Schaufenster und Schaufensterwerbung im langen 19. Jahrhundert

Werbung ist in den letzten Jahrzehnten zu einem bedeutenden Thema der internationalen Sozial­ und Wirtschaftsgeschichte geworden. [1] Neue, publikumswirksame Themen konnten so erschlossen werden und zugleich begann man, sich mit den Konturen der modernen Konsumgesellschaft auseinanderzusetzen. Doch die wachsende Zahl einschlägiger Publikationen kann nicht verdecken, dass es gerade in Deutschland an Grundlagenforschung mangelt. Werbung kann angemessen nur im Kontext von Konsum, Kleinhandel und Konsumgüterproduktion verstanden werden – und hier sind valide Studien dünn gesät. [2] Noch weniger wissen wir über die neu entstehende Objektwelt des 19. Jahrhunderts. Welche Waren beworben und gekauft wurden, an welchen Orten man sie erstand und in welchem Rahmen man sie sah – solche einfachen Fragen sind für die deutschen Lande kaum zu beantworten. Wir sollten sie uns jedoch stellen, hat doch nicht nur der Pariser Anthropologe Bruno Latour auf die grundlegende Bedeutung solcher Objekte für das Verständnis der Moderne hingewiesen. [3]

Eine der zentralen Innovationen der frühen Konsumgesellschaft war das Schaufenster. Dahinter wurden die Waren präsentiert und so ein Kunstraum des Käuflichen geschaffen. Doch wie so viele andere Objekte wirkte es erst in einem Gesamtensemble: „Schaufenster wurden zu den urbanen Attraktionen, sie bildeten die Anziehungspunkte der Straße, wirkten wie Magneten, die die Menschenströme in ihren Bann zogen.“ Die Schaulust des Publikums und der Zeigestolz der Händler und Produzenten trafen sich an einem gemeinsamen Ort. Hier fand die Ware zu sich selbst: „Losgelöst aus der Sphäre unmittelbaren Konsums, erschien die Ware dort im verglasten Kunstraum als Objekt, das nicht mehr wegen seines Gebrauchs- und Tauschwertes, sondern scheinbar nur um seiner selbst willen interessierte: Das Objekt will nicht benutzt und nicht gekauft, sondern betrachtet und bestaunt werden. Das Schaufenster ermöglicht die ästhetische Epiphanie der Ware.“ [4] Das Schaufenster verwandelte die schnell wachsenden Städte in Stätten von Zeichen und Bedeutungen und stand damit am Beginn eines modernen Lebensstils, unseres Lebensstils.

Derartig allgemeine Charakterisierungen findet man häufig, selten aber klare Entwicklungslinien, Periodisierungen oder gar Versuche, diese empirisch zu belegen. [5] Darum wird es im Folgenden gehen. Grundsätzlich lassen sich vier Entwicklungsstadien des Schaufensters und der Schaufensterwerbung in deutschen Städten des 19. Jahrhunderts nachzeichnen, die auch den folgenden Beitrag untergliedern: War das Schaufenster erstens bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts lediglich Repräsentationsmittel weniger Luxuswarengeschäfte, so setzte es sich zweitens bis in die 1870er Jahre in den Großstädten des Deutschen Reiches allgemein durch. Danach veränderten sich drittens sowohl das Schaufenster als auch die Dekorationsweise grundlegend. „Glaspaläste“ und „Schaufensterkunst“ fanden um die Jahrhundertwende ihren Höhe- und Wendepunkt. Denn seitdem weitete sich viertens die Werbesphäre in den Laden hinein und wurde zum Vorbild der allgemeinen Warenpräsentation. All dies hatte eine hohe Bedeutung nicht nur für die Geschichte von Werbung, sondern auch für Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschen Reiches.

Das Schaufenster vor dem Durchbruch zur Konsumgesellschaft

Das Schaufenster ist ohne einen Laden nicht denkbar. Doch der Laden, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht, hatte anfangs keine Schaufenster. [6] Seine Vorform bildete die Bude, ein fester Marktstand, der Verkäufer und Waren vor den Unbilden der Witterung schützte. Die Vorderseite bestand zumeist aus zwei hölzernen Läden, von denen der eine hoch­ und der andere heruntergeklappt wurde: Zwei Läden machten einen Laden. Dergestalt besaßen die Budenhändler einen Verkaufstisch, auf dem ein Teil der Ware ausgelegt werden konnte, sowie Käufer und Verkäufer einen begrenzten Schutz gegen Sonne und vor allem Regen. Der einfache Holzladen verband den freien Zugang zur Ware am Tage und angemessene Sicherheit des Nachts.

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Kaufladen in der frühen Neuzeit (Vorwärts! Magazin für Kaufleute NF 3, 1862, 87)

Sein Prinzip wurde auch beibehalten, als sich der Verkauf mehr und mehr in Häuser verlagerte. Hier konnten die Händler größere Warenmengen lagern, konnten Handwerker Produktion und Verkauf miteinander verbinden. Der Käufer aber blieb noch außerhalb, er betrachtete das Angebot vom öffentlichen Raum der Straße. Dieses Prinzip blieb in deutschen Landen – anders als in Frankreich, Großbritannien und Österreich – bis ins späte 18. Jahrhundert bestehen. Die seit dem 16. Jahrhundert grundsätzlich vorhandenen Butzenscheibenfenster dienten der Beleuchtung des Innenraums, nicht der Schaustellung der Ware. [7] Für kommerzielle Zwecke waren sie zu klein und ermöglichten nur einen verzerrten Blick auch auf dicht hinter der Scheibe aufgestellte Produkte. Das galt ebenso für Schiebefenster und aushängbare Fenster. Auch als 1688 vom Franzosen Louis Lucas de Néhou (?-1728) entwickelte Verfahren für die Herstellung gewalzten Gussglases blieb für den Kleinhandel im deutschen Sprachraum recht folgenlos. Allerdings erlaubten die bis zu 2 x 1,20 Meter großen Coulage-­Scheiben, anders als die mundgeblasenen und stets auch welligen Fensterscheiben, einen ziemlich klaren und kaum verzerrten Blick auf die Waren.

Die lange Dauer zwischen der Erfindung und der allgemeinen Verwendung dieser ersten Schaufensterscheiben resultierte denn auch nicht allein aus dem hohen Preis, schließlich wurden Spiegelscheiben schnell ein markantes Kennzeichen adeliger Repräsentationsarchitektur. Vielmehr benötigten die gehobenen Verkaufsläden des späten 17. Jahrhunderts, die Schaufenster durchaus hätten bezahlen können, noch keine öffentliche Warenschaustellung. Die Ansprüche des Adels waren exklusiv, sie wurden direkt geäußert und direkt befriedigt. Die Situation änderte sich erst mit dem Aufkommen einer zahlungskräftigen bürgerlichen Klientel. Sie schuf eine neue politische, zugleich aber auch kommerzielle Öffentlichkeit. Entsprechend waren es britische und französische Luxuswarengeschäfte, die zuerst Gussglasscheiben einsetzen. In Deutschland lassen sich entsprechende Läden zwar 1725 in Würzburg oder auch 1740 in Augsburg nachweisen, doch blieben diese seltene Ausnahmen. [8] Allgemeinere Verbreitung fanden Gussglasscheiben erst im frühen 19. Jahrhundert. [9]

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Verglaste Außenwände einer Kunst- und Musikalienhandlung in Hamburg um 1835 (W[ilhelm] Melhop, Alt-Hamburgische Bauweise, 2. neubearb. Aufl., Hamburg 1925, 322)

Dennoch machte die Schaustellung der Ware in deutschen Städten auch im 18. Jahrhundert Fortschritte. Innerhalb des Ladens kamen Schautische auf, die im Verkaufsraum standen. Besonders größere Läden mit Flügeltüren lockten so die Käufer in die Läden. Die Tische, auf denen stets wertvollere Waren ausgelegt wurden, übernahmen die Funktion des unteren Klappladens. Sie standen meist inmitten des Raumes, wiesen so zurück auf ihre präsentistische Funktion. Die Kunst der Warendarbietung entstand innerhalb des Verkaufsraumes. Die Ladenfassaden wurden dagegen noch durch Firmenschilder beherrscht, auf deren Reiz- und Informationskraft die meisten Händler vertrauten. [10] Die Ware lockte erst im Inneren des Ladens. Die Luxuswarengeschäfte schufen zwar Räume für den Konsum bürgerlicher Schichten, doch grenzten sie zugleich die kaum zahlungsfähige Mehrheit der Bevölkerung aus. Die Verkaufsräume betrat nur derjenige, der sich die teuren Textilien, Einrichtungsgegenstande und Apparate leisten konnte. Dem entsprach ein informeller Kaufzwang.

Die Durchsetzung des Schaufensters in deutschen Städten (ca. 1835 bis 1870)

Entscheidend für die wachsende Bedeutung des Schaufensters sollte der quantitative Aufschwung des Kleinhandels werden. Dieser lag in den 1830er Jahren, steht in seiner Bedeutung kam hinter der so einseitig gedeuteten „Industrialisierung“. [11] Diese wird fast durchweg verengt auf die Veränderungen im Produktionssektor. Die vielfaltigen Überlappungen zwischen Produktion und Absatz, die damals überproportional wachsende Zahl leistungsfähiger Handelsbetriebe und der Zwang, die im Produktionssektor arbeitenden Personen auch versorgen zu müssen, werden von bequem zusammengeschriebenen Handbüchern in der Regel nicht beachtet. Angesichts eines vielerorts noch gebundenen Gewerberechtes verortet man den nachhaltigen Aufschwung des Kleinhandels – und damit eine Konsumgesellschaft – erst in die 1870er, teils gar erst in die 1890er Jahre. [12] Das hängt eng mit der irreführenden Vorstellung einer „Warenhausgesellschaft“ zusammen. Erst diese scheinbar neuartigen Läden hätten, so die gängige These, die für Absatz, Werbung und Schaufenstergestaltung entscheidenden Maßstäbe gesetzt. [13] Blickt man jedoch auf lange vorher einsetzenden Veränderungen im Kleinhandel, so muss man dies revidieren: „Sollte je der Handel besser in der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung aufgearbeitet werden, wird wohl auch die Geschichte der Werbung in ihrer Anlaufphase neu periodisiert werden müssen.“ [14] Und zugleich erscheint die deutsche Stadt schon deutlich früher als Ort der Warenpräsentation und des demonstrativen Einkaufens.

Seit den späten 1830er Jahren nahm der Absatz von Konsumgütern in Läden mittlerer und kleinerer Händler in deutschen Landen stark zu. Wurden in Preußen beispielsweise 1837 21.782 Kaufleute mit offenen Verkaufsstellen gezählt, so hatte sich deren Zahl bis 1858 auf 48.625 erhöht. Relativ zum Bevölkerungswachstum nahm die Zahl dieser Gruppe binnen 21 Jahren um 76,4 % zu, während die Bedeutung der größtenteils ohne Läden agierenden Krämer, Höker und Trödler relativ schwand und absolut nur um 10,1 % (von 89.149 auf 98.158) zunahm. [15] Die Ladenhändler arbeiteten vorwiegend in Städten. Trotz gewerberechtlicher Beschränkungen ergänzten sie mehr und mehr das traditionelle, durch Wochen- und Jahrmärkte, Hausierer und Höker, den Handwerkshandel und Krämer geprägte Versorgungssystem, und an immer mehr Orten entwickelte sich der Laden zur dominanten Form des Kleinhandels. Die neuen Läden waren seit dem 2. Drittel des 19. Jahrhunderts immer häufiger mit Schaufenstern versehen. Diese entwickelte sich denn auch bis zur Reichsgründung zum wichtigsten Werbemittel eines zunehmend wettbewerbsorientierten Kleinhandels.

Wegweisend – gleichermaßen für die Produktion wie für den Absatz – war dabei das Textilgewerbe. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es beispielsweise in Berlin üblich, Kleidung entweder selbst zu nähen oder aber als Maßanfertigung vom Schneider anfertigen zu lassen. Zwar gab es seit Beginn des 18. Jahrhunderts Schneider, Händler und Verleger, die auch fertige Kleidung verkauften, doch trotz deren wachsender Bedeutung war der Handel mit gebrauchten Kleidern noch lange bedeutender. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich dies folgenreich. Die zunehmende Zahl alleinstehender (und kaufkräftiger) Männer, der wachsende Fremdenverkehr Berlins und die steigende Bedeutung der Mode, die einen schnelleren Wechsel der Garderobe erforderte, waren Grundlagen für den Aufstieg des Magazins. Hierunter ist ein Kleinhandelsgeschäft zu verstehen, welches Waren von Heimarbeitern, Handwerkern oder auch in eigenen Werkstätten produzieren ließ, dessen Hauptgeschäft aber der Verkauf bildete. Wurden anfangs vor allem Hosen, Westen und Röcke angeboten, so wurde das Sortiment seit den 1820er Jahren auch um Schlafröcke, dann um Joppen und Mäntel, Hemden und Kragen erweitert.

Das wachsende Angebot führte zu wachsender Spezialisierung: Neben Wäsche- und Leinwandhandlungen traten seit den 1830er Jahren gesonderte Herrengarderobemagazine. Adressbuchdaten verdeutlichen den tiefgreifenden Wandel: Gab es in Berlin 1830 erst 54 Wäsche- und Leinwandhandlungen, so waren es 1838 schon 116, 1847 dann 158. 1838 wurden erstmals auch zwanzig Herrengarderobemagazine aufgelistet, deren Zahl bis 1847 auf 66 stieg. [16] Berlin war Vorreiter, keine Ausnahme: In Hamburg stieg die Zahl der Kleiderhandlungen zwischen 1800 und 1822 von zehn auf 39, die der Modewarenhandlungen von 19 auf 31, und die der Manufakturwarengeschäfte gar von zehn auf 91. [17] In den wenigen Großstädten machten diese Geschäfte Schaufenster zum Alltagsphänomen. Schon 1830 glaubte die Hamburger Polizeibehörde gegen die Unsitte einschreiten zu müssen, die ausgestellte Ware mit tiefgezogenen Markisen gegen die Sonnenstrahlung zu schützen. [18]

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Schaufenster in Hamburg (Alter Jungfernstieg) 1846/47 (Hamburgs Neubau. Sammlung sämmtlicher Façaden der Gebäude an den neubebauten Strassen, Charles Fuchs, Hamburg 1846/47 (ND Hannover 1985), Bl. 39)

Die Magazine standen nicht allein für eine neue Betriebsform des Kleinhandels. Sie zeichneten sich auch durch neuartige Werbung aus. Die Hamburger Innenstadt war 1842 durch einen Brand fast vollständig zerstört worden, und die wieder aufgebauten Straßenzüge wurden 1846/47 in einer umfangreichen Lithographieserie festgehalten. Die obige Abbildung zeigt Fassaden gleich zweier Magazine. Beide verfügten über Schaufenster, in beiden fand sich wohldrapierte Ware. Diese Magazine bilden keine Ausnahmen im Straßenbild. Sie waren umrahmt von den Schaufenstern anderer Fachgeschäfte, die allesamt gewerblich gefertigte Waren anboten. Ähnliches galt auch für die Nebenstraßen der Innenstadt.

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Schaufenster in Hamburg (Bohnenstraße) 1846/47 (Hamburgs Neubau, Bl. 17)

Läden mit Schaufenstern dominierten. Gewiss, sie waren fast durchweg kleiner als in den Hauptstraßen, zudem handelte es sich zumeist um preiswertere Sprossenfenster. Die vor 1842 vielfach genutzten Erkerfenster, die sog. „Ausbauer“, fehlten hier; ihr Bau war nach dem Großen Brand verboten worden. [19] Doch nicht allein Textilwarengeschäfte stellten ihre Waren sinnfällig aus. Schuhe, Lederwaren und sogar Fleischwaren wurden in Hamburg schon vor der Jahrhundertmitte im gläsernen Ambiente präsentiert. Bemerkenswert war zudem die Kombination gewerblicher Tätigkeiten (Schuhmacher, Handschuhfabrik) mit einem schaufensterbewehrten Ladengeschäft. Auch in der Frühindustrialisierung war Güterproduktion kein Wert an sich, sondern bekam ihren Sinn erst durch den Absatz. Die Hamburger Lithographieserie enthielt Abbildungen von insgesamt 218 Läden der Innenstadt. Schaufenster fehlten fast nirgends, einzelne Läden präsentierten ihre Waren gar hinter vier großen Spiegelscheiben. Vereinzelt fanden sich schon Beleuchtungseinrichtungen; flackerndes Licht lud in Hamburg schon vor der Jahrhundertmitte zum abendlichen Schaufensterbummel. [20]

In der preußischen Hauptstadt Berlin entstanden seit den späten 1830er Jahren nicht allein deutlich mehr Magazine als in der Hansestadt Hamburg. Hier entstanden auch erste Großbetriebe des Kleinhandels, auch wenn deren Schaufenster noch nicht besonders hervorragten. Das 1836 gegründete „Modewaaren-Lager“ von Herrmann Gerson beschäftigte 1852 schon acht Aufseher/innen und 120-140 Arbeiterinnen in zwei Geschäftshäusern, 150 Meister mit ca. 1.500 Gesellen als Zulieferer und ca. 100 Personen im zweistöckigen Verkaufslokal. Doch das von 120 Gasflammen beleuchtete Magazin lockte seine Kundschaft mit nur zwei jeweils fünf Fuß breiten Spiegelscheiben. Hier zeigte sich noch deutlich die Tradition des Luxuswarengeschäftes, welches für eine feste und wohlsituierte Klientel Ware anbot. [21] Auch das 1839 entstandene Manufakturwarengeschäft Rudolph Hertzog, später größtes deutsches Kaufhaus und als Versandgeschäft in Europa führend, verfügte nur über durchschnittliche Schauflächen und konzentrierte sich stattdessen auf eine großzügige Annoncenreklame.

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Landsbergers Magazin in Berlin 1860 (Robert Springer, Berlin. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen, Leipzig 1861, 336)

Andere Magazine aber nutzen das neue Werbemedium des Schaufensters konsequent. Eindringlicher Beleg hierfür war das Garderobe-Magazin von Louis Landsberger. Nicht mehr zwei, nicht mehr vier, sondern zehn großformatige Spiegelscheiben schmückten den Geschäftsbau mit seinen zwei Verkaufsetagen. Die Schaufenster umrundeten den Laden, dokumentieren in ihrer Massiertheit Größe und Umfang des Angebotes. Wachsende Verkaufsflächen gingen einher mit wachsenden Schaufensterfronten. Als Kundenmagnet wirkte zusätzlich die Beleuchtung mit 316 Gasflammen, die das Magazin abends zum Blickfang werden ließ. Doch auch Landsberger bildete nur die Spitze eines breiten Ensembles. [22] Folgen wir doch einmal einem Stadtführer des Jahres 1861: „Unsere wohlgenährten Altvordern, die nur für den realen Genuß waren, kannten nicht den Schimmer der Spiegelscheiben und der Bronze, nicht die Farbenpracht, nicht den Zauber des Luxus und den Reiz der Künste. Desto besser verstehen wir uns auf solche Vorzüge. Den Unterschied zwischen Sonst und Jetzt sieht man nirgend auffälliger als an den Verkaufsläden. […] Betrachten wir jetzt jene Läden, […] wo die Waaren, von hübschen Händen geordnet, das Auge bezaubern! […] Sehen Sie dort, meine Damen, die strahlenden Fenster, die man mit Jakona und Organdis drapirt hat, mit Long-Shawls, wofür Sie ihr Lächeln verkaufen, mit venetianischen Spitzen, die Sie um ihre Liebe eintauschen! Sehen Sie hier, Dandies aus der Provinz, die prächtigen Piquéwesten! Steigen Sie hinunter in jene unterirdische Behausung: der Bärenschinken ist servirt und der Cliquot auf Eis gestellt. Hier die glänzenden Hüte à ressort, die zierlichen Ancreuhren, die Velourdecken, die riesigen Spiegel in Goldrahmen; dort kunstvolle Bronzewaaren, werthvolle Oelgemälde, Buffets mit Marmorplatten, prachtvolle Tafelservice; Blumenbouquets in schöneren Farben als die Gaben der Flora Cypris; hier die schönen wissenschaftlichen Sammelwerke in Prachtbänden, Zahn‘s Ornamente aus Pompeji, der Reliquienschein von Brügge in wundervollen Photographien. Welche Fülle von Pracht, Annehmlichkeit und Schönheit für den bevorzugten Sterblichen, der mit Sinn für die Genüsse des Lebens und mit reichlicher Rente gesegnet ist!“ [23]

Ein Schaufensterbummel war in Berlin also schon lange vor der Reichsgründung möglich und reizvoll. Der Reiseführer konzentrierte sich allerdings auf teurere, exklusive Produkte, die innerhalb der Klassengesellschaft der Hauptstadt für die meisten Bewohner unerschwinglich blieben. Und doch begannen in den 1860er Jahren auch Geschäfte mit einfacherem Angebot, vielfach auch Kolonialwaren- und Feinkostläden, mit der Um- und Neugestaltung ihrer Fassaden. Dabei gingen viele Kleinhandler Kompromisse ein: „Sehr oft werden gewöhnliche Fenster zur Schaustellung benutzt und wäre dann der einzige Unterschied, dass größere Scheiben in Anwendung kommen. Dass solche Anlage nur den einfachsten Forderungen entspricht, liegt auf der Hand; die Schaustellung ist hierbei sehr beeinträchtigt und ist gewöhnlich die zu hohe Lage der Fenster störend. Große Ausbreitung der Waren gestattet aber ein Fenster nicht und daher dürfte ein solches nur in Anwendung kommen, wo es darauf ankommt anzuzeigen, was für ein Geschäft sich an dem betreffenden Ort befindet.“ [24]

Die Schaufenster derartiger kleiner und mittlerer Geschäfte sind natürlich kaum mit denen der Großbetriebe zu vergleichen. Doch festzuhalten ist, dass auch etablierte Läden sich um An- und Umbauten zumindest bemühten. Zugleich wurde es in den 1860er Jahren üblich, neue Läden bereits beim Bau mit Schaufenstern auszustatten. Schaufenster wurden integraler Bestandteil des Kaufladens: „Die Schaufenster zum Ausstellen der Waaren müssen möglichst breit angelegt sein, und bedient man sich jetzt allgemein zur Unterstützung der oberen Geschosse der eisernen Säulen und Träger statt der in Stein ausgeführten Pfeiler und Bogen, weil dadurch an Raum gewonnen wird. Man ordnet dann recht oft die oberen Geschosse ganz unbekümmert von den unteren mit anderen Axen an, weil man die Axentheilung der unteren Geschosse doch kaum erkennt, indem bei der geringen Dimension des Eisens letzteres fast verschwindet und nur eine Glasflache sichtbar ist.“ [25]

Die hier schon diskutierte Verwendung von Stahl und Glas schuf ganz neue Möglichkeiten der Fassadengestaltung. Seit Anfang der 1870er Jahre wurden zunehmend auch zweigeschossige Schaufensteranlagen gebaut. [26] Ladenlokale mit Schaufenstern, die von der Mehrzahl der kleineren und mittleren Händler ja gemietet wurden, gehörten seitdem mehr und mehr zur üblichen Ausstattung größerer Geschäfts- und Wohnhäuser. Verlässliche Zahlen fehlen, so dass nicht überprüft werden kann, ob es 1880 in Berlin wirklich „3000 wirkungsvolle Schaufenster“ [27] gegeben hat, wie ein Zeitgenosse behauptete. Zweifellos aber waren in Berlin Schaufenster im Handel mit Gütern des gehobenen und periodischen Bedarfs schon vor der Reichsgründung 1871 üblich. Zwar hinkte der Kleinhandel mit Lebensmitteln dieser Entwicklung noch hinterher, doch der Delikatessen- und Kolonialwarenvertrieb erfolgte schon vielfach in Läden mit gläsernen Fronten. [28]

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Fassade des Karlshofes in Aachen 1869 (Deutsche Bauzeitung 3, 1869, 496)

Das neue Objekt des Schaufensters hatte sich zu dieser Zeit auch schon in der Provinz des Reichs fest etabliert. Die Abbildung zeigt ein „charakteristisches Beispiel der Facadenbildung von Privatbauten“ im Rheinland: Vier großformatige Schaufenster sprechen dagegen, die Durchsetzung eindringlicher Schaufenster erst in die 1890er Jahre zu datieren und mit der Entstehung der Warenhäuser zu verknüpfen. Im Gegenteil begann in Deutschland nach der allgemeinen Etablierung bereits in den 1870er Jahren eine Differenzierung der Schaufenster nach Größe, Anzahl und immer stärker nach der Dekoration. Sie entsprach nicht allein dem herrschenden Geschmack und Baustil, sondern war auch ein wichtiges Unterscheidungselement in einer gleichermaßen von Produktion und Distribution geprägten Wettbewerbsgesellschaft. Die deutschen Großstädte waren schon vor der Jahrhundertwende Stätten bürgerlichen Konsums geworden, und in den Schaufenstern lockten die Verheißungen einer Welt zunehmenden Wohlstands und allgemeinen Fortschritts.

Universalisierung und Differenzierung des Schaufensters in der Wettbewerbsgesellschaft (ca. 1870 bis 1900)

Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 war nicht allein eine politische Zäsur. Sie führte auch im Felde des Gewerberechts zu einer umfassenden Liberalisierung. Freizügigkeit und Gewerbefreiheit gab es in den meisten deutschen Ländern zwar schon zuvor, doch nun setzten sich diese Prinzipien endgültig durch. Die Verstädterung nahm zu, mündete in den qualitativen Prozess umfassender Urbanisierung. Die Zusammenballung großer Menschenmassen und hoher Kaufkraft ermöglichte dem Kleinhandel ein sich beschleunigendes Wachstum. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung wurde strikter, und schon während der 1873 einsetzenden Depression zeigte sich, dass eine wachsende Güterproduktion von liquidem Kapital, vor allem aber von gesichertem Absatz abhängig war. Absatz konnte jedoch nur durch ein leistungsfähiges Kleinhandelssystem gewährleistet werden, welches um die Käufer warb, welches etablierte und neue Waren an die Kunden verkaufte. Der Aufbruch in den Wettbewerb forderte vom Kleinhandel neue Lösungen nicht allein für die grundlegende Versorgungsaufgabe, sondern insbesondere für den Vertrieb der wachsenden Zahl bisher unbekannter gewerblich produzierter Produkte. Dazu bedurfte es einer Modernisierung des Betriebes, neuer Betriebsformen und einer veränderten Außendarstellung. Dem Kunden musste die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Ladens sinnenträchtig vor Augen geführt werden. [29]

Der Wettbewerb im Kleinhandel war nicht allein ein Wettbewerb der Waren, sondern auch ein Wettbewerb um das knappe Gut öffentlicher Aufmerksamkeit. Das Schaufenster nahm gerade angesichts der schnell wachsenden Bedeutung reiner Laufkundschaft einen zentralen Platz für eine erfolgreiche Arbeit vor allem im Gebrauchsgüterhandel ein. Und es war zugleich angemessenes Werbemedium einer Gesellschaft, in der die Präsentation von Warenqualität wichtiger war als die Qualität selbst. Um die Gesamtentwicklung angemessen beurteilen zu können, gilt es verschiedene, gleichwohl miteinander vernetzte Einzelentwicklungen voneinander zu scheiden:

Die Variationsbreite der Schaufensterwerbung nahm insgesamt zu. Neben die gediegene und warenzentrierte Werbung der Mehrzahl der Fachgeschäfte trat eine grelle, lärmende Reklame auch der Fassadenfronten. Das zeigt sich besonders am Beispiel der neuen Betriebsform der Bazare, die sich seit den späten 1860er Jahre aus den Magazinen entwickelten. Auch die Bazare bildeten anfangs prächtige, mit großem Prunk ausgestattete Geschäfte, doch verzichteten sie in der Regel auf eigene Güterproduktion. Sie waren durchweg mit ausladenden Schaufenstern versehen. Während der Depressionszeit entstand unter gleichem Namen jedoch auch eine Gruppe sogenannter Pfennigbazare (zumeist 50-Pfennig-Bazare), die geringerwertige Waren zu niedrigen fest umrissenen Preisen verkaufte und zugleich hohem Reklameaufwand betrieb. Der Begriff des „Bazars“ bekam dadurch einen negativen Grundton, der im seit den späten 1870er Jahren verwandten und vielfach antisemitisch grundierten Begriff der „Ramschbazare“ gespiegelt wurde. Diese in der Regel nicht allzu großen Läden nutzten Schaufenster und Gesamtfassade zu teils greller Anpreisung. Auch die ebenfalls in den 1860er Jahren aufkommenden Wanderlager sowie die Ende der 1870er Jahre entstandenen Abzahlungsbazare setzten auf eine vielfach als marktschreierisch gedeutete Reklame und provozierten damit schon früh Diskussionen über die kommerzielle „Verunstaltung“ der Innenstädte. [30]

Während sich die Bazare in der klassenspezifisch gegliederten Kleinhandelswelt des Kaiserreichs eher an Käufer aus der Mittel- und oberen Unterschicht wendeten, konzentrierten sich die aus den Magazinen entstehenden Kaufhäuser tendenziell auf die mittleren und oberen Klassen der Gesellschaft. Auch sie verzichteten zumeist auf eigene Güterproduktion, konzentrierten sich auf den Vertrieb von Waren. Doch schon aufgrund ihrer Größe besaßen sie meist eine nicht unbeträchtliche Nachfragemacht, die ihnen indirekten Einfluss auf die Lieferanten sicherte. Ihre Schaufenstergestaltung war zumeist gediegen, zurückhaltend und sachlich. Die Kaufhäuser waren jedoch zugleich Vorreiter einer allgemeinen Vergrößerung der Schaufensterflächen. Grundlage dafür boten zum einen Verbesserungen der Glasgusstechnik. Das Spiegelglas wurde glatter und durchsichtiger. Zugleich wurde es technisch möglich, größere Einzelscheiben zu produzieren. Wichtiger aber war, dass die Kaufhäuser schon in den 1870er und 1880er Jahren die neuen Möglichkeiten der Baustoffe Eisen und Stahl für eine immer prächtigere Schaufensterfront nutzten. [31] Nun entstanden rein funktionale Geschäftsbauten, die nur noch in Ausnahmefällen zu Wohnzwecken genutzt wurden. Citybildung und Schaufensterentwicklung waren eng miteinander verzahnt.

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Fassade des Geschäftshauses Rosipal in München 1884 (Zeitschrift für Baukunde 7, 1884, Bl. 9)

Die Abbildung zeigt eine 1884 neugestaltete Fassade des Münchener Kaufhauses Rosipal. Innerhalb des Geschäftes wurden rund um einen Lichthof auf drei Etagen Manufaktur-, Mode- und Schnittwaren verkauft, während sich die Verwaltung im dritten Stock befand. Dekorierte Schaufenster gab es in den ersten beiden Stockwerken, doch auch die großen Fenster im zweiten und dritten Stock dienten zu Werbezwecken.

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Obergeschosse des Berliner Kaufhauses Ascher & Münchow (1886/87) (Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 4, 1891, Tafel 27)

Das 1887 fertiggestellte Berliner Kaufhaus Ascher & Münchow zählte in den beiden Untergeschossen elf großformatige und aufwändig dekorierte Schaufenster. Dies allein genügte nicht, denn auch im zweiten Stock nutzte man insgesamt zwölf der schmaleren Fenster zur Präsentation damals moderner Einrichtungsgegenstände (die Abbildung zeigt davon nur vier). Die Fenster im dritten und vierten Stock wurden schließlich für Reklamebeschriftungen genutzt, um dadurch die Käufer in der Leipziger Straße schon von weitem auf das Angebot aufmerksam zu machen. Die Glasflächen der Kaufhäuser wuchsen schon in den 1880er Jahren bis an die Spitze der Geschäftsgebäude, folgten dabei auch der wachsenden Monumentalität damaliger Geschäftsstraßen und Prachtboulevards. Das Prinzip gläserner Fronten wurde dann in den späten 1890er Jahren von den neu entstehenden Warenhäusern auf die Spitze getrieben. [32] Von den Kaufhäusern unterschieden sie sich durch ihr breites Angebot vermeintlich nicht zusammengehöriger Waren. Ihre Architektur war durch neue Innenraumkonzepte, die konsequente Nutzung von Lichthöfen und eine stark auf vertikale Pfeilerkonstruktionen ausgerichtete Fassadengestaltung originell und innovativ, doch in der Gestaltung der Schaufensterpartien befanden sie sich sowohl in der Tradition deutscher Kaufhäuser als auch der wesentlich prächtigeren französischen Grands magasins. [33] Das 1897 von Alfred Messel (1853-1909) erbaute Warenhaus Wertheim und das 1899/1900 errichtete, ebenfalls in Berlins Leipziger Straße gelegene Warenhaus Hermann Tietz mit seinen zwei riesigen, jeweils 460 m2 umfassenden Schaufenstern, waren gewiss die bekanntesten Vertreter dieses Typus.

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Der Kaiser-Bazar als Schaufenster (Das Buch für Alle 27, 1892, 221)

Noch konsequenter allerdings war das um 1900 entstandene Mannheimer Warenhaus Kander: Stärker als bei seinen Berliner Vorbildern verzichtete man bei diesem Glaspalast auf eine schmückende Fassadengestaltung oder auch nur auf eine abrundende Dachkonstruktion. Die Eisen-Glas-Architektur hatte hier einen seltenen Höhepunkt erreicht, das Warenhaus erschien transparent, öffnete sich allseitig den neugierigen Blicken der Kundschaft. Ästhetische, architektonische und brandschutztechnische Erwägungen führten jedoch dazu, dass diese nur noch an Monumentalität zu überbietende Steigerung der Schaufensterfronten an einen Wendepunkt geriet. [34] In der Fabrikarchitektur wurde diese Bauweise allerdings – gemäß den Fabrikbauten von Steiff (Giengen, 1903) oder Fagus (Alfeld, 1911) – zum Vorreiter des Neuen Bauens.

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Das Warenhaus Kander in Mannheim 1900 (Kilian, 1994, 336)

Doch bevor wir auf die hieraus resultierenden Konsequenzen eingehen, müssen wir uns fragen, ob sich das Schaufenster auch abseits herausragender Einzelbetriebe universell durchsetzte. Im zweiten Teil wurde betont, dass in den 1860er Jahren im Gebrauchsgüterhandel auch mittlere und kleinere Betriebe Schaufenster neu einrichteten oder sich Verkaufslokale mieteten, die üblicherweise mit Glasfronten versehen waren. Auch im Handel mit Kolonialwaren und Delikatessen war dies nachweisbar. Doch es ist nicht möglich, diese Entwicklung präzise zu quantifizieren. Allerdings betonte der liberale Politiker und Genossenschafter Eugen Richter (1838-1906) schon 1867 eindringlich, dass Konsumgenossenschaftsläden eine ähnlich hochwertige Ausstattung wie konkurrierende Kolonialwarenläden haben sollten, um zugleich aber festzuschreiben: „Der Ausstellung von Waaren in den Schaufenstern zur Anlockung der Kunden enthalten sich dagegen alle Konsumvereine nach dem Muster der englischen Vereine grundsätzlich.“ [35] Auf Fotografien des letzten Jahrhunderts findet man seit den 1860er Jahren vielfach geschlossene Schaufensterfronten, die spätestens seit den 1880er Jahren stets auch die sesshaften Lebensmittelhändler umgriffen. [36] Lediglich die Konsumgenossenschaften grenzten sich zumindest bis zur Jahrhundertwende selbstbewusst aus, verfügten sie doch über einen festen Stamm eingetragener Mitglieder. [37]

Doch zugleich muss an ihr privatwirtschaftliches Pendant erinnert werden. Massenfilialbetriebe entstanden im Genuss- und Lebensmittelsektor vornehmlich seit den 1870er Jahren. Ihr Erfolgsrezept gründete nicht allein auf zentralem Einkauf und zentraler Verwaltung. Die Einzelfilialen besaßen vielmehr zunehmend einheitliche Außenfronten, deren Blickfang immer ein oder mehrere große Schaufenster bildeten. Zwar lag der eigentliche Aufschwung dieser neuen Betriebsform in den 1890er Jahren, doch entstanden die großen Ketten – Kaiser‘s Kaffeegeschäft verfügte 1900 schon über 667 Filialen – meist aus einfachen Kleinhandelsbetrieben. [38] Es scheint daher mehr als plausibel, dass das Wissen um die Werbekraft eines anziehenden Schaufensters auch im Kolonialwarenkleinhandel schon lange vor der Jahrhundertwende fest verankert war und allgemein praktiziert wurde.

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Filiale von Kaiser’s Kaffee-Geschäft 1904/05 (1880-1980. 100 Jahre Kaiser’s, hg. v. Kaiser’s Kaffee-Geschäft AG, Viersen 1980, s.p.)

Diese Universalisierung des Schaufensters zum zentralen Werbemittel des gesamten ladengebundenen Kleinhandels ging einher mit veränderten Präsentationsformen der Ware selbst. Schon in den Hamburger Schaufenstern wurde möglichst viel Ware gestapelt. Hiermit, so die allgemeine Überzeugung, könne die Leistungsfähigkeit des Geschäftes am besten dokumentiert werden. Doch massierte Warenpräsenz hatte nur begrenzte Lockkraft. Daher begann man spätestens seit den frühen 1870er Jahren damit, ungewöhnliche und spektakuläre Phantasiefenster einzurichten. [39]

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Phantasiefenster eines Fleischwarengeschäftes (Fliegende Blätter 115, 1901, Nr. 2927, 7)

Doch die Kritik an überladenen und ohne Sachbezug eingerichteten Schaufenstern ließ nicht lange auf sich warten, zumal in den Manufaktur-, Konditorei- oder Fleischwarenbranchen. Besonders die Dekoration toten Fleisches erregte Anstoß, auch wenn sie offenbar noch um die Jahrhundertwende weit verbreitet war [40].

Die schon in den 1870er Jahren offenbare Kritik deckte sich kaum mit dem in der bisherigen Forschung gezeichneten Bild der Schaufensterwerbung. [41] Der Übergang vom Phantasiefenster zu sachlichen Stapelfenstern wird gemeinhin mit den Elitendiskursen der Jahrhundertwende verbunden. Doch lange vor programmatischen Aussagen wie „Das neue Fenster will sachlich sein“ [42] war ein Großteil der Schaufenster schon „sachlich“ gestaltet. Städtische Schaufensterfronten wurden zum allgemeinen Präsentationsort moderner Waren. Die zunehmende Spezialisierung des Kleinhandels ließ die Schaufenster zugleich Ausdruck und Träger eines warenzentrierten Angebotes werden: „Beredter als Zeitungsannoncen ladet es zum Kauf ein, denn es zeigt die Waare selbst und erinnert dadurch den Kauflustigen nicht selten erst an Bedürfnisse, deren er ohne die Mahnung des Schaufensters nicht gedacht hatte“ [43].

Die städtischen Schaufenster präsentierten die Errungenschaften des technischen Fortschritts einfach und kaum verschnörkelt: „Durch riesengrosse Spiegelscheiben, […] fällt jetzt das Auge allenthalben auf bunteste Pracht und Fülle und ein Weg besonders durch die Hauptgeschäftsstrassen Berlins gleicht einem Spaziergang durch eine kleine internationale Ausstellung. Da giebt jeder Kaufmann mit grösstem Aufwand ein möglichst charakteristisches Bild seiner Branche und taucht es zum Ueberfluss noch in ein ganzes Meer hellfluthenden Lichtes.“ [44] Die Schaufensterdekoration wurde schon früh als kommerzielle Kunst verstanden, die der Unterhaltung einer wachsenden Zahl shoppender Käufer und Käuferinnen diente: „Die Perspective eine Ladens bei Abendbeleuchtung durch die Fenster betrachtet ist eins der herrlichsten Schauspiele, welches die große Stadt bietet, und wenn das Marmorlager, wo Werke der Sculptur aufgestellt sind, den höheren Kunstsinn noch starker anzieht und inniger erfreut, als die den Werken der Manufacturisten gewidmeten Verkaufshallen, so sind diese Werke doch der Mehrzahl nach, der Kunstsphäre nahe gehoben durch den Geist, welcher heutigen Tages auch im Handwerk sich regt, und die Betrachtung derselben ist folglich ein Genuß, der durch den Namen: Kunstgenuß nicht zu schmeichelhaft benannt ist.“ [45]

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Abendbeleuchtung vor einem Eingang des Kaufhauses Rudolph Hertzog (Der Bär 20, 1894, 441)

Vor diesem Hintergrund scheint es nicht nur angesichts mangelnder Detailforschung unangemessen, dem Kleinhandel vor der Jahrhundertwende Unmaß und mangelnden Kunstsinn zuzuschreiben. Symmetrisch aufgebaute Stapelfenster waren jedenfalls schon lange vor der Jahrhundertwende Gemeingut des Kleinhandels. Warenzentrierung war innerhalb der Schaufenster üblich und keine Ausnahme. Diese Entwicklung fand ihr Pendant in einer wachsenden Zahl von Waren, die im Schaufenster mit Preisauszeichnungen versehen wurden. Schon die Schaufenster der Magazine besaßen dadurch hohen Informationswert. [46] Diese Preistransparenz war aber nicht nur Ausdruck lauterer Geschäftspraxis. Vielmehr waren es gerade die neuen Betriebsformen des Pfennig-Bazars und des Wanderlagers, die geringe Preise seit den 1870er Jahren bewusst als Werbe- und Wettbewerbsmittel einsetzten. Sie schufen Preisdruck für die Konkurrenz, der in den 1890er Jahren durch Warenhäuser und Partiewarengeschäfte nochmals verstärkt wurde. Die Rechenhaftigkeit des Kunden wurde durch die immer häufigere Preisauszeichnung gerade in mittleren und kleineren Läden unterstützt: „Wenn wir in Berlin durch die Strassen gehen und vor einem Schaufenster eine ausserordentliche grosse Fülle sehen, so will ich darauf wetten, dass in dieser Auslage die Waaren mit Preisen versehen sind. Die Preisbezeichnung veranlasst eine Menge Leute, des Studiums halber stehen zu bleiben, auch solche, die im Augenblick gar nicht auf einem Kaufwege sind. Dieses Studium kostet dem Kaufmann nichts, aber es bringt ihm Vortheil; denn nachher heisst es zu Haus: ‚Da und da habe ich das und das zu dem Preise gesehen!‘ womit sich eine neue Kundschaft anbahnt. Um die misstrauischen und ängstlichen Käufer zu beruhigen, giebt es aber kein Mittel, als ihnen an allen Waaren, drinnen wie draussen, die lesbare Preisbezeichnung entgegenzuleuchten zu lassen. Das giebt auch demjenigen, der sich wegen Mangels an Sachkenntnis schwach fühlt, die angenehme Gewissheit, dass man ihm nicht mehr abnimmt, als den getriebenen Kunden.“ [47]

Die nachhaltigen Veränderungen der Dekoration der Schaufenster spiegelten sich aber auch im Entstehen eines neuen Berufszweiges – des teils noch semiprofessionellen Dekorateurs [48] – und einem immer bedeutenderen Angebot von Dekorationsmitteln. Gestelle, Ständer, Etageren, Attrappen, Borde, Spiegel, Plakate und vieles mehr wurde speziell für die Ausstattung von Schaufenstern gefertigt. Ein Lehrbuch listete 1895 allein 103 deutsche Firmen auf, die sich auf diese Produkte spezialisiert hatten. [49] Dazu kamen Anfang der 1890er Jahre mechanische Figuren, die jedoch ebenso wie der Automatenhandel nur geringe Bedeutung gewannen. [50] Auch die Verwendung mechanischer Klopfer, die an der Ladenfassade angebracht wurden, war eine Modeerscheinung, die sich nicht durchsetzen konnte. Wesentlich wichtiger waren dagegen Rollständer und Büstenfiguren, die eine lebensnahe Präsentation von Textilien ermöglichten. Wachspuppen kamen erst nach der Jahrhundertwende auf, hatten dann jedoch durchschlagenden Erfolg bei der Dekoration der größeren Geschäfte. [51] Alle diese Mittel halfen, die Schaufenster insgesamt attraktiver zu machen. Die hohen Kosten ließen die Unterschiede zwischen den Ladenfronten zugleich aber augenfälliger werden.

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Hilfsmittel zur Schaufensterdekoration (Kölner Local-Anzeiger 1904, Nr. 332 v. 1. Dezember, 6)

Auch wenn schon vor der Jahrhundertwende das Schaufenster in deutschen Groß- und Mittelstädten Allgemeingut war, so darf nicht vergessen werden, dass die Warenpräsentation technisch keineswegs ausgefeilt war. Für die Kleinhändler bedurfte es großer Anstrengungen, um den Kunden das Erlebnis eines gelungenen Schaufensterbummels zu ermöglichen. Die Glitzerwelt der Waren musste schließlich von der Straße aus betrachtet werden. Daher galt es Vorkehrungen zu treffen, um das Schaufenster bei allen Witterungsverhältnissen attraktiv zu machen.

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Wachstumsgewerbe Ladenbau (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 19, Beibl. 1, 1; ebd., Nr. 22/23, Beibl. 2, 2)

Augenfälligstes Hilfsmittel der meisten Läden war die Markise. Sie bestand in der Regel aus Leinwand und war meist mit Seitenblenden versehen. [52] Die Markise bot im Sommer Schutz vor Hitze, verringerte die Sonnenblendung und schützte zumindest vor leichtem Regen. Sie diente außerdem der Temperaturregulierung innerhalb des Ladens, denn gerade während des Sommers war Lüftung ein wichtiges Problem. Markisen nötigten zugleich dazu, nahe an das Geschäft heranzutreten, da sie den Blick von weitem beeinträchtigten. [53] Auch Rollläden behinderten insbesondere an Sonn- und Feiertagen den freien Blick auf Schaufenster und Waren. Doch die in Deutschland gebräuchlichen Holz-, später dann Stahlrollläden markierten zumeist mittlere und kleinere Geschäfte. Größere ließen dagegen ihre Schaufenster durchweg offen, da hochwertige Scheiben auch gegen Einbruch guten Schutz boten. Lediglich Kunsthändler und Juweliere griffen zu zusätzlichen beweglichen Gittern, so dass die Ware immerhin noch zu betrachten war. [54] Zu beachten ist allerdings, dass die Schaufenster bis zur Jahrhundertwende in den meisten Städten während der Hauptgottesdienstzeiten verhängt bzw. verschlossen werden mussten. Lokal blieben entsprechende Regelungen teilweise bis zum Ende des Kaiserreiches bestehen. [55]

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Eisverhangene Schaufenster selbst im Frühling (Fliegende Blätter 88, 1888, Beibl., 5)

Ein besonderes Problem bildeten außerdem Hitze und Kälte. Die Schaufenster bestanden in der Regel aus festen, schwer zu lüftenden Holzkästen. Kleine Lüftungslöcher halfen da wenig. Regelmäßig entstand Schwitzwasser, so dass ohne Gegenmaßnahmen die Fenster im Sommer beschlagen, im Winter dagegen gefroren waren. Im Laufe der Jahrzehnte wurden immer neue Hilfsmittel ersonnen, doch keines hatte einen nachhaltigen Effekt. Da offene Gasflammen im Fensterkasten eine hohe Brandgefahr bargen, wurden die Glasscheiben in der Regel alle paar Tage mit Glyzerin oder starken Chemikalien bestrichen. Trotzdem aber stand der Kunde häufig vor Schaufenstern, die nur teilweise einzusehen waren. [56]

Ein weiteres Naturhindernis bildete die Dunkelheit. Schaufenster mussten beleuchtet werden, um auch abends zu gefallen. Aufgrund der bis in die 1890er Jahre kaum beschränkten Ladenöffnungszeiten wurden viele Schaufenster anfangs von innen mit Kerzen und Petroleumleuchten, später dann mit Gasbrennern beleuchtet. Brandgefahr bestand stets, außerdem ließ das offene Feuer die Scheiben beschlagen. Gerade leistungsfähigere Geschäfte setzten daher schon frühzeitig auf die Außenbeleuchtung der Schaufenster. Dadurch konnten die Schaufenster jedoch schlechter ausgeleuchtet werden, außerdem blendeten die Lichter häufig. Gas- und Petroleumlicht schien gelblich, so dass sich die Farben der ausgestellten Waren grundlegend änderten. Seit den späten 1880er Jahren kamen dann elektrische Bogenlampen auf, in den späten 1890er Jahren auch das Gasglühlicht. Beide leuchteten weiß, doch verliehen sie den Waren einen kreidigen Charakter. Schon aus diesem Grunde waren kräftige Farben notwendig, erschien die Farbgestaltung der Schaufenster teilweise unnatürlich. [57] So bedeutsam die mit dem Schaufenster verbundenen Innovationen waren, so muss das Einkaufserlebnis der damaligen Zeit doch auch unter diesen Aspekten betrachtet werden, um nicht voreilig Vorstellungen unserer Zeit in die Vergangenheit zu projizieren. Kommerzielle Traumwelten stießen auch damals immer an die Grenzen natürlicher Gegebenheiten.

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Das Warenhaus Hermann Tietz (Berlin, Leipziger Straße) in nächtlichem Glanz (Die Woche 12, 1910, 373)

Diese Einschränkungen sind wichtig, um nicht der Apologie der urbanen Konsumgesellschaft zu verfallen. Die gläsernen Schaufenster zogen gewiss immer größere Kreise der Bevölkerung in ihren Bann. Doch trotz der steigenden Realeinkünfte waren die Barrieren von Klasse und Einkommen weniger durchlässig als die transparenten Scheiben der Läden.

Schaufenster und Läden als kommerzielle Ensembles (seit ca. 1900)

Die Entwicklung des Schaufensters war um die Jahrhundertwende an einer quantitativen Grenze angelangt. Neue Impulse, wie sie seit der Reichsgründung stets von neuen Betriebsformen des Kleinhandels erfolgt waren, blieben aus. Gewiss, spätestens seit den 1890er Jahren verbreiteten sich Schaufenster nicht nur in Mittelstädten, sondern waren auch immer häufiger in Kleinstädten anzutreffen. [58] Auch die kleineren Geschäfte der urbanen Außenbezirke glaubten nicht mehr auf gläserne Fronten verzichten zu können. Dennoch schritt die Entwicklung des Schaufensters weiter voran. Denn die Universalisierung des Schaufensters in den deutschen Großstädten um die Jahrhundertwende bewirkte einen qualitativen Sprung: Die Prinzipien der Schaufenstergestaltung griffen seither über in den Verkaufsraum, die „Schaufenster-Qualität der Dinge“ [59] erfüllte den gesamten Laden, prägte Ausstattung und Personal.

Den Hintergrund dieses Umschwungs bildete ein generelles qualitatives Wachstum des deutschen Kleinhandels, das spätestens zu Beginn der 1890er Jahre bestimmend wurde. Der intensivierte Wettbewerb führte zu geringeren Handelsspannen, steigerte zugleich aber die allgemeinen Kosten des Geschäftes. Daran hatte das Schaufenster einen wichtigen Anteil: „Enorme Summen verschlingt das moderne Schaufenster. Man macht sich im allgemeinen gar keine Vorstellung davon, wieviel verschiedene Dinge, von der riesigen Spiegelscheibe bis hin zu den kaum beachteten Warenständern benötigt werden, und wieviel Hände sich regen müssen, damit ein leidliches Schaufenster zustande kommt. Bloß die Einrichtung eines solchen kommt durchschnittlich für kleinere Maßstäbe von 150 Mk. bis auf 200 Mk. und für größere auf 1000 Mk., ja mehr zu stehen. Dazu kommen die Löhne für die Arrangeure.“ [60]

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Markenartikelwerbung als Alternative zur Eigendekoration (Über Land und Meer 103, 1910, 96)

Da schon zu Beginn der 1890er Jahre die Schaufensterdekoration auch in mittleren Geschäften durchschnittlich alle zwei Wochen neu gestaltet wurde [61], erhöhten sich die Fixkosten. Umsatzsteigerungen wurden betriebswirtschaftlich notwendig, um diese Kosten degressiv gestalten zu können. Parallel erhöhten sich die fachlichen Anforderungen an die Schaufenstergestaltung. Moden traten an die Stelle von Jahreszeiten und die Dekorationswarenindustrie bot immer neue, stets aber kostspielige Produkte an. Markenartikelanbieter nutzten dies, machten sich dadurch zumal bei Drogerieartikeln und Lebensmitteln unentbehrlich. Größere Betriebe konnten für die Dekoration eigenes Personal einstellen, der Dekorateur trat hier an die Stelle des dekorierenden Kleinhändlers bzw. Handlungsgehilfen. Lehrbücher und die Fachpresse des Kleinhandels boten zugleich einen immer größeren Wissensfundus, um Schaufenster ansprechend und im Einklang mit dem herrschenden Geschmack zu gestalten. [62] Doch diese Aufgaben ließen sich nicht einfach beschränken. Der Kunde sollte ja nicht allein zum Geschäft gelockt werden, um dort die gefällige Auslage zu betrachten. Er sollte den Laden betreten und dort kaufen. Dazu aber musste ihm mit fortschreitender Dekorationstechnik auch im Inneren des Geschäftes ein Ambiente geboten werden, welches gegenüber dem des Schaufensters zumindest nicht abfiel. Das Äußere des Ladens wurde zum Modell für die Neugestaltung des Inneren. Grundlage hierfür waren abermals neue Bautechniken. Die Kaufhäuser besaßen zwar schon frühzeitig große Verkaufsflächen; Rudolph Hertzog offerierte 1878 schon auf 3.710 m2 und das Berliner Kaufhaus Heinrich Jordan brachte es 1893 auf stolze 8.000 m2. [63] Doch erst die Verwendung von Stahlbeton ermöglichte den Bau weiter Verkaufshallen.

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Heizanlage inmitten des Ladens der Bremer Firma Oehlckers & Rabe (Der Manufacturist 24, 1901, s.p.)

Zwischenwände konnten nun beseitigt, die Zahl der Pfeiler wesentlich verringert werden. Bildeten bisher Laden- und Kassiertisch, Stellagen und Regale die Hauptmöbel auch größerer Geschäfte, so kamen nun große Verkaufs- und Präsentationstische auf, die inmitten der Räume platziert wurden. Parallel ersetzten Zentralheizungen die Öfen im Laden, wurden große Treppenhäuser, Galerien und Balkons gebaut. So konnte nicht nur die Ware von Ferne betrachtet werden, sondern auch der Kauf der Anderen geriet ins Blickfeld. [64] Für den Innenraum und die Warendarbietung stellten sich dadurch völlig neue Aufgaben, die in Rückgriff auf die bewährte Schaufenstergestaltung gelöst wurden. Bei den Warenhäusern war dieser Prozess offenkundig. [65] Doch auch und gerade mittlere und größere Kaufhäuser folgten diesem Trend und hoben damit die Schaufensterwerbung auf eine neue, umfassendere Ebene.

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Verkaufsräume der Berliner Firma H. Esders & Dyckhoff 1901 (Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 23, 9)

Die Verkaufsräume der Berliner Firma Esders & Dyckhoff waren nicht nur deutlich größer und besser beleuchtet als frühere Läden. Sie enthielten auch neue Möbel, Verkaufsschränke, teils mit Glas versehen, die mitten im Raume standen. Das Regalprinzip war für größere Raume allein ungeeignet und Schautische boten nur wenigen Waren Platz. Der Laden wurde daher neu möbliert, mit Spiegeln bekränzt, dem Kunden die Ware sichtbar gemacht. Selbstbedienung aber gab es nicht. Analog zum Schaufenster konnte man die Ware zwar betrachten, doch durfte man sie nicht ohne Beisein eines Verkäufers, einer Verkäuferin berühren.

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Verkaufsräume der Berliner Firma Kersten & Tuteur 1914 (Berliner Architekturwelt 16, 1914, 148)

Auch das stetig wachsende Sortiment industriell hergestellter Produkte begünstigte die Warenpräsentation innerhalb des Ladens. Die Ausstellung neuer Hüte und Blusen in den Verkaufsräumen der Berliner Firma Kersten & Tuteur verwies nicht nur durch die Präsenz von Warenständern und Büsten auf die direkte Nähe zur Schaufensterwerbung. Schautische und Glasauslagen erlaubten vielmehr ein Art Schaufensterbummel im Laden.

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Verkaufsräume der Hallenser Firma H.C. Weddy-Pönicke 1901 (Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 25, 13)

Umfassendere Möglichkeiten der neuen Innendekoration zeigt eine Bettenpräsentation des Kaufhauses Weddy-Pönicke. Die dekorierte Ware konnte nicht nur besehen werden, sondern gewann ihre spätere räumliche Qualität zurück, wurde begehbar, erfahrbar. Wunschwelten konnten nun abseits des engen Gevierts des Schaufensters aufgebaut, deren „Natürlichkeit“ somit erhöht werden.

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Innenansicht der Kölner Firma A. Böheimer (Der Manufacturist 24, 1901, s.p.)

Diese Entwicklung der Innendekoration wurde durch Verbesserungen der Lichttechnik unterstützt. Nicht mehr Petroleumleuchten oder einfaches Gaslicht wurden verwandt, sondern die hellen elektrischen Bogenlichter, vorrangig aber das neue Gasglühlicht. Der Laden konnte so gänzlich ausgeleuchtet werden, Waren und Dekoration dadurch ihre Pracht entfalten. Zugleich verschwanden die großen Öfen aus vielen Läden. Sie wurden durch Zentralheizungen ersetzt. Damit wurde weiterer Präsentationsraum gewonnen, das Verkaufsambiente angenehmer gestaltet. Weiterhin störend waren die bautechnisch notwendigen Pfeiler, doch bei Neubauten traten an die Stelle gemauerter Stützpfeiler mehr und mehr gusseiserne Säulen oder eiserne Träger, durch die auch mittlere Geschäfte größere Freiräume gewannen. [66] Die geschmackvolle Inneneinrichtung wurde mit Farbe abgerundet. Manche Ladenbesitzer stimmten Decken, Wände und getöntes Glas farblich aufeinander ab, ließen sie teils mit einfachen Mitteln ausmalen. Der Jugendstil drang gerade in gehobenen Gebrauchsgüterläden vor. [67] Der Laden entwickelte sich nach der Jahrhundertwende zumindest im Gebrauchsgüterhandel zu einer für den Zweck des Verkaufs gestalteten Kunstwelt. Auch wenn die Mehrzahl der kleinen Läden den bedeutenden Vorbildern gerade der Warenhäuser nicht das Wasser reichen konnte, so muss man doch auch deren Veränderungen – die auf niedrigerem Niveau auch den Lebensmittelkleinhandel prägten – in ihrer Gesamtheit würdigen. Analog zum Schaufenster wurde der Laden wurde immer mehr zum reflexiv-kalkulierten Mittel des Absatzes und glich sich diesem dekorativ an.

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Innere Glasfronten des Berliner Spezialgeschäftes Kopp & Joseph (Der Welt-Spiegel 1910, Nr. 101 v. 18. Dezember, 8)

Erst dadurch wurde der urbane Schaufensterbummel zum eigentlichen Einkaufserlebnis. Bewusst wurden dabei Klassengrenzen durchbrochen, um so auch Kundenkreise anzusprechen, für die die dargebotenen Waren meist unerschwinglich waren. Neue kommerzielle Sinnhorizonte entstanden, der nun rasch um sich greifende Ladendiebstahl spiegelte dies. [68] Eine „Demokratisierung des Konsums“ war mit diesen Laden allerdings kaum verbunden, denn die Möglichkeit des Kaufs höherwertiger Gebrauchsgegenstande war für die Mehrheit der Bevölkerung trotz steigender Reallöhne, trotz Abzahlungsgeschäften und Teilzahlung nur ansatzweise gegeben. Gleichwohl bildete sich insbesondere im gehobenen Mittelstand eine neue urbane Konsumkultur aus, in der die Schaufenster gewiss noch lockten, in der jedoch der seinem Vorbild gemäß gestaltete Verkaufsraum das Ziel bildete: „Was hat ein trüber unausstehlicher Wintertag in den lichterfüllten Geschäftsstraßen der Großstadt mit den lockenden Auslagen, den tausend schönen und kostbaren Dingen noch für Schrecken? Ein Hagelschauer, nasse Füße? Man tritt in den erstbesten Laden, wohlige Wärme, helles unaufdringliches Licht, angenehme Eindrücke überall! Man fühlt sich als Besitzer weicher Teppiche, prächtiger Spiegel, schöner und komfortabler Möbel, man weiß, die geschmackvolle Anordnung der Waren ist lediglich für den Käufer da. Alle vorhandenen Annehmlichkeiten stehen zu seiner unbeschränkten Verfügung. Warum soll man da nicht eine Kleinigkeit kaufen? Man braucht vielleicht nichts. Aber was soll man schon an solchem Tage daheim, wo es nicht halb so hübsch und modern ist, wo es nichts Neues mehr zu sehen gibt; was tut man bei dem unfreundlichen Wetter auf der Straße?“ [69]

Die Ausbreitung des Schaufensterprinzips in das Innere des Ladens ermöglichte zugleich, die Front des Ladens unter stärker qualitativen Aspekten zu sehen. Dadurch begann ein Prozess wechselseitiger Abstimmung, der die Einheitlichkeit der Werbung einzelner Geschäfte wesentlich vorantrieb – neudeutsch würde man vom Corporate Design sprechen. Die Zeit der Glaspaläste endete, an ihre Stelle traten Geschäfte mit kleineren Schaufensterfronten. Mehrere Warenhausbrände verdeutlichten die geringe Hitzestabilität reiner Stahl-Eisen-Konstruktionen, so dass nun die vertikalen Pfeiler fast durchgehend mit Stein verblendet wurden. Die Zahl zwei-, insbesondere aber dreigeschossiger Schaufensteranlagen sank rasch, da derart hoch gelegene Fenster kaum beachtet wurden. [70]

Neue Möglichkeiten eröffneten sich seit der Jahrhundertwende aber auch durch die Verwendung stark gebogener Spiegelscheiben. Dadurch konnte der Weg von der Straße hinein in den Laden durch Schaufenster umrahmt werden, wobei gerade gehobene Fachgeschäfte diese Möglichkeit nutzten. [71] Zugleich aber passten sich die Schaufenster stärker den ausgestellten Waren an: „Die Art der Ware wird entscheiden, ob ein großdimensioniertes Schaufenster passend sei oder ein kleiner Ausschnitt genügt. Die Schaufenstergestaltung erfordert beim Modenhaus andere Ueberlegung bei der Warenauslage als beim Juwelierladen, wo der Wert des Stückes in der Einzigkeit besteht. Und indem man der Theorie von der bildlichen Einheit der Warenauslage zuneigte, kam man auf die Idee der Konzentration, der Isolation, der Rahmenbildung für das Schaufensterstilleben. Die Fassung des Fensters wurde zugleich die Fassung der Ware.“ [72]

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Zurückgenommene Schaufensterzeile beim Seidenhaus Maassen 1912 (Berliner Leben 16, 1913, Nr. 2, III)

Auch die Verwendung des Lichtes erlaubte neue Formen der Schaufensterwerbung. Die gleißenden Fassaden der großen Häuser führten zu vermehrter Kritik am „Helligkeitswahn“. Diesem galt es mit schwächerer, aber gezielter eingesetzter Beleuchtung zu begegnen. [73] Die Außenbeleuchtung wurde immer mehr von einer indirekten Innenbeleuchtung abgelöst. Hinter Blindglas angebracht verursachten die elektrischen Bogenlampen kaum noch Schwitzwasser, tauchten die Waren zugleich aber in einen „mystischen Zauber“ [74].

Schließlich änderte sich die Stellung der Ware innerhalb der Dekoration. Die herausragende Rolle der Einzelware, die massierte Warenstapel noch verstärken sollten, schwand angesichts eines Verkaufsambientes, das generell zum Kauf animieren wollte und nur den Rahmen für den Kauf des Einzelproduktes abgab. Während beachtliche Teile der Unterschichten an Mangelernährung litten und der Lebensstandard der großen Mehrzahl der Konsumenten durch Lebensmittelteuerungen immer wieder beeinträchtigt wurde, setzte sich in den Auslagen der großen Geschäfte die Abstraktionskraft der Reklame immer stärker durch: „Die heutige Auslage ist Reklame geworden, Reklame so sehr, daß viele Geschäfte darauf verzichten, verkäufliche Ware zu zeigen.“ [75] Das Schaufenster hatte in diesem Rahmen nur noch appellativen Charakter, war Teil einer größeren Werbemaschinerie geworden.

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Blusen in der sie adelnden Abteilung des Seidenhauses Maassen (Berliner Leben 16, 1903, Nr. 2, III)

Am Ende unseres Rückblicks steht daher nicht mehr die einzelne Ware, deren Lockkraft das Schaufenster einst einen visuellen Rahmen bot. Am Ende steht der kommerzielle Kult um die Ware selbst. Die großen Geschäfte mutierten zu Kathedralen des Konsums, die Dekorateure zu Priestern des neuen Mysteriums und die Auslagen waren ihre Altäre: „Dem Kaufmann, der seine Ware verkaufen will, kann es nicht gleichgültig sein, ob der defilierende Menschenstrom sich nur an der Atmosphäre von Glanz und Licht berauscht. Er will ihn fesseln, locken, in Hemmung versetzen; die Ware soll für ihn Bedeutung gewinnen, soll sich durchsetzen, den ganzen berauschenden Glanz vergessen machen und allein sein mit Jedermann. So allein, dass die magische Suggestion ihre Faden spinnt und der Gebannte nicht loskommt von dem Gedanken: Dich muß ich besitzen. Aber dies Mysterium der Vermählung des Käufers mit der Ware verlangt Konzentration. Es müssen alle Mittel spielen, um die Ware zu isolieren. Vor allem braucht das Fenster einen Rahmen. Endell, der größte Magier unter den Schaufensterkünstlern Berlins, hat dies Erfordernis am besten begriffen. Wo er die Möglichkeit hatte, die Fassaden seiner Läden zu gestalten, hat er breite Pfeilerflächen zwischen die Fenster gelegt und den Einbau des Fensters selbst mit so kostbarer Fassung geschmückt, daß wir die Empfindung eines Wunders haben, schon ehe wir an die Scheiben herantreten. Endell war es auch, der der Beleuchtung ihre beste Lösung gab. In der Beseitigung der äußeren Bogenlampen, die blenden statt zu bestrahlen, hatten ihm andere vorgegriffen. Die verdeckte Beleuchtung, die dem Beschauer die Lichtquelle verbirgt, um die Ware um so heller hervortreten zu lassen, war als Vermächtnis der Bühne schon in die Auslagen eingetreten. In Endells Händen aber gewann das Licht erst seinen mystischen Zauber. Mit funkelnden Flächen tieffarbiger Gläser verschloss es die Beleuchtungskasten gegen die Straße, aus denen das Licht von oben über die Ware herabrieselt. Warenzeichen gleißen, zu magischen Zeichen gewandelt, mit heißen Zügen daraus hervor. Das Ganze atmet jene Stimmung, die das Kind vor dem Vorhange empfindet, der ihm zum ersten Male die Welt der Träume erschließen soll. Was in diesem Zauberschrein dargeboten wird, ist allemal etwas Kostbares, und wären es nur Stiefel aus schwarzem Leder.“ [76]

Zur Stellung von Schaufenstern und Schaufensterwerbung im 19. Jahrhundert

Die empirische Analyse der Entwicklung von Schaufenstern und Schaufensterwerbung im 19. Jahrhundert scheint zwar eindeutig, doch ist sie je nach Perspektive unterschiedlich zu deuten. Schaufenster und Schaufensterwerbung sind in der Tat Hilfsmittel allgemeinerer Fragen: Denken wir an die kulturkritische Variante, die kritisch wendet, was eben im Zitat noch positiv klang: Erhaben stand der moderne Konsument dann vor der leistungsfähigen Schau der scheinbar nur für ihn produzierten Guter. Waren wurden göttergleich, schufen erst im Rahmen der Schaufenster, dann im Rahmen des Ladens, schließlich als symbolische Lebensbegleiter ein neues Mysterium allgegenwärtigen transzendenten Wirkens. Die Rationalität moderner Warenpräsentation kreierte demnach das irrational Rationale des modernen Konsums. Die Entzauberung der Welt fand ihr paradoxes Pendant in allgemeiner Verzauberung durch die Schaufenster, Läden und Waren.

Doch Werbung und Konsum als Ersatzreligion einer kapitalistischen Gesellschaft werden der lustvollen Seite von Kauf und Kaufen, von Schauen und Entdecken sicher nicht gerecht. In der Entwicklung des Schaufensters zeigte sich aber nicht nur Entfremdung, sondern auch das Bemühen einer Vielzahl von Menschen, die Naturkräfte zu beherrschen und in einem kleinen gläsernen Geviert eine eigene, eine menschliche Kunstwelt zu schaffen. Konsum, gar Massenkonsum war im 19. Jahrhundert vielfach auch Ausdruck der Fortschrittsfähigkeit des Menschen. Das Kaufen, Besitznehmen und Einverleiben bestätigte ihn als Herren der Welt, zumal auch der kolonalisierten. Im Schaufenster sahen selbst der Mann, die Frau mit geringem Einkommen, dass die Welt ihm doch zu Füßen liegen konnte. Das hierauf gründende Selbstbewusstsein ist uns heute abhanden gekommen, war jedoch Teil der Faszination des Schaufensters im langen 19. Jahrhundert.

Vielleicht aber sollten wir auch der Leistung der Kleinhändler gedenken, die in der historischen Forschung so häufig übergangen werden. Sie waren es schließlich, die mit viel Energie und Liebe zum Detail kommerzielle Traumwelten schufen und damit wichtige Elemente der modernen Stadt prägten. Durch eine einfache, durchsichtige Scheibe trennten sie Käufer und Ware, schufen so Ungewissheit, versahen die Produkte mit einem unbestimmten Geheimnis. Ob sie aber über sich, über ihre Repräsentationskraft Rechenschaft gegeben haben?

Wir könnten weitere Rollen einnehmen: Historiker sind vielleicht überrascht von der neuartigen Periodisierung in dieser Arbeit. Stimmt sie, dürfte eine große Zahl bisheriger Forschungen falsch fokussiert worden sein. Nicht am Ende, sondern in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es demgemäß entscheidende Veränderungen von Kleinhandel, Schaufensterwerbung und Konsum. Damit wird das weithin akzeptierte Bild einer erst in den 1890er Jahren entstehenden Konsumgesellschaft fraglich, denn in deutschen Städten setzte sich zumindest ein bürgerlicher Konsumstil schon wesentlich früher durch. Auch die vielfach kolportierte Vorstellung einer neuen visuellen Kultur der Jahrhundertwende wäre zumindest falsch datiert. Vermehrt müsste dann nach den Trägern dieser Veränderungen gefragt werden – unabhängig davon, ob es sich um Produzenten, Händler oder Konsumenten oder aber um Läden, Schaufenster oder Produkte handelt. Menschen und Dinge gehören trotz Eigenleben zusammen. Vielleicht geriete schließlich auch das einseitig von der Produktion beherrschte Bild der „Industrialisierung“ in den Blick, nicht zuletzt um so den Städten als Handels- und Konsumzentren gerecht zu werden. Und auch für die Verortung des Deutschen Reiches als europäische Wirtschaftsmacht ergäben sich möglicherweise überraschende Perspektiven. Viele denkbare Folgerungen, die Sie weiterspinnen, denen Sie gewiss noch weitere hinzufügen können.

Uwe Spiekermann, 25. September 2022

Anmerkungen, Literatur und Quellen

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und mit weiteren Abbildungen versehene Fassung des in englischer Sprache erschienenen Artikels Display Windows and Window Displays in German Cities of the Nineteenth Century: Towards the History of a Commercial Breakthrough, in: Clemens Wischermann und Elliott Shore (Hg.), Advertising and the European City. Historical Perspectives, Aldershot et al. 2000, 139-171.

[1] Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags. Werbung in der Konsumgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1995; David Ciarlo, Advertising Empire. Race and Visual Culture in Imperial Germany, Cambridge und London 2011; Pamela E. Swett (Hg.), Selling under the Swastika. Advertising and Commercial Culture in Nazi Germany, Stanford 2014; Alexander Schug, Braune Verführer. Wie sich die deutsche Werbebranche den Nationalsozialisten andiente, Berlin 2015.
[2] Dirk Reinhardt, Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland, Berlin 1993; Hannes Siegrist, Hartmut Kaelble und Jürgen Kocka (Hg.), Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums (18.-20. Jahrhundert), Frankfurt a.M. und New York, 1997; Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999; Heinz-Gerhard Haupt und Claudius Torp (Hg.), Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990, Frankfurt/Main und New York 2009; Gudrun M. König, Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900, Wien, Köln und Weimar 2009; Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann (Hg.), Decoding Modern Consumer Societes, New York 2012; Frank Trentmann, Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute, München 2017; Christian Kleinschmidt und Jan Logemann (Hg.), Konsum im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 2021.
[3] Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Berlin 1995.
[4] Dieses und das voranstehende Zitat aus Hans-Walter Schmidt, Schaufenster des Ostens. Anmerkungen zur Konsumkultur der DDR, Deutschland-Archiv 27, 1994, 364-372, hier 364.
[5] Dieser fehlt bei Schaufenster. Die Kulturgeschichte eines Massenmediums, hg. v. Württembergischen Kunstverein, Stuttgart 1974 bzw. Heidrun Großjohann, Die Karriere des stummen Spektakels. Zur Geschichte des Schaufensters, in: Christel Köhle-Hezinger und Gabriele Mentges (Hg.), Der neuen Welt ein neuer Rock, Stuttgart 1993, 252-256.
[6] Vgl. hierzu Johann Georg Krünitz, Kauf-Laden, in: Ders., Oekonomisch-technologische Encyklopädie, Bd. 36, Berlin 1786, 482-486; Margot Aschenbrenner, Buden und Läden, Biberach/Riss 1951; Gerhard Kaufmann, Alte Läden, in: Max Galli (Hg.), Vom Charme der alten Warenwelt, Dortmund 1992, 115-153.
[7] Vgl. Heinrich Sasse, Das bremische Krameramt, Bremisches Jahrbuch 33, 1931, 108-157, hier 135, Anm. 1. Zur Gesamtentwicklung vgl. H.W. Bahn, Studienbeitrag zur Entwicklungsgeschichte des Schaufensters in Deutschland, Ing. Diss. Braunschweig 1923 (Ms.).
[8] Vgl. Bahn, 1923, s.p.; Hermann Weidemann, Skizze zur Geschichte des Glases, Prometheus 24, 1913, 340-342, 358-361, 378-381, 394-395, hier 341.
[9] Vgl. [Josef Kirchner], Münchener Kaufläden von einst und jetzt, Münchener Rundschau 4, 1907, 1-5, hier 1. Die Malerische Topographie des Königreichs Bayern, München 1830, enthält allerdings schon mehrere Zeichnungen von Münchener Läden mit Schaufenstern.
[10] Vgl. Boris Röhrl, Ladenbeschriftungen des 19. Jahrhunderts. Versuch einer Systematisierung, Volkskunst 13, 1990, H. 3, 39-43.
[11] Umfassende Belege hierfür enthält Spiekermann, 1999.
[12] Vgl. demgegenüber Ulrich Lange, Krämer, Höker und Hausierer. Die Anfänge des Massenkonsums in Schleswig-Holstein, in: Werner Paravicini (Hg.), Mare Balticum, Sigmaringen 1992, 315-327 sowie (trotz anderer Fragestellung) Heidrun Homburg, Heidrun, Werbung – „eine Kunst, die gelernt sein will“. Aufbrüche in eine neue Warenwelt 1750-1850, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1997/I, 11-52.
[13] Reinhardt, 1993, 271 betonte: „Bis zu den 1890er Jahren blieben die modernen, großflächigen Schaufenster jedoch vereinzelte Farbtupfer in den deutschen Städten“, während er an anderer Stelle (Dirk Reinhardt, Vom Intelligenzblatt zum Satellitenfernsehen. Stufen der Werbung als Stufen der Gesellschaft, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 44-63, hier 46) schrieb: „Die Gründerzeit hatte bereits in den 1870er Jahren durch die beginnende Umwandlung der Geschäftsfronten für eine Wandlung des großstädtischen Straßenbildes gesorgt.“ Zu beachten ist, dass diese Periodisierung nur dann sinnvoll ist, wenn das Warenhaus sehr eng als „eine großbetriebliche, kapitalistische Unternehmung für den Kleinhandel mit Waren verschiedenster, innerlich nicht zusammenhängender Art in einheitlichen Verkaufsraumen/-häusern“ definiert wird (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland. Mittelstandsbewegung, Kapitalismus und Rechtsstaat im spaten Kaiserreich, Frankfurt a.M. et al. 1994, 29). Eine allgemeiner gehaltene Definition – etwa analog zu den französischen Grands magasins – hätte dagegen zur Folge, dass die deutsche Warenhausgeschichte schon während der Frühindustrialisierung einsetzen würde.
[14] Wilfried Reininghaus, Rez. v. Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 83, 1996, 239-240, hier 239.
[15] Zahlen nach C[arl] F[riedrich] W[ilhelm] Dieterici, Statistische Uebersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs und Verbrauchs im Preußischen Staate und im deutschen Zollvereine in dem Zeitraume von 1837 bis 1839, Berlin, Posen und Bromberg 1842, 399-400; Tabellen und amtliche Nachrichten über den Preussischen Staat für Jahr 1858, hg. v.d. statistischen Bureau zu Berlin, Berlin, 1860, S. 322-323.
[16] Zahlen nach H[ans] Grandtke, Die Entstehung der Berliner Wäsche-Industrie im 19. Jahrhundert, Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich NF 20, 1896, 587-607, hier 596.
[17] Eigene Auswertung von Hamburgisches Adress-Buch auf das Jahr 1800, Hamburg o.J.; Hamburgisches Adreßbuch für das Jahr 1822, Hamburg o.J.
[18] Polizey-Bekanntmachung, die bequemere Passage der Stra6en betreffend v. 15.05.1830, in: J[ohann] M[artin] Lappenberg (Hg.), Sammlung der Verordnungen der freyen Hanse-Stadt Hamburg seit 1814, Bd. 11, Hamburg 1832, 170-171, hier 170.
[19] Melhop, 1925, 326. Darin auch eine Reihe weiterer Abbildungen sowie Fotographien aus den 1870er Jahren.
[20] Allerdings war in Hamburg eine einfache, vergleichsweise sachliche Ausgestaltung der Schaufenster allgemein üblich, vgl. Robert Geissler, Hamburg. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen, Leipzig 1861, v.a. 53.
[21] Das Gerson’sche Modewaaren-Lager zu Berlin, Werderscher Markt No. 5, Zeitschrift für Bauwesen 1, 1851, Sp. 131-137; Gustav Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert. Halle/S. 1870, 646.
[22] Entsprechend betonte Elisabeth v. Stephani-Hahn, Schaufenster-Kunst, 3. verb. Aufl., Berlin 1926, 9-10, dass die ersten spezialisierten Schaufensterdekorateure schon Mitte des 19. Jahrhunderts antraten.
[23] Springer, 1861, S. 330, 332-333.
[24] Stock, Ueber Schaufenster-Anlagen, Zeitschrift für Praktische Baukunst 24, 1864, Sp. 9-20, hier 9.
[25] Ueber Kaufläden, Zeitschrift für Bauhandwerker 7, 1863, 132-136, Bl. 17, hier 133.
[26] Vgl. Geschäftshaus in Berlin, Unter den Linden Nr. 13, für den Kaufmann Kohn, Zeitschrift für praktische Baukunde 31, 1871, Sp. 151-152, Taf. 17-20.
[27] Weidemann, 1913, 341. In London wurden dagegen nur 2.000, in Paris 1.500 und in Wien 1.000 entsprechende Schaufenster gezählt.
[28] Das belegen nicht zuletzt vielfaltige Karikaturen, etwa Fliegende Blatter 37, 1862, 40.
[29] Vgl. Bischoff et al., Das Manufakturwaarengeschäft. Fabrikation und Vertrieb, 2. wohlfeile Ausgabe, Leipzig 1869, 479.
[30] Vgl. allgemein Uwe Spiekermann, Elitenkampf um die Werbung. Staat, Heimatschutz und Reklameindustrie im frühen 20. Jahrhundert, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 126-149, v.a. 127-129.
[31] Zum technischen Hintergrund vgl. J. Schuh, Der moderne Ladenbau, Süddeutsche Bauzeitung 2, 1892, 222-224, 234-235, v.a. 222.
[32] Schon das erste Warenhaus, der 1891 gegründete Kaiser-Bazar, besaß 130 Schaufenster (Vom Kaiser­Bazar in Berlin, Wiener Bauindustrie-Zeitung 8, 1891, 323-324, hier 323).
[33] Ähnlich schon A.L. Plehn, Zur Entwicklung der Warenhausfassade, Deutsche Bauhütte 8, 1917, 113-114, 125-127, 129, hier 113. Zum französischen Vorbild vgl. Christian Schramm, Deutsche Warenhausbauten. Ursprung, Typologie und Entwicklungstendenzen, Aachen 1995, S. 28-41; Siegfried Gerlach und Dieter Sawatzki, Grands magasins oder Die Geburt des Warenhauses im Paris des 19. Jahrhunderts, Dortmund 1989, v.a. 5-38.
[34] Vgl. die vorgreifende Kritik von Hugo Koch, Schaufenster und Ladenverschlüsse, in: Handbuch der Architektur, T. 3, Bd. 3, H. 1, Darmstadt 1896, 356-382, hier 357-358. Ferner Hans Schliepmann, Das moderne Geschäftshaus, Berliner Architekturwelt 3, 1901, 423-425. Positiv dagegen Leo Nacht, Moderne Schaufensteranlagen, Berliner Architekturwelt 6, 1904, 336-340, hier 337.
[35] Eugen Richter, Die Consumvereine, Berlin 1867, 95.
[36] Vgl. etwa Richard Bauer, Das alte München. Photographien 1855-1912. Gesammelt von Karl Valentin, o.O.o.J.
[37] Zu den Gründen vgl. Uwe Spiekermann, Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften 1903-1933, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 150-189, v.a. 151- 156; Michael Prinz, Brot und Dividende. Konsumvereine in Deutschland und England vor 1914, Göttingen 1996, 263-264.
[38] Den besten Überblick vermittelt Julius Hirsch, Die Filialbetriebe im Detailhandel, Bonn 1913.
[39] Uli Huber, Die Geschichte des Schaufensters, in: Eugen Johannes Maecker (Hg.), Werbende Fenster, Bd. 1, Berlin o.J., 5-20, hier 15.
[40] Hermann Kind, Die Fleischerei in Leipzig, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 6, Leipzig 1897, 1-178, hier 55-56. Vgl. auch die „künstlerische“ Dekoration von Schweinehälften bei Stephani-Hahn, 1926, 28 bzw. die Abbildung bei S. Thron, Der Weihnachtsmann in der Grossstadt, Die Woche 6, 1908, 2237-2242, hier 2241.
[41] So noch – aufgrund sehr einseitiger Quellennutzung – Christiane Lamberty, ‚Die Kunst im Leben des Buttergeschäfts‘. Geschmacksbildung und Reklame in Deutschland vor 1914, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1997/I, 53-78.
[42] Karl Ernst Osthaus, Das Schaufenster, Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1913, 59-69, hier 61.
[43] Bischoff et al., 1869, 472.
[44] Schaufenster-Decorationen einst und jetzt, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 16, 7.
[45] Bischoff et al., 1869, 476-477.
[46] Geissler, 1861, 53.
[47] Soll man an den Waaren die Preise deutlich mit Ziffern bezeichnen, so dass Jedermann sofort weiss, was das betreffende Stück kostet?, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 10, 5.
[48] Entsprechende Lehrinstitute entstanden allerdings schon vor der Jahrhundertwende, vgl. Decorationsschule für Frauen, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 4, 9.
[49] J. Erhart, Der Schaufenster-Dekorateur, Frankfurt a.M. 1895, 215-220.
[50] Vgl. den Ratschlag in Wie mache ich Reklame, Der Materialist 21, 1900, Nr. 40, 2. S. n. 12.
[51] Vgl. Die Anziehungskraft des Schaufensters, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 5, 40; Stephani­ Hahn, 1926, 17.
[52] R. Goldschmidt, Kauf-, Waaren- u. Geschäftshäuser, in: Baukunde des Architekten (Deutsches Bauhandbuch.), Bd. 2, T. 5, 2. vollst. neu bearb. Aufl., Berlin 1902, 49-192, hier 71.
[53] Vgl. etwa die Abbildungen der Friedrich- bzw. Leipzigerstraße, Berliner Architekturwelt 16, 1914, 193-194.
[54] Vgl. hierzu Koch, 1896, 364, 370-376; Neue Schaufenster-Rouleaux, Der Materialist 20, 1899, Nr. 40, 2; Goldschmidt, 1902, 69-71; Franz Woas, Praktische Neuerungen im Ladenbau, Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen und Elsass-Lothringen 11, 1914, 162-164, 169-170, hier 170.
[55] Vgl. hierzu Dirk Reinhardt, Dirk, Beten oder Bummeln? Der Kampf um die Schaufensterfreiheit, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 116-125.
[56] Aus der Fülle der Ratgeberliteratur nur folgende Titel: Gefrieren der Schaufenster, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 3, 9; Gefrorene Schaufenster, ebd., Nr. 44, 8; Koch, 1896, 362; Das Beschlagen der Schaufenster, Der Materialist, Bd. 21, 1900, Nr. 1, S. 2; Das Beschlagen und Gefrieren der Schaufenster, Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 46, 12.
[57] Vgl. Ueber Schaufenster-Beleuchtung, Ebd. 16, 1893, Nr. 17, 3; Schaufenster-Beleuchtung, Der Materialist 21, 1900, Nr. 16, 2. S. n. 12; Carl Zaar und August Leo Zaar, Geschäfts-, Kauf- und Warenhäuser, in: Handbuch der Architektur, T. 4, Halbbd. 2, H. 2, Stuttgart 1902, 2-138, hier 20-24.
[58] Vgl. hierzu Max Schröder, Das Geschäftshaus der Kleinstadt, Strelitz o.J. (1911).
[59] Georg Simmel, Berliner Gewerbe-Ausstellung, Ästhetik und Kommunikation 18, 1987/89, H. 67/68, 101-105, hier 105 (Original von 1896).
[60] Dora Feigenbaum, Die Reklame, Deutschland 7, 1905/06, 427-436, 589-602, hier 595-596.
[61] Felix Steinl, Die Reklame des kleinstädtischen Manufakturwaarenhändlers, in: Robert Exner, (Hg.), Moderne Reklame, 4. Tausend, Zittau 1892, 7-10, hier 8.
[62] Gute Beispiele aus dem Lebensmittelhandel sind Fritz Grossmann, Schmücke Dein Schaufenster, Magdeburg o.J. (1901) bzw. Gustav Teller, Die Schaufenster-Dekoration für Kolonialwaren-Handlungen und verwandte Geschäftszweige, Leipzig 1909. Zur Einordnung vgl. Spiekermann, 1999, 573-585.
[63] Angaben nach Neu- und Umbau des Geschäftshauses Heinrich Jordan, Markgrafenstrasse 105-107, Deutsche Bauzeitung 27, 1893, 317-321, hier 317; Paul Lindenberg, Berlin und das Haus Rudolph Hertzog seit 1839, in: Agenda Rudolph Hertzog Berlin 1914, Berlin o.J. (1913), 3-96, hier 95.
[64] Vgl. Erwin Paneth, Entwicklung der Reklame vom Altertum bis zur Gegenwart, München und Leipzig 1926, 161.
[65] Vgl. etwa Alfred Wiener, Das Warenhaus, Berlin 1912.
[66] Karl Ross, Neubau und Umbau von Geschäftshäusern und Kaufläden, Der Manufacturist 24, 1901, passim, hier Nr. 29, 5.
[67] Vgl. ebd., Nr. 40, 5. Zur Deckenausgestaltung s. August Endell, Ladeneinrichtungen, Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1913, 55-58, hier 58.
[68] Näheres bei Uwe Spiekermann, Theft and Thieves in German Department Stores, 1895-1930. A Discourse about Morality, Crime and Gender, in: Geoffrey Crossick und Serge Jaumain (Hg.), Cathedrals of Consumption, London und New York 1998, 139-171.
[69] Die innere Ausstattung. Vom Werke der Raumkunst für das offene Ladengeschäft, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 8, 36.
[70] B. Haas, Das Schaufenster in ästhetischer und betriebstechnischer Beziehung (Schluss.), Deutsche Bauhütte 10, 1906, 221-223. Vgl. auch die Kritik von Hans Schliepmann, Das moderne Geschäftshaus (Schluss.), Berliner Architekturwelt 4, 1902, 52-55, 57-59, v.a. 59.
[71] Vgl. Ein schmales Bremer Geschäftshaus, Deutscher Bauhütte 5, 1901, 266-267; Goldschmidt, 1902, 60; Berliner Architekturwelt 16, 1914, 68 (Anbau bei Herrmann Gerson); Woas, 1914.
[72] Kurt Pallmann, Künstlerische Ladengestaltung als Aufgabe des Architekten, Deutsche Bauhütte 18, 1914, 108-110, 113, 122-123, hier 108.
[73] Neue Wege, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 5, 15, 17, hier 15.
[74] Pallmann, 1914, 108.
[75] Osthaus, 1913, 60. Vgl. auch Stephani-Hahn, 1926, 10-11.
[76] Osthaus, 1913, 62-63.

Eier auch im Winter – Das Konservierungsmittel Garantol

Die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg sind durch eine rasche Chemisierung des Alltags gekennzeichnet. Die aufstrebende chemische Industrie konzentrierte sich nicht mehr allein auf Grundstoffe, vielmehr fanden neu handhabbare chemische Stoffe zunehmend Platz im Haushalt – erst des Bürgertums, dann aber auch der Facharbeiterschaft. Das Essen veränderte sich durch neue Aromen (Vanillin, Maggis Würze), durch Backhilfsmittel (Backpulver, Puddingpulver), durch Stärkeprodukte (Reisstärke, Maizena), Nährpräparate und Essenzen, Konservierungsmittel (Salizylsäure, Benzoesäure) und vieles andere mehr. Haarpflegemittel erlaubten zunehmend Selbstgestaltung, sei es durch Färbemittel wie Wasserstoffperoxyd, sei es durch erste Haarshampoos, vielfach auf Teerbasis. Auch Körperpflege wurde mit verbesserten Seifen, neuartigen Cremes und mannigfachen Schlankheitspräparaten vielfältiger, scheinbar auch einfacher. Es folgten bisher unbekannte Putz- und Waschmittel, Polituren, Wachse, ganz zu schweigen von zahlreichen neuen Farben und Lacken, von Heilmitteln und durchaus wirksamen Pharmazeutika.

Neue chemische Stoffe wurden in Produkte umgeformt, die jedem einzelnen versprachen, sein Leben bequemer zu machen, den Alltag zu erleichtern. Die Zukunft würde bequem werden, Ruhe und Einkehr ermöglichen. Dank der neuen Convenienceprodukte würden Hast und Eile abgemildert, könne man die angespannten Nerven erholen, sich den Wonnen des gesicherten Daseins widmen. Im Haushalt stand Arbeitserleichterung im Mittelpunkt zahlloser Reklamen. Und wer wollte die offenkundigen Fortschritte bezweifeln? Ofenanzünder statt Feuermachen, Drehscheiben statt Lichtanzünden, Schalter für Warmwasser – manches bereits Alltagsluxus, vieles allerdings noch Zukunftsmusik.

01_Die Woche_10_1908_Nr01_pIV_Lustige Blaetter_14_1899_Nr23_p14_Convenienceprodukte_Backpulver_Dr-Crato_Tee_Otto-E-Weber_Wuerfeltee

Vorbereitet und vorportioniert: Convenienceprodukte der Jahrhundertwende (Die Woche 10, 1908, Nr. 1, IV (l.); Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 23, 14)

Und doch: Diese neuen Convenienceprodukte lassen sich auch anders deuten. Es handelte sich eben immer auch um Übergangstechniken, um Wegmarken hin zu den paradiesartigen Verhältnissen, in denen all die Versprechungen eingelöst würden, die in Begriffen wie Muße, Ruhe, Lebensfreude steck(t)en. Convenienceprodukte stehen dann nicht nur für mehr Bequemlichkeit, sondern überdecken die Härten und Fährnisse des Alltags, überspielen die mangelnde Leistungsfähigkeit der Absatz- und Versorgungsketten, die im Alltagstraum des gelingenden Lebens schon längst ausgemalt wurden. Convenienceprodukte hatten und haben den Charme der Verbesserung, doch sie lenken zugleich davon ab, dass der Alltag eben weiterhin unvollkommen und beschwerlich ist. Sie stehen dann für ein Arrangement mit dem Unausgegorenen, dem Halbgaren. Convenienceprodukte sind Zwischenlösungen – die teils viele, viele Jahrzehnte Bestand haben, teils als solche nicht mehr hinterfragt werden. So verstanden, stehen Convenienceprodukte strukturellen Veränderungen entgegen, erschweren diese gar.

Ein dafür recht typisches Beispiel war das heute nicht mehr angebotene Eierkonservierungsmittel Garantol. Seit der Jahrhundertwende verfügbar, wurde es im späten Kaiserreich ein billiger Alltagshelfer. Sein Zweck war der Zeitensprung, war eine möglichst stete Präsenz von Eiern im Haushalt, auch im Winter. Das war an sich naturwidrig, denn die vermaledeiten Hühner legten Eier eben vor allem im Frühjahr und Sommer. Heute, im Zeitalter saisonaler Glättung, von energieintensiver Kühl- und Transporttechnik sowie einer von tradierten Rhythmen weitgehend entkoppelten Geflügelmassenproduktion ist das kein wirkliches Thema mehr. Garantol erlaubte seinerzeit jedoch ein einfaches und recht sicheres Einlegen der Eier – gängiges Alltagshandeln bis in die späten 1950er, frühen 1960er Jahre, bis hin zur Technisierung und Rationalisierung des Groß- und Einzelhandels. Es federte damit einen – im Vergleich etwa zur USA, Großbritannien oder den Niederlanden – Zustand zunehmender Rückständigkeit ab, in dem frische Eier im Winter seltener, teuer und schlechter wurden, wogegen sich die Haushalte aber ansatzweise wappnen konnten.

Eier als saisonale Ware oder Der Zwang zur Eierkonservierung

Eier waren Ende des 19. Jahrhunderts gewiss kein „Naturprodukt“ mehr. Doch trotz langsamer Fortschritte bei der Geflügelzucht, der Futtertechnik und der Bruttechnologie waren Eierproduktion und -versorgung noch an die natürlichen Reproduktionsrhythmen der Hühner angelehnt. Das gackernd-scharrende Federvieh legte die Masse der Eier brutlüstig im Frühjahr, während der „Eierschwemme“ in der Oster- und Nachosterzeit. Noch in den 1930er Jahren wurden hierzulande 60 Prozent aller Eier zwischen März und Juni gelegt (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 25). Im Juli und August ebbte die Legetätigkeit ab, ebenso die nicht zu vernachlässigende Leistungsfähigkeit der Althähne. „Frische“ Eier wurden im September und Oktober rar, im November und Dezember waren sie Raritäten. Man behalf sich, gewiss. Eierimporte ermöglichten Zeitstreckungen, doch trotz ihrer Verfünffachung zwischen 1880 und 1900 handelte es sich bei diesen „Kisteneiern“ um deutlich teurere Ware, die vor allem Versorgungsengpässe im Winter abfederte.

02_Die Woche_08_1906_Nr15_pII_Eier_Eipulver_Eigelb_Eiweiß_Trocknungstechnik_L-Prenzlau_Hamburg_Convenienceprodukte

Praktisch, doch zu teuer: Eierpulver und Eipräparate (Die Woche 8, 1906, H. 15, p. II)

Die deutsche Eierwirtschaft arbeitete in den Handelszentren Berlin, Hamburg und Leipzig zwar effizient, doch in der Fläche sah das trotz einer leistungsfähigen Eisenbahn anders aus. In den noch dominierenden Mittel- und Kleinstädten sowie auf dem Lande war Selbst- und Nahversorgung üblich, war man den natürlichen saisonalen Rhythmen weit stärker als in den Städten ausgesetzt – auch weil die Kaufkraft hier niedriger lag. Zwar konservierten größere Geflügelwirtschaften, frühe Eierproduktionsgenossenschaften und auch Großhändler wachsende Teile ihres Angebotes, doch dies milderte lediglich das Auf und Ab des Angebotes, zumal in den urbanen Hauptmärkten.

Hinzu kam, dass die preismindernde Eierschwemme seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend von der Industrie genutzt wurde. Eier wurden eben nicht nur direkt verzehrt, sondern mündeten in chemische und kosmetische Produkte. Als Zwischenprodukt fand sich Eigelb etwa in Eiernudeln wieder, in Backhilfsmitteln, Margarine oder Eierkognak. Auch die wachsende Farbstoffindustrie nutzte Eier, ebenso die sich dynamisch entwickelnde Photographie (Albuminpapiere) (Emil Marian, Deutschlands Geflügelhaltung und sein Handel mit Geflügelprodukten, Phil. Diss. Leipzig, Borna-Leipzig 1906, 59-60). Die langsam präzisere Eiweißforschung erlaubte eben nicht nur Eiweißpräparate und Utopien einer synthetischen Kost, sondern schuf Eiern ganz neue Verwertungsmöglichkeiten.

Welche Verfahren der Eierkonservierung gab es nun, welche kamen neu auf? Um den Verderb möglichst lange zu verhindern, galt es die Poren der Schale gegen Lufteintritt, also gegen Schimmelpilze und bakterielle Zersetzung abzudichten. Noch herrschte die Vorstellung, das Ei gleichsam dicht machen zu können. Über die inneren Veränderungen des Eiweißes bei Lagerung wusste man kaum etwas (deutlich elaborierter schon Fr[iedrich] Prall, Über Eier-Konservierung, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 14, 1907, 445-481). Üblich und durchaus „bewährt“ war lange Zeit das Einlegen der Eier in Kalk. Der Fäulnisschutz erfolgte jedoch auf Kosten der an sich vielfältigen küchentechnischen Möglichkeiten der Eier: Das Kalkeiweiß ergab trotz emsigen Schlagens keinen rechten Schaum. Beim Kochen zerbrachen häufig die Schalen, so dass das Frühstücksei immer wieder zerbarst. Der Geschmack der Kalkeier war hässlich und dumpf (Erich Schmidt, Eier und Geflügel als Nahrungsmittel, 3. Aufl., Berlin 1913, 17). Andere Verfahren waren noch schlechter, noch ausfallbehafteter: Einlegen in Salz war verbreitet. Doch anders als die zuvor gekochten und dann mit Senf und Öl verspeisten Soleier entwickelten Salzeier nach längerer Zeit einen „widerlichen Geschmack“ (Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 105). Weniger invasiv war das Überziehen mit Speiseölen, etwa Leinöl, oder der in den 1870er Jahren aufkommenden Vaseline. Das Ei schmeckte besser, aber die Haltbarkeit war geringer. Derart konservierte Eier waren anfällig, mussten allwöchentlich in den Horden oder im Stroh gedreht werden, um anfällige Druckstellen zu vermeiden. Zeitensprünge hatten also eine beträchtliche Fallhöhe – und die zu Beginn des Kaiserreichs üblichen Schutzmaterialien Kalk, Salz und Fett waren bereits elaborierter als die simple Einlagerung der Eier in schützendem Sand, in Holzasche oder Häcksel sowie die winterliche Kühlung in Kellerräumen bzw. Erdmulden.

03_Der Landbote_1886_05_01_Nr051_p4_ebd_1889_Nr056_05_11_p4_Konservierungsmittel_Eier_Wasserglas

Wasserglas für den Hausgebrauch (Der Landbote 1886, Nr. 51 v. 1. Mai, 4 (l.); ebd. 1889, Nr. 56 v. 11. Mai, 4)

Diese Malaise der Eierkonservierung wurde seit den 1880er Jahren durch ein „neues“ Präparat gemildert, das Wasserglas (Hermann Mayer, Das Wasserglas, seine Eigenschaften, Fabrikation und Verwendung, Braunschweig 1925). Dabei handelte es sich um wasserlösliches kieselsaures Alkali, entstanden aus dem Verschmelzen von Quarzsand mit Kali und/oder Natron – sowie etwas Holzkohle. Wasserglas war pulverisiertes, in Wasser aufgelöstes Glas, eine gallertartige Flüssigkeit für die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer neue Verwendungen gefunden wurden: Sie half bei der Grundierung, bei Dachpappen, diente als Bleichmittel, zum Brandschutz, vermehrt auch als Kitt oder Waschmittel (H. Grothe, Ueber die Wasserglas-Industrie, Badische Gewerbezeitung 9, 1876, 169-179). Um Eier zu konservieren wurde das vom Apotheker oder Drogisten angebotene Wasserglas mit Wasser vermischt und leicht erhitzt. In diese warme Flüssigkeit legte man die Eier und imprägnierte sie ca. zehn Minuten. Dann herausnehmen und abtrocknen. Der Überzug schützte die Hühnerprodukte recht sicher, so dass man sie bis zur nächsten Eierschwemme nutzen konnte (Conservierung der Eier durch Wasserglas, Archiv der Pharmacie 179, 1867, 134). Der Wirkmechanismus war seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt, setzte sich aber erst seit den 1880er Jahren durch (Konserviren der Eier, Der Landbote 1858, Nr. 133 v. 9. November, 526). Der Wirkungsgrad war nämlich größer, legte man Eier dauerhaft in Wasserglas ein. Der Geschmack dergestalt konservierter Eier war nicht ideal, vielmehr recht kratzig. Doch verglichen mit Kalk gab es deutlich weniger Bruchfälle, zudem war das Eiweiß schlagfähig (Alfred Hasterlik, Wasserglas als Eierkonservierungs-Mittel, Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 58, 1917, 265-266, hier 266). Als Rührei, in Speisen oder Backwaren erfüllten die Eier verlässlich den zugedachten Zweck. Um die Jahrhundertwende galt Wasserglas als das beste Eierkonservierungsmittel (Die Konservirung von Eiern, Zeitschrift für Öffentliche Chemie 3, 1897, 301-302).

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Ausnahme: Eierkühlraum der Gesellschaft für Markt- und Kühlhallen in Berlin (Refrigeration, 1913, 82)

Die Kühlung von Eiern blieb dagegen unterentwickelt, anders als in den USA, anders als beim wichtigsten Eierlieferanten Russland. Dies galt, obwohl das Deutsche Reich die weltweit führende Kältemaschinenindustrie hatte (Hans-Liudger Dienel, Linde. History of a Technology Corporation, 1879-2004, Houndmills und New York 2004, 3-12, 28-35). Doch es fehlte abseits der Frachtzentren in Berlin, Hamburg, München und Köln an Kühlhauskapazitäten. Importe wurden rasch per Bahn weiterversandt. Am Ankunftsort aber endete die Kühlkette, insbesondere in den Läden und den Haushalten. Den Experten war bereits um die Jahrhundertwende klar, dass Eier durch Kühlung am besten „frisch“ bleiben würden, auch wenn die chemischen Abbauprozesse bei Kühllagerung noch recht unbekannt waren (Prall, 1907; L. Heyn, Konservierung der Eier durch künstliche Kälte, Die Kälte-Industrie 6, 1909, 50-51, 63-64). Doch trotz der während des Ersten Weltkriegs offen sichtbaren Versorgungsprobleme lag der Anteil der Kühlhauseier noch Ende der 1920er Jahre bei lediglich vier Prozent des Gesamtumsatzes (Einlagerung von Eiern in deutsche Kühlhäuser, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/31, 135). Eine leistungsfähige Kühlinfrastruktur war schlicht teuer. Und die preiswerte und vermeintlich bequeme Eierkonservierung durch Wasserglas und Garantol verminderte die für Wandel erforderlichen Gewinnaussichten. Mochten die Eikonserven gegenüber gekühlten Angeboten auch schlechter schmecken und höhere Bruchraten ausweisen, so waren diese doch nicht so bedeutsam, um massive Investitionen in die Kühltechnik in Gang zu setzen. Gerade in den Haushalten stand die preiswerte Eierkonservierung somit einer verbesserten Gesamtversorgung im Wege.

Die Hamburger Garantol-Fabrik

Garantol war eines der vielen neuen Eierkonservierungsmittel, die im Nachklang von Wasserglas dessen Markterfolg wiederholen, ja, übertreffen wollten (Alexander Kossowicz, Die Zersetzung und Haltbarmachung der Eier, Wiesbaden 1913, 55-68). Seine Geschichte ist – ebenso wie die der Garantol-Fabrik in Hamburg und der anfangs in Dresden, dann in Gommern resp. Heidenau ansässigen Garantol GmbH – nur indirekt nachzuzeichnen. Archivalien fehlen – ähnlich wie für die große, große Mehrzahl der Unternehmen, zumal der Konsumgüterindustrien. Staatliche Archive interessieren sich halt vorrangig für staatliches Handeln, Wirtschafts- und Firmenarchive konzentrieren sich auf größere Unternehmen. Umso wichtiger sind Rekonstruktionen wie diese, handelte es sich beim Garantol doch um ein von Abermillionen über Jahrzehnte genutztes Convenienceprodukt.

Den Beginn des Reigens machte der in Tangermünde tätige Konditor August Utescher. Sein am 5. April 1893 beantragtes und dann am 31. Mai 1894 patentiertes „Verfahren zur Conservirung von Nahrungs- und Genußmitteln von Eiern mittels eines Eisenoxydulsalzes und Calciumhydroxydes“ (Patentblatt 1894, 54) wurde von den einschlägigen Interessenten nicht nur breit rezipiert, sondern auch positiv bewertet (R. Strauch, Das Hühnerei als Nahrungsmittel und die Conservirung der Eier, Bremen 1896, 26, 28). Eier sollten demnach mittels beider Stoffe eine „künstliche Umhüllung“ erhalten, um so die Poren zu schließen und das Eindringen von Luft und Mikroorganismen zu verhindern (Chemiker-Zeitung 18, 1894, 1097-1098). Das war das anfänglich bei Wasserglas verwandte Verfahren. August Utescher regte aber auch dauerhaftes Einlegen der Eier in Garantol-Wassergemische an – und darauf konzentrierte sich das jahrelange Pröbeln seines in Hamburg ansässigen Bruders Ernst Utescher. Dieser war ein Mann vom Fach, Handelschemiker und seit 1901 Patentanwalt (Stahl und Eisen 21, 1901, 400), Gründer der noch heute bestehenden Kanzlei Harmsen Utescher. Er war zudem Herausgeber und Leiter von Uteschers Berichte, einer industrienahen Zeitschrift der Nahrungs- und Genussmittelindustrie (Jahresbericht der Pharmacie 33, 1898, 754).

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Warenzeichenschutz für ein Konservierungsmittel 1898 (Deutscher Reichsanzeiger 1898, Nr. 124 v. 27. Mai, 9)

Ernst Utescher versandte von Hamburg aus erste Packungen des Konservierungsmittels seines Bruders (Pharmaceutische Centralhalle 37, 1896, 308). Der Name Garantol wurde nach seinen Angaben seit Februar 1897 genutzt (Offizial Gazette of the United States Patent Office 100, 1902, 1106). Es handelte um einen Phantasiebegriff, der Vorstellungen sicheren Konservierens mit der zunehmend modischen Wortendung -ol koppelte.

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Kein Kassenschlager – Garantol aus Hamburg (Der Materialist 20, 1899, Nr. 16, 2. S. v. 1)

Die ersten Anzeigen wandten sich vor allem an Hühnerhalter, konzentrierten sich auf Packungen für tausend oder mehr Eier. Adressat war zugleich aber der Kolonialwarenhandel: „Im Handel fehlt bisher ein wirklich gutes Conservirungsmittel für Eier, und dieser Umstand hat für den Eierhandel und den Unterschied der Eierpreise im Sommer und Winter grossen Einfluss; gute Eier haben im Winter bekanntlich den doppelten Preis und sind oft genug selbst dafür nicht zu haben. Es ist deshalb gar kein Zweifel, dass das neue, bereits in der Praxis auf’s Beste bewährte Eierconservierungsmittel Garantol ein guter Verkaufsartikel werden wird.“ Ernst Utescher verwies auf seine langjährige Forschung, verbesserte und patentierte. Und er offerierte auch Haushaltspackungen: „Das Eierconservirungsmittel Garantol wird in kleinen Packungen von 15 Pf. an (für 15, 60 Pf. und 1 Mk.) in den Handel gebracht; […]. Der Absatz des Garantols wird durch angemessene Reklame in den gelesensten Zeitschriften, durch Prospecte etc. unterstützt“ (Garantol, Der Materialist 20, 1899, Nr. 16, 3. S. v. 1).

Garantol war zu diesem Zeitpunkt ein weißlich graues Pulver, das an „pulverisirten ungelöschten Aetzkalk“ erinnerte (Neumann, Die gemeinsame Eierverwerthung durch Vermittlung der Molkereigenossenschaften, Molkerei-Zeitung 9, 1897, 515-516, hier 516). Es musste in Wasser im Verhältnis 100 zu 1 aufgelöst werden. Gefäße aus Ton und Emaille schienen ratsam, in größeren Betrieben auch aus Zement. Anschließend musste man die frischen Eier überprüfen, denn diese mussten sauber und nicht eingeknickt sein, sollten im Idealfall auch durchleuchtet werden. Dann legte man sie vorsichtig in die Gefäße, Lage um Lage. Das Wasser musste die Eier komplett abdecken, ab 1897 enthielten die Packungen zudem ein getränktes Pergamentpapier, das die Wasseroberfläche abdecken sollte. Utescher versprach bis zu drei Jahre Haltbarkeit (Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 50, 1900, 97).

Garantol war während der 1900er Jahre ein Dachbegriff für unterschiedlich zusammengesetzte Konservierungsmittel. Ernst Utescher ging – wie sein Bruder – stets von Kalkpräparaten aus, ergänzte diese jedoch um vorwiegend metallische Stoffe. Das sollte die geschmacklichen und küchentechnischen Probleme der gängigen Kalkmilch verringern. Auf die Details der Patente 86077, 98231 und 122388 muss hier nicht eingegangen werden. Kalkmilch wurde darin mit Aluminium resp. Magnesiumsulfaltlösungen vermengt oder aber Kalkwasser mit Fett resp. Paraffin imprägniert. Das wichtigste Ergebnis des Pröbelns war gewiss das im April 1901 gewährte Patent Nr. 119575, das Eisenvitriol, Kalkmilch und Paraffinöl kombinierte (Chemisches Centralblatt 71, 1900, Nr. 25, II; ebd. 72, 1901, 980). Das Einlegen funktionierte ähnlich, doch empfahl Utescher nun einerseits eine größere Wassermenge überstehen zu lassen und anderseits am Ende nochmals etwas Pulver aufzustreuen (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 5, 1902, 213). Die fachliche Resonanz war fast durchweg positiv – auch wenn man berücksichtigen muss, dass sehr viele Experten interessenbeladen werteten bzw. solche Wertungen reproduzierten (P. Welmans, Untersuchung von Eikonserven, Pharmaceutische Zeitung 58, 1903, 804; Max Müller, Ref. v. Welmans, 1903, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 8, 1904, 751-752, hier 752). Ernst Utescher, Inhaber eines chemischen Laboratoriums, sollte in den Folgejahren jedenfalls noch zahlreiche Innovationen entwickeln, insbesondere Verfahren der Margarine- und Fettproduktion sowie der Koffeinextraktion.

Verlagerung und Konkurs: Die erste Dresdener Garantol GmbH

Die Hamburger Garantol-Werke legten die Grundlagen für den späteren Erfolg; doch dieser stellte sich erst nach der Übersiedlung nach Dresden ein – und nach dem Konkurs einer ersten Gründung in der sächsischen Hauptstadt.

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Hauptgesellschafter Hermann Leonhardt (1850-1922) und frühe Produktionsstätten in Dresden, Huttenstraße 13 (Garantol, 1953, 5 (l.); ebd., 6)

Die Verlagerung nach Dresden ging mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Initiative des Geschäftsmannes Hermann Leonhardt zurück, 1900 Geschäftsführer der dann aufgelösten Dresdner Industrie GmbH (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 91 v. 14. April, 16), zugleich Eigentümer eines Hamburger Export- und Import-Geschäftes (Ebd. 1901, Nr. 304 v. 24. Dezember, 12). Er wurde 1850 in Bremen geboren (Stadtarchiv Dresden, Einäscherungsbücher 1911-1952, Rep. Nr. 9.1.24, Bd. 1923, Nr. 10016), emigrierte möglicherweise in die USA, wurde dort Farmer, gehörte aber zu dem Fünftel der deutschen Auswanderer, die wieder zurück ins Deutsche Reich kamen. Utescher verkaufte Anfang des Jahrhunderts seine Rechte peu a peu an Leonhardt, um dann gemeinsam mit ihm ein neues Unternehmen zu gründen. Die Waagschale pendelte immer stärker Richtung Leonhardt, zumal dieser im September 1902 das Warenzeichen Garantol als Sammelbegriff beantragte, was im April 1903 gewährt wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 111 v. 12. Mai, 12).

Zu diesem Zeitpunkt existierte die Garantol GmbH Dresden bereits. Der im Februar 1903 unterzeichnete Gesellschaftervertrag sah „die Verwertung der von dem Handelschemiker und Patentanwalt Ernst Utescher in Hamburg erfundenen Verfahren und Mittel zur Konservierung von Eiern […] durch Fabrikation und Vertrieb der Erfindungsrechte, durch Erteilung von Lizenzen im In- und Auslande und eventuell durch Verkauf der Auslandspatente“ (Ebd. 1903, Nr. 68 v. 20. März, 19). Das Stammkapital betrug 33.000 Mark, Leonhardt und Utescher erhielten für ihre Warenzeichen und Patente 16.000 resp. 8.000 Mark angerechnet. Leonhardt übernahm die Geschäftsführung, unterstrich damit seine dominante Stellung. Ernst Utescher übertrug 1904 weitere Patente an die Garantol GmbH (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 164 v. 14. Juli, 9; ebd., Nr. 177 v. 29. Juli, 10; ebd. Nr. 192 v. 16. August, 7).

Alles schien in Ordnung, doch am Mitte Januar 1905 wurde ein Konkursverfahren eröffnet, in dessen Folge die Garantol GmbH am 30. März 1905 gelöscht wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 12 v. 14. Januar, 16; ebd., Nr. 79 v. 1. April, 19). Was war geschehen? Quellen fehlen, doch zwei Szenarien sind plausibel. Erstens können schlechte Geschäfte ursächlich gewesen sein. In den Jahren 1903 bis 1905 finden sich kaum Werbeanzeigen, nur wenige Erwähnungen in der Fachpresse. Zweitens kann es sich um einen konsequent umgesetzten Machtkampf zwischen den Gesellschaftern gehandelt habe. Mir scheint letzteres wahrscheinlicher.

Das Konkursverfahren führte nämlich zur Umgründung, nicht zum wirklichen Ende der Garantol GmbH. Sie wurde am 4. April 1905 eingetragen, ihr Zweck war „der Erwerb der Vermögensmasse der im Konkurs befindlichen bisherigen Garantol-Gesellschaft mit beschränkter Haftung sowie die Fabrikation und der Vertrieb von Eierkonservierungsmitteln unter der Bezeichnung ‚Garantol‘, der Erwerb und Betrieb gleichartiger Unternehmungen“ (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 83 v. 6. April, 16). Das Stammkapital von 20.000 Mark bestand fast gänzlich aus der von Hermann Leonhardt aufgekauften Konkursmasse. Der Dresdener Kaufmann agierte neuerlich als Geschäftsführer, der Name konnte nach Aufhebung des Konkursverfahrens beibehalten werden (Ebd., Nr. 103 v. 2. Mai, 23). Ernst Utescher war nicht mehr mit an Bord. Mag sein, dass die Geschäftsaussichten zwischen den Gesellschaftern umstritten waren. Doch Utescher hätte sich dann auszahlen lassen und verabschieden können.

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Bild-Warenzeichen für Garantol (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 125 v. 29. Mai, 17)

Spätere Aussagen Uteschers von 1906, dass er keinerlei Beziehungen zur Garantol GmbH unterhalte (E[rnst] Utescher, Zu der Veröffentlichung von A. Beythien betr. Garantol, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 12, 1906, 660-661, hier 660), unterstreichen die These einer Art feindlichen Übernahme. Die Garantol GmbH nannte Utescher jedenfalls noch 1906 in ihrer Werbung (A[dolf] Beythien, Einige neuere Erfindungen der Nahrungsmittelindustrie, ebd. 12, 1906, 467-473, hier 468-470; Ders., Bemerkungen zu vorstehenden Ausführungen des Herrn E. Utescher-Hamburg, ebd., 661-662). Das am 16. April 1907 erteilte US-Patent seiner Eierkonservierungsmethode bezeichnete ihn als „Assignor“, also als Zessionar, als Gläubiger der Garantol GmbH (Official Gazette of the United States Patent Office 127, 1905, 2685-2686; US850693). Das deutet auf ein mögliches Zerwürfnis hin. Die bis Mai 1905 erfolgten Patentanmeldungen in Frankreich, Finnland, Dänemark und Österreich liefen allerdings allesamt noch auf die Garantol GmbH (FR343045A; DI2256A; DK7444C; AT19185B). Das im Warenzeichen enthaltene U erinnerte jedenfalls bis in die 1920er Jahre an die Erfindungen Ernst Uteschers.

Garantol mal anders

Eine kleine Abirrung sei erlaubt, inmitten des Patentzwistes, von Konkurs und Neubeginn. Denn die recht enge Warenzeichenanmeldung Uteschers erlaubte zwischen 1901 und 1902 dem gewiss streng seriösen Geheimmittelanbieter Ferdinand Kögler seinerseits Garantol anzubieten – doch es handelte sich um eines der nicht nur das Mannesantlitz, sondern insbesondere die Werbespalten des Kaiserreichs zierenden Bartwuchsmittel. Er trat damit in die Fußstapfen des berühmten Prof. Migargeés, einer weltbekannten Persönlichkeit, der dieser Branche seinerzeit ins Stammbuch schrieb: „Zweifle an der Sonne Klarheit, / Zweifle an der Sterne Licht, / Zweifl‘, ob lügen kann die Wahrheit, / Nur am Barterzeuger nicht!“ (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2220, 6). Ferdinand Kögler, pardon, sein alter ego Paul Koch, der Anbieter des Bartwuchsmittels Fixolins, versprachen „großartige Erfolge“ bei der wilhelminischen „Manneswürde“ (Lustige Blätter 16, 1901, Nr. 2, 15).

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Streng reell! Fixolin (Monika 32, 1900, 454)

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Kein Schwindel! Garantol (Badische Presse 1902, Nr. 75 v. 30. März, 8)

Das Bartwuchsmittel Garantol unterstrich jedenfalls, dass Markterfolg in einer Konsumgesellschaft auf sprachlichen Fiktionen beruhte – und ohne die Kunstwelt der Worte Unordnung und Irritation drohten. Was sollte denn der Garantol-Kunde denken, als der Vertrieb des Mittels zeitweilig aussetzte und er dann mit schmissig-bangem Schritt ab November 1902 zu Harasin greifen musste, um den zarten Erfolg der Anfangskuren zu verstetigen (Münsterische Zeitung 1902, Nr. 687 v. 16. November, 6; Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 75 v. 28. März, 22).

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Streng reell! Kein Schwindel! Harasin (Das interessante Blatt 22, 1903, Nr. 182 v. 5. Juli, 12)

Garantol hieß ehedem auch eine Dachmarke für Lacke und Farben der Firma Gottfried Grün, dann der Gebrüder Kob in Prag (Militär-Zeitung 65, 1910, 998; Färber-Zeitung 25, 1914, 67). Derartige Bedeutungsvielfalt gab es auch bei anderen bekannten Konsumgütern: Mercedes ist für uns Nachgeborene eindeutig ein Vehikel, doch vor dem Ersten Weltkrieg handelte es sich auch um eine erfolgreiche Schuhmarke, Mercedes-Zigaretten wurden mehr als ein halbes Jahrhundert angeboten, die Mercedes-Werke im thüringischen Mehlis offerierten einschlägige Büro- und Schreibmaschinen. Doch zurück zum Eierkonservierungsmittel Garantol.

Die zweite Dresdener Garantol GmbH

Unter Hermann Leonhardts alleiniger Führung konsolidierte sich die Garantol GmbH seit 1905. Sie übernahm neue, im Augst 1903 angemeldete „Verfahren zum Konservieren von Eiern“ (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 132 v. 6. Juni, 10; ebd., Nr. 244 v. 15. Oktober, 10). Ein weiteres Warenzeichen wurde im Mai 1906 erteilt, das alte Uteschersche Warenzeichen 1908 gelöscht (Ebd., Nr. 125 v. 29. Mai, 17; ebd. 1908, Nr. 109 v. 8. Mai, 13). Garantol konnte nun seine Stellung als gleichwertige Alternative zum Wasserglas festigen.

Diese war 1906 von keinem geringeren als dem Dresdener Nahrungsmittelchemiker Adolf Beythien (1867-1949) in Frage gestellt worden. Er kritisierte die Zusammensetzung des Uteschers Patentes 119575, verwies auf das Ausfällen von Eisenoxydulsalz im Kontakt mit Wasser, deduzierte schließlich, dass es sich um nichts anderes „als ein mit etwas Gips, Eisenoxyd etc. verunreinigtes Ätzkalkpulver“ handele, dass Garantol letztlich nur Kalkeier zu erzeuge (Beythien, 1906, 470). Utescher versuchte diese Bedenken beiseite zu wischen, doch seine Ausführungen waren wenig überzeugend (Utescher, 1906). Ich halte es für wahrscheinlich – auch ohne Quellenbeleg –, dass Garantol daraufhin anders hergestellt wurde, nämlich aus Kalkmilch, Eisenbestandteilen (Ferrosulfat) und schließlich sehr fein vermahlene Eierschalen. Auch dieses Patent war bereits 1903 beantragt worden (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 13, 1907, 753). Die immer wieder erwähnte rötlich-graue Farbe des Eierkonservierungsmittels deutet jedenfalls in diese Richtung. Spätere Analysen bestätigten dies, hoben zugleich aber die durch den fast 70-prozentigen Kalkanteil herrührende „Verschiedenheit der Zusammensetzung“ hervor (Ed[uard] Dinslage, Garantol, Pharmazeutische Zeitung 55, 1910, 971; auch J[ohannes] Großfeld, Handbuch der Eierkunde, Berlin 1938, 297-298).

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Ludwig Grube (1885-1935), wohl in den 1930er Jahren (Garantol, 1953, 7)

Das veränderte Produktionsverfahren wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg noch durch eine Personalentscheidung ergänzt, die sich als Gewinn erweisen sollte. Im Mai 1913 erhielt Ludwig Grube Prokura (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 124 v. 28. Mai, 11). Glaubt man der wohl aus der Erinnerung geschriebenen, notorisch fehlerhaften, ja irreführenden Broschüre zum 50. Firmenjubiläum, so handelte es sich bei Ludwig Grube um einen strebsamen Vollwaisen, der seit einer Gärtnerlehre an Fortbildung und beruflichen Aufstieg arbeitete. Er war demnach in mehreren Industriebetrieben tätig, wurde nach Brüssel versetzt, besuchte dort die höhere Handelsschule und bewarb sich 1910 erfolgreich als Auslandskorrespondent der Garantol GmbH. Amtliche Quellen belegen, dass er 1885 als Sohn des Lehrers Heinrich Friedrich Ludwig Grube und seiner Ehefrau Juliane Maria, geb. Knolle im 100-Seelen-Örtchen Möllensen im niedersächsischen Kreis Gronau geboren worden war. Der auf die Namen August Albert Ludwig lutherisch getaufte Grube zog spätestens 1911 nach Dresden, wo er am 23. Dezember die zwei Jahre ältere Verlagsleiterin Ottilia Carolina Hedvica Siegl heiratete. Deren Eltern stammten aus dem böhmischen Dittersbach, ihr Vater war Holzhändler (alle Angaben n. Stadtarchiv Dresden, Eheaufgebote/Eheregister 1876-1927, 1911, Nr. 381). Ludwig Grube etablierte sich in der Folge in der Garantol GmbH und erhielt im Mai 1913 Prokura; wobei er im Dresdner Adressbuch erstmals 1914 und dann noch als Korrespondent zu finden war (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 124 v. 28. Mai, 11; Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1914, T. I, 288).

Propagierung von Zeitensprüngen: Die doppelte Garantol-Werbung in friedlichen Zeiten

Garantol wird gemeinhin mit einigen wenigen Werbeklischees aus den 1920er Jahren und dann der Zeit des Zweiten Weltkrieges verbunden. Dies spiegelt die vergleichsweise spät einsetzende aktive Werbung des Unternehmens, unterschätzt aber die beträchtliche Alltagspräsenz von Garantol bereits während des Kaiserreichs. Im Alltag der großen Mehrzahl dominierten Tageszeitungen – und darin war das neue Eierkonservierungsmittel stetig präsent. Allerdings waren es die Verkäufer selbst, vor allem Drogisten und Apotheker, seltener Konditoren und Kolonialwarenhändler, die regelmäßig im Frühjahr mit kleinen Erinnerungsanzeigen um Käufe warben.

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Kontinuierliche Werbung für ein Produkt – abseits der wechselhaften Firmenentwicklung (Westfälische Zeitung 1899, Nr. 91 v. 19. April, 4 (l.); Mülheimer Zeitung 1904, Nr. 78 v. 2. April, 4; Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung 1905, Nr. 118 v. 20. Mai, 12 (r.))

Die Verkäufer vor Ort präsentierten Garantol vorrangig einfach, präsentierten Namen, Zweck und Preis des Konservierungsmittels. Doch es wurde auch in ansprechenderer, appellativer Form beworben:

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Elaboriertere Werbung durch Eigeninitiative (Jeversches Wochenblatt 1907, Nr. 91 v. 19. April, 4 (l.); Münsterischer Anzeiger 1912, Nr. 272 v. 14. April, 3)

Die große Mehrzahl lokaler Anzeigen für Eierkonservierungsmittel konzentrierte sich jedoch auf den Verkauf an sich. Garantol und Wasserglas waren praktisch austauschbare Convenienceprodukte, sie waren nicht näher attributierte Angebote. Wichtig war, dass man irgendeines nutzte – welches, war auch den Verkäufern letztlich gleich, denn Preis und Handelsspannen waren ähnlich. Das spiegelte sich in der Werbung präzise wieder: Dort wurde die Illusion eines klar herausragenden Hilfsmittels aufgegeben, wurden Wasserglas und Garantol gleichwertig nebeneinander gestellt.

15_Westfaelische Zeitung_1907_04_25_Nr96_p6_Albtalbote_1922_05_11_Nr115_p4_Durlacher Wochenblatt_1913_04_04_Nr78_p3_Eier_Wasserglas_Garantol_Konservierungsmittel

Austauschbare Angebote (Westfälische Zeitung 1907, Nr. 96 v. 25. April, 6 (l.); Der Albtalbote 1911, Nr. 115 v. 11. Mai, 4; Durlacher Wochenblatt 1913, Nr. 78 v. 4. April, 3 (r.))

Die Garantol GmbH bot Flankenschutz für derartige lokale Werbungen. Dazu gehörten Reklamemarken, auch erste Werbeschilder. Doch diese dürften – abseits der Sammler- und Liebhaberforen – rare Ergänzungen gewesen sein. Wichtiger waren wahrscheinlich kleine Faltblätter, auch wenn diese erst in den 1930er Jahren größere Bedeutung gewannen.

16_Die Gartenlaube_1908_Nr11_Nr19_Nr10_Beilage_sp_Garantol_Konservierungsmittel_Eier

Fehlende Einheitlichkeit (Die Gartenlaube 1908, Nr. 11, Beilage, s.p. (l.); ebd., Nr. 19, Beilage s.p.; ebd. Nr. 10, Beilage, s.p. (r.))

Gleichwohl versuchte die Dresdener Firma, ihr Produkt unmittelbar anzupreisen. Dazu nutzte sie einzelne illustrierte Massenzeitschriften. Im Gegensatz zu anderen Markenartikeln dieser Zeit wurde Garantol aber nicht in der Breite beworben, stattdessen wurden jedes Jahr nur einige wenige Zeitschriften mit Anzeigen bedacht – die dann aber recht konsequent zwischen März und Juli geschaltet wurden. Die Garantol GmbH zielte dabei offenbar auf ein (klein-)bürgerliches, vielfach auch ländliches Publikum. Charakteristisch war anfangs zweierlei: Einerseits präsentierte man gerne redaktionelle Reklame, also kleine Werbetexte, die scheinbar Rat für das nun wieder notwendige, jedoch auch sparsame Einlegen der Eier boten. Anderseits aber gab es noch keine einheitliche Produktkommunikation. Garantol wurde mit sehr verschiedenen, allesamt nicht sonderlich elaborierten Motiven präsentiert, selbst der Namenszug erschien in immer wieder anderen Schrifttypen und Größen. Eier und Hühner boten visuelle Anreize, setzten sich ab von den Attraktionen der urbanen Moderne. Garantol war hilfreich, gewiss, stand zugleich aber für tradierte Lebenszuschnitte, für ruhiges, gedeihliches Leben ohne größeren Anspruch. Es ging darum, Zeit zu überbrücken, zugleich aber, sie stillzustellen. Garantol half, die natürlichen Rhythmen der Geflügelzucht mit den Anforderungen und Herausforderungen der Marktgesellschaft zu verbinden.

17_Die Woche_14_1912_Nr17_p21_ebd_p20_Garantol_Einlegen_Konservierungsmittel_Eier_Konservierungsgefaeß

Konservierte Eier – konservierter Lebenszuschnitt (Die Woche 14, 1912, H. 17, 21 (l.) und 20)

Das galt auch für die Firmenwerbung kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Sie blieb sachlich-preisend, erinnerte dabei an Geheimmittelwerbung dieser Zeit. Das eigentliche Markensignet – ein Ei mit einem U – wurde regelmäßig eingesetzt, Kosten-Nutzen-Abwägungen durch Preise unterstützt. Das zielte auf Großverbraucher und Einzelhaushalte. Neu war allerdings, dass man das Einlegen nicht nur in dem jeder Packung hinzugefügten Beipackzettel anschaulich beschrieb, sondern dass man das Vorgehen auch in Anzeigen visuell präsentierte. Dabei zeigte man jedoch kaum handelnde Personen, sondern begnügte sich mit den für den Konservierungsakt erforderlichen Gefäßen – wobei man nun vorrangig auf Glasgefäße setzte. Anleitungen zum Konservieren würden von den Käufern gewiss als Anlass zum Kauf verstanden werden. Die Nähe zum Kunden wurde nur indirekt gesucht, dieser als rationell Rechnender verstanden.

Die Stabilität des Oligopols

Derartige Formen rationaler Erinnerungswerbung sind üblich für Oligopole, also die Marktbeherrschung durch nur wenige, meist ähnlich große Anbieter. Und in der Tat konzentrierten sich hunderte kleiner und kleinster Ratgebertexte in den haus- und gartenwirtschaftlichen Zeitschriften und den Tageszeitungen zwischen 1910 und 1940 stets auf drei Verfahren: Kalk – für größere Betriebe, da etwas billiger –, Wasserglas und Garantol. Andere Anbieter versuchten immer wieder, dieses Oligopol aufzubrechen, doch sie scheiterten. Typisch hierfür war etwa Ovodura, dessen sprechender latinisierter Name schon auf die Verzehrsdauer des Eies verwies. Es handelte sich um eine fast 80-prozentige Kochsalzlösung mit etwa zwei Prozent Kaliumpermanganat (L. Heß, Die Eierkonservierungsmittel ‚Ovodura‘ und ‚Garantol‘, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 39, 1912, 456-458, hier 457). Die Eier wurden in die Salzlake gelegt, das Kaliumpermanganat zersetzte die Keime. Ovodura wurde in kleinen Packungen á zehn Gramm verkauft, 20 Pfennig sollten für 200 Eier reichen. Sie wurden 50 Minuten der Lösung ausgesetzt, konnten dann in Papier gewickelt in Körben oder Kisten aufbewahrt werden. Ovodura funktionierte, doch das Einlegen dauerte recht lang, auch der Geschmack der Eier dürfte gelitten haben. Es scheiterte. Ähnlich weitere Anbieter: Denn auch für Pun, Ovupur, Eikonservose, Antifabrolin und andere mehr galt, dass das Brechen eines bestehenden Oligopols ein klar besseres oder billigeres Produkt erforderte – oder aber neue Vertriebsformen. Andernfalls würden Großhändler und Verkäufer die mit erweiterten oder veränderten Sortimenten einhergehenden Kosten nicht tragen wollen. Die relative Marktstärke der Convenienceprodukte Wasserglas und Garantol gründete auf berechenbarer Bequemlichkeit dieser Marktakteure, die den Markt damit vor Veränderungen schützten. Der Weltenbrand des Krieges hätte einen solchen Bruch allerdings hervorrufen können.

18_Deutscher Reichsanzeiger_1913_05_03_Nr104_p01_ebd_12_08_Nr189_p32_ebd_1912_05_07_Nr110_p18_Eier_Konservierungsmittel_Pun_Ovopur_Eikonservose

Scheiternde Konkurrenz (Deutscher Reichanzeiger 1913, Nr. 104 v. 3. Mai, 1 (l.); ebd. Nr. 189 v. 8. Dezember, 32 (oben r.); ebd. 1912, Nr. 110 v. 7. Mai, 18)

Nationale Pflicht und Eiermangel: Eierkonservierung im Ersten Weltkrieg

Die Eierversorgung im Deutschen Reich geriet von Beginn des Ersten Weltkrieges an unter Druck. Einerseits brach ein Großteil der Importe weg: Hauptlieferant Russland fiel als Kriegsgegner aus, Galizien war Kriegsgebiet und chinesische Ei(gelb)konserven wurden durch die völkerrechtswidrige Seeblockade der Alliierten unterbunden. 1915/16 dürften die Einfuhren bei etwa der Hälfte der Vorkriegswerte von ca. 167.000 Tonnen gelegen haben, 1917 bei nur mehr einem Viertel, 1918 ebbten sie dann weiter massiv ab (R[obert René] Kuczynski, Deutschlands Versorgung mit tierischen Nahrungs- und Futtermitteln, Berlin 1927, 138-140). Die einheimische Eierproduktion, über deren Höhe es nur unsichere Schätzungen gibt, nahm nicht zuletzt aufgrund der Rationierungsmaßnahmen mindestens ebenso schnell ab. Eine charakteristische Stimme vermerkte 1915: „Wir Geflügelliebhaber ziehen fast alle dieses Jahr keine Küken; der drohende Futtermangel und das stets wie ein Damoklesschwert über uns hängende Gerstefütterungsverbot der Staatsregierung rät uns dringend, unseren Bestand eher zu vermindern, als zu vermehren. Es ist ja auch ganz klar, daß zuerst versucht wird, das Großvieh durchzuhalten, die Hühner kommen erst in zweiter Linie. Die Kükenaufzucht wird erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht durch den Mangel an Kraftfuttermitteln und Reis, durch das Verbot der Verfütterung von Weizen und Hafer. Den Züchtern, die Brutapparate haben, mangelt das Petroleum“ (Eiereinlegen als Kriegsfürsorge, Daheim 51, 1914/15, Nr. 24, 26-27, hier 27). Während des Krieges sank die Geflügelhaltung um ein Drittel, die Zahl der Eier weit stärker. Die Preise stiegen massiv an, 1916 waren Eier zunehmend Hamsterware, wurden zum Vorrecht der „noch zahlungsfähigen, wohlhabenderen“ Kreise ([Ludwig] v. Bar, Die kriegswirtschaftliche Regelung der Eierversorgung im Deutschen Reich […], Berlin 1919, 2). Ab August 1916 wurde der Eierhandel strikt reguliert, eine Reichsverteilungsstelle für Nährmittel und Eier eingerichtet. Das Hamstern konnte so nicht eingedämmt werden, die Preise stiegen weiter, Eier wurden zunehmend als Tauschmittel genutzt. Nominell erhielt das versorgungsberechtigte Drittel der Bevölkerung im Jahr 1918 noch 25 Eier (Bar, 1919, 8).

19_Sonntags-Zeitung fürs Deutsche Haus_19_1915-16_H35_pIV_Deutsche Kraft_1916_Nr09_p6_Eier_Konservierungsmittel_Garantol

Im Tenor der Sparsamkeit (Sonntags-Zeitung fürs Deutsche Haus 19, 1915/16, H. 35, IV (l.); Deutsche Kraft 1916, Nr. 9, 6)

Dieser massive Einbruch führte allerdings nicht zu einem ebenso massiven Einbruch beim Absatz von Eierkonservierungsmitteln. Im Gegenteil: Der Eiermangel führte zu verstärkter Eierkonservierung. Auf der einen Seite wurde ein Großteil der begehrten Waren von den Militärbehörden beschlagnahmt – und zunehmend eingelegt. Dies betraf nicht nur Lazarette und die Sicherstellung des Prunks im Großen Hauptquartier und den Stäben, sondern diente auch einer gewissen Abwechslung in der vielfach eintönigen Militärverpflegung (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 251-263). Importeier wurden durch die bei Kriegsbeginn gegründete Reichseinkaufs-Gesellschaft (ab Dezember 1914 Zentral-Einkaufs-Gesellschaft) bewirtschaftet. Neben die Kühlung trat vermehrt die Konservierung. Verfügbare heimische Eier wurden in wachsendem Maße von den Kommunalverbänden aufgekauft, um die Verteilung saisonal zu strecken und etwa das symbolisch wichtige Weihnachtsbacken zu garantieren. Die Hühnerhalter waren angesichts steigender Preise darauf erpicht, ihre Eier zur gewinnträchtigsten Zeit anbieten zu können (Eiereinlegen als Kriegsfürsorge, Daheim 51, 1914/15, Nr. 24, 26-27, hier 27). Und schließlich wurden die Verbraucher zu vermehrter Sparsamkeit angehalten – und das bedeutete ebenfalls eine zeitliche Streckung des Eierkonsums. Garantol gewann an Alltagswert, sarkastisch festgehalten am Naturallohn für neu einzustellende Haushaltshilfen: „Puddingpulver, zuckersüße, / Eingelegte Schweinefüße, / Erbsen in Konservendosen, / Dauerwürste, die aus Posen, / Eier viel, in Garantol – / und dann massig Sauerkohl“ (Kladderadatsch 70, 1917, Nr. 46, s.p.). Doch diese, schon längst nicht mehr alltäglichen Dauerwaren reichten nicht, die Hilfe trat in die Dienste eines Haushaltes mit Trüffeln und echtem Kaffee.

20_Das Land_24_1915-16_p206_ebd_p255_Haus Hof Garten_38_1916_p76_Eier_Konservierungsmittel_Garantol

Werbung um die Eierproduzenten (Das Land 24, 1915/16, 206 (l.); ebd., 255; Haus Hof Garten 38, 1916, 76 (r.))

Die Garantol GmbH profierte trotz Eiermangels von der veränderten Versorgungslage, die Umsätze stiegen „schlagartig“ (Garantol, 1953, 6). Die Werbung in Zeitungen und Illustrierten wurde fast gänzlich zurückgefahren, geworben wurde einzig noch um Hühnerhalter und Großwirtschaften. Das Konservierungsmittel etablierte sich gleichsam offiziell, wurden Garantol- und Wasserglaseier doch definitorisch als „Eier“ anerkannt (Dresdner Nachrichten 1916, Nr. 179 v. 30. Juni, 11). Ebenso wurde Garantol seit 1916 zu den „Gegenständen des täglichen Bedarfs“ gezählt (Gesetze und Verordnungen sowie Gerichtsentscheidungen […] 9, 1917, 596-597). Die Firma exportierte weiterhin Teile der Produktion, insbesondere in die USA, die Schweiz und die Habsburger Monarchie. Als Konsequenz dieser wachsenden Nachfrage errichtete die Garantol GmbH 1915/16 eine neue vierstöckige und voll mechanisierte Fabrik im nahe Dresden gelegenen Gommern. Im Sommer 1917 verlegte sie dorthin den Firmensitz (Garantol, 1953, 8; Deutscher Reichsanzeiger 1917, Nr. 168 v. 17. Juli, 10; ebd., Nr. 186 v. 7. August, 6). Diese Kleinstadt fusionierte 1920 mit zwei benachbarten Orten zur Gemeinde Heidenau. Mit einer gewissen Verzögerung schlug sich dies auch in den Anzeigen der Garantol GmbH nieder; wenngleich man im Exportgeschäft weiterhin Dresden als Anlaufpunkt angab.

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Neubau während des Weltkrieges: Produktionsstätten in Gommern (Garantol, 1953, 8)

Die kommode Lage der Anbieter kriegswichtiger Ware rief allerdings neue Wettbewerber hervor. Ihre Produkte ergänzten, die Wirkmechanismen entsprachen grob denen von Wasserglas und Garantol. Die neuen, durchweg kleinen Produzenten reagierten dabei auf die nicht geringen Versorgungsprobleme mit Eierkonservierungsmitteln insbesondere während der zweiten Kriegshälfte und der Übergangswirtschaft. Zudem nährten verschiedene Skandale mit verdorbenen Eiern Skepsis gegenüber Wasserglas und der Kühltechnik. Der Erfolg von Eiwol und Dauer-Ei, von Eiolin und Ovumol blieb jedoch begrenzt (Deutscher Reichsanzeiger 1918, Nr. 76 v. 30. März, 25; ebd. 1917, Nr. 284 v. 30. November, 17). Sie waren gleichwertiger Ersatz, weder besser, noch billiger als Wasserglas, Garantol und natürlich Kalkmilch. Das reichte nicht.

22_Deutscher Reichsanzeiger_1917_10_31_Nr259_p11_ebd_11_30_Nr284_p18_Eier_Konservierungsmtitel_Eiwol_Dauer-Ei

Temporäre Substitute für Wasserglas und Garantol (Deutscher Reichanzeiger 1917, Nr. 259 v. 31. Oktober, 11 (l.); ebd., Nr. 284 v. 30. November, 18)

Der Erste Weltkrieg stärkte also das bestehende Oligopol der Eierkonservierungsmittelanbieter. Es fehlten preiswerte und wirksame Alternativen, nicht dagegen einschlägige Forschung. Doch auch diese ergab kaum Neues, keine Innovationen. Teils wurde gar empfohlen, die von chinesischen Anbietern genutzte Borsäure einzusetzen (Über die Konservierung von Eiern, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 27, 1916/17, 381; Röhmer, Ueber Konservierung von Nahrungs- und Genussmitteln, Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen, III. F. 56, 1918, 167-220, insb. 195-202). Die führenden Mittel behaupteten sich also auch während der Kriegs- und Übergangszeit. Die Kühltechnik hatte sich parallel bewährt, war jedoch im verarmten Deutschland nach den 1920er Jahren nur mit Auslandskapital auszuweiten.

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Wachsendes Interesse am devisenträchtigen Exportgeschäft nach dem Waffenstillstand (Velhagen & Klasings Export-Anzeiger 8, 1918/19, Nr. 12, 17)

Ein gängiges Haushaltsmittel: Garantol in den 1920er Jahren

Garantol hatte sich während des Weltkrieges in einer Notsituation bewährt, sich damit als gängiges Haushaltsmittel vollends etabliert. Für das Unternehmen bedeuteten Frieden, das langsame Ende der Rationierung und der Übergangswirtschaft allerdings ein Ende einer langwierigen Sonderkonjunktur. Großkunden brachen weg, konnten durch die langsam wachsende Zahl leistungsfähiger Eierproduktionsgenossenschaften auch nicht annähernd wettgemacht werden. Aus diesem Grunde versuchte Hermann Leonhardt, das Produktportfolio zu erweitern.

Die Garantol GmbH hatte schon während ihrer ersten Dresdener Zeit ein breites Sortiment alltagsnaher Convenienceprodukte offeriert. Es handelte sich bei diesen Angeboten um typische Folgeinnovationen, also um kundennähere Ummodellierungen bereits bestehender Geräte und Alltagsprodukte. Den Anfang machte das 1903 eingetragene Promptin (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 262 v. 6. November, 11). Die Garantol GmbH vermarktete unter diesem Namen ab spätestens 1906 einerseits einen Tascheninhalator, gläsern, mit zwei birnenförmigen Stützen zum Einatmen durch die Nase, mit einer Öffnung am Boden zum Einsaugen. Der Apparat war mit Watte gefüllt, auf die Menthol oder anderes geträufelt werden konnte (Therapeutische Monatshefte 2, 1908, 423). Unter gleichen Namen produzierte sie auch ein Schnupfpulver, bestehend aus Borsäure, Menthol, ätherischen Ölen und Aromastoffen (Pharmazeutische Praxis 7, 1908, 62). Für beide galt der frühe Slogan „Promptin wirkt prompt!“ (Hamburgischer Correspondent 1907, Nr. 621 v. 7. Dezember, 4).

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Angebote abseits der Eierkonservierung (Das interessante Blatt 24, 1905, Nr. 46, 39)

Promptin wurde in Fachzeitschriften und Illustrierten beworben, der Erfolg blieb jedoch begrenzt (Die Gartenlaube 1908, Nr. 1-4, jeweils Beilage, s.p.). Das 1904 erworbene Patent belegt, dass die Garantol GmbH anfangs breiter angelegt worden war (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 268 v. 13. November, 10). Das Eierkonservierungsmittel sollte Teil eines breiteren Angebots von Drogerieartikeln sein. Doch gerade der Asthmamarkt war hart umkämpft, so dass Flops damals die Regel, nicht die Ausnahme waren. 1930 sollte die Garantol GmbH allerdings an diesen Ausflug in die Alltagsmedizin neuerlich anknüpfen. Promptin wurde der Name einer Hustenpastille mit Lecithin. Sie gewann regionale Bedeutung (Der sächsische Erzähler 1930, Nr. 290 v. 13. Dezember, 10; Dresdner Neueste Nachrichten 1936, Nr. 268 v. 15. November, 20).

Zurück zu den Anfängen: Das ebenfalls 1903 als Sammelbegriff eingetragene Garantin mutierte anfangs zu einem Desinfektionsmittel in der Milchverarbeitung (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 262 v. 6. November, 10; Drogisten-Zeitung 22, 1907, 316). Es sollte während der Bundesrepublik als Trockenstärkesirup eine Neubelebung erfahren, als Zwischenprodukt der Lebensmittelindustrie (Hermann Koch, Die Fabrikation feiner Fleisch- und Wurstwaren, Frankfurt a.M. 1966, XXIV). Weitere Warenzeichen wurden nicht zu Produkten verdichtet: Das galt etwa für das ebenfalls 1903 beantragte Gerbholz Rosol sowie die eventuell für die Viehwirtschaft gedachten Warenzeichen Ossogen und Ossopol. Sie wurden allesamt 1913 gelöscht (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 187 v. 9. August, 1; ebd. Nr. 278 v. 25. November, 23).

Was 1903 begonnen und dann verworfen wurde, griff die Firma 1921 wieder auf: Im Juli weitete man den Geschäftsgegenstand auf „die Herstellung und den Vertrieb weiterer Erzeugnisse“ aus. Parallel verzehnfachte man, gewiss auch inflationsbedingt, das Stammkapital auf 200.000 Mark. Eingebracht wurde diese Summe von Hermann Leonhardt (51.000), seiner Frau Elise Leonhardt (69.000) sowie dem nun auch als Gesellschafter agierenden Prokuristen Ludwig Grube. Sie nutzten dazu bestehende Darlehensforderungen an die GmbH (Deutscher Reichsanzeiger 1921, Nr. 201 v. 29. August, 12). Kurz darauf veränderte sich die Geschäftsleitung. Herrmann Leonhardt starb im Dezember 1922, schon ein Monat vorher wurde Ludwig Grube Geschäftsführer. Seine Prokura wurde aufgehoben, er durfte die GmbH nun alleine vertreten (Deutscher Reichsanzeiger 1922, Nr. 274 v. 4. Dezember, 14; ebd. 1923, Nr. 40 v. 16. Februar, 14). Im Gefolge erwarb Grube zudem die Geschäftsanteile der Witwe Elise Leonhardt. Auch der Markenschutz für Garantol wurde verstärkt (Ebd., Nr. 78 v. 4. April, 1). Die Neuausrichtung und Konsolidierung der Firma endete mit der Umstellung des Stammkapitals auf 100.000 Goldmark im November 1924 (Ebd., 1924, Nr. 298 v. 18. Dezember, 16).

Grube behielt den 1921 eingeschlagenen Weg bei, mochte dieser auch auf Leonhardts Ideen zurückgehen. Dabei dürfte es auch um die Nutzung brachliegender Produktionskapazitäten handeln, stellte die Garantol GmbH bis mindestens 1924 doch auch Standardconvenienceprodukte her, etwa Vanillinzucker, Creme- und Puddingpulver (Das Leben 2, 1924/25, Nr. 15, IIb) sowie Likör- und Punschextrakte.

25_Illustrierte Familien-Zeitung_1922_Nr12_p48_Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau_37_1922_Nr18_Anzeigen_p6_Garantol_Antityphoid_Tiermedizin_Convenienceprodukte

Verbreiterte Angebote (Illustrierte Familien-Zeitung 1922, Nr. 12, 48 (l.); Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau 37, 1922, Nr. 18, Anzeigen, 6)

Langfristig folgenreicher sollte der Einstieg in den Tiermedizinmarkt werden. Ende 1920 hatte man „Lehrer Schaper’s Antityphoid“ eintragen lassen, das seit 1921 offenbar recht erfolgreich vermarktet wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1921, Nr. 26 v. 1. Februar, 23). Es handelte sich dabei um ein Mittel gegen Durchfälle von Geflügel. Die Mischung von Eisenvitriol, Methylenblau und Salzsäure war apothekenpflichtig (Bericht über das Veterinärwesen im Freistaat Sachen für das Jahr 1921, Dresden 1922, 90). Es wurde anfangs nicht nur im Deutschen Reich, sondern insbesondere in den USA gegen Devisen vertrieben (Das Echo 41, 1922, 3207, 3701).

26_Haus Hof Garten_43_1923_p120_Deutscher Reichsanzeiger_1921_06_03_Nr127_p21_Tiermedizin_Garantol_Heidenau_Antityphoid_Essenzen_Klebstoff_Kitt_Sanril

Produkte, um die Dinge zusammenzuhalten (Haus Hof Garten 43, 1923, 120 (l.); Deutscher Reichsanzeiger 1921, Nr. 127 v. 3. Juni, 21)

Neue Geschäftsfelder sollten auch durch den Klebstoff Sanril erschlossen werden. Ein gleichlautendes Sammelzeichen hatte Hermann Leonhardt bereits zwanzig Jahre zuvor für seine Hamburger Handelsfirma beantragt (Deutscher Reichsanzeiger 1901, Nr. 304 v. 24. Dezember, 12). Nun wurde es durch ein Bildzeichen spezifiziert und auch für den devisenträchtigen Schweizer Markt eingetragen (Schweizerisches Handelsamtsblatt 39, 1921, 1652). Der Erfolg in dem durch Otto Rings Syndetikon dominierten Markt dürfte sich jedoch in engen Grenzen gehalten haben. Das gilt auch für die zur Schaufenster- und Messewerbung nutzbare Schokoladen- und Süßwaren-Imitationsmasse Katee, die dann unter dem Namen Garanta bis mindestens in die 1970er Jahre angeboten wurde (Deutsches Markenartikel-Adressbuch 1931, Leipzig s.a., 168; Fette, Seifen, Anstrichmittel 74, 1972, 252).

Garantol blieb das alles überragende Hauptprodukt. Angesichts des wieder steigenden Konsums – rechnerisch verbrauchte der Durchschnittsdeutsche 1900 102, 1912 111, 1925 108 und 1930 dann 139 Stück pro Jahr (Paul Gross, Der deutsche Eiermarkt, Berlin 1933, 9, 95) – hätten die Aussichten gut sein müssen. Doch die in der 2. Hälfte der 1920er Jahre engagierte geführte Debatte über qualitativ hochwertigere, vor allem auch verlässlich standardisierte Agrarprodukte verlief gegenläufig zur Haushaltskonservierung. „Frisch“ wurde zu einem immer wichtigeren Wert im Eiermarkt, die reichsweite Etablierung des „Deutschen Frischeis“ 1930 unterstrich dies. Importeier, vor dem Weltkrieg noch zu zwei Dritteln von Billiganbietern, stammten nun zu zwei Dritteln aus höherpreisigen Angeboten. Die Bedeutung der Kalkeier schwand – an sich eine Marktchance für Garantol. Doch angesichts eines qualitativ höherwertigen Gesamtangebotes sank der Stellenwert häuslich konservierter Eier.

Die Garantol-Werbung reagierte hierauf, wenngleich verhalten. Seit Mitte der 1920er Jahren wurde die Werbung einheitlicher, fokussierte sich verstärkt auf den Markenartikel als Qualitätsgarant. Das Heidenauer Unternehmen nutzte seine während des Krieges gewonnene Marktstellung, präsentierte Garantol als „bewährten“ Helfer der Hausfrau, anders als die vielen wertlosen Eiersatzmittel der „Hungerzeit“. Doch während viele der damaligen Konsumgüter nun mittels einer starken Werbefigur, eines Slogans oder aber in Alltagsituationen präsentiert wurden, warb man für Garantol öffentlich jährlich, teils mehrjährig mit nur einer, dann allerdings konsequent präsentierten Werbevorlage.

27_Velhagen & Klasings Monatshefte_40_1925-26_H1_p27_Meggendorfer Blaetter_148_1927_Nr1888_p144_Eier_Konservierungsmittel_Garantol

Markenartikelwerbung Mitte der 1920er Jahre (Velhagen & Klasings Monatshefte 40, 1925/26, H. 1, 27; Meggendorfer Blätter 148, 1927, Nr. 1888, 144)

Umsatzzahlen fehlen: Rechnet man jedoch die selbst annoncierte Zahl von 500 Millionen jährlich mit Garantol eingelegten Eiern hoch, so ergeben sich 4,2 Mio. Kleinpackungen und ein Umsatz von 1,7 Millionen Reichsmark. Angesichts von Handelsspannen von etwa 40 Prozent und dem wohl dominierenden Absatz in mittleren Packungen und Großgebinden dürfte der Inlandsumsatz jedoch bei etwa 800.000 Reichsmark gelegen haben. Garantol war angesichts der geringen Herstellungskosten gewiss eine „Cash Cow“, doch zugleich war der Absatzhorizont begrenzt. Hinzuzurechnen ist allerdings das nicht unbeträchtliche Auslandsgeschäft. Vergleicht man die Angabe mit dem Gesamtverbrauch von 1927 ca. 7,8 Milliarden Eiern (Gross, 1933, 97), ergibt sich ein Anteil von 6,4 Prozent aller Eier. Nimmt man als Bezugsrahmen jedoch allein die aus dem Deutschen Reich stammenden Eiern – 1927 ca. 44 Prozent – dann wurden mehr als 14 Prozent aller „deutschen“ Eier mit Garantol konserviert.

Auslandsmärkte: Ein Blick auf die USA und die Schweiz

Während die deutschen Eierproduzenten in den 1920er Jahren trotz beträchtlicher Rationalisierungsbestrebungen, steigender Legeleistungen und vermehrter Geflügelhaltung hinter die ausländischen Wettbewerber zurückfielen, war Garantol immer auch ein erfolgreicher Exportartikel – auch wenn es an Zahlen fehlt. Die Garantol GmbH war, wie ihr Hamburger Vorgänger, ein exportorientiertes Unternehmen. Das Vorgehen im Ausland war konventionell, doch wirksam: Patente und Warenzeichen wurden angemeldet, eine Agentur beauftragt, selten selbst eingerichtet, anschließend begann der Vertrieb, flankiert von mehr oder weniger aktiver Werbung.

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Preisende Benennung in den USA (R.B. Dunning & Co. Illustrated Catalog. Seeds 1908, 47)

Dabei orientierte man sich zumeist an den Spezifika der Auslandsmärkte. Blicken wir etwa in die USA, einen Zielmarkt, der nicht nur durch seine Größe lockte. Angesichts der im Großhandel und Transportwesen bereits weit verbreiteten Kühltechnik waren die Konsumenten zumindest in den Absatzzentren im Osten und mittleren Westen kaum mehr für häusliche Eierkonservierung zu gewinnen. Ernst Utescher hatte 1904 ein erstes Patent erhalten, ein weiteres folgte 1907 (Offizial Gazette of the United States Patent Office 127, 1907, 2686-2687). Als Warenzeichen wurde Garantol bereits 1902 eingetragen (Ebd. 100, 1902, 1106). Die Garantol GmbH nutzte diese Vorarbeiten, erhielt 1911 schließlich ihr Warenzeichen (Ebd. 168, 1911, 777). Der Vertrieb setzte spätestens 1907 ein, doch konzentrierte er sich auf die in den USA bereits recht großen Hühnerfarmen. Niedrige Preise und der gegenüber Kalkwasser bessere Geschmack waren Kaufargumente. Auch in den USA war Wasserglas der wichtigste unmittelbare Konkurrent (Special Bulletin of the Food Department of the Agricultural Experiment Station North Dakota 2, 1912, 260). Garantol wurde während des gesamten Weltkrieges angeboten (R.B. Dunning & Co. Illustrated Catalog. Seeds 1917, 58; ebd., 1918, 58; ebd., 1919, 58). Die Werbung war altbacken und selbstpreisend, präsentierte überholte Bewertungen, zielte auf Erinnerung, nicht auf Überzeugung (American Poultry World 4, 1913, 900; The Progressive Farmer 28, 1913, 665). Es ist wahrscheinlich, dass die Markterfolge seit den 1920er Jahren deutlich abnahmen, da Kühltechnik in den größeren Läden dieser Zeit bereits Standard war.

29_Am haeuslichen Herd_27_1923-24_Nr9_sp_ebd_28_1924-25_Nr8_ebd_31_1927-28_Nr13_sp_Eier_Konservierungsmittel_Garantol_Schweiz

Garantolwerbung in den 1920er Jahren in der Schweiz (Am häuslichen Herd 27, 1923/24, Nr. 9, s.p. (l.); ebd. 28, 1924/25, Nr. 8, s.p.; ebd. 31, 1927/28, Nr13, s.p. (r.))

Anfangs ähnlich, dann aber ganz anders war die Marktpräsenz in der Schweiz – und das trotz der technisch fortgerittenen Konsumgenossenschaften resp. der 1925 gegründeten Migros. Garantol wurde anfangs – sicher ab 1905, nach Eintrag des Warenzeichens (Schweizerisches Handelsamtsblatt 23, 1905, 862) – wie im Deutschen Reich vorrangig über Apotheken und Drogerien vertrieben (Hauswirtschaftlicher Ratgeber 12, 1905, 159). Eine zentrale Markenartikelwerbung fehlte mehr als ein Jahrzehnt, stattdessen pries man das Konservierungsmittel in vielen redaktionellen (Reklame-)Beiträgen und überließ es den Verkäufern vor Ort Werbung zu machen. Eine Ausnahme bildete das allerdings nachfragestarke Hotelgewerbe (Schweizer Hotel-Revue 23, 1914, Nr. 21). Während des Ersten Weltkrieges nahmen die Anzeigen von Wasserglas, Garantol und des Kalziumkarbonat-Präparates Eyoline deutlich zu. Ab den 1930er Jahren trat die Markenartikel-Werbung für Garantol dann stärker hervor und erreichte während des Zweiten Weltkrieges einen Höhepunkt. Dabei verwandte man zumeist die deutschen Werbeklischees, übersetzte deren Texte einfach ins Französische oder Italienische.

30_Le Confedere_1935_05_01_Nr51_p4_Bieler Tagblatt_1935_05_04_Nr103_p7_La Voce della Rezia_1935_05_11_Nr19_p6_Garantol_Eier_Konservierungsmittel_Schweiz

Gleiche Werbung in unterschiedlichen Sprachen (La Confédéré 1935, Nr. 51 v. 1. Mai, 4; Bieler Tagblatt 1935, Nr. 103 v. 4. Mai, 7; La Voce della Rezia 1935, Nr. 19 v. 11. Mai, 6 (r.))

Garantol wurde in der Schweiz während des gesamten Zweiten Weltkrieges beworben. Auch in der Nachkriegszeit findet man einschlägige Anzeigen, wohl von Angeboten aus der Sowjetischen Besatzungszone (La Gruyère 1947, Nr. 37 v. 20. März, 8). Es folgte eine kurzfristige Werbepause, dann aber setzte der Absatz wieder ein – nun aber von Ware aus dem badischen Grötzingen, nun wieder mit den dort verwandten Werbemotiven (Le Confédéré 1950, Nr. 39 v. 31. März, 4; Walliser Volksfreund 1950, Nr. 31 v. 18. April, 3; Neue Zürcher Nachrichten 1955, Nr. 91 v. 18. April, 5).

Ressourcenoptimierung: Garantol während des Nationalsozialismus

Nach Ende der Weimarer Republik (die ich mit den Präsidialdiktaturen 1930 ansetze) und der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer konservativen Bündnispartner änderte sich für die Garantol GmbH relativ wenig – trotz der Eierverordnung von 1932, die unter anderem eine Kennzeichnungspflicht für konservierte Eier vorsah. Die Verordnung wurde während der NS-Zeit modifiziert, galt im Grundsatz aber weiter. Der Eierkonsum ging während der Weltwirtschaftskrise beträchtlich zurück, sank durch die Beschränkungen der Importe bis 1934 weiter, lag auch 1938 noch unter den Werten der Weltwirtschaftskrise. Die NS-Zeit war eine Zeit der Eierknappheit – also schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein Umfeld, das einen sorgfältigen Umgang und damit ein Konservieren der begrenzt verfügbaren Hühnerprodukte nahelegte. Das begünstigte zwar auch die Kühltechnik, die ab 1939 in eine vor allem an Wehrmachtsinteressen ausgerichteten und bis 1942 zu einer europäischen Großraumwirtschaft erweiterten Kühlwirtschaft mündete; doch gerade die dabei offenkundige Vernachlässigung der Interessen von Handel und Konsumenten bestärkte den Zwang, Eier auf tradiertem Wege für den Winter zu konservieren.

Für die Garantol GmbH verlief das Geschäft in durchaus tradierten Bahnen – auch wenn sich die Geschäftsleitung beträchtlich veränderte. 1930 wurden gleich zwei Prokuristen benannt. Zum einen die Buchhalterin Elisabeth Menzel (1895-1990), die diese Position allerdings schon nach einem Jahr wieder verlor (Deutscher Reichsanzeiger 1930, Nr. 126 v. 2. Juni, 12-13; ebd. 1931, Nr. 151 v. 2. Juli, 10). Die Tochter eines Dresdener Maurers arbeitete anfangs als Verkäuferin, heiratete 1920 einen Handlungsgehilfen, 1924 einen Werkmeister, etablierte sich in der Garantol GmbH und arbeitete für diese wohl auch später – zumindest deutet ihr Sterbeort Stuttgart darauf hin, dass sie ab 1947 die Neugründung in Grötzingen mitgestaltet hat (Stadtarchiv Dresden, Geburtsregister/Geburtsanzeigen 1876-1907, Bd. 1895, Nr. 2623; ebd. Eheaufgebote/Eheregister 1876-1927, Bd. 1920, Nr. 1240; ebd., Bd. 1924, Nr. 672). Zum anderen der Kaufmann Arthur Irmer (1901-1945), Sohn eines Dresdener Produktenhändlers, der als Oberfunker kurz vor Kriegsende bei den Versuchen der Wehrmacht starb, die vordringenden US-Truppe nach dem Fall von Neuß zu stoppen (Stadtarchiv Dresden, Sterberegister/Sterbefallanzeigen 1876-1957, Bd. 1949, Nr. 2325). Er besaß ab 1931 Gesamtprokura.

31_Dresdner Nachrichten_1935_03_05_Nr108_p14_Unternehmer_Ludwig-Grube_Todesanzeigen_Garantol_Heidenau

Todesanzeigen von Ludwig Grube 1935 (Dresdner Nachrichten 1935, Nr. 108 v. 5. März, 14)

Gravierend war der Tod von Hauptgesellschafter und Geschäftsführer Ludwig Grube im Rudolf-Heß-Krankenhaus 1935 (Stadtarchiv Dresden, Sterberegister/Sterbefallanzeigen 1876-1957, Bd. 1935, Nr. 389). Otti Grube übernahm, die Auswirkungen auf das unmittelbare Geschäft waren begrenzt. Die Garantol GmbH wurde allerdings zwei Jahre später von einer Kapital- in eine Personalgesellschaft überführt: Sie firmierte nun als Grube & Co. Das folgte der nationalsozialistischen Idee des persönlich haftenden Kaufmannes, der Stärkung von Familienunternehmen. Derartige Übertragungen erfolgten damals massenhaft, denn die Durchführungsverordnungen des 1934 erlassenen Gesetzes über die Umwandlung von Kapitalgesellschaften lockten mit Steuererleichterungen, drängten mit einer erhöhten Körperschaftssteuer. Irmer führte weiterhin die Alltagsgeschäfte, zwei Kommanditen stärkten 1937 und 1938 die Finanzkraft der Firma (Deutscher Reichsanzeiger 1937, Nr. 124 v. 3. Juni, 18; ebd. 1938, Nr. 6 v. 8. Januar, 12).

Das Geschäft von Grube & Co. beruhte damals vorrangig auf Garantol, Promptin und Antityphoid bildeten Ergänzungen. Die Firma bemühte sich allerdings auch während der 1930er Jahre um weitere Produkte. 1935 wurde Bartsch-Tee eingetragen, ein offenbar dem erfolgreichen und massiv beworbenen Dr. Ernst Richters Frühstückstee der Münchener Hermes-Fabrik nachempfundenes Produkt (Warenzeichenblatt 42, 1935, 487). Wie Garantol wurde es 1941 mit ansprechend geschalteter Serienwerbung propagiert, nun allerdings als deutsches Austauschprodukt für den fehlenden Tee aus Asien.

32_Westfaelische Neueste Nachrichten_1938_03_28_Nr073_p6_Fliegende Blaetter_195_1941_p400_Schlankheitstee_Garantol_Bartsch-Tee_Koerper_Fruehstueck

Vom Nischenmarkt zum Kriegsprodukt (Westfälische Neueste Nachrichten 1938, Nr. 73 v. 28. März, 6 (l.); Fliegende Blätter 195, 1941, 400)

Die naheliegende Frage nach den Beziehungen zwischen dem NS-Regime und der Garantol GmbH resp. der Firma Grube & Co. ist nicht seriös zu beantworten. Man dürfte sich angepasst, zugleich auf eine gewisse Distanz geachtet haben. Die Todesanzeigen Ludwig Grubes erschienen nicht im lokalen NS-Parteiorgan Freiheitskampf, sondern in den traditionell konservativen und demokratieskeptischen Dresdner Nachrichten. Sein 1915 geborener Sohn Hans Grube promovierte 1939 an der Handelshochschule Leipzig bei dem Betriebswirt Erich Schäfer (1900-1984), seit 1940 NSDAP-Mitglied, zugleich einer der intellektuellen Köpfe der Gesellschaft für Konsumforschung. Diese Gruppe, der auch der spätere ordoliberale Heros Ludwig Erhard (1897-1977) angehörte, war integraler Bestandteil des NS-Regimes, stand der Kriegs- und Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus aber kritisch gegenüber (zu diesem Milieu vgl. Uwe Spiekermann, German-Syle Consumer Engineering: Victor Vogt’s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann, Gary Cross und Ingo Köhler (Hg.), Consumer Engineering, 1920s-1970s, Cham 2019, 117-145, insb. 128-132). Hans Grubes im Frühjahr 1939 geschriebene Dissertation (Werbung und Umsatzentwicklung bei Markenartikelunternehmungen, Leipzig 1941) ist eine solide, für damalige Verhältnisse weit überdurchschnittliche Arbeit, die dem gängigen NS-Jargon der Zeit keine Konzessionen machte. Anderseits kann man ab 1941 fast sicher von Zwangsarbeit bei Grube & Co. ausgehen, zumal sich in Heidenau viele kriegswichtige Unternehmen angesiedelt hatten und in Dohna-Heidenau ein Durchgangslager für Zwangsarbeiter bestand. Die spätere Enteignung erfolgte gemäß dem SMAD-Befehl Nr. 124/45 vom 30. Oktober 1945, der bei aller Willkür doch Maßnahmen gegen das Vermögen von „Amtspersonen der NSDAP, ihren führenden Mitgliedern und hervortretenden Anhängern“ vorsah (Bestimmungen der DDR zu Eigentumsfragen und Enteignungen, hg. v. Gesamtdeutschen Institut, Bonn 1971, 50-52, hier 50).

33_Illustrierter Beobachter_07_1932_p376_Die Frau und Mutter_23_1934_H4_p38_Konservierungsmittel_Eier_Garantol_Redaktionelle-Reklame

Appelle an die sparsame Hausfrau (Illustrierter Beobachter 7, 1932, 376 (l.); Die Frau und Mutter 23, 1934, H. 4, 38)

Für die Öffentlichkeit war die Werbepräsenz der Garantol GmbH jedoch vorrangig. Während der Weltwirtschaftskrise und den ersten Jahren der NS-Herrschaft nutzte sie verstärkt einfache Textanzeigen, die regelmäßig auch als redaktionelle Reklame geschaltet wurde. Im Mittelpunkt standen wirtschaftliche Argumente. Eierkonservierung galt als einfacher und bequemer Bestandteil sparsamer Haushaltsführung. Wichtig war, dass auf diese Weise trotz bedrückender Not ein wenig Abwechslung in der Küche beibehalten, den Lieben eine kleine Freude bereitet werden konnte.

34_Fliegende Blaetter_178_1933_p240_ebd_p272_ebd_p336_Garantol_Eier_Konservierungsmittel

Serienwerbung mit einfachen Mitteln (Fliegende Blätter 178, 1933, 240 (l.), 272, 336 (r.))

Die Werbung war weiterhin einfach, aufwändige Formen hätten die Kernbotschaften konterkariert. Allerdings finden sich Anfang der 1930er Jahre auch Ansätze von Werbeparolen, etwa „Garantol hält Eier über ein Jahr lang frisch“. Das klang hölzern, war nicht eingängig, war stattdessen sachbezogen und ernst. Mehr wurde versucht, etwa die Propagierung des Tätigkeitswortes „garantolen“. Das hatte beim Einwecken geklappt, ebenso beim Kukirolen, der Verwendung eines damals erfolgreichen Hühneraugenmittels. Doch beim Eiereinlegen scheiterten entsprechende Sprachspiele.

35_Israelitisches Familienblatt_36_1934_Nr11_p07_Illustrierte Nuetzliche Blaetter_1936_p99_Eier_Konservierungsmittel_Garantol

Die zufriedene Hausfrau mit ihrem Winterschatz (Israelitisches Familienblatt 36, 1934, Nr. 11, 7 (l.); Illustrierte Nützliche Blätter 1936, 99)

Die Garantol GmbH begann Anfang der 1930er Jahre zudem, ihre Markenartikelwerbung zu personalisieren. Dazu wählten sie einfach skizzierte Hausfrauen, deren Konterfei nach mehreren Jahren auch verändert wurde und bei denen durchaus zwischen urbanen und ländlichen Kundinnen unterschieden wurde. Allerdings baute die Firma keine produktspezifische Werbefigur auf, wie dies damals die Margarine- oder aber die Waschmittelindustrie vormachte. Parallel bemühte sich die Heidenauer Firma um Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit, nutzte dafür aber vorrangig Werbeblätter. Im Bereich der Haushaltskonservierung war dies schon seit langem üblich.

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Anschaulichkeit auch in der Werbung – Auszüge aus einem Werbeblatt ca. 1937 (Uwe Spiekermann)

Die NS-Zeit war für die Garantol-Werke eine neuerliche Zeit des Wachstums. Dazu mochte nicht zuletzt die Wehrmacht und die an Bedeutung rasch zunehmende Gemeinschaftsverpflegung beigetragen haben. 1937 wurde in Heidenau ein erster Erweiterungsbau errichtet, um den Versand zu beschleunigen und zu erweitern. Auf der einen Seite lag ein Eisenbahnanschluss, auf der anderen Verladerampen für Lastwagen (Garantol, 1953, 11). Zudem legte die Garantol GmbH vermehrt Wert auf eine verbesserte Ansprache der Verkäufer. Das galt insbesondere für die Drogisten und Apotheker. Es war kein Zufall, dass Ludwig Grube bis zu seinem Tode auch Vorsitzender der Velidro gewesen war, des Verbandes der Lieferanten im Drogenfach (Dresdner Nachrichten 1935, Nr. 108 v. 5. März, 14).

37_Deutsche Apotheker-Zeitung_50_1935_p530_Eier_Garantol_Konservierungsmittel

Werbung für die Verkäufer (Deutsche Apotheker-Zeitung 50, 1935, 530)

Die Werbung war stets mit diesen Verkaufsmultiplikatoren koordiniert, auf sie nahm man besonders Rücksicht. Die Handelsspanne lag bei ordentlichen 40 Prozent und wurde auch während des Zweitens Weltkrieges nicht gesenkt, als die gebundenen Preise 1941 um etwa ein Achtel reduziert wurden (Drogisten-Zeitung 57, 1941, Nr. 10, 4). Das entsprach dem Ideal der gebunden Wirtschaft, dem ideologisierten „Leben und leben lassen“ des deutschen Kaufmanns.

38_Wiener Pharmazeutische Wochenschrift_73_1940_p125_Garantol_Eier_Konservierungsmittel

Die Krise nutzen – Werbung um Apotheker und Drogisten (Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 73, 1940, 125)

Überraschend war der recht eigenständige Charakter der Garantol-Werbung. Obwohl sie nah an zentralen NS-Kampagnen agierte, etwa den seit 1936 im Rahmen des Vierjahresplanes initiierten „Kampf dem Verderb“-Feldzügen, der Propagierung des häuslichen Einmachens, der Förderung von Kleinsiedlung und Kleingärten sowie einer verstärkten Wertschätzung heimischer Produkte, fanden diese höchstens indirekt Widerhall in der Garantol-Markenartikelwerbung. Referenzen etwa auf das Deutsche Frauenwerk oder die Verbrauchslenkung unterblieben. Auch während des Krieges war man nicht Teil der vielgestaltigen Kampagnen um Kohlenklau oder andere mehr oder minder populäre Figuren der Verhaltensregulierung, des völkischen Nudging.

39_Kleine Volks-Zeitung_1940_07_04_Nr182_p12_Wiener Pharmazeutische Wochenschrift_73_1940_Nr12_p1_Garantol_Konservierungsmittel_Eier

Visuelle Ankerpunkte für Sparsamkeit und Tradition (Kleine Volks-Zeitung 1940, Nr. 182 v. 4. Juli, 12 (l.); Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 73, 1940, Nr. 12, 1).

Bemerkenswert ist zudem die 1940, also während des Krieges, einsetzende Ausweitung der Werbung, die seither konsequent auf ansprechende Bildvorlagen und vor allem serielle Motive setzte. Die Motive knüpften an Huhn und Ei an, doch nun wurde der Alltag der Konsumenten systematisch mit einbezogen. Dieser veränderte Markenauftritt dürfte direkt auf Hans Grube zurückzuführen sein – und es ist wahrscheinlich, dass nun auch eine Werbeagentur engagiert wurde. Grubes Dissertation behandelte die Markenartikelwerbung, setzte sich insbesondere mit den auch für Garantol charakteristischen „Saisonschwankungen“ auseinander (Grube, 1941, 25). Während des Weltkrieges war er Soldat, doch das war mehr Potemkinsche Fassade als Aussage. Das Dresdner Adressbuch verortete ihn bis 1941 noch nahe beim Heidenauer Werk in der Pirnaer Straße 32, ab 1943 dann in der Dresdener Lockwitzerstraße 30 (Dresdner Adreßbuch 1941, Heidenau, 27; ebd. 1943/44, Niedersedlitz, 84). Bereits 1937 hatte er Geschäftsanteile übernommen, wenngleich er im Adreßbuch erst ab 1943 als Mitinhaber der Garantol-Gesellschaft Grube & Co. firmierte (Garantol, 1953, 12).

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Verhaltensregulierung und Kaufappell (Illustrierter Beobachter 16, 1941, 52 (l.); ebd., 148)

Die neuen Werbeanzeigen setzten kaum neue Themen, banden die alten jedoch in die Kriegszeit, in die Eierrationierung ein. Der Eierkonsum sank damals reguliert, lag 1944/45 schließlich bei etwa der Hälfte der Vorkriegswerte: 1939/40 waren das durchschnittlich 140 Stück pro Kopf, 1941/42 87 und 1944/45 schließlich 68 (Kurt Häfner, Materialien zur Kriegsernährungswirtschaft 1939-1945, s.l. s.a. (Ms.)). Das war wenig, doch immer noch fast das Dreifache von 1918/19.

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Winke auch abseits der Saison (Die Umschau 46, 1942, 176 (l.); ebd., 400)

Die Werbemotive waren ansprechend gestaltet, führten auch erstmals konsequent über die Legesaison hinaus. 1941 begann im August eine neuerliche Kampagne – also just in dem Monat, in dem zuvor die Werbesaison faktisch endete: Haushälterische Winke – recht typisch für die damalige Werbewelt, doch mit jahrzehntealten Vorläufern bei Convenienceartikeln wie Backhilfsmitteln oder Suppenpräparaten – erläuterten nun den Umgang mit Garantol und gaben Ratschläge für die Werterhaltung der Eier im getränkten Glase. Damit emanzipierte sich das Konservierungsmittel auch von seinem Mitbewerber Wasserglas, für den als Markenartikel nie geworben wurde. Garantol wurde als bewährter Helfer, als Kriegskamerad positioniert, der um die Schwierigkeiten des Kriegsalltags wusste, der jedoch optimistisch die Engpässe und Probleme überwand.

42_Straßburger Neueste Nachrichten_1943_04_16_Nr106_p7_Erlaftal-Bote_1943_04_09_Nr36_p8_Konservierungsmittel_Eier_Garantol

Zuversicht im Kriege (Straßburger Neueste Nachrichten 1943, Nr. 106 v. 16. April, 7 (l.); Erlaftal-Bote 1943, Nr. 36 v. 9. April, 8)

Diese Grundhaltung und auch die stimmungs- und versorgungswirtschaftlich wichtigen Funktionen des Garantol führten denn auch dazu, dass das Konservierungsmittel noch 1943 und selbst 1944 mit recht großen Anzeigen mit visuellen Elementen beworben wurde. Dazu muss man wissen, dass Zeitungen und Zeitschriften Anfang und dann nochmals im Sommer 1942 die Werbemöglichkeiten deutlich reduzieren mussten, da die Anzeigengrößen gedeckelt wurden. Vielfach fanden sich nun ein Dutzend und mehr Motive auf einer Seite, die große Mehrzahl davon reine Werbetexte.

43_Gemeinschaftsverpflegung_1944_H04_Beilage_p5_ebd_H11_Beilage_p5_Konservierungsmittel_Eier_Garantol

Verpflichtungsdiskurse in der Volksgemeinschaft (Gemeinschaftsverpflegung 1944, H. 4, Beil., 5; ebd., H. 11, Beil., 5)

Das galt auch für Garantol – doch mit deutlichem zeitlichem Verzug. Entsprechend nahm die relative Präsenz des Eierkonservierungsmittels 1943/44 zu. Es stand nun Seit an Seit mit den führenden Markenartikeln weit größerer Unternehmen. Obwohl die Heidenauer Firma bis Kriegsende kontinuierlich produzierte – Dresden wurde als letzte deutsche Großstadt am 8. Mai 1945 besetzt, also am Tag der Kapitulation der Wehrmacht – spiegelten letztlich aber auch deren Anzeigen den nahenden Verlust des Krieges.

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Dem Endsieg entgegen – abebbende Werbeanstrengungen 1944 (Westfälische Zeitung 1944, Nr. 179 v. 2. August, 2 (l. oben); Badische Presse 1944, Nr. 165 v. 17. Juli, 4 (l. unten); Garten-Zeitschrift 1944, Nr. 7/8, 68 (r. oben); Grenzbote 1944, Nr. 16 v. 16. April, 8)

Doppelte Wege: Garantol in Heidenau und Grötzingen

Grube & Co. überstand den Zweiten Weltkrieg ohne Zerstörungen, inklusive den massiven Bombenangriff auf Heidenau am letzten Kriegstag. Dennoch kam der Betrieb 1945 kurzfristig zum Erliegen. Otti Grube wurde von der sowjetischen Militäradministration von der Geschäftsführung ausgeschlossen, ihr Sohn Hans Grube übernahm nach Ende der Kriegsgefangenschaft im Dezember die Leitung des Familienbetriebes. Die Garantol-Werke reüssierten rasch, 1947 übertrafen sie den Beschäftigungsstand der Vorkriegszeit (Garantol, 1953, 12). Der Betrieb wurde 1946 erstmals, 1948 neuerlich beschlagnahmt (Who’s who in Germany, 4. Aufl., Ottobrunn 1972, Bd. 1, 502). Hans Grube wurde verhaftet und für viele Monate inhaftiert, flüchtete Ende 1948, Anfang 1949 dann in den Westen. Die Gründe für diese Entwicklung sind unklar, können in der NS-Zeit liegen, an wahrscheinlicher Beschäftigung von Zwangsarbeitern, an den Interessen der Besatzungsmacht oder aber der kollektivistischen Politik der SED und der Blockparteien. Eine Sichtung der einschlägigen Archivalien im Staatsarchiv Dresden steht noch aus.

Während in Heidenau die Garantol-Werke verstaatlicht wurden, zum VVB (L) und dann VEB Garantol mutierten und weiterhin Garantol und Antityphoid produzierten, nahm die bereits am 18. Oktober 1947 gegründete Dr. Grube GmbH im nahe von Karlsruhe gelegenen Grötzingen den Betrieb auf (Badische Neueste Nachrichten 1949, Nr. 18 v. 27. Januar, 3). Hans Grube wurde am 8. Juni 1949 zum allein vertretungsberechtigten Geschäftsführer bestellt (Ebd., Nr. 119 v. 18. Juni, 10), der zwischenzeitliche Geschäftsführer Otto Lips im Januar 1950 als Geschäftsführer entlassen (Ebd. 1950, Nr. 25 v. 4. Februar, 9). Im April 1950 etablierten Hans Grube, seine Mutter Otti und zwei Kommanditen zudem die Grube & Co. KG, restaurierten also den Status von 1937 (Ebd., Nr. 109 v. 30. Mai, 8), auch wenn die Garantol GmbH parallel bestehen blieb (Ebd. 1951, Nr. 53 v. 3. März, 5). Zwischen den Heidenauer und den Grötzinger Garantol-Werken kam es zu Rechtshändeln (Süddeutsche Juristen-Zeitung 5, 1950, 277). Am Ende gab es zwei Produzenten des Eierkonservierungsmittels Garantol, je einen in beiden deutschen Staaten.

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Werbeplakate für Garantol in Österreich (Wienbibliothek AC10534260-4201 (ca. 1950, l.); ebd. AC10534101-4201 (1950))

Beide Firmen knüpften teils bruchlos an die NS-Zeit an, auch in der DDR warb man mit den alten Werbeklischees. Sie entwickelten sich auch in der Folgezeit ähnlich, wenngleich mit unterschiedlicher Dynamik. Die Grötzinger Firma intensivierte rasch ihre Exporttätigkeit, besaß damit eine angesichts der damaligen Dollar-Lücke strategisch wichtige Einnahmequelle. Beide Firmen erweiterten ihr Sortiment, wobei Grötzingen deutlich aktiver war; auch durch den Ankauf US-amerikanischer Patente. Dominierte Anfang, in der DDR auch noch Ende der 1950er Jahre der Umsatz des namensgebenden Eierkonservierungsmittels, so mutierten mit dem Rückgang der Nachfrage seit Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre beide Firmen zu Anbietern von Tiermedizin und Drogerieartikeln. Der Ausbau der Selbstbedienung, das Vordringen der Kühltechnik im Handel und dann auch den Haushalten, die „Massenproduktion“ von Geflügel und Eiern ließen „frische“ Eier zum Standard werden. Die Heidenauer Firma ging später in größere chemische Betriebe auf. Die Geschichte der Grube & Co. KG endete im Juni 1995, im Folgemonat auch die der Dr. Grube GmbH. Die 1985 gegründete Garantol GmbH wurde schließlich im Mai 1996 gelöscht. Wasserglas ist weiterhin verfügbar.

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Angebotspaletten der Grötzinger und der Heidenheimer Garantol-Werke (Garantol, 1953, 18 (l.); Werbezettel Garanta, s.a.)

Convenienceprodukte als Zwischenlösungen mit Beharrungsvermögen

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte es noch mit typisch wilhelminischem Optimismus geheißen: „Die Konservierung der Eier ist nur eine Frage der sich immer mehr und mehr entwickelnden Technik auf dem Gebiet“ (Kurt Woite, Kolonialgeflügel, Die Woche 14, 1912, 1109-1111, hier 1110). Die Geschichte des Konservierungsmittels Garantol belegt, dass die technische Verfügbarkeit einer überlegenen Konservierungstechnik – hier der Kühltechnik – für deren Durchsetzung nicht ausreichte. Wasserglas und Garantol ermöglichten Eier auch im Winter, mochten diese auch geschmacklich schlechter und küchentechnisch begrenzter als gekühlte oder gar frische Angebote gewesen sein. Diese Mängel aber waren überschaubar, an sie konnte man sich gewöhnen, ebenso an den saisonalen Rhythmus derartiger Verschlechterungen. Wasserglas und Garantol halfen Kriege und Krisen zu bewältigen, boten handhabbare Alternativen zum Verzicht, übertrafen zuvor übliche Konservierungsverfahren. Bequem waren diese Bequemlichkeitsprodukte aus heutiger Sicht vielleicht nicht, doch ihre Anwendung wurden seit der Jahrhundertwende zur üblichen Haushaltsroutine, so wie man auch das enorm aufwändige Waschen und Putzen lange, lange kaum hinterfragte, auch, weil dies unbezahlte Frauenarbeit war.

Garantol war Ausdruck begrenzter Anspruchshaltungen, eines Arrangements mit einem Leben, in dem das frische Ei kein Dauerangebot war. Man dachte im Jahresrhythmus, noch nicht mit der für uns geltenden Kurzlebigkeit der Ware. Convenienceprodukte stehen heute für die Beschleunigung des Marktes und des Konsums – einhundert Jahre zuvor standen sie für Stetigkeit und Verlässlichkeit. Heute, wo wir alte Waren nur als gereifte Edelprodukte schätzen, wo uns Frisches und Neues permanent umgibt, wo wir Waren wegwerfen, wenn sie ein zwar begründetes, aber doch auch imaginäres Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, heute können wir uns Convenienceprodukte als Entschleuniger, als Dynamikbremse kaum mehr vorstellen.

Garantol war just dies, war ein Grund für die nur verzögerte Einführung der Kühltechnik hierzulande. Garantol war eine Zwischenlösung in einer unvollkommenen Welt. Dieses scheinbar so nebensächliche Produkt kann uns aber vielleicht anregen darüber nachzudenken, dass wir uns auch mit vielen Zwischenlösungen begnügen, mögen diese uns auch anders präsentiert werden. Das gilt für unsere Ernährung, unsere Umwelt, unsere materielle Existenz. Vielleicht können wir im Kopfschütteln über die überwundene Zwischenlösung Garantol dann gar erkennen, wie wichtig es ist, sich möglichst mit Kernproblemen auseinanderzusetzen, um nicht Jahrzehnte zu verlieren.

Uwe Spiekermann, 14. August 2022

Joints im kaiserlichen Berlin? Die kurze Geschichte der Bronchiol-Asthmazigaretten

Joints im kaiserlichen Berlin? Ja, die gab es – vorausgesetzt, man denkt dabei an cannabishaltige Zigaretten. Nein, die gab es nicht – denn diese Zigaretten dienten nicht dem Vergessen und der Entspannung, sondern einem medizinischen Zweck: Cannabishaltige Zigaretten waren wichtiger Teil einer breiten Palette von Heilmitteln gegen Asthma, gegen Bronchialkatarrhe, gegen Atemnot. Asthmazigaretten dieser Art konnte man während des gesamten Kaiserreiches in Berlin und andernorts kaufen. Cannabis war damals ein gängiger Inhalts- und Wirkstoff, auch wenn dessen Bedeutung in einem Markt ohne Verbot bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges gering war und abgenommen hatte. Asthmazigaretten wurden anfangs von ausländischen Anbietern verkauft, vorwiegend Franzosen, teils auch Holländern. Doch parallel zum Aufstieg der heimischen Pharmaindustrie drangen auch deutsche Anbieter in die Marktnische. Das zeigte sich vor allem an der kurzen, von 1901 bis 1914/16 währenden Geschichte der Berliner Bronchiol GmbH. Es handelte sich um eine kleine Gruppe jüdischer Geschäftsleute, die Ideen eines kränkelnden Zahnarztes, des Hauptes der amerikanischen Kolonie in Berlin aufgriffen, um dessen „Gesundheitszigaretten“ in Berlin, im Deutschen Reich und auch im Ausland anzubieten. Die Bronchiol GmbH wird im Mittelpunkt dieses kleinen Ausfluges stehen. Doch um deren Geschichte verstehen und einordnen zu können, müssen wir mehr über ihre Vorgeschichte wissen.

Indischer Hanf gegen Asthma: Die Etablierung der Asthmazigaretten

Asthma ist eine chronische Entzündung der Atemwege, die zu steten Hustenattacken und Atemnot führt. Im 19. Jahrhundert war es eine weit verbreitete Alltagskrankheit, die in ihrer chronischen Form nicht wirklich kuriert, einzig gelindert werden konnte (W[ilhelm] Brügelmann, Ueber Asthma, sein Wesen und seine Behandlung, 3. verm. Aufl., Wiesbaden 1895). Kräutertherapien milderten die Symptome, seit dem späten 18. Jahrhundert wurden dazu vornehmlich Bilsenkraut, Tollkirsche (Belladonna) und Stechapfel (Stramonium) genutzt. Man trocknete diese Naturprodukte, zerbröselte sie, zerkleinerte sie zu Pulvern. Um die Lunge krampflösend zu erreichen, wurden sie einerseits geraucht, zuerst als Pfeife, dann in Zigarren, seit den 1850er Jahren auch in Zigaretten (Mark Jackson, „Divine Stramonium“: The Rise and Fall of Smoking for Asthma, Medical History 54, 2010, 171-194; Cecile Raynal, De la fumée contre l’asthme, histoire d’un paradoxe pharmaceutique, Revue d’histoire de la pharmacie 94, 2007, Nr. 353, 7-24). In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden zudem erste Inhalationsapparate. Die Heilmittel wurden entzündet, der Patient atmete den Dampf teils direkt, teils mittels eines Tubus oder eines Schlauches ein. Rauchen und Inhalieren halfen bei akuten Asthmaanfällen, linderten Schmerzen, konnten aber die Ursachen der chronischen Entzündung nicht beseitigen. Das war ein Steilpass für Erfindergeist, für neue Marktangebote, insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um 1900 gab es für die Bekämpfung von Asthma daher eine kaum überschaubare Zahl innerlich und äußerlich anwendbarer Mittel: Tees, Essenzen und Tinkturen wurden angeboten, Asthmapapiere, -pappen, -kerzen, -pulver, -kräuter, zudem zahlreiche Asthmazigaretten (Otto von Lengerken, Handbuch neuerer Arzneimittel, Frankfurt a.M. 1907, 148-149): „Die Auswahl ist groß – der Erfolg gering“ (Jaroslaw Hrach, Das Bronchialasthma und die pneumatische Kammer, Wiener Medizinische Wochenschrift 55, 1905, Sp. 2025-2028, hier Sp. 2026). Die Ärzteschaft schien therapeutisch „wehrlos“ (Paul v. Terray, Ueber Asthma bronchiale und dessen Behandlung mit Atropin, Medizinische Klinik 5, 1909, 79-83, hier 79).

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Heimapparaturen für den Selbstbetrieb (Berliner Tageblatt 1910, Nr. 501 v. 3. Oktober, 7)

Im langen 19. Jahrhundert hatten sich jedoch nicht nur die Darbietungsformen der Heilmittel geändert. Auch neue Wirkstoffe wurden eingesetzt, darunter der Mitte des 19. Jahrhunderts erst in Großbritannien, dann in Frankreich, schließlich auch im deutschsprachigen Raum bekannte und medizinisch eingesetzte indische Hanf. Anders als der einheimische Hanf, Cannabis Sativa, der seit dem Mittelalter in der Volksmedizin zur Beruhigung und gegen Entzündungen eingesetzt wurde, war Cannabis Indica von Beginn mit Rausch und der Exotik des Orients verbunden. Mediziner und Pharmazeuten untersuchten und erprobten das neue Kraut, setzten es therapeutisch ein, verdichteten es zu neuen, allerdings nicht sonderlich erfolgreichen Pharmazeutika.

Die Asthmatherapie war anfangs eine Ausnahme, denn sie wurde stark geprägt von einem weltweit präsenten Unternehmen, der Pariser Pharmafirma Grimault & Co. Ihr Geschäftserfolg basierte auf der Erschließung globaler, meist kolonialer naturaler Ressourcen für die aufstrebende pharmazeutische Industrie. Deren Stärke war es, die belebte und unbelebte Materie auf Stoffe zurückzuführen, auf Wirkstoffe, die mehr oder weniger kausale Effekte hervorrufen konnten. Grimault bot jedenfalls seit den 1850er Jahren eine rasch wachsende Palette ummantelter Wirkstoffe an, vorrangig Stärkungsmittel aus Pflanzenextrakten, wie etwa Matico oder Guarana. Als Sirup oder in Pillenform wurden sie international vermarktet, dienten als Allzweckmittel gegen eine Vielzahl von Alltagskrankheiten (American Medical Times NS 2, 1861, Nr. 26, 4; Allgemeine Illustrirte Zeitung 1, 1865, 112, 136; Über Land und Meer 23, 1869/70, 383). Obwohl die Besitzer seit den frühen 1870er Jahren mehrfach wechselten, stand der Name weltweit für „französische Specialitäten“, durchaus mundende Hilfsmittel gegen die Fährnisse des bürgerlichen Alltags. Spätestens seit 1862 bot Grimault auch „Indische Cigaretten“ aus Cannabis Indica an (Die Anwendung des Matico, hg. v. Grimault und Comp., Paris s.a. [1862], 35). Sie sollten zum bekanntesten Produkt des Unternehmens werden. Anfangs im Heimatmarkt und dann in Österreich als „Hachisch-Cigaretten“ [sic!] (Der Militärarzt 1, 1867, Sp. 327) beworben, setzten sie sich unter dem neutraleren Begriff „Indische Cigaretten“ auch in Übersee fest: Bereits 1867 waren sie in Australien und im frankophonen New Orleans erhältlich, ab 1868 in Indien, spätestens 1869 finden sich Anzeigen in Kanada, dann auch in Großbritannien. Seit 1871, just nach dem verlorenen Krieg, eroberte Grimault rasch die Marktführerschaft im neu gegründeten Deutschen Reich. Die cannabishaltigen Asthma-Zigaretten wurden bis Mitte der 1880er in deutschen Tageszeitungen breit beworben, dann auch wieder zwischen 1895 und 1906. Verfügbar waren die in schicken gelben Papierovalen angebotenen Glimmstängel bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges (C[arl] Bachem, Deutsche Ersatzpräparate für pharmaceutische Spezialitäten des feindlichen Auslandes, Bonn 1916, 11), doch auch wieder danach. Sie konnten in Apotheken direkt, ohne Rezept, gekauft werden.

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Marktführer im Nischenmarkt: Grimaults „Indische Cigaretten“ (Kölnische Zeitung 1871, Nr. 359 v. 28. Dezember, 4 (l.); ebd. 1876, Nr. 31 v. 31. Januar, 4)

Grimault etablierte cannabishaltige Asthmazigaretten im Alltag der Mittel- und Oberschicht. Andere, frühere Angebote gab es, doch es handelte sich um Apothekerware, angefertigt für eine begrenzte lokale Nachfrage, meist auf Rezept eines Arztes. Der Hohenmölsener Apotheker Carl Stutzbach (1789-1871) hatte zwar schon in den frühen 1850er Jahren „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen angefertigt (Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 39, 58-63), doch dies schuf keinen neuen Markt. Stutzbach und auch die später führende Darmstädter Firma E. Merck blieben Spezialanbieter für Cannabispräparate, die Apotheker dann zu Hanföl (für Einreibungen), Opodelbok (gegen Rheuma) und Hanfchloroform (zum Inhalieren gegen Asthma) und auch für Asthmazigaretten weiterverarbeiteten und verabreichten.

Werbung für Grimaults Indische Cigaretten in Berlin (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 194 v. 28. April, 4 (l.); Berliner Tageblatt 1905, Nr. 219 v. 1. Mai, 6)

Während lokale Apotheker nach grundsätzlich bekannten Rezepten arbeiteten, zeigten sich am Beispiel von Grimault & Co. typische Probleme eines breit angebotenen Geheimmittels. Die Pariser Firma bewarb zwar offensiv den Cannabis-Gehalt der Zigaretten, doch die genaue Zusammensetzung des Krautes war unklar. Die zunehmend üblichere pharmazeutisch-chemische Kontrolle nährte Zweifel, ob die Zigaretten tatsächlich indischen Hanf enthielten (Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349). Ergänzende Untersuchungen konnten zwar geringe Mengen nachweisen, doch der Hauptwirkstoff war Belladonna, waren also fein zerstoßene Tollkirschenblätter (Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 191). Die Werbung war demnach irreführend, „eine Täuschung und Uebervortheilung des Publikums“ (Karlsruher Tagblatt 1885, Nr. 117 v. 30. April, 1891). Öffentliche Warnungen folgten, denn Gesundheitsschäden konnten aufgrund der unklaren Zusammensetzung nicht ausgeschlossen werden. Die Marktstellung von Grimault wurde dadurch empfindlich getroffen, die Werbung für längere Zeit eingestellt. Dennoch verordneten viele Ärzte weiterhin das Präparat: „Wenige Athemzüge lassen sehr oft erhebliches Asthma verschwinden, indess sind die Gefahren des Haschischrauchens bekanntlich so gross, dass man die Cannabis in Cigarettenform nur ausnahmsweise gestatten kann. Der willkürliche Verkauf dieser Cigaretten ist streng zu untersagen“ (Brügelmann, 1895, 127). Grimaults Indische Cigaretten blieben dennoch verfügbar. Nicht aber als vermeintlicher Joint auf Rezept, sondern als überteuertes Geheimmittel mit gewisser Wirkung.

Französisches Pionierprodukt: Espic-Zigaretten und -Pulver (Kölnische Zeitung 1858, Nr. 194 v. 15. Juli, 6 (l.); Münchner Neueste Nachrichten 1893, Nr. 7 v. 5. Januar, 6)

Hauptwettbewerber von Grimault war die französische Firma Espic. Sie bot seit Mitte des 19. Jahrhunderts Inhalatoren an (Jahrbücher der in- und ausländischen Medicin 67, 1850, 412), spätestens seit 1858 auch Asthmazigaretten. Diese enthielten ein sehr kleine Prise Opium, bestanden vornehmlich aus Tollkirschen- und Stechapfelblättern, aus Bilsenkraut und dessen Samen, waren entsprechend atropinhaltig (Annali Universali di Medicina 166, 1858, 656; Kölnische Zeitung 1897, Nr. 209 v. 8. März, 4). Ihre Anwendung war nicht unumstritten, längerer Gebrauch bewirkte nervöses Zittern ([Carl] L]udwig] Merkel, Die neuesten Leistungen auf dem Gebiete der Lehre vom Asthma, Jahrbücher der in- und ausländischen Medicin 109, 1861, 225-247, hier 244). Auch bei Espic wurde diskutiert, ähnlich wie unter anderen Vorzeichen bei Grimault, ob der Opiumgehalt nur werbeträchtig vorgespielt sei (Drogisten-Zeitung 22, 1907, 11). Angeboten in einer schmucken Büchse, kosteten sie aufgrund der preiswerteren Inhaltsstoffe 1,70 resp. 2 Mark pro Büchse mit zehn Stück (Echo der Gegenwart 1879, Nr. 31 v. 31. Januar, 4; Sport & Salon 3, 1880, Nr. 3, 22). Das war deutlich weniger als die 2,50 Mark für ein Döschen Grimault-Zigaretten. Beide linderten Asthmaanfälle, die Kosten sprachen aber gegen das cannabishaltige Präparat. Langfristig näherten sich die Preise allerdings an, nach der Jahrhundertwende galt 1,50 Mark als Standardpreis für eine 10er-Packung Asthmazigaretten (Lengerken, 1907, 149).

Marktalternative: Holländische Asthmazigaretten mit dem Wirkstoff Tollkirsche (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 201 (l.), Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 97 v. 8. April, 4)

Ein früher Preisbrecher waren die „holländischen“ Asthmazigaretten der vor allem durch ihren Chinawein bekannten pharmazeutischen Firma Kraepelien & Holm aus dem holländischen Zeist, nahe Utrecht. Auch dabei handelte es sich um ein „aus verschiedenen Kräutern“ (Reichs-Medicinal-Kalender für Deutschland auf das Jahr 1890, T. 2, Leipzig 1889, Anzeigen, 58) hergestelltes Geheimmittel. Die Wirkung resultierte vornehmlich von Belladonnakräutern. Opium und indischer Hanf außen vor blieben. Mit 1,50 Mark war es günstiger als Espic und Grimault, markierte damit einen Trend des späten 19. Jahrhunderts: Exotische Rauschgifte wie Opium und Cannabis Indica wurden durch preiswertere Kräuter substituiert. Das verhinderte nicht zwingend gefährliche Nebenwirkungen, denn der freie Verkauf von Tollkirschenpräparaten war von Verbotsforderungen und Warnungen begleitet (Germann, Asthma-Cigaretten, Correspondenzblatt für Schweizer Ärzte 19, 1889, 157). Doch es galt das Leiden der Patienten mit möglichen anderen Gesundheitsgefahren abzuwägen. Im Deutschen Reich wurde die massive Deregulierung des Arzneimittelmarktes in den späten 1860er Jahren zwar mehrfach wieder zurückgenommen, doch trotz zunehmender Apothekenpflicht und begrenzter Werbeverbote für Geheimmittel blieb der deutsche Markt offen für die heute als Drogen regulierten Wirkstoffe. Die Anbieter nahmen Rücksicht auf Behörden und Apotheker, behaupteten für die aus London importierten „Joys Asthma-Cigaretten“ gar: „Garantiert unschädlich für Kinder, Damen, überhaupt für jede Constitution“ (Westfälische Zeitung 1892, Nr. 175 v. 29. Juli, 3). Ein Verbot der Asthmazigaretten stand damals nicht auf der Tagesordnung – und neue Angebote kamen schon aufgrund des Preisvorteils meist ohne Cannabis und Opium aus. Ein Beispiel hierfür waren die in Berlin produzierten Asthmazigaretten von Dr. Graff & Co. (Führer durch die Ausstellung der Chemischen Industrie Deutschlands auf der Columbischen Weltausstellung in Chicago 1893, Berlin 1893, 87).

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Indische Zigaretten als Herkunftsbezeichnung für Standardtabakwaren (Kölnische Zeitung 1899, Nr. 891 v. 12. November, 4 (l.); Iserlohner Kreisblatt 1897, Nr. 297 v. 20. Dezember, 4)

Indische Zigaretten waren trotz ihres teils süßlich-penetranten Geruchs, trotz der teils unklaren Zusammensetzung Alltagsgegenstände. In einem vornehmlich von orientalischen Tabakmischungen aus dem Osmanischen Reich und Ägypten geprägten Zigarettenmarkt hatten Angebote aus der britischen Kronkolonie Indien bei „gesunden“ Rauchern durchaus Erfolg. Genuss, Exotik und Nikotin schien eine Erfolgsmischung zu sein.

Berliner Medizinaljoints: Die amerikanische Familie Abbot als Ideengeber

Als die Berliner Bronchiol GmbH im August 1900 mit der Werbung für ihre cannabishaltige Zigarette begann, baute sie auf ein für Geheimmittel typisches Narrativ: „Dr. Abbot, welcher dreißig Jahre an Asthma litt, gelang es, verschiedene Kräuter der südamerikanischen Flora zu finden, welche sich von linderndem Wesen gegen das Asthma erwiesen! Das Präparat dieser Kräuter ist nun von Dr. Abbot in Form einer Cigarette den Patienten gegeben, welche die Bronchiol-Gesellschaft Berlin, Mittelstr. 23, herstellt“ (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 419 v. 19. August, 11). Hierin stimmte wenig, doch das war in vielen Werbungen damals üblich, det war nicht nur Berlin. Immerhin: Es gab den besagten „Dr. Abbot“.

Dabei handelte es sich um Francis Peabody Abbot (1827-1886). Er wurde 1827 in Portland, Maine, geboren, stammte aus der Oberschicht Neu-Englands. Im zarten Alter von sechs Jahren erkrankte er an Scharlach, und dies war wahrscheinlich Auslöser eines Asthmaleidens, „das ihn ein Leben lang geplagt und schließlich zu seinem relativ frühen Tod mit 59 Jahren führte“ (Julian C. Anthony, Willoughby Dayton Miller (1853 – 1907) American dentist und deutscher Zahnarzt: eine Karriere in zwei Erdteilen, Med. Diss. Regensburg 2019, 80). Abbot erhielt 1851 den „Doctor of Dental Surgery“ vom Baltimore College of Dental Surgery (Boston Medical and Surgical Journal 44, 1851, 208). Er reiste umher und ließ sich 1852 in Berlin nieder. Dort lebte und arbeitete er erst in der Oberwallstraße 20, fand seine eigentliche Wirkungsstätte dann am hundert Meter südlich gelegenen Hausvogteiplatz 2 (Adreß-Kalender für Berlin 1853, 308; Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1863, 1; Berliner Adreßbuch für das Jahr 1886, T. III, 467). Preußens Zahnärzte waren damals Virtuosen des Extrahierens, vom Plombieren aber verstanden sie wenig. Derartige Zahnrettung entwickelte sich zu Abbots Spezialgebiet. Auch seine wissenschaftlichen Arbeiten erkundeten die Wirksamkeit unterschiedlicher Füllungen auf Gebiss und Mundhöhle (F[rancis] P. Abbot, Ansichten über das zu frühzeitige Extrahiren der ersten Molarzähne, Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 17, 1877, 340-341). Die Folgen waren beträchtlich: Abbots Arbeiten machten tiefen Eindruck auf einen 1877 in Berlin weilenden Studenten, Willoughby D. Miller (1853-1907), der 1879 nicht nur seine Tochter heiratete und in seiner Praxis als Zahnarzt tätig war, sondern mit seiner Kariestheorie die Zahnheilkunde grundlegend veränderte (Die Mikroorganismen der Mundhöhle, Leipzig 1889).

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Francis P. Abbot als Werbegarant für Gustav Lohses Kampfer-Zahnpulver (Der Damen-Salon 1877, Nr. 1, 8)

Francis P. Abbot war damals eine Führungsfigur der US-Bürger in Berlin. Als „der am Längsten hier ansässige americanische Bürger“ (Coburger Zeitung 1881, Nr. 228 v. 28. September, 1) hielt er die Trauerrede auf den nach einem Attentat verstorbenen Präsidenten James A. Garfield (1831-1881). Abbots Zahnarztpraxis war seinerzeit Anlaufpunkt für Berlins höhere Gesellschaft, hohe Preise schreckten nicht. Der geschäftstüchtige Amerikaner war zugleich offen für Werbekooperationen, wie etwa mit dem Parfümhersteller Gustav Lohse, dessen Stammsitz in der Jägerstraße in unmittelbarer Nachbarschaft lag (Elisabeth Bartel und Lutz Hermann, Berliner Düfte. Parfüms, Parfümeure und Parfümhäuser, Berlin 2015, 35). Ende des 19. Jahrhunderts mischten lokale Apotheker zudem Abbotsche Zahnpulver und Mundwässer (Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 120 v. 12. März, 2). Privat aber war Abbots Leben von Asthma überschattet: Die Nächte verbrachte er nicht im Bett, sondern in einem Sessel (Anthony, 2019, 80).

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Francis P. Abbot mit Asthmazigarette (l.), rechts Willoughby D. Miller (Anthony, 2019, 91)

Francis P. Abbot griff zur Linderung unter anderem zu Asthmazigaretten. Es ist unklar, um welche Marken und Mischungen es sich gehandelt hat. Doch es ist zugleich nicht unwahrscheinlich, dass Abbot unterschiedliche Mischungen versuchte und mit ihnen experimentierte, um sein Leiden zu verringern. Die Werbung der Bronchiol-Zigaretten betonte jedenfalls: „Präparat nach Dr. Abbot“ (Kölner Local-Anzeiger 1901, Nr. 95 v. 19. April, 6). Zu diesem Zeitpunkt war Francis P. Abbot allerdings schon längst verstorben, das liebreizende Berliner Adreßbuch vermerkte Ende 1886 lapidar: „Abbot, F. P., Dr., Zahnarzt ist zu streichen“ (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1887, Nachtrag, s.p.). An seine Stelle trat sein 1862 in Berlin geborener Sohn Charles Henri Abbot. Er erhielt seinen Doctor of Dental Surgery 1885 von der Harvard University (The Dental Cosmos 27, 1885, 503), war Anfang der 1890er Jahre auch US-Vize-Generalkonsul (Berliner Tageblatt 1894, Nr. 358 v. 17. Juli, 4), etablierte sich als Zahnarzt schließlich nahe am Potsdamer Platz in der Königgrätzer Straße 140, der heutigen Stresemannstraße. Möglich, dass er das Wissen über die Mischung einer cannabishaltigen Asthmazigarette an die Gründer der Bronchiol GmbH verkauft hat. Doch mangels Quellen bleibt es bei begründeten Mutmaßungen.

Die Berliner Bronchiol-Gesellschaft mbH

Mutmaßungen? Nicht mehr? Doch, es gibt mehr, nämlich verstreute Informationen, die es einem Puzzle gleich zusammenzusetzen gilt. Nicht mutmaßen ist die Profession des Historikers, sondern eine Geschichte gut begründet zu rekonstruieren und zu erzählen. Dass dies bei einem kleinen Spezialanbieter schwieriger ist als bei Haupt- und Staatsaktionen oder gut alimentierten „Firmengeschichten“ steht außer Frage: Doch just so können wir vielleicht auch eingefahrene Denkmuster über Vergangenes in Frage stellen.

Am Anfang der Berliner Bronchiol GmbH stand eine Geschäftsidee, der Wunsch einer kleinen Gruppe jüdischer Geschäftsleute auszubrechen aus ihrem Alltagsgeschäft, neben Bestehendes Neues zu setzen, vielleicht gar den großen Coup zu landen. Heinrich Przedecki – wir werden später auf ihn, seine Kompagnons und Nachfolger zurückkommen – betrieb die Firmengründung professionell. Er meldete am 21. März 1900 das Bildzeichen „Bronchiol“ an, eingetragen wurde es am 14. Mai: Der Geschäftsbetrieb sollte kreisen um: „Heilmittel, Rauchtabak und Zigaretten, hauptsächlich Zigaretten, welche aus besonders präparierten Stoffen gefertigt werden“ (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 132 v. 5. Juni, 12). Dieses Warenzeichen Nr. 43751 verkörperte einen noch immateriellen Wert, doch Przedecki überschrieb es als Teil seiner Stammeinlage am 22. Juli 1900 auf die Bronchiol GmbH (Ebd., Nr. 198 v. 21. August, 11). Diese Gesellschaft mit beschränkter Haftung hatte er am 3. Juli 1900 gegründet. Das Stammkapital betrug 20.000 Mark, zwei Geschäftsführer wurden eingesetzt, neben Przedecki auch der Berliner Kaufmann Bernhard Hirschfeld, der zugleich Kapital einzahlte. Das stammte nämlich kaum von Przedecki, der neben dem Warenzeichen aber noch das „Verfahren, die Gesundheitszigarette Bronchiol herzustellen“ mit einbrachte (Ebd., Nr. 278 v. 28. Juli, 15). Die kommerzielle Nutzung des Verfahrens war auf zehn Jahre beschränkt, doch Verlängerung möglich. Nun konnte es losgehen – und es begann der Aufbau der Produktion in der Mittelstraße 23, einer Seitenstraße von Berlins Prachtallee Unter den Linden. Werbung folgte, parallel der Aufbau eines Vertriebs- und Absatznetzwerkes. Doch dann die Hiobsmeldung am 25. Oktober 1900: „Der Geschäftsführer Heinrich Przedecki ist verstorben“ (Ebd., Nr. 259 v. 30. Oktober, 14).

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Bildzeichen Bronchiol (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 132 v. 5. Juni, 12)

Privatpersonen sterben, nicht jedoch juristische Personen. Und so machte man weiter unter Federführung Bernhard Hirschfelds. Offenbar nicht ohne Erfolg, denn das Stammkapital der Bronchiol GmbH wurde am 19. Dezember 1901 auf 40.000 Mark verdoppelt (Ebd. 1901, Nr. 12 v. 15. Januar, 10). Der Ausbau der Firma erforderte Kapital – und Hirschfeld konnte dieses mobilisieren. Über den Geschäftsbetrieb kann man – weiter unten – nur begründet mutmaßen. Hirschfeld blieb Geschäftsführer bis Anfang 1906, wurde dann vom Berliner Kaufmann Siegmund Schoenlank abgelöst (Ebd. 1906, Nr. 23 v. 26. Januar, 15). Dieser agierte bis Anfang 1910, es folgte der Charlottenburger Kaufmann Kurt Fröbus (Ebd. 1910, Nr. 33 v. 8. Februar, 11). Die Bronchiol GmbH wurde nach den anfangs anvisierten zehn Jahren – der üblichen Dauer für den Schutz eines Bildzeichens – allerdings nicht aufgelöst, scheinbar war noch Gewinn zu erzielen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg dürfte sich dies jedoch gewandelt haben. Der Wechsel von Fröbus zum sehr jungen Wilmersdorfer Fräulein Elli Salamonski im Juli 1913 deutet schon auf eine brüchige Fassade hin (Ebd. 1913, Nr. 178 v. 30. Juli, 7). Nach Beginn des Krieges zogen die Verantwortlichen jedenfalls rasch die Konsequenzen aus den daraus resultierenden Schwierigkeiten, die naturalen Rohstoffe ihrer Gesundheitszigarette importieren zu können.

Am 22. November 1914 beschied das Kgl. Amtsgericht Berlin-Mitte: „Die Gesellschaft ist aufgelöst“ (Ebd. 1914, Nr. 277 v. 25. November, 8). Die Liquidation zog sich allerdings hin: Liquidator Julius Mosessohn annoncierte mehrfach: „Gläubiger wollen sich melden“ (Ebd. 1915, Nr. 58 v. 10. März, 8; ebd. Nr. 56 v. 8. März, 9). Das Warenzeichen „Bronchiol“ wurde am 5. August 1915 gelöscht (ebd., Nr. 156 v. 20. August, 12). Mitte 1916 hieß es dann schließlich: „Die Firma ist gelöscht; die Liquidation ist als beendigt angemeldet“ (Ebd. 1916, Nr. 176 v. 28. Juli, 8).

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Firmensitze der Berliner Bronchiol GmbH 1900-1915 (Stadtplan 1913: Wikipedia; Berliner Adreßbuch 1901-1915)

Die wechselvolle Unternehmensgeschichte der Bronchiol GmbH spiegelt sich in ihren Firmensitzen. Anfangs nahe der Prachtallee Unter den Linden angesiedelt, verlagerte sie ihren Sitz wohl 1902 in die Taubenstraße, nahe der Friedrichstraße. Beide standen für das kommerzielle und politische Zentrum der damaligen Reichshauptstadt. 1906/07 verlagerte die Bronchiol GmbH ihren Sitz jedoch nach Wilmersdorf, in die Regensburgerstraße 23. Dies war ein aufstrebendes Viertel im expandierenden Berliner Westen, besaß den höchsten Anteil jüdischer Bewohner aller Bezirke. Doch es war vorrangig Wohn- und Geschäftsgebiet, kaum Gewerbezentrum. Die neuerlichen Adresswechsel in die nähere Umgebung 1914 und 1915 spiegelten die Agonie der Firma, die damals nicht mal mehr über einen Telefonanschluss verfügte. Ella Salamonski, nicht Fräulein, sondern Frau, dürfte wenig zu tun gehabt haben.

Wie bietet man cannabishaltige Zigaretten an?

Die im Juli 1900 hoffnungsfroh gegründete Bronchiol GmbH hatte eigentlich eine einfache unternehmerische Aufgabe. Sie musste ein neues Produkt einführen, gewiss. Doch zugleich musste sie für Asthmazigaretten selbst nicht mehr werben, denn diese waren bekannt, hatten einen klar abgrenzbaren Markt. Cannabis Indica war durch die 1895 wieder einsetzende Werbung für Grimaults „Indische Cigaretten“ ein zwar seltenes, aber doch etabliertes Heilmittel. Auch die Leipziger Firma Robert Paul & Co. (dann Wagner & Wiebe) hatte 1900 einen neuen holzspanartigen Asthmazünder „Pressant“ auf den Markt gebracht, dessen Räuchermasse nicht nur 40 Prozent Stramonium enthielt, sondern auch 10 Prozent Cannabis Indica (Apotheker-Zeitung 15, 1900, 732, Fortschritte der Heilstoffchemie 1946, 85).

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Vom Geheimmittel zur Spezialität (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 183 v. 8. August, 4 (l.); Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 508 v. 30. Oktober, 18)

Die Bronchiol GmbH offerierte ihre ab Anfang August in Tageszeitungen annoncierte Gesundheitszigarette auch daher als Geheimmittel, also ohne Angabe der Inhaltsstoffe (so noch Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 470 v. 7. Oktober, 19). Schon vor dem Tod Heinrich Przedeckis begann man dann aber, die wichtigsten Bestandteile inklusive des Cannabis Indica anzugeben (Münchner Neueste Nachrichten 1900, Nr. 495 v. 25. Oktober, 10). Die Asthmazigaretten waren seither eine Spezialität, also ein Pharmazeutikum mit grundsätzlich bekannter Zusammensetzung (Berliner-Börsen-Zeitung 1900, Nr. 544 v. 20. November, 19; Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 301 v. 25. Dezember, 4). Die Firmenangaben wurden von Pharmazeuten nicht in Frage gestellt, sondern weiterverbreitet. Die Bronchiol-Zigaretten bestanden demnach – und das war neu – aus Tabak, Stechapfel, Cannabis Indica, Salpeter und Anisöl (Zeitschrift des Allgemeinen oesterr. Apotheker-Vereines 41, 1903, 874; Eduard Hahn und J[oachim] Holfert, Spezialitäten und Geheimmittel. Ihre Herkunft und Zusammensetzung, 6. verm. u. verb. Aufl., bearb. v. G[eorg] Arends, Berlin 1906, 13). Die aus heutiger Sicht bemerkenswerte Nutzung der „Droge“ Cannabis war vor einhundertzwanzig Jahren offenbar nicht besonders erwähnenswert – was mehr über uns als über unsere Vorfahren aussagt. Asthmazigaretten wurden wegen eines allgemeinen Wirkungsversprechens gekauft, nicht aber wegen bestimmter Inhaltsstoffe. Entsprechend war in der eingangs erwähnten Anzeige wichtig, dass Dr. Abbott „verschiedene Kräuter“ kombiniert hatte. Diese mochten grundsätzlich gefährlich sein – doch wichtiger schien, dass sie wirksam waren. Die Bronchiol-Zigaretten waren gewiss medizinisch wirksame Joints, doch neu – und respiratorisch eher bedenklich – war die ungewöhnliche Kombination von Tabak und dem stark atropinhaltigen Stechapfel. Ihre Positionierung als gezielt einsetzbares Alltagsprodukt begrenzte zugleich die Menge des Konsums. Exzesse waren auch bei asthmatischem Leidensdruck nicht zu erwarten, empfohlen wurde der Konsum von etwa zwei Zigaretten pro Tag.

Auch ansonsten war die Vermarktung der Bronchiol-Zigarette recht konventionell, entsprach dem Standard gängiger öffentlich beworbener Heilmittel. Das galt etwa für Prominentenwerbung. Die Stelle heutiger B- und C-Sternchen nahmen damals natürlich wohlangesehene Adelige ein (Münchner Neueste Nachrichten 1900, Nr. 395 v. 27. August, 3). Die Berliner Macher verwiesen, kaum ohne ein kleines Entgelt für deren darbende Haushalte, zum einen auf Maria Luise von Hohenzollern-Sigmaringen (1845-1912), durch Heirat mit Prinz Philipp von Belgien (1837-1905) immerhin Prinzessin von Belgien. Zum anderen nannten sie Gabriele von Hatzfeld-Wildenburg (1825-1909), die aus einem traditionsbewussten hessischen Geschlecht entstammte und deren Linie im Euskirchener Raum residierte, nicht unweit der belgischen Grenze. Dem gängigen Drehbuch einschlägiger Anzeigen folgte auch der Bezug auf einen akademischen Gewährsmann, der sich lobend über das neue Präparat ausgesprochen hatte. Bei dem erwähnten praktischen Arzt Dr. Krüger dürfte es sich um den in der Schöneberger Hauptstraße 135 praktizierenden Dr. Samuel Krüger gehandelt haben (Berliner Adressbuch für 1900, T. 1, 824). Przedecki, Hirschfeld und Krüger dürften sich gekannt haben. Ob die erwähnten Tests mit „verschiedenen Asthmatikern“ (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 187 v. 12. August, 3) wirklich stattgefunden haben ist unklar, aber nicht ausgeschlossen.

Bevor wir dieses jüdische Netzwerk näher beleuchten, noch ein Verweis auf die durchaus ungewöhnlich Art des Absatzes. Anders als Grimault, Espic oder Kraepelien & Holm, die viel Wert auf ansprechende Kleinpackungen legten – was auch deshalb ungewöhnlich war, da Zigaretten damals vielfach per Stück verkauft wurden – setzte die Bronchiol GmbH tendenziell auf den Dauerkunden. Entsprechend bot sie die apothekenpflichtigen Zigaretten vorrangig in Pappkartons mit je 100 Stück an. Trotz des vereinheitlichen Namens gab es den Markenartikel Bronchiol jedoch nicht in nur einer Zusammensetzung, sondern er wurde in vier unterschiedlichen Mischungen zu 15, 10, 7,50 und 5 Mark angeboten (Vossische Zeitung 1901, Nr. 3 v. 3. Januar, 9). Das klingt teuer – der Jahresverdienst von Arbeitern lag damals bei ca. 1.500 Mark –, doch die Preise pro Stück variierten zwischen 15 und 7,5 Pfennig. Das war deutlich weniger als bei den Wettbewerbern: Bronchiol-Zigaretten waren also relative Preisbrecher. Die Preisunterschiede der Mischungen resultierten dabei nicht aus den eigentlichen Wirkstoffen, sondern aus dem verwandten Tabak. Es gab normale und milde Varianten, die dann nochmals nach Männern und Frauen – Entschuldigung, Herren und Damen – gestaffelt waren (Neue Freie Presse 1900, Nr. 12912, 13; Münchner Neueste Nachrichten 1902. Nr. 91 v. 23. Februar, 11). Die Bronchiol GmbH war sich ihres Preisvorteils bewusst, warb in ihren Anzeigen auch mit den Vergleichspreisen für gängige 10 Stück-Packungen (Dresdner Nachrichten 1901, Nr. 69 v. 10. März, 19). Zudem offerierte sie Probeschachteln mit weniger Zigaretten, so dass Kunden sie anfangs schon für 60 Pfennig ausprobieren konnten. Es ist anzunehmen, dass bei der Markteinführung auch Gratisproben angeboten wurden; doch ein Beleg hierfür fehlt. Insgesamt gelang es der Bronchiol GmbH jedoch nicht, die 100er-Vorratspackungen als neuen Standard zu etablieren. Schon Ende 1900 wurden vereinzelt Kartons à 10, 20, 50 und 100 Stück angeboten (Hamburger Nachrichten 1900, Nr. 280 v. 29. November, 11). Die Kunden verlangten wohl üblichere Packungen, auch weil dann der Preisvorteil offenkundig war. In Köln wurden 10er-Kartons für 50 und 75 Pfennige angeboten (Kölner Local-Anzeiger 1901, Nr. 123 v. 3. Mai, 8). Nach der Markteinführung, also ab Frühjahr 1901, erhielt man die cannabishaltigen Asthmazigaretten in vier Mischungen à 10, 20, 50 und 100 Stück, also in insgesamt sechszehn Varianten (Westfälische Zeitung 1902, Nr. 9 v. 11. Januar, 7). Das war typisch für eine Zeit erst beginnender Verpackungsnormierung, erhöhte aber den Lageraufwand in den von immer neuen Angeboten vielfach berstenden Apotheken. Die Preise blieben während der gesamten Produktionszeit identisch, die damals geltende Preisbindung unterband lokale Sonderangebote. Auch im Ausland blieb die Preisabstufung ähnlich wie im Deutschen Reich (L’Imperial 1902, Nr. 6536 v. 23. März, 12).

Die Bronchiol GmbH als Netzwerk jüdischer Geschäftsleute

Bevor wir noch genauer auf das Absatz- und Vertriebsnetz der Bronchiol GmbH eingehen, ist ein Blick auf die eigentlichen Akteure, also die Berliner Unternehmer zu werfen. Während die französischen Anbieter vorrangig Katholiken, die holländischen Protestanten waren, waren die Akteure in der Reichshauptstadt fast durchweg jüdischen Glaubens. Man kann die Bronchiol GmbH als Teil der besonderen Fähigkeit einer überdurchschnittlich gebildeten und vielfach auch fleißigeren Minderheit sehen, neue Märkte zu antizipieren, neue Produkte und Dienstleistungen passgenau anzubieten und sie mittels virtuos gehandhabter Reklame erfolgreich anzupreisen (Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933, Frankfurt a.M. 2011, passim). Während des Kaiserreichs entwickelte sich insbesondere Berlin zum Paradebeispiel einer deutsch-jüdische Symbiose und repräsentierte den atemberaubenden Aufstieg einer leistungsbereiten Minderheit, die noch Mitte der 1920er Jahre nicht weniger als 30 Prozent aller direkten Steuern der Reichshauptstadt trug. Eine genauere Analyse der jüdischen Erfolge wird jedoch Schattierungen in diesem Gloriolenschein sehen (Uwe Spiekermann, Paul Lerner und Anne Schenderlein, Jews, Consumer Culture, and Jewish Consumer cultures: An Introduction, in: Dies. (Hg.), Jewish Consumer Cultures in Nineteenth and Twentieth-Century Europe and North America, Cham 2022, 1-39, insb. 1-24) – auch die Geschichte der Bronchiol GmbH zeigt die beträchtlichen Schwierigkeiten, Wachstumsgeschichten fortzusetzen.

Beginnen wir unsere biographische Erkundung mit dem eigentlichen Macher, mit Heinrich Przedecki (1850-1900). Bei der Familie Przedecki handelte es sich um aschkenasische Juden aus der Stadt Moosburg im heutigen Polen (wo nicht anders vermerkt Angaben n. Family tree Przedecki / Perdeck / van Perdeck (gerritspeek.nl) bzw. den von Ancestry.com digitalisierten Personenstandsakten des Landesarchivs Berlin). Heinrich Przedecki wurde 1850 in Warschau als Sohn von Abraham Przedecki (1805-1872) und seiner Frau Ernestine, geb. Lubliner (1811-1887), geboren. Er heiratete 1876 Martha Ginsberg [auch Giensberg] (1856-1934), mit der er sechs Kinder hatte: Albert (1877) Predeck [Namenswechsel 1908], Else Elisabeth (1878), Rosalie (1879), Salo (1882), Leopold Max (1885) Predeck [Namenswechsel 1908] und Morris Martin (1893). Heinrich Przedecki starb am 25. September 1900 im Alter von 50 Jahren.

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Die Przedeckis als Pionierunternehmer der Zigarrettenproduktion (Kladderadatsch 20, 1867, Nr. 59/60, 14)

Zuvor lebte und arbeitete er im Familienverbund seines Bruders Stanislaus (1834-1883) und dessen Sohn Ludwig (1867-1926). Ersterer hatte 1862 zusammen mit Emanuel Kary in Breslau die „Sultan“ gegründet, die türkische Tabake importierte und zu Zigaretten weiterverarbeitete (Sammlung der deutschen Handels-Register, Bd. 1, Köln 1862, 186). Zusammen mit Joseph Huppmann (1814-1897), der 1862 in Dresden den Marktführer Compagnie Laferme gründete, war Stanislaus Przedecki einer der Pionierunternehmer der deutschen Zigarettenindustrie. Die spätere Selbstbezeichnung als „größte u. älteste Fabrik Preußens“ unterstrich dies (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1895, T. I, 260). Stanislaus‘ Bruder Heinrich erhielt 1874 Prokura in dem neuen Berliner General-Depot der Türkischen Cigaretten- und Tabakfabrik „Sultan“ und leitete dessen Geschäft in der Friedrichsstraße 196 (Deutscher Reichsanzeiger 1874, Nr. 253 v. 28. Oktober, 4). 1876 übernahm Heinrich kurzfristig das General-Depot als Eigentümer, 1877 ging es dann an seinen Neffen Ludwig Przedecki über (Ebd., 1876, Nr. 81 v. 3. April, 7; ebd. 1877, Nr. 107 v. 8. Mai, 5). Der inzwischen verheiratete Heinrich agierte weiterhin für die „Sultan“, führte auch den Laden 42 („Türkisches Zelt“) in der 1873 gegründeten Kaiserpassage, die Friedrichstraße und Unter den Linden verband (Berliner Adreßbuch 1877, T. I, 214). Parallel wurde im Namen seiner Frau Martha die Fabrik Turkestant in Berlin Unter den Linden 20 gegründet, Heinrich erhielt Prokura (Deutscher Reichsanzeiger 1877, Nr. 210 v. 7. September, 3). Die Familie Przedecki zelebrierte die Exotik der Angebote aus dem Vorderen Orient, lange bevor Heinrich Präparate mit Cannabis Indica produzierte und vertrieb.

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Werbung unter eigenem Namen (Kölnische Zeitung 1878, Nr. 325 v. 22. November, 8 (l.); Neueste Nachrichten 1878, Nr. 328/9 v. 24. November, 14)

1878 folgte eine Werbeoffensive im deutschen Sprachraum, zugleich aber wurden Grenzen der Expansion erkennbar. Der Schweizer „Nebelspalter“ machte Heinrich Przedeckis Säumigkeit bei der Zahlung von Insertionsschulden öffentlich (Nebelspalter 5, 1879, H. 37, s.p.). Man konsolidierte, der junge Unternehmer übernahm später Läden in der Friedrichstraße und in der Kaiserpassage. Gleichwohl wurde 1893 ein Konkursverfahren über sein Vermögen eröffnet (Deutscher Reichsanzeiger 1893, Nr. 153 v. 29. Juni, 14; Echo der Gegenwart 1893, Nr. 149 v. 1. Juli, 10). Es folgte ein Zwangsvergleich, der 1894 schließlich rechtlich bestätigt wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1893, Nr. 243 v. 10. Oktober, 10; ebd. 1894, Nr. 76 v. 31. März, 15; ebd., Nr. 114 v. 17. Mai, 10; Nr. 133 v. 8. Juni, 10). Damit konnte der Konkurs abgewandt werden. Die Gründe für diesen Ritt am Abgrund sind unbekannt: Heinrich Przedecki, der in der anfangs modischen Kaiserpassage einen zweiten Laden resp. ein Lager für Bernstein-, Meerschaum-, Leder- und Luxuswaren errichtet hatte (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1884, T. 1, 769; ebd., 1888, T. I, 873), dürfte jedoch der wachsenden Konkurrenz durch leitungsfähigere Wettbewerber wie Lubatsch, Wertheim, Hermann Tietz, Jandorf, Israel, etc. kaum mehr gewachsen gewesen sein. Ihm blieb in den späten 1890er Jahren noch sein Laden 42 in der Kaiserpassage und der Hoflieferantentitel S. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Karl von Preußen (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1899, T. I, 1141).

Dieser relative Bedeutungsverlust kontrastierte deutlich mit dem Aufschwung der Breslauer Zigarettenfirma, die derweil von Heinrichs beiden Neffen Ludwig und Joseph (1863-1929) geleitet wurde. Ihr Erfolg gründete auf eher hochpreisigen Zigaretten, doch schon im späten 19. Jahrhundert bot die Firma auch erste Filter („Mundstücke“) an, um die Schäden durch das Rauchen zu minimieren. 1901 siedelte die mittlerweile zur Egyptian Cigarette Company umbenannte Firma nach Berlin über (Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 326 v. 15. Juli, 13). Kurz vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigte sie etwa 700 Arbeiter und produzierte jährlich mehr als 200 Millionen Zigaretten (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1912, T. IV, 506). Vor dem Hintergrund des nur knapp abgewendeten Konkurses und angesichts des bemerkenswerten unternehmerischen Erfolgs anderer Familienmitglieder war die Bronchiol GmbH für Heinrich Przedecki mehr als eine einfache Firmengründung. Sie sollte seinen Weg zurück zu neuerlichem Erfolg bahnen. Die für Asthmazigaretten unübliche Zumengung von Tabak zu Stechapfel und Cannabis Indica lässt sich zudem eher mit seinem Berufsfeld als mit Francis P. Abbots vermeintlicher Mixtur erklären.

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Gesundheitsangebot für den konventionellen Kunden: Zigaretten mit Mundfiltern aus dem Angebot von Heinrich Przedeckis Neffen (Die Woche 7, 1905, Nr. 4, VII)

Kommen wir zu Przedeckis Kampagnon, dem Berliner Kaufmann Burkhard Hirschfeld (1855-1938). Auch er war anfangs im Handel tätig, 1883-1892 übernahm er das Handelsgeschäft von „Hirschfeld & Goldschmidt“ (Deutscher Reichsanzeiger 1883, Nr. 166 v. 18. Juli, 8; ebd. 1892, Nr. 31 v. 4. Februar, 10). Auch er übernahm rasch bedeutungsvollere Aufgaben, war von 1888 bis 1892 Brandenburger Generalbevollmächtigter der Hamburger Janus AG, einem Versicherungsunternehmen mit 1,5 Million Mark Grundkapital und einer Bilanzsumme von 1889 mehr als 24 Million Mark (Ebd. 1888, Nr. 319 v. 19. Dezember, 8; ebd. 1890, Nr. 100 v. 23. April, 8). 1892 trat an seine Stelle sein langjähriger Geschäftspartner Otto Goldschmidt (Ebd. 1892, Nr. 38 v. 12. Februar, 10). Mit diesem hatte Burkhard Hirschfeld zuvor die offene Handelsgesellschaft „Wechselstube Hirschfeld & Goldschmidt“ mit einem Geschäftslokal in der Alexanderstraße 50 gegründet (Ebd. 1892, Nr. 26 v. 30. Januar, 10). Das relative Auf und Ab mündete 1895 in ein Konkursverfahren über das Vermögen Bernhard Hirschfelds, das ebenso wie im Falle Heinrich Przedeckis mit einem Zwangsvergleich endete und somit aufgehoben wurde (Ebd. 1896, Nr. 28 v. 31. Januar, 16). Auch für Hirschfeld war die Bronchiol GmbH also eine Chance, geschäftliche Krisen zu überwinden, neue berufliche Ufer zu erreichen. Nach seinem Ausscheiden aus der Bronchiol GmbH – über deren Gründe ist nichts bekannt – arbeitete Hirschfeld weiter in seiner Wechselstube, wurde Gesellschafter, ab 1909 dann Inhaber der in Schöneberg gelegenen Auskunftei „Reform“ (Ebd. 1909, Nr. 91 v. 19. April, 37). Auf diese konzentrierte er sich bis in die 1930er Jahre (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1930, T. I, 72; Berliner Handels-Register 67, 1931, 15). Der unverheiratete Bernhard Hirschfeld starb am 16. April 1938 im Jüdischen Altersheim in der Lützowstraße 48 (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister, Sterberegister, Nr. 300 via Ancestry.com).

Hirschfelds Nachfolger als Geschäftsführer war der 1865 geborene Siegmund Schoenlank. Er hatte seine ersten Sporen in der Handelsgesellschaft Steinau & Schoenlank verdient, die er 1888 übernahm und unter eigenem Namen fortführte (Deutscher Reichsanzeiger 1888, Nr. 266 v. 18. Oktober, 8). Parallel zu seiner Arbeit für die Bronchiol GmbH betrieb er weiterhin ein eigenes Handelsgeschäft (Ebd. 1908, Nr. 127 v. 30. Mai, 13). Nach seinem Ausscheiden 1910 gründete der in Wilmersdorf ansässige Schoenlank ein Kino mit Ausschank. Expansionspläne mündeten 1911 in die Tip-Top Kino GmbH, doch umgesetzt wurden diese nicht (Ebd. 1912, Nr. 31 v. 2. Februar, 11).

Während alle anderen Mitglieder der Führungsriege „mosaischen“ Glaubens waren, bildete der von 1910 bis 1913 aktive Geschäftsführer Kurt [Alexander] Fröbus eine Ausnahme, denn er wurde 1877 als Katholik getauft (Landesarchiv Berlin Personenstandsregister, Geburtsregister, Nr. 43). Er arbeitete im elterlichen Betrieb, einem 1875 gegründeten Agentur- und Kommissionsgeschäft. Er übernahm dieses Anfang 1913, schied dann aus der Bronchiol GmbH aus (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1911, T. 1, 718; Ebd. 1914, T. 1, 773; Handels-Register des Königlichen Amtsgerichts Berlin-Mitte 49, 1913, 254). Das in unmittelbarer Nähe vom Kaufhaus des Westens gelegene elterliche Geschäft führte er auch in den 1920er Jahren weiter (Berliner Handels-Register 59, 1923, 163).

Letzte Geschäftsführerin war die einzige Frau, Elli Salamonski (1886-1918). Sie stammte aus einer wohlsituierten Berliner Familie, die schon in den 1870er Jahren südlich vom Gendarmenmarkt ein Auskunfts-Bureau für Handel und Gewerbe etabliert hatte (Berliner Wespen 12, 1879, Nr. 13 v. 28. März, 1). Nach der Jahrhundertwende residierte es in der Taubenstraße 35, von 1902 bis 1906 auch Sitz der Bronchiol GmbH. Dies deutet auf Kapitalverflechtungen hin. Elli Salamonski lebte ihrerseits in der Wilmersdorfer Bayerischen Straße 29 (Berliner Adreßbuch für das Jahr 1914, T. III, 55), ein Haus neben dem damaligen Sitz der Bronchiol GmbH. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass die junge Dame kein Beleg für die wachsende Frauenemanzipation dieser Zeit war, sondern dass sie als Name in einem Abwicklungsprozess diente. Ihre persönliche Lebensgeschichte war jedenfalls traurig, todesnah. Geboren als am 3. September 1886 heiratete Elli im September 1911 den aus Braunschweig stammenden Kaufmann Georg Katz (LA Berlin, Personenstandsregister, Geburtsregister, Nr. 72; ebd., Heiratsregister, Nr. 417). Ihr Vater war damals schon verstorben, die Mutter leitete das Auskunfts-Bureau, sie selbst war ohne Beruf. Elf Monate später gebar sie einen toten Sohn (Ebd., Sterberegister, Nr. 1270). Ellis Gatte starb 1918 im Alter von 36 Jahren, sie selbst folgte knapp zwei Wochen später am 19. Dezember im Alter von 32 Jahren (Ebd., Sterberegister, Nr. 1270). Auch der Liquidator Julius Mosessohn (1853-1921) war Mitglied dieser eng vernetzten Gruppe jüdischer Geschäftsleute. Er heiratete, doch die Ehe blieb kinderlos. Seinen Tod meldete Kurt Salamonski den Behörden, Ellis Bruder (LA Berlin, Personenstandsregister, Sterberegister, Nr. 30).

Fassen wir die biographischen Informationen zusammen, so handelte es sich bei den führenden Personen der Bronchiol GmbH um gut qualifizierte und eng vernetzte Kaufleute, die im jüdischen Milieu von Berlin-Mitte, Schöneberg und Wilmersdorf arbeiteten und lebten. Sie alle erreichten Wohlstand, wirklichen Reichtum aber repräsentierten sie nicht. Sie alle dürften in der Bronchiol GmbH eine Chance gesehen haben, mit einem gezielten Investment, mit ihnen bekannten Arbeiten nicht nur Einkünfte zu erzielen, sondern ihren materiellen Lebensunterhalt zu verbessern. Man kann es auch anders fassen: Französische Ideen exotischer Cannabiszigaretten wurden von einem US-Amerikaner aufgegriffen und verfeinert, diese wiederum dienten aus dem Osten des Deutschen Reiches stammenden jüdischen Geschäftsleuten dazu, ein bisher stets importiertes Konsumgut im deutschen Umfeld zu produzieren: Die Bronchiol GmbH war insofern recht typisch für das Berlin dieser Zeit. Det war Berlin.

Aufbau eines Vertriebs- und Absatznetzwerkes

Der Absatz der Bronchiol-Zigaretten war einfach und schwierig zugleich. Der übliche Weg war das Versandgeschäft. Dazu erforderlich war eine breit gestreute Reklame, waren ansprechende Verpackungen und großtönende Wirkungsversprechen. Dazu eigneten sich vor allem Novitäten, vermeintlich nie dagewesene Angebote. Die Preise waren meist relativ hoch, die Produkte in der Regel überteuert. Bei Asthmazigaretten hatte man es jedoch mit einem etablierten Heilmittel zu tun, das über Apotheken verkauft und in der Öffentlichkeit eher moderat erinnernd beworben wurde. Ein Preisbrecher wie die Bronchiol-Zigaretten hätte gewiss die ungewöhnliche Kombination von Tabak, Stechapfel und Cannabis Indica preisend hervorheben können. Doch es ist nachvollziehbar, dass man versuchte, seinen Hauptvorteil, den Preis, im bestehenden Netzwerk auszuspielen. Das war übersichtlich und handhabbar: 1899 gab es 5.391 Apotheken im Deutschen Reich (Vossische Zeitung 1899, Nr. 603 v. 24. November, 11). Sie sollten möglichst allesamt Bronchiol-Zigaretten mit der offizinellen Heilpflanze Cannabis Indica anbieten.

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Wachsende Vertriebsnetze in Berlin (Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 438 v. 19. September, 12 (l.); ebd., Nr. 496 v. 23. Oktober, 11)

Blicken wir erst einmal auf den Heimatmarkt Berlin. Der Vertrieb begann wenig überraschend mittels verschiedener Apotheken mit jüdischen Besitzern. Erste Anbieter waren die Apotheke zum König Salomo in der Charlottenstraße 54 und die Löwen-Apotheke in der Jerusalemerstraße 30 (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 193 v. 19. August, 4). Anfangs wurde noch die A. Lucae-Apotheke, Unter den Linden 53 genannt, die dann aber wieder absprang (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 183 v. 8. August, 4, nicht mehr vorhanden in ebd., Nr. 190 v. 16. August, 4). Man begann den Vertrieb also einerseits im jüdischen Berlin, anderseits in der unmittelbaren Nachbarschaft.

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Vertriebsnetz der Bronchiol GmbH in Berlin 1901 (Stadtplan 1902: Wikipedia; auf Basis von Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1901, Nr. 3 v. 4. Januar, 10)

Anschließend folgte man einem räumlichen Raster, um den Weg für die Kunden möglichst gering zu halten. Die Werbung informierte durchweg über die lokalen Kaufmöglichkeiten. Das war typisch für ein Nischenprodukt, denn die für Massenangebote übliche Werbung durch Emailleschilder oder Schaufensterplatzierungen war Produkten mit höherem Umsatz vorbehalten.

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Vertriebsnetz der Bronchiol GmbH in Köln 1902 (Stadtplan 1900: Mayer via Wikipedia; auf Basis von Kölner Local-Anzeiger 1902, Nr. 71 v. 15. März, 3)

Das Absatznetzwerk war, wie die Lage der Apotheken selbst, räumlich vorgeprägt. In den Großstädten war es wichtig, nicht nur das Zentrum zu besetzen, sondern auch die Wohnviertel der einkommensstärkeren Bewohner abzudecken. Das gelang zumindest in den Metropolen. Ähnlich wie in Köln sah es in den meisten Großstädten des Deutschen Reiches aus. Dabei wurde dem massiven Städtewachstum durchaus Rechnung getragen. Neben die Kölner Apotheken traten etwa weitere drei Vertriebsorte im westlich gelegenen Köln-Ehrenfeld und im 1914 eingemeindeten Mülheim a. Rhein.

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Erweitertes Netzwerk im Rheinland (Bonner Zeitung 1901, Nr. 123 v. 25. Mai, 4 (l.); Echo der Gegenwart 1901, Nr. 374 v. 25. Mai, 4)

Die Großstädte waren zugleich Ausgangspunkte für die weitere Durchdringung der umliegenden Mittelstädte. Die Anzeigen verdeutlichen ein analoges Vorgehen wie in den Großstädten: In Bonn konnte man 1901 Bronchiol-Zigaretten in vier Apotheken kaufen, zudem im erst 1904 eingemeindeten Poppelsdorf. Ähnlich sah es in Aachen aus, denn hinter dem Hinweis auf „alle“ Apotheken der Stadt dürften sich wenig mehr Apotheken verborgen haben, mochte die aufstrebende Grenzstadt damals auch mehr als doppelt so viele Einwohner wie die spätere Bundeshauptstadt zählen.

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Wachstum über Großhandels-Vertreter (Berichte der Deutschen Pharmaceutischen Gesellschaft: Berichte für 1901, Berlin 1903, Werbeanhang, s.p.)

Der Aufbau derartiger Vertriebsnetzwerke erfolgte dezentral. Die Bronchiol GmbH schloss dazu Verträge mit bestehenden Großhandelsfirmen ab, die ihnen exklusive Rechte für eine bestimmte Region gewährten, die ihnen aber zugleich die Aufgabe zuwiesen, regionale Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. Die Bronchiol GmbH akzeptierte also die damals schon nicht mehr unumstrittene Lieferkette von Produktion über Großhandel hin zum Einzelhandel. Das bedeutete zugleich feste Handelsspannen, so dass die Gewinne niedriger waren als etwa bei einem Versandgeschäft. Dafür aber konnte man die Reputation lang ansässiger Unternehmen nutzen.

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Großhandelsdepots der Bronchiol GmbH im Deutschen Reich und im Ausland 1903 (Karte: Wikipedia; auf Basis von Berichte, 1903, s.p.)

Mit Hilfe etablierter Absatzstrukturen für Pharmazeutika gelang es der Berliner Bronchiol GmbH ihre Asthmazigarette binnen nur eines Jahres in den meisten Regionen des Deutschen Reiches, im deutschsprachigen Raum und in westeuropäischen Staaten anzubieten. Das ist hervorzuheben, denn noch hatten die meisten Produkte regionale Schwerpunkte, war der einheitliche nationale Markt nur eine Zukunftsvision. Der Markenartikel Bronchiol war jedenfalls fast überall zu erhalten, denn viele Apotheken versandten ihrerseits an die auswärtige, insbesondere die ländliche Kundschaft. Das dürfte vornehmlich für den Nordosten und den Nordwesten gegolten haben, denn dort fehlten regionale Großhandelsvertreter. Möglich, dass Apotheken in diesen Gebieten auch direkt von der Berliner Zentrale beliefert wurden.

Die Bronchiol GmbH war ein kleines Unternehmen, Beschäftigten- und Umsatzzahlen liegen allerdings nicht vor. Es war zugleich aber ein multinationales Unternehmen, stand für die engen wirtschaftlichen Verflechtungen in der Hochzeit der ersten Globalisierung. Gleichwohl dürfte der Anteil der Auslandsmärkte am Gesamtumsatz überschaubar gewesen sein. Das zeigte sich schon im cisleithanischen Österreich. Die erste mir bekannte Anzeige erschien am 4. August 1900, also vor Beginn des geordneten Absatzes in Berlin: Darin hieß es anpreisend: „Anerkannt vorzüglich im Geschmack, die Athemnot lindernd, von Aerzten und hohen Persönlichkeiten wiederholt bezogen. Diese Asthma-Cigaretten Bronchiol nach dem Präparat des Dr. Abbot sind sehr beliebt und werden von der Bronchiol-Gesellschaft m.b.H. in Berlin, Mittelstrasse 23, versendet gegen Nachnahme oder vorherige Einsendung des Betrages“ (Neue Freie Presse 1900, Nr. 12912 v. 4. August, 13).

21_Wiener Caricaturen_1900_08_12_Nr33_p9_Österreichs Illustrierte Zeitung_13_1903-04_H45_p907_Bronchiol_Asthma_Medizinalzigaretten_Versandgeschäft

Werbung ohne Angaben zur Zusammensetzung (Wiener Caricaturen 20, 1900, Nr. 33 v. 12. August, 9 (l.); Österreichs Illustrierte Zeitung 13, 1903/04, H. 45, 907)

In Österreich war die rechtliche Lage schwierig. Zum einen mussten Ausländer eine Firmendependance gründen, um im Binnenmarkt direkt verkaufen zu können. Zum anderen waren die Behörden restriktiver als ihre deutschen Kollegen; der Import von Grimaults Indischen Zigaretten war dort seit Anfang der 1880er Jahre verboten. Zudem gab es in der k.u.k.-Monarchie bereits ein leistungsfähiges einheimisches Angebot. Die Apotheker-Dynastie von Trnkóczy bot seit den frühen 1880er Jahren cannabishaltige Asthmazigaretten an, die per Versandgeschäft und über Apotheken gekauft werden konnten. In der Habsburger Monarchie konnte man sie dort allerdings nicht direkt kaufen, sondern benötigte ein ärztliches Rezept (Pharmaceutische Post 29, 1896, 584). Entsprechend beließ es die Bronchiol-Gesellschaft bei Versandangeboten per Nachnahme oder Vorkasse in Mark.

22_Fremden-Blatt_1899_03_25_Nr24_p10_Innsbrucker Nachrichten_1881_06_20_Nr137_p2128_Asthma_Medizinalzigaretten_Trnkoczy_Cannabis_Laibach

Überlegener Marktführer: Anzeigen für Trnkóczy Asthmazigaretten (Fremden-Blatt 1899, Nr. 24 v. 25. März, 10 (l.); Innsbrucker Nachrichten 1881, Nr. 137 v. 20. Juni, 2128)

Auch in der Schweiz war die rechtliche Lage herausfordernd. Die Sanitätsbehörden waren kantonal organisiert, doch 1900 hatten sich die wichtigsten Kantone der Deutsch-Schweiz zur Kontrollstelle des Konkordats zur Bekämpfung des Geheimmittelwesens (und zum Schutz der einheimischen Pharmaindustrie) zusammengeschlossen (Der Bund 1909, Nr. 70 v. 11. Februar, 1). Ihre erste, 1901 vorgelegte Liste vom 15. April 1901 enthielt 611 Präparate, darunter auch die Bronchial-Zigaretten aus Berlin (Amtsblatt für den Kanton Zürich vom Jahre 1908, Zürich 1909, 307). Das bedeutete kein Verbot, wohl aber Werbeeinschränkungen. Das System von Positivlisten war allerdings höchst lückenhaft: Die Grimaults Indische Zigaretten oder aber die Asthma-Zigarillos des Frankfurter Apothekers Neumeier wurden durchaus beworben (Der Bund 1904, Nr. 77 v. 17. März, 5; Neue Zürcher Zeitung 1904, Nr. 15 v. 15. Januar, 3).

23_Feuille d'Avis de Neuchatel_1902_04_16_Nr086_p1_Jorunal de Jura_1902_02_26_Nr48_p4_Bronchiol_Asthma_Medizinalzigaretten

Sachliche Wiederholung gängiger Informationen und Versprechungen (Feuille d’Avis de Neuchatel 1902, Nr. 86 v. 16. April, 1 (l.); Journal du Jura 1902, Nr. 48 v. 26. Februar, 4)

Deutlich einfacher war der Absatz allerdings in der Romandie, also der französischsprachigen Westschweiz. Dort konnte für die cannabishaltigen Zigaretten geworben werden, und dort etablierten die beiden Schweizer Großhandelsdepots Absatznetzwerke wie im Deutschen Reich (L’Imperial 1902, Nr. 6536 v. 23. März, 12; La Tribune de Genève 1902, Nr. 114 v. 18. Mai, 2; La Liberté 1902, Nr. 142 v. 22. Juni, s.p.). Insgesamt dürfte sich die Absatzlage vor dem Ersten Weltkrieg jedoch weiter verschärft haben: In Zürich empfahl die lokale pharmazeutische Kontrollstelle 1911 ein Verbot der Berliner Medizinaljoints (Journal Suisse de Chimie et Pharmacie 49, 1911, 141)

Bronchiol-Zigaretten waren auch in den Niederlanden und in Großbritannien erhältlich, gewannen dort aber keine größere Bedeutung, auch wenn der Londoner Großhändler Newbery & Co. zu den führenden Anbietern von „Patent Medicine“ gehörte (Alan Mackintosh, The Patent Medicines Industry in late Georgian England: A Respectable Alternative to both Regular Medicine and Irregular Practice, Social History of Medicine 30, 2017, 22-47). In Frankreich, der eigentlichen Heimat der Asthmazigaretten, fand ich keine Hinweise auf Bronchiol. Dass das Präparat zeitgleich im Reichsland Elsass-Lothringen frei verfügbar war, unterstreicht aber nochmals die Bedeutung staatlicher Regulierung auch in den recht freien Gesundheitsmärkten dieser Zeit.

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Notiz für Fachleute (Times 1902, Nr. 36782 v. 31. Mai, 19)

Die Werbung für Bronchiol-Zigaretten

Bronchiol war 1900 nicht nur ein neuartiges Präparat, sondern ein erster Markenartikel im Nischenmarkt der Asthmamittel. Während die Wettbewerber ihre Produkte meist nach dem Anbieter benannten, handelte es sich nun um einen abstrakter Begriff, der das Wirkungsfeld suggestiv benannte. Die Idee war einfach: Ähnlich wie Aspirin oder Odol, die tradierte Märkte für Schmerzmittel oder Mundwasser neu definierten und alte, nach Herstellern benannte Angebote vom Markt verdrängten, sollte auch die deutlich preiswertere und gleichwohl „unbedingt“ wirksame Bronchiol-Zigarette den Markt aufrollen und dominieren. Dies war Teil einer umfassenden Kommerzialisierung der Alltagssprache, die nun von zehntausenden neuer Begriffe und Sprachbilder mitgeprägt wurde: „Die moderne Reklame hat nun in großen Mengen zum Teil ganz merkwürdige Wort- und Bildzeichen erzeugt, wie Odol und Trybol, Carminol und Bronchiol, Javol und Floreol, Ni O ne und Wuk, Maggi zum Würzen der Suppen, Hundolin und Petrolina“ (Gebrauchsmuster und Warenbezeichnungen, Berliner Tageblatt 1904, Nr. 180 v. 9. April, 8). „Bronchiol“ war im Trend dieser Zeit: Fachbegriffe wurden in die Alltagssprache übertragen, gewannen als Markenartikel einen eigenen Charakter. Bronchiol war Teil des Siegeszuges neuartiger Endungen, wie -in, -on, -one, -ma, -en, -al, -ta, -il, -ol. Neue Produkte hießen nun Aspirin, Brillantine, Tropon, Kaloderma, Sanatogen, Duotal, Odonta, Pomeril, Odol oder eben Bronchiol (Richard Palleske, »Glühweinnol«. Eine neue sprachliche Modenarrheit, Zeitschrift des Allgemeinen Sprachvereins 18, 1903, Sp. 43-45; Ernst Wülfing, Hundolin und Petrolina […], Scranton Wochenblatt 1904, Nr. 1 v. 7. Januar, 6).

Bronchiol repräsentierte gleichermaßen den sprachlichen Wandel der pharmazeutischen Angebote und der Zigarettenindustrie. Das war auch Folge massiver Defizite des Rechtsschutzes. Noch galt das überholte Markenschutzgesetz von 1874, erst 1904 sollte das Gesetz zum Schutze der Warenbezeichnungen ermöglichen, neue Wortzeichen (neben Bildzeichen) einzutragen und damit zu schützen. In der Zigarettenbranche, zumal in Berlin, erlaubte das fröhliche Betrügerei. Geheime Druckereien entstanden, „welche sich lediglich mit der Anfertigung nachgemachten Cigarettenpapiers und falscher Etiketten befaßten“ (Gebrauchsmuster, 1904). „Bronchiol“ stand begrifflich also für Seriosität und Modernität, auch deshalb verwiesen die Anzeigen auf das von Heinrich Przedecki zuerst beantragte Bildzeichen Nr. 43751.

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Karge Information mit Wirkungsversprechen (Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 424 v. 11. September, 11 (l.); Badische Presse 1900, Nr. 241 v. 16. Oktober, 3)

Die Bronchiol GmbH konzentrierte ihre Werbemaßnahmen – anders als die Mehrzahl der Geheimmittelproduzenten – auf Anzeigen in Tageszeitungen. (Teurere) Annoncen in Zeitschriften gab es, doch sie blieben Ausnahmen (Illustrirte Zeitung 1900, Nr. 2980, 220). Die kleinen Hinweise finden sich meist im hinteren Anzeigenteil der Zeitungen, hoben sich von den vielfach visuell anspruchsvolleren Reklamen für andere Produkte kaum ab. In den nie bebilderten Anzeigen dominierten werblich drei Aspekte: Das Einsatzfeld – Asthma –, den Markennamen – Bronchiol – und die Herkunft – Berlin. Mit dieser Trias glaubten die Anbieter eine zurückhaltende Werbung mit Erfolg am Verkaufstresen der Apotheken verbinden zu können. Hinzu kam – die Anbieter waren liberale Verfechter des Deutschtums – der immer mit zu denkende nationale Gegensatz. Deutsche Pharmazeutika dominierten die Weltmärkte; und auch im Heimatmarkt sollte man tunlichst dem deutschen Präparat den Vorrang geben.

Die Anzeigenwerbung für die Medizinaljoints wurde von der Berliner Zentrale, von den Großhändlern, auch von einzelnen Apothekern in Auftrag gegeben, nicht aber selbst gestaltet. Diese Aufgabe übernahm eine Anzeigenagentur, im Regelfall die Annoncen-Expedition von Rudolf Mosse (1843-1920) – auch er ein aus Ostdeutschland nach Berlin gezogener jüdischer Pionierunternehmer. Sie erstellte nach den Wünschen der Auftraggeber eine Vorlage, ein Klischee – und der Setzer versuchte dann, dies passgenau in den Bleisatz einzufügen. Entsprechend gab es von Zeitung zu Zeitung kleine Unterschiede trotz einheitlich verwandter Klischees.

Die Einzelmotive variierten kaum: Selten standen Werbeversprechen am Kopf der Anzeige, wobei an die Stelle des anfangs üblichen „Erfolg unbedingt“ zunehmend der moderatere Hinweis „Erfolg ärztlich nachweisbar“ trat. Damit war aber keine stärkere Zurückhaltung verbunden, denn während man Bronchiol 1901 immer wieder als „Linderungsmittel“ anpries mutierte es 1902 vielfach zum „Heilmittel“ (Münchner Neueste Nachrichten 1901, Nr. 134 v. 21. März, 10; ebd. 1902, Nr. 91 v. 23. Februar, 11).

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Leichte Variationen bei gleichartiger Grundstruktur (Dresdner Nachrichten 1901, Nr. 147 v. 29. Mai, 28 (l.); Straßburger Post 1900, Nr. 966 v. 13. November, 4)

Festzuhalten ist, dass die Bronchiol GmbH ihre Werbung ab Mitte 1902 reichsweit einstellte (in Sachsen zuletzt Dresdner Nachrichten 1902, Nr. 149 v. 1. Juni, 28, im Elsass Straßburger Post 1902, Nr. 390 v. 27. April, 7). Dies bedeutet nicht zwingend die Einschränkung des Geschäftes. Grimault beendete Annoncenwerbung im Deutschen Reich Mitte der 1880er Jahre, setzte sie Mitte der 1890er Jahre wieder gleichartig fort. Es ist eher davon auszugehen, dass Bronchiol-Zigaretten grundsätzlich eingeführt waren, dass man es nun den Apothekern überließ, das eigene Präparat weiter anzubieten. Zu bedenken ist, dass die Bronchiol GmbH nach dem Tode Heinrich Przedeckis ein Ein-Produkt-Unternehmen blieb. Forschung und Entwicklung wurden nicht betrieben, die Zigaretten wurden nach Rezept hergestellt und dann an die Großhändler versandt. Sinkende Kosten ließen die Gewinne auch bei sich langsam abschleifendem Absatz auf akzeptabler Höhe bleiben. Die Einstellung der Werbung war Ausdruck von Realismus: Der große Coup war nicht gelungen, Bronchiol-Zigaretten ein etabliertes Angebot neben anderen. Während andere Ein-Produkt-Unternehmen, etwa die Tropon- oder die Sanatogen-Werke, ihre Angebote ausdifferenzierten und sich weltweit etablierten, gelang dies der Bronchiol GmbH nicht.

Eine fragile Marktstruktur

Über die Gründe kann man mangels Quellen wiederum nur begründet mutmaßen. Erwähnenswert ist erstens ein sich langsam verschärfendes regulatives Umfeld. Die vor allem von Medizinern und Pharmazeuten getragen Proteste gegen die vermeintlich wachsende Zahl von Geheimmitteln und obskuren Spezialitäten ergab 1903 einen wichtigen symbolischen Erfolg, als der Bundesrat ein Werbeverbot für 90 Angebote erließ, darunter auch die Zematone Asthmazigaretten (Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin 3. F. 26, 1903, 424-428, hier 425).

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Zematone: Werbeverbot ab 1. Januar 1904 (Kölnische Zeitung 1899, Nr. 891 v. 12. November, 2)

Zweitens veränderte sich das steuerliche Umfeld. Asthmazigaretten wurden von den deutschen Zoll- und Steuerbehörden bei Gründung der Bronchiol GmbH nicht als Zigaretten, sondern als Heilmittel definiert (Gustav Müller, Die chemische Industrie in der deutschen Zoll- und Handelsgesetzgebung des neunzehnten Jahrhunderts, 1902, 224). Dies änderte sich 1906 mit der Einführung der Zigarettensteuer. Sie war eine indirekte, also beim Produzenten erhobene Verbrauchssteuer, Teil eines Gesamtpaketes zur Finanzierung des Flottenbaus. Die Frage, ob Asthmazigaretten Zigaretten im Sinne des Gesetzes waren, wurde parallel aufgerollt. Die Bronchiol GmbH, deren Gesundheitszigaretten ja auch Tabak enthielten, richteten 1906 eine Eingabe „betreffend der Steuerpflicht von Asthmazigaretten“ an den Bundesrat (Protokolle über die Verhandlungen des Bundesrats des Deutschen Reichs 1906, Berlin o.J., 526). Doch die Eingabe drang nicht durch. Während Asthmazigaretten ohne Tabak weiter als Heilmittel galten, war die Bronchiol-Zigarette doppelt betroffen (Wilhelm Cuno, Zigarettensteuergesetz vom 3. Juni 1906, Berlin 1906, 4). Zum einen stiegen die Einfuhrzölle für Tabak, zum anderen hatte die Berliner Firma nun Zigarettensteuer zu entrichten (Protokolle, o.J., 426). Angesichts der starren Verkaufspreise minderte dies die Gewinne der Bronchiol GmbH. Immerhin, die Exporte in die deutschen Kolonien blieben davon unbeeinträchtigt.

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Exporte deutscher Asthmazigaretten in die Kolonien (Export 30, 1908, 529)

Drittens wuchsen nach der Jahrhundertwende die Zweifel an der medizinischen Wirksamkeit der Asthmazigaretten (Adolf von Strümpell, Lehrbuch der speciellen Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten, Leipzig 1904, 293). Während man zuvor Besorgnisse vor allem angesichts einer nur ungenauen Dosierung der potenziell toxischen Inhaltsstoffe hatte (Rudolf Kobert, Lehrbuch der Pharmakotherapie, Stuttgart 1897, 441), ergaben nun präzise Analysen des Rauches, dass die darin enthaltenen Mengen Atropin für kausale Effekte kaum ausreichend waren (F. Netolitzky und R. Hirn, Rauchversuche mit einigen Asthmamitteln, Wiener Klinische Wochenschrift 16, 1903, 584-585). Asthmazigaretten galten daher zunehmend als Mittel, „das entweder ausschließlich oder doch hauptsächlich suggestiv wirkt“ (Allgemeine Medizinische Central-Zeitung 80, 1911, 439). Weitere Studien ergaben demgegenüber, dass nur hartes Lungenrauchen einen kausalen Effekt habe (Gustav Günther, Darf man den Stramoniumzigaretten eine arzneiliche Wirkung zuschreiben?, Wiener klinische Wochenschrift 24, 1911, 748). In dieser Debatte spiegelte sich nicht nur das durch die Anwendung seinerzeit modischer Heilmittel wie Veronal oder Heroin gestiegene Bewusstsein für die Gesundheitsgefahren moderner Pharmazeutika, sondern auch der Wunsch nach einer kausalen, und das heißt stofflich nachweisbaren Wirkung der Asthmazigaretten. Rückfragende Hinweise, dass „doch den Pat[ienten, US] zu helfen erstes Gesetz bleibt“ (Excerpta Medica 16, 1906/07, 437) traten demgegenüber in den Hintergrund. Für die Bronchiol GmbH waren Zweifel an der Wirksamkeit ihres Präparates jedoch eine Bürde.

Viertens wurde die Marktstellung der Bronchiol-Zigaretten kurz nach der Jahrhundertwende durch neue, anders zusammengesetzte Präparate beeinträchtigt. Cannabis war ein unzuverlässiger Inhaltsstoff, seine Wirksamkeit schwankte, zumal über die Wirkstoffe wissenschaftlich trefflich gestritten wurde. Wichtiger aber war, dass es teurer war als andere Naturstoffe. Das galt insbesondere im Vergleich mit Stechapfelpräparaten. Dieses war Hauptbestandteil des wohl ab 1905 angebotenen Astmol. Das sowohl als Pulver als auch als Zigarette angebotene Präparat wurde von den Farbenfabriken Elberfeld (Bayer) produziert und der Frankfurter Engels-Apotheke vertrieben (Proceedings of the Annual Meeting of the New York State Pharmaceutical Association 27, 1905, 103; Pharmazeutische Praxis 4, 1905, 81). Später übernahm das Frankfurter Pharmaunternehmen Galenus diese Aufgaben.

29_Simplicissimus_12_1908-09_p612_Badische Presse_1924_10_24_Nr394_p11_Asthma_Astmol_Dr-Elswirth_Medizinalzigaretten

Astmol gegen die „peinliche Krankheit“ Asthma (Simplicissimus 13, 1908/09, 612 (l.); Badische Presse 1924, Nr. 394 v. 24. Oktober, 11)

Astmol war eine mit Menthol aromatisierte Mischung aus Stechapfel (40 %), Grindelie, Blutmohn und Lärchenschwamm (je 10 %) (Hahn und Holfert, 1906, 15; Leipziger Tageblatt 1907, Nr. 306 v. 4. November, 7). Das apothekenpflichtige Medikament wurde entweder als Pulver in Blechdosen oder aber in Zigaretten eingerollt vertrieben, beide für 2,50 M pro Dose resp. Schachtel. Während die Zigaretten einfach auf Lunge geraucht wurden, hatte man das Pulver teelöffelweise auf einen Teller zu legen, dann anzuzünden und den Dampf tief einzuatmen. Husten war die Folge, dann Auswurf, schließlich – so das Versprechen – Erleichterung (Sport im Bild 29, 1923, 512). Die in Zeitungen und Zeitschriften geschaltete Werbung präsentierte das „wunderwirkende“ (Deutsches Südmährerblatt 1906, Nr. 1 v. 5. Januar, 3) Astmol anfangs als ein „absolut zuverlässiges Mittel […], welches nicht nur die Anfälle sofort beseitigt und diesselben verhütet, sondern auch in vielen Fällen diesen Zustand vollständig beseitigt“ (Kindergarderobe 15, 1908, H. 12, 24).

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Asthmazigaretten als Atemgarant (C.V.-Zeitung 9, 1930, 113 (l.); Badische Presse 1931, Nr. 540 v. 19. November, 12)

Als Pharmazeutikum war Astmol ein Übergangspräparat. An die Stelle des im Bronchiol aktiv beworbenen indischen Hanfs traten billigere, in ihrer Wirksamkeit kausal besser abschätzbare Inhaltsstoffe. An die Stelle kleiner Spezialanbieter traten mittlere und größere Pharmaunternehmen. Die Präparate aus „Naturstoffen“ wurden seit den 1920er Jahren jedoch zunehmend durch synthetische Arzneimittel auf Ephedrin- oder Theophyllinbasis verdrängt.

Nachklang: Bronchiol gegen Erkältung

Während die Asthmatherapie in den 1920er Jahren neue Wege ging, wurde 1922 auch wieder Bronchiol angeboten. Dieses Mal handelte es sich allerdings nicht um eine cannabishaltige Zigarette, sondern um ein Husten- und Erkältungsmittel (Klinische Wochenschrift 1, 1922). Das Produkt verging, der Name blieb. Das Warenzeichen „Bronchiol“ wurde am 27. Dezember 1922 der Westfälischen Essenzen-Fabrik GmbH in Dortmund erteilt (Deutscher Reichsanzeiger 1923, Nr. 16 v. 19. Januar, 19). Sie vermarktete das zu zwei Dritteln aus karamellisiertem Zuckersirup bestehende „Hustenpräparat“ als Alltagswaffe, setzte als Wirkstoff dabei auf Kaliumsulfogusjakolat (Badische Presse 1927, Nr. 77 v. 16. Februar, 8). Die Werbung war breit gefächert, richtete sich etwa an „Touristen, Sänger, Redner, Raucher, Sportler sowie alle, die beruflich viel sprechen müssen“ (Badische Presse 1926, Nr. 558 v. 1. Dezember, 8). Es wurde als „erfrischend, angenehm lösend und Hustenreiz stillend“ angepriesen (ebd.), als „das altbewährte, führende deutsche Vorbeugungsmittel gegen alle Erkrankungen der Atmungsorgane“ (Badische Presse 1926, Nr. 582 v. 15. Dezember, 8). Auch nach dem Zweiten Weltkrieg half es gegen Husten, Heiserkeit und Katarrh.

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Bronchiol als Hilfsmittel gegen Husten und Erkältung (Badische Neueste Nachrichten 1950, Nr. 213 v. 21. Oktober, 12 (l.); ebd., Nr. 219 v. 28. Oktober, 16)

Das Präparat ist heute nicht mehr lieferbar. Doch auf Bronchiol müssen Sie nicht verzichten. Bronchiol, das ist heutzutage der Name eines Gummibonbons mit japanischem Minzöl, angeboten vom Süßwarenhersteller Haribo. Anfangs mit Stevia gesüßt, dominieren heute Glukosesirup und Zucker die „gesunden“ Drops. Wer von den Käufern heute noch weiß, was ehedem mit Bronchiol verbunden war?

Mehr als Joints im kaiserlichen Berlin?

Wir sind am Ende unserer vielgestaltigen Mutmaßungen über ein kleines, kurzlebiges multinationales Unternehmen ohne Quellenüberlieferung. Man kann die Geschichte aus heutiger Sicht überrascht zur Kenntnis nehmen, dokumentiert sie doch einen pragmatisch rationalen Umgang mit Stoffen, die heutzutage wohlbegründet als „Drogen“ gelten, aller „Liberalisierung“ des Cannabis zum Trotz.

Als Unternehmen war die Bronchiol GmbH nicht außergewöhnlich. Und doch ist es im Rückblick spannend zu sehen, wie einige wenige Personen binnen nur eines Jahres ohne größeres Kapital eine im gesamten Deutschen Reich und auch im Ausland tätige Firma haben ins Rollen bringen können. Das Kaiserreich war eine Zeit des unternehmerischen Aufbruchs, des wirtschaftlichen Fortschritts, die Rahmenbedingungen aufwies, die Begüterten beträchtliche Chancen bot. Gleichwohl zeigt die Geschichte der Bronchiol GmbH auch ein langsames Erodieren dieser Grundlagen, sei es durch zunehmende Regulierung, sei durch einen expandierenden Steuerstaat. Sie zeigt aber auch, dass es sich um eine harte Wettbewerbslandschaft handelte, in der neue Produkte eine geringe Halbwertszeit hatten, in dem Preisdruck herrschte, in der weniger wirksame Produkte aus dem Markt verdrängt wurden. Dergestalt zeigt die Geschichte der Bronchiol GmbH den liberalen Kapitalismus mit all seinen Möglichkeiten – mochte die Kartellbewegung, die Bürokratisierung und strikten Klassengegensätze dieser Zeit auch die Grenzen dieses Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell klar konturieren.

Sozialgeschichtlich spiegelt die Geschichte der Bronchiol GmbH einerseits die bürgerliche Aufwärtsmobilität des späten Kaiserreichs: Eine erst 1871 mit umfassenden Bürgerrechten versehene jüdischen Minderheit nutzte die Chancen des eben nicht nur anonymen Marktes. Mit Hilfe enger ethnischer und auch persönlicher Netzwerke etablierten sie ein lukratives Geschäft, das in der eigenen, durchaus weit gefassten Klasse blieb. Gleichwohl geben die Biographien der Geschäftsführer auch einen Blick auf die Brüche innerhalb dieses Aufstiegsmilieus frei. Die Fallhöhe war tief, Konkurse möglich, Ausbrechen aus vorgegebenen Bahnen hatte seinen Preis.

Konsumhistorisch steht die Bronchiol GmbH für tiefgreifende Wandlungen vor dem Ersten Weltkrieg, vor dem immer wieder beschworenen Bruch in der Weimarer Republik. Die cannabishaltigen Asthmazigaretten stehen für eine beträchtliche Ausweitung des Güterangebotes, für dessen relative Verbilligung – aber auch für die hohen Kosten der an sich jedem Asthmatiker zustehenden Gesundheitsprodukte. Bronchiol stand für den immer mächtigeren Einfluss breit bekannter Markenartikel und nationaler, ja internationaler Absatzstrukturen. Die Produkte der Bronchiol GmbH waren nicht mehr durch Herkunft gekennzeichnet, Berlin war Produktionsort, Vermengungsort international eingekaufter Rohware. Doch Bronchiol stand zugleich für die Leistungsfähigkeit der deutscher Pharmazeutika, war Ausdruck der zunehmend beliebigen Projektionskraft moderner Konsumgüter. Es etablierte eine Kunstwelt des Gelingens, in der Leiden bekämpft werden konnte, kein Schicksal mehr war. Bronchiol-Zigaretten waren moderne Produkte, mag uns die Werbung auch zurückhaltend, ja hausbacken erscheinen.

Als Medikament verkörperten die Medizinaljoints nichts Neues. Sie materialisierten das immanente Erlösungs- und Heilversprechen der modernen Pharmazie, der modernen Medizin: Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen, es muss nur noch gefunden und richtig angewandt werden, um erst Linderung, dann aber auch Heilung zu garantieren. Die Asthmazigaretten waren eingebettet in ein Leben steter Gefährdung, waren zugleich noch Teil einer tätigen Praxis des Dagegenhaltens, der bewussten Wahl für eine von vielen Therapien. Die Bronchiol-Zigaretten waren ein Angebot in einer Übergangszeit hin zu wirksameren Pharmazeutika, die ihre Nutzung scheinbar selbst programmierten. Sie stehen für den Wandel von der Patienten- zur Medikamentensouveränität, von der begrenzten Autonomie der (bürgerlichen) Patienten hin zur Dominanz der Pharmazeuten, der Ärzte und ihrer Produkte.

Als Teil einer moderner Wissensgeschichte ging es schließlich um die Dominanz unterschiedlicher Wissensregime: Die Bronchiol-Mischung aus Tabak, Stechapfel und Cannabis Indica war krampflösend und wirksam, doch ihre Wirkung war ungewiss, variierte individuell, konnte experimentell kaum eindeutig bestätigt werden. An die Stelle helfender, nicht aber eindeutig erklärbarer Angebote traten zunehmend Produkte mit stofflich-kausalen Wirkmechanismen, die im Modell sicher funktionierten, vielfach auch in der Praxis. Cannabis Indica war in diesem Umfeld ein unsicheres Kraut, verschwand daher vor dem begrenzten Verbot 1929 aus dem Alltagsangebot relevanter Hilfsmittel. Ob aber eine „Liberalisierung“, die auf den gleichen stofflich-pharmakologischen Wissensbeständen (und dem ökonomischen Gewinnstreben eines Heinrich Przedecki) beruht wie die Pharmazie, vorrangig das Wohl der Patienten im Blick hat, mag füglich bezweifelt werden.

Uwe Spiekermann, 14. Mai 2022

Glas in den häuslichen Alltag! Konservieren und Einkochen bis zum Zweiten Weltkrieg

Denkt man heute ans Einmachen, so stehen einem schöne, satte Bilder vor Augen – die Farben des Herbstes, der Ernte. Doch Idylle ist fehl am Platz, reden wir historisch über Konservierung. Sie war (und ist) elementar, erforderlich, um die geernteten Nahrungsmittel, um geschlachtete Tiere und ihre Produkte möglichst lange, das ganze Jahr über zu nutzen, zumindest aber bis zur nächsten Ernte damit hauszuhalten. Nahrung ist ohne Konservierung ein flüchtiges Gut. Sie ist nicht einfach für uns da, ihr Wesen ist Verwesung, Zersetzung, Entwertung, Auslaugung, Verderb. Konservierung kann diesen Prozessen Einhalt gebieten. Sie steht für die Selbstbehauptung des Menschen im Angesicht einer grundsätzlich feindlichen Natur und einer zwischen Lebewesen bestehenden Fraßkonkurrenz.

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„Conserven“ – Dachbegriff für länger haltbar gemachte Nahrungsmittel (Kladderadatsch 42, 1889, Nr. 44/45, Beibl., 2)

Im 19. Jahrhundert war dies alltagspräsent, Hungersnöte prägten noch die Jahre 1816/17 und 1846/47. Konserven konnten etwas dagegensetzen. Dieser Begriff stand bis Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht für einzelne Produkte oder Verfahren, sondern für verarbeitete und haltbare Lebensmittel als solche. Doch Mitte des Jahrhunderts veränderte sich diese Struktur mit dem aufkommenden Maschinenzeitalter, mit der das Alltagsleben langfristig grundlegend verändernden Industrialisierung. Maschinen nährten die Hoffnung auf menschliche Herrschaft über die Natur, auf neue Souveränität. War Konservierung zuvor in den bäuerlichen und bürgerlichen Haushalt eingebunden, in Ernterhythmen und Jahreszeiten, so schien mit dem Aufkommen einer Konservierungsindustrie im späten 19. Jahrhundert eine neue Zeit des Umgangs mit der Nahrung anzubrechen. Technik sollte helfen Zeiten und Räume zu durchbrechen, zu überwinden. Die Träume dieser Zeit prägen vielfach noch unsere heutige Welt: technischer Fortschritt, regionale und nationale Arbeitsteilung, der Ausgleich des Mangels durch freien Handel. Dadurch sollten Hunger und Mangelernährung besiegt, soziale Konflikte vermindert und die Haushalte von mühseliger Arbeit entlastet werden. Die tradierten Techniken des Pökelns und Dörrens, des Einkellerns und Räucherns sollten zentralisiert und durch Hitzesterilisierung und Kältetechnik, durch Büchsenkonservierung und chemische Konservierungsmittel abgelöst werden.

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Gewerbliche Konservierung und häusliches Einmachen („Tischlein deck dich“ kein Märchen mehr, Hanau und Frankfurt a.M. 1901, 1 (l.); Die Frischhaltung 44, 1950, H. 7, s.p.)

Doch schon diese Bilder unterstreichen, dass die Geschichte anders verlief. Die Konservierungsindustrie führte eben nicht zu einer raschen Verdrängung der häuslichen Konservierung, wohl aber zu deren tiefgreifender Veränderung (Uwe Spiekermann, Zeitensprünge. Lebensmittelkonservierung zwischen Haushalt und Industrie 1880-1940, in: Ernährungskultur im Wandel der Zeiten, hg. v. Katalyse/Buntstift, Köln 1997, 91-109).

Konservierung im 19. Jahrhundert: Anfänge einer Versorgungsindustrie

Um die Geschichte des häuslichen Einkochens verstehen zu können, ist es dennoch ratsam mit der frühen gewerblichen Konservierung anzufangen. In deutschen Landen startete diese relativ spät – zumal im Vergleich zu Großbritannien, der damals führenden Weltmacht. Obwohl die grundlegenden Konservierungstechniken seit Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt waren, entwickelten sich erste handwerklich arbeitende Betriebe erst in den „hungrigen“ 1840er Jahren; und erst in den 1860er Jahren begann der Aufstieg der fischverarbeitenden Industrie an der Nord- und Ostseeküste oder der bis heute bekannten Braunschweiger Spargelkonservenindustrie (Martin Humbert, Die Entstehung der Konservenindustrie und ihre technische sowie wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland im Bereich der Obst- und Gemüsekonserven, Diss. rer. pol. Hamburg 1997). Deren Produktion blieb jedoch vor 1890 gering, erst danach begann ein rascher Aufstieg (Wolfgang Horn, Vom Klempnergag zur Massenware, die Anfänge der Braunschweiger Konservenindustrie, Braunschweig 1988 (Ms.); Carsten Grabenhorst, Seesen – Stadt der Konserve. Geschichte der Seesener Konserven- und Blechwarenindustrie von 1830 bis 1926, Seesen 2011).

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Von der regionalen zur nationalen Delikatesse: Werbung für Spargelkonserven 1886 (Fliegende Blätter 85, 1886, Nr. 2155, Beibl.)

Spargel in Blechkonserven war ein Luxusprodukt, war eine edle bürgerliche Speise. Das lag weniger an den Kosten für Anbau und Ernte, sondern vorrangig an den hohen Aufwendungen bei Herstellung und Verpackung. Das Kochen der Pflanzen war langwierig, erst 1873 wurden Autoklaven eingesetzt, in denen Nahrung durch Überdruck schneller sterilisiert werden konnte. Die Dosen mussten noch per Hand verlötet werden; erst 1889 wurden erste automatische Dosenverschlussmaschinen eingesetzt. Dosenkonserven blieben daher bis ins späte 19. Jahrhundert einem kaufkräftigen bürgerlichen Publikum vorbehalten.

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Konservensonderverkauf im KaDeWe (Berliner Tageblatt 1912, Nr. 135 v. 14. März, 12)

Konserven wurden jedoch nicht nur durch Maschineneinsatz billiger. Auch der Einzelhandel modernisierte sich während des Kaiserreichs rasch, erweiterte sein Sortiment, bot neue haltbare Produkte an. Am Anfang standen seit den 1870er Jahren vor allem Versandgeschäfte. An deren Seite traten Massenfilialbetriebe und ab den 1890er Jahren dann erste Warenhäuser. Sie alle nutzten Konserven, um dem Publikum ihre Preiswürdigkeit unter Beweis zu stellen.

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Fehlende Einheitlichkeit: Form- und Materialvielfalt bei Rahmprodukten ([Paul] Buttenberg, Über Dauermilchpräparate, in: Bericht über die Allgemeine Ausstellung für hygienische Milchversorgung im Mai 1903 zu Hamburg, hg. v. Deutschen Milchwirtschaftlichen Verein, Hamburg 1904, 25-43, hier 29)

Ein Kernproblem der Blechkonserven war allerdings, dass man nicht sah, was man kaufte, dass man dem Anbieter und dem Verkäufer trauen musste (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 458-460). Anfangs hatten die Dosen vielfach nicht einmal Etiketten, denn lang haltende Klebstoffe sind technisch komplex (Wilhelm Gruber, Das Konservenetikett im Wandel der Zeit, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 50, 1965, 204-209). Doch auch die Qualität schwankte beträchtlich, zudem waren die Büchsen teils nur unzureichend gefüllt. Das änderte sich erst nach der Jahrhundertwende, auch aufgrund der Klagen der Käufer. Während größere Firmen ihre Markenprodukte vielfach noch in eigenen Verpackungen in unterschiedlichen Größen anboten, vereinbarten insbesondere kleine Anbieter Offerten in einheitlichen Größen. Seit 1907 gab es erste Einheitsdosen etwa für Obst und Gemüse. Das half Vertrauen zurückzugewinnen. Die Konsummengen aber blieben begrenzt: Um 1900 verzehrte der Durchschnittsdeutsche etwa ein Kilogramm Konserven pro Jahr und Kopf, um 1913 war es dann immerhin schon die doppelte Menge.

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Glas statt Blech? Transparent angebotenes Eigelb 1896 (Fliegende Blätter 104, 1896, Nr. 2656, Beibl.)

Die nicht unerhebliche Skepsis gegenüber undurchsichtigen Konservenbüchsen führte zur Suche nach Alternativen. Glaskonserven wurden schon im späten 19. Jahrhundert angeboten, doch ihre Brüchigkeit und ihr relativ hoher Preis legten den Einsatz nur bei hochwertigen Angeboten nahe, insbesondere bei Arzneien und Drogerieartikeln. Noch in den späten 1930er Jahren lag die durchschnittliche Bruchquote bei 2 bis 3 Prozent (Eduard Nehring, Die Verwendung metallischer und nichtmetallischer Werkstoffe als Verpackungsmaterial in der Konservenindustrie, in: Wissenschaft und Technik in der Konservenindustrie, Braunschweig 1939, 41-54, hier 44-45). Für Glas sprach damals vor allem seine Geschmacksneutralität, seine Undurchlässigkeit, seine Ungiftigkeit. Verzinntes Dosenblech war relativ korrosionsbeständig, tolerant gegenüber Druck und Temperaturen, leichter als Glas und besser stapelbar. Doch je nach Füllgut gab es trotz des 1887 erlassenen Blei-Zink-Gesetzes immer wieder Vergiftungsfälle durch gelösten Zinn und auch gelöstes Lötblei.

Wie bei der Blechkonservenindustrie hing die Nutzung des Werkstoffes Glas von dessen preiswerter Massenproduktion ab. Das bedeutete vor allem eine rationale und auch mechanisierte Hohlglasherstellung. Die handwerklich betriebenen Waldglashütten bekamen schon seit der Jahrhundertmitte Konkurrenz durch Glashütten mit größer gebauten Schmelzöfen mit einer oder gar mehreren Schmelzwannen. Holzfeuerung wurde zunehmend auf Kohle, Gas und Koks umgestellt und ermöglichte dünnwandigeres und schlierenfreieres Glas (L[udwig] Lobmeyr (Hg.), Die Glasindustrie, ihre Geschichte, gegenwärtige Entwicklung und Statistik, Stuttgart 1874, insb. 166-177). Die Produktionssprünge im späten 19. Jahrhundert resultierten vor allem aus größeren und heißeren Öfen. Dabei ragte der seit 1867 grundsätzlich verfügbare Siemenssche Regenerativofen heraus. Er war ursprünglich für die Stahlproduktion entwickelt worden, bewährte sich aber auch bei der Leichen- und Tierkadaververbrennung. Die durch indirekte Hitzeführung möglichen höheren Temperaturen ließen das Glasgemenge schneller schmelzen und den Durchfluss beträchtlich steigen. Doch noch erfolgte die Produktion vornehmlich per Hand und Mund durch die standesbewusste Gruppe der Glasbläser  (Georg Goes, Arbeitermilieus in der Provinz. Geschichte der Glas- und Porzellanarbeiter im 20. Jahrhundert, Essen 2001, insb. Kap. VII).

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Mechanisierung der Hohlglasherstellung: Owens-Maschine 1912 (Library of Congress, Washington DC, ncl2004001184)

Das änderte sich erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als vollautomatisch blasende Maschinen eingeführt wurden. Die erste sog. Owens-Maschine lief im Deutschen Reich 1908 an, doch ein Kartell wachte über eine markt- und preisschonende Etablierung. Entsprechend veränderte sich die Hohlglasherstellung nur langsam. Selbst in technisch führenden Unternehmen, wie etwa Gerresheim, wurden tradierte Verfahren über Jahrzehnte weiter genutzt. Dadurch konnten sich viele mittlere Unternehmen behaupten, wenn sie ihre Produktion auf Nischen konzentrierten.

Handarbeit führte dazu, dass die im 19. Jahrhundert produzierten gläsernen Vorratsgefäße deutlich anders aussahen als die uns allen bekannten Konservengläser (Astrid Bergmeister, Mindestens haltbar bis… Konservieren und Bevorraten in Glasgefäßen, Essen 1998, insb. 24-37). Sie wurden teils frei, teils modelgeblasen. Die Gläser wurden zumeist mit einem Korken verschlossen, teils auch verwachst. Sie waren daher hygienisch heikel, die gewölbten Böden schwer zu reinigen. Aus diesem Grunde wurden sie vielfach geschwefelt, was wiederum gesundheitsgefährdend war. Die Konservierungsgläser dieser Zeit waren noch nicht standardisiert, auch wenn man sie in unterschiedlichen Größen kaufen konnte. In den Haushalten wurden sie etwa mit Marmelade oder Gelee gefüllt und dann mit Papier, Blasen oder Leim verschlossen. Das war nicht steril, so dass es bei den Glaskonserven häufig Verderb gab.

Der Haushalt als Experimentierfeld technischer Innovationen

Die häusliche Konservierung lebt bis heute von einnehmenden Bildern, wie sie uns aus bürgerlichen Kochbüchern und Haushaltslehren des späten 19. Jahrhunderts im Gedächtnis prangen: Gefüllte Vorratskeller mit schimmernd lockenden Regalen, ein wenig auch die behäbige Gemütlichkeit Wilhelm Buschs (1832-1908): „Eben geht mit einem Teller / Wittwe Bolte in den Keller, / Daß sie von dem Sauerkohle / Eine Portion sich hole, / Wofür sie besonders schwärmt, / Wenn er wieder aufgewärmt“ (Max und Moritz, München 1865, 11). Festzuhalten ist jedoch, dass häusliche Konservierung notwendig war, um preiswert und ohne größere gesundheitliche Schäden durch das das Jahr, zumal durch Winter und Frühling zu kommen. Häusliches Konservieren war mühselig, das Ergebnis nicht immer schmackhaft. Es ging nicht um eine abwechslungsreiche Küche, sondern um die Befriedigung von Grundbedürfnissen.

Hausfrauen beharrten daher nicht auf Traditionen, sondern nahmen die vielfältigen Neuerungen der modernen Zeit rasch auf. Das war nicht modisches „Do-it-yourself“, kein „Prosuming“, sondern notwendige Selbsthilfe. Bis zur Jahrhundertwende erfolgten viele Verbesserungen, nicht aber grundlegende Veränderungen: Die wichtigste Konservierungstechnik war das Einkellern oder Einmieten vor allem von Kartoffeln, aber auch von Kohl, Äpfeln oder Möhren. Entsprechende Vorräte fanden sich meist über das ganze Haus, über die kleine Wohnung verteilt. Wichtig waren ferner das Einlegen in Essig, Trocknen, Dörren, Pökeln und Räuchern. Konservierung war jedoch in vielen Haushalten kaum möglich, setzte es doch den Besitz oder Kauf von Kleinvieh, von Obst und Gemüse voraus. Damals wurde deutlich weniger Fleisch, Obst und Gemüse gegessen, Der Konsum richtete sich stark nach Ernte- und Schlachtzeiten. Häuslich konservierte Nahrung war aber sozial weiter verbreitet, denn man bekam sie, wie auch Getreide und Mehl, noch als Lohn für Arbeit. Vieles blieb regional begrenzt, wie etwa die Mostherstellung im Süden und Südwesten. Manches verlor an Bedeutung, etwa das Dörren in gemeinsam genutzten Dörrhäuschen.

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Nicolas Appert und eines seiner gläsernen Konservierungsgefäße (Wikipedia)

Neue industrielle Produkte veränderten nur langsam die häusliche Konservierung. Am wichtigsten war der Einsatz der Konservierungsmittels Zucker, wodurch die Muskocherei um Marmeladen und Gelees ergänzt werden konnte. Viele Verfahren waren bekannt, konnten jedoch nicht umgesetzt werden. Der französische Koch und Konditor Nicolas Appert (1749-1841) entwickelte beispielsweise schon 1804 aus heutiger Sicht praktikable Verfahren der Hitzesterilisierung in Gläsern. Die Art der von ihm verwandten Gläser verdeutlicht aber auch, dass der sterile Verschluss ein Kernproblem des Verfahrens blieb. Es verwundert daher nicht, dass er seine Luxuskonserven ab 1812 in Blechbüchsen packte und verkaufte. Sein Hauptwerk wurde 1832 ins Deutsche übersetzt, weitere Auflagen folgten ([Nicolas] Appert, Die Kunst, alle animalischen und vegetabilischen Nahrungs-Substanzen durch viele Jahre aufzubewahren […], Prag 1844). Doch die Auswirkungen blieben begrenzt.

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Haushaltskonservierung mittels Blechbüchsen (Kladderadatsch 22, 1869, n. 48)

Die Modernisierung des häuslichen Konservierens begann daher nicht mit Glasbehältnissen, sondern mit „hermetisch verschließbaren“ Blechkonserven. Glasanbieter konterten, boten ihrerseits sicher verschließbare Glasgefäße an. Im letzten Drittel des 19. Jahrhundert tobte ein Kampf zwischen Blech und Glas, getrieben von Haushaltslehrerinnen und Kleintüftlern, von Unternehmern und Chemikern.

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Glaskonserven in den 1870er Jahren (A[nton] Hausner, Die Fabrikation der Conserven und Canditen, Wien, Pest und Leipzig 1877, 156)

Dabei ging es nicht nur um die Gefäße, sondern vor allem um den sicheren und sterilen Verschluss derselben. „Luftdicht“ oder „hermetisch“ wurden zu zentralen Werbeversprechen. Obwohl die Palette der Patente und Angebote wuchs, blieben die Ergebnisse bescheiden: Für den normalen Haushalt waren Blechdosenmaschinen zu teuer, während der Gläserinhalt entgegen den Anpreisungen immer wieder verdarb.

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Konservenglas mit Bügelverschluss und blecherne Einmachbüche (H[einrich] Timm, Die Obst- & Gemüseverwertung für Haushaltungs- und Handelszwecke, Stuttgart 1892, 73 (l.) und 74)

In einer dynamischen Markt- und Konsumgesellschaft führte dies zu Alternativangeboten. Die Defizite der Gefäße sollten beispielsweise durch neue chemische Konservierungsmittel gemildert, ja gebannt werden (Ueber Salicylsäure und ihren Gebrauch im Haushalte, Allgemeine Hausfrauen-Zeitung 1, 1878-79, 26). Rasch bekannt wurde beispielsweise Dr. Oetker’s Salicyl, das auf das Einmachgut gestreut wurde, um Schimmelbildung zu verhindern. Die seit Mitte der 1870er Jahre vertriebene Salizylsäure nutzte man aber vor allem als Arzneimittel, etwa gegen Hühneraugen. Aufgrund ihrer akut reizenden Wirkung konnte sie Magen-Darm-Schädigungen hervorrufen, wurde aber trotz kontroverser Debatten um die Jahrhundertwende erst 1959 als Konservierungsstoff für Lebensmittel verboten. Dr. Oetker verringerte schon vor dem Ersten Weltkrieg die Dosis und taufte das Produkt zur „Einmach-Hülfe“ um (Daheim 50, 1914, Nr. 45, 33).

12_Allgemeine Zeitung_1908_08_08_Nr19_pIII_Die Woche_07_1905_Nr29_pIII_Konservierungsmittel_Salicylsäure_Dr-Oetker_Dr-Crato_Bielefeld

Chemische Hilfsstoffe für das Einmachen (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 19 v. 8. August, III (l.); Die Woche 7, 1905, Nr. 29, III)

Die eigentliche Innovation beim Einkochen, beim dann so genannten Einwecken, erfolgte durch Johann Carl Weck (1841-1914), einem der vielen Tüftler in diesem Felde. Er war es, der 1895 das Patent eines kurz zuvor verstorbenen Chemikers, Rudolph Rempel (1859-1893) aus Gelsenkirchen erwarb. Es war das Patent eines Apparates zum selbständigen Schließen und Entlüften von Sterilisiergefäßen. Weck war Lebensreformer, Antialkoholiker und Vegetarier. Mit seinem Apparat wollte er nicht nur Gewinn machen, sondern die Alltagsernährung verändern (J[ohann] Weck, Erfahrung über Konservierung, Vegetarische Warte 31, 898, 80-81). Er verband seinen Namen mit dem des Apparates (Deutscher Reichsanzeiger 1898, Nr. 89 v. 15. April, 11), baute ein Netzwerk von Agenturen und Zweigniederlassungen auf. Schon 1902 verließ Weck sein Unternehmen, Lizenzzahlungen versüßten den Abschied. Das eigentliche Geschäft machte Georg van Eyck (1869-1951), ein erfahrener Groß- und Einzelhändler für Haushaltswaren im niederrheinischen Emmerich. Er hatte gemeinsam mit Johann Weck Anfang 1901 die J. Weck GmbH im badischen Öflingen gegründet (Deutscher Reichsanzeiger 1901, Nr. 7 v. 9. Januar, 11), und er war es, der die Firma zum Marktführer erst im Deutschen Reich, später auch in Europa machte.

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Johann Weck und seine Schutzmarke (Wikipedia (l.); Tischlein, 1901, 12)

Die Grundlage für diesen Erfolg war einerseits Werbung, die bis heute ihre Liebhaber findet. „Frischhaltung“, Markenbegriff und neues mit dem Einmachen zunehmend deckungsgleiches Substantiv, erschien als Verheißung eines besseren Lebens, einer Gesellschaft, in der der Mensch die Natur befriedet hatte und beherrschte. Anfangs schaltete Eyck nur wenige Anzeigen, warb stattdessen mit Plakaten, mit Broschüren, hob sich dadurch von den vielen anderen Anbietern ab. Doch Werbung allein wäre zu wenig gewesen, mochte der Apparat auch so funktionieren, wies es sich Appert schon ein Jahrhundert zuvor erträumt hatte. Weck bot seit der Jahrhundertwende jedoch nicht nur einen Apparat zum Einkochen an, sondern weitete die Palette auf Einkochgläser und Dienstleistungen aus, bot ein Gesamtpaket an, ein Rundum-Sorglos-Paket. Das hatten andere eben nicht.

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Apparat, Gläser und ein sicherer Verschluss (H[ans] Allihn und [Ottilie] Allihn, Rationelle Krankenkost, 2. verb. Aufl., Öflingen 1911, 44)

Zudem knüpfte die Firma ein direktes Band mit ihren Kundinnen (W.D. Müller, Aus der Werbegeschichte des Hauses „Weck“, Mitteilungen des Vereins Deutscher Reklamefachleute, 1915, 280-282). Sie gründete Beratungsstellen, die Hausfrauen zeigten, wie Apparate und Gläser zu nutzen waren. Sie beschäftigte Wanderlehrerinnen, die auch auf dem Land präsent waren. Sie gab seit 1901 zudem eine eigene Zeitschrift heraus, „Die Frischhaltung“, die 1915 immerhin ca. 10.000 zahlende Abonnenten hatte, die sie unterhielt, informierte und mit vielfältigen „erprobten“ Rezepten versorgte. Hinzu kamen zahlreiche im Auftrag der Firma herausgegebene Broschüren, Rezept- und Kochbücher, Haushalts- und Gesundheitslehren.

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Konservierungsgläser der Firma Weck (M[ax] Hotop und E[dmund] Michael (Bearb.), Koche auf Vorrat, Bd. 1, Öflingen 1905, 12, 13)

Für das Wachstum der Firma waren weniger die Apparate als vielmehr die Konservierungsgläser entscheidend. Sie sorgten für steten Nachkauf, zumal immer neue Formen, Größen und Spezialgläser angeboten wurden.

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Einkochen als eine Kombination von Glas, Gummi, Hitze und hauswirtschaftlicher Arbeit (Hotop und Michael (Bearb.), 1905, 14 (l.), Dass., 9. Aufl., Öflingen 1911, 14)

Erfolgsgaranten waren dabei die flach geschliffenen Deckel, die mittels eines Gummirings dicht hielten und die Bügel, die während des eigentlichen Einkochens unverzichtbar waren. Geräte und Gläser machten zugleich etwas her, waren präsentabel, nicht nur in Küche und Keller, sondern auch auf der Tafel. Die Firma Weck bot zudem eine Reihe ergänzender Geräte und Gefäße an, etwa Gemüsedämpfer. Ihr Absatz reichte zwar nicht an den der eigentlichen Einweckapparate heran, war für das Wachstum von Firma und Umsatz aber wichtig. Weck konnte dadurch eine breite Palette haushälterischer Tätigkeiten aus einer Hand bedienen.

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Steinzeug als Alternative: Konkurrierendes Angebot einer kleineren Glashütte (Der Praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau 18, 1908, Nr. 22, Anzeigenteil, 1)

Weck wies vor dem Ersten Weltkrieg einer ganzen Branche und vielen Glashütten den Weg. Nachahmerprodukte kamen rasch auf, Apparate und vor allem Einmachgläser wurden vielfach variiert. Kein Konkurrent besaß jedoch ein derart breites Angebot und auch eine derart vielgestaltige Werbung wie der im Schwarzwald ansässige Pionier. Dessen Angebote waren relativ teuer, die Firma hielt die Preise bewusst hoch. Sie folgte einer Qualitätsstrategie, bei der es nicht nur um haltbare Nahrung, sondern auch um lange nutzbare Geräte und Gefäße ging.

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Anhaltender Wettbewerb zwischen Fabrik- und Haushaltskonserven (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3521, Beibl.)

Der Durchbruchserfolg Wecks zeigte sich aber auch an anderen Marktbewegungen. Schon vor dem ersten Weltkrieg nutzte die Firma erfolgreich die weiterhin bestehenden Geschmacks- und Sicherheitsprobleme der Blechkonserven, um die im Glas eingemachten Produkte als wohlschmeckend zu vermarkten, als höherwertige Alternative zu den „faden Konserven“ der Industrie. Diese Kampagnen waren so erfolgreich, dass auch Anbieter zeitgenössischer Haushaltshelfer – hier Liebigs Fleischextrakt – diese breit geteilte Vorstellung unterstützten.

Verpflichtungen: Einmachen und staatliche Krisenbewältigung

Vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges gab es also eine spannende Wettbewerbsstruktur: Auf der einen Seite eine rasch wachsende Konservenindustrie, deren Produkte zunehmend preiswerter wurden, die auch immer wieder neue Angebote integrierte, so etwa die in den 1890er Jahren aufkommenden Bockwürstchen der Halberstädter Firma Heine. Auf der andern Seite wurde um 1900 die häusliche Konservierung zu einer einfach umsetzbaren bürgerlichen Tugend, zum Stolz der selbstbewussten Hausfrau, die mit Hilfe neuer Technik und neuer Gläser für ihre Liebsten sorgte. Um 1914 hätten Analysten wohl ein weiteres rasches Wachstum der Konservenindustrie beschworen, da die Arbeiterschaft für billige Konserven zunehmend gewonnen werden konnte. Das legten zumindest die Absatzzahlen der Konsumgenossenschaften nahe. Doch es sollte anders kommen – und das war die Folge der Weltkriege und Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht Enthäuslichung dominierte, sondern eine neuartige Verhäuslichung des Konservierens.

Während des Ersten Weltkrieges galt Einkochen als nationale Pflicht, als Rückgrat der Alltagsversorgung, als Mittel zum Durchhalten. Just deshalb griff nun der Staat ein, vornehmlich auf lokaler und regionaler Ebene. Die Ernten mussten mit weniger Personal und Fuhrwerk eingebracht werden, das Militär wurde vorrangig versorgt. Staatliche Instanzen machten nun dort weiter, wo Weck bereits angesetzt hatte, bei der umfassenden Belehrung über das Einkochen durch Hausfrauenvereine und Hauswirtschaftlerinnen. Zugleich aber investierte der Staat in neue Techniken. Zinnblech war durch die alliierte Seeblockade ab 1915 kaum mehr verfügbar, wurde vorrangig für Militärbelange zurückgehalten. Glashütten produzierten vermehrt für den Kriegsbedarf, und auch dort fehlten die vielen eingezogenen Fachkräfte. Daher förderte der Staat vor allem alternative Techniken, insbesondere das Dörren und die Kühltechnik.

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Aufrüstung im Haushalt (Joh. Ernst Brauer-Tuchorze, Transportable Trockner für die Dauerbereitung von Gemüse […], Prometheus 27, 1916, 616-620, hier 617 (l.) und Johannes Schneider, Das Dörren des Obstes und der Gemüse, Leipzig 1916, 12)

Dörren, also das Trocknen von Nahrungsmitteln, wurde nicht nur gewerblich betrieben, sondern drang mittels einfacher und auch elaborierter Apparate in die Haushalte vor. Doch die Technik war unausgegoren, Obst, Gemüse und Fleisch hielten nicht lange, schmeckten schlecht. Gerade seit dem Hungerwinter 1916/17 nahm nicht nur die Menge, sondern gerade auch die Qualität der Nahrung deutlich ab. Doch es blieb die sehnsuchtsvolle Erinnerung an die gefüllten Konservengläser des ersten und zweiten Kriegsjahres.

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Alternativen zum Weck-Verfahren: Vakuum Schnellkonservierungsapparat (Voss 1921, Nr. 46 v. 17. Dezember, 16)

Aufgrund der Materialbewirtschaftung während und auch unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Produktion neuer häuslicher Konservierungsapparate beschränkt, musste man sich insbesondere in ärmeren Haushalten mit Konservierungstechniken des späten 19. Jahrhunderts behelfen oder aber hamstern. Doch nach dem Kriege nahmen die Angebote rasch zu. Im Mittelpunkt standen zum einen billige Verfahren, um so die teureren Apparate umgehen zu können. Doch zugleich wurden von vielen Firmen, teils auch direkt von Glashütten, Konservengläser wieder vermehrt angeboten, fielen doch die Militäraufträge weg. Dies führte zu einem relativen Preisverfall Anfang der 1920er Jahre, so dass nun auch vermehrt Arbeiterhaushalte zum Einkochen übergingen. Das war aber war auch notwendig, denn gerade während der Hyperinflation 1922 und vor allem 1923 galt es wieder schlicht, die Grundversorgung im Winter sicherzustellen.

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Vielfältige Angebote: Konservierungsverfahren Anfang der 1920er Jahre (Zeitschrift für Waren- und Kaufhäuser 20, 1922, Nr. 22, 51 (l.); ebd., Nr. 33, 43; ebd., Nr. 26, 17 (r.))

Firmen und Marken wie Linn, Rex oder Duplex boten zudem preiswerte Komplettangebote an (Ratgeber zum Selbstgebrauch […] in Konservengläsern und Einkochapparaten Marke „LINN“, Arnstadt o.J.). Der Marktführer Weck geriet dadurch unter Druck, zugleich aber verbreiterte sich der gesamte Absatzmarkt während der 1920er Jahre erheblich. Dagegen stagnierte die Konservenindustrie. Das hatte nicht nur mit der vermehrten Haushaltskonservierung und dem Dosenmangel während des Krieges zu tun. Vielmehr war die Qualität der Konserven deutlich schlechter geworden, da die Qualität der Vorprodukte deutlich sank, da die Zahl beschädigter, undichter Dosen deutlich stieg. Zunehmend Sorgen bereitete auch der Vitamingehalt der Angebote. „Vitamine“ wurden erst 1911/12 benannt, doch nun wurde rasch klar, dass große Hitze B- und C-Vitamine zerstörte. Das unterminierte das Renommee der Konservennahrung weiter. Schonendere Verfahren mit leistungsfähigeren Maschinen und einer besseren Hitzeführung folgten, doch der Absatz nahm erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wieder stärker zu.

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Vermehrte Anzeigenwerbung (An unsere Geschäftsfreunde! Eine Reihe Vorlagen für wirkungsvolle Anzeigen, hg. v. J. Weck und Co., Öflingen 1927 (Ms.), 2)

Was machte parallel der Marktführer Weck? Zuerst machte er weiter wie bisher, warb mit den bekannten Argumenten und begründete die hohen Anschaffungskosten mit der hohen Qualität von Gläsern und Apparaten (Warum ist die Marke WECK immer noch die verhältnismäßig billigste?, hg. v. J. Weck & Co., Öflingen 1927 (Ms.). Herausgestellt wurde auch der Geschmack und der Nährwert der häuslich konservierten Nahrung; dass, obwohl sich beim Einmachen das Problem des geringen Vitamingehaltes gleichermaßen stellte und die Haushaltshygiene nicht immer ideal war. Das fiel aber beim Selbstmachen scheinbar nicht so ins Gewicht. Weck intensivierte daher auch vermehrt in Werbung, nutzte nun auch vermehrt Anzeigen (Der große Erfolg. Reklame-Ratgeber, hg. v. J. Weck & Co., Öflingen 1928). Nicht vergessen werden darf, dass die hohen Verkaufspreise auch hohe Handelsspannen ermöglichten. Daher bevorzugten Händler die badischen Angebote, präsentierten sie in ihren Läden an bevorzugten Plätzen, nutzten gerne die einladend gestalteten Plakate für Verkaufsräume und Schaufenster oder die Vorlagen für Zeitungsanzeigen.

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Weck als Weltmarke Mitte der 1930er Jahre (Kleines Lehrbuch für erfolgsicheres [sic!] Einkochen der Nahrungsmittel mit den Frischhaltungs-Einrichtungen Weltmarke WECK, Öflingen 1935, hinteres Titelblatt)

Zugleich verbesserte die Firma ihre Kostenstruktur. Obwohl weiterhin neue Gläser entwickelt und vermarktet wurden, nahm deren Variationsbreite doch ab, wurden die Formen länger beibehalten. Wichtiger noch war der verstärkte Export. Er führte zu niedrigeren Fixkosten, stärkte zugleich die Stellung der deutschen Premiummarke gegenüber staatlichen Instanzen und der Öffentlichkeit. Mitte der 1930er Jahre hatte Weck fast 4000 Beschäftigte, war damit ein wichtiger Faktor innerhalb des vom NS-Regime neu etablierten Reichsnährstandes.

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Einkochen in Dosen (Einmachen von Obst und Gemüse, hg. v. Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung, Leipzig 1935, 7)

Gleichwohl gelang es nicht, die Glaskonservierung auch im häuslichen Bereich alternativlos zu machen (Blechdosen oder WECK-Gläser?, Frischhaltung 28, 1928/29, 178-180). Während der 1920er Jahren wurden jährlich immerhin 30.000 Büchsenverschlussmaschinen verkauft, 1930 kauften Privathaushalte ca. 27 Millionen leere Blechbüsen, die in der Regel zweimal gefüllt wurden. Der Umgang mit diesen Dosen war in dieser Zeit einfacher geworden und auch billiger, wenn man über etwas größere Herde und Vorratskapazitäten verfügte. Weck, aber auch andere Anbieter nahmen diese Herausforderung an und warben verstärkt auf dem Lande und in Kleinstädten: „Nun schlüpft sogar das liebe Schwein / als ‚Wurst‘ ins Glas von Weck hinein“ (zit. n. Bergmeister, 1998, 48; vgl. auch Das Schwein im Weck – die Sparkasse der Hausfrau, Frischhaltung 28, 1928/29, 82-85). Das mag heute fern unserer Alltagsernährung klingen. Doch 1933 gab es letztmals mehr Beschäftigte in der Landwirtschaft als in der Industrie; und die Zahl der Kleingärtner lag bei 2,6 Millionen. Sie erwirtschafteten schätzungsweise 30 Prozent des deutschen Gemüseertrags, zogen die Mehrzahl der Kaninchen groß.

Mittels dieser Maßnahmen gelang es der Firma Weck ihre Marktführerschaft nicht nur zu behaupten, sondern während der Weltwirtschaftskrise noch auszubauen. Während die Arbeitslosigkeit den männlichen Familienernährer besonders traf, konnte die Hausfrau – und vermehrt wieder in der Mittelschicht – so einen produktiven Beitrag zur Familienwirtschaft beisteuern. Generell ist der Bedeutungsgewinn der Glaskonservierung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nicht ohne einen Blick auf die sich ändernde Rolle der Hausfrauen, der Frauen allgemein, zu verstehen. Firmen wie Weck adelten von Beginn an die rechnende Hausfrau, die mit Hilfe ihrer Apparate und Gläser eine Art Zusatzeinkommen schuf, die ihre Hauswirtschaft wie eine kleine Fabrik leitete.

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Einkochen als produktive Tätigkeit der Hausfrauen (Die Frischhaltung 48, 1954, H. 6, s.p.)

Einkochen war eine weibliche Arbeit, doch eine, die Geld sparte und das Haushaltsgeld vermehrte. Und dies war nicht mehr die von Friedrich Schiller im späten 18. Jahrhundert besungene „züchtige Hausfrau“, die mit „ordnendem Sinn“ ihre Rolle erfüllte und nimmer ruhte. Die einkochende Hausfrau war eine Marktexpertin, kannte sich im Garten und in der Hauswirtschaft aus, kalkulierte kühl und rechenhaft den Einkauf und das eigene Konservieren. Der Mann mochte das Haupteinkommen verdienen, doch die Frau dachte mit und schuf Mehrwert.

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Einkochen im völkischen Umfeld: Haushaltsführung, Kinderbetreuung, Sicherung des Volksvermögens (Anleitungen für das Einkochen von Nahrungsmitteln mit den Frischhaltungsgeräten Marke Weck, Öflingen 1941, 79)

Was während der Weimarer Republik noch Ausdruck einer modernen, effizienten Hausfrau war, wandelte sich während der NS-Zeit jedoch beträchtlich. Glaskonserven und Einmachen standen immer auch im Zusammenhang mit deren Ideologie, deren Biologismen. Es ging nie nur um Arbeit für die eigene Familie, sondern diese war immer auch Arbeit für das deutsche Volk, die deutsche Rasse (Nancy R. Reagin, Marktordnung and Autarkic Housekeeping: Housewives and Private Consumption under the Four-Year Plan, 1936-1939, German History 19, 2001, 162-184). Was der Bauer auf den Markt brachte, der Kleingärtner erntete, wurde durch vielfach blond dargestellte Hausfrauen bewahrt und für alle gemehrt. Damit diente sie sich selbst, ihren Kindern, ihrem Gatten, ihrem Volk.

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Einkochen als Pflicht der deutschen Frau (Lehrbuch, 1935, 31 (l.); Anleitungen, 1941, Titelblatt)

Einkochen wurde während des Nationalsozialismus zu einem häuslichen Quasi-Militärdienst der Frau, war ihr Beitrag zur „Nahrungsfreiheit“ des Deutschen Reichs, reduzierte die Importe. Die Firma Weck stellte sich willig in den Dienst des NS-Regimes, unterstützte Ideen landwirtschaftlicher Autarkie. In ihren Publikationen war die Volksgemeinschaft immer auch eine Einkochgemeinschaft. Einkochen wurde zur moralischen Verpflichtung, zum Dienst für Führer und Vaterland (Mechtilde Raetsch (Bearb.), Meine Vorratsküche, erw. Ausg., Berlin 1936).

28_Lehrbuch_1935_p01_Hausfrau_Einmachen_Haushaltskonservierung_Konservenglas_Weck_Frauenbild

Moralische Verpflichtung (Lehrbuch, 1935, 1)

Für die Firma Weck hatte die einkochende Frau ihre natürliche Aufgabe gefunden, eine Aufgabe, die sie glücklich und dankbar machen sollte (Glück im Glas, hg. v. J. Weck & Co., Öflingen o.J. (1936)). Eine einfache haushälterische Tätigkeit wie das Einkochen wurde im Sinne des Regimes aufgeladen – und die Mehrzahl der Hausfrauen folgte willig. Und doch: Der eigentliche Umschwung hin zu modernen Formen der Fremdversorgung und Konservierung erfolgte just während der NS-Zeit (Spiekermann, 2018, insb. 474-548). Fast die Hälfte der öffentlichen Forschungsinvestitionen von 1933 bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges floss in die Agrarwirtschaft und den Lebensmittelsektor.

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Einsäuerung von Sauerkraut, Trocknen von Obst (Einmachen, 1935, 13)

Die Folge war ein besseres Wissen über Erntepraktiken, Lagertechniken, Verarbeitung und Konservierung, über Geschmack und Lebensmittelpsychologie. Selbst getrocknete Nahrungsmittel wurden nun zunehmend schmackhaft. Die Haushaltsratgeber der 1930er Jahre empfahlen das Einkochen, präsentierten aber auch eine breite Palette tradierter Formen des Einmachens (Ewald Köhnemann, Saft, Mus und Marmelade, Berlin 1940). All dies auf dem vermeintlich neuesten Stand der Wissenschaft, was selbst für die Vergärung von Kohl zu Sauerkraut galt.

30_Kochbuch_1940_p54_Einmachen_Haushaltskonservierung_Backofen_Glaskonserven

Abseits der Sterilisierungsapparate: Einkochen im Gasbackofen (Kochbuch für den Junker u Ruh Gasherd, Karlsruhe 1940, 54)

Auch die wachsende Zahl von Elektro- und Gasherden erlaubte neue Formen des Einmachens – ganz ohne teure Konservierungsgeräte. Daneben zahlte sich die intensive Forschung von Kühl- und Gefriertechnik aus. Diese war zwar vornehmlich für die Wehrmacht gedacht, auch der „Volkskühlschrank“ ließ auf sich warten. Der Aufbau der Kühlkette sollte den eroberten europäischen Großraum miteinander und dann auch die Haushalte mit vitaminhaltiger und tiefgefrorener „Frischkost“ versorgen. Der Elektrokühlschrank, in Deutschland seit Ende der 1920er Jahre von der US-Firma Frigidaire in den Massenmarkt eingeführt, blieb eine Ausnahme für wohlhabende Haushalte. Doch die Werbung vermittelte schon einen Abglanz ganz anderer, schonenderer Verfahren für die Haushaltskonservierung und einer nationalsozialistischen Wohlstandsgesellschaft.

31_Lebe gesund_1939_Titelblatt_Kuehlschrank_Haushaltsgeraete_Elektrogeraete_BBC

Vorbote eines neuartigen technischen Systems: Werbung für Elektrokühlung (Lebe gesund durch Elektrokühlung […], Mannheim 1939, Titelblatt)

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es schon ein breites, vor allem propagandistisch aufbereitetes Angebot von Gefrierkonserven, die im Haushalt nur noch gelagert oder besser sofort verwertet werden sollten. Die Mehrzahl der Deutschen aß solche Produkte erst ein bis zwei Jahrzehnte später, erst in den 1960er Jahren setzte sich Tiefkühlkost allgemein durch.

32_Einmachen_1942_p81_Haushaltskonservierung_Einmachen_Obst_Marmelade_Gemüse_Gurken_Pilze_Fleisch_Statistik

Hitzesterilisierung, Einkochen und andere Konservierungsverfahren im Deutschen Reich 1941 (Ergebnisse, 1942, 81)

Im Zweiten Weltkrieg aber – das zeigen die Ergebnisse einer Untersuchung der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung von ca. 14.000 Personen im Deutschen Reich 1941 (Ergebnisse einer Untersuchung über die häusliche Vorratshaltung, Markt und Verbrauch 14, 1942, 49-87) – wurde in fast jedem deutschen Haushalt Vorratshaltung betrieben; zumeist von Obst und Gemüse, aber auch von Fleisch und selbst Pilzen. Dies galt für Stadt und Land. Frischware wurde nicht nur zum unmittelbaren Verzehr gekauft, sondern auch, um sie einzumachen, um einen Puffer bei Versorgungsengpässen zu haben. Blicken wir auf die Konservierungsarten, so dominierte die Hitzesterilisierung bei weitem. Sie erfolgte zumeist in Gläsern. Das betraf insbesondere Obst und Gemüse, aber auch Fleisch, Wurst und Speck. Marmelade wurde vorwiegend eingekocht, Gurken eingesalzen oder eingesäuert, Pilze vielfach gedörrt, Wurst und Speck häufig geräuchert. Bemerkenswert war auch, dass es nur geringe soziale Unterschiede bei der Haushaltskonservierung gab. Ein Volk, ein Reich, und (fast) alle Haushalte am Konservieren.

33_Lehrbuch_p28_Haushaltskonservierung_Hausschlachtung_Weck_Kampf-dem-Verderb

Kampf dem Verderb (Lehrbuch, 1935, 28)

Das war auch ein Folge der 1936 im Rahmen des Vierjahresplan einsetzende Kampagne „Kampf dem Verderb“. Sie sollte die Hauswirtschaft effizienter machen, auf Engpässe, Rationierung und Krieg vorbereiten, gab daher Hilfestellungen für Einkauf, Zubereitung, Konservierung, Einkellerung und Resteverwertung. Weck, aber auch viele andere Firmen, unterstützten mit eigenen Werbekampagnen. All dies ging einher mit propagandistischen Feldzügen à la „Brot ist kostbares Volksgut“, „Richtig Verbrauchen“, „Kampf dem Verderb – so gut wie Erwerb“ und schuf neue Phantasiegeschöpfe, etwa „Groschengrab, das Ungeheuer“ (Spiekermann, 2018, 388-391). Weck, ein NS-Musterbetrieb, profitierte davon. Bis Kriegsende propagierte dieser Einmachen als Teil des vermeintlichen Schicksalskampfes des deutschen Volkes, beschwor Nahrung als Waffe und die einkochende Hausfrau als Kämpferin (Hanns W. Brose, Die Wirtschaftswerbung im Dienste der häuslichen Vorratshaltung, Markt und Verbrauch 14, 1942, 131-135).

34_Die Deutsche Volkswirtschaft_13_1944_p744_Einmachzeit_1940_Titelblatt_Haushaltskonservierung_Kriegsdienst_Weck_Glaskonserven_Steingut

Mobilisierung bis zum Schluss (Die Deutsche Volkswirtschaft 13, 1944, 744 (l.); Einmachzeit, 1940, Titelblatt)

Wachsende Fülle: Haushaltskonservierung und Haushaltshandeln in Zeiten der Enthäuslichung

Über die Nachkriegszeit will ich Ihnen nur einige allgemeine Trendaussagen geben, denn dies ist eine Zeitspanne, die sie selbst aus ihrer Lebenspraxis und/oder den Erinnerungen ihrer Familien oder Freunde kennen – oder zumindest kennen könnten. Weck transformierte seine Botschaft der Haushaltskonservierung jedenfalls in die Nachkriegszeit, verlor aber Produktionsstätten und Glashütten im „Osten“. Ersatz kam zeitweilig von kleineren Anbietern, darunter etwa der bis heute bestehenden Boffzener Firma Noelle & von Campe.

35_Spiekermann_2018_p665_Einzelhandel_Sortiment_Statistik_Konserven_Frischwaren

Sortimentsstrukturen in SB-Geschäften und Supermärkten 1954-1988 (Spiekermann, 2018, 665)

Die Bedeutung konservierter Nahrung stieg seit den 1950er Jahren immens an, auch wenn uns das vielfach nicht bewusst ist. Die Konservierung wurde jedoch immer stärker vom Haushalt in die Versorgungsketten zurückverlegt, im großen Stil erfolgte Enthäuslichung. Selbst „frische“ Nahrung ist heute vielfach vorbehandelt, wird insbesondere gekühlt. Die in der Zwischenkriegszeit beträchtlich fortentwickelten Techniken des Gefrierens und Kühlens, des Trocknens, des Einsatzes immer leistungsfähigerer Verpackungen, von Zusatzstoffen und Aromen wurden nun mit der weiter entwickelten amerikanischen und britischen Technik gekoppelt. Die angelegten Veränderungen gestalteten Einkauf und Vorratshaltung ab den 1950er Jahren tiefgreifend um, setzten sich dann in den 1960er Jahren durch, wurden durch die Technisierung der Haushalte, insbesondere durch Kühlschränke und Gefriertruhen in den 1970er Jahren nochmals beschleunigt.

Häusliche Konservierung ist auch heutzutage nicht unwichtig. Doch ihre Bedeutung hat sich grundlegend gewandelt. Sie ist kaum mehr Mittel gegen Not, Mangel und Enge. Stattdessen ist sie Beziehungspflege, Ausdruck von Zuwendung und Liebe, von Selbstbehauptung angesichts überquellender Verkaufsregale. In einer Welt austauschbarer Güter sind selbstgemachte Marmeladen oder selbst eingelegte Gemüse etwas Besonderes (Heinz G. Gans, Konservieren rund ums Jahr, Köln 2013). Das nehmen wir gerne an, teilen es auch gerne, denn es soll zeigen, wer wir sind und dass wir sind.

Wir leben heute – trotz neuerlicher „Versorgungsengpässe“ – in einer im Vergleich zum 19. und frühen 20. Jahrhundert fast paradiesischen Welt, kaum mehr rückgebunden an Ernterhythmen, an die Mühsal der Agrikultur. Die Hoffnungen des 19. Jahrhunderts, sie haben sich erfüllt, wir haben sie erfüllt, vielfach gar übertroffen. Die Geschichte der Haushaltskonservierung zeigt jedoch, dass dieser Weg in die Versorgungssicherheit nicht alternativlos war. Haushalte dominierten die Konservierung noch um 1940, trotz funktionierender und leistungsfähiger Industrien. Dies gründete auf einer speziellen Rolle der Hausfrau, auf spezialisierten und unterstützenden Unternehmen, auf staatlichen Zielen relativer Autarkie. Fremdversorgung war nie alternativlos, das unterstreicht die Geschichte der Haushaltskonservierung in Glas, in Blech und mittels anderer Techniken. Wir haben unsere Wahl getroffen, haben damit Freiheiten abseits des früher üblichen Haushaltshandelns gewonnen. Doch dies bedeutet nicht, dass wir oder unsere Nachfahren nicht doch einst auf entsprechende Selbsthilfe wieder zurückgreifen werden, vielleicht gar müssen.

Uwe Spiekermann, 30. April 2022

Carne pura – Fleischpulver, Volksnahrungsmittel, Fehlschlag

Carne pura, reines Fleisch… Dieser Markenname der 1880er Jahre steht für die Nöte und Visionen dieser Zeit, für Forschungsdrang, Geschäftsinteressen und einen veritablen Bankrott. Wissenschaft und eine global ausgreifende Wirtschaft waren, so die Botschaft, Garanten für die Minderung der sozialen Spannungen, strebten nach gesunder und kräftiger Ernährung auch und gerade der Ärmeren. Carne pura war neu, materialisierte die Schaffenskraft starker Männer und die Verheißungen der Moderne. 140 Jahre ist das her; und das Spiel wiederholt sich auch heute tagtäglich, wenngleich in anderem Gewande, mit anderen Marken und Begründungen.

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Der Carne pura-Pavillon auf der Berliner Ausstellung für Hygiene und Rettungswesen 1883 (Die weite Welt 8, 1883, 504)

Vergegenwärtigen wir uns einmal Berlin im Sommer 1883: „Jeder Fremde muß in die ‚Hygienische!‘“, hieß es damals. „Jeder, dem ein Bädeker unter dem Arme und die Lust, Neues und Interessantes zu sehen, in der Brust saß, pilgerte nach den Anlagen und Räumen der hygienischen Ausstellung, wo das große Buch ‚von der gesunden und kranken Menschheit‘ aufgeschlagen war“ (Friedrich Schwab, Reiseplaudereien II., Prager Tagblatt 1883, Nr. 291 v. 20. Oktober, 1-3, hier 1). Berliner und Fremde blickten auf die wissenschaftlichen Errungenschaften, staunten ob der Fortschritte, freudig, da die Wissenschaft „immer weiter vorschreiten und gegen Gefahren aller Art Schutz bieten wird“ (Allgemeine deutsche Ausstellung für Hygiene und Rettungswesen zu Berlin 1882/83, Die weite Welt 8, 1883, 515-516, hier 516). Teil dessen war der glänzende Carne pura-Pavillon, ein Muss auf der Hygienischen. Dort wurde man kundig aufgeklärt, konnte kosten von einem neuen Fleischpulver, von zahllosen damit bereiteten Speisen. Kräftig, ja würzig im Geschmack, wurde es als unbegrenzt haltbar gepriesen, war zudem billiger als Frischfleisch. War man im Pavillon Zeuge eines anbrechenden neuen Zeitalters preiswerter Ernährung, allseitiger Verfügbarkeit der teuren und begehrten Essenz des Rindfleisches? Die Macher, allesamt veritable Männer, waren davon überzeugt. Sie waren seriöse Mitglieder der bürgerlichen Klassen. Gegen die massiven Überschwemmungen im Rheinland hatten sie schon im Winter 10.000 Portionen Carne pura gespendet und in eigens errichteten Suppenanstalten den Flutopfern Beistand geleistet (Carne pura, Wiener Presse 1882, Nr. 1 v. 17. Dezember, 5). Die Welt würde besser werden – und Carne pura Teil davon.

Fleischgier und der Ausgriff nach Südamerika

Ja, die Welt. Die Besucher kosteten in Berlin tatsächlich das Endprodukt eines weltweiten Ausgriffs auf die Fleischreserven der Welt. Wissen, können, haben. Neue Maschinen, vor allem aber die immer größeren Segelschiffe, die immer mächtigeren Dampfer machten sie verfügbar: „Die Bisonheerden der nordamerikanischen Prairien, die halbwilden Rinder der Pampas in Südamerika, der Falklandsinseln, die Millionen der Antilopen, Gazellen, Gnu’s, Springböcke etc., welche Südafrika durchwandern, die podolischen Rindviehheerden der südrussischen und asiatischen Steppen, die Schafe Australiens etc. geben noch auf Jahrhunderte Material genug her, um die Menschheit mit hinreichender Fleischnahrung zu versehen“ (Wilhelm Hamm, Nationalökonomische Zeitfragen. Zur Ernährung des Volkes: Billiges Fleisch. (Fortsetzung.), Allgemeine Rundschau 1865, Nr. 37 v. 10. September, 304).

Dieser Ausgriff auf die naturalen Ressourcen hatte viele Väter, Handelstreibende, vor allem aber Wissenschaftler. Deutsche standen hintan gegenüber Briten, Franzosen, Niederländern, doch ihre Zugriffe erfolgten trotz fehlender in den Boden gerammter Flaggen. Der im 18. Jahrhundert massiv ausgeweitete, im 19. Jahrhundert dann in große Kolonialreiche mündende Blick über die Grenzen Europas machte den Blick frei für die massiven Unterschiede zwischen den Weltregionen – und das betraf weniger Kulturen, sondern vorrangig Rohstoffe und Preise. Fleisch war in Übersee billig zu haben. Und Fleisch war knapp und teuer in den immer dichter bevölkerten Staaten Europas. Doch es war Frischware, also verderblich. Transport war erforderlich und eine Mechanik der Bewahrung.

Die dazu hierzulande bekannteste Idee der Mitte des 19. Jahrhunderts stammte vom Münchener Chemiker Justus Liebig (1803-1873). Er wusste von den großen, noch vielfach wild lebenden Rinderherden der südamerikanischen La-Plata-Regionen, die zwar zunehmend eingefangen und getötet wurden, von denen man aber lediglich die Felle zur Lederproduktion nutzte. In den 1870er Jahren schätzte man die Zahl der Rinder in den Pampas auf etwa 30 Millionen (Linzer Volksblatt 1878, Nr. 250 v. 29. Oktober, 1). Dort bestanden unabhängige Siedlerkolonien, bürgerliche Republiken, der spanischen Herrschaft entronnen. Kühltechnik war jedoch noch nicht entwickelt; Pökeln und Trocknen veränderten den Geschmack des Fleisches gravierend. Liebig empfahl daher ein zuvor in Frankreich entwickeltes Verfahren des Auskochens und Filtrierens: Am Ende würde die Essenz des Fleisches stehen, die wertvollen Inhaltsstoffe eingedickt. Von Wasser und Ballast befreit würde dieser Fleischextrakt erlauben, den Überfluss Südamerikas zumindest teilweise in Deutschlands Küchen zu lenken. Erfolgreiche multinationale Konzerne entstanden seit Mitte der 1860er Jahre, mochte Liebigs Idee vom nährenden Extrakt auch trügen. Er enthielt kein Eiweiß, keine Nährstoffe – und die mit dem Extrakt verbundenen Ideen billigen Fleisches für die minderbemittelte Bevölkerung erforderten offenkundig andere Technologien.

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Der Gaucho, die Rinder und das Markenprodukt: Nachklang des Ausgriffs auf die naturalen Ressourcen Südamerikas (Fliegende Blätter 115, 1901, Nr. 2920, Beibl., 2)

Anregungen dazu kamen aus der sog. Münchener Schule der Ernährungsphysiologie, einem Kreis von Kollegen und Schülern Liebigs, die nicht nur die Grundlagen der modernen Stoffwechsellehre etablierten, sondern die auch Wissenschaft in liberaler Verantwortung für das Gemeinwesen betrieben (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 37-42). Die trotz auskömmlicher Grundversorgung stetig gefährdete Eiweißversorgung der Bevölkerung sollte mittels Expertenwissens gesichert werden. Der Physiologe Carl Voit (1831-1908) forderte 1869, dass man über den Import von Fleischextrakt und die als Dünger und Futtermittel dienenden ausgelaugten Fleischreste hinausgehen müsse, um „das ganze Fleisch trocken oder frisch auszuführen“ (zit. n. Marie Ernst, Das Buch der richtigen Ernährung Gesunder und Kranker. Ein Kochbuch, Bd. 1, Leipzig 1886, 515). Mangels leistungsfähiger Kühltechnik war die Fleischtrocknung offenbar der Königsweg. Das Verbrennen des nicht zu verwertenden Fleisches schien ihm, aber auch dem Agrarchemiker Julius Lehmann (1825-1894), eine Sünde wider die Natur und den menschlichen Geist zu sein (Julius Lehmann, Untersuchungen über die chemische Zusammensetzung der Fleischextract-Rückstände und über den Nährwerth derselben bei Schweinen, Zeitschrift des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 63, 1873, 3-16, hier 5-6). Fleischextrakt, die hier nicht zu behandelnden Fleischpeptone und das nun wieder in den Blick tretende Carne pura waren wissenschaftliche Geisteswaren, die auf Technik und Chemie gründeten. Sie waren zugleich Ausdruck eines informellen Kolonialismus, der überseeische Länder nicht direkt in Besitz nehmen musste, um einvernehmlich zugreifen zu können. Wissen, können, haben.

Ein neuartiges Fleischprodukt: Forschungen zu getrocknetem Fleischmehl

Auch Franz Adolf Hofmann (1843-1920) entstammte der Münchener Schule (C[arl] Flügge, Franz Hofmann †, Deutsche Medizinische Wochenschrift 46, 1920, 1173). Er hatte dort bei Max Pettenkofer (1818-1901) studiert. Der ist gemeinhin als Vater der modernen Hygiene bekannt, optimierte aber zwischen 1850 und 1852 auch die Herstellung des Fleischextraktes. Ab 1872 institutionalisierte Hofmann in Leipzig das neue Fach der praktischen Hygiene, wurde 1878 dann auf den dort neu eingerichteten Lehrstuhl für Hygiene berufen. Hofmann war ein liberaler Streiter für eine moderne öffentliche Gesundheitsfürsorge, engagierte sich für eine leistungsfähige Wasserversorgung, für Kläranlagen, Großmarkthallen und einen städtischen Schlachthof. Zugleich aber entwickelte er ab Mitte der 1870er Jahre ein neues Produktionsverfahren für Trockenfleisch, für Fleischmehl (Franz Hofmann, Die Bedeutung von Fleischnahrung und Fleischconserven mit Bezug auf Preisverhältnisse, Leipzig 1880, 108-118; daraus auch die folgenden Zitate).

Franz Hofmann war ein „Ritter des Fleisches“, so die Sektenklage vieler Vegetarier. Wie für alle Mitglieder der Münchener Schule war für ihn die Welt ein steter Stoffwechsel. Ernährung verstand er als rationales Unterfangen, die besten Speisen schienen die, „welche für den niedrigsten Preis das dem Menschen nöthige Nahrungsquantum in schmackhafter Form gewähren.“ Die „Körpermaschine“ verdaute aber animalische Nahrung deutlich effizienter als pflanzliche. Die Armenkost der breiten Mehrzahl sei daher defizitär, das Siechtum in den Gefängnissen und Armenhäusern belege dies hinlänglich. Animalische Kost schmecke zugleich besser. Allein die hohen Kosten schnitten die Mehrzahl vom Kauf ab. Technik könne helfen, das billige südamerikanische Fleisch auf die deutsche Tafel zu setzen.

Die Trocknung von Fleisch wurde in deutschen Landen schon seit langem praktiziert – häuslich und gewerblich (Johann Carl Leuchs, Die Kunst zu trocknen, Nürnberg 1829). Die Münchener Schule führte viele ihrer Stoffwechselversuche an Hunden durch, die in Respirationsapparaten Wasser und getrocknetes Fleischmehl erhielten. Es gab zahllose Patente (Ch[ristian] Heinzerling (Hg.), Die Conservirung der Nahrungs- und Genussmittel, Halle a.S. 1884, 147-148). Doch das Trockenfleisch war Notbehelf, sein Geschmack wurde mit wachsender Eiweiß- und Fettzersetzung zunehmend muffig, schlug schließlich ins Ekelige um. Fortschritte gab es, parallel zum verbesserten Wissen um Eiweißchemie und Sensorik. Kein geringerer als der britische Hygieniker Arthur Hill Hassall (1817-1894) hatte Mitte der 1860er Jahre mit seinem Produktionsverfahren einen neuen Standard gesetzt. Sein Fleischmehl entstand durch eine langsame Trocknung bei relativ niedrigen Temperaturen. Dies verhinderte nicht nur die Gerinnung des Eiweißes, sondern nutzte auch die Diffusionswirkung des Fleischsaftes selbst. Das Hassallsche Fleischmehl zielte vor allem auf die Schiffs- und Militärverpflegung, doch es diente auch der Fortifizierung anderer Lebensmittel. Vermengt mit Kakao oder aber Zwieback stärkte es Kranke und Rekonvaleszente (Conserviren von Nahrungsmitteln, Deutsche Industrie-Zeitung 1, 1867, 396-397).

03_Dingler's polytechnisches Journal_247_1883_p336_Carne-pura_Fleischtrocknung_Maschinenbau_Nahrungsmitteltrocknung

Trocknungsapparat zur Produktion von Fleischpulvers (Dingler’s polytechnisches Journal 247, 1883, 336)

Hofmann nahm die Grundgedanken Hassalls auf, führte sie weiter: „Das einzig richtige Verfahren des Fleischtrocknens kann somit nur darin bestehen, die Austrocknung anfangs bei niederer Temperatur einzuleiten um einen Theil des Wassers zu entfernen und am Fleisch eine äussere undurchlässigere Trocknungsschicht zu bilden, dann die Temperatur zu steigern um die vollkommene Gerinnung und Austrocknung ohne jeden Verlust zu erzielen“ (Hoffmann, 1880, 110). Während Hassall sein Fleischmehl rasch öffentlich vermarktete, setzte Hofmann allerdings auf langwierige Tests, die spätestens 1876 einsetzen und auch 1880 noch nicht beendet waren. Gleichwohl war er damals überzeugt, dass das nach seinem Verfahren hergestellte Fleischmehl, „wegen seines Geschmackswerthes sowie des Nährwerthes das geeignetste Zusatzmittel zur Pflanzenkost“ sei (Ebd., 115).

Hofmann war der Ideengeber von Carne pura – doch zum Taktgeber und Propagandisten mutierte ein Geschäftsmann ganz anderen Kalibers: Carl Alphons Meinert, 1843 in Leipzig geboren, 1888 in seinem südlich davon liegenden Gut verstorben. Hofmann war Wissenschaftler, Meinert wollte dies gerne sein. Hoffmann gestaltete, auch als Stadtverordneter, die Konturen seiner neuen Heimatstadt, Meinert wollte dagegen als Geschäftsmann die Konturen des neuen Deutschlands verändern. Hoffmann regte an, überließ die Patentierung seines Verfahrens anderen. Meinert dagegen sah eine Geschäftschance, eine Möglichkeit, einen Abdruck in der Welt zu hinterlassen.

Carl Alphons Meinert entstammte einer wohlhabenden Leipziger Kaufmannsfamilie. Er ehelichte eine Adelige, Anna Margaretha von Bünau (1843-1919), mit der er zwei Kinder, Reinhold (*1870) und Edith Pauline (*1872) hatte. Auch seine Schwester Margarethe heiratete später einen Rittergutsbesitzer (Leipziger Tageblatt 1876 v. 163 v. 11. Juni, 3355). Schon im Alter von 22 Jahren firmierte Meinert als Doktor der Rechtswissenschaften (Ebd. 1868, Nr. 94 v. 3. April, 2507), doch Zeitgenossen stellten dessen Echtheit in Frage (Ebd. 1881, Nr. 218 v. 6. August, 3451) – und einen Nachweis für die Promotion habe auch ich nicht finden können.

04_Der saechsische Erzähler_1873_03_08_Nr020_p4_Lübeckische Anzeigen_1874_01_28_Nr23_p4_Emil-Meinert_Fischguano_Düngemittel_Fleischextrakt_Buschenthal

Carl Alphons Meinerts Wirkungsfeld väterliches Geschäft: Anzeigen für Fischguano und Fleischextrakt (Der sächsische Erzähler 1873, Nr. 20 v. 8. März, 4 (l.); Lübeckische Anzeigen 1874, Nr. 23 v. 28. Januar, 4)

Der junge Kaufmann trat früh in das Geschäft seines Vaters Emil Meinert ein. Dieser war im Düngemittelhandel tätig, gleichsam auf den Spuren der Liebigschen Agrikulturchemie. Seit 1860 konzentrierte er sich auf den Import von norwegischem Fischguano (Grünberger Wochenblatt 37, 1861, Nr. 53 v. 4. Juli, 2). Dies war Fischkot, ein natürlicher Dünger, dessen Wirksamkeit er in agrarwissenschaftlichen Versuchen in Möckern und Proskau wissenschaftlich erproben ließ – in letzterer Versuchsanstalt war Julius Lehmann aus München Professor (Der Landwirth 9, 1873, Nr. 18 v. 3. März, 76; ebd. 11, 1875, Nr. 94 v. 23. November, 488). Trotz dieser Spezialisierung war das Meinertsche Handelsgeschäft breit aufgestellt. Kontakte nach Südamerika gab es nicht zuletzt durch den Vertrieb von üblichem Peru-Guano sowie von Chili-Salpeter (Leipziger Tageblatt 1869, Nr. 160 v. 9. Juni, 5317). Emil Meinert war zugleich ein Tüftler, aktiv in der Leipziger Polytechnischen Gesellschaft. Ab 1869 übernahm er zudem die Generalagentur für Buschenthals Fleischextrakt (E[duard] Reichardt, Ueber die chemische Untersuchung von Fleischextract, Dingler’s polytechnisches Journal 194, 1869, 505-507, hier 505). Während des russisch-osmanischen Krieges versorgte sie die russische Regierung mit dem fleischhaltigen Suppenpräparat (Leipziger Tageblatt 1877, Nr. 17 v. 17. Januar, 322). Carl Alphons Meinert lernte im väterlichen Geschäft also viel über internationalen Handel, über Agrarwirtschaft und Maschinentechnik – und auch über Werbung für neue wissensbasierte Kunstprodukte.

Dennoch musste Emil Meinerts derweil auch auf Zement- und Kommissionsgeschäfte ausgeweitete Firma im Juni 1877 ihre Zahlungen einstellen (Leipziger Tageblatt 1877, Nr. 174 v. 23. Juni, 3693). Die Firma erlosch im Juli, und der nachfolgende Konkurs betraf nicht nur sein Vermögen, sondern auch das seiner beiden Söhne Carl Emil und Carl Alphons (Ebd., Nr. 198 v. 17. Juli, 4185; ebd., Nr. 236 v. 24. August, 4905). Für letztere war dies ein gravierender Einschnitt, doch sie machten weiter. Bereits im September 1877 wurde in Leipzig die Firma M. Meinert gegründet. Carl Alphons Ehefrau fungierte als Inhaberin, sein Bruder Carl Emil als Prokurist (Ebd., Nr. 254 v. 11. September, 5268). Parallel aber intensivierte Carl Alphons Meinert seine praktische Arbeit am Hofmannschen Fleischmehl. Er etablierte eine „Versuchsstation“, in der bis 1880 mehrere Tonnen Fleisch auf unterschiedliche Arten getrocknet wurden (J[ulius] Stinde, Special Catalog für den Pavillon Carne pura […], Berlin 1882, 5). Dieses Trockenfleisch wurde nach Argentinien verschifft, dort die Auswirkungen des Transportes untersucht. Wichtiger waren Tests, ob eine derartige Verarbeitung auch in Übersee möglich war. In Deutschland führte Meinert parallel physiologische Versuche an Arbeitern durch – und konnte auf diese Weise auch den Geschmack des Fleischpulvers erproben. Ende 1880 legte er seine Ergebnisse in einem zweibändigen Werk vor (Armee- und Volksernährung. Ein Versuch Professor C. von Voit’s Ernährungstheorie für die Praxis zu verwerthen, 2 T., Berlin 1880). Der Widerhall war wohlwollend.

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Werbung für Meinerts frühe Werbeschriften für Carne pura (Allgemeine Zeitung 1881, Nr. 333 v. 29. November, Beil., 4904 (l.); Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1882, Nr. 244 v. 20. Oktober, 4540)

Etablierung einer leistungsfähigen Firma

Zu diesem Zeitpunkt war das Produktionsverfahren des neuartigen Fleischmehls bereits patentiert worden. Rechts- und Urheberschutz wurde Ende 1878 von der neu gegründeten Firma M. Meinert und dem Hamburger Kaufmann Johann Conrad Warnecke jr. (1817-1893) beantragt und am 2. Dezember 1879 gewährt (Deutscher Reichsanzeiger 1879, Nr. 283 v. 2. Dezember, 6). Die „Combination verschiedener Verfahren zur Herstellung einer neuen Sorte Fleischmehl“ war Ergebnis des jahrelangen Pröbelns Hofmanns und Meinerts: Frischfleisch wurde vom sichtbaren Fett befreit, dann mit 2-3 Prozent Salz bestreut, anschließend bei variablen Temperaturen zwischen 50 und 60 °C vorgetrocknet, bei 100 °C völlig getrocknet und schließlich vermahlen. Auch an die Fleischhygiene war gedacht: „Um Insekten abzuhalten, sollen die Räume, in denen das Fleisch bearbeitet wird, so stark mit Schwefelkohlenstoffdampf erfüllt werden, als die Arbeiter vertragen können“ (Herstellung von Fleischmehl, Dingler’s polytechnisches Journal 236, 1880, 85). Die Patentierung zeigte Meinert als treibende Kraft, Warnecke war vornehmlich Finanzier. Sein Handelshaus importierte Kolonialwaren und skandinavische Güter, später wurde er Mitglied der Hamburger Bürgerschaft. Die Firma Conrad Warnecke musste im September 1882 allerdings aufgrund beträchtlicher Verluste im Importhandel die Zahlungen einstellen (Chemiker-Zeitung 6, 1882, 1007).

Meinert und Warnecke standen nun vor der Aufgabe Wagniskapital für die Produktion und den Vertrieb des „Patentfleischpulvers“ einzuwerben – und es sollten fast zwei Jahre zwischen der Patenterteilung und der Firmengründung vergehen. Das dürfte zum einen an der komplexen Aufgabe gelegen haben, ein multinationales Unternehmen aufzubauen. Während die verschiedenen Fleischextrakte in uruguayischen oder argentinischen Hafenstädten produziert und in Europa lediglich kontrolliert wurden, sollte die Wertschöpfung des neuen Fleischmehls nicht primär in der überseeischen Peripherie, sondern vorrangig im europäischen Zentrum erfolgen. In Südamerika sollte lediglich das Fleisch getrocknet und versandfertig gemacht werden, weitere Produktionsschritte inklusive der Vermahlung und der Verarbeitung zu Carne pura-Produkten für den Letztkonsumenten dagegen im Deutschen Reich erfolgen. Zum anderen wusste man um den nur begrenzten ökonomischen Erfolg des Hassallschen Fleischmehls – auch wenn es sich bei dem Patentfleischpulver natürlich um eine verbesserte Variante handelte.

Die „Carne Pura, Patent-Fleischpulver-Fabrik, Actiengesellschaft“ wurde schließlich am 15. September 1881 in Hamburg gegründet (Hamburgische Börsen-Halle 1881, Nr. 240 v. 10. Oktober, 7). Ziel war die Produktion und der Vertrieb von Fleischpulver und Conserven. Das Kapital betrug stattliche 600.000 M (Deutscher Reichsanzeiger 1881, Nr. 239 v. 12. Oktober, 8). Carl Adolph Meinert war technischer Beirat und zuständig für Produktion und – in unserer Sprache – Marketing. Der Vorstand bestand aus Hamburger Kaufleuten. Neben Warnecke und Ferdinand Kob stand Julius Richter (1836-1909), ein Bankier und Investor, der zwei Drittel der Aktien zur Subskription hielt, der dafür also weitere Investoren suchte. Auch die genaue Firmenstruktur war noch unklar: Als Produktionsländer waren anfangs Argentinien, Uruguay und Brasilien im Rennen (Carne Pura. Patent Fleischpulver-Fabrik, Hamburgische Börsen-Halle 1881, Nr. 187 v. 4. August, 2).

Der hohe Kapitalbedarf resultierte auch daraus, dass die Aktiengesellschaft erst einmal das Fleischmehlpatent für 75.000 M in bar und 25.000 M in Aktien erwerben musste. Dies sollte die bisherigen Auslagen decken. Zudem forderten M. Meinert und Warnecke eine „Rente“ von 20 Pfennig je Kilogramm Fleischpulver. Für eine Billigware war dies eine denkbar schwere Hypothek. Und doch, Venture-Capital ist immer eine Frage des in Aussicht erstellten Ertrages. 18,5% seien pro Jahr zu erwarten, die Produktion dürfte bei jährlich etwa 300,000 Kilogramm liegen. Die Aktionäre hatten 20% der Aktiensumme unmittelbar einzuzahlen, der Rest würde dann peu á peu abgerufen werden (Leipziger Tageblatt 1881, Nr. 218 v. 6. August, 3451). Franz Hofmann war zu diesem Zeitpunkt längst mit anderen Dingen beschäftigt, war an der Firma nicht beteiligt und hatte von den Plänen und Statuten erst aus der Zeitung erfahren (Ebd., Nr. 222 v. 10. August, 3506). Sein Name war jedoch Teil des werbenden Statuts – ebenso wie die Carl Voits, Max Pettenkofers und vieler anderer Gelehrten und Militärs. Ja, Militärs, denn Carne pura sollte zwar mit höchstens 4 M pro Kilogramm deutlich günstiger als Fleisch verkauft werden, doch die stehenden Armeen Preußens, Bayerns und Württembergs waren finanzstarke Interessenten. Wichtig auch: Die Gewinne würden vorrangig in das Unternehmen und an die Investoren fließen, erst danach müsse die „Rente“ an die ursprünglichen Patentinhaber gezahlt werden. Die Journalisten waren dennoch zwiegespalten. Doch ein Jahr vor Gründung des Deutschen Kolonialvereins war die Carne pura AG auch ein nationales Unterfangen, ein „Segen für unser deutsche Volk und unsere deutsche Armee“ (Leipziger Tageblatt 1881, Nr. 224 v. 12. August, 3536). Das Argument billigen Fleisches zog ebenfalls – schließlich war es erklärtes Ziel der Regierungspolitik, das Deutsche Reich zu einem mustergültigen Sozialstaat auszubauen, in dem Sozialdemokraten überflüssig waren. Entsprechend erfreuten sich die meisten Journalisten an dem noch virtuellen Produkt, sei man doch „endlich im Besitz einer Conserve, die auch dem Unbemittelten zugänglich ist.“ Und der Geschmack sei gut: „Selbst der zweite Aufguß überragt noch manche Fleischsuppe, wie sie auf dem Mittagstisch in manchen Familien erscheint“ (Zur Volksernährung, Leipziger Tageblatt 1881, Nr. 233 v. 21. August, 3665-3666, hier 3665).

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Verlegung von Hamburg nach Bremen (Hamburgische Börsen-Halle 1881, Nr. 286 v. 2. Dezember, 8)

Geld macht sinnlich – und die neu gegründete Firma bewegte sich: Schon im Dezember 1881 verlegte sie ihren Sitz nach Bremen, folgte damit der sich nun herauskristallisierenden Gruppe der Investoren (Deutscher Reichsanzeiger 1882, Nr. 90 v. 17. April, 8). Mit dem knapp 50-Jährigen Heinrich Hollmann hatte man einen aus Bremen stammenden Direktor für die in Buenos Aires angesiedelten Trocknungsanlagen gefunden. Am 15. März 1882 wurde ein neuer Aufsichtsrat gewählt, der die Investorenstruktur widerspiegelte (Hamburgische Börsen-Halle 1882, Nr. 53 v. 5. März, 8). An der Spitze stand mit Ludwig Gottfried Dyes (1831-1903) ein renommierter Bremer Kaufmann, Mitbegründer der dortigen Deutschen Nationalbank. George A. Albrecht (1834-1898) war Inhaber des Bremer Baumwoll-Handelshaus Joh. Lange Sohn Wwe. & Co., Carl August Franzius (1835-1913) Versicherungskaufmann in der Hansestadt. Franz Eduard Lax stammte dagegen aus Minden, wo sein gleichnamiger Vater ein veritables Bauunternehmen etabliert hatte. Als Inhaber einer Knochen- und Düngerfabrik (Handbuch der Leistungsfähigkeit der gesammten Industrie, Bd. 1, Leipzig 1873, 43) war er schon länger im Südamerikahandel aktiv. Er gewann später aufgrund der wohl 1885 einsetzenden Bestechung von Marineangehörigen notorische Bekanntheit (Altonaer Nachrichten 1890, Nr. 99 v. 29. April, 4). Der Berliner Kaufmann Arthur von Genschow schloss den Reigen ab (Leonhard Volkmar, Geschichte der „Ersten Fabrik condensirter Suppen von Rudolf Scheller Hildburghausen /Thüringen“ 1871-1947, Hildburghausen 1995, 101).

Nach Klärung der Finanz- und Personalfragen nahm der Betrieb an Fahrt auf. Die getrocknete Rohware wurde von Buenos Aires nach Bremen verschifft, dort zu Fleischmehl vermahlen. Dieses konnte direkt abgesetzt werden, wurde in der Regel jedoch zu Suppentafeln bzw. Suppenpatronen weiterverarbeitet (Stinde, 1882, 6). Dazu errichtete man in Berlin eine Konserven-Fabrik, die im April 1882 ihren Betrieb aufnahm (Deutsche Bauzeitung 1882, v. 31. Mai, 254). Um dies zu finanzieren, mussten die Aktionäre ihre Einzahlungen im April und Oktober 1882 komplettieren (Hamburgische Börsen-Halle 1882, Nr. 110, v. 10. Mai, 8; Hamburger Nachrichten 1882, Nr. 254 v. 26. Oktober, 3). All diese Maßnahmen zielten auf eine spektakuläre Präsentation des Carne pura auf der im Sommer 1882 geplanten Hygiene-Ausstellung in Berlin. Den Pavillon konnten Sie schon sehen, eine illustrierte Prachtbroschüre war bei dem aufstrebenden Schriftsteller Julius Stinde (1841-1905) in Auftrag gegeben worden, den ich auch deshalb erwähnen muss, weil er in meinem Geburtsort verstarb.

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Warenzeichen der Carne pura AG (J[ulius] Stinde, Special Catalog für den Pavillon Carne pura […], Berlin 1882, IV)

Und doch, ein Brand machte Mitte Mai 1882 diese Pläne zunichte (Allgemeine Zeitung 1882, Nr. 135 v. 15. Mai, Beilage, 1981). Obwohl der Carne pura-Pavillon nicht betroffen war, musste die Ausstellung doch um ein Jahr verschoben wurden. Für das Bremer Startup-Unternehmen war dies ein schwerer Schlag. Der Markteintritt musste verschoben werden, doch die Fixkosten blieben. Immerhin besaß man ab September ein offiziell eingetragenes Warenzeichen (Deutscher Reichsanzeiger 1882, Nr. 211 v. 8. September, 6), das neben die Marke Carne pure trat – und den eher technischen Begriff des Patentfleischpulvers in den Hintergrund treten ließ.

Amerikanische Werbung: Probeessen und Vortragsveranstaltungen

Carne pura wurde schließlich mit einem Knall eingeführt, mit einer großen Sause „in echt amerikanischer Weise“ (Leipziger Tageblatt 1882, Nr. 311 v. 7. November, 5192). Am Sonntag, den 5. November 1882 waren nicht weniger als 3.000 Berliner geladen worden, im Wintergarten an einem Probeessen teilzunehmen. Nun, das gleichnamige Varieté wurde erst 1887 erbaut, doch es handelte sich um formidable Räumlichkeiten des größten Hotels der Reichshauptstadt, ein wenig unterhalb des Bahnhofs Friedrichstraße gelegen: „Wer sollte einer so aparten Einladung wiederstehen? Nachher bei dem schönen Wetter einen Spaziergang, dann den Kaffee bei Bauer nehmen, wie reizend! An die Herrscherin am häuslichen Herde erging also die Weisung: Wir kommen erst Abends nach Hause! Um 12 herum fand nach dem Centralhotel eine förmliche Völkerwanderung statt. Wer dorthin wallfahrtete, ist schwerer zu sagen, als wer nicht: Officiere aller Gradem sämmtlich im Helm, die Aerzte Berlins in großer Zahl, hervorragende Beamte, Professoren, Afrikareisende, Redacteure, Kaufleute, Industrielle – kurz, binnen einer halben Stunde war der Wintergarten des Centralhotels überfüllt“ (Berliner Börsen-Zeitung 1882, Nr. 521 v. 7. November, 6). 2.000 waren gekommen, allesamt erwartungsfroh, allesamt hungrig – darunter auch mehr als 200 Arbeiter, die in einem Nebensaal ein Carne pura-Mahl erhielten. Die wohlgewandete Menge erfreute sich an den Klängen der Hauskapelle, besichtigte die ausgestellten Präparate, durchblätterte Prospekte und Drucksachen, doch Sitzplätze waren rar. Kleine Büffets mit Proben von Carne pura-Schokolade, -Bisquits und Fleischzwieback gähnten abgegessen leer. Um 13 Uhr schließlich trat Carl Adolph Meinert auf. Er sprach über die Ernährung allgemein, deren Unzulänglichkeit im Besonderen, lobte das Fleisch und kritisierte die Kartoffel, ließ den Blick gen Südamerika schweifen, sprach von deutscher Wissenschaft und endete mit dem Ideal der Zukunft, der Carne pura-Ernährung (Carne pura, Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1882, Nr. 520 v. 6. November, 2).

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Werbung im Vorfeld des großen Berliner Probeessens (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1882, Nr. 519 v. 5. November, 8)

Das dauerte mehr als eine Dreiviertelstunde. Doch dann lenkte Meinert den Blick der zunehmend hungrigen Menge auf das reiche Angebot: „Fleischbrühe in Tassen, Julienne-Suppe aus Carne pura, Patentfleischbohnensuppe mit geröstetem Brod, Patentfleischerbsensuppe, Patentfleischbrodsuppe, Patentfleischgemüse mit Kartoffeln und Erbsen oder Linsen, Sauerkohl mit Kartoffeln in Carne pura gekocht, Carne pura-Graupen mit Kohlrabi und Kartoffeln, gekochtes Rindfleisch in Fleischbrühe etc., ferner Croquettes, Auflauf, Bisquits und Zwieback aus Carne pura“ (Königlich privilegirte Berlinische Zeitung 1882, Nr. 519 v. 6. November, 2). All das gab es, gewiss, doch nur für die Recken, die sich auf dem alimentären Schlachtfeld durchsetzen, die sich im furchtbaren Gedränge behaupten konnten. Erst Besteck und Teller erobern, dann etwas Essbares, so die Devise; und manch Kompromiss musste geschlossen werden, mit Sitte und mit Tischetikette. Wer jedoch irgend in die Nähe der nach der Rede Meinerts hereingetragenen großen Kupferkessel gelangen konnte, „der kostete von der Bouillon, den Erbsen- und Linsensuppen und den sonstigen carne-pura-Genüssen“ (Berliner Tageblatt 1882, Nr. 520 v. 6. November, 3). Diejenigen aber, die leer ausgingen, standen nicht nur vor den Damen bedröppelt da, sondern sannen auf Ersatz. So stürmten Wagemutige den dekorativen „Gabentempel“, entnahmen die dort aufgestellten Verpackungen, öffneten sie erwartungsfroh, um festzustellen, dass sie mit Sand, mit märkischem, gefüllt waren. Und doch – das Resümee der Journalisten war so schlecht nicht: Carne pura war essbar, nichts für Gourmets, doch ganz in Ordnung. Man war sich allerdings nicht sicher, ob es sich als Volksnahrungsmittel würde durchsetzen können. Die große Sause hatte Spuren, die „amerikanische Reklame“ (Dresdner Nachrichten 1882, Nr. 313 v. 9. November, 2) durchaus Eindruck hinterlassen: „Wenn die Absicht der Gesellschaft dahin ging, die Einführung ihrer Fabricate mit Eclat zu bewerkstelligen, so dürfte sie ihren Zweck erreicht haben“ (Allgemeine Zeitung 1882, Nr. 313 v. 9. November, Beil., 4607). Famoses Chaos, durch den „der Zweck einer blitzschnellen Verbreitung des Carne pura-Renommées vollständig“ (Leipziger Tageblatt 1883, Nr. 33 v. 2. Februar, 15) erreicht worden sei.

Werbung dieser Art war modern, brach mit tradierten Formen. Dr. Meinert war eben kein Nachfolger der Marktschreier, sondern präsentierte ein modernes, ein deutsches Wissensprodukt auf der Höhe der Zeit. Das Probeessen wandte sich vorrangig an die höheren Kreise, an Multiplikatoren wie die geladenen, vornehmlich in Wohltätigkeitseinrichtungen aktiven Damen. Die gespeisten Arbeiterhundertschaften boten gleichsam ein Abbild ihres Appetits, ihrer Bedeutung. Sie standen kräftig malmend aber auch für die Dankbarkeit der Massen gegenüber dem Einsatz der bürgerlichen und militärischen Spitzen der Gesellschaft. Die parallel verhalten einsetzende Anzeigenwerbung verwies explizit auf die Autorität der kontrollierenden Wissenschaftler. Mit Joseph König (1843-1930) hatte man den damals wichtigsten Nahrungsmittelchemiker Norddeutschland gewinnen können, mit Paul Jeserich (1854-1927) nicht nur Meinerts Kompagnon bei der Kreation neuer Nahrungsmittel, sondern auch einen der später wichtigsten Gerichtsmediziner des Kaiserreichs. Ihre Namen unterstützten die wissenschaftliche und soziale Aura des Carne pura.

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Wissenschaftliche Werbung für Carne pura (Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger 1883, Nr. 55 v. 24. Februar, 8)

Meinert selbst agierte im Winter 1882/83 als Vortragsreisender in eigener Sache. Seine Publikationen boten die Versatzstücke für Carne pura-Vorträge im ganzen Land. Nach der Berliner Großveranstaltung konzentrierte er sich nun aber auf kleinere Probeessen mit teils handverlesenem Publikum. In Leipzig lud man nur 20 Personen, meist Journalisten, zu einem Mahle, bei dem das Patentfleischmehl im Mittelpunkt stand, es aber doch von Weinen, Rinderfilet, Geflügel und Kompotten umkränzt wurde (Leipziger Tageblatt 1883, Nr. 33 v. 2. Februar, 15). Zuvor in der Presse geäußerte Kritik griff die Firma auf, denn der nicht unbeträchtlichen Unsicherheit über Herkunft und Qualität des in fernen Ländern verarbeiteten Fleisches begegnete sie mit Verweis auf strenge Regierungsbeamte und schließlich der Anstellung eines deutschen Veterinärmediziners. Die Frage des Geschmacks ging Meinert in seinen Vorträgen offensiv an, kokettierte gar mit Vorwürfen, Carne pura würde nach Seife, Teer oder gar nach eingestampften Indianern schmecken (Der Vortrag des Herrn Dr. Meinert aus Berlin über das neue Nahrungsmittel Carne pura, Badischer Beobachter 1883, Nr. 75 v. 6. April, 3). Die Geladenen sollten selber kosten, wurden als urteilsfähig angesehen, das fleischige Gut würde für sich selbst zeugen. Die Vorträge dienten zugleich aber Vertriebszwecken allgemeiner Art, nämlich erstens der Werbung für neu eingerichtete Niederlagen, also Großhandels- und Einkaufsstätten, zum anderen aber dem Kontakt mit lokalen Militärs bzw. Vertretern der Wohlfahrtspflege (Carne pura, Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger 1883, Nr. 58 v. 27. Februar, 1-2, hier 1). Die Firma konzentrierte ihre Direktwerbung auf die Ober- und gehobene Mittelschicht, vergaß aber nicht die soziale Agenda des Volksnahrungsmittels. In München waren unter den dort speisenden dreihundert Personen auch zehn Arbeitervertreter aus Augsburg (Carne pura, Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 59 v. 28. Februar, 865).

Die Direktwerbung für Carne pura erreichte im Sommer 1883 ihren Höhepunkt, denn nun fand nach einem Jahr Aufschub endlich die internationale Hygieneausstellung in Berlin statt, „aus der Asche prächtiger entstanden“ (Deutscher Reichsanzeiger 1883, Nr. 115 v. 19. Mai, 3) denn zuvor. Der mit zwölf elektrischen Glühlichtlampen illuminierte Carne pura-Pavillon (Elektrotechnische Zeitschrift 1883, 372-374, hier 373) lag längs der Invalidenstraße, nahe der Kochschule des Berliner Hausfrauenvereins und dem Gebäude mit dem Siemens-Verbrennungsapparat, der sich bei Stahl- und Glasfabrikation bestens bewährt hatte und nun seine lechzenden Flammen auch auf Leichen warf, menschliche und tierische. Der Pavillon war Informationsplattform und Küche zugleich: Die Resonanz war beträchtlich, die Speisen wurden neugierig gekostet und durchweg als „ganz schmackhaft befunden, wenn auch Einzelne sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen konnten, dass man aus getrocknetem Fleischpulver wohlschmeckende Bouillon und Speisen zu bereiten im Stande ist“ (J[oseph] König und [Eugen] Sell, Ernährung und Diätetik, Lebensmittel und Kost, in: Paul Boerner (Hg.), Bericht über die Allgemeine deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens, Bd. 1, Breslau 1883, 141-226, hier 172). Wie sehr das neue Fleischprodukt lockte, sah man insbesondere am Auflauf der hohen, ja höchsten Häupter: Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta besuchten ihn am 5. Juni 1883 (Deutscher Reichsanzeiger 1883, Nr. 129 v. 5. Juni, 3). Zuvor verbeugte man sich brav vor der Großherzogin von Baden und der Erbprinzessin Charlotte von Meiningen (Berliner Börsen-Zeitung 1883, Nr. 211 v. 8. Mai, 2), dem König von Sachsen und seiner Gattin mit Kronprinz Wilhelm (dem späteren Kaiser Wilhelm II.) im Schlepptau (Deutscher Reichsanzeiger 1883, Nr. 114 v. 18. Mai, 3). Auch der chinesische Gesandte Li Fong Pao „machte zahlreiche Einkäufe und Bestellungen, so im Carne pura-Häuschen“ (Berliner Tageblatt 1883, Nr. 230 v. 21. Mai, 3). All das und mehr wurde huldvoll berichtet – und war eine stete Werbung für das Neue.

Die Berichterstattung über Carne pura auf der Hygiene-Ausstellung erlaubt es, Werbung, Sortiment und Anspruch der Firma genauer aufzufächern. Vier Punkte sind hervorzuheben: Erstens setzten die Fleischpulverhersteller ihre Direktwerbung auch andernorts fort, luden sie doch Multiplikatoren zu einer persönlichen Führung in ihre am Küstriner Platz gelegene Konservenfabrik. Diese stellte nicht nur Carne pura-Produkte her, sondern auch gängige Fleisch- und Gemüsepräserven für Haushalte und Armeebedarf. Nun aber standen die mit Carne pura vermengten Suppenpräparate im Mittelpunkt: Das in Bremen vermahlene Fleischpulver wurde in Berlin mit getrockneten, neuerlich erhitzten und dann fein vermahlenen Hülsenfrüchten vermischt. In weiteren Mischapparaten fügten die Arbeiter geschmolzenes Fett, Salz und verschiedene Gemüse hinzu. Porree, Zwiebeln, Sellerie und andere Bodenfrüchte gaben dem Mehl zusätzlichen Geschmack. Die so zusammengefügte Masse wurde anschließend abgewogen und in Patronen von je 125 Gramm gepresst. Dieses Komprimat war zylindrisch, etwa vier Zentimeter hoch und mit einem Durchmesser von sechs Zentimetern. Die vorportionierte Patrone konnte mit Wasser in einen Topf gegeben werden und sollte nach zehn bis fünfzehn Minuten Kochen eine fleischig-schmackhafte Suppe ergeben. Die äußere Aufmachung entsprach dem wissenschaftlichen Anspruch, denn lange, lange vor einschlägigen Kennzeichnungsverordnungen enthielt die Verpackung bereits genaue Angaben zu den Nährwertgehalten, bei denen der hohe Eiweißgehalt besonders hervorstieß (Theodor Scheller, Ueber Fleischconservirungsmethoden und deren Verwendung für Heereszwecke, Med. Diss. Berlin 1883, 11). Die Modernität der Angebote wies zugleich über den Gehalt hinaus, galt es doch, „den Hausfrauen die Aufgabe des Ankaufes der einzelnen Nahrungsmittel dadurch zu ersparen, daß man ihnen die letztern entweder bereits zu Kostrationen gemischt oder in einer derartig verbreiteten Form bietet, daß es nur einer kurzen Arbeit bedarf, um daraus preiswürdige Kostrationen zu bereiten“ (H[ugo] Fleck, Hygienische Wanderungen durch die Berliner Ausstellung. IV, Berliner Tageblatt 1883, Nr. 280 v. 19. Juni, 1-2, hier 1). Doch diese für viele Neuerungen der Zeit stehende Aussage rief zugleich Puristen hervor, die Carne pura allein als Fleischpulver, nicht aber als Bestandteil moderner Convenienceprodukte verstanden (Die allgemeine Deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens. II., Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 2, 1883, 275-289, hier 285).

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Produktionspalette der Carne Pura Aktiengesellschaft 1882 (Stinde, 1882, IV)

Zweitens: Die Firmenvertreter, zumal aber Carl Adolph Meinert, waren keine Puristen. Sie präsentierten in ihrem Pavillon eben nicht nur ein neuartiges Fleischpulver, sondern verstanden dieses als Teil einer tiefergreifenden Verwissenschaftlichung der Nahrungsmittelproduktion. Im Pavillon konnten die Gäste gängige Fleisch- und Suppengerichte verzehren, wurden aber auch an Neuerungen wie Patent-Fleisch-Schokolade, Patent-Fleisch-Maccaroni und -Graupen sowie Patent-Fleischbiscuits und Patent-Fleisch-Zwieback herangeführt (Stinde, 1882, 30-31). Sie sollten Alltagsspeisen werden, Volksnahrungsmittel. Das unterstrich auch die Ausstellung des Pavillons durch den Leipziger Maler und Graphiker Gustav Sundblad (1835-1891), der durch seine zahlreichen Abbildungen in der Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ einem Millionenpublikum gut bekannt war. Carne-pura war gewiss die wichtigste Innovation, pur oder aber vermischt. Es wurde jedoch ergänzt durch einen neuen, von Meinert entwickelten süßen Kaffee-Extrakt, ein neuartiges Dauerbrot sowie eine neue Margarine namens India-Butter, die Meinert zusammen mit Jeserich entwickelt hatte und im April 1882 patentiert bekam. Sie bestand aus Kokos- und Palmkernmehl, während die meisten Kunstbuttersorten noch aus tierischen Fetten bestanden (König und Sell, 1883, 177). Auch neuartiges Büchsenfleisch war erhältlich. Diese Angebotspalette wurde ergänzt durch Auftragsproduktion anderer Firmen für das Bremer Startup-Unternehmen. Die weltweit präsente Amsterdamer Firma J. & C. Blooker lieferte einen Patent-Fleisch-Kakao, die Kölner Teigwarenproduzenten C.A. Guilleaume & Söhne mit Carne pura versetzte Patent-Fleisch-Maccaroni und -Graupen. Auch die Wurzener Bisquitfabrik F. Kreitsch verarbeitete das Fleischpulver und lieferte Patent-Fleischbiscuits, Patent-Fleisch-Zwieback und Patent-Fleisch-Schiffbrot (Ludwig Krieger, Carne pura, Rundschau für die Interessen der Pharmacie, Chemie und der verwandten Fächer 1883, 159-161, hier 160). Wissenschaftliches und unternehmerisches Ziel war die Schaffung einer um das eiweißhaltige Carne pura herum gruppierten Palette haltbarer und gehaltvoller Nahrungsmittel.

Drittens kreiste die öffentliche Diskussion immer um den Geschmack des neuen Fleischpulvers. Die im Pavillon gereichten Näpfe wurden als nährend und appetitlich beschrieben (Paul von Schönthan, Die Hygiene-Ausstellung in Berlin. II., Die Presse 1883, Nr. 147 v. 31. Mai, 1-3, hier 3), insgesamt lag die Wertung bei ordentlich bis akzeptabel. Selbst Lohnschreiber der Firma konzedierten allerdings, dass Carne pura nicht wie Frischfleisch schmecke, ja, einen „etwas eigenthümlichen Beigeschmack und Geruch“ (König und Sell, 1883, 174) besäße. Ein führender Militärarzt sprach von einem „gewissen fremdartigen Beigeschmack“ (W[ilhelm] Roth, Allgemeine Deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens zu Berlin im Sommer 1883. (Fortsetzung), Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 16, 1884, 161-269, hier 171). Andere Besucher erinnerten sich der famosen Erbswurst von 1870/71, die anfangs gerne genommen, mit der Zeit aber aufgrund ihres immer gleichen Geschmackes (und der langsamen Fettzersetzung) immer stärkeren Widerwillen hervorgerufen hatte (Lohmann, 1883, 361). Für die Firma waren dies Aufforderungen für technische Veränderungen und verbesserte Rezepturen ihrer Produkte.

Viertens schließlich diskutierten die Besucher des Carne pura-Pavillons die Zukunftsfähigkeit des Produktes, vorrangig also seine Marktgängigkeit. Das Marktpotenzial schien beträchtlich, doch darüber würde der zukünftige „Verbrauch im Kleinen“ (Scheller, 1883, 11) entscheiden. Zentral dafür war der Preis. Ohne eine weitere Preisreduktion sei Carne pura für den Massenmarkt schlicht zu teuer, könne daher einzig in die Truppen- oder Massenverpflegung Eingang finden (Fußnote bei Lohmann, 1883, 361). Dies galt, obwohl die meisten Besucher die Meinertschen Angaben von dem gegenüber Frischfleisch vermeintlich billigeren Fleischpulver durchaus wiedergaben. Chemiker und Physiologen stimmten ihnen auf Grundlage der Stoffbilanzen zu – und Carne pura besaß einen Eiweißgehalt von knapp 70 % (J[oseph] König, Chemie der menschlichen Nahrungs- und Genussmittel, T. 1, 2. sehr verm. u. verb. Aufl., Berlin 1883, 72). Im Alltag aber kämen auch andere Faktoren zur Geltung. Sie würden über die Zukunft des Carne pura entscheiden.

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Eine breite Produktpalette (Hamburger Nachrichten 1883, Nr. 42 v. 18. Februar, 12)

Der steinige Weg in den Massenmarkt

Das Marketing der Carne pura Aktiengesellschaft war für die 1880er Jahre ungewöhnlich, hinterfragt gängige Erzählungen von einer vermeintlich völlig rückständigen Werbung dieser Zeit (so etwa das Zerrbild von Dirk Reinhardt, Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland, Berlin 1993, 432-435). Doch Präsenz im Massenmarkt war mit einer reichsweit beachteten Direktwerbung nicht erreicht. Dazu musste ein Vertriebsnetz aufgebaut werden – und das war schwieriger zu erhalten als Gutachten von Multiplikatoren, die Care pura „eine grosse Zukunft“ vorhersagten (Carl Rüger, Attest v. 30. August 1883, Bundesarchiv R 86 Nr. 3442).

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Neue Nahrungsmittel und bewährte Absatzstrukturen (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 59 v. 28. Februar, Beil., 862)

Der damalige Lebensmittelhandel war noch entlang gestufter Absatzketten organisiert. Produzenten lieferten an Großhändler, diese an Agenturen und Kolonialwarenläden. Genaue Zahlen fehlen, doch kann man 1882 von ca. 200.000 Nahrungsmittelgeschäften ausgehen (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 704). Markenartikel waren selten, nationale Märkte gab es nur für wenige Artikel, die Läden führten ein aus heutiger Sicht sehr kleines Sortiment gangbarer Waren. Carne pura war haltbar, gewiss, doch es war ein neuartiges Produkt, das tradierte Ernährungsweisen in Frage stellte. Investoren waren gewonnen worden, die Produktionsstruktur war etabliert. Ende 1882 begann zudem Überzeugungsarbeit in den wichtigsten Städten des Deutschen Reichs: Großhändler und Agenturen mussten gewonnen werden, diese dann die Kleinhändler beliefern. Die Carne pura Aktiengesellschaft bot Flankenschutz, informierte das Publikum mittels Anzeigen über die lokalen Verkaufsstätten.

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Aufbau eines Vertriebsnetzes (Karlsruher Zeitung 1883, Nr. 6 v. 7. Januar, 4)

In München konnte man beispielsweise in knapp zwei Dutzend Niederlagen Carne pura-Produkte kaufen. Dabei handelte es sich durchweg um teils seit langem etablierte Kolonialwarenhandlungen. Das Netzwerk wuchs im Frühjahr auf 22 Niederlagen an, blieb auf dieser Höhe, wenngleich mit leicht sinkender Tendenz (Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger 1883, Nr. 73 v. 14. März, 8; ebd. 1883, Nr. 238/239 v. 26. August, 12). In der Provinz waren die Verhältnisse begrenzter. Im oberfränkischen Coburg benannten die Anzeigen lediglich einen lokalen Händler (Coburger Zeitung 1883, Nr. 123 v. 29. Mai, 541).

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Etablierung im Feinkosthandel (Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger 1883, Nr. 171 v. 20. Juni, 5 (l.), Ebd., Nr. 119/120 v. 29. April, 4)

Dieses Vertriebsnetz ermöglichte einen allgemeinen Absatz, begrenzte ihn aber zugleich auf eine bürgerliche Käuferschicht. Während die Werbung der Bremer Firma ihre Produktpalette als solche präsentierte, banden die einzelnen Läden das neue Fleischmehl in ein anderes Umfeld ein, nämlich das von Kolonialwaren, Genussmitteln und Feinkost, das der gehobenen bürgerlichen Tafel. Angesichts der damals (und gewiss bis heute) üblichen sozialen Segregation der Einkaufsstätten kann von einem wirklichen Massenangebot daher nicht die Rede gewesen sein.

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Fehlende graphische Durchdringung (Rosenheimer Anzeiger 1883, Nr. 289 v. 19. Dezember, 3)

Vor Ort wurden Anzeigen durchaus in Einklang mit den Grundinformationen der Carne pura AG ausgestaltet. Doch dies betraf nur den Inhalt, die Worte: „Fleischnahrungsmittel, billig, nahrhaft, schmackhaft, haltbar. Garantie für Reinheit, Güte, Gehalt und Haltbarkeit. Amtliche und tierärztliche Controle der Fabriken in Buenos Aires und Berlin. […] Bedeutende Ersparnis an Brennmaterial und Zeit“ (Düsseldorfer Volksblatt 1883, Nr. 261 v. 29. September, 4) – das waren die Kernbotschaften abseits der Nennung von Produkt und Sortiment. Das neue Präparat wurde präsentiert, nicht aber genauer vorgestellt, nicht wirklich erklärt. Zugleich gelang es der Firma nicht, einheitliche graphische Anzeigenstandards durchzusetzen. Das mag auch an den begrenzten technischen Möglichkeiten vieler Zeitungen gelegen haben, doch Klischeewerbung war damals durchaus üblich. Carne pura war zwar Markenartikel, doch eine stringente Markenführung überforderte die Bremer Vertriebsabteilung. Überraschend ist auch, dass man parallel kein Versandgeschäft aufbaute. Dabei konnte man in dieser Zeit nicht nur bei Textilversendern wie etwa Rudolph Hertzog ordern, sondern auch Weine, Zigarren, Butter, Konserven oder aber Baumkuchen per Post und Nachnahme bestellen. Gewiss, dies wäre ein Bruch mit dem vielfach gängigen Borgwesen der Mittel- und Unterschichten gewesen. Doch Carne Pura war haltbar und gut verpackt, wäre also einfach zu versenden gewesen. Stattdessen begann schon die internationale Expansion des Produktes: In Österreich wurde Carne pura im September 1883 als Marke registriert (Wiener Zeitung 1883, Nr. 213 v. 16. September, 7). Auch im westlichen Ausland, etwa den Niederlanden, wollte man den Markt erobern.

Die Carne pura AG wählte allerdings andere Wege, durchaus in Einklang mit der Direktwerbung seit November 1882. Die Anzeigen mochten keine genaueren Informationen darüber enthalten, wie das neue Fleischmehl in der Küche zu verwenden war, doch die Firma schuf Hilfsmittel für die Hauswirtschaft. So wurde erst für die Kochkunstausstellung in Leipzig, dann auch für die Berliner hygienische Ausstellung die Leiterin der hannoverschen Kochschule Lina Kux engagiert, die nicht nur vor Ort kochte, sondern die Zubereitung auch (den bürgerlichen Besuchern) erklärte (Carne pura, Industrieller Anzeiger 1883, Nr. 5 v. 18. April, 34). Ihre Mutter, eine der nicht wenigen erfolgreichen Kochbuch- und Haushaltsschriftstellerinnen, offerierte ab Mai 1883 ein spezialisiertes Kochbuch mit nicht weniger als 187 Rezepten (Auguste Kux, Carne pura-Kochbuch. Erste populäre Anleitung, naturhafte, schmackhafte und billige Speisen aus den Carne pura-Nahrungsmitteln zu bereiten, 5. Aufl., Berlin 1883). Für 50 Pfennig billig zu haben, unterstützte das Büchlein den lokalen Absatz der Produkte (Elbeblatt und Anzeiger 1883, Nr. 62 v. 29. Mai, 6). Ab 1884 war es auch in niederländischer Übersetzung erhältlich.

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Suppenrezept mit Carne pura (Henriette Davidis, Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche, fortgeführt v. Luise Rosendorf, 27. Aufl., Bielefeld und Leipzig 1885, 638)

Wie bei den Probeessen und den Ausstellungen setzte die Carne pura AG auf eine Art Rieseleffekt. Das gute Produkt würde sich durchsetzen, sobald vernünftige Menschen darüber in Kenntnis gesetzt wären. Weitere Kochbücher berichteten nach Honorarzahlungen über das neue Fleischmehl, präsentierten einschlägige Rezepte, „wenn auch die damit gemachten Versuche und Erfahrungen noch nicht abgeschlossen sein können“ (Henriette Davidis, Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche, fortgeführt v. Luise Rosendorf, 27. Aufl., Bielefeld und Leipzig 1885, III). Die redaktionelle Reklame für das neue „Nahrungsmittel von großem Werte“ (ebd., 639) war zugleich ein doppelter Appell an das Bürgertum. Auf der einen Seite ging es um den Konsum von Carne pura, zumal als Grundstoff einer Fleischbrühe. Auf der anderen Seite war dessen Verbreitung eine soziale Mission: „Die alte Erfahrung, daß fast alles Neue mit Vorurtheilen zu kämpfen hat, muß bei der Einführung des Patent-Fleischpulvers ins Auge gefaßt werden und Jeder, der ein Herz für die Nothlage des Mitmenschen besitzt, möge sich an der planmäßigen belehrenden Einwirkung auf das Volk, sei es in weiteren oder engeren Kreisen betheiligen“ (Ernst, 1886, 522).

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Das Idealbild der Arbeiterfamilie (Stinde, 1882, 11)

Neben den Ausbau der Vertriebsstruktur und der hauswirtschaftlichen Fortbildung trat ab Anfang 1883 die Preisgestaltung. Dies schien vielen Beobachtern essenziell: „Wenn es Meinert wirklich gelingt, seine Präparate um die angegebenen billigen Preise zu liefern […], dann glaube ich nicht zu viel zu sagen, dass er damit bald alle Welt sich erobern wird“ (Vogel, Rez. v. Meinert, Armee- und Volksernährung, 1880, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 13, 1881, 462-464, hier 463).

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Preissenkung zur Marktdurchdringung (Der oberschlesische Wanderer 1883, Nr. 111 v. 17. Mai, 4)

Entsprechend begann die Carne pura AG nach Etablierung des Vertriebsnetzes die Preise erheblich zu senken: Eine 30-prozentige Preisreduktion sollte den offenbar stockenden Absatz beleben, sollte nun auch der Arbeiterbevölkerung den Kauf ermöglichen (Der Wendelstein 1883, Nr. 100 v. 31. August, 4). An bezahlter Begleitpublizistik fehlte es jedenfalls nicht: „Die Präparate der Carne pura-Aktiengesellschaft in Bremen, […] sind bei ihrer Güte und erstaunlich billigen Preisen so recht berufen, ein Volksnahrungsmittel zu sein“ (Heinrich Boehnke-Reich, Künstliche Nahrungsmittel für Kinder und Erwachsene, Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft 2, 1884, 441-453, hier 452).

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Das Carne pura-Sortiment und seine Preise (Karlsruher Tagblatt 1883, Nr. 115 v. 28. April, 1218)

Carne pura für den Arbeiter? Grenzen des Sozialpaternalismus

Ein eiweißhaltiges Fleischprodukt, billig und einfach zuzubereiten, in Verwendung auch bei höheren Klassen – wie sollte der deutsche Arbeiter sich da verweigern? Eine Antwort darauf gab vielleicht die implizite Abwertung ihrer täglichen Kost durch bürgerliche Wissenschaftler und Haushaltslehrerinnen. Gewiss, die Arbeiterernährung war objektiv vielfach unausgewogen, teils unzureichend, hätte vielfältig verbessert werden können (Uwe Spiekermann, Die Ernährung badischer Arbeiter an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 32, 1996, 453-483). Sie war monoton, Frauen und Kinder hatten gegenüber dem männlichen Familienoberhaupt oft das Nachsehen. Doch die bürgerlicher Reformer achteten nicht die kulturelle und ökonomische Logik der Kost der Unterschichten, wollten diese vielmehr zivilisieren und der ihren angleichen: Es „wird Mühe kosten, die an Massen von Kartoffeln gewöhnten Personen auf ein kleineres Maß von kräftiger Nahrung zu beschränken“ (Stinde, 1882, 36). Der Arbeiter wurde als Arbeitsmaschine verstanden, billiges Eiweiß war daher unverzichtbar. Bezeichnenderweise hieß es von liberaler Seite: Carne pura „könnte zur Erleichterung des ‚Kampfes ums Daseins‘ der unteren Volksklassen viel beitragen und die Schwierigkeiten der Lösung der socialen Frage erheblich verringern“ (Berliner Börsen-Zeitung 1882, Nr. 529 v. 11. November, 5). Zugleich sollte es als Fleischbrühe das Grundübel der Arbeiterexistenz beseitigen, den überbürdenden Alkoholkonsum – der damals etwa bei der Hälfte des heutigen Durchschnittskonsums lag.

20_Karlsruher Tagblatt_1883_02_10_Nr040_p0337_Carne-Pura_Fleischpulver_Suppenpraeparate_Preise_Arbeiterernaehrung

Vermarktung als Billignahrungsmittel (Karlsruher Tagblatt 1883, Nr. 40 v. 10. Februar, 337)

Gewiss, es ist leicht, die fürsorgliche Belagerung der Arbeiter zu kritisieren, ihren bis heute nachwirkenden, in der Ernährungsbildung weiterhin üblichen Sozialpaternalismus zu beklagen. Die bürgerliche Sozialreform war ein wichtiger Anreger moderner Sozialpolitik. Doch sie war brachial, wollte nicht nur den physischen, sondern auch den moralischen Zustand der Sorgeträger nach eigenem Ideal verbessern (Das Carne pura, Hamburgische Börsen-Halle 1883, Nr. 16 v. 18. Januar, 5). Während Agrarökonomen Flurbereinigungen vorantrieben, in den Städten erste Zonenbebauungen festgeschrieben wurden, schien Carne pura „eine vorläufig in ihrer Ausdehnung und ihren Folgen noch garnicht [sic!] zu übersehende Veränderung und Verbesserung der Ernährungsverhältnisse des deutschen Arbeiters, des ländlichen wie des industriellen“ bewirken zu können (Carne Pura, Die Grenzboten 42, 1883, 559-564, hier 562). Arbeiter waren zwar beseelte Wesen, doch das Fleischmehl sollte ihnen wie Hunden Eiweiß „in einer für die Ausnutzung im Darmkanal günstigen Form“ zusetzen (Ueber Volksernährung, Social-Correspondenz 7, 1883, 36-37, hier 36). Dass dies gelingen würde, daran hatten auch bürgerliche Beobachter allerdings ihre Zweifel (Demuth, Zur Cur der Fettleibigkeit, Medizinisch-chirurgische Rundschau NF 14, 1883, 867-875, hier 870).

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Repräsentative Anzeige für bürgerliche Arbeiterwohltäter (Concordia 5, 1883, 620)

Und in der Tat, der Arbeiter, der böse Lümmel, verweigerte sich. Auf Seiten der damals staatlich massiv bekämpften Sozialdemokratie war das erwartbar, denn die „Verwohlfeilung der Nahrungsmittel“ (Arbeiterfreundlichkeit auf Irrwegen, Der Sozialdemokrat 1886, Nr. 36 v. 1. September, 1-2, hier 1) könne die Lage der Arbeiter nicht verbessern, da aufgrund des ehernen Lohngesetzes jede Preisreduktion zu niedrigeren Löhnen führen würde. Meinerts Broschüre „Wie ernährt man sich gut und billig?“ stand daher nicht für eine bessere Ernährung durch billiges Fleisch, sondern für vermehrte soziale Kontrolle: Ein rheinischer Fabrikant, der davon mehrere hundert Exemplare kaufte und seinen Arbeitern schenkte, erhielt zur Antwort: „‚Will der Kerl uns auch noch vorschreiben, was wir kochen sollen?‘“ (Dresdner Nachrichten 1889, Nr. 156 v. 5. Juni, 1). Die vom sozialreformerischen Verein „Concordia“ ausgezeichnete Broschüre hatte daher kaum praktische Resonanz (Dresdner Nachrichten 1888, Nr. 331 v. 16. November, 2). Trotz anderslautender Beschwörungen klangen bei Carne pura Vorstellungen von Armensuppe und Armenhaus mit (Julius Stinde, Naturwissenschaftliche Plaudereien, Indiana Tribüne 1883, Ausg. v. 10. Dezember, 4). Der Geschmack des Fleischmehls war gewöhnungsbedürftig, konnte die tradierte Ernährungsweise nicht ersetzen. Hinzu kamen die Defizite im Vertrieb, die in übertriebenen Aussagen gipfelten, dass Carne pura „niemals in nennenswerther Menge in den Handel gekommen“ sei (Socialpolitisches Centralblatt 3, 1893/94, 498, FN 1). Carne pura war Teil eines weit verbreiteten Sozialpaternalismus, der den Eigensinn und die Selbstbestimmtheit körperlich arbeitender Mitbürger nicht ernst nahm und der durch machtbewusste Konsumgenossenschaften, Gewerkschaften und die schließlich größte Partei des Kaiserreichs langsam beiseite gedrängt wurde. Ein Volksnahrungsmittel konnte nicht gegen das Volk durchgesetzt werden.

Befohlenes Fleisch: Carne pura in der Militärverpflegung

Arbeitern konnte der Verzehr von Carne pura nicht befohlen werden, Soldaten schon. Daher ist es nicht verwunderlich, dass abseits der vielbeschworenen Volksernährung auch um eine Umgestaltung der Militärverpflegung gerungen wurde. Care pura stand dabei in einer lang zurückreichenden historischen Reihe, gab es doch zahlreiche frühere Versuche, Fleischmehl erst in Kriegs-, dann auch in Friedenszeiten einzusetzen. Die logistischen Probleme der Viehtrosse der damaligen Heere waren offenkundig, lange Haltbarkeit wurde von den Herstellern versprochen. Bereits während des Krimkrieges (1853-1856) errichteten die französischen Interventionsstreitkräfte einsatznah eine Fleischmehlfabrik, doch das Ergebnis war ernüchternd: „Das in Packeten mitgeführte Fleischpulver fand wenig Beifall. Es hat einen widerlichen Geschmack, und man muß, da sich leicht verfälschen läßt, immer fürchten, daß es von allen möglichen Thieren bereitet sei. Der Soldat empfand auch bald großen Ekel davor“ (Die sanitätischen Verhältnisse in der Krim, Allgemeine Militär-Zeitung 33, 1858, Sp. 415-418, hier Sp. 417). Fleischmehl wurde von den führenden Armeen getestet, doch das Ergebnis war durchweg negativ (Die Verpflegung im Kriege, Militär-Zeitung 12, 1859, 596-597, hier 597; Die Conservation des Mannes. (Fortsetzung.) III., Allgemeine Militär-Zeitung 38, 1863, 319-321, hier 320; Michaelis, Die Conservation des Mannes. II., Österreichische militärische Zeitschrift 3, 1862, 177-189, hier 186).

Dennoch blieb das Interesse an einer nahrhaften, billigen, schmackhaften und haltbaren Fleischration weiter hoch. Dies lockte Tüftler und Wissenschaftler. In deutschen Landen breit diskutiert wurde etwa das zuerst als Krankenkost entwickelte „Fleischbrod“ des Württembergischen Arztes Koch, das von 1867 bis 1869 vom württembergischen Kriegsministerium getestet wurde (A. Koch, Fleischbrod für den Soldaten, Algovia 1870, Nr. 31, 1-2). Trotz wiederholter Verbesserungen gab die Armee es nur selten als Teil der eisernen Portion aus (Militair-Wochenblatt 53, 1868, Nr. 102, 831-832). Auch die Vermarktung als „Universalnahrungsmittel“ scheiterte (Deutsche Klinik 21, 1869, 24). Dennoch folgten weitere Angebote, weitere Tests – in Bayern etwa durch Carl Voit (Anhaltspunkte zur Beurtheilung des sogenannten eisernen Bestandes für den Soldaten, München 1876, 14-16). Der Einsatz von Carne pura in der Militärverpflegung stand daher am Ende einer langen Reihe von Fehlschlägen. Nun aber, mit all den Verbesserungen, würde es gewiss gelingen.

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Carne pura als Militärverpflegung (Stinde, 1882, 9)

In der Tat waren zahlreiche Militärs an Carne pura interessiert, zumal Franz Hofmann und Carl Alphons Meinert ihre Innovation vernehmlich propagierten (Rez. v. C.A. Meinert, Armee- und Volks-Ernährung, 2 Bde., Berlin 1880, Neue Militärische Blätter 24, 1884, 565-566, hier 565). Ab 1880 liefen Vorgespräche mit den Kriegsministerien, ab 1882 folgten zahlreiche Tests (Zur Konservenfrage, Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 11, 1882, 645-649). Die Direktwerbung 1882/83 zielte immer auch auf Sanitätsoffiziere. Das Interesse reichte weit über das Deutsche Reich hinaus: Französische Offiziere besuchten in Begleitung des Hygienikers Jules Arnould (1830-1894) den Berliner Carne pura-Pavillon und die Konservenfabrik (Berliner Tageblatt 1883, Nr. 375 v. 14. August, 3). Russische Marineärzte begannen 1883 mit ihren Tests, kurz darauf auch das österreichische Militär-Comité sowie die schwedische Marine.

In Deutschland gab es einschlägigen Untersuchungen in den preußischen, bayerischen, sächsischen und württembergischen Armeen (Wochenblatt für Zschopau und Umgegend 1883, Nr. 83 v. 17. Juli, 3; Militärzeitung 36, 1883, Nr. 69 v. 31. August, 547). Wie Chemiker und Physiologen waren auch die ersten Militärärzte voller Lob: „Carne pura empfiehlt sich durch einige hervorragende Eigenschaften von durchschlagender militärischer Wichtigkeit: Haltbarkeit, geringes Volumen und Billigkeit“ (Rönnberg, Versuche über den Nährwerth des Fleischmehls „Carne pura“, Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 12, 1883, 442-449, hier 449). Wie von Meinert angeregt, sollte das neue Fleischmehl schon während des Friedensdienstes in Menagen verabreicht werden, während im Felde die Brot- und Suppenpatronen gereicht werden könnten. Auch die ersten französischen Untersuchungen im Pariser Hospital Bicètre – nicht nur Foucault-Lesern sicher bestens bekannt – kamen zu dem Fazit, „es ist vielmehr die Verwendbarkeit desselben für die Armeeverpflegung im Felde nur noch eine Frage des Geschmacks und der Fabrication passender Zusammensetzungen“ (Rönnberg, Nachtrag zu der Arbeit über die Verwendbarkeit von Carne pura als Armee-Nahrungsmittel, Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 12, 1883, 501-503, hier 501). Ähnlich positiv urteilten die russischen Militärärzte (Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem Gebiete des Militärsanitätswesens 9, 1884, 41; Petersburger Medicinische Wochenschrift NF 1, 1884, 43). Die Liste ließe sich einfach verlängern ([Salomon] Kirchenberger, Carne pura. Eine neue Fleisch-Konserve und ihre Verwendbarkeit im Felde, Neue militärische Blätter 25, 1885, 224-233).

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Fortifizierte Kompaktnahrung vom Vertragspartner F. Krietsch in Wurzen (Stinde, 1882, XIV)

Dennoch blieb der seitens der Carne pura AG erhoffte Strom von Bestellungen aus. Das hatte erst einmal strukturelle Gründe: Das aus Argentinien stammende Fleischmehl war nicht blockadefest, der Nachschub konnte im Kriegsfalle relativ leicht gestört, ja unterbunden werden (St. Petersburger Medicinische Wochenschrift NF 1, 1884, 42). Zudem gab es keine ausreichenden Kontrollen vor Ort, fehlte doch eine amtliche und militärischen Kriterien genügende Fleischkontrolle (Ref. v. M. Hassler, De l’emploi des poudres de viande dans l’alimentation du soldat, Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 13, 1884, 523-524, hier 523). Den Hauptkritikpunkt brachte jedoch die österreichische Stellungnahme auf den Punkt. Sie lautete, „dass die Carne pura-Präparate für die Heeres-Verpflegung völlig unbrauchbar sind und dass alle bisher versuchten Fleischmehl-Conserven die Geruchs- und Geschmacksnerven der Versuchenden in einer Weise alterirten, dass kaum von einer Geniessbarkeit derselben zu sprechen ist“ (zit. n. Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem Gebiete des Militärsanitätswesens 10, 1885, 66).

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Carne pura als Teil eines Komplettangebots: Mobile Herd-Kochkessel-Kombination ([Carl Alphons] Meinert, Fliegende Volks- und Arbeiterküche. Eine Denkschrift, Berlin 1882, 1)

Die konzeptionellen Vorteile des Carne pura wurden in der militärischen Fachliteratur weiter diskutiert (Albert Eulenburg (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Bd. 13, Wien und Leipzig 1888, 158). Doch die zentralen Probleme von Haltbarkeit und Geschmack, also die Folgen ranzigen Fettes und zersetzten Eiweißes konnten nicht beseitigt werden (L[udwig] Bernegau, Chemische Streifzüge durch das Konservengebiet unter besonderer Berücksichtigung von Konserven für Massenverpflegung, Apotheker-Zeitung 10, 1895, passim, hier 509). Das Fleischmehl Carne pura war der letzte Versuch, die Fleischtrocknung für die allgemeine Militärverpflegung nutzbar zu machen. Stattdessen setzte sich die Hitzesterilisierung von Fleischpräserven und dann -konserven durch.

Nur versuchsweise: Carne pura in Gefängnissen

Das relative Scheitern Carne puras in der Militärverpflegung war Ende 1883 absehbar. Für Carl Alphons Meinert war dies jedoch zusätzlicher Anreiz, sein Fleischpulver auch in anderen Einrichtungen der Massenverpflegung einzubürgern. Er konzentrierte sich insbesondere auf die Ernährung in Gefängnissen, die damals völlig unzureichend war, zu vielfältigen Krankheiten und einer hohen Sterblichkeit führte (Ulrike Thoms, Anstaltskost im Rationalisierungsprozeß. Die Ernährung in Krankenhäusern und Gefängnissen im 18. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 2005).

25_Boersenblatt für den deutschen Buchhandel_1885_11_16_Nr265_p5738_Meinert_Gefangenenernaehrung_Jeserich_Ploetzensee_Carne-pura

Kontinuierliche Untersuchungen zwischen Markt und Wissenschaften (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1885, Nr. 265 v. 16. November, 5738)

Anfang 1883 begann Meinert mit chemischen Analysen der in der Strafanstalt Plötzensee üblichen Speisen, erweiterte diese dann durch Stoffwechselversuche an Gefängnisinsassen. Seine Versuche wurden großenteils von Carne pura AG finanziert, so dass die Ergebnisse teils abgelehnt wurden, da man es „mit einem Producte der im Dienste einer rührigen Reclame stehenden Wissenschaft zu thun“ habe (Rez. v. Meinert, 1885, Über Massenernährung, Organ der Militärwissenschaftlichen Vereine 33, 1886, XLIV-XLV, hier XLV). Hinzu kamen methodische Probleme (K[arl] B[ernhard] Lehmann, Rez. v. C[arl] v. Voit, Ueber die Verköstigung der Gefangenen in dem Arbeitshause Rebdorf, MMW 1885, Nr. 1-4, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 5, 1886, 255-258, hier 258). In der Tat handelte es sich bei den Untersuchungen um Forschung im Rahmen der Fleischpulvermission. Das zeigte sich bereits 1884, als Meinert ein preiswertes dreiteiliges Kochbuch für Massenverpflegungsinstitutionen vorlegte, das Rezepte für Standardgerichte unter Nutzung von Carne pura enthielt (Internationales Kochbuch für Gefängnißanstalten, Militärmenagen, Kranken- und Irrenhäusern, T. 1: Küche für Gefängnisanstalten, Hamburg 1884, T. 2: Küche für Militärmenagen, T. 3: Küche für Kranken- und Irrenhäuser (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1884, Nr. 239 v. 13. Oktober, 4740).

Meinerts 1885 publizierte Ergebnisse waren nicht wirklich überraschend, forderte er doch höhere Eiweiß- und Fettrationen und empfahl als Gegenmittel Carne pura, Magerkäse und Hering (Ueber die Beköstigung der Gefangenen, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 6 v. 8. Januar, 3). Fleischpulver sei ideal, da es einen hohen Eiweißgehalt habe, vollständig resorbiert würde, sich mit anderen Speisen mischen ließe und deutlich billiger als Frischfleisch sei. Carne pura würde ermöglichen, den physiologischen Mindestbedarf zu decken und zugleich dem Vorwurf zu entgehen, „»daß der Verbrecher frisches Fleisch erhält, während der ehrliche, freie Arbeiter sich solches kaum Sonntags verschaffen kann«“ (C[arl] A[lphons] Meinert, Ueber Massenernährung, Berlin 1885, 93). Im Einklang mit einer wachsenden Zahl von Gefängnisärzten und Physiologen empfahl er zudem eine strukturelle Reform der Gefängniskost: Die immer gleiche Suppenkost aus Hülsenfrüchten müsse durch gekochte feste Mehrkomponentenspeisen durchbrochen und insbesondere mehr Wert auf Würzung und Geschmack gelegt werden. Die Ernährung sollte nicht Teil der Strafe sein, sondern vielmehr die Gefangenen zu nützlicher Arbeit befähigen ([Abraham] Baer, [Ohne Titel] Blätter für Gefängniskunde 22, 1887, 10-21; Paul Jeserich, Bericht über ausgedehnte Ernährungs-Versuche in der kgl. Strafanstalt Plötzensee auf Veranlassung der Act.-Ges. Carne pura ausgeführt und bearb., Berlin s.a.). Diese Forderungen waren zukunftsweisend, wurden aber erst in der Weimarer Republik in breiterem Maße umgesetzt. Carne pura wurde in deutschen Gefängnissen jedoch nicht eingeführt, wegen des zu hohen Preises, „dem Anhaften eines unangenehmen Beigeschmacks“ und mangelhafter Haltbarkeit (A[rthur] Leppmann, Ueber zweckmässige Gefangenenbeköstigung, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 23, 1891, 413-432, hier 431).

Ein Unternehmen im Niedergang: Finanzielle Probleme und Gegenmaßnahmen

Es wird Zeit, den Blick vom Wollen der Carne pura AG zurück auf die reale Unternehmensgeschichte zu lenken. Die „ganz bedeutende Preisermäßigung“ (Teltower Kreisblatt 1883, Nr. 52 v. 30. Juni, 5) vom Mai 1883 hatte nicht die gewünschten Effekte, der Absatz der Carne pura-Präparate blieb weit hinter den Erwartungen zurück (ist aber mangels Zahlen leider nicht zu quantifizieren). Die modernen Formen der Direktwerbung machten Carne pura zwar zu einem populären Begriff, der sich auch als Synonym für nackte (weibliche) Haut sogar für einige Zeit etablierte (Berliner Börsen-Zeitung 1883, Nr. 470 v. 10. Juni, 6; Edmund Rothe, Stoss- und Trostseufzer eines praktischen Arztes. (In folschen Reimen), in: Korb (Hg.), Liederbuch für Deutsche Aerzte und Naturforscher, Abschnitt 2, Hamburg 1892, 234-236, hier 235) – doch dies schlug nicht auf den Absatz durch. Die Konkurrenz frohlockte, dass Fleischpulverpräparate „gründlich zurückgewiesen“ (Leonhard, 1995, 121) wurden.

Die Auszehrung der Carne pura AG begann Mitte 1883, kurz nach Ende der Berliner Hygiene-Ausstellung. Carl Alphons Meinert und Arthur von Gerschow schieden im Juli aus dem Vorstand und der Gesellschaft aus (Berliner Börsen-Zeitung 1883, Nr. 335 v. 20. Juli, 13; Deutscher Reichsanzeiger 1883, Nr. 171 v. 24. Juli, 6). Der Vorstand wurde nicht wieder erweitert (Deutscher Reichsanzeiger 1883, Nr. 233 v. 4. Oktober, 8).

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Tief in den roten Zahlen: Bilanz Ende 1883 (Hamburgische Börsen-Halle 1884, Nr. 109 v. 7. Mai, 6)

Die Bilanz wies Ende 1883 tiefrote Zahlen aus: Verluste von knapp 300.000 M waren aufgelaufen, Warenvorräte und Ausstände lagen gar noch höher. Anders ausgedrückt: In Berlin stapelte sich nicht absetzbare Ware, und die Zahlungsmoral der Großhändler und Agenturen war gering. Seit der Gründung hatte die Firma „stetig“ Verluste geschrieben (Hamburger Nachrichten 1886, Nr. 154 v. 1. Juli, 11). Bei einem Startup-Unternehmen war dies nicht ungewöhnlich, doch auch die Ergebnisse des Jahres 1884 waren mehr als ernüchternd.

27_Deutscher Reichsanzeiger_1885_07_10_Nr159_p05_Carne-Pura_Bremen_Bilanz

Rote Zahlen. Bilanz der AG Carne pura Ende 1884 (Deutscher Reichsanzeiger 1885, Nr. 159 v. 10. Juli, 5)

Die Verluste waren am Jahresende auf mehr als 420.000 M angewachsen, die Warenvorräte und Ausstände konnten nur moderat vermindert werden. Wohl und Wehe der Gesellschaft hingen von den Gläubigern ab. Beunruhigend waren auch erste Wertberichtigungen, denn die Investoren hatten eben nicht – wie in der Bilanz von 1883 noch ausgewiesen – die gesamte Aktiensumme einbezahlt, sondern 80 der 600 Aktien keine Abnehmer gefunden, drei Aktien wurden nicht vollständig bedient. Dies führte Mitte 1885 zu weiteren personellen Schnitten: Dyes, Albrecht und Lax schieden aus dem Vorstand aus, Carl August Franzius blieb alleiniger Aufsichtsrat (Deutscher Reichsanzeiger 1885, Nr. 239 v. 12. Oktober, 10; Berliner Börsen-Zeitung 1885, Nr. 476 v. 12. Oktober, 9). Zuvor war das Statut geändert worden und die Gesellschaft von Bremen nach Berlin umgezogen (Deutscher Reichsanzeiger 1885, Nr. 181 v. 5. August, 7).

28_Neueste Nachrichten und Muenchener Anzeiger_1885_11_03_Nr307_p05_Fleischpulver_Carne-Pura_Verpackung_Berlin

Verbessertes Carne pura (Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger 1885, Nr. 307 v. 3. November, 5)

Weitere unternehmerische Maßnahmen kann man nur indirekt erschließen. Sicher ist, dass das Unternehmen einerseits die Rezepturen veränderte, um dadurch den Geschmack der Fleischpulverpräparate zu verbessern (Deutsche Medicinische Wochenschrift 12, 1886, 156). Anderseits senkte es im Herbst 1885 abermals die Preise – wobei unklar ist, ob dies nur erfolgte, um die vorhandene Ware abzusetzen.

29_Stinde_1882_p13_Carne-Pura_Reiseverpflegung_Suppenpraeparate_Touristen_Alpen

Carne pura als Suppengrundstoff für Touristen (Stinde, 1882, 13)

Werblich scheint es zu einer weiteren Ausdifferenzierung von Zielgruppen gekommen zu sein. Touristen und Reisende wurden speziell angesprochen, Carne pura als schnell und unkompliziert zuzubereitender Fleischbrühgrundstoff empfohlen (Berliner Tageblatt 1883, Nr. 301 v. 1. Juli, 11).

30_Berliner Tageblatt_1883_08_01_Nr353_p09_Krankenkost_Gebaeck_Biscuit_Carne-purna

Carne pura als Teil der Krankenkost (Berliner Tageblatt 1883, Nr. 353 v. 1. August, 9)

Wachsende Bedeutung gewann auch die Krankenkost – wobei in diesem Marktsegment ab Herbst 1884 Kemmerichs breit beworbene Fleischpeptone rasch den Ton angaben. Dabei warb man vor allem für die in Kommission fabrizierten Gebäcke, für Kakao und Schokolade. Eine ganze Reihe von Kranken hatte einen Widerwillen gegen den zur Stärkung gereichten frisch zubereiteten Fleischsaft. Carne pura-Präparate boten eine schmackhaftere Alternative.

31_Deutsche Medizinal-Zeitung_1882_Nr47_Medizinal-Anzeiger_p4_Carne-pura_Krankenernaehrung_Fleischpulver_Eiweiß

Carne pura als Kräftigungsmittel (Deutsche Medizinal-Zeitung 1882, Nr. 47, Medizinal-Anzeiger, 4)

So nachvollziehbar derartige Maßnahmen auch waren, so zeigen sie doch zugleich, dass die ursprüngliche Idee, ein billiges Fleischpulver als Volksnahrungsmittel und als neuartiges Element der Massenverpflegung einzuführen, unrealistisch war. Zentrifugalkräfte gewannen die Oberhand, das Unternehmen war am eigenen Anspruch gescheitert.

Ein Ende mit Schrecken: Der Konkurs der Carne pura AG

Am 29. Juni 1886 wurde der Konkurs über das Vermögen der Berliner Carne pura Patent-Fleischpulver-Fabrik eröffnet (Berliner Börsen-Zeitung 1886, Nr. 2272 v. 15. Juni, 16). Auf der Gläubigerversammlung wurde deutlich, dass sich die Verluste von 200.000 M 1882 auf über 450.000 M 1886 erhöht hatten. Eine nachvollziehbare Buchführung hatte es bis 1883 offenbar nicht gegeben. Aktiva von knapp 250.000 M standen Forderungen von mehr als 500.000 M gegenüber. Noch aber schien es möglich, die Firma nach Einigung mit den Gläubigern fortzuführen (Berliner Börsen-Zeitung 1886, Nr. 298 v. 30. Juni, 14). Dieser Schwebezustand währte bis Oktober 1886, vielleicht etwas länger (Berliner Börsen-Zeitung 1886, Nr. 476 v. 12. Oktober, 16).

Die Gläubiger zogen jedoch ein Ende mit Schrecken vor, sie sahen keine Chancen auf einen profitablen Geschäftsbetrieb nach einem notwendigen Schuldenschnitt. Man begann daher mit der Realisierung der verbliebenen Vermögensbestände. Alles was übrig blieb, kam dann im September 1887 in einer Konkursauktion unter den Hammer. Ein letztes Mal strömten Zuschauer und Händler zu einem Care pura-Ereignis zusammen: „Da sah man den ‚stilvollen Pavillon‘ wieder, der einst, mit den verschiedensten Carne-pura-Erzeugnissen ausgestattet, in der Hygieine-Ausstellung prangte; er wurde für 60 M einem Händler zugeschlagen. Dann gabs Proben der aus Conserven bereiteten Erbsensuppe in kleinen Tassen, die sich die anwesenden Käufer und Nichtkäufer gar wohl schmecken ließen. 600 Kisten von solchen Conserven wurden versteigert, immer in Posten von 5 Kisten, die je 10 bis 15 M erzielten. Im Vergleich zu der sonstigen Bewerthung der Waaren waren es geradezu Schleuderpreise, zu denen hier losgeschlagen wurde. Und dabei mußten sich die anwesenden Gesellschafter noch manchen Spott über die Conserven gefallen lassen. Auch ein großer Kochapparat, vollständig aus Messing, wurde verkauft und brachte 70 M. Alles ging fast ausschließlich in den Besitz der Händler, die nun ihrerseits einen flotten Handel mit den erworbenen 30,000 Kilogr. Carne-pura veranstalten können“ (Carne-pura-Gesellschaft, Leipziger Tageblatt 1887, Nr. 255 v. 12. September, 15). Die in Aussicht gestellte Reform der Ernährung endete in einer Farce.

32_Mittheilungen über Landwirthschaft_1887_01_14_Nr02_p12_Berliner Tageblatt_1887_09_07_Nr451_p04_Carne-pura_Konkurs_Viehfutter_Fleischmehl

Restverwertung des Fleischpulvers als Viehfutter (Mittheilungen über Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswirtschaft nebst industrieller Anzeiger 1887, Nr. 2 v. 14. Januar, 12 (l.); Berliner Tageblatt 1887, Nr. 451 v. 7. September, 4)

Die endgültige Abwicklung zog sich noch länger hin. Im November 1889 hatte der Konkursverwalter – nach Abzug seiner Aufwendungen – 33.000 Mark erlöst, mit denen nun anteilig die Forderungen bedient werden sollten (Berliner Börsen-Zeitung 1889, Nr. 542 v. 19. November, 17). Die Schlussrechnung wurde kurz vor Weihnachten 1889 präsentiert, das Konkursverfahren anschließend beendet (Deutscher Reichsanzeiger 1889, Nr. 283 v. 26. November, 12; ebd. 1890, Nr. 11 v. 10. Januar, 10). Es folgten noch einige Nachwehen, darunter eine Nachtragsverteilung im März 1892 (Berliner Börsen-Zeitung 1892, Nr. 110 v. 5. März, 15). Die Marke der Carne pura-Gesellschaft wurde am 21. September 1892 gelöscht (Deutscher Reichsanzeiger 1892, Nr. 225 v. 23. September, 9) – und zu schlechter Letzt das General-Depot der Carne pura Nahrungsmittel, M. Meinert, Leipzig am 21. Januar 1895 gelöscht (Deutscher Reichsanzeiger 1895, Nr. 27 v. 30. Januar, 13).

Das kurze Nachleben des Carne pura

Mit dem Konkurs der Carne Pura AG war das Kapitel Fleischpulver keineswegs geschlossen. Nach wie vor reizte die Idee einer haltbaren und billigen Fleischkonserve Tüftler und Wissenschaftler. Gewiss, Carne pura war zu teuer gewesen, der Geschmack nicht ideal. Doch dies konnte mit Technik und Wissen verändert, verbessert werden (F. Strohmer, Fleischextract und Fleischconserven, Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 35, 1885, 211; Die Nahrung der Zukunft, Prager Tagblatt 1893, Nr. 197 v. 18. Juli, 2-4, hier 4).

33_Karlsruher Tagblatt_1888_10_04_Nr272_p3673_General-Anzeiger fuer Hamburg-Altona_1890_09_11_Nr213_p08_Fleischpulver_Schnurr-Gross_Liebig_Krankenkost_Albuminatpulver_Dr-Jervell

Neue Fleischmehl- und Fleischeiweißprodukte (Karlsruher Tagblatt 1888, Nr. 272 v. 4. Oktober, 3673 (l.); General-Anzeiger für Hamburg-Altona 1890, Nr. 213 v. 11. September, 8)

Das Carne pura-Patent wurde 1887 von der Karlsruher Firma Schnurr & Gross erworben, die ihr Fleischpulver bis mindestens 1890 reichsweit als Krankenkost vermarktete (Münchener Neueste Nachrichten 1890, Nr. 492 v. 26. Oktober, 7; Hamburger Nachrichten 1890, Nr. 267 v. 9. November, 10). Es wurde abgelöst durch neue Präparate aus Schlachthofresten, wie etwa das Albuminatpulver von Dr. Jervell. Mitte der 1890er Jahre dominierte dann vor allem das US-amerikanische Mosquera‘s Fleischmehl (E[rnst] v. Leyden (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, Bd. 1, Leipzig 1897, 290), ehe mit dem Eiweißpräparat Tropon ein neuerlicher Versuch unternommen wurde, die Alltagskost mittels eines wissenschaftlichen Geniestreiches umzustürzen. Nun aber stand nicht mehr das billige Fleisch der südamerikanischen Pampas zur Diskussion, sondern die Vision einer Eiweißsynthese aus billigen Rest- und Abfallstoffen. Auch dieser Versuch, sie ahnen es, scheiterte – nach der teuersten Werbekampagne des Kaiserreichs (Uwe Spiekermann, Die gescheiterte Neugestaltung der Alltagskost. Nähr- und Eiweißpräparate im späten Kaiserreich, Technikgeschichte 78, 2011, 187-209, hier 198-204).

34_Leipziger Tageblatt_1894_01_22_Nr039_p518_Vossische Zeitung_1899_12_24_Nr603_p20_Fleischmehl_Mosquera_Trockenfleisch_Tropon_Eiweißpraeparate

Substitute des Carne pura: Mosquera’s Fleischmehl und Tropon (Leipziger Tageblatt 1894, Nr. 39 v. 22. Januar, 518 (l.); Vossische Zeitung 1899, Nr. 603 v. 24. Dezember, 20)

In der Fachliteratur wurde der Carne pura-Präparate auch aufgrund dieser Nachgänger immer wieder respektvoll gedacht, mochte es sich als Volksnahrungsmittel auch nicht bewährt haben (Carl Flügge, Grundriss der Hygiene, Leipzig 1889, 309; Max Heim, Die künstlichen Nährpräparate und Anregungsmittel, Berlin 1901, 33-34). Nur wenige Wissenschaftler verstanden ihr Tun als Hybris. „Fleisch als Genussmittel zu ersetzen“ (Felix Hirschfeld, Nahrungsmittel und Ernährung der Gesunden und Kranken, 1900, 49) war mit derartigen Ersatzmitteln schlicht nicht möglich.

Was blieb vom Carne pura?

Die Geschichte von Carne pura zeugt von gescheiterten Träumen, zerplatzten wissenschaftlichen und ökonomischen Utopien. Der Ausgriff auf die naturalen Fleischressourcen der Welt endete als Fehlschlag. Respekt davor mag bleiben. Doch die Geschichte von Carne pura ist auch eine Geschichte unserer Zeit.

Carne pura steht für den Sozialpaternalismus des späten 19. Jahrhunderts, für eine bürgerliche Erziehungsmission, für eine scheinbar nur so denkbare Teilhabe der arbeitenden Massen an den Erträgen dieser dynamischen Zeit der Innovationen und Entdeckungen. Carne pura steht für die Differenz zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden, für den Versuch, letzteren hierarchisch und ohne Mitsprache einen Platz in der Welt, an der bürgerlichen Tafel zuzuweisen. Teilhabe dieser Art ist an Bedingungen geknüpft, an die Moral eines rational geführten Lebens, eines Haushaltens mit dem wenigen, was man besitzt. Das häusliche Glück in Selbstbescheidung und Dankbarkeit.

Carne pura steht für die Kraft und die Schwäche gedanklicher Engführungen, für Röhrenblicke und ihre Folgen. Die Investoren hatten die Folgen ihrer Fehleinschätzungen immerhin direkt zu tragen, doch die konzeptionellen Ideen von Hofmann und Meinert wurden weitergesponnen, ebenso eng, wenngleich mit anderen Produkten und Rohwaren. Die dargebotene Geschichte ist damit ein Appell für historisches Lernen. Das Scheitern der Carne pura-Präparate war aufgrund des konzeptionellen Scheiterns des Liebigschen Fleischextraktes und des faktischen Scheiterns der vielen Fleischmehlarten bis hin zu Hassall vorhersagbar – so wie etwa das relative Scheitern vieler neuartiger Fleischsubstitute heutzutage. Doch zugleich ist gewiss, dass enggeführtes Agieren und vorhersehbares Scheitern auch weiterhin den üblichen (Fleisch-)Konsum begleiten werden. Der Mensch ist ein gläubiges Wesen, vor allem, wenn dieser Glaube auf wenigen einfachen Wahrheiten gründet.

Die Geschichte von Carne pura ist schließlich eine Geschichte auch des Eigensinns der Menschen. Der großen Mehrzahl schmeckte es nicht, mochten die Produzenten und viele Wissenschaftler auch anderes verkünden. Für die große Mehrzahl war es zu teuer – auch wenn die Präparate auf Grundlage komplexer Stoffäquivalenzberechnungen „objektiv“ billiger waren als gängiges Frischfleisch. Das Scheitern von Carne pura unterstreicht die Herrschaft von gesundem Menschenverstand bei der breiten Mehrzahl, von Selbstbehauptung trotz prekärer Rahmenbedingungen. Gilt das, so erzählt die Geschichte von Carne pura auch von Behauptungsmöglichkeiten in allseits moralisierten und kommodifizierten Lebenszuschnitten. Geschichte ist eben nicht nur eine analysierte, gezähmte, gelenkte und geglättete Dosis Vergangenheit. Sie ist vielmehr Ausgangspunkt selbstbestimmten Denkens und Handelns.

Uwe Spiekermann, 14. August 2021

Versorgung in der Volksgemeinschaft. Näherungen an den „deutschen“ Handel der NS-Zeit

Güterversorgung und Konsum sind Grundaufgaben jeder Wirtschaftsform. Ihre Ausprägung jedoch ist historisch offen. Allein die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert weist schon – allen ökonomischen Kontinuitätslinien zum Trotz – eine bemerkenswerte Formenfülle auf: Staatlich gebändigte und soziale Marktwirtschaft, autoritäre Kriegswirtschaft, Planwirtschaft nach sowjetischem Modell und ein spezifisch nationalsozialistisches Wirtschaftssystem. Letzteres wird im Mittelpunkt dieses Beitrages stehen. Es gilt, Konturen einer spezifisch nationalsozialistischen Güterversorgung auszuloten und nach einigen Konsequenzen für den Konsum und die Konsumenten zu fragen. Dazu geht es eingangs um Kernpunkte der NS-Wirtschaftsauffassung, um die damit verbundenen Konsum- und Versorgungsleitbilder. Das wird uns zum ideologischen Profil eines „deutschen“ Handels führen, dessen von anderen Wirtschaftsformen abweichenden Struktur. Doch über die Norm, über das reine Wollen ist hinauszugehen. Die konkreten Ausprägungen der „Versorgung in der Volksgemeinschaft“ werden daher mittels vierer Beispiele untersucht: Die politische Schaufensterwerbung der 1930er Jahre, die Verbrauchslenkung zugunsten des Seefisches, die Gestaltung der Ladenöffnungszeiten und schließlich der Kriegsdienst des „deutschen“ Handels. Ein Resümee steht am Ende – auch wenn mehr Fragen als Antworten bleiben dürften.

1. Versorgung und Konsum im Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus

Es ist durchaus umstritten, ob es ein eigenständiges nationalsozialistisches Wirtschaftssystem gegeben hat. Die insbesondere von Avraham Barkai zusammengetragenen Fakten und Argumente scheinen mir jedoch überzeugend genug, um von dessen These eines eigenständigen Wirtschaftssystems des Nationalsozialismus auszugehen und nach einem spezifisch nationalsozialistischen Versorgungsmodell zu fragen. [1] Der bekannte, die Ambivalenz der NS-Zeit jedoch auch nicht in Ansätzen widerspiegelnde Gegensatz von Butter und Kanonen simplifiziert und bestimmt dabei auch die geschichtswissenschaftliche Diskussion. Der Konsum, so lautet das einfache Argument, habe mehr und mehr gegenüber der Aufrüstung und Kriegsproduktion zurückstecken müssen. Der ökonomische Aufschwung seit 1932/33 habe zwar zu erhöhtem Konsum geführt, doch habe es sich hierbei nur um ein Sekundärziel gehandelt. Der Stellenwert von Konsum und Versorgung sei eher funktional zu sehen, als unumgängliche Notwendigkeit eines auf andere Ziele hinarbeitenden Regimes. [2]

Dies trifft sicherlich zu. Doch was erklärt diese Argumentation? Erklärt sie die bereitwillige Mitarbeit der Konsumenten am zerstörerischen Projekt des Nationalsozialismus? Erklärt sie die konsequente Mitarbeit der Versorgungsfachleute, der fast zwei Millionen Beschäftigten im Einzelhandel? Waren diese Deutschen wirklich derart genügsam, dass sie zwar klagten und murrten, sich letztlich aber fügten? „Diese Deutschen waren gewöhnliche Menschen und im Kern kaum böse. Sie waren im Allgemeinen an Wohlstand und Wohlergehen für sich und ihre Familie interessiert, wie es Menschen überall auf der Welt sind. Sie waren auf keinen Fall einer Gehirnwäsche unterzogen, durch eine faszinierende Unterdrückung bis zur Unterwerfung terrorisiert worden.“ [3] Und doch sahen sie bei den Verbrechen dieser Zeit nicht nur zu, sondern duldeten sie wissend, funktionierten an ihrem Platz, legten gar aktiv Hand an.

Eine kritische Näherung an die Versorgung in der Volksgemeinschaft muss sich daher den ideologischen Vorstellungen dieser Zeit stellen. Versorgung und Konsum sind eben nicht nur „bunte“, populäre, ansatzweise gar kritisch zu verstehende historiographische Themen. Sie nötigen vielmehr zu einem Einlassen auf Vorstellungen, die fern von zivilisatorischen Mindeststandards sind, waren diese doch historisch real, historisch einflussreich. Dies jedenfalls war der Anspruch der Nationalsozialisten, die die Eigenständigkeit ihres Ansatzes schlicht setzten: „Um Nationalsozialist zu werden, bedarf es vor allem der schonungslosen Ehrlichkeit gegen sich selbst, sodann des festen Willens, sich das weltanschauliche und sittliche Gut des Nationalsozialismus nicht nur verstandsmäßig, sondern auch gefühls- und willensmäßig zu eigen zu machen. Wir mittelständischen Einzelkaufleute repräsentieren die bodenständige, kleine, gesunde Wirtschaftszelle und sind daher im neuen Staate vor allem dazu berufen, die Träger des neuen Wirtschaftsdenkens zu werden. Aber nur aus dem nationalsozialistischen Menschen kann der neue wirtschaftende Mensch hervorgehen, und dieser letztere nur ist befähigt und berechtigt, an der Konstruktion des nationalsozialistischen Wirtschaftsgebäudes mitzuarbeiten.“ [4]

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Vaterland und NS-Gemeinschaft: Verpflichtungserklärungen von Einzelhändlern (Edeka Deutsche Handels-Rundschau (= DHR) 27, 1934, 182)

Der Primat des Staates galt dabei als ausgemacht. Doch auch die Führung war in diesem Denken der Volksgemeinschaft verpflichtet. Die „deutschen“ Konsumenten jedenfalls wären möglichst optimal zu ernähren, zu kleiden, mit Hausrat und Konsumgütern zu versorgen. Doch als Deutsche, als Nationalsozialisten würden sie freiwillig zurückstehen, wenn es gelte, erst einmal andere, höhere Ziele zu erreichen. Der Konsum war – abseits gediegener Grundversorgung – ein flexibles Moment innerhalb einer politischen Gesamtkonzeption, deren Grundkonstanten die Gewinnung von Lebensraum und der Traum von einer „rassisch reinen Herrennation“ waren. Angesichts der historischen Entwicklung ist es nicht unproblematisch, derartige Idealkonstrukte für bare Münze zu nehmen. Doch sie wurden – und sei es zur eigenen Ruhigstellung – geglaubt, wurden historisch ernst genommen. Sie schufen einen Erwartungshorizont, der – vor dem Hintergrund der erlittenen kollektiven Demütigungen und der dann folgenden wirtschaftlichen und politischen Aufwertung des Deutschen Reichs – Dienst und Entbehrung erst ermöglichte. Die vielfach beschworene „bodenständige, kleine, gesunde Wirtschaftszelle“ besaß dabei eine politisch wie wirtschaftlich höchst bedeutsame Funktion. Sie sollte Keimzelle einer umfassenden Verpflichtung aller Händler, dann auch aller Konsumenten werden. Neben die politische Propaganda trat die Wirtschaftspropaganda, die den Konsum als Ausdruck völkischen Handelns verstand.

2. Der „deutsche“ Handel – ein Anspruchsprofil

Die Prinzipien einer verpflichteten Wirtschaft prägten auch und gerade den Handel. Er galt im Nationalsozialismus nicht länger als Ausdruck „liberalistischer“ Spekulation, sondern als werteschaffende Tätigkeit im Dienste der Volksgemeinschaft, im Dienste der Verbraucher und anderer Wirtschaftsgruppen. [5] Der Handel besaß im Dritten Reiche eine klare staatspolitische Funktion: Er hatte „Mittler zwischen Erzeuger und Verbraucher in jeder Beziehung zu sein. In dieser Mittlerrolle ist der Handel derjenige Teil der Wirtschaft, der zwischen zwei Fronten steht und stets bestrebt sein muß, dem Ausgleich der Interessen zu dienen. Er ist nicht nur Organ der Wirtschaft, sondern zugleich Diener der Volksgemeinschaft.“ [6]

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Wandtafel der Edeka Kiel 1934 (Edeka DHR 27, 1934, 656)

Diese Aufgabe basierte auf mittelständischen Ideen, die insbesondere seit den späten 1880er Jahren von einer Mehrzahl der Händler resp. ihrer Organisationen vertreten wurde – in strikter Abgrenzung zu den modernen (Konsumgenossenschaften, Warenhäuser, Filial-, Abzahlungs-, Versand- und Einheitspreisgeschäfte) sowie den vermeintlich überlebten (Hausierer, Straßenhändler) Be- und Vertriebsformen des Handels. [7] Seit Beginn der Präsidialdiktatur 1930, insbesondere aber seit der Machtzulassung 1933 schienen diese Ideen aufgegriffen zu werden, der Einzelhandel zum lange ersehnten „Kern der Volksgemeinschaft“ [8] zu werden. Doch trotz aller Affinitäten sollte die neue Funktionszuschreibung gänzlich andere Züge enthalten.

Sicherheit

Erst einmal gelang es zwischen 1933 und 1935, dem Handel eine Vorstellung neuer Sicherheit zu geben, eine neue „Ordnung“. [9] Der Einzelhandel wurde integraler Bestandteil der festen Kette: Produktion – Großhandel – Einzelhandel – Konsumtion. Diese war durch den intensivierten Wettbewerb nach Ende der Inflation tiefgreifend in „Unordnung“ geraten, hatte sich doch die Wettbewerbsposition des mittelständischen Handels deutlich verschlechtert. [10] Parallel nahmen die vermeintlichen Übergriffe zwischen den einzelnen Wirtschaftssektoren zu, wurde das „Lebensrecht“ des Handels so beschnitten. Wie schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es in der Weimarer Republik erbitterte Debatten über das Recht der Konsumenten, insbesondere von Beamten und städtischen Angestellten, sich Waren unmittelbar von der Industrie oder dem Großhandel zu beschaffen. Die Einkaufsgenossenschaften der Einzelhändler wurden vom Großhandel immer wieder als Störenfriede wirtschaftlichen Arbeitsteilung attackiert. Die Eigenproduktion der Konsumgenossenschaften und Warenhäuser war gleichfalls steter Stein des Anstoßes, ebenso der Absatz von Gebrauchsgütern und Lebensmitteln per Versandhandel vom Hersteller. Die 1931 aufkommenden „Direkt-Läden“ einzelner Fabriken wurden vom Einzelhandel erbittert bekämpft und ihre Zahl so eingedämmt. [11]

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Nationalsozialistische Agitation gegen das vermeintlich „jüdische“ Warenhaus (Illustrierter Beobachter 7, 1932, 1265)

Während der Weltwirtschaftskrise intensivierten sich die Auseinandersetzungen; die 1930 einsetzende und sich 1932 beschleunigende Gesetzgebung gegen Warenhäuser, Filialbetriebe und Einheitspreisgeschäfte zeigt dies deutlich. Die neue „Unordnung“ innerhalb des Wirtschaftsgefüges wurde dem ungezügelten Marktsystem zugerechnet, dem eine staatlich garantierte Ordnung entgegengesetzt werden sollte. Auch der NS-Staat orientierte sich formal an einem ständischen Ordnungsmodell, das den einzelnen Wirtschaftszweigen klare Aufgaben und bestimmte Erträge zuwies. Angesichts der akuten Existenzbedrohung breiter Teile des Handels in der Weltwirtschaftskrise wurden selbst die mit der Einbindung in den Reichsnährstand und die „Marktordnung“ verbundenen Handelsspannenkürzungen – wenn auch widerstrebend – angenommen. Existenzsicherheit war wichtiger als die abstrakte Chance einer Maximierung der eigenen Gewinne.

Gleichwohl ist die klare Trennung einzelner Segmente nicht nur ständisch zu deuten, sondern passte sehr wohl in die Rationalisierungskonzepte dieser Zeit. Ebenso wie innerbetrieblich zwischen Einkauf, Lagerhaltung, Verkauf und Kasse, Versand und Buchhaltung usw. unterschieden werden musste, um gezielt eingreifen zu können, bot die Scheidung zwischen Produktion, Großhandel und Einzelhandel ebenfalls Möglichkeiten einer geplanten Rationalisierung dieser Sektoren – nun aber getragen vom starken Staat. [12] Ständisches Ideal und innerständische Rationalisierung konnten sich demnach ergänzen, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und Ideologie versöhnt werden. [13] Entsprechend wurde der Handel neu geordnet. Aus der seit 1932 einseitig mittelständischen Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels wurde ab 1934 der Gesamtverband des deutschen Einzelhandels resp. die Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, in der nun der gesamte „deutsche“ Handel zwangsorganisiert wurde. [14]

Leistungswettbewerb

Die nationalsozialistische Wirtschaftsauffassung ging aus von der Ungleichheit der Rassen und der einzelnen Menschen. Mittels eines Ausleseprinzips konnte sich der Stärkere jeweils durchsetzen. Wettbewerb war deshalb auch für den Handel konstitutiv, jedoch nicht als „freier“ Wettbewerb, sondern als „Leistungswettbewerb der nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung“ [15]. Im Dienst für die Volksgemeinschaft konnte sich der Händler seinen Platz „im Volks- und Wirtschaftsleben durch Fähigkeit, Einsatz und Leistung“ erkämpfen. Dieser Wettbewerb war ethisch gebunden, musste vom „sittlichen Willen, von nationalsozialistischer Gesinnung und vom arteigenen Recht beherrscht sein“. [16]

04_Voelkischer Beobachter_1939_02_07_Nr266_p12_Einzelhandel_Ausbildung_Lehre_Reichsberufswettkampf_Wien

Der Reichsberufswettkampf als nationalsozialistische Form des Wettbewerbs (Völkischer Beobachter 1939, Nr. 266 v. 7. Februar, 12)

Dabei knüpfte man bewusst an die vermeintlich große Kaufmannstradition des deutschen Mittelalters an, ideologisierte und polarisierte die Begriffe des Kaufmanns und des Händlers. [17] Während letzterer einem „entarteten Liberalismus“ zugewiesen wurde, galt der Kaufmann als regimetreuer, als politisch agierender Verteiler. [18] Doch Ideologie war nicht alles. Der Begriff war an bestimmte Qualifikationsnormen gebunden, an Sachkunde und Buchhaltungskenntnisse, bot damit immer auch die Grundlage für „Berufsbereinigung“ und Leistungssteigerung. Schon das novellierte Einzelhandelsschutzgesetz von 1934 machte die Einrichtung neuer Geschäfte vom lokalen Bedürfnis und der zu prüfenden Sachkunde des Händlers abhängig. Während der 1930er Jahre wurde die Weiterbildung der Kaufleute stetig gefordert, der Nachwuchs intensiver geschult als zuvor, analog zum Handwerk ein großer Befähigungsnachweis gefordert. [19] Anfang 1939 wurde der Einzelhandel schließlich buchführungspflichtig, eine sachgemäße, korrekte und dem Staat gegenüber transparente innerbetriebliche Rechnungsführung damit verbunden. [20] Sach- und Fachkunde sollte die Basis des kaufmännischen Betriebs sein, dem Kaufmann zugleich Autorität verleihen. Er hatte aber immer auch „ehrlich“ zu sein, sollte den Kunden optimal und qualitätsbewusst versorgen. Maßnahmen zur verbesserten Warenauszeichnung dienten auch diesem Zweck. [21]

Deutsch

Der Leistungswettbewerb war auf ein Ziel hin ausgerichtet, dem Ziel eines „deutschen“ Handels. Dahinter verbarg sich ein – im Sinne der Propagandisten – ethisch hochstehender, sittlich gebundener, „arteigener“ Handel. Er lässt sich mit Begriffen wie „Ehrsamkeit“, „Gesundheit“ und „Persönlichkeit“ und einem „volksbiologisch wertvollen“ Familiensinn näher kennzeichnen.

Nicht der Betrieb stand im Mittelpunkt des Leistungswettbewerbs und der Rationalisierung, sondern der Mensch, der „ehrsame“ Kaufmann. [22] Der ständische vormoderne Begriff der „Ehre“ hatte den Vorteil, relativ inhaltsleer zu sein, ermöglichte durch seinen hehren normativen Anspruch aber zugleich die systematische Ausgrenzung vermeintlich unsittlichen bzw. unehrenhaften Verhaltens. Entsprechend wurde das Wettbewerbsrecht zwischen 1933 und 1935 neu gefasst, Zugaben zurückgedrängt, Sonderveranstaltungen eingeschränkt. Die rein „kapitalistischen“ Betriebsformen wurden zurückgeschnitten, denn Profitmaximierung war kein ehrbares Unterfangen. Auch Partikularinteressen waren damit unvereinbar, entsprechend wurden die katholischen und sozialdemokratischen Konsumvereine rigide gestutzt, ging man ansatzweise auch gegen Werkskonsumvereine bzw. Beamtenvereinigungen vor. [23] Der Begriff der Ehrsamkeit schied zwischen Freund und Feind, grenzte willkürlich und gezielt Konkurrenz aus, diente der Entrechtung der jüdischen Händler, erlaubte ein Vorgehen gegen Straßenhändler und Hausierer. [24] Der Begriff der „Ehre“ war dem des Rechts strukturell entgegengesetzt, durch ihn wurden staatlicher und privater Willkür Tor und Tür geöffnet.

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Werbe-Matern der Edeka 1933/34 (Edeka-Reklame, o.O. 1934, 198 (l.) und 199)

Der Begriff des „gesunden“ Handels besaß ähnliche Funktionen, griff jedoch tiefer. Er setzte nicht allein auf ein untadeliges, „ehrsames“ Verhalten, sondern bei der „Gesinnung“ des Händlers an, bei dessen „Charakter“. Die Gesellschaft wurde als biologischer Organismus verstanden, der sich vom Einzelwesen her entwickelte, der aber ein unabhängiges, übergeordnetes Eigenleben besaß. Ein „gesunder“ Handel setzte einen „gesunden“ Händler voraus. Es galt „Persönlichkeiten“ zu erziehen, „die aus dem Impuls ihres schöpferischen Willens zu autoritären Leistungen gelangen. Persönlichkeiten, die die Wirtschaft mit ihren Ideen befruchten und sie mit dem Geist ihrer unermüdlichen Tatkraft erfüllen. Persönlichkeiten, die sich nicht an alte Zöpfe hängen, die ihren eigenen Kopf durchsetzen, die ihr gutes Werk wie ihre Ehre verteidigen! Persönlichkeiten, die die Anständigkeit der Gesinnung mit dem Wagemut des kämpferischen Menschen vereinen. Solche Persönlichkeiten mögen nicht immer beliebt und oft gefürchtet sein, aber sie sind nun einmal die Garanten des Fortschrittes. Und der Erfolg ist immer auf ihrer Seite.“ [25] Der Handel war dann „gesund“, wenn der Händler eine „innere Wandlung“ [26] durchlaufen hatte. Dies war zugleich Grundlage einer „Reinigung“: „Berufsbereinigen heißt eben nicht, nur Umsätze feststellen, streichen und verlagern, sondern kann immer nur heißen, auch mit Hilfe dieser Maßnahmen den Beruf zu fördern und das Gesunde im Beruf und in seinen einzelnen Gruppen und Betrieben noch über den gegebenen Zustand hinaus zu kräftigen. Der Ausleseprozess ist also auch im Rahmen der Berufsbereinigung ein Prozess weiterer Gesundung für den größten Teil der Bestehenden. Das Kranke, das es dabei allerdings auch auszumerzen gilt, kann aber immer nur von Fall zu Fall, und zwar nur entsprechend den Besonderheiten und allen Begleitumständen jedes einzelnen Falles festgestellt, behandelt und evtl. auch ausgeschieden werden. Schema F würde bestimmt gerade hier eine schlechte und nur schädliche Medizin sein.“ [27]

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Äußere Wandlung beim Reichsbundes deutscher Verbrauchergenossenschaften: Dekoration der Hamburger Zentrale anlässlich des lokalen Gauparteitages (Rundschau des Reichsbundes deutscher Verbrauchergenossenschaften 31, 1934, 125)

Der „deutsche“ Handel verlangte mehr als Händler, er verlangte „ganze Kerle“ [28], die Kämpfer für die „deutsche“, die nationalsozialistische Sache waren. [29] Dazu gehörte auch Familiensinn, die Sorge für den „gesunden“ Nachwuchs. Der Begriff des Kaufmannes hatte eine volksbiologische und zugleich eine strikt patriarchalische Komponente. Obwohl fast ein Drittel der Ladeninhaber Ladeninhaberinnen waren, galt der Mann als geborener Leiter eines Handelsbetriebes, waren in der üblichen Form des Familienbetriebes die Rollen klar verteilt. Während selbständige Frauen in der Fachpresse kaum behandelt wurden, trat analog zur Rolle der Mutter und der Bäuerin die Prinzipalin, die Kaufmannsfrau verstärkt hervor: „Ihr Lebensinhalt ist fast in allen Fällen das Geschäft, also ihre und die Existenz des Mannes. Da ihre Mithilfe im Geschäft, besonders in einem neu errichteten Betriebe, außerordentlich wichtig ist, wird der ganze Tag, von früh bis spät, immer ausgefüllt sein. Sie wird, wenn beide vorwärtskommen wollen, überall mit anpacken müssen; daneben muß sie umsichtig, stets liebenswürdig und gewandt im Umgang mit der Kundschaft sein, auch wenn manchmal ihr Herz nicht ‚ja’ zu allem sagt. Eine Kaufmannsfrau muß nicht nur vielseitig, sondern auch zielbewußt, rechnerisch begabt und neben ihrem Mann ein Vorbild für die Betriebsgemeinschaft sein. Vor allen Dingen aber bleibt auch sie bei alledem die mit dem Mann fortgesetzt um die Existenz kämpfende Lebenskameradin. Leicht ist eine solche Ehe nicht, aber sie ist groß und inhaltsreich.“ [30] Während der Mann als Kopf des Geschäftes galt, wurde die Frau zu dessen Seele erklärt, deren Aufgabe insbesondere die kameradschaftliche Erziehung der Kundinnen sei. [31] Die Kaufmannsgattin war integraler Bestandteil der Leistungssteigerung des Handels, ihr letztlich unentgeltlicher Beitrag wurde stets vorausgesetzt. Sie hatte dadurch eine staatspolitisch wichtige Aufgabe: Ihre vermeintliche Nähe zur kaufenden Hausfrau verpflichtete sie zu systematischem Aufklärungsdienst. Die Mittlerrolle des Handels fand in der Mittlerrolle der Frau ihre gleichsam natürliche Verlängerung. Die fachliche Vorbereitung sah demgemäß anders aus: Die Frau sollte möglichst Verkäuferin lernen, ehe sie in der Ordnung einer Ehe aufging. [32] Völkische und patriarchalische Ordnung verbanden sich hier zur Grundlage eines spezifisch „deutschen“ Handels.

Lehrer des Konsumenten

Dem Handel wurde von Beginn an die Aufgabe zugewiesen, den „in wirtschaftlichen Einzelfragen oft unkundige[n] Verbraucher“ [33] zu beraten. Die Qualifikation des „deutschen“ Kaufmanns befähigte ihn zu gezielter Beratung. Sie diente nicht primär dem eigenen Geschäft, sondern war höheren Zielen verpflichtet: „Es gilt, das Verantwortungsbewußtsein der Frau zu wecken und zu vertiefen für die Aufgaben und Pflichten, die sie im Interesse der deutschen Wirtschaft zu erfüllen hat.“ [34] Der „deutsche“ Kaufmann war eine Art Gütemarke, die den Kunden bewegen sollte, dessen substantielle Angebote auch zu nutzen, sich also erziehen zu lassen. Trotz dieser hierarchischen Beziehung war der Kaufmann als Mittler zugleich aber verpflichtet, die Meinung des Kunden einzuholen, sie an den Großhandel bzw. an die Industrie weiter zu geben, um so die Volkskonsumgemeinschaft mit Substanz zu versehen.

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Vorbildliche Ladeneinrichtung 1939 (DHR 32, 1939, 270)

Der Ort dieser staatlich relevanten Begegnung zwischen Kaufmann und Kunden hatte seiner Bedeutung gemäß gediegenen Standards zu entsprechen. Sauberkeit, Ordnung und Schönheit sollten alle Laden unabhängig von der Größe kennzeichnen: „In gefälliger Linienführung grenzt der Ladentisch den Kundenraum gegen Verkäufer und Ware ab und stellt doch zugleich durch eingebaute Glasschränke und zweckmäßige Aufbauten jene Verbindung her, die Kaufwünsche erweckt und an jeglichen Bedarf rechtzeitig erinnert. Abstellbrettchen für Taschen und Paketchen geben der Hausfrau das angenehme Gefühl sorglicher Bedienung, schützende Glasscheiben vor den Aufbauten und über den Auslagen künden pflegliche und hygienische einwandfreie Warenhaltung. Frei und übersichtlich sind Packungen und Flaschen in zweckmäßig aufgeteilten, offenen Holzregalen griffbereit zur Hand, Oelmeßapparate verbinden praktische Handhabung und Reichnähe mit der notwendigen Abgrenzung von sonstiger Ware. Schmuck und einladend ist jedes Gerät, von den aromawahrenden Kaffeebehältern und der Sichtwaage bis zur blinkenden Ladenkasse, die den Erfolg so sorgfältiger Innenwerbung getreulich in klingender Münze verzeichnet.“ [35] Die Ladeneinrichtung sollte immer auch den Respekt vor dem Kunden als Volksgenossen verdeutlichen, auch auf die Ansprüche des Ladenpersonals sollte so weit wie möglich Rücksicht genommen werden. [36] Dem diente ein einfaches, jedoch „formschönes“ Design von Waren und Verpackungen, das gerade in der Hausratsbranche auch umgesetzt wurde. Versorgung in der Volksgemeinschaft bedeutete die Schaffung von Leistungsgemeinschaften, die auch in schwierigen Zeiten ihre von Staat und Partei gegebenen Aufgaben ohne Stockungen erfüllen würden. Der „deutsche“ Handel sollte „deutsche“ Konsumenten erziehen.

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Rationalisierung, Sauberkeit und Ordnung durch Vorverpackungen (DHR 29, 1936, 387 (l.); ebd., 477)

Dem Führer entgegen arbeiten

Das NS-Wirtschaftsdenken war hierarchisch geprägt, folgte dem Primat der Politik. Es setzte zugleich aber auf die eigenständige und optimale Umsetzung der Vorgaben im Sinne der gemeinsamen Ideologie von Führer und Gefolgschaft. Der „deutsche“ Händler hatte die allgemeinen Zielsetzungen politisch korrekt umzusetzen, doch er besaß hierbei einen nicht unbeträchtlichen Gestaltungsfreiraum. Diesen sollte er nutzen, Führer (und Volksgemeinschaft) entschieden dann über die Angemessenheit des Resultats. Dadurch war ein Bewertungsdruck geschaffen, der handlungsauslösend war und nie endete.

Dieses stete Arbeiten war begrenzt durch die „kulturellen“ Bedürfnisse auch des Händlers, durch sein Recht auf Freizeit, sein Recht auf wenn auch begrenzten Urlaub. Dienst musste auch anderweitig belohnt werden, das konnte billigerweise von den Führern verlangt werden. Die Hierarchie gründete auf stets in Aussicht gestellten „Lohn“, der jedoch – abseits der relativ bescheidenen Einkommenszuwächse [37] – vor allem in der Zukunft angesiedelt wurde. Das persönliche Band zwischen Führer und Gefolgschaft setzte eine Dynamik des Dienens in Gang, die leistungsfördernd wirkte und flexible Lösungen im Sinne eines „dem Führer entgegen arbeiten“ ermöglichte.

Bekämpfung des „Kranken“

Der „deutsche“ Handel diente nicht allein der Schaffung einer möglichst homogenen Gruppe. Er war zugleich eine Ausgrenzungsmetapher, die immer auch auf die Bekämpfung „kranker“, „undeutscher“ Elemente zielte. Rassismus und Biologismus waren hierfür konstitutiv. Das galt unmittelbar für die Vertreter des „Marxismus“, die deutschen Konsumgenossenschaften. Sie wurden Anfang 1933 gezielt bekämpft, ihr wirtschaftliches Gewicht und ihre forcierte Selbstgleichschaltung verhinderten jedoch eine unmittelbare wirtschaftliche Zerschlagung. Diese erfolgte in Etappen; 1935 wurde ein beträchtlicher Teil der Genossenschaften verboten, 1941 der verbleibende Rest in die Deutsche Arbeitsfront integriert. [38]

Juden hatten eine derartig „moderate“ Behandlung nicht zu erwarten. Der Leiter der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel führte schon 1935 aus, dass gegen sie Einzelmaßnahmen nicht helfen würden, „daß der seit 100 Jahren übermächtig gewordene Einfluß in der Wirtschaft nicht durch lokale Experimente bekämpft werden könne, sondern nur durch eine gesetzlich fundierte, auf eine totale Lösung der Frage schrittweise hinzielende Arbeit zu erreichen ist.“ [39] Entrechtung, Enteignung, Willkür, Totschlag und Massenmord waren die Etappen eines Weges zunehmender „Entjudung“, waren Begleiterscheinungen und Konsequenzen einer zunehmenden „Gesundung“ des Handels. [40] Der „deutsche“ Handel profitierte von der Ausschaltung der jüdischen Konkurrenz indirekt, bereicherte sich direkt durch die „Arisierungen“. Dabei zeigte die Verwaltungspraxis vor Ort einen vorauseilenden Gehorsam, der selbst die noch geltenden Gesetze nicht mehr zur Kenntnis nahm. [41]

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Reibungslos vollzogene Arisierung: Aus Landauer wird Vetter (Der Führer 1936, Nr. 159 v. 10. Juli, s.p. (l.); Karlsruher Tagblatt 1936, Nr. 205 v. 26. Juli, 7)

Doch es hieße die Dynamik der Ideologie zu unterschätzen, konzentrierte man sich allein auf politische und rassische Gegner. Die „Gesundung“ zog die Auskämmung des Handels logisch nach sich, also die „Reinigung“ von weniger leistungsfähigen Betrieben. Die Rationalisierung erfolgte in einem Wechselspiel von Erziehung und „Ausmerze“. Wer die staatlich festgelegten persönlichen und sachlichen Voraussetzungen nicht erfüllte, konnte spätestens seit der Verordnung zur Beseitigung der Übersetzung im Einzelhandel vom 20. März 1939 „für den Arbeitseinsatz freigemacht werden“ [42]. Um die schon lange geplante, aus vielerlei Überlegungen jedoch immer wieder zurückgestellte Maßnahme [43] gezielt durchführen zu können, hatte die Wirtschaftsgruppe Einzelhandel 1938 eine umfassende Mitgliederbefragung durchgeführt, um – wie es verbrämt hieß – „Unterlagen zur Prüfung und gegebenenfalls Beseitigung der Übersetzung im Einzelhandel zu erhalten.“ [44] Auch die Richtzahlen des Statistischen Reichsamtes dienten diesem Zweck. [45]

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Antisemitismus als Führungsmittel des „deutschen“ Handels (Völkischer Beobachter 1939, Nr. 64 v. 3. Mai, 10 (l.); ebd., 8)

3. Handel und Konsum – Vier Begegnungsfelder

Der biologistische Optimierungsgedanke, der dem Ideal des „deutschen“ Handels zugrunde lag, zeigt, wie eng verwoben NS-Gedankengut und der tägliche Konsum dieser Zeit waren. Die Versorgung in der Volksgemeinschaft diente nicht allein der Warenversorgung. Das wusste jeder Händler, ahnte jeder Käufer dieser Zeit. Doch wie wurde diese Ideologie umgesetzt? Die folgenden vier Fallbeispiele sollen bei einer Antwort helfen.

3.1 „Schaufenster des Regimes“ – Wirtschaftsmodelle in der Werbung

Die Werbewirtschaft wurde 1933/34 neu geregelt, zentralisiert und einer strikten Kontrolle von Partei und Staat unterworfen. [46] Dies war nur möglich, weil einschneidende Regelungen sowohl von der Mehrzahl der professionellen Werbetreibenden [47] als auch der Einzelhändler gefordert und unterstützt wurden. Der Einzelhandel war zu dieser Zeit die mit Abstand wichtigste werbetreibende Gruppe [48], und die Mehrzahl seiner Interessenverbände wandte sich strikt gegen regelmäßige „Auswüchse“ der Wirtschaftswerbung. Die Konkurrenzwirtschaft zeigte darin ihr vermeintlich ungeschminktes Gesicht: Die Dominanz großer Werbeetats, Unlauterkeit und Übervorteilung wurden überall gesehen und als Bedrohung empfunden. [49]

Entsprechend wurde die Neuordnung des Werbewesens in den wichtigsten Zeitschriften des Handels sehr positiv gewürdigt, galten die staatlichen Maßnahmen als Ausdruck einer grundsätzlichen Affinität zwischen Regime und Handelsinteressen. [50] Nicht mehr das große Geld – so die weit verbreitete Hoffnung – sondern die „Persönlichkeit“ des Händlers wurde nun wieder in seine zentrale Stellung gerückt, auf der allein eine sachgerechte Werbung aufbauen konnte. Sie war Ausdruck der fachlichen Kompetenz des Händlers, gründete auf der gezielten Nutzung der modernen Werbemittel, zielte jedoch nicht auf wahllosen Mehrumsatz, sondern konzentrierte sich gezielt auf einzelne Artikel. Aktiv sollte der Händler sein qualitativ hochwertiges Sortiment vorstellen, einzelne Waren daraus hervorheben. [51] Der Kunde sollte nicht allein nach Sonderangeboten Ausschau halten, die Werbung sollte ihm vielmehr den Eindruck einer insgesamt hohen Leistungsfähigkeit des Geschäftes vermitteln, sollte den Kunden persönlich an das Geschäft binden. Werbung war moralisch geworden, wurde persönlich gefasst, war eine wechselseitige Rollenbestätigung der Volksgenossen. Werbung in der Volksgemeinschaft basierte auf dem Aufklärungs- und Lenkungsanspruch der nationalen Wirtschaft, des nationalen Staates.

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Negativbild des seelenlosen Massenkonsums: Blick in das Berliner Schuhwarengeschäfts Direkt (Illustrierte Technik 10, 1932, H. 1, XXVIII)

Wie sehr die Funktionen des Händlers resp. des Kunden in neue Sphären transformiert wurden, zeigt sich sehr gut an den vielfältigen Formen der Gemeinschaftswerbung, besser noch an der Schaufensterwerbung an den neuen staatlichen Feiertagen. [52] Der 1. Mai wurde seit 1933 als „Tag der nationalen Arbeit“ begangen, seit Oktober 1933 stand das „Erntedankfest“ neu im nationalen Kalender. Neu war auch, dass die Schaufenster des Einzelhandels gezielt in die Festaktivitäten eingebunden wurden. Der Handelsstand erwies so – auf Basis von Rahmenrichtlinien des Reichspropagandaministeriums – anderen „schaffenden“ Ständen seine Referenz.

Der „Tag der nationalen Arbeit“, NS-Usurpation des traditionellen 1. Mai der Arbeiterbewegung, sollte ein nationales Gemeinschaftsgefühl stiften und die „Verbundenheit aller Werktätigen“ dokumentieren: „Das ganze Volk ehrt sich selbst, wenn es der Arbeit die Ehre gibt, die ihr gebührt.“ [53] Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933 waren auch die Angestellten des Handels in der Deutschen Arbeitsfront organisiert worden, waren auch die Händler selbst – als Arbeitgeber – Mitglied. Entsprechend beteiligten sich die Händler und Angestellte an den obligaten Umzügen.

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Die Belegschaft der Edekazentrale vor dem Abmarsch zum Festzug 1937 (DHR 30, 1937, Nr. 18, Titelblatt)

Der Handel präsentierte sich so den die Straßenpassanten, den Kunden, als Teil der „schaffenden“ Stände. Doch dies wurde auch in die Schaufenster transformiert, in denen staatliche Parolen und Konsumwaren als die Ergebnisse deutscher Arbeit in einem Ensemble verbunden wurden.

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Schaufenstervorschlag der Edeka 1936 (DHR 29, 1936, 401)

Die Einzelhändler nutzten diese spezielle Werbemöglichkeit gezielt. Die Jahresberichte der Edeka sprechen dabei weniger von der großen Bedeutung des Festtages als vielmehr von der gebührenden Präsentation des Handels als Teil der produktiven Volksgemeinschaft. [54] Für sie sollte der Tag die relative Verpflichtung der Käufer zum Ausdruck bringen, beim „deutschen“ Handel einzukaufen. Dies rief zumindest ab 1937 staatliche Reaktionen hervor: „In den Schaufenstern sollen zum 1. Mai die Erzeugnisse der heimischen Produktion, die Erträgnisse deutschen Bodens, das Erschaffte deutscher Hände Arbeit Würdigung finden. Dabei darf die Ware nicht aufdringlich hervortreten; sie hat im Rahmen des Ganzen zurückzutreten; denn der Zweck der Schaufenstergestaltung zum 1. Mai ist nicht Absatzwerbung, sondern die Betonung der Freude, daß sich unser Volk unter einem Willen zusammengefunden hat und so gemeinsam den 1. Mai feiert.“ [55] Das nationale Gemeinschaftsgefühl war wichtiger als ein erhöhter Konsum im „deutschen“ Laden.

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Entwurf eines Erntedankfensters 1933 (Edeka-Reklame, 1934, 257)

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich beim Erntedankfest feststellen. Dessen Ziel war nicht allein die besondere Ehrung des deutschen Bauern und des Ertrages deutschen Bodens. Seine Aufgabe war zugleich, dem Städter die elementaren Leistungen des Landes, aber auch seine eigene biologische Abhängigkeit von der Natur und dem Boden vor Augen zu führen. Diesem Ereignis hatte der Lebensmittelhandel als „Mittler zwischen Bauer und Verbraucherschaft“ besondere Schaufenster zu widmen – abermals nach Maßgabe des Reichspropagandaministeriums. [56] Für den Händler war es demgemäß zugleich Pflicht und Selbstverständlichkeit, „daß er am Erntedanktag zur Vertiefung der Stimmung für dieses Fest seine Schaufenster, ohne direkte Verkaufsabsichten hiermit zu verbinden, so ausschmückt, daß der schöne Gedanke des Erntedankfestes in die weitesten Volkskreise getragen wird.“ [57] Das Erntedankfest war geplant als Ausdruck völkisch-biologistischen Denkens und der Verbundenheit zu Blut und Boden. Die Schaufensterwerbung unterstützte dies durch florale Elemente, insbesondere frische Blumen und Grünschmuck.

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Entwurf für ein Erntedankschaufenster 1934 (Edeka DHR 27, 1934, 584)

Das Erntedankfest hatte in den Städten jedoch nie dieselbe Bedeutung wie der 1. Mai. Sein Ziel war es schließlich eine Stimmung zu schaffen, in der die systematische Begünstigung der Landwirtschaft erträglich und nachvollziehbar erschien. Die Freude an den „frischen“ Schaufenstern wurde durch entsprechende Verpflichtungen von Handel und Verbrauchern getrübt: „Die deutschen Volksgenossen, einschließlich der Schwarzseher und Meckerer, werden auch fernerhin diese kleinen Opfer vorübergehender Entbehrung auf sich nehmen. Wir brauchen nichts weiter zu tun, als in solchen Fällen eine Umschaltung vorzunehmen in Form einer kleinen Korrektur des Speisezettels.“ [58] Stärker als der „Tag der Nationalen Arbeit“ wurde das Erntedankfest funktionaler Bestandteil staatlicher Konsumpolitik. Die Finanzierung der „Erzeugungsschlacht“ und die konsumtiven Zumutungen des Strebens nach „Nahrungsfreiheit“ standen allerdings stets im Hintergrund. [59] Die Festschaufenster gewannen sicherlich nicht die Bedeutung, die man staatlicherseits erhofft hatte. Doch es gilt den Blick für die vielfältigen Wege zu schärfen, mit denen der Kauf und Verkauf genehmer Produkte gefördert wurde. Der Handel jedenfalls nutzte die Aura der Volksgemeinschaft gezielt in seinen Schaufenstern – gedrängt durch Staat und Handelsorganisationen, durchaus überzeugt von deren Inhalt, sicher aber mit dem Kalkül, so das persönliche Band zum kaufenden Volksgenossen enger knüpfen zu können.

3.2 „Eßt mehr Fisch!“ – Verbrauchslenkung mit begrenztem Erfolg

Die Agrar-, später auch die Gesundheitspolitik des Nationalsozialismus, zielten auf eine „gesunde“ Ernährung, die nationalwirtschaftlich sinnvoll, zugleich aber ernährungsphysiologisch ausgewogen war. [60] Aus diesem Grunde wurde staatlicherseits eine regionale, saisonale und fettarme Kost mit relativ geringem Anteil tierischer Produkte propagiert. Wirtschaftliche und volksbiologische Zielsetzungen führten seit 1933 gleichermaßen zu Anstrengungen, die Ernährungsweise der Bevölkerung gezielt zu beeinflussen. [61] Es war allerdings nicht der Handel, der dieser Politik seinen Stempel aufdrückte. Stattdessen griffen 1933 und 1934 vielfältige und kaum koordinierte Vorschläge aus der Wirtschaft und der (Ernährungs-)Wissenschaft, die erst durch den organisatorischen Aufbau einer „Marktordnung“ 1933-1935, dann aber vornehmlich durch die in den zweiten Vierjahresplan mündenden Produktions- und Verbrauchsziele klarere Konturen gewannen.

Das Beispiel des Fisch-, genauer Seefischkonsums kann helfen, die langsame Integration des Handels in das Konzept einer Umstellung auf eine „richtige“ Ernährung zu beleuchten, zugleich aber die Grenzen derartiger Steuerungsmaßnahmen zu verdeutlichen. Werbung für einen vermehrten Fischkonsum war dabei – ebenso wie für andere Produkte deutscher Agrarproduktion – keineswegs neu. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte es eine gezielte Gemeinschaftswerbung der deutschen Fischwirtschaft gegeben, die 1926 durch die Gründung des staatlich unterstützten „Ausschusses für Seefischpropaganda“ neu aufgenommen wurde. [62] Sie nutzte sowohl gesundheitliche als auch nationale Argumente. Ihr Erfolg war abseits der Fischfachgeschäfte bzw. von Konsumgenossenschaften und auch Warenhäusern relativ gering. Fisch war angesichts begrenzter Kühltechnik ein hygienisch heikles Produkt, das zumeist in verarbeiteter Form, als Marinade, Räucherware oder Konserve, den Weg in das Einzelhandelsgeschäft nahm. [63] Auch seine hohe Saisonabhängigkeit erschwerte den Absatz der Frischware im Handel. [64] Haushaltsrechnungen der späten 1920er Jahre zeigten deutliche regionale Verzehrsunterschiede. In den konsumnahen Küstenregionen – hier gab es abseits der Großstädte auch die Mehrzahl der Fachgeschäfte – lag der Fischkonsum teils dreimal höher als in Süddeutschland. [65]

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Vorschlag für ein Fischwerbeschaufenster 1934 (Edeka DHR 27, 1934, 207)

Während der Weltwirtschaftskrise nahm der Fischkonsum zwar insgesamt ab, doch dies resultierte vornehmlich aus dem Rückgang der Importe. Der Absatz der deutschen Produktion erhöhte sich dagegen leicht. [66] 1933/34 setzte die zurückgefahrene Werbung wieder stärker ein, argumentierte dabei insbesondere mit der Billigkeit des Produktes und den arbeitsmarktpolitischen Wirkungen vermehrten Fischkonsums. [67] Im Rahmen des Reichsnährstandes wurde die übliche Werbung der Produzenten fortgeführt, doch trotz Plakataktionen, aufklärenden Vorträgen, fahrbaren Lehrküchen und einer großen Spezialausstellung auf der „Grünen Woche“ galt: „Die Erfolge dieser Anstrengungen lassen indessen zu wünschen übrig.“ [68] Ein Umschwung hin zum Handel setzte erst ein, nachdem zum einen der organisatorische Umbau der Fischindustrie abgeschlossen war, nachdem zum anderen durch die Versorgungskrise des Winters 1935/36 Fisch als Eiweißträger und Ersatz für Fleisch an Bedeutung gewann. [69] Ende 1936 sah der Vierjahresplan eine Verdoppelung der deutschen Fischfänge bis 1940 vor, sollten Fangflotte und Fischindustrie großzügig ausgebaut werden. [70]

Die Integration des Handels in die Pläne gesteigerten Fischabsatzes unterscheidet sich deutlich, vergleicht man die Maßnahmen seit Ende 1936 und davor. November 1935 gibt es eine erste Themenausgabe in der Deutschen Handels-Rundschau, die die Händler im hergebrachten Sinne aufklärte, sich dabei insbesondere auf Tipps für die sachgemäße Behandlung des Fisches konzentrierte. [71] Erst Anfang 1936 setzen koordinierte Werbemaßnahmen ein. Ziel wer es, neben dem traditionellen Freitag einen weiteren Fischtag einzurichten: Jede Region des Deutschen Reiches wurde an einem bestimmten Wochentag gezielt mit Frischfisch versorgt: Am Montag sollte Fischtag in Baden, Württemberg, Bayern und Schlesien sein, am Dienstag in Westfalen, im Rheinland und Sachsen-Anhalt, usw. Diese Maßnahmen wurden von einer Verbraucheraufklärung durch das Deutsche Frauenwerk sowie Veröffentlichungen in Tageszeitungen und Hausfrauenzeitschriften begleitet. Der Handel hatte die nötige Absatzstruktur vor Ort sicherzustellen, wurde mit Verweis auf die deutsche Devisenlage und die vorhandenen, nun aber auch zu nutzenden Fangkapazitäten in die Pflicht genommen. [72]

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Schaufenster für Räucherwaren und Fischprodukte 1936 (DHR 29, 1936, 235)

Das Ergebnis war allerdings wenig erfolgreich, zeigten sich doch offenkundige Probleme beim Fischverkauf in Nicht-Spezialgeschäften. Die staatlich festgelegten Handelsspannen waren niedrig, der Verderb hoch, und die Verbraucher wurden von qualitativ geringwertiger Ware in ihrer Reserviertheit gegenüber dem Produkt Fisch bestätigt. Dagegen begann nun ein Werbefeldzug in Anzeigen, Plakaten, aber auch und gerade in den Schaufenstern des Fachhandels, der die Gesundheit und den hohen Conveniencegrad der Fischprodukte betonte. [73] Dem Händler wurde geraten, auf seine Kunden im Vorfeld zuzugehen, sichere Verkäufe schriftlich festzuhalten und dann die benötige Menge zu bestellen: „Man nimmt sich zunächst jede Woche einen, vielleicht auch zwei Tage, die immer gleich liegen müssen, vor, an denen man seiner Kundschaft Seefische feilbietet. Sie müssen es ihren Kunden immer wieder einhämmern, daß Sie beispielsweise Donnerstag und Freitag ‚blutfrische Seefische‘ zu verkaufen haben.“ [74]

Derartig handfeste Werbung bedurfte jedoch einer fundierten Infrastruktur – das galt zumindest nach dem Anlaufen des Vierjahresplans. Um die hochgesteckten Konsumziele zu erreichen, hatte der Ausbau von Fischabteilungen bzw. die Einrichtung neuer Fischspezialgeschäfte Priorität. Doch es war nicht der Staat, der hierfür die Mittel aufbrachte. Stattdessen wurde dem gesamten Einzelhandel eine Sonderumlage auferlegt, um so Deutschlands „Nahrungsfreiheit“ zu dienen. [75] Parallel wurde die durch das Einzelhandelsschutzgesetz von 1933 bestehende Beschränkung der Sortimente gelockert. Wer immer eine räumlich getrennte Abteilung einrichten wollte, um das „Fleisches des Meeres“ [76] zu verkaufen, der durfte dies tun. [77] Die Verteilung der Fördergelder übernahm der Anfang 1937 eingerichtete Förderungsdienst des deutschen Fischhandels, der reichsweit Schulungen im Neuwieder Haus für Berufsförderung anbot. [78] Fischkühlschränke wurden verstärkt angeboten, ihr Bezug durch günstige Kredite erleichtert. Auch Konsumenten erhielten Anreize, denn Fisch gab es nun auch auf Verbilligungsscheine für soziale Schwächere. [79]

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Werbung für Fischkühlkästen 1937 (DHR 30, 1937, 639)

Die politischen Vorgaben des Vierjahresplans sollten durch ein Netzwerk „sauberer“, hygienisch einwandfreier, fachkundig geführter Spezialabteilungen und -geschäfte umgesetzt werden. Die Hauptvereinigung der deutschen Fischwirtschaft legte Anfang März 1938 präzise Mindestanforderungen für Fischverkaufsstellen fest, durch dessen Raster die Mehrzahl der Händler fiel, die (Frisch-)Fisch nicht einfach räumlich vom sonstigen Absatz trennen konnten. [80]

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Räumlich getrennte Fischabteilung eines Kolonialwarenladens 1938 (DHR 31, 1938, 946)

Das Ideal eines professionellen Spezialhandels, der zwar langwierig aufzubauen war, der dann aber präzise die Vorgaben der Fischwirtschaft umsetzte, war scheinbar wichtiger als die kurzfristige Umsetzung des Vierjahresplans. [81] Doch zwei weitere Entwicklungen sind zu berücksichtigen. Zum einen gelang es der Fischwirtschaft nicht, die Menge der Anlandungen plangemäß zu erhöhen, denn die Steigerung betrug von 1936 bis 1938 lediglich 20 Prozent. [82] Die Aufrüstung der Marine und der parallel intensivierte Walfang ließen das Programm am Mangel von Seeleuten und der immer offenkundigeren Überfischung der Bestände scheitern. Parallel begann man im Deutschen Reich – auch unter Versorgungsaspekten für die Wehrmacht – ab 1939 mit dem Aufbau einer Tiefkühlkette. Sie erforderte neuartige Technik im Laden, die im Rahmen des bestehenden Handels kaum möglich schien. [83]

Die Handelsorganisationen setzten ihre Aufgaben durchaus um, warben in ihren Schaufenstern für Fischerzeugnisse, klärten in ihren Kundenzeitschriften die Verbraucher auf. [84] Doch auf Filetgewicht berechnet, stagnierte der Absatz zwischen 1936 und 1938 praktisch (7,7 bzw. 7,8 Kilogramm). Die nationale Haushaltsrechnungserhebung von 1937 ergab keine Verschiebungen der regionalen Verzehrsunterschiede. [85] Die Verbrauchslenkung hatte sich im Kern als Fehlschlag erwiesen, die Versorgungsengpässe bei Fleisch Anfang 1939 zeigten dies mehr als deutlich. [86] Mit Beginn des Krieges kam die Hochseefischerei größtenteils zum Erliegen, der Fischkleinhandel verzeichnete sofort „einschneidende Umsatzrückgänge“ [87].

Der Misserfolg dieses Bereichs der Verbrauchslenkung zeigte zum einen, dass Ernährungsgewohnheiten kulturelle Eigendynamiken besaßen, die durch Appelle und Anreize allein kaum zu steuern waren. Die anfangs mangelhafte Integration des Handels in die Fischwerbung verwies auf Wirkungsmodelle, die von der Allmacht werblicher Kommunikation im Konsumsektor ausgingen. Die sicherlich auch vor dem Hintergrund zunehmend professioneller Marktforschung zu sehende Integration des Handels in die Verbrauchslenkung komplettierte zwar seit 1936/37 die Maßnahmenpalette staatlicher und wirtschaftlicher Maßnahmen. Doch die Wahl zwischen mehr Fleisch oder mehr Fisch fiel den meisten Volksgenossen – angesichts von Vollbeschäftigung und wachsenden Einkommen – leicht.

3.3 Versorgungspflicht und Sozialpolitik – Der Ladenschluss als Strukturproblem

Die moderne Ladenschlussregelung bildet einen Kompromiss zwischen den sozialpolitischen Ansprüchen der Händler und Beschäftigten einerseits, den Verwertungsimperativen der Händler bzw. den zeitlich an sich nicht begrenzten Konsumwünschen der Verbraucher andererseits. Die 1891 einsetzende Gesetzgebung hatte unter vorrangig sozialpolitischen Zielen zu einer begrenzten Sonntagsruhe und verbindlichen werktäglichen Öffnungszeiten geführt. Auch 1933 galt noch im Wesentlichen die Verordnung vom 5. Februar 1919, die – mit branchenspezifischen Ausnahmen – einen werktäglichen Ladenschluss in der Zeit von 19 bis 7 Uhr festschrieb, die ferner den Sonntag – wiederum mit gewissen Ausnahmen – grundsätzlich als Ruhetag deklarierte.

Während der Weimarer Republik hatten die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels und viele Handelskammern immer wieder flexiblere Lösungen gefordert, um zu bestimmten Hochfesten und Jahreszeiten sowie in bestimmten Regionen öffnen zu können. Während der Weltwirtschaftskrise blieben diese Forderungen bestehen, aufgrund der Absatzprobleme traten sie jedoch in den Hintergrund. So bestand unmittelbar nach der Machtzulassung kein Regelungsbedarf für die neuen nationalsozialistischen Machthaber. Gleichwohl gab es 1933/34 innerhalb der Deutschen Arbeitsfront gezielte Bestrebungen der Vertreter der Handlungsgehilfen, für bestimmte Branchen und Regionen einen früheren Ladenschluss einzuführen. Die Folge war eine „erhebliche Beunruhigung bei den Inhabern der Ladengeschäfte“. Der Reichsarbeitsminister beruhigte, sah in den lokalen Initiativen lediglich unverbindliche Versuche. Der geltende Ladenschluss schien ihm ein tragbarer Kompromiss zwischen verschiedenen Gruppen der Volksgemeinschaft, denn „die Ladenzeiten des Einzelhandels bedeuten nicht nur ein gesetzlich festgelegtes Recht des Kaufmanns, sondern auch die Pflicht, allen Bevölkerungsreisen eine möglichst gute Gelegenheit zur Bedarfsdeckung zu sichern.“ [88] Statt gesetzlicher Maßnahmen gab es gezielte Appelle an die Konsumenten, ihre Verkäufe über den ganzen Tag zu verteilen, insbesondere die Zeit von 18 bis 19 Uhr möglichst den Berufstätigen zu überlassen. [89] Und durch das Automatengesetz vom 6. Juli 1934 erhielten die Einzelhändler neue technische Möglichkeiten, auch nach Ladenschluss ihre Kunden mit Waren zu versorgen. [90] Auch die Einbindung des Ladenschlusses in die neue Arbeitszeitordnung vom 16. Juli 1934 ergab keine Änderung der bestehenden Regelungen. [91]

Doch mit Erreichen der „Vollbeschäftigung“ begannen seit spätestens 1937 neuerliche Bemühungen um verringerte Ladenöffnungszeiten. Am Samstag sollte der Ladenschluss auf 16 Uhr vorverlegt werden, da nur so eine „wirkliche Erholung in Form des Wochenendes“ [92] möglich sei. Abermals wurde eine gesetzliche Neuregelung abgelehnt, abermals die umfassende Erziehung des Verbrauchers gefordert. [93] Doch die neuen sozialpolitisch und volksbiologisch begründeten Gesetze über Kinderarbeit bzw. die Arbeitszeit der Jugendlichen führten zu wachsenden Problemen, die Läden während der gesamten Öffnungszeiten auch durchgehend zu öffnen. [94] Entsprechend begannen 1938 breite Diskussionen über den Mittagsladenschluss, denn viele Händler weiteten ihn aus, um den gesetzlichen Höchstarbeitszeiten ihrer Lehrlinge zu genügen. Außerdem nahm die Zahl der Betriebsurlaube zu, während der Geschäfte geschlossen wurden. [95] Die wachsende Heterogenität der an sich einheitlich geregelten Ladenöffnungszeiten wurde noch größer, als 1938/39 die Händler einzelner Orte bzw. Einzelgeschäfte freiwillig früher schlossen. [96]

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Strukturproblem Ladenschluss – hier als Anlass für Verpackungen (DHR 29, 1936, 945)

Diese Eigeninitiativen nahm das Reichswirtschaftsministerium zum Anlass für eine Grenzziehung. Am 31. Mai 1939 erging die Anordnung zur Verhinderung von Ladenzeitverkürzungen, deren Durchführungsverordnung die Prioritäten der NS-Politik deutlich machte: „Bei der Handhabung der Anordnung ist besonders zu berücksichtigen, daß der Vierjahresplan von weiten Volkskreisen verlängerte Arbeitszeiten und äußersten Einsatz verlangt; es muß deshalb unter allen Umständen dafür Sorge getragen werden, daß gerade auch den bis zum späten Nachmittag arbeitenden Volksgenossen die notwendigen Einkäufe nicht erschwert oder überhaupt unmöglich gemacht werden.“ [97] Die Ruhe an der Käuferfront war wichtiger als die sozialpolitisch erwünschten Arbeitszeitverkürzungen der Händler und Angestellten. Die schon 1934 erwähnte Versorgungspflicht der Läden trat nun immer stärker in den Vordergrund – entsprechend waren zuvor 1938 die Öffnungszeiten im ländlichen Raum im Sommer auf 21 Uhr erweitert bzw. die Ladenöffnungszeiten an den verkaufsoffenen Sonntagen von 18 auf 19 Uhr erhöht worden. [98] Parallel zeigte sich, dass die Kontrolldichte der Aufsichtsbehörden so gering war, dass Sonntagsruhe und Ladenschluss regelmäßig nicht eingehalten wurden. [99] Sozialpolitik wurde beschworen, angesichts anderer aktueller Prioritäten jedoch zurückgestellt. Der Einzelhandel hatte zu dienen, wollte er verdienen.

Der Primat der Versorgungspflicht zeigte sich dann in reiner Ausprägung während des Krieges. Die Verordnung über den Ladenschluss vom 21. Dezember 1939 [100] gründete bewusst auf Kriegssonderrecht, kehrte sie doch erstmals in der deutschen Geschichte den Ladenschlussgedanken um: Die Läden mussten nun nicht mehr zu bestimmten Zeiten geschlossen, sondern vielmehr bis 18 Uhr (Gebrauchsgüterhandel ohne Mittagspause) respektive 19 Uhr (Lebensmittelhandel mit Mittagspause) offen gehalten werden: „Wenn heute die Verbraucherversorgung als Aufgabe und volkswirtschaftliche Pflicht des Einzelhandels angesehen wird, so kann es nicht mehr vollständig in das Belieben des einzelnen Betriebes gestellt sein, ob und in welchem Umfange er dieser Verpflichtung nachkommen will.“ [101] Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung des Ersten Weltkrieges, als die katastrophale Versorgungslage die Unfähigkeit der Regierung in elementaren Basisbereichen verdeutlichte, hatte die regelmäßige und sichere Versorgung der Verbraucher Priorität vor unternehmerischer Selbstbestimmung oder dem Wunsch nach Freizeit. Es galt der Volksgemeinschaft bzw. dem leeren Abstraktum Deutschland Opfer zu bringen: „Dazu ist vor allem auch die innere Bereitschaft des Einzelhandels, sich seiner schwierigen und oft undankbaren Kriegsaufgabe mit Hingebung und Geduld zu widmen, ebenso notwendig wie Verständnis, Selbstbeherrschung und Selbsterziehung auf der Seite der Käufer. Diese mit dem Verzicht auf persönliche Wünsche, Gewohnheiten und Bequemlichkeiten verbundene Haltung und Unterordnung unter die Notwendigkeiten der Gesamtheit muß im Kriege auch von jedem Deutschen in der Heimat erwartet werden.“ [102]