkes, als sich am Tag des Neuerers, also am 13. Oktober 1954, alle Mitarbeiter der HO-Lebensmittel Leipzig-Zentrum verpflichteten, nicht nur nicht unbeträchtliche Planungsrückstände bis Jahresende aufzuholen, sondern dazu auch Neuerermethoden zu nutzen: „‘Die Anwendung neuer Arbeitsmethoden, wie das Anbieten von Mittagsgerichten und Abendessen werden wir auf alle Verkaufsstellen übertragen‘“ (Auch im Handel die Planungsrückstände aufholen, Neues Deutschland 1954, Nr. 237 v. 9. Oktober, 3). Und es war gewiss im Sinne Gretel Heinickes, dass ihre Kollegen zugleich „alle Belegschaften der staatlichen und konsumgenossenschaftlichen Handelsbetriebe“ aufforderten, diesem Beispiel zu Ehren der Volkskammerwahlen vom 17. Oktober 1954 zu folgen. Die sozialistische Heldin stand für alle eventuell mit der Kochtopfmethode verbundenen Rückfragen kollegial bereit. Heinicke hatte, so schien es, einen Stein ins Rollen gebracht.

Die Kochtopfmethode als staatlich geförderte Neuerermethode

Zwei Ereignisse markierten den Übergang von Heinickes lokaler Initiative zur dann staatlich propagierten Neuerermethode im Handel. Zum einen berichtete das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ im Februar 1955 über einen Besuch des stellvertretenden Ministers für Handel und Versorgung Kurt Borrmann in Stalinstadt (ab 1961 Eisenhüttenstadt), einer um ein Eisenhüttenkombinat entstandenen sozialistischen Modellstadt (vgl. Rosemarie Beier (Hg.), Aufbau West – Aufbau Ost. Die Planstädte Wolfsburg und Eisenhüttenstadt in der Nachkriegszeit, Ostfildern-Ruit 1997, v. a. die Beiträge von Jörg Roesler und Jenny Richter). Der SED-Funktionär forderte vom lokalen HO-Verkaufsstellenleiter verstärkte Verkaufsanstrengungen: Es „gibt nicht nur hier, sondern bei den meisten unserer Verkaufskräfte eine Scheu vor dem Anbieten, Empfehlen oder Erinnern. Dabei wären viele Hausfrauen recht dankbar dafür. ‚Kennen Sie die Verkaufsmethode der Kollegin Heinecke [sic!] aus Leipzig?‘ wird der junge Verkaufsstellenleiter gefragt. Nein, man kennt sie hier nicht. Aber interessiert hört Hartwig Beier zu, als Genosse Borrmann ihm berichtet, wie die Verkaufsstellenleiterin Heinecke [sic!] ihren Umsatz gesteigert hat. Täglich hat sie ihren Kunden auf einer Tafel einen Vorschlag für den Mittagstisch unterbreitet. Damit hat sie nicht nur den Kunden geholfen, sondern auch die vorrätigen Waren schmackhaft angeboten“ (Hella Iglarz, Handeln, anpreisen, werben, Neues Deutschland 1955, Nr. 35 v. 11. Februar, 5). Die Kochtopfmethode wurde offenbar als eine Chance gesehen, den Wettbewerb im Handel zu intensivieren.

Doch es blieb nicht bei autorativen Empfehlungen. Planungsbehörden und Handelsfunktionäre sprachen Anfang 1955 von einer neuen höheren Phase der Handelsmethoden, die sich deutlich von vereinzelten Übernahmen sowjetischer und einheimischer Neuerermethoden unterscheiden sollte. Vorbild war die Rationalisierungsbewegung in der Industrie, die seit Ende 1954 wieder intensiviert wurde (vgl. Ernst Lange, Die Verbesserung der Lebenshaltung der Bevölkerung in der Deutschen Demokratischen Republik, Einheit 9, 1954, 947-955, hier 950). Dem Handel hatte der Fünfjahresplan bis 1955 um 19,2 Prozent verminderte Vertriebskosten abverlangt, doch Ende 1954 waren erst 8,8 Prozent erreicht. Um dies zu verändern, wurde Anfang 1955 – mittels der Verfügung Nr. 5/55 des Ministeriums für Handel und Versorgung vom 14. Januar – beschlossen, die Kochtopfmethode und den Minutenkauf (Verkauf nach Vorbestellung) obligatorisch in mindestens einer geeigneten Verkaufsstelle jedes HO-Kreises einzuführen. Auch die Konsumgenossenschaften schlossen sich Ende März an, propagierten aber andere Methoden, darunter das sogenannte geschlossene Warensortiment, Adamek-Arbeitszeitpläne, die Potpow-Methode oder das Kolli-System. Es herrschte offenbar kein Mangel an guten Ideen, doch es haperte an der Umsetzung. Der Bildungsstand der Verkäuferinnen war fast durchweg niedrig: „So erklärten uns die Kolleginnen in der Diätverkaufsstelle, in der HO Lebensmittelverkaufsstelle 8 in Potsdam und anderen Verkaufsstätten, daß sie die Kochtopfmethode, den Minuteneinkauf, die Arbeit mit geschlossenen Warensortimenten usw. noch nicht geschildert bekommen haben. Die Kollegin Grunert gab uns eine typische Antwort, wenn sie sagte: ‚Davon habe ich noch nichts gehört. Aber in der nächsten handelspolitischen Schulung werde ich gleich einmal fragen, warum man mit uns darüber noch nicht gesprochen hat. Das sind doch gute Sachen.‘ Und so konnte es vorkommen, daß man die Hinweise der Verdienten Aktivistin Heinicke zu der von ihr erfolgreich angewandten Kochtopfmethode nicht beachtete“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9).

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Schaufensterwerbung für die Kochtopfmethode: Dekorationsvorschlag 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 25)

Das offenkundige Vollzugsdefizit beantworteten die Handelsfunktionäre zum einen mit lokalen Gegeninitiativen, die über die Fachpresse verbreitet wurden (Erika, Wir wenden in den Verkaufsstellen die ‚Kochtopfmethode‘ an!, Der Handel 5, 1955, Nr. 13, 25). Zum anderen informierte man weiterhin über die Kernpunkte, hoffte auf die Überzeugungskraft nicht nur der Methode selbst, sondern auch ihrer Resonanz bei Käuferinnen: „Sie sind der Sorge, die jede Hausfrau hat, nämlich der täglich wiederkehrenden ‚Angst‘ vor dem ‚Was koche ich heute‘, behoben“ (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 26 – auch für das folgende Zitat). Generell bewegte die Neuererbewegung einiges, nicht zuletzt im nach wie vor quirligen Leipzig, wo unter der Federführung Gretel Heinickes die Verkäuferinnen „immer neue Verkaufsmethoden“ ersannen. Doch die zahlreichen Anregungen kannibalisierten sich wechselseitig, überforderten die Ressourcen der zahllosen kleinen Verkaufsstellen. Wissen des Guten war eben nicht Vollzug des Guten – und diese zermürbende Erfahrung lähmte.

Dies sollte aber nicht das letzte Wort sein, sah doch der neue, 1956 gestartete Fünfjahresplan eine umfassende Modernisierung der DDR-Wirtschaft vor. Die „wissenschaftliche-technische Revolution“ galt aber nicht allein für Kernenergie, Luftfahrtindustrie und weiterhin Schwerindustrie, sondern sollte auch den Handel in die Lage versetzen, die bis 1960 um 40% zu steigernde Konsumgüterproduktion zu bewältigen (Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 36-37). Dazu wurde neuerlich an die Schöpferkraft der Werktätigen appelliert, zugleich aber das ideologisch sichere Lied vom rückständigen Handel angetönt: „Während die Industrie in kurzen Abständen immer wieder wahrhaft revolutionäre Taten vollbringt, vollzieht sich der Handel im wesentlichen in den gleichen Formen, wie sie bereits jahrzehntelang üblich waren. Nicht nur die Verkaufsmethoden, auch die Arbeitsmittel und verschiedene Organisationsformen haben sich seither nur unwesentlich verändert. Es ist daher notwendig, neue Ideen für die Verbesserung und gleichzeitige Erleichterung der Handelstätigkeit zu entwickeln, sie im breiten Erfahrungsaustausch allen zu vermitteln und sich darauf zu konzentrieren, sie schnell zu verwirklichen“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 4). Gretel Heinickes Kochtopfmethode wurde 1956 neuerlich propagiert, ihr Einsatz aber auch flankiert.

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Werbedekoration nach der Kochtopfmethode in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 4, 4)

Dazu wurde erstens die Kochtopfmethode systematisiert und in einem kleinen, vom Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel herausgegeben 10-seitigen Faltprospekt näher vorgestellt (Walter Schalm, Kochtopfmethode, Berlin-Treptow 1956). Es enthielt Abbildungen aus dem Verantwortungsbereich Gretel Heinickes und empfahl drei erfolgsträchtige Kernelemente: Anregende und regelmäßig wechselnde Rezepte, eine ansprechende Präsentation der empfohlenen Waren und eine gut lesbare Angabe der Einzel- und Gesamtpreise (Der Handel 6, 1956, H. 5, 16). Außerdem spezifizierte man die Methode für andere Spezialsortimente, beginnend mit Obst- und Gemüse-, endend bei Spirituosenhandlungen („Neue Arbeitsmethoden für Dich“, Der Handel 6, 1956, H. 6, 29). Die kleine Broschüre wurde über den Handel vertrieben, vor allem aber über Gewerkschaftsvertreter verbreitet. Die üblichen Einzelerfolgsmeldungen fehlten nicht, doch auch die Übernahme der Methode durch gleich 45 Verkaufsstellen in Staßfurt konnte nicht überdecken, dass eine Evaluation möglicher Erfolge nicht erfolgte (Walter Schalm, Aktuelle Agitationsschriften verhelfen dem Neuen zum Durchbruch, Der Handel 6, 1956, H. 11, 22-23, hier 22). Festzuhalten ist, dass diese Festlegung der Kochtopfmethode zugleich ihrer Kanonisierung diente. Auch wenn die sozialistische Heldin Gretel Heinicke in steter Eintracht mit ihrer Methode präsentiert wurde, so ging die Definitionsmacht doch auf Gewerkschafts- und Parteifunktionäre über.

Zweitens begann man auf unterschiedlichen Ebenen Werbeentwürfe für die Kochtopfmethode zu entwickeln, um dadurch dezentrale Arbeit zu minimieren. Die HO schrieb Wettbewerbe für ansprechende Schaufensterentwürfe aus, deren Ergebnis aber kaum befriedigte. Selbst der Siegerentwurf vergaß den Platz für die Rezepte und auch Preise, war von einer allgemeinen Warenanpreisung kaum zu unterscheiden (Der Handel 6, 1956, H. 3, 26). Mit der Kochtopfmethode wurde gleichsam kokettiert, zugleich aber recht heterogene Einzelinteressen unter dessen Deckel versammelt. Selbst Werbung für Feinkost fand sich dergestalt geadelt wieder im Reigen regimetreuer Angebote (Horst Fiedler, Für die Kochtopfmethode zu verwenden, Der Handel 6, 1956, H. 3, 26-27, hier 26).

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Werbung für die Kochtopfmethode in Erfurt 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5)

Werbung wurde auch weiterhin dezentral erstellt, darunter durchaus ansprechende Lösungen, wie etwa der oben sichtbare graphische Teil eines Handzettels. Doch dies blieben Ausnahmen besonders motivierter Kollektive. Für die Mehrzahl der Nachahmer erstellte die Redaktion der Fachzeitschrift „Der Handel“ 1956 Werbeklischees, die vor Ort ausgestaltet werden konnte. Auf Quadratnetz aufgezeichnet, lud es zum Abpausen ein. Auch hier aber war die Angst groß, dass vor Ort dennoch Fehler auftauchen würden, etwa fehlende Angaben zur Menge oder aber ergänzend erforderliche „Kleinigkeiten“, etwa der Gewürze. Gleichwohl gelang es auf diese Weise, einfache und zielführenden Handreichungen anzubieten, um Gretel Heinickes Vorschläge republikweit zu verbreiten („Kochtopfmethode“ leichtgemacht, Der Handel 6, 1956, H. 8, 29).

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Werbemittel für die Kochtopfmethode (Der Handel 6, 1956, H. 8, 29)

Drittens übte der SED-Staat weiterhin Druck aus, um die Kochtopfmethode und den Minutenkauf zumindest in der HO obligatorisch zu verankern. Kurt Borrmann wies mehrfach auf die gesetzlichen Regelungen für die Einführung neuer Arbeitsmethoden hin, stellte zugleich aber realistisch-resigniert fest: „Sie werden aber in sehr vielen Fällen nicht beachtet“ (Die Konferenz der Handelsneuerer gut vorbereiten!, Der Handel 6, 1956, H. 4, 4-5, hier 5). Diese Indolenz gegenüber selbst gesetzten Vorschriften mag dem gängigen Bild einer gewalttätigen Entwicklungsdiktatur nicht entsprechen. Die Beteiligten wussten jedoch um die strukturelle Überforderung der meisten Verkaufsstellen, die zu Beginn des neuen Fünfjahresplan mit einer Vielzahl neuartiger Ansprüche konfrontiert waren. Die 3. SED-Parteikonferenz, bekannt durch die erste öffentliche Distanzierung vom Massenmörder Stalin, forderte den Handel zu neuen Anstrengungen auf, einerseits für die verbesserte Versorgung auf dem Lande, anderseits für die Schwerpunktverpflegung der Werktätigen in den Industriebetrieben. Fertiggerichte, Versorgungsautomaten, bessere Werkverpflegung fielen sämtlich in das breit gefächerte Profil der HO und der Konsumgenossenschaften. Zahlreiche Dienstleistungen, sei es bei Reparaturen oder dem Anschluss und der Wartung von Elektrogeräten, sollten ebenfalls gemeistert werden: „So stehen die Mitarbeiter des sozialistischen Handels vor einer Reihe neuer, ungelöster Probleme, die nur durch ihre Eigeninitiative und mit Hilfe der örtlichen Verwaltungsorgane gelöst werden können“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 3). Es wären ganz andere sozialistische Helden als Gretel Heinicke nötig gewesen, um die immer wieder erweiterten Ansprüche abarbeiten zu können.

Kollegin Heinicke half jedoch, wem sie konnte: So dem Kollegen Drenschke aus Gernrode, dem sie die Kochtopfmethode präzise beschrieb, die dieser dann auch erfolgreich einführte (Lothar Wilke, Liebe Kollegin Gerda!, Der Handel 6, 1956, H. 16, 28-29). In der gelenkten Presse folgten die üblichen Nachrichten von dankbaren Käuferinnen, die sich stetig fragten, „was morgen wohl an die Tafel geschrieben würde“ (Heinz Hertel, Immer mehr Mitarbeiter beteiligen sich am Wettbewerb, Der Handel 6, 1956, H. 5, 10-11, hier 10). Es sei so schön, helfende Hinweise zu erhalten, „den ‚Magenfahrplan‘ abwechslungsreich zu gestalten“ (Fiedler, Jetzt Puddings und Süßspeisen empfehlen, Der Handel 6, 1956, H. 13, 29-30). Schweigen wir von der hinter solch paternalistischen Sätzen stehenden Geringschätzung der dummen Hausfrauen, denn dies wäre eine längere Philippika. Halten wir aber fest, dass die Kochtopfmethode durchaus Resonanz erzielte, wenn auch von einer flächendeckenden Einführung nicht die Rede sein konnte. Und sie diente der weiteren Rekrutierung von Aktivistinnen, wie etwa der Kollegin Schlottke aus Quedlinburg, die zu Ehren der 3. Parteikonferenz Heinickes Methode in ihrem HO-Laden und dem VEB Harzer Likörfabrik einführte. So entstanden, hicks, Agitationslokale für den „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ (Der Handel 6, 1956, H. 5, 20).

Für sozialistische Helden war all dies Ansporn für noch mehr Arbeit. Der Verdiente Aktivist Gerhard Gering vom Konsum-Warenhaus Suhl fragte entsprechend: „‘Kann es denn Schöneres geben, als an seinem Platz für die Ziele unseres Arbeiter- und Bauern-Staates und der Partei zu arbeiten, deren Mitglied ich bin?“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10) Das war 1958, zwei Jahre nach dem Hauptagitationsjahr für die Kochtopfmethode – im rasch voranschreitenden Sozialismus eine kleine Ewigkeit. Noch hatte man den Fünfjahresplan nicht abgebrochen, um ihn durch einen noch ambitionierten Siebenjahresplan zu ersetzen, den man dann nach nur vier Jahren in einen neuen Perspektivplan überführte. Doch mit dem Bunaprogramm, den „Maßnahmen zur Entlastung der werktätigen Frauen durch den sozialistischen Handel“, begann schon Anfang Januar eine neue Etappe im langen Marsch in die lichte Zukunft. Selbstzufrieden zählten Handelsfunktionäre die lange Liste bisheriger Erfolge auf: „Das Ratiosystem, die Kochtopfmethode, Stumme Verkäufer, ständige Sonderwarenangebote, Inventur bei geöffneter Verkaufsstelle, Kowaljowmethode im Lager, waren Bestandteile der Arbeit geworden“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10). Ja, die Kochtopfmethode wurde weiter angewandt. Allerdings nicht überall und häufig anders als erforderlich. An die Stelle regelmäßig wechselnder Rezepte trat eine gewisse Eintönigkeit, auch von völkerverbindenden Gerichten der sozialistischen Bruderstaaten hörte man nur noch wenig. Der Posener Aufstand oder der ungarische Volksaufstand hatten 1956 doch auf den Magen geschlagen. In Weißenfels wusste man sich zu helfen, empfahl als stetes Beigetränk ein stärkendes Abendbier. Derartig „formale“ Anwendung der Kochtopfmethode sagte man jedoch den Kampf an, ließ ernährungswissenschaftlich optimierte Rezepte entwickeln, um der Hausfrau nicht nur die Sorge für die tägliche Kost, sondern auch für die Gesundheit der Familie teilweise abzunehmen (Bunaprogramm kein fertiges Rezept, Handelswoche 3, 1958, Nr. 3 v. 15. Januar, 10).

Gleichwohl enthielt das Bunaprogramm schon Planungen, die der Kochtopfmethode die Grundlage entziehen sollten. Es sah nicht nur verstärkte und verbesserte Werksverpflegung vor, sondern auch ein breites Sortiment kochfertiger Lebensmittel und Fertiggerichte. Die Kochtopfmethode war dann lediglich noch Übergangstechnik hin in eine arbeitssparende Zeit, die Essen auf Verzehren reduzieren, die Kochen auf Industrie und Gastronomie verlagern würde. So träumte man im Osten, so auch im Westen. Deutsche Gemeinsamkeiten an der Kühltheke. Und doch, die Hausfrauen hatten ihren eigenen Kopf, kauften die frühen Fertiggerichte eher zögerlich. Und in der DDR gab es Versorgungsprobleme bei der Kühltechnik (R. Marczikowski, Das Menü im Zellophanbeutel, Die Handelswoche 3, 1958, Nr. 6 v. 5. Februar, 5). Nun ja, die Kopftopfmethode konnte derweil weiter genutzt werden.

Zwischen Selbstkritik und Denunziation: Soziale Funktionen der Kochtopfmethode

Rationalisierungs- und Verbesserungsvorschläge haben nicht nur wirtschaftliche, sondern immer auch soziale Folgen. Der Historiker Andrew Port hat die damit verbundenen sozialen Mechanismen am Beispiel Saalfelds detailliert untersucht und versucht, die rätselhafte Stabilität der DDR auf die wechselseitigen Blockaden einer Gesellschaft zurückzuführen, die von Neid und fluiden Gruppenidentitäten geprägt war (Die rätselhafte Stabilität der DDR. Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland, Bonn 2011). Sozialistische Helden sollten verbinden, erlaubten aber doch auch Protest, Widerspruch und klar abgegrenzte und damit „sachlich“ begründbare Ablehnung. Den Helden der Arbeitswelt schlug immer auch Feindschaft entgegen. Adolf Henneckes Auto wurde von seinen Kumpeln demoliert, er selbst als „Arbeiterverräter“ beschimpft. All dies milderte sich Mitte der 1950er Jahre, machte sich nun doch eher Apathie breit, ein nur formales Mitziehen, das die erwünschten Effekte nicht erreichen wollte und konnte. Zugleich veränderte sich die Art der sozialistischen Helden, begann mit dem gefeierten Radfahrer Gustav-Adolf „Täve“ Schur (1931-) eine lange Liste von Sport-, ab den späten 1950er Jahren begleitet von den eingangs schon erwähnten Kosmoshelden. Widerspruch war hier selten, betraf vor allem nicht die Funktion des Systems.

Mitte der 1950er Jahre wandelte sich die DDR, mutierte von einem stalinistischen Gewaltstaat hin zu einem bürokratisierten Unrechtsstaat, der individuelle Freiräume ließ und lassen musste und seine Klauen nicht mehr stetig ausfuhr. Erlasse, wie etwa die verpflichtende Nutzung der Kochtopfmethode, galten zwar – wurden aber nicht konsequent umgesetzt. Die Verpflichtung war jedoch stetig mobilisierbar, war eine Waffe in der Hand der Funktionäre, teils auch der staats- und parteitreuen Journalisten. Die Kanonisierung der Kochtopfmethode durch Gewerkschafts- und Parteifunktionäre erlaubte Interventionen nicht allein bei Nichteinführung, sondern auch bei schlechter Ausführung der Methode.

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So nicht! Blickfang in einer Potsdamer HO-Spätverkaufsstelle 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 7)

Ein Beispiel hierfür war die inkriminierte Werbewand der HO-Spätverkaufsstelle 7 am Potsdamer Platz der Nationen. Formal hatte man die Kochtopfmethode eingeführt, sich also systemgerecht bewegt. Doch hier fehlte offenbar Begeisterung und Stetigkeit, stattdessen sah man „lieblos hingestellte und inzwischen verstaubte Waren, wie Maizena, Büchsen mit Lachs und Heringshappen“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9, hier 7). An solchen Beispielen wurden um richtig und falsch gerungen, von ihnen konnte man lernen. Wichtiger aber war die Prangerfunktion derartiger Darstellungen. Sie dienten immer auch der Beschämung der oft klar benannten Verantwortlichen. Wer darum wusste, versuchte die Methode „richtig“ (oder gar nicht) anzuwenden, konnte das Damoklesschwert der sozialistischen Kritik doch jeden treffen. Das Folgeritual war ebenso klar: Selbstkritik, Selbstläuterung und zukünftig „richtige“ Anwendung. Die Wirkungen derartiger öffentlicher Demütigungen waren damit jedoch nicht abgedungen. Im Gegensatz zu gängigen Vorstellungen einer Gewaltdiktatur dominierte eine subtile Lenkung den öffentlichen Diskurs über die sozialistische Heldin Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode. Die Lichtgestalt gebar stetig Schatten. Selbst die HO in Ostberlins Renommiermeile Stalinallee wurde zur Selbstkritik und zum Lernen aufgefordert, hatte sie doch vor dem Weihnachtsfest 1956 die Methode noch nicht eingeführt, obwohl die Schaufenster dafür Präsentationsflächen besaßen (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 27).

Neben derartige öffentliche Kritik trat die Rückfrage im Kollektiv, am Arbeitsplatz. Neuerermethoden waren das Stöckchen, über das man springen musste, um zum inneren Kreis zu gehören: „Bei den kommenden Wahlen zu den Verkaufsstellenausschüssen sollten sie die bisherigen Ausschußmitglieder und das Verkaufsstellenpersonal fragen, warum in dieser oder jener Verkaufsstelle für Lebensmittel noch nicht die Kochtopfmethode von Gretel Heinicke angewandt wird“ (Wolfgang Müller, Neue Technik – höhere Verkaufskultur – bessere Versorgung, Neues Deutschland 1956, Nr. 68 v. 20. März, 4). So konnten Karrieren verhindert werden, wurde Linientreue belohnt.

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Wer nicht mitzieht, erscheint als Schluderjan: Präsentation pflichtschuldiger HO-Direktoren 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 3, 10)

Systemfragen wurden auf diese Art kaum ausgefochten, Planerfüllung, Anwendung moderner Methoden und die Überzeugungskraft einer sozialistischen Heldin standen nicht zur Debatte. Die höhere Funktionärsebene musste sich jedoch wappnen. Schauen wir auf eine nicht untypische Kritik an vier HO-Direktoren 1956. Schluderjan brachte sie hervor, eine der vielen Kunstfiguren, die formal zwischen NS-Imaginationen wie Kohleklau und Flämmchen und den zahlreichen Werbegeschöpfen stand. Ihre Aufgabe war Bewusstseinsbildung durch das Mittel der klaren Benennung, des öffentlichen Prangers. Schluderjan benannte die rechtlichen Grundlagen für die verpflichtende und obligatorische Nutzung der „von der Verdienten Aktivistin Heinicke entwickelte{n] bedarfslenkende[n] und absatzwerbende[n] ‚Kochtopfmethode‘“ (Der Handel 6, 1956, Nr. 3, 10). Die HO-Direktoren Wohlleben, Hennig, Specht und Zietlow hatten sie nicht eingeführt und bekamen nun eine Abreibung, die auch die Aufsichtsgremien mit einbezog, also die einschlägigen Abteilungen für Handel und Versorgung beim Rat der Bezirke Erfurt, Dresden, Halle/S. und Schwerin.

Es folgten Rituale der Selbstkritik und der Entschuldigung: Danke, die Kritik half weiter und wir werden uns bessern (Specht). Wir wurden zu Unrecht kritisiert, denn die Methode wurde in gleich drei Läden eingeführt (Wohlleben). Wir haben es angeordnet, doch nicht kontrolliert, ob es auch umgesetzt wurde. Das werden wir nun aber tun (Berger für den verhinderten Zietlow). Wir hatten keine Erfahrungen vorliegen, da die Methode bisher kaum bekannt ist, Resultat auch aus deren mangelhafter Popularisierung durch übergeordnete Dienststellen. Doch Wandel naht: „Einer unserer besten Verkaufsstellenleiter, in dessen Verkaufsstelle die Kochtopfmethode schon seit Monaten verwirklicht ist, wird in den nächsten Tagen die Gelegenheit nutzen, um mit der Aktivistin Heinicke direkt in Verbindung zu treten“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5 (Hennig)). Die sozialistische Heldin konnte helfen, als Erlöserin agieren. Damit war ein Exempel statuiert, über dessen Folgen nicht weiter berichtet wurde. Doch die Botschaft war klar: „Die Lehre aus dieser Kritik sollen aber endlich jeder HO-Direktor, jeder Vorstandsvorsitzende einer Konsumgenossenschaft und vor allem die verantwortlichen Mitarbeiter in den Abteilungen für Handel und Versorgung unserer Staatsorgane ziehen“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5). Unklar, wer als nächster getroffen werden würde.

Die Macht der Funktionäre: Die Kochtopfmethode als opportuner Setzungsakt

Die Nutzung der Kochtopfmethode für Herrschafts- und Disziplinierungszwecke resultierte aus der Setzungsmacht von Partei und Staat. Auch der sozialistische Held war ihr unterworfen, er erhielt Autorität und Aura zugewiesen, war ohne sie nicht denkbar. Das wird im Falle der sozialistischen Heldin Gretel Heinicke in doppelter Weise deutlich.

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Ähnliche Modelle: Frau Helle empfiehlt mittels Anzeige Speisen und Waren (Der Handel 5, 1955, H. 16, 22)

So gab es eine Reihe ähnliche Vorschläge, die sich an die etablierte Methode andockten. Meist handelte es sich Variationen, teils um Verbesserungen. Das galt etwa für die Kunstfigur Frau Helle, die in Potsdam für die HO-Lebensmittel warb. Das oben aufgeführte Beispiel verwendete zentrale Motive der Kochtopfmethode, reduzierte sie jedoch auf Werbung für eine Produktgruppe. Handelsfunktionäre bewerteten dies als „Ergänzung“ der Methode „der verdienten Aktivistin Heinicke“ (Helmut Klare, Unsere ‚Eva‘ heißt: ‚Frau Helle‘, Der Handel 5, 1955, H. 16, 22) und empfahlen eine allgemeinere Verwendung. Das Urteil hätte jedoch auch anders ausfallen können, hätte auch die Kochtopfmethode selbst ersetzen können.

Das zeigt sich indirekt an der Geschichte von Elfriede Maurer, Leiterin einer HO-Lehrverkaufsstelle in Erfurt. Im Februar 1952, Gretel Heinicke war damals noch Wurstverkäuferin, stellte sie sich eine drängende Frage: „‘Wie steigere ich den Verkauf von solchen Lebensmitteln, für die in meinem Umsatzplan größere Mengen vorgesehen sind, als ich sie bisher erfüllen könnte?‘“ (Dies und die weiteren Angaben n. Kurt Sandmann, Verkaufsförderung durch Kochrezepte, Die Waage 1952, 58-59, hier 58). Die Kunden sollten nicht mehr allein Mangel-, sondern auch reichlich vorhandene Lebensmittel kaufen, etwa die in der obigen Anzeige angepriesenen Teigwaren. Und so machte sich Kollegin Maurer ans Werk: Einem Kochbuch entnahm sie Mahlzeiten, „bei denen Teigwaren, Nährmittel, Mehl usw. eine wichtige Rolle spielen und deren Zutaten zeitgemäß sind, schrieb das Rezept auf ein auswechselbares Papier, besorgte sich von der Dekorationsabteilung ein figürliches Schaustück (lachende Hausfrau mit Suppenterrine und dem Motto ‚Was koche ich heute?‘), klebte das Rezept darauf und stellte das Ganze in das Schaufenster. Einmal war es das Rezept für ‚Schusterpfanne‘, dann für ‚Gefüllter Sellerie‘, ‚Hamburger Fisch‘, Nudelauflauf mit Roulade‘, Kaukasisches Ragout‘ oder ‚Ungarische Paprikaschoten‘ usw.“

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Werbemittel von Elfriede Mauer, Erfurt, 1952 (Die Waage 1952, 59)

Ja, das waren Kernelemente der Kochtopfmethode – allerdings schon zwei Jahre vor deren Präsentation durch Gretel Heinicke in Leipzig. Die Resonanz war beträchtlich, Haufrauenglück allüberall: „Frau Charlotte Hubert betonte: ‚Ich glaube, vielen Hausfrauen aus dem Herzen sprechen zu können, daß wir die Rezepte im Schaufenster der HO Moritzgasse herrlich finden. Hiermit werden uns manchmal große Sorgen abgenommen.‘ Auf das Wesentliche bei alledem wies Frau Herz hin, die sagte: ‚Die Rezepte im Schaufenster laden geradezu zum Kaufen ein.‘“ Der Fachredakteur regte an, dass es bei der auffälligen Schaufensterwerbung nicht bleiben müsse, dass sie auch im Ladeninneren eingesetzt werden könne. In Erfurt tauschte man die Rezepte wöchentlich aus, nicht täglich wie später in Leipzig. Diese Vorgängermethode unterstreicht eindringlich, dass nicht die Methode, sondern Staat und Partei die sozialistische Heldin machten. Neuerer gab es viele, die Ansatzpunkte und Verfahren ähnelten sich, doch die Mehrzahl wurde nicht angenommen und umgesetzt (vgl. Julius Mader, Die Rationalisatorenbewegung im volkseigenen und genossenschaftlichen Handel, Berlin (O) 1956).

18_Der Handel_05_1955_Nr20_p11_DDR_Neuerer_Prämien_Rationalisierung

Neuerer unter Wert: Förderung ohne Umsetzung (Der Handel 5, 1955, H. 20, 11)

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke setzte zwei Jahre nach Elfriede Maurer ähnliche Ideen um. Dies dürfte den Fachleuten bekannt gewesen sein. Doch es waren wohl Verantwortliche im Ministerium, insbesondere der stellvertretende Minister Kurt Borrmann, die entschieden, dass nun, Ende 1954, Anfang 1955, die Zeit für eine neue Heldin gekommen war. Das mindert nicht die Leistung Gretel Heinickes. Doch als sozialistische Heldin war sie ein Funktionärsgeschöpf.

Das Auslaufen einer Neuerermethode und das Vergessen der sozialistischen Heldin

Die Kochtopfmethode wurde insbesondere 1955/56 propagiert, doch auch danach empfohlen und auch eingefordert. Noch neuere Neuerungen begrenzten ihren Nutzen, doch schmackhafte Fertiggerichte blieben die Ausnahme, konnten die Methode nicht verdrängen. Die 1958 rasch um sich greifende Selbstbedienung schien gar neue Chancen zu eröffnen. Im ersten DDR-Fachbuch hieß es verheißungsvoll: „Auch die ‚Kochtopfmethode‘ kann auf neue Art zur Geltung kommen. Alle Artikel, die die Hausfrau für ein von der Verkaufsstelle empfohlenes Gericht benötigt, werden in Form einer Sonderauslage zusammengestellt und mit einem entsprechenden Blickfang versehen, der auf die Zubereitungsvorschriften und auf den Preis verweist“ (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 167).

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Von der Speise zum Produkt: Werbeinsel in einem Selbstbedienungsladen (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 6. S. n. 112)

In den noch wenigen SB-Läden mit reflektierter Innenwerbung bevorzugte man allerdings weniger pflegeintensive Werbeinseln für einzelne Produkte, Produktgruppen oder Saisonartikel. Als im Juli 1956 in Halle/S. einer der ersten SB-Musterläden der DDR eingerichtet wurde, bemängelten Fachleute bei der Evaluation das Fehlen der Kochtopfmethode, regten jedoch an „nach ausländischen Erfahrungen zum Zwecke der Werbung und Beratung der Käufer eine Lautsprecheranlage und ein Magnettonband zu benutzen“ (J[ulius] Mader, Neue Konsum-Verkaufsstätte für eilige Kunden, Der Handel 6, 1956, Nr. 13, 6-7, hier 7; Silke Rothkirch, ‚Moderne Menschen kaufen modern‘, in: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln et al. 1996, 112-119, hier 115, gab diese Quelle falsch an). Dem Hinweis könnte man nachgehen, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass es Äquivalente für die Kochtopfmethode im (westlichen) Ausland gegeben hat – und das wohl auch schon in der Zwischenkriegszeit.

Die angeregten technische Fortentwicklungen wurden jedoch nicht aufgriffen. Bei der Leipziger Handelskonferenz von 1959 pries der neue Minister für Handel und Versorgung, Curt-Heinz Merkel (1919-2000), zwar die Arbeit der Neuerer, erwähnte die Kochtopfmethode Gretel Heinickes jedoch nicht mehr (Curt-Heinz Merkel, Bessere Lösung der Versorgungsaufgaben hilft maximalen Zeitgewinn sichern, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 45-70, hier 59). Kurz zuvor war die bisherige Spitze des Ministeriums abgelöst worden, darunter auch Kurt Borrmann, der die Methode stets gefördert hatte. Diskutiert wurden nun weitere Neuerungen, etwa die der „Genossin Bartel“ sowie die Christoph-Wehner-Methode, eine eigentlich seit 1952 bestehende individuelle Spezifizierung der Planziele, vorgeschlagen von dem Baggerführer und sozialistischem Held Willy Wehner (1922-) (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 120 (Welm)).

Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass das letzte vehemente Plädoyer ausgerechnet von Julius Mader (1928-2000) stammte, der seit 1952 zuerst als Mitarbeiter der Thüringischen Konsumgenossenschaften und dann als Redakteur und schließlich stellvertretender Chefredakteur von „Der Handel“ stetig über die Neuererbewegung im Handel berichtet hatte. Er wechselte 1960 zum Ministerium für Staatssicherheit und wurde einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren der DDR, ein Fachmann für Geheimdienste (Paul Madrell, What we have discovered about the Cold War is what we already knew: Julius Mader and the Western secret services during the Cold War, Cold War History 5, 2005, 235-258). Mader war überzeugt, dass Gretel Heinickes Kochtopfmethode in den modernen Selbstbedienungsgeschäften noch wichtiger werden würde als in den traditionellen Bedienungsgeschäften. Er listete die Vorteile der Methode auf, hob ihre Bedeutung in vielfältigen Spezialsortimenten hervor, ehe er zukunftssicher schloss: „Es darf keine Selbstbedienungsstelle für Lebensmittel im sozialistischen Handel geben, in der die ‚Kochtopf-Methode‘ nicht angewendet wird“ (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 70). Selten war ein Requiem vorwärtsgewandter gewesen.

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Die Kochtopfmethode im Selbstbedienungsladen: Blickfang einer Verkaufsecke (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 69)

Deutlich realistischer war ein Jahr später Katja Keppke, Graphikerin der Zeitschrift „Handelswoche“. Ihre Karikatur spießte das Kommen und Gehen der Neuerermethoden auf, begrub zugleich die Kochtopfmethode. Gretel Heinicke war schon die Jahre zuvor öffentlich kaum präsent gewesen, starb den typischen Tod vieler sozialistische Helden: Sie wurde vergessen und durch neue Helden ersetzt.

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Das Kommen und Gehen der Neuerer-Methoden (Handelswoche 6, 1961, Nr. 2, 5)

Ein Land, das Helden brauchte

Gretel Heinicke war eine sozialistische Heldin. 1954 entwickelte sie ihre Version der Kochtopfmethode, 1955 wurde diese verbindlich vorgeschrieben, 1956 massiv gefördert. Wie bei vielen anderen Neuerermethoden ebbte das Interesse daran rasch ab, traten andere an ihre Stelle. Sie steht damit beispielhaft für Versuche des SED-Staates, die Dynamik des wirtschaftlichen Aufbaus der DDR mit Rationalisierungskampagnen abzusichern und Ideen steten Fortschritts Form zu verleihen. Die Heldinnenrolle der Gretel Heinicke war verdient und beliebig zugleich. Die Leipziger Aktivistin erhielt diese Rolle zugewiesen, war sie doch eine von vielen, die Verbesserungsvorschläge entwickelten und diese auch umsetzten. Sie repräsentierte sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft, in der (fast) jeder ein Held werden konnte, der fest an die Aufbaupläne von Staat und Partei glaubte und dieses auch öffentlich kundtat. Die sozialistischen Helden der DDR waren integraler Teil einer Gewaltherrschaft, materialisierten aber zugleich die Träume und Utopien eines Rumpfstaates, der den Wettbewerb mit dem großen Bruder im Westen aufnahm und diesen überflügeln wollte. Diese Träume und Utopien wiesen über die karge Gegenwart hinaus, waren Minderheitenprojekte, dienten der Nomenklatura. Sie waren Teil des historischen Projektes DDR und können mit dem Verweis auf Propaganda und Scheitern nicht vollends beiseite gewischt werden. Nicht zu Unrecht porträtierte der Schriftsteller Horst Mönnich (1918-2014) die reichere Bundesrepublik 1954 doch pointiert als „Land ohne Träume“. Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode laden daher auch zum Nachdenken ein, war und ist Geschichte doch nie alternativlos.

Beide stehen für den beträchtlichen Legitimations- und Selbststilisierungsdruck der DDR, deren Existenz primär durch die sowjetische Schutzmacht garantiert wurde. Gretel Heinicke verkörperte den erwünschten und vielfach geforderten Einsatz für den neuen Staat, verkörperte dessen Wohlstandsversprechen. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung für Werktätige, war praktische Hilfe in einer offenbar defizitären Konsumwelt: Wir helfen euch dabei, das Beste aus dem Jetzt zu machen – und es wird bald besser werden, gewiss. Das war elementar für den Bestand der DDR, lockte doch nicht die westdeutsche Arbeitswelt, wohl aber deren schon Anfang der 1950er Jahre deutlich bessere Alltagsversorgung.

Gretel Heinicke war die erste sozialistische Heldin im Handel der DDR. Sie folgte Vorbildern aus der ostdeutschen Industrie und dem sowjetischen Distributionssystem, doch sie verkörperte den langsamen Übergang von einer produktivistischen zu einer mehr konsumtiven Entwicklungsphase. Das gilt, auch wenn die Kochtopfmethode immer auch einer betriebs- und volkswirtschaftlichen Logik folgte, in der schwerverkäufliche Waren abgesetzt, in der Angebotslücken abgefedert werden mussten. Sie entstand im Nachklang der massiven Unterversorgung 1952/53 und endete mit dem Übergang zu stärker technokratischen Zielen, wie den neuen Produkten und Dienstleistungen des Bunaprogramms und der Selbstbedienung. Diese kollektiven Anstrengungen brauchten keine Einzelhelden mehr, erschienen als notwendige Verheißungen, folgten der vermeintlichen Logik des Zukunftsmarsches des Sozialismus. Die Kochtopfmethode steht damit auch für eine zeitweilige Sonderrolle des Handels, ehe Ende der 1950er die Neuerermethoden – etwa die der Christoph-Wehner-Methode – wieder aus der Industrie übernommen und für den Handel angepasst wurden.

Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode repräsentieren zudem die öffentlich immer wieder propagierte gleichberechtigte Rolle der Frau im Aufbau des Sozialismus, wichtig insbesondere im von Frauenarbeit dominierten Handel. Zugleich aber richtete sich die Methode an Frauen, Hausfrauen, ließ Männer außen vor. Damit offenbarte sie unintendiert die massive Diskrepanz zwischen dem propagandistischen Gleichheitsideal und der nicht gebrochenen Doppelbelastung der arbeitenden DDR-Frauen. Die Kochtopfmethode unterstützte Hausfrauen, griff zugleich aber in ihre hauswirtschaftliche Arbeit ein. Die spät einsetzende ernährungswissenschaftliche Optimierung der Rezepte steht für den Ende der 1950er Jahre einsetzenden Interventionsdruck einer Gesundheitspolitik, der es nicht mehr allein um Bedarfslenkung ging, sondern auch um die Folgen des stark gestiegenen Konsums fett- und eiweißhaltiger Lebensmittel. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung und Nudging, appellierte an die haushälterische Vernunft der Frauen, vertraute am Ende aber stärker auf Expertenwissen.

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke war für all dies Ausgangspunkt, sie war Funktion und Abziehbild, Projektionsfläche und nicht Realperson. Die DDR bediente sich ihrer, brauchte sie nur als Vorstellung. Das lag in der überbordend-irrealen Konstitution von Helden begründet. Es ist daher ein Warnzeichen, wenn sozialistische Helden wie Sigmund Jähn nun gesamtdeutsch und kontextlos gefeiert werden und es aus Philosophenmunde tönt, dass Demokratie Helden brauche. Helden sind Repräsentanten und Spiegelbilder autoritären Denkens, auch wenn sie darin nicht vollends aufgehen. Sie suggerieren Eindeutigkeit angesichts von Wahlzwang und vielfältigen Handlungsoptionen, suggerieren einfache Kausalitäten in einer Welt komplexer Interdependenzen und schwacher Vernetzungen. Helden stehen für Sehnsüchte nach Einfachheit und simplen Lösungen. Die Herausforderungen der realen Welt sind jedoch andere.

Uwe Spiekermann, 11. Oktober 2019

Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR 1951-1960

Selbstbedienung ist eine logische Konsequenz industrieller Massenproduktion. Entstanden ab 1916 in den USA, dauerte es allerdings fast vier Jahrzehnte bis sie sich auch im relativ rückständigen und durch den Zweiten Weltkrieg weiter geschwächten Europa durchsetzen konnte. In den 1940er Jahren waren Schweden, Großbritannien und die Schweiz Vorreiter, westdeutsche Konsumgenossenschaften folgten ab 1949. Der eigentliche Siegeszug der Selbstbedienung begann in der Bundesrepublik jedoch erst Ende der 1950er Jahre (Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, hier 102). In den vier Jahrzehnten zuvor wurde die neue, „amerikanische“ Art des Verkaufens zwar immer wieder diskutiert, praktische Versuche aber blieben Ausnahmen: Einheitspreisgeschäfte nutzten sie seit den späten 1920er Jahren, 1938 gründete der Handelsunternehmer und Ariseur Herbert Eklöh (1905-1978) in Osnabrück einen ersten Selbstbedienungsladen. Weitere Versuchsläden schlossen sich an, und während des 2. Weltkrieges halfen sogenannte Ratio- sowie Einmannbetriebe bei der Auskämmung des Handels, bei der Freisetzung von Arbeitskräften für Wehrmacht und Rüstung (Uwe Spiekermann, Rationalisierung, Leistungssteigerung und „Gesundung“: Der Handel in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Bramsche 2000, 191-210, hier 196-197).

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Modell eines Piggly-Wiggly-Selbstbedienungsladens, Memphis 1917 (Library of Congress, 3a33004u)

Während der erst zögerliche, seit 1957 dann aber enorm rasch einsetzende Wandel hin zur Selbstbedienung in Westdeutschland mehrfach dargestellt wurde (zuletzt Lydia Langer, Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln/Weimar/Wien 2013), gilt dies nicht für die Entwicklung in Ostdeutschland. Doch auch hier tönte es 1958, also fast zeitgleich wie im Westen: „Selbstbedienungsläden sind in vielen Städten der DDR bereits zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Sie ersparen lange Wartezeiten selbst in den ‚Spitzenzeiten‘ und machen den Einkauf zur Freude“ (Bunaprogramm kein fertiges Rezept, Handelswoche 3, 1958, Nr. 3, 10). In der Fachliteratur wird als Beginn derartiger Läden gemeinhin das Jahr 1956 genannt (Mark Landsman, Dictatorship and Demand. The Politics of Consumerism in East Germany, Cambridge und London 2005, 187; Andreas Ludwig (Hg.), KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR, Köln/Weimar/Wien 2006, 26; Rainer Gries, Produktkommunikation. Geschichte und Theorie, Wien 2008, 168, spricht gar von 1958). Frühere Diskussionen werden erwähnt, erscheinen jedoch als unbedeutend (Silke Rothkirch, ‚Moderne Menschen kaufen modern‘, in: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln et al. 1996, 112-119). Damit folgt die Historiographie grundsätzlich der offiziellen Lesart des SED-Regimes: Als die materiellen Möglichkeiten bestanden, die Investitionen in die Grundstoffindustrien getätigt waren, war es dann auch möglich, den Handel zu fördern und damit den Einkaufsalltag freudvoll umzugestalten. Doch so war es nicht. Stattdessen entpuppt sich die Frühgeschichte der Selbstbedienung in der DDR als ein überraschend ungeplantes Hin und Her.

Die erste Welle der Selbstbedienung 1951-1952

Die unmittelbare Nachkriegszeit war in der sowjetischen Besatzungszone trotz fortbestehender Rationierung durch massive Unterversorgung gekennzeichnet. Obwohl „Mitteldeutschland“ deutlich geringere Kriegszerstörungen als die westlichen Besatzungszonen aufwies, litt die verarbeitende Industrie unter den Zerstörungen der Infrastruktur, Kohlemangel, dem Verlust der Lieferbeziehungen nach West und Ost sowie den überdurchschnittlichen Reparationen und Demontagen. Mit der „Bodenreform“ wurden die Eigentumsverhältnisse auf dem Lande sowie die Grundlagen der Agrarproduktion massiv verändert, und Verstaatlichungen umgriffen schon bei der Gründung der DDR 1949 mehr als 60 % der Industrie (André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004, Kap. 1). Im Handel gab es anfangs deutlich geringere Eingriffe: Der private Einzelhandel und die sich wieder neu konstituierenden Konsumgenossenschaften dominierten den legalen Handel. Seit November 1948 trat die staatliche Handelsorganisation (HO) an deren Seite. Sie verkaufte Mangelwaren ohne Bezugsscheine zu höheren Preisen, half damit den Schwarzmarkt peu a peu auszutrocknen. HO und Konsumgenossenschaften erhielten einen Großteil der staatlichen Investitionsmittel, entsprechend war nur von ihnen eine Verbesserung der durchweg bestehenden Mangelversorgung zu erwarten (Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 25-33).

Selbstbedienung schien der Enge der Kriegszeit angemessen, doch während der Besetzungszeit ging es erst einmal um die Sicherung des täglichen Bedarfs (Marcel Boldorf, Sozialfürsorge in der SBZ/DDR 1945-1953. Ursachen, Ausmaß und Bewältigung der Nachkriegsarmut, Stuttgart 1998, 62-86). Fehlende Waren, vor allem aber fehlende Investitionsmittel ließen an mehr als einen Wiederaufbau des Netzwerkes kleiner und bestenfalls mittlerer Lebensmittel- und Gebrauchswarenläden nicht denken. Wie in Westdeutschland, wo das erste 170 m² große Selbstbedienungsgeschäft am 30. August 1949 von der Konsumgenossenschaft „Produktion“ im Hamburger Stadtteil St. Georg eröffnet wurde, wurde das Kapitel Selbstbedienung auch in der DDR durch eine lokale Einzelinitiative neu begonnen. Während der Hamburger Laden jedoch ein Neubau war, der an schwedische und schweizerische Vorbilder anknüpfte, stand am Anfang in der DDR lediglich eine „Selbstbedienungsecke“. Sie resultierte zudem nicht aus längeren öffentlichen Debatten – wie sie in der Bizone 1947 und 1948 insbesondere in der Fachzeitschrift Konsumgenossenschaftliche Rundschau geführt wurde –, sondern entstand offenbar aus der Rezeption „von sowjetischen und amerikanischen Vorbildern“ (Hausfrauen bedient euch selbst! Man kann sich sein Körbchen selbst füllen, aber jeder bezahlt, Neue Zeit 1951, Nr. 238 v. 19. Juni, 5).

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Pionierbetrieb Konsumverkaufsstelle 150 in Chemnitz (Der Handel 1, 1951, 21)

Im März 1951 lockte die Konsumverkaufsstelle 150 der traditionsreichen Konsumgenossenschaft Chemnitz die Mitglieder mit einem neuartigen Verkaufssystem, materialisiert in einem Selbstbedienungsregal. Darin fanden sich 75 frei verkäufliche Artikel, gegliedert in drei Gruppen: Wasch- und Reinigungsmittel, Nährmittel und kleinere Artikel, wie Backpulver und Gewürze. Alle waren mit Schildern ausgezeichnet, auf denen auch die Preise vermerkt waren. Auch mit einem hygienischen Streifband versehenes Brot konnte aus einem eigens konstruierten Stapelschrank entnommen werden. Mögliches Misstrauen wurde mit Probegläsern begegnet, ebenso gab es eine Kontrollwage. Die Kunden nahmen sich eine Verkaufsschale, legten die Ware hinein und konnten dann zur Kasse gehen. Das Selbstbedienungsregal wurde allseits begrüßt, schien es doch möglich, Verkaufskräfte einzusparen und Kosten zu senken (Hert, Die Käufer greifen selbst in die Regale. Selbstbedienung, Verkaufsmethode der Zukunft?, Berliner Zeitung 1951, Nr. 189 v. 17. August, 5). Auch die Kunden zogen mit – wenngleich entsprechende Aussagen in den Fachzeitschriften immer unter Zensurvorbehalt und Propagandaverdacht stehen: „Das Anstehen hört auf, der Kunde sieht selbst das ganze Sortiment und kann in Ruhe seine Waren aussuchen, ohne daß hinter ihm eine lange Schlange darauf warten muß, bis er fertig bedient worden ist. Zunächst waren natürlich beträchtliche Hemmungen zu überwinden. Der Kunde, gewohnt, über jedem Warenregal ein ‚Bitte nicht berühren‘ zu lesen, getraute sich zuerst nicht so recht an das Selbstbedienungsregal heran“ (D[örthe] S[äckl], Ist Selbstbedienung eine bessere Verkaufsmethode?, Der Handel 1, 1951, 21). In der Konsumgenossenschaft Chemnitz wurden dazu Mitgliederversammlungen und Vertreterbesprechungen abgehalten, zudem erfolgte eine „wirksame Agitation am Selbstbedienungsregal“.

Der Pioniertat des neuartigen Verkaufsregals folgte die Fachdiskussion auf dem Fuße. Am runden Tisch diskutierten Vertreter von Konsumgenossenschaften, Handelsorganisation, der Gewerkschaften und des Demokratischen Frauenbundes im Frühjahr 1951 Chancen und Limitierungen der neuen Verkaufsmethode (D[örthe] S[äckl], Selbstbedienung – am runden Tisch diskutiert, Der Handel 1, 1951, 51-52 – auch für das Folgende). Sie akzeptierten eine dienende Funktion des Handels für die industrielle Entwicklung der DDR. Selbstbedienung legitimierte sich demnach durch Ziele abseits des privaten Konsums: „Durch die Einführung der Selbstbedienung ist es möglich, Verkaufskräfte einzusparen, also die Selbstkosten zu senken und der Produktion Mittel zuzuführen, gleichzeitig aber werden auch Arbeitskräfte frei, die wir in der Produktion dringend benötigen.“ Doch die fehlende Produktion setzte diesem so wichtigen Ziel gleich Grenzen: Grundnahrungsmittel, wie Zucker, Fette und Fleisch, waren immer noch rationiert und nur gegen Bezugsscheine erhältlich. Dies erforderte den Einsatz von verwaltendem Verkaufspersonal. Komplette Selbstbedienungsläden schienen kaum möglich, da ein Gesamtsortiment nicht angeboten werden konnte. Zudem waren die Waren meist nicht verkaufsfähig: Die große Mehrzahl wurde den Läden in großen Chargen oder gar lose geliefert. Selbstbedienung aber erforderte verpackte Waren, wobei es nicht allein um Portionierung und Schutz des Inhalts ging, sondern immer auch um Informationen etwa über den Hersteller oder den Preis. Die Schilder und Probegläser in Chemnitz waren Resultate just dieser Mangelsituation. Die Experten wussten ferner um die unzureichenden Investitionsmittel der Handelsbetriebe. Neubauten waren praktisch ausgeschlossen, nur kleine Umbauten bzw. neue Einzelmöbel schienen möglich. Entsprechend sollten kleinere Läden zu Vorreitern werden. Deren Verkaufsraum sollte möglichst lang sein, eine Art Verkaufsstraße ermöglichen. Mangels spezieller Verkaufsmöbel, insbesondere von Verkaufsgondeln sowie Kühltruhen, konnte man sich so auf Regale konzentrieren. Diese sollten nicht höher als 1,40 bis 1,50 m sein und nicht tiefer als 50-60 cm. Schließlich erörterten die Experten den an sich erwünschten Einsatz von Registrierkassen, „um von der manuellen zur maschinellen Arbeitsweise zu gelangen und so eine geistige Überanstrengung der Selbstbedienungsverkäuferin zu verhindern.“ Doch solche gab es nicht. Einkäufe wurden auf Bestellblocks geschrieben, nur vereinzelt gab es Addiermaschinen. All dies offenbarte gravierende Unterschiede zwischen der theoretisch wünschenswerten Selbstbedienung und den realen Möglichkeiten des DDR-Handels. Hinzu kam ein grundsätzliches Misstrauen gegen frei agierende Käufer. Der direkte Zugang zur Ware könne Diebstähle erleichtern. Käufererziehung schien daher notwendig, „Bewußtseinsbildung der Bevölkerung auf breiter Grundlage“. Die Chemnitzer Selbstbedienungsecke lenkte im Frühjahr 1951 den Blick auf die immensen Vorarbeiten, erforderlich für das schnelle und direkte Einkaufen. Weitere Beispiele seien zu schaffen, an denen man lernen könne, die Aufgaben praktisch zu schultern.

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Selbstbedienungsregale für Industriewaren in Dresden 1951 (Der Handel 1, 1951, 190)

Im Juni 1951 folgten gleich mehrere neue Selbstbedienungsverkaufsstellen. Die Handelsorganisation öffnete einen Laden in Magdeburg, der einerseits bis 22 Uhr geöffnet hatte, anderseits sogenannten Schnellverkauf anbot, also die Vorbestellung von Waren, die dann zusammengestellt wurden und nur noch abgeholt werden mussten (Einkaufsmöglichkeit bis 22 Uhr, Neue Zeit 1951, Nr. 128 v. 7. Juni, 6; Selbstbedienung in Magdeburger HO, Berliner Zeitung 1951, Nr. 143 v. 24. Juni, 7). Beide Maßnahmen dienten „Werktätigen“, insbesondere Arbeiterinnen, waren also wieder Ausdruck der Produktionsorientierung der Leitungskader. Längere Ladenöffnungszeiten, kürzere Wartezeiten und ein beschleunigter Einkauf waren sinnvolle Maßnahmen, um die gängige Doppelbelastung weiter tragen zu können. Die Handelsorganisation richtete parallel in Dresden die erste Selbstbedienungsverkaufsstelle für sogenannte „Industriewaren“ ein, also dauerhafte Gebrauchsgüter, vornehmlich Haushaltswaren, Einrichtungsgegenstände, Textilien und Lederwaren (Erstes Kundenfest der HO, Neue Zeit 1951, Nr. 128 v. 13. Juni, 6). Auch die Konsumgenossenschaften weiteten ihr Selbstbedienungsangebot im gleichen Monat weiter aus, etwa durch eine weitere Verkaufsstelle in Leipzig-Gohlis.

Die (ver)öffentlich(t)e Debatte war Mitte 1951 zwar vorrangig rational ausgerichtet, betonte den Rationalisierungseffekt der neuen Verkaufsmaßnahmen. Wie nicht anders zu erwarten, wurden sie als Beitrag zum Aufbau des Sozialismus interpretiert: „Auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens werden neue, verbesserte Arbeitsmethoden eingeführt, so daß auch der Handel jetzt mehr und mehr bemüht sein muß, mit der steilen Entwicklung unserer Industrie Schritt zu halten“ („Bitte, bedienen Sie sich selbst!“, Neue Zeit 1951, Nr. 205 v. 9. September, 5). Zugleich aber wurde nun auch der utopische Gehalt der Selbstbedienung sichtbar. Sie wurde als Schritt in eine neue Welt des Einkaufens und des Konsums präsentiert: „Im Handumdrehen wandern ein Paket Waschpulver, eine Tube Zahnpasta und eine Tüte Erbsen in den Korb, und zuletzt entnimmt die hausfraulich geübte Hand einem Spezialregal ein Brot der gewünschten Sorte, ohne auch nur im geringsten mit den darunter liegenden Broten in Berührung zu kommen. Nach einer kleinen Rechtswendung kommt man dann vor eine junge Dame zu stehen, die mit liebenswürdiger Geste den gefüllten Korb in Empfang nimmt, ein-, zwei-, dreimal auf die Kassenknöpfe drückt und schließlich das Gekaufte behutsam in die Markttasche der Kundin legt.“ Einkaufen konnte so einfach sein, keine Mühsal mehr: „Wenn man’s nicht selbst gesehen hat, glaubt man gar nicht, wie schnell und mühelos man sich selbst bedienen kann“ (Hausfrauen bedient euch selbst! Man kann sich sein Körbchen selbst füllen, aber jeder bezahlt, Neue Zeit 1951, Nr. 138 v. 19. Juni, 5 (beide Zitate)). All dies war noch eingebettet in die Präsentation der Methode, die Erziehung der Hausfrau zur konsumtiven Tat. Selbstbedienung schien jedoch ein Abglanz des besseren Lebens zu sein, das die Werktätigen nach dem Aufbau des Sozialismus planmäßig genießen würden.

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Eine Stadt, zwei Systeme: Links SB-Verkaufsregale der HO-Verkaufsstätte Andreasstraße 44, rechts ein Blick in den komplett auf Selbstbedienung umgestellte Konsum-Verkaufsstelle Elsenstraße 83 in Berlin-Treptow (Der Handel 1, 1951, 223)

Die neue Verkaufsmethode wurde in den Industriestädten Sachsens und Sachsen-Anhalts erstmals eingesetzt, nicht im vermeintlichen „Schaufenster“ der DDR, dem umkämpften Berlin. Doch auch dort etablierte sich im August 1951 die neue Form des Absatzes. In der Friedrichshainer Andreasstraße 44 eröffnete die Handelsorganisation ein erstes Lebensmittelgeschäft mit Selbstbedienung (Wohnhäuser aus Trümmerschutt, Neue Zeit 1951, Nr. 191 v. 19. August, 7). Die Presseberichterstattung verwies im üblichen überbordenden Stolz, dass man diese Methode in der DDR „schon eine ganze Weile“ kenne. Es handelte sich um einen kleinen Laden mit Seitenregalen, gruppiert um einen Mittelgang: „Da liegen sie, sauber, appetitlich und übersichtlich aufgebaut die Kekse mit Marmorfüllung in Zellophanbeuteln, Datteln, Bonbons, Konfekt, in langer Reihe Mehl, Hülsenfrüchte, Gries, Schnellgerichte in Büchsen, Oelsardinen, nein, es läßt sich nicht alles aufzählen. Nur einige Artikel, wie Kuchen, Brot, Brötchen, Käse und Wurst, sind noch von der Selbstbedienung ausgenommen. ‚Bitte, bedienen Sie sich selbst!‘ Nicht zu übersehen ist das große Schild, das Hausfrauen und kauflustige Junggesellen dazu auffordert, selbst in die Regale zu greifen. Auch die freundliche Verkäuferin nötigt immer wieder dazu, denn der Berliner, sonst keineswegs schüchtern, muß sich erst an diese Neuerung gewöhnen, die so völlig auf Vertrauen zur Kundschaft aufgebaut ist.“ Man spürt die Freude am Neuen, spürt zugleich den Wunsch nach Umsatzsteigerung und damit Planerfüllung („Bitte, bedienen Sie sich selbst!“, Neue Zeit 1951, Nr. 205 v. 9. September, 5). Und schon kam die Rede auf ein ähnliches, bald in Treptow geöffnetes Konsum-Geschäft, folgte die Aussicht auf weitere Selbstbedienungsgeschäfte der Handelsorganisation.

Auch abseits des damals als „Groß-Berlin, Demokratischer Sektor“ bezeichneten sowjetischen Sektors des unter Viermächtestatus stehenden Berlins ging der Ausbau der neuen Verkaufsmethode weiter. Die Konsumgenossenschaften schritten voran, die Handelsorganisation folgte, so im sächsischen Annaberg, im mecklenburgischen Güstrow oder im brandenburgischen Forst. Doch statt uns weiter an den kleinen Neuerungen zu erfreuen, sollten wir uns doch näher mit deren Entstehung befassen. In Chemnitz gab es eine lokale Initiative – und ein Regal war rasch gezimmert. Ähnlich war das in Forst, wo sich der einschlägige zehn Meter lange und 63 m² große Selbstbedienungsladen in der Stadtmitte befand. Dort hatten sich alle HO-Beschäftigten am Aufbau beteiligt, hatten also ohne Salär gearbeitet. Das war in der damaligen DDR recht üblich, wenngleich es sich vielfach nicht um völlig freiwillige Sonderschichten handelte. Die Investitionskosten für den neuen Laden lagen dadurch bei ganzen 30 DM. Eine Registerkasse war dafür nicht zu bekommen, doch man experimentierte. So etwa mit leicht im Raum stehenden Verkaufsregalen, die von hinten befüllt werden konnten – wie schon die Ratio-Läden der Edeka seit 1939 (Hert, 1951, 5). Dennoch berichtete die Presse hier, wie auch an anderen Orten, über deutliche Umsatzsteigerungen und Arbeitsplatzeinsparungen.

Und doch: Die erste Welle der Selbstbedienung in der DDR scheiterte spätestens 1952. Zum einen wurden die ambitionierten Ausbaupläne – in Leipzig allein etwa zehn Konsum-Geschäfte mit Selbstbedienungsecken – nicht in die Tat umgesetzt. Zum anderen fand die neue Verkaufsform nach kurzer Zeit nicht mehr genügend Resonanz. 1952 waren in Chemnitz von den sechs Konsum-Geschäften mit Selbstbedienungsecken nur noch drei übrig. Herbert Poller, Initiator dieser Neuerung, vermisste „Schwung und Begeisterung“ der Anfangsphase. Des vermeintlichen Zeitdruckes zum Trotz optierten die Käufer nach einer ersten Probephase wieder für die tradierte Bedienung. Hausfrauen frequentierten die Läden mehrfach täglich, auch um zu sehen, ob neue Ware eingetroffen sei. Warten war zeitraubend, erlaubte aber auch einen kleinen Schwatz. Parallel sperrte sich ab und an auch das Verkaufspersonal: „Die vornehmlich älteren Verkäuferinnen fürchteten, überflüssig zu werden und ihre Arbeit zu verlieren“ (Etwas über die Selbstbedienung und neue Arbeitsmethoden, Die Waage 1952, 246-247, hier 246). Ähnliche Widerstände wurden aus Dresden, Erfurt und Magdeburg berichtet (A. Marga, Wie steht es mit der Selbstbedienung?, Der Handel 2, 1952, 421). Aus der Berliner Andreasstraße hieß es prägnant: „Viele Käufer trauten sich nicht, die Ware selbst aus den Regalen zu entnehmen. Einige lachten bedrückt und verschämt, als sie dazu aufgefordert wurden, andere gewöhnten sich langsam daran“ („Wie hat sich die Selbstbedienung bewährt?, Berliner Zeitung 1953, Nr. 21 v. 25. Januar, 6). Selbstbedienung setzt Warenvertrauen voraus, doch dieses bestand in der damaligen DDR nur ansatzweise.

Für die Handelskader war all dies ein Steilpass, erschien ihnen die Einführung der Selbstbedienung doch weniger als technisches, denn als erzieherisches Problem: „Entscheidend ist, daß man die Kundschaft an das ‚Selbstbedienen‘ gewöhnt“ (Die Diskussion um die Selbstbedienung geht weiter, Die Waage 1952, 277). Doch derartige „demokratische Bewußtseinsbildung“, also etwa Einkauf unter der Prämisse gesamtwirtschaftlicher Rationalisierung, war offenkundig zu kurz gegriffen. Die Defizite waren auch strukturell bedingt, war das Sortiment doch zu klein, fehlten allüberall Tüten, Cellophan und ansprechende Verpackungen. Das Verkaufspersonal wies eine hohe Fluktuation auf, ständig müsste man „immer wieder von vorn anfangen“ – so nochmals der überzeugte Neuerer Herbert Poller (Etwas über die Selbstbedienung und neue Arbeitsmethoden, Die Waage 1952, 246-247, hier 247). Ebenso wichtig war, dass sich das Kleinklein der Einzelinitiativen schlicht nicht rechnete. Die anfangs hochschnellenden Umsätze pendelten sich rasch auf nur leicht überdurchschnittliche Werte ein, Verkaufskräfte konnten nicht eingespart werden. Die meisten der 1951 gegründeten Selbstbedienungsgeschäfte stellten ihren Betrieb spätestens 1952 wieder ein, auch wenn es keine Rückführung auf null gab.

Mangelversorgung und Reorganisation 1952-1955

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Ein Vergleich von 1948 und 1952: Propagandakarikatur zum Neujahrsfest (Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 1 v. 1. Januar, 8)

Hier gilt es den Blick neuerlich zu weiten: Zu dieser Zeit geriet die DDR in eine existenzgefährdende Versorgungskrise, die im Spiegel als drohende „Hungersnot“ beschrieben wurde (Schweinemord, Der Spiegel 1953, Nr. 2 v. 14. Januar, 12-13, hier 12). Karl Hamann (1903-1973), Minister für Handel und Versorgung und Co-Vorsitzender der Liberaldemokraten, wurde im Dezember 1952 verhaftet, und durch den linientreuen SED-Politiker Curt Wach (1906-1974) ersetzt. Hamann wurde in typisch stalinistischer Manier zur Last gelegt, die Alltagsversorgung sabotiert und „Schädlinge“ bzw. „kapitalistischen Elemente im Handel“ geduldet zu haben. Die sich eklatant verschlechternde Grundversorgung war allerdings unmittelbare Folge der im Juli 1952 beginnenden Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und der Gründung der ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Die Krise spitzte sich 1953 zu und mündete in den Volksaufstand vom 15. bis 17. Juni, obwohl mit dem Neuen Kurs die strikte Durchsetzung einer sozialistischen Entwicklungsdiktatur kurz zuvor gelockert worden war. Der Westen reagierte hierauf nicht, doch verdoppelte sich die Zahl der Übersiedler 1953 auf mehr als 330.000 Personen und der Berliner Senat verteilte mit Unterstützung der USA mehr als 5,5 Millionen Lebensmittelpakete an DDR-Bürger (Michael Lemke, Büchsenmilch als politische Waffe? Die westliche Lebensmittelaktion nach dem 17. Juni 1953 als innerdeutsche Systemkonkurrenz, in: Heiner Timmermann (Hg.), Agenda DDR-Forschung. Ergebnisse, Probleme, Kontroversen, Münster 2005, 133-157).

Die Systemkrise 1953 hatte schon zu Jahresbeginn zu konsumtiven Zugeständnissen geführt, von denen der Handel an sich hätte profitieren sollen. Im Januar fasste das Politbüro der SED dessen Aufgaben neu. Es gelte, „den Lebensstandard ständig zu heben und allen Werktätigen ein besseres und schöneres Leben zu schaffen.“ Pointiert hieß dies: „Mit der ideologischen Unterschätzung des Handels ist Schluß zu machen“ (Zu den Fragen von Handel und Versorgung, Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 22 v. 27. Januar, 3) – das hatte auch der Chemnitzer Herbert Poller bereits 1952 gefordert. Die Folge war eine Reorganisation von Handel und Versorgung: „Im Vordergrund müssen in Zukunft die individuellen Wünsche der Bevölkerung stehen“ (Kommuníqué des Ministerrats, Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 29 v. 4. Februar, 2).

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Kontinuität auf niedrigem Niveau: Selbstbedienung im HO-Geschäft Dimitroffstraße 33 (heute Danziger Straße) (Berliner Zeitung 1953, Nr. 21 v. 25. Januar, 6)

Ein neuer Start: Wissenstransfer und Modellgeschäfte 1956-1957

Dies bedeutete jedoch vorrangig mehr Waren zu teils niedrigeren Preisen – also eine gesicherte Grundversorgung. Es sollte allerdings bis 1958 dauern, ehe der private Verbrauch die Vorkriegswerte erreichen und dann auch überschreiten sollte. Während der Reorganisation der Institutionen war an einen Ausbau der Selbstbedienung nicht zu denken. Die Fachzeitschrift „Der Handel“ veröffentliche weder 1953 noch 1954 einschlägige Artikel; in der Presse wurde die Verkaufsmethode nur selten erwähnt (und dann mit Bezug zur Schutzmacht, so etwa Erleichtertes Einkaufen in Moskau, Neues Deutschland 1953, Nr. 248 v. 22. Oktober, 5). Dieser relative Bann endete 1955. „Der Handel“ brachte zuerst kleine Notizen über Selbstbedienung in der UdSSR, berichtete dann auch über SB-Läden in der Bundesrepublik. Die Rezeption erfolgte vorsichtig, da die Verkaufsmethode im Westen einzig der Profitmaximierung und der Entlassung von Beschäftigten dienen würden. Doch „unter sozialistischen Bedingungen“ (Hat die Selbstbedienung als Handelsform eine Zukunft?, Der Handel 5, 1955, Nr. 16, 18) seien die Vorarbeiten eine Diskussion wert. Im Mittelpunkt stand dabei vornehmlich der rasche Ausbau bei den westdeutschen Konsumgenossenschaften (Der Handel 5, 1955, Nr. 20, 17). In der DDR begannen nun jedenfalls vereinzelte Experimente, u. a. im Konsum-Warenhaus Plauen (Der Handel 5, 1955, Nr. 17, 14).

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Anknüpfen an den Westen auf kleinem Niveau: Selbstbedienungsladen der Konsumgenossenschaft Stuttgart 1951 – reproduziert in der DDR-Fachzeitschrift „Der Handel“ 1956 (Der Verbraucher 5, 1951, 135)

Derartiges Vorpreschen wurde von den Handelsexperten jedoch nicht befürwortet. Ja, die betriebs- und versorgungswirtschaftlichen Vorteile der Selbstbedienung seien offenkundig, doch eine breitere Einführung erfordere mehr Sachkunde (J[ulius] Mader, Einkaufsbummel in einem Stuttgarter SB-Laden, Der Handel 6, 1956, Nr. 3, 8). Diese konnte einerseits aus einer genauen Analyse der Erfahrungen des Auslandes resultieren. Dabei blickte man durchaus auf das sozialistische Ausland. Wiederholt verwies man auf den Einzelhandel der Tschechoslowakei, wo nicht nur die Selbstbedienung schneller vorangekommen war (60 SB-Geschäfte Ende 1955), sondern auch der Automaten- und Schnellverkauf (Im Handel kommt ein erfreulicher Wandel, Neue Zeit 1956, Nr. 63 v. 14. März, 7). Doch auch dort kamen noch 90 Prozent aller Lebensmittel lose in den Handel, darunter auch Butter und Süßwaren. Hinweise auf die „in Polen vorhandenen und bei uns nur völlig ungenügend existierenden Selbstbedienung“ (Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1956, Nr. 189 v. 15. August, 5) unterstrichen aber den Handlungsbedarf im vermeintlich am weitesten entwickelten Staat des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Erwartungsgemäß wurden auch sowjetische Entwicklungen immer wieder thematisiert, wo insbesondere die großen Warenhäuser mit Selbstbedienungsabteilungen experimentierten (Neue Erfahrungen mit der Selbstbedienung, Der Handel 6, 1956, H. 6, 8-9).

Die Erfahrungen des kapitalistischen Westens wurden mit großem Interesse studiert, insbesondere die schwedischen Konsumgenossenschaften galten als Vorbild (Auch von der Selbstbedienung in Schweden können wir lernen, Der Handel 6, 1956, H. 9, 30). Stärker noch als für den Handel galt dies für die Gaststätten, die in der DDR größtenteils von der Handelsorganisation sowie den Konsumgenossenschaften betrieben wurden (Eine Lanze für die Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1956, Nr. 124 v. 31. Mai 1956, 6). Seit 1956 entstanden etwa „Schnellgastronome“. Der in Halle/S. war auf 2000 Personen ausgelegt, Verkaufsfächer ersetzten hier die Servicekräfte, senkten die Kosten für den Betrieb (Unliebsames Warten vorbei, Berliner Zeitung 1956, Nr. 108 v. 10. Mai, 2). Ideologisch sicherte man derartige Wissenstransfers damit ab, Techniken im Sozialismus zu neuen Höhen führen zu können: „Notwendig ist auch, die zahlreichen Erfahrungen des westlichen Auslandes anzuwenden, nachdem sie von dem Schlamm der kapitalistischen Handelsmanieren gereinigt sind“ (Jiri Aron, Die Selbstbedienung im tschechoslowakischen Handel, Der Handel 6, 1956, H. 12, 10-12, hier 12). Doch abseits derartiger ideologischer Aussagen versuchte man die internationalen Veränderungen einzufangen und für die eigenen Belange zu nutzen: „Es ist erstaunlich, wie schnell und erfolgreich sich in Europa rund um unsere Republik seit den letzten neun Jahren die Selbstbedienung im Lebensmitteleinzelhandel durchgesetzt hat“ (J[ulius] M[ader], Unsere internationale Rundschau: Für Sie in Selbstbedienungsläden geblickt, Der Handel 6, 1956, H. 16, 24-25, hier 24).

Westdeutsche Erfahrungen wurden wiederholt herangezogen, doch von einer einseitigen Fixierung auf den großen Bruder im Westen – die DDR-Bürger lagen 1958 bei ca. 60 % des privaten Verbrauchs (Steiner, 2004, 102) – kann nicht die Rede sein. Gleichwohl finden sich in der Fachliteratur Berichte über die für die westdeutsche Entwicklung wichtige Essener Lehrschau „Moderne Verkaufsstätte“ oder aber Informationen über die neuesten Trends im SB-Ladenbau (J[ulius] M[ader], Aus dem Ladenbau in Westdeutschland, Der Handel 6, 1956, H. 17, 8-9). Zudem waren Studienreisen nach West-Berlin bzw. der Bundesrepublik schon aus sprachlichen Gründen relativ einfach (Landsman, 2005, 187). Festzuhalten ist aber auch eine über ideologische Differenzen hinausgehende Interessenidentität der Handelsexperten. Als die Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels 1956 die Parole ausgab, „Das Ziel aller Rationalisierungsbestrebungen ist der Selbstbedienungsladen“ (W[erner] Prendel, Die Moderne Verkaufsstätte, Der Handel 6, 1956, H. 9, 11-12), so traf dies die Gemütslage auch zahlreicher DDR-Repräsentanten.

Der Wissenstransfer mündete zweitens in eine kleine Zahl von Modellgeschäften, auf deren Erfahrungen dann ein allgemeiner Ausbau der Selbstbedienung gründen sollte. Die Federführung lag beim Ministerium für Handel und Versorgung, den Konsumgenossenschaften und der Handelsorganisation, doch weitere Ministerien leisteten Flankenschutz. Im Ministerium für Allgemeinen Maschinenbau wurde 1956 nicht nur an neuen Heiz- und Küchengeräten gearbeitet, sondern auch die Probleme des Einkaufs behandelt. Eine Arbeitsgruppe, natürlich, beschäftigte sich „mit der schrittweisen Einführung der Selbstbedienung, der besseren Verpackung und des Automatenverkaufs“ – wobei man wissend nachschob, dass dies zunächst nur „Zukunftsmusik“ (Ziel: Billige Küchengeräte von Weltniveau, Berliner Zeitung 1956, Nr. 172 v. 26. Juni, 5) sei.

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Der Reiz des Neuen: Grünes Neonlicht und neuartige Schaufenster im Hallenser SB-Laden (Der Handel 6, 1956, H. 13, 7)

Den ersten Schritt machten 1956 abermals die Konsumgenossenschaften. Abermals entstand ein Modellladen in einer industriell geprägten Großstadt. Das am 8. Juni 1956 in Halle/S. eröffnete und komplett neu gestaltete Selbstbedienungsgeschäft besaß 150 m² Verkaufsfläche, hatte ein Sortiment von fast 700 Artikeln und war von 8 bis 20 Uhr durchgehend geöffnet (J[ulius] Mader, Neue Konsum-Verkaufsstätte für eilige Kunden, Der Handel 6, 1956, H. 13, 6-7). Platziert in der im Stadtzentrum gelegenen Klement-Gottwald-Straße (heute Leipziger Straße), verband es englische, sowjetische, schwedische, finnische, vor allem aber hamburgische Erfahrungen mit der Versorgungsrealität der DDR. Einkauf schien hier leicht zu sein, auch Konsumfreude: „Durch einen geräumigen Eingang, der von dem Ausgang abgetrennt ist, betreten wir den durch Neonlicht taghell erleuchteten Laden. Ein freundliches junges Mädchen händigt uns einen Korb aus, den jeder Kunde erhält, auch wenn er nicht die Absicht hat, einzukaufen. Links und rechts liegen auf Regalen, sehr übersichtlich angeordnet, griffbereit die mit ihren Verkaufspreisen gekennzeichneten verpackten Waren. Gleichsam im Vorübergehen greift man zu, wie von selbst füllt sich der Korb“ (Wie von selbst füllt sich der Korb, Neue Zeit 1956, Nr. 175 v. 29. Juni, 5). Das sechzehnköpfige Planungskollektiv hatte zuvor durch Presseberichterstattung und Handzettel sichergestellt, dass die Käufer wussten, was sie erwarten konnten. Registrierkassen gab es noch nicht, wohl aber vier Addiermaschinen, die auch einen für die Rückvergütung wichtigen Beleg ausdruckten. Zwei Kühltruhen bargen Käse, Butter, Margarine und Feinfrostartikel, also Tiefkühlkost. Der Fortschritt gegenüber den Läden der frühen 1950er Jahre war offenkundig, dennoch aber handelte es sich bei dem neuen Laden um einen Kompromiss: Am Ende des Verkaufsraumes befanden sich zwei personalintensive Bedienungstheken, eine für bezugsscheinpflichte Waren, eine für Fleischprodukte. Insgesamt arbeiteten 20 Personen in zwei Schichten für die Versorgung der Werktätigen. Diese begrüßten die neue Verkaufsstelle, forderten aber zugleich mehr: Einerseits Schnellverkauf tafelfertiger Gerichte, anderseits mehr Auswahl. Die Fachdiskussion konzentrierte sich auf eher technische Details, so die auf den Verpackungen fehlenden Verkaufspreise, aber auch die für einen modernen Verkaufsraum erforderlichen Verkaufsmöbel aus Leichtmetall, Glas und Kunststoff. Weitere Tests waren jedenfalls geplant: In Halle etwa ein nach westdeutschen Vorbildern einzurichtender Tempoladen sowie Selbstbedienungsinseln für Industriewaren in einem Kaufhaus.

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Blick in die Konsum-Selbstbedienungsverkaufsstelle in Halle/S. (Der Handel 6, 1956, H. 13, 7)

Doch das war in der Tat noch Zukunftsmusik, Vorrang hatte die Versorgung mit Lebensmitteln. Das galt auch für Ost-Berlin, eine bisher in den tradierten Formen des Verkaufens verharrende und mit Hauptstadtanspruch versehene Teilmetropole. Selbst in der so prestigeträchtigen Stalinallee – heute Karl-Marx-Allee – gab es 1956 keinen SB-Laden. Lediglich ein HO-Kaufhaus offerierte Teil-Selbstbedienung in seiner Herrenausstattungsabteilung (Kein Hosenbein ist mehr zu lang, Neues Deutschland 1956, Nr. 130 v. 1. Juni, 3). Das sollte sich ändern und der neu geplante Wohnkomplex Friedrichshain bot dazu eine gute Gelegenheit. Der Chefarchitekt des Magistrats, Hermann Henselmann (1905-1995), integrierte einen großen Selbstbedienungsladen als Versorgungszentrum der zentrumsnahen Hochhaussiedlung (Gedanken zu einem Entwurf, Neues Deutschland 1956, Ausg. v. 24. März, 11). Der am 15. Dezember eröffnete Konsum-Selbstbedienungsladen entstand aber an der Ecke Stalinallee und Fruchtstraße (heute Straße der Pariser Kommune). Das entsprach nicht den ursprünglichen Planungen, auch die Sozialeinrichtungen des Wohnkomplexes wurden zurückgestellt. Der neue Laden war kein Neubau, sondern eine fünf Wochen lang umgebaute Verkaufsstelle. Er war mit dem Hallenser SB-Laden vergleichbar, war mit drei Kassen aber etwas größer ausgelegt (Selbstbedienung auch beim Konsum, Neues Deutschland 1956, Nr. 299 v. 16. Dezember, 6). Während der Weihnachtsfeiertage besuchten ihn täglich 1800 Käufer.

Neue Maßstäbe setzte in Ost-Berlin jedoch die Handelsorganisation, deren Flagschiffladen bereits kurz vor dem kleineren Modelladen der Konsumgenossenschaften an der sogenannten Paradestrecke von Wandlitz nach den Partei- und Regierungsinstitutionen in der Weißenseer Klement-Gottwald-Allee 100 eröffnete worden war (für weitere Abbildungen s. Maritta Adam-Tkalec, Berlin in historischen Aufnahmen. Der erste Selbstbedienungsladen der DDR, Berliner Zeitung 2018, Ausg. v. 5. April, auch wenn die Aussage des Untertitels irreführend ist). Schon im September 1956 drangen erste Details über den neuen Selbstbedienungsladen an die Öffentlichkeit. Bis zur Enteignung war das Ladenlokal von einem zur Karstadtgruppe gehörenden Einheitspreisgeschäft genutzt worden, nun war ein kleines Einkaufsparadies mit sieben Kassen geplant. Die Preise lagen immer noch höher als im Konsum, doch dafür sollte das Angebot umfassend sein. Auch in der Klement-Gottwald-Allee waren jedoch noch Bedienungstheken integriert (Mit kleinem Wagen von Regal zu Regal, Neue Zeit 1956, Nr. 21 v. 9. September, 8). Kurz vor Weihnachten war es dann soweit: Neueröffnung! Schon lange zuvor Kundenauflauf. Türen auf, Blumenstrauß an die erste Kundin. Drinnen alles so wie in Halle, doch größer, viel größer. Hier konnte wahrlich mit dem Auge gekauft werden. Die hier neben den üblichen Körben verfügbaren Einkaufswagen konnten nun genutzt werden: „Das Warensortiment dieser Verkaufsstelle ist so umfangreich, wie wohl kaum in einem anderen Geschäft Berlins. Denn angefangen vom frischen Fleisch über Geflügel, Nährmitteln, Backwaren, Kaffee, den man gleich mahlen kann, den verschiedensten Sorten von Weinen – auch halbe Flaschen werden angeboten –, bis zu Rauchwaren erhält man einfach alles. […] Was hier demonstriert wird, ist wahre Verkaufskultur“ (Hier bedient sich jeder selbst, Neue Zeit 1956, Nr. 292 v. 14. Dezember, 6). Sogar Südfrüchte gab es am 13. Dezember, dem Eröffnungstag. 6000 Kunden wurden während des Feiertagstrubels täglich gezählt (Einkaufen im Vorübergehen, Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6).

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Eine neues Raumerlebnis: HO-Selbstbedienungsladen in Berlin-Weißensee (Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6)

Kurz nach der Eröffnung der beiden Berliner Modellläden wurde ein vorläufiges Resümee gezogen. Die Warenversorgung funktionierte, der Kundenzuspruch beider Läden pendelte sich bei täglich 4000 Käufen ein. Diebstähle gab es nur wenige, auch dank zahlreicher Spiegel. Die Kühltechnik arbeitete zufriedenstellend, ebenso die Kassen. Reserven waren jedoch nicht vorhanden, so dass Unsicherheit blieb. Schwerwiegender war, dass die anvisierten Rationalisierungseffekte nicht erzielt wurden. Die vom Kommunalen Großhandel gelieferten Verpackungen hatten keine Bilder und Beschriftungen, Verzögerungen und Rückfragen waren die Folge. Die Verkaufsarbeit konzentrierte sich auf das Kassieren und die Neuverpackung der meisten Waren. Im SB-Konsum Stalinstraße mussten von 80.000 angelieferten Warenposten 70.000 nochmals bearbeitet werden (Einkaufen im Vorübergehen, Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6). In einem launigen Artikel über die „Verpackungsmaterialkrankheit“ im Konsum Friedrichshain wurden die Finger in die Wunden gelegt: „Es ist verständlich, daß es noch geraume Zeit dauern wird, ehe sämtliche Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Verpackung beseitigt werden können. Es geht ja nicht nur um Rohstoffbeschaffung, sondern auch um Normung des Verpackungsmaterials und Entwickeln neuartiger Behälter, um gründliche Abstimmung zwischen Produktion und Handel darüber, wer was und inwieweit verpackt, es geht um die Produktion neuer Abpack- und Schließmaschinen. Doch jetzt ist es höchste Zeit, wenigstens bestimmte, schon jahrelang vorhandene Unzulänglichkeiten schnellstens zu beheben, so das Fehlen von Tüten mit Papiereinlagen, von Säcken und Behältern aus festerem Material“ (Verpackungskrankheit, Berliner Zeitung 1957, Nr. 34 v. 9. Februar, 5). Selbst Cellophan, gängiges Verpackungsmaterial seit den späten 1920er Jahren, war nicht in ausreichender Menge zu erhalten. Anspruch und Wirklichkeit, zukunftsgewandte Verheißungen und die Realitäten einer Mangelgesellschaft trafen hart aufeinander. Parallel zerfiel schon die Leuchtreklame in der Stalinallee. Von den 114 Neonlichtern waren fast die Hälfte ganz oder teilweise ausgefallen (Zwischen ‚obelhaus‘, ‚sum‘ und ‚aren‘, Neue Zeit 1957, Nr. 105 v. 7. Mai, 8). Derartige Informationen wurden nun jedoch gesammelt und in Planungsszenarien integriert. Die noch rudimentären Daten über Absatz, Sortimente und Umsätze boten die Möglichkeit für einen Aufbau von Selbstbedienungssortimenten auf breiter Front.

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Bauarbeiten am Kaufhaus Fix 1957 (l.) und Weihnachtswerbung 1958 (Berliner Zeitung 1957, Nr. 242 v. 16. Oktober, 8; Neue Zeit 1958, Nr. 286 v. 7. Dezember, 6)

Dabei war der Lebensmittelsektor noch relativ überschaubar, verglichen zumindest mit dem weiten Feld der Industriewaren, der später so genannten tausend kleinen Dinge. Um dieses näher zu erkunden wurde schließlich als vierter Modellladen am 5. November 1957 das Konsum-Kaufhaus Fix für Industriewaren in der Schönhauser Allee, Ecke Milastraße im Bezirk Prenzlauer Berg eröffnet. Über die Presse wurden die Pläne frühzeitig veröffentlicht, die Bauarbeiten an der 40 Meter langen und von 13 Schaufenstern geprägten Front weckten Neugier. Auf 300 m² Verkaufsfläche wurden „Erzeugnisse der Haushaltschemie, Toiletteartikel, Bestecke, Haushaltsgeräte, Kunststoffartikel, Glas- und Porzellanwaren, Holz- und Bürstenwaren sowie Gummiartikel“ per Selbstbedienung, zudem „Kurzwaren, Kleintextilien, Parfümerieartikeln, Bijouteriewaren und Uhren“ im Tempoverkauf angeboten (Selbstbedienung auch bei Industriewaren, Berliner Zeitung 1957, Nr. 248 v. 23. Oktober, 7). Angepriesen als eine „bisher einmalige Einrichtung in Deutschland“ (Fix ins Kaufhaus „Fix“, Neues Deutschland 1957, Nr. 252 v. 24. Oktober, 6), nahm man gar für sich in Anspruch mit dem Kaufhaus Fix den Selbstbedienungspionier Schweden zu übertreffen. Weltniveau in Ost-Berlin: Höhere Rentabilität, weniger Verkaufskräfte (im Betrieb arbeiteten nur 22 Personen) sowie schnellerer Einkauf, das waren die rationalen Gründe für den neuen Modellladen, der die bisherigen Erfahrungen mit vielen Selbstbedienungsecken und -abteilungen in der DDR vorgab zu berücksichtigen (Fix zu ‚Fix‘, Berliner Zeitung 1957, Nr. 259 v. 5. November, 5). Die Geschäftsöffnung folgte den gängigen Formen, flotte Musik und pullernde Heizungen luden ein. Rasch danach eine erste Evaluation, abermals eine geringe Zahl von Diebstählen, vor allem aber Akzeptanz des neuen SB-Ladens bei Käufern und Verkäuferinnen: „Die neue Art des Verkaufens war ungewohnt und erfuhr bei so mancher Kollegin Skepsis, sogar Abneigung. Aber heute hat sich schon fast alles eingespielt, und jeder steht seinen Mann“ – auch die Frau… (Gisela, Wie geht es mit Kaufhaus „Fix“, Neues Deutschland 1957, Nr. 291 v. 10. Dezember, 6).

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Kontinuität lokaler Initiativen: Konsum-Selbstbedienungsladen im mecklenburgischen Neustrelitz (Der Handel 6, 1956, H. 14, 24)

Die vier Musterläden in Halle/S. sowie Ost-Berlin standen im Mittelpunkt der öffentlichen und insbesondere der fachlichen Diskussion über die allgemeine Einführung der Selbstbedienung in der DDR. Doch diese Leuchtturmprojekte waren umkränzt von zahlreichen weiteren lokalen Initiativen vornehmlich lokaler Konsumgenossenschaften. Regelmäßig verwies man dabei stolz auf die geringen Anschaffungskosten. In Neustrelitz lackierte man dazu in Eigeninitiative eine alte Ladeneinrichtung um, renovierte den Verkaufsraum und fertig war ein neuer 64 m² großer Selbstbedienungsladen. Dies zählte, mochten auch Addiermaschinen fehlen und das Sortiment mangels Vorverpackung beschränkt sein (In Neustrelitz setzte sich das Selbstbedienungssystem durch, Der Handel 6, 1956, H. 14, 24-25). Auch in Sachsen nahm die Zahl der SB-Geschäfte wieder rasch zu (Selbstbedienung, Neues Deutschland 1956, Nr. 234 v. 30. September, 3), und die Konsumgenossenschaften verpflichteten sich 1957 in allen vierzehn DDR-Bezirken zumindest einen SB-Laden für Industriewaren einzurichten (Selbstbedienung im Vordergrund, Berliner Zeitung 1957, Nr. 10 v. 12. Januar, 5).

Auf dem Weg in die sorgende Diktatur 1957-1958

Die Musterläden fügen sich in den Rahmen der allgemeinen Entwicklung der DDR. Die Versorgungslage hatte sich stabilisiert, die Wirtschaft wuchs nicht allein in den weiterhin im Vordergrund stehenden Grundstoff- und Investitionsgüterindustrien. Die Politik versprach neuerlich deutliche Verbesserungen des Lebensstandards, der 1956 begonnene zweite Fünfjahresplan sollte diese ermöglichen. All das hörte sich an wie die übliche Zukunftsmusik, zumal erst im Frühjahr 1957 klarere Vorgaben für den Handel erlassen wurden. Mit dem sogenannten Bunaprogramm konzentrierte man sich auf „Maßnahmen zur Entlastung der werktätigen Frauen“. Das flankierende Elfpunkteprogramm des Ministeriums für Handel und Versorgung nannte die Schaffung neuer Selbstbedienungsläden an erster Stelle (Mehr Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1957, Nr. 90 v. 15. April, 2). Zugleich wurde die Umsetzung jedoch dezentralisiert und auf Großbetriebe konzentriert. Ladenneubauten sollten zwar gleich als SB-Geschäfte geplant werden, doch die weiterhin eng bemessenen Investitionsmittel sollten zudem Schnellverkauf und Verkaufsautomaten fördern, längere Öffnungszeiten und vorverarbeitete Lebensmittel erlauben, Tiefkühltruhen und Lieferdienste unterstützen, nicht zu vergessen verbesserte Gastronomieangebote (Handel soll arbeitenden Frauen helfen, Berliner Zeitung 1957, Nr. 112 v. 16. Mai, 5). Das war ein bunter Strauß an sich sinnvoller Maßnahmen, der allerdings nur teilweise umsetzbar war, da sie das wirtschaftliche Potenzial der DDR massiv überschätzten. Der Fünfjahresplan musste 1959 abgebrochen werden, wurde dann jedoch durch einen Siebenjahresplan ersetzt, der kaum minder irreale Zielsetzungen verfolgte. Die Fixierung der politischen Führung auf den westdeutschen Konkurrenten ließ zugleich die nicht unbeträchtlichen ökonomischen Erfolge der DDR schrumpfen. Relative Rückständigkeit wurde zum Marker und Makel Ostdeutschlands. Die immer neuen Parolen des Ein- und Überholens erschienen phrasenhaft, zumal als die durchaus ambitionierten Wirtschaftsreformen an den Grundstrukturen einer sozialistischen Planwirtschaft scheiterten.

Die Handelstätigkeit wurde in dieser Zeit moralisch weiter aufgeladen, sollte der sozialistische Handel doch – so das Präsidium des Nationalrates Anfang Mai 1957 – „die Überlegenheit des sozialistischen Systems über dem kapitalistischen System zum Ausdruck bringen“ (Staatsmacht im Dienst des Volkes, Berliner Zeitung 1957, Nr. 106 v. 8. Mai, 6). Viel wurde angekündigt, doch nur weniges umgesetzt. Ein neues „erstes“ HO-Fleischwaren-Selbstbedienungsgeschäft am Bahnhof Friedrichstraße feierte zwar schon Anfang September 1957 Richtfest, konnte jedoch aufgrund von Lieferschwierigkeiten erst Anfang März 1958 eröffnet werden (Schnitzel aus der Kühlvitrine, Berliner Zeitung 1957, Nr. 205 v. 4. September, 8; Neue Selbstbedienungsläden, Neue Zeit 1958, Nr. 51 v. 1. März, 6). Ende 1958 wurde dann kritisiert, dass die Ware nicht ausreiche und vor Verkaufsschluss mehrfach ausverkauft sei (Gute Vorsätze bringen gute Umsätze, Berliner Zeitung 1958, Nr. 304 v. 31. Dezember, 6). So sah das gute Leben nicht aus. Das Bunaprogramm entpuppte sich als „nur ein Beschluß unter vielen“ (Eberhard Russek, Was erwartet die werktätige Frau vom Handel?, Neues Deutschland 1958, Nr. 34 v. 8. Februar, 12), auch wenn die Selbstbedienung Fortschritte gemacht hatte. Im Bezirk Halle/S. gab es derweil 18 SB-Läden, im Bezirk Karl-Marx-Stadt 11. Von einer Verbesserung der Einkaufssituation, vor allem einer Reduktion der langen Wartezeiten, konnte dennoch kaum die Rede sein (über die Erfahrung des Wartens vgl. K. Lehmann, Einkauf leicht gemacht, Neues Deutschland 1957, Nr. 245 v. 16. Oktober, 6).

Die Selbstbedienung gewann 1957 an Bedeutung, von einem Durchbruch konnte aber noch nicht die Rede sein. Dieser sollte erst 1958 und vor allem 1959 erfolgen. Zentral war dabei das Ende der Rationierung am 29. Mai 1958 (Gesetz über die Abschaffung der Lebensmittelkarten vom 28. Mai 1958, Handelswoche 3, 1958, Nr. 23, 4). Sie war trotz damit einhergehender Preiserhöhungen eine Morgengabe für den im Juli stattfindenden 5. Parteitag der SED. Dort wurde festgestellt, dass die Grundlagen des Sozialismus im Wesentlichen geschaffen worden seien und man nun „die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR gegenüber der Herrschaft der imperialistischen Kräfte im Bonner Staat“ auch dadurch unterstreichen sollte, dass „der Pro-Kopf-Verbrauch unserer werktätigen Bevölkerung mit allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgüter den Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft“ (Walter Ulbricht, Unsere ökonomische Hauptaufgabe, in: Ders., Über die Dialektik unseres sozialistischen Aufbaus, Berlin (O) 1959, 93-96, hier 94). Der Parteitag beschloss, „Schluß zu machen mit allen Überresten des nur ‚Verteilens‘ von Waren: Es gilt, auf neue Art Handel zu treiben, d. h. die Warenproduktion mit den Bedürfnissen der Werktätigen in Übereinstimmung zu bringen und den kürzesten Warenweg zu benutzen, die Waren kulturvoll anzubieten und schnell zu verkaufen. […] Der weiteren Entwicklung des sozialistischen Sektors ist dadurch Rechnung zu tragen, daß die Einführung solcher Methoden, wie die Selbstbedienung, der Schnellverkauf, der Versandhandel für die Landbevölkerung und der ambulante Landhandel, der Ausbau und die Spezialisierung der Verkaufskapazitäten in Stadt und Land planmäßig vorangeht“ (Neues Deutschland 1958, Nr. 170 v. 18. Juli, 6). Das lag auf der Linie des Bunaprogramms, doch die neue Form höchster Dringlichkeit trug Früchte. Der Binnenhandel erhielt höhere Investitionsmittel, die nun etwas mehr als 4 % der Gesamtinvestitionen ausmachten (Karl C. Thalheim, Die wirtschaftliche Entwicklung der beiden Staaten in Deutschland, 3. überarb. und erw. Aufl., Opladen 1988, 109). Diese konnten genutzt werden, da man 1958 auf eine breite Palette von Erfahrungen und Vorarbeiten zurückgreifen, die zuvor nicht zur Verfügung standen. Damit gelang in den folgenden zwei Jahren der quantitative Durchbruch der Selbstbedienung in der DDR.

Der quantitative Durchbruch der Selbstbedienung 1958-1960

Die Konsumgenossenschaften blieben Hauptpropagandisten und Hauptträger einer umfassenden Modernisierung des Verkaufsstellennetzes, nicht zuletzt, um die dominierenden Kleinstläden zu erneuern und den Absatz damit wirtschaftlicher gestalten zu können. Sie forderten ein Ende des Kleinklein bei der Selbstbedienung: “Eine Anzahl repräsentativer Verkaufsstellen wurde projektiert und eingerichtet, doch der Aufwand dafür steht in keinem Verhältnis zum eigentlichen Nutzeffekt“ (Böttner und Thiel, Neue Wege im Ladenbau, Handelswoche 1958, Nr. 41 v. 8. Oktober, 10). Der Verband Deutscher Konsumgenossenschaften handelte entsprechend, schuf Rahmenbedingungen für Veränderungen in der Breite. Im März 1957 wurde die Abteilung „Technik des Handels“ gegründet, um alle mit dem Ladenbau zusammenhängenden Fragen anzugehen. Im Mittelpunkt standen dabei standardisierte Selbstbedienungsmöbel. Erste Entwürfe wurden 1957 vorgestellt, anschließend hunderte Ladeneinrichtungen „im konsumeigenen Möbelwerk Arendsee und außerhalb des Plans im Konsum-Holzverarbeitungswerk Eberswalde“ (Andreas Ludwig (Hg.), KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR, Köln/Weimar/Wien 2006, 31) produziert.

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„Formschön und zweckmäßig“: Beispiele standardisierter SB-Möbel der DDR-Konsumgenossenschaften (Handelswoche 3, 1958, Nr. 47, 7)

1958 begann dann die Serienproduktion von etwa 80 Verkaufsmöbeltypen. Grundprinzipien industrieller Massenproduktion sollten helfen, Massenkonsum rasch und kostengünstig zu ermöglichen: „Vorteile liegen insbesondere in der Festlegung und Anwendung eines einheitlichen Maßsystems, in der vielseitigen Anwendungsmöglichkeit der Standards für die Masse der Verkaufsstellen, in der serienmäßigen, industriellen Produktion dieser Möbel und nicht zuletzt niedrigeren Fertigungskosten. Mit den Standardmöbel ist auch die bisherige Form der individuellen Projektierung und Einrichtung von Verkaufsstellen sowie der damit verbundene Zeit-, Arbeitskraft- und Kostenaufwand überholt“ (Böttner und Thiel, Neue Wege im Ladenbau, Handelswoche 1958, Nr. 41 v. 8. Oktober, 10). Die immer noch große Zahl der Verkaufsmöbel sollte helfen, einer „Uniformierung“ der Läden entgegenzuwirken (Böttner und Thiel, Formschön und zweckmäßig, Handelswoche 1958, Nr. 47 v. 19. November, 7). Sie sollten aber nicht nur den sehr heterogenen Ladenstrukturen der Konsumgenossenschaften entsprechen, sondern auch Vorarbeiten für eine sozialistische Konsumgesellschaft leisten, die den so unterschiedlichen Bedürfnissen der sozialistischen Persönlichkeiten entsprechend sollte. Überschätzen darf man die Auswirkungen der Standardisierung aber nicht: Von den 1958 neu eröffneten 1652 Läden – nicht nur mit Selbstbedienung – der Konsumgenossenschaften, waren lediglich 466 mit standardisierten Möbeln ausgestattet (Ludwig (Hg.), 2006, 33). Für Veränderungen blieben lokale Initiativen unabdingbar.

14_Handelswoche_03_1958_Nr49_p11_Registrierkassen_Secura_Berlin_Rechenmaschinen

Neue Registerkassen als Grundlage für die quantitative Ausweitung: Anzeige 1958 (Handelswoche 3, 1958, Nr. 49, 11)

Die Konsumgenossenschaften gingen ebenfalls das Kernproblem der Registrierkassen an. Der VEB Secura bot jedoch erst 1958 ein verlässliches Modell an, 1800 Geräte konnten im selben Jahr eingesetzt werden. Zuvor versuchte man aus der Not eine Tugend zu machen, indem man Addiermaschinen aus der Buchhaltung für den Verkaufseinsatz umrüstete (Angaben n. Ludwig (Hg.), 2006, 32-33). Trotz beträchtlicher Erfolge wurde die Abteilung „Technik des Handels“ im Rahmen der allgemeinen Umstrukturierung der Wirtschaftsverwaltung allerdings aufgelöst und in das Staatliche Versorgungskontor für Handelsausrüstungen überführt. Dies sollte die Breitenwirkung seiner Arbeit unterstützen.

Die Vorarbeiten der Konsumgenossenschaften, aber auch die Erfahrungen mit den vier Musterläden, mündeten dann in politisch unterstützte regionale Initiativen, unter denen die Berlininitiative herausragte. Ost-Berlin war damals trotz der drei Musterläden eine Selbstbedienungsdiaspora. Im Januar 1958 plante der Magistrat die Errichtung von 38 SB-Läden bis 1960 (Landsman, 2005, 187), doch diese Zahlen wurden rasch gesteigert. Anfang März lagen die Planungen bei 20 weiteren Läden schon im Jahre 1958 (Neue Selbstbedienungsläden, Neue Zeit 1958, Nr. 51 v. 1. März, 6). Der 5. Parteitag der SED und die neuen Perspektivpläne des Siebenjahresplanes führten dann in ganz andere Dimensionen. Am 31.12.1958 gab es in Ost-Berlin 27 Selbstbedienungsläden, 1959 sollte deren Zahl auf 95 steigen. Dann aber legten die Konsumgenossenschaften los und begannen „mit wenigen Mitteln Verkaufsstellen in allen Größen in Selbstbedienung umzubauen“ (Dieter Schindler, Berlin holt auf!, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 160-162, hier 160). Bis zur Leipziger Binnenhandelskonferenz Ende Juli 1959, auf der die Handelskader sich auf die neuen wirtschaftlichen Aufgaben einschworen, waren in Berlin dann 460 SB-Verkaufsstellen eingerichtet worden, 40 % davon kleiner als 50 m² (Ebd., 160).

Selbstbedienung stand in Ost-Berlin für Handelsrationalisierung – und diese war angesichts der Planvorgaben unausweichlich, sollte der Warenumsatz bis 1965 um die anvisierten etwa 50 % gesteigert werden. Das war mit den tradierten Bedienungsgeschäften nicht zu schaffen, zumal die DDR auch zu dieser Zeit jährlich mehr als 100.000 Personen an den Westen verlor und an zusätzliche Verkaufskräfte nicht zu denken war. Die Konsumgenossenschaft Berlin setzte sich in ihren Perspektivplänen daher ambitionierte Ziele: „Bis zum 10. Jahrestag unserer Republik, dem 7. Oktober 1959, werden von den 1300 Konsum-Verkaufsstellen 226 auf Selbstbedienung und Teilselbstbedienung umgestellt. Bis 1961 erhöht sich diese Zahl auf 600“ (Konsum-Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 86 v. 14. April, 5). Die Zahlen umfassten allerdings sehr unterschiedliche Verkaufsmethoden, nämlich Selbstbedienung, Teilselbstbedienung und Schnellverkauf. Klar war aber: „Selbstbedienung wird in den kommenden Jahren groß geschrieben“ (600 Konsum-Selbstbedienungsläden, Berliner Zeitung 1959, Nr. 92 v. 21. April, 5). Und die Pläne waren gar noch größer: „Alle Konsumverkaufsstellen werden bis Ende 1961 renoviert und planmäßig mit Kühlmöbeln, Registrierkassen, Schnellwaagen und anderen modernen Handelsausrüstungen versehen“ (Berliner Konsum hat viel vor, Neues Deutschland 1959, Nr. 108 v. 20. April, 2). Diese Zahlen ließen auch die Konkurrenz nicht unbeeindruckt, auch HO und der unterkapitalisierte private Handel zogen nach und mit (Private Selbstbedienungsläden?, Neue Zeit 1959, Nr. 115 v. 21. Mai, 6). Bis zum Jahrestag der Republik sollten in Berlin 735 SB-Läden bestehen, vorrangig Lebensmittelläden, doch auch zahlreiche Industriewarengeschäfte und Gaststätten. Angesichts solcher Perspektiven war sie wieder da, die Utopie eines besseren Lebens: „Die Zeit der Schimpfkanonaden und berechtigten Kritik am Berliner Handel ist bald vorüber. Wie gehen erfreulichen Zeiten entgegen. Wir werden in den Gaststätten billiger essen, weit mehr Selbstbedienungsgeschäfte antreffen, ja, künftig werden sogar Milch und Schrippen ihren Weg bis zu unserer Haus- und Korridortür finden“ (Frischer Wind im Handel, Neue Zeit 1959, Nr. 98 v. 28. April, 6). Die Planziffern würden zwar nicht erreicht werden, doch der Einkauf rascher erfolgen, die Preise sich vielleicht etwas verringern, das Warenangebot steigen. Utopien dienten dazu, die Bevölkerung in Schach zu halten.

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Neuer SB-Laden in Stalinstadt 1959 (Bundesarchiv, Bild 183-61967-0008, CC-BY-SA 3.0)

Dieses rasche Wachstum galt der politischen Führung als Bestätigung ihrer Politik. Die Investitionsmittel wurden zwar auf die industriellen Zentren und Prestigeprojekte, wie Leuna, Schwarze Pumpe, das Erölkombinat Schwedt oder Stalinstadt konzentriert, doch offenbar gelang der „Sprung nach vorn“ (Curt-Heinz Merkel, Bessere Lösung der Versorgungsaufgaben hilft maximalen Zeitgewinn sichern, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 45-70, hier 63) in der gesamten DDR. Ende 1959 gab es stolze 7168 Geschäfte mit Voll- und 5781 mit Teilselbstbedienung. Konsumgenossenschaften und HO dominierten klar. Deren 6959 Geschäfte mit Vollselbstbedienung lassen sich weiter aufgliedern: Mit 5292 Läden dominierte der Lebensmittelsektor, gefolgt vom Industriewaren- (810) und Gemischtwarenverkauf (700). Hinzuzuzählen waren 157 SB-Gaststätten (Hans Schlenk, Der Binnenhandel in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Berlin 1960, 81). Fast zwei Drittel dieser Geschäfte waren Teil der Konsumgenossenschaften.

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Anteil der HO- und Konsum-Selbstbedienungsgeschäfte am gesamten Lebensmittelhandel in den Bezirken der DDR 1960 (Handelswoche 6, 1961, Nr. 26, 10)

Das Wachstum ging weiter, schwächte sich 1960 aber deutlich ab – eine Folge der wirtschaftlichen Krise der DDR, die unter anderem aus der forcierten Zwangskollektivierung, einer disproportionalen Branchenentwicklung, verschärfter politischer Repression, weiter ansteigenden Flüchtlingszahlen und der temporären Kündigung des Interzonenhandelsabkommes durch die Bundesrepublik resultierte. All dies mündete im Mauerbau, politisch desaströs, wirtschaftlich aber unausweichlich. Ende 1960 gab es bei Konsumgenossenschaften und HO 13.070 Selbstbedienungsläden (8776 für Lebensmittel, 2026 für Industriewaren, 1900 für Gemischtwaren und 358 Gaststätten). 18,5 % des HO- und Konsum-Umsatzes wurden im IV. Quartal 1960 per Selbstbedienung erzielt, bei Lebensmitteln betrug deren Anteil gar 28,2 % (Selbstbedienung setzt sich durch, Handelswoche 6, 1961, Nr. 26 v. 29. Juni, 10; Landsman, 2005, 278 nennt für Ende 1961 12.1912 SB-Geschäfte). Ost-Berlin hatte seinen Rückstand mehr als wettgemacht, besaß seither relativ mehr SB-Geschäfte als die 14 DDR-Bezirke. Die Selbstbedienung war 1960 in der DDR fest etabliert, der Ausbau setzte sich in den 1960er Jahren, wenngleich relativ moderat, weiter fort.

17_Gemeinschaftsarbeit_1959_p001_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Konsumentin_Glasverpackung

DDR-Bürgerin beim Einkauf 1959 (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 1)

Die Einführung der Selbstbedienung in der DDR war ein Kraftakt. Sie veränderte das Einkaufen, sie eröffnete einen Freiheitsraum. Der Käufer war nicht länger der relativen Willkür der Verkäufer und Händler ausgesetzt, er hatte direkten Kontakt zur Ware, konnte wählen: „Ein erhabenes Gefühl, allen Waren allein gegenüberzustehen. Ich verweile vor dem Ständer mit Marmeladen und betrachte sie mir wie ein Gemälde. Ich lese die Etikette, studieren die Preise, nehme ein Glas heraus, stelle es wieder zurück, greife zum nächsten… In jedem anderen Laden hätten der Verkäufer und die hinter mir anstehenden Personen längst mit Marmelade nach mir geschmissen.“ Nach fast zwei Jahrzehnten Rationierung kann man es kaum ermessen, das „herrliche Gefühl, bloß zugreifen zu brauchen, um sich in den Besitz einer Ware zu bringen“ (Zitate aus Kundendienst bei Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 32 v. 7. Februar, 8).

Entsprechend hat insbesondere die Kulturanthropologin Ina Merkel auf die emotional begründete Faszination der Selbstbedienung hingewiesen: „Große Schaufenster, durch die man in das Innere blicken konnte, kräftige Beleuchtung und Neonschriften – die Selbstbedienungsgeschäfte traten als beleuchtete Glaspaläste in Erscheinung und vermittelten einen Hauch von Moderne und von Welt. […] Aus dem Funktionswandel des Einkaufs folgte eine völlig neue Ästhetik, und sie war das eigentlich Bezaubernde. […] Die Verkaufsräume beeindruckten selbst nach geringfügigen Umbauten durch ihre Großzügigkeit und Offenheit. Das Licht war auf die Waren konzentriert. Das Ganze wirkte wie eine große Warenausstellung. Durch die Innenausstattung mit Drahtkörben, Stahlrohrgestellen und plasteverkleideten Regalen kamen moderne Materialien zum Einsatz. Selbst die nach heutigen Begriffen kleinen Einkaufskörbe und die ersten Einkaufswagen entzückten die Konsumenten durch ihren Neuigkeitswert. Für einige wenige Jahre war die Ästhetik der Öffentlichkeit der des privaten Raumes um einiges voraus“ (Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR, Köln/Weimar/Wien 1999, 207).

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Modell eines standardisierten Konsum-SB-Ladens (Handelswoche 3, 1958, Nr. 41, 10)

Diese Faszination bestand. Doch sie dominierte nicht. Die Einführung der Selbstbedienung in der DDR war nicht allein Resultat länger zurückreichender ökonomischer Notwendigkeiten, sondern sie diente vielfach einem Notwendigkeitskonsum. In Magdeburg war beispielsweise das 1958 gegründete „Tempo-Eck“ die erfolgreichste SB-Verkaufsstelle. Direkt am Hauptbahnhof gelegen, war es Tag und Nacht geöffnet, richtete sich an Reisende, vor allem aber an die Eisenbahner und Werktätigen. Hier konnte man auch Brötchen, Milch, Kakao und Butter ordern, allesamt nötig, um einen harten Arbeitsalltag einfacher organisieren zu können (Vorbildliche Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 41 v. 18. Februar, 5). Faszination konnte von Selbstbedienungsgeschäften ausgehen, doch sie bewirkten wohl eher Erleichterung; Erleichterung darüber, dass nach langen Debatten endlich auch der tägliche Einkauf etwas leichter wurde, dass ein Stück der täglichen Entmündigung abgetragen wurde. Um das damit aufgeworfene Problem besser abschätzen zu können, gilt es abschließend einen genaueren Blick auf die 1959 bis 1960 neu entstandenen Einkaufsstätten zu werfen. Sie wiesen, abgesehen von wenigen Modelläden, deutliche qualitative Defizite auf.

Tonnenideologie oder Ausweitung mit qualitativen Defiziten

Ja, in den späten 1950er Jahre begann der „Siegeszug der Selbstbedienungsverkaufsstätten“ (Gerd Dietrich, Kulturgeschichte der DDR, Göttingen 2018, 1136) auch in der DDR. Vor Ort aber war die Begeisterung oft flau, erinnerte an die rasch abebbende Resonanz 1951/52. Als 1958 im sächsischen Annaberg-Buchholz ein erster HO-Selbstbedienungsladen nach einem Umbau eröffnet wurde, war das Ergebnis ernüchternd: „Anfangs war ein guter Käuferstrom vorhanden, doch in der letzten Zeit flaute dies ab“ (Annamaria Becker, Selbstbedienung ohne Zuspruch?, Neues Deutschland 1959, Nr. 92 v. 4. April, 10). War es die relative Kälte des auf den Wahl- und Kaufakt reduzierten Einkaufs? War es das fehlende Schwätzchen in der Warteschlange? War es der fehlende Kontakt zur Verkäuferin, notwendig auch für begehrte Bückware? Oder aber Widerstand gegen den Zwang zur Mitarbeit, gegen die Ersetzung von Verkäufer- durch Kundenarbeit? Die offizielle Antwort war mangelhaft entwickeltes gesellschaftliches Bewusstsein der Kunden, resultierend aus ungenügender Käufererziehung. Im brandenburgischen Neuglobsow konnte der HO-Verkaufsstellenleiter Otto Schulze durch Hilfe und gutes Zureden vielen alten Frauen die Angst nehmen, den neuen SB-Laden zu betreten (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 77). Das Notwendige musste nur vermittelt werden, dann würde es schon funktionieren.

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Standardpläne für neu einzurichtende Industriewaren-Selbstbedienungsläden (Handelswoche 3, 1958, Nr. 37, 9)

Die durchaus bestehende Zurückhaltung der Käufer war auch eine Folge der geringen Faszination, die von den meisten SB-Läden ausging. Gewiss, es handelte sich an sich um einen neuen Typ des Verkaufs/Einkaufs, für den an sich nicht nur eine neue Absatzkette, neue Verkaufsmöbel, neu gestaltete Waren, sondern nicht zuletzt neue Läden erforderlich waren (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958; Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960). Neue Läden aber blieben in der DDR eine Ausnahme. In ihrer großen Mehrzahl handelte es sich bei den „neuen“ Geschäften um simple Umbauten mit geringen Investitionen. Dies war Folge des relativen und absoluten Rückstandes der DDR nicht nur gegenüber westlichen, sondern auch gegenüber östlichen Staaten. 1958/59 war dieser „Tempoverlust“ ein auch öffentliches Ärgernis, entsprechend massiv musste das Aufholen sein: „Wir können uns, um rasch zu Ergebnissen zu kommen, dabei nicht nur auf den Bau von neuen und die vollständige Neueinrichtung der vorhandenen Verkaufsstellen orientieren. Es müssen nicht pompöse Verkaufspaläste sein. Es kommt vielmehr darauf an, auch die vielen kleineren Verkaufsstellen, in denen die Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs versorgt wird, auf Selbstbedienung umzustellen“ (Oesterliches Intermezzo um lange Wartezeiten, Neue Zeit 1959, Nr. 24 v. 28. März, 6). Es ging, anders ausgedrückt, nicht um den Aufbau einer großen Zahl ansprechender SB-Läden, sondern nur um den Aufbau einer großen Zahl. Es ging um Tonnenideologie auch auf dem Felde des Konsums.

Auf der Leipziger Handelskonferenz machte der neue SED-Minister für Handel und Versorgung, Curt-Heinz Merkel (1919-2000) – Curt Wach war just aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten, er selbst war ein geläutertes NSDAP-Mitglied – nochmals klar, dass man keineswegs Ladenlokale von mindestens 80 m² und Investitionsmittel von mindestens 100.000 DM benötige, um zur Tat zu schreiten: „Die Praxis hat bewiesen, daß die Einführung der Selbstbedienung auch in Verkaufsstellen unter 40 m² und vor allem mit verhältnismäßig wenig finanziellen Mitteln möglich ist“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 63). Dieter Schindler, Vorstandsvorsitzender der Konsumgenossenschaft Berlin-Mitte, machte es noch praktischer: „Es gibt Farbe, Pinsel, Glas und Holz der vorhandenen Einrichtungen, und wir haben die Initiative der Werktätigen. Alles in richtigem Verhältnis eingesetzt, ergibt gutaussehende Selbstbedienungsverkaufsstellen“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 161). Primitiv sollten sie nicht, teuer aber durften sie nicht werden. Selbstbedienung konnte in der Tat einfach sein, orientierte man sich etwa an einem belobigten Konsum-Verkaufsstellenleiter im Kreise Halberstadt: „Er erhielt für das Lager drei Regale geliefert. Kollege Wilms aber meinte, daß diese Regale im Laden besser aufgehoben sind; denn es gehört ja soviel Ware in den Laden wie möglich. Er nahm geringfügige Aenderungen an den Regalen vor, und heute werden die haushaltschemischen Artikel und andere Waren des täglichen Bedarfs in Selbstbedienung verkauft.“ Auch im Kreise Zittau wurden vorhandene Regale verändert und neu angeordnet – und schon konnten die Konsum-Mitglieder sich selbst bedienen (Oesterliches Intermezzo um lange Wartezeiten, Neue Zeit 1959, Nr. 24 v. 28. März, 6). So einfach ging man nicht überall vor. Im Kreise Pirna erforderte der erste SB-Laden Investitionen von 50.000 DM. Doch dank der Schöpferkraft der Werktätigen lagen die Kosten der folgenden 29 Läden nur noch zwischen 2000 und 3000 DM (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 278).

Derartig niedrige Investitionen waren nur möglich durch sogenannte Selbstverpflichtungen. Handelsmitarbeiter und Konsummitglieder leisteten freiwillige Arbeit, bauten Läden um, schufen Verkaufsmöbel. Das war für Konsum und HO nützlich, denn so konnten Mittel und Sachleistungen des Nationalen Aufbauwerkes genutzt werden. Die Zusatzarbeit konnte wiederum als „Aufbaustunden“ geltend gemacht werden, die den Freiwilligen beispielsweise Vorteile bei der Wohnungsvergabe verschaffte (Leidig (Hg.), 2006, 31). 1960 erreichten die ehrenamtlichen Leistungen bei den Konsumgenossenschaften stattliche 9,1 Mio. DM (Wolfgang Heinrichs, Ökonomik des Binnenhandels in der DDR, 2. stark überarb. und erw. Aufl., Berlin (O) 1962, 142). Selbstverständlich wurde offiziell vor der Vorstellung gewarnt, „daß ein weggeräumter Ladentisch, ein paar Einkaufskörbe, ein Warenträger oder Farbe, die nicht zur Ware paßt, schon Selbstbedienung“ sei (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 161 (Schindler)). Doch der massive Anstieg der SB-Geschäfte von 1958 bis 1960 basierte vorrangig auf preiswerten und rasch zu bewerkstelligenden Umbauten. Nur so konnten 1959 im brandenburgischen Kreis Elsterwerda gleich 40 SB-Läden entstehen, und bewiesen werden, „daß auch auf kleinstem Raum und in jedem Dorfe die Einführung der Selbstbedienungsmethode möglich ist“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 269 (Hubert May)).

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Kompromisse als Grundlage der quantitativen Ausweitung: Gemischte Bedienungssysteme in Berlin-Friedrichshain (Handelswoche 3, 1958, Nr. 50, 10)

Ladenlokale und auch Verkaufsmöbel waren entscheidend für das quantitative Wachstum der Selbstbedienung in der DDR. Doch damit war das Verkaufssystem eben nicht vollständig implementiert: „Die Frage der Addiermaschinen, der Kassen und der Selbstbedienungskörbe muß endlich gelöst werden, damit der Schwung, in dem sich der Handel zur Zeit befindet, nicht aufgehalten wird“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 135 (Jutta Kretzschmar)). Der Schwung erlahmte, das leidige Verpackungsproblem blieb. Erst 1966 legte die Verordnung über die Planung, Leitung und Organisation des Verpackungswesens fest, dass Produktionsbetriebe ihre Waren verkaufsgerecht zu verpacken hatten. Hinzu kam, dass auch die verpackte Ware vielfach nur rudimentär informierte und nicht verkaufsfördernd ausgestaltet war (Werner Jurich und Eberhard Wieland, Unser Lebensmittelverbrauch, T. II – Entwicklung im Sortiment, Berlin (O) 1965, 16). Das hatte immense betriebswirtschaftliche Folgen: 1962 mussten beispielsweise 18,4 % der Arbeitszeit der Verkaufskräfte in den Konsumgenossenschaften für Abpacken und Preisauszeichnung aufgewendet werden (Hans Schlenk, Der Binnenhandel der DDR, Köln 1970, 83).

21_Handelswoche_13_1968_Nr21_p05_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Einkaufen

Dauerbrenner der Kritik: Karikaturen 1968 (Handelswoche 13, 1968, Nr. 21, 5)

Die Konsequenz von geringen, im Regelfall unzureichenden Investitionen in das Verkaufssystem Selbstbedienung war, dass einerseits Einkaufen mit vielen Problemen verbunden blieb, dass anderseits aber dessen Rationalisierungspotenzial auch nicht annähernd ausgeschöpft werden konnte. Einkaufen war auch in SB-Läden zeitaufwändig, da die flächendeckende Einführung von modernen Secura-Registrierkassen und selbst von Schnellwagen immer wieder auf Hindernisse stieß. Verpackungsdefizite und andauernde Probleme mit der Kühlkette führten zu beträchtlichen Warenverlusten. Zwar konnte die Zahl der Verkaufsstellen von 1962 bis 1971 um ein Drittel reduziert werden, doch die Zahl der Beschäftigten blieb bis zum Ende der DDR relativ konstant. Noch 1974 hatten 70 % aller Verkaufsstellen – ein Großteil davon SB-Geschäfte – eine Verkaufsfläche von unter 50 m², 40 % waren gar kleiner als 25 m² (Handbuch DDR-Wirtschaft, hg. v. Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Reinbek bei Hamburg 1977, 182). Fasst man all diese Punkte zusammen, so zeigt sich, dass die DDR, trotz, ja auch wegen der raschen Einführung der Selbstbedienung 1958 bis 1960 ein Land mit einem immens kostenträchtigen Einzelhandel blieb, der viele Versorgungsaufgaben nur unzureichend erfüllte und der keine sozialistische Alternative zum westlichen Konsummodell hat entwickeln können.

Uwe Spiekermann, 28. September 2019

Von der Kunstbutter zur Margarine – Eine Exkursion zu den Anfängen der Speisefettproduktion 1860-1890

„Margarine“ ist eine Sprachschöpfung des deutschen Reichstages. Das 1886 vorgelegte Gesetz „betreffend den Verkehr mit Ersatzmitteln für Butter“ sollte gemäß Regierungsvorlage lediglich Ordnung in den chaotischen Markt mit der neuartigen „Kunstbutter“ bringen. Doch für die Mehrheit der Parlamentarier war das nicht ausreichend. Sie wollte die Veränderungen im Fettsektor auch sprachlich einhegen und damit bändigen. Der fremde, wissenschaftlich hergeleitete Begriff „Margarine“ dient seit dem Erlass des ersten „Margarinegesetzes“ 1887 als Dachbegriff für eine stetig wachsende Zahl von Fettzubereitungen, die nicht Talg, vor allem aber nicht Butter waren. „Reine“, „gute“ Butter, versteht sich.

Margarine wurde eine Erfolgsgeschichte, global, aber auch in Deutschland: Die Produktion stieg von ca. 15.000 t 1887 über 100.000 t 1900 auf 210.000 t 1913 (W[alther] G. Hoffmann, 100 Years of the Margarine Industry, in: J[ohannes] H[ermanns] van (Hg.), Margarine. An Economic, Social and Scientific History 1869-1969, Liverpool 1969, 9-36, hier 22). Der Aufschwung während der Weimarer Zeit war noch spektakulärer, später konnte gar der Konsum von Butter übertroffen werden. Auch wenn die heutigen Konsumdaten weit unter dem Spitzenwert von 1970 liegen (8,9 kg pro Kopf und Jahr versus heutzutage ca. 4 kg), so war doch klar, dass die Margarine gefeiert werden musste, als sich am 15. Juli der Tag des Patentantrages des französischen Chemikers Hippolyte Mège-Mouriès (1817-1880) zum 150sten Male jährte. Medien sekundierten (Erinnerung im Deutschlandfunk) – und ich war selbst Teil der erinnernden Gratulantenschar.

Derartige „runde“ Gedenktage konzentrieren sich auf simplifizierte Kernthemen, also den heroischen Erfinder, die Durchsetzung der Erfindung, den Kampf zwischen Butter und Margarine und die vielfältigen Wandlungen der „Margarine“. Die „Story“ scheint klar: Vor 150 Jahren entstand demnach ein wissenschaftliches, ein menschengemachtes neues Nahrungsmittel, das billiges Fett für Ärmere erschwinglich machte, das sich dank seiner Wandlungsfähigkeit gegen die harte und vielfach unfaire Konkurrenz der Butterproduzenten hat durchsetzen können. All das ist richtig – doch die Geschichte der Margarine ist natürlich weit komplexer.

Leisten wir uns deshalb ein wenig Abstand. Gewiss, „Margarine ist Armeleutebutter!“  (W[ilhelm] Fahrion, Die Fabrikation der Margarine, des Glycerins und Stearins, Berlin/Leipzig 1920, 5). Gewiss, Margarine war Fortschritt. Zumindest aus unserer heutigen Sicht. Doch vor 150 Jahren sah die Welt anders aus. Die harten Debatten um die Kunstbutter waren auch ein Signet für das Ende des bäuerlichen Universums, jener transnationalen, vornationalen und vorindustriellen Welt, deren Zernierungsprozess schon im späten 18. Jahrhundert einsetzte und sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker beschleunigte (Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften, 7. Aufl., Berlin (West) 1979, 44-48). Margarine stand nicht nur für sich, sondern zugleich für neue Ordnungsregime, für eine grundlegende Veränderung der westlichen Welt, in der es nun nicht mehr um die unbedingt notwendigen Güter ging, sondern um neue Angebote, um konsumtive Landnahmen. Dazu musste neue wissenschaftliche Nahrung nicht nur erfunden, sondern durchgesetzt, integriert und reguliert werden.

Blickt man auf die Fachliteratur, so thematisiert sie kursorisch den Moment der Erfindung der Margarine, konzentriert sich dann jedoch voranging auf die Entwicklungen nach der Benennung der „Margarine“. Präsentiert wird die Karriere eines industriell hergestellten Massengutes, das als Markenartikel dank Preiswürdigkeit, strikter Hygiene und ansprechender Reklame neue Käufer gewann, das aber zunehmend staatlich und auch gesellschaftlich reguliert wurde (vgl. etwa Birgit Pelzer und Reinhold Reith, Margarine. Die Geschichte der Kunstbutter, Berlin 2001). Im Folgenden werde ich stattdessen früher, bei den fehlenden zwei Jahrzehnten ansetzen, um die Bedeutung der „Margarine“ angemessener zu verstehen: Wie war die Versorgungssituation vor der Einführung der Kunstbutter? Wie und warum setzte sich die Kunstbutter durch? Welche Probleme rief das neue Produkt hervor? Wie und warum wurde aus der Kunstbutter die „Margarine“? Finden wir hierauf Antworten, so können wir den relativen Furor der Debatten über „Margarine“ besser verstehen und sie zugleich als einen konsumtiven Marker des Endes des bäuerlichen Universums einordnen.

Fette und Ersatzfette vor der „Margarine Mouriès“

Der neue Begriff „Margarine“ rief 1887 breite und kontroverse Debatten hervor. Zwanzig Jahre zuvor wäre er dagegen gänzlich unverständlich gewesen. „Margarin“ war bekannt, jedoch aus anderen Zusammenhängen. So etwa der frühen, vornehmlich von französischen Chemikern geprägten Fettchemie (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 51-52). Eugéne Chevreul (1786-1889) isolierte in den 1810er Jahren erste Fettsäuren, darunter auch die „acide margarique“ (M[ichel] Eugéne] Chevreul, Recherches chimiques sur les Corps d’Origine Animale, Paris 1823, 59-65). Die Eindeutschung „Margarine“ folgte unmittelbar, konnte sich aber nicht behaupten (Morgenblatt für die gebildeten Stände 1814, Nr. 105 v. 3. Mai, 420; Leipziger Literatur-Zeitung 1816, Nr. 82 v. 2. April, Sp. 650). Chemiker sprachen stattdessen von der Margarinsäure beziehungsweise Margarin.

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Werbung für Margarin-Kerzen in München 1838 (Münchener Politische Zeitung 1838, Nr. 253 v. 24. Oktober, 1560)

Die Fettchemie hatte praktische Folgen. Seit den 1820er Jahren konnte man etwa in Frankreich, dann auch darüber hinaus, Margarin-Kerzen kaufen (Nicolas Clément‐Désormes, Ueber Beleuchtung, Dinglers Polytechnisches Journal 32, 1829, 104-111, hier 110). Sie wurden erst während der Jahrhundertmitte von preiswerteren Sorten verdrängt. Zum Speisefett aber mutierte „Margarine“ in der Tat erst durch das neue Verfahren von Mège-Mouriès. Er nannte sein Produkt 1869 „beurre economique“, vermarktet wurde es dann seit 1872, vielleicht auch schon früher, als „Margarine Mouriès“.

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Vorstellung der Margarine Mouriès 1874 (Le Voleur 1874, Nr. 907 v. 20. November, 746)

Während aber das Produkt seit den frühen 1870er Jahren vermehrt Absatz fand, konnte sich der Begriff Margarine im Markt anfangs nicht durchsetzen. Zu stark wirkte das Referenzprodukt, die Butter, ein aus Milchrahm hergestelltes Speisefett. Margarine war ein Ersatzprodukt, ein preiswertes Buttersubstitut. Dies spiegelte die Produktbezeichnung, denn „Margarine“ entstand als Kunst-, als Sparbutter – und diese Begriffe deckten zugleich ein weit über die französische „Margarine Mouriès“ hinausreichendes Gütersortiment ab.

Der Fettkonsum der 1860er Jahre unterschied sich tiefgreifend von dem unserer Zeit. Pflanzliche Fette waren, mit Ausnahme des Rapsöls, selten und teuer, zumal sie vielfach auch gewerblich genutzt wurden (zum Hanföl vgl. Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfs). Fett stammte zumeist aus tierischen Nahrungsquellen. Es dominierte die fast durchweg aus Kuhmilch hergestellte Butter. Spätere Berechnungen des Statistischen Reichsamtes schätzten den jährlichen Prokopfkonsum 1860 auf etwa 5 kg, 1880 und 1900 auf je 6 kg. Das war ungefähr das heutige Konsumniveau (2018 ca. 5,8 kg). Tierische Fette besaßen dagegen einen deutlich höheren Stellenwert. Die entsprechenden Konsumdaten für Talg lagen bei 3,5, 2 und einem Kilogramm (Werner Schüttauf, Die Margarine in Deutschland und in der Welt, 4. verb. u. erw. Aufl., s.l. 1962, Tab. 33). Dieser rasche Rückgang wurde anfangs jedoch nicht durch einen höheren Konsum von pflanzlichen Fetten kompensiert, stattdessen gewann Schweineschmalz an Bedeutung, knapp die Hälfte davon Importware (2, 3,5 und 5 kg/Kopf und Jahr). Der Import von Ölsaaten stieg erst in den 1890er Jahren deutlich an, diente zuvor auch vielfach als Tierfutter. Und der „Margarine“-Konsum lag 1880 lediglich bei 0,2 kg pro Kopf, erreichte 1890 dann ein, 1900 schließlich zwei Kilogramm. Der Veränderungen im Konsum tierischer Fette resultierten dabei nicht aus fehlender Nachfrage, sondern waren Resultat grundlegender Veränderungen im Angebot. Die Mechanisierung der Landwirtschaft setzte erst langsam ein, Kühe und Ochsen waren um die Jahrhundertmitte vornehmlich Arbeitstiere. Sie wurden meist mehr als zehn, teils fünfzehn Jahre alt; und erst dann setzten sie wirklich Fett an. Dies veränderte sich mit der wachsenden Bedeutung der Fleischmast einerseits, der Milch- und Butterwirtschaft anderseits. Sie führten zu einer deutlich niedrigeren Lebensdauer der Nutztiere – und parallel stieg die Bedeutung von Butter und Schweineschmalz einerseits, Pflanzenölen anderseits. Die veränderte Nutzung der Tiere im Deutschen Reich wurde vorrangig durch Importe kompensiert.

Vor dem Hintergrund einer immer rascher zunehmenden Bevölkerung, der wachsenden Kaufkraft bürgerlicher Konsumenten sowie neuer von Marktversorgung abhängiger gewerblicher Arbeiter kam es in den 1850er und 1860er Jahren zu deutlichen Preissteigerungen bei allen Fettarten. Dies betraf Butter in besonderem Maße und führte zu einer beträchtlichen Marktspreizung: Während erstklassige frische Butter „mehr und mehr Luxusartikel“ (Wilhelm Fleischmann, Das Molkereiwesen, Braunschweig 1875, 671) wurde, führte die wachsende Nachfrage gerade in den Städten zu überdurchschnittlichen Preissteigerungen geringerer Qualitäten. Butter war damals keineswegs das standardisierte, wohlgekühlte Produkt, das wir heute kaufen. Die in Kübeln und Fässern transportierte Butter war vielmehr eine äußerst heterogene Ware, die teils durch Hausierer, teils auf Wochenmärkten, zunehmend aber in nun massenhaft entstehenden Verkaufsläden abgesetzt wurde. Die noch geringe Zahl der Molkereigenossenschaften bewirkte zwar Qualitätsverbesserungen, doch der Einsatz mechanischer Milchzentrifugen und wirksamer Kühleinrichtungen mit Natureis erfolgte erst in den späten 1870er Jahren (Helmut Ottenjann und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels, Cloppenburg 1996). Butter war damals ein hygienisch heikles Nahrungsmittel, dessen Geruch und Geschmack stark vom Produktions-, Transport- und Absatzumfeld abhingen und das rasch verdarb (H[einrich] Beckurts, Ueber die Prüfung der Butter auf ihre Verfälschungen, Correspondenz-Blatt des niederrheinischen Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege 8, 1879, 61-63, hier 61). Ranzige Fette waren nicht unüblich und die damalige Bewertung von Fetten kreiste immer wieder um deren Geruch.

Ein standardisiertes und preiswertes Buttersurrogat erschien demnach erstrebenswert: „Gelänge es, gute Kunstbutter aus anderen thierischen Fetten zu bereiten, so ließen sich die letzteren höher, als dies früher möglich war, verwerthen, es würden die Betrügereien im Butterhandel auf ein erheblich geringeres Maß zurückgeführt, es würde der Volksernährung ein nicht geringer Dienst erwiesen, ohne daß der rationellen Production von feiner Butter eine fühlbare Concurrenz erwüchse, ja es ließe sich vielleicht sogar ein Theil der Milch, welche seither der Butterfabrikation diente, zum Segen ganzer Länder als directes Nahrungsmittel wiedergewinnen“ (Fleischmann, 1875, 671). Entsprechende Bemühungen begannen spätestens in den 1810er Jahren, nach den ersten Fortschritten der Fettchemie. Dazu wurden nahezu alle verfügbaren Fette genutzt. In der Hauswirtschaft konzentrierte frau sich auf die Substitution der Butter beim Kochen und Braten, wobei Rinder- und Schweinefett, Speck, aber auch Raps-, Lein-, Oliven- und Palmöl genutzt wurden. „Gute“ Butter diente vorrangig als eine direkt konsumierte Speise, etwa als Brotbelag oder Brotaufstrich. Spätestens seit den 1840er Jahren, parallel zu den beträchtlichen Fortschritten der organischen Chemie, kamen zudem Fettgemische und sog. „Kunstprodukte“ auf, etwa Schmalzöl (aus Rinderfett und Rapsöl) oder Butteröl (aus Erdnussöl) (Johann Carl Leuchs, Kunstbutter, Oelschmalz, Schmalzöl und entwässerte Butter mit großem Gewinn sowohl in Haushaltungen als in Fabriken zu bereiten, 2. ganz umgearb. Ausg., Nürnberg 1877). Auch Schmalzbutter (aus Rindertalg, Schweineschmalz, Palm- und Rapsöl) fand Käufer (H[ermann] Weigmann, Die Kunstbutter, Landwirthschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 40, 1883, 409-410, hier 409). Diese Fettmischungen besaßen teils nur lokale Bedeutung, auch wenn sie auf dem neuen universellen Wissen der Chemiker und auch Praktiker gründeten. Die seit den späten 1860er Jahren rasch wieder ansteigenden Fettimporte aus den USA, insbesondere von Rindertalg und Schweineschmalz, unterstreichen jedoch eindringlich, dass derartige Fettgemenge zugleich Bausteine der Zernierung bäuerlich-dörflicher und regionaler Produktions- und Konsumweisen waren. Die sich sozial rasch ausdifferenzierenden und vermehrt von Verstädterung und gewerblichem Aufschwung gekennzeichneten Gesellschaften Europas durchbrachen die strukturellen Grenzen der tradierten Bauernwirtschaft durch neues Wissen, einen wachsenden internationalen Güteraustausch und durch neue Techniken der Nahrungsmittelproduktion.

Zahlreiche Vorschläge und Verfahren für neuartige Kunstfette waren die Folge. Breite Beachtung in der Fachliteratur fand beispielsweise das 1846 gewährte Patent des Londoner Kerzenproduzenten und Erfinders William Palmer (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Giftmörder). Er behandelte Rinder-, Kälber- und Schaffett mit Lorbeerblättern, um so dessen Geschmack butternah zu machen (The Patent Journal and Inventors‘ Magazine 1, 1846, 367; Du Beurre artificiel, Bulletin Commercial 6, 1878, 117-120, hier 120). Dieses Verfahren setzte sich nicht durch, doch festzuhalten ist, dass die kreative Produktion von Kunstbutter schon vor der Erfindung der „Margarine“ auch großbetrieblich erfolgte. „Flämische Butter“ wurde beispielsweise in großen Mengen für den englischen Markt hergestellt: Sie bestand aus importiertem englischen Rindertalg, der mit vorbehandeltem Mehl zu einer Masse vermengt wurde, der dann 35 Prozent Wasser hinzugefügt wurden (Butter aus Ochsentalg, Industrie-Blätter 7, 1870, 31). Butter wurde dagegen noch großenteils in Bauernwirtschaften hergestellt, wenngleich Genossenschaftsmolkereien seit den 1860er Jahren rasch an Bedeutung gewannen. Sie zentralisierten die Butterproduktion, standen für die Prosperität und Wettbewerbsfähigkeit der immer stärker betriebenen, weil lukrativeren bäuerlichen Milchwirtschaft (zur früher einsetzenden Marktversorgung vgl. Uwe Spiekermann, Milchkleinhandel im Wandel. Eine Fallstudie zu München 1840-1913, Scripta Mercaturae 27, 1993, 91-145). Sie etablieren zugleich aber Produktionsstandards, die den betrieblichen Alltag verstärkt bestimmten und mittelfristig grundlegend veränderten.

Während der Handel mit Kunstbutter und Fettmischungen in den Hafenstädten Belgiens, der Niederlande und Großbritanniens bereits auch großbetrieblich betrieben wurde, blieb er in deutschen Landen auf kleinere Unternehmen begrenzt. Dies lag nicht nur am Fehlen eines nationalen Marktes, sondern auch an der vor der Reichsgründung teils noch nicht bestehenden Gewerbefreiheit. So bot der Münchener Seifensieder Elkan Feuchtwanger (1823-1902), Großvater des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1845-1947), spätestens seit 1865 eine „Schmalzbutter“ an, gefertigt aus Butter-, Schweineschmalz und Nierenfett (fehlerhaft und spekulativ hierzu Heike Specht, Die Feuchtwangers, Göttingen 2006, 51-52). In Nürnberg intervenierten daraufhin lokale Kaufleute und verlangten, den Namen in „Kunstbutter“ umzuändern. Der Magistrat erlaubte den Vertrieb des neuen Produktes, allerdings nur ohne Nennung des Begriffes „Butter“ (Nürnberger Anzeiger 1865, Nr. 312 v. 11. November, 2). In Augsburg wurde ihm der Verkauf durch den obersten Gerichtshof gar verboten, obwohl Feuchtwanger die Bestandteile seiner künstlichen Butter bewusst öffentlich ausgelobt hatte. Derartige Verbote geschahen damals nominell im Interesse des Publikums, „um dasselbe vor Uebervortheilung und Betrug zu sichern […], da auch leicht solche falsche Waare für ächte an irgend einem Platz feilgeboten werden könnte“ (Oeffentliche Sitzung des Stadtmagistrats am 11. September 1866, Augsburger Neueste Nachrichten 1866, Nr. 250 v. 12. September, 2988; zu den verschiedenen Prozessen s. Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt der Pfalz 1866, Nr. 70 v. 7. September, Sp. 1268-1273). Es wurde durchaus abgewogen zwischen Konsumenten- und Gewerbeschutz einerseits, sozialen und unternehmerischen Interessen anderseits.

Dabei gingen die Gerichte meist von souveränen Konsumenten mit einschlägigen Marktkenntnissen aus. 1867 wurde in Bayern beispielsweise eine Kunstbutter erlaubt, obwohl sie ähnlich aussah wie Butterschmalz: „Sollte also auch die sogenannte Kunstbutter im Inlande in den Handel und insbesondere in den Kleinverkehr gelangen, was bisher nicht geschehen zu sein scheint, so besteht selbst, abgesehen von den öffentlichen Bekanntmachungen und dem Unterschiede des Preises, welche Umstände bald von dem neuen Producte reden machen und das Publikum belehren würden, insolange keine Gefahr für das Publikum, als bis es etwa den Fabrikanten gelingen würden, die Kunstbutter dergestalt zu verfertigen, daß deren Unterschied von dem Kuhbutterschmalze nicht sofort von Jedermann erkannt werden könnte“ (Die Fälschung von Nahrungsmitteln, hier die Fabrikation der sogenannten Kunstbutter betreffend, Königlich-bayerisches Kreis-Amtsblatt der Oberpfalz und von Regensburg 1867, Nr. 21 v. 9. März, Sp. 279-281, hier Sp. 280). Auch die vom Münchener Fabrikanten Heinrich Murr aus Rinder- und Schweinefett sowie Sesamöl hergestellte Kunstbutter entstand deutlich vor der „Margarine“ von Mège-Mouriès (Ingolstädter Tagblatt 1869, Nr. 176 v. 29. Juli, 716; Das Bayrische Vaterland 1869, Nr. 102 v. 30. Juli, 4). Vor diesem Hintergrund ist die später aufgestellte und von der Forschung grundsätzlich übernommene Aussage, dass alles, was vorher unter dem Namen Kunstbutter auf den Markt kam, „mehr oder weniger fragwürdig, nicht selten sogar widerwärtiger Natur“ (Paul Lohmann (Hg.), Lebensmittelpolizei, Leipzig 1894, 223) gewesen war, kaum zutreffend. Die strikte Gegenüberstellung von Margarine und Butter ist eine nachträgliche Simplifizierung der Marktsituation der 1860er bis 1880er Jahre, die nicht zuletzt dazu diente, eine Regulierung des Kunstbuttermarktes zu erreichen (Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg. – II. Sess. 1878, Bd. 4: Anlagen, 766-830, hier 785-786). In deutschen Landen sollte es Jahrzehnte dauern, bis sich „Margarine“ gegenüber den vielfältigen Kunstbutterarten durchsetzen konnte. Es handelte sich eben nicht nur um grundsätzlich substituierbare Waren. Der Fettwandel veränderte schließlich auch den Geschmack der Speisen. Tierische Fette und Ersatzprodukte wurden im Nachhinein immer wieder als streng riechend und grob schmeckend bewertet (Adolph Jolles, Ueber Margarin. Eine hygienische Studie, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 15-42, hier 16). Derartige Quellen spiegeln vorrangig einen generellen Geschmackswandel weg vom „Derben“, hin zum feineren Lebensmittel oder, allgemeiner, die Verschiebung von einer ländlich-lokalen zu einer städtisch-internationalen Alltagskost.

Die „Margarine Mouriès“ zwischen Mythos und Markt

Kommen wir nun zur „Margarine“. Angesichts der offenkundigen Bedeutung des neuen Nahrungsmittels sollte anzunehmen sein, dass zumindest deren Entstehungsgeschichte präzise nachzuzeichnen sei. Doch schon über Hippolyte Mège-Mouriès ist erstaunlich wenig bekannt. Er war Chemiker und Praktiker, aktiv in der Anwendung des neuen naturwissenschaftlichen Wissens. Schon in den 1850er Jahren produzierte er Gesundheitsschokoladen, fortifiziert mit Kalzium, Phosphat und Eiweiß. Seinen Zeitgenossen war er vornehmlich durch Arbeiten zu einer rationellen Brotproduktion bekannt (J[an] van Alphen, Hippolyte Mège Mouriès, in: Stuyvenberg (Hg.), 1969, 5-8). Mit der Fettchemie hatte sich der Schüler Chevreuls intensiv beschäftigt und produzierte seit 1862 auf eigene Rechnung Seife (Sur la fabrication du savon, par M. Mège Mouriès, Bulletin de la Société Chimique de Paris NS 2, 1864, 138). Anfang 1867 soll er dazu täglich 3000 Pfund Stearin und Oleo-Margarin verarbeitet haben (A new Method of Saponification, Scientific American 16, 1867, Nr. 9 fr. March 2, 134). Es liegt nahe, dass Mège-Mouriès damals nach lukrativeren Verwendungsmöglichkeiten zumal für das Speisefett Ausschau gehalten hat.

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Hippolyte Mège-Mouriès (Gallica, Agence Rol 99462)

Glaubt man jedoch den gängigen Geschichten, so hat 1866 resp. 1867 der französische Kaiser Napoleon III. entweder direkt oder aber anlässlich der Pariser Weltausstellung einen Preis für die Entwicklung eines butterähnlichen Fettes ausgeschrieben, einerseits für die Versorgung der französischen Marine, anderseits für die preiswerte Fettversorgung der ärmeren Bevölkerung. Mège-Mouriès gewann den Wettbewerb und durfte dann auf den königlichen Gütern in Vincennes, nahe Paris, weiter forschen. Zwei Jahre später, 1869, hatte er sein Verfahren optimiert und dann am 15. Juli 1869 das französische Patent beantragt, das am 2. Oktober 1869 gewährt wurde. Weitere Patente im Ausland folgten im gleichen Jahr. Mège-Mouriès begann daraufhin in Poissy, nahe Versailles, mit der Produktion seiner künstlichen Butter. Diese wurde ab 1870 auch in den Pariser Markthallen verkauft, wenngleich der Umsatz von Januar bis März lediglich 810 Francs betrug. Nach dem deutsch-französischen Krieg nahm er die Produktion wieder auf, doch zwischen Dezember 1871 und März 1872 blieben die Umsätze in den Hallen ähnlich niedrig (F. Bezancon, Rapport Général sur les Travaux du Conseil d’Hygiène publique et de Salubrité du Département de la Seine depuis 1872 jusqu’a 1877 inclusivement, Paris 1880/1881, 10). Mège Mouriès, der schon zuvor Patenterechte an niederländische, englische und US-amerikanische Investoren verkauft hatte, übertrug sein französisches Patent dann 1872 an die Société anonyme d’Alimentation, die anschließend die Produktion und den Export von „Margarin Mouriès“ in großem Stil aufnahm.

Schaut man genauer hin, so handelt es sich hierbei um eine Geschichte voller Leerstellen und Versatzstücke. Die zahllosen kurzen Hinweise auf die Margarineerfindung zeichnen sich einerseits durch gänzlichen Verzicht auf Quellen, zum anderen durch höchst phantasievolle Beimengungen und Alternativgeschichten aus. Meine Recherchen in den digitalisierten Beständen von Gallica, also der französischen Nationalbibliothek, ergaben jedenfalls keine Hinweise auf den ausgelobten Preis für die künstliche Butter. Auch die vermeintliche Forschungsförderung durch Kaiser resp. Regierung blieb höchst vage. Blickt man auf die Literatur, so wird deutlich, dass seit 150 Jahren immer neue und stetig leicht variierende Histörchen dargeboten werden. Wie gut, dass wenigstens über die Kunstbutter und ihre Produktion grundsätzlich valide Quellen vorliegen.

Wie nahezu alle Kunstbutterproduzenten ging auch Hippolyte Mège-Mouriès vom Wissen der damaligen Fettchemie aus. Tierisches Fett war demnach eine Emulsion aus verschiedenen Fettsäuren, die jeweils spezifische Charakteristika besaßen. Der Chemiker erweiterte dieses Strukturwissen um praktisches Erfahrungswissen: Demnach gaben Kühe trotz unzureichender Fütterung zumindest noch eine Zeitlang fetthaltige Milch. Daraus folgerte er, dass Milchfett nichts anderes als Körperfett der Tiere sei. Im Umkehrschluss hieß dies, dass Milchfett aus Tierfett gewonnen werden konnte (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], 9-11). Die Kernaufgabe war demnach, dem tierischen Talg resp. Unschlitt das seifig schmeckende Stearin zu entziehen, um möglichst reines Olein und Margarin zu erhalten. Diese konnten weiterverarbeitet und zu einem schmackhaften Kunstfett verdichtet werden. Aus heutiger Sicht ging Mège-Mouriès von falschen Annahmen aus. Margarinsäure als solche gibt es nicht, es handelt es sich vielmehr um ein Konglomerat verschiedener Fettsäuren. Ebenso entsteht das Milchfett nicht aus der Resorption des körpereigenen Fettes. Die Erfindung der Margarine steht damit in einer langen Reihe von wissenschaftlichen und technologischen Durchbruchserfolgen, die auf zielführenden Irrtümern beruhten. Liebigs Fleischextrakt oder aber die Vitamine sind andere Beispiele.

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Verwissenschaftlichung der Fettproduktion: Gewerbliche Verarbeitung von Rindertalg (Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 206)

Mège-Mouriès ging schon bei der Seifenproduktion vom Rohtalg aus, konzentrierte sich nun aber auf das sog. Nierenfett. Aus diesem extrahierte er mittels Pressung das Oleo-Margarin, reinigte es insbesondere von Stearin und Abfällen. Damit war das Ausgangsmaterial für die Kunstbutterproduktion gewonnen. Der zähflüssigen Fettmasse wurden Milch und kleingeschnittene Euter zugefügt, ebenso Wasser – und dann begann ein längerer Prozess der Vermengung (H[ippolyte] Mège, Darstellung künstlicher Butter, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 585; Ch[arles] Girard und J[acques] de Brevans, La Margarine et le Beurre artificiel, Paris 1889, 6-11). Dieser zweite Schritt war vielleicht noch wichtiger als die schon zuvor von anderen Praktikern erprobte Verwendung von Oleo-Margarin. Die Extraktion erhöhte die Haltbarkeit, verringerte zudem den eher seifigen Geschmack des Ausgangsmaterials. Doch erst durch die anfangs etwa zweistündige Mischung von Grundfett, Milch und Wasser erhielt man ein ansatzweise schmackhaftes und geschmeidiges Produkt ([Eugen] Sell, Ueber Kunstbutter. Ihre Herstellung, sanitäre Beurtheilung und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von Milchbutter, Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 481-528, hier 483).

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Die Materie zwingen: Fettverarbeitungsmaschinen Mitte der 1870er Jahre (Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 9)

Obwohl die Grundprozesse von Beginn an mechanisiert waren, war die Kunstbutterproduktion anfänglich noch handwerklich organisiert. Das zumeist direkt von Schlachthöfen stammende Fett – ein wichtiger Grund für die Konzentration der frühen Firmen in größeren Städten – wurde durch per Hand in Schwung gesetzte Maschinen kleingehackt und zerquetscht. Die hier gezeigten frühen Beispiele konnten jedoch bereits an einen Transmissionsriemen angeschlossen und daher mittels Dampfkraft betrieben werden. Dies beschleunigte nicht nur die Produktion, sondern führte auch zu einer erhöhten Ausbeute der Schlachtfette.

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Fettpresse der Firma J.M. Lehmann, Löbtau-Dresden (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 353)

Die Mechanisierung erfolgte rasch, da der Ertrag und die Qualität von Oleo-Margarin und Kunstbutter auch vom Krafteinsatz abhingen. Von Beginn an konnte so eine relativ einheitliche Ware hergestellt werden. Mège-Mouriès setzte sich damit deutlich von der vielgestaltigen Butter ab, auch wenn die Qualität des neuen Produktes von der Art und Qualität der Rohwaren sowie der Sorgfalt und Dauer der Vermengung abhing.

Das neue Produkt stand für einen klaren Bruch mit der kleinbetrieblichen bäuerlichen Butterproduktion. Kunstbutter basierte auf der Zufuhr von firmenfremder Rohware, stand also inmitten einerseits zentralisierender Schlachthöfe und anderseits weit ausgreifender Handelsnetze. Ihre gegenüber Butter größere Haltbarkeit erlaubte zugleich die Beschickung nicht nur lokaler, sondern auch regionaler, nationaler, gar internationaler Märkte. Die Kunstbutter verstärkte damit einen Trend, den leistungsfähigere Molkereigenossenschaften in Deutschland nach dem Erlass des Genossenschaftsgesetzes 1868 begonnen hatten: Die Versorgung urbaner Zentren nicht allein vom Umland, sondern vom Lande (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 308-309).

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Fett vom Lande – hier Butterversand an Kleinhändler (Illustrirte Zeitung 60, 1873, 40)

Vorbild und Konkurrenz führten gleichermaßen zu einer wachsenden Kommerzialisierung des Landes und der bäuerlichen Wirtschaft. Das neue Produkt wurde zuerst in Paris, dann in den Niederlanden verkauft. Wie zuvor bei anderen Kunstfettprodukten gab es Bedenken über mögliche Gesundheitsschädigungen bzw. Täuschungen der Konsumenten. In Paris wurden diese 1872 offiziell ausgeräumt – doch die Geschichte der Kunstbutter blieb eine Geschichte der Rückfragen und der interessegeleiteten Unterstellungen (Beurre artificiel, L’Annèe Scientifique et Industrielle 16, 1872, 449-451). Wichtiger als derartige ohnehin nur lokal greifende Beschränkungen war, dass die reinen Produktionskosten für die „Margarine Mouriès“ nur etwa halb so hoch waren wie die erstklassiger Butter. Margarine war ein Preisbrecher. Zum anderen überzeugten der neutrale Geruch und der Geschmack: „Die Kunstbutter zergeht auf der Zunge rasch, wie echte Butter, läßt sich gut streichen, ist jedoch etwas härter als letztere“ (Fleischmann, 1875, 679). Beim Kochen und Backen war sie aufgrund des geringeren Wassergehaltes ergiebiger und zudem länger haltbar. Die frühe Margarine war ein gleichförmiges Produkt von wachsig, blassgelbem Aussehen (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 148). Durch Färbung konnte sie jedoch den Vorstellungen der Konsumenten von „richtiger“ Butter weiter angenähert werden. All das stimmte hoffnungsfroh: Der kreative Geist des Menschen schien ein neues Nahrungsmittel geschaffen zu haben, das auch den Ärmeren in den Städten ein auskömmliches Dasein sichern könnte. Der Markt würde nun dafür sorgen, dass die obskuren Buttersurrogate aus Großbritannien, den Niederlanden und den USA vom Markt verdrängt werden würden (F[riedrich] Strohmer, Kunst- und Naturbutter, Neue Freie Presse 1886, Nr. 7871 v. 26. Juli, 5). Nahrungsmittelchemiker und Pharmazeuten waren sich jedenfalls Mitte der 1870er Jahre größtenteils einig, dass die neue „Margarine“ „ein vorzügliches Butter-Surrogat“ (Beckurts, 1879, 62) sein könne.

Das galt um so mehr, da seit Anfang der frühen 1870er Jahre zahlreiche Praktiker die Ideen Mège-Mouriès aufgriffen und kleinteilige Verbesserungen patentieren ließen (Butterin, Aerztliches Intelligenz-Blatt 24, 1877, 103). Zeitgenössische Überblicksdarstellungen listeten die vornehmlich in Großbritannien, Frankreich, den USA und den Niederlanden, vereinzelt auch im Deutschen Reich gewährten Kunstbutterpatente auf, ohne aber zu klären, ob diese auch praktisch angewandt wurden (Sell, 1886, 485-486). Die Fettsäuren sollten demnach teils durch Chemikalien getrennt werden, häufiger waren Substitute der zugesetzten Milch, etwa Buttermilch. Ebenso entstanden Verfahren mit zugesetzten Pflanzenölen (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Kunstspeisefette und Pflanzenbutter, 4. vollst. neubearb. Aufl., Wien/Leipzig 1912, 52). Allen Erfindungen zum Trotz blieb das Verfahren von Mège-Mouriès für mehr als zwei Jahrzehnte die vielerörterte Referenz. Es wurde jedoch von Beginn an in der betrieblichen Praxis kleinteilig verändert (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Sparbutter und Butterine, Wien/Pest/Leipzig 1878). So fiel der Zusatz von Euter- oder Magenmasse rasch weg, während neue Maschinen andere Prozesstemperaturen ermöglichen (Benedikt, Butter, in: Ewald Geissler und Josef Möller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 2, Wien/Berlin 1887, 418-422, hier 420).

Die Diffusion der Kunstbutter

Die Erfindung der „Margarine Mouriès“ sagt allerdings wenig über deren realhistorische Bedeutung aus. Die Anfänge der „Margarine“ und damit deren Durchsetzung als „Volksnahrungsmittel“ sind kaum erforscht, präzise Daten fehlen meist. Dennoch ist es wichtig, die Diffusion von Kunstbutter und „Margarine“ in den Blick zu nehmen, denn anders sind die harten Auseinandersetzungen über diese Warengattung kaum verständlich. Die „Margarine Mouriès“ bildete in der Tat den Ausgangspunkt für die Verbreitung der Kunstbutter in der gesamten westlichen Welt. Die 1872 zur Verwertung des Patentes in Paris gegründete und mit einem Kapital von 800.000 Franc ausgestattete Société anonyme d‘Alimentation nahm wohl 1874 den Vertrieb auf. Mitte der 1870er Jahre produzierte sie täglich 20 bis 30 Tonnen. Doch ein Großteil der „Margarine Mouriès“ wurde versandt, meist in den industrialisierten Norden Frankreichs, teils aber ins Ausland, darunter auch ins Deutsche Reich (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 204-208, hier 204). Trotz einer weiteren größeren Fabrik in Nancy blieb der Margarineabsatz in Frankreich jedoch niedriger als in anderen Staaten, insbesondere den Niederlanden und Skandinavien.

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Werbung für die neue „Margarine Mouriès“ in Frankreich (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], nach 32)

Die Niederlande entwickelten sich seit den frühen 1870er Jahren zur eigentlichen Drehscheibe des Handels und der Produktion von Kunstbutter und „Margarine“ in Europa. Eine weit entwickelte, marktorientierte Landwirtschaft, ein leistungsfähiges Transportsystem sowie die Nähe zum aufnahmefähigen Markt des Industriepioniers Großbritannien bildeten schon in den 1850er und 1860er Jahren die Basis für eine führende Rolle bei der Versorgung der Insel mit Butter und zunehmend auch Buttermischungen. Ähnlich wie bei der schon erwähnten „Flämischen Butter“ vermengte man preiswerte Butter mit Milch, Stärke unterschiedlicher Provenienz, Sirup und Färbemitteln. Gerade während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 ersetzten derartige Billigimporte die ausfallenden Sendungen aus Frankreich, erschlossen aufgrund ihres niedrigen Preises zudem neuer Käuferschichten (Die Kunstbutterfabrikation, Industrielle Rundschau 1, 1887, 248-250, hier 248-249). Preiswertere Angebote schienen lukrativ, produziert wurden gefärbte Mischungen aus Butter, Oleo-Margarin, Milch, Pflanzenölen.

Das neue Verfahren von Mège-Mouriès gefährdete dieses Geschäftsmodell – und folgerichtig kaufte Anton Jurgens, eine der führenden Buttergroßhandlungen, das neue Patent für 60.000 Francs und gründete 1871 die erste niederländische Margarinefabrik in Oss im Rhein-Maas-Delta. Das Produkt verkaufte sich gut, wurde daher nicht nur als Zumischung verwandt, sondern auch eigenständig vertrieben (N. Schouten, Plantaardige Olie- en Margarine-Industrie, Zeist 1994; Bernhard Gerhard Hülsbeck, Die holländische Margarineindustrie, Diss. Köln, Kleve 1931). Der Pionier blieb nicht allein: „Ein Jahr nach Produktionsbeginn bekam die Firma Anton Jurgens bereits Konkurrenz in nächster Nähe: Die befreundete, auch im Butterhandel engagierte Familie Van den Bergh eröffnete 1872 ebenfalls eine Margarinefabrik in Oss. Da in Holland kein Patentschutz für die Margarineherstellung bestand, hatte Simon Van den Bergh das Verfahren einfach von Jurgens kopiert – ein klassischer Fall von Industriespionage“ (Rainer Herbst, Die Entwicklung der Margarineindustrie zwischen 1869 und 1930 unter besonderer Berücksichtigung des Hamburger Wirtschaftsraumes, Wiwi. Diss. Hamburg 1989, 16). Jurgens und van den Bergh entwickelten sich in den 1870er und 1880er Jahren zu den wichtigsten niederländischen Kunstbutterimporteuren für das Deutsche Reich. Die 1879 erfolgten Zollerhöhungen für Margarine richteten sich nicht zuletzt gegen diese Firmen. 1888 gründeten sie in den niederrheinischen Städten Goch und Kleve Produktionsstätten, die in den Folgejahrzehnten einen Großteil des deutschen Marktes versorgten (Barbara Anne Hendricks, Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert, Bonn 1981, 64-81).

Jurgens und van den Bergh waren Anfang der 1870er Jahre jedoch nur Exponenten einer explosionsartigen Entwicklung der Kunstbutterproduktion in den Niederlanden. 1880 bestanden etwa 70 einschlägige, meist exportorientierte Firmen, deren Be- und Vertriebsorganisationen Maßstäbe setzen. Der beträchtliche Wettbewerb, vor allem aber die intransparenten Fettprodukte, führten jedoch zur Marktbereinigung, zu Standardisierungsbemühungen der Produzenten und einer zunehmenden Regulierung des Kunstbuttermarktes (Fabrikation von Butter und Kunstbutter in Holland. (Schluss.), Das Handel-Museum 2, 1887, 399-401, hier 400). Die Debatten im Deutschen Reich folgten diesen Debatten mit gewissem zeitlichem Abstand.

Auch die Entwicklung der deutschen Kunstbutterindustrie verlief deutlich langsamer. Grund hierfür war nicht nur der technologische Rückstand gegenüber dem westlichen Ausland, sondern auch die Kombination zollfreier Importmöglichkeiten und eines leistungsfähigen Eisenbahn- und Postnetzes. Das Deutsche Reich war schon zu seiner Gründung von Fett- und auch Fleischzufuhren abhängig. Das blieb auch nach der Zollwende 1879 so und führte zu teils beträchtlichen Verwerfungen mit Handelspartnern, insbesondere den USA, Russland und auch Österreich-Ungarn (Uwe Spiekermann, Dangerous Meat? German-American Quarrels over Pork and Beef, 1870-1900, Bulletin of the German Historical Institute 46, 2010, 93-110). Für unser Thema wichtiger ist, dass das Deutsche Reich von Beginn an ein Kunstbutterimportland wurde, dessen heimische Industrie sich nur schwer gegen die ausländische Konkurrenz behaupten konnte.

Eine präzise Untersuchung der Anfänge der Margarineproduktion im Deutschen Reich fehlt. Rainer Herbst verwies in seiner Dissertation auf die 1863 in Hamburg gegründete Firma G.W. Reye & Söhne (Herbst, 1989, 17, 148-149). Getreidehandel stand am Anfang, heute werden Putz- und Gipsprodukte hergestellt. G.W. Reye & Sohn betrieb seit 1871 eine große Schmalzraffinerie und stellte mehrere Jahre auch Kunstbutter her. Die erste Nutzung des Verfahrens von Mège-Mouriès erfolgte aber durch die 1872 im Frankfurter Nordend gegründete und seit 1874 produzierende Frankfurter Margarine-Gesellschaft. In den frühen 1880er Jahren beschäftigte sie ca. 100 Arbeiter und stellte jährlich 3.000-4.000 t Kunstbutter her (Volker Rödel, Fabrikarchitektur in Frankfurt am Main 1774-1924, Frankfurt a.M. 1986, 493). In den 1870er Jahren entstanden weitere Firmen vornehmlich im Rheinland und in Bayern. 1880 nahm dann A.L. Mohr in Hamburg-Bahrenfeld die Produktion von Kunst- und Mischbutter auf. Diese Firma steht für die eigentliche im Schatten des Zollschutzes erfolgte Wachstumsphase der deutschen Margarineindustrie nach 1879. Zugleich trugen ihre Produkte, ähnlich wie in den Niederlanden, zu einer allgemeinen Vertrauenskrise bei, die letztlich zu den Regulierungsbestrebungen des ersten Margarinegesetzes führte.

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Spezialmaschinen als Wegmarken der Margarineproduktion – Anzeige 1881 (Neue Freie Presse 1881, Nr. 5967 v. 8. April, 13)

Die Existenz von Firmen sagt jedoch nur wenig über Absatz und Konsumverhältnisse auf. Eine detaillierte Analyse von Haushaltsrechnungen zwischen 1900 und 1940 ergab nämlich das Paradoxon, dass das universelle Kunstprodukt Margarine im Deutschen Reich deutliche regionale Verzehrsunterschiede aufwies: „Insgesamt zeigt sich ein von den Vertriebszentren ausgehendes, sich dann in die Konsumzentren des typischen ‚Butterbrot‘-Verzehrs Sachsen und Schlesien ausdehnendes Muster, dem schließlich die Markterschließung zuerst Mitteldeutschlands, dann des fettarmen Südens folgte“ (Uwe Spiekermann, Regionale Verzehrsunterschiede als Problem der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Räume und Strukturen im Deutschen Reich 1900-1940, in: Hans Jürgen Teuteberg et al. (Hg.), Essen und kulturelle Identität, Berlin 1996, 247-282, hier 267). In der Tat bildete das rheinisch-westfälische Industriegebiet die eigentliche Pionierregion des Kunstbutterkonsums. Derartige regionale Märkte wurden jedoch ergänzt durch das Versandgeschäft führender ausländischer Anbieter, deren Produkte schon in den 1870er Jahren im gesamten Deutschen Reich erhältlich waren. Das galt insbesondere für Sargs Prima Wiener Sparbutter, der wohl bekanntesten Margarinesorte in einem ansonsten von anonymer Ware dominierten Absatzmarkt.

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Anzeige des Neuen: Werbung für Sargs Prima Wiener Sparbutter 1874 (Illustrirtes Wiener Extrablatt 1874, Nr. 146 v. 29. Mai, 7)

Derartige Versandware gründete auf der höheren Haltbarkeit der Margarine und relativ fortgeschrittenen Verkehrsverhältnissen. Zugleich handelte es sich um verpackte Ware in einem Nahrungsmittelmarkt, in dem lose, unverpackte und dann direkt ausgewogene Produkte noch dominierten: „Die Kunstbutter wird in 1 Pfund schweren, viereckigen, mit einen dünnen weißen Baumwollenzeug umwickelten Packeten, die sich bequem in eine Kiste zusammenpacken lassen, versendet, appetitlicher in der Form wie die Marktbutter; die Farbe ist gewöhnlich Gelb“ (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Der Begriff „Sparbutter“ hob einen anderen Gebrauchswertvorteil hervor, nämlich den gegenüber Butter geringeren Wasseranteil. Dadurch war sie ergiebiger, ein wichtiges Argument auch für bürgerliche Kreise: „Eine gut abgerichtete Köchin braucht die Butter nicht zu jeder Speise, sondern nur wo dieselbe unentbehrlich ist, und kann durch Verwendung der Sparbutter ihrer Herrschaft viel Geld ersparen“ (Raphael Molin, Die Sparbutter-Industrie, Das Vaterland 1880, Nr. 319 v. 19. November, 10-11, hier 10). Hinzu kam: Kunstbutter war nicht nur länger haltbar, sondern wurde dadurch nur höchst selten ranzig. Das aber kam bei Milchbutter häufiger vor als es die späteren Hymnen der Agrarier auf die „gute“ Butter wahrhaben wollten (Vom Rhein, Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 61 v. 5. März, s.p.). Die weite Verbreitung der Versandbutter erlaubt schließlich auch Rückfragen an die heutzutage fast litaneihaft vorgetragene Positionierung der Kunstbutter als Fett der Armen und der Arbeiter. Gerade im rückwärtigen gewerblichen Sektor, also bei Bäckern und Konditoren, bei Wirten und Restaurantbesitzern, wurde sie häufig verwandt, um Backwaren und Speisen preiswerter zu machen (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Kunstbutter war immer auch bürgerlich, war keineswegs das Fett allein der Armen.

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Kein Fett für die Armen: Werbung für Sparbutter in Karlsruhe 1875 (Karlsruher Tagblatt 1875, Nr. 184 v. 8. Juli, 6)

Der Hersteller der Prima Wiener Sparbutter – ein vom Wiener Magistrat 1874 genehmigter Markenbegriff – war F.A. Sarg Sohn & Co., ein führender Produzent von Stearinkerzen und Glycerinseifen, ein Unternehmen also, das schon früh preiswerte Massenkonsumgüter herstellte und aktiv bewarb. Es diversifizierte zunehmend in die Kosmetikbranche. Die seit 1887 vertriebene Tubenzahncreme Kalodont wurde ein weltweit erfolgreiches Markenprodukt und diente als Dachmarke für viele weitere fetthaltige Kalodontprodukte. Ähnlich wie in Frankfurt am Main und Paris dauerte es auch in Wien fast zwei Jahre, von 1872 bis 1874, ehe die Produktion auf Basis des Mège-Mourièsschen Patentes aufgenommen werden konnte (Sparbutter, Morgen-Post 1874, Nr. 61 v. 3. März, 2). Ihr Absatz war seit 1874 von Anzeigenwerbung begleitet – und blieb damit eine Ausnahme, denn die Werbung für Kunstbutter erfolgte zumeist noch durch die Kleinhändler.

Sargs Sparbutter traf auf eine gespaltene Rezeption. Blicken wir auf eine aufstrebende Industriestadt im südlichen Ruhrgebiet: „Hier in Witten wiesen einzelne renommirte Ladengeschäfte den Verkauf zurück, andere kleine Geschäfte versuchten den Artikel und fanden ihn auch brauchbar. Die Butter ist selbst bei heißer Witterung hart und kernig, schmeckt nicht gerade schlecht und kostet 15 bis 20 Pfg. weniger als geringere Sorten Naturbutter. Das Publikum, auch wenn es noch so genau über die Zusammensetzung der Butter belehrt wurde, verlangte eben ‚Sparbutter‘, weil sie gefälliger für’s Auge und praktischer im Gebrauche sei. So mußten Nachbestellungen folgen und der Artikel ‚zog‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 223 v. 21. August, 3). Die neue Kunstbutter wurde allerdings häufig dazu genutzt, um sie Butter beizumengen und diese dann undeklariert, aber zu leicht niedrigerem Preis zu verkaufen. Umfassende Untersuchungen der lokalen Nahrungspolizei waren die Folge, führten teils gar zu ersten Verboten des Wochenmarktverkaufs. In Düsseldorf hieß es: „Es dürfte unseres Erachtens der Verkauf dieser Butter unter dem Namen ‚Sparbutter‘ auch auf den Wochenmärkten gestattet werden, doch müßten polizeilicherseits dafür gesonderte Verkaufsstellen auf den Marktplätzen angewiesen und diese entsprechend bezeichnet werden“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 270 v. 7. Oktober, 2). Die Sparbutter war ein Einbruch in die tradierte Welt des Absatzes – und auch deshalb schlug ihr beträchtlicher Widerstand entgegen.

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Widerstand gegen die Sparbutter in Dresden 1877 (Dresdner Nachrichten 1875, Nr. 293 v. 20. Oktober, 6)

Ein strukturelles Problem war dabei die mangelnde Kenntnis des noch nicht eingeführten Produktes. Über dessen Zusammensetzung gingen „im Publikum die verschiedensten Gerüchte“ um: „Es nimmt dies nicht Wunder, da verschiedene Fabriken dieser Art dem Publikum nicht gestatten, Einsicht von ihrem Betrieb zu nehmen; in Folge dessen denkt dasselbe unwillkürlich an Pferde- und Schweinefett, Kartoffelmehl, Gelèe aus isländischem Moos und sonstige Teufeleien“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106). Während die Kritik im Auslande vielfach allgemein und unspezifisch blieb, sah sich Sarg in Wien regelrechten Denunziationskampagnen ausgesetzt: Butter stamme von der Kuh – und nicht vom Ochsen. Die Sparbutter würde vornehmlich zur Verfälschung der Butter eingesetzt („Kunstbutter.“, Morgen-Post 1877, Nr. 199 v. 22. Juli, 3). Das Neue wurde zum Skandal: „Die Liesinger Sparbutter ist nichts Anderes, als ein Unschlitt- und Glyceringemengsel mit verschiedenen ekelhaften Zuthaten, welche dem Fabrikate den Geschmack und die Structur der wirklichen Butter geben sollen“ (Glycerin-Butter, Morgen-Post 1877, Nr. 223 v. 15. August, 3).

Kritiker beklagten die vermeintliche „rissige“ Struktur der Sparbutter, die daraus resultiere, „daß ihr das, die einzelnen, bunt zusammengewürfelten Bestandtheile zu einem einheitlichen Ganzen verbindende Ferment vollständig abgeht“ (Die Sparbutter und ihre Verehrer, Morgen-Post 1877, Nr. 227 v. 19. August, 3). Die Reaktion der Wiener Firma war bemerkenswert: Zum einen förderte sie redaktionelle Werbung, in der die bestehenden Vorurteile gegen die Nahrungsinnovation argumentativ aufgegriffen wurden (Das Vorurtheil und die Sparbutter, Kikeriki 17, 1877, Nr. 62 v. 5. August, 3). Zum anderen informierte sie die Öffentlichkeit recht präzise über die Sparbutterproduktion, die hohen Hygienestandards und den modernen Maschinenpark (Sarg’s Prima Wiener Sparbutter, Die Presse 1877, Nr. 156 v. 9. Juni, 9; Die Spar- oder Kunstbutter-Fabrikation, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 4, 1877, 222-223; Excursionsbericht, Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins 12, 1886, 194-195). Sarg praktizierte somit Vertrauensbildung durch Firmen- und Produkt-PR lange bevor es reflektierte Public-Relations-Ratgeber gab. Dadurch gewann sie nicht allein wachsendes öffentliches Vertrauen, sondern initiierte auch eine tradierte Elitenkritik an der vermeintlich dummen Masse der Konsumenten und deklassierter Kleinhändler: „Die betreffende Bevölkerung ist theils zu indolent, theils auch gar nicht in Kenntnis von der Beschaffenheit jenes Surrogatmittels, genannt Sparbutter, und daher ganz ausser Stande, davon Gebrauch zu machen“ (Zur Nahrungsmittelfrage. Sarg’s Prima Wiener-Sparbutter, Wiener Medizinische Wochenschrift 27, 1877, Sp. 1175-1177, hier Sp. 1176). Das Beispiel von Sargs Prima Wiener Sparbutter unterstreicht, dass es bei der Einführung der „Margarine“ keineswegs um den simplen Gegensatz von Gewerbe und Landwirtschaft ging, sondern dass hier um die Bedrohung durch das Unbekannte, durch das Neue gerungen wurde. Gerade nach dem Gründerkrise war Skepsis gegenüber einer vom Markt ausgehenden Umgestaltung des Alltags weit verbreitet. Die Durchsetzung der Margarine war schließlich Teil der Durchsetzung und Verankerung kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien.

Gleichwohl zeigt insbesondere die Produkteinführung eine Konsumgesellschaft im Werden. Kunstbutter war eine anonyme Ware. Hersteller und Zusammensetzung waren zumeist nicht bekannt. Der gegenüber Butter geringere Preis und der gegenüber Schmalz und Talg bessere Geschmack waren für den Absatz entscheidend. Anfang der 1870er Jahre erfolgte der Absatz noch vielfach über Wochenmärkte. Die lokale Marktpolizei schritt hiergegen rasch ein, um Übervorteilungen auszuschließen und – im Wortsinne – Markttransparenz zu gewährleisten. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet wurde Kunstbutter anfangs teils vom Wochenmarktverkehr ausgeschlossen, teils wurden die Marktordnungen so verändert, dass der Absatz nur bei expliziter Kennzeichnung erlaubt war (Sell, 1886, 492-493). Die Folge war eine Diffusion des Verkaufs in ladengebundene Nahrungsmittelgeschäfte bzw. Versandgeschäfte. Händler- und Herstellervertrauen traten hier teils an die Stelle der unzureichenden Informationen über die Kunstbutter. Zugleich wurde augenfällig, dass auch die tradierten Nahrungsmittel bisher vorwiegend nach Augenschein und ohne detaillierte Produktinformationen gekauft wurden.

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Etablierung im Sortiment des Kolonialwarenhandels. Anzeigen von Sparbutter in Düsseldorf 1877 (Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 302 v. 10. November, 4 (l.); ebd., Nr. 42 v. 14. Februar, 4)

Preis und Geschmack dominierten den Abverkauf, nicht aber vertiefende Informationen: „In Dortmund kommt die Kunstbutter waggonweise an. Die Lieferanten sind hauptsächlich zwei holländische Fabriken, und diese können nicht so viel liefern als bestellt wird. […] In Dortmund muß jeder Kaufmann, welcher Kunstbutter feil hält, in seinem Laden einen Anschlag in großen Lettern mit den Worten führen ‚Margarinbutter‘, ‚Kunstbutter‘ oder ‚Sparbutter‘. Das Publikum stößt sich aber hieran nicht.“ Via Hamburg oder Bremen wurde auch amerikanische Kunstbutter „massenhaft angeboten“ (Kunstbutter, Linzer Volksblatt 1878, Nr. 248 v. 26. Oktober, 2). Schon Ende der 1870er Jahre war klar, dass Kunstbutter „unter ihrem wirklichen Namen auch gern vom Publikum gekauft und genossen wird“ (Naturbutter und Kunstbutter, Wider die Nahrungsfälscher! 2, 1879, 46-47, hier 46). Bemühungen von Kleinhändlern, die Vorteile der „reinen“ Butter gegenüber den nun aufkommenden zahlreichen Fettmischprodukten herauszustreichen, hatten dagegen kaum Erfolg: „Von drei Kunden, welche die Kunstbutter verlangen, sind aber nur zwei zu überreden, die gute reelle Waare zu kaufen, der dritte geht weiter und kauft beim Concurrenten die geringe Waare, welche ja äußerlich der anderen sehr ähnlich ist. Er nimmt die Meinung mit sich fort, daß ich mit der Waare zu theuer bin“ (Das Publicum und die Waarenverfälschung. (Bemerkungen eines Kaufmanns.), Deutsche Blätter 1873, Nr. 7, 26-27, hier 27). Der Speisefettmarkt geriet seit Anfang der 1870er Jahre jedoch nicht durch die Margarine selbst in Bewegung, sondern durch die nun rasch wachsende Zahl von Fettgemischen. Sie stammten von Margarineproduzenten, von Groß- und Kleinhändlern und nicht zuletzt von bäuerlichen Butterproduzenten.

Chaos im Fettmarkt: Mischbutter und Qualitätsprobleme

Die Kunstbutter war in den 1870er Jahren nur im rheinisch-westfälischen Gebiet von größerer Relevanz für den Alltagskonsum. Aufgrund des niedrigeren Preises ist es plausibel, dass Bergleute und die Industriearbeiterschaft daran einen überdurchschnittlichen Anteil hatten. Sicher belegt ist dies aber nicht, beziehen sich die meisten Quellen doch auf bürgerliche Konsumenten und das Nahrungsmittelgewerbe. Der spätere, insbesondere in den Reichstagsdebatten immer wieder antönende Gleichklang von „Margarine“ und Arbeiterschaft war immer auch eine bequeme Deutung, von der nicht zuletzt die politischen Parteien profitieren konnten. Liberale und Teile des Zentrums konnten ihr Eintreten für die „reelle“ Margarineindustrie als Sorge für den Arbeiter und sein Wohlergehen präsentieren. Auch Nationalliberale und die konservativen Parteien ließen keinen Zweifel daran, dass sie preiswerte Nahrung unterstützten: Butter für die Bessergestellten, Kunstbutter für die arbeitende Masse. Alle konnten so vergessen machen, dass Unternehmer, Kleinhändler und Landwirte Akteure und Profiteure des sich wandelnden Fettmarktes waren.

Blicken wir zuerst aufs Land: Verstädterung und „Industrialisierung“ hatten beträchtliche Chancen für marktbezogene Versorgung eröffnet, die insbesondere im Nordwesten und in Mitteldeutschland zu tiefgreifenden Veränderungen vornehmlich in der Fleischproduktion sowie der Milch- und Butterherstellung geführt hatten. Tradierte Stadt-Land-Beziehungen veränderten sich: Märkte wurde immer seltener von bäuerlichen Produzenten beschickt, an ihre Stelle traten Händler. Die Zahl der Hausierer und Höker in den Städten nahm zu. Neben das traditionelle Nahrungsmittelhandwerk traten spezialisierte Kleinhandelsgeschäfte, namentlich Fleischwaren-, Milch- und Butterhandlungen. Ohne diese Veränderungen wäre das, was heute immer noch einseitig und irreführend „Industrialisierung“ genannt wird, nicht möglich gewesen. Doch es reicht nicht, auf die Absatz- und Vertriebsstrukturen zu blicken. Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft, des kleinbäuerlichen Betriebes, manifestierte sich gerade in der Marktproduktion von Eiern, von Butter und Milch. Sie wurden zur Ware, waren nicht mehr Teil des bäuerlichen Universums, einem Konglomerat von Selbstversorgung, Tauschwirtschaft und Kapitalarmut. Marktbeschickung erlaubte eine Neudefinition des bäuerlichen Betriebes, erlaubte eine Horizonterweiterung. Doch sie bedeutete auch die Akzeptanz der Regeln urbaner Märkte. Es galt Standards einzuhalten, Expertensetzungen, Menschenwerk. Das war nicht leicht. „Milch“ variierte je nach Tierart, Fütterung, Weidequalität, Jahreszeit, Abkalbedaten und Wetter beträchtlich. Derart „natürlich“ variierende Ware war aber schwieriger abzusetzen, erzielte oft niedrigere Preise. Die Bauern halfen nach, und nicht nur zu sie. Neben die strukturellen Probleme der Nahrungsmittelversorgung traten insbesondere in den 1870er Jahren zahlreiche Wertverringerungen und auch Nahrungsmittelfälschungen (vgl. Gesetz betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg., II. Sess. 1878, Bd. 3, Berlin 1878, 766-830, insb. 775-798). Was für die Milch das Wasser wurde für die Butter nun die Kunstbutter.

Ihr Aufkommen wurde von vielen Landwirte als Weckruf verstanden (Gabriel Belleville, Die Milch und deren Verwerthung, Wein 1879, 177). Die Kunstbutterbranche war offenbar in der Lage, wichtige Nahrungsmittel preiswerter herzustellen. Die Ausbreitung „dieser Industrie“ sei „ein Mahnruf für die Landwirthe, sich die Errungenschaften der Neuzeit auf dem Gebiete des Molkereiwesens recht bald zu Nutze zu machen“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106-107, hier 107). Das war vor allem Wasser auf die Mühlen einer Minderheit von Agrarwissenschaftlern, die im Sinne der wegweisen Arbeiten Albrecht Daniel Thaers (1752-1828) forderten, „daß die Landwirthschaft heutzutage lediglich als ein industrielles Gewerbe zu betrachten ist, dessen zweckmäßige und gewinnbringende Ausbeutung, nach jeder sich darbietenden Richtung hin, die Aufgabe und das Ziel der Landwirthe sein muß“ (Heinrich Janke, Die Kunstbutter-Fabrikation als landwirthschaftliches Nebengewerbe, Seperatabdruck aus dem Jahrbuch für österreichische Landwirthe 1879, o.O. 1879, 1). Butter musste billiger und zugleich qualitativ besser werden.

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Aufhübschung als Dauerpraxis: Werbung für Butterfarbe 1875 (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 11, Beibl. 2, 3)

Dieser Aufgabe fühlten sich die Molkereigenos-senschaften verpflichtet. Händler bevorzugten die Kunstbutter nämlich nicht nur wegen ihres geringeren Preises, sondern auch wegen ihrer standardisierten Konsistenz (Naturbutter und Kunstbutter, Fühling’s landwirthschaftliche Zeitung 27, 1879, 111-113, hier 111). Doch die Butter veränderte sich auch durch gezielte Interventionen. Mit den Fortschritten der Farbchemie wurde die Butterfärbung, bei der zuvor vorrangig auf das aus dem brasilianischen Annattostrauch gewonnene Orleans zurückgegriffen wurde, einfacher und auch preiswerter: Das vermeintliche Naturprodukt wurde den Konsumentenerwartungen gemäß ausgestaltet. Kunstbutter konnte genutzt werden, um sie der eigenen „Naturbutter“ hinzuzufügen, um sie entweder billiger anzubieten oder um einen höheren Ertrag zu erzielen. Es galt, „daß selbst unsere biederen weiblichen Butterverkäufer vom Lande die Kunst, Natur durch Surrogat zu ergänzen, sehr trefflich verstehen“ (Strohmer, 1886). Derartige Mischbutter war erlaubt, sollte allerdings als solche ausgewiesen sein. Das war sie häufig nicht.

Bäuerliche Butterproduzenten nahmen daher nicht unbeträchtliche Mengen Kunstbutter ab – und dies übertraf bei weitem die auch im dem europäischen Ausland allgemein verbreitete Praxis, im bäuerlichen Haushalt Kunstbutter zu verzehren, um mehr Butter verkaufen zu können (Lang, 1912, 54-55). Friktionen innerhalb „der“ Landwirtschaft wurden dadurch offenbar. Die bäuerliche Alltagspraxis stand nicht zuletzt im Gegensatz zu den Interessen der noch erfolgreichen Butterexportindustrie. In Norddeutschland und Ostelbien gelegen, belieferte sie insbesondere den britischen Markt mit hochwertiger Ware. Mischbutter unterminierte ihren Qualitätsanspruch. Das Ringen um die „Margarine“ erfolgte also nicht allein zwischen Industrie und Landwirtschaft, sondern auch innerhalb der Landwirtschaft selbst: „Denn, meine Herren, verkennen Sie doch die Gefahr nicht: es ist nothwendig, daß wir den Artikel ‚Kunstbutter‘ unterdrücken, damit nicht auch die Landwirthe die Möglichkeit bekommen, gewissermaßen selbst schon die Fälschung in ihrer eigenen Wirthschaft vorzunehmen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 667 (von Frege)).

Bäuerliche Anbieter haben das Chaos im Fettmarkt nicht hervorgerufen, doch sie haben es verstärkt. Die Produzenten ergänzten ihre Angebote, neben Kunstbutter trat zunehmend Mischbutter. A.L. Mohr produzierte 1887 beispielsweise 880 t Margarine und mehr als 2.600 t Mischbutter (Herbst, 1989, 151). Großhändler kauften Butter und Margarine, vermengten diese dann zu neuen Produkten. Kleinhändler kauften die Fettgemenge an, wiesen deren Zusammensetzung aber nicht aus, kannten sie teils auch nicht. Die Obrigkeit war nur vereinzelt in der Lage, den Mischbutterabsatz zu ordnen und zu begrenzen. Explizite Kennzeichnungspflichten gab es nicht, zumal Mischbutter keine Gesundheitsgefährdung darstellte. Der Nationalstaat reagierte kaum. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb allgemein, behandelte Kunst- und Mischbutter trotz zahlreicher Petitionen nicht explizit.

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Reine Ware in einem Markt ohne Regeln? Karikatur anlässlich der globalen Regulierungswelle (Nebelspalter 12, 1886, H. 15, s.p.)

Spätestens zu dieser Zeit war Mischbutter ein auch öffentlich diskutiertes Problem. Experten diskutierten vorrangig „die Gefahr der Uebervortheilung“ der Konsumenten (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 147). Indikator hierfür waren gemeinhin Butterkontrollen der noch in den Anfängen stehenden Nahrungsmittel-kontrolle. In Hannover hatten Bürger daher ein privates Untersuchungsamt gegründet, um „dieser neuen Form der Nahrungsnoth“ (Wieder die Nahrungsfälscher! 1, 1878, 1) zu begegnen. Dessen Resultate dürften repräsentativ sein. Die – allerdings nicht sehr zahlreichen – Untersuchungen ergaben regelmäßig mit Kunstbutter vermischte „Butter“. Schlechte Butter resultierte aber vielfach auch aus mangelhafter Butterung, also Defiziten in der bäuerlichen Produktion (Ergebnisse des Hannoverschen Untersuchungsamtes, Wider die Nahrungsmittelfälscher! 1, 1878, 27-28, hier 28). Die Konsequenz waren Forderungen einerseits nach klarer Kennzeichnung, anderseits nach Aufklärung des Publikums über die rechte Beschaffenheit von Butter resp. Kunstbutter (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1878, 23). Die Fachleute wussten aber auch, dass ihre Arbeit keine marktbereinigenden Folgen gegen Mischbutter haben konnte: „Die Behörden waren bislang gegen diesen Betrug meistens machtlos, da alle vorgeschlagenen analytischen Methoden […] zu umständlich und viel zu unsicher sind, als dass auf sie hin eine energische Controle denkbar wäre“ (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1879, 168). Das Chaos im Fettmarkt resultierte auch aus dem Mangel an empirisch validen Nachweisverfahren. Neue Verfahren arbeiteten mit polarisiertem Licht, also optischen Verfahren, doch deren Handhabung war kompliziert, teuer und oft nicht gerichtsfest. Während der 1880er Jahre kamen zahlreiche neue Verfahren und Geräte auf, doch eine präzise und zugleich preisgünstige analytische Unterscheidung der einzelnen Fettsäuren war erst nach der Jahrhundertwende möglich.

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Wahrheitsverfahren: Butteruntersuchungsapparat des Agrarwissenschaftlers Adolf Eduard Mayer ([Eugen] Sell, Beiträge zur Kenntnis der Milchbutter […], Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 529-545, hier 543)

Auch der bestehende Rechtsrahmen setzte dem Einschreiten der Obrigkeit enge Grenzen. In Leipzig wurden 1886 beispielsweise drei Kaufleute erstinstanzlich wegen des Verkaufs Mohrscher Kunstbutter als „Gutsmischbutter“ zu Geldstrafen verurteilt. Die Revision kassierte das Urteil des Amtsgerichts, da der Fettgehalt beider absolut vergleichbar sei, ein Betrug also nicht vorliegen könne. Das Verfahren wurde zwar an das Landgericht überwiesen, doch dort konnte man nur noch wegen Betruges nach dem Nahrungsmittelgesetz vorgehen – ein quasi aussichtsloses Unterfangen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 213 v. 1. August, 20). Was blieb war vor allem der moralische Appell, da Kennzeichnung nicht einfach dekretiert werden konnten. „In diesem Kampf zwischen ‚Natur‘ und ‚Kunst‘ stehen die Dresdner Hausfrauen natürlich auf der Seite der Naturbutterhändler und wünschen recht sehnlichst, daß sie durch behördliche Fürsorge vor Schwindel und Uebervortheilung bewahrt werden“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 210 v. 29. Juli, 6). Da lachten viele Marktteilnehmer und schritten weiter voran. Gerade Pharmazeuten und Chemiker flüchteten sich angesichts der weitverbreiteten Moralisierung der Märkte in Sarkasmus. Als in London 1870 Fett aus den Themseabfällen gewonnen werden sollte, kommentierte man süffisant: „Philanthropen bemühen sich, den Armen einen billigen Genuß von Butter zu verschaffen“ (Butterverfälschung, Industrie-Blätter 7, 1870, 108-109). Inhaltlich waren sie nicht weit entfernt von den Vorstellungen der Sozialdemokratie, die sich in der Folgezeit zur eigentlichen Partei des Konsumentenschutzes entwickeln sollte. Sie beklagte beredt den Schwindel mit „Butter“, forderte aber zugleich Zwangsmittel, damit die Firmen klar kennzeichneten. Zugleich aber brandmarkte sie die Kennzeichnungsdebatte als bürgerliche Irreführung, ginge es doch darum, „daß die große Masse des Volkes nicht mehr im Stande ist, unverfälschte Nahrungsmittel zu kaufen“ (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 181 v. 6. August, 2).

Das Chaos im Fettmarkt führte auch zu einer steten Präsenz des Verdachts. Fabriken wurden beobachtet, um abschätzen zu können, wie viel sie produzierten und wie viel sie davon ehrlich verkauften (Rosenheimer Anzeiger 1879, Nr. 198 v. 31. August, 3). Wirkmächtiger aber war der Verdacht, „dass ein Theil der Kunstbutter aus ekelerregenden Materialien dargestellt wird“ (Adolf Eduard Mayer, zit. n. Benedikt, 1887, 420). Gerade die Verwendung von Schlachtabfällen führte zu gleichsam apokalyptischen Szenarien allgemeiner Verfälschung, allgemeiner Vergiftung.

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Das Unbehagen an der Kunstbutter: US-Karikatur über die nicht deklarierten Grundstoffe der Margarineproduktion (The Wasp 10, 1883, Nr. 1 v. 6. Januar, 16)

Dem standen Physiologen und Chemiker gegenüber, die berechtigt hervorhoben, dass eine öffentliche Gefahr bei Natur- und Kunstbutter sowie etwaigen Mischungen an sich ausgeschlossen war: „Auf dem Markte wird man füglich dem Geschmacke des Publikums die Rolle des Richters überlassen können und derjenige, welcher sich über den Genuss des feinen Butteraromas hinwegzusetzen vermag und anstatt Naturbutter Kunstbutter mit nach Hause bringt, wird nicht schlechter fahren als Jemand, welcher mit einer geringeren Fleischqualität sich zufrieden stellt“ (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 249, 1883, 319). Fasst man zusammen, so war der Verkauf von Kunstbutter unter der „Maske der Naturbutter“ (Strohmer, 1886) in der Tat weit verbreitet. Die Speisefette bestanden aus zahlreichen Mischungen, doch es gab keine rechtlich verbindlichen Begriffe, um diese Vielfalt präzise fassen zu können. Kunstbutter war Produkt naturwissenschaftlichen Wissens, doch die Wissenschaft war nicht in der Lage, ihre Marktpräsenz stetig und differenziert nachweisen zu können. Dies führte zu Unsicherheit über gängige Alltagsangebote, über die Ordnungskraft von Obrigkeit und Wissenschaft. Staatliches Handeln schien unabdingbar – und seit 1886 lag ein erster Gesetzentwurf vor, der das Chaos im Fettmarkt beenden sollte. Bevor wir auf diesen eingehen, ist nochmals innezuhalten: Die hitzige Diskussion über Kunst-, Misch- und Naturbutter macht schließlich klar, das moderne Produkte ohne eine informative Reklame und das Qualitätsversprechen von Markenartikeln kaum zu etablieren sind. Der Markt kann nicht gänzlich frei sein, muss immer begrenzt und eingehegt sein. In den 1890er Jahren gab es daher weitere Rahmenregulierungen, so 1894 das Gesetz zum Schutz der Waarenbezeichnungen und 1897 das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Staatlich-parlamentarische Intervention: Benennung und Einhegung der „Margarine“

Als die Reichsregierung im Februar 1886 dem Bundesrat einen Gesetzentwurf „über den Verkehr mit Kunstbutter“ vorlegte, war klar, dass ein öffentliches Problem bestand, doch es war unklar, wie dieses zu regeln war (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 48 v. 26. Februar, 2). Der Gesetzentwurf war jedenfalls eine Absage an ebenfalls mögliche detaillierte Verordnungen auf Grundlage des Nahrungsmittelgesetzes, wie sie vornehmlich von landwirtschaftlichen Interessengruppen vielfach gefordert worden war (Otto May, Umschau, Zeitschrift des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 69, 1879, 418-425, hier 424). Kunstbutter war wichtig genug, um in einem Spezialgesetz geregelt zu werden – recht bemerkenswert, denn damals lief die Gesetzesmaschinerie deutlich niedertouriger als heutzutage. Dem Gesetzentwurf vorangegangen waren nicht nur intensive öffentliche Debatten, sondern auch Forderungen nach einem neuerlich höheren Zoll auf Oleomargarin und Kunstbutter, eingebracht 1885 vom Zentrum resp. der freien wirtschaftlichen Vereinigung, einer Vorform der „Kartellparteien“ von Nationalliberalen und Konservativen. Sie trafen auf vehementen Protest der Linksliberalen, scheiterten aber an der schlichten Regierungsaussage, das eine zolltechnische Unterscheidung von Butter und Kunstbutter nicht möglich sei (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 90 v. 18. April, 5).

Während der Entwurf 1886 beraten wurde, waren Umfang und Struktur der Kunstbutterindustrie nur grob bekannt. Eine vom Reichsgesundheitsamt initiierte Denkschrift, die sich vornehmlich den verschiedenen Nachweisverfahren, also einer möglichen Kontrollpraxis widmete, nutzte die Angaben der Berufsgenossenschaft der Nahrungsmittelmittelindustrie. Demnach gab es im Deutschen Reich 45 Kunstbutterproduzenten mit 415 Beschäftigten. Hinzu kamen sieben weitere Firmen, die auch andere Waren produzierten (Sell, 1886, 492). Preußen, und darin insbesondere die Rheinprovinz, dominierte, Bayern folgte mit beträchtlichen zehn Fabriken. Gestützt durch die neu errichteten Zollschranken war die Branche zwischenzeitlich zum Export übergegangen (Kunstbutterfabrikation, 1887, 250). Produktionsziffern lagen nur vereinzelt vor. Kunstbutter wurde vornehmlich in Städten verkauft, insbesondere in Hafenstädten. Mège-Mouriès Initiative hatte also auch den Schiffsproviant verändert. Als Abnehmer wurden die „ärmeren Klassen der Bevölkerung“ (Sell, 1886, 492) genannt, doch der gewerbliche Konsum war ebenfalls beträchtlich. Valide Umsatzziffern fehlten, die Schätzungen schwankten zwischen 18 und 162 Millionen Mark (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 940). Die Margarineindustrie war also relativ klein, ökonomisch recht unbedeutend. Ihre Regulierung durch ein Spezialgesetz erfolgte, weil es um grundsätzliche Ordnungsentscheidungen im sich rasch wandelnden Konsumgütermarkt handelte.

In der Forschung wird das sog. Margarinegesetz von 1887 nun häufig missverstanden als eine einseitige Liebesgabe an landwirtschaftliche Interessen: „Unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes suchte die Landwirtschaft sich missliebiger Konkurrenz zu entledigen“ (Vera Hierholzer, Nahrung nach Norm. Regulierung von Nahrungsmittelqualität in der Industrialisierung 1871-1914, Göttingen 2010, 148). In der Tat gab es seit 1886 eine breite Mobilisierung landwirtschaftlicher Vereine, namentlich des Deutschen Landwirtschaftsrates. Deren Forderungen waren bekannt reißerisch: „Unserseits würden wir am liebsten die Existenz von ‚Kunstbutter-Fabriken‘ ganz beseitigt sehen. Die Gründe, welche man für deren Bestehen geltend macht, sind sehr fadenscheinig und der Nutzen, welchen die Arbeiterwelt in Mittel- und Norddeutschland daraus ziehen soll, ist gering, kann aber jedenfalls den immensen Schaden, der durch die Kunstbutterfabrikation angerichtet wird, bei Weitem nicht aufwiegen“ (Tagesgeschichte, Rosenheimer Anzeiger 1885, Nr. 111 v. 17. Mai, 1). Damit negierten sie das bestehende Chaos im Fettmarkt, negierten insbesondere, dass davon zahlreiche kleinbäuerliche Butterproduzenten profitierten. Während der Debatte über das Margarinegesetz wurde ein Verbot der Kunstbutter jedoch von allen Fraktionen abgelehnt. Stattdessen ging es auch für die zu dieser Zeit noch schwer zu fassenden „Agrarier“ – der Bund der Landwirte wurde erst 1893 gegründet – um eine neue Ordnung dieses für Milchbauern und Fleischmäster wichtigen Konsumgütermarktes. Der Regierungsentwurf hatte genau das anvisiert und blieb gegenüber den natürlich auch in den Reichstag dringenden Forderungen der Agrarier – insbesondere der nicht im Mittelpunkt stehenden Frage der Färbung der Kunstbutter – ablehnend. Das Margarinegesetz war kein Erfolg der Agrarlobby. Wohlig berichtete die liberale Vossische Zeitung über die „Mißstimmung der Agrarier“ (Vossische Zeitung 1887, Nr. 233 v. 22. Mai, 1) nach der für sie eigentlich erfolgreichen 2. Lesung des Gesetzentwurfes. Doch es ging letztlich nicht um die Minderheit der Extremisten vom Lande. Es ging bei dem Margarinegesetz um die Marktregulierung von wissensbasierten Konsumgütern. Das sahen auch die beiden konservativen Parteien und die Nationalliberalen so – also die Kartellparteien, die eine klare Mehrheit im Anfang 1887 neu gewählten Reichstag besaßen.

Was war nun das Ergebnis all dieser Debatten? Der Reichstag agierte als Sprachschöpfer: Der Begriff „Kunstbutter“ wurde quasi amtlich gestrichen und durch den neuen Begriff „Margarine“ ersetzt. Mischbutter wurde grundsätzlich verboten, wenngleich eine relativ geringe Zumischung von Milchbutter zugestanden wurde. „Margarine“ musste als solche gekennzeichnet sein, war im Kleinhandel in Würfelform abzusetzen. Hersteller hatten ihren Namen und die Produktbezeichnung anzugeben, Händler mussten das Produkt benennen und ausschildern. „Margarine“ musste aber nicht gefärbt werden, um sie auch augenscheinlich von Butter abzugrenzen (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494-1495). Damit genügte das Gesetz weder extremen agrarischen Forderungen, noch richtete es sich primär gegen die „Uebervortheilung namentlich der kleinen Leute“ (Der Wendelstein 1886, Nr. 156 v. 30. 12., 1). Es war vielmehr der Versuch, den Fettmarkt mittels einer Kombination von moderaten Eingriffen in den Absatz, tradierten Strafbestimmungen und wissenschaftlicher Kontrolltätigkeit wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Es waren vor allem zwei bisher wenig beachtete Aspekte, die das sog. erste Margarinegesetz zu einem Meilenstein in der Regulierung der Konsumsphäre machten. Zum einen rückten die Parlamentarier die für Konsumgüter wesentlichen semantischen Illusionen in den Mittelpunkt der Gesetzgebung. Zum anderen rangen sie um die Warenästhetik der Konsumgesellschaft, erörterten am wachsgelben Exemplum die visuelle Kultur der neuen Zeit.

Die Parlamentarier waren sich der tiefgreifenden Veränderungen der Nahrungsmittel seit dem Markteintritt der „Margarine Mouriès“ natürlich bewusst. Das galt nicht allein für das Deutsche Reich, denn in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre wurde „Margarine“ in fast allen westlichen Staaten durch Spezialgesetze reguliert. Der Nationalliberale Abgeordnete Friedrich Bahya brachte den Wandel auf den Punkt: „Ich bin weit entfernt, irgend einem Kunstprodukt nahetreten zu wollen; wir leben in einer Zeit, wo alles doch mehr oder weniger dem Kunstbetrieb zugeht“ (RT, Stenographischer Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 290 (Bayha)). Kunstbutter war ein Prototyp neuer künstlicher Kost, der stete Bezug auf Auslandsmärkte, internationale Transfers und wissenschaftliches Wissen unterstrich dies.

Kunstbutter indes war in Zeiten ubiquitär angebotener Mischbutter ein unklarer Begriff geworden, ausgehöhlt, weit entfernt von der ursprünglichen Klarheit der „Margarine Mouriès“, auf die man sich immer wieder als ehrliches Produkt berief. Was war aus Kunstbutter nur geworden: Sparbutter, Kochbutter, Wirtschaftsbutter, Margarinbutter, Naturbutter, Grasmischbutter. Auch Schmalzbutter, Fassbutter, holländische Butter, Butterine wurde angeboten, nicht zu schweigen von Gebirgs-, Alpen- Alpenkräuter-, Senn-, Rittergutsbutter, schließlich Schweizer, Bayerische, Tyroler Butter. Wer Kunstbutter kaufte, fühlte sich an die Schäferromane des Barocks, die einfache ländliche Welt der Romantik erinnert. Auch Butter blieb nicht länger Butter, sondern wurde „gut“ und „rein“, mutierte zur Naturbutter oder Milchbutter. Begrifflich entfernten sich die Anbieter von der recht prosaischen Produktionspraxis, verkauften mit der Ware zunehmend auch Träume. Der Regierungsentwurf wollte diese nicht zerstören, doch die darin vorgeschlagene Rückführung aller Mischfette auf den verbindlichen Begriff der Kunstbutter fand keine Billigung bei der Mehrheit: Im beratenden Kommissionbericht hieß es desillusionierend: Mischbutter „gleicht einer falschen Münze, und verdient auch so behandelt zu werden; sie trägt nicht nur ein erborgtes Kleid, sondern sie borgt von der Naturbutter auch deren Preis, läßt ihr aber deren höhere Produktionskosten, welche den Preis der Milchbutter bedingen und rechtfertigen; sie ist daher nicht nur zu Täuschungen benutzbar, sondern ein Täuschungsprodukt an und für sich; ihre ganze Existenz ist dadurch bedingt, daß eine Täuschung erzielt wird“ (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 942-943). Dem galt es gegenzusteuern, regulativ, aber auch begrifflich. So hatten einzelne Abgeordnete schon während der Diskussionen um das Nahrungsmittelgesetz argumentiert, ohne sich aber durchsetzen zu können (Entwurf, 1878, 786). Nun aber kam man, auch unter dem Einfluss ausländischer Gesetze, zu dem Schluss, dass ein neues wissensbasiertes Produkt auch eines neuen wissenschaftlichen Namens bedürfe.

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Dem Kunstfett einen Namen geben: Werbung für Margarin-Produkte 1886 (Wiener Hausfrauen-Zeitung 12, 1886, 141)

Der neue Begriff „Margarine“ verweise nicht allein auf den eigentlichen Ausgangspunkt des Marktwandels – die „Margarine Mouriès“ – sondern erlaube auch eine Vereinheitlichung des Fettmarktes, die mit dem in Deutschland eben nicht überall eingebürgerten Begriff der Kunstbutter nicht zu gewährleisten sei (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 941). Kunstbutter habe zudem einen irreführenden Lockreiz, beziehe sich auf die Kunstfertigkeit der Produktion, auf deren Nähe zum Kunsthandwerk. Der Begriff „Margarine“ sollte zugleich die Trennung von Butter und dem neuen Kunstprodukt unterstreichen. Es ging um begriffliche Trennung, nicht um begriffliche Vermischung. Zugleich unterstrich „Margarine“ das Fremdländisch-internationale dieser Handelsware, während Butter, die reine, im heimisch-ländlichen Raum verankert blieb. Der neue Begriff rief allerdings deutliche Kritik hervor. Die Regierung verteidigte die Kunstbutter pragmatisch, da der Zusatz „Kunst“ doch eher an Ersatzmittel, an Surrogate erinnere (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 281 (Köhler). Kunstwein schmeckte nicht recht, auch Kunstdünger hatte schon damals gewissen Warncharakter. Auch Hinweise, dass „Margarine“ ein wissenschaftlich irreführender Begriff sei, da das Produkt aus Olein und Margarin bestehe – in den USA erließ man 1886 den Oleomargarine Act – und die Margarinsäure keineswegs konstitutiv sei, wurden nicht gehört.

Öffentlich breit diskutiert wurde einerseits die vom Nationalliberalen Ludwig Bamberger (1823-1899) thematisierte Kernfrage, „wie weit soll der Gesetzgeber sich einmischen in den Sprachgebrauch eines Volkes, insofern er sich reflektirt in seinem gewerblichen Verkehr?“ Damit versuchte er die für die deutsche Kulturnation zentrale sprachliche Autonomie der bürgerlichen Gesellschaft zu verteidigen. Zugleich erschien ihm das Lehnwort aus dem Französischen eine „Verunreinigung der deutschen Sprache“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 resp. zuvor 660). Ähnlich argumentierte der freisinnige Abgeordnete Alexander Meyer (1832-1908), der lange bevor dieser Begriff für das Herrschaftssystem Wilhelm II. verwandt wurde, anmerkte, dass „Margarine“ „gewisse cäsarische Neigungen“ verrate, „die Grammatik zu beherrschen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 17. Juni 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 1120). Der Begriff schien ihm nicht handhabbar, erinnere an die Kunstsprache Volapük, nicht aber an klare deutsche Sprache. Diese Kritik ließ die Befürworter der Konservativen, der Nationalliberalen und auch des Zentrums jedoch nicht wanken. Unter dem Spott der liberalen Presse und auch ordentlicher Nationalisten und Germanisten sprachen sie sich für ein welsches Fremdwort aus, nicht aber für das ebenfalls vorgeschlagene schöne deutsche Wort „Talgbutter“. Die sprachlich verordnete „Margarine“ setzte sich nach längerer Gewöhnungsphase schließlich durch – überdeckte so den tiefgreifenden Wandel des Fettproduktes in den folgenden Jahrzehnten. Das aber ist ein wesentliches Kennzeichen semantischer Illusionen.

„Margarine“, ursprünglich noch ein Plural, war nun begrifflich fixiert als „diejenigen, der Milchbutter ähnlichen Zubereitungen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt“ (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494). Ihre Warenästhetik blieb davon jedoch unberührt. Schon die „Margarine Mouriès“ war chamäleonhaft. Frisch hergestellt war sie wachsig-weiß, nicht golden-gelb wie „gute“ Butter. Die Fabrikanten veränderten jedoch schon früh Geschmack, Geruch und insbesondere die Farbe des Fertigproduktes, folgten dabei den Wünschen und den Erwartungen der Käufer. Man griff dabei ins Schatzkästlein auch der Butterproduzenten: Dort fanden sich Butterfarbe, Butteräther, Orleans, Cumarin, Curcuma, nicht zu vergessen die Gelbwurzel, Safran, Saflor, die Ringelblume, das Gelbholz und auch die gemeine Mohrrübe (Kunstbutterfabrikation, 1887, 249; Wider die Nahrungsfälscher! 4, 1881, 78; Jolles, 1895, 19). Sie alle dienten nun auch der Färbung der „Margarine“, ihrer properen und buttergleichen Erscheinung.

Der Vorschlag einer markanten Färbung der Kunstbutter war daher keineswegs so abwegig, wie dies die Kritiker monierten. Abermals handelte es sich um einen Wissenstransfer, dieses Mal aus den USA, wo seit spätestens 1885 die Farben blau, grün und rot in die engere Auswahl kamen, von denen rot, zumindest in New York, auch kurze Zeit angewandt wurde (Strohmer, 1886). Der Deutschkonservative Agrarier Hans von Kanitz (1841-1913) griff derartige Anregungen freudig auf und plädierte 1886 im Preußischen Abgeordnetenhaus für eine Blaufärbung der Kunstbutter (Blau gefärbte Kunstbutter, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 93 v. 20. April, 2). Im deutschen Reichstag war der Freikonservative Abgeordnete Arthur Gehlert (1833-1904) – heute noch erinnert als ein Pionier der Schachkomposition – der Färbungsfrontmann. Er sah den Menschen als eine „zweibeinige Bestie“, die nur durch den Staat als „Inbegriff aller Konsumenten“ gebändigt werden könne. Stupsen reiche nicht, die Lenkung müsse klar sein. Und so plädierte er für eine Kunstbutterfärbung im sanften Hellblau (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 283 resp. 284). Das Protokoll vermerkte hier „große Heiterkeit“ – und doch: Eine Färbung war durchaus praktikabel und insbesondere der Münchener Agrarwissenschaftler Franz von Soxhlet (1848-1926) präsentierte nicht nur eine deutlich breitere Farbpalette ([Franz] Soxhlet, Ueber Margarine, München 1895, 131-149). Um aus der Not der Untersuchungspraxis eine Tugend zu machen, plädierte er während der Beratungen 1887 für den verpflichten Zusatz des aus dem Lackmustest bekannten Phenolphtaleins. Dieses sei „völlig unschädlich“ und leicht festzustellen und belasse die Farbe des Produktes im Vertrieb. Von der heute angenommenen kanzerogenen Wirkung des Stoffes konnte er noch nichts wissen.

In der Tat wären dies wirksame Maßnahmen gegen die „unkontrolirbare“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 21. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 685 (von Holstein)) Kunst- und Mischbutter gewesen. Doch schon in der Kommissionsberatung hatte sich die Regierung gegen die Zwangsfärbung ausgesprochen und eine Kommissionsmehrheit war nicht zu erlangen. Schon zuvor hatte man ein ebenfalls gefordertes Färbeverbot der Kunstbutter abgelehnt. Eine moderate Färbung gehöre zu modernen Konsumgütern dazu, sie könne daher nicht zur einseitigen Diskriminierung verwendet werden (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 939-40, 945). Damit war der Vorschlag eigentlich vom Tisch. Doch er wurde in den Folgedebatten wiederholt aufgegriffen, ging es doch nicht allein um Farbzusätze, sondern um die psychologischen Grundlagen moderner Konsumgesellschaften: Wahrheit verkaufe sich nicht. Diese Plattitüde wurde dann immer wieder von nachplappernden Werbepionieren aufgewärmt, so etwa von Raymond Loewy (1893-1986) (Häßlichkeit verkauft sich schlecht, Düsseldorf 1953). August Lucius (1816-1900), Zentrumsabgeordneter des Düsseldorfer Wahlkreises, wusste bereits, dass es hier um Teilhabe und Respekt ging: „Hüte man sich doch, so weit zu gehen, und bedenke man, daß man den armen Mann durch eine solche Maßregel nicht allein abschreckt, sondern auch beleidigt, degradirt. Welche Frau würde in einen solchen Laden gehen und kaufen oder einen solchen Gegenstand wie gefärbte Butter über die Straße tragen wollen? Das ist eine Zumuthung, die, wenn es möglich wäre, gewiß vermieden werden soll. Denn eine gewisse Befriedigung liegt doch darin, daß die arme Familie glaubt, dieselbe Butter zu essen, wie die reiche Familie. Das Färben der Butter hat etwas despektierliches, unappetitliches und möglicherweise schädliches“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 279). Der Mensch braucht Illusionen, Konsumgüter liefern sie ihm. Mit ernstem Sinn sekundierte Ludwig Bamberger: „Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot, wie es mit Richtigkeit heißt, sondern auch die Phantasie, die Vorstellung […] müssen mit zu Rathe gezogen werden. Und gerade bei dem kleinen Mann, dem die Genüße in der Verfeinerung so viel schmaler zugemessen sind, als den mehr mit Glücksgütern Gesegneten, da ist es von Wichtigkeit, daß auch das Reich der Phantasie, dieser Sinn für das Schöne, die ästhetische Empfindung dessen, was er genießt, ihm nicht verkümmert wird.“ Es sei daher nicht möglich, die Kunstbutter durch Färbung zu „einem Proletarier der vornehmen Naturbutter gegenüber zu machen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 und zuvor 662). Die Margarinefärbung wurde anlässlich des zweiten Margarinegesetzes 1897 neuerlich mit Vehemenz gefordert, doch letztlich nicht eingeführt.

Ein neuer Dachbegriff für ein sich veränderndes Produkt

Blicken wir abschließend auf die Folgen des Spezialgesetzes von 1887. Die neuen Regelungen wurden akzeptiert, auch wenn es teils Jahre dauerte, bis sie umgesetzt wurden. Mischbutter verlor dagegen relativ rasch an Bedeutung. Dies war auch Folge der Professionalisierung der Nahrungsmitteluntersuchung, die langsam selbst in Preußen einsetzte. Der Begriff Kunstbutter verschwand langsam aus dem Sprachgebrauch, im gewerblichen Bereich früher als im Alltag. Entscheidend aber war, dass die neue Definition der „Margarine“ einer neuen Breite des Buttersubstituts ungewollt den Weg bereitete. Während die eigentliche Intention des 1887er-Gesetzes war, eine „Margarine“ zu fördern, deren stoffliche Zusammensetzung der der ursprünglichen „Margarine Mouriès“ entspricht, zeigte sich nicht allein durch die zahlreichen neuen Patente der 1870er Jahre eine beträchtliche Innovationskraft im Fettmarkt (Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 21, 1880, 253; Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Wider die Nahrungsfälscher 4, 1881, 91-92).

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„Margarine“ als Stoffcontainer: Werbung für „Pflanzen-Butter“ nach dem ersten Margarinegesetz (Vossische Zeitung 1891, Nr. 171 v. 17. April, 15)

Mitte der 1890er Jahre war klar: „Was wir heute unter Margarine verstehen, ist etwas wesentlich anderes als vor 10 und 20 Jahren“ (E.H. Burckhardt, Der unlautere Wettbewerb im Butterhandel. Ein Beitrag zur Beurteilung der Margarinefrage, Berlin 1895, 2). Peu a peu verringerte sich die Bedeutung des Rindertalgs als Grundstoff der Margarineproduktion. Das war zum einen eine Konsequenz der schon skizzierten Veränderungen im bäuerlichen Tiereinsatz und der Tiermast, zum anderen aber des Importes von anderen tierischen Fetten. Gebrauchsfertiges Oleo-Margarin und von Stearin befreiter Rindertalg waren mit geringerem Aufwand zu verarbeiten. Daneben trat Schweinefett, insbesondere der sog. Neutrallard, ein geruch- und geschmackloses Bauchfellprodukt (Ernst Storm, Der Wettbewerb zwischen den Speisefetten, Agrarwiss. Diss. Berlin 1933, 18). Der wachsende Margarineverbrauch gründete bis Ende des 19. Jahrhunderts vorrangig auf Importen tierischer Fette, doch die damit einhergehenden Preissteigerungen begrenzten einen höheren Absatz.

Aus diesem Grunde begann man schon in den 1880er Jahren pflanzliche Öle zu nutzen. Sie waren preiswerter, zumal das vornehmlich aus den USA stammende Baumwollsamenöl. Auch deutlich teurere Erdnuss- und Sesamöle wurden einbezogen (Sell, 1886, 490). Gegen die Verpflanzlichung der Margarine gab es aufgrund der weiten Produktdefinition von 1887 keine rechtlichen Bedenken. Allerdings gelang es lange nicht, Öle zu einem konsistenten, streichfähigen und auch bei mittleren Temperaturen verwendbarem Produkt zu verarbeiten (Gustav Hefter (Hg.), Technologie der Fette und Öle, Bd. 3, Berlin 1910, 85-88). Frühe Pflanzenmargarinen zerflossen unter Hitzeeinfluss, waren ohne Eisschränke nicht zu verwenden. Waltran bot ab der Jahrhundertwende eine gewisse Alternative, doch der Geschmack war kratzig. Erst durch die 1901 vom deutschen Chemiker Wilhelm Normann (1870-1939) erfundene, ab 1909 auch allgemein zugängliche Fetthärtung veränderte sich die Margarine zu einem dominant pflanzlichen Fett. Die Kunstbutter wandelte sich dadurch zu einer wirklichen Alternative zur Butter, ließ den Makel des billigen Ersatzmittels hinter sich. Sie wurde zum Stoffcontainer, flexibel einsetzbar, nur mehr rechtlich vom 1887 festgeschriebenen Dachbegriff Margarine zusammengehalten.

Dieses neue, zunehmend als Markenartikel beworbene Produkt kapitalkräftiger Großunternehmen erinnert nur noch sprachlich an das Butteranalogon der 1860er Jahre, das in immer neuen Facetten den frühen deutschen Fettmarkt in ein temporäres Chaos stützte und dessen globale Marktanbindung das Ende des bäuerlichen Universums verdeutlichte. Die Entwicklung der Kunstbutter zur Margarine von den 1860er bis zu den 1890er Jahren ist ein beredtes Beispiel für das Vordringen einer kaum mehr an Räume und Zeiten gebundenen künstlichen Kost, deren Realdefinition ohne Expertensysteme nicht mehr zu leisten ist. Und wir selbst können uns am Beispiel der 1887 von Parlamentariern präsentierten Sprachschöpfung „Margarine“ klarmachen, wie lang der Schlagschatten der Geschichte ist.

Uwe Spiekermann, 26. August 2019

„Ramschbazar“ und Einzelhandelspionier: Das Berliner Magazin A. Lubasch

Die zahlreichen, häufig kulturalistischen Studien über die „Warenhausgesellschaft“ vor dem Ersten Weltkrieg können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bis heute eine zufriedenstellende Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Warenhäuser im Kaiserreich – und auch danach – schlicht fehlt. Diese Großbetriebe sind ein selbstreferenzieller Mythos geworden, passen sie doch perfekt in gängige, auch geschichtspolitisch nutzbare Narrative: Warenhäuser stehen für die Demokratisierung des Konsums, die Emanzipation leistungsbereiter und transnational lernfähiger jüdischer Unternehmer, für neue Freiräume von Frauen, für die Gefährdungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch Antisemiten, Nationalisten und Antikapitalisten. All das ist nicht falsch, doch es ist Stückwerk, nicht eingebettet in die Gesamtentwicklung der Gesellschaft, des Einzelhandels und der breiten Fülle schon zuvor entstandener anderer erfolgreicher Betriebsformen. Auch wenn dies vielfach auf intellektuelle Bequemlichkeit zurückzuführen ist, so hört man doch eher den resignativen Verweis auf die höchst prekäre Quellenlage, zumal in Deutschland mit seiner rückständigen Digitalisierungskultur. Ja, jede Anstrengung bleibt unbefriedigend, kann aus verstreuten Hinweisen bestenfalls ein fragmentiertes Mosaik zusammenzusetzen.

Das gilt auch – leider – für die vorliegende kleine Fallstudie über das Magazin A. Lubasch, das in den 1890er Jahre in einem Atemzug mit den damals aufstrebenden Warenhäusern und den großen Kaufhäusern genannt wurde. Der vagabundierende Intellektuelle Leo Colze (1880-1918) schrieb kurz nach der Jahrhundertwende: „Im Anfang also in Berlin war ‚Lubasch‘ in der Oranien- und Rosenthalerstraße. Er war Vorläufer der Berliner Warenhäuser“ (Berliner Warenhäuser, 3. Aufl., Berlin/Leipzig o.J., 56). Colze feierte in seinem viel zitierten Büchlein die erfolgreichen Warenhäuser, doch er wusste noch um die Verlierer des Ringens um die Kundschaft: „Lubasch machte es sich aber größtenteils zum Prinzip, nur Partiewaren zu führen, und baute die einzelnen Rayons nicht aus. Er kaufte alles Mögliche zusammen. So bekam er auch u. a. fertig, große Lager Tapeten, verschiedene Waggons Gummischuhe, etwa eine halbe Million Paar zu kaufen, von denen er noch heute übrig haben soll. Bekannt war ja besonders die Art seiner Auszeichnung mit Kreide auf alten Pappdeckeln“ (Ebd.). Das Magazin A. Lubasch hat keine archivalische Überlieferung hinterlassen. Seine Kundenansprache erfolgte vielfach abseits des Annoncenwesens, repräsentative Bilder der Läden und auch des Leitungspersonals fehlen. Eine Annäherung ist nur indirekt möglich, über Resonanzen der Firma bei Gegnern und Zeitgenossen. Schauen wir also, wie weit wir bei diesem Puzzle kommen…

Langsames Wachstum im Familienverbund

Beginnen wir mit dem Geschäftsbetrieb selbst (und sollte ihnen die Rekonstruktion eines jahrzehntelangen mühseligen Betriebswachstums zu kleinteilig kann, übergehen sie ruhig die nächsten zweieinhalb Seiten). Im Berliner Adressbuch finden sich schon vor der Jahrhundertmitte ein „Handelsmann“ Lubasch, in der Lietzmannsgasse 2, also östlich vom Alexanderplatz, neben der damaligen Judengasse (Berliner Adressbuch 1849, 86). 1854 wurde dann ein Putz- und Modewarenhändler namens L. Lubasch in der nahe gelegenen Königsstr. 22 erwähnt (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin und Umgebungen 1854, 319). Drei Jahre später tauchte er als „Galanteriewaarenhändler“ in der Prenzlauerstr. 40 auf, wiederum in der unmittelbaren Nachbarschaft seines früheren Standortes. Damals trat jedoch auch ein „Weißwaarenhändler“ S.A. Lubasch hervor (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1857, 269). Er residierte in der Neuen Friedrichstraße 66a, also weiter südlich und westlich vom Alexanderplatz. Bei diesen beiden kleinen Händlern handelte es sich um Seelig Abraham Lubasch und seinen Sohn Levy Lubasch.

01_Überblickskarte Familie Lubasch

Überblickskarte der Geschäftssitze der Familie Lubasch 1849-1870 (1: Lietzmanngasse 2 (1849); 2: Königsstraße 22 (1854); 3: Prenzlauerstraße 40 (1857); 4: Neue Friedrichstraße 66a (1857); 5: Alte Jakobsstraße 73 (1860); 6: Weberstraße 30 (1860); 7: Kommandantenstraße 44 (1863); 8: Oranienstraße 59 (1870))Gib eine Beschriftung ein

Seelig Abraham Lubasch wurde 1797 in Posen geboren und heiratete Henriette Jette Lubasch, geb. Cohn (dagegen vermerkt Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556 den Geburtsnamen Jacob). Sie hatten zwei Söhne, Levy (1824-1894) und Philipp (1845-1909), sowie wahrscheinlich fünf Töchter, nämlich die in Filehne, Posen geborene Caroline (1830-1885), Ernestine (*1830), Berta (*1834) sowie die im nahegelegenen Schönlanke geborenen Zwillinge Julie (1843-1913) und Rebecca (1843-1892). Die Lubaschfamilie war Teil des Mitte des 19. Jahrhunderts noch starken Landjudentums in den preußischen Ostprovinzen, doch stand ebenso für dessen Wanderung in größere Städte, hier nach Berlin. Untypisch war dagegen Seelig Abraham Lubaschs Tätigkeit als Brauer, die lange Zeit vor dem Handelsgeschäft stand. Die Namenswahl der Kinder deutet auf eine offenkundige Assimilationsbereitschaft. Seelig Abraham Lubasch dürfte dem Reformjudentum eines Abraham Geiger (1810-1874) nahegestanden haben, zumindest spendete er für die von diesem Rabbiner propagierte jüdisch-theologische Fakultät in Leipzig (Allgemeine Zeitung des Judenthums 2, 1838, 339), auch wenn eine solche erst 1854 in Breslau entstand.

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Messehandel von Alexander Lubasch 1860 (Magdeburgische Zeitung 1860, Nr. 39 v. 15. Februar, 11)

Anzeigen des frühen Handelsgeschäftes in Berlin konnte ich nicht finden, wohl aber einige Angaben in der Magdeburgischen Zeitung. Anlässlich der dortigen Frühjahrs- und Herbstmessen finden wir in den späten 1850er Jahren regelmäßig Anzeigen der Familie Lubasch, die dort an einem Handelsstand Gummischuhe verkauften, durchweg amerikanischer, teils französischer Herkunft. Es unterschrieben L., P. und A. Lubasch, also wohl Levy Lubasch, sein jüngerer Bruder Philipp Lubasch und Levys Sohn Alexander Lubasch (Magdeburgische Zeitung 1856, Nr. 24 v. 29. Januar, 6; ebd. 1857, Nr. 41 v. 18. Februar, 7; ebd. 1857, Nr. 223 v. 24. September, 7; ebd. 1858, Nr. 34 v. 10. Februar, 7). Die Lubaschfamilie handelte in den späten 1850er Jahren demnach mit Gebrauchsgütern, betrieb sowohl Markt- als auch Ladenhandel, verkaufte vorrangig Fertig- aber auch noch gebrauchte Waren. Ihre Geschäfte standen damals zwischen den tradierten Formen des Trödel- und Hausierhandels und den neuen, durch Judenemanzipation und Gewerbefreiheit ermöglichten Arten ladengebundenen Absatzes.

Kleine Geschäfte dieser Art hatten zumeist eine geringe Kapitalkraft, eine nur geringe Betriebsdauer und immer wieder neue Verkaufslokalitäten. 1860 findet man Seelig Abraham Lubasch entsprechend in der Alten Jakobsstraße 73, Loewy Lubasch dagegen in der Weberstraße 30 – beide allerdings kontinuierlich als Galanteriewaren-, resp. Weißwarenhändler (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1860, Berlin 1860, 301). Die langsame Südwanderung der Lubaschfamilie hielt an, endete aber nun im Stadtteil Kreuzberg. Hier etablierte man sich. Levy firmierte bis 1868 noch in der nördlich gelegenen Weberstraße, zuletzt als Inhaber eines Posamentier- und Weißwaaren-Geschäftes (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1868, Berlin 1868, 400). Zwei Jahre später erschien er nach wie vor als Inhaber eines Posamentier- und dann Kurzwarengeschäftes, doch trat am neuen Kreuzberger Standort Oranienstraße 59 das Großhandelsgeschäft mit Schwämmen immer stärker in den Vordergrund (Allgemeine Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1870, Berlin 1870, 498). Levy Lubasch begann dieses spätestens 1867, und es ersetzte peu a peu das Kleinhandelsgeschäft mit Kurzwaren (Berliner Gerichts-Zeitung 15, 1867, Nr. 59 v. 21. Mai, 4; Berliner Gerichts-Zeitung 16, 1868, Nr. 34 v. 21. März, 6). 1880 gründete er eine gesonderte Großhandelsfirma und erteilte seinem Sohn Alexander Prokura. 1882 nahm er ihn auch als Gesellschafter des Unternehmens auf; und dieses florierte, expandierte später auch international (Berliner Börsenzeitung 1880, Ausg. v. 8. Oktober, 14; Berliner Tageblatt 1882, Nr. 586 v. 13. Dezember, 4; Amtsblatt zur Wiener Zeitung 1889, Nr. 259 v. 9. November, 733). Levy Lubasch starb am 6. Juni 1894, doch der Schwammgroßhandel wurde von seinem Sohn erst fortgeführt und schließlich an neue Inhaber verkauft, die anfangs noch den eingeführten Namen Lubasch nutzen (Volks-Zeitung 1894, Ausg. v. 7. Juni, 3; Berliner Adreßbuch 1899, Bd. 1, 898).

Alexander Lubasch war es auch, der 1863 ein Handelsgeschäft gründete, dass später zum Magazin A. Lubasch werden sollte (Volks-Zeitung 1895, Nr. 189 v. 24. April, 4). Es lag an der Kommandantenstraße 44, unmittelbar an der Einmündung zur Hauptverkehrsachse dieses Viertels, der Oranienstraße (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1864, Berlin 1864, 342). Zu diesem Zeitpunkt war das Posamentier- und Weißwarengeschäft von Seelig Abraham Lubasch bereits an seine Gattin übergegangen, er selbst starb am 4. April 1864 (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1863, Berlin 1863, 323). Es ging dann in das neue Handelsgeschäft auf. Doch es blieb nicht dabei: 1866 gründete Alexander Lubasch eine Papier- und Pappenfabrik in der Stallschreiberstrasse 32, abermals in direkter Nachbarschaft. 1868 heiratete er und verkaufte im selben Jahr die Fabrik an seinen Onkel Philipp Lubasch (Nationalzeitung 1868, Nr. 195 v. 26. April, 9; Christoph Sandler, Handbuch der Leistungsfähigkeit der gesammten Industrie des Preussischen Staates, Leipzig 1873, 11). Er sollte spätestens 1870 dann das „Posamentier- und Kurzwaarenlager“ in der Kommandantenstr. 44 übernehmen. Die genauen Umstände sind unklar, doch denkbar ist, dass dies parallel mit dem Neubau der Immobilie durch die Präge-Anstalt für Luxus- etc. Papier von Hennig erfolgte (Berlin und seine Entwicklung 5, Berlin 1871, 130).

Wer war nun Philipp Lubasch, der das Magazin A. Lubasch zu einem der bekanntesten Geschäfte Berlins ausbauen sollte? Es gibt nur karge Daten. Demnach wurde er am 27. Februar 1845 (seine Heiratsurkunde – Landesarchiv Berlin, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874-1920, Berlin I, 1890, Nr. 676 – gibt 1841 an) im pommerschen Schönlanke als Sohn von Seelig Abraham und Jette Lubasch geboren. Er starb mit 64 Jahren am frühen Nachmittag des 5. September 1909 in Berlin-Charlottenburg (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556). Lubasch heiratete am 14. August 1890, im relativ hohen Alter von 45 Jahren, die damals 24-jährige Auguste Friedländer. Die Tochter des schon verstorbenen Kaufmanns Joseph Friedländer und seiner Ehefrau Mathilde hatte am 30. September 1865 in Osterrode in Ostpreußen das Licht der Welt erblickt und war „ohne besonderen Beruf“. Sie gebar am 15. Juli 1891 einen Sohn, Kurt, und am 15. Juni 1893 eine Tochter, Lili Mathilde Henriette. Bereits am 26. Juli 1896 verstarb sie 30-jährig. Wahrlich karge Daten, doch sie deuten auf ein Leben voller Arbeit und im Familienkreis hin. In der teils digitalisierten jüdischen Presse des späten 19. Jahrhunderts taucht Philipp Lubasch nicht auf, ähnliches gilt für eine Reihe führender Berliner Tageszeitungen. Selbst die im 19. Jahrhundert gängigen Fremdenlisten enthalten nur einen einzigen Auslandsurlaub, nämlich 1882 in Österreich (Ischler Bade-Liste 1882, Ausgabe v. 1. August, 4). All das ist wenig für das Leben eines lange Zeit erfolgreichen Unternehmers.

Ähnliches gilt für die eigentliche Aufstiegsphase des Magazins bis in frühen 1890er Jahre. Lubasch reüssierte nicht im Zentrum Berlins, auch wenn das Modehaus Herrmann Gerson oder das Kaufhaus Rudolph Hertzog kaum ein Kilometer entfernt waren. Doch Kreuzberg war B-Lage, ein relativ armes Viertel mit 1890 ca. 300.000 Einwohnern, die Mehrzahl Arbeiter, kleine Leute. „Straße auf, Straße ab stand in oft sehr langen Reihen die glatte Mietskaserne, die Berlin in den sechziger Jahren für den plötzlich eindringenden Zuwanderstrom geschaffen hatte. Und in den Erdgeschossen waren, so weit es das Bedürfnis verlangte, einfache Läden geschaffen, die nach alter Sitte trocken und sachlich ihre Waren auslegten. […] Statt daß die Waren ordentlich aufgebaut waren, lagen sie in Haufen im Fenster. Die Preise, nicht zu Fünfern und Zehnern abgerundet, waren auf gelben Zetteln angegeben“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510 v. 7. Oktober, 1-2). Und doch bot das Viertel gute Wachstumsbedingungen, war es zugleich Zentrum der exportorientierten Konsumgüterindustrie, ein nahezu ideales Umfeld für die Erweiterung von Sortimenten, sei es durch Schmuck und Inneneinrichtungen, durch Lederwaren oder Besatzartikel (Peter Stürzebecher, Das Berliner Warenhaus, o.O. o.J. (1979), 13).

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Betriebswirtschaftliches Vorbild: Anzeige eines Wanderlagers auf der Karlsruher Messe 1888 (Karlsruher Tageblatt 1888, Nr. 306 v. 7. November, 4191)

Lubasch nutzte Einkaufsgelegenheiten, kaufte billige Ware aus der Nachbarschaft, aus gescheiterten Transaktionen und brachte diese dann unter die Leute. Diese Idee stammte von den sogenannten Wanderlager und Wanderauktionen (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, München 1999, 277-293). Durch das Freizügigkeitsgesetz von 1867 und die neue Gewerbeordnung im Norddeutschen Bund von 1869 fielen die früheren Begrenzungen des Gewerbebetriebes im Umherziehen, zumal die Steuerlast. Das zunehmend dichtere Eisenbahn- und Straßennetz erlaubte den Aufkauf großer Warenpartien, deren kurzfristige Konzentration an Verkaufsorten und einen raschen Abverkauf von Textilien, Kurzwaren, von Porzellan, Glas und Haushaltsgegenständen. Die Wanderlager verkauften beliebige Waren, waren nicht länger an bestimmte Sortimente gebunden. Vieles von dem, was fälschlich als typisch für die späteren Warenhäuser galt, wurde von ihnen praktiziert: Barzahlung, hohe Umschlagsgeschwindigkeiten und relativ niedrige Gewinnspannen dank geringer Fixkosten und großem Warenabsatz. Wanderlager und Wanderauktionen waren jedoch nicht stationär. Sie mieteten für kurze Zeit Verkaufsräume an, zogen dann weiter zum nächsten Ort. Der beträchtliche Erfolg dieser Unternehmen in den 1870er Jahren führte zu einer ersten massiven Mobilisierung des stehenden Gewerbes, zumal der kleineren lokal verankerten Händler. Sondersteuern halfen sie zu begrenzen, doch ihre Bedeutung blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beträchtlich. Wichtiger aber noch ist, dass ihre Grundideen auch im ladengebundenen stationären Handel vordrangen. Die Gründerkrise führte seit 1873 zu einer Vielzahl von Konkursen – und es entwickelten sich zahlreiche Partiewarengeschäfte, die Warenlager zu niedrigen Preisen absetzten. In Berlin waren das vielfach Unternehmen jüdischer Händler, etwa von Leopold Simonsohn oder Gustav Meyer (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 6. August, 7; ebd., Ausg. v. 24. September, 8). Partiewarengeschäfte dienten aber nicht nur dem Absatz von Konkurswaren, sondern zunehmend auch als Puffer für die riskante Produktion von Modewaren. Davon sollte insbesondere das Magazin A. Lubasch profitieren.

Ausgangspunkt soll ein größerer Posten Handschuhe gewesen sein. Dieser wurde mit Aushängen und Auslagen kräftig beworben. Der Absatz stieg und Lubasch nahm „immer neue Waren auf und immer neue Räume hinzu. Schließlich waren es viele Läden mit ihren dunklen Hinterräumen, in denen man die allerverschiedensten Dinge aufgestapelt sah: Pfefferkuchen, Seidenbänder, Schuhe, Heiligenbilder, Spielzeug, Handschuhe und Stiefelwichse“ (Das erste Warenhaus in Berlin, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 525 v. 15. Oktober, 2). Diese im Rückblick anekdotisch dargebotene Entwicklung erscheint recht zufällig. Doch Lubasch baute in den 1880er Jahren nicht nur sein Sortiment an Kurz- und Besatzwaren stark aus, sondern ergänzte es peu a peu um neue dauerhaft geführte Warengruppen. 1891 wies das Magazin „Posamentier-, Weißwaaren-, Strumpf-, Glas- und Porzellan“-Abteilungen auf (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.). Da ein Großteil des Einzelhandels nach vermeintlich zusammenhängenden Warengruppen organisiert war, erschien die Konzentration derartig vieler heterogener Waren in einem Geschäft als neuartig und ungewöhnlich. Es ist daher kein Zufall, dass Lubasch schon 1891 als „Waarenhaus“ bezeichnet wurde (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6) – also lange bevor der Konkurrent Wertheim diese Bezeichnung für sich wählte und kurz bevor das erste „richtige“ Warenhaus, der nur kurzlebige Berliner Kaiser-Bazar, am 15. April 1891 seine Pforten öffnete. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Lubasch auch über eigene Produktionskapazitäten, um einerseits Saisonwaren herzustellen, zum anderen aber Modewaren rasch umzuarbeiten (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8 mit Verweis auf Webereikapazitäten).

Das Magazin A. Lubasch stand in der Tradition der sogenannten Bazare, also von Vertriebsstätten billiger Gebrauchsgüter für klein- und unterbürgerliche Käufergruppen. Ausverkäufe und „krumme“ Preise waren für sie gängige Wettbewerbsmittel, ebenso die dezidierte Nutzung der eigenen Fassaden und der Schaufenster für Reklamezwecke. Sie führten zudem sogenannte Einheitspreise ein. Das tat Lubasch nicht. Doch gerade seine direkte Werbung durch Warenauslagen, Handzettel und eine größere Zahl von Schaufenstern brach mit Vorstellungen des gediegenen Fachhandels, der mit der Qualität von Waren und Service überzeugen wollte. Die Anfang der 1890er Jahre nochmals intensivierte Sortimentsausweitung orientierte sich an Kundenwünschen: „Besonders die Damen der Vororte, welche nicht so häufig nach Berlin hineinfahren möchten und doch grade dort ihre Weihnachtseinkäufe besorgen wollten, fänden es ungemein bequem, an nur eine Stelle kaufen zu können und doch auch an dieser eine recht große Auswahl verschiedenster Artikel vorzufinden. Und so werde denn Alles, was irgend dort zu bekommen sei, bei Wertheim, Lubasch etc. gekauft, während die Geschäftsleute in den Vororten sehen könnten, wo sie bleiben“ (Friedenauer Lokal-Anzeiger 1, 1894, Nr. 78 v. 19. Dezember, 1).

In solchen Zitaten spiegelt sich der Widerstand, den Lubasch, ebenso wie andere Pioniere der Branche, rasch zu spüren kam. Neben dem Vorwurf, die kleinen Händler um die ihnen zustehenden Kunden zu bringen und damit deren Untergang herbeizuführen, trat jedoch eine strikte Kritik an den billigen Konsumgütern. Sie seien nicht mehr von handwerklicher Qualität, etwa Schuhe oder Kleidung. Sie seien „Schundwaare“ (Pluto, Schundwaare, Die Zukunft 8, 1894, 43-46), billig und schlecht. Die „Uniformität der Bazarwaaren“ würde die Individualität der Käufer missachten (Rud[olf] Grätzer, Großmagazine und Kleinhandel, Blätter für Genossenschaftswesen 39, 1892, 238-240, hier 240). Das Magazin A. Lubasch stand Anfang der 1890er Jahre im Mittelpunkt von breiter geführten Debatten über die Durchsetzung massenhaft produzierter Konsumgüter als wichtiges Element der Wohlfahrtssteigerung moderner Konsumgesellschaften. Es galt als „Ramschbazar“ – und wir werden darauf noch zurückkommen. Festzuhalten aber ist, dass Lubasch Anfang der 1890er Jahre mit deutlich über einhundert Beschäftigten eine Ausnahme im Kleinhandel war. Er verkörperte ein Prinzip, das den langfristigen Trend in eine Dienstleistungsleistungsgesellschaft tragen sollte, dass nämlich „unter den heutigen Produktionsverhältnissen an den zum Verbrauch gelangenden Materialien weit mehr verdient wird, als an der Arbeit selbst“ (Max Broesicke, Das Berliner Tapeziergewerbe, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 1, T. 1, Berlin 1895, 107).

Philipp Lubasch, ein patriarchaler Arbeitgeber

Die Geschichte des Magazins A. Lubasch ist auch die Geschichte eines frühen Aufbegehrens der Beschäftigten im Handelsgewerbe gegen einen patriarchalischen Unternehmer, der sich als Herr im eigenen Haus sah und Widerspruch, gar eine organisierte Interessenvertretung, nicht akzeptierte. Dies entsprach dem Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, der vornehmlich durch den aufrüttelnden Streik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1889 auf die öffentliche Agenda gebracht wurde. Arbeiterkommissionen, vielfach noch erfüllt von Treuevorstellungen gegenüber Herrscher und gerechter Obrigkeit, drangen damals wortwörtlich bis vor die Stufen des Throns. Auch wenn der Streik ohne direkten Erfolg blieb, begann doch spätestens mit der Übernahme des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe durch Hans von Berlepsch (1843-1926) und die Kanzlerschaft Leo von Caprivis (1831-1899) ein „Neuer Kurs“, der nicht allein in einer liberaleren Zollpolitik, sondern auch in einer neuen Sozialpolitik, einer neuen Gewerbeordnung mündete. Getragen von breiten bürgerlichen Schichten, bekämpft von Linksliberalen, den ab 1890 nicht mehr verbotenen Sozialdemokraten und Konservativen, etablierte sie neuartige Schutzrechte auch im Handelsgewerbe. Die Begrenzung der Arbeitszeiten und eine langsame Reduktion der Sonntagsarbeit mochten zwar noch Stückwerk sein, doch sie setzten einen langwierigen und von strikten Auseinandersetzungen geprägten Prozess in Gang, der dann vor allem in der Weimarer Republik zu umfassenderen Verbesserungen der Lage der Angestellten im Handel führte (vgl. Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

Die Arbeiterbewegung stand derart moderaten Verbesserungen anfangs kritisch gegenüber. Der Aufstieg von Großbetrieben im Kleinhandel war für ihre Repräsentanten eine Bestätigung der simplen Gesellschaftsmechanik des Kapitalismus. Lubasch zahlte seinen Webern mittlere Löhne von 15-19 Mark pro Woche. Doch dies wurde als Hungerlohn verstanden, nicht als eine Verbesserung gegenüber dem bei 12 Mark liegenden Lohnniveau der in Berlin weit verbreiteten Hausindustrie (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8). Stattdessen dominierte das Marxsche Verelendungstheorem: „Die ganze Organisation des großen Betriebes ‚spart‘ ungeheuer an Arbeit. Durch Provisionen und Prämien wird der Eifer der Angestellten auf das Aeußerste angespornt. Die Löhne sinken hier am leichtesten, weil das große Geschäft eine dauernde Anstellung zu verbürgen scheint und weil die Thätigkeit darin eine Empfehlung für die Zukunft ist. Alle Raffinements der Ausbeutung und des Lohndruckes: Hausordnungen, Strafgelder, periodische Abstoßung und Heranziehung von Arbeitskräften, können hier ungehindert zur Anwendung kommen“ (Der Großbetrieb im Detailhandel, Die Neue Zeit 9, 1890/91, 617-624, hier 622).

Das Magazin A. Lubasch stand seit Anfang der 1890er Jahre vor allem wegen seiner Mitte der 1880er Jahre erlassenen Arbeitsordnung in der Kritik der Sozialdemokratie. Dabei handelte es sich um ein rigides Regelwerk, das Arbeitszeiten und Verhaltensweisen der Angestellten detailliert festlegte. Pünktlichkeit wurde verlangt, Unpünktlichkeit mit Lohnabzug sanktioniert. Saubere und dunkle Kleidung, festes Schuhwerk und weiße Wäsche waren vorgeschrieben, mussten von den Angestellten selbst bezahlt werden. Die Arbeitsordnung regelte das Odeur der Bediensteten, verbot etwa warme Speisen, Knoblauchwürste, alle Sorten Käse, Radieschen und Schnittlauch. Mutwillig oder fahrlässig beschädigte Ware musste ersetzt werden, nicht nur von Einzelnen, sondern auch von allen Angestellten einer Abteilung, sollte der Täter nicht ermittelt werden können. Auf viele Vergehen stand die unmittelbare Kündigung. Besonders kritisiert wurde, dass bei Krankheit nicht nur kein Lohn gezahlt wurde, sondern dass binnen zwei Stunden der Grund des Fernbleibens vom Arbeitsplatz mitgeteilt und binnen zehn Stunden ein ärztliches (und das heißt kostenträchtiges) Attest eingereicht werden musste (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6). Lubasch hätte wohl auf die aus seiner Sicht hohen Löhne verwiesen (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.), ebenso auf die sehr ähnlichen Arbeitsordnungen anderer Handelsgeschäfte. Sozialdemokraten sahen dagegen eher Analogien zum industriellen Sektor, wo gerade in der Textil- und Schwerindustrie Arbeitsordnungen genutzt wurden, um die Risiken gewerblicher Arbeit einseitig den Beschäftigten aufzubürden.

Philipp Lubasch leitete sein Magazin wie ein Patriarch. Er bestimmte, die Angestellten hatten sich an seine Anweisungen zu halten. Anfang September 1893 kam es jedoch zum Eklat. In der neuen Filiale in der Rosenthalerstraße fiel Ende August eine Unterschlagung auf – und der Missetäter wurde fristlos entlassen. „Gleichzeitig verbreitete sich aber auch im Geschäft das Gerücht, daß Herr Lubasch seine sämmtlichen Angestellten im Verdacht habe, von dem Diebstahl gewußt zu haben. Das war dem Personal doch etwas zu stark; trotz ihrer gedrückten Lage hatten sich 85 Personen, Damen und Herren, etwas bewahrt, was man im gewöhnlichen Leben Ehrgefühl nennt.“ Sie trafen sich nach Dienstschluss und verabschiedeten nach zehn Minuten Diskussion einen Brief an Philipp Lubasch, in dem sie eine genaue Untersuchung forderten, sich zugleich aber dessen Unterstellungen verbaten. Der Patriarch erfuhr davon und entließ am nächsten Morgen den vermeintlichen Rädelsführer. Doch dabei blieb es nicht: „Herr Lubasch ging zu jedem seiner Angestellten und frug: Sind Sie in der betreffenden Versammlung gewesen? und kündigte weiteren 14 Theilnehmern derselben […] während neun Angestellte sich solidarisch mit den Entlassenen erklärten und selbst kündigten“ (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 6 – auch für das vorherige Zitat). Insgesamt wurden 34 Beschäftigte entlassen bzw. nahmen ihren Hut (Vorwärts 1893, Nr. 216 v. 14. September, 4).

04_Protestversammlung gegen A. Lubasch_Vorwärts_1893_09_12_Nr214_p4

Protest gegen Maßregelungen von Angestellten 1893 (Vorwärts 1893, Nr. 214 v. 12. September, 4)

Über Löhne hätte man wohl reden können, nicht jedoch über Ehre. Der Berliner Gewerkschafts-Kommission war klar, dass angesichts zahlloser Arbeitssuchender und mangels jeglicher Organisation ein Streik aussichtslos sein würde. Daher wählte man das Kampfmittel der öffentlichen Versammlung: „Jeder, der es mißbilligt, daß die Ehre der Arbeiter mit Füßen getreten wird, hat die Pflicht, in dieser Versammlung zu erscheinen“ (Vorwärts 1893, Nr. 215 v. 13. September, 6). Als Hauptredner für den 14. September 1893 gewann man den sozialdemokratischen Gewerkschafter, frisch gewählten Reichstagsabgeordneten und späteren Reichsernährungs- und -wirtschaftsminister Robert Schmidt (1864-1943), der zuvor mit Lubasch gesprochen hatte. Die Diskussion war gehaltvoll, ergab allerdings auch, dass die Arbeitsordnungen anderer Großbetriebe, etwa des Kaufhauses Rudolph Hertzog, fast deckungsgleich mit der von Lubasch waren. Auch die Löhne mochten objektiv niedrig sein, doch sie lagen keineswegs unter denen der Konkurrenz. Schließlich hatte die lokale Frauen-Agitationskommission schon im März die niedrigen Löhne des späteren Warenhauses Wertheim moniert und sie in einer öffentlichen Protestversammlung angeprangert (Vorwärts 1893, Nr. 55 v. 5. März, 10; Vorwärts 1893, Nr. 73 v. 26. März, 4). Dennoch kamen erste Boykottforderungen gegen Lubasch auf. Am Ende der Versammlung stand Protest gegen „die ärgste Vergewaltigung und Unterdrückung seines Personals“ sowie die Pflicht, die dortigen Vorfälle und Geschäftspraktiken in die Berliner Öffentlichkeit zu tragen (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 7).

05_Lohnverhältnisse des Verkaufspersonals im Magazin A. Lubasch 1893

Eine Stellungnahme von Philipp Lubasch ist nicht überliefert. Auf die Forderungen der Angestellten ging er jedoch nicht ein. Nun nahm sich die kleine, 1890 in Leipzig gegründete Freien Vereinigung der Kaufleute der Sache an. Sie nutzte eine neuerliche öffentliche Versammlung in dem Aschinger gehörenden Etablissement Buggenhagen am Moritzplatz – also in unmittelbarer Nähe zum Lubaschschen Hauptgeschäft –, um am 27. September 1893 den „Fall Lubasch“ neuerlich aufzurollen und zugleich Mitglieder für die sozialdemokratische Branchengewerkschaft zu werben. Aus Leipzig war der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bruno Schoenlank (1859-1901) gekommen, ein führender Theoretiker und Empiriker sowie früherer Redakteur des „Socialpolitischen Centralblattes“. Das „Kapital macht vor dem Kaufmannsstande nicht Halt; […] Diese Bazare, deren Verkaufspaläste mit dem glänzendsten Komfort der Neuzeit ausgestattet sind, deren Reklamen überall hin dringen und deren elegante Geschäfte in allen Stadttheilen anzutreffen sind, – diese Geschäfte, deren Reklamewagen man die Leichenfuhrwerke der kleinen Detaillisten nennen kann, denn sie begraben nicht nur die Hoffnungen der in der Nähe der Bazare Wohnenden, sondern aller kleiner Detaillisten Berlins – diese sind nur möglich dadurch, daß Unternehmer mit großen Kapitalien sie ins Leben rufen, gegen deren Uebermacht der kleine Kapitalist nicht ankämpfen kann.“ Angestellte seien „Arbeiter im Handelsgewerbe, denn sie sind nichts anderes als Arbeiter, ausgebeutete und brutal behandelte Arbeiter, während alle die Bezeichnungen als Handlungsgehilfen, Kommis etc. auf gut Berlinisch gesagt, nur Mumpitz sind […].“ Widerstand gegen das „Pascha- und Sultansgehabe der Herren Bazarinhaber“ sei erforderlich, zumal gegen die Arbeitsordnung bei Lubasch. Hoffnungsfroh verkündete Schoenlank: „Die kapitalistische Entwickelung des Handelsgewerbes schafft die Bedingungen für den Klassenkampf auch in diesem Erwerbszweig.“ Die „Proletarier im Handelsgewerbe“ müssten sich organisieren: „Mit Blut und Tränen ist die Geschichte dieser Arbeiter-Kategorie geschrieben, wie viele junge Mädchen sind auf dem Weg der Prostitution durch diese entsetzlichen Zustände gedrängt worden, wie viele werden noch täglich dazu gedrängt; der Einzelne vermag nichts in diesem wilden Verzweiflungskampfe, nur die Gesammtheit, die Organisation! Sie sind lange genug Amboß gewesen, seien sie endlich mal Hammer!“ (Vorwärts 1893, Nr. 226 v. 26. September, 4). Die Rhetorik glich der der Mittelstandbewegung, dem damaligem Rechtspopulismus. Doch bei den Angestellten verfing sie kaum, waren diese doch vielfach überzeugt, sich durch eigene Arbeit hocharbeiten, gar ein eigenes Geschäft gründen zu können. Philipp Lubasch unterstützte auch deshalb die neu eingerichteten Fortbildungsschulen, die Aufstieg durch Qualifizierung propagierten (Harry Schmitt, Die Kaufmännischen Fortbildungs-Schulen Berlins, Berlin 1891, 81). Die Versammlung schickte schließlich eine dreiköpfige Kommission zu Lubasch, um die Arbeitsordnung zu revidieren und die Entlassungen rückgängig zu machen.

Doch der geschmähte Pascha zeigte kein Einsehen, die Gespräche mit der Kommission verliefen ergebnislos. Eine dritte öffentliche Versammlung folgte am 2. November 1893, abermals in der direkten Nachbarschaft des Magazins A. Lubasch (Vorwärts 1893, Nr. 255 v. 29. Oktober). Etwa 1500 Männer und Frauen kamen. Die Kommission berichtete, dass „Herr Lubasch auf sein Ehrenwort versichert habe, daß niemand von seinem Personal wegen der bekannten Besprechung gemaßregelt worden, daß er zu dieser Zeit gar nicht in Berlin gewesen sei, daß die rigorose Geschäftsordnung schon seit 6 Jahren außer Kraft sei und daß auch Strafgelder nicht mehr in Abzug gebracht würden“ (Vorwärts 1893, Nr. 260 v. 4. November, 10-11 – auch für die folgenden Zitate). Für die Kommission waren dies Lügen. Bruno Schoenlank referierte abermals, nun zum Thema „Wie steuert die Berliner Arbeiterschaft der Sklaverei der Angestellten in den Großmagazinen?“ Lubasch wurde als „Vertreter des Großkapitalismus“, als „Vernichter des Kleinhandels“ und als durchaus ehrenwerter Mann präsentiert. Ihn zu bekämpfen helfe allen: “Die Berliner Arbeiterschaft könne in dem Falle Lubasch sehr viel mehr wirken zu gunsten der Handelsangestellten, dem Trumpfe der modernen Handelsfeudalisten einen andern Trumpf entgegensetzen. Niemand könne gezwungen werden, Herr Lubasch seine Kundschaft zuzuwenden, bei ihm zu kaufen.“ Eine Resolution war vorbereitet worden, die neuerlich forderte, die Arbeitsordnung zu beseitigen, die Entlassenden wieder einzustellen und ihnen gegenüber eine öffentliche Ehrenerklärung abzugeben. Geschähe dies nicht, sollten die Arbeiter bei Lubasch nicht mehr kaufen. Sie wurde nicht verabschiedet, da der Unternehmer in diesem Falle Rechtsmittel gegen die Gewerkschaftskommission angekündigt hatte (Neueste Nachrichten 1893, Nr. 56 v. 4. November, 3). Doch man „nahm an, daß die Arbeiter auch ohne Annahme dieser Resolution wissen würden, was sie zu thun hätten“ (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 562 v. 3. November, 2).

Lubasch vernahm die Aufforderung, doch er folgte ihr nicht. Weitere öffentliche Versammlungen der Berliner Gewerkschaftskommission folgten (Vorwärts 1893, Nr. 262 v. 7. November, 4; Vorwärts 1893, Nr. 270 v. 16. November, 10). Doch trotz neuerlicher Appelle an Solidarität und Mitgefühl verebbte der Boykott gegen Lubasch im märkischen Sande. Das Fazit im Frühjahr 1894 war ernüchternd: „Der ‚Fall Lubasch‘ beweise, daß sich die große Masse der arbeitenden Klassen leider nicht an derartige Beschlüsse kehre“ (Vorwärts 1894, Nr. 102 v. 5. Mai, 11). Als im Mai 1894 ein neuerlicher Konsumboykott auf der Tagesordnung stand – dieses Mal gegen die Burger Schuhfabrik Conrad Tack, die ihre Waren über ein System eigener Filialen absetzte – nahm man entsprechende Resolutionen nicht an, da ein Konsumentenstreik im Einzelhandel offenbar nur begrenzte Erfolgsaussichten hatte. Das war nicht das Ende von Konsumentenboykotten, endete der Berliner Bierboykott von 1894 doch mit einem begrenzten Sieg der Arbeiterbewegung. Aus der für Konsumgesellschaften scheinbar so passgenauen Waffe wurde jedoch vornehmlich ein Mittel gegen vermeintlich willkürliche Lebensmittelteuerungen, kaum aber zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Philipp Lubasch, Besitzer eines vermeintlichen „Ramschbazars“, hatte sich in dieser Auseinandersetzung jedenfalls als konfliktfähig erwiesen und setzte damit einen konfrontativen Standard für die Großbetriebe im Kleinhandel: „Diese ersten Anfänge eines autoritären Personalwesens sollten die deutschen Häuser in der Zeit bis zum Krieg und darüber hinaus prägen“ (Heinrich Hartmann, Organisation und Geschäft. Unternehmensorganisation in Frankreich und Deutschland 1890-1914, Göttingen 2011, 218).

Der „Ramschbazar“ Lubasch als Projektionsfläche für Antikapitalisten und Antisemiten

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung bekämpfte nicht allein Lubasch, sondern für sie ging es um die Fundamente gesellschaftlicher Ordnung. Lubasch stand für den aufstrebenden Großbetrieb, für die zerstörerische Kraft des Kapitalismus. Er war ökonomisch erfolgreich, attraktiv für eine rasch wachsende Zahl von Konsumenten. Nach dem Siegeszug des zunehmend großbetrieblich organisierten Industriekapitalismus veränderte sich mit den Großbetrieben des Kleinhandels auch der Alltag der kaufenden Massen. Für die sozialdemokratischen Repräsentanten bestätigte dies ihre Gesellschaftsanalyse. Der distributive Großbetrieb galt als Angriff auf die Ehre und Würde der Beschäftigten, auf die Sittlichkeit der arbeitenden jungen Frauen. Die bewegende Kraft war das Kapital, Philipp Lubasch erschien als Agent des Weltgeistes: „Es ist eine dämonische Kraft, die in der Gier nach kapitalistischer Macht steckt. Welches typische Bild entsteht da in dem Falle Lubasch. Was kümmert den Großmann des Kleinhandels die empörte öffentliche Meinung? Er schließt sich in die enge Welt der Interessenten seines Schlages ein. Hat er einen Konkurrenten um eine Länge geschlagen, das ist seine Wollust, sein Triumph. Hat das Geschäft mit gierigen Fangarmen neuen [sic!] Artikel in sich aufgesogen, das ist seine Befriedigung. Immer vorwärts, rastlos weiter drängt ihn sein Spekulationsfieber und auf dem erbärmlichsten Druck zahlloser Mitmenschen baut sich seine überragende Größe auf. Was kümmert ihn das Murren über seine famose Hausordnung, über die klägliche Entlohnung seiner Angestellten bei nervenzerstörender Anstrengung, über die existenzvernichtenden Ramsch- und Masseneinkäufe? Er hört es kaum und denkt wie der Fabrikant in Coppé’s Gedicht vom Streik der Schmiede: ‚Ich halt‘ es aus!‘ Mögen ihn Hundertausende anklagen, wenn nur ein Dutzend seiner Konkurrenten in ihm den Handelsmann großen Stils rühmt. Aber stärkerer Uebermuth, als der von Lubasch ward schon gebrochen auf Erden!“ (Alpha, Sonntagsplauderei, Vorwärts 1893, Nr. 261 v. 5. November, 10).

Die Sozialdemokraten blickten damals vor allem auf die sozialen Auswirkungen der mit dem Wachstum der Großbetriebe verbundenen Umwälzungen. Angestellte wurden zu Arbeitern, selbständige Kleinhändler zu Proletariern: „In allen Geschäftsstraßen fände man in den Schaufenstern der kleinen Geschäftstreibenden jene verhängnißvollen Plakate, welche den Ausverkauf infolge Konkurses oder wegen Aufgabe des Geschäftes anzeigten.“ Der Kleinhandel sei nicht in der Lage mit Großbazaren, „wie Werthheim [sic!], Lubasch, Herzog [sic!] u.s.w.“ (Vorwärts 1893, Nr. 123 v. 28. Mai, 10 – für beide Zitate) erfolgreich zu konkurrieren – so, wie zuvor das Handwerk der Industrie habe weichen müssen. Die „Ramschbazare“ seien Beschleuniger der Umwälzung, denn anders als die tradierten Geschäfte der Oberschicht zielten sie auf das bisherige Hauptklientel der kleinen und mittleren Händler; man vergaß dabei, dass der Handwerkshandel vor allem vom ladengebundenen Kleinhandel verdrängt worden war.

Derartige Analysen wurden von Antisemiten und der Mittelstandsbewegung dankbar aufgegriffen. Als der Vorwärts Mitte 1893 den Konkurrenzkampf von Lubasch und Wertheim thematisierte, übernahm die Zeitschrift des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stöcker (1835-1909) dessen Aussagen, fragte allerdings im altlutherschen ketzerischen Sinne „‚wo giebt es ähnliche christlich-deutsche Schleuderbazare?‘“ Die Antwort der Redakteure fiel gut marxistisch aus: „Wir kümmern uns nicht um die Religion der Schleuderbazare, und wissen nicht, ob Herr Herzog [sic!] das Ausbeutungsgeschäft besser betreibt, als die Herren Lubasch und Wertheim. Aber das wissen wir, daß tausende ‚christlich-deutscher‘, derzeit echt antisemitischer Fabrikanten und Geschäftsleute im Königreich Sachsen das Ausbeutungsgeschäft noch unmenschlicher üben, als die Firmen Wertheim und Lubasch es thun, und daß sie Hungerlöhne bezahlen, die hinter denen der Firmen Lubasch und Wertheim weit zurückstehen. Sind daran die Juden schuld, Herr Oberwinder-Stöcker?“ (Vorwärts 1893, Nr. 169 v. 21. Juli, 3 – beide Zitate).

Die Sozialdemokraten wiesen den Vorwurf des Antisemitismus immer wieder deutlich zurück; doch nicht zufällig war ihre Haltung zu den Antisemiten um Hermann Ahlwardt (1846-1914) ein umkämpftes Themenfeld auf den Parteitagen in Berlin 1892 und Köln 1893. August Bebel (1840-1913) distanzierte sich im Namen der SPD klar vom Antisemitismus – doch die Schilderung der „Kapitalisten“ trug weiterhin ebenso klare antisemitische Züge. Die sozialdemokratische Kritik an den Großbetrieben im Einzelhandel war gespickt mit antisemitischen Klischees der Geldgier, der Verführung, des Talmis oder der Unterwanderung. Es war eben kein Zufall, wenn ein wackerer Sozialdemokrat wie der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bock (1846-1931) in den Debatten über die Konsumgenossenschaften darauf verwies, „daß die großen Warenhäuser a la Rudolph Herzog [sic!], Lubasch, Wertheim etc. dem mittleren und kleineren Kaufmann mehr schadeten, als alle Konsumvereine zusammengenommen“ (Düsseldorfer Volksblatt 1894, Nr. 16 v. 18. Januar, 1). Die Debatte um Lubasch unterstreicht den Antisemitismus der Linken, auch wenn dieser in Frankreich oder Österreich noch deutlich ausgeprägter war (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. I, o.O. 1980, 82-96).

Die Mittelstandsbewegung dieser Zeit brauchte lange, bevor sie die Großbetriebe in den Blick nahm. Sie war antikapitalistisch und antisemitisch – und sie blieb es, beträchtlichen Lernprozessen zum Trotz. In den späten 1880er und frühen 1890er Jahren widmete sie sich vor allem der Konkurrenz von Hausierern, Abzahlungsgeschäften und insbesondere der aufstrebenden Konsumgenossenschaften (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland, Frankfurt a.M. et al. 1994, 32-35). Warenhäuser, das waren anfangs die Berliner „Warenhäuser“ für Offiziere und Beamte, also große Genossenschaften und Versandhändler. Der moderne Begriff des Warenhauses entwuchs erst den Debatten über die verschiedenen Sondersteuern auf Großbetriebe im Kleinhandel um die Jahrhundertwende. Großbetriebe war dagegen das anfangs entscheidende Stichwort, lernten die Mittelstandsvertreter doch durchaus von der marxistischen Todesglöckchenphilosophie. Strikt wandte man sich gegen das „Großkapital“. Erst dadurch konnten sich Negativ-Dispositive bildeten, in denen immer wieder Lubasch erschien. Seit 1893 finden wir im einschlägigen Schriftgut regelmäßig den einebnenden Verweis auf die „Bazare der Herren Werthheim [sic!], Lubasch pp.“ (Mittheilungen des Zentral-Verbandes deutscher Kaufleute 3, 1892/93, Nr. 7/8, 8) – mochten diese auch in strikter Konkurrenz zueinander stehen. Fast beliebig wurden nun Großbetriebe nebeneinandergestellt, unabhängig von ihren teils gegensätzlichen Geschäftsprinzipien. Als „Waarenhäuser“ erschienen beispielsweise der „Kaiser-Bazar (Nachfolger), Mey & Edlich, Wertheim, Lubasch etc.“ (F. Neuhofer, Unsere Zeit- und Streitfragen. IV., Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 19, 1894, 266-270, hier 270) – also ein Warenhaus, ein Versandgeschäft und zwei „Ramschbazare“. Die Bedrohungslage schien akut, doch das neue Fremde wurde nicht analysiert, sondern denunziert. Widerstand schien angeraten, gegen „die vernichtende Konkurrenz der Magazine, Lager, Großverkaufshäuser (Wertheim, Lubasch, Kaiserbazar u.s.w.)“ (Otto Wiedfeldt, Entwickelungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720 bis 1890, Leipzig 1898, 104), gegen die „Ueberwucherung von Großbazaren und Monopolgeschäften à la Wertheim, Jandorf, Lubasch, Aschingers Bierquelle, Loeser u. Wolf, Bolle etc.“ (Berliner Tageblatt 1898, Nr. 29a v. 18. Januar, 5). Hier gingen Antikapitalismus und Antisemitismus eine antiintellektuelle Allianz ein, für die es unwichtig war, ob es gegen die Meierei des christlichen Unternehmers Carl Bolle (1832-1910), den protestantischen Restaurateur und Bierschwemmenbesitzer August Aschinger (1862-1911) oder den jüdischen Warenhausbesitzer Adolf Jandorf (1870-1932) ging. Die Überlappung von Mittelstands- und Arbeiterbewegung manifestierte sich auch in dem vordergründigen Interesse am Schicksal der Beschäftigten, zumal der Verkäuferinnen: „In den Großbazaren und Massenzweiggeschäften wird der Verkauf immer mechanischer, Waarenkunde ist kaum noch erforderlich. Jeder kann dort fast ohne Vorkenntnisse verkaufen, die Waaren haben bestimmte Einheitspreise. In diesen Großbazaren u.s.w. kümmert sich der Inhaber nicht im Geringsten um die Weiterbildung seiner Angestellten, er ist dazu gar nicht im Stande. […] Nach einer anderen Statistik der Ortskrankencasse der Berliner Kaufleute wurden durchschnittlich 7 Percent Erkrankungen verzeichnet, in dem Bazar von Lubasch aber 14 Percent“ (Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Deutsches Wochenblatt 1899, Nr. 3732 v. 25. Mai, 4).

Lubasch war für diese Kritiker kein reales Geschäft, sondern Chiffre einer nicht gewollten Moderne. So konnte er, trotz nur einer Filiale, auch ein Filialtreiber werden (J. Rosenbaum, Filial-Treiberei und Massen-Bazare, Bamberg o.J. (1895), 11). 1895 gab es gar Warnungen vor anarchistischen Attentaten, welche „die Sprengung mehrerer großer Geschäfte wie Gerson, Herzog [sic!], Wertheim, Lubasch durch Dynamit“ ankündigten (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1893, Nr. 289 v. 13. Dezember, 2). Als „Ramschbazar“ stand Lubasch für neue Formen des Warenangebots, die man als „Nachahmungen aller Art, Qualitätsfälschungen, Quanitätsverkürzungen, Scheinausverkäufen und Scheinauktionen, Gelegenheits-, Reste- und Partiegeschäften“ denunzierte (Paul Dehn, Die Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Berlin 1899, 5). Die Stärke und Gefälligkeit des Feindbildes Großbetrieb ermöglichte es gar noch Jahre nach dem Ende des Geschäftsbetriebes bei Lubasch die Reden des Deutschen Antisemitenbundes mit den „Ramschbazaren“ „Wertheim, Tietz, Lubasch“ zu würzen (Im deutschen Reich 9, 1903, 545).

Der verlorene Kampf mit Wertheim

Wertheim – dieser Name fiel bereits häufiger. Das Unternehmen dieses Namens siegte im direkten Konkurrenzkampf mit dem Magazin A. Lubasch; und seit seinen triumphalen Geschäftsneubauten in Berlins Leipzigerstraße gilt es als Vorzeigebetrieb der Betriebsform Warenhaus. Und doch entstand das Warenhaus Wertheim erst im Kampf mit und in der Abgrenzung von Lubasch. Die Brüder Abraham (1819-1896) und Theodor Wertheim hatten bereits 1852 ein erstes Modewarengeschäft im mecklenburgischen Stralsund gegründet, dem 1875 ein Kurzwarengeschäft am gleichen Standort folgte. Ein Jahr später traten Abrahams Söhne Georg (1857-1939) und Hugo Wertheim (1856-1883) in das Geschäft ein, das nicht nur erfolgreich war, sondern schon früh den Berliner Markt in den Blick nahm. Für das Stralsunder Laden suchte man in Berlin Verkäufer (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 196 v. 23. August, 11), und bereits 1879 verkaufte Abraham Wertheim Modewaren in der Kochstraße 15 „unterm Kostenpreise“ (Berliner Tageblatt 1879, Ausg. v. 6. September, 12). Es schien, als würde sich eine Geschichte wie die von Lubasch wiederholen. Doch Wertheim verlagerte sein Geschäft nicht, sondern gründete 1885 eine erste Filiale in Berlins Rosenthalerstraße 27, einer jüdisch geprägten Einkaufsstraße, mehr als zwei Kilometer entfernt vom Magazin A. Lubasch. Wertheim hatte dort harte lokale Konkurrenz und war gewiss mit anderen Käufererwartungen konfrontiert als im beschaulichen Stralsund. Man passte sich an, zumal nachdem Abraham Wertheims Sohn Georg Wertheim (1857-1939) 1888 nach Berlin übergesiedelt war. Das erste Berliner Wertheimgeschäft verkaufte Waren des „billigen Massenkonsums“ (Julius Hirsch, Das Warenhaus in Westdeutschland, Leipzig 1910, 20), vornehmlich Textilien, rasch aber auch andere Gebrauchsgegenstände.

Der Kampf mit Lubasch begann, nachdem Wertheim am 31. März 1890 einen Laden an der Oranienstraße 145 eröffnet hatte. Dieser lag knapp 300 Meter von Lubasch entfernt, zielte also auf dessen Käuferklientel. Der nun einsetzende Konkurrenzkampf wurde in der zeitgenössischen Literatur mehrfach erwähnt, doch die kurzen Notate sind nahezu durchweg sachlich falsch. Das gilt auch für die Darstellung von Simone Ladwig-Winters, die einseitig die Erfolgsgeschichte Wertheims singt. Glaubt man ihr, so war die Filialgründung durchaus reizvoll, „konnte man doch messen, wer besser ankam – Lubaschs billiger Laden, der die Kundschaft allein über den Preis warb, oder Wertheims teureres Geschäft, in dem die Käufer dafür sicher sein konnten, keinen Ramsch zu erwerben“ (Erica Fischer und Simone Ladewig-Winters, Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Reinbek 2007, 72). Belege für diese Behauptung wurden nicht präsentiert – und diese steht in offenkundigem Gegensatz zur zeitgenössischen Gleichsetzung von Wertheim und Lubasch als einerseits „Ramschbazare“, anderseits Großbetriebe des Kleinhandels. Ladewig-Winters zitiert jedoch ein vermeintliches „Tagebuch“ von Georg Wertheim, das unter dem 31. März 1890, also dem Tag der Ladeneröffnung in der Oranienstraße, folgendes vermerkt habe: „Infolge der Konkurrenz mit A. Lubasch mussten die von diesem geführten Artikel, Wirtschaftswaren und Galanterie-Artikel, auch bei uns eingeführt werden. Dies bedeutet den ersten Schritt zu der Wandlung des Manufaktur-Geschäfts in den sogenannten Warenhaus-Betrieb. Wir gerieten unbeabsichtigt auf diese Bahn und ohne uns bewusst zu sein, zu welchem Ziele dieser erste Schritt führen würde. Warenhäuser gab es damals in Deutschland noch nicht; nur A. Lubasch führte außer Manufakturwaren auch Glas, Porzellan und Wirtschafts- sowie Galanterie-Artikel, jedoch in einer partiewarenmäßigen Art und nur in billigsten Qualitäten; er machte jedoch seinerzeit auf diese Weise ein großes Geschäft. Als wir also gezwungenermaßen dazu übergingen, seine Artikel ebenfalls zu führen, entstanden daraus bei uns ordnungsgemäß geführte Abteilungen, wie sie unser Geschäftshandhabung entsprachen“ (Wertheim. Geschichte eines Warenhauses, Berlin 1997, 19). Es ist offenkundig, dass es sich bei diesem Eintrag um einen später geschriebenen Rückblick auf die Geschehnisse seit 1890 handelt, verfasst unter dem Eindruck des Sieges über Lubasch. Der verfehlte Gegensatz von Ramsch- und Qualitätsware wurde von Ladewig-Winter (mit Bezug auf Stürzebecher, 1997 und – irreführend – Hirsch, 1910) zudem mit dem nicht näher kontextualisierten geflügelten Wort „Wer bei Lubasch kauft, bringt nichts von Wert heim“ unterstrichen. Belege, dass dies just 1890 bis 1895 entstanden ist, sucht man vergeblich. Entsprechende Sentenzen gab es für fast alle führenden Warenhausunternehmen und sie sind beliebig aufladbar: Im Westen des Reiches hieß es etwa „Von Tietz, man sieht’s!“ oder auch „Wer bei Tietz kauft, bringt nichts von Wert heim!“ (Werner Rubens, Der Kampf des Spezialgeschäfts gegen das Warenhaus, Köln-Ehrenfeld 1929, 14) – doch wer würde deshalb auf die konkrete Qualität der Angebote der wichtigsten Warenhausdynastie des Reiches schließen? Ladewig-Winters verschweigt schließlich auch, dass der Kampf von Lubasch und Wertheim eben nicht allein in der Oranienstraße geführt wurde, sondern dass er in mindestens gleichem Maße in der Rosenthalerstraße tobte.

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Überblickskarte des Kampfes zwischen Lubasch und Wertheim (1: Lubasch, Kommandantenstraße 44/44a (1863), 2: Wertheim, Rosenthalerstraße 27 (1885), 3: Wertheim, Oranienstraße 145 (1890-1894), 4: Lubasch, Rosenthalerstraße 49 (1893-1895); 5: Wertheim, Oranienstraße 53/54 (1894-1913, Neubau))

Um all dies nachvollziehen zu können, müssen wir uns erst einmal die Geschehnisse selbst vor Augen führen. Wertheim etablierte seinen Laden 1890 in der Oranienstraße 145, also in Laufweite von Lubasch. Doch Lubasch nahm die Herausforderung an und eröffnete seinerseits einen großen Laden in der Rosenthalerstraße 49, also schräg gegenüber dem ersten Berliner Geschäft von Wertheim. Der wiederum ließ sich nicht lumpen, kaufte Grund am Moritzplatz auf, legte zwei Häuser nieder und eröffnete 1894  seinen Neubau in der Oranienstraße 53/54. 1895 schließlich gab Lubasch auf und schloss seine Filiale in der Rosenthalerstraße. Wertheim, der 1892 schon einen ersten Laden in der Leipzigerstraße 111 eröffnet hatte, ging somit als Sieger aus dem Ringen hervor.

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Veränderung in der Nachbarschaft: Geschäftseröffnung von Wertheim in der Oranienstraße 145 am 31. März 1890 (Berliner Tageblatt 1890, Nr. 163 v. 30. März, 20)

Zu beantworten ist, warum dieser Kampf um den Kunden beträchtliches Aufsehen erregte. Nun, hier rangen zwei der größten „Ramschbazare“ Berlins um die Hegemonie im Billigsegment – und sie taten dies mit innovativen Mitteln. Es war Lubasch, der in der Kommandantenstraße begann, die Preise von Wertheim gezielt um einzelne Pfennige zu unterbieten: „Zuerst wurden die Hausfrauen wild, dann fingen die Kaufleute an, sich halb lachend zu ärgern und zu schimpfen. Dann wurde die Sache des Quartiers eine Sache der Stadt, die interessiert und belustigt den Kampf der Gegner verfolgte. Witzblätter und Couplets nahmen den Stoff auf. Und beide Gegner wurden berühmt“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510, 1-2). Wir sehen hier Marktwirtschaft in Aktion, doch Preiswettbewerb war zu dieser Zeit in breiten Teilen des Handels noch nicht üblich. Hier ging man von festen Gewinnspannen aus. Gewiss, Konsumgenossenschaften, Wanderlager, Bazare und Partiewarengeschäfte warben bereits seit längerem mit ihren Preisen. Doch im Kampf von Lubasch gegen Wertheim wurde der abstrakte Preismechanismus konkret, denn Wertheim zog nach, reduzierte seinerseits die Preise – und nun konnte das Spiel von Neuem beginnen. Der allgemeine Spott über die Kombattanten regte sich aber auch deshalb, weil das sich Unterbieten anfangs nur bei einzelnen, für den Kunden besonders sichtbaren und gut vergleichbaren Artikeln erfolgte. Diese „Lockvögel“ machten nur kleine Teile des gesamten Sortiments aus – und die Kunden lernten damit umzugehen.

Anfang 1893 nahm das Ringen richtig Fahrt auf, abermals mit Lubasch als Angreifer: „Gerade gegenüber dem bekannten Magazin von A. Wertheim ist vor kurzem eine Filiale des nicht minder bekannten Magazins von A. Lubasch (Kommandantenstraße) errichtet worden. Wer jetzt die Rosenthalerstraße in der Nähe der Weinmeisterstraße passirt, sieht zur Rechten wir zur Linken lange Reihen von Schaufenstern, die nur von den genannten Firmen besetzt sind. Beide suchen sich besonders in der Breitenausdehnung gegenseitig zu überbieten, um dem Publikum recht aufzufallen. Vorläufig verfügt aber noch die Firma Wertheim über die breiteste Front: sie hat bereits drei neben einander liegenden Häuser mit Beschlag belegt. In diesen Schaufenstern kann man alles Mögliche und Unmögliche sehen, Kochtöpfe und Damenhüter, Scheuerlappen und Reisehandbücher und tausenderlei andere Waaren in wunderlichster Zusammenstellung. Die Preise, welche mit Riesenziffern an jedem Stück befestigt sind, sind bei dem einen immer niedriger als bei dem anderen, sodaß der Passant, welcher der Skylla zur Linken glücklich entronnen ist, der Charybdis zur Rechten schließlich doch in den Rachen gerathen muß“ (Vorwärts 1893, Nr. 163 v. 14. Juli, 7). Ja, beide Firmen intensivierten den Preiswettbewerb, investierten in Außenwerbung und Kundenansprache. Es war ein Ringen auf Augenhöhe mit anfangs offenem Ausgang. Waren dienten nicht unmittelbaren Gebrauchszwecken, sondern wurden Mittel im Wettbewerb. Wertheim baute sein Geschäft nicht kühl und sachlich aus, sondern beide Geschäfte erweiterten kundennah, angestachelt von den Aktionen des Wettbewerbers. Es war just zu dieser Zeit, als der Begriff des „Ramschbazars“ zum Alltagsbegriff wurde. Doch der Vorwärts hielt dagegen, verwies auf die von Wertheim und Lubasch gleichermaßen betriebene Qualitätsdifferenzierung: „‚Ramschen‘ heißt: bei günstiger Gelegenheit billig (und zuweilen auch wirklich gut) kaufen. Die ‚Riesenbazare‘ ‚ramschen‘ nicht; sie dienen im Gegenteil eher dem kleineren ‚Ramscher‘ als Bezugsquelle. Sie kaufen nicht bei Gelegenheit Waaren aus einem Konkurse, alte Ladenhüter oder Reste von besserer Qualität auf, sondern sie geben mit ihrem ungeheuren Umsatze Jahr aus Jahr ein ganzen Fabriken Beschäftigung. In diesen Fabriken werden die Waaren von vornherein in der bescheidenen Qualität hergestellt, welche dem geringen, von der Arbeiterklasse gerade nur zu erschwingenden Preise angemessen ist […]“ (Vorwärts 1893, Nr. 8166 v. 18. Juli, 6). Entsprechend distanziert stand die Sozialdemokratie den Billigheimern gegenüber: Sie verwiesen auf die Kosten der billigen Waren, auf die Folgewirkungen auf Arbeiter und Verkäufer, die betroffenen Branchen und den Arbeitsmarkt. Und sie nahmen zugleich eine gängige Trope der mittelständischen Kritik auf, dass billige Waren eben auch schlechte Waren seien. Parallel realisierten die Sozialdemokraten die makroökonomischen Folgen der großen Billiganbieter: Sie gaben den arbeitenden Klassen den Anschein materiellen Besitzes, verbesserten über günstige Konsumgüter gar deren Lebensstandard. Dadurch aber erlaubten sie grundsätzlich aber auch geringe oder gar sinkende Löhne.

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Vorboten des Sieges: Annonce der Geschäftseröffnung von A. Wertheim in der Leipziger Straße 1892 (Berliner Tageblatt 1892, Nr. 513 v. 9. September, 4)

Die dritte und letzte Eskalation des Kampfes zwischen Lubasch erfolgte Ende 1894: Wertheim war trotz des Angriffes von Lubasch in der Lage, seinen angemieteten und zwischen durch erweiterten Laden in der Oranienstraße durch einen Neubau am Moritzplatz zu ersetzen, der nochmals 50 Meter näher am Lubaschschen Hauptgeschäft lag. „Herr Wertheim trägt sich vermuthlich mit der Absicht, seinen Konkurrenten Lubasch (Ecke Oranien- und Kommandantenstraße), in dessen Nähe er bereits vor längerer Zeit eine kleine Filiale errichtet hat, durch Errichtung eines neuen großen Waarenhauses an derselben Stelle gänzlich aus der dortigen Gegend zu verdrängen“ (Vorwärts 1893, Nr. 220 v. 19. September, 5). Wertheim hatte bereits 1892 in der Leipzigerstr. 111 ein weiteres Geschäft etabliert, das auf sechs Etagen die gesamte Palette der Gebrauchsgüter abdeckte. Es waren die Gewinne dieser Filiale, die den Neubau ermöglichten und zugleich die notwendigen Bankkredite absicherten. In der Leipzigerstraße hatte sich Wertheim nicht mehr an einem „Ramschbazar“, sondern an wohl etablierten Berliner Handelsfirmen zu orientieren. Hier traf er auf ein anderes Publikum, gehobener, solventer, interessiert an mittleren und gehobenen Qualitäten. Wertheim war in der Lage, sich einerseits früh aus dem Ringen um den Arbeiterkunden zu befreien, dieses anderseits aber zu nutzen, um sich des zuvor auf Augenhöhe kämpfenden Konkurrenten zu entledigen. Das neue, am 2. Dezember 1894 eröffnete Wertheimgeschäft in der Oranienburgerstraße 53/54 beendete die Zeitspanne, in der der „Ramschbazar von Lubasch in nächster Nachbarschaft noch als ein in Betracht kommendes Konkurrenzunternehmen“ (Die Eroberung der Leipzigerstraße, Vorwärts 1904, Nr. 281 v. 30. November, 9-10) galt. Für Wertheim war das der Durchbruch zur Respektabilität, doch es dauerte Jahre, bis die Firma in Berlin „zu Ansehen kam“ (ebd., 9). Wertheim gewann den Kampf mit Lubasch also nicht direkt, sondern indem er ihn nicht gänzlich annahm, sondern zugleich Alternativen zum Kampf fand. Lubasch verlor, weil er ihm aufging, ihn als persönliche Angelegenheit verstand.

Am Ende des Kampfes hatte sich gleichwohl gezeigt, dass Preis- und Qualitätsdifferenzierungen, Mischkalkulation, extensive Reklame und gezielte Kundenansprache Grundelemente unternehmerischen Erfolgs im Kleinhandel waren. Sie wurden von allen erfolgreichen Großbetrieben Berlins übernommen, strahlten weit in den Mittelstand hinaus. Wertheim lernte im Ringen mit Lubasch zudem, dass insbesondere die Lagerhaltung zu diesen Grundelementen gehörte. Anders als Lubasch, der stets in großen Partien kaufte und daher eine umfangreiche Lagerhaltung betreiben musste, führte Wertheim zwar die notwendigen, teils auch von der Konkurrenz aufgezwungenen Waren, hielt davon jedoch nur überschaubare Mengen. So konnte er rascher wechseln, hatte weniger Ladenhüter und geringere Fixkosten (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9).

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Aufgabe der Lubaschschen Filiale in der Rosenthalerstraße 1895 (Berliner Tageblatt 1895, Nr. 472 v. 19. Juli, 15)

Lubasch realisierte seine Niederlage nur langsam, zog dann aber die richtigen unternehmerischen Konsequenzen: Im Juli 1895 verkündete er die Schließung seiner Filiale in der Rosenthalerstraße – und seine scheinbar wunderliche Behauptung, dass dies wegen „unzureichend gewordener Verkaufsräume“ erfolge, war nicht ohne Logik. Lubasch hatte nach wie vor immense Lagerbestände, weit größer als sein Konkurrent Wertheim. Aus diesem Grunde zog sich das Ende über Monate hin (Volks-Zeitung 1895, Nr. 445 v. 2. September, 10; Volks-Zeitung 1895, Nr. 473 v. 9. Oktober, 6). Lubasch war nicht allein ein Virtuose der Verzögerung, er musste auch die Ware abverkaufen, die ihm die Luft zum erfolgreichen Kampfe genommen hatte.

Die Posse „Lupas und Wörthaim“

Die kleine Schlacht um den Kunden war geschlagen – und in einer Konsumgesellschaft war auch das eine Ware. Der ökonomische Kampf zwischen Lubasch und Wertheim fand Widerhall nicht nur in Alltagsgesprächen und Zeitungsartikeln. Auch die holde Kunst bemühte sich, genauer die Budapester Possen-Theater-Gesellschaft. Im Oktober/November 1893 legte sie der Zensur „Lupas und Wörthaim“ vor, eine derbe Parodie auf das Geschehen in der Oranien- und Rosenthaler Straße (Peter Sprengel, Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1944, Berlin 1997, 52). Autor war Donat Herrnfeld (1867-1916), ein jüdischer Schauspieler, der zusammen mit seinem Bruder Anton Herrnfeld (1866-1929) die Geschicke des Familienunternehmens bestimmte (Anton und Donat Herrnfeld, Der Humorist 28, 1908, Nr. 1, 2; Vom „Gebrüder Herrnfeld-Theater“ in Berlin, Der Humorist 29, 1909, Nr. 1, 4-6, hier 5). Die Theatergesellschaft bestand aus lediglich elf Mitgliedern, vielfach Familie, und da war das kleine „Orchester“ schon mit inbegriffen. Das Repertoire bestand aus kurzen, komischen Einaktern, meist aus dem bürgerlich-jüdischen Leben. Draller Humor, Schenkelklatscherwitze, „Komik als Selbstironie“ (Peter W. Marx, Jargontheater, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 3, Stuttgart/Weimar 2012, 170-173, hier 171). Die Gesten waren überzeichnet, die Charaktere ebenso, Männer waren noch Männer, das Ewigweibliche stets präsent. Nein, hehre Kunst boten die Herrnfelds nicht, doch Alfred Kerr (1867-1947), der kommende Kritikerpapst, schrieb 1897: Das „ist das Wundervollste und Erschütterndste an Komik, was der bescheidene Schreiber dieser Zeilen seit Geburt erlebt hat“ (Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895-1900, Berlin 1997, 271). Ihre Karriere in Berlin startete mit „Lupas und Wörthaim“, das 1893/94 mehr als 600 Aufführungen erlebte und „ein durchschlagender Erfolg“ (Heidelore Riss, Ansätze zu einer Geschichte des jüdischen Theaters in Berlin 1889-1936, Frankfurt et al. 2000, 22) wurde. Der Kampf zwischen Lubasch und Wertheim war der Ausgangspunkt dieser Posse – und man spielte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Geschehen, teils im Parodie-Theater in der Oranienstraße, teils im Grand-Hotel am Alexanderplatz, einem der vielen kleinen Varietés der Reichshauptstadt.

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Langwährender Lacherfolg: Werbung für „Lupas und Wörthaim“ in Hamburg und Berlin (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 16. November, 8; Vorwärts 1896, Nr. 190 v. 15. August, 8)

Die Namensgleichheit diente jedoch nur als Köder, der Untertitel „Die concurrierenden Heiraths-Vermittler“ ist präziser. Der Inhalt dieses Einakters mit Gesang ist rasch erzählt: Die gut bemittelte Witwe Regenwurm will sich wieder verheiraten, ein Geschäft, das sich die Heiratsvermittler Lupas und Wörthaim nicht entgehen lassen wollen. Doch die holde Dame hat schon einen Favoriten, den Operettentenor Sonnenstich. Da können die Kandidaten der Vermittler – Lupas schickt den tauben Schneider Heißblut ins Werberennen, Wörthaim den Fuhrbesitzer Gottlieb – leider nicht mithalten. Doch Wörthaim weiß Rat. Denn er findet heraus, dass der Tenor den Glanz der Vorwochen, seine Braut Nett’l, ob der besseren Partie schmählich verstoßen hatte, ohne sich seiner Liebesschwüre zu erinnern. Wörthaim tut dies kund, Regenwurm versteht den Betrug, wendet sich dem soliden Gottlieb zu, die Heirat wird versprochen. Lupas steht außen vor, doch Wörthaim gibt sein stolzes Honorar der Nett’l, die nun abseits des Sonnenstichs auf dem Heiratsmarkt agieren kann (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 17. November, 2). Urkomisch, drollig, ein wenig derb, doch nicht unzüchtig – so urteilten die Kritiker. Selbst im kühlen Hamburg berichtete man von ganz außerordentlichen Lachsalven und einem Kassenmagnet erster Güte: „Unstreitig wird das Gastspiel der Budapester Possen-Gesellschaft nach allen Seiten hin einen dauernd günstigen Erfolg haben“ (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 15. November, 15).

Im hohen Norden gastierte die Possen-Gesellschaft Ende 1894, anschließend stand das Stück in Berlin weiterhin auf dem Programm (Volks-Zeitung 1897, Nr. 43 v. 27. Januar, 1; Vorwärts 1897, Nr. 283 v. 12. April, 8). Noch 1900 gab es Aufführungen (Volks-Zeitung 1900, Ausg. v. 6. März, 6). Ja, Lubasch und Wertheim waren populär, ihnen wandte sich der Volkswitz zu: Und doch hieß es „Wertheim ist es – er ist der billige Mann“ (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9 – auch das folgende Zitat). Nicht das alteingesessene Geschäft machte das Rennen, sondern der betriebswirtschaftlich besser organisierte und kapitalkräftigere Neuling aus dem Norden. Doch in den 1890er Jahren ging es noch nicht um hochwertige, gediegene Waren, sondern um den „Reiz des Billigen“, denn „es ist das Publikum, das billig kaufen will, erst billig, dann mag es gut, dann mag es schön, dann mag es tüchtig sein.“ Diese simple Sentenz gilt trotz der großer Warenpaläste von Wertheim und Tietz, denn ihre ökonomische Basis war und blieb der Massenabsatz billiger Ware. Alles andere war Zierrat und Werbung – mögen es viele Historiker auch als Essenz dieser Betriebe missverstehen.

Den Makel des Anfangs als „Ramschbazar“ konnte selbst Wertheim nicht völlig abstreifen, auch wenn schließlich Kaiser Wilhelm II. 1910 für einige hunderttausend Mark Spenden das Warenhaus in der Leipzigerstraße besuchte. Die antisemitische Presse sah dennoch nur ein „Ramschausverkaufshaus“ (Die „Wahrheit“ vor Gericht, Dresdner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 300 v. 4. November, 3). Das war es wahrlich nicht, doch derartige Dispositive blieben bestehen, kamen während der Weltwirtschaftskrise wieder auf, begleiteten die neuerliche Welle der Sondersteuern und dann der „Arisierung“, also des Zangenübergriffs von Nationalsozialisten, Banken und biederen Profiteuren. Die letzten Reminiszenzen seitens der Arbeiterbewegung klangen dagegen nostalgisch. Nachdem bei der preußischen Landtagswahl 1903 im Kreise Teltow-Beeskow Liberale und Sozialdemokratie sich nicht auf einen wohl siegreichen Kompromisskandidaten hatten einigen können, war eine Posse die Antwort auf das die Arbeiter diskriminierende Dreiklassenwahlrecht. Die sozialdemokratischen Wahlmänner waren vollständig erschienen, hoben nicht allein die Hände, um dann von der konservativen Majorität überstimmt zu werden, sondern sie nutzten das ihnen zustehende Rederecht, um der Wahlfarce Kontur zu geben, indem sie fiktive Wunschkandidaten priesen. Sie lobten etwa die vom freisinnigen Vorkämpfer Eugen Richter (1838-1906) häufig erwähnte Figur der rechtschaffenden Spar-Agnes und verlangten auch die Wahl von Lubasch und Wertheim (Das Ende der Wahl in Teltow-Beeslow, Vorwärts 1903, Nr. 273 v. 22. November, 2; Die preußischen Wahlen, Pester Lloyd 1903, Nr. 285 v. 26. November, 3). Donat Herrnfeld hätte sich wohl auf die Schenkel geklatscht.

Das langwierige Ende eines Pionierunternehmens

Mitte der 1890er Jahre war Lubasch zwar populär, doch die Wachstumskraft seines Unternehmens war nach der Aufgabe der Filiale in der Rosenthalerstraße gebrochen. Der Sieg Wertheims führte zu einer stärkeren Spreizung des Geschäftes zwischen dem steten Absatz billiger Textilien und Haushaltswaren (und der Bestände seiner Warenlager) und einer stärkeren Orientierung auf Großkunden, wie Hotels, Cafés und Gaststätten.

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Spezialisierung auf konsumnahe Dienstleistungen (Volks-Zeitung 1895, Nr. 471 v. 8. Oktober, 7)

Anders als bei Wertheim, der dank hoher Gewinne und umfangreicher Kredite seinen Betrieb konsequent ausbaute, setzte Lubasch weiterhin auch auf das tradierte Partiewarengeschäft. Während die Großen der Branche ihre Anzeigen mit immer breiteren Sortimenten anreicherten, annoncierte Lubasch nur ab und an, präsentierte dann aber wieder und wieder die gleiche Ware. Typisch hierfür waren etwa die 1897 in immer gleicher Weise angepriesenen Betten. Gut und groß sollten sie sein, doch im Vordergrund stand der niedrige Preis.

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Kontinuität des Partiewarengeschäftes 1897 (Volks-Zeitung 1897, Nr. 235 v. 21. März, 8)

Angesichts dieser Kontinuität des Partiewarengeschäftes erscheint es paradox, dass sich das Magazin A. Lubasch zwar noch nicht in seinen Annoncen, wohl aber im Berliner Adressbuch zum „Waarenhaus“ (Berliner Adressbuch 1898, Berlin o.J., Bd. 2, 278) erklärte. Ökonomisch half dies wenig. Denn die gewählte Engführung des Betriebes traf Mitte der 1890er Jahre nicht mehr allein auf die Konkurrenz von Bazaren und „Warenhäusern“, sondern zunehmend auch auf spezialisierte Anbieter. Hervorzuheben ist etwa das 1891 an der Jannowitzbrücke, also nördlich der Kommandantenstraße, etablierte Warenhaus für Gelegenheitskäufe Heinrich Hennes (Berliner Börsen-Zeitung 1891, Nr. 516 v. 4. November, 7; Berliner Tageblatt 1898, Nr. 641 v, 18. Dezember, 29).

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Anzeige eines Gelegenheitskaufs bei Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 63 v. 15. März, 9)

Lubasch reagierte hierauf. Er schaltete häufiger Anzeigen, gab diesen ein einheitliches Design. Kräftige schwarze Ränder sorgten für rasche Wiedererkennung. Zugleich annoncierte er immer wieder andere Warenposten, seien es Gardinen, Pelz- und Tapisseriewaren, Leinen, Tapeten, Glas und Tafelgeschirr. Es mag sein, dass dies in Zusammenarbeit mit Hermann Lubaschs Luxuspapierfabrik erfolgte, die auch Reklamekarten und -plakate erstellte (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898). Trotz dieses zeitweiligen Gegenstemmens begann im März 1899 die Auflösung des nach wie vor allgemein bekannten Verkaufsgeschäftes. Ein Haarsalon warb für sich noch im November mit dem Hinweis „gegenüber Magazin Lubasch“ (Berliner Tageblatt 1899, Ausg. v. 26. November, 12).

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Ankündigung der Geschäftsauflösung von Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 119 v. 25. Mai, 10)

Wie schon bei der Abwicklung der Filiale in der Rosenthalerstraße zog sich die Auflösung lange hin, war eher ein Ausverkauf auf Raten. Billig war Trumpf. So wurden Porzellangegenstände für nur 10 Pfennige das Stück verkauft, „‚um die Unzuträglichkeiten einer Gratisverteilung zu vermeiden‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 151 v. 7. Juni, 1). Die Konkurrenz zeterte, denn durch das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb von 1896 war das sogenannte Nachschieben von Waren bei Ausverkäufen unter Strafe gestellt worden. Mehr als ein Jahr nach der angekündigten Auflösung hieß es aber immer noch: „Die Auflösung des Magazin A. Lubasch muß in diesem Jahr beendet sein. Die noch vorhandenen großen Lagerbestände werden demnach zu außerordentlich billigen Preisen verkauft“ (Vorwärts 1900, Nr. 74 v. 29. März, 8).

Es ist nicht klar, wann das Magazin A. Lubasch schließlich seine Türen schloss – auch wenn dies irgendwann im Jahre 1900 geschah. Das Großhandelsgeschäft für Hotels und Gaststätten wurde noch einige Zeit fortgeführt (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032). Formal wurde die Firma A. Lubasch erst 1908 gelöscht (Berliner Tageblatt 1908, Nr. 586 v. 16. November, 11). Philipp Lubasch hatte schon vor der Jahrhundertwende das Amt des Generalvertreters der Helsingborger Gummischuhfabrik übernommen (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898) und reüssierte nach der Jahrhundertwende unter „Gummischuhe Engros“ in der Kreuzberger Michaelkirchstraße 24a (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032; ebd. 1908, Bd. 1, 1556). Lubasch wohnte auch nach der Schließung des Magazins in der Kommandantenstraße, doch zog er dann nach Wilmersdorf in die Joachimsthalerstr. 21 (Berliner Adreßbuch 1908, Berlin o.O., Bd. 1, 1556). Hier starb er am 8. September 1909.

 

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Grabstätte des Ehepaar Philipp und Auguste Lubasch auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee 2019

Sein Ableben wurde vermerkt, traf jedoch auf kaum Widerhall. Er wurde als „Gründer des ersten Berliner Warenhauses“ (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 423 v. 10. September, 8) gewürdigt, gewiss zu Unrecht. Die kurzen Notizen hoben nicht Leistungen, sondern die Niederlage hervor: „Unter der Firma A. Lubasch eröffnete der Verstorbene Ecke Kommandanten- und Oranienstraße ein Kaufhaus, das aber von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ hieß es in der Berliner Volks-Zeitung (Nr. 423 v. 10. September, 4). Auch das Berliner Tageblatt erwähnte, dass sein Geschäft „von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ (Nr. 455 v. 8. September, 10). Philipp Lubasch wurde am 9. September 1909 auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beerdigt (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 455 v. 8. September, 10), sein Grabmal steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu denen von Unternehmern wie Bernhard Loeser (1835-1901), Philipp Freudenberg (1833-1919) und Rudolf Mosse (1843-1920).

Am Ende dieses höchst fragilen Puzzles stellt sich die Frage nach der historischen Bedeutung des Magazins A. Lubasch. Das entspringt dem Wunsch, das „wirkliche Leben noch einmal unwirklich zu erfinden, nicht eins zu eins, sondern viel genauer“ (Herta Müller, Mein Vaterland war ein Apfelkern, München 2014). Das kann nicht gelingen. Lubasch war ein Übergangsphänomen, verkörperte den Aufstieg und Wandel des Kleinhandels von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der Betrieb verdeutlicht die beträchtlichen Probleme, diese Veränderungen begrifflich und analytisch klar zu fassen. Vom Handelsmann über das Magazin hin zum Warenhaus? Wohl kaum. Das Puzzle ist wohl eher eine Rückfrage an unsere Vorstellungen vom Wandel, vom geschäftlichen Erfolg. Das Magazin A. Lubasch steht quer zu gängigen linearen Vorstellungen klar zu definierender Betriebsformen, mögen wir diese auch brauchen, um uns nicht in Einzelgeschichten zu verlieren. Lubaschs Unfähigkeit, vielleicht auch Weigerung, das tradierte Partiewarengeschäft zu systematisieren, in neue, ansprechendere und noch erfolgreichere Formen zu lenken, entsprach paradoxerweise der seiner mittelständischen Konkurrenten, die in seinem Großbetrieb vor allem einen Angriff auf ihre Art des Wirtschaftens, auf ihre Art des Lebens sahen. Die Geschichte seines Magazins lenkt unsere Blicke auf höchst unterschiedliche und doch zusammenhängende Felder: Das des Aufstiegs hin zum reichen Unternehmer, das der um Würde und Einkommen ringenden Beschäftigen, auch das von Gegnerschaft und Feindschaft, so beliebig und doch unerbittlich. Das Feld der harten direkten Konkurrenz, der Niederlage im Wettbewerb, der öffentlichen Bewertung, voller Häme und doch stiller Bewunderung. All das ist eins, so wie auch die Fülle der nicht zusammenpassenden Partiewaren ein Geschäft ergab, das Magazin A. Lubasch.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2019

Eine andere Moderne – Ein Besuch der früheren Konsummühle Magdeburg

Deutschland feiert das Bauhaus. Die heterogene, aus Demokratieverächtern und Gemeinschaftsaktivisten, Architekten und Gestaltern, Künstlern und Sinnsuchern bestehende Institution ist heute handzahm und gut bürgerlich. Sie ist propperes Konsumgut, „öffentliche“ Mittel fließen, das Establishment feiert sich selbst. Wer will schon noch etwas wissen über die Wirrnisse der Bauhäusler zwischen Republik und Stalinismus, über ihre Anpassung im Nationalsozialismus und im Exil, gar über die engführende Rezeption zwischen New York und Stuttgart. Das breite Licht der Wagenfeld-Lampe überdeckt die Schatten.

Das Bauhaus war Aufbruch, eingebettet in eine breite Neudefinition des Alltags, der Konsumkultur, aller materiellen Gegenstände. Das weit darüber hinausreichende bauliche und gestalterisches Erbe wird heute auch abseits von Weimar, Dessau oder Berlin gern präsentiert, ein Bauhausbezug oft behauptet, eigenständiger Entwicklungen zum Trotz. Das zeigt sich etwa in Magdeburg, einem zu Unrecht weniger beachteten Ort der Moderne, ehedem eine Experimentierstätte des Umdenkens und Neugestaltens. Dort gab es in den 1920er Jahren eine der seltenen sozialdemokratischen Stadtregierungen, dort agierten viele zwischen Werkbund und Bauhaus, zwischen großer Reform und praktischer Alltagsverbesserung. Die bunte Broschüre „Magdeburger Moderne. Neues Bauen in der Ottostadt“ lockt Touristen in die Hauptstadt Sachsen-Anhalts: Vier Wanderrouten stellen 32 Ziele näher vor, Siedlungen und Einzelgebäude, Denkmäler und Industriebetriebe. Das erlaubt eine Perspektivenweitung über die Enge des Bauhauses hinaus, führt hinweg über die immergleichen Namen der vermeintlichen und realen Visionäre.

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Selbstbestimmte Warenwirtschaft als Grundlage einer Welt freier, gleichberechtigter Bürger (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 22, 1929, 193)

Die heutige Bauhauserbauungskultur dient nämlich immer auch der Ausgrenzung anderer Narrative und gelebter, praktischer Geschichte. Das gilt nicht zuletzt für die in den 1920er und frühen 1930er Jahren auf einem historischen Höhepunkt stehende Konsumgenossenschaftsbewegung. Diese war zweigeteilt, erst im Nationalsozialismus erfolgte eine Zwangsvereinigung. Der eher bedächtige katholische Reichsverband der Konsumvereine (1924: 735.000 Mitglieder und 100 Mio. RM Umsatz) war deutlich schwächer als der tendenziell sozialdemokratische Zentralverband deutscher Konsumvereine (1924: 3,5 Mio. Mitglieder resp. 381 Mio. RM Umsatz), der die dritte und letztlich breiteste Säule der „Arbeiterkultur“ bildete. Diese wuchs während der 1920er Jahre voll Wucht. Wer nicht mitschritt, die nicht kaufenden „Papiersoldaten“, wurde ausgeschlossen, und der Umsatz der 1930 mehr als 2,9 Mio. Genossen (und ihrer Familienangehörigen) erreichte staatliche 1,24 Mrd. RM. Das waren mehr als zehn Millionen Deutsche, das waren fast fünf Prozent des deutschen Einzelhandelsumsatzes. Mehr als alle Warenhäuser – und dabei hatte man mit dem Vertrieb von Gebrauchsgütern doch gerade erst begonnen. Den wegbewussten Sozialdemokraten waren die katholischen Genossen recht suspekt, begnügten sie sich doch mit preiswerten und standardisierten Waren. Sie mochten gläubig auf das verheißene Paradies warten. Doch die Genossen des Zentralverbandes verkündeten Wirtschafts- und Gesellschaftswandel im Diesseits. Ihre Läden, ihre rasch wachsende Zahl von Produktionsbetrieben sollten Vorboten einer genossenschaftlichen Alternativwirtschaft sein. Es ging nicht um ein paar Farbkleckse auf Leinwand, sondern um die konkrete Verbesserung des Alltags, um gute Ware zu fairem Preis. Und mehr noch: Arbeit in einer gemeinschaftlichen Binnenwelt, Kapital durch eigene Sparvereine und Banken, Boden und Besitz durch Baugenossenschaften. Den Konsumgenossenschaftlern ging es um die Überwindung der dominierenden „Profitwirtschaft“ und zugleich Distanz zum Staat, dem verschwenderischen Moloch und großen Fronherrn. Doch anzusetzen war niedriger, vielgestaltiger: In der Warenwirtschaft schien die „Eigenproduktion“, also Gebrauchsgüterproduktion in eigener Verantwortung, der entscheidende Hebel für eine neue Welt. Die Überschüsse flossen dann nicht in die Taschen weniger, sondern als Rückvergütung zurück an die Mitglieder und als Investitionsmittel in das Wachstum der Organisation.

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Baustein einer Gegenwelt: Die Magdeburger Konsummühle 1927 (Konsumvereinsbote für Rheinland und Westfalen 20, 1927, 185)

Der verhaltene Siegeszug der Konsumgenossenschaften setzte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein, veränderte den Einkauf vor allem lokal. Liberales Freiheitsversprechen und sozialdemokratische Solidarität verbanden sich in dieser Bewegung. Die Konsumgenossenschaften etablierten immer dichtere Ladennetze, ihr steigender Umsatz schuf langsam Einkaufsmacht, Konkurrenz mit den etablierten Anbietern wurde so einfacher. Wichtiger aber war, dass viele Genossenschaften mit der Eigenproduktion begannen und zuerst Bäckereien, dann auch Fleischereien ins Leben riefen, Kaffee rösteten, Mineralwasser auf Flaschen zogen. 1914 produzierte mehr als ein Viertel eigene Lebensmittel, 238 Konsumbäckereien versorgen die Mitglieder mit frischem, meist maschinell produziertem Brot und Backwaren. 1926 sollten es schon 367 mit 4.000 Beschäftigen sein.

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Ein Blick in die Bäckerei der Verbrauchergenossenschaft Magdeburg (Die Rundschau 36, 1939, 265)

Damit nähern wir uns Magdeburg, dem Ort meines Besuches. Hier hatte sich der Konsumverein schon in den 1890er Jahren von der Brotbelieferung durch „kommerzielle“ Bäcker frei gemacht. Doch das Mehl bezog die neue Konsumbäckerei von Großanbietern der Branche, nämlich leistungsfähigen Handelsmühlen. Hierbei half vielfach die eigene Großhandelsorganisation, die 1894 in Hamburg gegründete Großeinkaufsgesellschaft deutscher Consumvereine (GEG). Gewinne verblieben dennoch beim „kapitalistischen“ Anbieter und Konkurrenten. Die GEG begann nach der Jahrhundertwende jedoch, eigene Produktionsstätten für die Produkte aufzubauen, die vor Ort nicht sinnvoll herzustellen waren und für die man die Vorteile der Massenfabrikation nutzen konnte. Die englische Co-operative Wholesale Society in Manchester wies dabei den Weg: Heinrich Kaufmann (1864-1928), spiritus rector der Konsumvereine, dachte sicher auch an die riesige Konsummühle in Manchester als er schrieb: „Wir dürfen daher mit Recht sagen, daß […] britische genossenschaftliche Gegenwart unsere deutsche Zukunft ist“ (Heinrich Kaufmann, Ein konsumgenossenschaftlicher Blick in die Zukunft, Hamburg 1921, 36).

Doch der Weg hin zur Eigenproduktion war steinig. Kapitalmangel, schlechte Erfahrungen mit den Produktivgenossenschaften im späten 19. Jahrhundert, Widerstände der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die feindliche Agitation der Mittelstandsbewegung und auch lähmende Kämpfe innerhalb der Konsumgenossenschaftsbewegung bremsten die Entwicklung. Und immer wieder gab es Widerstand vor Ort: Als 1904 die Eigenproduktion mit einer Seifenfabrik in Aken südlich von Magdeburg aufgenommen werden sollte, sahen besorgte Bürger darin eine „Gefährdung der Staats- und Gemeindeinteressen“, während der Magdeburger Chemiker Otto Pfeiffer vor möglichen Beeinträchtigungen der Wasserqualität warnte. Erst 1910 konnte die Seifenfabrikation im sächsischen Gröba beginnen. Bis zum ersten Weltkrieg folgten Tabak-, Senf-, Zündholz-, Verpackungs- und Teigwarenfabriken mit 1914 insgesamt 1420 Beschäftigten. Schon damals hatte die GEG über Großmühlen an verschiedenen frachtgünstigen Orten nachgedacht, um die Mitglieder, insbesondere aber die Konsumbäckereien und die Teigwarenfabrik mit Mehl und Mühlenartikeln zu beliefern. 1916 beschloss die GEG insgesamt mittelfristig drei Getreidemühlen zu errichten (Erwin Hasselmann, Geschichte der deutschen Konsumgenossenschaften, Frankfurt a.M. 1971, 371). In Magdeburg hatte die GEG bereits 1912 ein etwa 57.000 qm großes Gelände gepachtet, das anfangs als Standort eines Lagers für die mitteldeutschen Konsumvereine gedacht war (Rundschau des Reichsbundes der deutschen Konsumgenossenschaften 30, 1933, 736). Dort sollte die Großmühle gebaut später werden.

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Magdeburg als Stadt der Moderne: Leuchtturm und Pferdetor 1927 (Zeitbilder 1927, Ausg. v. 24. April, 4)

Warum aber in Magdeburg? Neben dem direkt nutzbaren Baugrund sprachen vor allem vier Gründe für die mitteldeutsche Industriestadt. Erstens lag Magdeburg verkehrsgünstig. Das galt für die Elbe und verschiedene Kanalprojekte, zumal den Elbe-Havel- und den Mittellandkanal. Von dort konnte nicht nur der so wichtige sächsische Raum kostengünstig versorgt werden, sondern ebenso die Hauptstadt Berlin. Wasserwege und Eisenbahnverbindungen erlaubten zugleich eine Zufuhr sowohl von Auslandsgetreide als auch von Roggen aus den ostelbischen Gebieten. Zweitens besaß Magdeburg einen traditionsreichen und aufstrebenden lokalen Konsumverein. Während die Genossenschaften in Buckau, Sudenburg und der Altstadt nicht erfolgreich waren, hatte sich der 1864 aus einem Arbeiterbildungsverein entstandene Konsumverein Magdeburg-Neustadt um die Jahrhundertwende als führender Lebensmittelanbieter mit einem Marktanteil von etwa einem Drittel etabliert. Seine breite, bis weit ins Bürgertum reichende Mitgliedschaft erwies sich jedoch als Bürde als sich die lokalen Kolonialwarenhändler zu schlagkräftigen Rabattspargesellschaften zusammenschlossen und sich dann mit dem 1907 gegründeten „Waren-Verein“ Magdeburg ein von Großhändlern organisierter Massenfilialist als Preisbrecher etablierte. Die Zahl der Mitglieder des Konsumvereins sank von 1907 15.002 Mitgliedern binnen zweier Jahre auf 10.345, ehe eine Konsolidierung begann (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, 332f.). Als Konsumverein für Magdeburg und Umgebung 1912 neu aufgestellt, war das Wachstum vor allen in den 1920er Jahren beeindruckend: 1929 hatte die Genossenschaft mehr als 800 Beschäftigte, 34.396 Mitglieder und einen Umsatz von über 14 Millionen RM (Die Rundschau 36, 1939, 295). Drittens hatte die GEG schon 1923 nahe des Magdeburger Bahnhofs eine Nährmittelfabrik und ein Vertriebslager in Betrieb genommen. In den 1920er Jahren produzierten teils mehr als 70 Beschäftigte vor allem Back- und Puddingpulver, zugleich wurden dort Einkaufstage und Genossenschaftstreffen abgehalten. Vor Ort gab es also Expertise und etablierte Geschäftsbeziehungen. Viertens schließlich stand die Stadt Magdeburg während der zwölfjährigen Oberbürgermeisterschaft von Hermann Beims (1863-1931) dem Projekt aufgeschlossen, ja fördernd gegenüber; auch wenn der Magistratsbaurat Johannes Göderitz (1888-1978), an sich ein Propagandist des Neuen Bauens, die Bauherren der Mühle zwang, den ersten Entwurf von 1925 unter „baukünstlerischen“ Aspekten zu überarbeiten, insbesondere aber die Silohöhe zu reduzieren (Sabine Ullrich, Industriearchitektur in Magdeburg, Magdeburg 2003, 164).

Der Spatenstich der Konsummühle erfolgte am 11. Januar 1926. Entwurf und Ausführung lagen in den Händen des Technischen Büros der GEG, unterstützt vom Münchener Ingenieurbüro Schulz & Kling und dem Hamburger Architekten Hanke. Die Gebäude waren bis Ende 1926 fertiggestellt, es folgten die Montagearbeiten. Im Mai 1927 nahm die Betriebsleitung ihre Arbeit auf, zeitgleich bereitete die von Hamburg nach Magdeburg verlegte Handelsabteilung den Warenvertrieb für den mitteldeutschen Raum vor. Am 29. August 1927 begann der Müllereibetrieb mit dem Einmahlen, also der Feinjustierung der Maschinerie. Die Roggenmühle machte den Anfang, bei Betriebsbeginn am 1. Oktober 1927 liefen auch die Weizen- und Hartgrießmühlen. 1928 nahm man dann auch die Produktion von Graupen und Haferflocken auf. Der Betriebsbeginn und insbesondere die Besichtigung der neuen Mühle durch die GEG-Führung und die lokalen Honoratioren am 10. November 1927 fanden beträchtlichen Widerhall in der lokalen und konsumgenossenschaftlichen Presse. Die Inbetriebnahme erschien der GEG als das „bedeutsamste Ereignis für die gesamte deutsche Konsumgenossenschaftsbewegung“ (GEG-Geschäftsbericht 1927, 7) des Jahres 1927. Mehl in Eigenregie hieß Brot in Eigenregie. Das war ein weiterer Schritt hin zur Etablierung einer menschengerechten Wirtschafts- und Lebensweise.

Die Architektur der Mühle unterstrich diesen Anspruch. Die Fassaden waren schnörkellos, funktional, die Klinker schimmerten rötlich. Sie verdeckten einen Betonbau, eine Stahlstruktur, gaben ihm zugleich aber eine einheitliche kubische Form. Dadurch konnten die vier verschiedenen Betriebssegmente zu einer Einheit verbunden werden – so wie die Vielzahl der Bedürfnisse der Mitglieder unter dem Dach des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine. Die Mühle lag im vor dem ersten Weltkrieg errichteten Industriehafen, Schiffstransport von Getreide und Mehl war also einfach möglich. An beiden Seiten des Komplexes lagen Bahngleise, teils für die Produkte, teils für Heizkohle. Lastwagen und Fuhrwerke fanden ebenfalls Platz. Die Mühle war also eine gewerbliche Drehscheibe, gedacht für die effiziente Bearbeitung und den raschen Vertrieb.

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Die heutige Getreidemühle Klosterkamp. Seitenansicht

Blickt man genauer hin, sind Silo, Mühle, Mehllager und Betriebsgebäude voneinander zu unterscheiden. Das Silo war 41 Meter hoch, auf seiner Spitze prangte das Zeichen der GEG. 18 Meter breit und 36 Meter lang fasste es in 66 Zellen bis zu 7500 Tonnen Getreide. Und mehr als das: Die Temperaturen in den Einzellagern konnten mit je drei Thermometern kontrolliert werden, Frischluftbelüftung und eine Heißlufttrockenanlage erlaubten die Pflege und Verbesserung des Mahlgutes. Das Silo wurde mit Sauggasanlagen befüllt, sein Inhalt lief über automatische Wagen und Reinigungsmaschinen. Aufzüge und Förderbänder erlaubten den Transport des Getreides, zumeist in das integrierte Arbeitssilo, in dem bis zu 1000 Tonnen gelagert und für die Müllerei vorbereitet wurden. Die einzelnen Getreidearten besaßen jeweils eigene Transport- und Schälsysteme, um eine standardisierte Qualität zu garantieren.

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Walzenboden der Müllerei der Konsummühle Magdeburg (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 22, 1929, 207)

Die eigentliche Mühle befand sich auf der rechten Seite des Gebäudes, war unterirdisch mit dem Silo verbunden, wurde von dort aus bestückt. Hören wir den sachlichen Bericht des Betriebsleiters Petzold, so schnörkellos wie das Gebäude: „Das Mühlengebäude ist 60,80 m lang, 17,20 m breit und 27,20 m hoch. Im Erdgeschoß befinden sich die Antriebsmaschinen (Elektromotoren) und Transmissionen zum Antrieb der Walzenstühle der Roggen-, Weizen- und Hartgrießmühle. Auf dem Walzenboden, dem sogenannten Schmuckkasten einer Mühle, sind 55 Walzenstühle eingebaut, davon entfallen auf die Roggenmühle 16, Weizenmühle 31 und Hartgrießmühle acht Walzenstühle. Der Rohrboden ist mit Schnecken und Zulaufrohen versehen, die Schrot und Mahlgut auf die Walzenstühle bringen“ (Konsumgenossenschaftliche Rundschau 24, 1927, 616). Der Ingenieur war begeistert ob dieser sonoren Maschinerie, in der die Menschen Diener der Maschine, Diener des Gesamtzwecks waren. Der Betrieb lief kontinuierlich, täglich in drei Acht-Stunden-Schichten. Weizen, Roggen, Hartweizen, Hafer und Gerste wurden parallel vermahlen, durchliefen das Gebäude von unten nach oben, getrieben von Elektromotoren und einer steten Krafttransmission.

Die fertigen Produkte wurden schließlich in den links gelegenen Mehlspeicher transportiert. Dieser war ebenso lang und hoch wie die Mühle, mit 15,60 Metern allerdings etwas schmaler. Dort wurde das Mahlgut gemischt und gelagert und wiederum, meist über Rutschen, auf Schiffe, Eisenbahnwaggons oder Lastwagen verladen. Zuvor erfolgte jedoch – wie schon beim Getreide – ein Stichprobenkontrolle im Laboratorium und in der Versuchsbäckerei (Die Konsum-Genossenschaft 7, 1927, 163).

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Blick auf die Südfassade und das Kesselhaus der Konsummühle Magdeburg (Rundschau des Reichsverbandes deutscher Verbrauchergenossenschaften 30, 1933, 749)

Umrahmt waren Silo, Mühle und Mehlspeicher durch verschiedene Betriebsgebäude. Zur Straße hin lagen die Verwaltungsgebäude, ein Pförtnerhaus, auch Wohnungen der Betriebsleiter. Seitlich erstreckte sich das Kesselhaus, die eigentliche Kraftzentrale. Mit 45 Metern Länge, 13 Metern Breite und 14 Metern Höhe trat es etwa in den Hintergrund, doch dafür überragte der 50 Meter hohe, heute nicht mehr vorhandene Schornstein die Anlage. Hier befanden sich auch Werkstätten, die Aufenthaltsräume und Waschgelegenheiten. Arbeitsschutz wurde großgeschrieben, ebenso die Eindämmung der Feuergefahr. Eine Sprinkleranlage, zahlreiche Feuerlöschgeräte und Hinweisschildern dienten der Sicherheit von Betrieb und Beschäftigten. All das war modern, Teil rationalisierter Betriebsabläufe. Doch es war nicht „amerikanisch“ im engen Sinne: Ein massiv gebauter Fahrradschuppen bot Platz für 90 Räder, denn die Arbeiter konnten von einem Auto nur träumen.

Diese Fakten wurden von der konsumgenossenschaftlichen Presse voll Stolz verbreitet (Konsumvereinsbote für Rheinland und Westfalen 20, 1927, 146). Abseits der Ziffern findet sich jedoch auch eine Metaphysik des Wollens: Die Anlage wurde zum Symbol einer nach vorn schreitenden Gemeinschaft. Franz Mitzkat, langjähriger Redakteur des Nachrichtenorgans „Konsumgenossenschaftliche Rundschau“ und später der Familienzeitschrift „Konsumgenossenschaftliches Volksblatt“, bot dafür ein gutes Beispiel: Wem „das Wesen unseres Eigenwollens noch fremd, auch dem muß angesichts dieser Mühle ein Fühlen und Verstehen kommen vom Geiste und der Kraft, die unaufhaltsam vorwärtsdrängten zur konsumgenossenschaftlichen Gemeinwirtschaft. Mit ehrlichem Bewundern verfolgt der Besucher das beim ersten Anblick fast rätselhafte, nach durchdachten, praktisch angewandten Gesetzen hochentwickelter Technik schlüssig ineinandergreifende maschinelle Walten, steht er vor dem Wunder nahezu vollständig menschenleerer Arbeitsräume, empfindet er den Zauber, die geradezu überwältigende Sinnigkeit und Schönheit eines lichten, blitzend sauberen Saales, eines Prunkgemachs voll etwa 60 blinkender, lebender, schaffender Walzenstühle. Ach, wie verblaßt vor diesem Rhythmus wundervoller Mechanik alle einstmalige Windmühlenpoesie, wie arm dünkt uns hier das Lied der Mühlensteine. […] Hier stehen Erfindergeist und seine praktischen Folgen im Dienste einer neuen Wirtschaftsform, der aufstrebenden, genossenschaftlichen Bedarfsversorgung, die sich das leisten kann, dank der erworbenen eigenen Stärke, und leisten muß um des höchstmöglichen Ertrags ihrer eigenen Produktion“ (Konsumgenossenschaftliche Rundschau 24, 1927, 758; ähnlich Konsumvereinsbote für Rheinland und Westfalen 20, 1927, 185). Das Bestaunen des Werdens wird hier deutlich. Die nüchterne Architektur der neuen Sachlichkeit war Ausdruck des Neuen, war Abkehr vom überholten Alten. Es galt, die Schönheit der industriellen Produktion und funktionaler Architektur zu besingen. In der sozialdemokratischen Volksstimme hieß es: „Im Stile der neuen Sachlichkeit ohne jeden äußern Schmuck wurde der Bau aus violetten Klinkersteinen errichtet. Ein Industriepalast in modernster Gestaltung wurde errichtet, der zu dem Schönsten gehört, was Magdeburg auf diesem Gebiete aufzuweisen hat. Trotz der Einfachheit in der Behandlung der Fronten ist nicht der Eindruck klobiger, unförmlicher Gebäudemassen entstanden. Durch die Anordnung der einzelnen Teile zueinander liegt Bewegung und Schwung in der Architektur“ (Magdeburger Volksstimme 1927, Nr. 257 v. 13. November, 7).

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Blick auf das frühere Mühlengebäude und den Verbindungsturm zum Mehllager

Treten wir nüchtern zurück, dann erscheinen die Konsumgenossenschaften und ihre modernen Industriebauten als Teil des Fordismus, als Ausprägung industrieller Rationalisierung, als Element des gewundenen Weges zum Jetzt. Doch die Genossenschafter sahen hierin einen Beitrag zur Überwindung der Klassengesellschaften des Kaiserreichs und auch der Weimarer Republik. Gebäude wie die Mühle gaben Kraft und Mut: „Die Großmühle Magdeburg war der Anfang auf einem der GEG noch neuen Produktionsgebiet, weitere Unternehmungen werden die genossenschaftliche Selbständigkeit auf diesem Erzeugergebiet vervollkommnen“ (Betriebsräte-Zeitschrift für Funktionäre der Metallindustrie 9, 1928, 517).

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Die Konsummühle Magdeburg als Teil der konsumgenossenschaftlichen Eigenproduktion (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 25, 1932, Nr. 11, 16)

Hat sich die Mühe gelohnt, haben sich die Investitionen amortisiert? Blicken wir auf die Zahlen. Demnach wurden die Erwartungen voll erfüllt. Fast 200 Menschen fanden in der Konsummühle bis zur Machtzulassung der Nationalsozialisten einen gut bezahlten Arbeitsplatz. Der Betrieb lief durchgehend in Volllast, erreichte seine volle Produktionskapazität und konnte sich auch unter enormem wirtschaftlichem und politischem Druck und massivem Preisverfall behaupten. Doch diese beträchtliche Stabilität hatte eine Schattenseite: Die GEG setzte auch aufgrund dieser Erfolge weiter auf Expansion. Seit 1930 traten zwei kleinere Mühlen in Bochum und Duisburg an die Seite Magdeburgs, 1931 kam eine neue, ebenfalls im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaute Großmühle in Mannheim hinzu. Und 1932, dem Höhepunkt der Krise, eröffnete die GEG einen weiteren Müllereibetrieb im oberbayerischen Reichertshofen. All dies entsprach einer langfristigen Expansionsstrategie, die 1931/32 aber nicht mehr zeitgemäß war, sondern zu massiven Finanzierungsproblemen führte.

Tabelle 01_Konsummühle Magdeburg 1927-1932

Die Konsummühle Magdeburg war ein erfolgreiches Vorzeigeprojekt. Dort wurde hygienisch produziert, dem Ideal des Blitzblank gefrönt. Die Weizenmarke Ährenstolz, auch die dann preiswertere Marke Feldkrone, gewannen rasch Stammkunden. Das galt auch für die in Paketen gelieferten Haferflocken und Graupen. Die Konsummühle erfüllte ihre Aufgabe als Lieferant der Teigwarenfabrik Gröba-Riesa, ebenso trug sie zur Futtermittelversorgung vieler Einzelgenossenschaften bei. Die Mühle bezog zunehmend Getreide von landwirtschaftlichen Genossenschaften – 15.442 Tonnen 1929 –, verarbeitete Getreide vom GEG-Landgut in Osterholz, nutzte also Verbundvorteile und förderte den Genossenschaftsgedanken als solchen.

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Backen mit GEG-Ährenstolz mit dem Konterfei der Konsummühle (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 26, 1933, Nr. 12, 12)

Doch all das reichte nicht. Die Politik der NS-Regierung beschleunigte den raschen Niedergang der Konsumgenossenschaftsbewegung, die bis 1935 nochmals 30% ihres Umsatzes verlieren sollte, ehe eine gewisse Konsolidierung gelang. Die hehren Ideale wurden 1933 von vielen verantwortlichen Funktionären nicht praktiziert. Die nicht zu erahnende Anbiederung an das NS-Regime war rational teils nachvollziehbar, brach der stolzen Bewegung jedoch das moralische Rückgrat. „Arbeit und Brot“ war zur NS-Parole geworden, der neue konsumgenossenschaftliche Reichsbund propagierte „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, und die Mühle diente nun Zielen wie der „Nahrungsfreiheit“ Deutschlands und der alimentären Kriegsvorbereitung. Viele Genossenschaftler zerbrachen daran, so der schon erwähnte Franz Mitzkat, der erst seine Stellung als verantwortlicher Redakteur, dann als Leiter der GEG-Bibliothek verlor. Er lebte bis zu seinem Tod 1944 unter Dauerdruck durch Gestapo und NS-Stellen, wurde drangsaliert und seines Lebens nicht mehr froh. Noch im Sommer 1933 hatte seine Zeitschrift mit Wehmut über das Ende der Windmühlen angesichts des Aufstieges auch der Magdeburger Konsummühle berichtet: „Es ist das Schicksal des Guten, das dem Besseren weichen muß, das sich hier vollzieht“ (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 25, 1932, Nr. 12, 11). Für den Zentralverband deutscher Konsumvereine traf dies nicht zu.

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Die alte Struktur trägt bis heute: Blick in das Silo

Die im Bombenkrieg nur geringfügig beschädigte Konsummühle Magdeburg wurde während der NS-Zeit, der Besatzungsherrschaft und der DDR weiter betrieben, Ergänzungen und Umbauten blieben moderat. 1950 eröffnete man ein Wohlfahrtsgebäude mit Werksküche und Konsumverkaufsstelle. Der VEB Konsummühle inklusive der benachbarten, Ende der 1970er Jahre aufgebauten Teigwarenfabrik wurde nach der Wende von der Braunschweiger Mühle Rüningen übernommen. Anfangs lief der Betrieb weiter, dann stellte man auf Biogetreide um. Das endete 2008. Drei Jahre Leerstand. 2011 übernahm die Bio-Getreide-Erzeugergemeinschaft Öko-Korn-Nord aus Betzendorf die denkmalgeschützte Konsummühle. Sie lagert heute im Silo vor allem Bioland-Getreide, verteilt es, nutzt damit die Kapazitäten der Anlage zumindest teilweise. Die frühere Mühle und das Mehllager stehen heute leer, sind entkernt, ebenso die Nebengebäude. Doch die Konsummühle steht noch und mit ihr ihr Anspruch.

Uwe Spiekermann, 23. Februar 2019

Wegbereiter des Massenkonsums. Die Anfänge des modernen Lebensmitteleinzelhandels

Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist ein Basisproblem jeder Gesellschaft. Sie zu sichern, war bis in die frühe Neuzeit hinein Aufgabe zum einen einer direkt verkaufenden und tauschenden Landwirtschaft, zum anderen einer städtischen Ernährungspolitik, die das Marktwesen und die Stadt-Land-Beziehungen autorativ regelte. Der Handelsstand sicherte in diesem System vornehmlich die Versorgung mit Waren, die nicht im direkten Umfeld produziert werden konnten.

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Versorgung aus dem Umland: Werdersche Marktverkäuferinnen (Berliner Leben 5, 1902, 225)

Diese Struktur geriet unter wachsenden Druck, als seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Bevölkerung in Deutschland stetig zunahm, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine langsame Verstädterung begann und als schließlich zwischen 1830 und 1850 die „Industrialisierung“ erste Regionen prägte. Die derartig bewirkte Mobilisierung und stärkere Zentralisierung der Menschen zerschnitt immer stärker die Bande zur Selbstversorgung und erforderte neue Versorgungsinstanzen. Waren Märkte, Hausierer, Höker, Krämer und Handwerkshandel die Garanten für die Existenz und begrenzte Freiheit der Stadt des 12. bis 18./19. Jahrhunderts, so schuf erst der nun entstehende moderne Lebensmittelhandel die Basis für einen neuen Aggregatzustand der Gesellschaft, der Konsumgesellschaft. Dass dies mit intensivierter Landwirtschaft und einem leistungsfähigeren Transportsystem einherging, ist offenkundig.

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Gemischtwarenladen um 1850 (Düsseldorfer Monatshefte 5, 1852, 46)

Symbol der Veränderungen wurde der Laden, der den (Wochen-)Markt als dominante Form des Lebensmittelabsatzes ablöste. An die Stelle des verkaufenden Produzenten trat zunehmend ein professioneller Händler, der in kleingewerblichem Rahmen das Angebot der Produzenten bzw. des sich immer stärker etablierenden Großhandels kundennah aufbereitete und absetzte. Der Laden brachte die Ware nah an den Kunden, die heute  nostalgisch verklärten zentralen Markthallen konnten hiergegen trotz hygienischer Vorteile nicht bestehen. Als neue Konkurrenz entstand jedoch der städtische Straßenhandel von ambulanten Verkaufsstellen, der vor allem den Absatz von frischem Obst und Gemüse prägte. Die Entwicklung der Betriebs- und Beschäftigtenziffern verdeutlicht die Dynamik des Wandels im gesamten Lebensmittelhandel.03_Tabelle Lebensmitteleinzelhandel 1875-1914Dieses quantitative Wachstum ist allein mit dem Bevölkerungswachstum, der Urbanisierung und langsam steigenden Realeinkommen nicht hinreichend zu erklären. Innere Veränderungen innerhalb des Handels waren ebenso bedeutsam: Zum einen erweiterte sich das Warensortiment. Erstens wuchs der Absatz der ehedem den Krämern vorbehaltenen Kolonialwaren: Kaffee, Kakao, Tee und Zucker wurden zu bedeutenden Massengütern mit attraktiven Gewinnspannen. Zweitens integrierte der ladengebundene Einzelhandel große Teile des Handels mit Landesprodukten, also mit Kartoffeln, Gemüse, Milch und Molkereiprodukten sowie Mehl und Müllereiwaren. Drittens schließlich nahmen Zahl und Bedeutung gewerblich be- und verarbeiteter Lebensmittel stetig zu: Anfangs waren dies Halbfabrikate, etwa Teigwaren, Präserven und Konserven. Es folgten Suppenpräparate, Backutensilien, Puddingpulver oder Malzkaffee. Diese neue Warenfülle war von einem Geschäftstyp allein nicht mehr zu bewältigen.

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Werbung eines führenden Zigarrenhändlers 1905 (Berliner Leben 8, 1905, Nr. 12)

Auch wenn Kolonial- und vor allem Gemischtwarenhändler ihr Sortiment relativ breit anlegten, war die betriebliche Spezialisierung auf einzelne Warengruppen die zweite Hauptveränderung und Ursache für das beträchtliche Wachstum des Lebensmittelhandels zumal seit den 1880er Jahren. Milch-, Brot-, Molkereiwaren-, Grünwaren-, Obst-, Delikatessen- und Spirituosengeschäfte entstanden in größerer Zahl erst im Kaiserreich und prägten damals den Alltagskonsum. Kleine und mittlere Nachbarschaftsläden waren zumeist Familienbetriebe in denen der Mann für die Beschaffung der Waren, die Frau dagegen für den Verkauf zuständig war. Die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung nahm zu, war jedoch noch nicht dominant. Ein romantischer Rückblick auf diese dezentralen und kundennahen Strukturen wäre jedoch verfehlt. Arbeitszeiten von täglich 14 bis 16 Stunden waren keine Seltenheit, und auch am Samstag und Sonntag wurde nicht geschlossen. Erst 1892 begann eine zögerliche staatliche Schutzbewegung, die erst die Sonntagsarbeit einschränkte, dann vor Ort den Neun- beziehungsweise Acht-Uhr-Ladenschluss festlegte, ehe nach der Revolution 1919 schließlich Sonntagsruhe (mit Ausnahmen), Samstags-Frühschluss und Sieben-Uhr-Ladenschluss vorgeschrieben wurden.

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Erinnerungsbildende Ausnahme. Fleischwarenfachgeschäft Robert Koschwitz (Berliner Leben 17, 1914, Nr. 12)

Die kleinen Geschäfte besaßen zudem kaum finanzielle Rücklagen. Das zumeist übliche Anschreiben erhöhte die Krisenanfälligkeit. Krankheit, Alter oder Mieterhöhungen bedeuteten für viele Händler den Bankrott, die durchschnittliche Bestandsdauer eines Geschäfts lag unter fünf Jahren. Auch wenn die kleinen Nachbarschaftsläden bis in die 1950er Jahre hinein dominant blieben, wurden sie schon während des Kaiserreichs immer stärker von großbetrieblichen Handelsformen bedrängt. Großen Eindruck machten die Lebensmittelabteilungen der Warenhäuser, die seit Mitte der 1890er Jahre neue Maßstäbe setzten.

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Lebensmittelhalle des neugebauten Warenhauses Leonhard Tietz in Köln (Zeitschrift für Waren- und Kaufhäuser 13, 1914, Nr. 16, 18c)

Lebensmittel waren dort billig, dienten als Lockmittel für die Kundschaft. Neuartige Produkte, etwa Tomaten oder Gemüsekonserven, fanden derart ihren Weg in den Massenmarkt. Doch die Warenhäuser hatten einen nur verschwindend geringen Marktanteil von 0,25 Prozent 1913 bzw. ca. 1,5 Prozent 1930. Wesentlich größere Bedeutung hatten die Massenfilialbetriebe, deren Anfänge in den 1870er Jahren lagen (1871 L. Gottlieb im Saargebiet, 1878 Schade & Füllgrabe im Frankfurter Raum). Zentrale Kalkulation und Lagerhaltung, Einkauf in großen Partien, eine einheitliche, offensiv gestaltete Werbung und dezentralen Verkauf ließen Firmen wie Kaisers-Kaffee-Geschäft (Juni 1914: 1369 Filialen; Juni 1927: 1147), Tengelmann (1913: ca. 400; 1935: 420) oder Heinrich Hill (1915: 98; Ende 1926: 153) große Bedeutung gewinnen. Ihr Sortiment blieb jedoch auf haltbare Stapelware (Kaffee, Schokolade, nikotinhaltige Suchtmittel) begrenzt, und nur Kaisers gelang die Ausbreitung im gesamten Deutschen Reich. 1913 wurden ca. 3 bis 4 Prozent aller Lebensmittel von Massenfilialbetrieben verkauft, 1933 lag dieser Wert schon bei 11 bis 12 Prozent.

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Schrecken des lokalen „Mittelstandes“: Werbung des Filialbetriebes Wareneinkaufsvereins Görlitz (Der Bazar 39, 1893, 403)

Bedeutender noch waren die Konsumgenossenschaften, deren Anfänge in den späten 1840er Jahren lagen. Sie waren Selbsthilfeorganisationen zur billigen Beschaffung von Lebensmitteln, die ähnlich wie die Filialbetriebe aufgebaut waren, denen jedoch das Gewinnmotiv ihrer privatwirtschaftlichen Konkurrenz fehlte. Ihre Mitglieder stammten vornehmlich aus der städtischen Arbeiterschaft und der unteren Mittelschicht, Leitungsfunktionen lagen vielfach in den Händen bürgerlicher Reformer. Die unteren Schichten blieben außen vor, da die Konsumgenossenschaften, wie auch Warenhäuser und Massenfilialisten, Barzahlung forderten. Der „Mittelstand“ sah in ihnen dagegen seit den 1870er Jahren primär eine Institution der bekämpften und unterdrückten Sozialdemokratie – und dies trotz zahlreicher Vereine mit liberalem und katholischem Hintergrund. Der Einkauf von Lebensmitteln entwickelte sich dadurch auch zum Wahlhandeln für eine politische und gesellschaftliche Ordnung, quasi zur moralischen Option. Die Herausforderung der Konsumgenossenschaften steigerte sich noch, als sie nach der Jahrhundertwende die selbstbestimmte Produktion von Lebensmitteln intensivierten und so zum bedeutendsten Nahrungsmittelproduzenten des Deutschen Reiches aufstiegen. Auch wenn ihr Marktanteil 1913 bei nur ca. 5 Prozent, 1930 dann bei 10 Prozent lag, waren die Konsumgenossenschaften sicherlich die konzeptionell zukunftsweisendste Betriebsform des Lebensmittelhandels. Das galt vor allem für den Anspruch, den Mitgliedern ein Vollsortiment anzubieten. Doch gerade sie wurden seit 1933 systematisch bekämpft und letztlich entscheidend zurückgeworfen. Nutznießer war der selbständige Facheinzelhandel.

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Verkaufsstelle der Konsumgenossenschaft Nürnberg-Fürth 1911 (Geschäftsbericht 1911 bis 1912 der Konsumgenossenschaft Nürnberg-Fürth, Nürnberg 1912, 33)

Dieser bekämpfte die großbetriebliche Konkurrenz jedoch nicht nur politisch, sondern übernahm Teile von deren Geschäftsprinzipien zum eigenen Nutzen. Da die Konsumgenossenschaften viele Mitglieder durch die jährliche Verteilung der Überschüsse (Rückvergütung) gewannen, schloss sich ein großer Teil der selbständigen Ladenhändler seit Ende der 1890er Jahre zu Rabattsparvereinen zusammen. Sie gaben an ihre Kunden Rabattmarken über meist fünf Prozent des Einkaufswertes aus, die bei einem bestimmten Betrag dann ausgezahlt wurden. Außerdem entstand mit der späteren Edeka 1907 eine erste auch langfristig erfolgreiche Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, die ihren selbständigen Mitgliedern half, die Vorteile des Großeinkaufs und gemeinsamer Werbung zu nutzen.

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Einkaufsgenossenschaft Edeka wirbt für ihre Handelsmarken (Berliner Volks-Zeitung 1912, Nr. 131 v. 17. März, 20)

Während der Weimarer Republik ging der Marktanteil selbständiger Fachgeschäfte insgesamt zurück, doch die wachsende Bedeutung der Einkaufsgenossenschaften (ab 1927 auch Rewe) verwies schon auf Entwicklungen auch in der Bundesrepublik Deutschland.

Die tiefgreifenden Veränderungen schon vor dem Ersten Weltkrieg waren Folge eines intensivierten Wettbewerbs und des Funktionswandels des Lebensmitteleinzelhandels vom ergänzenden Versorgungsgeschäft zum zentralen Anbieter der Warenfülle einer sich Bahn brechenden Massenkonsumgesellschaft. Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung aufgrund zu geringerer Einkommen dieses Angebot nicht vollständig nutzen konnte, so belegen Haushaltsrechnungen doch zur Genüge, dass den Verlockungen ab und an gerne nachgegeben wurde. Wesentlicher Wegbereiter des modernen Massenkonsums aber waren die Konsumgenossenschaften, die mit ihrem immer breiteren Angebot der Arbeiterschaft paradoxerweise eine Brücke zu den materiellen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts bauten.

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Kontinuität des „Alten“: Der Breslauer Neumarkt 1913 (Der Welt-Spiegel 1913, Nr. 39 v. 5. Mai, 2)

Zeichnete sich hier im Umbruch schon die Zukunft ab, so bot der Lebensmitteleinzelhandel der Jahrhundertwende insgesamt ein so buntscheckiges Bild wie niemals zuvor, wie niemals danach. Herrschte auf dem Lande teilweise nach wie vor Ergänzungswirtschaft, bildeten Wochenmärkte auch in den 1920er Jahren noch wichtige Konsumzentren, erlebte der Straßenhandel mit Obst und Gemüse gar eine Blütezeit und konkurrierten in der Stadt Kellerladen und Großbetrieb, so zeigte sich gerade im Handel die Ungleichzeitigkeit der Zeit, das Unsystematische der Jahrhundertwende wie in einem Brennglas. Dass unsere heutige Massenkonsumgesellschaft am Ende dieser Entwicklung stehen würde, schien den Zeitgenossen allerdings eher unwahrscheinlich zu sein.

Uwe Spiekermann, 24. Oktober 2018

Ein Franzose in Berlin – Oswald Nier, der „Ungegypste“, Weingroßhändler

Am Ende nahm er eine Überdosis Morphium. Oswald Nier (1844-1902), prominenter Berliner Weingroßhändler, in mehr als tausend Handlungen im Deutschen Reich vertreten, bekannt für die preiswerten Menüs in seinen zahlreichen Weinstuben, hatte 1902 einen Großteil seines Vermögens verloren, war in seinem Geschäft nur noch einer von mehreren Partnern. Von seiner Frau hatte er sich schon früher getrennt. Er war herzkrank. All das reichte. Die Öffentlichkeit reagierte bestürzt auf den Tod des „Ungeypsten“, zumal als der Todesnachricht die über den Selbstmord folgte. Doch das Leben ging weiter. Oswald Nier wurde vergessen, zumal die ubiquitäre Werbung seines Geschäftes deutlich reduziert wurde. Historiker haben sich mit ihm nicht beschäftigt, selbst ein Wikipediaartikel fehlt. Was zählt schon historische Bedeutung. Die Lohnschreiber der Unternehmensgeschichte haben andere Schwerpunkte.

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Oswald Nier (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 416)

Der Berliner Geschäftsmann war ein waschechter Franzose. Er entstammte einem kleinen Ort bei Nimes, einer Mitte des 19. Jahrhunderts aufstrebenden südfranzösischen Textil- und Weinstadt, mit reichem römischen Erbe und strikten Kämpfen zwischen den dominanten Katholiken und der protestantischen Minderheit, zu der auch Nier gehörte. Seine Familie war im Weinhandel tätig, besaß selbst ein kleines Weingut. Doch bis Berlin war es weit. Anders als seine Werbebiographie suggerierte, agierte er in jungen Jahren in den Fußstapfen seiner Vorfahren. Ein 1877 in Bern angestrengtes Verfahren berichtet über die üblichen Probleme im Weinhandel der frühen 1870er Jahre, den Diskussionen über Zölle, Transportkosten, Weinqualität und Mindergewicht. Man einigte sich, schloss Vergleiche.

1876, fünf Jahre nach dem Frankfurter Frieden, begann jedoch die deutsche Karriere des Oswald Nier. Er gründete in Dresden eine Weinhandlung mit angeschlossener Weinstube. Als Einwandererunternehmer nutzte er seine Kenntnisse des französischen Marktes, um in Sachsen preiswerte Alkoholika anzubieten und auch auszuschenken. Nier positionierte sich als Qualitätsanbieter, wollte reinen Naturwein vertreiben. Und das zu niedrigen Preisen. Nier hatte rasch Erfolg. Um dies zu erklären, muss man sich den damaligen Weinmarkt vor Augen führen.

Wein war noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem ein regionales Produkt. In den frühen 1840er Jahren lag der Konsum in Württemberg bei 30 Liter pro Kopf und Jahr, in Preußen dagegen nur bei zwei (heutzutage liegen die Deutschen bei ca. 21 Liter). Der Großhandel konzentrierte sich vor allem auf bürgerliche Käufer. Es dominierten Weine des Rheinlandes und der Mainregion. Frankreich, Italien und Ungarn waren die wichtigsten Importländer, deckten einen gehobeneren Bedarf ab. Generell präferierte man eher süße Weine, entsprechend hoch schätzte man Port- und Dessertweine aus Spanien und Portugal.

Doch ehe wir heutige Konsummuster und Weinarten in die Vergangenheit projizieren, müssen wir uns die Andersartigkeit des Weinbaus in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor Augen führen. Weinanbau war eine Profession für Hunderttausende, die von den Erträgen ihrer Arbeit unmittelbar abhängig waren. Kühle Sommer und Schädlingsbefall hatten entsprechend widrige Auswirkungen, nicht umsonst waren die Weinanbaugebiete Zentren der deutschen Auswanderung. Praktiker und dann auch Chemiker tüftelten an vielfältigen, oft landes- und regionsspezifischen Verfahren, um saure Weine süß und gefällig zu machen, um ihre Farbe zu verändern, ihnen mehr Gehalt zu geben. In Deutschland, zumal der Moselregion, dominierte seit den frühen 1850er Jahren das sog. Gallisieren. Die vom Frühsozialisten und praktischen Reformer Ludwig Gall (1791-1863) entwickelte Technik sah den Zusatz von Zuckerwasser zu sauren Mosten vor. Ähnliche Verfahren setzten in Frankreich deutlich früher ein, etwa das vor allem in Burgund praktizierte Petiotisieren (eine Nachgärung des Tresters unter Zusatz von Wein und Wasser) sowie das 1801 eingeführte Chaptalisieren (Zuckerzusatz). Doch nicht nur sozialpolitische Aspekte sprachen für derartige auch heute noch vielfach angewandte „Veredelungsverfahren“. Praktiker und insbesondere Chemiker argumentierten, dass Wein sich durch sein Aroma, sein Bouquet auszeichne, also durch die festen, teils mineralischen Bestandteile der Beeren. Der Zuckergehalt sei nur ein unspezifischer Nebeneffekt. Die Weinschönung galt daher nicht als Verfälschung, sondern als eine Art Normalisierung, um dem jeweils spezifischen Aroma eines Weines das angemessene Umfeld zu bieten. Ähnlich war die Argumentation auch beim sog. Gipsen der Weine, das seit Mitte des Jahrhunderts im gesamten Mittelmeerbereich, vor allem aber in Südfrankreich weit verbreitet war. Der Zusatz von Gips, also Kaliumsulfat, zur Maische führte zu einem höheren Säuregehalt, der nicht nur den Geschmack verbesserte, sondern vor allem Rotweinen eine feurige Farbe verlieh. Derartig behandelte Weine suggerierten Kraft und Gehalt. Es war dieses Verfahren in seiner südfranzösischen Heimat, dem Oswald Nier den Kampf ansagte.

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Kunstweinproduktion in der Karikatur (Fliegende Blätter 60, 1874, 92)

Mit der „Veredelung“ aber war das Ziel, „die Forschungen der Wissenschaft in klingendes Gold umzuprägen“ (Bersch, 1868), nur ansatzweise umrissen. Die chemische Analyse der Weine reduzierte diese Mitte des 19. Jahrhunderts auf Stoffkonglomerate – unabhängig davon, dass die meisten Aromastoffe unbekannt waren. Dies schuf neue Gestaltungsmärkte. Kunstweine wurden produziert, „selbst besser als der Naturwein und von diesem nicht unterscheidbar, unschädlich für die Gesundheit, haltbar, ohne besondere Geräthschaften in jeder Wirthschaft und Haushaltung ausführbar“ – so der Tenor einer üblichen Ratgeberanpreisung (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1855, Nr. 120 v. 30. April, 4). Produzenten schufen eine neue, künstliche Natur, wandelten Stoffe in vermeintlich höherwertige Kunstprodukte um. Ähnlich klang die Rechtfertigung für die noch größere Zahl von Façon- und Verschnittweinen.

Diese tiefgreifenden Veränderungen der Weinproduktion waren möglich, weil die moderne Chemie zwar neue Marktchancen eröffnete, sie zugleich aber analytisch nicht in der Lage war, ein umfassendes Kontrollsystem aufzubauen, um bestimmte Standards zu sichern und Fälschungen nachzuweisen. Die Definitionen klangen eindeutig: „Naturwein ist das aus unverändertem Moste festgestellte, ohne jeden weiteren Zusatz anderer Stoffe erzielte abgegohrene Gährungsprodukt des Ersteren von bestimmter Rebenlage“ (Zehnter und Elfter Jahresbericht der Chemischen Zentralstelle für öffentliche Gesundheitspflege in Dresden, Dresden 1882, 78). Doch dies war eine willkürliche Setzung, da die Abhängigkeiten von Lage, Klima, Düngung und Bodenbeschaffenheit nicht auf einen verbindlichen chemischen Nenner gebracht werden konnten. Das erste deutsche Weingesetz von 1892 machte daher aus der Not eine Tugend und erlaubte die „anerkannte Kellerbehandlung“ wie Verschnitt, Zuckerung, Entsäuerung und Haltbarmachung. Der nationalliberale Politiker und Bankier Ludwig Bamberger (1823-1899) kritisierte im Reichstag denn auch den „Ehrlichkeitsfanatismus“ vieler Experten: Lassen „Sie uns in Ruhe und warten Sie, bis wir uns beschweren. […] Im ganzen Leben gehört zum Genuß auch ein gewisser schöner Schein, und den wollen wir uns nicht nehmen lassen“ (Allgemeine Zeitung [München] 1887, Nr. 6 v. 6. Januar, 1-3, hier 3).

Oswald Nier, Naturweinpropagandist, sah das natürlich anders. Er stand nicht für eine klar definierte Zusammensetzung seiner Weine, sondern für einen ehrlichen Umgang mit dem Produkt: „Naturwein ist nicht ein nach Willkür stets gleichmässig zusammengestelltes Fabrikat, sondern Produkt der selbst schaffenden Natur, deshalb nicht immer gleich in Farbe oder Geschmack, stets aber gesunder und besser in seinem primitiven u. natürlichen Zustand, als verbesserter, gegypster, entgypster, mundgerecht oder wer weiss womit krystallschön gemachter Wein“ (Fliegende Blätter 84, 1886, Nr. 2120, Beiblatt, 8). Daraus entwickelte er ein unternehmerisches Leitbild und eine gesellschaftspolitische Zielsetzung: „Ohne Zwischenhändler zwischen Frankreich und Deutschland meine gesunden ächten, garantiert reinen ungegypsten Weine dem deutschen Publikum zu offeriren, durch fortwährendes Annoncieren und Bekanntmachen die Aufmerksamkeit der oberen Behörden des Staates auf die Fälscher zu lenken und somit uns selbe Weinbergbesitzern vor den Manipulationen der Weinfabriken zu schützen und die gesundheitsschädliche Weinfabrikation zu vernichten, ist das Ziel meiner Bestrebungen“ (Pharmaceutische Centrallhalle für Deutschland 24, 1883, 3. S. n 376). Die Latte war hoch gelegt: Der Unternehmer setzte auf den Markt als Klärungsinstanz einer abstrakten Debatte von Experten und Interessenvertretern.

Nier eröffnete im Oktober 1876 eine kombinierte Weinhandlung und Weinstube in der sächsischen Hauptstadt Dresden. Damit begann er in einer relativ wohlhabenden Region mit nur geringem Weinkonsum. Doch es ging nicht um ein Einzelgeschäft. Die späten 1870er Jahren waren in Deutschland durch den immer deutlicheren Durchbruchserfolg von (Massen-)Filialbetrieben gekennzeichnet (vgl. „Basis der Konsumgesellschaft“, Kapitel 4.35). Nier etablierte 1877 ein zweites Hauptgeschäft in Berlin, es folgten Breslau und Stettin (1878), dann Leipzig (1879).

02a - Graphik Filialnetz Oswald Nier

Neben die Zentralgeschäfte, in denen Groß- und Einzelhandel sowie ein Weinstuben- bzw. Restaurantbetrieb gekoppelt wurden, traten zweitens sog. Filialen. Das waren faktisch Verkaufsgeschäfte und Gaststätten, in denen man die Nierschen Weine kaufen und auch trinken konnte. Zeitgenössisch nannte man dies auch Niederlagen. Drittens erfolgte eine Verdichtung vor Ort. Diese begann in Berlin, setzte sich 1882 dann in Dresden fort. Die Reichshauptstadt stand dabei klar an der Spitze. 1894 lagen dort 28 der 46 Zentralgeschäfte und 300 der mehr als eintausend Filialen. Um diese rasche Expansion zu ermöglichen, entwickelte Nier ein Franchisesystem: Die Berliner Zentrale gab Standards vor, lieferte Weine, gab Hilfestellungen für die Speisenauswahl, Küchen- und Lagertechnik sowie die Werbung. Nier blieb so überall präsent, auch wenn viele Hauptgeschäfte formal Eigentümerbetriebe waren. Die Gewinne blieben größtenteils vor Ort, doch Nier partizipierte über den Weinverkauf, eventuell auch über Franchisegebühren.

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Karte der Hauptgeschäfte (unterstrichen) und Filialen von Oswald Nier 1882 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 416)

1882 beschäftigte Nier 350 Personen, darunter auch viele Franzosen. 20 Zentralgeschäfte und 320 Filialen zeugten vom Anspruch des Weinhändlers, südfranzösischen Naturwein in Nord-, Mittel- und Ostdeutschland abzusetzen, also in Regionen mit relativ niedrigem Weinkonsum. Zugleich baute Nier ein Versandgeschäft auf, welches vorrangig von Berlin aus geführt wurde. Sein Aufstieg war zugleich verbunden mit dem Bruch damals gängiger betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien. An die Stelle des üblichen langfristigen Kreditierens der Ware setzte er auf Kauf und Verkauf gegen Cassa, also auf Barzahlung. Dieses war in einem weitverzweigten Filialsystem mit immanenter Konkurrenz der verschiedenen Filialen gewiss einfacher durchzusetzen als im Geschäftsverkehr von mittleren Handelshäusern.

Nier spielte bewusst mit gängigen Vorurteilen über französisches „savoir vivre“, ohne dabei beckmesserisch zu sein. Er bot seine südfranzösischen Naturweine in Weinstuben „nach Pariser Zuschnitt“ an. Flaschenweine dominierten (noch gegen Pfand), doch Nier ließ Wein auch vom Faß zapfen. Seine Restaurationen waren geschmückt mit Szenen französischen Landlebens, doch ebenso fanden sich dort Schweizer Alpenpanoramen. Einwandererunternehmer wissen ihre Heimat auf konsumerabele Versatzstücke zu reduzieren, wissen dass dies nötig ist, um im Lande gar eines „Erbfeindes“ Erfolg zu haben. In den Anfangsjahren schmückte sich Oswald Nier entsprechend auch mit Ehrenbezeichnungen seiner französischen Heimat und präsentierte sich als Besitzer eines kleinen Schlosses, des Chateaux des deux Tours, das Anfang der 1880er Jahre auch zu einem Erkennungs- und Markenzeichen wurde.

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Stolze Präsentation des Nierschen Netzwerkes des Weinabsatzes 1885 (Fliegende Blätter 82, 1885, Nr. 2064, Beiblatt, 2)

Kommen wir zum Sortiment: Dessen Kern bildeten leichte südfranzösische Landweine, weiß und rot, die in Fässern von 600-700 Litern direkt aus der Herkunftregion Niers importiert, in den Kelleranlagen der Hauptgeschäfte gelagert und vielfach auf Flaschen gezogen wurden. 1877 nannte der Preiscourant einen Garrigues, also einen leichten Tischwein, den auch heute noch angebotenen Clairette sowie Handelsmarken mit den Bezeichnungen Plaines du Rhone, Chateaux Bagatelle und Chateaux des deux Tours. Nier handelte aber nicht nur mit französischen Weinen. Schwerere Handelsweine, wie etwa Baisse (Ungarnwein), Gres (Portwein), Malaga und Madeira, waren ebenfalls verfügbar, selbstverständlich auch Kognak oder Champagner. In der redaktionellen Werbung lobte man die südfranzösischen Naturweine ob ihres „sehr angenehmen, charakteristischen Geschmack[s], der von dem der Bordeaux-Rothweine erheblich abweicht.“ Die meisten Besucher hoben jedoch nicht den guten Geschmack, sondern das vorzügliche Preis-Leistungsverhältnis hervor. Niers Weine mochten zwar manchmal sauer sein, doch die Preise waren konkurrenzlos. Er bot sie zudem konsumnah an, neben die Liter- und Halbliterflasche trat schon bald eine Viertelliterflasche. Das Nebensortiment wurde immer wieder neu variiert, nicht jedoch der Kernbereich der Naturweine.

Ab 1892 begann der Absatz auch von Medizinalweinen, erst ein Duflot, ein Antigicht- und Antirheumatismuswein, dann 1894 auch ein „Kraftwein“, der den geschwächten Magen stärken sollte. Für Nier war dieser Wein nicht Genuss-, sondern Heilmittel: „Die Aerzte verordnen Weine als Medicinen, und die Weinhändler werden zu Apothekern, das geht Hand in Hand“ (Volks-Zeitung 1894, Nr. 575 v. 25. Dezember, 3). Weintrinker, so sein Credo, lebten gesund und froh. Gleichwohl war die Anpreisung dieser „Wunderweine“ medizinisch nicht gedeckt.

Die öffentliche Resonanz auf den Franzosen in Berlin war jedoch nicht nur produktbezogen. In der Erinnerungskultur finden sich eher Reminiszenzen an die jeweiligen Hauptsitze mit ihren abgestuften Gaststätten und Restaurants. Oswald Nier begann 1877 in der Jerusalemer Str. 48, dem drei Jahre zuvor gebauten Mosseschen Haus, mit Weinverkauf und kalter Küche. Seit Oktober 1877 lockten dann auch warme Speisen in das sich ausbildende Presseviertel in Berlin-Mitte. Platz war für etwa 500 Personen vorhanden, doch die Räumlichkeiten erwiesen sich rasch als zu klein.

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Wein und mehr: Angebote der Weinstube 1877 (Deutsche Montags-Blatt 1877, 26. November, 6)

Nier verlagerte seinen Hauptfirmensitz wohl 1881 ostwärts, mietete in der Wallstraße 25 ein großes Anwesen mit beeindruckenden Lagerkellern an. Hier zelebrierte er französische Gastfreundschaft bzw. bot seine Naturweine zusammen mit sehr preiswerten und reichlich bemessenen Speisen an. Damit erreichte er ein Mittelstandspublikum sowie die preisbewusste Kulturboheme der Reichshauptstadt. Ein Stammfrühstück kostete warm oder kalt je 30 Pfg., ein Mittagstisch mit 5 Gängen 95 Pfg., all dies auch als halbe Portionen zu haben. Nier zielte auf Kundenbindung, entsprechend reduzierte sich der Preis für Abonnenten, zehn Essen kosteten 6 M. Die Anmietung einzelner Säle war möglich, integrierte so Familien und Vereine. Niers Restaurants wurden im Baedecker empfohlen, die Kellerräume waren zeitweise eine Touristenattraktion der aufstrebenden Millionenstadt. Hier gewann der Name des Unternehmens – Aux Caves de France – reale Gestalt.

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Weinlagerräume in der Geschäftszentrale in Berlin (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 415)

Höhe- und Wendepunkt des Nierschen Unternehmens war gewiss die Verlagerung des Hauptgeschäftes in Berlins teuerste Gegend. Der Weinkomplex Leipzigerstraße 119-120, bewusst überschrieben mit „Zum Ungeypsten“, wurde 1890 übernommen und „glänzend“ ausgestattet. Doch das Stammpublikum folgte diesem Westschwenk nicht. Das zahlungskräftigere Publikum verlangte mehr als günstiges Essen und Trinken. Dabei hatte Nier das Angebot verbreitert und auch verbessert. Die soziale Differenzierung war ausgeprägt, im Restaurant gab es einen großen Mittagstisch für 10, 15, 25 oder 35 Pfg. pro Portion. Speisen an der Table d’hôte kostete 2,50 M, im Abonnement 2,20 M. Dafür bekam man einen halben Liter Clairette und „5 Gänge nach Wahl unter 10 Gerichten deutscher u. französischer Küche“ (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 27, 8). Speisen a la carte war ebenfalls möglich. Nier steuerte gegen, eröffnete beispielweise 1894 eine exquisite Weinbar, ließ die Speisebetriebe rund um die Uhr öffnen. Englische Küche am offenen Grillofen wurde integriert, französische Küche ergänzte die deutschen „Happenpappen“. Moderne Technik wurde zelebriert, etwa mit rollenden Thermophoren, mit automatischen Frontbratern oder belegten Brötchen in fliegensicherem Glasambiente. Trotzig verlautbarte die Werbung: „Das heutige Nier’sche Geschäft ist ein Weltgeschäft“ (Volks-Zeitung 1894, Nr. 575 v. 25. Dezember, 3). 1895 gab es zweimal täglich vierstündige Freikonzerte, Weinkneipfässchen wurden zum Spottpreis angeboten, um Gruppen anzulocken. Doch es half nichts, die schönen, teils mit deutschen und französischen Flaggen dekorierten Räume mussten 1896 aufgegeben werden. Das Niersche Geschäft zerbröselte von seinem Zentrum her. Der Franzose verlagerte sein Hauptgeschäft in die Linienstraße 130, am oberen Ende der Friedrichstraße, in ein – so die Werbung – noch „imposanteres“ Haus. Hier lagen auch seine Privaträume, hier sollte er die Überdosis Morphium zu sich nehmen.

Dieses Ende war in den späten 1870er Jahren nicht absehbar. Oswald Nier war ein Meister der Öffentlichkeitsarbeit, der Maßstäbe im modernen Marketing setzte – und dies lange bevor nach gängigen Stufentheorien entsprechende Entwicklungen einsetzten. Im Mittelpunkt seiner kommerziellen Kommunikation stand die Differenzqualität seiner „Naturweine“. Er verband den expliziten Vorwurf an die große Mehrzahl der Weinbauern, unreine und mit Gips versetzte Weine zu verkaufen, mit der lichten Gegenwelt seiner eigenen reinen Produkte ohne Zusätze. Er mobilisierte damit Alltagswünsche nach genussvollen und gleichsam natürlichen Waren, auch wenn „Veredelung“ nicht gegen geltendes Recht verstieß. Nier nutzte den Begriff „Naturwein“ offensiv, forderte rückfragende Konkurrenten explizit auf, „das Strafgesetz gegen ihn aufzurufen“ (Namslauer Kreisblatt 1884 Nr. 41 v. 9. Oktober, 430), wohlwissend, dass dieses faktisch nicht greifen konnte. Parallel ließ er sein Kernsortiment chemisch analysieren und nutzte die Analysen in vielen Anzeigen. Konkurrenzangebote französischer Weine ließ er in Dresden 1878 ebenfalls untersuchen, um so seinen Vorwurf zu untermauern, dass er allein ungeschönte Artikel verkaufe. Zum „Ungegypsten“ wurde Oswald Nier gleichwohl erst seit 1880. Anfangs propagierte er vorrangig „die Einführung chemisch untersuchter, französischer, als rein garantirter Weine“ (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 238 v. 8. Oktober, 7), und die ersten Anzeigen gaben lediglich eine „Garantie für Echtheit und Reinheit“ (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 5. November, 7). Als aber in Frankreich 1880 die Grenze von höchstens zwei Prozent Gipszusatz durch den aus Nimes stammenden Justizminister Jules Cazot (1821-1912) auf Druck der Winzerlobby aufgehoben wurde, begann Niers Kreuzzug gegen das Gipsen – und dies blieb sein Kernanliegen.

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Reiner ungegypster Naturwein zum Trinken, Einkaufen oder per Versand (Illustrirte Frauen-Zeitung 13, 1886, 144)

Um dieses zu unterstützen, forcierte er nicht allein den Verkauf von Flaschen, sondern versah diese mit Garantiemarken: „Dringend bitte ich, beim Bezug meiner Weine diejenigen Flaschen als unecht zurückzuweisen, welche entweder gar kein Siegel haben, oder eine Verletzung meines Namenssiegels zeigen“ (Kladderadatsch 30, 1877, Nr. 52 v. 11. November, 2. Beiblatt, 4). Das Verschlußsystem gab den Käufern die Chance, Nier oder seine Repräsentanten gerichtlich zu belangen, sollte der Inhalt nicht der Reinheitsgarantie entsprechen. Zugleich denunzierte er andere, sehr wohl bestehende Garantiesysteme als unzureichend, als Sand in den Augen des Publikums.

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Qualitätsmarke der Nierschen Naturweine (Der Bazar 33, 1887, 392)

All diese Maßnahmen zielten auf Popularität und Akzeptanz des Franzosen in Berlin. Doch Nier wählte auch andere gängige Maßnahmen. Slogans und Leitsprüche prägten viele Anzeigen. Da hieß es etwa „Wer Oswald Nier’s Wein nicht trinkt, sich selbst den grössten Schaden bringt.“ Besondere Bedeutung hatte die Wertschätzung des Reichskanzlers Otto von Bismarck, passionierter Trinker und Kunde von Nier. Sein Dankesschreiben enthielt den Wunsch: „Wein muss das National-Getränk der deutschen Nation werden“ – und der Einwandererunternehmer propagierte diese Sentenz daraufhin stetig. Bismarcks Geburtstag wurde mehrfach gewürdigt. 1897 verschenkte der Franzose am 1. April nicht weniger als 50.000 1,5 m² große Porträts des früheren Reichskanzlers als Zugabe.

Die mit solchen Aktionen verbundene direkte Kundenansprache hatte Tradition bei Nier. Preisausschreiben prägten schon in den 1880er Jahren seine Werbung am Jahresende. Ein Preisrebus war zu lösen, unter den richtigen Einsendern wurden dann Weinkisten verlost. Alle Teilnehmenden erhielten zudem kleine Werbegeschenke, etwa Taschenkalender oder Humoristisches. Zugleich konnte er so seine Adresskarteien aktualisieren.

Das Andocken an zeitgenössische Trends zeigte sich auch an seiner relativen Nähe zur Temperenzbewegung, die moderate Alkoholika wie Wein und Bier anstelle des Giftes der Spirituosen propagierte. Der vermeintlich gesundheitsfördernde Konsum von Wein wurde vor allem in den 1890er Jahren propagiert – im Einklang mit eugenischen Argumentationen. Wein stärke den Körper und schütze ihn jederzeit gegen epidemische, rheumatische oder sonstige Krankheiten, während Bier „das Fleisch des Körpers weich und lasch macht“ (Berliner Tageblatt 1894, Nr. 478 v. 10. Dezember, 12). Zugleich wurde immer wieder hervorgehoben, dass die preiswerten Weine Niers nicht teurer seien als Bier. Wichtiger aber war das Positive, wenn etwa im Sinne heutigen Performance Food behauptet wurde, dass Wein der „Erhaltung und Stärkung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit“ (Berliner Börsenzeitung 1898, Nr. 591 v. 18. Dezember, 12) diene. Wichtiger aber noch sei, dass Wein Frohsinn und Lebensseligkeit garantiere.

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Wein als gesundes Getränk (Volks-Zeitung 1901, Nr. 239 v. 5. Januar, 2)

Derartige Vorstellungen einer glücklichen Gesellschaft lassen sich auch mit Oswald Niers strategischer Nutzung von Wohltätigkeit koppeln. Der Weinhändler investierte hohe Summen in kontinuierliche Anzeigenwerbung, doch zugleich sah er die Chancen redaktioneller Werbung von Beginn an. Wiederum nutzte er nationale Feiertage, etwa Kaisers Geburtstag, um dann einen Teil der Tageseinnahmen für Bedürftige zu spenden. Zugleich diente das der Gewinnung neuer Kundengruppen, wenn er 1880 etwa nicht nur an die Armendirektion spendete, sondern auch an die Berliner Schutzmannschaft oder das Invalidenkorps. Ähnliches galt gegenüber seiner Belegschaft, die mit werbeträchtigen Weinfesten bei Laune gehalten wurde, die gemeinsam mit den interessierten Konsumenten zelebriert wurden. Wie kann die Welt doch schön sein, nach Tanz, Bühnenspaß, dem Festspiel „Ein Stündchen bei Oswald Nier“ und einer abschließenden Champagnerverlosung – so geschehen 1900.

Nier nutzte ferner lange vor den in den 1890er Jahren intensivierten Verbotsforderungen der Mittelstandsbewegung Wertzugaben zur Kundenbindung. Proben waren möglich, neu eingeführte Produkte wurden mit gut ausgestatteten Broschüren erklärt. Stammkunden konnten schon einmal gratis Austern essen – verbunden mit einem „Noblesse oblige!“ und einer tiefen Verbeugung vor der werten Kundschaft und dem geehrten Publikum. Am Jahresende gab es Kleinigkeiten, doch Kunden konnten auch begehrte Zugaben erhalten, etwa ein Bonbuch mit Eintrittskarten der wichtigsten Attraktionen der Pariser Weltausstellung 1900.

Schließlich nutzte Oswald auch die Preisoptionen im Marketingmix. Reklamekisten, etwa ein „Göttertrank“ mit 12 Flaschen und 30 Proben anderer Weinsorten plus Überraschung wurden für 15 Mark von Berlin aus versendet. Bezeichnender aber waren gezielte Preisreduktionen zur Ankurbelung des Geschäftes. Anfangs hatte es dies nicht gegeben, die Preise stiegen in den 1880er Jahren moderat. 1892 wurden die Preise für Wein jedoch deutlich reduziert, etwa der einfachste Minerve (Médoc-Wein) von 1,40 auf 1 M pro Liter oder der Garrigues von 1,80 auf 1,20 M. Dies war die andere Seite des Abenteuers Leipziger Straße, versuchte man doch eine Klientel des unteren Mittelstandes mit derartigen Kampfpreisen an sich zu binden. Anders war dies bei den nach der Jahrhundertwende einsetzenden Rabatten, die bis zu 15% betragen konnten. Sie ersetzten die tradierten Weihnachtszugaben, waren jedoch auch Ausdruck wachender Probleme des Nierschen Weinimperiums.

Zum einen nutzte sich der Lockreiz der jungen französischen „Naturweine“ langsam ab, zumal es durch die in den frühen 1880er Jahren kumulierende Reblauskatastrophe zu einer Reduktion des Weinanbaus und einem langsamen Übergang zu höheren Qualitäten kam. Gravierender aber waren die immer wieder thematisierten Qualitätsprobleme bei Nier selbst. Der hohe Anspruch des Anfangs erwies sich peu a peu als Bumerang: 1883 bezeichnete etwa der Nürnberger Nahrungsmittelchemiker Robert Kayser den Nierschen „Garrigues“ als Kunstwein und kritisierte die Ergebnisse seiner Berliner Kollegen als Reklamegutachten (Jahresbericht über die Leistungen der chemischen Technologie 1884, 871). Für Oswald Nier war dies Störfeuer der Konkurrenz, und er legte sich eine Art Schweigegelübde auf: „Dem sehr g. Publikum erlaube ich mir wieder in Erinnerung zu bringen, dass ich auf jedwede, gegen mich oder meine Weine gerichtete Angriffe, Verläumdungen, sowie auf Extrablätter, enth. s. g. chemische Analysen, Denunciationen (stets ohne Folge) u.s.w. (deren Zweck, u.a. mich durch kostspielige Erwiderung zu ermüden, Jedem klar ist) durchaus und prinzipiell keine Antwort mehr gebe, […] “ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 24, 1883, 5. S. n. 580). Ein Weinfälschungsprozess in Danzig endete 1886 mit einem Freispruch für die dortigen Nierschen Repräsentanten, doch Zweifel blieben (Dresdner Nachrichten 1886, Nr. 150 v. 30. Mai, 2). Untersuchungen der Hauptsorten hoben 1891 hervor: „Nach den Ergebnissen der Analyse zu schliessen, liegen hier mit Wasser und Sprit reichlich versetzte Rothweine vor. […] Nr. 2, 3, 4 schmeckten dünn und wässerig, Nr. 1 ekelerregend, eigenthümlich bitter“ (Zeitschrift für Nahrungsmittel-Untersuchung und Hygiene 5, 1891, 142). 1892 ergab schließlich die Analyse eines Nierschen Rotweines in Breslau, dass dieser ein „gallisierter, alkoholisierter Wein“ war (Chemisches Zentralblatt 65, 1894, 297). Die Folge war ein weit rezipierter Prozess in dem Nier „wegen Rothweinfälschung zu der höchst zulässigen Strafe von 150 Mark verurtheilt“ wurde (Scranton Wochenblatt 1893, 10. November, 7). Weitere rückfragende Analysen folgten, auch wenn diese die einzige Verurteilung wegen Nahrungsmittelfälschung blieb. Die sich langsam verbessernde Weinanalytik stellte Annoncen des reinen Naturweines jedenfalls in Frage.

Hinzu kamen wachsende Liquiditätsprobleme. Belastbare Angaben fehlen, doch in der Presse kursierten Gerüchte. Oswald Nier war Mitte der 1880er Jahre Millionär, wohl mehrfach, doch verlor er beträchtliche Summen im Panamaskandal 1888. In der Berliner Börsenzeitung hieß es pointiert: „Von dieser Zeit an regulirte N. nur mit Wechseln.“ Nier gab wohl viel Geld „für allerhand noble Passionen“ aus, “namentlich für das ‚Ewig-Weibliche‘“ (Hamburger Anzeiger 1902, Nr. 86 v. 13. April, 13). Gerüchte über jährliche Besuche im Spielkasino in Monaco wurden dementiert, doch von seiner seit den 1890er Jahren in Marseille ansässigen Frau Jenny, geborene Imaryjeon, lebte er getrennt. Hinzu kamen die nach Hundertausenden zählenden Verluste des Abenteuers Leipziger Straße von 1890 bis 1896. Das öffentliche Fazit entsprach der einseitigen Einschätzung eines Franzosen im damaligen Berlin: „Er selbst aber hat keine Schätze Deutschlands gesammelt, leicht verausgabt, was ihm – früher mehr, später weniger – die Konjunktur brachte“ (Neue Hamburger Zeitung 1902, Ausg. v. 13. April, 2). In Berlin war er als „vollendeter Cavalier“ geschätzt (Berliner Börsenzeitung 1902, Nr. 159 v. 6. April, 5).

Doch der vermeintlich leichtlebige Franzose zog aus alledem schließlich die richtigen unternehmerischen Konsequenzen. Er sicherte den Bestand des Unternehmens durch eine am 1. April 1902 erfolgte Umwandlung von einer Personalgesellschaft in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Er band zwei langjährige Mitarbeiter, Ernst Koch und Adolf Gontarski, als Geschäftsführer mit Prokura in die Unternehmensführung ein, und zahlte mit dem Kaufpreis seine Schulden. Und doch konnte er sich mit dieser partiellen Übergabe des Geschäftes offenbar nicht anfreunden. Schon beim Vertragsabschluss erlitt der seit langem herzkranke Nier einen Schwächeanfall. Am 4. April 1902 übergab er offiziell die Geschäfte an die Gesellschafter. Bis Mitternacht saß er mit Freunden zusammen. Dann zog er sich in seine Räume zurück, wo er Abschiedsbriefe an ehemalige Angestellte und die neue Gesellschaft schrieb, um dann zum Morphium zu greifen, das er seit längerem gegen seine Schlaflosigkeit nahm. Kurz vor 3 Uhr vernahm Niers Haushälterin ein tiefes Röcheln. Man brach die Tür zu seinen Privatgemächern auf. Oswald Nier wurde per Krankenwagen in die Charité gebracht, wo die Ärzte Tod durch Herzversagen feststellten. Dieses Urteil wurde nach Durchsuchung seiner Wohnung revidiert.

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Formale Trauer – Todesanzeigen der getrennt lebenden Gattin und der Partner Niers (Berliner Tageblatt 1902, Nr. 172 v. 6. April, 11)

Es folgten rasche, recht formal gehaltene Todesanzeigen. Oswald Nier, der „Ungegypste“, der Franzose in Berlin, wurde als „ein Berliner Original in des Wortes bester Bedeutung“ (Berliner Börsenzeitung 1902, Nr. 159 v. 6. April, 5) gewürdigt, der seinen Kunden immer wieder „harmlos-frohe Stunden“ bereitet hatte. Doch über einen Selbstmörder sprach man nicht gerne. Und auch Historiker haben sich seiner Biographie und seinem Unternehmen bis dato nicht gewidmet. Die Firma „Oswald Nier, Aux Caves de France“ wurde am 10. Februar 1903 aus dem Berliner Firmen-Register gelöscht (Volks-Zeitung 1903, Nr. 74 v. 13. Februar, 3). Die GmbH wurde fortgeführt, konzentrierte sich auf den Weingroßhandel, während die Einzelgeschäfte zumeist in Privatbesitz überführt wurden. Die Anzeigen für „Oswald Nier“ ebbten rasch ab, lediglich die Medizinalweine wurden ab und an annonciert. Es blieb nicht viel von diesem Pionier des Filialhandels, diesem Virtuosen des Marketing, diesem Spieler im weiten Felde künstlicher Natur.

Uwe Spiekermann, 12. Juli 2018