Das „Deutsche Frischei“ – Ein Flop mit Zukunft

Wann haben Sie das letzte Mal Eier geprüft? Falls das schon länger zurückliegt, so haben Sie offenbar Vertrauen in die Qualitätskontrollen von Herstellern und Handel, glauben den auf das Ei gestempelten Informationen und den Angaben auf der Verpackung. Sie essen Eier, Sie kochen und verarbeiten sie, doch deren Qualität und deren Frische haben Sie anderen übertragen. Lassen Sie es sich schmecken…

Falls Sie allerdings wissen wollen, warum Sie selbst beruhigt untätig sein können, so lesen Sie weiter. Dann werden Sie mehr darüber erfahren, wie vor mehr als 90 Jahren Grundstrukturen etabliert wurden, die nach vielen Häutungen schließlich dazu geführt haben, dass Sie sich um diesen Teil ihres Essalltags kaum mehr kümmern müssen. Es wird um die Einführung des „Deutschen Frischeies“ gehen, 1926 bis 1928 konzipiert, ab 1930 allseits beworben, doch schon 1932 in ein anderes System des Absatzes und der Produktion überführt. Eigentlich ein Flop. Doch das „Deutsche Frischei“ machte Schule, seine Produktion, Kontrolle und Vermarktung setzten Standards für eine gesicherte Mindestqualität – und damit auch für Ihr Grundvertrauen.

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Der Traum von einer dressierten Natur – Karikatur 1913 (Fliegende Blätter 139, 1913, 236)

Die deutsche Eierwirtschaft in den 1920er Jahren – nicht konkurrenzfähig

Die Gründe für eine neue Ordnung der Eierwirtschaft lagen im relativen Niedergang der deutschen Landwirtschaft während und nach dem verlorenen Weltkrieg. Schon zuvor hatte sie an Wettbewerbsfähigkeit verloren, wurde jedoch durch die seit 1906 geltenden hohen Zölle der Bülow-Tarife auf Kosten der Verbraucher geschützt. Just diesen verloren breite Teile der Agrarwirtschaft immer stärker aus dem Blick, passten sie ihre Produktion doch nur zögerlich den sich rasch wandelnden Ansprüchen zumal der städtischen Bevölkerung an. Die Produktion konzentrierte sich auf Massengüter, wie Getreide oder Kartoffeln, und setzte nur unzureichend auf veredelte, marktnahe Produkte, etwa Obst und Gemüse oder aber Käse und Butter. Die Folge war eine wachsende Einfuhr ausländischer Güter, die vielfach qualitativ besser, teils preiswerter, fast durchweg jedoch einheitlicher und leichter vermarktbar waren.

Eier stammten vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend aus Russland sowie Österreich-Ungarn. Während des Krieges blieben sie anfangs noch frei verkäuflich, doch 1916 begann die Zwangsbewirtschaftung. Diese endete formal zwar 1919, dann aber dominierten Richtpreise den Absatz. Mochte die Selbstversorgung mit Eiern im Jahrzehnt der Ernährungskrise 1914 bis 1923 auch manche Vorteile bieten, so gaben die ökonomischen Rahmenbedingungen sicher kaum Anreize für den Ausbau der Geflügelwirtschaft. Der Versailler Vertrag hatte den Zollschutz der Landwirtschaft für mehrere Jahre beseitigt und auch die 1925 erfolgte Rückkehr zu den Bülow-Tarifen konnte aufgrund von Meistbegünstigungsklauseln nicht den gewünschten „Schutz“ bewirkten. Die überlegene ausländische Konferenz nutzte die sich bietenden Chancen im Eiermarkt. Billigimporte kamen weiterhin vor allem aus dem Osten und Südosten Europas, etwa aus dem Baltikum, Polen, Ungarn und Rumänien. Wichtiger aber wurden die Angebote aus den Niederlanden, Belgien und Dänemark, Länder, die vor dem Krieg nur einen Importanteil von 5 % hatten. Deren hochwertige und frische Eier machten ab Mitte der 1920er Jahre etwa zwei Fünftel der Einfuhren aus. Sie belieferten vor allem die Konsumzentren des Ruhrgebietes, des Rheinlands und Berlins. Offenkundig hatte die deutsche Eierwirtschaft ihren eigentlichen Vorteil, die Nähe zum Konsumenten, verspielt (Norwich Rüße, Absatzkrisen und Marketingkonzepte der deutschen Landwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1996/I, 129-162, hier 134).

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Imaginierte Bedrohung: Importeier auf dem deutschen Markt 1929 (Der junge Landwirt 3, 1930, 95)

Ja, „Der Markt ist ein unbarmherziger Richter!“ (Kurt Ritter, Absatz und Standardisierung landwirtschaftlicher Produkte, 2. Aufl., Berlin 1926, 25) Die deutschen Konsumenten griffen in den 1920er Jahren zu ausländischen Eiern, da deren Hersteller ihre Ware frisch und in standardisierter Qualität lieferten, da sie ferner eine an sich stark saisonale Ware ganzjährig zu akzeptablen Preisen anboten. Um zu verstehen, warum diese heutige Selbstverständlichkeit für die deutsche Landwirtschaft eine Herausforderung war, müssen wir uns kurz in eine Zeit zurückversetzen, in denen „natürliche“ Rhythmen die Eierproduktion noch dominierten und die Legeleistung der Hühner bei 80 bis 90 Eier jährlich lag – im Gegensatz zu heutigen Hybridhühnern, die in klimatisierten und beleuchteten Ställen ca. 300 Stück liefern.

Vor dem ersten Weltkrieg war Hühnerhaltung auf den meisten Bauernhöfen üblich, doch sie diente erst einmal der Selbstversorgung. Überschüsse wurden zumeist an Aufkäufer, Hausierer oder Ladenhändler verkauft, teils noch im Tauschhandel gegen Waren. Hühnerhaltung war Frauenarbeit. Eierverkauf ergab Zusatzeinkommen: „Die Bauersfrau zog mit ihrem Korb Eier wöchentlich ein- bis zweimal zur Stadt auf den Markt, bekam für das Dutzend Eier 30, im besten Falle 50-70 Pfg. und konnte mit diesem Erlös kaum die abgelaufenen Stiefelsohlen, geschweige denn das Futter für ihre Hühner bezahlen“ (Hans Brenning, Genossenschaftliche Eierverwertung, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (MDLG) 41, 1926, 658-661, hier 659). Sie hatte also kaum Marktmacht, konnte ihre Preisvorstellungen nur selten gegen Händler und auch Konsumenten durchzusetzen. So spielte die Größe der Eier damals keine Rolle: „Ei ist eben Ei“ (Nutzen der Geflügelzucht, Das Land 4, 1895/96, 362). Auch die Frische der Eier konnte per Augenschein kaum ermittelt werden. Durch Eintauchen in Wasser kann man das Alter zwar grob abschätzen, doch durch die damit verbundene Zerstörung der schützenden Fettschicht muss das Ei danach rasch verbraucht werden. Mangels Kennzeichnung und präziser Lagerung konnten Eier im Laden durchaus mehrere Wochen alt sein, so dass immer die Gefahr fauler, penetrant stinkender Eier bestand. Die Eieranbieter konterten die Preismacht der Händler und Konsumenten nämlich mit ihrer Zeitmacht, ihrem Wissen über das wahre Alter der Eier.

Das Ei – eine saisonale Ware

Hier gilt es innezuhalten. Denn anders als heute waren Eier noch in den 1920er Jahren eine stark saisonale Ware. Ware? Für ein Huhn ist ein Ei etwas anderes, nämlich Garant für Nachkommen, für neue Küken. Um nationale Zuschreibungen schert es sich nicht. Seine „natürliche“ Legetätigkeit endet im Herbst. Im September und Oktober waren frische Eier daher selten, im November und Dezember sehr selten. Anfang des Jahres nahm dann die Legetätigkeit der Hühner langsam wieder zu, um von März bis Mai in eine „Eierschwemme“ überzugehen. Fast 60 Prozent der einheimischen Eier wurden in nur vier Monaten, von März bis Juni, gelegt (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 25). Es sind derartig profane Rhythmen, die unsere eigenartige Verbindung von Ostern mit Eiern mit erklären können.

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Auszug aus einer Werbung des Filialisten Wilhelm Goebel für frische Eier im Frühjahr 1905 (Vorwärts 1905, Nr. 65 v. 17. März, 12)

Saisonale Güter führen in Marktwirtschaften zu Preisschwankungen: „Während im Herbst und im Winter die Eier ganz besonders von den kleinen Erzeugern und von kleinen Bauern möglichst lange zurückgehalten werden, um von dem späteren höheren Preisen Nutzen zu ziehen, der mit vermindertem Angebot regelmäßig eintritt, geschieht im Frühjahr genau das Gegenteil“ (Heinrich Kleinböhl, Das Alter der Eier, Die Volksernährung 5, 1930, 322-323, hier 322). Angesichts eines raschen Preisverfalls wurden Eier nun möglichst rasch verkauft. So waren Eier im Herbst und Winter teuer und selten frisch, im Frühjahr und auch noch im Sommer kehrte sich dieses Verhältnis um. Städtische Konsumenten wollten sich derartigen Rhythmen jedoch entziehen: Sie wollten ganzjährig Eier essen, relativ billig, relativ frisch.

Die geforderten Zeitensprünge hatten jedoch ihre Tücken. Das galt erst einmal für die häusliche Konservierung der Eier, die auch von Großhändlern praktiziert wurde. Frisch gelegte Eier wurden dazu vor Lufteintritt geschützt. Man bestrich Eier mit Fett oder Vaseline, legte sie in Sand, in Holzasche oder Häcksel. Kühlung im Keller oder in Erdmulden konnte ebenfalls helfen (Max Grünwald, Der Nährwert des Hühnereis und die Eierverordnung vom 17. März 1932, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 158-160, hier 158). Mit derartigen Mitteln konnten Eier viele Wochen, ja mehrere Monate aufbewahrt werden. Die Verkaufserlöse konnten dadurch durchaus verdoppelt werden, doch die Maßnahmen hatten ihren Preis: Die Zahl der faulen Eier war nicht gering, der Geschmack häufig muffig. Angesichts fehlender Kennzeichnungspflichten war dies Reiz und Gefahr zugleich. Daher gingen viele, auch städtische Hausfrauen dazu über, günstig gekaufte Eier schon während der „Eischwemme“ zu konservieren. Dazu aber musste man sie in Flüssigkeiten aufbewahren, die die Schutzfunktion der Schale langfristig stabilisierten. Man verwandte meist Kalkmilch oder Wasserglas. Letzteres ist eine Mischung aus Kieselsäure und Natriumoxyd, während Kalkpräparate vor allem aus Ätzkalkpulver, Sand, Gips und Eisenoxyd bestanden. Diese Mittel konnte man in der Drogerie oder auch der Apotheke kaufen, doch es gab – wie beim Backpulver oder der Maisstärke – auch Fertigmischungen. Eikonservierungsmittel, etwa „Garantol“, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gängige Haushaltsnamen (vgl. W[endelin] A[lban] Schwalbe, Warenkunde des Lebensmittel-Einzelhandels, 8. verb. Aufl. v. H[erbert] Leiser und E[berhard] Oelfke, Leipzig 1939, 184).

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Paradoxe Frische: Werbung für das Eierkonservierungsmittel Garantol (Meggendorfer Blätter 140, 1925, 208)

Das Problem dieser Eierkonserven war jedoch ihr Geschmack. Er war kalkig-kratzend. Als Frühstücksei waren sie also weniger brauchbar, und auch in der Küche nur bedingt verwendbar. Eischnee konnte mit Kalkeiern eben nicht mehr geschlagen werden (Grünwald, 1932, 158). Die Bedeutung von Eierkonserven im Absatz blieb daher gering und auf den Haushalt beschränkt. Nun, werden Sie fragen, warum wurden die Eier nicht gekühlt? In der Tat, technisch waren deutsche Anbieter spitze, ihre Kühlmaschinen wurden weltweit verkauft. Doch Kühlhäuser hatten im Deutschen Reich – anders als etwa in den USA oder in Großbritannien – nur geringe Kapazitäten. Es fehlte einerseits an einer Kühlkette, die bis in die Läden reichte. Anderseits gab es noch keine elektrische Kühlung, sondern lediglich relativ teure mit „Natureis“ bestückte Eisschränke im bürgerlichen Milieu. Kühlhäuser wurden daher vornehmlich in Hafenstädten und den Hauptabsatzzentren gegründet. Hinzu kamen beträchtliche Probleme mit der Temperaturführung in den keineswegs normierten, sondern kleinteilig ausgebauten Kühlhäusern. Die teils sehr unterschiedlich verpackten Eier konnten vielfach nicht sachgemäß untergebracht werden, auch waren die Auswirkungen der Kühlung auf die Eier nur ansatzweise erforscht. Ende der 1920er Jahre lag der Anteil der Kühlhauseier am deutschen Gesamtverbrauch bei lediglich drei bis vier Prozent. Das waren 1928 ca. 420 Millionen Eier, 1929 400 Mio. und 1930 dann nur noch 282 Mio. (Einlagerung von Eiern in deutsche Kühlhäuser, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/31, 135). Während in den USA intensiv über Kühlhauseier versus Frischware gerungen wurde, ging der Streit in Deutschland um Auslandseier oder deutsche Ware (zu den USA s. Susanne Freidberg, Fresh. A Perishable History, Cambridge/Mass. 2009, 86-121).

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Saisonale Schwankungen des Eierangebots im Deutschen Reich 1927/28 (Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/32, 311)

Ein Blick auf das Angebot 1927/28 zeigt eindringlich, dass auf dem Eiermarkt zwei unterschiedliche Agrarwirtschaften aufeinandertrafen. Die deutschen Anbieter waren noch massiv an „natürliche“ Legerhythmen rückgebunden, während die ausländischen Lieferanten recht kontinuierlich lieferten und insbesondere im Winter das Angebot dominierten. Überspitzt formuliert: Im Deutschen Reich bestimmten die Hühner die Marktzufuhr. Im Ausland, zumal in den Niederlanden, Belgien und Dänemark, gab es dagegen bereits Haltungsformen, Produktionsstandards und Transportkapazitäten, die das vorwegnahmen, was dann in Deutschland in den späten 1920er und 1930er Jahren begonnen und in den 1950er und 1960er Jahren vollends nachgeahmt wurde. Das Problem war also klar: „Solange die deutschen Geflügelhalter es nicht fertig bekommen, die deutsche Verbraucherschaft während des ganzen Jahres mit frischen Eiern zu versorgen, wird der deutsche Kaufmann die ausländischen Eier nicht entbehren können“ (Groß, Unser Ziel, Hannoversche Land- und Forstwirtschaftliche Zeitung (HLFZ) 83, 1930, 137-140, hier 138-139).

Standardisierung als Kernaufgabe

Wie nun auf die Herausforderung der Massenmärkte und der Konkurrenz der überlegenen ausländischen Konkurrenz reagieren? In den späten 1920er Jahren wurde zwar schon intensiv um neuartige Haltungsformen in spezialisierten Hühnerfarmen gerungen, doch der Anteil der vor allem im 1896 gegründeten Clubs Deutscher Geflügelzüchter (Görges, Die Ziele des „Klubs Deutscher Geflügelzüchter“, HLFZ 83, 1930, 151-152) organisierten größeren Eierproduzenten lag 1928 bei lediglich 15 Prozent. Der Großteil der deutschen Produktion, 85 Prozent, stammte aus bäuerlicher Hühnerhaltung – mehr als 80 Prozent davon aus Betrieben mit unter 20 ha Betriebsfläche (Karl Wagner, Neue Einrichtungen der Eierverwertung, MDLG 45, 1930, 852-854, hier 852).

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Hühnerfarm in Scharnebeck (HLFZ 83, 1930, 155)

Auch die Hühnerfarmen waren nach heutigem Verständnis klein. Abgesehen von Ausnahmen, wie etwa der Eberswalder Finow Farm, produzierten sie täglich mehrere hundert Eier, während die größten Betriebe heute hunderttausende auf den Markt werfen. Das war damals undenkbar, schon aufgrund fehlender Antibiotika. Die Hühnerzucht stand zwar schon seit langem im Blickpunkt spezialisierter Zuchtvereine und der Agrarwissenschaft, Küken wurden häufig von spezialisierten Brutanstalten zugekauft. Doch auf Eierproduktion spezialisierte Hybridhühner wurden erst seit 1940 eingesetzt, zuerst in den USA. Die Futterlehre hatte beträchtliche Fortschritte gemacht, doch die Kosten der eiweiß- und mineralstoffhaltigen Futtermittel waren für kleinere Halter zu hoch. Auch die wichtigsten Stellschrauben der immensen Produktionssteigerungen seit den späten 1950er Jahren wurden in den 1920er Jahren erprobt (und bereits kontrovers diskutiert): Die Klimatisierung und die Lichtführung in den Hühnerfarmen. Die deutsche Eierwirtschaft entwickelte sich also, der Geflügelbestand nahm zu. 1912 gab es knapp 72 Millionen Hühner (inklusive von Enten und Gänsen), 1921 trotz der Gebiets- und Bevölkerungsverluste fast 68 Millionen. Bis 1924 kamen vier Millionen hinzu, zwei Jahre später lag die Zahl bei knapp 76 Millionen und 1928 schließlich bei 84,5 Millionen Tieren ([Wilhelm] Müller-Lenhartz, Kann Deutschland seinen Eierbedarf selbst erzeugen?, MDLG 45, 1930, 386-387, hier 386) – bemerkenswertes Wachstum, wenngleich noch nicht annähernd die 174 Millionen Hühner im Jahre 2016. Auch die Legeleistung der Hennen stieg, in bäuerlichen Wirtschaften von ca. 80 auf 90 Eier pro Huhn und Jahr, in Hühnerfarmen wurden auch 150 Eier erreicht. Doch all dies reichte nicht, um den wachsenden Appetit auf Eier zu decken. 1924 aß der Durchschnittsbürger 98 Eier, 1926 121 und 1928 141 (Wagner, 1930, 852). Der Markt wuchs, doch der Ertrag floss ausländischen Wettbewerbern überdurchschnittlich zu: Lag der Einfuhrüberschuss 1912 noch bei 192 Millionen M, so stieg er seit der Mitte der 1920er Jahre rasch an: 1926 erreichte er 234 Mio. RM, 1927 263 Mio. und 1928 dann 294 Mio. RM (Müller-Lenhartz, 1930, 386). Veränderungen schienen unabdingbar.

Wo aber ansetzen? Die Landwirtschaft, genauer der die Landwirtschaftskammern repräsentierende Deutsche Landwirtschaftsrat, setzte auf die Standardisierung der Eier, um damit Vertrauen im Markt zurückzugewinnen. Das Programm der Reichsregierung resp. des Reichslandwirtschaftsministeriums war dagegen deutlich ambitionierter. Angesichts der seit Mitte der 1920er Jahre drängender werdenden internationalen Agrarkrise – Preisverfall durch Überproduktion und Überschuldung durch zu ambitionierte Investitionen – startete sie 1928 ein landwirtschaftliches Notprogramm, das auf eine „zweckmäßige Organisation des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse und zum anderen [auf, US] die Belieferung des Marktes mit einheitlicher, guter Ware auf Grund einer eingehenden Marktbeobachtung“ zielte ([Ewald] Rosenbrock, Handelspolitik, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 47, 1929, 273-315, hier 291). Die vielbeschworene „Not der Landwirtschaft“ sollte durch Lernen von den ausländischen Wettbewerbern gewendet werden. Damit nahm man die Herausforderung der überlegenden Konkurrenz an und zielte auf eine rasche Umgestaltung der Geflügelwirtschaft.

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Nationalistische Karikatur gegen Importe (Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 44)

Beide Strategien hatten unterschiedliche Zeithorizonte, gründeten jedoch auf dem genossenschaftlichen Zusammenschluss der gewerblichen Hühnerhalter. Dieser startete 1880, als in Hamburg-Uhlenhorst eine erste Eierverkaufsgenossenschaft gegründet wurde (Nis Petersen, Die mustergültige Geschäftsentwicklung einer Eierverkaufsgenossenschaft, MDLG 34, 1919, 21-24, hier 21). Bedeutung aber gewann er erst um die Jahrhundertwende, nachdem 1895/96 Geflügelzuchtvereine im niedersächsischen Soltau und Visselhövede den Eierabsatz in eigene Regie übernahmen, um höhere Preise zu erzielen (Zollikofer, Zur Entstehung und Entwicklung des genossenschaftlichen Eierverkaufs, Landwirtschaftliches Genossenschaftsblatt 45, 1923, 139-142, 155-157, hier 139). Dazu lieferten sie einheitliche Ware und kooperierten mit dem Großhandel. Weitere Genossenschaften entstanden, zuerst in der preußischen Provinz Hannover, dann auch in Oldenburg, in Schleswig-Holstein, vereinzelt gar in Bayern. 1899 ließ die Landwirtschaftskammer Hannover ein erstes Warenzeichen eintragen – ein springendes Sachsenross, der Identitätsanker der 1866 von Preußen annektierten Provinz. Eier bester Güte wurden damit gestempelt, hoben sich so vom anonymen Angebot ab. Weitere Landwirtschaftskammern übernahmen dieses Verfahren, eine reichsweite Dachorganisation aber fehlte. Die neuen Genossenschaften ließen Fortschrittsträume keimen, doch die anvisierte Marktbeschickung durch Kühlhauseier aus genossenschaftlichen Kühlhäusern blieb auf niedrigem Niveau stecken (Die Organisation des genossenschaftlichen Eierabsatzes, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 1, 1904, 919-920). 1914 bestanden in der Provinz Hannover allerdings schon 140 Eierverkaufsorganisationen, die ca. 28 Millionen Eier verkauften. Die Genossenschaftsbewegung stagnierte während des Weltkrieges, Rationierung und Zwangswirtschaft ließen die Zahl der Genossenschaften bis Mitte der 1920er Jahre auf unter die Hälfte sinken (Gerhard Lichter und Helmut Kobligk, Neue Wege in der Geflügelzucht und Eierverwertung, Berichte über Landwirtschaft NF 10, 1929, 611-672, insb. 624-625). Doch die bestehenden Strukturen boten einen Gestaltungssockel. Ähnliches galt für den „Trinkei“-Stempel des Clubs Deutscher Geflügelzüchter (Der Tanz auf den Eiern, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1028-1030).

Das Genossenschaftswesen hatte sich seit dem 1860er und 1870er Jahre vor allem in Form von Einkaufsgenossenschaften gegründet. Es ging um billigeres Saatgut und Maschinen, dann auch um Kredit. Absatzgenossenschaften entwickelten sich dagegen nur zögerlich, meist im Umfeld urbaner Konsumzentren. Regionale Regelungen dominierten, etablierten aber auch Formen föderalen Wettbewerbs. Anfang der 1920er Jahre begann jedoch, vorrangig in Norddeutschland, eine Neuausrichtung des genossenschaftlichen Arbeitens. Gruppiert um einzelne Produkte, etwa Milch, Butter, Gemüse, Obst oder Kartoffeln, entwickelten die Landwirte mit Unterstützung staatlicher Institutionen regionale Markenprodukte und legte Qualitätsnormen fest, die ihre Mitglieder einzuhalten hatten (Otto Jüngst, Maßnahmen zur Absatzsteigerung bei Obst, Gemüse, Eiern und Geflügel, MDLG 42, 1927, 1194-1198; Hans Asmis, Die Stellung der deutschen Landwirtschaft auf dem Binnenmarkt, MDLG 43, 1928, 859-863). All das erschien notwendig, war aber auch ambivalent: Im Marktwesen „erleben wir den Untergang des einzelnen und den Aufstieg von hundert und tausenden Leuten in den Genossenschaften. Aber es bedarf noch vieler Mühe, vieler Zeit und vielen Zuredens, ehe wir den Landwirt, der auf der einen Seite technisch zur Spitzenleistung erzogen wird und zur Spitzenleistung streben muß, soweit haben, daß er auf der anderen Seite seine persönlichen Neigungen vergißt und sich anschickt, die allgemeinen Formen des Absatzes, die nur in der Masse errichtet werden können, mitzumachen“ (Friedrich Beckmann, Markt und Landwirtschaft, MDLG 45, 1930, 520-522, hier 522). Schrillere Stimmen wandten sich gegen den vermeintlichen „Kollektivismus“ dieser Maßnahmen, forderten stattdessen massive staatliche Interventionen, wie sie dann im Reichsnährstand 1933 Gestalt annahm (Replik, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1100).

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Abstraktion als Grundlage der Standardisierung: Das Huhn als Eierfabrik (Illustrierter Sonntag 1930, Nr. 50 v. 14. Dezember, 8)

Bevor wir uns der Konzeptionierung des „Deutschen Frischeies“ zuwenden, sollten wir uns aber noch kurz mit den Erwartungen auseinandersetzen, die mit der Standardisierung verbunden waren. Sie setzte anonyme Märkte und die umfassende Geltung von Marktmechanismen voraus, zielte implizit auf mittlere und größere Betriebe. Ihr Hauptziel war Kostenreduktion. Einheitliche Ware führte zu geringeren Verpackungs-, Transport-, Lager- und Verkaufskosten. Sie reduzierte Kontrollkosten, wusste man doch, welche Ware man erhielt. Dies erleichterte die Bestellung, ermöglichte zugleich raschere Kaufentscheidungen bis hin zum Termingeschäft. Zugleich wurde die Ware beleihbar, war also schon vor dem Kauf Geld wert. Standardisierte Ware reduzierte das Risiko bei Käufer und auch Verkäufer, erleichterte eventuell auftretende Mängelrügen. Schließlich erlaubte sie eine einfachere Marktbeobachtung und bot eine gute Grundlage für passgenaue Werbung (Kurt Schneider, Die Standardisierung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse als Grundlage einer rationellen agraren Absatzwirtschaft, MDLG 45, 1930, 741-743, hier 742). All dem standen Nachteile gegenüber: Standardisierte Ware war Massenware, konzentrierte sich auf Mindestqualitäten. Dies begrenzte die Dispositionsfreiheit der Produzenten, reduzierte tendenziell die Auswahl der Konsumenten. Über dem Standard liegende Produzenten wurden benachteiligt, und der Einkauf glich dem Abarbeiten einer Liste, nicht dem Entdecken der Vielfalt eines Gutes. Wichtiger aber schien den Befürwortern die Ausweitung des Marktes, die Konzentration auf höhere Produktionsziffern, das Bekenntnis zu einer möglichst kontinuierlichen Marktbeschickung und das Wegfallen der Handelsspannen für Mittelsleute. Kostensenkungen und erhöhter Absatz würden zu höheren Preisen und damit auch Gewinnen führen – und zugleich die nach gleichen Prinzipien arbeitenden Auslandsanbieter aus dem Markt drängen. Der denkende und rechnende Konsument würde schon entsprechend handeln.

Standardisierung zielte auf einzelne Waren, bliebt dabei aber nicht stehen. Um standardisierte Waren liefern zu können, waren nämlich umfassende Änderungen in der Produktion und dem direkten Vertrieb erforderlich. Standardisierung war damit Teil einer breiter gefassten Rationalisierung von Produktion und Absatz (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland 1840 bis heute, Göttingen 2018, 306-311). Es ging nicht allein um marktgängige Waren, sondern immer auch um eine marktfähige Produktion. Dies bedeutete allerdings auch eine gewisse Abkehr vom Konsumenten, mochten dessen Wüsche in der damaligen Fachliteratur auch stetig beschworen werden: „Das Problem der Absatzkrise ist nicht nur vom landwirtschaftlichen Betrieb her zu betrachten, wie das die alte Landwirtschaftslehre tat, sondern von der Absatzseite her, vom Markte mit seinen Forderungen. Eingehendes Studium der Absatzverhältnisse, Anpassung an die Wünsche der Verbraucher durch Verbesserung und Normung der Qualität ist eine Notwendigkeit für die Landwirtschaft“ (Alfred Funccius, Normung und Wirtschaft, Wiso. Diss. Köln 1930, 34). Diese Marktbeobachtung erfolgte nicht mehr im privaten Austausch zwischen Bäuerin und Wochenmarktkundschaft, sondern durch Agrarökonomen, Statistiker und Marketingexperten, die zunehmend auf Grundlage von Marktdaten urteilten. Standardisierung war daher ein folgenreiches Erziehungsprojekt, „eine Frage der Menschenerziehung und Menschenbehandlung. Aufklärung und Interessierung aller beteiligten Kreise tut not. Die Konsumenten müssen dazu gebracht werden, Qualitätsunterschiede überhaupt zu bewerten und zu bezahlen. Die Produzenten und Händler sind über die zweckmäßigsten Arbeitsmethoden zu unterrichten. Ihr Verantwortungsgefühl ist zu stärken“ (Geert Koch-Weser, Die Standardisierung in der Milchwirtschaft, Agrarw. Diss. Berlin, Langensalza 1931, 112).

Die Entwicklung des „Deutschen Frischeies“

Das „Deutsche Frischei“ war die Quintessenz all dieser Vorüberlegungen, all dieser Marktveränderungen. Ewald Rosenbrock (1898-1983), Geschäftsführer des Deutschen Landwirtschaftsrates und ein guter Repräsentant für die Kontinuität der damaligen Agrarpolitik über den NS-Staat bis hin zur Bundesrepublik, pries es in seinem Jahresüberblick 1929 als Selbsthilfe der Landwirtschaft, als das erste nach einheitlichen Bewertungsgrundsätzen im ganzen Deutschen Reich geltendes „Wertzeichen für ein landwirtschaftliches Erzeugnis“ (Rosenbrock, 1929, 300, 301). Der Deutsche Landwirtschaftrat sei organisch vorgegangen, habe seit Mitte der 1920er Jahre lokale und regionale Eierverwertungsgenossenschaften gefördert, „die sich die Erfassung der bäuerlichen Geflügelhaltungen, die einwandfreie Qualitätskontrolle und Marktherrichtung der so gesammelten Eier und ihren Vertrieb zum Ziel setzte“ (Rosenbrock, 1929, 303). Hannover und Oldenburg, Rheinland und Westfalen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Pommern waren führend, auch bei der Etablierung regionaler Standardmarken. Diese regionalen Vorreiter repräsentierten fünf bis sieben Prozent der deutschen Eierproduktion. Auf ihren Wunsch sei man ab 1926 in Verhandlungen getreten, um auch ein reichsweites Einheitszeichen zu schaffen – die Markenbutterbewegung war hierfür das Vorbild; und deutsche Markenbutter können Sie bis heute kaufen. Die langwierigen, von regionalen Partikularinteressen stark geprägten Debatten stagnierten lange Zeit, blieben die Anforderungen an Ei und Eiproduzent doch hochgradig umstritten. Gleichwohl, am 2. Juni 1928 wurde das „Deutsche Frischei“ als Warenzeichen eingetragen. Die Anforderungen waren moderat, bedeuteten gleichwohl eine Neuorganisation der Eierproduktion: „Die Eier müssen einheitlich nach Größe bzw. Gewicht sortiert und durchleuchtet sein“ (Rosenbrock, 1929, 304). Dies sollte durch Kontrollstellen der Landwirtschaftskammern erfolgen. „Die Eier müssen sauber und ungewaschen sein. Die vom Erzeuger abzuliefernden Eier müssen mindestens einmal wöchentlich an die Sammelstelle bzw. Genossenschaft ausgehändigt und dürfen nicht länger als 7 Tage beim Erzeuger belassen werden.“ Die Verpackung wurde vereinheitlicht, und drei Größen festgeschrieben (a > 60 g, b 55-60 g, c 50-55 g). Rosenbrock schien zufrieden: „Diese Beschaffenheitsanforderungen für das ‚Deutsche Frischei‘ sind einerseits so streng, daß die mit dem neuen Einheitszeichen versehenen Eier tatsächlich den Anspruch erheben können, Qualitätseier zu sein, andererseits aber sind die Anforderungen, besonders was die Größensortierung und die Zeit der Ablieferung betrifft, so gehalten, daß bei geeigneter genossenschaftlicher Organisation tatsächlich die große Masse der deutschen Bauerneier ihnen Genüge tun kann“ (Rosenbrock, 1929, 305, auch für das vorherige Zitat).

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Der deutsche Frischei-Stempel 1928 (Landfrau 1928, Nr. 26, 5)

Doch nicht alle waren mit diesem langsamen Aufbau einer Qualitätsproduktion zufrieden. Jeder, der bürokratische Verfahren kennt, kann nachvollziehen, dass nach der Einigung auf das Warenzeichen weitere technische und organisatorische Aufgaben zu erledigen waren, so etwa das Recht der Stempelung oder die Art der zu verwendenden Stempel. Aus diesem Grund, sicher aber auch zur Stärkung der Reichsinteressen gegenüber den Ländern, intervenierte ab 1928 das Reichslandwirtschaftsministerium. Es lockte mit drei Millionen RM aus dem landwirtschaftlichen Notprogramm, die jedoch nur fließen sollten, wenn die bestehenden Richtlinien für die Eierproduktion und deren Kontrolle akzeptiert werden würden ([Helmuth] Kobligk, Getrennt marschieren – vereint schlagen!, Genossenschaftsblatt des Verbandes hannoverscher landwirtschaftlicher Genossenschaften 18, 1929, Nr. 18, (1)-(3); zur Mittelverwendung s. Otto Heine, Das „deutsche Frischei“, ebd., Nr. 16, (2)-(4)).

Angesichts der „Not der Landwirtschaft“ galt es größer zu denken, umfassender zu agieren. Die Finanzhilfen sollten die Grundausstattung der bestehenden, aber auch zahlreicher neu zu gründenden Absatzgenossenschaften sichern. Dies bedeutete Personalmittel, Transportmittel, Beleuchtungs- und Sortiermaschinen sowie Finanzhilfen. Zudem wurde am 12. Juli 1929 der Reichsausschuß für Geflügel- und Eierverwertung gegründet, der nicht nur die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Kreise koordinieren und miteinander in Einklang bringen sollte, sondern zugleich für die Marktbeobachtung sowie die reichsweite Werbung und Vermarktung zuständig war (Planmäßige Marktbeobachtung für Geflügel und Eier, Schaffung von Standard-Eiern, Die Volksernährung 4, 1929, 331-332, hier 331). Das entsprach dem Vorgehen in anderen Branchen, wurden damals doch jährlich 31 Millionen RM für zahlreiche Werbeausschüsse aufgewendet, die nun für „Mehr Milch“, „Mehr Obst“, „Deutschen Wein“, etc. warben. Dies war durchaus innovativ, der angewandte Marketingmix teils moderner als analoge Versuche der industriellen Markenartikelhersteller (Uwe Spiekermann, „Der Konsument muß erobert werden!“ Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt a.M. 2007, 123-147, hier 125-135). Ziel war, eine rasch wachsende Zahl von Anbietern in die Absatzgenossenschaften zu lenken, da die Werbung für das „Deutsche Frischei“ immer auch eine Nichtwerbung für die große Menge der sonstigen deutscher Eierproduktion war. Die neue Eiermarke würde zu einer Marktspreizung führen: Die Verbraucher würden die höhere Qualität mit höheren Preisen goutieren – und das bedeutete im Kern, dass sie bereit waren, „Deutsche Frischeier“ zu den Preisen der westlichen Importware zu kaufen. Parallel aber würden die Preise für die restlichen, nicht gekennzeichneten deutschen Eier tendenziell sinken. Entsprechend groß war der Anreiz, bedingt auch der Zwang, den neuen Genossenschaften beizutreten, die Eier gemäß den bestehenden Richtlinien abzuliefern und sie an keiner anderen Stelle abzusetzen: „Es ist Pflicht aller Geflügelhalter und -züchter, sich dieserhalb mit ihren Kammern oder dem Klub der deutschen Geflügelzüchter in Verbindung zu setzen, damit die Gewähr für ein einheitliches Vorgehen gegeben wird. Trotzdem kann außer dieser Bezeichnung […] ein privates zugesetzt werden, um zu zeigen, woher das Ei stammt. Dem Verbraucher wird das nur angenehm und für den Verbraucher eine gute Erziehung sein. Falsch ist es aber, sich in Erzeugerkreisen gegen die Einführung des deutschen Frischeies zu wehren und ein neues Zeichen einführen zu wollen. Solche Eigenbrötelei würde nur nachteilig für die deutsche Geflügelzucht- und -haltung sein“ (Deutsches Frischei, Landfrau 1929, Nr. 18, 7).

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Neue Ordnung der Erzeugungs- und Absatzräume der genossenschaftlichen Eierwirtschaft (Genossenschaftsblatt 1929, Nr. 13, 2)

Die neue Ordnung war reichsweit angelegt und kombinierte monetäre Anreize mit rigidem Zwang. Das Deutsche Reich wurde in 17 Erzeugergebiete untergliedert und die Genossen waren verpflichtet, ihre Eier ausschließlich der jeweiligen Zentralstelle zu liefern, die dann die Ware kontrollierte, sortierte, verkaufte und bezahlte. Die Gebiete waren bestimmten Absatzregionen zugeordnet, um die Belieferung der Konsumzentren sicherzustellen, um zugleich aber den Transport- und Vermarktungsaufwand gering zu halten. Das Reichslandwirtschaftsministerium zielte damit auch auf die Rationalisierung der bestehender Absatzketten, zumal die trotz Rechtsrahmen schwer zu kontrollierenden Wochenmärkte. Strukturen, bei denen der Hersteller entschied, an wen er seine Eier verkaufen wollte, wurden als „nicht zweckmäßig“ bewertet, ihr Marktwissen damit entwertet. Zugleich hoffte man mit der Förderung der Absatzgenossenschaften Einfluss auf den Groß- und Einzelhandel zu nehmen, um auch diese zu ordnen (Gerh[ard] Rudolph, Der Weg des Eies zum Verbraucher, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 153-156). Deutlich wird, wie von Experten implementierte Arrangements das Agrarische nach den Erfordernissen moderner Marktgesellschaften ordnen sollten und letztlich ordneten.

Kritik an diesen Maßnahmen ließ nicht auf sich warten. Sie kam einerseits von den schon etablierten Hühnerfarmen, die mit ihren Eiern überdurchschnittliche Preise erzielten, da sie marktgängige Waren in größeren Mengen liefern konnten. Sie kritisierten die einseitige Staatsintervention, brachten die Standardisierung von vornherein „in Mißkredit“ (L[u]dw[ig] Brand, Der Kampf um das deutsche Frischei, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1098-1099, hier 1099). Zugleich verwiesen sie auf den eher verhaltenen Erfolg der bereits bestehenden und mit dem Frischeistempel werbenden Genossenschaften. Diese hatten 1929 ca. 100 Millionen Eier verkauft – nicht viel angesichts eines Gesamtabsatzes von deutlich mehr als 8 Milliarden Stück. Die Folge war ein erstes Nachjustieren, das vor allem die Werbung betraf. Es wurde Anfang 1929 ein neues Markenzeichen, das sog. „Adlerei“, entwickelt. Dieses lehnte sich eng an die Werbung für andere einheimische Güter an, insbesondere der Ikonographie des Reichsmilchausschusses.

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Ein neues Markenzeichen: Banderole und Stempel des „Deutschen Frischeis“ ab 1929 (Landfrau 1930, Nr. 11, 5)

Die umfassenden Bemühungen der Standardisierung und des Ausbaues der genossenschaftlichen Absatzstruktur liefen derweil weiter. Der reichsweite Markteinstieg hatte noch nicht begonnen, er sollte erst am 1. April 1930 erfolgen. Dadurch blieb grundsätzlich Zeit, sich einer weiteren sehr grundsätzlichen Kritik an der „Frische“ der deutschen Standardware zu stellen.

Wie „frisch“ war das Frischei?

Frische ist ein inhaltsleerer Begriff, doch er markiert Anspruchshaltungen und Versprechen. Er steht für makellose, naturbelassene Güter, neu noch, nicht abgestanden und verdorben. Frische Lebensmittel sind sicher und ungefährlich, haben keinen typischen Geschmack, ihre Kühle ist unspezifisch, zielt auf Verfügbarkeit. Sie zeigen uns eine ideale Natur: Ebenmäßig und schön, ansprechend und ohne Schadstellen. Frische bedeutet Bewahrung, Sicherung von Nährwert und Bekömmlichkeit. Genauer bedacht, steht der Begriff nicht für Verzehrsfähigkeit und guten Geschmack, sondern für die noch mögliche optimale Nutzung: Wein und Weinbrand müssen reifen, Fleisch abgehangen sein, auch das Ei schmeckt vier Tage nach dem Legegeschäft am besten.

Frische ist daher von Kriterien abhängig, die je nach Lebensmittel anders sind. Der Begriff verweist auf Vergänglichkeit, setzt dagegen Techniken. Das mögen häusliche Verfahren der Konservierung und „Frischhaltung“ sein, doch auch der gewerbliche Einsatz von Konservierungsmitteln, von Hitze- und Kältetechnik, von Zwischenlagern und Verpackungen. Frische ist ohne Wissenschaft nicht denkbar, mag diese auch hintergründig wirken. Sie steht demnach für weit mehr als die Qualität eines Lebensmittels, seiner Entfernung von Entstehungsort und -zeit. Frische ist ein Mythos, dem sich Menschen zunehmend selbst unterordnen. Er kann helfen, Altern mit der Illusion von dauernder Jugend zu verbinden, Leistungsfähigkeit und stete Präsenz sicherzustellen und zugleich die zahllosen unabdingbaren Eingriffe in unsere Lebensmittel und zahlreiche andere Güter vergessen zu machen. Und doch, die Kriterien der Frische sind immer fraglich, immer Aushandlungssache.

Das galt auch für das „Deutsche Frischei“. Kritiker monierten harsch: „Man behauptete nach der berühmten Formel Ei ist Ei, die deutschen Eier brauchten nur einheitlich abgestempelt zu werden, um Qualitätsware zu sein! Man mutete also dem Verbraucher zu, zu glauben, daß die staatliche gestempelten Eier erste Qualität seien, obwohl die Methoden und Wege ihrer Sammlung aus Millionen kleiner Kanäle über Sammelstellen, Untergenossenschaften, Zentrale, Großverkaufsstelle zum Markt ihnen nicht einmal die Frische garantieren, die sie früher hatten, zu schweigen davon, daß man mit einem Stempel keine Qualität verbessert“ (Der Tanz auf den Eiern, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1028-1030, hier 1029). Diese Kritik war nicht unbegründet. „Frische“ wurde in keiner der Richtlinien präzise definiert. Immer wieder genannt wurden zwei miteinander verbundene, gleichwohl zu unterscheidende Kriterien, nämlich Alter und Aussehen: „Das Frischei muß an der ganzen Oberfläche die natürliche Fettschicht und den natürlichen Glanz vollkommen unverändert aufweisen. Bei der Durchsicht soll das Frischei eine kleine Luftblase zeigen, die nicht größer sein sollte als ein Groschenstück. Der Dotter des Frischeis darf in der Durchsicht nicht oder nur als ganz schwacher Schatten zu erkennen sei“ (Welche Forderungen stellt man an ein Frischei?, Das Kleine Blatt 1929, Nr. 214 v. 5. August, 5). Alle abgegebenen Eier wurden daher auf einem Durchleuchtungstisch kontrolliert. So konnten auch eventuell um den Dotter verbliebene Blutreste erkannt und, wie auch Knickeier, ausgesondert werden. Verantwortlich für die Frische und Güte der Eier war der Lieferant, dem bei Verstößen hohe Strafen drohten, eine ganze Reichsmark pro „minderwertiges“ Ei ([Alex] Schindler, Qualitätserzeugnisse in der deutschen Landwirtschaft, MDLG 44, 1929, 972-975, hier 974). Hier hallte gewiss die Warnung des Agrarökonomen und Vorreiters der landwirtschaftlichen Standardisierung Kurt Ritter (1894-1984) nach, der stetig an den immer prekären Genossenschaftsgeist appellierte: „Die deutschen Landwirte dürfen nicht, wie das bisher vielfach geschieht, die Genossenschaft als eine Einrichtung ansehen, die gut genug ist, ihnen ihren Kram und Schund abzunehmen, den der Händler nicht haben will!“ (Ritter, 1926, 26) Die Möchtegernfrischeier wurden auch deshalb bei der Ablieferung von Kontrolleuren grob gesichtet, um stark verschmutzte und beschädigte Ware auszuschließen. Nach der eigentlichen Kontrolle wurden sie dann nach Größe sortiert und in normierte Kisten verpackt. Bei der Zentralstelle schlossen sich stichprobenartige Kontrollen an.

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Veränderungen des Eies bei Alterung: Grundlage für die Durchleuchtung aller „Deutschen Frischeier“ (Die Landfrau 1929, Nr. 18, 7)

Kommen wir zum Alter als Kriterium für Frische: Alle Mechanismen dienten der Exekution der 7-Tage-Regel. Demnach durften Eier bei der Abgabe im Zeitraum Oktober bis Januar nicht älter als eine Woche sein. In der übrigen Zeit relativer „Eierschwemme“ sahen die Richtlinien gar eine zweimalige Ablieferung pro Woche vor. Die Genossenschaften wurden zudem mit kleinen Lastkraftwagen ausgestattet, um die Verweildauer der Eier in der Absatzkette möglichst zu minimieren. Optimistische Stimmen sprachen von Lieferfristen von nur wenigen Tagen: „Wenn die Sammelstellen richtig verteilt sind, wird man für die Zeit vom Erzeuger bis zu ihr nicht mehr als einen Tag rechnen brauchen. Veranschlagt man für die Zeit von der Sammelstelle bis zur Verkaufsstelle 2 Tage und bei dieser nochmals 1 Tag, dann kann das Ei bereits nach 4 Tagen in den Händen des Detailhandels sein“ (Deutschlands Eiereinfuhr und das „Deutsche Frischei“, Ernährungswirtschaft 3, 1929, 244-246, hier 246). Um das Alter der Eier abschätzen zu können, wurden die Eiern anfangs nicht nur gestempelt, sondern auch mit Kürzeln versehen, deren Nummern und Buchstaben den Legezeitraum benannten. Der Verbraucher konnte diese Angaben allerdings nicht deuten, das genaue Alter der Eier blieb Expertenwissen.

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Der Hahn als Exekutor der neuen Stempelfreude – Karikatur 1930 (Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 13)

„Deutsche Frischeier“ dürften demnach ein bis anderthalb Wochen nach dem Legen in die Läden gekommen sein. Sie galten als frisch, wenn sie nicht älter als drei Wochen waren. Diese Obergrenze entsprach Handelsbräuchen und einem Urteil des Landgerichtes Trier von 1912, durch das der Begriff „Frische Landeier“ genauer definiert worden war. Doch insbesondere die Kühltechnik stellte diese Zeitspannen infrage. Waren Eier noch frisch, wenn der Händler „Deutsche Frischeier“ gekauft und dann für drei bis sechs Monate in ein Kühlhaus eingelagert hatte? Sie waren es nicht; doch für dieses Verdikt bedurfte es eines längeren Gerichtsverfahrens, da chemische Prüfverfahren Kühlhauseier und frische Eier nicht voneinander unterscheiden konnten (A[ugust] Schrempf, Über den Rechtsschutz des Deutschen Frischeies, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1932, 10-12). Insgesamt blieben die Kontrollmechanismen im Handel unterentwickelt, so dass es durchaus möglich war, dass auch ältere Eier als „Deutsche Frischeier“ zu verkaufen.

Verpatzte Markteinführung und begrenzte Rationalitäten

Das „Deutsche Frischei“ wurde am 1. April 1930 nach vierjährigen Planungen und einer 1928 einsetzenden regionalen Vermarktung reichsweit eingeführt. Mitte März begann die Presseberichterstattung, die den Verbraucher in die Pflicht nahm: „Von ausschlaggebender Bedeutung für die erfolgreiche Durchführung der Bestrebungen ist neben der energischen Selbsthilfe der Landwirtschaft die treue und nachhaltige Mitwirkung der Verbraucherkreise, vor allem der städtischen Hausfrauen. Sie müssen sich in erster Linie darüber klar sein, daß nur ein wirklich frisches Ei ein vollwertiges Ei ist und daß Eier, die vom Auslande kommen und zum großen Teile wochen- und monatelang unterwegs sind, bevor sie in die Hand des Verbrauchers gelangen, trotz des scheinbar billigen Preises viel zu teuer bezahlt sind“ (Das deutsche Frischei, Badische Presse 1930, Nr. 164 v. 7. April, 5). Doch schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass die geschaffenen Strukturen nicht ausreichten, die Nachfrage zu decken: „Leider haben bei den großen Anforderungen, namentlich zum Osterfest, die deutschen Eierproduzenten bzw. Genossenschaften absolut versagt. Die ungenügend kaufmännisch geschulten Verkaufsorganisationen haben ihre Lieferverpflichtungen nicht gehalten, da sie an anderer Stelle geringe Preiserhöhungen wahrnehmen konnten. Dadurch ist das Vertrauen des Handels zur deutschen Landwirtschaft stark erschüttert worden“ (M. Weiler, Die Erfolge der Qualitätssteigerung der deutschen landwirtschaftlichen Erzeugnisse […], Ruhr und Rhein 11, 1930, Sdrh., 6-8, hier 8). Am Ende des Jahres 1930 zählte man 214 Millionen verkaufte „Deutsche Frischeier“, 1931 waren es 507 Millionen. 1932 sank der Absatz gar auf 439 Millionen Eier (Werner Kruse, Die deutsche Landwirtschaft und die Handelsklassengesetzgebung, Phil. Diss. Berlin 1934, 69). Das war eine beträchtliche Steigerung, die für beteiligte Eierproduzenten auch profitabel war, denn die Preise stiegen um ca. 1,5 Pfennig pro Ei, lagen damit auf der Höhe importierter Qualitätseier. Angesichts der weitaus ambitionierteren Zielsetzungen war das „Deutsche Frischei“ mit einem Marktanteil von etwa fünf Prozent jedoch ein Flop.

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Appell an das volkswirtschaftliche Gewissen der Nation: Werbung 1930 (Berliner Tageblatt 1930, Ausg. v. 17. April)

Stellen wir nun die deutsche Lieblingsfrage: Wer war daran schuld? Eine eindeutige Antwort ist schwierig, doch die begrenzten Rationalitäten der Akteure kommen so in den Blick. Die Werbung hatte gewiss ihren Anteil, trotz Aufwendungen, wie sie die Eierwirtschaft zuvor noch nie gesehen hatte. Bisher wurden Eier vor allem durch Groß- und Einzelhändler beworben, einzig der Club Deutscher Geflügelzüchter machte eine Ausnahme. Die Anzeigen des zuständigen Reichsausschußes für Geflügel- und Eierverwertung – hervorgegangen aus dem Reichsausschuß für Wirtschaftsgeflügel – präsentierten das gestempelte Adlerei 1930 als Maßnahme gegen den vermeintlich überbürdenden Eierimport des Auslandes. Zugleich forderten sie die Verbraucher zu aktiver Tat auf, wohl wissend, dass das „Deutsche Frischei“ in Köln, dem Ruhrgebiet, Hannover und Oldenburg gängige Handelsware war, nicht aber in Berlin, dem Süden oder Mitteldeutschland. Darüber konnten auch interessengeleitete Fehlinformationen nicht hinwegtäuschen, die allen Ernstes behaupteten: „Heute beherrscht in allen Eierhandlungen das ‚deutsche Frischei‘ nicht zuletzt dank der Nachfrage der Hausfrauen unbestritten das Feld“ (Cornelius Schmidt, Das deutsche Frischei erobert den Markt, Die Volksernährung 5, 1930, 274). Die Werbung orientierte sich einerseits an den Maßnahmen der zahlreichen anderen Werbeausschüsse für landwirtschaftliche Produkte, anderseits an den Vorarbeiten des Clubs Deutscher Geflügelzüchter. Anzeigenwerbung hatte daher nur einen eher geringen Anteil an den Werbemaßnahmen. Wichtiger waren appellative und informierende Plakate und Flugschriften. Gerade in Berlin hatten Hühnerfarmen diese spätestens seit 1927 in Milch- und Lebensmittelgeschäften schon eingesetzt: „Das Frischei ist das vollkommenste, wertvollste und dabei billigste Nahrungs- und Heilmittel!“ Auch Kleingartenbesitzern sollten schon seit längerem intensivere Geflügelzucht betreiben, um den Geldabfluss ins Ausland begrenzen zu helfen (Höhne, Kleinsiedler und „Die Ernährung“, Berliner Volks-Zeitung 1928, Ausg. v. 11. Mai). Insofern wandelte die Werbung für das „Deutsche Frischei“ auf bereits beschrittenen Bahnen – und war daher nicht differenzierungsstark.

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Informationsstand der Hannoverschen Frischei Genossenschaft während der DLG-Ausstellung in Hannover 1931 (Genossenschaftsblatt 20, 1931, Nr. 13, (2))

Das war anders bei den zahlreichen Formen direkter Werbung, wie sie zuvor vor allem der Reichsmilchausschuss genutzt hatte. Hervorzuheben ist die umfassende Präsenz auf land- und hauswirtschaftlichen Ausstellungen. Sie schuf Transparenz über das Kontrollverfahren und die Qualitätskriterien des neu bezeichneten Eies. Die Werbung zielte also keineswegs nur auf Verbraucher, sondern ebenfalls auf die große Zahl genossenschaftlich nicht organisierter Hühnerhalter. Das war ein strukturelles Problem: Die Werbung für eine nationale Dachmarke musste notgedrungen allgemein sein, doch dadurch wurde es schwieriger, zielgruppengenaue Ansprachen zu machen. Zugleich war die  Werbung für das „Deutsche Frischei“ nicht so einheitlich, wie dies Advokaten propagandistischer Massenansprache forderten; sie gingen, wie auch etwa die meisten politischen Parteien, von schwachen, leicht zu überzeugenden Konsumenten aus. Die unterschiedlichen landwirtschaftlichen Institutionen agierten durchaus eigenständig. Der Deutsche Landwirtschaftsrat schuf eigene Werbeplakate, ebenso einen für Kinos geeigneten Werbefilm. Regionale Landwirtschaftskammern steuerten weitere Werbematerialien bei, ebenso die Zentralen der Absatzgenossenschaften (Heine, 1929, (3)). Die Breite der Anstrenungen unterstreicht schließlich ein Reklameglasei der bei Spremberg gelegenen und für ihre Vorratsgläser und Messbecher bekannten Glashüttenwerke Poncet (Rosenbrock, 1929, 310).

Die Werbung für das „Deutsche Frischei“ blieb umstritten, nicht nur aufgrund der hinter den Erwartungen zurückbleibenden Absatzzahlen. Das lag aber nicht nur an dem strukturellen Defizit fehlender Preispolitik. Das Gemeinschaftsprodukt durfte nicht „billig“ sein, sollte eben höhere Preise erzielen. Es lag auch an grundsätzlicher Kritik, nach der Werbung „unproduktive Arbeit“ sei, ein zusätzlicher Kostenfaktor, der vor allem dazu diente, eine urbane Elite von Reklamefachleuten zu ernähren (Landwirtschaft und Reklame, HLFZ 83, 1930, 852, auch für da folgende Zitat). Sie setzten stattdessen auf einfache und sachliche Werbung, nicht sinnbetäubend, sondern im wohlverstandenen Sinne belehrend. Für diese Kritiker war „marktschreierische“ Werbung „undeutsch“. Diese im Mittelstand weitverbreitete Haltung verstand Wirtschaft noch als eine verpflichtende Handlung, gekennzeichnet durch wechselseitige Rücksichtnahme der unterschiedlichen wirtschaftlichen Akteure und einem von Pflicht geprägtem Konsumverhalten (Landwirtschaft und Deutsche Woche, HLFZ 84, 1931, 988-989, hier 989). Genauere Kenntnis des „Deutschen Frischeies“ hätte demnach klare Folgen: „Die Hausfrau ist ein Wirtschaftsdiktator im kleinen! Sie wird sicher ihre Pflicht in der einzig möglichen Weise zu handhaben wissen!“ (Steigende Nachfrage nach deutschen Qualitätserzeugnissen, Landfrau 1931, 93-94, hier 94)

In solchen Stellungnahmen spiegelt sich die strikt nationale Ausrichtung der Agrarwerbung, die angesichts der massiven Preis- und auch Konsumrückgänge während der Weltwirtschaftskrise nochmals intensiviert wurde. Seit 1928 wurden von der grünen Lobby „Deutsche Wochen“ gefordert, seit 1930 dann durchgeführt (K. Schumann, Die „Deutsche Woche“. Ein Weg für die landwirtschaftliche Gemeinschaftswerbung, MDLG 45, 1930, 1047-1048). Eine möglichst umfassende Autarkie wurden öffentlich intensiv diskutiert. Sie bildete die Quintessenz der neomerkantilistischen Wendung gegen die Eierimporte. Der 1930 gegründete Volkswirtschaftliche Aufklärungsdienst flankierte diese Maßnahmen mit Ausstellungen und reich bebilderten Broschüren. Die Werbung für das „Deutsche Frischei“ gliederte sich hierin ein: „Ein Volk mit 5 Millionen Arbeitslosen kann es sich nicht leisten, alljährlich Hunderte von Millionen für fremde Eier ins Ausland fließen zu lassen. Tätige Mithilfe eines jeden wird dem deutschen Eierfeldzug zum endlichen Siege verhelfen können“ (Das deutsche Ei marschiert!, Landfrau 1931, Nr. 14, 63-64, hier 63). Imagination eines einheitlichen Volkes ging einher mit imaginierten Verpflichtungen in einer Konsumgesellschaft.

16_HLFZ_85_1931_p1096_Landfrau_1931_p176_Deutsche-Wochen_Kennzeichnung_Nationale_Werbung

Nationalisierung der Werbung: Aktive Kennzeichnung deutscher Waren 1931 (l.) und Werbeplakat für Deutschen Wochen 1931 (HLFZ 85, 1931, 1096; Landfrau 1931, 176)

Nationales Wollen ersetzt jedoch keine Wirtschaftskompetenz. Das Fazit war 1931 eindeutig: „Allgemeine Propaganda für das deutsche Erzeugnis hat sich als völlig wirkungslos erwiesen“ (Mann, Erst Qualität, dann Propaganda!, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 49-50, hier 50). Die nach der NS-Machtzulassung nach Großbritannien emigrierte Agrarökonomin Hedwig Auspitz resümierte pointiert die Marktdaten des 1929 gegründeten Berliner Instituts für Marktforschung: “Die Propaganda für das ‚Deutsche Frischei‘ hat gezeigt, wie Propaganda nicht gemacht werden soll und welche Voraussetzungen für zweckmäßige, erfolgreiche Propaganda gegeben sein müssen – das in Qualität und Preis einwandfreie Produkt – Schwindel in der Reklame ist das Dümmste, was gemacht werden kann; besser ist es, gar keine Reklame zu machen, als schlechte Reklame. […] Durch die Reklame für ein nicht einwandfreies Produkt wird höchstens erreicht, daß die Verbraucher auf den Unwert des Produktes hingewiesen werden“ (Das Durcheinander im Nationalwirtschaftlichen Aufklärungsdienst, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 19-21, hier 20). Werbung konnte nicht die strukturellen Organisationsdefizite einer nationalen Dachmarke überdecken, die dem Werbeversprechen umfassender Verfügbarkeit nicht gerecht wurde. All dies führte zu einer neuerlichen Reorganisation der Werbung für das „Deutsche Frischei“, die ab 1932 von der neu gegründeten Berliner Eierstelle des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen – e.V. koordiniert wurde.

Auch ein zweiter, an sich moderner Aspekt der Eierwerbung hatte keine größeren Effekte: Die Anpreisung des „Deutschen Frischeies“ als gesund. Es galt als „vollwertiges Nahrungsmittel“, leicht verdaulich, klein, aber voller Energie, zudem reich an Vitamin A und an B-Vitaminen. „Das Vollfrischei jedoch besitzt außerdem noch wertvolle Stoffe wie: Lecithin und Cholesterin, wovon Wissenschaftler behaupten wollen, daß ohne dasselbe ein Fortleben in der Jugend nicht denkbar sei, nachdem diese Substanzen in den Gewebezellen, Nerven im Gehirn und im Samen enthalten sein soll“ (J. Rusch, Vom Wert des Frisch-Eies und seine Bedeutung als Volksnahrungsmittel, Bludenzer Anzeiger 1930, Nr. 20 v. 17. Mai, 3). Weitere Inhaltsstoffe wurde ausgelobt, etwa die Aminosäuren. Dazu kamen küchentechnische Vorteile: „Ohne das Ei ist die Ernährung kaum noch vorstellbar“ (Ei, 1931, 63). Das Ei, das frische, deutsche, es wurde gepriesen als „Vorbeugungsmittel“ gegen Arterienverkalkung, Harnvergiftung, Nierenkrankheiten und vieles mehr ([Josef Schießler], Der Wert vom Frischei und dem Trinkei!, Bludenzer Anzeiger 1932, Nr. 7 v. 13. Februar, 1-2, hier 2). Kurzum, die Ware „Deutsches Frischei“ wurde mit den üblichen verkürzenden Stoffprofilen beworben, wie bis heute die meisten Lebensmittel, wurde mit Attributen geschmückt, die selbst einen Pfingstochsen hätten neidisch machen können. Und doch, angesichts der während der späten 1920er Jahre massiv anwachsenden Gesundheitswerbung zerstoben spezielle Vorteile, war „Gesundheit“ doch kein eindeutiger Kaufgrund. Das galt zumal in einer Zeit, in der die Mehrzahl der Bevölkerung den Gürtel enger schnallen musste.

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Frische und Qualität als Werbeargumente 1931 (Vossische Zeitung 1931, Nr. 150 v. 29. März, 28)

Blicken wir nun auf einem weiteren potenziellen Schuldigem, den Verbraucher. Er war Fluchtpunkt vieler Wünsche, zumal nationaler: „Du aber, deutsche Frau und deutscher Mann, bedenke nicht nur, daß du ein Deutscher bist, sondern kaufe auch deutsch!“ (E. Rud[olf] Jungclaus, Schutzzoll oder Freihandel. – Deutsche, kauft deutsche Waren!, HLFZ 84, 1931, 1095-1096, hier 1096) Er galt als notorisch uninformiert über die Schäden der Eierimporte, jedoch als grundsätzlich gutwillig, wenn die Werbung ihn nur lenke (Elli Heese, Landfrau, Absatznot und Marktwerbung, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 200-202, hier 202). Diese „Fachleute“ hätten in der Fachliteratur genauer nachlesen sollen: „Die Einstellung der Landwirtschaft auf den Absatz setzt zunächst eine intime Kenntnis der Wünsche des Marktes voraus; eingehende Marktbeobachtung ist also unerläßlich. Nur wenn man die Forderungen der Käufer genau kennt, kann man sie erfüllen“ (Kurt Ritter, Rationalisierung in der Landwirtschaft, in: Ludwig Elster und Adolf Weber (Hg.), Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. gänzl. umgearb. Aufl., Erg.-Bd., Jena 1929, 765-795, hier 771). Preis, Geschmack und Frische, von dieser Trias abstrahierten die Frischeierpropagandisten, und mangels vorheriger Analyse hätten sie über den Flop nicht überrascht sein dürfen. Die Massenpresse brachte das Problem auf den Punkt: „Denn der übergrosse Teil der Konsumenten ist gezwungen, mit dem Pfennig zu rechnen, so dass er sich nicht den Luxus leisten kann, immer deutsche Waren zu kaufen! […] Was nützt das schönste Adlerei, wenn es der arme Schlucker sich nicht kaufen kann! Und dann: die ‚nationalen Belange‘, mit denen die berühmtem Plakate ‚Deutsche, trinkt deutschen Wein, esst deutsche Aepfel!‘ usw. stets drapiert werden, entpuppen sich bei genauen Untersuchungen immer wieder als geldliche Interessenten-‚Belange‘!“ (Das Adler-Ei!, Berliner Volks-Zeitung 1930, Ausg. v. 7. März)

Der Verbraucher handelte erwartbar, „rational“. Er schaute auf den Preis und die Qualität der Eier. Gerade während der Anlaufphase war die Zahl fauler Eier nicht zurückgegangen (Rationalisierte Eier, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 626-627, hier 626), konnte die namensgebende „Frische“ nicht durchweg gewährleistet werden. Auch später gab es immer wieder Beanstandungen (kritisch hierzu Breitfeld, Unfug mit dem deutschen Frischei, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 106-107). Die „Deutschen Frischeier“ standen für den Konsumenten zudem in einer längeren Reihe gestempelter Frischeier, teils der Hühnerfarmen, teils regionaler Produzenten, teils der Auslandsanbieter. Schwerwiegender aber war, dass er die neuartigen Eier vielfach schlicht nicht kaufen konnte (Thoering, Die Eier-Verordnung, MDLG 47, 1932, 323-324, hier 323). Es gelang den Genossenschaften nicht, genügend Ware anzubieten, so dass die Konsumenten vielfach nicht zwischen verschiedenen Angeboten wählen konnten.

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Kontrollzeichen niederländischer Exporteier (Lichter und Kobligk, 1929, 653)

Auch der Handel, insbesondere der Großhandel, zeigte sich gegenüber dem „Deutschen Frischei“ eher reserviert (Rudolph, 1932, 152): „Soweit er es überhaupt erhielt, hatte er allzu häufig Ursache zu Beanstandungen; er fand jedenfalls nicht das, was er dank der vielversprechenden Propaganda billigerweise erwarten mußte“ (Tanz, 1930, 1029). Doch es ging hier um Grundsätzlicheres: Auch wenn die Absatzgenossenschaften immer wieder ihr Interesse an fairen Beziehungen hervorhoben, konnten die Kostenreduktionen ohne Verdrängung von Händlern nicht realisiert werden. Schon das Kontrollsystem übernahm wichtige Funktionen, die damals vom Handel übernommen wurden. Diese Konkurrenz wurde durch zahlreiche Vorwürfe seitens der Landwirtschaft unterstrichen. Der Handel wurde immer angeklagt, keine Rücksicht auf die unter großen Schwierigkeiten produzierenden deutschen Bauern zu nehmen und sich für wenige Pfennige Differenz mit ausländischen Anbietern einzulassen, die ihm sicheren Gewinn für einfache Vermittlungstätigkeiten versprechen konnten (Das deutsche Frischei marschiert, Landfrau 1931, 149-150, hier 149). Auch der Handel rechnete jedoch mit Preisen und Preisdifferenzen, handelte ökonomisch „rational“, nicht national.

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Trittbrettfahrer: Werbung für einen elektrischen Eierkocher anlässlich der Einführung der „Deutschen Frischeis“ (Badische Presse 1930, Nr. 162 v. 5. April, 11)

Der Widerstreit der verschiedenen Akteure blieb nicht verborgen: „Der Kampf um das deutsche Frischei tobt in aller Heftigkeit weiter“ (Rusch, 1930, 3) – und die Eierabsatzgenossenschaften und die sie unterstützenden landwirtschaftlichen Organisationen hatten daran regen Anteil. Sie nahmen die theoretische Herausforderung dieser Zeit ernst: „Der deutsche Landwirt produziert in erster Linie für den Markt. Deshalb muß er sich dem Markt willig fügen, sich ihm anpassen und nicht seine ganzen Hoffnungen auf den Staat setzen oder darauf, daß der Markt sich ihm anpaßt“ (Ritter, 1926, 35). Es ging dabei erst einmal um ein Ringen um die Sache, also die Ausgestaltung der Produktion und der Kontrollsysteme. Die Marktbeobachtung kam anfangs nicht voran, da die elementare und an sich einfache Größensortierung nicht überall gleich erfolgte (Heine, 1929, (3)). Wichtiger aber war die Konkurrenz der Genossenschaften untereinander. Gerade bei der Belieferung der Konsumzentren, zumal Berlins, standen die Zentralgenossenschaften im direkten Wettbewerb. Ihr Marktanteil war zu gering, um die gewünschten Preise durchzusetzen und den privaten Eierhandel zu verdrängen. Zugleich war die Kostenbelastung hoch, waren die Strukturen eines reichsweiten Absatzsystems ja geschaffen worden (Rüße, 1996, 147). Das Reichslandwirtschaftsministerium richtete deshalb zusätzliche Ausgleichstellen ein, außerdem bemühte man sich um Einigungen innerhalb der sechs den siebzehn Erzeugergebieten übergeordneten Hauptabsatzgebiete.

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Werbung für neue Organisationsformen des Eierabsatzes 1930 (Genossenschaftsblatt 19, 1930, Nr. 13, 4)

Derartige interne Querelen waren ein Grund für die zu geringe Bindungskraft der Absatzgenossenschaften. Zeitgenossen unkten, bisher war „der Erfolg der gesamten Unternehmung sehr begrenzt […]. Der Grund hierfür ist letzten Endes in der Preisgestaltung zu suchen“ (Thoering, 1932, 324). Es gelang den Eierverkaufsgenossenschaften nur unzureichend, Hühnerfarmen als Mitglieder zu gewinnen. Auch die große Mehrheit der kleinen und auch mittleren Bauernwirtschaften blieb den Genossenschaften fern. Für kleine Nebenerwerbswirtschaften schien der Aufwand zu groß, während die leistungsfähigeren Spezialanbieter deutlich sinkende Einkommen befürchteten. Insgesamt erhöhten die Absatzsatzgenossenschaften die Anforderungen an die Geflügelwirtschaft, die nun dem Druck ausgesetzt war, die Hühnerzucht und die Fütterung zu verbessern (Die deutsche Geflügelzucht, Vorwärts 1931, Nr. 25 v. 16. Januar, 9). Kritiker monierten, dass dieses am Anfang hätte stehen müssen, nicht nach der Implementierung des „Deutschen Frischeis“. Auch die Werbung habe zu früh eingesetzt, habe dadurch die Konsumenten verwirrt. Die landwirtschaftlichen Organisationen hätten mindestens 20-25 Prozent der Inlandsproduktion genossenschaftlich organisieren, sich zuvor den monetären Lockungen des Reichslandwirtschaftsministeriums verweigern müssen (Kruse, 1934, 32-33). Erst Standardisierung, Qualitätsverbesserung, ein Ende des „Sortenwirrwarrs“ – und anschließend der Absatz unter einer nationalen Marke; das sei die Lehre aus der verfrühten Einführung des „Deutschen Frischeies“.

Aus dieser Sicht war der Schuldige vor allem „der Staat“, also das Reichslandwirtschaftsministerium. Dieses hatte die Federführung der Eierstandardisierung vom Deutschen Landwirtschaftsrat übernommen, sie dann mit einer umfassenden Neuorganisation des Eiermarktes verbunden und massiv auf eine schnelle Markteinführung des „Deutschen Frischeies“ gedrängt. Angesichts wachsender Einkommenseinbußen und einer nicht nur im Osten rasch zunehmenden Verschuldung der Landwirtschaft gab es jedoch gute Gründe, die Einführung zu wagen. Zu beachten ist auch die politische Konstellation. Seit 1928 leitete der liberale DDP-Politiker Hermann Dietrich (1879-1954) das Ministerium. Selbsthilfe ersetzte tendenziell Staatshilfe, die zahlreichen Absatzgenossenschaften waren die Konsequenz. 1930, mit dem nahenden Ende der großen Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller (1876-1931), endete dieses Intermezzo. Ein Tag vor der Markteinführung des „Deutschen Frischeies“ begann mit der Kanzlerschaft des Zentrums-Politikers Heinrich Brüning (1885-1970) die kurze Periode der Präsidialkabinette. Landwirtschaftsminister wurde nun, wie schon 1927 bis 1928, der deutschnationale Agrarier und Präsident des Reichslandbundes Martin Schiele (1870-1939). Dies bedeutete verstärkte Staatsintervention, Preisstützungen, mehr Zollschutz und eine Reorganisation der Eierwirtschaft auf deutlich breiterer Grundlage. Devisenbewirtschaftung, massive Kaufkraftverluste und ein Preisverfall von einem Drittel bewirkten derweil eine Umkehr des Aufwärtstrends bei den Eierimporten. Die Zahl der importierten Eier sank von 3,13 Milliarden Stück 1928, über 2,99 und 2,89 auf 2,49 Milliarden Eier 1931. Der Inlandanteil am Verbrauch stieg parallel von 60 Prozent (1928) über 63 und 66 auf 68 Prozent 1931 (A[lex] Walter und [Gerhard] Lichter, Die deutsche Eierstandardisierung, Berlin 1932, 15).

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Smileys für die Neuordnung: Rechts Verkaufskisten mit „Deutschen Frischeiern“ (Der junge Landwirt 5, 1932, 40)

Das Reichslandwirtschaftsministeriums begrüßte diese Trendwende, sah sich aufgrund des drohenden Verfalls der Investitionen in die Eierwirtschaft und dem möglichen Bedeutungsverlust der genossenschaftlichen Organisation jedoch zu weiteren aktiven Maßnahmen gezwungen. Die Marktimplementierung des „Deutschen Frischeies“ galt nun lediglich als „Vorarbeit“ (Binnenhandelspolitische Maßnahmen, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 49, 1931, 170-186, hier 185) für eine umfassende Neuregelung. Dazu zielte „der Staat“ – also eine kleine Gruppe landwirtschaftlicher Interessenvertreter, Ministerialbeamter und Agrarwissenschaftler – auf eine möglichst umfassende Kennzeichnung der Eier. Aus einer Markenbewegung für eine hohe gesicherte Standardqualität wurde nun eine Standardisierung tendenziell aller im Deutschen Reich verkauften Eier, auch der Auslandseier. Kritik an einem drohenden „Eier-Diktator“ (Eier, 1931, 627) wurde zwar laut, hatte aber politisch keine Chance mehr.

Detailliertere Kennzeichnungsvorschriften des Reichsausschußes für Geflügel- und Eierverwertung machten 1930 den Anfang. Eine weitere Größenklasse wurde eingeführt, diese farbig voneinander geschieden: Größe S (über 65 g) erhielt einen schwarzen Adlerstempel, A (60-65 g) einen roten, B (55-59,9 g) prangte blau und C (50-54,9 g) abermals schwarz. Pflichtschuldig hieß es in der Fachpressen: „Wir wollen hoffen, daß es gelingen wird, sowohl die Auslandsware als auch die Kühleier in einer Weise zu stempeln, daß es nicht mehr möglich sein kann, daß Manipulationen vorkommen, denen der reelle Handel vollkommen fernsteht, durch die das Publikum aber getäuscht wird, was wiederum zur Folge hat, daß durch gemachte schlechte Erfahrungen der Eierverbrauch zurückgeht“ (Wagner, 1930, 854). Die Absatzsteigerung auf 507 Millionen „Deutsche Frischeier“ 1931 wurde auch auf diese Maßnahme zurückgeführt (Kruse, 1934, 70). Sie war jedoch zugleich Folge strikt eingesetzter Agrarsubventionen. Ab dem 1. August 1930 wurde Futtermais verbilligt abgegeben, um die Auswirkungen der erhöhten Getreidezölle abzufedern. Eierproduzenten erhielten verbilligten Mais jedoch nur, wenn sie ihre Ware über Genossenschaften absetzten (Walter und Lichter, 1932, 11). Diese Maßnahme richtete sich vor allem gegen die Hühnerfarmen. Der Erfolg war gering, obwohl die Kostensenkung bis zu zwei Pfennig pro Ei betrug.

Ein Mitte des Jahres an die Interessenverbände versandter Entwurf einer Kennzeichnungsverordnung für Eier sah eine weitere Stärkung vor. Jede Qualitätskennzeichnung abseits des „Deutschen Frischeies“ sollte verboten werden (Das „politische Ei“, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 255-257, hier 256). Dies sollte, so die offiziöse Version, den Markt für den Verbraucher ordnen. Faktisch aber wollte man die etablierten Qualitätsmarken der Hühnerfarmen und Auslandseier verbannen. Der Antrag wurde Ende des Jahres wieder zurückgezogen, als ein Maßnahmenpaket zur „Verbesserung der Marktverhältnisse für deutsche landwirtschaftliche Erzeugnisse“ ohne parlamentarische Beratung als Teil der am 1. Dezember 1930 erlassenen „Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen“ Gesetzeskraft erhielt. Durch dieses „Handelsklassengesetz“ erhielt das Reichsministerium umfangreiche Rechte, um die rückwärtigen Sektoren der Versorgungsketten neu zu gestalten. Während zwei Jahre zuvor der Absatz im Mittelpunkt stand, konzentrierte man sich nun wieder auf die Ordnung der Produktion. Sie erfolgte im 1932.

Umfassende Kennzeichnung: Die Eierverordnung vom 17. März 1932

Die Eierverordnung vom 17. März 1932 bedeutete ein Ende des gestempelten „Deutschen Frischeies“. Der einmal etablierte Begriff blieb bestehen, rechtlich verbindliche Qualitätskriterien gab es jedoch nicht mehr. Die Verordnung setzte an deren Stelle neue Handelsklassen, die weiterhin von Kontrollstellen an den Landwirtschaftskammern überprüft wurden (Reichsgesetzblatt 1932, T. 1, Berlin 1932, 146-152). Da Sie als aufgeklärter Eieresser ja wissen, was sich hinter den 2008 erlassenen Kategorien der EU-Vermarktungsnormen für Eier verbirgt – vier verschiedene Haltungsformen (0-3), vier Größenklassen (XL. L, M und S), zwei Güteklassen (A und B) sowie Codes für die Herkunftsländer resp. die deutschen Bundesländer, schließlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum, aus dem Sie indirekt das Alter der Eier ermitteln können – werden Sie sich in das achtundachtzig Jahre alte System leicht einfinden können; es ist recht ähnlich.

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Neue Kennzeichnungen der Eier (Landfrau 1932, Nr. 25, 1)

Handelsklasseneier waren in fünf Gewichtsgruppen unterteilt, um so große (A), mittelgroße (B), gewöhnliche (C) und kleine (D) Eier von der wuchtigen Sonderklasse (S) unterscheiden zu können. Zwei Gütegruppen orientierten sich am Alter der Eier, schieden vollfrische (G1) von frischen (G2) Eiern. Für den Kampf um die Marktstellung des deutschen Eies zentral war eine zusätzliche Kennzeichnung der Herkunftsländer. Damit wurden Auslandseier als solche kenntlich. Doch damit nicht genug. Um vollfrische/frische Eier hervorzuheben, mussten Kühlhauseier (K) und konservierte Eier (Konserviert) ebenfalls gekennzeichnet werden. Farbliche Akzente blieben bestehen, denn die Stempel sollten von September bis Mitte März rot, den Rest des Jahres schwarz sein.

Das war Markttransparenz, doch diese Kennzeichnung betraf vornehmlich die urbanen Konsumzentren. Die Mehrzahl der deutschen Eier, der Vorwärts sprach von 3,5 der über 6 Milliarden Inlandseier, wurde von der Landbevölkerung verbraucht, und auch ein Großteil der in Klein- und Mittelstädten verkauften Eier war wohl nicht gekennzeichnet (Der Wettkampf der Hühnereier, Vorwärts 1932, Nr. 237 v. 22. Mai, 4). Zugleich monierte man die unverständlichen „Hieroglyphen“ auf den Eiern (Hühnerstall und Eierladen, Vorwärts 1932, Nr. 214 v. 8. Mai, 5). Doch lehnen wir uns etwas zurück, um den Sinn dieser Maßnahmen zu verstehen. Es ging darum, die „unübersichtliche Verwirrung im deutschen Eierhandel“ (Rudolph, 1932, 155) zu beenden, also um Marktbereinigung. Denn mit den Handelsklasseneiern verschwand nicht nur das „Deutsche Frischei“, sondern auch die vielen anderen Kennzeichnungen in- und ausländischer Anbieter. Landläufige Bezeichnungen, wie Landei oder Frühstücksei, waren ebenfalls verboten. Die Verordnung ermöglichte dem Konsumenten daher eine einfache Unterscheidung nach nationaler Herkunft und, sofern dies nicht Teil der Alltagskompetenz war, nach Größe. Die Frische der Eier wurde an sich transparenter gemacht, zumal durch die Kennzeichnung der Kühlhaus- und der konservierten, also mit chemischen Mitteln behandelten Eier. Zugleich aber wurde der Begriff der „Frische“ neu definiert – und damit zugleich auf das Alter, genauer auf die Größe der im Ei befindlichen Luftblase reduziert. War sie nicht über 5 Millimeter hoch, so handelte es sich um vollfrische Eier, während frische Eier eine doppelt so hohe haben durften. Frische Eier wären also zuvor nicht unter die Kriterien des „Deutschen Frischeies“ gefallen.

Die Eierverordnung beendete zwar das Marktpräsenz des „Deutsche Frischei“, sie zielte jedoch weiterhin auf die Stärkung der genossenschaftlichen Absatzorganisation. Wie zuvor setzte sie auf deren kontinuierliches Wachstum („Bereinigung des Eiermarktes.“, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 21-22, hier 21). Wer Eier vermarkten wollte, konnte dies abseits lokaler, bestenfalls regionaler Märkte nur unter den Kategorien des Handelsklasseneies, nur in diesem Rahmen erhielt er verbilligten Mais (kritisch hierzu Die Polizei im Eierladen, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 164). Die Verordnung bot verlässliche Rahmenbedingungen und angesichts der dann wenig später erlassenen Festpreise waren Sonderwege, etwa der Hühnerfarmen, wenig sinnvoll. Der abnehmende Druck ausländischer Eierimporte erschien als Zeitgewinn, der erlaubte, die zuerst auf die Produktion zielende Standardisierung vollenden zu wollen. Erst anschließend konnte dann, wie auch immer, der Absatzmarkt neu geordnet werden. Von einer intimen Kenntnis der Verbraucherwünsche war daher nicht mehr die Rede, auch wenn die Handelsklassen die Markttransparenz deutlich verbesserten. Der Begriff der „Frische“ wurde durch die Neuregelungen nochmals inhaltsleerer, entfernte sich jedenfalls weiter von den schon im Kaiserreich illusionären Vorstellungen nestwarmer Eier. Alte Eier waren nun „frisch“, frische Eier dagegen „vollfrisch“. Auch das deutsche Frischei wurde weiterhin beworben, damit allerdings kein Markenprodukt mehr verbunden (vgl. Badische Presse 1933, Nr. 126 v. 15. März, 6).

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Das neue, vor allem deutsche Frischei (Der Bazar 79, 1933, Nr. 13, 21)

Während der NS-Zeit blieb die Eierverordnung, von wenigen kleineren Änderungen abgesehen, bestehen. Der Reichsnährstand schuf Zwangsorganisationen der Eierwirtschaft. Die Rahmenbedingungen änderten sich in Richtung der seit 1930 beschrittenen Wege. Der Import wurde erschwert – und anderes als etwa bei Kaffee oder Südfrüchten gelang eine Konsumlenkung auf deutsche Eier und eine Rückführung des Eierkonsums auf den Vorkriegsstand. Während 1932 noch 161 Eier pro „Vollperson“ verzehrt wurden, verringerte sich dieser Wert 1934 auf 139 und lag 1938 mit 144 Stück nicht wesentlich höher (Wilhelm Ziegelmayer, Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung, 4. verb. u. erw. Aufl., Dresden/Leipzig 1941, 42).

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Wie in der „guten alten“ Zeit: Frischeier für die Haushaltskonservierung (Badischer Beobachter 1934, Nr. 111 v, 25. April, 10)

Die Saisonalität des Eieraufkommens blieb in den 1930er Jahren grundsätzlich bestehen, da der Ausbau der Kühlhäuser aufgrund wachsender Investitionen in die Grundstoff- und Rüstungsindustrie nicht wie geplant vorankam. Die im Rahmen des Reichsnährstandes neu eingerichtete Reichsstelle für Eier lagerte zwar im Frühjahr Eier ein, doch die saisonalen Preisschwankungen und Versorgungsengpässe konnten damit bestenfalls gemildert werden (Billigere Kühlhauseier, Badischer Beobachter 1934, Nr. 336 v. 9. Dezember, 7). Die reduzierten Importe sollten durch die deutsche Hausfrau abgefedert werden: „Gibt es keine Frischeier, dann werden Kühlhauseier verwendet“. Bestehende Feindbilder wurden dazu genutzt, die Verknappung der Eier nicht der Organisation der Eierwirtschaft oder dem ordinären Huhn zuzurechnen, sondern „jüdische[n] Spekulanten“. Wer dagegen aufbegehrte – und derer gab es viele – der machte sich zum „Feind der Nation. Als solcher aber wird er […] gebrandmarkt und rücksichtslos unschädlich gemacht“ (Preissenkung und Einkaufsdisziplin, Der Führer 1935, Nr. 251 v. 12. September, 9). Parallel wurde die Werbung für häusliche Konservierungsmittel, für Garantol, aber auch für Eifrischhalter wie Imo und Eifri, deutlich intensiviert.

Das „Deutsche Frischei“ war eine folgenreiche Episode. Obwohl ein Flop, setzte sie Dynamiken in Gang, die zu einer steten Rationalisierung der Eierwirtschaft, zu einer zuvor unbekannten Standardisierung und zum Vordringen von Expertenwissen und Kontrollverfahren führten. Dies war die Konsequenz einer sich schon im späten 19. Jahrhundert etablierenden Konsumgesellschaft, die das Agrarische letztlich nach ihren Werten umstellte. Die Bauern folgten langsam, aber doch stetig, da sich ihre Arbeit rechnen musste. Der lange Schatten der Diskussionen über das „Deutsche Frischei“ reicht bis in die Gegenwart. Dies nicht nur, weil wesentliche Elemente dessen, was Verbraucher heute über Eier wissen (und wissen wollen) spätestens mit der Eierverordnung von 1932 – und ähnlichen Regelungen im europäischen Ausland – festgezurrt wurden. Wichtiger noch: Frische etablierte sich als gängige Anspruchshaltung, mochte sie auch meist inhaltsleer sein. Die Geschichte des „Deutsche Frischeies“ erlaubt daher auch einen Blick hinter die Mythen, die wir so gerne pflegen, wenn wir uns ein „frisches“ Ei heute schmecken lassen.

Uwe Spiekermann, 29. Februar 2020

Die begrenzte Rationalisierung der Produktions- und Absatzketten im späten Kaiserreich: Das Beispiel Obst und Gemüse

Anders als Fleisch oder Milch, Brot und Getreide standen Obst und Gemüse vor dem Ersten Weltkrieg nicht im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Sie erschienen als schwache Lebensmittel, mit nur wenig Eiweiß und wenigen Kalorien; Vitamine waren noch nicht bekannt. Obwohl Teil der täglichen Kost, rangierten sie deutlich hinter den Kernelementen bürgerlicher und auch unterbürgerlicher Kost, nämlich Fleisch, Brot und Kartoffeln. Ihre Alltagsbedeutung war weit gefächert. Obst und Gemüse waren erstens saisonale Lebensmittel, deren Konsumspitzen sich an die Erntezeiten anschlossen. Zweitens boten sie Beikost zur Variation der relativ gleichförmigen, vorrangig auf Getreide, Getreideprodukten und später auch Kartoffeln basierenden Mahlzeiten. Obst und Gemüse waren drittens soziale Marker [1] und dienten viertens als Gesundheitskost [2]. Trotz eingeschränkter saisonaler Verfügbarkeit und hoher Preise war die gesellschaftliche Bewertung beider Lebensmittelgruppen durchaus positiv, boten sie doch schmackhafte und auch süße Ergänzungen im Alltag.

Angesichts ihres relativ geringen Nährwertes ist ihr Bedeutungsgewinn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemerkenswert. Der Gemüsekonsum stieg bis zum Ersten Weltkrieg relativ konstant an [3]. Zwischen 1850 und 1913 verdreifachte sich der Anbau, während der jährliche Pro-Kopf-Konsum von 37 kg auf über 60 kg wuchs. Das Angebot war regional geprägt, generell dominierten im Deutschen Reich verschiedene Kohl- und Wurzelgemüse, Mohrrüben, Zwiebeln und Gurken. [4] Der Obstkonsum lag deutlich niedriger, doch verdoppelte er sich zwischen 1850 und 1913. Äpfel, Pflaumen, Birnen und Kirschen bestimmten das Angebot. Südfrüchte besaßen dagegen nur eine geringe absolute Bedeutung, auch wenn Natureis und Kühlmaschinen den Eisenbahn- und Schiffstransport insbesondere seit den 1890er Jahren wesentlich vereinfachten. Zitrusfrüchte, Ananas, Bananen, sowie getrocknete Feigen und Korinthen waren relativ teuer, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg allgemein verbreitet [5].

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Verkauf von Messina-Apfelsinen in Berlin 1907 [6]

Die veränderten Konsummuster lassen sich auf drei vornehmlich angebotsbezogene Faktoren zurückführen, die ihrerseits wiederum auf Nachfrageimpulsen gründeten. Erstens ist die verbesserte Transportinfrastruktur zu nennen, ohne die neue leistungsfähige Versorgungsinstitutionen, etwa die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, neue Großhandelsformen und insbesondere ein sich dynamisch entwickelnder Facheinzelhandel nicht denkbar gewesen wären. Zweitens setzte schon früh eine Rationalisierung und Intensivierung des Gartenbaus ein. Es waren vor allem kleine und mittlere Produzenten, vorrangig Pomologen, die lokale und regionale, meist genossenschaftlich organisierte Netzwerke einrichteten, um die Qualität, insbesondere aber den Ertrag des angebauten Obstes und Gemüses zu erhöhen.

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Professionalisierung der landwirtschaftlichen Forschung: Landwirtschaft­li­che Experimentalstationen für Gartenbau in Deutschland im 19. Jahr­hundert [7]

Die dort, aber auch an Universitäten und in landwirtschaftlichen Betrieben arbeitenden Experten etablierten ein chemisch-physiologisches und stoffbasiertes Verständnis von Pflanzen und Agrarproduktion, auch wenn es noch lange von den empirischen Kenntnissen der Praktiker in Frage gestellt wurde. Die Zusammensetzung von Böden und Pflanzen wurde analysiert, neues Saatgut gezüchtet und verbreitet, ferner Grundzüge der Düngelehre und dann auch des Pflanzenschutzes etabliert [8]. Gleichwohl produzierte man Obst und Gemüse vorrangig im Nebengewerbe, lediglich ein Achtel des Angebotes stammte vor dem Ersten Weltkrieg von spezialisierten Betrieben. Das lag an der gegenüber Hackfrucht- und Getreideanbau wesentlich höheren Abhängigkeit vom Wetter und den nicht unerheblichen Problemen, die nach der Ernte teils schnell verderblichen Waren verkaufen zu können.

Neben den traditionellen Lager- und Verarbeitungstechniken entwickelte sich drittens die Konservierungstechnik rasch, nahm jedoch eine außergewöhnliche Entwicklung. Gewiss, die gewerbliche Dosenkonservierung gerade von Gemüse nahm zwar deutlich zu, doch die Konsummengen blieben zumal im Vergleich zu Großbritannien und den USA recht gering: 1913 wurden im Deutschen Reich ca. 80 Mio. Dosen Gemüse- und 30 Mio. Dosen Obstkonserven produziert, also etwa zwei Kilogramm pro Kopf und Jahr. [9] Von einem „Konservenzeitalter“ kann wahrlich nicht die Rede sein. Wesentlich bedeutsamer als die Konservenindustrie war die häusliche Konservierung. Die anfallenden Ernten von Gärten und Feldern wurden dezentral verarbeitet, wobei der Anteil der zugekauften Ware stetig wuchs. Dabei handelte es sich nicht um Beibehaltung tradierter Techniken des Einmachens, sondern um eine bewusste Verhäuslichung, um die Nutzung neuer Techniken in der Hauswirtschaft. Seit den 1870er Jahren gewann insbesondere im landwirtschaftlichen Milieu die heimische Dosenkonservierung an Bedeutung. Entscheidend aber wurde die Einführung von Einkochverfahren auf Grundlage der neu entwickelten Hitzesterilisierung, namentlich des Weck-Verfahrens in den späten 1890er Jahren [10]. Aufgrund des relativ hohen Preises der Konservierungsgefäße und -geräte blieb ihre Verwendung während des Kaiserreiches jedoch noch auf bürgerliche und bäuerliche Haushalte begrenzt.

Während die Fleisch- und Milchproduzenten, teils durch Zollschutz und veterinärmedizinische Vorkehrungen, teils durch die rasche Verderblichkeit der Waren, nur relativ geringer Konkurrenz ausgesetzt waren, gab es im Obst- und Gemüsesektor nicht nur vermehrte Nachfrage, sondern zugleich einen wachsenden Importdruck qualitativ höherwertiger Angebote. Der durchaus bestehende Zollschutz wurde dadurch unterminiert. Selbstbewusst hieß es etwa auf einem Eisenbahnwaggon mit Importware: „Einst waren sie im Reichstag toll, Schickten uns darum Eingangszoll, Und hofften Hollands Kohl zu wehren, Doch Deutschland kann sie nicht entbehren. Schon 1000 Wagen sandte dies Jahr Hinüber Kaufmann K. Wagenaar. Klaas Wagenaar aus Broek und Langendeich. Sandte immer beste Waren, Berliner Händler, bestellt darum sogleich. So werdet ihr viel ersparen“ [11].

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Marktorientierte Gemüseproduktion in den Niederlanden 1911: Gurkenproduktion im beheizten Glashaus (l.) und Gemüsetransport zur Auktion (r.) [12]

Ähnlich urteilten deutsche Marktbeobachter über die Fruchtimporte: „Das [ausländische, US] Obst kommt unter bestimmten bekannten Marken in den Handel und befindet sich in den Verpackungsgefäßen in so tadelloser, gleichmäßiger Qualität, daß der Großhandel die Ware sowohl einkaufen wie verkaufen kann, ohne sie vorher in Augenschein nehmen zu müssen, und ohne ein nennenswertes Risiko zu laufen, welches bei der Versendung durch Verderben der Früchte sonst zu befürchten wäre. Der Zustand des ausländischen Obstes befähigt den Großhandel, dasselbe von den großen Handelszentren bis in die entferntesten und kleinsten Konsumplätze dem Kleinhandel zu liefern. An diesen Plätzen wird hierdurch das deutsche Obst ersetzt bezw. verdrängt.“ [13] Die wachsenden Erfolge auswärtiger Anbieter, die vor dem Ersten Weltkrieg mehr als ein Fünftel des Absatzes bestritten, führten spätestens Mitte der 1890er Jahre zu einer intensivierten Expertendiskussion. Es galt, vom Ausland zu lernen, vorrangig von den USA und den Niederlanden [14].

Die Qualitätsdefizite des eigenen Angebotes waren offenkundig: „Geht man durch die Marktstände in den Städten oder wirft einen Blick in die Schaufenster und Läden der Fruchthandlungen, so kann man sich eines Erstaunens über das Aussehen der Früchte nicht erwehren und muß sich wundern, daß derartig fleckiges, angestoßenes oder krüppeliges Obst Abnehmer findet, und zwar zu einem Preise, den der produzierende Landwirt kaum für seine allerbesten Früchte erzielt.“ [15] Abseits des Augenscheins wurden vorrangig zu geringe Anbauflächen, zu schlechte Pflege der Pflanzen, mangelnde Konservierungstechniken, zu hohe Warenverluste, zu viele Sorten, zu geringe Liefermengen und schlechte Sortierung kritisiert. [16] Das Kleinklein der Produktion galt als besonderes Problem, verlangte „der wirklich intensive Obstbau [doch, US] große Kapitalien, viel Zeit und ungeteilte Arbeitskraft […]. Er muß zu einer förmlichen ländlichen Industrie ausgestaltet werden, wenn er nennenswerte Erträgnisse liefern und volkswirtschaftliche Bedeutung erlangen soll.“ [17]

Die Antwort zahlreicher Agrarökonomen, Pomologen und Praktiker zielte auf eine Qualitätsoffensive zur Rückgewinnung der deutschen Konsumenten. Sie ging jedoch nicht von den Bedürfnissen und Erwartungen der Verbraucher aus, sondern zielte auf hochwertigere und vor allem effizienter produzierte und vermarktete Waren. Diese würden – gemäß dem Sayschen Theorem – ihren Absatz finden, da Produktqualität das beste Verkaufsargument sei. Das mag aus heutiger Sicht verwundern, spiegelte jedoch die zeitgenössischen Vorstellungen der nationalökonomischen Theorie, in denen der Konsument erst einmal als Widerpart des Produzenten verstanden wurde. [18] Er erzwang „die Waren resp. Leistungen nach Bedarf und möglichst bequem, mannigfaltig, brauchbar und preiswert zu erhalten“ – doch damit waren die Problemlagen einer Konsumentenorientierung klar benannt, biete sie denn „keine Garantie mehr für die Güte, die Qualität, die Preiswürdigkeit der Waren. Der Konsument muß selbst prüfen und ist, wenn er dies nicht thut oder nicht kann, der Gefahr der Benachteiligung ausgesetzt.“ [19] Der rational gedachte Konsument zielte auf die maximale Befriedigung seiner Bedürfnisse. Er war Auslöser ökonomischen Dynamik, die zu Qualitätsverschlechterung und überbürdenden Ansprüche führen mussten, wenn nicht andere Instanzen helfend einsprangen. Entsprechend diente er vielfach als „Prügelknabe“ [20] von Wissenschaft und Öffentlichkeit, als Projektionsfläche der inneren Debatten über die liberale Wirtschaftsordnung und den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Der „Konsument“ war meist eingebettet in moralische Debatten über Luxus und Sparsamkeit, war Gegenstand stetiger Aufklärungs- und Erziehungsbestrebungen. Sie zielten nicht zuletzt darauf, ihm einen Begriff von Qualität zu vermitteln: Es galt, „daß die sittliche Erziehung des Konsumenten darauf ausgehen muß, ihn mit den Herstellungskosten der Gegenstände vertraut zu machen, ihm einen Begriff von den Kosten volkswirtschaftlicher Produktion beizubringen, damit er nicht einfach planlos nach dem Billigsten greift.“ [21] Gegenüber diesem Hauptstrang traten andere Versuche von Ökonomen und Sozialwissenschaftler zurück, die den Begriff des „Konsumenten“ nutzten, um Kritik an der korporatistischen Wirtschaftsstruktur und seiner „Bevormundungstendenz“ [22] im Konsumgütermarkt zu üben, oder aber gar auf seinem Wollen und Streben die Grundlagen einer genossenschaftlich organisierten „sozialen Tauschgemeinschaft“ [23] zu gründen.

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Idealbild Massenproduktion – Obstzüchterei Karolinenhof in der Steiermark 1902 [24]

Der Konsument war also Billigheimer und Qualitätsverschlechterer. Sein Griff nach der schönen Auslandsware lag denn nicht an deren höherer Qualität, sondern am blendenden schönen und standardisierten Äußeren holländischer Gurken und kalifornischer Äpfel. „Gute“ deutsche Ware würde sich dagegen durchsetzen, wenn sie denn nur in größeren Chargen angeboten würde. Ziel war daher „Massenerzeugung“ [25], auch, um die Kosten zu reduzieren. Verbraucher und Marktentwicklung wurden damals nicht analysiert, sondern antizipiert: „Es ist mit erhöhten Ansprüchen der Verbraucher, mit der Einfuhr ausländischer Früchte und auch mit der räumlichen Ausdehnung der Städte zu rechnen.“ Eine präzise Marktanalyse unterblieb, entwickelte sich erst in den 1920er Jahren. [26] Die deutschen Anbieter von Obst und Gemüse blieben vor dem Ersten Weltkrieg produktorientiert, die einschlägigen Fachbücher konzentrierten sich auf Garten und Feld, nicht auf Absatz und Verkauf. [27]

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Sortenreduktion – Differenzierte Empfehlungen für den Handelsobstbau 1903 [28]

Dies bedeutete erst einmal eine Sortenreduktion, wie sie in den badischen Obstbaugebieten schon seit Ende der 1880er Jahre umgesetzt wurde. [29] Die Pomologen hatten die heimischen Sorten detailliert beschrieben, sahen darin einen Widerhall von Gottes Ordnung und nationalem Reichtum. [30] Nun aber ging es um Quasimarkenbildung, insbesondere „wenige, marktgängige Sorten. Die Obstbautechnik muß sich des bestehenden Vielerleis annehmen und hierin Wandel schaffen.“ [31] Dies betraf einerseits marktgängige Sorten, etwa die heute noch gängigen Boskop- oder Reinette-Äpfel. Anderseits sollten Markenartikel als Herstellermarken durch einzelne Obstbaugenossenschaften etabliert werden. [32] Dazu bedurfte es neuartiger Verpackungen, denn die Züchtungsprodukte mochten ähnlich aussehen und auch einheitlich sortiert worden sein, doch sie blieben eine heterogene Ware.

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Einhegung bestehender Variabilität: Williams-Äpfel vom selben Saatgut [33]

Es ging vor dem Ersten Weltkrieg also nicht allein um eine höhere Produktion von marktgängigem Obst und Gemüse zu akzeptablen Preisen. Es ging zuerst einmal um den Aufbau umfassender Produktions- und Lieferketten, um die Waren in möglichst unversehrter Form an den Konsumenten bringen zu können. Angesichts des zersplitterten Angebotes war dieses Ziel nicht passgenau zu erreichen, sondern nur annäherungsweise. Die Vielfalt und die Variabilität der Obst- und Gemüsesorten bildeten zentrale Probleme, denn die Kosten für ein derart breites und qualitativ heterogenes Angebote waren für einen profitablen Absatz schlicht zu hoch. Entsprechend gab es vor dem Ersten Weltkrieg eine Vielzahl lokaler und regionaler Initiativen, um jeweils Teile der Produktions- und Lieferketten zu verbessern. Der Konsument blieb in Deutschland dabei jedoch eine Chimäre, denn Anbieter und Händler waren überzeugt, dass „gute“ Ware ihn überzeugen würde. Sie handelten fast lehrbuchmäßig, mit einem rational agierenden homo oeconomicus als Absatzziel. Doch sie verkannten, dass auch eine in ihren Augen „gute“ Ware nicht ausgereicht hätte, die Konsumenten dem vermeintlich unter kalifornischer Sonne gereiften Obst und dem frischen Gemüse aus Holland zu entwöhnen. Zudem blieben die Initiativen im Inland häufig Stückwerk. Standardisierungsbemühungen gab es, doch die letztlich steckengebliebene Vereinheitlichung der Verpackungen unterstrich die immensen Probleme, das Angebot gefällig, transportfest und preisgünstig zu bewegen. Wo immer Produzenten und Händler begannen, trafen sie rasch auf neue Flaschenhälse, die kleinteilige Verbesserungen entwerteten.

07_Der Obstzüchter_05_1907_p147_Obst_Verpackung_Standardisierung

Einheitsverpackungen des Deutschen Pomologen-Vereins 1907 [34]

Um ein homogenes markt- und konkurrenzfähiges Produkt anbieten zu können, wurde beispielsweise von regionalen und nationalen Spitzenverbänden versucht, Transport- und Verkaufspackungen miteinander zu koppeln. Doch der jeweilige Materialaufwand sollte sich an der Qualität der Ware orientieren. Es ging also noch nicht um eine für alle Sorten gültige Einheitslösung – der Deutsche Normenausschuss entstand erst 1917 mit Fokus auf Rüstungsgüter und die Maschinenindustrie – sondern um Verpackungen für Einzelgüter. Diese konnten Transportkosten reduzieren, zumal die Tarif- und Portosätze von Reichsbahn und Reichspost einen Referenzrahmen boten. Doch zugleich stellten die vermeintlich passgenauen Verpackungen neue Aufgaben, erforderten insbesondere eine bessere Sortierung der Waren: „Je geschmackvoller und sauberer die Verpackung nun ist, ein um so höherer Preis wird gezahlt. Präsentiert sich doch gut verpacktes Obst dem Auge des Käufers viel besser als lose in Körbe geschüttete Früchte.“ [35]

08_Der Obstzüchter_02_1904_p125_Obst_Verpackung_Standardisierung_Versandgeschäft

5-Kilogramm-Versandpackungen für Berliner Delikatessenläden 1904 [36]

Standardisierte Füllmengen und gestufte, meist am Gewicht und der äußeren Erscheinung der Waren orientierte Qualitätsspreizungen beschleunigten und verbilligten zugleich den Groß- und Einzelhandel – so die Schlussfolgerung der Experten. Üblich wurden vielfach 25 kg-Kisten bzw. 5 kg-Pappkartons. Die erste Qualität wurde mit Seidenpapier, Holzwolle und Papierlagen ausgelegt, bei der zweiten fehlte Seidenpapier, während es bei dritter Qualität nur eine lockere Aufhäufung gab. Die Qualitätsspreizung erfolgte jedoch auch anhand der Ware selbst: „Erste Qualität nennt man tadellos entwickelte, gleichgroße und fleckenlose Früchte, welche weder angestoßen, noch wurmstichig sein dürfen. Früchte zweiter Qualität sind auch eine gute Verkaufsware, die den obigen Ansprüchen in bezug auf Güte entsprechen, doch können sie zweiter Größe sein. Unter dritter Qualität versteht man nun den Rest des Ernteertrages, jedoch dürfen keine faulenden Früchte dabei sind“ [37].

Der hochwertige Augenschein erforderte Rationalisierungen auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette. Diese bedeutete einerseits Kooperation in Form spezialisierter Obst- und Gemüsebaugenossenschaften. [38] Damit konnten nicht nur die noch wenigen Saat-, Kultivierungs-, Reinigungs- und Sortierungsmaschinen effizienter eingesetzt, sondern auch Betriebsmittel zu geringeren Preisen eingekauft werden.

09_Der Obstzüchter_01_1903_p069_Obstbau_Pflanzenschutz_Chemisierung

Ertragssicherung durch Chemisierung – Baumspritze „für den Großbetrieb“ 1903 [39]

Die Genossenschaften förderten zudem eine systematischere Produktpflege, eine intensivierte Schädlingsbekämpfung und eine verbesserte Düngung: „Um Qualitätsfrüchte zu erreichen, darf man mit der Düngung von Phosphorsäure nicht sparen.“ [40] Gemeinsam mit landwirtschaftlichen Vereinen erleichterten Produktionsgenossenschaften ferner eine lokale Wissensdiffusion, die nicht nur auf Broschüren und Bücher gründete. Landwirtschaftliche Ausstellungen waren tendenziell wichtiger. [41]

10_Der Obstzüchter_01_1903_p164 und p165_Transportwesen_Fuhrwerke_Stuttgart_Wochenmarkt

Rationalisierung der Marktbeschickung – Ausladevorkehrungen und Marktpritschen in Stuttgart 1904 [42]

Anderseits etablierten sich leistungsfähigere Großhandelsbetriebe, die sich insbesondere auf den raschen Absatz in urbanen Massenmärkten konzentrierten. Gemeinsam verbesserte man langsam auch die Lagerhaltung, um die saisonalen Angebotsspitzen abzuflachen und höhere Preise zu erzielen. Die deutschen Anstrengungen blieben jedoch weit hinter denen der europäischen und insbesondere der US-amerikanischen Anbieter zurück. Grund hierfür war auch, dass die Veränderungen des Kühlgutes während der Lagerung damals noch kaum erforscht waren. Die Forschung hatte sich im späten 19. Jahrhundert zuerst auf Fleisch und Fette, dann auch auf Fisch konzentriert, nur langsam folgten lagerfähige Gemüse und Südfrüchte wie Ananas und insbesondere Bananen. [43] Zur Verbindung von Produktion und Absatzmärkten nutzte man zudem mit Natureis gekühlte Transportmittel.

11_Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie_12_1905_p054_Kälteindustrie_Transportmittel_Kühlwaggon_Eisenbahn_Obst_Natureis

Kühltechnik im Dienst der Obstvermarktung in den USA: Waggon mit Eiskühlung [44]

Das betraf insbesondere Eisenbahnwaggons mit Eiskühlung sowie spezialisierte Frachtschiffe. Sie halfen nicht nur Distanzen zu überwinden, sondern erforderten auch neue Absatzinfrastrukturen in den Zielorten. Lagerhäuser mutierten peu a peu zu Kühlhäusern. Hier konnte zudem „künstliche“ Kühlung eingesetzt werden, die seit den 1870er Jahren schon die Produktion von Bier grundlegend umgestaltet hatte.

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Maschinengekühlter Lagerraum mit Obstfässern und -kisten [45]

Die kleinteiligen Lagerräume erlaubten lediglich Kühlung, nicht aber das damals kaum erforschte Gefrieren von Obst und Gemüse. Kernproblem blieb die genaue Temperaturführung, gab es in den Räumen doch nicht unbeträchtliche Unterschiede von einigen Grad. Das aber gefährdete die Qualität des Kühlgutes, zumal bei kleineren Chargen. Die unterschiedlichen Verpackungen und die Lagertechnik erschwerten zudem das dadurch eigentlich erforderliche regelmäßige Umpacken.

Technische Probleme dieser Art wurden angegangen und in langwieriger Arbeit auch abgemildert. Das aber galt nicht für das eigentliche Ziel all dieser Bemühungen, den Absatz an den Konsumenten. Die Mitte der 1890er Jahre vielfach ins Leben gerufenen Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte hatten beispielsweise kaum Erfolg [46]. Die Direktvermarktung der Produzenten konnte sich gegen die schnell wachsende und hochgradig fluktuierende Zahl der Straßenhändler und Ladengeschäfte nicht durchsetzen [47]. Schon vorher waren Versuche gescheitert, den Obst- und Gemüseverkauf in Kleinhandelsmarkthallen zu konzentrieren. Dieses hätte zwar einen hygienischen und staatlich einfacher zu überwachenden Absatz erlaubt, doch angesichts der Zeitaufwendungen derartiger zentralisierter Strukturen fanden sie beim Publikum kaum Widerhall.

Großhandelsmarkthallen etablierten sich dagegen im späten 19. Jahrhundert als die eigentlichen Drehscheiben des Absatzes von Obst und Gemüse. Daneben behaupteten sich die im späten 19. Jahrhundert vielfach totgesagten Wochenmärkte insbesondere in Mittelstädten. Allerdings nahm die Zahl der vom Umland in die Stadt fahrenden Produzenten zugunsten spezialisierter Markthändler ab.

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Wochenmarkt in Würzburg im späten 19. Jahrhundert [48]

Der Ladenhandel mit Obst- und Gemüse wurde von kapitalarmen Kleinhändlern dominiert, auch wenn sich parallel spezialisierte Frucht- und Feinkosthandlungen für den gehobenen Bedarf etablieren konnten. 1907 gab es im Handel mit anderen landwirtschaftlichen Waren – Tiere, Getreide, Samen und Blumen waren ausgeschlossen – 102.607 Betriebe, doch weniger als fünf Prozent davon beschäftigten vier oder mehr Personen [49]. Parallel etablierten sich gerade in den Großstädten zahllose Straßenhändler, die Großhandelsware rasch abverkauften. Sie waren eine institutionelle Antwort auf das saisonal sehr unterschiedliche Aufkommen von Gemüse und insbesondere Obst. Obwohl innovative Absatzformen, wie etwa Verkaufsautomaten, durchaus bestanden, veränderte sich der Letztverkauf von Obst und Gemüse nur wenig [50].

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Gesunde Snacks in 31 Fächern. Obst-Automat der Berliner Firma P. de la Vari [51]

Wichtige Veränderungen gab es jedoch im Wechselspiel zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Verarbeitungsindustrie. Parallel zum Bedeutungsgewinn der häuslichen Verarbeitung von Obst und Gemüse zu Dauerwaren etablierte sich ein rasch wachsender gewerblicher Markt. Marmeladen, Fruchtsäfte und Obstweine sowie Dosengemüse gewannen an Bedeutung, waren im Kaiserreich aber nie mehr als Nischenprodukte. [52] Das sollte sich angesichts der Versorgungsprobleme während des Ersten Weltkrieg, vor allem aber durch technische Verbesserungen während der Weimarer Republik ändern, als zudem die Vitaminforschung die Wertigkeit pflanzlicher Produkte deutlich verbesserte.

Vor dem Ersten Weltkrieg erfolgten all diese kleinteiligen Veränderungen nur langsam, blieben teils regional begrenzt, griffen nicht reichsweit. Dies war paradoxerweise aber auch Resultat eines überbordenden Nationalismus: Die begrenzten Rationalisierungsbestrebungen spiegelten nämlich immer auch Vorstellungen einer spezifisch deutschen Qualität insbesondere des Obstes. Die ausländische Konkurrenz mochte gefällige Massenware liefern, doch das eigentliche Alleinstellungsmerkmal deutscher Produkte lag nicht in der Form, sondern in ihrem Geschmack [54]. In den Quellen findet sich wieder und wieder Klagen über die Ignoranz der Konsumenten, die beispielsweise die zahllosen Nuancen einheimischer säuerlicher Äpfel oder regionaler Kohlsorten nicht würdigen würden. Es war also nicht allein Marktignoranz, sondern auch der nationale Stolz vieler Anbieter auf ihre Spezialitäten, der Rationalisierungsbestrebungen ins Leere laufen ließ [55]. Gut und reell zu liefern und das eigene Angebot zu pflegen – das mochte angehen. Doch die breiter gelagerten Qualitätsvorstellungen der Konsumenten in den Blick zu nehmen war vor dem Ersten Weltkrieg kaum verbreitet. Nicht freier Konsum nach eigenem Gustus stand im Mittelpunkt, sondern eine Einreihung in eine spezifisch deutsche Rollenerwartung, in der die Verpflichtung für das abstrakte Gemeinwohl stets bedeutsam blieb.

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Produktdifferenzierung durch Verarbeitung – Anzeigen 1914 [53]

Entsprechend wurde immer wieder versucht, den Konsumenten von den relativen Vorzügen des bestehenden deutschen Angebotes zu überzeugen, sie also zu erziehen. Die meisten bäuerlichen Produzenten sahen sich selbst in einer geordneten, ständisch differenzierten Gesellschaftsstruktur, in der sie möglichst „gute“ Ware liefern sollten, in der die Konsumenten dann aber auch verpflichtet waren, diese abzunehmen. [56] Die von zahlreichen Agrarwissenschaftlern vorgeschlagenen Rationalisierungsbestrebungen, insbesondere die intensiv diskutierte „Industrialisierung der Landwirtschaft“ [57] schien nur wenigen erstrebenswert, da sie Lebenszuschnitte unterminierte und die Gesellschaft zu zersetzen schien – fast so wie eine faule Frucht die sie umgebenden Früchte. [58]

Standardisierungsbestrebungen, Qualitätsfestlegungen und eine Orientierung auf die mit dem Produktionsumfeld und seinen Besonderheiten nicht mehr vertrauten Konsumenten hatten daher im späten Kaiserreich nur begrenzte Erfolge. Es fehlten nicht nur ihrer selbst bewusste Konsumenten, die ihre Forderungen aktiv artikulierten, sondern es fehlte zugleich seitens der Mehrzahl der Produzenten an der Bereitschaft, deren Erwartungen ernst zu nehmen, und ihnen eine Ware zu liefern, die mit großem Aufwand verbunden war. [59] Trotz ihres Kultes des Objektiven ging es den Akteuren nie nur um Richtiges, sondern immer auch um Rechtes. Die Malaise der Qualität von Obst und Gemüse lag nicht nur darin, dass die Konsumenten an deren Definition nur indirekt und virtuell beteiligt waren, sondern dass Wissenschaftler und Produzenten stets Qualitätsideale verfochten, die auf eine kleingewerblich organisierte Bürgerwelt zugeschnitten war, nicht aber auf die Herausforderungen anonymisierter Massenmärkte und damit moderner Konsumgesellschaften. Für die ausländische Konkurrenz, die schon vor dem Ersten Weltkrieg begann, Marktforschung und Marketing zu betreiben, war und blieb dies ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Uwe Spiekermann, 31. Januar 2020

 

Quellen- und Literaturnachweise

[1] Gustav Klemm, Allgemeine Culturwissenschaft, Leipzig 1855, 304-308.
[2] Ulrike Thoms, Anstaltskost im Rationalisierungsprozeß. Die Ernährung in Krankenhäusern und Gefängnissen im 18. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 2005, 110-119.
[3] Hans J. Teuteberg, Der Verzehr von Nahrungsmitteln in Deutschland pro Kopf und Jahr seit Beginn der Industrialisierung (1850-1975). Versuch einer quantitativen Langzeitanalyse, in: Ders. und Günter Wiegelmann, Unsere tägliche Kost. Geschichte und regionale Prägung, Münster 1986, 225-289, hier 245. Teutebergs Sekundärzahlen basieren allerdings auf sehr unpräzisen Grundangaben. Eine Neuberechnung und Präzisierung ist ein wichtiges Forschungsdesiderat.
[4] Georg v. Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands, T. 2, Berlin 1862; Elisabeth Paetzmann-Dulon, Richard Heineke und Hermann Henke, Der Verbrauch von Obst und Gemüse in Nordwesteuropa und seine Bedeutung für die Absatzmöglichkeiten der Mittelmeerländer, Kiel 1961; Paul Seitz, Der Gemüse- und Kräuteranbau und die Speisepilzerzeugung seit dem 18. Jahrhundert, in: Günther Franz (Hg.), Geschichte des deutschen Gartenbaues, Stuttgart 1984, 365-454.
[5] Helmut Eisig, Der Verbrauch von Nahrungsmitteln in Deutschland vor und nach dem Krieg, Phil. Diss. Basel 1933, 19, 28-30.
[6] Berliner Leben 10, 1907, Nr. 1, 10.
[7] Karte erstellt anhand der Angaben von Günther Liebster, Der deutsche Obstbau seit dem 18. Jahrhundert, in: Franz (Hg.), 1984, 143-205, hier 193. Während des 20. Jahrhunderts wurden weitere Experimentalstationen in Schlachter (1903), Pillnitz (1922), Fünfhausen (1938), Osnabrück (1949) and Nürtingen (1952) errichtet. Einen guten Einblick in die Arbeitsschwerpunkte vermittelt Th[eodor] Remy, [Bernhard] Hunger und [P.] Lange, Der neue Versuchsbetrieb für Gemüse- und Obstbau an der Königl. landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf, Berlin 1916.
[8] Frank Uekötter, Die Wahrheit ist auf dem Feld. Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft, Göttingen 2010.
[9] [Bernhard Heinrich] Barg, Konservierte Nahrungsmittel, Zeitschrift für Volksernährung 13, 1938, 56-57, hier 57.
[10] Uwe Spiekermann, Zeitensprünge: Lebensmittelkonservierung zwischen Haushalt und Industrie 1880-1940, in: Ernährungskultur im Wandel der Zeiten, hg. v. KATALYSE e.V. und BUNTSTIFT e.V., Köln 1997, 30-42. Zu den zuvor verwandten Haushaltstechniken s. A. Gebhardt, Das Obst als Nahrungsmittel, Leipzig 1894.
[11] Zit. n. Hayunga, Die Versorgung des deutschen Marktes mit Gemüse aus dem Auslande und Erfahrungen über Organisation im Anbau und Verkauf von Gemüse in Holland, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 25, 1910, 391-396, 420-421, hier 393.
[12] Udo Dammer, Moderne Gemüsekultur in Holland, Die Woche 13, 1911, 847-851, 848 (l.) und 849 (r).
[13] D. Sandmann, Wie kann der Absatz der deutschen Obstproduktion auf genossenschaftlichem Wege gefördert werden?, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 4, 1906, 138-140, 146-148, hier 138.
[14] Reiseberichte förderten den Informationstransfer, vgl. etwa umfassend Fr[iedrich] Oetken, Die Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sowie die allgemein-wirthschaftlichen, sozialen und Kultur-Verhältnisse dieses Landes zur Zeit des Eintritts Amerikas in das fünfte Jahrhundert nach seiner Entdeckung, Berlin 1892; A.G. Grant, Internationaler Obstbau und der Weltmarkt. Was der rationelle Obstbau der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika den deutschen Obstzüchtern lehrt. Eine Skizze, o.O. 1905. Beispiele für unmittelbare Adaptionsvorschläge sind M. Heller, Obst-Industrie. Ein Anregung nach amerikanischem Muster, Das Land 14, 1905/06, 59-62; B[runo] Hempel, Deutschlands Gemüseeinfuhr und ihre Lehren für den heimischen Anbau, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 1913, 377-381; Hans Tenhaeff, Gemüseproduktion und -Absatz nach holländischen Vorbild in Deutschland, ebd. 30, 1915, 283-286, 300-304, 322-325, 340-342. Die Veränderungen begannen zuerst im Obstsektor, griffen dann aber auch auf die Gemüseproduktion über, vgl. [Fridolin] Rebholz, Förderung des Gemüsebaus, Landwirtschaftliches Jahrbuch für Bayern 2, 1912, 1-13.
[15] O[tto] Wauer, Ernte, Aufbewahrung und Verwertung des Obstes, Landwirtschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 68, 1911, 384-386, hier 384.
[16] Udo Dammer, Obstbau in Deutschland, Die Woche 1, 1899, 953-955. Zum relativer Rückstand gegenüber anderen Sektoren der Landwirtschaft, vgl. A. Hupertz, Landwirtschaftlicher Obstbau. Vorschläge zur Reorganisation, Würzburg 1902.
[17] Heller, 1905/06, 59.
[18] Vgl. etwa Karl Marlo [d.i. Karl Georg Winkelblech], Untersuchungen über die Organisation der Arbeit oder System der Weltökonomie, 2. vollst. Aufl., Bd. 3, Tübingen 1885, insb. 294-295.
[19] G[ustav] v. Schönberg (Hg.), Handbuch der Politischen Oekonomie, 4. Aufl., Bd. 2, Halbbd. 1, Tübingen 1898, 662 (auch für das vorherige Zitat).
[20] Begriff nach Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte, Ergänzungsbd. 2: Zur jüngsten deutschen Vergangenheit, Freiburg i.Br. 1903, 497.
[21] G[ottfried] Traub, Ethik und Kapitalismus. Grundzüge einer Sozialethik, 2. verb. u. verm. Aufl., Heilbronn 1909, 138.
[22] Karl Oldenberg, Die Konsumtion, in: Grundriss der Sozialökonomik, Abt. II, Tübingen 1914, 103-164, hier 120.
[23] Vgl. etwa Franz Staudinger, Die Konsumgenossenschaft, Leipzig 1908, v. a. 31-40; Ders., Die geregelte Tauschgemeinschaft als soziales Ziel, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 14, 1917, 173-175.
[24] Obstzüchterei Karolinenhof, Der Obstzüchter 1, 1903, 102-104, hier 102.
[25] M. Lindner, Ueber die Auswahl der Obstarten und -sorten bei Obstpflanzungen, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 193, 120-121, hier 121 (auch für das folgende Zitat).
[26] Vgl. hierzu Uwe Spiekermann, »Der Konsument muß erobert werden!« Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt/M. und New York 2007, 123-147, hier 126-129.
[27] Beispiele wären Johannes Böttner, Praktische Gemüsegärtnerei, 7. verb. u. verm. Aufl., Frankfurt/O. 1913; F[lorian] Stoffert, Das Obst- und Gemüsegut der Neuzeit, 2. Aufl., Frankfurt/O. 1920.
[28] Der Obstzüchter 1, 1903, 16.
[29] Huber, Etwas über Obstkunde (Pomologie), Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1899, 369-371, hier 370.
[30] Vgl. etwa Theodor Engelbrecht, Deutschlands Apfelsorten, Braunschweig 1889.
[31] Hans Pfeiffer, Einheitliche Maßnahmen zur Hebung des Obstbaues, des Obsthandels und der Obstverwertungs-Industrie, Zeitschrift für Agrarpolitik 7, 1909, Sp. 17-20, hier 17.
[32] Sandmann, 1906, 139.
[33] The Century 69, 1904/05, 833.
[34] Einheitsverpackung in Deutschland, Der Obstzüchter 5, 1907, 146-147, hier 147.
[35] Wauer, 1911, 386. Vgl. demgegenüber die Erfahrungen von Grant, 1905, 5: „In der alten urgroßväterlichen Weise reißt und schüttelt man die Kernobstfrüchte von den Bäumen, verpackt sie wie Kartoffeln in große Körbe und schickt sie auf den lokalen Markt. Ist derselbe überfüllt und lohnt sich nicht der hohen Transportkosten wegen, das solcherweise gesammelte Obst nach Frankfurt a.M. auf die Obstbörse zu senden, so verfaulen nicht selten unsere schönsten heimischen Früchte tonnenweise.“
[36] Verkehrtes Packen, Der Obstzüchter 2, 1904, 125.
[37] Wauer, 1911, 385-386.
[38] Vgl. als Beispiel Die Obstbaugenossenschaft Höbeck, Das Land 4, 1895/96, 53-54 bzw. mit idealistischem Aufbruchston Vorwärts, Genossenschaften! (Obstverwertung.), ebd., 231-232.
[39] J[osef] Löschnig, Blattkrankheiten unserer Obstbäume und ihre Bekämpfung, Der Obstzüchter 1, 1903, 65-71, 81-84, 113-115, hier 69.
[40] Hayunga, 1910, 395.
[41] Vgl. O. Bossert, Wie kann der Landmann seine Lage verbessern?, Wochenblatt des landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1896, 494-497. Auch hier waren ausländische Vorbilder maßgebend, vgl. A. Gradenwitz, Californische Ausstellungszüge, Prometheus 22, 1911, 586-588.
[42] Der Handel mit Obst in und nach Stuttgart, Der Obstzüchter 1, 1903,164 (o.) und 165 (u.).
[43] Vgl. hierzu James Troubridge Critchell und Joseph Raymond, A History of the Frozen Meat Trade, London 1912 (Nachdruck 1969); Richard Perren, Taste, Trade and Technology. The Development of the International Meat Industry since 1840, Aldershot 2006; Boris Loheide, Beef around the World – Die Globalisierung des Rindfleischhandels bis 1914, Comparativ 17, 2007, 46-67.
[44] Rich[ard] Stetefeld, Die Kälte-Industrie im Dienste des Obst- und Gartenbaus, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 12, 1905, 40-56, hier 54. Zur technischen Entwicklung vgl. auch Karl Sajó, Fortschritte im Obstverkehre, Prometheus 17, 1906, 705-709, 724-727 und [Richard] Stetefeld, Neuerungen in Obstkühlanlagen, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 13, 1906, 1-4.
[45] Stetefeld, 1905, 53.
[46] Vgl. Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte, Das Land 4, 1895/96, 265; Städtische Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte, ebd., 331; Hupertz, 1902, 52-55; Rebholz, 1912, 1.
[47] Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999.
[48] Illustrirte Zeitung 113, 1899, 435.
[49] Spiekermann, 1999, 708-709.
[50] Walther Schubring, Entwicklung und heutige Form des Handels mit Obst und Gemüse, Agrarwiss. Diss. Berlin, Düsseldorf 1933, 5-9.
[51] Der Obstzüchter 5, 1907, 175. Vgl. auch Ueber Obstverkaufsautomaten, Gartenflora 56, 1907, 503.
[52] Gleichwohl sind insbesondere die Rationalisierungseffekte der schon in den 1880er Jahren einsetzenden Vertragslieferungen an die Konservenindustrie nicht zu unterschätzen. Vgl. G. Brandau, Gemüsedauerwaren von den Anbauversuchen des Sonderausschusses für Feldgemüsebau, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 1913, 520-521.
[53] Der Materialist 35, 1914, Nr. 2, 12.
[54] Vgl. etwa Lindner, 1913, 121.
[55] Dies galt insbesondere auf die Produktionsprofile der regionalen Anbieter: „Der Anbau im Großen von reich und regelmäßig tragenden Obstsorten und dieser in Gebieten, wo manche Obstarten besonders gut gedeihen, spezialisiert, wie am Mittelrhein, in den Bodenseegebieten, Württemberg und den Ostseeprovinzen der Apfel, an der badischen und hessischen Bergstraße, Rheingau, Rheinpfalz, die badischen Schwarzwaldtäler, am Kaiserstuhl, einige Gebiete in Thüringen die Kirschen, Pfirsiche, feine Zwetschen, in der Rheinpfalz, im Maingebiet, die Birnen vorherrschend sind, wird es in den Jahren möglich sein, in dem Konkurrenzkampf erfolgreich vorzugehen. Dazu muß aber auch der deutsche Obstzüchter lernen, kaufmännischer zu handeln, das schmackhafte deutsche Obst sorgfältiger zu ernten, sortieren und zu verpacken. Frachtermäßigungen, schneller Bahntransport, gute Wasserstraßen, zweckmäßig eingerichtete Spezialwagen für Obst, werden bessere und schnellere Absatzmöglichkeiten schaffen“ (Georg Thiem, Der Handelsobstbau, Stuttgart 1913, 2).
[56] J. Joachim, Was fehlt zur Zeit unserm Obstbau am meisten?, Das Land 3, 1894/95, 323-324, hier 323.
[57] E[milé] Vandervelde, Der Sozialismus und die kapitalistische Umwandlung der Landwirtschaft, Die Neue Zeit 18,2, 1900,260-266, 292-301, hier 297.
[58] Gleichwohl erfolgte sie, vgl. etwa F. Kunert, Die moderne Glashauskultur der Tafeltrauben, Die Umschau 14, 1910, 64-67.
[59] Zur Diskussion etwa im Bereich des Gartenbaus vgl. [Ernst] Lesser u.a., Wodurch können wir den Obstbauern gesicherte, bessere Absatzverhältnisse schaffen?, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 17, 1902, 149-151; C. Beckenhaupt, Die Qualitätsfrage und die Landwirtschaft, ebd. 18, 1903, 215-218; Müller-Diemitz, Die Ansprüche des Handels und der Industrie an den obstbauenden Landwirt, ebd. 19, 1904, 54-55; Lorgus, Maßnahmen zur Regelung und Förderung des Absatzes von deutschem Obst und Gemüse, ebd. 28, 1913, 208-212.

Ein Nährpräparat aus Hanf: Zur Geschichte von Maltos Cannabis

Maltos Cannabis ist seit längerem ein Hit auf Hanfaktivistenseiten und bei Interessenverbänden für die Legalisierung von medizinischem Hanf. Grund hierfür ist vor allem das folgende Werbeklischee des schwedischen Herstellers, der Stockholmer Tekniska Fabriken Röda Korset. Es wird fast durchweg ohne Kontextualisierung und Quellenangabe präsentiert (vgl. etwa Status of Hemp Extracts in Europe, EIHA Presse Notes, Brussels 2019, 2). Das mag in den Weiten des Internets nicht unüblich sein. Hier wird Vergangenes offenkundig als Steinbruch und Zierrat genutzt wird, als Konsumgut zur Bestätigung der eigenen Weltsicht – nicht aber als eine irgendwie widerspenstige Quelle mit Eigengewicht.

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Werbemittel für Maltos Cannabis 1894 (Aftonbladet 1894, Ausg. v. 11. Mai, 24)

Schauen wir also genauer hin. Die Bildsprache der Werbezeichnung für Maltos Cannabis ist in der Tat suggestiv und eingängig: Das Leben, symbolisiert von Mutter und Kind, steht gegen den Tod. Erleuchtet durch Kenntnis und Konsum des Präparates, einem mit Malz angereicherten Hanfpräparat, weisen sie den Sensenmann in die Schranken, verbannen ihn aus ihrem Umfeld. Daraus werden meist zwei Konsequenzen gezogen: Einerseits gab es schon im späten 19. Jahrhundert frei verkäufliche Cannabispräparate mit positiven Gesundheitswirkungen. Anderseits handelte es sich bei Maltos Cannabis um ein Nährpräparat, also ein Alltagsprodukt. Ein Sprung zu den vielgestaltigen heutigen Hanfpräparaten liegt dann nahe. Was damals gut war, kann heute nicht schlecht sein. Um die komplexen und sicher nicht mit simplem Ja-Nein zu behandelnden Themen der Hanf- und der Cannabislegalisierung kann es hier nicht gehen. Stattdessen gilt es sich dem Mythos von Maltos Cannabis produktiv zu widmen, also das Produkt, sein Entstehungsumfeld und seine Bedeutung genauer zu analysieren.

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Der Sensenmann als Werbefigur – hier für Münsels Loh-Tanninbäder (Vorwärts 1896, Nr. 131 v. 7. Juni, 15)

Festzuhalten ist erst einmal: Die schwedische, vom US-Ableger der Firma in Chicago, Illinois, auch in englischer Sprache geschaltete Anzeige war keineswegs außergewöhnlich. Sie steht für eine Vielzahl von Annoncen von Anbietern realer oder vermeintlicher Gesundheitsprodukte in den 1890er Jahren und auch zuvor. Die obige Anzeige des Berliner Badanstaltsbesitzers Otto Becker unterstreicht mit dem aus Bad und Leben verbannten Sensenmann ebenfalls die besondere Güte seines Bademittels. Ähnlich agierte das Kloster Walkenried, das den Absatz seines Nordhäuser Kornbranntwein durch ein Bild eines den Schnitter vertreibenden Mönches anzukurbeln glaubte (Illustrirte Zeitung 101, 1893, 7). Das vermeintliche Universalheilmittel Oxydonor „Victory“ der Leipziger Firma Rukin & Albrecht warb ebenso mit einer Kranken, die dem Sensenmann eine Nase zeigte (Lustige Blätter 14, 1899, 11).

Gevatter Hain selbst ist eine alte Figur, bekannt vor allem aus den mittelalterlichen Totentänzen, zugleich eine stete Erinnerung an die Endlichkeit menschlichen Daseins. Im Barock war der Schnitter in Kirchen und Literatur weit verbreitet, während der Romantik galt er als Vanitas-Motiv und zierte vermehrt die Friedhöfe. Diese Traditionslinien wirkten noch Ende des 19. Jahrhunderts. Im Jugendstil wurde der Sensenmann gerne und mit wohligem Schauer gezeichnet. Zu dieser Zeit stand das mobile Skelett aber auch für die alte, durch den Fortschritt der Moderne überwundene Zeit. Wissenschaft und deren Produktkultur verkörperten dagegen das Neue. Sie schlugen dem ubiquitären Tod ein Schnippchen und machten das Leben zunehmend sicherer, zunehmend länger.

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Werbemotiv für Hanfsamenextrakt 1893 (Nya Dagligt Allehanda 1893, Ausg. v. 27. Dezember, 4)

Die einschlägige Werbung von Maltos Cannabis wurde im Frühjahr 1894 geschaltet, dann rasch abgelöst von Textanzeigen mit einem roten Kreuz, dem namensgebenden Signet des Stockholmer Anbieters. Ihr ging eine fast identische Anzeige voraus, in der anstelle des Produktnamens Maltos Cannabis jedoch eine sachliche Beschreibung des beworbenen Produktes stand: „Hanfröextrakt“, also ein aus den Samen des Hanfes gewonnenes Extrakt. Dessen Produktion nahmen die Tekniska Fabriken Röda Korset Anfang Oktober 1893 auf, seit Dezember trat dann Maltos Cannabis erst an dessen Seite und dann an dessen Stelle. Das Bildmotiv war in beiden Fällen lediglich Blickfang einer umfangreicherer Textanzeige: Dort hieß es, dass man eine große Produktionsstätte unter öffentlicher Kontrolle errichtet habe, in der man Hanfsamenextrakt und Maltos Cannabis produziere und in stilvolle Blechdosen verpacke (Aftonbladet 1893, Ausgabe v. 18. Dezember, 8).

Die Stockholmer Tekniska Fabriken Röda Korset baute ihr neues Markenprodukt auf den Vorarbeiten anderer auf. Da war zum einen Paul Petter Waldenström (1838-1917), ein schwedischer Schullehrer, Theologe und zugleich führender Repräsentant der evangelikalen Freikirchenbewegung. Deren Ziel war es, die lutherische Orthodoxie der Staatskirche zu durchbrechen und unter deren Dach zu einem zeitgemäßeren, pietistisch geprägten Protestantismus zu gelangen. Waldenström beschäftigte sich – wie zeitgleich etwa die katholischen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) und Johann Künzle (1857–1945) – mit Naturheilkunde als Grundlage eines einfachen und gottgefälligen Lebens. 1890 empfahl er als Mittel gegen die weit verbreitete Lungentuberkulose den „Waldenströmska vällingen“, den Waldenströmbrei. Dazu wurden Hanfsamen zerkleinert und mit einer etwa gleichen Menge gesiebten Roggenmehls vermischt. Festzuhalten bleibt, dass die in Schweden angebauten Cannabis Sativa-Varietäten damals keine psychoaktive Wirkung entfaltet konnten. Hanfsamenbrei – und auch Maltos Cannabis – hatten mit dem Indischen Hanf und Berauschungsmitteln nichts zu tun. Die ölige Masse wurde jedenfalls in vorgekochte Milch gegeben, etwa ein Esslöffel in einen Liter Milch. Die Menge wurde weiter gekocht und am gleichen Tag verzehrt (E[rik] W[ilhelm] Wretlin, Läkarebok för alla! Hälso- och Sjukvardslära i populär Form, Stockholm s.a. [1893], 105, Anm.). Waldenström knüpfte damit an die bis ins frühe 19. Jahrhundert übliche Nutzung von Hanfsamen in der bäuerlichen Hauswirtschaft an (Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829; Uwe Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfes). Doch Breie und Morgensuppen waren durch das auch in Schweden zunehmend praktizierte Kaffeefrühstück unter Druck geraten. Hanfsuppen konnten sich einzig als diätetisches Hausmittel gegen Durchfall und Harnbeschwerden behaupten (Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 217, 243). In der Kinderheilkunde wurden hanfsamenhaltige Milchsuppen ebenfalls noch eingesetzt.

Waldenströms Hanfsamen-Roggen-Brei wurde offensiv als Heilmittel gegen „lungsot“, also Lungentuberkulose, empfohlen. Seit 1882 wusste man dank der Entdeckungen Robert Kochs (1843-1910) um die Existenz des Tuberkel-Bazillus, doch eine systematischere TBC-Bekämpfung begann in Schweden erst in den frühen 1890er Jahren (Helen Wallstedt und Markus Maeurer, The History of Tuberculosis Management in Sweden, International Journal of Infectious Diseases 32, 2015, 179-182, hier 179). Der Waldenström-Brei traf daher auf beträchtliche Resonanz, auch wenn er keine kausalmedizinischen Wirkungen hervorrufen, sondern einzig der Kräftigung von Kranken dienen konnte. Der Hanfsamenbrei stand dabei in einer langen Reihe von volksmedizinischen Anwendungen und Geheimmitteln, die mangels effizienter Arzneimittel zur Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheit herangezogen wurden. An erster Stelle wäre Fischöl zu nennen, aber auch aus Kälberlungen gewonnener Kälbersaft. Das Kräuterpräparat „Homerania“ gewann Kunden, ebenso Inhalationskuren mit sehr heterogenen Grundstoffen. Und dann kam Waldenström. Ärzte kritisierten den medizinischen Laien und seinen erfahrungsmedizinischen Ansatz. Sie hoben hervor, dass der evangelikale Prediger durchaus guten Willens gewesen sei, als er gemeinsam mit einigen Heilmittelproduzenten und getragen von dem wissenschaftlich klingenden Namen Cannabis auch Hanfsamenpräparate auf den Markt geworfen habe. Diese könne man jedoch nur als „humbug“ (Nägra upplyanlagar om den Waldenströmska vällingen och dess afkomlingar samt om nägra andra mot lungsot rekommenderade populära läkemedel, Arbetet 1894, Ausg. v. 24. April, 3 (auch für die vorhergehenden Angaben)) bezeichnen.

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Vom Brei zum Präparat: Werbung für Hanfsamenextrakt von A.G. Holst 1892 (Norrlandsposten 1892, Nr. 139 v. 2. Dezember 1892, 4)

Damit sind wir im Jahre 1892 angekommen. Waldenströms Brei teilte die Schwächen vieler volksmedizinischer Mittel. Er musste jeweils frisch zubereitet werden und erforderte längeres Kochen. Dem Östersunder „Provisor“ J.L. Hedin gelang es jedoch zwei Jahre nach der Propagierung des Hanfsamen-Roggen-Breies dessen vermeintlich wirkende Essenz zu einem handlichen Pulver zu verarbeiten (Dagens Nyheter 1893, Ausg. v. 25. Oktober, 3). Dieses konnte im häuslichen Bereich einfach zugemengt werden. Damit entfiel die Verarbeitung der Hanfsamen und des Roggenmehls, verringerte sich zudem die Kochzeit der Milch. Es ist kein Zufall, dass dies in Östersund erfolgte. Die in Mittelschweden gelegene Kleinstadt hatte sich nach dem 1879 erfolgten Anschluss an das Eisenbahnnetz rasch zu einem Zentrum der Holzindustrie entwickelt. Der wirtschaftliche Aufschwung führte aber auch zu wachsenden Problemen mit den meist männlichen Zuwanderern. Deren überbürdender Alkoholkonsum wurde von einer kirchlich unterstützten Temperenzbewegung strikt bekämpft. Diese Laiengruppen setzten aber nicht nur auf Verzicht, sondern waren auch Teil einer aktiven Volksgesundheitsbewegung. Sie kritisierte Pharmazeutika, war skeptisch gegenüber den vermeintlichen Zumutungen der modernen Medizin, etwa der Impfung. Stattdessen propagierte sie ein natürliches, unkompliziertes Leben in Einklang mit Gott, der Natur und den von ihr gegebenen Heilmitteln (hierzu detailliert Bosse Sundin, Bland kvacksalvare och godtemplare i 1890-talets Östersund, Gamla Östersund 49, (Jubileumsarsskrift) 1986, hg v. Föringen Gamla Östersund, Östersund 1986, 45-57). Hanfsamenbrei passte hierzu.

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Diffusion der Angebote: Werbung für Barthelsons Hanfsamenextrakt 1892 (Jämtlandsposten 1892, Ausg. v. 15. August, 4)

Auf Basis der Hedinschen Verarbeitungstechnik produzierten ab 1892 in Östersund mehrere Hersteller „Hampfröextrakt“, nämlich die Chemisch-Technische Fabrik (Kem. Tekniska Fabriken) des Östersunder Apothekers A.G. Holst und die Technische Fabrik Rentier (Tekniska Fabriken Renen) von Hedin. Hinzu kamen kleinere Anbieter, etwa J. Barthelson im westlich von Östersund gelegenen Hjerpen (Järpen) (Norrlandsposten 1892, Ausg. v. 6. April, 4; Jämtlandsposten 1892, Ausg. v. 15. August, 4). Absatzziffern fehlen. Doch die beträchtliche Werbepräsenz dieser Anbieter verweist nicht nur auf die unternehmerische Aufgabe, die neuen Produkte bekannt zu machen, sondern auch auf nicht unbeträchtliche Gewinnspannen. Der Absatz erfolgte direkt, per Postversand und über das bestehende Netzwerk von Großhändlern resp. Apotheken und Drogerien (Tidning För Wenersborgs Stad och Län 1893, Nr. 78 v. 29. September, s.p.; Göteborgsposten 1893, Ausg. v. 12. Oktober, 1). Holst eröffnete zudem 1893 eine Fabrikfiliale in der mittelschwedischen Hafenstadt Söderhamn (Söderhamns Tidning 1893, Ausg. v. 11. Oktober, 1; Jämtlandsposten 1894, Ausg. v. 9. März, 4).

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Erik Taflin und das Warenzeichen seiner Firma 1891 (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 203 (l.), Norrlandsvännen 1891, Nr. 127 v. 28. November, 4)

Diese Entwicklungen in der Provinz fanden zunehmend Widerhall in den wenigen großen Städten des schwedischen Königreiches. In Stockholm hatte die 1891 gegründete Technika Fabriken Röda Korset bemerkenswerte Wachstumsraten. Gründer und treibende Kraft war Erik Olof Taflin (1856-1910), ein Kaufmann aus dem mittelschwedischen Sundsvall. 1888 handelte er dort mit Möbeln und Musikinstrumenten, war zudem Repräsentant der Feuerversicherung Tor (Sundsvalls Tidning 1888, Ausg. v. 22. Dezember, s.p.). Doch Produktion und Handel mit Heilmitteln waren offenbar lukrativer. Es ist unsicher, ob die hagiographische Darstellung seines Lebensweges in den Unterlagen zum Börsengang seiner Firma 1896 zutrifft. Demnach war er in ärmlichen Verhältnissen in Tafnäs in Ostjemtland aufgewachsen, besuchte eine Handelsschule und arbeitete bis 1886 in einer Lebensmittelgroßhandlung in Sundsvall. Danach habe er einige Zeit in England verbracht (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 201). Taflin knüpfte währenddessen internationale Geschäftsbeziehungen, aus denen 1887 der Import des Rheumamittels Amerikanischer Samariterbalsam resultierte. Seine Stockholmer Firma produzierte und vertrieb von Beginn an weitere in- und ausländische Geheimmittel: Brustkamellen, Professor Downes Gesundheitsalz, Aseptika, Tannennadelöl, Zahnpulver sowie Fleckenentferner und Insektenpulver – das Angebot war breit und deckte zahlreiche Problemfelder des Alltags ab (Stockholmstidningen 1892, Ausg. v. 27. Februar, 4; Sundsvalls Tidning 1893, Ausg. v. 12. Oktober, 4). Außergewöhnlich war die Vermarktung, wurde Taflin doch binnen weniger Jahre „Schwedens größter Werbetreibender“ (Enköpingsposten 1896, Ausg. v. 18. Februar, 3) – in einem allerdings recht rückständigen Werbemarkt. 1894 betrug der Umsatz in Schweden nach eigenen Angaben 290.000 Kronen, also mehr als 2,1 Millionen Euro (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 201. Umrechnung nach https://www.historicalstatistics.org/Currencyconverter.html). Röda Korset expandierte parallel auch ins europäische Ausland und in die USA und präsentierte seine Produkte auf führenden Ausstellungen in der westlichen Welt (Amerikanska Posten 1893, Ausg. v. 23. Dezember, 28; Nya Dagligt Allehanda 1893, Nr. 300 v. 27. Dezember, 4. Einen Überblick der gewonnenen Preise enthält Aftonbladet 1897, Ausg. v. 19. Oktober, 4). Die errungenen Auszeichnungen dienten dann wiederum der Werbung, galten sie doch als Ausdruck hochwertiger Heilmittel. Zugleich verwies man stetig auf jede noch so unbedeutende Erwähnung durch ausländische Wissenschaftler, unterstrich damit die Heilkraft der eigenen Produkte (vgl. die lange Liste in Falköpings Tidning 1896, Ausg. v. 14. 11., 3).

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Hanfsamenextrakt gegen Lungen- und Organkrankheiten (Aftonbladet 1893, Ausg. v. 5. Oktober, 4)

Im September 1893 erweiterte Röda Korset das Sortiment um Hanfsamenextrakt, wobei man auf Hedins Verfahren zurückgriff (Stockholmstidningen 1893, Ausg. v. 14. September, 4; Aftonbladet 1893, Ausg. v. 21. September, 4; Eskilstunakurien 1893, Ausg. v. 28. September, 4). Analog zu den anderen Anbietern versprach die Firma Hilfe auch bei gemeinhin als unheilbar geltenden Krankheiten. Haupteinsatzfeld waren innere Krankheiten, daneben unterstrich die Werbung die stärkende und wiederherstellende Kraft des Mittels (Nya Dagligt Allehanda 1893, Ausg. v. 7. Oktober, 4). Doch das bestehende Interessengeflecht barg beträchtliche Tücken, die rasch zu Vorwürfen durch den Östersunder Produzenten Holst führten: Röda Korset plagiiere und habe lediglich ein nachgemachtes Präparat auf den Markt gebracht. Dies führte zu einer hier nicht zu schildernden scharfen öffentlichen Kontroverse um den „echten“ Hanfsamenextrakt (Mot bättre vetande, Aftonbladet 1893, Ausg. v. 31. Oktober, 4). Daraus resultierte eine Diversifizierungsstrategie, folgte im Dezember 1893 das neue Produkt Maltos Cannabis. Es wurde zeitgleich in Schweden und den USA eingeführt (Barometern 1893, Ausg. v. 13. Dezember, 3; Aftonbladet 1893, Ausg. v. 18. Dezember, 8; Amerikanska Posten 1893, Ausg. v. 23. Dezember, 28).

Mit Maltos Cannabis setzte Röda Korset auf ein seit mehr als drei Jahrzehnte bestehendes Erfolgsrezept. Angeführt von dem seit den frühen 1860er Jahren vertriebenen Malzextrakt des Berliner Unternehmers Johann Hoff (1826-1887) – über den ich eine Publikation vorbereite – dienten Malzpräparate vor allem der Stärkung von Kranken und Genesenden. Malz war einfach resorbierbar, hatte einen als angenehm empfundenen Geschmack: Liebigs Malzsuppe war beispielsweise ein Pionier der wissenschaftlichen Säuglingsernährung (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 91-93). Malz wurde mit fast allen Mineralstoffen und Eiweißstoffen gemischt, mit Kakao und Süßwaren und nun auch mit Hanfsamen.

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Sachlich-narrative Werbung für Maltos-Cannabis nach der Produkteinführung (Kalmar 1894, Ausg. v. 5. Mai, 3)

Die Tekniska Fabriken Röda Korset propagierten ihr neues Hanfpräparat mit vergleichsweise sachlichen Anzeigen. Erst einmal wurde das Produkt erklärt: Dazu diente ein ausführlicherer Artikel des Stockholmer Arztes Henrik Berg in einer populären Gesundheitszeitschrift, auf den dann in Anzeigen wieder und wieder eingegangen wurde (Henrik Berg, Maltos-Cannabis, ett svenskt hälso- och dietmedel, Trollhättans-Tidning 1894, Ausg. v. 16. März, 4; Kristrinehamns-Tidningen 1894, Ausg. v. 29. März, 3). Für ihn waren weder Waldenströms Brei noch der Hanfsamenextrakt wirkliche Heilmittel, da sie aufgrund ihres Geschmackes schon nach kurzer Zeit Widerwillen hervorrufen würden. Dies änderte sich mit der neuen Zubereitung, denn der hinzugefügte Malzzucker (mit einem Anteil von mehr als 30 %) überdeckte den Geschmack der Hanfsamen. Zugleich handelte es sich um leicht resorbierbare und – so die damals noch häufig geteilte Fehleinschätzung – direkt in Fett umwandelbare Kohlehydrate, die für die Rekonvaleszenz zentral seien. Zusammen mit dem hohen, etwa 15 % betragenden Fettanteil der Hanfsamen sei Maltos Cannabis ein wohlschmeckendes Substitut für das früher genommene, widerwärtig schmeckende Fischöl (also Lebertran). Das Präparat war einfach zuzubereiten, mussten doch ein bis zwei Esslöffel lediglich in einem halben Liter Wasser aufgekocht werden. Aus dem Brei wurde also ein Milchgetränk, aus dem frühen Hanfsamenpräparat ein Convenienceartikel. Für Leckermäuler – und Kinder – bot Röda Korset zudem Kakao-Maltos Cannabis an, eine Mischung des neuen Hanfsamenpräparates mit einem Drittel Kakao. Dies unterstrich die Marktpositionierung als Gesundheitsgetränk.

Wie bei vielen Malzpräparate früherer Zeit handelte es sich bei Maltos Cannabis um ein patentiertes Markenprodukt, das in Blechdosen vertrieben wurde. Die latinisierte Bezeichnung hob es von üblichen sachlichen Produktbeschreibungen ab, band es auch nicht mehr direkt an einen Erfinder, einen Hersteller. Damit gewann es eine neue, gleichsam eigenständige Produktqualität, die später von anderen Herstellern genutzt werden sollte. Das Produkt selbst war ein gelblich-weißes Pulver „von anfangs salzigem, nachher süsslichen und zuletzt kratzendem und bitterem Geschmack“ (J[onathan] Mindes, Manuale der neuen Arzneimittel, 3. neu bearb. Aufl., Zürich 1898, 218. Analog Virgil Coblentz, The new remedies, 3. Aufl., Philadelphia 1899, 86). Es konnte der Nahrung auch beigemischt werden, ebenso als Suppenzusatz dienen. Maltos Cannabis war ein Nährmittel, das gleichsam nebenher der Stärkung und Heilung von Lungenkranken diente, das auch gegen Brustkatarrahe und Bronchitis helfen sollte. 1893 wurde es von dem Stockholmer Handelschemiker John Landin (1861-1920) genauer analysiert. Die Ergebnisse wurden über Anzeigen verbreitet und unterstützten die wissenschaftliche Aura der Hanfsamenpräparates (Norrbottensposten 1894, Ausg. v. 12. April, 4; Göteborgs Aftonblad 1894, Ausg. v. 21. April, 3). 1895 ergab eine Sekundäranalyse des Utrechter Pharmakologen Hendrik Wefers-Betting (1843-1921) allerdings deutlich niedrigere Malzzucker- und Hanfölgehalte: Sie lagen bei 22,2 % resp. 10,2 % (Ueber Maltos. Canabis [sic!], Pharmazeutische Zeitung 40, 1895, 407). Die Zusammensetzung von Maltos Cannabis variierte also nicht unbeträchtlich.

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Werbung für Holsts Extractum Maltos cum Cannabe 1894 (Nerikes Allehanda 1894, Ausg. v. 12. Mai, 4)

Gleichwohl setzte Röda Korset mit seinem neuen Produkt einen neuen Standard. Die Zahl einfacher Hanfsamenextrakte ging ab 1894 deutlich zurück – zumindest, wenn die Anzahl der Anzeigen in den damaligen schwedischen Tageszeitungen ein genauer Indikator ist. An seine Stelle traten nun Substitute für Maltos Cannabis, an erster Stelle Holsts Extractum Maltos cum Cannabe. Dessen Werbung griff auch die visuelle Herausforderung der frühen Bildanzeigen von Röda Korset produktiv auf. Die genauen Markt- und Absatzverhältnisse konnten leider nicht rekonstruiert werden. 1895 und 1896 nahm die Werbeintensität jedenfalls ab, zudem traten Bildanzeigen deutlich in den Hintergrund. Dies kann bedeuten, dass lediglich noch Erinnerungswerbung geschaltet wurden, da die neuen Präparate bekannt und etabliert waren. Wahrscheinlicher ist jedoch ein reales Abflachen des Absatzes, handelte es sich bei den Hanfsamenpräparaten doch um Geheimmittel, die Lungentuberkulose nicht bekämpfen konnten. Darauf deutet auch ein dramatischer Bruch bei Röda Korset hin. Zum einen führte das Wachstum und auch die Gründung neuer Niederlassungen in Göteborg und Malmö zu erhöhtem Kapitalbedarf (Göteborgs Aftonblad 1896, Ausg. v. 1. Oktober, 1; Sydsvenska Dagbladet 1896, Ausg. v. 22. Oktober, 4). 1896 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 300.000 Kronen umgewandelt (Stockholmstidningen 1896, Aug. v. 6. März, 2; ebd., Ausg. v. 11. April, 2; Aftonbladet 1896, Ausg. v. 17. April, 4). Zum anderen begann das Unternehmen Maltos Cannabis durch ein neues Nährsalzprodukt, Närsalt-Maltos, zu ersetzen (Enköpingsposten 1896, Ausg. v. 18. Februar, 3). Erik Taflin hatte im Herbst 1895 das Dresdener Sanatorium Weißer Hirsch besucht und sich intensiv mit der Dysämie-Theorie Heinrich Lahmanns (1860-1905) auseinandersetzt (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 216-218). Die wichtigsten Krankheiten ließen sich demnach durch eine richtige Mischung der Mineralstoffe (also der Nährsalze) verhindern. Lahmann entwickelte daraus eine zivilisationskritische Theorie der Blutentmischung und Blutentartung durch die Entmineralisierung der Alltagskost. Sie ist ein nicht unwichtiges Zeitdokument, jedoch ohne physiologische Fundierung (Heinrich Lahmann, Die diätetische Blutentmischung (Dysämie) als Grundursache aller Krankheiten, 7. verm. Aufl., Leipzig 1897). Während Nährsalzpräparate in Deutschland seit den frühen 1890er Jahren eine nicht zu unterschätzende Marktbedeutung hatten, dürfte die Resonanz in Schweden deutlich verhaltener gewesen sein – auch wenn Röda Korset und Henrik Berg die Werbetrommel dafür intensiv schlugen (Aftonblad 1896, Ausg. v. 6. März, 4; Svenska Dagbladet 1897, Ausg. v. 22. April, 4). Wichtig war, dass die Nährsalze nun die Hanfsamen verdrängten. Das Hanfpräparat trat in den Hintergrund, da die naturheilkundliche Begründung durch die Naturheilkunde überholt worden war.

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Sortimentswerbung von Röda Korset 1898 (Göteborgs Aftonblad 1898, Ausg. v. 17. Oktober, 4)

Maltos Cannabis wurde weiterhin produziert, trat aber in der ohnehin deutlich zurückgefahrenen und immer stärker auf Einzelprodukte ausgerichteten Werbung kaum mehr hervor (Ausnahmen bilden Korrespondenten 1899, Ausg. v. 25. Februar, 3; Aftonbladet 1899, Ausg. v. 2. März, 4; Söderhamns Tidning 1899, Ausg. v. 6. März, 4. Zum Sortiment s. Parti-preiskurant fran Aktiebolaget Tekniska Fabriken Röda Korset, Stockholm 1899). Dies ging einher mit wachsenden ökonomischen Schwierigkeiten der Technika Fabriken Röda Korset. Obwohl die Firma zahlreiche neue Produkte auf den Markt brachte – etwa den Fruchtnektar Freya – und die breite Produktpalette der Anfangszeit weiter abdeckte, sanken die Erträge dramatisch (Trelleborgstidningen 1901, Ausg. v. 28. Oktober, 2). Am 5. Februar 1902 musste die Firma Konkurs anmelden (Stockholmstidningen 1902, Ausg. v. 7. Februar, 2).

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Werbung für Hedins Hanfsamenextrakt 1904 (Östersundenposten 1904, Ausg. v. 15. Februar, 1)

In Schweden wurden auch danach Maltos Cannabis produziert, beworben und abgesetzt. Es stammte allerdings nicht mehr von Röda Korset, sondern vom langjährigen Mitbewerber, den Chemisch-Technischen Fabriken von Apotheker Holst in Östersund (Aftonbladet 1903, Ausg. v. 24. Januar, s.a.; Smalandsposten 1903, Ausg. v. 14. Februar, 4; Hallandsposten 1903, Ausg. v. 23. Februar, 4. Vgl. schon zuvor Jämtlandsposten 1899, Ausg. v. 28. April, 4). Auch Hanfsamenextrakt wurde in Schweden weiter vermarktet (Norrlandsposten 1903, Ausg. v. 5. Februar, 2; ebd., Ausg. v. 14. Februar, 4).

Maltos Cannabis war zwischen 1893 und etwa 1898 ein auch international erfolgreicher Markenartikel. Das Präparat wurde in Schweden (und damit Norwegen), Finnland, Dänemark, den Niederlanden, Russland, Griechenland, der Schweiz, den USA und wohl auch darüber hinaus angeboten (vgl. etwa St. Petersburger Medicinische Wochenschrift 21, 1896, 42; The Lindsborg News Record 1895, Ausg. v. 4. Januar, 2; Rotterdamsch Niewsblad 1895, Nr. 5454 v. 23. Dezember, 3; Hufvudstadsbladet 1905, Nr. 203 v. 30. Juli, 12). In diesen Staaten gründete man teils eigene „Fabriken“, so etwa in Utrecht und Chicago. Das Eiweißpräparat wurde auch in Deutschland eingesetzt, zumal nachdem der Berliner Mediziner Hermann Senator (1834-1911) seinen Einsatz in der Kinderheilkunde 1895 empfohlen hatte (Skaffaren 1895, Ausg. v. 6. März, 3. Empfehlungen für mit Maltos Cannabis angereicherte Milchsuppen enthält I[mmanuel] Munk und C[arl] A[nton], Ernährung des gesunden und kranken Menschen, 3. verb. Aufl., Wien/Leipzig 1895; Ernst von Leyden und Georg Klemperer (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, 2. umgearb. Aufl., Bd. II, Leipzig 1904, 102). Maltos Cannabis stand für einen Konsumtransfer schwedischer Produkte in die neue Welt, wurde in den schwedischsprachigen Einwandererzeitungen in den nördlichen Staaten der USA mehrere Jahre beworben (vgl. etwa Fergus Falls Ugeblatt 1894, Ausg. v. 7. November, 3; Fergus Falls Ugeblatt 1894, Nr. 680 v. 5. Dezember, 3; Minnesota Stats Tidning 1896, Nr. 6 v. 5. Februar, 5; Skaffaren 1895, Ausg. v. 25. September, 2). Auch englischsprachige Werbeanzeigen lassen sich nachweisen, doch ist unklar, wie lange das Nährmittel in den USA angeboten wurde (Chicago Daily Tribune 1895, Ausg. v. 1. April, 3). In den Niederlanden wurde Maltos Cannabis noch 1905 angeboten, in Schweden bis zumindest 1921 (Hufvudstadsblad 1905, Nr. 207 v. 3. August, 8; Svensk farmaceutisk tidskrift 24, 1921, 195). Auch wenn die Unternehmensgeschichte der Techniken Fabriken Röda Korset nicht lang währte, gelang der Firma doch eine profitable internationale Vermarktung eines Hanfnährpräparates vor den Cannabisverboten in den späten 1920er und 1930er Jahren. Als solches war Maltos Cannabis jedoch eine seltene Ausnahme.

Das schwedische Nährpräparat spiegelt das doppelte Verschwinden des Hanfes im langen 19. Jahrhundert. Es war einerseits eine auch medizinisch genutzte Speise aus Hanfsamen. Als Alltagskost verschwand diese in Mitteleuropa – von wenigen Ausnahmen abgesehen – schon im frühen 19. Jahrhundert, während sie sich im Osten und Norden Europas in ländlichen Gebieten noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts halten konnten. In Schweden griffen Naturheilkundler diese Tradition im späten 19. Jahrhundert auf, boten damit Heil- und Geheimmittelproduzenten Marktchancen. Sie transformierten mittels moderner Trocknungstechnik eine tradierte Speise in ein neuartiges Nährmittel und dann in einen gezielt beworbenen Markenartikel. Doch just in diesem neuen Gewande wurde die tradierte Hanfspeise schon nach wenigen Jahren durch gesüßte und besser schmeckende Nährsalzpräparate abgelöst. Maltos Cannabis steht damit für die schon lange vor den staatlichen Cannabisverboten einsetzenden Abkehr vom landwirtschaftlich genutzten Hanf und daraus bereiteten Nahrungsmitteln.

Zugleich war Maltos Cannabis – analog zu der großen Zahl medizinischer Cannabispräparate – eines der vielen im späten 19. Jahrhundert noch angebotenen Heilmittel aus Hanf (Uwe Spiekermann, Cannabispräparate). Doch als solches war es ein Übergangspräparat von revitalisierten volksmedizinischen Anwendungen hin zu leistungsfähigeren Heilmitteln und Therapien. Grund hierfür war nicht das kurz zuvor entwickelte und ebenfalls unwirksame Tuberkulin Robert Kochs, sondern der Aufbau einer in Ansätzen durchaus wirksamen Therapie und Prävention der Lungentuberkulose auf Basis der Bakteriologie. Als Heilmittel nicht wirksam, mutierten Hanfsamenextrakte wie Maltos Cannabis rasch zu Kräftigungsmitteln, ehe sie vom Markt verschwanden. Wer hofft, dass Nährpräparate aus Hanf heutzutage große Marktchancen haben, dem bietet die Geschichte von Maltos Cannabis eher Ernüchterung.

Uwe Spiekermann, 14. November 2019

Eine sozialistische Heldin: Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall sind die Kenntnisse über die DDR nurmehr schemenhaft. Es war daher nicht überraschend, dass dem Tod des sozialistischen Helden Sigmund Jähn (1937-2019) im letzten Monat Elogen über den „ersten Deutschen im All“ folgten. Vermeintliche Qualitätsmedien präsentierten Jähn als gesamtdeutschen Helden, münzten dessen propagandistische Funktion für die SED-Herrschaft klein (eine wichtige Ausnahme bildete Ilko-Sascha Kowalczuk, Sigmund Jähn verkörperte das DDR-System, Der Tagesspiegel 2019, Ausgabe v. 24. September). Jähn war in der Tat ein Held, er war der ostdeutsche Kosmosheld, NVA-General und SED-Aktivist. Er steht zugleich für eine große Zahl von zumeist vergessenen sozialistischen Helden. Wie Jähn unterstützten und legitimierten sie die DDR, unterstützten und förderten den geplanten Aufbau einer sozialistischen Republik, verkörperten ihn mit Leib und Seele. Das galt auch für die Verdiente Aktivistin Margarete Heinicke, bekannt vor allem durch die 1954 von ihr praktizierte und dann öffentlich propagierte Kochtopfmethode. Ihre vergessene Geschichte ermöglicht Einblicke in die Geschichte der DDR im Jahrzehnt des „Aufbruchs“ und dessen schwierige Legitimation. Sie erweitert den gängigen Blick auf Helden der Arbeitswelt, arbeitete Gretel Heinicke doch im Handel, also im Konsumsektor einer Mangelgesellschaft. Schließlich handelt es sich um die Geschichte einer Heldin – und diese stand im Spannungsraum zwischen Gleichberechtigungsideal und der doch etwas anderen Lebensrealität von Frauen in der DDR.

Sozialistische Helden und Heldinnen

Anders als die Industrie, war und blieb der Handel in der DDR immer nachranging und unterfinanziert. Diese Geringschätzung folgte den Theoretikern des Marxismus, die immer wieder die vermeintlich verteuernden Mittelspersonen zwischen Güterproduzenten und Verbrauchern kritisierten. Sie war allerdings paradox, denn mit den Konsumgenossenschaften hatte die Arbeiterbewegung eine bis in die 1930er Jahre gefürchtete Alternative zum „Profithandel“ geschaffen, eine distributive Gegenwelt zum Kapitalismus (Uwe Spiekermann, Konsummühle Magdeburg; Ders., Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften im frühen 20. Jahrhundert, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags, Stuttgart 1995, 126-149). Der sozialistische Aufbau erfolgte seit dem ersten Zweijahresplan 1949-1950 vorrangig in den Grundstoff- und Investitionsgüterindustrien, während die Konsumgüterindustrien und der Handel nachranging finanziert wurden. Ein sicheres industrielles Fundament schien erforderlich, private Konsumwünsche waren zurückzustellen für das große Ganze. Die materielle Umgestaltung der Gesellschaft gründete auf dem ideellen Konstrukt des Verzichts.

Sozialistische Persönlichkeiten konnten das nachvollziehen, erbrachten zudem einen Beitrag, um die Phase der Entbehrungen zu verringern. Was kleinteilig zu leisten war, zeigten die sozialistischen Helden, die anfangs vor allem im Felde der Grundstoffindustrien auftraten. Ihr Prototyp war der sowjetische Bergmann Alexei Stachanow (1906-1977), ein Kohlenhauer, der 1935 das Vierzehnfache seiner Norm förderte. Mit dieser später mehrfach übertroffenen Höchstleistung setzte der Held der Arbeit nicht nur einen neuen, überplanmäßigen Maßstab für sich selbst, sondern er zeigte anderen Werktätigen, dass auch sie eine höhere Leistung erbringen konnten. In der sowjetischen Besatzungszone trat Adolf Hennecke (1905-1975) am 13. Oktober 1948 in die Fußstapfen Stachanows, indem er seine Tagesnorm um fast das Dreifache übererfüllte. Beide Helden dienten als Vorbild für nacheifernde Aktivisten, für eine offiziell geförderte und von den Gewerkschaften forcierte Aktivistenbewegung. Auch wenn die Auswirkungen auf die Produktion letztlich gering blieben (Wolfgang Weber, DDR – 40 Jahre Stalinismus. Ein Beitrag zur Geschichte der DDR, Essen 1992, 43), begann in der frühen DDR ein Kult um die neuen Vorbilder der Werktätigen. Hennecke zu Ehren wurde seit 1949 am 13. Oktober der Tag des Aktivisten begangen, an dem die herausragenden Leistungen bei der Plan(über)erfüllung, aber auch Beiträge der Neuerer ausgezeichnet wurden. Ehrentitel und Orden folgten, Prämien und höhere Stundenlöhne boten materielle Anreize. Standen anfangs eher quantitative Produktionserhöhungen im Fokus, so sollten Neuerer oder Rationalisatoren später vornehmlich qualitative Verbesserungen ermöglichen. Prozessinnovationen wurden wichtiger, nicht zuletzt im Handel, wo Produktivität und Effizienz anders als in der Industrie zu messen waren.

Sozialistische Helden unterschieden sich deutlich von denen des kapitalistischen Westens. Sie verkörperten erst einmal die Gemeinschaft des sozialistischen Lagers, waren Ausdruck der internationalen Solidarität der Werktätigen. Sie standen im Kollektiv, gingen aber über die konturlosen „Massen“ des Proletariats hinaus (Heiko Haumann, „Held“ und „Volk“ in Osteuropa, Osteuropa 57, 2007, H. 12, 5-15, insb. 12-13). Wer die KPD-Zeitung „Rote Fahne“ während der Zeit der Präsidialkabinette liest, findet darin tagtäglich herausgehobene Kommunisten, die freudig gegen Demokratie, „Sozialfaschismus“ und die Nationalsozialisten kämpfen, um nach dem „Sieg“ das Deutsche Reich nach ihrem Gustus umzugestalten. Deren Opferbereitschaft war wegweisend im „Kampf“, der nach dem Sieg der Sowjetunion über den „Hitlerfaschismus“ dann auf andere, aufbauende Felder übertragen wurde. Sozialistische Helden wie Stachanow und Hennecke brachten individuelle Opfer, doch diese waren gegenüber denen der heroisch stilisierten „Kampfzeiten“ gering. Die Helden der Arbeit senkten gleichsam die Einstiegskosten für Nachfolge, agierten sie doch im Rahmen eines siegreichen Sozialismus (vgl. Hans Günther, Der Heldenmythos im Sozialistischen Realismus, in: Boris Groys und Max Hollein (Hg.), Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit, Ostfildern-Ruit 2004, 106-124).

Sozialistische Helden kennzeichnete ein spannendes Wechselspiel von Außeralltäglichem und Alltäglichem: Sie wurden „als Mustermenschen und damit als Idealtypen des ‚neuen Menschen‘ präsentiert. Sie sind außeralltäglich in ihrem Können, in ihren Fertigkeiten, in ihrer politischen Gesinnung und in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Sache des Sozialismus“ (Rainer Gries und Silke Satjukow, Von Menschen und Übermenschen. Der „Alltag“ und das „Außeralltägliche“ der „sozialistischen Helden“, Aus Politik und Zeitgeschichte 2002, H. 17, 39-46, hier 40). Doch zugleich waren sie alltäglich, Menschen wie du und ich. Sie kamen aus dem „Volk“ – so die anfangs noch national tönende Sprache der SED –, waren Helden zum Anfassen. Grundsätzlich jeder konnte ein Held werden. Dadurch besaßen sie eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Werktätigen und Parteioligarchie – obwohl sie stets die Ziele und Ideale der herrschenden Politik verkörperten. Ihr Glaube hatte sie hart gemacht, hart gegen sich selbst, hart gegen die Mühen des Alltags. Gegen diese kämpften sie, bezwangen sie. Sie waren Vorbilder, die zugleich Zeugnis von der Wahrheit der eingeschlagenen Politik, des zu erfüllenden Plans gaben. All dies, so die Historikerin Silke Satjukow, gründete auf der marxistischen Überzeugung eines an sich guten Menschen, der ein Held sein könne, würde er nur von den Bedrängnissen und Verpflichtungen der alten Gesellschaft befreit werden. Sozialistisches Heldentum war Teil der Verwirklichung der kommunistischen Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer sein würde. Zuvor war der Held nach heldenhafter Tat allerdings auf eine Rolle festgelegt, die er in immer neuen Variationen spielen musste (vgl. Monika Gibas, Tagungsbericht „Sozialistische Helden“, H-Soz-u-Kult 2001, Oktober). Sozialistische Helden waren daher stete Propagandisten des real existierenden Sozialismus – entsprechende Positionen und Privilegierungen halfen dabei.

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„Schön wird die Zukunft sein“ – Entwurf für ein sozialistisches Schaufenster (Der Handel 2, 1952, 220)

Die DDR kreierte und nutzte Helden. Doch ihr Bewährungs- und Tatfeld veränderten sich. Adolf Hennecke stand für den Aufbau der Industrie, die damals notwendigen Produktivitätssteigerungen. Das galt auch für die wohl bekannteste sozialistische Heldin Frida Hockauf (1903-1974). Sie war ab 1951 Weberin im VEB Mechanische Weberei Zittau und verpflichtete sich im September 1953 zu einer deutlichen Übererfüllung des Planes. Kurz zuvor war die DDR ihrem Ende nur knapp entgangen. Die brachiale Gewaltherrschaft entrechtete immer wieder neue „bürgerliche“ Gruppen und der rigide Austeritätskurs führte zu massiver Unterversorgung. Wachsende Flüchtlingszahlen und der Volksaufstand des 15.-17. Juni 1953 folgten. Durch den schon zuvor von der UdSSR geforderten Neuen Kurs wurde der Druck auf die Bevölkerung anschließend vermindert, die Versorgung mit Konsumgütern wieder stärker beachtet. Hockauf übertrug Produktivitätsideale der Industrie auf die Konsumgüterfertigung. In dem mit ihrer Selbstverpflichtung einhergehenden Aufruf vom 1. Oktober 1953 hieß es verheißungsvoll: „Unsere Bevölkerung braucht mehr, bessere und billigere Textilien, Schuhe, Bekleidungsgegenstände, Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter.“ Dies würde kommen, gewiss, war aber an Vorbedingungen, an Mehrarbeit geknüpft. Die Quintessenz all dessen wurde – später parolenhaft vereinfacht – klar artikuliert: „So wie wir Werktätigen heute arbeiten, wird morgen unser Leben sein“ (Aufruf v. 1. Oktober 1953, zit. n. Ina Merkel, … und Du, Frau an der Werkbank. Die DDR in den 50er Jahren, Berlin 1990, 80). Für sie selbst begann anschließend – wie schon bei Adolf Hennecke – der soziale Aufstieg, war sie doch von 1954 bis 1963 SED-Volkskammerabgeordnete (Torsten Töpler, Die Ausgezeichnete. Biographische Spurensuche um Frida Hockauf, Leipzig 2007). Hockauf war eine einfache Frau, eine zupackende Facharbeiterin. Sie war bescheiden, kam aus einfachen Verhältnissen, sah in der Arbeit ein Mittel nicht nur der Alltagsbewältigung, sondern auch der Zukunftsgestaltung. Ihr Aufruf war vorbildlich, andere sollten folgen. Doch zugleich war er ein Vorschein in eine bessere Zukunft, in der der Vorsprung des Westens eingeholt werden würde, in der die materiellen Bedürfnisse umfassend befriedigt werden würden (Gries und Satjukow, 2002, 43).

Sozialistische Heldinnen im Handel

Eine unmittelbare Übertragung der Ideale von Hennecke und Hockauf auf den Handel war kaum möglich, Gretel Heinicke hätte sich mit ihrer Kochtopfmethode nicht einfach anschließen können. Die Lage des DDR-Handels, aber auch dessen Rolle im seit 1950 laufenden ersten Fünfjahresplan ließen dies nicht zu. Produktivitätsgewinne wären an sich möglich gewesen, doch dazu hätte es massiver Investitionen und struktureller Veränderungen der Planwirtschaft bedurft. Der fehlende Preismechanismus und die unzureichenden Erfassungskriterien wirtschaftlicher Abläufe wurden nicht hinterfragt, stattdessen auf Mängel in der Umsetzung und das leider noch bestehende „bürgerliche“ Bewusstsein auch der Beschäftigten verwiesen. Im westlichen Ausland hatte damals schon eine fundamentale Rationalisierung im Handel eingesetzt, die mit einem massivem Bedeutungsgewinn von Filialbetrieben, Einkaufsgenossenschaften und freiwilligen Ketten einherging und zum Ende der Dominanz inhabergeführter Einzelhandelsbetriebe führen sollte (vgl. Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel im 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, insb. 99-111). Der Handel wurde seither zum eigentlichen Machtzentrum innerhalb der Konsumgütersphäre, große Teile der Industrie blieb nur die Rolle als Zulieferer. Im Ostblock war diese Machtumkehrung nicht möglich und nicht gewollt. Die langfristige Beseitigung des privaten Einzelhandels war politisch-ideologisch, nicht wirtschaftlich bedingt. Die Konsumgenossenschaften, vor allem aber die 1948 gegründete staatliche Handelsorganisation (HO) banden einen Großteil der Investitionsmittel, waren aber vollauf damit beschäftigt, den Schwarzmarkt einzudämmen, den Gütermangel und die Rationierung zu handhaben. 1951/52 gab es zwar eine erste Welle von Selbstbedienungsläden, doch diese ebbte rasch ab, fehlten doch nicht nur verpackte Waren, spezielle Verkaufsmöbel und Registrierkassen, sondern auch Akzeptanz beim Verkaufspersonal und vielen Käufern (Uwe Spiekermann, Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR 1951-1960).

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Abgebrochene Rationalisierung des DDR-Handels: Selbstbedienungsladen 1951 (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 2. S. n. 112)

Die Rationalisierung im Handel der DDR stockte aber auch aufgrund eines sich gegenüber dem kapitalistischen Westen deutlich abgrenzenden Konsumideals. Konsumgüter wurden über ihren Gebrauchswert definiert, sollten nicht als Statussymbole verwandt werden. Modische Produkte, spezielle Designs und ausgefallene Vorlieben standen unter einem ideologischen Vorbehalt, gediegene Ware für alle war das Ziel – trotz der steten Bevorzugung der Nomenklatura. Die Planungs- und Produktionskapazitäten zielen auf standardisierte Massenfabrikation. Dies sollte Ressourcen einerseits optimal nutzen und preiswerte Konsumgüter ermöglichen, zum anderen aber größere Produktionsmengen erlauben (vgl. Alexandra Köhring und Monica Rüthers, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Ästhetiken des Sozialismus. Populäre Bildmedien im späten Sozialismus, Wien/Köln/Weimar 2018, 7-12, hier 10). Dies führte zu immensen Friktionen zuerst im Bekleidungs-, dann im Gebrauchsgütersektor, schließlich auch im Felde der chemisch-kosmetischen Artikel und der gehobenen Lebensmittel: Die Grundversorgung wurde gesichert, alles darüber hinausgehende war teuer und schwer erhältlich. Trotz beträchtlicher Produktionssteigerungen blieb die DDR – und stärker noch die anderen RGW-Staaten – eine Mangelökonomie, deren Produktqualität an die des vermeintlich goldenen Westens nur selten heranreichte.

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Werbung für Verbesserungsvorschläge bei den Konsumgenossenschaften Thüringens (Der Handel 2, 1952, 231)

Es ist daher erklärlich, dass die sozialistischen Helden im Handel rar gesät waren. Doch es gab sie – und ihre Zahl nahm seit 1952 stark zu. Damals sprengte die Remilitarisierung den Rahmen des Fünfjahresplans, schienen den ostdeutschen Machthabern Normenerhöhungen und massive Rationalisierungen unabdingbar. Wie zuvor schon in der Produktion standen sowjetische Aktivisten im Mittelpunkt einschlägiger Debatten: Die im sowjetischen Lebensmittelhandel erprobte Kowaljow-Methode zielte beispielsweise auf die gleichmäßigere Verteilung der Käufer auf die Verkaufskräfte, sollte somit Wartezeiten verringern und den Absatz steigern helfen (Helmut Schüller, Kowaljow-Methode auch im Verkauf, Die Waage 1952, 75). In Kauf- und Warenhäusern wurde derweil die Potapow-Stoffwand diskutiert, teils auch eingeführt. Der Leiter des Stscherbakower Kaufhauses in Moskau hing Textilien nebeneinander auf, so dass sich die Kunden schon vor dem Verkaufsgespräch über das Angebot informieren konnten (Der Handel 5, 1955, H. 9, 1). Daneben begann man 1952/53 die auf schnellere Planerfüllung ausgelegte Bewegung des Bergmanns Franz Franik (1907-1975) auch im Handel anzuwenden (Harry Scherer, Franik-Bewegung im Handel setzt sich durch, Der Handel 3, 1953, 551). Schließlich wurde das Vorschlagswesen gefördert, indem Neuerer höhere Prämien und wachsende öffentliche Aufmerksamkeit erhielten (Julius Mader, Wir haben das Vorschlagswesen gefördert!, Der Handel 2, 1952, 230-231). All dies zielte nicht mehr nur auf passive Teilnahme, sondern auf aktive Teilhabe (Rainer Gries, Dramaturgie der Utopie. Kulturgeschichte der Rituale der Arbeiter-und-Bauern-Macht, in: Peter Hübner u. a. (Hg.), Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit, Köln und Weimar 2005, 191-214, hier 205).

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Sina Rybakowa – Vorbild für Aktivistinnen in der DDR (Der Handel 3, 1953, 440)

Zur ersten sozialistischen Heldin des DDR-Handels dieser Zeit wurde 1953 dann die erst 19 Jahre alte Verkäuferin Sina Rybakowa – der Name wurde, da letztlich nur Bezugspunkt, immer mal wieder anders geschrieben. Die sowjetische Aktivistin arbeitete in der Abteilung für Schul- und Schreibbedarf des Moskauer Warenhauses ‚Kinderwelt‘. Sie war Selbstverpflichtungen eingegangen und forderte Kolleginnen zum sozialistischen Wettbewerb auf, also zum direkten Leistungsvergleich. Rybakowa hatte sich verpflichtetet, den Betriebsplan mit mindestens 105% zu erfüllen, auf qualitativ hochwertige Waren zu achten, die Kundeninteressen zu studieren und sie weiterzuleiten, das Technikum des Sowjethandels zu besuchen, um sich bessere theoretische Kenntnisse anzueignen sowie „aktiven Anteil an dem gesellschaftlichen Leben der Belegschaft zu nehmen“ (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Verglichen etwa mit Stachanows Brachialabbau von Kohle war dies fraulich-klein. Doch Rybakowa verkörperte Vertrauen und Leistungsbereitschaft einer jungen Generation, die nun nicht mehr allein die Grundlagen der Wirtschaft verbessern, sondern einen freudigen und zufriedenstellenden Einkauf ermöglichen wollte. Ihre Person passte zudem bestens zum parallel laufenden SED-Feldzug „für strenge Sparsamkeit“: „Der Schwerpunkt liegt bei der Entfaltung des innerbetrieblichen Wettbewerbs von Verkäuferin zu Verkäuferin, von Brigade zu Brigade, von Verkaufsstelle zu Verkaufsstelle und von Abteilung zu Abteilung auf der Grundlage von konkreten Selbstverpflichtungen und nach dem Vorbild der sowjetischen Stachanowverkäuferin Nina Rybakowa“ (Walter Schalm, Die neuen Aufgaben im Wettbewerb, Der Handel 3, 1953, 288-290, hier 289). Derartige Wettbewerbe erforderten flankierende betriebswirtschaftliche Maßnahmen, mit denen die Einzelleistungen bestimmt werden konnten, waren wichtig für eine Feinjustierung des Wirtschaftsplans.

Sina Rybakowa war die Verkörperung der pflichtbewussten, aufstrebenden Verkäuferin. Sie, die erst vor anderthalb Jahren als Lehrling ihre Berufslaufbahn begonnen hatte, legte ihre Ware morgens schon vor Geschäftsbeginn vorbildlich aus, ordnete sie nach Kundenpräferenzen. „Während ihrer Arbeit erlaubt sich die Verkäuferin niemals, ihre Aufmerksamkeit vom Kunden abzuwenden. Sie läßt keine übertriebene Eile oder Ungeduld gegenüber dem Kunden zu, wenn er zu lange auswählt, sondern hilft ihm freundlich, um in der Auswahl seinen Geschmack zu treffen. Im Laufe des Arbeitstages verkauft die Verkäuferin Rybakowa 200-300 Warenartikel. Sie beendigt ihren Arbeitstag eine Stunde früher, da sie abends im Technikum des sowjetischen Handels studiert. […] Der Kreis ihrer Kenntnisse erweitert sich von Tag zu Tag, sie wird zu einer qualifizierten Mitarbeiterin des Handels. Wir führen dieses Beispiel nicht als Ausnahme an. Solche Mitarbeiter gibt es viele in unserem Warenhaus…‘“ (Eifert Nina Rybakowa nach!, Der Handel 3, 1953, 440). Das war viel im durch hohe Fluktuationen, niedrige Löhne und einen mehr als 70-prozentigen Frauenanteil gekennzeichneten DDR-Einzelhandel. Ende 1953 wurde ein monatlicher „Tag des sowjetischen Neuerers“ eingeführt wurde, auch um den inhaltsleeren „Selbstlauf“ der bisherigen Neuererbewegung im Handel zu beenden. Rybakowas „Methode“ sollte allgemein angewendet werden (K. Götz, Auch im Handel ‚Tag des sowjetischen Neuerers‘, Der Handel 3, 1953, 336). 1956 erschien schließlich eine deutschsprachige Broschüre, um Selbststudium zu fördern (Sina Rybakowa, Unsere Kunden wollen gut, gewissenhaft und aufmerksam bedient werden, Berlin (O) 1956).

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Kollektivverpflichtung von Mitarbeitern der HO Industriewaren in Berlin-Weißensee (Der Handel 2, 1952, 223)

Glaubt man der parteilichen und unter Zensur stehenden Fachpresse, war die Resonanz nicht unbeträchtlich. Hervorgehoben wurden etwa entsprechende Selbstverpflichtungen von 150 Beschäftigten des HO-Warenhauses in Dresden (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Blieb es meist bei ehrenden namentlichen Erwähnungen der Initiatorinnen, so wurde die „Kollegin Arndt“ vom HO Warenhaus Leipzig gar zur „Verdienten Aktivistin“ ernannt. Die Leiterin der dortigen Verkaufsbrigade für Damenwäsche war nicht nur Arbeiterkind, das sich nach Umschulung und Qualifikation von der Aushilfe über die Verkäuferin zur Leiterin hochgearbeitet hatte, sondern sie nahm die Anregungen der Franik- und Rybakowa-Aktivisten direkt auf, eröffnete schon im September 1952 den innerbetrieblichen Wettbewerb und entsprach dem Ideal einer linientreuen Aktivistin: „‚Es ist eine schöne Aufgabe, den Menschen bei ihren Einkäufen Helfer und Berater sein zu können. Seit Beginn meiner Tätigkeit bei der HO nahm ich rege am gesellschaftlichen Leben teil. Im Jahre 1953 machte ich mich mit dem Charakter und dem Ziel innerbetrieblicher Wettbewerbe vertraut. So erkannte ich, wie wichtig auch im Handel der Wettbewerb ist, […] Ich freue mich darüber, daß ich mit meinen Brigademitgliedern einen Anstoß für eine Bewegung gegeben habe, die zeigt, daß auch der Handel der Produktion nicht nachsteht.‘“ Die Produktion von Heldinnen konnte beginnen.

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Verdiente Aktivistinnen: Zwei der elf Preisträgerinnen 1953 (Der Handel 3, 1953, 565)

Die Verdiente Aktivistin Gretel Heinicke

Margarete Heinicke war eine dieser sozialistischen Heldinnen. Heute erinnert niemand an sie, weder Wikipedia, noch einschlägige biographischen Nachschlagewerke (etwa Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs und Dieter Hoffmann (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Bonn 2001). Heinicke war Verkäuferin, seit Oktober 1953 dann Verkaufsstellenleiterin in der HO-Lebensmittel in Leipzig. Die sächsische Metropole war offenbar ein bevorzugter Ort für Neuerer, etwa der Verdienten Aktivistin Arndt. Im dortigen HO Warenhaus begann man 1953 über die sowjetischen Methoden hinauszugehen, appellierte an die Phantasie der Käufer: Stoffe wurden nicht einfach dargeboten, stattdessen zeigte man Schnittmuster und ausgearbeitete Modelle. Das fertige Kleid, der modische Anzug dienten als Anreiz für die häusliche Schneiderei, für den Absatz der dafür nötigen Vorprodukte (Leistungssteigerung durch neue Verkaufsmethoden, Der Handel 3, 1953, 442).

Margarete Heinicke war Teil dieser Neuererbewegung. Ihre Biographie war vorbildlich, vorbildlich für eine sozialistische Heldin (Angaben n. Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Glaubt man den Angaben der Fachpresse, so stammte sie aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie, konnte aufgrund der Enge der Herkunft aber keinen Beruf erlernen. Nach der Schule arbeitete sie als Hausangestellte und Sprechstundenhilfe, wurde anschließend Beiköchin in einer Gaststätte. Die junge Frau wechselte anschließend, also während der NS-Zeit, in eine Baumwohlspinnerei, machte dort innerbetrieblich Karriere: Sie begann als Arbeiterin, wurde Lehrausbilderin, schließlich Angestellte in der Lohnbuchhaltung und Kalkulation. All dies blieb vage, entsprach aber dem Bild einer strebsamen Frau, die Alltagsfährnisse überwand und ihr Leben anständig meisterte. Anfang der 1950er Jahre kam sie zur HO, startete als Wurstverkäuferin. Der staatliche Handel erlaubte eine neue Karriere, ein Volkshochschullehrgang zeugte von Heinickes Lernbereitschaft. Aufgrund ihrer „guten Leistungen“ wurde sie im Oktober 1953 Leiterin der Verkaufsstelle 88 im Süden Leipzigs, wo sie mit neuen Verkaufsformen experimentierte. Im August 1955 stieg sie die Karriereleiter weiter hoch, war als Verkaufsstellen-Abteilungsleiter für mehr als zwanzig Geschäfte der HO-Lebensmittel Leipzig-Süd verantwortlich.

Dieser Aufstieg war, so das Heldinnennarrativ, Folge ihres Einsatzes für das Kollektiv: „‚Ich fühle mich verpflichtet, in meiner Arbeit Vorbild zu sein. Es genügt nämlich nicht mehr, in einer Verkaufsstelle nach neuen Arbeitsmethoden zu arbeiten, überall muß man jetzt konsequent mit der Einführung neuer Arbeitsmethoden beginnen und dabei nicht am Anfang stehenbleiben‘“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Heinicke griff die zeitgenössischen Neuerermethoden auf, setzte sie in ihrem Wirkungskreis um: Anfang 1953 initiierte sie einen innerbetrieblichen Wettbewerb, bei dem jeder Verkäufer 250.000 DM Jahresumsatz erzielen sollte. Damit griff sie die Anregungen Sina Rybakowas auf, koppelte sie mit der Ertragsperspektive der Franik-Methode. Im Herbst 1953 eiferte sie dann dem Vorbild Frida Hockaufs nach, ging Selbstverpflichtungen ein, forderte diese auch von ihren Kolleginnen. Es folgte die Kochtopfmethode, die rasch mit ihrem Namen verbunden wurde. Aus der Nacheifererin wurde somit ein Vorbild, seit 1954 eine Verdiente Aktivistin. Selbstverständlich blieb es nicht bei rein fachlicher Arbeit, ging diese doch einher mit gesellschaftlichen Aktivitäten: 1954 wurde sie Mitglied der Ständigen Kommission für Handel und Versorgung des Rates des Bezirks Leipzig, trat dem Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel und dem FDGB-Bezirksvorstand Leipzig bei, war auch im Leipziger Prüfungsausschuß für die Lehrabschlußprüfungen im Handel aktiv.

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Das Ehepaar Heinicke in ihrer neu bezogenen Leipziger Wohnung (Der Handel 6, 1956, H. 4, 11)

„Gretel“ Heinicke hatte es geschafft. Sie war eine sozialistische Heldin, durchsetzungsstark und anwendungsklug. Sie sah, so der Tenor, die Rationalisierungspotenziale innerhalb der Handelsorganisation, riss mit ihren Initiativen ihr Umfeld mit. All dies erfolgte gleichsam selbstlos, war Dienst auch am Kunden. Der umgangssprachlich veränderte Rufname unterstrich diese Volkstümlichkeit. Gretel Heinicke wollte Parteibeschlüsse ins Leben tragen, wollte den Einkauf zur Freude machen. Kundenversammlungen ergänzten das Verkaufsgespräch. Heinicke stand zugleich aber für die Entfaltung der Persönlichkeit im Sozialismus. Ein Photo zeigt sie in ihrer Neubauwohnung, präsentiert sie mit liebevollem Ehemann und vor dem just neu angeschafften Fernsehapparat. Gediegenheit und Wohlstand wurden bildlich gebannt, waren Abglanz eines materiell gesicherten Lebens in der bald verwirklichten sozialistischen Gemeinschaft. Dieses Photo wurde auf einer Doppelseite gedruckt, kontrastierte das vermeintliche Drohnen- und Ausbeuterdasein des westdeutschen „Warenhauskönigs“ und Ariseurs Helmut Horten (1909-1987) („Ich habe ein Recht auf gutes Leben“, Der Handel 6, 1956, H. 4, 10) mit dem der Aktivistin aus dem Volk: „Es ist doch gut, daß wir unter unseren Verkäuferinnen so hervorragende Menschen haben. Nicht nur Gretel Heinicke, sondern viele, sehr viele. Wir gaben uns nur noch nicht immer die Mühe, sie zu entdecken, sie zu fördern“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11).

Heinicke war eine sozialistische Heldin, eine ostdeutsche Rybakowa. Ihre Aufgabe war es, Vorbild und Anreiz für die Mehrzahl der Verkäuferinnen im DDR-Handel zu sein. Das war Partei- und Gewerkschaftsziel, entsprechend wurden im Handel überdurchschnittlich viele Frauen ausgezeichnet. 1953 waren nur fünf der sechszehn Verdienten Aktivisten im Handel Männer (Ihre Leistungen sollen uns Ansporn sein, Der Handel 3, 1953, 563-564). Man kann dies als Ausfluss der neuen Chancen von Frauen in der DDR interpretieren, lag ihr Anteil an der Erwerbsarbeit doch höher als in der Bundesrepublik. Man kann hierin aber auch den Versuch sehen, Frauen in Branchen zu fördern, die eher ihrem vermeintlichen Naturell entsprachen. Schließlich kam die Zeit der Trümmerfrauen und Industriearbeiterinnen langsam an ein Ende, pendelten sich tradierte Geschlechtsverhältnisse wieder ein. Die Leitung des Handels war ohnehin männlich dominiert. Ende 1954 gab es 569 Direktoren in den Kreisbetrieben der HO – und nur 19 Direktorinnen. Der höhere Anteil an den Aktivistinnen wurde zufrieden gewürdigt, als „Ausdruck für die neue Stellung der Frauen in unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat“ gefeiert. Sie hätten dazu beigetragen „daß unser Leben immer reicher und schöner wird“. Doch hier galt es nachzulegen, war es doch Frauenaufgabe, „sich ständig fachlich und gesellschaftlich weiter zu qualifizieren, um unsere Handelsbetriebe rentabler zu gestalten, die Verkaufskultur zu verbessern und um mehr als bisher leitende Funktionen einnehmen zu können“ (Zitate n. Ruth Buchmann, Im Geiste Clara Zetkins, Der Handel 5, 1955, H. 5, 3-5, hier 4). Gretel Heinicke unterstützte diese Mischung aus Arbeitsmobilisierung und Fraulichkeit. Zum Internationalen Frauentag 1956, in der DDR ja ein blumiger Feiertag, postulierte sie: „‚Wir Frauen haben die Aufgabe, verantwortungsbewußt mitzuarbeiten und zu kämpfen und zu lernen, um ein schöneres Leben für unsere Kinder zu sichern‘“ (Charlotte Pfeiffer, Unseren Kolleginnen Ehre und Dank!, Der Handel 6, 1956, H. 5, 9).

Die Kochtopfmethode

Der Handel in der DDR hatte im Gründungsjahrzehnt nicht allein frei verkäufliche und bewirtschaftete Waren zu verkaufen, sondern er hatte sich dabei auf die plangemäß gelieferten Güter zu konzentrieren. Die 1948 gegründete HO stand für den staatlichen Anspruch, den Absatz einerseits an die Bedürfnisse der Bevölkerung anzupassen, anderseits den im Schwarzmarkt noch gültigen Preismechanismus von Angebot und Nachfrage durch staatliche Preisfestsetzungen zu ersetzten. Bei der HO konnte man Mangelprodukte frei kaufen, musste dazu jedoch Preise zahlen, die leicht unterhalb des Schwarzmarktniveaus lagen. Die HO-Preise straften die Gleichheitsrhetorik Lügen, boten zugleich aber einen Anreiz für vermehrte Arbeitsleistungen, um sich Waren abseits der Grundversorgung leisten zu können. HO, Konsumgenossenschaften und insbesondere der staatlich drangsalierte private Einzelhandel hatten jedoch allesamt das Problem kaum verkäuflicher Waren. Sie mussten gleichwohl abgesetzt werden, wollte man den Plan erfüllen. Das galt 1954 in Gretel Heineckes Verkaufsstelle etwa für Puddingpulver. Die Frauen – Heinicke und fünf Verkäuferinnen – kochten daher einen ansprechenden Pudding, stellten diesen gut sichtbar aus, ließen die Kunden gar kosten. Und siehe da, der Umsatz stieg nun auf gewünscht-geplante Höhe. Damit begann ein Präsentationsspiel, das 1954 in der Kochtopfmethode kulminierte. Zuvor hatte die sozialistische Heldin einen Abendbrottisch für zwei Personen eingerichtet, darauf vertrauend, dass man die dafür erforderlichen Produkte auch kaufen würde (G. Naumann, Kollegin Heinicke organisiert Kampf um Planerfüllung, Der Handel 4, 1954, H. 22, 27).

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Hinweisschild auf die Warenangebote nach der Kochtopfmethode in der HO-Verkaufsstelle 20 in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 26)

Die Kochtopfmethode folgte diesem Weg von Einzelprodukten zur Einkaufshilfe: „An einer in das Schaufenster gestellten schwarzen Tafel, die in einen Rahmen zu schieben ist, wird an jedem Morgen ein Rezept angebracht, das jeweils Produkte berücksichtigt, die in der Verkaufsstelle vorrätig sind. Ein am Eingang der Verkaufsstelle angebrachter Hinweis: ‚Was koche ich heute mittag? Unser Tip – siehe Schaufenster!‘ macht die Bevölkerung auf diesen Kundendienst aufmerksam“ (Naumann, 1954). Die Kochtopfmethode war also Dienstleistung und Lenkungsinstrument zugleich. Erstere wurde propagiert, zumal sie für erwerbstätige Frauen mit Doppelbelastung durchaus hilfreich sein konnte (erwerbstätige Männer wurden übrigens nie angesprochen…).

Die Kochtopfmethode war eine lokale Initiative, deren Kernidee anschließend vor Ort verändert und verbessert wurde. Nach kurzer Zeit wurde es üblich, nicht allein die Einzelprodukte des vorgeschlagenen Gerichtes aufzulisten, sondern diese auf einer Tafel gut sichtbar aufzulisten, mit Einzelpreisen zu versehen und auch einen Gesamtpreis zu nennen. Das diente der Information, war nicht Ausdruck vermeintlicher Preiswürdigkeit. Die Tafel fand dann ihre Entsprechung im Inneren der Verkaufsstelle, wo die erforderlichen Produkte gebündelt vorlagen, so dass sie einerseits gut sichtbar waren, anderseits einfach und im Gesamtpack verkauft werden konnten. Die Kochtopfmethode sprach Kundinnen direkt an, knüpfte so ein Band zwischen Handel und Konsumentin. Der Kochtopf war mehr als ein Zubereitungsbehälter, symbolisierte die Gemeinschaft der Werktätigen. Die einfach gehaltenen Speisen knüpften sicher auch an die umfangreiche Eintopfpropaganda an, die während des Nationalsozialismus Opfersinn und Volksgemeinschaft erfolgreich verband (Uwe Spiekermann, Ist Eintopf ein Naziwort?). Mit der Kochtopfmethode verfolgte der Handel daher nicht nur selbstsüchtige Absatzziele, diente nicht nur der rational agierenden Hausfrau. Er schuf auch einen Imaginationsraum wechselseitiger Verpflichtungen und gemeinsamer Ziele. Damit unterfütterte die Kochtopfmethode die oftmals hohlen Phrasen des Aufbaus mit emotionalem Schmaus.

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Außenwerbung mit der Kochtopfmethode: Kochzutaten und deren Preise in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 27)

Die neue Initiative machte die Heldin – doch das Narrativ verlangte noch mehr: Heinickes Verkaufsstelle konnte nicht nur den Umsatz steigern, sondern auch ihre Frida Hockauf folgende Selbstverpflichtung erfüllen, den Umsatzplan um monatlich 1000 DM überzuerfüllen. Eine Heldin belässt es jedoch nicht beim Einzelerfolg, sondern schreitet den eingeschlagenen Weg weiter voran: Sie überzeugte vier benachbarte HO-Läden, ihrem Beispiel zu folgen, überzeugte sie gar, den vom Umsatz abhängigen Leistungslohn einzuführen. Diese fünf Verkaufsstellen forderten anschließend weitere HO-Geschäfte zum Franik-Wettbewerb heraus, um so allesamt die geplanten Umsätze früher erreichen zu können (Naumann, 1954). Heinickes HO-Bezirk Leipzig-Süd konnte seine Umsätze im 3. Quartal deutlich steigern und sich im Bezirk Leipzig an die Spitze setzen. Damit stieß Heinicke einen Kaskadeneffekt an, der in Leipzig auf beträchtlichen Widerhall stieß. Die Kochtopfmethode verkörperte Schwung und Dynamik des sozialistischen Aufbauwerkes, als sich am Tag des Neuerers, also am 13. Oktober 1954, alle Mitarbeiter der HO-Lebensmittel Leipzig-Zentrum verpflichteten, nicht nur nicht unbeträchtliche Planungsrückstände bis Jahresende aufzuholen, sondern dazu auch Neuerermethoden zu nutzen: „‘Die Anwendung neuer Arbeitsmethoden, wie das Anbieten von Mittagsgerichten und Abendessen werden wir auf alle Verkaufsstellen übertragen‘“ (Auch im Handel die Planungsrückstände aufholen, Neues Deutschland 1954, Nr. 237 v. 9. Oktober, 3). Und es war gewiss im Sinne Gretel Heinickes, dass ihre Kollegen zugleich „alle Belegschaften der staatlichen und konsumgenossenschaftlichen Handelsbetriebe“ aufforderten, diesem Beispiel zu Ehren der Volkskammerwahlen vom 17. Oktober 1954 zu folgen. Die sozialistische Heldin stand für alle eventuell mit der Kochtopfmethode verbundenen Rückfragen kollegial bereit. Heinicke hatte, so schien es, einen Stein ins Rollen gebracht.

Die Kochtopfmethode als staatlich geförderte Neuerermethode

Zwei Ereignisse markierten den Übergang von Heinickes lokaler Initiative zur dann staatlich propagierten Neuerermethode im Handel. Zum einen berichtete das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ im Februar 1955 über einen Besuch des stellvertretenden Ministers für Handel und Versorgung Kurt Borrmann in Stalinstadt (ab 1961 Eisenhüttenstadt), einer um ein Eisenhüttenkombinat entstandenen sozialistischen Modellstadt (vgl. Rosemarie Beier (Hg.), Aufbau West – Aufbau Ost. Die Planstädte Wolfsburg und Eisenhüttenstadt in der Nachkriegszeit, Ostfildern-Ruit 1997, v. a. die Beiträge von Jörg Roesler und Jenny Richter). Der SED-Funktionär forderte vom lokalen HO-Verkaufsstellenleiter verstärkte Verkaufsanstrengungen: Es „gibt nicht nur hier, sondern bei den meisten unserer Verkaufskräfte eine Scheu vor dem Anbieten, Empfehlen oder Erinnern. Dabei wären viele Hausfrauen recht dankbar dafür. ‚Kennen Sie die Verkaufsmethode der Kollegin Heinecke [sic!] aus Leipzig?‘ wird der junge Verkaufsstellenleiter gefragt. Nein, man kennt sie hier nicht. Aber interessiert hört Hartwig Beier zu, als Genosse Borrmann ihm berichtet, wie die Verkaufsstellenleiterin Heinecke [sic!] ihren Umsatz gesteigert hat. Täglich hat sie ihren Kunden auf einer Tafel einen Vorschlag für den Mittagstisch unterbreitet. Damit hat sie nicht nur den Kunden geholfen, sondern auch die vorrätigen Waren schmackhaft angeboten“ (Hella Iglarz, Handeln, anpreisen, werben, Neues Deutschland 1955, Nr. 35 v. 11. Februar, 5). Die Kochtopfmethode wurde offenbar als eine Chance gesehen, den Wettbewerb im Handel zu intensivieren.

Doch es blieb nicht bei autorativen Empfehlungen. Planungsbehörden und Handelsfunktionäre sprachen Anfang 1955 von einer neuen höheren Phase der Handelsmethoden, die sich deutlich von vereinzelten Übernahmen sowjetischer und einheimischer Neuerermethoden unterscheiden sollte. Vorbild war die Rationalisierungsbewegung in der Industrie, die seit Ende 1954 wieder intensiviert wurde (vgl. Ernst Lange, Die Verbesserung der Lebenshaltung der Bevölkerung in der Deutschen Demokratischen Republik, Einheit 9, 1954, 947-955, hier 950). Dem Handel hatte der Fünfjahresplan bis 1955 um 19,2 Prozent verminderte Vertriebskosten abverlangt, doch Ende 1954 waren erst 8,8 Prozent erreicht. Um dies zu verändern, wurde Anfang 1955 – mittels der Verfügung Nr. 5/55 des Ministeriums für Handel und Versorgung vom 14. Januar – beschlossen, die Kochtopfmethode und den Minutenkauf (Verkauf nach Vorbestellung) obligatorisch in mindestens einer geeigneten Verkaufsstelle jedes HO-Kreises einzuführen. Auch die Konsumgenossenschaften schlossen sich Ende März an, propagierten aber andere Methoden, darunter das sogenannte geschlossene Warensortiment, Adamek-Arbeitszeitpläne, die Potpow-Methode oder das Kolli-System. Es herrschte offenbar kein Mangel an guten Ideen, doch es haperte an der Umsetzung. Der Bildungsstand der Verkäuferinnen war fast durchweg niedrig: „So erklärten uns die Kolleginnen in der Diätverkaufsstelle, in der HO Lebensmittelverkaufsstelle 8 in Potsdam und anderen Verkaufsstätten, daß sie die Kochtopfmethode, den Minuteneinkauf, die Arbeit mit geschlossenen Warensortimenten usw. noch nicht geschildert bekommen haben. Die Kollegin Grunert gab uns eine typische Antwort, wenn sie sagte: ‚Davon habe ich noch nichts gehört. Aber in der nächsten handelspolitischen Schulung werde ich gleich einmal fragen, warum man mit uns darüber noch nicht gesprochen hat. Das sind doch gute Sachen.‘ Und so konnte es vorkommen, daß man die Hinweise der Verdienten Aktivistin Heinicke zu der von ihr erfolgreich angewandten Kochtopfmethode nicht beachtete“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9).

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Schaufensterwerbung für die Kochtopfmethode: Dekorationsvorschlag 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 25)

Das offenkundige Vollzugsdefizit beantworteten die Handelsfunktionäre zum einen mit lokalen Gegeninitiativen, die über die Fachpresse verbreitet wurden (Erika, Wir wenden in den Verkaufsstellen die ‚Kochtopfmethode‘ an!, Der Handel 5, 1955, Nr. 13, 25). Zum anderen informierte man weiterhin über die Kernpunkte, hoffte auf die Überzeugungskraft nicht nur der Methode selbst, sondern auch ihrer Resonanz bei Käuferinnen: „Sie sind der Sorge, die jede Hausfrau hat, nämlich der täglich wiederkehrenden ‚Angst‘ vor dem ‚Was koche ich heute‘, behoben“ (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 26 – auch für das folgende Zitat). Generell bewegte die Neuererbewegung einiges, nicht zuletzt im nach wie vor quirligen Leipzig, wo unter der Federführung Gretel Heinickes die Verkäuferinnen „immer neue Verkaufsmethoden“ ersannen. Doch die zahlreichen Anregungen kannibalisierten sich wechselseitig, überforderten die Ressourcen der zahllosen kleinen Verkaufsstellen. Wissen des Guten war eben nicht Vollzug des Guten – und diese zermürbende Erfahrung lähmte.

Dies sollte aber nicht das letzte Wort sein, sah doch der neue, 1956 gestartete Fünfjahresplan eine umfassende Modernisierung der DDR-Wirtschaft vor. Die „wissenschaftliche-technische Revolution“ galt aber nicht allein für Kernenergie, Luftfahrtindustrie und weiterhin Schwerindustrie, sondern sollte auch den Handel in die Lage versetzen, die bis 1960 um 40% zu steigernde Konsumgüterproduktion zu bewältigen (Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 36-37). Dazu wurde neuerlich an die Schöpferkraft der Werktätigen appelliert, zugleich aber das ideologisch sichere Lied vom rückständigen Handel angetönt: „Während die Industrie in kurzen Abständen immer wieder wahrhaft revolutionäre Taten vollbringt, vollzieht sich der Handel im wesentlichen in den gleichen Formen, wie sie bereits jahrzehntelang üblich waren. Nicht nur die Verkaufsmethoden, auch die Arbeitsmittel und verschiedene Organisationsformen haben sich seither nur unwesentlich verändert. Es ist daher notwendig, neue Ideen für die Verbesserung und gleichzeitige Erleichterung der Handelstätigkeit zu entwickeln, sie im breiten Erfahrungsaustausch allen zu vermitteln und sich darauf zu konzentrieren, sie schnell zu verwirklichen“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 4). Gretel Heinickes Kochtopfmethode wurde 1956 neuerlich propagiert, ihr Einsatz aber auch flankiert.

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Werbedekoration nach der Kochtopfmethode in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 4, 4)

Dazu wurde erstens die Kochtopfmethode systematisiert und in einem kleinen, vom Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel herausgegeben 10-seitigen Faltprospekt näher vorgestellt (Walter Schalm, Kochtopfmethode, Berlin-Treptow 1956). Es enthielt Abbildungen aus dem Verantwortungsbereich Gretel Heinickes und empfahl drei erfolgsträchtige Kernelemente: Anregende und regelmäßig wechselnde Rezepte, eine ansprechende Präsentation der empfohlenen Waren und eine gut lesbare Angabe der Einzel- und Gesamtpreise (Der Handel 6, 1956, H. 5, 16). Außerdem spezifizierte man die Methode für andere Spezialsortimente, beginnend mit Obst- und Gemüse-, endend bei Spirituosenhandlungen („Neue Arbeitsmethoden für Dich“, Der Handel 6, 1956, H. 6, 29). Die kleine Broschüre wurde über den Handel vertrieben, vor allem aber über Gewerkschaftsvertreter verbreitet. Die üblichen Einzelerfolgsmeldungen fehlten nicht, doch auch die Übernahme der Methode durch gleich 45 Verkaufsstellen in Staßfurt konnte nicht überdecken, dass eine Evaluation möglicher Erfolge nicht erfolgte (Walter Schalm, Aktuelle Agitationsschriften verhelfen dem Neuen zum Durchbruch, Der Handel 6, 1956, H. 11, 22-23, hier 22). Festzuhalten ist, dass diese Festlegung der Kochtopfmethode zugleich ihrer Kanonisierung diente. Auch wenn die sozialistische Heldin Gretel Heinicke in steter Eintracht mit ihrer Methode präsentiert wurde, so ging die Definitionsmacht doch auf Gewerkschafts- und Parteifunktionäre über.

Zweitens begann man auf unterschiedlichen Ebenen Werbeentwürfe für die Kochtopfmethode zu entwickeln, um dadurch dezentrale Arbeit zu minimieren. Die HO schrieb Wettbewerbe für ansprechende Schaufensterentwürfe aus, deren Ergebnis aber kaum befriedigte. Selbst der Siegerentwurf vergaß den Platz für die Rezepte und auch Preise, war von einer allgemeinen Warenanpreisung kaum zu unterscheiden (Der Handel 6, 1956, H. 3, 26). Mit der Kochtopfmethode wurde gleichsam kokettiert, zugleich aber recht heterogene Einzelinteressen unter dessen Deckel versammelt. Selbst Werbung für Feinkost fand sich dergestalt geadelt wieder im Reigen regimetreuer Angebote (Horst Fiedler, Für die Kochtopfmethode zu verwenden, Der Handel 6, 1956, H. 3, 26-27, hier 26).

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Werbung für die Kochtopfmethode in Erfurt 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5)

Werbung wurde auch weiterhin dezentral erstellt, darunter durchaus ansprechende Lösungen, wie etwa der oben sichtbare graphische Teil eines Handzettels. Doch dies blieben Ausnahmen besonders motivierter Kollektive. Für die Mehrzahl der Nachahmer erstellte die Redaktion der Fachzeitschrift „Der Handel“ 1956 Werbeklischees, die vor Ort ausgestaltet werden konnte. Auf Quadratnetz aufgezeichnet, lud es zum Abpausen ein. Auch hier aber war die Angst groß, dass vor Ort dennoch Fehler auftauchen würden, etwa fehlende Angaben zur Menge oder aber ergänzend erforderliche „Kleinigkeiten“, etwa der Gewürze. Gleichwohl gelang es auf diese Weise, einfache und zielführenden Handreichungen anzubieten, um Gretel Heinickes Vorschläge republikweit zu verbreiten („Kochtopfmethode“ leichtgemacht, Der Handel 6, 1956, H. 8, 29).

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Werbemittel für die Kochtopfmethode (Der Handel 6, 1956, H. 8, 29)

Drittens übte der SED-Staat weiterhin Druck aus, um die Kochtopfmethode und den Minutenkauf zumindest in der HO obligatorisch zu verankern. Kurt Borrmann wies mehrfach auf die gesetzlichen Regelungen für die Einführung neuer Arbeitsmethoden hin, stellte zugleich aber realistisch-resigniert fest: „Sie werden aber in sehr vielen Fällen nicht beachtet“ (Die Konferenz der Handelsneuerer gut vorbereiten!, Der Handel 6, 1956, H. 4, 4-5, hier 5). Diese Indolenz gegenüber selbst gesetzten Vorschriften mag dem gängigen Bild einer gewalttätigen Entwicklungsdiktatur nicht entsprechen. Die Beteiligten wussten jedoch um die strukturelle Überforderung der meisten Verkaufsstellen, die zu Beginn des neuen Fünfjahresplan mit einer Vielzahl neuartiger Ansprüche konfrontiert waren. Die 3. SED-Parteikonferenz, bekannt durch die erste öffentliche Distanzierung vom Massenmörder Stalin, forderte den Handel zu neuen Anstrengungen auf, einerseits für die verbesserte Versorgung auf dem Lande, anderseits für die Schwerpunktverpflegung der Werktätigen in den Industriebetrieben. Fertiggerichte, Versorgungsautomaten, bessere Werkverpflegung fielen sämtlich in das breit gefächerte Profil der HO und der Konsumgenossenschaften. Zahlreiche Dienstleistungen, sei es bei Reparaturen oder dem Anschluss und der Wartung von Elektrogeräten, sollten ebenfalls gemeistert werden: „So stehen die Mitarbeiter des sozialistischen Handels vor einer Reihe neuer, ungelöster Probleme, die nur durch ihre Eigeninitiative und mit Hilfe der örtlichen Verwaltungsorgane gelöst werden können“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 3). Es wären ganz andere sozialistische Helden als Gretel Heinicke nötig gewesen, um die immer wieder erweiterten Ansprüche abarbeiten zu können.

Kollegin Heinicke half jedoch, wem sie konnte: So dem Kollegen Drenschke aus Gernrode, dem sie die Kochtopfmethode präzise beschrieb, die dieser dann auch erfolgreich einführte (Lothar Wilke, Liebe Kollegin Gerda!, Der Handel 6, 1956, H. 16, 28-29). In der gelenkten Presse folgten die üblichen Nachrichten von dankbaren Käuferinnen, die sich stetig fragten, „was morgen wohl an die Tafel geschrieben würde“ (Heinz Hertel, Immer mehr Mitarbeiter beteiligen sich am Wettbewerb, Der Handel 6, 1956, H. 5, 10-11, hier 10). Es sei so schön, helfende Hinweise zu erhalten, „den ‚Magenfahrplan‘ abwechslungsreich zu gestalten“ (Fiedler, Jetzt Puddings und Süßspeisen empfehlen, Der Handel 6, 1956, H. 13, 29-30). Schweigen wir von der hinter solch paternalistischen Sätzen stehenden Geringschätzung der dummen Hausfrauen, denn dies wäre eine längere Philippika. Halten wir aber fest, dass die Kochtopfmethode durchaus Resonanz erzielte, wenn auch von einer flächendeckenden Einführung nicht die Rede sein konnte. Und sie diente der weiteren Rekrutierung von Aktivistinnen, wie etwa der Kollegin Schlottke aus Quedlinburg, die zu Ehren der 3. Parteikonferenz Heinickes Methode in ihrem HO-Laden und dem VEB Harzer Likörfabrik einführte. So entstanden, hicks, Agitationslokale für den „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ (Der Handel 6, 1956, H. 5, 20).

Für sozialistische Helden war all dies Ansporn für noch mehr Arbeit. Der Verdiente Aktivist Gerhard Gering vom Konsum-Warenhaus Suhl fragte entsprechend: „‘Kann es denn Schöneres geben, als an seinem Platz für die Ziele unseres Arbeiter- und Bauern-Staates und der Partei zu arbeiten, deren Mitglied ich bin?“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10) Das war 1958, zwei Jahre nach dem Hauptagitationsjahr für die Kochtopfmethode – im rasch voranschreitenden Sozialismus eine kleine Ewigkeit. Noch hatte man den Fünfjahresplan nicht abgebrochen, um ihn durch einen noch ambitionierten Siebenjahresplan zu ersetzen, den man dann nach nur vier Jahren in einen neuen Perspektivplan überführte. Doch mit dem Bunaprogramm, den „Maßnahmen zur Entlastung der werktätigen Frauen durch den sozialistischen Handel“, begann schon Anfang Januar eine neue Etappe im langen Marsch in die lichte Zukunft. Selbstzufrieden zählten Handelsfunktionäre die lange Liste bisheriger Erfolge auf: „Das Ratiosystem, die Kochtopfmethode, Stumme Verkäufer, ständige Sonderwarenangebote, Inventur bei geöffneter Verkaufsstelle, Kowaljowmethode im Lager, waren Bestandteile der Arbeit geworden“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10). Ja, die Kochtopfmethode wurde weiter angewandt. Allerdings nicht überall und häufig anders als erforderlich. An die Stelle regelmäßig wechselnder Rezepte trat eine gewisse Eintönigkeit, auch von völkerverbindenden Gerichten der sozialistischen Bruderstaaten hörte man nur noch wenig. Der Posener Aufstand oder der ungarische Volksaufstand hatten 1956 doch auf den Magen geschlagen. In Weißenfels wusste man sich zu helfen, empfahl als stetes Beigetränk ein stärkendes Abendbier. Derartig „formale“ Anwendung der Kochtopfmethode sagte man jedoch den Kampf an, ließ ernährungswissenschaftlich optimierte Rezepte entwickeln, um der Hausfrau nicht nur die Sorge für die tägliche Kost, sondern auch für die Gesundheit der Familie teilweise abzunehmen (Bunaprogramm kein fertiges Rezept, Handelswoche 3, 1958, Nr. 3 v. 15. Januar, 10).

Gleichwohl enthielt das Bunaprogramm schon Planungen, die der Kochtopfmethode die Grundlage entziehen sollten. Es sah nicht nur verstärkte und verbesserte Werksverpflegung vor, sondern auch ein breites Sortiment kochfertiger Lebensmittel und Fertiggerichte. Die Kochtopfmethode war dann lediglich noch Übergangstechnik hin in eine arbeitssparende Zeit, die Essen auf Verzehren reduzieren, die Kochen auf Industrie und Gastronomie verlagern würde. So träumte man im Osten, so auch im Westen. Deutsche Gemeinsamkeiten an der Kühltheke. Und doch, die Hausfrauen hatten ihren eigenen Kopf, kauften die frühen Fertiggerichte eher zögerlich. Und in der DDR gab es Versorgungsprobleme bei der Kühltechnik (R. Marczikowski, Das Menü im Zellophanbeutel, Die Handelswoche 3, 1958, Nr. 6 v. 5. Februar, 5). Nun ja, die Kopftopfmethode konnte derweil weiter genutzt werden.

Zwischen Selbstkritik und Denunziation: Soziale Funktionen der Kochtopfmethode

Rationalisierungs- und Verbesserungsvorschläge haben nicht nur wirtschaftliche, sondern immer auch soziale Folgen. Der Historiker Andrew Port hat die damit verbundenen sozialen Mechanismen am Beispiel Saalfelds detailliert untersucht und versucht, die rätselhafte Stabilität der DDR auf die wechselseitigen Blockaden einer Gesellschaft zurückzuführen, die von Neid und fluiden Gruppenidentitäten geprägt war (Die rätselhafte Stabilität der DDR. Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland, Bonn 2011). Sozialistische Helden sollten verbinden, erlaubten aber doch auch Protest, Widerspruch und klar abgegrenzte und damit „sachlich“ begründbare Ablehnung. Den Helden der Arbeitswelt schlug immer auch Feindschaft entgegen. Adolf Henneckes Auto wurde von seinen Kumpeln demoliert, er selbst als „Arbeiterverräter“ beschimpft. All dies milderte sich Mitte der 1950er Jahre, machte sich nun doch eher Apathie breit, ein nur formales Mitziehen, das die erwünschten Effekte nicht erreichen wollte und konnte. Zugleich veränderte sich die Art der sozialistischen Helden, begann mit dem gefeierten Radfahrer Gustav-Adolf „Täve“ Schur (1931-) eine lange Liste von Sport-, ab den späten 1950er Jahren begleitet von den eingangs schon erwähnten Kosmoshelden. Widerspruch war hier selten, betraf vor allem nicht die Funktion des Systems.

Mitte der 1950er Jahre wandelte sich die DDR, mutierte von einem stalinistischen Gewaltstaat hin zu einem bürokratisierten Unrechtsstaat, der individuelle Freiräume ließ und lassen musste und seine Klauen nicht mehr stetig ausfuhr. Erlasse, wie etwa die verpflichtende Nutzung der Kochtopfmethode, galten zwar – wurden aber nicht konsequent umgesetzt. Die Verpflichtung war jedoch stetig mobilisierbar, war eine Waffe in der Hand der Funktionäre, teils auch der staats- und parteitreuen Journalisten. Die Kanonisierung der Kochtopfmethode durch Gewerkschafts- und Parteifunktionäre erlaubte Interventionen nicht allein bei Nichteinführung, sondern auch bei schlechter Ausführung der Methode.

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So nicht! Blickfang in einer Potsdamer HO-Spätverkaufsstelle 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 7)

Ein Beispiel hierfür war die inkriminierte Werbewand der HO-Spätverkaufsstelle 7 am Potsdamer Platz der Nationen. Formal hatte man die Kochtopfmethode eingeführt, sich also systemgerecht bewegt. Doch hier fehlte offenbar Begeisterung und Stetigkeit, stattdessen sah man „lieblos hingestellte und inzwischen verstaubte Waren, wie Maizena, Büchsen mit Lachs und Heringshappen“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9, hier 7). An solchen Beispielen wurden um richtig und falsch gerungen, von ihnen konnte man lernen. Wichtiger aber war die Prangerfunktion derartiger Darstellungen. Sie dienten immer auch der Beschämung der oft klar benannten Verantwortlichen. Wer darum wusste, versuchte die Methode „richtig“ (oder gar nicht) anzuwenden, konnte das Damoklesschwert der sozialistischen Kritik doch jeden treffen. Das Folgeritual war ebenso klar: Selbstkritik, Selbstläuterung und zukünftig „richtige“ Anwendung. Die Wirkungen derartiger öffentlicher Demütigungen waren damit jedoch nicht abgedungen. Im Gegensatz zu gängigen Vorstellungen einer Gewaltdiktatur dominierte eine subtile Lenkung den öffentlichen Diskurs über die sozialistische Heldin Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode. Die Lichtgestalt gebar stetig Schatten. Selbst die HO in Ostberlins Renommiermeile Stalinallee wurde zur Selbstkritik und zum Lernen aufgefordert, hatte sie doch vor dem Weihnachtsfest 1956 die Methode noch nicht eingeführt, obwohl die Schaufenster dafür Präsentationsflächen besaßen (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 27).

Neben derartige öffentliche Kritik trat die Rückfrage im Kollektiv, am Arbeitsplatz. Neuerermethoden waren das Stöckchen, über das man springen musste, um zum inneren Kreis zu gehören: „Bei den kommenden Wahlen zu den Verkaufsstellenausschüssen sollten sie die bisherigen Ausschußmitglieder und das Verkaufsstellenpersonal fragen, warum in dieser oder jener Verkaufsstelle für Lebensmittel noch nicht die Kochtopfmethode von Gretel Heinicke angewandt wird“ (Wolfgang Müller, Neue Technik – höhere Verkaufskultur – bessere Versorgung, Neues Deutschland 1956, Nr. 68 v. 20. März, 4). So konnten Karrieren verhindert werden, wurde Linientreue belohnt.

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Wer nicht mitzieht, erscheint als Schluderjan: Präsentation pflichtschuldiger HO-Direktoren 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 3, 10)

Systemfragen wurden auf diese Art kaum ausgefochten, Planerfüllung, Anwendung moderner Methoden und die Überzeugungskraft einer sozialistischen Heldin standen nicht zur Debatte. Die höhere Funktionärsebene musste sich jedoch wappnen. Schauen wir auf eine nicht untypische Kritik an vier HO-Direktoren 1956. Schluderjan brachte sie hervor, eine der vielen Kunstfiguren, die formal zwischen NS-Imaginationen wie Kohleklau und Flämmchen und den zahlreichen Werbegeschöpfen stand. Ihre Aufgabe war Bewusstseinsbildung durch das Mittel der klaren Benennung, des öffentlichen Prangers. Schluderjan benannte die rechtlichen Grundlagen für die verpflichtende und obligatorische Nutzung der „von der Verdienten Aktivistin Heinicke entwickelte{n] bedarfslenkende[n] und absatzwerbende[n] ‚Kochtopfmethode‘“ (Der Handel 6, 1956, Nr. 3, 10). Die HO-Direktoren Wohlleben, Hennig, Specht und Zietlow hatten sie nicht eingeführt und bekamen nun eine Abreibung, die auch die Aufsichtsgremien mit einbezog, also die einschlägigen Abteilungen für Handel und Versorgung beim Rat der Bezirke Erfurt, Dresden, Halle/S. und Schwerin.

Es folgten Rituale der Selbstkritik und der Entschuldigung: Danke, die Kritik half weiter und wir werden uns bessern (Specht). Wir wurden zu Unrecht kritisiert, denn die Methode wurde in gleich drei Läden eingeführt (Wohlleben). Wir haben es angeordnet, doch nicht kontrolliert, ob es auch umgesetzt wurde. Das werden wir nun aber tun (Berger für den verhinderten Zietlow). Wir hatten keine Erfahrungen vorliegen, da die Methode bisher kaum bekannt ist, Resultat auch aus deren mangelhafter Popularisierung durch übergeordnete Dienststellen. Doch Wandel naht: „Einer unserer besten Verkaufsstellenleiter, in dessen Verkaufsstelle die Kochtopfmethode schon seit Monaten verwirklicht ist, wird in den nächsten Tagen die Gelegenheit nutzen, um mit der Aktivistin Heinicke direkt in Verbindung zu treten“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5 (Hennig)). Die sozialistische Heldin konnte helfen, als Erlöserin agieren. Damit war ein Exempel statuiert, über dessen Folgen nicht weiter berichtet wurde. Doch die Botschaft war klar: „Die Lehre aus dieser Kritik sollen aber endlich jeder HO-Direktor, jeder Vorstandsvorsitzende einer Konsumgenossenschaft und vor allem die verantwortlichen Mitarbeiter in den Abteilungen für Handel und Versorgung unserer Staatsorgane ziehen“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5). Unklar, wer als nächster getroffen werden würde.

Die Macht der Funktionäre: Die Kochtopfmethode als opportuner Setzungsakt

Die Nutzung der Kochtopfmethode für Herrschafts- und Disziplinierungszwecke resultierte aus der Setzungsmacht von Partei und Staat. Auch der sozialistische Held war ihr unterworfen, er erhielt Autorität und Aura zugewiesen, war ohne sie nicht denkbar. Das wird im Falle der sozialistischen Heldin Gretel Heinicke in doppelter Weise deutlich.

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Ähnliche Modelle: Frau Helle empfiehlt mittels Anzeige Speisen und Waren (Der Handel 5, 1955, H. 16, 22)

So gab es eine Reihe ähnliche Vorschläge, die sich an die etablierte Methode andockten. Meist handelte es sich Variationen, teils um Verbesserungen. Das galt etwa für die Kunstfigur Frau Helle, die in Potsdam für die HO-Lebensmittel warb. Das oben aufgeführte Beispiel verwendete zentrale Motive der Kochtopfmethode, reduzierte sie jedoch auf Werbung für eine Produktgruppe. Handelsfunktionäre bewerteten dies als „Ergänzung“ der Methode „der verdienten Aktivistin Heinicke“ (Helmut Klare, Unsere ‚Eva‘ heißt: ‚Frau Helle‘, Der Handel 5, 1955, H. 16, 22) und empfahlen eine allgemeinere Verwendung. Das Urteil hätte jedoch auch anders ausfallen können, hätte auch die Kochtopfmethode selbst ersetzen können.

Das zeigt sich indirekt an der Geschichte von Elfriede Maurer, Leiterin einer HO-Lehrverkaufsstelle in Erfurt. Im Februar 1952, Gretel Heinicke war damals noch Wurstverkäuferin, stellte sie sich eine drängende Frage: „‘Wie steigere ich den Verkauf von solchen Lebensmitteln, für die in meinem Umsatzplan größere Mengen vorgesehen sind, als ich sie bisher erfüllen könnte?‘“ (Dies und die weiteren Angaben n. Kurt Sandmann, Verkaufsförderung durch Kochrezepte, Die Waage 1952, 58-59, hier 58). Die Kunden sollten nicht mehr allein Mangelwaren, sondern auch reichlich vorhandene Lebensmittel kaufen, etwa die in der obigen Anzeige angepriesenen Teigwaren. Und so machte sich Kollegin Maurer ans Werk: Einem Kochbuch entnahm sie Mahlzeiten, „bei denen Teigwaren, Nährmittel, Mehl usw. eine wichtige Rolle spielen und deren Zutaten zeitgemäß sind, schrieb das Rezept auf ein auswechselbares Papier, besorgte sich von der Dekorationsabteilung ein figürliches Schaustück (lachende Hausfrau mit Suppenterrine und dem Motto ‚Was koche ich heute?‘), klebte das Rezept darauf und stellte das Ganze in das Schaufenster. Einmal war es das Rezept für ‚Schusterpfanne‘, dann für ‚Gefüllter Sellerie‘, ‚Hamburger Fisch‘, Nudelauflauf mit Roulade‘, Kaukasisches Ragout‘ oder ‚Ungarische Paprikaschoten‘ usw.“

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Werbemittel von Elfriede Mauer, Erfurt, 1952 (Die Waage 1952, 59)

Ja, das waren Kernelemente der Kochtopfmethode – allerdings schon zwei Jahre vor deren Präsentation durch Gretel Heinicke in Leipzig. Die Resonanz war beträchtlich, Haufrauenglück allüberall: „Frau Charlotte Hubert betonte: ‚Ich glaube, vielen Hausfrauen aus dem Herzen sprechen zu können, daß wir die Rezepte im Schaufenster der HO Moritzgasse herrlich finden. Hiermit werden uns manchmal große Sorgen abgenommen.‘ Auf das Wesentliche bei alledem wies Frau Herz hin, die sagte: ‚Die Rezepte im Schaufenster laden geradezu zum Kaufen ein.‘“ Der Fachredakteur regte an, dass es bei der auffälligen Schaufensterwerbung nicht bleiben müsse, dass sie auch im Ladeninneren eingesetzt werden könne. In Erfurt tauschte man die Rezepte wöchentlich aus, nicht täglich wie später in Leipzig. Diese Vorgängermethode unterstreicht eindringlich, dass nicht die Methode, sondern Staat und Partei die sozialistische Heldin machten. Neuerer gab es viele, die Ansatzpunkte und Verfahren ähnelten sich, doch die Mehrzahl wurde nicht angenommen und umgesetzt (vgl. Julius Mader, Die Rationalisatorenbewegung im volkseigenen und genossenschaftlichen Handel, Berlin (O) 1956).

18_Der Handel_05_1955_Nr20_p11_DDR_Neuerer_Prämien_Rationalisierung

Neuerer unter Wert: Förderung ohne Umsetzung (Der Handel 5, 1955, H. 20, 11)

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke setzte zwei Jahre nach Elfriede Maurer ähnliche Ideen um. Dies dürfte den Fachleuten bekannt gewesen sein. Doch es waren wohl Verantwortliche im Ministerium, insbesondere der stellvertretende Minister Kurt Borrmann, die entschieden, dass nun, Ende 1954, Anfang 1955, die Zeit für eine neue Heldin gekommen war. Das mindert nicht die Leistung Gretel Heinickes. Doch als sozialistische Heldin war sie ein Funktionärsgeschöpf.

Das Auslaufen einer Neuerermethode und das Vergessen der sozialistischen Heldin

Die Kochtopfmethode wurde insbesondere 1955/56 propagiert, doch auch danach empfohlen und auch eingefordert. Noch neuere Neuerungen begrenzten ihren Nutzen, doch schmackhafte Fertiggerichte blieben die Ausnahme, konnten die Methode nicht verdrängen. Die 1958 rasch um sich greifende Selbstbedienung schien gar neue Chancen zu eröffnen. Im ersten DDR-Fachbuch hieß es verheißungsvoll: „Auch die ‚Kochtopfmethode‘ kann auf neue Art zur Geltung kommen. Alle Artikel, die die Hausfrau für ein von der Verkaufsstelle empfohlenes Gericht benötigt, werden in Form einer Sonderauslage zusammengestellt und mit einem entsprechenden Blickfang versehen, der auf die Zubereitungsvorschriften und auf den Preis verweist“ (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 167).

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Von der Speise zum Produkt: Werbeinsel in einem Selbstbedienungsladen (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 6. S. n. 112)

In den noch wenigen SB-Läden mit reflektierter Innenwerbung bevorzugte man allerdings weniger pflegeintensive Werbeinseln für einzelne Produkte, Produktgruppen oder Saisonartikel. Als im Juli 1956 in Halle/S. einer der ersten SB-Musterläden der DDR eingerichtet wurde, bemängelten Fachleute bei der Evaluation das Fehlen der Kochtopfmethode, regten jedoch an „nach ausländischen Erfahrungen zum Zwecke der Werbung und Beratung der Käufer eine Lautsprecheranlage und ein Magnettonband zu benutzen“ (J[ulius] Mader, Neue Konsum-Verkaufsstätte für eilige Kunden, Der Handel 6, 1956, Nr. 13, 6-7, hier 7; Silke Rothkirch, ‚Moderne Menschen kaufen modern‘, in: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln et al. 1996, 112-119, hier 115, gab diese Quelle falsch an). Dem Hinweis könnte man nachgehen, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass es Äquivalente für die Kochtopfmethode im (westlichen) Ausland gegeben hat – und das wohl auch schon in der Zwischenkriegszeit.

Die angeregten technische Fortentwicklungen wurden jedoch nicht aufgriffen. Bei der Leipziger Handelskonferenz von 1959 pries der neue Minister für Handel und Versorgung, Curt-Heinz Merkel (1919-2000), zwar die Arbeit der Neuerer, erwähnte die Kochtopfmethode Gretel Heinickes jedoch nicht mehr (Curt-Heinz Merkel, Bessere Lösung der Versorgungsaufgaben hilft maximalen Zeitgewinn sichern, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 45-70, hier 59). Kurz zuvor war die bisherige Spitze des Ministeriums abgelöst worden, darunter auch Kurt Borrmann, der die Methode stets gefördert hatte. Diskutiert wurden nun weitere Neuerungen, etwa die der „Genossin Bartel“ sowie die Christoph-Wehner-Methode, eine eigentlich seit 1952 bestehende individuelle Spezifizierung der Planziele, vorgeschlagen von dem Baggerführer und sozialistischen Held Willy Wehner (1922-) (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 120 (Welm)).

Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass das letzte vehemente Plädoyer ausgerechnet von Julius Mader (1928-2000) stammte, der seit 1952 zuerst als Mitarbeiter der Thüringischen Konsumgenossenschaften und dann als Redakteur und schließlich stellvertretender Chefredakteur von „Der Handel“ stetig über die Neuererbewegung im Handel berichtet hatte. Er wechselte 1960 zum Ministerium für Staatssicherheit und wurde einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren der DDR, ein Fachmann für Geheimdienste (Paul Madrell, What we have discovered about the Cold War is what we already knew: Julius Mader and the Western secret services during the Cold War, Cold War History 5, 2005, 235-258). Mader war überzeugt, dass Gretel Heinickes Kochtopfmethode in den modernen Selbstbedienungsgeschäften noch wichtiger werden würde als in den traditionellen Bedienungsgeschäften. Er listete die Vorteile der Methode auf, hob ihre Bedeutung in vielfältigen Spezialsortimenten hervor, ehe er zukunftssicher schloss: „Es darf keine Selbstbedienungsstelle für Lebensmittel im sozialistischen Handel geben, in der die ‚Kochtopf-Methode‘ nicht angewendet wird“ (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 70). Selten war ein Requiem vorwärtsgewandter gewesen.

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Die Kochtopfmethode im Selbstbedienungsladen: Blickfang einer Verkaufsecke (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 69)

Deutlich realistischer war ein Jahr später Katja Keppke, Graphikerin der Zeitschrift „Handelswoche“. Ihre Karikatur spießte das Kommen und Gehen der Neuerermethoden auf, begrub zugleich die Kochtopfmethode. Gretel Heinicke war schon die Jahre zuvor öffentlich kaum präsent gewesen, starb den typischen Tod vieler sozialistische Helden: Sie wurde vergessen und durch neue Helden ersetzt.

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Das Kommen und Gehen der Neuerer-Methoden (Handelswoche 6, 1961, Nr. 2, 5)

Ein Land, das Helden brauchte

Gretel Heinicke war eine sozialistische Heldin. 1954 entwickelte sie ihre Version der Kochtopfmethode, 1955 wurde diese verbindlich vorgeschrieben, 1956 massiv gefördert. Wie bei vielen anderen Neuerermethoden ebbte das Interesse daran rasch ab, traten andere an ihre Stelle. Sie steht damit beispielhaft für Versuche des SED-Staates, die Dynamik des wirtschaftlichen Aufbaus der DDR mit Rationalisierungskampagnen abzusichern und Ideen steten Fortschritts Form zu verleihen. Die Heldinnenrolle der Gretel Heinicke war verdient und beliebig zugleich. Die Leipziger Aktivistin erhielt diese Rolle zugewiesen, war sie doch eine von vielen, die Verbesserungsvorschläge entwickelten und diese auch umsetzten. Sie repräsentierte sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft, in der (fast) jeder ein Held werden konnte, der fest an die Aufbaupläne von Staat und Partei glaubte und dieses auch öffentlich kundtat. Die sozialistischen Helden der DDR waren integraler Teil einer Gewaltherrschaft, materialisierten aber zugleich die Träume und Utopien eines Rumpfstaates, der den Wettbewerb mit dem großen Bruder im Westen aufnahm und diesen überflügeln wollte. Diese Träume und Utopien wiesen über die karge Gegenwart hinaus, waren Minderheitenprojekte, dienten der Nomenklatura. Sie waren Teil des historischen Projektes DDR und können mit dem Verweis auf Propaganda und Scheitern nicht vollends beiseite gewischt werden. Nicht zu Unrecht porträtierte der Schriftsteller Horst Mönnich (1918-2014) die reichere Bundesrepublik 1954 doch pointiert als „Land ohne Träume“. Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode laden daher auch zum Nachdenken ein, war und ist Geschichte doch nie alternativlos.

Beide stehen für den beträchtlichen Legitimations- und Selbststilisierungsdruck der DDR, deren Existenz primär durch die sowjetische Schutzmacht garantiert wurde. Gretel Heinicke verkörperte den erwünschten und vielfach geforderten Einsatz für den neuen Staat, verkörperte dessen Wohlstandsversprechen. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung für Werktätige, war praktische Hilfe in einer offenbar defizitären Konsumwelt: Wir helfen euch dabei, das Beste aus dem Jetzt zu machen – und es wird bald besser werden, gewiss. Das war elementar für den Bestand der DDR, lockte doch nicht die westdeutsche Arbeitswelt, wohl aber deren schon Anfang der 1950er Jahre deutlich bessere Alltagsversorgung.

Gretel Heinicke war die erste sozialistische Heldin im Handel der DDR. Sie folgte Vorbildern aus der ostdeutschen Industrie und dem sowjetischen Distributionssystem, doch sie verkörperte den langsamen Übergang von einer produktivistischen zu einer mehr konsumtiven Entwicklungsphase. Das gilt, auch wenn die Kochtopfmethode immer auch einer betriebs- und volkswirtschaftlichen Logik folgte, in der schwerverkäufliche Waren abgesetzt, in der Angebotslücken abgefedert werden mussten. Sie entstand im Nachklang der massiven Unterversorgung 1952/53 und endete mit dem Übergang zu stärker technokratischen Zielen, wie den neuen Produkten und Dienstleistungen des Bunaprogramms und der Selbstbedienung. Diese kollektiven Anstrengungen brauchten keine Einzelhelden mehr, erschienen als notwendige Verheißungen, folgten der vermeintlichen Logik des Zukunftsmarsches des Sozialismus. Die Kochtopfmethode steht damit auch für eine zeitweilige Sonderrolle des Handels, ehe Ende der 1950er die Neuerermethoden – etwa die der Christoph-Wehner-Methode – wieder aus der Industrie übernommen und für den Handel angepasst wurden.

Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode repräsentieren zudem die öffentlich immer wieder propagierte gleichberechtigte Rolle der Frau im Aufbau des Sozialismus, wichtig insbesondere im von Frauenarbeit dominierten Handel. Zugleich aber richtete sich die Methode an Frauen, Hausfrauen, ließ Männer außen vor. Damit offenbarte sie unintendiert die massive Diskrepanz zwischen dem propagandistischen Gleichheitsideal und der nicht gebrochenen Doppelbelastung der arbeitenden DDR-Frauen. Die Kochtopfmethode unterstützte Hausfrauen, griff zugleich aber in ihre hauswirtschaftliche Arbeit ein. Die spät einsetzende ernährungswissenschaftliche Optimierung der Rezepte steht für den Ende der 1950er Jahre stärker fühlbaren Interventionsdruck einer Gesundheitspolitik, der es nicht mehr allein um Bedarfslenkung ging, sondern auch um die Folgen des stark gestiegenen Konsums fett- und eiweißhaltiger Lebensmittel. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung und Nudging, appellierte an die haushälterische Vernunft der Frauen, vertraute am Ende aber stärker auf Expertenwissen.

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke war für all dies Ausgangspunkt, sie war Funktion und Abziehbild, Projektionsfläche und nicht Realperson. Die DDR bediente sich ihrer, brauchte sie nur als Vorstellung. Das lag in der überbordend-irrealen Konstitution von Helden begründet. Es ist daher ein Warnzeichen, wenn sozialistische Helden wie Sigmund Jähn nun gesamtdeutsch und kontextlos gefeiert werden und es aus Philosophenmunde tönt, dass Demokratie Helden brauche. Helden sind Repräsentanten und Spiegelbilder autoritären Denkens, auch wenn sie darin nicht vollends aufgehen. Sie suggerieren Eindeutigkeit angesichts von Wahlzwang und vielfältigen Handlungsoptionen, suggerieren einfache Kausalitäten in einer Welt komplexer Interdependenzen und schwacher Vernetzungen. Helden stehen für Sehnsüchte nach Einfachheit und simplen Lösungen. Die Herausforderungen der realen Welt sind jedoch andere.

Uwe Spiekermann, 11. Oktober 2019

Von der Kunstbutter zur Margarine – Eine Exkursion zu den Anfängen der Speisefettproduktion 1860-1890

„Margarine“ ist eine Sprachschöpfung des deutschen Reichstages. Das 1886 vorgelegte Gesetz „betreffend den Verkehr mit Ersatzmitteln für Butter“ sollte gemäß Regierungsvorlage lediglich Ordnung in den chaotischen Markt mit der neuartigen „Kunstbutter“ bringen. Doch für die Mehrheit der Parlamentarier war das nicht ausreichend. Sie wollte die Veränderungen im Fettsektor auch sprachlich einhegen und damit bändigen. Der fremde, wissenschaftlich hergeleitete Begriff „Margarine“ dient seit dem Erlass des ersten „Margarinegesetzes“ 1887 als Dachbegriff für eine stetig wachsende Zahl von Fettzubereitungen, die nicht Talg, vor allem aber nicht Butter waren. „Reine“, „gute“ Butter, versteht sich.

Margarine wurde eine Erfolgsgeschichte, global, aber auch in Deutschland: Die Produktion stieg von ca. 15.000 t 1887 über 100.000 t 1900 auf 210.000 t 1913 (W[alther] G. Hoffmann, 100 Years of the Margarine Industry, in: J[ohannes] H[ermanns] van (Hg.), Margarine. An Economic, Social and Scientific History 1869-1969, Liverpool 1969, 9-36, hier 22). Der Aufschwung während der Weimarer Zeit war noch spektakulärer, später konnte gar der Konsum von Butter übertroffen werden. Auch wenn die heutigen Konsumdaten weit unter dem Spitzenwert von 1970 liegen (8,9 kg pro Kopf und Jahr versus heutzutage ca. 4 kg), so war doch klar, dass die Margarine gefeiert werden musste, als sich am 15. Juli der Tag des Patentantrages des französischen Chemikers Hippolyte Mège-Mouriès (1817-1880) zum 150sten Male jährte. Medien sekundierten (Erinnerung im Deutschlandfunk) – und ich war selbst Teil der erinnernden Gratulantenschar.

Derartige „runde“ Gedenktage konzentrieren sich auf simplifizierte Kernthemen, also den heroischen Erfinder, die Durchsetzung der Erfindung, den Kampf zwischen Butter und Margarine und die vielfältigen Wandlungen der „Margarine“. Die „Story“ scheint klar: Vor 150 Jahren entstand demnach ein wissenschaftliches, ein menschengemachtes neues Nahrungsmittel, das billiges Fett für Ärmere erschwinglich machte, das sich dank seiner Wandlungsfähigkeit gegen die harte und vielfach unfaire Konkurrenz der Butterproduzenten hat durchsetzen können. All das ist richtig – doch die Geschichte der Margarine ist natürlich weit komplexer.

Leisten wir uns deshalb ein wenig Abstand. Gewiss, „Margarine ist Armeleutebutter!“  (W[ilhelm] Fahrion, Die Fabrikation der Margarine, des Glycerins und Stearins, Berlin/Leipzig 1920, 5). Gewiss, Margarine war Fortschritt. Zumindest aus unserer heutigen Sicht. Doch vor 150 Jahren sah die Welt anders aus. Die harten Debatten um die Kunstbutter waren auch ein Signet für das Ende des bäuerlichen Universums, jener transnationalen, vornationalen und vorindustriellen Welt, deren Zernierungsprozess schon im späten 18. Jahrhundert einsetzte und sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker beschleunigte (Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften, 7. Aufl., Berlin (West) 1979, 44-48). Margarine stand nicht nur für sich, sondern zugleich für neue Ordnungsregime, für eine grundlegende Veränderung der westlichen Welt, in der es nun nicht mehr um die unbedingt notwendigen Güter ging, sondern um neue Angebote, um konsumtive Landnahmen. Dazu musste neue wissenschaftliche Nahrung nicht nur erfunden, sondern durchgesetzt, integriert und reguliert werden.

Blickt man auf die Fachliteratur, so thematisiert sie kursorisch den Moment der Erfindung der Margarine, konzentriert sich dann jedoch voranging auf die Entwicklungen nach der Benennung der „Margarine“. Präsentiert wird die Karriere eines industriell hergestellten Massengutes, das als Markenartikel dank Preiswürdigkeit, strikter Hygiene und ansprechender Reklame neue Käufer gewann, das aber zunehmend staatlich und auch gesellschaftlich reguliert wurde (vgl. etwa Birgit Pelzer und Reinhold Reith, Margarine. Die Geschichte der Kunstbutter, Berlin 2001). Im Folgenden werde ich stattdessen früher, bei den fehlenden zwei Jahrzehnten ansetzen, um die Bedeutung der „Margarine“ angemessener zu verstehen: Wie war die Versorgungssituation vor der Einführung der Kunstbutter? Wie und warum setzte sich die Kunstbutter durch? Welche Probleme rief das neue Produkt hervor? Wie und warum wurde aus der Kunstbutter die „Margarine“? Finden wir hierauf Antworten, so können wir den relativen Furor der Debatten über „Margarine“ besser verstehen und sie zugleich als einen konsumtiven Marker des Endes des bäuerlichen Universums einordnen.

Fette und Ersatzfette vor der „Margarine Mouriès“

Der neue Begriff „Margarine“ rief 1887 breite und kontroverse Debatten hervor. Zwanzig Jahre zuvor wäre er dagegen gänzlich unverständlich gewesen. „Margarin“ war bekannt, jedoch aus anderen Zusammenhängen. So etwa der frühen, vornehmlich von französischen Chemikern geprägten Fettchemie (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 51-52). Eugéne Chevreul (1786-1889) isolierte in den 1810er Jahren erste Fettsäuren, darunter auch die „acide margarique“ (M[ichel] Eugéne] Chevreul, Recherches chimiques sur les Corps d’Origine Animale, Paris 1823, 59-65). Die Eindeutschung „Margarine“ folgte unmittelbar, konnte sich aber nicht behaupten (Morgenblatt für die gebildeten Stände 1814, Nr. 105 v. 3. Mai, 420; Leipziger Literatur-Zeitung 1816, Nr. 82 v. 2. April, Sp. 650). Chemiker sprachen stattdessen von der Margarinsäure beziehungsweise Margarin.

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Werbung für Margarin-Kerzen in München 1838 (Münchener Politische Zeitung 1838, Nr. 253 v. 24. Oktober, 1560)

Die Fettchemie hatte praktische Folgen. Seit den 1820er Jahren konnte man etwa in Frankreich, dann auch darüber hinaus, Margarin-Kerzen kaufen (Nicolas Clément‐Désormes, Ueber Beleuchtung, Dinglers Polytechnisches Journal 32, 1829, 104-111, hier 110). Sie wurden erst während der Jahrhundertmitte von preiswerteren Sorten verdrängt. Zum Speisefett aber mutierte „Margarine“ in der Tat erst durch das neue Verfahren von Mège-Mouriès. Er nannte sein Produkt 1869 „beurre economique“, vermarktet wurde es dann seit 1872, vielleicht auch schon früher, als „Margarine Mouriès“.

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Vorstellung der Margarine Mouriès 1874 (Le Voleur 1874, Nr. 907 v. 20. November, 746)

Während aber das Produkt seit den frühen 1870er Jahren vermehrt Absatz fand, konnte sich der Begriff Margarine im Markt anfangs nicht durchsetzen. Zu stark wirkte das Referenzprodukt, die Butter, ein aus Milchrahm hergestelltes Speisefett. Margarine war ein Ersatzprodukt, ein preiswertes Buttersubstitut. Dies spiegelte die Produktbezeichnung, denn „Margarine“ entstand als Kunst-, als Sparbutter – und diese Begriffe deckten zugleich ein weit über die französische „Margarine Mouriès“ hinausreichendes Gütersortiment ab.

Der Fettkonsum der 1860er Jahre unterschied sich tiefgreifend von dem unserer Zeit. Pflanzliche Fette waren, mit Ausnahme des Rapsöls, selten und teuer, zumal sie vielfach auch gewerblich genutzt wurden (zum Hanföl vgl. Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfs). Fett stammte zumeist aus tierischen Nahrungsquellen. Es dominierte die fast durchweg aus Kuhmilch hergestellte Butter. Spätere Berechnungen des Statistischen Reichsamtes schätzten den jährlichen Prokopfkonsum 1860 auf etwa 5 kg, 1880 und 1900 auf je 6 kg. Das war ungefähr das heutige Konsumniveau (2018 ca. 5,8 kg). Tierische Fette besaßen dagegen einen deutlich höheren Stellenwert. Die entsprechenden Konsumdaten für Talg lagen bei 3,5, 2 und einem Kilogramm (Werner Schüttauf, Die Margarine in Deutschland und in der Welt, 4. verb. u. erw. Aufl., s.l. 1962, Tab. 33). Dieser rasche Rückgang wurde anfangs jedoch nicht durch einen höheren Konsum von pflanzlichen Fetten kompensiert, stattdessen gewann Schweineschmalz an Bedeutung, knapp die Hälfte davon Importware (2, 3,5 und 5 kg/Kopf und Jahr). Der Import von Ölsaaten stieg erst in den 1890er Jahren deutlich an, diente zuvor auch vielfach als Tierfutter. Und der „Margarine“-Konsum lag 1880 lediglich bei 0,2 kg pro Kopf, erreichte 1890 dann ein, 1900 schließlich zwei Kilogramm. Der Veränderungen im Konsum tierischer Fette resultierten dabei nicht aus fehlender Nachfrage, sondern waren Resultat grundlegender Veränderungen im Angebot. Die Mechanisierung der Landwirtschaft setzte erst langsam ein, Kühe und Ochsen waren um die Jahrhundertmitte vornehmlich Arbeitstiere. Sie wurden meist mehr als zehn, teils fünfzehn Jahre alt; und erst dann setzten sie wirklich Fett an. Dies veränderte sich mit der wachsenden Bedeutung der Fleischmast einerseits, der Milch- und Butterwirtschaft anderseits. Sie führten zu einer deutlich niedrigeren Lebensdauer der Nutztiere – und parallel stieg die Bedeutung von Butter und Schweineschmalz einerseits, Pflanzenölen anderseits. Die veränderte Nutzung der Tiere im Deutschen Reich wurde vorrangig durch Importe kompensiert.

Vor dem Hintergrund einer immer rascher zunehmenden Bevölkerung, der wachsenden Kaufkraft bürgerlicher Konsumenten sowie neuer von Marktversorgung abhängiger gewerblicher Arbeiter kam es in den 1850er und 1860er Jahren zu deutlichen Preissteigerungen bei allen Fettarten. Dies betraf Butter in besonderem Maße und führte zu einer beträchtlichen Marktspreizung: Während erstklassige frische Butter „mehr und mehr Luxusartikel“ (Wilhelm Fleischmann, Das Molkereiwesen, Braunschweig 1875, 671) wurde, führte die wachsende Nachfrage gerade in den Städten zu überdurchschnittlichen Preissteigerungen geringerer Qualitäten. Butter war damals keineswegs das standardisierte, wohlgekühlte Produkt, das wir heute kaufen. Die in Kübeln und Fässern transportierte Butter war vielmehr eine äußerst heterogene Ware, die teils durch Hausierer, teils auf Wochenmärkten, zunehmend aber in nun massenhaft entstehenden Verkaufsläden abgesetzt wurde. Die noch geringe Zahl der Molkereigenossenschaften bewirkte zwar Qualitätsverbesserungen, doch der Einsatz mechanischer Milchzentrifugen und wirksamer Kühleinrichtungen mit Natureis erfolgte erst in den späten 1870er Jahren (Helmut Ottenjann und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels, Cloppenburg 1996). Butter war damals ein hygienisch heikles Nahrungsmittel, dessen Geruch und Geschmack stark vom Produktions-, Transport- und Absatzumfeld abhingen und das rasch verdarb (H[einrich] Beckurts, Ueber die Prüfung der Butter auf ihre Verfälschungen, Correspondenz-Blatt des niederrheinischen Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege 8, 1879, 61-63, hier 61). Ranzige Fette waren nicht unüblich und die damalige Bewertung von Fetten kreiste immer wieder um deren Geruch.

Ein standardisiertes und preiswertes Buttersurrogat erschien demnach erstrebenswert: „Gelänge es, gute Kunstbutter aus anderen thierischen Fetten zu bereiten, so ließen sich die letzteren höher, als dies früher möglich war, verwerthen, es würden die Betrügereien im Butterhandel auf ein erheblich geringeres Maß zurückgeführt, es würde der Volksernährung ein nicht geringer Dienst erwiesen, ohne daß der rationellen Production von feiner Butter eine fühlbare Concurrenz erwüchse, ja es ließe sich vielleicht sogar ein Theil der Milch, welche seither der Butterfabrikation diente, zum Segen ganzer Länder als directes Nahrungsmittel wiedergewinnen“ (Fleischmann, 1875, 671). Entsprechende Bemühungen begannen spätestens in den 1810er Jahren, nach den ersten Fortschritten der Fettchemie. Dazu wurden nahezu alle verfügbaren Fette genutzt. In der Hauswirtschaft konzentrierte frau sich auf die Substitution der Butter beim Kochen und Braten, wobei Rinder- und Schweinefett, Speck, aber auch Raps-, Lein-, Oliven- und Palmöl genutzt wurden. „Gute“ Butter diente vorrangig als eine direkt konsumierte Speise, etwa als Brotbelag oder Brotaufstrich. Spätestens seit den 1840er Jahren, parallel zu den beträchtlichen Fortschritten der organischen Chemie, kamen zudem Fettgemische und sog. „Kunstprodukte“ auf, etwa Schmalzöl (aus Rinderfett und Rapsöl) oder Butteröl (aus Erdnussöl) (Johann Carl Leuchs, Kunstbutter, Oelschmalz, Schmalzöl und entwässerte Butter mit großem Gewinn sowohl in Haushaltungen als in Fabriken zu bereiten, 2. ganz umgearb. Ausg., Nürnberg 1877). Auch Schmalzbutter (aus Rindertalg, Schweineschmalz, Palm- und Rapsöl) fand Käufer (H[ermann] Weigmann, Die Kunstbutter, Landwirthschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 40, 1883, 409-410, hier 409). Diese Fettmischungen besaßen teils nur lokale Bedeutung, auch wenn sie auf dem neuen universellen Wissen der Chemiker und auch Praktiker gründeten. Die seit den späten 1860er Jahren rasch wieder ansteigenden Fettimporte aus den USA, insbesondere von Rindertalg und Schweineschmalz, unterstreichen jedoch eindringlich, dass derartige Fettgemenge zugleich Bausteine der Zernierung bäuerlich-dörflicher und regionaler Produktions- und Konsumweisen waren. Die sich sozial rasch ausdifferenzierenden und vermehrt von Verstädterung und gewerblichem Aufschwung gekennzeichneten Gesellschaften Europas durchbrachen die strukturellen Grenzen der tradierten Bauernwirtschaft durch neues Wissen, einen wachsenden internationalen Güteraustausch und durch neue Techniken der Nahrungsmittelproduktion.

Zahlreiche Vorschläge und Verfahren für neuartige Kunstfette waren die Folge. Breite Beachtung in der Fachliteratur fand beispielsweise das 1846 gewährte Patent des Londoner Kerzenproduzenten und Erfinders William Palmer (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Giftmörder). Er behandelte Rinder-, Kälber- und Schaffett mit Lorbeerblättern, um so dessen Geschmack butternah zu machen (The Patent Journal and Inventors‘ Magazine 1, 1846, 367; Du Beurre artificiel, Bulletin Commercial 6, 1878, 117-120, hier 120). Dieses Verfahren setzte sich nicht durch, doch festzuhalten ist, dass die kreative Produktion von Kunstbutter schon vor der Erfindung der „Margarine“ auch großbetrieblich erfolgte. „Flämische Butter“ wurde beispielsweise in großen Mengen für den englischen Markt hergestellt: Sie bestand aus importiertem englischen Rindertalg, der mit vorbehandeltem Mehl zu einer Masse vermengt wurde, der dann 35 Prozent Wasser hinzugefügt wurden (Butter aus Ochsentalg, Industrie-Blätter 7, 1870, 31). Butter wurde dagegen noch großenteils in Bauernwirtschaften hergestellt, wenngleich Genossenschaftsmolkereien seit den 1860er Jahren rasch an Bedeutung gewannen. Sie zentralisierten die Butterproduktion, standen für die Prosperität und Wettbewerbsfähigkeit der immer stärker betriebenen, weil lukrativeren bäuerlichen Milchwirtschaft (zur früher einsetzenden Marktversorgung vgl. Uwe Spiekermann, Milchkleinhandel im Wandel. Eine Fallstudie zu München 1840-1913, Scripta Mercaturae 27, 1993, 91-145). Sie etablieren zugleich aber Produktionsstandards, die den betrieblichen Alltag verstärkt bestimmten und mittelfristig grundlegend veränderten.

Während der Handel mit Kunstbutter und Fettmischungen in den Hafenstädten Belgiens, der Niederlande und Großbritanniens bereits auch großbetrieblich betrieben wurde, blieb er in deutschen Landen auf kleinere Unternehmen begrenzt. Dies lag nicht nur am Fehlen eines nationalen Marktes, sondern auch an der vor der Reichsgründung teils noch nicht bestehenden Gewerbefreiheit. So bot der Münchener Seifensieder Elkan Feuchtwanger (1823-1902), Großvater des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1845-1947), spätestens seit 1865 eine „Schmalzbutter“ an, gefertigt aus Butter-, Schweineschmalz und Nierenfett (fehlerhaft und spekulativ hierzu Heike Specht, Die Feuchtwangers, Göttingen 2006, 51-52). In Nürnberg intervenierten daraufhin lokale Kaufleute und verlangten, den Namen in „Kunstbutter“ umzuändern. Der Magistrat erlaubte den Vertrieb des neuen Produktes, allerdings nur ohne Nennung des Begriffes „Butter“ (Nürnberger Anzeiger 1865, Nr. 312 v. 11. November, 2). In Augsburg wurde ihm der Verkauf durch den obersten Gerichtshof gar verboten, obwohl Feuchtwanger die Bestandteile seiner künstlichen Butter bewusst öffentlich ausgelobt hatte. Derartige Verbote geschahen damals nominell im Interesse des Publikums, „um dasselbe vor Uebervortheilung und Betrug zu sichern […], da auch leicht solche falsche Waare für ächte an irgend einem Platz feilgeboten werden könnte“ (Oeffentliche Sitzung des Stadtmagistrats am 11. September 1866, Augsburger Neueste Nachrichten 1866, Nr. 250 v. 12. September, 2988; zu den verschiedenen Prozessen s. Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt der Pfalz 1866, Nr. 70 v. 7. September, Sp. 1268-1273). Es wurde durchaus abgewogen zwischen Konsumenten- und Gewerbeschutz einerseits, sozialen und unternehmerischen Interessen anderseits.

Dabei gingen die Gerichte meist von souveränen Konsumenten mit einschlägigen Marktkenntnissen aus. 1867 wurde in Bayern beispielsweise eine Kunstbutter erlaubt, obwohl sie ähnlich aussah wie Butterschmalz: „Sollte also auch die sogenannte Kunstbutter im Inlande in den Handel und insbesondere in den Kleinverkehr gelangen, was bisher nicht geschehen zu sein scheint, so besteht selbst, abgesehen von den öffentlichen Bekanntmachungen und dem Unterschiede des Preises, welche Umstände bald von dem neuen Producte reden machen und das Publikum belehren würden, insolange keine Gefahr für das Publikum, als bis es etwa den Fabrikanten gelingen würden, die Kunstbutter dergestalt zu verfertigen, daß deren Unterschied von dem Kuhbutterschmalze nicht sofort von Jedermann erkannt werden könnte“ (Die Fälschung von Nahrungsmitteln, hier die Fabrikation der sogenannten Kunstbutter betreffend, Königlich-bayerisches Kreis-Amtsblatt der Oberpfalz und von Regensburg 1867, Nr. 21 v. 9. März, Sp. 279-281, hier Sp. 280). Auch die vom Münchener Fabrikanten Heinrich Murr aus Rinder- und Schweinefett sowie Sesamöl hergestellte Kunstbutter entstand deutlich vor der „Margarine“ von Mège-Mouriès (Ingolstädter Tagblatt 1869, Nr. 176 v. 29. Juli, 716; Das Bayrische Vaterland 1869, Nr. 102 v. 30. Juli, 4). Vor diesem Hintergrund ist die später aufgestellte und von der Forschung grundsätzlich übernommene Aussage, dass alles, was vorher unter dem Namen Kunstbutter auf den Markt kam, „mehr oder weniger fragwürdig, nicht selten sogar widerwärtiger Natur“ (Paul Lohmann (Hg.), Lebensmittelpolizei, Leipzig 1894, 223) gewesen war, kaum zutreffend. Die strikte Gegenüberstellung von Margarine und Butter ist eine nachträgliche Simplifizierung der Marktsituation der 1860er bis 1880er Jahre, die nicht zuletzt dazu diente, eine Regulierung des Kunstbuttermarktes zu erreichen (Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg. – II. Sess. 1878, Bd. 4: Anlagen, 766-830, hier 785-786). In deutschen Landen sollte es Jahrzehnte dauern, bis sich „Margarine“ gegenüber den vielfältigen Kunstbutterarten durchsetzen konnte. Es handelte sich eben nicht nur um grundsätzlich substituierbare Waren. Der Fettwandel veränderte schließlich auch den Geschmack der Speisen. Tierische Fette und Ersatzprodukte wurden im Nachhinein immer wieder als streng riechend und grob schmeckend bewertet (Adolph Jolles, Ueber Margarin. Eine hygienische Studie, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 15-42, hier 16). Derartige Quellen spiegeln vorrangig einen generellen Geschmackswandel weg vom „Derben“, hin zum feineren Lebensmittel oder, allgemeiner, die Verschiebung von einer ländlich-lokalen zu einer städtisch-internationalen Alltagskost.

Die „Margarine Mouriès“ zwischen Mythos und Markt

Kommen wir nun zur „Margarine“. Angesichts der offenkundigen Bedeutung des neuen Nahrungsmittels sollte anzunehmen sein, dass zumindest deren Entstehungsgeschichte präzise nachzuzeichnen sei. Doch schon über Hippolyte Mège-Mouriès ist erstaunlich wenig bekannt. Er war Chemiker und Praktiker, aktiv in der Anwendung des neuen naturwissenschaftlichen Wissens. Schon in den 1850er Jahren produzierte er Gesundheitsschokoladen, fortifiziert mit Kalzium, Phosphat und Eiweiß. Seinen Zeitgenossen war er vornehmlich durch Arbeiten zu einer rationellen Brotproduktion bekannt (J[an] van Alphen, Hippolyte Mège Mouriès, in: Stuyvenberg (Hg.), 1969, 5-8). Mit der Fettchemie hatte sich der Schüler Chevreuls intensiv beschäftigt und produzierte seit 1862 auf eigene Rechnung Seife (Sur la fabrication du savon, par M. Mège Mouriès, Bulletin de la Société Chimique de Paris NS 2, 1864, 138). Anfang 1867 soll er dazu täglich 3000 Pfund Stearin und Oleo-Margarin verarbeitet haben (A new Method of Saponification, Scientific American 16, 1867, Nr. 9 fr. March 2, 134). Es liegt nahe, dass Mège-Mouriès damals nach lukrativeren Verwendungsmöglichkeiten zumal für das Speisefett Ausschau gehalten hat.

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Hippolyte Mège-Mouriès (Gallica, Agence Rol 99462)

Glaubt man jedoch den gängigen Geschichten, so hat 1866 resp. 1867 der französische Kaiser Napoleon III. entweder direkt oder aber anlässlich der Pariser Weltausstellung einen Preis für die Entwicklung eines butterähnlichen Fettes ausgeschrieben, einerseits für die Versorgung der französischen Marine, anderseits für die preiswerte Fettversorgung der ärmeren Bevölkerung. Mège-Mouriès gewann den Wettbewerb und durfte dann auf den königlichen Gütern in Vincennes, nahe Paris, weiter forschen. Zwei Jahre später, 1869, hatte er sein Verfahren optimiert und dann am 15. Juli 1869 das französische Patent beantragt, das am 2. Oktober 1869 gewährt wurde. Weitere Patente im Ausland folgten im gleichen Jahr. Mège-Mouriès begann daraufhin in Poissy, nahe Versailles, mit der Produktion seiner künstlichen Butter. Diese wurde ab 1870 auch in den Pariser Markthallen verkauft, wenngleich der Umsatz von Januar bis März lediglich 810 Francs betrug. Nach dem deutsch-französischen Krieg nahm er die Produktion wieder auf, doch zwischen Dezember 1871 und März 1872 blieben die Umsätze in den Hallen ähnlich niedrig (F. Bezancon, Rapport Général sur les Travaux du Conseil d’Hygiène publique et de Salubrité du Département de la Seine depuis 1872 jusqu’a 1877 inclusivement, Paris 1880/1881, 10). Mège Mouriès, der schon zuvor Patenterechte an niederländische, englische und US-amerikanische Investoren verkauft hatte, übertrug sein französisches Patent dann 1872 an die Société anonyme d’Alimentation, die anschließend die Produktion und den Export von „Margarin Mouriès“ in großem Stil aufnahm.

Schaut man genauer hin, so handelt es sich hierbei um eine Geschichte voller Leerstellen und Versatzstücke. Die zahllosen kurzen Hinweise auf die Margarineerfindung zeichnen sich einerseits durch gänzlichen Verzicht auf Quellen, zum anderen durch höchst phantasievolle Beimengungen und Alternativgeschichten aus. Meine Recherchen in den digitalisierten Beständen von Gallica, also der französischen Nationalbibliothek, ergaben jedenfalls keine Hinweise auf den ausgelobten Preis für die künstliche Butter. Auch die vermeintliche Forschungsförderung durch Kaiser resp. Regierung blieb höchst vage. Blickt man auf die Literatur, so wird deutlich, dass seit 150 Jahren immer neue und stetig leicht variierende Histörchen dargeboten werden. Wie gut, dass wenigstens über die Kunstbutter und ihre Produktion grundsätzlich valide Quellen vorliegen.

Wie nahezu alle Kunstbutterproduzenten ging auch Hippolyte Mège-Mouriès vom Wissen der damaligen Fettchemie aus. Tierisches Fett war demnach eine Emulsion aus verschiedenen Fettsäuren, die jeweils spezifische Charakteristika besaßen. Der Chemiker erweiterte dieses Strukturwissen um praktisches Erfahrungswissen: Demnach gaben Kühe trotz unzureichender Fütterung zumindest noch eine Zeitlang fetthaltige Milch. Daraus folgerte er, dass Milchfett nichts anderes als Körperfett der Tiere sei. Im Umkehrschluss hieß dies, dass Milchfett aus Tierfett gewonnen werden konnte (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], 9-11). Die Kernaufgabe war demnach, dem tierischen Talg resp. Unschlitt das seifig schmeckende Stearin zu entziehen, um möglichst reines Olein und Margarin zu erhalten. Diese konnten weiterverarbeitet und zu einem schmackhaften Kunstfett verdichtet werden. Aus heutiger Sicht ging Mège-Mouriès von falschen Annahmen aus. Margarinsäure als solche gibt es nicht, es handelt es sich vielmehr um ein Konglomerat verschiedener Fettsäuren. Ebenso entsteht das Milchfett nicht aus der Resorption des körpereigenen Fettes. Die Erfindung der Margarine steht damit in einer langen Reihe von wissenschaftlichen und technologischen Durchbruchserfolgen, die auf zielführenden Irrtümern beruhten. Liebigs Fleischextrakt oder aber die Vitamine sind andere Beispiele.

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Verwissenschaftlichung der Fettproduktion: Gewerbliche Verarbeitung von Rindertalg (Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 206)

Mège-Mouriès ging schon bei der Seifenproduktion vom Rohtalg aus, konzentrierte sich nun aber auf das sog. Nierenfett. Aus diesem extrahierte er mittels Pressung das Oleo-Margarin, reinigte es insbesondere von Stearin und Abfällen. Damit war das Ausgangsmaterial für die Kunstbutterproduktion gewonnen. Der zähflüssigen Fettmasse wurden Milch und kleingeschnittene Euter zugefügt, ebenso Wasser – und dann begann ein längerer Prozess der Vermengung (H[ippolyte] Mège, Darstellung künstlicher Butter, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 585; Ch[arles] Girard und J[acques] de Brevans, La Margarine et le Beurre artificiel, Paris 1889, 6-11). Dieser zweite Schritt war vielleicht noch wichtiger als die schon zuvor von anderen Praktikern erprobte Verwendung von Oleo-Margarin. Die Extraktion erhöhte die Haltbarkeit, verringerte zudem den eher seifigen Geschmack des Ausgangsmaterials. Doch erst durch die anfangs etwa zweistündige Mischung von Grundfett, Milch und Wasser erhielt man ein ansatzweise schmackhaftes und geschmeidiges Produkt ([Eugen] Sell, Ueber Kunstbutter. Ihre Herstellung, sanitäre Beurtheilung und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von Milchbutter, Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 481-528, hier 483).

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Die Materie zwingen: Fettverarbeitungsmaschinen Mitte der 1870er Jahre (Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 9)

Obwohl die Grundprozesse von Beginn an mechanisiert waren, war die Kunstbutterproduktion anfänglich noch handwerklich organisiert. Das zumeist direkt von Schlachthöfen stammende Fett – ein wichtiger Grund für die Konzentration der frühen Firmen in größeren Städten – wurde durch per Hand in Schwung gesetzte Maschinen kleingehackt und zerquetscht. Die hier gezeigten frühen Beispiele konnten jedoch bereits an einen Transmissionsriemen angeschlossen und daher mittels Dampfkraft betrieben werden. Dies beschleunigte nicht nur die Produktion, sondern führte auch zu einer erhöhten Ausbeute der Schlachtfette.

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Fettpresse der Firma J.M. Lehmann, Löbtau-Dresden (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 353)

Die Mechanisierung erfolgte rasch, da der Ertrag und die Qualität von Oleo-Margarin und Kunstbutter auch vom Krafteinsatz abhingen. Von Beginn an konnte so eine relativ einheitliche Ware hergestellt werden. Mège-Mouriès setzte sich damit deutlich von der vielgestaltigen Butter ab, auch wenn die Qualität des neuen Produktes von der Art und Qualität der Rohwaren sowie der Sorgfalt und Dauer der Vermengung abhing.

Das neue Produkt stand für einen klaren Bruch mit der kleinbetrieblichen bäuerlichen Butterproduktion. Kunstbutter basierte auf der Zufuhr von firmenfremder Rohware, stand also inmitten einerseits zentralisierender Schlachthöfe und anderseits weit ausgreifender Handelsnetze. Ihre gegenüber Butter größere Haltbarkeit erlaubte zugleich die Beschickung nicht nur lokaler, sondern auch regionaler, nationaler, gar internationaler Märkte. Die Kunstbutter verstärkte damit einen Trend, den leistungsfähigere Molkereigenossenschaften in Deutschland nach dem Erlass des Genossenschaftsgesetzes 1868 begonnen hatten: Die Versorgung urbaner Zentren nicht allein vom Umland, sondern vom Lande (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 308-309).

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Fett vom Lande – hier Butterversand an Kleinhändler (Illustrirte Zeitung 60, 1873, 40)

Vorbild und Konkurrenz führten gleichermaßen zu einer wachsenden Kommerzialisierung des Landes und der bäuerlichen Wirtschaft. Das neue Produkt wurde zuerst in Paris, dann in den Niederlanden verkauft. Wie zuvor bei anderen Kunstfettprodukten gab es Bedenken über mögliche Gesundheitsschädigungen bzw. Täuschungen der Konsumenten. In Paris wurden diese 1872 offiziell ausgeräumt – doch die Geschichte der Kunstbutter blieb eine Geschichte der Rückfragen und der interessegeleiteten Unterstellungen (Beurre artificiel, L’Annèe Scientifique et Industrielle 16, 1872, 449-451). Wichtiger als derartige ohnehin nur lokal greifende Beschränkungen war, dass die reinen Produktionskosten für die „Margarine Mouriès“ nur etwa halb so hoch waren wie die erstklassiger Butter. Margarine war ein Preisbrecher. Zum anderen überzeugten der neutrale Geruch und der Geschmack: „Die Kunstbutter zergeht auf der Zunge rasch, wie echte Butter, läßt sich gut streichen, ist jedoch etwas härter als letztere“ (Fleischmann, 1875, 679). Beim Kochen und Backen war sie aufgrund des geringeren Wassergehaltes ergiebiger und zudem länger haltbar. Die frühe Margarine war ein gleichförmiges Produkt von wachsig, blassgelbem Aussehen (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 148). Durch Färbung konnte sie jedoch den Vorstellungen der Konsumenten von „richtiger“ Butter weiter angenähert werden. All das stimmte hoffnungsfroh: Der kreative Geist des Menschen schien ein neues Nahrungsmittel geschaffen zu haben, das auch den Ärmeren in den Städten ein auskömmliches Dasein sichern könnte. Der Markt würde nun dafür sorgen, dass die obskuren Buttersurrogate aus Großbritannien, den Niederlanden und den USA vom Markt verdrängt werden würden (F[riedrich] Strohmer, Kunst- und Naturbutter, Neue Freie Presse 1886, Nr. 7871 v. 26. Juli, 5). Nahrungsmittelchemiker und Pharmazeuten waren sich jedenfalls Mitte der 1870er Jahre größtenteils einig, dass die neue „Margarine“ „ein vorzügliches Butter-Surrogat“ (Beckurts, 1879, 62) sein könne.

Das galt um so mehr, da seit Anfang der frühen 1870er Jahre zahlreiche Praktiker die Ideen Mège-Mouriès aufgriffen und kleinteilige Verbesserungen patentieren ließen (Butterin, Aerztliches Intelligenz-Blatt 24, 1877, 103). Zeitgenössische Überblicksdarstellungen listeten die vornehmlich in Großbritannien, Frankreich, den USA und den Niederlanden, vereinzelt auch im Deutschen Reich gewährten Kunstbutterpatente auf, ohne aber zu klären, ob diese auch praktisch angewandt wurden (Sell, 1886, 485-486). Die Fettsäuren sollten demnach teils durch Chemikalien getrennt werden, häufiger waren Substitute der zugesetzten Milch, etwa Buttermilch. Ebenso entstanden Verfahren mit zugesetzten Pflanzenölen (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Kunstspeisefette und Pflanzenbutter, 4. vollst. neubearb. Aufl., Wien/Leipzig 1912, 52). Allen Erfindungen zum Trotz blieb das Verfahren von Mège-Mouriès für mehr als zwei Jahrzehnte die vielerörterte Referenz. Es wurde jedoch von Beginn an in der betrieblichen Praxis kleinteilig verändert (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Sparbutter und Butterine, Wien/Pest/Leipzig 1878). So fiel der Zusatz von Euter- oder Magenmasse rasch weg, während neue Maschinen andere Prozesstemperaturen ermöglichen (Benedikt, Butter, in: Ewald Geissler und Josef Möller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 2, Wien/Berlin 1887, 418-422, hier 420).

Die Diffusion der Kunstbutter

Die Erfindung der „Margarine Mouriès“ sagt allerdings wenig über deren realhistorische Bedeutung aus. Die Anfänge der „Margarine“ und damit deren Durchsetzung als „Volksnahrungsmittel“ sind kaum erforscht, präzise Daten fehlen meist. Dennoch ist es wichtig, die Diffusion von Kunstbutter und „Margarine“ in den Blick zu nehmen, denn anders sind die harten Auseinandersetzungen über diese Warengattung kaum verständlich. Die „Margarine Mouriès“ bildete in der Tat den Ausgangspunkt für die Verbreitung der Kunstbutter in der gesamten westlichen Welt. Die 1872 zur Verwertung des Patentes in Paris gegründete und mit einem Kapital von 800.000 Franc ausgestattete Société anonyme d‘Alimentation nahm wohl 1874 den Vertrieb auf. Mitte der 1870er Jahre produzierte sie täglich 20 bis 30 Tonnen. Doch ein Großteil der „Margarine Mouriès“ wurde versandt, meist in den industrialisierten Norden Frankreichs, teils aber ins Ausland, darunter auch ins Deutsche Reich (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 204-208, hier 204). Trotz einer weiteren größeren Fabrik in Nancy blieb der Margarineabsatz in Frankreich jedoch niedriger als in anderen Staaten, insbesondere den Niederlanden und Skandinavien.

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Werbung für die neue „Margarine Mouriès“ in Frankreich (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], nach 32)

Die Niederlande entwickelten sich seit den frühen 1870er Jahren zur eigentlichen Drehscheibe des Handels und der Produktion von Kunstbutter und „Margarine“ in Europa. Eine weit entwickelte, marktorientierte Landwirtschaft, ein leistungsfähiges Transportsystem sowie die Nähe zum aufnahmefähigen Markt des Industriepioniers Großbritannien bildeten schon in den 1850er und 1860er Jahren die Basis für eine führende Rolle bei der Versorgung der Insel mit Butter und zunehmend auch Buttermischungen. Ähnlich wie bei der schon erwähnten „Flämischen Butter“ vermengte man preiswerte Butter mit Milch, Stärke unterschiedlicher Provenienz, Sirup und Färbemitteln. Gerade während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 ersetzten derartige Billigimporte die ausfallenden Sendungen aus Frankreich, erschlossen aufgrund ihres niedrigen Preises zudem neuer Käuferschichten (Die Kunstbutterfabrikation, Industrielle Rundschau 1, 1887, 248-250, hier 248-249). Preiswertere Angebote schienen lukrativ, produziert wurden gefärbte Mischungen aus Butter, Oleo-Margarin, Milch, Pflanzenölen.

Das neue Verfahren von Mège-Mouriès gefährdete dieses Geschäftsmodell – und folgerichtig kaufte Anton Jurgens, eine der führenden Buttergroßhandlungen, das neue Patent für 60.000 Francs und gründete 1871 die erste niederländische Margarinefabrik in Oss im Rhein-Maas-Delta. Das Produkt verkaufte sich gut, wurde daher nicht nur als Zumischung verwandt, sondern auch eigenständig vertrieben (N. Schouten, Plantaardige Olie- en Margarine-Industrie, Zeist 1994; Bernhard Gerhard Hülsbeck, Die holländische Margarineindustrie, Diss. Köln, Kleve 1931). Der Pionier blieb nicht allein: „Ein Jahr nach Produktionsbeginn bekam die Firma Anton Jurgens bereits Konkurrenz in nächster Nähe: Die befreundete, auch im Butterhandel engagierte Familie Van den Bergh eröffnete 1872 ebenfalls eine Margarinefabrik in Oss. Da in Holland kein Patentschutz für die Margarineherstellung bestand, hatte Simon Van den Bergh das Verfahren einfach von Jurgens kopiert – ein klassischer Fall von Industriespionage“ (Rainer Herbst, Die Entwicklung der Margarineindustrie zwischen 1869 und 1930 unter besonderer Berücksichtigung des Hamburger Wirtschaftsraumes, Wiwi. Diss. Hamburg 1989, 16). Jurgens und van den Bergh entwickelten sich in den 1870er und 1880er Jahren zu den wichtigsten niederländischen Kunstbutterimporteuren für das Deutsche Reich. Die 1879 erfolgten Zollerhöhungen für Margarine richteten sich nicht zuletzt gegen diese Firmen. 1888 gründeten sie in den niederrheinischen Städten Goch und Kleve Produktionsstätten, die in den Folgejahrzehnten einen Großteil des deutschen Marktes versorgten (Barbara Anne Hendricks, Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert, Bonn 1981, 64-81).

Jurgens und van den Bergh waren Anfang der 1870er Jahre jedoch nur Exponenten einer explosionsartigen Entwicklung der Kunstbutterproduktion in den Niederlanden. 1880 bestanden etwa 70 einschlägige, meist exportorientierte Firmen, deren Be- und Vertriebsorganisationen Maßstäbe setzen. Der beträchtliche Wettbewerb, vor allem aber die intransparenten Fettprodukte, führten jedoch zur Marktbereinigung, zu Standardisierungsbemühungen der Produzenten und einer zunehmenden Regulierung des Kunstbuttermarktes (Fabrikation von Butter und Kunstbutter in Holland. (Schluss.), Das Handel-Museum 2, 1887, 399-401, hier 400). Die Debatten im Deutschen Reich folgten diesen Debatten mit gewissem zeitlichem Abstand.

Auch die Entwicklung der deutschen Kunstbutterindustrie verlief deutlich langsamer. Grund hierfür war nicht nur der technologische Rückstand gegenüber dem westlichen Ausland, sondern auch die Kombination zollfreier Importmöglichkeiten und eines leistungsfähigen Eisenbahn- und Postnetzes. Das Deutsche Reich war schon zu seiner Gründung von Fett- und auch Fleischzufuhren abhängig. Das blieb auch nach der Zollwende 1879 so und führte zu teils beträchtlichen Verwerfungen mit Handelspartnern, insbesondere den USA, Russland und auch Österreich-Ungarn (Uwe Spiekermann, Dangerous Meat? German-American Quarrels over Pork and Beef, 1870-1900, Bulletin of the German Historical Institute 46, 2010, 93-110). Für unser Thema wichtiger ist, dass das Deutsche Reich von Beginn an ein Kunstbutterimportland wurde, dessen heimische Industrie sich nur schwer gegen die ausländische Konkurrenz behaupten konnte.

Eine präzise Untersuchung der Anfänge der Margarineproduktion im Deutschen Reich fehlt. Rainer Herbst verwies in seiner Dissertation auf die 1863 in Hamburg gegründete Firma G.W. Reye & Söhne (Herbst, 1989, 17, 148-149). Getreidehandel stand am Anfang, heute werden Putz- und Gipsprodukte hergestellt. G.W. Reye & Sohn betrieb seit 1871 eine große Schmalzraffinerie und stellte mehrere Jahre auch Kunstbutter her. Die erste Nutzung des Verfahrens von Mège-Mouriès erfolgte aber durch die 1872 im Frankfurter Nordend gegründete und seit 1874 produzierende Frankfurter Margarine-Gesellschaft. In den frühen 1880er Jahren beschäftigte sie ca. 100 Arbeiter und stellte jährlich 3.000-4.000 t Kunstbutter her (Volker Rödel, Fabrikarchitektur in Frankfurt am Main 1774-1924, Frankfurt a.M. 1986, 493). In den 1870er Jahren entstanden weitere Firmen vornehmlich im Rheinland und in Bayern. 1880 nahm dann A.L. Mohr in Hamburg-Bahrenfeld die Produktion von Kunst- und Mischbutter auf. Diese Firma steht für die eigentliche im Schatten des Zollschutzes erfolgte Wachstumsphase der deutschen Margarineindustrie nach 1879. Zugleich trugen ihre Produkte, ähnlich wie in den Niederlanden, zu einer allgemeinen Vertrauenskrise bei, die letztlich zu den Regulierungsbestrebungen des ersten Margarinegesetzes führte.

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Spezialmaschinen als Wegmarken der Margarineproduktion – Anzeige 1881 (Neue Freie Presse 1881, Nr. 5967 v. 8. April, 13)

Die Existenz von Firmen sagt jedoch nur wenig über Absatz und Konsumverhältnisse auf. Eine detaillierte Analyse von Haushaltsrechnungen zwischen 1900 und 1940 ergab nämlich das Paradoxon, dass das universelle Kunstprodukt Margarine im Deutschen Reich deutliche regionale Verzehrsunterschiede aufwies: „Insgesamt zeigt sich ein von den Vertriebszentren ausgehendes, sich dann in die Konsumzentren des typischen ‚Butterbrot‘-Verzehrs Sachsen und Schlesien ausdehnendes Muster, dem schließlich die Markterschließung zuerst Mitteldeutschlands, dann des fettarmen Südens folgte“ (Uwe Spiekermann, Regionale Verzehrsunterschiede als Problem der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Räume und Strukturen im Deutschen Reich 1900-1940, in: Hans Jürgen Teuteberg et al. (Hg.), Essen und kulturelle Identität, Berlin 1996, 247-282, hier 267). In der Tat bildete das rheinisch-westfälische Industriegebiet die eigentliche Pionierregion des Kunstbutterkonsums. Derartige regionale Märkte wurden jedoch ergänzt durch das Versandgeschäft führender ausländischer Anbieter, deren Produkte schon in den 1870er Jahren im gesamten Deutschen Reich erhältlich waren. Das galt insbesondere für Sargs Prima Wiener Sparbutter, der wohl bekanntesten Margarinesorte in einem ansonsten von anonymer Ware dominierten Absatzmarkt.

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Anzeige des Neuen: Werbung für Sargs Prima Wiener Sparbutter 1874 (Illustrirtes Wiener Extrablatt 1874, Nr. 146 v. 29. Mai, 7)

Derartige Versandware gründete auf der höheren Haltbarkeit der Margarine und relativ fortgeschrittenen Verkehrsverhältnissen. Zugleich handelte es sich um verpackte Ware in einem Nahrungsmittelmarkt, in dem lose, unverpackte und dann direkt ausgewogene Produkte noch dominierten: „Die Kunstbutter wird in 1 Pfund schweren, viereckigen, mit einen dünnen weißen Baumwollenzeug umwickelten Packeten, die sich bequem in eine Kiste zusammenpacken lassen, versendet, appetitlicher in der Form wie die Marktbutter; die Farbe ist gewöhnlich Gelb“ (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Der Begriff „Sparbutter“ hob einen anderen Gebrauchswertvorteil hervor, nämlich den gegenüber Butter geringeren Wasseranteil. Dadurch war sie ergiebiger, ein wichtiges Argument auch für bürgerliche Kreise: „Eine gut abgerichtete Köchin braucht die Butter nicht zu jeder Speise, sondern nur wo dieselbe unentbehrlich ist, und kann durch Verwendung der Sparbutter ihrer Herrschaft viel Geld ersparen“ (Raphael Molin, Die Sparbutter-Industrie, Das Vaterland 1880, Nr. 319 v. 19. November, 10-11, hier 10). Hinzu kam: Kunstbutter war nicht nur länger haltbar, sondern wurde dadurch nur höchst selten ranzig. Das aber kam bei Milchbutter häufiger vor als es die späteren Hymnen der Agrarier auf die „gute“ Butter wahrhaben wollten (Vom Rhein, Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 61 v. 5. März, s.p.). Die weite Verbreitung der Versandbutter erlaubt schließlich auch Rückfragen an die heutzutage fast litaneihaft vorgetragene Positionierung der Kunstbutter als Fett der Armen und der Arbeiter. Gerade im rückwärtigen gewerblichen Sektor, also bei Bäckern und Konditoren, bei Wirten und Restaurantbesitzern, wurde sie häufig verwandt, um Backwaren und Speisen preiswerter zu machen (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Kunstbutter war immer auch bürgerlich, war keineswegs das Fett allein der Armen.

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Kein Fett für die Armen: Werbung für Sparbutter in Karlsruhe 1875 (Karlsruher Tagblatt 1875, Nr. 184 v. 8. Juli, 6)

Der Hersteller der Prima Wiener Sparbutter – ein vom Wiener Magistrat 1874 genehmigter Markenbegriff – war F.A. Sarg Sohn & Co., ein führender Produzent von Stearinkerzen und Glycerinseifen, ein Unternehmen also, das schon früh preiswerte Massenkonsumgüter herstellte und aktiv bewarb. Es diversifizierte zunehmend in die Kosmetikbranche. Die seit 1887 vertriebene Tubenzahncreme Kalodont wurde ein weltweit erfolgreiches Markenprodukt und diente als Dachmarke für viele weitere fetthaltige Kalodontprodukte. Ähnlich wie in Frankfurt am Main und Paris dauerte es auch in Wien fast zwei Jahre, von 1872 bis 1874, ehe die Produktion auf Basis des Mège-Mourièsschen Patentes aufgenommen werden konnte (Sparbutter, Morgen-Post 1874, Nr. 61 v. 3. März, 2). Ihr Absatz war seit 1874 von Anzeigenwerbung begleitet – und blieb damit eine Ausnahme, denn die Werbung für Kunstbutter erfolgte zumeist noch durch die Kleinhändler.

Sargs Sparbutter traf auf eine gespaltene Rezeption. Blicken wir auf eine aufstrebende Industriestadt im südlichen Ruhrgebiet: „Hier in Witten wiesen einzelne renommirte Ladengeschäfte den Verkauf zurück, andere kleine Geschäfte versuchten den Artikel und fanden ihn auch brauchbar. Die Butter ist selbst bei heißer Witterung hart und kernig, schmeckt nicht gerade schlecht und kostet 15 bis 20 Pfg. weniger als geringere Sorten Naturbutter. Das Publikum, auch wenn es noch so genau über die Zusammensetzung der Butter belehrt wurde, verlangte eben ‚Sparbutter‘, weil sie gefälliger für’s Auge und praktischer im Gebrauche sei. So mußten Nachbestellungen folgen und der Artikel ‚zog‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 223 v. 21. August, 3). Die neue Kunstbutter wurde allerdings häufig dazu genutzt, um sie Butter beizumengen und diese dann undeklariert, aber zu leicht niedrigerem Preis zu verkaufen. Umfassende Untersuchungen der lokalen Nahrungspolizei waren die Folge, führten teils gar zu ersten Verboten des Wochenmarktverkaufs. In Düsseldorf hieß es: „Es dürfte unseres Erachtens der Verkauf dieser Butter unter dem Namen ‚Sparbutter‘ auch auf den Wochenmärkten gestattet werden, doch müßten polizeilicherseits dafür gesonderte Verkaufsstellen auf den Marktplätzen angewiesen und diese entsprechend bezeichnet werden“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 270 v. 7. Oktober, 2). Die Sparbutter war ein Einbruch in die tradierte Welt des Absatzes – und auch deshalb schlug ihr beträchtlicher Widerstand entgegen.

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Widerstand gegen die Sparbutter in Dresden 1877 (Dresdner Nachrichten 1875, Nr. 293 v. 20. Oktober, 6)

Ein strukturelles Problem war dabei die mangelnde Kenntnis des noch nicht eingeführten Produktes. Über dessen Zusammensetzung gingen „im Publikum die verschiedensten Gerüchte“ um: „Es nimmt dies nicht Wunder, da verschiedene Fabriken dieser Art dem Publikum nicht gestatten, Einsicht von ihrem Betrieb zu nehmen; in Folge dessen denkt dasselbe unwillkürlich an Pferde- und Schweinefett, Kartoffelmehl, Gelèe aus isländischem Moos und sonstige Teufeleien“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106). Während die Kritik im Auslande vielfach allgemein und unspezifisch blieb, sah sich Sarg in Wien regelrechten Denunziationskampagnen ausgesetzt: Butter stamme von der Kuh – und nicht vom Ochsen. Die Sparbutter würde vornehmlich zur Verfälschung der Butter eingesetzt („Kunstbutter.“, Morgen-Post 1877, Nr. 199 v. 22. Juli, 3). Das Neue wurde zum Skandal: „Die Liesinger Sparbutter ist nichts Anderes, als ein Unschlitt- und Glyceringemengsel mit verschiedenen ekelhaften Zuthaten, welche dem Fabrikate den Geschmack und die Structur der wirklichen Butter geben sollen“ (Glycerin-Butter, Morgen-Post 1877, Nr. 223 v. 15. August, 3).

Kritiker beklagten die vermeintliche „rissige“ Struktur der Sparbutter, die daraus resultiere, „daß ihr das, die einzelnen, bunt zusammengewürfelten Bestandtheile zu einem einheitlichen Ganzen verbindende Ferment vollständig abgeht“ (Die Sparbutter und ihre Verehrer, Morgen-Post 1877, Nr. 227 v. 19. August, 3). Die Reaktion der Wiener Firma war bemerkenswert: Zum einen förderte sie redaktionelle Werbung, in der die bestehenden Vorurteile gegen die Nahrungsinnovation argumentativ aufgegriffen wurden (Das Vorurtheil und die Sparbutter, Kikeriki 17, 1877, Nr. 62 v. 5. August, 3). Zum anderen informierte sie die Öffentlichkeit recht präzise über die Sparbutterproduktion, die hohen Hygienestandards und den modernen Maschinenpark (Sarg’s Prima Wiener Sparbutter, Die Presse 1877, Nr. 156 v. 9. Juni, 9; Die Spar- oder Kunstbutter-Fabrikation, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 4, 1877, 222-223; Excursionsbericht, Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins 12, 1886, 194-195). Sarg praktizierte somit Vertrauensbildung durch Firmen- und Produkt-PR lange bevor es reflektierte Public-Relations-Ratgeber gab. Dadurch gewann sie nicht allein wachsendes öffentliches Vertrauen, sondern initiierte auch eine tradierte Elitenkritik an der vermeintlich dummen Masse der Konsumenten und deklassierter Kleinhändler: „Die betreffende Bevölkerung ist theils zu indolent, theils auch gar nicht in Kenntnis von der Beschaffenheit jenes Surrogatmittels, genannt Sparbutter, und daher ganz ausser Stande, davon Gebrauch zu machen“ (Zur Nahrungsmittelfrage. Sarg’s Prima Wiener-Sparbutter, Wiener Medizinische Wochenschrift 27, 1877, Sp. 1175-1177, hier Sp. 1176). Das Beispiel von Sargs Prima Wiener Sparbutter unterstreicht, dass es bei der Einführung der „Margarine“ keineswegs um den simplen Gegensatz von Gewerbe und Landwirtschaft ging, sondern dass hier um die Bedrohung durch das Unbekannte, durch das Neue gerungen wurde. Gerade nach dem Gründerkrise war Skepsis gegenüber einer vom Markt ausgehenden Umgestaltung des Alltags weit verbreitet. Die Durchsetzung der Margarine war schließlich Teil der Durchsetzung und Verankerung kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien.

Gleichwohl zeigt insbesondere die Produkteinführung eine Konsumgesellschaft im Werden. Kunstbutter war eine anonyme Ware. Hersteller und Zusammensetzung waren zumeist nicht bekannt. Der gegenüber Butter geringere Preis und der gegenüber Schmalz und Talg bessere Geschmack waren für den Absatz entscheidend. Anfang der 1870er Jahre erfolgte der Absatz noch vielfach über Wochenmärkte. Die lokale Marktpolizei schritt hiergegen rasch ein, um Übervorteilungen auszuschließen und – im Wortsinne – Markttransparenz zu gewährleisten. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet wurde Kunstbutter anfangs teils vom Wochenmarktverkehr ausgeschlossen, teils wurden die Marktordnungen so verändert, dass der Absatz nur bei expliziter Kennzeichnung erlaubt war (Sell, 1886, 492-493). Die Folge war eine Diffusion des Verkaufs in ladengebundene Nahrungsmittelgeschäfte bzw. Versandgeschäfte. Händler- und Herstellervertrauen traten hier teils an die Stelle der unzureichenden Informationen über die Kunstbutter. Zugleich wurde augenfällig, dass auch die tradierten Nahrungsmittel bisher vorwiegend nach Augenschein und ohne detaillierte Produktinformationen gekauft wurden.

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Etablierung im Sortiment des Kolonialwarenhandels. Anzeigen von Sparbutter in Düsseldorf 1877 (Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 302 v. 10. November, 4 (l.); ebd., Nr. 42 v. 14. Februar, 4)

Preis und Geschmack dominierten den Abverkauf, nicht aber vertiefende Informationen: „In Dortmund kommt die Kunstbutter waggonweise an. Die Lieferanten sind hauptsächlich zwei holländische Fabriken, und diese können nicht so viel liefern als bestellt wird. […] In Dortmund muß jeder Kaufmann, welcher Kunstbutter feil hält, in seinem Laden einen Anschlag in großen Lettern mit den Worten führen ‚Margarinbutter‘, ‚Kunstbutter‘ oder ‚Sparbutter‘. Das Publikum stößt sich aber hieran nicht.“ Via Hamburg oder Bremen wurde auch amerikanische Kunstbutter „massenhaft angeboten“ (Kunstbutter, Linzer Volksblatt 1878, Nr. 248 v. 26. Oktober, 2). Schon Ende der 1870er Jahre war klar, dass Kunstbutter „unter ihrem wirklichen Namen auch gern vom Publikum gekauft und genossen wird“ (Naturbutter und Kunstbutter, Wider die Nahrungsfälscher! 2, 1879, 46-47, hier 46). Bemühungen von Kleinhändlern, die Vorteile der „reinen“ Butter gegenüber den nun aufkommenden zahlreichen Fettmischprodukten herauszustreichen, hatten dagegen kaum Erfolg: „Von drei Kunden, welche die Kunstbutter verlangen, sind aber nur zwei zu überreden, die gute reelle Waare zu kaufen, der dritte geht weiter und kauft beim Concurrenten die geringe Waare, welche ja äußerlich der anderen sehr ähnlich ist. Er nimmt die Meinung mit sich fort, daß ich mit der Waare zu theuer bin“ (Das Publicum und die Waarenverfälschung. (Bemerkungen eines Kaufmanns.), Deutsche Blätter 1873, Nr. 7, 26-27, hier 27). Der Speisefettmarkt geriet seit Anfang der 1870er Jahre jedoch nicht durch die Margarine selbst in Bewegung, sondern durch die nun rasch wachsende Zahl von Fettgemischen. Sie stammten von Margarineproduzenten, von Groß- und Kleinhändlern und nicht zuletzt von bäuerlichen Butterproduzenten.

Chaos im Fettmarkt: Mischbutter und Qualitätsprobleme

Die Kunstbutter war in den 1870er Jahren nur im rheinisch-westfälischen Gebiet von größerer Relevanz für den Alltagskonsum. Aufgrund des niedrigeren Preises ist es plausibel, dass Bergleute und die Industriearbeiterschaft daran einen überdurchschnittlichen Anteil hatten. Sicher belegt ist dies aber nicht, beziehen sich die meisten Quellen doch auf bürgerliche Konsumenten und das Nahrungsmittelgewerbe. Der spätere, insbesondere in den Reichstagsdebatten immer wieder antönende Gleichklang von „Margarine“ und Arbeiterschaft war immer auch eine bequeme Deutung, von der nicht zuletzt die politischen Parteien profitieren konnten. Liberale und Teile des Zentrums konnten ihr Eintreten für die „reelle“ Margarineindustrie als Sorge für den Arbeiter und sein Wohlergehen präsentieren. Auch Nationalliberale und die konservativen Parteien ließen keinen Zweifel daran, dass sie preiswerte Nahrung unterstützten: Butter für die Bessergestellten, Kunstbutter für die arbeitende Masse. Alle konnten so vergessen machen, dass Unternehmer, Kleinhändler und Landwirte Akteure und Profiteure des sich wandelnden Fettmarktes waren.

Blicken wir zuerst aufs Land: Verstädterung und „Industrialisierung“ hatten beträchtliche Chancen für marktbezogene Versorgung eröffnet, die insbesondere im Nordwesten und in Mitteldeutschland zu tiefgreifenden Veränderungen vornehmlich in der Fleischproduktion sowie der Milch- und Butterherstellung geführt hatten. Tradierte Stadt-Land-Beziehungen veränderten sich: Märkte wurde immer seltener von bäuerlichen Produzenten beschickt, an ihre Stelle traten Händler. Die Zahl der Hausierer und Höker in den Städten nahm zu. Neben das traditionelle Nahrungsmittelhandwerk traten spezialisierte Kleinhandelsgeschäfte, namentlich Fleischwaren-, Milch- und Butterhandlungen. Ohne diese Veränderungen wäre das, was heute immer noch einseitig und irreführend „Industrialisierung“ genannt wird, nicht möglich gewesen. Doch es reicht nicht, auf die Absatz- und Vertriebsstrukturen zu blicken. Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft, des kleinbäuerlichen Betriebes, manifestierte sich gerade in der Marktproduktion von Eiern, von Butter und Milch. Sie wurden zur Ware, waren nicht mehr Teil des bäuerlichen Universums, einem Konglomerat von Selbstversorgung, Tauschwirtschaft und Kapitalarmut. Marktbeschickung erlaubte eine Neudefinition des bäuerlichen Betriebes, erlaubte eine Horizonterweiterung. Doch sie bedeutete auch die Akzeptanz der Regeln urbaner Märkte. Es galt Standards einzuhalten, Expertensetzungen, Menschenwerk. Das war nicht leicht. „Milch“ variierte je nach Tierart, Fütterung, Weidequalität, Jahreszeit, Abkalbedaten und Wetter beträchtlich. Derart „natürlich“ variierende Ware war aber schwieriger abzusetzen, erzielte oft niedrigere Preise. Die Bauern halfen nach, und nicht nur zu sie. Neben die strukturellen Probleme der Nahrungsmittelversorgung traten insbesondere in den 1870er Jahren zahlreiche Wertverringerungen und auch Nahrungsmittelfälschungen (vgl. Gesetz betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg., II. Sess. 1878, Bd. 3, Berlin 1878, 766-830, insb. 775-798). Was für die Milch das Wasser wurde für die Butter nun die Kunstbutter.

Ihr Aufkommen wurde von vielen Landwirte als Weckruf verstanden (Gabriel Belleville, Die Milch und deren Verwerthung, Wein 1879, 177). Die Kunstbutterbranche war offenbar in der Lage, wichtige Nahrungsmittel preiswerter herzustellen. Die Ausbreitung „dieser Industrie“ sei „ein Mahnruf für die Landwirthe, sich die Errungenschaften der Neuzeit auf dem Gebiete des Molkereiwesens recht bald zu Nutze zu machen“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106-107, hier 107). Das war vor allem Wasser auf die Mühlen einer Minderheit von Agrarwissenschaftlern, die im Sinne der wegweisen Arbeiten Albrecht Daniel Thaers (1752-1828) forderten, „daß die Landwirthschaft heutzutage lediglich als ein industrielles Gewerbe zu betrachten ist, dessen zweckmäßige und gewinnbringende Ausbeutung, nach jeder sich darbietenden Richtung hin, die Aufgabe und das Ziel der Landwirthe sein muß“ (Heinrich Janke, Die Kunstbutter-Fabrikation als landwirthschaftliches Nebengewerbe, Seperatabdruck aus dem Jahrbuch für österreichische Landwirthe 1879, o.O. 1879, 1). Butter musste billiger und zugleich qualitativ besser werden.

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Aufhübschung als Dauerpraxis: Werbung für Butterfarbe 1875 (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 11, Beibl. 2, 3)

Dieser Aufgabe fühlten sich die Molkereigenos-senschaften verpflichtet. Händler bevorzugten die Kunstbutter nämlich nicht nur wegen ihres geringeren Preises, sondern auch wegen ihrer standardisierten Konsistenz (Naturbutter und Kunstbutter, Fühling’s landwirthschaftliche Zeitung 27, 1879, 111-113, hier 111). Doch die Butter veränderte sich auch durch gezielte Interventionen. Mit den Fortschritten der Farbchemie wurde die Butterfärbung, bei der zuvor vorrangig auf das aus dem brasilianischen Annattostrauch gewonnene Orleans zurückgegriffen wurde, einfacher und auch preiswerter: Das vermeintliche Naturprodukt wurde den Konsumentenerwartungen gemäß ausgestaltet. Kunstbutter konnte genutzt werden, um sie der eigenen „Naturbutter“ hinzuzufügen, um sie entweder billiger anzubieten oder um einen höheren Ertrag zu erzielen. Es galt, „daß selbst unsere biederen weiblichen Butterverkäufer vom Lande die Kunst, Natur durch Surrogat zu ergänzen, sehr trefflich verstehen“ (Strohmer, 1886). Derartige Mischbutter war erlaubt, sollte allerdings als solche ausgewiesen sein. Das war sie häufig nicht.

Bäuerliche Butterproduzenten nahmen daher nicht unbeträchtliche Mengen Kunstbutter ab – und dies übertraf bei weitem die auch im dem europäischen Ausland allgemein verbreitete Praxis, im bäuerlichen Haushalt Kunstbutter zu verzehren, um mehr Butter verkaufen zu können (Lang, 1912, 54-55). Friktionen innerhalb „der“ Landwirtschaft wurden dadurch offenbar. Die bäuerliche Alltagspraxis stand nicht zuletzt im Gegensatz zu den Interessen der noch erfolgreichen Butterexportindustrie. In Norddeutschland und Ostelbien gelegen, belieferte sie insbesondere den britischen Markt mit hochwertiger Ware. Mischbutter unterminierte ihren Qualitätsanspruch. Das Ringen um die „Margarine“ erfolgte also nicht allein zwischen Industrie und Landwirtschaft, sondern auch innerhalb der Landwirtschaft selbst: „Denn, meine Herren, verkennen Sie doch die Gefahr nicht: es ist nothwendig, daß wir den Artikel ‚Kunstbutter‘ unterdrücken, damit nicht auch die Landwirthe die Möglichkeit bekommen, gewissermaßen selbst schon die Fälschung in ihrer eigenen Wirthschaft vorzunehmen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 667 (von Frege)).

Bäuerliche Anbieter haben das Chaos im Fettmarkt nicht hervorgerufen, doch sie haben es verstärkt. Die Produzenten ergänzten ihre Angebote, neben Kunstbutter trat zunehmend Mischbutter. A.L. Mohr produzierte 1887 beispielsweise 880 t Margarine und mehr als 2.600 t Mischbutter (Herbst, 1989, 151). Großhändler kauften Butter und Margarine, vermengten diese dann zu neuen Produkten. Kleinhändler kauften die Fettgemenge an, wiesen deren Zusammensetzung aber nicht aus, kannten sie teils auch nicht. Die Obrigkeit war nur vereinzelt in der Lage, den Mischbutterabsatz zu ordnen und zu begrenzen. Explizite Kennzeichnungspflichten gab es nicht, zumal Mischbutter keine Gesundheitsgefährdung darstellte. Der Nationalstaat reagierte kaum. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb allgemein, behandelte Kunst- und Mischbutter trotz zahlreicher Petitionen nicht explizit.

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Reine Ware in einem Markt ohne Regeln? Karikatur anlässlich der globalen Regulierungswelle (Nebelspalter 12, 1886, H. 15, s.p.)

Spätestens zu dieser Zeit war Mischbutter ein auch öffentlich diskutiertes Problem. Experten diskutierten vorrangig „die Gefahr der Uebervortheilung“ der Konsumenten (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 147). Indikator hierfür waren gemeinhin Butterkontrollen der noch in den Anfängen stehenden Nahrungsmittel-kontrolle. In Hannover hatten Bürger daher ein privates Untersuchungsamt gegründet, um „dieser neuen Form der Nahrungsnoth“ (Wieder die Nahrungsfälscher! 1, 1878, 1) zu begegnen. Dessen Resultate dürften repräsentativ sein. Die – allerdings nicht sehr zahlreichen – Untersuchungen ergaben regelmäßig mit Kunstbutter vermischte „Butter“. Schlechte Butter resultierte aber vielfach auch aus mangelhafter Butterung, also Defiziten in der bäuerlichen Produktion (Ergebnisse des Hannoverschen Untersuchungsamtes, Wider die Nahrungsmittelfälscher! 1, 1878, 27-28, hier 28). Die Konsequenz waren Forderungen einerseits nach klarer Kennzeichnung, anderseits nach Aufklärung des Publikums über die rechte Beschaffenheit von Butter resp. Kunstbutter (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1878, 23). Die Fachleute wussten aber auch, dass ihre Arbeit keine marktbereinigenden Folgen gegen Mischbutter haben konnte: „Die Behörden waren bislang gegen diesen Betrug meistens machtlos, da alle vorgeschlagenen analytischen Methoden […] zu umständlich und viel zu unsicher sind, als dass auf sie hin eine energische Controle denkbar wäre“ (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1879, 168). Das Chaos im Fettmarkt resultierte auch aus dem Mangel an empirisch validen Nachweisverfahren. Neue Verfahren arbeiteten mit polarisiertem Licht, also optischen Verfahren, doch deren Handhabung war kompliziert, teuer und oft nicht gerichtsfest. Während der 1880er Jahre kamen zahlreiche neue Verfahren und Geräte auf, doch eine präzise und zugleich preisgünstige analytische Unterscheidung der einzelnen Fettsäuren war erst nach der Jahrhundertwende möglich.

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Wahrheitsverfahren: Butteruntersuchungsapparat des Agrarwissenschaftlers Adolf Eduard Mayer ([Eugen] Sell, Beiträge zur Kenntnis der Milchbutter […], Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 529-545, hier 543)

Auch der bestehende Rechtsrahmen setzte dem Einschreiten der Obrigkeit enge Grenzen. In Leipzig wurden 1886 beispielsweise drei Kaufleute erstinstanzlich wegen des Verkaufs Mohrscher Kunstbutter als „Gutsmischbutter“ zu Geldstrafen verurteilt. Die Revision kassierte das Urteil des Amtsgerichts, da der Fettgehalt beider absolut vergleichbar sei, ein Betrug also nicht vorliegen könne. Das Verfahren wurde zwar an das Landgericht überwiesen, doch dort konnte man nur noch wegen Betruges nach dem Nahrungsmittelgesetz vorgehen – ein quasi aussichtsloses Unterfangen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 213 v. 1. August, 20). Was blieb war vor allem der moralische Appell, da Kennzeichnung nicht einfach dekretiert werden konnten. „In diesem Kampf zwischen ‚Natur‘ und ‚Kunst‘ stehen die Dresdner Hausfrauen natürlich auf der Seite der Naturbutterhändler und wünschen recht sehnlichst, daß sie durch behördliche Fürsorge vor Schwindel und Uebervortheilung bewahrt werden“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 210 v. 29. Juli, 6). Da lachten viele Marktteilnehmer und schritten weiter voran. Gerade Pharmazeuten und Chemiker flüchteten sich angesichts der weitverbreiteten Moralisierung der Märkte in Sarkasmus. Als in London 1870 Fett aus den Themseabfällen gewonnen werden sollte, kommentierte man süffisant: „Philanthropen bemühen sich, den Armen einen billigen Genuß von Butter zu verschaffen“ (Butterverfälschung, Industrie-Blätter 7, 1870, 108-109). Inhaltlich waren sie nicht weit entfernt von den Vorstellungen der Sozialdemokratie, die sich in der Folgezeit zur eigentlichen Partei des Konsumentenschutzes entwickeln sollte. Sie beklagte beredt den Schwindel mit „Butter“, forderte aber zugleich Zwangsmittel, damit die Firmen klar kennzeichneten. Zugleich aber brandmarkte sie die Kennzeichnungsdebatte als bürgerliche Irreführung, ginge es doch darum, „daß die große Masse des Volkes nicht mehr im Stande ist, unverfälschte Nahrungsmittel zu kaufen“ (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 181 v. 6. August, 2).

Das Chaos im Fettmarkt führte auch zu einer steten Präsenz des Verdachts. Fabriken wurden beobachtet, um abschätzen zu können, wie viel sie produzierten und wie viel sie davon ehrlich verkauften (Rosenheimer Anzeiger 1879, Nr. 198 v. 31. August, 3). Wirkmächtiger aber war der Verdacht, „dass ein Theil der Kunstbutter aus ekelerregenden Materialien dargestellt wird“ (Adolf Eduard Mayer, zit. n. Benedikt, 1887, 420). Gerade die Verwendung von Schlachtabfällen führte zu gleichsam apokalyptischen Szenarien allgemeiner Verfälschung, allgemeiner Vergiftung.

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Das Unbehagen an der Kunstbutter: US-Karikatur über die nicht deklarierten Grundstoffe der Margarineproduktion (The Wasp 10, 1883, Nr. 1 v. 6. Januar, 16)

Dem standen Physiologen und Chemiker gegenüber, die berechtigt hervorhoben, dass eine öffentliche Gefahr bei Natur- und Kunstbutter sowie etwaigen Mischungen an sich ausgeschlossen war: „Auf dem Markte wird man füglich dem Geschmacke des Publikums die Rolle des Richters überlassen können und derjenige, welcher sich über den Genuss des feinen Butteraromas hinwegzusetzen vermag und anstatt Naturbutter Kunstbutter mit nach Hause bringt, wird nicht schlechter fahren als Jemand, welcher mit einer geringeren Fleischqualität sich zufrieden stellt“ (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 249, 1883, 319). Fasst man zusammen, so war der Verkauf von Kunstbutter unter der „Maske der Naturbutter“ (Strohmer, 1886) in der Tat weit verbreitet. Die Speisefette bestanden aus zahlreichen Mischungen, doch es gab keine rechtlich verbindlichen Begriffe, um diese Vielfalt präzise fassen zu können. Kunstbutter war Produkt naturwissenschaftlichen Wissens, doch die Wissenschaft war nicht in der Lage, ihre Marktpräsenz stetig und differenziert nachweisen zu können. Dies führte zu Unsicherheit über gängige Alltagsangebote, über die Ordnungskraft von Obrigkeit und Wissenschaft. Staatliches Handeln schien unabdingbar – und seit 1886 lag ein erster Gesetzentwurf vor, der das Chaos im Fettmarkt beenden sollte. Bevor wir auf diesen eingehen, ist nochmals innezuhalten: Die hitzige Diskussion über Kunst-, Misch- und Naturbutter macht schließlich klar, das moderne Produkte ohne eine informative Reklame und das Qualitätsversprechen von Markenartikeln kaum zu etablieren sind. Der Markt kann nicht gänzlich frei sein, muss immer begrenzt und eingehegt sein. In den 1890er Jahren gab es daher weitere Rahmenregulierungen, so 1894 das Gesetz zum Schutz der Waarenbezeichnungen und 1897 das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Staatlich-parlamentarische Intervention: Benennung und Einhegung der „Margarine“

Als die Reichsregierung im Februar 1886 dem Bundesrat einen Gesetzentwurf „über den Verkehr mit Kunstbutter“ vorlegte, war klar, dass ein öffentliches Problem bestand, doch es war unklar, wie dieses zu regeln war (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 48 v. 26. Februar, 2). Der Gesetzentwurf war jedenfalls eine Absage an ebenfalls mögliche detaillierte Verordnungen auf Grundlage des Nahrungsmittelgesetzes, wie sie vornehmlich von landwirtschaftlichen Interessengruppen vielfach gefordert worden war (Otto May, Umschau, Zeitschrift des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 69, 1879, 418-425, hier 424). Kunstbutter war wichtig genug, um in einem Spezialgesetz geregelt zu werden – recht bemerkenswert, denn damals lief die Gesetzesmaschinerie deutlich niedertouriger als heutzutage. Dem Gesetzentwurf vorangegangen waren nicht nur intensive öffentliche Debatten, sondern auch Forderungen nach einem neuerlich höheren Zoll auf Oleomargarin und Kunstbutter, eingebracht 1885 vom Zentrum resp. der freien wirtschaftlichen Vereinigung, einer Vorform der „Kartellparteien“ von Nationalliberalen und Konservativen. Sie trafen auf vehementen Protest der Linksliberalen, scheiterten aber an der schlichten Regierungsaussage, das eine zolltechnische Unterscheidung von Butter und Kunstbutter nicht möglich sei (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 90 v. 18. April, 5).

Während der Entwurf 1886 beraten wurde, waren Umfang und Struktur der Kunstbutterindustrie nur grob bekannt. Eine vom Reichsgesundheitsamt initiierte Denkschrift, die sich vornehmlich den verschiedenen Nachweisverfahren, also einer möglichen Kontrollpraxis widmete, nutzte die Angaben der Berufsgenossenschaft der Nahrungsmittelmittelindustrie. Demnach gab es im Deutschen Reich 45 Kunstbutterproduzenten mit 415 Beschäftigten. Hinzu kamen sieben weitere Firmen, die auch andere Waren produzierten (Sell, 1886, 492). Preußen, und darin insbesondere die Rheinprovinz, dominierte, Bayern folgte mit beträchtlichen zehn Fabriken. Gestützt durch die neu errichteten Zollschranken war die Branche zwischenzeitlich zum Export übergegangen (Kunstbutterfabrikation, 1887, 250). Produktionsziffern lagen nur vereinzelt vor. Kunstbutter wurde vornehmlich in Städten verkauft, insbesondere in Hafenstädten. Mège-Mouriès Initiative hatte also auch den Schiffsproviant verändert. Als Abnehmer wurden die „ärmeren Klassen der Bevölkerung“ (Sell, 1886, 492) genannt, doch der gewerbliche Konsum war ebenfalls beträchtlich. Valide Umsatzziffern fehlten, die Schätzungen schwankten zwischen 18 und 162 Millionen Mark (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 940). Die Margarineindustrie war also relativ klein, ökonomisch recht unbedeutend. Ihre Regulierung durch ein Spezialgesetz erfolgte, weil es um grundsätzliche Ordnungsentscheidungen im sich rasch wandelnden Konsumgütermarkt handelte.

In der Forschung wird das sog. Margarinegesetz von 1887 nun häufig missverstanden als eine einseitige Liebesgabe an landwirtschaftliche Interessen: „Unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes suchte die Landwirtschaft sich missliebiger Konkurrenz zu entledigen“ (Vera Hierholzer, Nahrung nach Norm. Regulierung von Nahrungsmittelqualität in der Industrialisierung 1871-1914, Göttingen 2010, 148). In der Tat gab es seit 1886 eine breite Mobilisierung landwirtschaftlicher Vereine, namentlich des Deutschen Landwirtschaftsrates. Deren Forderungen waren bekannt reißerisch: „Unserseits würden wir am liebsten die Existenz von ‚Kunstbutter-Fabriken‘ ganz beseitigt sehen. Die Gründe, welche man für deren Bestehen geltend macht, sind sehr fadenscheinig und der Nutzen, welchen die Arbeiterwelt in Mittel- und Norddeutschland daraus ziehen soll, ist gering, kann aber jedenfalls den immensen Schaden, der durch die Kunstbutterfabrikation angerichtet wird, bei Weitem nicht aufwiegen“ (Tagesgeschichte, Rosenheimer Anzeiger 1885, Nr. 111 v. 17. Mai, 1). Damit negierten sie das bestehende Chaos im Fettmarkt, negierten insbesondere, dass davon zahlreiche kleinbäuerliche Butterproduzenten profitierten. Während der Debatte über das Margarinegesetz wurde ein Verbot der Kunstbutter jedoch von allen Fraktionen abgelehnt. Stattdessen ging es auch für die zu dieser Zeit noch schwer zu fassenden „Agrarier“ – der Bund der Landwirte wurde erst 1893 gegründet – um eine neue Ordnung dieses für Milchbauern und Fleischmäster wichtigen Konsumgütermarktes. Der Regierungsentwurf hatte genau das anvisiert und blieb gegenüber den natürlich auch in den Reichstag dringenden Forderungen der Agrarier – insbesondere der nicht im Mittelpunkt stehenden Frage der Färbung der Kunstbutter – ablehnend. Das Margarinegesetz war kein Erfolg der Agrarlobby. Wohlig berichtete die liberale Vossische Zeitung über die „Mißstimmung der Agrarier“ (Vossische Zeitung 1887, Nr. 233 v. 22. Mai, 1) nach der für sie eigentlich erfolgreichen 2. Lesung des Gesetzentwurfes. Doch es ging letztlich nicht um die Minderheit der Extremisten vom Lande. Es ging bei dem Margarinegesetz um die Marktregulierung von wissensbasierten Konsumgütern. Das sahen auch die beiden konservativen Parteien und die Nationalliberalen so – also die Kartellparteien, die eine klare Mehrheit im Anfang 1887 neu gewählten Reichstag besaßen.

Was war nun das Ergebnis all dieser Debatten? Der Reichstag agierte als Sprachschöpfer: Der Begriff „Kunstbutter“ wurde quasi amtlich gestrichen und durch den neuen Begriff „Margarine“ ersetzt. Mischbutter wurde grundsätzlich verboten, wenngleich eine relativ geringe Zumischung von Milchbutter zugestanden wurde. „Margarine“ musste als solche gekennzeichnet sein, war im Kleinhandel in Würfelform abzusetzen. Hersteller hatten ihren Namen und die Produktbezeichnung anzugeben, Händler mussten das Produkt benennen und ausschildern. „Margarine“ musste aber nicht gefärbt werden, um sie auch augenscheinlich von Butter abzugrenzen (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494-1495). Damit genügte das Gesetz weder extremen agrarischen Forderungen, noch richtete es sich primär gegen die „Uebervortheilung namentlich der kleinen Leute“ (Der Wendelstein 1886, Nr. 156 v. 30. 12., 1). Es war vielmehr der Versuch, den Fettmarkt mittels einer Kombination von moderaten Eingriffen in den Absatz, tradierten Strafbestimmungen und wissenschaftlicher Kontrolltätigkeit wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Es waren vor allem zwei bisher wenig beachtete Aspekte, die das sog. erste Margarinegesetz zu einem Meilenstein in der Regulierung der Konsumsphäre machten. Zum einen rückten die Parlamentarier die für Konsumgüter wesentlichen semantischen Illusionen in den Mittelpunkt der Gesetzgebung. Zum anderen rangen sie um die Warenästhetik der Konsumgesellschaft, erörterten am wachsgelben Exemplum die visuelle Kultur der neuen Zeit.

Die Parlamentarier waren sich der tiefgreifenden Veränderungen der Nahrungsmittel seit dem Markteintritt der „Margarine Mouriès“ natürlich bewusst. Das galt nicht allein für das Deutsche Reich, denn in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre wurde „Margarine“ in fast allen westlichen Staaten durch Spezialgesetze reguliert. Der Nationalliberale Abgeordnete Friedrich Bahya brachte den Wandel auf den Punkt: „Ich bin weit entfernt, irgend einem Kunstprodukt nahetreten zu wollen; wir leben in einer Zeit, wo alles doch mehr oder weniger dem Kunstbetrieb zugeht“ (RT, Stenographischer Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 290 (Bayha)). Kunstbutter war ein Prototyp neuer künstlicher Kost, der stete Bezug auf Auslandsmärkte, internationale Transfers und wissenschaftliches Wissen unterstrich dies.

Kunstbutter indes war in Zeiten ubiquitär angebotener Mischbutter ein unklarer Begriff geworden, ausgehöhlt, weit entfernt von der ursprünglichen Klarheit der „Margarine Mouriès“, auf die man sich immer wieder als ehrliches Produkt berief. Was war aus Kunstbutter nur geworden: Sparbutter, Kochbutter, Wirtschaftsbutter, Margarinbutter, Naturbutter, Grasmischbutter. Auch Schmalzbutter, Fassbutter, holländische Butter, Butterine wurde angeboten, nicht zu schweigen von Gebirgs-, Alpen- Alpenkräuter-, Senn-, Rittergutsbutter, schließlich Schweizer, Bayerische, Tyroler Butter. Wer Kunstbutter kaufte, fühlte sich an die Schäferromane des Barocks, die einfache ländliche Welt der Romantik erinnert. Auch Butter blieb nicht länger Butter, sondern wurde „gut“ und „rein“, mutierte zur Naturbutter oder Milchbutter. Begrifflich entfernten sich die Anbieter von der recht prosaischen Produktionspraxis, verkauften mit der Ware zunehmend auch Träume. Der Regierungsentwurf wollte diese nicht zerstören, doch die darin vorgeschlagene Rückführung aller Mischfette auf den verbindlichen Begriff der Kunstbutter fand keine Billigung bei der Mehrheit: Im beratenden Kommissionbericht hieß es desillusionierend: Mischbutter „gleicht einer falschen Münze, und verdient auch so behandelt zu werden; sie trägt nicht nur ein erborgtes Kleid, sondern sie borgt von der Naturbutter auch deren Preis, läßt ihr aber deren höhere Produktionskosten, welche den Preis der Milchbutter bedingen und rechtfertigen; sie ist daher nicht nur zu Täuschungen benutzbar, sondern ein Täuschungsprodukt an und für sich; ihre ganze Existenz ist dadurch bedingt, daß eine Täuschung erzielt wird“ (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 942-943). Dem galt es gegenzusteuern, regulativ, aber auch begrifflich. So hatten einzelne Abgeordnete schon während der Diskussionen um das Nahrungsmittelgesetz argumentiert, ohne sich aber durchsetzen zu können (Entwurf, 1878, 786). Nun aber kam man, auch unter dem Einfluss ausländischer Gesetze, zu dem Schluss, dass ein neues wissensbasiertes Produkt auch eines neuen wissenschaftlichen Namens bedürfe.

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Dem Kunstfett einen Namen geben: Werbung für Margarin-Produkte 1886 (Wiener Hausfrauen-Zeitung 12, 1886, 141)

Der neue Begriff „Margarine“ verweise nicht allein auf den eigentlichen Ausgangspunkt des Marktwandels – die „Margarine Mouriès“ – sondern erlaube auch eine Vereinheitlichung des Fettmarktes, die mit dem in Deutschland eben nicht überall eingebürgerten Begriff der Kunstbutter nicht zu gewährleisten sei (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 941). Kunstbutter habe zudem einen irreführenden Lockreiz, beziehe sich auf die Kunstfertigkeit der Produktion, auf deren Nähe zum Kunsthandwerk. Der Begriff „Margarine“ sollte zugleich die Trennung von Butter und dem neuen Kunstprodukt unterstreichen. Es ging um begriffliche Trennung, nicht um begriffliche Vermischung. Zugleich unterstrich „Margarine“ das Fremdländisch-internationale dieser Handelsware, während Butter, die reine, im heimisch-ländlichen Raum verankert blieb. Der neue Begriff rief allerdings deutliche Kritik hervor. Die Regierung verteidigte die Kunstbutter pragmatisch, da der Zusatz „Kunst“ doch eher an Ersatzmittel, an Surrogate erinnere (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 281 (Köhler). Kunstwein schmeckte nicht recht, auch Kunstdünger hatte schon damals gewissen Warncharakter. Auch Hinweise, dass „Margarine“ ein wissenschaftlich irreführender Begriff sei, da das Produkt aus Olein und Margarin bestehe – in den USA erließ man 1886 den Oleomargarine Act – und die Margarinsäure keineswegs konstitutiv sei, wurden nicht gehört.

Öffentlich breit diskutiert wurde einerseits die vom Nationalliberalen Ludwig Bamberger (1823-1899) thematisierte Kernfrage, „wie weit soll der Gesetzgeber sich einmischen in den Sprachgebrauch eines Volkes, insofern er sich reflektirt in seinem gewerblichen Verkehr?“ Damit versuchte er die für die deutsche Kulturnation zentrale sprachliche Autonomie der bürgerlichen Gesellschaft zu verteidigen. Zugleich erschien ihm das Lehnwort aus dem Französischen eine „Verunreinigung der deutschen Sprache“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 resp. zuvor 660). Ähnlich argumentierte der freisinnige Abgeordnete Alexander Meyer (1832-1908), der lange bevor dieser Begriff für das Herrschaftssystem Wilhelm II. verwandt wurde, anmerkte, dass „Margarine“ „gewisse cäsarische Neigungen“ verrate, „die Grammatik zu beherrschen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 17. Juni 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 1120). Der Begriff schien ihm nicht handhabbar, erinnere an die Kunstsprache Volapük, nicht aber an klare deutsche Sprache. Diese Kritik ließ die Befürworter der Konservativen, der Nationalliberalen und auch des Zentrums jedoch nicht wanken. Unter dem Spott der liberalen Presse und auch ordentlicher Nationalisten und Germanisten sprachen sie sich für ein welsches Fremdwort aus, nicht aber für das ebenfalls vorgeschlagene schöne deutsche Wort „Talgbutter“. Die sprachlich verordnete „Margarine“ setzte sich nach längerer Gewöhnungsphase schließlich durch – überdeckte so den tiefgreifenden Wandel des Fettproduktes in den folgenden Jahrzehnten. Das aber ist ein wesentliches Kennzeichen semantischer Illusionen.

„Margarine“, ursprünglich noch ein Plural, war nun begrifflich fixiert als „diejenigen, der Milchbutter ähnlichen Zubereitungen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt“ (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494). Ihre Warenästhetik blieb davon jedoch unberührt. Schon die „Margarine Mouriès“ war chamäleonhaft. Frisch hergestellt war sie wachsig-weiß, nicht golden-gelb wie „gute“ Butter. Die Fabrikanten veränderten jedoch schon früh Geschmack, Geruch und insbesondere die Farbe des Fertigproduktes, folgten dabei den Wünschen und den Erwartungen der Käufer. Man griff dabei ins Schatzkästlein auch der Butterproduzenten: Dort fanden sich Butterfarbe, Butteräther, Orleans, Cumarin, Curcuma, nicht zu vergessen die Gelbwurzel, Safran, Saflor, die Ringelblume, das Gelbholz und auch die gemeine Mohrrübe (Kunstbutterfabrikation, 1887, 249; Wider die Nahrungsfälscher! 4, 1881, 78; Jolles, 1895, 19). Sie alle dienten nun auch der Färbung der „Margarine“, ihrer properen und buttergleichen Erscheinung.

Der Vorschlag einer markanten Färbung der Kunstbutter war daher keineswegs so abwegig, wie dies die Kritiker monierten. Abermals handelte es sich um einen Wissenstransfer, dieses Mal aus den USA, wo seit spätestens 1885 die Farben blau, grün und rot in die engere Auswahl kamen, von denen rot, zumindest in New York, auch kurze Zeit angewandt wurde (Strohmer, 1886). Der Deutschkonservative Agrarier Hans von Kanitz (1841-1913) griff derartige Anregungen freudig auf und plädierte 1886 im Preußischen Abgeordnetenhaus für eine Blaufärbung der Kunstbutter (Blau gefärbte Kunstbutter, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 93 v. 20. April, 2). Im deutschen Reichstag war der Freikonservative Abgeordnete Arthur Gehlert (1833-1904) – heute noch erinnert als ein Pionier der Schachkomposition – der Färbungsfrontmann. Er sah den Menschen als eine „zweibeinige Bestie“, die nur durch den Staat als „Inbegriff aller Konsumenten“ gebändigt werden könne. Stupsen reiche nicht, die Lenkung müsse klar sein. Und so plädierte er für eine Kunstbutterfärbung im sanften Hellblau (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 283 resp. 284). Das Protokoll vermerkte hier „große Heiterkeit“ – und doch: Eine Färbung war durchaus praktikabel und insbesondere der Münchener Agrarwissenschaftler Franz von Soxhlet (1848-1926) präsentierte nicht nur eine deutlich breitere Farbpalette ([Franz] Soxhlet, Ueber Margarine, München 1895, 131-149). Um aus der Not der Untersuchungspraxis eine Tugend zu machen, plädierte er während der Beratungen 1887 für den verpflichten Zusatz des aus dem Lackmustest bekannten Phenolphtaleins. Dieses sei „völlig unschädlich“ und leicht festzustellen und belasse die Farbe des Produktes im Vertrieb. Von der heute angenommenen kanzerogenen Wirkung des Stoffes konnte er noch nichts wissen.

In der Tat wären dies wirksame Maßnahmen gegen die „unkontrolirbare“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 21. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 685 (von Holstein)) Kunst- und Mischbutter gewesen. Doch schon in der Kommissionsberatung hatte sich die Regierung gegen die Zwangsfärbung ausgesprochen und eine Kommissionsmehrheit war nicht zu erlangen. Schon zuvor hatte man ein ebenfalls gefordertes Färbeverbot der Kunstbutter abgelehnt. Eine moderate Färbung gehöre zu modernen Konsumgütern dazu, sie könne daher nicht zur einseitigen Diskriminierung verwendet werden (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 939-40, 945). Damit war der Vorschlag eigentlich vom Tisch. Doch er wurde in den Folgedebatten wiederholt aufgegriffen, ging es doch nicht allein um Farbzusätze, sondern um die psychologischen Grundlagen moderner Konsumgesellschaften: Wahrheit verkaufe sich nicht. Diese Plattitüde wurde dann immer wieder von nachplappernden Werbepionieren aufgewärmt, so etwa von Raymond Loewy (1893-1986) (Häßlichkeit verkauft sich schlecht, Düsseldorf 1953). August Lucius (1816-1900), Zentrumsabgeordneter des Düsseldorfer Wahlkreises, wusste bereits, dass es hier um Teilhabe und Respekt ging: „Hüte man sich doch, so weit zu gehen, und bedenke man, daß man den armen Mann durch eine solche Maßregel nicht allein abschreckt, sondern auch beleidigt, degradirt. Welche Frau würde in einen solchen Laden gehen und kaufen oder einen solchen Gegenstand wie gefärbte Butter über die Straße tragen wollen? Das ist eine Zumuthung, die, wenn es möglich wäre, gewiß vermieden werden soll. Denn eine gewisse Befriedigung liegt doch darin, daß die arme Familie glaubt, dieselbe Butter zu essen, wie die reiche Familie. Das Färben der Butter hat etwas despektierliches, unappetitliches und möglicherweise schädliches“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 279). Der Mensch braucht Illusionen, Konsumgüter liefern sie ihm. Mit ernstem Sinn sekundierte Ludwig Bamberger: „Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot, wie es mit Richtigkeit heißt, sondern auch die Phantasie, die Vorstellung […] müssen mit zu Rathe gezogen werden. Und gerade bei dem kleinen Mann, dem die Genüße in der Verfeinerung so viel schmaler zugemessen sind, als den mehr mit Glücksgütern Gesegneten, da ist es von Wichtigkeit, daß auch das Reich der Phantasie, dieser Sinn für das Schöne, die ästhetische Empfindung dessen, was er genießt, ihm nicht verkümmert wird.“ Es sei daher nicht möglich, die Kunstbutter durch Färbung zu „einem Proletarier der vornehmen Naturbutter gegenüber zu machen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 und zuvor 662). Die Margarinefärbung wurde anlässlich des zweiten Margarinegesetzes 1897 neuerlich mit Vehemenz gefordert, doch letztlich nicht eingeführt.

Ein neuer Dachbegriff für ein sich veränderndes Produkt

Blicken wir abschließend auf die Folgen des Spezialgesetzes von 1887. Die neuen Regelungen wurden akzeptiert, auch wenn es teils Jahre dauerte, bis sie umgesetzt wurden. Mischbutter verlor dagegen relativ rasch an Bedeutung. Dies war auch Folge der Professionalisierung der Nahrungsmitteluntersuchung, die langsam selbst in Preußen einsetzte. Der Begriff Kunstbutter verschwand langsam aus dem Sprachgebrauch, im gewerblichen Bereich früher als im Alltag. Entscheidend aber war, dass die neue Definition der „Margarine“ einer neuen Breite des Buttersubstituts ungewollt den Weg bereitete. Während die eigentliche Intention des 1887er-Gesetzes war, eine „Margarine“ zu fördern, deren stoffliche Zusammensetzung der der ursprünglichen „Margarine Mouriès“ entspricht, zeigte sich nicht allein durch die zahlreichen neuen Patente der 1870er Jahre eine beträchtliche Innovationskraft im Fettmarkt (Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 21, 1880, 253; Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Wider die Nahrungsfälscher 4, 1881, 91-92).

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„Margarine“ als Stoffcontainer: Werbung für „Pflanzen-Butter“ nach dem ersten Margarinegesetz (Vossische Zeitung 1891, Nr. 171 v. 17. April, 15)

Mitte der 1890er Jahre war klar: „Was wir heute unter Margarine verstehen, ist etwas wesentlich anderes als vor 10 und 20 Jahren“ (E.H. Burckhardt, Der unlautere Wettbewerb im Butterhandel. Ein Beitrag zur Beurteilung der Margarinefrage, Berlin 1895, 2). Peu a peu verringerte sich die Bedeutung des Rindertalgs als Grundstoff der Margarineproduktion. Das war zum einen eine Konsequenz der schon skizzierten Veränderungen im bäuerlichen Tiereinsatz und der Tiermast, zum anderen aber des Importes von anderen tierischen Fetten. Gebrauchsfertiges Oleo-Margarin und von Stearin befreiter Rindertalg waren mit geringerem Aufwand zu verarbeiten. Daneben trat Schweinefett, insbesondere der sog. Neutrallard, ein geruch- und geschmackloses Bauchfellprodukt (Ernst Storm, Der Wettbewerb zwischen den Speisefetten, Agrarwiss. Diss. Berlin 1933, 18). Der wachsende Margarineverbrauch gründete bis Ende des 19. Jahrhunderts vorrangig auf Importen tierischer Fette, doch die damit einhergehenden Preissteigerungen begrenzten einen höheren Absatz.

Aus diesem Grunde begann man schon in den 1880er Jahren pflanzliche Öle zu nutzen. Sie waren preiswerter, zumal das vornehmlich aus den USA stammende Baumwollsamenöl. Auch deutlich teurere Erdnuss- und Sesamöle wurden einbezogen (Sell, 1886, 490). Gegen die Verpflanzlichung der Margarine gab es aufgrund der weiten Produktdefinition von 1887 keine rechtlichen Bedenken. Allerdings gelang es lange nicht, Öle zu einem konsistenten, streichfähigen und auch bei mittleren Temperaturen verwendbarem Produkt zu verarbeiten (Gustav Hefter (Hg.), Technologie der Fette und Öle, Bd. 3, Berlin 1910, 85-88). Frühe Pflanzenmargarinen zerflossen unter Hitzeeinfluss, waren ohne Eisschränke nicht zu verwenden. Waltran bot ab der Jahrhundertwende eine gewisse Alternative, doch der Geschmack war kratzig. Erst durch die 1901 vom deutschen Chemiker Wilhelm Normann (1870-1939) erfundene, ab 1909 auch allgemein zugängliche Fetthärtung veränderte sich die Margarine zu einem dominant pflanzlichen Fett. Die Kunstbutter wandelte sich dadurch zu einer wirklichen Alternative zur Butter, ließ den Makel des billigen Ersatzmittels hinter sich. Sie wurde zum Stoffcontainer, flexibel einsetzbar, nur mehr rechtlich vom 1887 festgeschriebenen Dachbegriff Margarine zusammengehalten.

Dieses neue, zunehmend als Markenartikel beworbene Produkt kapitalkräftiger Großunternehmen erinnert nur noch sprachlich an das Butteranalogon der 1860er Jahre, das in immer neuen Facetten den frühen deutschen Fettmarkt in ein temporäres Chaos stützte und dessen globale Marktanbindung das Ende des bäuerlichen Universums verdeutlichte. Die Entwicklung der Kunstbutter zur Margarine von den 1860er bis zu den 1890er Jahren ist ein beredtes Beispiel für das Vordringen einer kaum mehr an Räume und Zeiten gebundenen künstlichen Kost, deren Realdefinition ohne Expertensysteme nicht mehr zu leisten ist. Und wir selbst können uns am Beispiel der 1887 von Parlamentariern präsentierten Sprachschöpfung „Margarine“ klarmachen, wie lang der Schlagschatten der Geschichte ist.

Uwe Spiekermann, 26. August 2019

Jugend und „Genußgifte“ im Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus wird vorrangig als destruktive Kraft verstanden und analysiert. Doch in den letzten Jahren ist die Forschung, parallel zum wachsenden Interesse an den nationalsozialistischen Tätern, dazu übergegangen die Konturen einer spezifisch nationalsozialistischen Moral auszuloten (Claudia Koonz, The Nazi Conscience, Cambridge 2003; Raphael Gross, Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, Bonn 2010; Wolfgang Bialas, Moralische Ordnungen des Nationalsozialismus, Göttingen 2014; Wolfgang Bialas und Lothar Fritze (Hg.), Nazi Ideology and Ethics, Newcastle 2014). Kampf und Gewalt, Mord und Vernichtung standen nicht allein, sondern sind auch als Folgen spezifisch nationalsozialistischer Tugendkataloge und Ideale zu analysieren. Wer den Nationalsozialismus erklären will, kommt um die Moral dieses Systems und seiner Träger nicht herum, setzte sie doch Dynamik frei, um selbstgewählte Ziele zu erreichen. Die vorliegenden Debatten sind jedoch häufig ideengeschichtlich gehalten, orientieren sich weniger an der Praxis der NS-Herrschaft. Ein Blick auf das Verhältnis von Jugend und „Genußgiften“ kann daher vielleicht andere, bisher weniger beachtete Nuancen nationalsozialistischer Moral freilegen (für den Marketingsektor vgl. Uwe Spiekermann, German-Style Consumer Engineering: Victor Vogt‘s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann et al. (Hg.), Consumer Engineering 1920s-1970s, Houndsmill/New York 2019, 117-145).

Der Umgang mit den „Genußgiften“ Alkohol und Tabak führt dabei weit über allgemein bekannte Sachverhalte hinaus, dass etwa die SS schon kurz vor Kriegsbeginn der wichtigste Mineralwasserproduzent Europas war und Reichsinnenminister Heinrich Himmler (1900-1945) zahlreiche Gesetze zur Einschränkung des Alkohol- und Tabakkonsums erlassen hat. Die Beziehung von Jugend und „Genußgiften“ verweist vielmehr direkt auf einen nationalsozialistischen Tugendkatalog, da es um den Inhalt einer Erziehung ging, die eine neue Generation „reinerer“, „lauterer“ und somit überlegenerer Charaktere zum Ziel hatte. Doch Ausgrenzung, Verfolgung und „Ausmerze“, also etwa die Sterilisation und die Tötung von „Genußgift“-Abhängigen, standen dabei nicht im Vordergrund. Es ging vielmehr um eine positive Lenkung von Jugendlichen, um dem NS-Ideal der Beherrschung der eigenen Triebe im Sinne eines vermeintlichen Volksganzen zu genügen, dem Annähern an ein Ideal von Nüchternheit und Selbstzucht. Ohne den Blick auf die Moralcodes im Umgang mit alltäglichen Gefährdungen fehlt ein wichtiger Baustein im Verstehen und Erklären dieser Zeit und dieser Jugend.

Gesundheit und Gesundheitsführung im Nationalsozialismus

Das Jahr 1933 bildete auch für die Gesundheitspolitik einen wichtigen Einschnitt – zahlreichen Kontinuitätslinien zum Trotz. Während der Weimarer Republik stand die Gesundheitsfürsorge im Mittelpunkt, nun war es die Gesundheitsführung des deutschen Menschen. An die Stelle von Fürsorge trat vermehrt Vorsorge. Die Gesundheit des Einzelnen wurde in einem völkischen Zusammenhang verstanden, Gesunderhaltung diente der Steigerung individueller Arbeitsleistungen zum Nutzen des deutschen Volkes. Der Einzelne wurde ideologisch auf das reduziert, was er für die Fiktion des Ganzen tat: „Nur der Mensch stellt einen Wert dar, der über eine Leistung verfügt“ (Aufgaben und Ergebnisse zeitgemäßer Ernährungsforschung, Leipzig 1937, 4), so Hans Reiter (1881-1969), Präsident des Reichsgesundheitsamtes. Die Gesundheitspolitik verband die Pflege des völkischen Grundbestandes mit strikter Abgrenzung zu allem „Undeutschen“: „Als Ziel steht der körperlich und seelisch gesunde Mensch mit hoher geistiger Leistung vor uns, den die Zivilisation nicht zu beherrschen und ins Krankhafte zu verändern vermag, sondern der sie beherrscht, weil er neben die Klugheit die Weisheit setzt“ (Walther Klussmann, Gebissverfall und Ernährung, Hippokrates 6, 1935, 767). Heilen und Vernichten, Ausgrenzen und Integrieren gehörten daher zusammen, bildeten die Grundlage für die Dynamik dieses Regimes. Die nationalsozialistische Salutogenese zielte auf die möglichst optimale Entwicklung positiver Anlagen der rassisch zugehörenden und der parallelen Minimierung negativer Umwelteinflüsse. Der Einzelne war schließlich umgeben von Gefahren und Versuchungen, denen er ohne Integration in eine völkische Gemeinschaft nicht Herr werden könne. Als dessen Ausdruck und Repräsentanz forderten Staat und Partei einen Führungsanspruch gegenüber dem Leben jedes Einzelnen, um eine „artgemäße Nahrungs- und Lebensweise“ (Clemens Heine, Brotfrage und Karies ein nationales Problem des Deutschen Volkes, Med. Diss. Würzburg, Bautzen 1938, 6) zu erreichen – so Reichszahnärzteführer Ernst Struck (1893-1974).

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Bedrohung und Schutz. Arbeitsfelder der NS-Gesundheitsführung (Auf der Wacht 55, 1938, 85)

Die NS-Gesundheitsführung koppelte eine forcierte Bevölkerungspolitik mit einer umfassend gedachten Rassenpolitik. Den wichtigsten Umweltfaktor bildete dabei die Ernährung. Sie sollte einfach und preiswert, nährstoffreich und kräftigend sein. Genuss stand nicht im Vordergrund. Genussmittel waren nicht zu verbieten, wohl aber mäßig zu konsumieren. Diese Zielsetzungen boten ideelle Richtmarken für den Einzelnen. Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti (1900-1945) formulierte die Norm: „Jeder hat heute die Pflicht, gesund zu sein, weil das Volksganze jeden einzelnen Menschen braucht, weil Gesundheit und Arbeitskraft des einzelnen nicht sein Privatbesitz sind, den er nach Belieben verschwenden und vergeuden darf, sondern weil diese Güter ein Teil des ganzen Volksvermögens sind und somit jeder einzelne die Pflicht hat, mit diesem Teil des gesamten Volksvermögens sparsam und wirtschaftlich umzugehen“ (Zur Gründung der Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren, Die Genußgifte 35, 1939, 5-10, hier 5). Die NS-Gesundheitsführung zielte nicht auf den Kranken, im Mittelpunkt stand der „gesunde Mensch“ (Ernst Bauer, Grundsätze in der Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs, in: Partei, Gesundheitsführung, Alkoholmißbrauch, Berlin-Dahlem 1938, 19-22, hier 20).

In diesem Gesamtkonzept bildete die Jugend eine Art Blaupause. Ziel war es, „Erbgut und Anlage in bester Weise zu entfalten“ und im Rahmen der Gesamterziehung mitzuhelfen, „daß die höchste Stufe der Gesundheit, Arbeitskraft und Gesinnung erreicht wird“ (Erika Geisler, Die Gesundheitsführung der Jugend, in: Hans Reiter und Joh[annes] Berger (Hg.), Deutsches Gold, München 1942, 238-290, hier 238-239). Entsprechend setzte die Gesundheitsführung der Jugend auf eine umfassende Erziehung von Leib, Geist und Seele. Es galt den Heranwachsenden „ganzheitlich“ zu behandeln und umfassend zu beeinflussen. Auch diese „Aufklärungsarbeit“ sollte negative Bezugspunkte minimieren, positive dagegen in den Mittelpunkt rücken. Eberhard Kitzing (1911-1941), Leiter des Hauptreferates Gesundheitssicherung der Reichsjugendführung, betonte: „Wir lehnen es ab, mit einem in der Ferne drohenden Gespenst der Krankheit dem jungen Menschen Furcht und Schrecken einzujagen. […] Wir wollen sie zum Stolz auf ihren gesunden Körper erziehen. Wir sagen ihnen, daß sie durch eine vollwertige Ernährung bessere Leistungen im Beruf, im Dienst und im Sport hervorrufen werden“ (Gesundheitsführung der HJ., Alkohol und Tabak, in: Ders. und G[eorg] Reid, Gesundheitsführung der HJ. Alkohol und Tabak, Berlin-Dahlem 1940, 3-9, hier 7). Den Heranwachsenden wurde dazu nicht nur wieder und wieder der Wert eines leistungsfähigen Körpers vor Augen geführt, sondern sie wurden immer wieder auf die eigene Verantwortlichkeit für diesen volkseigenen Körper verwiesen. Zwischen Gesinnung und gesundheitsrelevantem Verhalten bestand ein enges Band. Denn „gesunde“ Jugendliche zeichneten sich durch eine bestimmte „Haltung“ aus, so dass falsches Handeln in der Regel – sieht man einmal von vereinzelten „Fehlern“ ab – erbbiologische Defizite aufdeckte. Dieser Gesinnungsmaterialismus schloss individuelle Freuden und Freiheiten tendenziell aus, so auch den bestrittenen Genuss beim Konsum von Alkohol und Tabak: „Nicht Zügellosigkeit und Bindungslosigkeit, egoistische Freiheit, wollen wir, sondern Einordnung in die großen Forderungen der Volkserhaltung und des planmäßigen Aufbaus unserer Volkskraft, unserer Wirtschaft und unserer Wehrhaftigkeit“ (W[alter] Hermannsen, Kameraden! Herhören!, 3. Aufl., Berlin-Dahlem 1938, 17). Diese Verwertungsimperative der Gesundheitsführung galten als Ausdruck einer überlegenen Rasse, als Abkehr von den Allzweckfeindbildern Judentum, Liberalismus und Marxismus. Im Bereich der Genussmittel dienten dabei die sog. „Bierspießer“ als Negativfolie. Der NSDAP-Vorsitzende Adolf Hitler (1889-1945) hatte schon 1926 eine nüchterne „Kämpfergeneration“ gefordert (Völkischen Beobachter v. 31.03.1926, zit. n. Auf der Wacht 56, 1939, 14-15). Die Jugendlichen sollten gemäß derartiger Ideale „verantwortlich“ wählen.

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Gläubig, fanatisch, nüchtern – das Ideal des Nationalsozialisten (Auf der Wacht 55, 1938, 41)

Die bisher verwendeten Begriffe „Jugendlicher“ und „Heranwachsender“ müssen allerdings noch aufgesplittet werden: Denn die Gesundheitsführung unterschied deutlich zwischen den Geschlechtern. Dabei ging es einerseits um unterschiedliche Körperlichkeiten. Mädchen wurden auf ihre Mutterrolle eingeschworen. Das Körpergeschehen wurde ihnen als naturgegebene Harmonie dargestellt, die – gleich einem Präzisionsinstrument – durch kleinste Mengen falscher Stoffe aus dem Gleichgewicht geraten würde. „Die ganze Auseinandersetzung mit der Frage des Alkoholmißbrauches […] ist für die heranwachsenden Mädchen nicht nur um ihrer eigenen und ihrer Nachkommen körperlicher Gesundheit willen wichtig. […] So wie die unsichere Haltung der jungen Mädchen dem Alkohol gegenüber […] schon den Keim zur faulen Frucht in sich trägt und häufig genug mit einem unglücklichen oder kranken Leben bezahlt werden muß, so trägt auch die sichere Haltung, die durch rechtzeitig und in lebensnaher Form vermitteltes Wissen um die Dinge erworben werden kann, schon ihre Frucht in sich“ (K. Hoß, Alkohol und weibliche Jugend, Auf der Wacht 56, 1939, 18-20, hier 19). Auch gegenüber den Jungen wurden Fragen der Keimschädigung behandelt, wichtiger aber schien die Auseinandersetzung mit dem Ideal der „Männlichkeit“ zu sein.

Nicht mehr länger sollte der erste Rausch, sollte die Gewöhnung an die Zigarette den symbolischen Eintritt in die Erwachsenwelt bedeuten. Stattdessen galt der Rauschmittelkonsum als „Zeichen mangelnder Selbstbeherrschung, mangelnden Eigenwillens, mangelnder Energie, mangelnder Selbständigkeit des Denkens“ (Tabakmerkblatt für Jugendliche, Zeitschrift für Volksernährung 13, 1938, 41-42, hier 42). Die Mädchen wurden angehalten, sich diesen Jungen zu verweigern, generell wurden die Freundinnen und Frauen von Genußgiftkonsumenten als wenig wertvoll eingestuft. Härte und „Haltung“ charakterisierten Männlichkeit. Dagegen galt: „Genuß macht weich!“ (Hermannsen, 1938, 15). Mädchen sollten warten lernen, sich rassisch korrekt verhalten – auch dies eine wichtige Basis für eine neue „Männlichkeit“ (Günther Hecht, Alkoholmißbrauch und Rassenpolitik, Die Genußgifte 35, 1939, 22-42, hier 38). Jugend war – bei aller Hervorhebung – nur eine Durchlaufstation für den wertvollen Volksgenossen, die wertvolle Volksgenossin und den als ewig gedachten Kreislauf des Volkes.

Die Bedeutung der „Genußgifte“ in der NS-Gesundheits- und Jugendpolitik

All dies waren Normaussagen, erstrebenswerte Ideale. Will man den nationalsozialistischen Kampf gegen die „Genußgifte“ jedoch historisch angemessen einordnen, so sind sechs Punkte besonders hervorzuheben:

In den 1930er Jahren kehrte sich erstens der langfristige Konsumtrend bei den Genussmitteln um. 1932 erreichte der Alkoholkonsum einen säkularen Tiefpunkt, den Gegnern schien ein gänzliches Verdrängen nicht völlig aussichtslos zu sein. Doch seit 1933 zog der Konsum wieder deutlich an, bis 1938 verdoppelte er sich in absoluten Werten. Auch beim Tabak war 1932 ein Tiefpunkt erreicht, der Konsum wuchs ebenfalls deutlich von 105.400 t 1932 auf 1938 128.700 t (Walter G. Hoffmann, Franz Grumbach und Helmut Hesse (Hg.), Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin (W)/Heidelberg/New York 1965, 652). Das Problem der Genussmittel stellte sich somit Jahr für Jahr drängender – und die staatliche Organisation großer Menschenmassen – die Hitlerjugend umfasste Ende 1936 5,4 Millionen, Anfang 1939 dann 8,7 Millionen Mitglieder – bot hierfür einen günstigen Hebel.

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Alkoholverbrauch in Deutschland pro Kopf der Bevölkerung 1890-1989 (in l Weingeist) (Heinrich Tappe, Der Genuß, die Wirkung und ihr Bild, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags, Stuttgart 1995, 222-241, hier 225)

Der seit Mitte der 1930er Jahre verwandte Begriff „Genußgift“ war zweitens Ausdruck dieser veränderten Problemstellung. Er steht gegen den gebräuchlichen und rechtlich auch verbindlichen Begriff des Genussmittels. Damit war mehr verbunden als die dann 1939 vollzogene Zusammenfassung der Bewegungen gegen Alkohol, Tabak und weiterer „Gifte“ in der Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren ([Leonardo] Conti, Zur Gründung der Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren, Die Genußgifte 35, 1939, 5-10). Der Begriffswandel sollte einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel unterstreichen. An die Stelle einer vor allem auf Genuss und Geselligkeit zielenden „soziologischen“ Betrachtung alter Zeit trat eine neue „biologisch-naturwissenschaftliche“ Betrachtung neuer Zeit. Die negativen und moralgetränkten Argumente der früheren Antialkoholbewegung sollten nun durch wissenschaftliche Forschung ersetzt werden. Dazu erkundeten staatliche Einrichtungen systematisch die Gesundheitsgefahren durch die „Genußgifte“ (Christoph Maria Merki, Die nationalsozialistische Tabakpolitik, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 46, 1998, 19-42; Robert N. Proctor, The Nazi War on Cancer, Princeton 1999, 173-247, 325-344; Nicole Petrick-Felber, Kriegswichtiger Genuss. Tabak und Kaffee im »Dritten Reich«, Göttingen 2015). Ziel war nun eine „gesetzmäßige Betrachtung von Alkohol und Tabak zunächst für das Jugendalter unter die klare Wirklichkeitslehre des Nationalsozialismus im Sinne einer zielbewußten Gesundheitsführung“ (Georg Reid, Staatsjugend und Genußgifte, Die Genußgifte 37, 1941, 3-9, hier 8).

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„Genußgifte“ als Krankheitsursache – Ein Aufklärungsplakat (Walter Ludorff, Genußmittel, in: Hans Reiter und Joh[annes] Berger (Hg.), Deutsches Gold, München 1942, 291-310, hier 309)

Mit der Verwissenschaftlichung beschleunigte sich drittens die Verstofflichung der Genussmittelfrage, also ihre Verlagerung von der gesellschaftlichen auf die biochemisch-pharmakologische Ebene. Alkohol und Nikotin galten als „Zellgifte“, denen man ähnlich entgegentreten müsse, wie etwa krebserregenden Farbstoffen oder Pflanzenschutzmitteln. Entsprechend rigide waren die Vorschläge, zumal als deutlich wurde, dass insbesondere Nikotin die Wehrtauglichkeit Jugendlicher verminderte. Parallel aber wurde begonnen, die mit der Stoffgruppe der Vitamine verbundenen positiven Wertschätzungen für das Regime zu nutzen – bis hin zu gezielten Vitaminaktionen nicht zuletzt für Säuglinge und Schulkinder (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 418-434).

Die staatliche Politik zeichnete viertens ein Dualismus negativer und positiver Maßnahmen aus. Dabei konzentrierte man sich anfangs stark auf repressive Gesetze, etwa die Gesetze zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ bzw. des „Gewohnheitsverbrechertums“. Sterilisation und Hungersterben wurden in den 1930er Jahren in großem Umfang eingesetzt, um „entartete Trunksüchtige“ unschädlich zu machen (Heinz Faulstich, Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949, Freiburg/Br. 1998). Doch schon dieser Begriff enthielt eine Erziehungsaufgabe durch kostensparende Prävention: „Diese Ausmerze ist immer nur ein notwendiges Teilgebiet. Darüber hinaus müssen wir dafür sorgen, daß einmal vorhandenes Erbgut nicht durch Leichtsinn oder Unkenntnis seiner Träger entartet und so immer wieder neues Leid und neue Schmerzen entstehen. Noch wichtiger aber ist es für uns dabei, die ganze Aufmerksamkeit der Erhaltung des bereits gezeugten erbgesunden Lebens und dem Schutze seiner Entwicklung zu widmen“ (Werner Hüttig, Rassenpflege und Alkoholmißbrauch, Berlin-Dahlem 1936, 5). Dieser Wandel stärkte die Bestrebungen, Jugendliche ohne „Genußgifte“ aufzuziehen.

Die 1930er Jahre waren fünftens stark geprägt durch eine Diskussion der Angst vor den Folgen der zunehmend konsumierten Genussmittel. Allgemeine Degeneration, Ängste vor „Fremdrassigen“ sowie überbordender Sexualität wurden auf diesen Bereich projiziert ([Robert] Ley, Genußgifte bedrohen die Volksgesundheit, Volkgesundheitswacht 1938, 100-104; Hans Reiter, Alkohol- und Nikotinmißbrauch und gesundes Volk, Reichs-Gesundheitsblatt 12, 1937, 842-848). Die Erziehung der „Jugend“ war vor diesem Hintergrund eine Politik des Gegenhaltens und möglichen Überwindens durch eine neue „deutsche“ Moral.

Wachsende Bedeutung gewann schließlich sechstens auch die ökonomische Situation des Deutschen Reiches. Nach der Grundsatzentscheidung zum Krieg wurde der Verschwendungsdiskurs immer wichtiger. Spätestens seit 1937 wurde mit dem Verzicht auf „Genußgifte“ immer auch die sinnvollere Allokation von knappen Ressourcen auf ein starkes Reich, also auf Expansion, Krieg und Massenmord verbunden.

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Rauchen als Vernichtung des Volksvermögens (Auf der Wacht 56, 1939, 17)

Damit begann zugleich ein Wechsel von einer vor allem auf Alkohol ausgerichteten Politik auf die Einschränkung des Tabakkonsums. Schließlich lagen die Devisenausgaben für Tabak deutlich höher als die für vor allem heimisch erzeugten Alkohol. Und so war es kein Zufall, dass seit 1937 die Schlagzahl erhöht wurde, nachdem das Reichsgesundheitsamt die Enthaltsamkeit der Jugend bis zum vollendeten 16. Lebensjahr an die Spitze ihrer Forderungen gegen den Alkohol- und Tabakmissbrauch stellte.

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Zielsetzungen und Mahnungen der Gesundheitsführung 1937 (Auf der Wacht 55, 1938, 1)

Präventionspolitik an verschiedenen Fronten

Die Präventionspolitik agierte unter der Annahme einer umfassenden Bedrohung der Jugend durch Alkohol und Tabak. Ein Beispiel hierfür sind die Ergebnisse einer Umfrage unter 200 Braunschweiger 14-jährigen Jungen aus dem Jahre 1938 (Walter Hermannsen, Erzieher und Erzieherinnen! Ein Wort an Euch! Ideal und Wirklichkeit, Die Genußgifte 35, 1939, 69-86, hier 79-80). Von diesen gaben 183 an, bereits Zigaretten geraucht zu haben, 77 ebenfalls Pfeife und 63 Zigarren. 168 hatten schon Bier getrunken, 184 Wein und 41 Branntwein. Die Eintrittspforte in die Welt des Alkohols bildeten vor allem Volks- und Familienfeste, wobei die Mehrzahl der Eltern (124 von ca. 190) vom Tun ihrer Zöglinge wussten. Doch abseits der Familie gab es weitere und meist entscheidende Vermittlungskanäle:

Informationsgewinnung von 14-Jährigen Braunschweiger Jugendlichen 1938 (Hermannsen, 1939, 80)

07_Hermannsen_1939_p80_Rauchen_Alkohol_Jugendliche_BraunschweigDie kommerzielle Infrastruktur der Genussmittelindustrie ermöglichte einen einfachen Eintritt in die Erwachsenenwelt erlaubter Rauschmittel. 44 Jungen hatten beispielsweise Zigaretten am Automaten gekauft – was gesetzlich verboten war. Zwei weitere Punkte dieser Erhebung sind hervorzuheben: Einmal der Druck der Kleingruppe, also der Jungen untereinander. Beim Rauchen, das meist ohne Wissen der Eltern geschah (von 183 Rauchversuchen waren 172 den Eltern nicht bekannt), gab es klare Bezeichnungen für die, die nicht mitmachten: Feiglinge (46mal), Muttersöhnchen (25mal), Angsthase (15mal), Memme (9mal), Nichtraucher (6mal), Waschweiber (5mal), kleine Kinder (3mal), Säuglinge (3mal), Verräter (3mal), aber auch Schlammschützen, Weichlinge, Flaschen, keine Männer, Drückeberger, Milchjungen, Schlappschwänze, Musterknaben, Pinscher, Grünschnabel, Pflaume. Auffällig war, wer nicht probierte. Pointiert hob der Autor den „Gesinnungsterror“ (Hermannsen, 1939, 80) hervor, der von Eltern, Gleichaltrigen und Werbung ausgeübt wurde. Das Herausreißen des Jugendlichen aus diesen Bezügen schien daher nicht nur sinnvoll, sondern geradezu notwendig.

Derartige Angaben legten zugleich ein gestuftes Vorgehen nahe, um positive Auffälligkeit zu erreichen: „Deshalb muß als erste große Forderung herausgestellt werden, daß gerade der 10-12jährige junge Mensch davon abgebracht wird, überhaupt mit dem Nikotingenuß zu beginnen. Hier liegt in vielen Fällen bereits die Entscheidung, wenn es uns gelingt, die Jungen in diesem Alter vom Rauchen abzuhalten, sich als junge Menschen dem Alkoholgenuß oder gar dem Alkoholmißbrauch zu ergeben“ (Hermannsen, 1939, 82). Gezieltes Vorgehen schien erforderlich, da bloße Appelle auch innerhalb der Hitlerjugend nur begrenzten Widerhall fanden.

Wie sah nun die nationalsozialistische Präventionspolitik bei Heranwachsenden aus? Sechs Felder des „Kampfes gegen die Genußgifte“ stechen hervor:

Im Vordergrund der Politik stand erstens das Lernen am Vorbild. Es war ideal, da sich hierin die Übergabe völkischen Wissens, die Prägung natürlichen Handels von Generation zu Generation manifestierte. Doch zugleich wurde die Verhaftetheit der Erwachsenen in alten Denkformen vielfach beklagt. Entsprechend wurde anfangs vor allem mit dem „Über-Ich des Regimes“, dem Antialkoholiker und Nichtraucher Adolf Hitler geworben.

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Das nüchterne „Über-Ich“ – präsentiert von Reichsjugendführer Baldur von Schirach (Auf der Wacht 54, 1937, 18. Anfang 1937 waren 120.000 Exemplare dieses Photos verbreitet worden.)

Spätestens seit 1937 begannen jedoch intensive Kampagnen zur Schulung der kleinen Führer, also der (teils noch im Unterricht rauchenden) Lehrer, der Ärzte und insbesondere der Jugendführer. Seit Anfang 1939 (und bis 1943) gab die Dahlemer Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren dazu die Zeitschrift „Alkoholfreie Jugenderziehung“ heraus. Daneben traten Schulungen, vor allem aber eine große Zahl von Aufklärungsbroschüren. Die Ergebnisse etwa der regelmäßigen Reichskonferenzen zur Alkohol- und Tabakfrage wurden in hohen fünf- und sechsstelligen Auflagen verbreitet. Ziel dieser Maßnahmen waren Vorbilder, die Jugendlichen die nüchterne Lehre des Nationalsozialismus vorlebten.

 

Das zweite Arbeitsfeld waren die Schulen. In den Antialkohol- und -tabakvereinen hatten Lehrer, zumal protestantische, seit Anbeginn eine führende Stellung inne. Bereits im Oktober 1933 hatte das Reichserziehungsministerium die schulische Aufklärung über Alkoholgefahren nochmals besonders protegiert, zahlreiche Länderregierungen folgten (Hans Sager, Neues zur Behandlung der Alkoholfrage im Unterricht, Forschungen zur Alkoholfrage 47, 1939, 30-33). Der Begriff der Schule griff dabei bewusst über das Schulgebäude hinaus: In Sachsen wurden die Lehrer beispielsweise etwa per Verordnung angehalten, jugendliche Verstöße gegen das Gaststättengesetz zu beobachten und zu melden. Auch Elternabende dienten der Prävention (Hans Harmsen, Die Bekämpfung des Alkohol- und Nikotingenusses in den Schulen, Volksgesundheitswacht 1936, Nr. 16, 13-15). „Genußgifte“ sollten im Unterricht wiederholt thematisiert werden. Einschlägig waren Chemie, Biologie und Rassenkundeunterricht (vgl. Ferd[inand] Goebel, 30 Experimente zur Alkohol- und Tabakfrage, Berlin-Dahlem 1940). Dazu stellten die Reichstellen bzw. deren zunehmend errichteten Gau- und Kreisstellen nicht zuletzt Lichtbilder zu Verfügung. Neue Ansätze, wie etwa die Analyse der Tageszeitungswerbung oder aber der Berichterstattung über Bier, Brauereien und Verkehrsunfälle, sollten den Unterricht lebendiger und anschaulicher machen. Auch die immer wichtigere Verkehrserziehung wurde in den Dienst der freudigen Abstinenz gestellt. Insgesamt aber waren die schulischen Möglichkeiten begrenzt, zumal praktische Alternativen zum Alkohol, wie etwa die Zubereitung von Joghurt in der folgenden Abbildung, für Heranwachsende nur begrenzte Attraktivität besaßen.

09_Forschungen zur Alkoholfrage_43_1935_p74 und 75_Schule_Joghurt_Milchprodukte

Alternative zum Alkohol: Milch und Milchprodukte im Schulunterricht (M. Javet, Praktische Milchpropaganda in der Schule, Forschungen zur Alkoholfrage 43, 1935, 73-75, hier 74, 75)

Zum zentralen Erziehungssektor entwickelten sich drittens dagegen die NS-Jugendorganisationen. Hier agierten Jugendliche in einem neuen Umfeld, hier sollten sie positiv auffällig werden: „Daß die Hitlerjugend heute ihre Ausrichtung auf das gesundheitlich Ideal […] nicht erreichen kann, ohne einen Bruch mit der gesellschaftlichen ‚Konvention‘ zu vollziehen, dürfte keinem mit der Jugend Lebenden mehr verborgen bleiben können“ (Georg Reid, Fest- und Feiertagsgestaltung bei der HJ, Auf der Wacht 54, 1937, 38-39, hier 39). Die Reichsjugendführung gab hierfür eindeutige Vorgaben: 1937 wurden die Genussgifte als „Zivilisationsseuche“ bezeichnet, wurde der „käuflich erwobene [sic!] Genuß abgelehnt und der erkämpfte Genuß als erstrebenswert hingestellt“ (Hermannsen, 1939, 74). Die gesamte Hitlerjugend galt als ein Experimentierfeld für eine genussgiftfreie Jugend, in der nicht zuletzt eine andere Form von Geselligkeit und Feiern eingeübt werden sollte.

1939 rief der Reichsjugendführer Schirach das „Jahr der Gesundheitspflicht“ aus. Nun sollte jede/r Jugendliche freiwillig dem Vorbild Hitlers folgen, um so ein „artgemäßes Erziehungs- und Lebensideal zu entwickeln“ (Günther Hecht, Alkoholmißbrauch und Rassenpolitik, Die Genußgifte 35, 1939, 22-42, hier 39). Ziel war ein neuer Moralkodex, der in reflektierte Abstinenz mündete. Das Genussempfinden des Einzelnen sollte vor der Verantwortung für die Leerformeln „Volk“ und „Reich“ zurücktreten: „Durch die Erziehung in Lager und Kolonne wird festgelegt, was Ehre ist, und was als unehrenhaft und unmännlich oder unfraulich gilt. […] Wenn dabei in den Einheiten der Jugend immer mehr das Idealbild eines genußgiftfreien Jugendlebens vor die Augen der Jungen und Mädel tritt, indem es als unehrenhaft, als niedrig und gemein gilt, in alkohol- und nikotingeschwängerter Luft eine Scheingeistigkeit und Scheinfröhlichkeit vorzutäuschen, dann wird der Erfolg sein, daß zum Typus des deutschen Leistungsmenschen der Zukunft unbedingt mit hinzugehört, daß er Alkohol und Tabak meidet“ (W[alter] Hermannsen, zit. n. Theo Gl[äß], Jugend, Erzieher, Genußgifte, Forschungen zur Alkoholfrage 48, 1940, 114-116, hier 115-116). Willenskraft sollte helfen, damit „der Gesunde, Vollwertige ohne besondere Schwierigkeiten die ‚Mode‘ des Zigarettenrauchens“ ([Georg] Reid, Weltanschauung, Haltung, Genußgifte, Die Genußgifte 35, 1939, 55-68, hier 61) ablegt. Deutlich erkennbar ist, wie mit der positiven Auffälligkeit auch die negative geschaffen wurde. Dies war eine zwingende und auch erwünschte Folge der neuen Moral.

Doch auf Erziehung und strikte Moralvorgaben allein verließ man sich nicht. Seit 1939 wurde viertens vielmehr der sog. Jugendschutz intensiviert, der Genussmittelkonsum für Jugendliche strikt reguliert. Dieser Jugendschutz stand in der Tradition des Weimarer Interventionsstaates, etwa des Gaststättengesetzes von 1930, in dem ein Ausschankverbot für Branntwein an Jugendliche unter 18 Jahren und Genussmittelkonsum von unter 16-Jährigen nur in Anwesenheit von Erziehungsberechtigten festgeschrieben worden war. Bis 1939 gab es kaum gesetzliche Änderungen – zwei Änderungen des Gaststättengesetzes 1934 und das novellierte Jugendschutzgesetz vom November 1938. Die bestehenden Regelungen rief man allerdings wieder und wieder ins Gedächtnis (Das Alkoholverbot für Jugendliche, Zeitschrift für Volksernährung 12, 1937, 140).

10_Geisler_1942_p269_Jugendschutz_Gaststätten_Rauchen_Alkohol_Regulierung

Gesetzliche Regelungen zum Jugendschutz 1941 (Erika Geisler, Die Gesundheitsführung der Jugend, in: Hans Reiter und Joh[annes] Berger (Hg.), Deutsches Gold, München 1942, 238-290, hier 269)

1939 und 1940 wurde der Jugendschutz dann auf dem Verordnungswege deutlich intensiviert. Der Aufenthalt in Gaststätten wurde zeitlich begrenzt und die Einschränkungen auf Kinos, Kabaretts, Spielhallen und Eiscafés erweitert. Neu war insbesondere das Rauchverbot in der Öffentlichkeit für unter 18-Jährige.

Diese Regelungen griffen tief in das Leben der Jugendlichen ein, schufen insbesondere zahlreiche neue Straftatbestände. Gleichwohl handelte es sich um mühselig erzielte Kompromisse, denn die eigentliche Forderung der Antigenußgift-Bewegung war ein generelles Konsumverbot von Tabak und Alkohol für alle Jugendlichen unter 18 Jahre (so etwa Eberhard Kitzing, Schutz der Jugend vor Genußgiften, Auf der Wacht 57, 1940, 22-24). Das bedeutete auch tiefgreifende Regulierungen der Wirtschaft, etwa eine komplette Neufassung des Automatenrechtes. Diesen Wünschen wurden nicht zuletzt im Hinblick auf die innenpolitische „Stimmung“ nicht nachgegeben. Als zu Jahresbeginn 1942 die neue „Reichskontrollkarte für Tabakwaren“ Frauen lediglich ab 25 Jahre berücksichtigte, führte dies zu erheblicher Empörung, der diese Regelung letztlich wieder zum Opfer fiel (Sigrid und Wolfgang Jacobeit, Illustrierte Alltags- und Sozialgeschichte Deutschlands 1900-1945, Münster 1995, 272).

Ein besonders strittiges Feld der Auseinandersetzung war fünftens die Lenkung der Werbung. Schon 1933 hatte sich die gleichgeschaltete Werbewirtschaft dazu verpflichtet, die Volksgesundheit als Ziel auch der Wirtschaftswerbung anzuerkennen und insbesondere die Außenwerbung einzuschränken. Dieses bedeutete, „daß eine Werbung für alkoholhaltige Erzeugnisse sich nicht an Jugendliche wenden, daß sie durch ihre auf Jugendliche eingestellte Gestaltung diese nicht zum Alkoholgenuß anregen und Jugendliche und Kinder nicht als Motiv der Wirtschaftswerbung benutzen darf“ (Erklärung des Werberats der Deutschen Wirtschaft v. November 1936, zit. n. Keine Alkoholwerbung mit Beziehung auf Jugendliche!, Auf der Wacht 54, 1937, 5). Gegen diese Vorschriften wurde jedoch häufig verstoßen. Ebenfalls gelang es nicht, Traditionsmarken wie Münchener oder Berliner Kindl zu verbieten, die offensiv mit jugendlichen Biertrinkern warben.

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„Berliner Kindl ist gesund“ – Inkriminierte Anzeige 1937 (Auf der Wacht 54, 1937, 22)

Die Dahlemer Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren und insbesondere das Münchner Hauptamt für Volksgesundheit stritten erbittert gegen die Verwendung des Begriffes Gesundheit in der Genussmittelwerbung. Viele Anzeigenmotive wurden verboten, die Hersteller öffentlich benannt, teils erfolgten Geldstrafen. Der Kampf um die Werbemärkte wurde in strikter Form ausgetragen, ging es doch um 1939 fast sieben Milliarden RM, davon über 100 Millionen RM allein für die Bierwerbung ([Leonardo] Conti, Werbung und Volksgesundheit, Volksgesundheitswacht 1939, 146-150; Klaus Richter, Variationen der Bierwerbung, Forschungen zur Alkoholfrage 44, 1938, 169-185, insb. 170-171). Die NS-Mediziner setzten gegen diese ökonomische Macht eine Gemeinschaftsverpflichtung auch der Industrie und wandten sich gezielt gegen „die von einer oft skrupellosen Geschäftigkeit geführte Propaganda und Reklame, die z. T. nur allzusehr an die Zeiten erinnert, in denen unser Volk der Raffgier jüdischer Geschäftemacher ausgeliefert war“ ([Hans] Reiter, Genußgifte und Leistung, Volksgesundheitswacht 1939, 112-120, hier 118). Seit Oktober 1936 galt jedenfalls eine Presseanweisung des Reichspropagandaministeriums, nach der an „Jugendliche gerichtete Werbung für alkoholhaltige Getränke unerwünscht ist und unterbleiben soll“ (Richter, 1938, 175).

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„Genußgifte“ im Schaufenster eines Berliner Edeka-Ladens (Deutsche Handels-Rundschau 30, 1937, Nr. 37, I)

Daneben forderten die Protagonisten der Gesundheitsführung einschränkende Selbstverpflichtungen zumal der Tabakindustrie. 1939 erfolgten erste Übereinkünfte, im Dezember 1941 wurde die Tabakwerbung dann durch den Werberat einschränkend geregelt (Hans Reiter, Volkswirtschaft, Werbung, Volksgesundheit, Volksgesundheitswacht 1939, 150-154). Mädchen und Frauen durften seitdem nicht mehr werblich erscheinen, auch potenzielle Vorbilder der Jugendlichen, etwa Piloten oder Sportler, sollten nicht mehr genutzt werden. Gleichwohl blieb ein Freiraum für die Genussmittelwerbung.

Die Wendung gegen die Genussmittel wurde sechstens schließlich von einer positiven Lenkung auf Alternativen unterstützt. Ziel war die Schaffung neuer besserer Bedürfnisse, um so Alkoholika und Tabakprodukte überflüssig zu machen.

Bei Tabak gestaltete sich entsprechender „Ersatz“ natürlich besonders schwierig, gab es hier doch kein funktionales Äquivalent. Stattdessen wurde die Züchtung nikotinarmer Tabaksorten staatlich gefördert, wurde das wachsende Marktsegment 1939 auf Verordnungswege geregelt und gestützt (W[ilhelm] Preiß, Zur Frage der Entnikotinisierung von Tabakerzeugnissen, Reichs-Gesundheitsblatt 13, 1938; 331-335; „Nikotinarm“, Volksgesundheitswacht 1939, 187-189).

Demgegenüber gab es eine breite Palette von alkoholfreien Getränken, die in Gaststätten auch angeboten werden mussten: „Die idealen Getränke für den Jugendlichen sind der naturreine, ungeschwefelte Süßmost, Magermilch, Milchmischgetränke, deutsche Tees und natürliche Tafelwässer“ (Eberhard Kitzing, Schutz der Jugend vor Genußgiften, Auf der Wacht 57, 1940, 22-24, hier 23). Dagegen schied die bei Jugendlichen sehr beliebte Coca-Cola aufgrund ihres Koffeingehaltes aus. Sie galt vielfach als bekämpfenswertes „Genußgift“ und war seit 1940 innerhalb der Hitlerjugend verboten. Auch Limonaden galten aufgrund des Zuckergehaltes und der verwendeten Aroma- und Farbstoffe als wenig empfehlenswert. Daher setzte man vorrangig auf den Süßmost, also auf Fruchtsaftgetränke. Forschung und Produktion wurden staatlich gefördert, zahllose Großveranstaltungen sollten das neue Getränk popularisieren.

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Freihandzeichnungen Wiener Hauptschüler anlässlich der Schulwoche für alkoholfreie Jugenderziehung 1939 (Alkoholfreie Jugenderziehung! 1, 1939, 13 (l.) und 14)

Die hohe Bedeutung dieser positiven Lenkung verdeutlicht eine Besprechung am Jahreswechsel 1939/1940, bei der Gesundheitsführung, Reichsnährstand, Wehrmacht, Deutsches Frauenwerk, Reichsjugendführung, Aufsichtsstellen der herstellenden Industrie und der zuständigen Ministerien vertreten waren (Theo Gläß, Deutsche Arbeit gegen die Alkoholgefahren, Forschungen zur Alkoholfrage 49, 1941, 1-12). Diese entwickelte ein Zukunftsprogramm zur Umgestaltung des deutschen Getränkekonsums. Doch die Rohstoffknappheit vor allem bei Obst machte eine umfassende Umsetzung schnell zur Makulatur. Auch die alkoholarmen „Volksgetränke“ hatten nur begrenzten Erfolg (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 543-548).

Resultate und Folgen der NS-Politik für eine „nüchterne“ Jugend

Anfang 1940 zog man seitens der NS-Gesundheitsführung dennoch ein positives Fazit des angelaufenen Kampfes gegen die „Genußgifte“: „Vom alkoholgegnerischen Standpunkt aus war Deutschland besser vorbereitet als die anderen kriegsführenden Länder […]. Die Bevölkerung war bereit, entweder sich freiwillig einzuschränken oder die behördlichen Maßnahmen mit Verständnis entgegenzunehmen. […] Wenn man z. B. die große Verbreitung der unvergorenen Fruchtsäfte beobachtet, so sieht man, daß man wirklich mit einem neuen Deutschland zu tun hat. Das ist ganz besonders für die Jugend der Fall, die sich für den Sport, für Fußwanderungen begeistert, die leistungsfähig bleiben will und sich vielfach vom Alkohol abgewendet hat“ (R[obert] Hercod, Krieg und Alkohol, Forschungen zur Alkoholfrage 48, 1940, 70-84, hier 76). Anfang Oktober verkündete der Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti ganz offiziell das Ziel eines Deutschen Reiches ohne Tabak und ohne Alkohol. Dazu wurden die staatlichen Behörden auf Gau- und Kreisebene weiter ausgebaut, liefen die Schulungen und Ermahnungen in Schule und Hitlerjugend weiter. Parallel schwanden langsam die Vorräte an Tabak, griffen die zugunsten der Getreide- und Kartoffelversorgung angeordneten Einschränkungen der Brau- und Branntweinwirtschaft. Ende November 1940 fanden sich alle für die „Genussgift“-Frage zuständigen Stellen in Berlin zusammen. Die anschließend neu gegründete Abteilung „Jugend und Erzieher“ der Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren sollte den Kampf bis zum Endsieg führen, mochte dieser auch Generationen andauern (T[heo] Gl[äß], Jugend, Erzieher, Genußgifte, Forschungen zur Alkoholfrage 48, 1940, 114-116).

Bei alledem handelte es sich nicht nur um das Ergreifen neuer zeitbedingter Chancen. Es war auch Ausdruck beginnender Bunkermentalität. Während des Weltkrieges gewannen Genussmittel rasch einen nochmals erhöhten Stellenwert. Das Regime war insbesondere beim Tabak gezwungen, der hohen Nachfrage von Wehrmacht und auch Zivilbevölkerung nachzugeben. In Wehrmacht, NSDAP, SA und SS gehörten Alkoholexzesse zum Alltag. Die Jugendlichen waren neuen Gefährdungen ausgesetzt, gewannen zugleich neue Freiheiten. Oktober 1940 warnte der Hannoveraner Oberpräsident die Jugendämter vor der wachsenden Gefährdungen der weiblichen Jugend durch alkoholisierte Soldaten, vor der „Verwahrlosung der Schuljugend aufgrund des Fehlens elterlicher Kontrolle sowie Jugendliche in Tanzlokalen, Gaststätten und Kinos“ (Andreas Urban, „…und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“, in: „Mit 17….“ Jugendliche in Hannover von 1900 bis heute, Hannover 1997, 65-76, hier 74). Während die Anti-„Genussgift“-Propaganda hochtourig weiterlief, gelang es dem Regime nicht, genügend nichtalkoholische Getränke herzustellen. Schon früh wurde hier die Diskrepanz zwischen den Idealen des Nationalsozialismus und der jämmerlichen und widersprüchlichen Umsetzung im Alltag deutlich.

Doch um „Realität“ ging es damals wahrscheinlich kaum mehr. Der Kampf gegen die „Genussgifte“ offenbart vielmehr die Mechanismen einer neuen Gläubigkeit, ohne die das Regime spätestens 1943 aus rationalen Erwägungen den Krieg hätte aufgeben müssen. Der Wille zur Zukunft ließ die Fährnisse der Gegenwart nicht nur ertragen, er ließ sie gar vergessen machen. Der Kampf gegen die „Genußgifte“ wurde dabei von einer spezifisch nationalsozialistischen Moral getragen, ging in dieser aber nicht auf. Die Jugendschutzmaßnahmen wurden schließlich auch nach 1945 beibehalten, die Präventionspolitik folgte ähnlichen Imperativen, ihre Träger waren häufig die der NS-Zeit. Einen Moralbruch hat es in diesem Felde 1945 nicht gegeben, stattdessen dominierte, bis hin zu rassischen Stereotypen, jahrzehntelang Kontinuität. Der Kampf gegen die „Genußgifte“ war und ist ein Projekt akademischer Eliten, die gut begründet und doch übergriffig die Nüchternheit der Anderen einforder(te)n (vgl. die kluge Persiflage von Laibach, The Whistleblowers). Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage nach einer spezifisch nationalsozialistischen Moral offenbar recht eng.

Uwe Spiekermann, 30. Juli 2019

„Ramschbazar“ und Einzelhandelspionier: Das Berliner Magazin A. Lubasch

Die zahlreichen, häufig kulturalistischen Studien über die „Warenhausgesellschaft“ vor dem Ersten Weltkrieg können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bis heute eine zufriedenstellende Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Warenhäuser im Kaiserreich – und auch danach – schlicht fehlt. Diese Großbetriebe sind ein selbstreferenzieller Mythos geworden, passen sie doch perfekt in gängige, auch geschichtspolitisch nutzbare Narrative: Warenhäuser stehen für die Demokratisierung des Konsums, die Emanzipation leistungsbereiter und transnational lernfähiger jüdischer Unternehmer, für neue Freiräume von Frauen, für die Gefährdungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch Antisemiten, Nationalisten und Antikapitalisten. All das ist nicht falsch, doch es ist Stückwerk, nicht eingebettet in die Gesamtentwicklung der Gesellschaft, des Einzelhandels und der breiten Fülle schon zuvor entstandener anderer erfolgreicher Betriebsformen. Auch wenn dies vielfach auf intellektuelle Bequemlichkeit zurückzuführen ist, so hört man doch eher den resignativen Verweis auf die höchst prekäre Quellenlage, zumal in Deutschland mit seiner rückständigen Digitalisierungskultur. Ja, jede Anstrengung bleibt unbefriedigend, kann aus verstreuten Hinweisen bestenfalls ein fragmentiertes Mosaik zusammenzusetzen.

Das gilt auch – leider – für die vorliegende kleine Fallstudie über das Magazin A. Lubasch, das in den 1890er Jahre in einem Atemzug mit den damals aufstrebenden Warenhäusern und den großen Kaufhäusern genannt wurde. Der vagabundierende Intellektuelle Leo Colze (1880-1918) schrieb kurz nach der Jahrhundertwende: „Im Anfang also in Berlin war ‚Lubasch‘ in der Oranien- und Rosenthalerstraße. Er war Vorläufer der Berliner Warenhäuser“ (Berliner Warenhäuser, 3. Aufl., Berlin/Leipzig o.J., 56). Colze feierte in seinem viel zitierten Büchlein die erfolgreichen Warenhäuser, doch er wusste noch um die Verlierer des Ringens um die Kundschaft: „Lubasch machte es sich aber größtenteils zum Prinzip, nur Partiewaren zu führen, und baute die einzelnen Rayons nicht aus. Er kaufte alles Mögliche zusammen. So bekam er auch u. a. fertig, große Lager Tapeten, verschiedene Waggons Gummischuhe, etwa eine halbe Million Paar zu kaufen, von denen er noch heute übrig haben soll. Bekannt war ja besonders die Art seiner Auszeichnung mit Kreide auf alten Pappdeckeln“ (Ebd.). Das Magazin A. Lubasch hat keine archivalische Überlieferung hinterlassen. Seine Kundenansprache erfolgte vielfach abseits des Annoncenwesens, repräsentative Bilder der Läden und auch des Leitungspersonals fehlen. Eine Annäherung ist nur indirekt möglich, über Resonanzen der Firma bei Gegnern und Zeitgenossen. Schauen wir also, wie weit wir bei diesem Puzzle kommen…

Langsames Wachstum im Familienverbund

Beginnen wir mit dem Geschäftsbetrieb selbst (und sollte ihnen die Rekonstruktion eines jahrzehntelangen mühseligen Betriebswachstums zu kleinteilig kann, übergehen sie ruhig die nächsten zweieinhalb Seiten). Im Berliner Adressbuch finden sich schon vor der Jahrhundertmitte ein „Handelsmann“ Lubasch, in der Lietzmannsgasse 2, also östlich vom Alexanderplatz, neben der damaligen Judengasse (Berliner Adressbuch 1849, 86). 1854 wurde dann ein Putz- und Modewarenhändler namens L. Lubasch in der nahe gelegenen Königsstr. 22 erwähnt (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin und Umgebungen 1854, 319). Drei Jahre später tauchte er als „Galanteriewaarenhändler“ in der Prenzlauerstr. 40 auf, wiederum in der unmittelbaren Nachbarschaft seines früheren Standortes. Damals trat jedoch auch ein „Weißwaarenhändler“ S.A. Lubasch hervor (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1857, 269). Er residierte in der Neuen Friedrichstraße 66a, also weiter südlich und westlich vom Alexanderplatz. Bei diesen beiden kleinen Händlern handelte es sich um Seelig Abraham Lubasch und seinen Sohn Levy Lubasch.

01_Überblickskarte Familie Lubasch

Überblickskarte der Geschäftssitze der Familie Lubasch 1849-1870 (1: Lietzmanngasse 2 (1849); 2: Königsstraße 22 (1854); 3: Prenzlauerstraße 40 (1857); 4: Neue Friedrichstraße 66a (1857); 5: Alte Jakobsstraße 73 (1860); 6: Weberstraße 30 (1860); 7: Kommandantenstraße 44 (1863); 8: Oranienstraße 59 (1870))Gib eine Beschriftung ein

Seelig Abraham Lubasch wurde 1797 in Posen geboren und heiratete Henriette Jette Lubasch, geb. Cohn (dagegen vermerkt Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556 den Geburtsnamen Jacob). Sie hatten zwei Söhne, Levy (1824-1894) und Philipp (1845-1909), sowie wahrscheinlich fünf Töchter, nämlich die in Filehne, Posen geborene Caroline (1830-1885), Ernestine (*1830), Berta (*1834) sowie die im nahegelegenen Schönlanke geborenen Zwillinge Julie (1843-1913) und Rebecca (1843-1892). Die Lubaschfamilie war Teil des Mitte des 19. Jahrhunderts noch starken Landjudentums in den preußischen Ostprovinzen, doch stand ebenso für dessen Wanderung in größere Städte, hier nach Berlin. Untypisch war dagegen Seelig Abraham Lubaschs Tätigkeit als Brauer, die lange Zeit vor dem Handelsgeschäft stand. Die Namenswahl der Kinder deutet auf eine offenkundige Assimilationsbereitschaft. Seelig Abraham Lubasch dürfte dem Reformjudentum eines Abraham Geiger (1810-1874) nahegestanden haben, zumindest spendete er für die von diesem Rabbiner propagierte jüdisch-theologische Fakultät in Leipzig (Allgemeine Zeitung des Judenthums 2, 1838, 339), auch wenn eine solche erst 1854 in Breslau entstand.

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Messehandel von Alexander Lubasch 1860 (Magdeburgische Zeitung 1860, Nr. 39 v. 15. Februar, 11)

Anzeigen des frühen Handelsgeschäftes in Berlin konnte ich nicht finden, wohl aber einige Angaben in der Magdeburgischen Zeitung. Anlässlich der dortigen Frühjahrs- und Herbstmessen finden wir in den späten 1850er Jahren regelmäßig Anzeigen der Familie Lubasch, die dort an einem Handelsstand Gummischuhe verkauften, durchweg amerikanischer, teils französischer Herkunft. Es unterschrieben L., P. und A. Lubasch, also wohl Levy Lubasch, sein jüngerer Bruder Philipp Lubasch und Levys Sohn Alexander Lubasch (Magdeburgische Zeitung 1856, Nr. 24 v. 29. Januar, 6; ebd. 1857, Nr. 41 v. 18. Februar, 7; ebd. 1857, Nr. 223 v. 24. September, 7; ebd. 1858, Nr. 34 v. 10. Februar, 7). Die Lubaschfamilie handelte in den späten 1850er Jahren demnach mit Gebrauchsgütern, betrieb sowohl Markt- als auch Ladenhandel, verkaufte vorrangig Fertig- aber auch noch gebrauchte Waren. Ihre Geschäfte standen damals zwischen den tradierten Formen des Trödel- und Hausierhandels und den neuen, durch Judenemanzipation und Gewerbefreiheit ermöglichten Arten ladengebundenen Absatzes.

Kleine Geschäfte dieser Art hatten zumeist eine geringe Kapitalkraft, eine nur geringe Betriebsdauer und immer wieder neue Verkaufslokalitäten. 1860 findet man Seelig Abraham Lubasch entsprechend in der Alten Jakobsstraße 73, Loewy Lubasch dagegen in der Weberstraße 30 – beide allerdings kontinuierlich als Galanteriewaren-, resp. Weißwarenhändler (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1860, Berlin 1860, 301). Die langsame Südwanderung der Lubaschfamilie hielt an, endete aber nun im Stadtteil Kreuzberg. Hier etablierte man sich. Levy firmierte bis 1868 noch in der nördlich gelegenen Weberstraße, zuletzt als Inhaber eines Posamentier- und Weißwaaren-Geschäftes (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1868, Berlin 1868, 400). Zwei Jahre später erschien er nach wie vor als Inhaber eines Posamentier- und dann Kurzwarengeschäftes, doch trat am neuen Kreuzberger Standort Oranienstraße 59 das Großhandelsgeschäft mit Schwämmen immer stärker in den Vordergrund (Allgemeine Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1870, Berlin 1870, 498). Levy Lubasch begann dieses spätestens 1867, und es ersetzte peu a peu das Kleinhandelsgeschäft mit Kurzwaren (Berliner Gerichts-Zeitung 15, 1867, Nr. 59 v. 21. Mai, 4; Berliner Gerichts-Zeitung 16, 1868, Nr. 34 v. 21. März, 6). 1880 gründete er eine gesonderte Großhandelsfirma und erteilte seinem Sohn Alexander Prokura. 1882 nahm er ihn auch als Gesellschafter des Unternehmens auf; und dieses florierte, expandierte später auch international (Berliner Börsenzeitung 1880, Ausg. v. 8. Oktober, 14; Berliner Tageblatt 1882, Nr. 586 v. 13. Dezember, 4; Amtsblatt zur Wiener Zeitung 1889, Nr. 259 v. 9. November, 733). Levy Lubasch starb am 6. Juni 1894, doch der Schwammgroßhandel wurde von seinem Sohn erst fortgeführt und schließlich an neue Inhaber verkauft, die anfangs noch den eingeführten Namen Lubasch nutzen (Volks-Zeitung 1894, Ausg. v. 7. Juni, 3; Berliner Adreßbuch 1899, Bd. 1, 898).

Alexander Lubasch war es auch, der 1863 ein Handelsgeschäft gründete, dass später zum Magazin A. Lubasch werden sollte (Volks-Zeitung 1895, Nr. 189 v. 24. April, 4). Es lag an der Kommandantenstraße 44, unmittelbar an der Einmündung zur Hauptverkehrsachse dieses Viertels, der Oranienstraße (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1864, Berlin 1864, 342). Zu diesem Zeitpunkt war das Posamentier- und Weißwarengeschäft von Seelig Abraham Lubasch bereits an seine Gattin übergegangen, er selbst starb am 4. April 1864 (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1863, Berlin 1863, 323). Es ging dann in das neue Handelsgeschäft auf. Doch es blieb nicht dabei: 1866 gründete Alexander Lubasch eine Papier- und Pappenfabrik in der Stallschreiberstrasse 32, abermals in direkter Nachbarschaft. 1868 heiratete er und verkaufte im selben Jahr die Fabrik an seinen Onkel Philipp Lubasch (Nationalzeitung 1868, Nr. 195 v. 26. April, 9; Christoph Sandler, Handbuch der Leistungsfähigkeit der gesammten Industrie des Preussischen Staates, Leipzig 1873, 11). Er sollte spätestens 1870 dann das „Posamentier- und Kurzwaarenlager“ in der Kommandantenstr. 44 übernehmen. Die genauen Umstände sind unklar, doch denkbar ist, dass dies parallel mit dem Neubau der Immobilie durch die Präge-Anstalt für Luxus- etc. Papier von Hennig erfolgte (Berlin und seine Entwicklung 5, Berlin 1871, 130).

Wer war nun Philipp Lubasch, der das Magazin A. Lubasch zu einem der bekanntesten Geschäfte Berlins ausbauen sollte? Es gibt nur karge Daten. Demnach wurde er am 27. Februar 1845 (seine Heiratsurkunde – Landesarchiv Berlin, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874-1920, Berlin I, 1890, Nr. 676 – gibt 1841 an) im pommerschen Schönlanke als Sohn von Seelig Abraham und Jette Lubasch geboren. Er starb mit 64 Jahren am frühen Nachmittag des 5. September 1909 in Berlin-Charlottenburg (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556). Lubasch heiratete am 14. August 1890, im relativ hohen Alter von 45 Jahren, die damals 24-jährige Auguste Friedländer. Die Tochter des schon verstorbenen Kaufmanns Joseph Friedländer und seiner Ehefrau Mathilde hatte am 30. September 1865 in Osterrode in Ostpreußen das Licht der Welt erblickt und war „ohne besonderen Beruf“. Sie gebar am 15. Juli 1891 einen Sohn, Kurt, und am 15. Juni 1893 eine Tochter, Lili Mathilde Henriette. Bereits am 26. Juli 1896 verstarb sie 30-jährig. Wahrlich karge Daten, doch sie deuten auf ein Leben voller Arbeit und im Familienkreis hin. In der teils digitalisierten jüdischen Presse des späten 19. Jahrhunderts taucht Philipp Lubasch nicht auf, ähnliches gilt für eine Reihe führender Berliner Tageszeitungen. Selbst die im 19. Jahrhundert gängigen Fremdenlisten enthalten nur einen einzigen Auslandsurlaub, nämlich 1882 in Österreich (Ischler Bade-Liste 1882, Ausgabe v. 1. August, 4). All das ist wenig für das Leben eines lange Zeit erfolgreichen Unternehmers.

Ähnliches gilt für die eigentliche Aufstiegsphase des Magazins bis in frühen 1890er Jahre. Lubasch reüssierte nicht im Zentrum Berlins, auch wenn das Modehaus Herrmann Gerson oder das Kaufhaus Rudolph Hertzog kaum ein Kilometer entfernt waren. Doch Kreuzberg war B-Lage, ein relativ armes Viertel mit 1890 ca. 300.000 Einwohnern, die Mehrzahl Arbeiter, kleine Leute. „Straße auf, Straße ab stand in oft sehr langen Reihen die glatte Mietskaserne, die Berlin in den sechziger Jahren für den plötzlich eindringenden Zuwanderstrom geschaffen hatte. Und in den Erdgeschossen waren, so weit es das Bedürfnis verlangte, einfache Läden geschaffen, die nach alter Sitte trocken und sachlich ihre Waren auslegten. […] Statt daß die Waren ordentlich aufgebaut waren, lagen sie in Haufen im Fenster. Die Preise, nicht zu Fünfern und Zehnern abgerundet, waren auf gelben Zetteln angegeben“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510 v. 7. Oktober, 1-2). Und doch bot das Viertel gute Wachstumsbedingungen, war es zugleich Zentrum der exportorientierten Konsumgüterindustrie, ein nahezu ideales Umfeld für die Erweiterung von Sortimenten, sei es durch Schmuck und Inneneinrichtungen, durch Lederwaren oder Besatzartikel (Peter Stürzebecher, Das Berliner Warenhaus, o.O. o.J. (1979), 13).

03_Anzeige eines Wanderlagers 1888_Karlsruher Tageblatt_1888_11_07_Nr306_p4191

Betriebswirtschaftliches Vorbild: Anzeige eines Wanderlagers auf der Karlsruher Messe 1888 (Karlsruher Tageblatt 1888, Nr. 306 v. 7. November, 4191)

Lubasch nutzte Einkaufsgelegenheiten, kaufte billige Ware aus der Nachbarschaft, aus gescheiterten Transaktionen und brachte diese dann unter die Leute. Diese Idee stammte von den sogenannten Wanderlager und Wanderauktionen (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, München 1999, 277-293). Durch das Freizügigkeitsgesetz von 1867 und die neue Gewerbeordnung im Norddeutschen Bund von 1869 fielen die früheren Begrenzungen des Gewerbebetriebes im Umherziehen, zumal die Steuerlast. Das zunehmend dichtere Eisenbahn- und Straßennetz erlaubte den Aufkauf großer Warenpartien, deren kurzfristige Konzentration an Verkaufsorten und einen raschen Abverkauf von Textilien, Kurzwaren, von Porzellan, Glas und Haushaltsgegenständen. Die Wanderlager verkauften beliebige Waren, waren nicht länger an bestimmte Sortimente gebunden. Vieles von dem, was fälschlich als typisch für die späteren Warenhäuser galt, wurde von ihnen praktiziert: Barzahlung, hohe Umschlagsgeschwindigkeiten und relativ niedrige Gewinnspannen dank geringer Fixkosten und großem Warenabsatz. Wanderlager und Wanderauktionen waren jedoch nicht stationär. Sie mieteten für kurze Zeit Verkaufsräume an, zogen dann weiter zum nächsten Ort. Der beträchtliche Erfolg dieser Unternehmen in den 1870er Jahren führte zu einer ersten massiven Mobilisierung des stehenden Gewerbes, zumal der kleineren lokal verankerten Händler. Sondersteuern halfen sie zu begrenzen, doch ihre Bedeutung blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beträchtlich. Wichtiger aber noch ist, dass ihre Grundideen auch im ladengebundenen stationären Handel vordrangen. Die Gründerkrise führte seit 1873 zu einer Vielzahl von Konkursen – und es entwickelten sich zahlreiche Partiewarengeschäfte, die Warenlager zu niedrigen Preisen absetzten. In Berlin waren das vielfach Unternehmen jüdischer Händler, etwa von Leopold Simonsohn oder Gustav Meyer (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 6. August, 7; ebd., Ausg. v. 24. September, 8). Partiewarengeschäfte dienten aber nicht nur dem Absatz von Konkurswaren, sondern zunehmend auch als Puffer für die riskante Produktion von Modewaren. Davon sollte insbesondere das Magazin A. Lubasch profitieren.

Ausgangspunkt soll ein größerer Posten Handschuhe gewesen sein. Dieser wurde mit Aushängen und Auslagen kräftig beworben. Der Absatz stieg und Lubasch nahm „immer neue Waren auf und immer neue Räume hinzu. Schließlich waren es viele Läden mit ihren dunklen Hinterräumen, in denen man die allerverschiedensten Dinge aufgestapelt sah: Pfefferkuchen, Seidenbänder, Schuhe, Heiligenbilder, Spielzeug, Handschuhe und Stiefelwichse“ (Das erste Warenhaus in Berlin, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 525 v. 15. Oktober, 2). Diese im Rückblick anekdotisch dargebotene Entwicklung erscheint recht zufällig. Doch Lubasch baute in den 1880er Jahren nicht nur sein Sortiment an Kurz- und Besatzwaren stark aus, sondern ergänzte es peu a peu um neue dauerhaft geführte Warengruppen. 1891 wies das Magazin „Posamentier-, Weißwaaren-, Strumpf-, Glas- und Porzellan“-Abteilungen auf (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.). Da ein Großteil des Einzelhandels nach vermeintlich zusammenhängenden Warengruppen organisiert war, erschien die Konzentration derartig vieler heterogener Waren in einem Geschäft als neuartig und ungewöhnlich. Es ist daher kein Zufall, dass Lubasch schon 1891 als „Waarenhaus“ bezeichnet wurde (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6) – also lange bevor der Konkurrent Wertheim diese Bezeichnung für sich wählte und kurz bevor das erste „richtige“ Warenhaus, der nur kurzlebige Berliner Kaiser-Bazar, am 15. April 1891 seine Pforten öffnete. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Lubasch auch über eigene Produktionskapazitäten, um einerseits Saisonwaren herzustellen, zum anderen aber Modewaren rasch umzuarbeiten (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8 mit Verweis auf Webereikapazitäten).

Das Magazin A. Lubasch stand in der Tradition der sogenannten Bazare, also von Vertriebsstätten billiger Gebrauchsgüter für klein- und unterbürgerliche Käufergruppen. Ausverkäufe und „krumme“ Preise waren für sie gängige Wettbewerbsmittel, ebenso die dezidierte Nutzung der eigenen Fassaden und der Schaufenster für Reklamezwecke. Sie führten zudem sogenannte Einheitspreise ein. Das tat Lubasch nicht. Doch gerade seine direkte Werbung durch Warenauslagen, Handzettel und eine größere Zahl von Schaufenstern brach mit Vorstellungen des gediegenen Fachhandels, der mit der Qualität von Waren und Service überzeugen wollte. Die Anfang der 1890er Jahre nochmals intensivierte Sortimentsausweitung orientierte sich an Kundenwünschen: „Besonders die Damen der Vororte, welche nicht so häufig nach Berlin hineinfahren möchten und doch grade dort ihre Weihnachtseinkäufe besorgen wollten, fänden es ungemein bequem, an nur eine Stelle kaufen zu können und doch auch an dieser eine recht große Auswahl verschiedenster Artikel vorzufinden. Und so werde denn Alles, was irgend dort zu bekommen sei, bei Wertheim, Lubasch etc. gekauft, während die Geschäftsleute in den Vororten sehen könnten, wo sie bleiben“ (Friedenauer Lokal-Anzeiger 1, 1894, Nr. 78 v. 19. Dezember, 1).

In solchen Zitaten spiegelt sich der Widerstand, den Lubasch, ebenso wie andere Pioniere der Branche, rasch zu spüren kam. Neben dem Vorwurf, die kleinen Händler um die ihnen zustehenden Kunden zu bringen und damit deren Untergang herbeizuführen, trat jedoch eine strikte Kritik an den billigen Konsumgütern. Sie seien nicht mehr von handwerklicher Qualität, etwa Schuhe oder Kleidung. Sie seien „Schundwaare“ (Pluto, Schundwaare, Die Zukunft 8, 1894, 43-46), billig und schlecht. Die „Uniformität der Bazarwaaren“ würde die Individualität der Käufer missachten (Rud[olf] Grätzer, Großmagazine und Kleinhandel, Blätter für Genossenschaftswesen 39, 1892, 238-240, hier 240). Das Magazin A. Lubasch stand Anfang der 1890er Jahre im Mittelpunkt von breiter geführten Debatten über die Durchsetzung massenhaft produzierter Konsumgüter als wichtiges Element der Wohlfahrtssteigerung moderner Konsumgesellschaften. Es galt als „Ramschbazar“ – und wir werden darauf noch zurückkommen. Festzuhalten aber ist, dass Lubasch Anfang der 1890er Jahre mit deutlich über einhundert Beschäftigten eine Ausnahme im Kleinhandel war. Er verkörperte ein Prinzip, das den langfristigen Trend in eine Dienstleistungsleistungsgesellschaft tragen sollte, dass nämlich „unter den heutigen Produktionsverhältnissen an den zum Verbrauch gelangenden Materialien weit mehr verdient wird, als an der Arbeit selbst“ (Max Broesicke, Das Berliner Tapeziergewerbe, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 1, T. 1, Berlin 1895, 107).

Philipp Lubasch, ein patriarchaler Arbeitgeber

Die Geschichte des Magazins A. Lubasch ist auch die Geschichte eines frühen Aufbegehrens der Beschäftigten im Handelsgewerbe gegen einen patriarchalischen Unternehmer, der sich als Herr im eigenen Haus sah und Widerspruch, gar eine organisierte Interessenvertretung, nicht akzeptierte. Dies entsprach dem Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, der vornehmlich durch den aufrüttelnden Streik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1889 auf die öffentliche Agenda gebracht wurde. Arbeiterkommissionen, vielfach noch erfüllt von Treuevorstellungen gegenüber Herrscher und gerechter Obrigkeit, drangen damals wortwörtlich bis vor die Stufen des Throns. Auch wenn der Streik ohne direkten Erfolg blieb, begann doch spätestens mit der Übernahme des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe durch Hans von Berlepsch (1843-1926) und die Kanzlerschaft Leo von Caprivis (1831-1899) ein „Neuer Kurs“, der nicht allein in einer liberaleren Zollpolitik, sondern auch in einer neuen Sozialpolitik, einer neuen Gewerbeordnung mündete. Getragen von breiten bürgerlichen Schichten, bekämpft von Linksliberalen, den ab 1890 nicht mehr verbotenen Sozialdemokraten und Konservativen, etablierte sie neuartige Schutzrechte auch im Handelsgewerbe. Die Begrenzung der Arbeitszeiten und eine langsame Reduktion der Sonntagsarbeit mochten zwar noch Stückwerk sein, doch sie setzten einen langwierigen und von strikten Auseinandersetzungen geprägten Prozess in Gang, der dann vor allem in der Weimarer Republik zu umfassenderen Verbesserungen der Lage der Angestellten im Handel führte (vgl. Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

Die Arbeiterbewegung stand derart moderaten Verbesserungen anfangs kritisch gegenüber. Der Aufstieg von Großbetrieben im Kleinhandel war für ihre Repräsentanten eine Bestätigung der simplen Gesellschaftsmechanik des Kapitalismus. Lubasch zahlte seinen Webern mittlere Löhne von 15-19 Mark pro Woche. Doch dies wurde als Hungerlohn verstanden, nicht als eine Verbesserung gegenüber dem bei 12 Mark liegenden Lohnniveau der in Berlin weit verbreiteten Hausindustrie (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8). Stattdessen dominierte das Marxsche Verelendungstheorem: „Die ganze Organisation des großen Betriebes ‚spart‘ ungeheuer an Arbeit. Durch Provisionen und Prämien wird der Eifer der Angestellten auf das Aeußerste angespornt. Die Löhne sinken hier am leichtesten, weil das große Geschäft eine dauernde Anstellung zu verbürgen scheint und weil die Thätigkeit darin eine Empfehlung für die Zukunft ist. Alle Raffinements der Ausbeutung und des Lohndruckes: Hausordnungen, Strafgelder, periodische Abstoßung und Heranziehung von Arbeitskräften, können hier ungehindert zur Anwendung kommen“ (Der Großbetrieb im Detailhandel, Die Neue Zeit 9, 1890/91, 617-624, hier 622).

Das Magazin A. Lubasch stand seit Anfang der 1890er Jahre vor allem wegen seiner Mitte der 1880er Jahre erlassenen Arbeitsordnung in der Kritik der Sozialdemokratie. Dabei handelte es sich um ein rigides Regelwerk, das Arbeitszeiten und Verhaltensweisen der Angestellten detailliert festlegte. Pünktlichkeit wurde verlangt, Unpünktlichkeit mit Lohnabzug sanktioniert. Saubere und dunkle Kleidung, festes Schuhwerk und weiße Wäsche waren vorgeschrieben, mussten von den Angestellten selbst bezahlt werden. Die Arbeitsordnung regelte das Odeur der Bediensteten, verbot etwa warme Speisen, Knoblauchwürste, alle Sorten Käse, Radieschen und Schnittlauch. Mutwillig oder fahrlässig beschädigte Ware musste ersetzt werden, nicht nur von Einzelnen, sondern auch von allen Angestellten einer Abteilung, sollte der Täter nicht ermittelt werden können. Auf viele Vergehen stand die unmittelbare Kündigung. Besonders kritisiert wurde, dass bei Krankheit nicht nur kein Lohn gezahlt wurde, sondern dass binnen zwei Stunden der Grund des Fernbleibens vom Arbeitsplatz mitgeteilt und binnen zehn Stunden ein ärztliches (und das heißt kostenträchtiges) Attest eingereicht werden musste (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6). Lubasch hätte wohl auf die aus seiner Sicht hohen Löhne verwiesen (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.), ebenso auf die sehr ähnlichen Arbeitsordnungen anderer Handelsgeschäfte. Sozialdemokraten sahen dagegen eher Analogien zum industriellen Sektor, wo gerade in der Textil- und Schwerindustrie Arbeitsordnungen genutzt wurden, um die Risiken gewerblicher Arbeit einseitig den Beschäftigten aufzubürden.

Philipp Lubasch leitete sein Magazin wie ein Patriarch. Er bestimmte, die Angestellten hatten sich an seine Anweisungen zu halten. Anfang September 1893 kam es jedoch zum Eklat. In der neuen Filiale in der Rosenthalerstraße fiel Ende August eine Unterschlagung auf – und der Missetäter wurde fristlos entlassen. „Gleichzeitig verbreitete sich aber auch im Geschäft das Gerücht, daß Herr Lubasch seine sämmtlichen Angestellten im Verdacht habe, von dem Diebstahl gewußt zu haben. Das war dem Personal doch etwas zu stark; trotz ihrer gedrückten Lage hatten sich 85 Personen, Damen und Herren, etwas bewahrt, was man im gewöhnlichen Leben Ehrgefühl nennt.“ Sie trafen sich nach Dienstschluss und verabschiedeten nach zehn Minuten Diskussion einen Brief an Philipp Lubasch, in dem sie eine genaue Untersuchung forderten, sich zugleich aber dessen Unterstellungen verbaten. Der Patriarch erfuhr davon und entließ am nächsten Morgen den vermeintlichen Rädelsführer. Doch dabei blieb es nicht: „Herr Lubasch ging zu jedem seiner Angestellten und frug: Sind Sie in der betreffenden Versammlung gewesen? und kündigte weiteren 14 Theilnehmern derselben […] während neun Angestellte sich solidarisch mit den Entlassenen erklärten und selbst kündigten“ (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 6 – auch für das vorherige Zitat). Insgesamt wurden 34 Beschäftigte entlassen bzw. nahmen ihren Hut (Vorwärts 1893, Nr. 216 v. 14. September, 4).

04_Protestversammlung gegen A. Lubasch_Vorwärts_1893_09_12_Nr214_p4

Protest gegen Maßregelungen von Angestellten 1893 (Vorwärts 1893, Nr. 214 v. 12. September, 4)

Über Löhne hätte man wohl reden können, nicht jedoch über Ehre. Der Berliner Gewerkschafts-Kommission war klar, dass angesichts zahlloser Arbeitssuchender und mangels jeglicher Organisation ein Streik aussichtslos sein würde. Daher wählte man das Kampfmittel der öffentlichen Versammlung: „Jeder, der es mißbilligt, daß die Ehre der Arbeiter mit Füßen getreten wird, hat die Pflicht, in dieser Versammlung zu erscheinen“ (Vorwärts 1893, Nr. 215 v. 13. September, 6). Als Hauptredner für den 14. September 1893 gewann man den sozialdemokratischen Gewerkschafter, frisch gewählten Reichstagsabgeordneten und späteren Reichsernährungs- und -wirtschaftsminister Robert Schmidt (1864-1943), der zuvor mit Lubasch gesprochen hatte. Die Diskussion war gehaltvoll, ergab allerdings auch, dass die Arbeitsordnungen anderer Großbetriebe, etwa des Kaufhauses Rudolph Hertzog, fast deckungsgleich mit der von Lubasch waren. Auch die Löhne mochten objektiv niedrig sein, doch sie lagen keineswegs unter denen der Konkurrenz. Schließlich hatte die lokale Frauen-Agitationskommission schon im März die niedrigen Löhne des späteren Warenhauses Wertheim moniert und sie in einer öffentlichen Protestversammlung angeprangert (Vorwärts 1893, Nr. 55 v. 5. März, 10; Vorwärts 1893, Nr. 73 v. 26. März, 4). Dennoch kamen erste Boykottforderungen gegen Lubasch auf. Am Ende der Versammlung stand Protest gegen „die ärgste Vergewaltigung und Unterdrückung seines Personals“ sowie die Pflicht, die dortigen Vorfälle und Geschäftspraktiken in die Berliner Öffentlichkeit zu tragen (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 7).

05_Lohnverhältnisse des Verkaufspersonals im Magazin A. Lubasch 1893

Eine Stellungnahme von Philipp Lubasch ist nicht überliefert. Auf die Forderungen der Angestellten ging er jedoch nicht ein. Nun nahm sich die kleine, 1890 in Leipzig gegründete Freien Vereinigung der Kaufleute der Sache an. Sie nutzte eine neuerliche öffentliche Versammlung in dem Aschinger gehörenden Etablissement Buggenhagen am Moritzplatz – also in unmittelbarer Nähe zum Lubaschschen Hauptgeschäft –, um am 27. September 1893 den „Fall Lubasch“ neuerlich aufzurollen und zugleich Mitglieder für die sozialdemokratische Branchengewerkschaft zu werben. Aus Leipzig war der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bruno Schoenlank (1859-1901) gekommen, ein führender Theoretiker und Empiriker sowie früherer Redakteur des „Socialpolitischen Centralblattes“. Das „Kapital macht vor dem Kaufmannsstande nicht Halt; […] Diese Bazare, deren Verkaufspaläste mit dem glänzendsten Komfort der Neuzeit ausgestattet sind, deren Reklamen überall hin dringen und deren elegante Geschäfte in allen Stadttheilen anzutreffen sind, – diese Geschäfte, deren Reklamewagen man die Leichenfuhrwerke der kleinen Detaillisten nennen kann, denn sie begraben nicht nur die Hoffnungen der in der Nähe der Bazare Wohnenden, sondern aller kleiner Detaillisten Berlins – diese sind nur möglich dadurch, daß Unternehmer mit großen Kapitalien sie ins Leben rufen, gegen deren Uebermacht der kleine Kapitalist nicht ankämpfen kann.“ Angestellte seien „Arbeiter im Handelsgewerbe, denn sie sind nichts anderes als Arbeiter, ausgebeutete und brutal behandelte Arbeiter, während alle die Bezeichnungen als Handlungsgehilfen, Kommis etc. auf gut Berlinisch gesagt, nur Mumpitz sind […].“ Widerstand gegen das „Pascha- und Sultansgehabe der Herren Bazarinhaber“ sei erforderlich, zumal gegen die Arbeitsordnung bei Lubasch. Hoffnungsfroh verkündete Schoenlank: „Die kapitalistische Entwickelung des Handelsgewerbes schafft die Bedingungen für den Klassenkampf auch in diesem Erwerbszweig.“ Die „Proletarier im Handelsgewerbe“ müssten sich organisieren: „Mit Blut und Tränen ist die Geschichte dieser Arbeiter-Kategorie geschrieben, wie viele junge Mädchen sind auf dem Weg der Prostitution durch diese entsetzlichen Zustände gedrängt worden, wie viele werden noch täglich dazu gedrängt; der Einzelne vermag nichts in diesem wilden Verzweiflungskampfe, nur die Gesammtheit, die Organisation! Sie sind lange genug Amboß gewesen, seien sie endlich mal Hammer!“ (Vorwärts 1893, Nr. 226 v. 26. September, 4). Die Rhetorik glich der der Mittelstandbewegung, dem damaligem Rechtspopulismus. Doch bei den Angestellten verfing sie kaum, waren diese doch vielfach überzeugt, sich durch eigene Arbeit hocharbeiten, gar ein eigenes Geschäft gründen zu können. Philipp Lubasch unterstützte auch deshalb die neu eingerichteten Fortbildungsschulen, die Aufstieg durch Qualifizierung propagierten (Harry Schmitt, Die Kaufmännischen Fortbildungs-Schulen Berlins, Berlin 1891, 81). Die Versammlung schickte schließlich eine dreiköpfige Kommission zu Lubasch, um die Arbeitsordnung zu revidieren und die Entlassungen rückgängig zu machen.

Doch der geschmähte Pascha zeigte kein Einsehen, die Gespräche mit der Kommission verliefen ergebnislos. Eine dritte öffentliche Versammlung folgte am 2. November 1893, abermals in der direkten Nachbarschaft des Magazins A. Lubasch (Vorwärts 1893, Nr. 255 v. 29. Oktober). Etwa 1500 Männer und Frauen kamen. Die Kommission berichtete, dass „Herr Lubasch auf sein Ehrenwort versichert habe, daß niemand von seinem Personal wegen der bekannten Besprechung gemaßregelt worden, daß er zu dieser Zeit gar nicht in Berlin gewesen sei, daß die rigorose Geschäftsordnung schon seit 6 Jahren außer Kraft sei und daß auch Strafgelder nicht mehr in Abzug gebracht würden“ (Vorwärts 1893, Nr. 260 v. 4. November, 10-11 – auch für die folgenden Zitate). Für die Kommission waren dies Lügen. Bruno Schoenlank referierte abermals, nun zum Thema „Wie steuert die Berliner Arbeiterschaft der Sklaverei der Angestellten in den Großmagazinen?“ Lubasch wurde als „Vertreter des Großkapitalismus“, als „Vernichter des Kleinhandels“ und als durchaus ehrenwerter Mann präsentiert. Ihn zu bekämpfen helfe allen: “Die Berliner Arbeiterschaft könne in dem Falle Lubasch sehr viel mehr wirken zu gunsten der Handelsangestellten, dem Trumpfe der modernen Handelsfeudalisten einen andern Trumpf entgegensetzen. Niemand könne gezwungen werden, Herr Lubasch seine Kundschaft zuzuwenden, bei ihm zu kaufen.“ Eine Resolution war vorbereitet worden, die neuerlich forderte, die Arbeitsordnung zu beseitigen, die Entlassenden wieder einzustellen und ihnen gegenüber eine öffentliche Ehrenerklärung abzugeben. Geschähe dies nicht, sollten die Arbeiter bei Lubasch nicht mehr kaufen. Sie wurde nicht verabschiedet, da der Unternehmer in diesem Falle Rechtsmittel gegen die Gewerkschaftskommission angekündigt hatte (Neueste Nachrichten 1893, Nr. 56 v. 4. November, 3). Doch man „nahm an, daß die Arbeiter auch ohne Annahme dieser Resolution wissen würden, was sie zu thun hätten“ (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 562 v. 3. November, 2).

Lubasch vernahm die Aufforderung, doch er folgte ihr nicht. Weitere öffentliche Versammlungen der Berliner Gewerkschaftskommission folgten (Vorwärts 1893, Nr. 262 v. 7. November, 4; Vorwärts 1893, Nr. 270 v. 16. November, 10). Doch trotz neuerlicher Appelle an Solidarität und Mitgefühl verebbte der Boykott gegen Lubasch im märkischen Sande. Das Fazit im Frühjahr 1894 war ernüchternd: „Der ‚Fall Lubasch‘ beweise, daß sich die große Masse der arbeitenden Klassen leider nicht an derartige Beschlüsse kehre“ (Vorwärts 1894, Nr. 102 v. 5. Mai, 11). Als im Mai 1894 ein neuerlicher Konsumboykott auf der Tagesordnung stand – dieses Mal gegen die Burger Schuhfabrik Conrad Tack, die ihre Waren über ein System eigener Filialen absetzte – nahm man entsprechende Resolutionen nicht an, da ein Konsumentenstreik im Einzelhandel offenbar nur begrenzte Erfolgsaussichten hatte. Das war nicht das Ende von Konsumentenboykotten, endete der Berliner Bierboykott von 1894 doch mit einem begrenzten Sieg der Arbeiterbewegung. Aus der für Konsumgesellschaften scheinbar so passgenauen Waffe wurde jedoch vornehmlich ein Mittel gegen vermeintlich willkürliche Lebensmittelteuerungen, kaum aber zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Philipp Lubasch, Besitzer eines vermeintlichen „Ramschbazars“, hatte sich in dieser Auseinandersetzung jedenfalls als konfliktfähig erwiesen und setzte damit einen konfrontativen Standard für die Großbetriebe im Kleinhandel: „Diese ersten Anfänge eines autoritären Personalwesens sollten die deutschen Häuser in der Zeit bis zum Krieg und darüber hinaus prägen“ (Heinrich Hartmann, Organisation und Geschäft. Unternehmensorganisation in Frankreich und Deutschland 1890-1914, Göttingen 2011, 218).

Der „Ramschbazar“ Lubasch als Projektionsfläche für Antikapitalisten und Antisemiten

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung bekämpfte nicht allein Lubasch, sondern für sie ging es um die Fundamente gesellschaftlicher Ordnung. Lubasch stand für den aufstrebenden Großbetrieb, für die zerstörerische Kraft des Kapitalismus. Er war ökonomisch erfolgreich, attraktiv für eine rasch wachsende Zahl von Konsumenten. Nach dem Siegeszug des zunehmend großbetrieblich organisierten Industriekapitalismus veränderte sich mit den Großbetrieben des Kleinhandels auch der Alltag der kaufenden Massen. Für die sozialdemokratischen Repräsentanten bestätigte dies ihre Gesellschaftsanalyse. Der distributive Großbetrieb galt als Angriff auf die Ehre und Würde der Beschäftigten, auf die Sittlichkeit der arbeitenden jungen Frauen. Die bewegende Kraft war das Kapital, Philipp Lubasch erschien als Agent des Weltgeistes: „Es ist eine dämonische Kraft, die in der Gier nach kapitalistischer Macht steckt. Welches typische Bild entsteht da in dem Falle Lubasch. Was kümmert den Großmann des Kleinhandels die empörte öffentliche Meinung? Er schließt sich in die enge Welt der Interessenten seines Schlages ein. Hat er einen Konkurrenten um eine Länge geschlagen, das ist seine Wollust, sein Triumph. Hat das Geschäft mit gierigen Fangarmen neuen [sic!] Artikel in sich aufgesogen, das ist seine Befriedigung. Immer vorwärts, rastlos weiter drängt ihn sein Spekulationsfieber und auf dem erbärmlichsten Druck zahlloser Mitmenschen baut sich seine überragende Größe auf. Was kümmert ihn das Murren über seine famose Hausordnung, über die klägliche Entlohnung seiner Angestellten bei nervenzerstörender Anstrengung, über die existenzvernichtenden Ramsch- und Masseneinkäufe? Er hört es kaum und denkt wie der Fabrikant in Coppé’s Gedicht vom Streik der Schmiede: ‚Ich halt‘ es aus!‘ Mögen ihn Hundertausende anklagen, wenn nur ein Dutzend seiner Konkurrenten in ihm den Handelsmann großen Stils rühmt. Aber stärkerer Uebermuth, als der von Lubasch ward schon gebrochen auf Erden!“ (Alpha, Sonntagsplauderei, Vorwärts 1893, Nr. 261 v. 5. November, 10).

Die Sozialdemokraten blickten damals vor allem auf die sozialen Auswirkungen der mit dem Wachstum der Großbetriebe verbundenen Umwälzungen. Angestellte wurden zu Arbeitern, selbständige Kleinhändler zu Proletariern: „In allen Geschäftsstraßen fände man in den Schaufenstern der kleinen Geschäftstreibenden jene verhängnißvollen Plakate, welche den Ausverkauf infolge Konkurses oder wegen Aufgabe des Geschäftes anzeigten.“ Der Kleinhandel sei nicht in der Lage mit Großbazaren, „wie Werthheim [sic!], Lubasch, Herzog [sic!] u.s.w.“ (Vorwärts 1893, Nr. 123 v. 28. Mai, 10 – für beide Zitate) erfolgreich zu konkurrieren – so, wie zuvor das Handwerk der Industrie habe weichen müssen. Die „Ramschbazare“ seien Beschleuniger der Umwälzung, denn anders als die tradierten Geschäfte der Oberschicht zielten sie auf das bisherige Hauptklientel der kleinen und mittleren Händler; man vergaß dabei, dass der Handwerkshandel vor allem vom ladengebundenen Kleinhandel verdrängt worden war.

Derartige Analysen wurden von Antisemiten und der Mittelstandsbewegung dankbar aufgegriffen. Als der Vorwärts Mitte 1893 den Konkurrenzkampf von Lubasch und Wertheim thematisierte, übernahm die Zeitschrift des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stöcker (1835-1909) dessen Aussagen, fragte allerdings im altlutherschen ketzerischen Sinne „‚wo giebt es ähnliche christlich-deutsche Schleuderbazare?‘“ Die Antwort der Redakteure fiel gut marxistisch aus: „Wir kümmern uns nicht um die Religion der Schleuderbazare, und wissen nicht, ob Herr Herzog [sic!] das Ausbeutungsgeschäft besser betreibt, als die Herren Lubasch und Wertheim. Aber das wissen wir, daß tausende ‚christlich-deutscher‘, derzeit echt antisemitischer Fabrikanten und Geschäftsleute im Königreich Sachsen das Ausbeutungsgeschäft noch unmenschlicher üben, als die Firmen Wertheim und Lubasch es thun, und daß sie Hungerlöhne bezahlen, die hinter denen der Firmen Lubasch und Wertheim weit zurückstehen. Sind daran die Juden schuld, Herr Oberwinder-Stöcker?“ (Vorwärts 1893, Nr. 169 v. 21. Juli, 3 – beide Zitate).

Die Sozialdemokraten wiesen den Vorwurf des Antisemitismus immer wieder deutlich zurück; doch nicht zufällig war ihre Haltung zu den Antisemiten um Hermann Ahlwardt (1846-1914) ein umkämpftes Themenfeld auf den Parteitagen in Berlin 1892 und Köln 1893. August Bebel (1840-1913) distanzierte sich im Namen der SPD klar vom Antisemitismus – doch die Schilderung der „Kapitalisten“ trug weiterhin ebenso klare antisemitische Züge. Die sozialdemokratische Kritik an den Großbetrieben im Einzelhandel war gespickt mit antisemitischen Klischees der Geldgier, der Verführung, des Talmis oder der Unterwanderung. Es war eben kein Zufall, wenn ein wackerer Sozialdemokrat wie der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bock (1846-1931) in den Debatten über die Konsumgenossenschaften darauf verwies, „daß die großen Warenhäuser a la Rudolph Herzog [sic!], Lubasch, Wertheim etc. dem mittleren und kleineren Kaufmann mehr schadeten, als alle Konsumvereine zusammengenommen“ (Düsseldorfer Volksblatt 1894, Nr. 16 v. 18. Januar, 1). Die Debatte um Lubasch unterstreicht den Antisemitismus der Linken, auch wenn dieser in Frankreich oder Österreich noch deutlich ausgeprägter war (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. I, o.O. 1980, 82-96).

Die Mittelstandsbewegung dieser Zeit brauchte lange, bevor sie die Großbetriebe in den Blick nahm. Sie war antikapitalistisch und antisemitisch – und sie blieb es, beträchtlichen Lernprozessen zum Trotz. In den späten 1880er und frühen 1890er Jahren widmete sie sich vor allem der Konkurrenz von Hausierern, Abzahlungsgeschäften und insbesondere der aufstrebenden Konsumgenossenschaften (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland, Frankfurt a.M. et al. 1994, 32-35). Warenhäuser, das waren anfangs die Berliner „Warenhäuser“ für Offiziere und Beamte, also große Genossenschaften und Versandhändler. Der moderne Begriff des Warenhauses entwuchs erst den Debatten über die verschiedenen Sondersteuern auf Großbetriebe im Kleinhandel um die Jahrhundertwende. Großbetriebe war dagegen das anfangs entscheidende Stichwort, lernten die Mittelstandsvertreter doch durchaus von der marxistischen Todesglöckchenphilosophie. Strikt wandte man sich gegen das „Großkapital“. Erst dadurch konnten sich Negativ-Dispositive bildeten, in denen immer wieder Lubasch erschien. Seit 1893 finden wir im einschlägigen Schriftgut regelmäßig den einebnenden Verweis auf die „Bazare der Herren Werthheim [sic!], Lubasch pp.“ (Mittheilungen des Zentral-Verbandes deutscher Kaufleute 3, 1892/93, Nr. 7/8, 8) – mochten diese auch in strikter Konkurrenz zueinander stehen. Fast beliebig wurden nun Großbetriebe nebeneinandergestellt, unabhängig von ihren teils gegensätzlichen Geschäftsprinzipien. Als „Waarenhäuser“ erschienen beispielsweise der „Kaiser-Bazar (Nachfolger), Mey & Edlich, Wertheim, Lubasch etc.“ (F. Neuhofer, Unsere Zeit- und Streitfragen. IV., Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 19, 1894, 266-270, hier 270) – also ein Warenhaus, ein Versandgeschäft und zwei „Ramschbazare“. Die Bedrohungslage schien akut, doch das neue Fremde wurde nicht analysiert, sondern denunziert. Widerstand schien angeraten, gegen „die vernichtende Konkurrenz der Magazine, Lager, Großverkaufshäuser (Wertheim, Lubasch, Kaiserbazar u.s.w.)“ (Otto Wiedfeldt, Entwickelungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720 bis 1890, Leipzig 1898, 104), gegen die „Ueberwucherung von Großbazaren und Monopolgeschäften à la Wertheim, Jandorf, Lubasch, Aschingers Bierquelle, Loeser u. Wolf, Bolle etc.“ (Berliner Tageblatt 1898, Nr. 29a v. 18. Januar, 5). Hier gingen Antikapitalismus und Antisemitismus eine antiintellektuelle Allianz ein, für die es unwichtig war, ob es gegen die Meierei des christlichen Unternehmers Carl Bolle (1832-1910), den protestantischen Restaurateur und Bierschwemmenbesitzer August Aschinger (1862-1911) oder den jüdischen Warenhausbesitzer Adolf Jandorf (1870-1932) ging. Die Überlappung von Mittelstands- und Arbeiterbewegung manifestierte sich auch in dem vordergründigen Interesse am Schicksal der Beschäftigten, zumal der Verkäuferinnen: „In den Großbazaren und Massenzweiggeschäften wird der Verkauf immer mechanischer, Waarenkunde ist kaum noch erforderlich. Jeder kann dort fast ohne Vorkenntnisse verkaufen, die Waaren haben bestimmte Einheitspreise. In diesen Großbazaren u.s.w. kümmert sich der Inhaber nicht im Geringsten um die Weiterbildung seiner Angestellten, er ist dazu gar nicht im Stande. […] Nach einer anderen Statistik der Ortskrankencasse der Berliner Kaufleute wurden durchschnittlich 7 Percent Erkrankungen verzeichnet, in dem Bazar von Lubasch aber 14 Percent“ (Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Deutsches Wochenblatt 1899, Nr. 3732 v. 25. Mai, 4).

Lubasch war für diese Kritiker kein reales Geschäft, sondern Chiffre einer nicht gewollten Moderne. So konnte er, trotz nur einer Filiale, auch ein Filialtreiber werden (J. Rosenbaum, Filial-Treiberei und Massen-Bazare, Bamberg o.J. (1895), 11). 1895 gab es gar Warnungen vor anarchistischen Attentaten, welche „die Sprengung mehrerer großer Geschäfte wie Gerson, Herzog [sic!], Wertheim, Lubasch durch Dynamit“ ankündigten (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1893, Nr. 289 v. 13. Dezember, 2). Als „Ramschbazar“ stand Lubasch für neue Formen des Warenangebots, die man als „Nachahmungen aller Art, Qualitätsfälschungen, Quanitätsverkürzungen, Scheinausverkäufen und Scheinauktionen, Gelegenheits-, Reste- und Partiegeschäften“ denunzierte (Paul Dehn, Die Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Berlin 1899, 5). Die Stärke und Gefälligkeit des Feindbildes Großbetrieb ermöglichte es gar noch Jahre nach dem Ende des Geschäftsbetriebes bei Lubasch die Reden des Deutschen Antisemitenbundes mit den „Ramschbazaren“ „Wertheim, Tietz, Lubasch“ zu würzen (Im deutschen Reich 9, 1903, 545).

Der verlorene Kampf mit Wertheim

Wertheim – dieser Name fiel bereits häufiger. Das Unternehmen dieses Namens siegte im direkten Konkurrenzkampf mit dem Magazin A. Lubasch; und seit seinen triumphalen Geschäftsneubauten in Berlins Leipzigerstraße gilt es als Vorzeigebetrieb der Betriebsform Warenhaus. Und doch entstand das Warenhaus Wertheim erst im Kampf mit und in der Abgrenzung von Lubasch. Die Brüder Abraham (1819-1896) und Theodor Wertheim hatten bereits 1852 ein erstes Modewarengeschäft im mecklenburgischen Stralsund gegründet, dem 1875 ein Kurzwarengeschäft am gleichen Standort folgte. Ein Jahr später traten Abrahams Söhne Georg (1857-1939) und Hugo Wertheim (1856-1883) in das Geschäft ein, das nicht nur erfolgreich war, sondern schon früh den Berliner Markt in den Blick nahm. Für das Stralsunder Laden suchte man in Berlin Verkäufer (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 196 v. 23. August, 11), und bereits 1879 verkaufte Abraham Wertheim Modewaren in der Kochstraße 15 „unterm Kostenpreise“ (Berliner Tageblatt 1879, Ausg. v. 6. September, 12). Es schien, als würde sich eine Geschichte wie die von Lubasch wiederholen. Doch Wertheim verlagerte sein Geschäft nicht, sondern gründete 1885 eine erste Filiale in Berlins Rosenthalerstraße 27, einer jüdisch geprägten Einkaufsstraße, mehr als zwei Kilometer entfernt vom Magazin A. Lubasch. Wertheim hatte dort harte lokale Konkurrenz und war gewiss mit anderen Käufererwartungen konfrontiert als im beschaulichen Stralsund. Man passte sich an, zumal nachdem Abraham Wertheims Sohn Georg Wertheim (1857-1939) 1888 nach Berlin übergesiedelt war. Das erste Berliner Wertheimgeschäft verkaufte Waren des „billigen Massenkonsums“ (Julius Hirsch, Das Warenhaus in Westdeutschland, Leipzig 1910, 20), vornehmlich Textilien, rasch aber auch andere Gebrauchsgegenstände.

Der Kampf mit Lubasch begann, nachdem Wertheim am 31. März 1890 einen Laden an der Oranienstraße 145 eröffnet hatte. Dieser lag knapp 300 Meter von Lubasch entfernt, zielte also auf dessen Käuferklientel. Der nun einsetzende Konkurrenzkampf wurde in der zeitgenössischen Literatur mehrfach erwähnt, doch die kurzen Notate sind nahezu durchweg sachlich falsch. Das gilt auch für die Darstellung von Simone Ladwig-Winters, die einseitig die Erfolgsgeschichte Wertheims singt. Glaubt man ihr, so war die Filialgründung durchaus reizvoll, „konnte man doch messen, wer besser ankam – Lubaschs billiger Laden, der die Kundschaft allein über den Preis warb, oder Wertheims teureres Geschäft, in dem die Käufer dafür sicher sein konnten, keinen Ramsch zu erwerben“ (Erica Fischer und Simone Ladewig-Winters, Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Reinbek 2007, 72). Belege für diese Behauptung wurden nicht präsentiert – und diese steht in offenkundigem Gegensatz zur zeitgenössischen Gleichsetzung von Wertheim und Lubasch als einerseits „Ramschbazare“, anderseits Großbetriebe des Kleinhandels. Ladewig-Winters zitiert jedoch ein vermeintliches „Tagebuch“ von Georg Wertheim, das unter dem 31. März 1890, also dem Tag der Ladeneröffnung in der Oranienstraße, folgendes vermerkt habe: „Infolge der Konkurrenz mit A. Lubasch mussten die von diesem geführten Artikel, Wirtschaftswaren und Galanterie-Artikel, auch bei uns eingeführt werden. Dies bedeutet den ersten Schritt zu der Wandlung des Manufaktur-Geschäfts in den sogenannten Warenhaus-Betrieb. Wir gerieten unbeabsichtigt auf diese Bahn und ohne uns bewusst zu sein, zu welchem Ziele dieser erste Schritt führen würde. Warenhäuser gab es damals in Deutschland noch nicht; nur A. Lubasch führte außer Manufakturwaren auch Glas, Porzellan und Wirtschafts- sowie Galanterie-Artikel, jedoch in einer partiewarenmäßigen Art und nur in billigsten Qualitäten; er machte jedoch seinerzeit auf diese Weise ein großes Geschäft. Als wir also gezwungenermaßen dazu übergingen, seine Artikel ebenfalls zu führen, entstanden daraus bei uns ordnungsgemäß geführte Abteilungen, wie sie unser Geschäftshandhabung entsprachen“ (Wertheim. Geschichte eines Warenhauses, Berlin 1997, 19). Es ist offenkundig, dass es sich bei diesem Eintrag um einen später geschriebenen Rückblick auf die Geschehnisse seit 1890 handelt, verfasst unter dem Eindruck des Sieges über Lubasch. Der verfehlte Gegensatz von Ramsch- und Qualitätsware wurde von Ladewig-Winter (mit Bezug auf Stürzebecher, 1997 und – irreführend – Hirsch, 1910) zudem mit dem nicht näher kontextualisierten geflügelten Wort „Wer bei Lubasch kauft, bringt nichts von Wert heim“ unterstrichen. Belege, dass dies just 1890 bis 1895 entstanden ist, sucht man vergeblich. Entsprechende Sentenzen gab es für fast alle führenden Warenhausunternehmen und sie sind beliebig aufladbar: Im Westen des Reiches hieß es etwa „Von Tietz, man sieht’s!“ oder auch „Wer bei Tietz kauft, bringt nichts von Wert heim!“ (Werner Rubens, Der Kampf des Spezialgeschäfts gegen das Warenhaus, Köln-Ehrenfeld 1929, 14) – doch wer würde deshalb auf die konkrete Qualität der Angebote der wichtigsten Warenhausdynastie des Reiches schließen? Ladewig-Winters verschweigt schließlich auch, dass der Kampf von Lubasch und Wertheim eben nicht allein in der Oranienstraße geführt wurde, sondern dass er in mindestens gleichem Maße in der Rosenthalerstraße tobte.

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Überblickskarte des Kampfes zwischen Lubasch und Wertheim (1: Lubasch, Kommandantenstraße 44/44a (1863), 2: Wertheim, Rosenthalerstraße 27 (1885), 3: Wertheim, Oranienstraße 145 (1890-1894), 4: Lubasch, Rosenthalerstraße 49 (1893-1895); 5: Wertheim, Oranienstraße 53/54 (1894-1913, Neubau))

Um all dies nachvollziehen zu können, müssen wir uns erst einmal die Geschehnisse selbst vor Augen führen. Wertheim etablierte seinen Laden 1890 in der Oranienstraße 145, also in Laufweite von Lubasch. Doch Lubasch nahm die Herausforderung an und eröffnete seinerseits einen großen Laden in der Rosenthalerstraße 49, also schräg gegenüber dem ersten Berliner Geschäft von Wertheim. Der wiederum ließ sich nicht lumpen, kaufte Grund am Moritzplatz auf, legte zwei Häuser nieder und eröffnete 1894  seinen Neubau in der Oranienstraße 53/54. 1895 schließlich gab Lubasch auf und schloss seine Filiale in der Rosenthalerstraße. Wertheim, der 1892 schon einen ersten Laden in der Leipzigerstraße 111 eröffnet hatte, ging somit als Sieger aus dem Ringen hervor.

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Veränderung in der Nachbarschaft: Geschäftseröffnung von Wertheim in der Oranienstraße 145 am 31. März 1890 (Berliner Tageblatt 1890, Nr. 163 v. 30. März, 20)

Zu beantworten ist, warum dieser Kampf um den Kunden beträchtliches Aufsehen erregte. Nun, hier rangen zwei der größten „Ramschbazare“ Berlins um die Hegemonie im Billigsegment – und sie taten dies mit innovativen Mitteln. Es war Lubasch, der in der Kommandantenstraße begann, die Preise von Wertheim gezielt um einzelne Pfennige zu unterbieten: „Zuerst wurden die Hausfrauen wild, dann fingen die Kaufleute an, sich halb lachend zu ärgern und zu schimpfen. Dann wurde die Sache des Quartiers eine Sache der Stadt, die interessiert und belustigt den Kampf der Gegner verfolgte. Witzblätter und Couplets nahmen den Stoff auf. Und beide Gegner wurden berühmt“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510, 1-2). Wir sehen hier Marktwirtschaft in Aktion, doch Preiswettbewerb war zu dieser Zeit in breiten Teilen des Handels noch nicht üblich. Hier ging man von festen Gewinnspannen aus. Gewiss, Konsumgenossenschaften, Wanderlager, Bazare und Partiewarengeschäfte warben bereits seit längerem mit ihren Preisen. Doch im Kampf von Lubasch gegen Wertheim wurde der abstrakte Preismechanismus konkret, denn Wertheim zog nach, reduzierte seinerseits die Preise – und nun konnte das Spiel von Neuem beginnen. Der allgemeine Spott über die Kombattanten regte sich aber auch deshalb, weil das sich Unterbieten anfangs nur bei einzelnen, für den Kunden besonders sichtbaren und gut vergleichbaren Artikeln erfolgte. Diese „Lockvögel“ machten nur kleine Teile des gesamten Sortiments aus – und die Kunden lernten damit umzugehen.

Anfang 1893 nahm das Ringen richtig Fahrt auf, abermals mit Lubasch als Angreifer: „Gerade gegenüber dem bekannten Magazin von A. Wertheim ist vor kurzem eine Filiale des nicht minder bekannten Magazins von A. Lubasch (Kommandantenstraße) errichtet worden. Wer jetzt die Rosenthalerstraße in der Nähe der Weinmeisterstraße passirt, sieht zur Rechten wir zur Linken lange Reihen von Schaufenstern, die nur von den genannten Firmen besetzt sind. Beide suchen sich besonders in der Breitenausdehnung gegenseitig zu überbieten, um dem Publikum recht aufzufallen. Vorläufig verfügt aber noch die Firma Wertheim über die breiteste Front: sie hat bereits drei neben einander liegenden Häuser mit Beschlag belegt. In diesen Schaufenstern kann man alles Mögliche und Unmögliche sehen, Kochtöpfe und Damenhüter, Scheuerlappen und Reisehandbücher und tausenderlei andere Waaren in wunderlichster Zusammenstellung. Die Preise, welche mit Riesenziffern an jedem Stück befestigt sind, sind bei dem einen immer niedriger als bei dem anderen, sodaß der Passant, welcher der Skylla zur Linken glücklich entronnen ist, der Charybdis zur Rechten schließlich doch in den Rachen gerathen muß“ (Vorwärts 1893, Nr. 163 v. 14. Juli, 7). Ja, beide Firmen intensivierten den Preiswettbewerb, investierten in Außenwerbung und Kundenansprache. Es war ein Ringen auf Augenhöhe mit anfangs offenem Ausgang. Waren dienten nicht unmittelbaren Gebrauchszwecken, sondern wurden Mittel im Wettbewerb. Wertheim baute sein Geschäft nicht kühl und sachlich aus, sondern beide Geschäfte erweiterten kundennah, angestachelt von den Aktionen des Wettbewerbers. Es war just zu dieser Zeit, als der Begriff des „Ramschbazars“ zum Alltagsbegriff wurde. Doch der Vorwärts hielt dagegen, verwies auf die von Wertheim und Lubasch gleichermaßen betriebene Qualitätsdifferenzierung: „‚Ramschen‘ heißt: bei günstiger Gelegenheit billig (und zuweilen auch wirklich gut) kaufen. Die ‚Riesenbazare‘ ‚ramschen‘ nicht; sie dienen im Gegenteil eher dem kleineren ‚Ramscher‘ als Bezugsquelle. Sie kaufen nicht bei Gelegenheit Waaren aus einem Konkurse, alte Ladenhüter oder Reste von besserer Qualität auf, sondern sie geben mit ihrem ungeheuren Umsatze Jahr aus Jahr ein ganzen Fabriken Beschäftigung. In diesen Fabriken werden die Waaren von vornherein in der bescheidenen Qualität hergestellt, welche dem geringen, von der Arbeiterklasse gerade nur zu erschwingenden Preise angemessen ist […]“ (Vorwärts 1893, Nr. 8166 v. 18. Juli, 6). Entsprechend distanziert stand die Sozialdemokratie den Billigheimern gegenüber: Sie verwiesen auf die Kosten der billigen Waren, auf die Folgewirkungen auf Arbeiter und Verkäufer, die betroffenen Branchen und den Arbeitsmarkt. Und sie nahmen zugleich eine gängige Trope der mittelständischen Kritik auf, dass billige Waren eben auch schlechte Waren seien. Parallel realisierten die Sozialdemokraten die makroökonomischen Folgen der großen Billiganbieter: Sie gaben den arbeitenden Klassen den Anschein materiellen Besitzes, verbesserten über günstige Konsumgüter gar deren Lebensstandard. Dadurch aber erlaubten sie grundsätzlich aber auch geringe oder gar sinkende Löhne.

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Vorboten des Sieges: Annonce der Geschäftseröffnung von A. Wertheim in der Leipziger Straße 1892 (Berliner Tageblatt 1892, Nr. 513 v. 9. September, 4)

Die dritte und letzte Eskalation des Kampfes zwischen Lubasch erfolgte Ende 1894: Wertheim war trotz des Angriffes von Lubasch in der Lage, seinen angemieteten und zwischen durch erweiterten Laden in der Oranienstraße durch einen Neubau am Moritzplatz zu ersetzen, der nochmals 50 Meter näher am Lubaschschen Hauptgeschäft lag. „Herr Wertheim trägt sich vermuthlich mit der Absicht, seinen Konkurrenten Lubasch (Ecke Oranien- und Kommandantenstraße), in dessen Nähe er bereits vor längerer Zeit eine kleine Filiale errichtet hat, durch Errichtung eines neuen großen Waarenhauses an derselben Stelle gänzlich aus der dortigen Gegend zu verdrängen“ (Vorwärts 1893, Nr. 220 v. 19. September, 5). Wertheim hatte bereits 1892 in der Leipzigerstr. 111 ein weiteres Geschäft etabliert, das auf sechs Etagen die gesamte Palette der Gebrauchsgüter abdeckte. Es waren die Gewinne dieser Filiale, die den Neubau ermöglichten und zugleich die notwendigen Bankkredite absicherten. In der Leipzigerstraße hatte sich Wertheim nicht mehr an einem „Ramschbazar“, sondern an wohl etablierten Berliner Handelsfirmen zu orientieren. Hier traf er auf ein anderes Publikum, gehobener, solventer, interessiert an mittleren und gehobenen Qualitäten. Wertheim war in der Lage, sich einerseits früh aus dem Ringen um den Arbeiterkunden zu befreien, dieses anderseits aber zu nutzen, um sich des zuvor auf Augenhöhe kämpfenden Konkurrenten zu entledigen. Das neue, am 2. Dezember 1894 eröffnete Wertheimgeschäft in der Oranienburgerstraße 53/54 beendete die Zeitspanne, in der der „Ramschbazar von Lubasch in nächster Nachbarschaft noch als ein in Betracht kommendes Konkurrenzunternehmen“ (Die Eroberung der Leipzigerstraße, Vorwärts 1904, Nr. 281 v. 30. November, 9-10) galt. Für Wertheim war das der Durchbruch zur Respektabilität, doch es dauerte Jahre, bis die Firma in Berlin „zu Ansehen kam“ (ebd., 9). Wertheim gewann den Kampf mit Lubasch also nicht direkt, sondern indem er ihn nicht gänzlich annahm, sondern zugleich Alternativen zum Kampf fand. Lubasch verlor, weil er ihm aufging, ihn als persönliche Angelegenheit verstand.

Am Ende des Kampfes hatte sich gleichwohl gezeigt, dass Preis- und Qualitätsdifferenzierungen, Mischkalkulation, extensive Reklame und gezielte Kundenansprache Grundelemente unternehmerischen Erfolgs im Kleinhandel waren. Sie wurden von allen erfolgreichen Großbetrieben Berlins übernommen, strahlten weit in den Mittelstand hinaus. Wertheim lernte im Ringen mit Lubasch zudem, dass insbesondere die Lagerhaltung zu diesen Grundelementen gehörte. Anders als Lubasch, der stets in großen Partien kaufte und daher eine umfangreiche Lagerhaltung betreiben musste, führte Wertheim zwar die notwendigen, teils auch von der Konkurrenz aufgezwungenen Waren, hielt davon jedoch nur überschaubare Mengen. So konnte er rascher wechseln, hatte weniger Ladenhüter und geringere Fixkosten (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9).

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Aufgabe der Lubaschschen Filiale in der Rosenthalerstraße 1895 (Berliner Tageblatt 1895, Nr. 472 v. 19. Juli, 15)

Lubasch realisierte seine Niederlage nur langsam, zog dann aber die richtigen unternehmerischen Konsequenzen: Im Juli 1895 verkündete er die Schließung seiner Filiale in der Rosenthalerstraße – und seine scheinbar wunderliche Behauptung, dass dies wegen „unzureichend gewordener Verkaufsräume“ erfolge, war nicht ohne Logik. Lubasch hatte nach wie vor immense Lagerbestände, weit größer als sein Konkurrent Wertheim. Aus diesem Grunde zog sich das Ende über Monate hin (Volks-Zeitung 1895, Nr. 445 v. 2. September, 10; Volks-Zeitung 1895, Nr. 473 v. 9. Oktober, 6). Lubasch war nicht allein ein Virtuose der Verzögerung, er musste auch die Ware abverkaufen, die ihm die Luft zum erfolgreichen Kampfe genommen hatte.

Die Posse „Lupas und Wörthaim“

Die kleine Schlacht um den Kunden war geschlagen – und in einer Konsumgesellschaft war auch das eine Ware. Der ökonomische Kampf zwischen Lubasch und Wertheim fand Widerhall nicht nur in Alltagsgesprächen und Zeitungsartikeln. Auch die holde Kunst bemühte sich, genauer die Budapester Possen-Theater-Gesellschaft. Im Oktober/November 1893 legte sie der Zensur „Lupas und Wörthaim“ vor, eine derbe Parodie auf das Geschehen in der Oranien- und Rosenthaler Straße (Peter Sprengel, Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1944, Berlin 1997, 52). Autor war Donat Herrnfeld (1867-1916), ein jüdischer Schauspieler, der zusammen mit seinem Bruder Anton Herrnfeld (1866-1929) die Geschicke des Familienunternehmens bestimmte (Anton und Donat Herrnfeld, Der Humorist 28, 1908, Nr. 1, 2; Vom „Gebrüder Herrnfeld-Theater“ in Berlin, Der Humorist 29, 1909, Nr. 1, 4-6, hier 5). Die Theatergesellschaft bestand aus lediglich elf Mitgliedern, vielfach Familie, und da war das kleine „Orchester“ schon mit inbegriffen. Das Repertoire bestand aus kurzen, komischen Einaktern, meist aus dem bürgerlich-jüdischen Leben. Draller Humor, Schenkelklatscherwitze, „Komik als Selbstironie“ (Peter W. Marx, Jargontheater, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 3, Stuttgart/Weimar 2012, 170-173, hier 171). Die Gesten waren überzeichnet, die Charaktere ebenso, Männer waren noch Männer, das Ewigweibliche stets präsent. Nein, hehre Kunst boten die Herrnfelds nicht, doch Alfred Kerr (1867-1947), der kommende Kritikerpapst, schrieb 1897: Das „ist das Wundervollste und Erschütterndste an Komik, was der bescheidene Schreiber dieser Zeilen seit Geburt erlebt hat“ (Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895-1900, Berlin 1997, 271). Ihre Karriere in Berlin startete mit „Lupas und Wörthaim“, das 1893/94 mehr als 600 Aufführungen erlebte und „ein durchschlagender Erfolg“ (Heidelore Riss, Ansätze zu einer Geschichte des jüdischen Theaters in Berlin 1889-1936, Frankfurt et al. 2000, 22) wurde. Der Kampf zwischen Lubasch und Wertheim war der Ausgangspunkt dieser Posse – und man spielte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Geschehen, teils im Parodie-Theater in der Oranienstraße, teils im Grand-Hotel am Alexanderplatz, einem der vielen kleinen Varietés der Reichshauptstadt.

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Langwährender Lacherfolg: Werbung für „Lupas und Wörthaim“ in Hamburg und Berlin (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 16. November, 8; Vorwärts 1896, Nr. 190 v. 15. August, 8)

Die Namensgleichheit diente jedoch nur als Köder, der Untertitel „Die concurrierenden Heiraths-Vermittler“ ist präziser. Der Inhalt dieses Einakters mit Gesang ist rasch erzählt: Die gut bemittelte Witwe Regenwurm will sich wieder verheiraten, ein Geschäft, das sich die Heiratsvermittler Lupas und Wörthaim nicht entgehen lassen wollen. Doch die holde Dame hat schon einen Favoriten, den Operettentenor Sonnenstich. Da können die Kandidaten der Vermittler – Lupas schickt den tauben Schneider Heißblut ins Werberennen, Wörthaim den Fuhrbesitzer Gottlieb – leider nicht mithalten. Doch Wörthaim weiß Rat. Denn er findet heraus, dass der Tenor den Glanz der Vorwochen, seine Braut Nett’l, ob der besseren Partie schmählich verstoßen hatte, ohne sich seiner Liebesschwüre zu erinnern. Wörthaim tut dies kund, Regenwurm versteht den Betrug, wendet sich dem soliden Gottlieb zu, die Heirat wird versprochen. Lupas steht außen vor, doch Wörthaim gibt sein stolzes Honorar der Nett’l, die nun abseits des Sonnenstichs auf dem Heiratsmarkt agieren kann (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 17. November, 2). Urkomisch, drollig, ein wenig derb, doch nicht unzüchtig – so urteilten die Kritiker. Selbst im kühlen Hamburg berichtete man von ganz außerordentlichen Lachsalven und einem Kassenmagnet erster Güte: „Unstreitig wird das Gastspiel der Budapester Possen-Gesellschaft nach allen Seiten hin einen dauernd günstigen Erfolg haben“ (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 15. November, 15).

Im hohen Norden gastierte die Possen-Gesellschaft Ende 1894, anschließend stand das Stück in Berlin weiterhin auf dem Programm (Volks-Zeitung 1897, Nr. 43 v. 27. Januar, 1; Vorwärts 1897, Nr. 283 v. 12. April, 8). Noch 1900 gab es Aufführungen (Volks-Zeitung 1900, Ausg. v. 6. März, 6). Ja, Lubasch und Wertheim waren populär, ihnen wandte sich der Volkswitz zu: Und doch hieß es „Wertheim ist es – er ist der billige Mann“ (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9 – auch das folgende Zitat). Nicht das alteingesessene Geschäft machte das Rennen, sondern der betriebswirtschaftlich besser organisierte und kapitalkräftigere Neuling aus dem Norden. Doch in den 1890er Jahren ging es noch nicht um hochwertige, gediegene Waren, sondern um den „Reiz des Billigen“, denn „es ist das Publikum, das billig kaufen will, erst billig, dann mag es gut, dann mag es schön, dann mag es tüchtig sein.“ Diese simple Sentenz gilt trotz der großer Warenpaläste von Wertheim und Tietz, denn ihre ökonomische Basis war und blieb der Massenabsatz billiger Ware. Alles andere war Zierrat und Werbung – mögen es viele Historiker auch als Essenz dieser Betriebe missverstehen.

Den Makel des Anfangs als „Ramschbazar“ konnte selbst Wertheim nicht völlig abstreifen, auch wenn schließlich Kaiser Wilhelm II. 1910 für einige hunderttausend Mark Spenden das Warenhaus in der Leipzigerstraße besuchte. Die antisemitische Presse sah dennoch nur ein „Ramschausverkaufshaus“ (Die „Wahrheit“ vor Gericht, Dresdner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 300 v. 4. November, 3). Das war es wahrlich nicht, doch derartige Dispositive blieben bestehen, kamen während der Weltwirtschaftskrise wieder auf, begleiteten die neuerliche Welle der Sondersteuern und dann der „Arisierung“, also des Zangenübergriffs von Nationalsozialisten, Banken und biederen Profiteuren. Die letzten Reminiszenzen seitens der Arbeiterbewegung klangen dagegen nostalgisch. Nachdem bei der preußischen Landtagswahl 1903 im Kreise Teltow-Beeskow Liberale und Sozialdemokratie sich nicht auf einen wohl siegreichen Kompromisskandidaten hatten einigen können, war eine Posse die Antwort auf das die Arbeiter diskriminierende Dreiklassenwahlrecht. Die sozialdemokratischen Wahlmänner waren vollständig erschienen, hoben nicht allein die Hände, um dann von der konservativen Majorität überstimmt zu werden, sondern sie nutzten das ihnen zustehende Rederecht, um der Wahlfarce Kontur zu geben, indem sie fiktive Wunschkandidaten priesen. Sie lobten etwa die vom freisinnigen Vorkämpfer Eugen Richter (1838-1906) häufig erwähnte Figur der rechtschaffenden Spar-Agnes und verlangten auch die Wahl von Lubasch und Wertheim (Das Ende der Wahl in Teltow-Beeslow, Vorwärts 1903, Nr. 273 v. 22. November, 2; Die preußischen Wahlen, Pester Lloyd 1903, Nr. 285 v. 26. November, 3). Donat Herrnfeld hätte sich wohl auf die Schenkel geklatscht.

Das langwierige Ende eines Pionierunternehmens

Mitte der 1890er Jahre war Lubasch zwar populär, doch die Wachstumskraft seines Unternehmens war nach der Aufgabe der Filiale in der Rosenthalerstraße gebrochen. Der Sieg Wertheims führte zu einer stärkeren Spreizung des Geschäftes zwischen dem steten Absatz billiger Textilien und Haushaltswaren (und der Bestände seiner Warenlager) und einer stärkeren Orientierung auf Großkunden, wie Hotels, Cafés und Gaststätten.

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Spezialisierung auf konsumnahe Dienstleistungen (Volks-Zeitung 1895, Nr. 471 v. 8. Oktober, 7)

Anders als bei Wertheim, der dank hoher Gewinne und umfangreicher Kredite seinen Betrieb konsequent ausbaute, setzte Lubasch weiterhin auch auf das tradierte Partiewarengeschäft. Während die Großen der Branche ihre Anzeigen mit immer breiteren Sortimenten anreicherten, annoncierte Lubasch nur ab und an, präsentierte dann aber wieder und wieder die gleiche Ware. Typisch hierfür waren etwa die 1897 in immer gleicher Weise angepriesenen Betten. Gut und groß sollten sie sein, doch im Vordergrund stand der niedrige Preis.

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Kontinuität des Partiewarengeschäftes 1897 (Volks-Zeitung 1897, Nr. 235 v. 21. März, 8)

Angesichts dieser Kontinuität des Partiewarengeschäftes erscheint es paradox, dass sich das Magazin A. Lubasch zwar noch nicht in seinen Annoncen, wohl aber im Berliner Adressbuch zum „Waarenhaus“ (Berliner Adressbuch 1898, Berlin o.J., Bd. 2, 278) erklärte. Ökonomisch half dies wenig. Denn die gewählte Engführung des Betriebes traf Mitte der 1890er Jahre nicht mehr allein auf die Konkurrenz von Bazaren und „Warenhäusern“, sondern zunehmend auch auf spezialisierte Anbieter. Hervorzuheben ist etwa das 1891 an der Jannowitzbrücke, also nördlich der Kommandantenstraße, etablierte Warenhaus für Gelegenheitskäufe Heinrich Hennes (Berliner Börsen-Zeitung 1891, Nr. 516 v. 4. November, 7; Berliner Tageblatt 1898, Nr. 641 v, 18. Dezember, 29).

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Anzeige eines Gelegenheitskaufs bei Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 63 v. 15. März, 9)

Lubasch reagierte hierauf. Er schaltete häufiger Anzeigen, gab diesen ein einheitliches Design. Kräftige schwarze Ränder sorgten für rasche Wiedererkennung. Zugleich annoncierte er immer wieder andere Warenposten, seien es Gardinen, Pelz- und Tapisseriewaren, Leinen, Tapeten, Glas und Tafelgeschirr. Es mag sein, dass dies in Zusammenarbeit mit Hermann Lubaschs Luxuspapierfabrik erfolgte, die auch Reklamekarten und -plakate erstellte (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898). Trotz dieses zeitweiligen Gegenstemmens begann im März 1899 die Auflösung des nach wie vor allgemein bekannten Verkaufsgeschäftes. Ein Haarsalon warb für sich noch im November mit dem Hinweis „gegenüber Magazin Lubasch“ (Berliner Tageblatt 1899, Ausg. v. 26. November, 12).

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Ankündigung der Geschäftsauflösung von Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 119 v. 25. Mai, 10)

Wie schon bei der Abwicklung der Filiale in der Rosenthalerstraße zog sich die Auflösung lange hin, war eher ein Ausverkauf auf Raten. Billig war Trumpf. So wurden Porzellangegenstände für nur 10 Pfennige das Stück verkauft, „‚um die Unzuträglichkeiten einer Gratisverteilung zu vermeiden‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 151 v. 7. Juni, 1). Die Konkurrenz zeterte, denn durch das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb von 1896 war das sogenannte Nachschieben von Waren bei Ausverkäufen unter Strafe gestellt worden. Mehr als ein Jahr nach der angekündigten Auflösung hieß es aber immer noch: „Die Auflösung des Magazin A. Lubasch muß in diesem Jahr beendet sein. Die noch vorhandenen großen Lagerbestände werden demnach zu außerordentlich billigen Preisen verkauft“ (Vorwärts 1900, Nr. 74 v. 29. März, 8).

Es ist nicht klar, wann das Magazin A. Lubasch schließlich seine Türen schloss – auch wenn dies irgendwann im Jahre 1900 geschah. Das Großhandelsgeschäft für Hotels und Gaststätten wurde noch einige Zeit fortgeführt (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032). Formal wurde die Firma A. Lubasch erst 1908 gelöscht (Berliner Tageblatt 1908, Nr. 586 v. 16. November, 11). Philipp Lubasch hatte schon vor der Jahrhundertwende das Amt des Generalvertreters der Helsingborger Gummischuhfabrik übernommen (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898) und reüssierte nach der Jahrhundertwende unter „Gummischuhe Engros“ in der Kreuzberger Michaelkirchstraße 24a (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032; ebd. 1908, Bd. 1, 1556). Lubasch wohnte auch nach der Schließung des Magazins in der Kommandantenstraße, doch zog er dann nach Wilmersdorf in die Joachimsthalerstr. 21 (Berliner Adreßbuch 1908, Berlin o.O., Bd. 1, 1556). Hier starb er am 8. September 1909.

 

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Grabstätte des Ehepaar Philipp und Auguste Lubasch auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee 2019

Sein Ableben wurde vermerkt, traf jedoch auf kaum Widerhall. Er wurde als „Gründer des ersten Berliner Warenhauses“ (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 423 v. 10. September, 8) gewürdigt, gewiss zu Unrecht. Die kurzen Notizen hoben nicht Leistungen, sondern die Niederlage hervor: „Unter der Firma A. Lubasch eröffnete der Verstorbene Ecke Kommandanten- und Oranienstraße ein Kaufhaus, das aber von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ hieß es in der Berliner Volks-Zeitung (Nr. 423 v. 10. September, 4). Auch das Berliner Tageblatt erwähnte, dass sein Geschäft „von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ (Nr. 455 v. 8. September, 10). Philipp Lubasch wurde am 9. September 1909 auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beerdigt (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 455 v. 8. September, 10), sein Grabmal steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu denen von Unternehmern wie Bernhard Loeser (1835-1901), Philipp Freudenberg (1833-1919) und Rudolf Mosse (1843-1920).

Am Ende dieses höchst fragilen Puzzles stellt sich die Frage nach der historischen Bedeutung des Magazins A. Lubasch. Das entspringt dem Wunsch, das „wirkliche Leben noch einmal unwirklich zu erfinden, nicht eins zu eins, sondern viel genauer“ (Herta Müller, Mein Vaterland war ein Apfelkern, München 2014). Das kann nicht gelingen. Lubasch war ein Übergangsphänomen, verkörperte den Aufstieg und Wandel des Kleinhandels von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der Betrieb verdeutlicht die beträchtlichen Probleme, diese Veränderungen begrifflich und analytisch klar zu fassen. Vom Handelsmann über das Magazin hin zum Warenhaus? Wohl kaum. Das Puzzle ist wohl eher eine Rückfrage an unsere Vorstellungen vom Wandel, vom geschäftlichen Erfolg. Das Magazin A. Lubasch steht quer zu gängigen linearen Vorstellungen klar zu definierender Betriebsformen, mögen wir diese auch brauchen, um uns nicht in Einzelgeschichten zu verlieren. Lubaschs Unfähigkeit, vielleicht auch Weigerung, das tradierte Partiewarengeschäft zu systematisieren, in neue, ansprechendere und noch erfolgreichere Formen zu lenken, entsprach paradoxerweise der seiner mittelständischen Konkurrenten, die in seinem Großbetrieb vor allem einen Angriff auf ihre Art des Wirtschaftens, auf ihre Art des Lebens sahen. Die Geschichte seines Magazins lenkt unsere Blicke auf höchst unterschiedliche und doch zusammenhängende Felder: Das des Aufstiegs hin zum reichen Unternehmer, das der um Würde und Einkommen ringenden Beschäftigen, auch das von Gegnerschaft und Feindschaft, so beliebig und doch unerbittlich. Das Feld der harten direkten Konkurrenz, der Niederlage im Wettbewerb, der öffentlichen Bewertung, voller Häme und doch stiller Bewunderung. All das ist eins, so wie auch die Fülle der nicht zusammenpassenden Partiewaren ein Geschäft ergab, das Magazin A. Lubasch.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2019