„Ramschbazar“ und Einzelhandelspionier: Das Berliner Magazin A. Lubasch

Die zahlreichen, häufig kulturalistischen Studien über die „Warenhausgesellschaft“ vor dem Ersten Weltkrieg können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bis heute eine zufriedenstellende Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Warenhäuser im Kaiserreich – und auch danach – schlicht fehlt. Diese Großbetriebe sind ein selbstreferenzieller Mythos geworden, passen sie doch perfekt in gängige, auch geschichtspolitisch nutzbare Narrative: Warenhäuser stehen für die Demokratisierung des Konsums, die Emanzipation leistungsbereiter und transnational lernfähiger jüdischer Unternehmer, für neue Freiräume von Frauen, für die Gefährdungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch Antisemiten, Nationalisten und Antikapitalisten. All das ist nicht falsch, doch es ist Stückwerk, nicht eingebettet in die Gesamtentwicklung der Gesellschaft, des Einzelhandels und der breiten Fülle schon zuvor entstandener anderer erfolgreicher Betriebsformen. Auch wenn dies vielfach auf intellektuelle Bequemlichkeit zurückzuführen ist, so hört man doch eher den resignativen Verweis auf die höchst prekäre Quellenlage, zumal in Deutschland mit seiner rückständigen Digitalisierungskultur. Ja, jede Anstrengung bleibt unbefriedigend, kann aus verstreuten Hinweisen bestenfalls ein fragmentiertes Mosaik zusammenzusetzen.

Das gilt auch – leider – für die vorliegende kleine Fallstudie über das Magazin A. Lubasch, das in den 1890er Jahre in einem Atemzug mit den damals aufstrebenden Warenhäusern und den großen Kaufhäusern genannt wurde. Der vagabundierende Intellektuelle Leo Colze (1880-1918) schrieb kurz nach der Jahrhundertwende: „Im Anfang also in Berlin war ‚Lubasch‘ in der Oranien- und Rosenthalerstraße. Er war Vorläufer der Berliner Warenhäuser“ (Berliner Warenhäuser, 3. Aufl., Berlin/Leipzig o.J., 56). Colze feierte in seinem viel zitierten Büchlein die erfolgreichen Warenhäuser, doch er wusste noch um die Verlierer des Ringens um die Kundschaft: „Lubasch machte es sich aber größtenteils zum Prinzip, nur Partiewaren zu führen, und baute die einzelnen Rayons nicht aus. Er kaufte alles Mögliche zusammen. So bekam er auch u. a. fertig, große Lager Tapeten, verschiedene Waggons Gummischuhe, etwa eine halbe Million Paar zu kaufen, von denen er noch heute übrig haben soll. Bekannt war ja besonders die Art seiner Auszeichnung mit Kreide auf alten Pappdeckeln“ (Ebd.). Das Magazin A. Lubasch hat keine archivalische Überlieferung hinterlassen. Seine Kundenansprache erfolgte vielfach abseits des Annoncenwesens, repräsentative Bilder der Läden und auch des Leitungspersonals fehlen. Eine Annäherung ist nur indirekt möglich, über Resonanzen der Firma bei Gegnern und Zeitgenossen. Schauen wir also, wie weit wir bei diesem Puzzle kommen…

Langsames Wachstum im Familienverbund

Beginnen wir mit dem Geschäftsbetrieb selbst (und sollte ihnen die Rekonstruktion eines jahrzehntelangen mühseligen Betriebswachstums zu kleinteilig kann, übergehen sie ruhig die nächsten zweieinhalb Seiten). Im Berliner Adressbuch finden sich schon vor der Jahrhundertmitte ein „Handelsmann“ Lubasch, in der Lietzmannsgasse 2, also östlich vom Alexanderplatz, neben der damaligen Judengasse (Berliner Adressbuch 1849, 86). 1854 wurde dann ein Putz- und Modewarenhändler namens L. Lubasch in der nahe gelegenen Königsstr. 22 erwähnt (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin und Umgebungen 1854, 319). Drei Jahre später tauchte er als „Galanteriewaarenhändler“ in der Prenzlauerstr. 40 auf, wiederum in der unmittelbaren Nachbarschaft seines früheren Standortes. Damals trat jedoch auch ein „Weißwaarenhändler“ S.A. Lubasch hervor (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1857, 269). Er residierte in der Neuen Friedrichstraße 66a, also weiter südlich und westlich vom Alexanderplatz. Bei diesen beiden kleinen Händlern handelte es sich um Seelig Abraham Lubasch und seinen Sohn Levy Lubasch.

01_Überblickskarte Familie Lubasch

Überblickskarte der Geschäftssitze der Familie Lubasch 1849-1870 (1: Lietzmanngasse 2 (1849); 2: Königsstraße 22 (1854); 3: Prenzlauerstraße 40 (1857); 4: Neue Friedrichstraße 66a (1857); 5: Alte Jakobsstraße 73 (1860); 6: Weberstraße 30 (1860); 7: Kommandantenstraße 44 (1863); 8: Oranienstraße 59 (1870))Gib eine Beschriftung ein

Seelig Abraham Lubasch wurde 1797 in Posen geboren und heiratete Henriette Jette Lubasch, geb. Cohn (dagegen vermerkt Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556 den Geburtsnamen Jacob). Sie hatten zwei Söhne, Levy (1824-1894) und Philipp (1845-1909), sowie wahrscheinlich fünf Töchter, nämlich die in Filehne, Posen geborene Caroline (1830-1885), Ernestine (*1830), Berta (*1834) sowie die im nahegelegenen Schönlanke geborenen Zwillinge Julie (1843-1913) und Rebecca (1843-1892). Die Lubaschfamilie war Teil des Mitte des 19. Jahrhunderts noch starken Landjudentums in den preußischen Ostprovinzen, doch stand ebenso für dessen Wanderung in größere Städte, hier nach Berlin. Untypisch war dagegen Seelig Abraham Lubaschs Tätigkeit als Brauer, die lange Zeit vor dem Handelsgeschäft stand. Die Namenswahl der Kinder deutet auf eine offenkundige Assimilationsbereitschaft. Seelig Abraham Lubasch dürfte dem Reformjudentum eines Abraham Geiger (1810-1874) nahegestanden haben, zumindest spendete er für die von diesem Rabbiner propagierte jüdisch-theologische Fakultät in Leipzig (Allgemeine Zeitung des Judenthums 2, 1838, 339), auch wenn eine solche erst 1854 in Breslau entstand.

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Messehandel von Alexander Lubasch 1860 (Magdeburgische Zeitung 1860, Nr. 39 v. 15. Februar, 11)

Anzeigen des frühen Handelsgeschäftes in Berlin konnte ich nicht finden, wohl aber einige Angaben in der Magdeburgischen Zeitung. Anlässlich der dortigen Frühjahrs- und Herbstmessen finden wir in den späten 1850er Jahren regelmäßig Anzeigen der Familie Lubasch, die dort an einem Handelsstand Gummischuhe verkauften, durchweg amerikanischer, teils französischer Herkunft. Es unterschrieben L., P. und A. Lubasch, also wohl Levy Lubasch, sein jüngerer Bruder Philipp Lubasch und Levys Sohn Alexander Lubasch (Magdeburgische Zeitung 1856, Nr. 24 v. 29. Januar, 6; ebd. 1857, Nr. 41 v. 18. Februar, 7; ebd. 1857, Nr. 223 v. 24. September, 7; ebd. 1858, Nr. 34 v. 10. Februar, 7). Die Lubaschfamilie handelte in den späten 1850er Jahren demnach mit Gebrauchsgütern, betrieb sowohl Markt- als auch Ladenhandel, verkaufte vorrangig Fertig- aber auch noch gebrauchte Waren. Ihre Geschäfte standen damals zwischen den tradierten Formen des Trödel- und Hausierhandels und den neuen, durch Judenemanzipation und Gewerbefreiheit ermöglichten Arten ladengebundenen Absatzes.

Kleine Geschäfte dieser Art hatten zumeist eine geringe Kapitalkraft, eine nur geringe Betriebsdauer und immer wieder neue Verkaufslokalitäten. 1860 findet man Seelig Abraham Lubasch entsprechend in der Alten Jakobsstraße 73, Loewy Lubasch dagegen in der Weberstraße 30 – beide allerdings kontinuierlich als Galanteriewaren-, resp. Weißwarenhändler (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1860, Berlin 1860, 301). Die langsame Südwanderung der Lubaschfamilie hielt an, endete aber nun im Stadtteil Kreuzberg. Hier etablierte man sich. Levy firmierte bis 1868 noch in der nördlich gelegenen Weberstraße, zuletzt als Inhaber eines Posamentier- und Weißwaaren-Geschäftes (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1868, Berlin 1868, 400). Zwei Jahre später erschien er nach wie vor als Inhaber eines Posamentier- und dann Kurzwarengeschäftes, doch trat am neuen Kreuzberger Standort Oranienstraße 59 das Großhandelsgeschäft mit Schwämmen immer stärker in den Vordergrund (Allgemeine Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1870, Berlin 1870, 498). Levy Lubasch begann dieses spätestens 1867, und es ersetzte peu a peu das Kleinhandelsgeschäft mit Kurzwaren (Berliner Gerichts-Zeitung 15, 1867, Nr. 59 v. 21. Mai, 4; Berliner Gerichts-Zeitung 16, 1868, Nr. 34 v. 21. März, 6). 1880 gründete er eine gesonderte Großhandelsfirma und erteilte seinem Sohn Alexander Prokura. 1882 nahm er ihn auch als Gesellschafter des Unternehmens auf; und dieses florierte, expandierte später auch international (Berliner Börsenzeitung 1880, Ausg. v. 8. Oktober, 14; Berliner Tageblatt 1882, Nr. 586 v. 13. Dezember, 4; Amtsblatt zur Wiener Zeitung 1889, Nr. 259 v. 9. November, 733). Levy Lubasch starb am 6. Juni 1894, doch der Schwammgroßhandel wurde von seinem Sohn erst fortgeführt und schließlich an neue Inhaber verkauft, die anfangs noch den eingeführten Namen Lubasch nutzen (Volks-Zeitung 1894, Ausg. v. 7. Juni, 3; Berliner Adreßbuch 1899, Bd. 1, 898).

Alexander Lubasch war es auch, der 1863 ein Handelsgeschäft gründete, dass später zum Magazin A. Lubasch werden sollte (Volks-Zeitung 1895, Nr. 189 v. 24. April, 4). Es lag an der Kommandantenstraße 44, unmittelbar an der Einmündung zur Hauptverkehrsachse dieses Viertels, der Oranienstraße (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1864, Berlin 1864, 342). Zu diesem Zeitpunkt war das Posamentier- und Weißwarengeschäft von Seelig Abraham Lubasch bereits an seine Gattin übergegangen, er selbst starb am 4. April 1864 (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1863, Berlin 1863, 323). Es ging dann in das neue Handelsgeschäft auf. Doch es blieb nicht dabei: 1866 gründete Alexander Lubasch eine Papier- und Pappenfabrik in der Stallschreiberstrasse 32, abermals in direkter Nachbarschaft. 1868 heiratete er und verkaufte im selben Jahr die Fabrik an seinen Onkel Philipp Lubasch (Nationalzeitung 1868, Nr. 195 v. 26. April, 9; Christoph Sandler, Handbuch der Leistungsfähigkeit der gesammten Industrie des Preussischen Staates, Leipzig 1873, 11). Er sollte spätestens 1870 dann das „Posamentier- und Kurzwaarenlager“ in der Kommandantenstr. 44 übernehmen. Die genauen Umstände sind unklar, doch denkbar ist, dass dies parallel mit dem Neubau der Immobilie durch die Präge-Anstalt für Luxus- etc. Papier von Hennig erfolgte (Berlin und seine Entwicklung 5, Berlin 1871, 130).

Wer war nun Philipp Lubasch, der das Magazin A. Lubasch zu einem der bekanntesten Geschäfte Berlins ausbauen sollte? Es gibt nur karge Daten. Demnach wurde er am 27. Februar 1845 (seine Heiratsurkunde – Landesarchiv Berlin, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874-1920, Berlin I, 1890, Nr. 676 – gibt 1841 an) im pommerschen Schönlanke als Sohn von Seelig Abraham und Jette Lubasch geboren. Er starb mit 64 Jahren am frühen Nachmittag des 5. September 1909 in Berlin-Charlottenburg (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556). Lubasch heiratete am 14. August 1890, im relativ hohen Alter von 45 Jahren, die damals 24-jährige Auguste Friedländer. Die Tochter des schon verstorbenen Kaufmanns Joseph Friedländer und seiner Ehefrau Mathilde hatte am 30. September 1865 in Osterrode in Ostpreußen das Licht der Welt erblickt und war „ohne besonderen Beruf“. Sie gebar am 15. Juli 1891 einen Sohn, Kurt, und am 15. Juni 1893 eine Tochter, Lili Mathilde Henriette. Bereits am 26. Juli 1896 verstarb sie 30-jährig. Wahrlich karge Daten, doch sie deuten auf ein Leben voller Arbeit und im Familienkreis hin. In der teils digitalisierten jüdischen Presse des späten 19. Jahrhunderts taucht Philipp Lubasch nicht auf, ähnliches gilt für eine Reihe führender Berliner Tageszeitungen. Selbst die im 19. Jahrhundert gängigen Fremdenlisten enthalten nur einen einzigen Auslandsurlaub, nämlich 1882 in Österreich (Ischler Bade-Liste 1882, Ausgabe v. 1. August, 4). All das ist wenig für das Leben eines lange Zeit erfolgreichen Unternehmers.

Ähnliches gilt für die eigentliche Aufstiegsphase des Magazins bis in frühen 1890er Jahre. Lubasch reüssierte nicht im Zentrum Berlins, auch wenn das Modehaus Herrmann Gerson oder das Kaufhaus Rudolph Hertzog kaum ein Kilometer entfernt waren. Doch Kreuzberg war B-Lage, ein relativ armes Viertel mit 1890 ca. 300.000 Einwohnern, die Mehrzahl Arbeiter, kleine Leute. „Straße auf, Straße ab stand in oft sehr langen Reihen die glatte Mietskaserne, die Berlin in den sechziger Jahren für den plötzlich eindringenden Zuwanderstrom geschaffen hatte. Und in den Erdgeschossen waren, so weit es das Bedürfnis verlangte, einfache Läden geschaffen, die nach alter Sitte trocken und sachlich ihre Waren auslegten. […] Statt daß die Waren ordentlich aufgebaut waren, lagen sie in Haufen im Fenster. Die Preise, nicht zu Fünfern und Zehnern abgerundet, waren auf gelben Zetteln angegeben“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510 v. 7. Oktober, 1-2). Und doch bot das Viertel gute Wachstumsbedingungen, war es zugleich Zentrum der exportorientierten Konsumgüterindustrie, ein nahezu ideales Umfeld für die Erweiterung von Sortimenten, sei es durch Schmuck und Inneneinrichtungen, durch Lederwaren oder Besatzartikel (Peter Stürzebecher, Das Berliner Warenhaus, o.O. o.J. (1979), 13).

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Betriebswirtschaftliches Vorbild: Anzeige eines Wanderlagers auf der Karlsruher Messe 1888 (Karlsruher Tageblatt 1888, Nr. 306 v. 7. November, 4191)

Lubasch nutzte Einkaufsgelegenheiten, kaufte billige Ware aus der Nachbarschaft, aus gescheiterten Transaktionen und brachte diese dann unter die Leute. Diese Idee stammte von den sogenannten Wanderlager und Wanderauktionen (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, München 1999, 277-293). Durch das Freizügigkeitsgesetz von 1867 und die neue Gewerbeordnung im Norddeutschen Bund von 1869 fielen die früheren Begrenzungen des Gewerbebetriebes im Umherziehen, zumal die Steuerlast. Das zunehmend dichtere Eisenbahn- und Straßennetz erlaubte den Aufkauf großer Warenpartien, deren kurzfristige Konzentration an Verkaufsorten und einen raschen Abverkauf von Textilien, Kurzwaren, von Porzellan, Glas und Haushaltsgegenständen. Die Wanderlager verkauften beliebige Waren, waren nicht länger an bestimmte Sortimente gebunden. Vieles von dem, was fälschlich als typisch für die späteren Warenhäuser galt, wurde von ihnen praktiziert: Barzahlung, hohe Umschlagsgeschwindigkeiten und relativ niedrige Gewinnspannen dank geringer Fixkosten und großem Warenabsatz. Wanderlager und Wanderauktionen waren jedoch nicht stationär. Sie mieteten für kurze Zeit Verkaufsräume an, zogen dann weiter zum nächsten Ort. Der beträchtliche Erfolg dieser Unternehmen in den 1870er Jahren führte zu einer ersten massiven Mobilisierung des stehenden Gewerbes, zumal der kleineren lokal verankerten Händler. Sondersteuern halfen sie zu begrenzen, doch ihre Bedeutung blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beträchtlich. Wichtiger aber noch ist, dass ihre Grundideen auch im ladengebundenen stationären Handel vordrangen. Die Gründerkrise führte seit 1873 zu einer Vielzahl von Konkursen – und es entwickelten sich zahlreiche Partiewarengeschäfte, die Warenlager zu niedrigen Preisen absetzten. In Berlin waren das vielfach Unternehmen jüdischer Händler, etwa von Leopold Simonsohn oder Gustav Meyer (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 6. August, 7; ebd., Ausg. v. 24. September, 8). Partiewarengeschäfte dienten aber nicht nur dem Absatz von Konkurswaren, sondern zunehmend auch als Puffer für die riskante Produktion von Modewaren. Davon sollte insbesondere das Magazin A. Lubasch profitieren.

Ausgangspunkt soll ein größerer Posten Handschuhe gewesen sein. Dieser wurde mit Aushängen und Auslagen kräftig beworben. Der Absatz stieg und Lubasch nahm „immer neue Waren auf und immer neue Räume hinzu. Schließlich waren es viele Läden mit ihren dunklen Hinterräumen, in denen man die allerverschiedensten Dinge aufgestapelt sah: Pfefferkuchen, Seidenbänder, Schuhe, Heiligenbilder, Spielzeug, Handschuhe und Stiefelwichse“ (Das erste Warenhaus in Berlin, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 525 v. 15. Oktober, 2). Diese im Rückblick anekdotisch dargebotene Entwicklung erscheint recht zufällig. Doch Lubasch baute in den 1880er Jahren nicht nur sein Sortiment an Kurz- und Besatzwaren stark aus, sondern ergänzte es peu a peu um neue dauerhaft geführte Warengruppen. 1891 wies das Magazin „Posamentier-, Weißwaaren-, Strumpf-, Glas- und Porzellan“-Abteilungen auf (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.). Da ein Großteil des Einzelhandels nach vermeintlich zusammenhängenden Warengruppen organisiert war, erschien die Konzentration derartig vieler heterogener Waren in einem Geschäft als neuartig und ungewöhnlich. Es ist daher kein Zufall, dass Lubasch schon 1891 als „Waarenhaus“ bezeichnet wurde (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6) – also lange bevor der Konkurrent Wertheim diese Bezeichnung für sich wählte und kurz bevor das erste „richtige“ Warenhaus, der nur kurzlebige Berliner Kaiser-Bazar, am 15. April 1891 seine Pforten öffnete. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Lubasch auch über eigene Produktionskapazitäten, um einerseits Saisonwaren herzustellen, zum anderen aber Modewaren rasch umzuarbeiten (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8 mit Verweis auf Webereikapazitäten).

Das Magazin A. Lubasch stand in der Tradition der sogenannten Bazare, also von Vertriebsstätten billiger Gebrauchsgüter für klein- und unterbürgerliche Käufergruppen. Ausverkäufe und „krumme“ Preise waren für sie gängige Wettbewerbsmittel, ebenso die dezidierte Nutzung der eigenen Fassaden und der Schaufenster für Reklamezwecke. Sie führten zudem sogenannte Einheitspreise ein. Das tat Lubasch nicht. Doch gerade seine direkte Werbung durch Warenauslagen, Handzettel und eine größere Zahl von Schaufenstern brach mit Vorstellungen des gediegenen Fachhandels, der mit der Qualität von Waren und Service überzeugen wollte. Die Anfang der 1890er Jahre nochmals intensivierte Sortimentsausweitung orientierte sich an Kundenwünschen: „Besonders die Damen der Vororte, welche nicht so häufig nach Berlin hineinfahren möchten und doch grade dort ihre Weihnachtseinkäufe besorgen wollten, fänden es ungemein bequem, an nur eine Stelle kaufen zu können und doch auch an dieser eine recht große Auswahl verschiedenster Artikel vorzufinden. Und so werde denn Alles, was irgend dort zu bekommen sei, bei Wertheim, Lubasch etc. gekauft, während die Geschäftsleute in den Vororten sehen könnten, wo sie bleiben“ (Friedenauer Lokal-Anzeiger 1, 1894, Nr. 78 v. 19. Dezember, 1).

In solchen Zitaten spiegelt sich der Widerstand, den Lubasch, ebenso wie andere Pioniere der Branche, rasch zu spüren kam. Neben dem Vorwurf, die kleinen Händler um die ihnen zustehenden Kunden zu bringen und damit deren Untergang herbeizuführen, trat jedoch eine strikte Kritik an den billigen Konsumgütern. Sie seien nicht mehr von handwerklicher Qualität, etwa Schuhe oder Kleidung. Sie seien „Schundwaare“ (Pluto, Schundwaare, Die Zukunft 8, 1894, 43-46), billig und schlecht. Die „Uniformität der Bazarwaaren“ würde die Individualität der Käufer missachten (Rud[olf] Grätzer, Großmagazine und Kleinhandel, Blätter für Genossenschaftswesen 39, 1892, 238-240, hier 240). Das Magazin A. Lubasch stand Anfang der 1890er Jahre im Mittelpunkt von breiter geführten Debatten über die Durchsetzung massenhaft produzierter Konsumgüter als wichtiges Element der Wohlfahrtssteigerung moderner Konsumgesellschaften. Es galt als „Ramschbazar“ – und wir werden darauf noch zurückkommen. Festzuhalten aber ist, dass Lubasch Anfang der 1890er Jahre mit deutlich über einhundert Beschäftigten eine Ausnahme im Kleinhandel war. Er verkörperte ein Prinzip, das den langfristigen Trend in eine Dienstleistungsleistungsgesellschaft tragen sollte, dass nämlich „unter den heutigen Produktionsverhältnissen an den zum Verbrauch gelangenden Materialien weit mehr verdient wird, als an der Arbeit selbst“ (Max Broesicke, Das Berliner Tapeziergewerbe, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 1, T. 1, Berlin 1895, 107).

Philipp Lubasch, ein patriarchaler Arbeitgeber

Die Geschichte des Magazins A. Lubasch ist auch die Geschichte eines frühen Aufbegehrens der Beschäftigten im Handelsgewerbe gegen einen patriarchalischen Unternehmer, der sich als Herr im eigenen Haus sah und Widerspruch, gar eine organisierte Interessenvertretung, nicht akzeptierte. Dies entsprach dem Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, der vornehmlich durch den aufrüttelnden Streik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1889 auf die öffentliche Agenda gebracht wurde. Arbeiterkommissionen, vielfach noch erfüllt von Treuevorstellungen gegenüber Herrscher und gerechter Obrigkeit, drangen damals wortwörtlich bis vor die Stufen des Throns. Auch wenn der Streik ohne direkten Erfolg blieb, begann doch spätestens mit der Übernahme des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe durch Hans von Berlepsch (1843-1926) und die Kanzlerschaft Leo von Caprivis (1831-1899) ein „Neuer Kurs“, der nicht allein in einer liberaleren Zollpolitik, sondern auch in einer neuen Sozialpolitik, einer neuen Gewerbeordnung mündete. Getragen von breiten bürgerlichen Schichten, bekämpft von Linksliberalen, den ab 1890 nicht mehr verbotenen Sozialdemokraten und Konservativen, etablierte sie neuartige Schutzrechte auch im Handelsgewerbe. Die Begrenzung der Arbeitszeiten und eine langsame Reduktion der Sonntagsarbeit mochten zwar noch Stückwerk sein, doch sie setzten einen langwierigen und von strikten Auseinandersetzungen geprägten Prozess in Gang, der dann vor allem in der Weimarer Republik zu umfassenderen Verbesserungen der Lage der Angestellten im Handel führte (vgl. Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

Die Arbeiterbewegung stand derart moderaten Verbesserungen anfangs kritisch gegenüber. Der Aufstieg von Großbetrieben im Kleinhandel war für ihre Repräsentanten eine Bestätigung der simplen Gesellschaftsmechanik des Kapitalismus. Lubasch zahlte seinen Webern mittlere Löhne von 15-19 Mark pro Woche. Doch dies wurde als Hungerlohn verstanden, nicht als eine Verbesserung gegenüber dem bei 12 Mark liegenden Lohnniveau der in Berlin weit verbreiteten Hausindustrie (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8). Stattdessen dominierte das Marxsche Verelendungstheorem: „Die ganze Organisation des großen Betriebes ‚spart‘ ungeheuer an Arbeit. Durch Provisionen und Prämien wird der Eifer der Angestellten auf das Aeußerste angespornt. Die Löhne sinken hier am leichtesten, weil das große Geschäft eine dauernde Anstellung zu verbürgen scheint und weil die Thätigkeit darin eine Empfehlung für die Zukunft ist. Alle Raffinements der Ausbeutung und des Lohndruckes: Hausordnungen, Strafgelder, periodische Abstoßung und Heranziehung von Arbeitskräften, können hier ungehindert zur Anwendung kommen“ (Der Großbetrieb im Detailhandel, Die Neue Zeit 9, 1890/91, 617-624, hier 622).

Das Magazin A. Lubasch stand seit Anfang der 1890er Jahre vor allem wegen seiner Mitte der 1880er Jahre erlassenen Arbeitsordnung in der Kritik der Sozialdemokratie. Dabei handelte es sich um ein rigides Regelwerk, das Arbeitszeiten und Verhaltensweisen der Angestellten detailliert festlegte. Pünktlichkeit wurde verlangt, Unpünktlichkeit mit Lohnabzug sanktioniert. Saubere und dunkle Kleidung, festes Schuhwerk und weiße Wäsche waren vorgeschrieben, mussten von den Angestellten selbst bezahlt werden. Die Arbeitsordnung regelte das Odeur der Bediensteten, verbot etwa warme Speisen, Knoblauchwürste, alle Sorten Käse, Radieschen und Schnittlauch. Mutwillig oder fahrlässig beschädigte Ware musste ersetzt werden, nicht nur von Einzelnen, sondern auch von allen Angestellten einer Abteilung, sollte der Täter nicht ermittelt werden können. Auf viele Vergehen stand die unmittelbare Kündigung. Besonders kritisiert wurde, dass bei Krankheit nicht nur kein Lohn gezahlt wurde, sondern dass binnen zwei Stunden der Grund des Fernbleibens vom Arbeitsplatz mitgeteilt und binnen zehn Stunden ein ärztliches (und das heißt kostenträchtiges) Attest eingereicht werden musste (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6). Lubasch hätte wohl auf die aus seiner Sicht hohen Löhne verwiesen (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.), ebenso auf die sehr ähnlichen Arbeitsordnungen anderer Handelsgeschäfte. Sozialdemokraten sahen dagegen eher Analogien zum industriellen Sektor, wo gerade in der Textil- und Schwerindustrie Arbeitsordnungen genutzt wurden, um die Risiken gewerblicher Arbeit einseitig den Beschäftigten aufzubürden.

Philipp Lubasch leitete sein Magazin wie ein Patriarch. Er bestimmte, die Angestellten hatten sich an seine Anweisungen zu halten. Anfang September 1893 kam es jedoch zum Eklat. In der neuen Filiale in der Rosenthalerstraße fiel Ende August eine Unterschlagung auf – und der Missetäter wurde fristlos entlassen. „Gleichzeitig verbreitete sich aber auch im Geschäft das Gerücht, daß Herr Lubasch seine sämmtlichen Angestellten im Verdacht habe, von dem Diebstahl gewußt zu haben. Das war dem Personal doch etwas zu stark; trotz ihrer gedrückten Lage hatten sich 85 Personen, Damen und Herren, etwas bewahrt, was man im gewöhnlichen Leben Ehrgefühl nennt.“ Sie trafen sich nach Dienstschluss und verabschiedeten nach zehn Minuten Diskussion einen Brief an Philipp Lubasch, in dem sie eine genaue Untersuchung forderten, sich zugleich aber dessen Unterstellungen verbaten. Der Patriarch erfuhr davon und entließ am nächsten Morgen den vermeintlichen Rädelsführer. Doch dabei blieb es nicht: „Herr Lubasch ging zu jedem seiner Angestellten und frug: Sind Sie in der betreffenden Versammlung gewesen? und kündigte weiteren 14 Theilnehmern derselben […] während neun Angestellte sich solidarisch mit den Entlassenen erklärten und selbst kündigten“ (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 6 – auch für das vorherige Zitat). Insgesamt wurden 34 Beschäftigte entlassen bzw. nahmen ihren Hut (Vorwärts 1893, Nr. 216 v. 14. September, 4).

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Protest gegen Maßregelungen von Angestellten 1893 (Vorwärts 1893, Nr. 214 v. 12. September, 4)

Über Löhne hätte man wohl reden können, nicht jedoch über Ehre. Der Berliner Gewerkschafts-Kommission war klar, dass angesichts zahlloser Arbeitssuchender und mangels jeglicher Organisation ein Streik aussichtslos sein würde. Daher wählte man das Kampfmittel der öffentlichen Versammlung: „Jeder, der es mißbilligt, daß die Ehre der Arbeiter mit Füßen getreten wird, hat die Pflicht, in dieser Versammlung zu erscheinen“ (Vorwärts 1893, Nr. 215 v. 13. September, 6). Als Hauptredner für den 14. September 1893 gewann man den sozialdemokratischen Gewerkschafter, frisch gewählten Reichstagsabgeordneten und späteren Reichsernährungs- und -wirtschaftsminister Robert Schmidt (1864-1943), der zuvor mit Lubasch gesprochen hatte. Die Diskussion war gehaltvoll, ergab allerdings auch, dass die Arbeitsordnungen anderer Großbetriebe, etwa des Kaufhauses Rudolph Hertzog, fast deckungsgleich mit der von Lubasch waren. Auch die Löhne mochten objektiv niedrig sein, doch sie lagen keineswegs unter denen der Konkurrenz. Schließlich hatte die lokale Frauen-Agitationskommission schon im März die niedrigen Löhne des späteren Warenhauses Wertheim moniert und sie in einer öffentlichen Protestversammlung angeprangert (Vorwärts 1893, Nr. 55 v. 5. März, 10; Vorwärts 1893, Nr. 73 v. 26. März, 4). Dennoch kamen erste Boykottforderungen gegen Lubasch auf. Am Ende der Versammlung stand Protest gegen „die ärgste Vergewaltigung und Unterdrückung seines Personals“ sowie die Pflicht, die dortigen Vorfälle und Geschäftspraktiken in die Berliner Öffentlichkeit zu tragen (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 7).

05_Lohnverhältnisse des Verkaufspersonals im Magazin A. Lubasch 1893

Eine Stellungnahme von Philipp Lubasch ist nicht überliefert. Auf die Forderungen der Angestellten ging er jedoch nicht ein. Nun nahm sich die kleine, 1890 in Leipzig gegründete Freien Vereinigung der Kaufleute der Sache an. Sie nutzte eine neuerliche öffentliche Versammlung in dem Aschinger gehörenden Etablissement Buggenhagen am Moritzplatz – also in unmittelbarer Nähe zum Lubaschschen Hauptgeschäft –, um am 27. September 1893 den „Fall Lubasch“ neuerlich aufzurollen und zugleich Mitglieder für die sozialdemokratische Branchengewerkschaft zu werben. Aus Leipzig war der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bruno Schoenlank (1859-1901) gekommen, ein führender Theoretiker und Empiriker sowie früherer Redakteur des „Socialpolitischen Centralblattes“. Das „Kapital macht vor dem Kaufmannsstande nicht Halt; […] Diese Bazare, deren Verkaufspaläste mit dem glänzendsten Komfort der Neuzeit ausgestattet sind, deren Reklamen überall hin dringen und deren elegante Geschäfte in allen Stadttheilen anzutreffen sind, – diese Geschäfte, deren Reklamewagen man die Leichenfuhrwerke der kleinen Detaillisten nennen kann, denn sie begraben nicht nur die Hoffnungen der in der Nähe der Bazare Wohnenden, sondern aller kleiner Detaillisten Berlins – diese sind nur möglich dadurch, daß Unternehmer mit großen Kapitalien sie ins Leben rufen, gegen deren Uebermacht der kleine Kapitalist nicht ankämpfen kann.“ Angestellte seien „Arbeiter im Handelsgewerbe, denn sie sind nichts anderes als Arbeiter, ausgebeutete und brutal behandelte Arbeiter, während alle die Bezeichnungen als Handlungsgehilfen, Kommis etc. auf gut Berlinisch gesagt, nur Mumpitz sind […].“ Widerstand gegen das „Pascha- und Sultansgehabe der Herren Bazarinhaber“ sei erforderlich, zumal gegen die Arbeitsordnung bei Lubasch. Hoffnungsfroh verkündete Schoenlank: „Die kapitalistische Entwickelung des Handelsgewerbes schafft die Bedingungen für den Klassenkampf auch in diesem Erwerbszweig.“ Die „Proletarier im Handelsgewerbe“ müssten sich organisieren: „Mit Blut und Tränen ist die Geschichte dieser Arbeiter-Kategorie geschrieben, wie viele junge Mädchen sind auf dem Weg der Prostitution durch diese entsetzlichen Zustände gedrängt worden, wie viele werden noch täglich dazu gedrängt; der Einzelne vermag nichts in diesem wilden Verzweiflungskampfe, nur die Gesammtheit, die Organisation! Sie sind lange genug Amboß gewesen, seien sie endlich mal Hammer!“ (Vorwärts 1893, Nr. 226 v. 26. September, 4). Die Rhetorik glich der der Mittelstandbewegung, dem damaligem Rechtspopulismus. Doch bei den Angestellten verfing sie kaum, waren diese doch vielfach überzeugt, sich durch eigene Arbeit hocharbeiten, gar ein eigenes Geschäft gründen zu können. Philipp Lubasch unterstützte auch deshalb die neu eingerichteten Fortbildungsschulen, die Aufstieg durch Qualifizierung propagierten (Harry Schmitt, Die Kaufmännischen Fortbildungs-Schulen Berlins, Berlin 1891, 81). Die Versammlung schickte schließlich eine dreiköpfige Kommission zu Lubasch, um die Arbeitsordnung zu revidieren und die Entlassungen rückgängig zu machen.

Doch der geschmähte Pascha zeigte kein Einsehen, die Gespräche mit der Kommission verliefen ergebnislos. Eine dritte öffentliche Versammlung folgte am 2. November 1893, abermals in der direkten Nachbarschaft des Magazins A. Lubasch (Vorwärts 1893, Nr. 255 v. 29. Oktober). Etwa 1500 Männer und Frauen kamen. Die Kommission berichtete, dass „Herr Lubasch auf sein Ehrenwort versichert habe, daß niemand von seinem Personal wegen der bekannten Besprechung gemaßregelt worden, daß er zu dieser Zeit gar nicht in Berlin gewesen sei, daß die rigorose Geschäftsordnung schon seit 6 Jahren außer Kraft sei und daß auch Strafgelder nicht mehr in Abzug gebracht würden“ (Vorwärts 1893, Nr. 260 v. 4. November, 10-11 – auch für die folgenden Zitate). Für die Kommission waren dies Lügen. Bruno Schoenlank referierte abermals, nun zum Thema „Wie steuert die Berliner Arbeiterschaft der Sklaverei der Angestellten in den Großmagazinen?“ Lubasch wurde als „Vertreter des Großkapitalismus“, als „Vernichter des Kleinhandels“ und als durchaus ehrenwerter Mann präsentiert. Ihn zu bekämpfen helfe allen: “Die Berliner Arbeiterschaft könne in dem Falle Lubasch sehr viel mehr wirken zu gunsten der Handelsangestellten, dem Trumpfe der modernen Handelsfeudalisten einen andern Trumpf entgegensetzen. Niemand könne gezwungen werden, Herr Lubasch seine Kundschaft zuzuwenden, bei ihm zu kaufen.“ Eine Resolution war vorbereitet worden, die neuerlich forderte, die Arbeitsordnung zu beseitigen, die Entlassenden wieder einzustellen und ihnen gegenüber eine öffentliche Ehrenerklärung abzugeben. Geschähe dies nicht, sollten die Arbeiter bei Lubasch nicht mehr kaufen. Sie wurde nicht verabschiedet, da der Unternehmer in diesem Falle Rechtsmittel gegen die Gewerkschaftskommission angekündigt hatte (Neueste Nachrichten 1893, Nr. 56 v. 4. November, 3). Doch man „nahm an, daß die Arbeiter auch ohne Annahme dieser Resolution wissen würden, was sie zu thun hätten“ (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 562 v. 3. November, 2).

Lubasch vernahm die Aufforderung, doch er folgte ihr nicht. Weitere öffentliche Versammlungen der Berliner Gewerkschaftskommission folgten (Vorwärts 1893, Nr. 262 v. 7. November, 4; Vorwärts 1893, Nr. 270 v. 16. November, 10). Doch trotz neuerlicher Appelle an Solidarität und Mitgefühl verebbte der Boykott gegen Lubasch im märkischen Sande. Das Fazit im Frühjahr 1894 war ernüchternd: „Der ‚Fall Lubasch‘ beweise, daß sich die große Masse der arbeitenden Klassen leider nicht an derartige Beschlüsse kehre“ (Vorwärts 1894, Nr. 102 v. 5. Mai, 11). Als im Mai 1894 ein neuerlicher Konsumboykott auf der Tagesordnung stand – dieses Mal gegen die Burger Schuhfabrik Conrad Tack, die ihre Waren über ein System eigener Filialen absetzte – nahm man entsprechende Resolutionen nicht an, da ein Konsumentenstreik im Einzelhandel offenbar nur begrenzte Erfolgsaussichten hatte. Das war nicht das Ende von Konsumentenboykotten, endete der Berliner Bierboykott von 1894 doch mit einem begrenzten Sieg der Arbeiterbewegung. Aus der für Konsumgesellschaften scheinbar so passgenauen Waffe wurde jedoch vornehmlich ein Mittel gegen vermeintlich willkürliche Lebensmittelteuerungen, kaum aber zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Philipp Lubasch, Besitzer eines vermeintlichen „Ramschbazars“, hatte sich in dieser Auseinandersetzung jedenfalls als konfliktfähig erwiesen und setzte damit einen konfrontativen Standard für die Großbetriebe im Kleinhandel: „Diese ersten Anfänge eines autoritären Personalwesens sollten die deutschen Häuser in der Zeit bis zum Krieg und darüber hinaus prägen“ (Heinrich Hartmann, Organisation und Geschäft. Unternehmensorganisation in Frankreich und Deutschland 1890-1914, Göttingen 2011, 218).

Der „Ramschbazar“ Lubasch als Projektionsfläche für Antikapitalisten und Antisemiten

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung bekämpfte nicht allein Lubasch, sondern für sie ging es um die Fundamente gesellschaftlicher Ordnung. Lubasch stand für den aufstrebenden Großbetrieb, für die zerstörerische Kraft des Kapitalismus. Er war ökonomisch erfolgreich, attraktiv für eine rasch wachsende Zahl von Konsumenten. Nach dem Siegeszug des zunehmend großbetrieblich organisierten Industriekapitalismus veränderte sich mit den Großbetrieben des Kleinhandels auch der Alltag der kaufenden Massen. Für die sozialdemokratischen Repräsentanten bestätigte dies ihre Gesellschaftsanalyse. Der distributive Großbetrieb galt als Angriff auf die Ehre und Würde der Beschäftigten, auf die Sittlichkeit der arbeitenden jungen Frauen. Die bewegende Kraft war das Kapital, Philipp Lubasch erschien als Agent des Weltgeistes: „Es ist eine dämonische Kraft, die in der Gier nach kapitalistischer Macht steckt. Welches typische Bild entsteht da in dem Falle Lubasch. Was kümmert den Großmann des Kleinhandels die empörte öffentliche Meinung? Er schließt sich in die enge Welt der Interessenten seines Schlages ein. Hat er einen Konkurrenten um eine Länge geschlagen, das ist seine Wollust, sein Triumph. Hat das Geschäft mit gierigen Fangarmen neuen [sic!] Artikel in sich aufgesogen, das ist seine Befriedigung. Immer vorwärts, rastlos weiter drängt ihn sein Spekulationsfieber und auf dem erbärmlichsten Druck zahlloser Mitmenschen baut sich seine überragende Größe auf. Was kümmert ihn das Murren über seine famose Hausordnung, über die klägliche Entlohnung seiner Angestellten bei nervenzerstörender Anstrengung, über die existenzvernichtenden Ramsch- und Masseneinkäufe? Er hört es kaum und denkt wie der Fabrikant in Coppé’s Gedicht vom Streik der Schmiede: ‚Ich halt‘ es aus!‘ Mögen ihn Hundertausende anklagen, wenn nur ein Dutzend seiner Konkurrenten in ihm den Handelsmann großen Stils rühmt. Aber stärkerer Uebermuth, als der von Lubasch ward schon gebrochen auf Erden!“ (Alpha, Sonntagsplauderei, Vorwärts 1893, Nr. 261 v. 5. November, 10).

Die Sozialdemokraten blickten damals vor allem auf die sozialen Auswirkungen der mit dem Wachstum der Großbetriebe verbundenen Umwälzungen. Angestellte wurden zu Arbeitern, selbständige Kleinhändler zu Proletariern: „In allen Geschäftsstraßen fände man in den Schaufenstern der kleinen Geschäftstreibenden jene verhängnißvollen Plakate, welche den Ausverkauf infolge Konkurses oder wegen Aufgabe des Geschäftes anzeigten.“ Der Kleinhandel sei nicht in der Lage mit Großbazaren, „wie Werthheim [sic!], Lubasch, Herzog [sic!] u.s.w.“ (Vorwärts 1893, Nr. 123 v. 28. Mai, 10 – für beide Zitate) erfolgreich zu konkurrieren – so, wie zuvor das Handwerk der Industrie habe weichen müssen. Die „Ramschbazare“ seien Beschleuniger der Umwälzung, denn anders als die tradierten Geschäfte der Oberschicht zielten sie auf das bisherige Hauptklientel der kleinen und mittleren Händler; man vergaß dabei, dass der Handwerkshandel vor allem vom ladengebundenen Kleinhandel verdrängt worden war.

Derartige Analysen wurden von Antisemiten und der Mittelstandsbewegung dankbar aufgegriffen. Als der Vorwärts Mitte 1893 den Konkurrenzkampf von Lubasch und Wertheim thematisierte, übernahm die Zeitschrift des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stöcker (1835-1909) dessen Aussagen, fragte allerdings im altlutherschen ketzerischen Sinne „‚wo giebt es ähnliche christlich-deutsche Schleuderbazare?‘“ Die Antwort der Redakteure fiel gut marxistisch aus: „Wir kümmern uns nicht um die Religion der Schleuderbazare, und wissen nicht, ob Herr Herzog [sic!] das Ausbeutungsgeschäft besser betreibt, als die Herren Lubasch und Wertheim. Aber das wissen wir, daß tausende ‚christlich-deutscher‘, derzeit echt antisemitischer Fabrikanten und Geschäftsleute im Königreich Sachsen das Ausbeutungsgeschäft noch unmenschlicher üben, als die Firmen Wertheim und Lubasch es thun, und daß sie Hungerlöhne bezahlen, die hinter denen der Firmen Lubasch und Wertheim weit zurückstehen. Sind daran die Juden schuld, Herr Oberwinder-Stöcker?“ (Vorwärts 1893, Nr. 169 v. 21. Juli, 3 – beide Zitate).

Die Sozialdemokraten wiesen den Vorwurf des Antisemitismus immer wieder deutlich zurück; doch nicht zufällig war ihre Haltung zu den Antisemiten um Hermann Ahlwardt (1846-1914) ein umkämpftes Themenfeld auf den Parteitagen in Berlin 1892 und Köln 1893. August Bebel (1840-1913) distanzierte sich im Namen der SPD klar vom Antisemitismus – doch die Schilderung der „Kapitalisten“ trug weiterhin ebenso klare antisemitische Züge. Die sozialdemokratische Kritik an den Großbetrieben im Einzelhandel war gespickt mit antisemitischen Klischees der Geldgier, der Verführung, des Talmis oder der Unterwanderung. Es war eben kein Zufall, wenn ein wackerer Sozialdemokrat wie der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bock (1846-1931) in den Debatten über die Konsumgenossenschaften darauf verwies, „daß die großen Warenhäuser a la Rudolph Herzog [sic!], Lubasch, Wertheim etc. dem mittleren und kleineren Kaufmann mehr schadeten, als alle Konsumvereine zusammengenommen“ (Düsseldorfer Volksblatt 1894, Nr. 16 v. 18. Januar, 1). Die Debatte um Lubasch unterstreicht den Antisemitismus der Linken, auch wenn dieser in Frankreich oder Österreich noch deutlich ausgeprägter war (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. I, o.O. 1980, 82-96).

Die Mittelstandsbewegung dieser Zeit brauchte lange, bevor sie die Großbetriebe in den Blick nahm. Sie war antikapitalistisch und antisemitisch – und sie blieb es, beträchtlichen Lernprozessen zum Trotz. In den späten 1880er und frühen 1890er Jahren widmete sie sich vor allem der Konkurrenz von Hausierern, Abzahlungsgeschäften und insbesondere der aufstrebenden Konsumgenossenschaften (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland, Frankfurt a.M. et al. 1994, 32-35). Warenhäuser, das waren anfangs die Berliner „Warenhäuser“ für Offiziere und Beamte, also große Genossenschaften und Versandhändler. Der moderne Begriff des Warenhauses entwuchs erst den Debatten über die verschiedenen Sondersteuern auf Großbetriebe im Kleinhandel um die Jahrhundertwende. Großbetriebe war dagegen das anfangs entscheidende Stichwort, lernten die Mittelstandsvertreter doch durchaus von der marxistischen Todesglöckchenphilosophie. Strikt wandte man sich gegen das „Großkapital“. Erst dadurch konnten sich Negativ-Dispositive bildeten, in denen immer wieder Lubasch erschien. Seit 1893 finden wir im einschlägigen Schriftgut regelmäßig den einebnenden Verweis auf die „Bazare der Herren Werthheim [sic!], Lubasch pp.“ (Mittheilungen des Zentral-Verbandes deutscher Kaufleute 3, 1892/93, Nr. 7/8, 8) – mochten diese auch in strikter Konkurrenz zueinander stehen. Fast beliebig wurden nun Großbetriebe nebeneinandergestellt, unabhängig von ihren teils gegensätzlichen Geschäftsprinzipien. Als „Waarenhäuser“ erschienen beispielsweise der „Kaiser-Bazar (Nachfolger), Mey & Edlich, Wertheim, Lubasch etc.“ (F. Neuhofer, Unsere Zeit- und Streitfragen. IV., Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 19, 1894, 266-270, hier 270) – also ein Warenhaus, ein Versandgeschäft und zwei „Ramschbazare“. Die Bedrohungslage schien akut, doch das neue Fremde wurde nicht analysiert, sondern denunziert. Widerstand schien angeraten, gegen „die vernichtende Konkurrenz der Magazine, Lager, Großverkaufshäuser (Wertheim, Lubasch, Kaiserbazar u.s.w.)“ (Otto Wiedfeldt, Entwickelungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720 bis 1890, Leipzig 1898, 104), gegen die „Ueberwucherung von Großbazaren und Monopolgeschäften à la Wertheim, Jandorf, Lubasch, Aschingers Bierquelle, Loeser u. Wolf, Bolle etc.“ (Berliner Tageblatt 1898, Nr. 29a v. 18. Januar, 5). Hier gingen Antikapitalismus und Antisemitismus eine antiintellektuelle Allianz ein, für die es unwichtig war, ob es gegen die Meierei des christlichen Unternehmers Carl Bolle (1832-1910), den protestantischen Restaurateur und Bierschwemmenbesitzer August Aschinger (1862-1911) oder den jüdischen Warenhausbesitzer Adolf Jandorf (1870-1932) ging. Die Überlappung von Mittelstands- und Arbeiterbewegung manifestierte sich auch in dem vordergründigen Interesse am Schicksal der Beschäftigten, zumal der Verkäuferinnen: „In den Großbazaren und Massenzweiggeschäften wird der Verkauf immer mechanischer, Waarenkunde ist kaum noch erforderlich. Jeder kann dort fast ohne Vorkenntnisse verkaufen, die Waaren haben bestimmte Einheitspreise. In diesen Großbazaren u.s.w. kümmert sich der Inhaber nicht im Geringsten um die Weiterbildung seiner Angestellten, er ist dazu gar nicht im Stande. […] Nach einer anderen Statistik der Ortskrankencasse der Berliner Kaufleute wurden durchschnittlich 7 Percent Erkrankungen verzeichnet, in dem Bazar von Lubasch aber 14 Percent“ (Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Deutsches Wochenblatt 1899, Nr. 3732 v. 25. Mai, 4).

Lubasch war für diese Kritiker kein reales Geschäft, sondern Chiffre einer nicht gewollten Moderne. So konnte er, trotz nur einer Filiale, auch ein Filialtreiber werden (J. Rosenbaum, Filial-Treiberei und Massen-Bazare, Bamberg o.J. (1895), 11). 1895 gab es gar Warnungen vor anarchistischen Attentaten, welche „die Sprengung mehrerer großer Geschäfte wie Gerson, Herzog [sic!], Wertheim, Lubasch durch Dynamit“ ankündigten (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1893, Nr. 289 v. 13. Dezember, 2). Als „Ramschbazar“ stand Lubasch für neue Formen des Warenangebots, die man als „Nachahmungen aller Art, Qualitätsfälschungen, Quanitätsverkürzungen, Scheinausverkäufen und Scheinauktionen, Gelegenheits-, Reste- und Partiegeschäften“ denunzierte (Paul Dehn, Die Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Berlin 1899, 5). Die Stärke und Gefälligkeit des Feindbildes Großbetrieb ermöglichte es gar noch Jahre nach dem Ende des Geschäftsbetriebes bei Lubasch die Reden des Deutschen Antisemitenbundes mit den „Ramschbazaren“ „Wertheim, Tietz, Lubasch“ zu würzen (Im deutschen Reich 9, 1903, 545).

Der verlorene Kampf mit Wertheim

Wertheim – dieser Name fiel bereits häufiger. Das Unternehmen dieses Namens siegte im direkten Konkurrenzkampf mit dem Magazin A. Lubasch; und seit seinen triumphalen Geschäftsneubauten in Berlins Leipzigerstraße gilt es als Vorzeigebetrieb der Betriebsform Warenhaus. Und doch entstand das Warenhaus Wertheim erst im Kampf mit und in der Abgrenzung von Lubasch. Die Brüder Abraham (1819-1896) und Theodor Wertheim hatten bereits 1852 ein erstes Modewarengeschäft im mecklenburgischen Stralsund gegründet, dem 1875 ein Kurzwarengeschäft am gleichen Standort folgte. Ein Jahr später traten Abrahams Söhne Georg (1857-1939) und Hugo Wertheim (1856-1883) in das Geschäft ein, das nicht nur erfolgreich war, sondern schon früh den Berliner Markt in den Blick nahm. Für das Stralsunder Laden suchte man in Berlin Verkäufer (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 196 v. 23. August, 11), und bereits 1879 verkaufte Abraham Wertheim Modewaren in der Kochstraße 15 „unterm Kostenpreise“ (Berliner Tageblatt 1879, Ausg. v. 6. September, 12). Es schien, als würde sich eine Geschichte wie die von Lubasch wiederholen. Doch Wertheim verlagerte sein Geschäft nicht, sondern gründete 1885 eine erste Filiale in Berlins Rosenthalerstraße 27, einer jüdisch geprägten Einkaufsstraße, mehr als zwei Kilometer entfernt vom Magazin A. Lubasch. Wertheim hatte dort harte lokale Konkurrenz und war gewiss mit anderen Käufererwartungen konfrontiert als im beschaulichen Stralsund. Man passte sich an, zumal nachdem Abraham Wertheims Sohn Georg Wertheim (1857-1939) 1888 nach Berlin übergesiedelt war. Das erste Berliner Wertheimgeschäft verkaufte Waren des „billigen Massenkonsums“ (Julius Hirsch, Das Warenhaus in Westdeutschland, Leipzig 1910, 20), vornehmlich Textilien, rasch aber auch andere Gebrauchsgegenstände.

Der Kampf mit Lubasch begann, nachdem Wertheim am 31. März 1890 einen Laden an der Oranienstraße 145 eröffnet hatte. Dieser lag knapp 300 Meter von Lubasch entfernt, zielte also auf dessen Käuferklientel. Der nun einsetzende Konkurrenzkampf wurde in der zeitgenössischen Literatur mehrfach erwähnt, doch die kurzen Notate sind nahezu durchweg sachlich falsch. Das gilt auch für die Darstellung von Simone Ladwig-Winters, die einseitig die Erfolgsgeschichte Wertheims singt. Glaubt man ihr, so war die Filialgründung durchaus reizvoll, „konnte man doch messen, wer besser ankam – Lubaschs billiger Laden, der die Kundschaft allein über den Preis warb, oder Wertheims teureres Geschäft, in dem die Käufer dafür sicher sein konnten, keinen Ramsch zu erwerben“ (Erica Fischer und Simone Ladewig-Winters, Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Reinbek 2007, 72). Belege für diese Behauptung wurden nicht präsentiert – und diese steht in offenkundigem Gegensatz zur zeitgenössischen Gleichsetzung von Wertheim und Lubasch als einerseits „Ramschbazare“, anderseits Großbetriebe des Kleinhandels. Ladewig-Winters zitiert jedoch ein vermeintliches „Tagebuch“ von Georg Wertheim, das unter dem 31. März 1890, also dem Tag der Ladeneröffnung in der Oranienstraße, folgendes vermerkt habe: „Infolge der Konkurrenz mit A. Lubasch mussten die von diesem geführten Artikel, Wirtschaftswaren und Galanterie-Artikel, auch bei uns eingeführt werden. Dies bedeutet den ersten Schritt zu der Wandlung des Manufaktur-Geschäfts in den sogenannten Warenhaus-Betrieb. Wir gerieten unbeabsichtigt auf diese Bahn und ohne uns bewusst zu sein, zu welchem Ziele dieser erste Schritt führen würde. Warenhäuser gab es damals in Deutschland noch nicht; nur A. Lubasch führte außer Manufakturwaren auch Glas, Porzellan und Wirtschafts- sowie Galanterie-Artikel, jedoch in einer partiewarenmäßigen Art und nur in billigsten Qualitäten; er machte jedoch seinerzeit auf diese Weise ein großes Geschäft. Als wir also gezwungenermaßen dazu übergingen, seine Artikel ebenfalls zu führen, entstanden daraus bei uns ordnungsgemäß geführte Abteilungen, wie sie unser Geschäftshandhabung entsprachen“ (Wertheim. Geschichte eines Warenhauses, Berlin 1997, 19). Es ist offenkundig, dass es sich bei diesem Eintrag um einen später geschriebenen Rückblick auf die Geschehnisse seit 1890 handelt, verfasst unter dem Eindruck des Sieges über Lubasch. Der verfehlte Gegensatz von Ramsch- und Qualitätsware wurde von Ladewig-Winter (mit Bezug auf Stürzebecher, 1997 und – irreführend – Hirsch, 1910) zudem mit dem nicht näher kontextualisierten geflügelten Wort „Wer bei Lubasch kauft, bringt nichts von Wert heim“ unterstrichen. Belege, dass dies just 1890 bis 1895 entstanden ist, sucht man vergeblich. Entsprechende Sentenzen gab es für fast alle führenden Warenhausunternehmen und sie sind beliebig aufladbar: Im Westen des Reiches hieß es etwa „Von Tietz, man sieht’s!“ oder auch „Wer bei Tietz kauft, bringt nichts von Wert heim!“ (Werner Rubens, Der Kampf des Spezialgeschäfts gegen das Warenhaus, Köln-Ehrenfeld 1929, 14) – doch wer würde deshalb auf die konkrete Qualität der Angebote der wichtigsten Warenhausdynastie des Reiches schließen? Ladewig-Winters verschweigt schließlich auch, dass der Kampf von Lubasch und Wertheim eben nicht allein in der Oranienstraße geführt wurde, sondern dass er in mindestens gleichem Maße in der Rosenthalerstraße tobte.

06_Überblickskarte Lubasch gegen Wertheim

Überblickskarte des Kampfes zwischen Lubasch und Wertheim (1: Lubasch, Kommandantenstraße 44/44a (1863), 2: Wertheim, Rosenthalerstraße 27 (1885), 3: Wertheim, Oranienstraße 145 (1890-1894), 4: Lubasch, Rosenthalerstraße 49 (1893-1895); 5: Wertheim, Oranienstraße 53/54 (1894-1913, Neubau))

Um all dies nachvollziehen zu können, müssen wir uns erst einmal die Geschehnisse selbst vor Augen führen. Wertheim etablierte seinen Laden 1890 in der Oranienstraße 145, also in Laufweite von Lubasch. Doch Lubasch nahm die Herausforderung an und eröffnete seinerseits einen großen Laden in der Rosenthalerstraße 49, also schräg gegenüber dem ersten Berliner Geschäft von Wertheim. Der wiederum ließ sich nicht lumpen, kaufte Grund am Moritzplatz auf, legte zwei Häuser nieder und eröffnete 1894  seinen Neubau in der Oranienstraße 53/54. 1895 schließlich gab Lubasch auf und schloss seine Filiale in der Rosenthalerstraße. Wertheim, der 1892 schon einen ersten Laden in der Leipzigerstraße 111 eröffnet hatte, ging somit als Sieger aus dem Ringen hervor.

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Veränderung in der Nachbarschaft: Geschäftseröffnung von Wertheim in der Oranienstraße 145 am 31. März 1890 (Berliner Tageblatt 1890, Nr. 163 v. 30. März, 20)

Zu beantworten ist, warum dieser Kampf um den Kunden beträchtliches Aufsehen erregte. Nun, hier rangen zwei der größten „Ramschbazare“ Berlins um die Hegemonie im Billigsegment – und sie taten dies mit innovativen Mitteln. Es war Lubasch, der in der Kommandantenstraße begann, die Preise von Wertheim gezielt um einzelne Pfennige zu unterbieten: „Zuerst wurden die Hausfrauen wild, dann fingen die Kaufleute an, sich halb lachend zu ärgern und zu schimpfen. Dann wurde die Sache des Quartiers eine Sache der Stadt, die interessiert und belustigt den Kampf der Gegner verfolgte. Witzblätter und Couplets nahmen den Stoff auf. Und beide Gegner wurden berühmt“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510, 1-2). Wir sehen hier Marktwirtschaft in Aktion, doch Preiswettbewerb war zu dieser Zeit in breiten Teilen des Handels noch nicht üblich. Hier ging man von festen Gewinnspannen aus. Gewiss, Konsumgenossenschaften, Wanderlager, Bazare und Partiewarengeschäfte warben bereits seit längerem mit ihren Preisen. Doch im Kampf von Lubasch gegen Wertheim wurde der abstrakte Preismechanismus konkret, denn Wertheim zog nach, reduzierte seinerseits die Preise – und nun konnte das Spiel von Neuem beginnen. Der allgemeine Spott über die Kombattanten regte sich aber auch deshalb, weil das sich Unterbieten anfangs nur bei einzelnen, für den Kunden besonders sichtbaren und gut vergleichbaren Artikeln erfolgte. Diese „Lockvögel“ machten nur kleine Teile des gesamten Sortiments aus – und die Kunden lernten damit umzugehen.

Anfang 1893 nahm das Ringen richtig Fahrt auf, abermals mit Lubasch als Angreifer: „Gerade gegenüber dem bekannten Magazin von A. Wertheim ist vor kurzem eine Filiale des nicht minder bekannten Magazins von A. Lubasch (Kommandantenstraße) errichtet worden. Wer jetzt die Rosenthalerstraße in der Nähe der Weinmeisterstraße passirt, sieht zur Rechten wir zur Linken lange Reihen von Schaufenstern, die nur von den genannten Firmen besetzt sind. Beide suchen sich besonders in der Breitenausdehnung gegenseitig zu überbieten, um dem Publikum recht aufzufallen. Vorläufig verfügt aber noch die Firma Wertheim über die breiteste Front: sie hat bereits drei neben einander liegenden Häuser mit Beschlag belegt. In diesen Schaufenstern kann man alles Mögliche und Unmögliche sehen, Kochtöpfe und Damenhüter, Scheuerlappen und Reisehandbücher und tausenderlei andere Waaren in wunderlichster Zusammenstellung. Die Preise, welche mit Riesenziffern an jedem Stück befestigt sind, sind bei dem einen immer niedriger als bei dem anderen, sodaß der Passant, welcher der Skylla zur Linken glücklich entronnen ist, der Charybdis zur Rechten schließlich doch in den Rachen gerathen muß“ (Vorwärts 1893, Nr. 163 v. 14. Juli, 7). Ja, beide Firmen intensivierten den Preiswettbewerb, investierten in Außenwerbung und Kundenansprache. Es war ein Ringen auf Augenhöhe mit anfangs offenem Ausgang. Waren dienten nicht unmittelbaren Gebrauchszwecken, sondern wurden Mittel im Wettbewerb. Wertheim baute sein Geschäft nicht kühl und sachlich aus, sondern beide Geschäfte erweiterten kundennah, angestachelt von den Aktionen des Wettbewerbers. Es war just zu dieser Zeit, als der Begriff des „Ramschbazars“ zum Alltagsbegriff wurde. Doch der Vorwärts hielt dagegen, verwies auf die von Wertheim und Lubasch gleichermaßen betriebene Qualitätsdifferenzierung: „‚Ramschen‘ heißt: bei günstiger Gelegenheit billig (und zuweilen auch wirklich gut) kaufen. Die ‚Riesenbazare‘ ‚ramschen‘ nicht; sie dienen im Gegenteil eher dem kleineren ‚Ramscher‘ als Bezugsquelle. Sie kaufen nicht bei Gelegenheit Waaren aus einem Konkurse, alte Ladenhüter oder Reste von besserer Qualität auf, sondern sie geben mit ihrem ungeheuren Umsatze Jahr aus Jahr ein ganzen Fabriken Beschäftigung. In diesen Fabriken werden die Waaren von vornherein in der bescheidenen Qualität hergestellt, welche dem geringen, von der Arbeiterklasse gerade nur zu erschwingenden Preise angemessen ist […]“ (Vorwärts 1893, Nr. 8166 v. 18. Juli, 6). Entsprechend distanziert stand die Sozialdemokratie den Billigheimern gegenüber: Sie verwiesen auf die Kosten der billigen Waren, auf die Folgewirkungen auf Arbeiter und Verkäufer, die betroffenen Branchen und den Arbeitsmarkt. Und sie nahmen zugleich eine gängige Trope der mittelständischen Kritik auf, dass billige Waren eben auch schlechte Waren seien. Parallel realisierten die Sozialdemokraten die makroökonomischen Folgen der großen Billiganbieter: Sie gaben den arbeitenden Klassen den Anschein materiellen Besitzes, verbesserten über günstige Konsumgüter gar deren Lebensstandard. Dadurch aber erlaubten sie grundsätzlich aber auch geringe oder gar sinkende Löhne.

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Vorboten des Sieges: Annonce der Geschäftseröffnung von A. Wertheim in der Leipziger Straße 1892 (Berliner Tageblatt 1892, Nr. 513 v. 9. September, 4)

Die dritte und letzte Eskalation des Kampfes zwischen Lubasch erfolgte Ende 1894: Wertheim war trotz des Angriffes von Lubasch in der Lage, seinen angemieteten und zwischen durch erweiterten Laden in der Oranienstraße durch einen Neubau am Moritzplatz zu ersetzen, der nochmals 50 Meter näher am Lubaschschen Hauptgeschäft lag. „Herr Wertheim trägt sich vermuthlich mit der Absicht, seinen Konkurrenten Lubasch (Ecke Oranien- und Kommandantenstraße), in dessen Nähe er bereits vor längerer Zeit eine kleine Filiale errichtet hat, durch Errichtung eines neuen großen Waarenhauses an derselben Stelle gänzlich aus der dortigen Gegend zu verdrängen“ (Vorwärts 1893, Nr. 220 v. 19. September, 5). Wertheim hatte bereits 1892 in der Leipzigerstr. 111 ein weiteres Geschäft etabliert, das auf sechs Etagen die gesamte Palette der Gebrauchsgüter abdeckte. Es waren die Gewinne dieser Filiale, die den Neubau ermöglichten und zugleich die notwendigen Bankkredite absicherten. In der Leipzigerstraße hatte sich Wertheim nicht mehr an einem „Ramschbazar“, sondern an wohl etablierten Berliner Handelsfirmen zu orientieren. Hier traf er auf ein anderes Publikum, gehobener, solventer, interessiert an mittleren und gehobenen Qualitäten. Wertheim war in der Lage, sich einerseits früh aus dem Ringen um den Arbeiterkunden zu befreien, dieses anderseits aber zu nutzen, um sich des zuvor auf Augenhöhe kämpfenden Konkurrenten zu entledigen. Das neue, am 2. Dezember 1894 eröffnete Wertheimgeschäft in der Oranienburgerstraße 53/54 beendete die Zeitspanne, in der der „Ramschbazar von Lubasch in nächster Nachbarschaft noch als ein in Betracht kommendes Konkurrenzunternehmen“ (Die Eroberung der Leipzigerstraße, Vorwärts 1904, Nr. 281 v. 30. November, 9-10) galt. Für Wertheim war das der Durchbruch zur Respektabilität, doch es dauerte Jahre, bis die Firma in Berlin „zu Ansehen kam“ (ebd., 9). Wertheim gewann den Kampf mit Lubasch also nicht direkt, sondern indem er ihn nicht gänzlich annahm, sondern zugleich Alternativen zum Kampf fand. Lubasch verlor, weil er ihm aufging, ihn als persönliche Angelegenheit verstand.

Am Ende des Kampfes hatte sich gleichwohl gezeigt, dass Preis- und Qualitätsdifferenzierungen, Mischkalkulation, extensive Reklame und gezielte Kundenansprache Grundelemente unternehmerischen Erfolgs im Kleinhandel waren. Sie wurden von allen erfolgreichen Großbetrieben Berlins übernommen, strahlten weit in den Mittelstand hinaus. Wertheim lernte im Ringen mit Lubasch zudem, dass insbesondere die Lagerhaltung zu diesen Grundelementen gehörte. Anders als Lubasch, der stets in großen Partien kaufte und daher eine umfangreiche Lagerhaltung betreiben musste, führte Wertheim zwar die notwendigen, teils auch von der Konkurrenz aufgezwungenen Waren, hielt davon jedoch nur überschaubare Mengen. So konnte er rascher wechseln, hatte weniger Ladenhüter und geringere Fixkosten (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9).

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Aufgabe der Lubaschschen Filiale in der Rosenthalerstraße 1895 (Berliner Tageblatt 1895, Nr. 472 v. 19. Juli, 15)

Lubasch realisierte seine Niederlage nur langsam, zog dann aber die richtigen unternehmerischen Konsequenzen: Im Juli 1895 verkündete er die Schließung seiner Filiale in der Rosenthalerstraße – und seine scheinbar wunderliche Behauptung, dass dies wegen „unzureichend gewordener Verkaufsräume“ erfolge, war nicht ohne Logik. Lubasch hatte nach wie vor immense Lagerbestände, weit größer als sein Konkurrent Wertheim. Aus diesem Grunde zog sich das Ende über Monate hin (Volks-Zeitung 1895, Nr. 445 v. 2. September, 10; Volks-Zeitung 1895, Nr. 473 v. 9. Oktober, 6). Lubasch war nicht allein ein Virtuose der Verzögerung, er musste auch die Ware abverkaufen, die ihm die Luft zum erfolgreichen Kampfe genommen hatte.

Die Posse „Lupas und Wörthaim“

Die kleine Schlacht um den Kunden war geschlagen – und in einer Konsumgesellschaft war auch das eine Ware. Der ökonomische Kampf zwischen Lubasch und Wertheim fand Widerhall nicht nur in Alltagsgesprächen und Zeitungsartikeln. Auch die holde Kunst bemühte sich, genauer die Budapester Possen-Theater-Gesellschaft. Im Oktober/November 1893 legte sie der Zensur „Lupas und Wörthaim“ vor, eine derbe Parodie auf das Geschehen in der Oranien- und Rosenthaler Straße (Peter Sprengel, Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1944, Berlin 1997, 52). Autor war Donat Herrnfeld (1867-1916), ein jüdischer Schauspieler, der zusammen mit seinem Bruder Anton Herrnfeld (1866-1929) die Geschicke des Familienunternehmens bestimmte (Anton und Donat Herrnfeld, Der Humorist 28, 1908, Nr. 1, 2; Vom „Gebrüder Herrnfeld-Theater“ in Berlin, Der Humorist 29, 1909, Nr. 1, 4-6, hier 5). Die Theatergesellschaft bestand aus lediglich elf Mitgliedern, vielfach Familie, und da war das kleine „Orchester“ schon mit inbegriffen. Das Repertoire bestand aus kurzen, komischen Einaktern, meist aus dem bürgerlich-jüdischen Leben. Draller Humor, Schenkelklatscherwitze, „Komik als Selbstironie“ (Peter W. Marx, Jargontheater, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 3, Stuttgart/Weimar 2012, 170-173, hier 171). Die Gesten waren überzeichnet, die Charaktere ebenso, Männer waren noch Männer, das Ewigweibliche stets präsent. Nein, hehre Kunst boten die Herrnfelds nicht, doch Alfred Kerr (1867-1947), der kommende Kritikerpapst, schrieb 1897: Das „ist das Wundervollste und Erschütterndste an Komik, was der bescheidene Schreiber dieser Zeilen seit Geburt erlebt hat“ (Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895-1900, Berlin 1997, 271). Ihre Karriere in Berlin startete mit „Lupas und Wörthaim“, das 1893/94 mehr als 600 Aufführungen erlebte und „ein durchschlagender Erfolg“ (Heidelore Riss, Ansätze zu einer Geschichte des jüdischen Theaters in Berlin 1889-1936, Frankfurt et al. 2000, 22) wurde. Der Kampf zwischen Lubasch und Wertheim war der Ausgangspunkt dieser Posse – und man spielte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Geschehen, teils im Parodie-Theater in der Oranienstraße, teils im Grand-Hotel am Alexanderplatz, einem der vielen kleinen Varietés der Reichshauptstadt.

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Langwährender Lacherfolg: Werbung für „Lupas und Wörthaim“ in Hamburg und Berlin (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 16. November, 8; Vorwärts 1896, Nr. 190 v. 15. August, 8)

Die Namensgleichheit diente jedoch nur als Köder, der Untertitel „Die concurrierenden Heiraths-Vermittler“ ist präziser. Der Inhalt dieses Einakters mit Gesang ist rasch erzählt: Die gut bemittelte Witwe Regenwurm will sich wieder verheiraten, ein Geschäft, das sich die Heiratsvermittler Lupas und Wörthaim nicht entgehen lassen wollen. Doch die holde Dame hat schon einen Favoriten, den Operettentenor Sonnenstich. Da können die Kandidaten der Vermittler – Lupas schickt den tauben Schneider Heißblut ins Werberennen, Wörthaim den Fuhrbesitzer Gottlieb – leider nicht mithalten. Doch Wörthaim weiß Rat. Denn er findet heraus, dass der Tenor den Glanz der Vorwochen, seine Braut Nett’l, ob der besseren Partie schmählich verstoßen hatte, ohne sich seiner Liebesschwüre zu erinnern. Wörthaim tut dies kund, Regenwurm versteht den Betrug, wendet sich dem soliden Gottlieb zu, die Heirat wird versprochen. Lupas steht außen vor, doch Wörthaim gibt sein stolzes Honorar der Nett’l, die nun abseits des Sonnenstichs auf dem Heiratsmarkt agieren kann (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 17. November, 2). Urkomisch, drollig, ein wenig derb, doch nicht unzüchtig – so urteilten die Kritiker. Selbst im kühlen Hamburg berichtete man von ganz außerordentlichen Lachsalven und einem Kassenmagnet erster Güte: „Unstreitig wird das Gastspiel der Budapester Possen-Gesellschaft nach allen Seiten hin einen dauernd günstigen Erfolg haben“ (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 15. November, 15).

Im hohen Norden gastierte die Possen-Gesellschaft Ende 1894, anschließend stand das Stück in Berlin weiterhin auf dem Programm (Volks-Zeitung 1897, Nr. 43 v. 27. Januar, 1; Vorwärts 1897, Nr. 283 v. 12. April, 8). Noch 1900 gab es Aufführungen (Volks-Zeitung 1900, Ausg. v. 6. März, 6). Ja, Lubasch und Wertheim waren populär, ihnen wandte sich der Volkswitz zu: Und doch hieß es „Wertheim ist es – er ist der billige Mann“ (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9 – auch das folgende Zitat). Nicht das alteingesessene Geschäft machte das Rennen, sondern der betriebswirtschaftlich besser organisierte und kapitalkräftigere Neuling aus dem Norden. Doch in den 1890er Jahren ging es noch nicht um hochwertige, gediegene Waren, sondern um den „Reiz des Billigen“, denn „es ist das Publikum, das billig kaufen will, erst billig, dann mag es gut, dann mag es schön, dann mag es tüchtig sein.“ Diese simple Sentenz gilt trotz der großer Warenpaläste von Wertheim und Tietz, denn ihre ökonomische Basis war und blieb der Massenabsatz billiger Ware. Alles andere war Zierrat und Werbung – mögen es viele Historiker auch als Essenz dieser Betriebe missverstehen.

Den Makel des Anfangs als „Ramschbazar“ konnte selbst Wertheim nicht völlig abstreifen, auch wenn schließlich Kaiser Wilhelm II. 1910 für einige hunderttausend Mark Spenden das Warenhaus in der Leipzigerstraße besuchte. Die antisemitische Presse sah dennoch nur ein „Ramschausverkaufshaus“ (Die „Wahrheit“ vor Gericht, Dresdner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 300 v. 4. November, 3). Das war es wahrlich nicht, doch derartige Dispositive blieben bestehen, kamen während der Weltwirtschaftskrise wieder auf, begleiteten die neuerliche Welle der Sondersteuern und dann der „Arisierung“, also des Zangenübergriffs von Nationalsozialisten, Banken und biederen Profiteuren. Die letzten Reminiszenzen seitens der Arbeiterbewegung klangen dagegen nostalgisch. Nachdem bei der preußischen Landtagswahl 1903 im Kreise Teltow-Beeskow Liberale und Sozialdemokratie sich nicht auf einen wohl siegreichen Kompromisskandidaten hatten einigen können, war eine Posse die Antwort auf das die Arbeiter diskriminierende Dreiklassenwahlrecht. Die sozialdemokratischen Wahlmänner waren vollständig erschienen, hoben nicht allein die Hände, um dann von der konservativen Majorität überstimmt zu werden, sondern sie nutzten das ihnen zustehende Rederecht, um der Wahlfarce Kontur zu geben, indem sie fiktive Wunschkandidaten priesen. Sie lobten etwa die vom freisinnigen Vorkämpfer Eugen Richter (1838-1906) häufig erwähnte Figur der rechtschaffenden Spar-Agnes und verlangten auch die Wahl von Lubasch und Wertheim (Das Ende der Wahl in Teltow-Beeslow, Vorwärts 1903, Nr. 273 v. 22. November, 2; Die preußischen Wahlen, Pester Lloyd 1903, Nr. 285 v. 26. November, 3). Donat Herrnfeld hätte sich wohl auf die Schenkel geklatscht.

Das langwierige Ende eines Pionierunternehmens

Mitte der 1890er Jahre war Lubasch zwar populär, doch die Wachstumskraft seines Unternehmens war nach der Aufgabe der Filiale in der Rosenthalerstraße gebrochen. Der Sieg Wertheims führte zu einer stärkeren Spreizung des Geschäftes zwischen dem steten Absatz billiger Textilien und Haushaltswaren (und der Bestände seiner Warenlager) und einer stärkeren Orientierung auf Großkunden, wie Hotels, Cafés und Gaststätten.

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Spezialisierung auf konsumnahe Dienstleistungen (Volks-Zeitung 1895, Nr. 471 v. 8. Oktober, 7)

Anders als bei Wertheim, der dank hoher Gewinne und umfangreicher Kredite seinen Betrieb konsequent ausbaute, setzte Lubasch weiterhin auch auf das tradierte Partiewarengeschäft. Während die Großen der Branche ihre Anzeigen mit immer breiteren Sortimenten anreicherten, annoncierte Lubasch nur ab und an, präsentierte dann aber wieder und wieder die gleiche Ware. Typisch hierfür waren etwa die 1897 in immer gleicher Weise angepriesenen Betten. Gut und groß sollten sie sein, doch im Vordergrund stand der niedrige Preis.

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Kontinuität des Partiewarengeschäftes 1897 (Volks-Zeitung 1897, Nr. 235 v. 21. März, 8)

Angesichts dieser Kontinuität des Partiewarengeschäftes erscheint es paradox, dass sich das Magazin A. Lubasch zwar noch nicht in seinen Annoncen, wohl aber im Berliner Adressbuch zum „Waarenhaus“ (Berliner Adressbuch 1898, Berlin o.J., Bd. 2, 278) erklärte. Ökonomisch half dies wenig. Denn die gewählte Engführung des Betriebes traf Mitte der 1890er Jahre nicht mehr allein auf die Konkurrenz von Bazaren und „Warenhäusern“, sondern zunehmend auch auf spezialisierte Anbieter. Hervorzuheben ist etwa das 1891 an der Jannowitzbrücke, also nördlich der Kommandantenstraße, etablierte Warenhaus für Gelegenheitskäufe Heinrich Hennes (Berliner Börsen-Zeitung 1891, Nr. 516 v. 4. November, 7; Berliner Tageblatt 1898, Nr. 641 v, 18. Dezember, 29).

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Anzeige eines Gelegenheitskaufs bei Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 63 v. 15. März, 9)

Lubasch reagierte hierauf. Er schaltete häufiger Anzeigen, gab diesen ein einheitliches Design. Kräftige schwarze Ränder sorgten für rasche Wiedererkennung. Zugleich annoncierte er immer wieder andere Warenposten, seien es Gardinen, Pelz- und Tapisseriewaren, Leinen, Tapeten, Glas und Tafelgeschirr. Es mag sein, dass dies in Zusammenarbeit mit Hermann Lubaschs Luxuspapierfabrik erfolgte, die auch Reklamekarten und -plakate erstellte (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898). Trotz dieses zeitweiligen Gegenstemmens begann im März 1899 die Auflösung des nach wie vor allgemein bekannten Verkaufsgeschäftes. Ein Haarsalon warb für sich noch im November mit dem Hinweis „gegenüber Magazin Lubasch“ (Berliner Tageblatt 1899, Ausg. v. 26. November, 12).

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Ankündigung der Geschäftsauflösung von Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 119 v. 25. Mai, 10)

Wie schon bei der Abwicklung der Filiale in der Rosenthalerstraße zog sich die Auflösung lange hin, war eher ein Ausverkauf auf Raten. Billig war Trumpf. So wurden Porzellangegenstände für nur 10 Pfennige das Stück verkauft, „‚um die Unzuträglichkeiten einer Gratisverteilung zu vermeiden‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 151 v. 7. Juni, 1). Die Konkurrenz zeterte, denn durch das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb von 1896 war das sogenannte Nachschieben von Waren bei Ausverkäufen unter Strafe gestellt worden. Mehr als ein Jahr nach der angekündigten Auflösung hieß es aber immer noch: „Die Auflösung des Magazin A. Lubasch muß in diesem Jahr beendet sein. Die noch vorhandenen großen Lagerbestände werden demnach zu außerordentlich billigen Preisen verkauft“ (Vorwärts 1900, Nr. 74 v. 29. März, 8).

Es ist nicht klar, wann das Magazin A. Lubasch schließlich seine Türen schloss – auch wenn dies irgendwann im Jahre 1900 geschah. Das Großhandelsgeschäft für Hotels und Gaststätten wurde noch einige Zeit fortgeführt (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032). Formal wurde die Firma A. Lubasch erst 1908 gelöscht (Berliner Tageblatt 1908, Nr. 586 v. 16. November, 11). Philipp Lubasch hatte schon vor der Jahrhundertwende das Amt des Generalvertreters der Helsingborger Gummischuhfabrik übernommen (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898) und reüssierte nach der Jahrhundertwende unter „Gummischuhe Engros“ in der Kreuzberger Michaelkirchstraße 24a (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032; ebd. 1908, Bd. 1, 1556). Lubasch wohnte auch nach der Schließung des Magazins in der Kommandantenstraße, doch zog er dann nach Wilmersdorf in die Joachimsthalerstr. 21 (Berliner Adreßbuch 1908, Berlin o.O., Bd. 1, 1556). Hier starb er am 8. September 1909.

 

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Grabstätte des Ehepaar Philipp und Auguste Lubasch auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee 2019

Sein Ableben wurde vermerkt, traf jedoch auf kaum Widerhall. Er wurde als „Gründer des ersten Berliner Warenhauses“ (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 423 v. 10. September, 8) gewürdigt, gewiss zu Unrecht. Die kurzen Notizen hoben nicht Leistungen, sondern die Niederlage hervor: „Unter der Firma A. Lubasch eröffnete der Verstorbene Ecke Kommandanten- und Oranienstraße ein Kaufhaus, das aber von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ hieß es in der Berliner Volks-Zeitung (Nr. 423 v. 10. September, 4). Auch das Berliner Tageblatt erwähnte, dass sein Geschäft „von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ (Nr. 455 v. 8. September, 10). Philipp Lubasch wurde am 9. September 1909 auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beerdigt (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 455 v. 8. September, 10), sein Grabmal steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu denen von Unternehmern wie Bernhard Loeser (1835-1901), Philipp Freudenberg (1833-1919) und Rudolf Mosse (1843-1920).

Am Ende dieses höchst fragilen Puzzles stellt sich die Frage nach der historischen Bedeutung des Magazins A. Lubasch. Das entspringt dem Wunsch, das „wirkliche Leben noch einmal unwirklich zu erfinden, nicht eins zu eins, sondern viel genauer“ (Herta Müller, Mein Vaterland war ein Apfelkern, München 2014). Das kann nicht gelingen. Lubasch war ein Übergangsphänomen, verkörperte den Aufstieg und Wandel des Kleinhandels von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der Betrieb verdeutlicht die beträchtlichen Probleme, diese Veränderungen begrifflich und analytisch klar zu fassen. Vom Handelsmann über das Magazin hin zum Warenhaus? Wohl kaum. Das Puzzle ist wohl eher eine Rückfrage an unsere Vorstellungen vom Wandel, vom geschäftlichen Erfolg. Das Magazin A. Lubasch steht quer zu gängigen linearen Vorstellungen klar zu definierender Betriebsformen, mögen wir diese auch brauchen, um uns nicht in Einzelgeschichten zu verlieren. Lubaschs Unfähigkeit, vielleicht auch Weigerung, das tradierte Partiewarengeschäft zu systematisieren, in neue, ansprechendere und noch erfolgreichere Formen zu lenken, entsprach paradoxerweise der seiner mittelständischen Konkurrenten, die in seinem Großbetrieb vor allem einen Angriff auf ihre Art des Wirtschaftens, auf ihre Art des Lebens sahen. Die Geschichte seines Magazins lenkt unsere Blicke auf höchst unterschiedliche und doch zusammenhängende Felder: Das des Aufstiegs hin zum reichen Unternehmer, das der um Würde und Einkommen ringenden Beschäftigen, auch das von Gegnerschaft und Feindschaft, so beliebig und doch unerbittlich. Das Feld der harten direkten Konkurrenz, der Niederlage im Wettbewerb, der öffentlichen Bewertung, voller Häme und doch stiller Bewunderung. All das ist eins, so wie auch die Fülle der nicht zusammenpassenden Partiewaren ein Geschäft ergab, das Magazin A. Lubasch.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2019

Ein Franzose in Berlin – Oswald Nier, der „Ungegypste“, Weingroßhändler

Am Ende nahm er eine Überdosis Morphium. Oswald Nier (1844-1902), prominenter Berliner Weingroßhändler, in mehr als tausend Handlungen im Deutschen Reich vertreten, bekannt für die preiswerten Menüs in seinen zahlreichen Weinstuben, hatte 1902 einen Großteil seines Vermögens verloren, war in seinem Geschäft nur noch einer von mehreren Partnern. Von seiner Frau hatte er sich schon früher getrennt. Er war herzkrank. All das reichte. Die Öffentlichkeit reagierte bestürzt auf den Tod des „Ungeypsten“, zumal als der Todesnachricht die über den Selbstmord folgte. Doch das Leben ging weiter. Oswald Nier wurde vergessen, zumal die ubiquitäre Werbung seines Geschäftes deutlich reduziert wurde. Historiker haben sich mit ihm nicht beschäftigt, selbst ein Wikipediaartikel fehlt. Was zählt schon historische Bedeutung. Die Lohnschreiber der Unternehmensgeschichte haben andere Schwerpunkte.

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Oswald Nier (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 416)

Der Berliner Geschäftsmann war ein waschechter Franzose. Er entstammte einem kleinen Ort bei Nimes, einer Mitte des 19. Jahrhunderts aufstrebenden südfranzösischen Textil- und Weinstadt, mit reichem römischen Erbe und strikten Kämpfen zwischen den dominanten Katholiken und der protestantischen Minderheit, zu der auch Nier gehörte. Seine Familie war im Weinhandel tätig, besaß selbst ein kleines Weingut. Doch bis Berlin war es weit. Anders als seine Werbebiographie suggerierte, agierte er in jungen Jahren in den Fußstapfen seiner Vorfahren. Ein 1877 in Bern angestrengtes Verfahren berichtet über die üblichen Probleme im Weinhandel der frühen 1870er Jahre, den Diskussionen über Zölle, Transportkosten, Weinqualität und Mindergewicht. Man einigte sich, schloss Vergleiche.

1876, fünf Jahre nach dem Frankfurter Frieden, begann jedoch die deutsche Karriere des Oswald Nier. Er gründete in Dresden eine Weinhandlung mit angeschlossener Weinstube. Als Einwandererunternehmer nutzte er seine Kenntnisse des französischen Marktes, um in Sachsen preiswerte Alkoholika anzubieten und auch auszuschenken. Nier positionierte sich als Qualitätsanbieter, wollte reinen Naturwein vertreiben. Und das zu niedrigen Preisen. Nier hatte rasch Erfolg. Um dies zu erklären, muss man sich den damaligen Weinmarkt vor Augen führen.

Wein war noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem ein regionales Produkt. In den frühen 1840er Jahren lag der Konsum in Württemberg bei 30 Liter pro Kopf und Jahr, in Preußen dagegen nur bei zwei (heutzutage liegen die Deutschen bei ca. 21 Liter). Der Großhandel konzentrierte sich vor allem auf bürgerliche Käufer. Es dominierten Weine des Rheinlandes und der Mainregion. Frankreich, Italien und Ungarn waren die wichtigsten Importländer, deckten einen gehobeneren Bedarf ab. Generell präferierte man eher süße Weine, entsprechend hoch schätzte man Port- und Dessertweine aus Spanien und Portugal.

Doch ehe wir heutige Konsummuster und Weinarten in die Vergangenheit projizieren, müssen wir uns die Andersartigkeit des Weinbaus in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor Augen führen. Weinanbau war eine Profession für Hunderttausende, die von den Erträgen ihrer Arbeit unmittelbar abhängig waren. Kühle Sommer und Schädlingsbefall hatten entsprechend widrige Auswirkungen, nicht umsonst waren die Weinanbaugebiete Zentren der deutschen Auswanderung. Praktiker und dann auch Chemiker tüftelten an vielfältigen, oft landes- und regionsspezifischen Verfahren, um saure Weine süß und gefällig zu machen, um ihre Farbe zu verändern, ihnen mehr Gehalt zu geben. In Deutschland, zumal der Moselregion, dominierte seit den frühen 1850er Jahren das sog. Gallisieren. Die vom Frühsozialisten und praktischen Reformer Ludwig Gall (1791-1863) entwickelte Technik sah den Zusatz von Zuckerwasser zu sauren Mosten vor. Ähnliche Verfahren setzten in Frankreich deutlich früher ein, etwa das vor allem in Burgund praktizierte Petiotisieren (eine Nachgärung des Tresters unter Zusatz von Wein und Wasser) sowie das 1801 eingeführte Chaptalisieren (Zuckerzusatz). Doch nicht nur sozialpolitische Aspekte sprachen für derartige auch heute noch vielfach angewandte „Veredelungsverfahren“. Praktiker und insbesondere Chemiker argumentierten, dass Wein sich durch sein Aroma, sein Bouquet auszeichne, also durch die festen, teils mineralischen Bestandteile der Beeren. Der Zuckergehalt sei nur ein unspezifischer Nebeneffekt. Die Weinschönung galt daher nicht als Verfälschung, sondern als eine Art Normalisierung, um dem jeweils spezifischen Aroma eines Weines das angemessene Umfeld zu bieten. Ähnlich war die Argumentation auch beim sog. Gipsen der Weine, das seit Mitte des Jahrhunderts im gesamten Mittelmeerbereich, vor allem aber in Südfrankreich weit verbreitet war. Der Zusatz von Gips, also Kaliumsulfat, zur Maische führte zu einem höheren Säuregehalt, der nicht nur den Geschmack verbesserte, sondern vor allem Rotweinen eine feurige Farbe verlieh. Derartig behandelte Weine suggerierten Kraft und Gehalt. Es war dieses Verfahren in seiner südfranzösischen Heimat, dem Oswald Nier den Kampf ansagte.

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Kunstweinproduktion in der Karikatur (Fliegende Blätter 60, 1874, 92)

Mit der „Veredelung“ aber war das Ziel, „die Forschungen der Wissenschaft in klingendes Gold umzuprägen“ (Bersch, 1868), nur ansatzweise umrissen. Die chemische Analyse der Weine reduzierte diese Mitte des 19. Jahrhunderts auf Stoffkonglomerate – unabhängig davon, dass die meisten Aromastoffe unbekannt waren. Dies schuf neue Gestaltungsmärkte. Kunstweine wurden produziert, „selbst besser als der Naturwein und von diesem nicht unterscheidbar, unschädlich für die Gesundheit, haltbar, ohne besondere Geräthschaften in jeder Wirthschaft und Haushaltung ausführbar“ – so der Tenor einer üblichen Ratgeberanpreisung (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1855, Nr. 120 v. 30. April, 4). Produzenten schufen eine neue, künstliche Natur, wandelten Stoffe in vermeintlich höherwertige Kunstprodukte um. Ähnlich klang die Rechtfertigung für die noch größere Zahl von Façon- und Verschnittweinen.

Diese tiefgreifenden Veränderungen der Weinproduktion waren möglich, weil die moderne Chemie zwar neue Marktchancen eröffnete, sie zugleich aber analytisch nicht in der Lage war, ein umfassendes Kontrollsystem aufzubauen, um bestimmte Standards zu sichern und Fälschungen nachzuweisen. Die Definitionen klangen eindeutig: „Naturwein ist das aus unverändertem Moste festgestellte, ohne jeden weiteren Zusatz anderer Stoffe erzielte abgegohrene Gährungsprodukt des Ersteren von bestimmter Rebenlage“ (Zehnter und Elfter Jahresbericht der Chemischen Zentralstelle für öffentliche Gesundheitspflege in Dresden, Dresden 1882, 78). Doch dies war eine willkürliche Setzung, da die Abhängigkeiten von Lage, Klima, Düngung und Bodenbeschaffenheit nicht auf einen verbindlichen chemischen Nenner gebracht werden konnten. Das erste deutsche Weingesetz von 1892 machte daher aus der Not eine Tugend und erlaubte die „anerkannte Kellerbehandlung“ wie Verschnitt, Zuckerung, Entsäuerung und Haltbarmachung. Der nationalliberale Politiker und Bankier Ludwig Bamberger (1823-1899) kritisierte im Reichstag denn auch den „Ehrlichkeitsfanatismus“ vieler Experten: Lassen „Sie uns in Ruhe und warten Sie, bis wir uns beschweren. […] Im ganzen Leben gehört zum Genuß auch ein gewisser schöner Schein, und den wollen wir uns nicht nehmen lassen“ (Allgemeine Zeitung [München] 1887, Nr. 6 v. 6. Januar, 1-3, hier 3).

Oswald Nier, Naturweinpropagandist, sah das natürlich anders. Er stand nicht für eine klar definierte Zusammensetzung seiner Weine, sondern für einen ehrlichen Umgang mit dem Produkt: „Naturwein ist nicht ein nach Willkür stets gleichmässig zusammengestelltes Fabrikat, sondern Produkt der selbst schaffenden Natur, deshalb nicht immer gleich in Farbe oder Geschmack, stets aber gesunder und besser in seinem primitiven u. natürlichen Zustand, als verbesserter, gegypster, entgypster, mundgerecht oder wer weiss womit krystallschön gemachter Wein“ (Fliegende Blätter 84, 1886, Nr. 2120, Beiblatt, 8). Daraus entwickelte er ein unternehmerisches Leitbild und eine gesellschaftspolitische Zielsetzung: „Ohne Zwischenhändler zwischen Frankreich und Deutschland meine gesunden ächten, garantiert reinen ungegypsten Weine dem deutschen Publikum zu offeriren, durch fortwährendes Annoncieren und Bekanntmachen die Aufmerksamkeit der oberen Behörden des Staates auf die Fälscher zu lenken und somit uns selbe Weinbergbesitzern vor den Manipulationen der Weinfabriken zu schützen und die gesundheitsschädliche Weinfabrikation zu vernichten, ist das Ziel meiner Bestrebungen“ (Pharmaceutische Centrallhalle für Deutschland 24, 1883, 3. S. n 376). Die Latte war hoch gelegt: Der Unternehmer setzte auf den Markt als Klärungsinstanz einer abstrakten Debatte von Experten und Interessenvertretern.

Nier eröffnete im Oktober 1876 eine kombinierte Weinhandlung und Weinstube in der sächsischen Hauptstadt Dresden. Damit begann er in einer relativ wohlhabenden Region mit nur geringem Weinkonsum. Doch es ging nicht um ein Einzelgeschäft. Die späten 1870er Jahren waren in Deutschland durch den immer deutlicheren Durchbruchserfolg von (Massen-)Filialbetrieben gekennzeichnet (vgl. „Basis der Konsumgesellschaft“, Kapitel 4.35). Nier etablierte 1877 ein zweites Hauptgeschäft in Berlin, es folgten Breslau und Stettin (1878), dann Leipzig (1879).

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Neben die Zentralgeschäfte, in denen Groß- und Einzelhandel sowie ein Weinstuben- bzw. Restaurantbetrieb gekoppelt wurden, traten zweitens sog. Filialen. Das waren faktisch Verkaufsgeschäfte und Gaststätten, in denen man die Nierschen Weine kaufen und auch trinken konnte. Zeitgenössisch nannte man dies auch Niederlagen. Drittens erfolgte eine Verdichtung vor Ort. Diese begann in Berlin, setzte sich 1882 dann in Dresden fort. Die Reichshauptstadt stand dabei klar an der Spitze. 1894 lagen dort 28 der 46 Zentralgeschäfte und 300 der mehr als eintausend Filialen. Um diese rasche Expansion zu ermöglichen, entwickelte Nier ein Franchisesystem: Die Berliner Zentrale gab Standards vor, lieferte Weine, gab Hilfestellungen für die Speisenauswahl, Küchen- und Lagertechnik sowie die Werbung. Nier blieb so überall präsent, auch wenn viele Hauptgeschäfte formal Eigentümerbetriebe waren. Die Gewinne blieben größtenteils vor Ort, doch Nier partizipierte über den Weinverkauf, eventuell auch über Franchisegebühren.

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Karte der Hauptgeschäfte (unterstrichen) und Filialen von Oswald Nier 1882 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 416)

1882 beschäftigte Nier 350 Personen, darunter auch viele Franzosen. 20 Zentralgeschäfte und 320 Filialen zeugten vom Anspruch des Weinhändlers, südfranzösischen Naturwein in Nord-, Mittel- und Ostdeutschland abzusetzen, also in Regionen mit relativ niedrigem Weinkonsum. Zugleich baute Nier ein Versandgeschäft auf, welches vorrangig von Berlin aus geführt wurde. Sein Aufstieg war zugleich verbunden mit dem Bruch damals gängiger betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien. An die Stelle des üblichen langfristigen Kreditierens der Ware setzte er auf Kauf und Verkauf gegen Cassa, also auf Barzahlung. Dieses war in einem weitverzweigten Filialsystem mit immanenter Konkurrenz der verschiedenen Filialen gewiss einfacher durchzusetzen als im Geschäftsverkehr von mittleren Handelshäusern.

Nier spielte bewusst mit gängigen Vorurteilen über französisches „savoir vivre“, ohne dabei beckmesserisch zu sein. Er bot seine südfranzösischen Naturweine in Weinstuben „nach Pariser Zuschnitt“ an. Flaschenweine dominierten (noch gegen Pfand), doch Nier ließ Wein auch vom Faß zapfen. Seine Restaurationen waren geschmückt mit Szenen französischen Landlebens, doch ebenso fanden sich dort Schweizer Alpenpanoramen. Einwandererunternehmer wissen ihre Heimat auf konsumerabele Versatzstücke zu reduzieren, wissen dass dies nötig ist, um im Lande gar eines „Erbfeindes“ Erfolg zu haben. In den Anfangsjahren schmückte sich Oswald Nier entsprechend auch mit Ehrenbezeichnungen seiner französischen Heimat und präsentierte sich als Besitzer eines kleinen Schlosses, des Chateaux des deux Tours, das Anfang der 1880er Jahre auch zu einem Erkennungs- und Markenzeichen wurde.

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Stolze Präsentation des Nierschen Netzwerkes des Weinabsatzes 1885 (Fliegende Blätter 82, 1885, Nr. 2064, Beiblatt, 2)

Kommen wir zum Sortiment: Dessen Kern bildeten leichte südfranzösische Landweine, weiß und rot, die in Fässern von 600-700 Litern direkt aus der Herkunftregion Niers importiert, in den Kelleranlagen der Hauptgeschäfte gelagert und vielfach auf Flaschen gezogen wurden. 1877 nannte der Preiscourant einen Garrigues, also einen leichten Tischwein, den auch heute noch angebotenen Clairette sowie Handelsmarken mit den Bezeichnungen Plaines du Rhone, Chateaux Bagatelle und Chateaux des deux Tours. Nier handelte aber nicht nur mit französischen Weinen. Schwerere Handelsweine, wie etwa Baisse (Ungarnwein), Gres (Portwein), Malaga und Madeira, waren ebenfalls verfügbar, selbstverständlich auch Kognak oder Champagner. In der redaktionellen Werbung lobte man die südfranzösischen Naturweine ob ihres „sehr angenehmen, charakteristischen Geschmack[s], der von dem der Bordeaux-Rothweine erheblich abweicht.“ Die meisten Besucher hoben jedoch nicht den guten Geschmack, sondern das vorzügliche Preis-Leistungsverhältnis hervor. Niers Weine mochten zwar manchmal sauer sein, doch die Preise waren konkurrenzlos. Er bot sie zudem konsumnah an, neben die Liter- und Halbliterflasche trat schon bald eine Viertelliterflasche. Das Nebensortiment wurde immer wieder neu variiert, nicht jedoch der Kernbereich der Naturweine.

Ab 1892 begann der Absatz auch von Medizinalweinen, erst ein Duflot, ein Antigicht- und Antirheumatismuswein, dann 1894 auch ein „Kraftwein“, der den geschwächten Magen stärken sollte. Für Nier war dieser Wein nicht Genuss-, sondern Heilmittel: „Die Aerzte verordnen Weine als Medicinen, und die Weinhändler werden zu Apothekern, das geht Hand in Hand“ (Volks-Zeitung 1894, Nr. 575 v. 25. Dezember, 3). Weintrinker, so sein Credo, lebten gesund und froh. Gleichwohl war die Anpreisung dieser „Wunderweine“ medizinisch nicht gedeckt.

Die öffentliche Resonanz auf den Franzosen in Berlin war jedoch nicht nur produktbezogen. In der Erinnerungskultur finden sich eher Reminiszenzen an die jeweiligen Hauptsitze mit ihren abgestuften Gaststätten und Restaurants. Oswald Nier begann 1877 in der Jerusalemer Str. 48, dem drei Jahre zuvor gebauten Mosseschen Haus, mit Weinverkauf und kalter Küche. Seit Oktober 1877 lockten dann auch warme Speisen in das sich ausbildende Presseviertel in Berlin-Mitte. Platz war für etwa 500 Personen vorhanden, doch die Räumlichkeiten erwiesen sich rasch als zu klein.

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Wein und mehr: Angebote der Weinstube 1877 (Deutsche Montags-Blatt 1877, 26. November, 6)

Nier verlagerte seinen Hauptfirmensitz wohl 1881 ostwärts, mietete in der Wallstraße 25 ein großes Anwesen mit beeindruckenden Lagerkellern an. Hier zelebrierte er französische Gastfreundschaft bzw. bot seine Naturweine zusammen mit sehr preiswerten und reichlich bemessenen Speisen an. Damit erreichte er ein Mittelstandspublikum sowie die preisbewusste Kulturboheme der Reichshauptstadt. Ein Stammfrühstück kostete warm oder kalt je 30 Pfg., ein Mittagstisch mit 5 Gängen 95 Pfg., all dies auch als halbe Portionen zu haben. Nier zielte auf Kundenbindung, entsprechend reduzierte sich der Preis für Abonnenten, zehn Essen kosteten 6 M. Die Anmietung einzelner Säle war möglich, integrierte so Familien und Vereine. Niers Restaurants wurden im Baedecker empfohlen, die Kellerräume waren zeitweise eine Touristenattraktion der aufstrebenden Millionenstadt. Hier gewann der Name des Unternehmens – Aux Caves de France – reale Gestalt.

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Weinlagerräume in der Geschäftszentrale in Berlin (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 415)

Höhe- und Wendepunkt des Nierschen Unternehmens war gewiss die Verlagerung des Hauptgeschäftes in Berlins teuerste Gegend. Der Weinkomplex Leipzigerstraße 119-120, bewusst überschrieben mit „Zum Ungeypsten“, wurde 1890 übernommen und „glänzend“ ausgestattet. Doch das Stammpublikum folgte diesem Westschwenk nicht. Das zahlungskräftigere Publikum verlangte mehr als günstiges Essen und Trinken. Dabei hatte Nier das Angebot verbreitert und auch verbessert. Die soziale Differenzierung war ausgeprägt, im Restaurant gab es einen großen Mittagstisch für 10, 15, 25 oder 35 Pfg. pro Portion. Speisen an der Table d’hôte kostete 2,50 M, im Abonnement 2,20 M. Dafür bekam man einen halben Liter Clairette und „5 Gänge nach Wahl unter 10 Gerichten deutscher u. französischer Küche“ (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 27, 8). Speisen a la carte war ebenfalls möglich. Nier steuerte gegen, eröffnete beispielweise 1894 eine exquisite Weinbar, ließ die Speisebetriebe rund um die Uhr öffnen. Englische Küche am offenen Grillofen wurde integriert, französische Küche ergänzte die deutschen „Happenpappen“. Moderne Technik wurde zelebriert, etwa mit rollenden Thermophoren, mit automatischen Frontbratern oder belegten Brötchen in fliegensicherem Glasambiente. Trotzig verlautbarte die Werbung: „Das heutige Nier’sche Geschäft ist ein Weltgeschäft“ (Volks-Zeitung 1894, Nr. 575 v. 25. Dezember, 3). 1895 gab es zweimal täglich vierstündige Freikonzerte, Weinkneipfässchen wurden zum Spottpreis angeboten, um Gruppen anzulocken. Doch es half nichts, die schönen, teils mit deutschen und französischen Flaggen dekorierten Räume mussten 1896 aufgegeben werden. Das Niersche Geschäft zerbröselte von seinem Zentrum her. Der Franzose verlagerte sein Hauptgeschäft in die Linienstraße 130, am oberen Ende der Friedrichstraße, in ein – so die Werbung – noch „imposanteres“ Haus. Hier lagen auch seine Privaträume, hier sollte er die Überdosis Morphium zu sich nehmen.

Dieses Ende war in den späten 1870er Jahren nicht absehbar. Oswald Nier war ein Meister der Öffentlichkeitsarbeit, der Maßstäbe im modernen Marketing setzte – und dies lange bevor nach gängigen Stufentheorien entsprechende Entwicklungen einsetzten. Im Mittelpunkt seiner kommerziellen Kommunikation stand die Differenzqualität seiner „Naturweine“. Er verband den expliziten Vorwurf an die große Mehrzahl der Weinbauern, unreine und mit Gips versetzte Weine zu verkaufen, mit der lichten Gegenwelt seiner eigenen reinen Produkte ohne Zusätze. Er mobilisierte damit Alltagswünsche nach genussvollen und gleichsam natürlichen Waren, auch wenn „Veredelung“ nicht gegen geltendes Recht verstieß. Nier nutzte den Begriff „Naturwein“ offensiv, forderte rückfragende Konkurrenten explizit auf, „das Strafgesetz gegen ihn aufzurufen“ (Namslauer Kreisblatt 1884 Nr. 41 v. 9. Oktober, 430), wohlwissend, dass dieses faktisch nicht greifen konnte. Parallel ließ er sein Kernsortiment chemisch analysieren und nutzte die Analysen in vielen Anzeigen. Konkurrenzangebote französischer Weine ließ er in Dresden 1878 ebenfalls untersuchen, um so seinen Vorwurf zu untermauern, dass er allein ungeschönte Artikel verkaufe. Zum „Ungegypsten“ wurde Oswald Nier gleichwohl erst seit 1880. Anfangs propagierte er vorrangig „die Einführung chemisch untersuchter, französischer, als rein garantirter Weine“ (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 238 v. 8. Oktober, 7), und die ersten Anzeigen gaben lediglich eine „Garantie für Echtheit und Reinheit“ (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 5. November, 7). Als aber in Frankreich 1880 die Grenze von höchstens zwei Prozent Gipszusatz durch den aus Nimes stammenden Justizminister Jules Cazot (1821-1912) auf Druck der Winzerlobby aufgehoben wurde, begann Niers Kreuzzug gegen das Gipsen – und dies blieb sein Kernanliegen.

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Reiner ungegypster Naturwein zum Trinken, Einkaufen oder per Versand (Illustrirte Frauen-Zeitung 13, 1886, 144)

Um dieses zu unterstützen, forcierte er nicht allein den Verkauf von Flaschen, sondern versah diese mit Garantiemarken: „Dringend bitte ich, beim Bezug meiner Weine diejenigen Flaschen als unecht zurückzuweisen, welche entweder gar kein Siegel haben, oder eine Verletzung meines Namenssiegels zeigen“ (Kladderadatsch 30, 1877, Nr. 52 v. 11. November, 2. Beiblatt, 4). Das Verschlußsystem gab den Käufern die Chance, Nier oder seine Repräsentanten gerichtlich zu belangen, sollte der Inhalt nicht der Reinheitsgarantie entsprechen. Zugleich denunzierte er andere, sehr wohl bestehende Garantiesysteme als unzureichend, als Sand in den Augen des Publikums.

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Qualitätsmarke der Nierschen Naturweine (Der Bazar 33, 1887, 392)

All diese Maßnahmen zielten auf Popularität und Akzeptanz des Franzosen in Berlin. Doch Nier wählte auch andere gängige Maßnahmen. Slogans und Leitsprüche prägten viele Anzeigen. Da hieß es etwa „Wer Oswald Nier’s Wein nicht trinkt, sich selbst den grössten Schaden bringt.“ Besondere Bedeutung hatte die Wertschätzung des Reichskanzlers Otto von Bismarck, passionierter Trinker und Kunde von Nier. Sein Dankesschreiben enthielt den Wunsch: „Wein muss das National-Getränk der deutschen Nation werden“ – und der Einwandererunternehmer propagierte diese Sentenz daraufhin stetig. Bismarcks Geburtstag wurde mehrfach gewürdigt. 1897 verschenkte der Franzose am 1. April nicht weniger als 50.000 1,5 m² große Porträts des früheren Reichskanzlers als Zugabe.

Die mit solchen Aktionen verbundene direkte Kundenansprache hatte Tradition bei Nier. Preisausschreiben prägten schon in den 1880er Jahren seine Werbung am Jahresende. Ein Preisrebus war zu lösen, unter den richtigen Einsendern wurden dann Weinkisten verlost. Alle Teilnehmenden erhielten zudem kleine Werbegeschenke, etwa Taschenkalender oder Humoristisches. Zugleich konnte er so seine Adresskarteien aktualisieren.

Das Andocken an zeitgenössische Trends zeigte sich auch an seiner relativen Nähe zur Temperenzbewegung, die moderate Alkoholika wie Wein und Bier anstelle des Giftes der Spirituosen propagierte. Der vermeintlich gesundheitsfördernde Konsum von Wein wurde vor allem in den 1890er Jahren propagiert – im Einklang mit eugenischen Argumentationen. Wein stärke den Körper und schütze ihn jederzeit gegen epidemische, rheumatische oder sonstige Krankheiten, während Bier „das Fleisch des Körpers weich und lasch macht“ (Berliner Tageblatt 1894, Nr. 478 v. 10. Dezember, 12). Zugleich wurde immer wieder hervorgehoben, dass die preiswerten Weine Niers nicht teurer seien als Bier. Wichtiger aber war das Positive, wenn etwa im Sinne heutigen Performance Food behauptet wurde, dass Wein der „Erhaltung und Stärkung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit“ (Berliner Börsenzeitung 1898, Nr. 591 v. 18. Dezember, 12) diene. Wichtiger aber noch sei, dass Wein Frohsinn und Lebensseligkeit garantiere.

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Wein als gesundes Getränk (Volks-Zeitung 1901, Nr. 239 v. 5. Januar, 2)

Derartige Vorstellungen einer glücklichen Gesellschaft lassen sich auch mit Oswald Niers strategischer Nutzung von Wohltätigkeit koppeln. Der Weinhändler investierte hohe Summen in kontinuierliche Anzeigenwerbung, doch zugleich sah er die Chancen redaktioneller Werbung von Beginn an. Wiederum nutzte er nationale Feiertage, etwa Kaisers Geburtstag, um dann einen Teil der Tageseinnahmen für Bedürftige zu spenden. Zugleich diente das der Gewinnung neuer Kundengruppen, wenn er 1880 etwa nicht nur an die Armendirektion spendete, sondern auch an die Berliner Schutzmannschaft oder das Invalidenkorps. Ähnliches galt gegenüber seiner Belegschaft, die mit werbeträchtigen Weinfesten bei Laune gehalten wurde, die gemeinsam mit den interessierten Konsumenten zelebriert wurden. Wie kann die Welt doch schön sein, nach Tanz, Bühnenspaß, dem Festspiel „Ein Stündchen bei Oswald Nier“ und einer abschließenden Champagnerverlosung – so geschehen 1900.

Nier nutzte ferner lange vor den in den 1890er Jahren intensivierten Verbotsforderungen der Mittelstandsbewegung Wertzugaben zur Kundenbindung. Proben waren möglich, neu eingeführte Produkte wurden mit gut ausgestatteten Broschüren erklärt. Stammkunden konnten schon einmal gratis Austern essen – verbunden mit einem „Noblesse oblige!“ und einer tiefen Verbeugung vor der werten Kundschaft und dem geehrten Publikum. Am Jahresende gab es Kleinigkeiten, doch Kunden konnten auch begehrte Zugaben erhalten, etwa ein Bonbuch mit Eintrittskarten der wichtigsten Attraktionen der Pariser Weltausstellung 1900.

Schließlich nutzte Oswald auch die Preisoptionen im Marketingmix. Reklamekisten, etwa ein „Göttertrank“ mit 12 Flaschen und 30 Proben anderer Weinsorten plus Überraschung wurden für 15 Mark von Berlin aus versendet. Bezeichnender aber waren gezielte Preisreduktionen zur Ankurbelung des Geschäftes. Anfangs hatte es dies nicht gegeben, die Preise stiegen in den 1880er Jahren moderat. 1892 wurden die Preise für Wein jedoch deutlich reduziert, etwa der einfachste Minerve (Médoc-Wein) von 1,40 auf 1 M pro Liter oder der Garrigues von 1,80 auf 1,20 M. Dies war die andere Seite des Abenteuers Leipziger Straße, versuchte man doch eine Klientel des unteren Mittelstandes mit derartigen Kampfpreisen an sich zu binden. Anders war dies bei den nach der Jahrhundertwende einsetzenden Rabatten, die bis zu 15% betragen konnten. Sie ersetzten die tradierten Weihnachtszugaben, waren jedoch auch Ausdruck wachender Probleme des Nierschen Weinimperiums.

Zum einen nutzte sich der Lockreiz der jungen französischen „Naturweine“ langsam ab, zumal es durch die in den frühen 1880er Jahren kumulierende Reblauskatastrophe zu einer Reduktion des Weinanbaus und einem langsamen Übergang zu höheren Qualitäten kam. Gravierender aber waren die immer wieder thematisierten Qualitätsprobleme bei Nier selbst. Der hohe Anspruch des Anfangs erwies sich peu a peu als Bumerang: 1883 bezeichnete etwa der Nürnberger Nahrungsmittelchemiker Robert Kayser den Nierschen „Garrigues“ als Kunstwein und kritisierte die Ergebnisse seiner Berliner Kollegen als Reklamegutachten (Jahresbericht über die Leistungen der chemischen Technologie 1884, 871). Für Oswald Nier war dies Störfeuer der Konkurrenz, und er legte sich eine Art Schweigegelübde auf: „Dem sehr g. Publikum erlaube ich mir wieder in Erinnerung zu bringen, dass ich auf jedwede, gegen mich oder meine Weine gerichtete Angriffe, Verläumdungen, sowie auf Extrablätter, enth. s. g. chemische Analysen, Denunciationen (stets ohne Folge) u.s.w. (deren Zweck, u.a. mich durch kostspielige Erwiderung zu ermüden, Jedem klar ist) durchaus und prinzipiell keine Antwort mehr gebe, […] “ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 24, 1883, 5. S. n. 580). Ein Weinfälschungsprozess in Danzig endete 1886 mit einem Freispruch für die dortigen Nierschen Repräsentanten, doch Zweifel blieben (Dresdner Nachrichten 1886, Nr. 150 v. 30. Mai, 2). Untersuchungen der Hauptsorten hoben 1891 hervor: „Nach den Ergebnissen der Analyse zu schliessen, liegen hier mit Wasser und Sprit reichlich versetzte Rothweine vor. […] Nr. 2, 3, 4 schmeckten dünn und wässerig, Nr. 1 ekelerregend, eigenthümlich bitter“ (Zeitschrift für Nahrungsmittel-Untersuchung und Hygiene 5, 1891, 142). 1892 ergab schließlich die Analyse eines Nierschen Rotweines in Breslau, dass dieser ein „gallisierter, alkoholisierter Wein“ war (Chemisches Zentralblatt 65, 1894, 297). Die Folge war ein weit rezipierter Prozess in dem Nier „wegen Rothweinfälschung zu der höchst zulässigen Strafe von 150 Mark verurtheilt“ wurde (Scranton Wochenblatt 1893, 10. November, 7). Weitere rückfragende Analysen folgten, auch wenn diese die einzige Verurteilung wegen Nahrungsmittelfälschung blieb. Die sich langsam verbessernde Weinanalytik stellte Annoncen des reinen Naturweines jedenfalls in Frage.

Hinzu kamen wachsende Liquiditätsprobleme. Belastbare Angaben fehlen, doch in der Presse kursierten Gerüchte. Oswald Nier war Mitte der 1880er Jahre Millionär, wohl mehrfach, doch verlor er beträchtliche Summen im Panamaskandal 1888. In der Berliner Börsenzeitung hieß es pointiert: „Von dieser Zeit an regulirte N. nur mit Wechseln.“ Nier gab wohl viel Geld „für allerhand noble Passionen“ aus, “namentlich für das ‚Ewig-Weibliche‘“ (Hamburger Anzeiger 1902, Nr. 86 v. 13. April, 13). Gerüchte über jährliche Besuche im Spielkasino in Monaco wurden dementiert, doch von seiner seit den 1890er Jahren in Marseille ansässigen Frau Jenny, geborene Imaryjeon, lebte er getrennt. Hinzu kamen die nach Hundertausenden zählenden Verluste des Abenteuers Leipziger Straße von 1890 bis 1896. Das öffentliche Fazit entsprach der einseitigen Einschätzung eines Franzosen im damaligen Berlin: „Er selbst aber hat keine Schätze Deutschlands gesammelt, leicht verausgabt, was ihm – früher mehr, später weniger – die Konjunktur brachte“ (Neue Hamburger Zeitung 1902, Ausg. v. 13. April, 2). In Berlin war er als „vollendeter Cavalier“ geschätzt (Berliner Börsenzeitung 1902, Nr. 159 v. 6. April, 5).

Doch der vermeintlich leichtlebige Franzose zog aus alledem schließlich die richtigen unternehmerischen Konsequenzen. Er sicherte den Bestand des Unternehmens durch eine am 1. April 1902 erfolgte Umwandlung von einer Personalgesellschaft in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Er band zwei langjährige Mitarbeiter, Ernst Koch und Adolf Gontarski, als Geschäftsführer mit Prokura in die Unternehmensführung ein, und zahlte mit dem Kaufpreis seine Schulden. Und doch konnte er sich mit dieser partiellen Übergabe des Geschäftes offenbar nicht anfreunden. Schon beim Vertragsabschluss erlitt der seit langem herzkranke Nier einen Schwächeanfall. Am 4. April 1902 übergab er offiziell die Geschäfte an die Gesellschafter. Bis Mitternacht saß er mit Freunden zusammen. Dann zog er sich in seine Räume zurück, wo er Abschiedsbriefe an ehemalige Angestellte und die neue Gesellschaft schrieb, um dann zum Morphium zu greifen, das er seit längerem gegen seine Schlaflosigkeit nahm. Kurz vor 3 Uhr vernahm Niers Haushälterin ein tiefes Röcheln. Man brach die Tür zu seinen Privatgemächern auf. Oswald Nier wurde per Krankenwagen in die Charité gebracht, wo die Ärzte Tod durch Herzversagen feststellten. Dieses Urteil wurde nach Durchsuchung seiner Wohnung revidiert.

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Formale Trauer – Todesanzeigen der getrennt lebenden Gattin und der Partner Niers (Berliner Tageblatt 1902, Nr. 172 v. 6. April, 11)

Es folgten rasche, recht formal gehaltene Todesanzeigen. Oswald Nier, der „Ungegypste“, der Franzose in Berlin, wurde als „ein Berliner Original in des Wortes bester Bedeutung“ (Berliner Börsenzeitung 1902, Nr. 159 v. 6. April, 5) gewürdigt, der seinen Kunden immer wieder „harmlos-frohe Stunden“ bereitet hatte. Doch über einen Selbstmörder sprach man nicht gerne. Und auch Historiker haben sich seiner Biographie und seinem Unternehmen bis dato nicht gewidmet. Die Firma „Oswald Nier, Aux Caves de France“ wurde am 10. Februar 1903 aus dem Berliner Firmen-Register gelöscht (Volks-Zeitung 1903, Nr. 74 v. 13. Februar, 3). Die GmbH wurde fortgeführt, konzentrierte sich auf den Weingroßhandel, während die Einzelgeschäfte zumeist in Privatbesitz überführt wurden. Die Anzeigen für „Oswald Nier“ ebbten rasch ab, lediglich die Medizinalweine wurden ab und an annonciert. Es blieb nicht viel von diesem Pionier des Filialhandels, diesem Virtuosen des Marketing, diesem Spieler im weiten Felde künstlicher Natur.

Uwe Spiekermann, 12. Juli 2018

Mate oder Die verschwiegene Vergangenheit eines Modegetränks

Historisches Wissen konkurriert mit kommerziellen Narrativen. Während im politischen Raum beredt über „Fake News“ debattiert wird, bleibt der große und wachsende Bereich wirtschafts- und absatzbezogener Geschichtsnarrative gemeinhin unbeachtet. Geschichtsdidaktiker verwenden ihre Energie vorrangig dazu, Studenten und Öffentlichkeit die Vorzüge von Demokratie und Marktwirtschaft, von politischer Korrektheit und interkultureller Toleranz nahezubringen. Um den Kern modernen kapitalistischer Gesellschaften – Wirtschaft, Absatz, Konsum und die damit verbundenen Narrative – machen diese „Profis“ und die Mehrzahl der Journalisten dagegen einen meist weiten Bogen.

Damit wird Unternehmen ein breites Feld belassen, das sie dankbar für ihre Geschichten nutzen, sei es, indem sie Marken mit „Identitäten“ versehen, sei es, dass sie Produkte, Rohwaren und Grundstoffe in historische Narrative einbetten. Die fragile öffentliche Stellung historischen Wissens zeigt sich weniger im Politischen, sondern insbesondere im weiten Feld der Konsumgeschichte.

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Club-Mate im Verkaufsregal, Göttingen, Juni 2018

Seit einigen Jahren gewinnt etwa Club-Mate an Bedeutung, ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk. In Göttingen wird es zumal von Studierenden gerne getrunken, als Alternative zu Wasser, Eistee, Limonade oder Red Bull. Sie akzeptieren die Werbebotschaft der Brauerei Loscher, eines 1881 im fränkischen Münchsteinach gegründeten Familienunternehmens: „Club-Mate erfrischt und regt an, ohne aufzuregen. Club-Mate wird nämlich aus Mate gemacht – eine jahrhundertealte Urwaldpflanze aus Südamerika. Mit ihrer in der Natur einmaligen Kombination von Wirkstoffen wirkt sie auch hier und jetzt und heute immer noch Wunder!“ Urwald, Südamerika, Natur, einmalige Kombination, Wirkstoffe – ja derartig inhaltsleere Begriffe klingen wunderlich, locken erschöpfte Kommilitonen an das gekühlte Verkaufsregal. Loscher hat die Markenrechte 1994 erworben. Der beträchtliche Marktdruck im Biersegment führte damals allgemein zur Produktdiversifizierung, also einer Vielzahl von Biermischgetränken bzw. von Spezialbieren. Das alkoholfreie Club-Mate steht zugleich in der Tradition zahlreicher Limonaden und Mineralwässer, die seit dem späten 19. Jahrhundert von Brauereien angeboten wurden. Club-Mate ist ein eigenständiges Kernprodukt und zugleich eine Dachmarke, gibt es doch auch Granat-, Eis-Tee- und Cola-Varianten, steht eine Winteredition mit Zimt und anderen Saisonmarkern vor der Markteinführung.

Die Brauerei arbeitet im Sinne gängiger Marketingempfehlungen für ein Nischenprodukt. So kann man in an sich gesättigten Märkten Absatz und Wachstum generieren. Der Internetauftritt ist professionell, schafft Markenidentität, unterfüttert so die markenrechtliche Stellung. Bio, Umwelt und Familie sind wichtige Komponenten, doch ebenso die Exotik von Urwald, Südafrika und Indios. Zugleich präsentiert die Firma „ihre“ Geschichte. Sie ist die Geschichte eines Pioniers, des temporären Scheiterns und des beeindruckenden Wiederaufstieges: „Seit dem Jahr 1898 betrieb Herr Georg Latteier in Dietenhofen eine kleine Getränkefirma. Auf einer Ausstellung im Jahr 1924 entdeckte er das damals sogenannte “Sekt-Bronte”. Er erwarb die Lizenz zur Herstellung und zum Vertrieb dieses Getränkes in unserem Raum.“ Es folgt die Geschichte eines kleinen Anbieters, natürlich wird die NS-Zeit ausgegrenzt. Doch nach dem Krieg ging es weiter – und dann kam die Firma Loscher. Derartige Narrative verbreiten sich direkt und indirekt über journalistische Kommerzkommunikationsreproduzenten oder über Wikipedia, der wohl größten Plattform für Kommerzlegenden (aus Bequemlichkeit und mangelnder Kompetenz vieler Autoren). Eine solche „Geschichte“ ist jedoch eine typische Röhrenhistorie. Ihr Kern ist das Weglassen der Geschichte der Rohstoffe, der lebensmitteltechnologischen Details und aller konkurrierenden Produkte. Ernährungskultur wird ausgegrenzt, Kommerzkultur tritt an deren Stelle. „Invented traditions“ werden gemeinhin im politisch-gesellschaftlichen Felde erörtert. Damit aber ist nur die Spitze eines Eisberges sichtbar, dessen Zentrum kommerzielle Umdeutungen von historischem Wissen sind.

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Yerba-Sträucher, Plantagenernte und Transport (Yerba Mate, 1916, 3)

Halten wir nun ein wenig Abstand zu Club-Mate und widmen uns, natürlich in groben Strichen, der Geschichte von Mate in Südamerika und in deutschen Landen. Yerba Mate war während der präkolumbianischen Zeit ein gängiges Alltagsgetränk im Gebiet der Flüsse Paraná und Paraguay. Yerba, das „Kraut“, stammte von einer Wildpflanze. Als Stechpalme auch in Deutschland als botanischer Zierrat heimisch, wuchsen die Sträucher im südamerikanischen Urwald, erreichten dort vielfach auch Baumhöhe. Die Blätter des Yerbastrauches wurden abgeschnitten, auf einem Röstgestell gedörrt und dann im lokalen Umfeld verbraucht. Erste Plantagen wurden in den 1650er bis 1670er Jahren von den Jesuiten in ihrem Missionsgebiet angelegt. Das größere Angebot ermöglichte eine Verbreitung des Mate-Teetrinkens in der gesamten Region zwischen den Anden und dem Rio del Plato. Yerba Mate eroberte die kolonialen Märkte im spanisch beherrschten Südamerika, nicht aber in Europa. Die Kolonialwaren Tee, Kaffee und Kakao waren um 1700 schon etabliert, die Marktnischen entsprechend gering. Unter dem „Jesuitentee“ verstand man im 18. Jahrhundert hierzulande weniger ein Getränk als vielmehr ein Heilmittel mit stimulierender und diuretischer Wirkung. Das vorläufige Verbot des Jesuitenordens in Spanien im Jahre 1767 führte dann zu einem langsamen Niedergang der Matéplantagen. Systematischer Yerba Maté-Anbau begann erst wieder im späten 19. Jahrhundert.

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Yerba Mate-Röstung in Paraguay 1839 (Yerba Mate, 1916, 10)

Mate-Tee konnte seine Stellung als wichtigstes Alltagsgetränk auch nach der Unabhängigkeit der meisten südamerikanischen Staaten behaupten. Indischer und chinesischer Tee gewannen im Bürgertum an Bedeutung, drang aber schon aufgrund der hohen Preise nicht in die Mitte der meist bäuerlichen Gesellschaft vor. Der im 18. Jahrhundert zunehmend angebaute Kaffee wurde vornehmlich exportiert. Mate war integraler Bestandteil des Alltags und als solcher nicht einfach zu verdrängen. Reisende berichteten darüber gern und detailreich: „In jedem guten Hause Südamerika’s bereitet man diesen Trank in runden silbernen, auf eben solchem Untersatze stehenden Kanne. Man schüttet einen Theelöffel voll von dieser ‚Yerba‘, mit einem Stückchen gerösteten Zucker in die Tasse, fügt einige Tropfen Citronensaft, ein Stückchen Zimmt und Gewürznelken hiezu, und gießt heißes Wasser darauf, wo dann der Trank ‚mate‘ genannt, fertig ist. Die Tasse mit ‚mate‘ auf eine silberne, schön gearbeitete Untersatzschale gestellt, geht dann in der Gesellschaft von Hand zu Hand, und Jeder saugt durch ein kleines, sechs Zoll langes silbernes Rohr einen Schluck des Getränkes ein. Es würde für beleidigend gehalten werden, wollte man sich von dieser Saugerei ausschließen“ (Das Ausland 1837, 1346). Während die Friedenspfeife zum kulturellen Marker der indigenen Völker Nordamerikas wurde, standen der zirkulierende Mate-Kürbis und das Saugrohr („Bombilla“) für die Indio-Kulturen Südamerikas. Die europäischen Immigranten griffen diese Utensilien auf, verfeinerten sie, nutzen aber zugleich ihre vergemeinschaftende Kraft.

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Jesuitentee in einer US-Werbeschrift (William Mill Butler, Yerba Maté Tea, Philadelphia 1900, 9)

Deutschsprachige Zeitschriften berichteten im 19. Jahrhundert immer wieder über den „Paraguay-Tee“, auch als mögliches Importgut. Handel aber fand kaum statt: Paraguay hatte sich nach der Unabhängigkeit 1811 bis in die 1840er Jahre gegenüber seinen Nachbarn abgeschottet und die Handelskontakte eng begrenzt. Das änderte sich nach einer längeren Übergangsfrist. Doch im Preussischen Handelsarchiv hieß es 1859 strikt, dass Mate „für Europa ohne Interesse“ sei. Das weiter bestehende staatliche Monopol wurde zwar 1869 aufgehoben, doch derweil war Brasilien zum Hauptanbaugebiet von Yerba Mate geworden. Der Exportwert der Teepflanze wurde dort nur von Kaffee und Gummi übertroffen. Dennoch dauerte es noch Jahrzehnte, bevor Plantagen neu gegründet wurden. Die Kultivierung von Yerba Mate war kapitalintensiv, da regelmäßige Ernten erst nach vier Jahren möglich waren. Raubbau im Urwald an wild wachsenden Pflanzen war kostengünstiger. Yerba-Pflanzungen waren nicht allein kapital-, sondern auch arbeitsintensiv. Ohne Hacken, ohne Scheren war eine profitable Produktion nicht möglich. Anbau und Produktion waren noch nicht mechanisiert.

Der langsame Übergang zur Plantagenwirtschaft wurde vorrangig von amerikanischem Kapital getragen. Doch auch Einwandererunternehmer hatten einen wichtigen Anteil. 1887 wurde in Paraguay beispielsweise die Kolonie Neu-Germania (resp. Nueva Germania) gegründet. Unter der Federführung des Antisemiten Bernhard Förster (1843-1889) und seiner Gattin, der Nietzsche-Schwester Elisabeth Förster (1846-1935), geriet sie jedoch rasch in ökonomische Schwierigkeiten. Es gelang dem Kolonisten Fritz Neumann allerdings Yerbasamen zum Keimen zu bringen und so die Grundlage für deren gewerbliche Kultivierung zu legen. Andere deutsche Migrationskolonien folgten, etwa die 1900 gegründete Kolonie Hohenhau. Diese Plantagen arbeiteten exportorientiert – und waren auch an neuen Märkten im deutschen Vaterland interessiert. Dazu nutzten sie neue, arbeitssparende Rösttechnologien, mit denen eine Geschmacksvariation möglich schien. Außerdem gelang es Ihnen recht gut, die bei Feuchtigkeit immer drohende Fermentation der Yerba-Blätter deutlich einzugrenzen. Die US-amerikanischen Consular Reports stellten die Plantage Nueva Germania 1900 als profitablen Musterbetrieb vor. In Deutschland wurden Investoren mit hohen Renditeversprechen gelockt. Kolonialbefürworter diskutierten gar neue Yerba Mate-Plantagen in Deutsch-Afrika, am Kilimandscharo, in Usambara und Kamerun, jedoch ohne größere Folgen.

Der Mateanbau profitierte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zudem von staatlicher Förderung und einer langsam verbesserten Transportinfrastruktur. Während bis in die 1860er Jahre Yerba Mate mit traditionellen Verfahren nahe an den Ernteorten vorverarbeitet wurden, entwickelte sich seither eine Verarbeitungsindustrie vor Ort. Dies bedeutete eine gewisse Professionalisierung, höhere Standardisierung der Produkte, verstärkten Maschineneinsatz und eine effizientere Nutzung der Produktionsabfälle. In der Parana-Region gab es 1885 etwa 40 „Matéfabriken“ (Export 10, 1888, 588), von denen nur noch fünf in den südlichen Exportplätzen lagen. Die anderen Fabriken waren von der Rohstoffzufuhr ihrer unmittelbaren Gegend abhängig. Sie förderten daher Plantagenwirtschaft bzw. die großflächige Pflege eingehegter Urwaldbereiche.

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Werbewünsche: Südamerika schenkt dem Deutschen Reich ein Getränk (Dresdner Neueste Nachrichten 1912, Nr. 124 v. 9. Mai, 11)

Ende des 19. Jahrhundert gab es also verbesserte Exportmöglichkeiten, und Besucher der deutschen Kolonien schwärmten in entsprechend nationalistischem Jargon vom Mate-Tee: „Wie thöricht seit Ihr drüben, von den bezopften Söhnen des himmlischen Reiches schon einmal ausgekochten, gefärbten und mit allerhand zweifelhaftem Blätterzeug vermengten chinesischen Thee zu trinken, anstatt unseres herrlichen und billigen matés (Paraguay-Thee) von doppeltem Theingehalt“ (Export 12, 1890, 356). Doch im Deutschen Reich blieb man zurückhaltend. Als 1888 eine „Deutsch-Brasilianische Plantagen- und Handelsgesellschaft“ gegründet worden war, bemerkten Fachleute kühl, dass für die meisten Exportwaren Deutschland „kein geeigneter Markt“ sei; das gelte auch für den „Paraguaythee, welchen man trotz jahrelanger energischer Agitation nicht einzubürgern vermocht hat, und dessen Konsum sich auch wohl für die Zukunft auf die südamerikanischen Länder beschränken wird“ (Export 10, 1888, 453). Erste Angebote von Mate-Tee, etwa Anfang der 1890er Jahre durch die Wiener Großhandlung Wilhelm & Co., scheiterten denn auch.

Das Kernproblem blieb der Platz des neuen Getränkes im deutschen Nahrungssystem. „Mathee“ wurde als Getränk der arbeitenden Mehrzahl wahrgenommen, nicht als Produkt des Bürgers. Es galt als Morgengetränk des südamerikanischen Grubenarbeiters, war auch Teil des Militärproviants. Stofflich schien es die Nahrungsmittelpalette jedoch ergänzen zu könne. Der Wirkstoff „Matein“ sei anregend, doch Schlaflosigkeit, Herzklopfen und Nervenerregung seien nicht zu spüren. Mate sei „ungemein billig“ (Hygieia 4, 1891, 310), ein Getränk für Arbeiter und Volksküchen, dem Hausbier ähnlich. Es verwundert daher nicht, dass Landarbeiter zur ersten Zielgruppe werden sollten. Der Nationalökonom und Agrarwissenschaftler Karl Kaerger (1858-1903), der über gute Kontakte nach Südamerika verfügte und später auch für die Deutsche Gesandschaft in Buenos Aires tätig war, hatte schon 1893 ein größeres Kontingent Mate gekauft, um den Tee als ländliches Standardgetränk einzuführen. Es beuge Erschöpfung vor, sei ein vorzügliches diätetisches Mittel und könne auch abends verabreicht werden. Die meisten Erfahrungen waren jedoch negativ, „weil sich die Leute an den ihnen fremdartigen Geschmack des Thees nicht sogleich gewöhnen wollten.“ Für Kaerger war dies der übliche „Widerstand gerade beim niederen Volke“ (Das Land 3, 1894/95, 313) gegen Neuerung – und er empfahl, diesen insbesondere bei Wanderarbeitern zu brechen. Sie wären nicht nur abhängig von Fremdverpflegung, sondern könnten auch als Botschafter des Neuen fungieren. Dieser Vorschlag zielte auf eine Billiglösung für die vornehmlich polnischen Saisonarbeiter. Doch nicht nur der Eigensinn der Betroffenen, sondern auch dumpfer Kulturnationalismus verhinderte die Einführung von Mate-Tee. Philo vom Walde (1858-1906), schlesischer Dichter und ekstatischer Bewunderer des Naturheilkundlers und „Wasserdoktors“ Vincenz Prießnitz (1799-1851), betonte apodiktisch: „Zum Löschen des Durstes sind Flüssigkeiten genügend vorhanden.“ Neuerungen würden die „Urkraft“ jeder Menschenrasse gefährden: „Es stünde um das deutsche Volk viel besser, wenn die exotischen Gewächse: Kaffee, Theee, Tabak, Ingwer, Pfeffer, Muskatnuß, Zimmt etc. nie zu uns herübergekommen wären“ (Das Land 3, 1894/95, 314). Statt Mate empfahl er schollennah heimische Teesorten und verdünnten Fruchtwein.

Auch das deutsche Heer prüfte neue Nahrungsmittel (vgl. Künstliche Kost, Kapitel 3.2.4), darunter auch Maté-Tee. Während der Herbstmanöver des XVI. Armeekorps wurde auf Anregung des Kriegsministeriums Menschenversuche an Freiwilligen durchgeführt. Dazu teilte man eine Kompanie in vier Gruppen á 30 Soldaten auf. Eine Kontrollgruppe erhielt die Standardverpflegung, die anderen dagegen zusätzliche Portionen von Zucker, Tropon (ein Eiweißnährmittel, vgl. Die gescheiterte Neugestaltung der Alltagskost) und gesüßtem Mate-Tee. Letzterer bewährte sich vor allem als Marschverpflegung: „Die Leute rühmten ausnahmslos den guten Geschmack; die erfrischende und belebende Wirkung“ (Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 28, 1899, 133). Der leitende Oberstabsarzt empfahl ihn als Marschgetränk, als Ersatz des teureren schwarzen Tees. Dies unterblieb jedoch.

In den 1890er Jahren scheiterte demnach eine hierarchische Markteinführung, eine Zwangsbeglückung qua Vorgabe und Befehl. Doch derartige Debatten sind in modernen Wissensgesellschaften begleitet von wissenschaftlichen und technologischen Untersuchungen. Yerba Mate, dessen stoffliche Zusammensetzung schon in den 1860er Jahren erstmals genauer erkundet worden war, wurde nun präzise analysiert: Der recht niedrige Koffeingehalt zwischen 1 und 1,5‰ (Club-Mate hat heute einen standardisierten Anteil von 2‰, Cola kommt auf die Hälfte, Kaffee auf das Vierfache) und die relativ hohen Anteile von Mineralstoffen, insbesondere von Mangan und Magnesium, boten Werbeargumente. Zugleich etablierten sich so Normvorstellungen, die insbesondere bei der Qualitätskontrolle und der Bekämpfung verfälschter Ware hilfreich sein konnten. Der durch das Dörren bei offenem Feuer übliche Rauchgeschmack konnte zudem durch schonendere Rösttechnologie abgemildert werden. Das neue Wissen machte die Rohware handhabbar – und legte damit die Grundlagen für neue Produkte auf Yerba Mate-Grundlage.

Matehaltige Limonaden wurden im Deutschen Reich, darauf hat Achim Zubke vor knapp einem Jahr schon hingewiesen, lange vor dem von der von der Brauerei Loscher genannten Jahr 1924 produziert. Dies unterstreicht die Kraft tradierter Ernährungskulturen und Geschmacksvorstellungen, denn das südamerikanische Kraut musste in die Produktwelt des Deutschen Reiches transformiert werden, um in der Fremde begrenzten Erfolg zu haben. Limonaden boten sich an, da sie als gesunde Alternative zum Alkohol galten – obwohl es sich damals vor allem um künstliche Mineralwässer mit Frucht-, Aromen und Zuckerzusätzen handelte. Doch diese Zusätze konnten helfen, den Geschmack des Neuen neu zu justieren, es so marktgängig zu machen. Mate-Limonaden sind daher ein gutes Beispiel für „künstliche Kost“: Eine südamerikanische Pflanze wird auf ihre vermeintliche „Essenz“, also ihre chemische Zusammensetzung und ihre physiologischen Wirkungen reduziert. Elaborierter Technik hilft bei der Komposition eines absatzfähigen Kunstprodukts, dessen Absatz von der Exotik der fremdartigen kulturellen Herkunft unterstützt wird. Enträumlichung, Entzeitlichung, stoffliche Abstraktion und kulturelle Ästhetisierung finden sich so einträchtig beieinander.

Der kleine Nischenmarkt hatte wohl in Rio-Matte und Ete frühe Markenpioniere. Werblich nachweisbar war zuerst Hactormin, ein schwach schäumendes Getränk der Mineralwasserfabrik Rech in Dresden (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 42, 1901, 746). Ähnlich wie die 1902 entwickelte Bilz-Brause (seit 1905 Sinalco) wurde es als Alkoholsubstitut vermarktet. In der Münchener Allgemeinen Zeitung hieß es 1904: „Bereits wird auch aus den Yerba-Blättern ein bierähnliches, alkoholfreies Getränk hergestellt, das als in hohem Grade erfrischend und durststillend gerühmt wird und vielleicht als das gerade in den Tropen so erwünschte Ersatzmittel für die Alkoholika an dem es noch immer fehlt, dienen kann.“ Das Hin und Her zwischen Zentren und Peripherien wird in diesem Zitat schön deutlich.

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Ein neuer Typ von Getränk (Berliner Börsenzeitung 1905, Nr. 229 v. 17. Mai, 20)

Einen ganz anderen Anspruch hatte Yermeth. Das „Gesundheits- und Volksgetränk“ wurde wohl seit 1903 verkauft, doch erst eine umfassende Anzeigenkampagne in Berliner Zeitungen machte das Produkt im Mai und Juni 1905 einem breiteren Publikum bekannt. Analog zu gängigen Kräftigungsmitteln, aber auch zu den damaligen Nahrungsinnovationen Haferkakao und Joghurt wurde behauptet: „Yermeth beseitigt Kopfschmerz, Sodbrennen, Alkoholbeschwerden u. ist vorzüglich gegen Gicht. Yermeth wirkt appetitanregend sowie unbedingt günstig auf Nieren und Blase“ (Vorwärts 1905, Nr. 116 v. 19. Mai, 8). Das Mate-Getränk wurde 1905 bereits in verschiedenen Varianten angeboten. Die Schöneberger Yerbeth-Compagnie hatte ärztliche Gutachten eingeholt, die in einer Werbebroschüre gebündelt waren. Das kohlensäurehaltige Getränk wurde in Flaschen verkauft und ins Haus geliefert. Der Preis lag mit 10 Pfg. für die zuckerfreie Variante allerdings höher als der gängiger Getränke, insbesondere von Bier.

Mit Sekt-Bronte kommen wir nun nah an die unmittelbare Vorgeschichte von Club-Mate. Die schäumende, mit Kohlensäure versetzte Mate-Limonade wurde seit spätestens 1910 von der Deutschen Matte-Industrie im sächsischen Köstritz produziert und vermarktet. Die Unternehmensgeschichte wurde, wenngleich nicht ohne Fehler, vom Heimat- und Ortsverein Bad Köstritz genauer erforscht.

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Anpreisung von Bronte und Paraná-Tee (Dresdner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 103 v. 17. April, 13)

Bronte – der Name verweist auf eine Stadt unterhalb des Ätnas – wurde vom Apotheker und Firmenleiter Hugo Obst (1859-1913) als „Labetrunk in der Westentasche“ vermarktet, als „Bierähnlich, würzig, schäumend, unschädlich!“ Präsentiert als „Paranátee“, hatte er den Anspruch eines Allzwecklebens- und Heilmittels: „Wer sich auf angenehme, anregende Weise anregend erquicken und erholen, wer sich in Stimmung bringen will, wer ein Beruhigungsmittel braucht, wer Müdigkeit, Abspannung möchte, wer Kopfschmerz, Uebelkeit, Magenstörung zu beseitigen hat, wer an Stelle des Bieres einen unschädlichen, aber vollgültigen Ersatz haben möchte, wem ärztlicherseits der Biergenuss untersagt ist, werde die Folgen einer fröhlichen Kneipe auf angenehmste und schnellste Weise beseitigen möchte, wer zuckerkrank, Rheumatiker, nieren- und blasenleidend ist, der sollte sich schnell die braune Bronte bauen.“ Dies waren typische unbelegte Anpreisungen in einem nur schwach regulierten Nahrungsmittelmarkt. Die Werbung verdeckte zugleich die beträchtlichen technologischen Probleme bei der Produktion des Getränks. Die Mate-Blätter waren nur unter großen Schwierigkeiten aufzuschließen, entsprechend variabel war der Grundstoff des Getränks. Die Inhaltsstoffe konnten zuerst nur teilweise gelöst werden. Zudem waren die Filtertechniken anfangs unzureichend, konnten Pektine nicht sicher entfernt werden (Prometheus 23, 1912, 683). Dies ging zu Lasten der Haltbarkeit. Doch praktische Arbeit minderte die Probleme, erlaubte auch die stabile, von überschäumender Kohlensäure nicht gefährdete Lagerung der Bronte-Flaschen.

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Standardwerbung (Sächsische Volkszeitung 1912, Nr. 120 v. 26. Mai, 8)

Vor dem Ersten Weltkrieg galt Sekt-Bronte als „Genußmittel eigener Art“, das in Sachsen, im benachbarten Bayern und einzelnen Großstädten vertrieben wurde. Anders als das südamerikanische Yerba Mate war es ein gekühltes Erfrischungsgetränk, das vor allem im Sommer Absatz fand. Die Deutsche Matte-Industrie zielte auf die Mitte der Gesellschaft, inklusive der Facharbeiterschaft. Anzeigen hoben vor dem Ersten Weltkrieg den „vornehmen Geschmack“ von Sekt-Bronte hervor (Sächsische Volkszeitung 1913, Nr. 176 v. 1. August, 4).

Mate-Limonaden besetzten eine Nische im Getränkemarkt des Kaiserreichs; doch diese Nische war klein. Die Köstritzer Firma ging 1915 bankrott, obwohl Beobachter 1914 noch von großen Mate-Vorräten berichtet hatten. Nach Auskunft von Achim Zubke zog sich die Abwicklung bis 1922 hin, ehe im März 1926 eine Neugründung die Produktion von Bronte wieder aufnahm. Erst im 2. Weltkrieg stellte man den Betrieb endgültig ein. Wie diese Angaben zu der Information der Brauerei Loscher passen, nach der Georg Latteier in Dietenhofen die Lizenz für Sekt-Bronte 1924 erworben hat, ist mir allerdings nicht klar. Auch in der Zwischenkriegszeit war der Absatz von Mate-Limonaden gering. Yerba Mate war nur wenigen Deutschen bekannt, auch wenn seine Stellung als „Lebenselixier“ vieler Südamerikaner Ende der 1920er Jahre mehrfach hervorgehoben wurde. Dem begrenzten Erfolg der Mate-Limonaden zum Trotz waren sich Statistiker schon 1913 sicher: In Europa hatte sich Mate nicht einbürgern können.

Das änderte sich auch nicht im Ersten Weltkrieg, obwohl einige Yerba Mate-Propagandisten versuchten, den Tee in die Militärverpflegung zu integrieren. Die Tests der späten 1890er Jahre hatten nicht dazu geführt, den südamerikanischen Tee als Militärkost zu adeln. Doch nun schien er eine neue und zu Kriegsbeginn auch in großen Mengen verfügbare Allzweckwaffe für Märsche, den Schützengraben und das Feldlazarett werden zu können. „Das Getränk kann in jeder Form genossen werden: rein oder mit Zusatz (Zucker, Wein, Zitrone usw.); heiss, warm, lauwarm, kalt“ (Münchener Medizinische Wochenschrift 62, 1915, 965). Auch Milch, Zitrone oder aber Rotwein konnten zugemischt werden (Die Umschau 19, 1915, 713). Dabei verwies man auch auf die Erfahrungen aus den verschiedenen Kriegen in Südamerika. Zugleich wurden Mate-Tee und Maltyl-Mate als Liebesgabe für die Fronttruppen empfohlen. Doch wie viele andere beherzte Plädoyers für neue „Volksnahrungsmittel“ blieben auch diese folgenlos.

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Matein als Hilfsmittel gegen Nervosität (Der Welt-Spiegel 1914, Nr. v. 18. Juni, 8)

Dennoch konnte Mate während der Vorkriegszeit weitere Nischen erobern. Matepräparate wurden nicht als Nahrungs- sondern als Heilmittel vermarktet. Ein Beispiel hierfür war das Schweizer Produkt Matein, dass gegen die zeittypischen Modekrankheiten, insbesondere gegen die Nervosität, helfen sollte. Nachweisbar ist auch ein Matekraftmalz, angereichert mit Lecithin, einem der „blutbildenden“ Modestoffe Anfang des 20. Jahrhunderts. Matebonbons konnte man ebenfalls kaufen – Heilsversprechen inklusive. Und es ging noch kleiner: Die Dresdener Gehe AG verkaufte auch eine Mischung von Matyl-Mate-Tabletten (Malzextrakt mit Mate-Tee-Extrakt) zu fünf Gramm mit Schokolade.

Nach der Jahrhundertwende war auch Mate-Tee im Deutschen Reich verfügbar. Die Internationale Mateimportgesellschaft in Bremen lieferte ihn sowohl als ein relativ grobes Pulver als auch in Form größerer Blätter. Ca. zehn Gramm sollten pro Liter ausreichen, der Aufguss konnte aber durchaus ein zweites und drittes Mal genutzt werden. Damit lag der Preis weit unter dem von schwarzen und grünen Tee aus Asien. Doch der Geschmack blieb ungewohnt: „Das Ganze besitzt eine bald hellere, bald dunklere grüne Farbe und einen eigentümlichen, aromatischen, teeartigen, zugleich loheartigen Geruch. Der Geschmack der Droge ist herb und etwas bitter“ (Mayerhofer, 1926, 673). Der Teemarkt blieb auch in der Zwischenkriegszeit gespalten. Auf der einen Seite fand man Mate-Tee in Reformhäusern, Drogerien und Apotheken. Die Werbung versprach vieles und beliebiges. Wie schon bei Sekt-Bronte, dessen Werbung auf Südamerika und die Indios verwies, wurde auch der Mate-Tee mit historischen Narrativen geschmückt: „Die Jesuiten kannten vor Jahrhunderten den Wert des Yerba Mate Tees. Darum trinken auch Sie Yerba Mate Tee. Achten Sie auf die Marke“ (Badische Presse 1930, Nr. 557 v. 30. November, 7).

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Yerba Mate als Gesundheitstee (Badische Presse 1930, Nr. 422 v. 12. September, 12)

Daneben aber war Mate-Tee auch in Lebensmittelfilialbetrieben erhältlich, etwa in Halb-Pfund-Packungen bei Thams & Garfs. Absatzzahlen fehlen, doch ein Beobachter sprach davon, dass der Tee „als Markenartikel in den Feinkost- und Kolonialwarengeschäften mit zunehmender Beliebtheit Eingang gefunden“ (Die Volksernährung 4, 1929, 85) habe. Entsprechend konnte Mate-Tee auch über Versandgeschäfte geordert werden, etwa durch die Firma A. Bocksch, Mate-Import in Schlettau/Schlesien. Viel aber war das nicht. Der Schweizer Agrarexperte Andreas Sprecher von Bernegg resümierte 1936 zu Recht, dass „Mate […] anstatt des geweissagten Siegeszuges über die Welt Mühe haben wird, seinen Platz zu behaupten.“ Mate blieb ein im Wesentliche auf Südamerika begrenztes Produkt.

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Exotisch und gesund (Gesund leben 1953, H. 10, 10)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Bundesrepublik an die Tradition von Mate als Gesundheitstee angeknüpft, während er in der DDR eine seltene Ausnahme blieb. Obwohl in den USA Maté seit den späten 1950er Jahren auch als lösliches Instantprodukt beworben wurden, blieb in der Bundesrepublik Mate-Gold ein höherpreisiger Markenartikel, der während der gesamten 1950er Jahre – und wohl auch darüber hinaus – in Apotheken, Drogerien und Reformhäusern erhältlich war. Mengenmäßig war der Konsum überschaubar. Die bundesdeutsche Importstatistik weist für 1955 390 t und für 1956 286 t Mate aus – nicht viel bei einer Produktion von 80.000-100.000 t allein im Hauptproduktionsland Brasilien.

Wir sind damit an das Ende unseres Exkurses gekommen. Die Vorgeschichte von Club- Mate hat deutlich mehr Facetten ergeben als im gängigen Marketing des „neuen“ Produktes angesprochen. Dieses lebt vom bedingten Mythos als Party- und Hacker-Getränk, auch vom herb-süßem Geschmack und dem recht kleinen Koffeinkick. Andere Narrative docken sich an, etwa die wirre Geschichte eines „deutschen“ oder aber „sächsischen“ Getränks, beliebt im Kreise von Rechten und Rechteren. Der kurze Ausflug macht vor allem deutlich, dass genaueres Hinschauen im Konsumalltag Geschichte nicht auf etwas Fernes verweist, sondern als etwas, das Leben umgibt und Leben prägt. Man traue also keinem Kommerznarrativ – auch wenn es schön hipp ist und die eigenen Seinsträume unterstützen mag.

Uwe Spiekermann, 20. Juni 2018

Alles Essig? Das Saure zwischen natürlich und künstlich

Die Tochter des Oekonomen Haugg aus Wollbach bei Augsburg wurde nur sechs Jahre alt. Ihre Mutter hatte einen Salat mit Essigessenz angemacht und die Flasche offen stehen lassen. Das Kind nahm einen kräftigen Schluck und verstarb 1907 unter grässlichen Schmerzen. In Plauen reichte ein Gastwirt einem Kollegen 1905 statt des gewünschten Kognaks ein Glas Essigessenz. Die schweren Verätzungen führten nach mehr als fünf Wochen Ringen zum Tod. Der Richterspruch lautete auf zwei Monate Gefängnis durch fahrlässige Tötung. Auch die hochbetagte Besitzerin des Gasthofes zum Grünen Baum im bayerischen Schöllkrippen griff 1900 zur falschen Flasche, trank statt des üblichen Zwetschgenbranntweins ein Gläschen Essigessenz. Ihr Tod war qualvoll. Neben Verwechselungen trat auch Absicht. Essigessenz gewann das zweifelhafte Prädikat eines Schierlingtranks für Liebende. Derartige Selbstmorde waren doppelt grausig.

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Warnende Nachrichten (Sächsische Volkszeitung 1903, Nr. 196 v. 29. August, 3)

Kleine Nachrichten wie diese finden sich immer wieder in den Tageszeitungen der Jahrhundertwende. Die erzieherische Botschaft war klar: Hüte Deine Kinder wie Dich selbst – und übe Sorgfalt mit dem Sauren. Eingewoben war jedoch auch eine schlichte Information: Essigessenz war ein Alltagsprodukt geworden, war seit den 1890er Jahren Bestandteil der allgemeinen Küchenpraxis; und das trotz offenkundiger Gesundheitsgefährdungen.

Was aber war Essigessenz? Unsere heutige Warenwelt ist durch die Verordnung über Essig und Essigessenz von 1972 geregelt. Essig, dem Konsumenten vor allem als Würze und als saurer Zusatz zum Salat bekannt, ist demnach eine wässerige Lösung von Essigsäure. Unser „Essig“ hat einen Gehalt von mindestens 5% des Wirkstoffes, doch selbst „scharfer“ Essig darf einen Anteil von 15,5% nicht überschreiten. „Essigessenz“ ist saurer, hat einen Essigsäuregehalt von bis zu 25%. Man kann sie einfach mit Wasser verdünnen und erhält dann einen Essig von ansprechender Milde. Heutige Essigessenz ist scharf, wirkt schon leicht ätzend, doch ihr Genuss ist nicht tödlich. Die kleine Tochter der Oekonomen Haugg hätte aufgrund dieser Regulierung wohl überlebt.

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Starker Stoff (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, Nr. 18, II)

Um 1900 gab es jedoch zwei gravierende Unterschiede zu heute. Zum einen war Essig ein wohl gängigeres Produkt im Alltag. Frische Salate gab es gewiss seltener, doch Eintöpfe, Sauerfleisch und Marinaden standen höher im Kurs. Essig wurde zudem beim Einmachen benötigt, zumal das Einwecken, also die Hitzesterilisierung, damals noch in den Anfängen steckte. Andere vergessene Nutzungen wären zu nennen, erinnert doch Christi Kreuzestod an die Sitte, aromatisierten Essig zu trinken. Zum andern aber war der Nahrungsmittelsektor deutlich geringer reguliert, es dominierten stattdessen informelle Praktiken. Die verschiedenen Arten des Essigs waren meist klar benannt, auch wenn die Bezeichnungen oft regional variierten. Und spätestens seit 1885 gab es auch erste reichsweit angewandte, wenngleich nicht rechtsverbindliche chemische Grenzwerte für deren Bewertung und Unterscheidung. Der Konsument war also grundsätzlich informiert, kannte „seinen“ Essig. Doch er konnte zugleich auch sehr scharfe und eventuell giftige Essigessenz kaufen. Konzentrationen von 80% und 60% waren handelsüblich. Sie war ein gutes Putzmittel, ergab mit Wasser verdünnt aber auch einen schön sauren Speiseessig.

Essig ist ein gutes Beispiel für die tiefgreifenden und bis heute prägenden Veränderungen der Nahrungsmittelproduktion im 19. Jahrhundert. Die Herstellung ist an sich einfach. Benötigt wird Luft, inklusive darin enthaltener Bakterien. Zudem eine alkoholische Grundlage, denn Essigsäure ist transformierter Alkohol. Wärme, ideal sind 25-30 °C, beschleunigt die Essiggärung. All das erfolgt in einem Essigbildner, also einem meist hölzernen, nicht metallischen Gefäß. Kommt alles zusammen, so benötigt man Zeit, denn die vollständige Transformation eines offen stehenden Weintroges in Essig benötigt Wochen. Doch die Essiggärung setzt rasch ein – ein Grund für den so anderen Geschmack eines Weinrestes am Morgen nach einem Fest.

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Natürlicher Gärungsessig (Leipziger Zeitung 1859, Nr. 182 v. 3. August, 2. Beilage, 1)

Handreichungen und Rezepte zur Essigbereitung findet man in den Haushaltsökonomien und den Kochbüchern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wein oder leicht vergorenes Obst bildeten die Nährbasis der Essigzubereitungen. Neben der Haushaltsproduktion bestanden teils altehrwürdige Gewerbe, etwa die Essigsieder oder aber Essigbrauer. Sie kauften vielfach saure Weine oder aber unansehnliche Äpfel auf, produzierten für einen lokalen, selten regionalen Bedarf und entwickelten die dafür erforderlichen Absatzstrukturen. Weinbaugebiete waren daher vielfach Essigproduktionsgebiete. Der so gewonnene Essig war aromatisch, doch die Umwandlung dauerte lang. Entsprechend hoch waren die Preise.

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Beschleunigung durch Holzspäne (Kosmos 15, 1918, 12)

Die handwerkliche Produktion von „natürlichem“ Essig wurde jedoch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch „künstliche“ Schnellessigverfahren ergänzt. Als Marker wird gemeinhin das Schützenbachsche Schnellessigverfahren genannt, 1817 entwickelt und seit 1823 gewerblich genutzt. Der Freiburger Chemiker (1793-1863) nutzte dazu seine praktischen Kenntnisse: Die Produktionsdauer hing von Sauerstoff, Wärme und der Größe der Oberfläche ab, an der sich Bakterien ansiedeln konnten. Schützenbach vergrößerte die Oberfläche innerhalb der Essigfässer durch Buchholzspäne. Der Alkohol wurde über diese mit Bakterien besetzten Späne geleitet, unterstützt von einem warmen Luftstrahl im unteren Teil des Essigtroges. So konnte die Produktionszeit deutlich auf etwa zwei Tage verkürzt werden. Der Geschmack dieses Schnellessigs ließ anfangs zu wünschen übrig, so dass vor allem technische Anwendungen in der Textil- und dann auch der Farbindustrie von den niedrigeren Preisen profitierten. Langsam aber wurde der Geschmack verbessert, teils durch verbesserte Verfahren, teils durch eine gezielte Aromatisierung.

Die wichtigsten biologisch-chemischen Abläufe der Essigbildung wurden in den 1860er Jahren von Louis Pasteur (1822-1895) geklärt. Davon profitierte vor allem die chemische Industrie, die Verfahren der Holzdestillation nutzte, um hoch konzentrierte Essigsäure herzustellen. Seit Mitte der 1830er Jahre gab es erste effiziente Verfahren, die bei der Holzkohlegewinnung entstehenden flüchtigen Produkte einzufangen und zu nutzen. Die so gewonnene Essigsäure war deutlich preiswerter als das Resultat „natürlicher“ Gärung. Allerdings dauerte es bis Mitte der 1870er Jahre, ehe der teerige Geschmack des „Holzessigs“ durch verbesserte Filtrierung abgemildert und dann abgestellt werden konnte. Essigsäure wurde so zu einer „reinen“ hoch konzentrierten Essigessenz, die seither nicht nur für technische, sondern auch für Haushaltszwecke genutzt werden konnte.

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Ein neues Produkt (Katalog zur IV. Deutschen Verbands-Kochkunst-Ausstellung zu Leipzig. 1883, Leipzig 1883, Annoncen, 25)

Derweil hatte sich allerdings auch die Herstellung des Gärungsessigs deutlich verändert. An die Stelle teurer Ausgangsprodukte, zumal des Weins, trat immer stärker ein Abfallprodukt der Alkoholproduktion, die sogenannte Branntweinmaische, später auch reines Ethanol. Dieser „Spritessig“ war günstiger als tradierter Gärungsessig, wenngleich immer noch teurer als Essigessenz. Dies ließ das Angebot weiter anschwellen, mischte man doch vielfach den „Spritessig“ mit „Naturessigen“. Weinessig bestand im späten 19. Jahrhundert vielfach zu 80% aus Schnellessig und nur zu 20% aus traditionellem Gärungsessig aus einem Weingrundstoff. Doch Handelsbräuche erlaubten, diese Mischung als „Weinessig“ zu vermarkten. Ferner entstand ein rasch wachsendes Angebot von Kräuteressigen. Dabei handeltes es sich zumeist um aromatisierten Spritessig, der eine Vielfalt von Geschmacksvorliegen abdecken und auch konservierten Lebensmitteln eine spezifische Würze verliehen konnte. Das nutzen seit den 1890er Jahren auch viele Essigessenzanbieter, so dass der Essig- und Würzenmarkt nochmals breiter wurde.

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Im Inneren einer Gärungsessigfabrik (Das neue Buch der Erfindungen […], Bd. V, Leipzig 1867, 197)

Dieser Exkurs unterstreicht nicht nur die enge Verbindung von industrieller Entwicklung und einer sich bemerkbar verändernden Nahrungsmittelpalette. Er zeigt auch, dass die „gute alte Zeit“ eine oft sentimentale, meist aber kommerziell angetriebene Chimäre ist. Mangels genauerer Kennzeichnung war es für die Konsumenten des späten 19. Jahrhunderts schwierig, die Herkunft und Zusammensetzung ihres Essigs genau zu benennen. Es wurde probiert, dem Händler oder der eigenen Hauswirtschaft vertraut. Zugleich aber wurden die neuen Angebote genutzt, zumal die Essigessenz. Ihre Vorteile waren klar: Sie war billiger. Sie konnte einfacher gelagert werden. Sie war länger haltbar und hatte einen standardisierten, rein sauren Geschmack. Ihre Bedeutung nahm vor allem seit den frühen 1890er Jahre zu, auch wenn die verschiedenen Varianten des Gärungsessigs den Speisebereich noch dominierten. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert hatte Essigessenz dort einen Marktanteil von etwa einem Zehntel bis zu einem Achtel. Die Vergiftungsfälle waren auch Folge einer Ausdifferenzierung und Verbilligung des Essigmarktes, der sehr wohl als Fortschritt, als Teil eines höheren Lebensstandards gedeutet wurde.

Entsprechend schlugen, anders als im ähnlichen Fall des synthetischen Saccharins, frühe Versuche der seit 1894 im Verband deutscher Essigfabrikaten organisierten Gärungsessigproduzenten fehl, ihre Konkurrenz aufgrund offenkundiger Gesundheitsgefahren zu verbieten. Im Reichstag hieß es im Mai 1895, dass das Beispiel der frei verkäuflichen Salzsäure zeige, dass die Konsumenten mit gefährlichen Chemikalien durchaus verantwortungsvoll umgehen könnten. Essigessenz sei zudem ein wichtiges Korrektiv gegen die zunehmend organisierten Interessen der Gärungsessigindustrie, denn es halte die Preise des gesamten Marktes niedrig. Entsprechend wurden auch höhere Zölle abgelehnt (das Deutsche Reich war ein Holzimportland). Dies kann als eine spezifische Form von Verbraucherschutz verstanden werden. Wahrscheinlicher aber ist eine erfolgreiche Lobbyarbeit der Vertreter der chemischen Industrie, vornehmlich des 1877 gegründeten Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands. Dieser verhinderte auch eine 1898 in Preußen ausformulierte Verordnung zur Beschränkung des Verkehrs mit Essigessenz. Unglückfälle wurden so natürlich nicht verhindert.

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Produkt ohne Nachteile (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 788)

1902 wurde im Reichstag dann schwereres Geschütz aufgefahren. Der nationalliberale Abgeordnete Walther Münch-Ferber (1850-1931), Hofer Textilfabrikant und Kunsthistorikern gewiss gut bekannt, legte eine Liste mit 35 Todesfällen und 34 schweren Körperverletzungen vor, allesamt verursacht durch den Konsum von Essigessenz. Zugleich reicherte er seine Rede anschaulich an, denn er präsentierte dem Hohen Haus gleich sieben ansprechende Essigessenzflaschen, denen allesamt eines fehlte: Der Hinweis auf die potenziell tödliche Gefahr in der Flasche: „Auf den Etiketten befinden sich zum Theil goldene Weinbeeren, goldenes Weinlaub, andere bestechen durch ihre elegante Aufmachung.” Gewiss, es fehlte auch auf den kleinen Viertel-Liter-Fläschchen nicht der Hinweis auf 80%ige Essigessenz, doch Münch-Ferber fragte pointiert, ”wie viele Frauen und Mädchen wissen in ihren Küchen oder in ihren Haushalten was von 80 Prozent?” Widerspruch kam auf, doch der Reichstag verabschiedete eine Resolution, um Essigsäure als Gift einordnen zu können – mit beträchtlichen Folgen für den freien Verkauf.

Doch was sind schon Dutzende von Toten, wenn sie denn nicht Teil der Eliten sind oder politisch nützlich sein können? Das Innenministerium bzw. das Kaiserliche Gesundheitsamt brauchten jedenfalls Zeit, um zu prüfen, um aus ihrer wilhelminischen Starre zu erwachen. Wie in einem föderalen Staat üblich, wurde die handlungsunwillige Reichsregierung von den Einzelstaaten, teils gar von lokalen Initiativen getrieben. 1906, die Zahl der Unglücksfälle war seit 1890 auf etwa 150 gestiegen, hatte die württembergische Regierung beschlossen, dass Essigessenz nicht mehr in Flaschen unter fünf Litern an Letztverbraucher verkauft werden durfte. Die Händler sollten sie verdünnen, die Konsumenten so vor Schaden bewahren. Doch erst 1908 schrieb eine neuerliche Reichstagsresolution eine Neuregelung des Absatzes von Essig und Essigsäure fest. Vorangetrieben vom Agrarpolitiker und späteren Vorsitzenden des Bundes der Landwirte Gustav Roesicke (1856-1924), bündelte sie die bisherigen fachwissenschaftlichen Erkenntnisse und versuchte, die widerstreitenden wirtschaftlichen Interessen mit denen der Konsumenten zu verbinden.

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Abstraktion und Ästhetisierung durch Markenartikel (Karlsruher Tagblatt 1905, Nr. 242 v. 1. September, Beilage)

Die Kaiserliche Verordnung vom 14. Juli 1908 ordnete den Essig- und Essigessenzmarkt neu – fast eine Generation nachdem dieser Konturen angenommen hatte. Einerseits wurde die Suprematie stofflicher Expertise festgeschrieben, wurde doch nicht der Geschmack, sondern der Gehalt von Essigsäure zum entscheidenden Bewertungsmaßstab (vgl. „Künstliche Kost“, Kap. 3.3.3). Anderseits wurden zahlreiche in den Debatten von Chemikern, Interessenverbänden und Öffentlichkeit wabernde Definitionen aufgegriffen und rechtsverbindlich festgeschrieben. Essig mutierte zu Gärungsessig, musste mindestens 3,5% Essigsäure enthalten, nicht aber mehr als 15%. Das „Leben“ der Bakterien wurde Garant für das Lebendige des Konsumgutes; und die obere Grenze wurde durch das Unvermögen der Essigbakterien definiert, mehr als einen 15%igen Essig zu produzieren. Daneben schuf der Gesetzgeber, zauberergleich, neue Angebote. „Kunstessig“, sprachlich schon fast ausgrenzend, war eine verdünnte Essigessenz, durchaus mit Kräutern aromatisiert, mit dem Essigsäuregehalt des Essigs. „Essenzessig“ wurde neu geschaffen, eine einfache verdünnte Essigessenz mit dem abermals gleichen Gehalt an Essigsäure. All dies war ein Sieg der Gärungsessigindustrie, doch bleibt es zweifelhaft, ob die Konsumenten derartige Sprachspiele wirklich nachvollzogen. Essigessenz, auch höherer Konzentration, blieb jedenfalls weiter allgemein verfügbar, auch wenn sie als chemisches Kunstprodukt sprachlich vom „Essig“ getrennt wurde. Die Verordnung war eine Präferenzentscheidung für das „natürliche“ Produkt, ermöglichte dem Konsumenten aber auch für ein „Kunstprodukt“ zu optieren. Ein Scheinkompromiss, unbefriedigend, gewiss; doch vielleicht auch eine kluge Setzung angesichts eines gleichsam postmodern anmutenden Marktangebotes.

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Kampf der politischen Parteien (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 196 v. 28. April, 6)

Dies wurde 1909 während einer Versammlung des Bundes Deutscher Nahrungsmittel-Fabrikaten und -Händler deutlich, der Lobby der „Nahrungsmittelindustrie“. Sie schien nötig, da in den Kommissionsberatungen des novellierten Branntweinsteuergesetzes 1909 ein §107 eingefügt wurde, der Essigessenz durch eine Verbrauchsabgabe und veränderte Zolltarife verteuern wollte. Das hätte die bisherige prinzipielle Gleichrangigkeit der Essigprodukte in Frage gestellt. Das 1904 veröffentliche „Nahrungsmittelbuch“ des Bundes hatte die intensiven Vorarbeiten berücksichtigt, die erst die bayerischen und dann die deutschen Nahrungsmittelchemiker seit 1885 geleistet hatten. Eine 1899 verabschiedete Novelle ihrer „Vereinbarungen“ entsprach dem mittelständischen Prinzip von Leben und leben lassen: „Unter Essig versteht man das durch die sogenannte Essiggärung aus alkoholischen Flüssigkeiten oder durch Verdünnung von Essigsprit mit Wasser gewonnene, bekannte saure Genuss- und Konservierungsmittel.“ Essigessenz stand nicht im Fokus, wurde aber als Erzeugnis der trockenen Destillation des Holzes erwähnt.

Die Versammlung des Bundes bündelte 1909 nochmals die zentralen Argumente im Kampf zwischen Gärungsessig und Essigessenzproduzenten. Zeitgenossen sahen darin simple Interessenkämpfe: „Jede Partei sucht ihre Produkte als das Einzigwahre hinzustellen, den gegnerischen Produkten aber möglichst schlimme Dinge nachzuweisen und hierfür wissenschaftliche Autoritäten ins Feld zu führen“ (Zeitschrift für öffentliche Chemie 15, 1909, 181). Doch das war zu kurz gegriffen. Die Debatte zeigt vielmehr die Widersprüche und Paradoxien moderner Lebensmittelproduktion und ihrer Regulierung. „Natur“ und „Chemie“, „Künstlichkeit“ und „Tradition“ wurden verhandelt – und dienten als Marker aller Produkte. Gärungsessig war schließlich auch ein Kunstprodukt, der denunziatorisch verwandte Begriff „Spritessig“ deutete daraufhin. „Natürlicher“ Essig war Ergebnis elaborierter Technologie und entstammte vielfach nicht dem edlen Weine und dem duftendem Obst. Gärungsessig war nicht gesundheitsgefährdend, doch es war gewiss auch ein „Kunstprodukt“, ein „Kunsterzeugnis“. Auf der anderen Seite konnte auch die Essigsäuredestillation als ein „natürlicher“ Prozess verstanden werden – die Werbung für Spirituosen spielte schon damals mit verweisenden Begriffen von „Uralt“, „Geist“ und „Tradition“. Technologie war ein Kunstgriff, um der Natur etwas abzugewinnen, was vorhanden war, doch nicht einfach genutzt werden konnte. Essigessenz stand demnach für die Erfindergabe des Menschen, für seine Beherztheit, seine Selbstbehauptung in einer ja immer auch feindlichen Natur. Wissenschaftler und Nahrungsmittelproduzenten übertrugen diese begrifflichen Projektionen in der Debatte auch auf die Inhaltsstoffe der Essigarten. Nicht Essigsäure, sondern ergänzende Stoffe, insbesondere Enzyme und Aromastoffe, machten ein chemisches Produkt zu einem Nahrungs- und auch Genussmittel. Angesichts der Vielfalt möglicher Ausgangsstoffe der Essiggärung und der Aromatisierung von Essigessenz war damit begriffliche Klarheit aber nicht zu gewinnen.

Die Debatte unterstrich, dass kulturell aufgeladene Kampfbegriffe wie Natur, Künstlichkeit oder Chemie keine Klarheit im Alltag schaffen konnten, dass sie tendenziell beliebig zu füllen waren. Einzig der kleinste gemeinsame Nenner verblieb, die einfach messbare Essigsäure. Alltagserfahrungen und wirtschaftliche Interessen wurden so außen vor gehalten, auch wenn es allen Beteiligten klar war, dass damit die Breite des Essigmarktes auch nicht annähernd abgedeckt wurde. Die Schwierigkeiten der Regulierung werden so deutlich, wirklich befriedigende Ansatzpunkte gab es kaum. Postmoderne Beliebigkeiten rangen seit den 1890er Jahren um Einfluss – und derweil starben, unbeabsichtigt und doch real, Menschen. Unfälle, Zufälle, Verzweiflungstaten waren die Begleitmusik einer in Sprachspiele gefangenen Gesellschaft. Als 1912 das Kaiserliche Gesundheitsamt erstmals verbindliche „Festsetzungen über Lebensmittel“ formulierte, wurden die Begriffsbestimmungen der Verordnung von 1908 bestätigt. Essig war nominell Gärungsessig, Essenzessig und Kunstessig besaßen den gleichen Essigsäuregehalt, bestanden aber aus anderen Grund- und Zusatzstoffen. Essigessenz wurde durch einen 60-80%igen Essigsäuregehalt definiert. Viele Konservierungs- und Zusatzstoffe wurden verboten, die gestaltende Phantasie der Produzenten in engere Bahnen gelenkt. Die auch öffentlich geführte Debatte nährte eine bürgerliche Skepsis gegenüber dem billigeren künstlichen „Holzessig“, wovon der „natürliche“ Gärungsessig profitierte. Und es waren widerstreitende Experten und Produzenten, die Distanz zur „Chemie“ und ihren „Kunstprodukten“ nährten.

Im Markt waren damit klarere Kennzeichnungen und Begrifflichkeiten verbindlich geworden. Doch es war hochgradig fraglich, ob die Mehrzahl der Konsumenten diese Veränderungen wirklich realisierte. Hochkonzentrierte Essigessenz konnte weiterhin einfach gekauft werden, auch wenn Kritiker monierten, dass ein derart gefährliches Produkt frei verkäuflich blieb. Mittelfristig reduzierte sich die Zahl der Unfälle und Opfer. Zu verhindern waren sie so jedoch nicht. Der 43-jährige Webermeister Franz Lasik, der sich nach seiner Entlassung arbeitslos dem „Säuferwahnsinn“ ergab, trank in seiner Verzweiflung jedenfalls Essigessenz bevor er sich 1914 erst die linke Hand ganz und dann auch den linken Fuß fast gänzlich abhackte. Und als 1924, lang nach der Regulierung, eine sechszehnjährige bei Osnabrück lebende Schülerin von ihrem Vater, einem Gutsherrn, aufgefordert wurde ihre Beziehung zu einem Melker zu beenden, so wusste sie, dass sie Essigessenz zu trinken hatte, nachdem sie ihrem Liebsten einvernehmlich den Schädel eingeschlagen hatte. „Das ist die wahre Liebe nicht“ lautete die Schlagzeile. Doch immerhin überlebten beide, schwer verletzt.

Uwe Spiekermann, 14. Juni 2018

Kasseler Haferkakao – Ein verlorenes Konsumgut

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Jean Berlit 1928 (Wikipedia)

Johannes „Jean“ Berlit (1848-1937) war ein Tausendsassa. Geboren im nordhessischen Kassel, machte er eine kaufmännische Lehre, um kurz vor dem Militärdienst 1866 in die USA auszuwandern. Dort verkehrte er in der deutschen Nischengesellschaft: 1867 erschien ein „John“ Berlit als Angestellter des Manufakturwarengeschäft John Roemer & Co. in Wheeling, West Virginia, 1868 arbeitete er in San Franciscos Zentrum, bei der Bäckerei B. Stumpf. 1872 hatte er die Branchen gewechselt, war Geschäftsführer des Omaha Beobachters geworden, einer kurzlebigen deutschamerikanischen Tageszeitung in Nebraska. Im gleichen Jahr kehrte Berlit nach Kassel zurück, investierte sein Kapital erst in eine Bank, dann in ein prosperierendes Kolonialwaren- und Feinkostgeschäft. Weitere Investitionen folgten. Reichsweit bekannt wurde er kurz vor der Jahrhundertwende als führender Bäderunternehmer im westlichen Hessen. Berlit war zudem politisch aktiv, sei es als Anhänger der Republikanischen Partei Abraham Lincolns, der linkliberalen Fortschrittspartei und als sozialdemokratischer Stadtrat in Kassel. Hier aber geht es um die Erfindung des Tausendsassas, ein verlorenes Konsumgut, den heute kaum mehr bekannten Haferkakao.

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Kakaoprodukte von Sprengel als Stoffcontainer (Illustrirte Zeitung 82, 1884, 341)

Als Einzelhändler kannte Berlit die Convenienceprodukte der 1870er und 1880er Jahre, etwa die Erbswurst, den Fleischextrakt oder Suppenmehle. Doch nicht der Suppenmarkt, sondern die Kreation einer neuen Ware reizte ihn. Kakao wurde damals zwar gern mit Begriffen wie „Reinheit“ bewerben, doch Mischungen mit Mineralstoffen und auch Kohlenhydraten belebten seit langem das Geschäft mit Kranken und Rekonvaleszenten. Berlit wählte ein preiswertes Getreide, Hafer, und koppelte dies mit dem deutlich teureren, zu dieser Zeit aber nicht mehr exklusiven Kakao. Dazu bedurfte es einer technischen Innovation: Hafer wurde gereinigt, geschrotet, dann leicht geröstet und mit Wasser im Vakuum eingekocht. Die trockene Masse wurde gemahlen, mit entöltem Kakao vermischt, dann gepresst und schließlich in kleine Rechtecke geschnitten. In Stanniol eingepackt erhielt der Kunde ein vorportioniertes Produkt, das mit Wasser oder aber heißer Milch gekocht ein rasch herzustellendes Heißgetränk ergab. Berlit meldete sein Verfahren im 21. August 1892 zum Patent an, das Deutsche Reichs-Patent Nr. 72449 wurde ihm schließlich am 27. November 1893 erteilt. Es bildete die Grundlage für ein neues erschwingliches Konsumgut, das bis in die frühen 1950er Jahre als Kasseler Hafer-Kakao breite Abnahme fand.

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Absatz vor der Patenterteilung (Hamburger Nachrichten 1892, Nr. 192 v. 13. August, 7)

Wie beim fast zeitgleich entwickelten Kathreinerschen Malzkaffee gab es zwar ein Produkt, doch noch kein Unternehmen und keine Produktionsstätte. Dies änderte sich 1892. Berlit kooperierte mit dem Kasseler Agenten Alexander Hausen (1850-1915), der einerseits eine Einzelfirma gründete, der anderseits „Kasseler Hafer-Kakao“ schon vor dem Antrag auf Patenterteilung vertrieb. Bis spätestens 1894 wurde die Firma zur „Kasseler Hafer-Kakao-Fabrik Hausen & Co.“ umfirmiert. Spätestens 1896 übernahmen die Kaufleute Sigismund Rahmer und Georg Krüger die Produktion, wenngleich der Name Hausen mit dem Produkt verbunden blieb. Seither wurde die Angebotspalette ausgeweitet, zuerst 1896 mit einem fettärmeren Haferkakao, dann mit Haferschokolade, verschiedenen Sorten Kakao und Standardschokolade. 1898 verlagerte man die Produktion aus relativ kleinen Privathäusern in ein großzügig gestaltetes Fabrikgebäude in Kassel-Bettenhausen. Hier gab es auch ein chemisches Laboratorium, zuständig für Qualitätssicherung und Produktentwicklung. Kurz darauf erfolgte die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Sieben Jahre nach Produktionsbeginn waren damit nachholend die betrieblichen und finanziellen Grundlagen für ein reichsweites Vertriebsnetz geschaffen worden. Eine Analyse der Absatzmärkte, natürlich begrenzt durch die Malaise der geringen Zahl der im digitalen Entwicklungsland Bundesrepublik Deutschland online zugänglichen Zeitungen, zeigt den Übergang von regionalen Märkten zur nationalen Präsenz. Der Export schloss sich an. Von 1892 bis etwa 1894 war Haferkakao in Mittel- und Norddeutschland erhältlich, spätestens 1894 dann auch in Bayern, seit 1895 in Berlin, im Folgejahr dann in Südwestdeutschland. Warenzeichen für das westliche Ausland wurden seit 1896 beantragt.

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Haferkakao als diätetisches Heilmittel (Hamburger Nachrichten 1894, Nr. 231 v. 30. September, 17)

Zu diesem Zeitpunkt, also mehrere Jahre nach Einführung des Haferkakaos, hatte die Verantwortlichen auch entschieden, wie sie das neue Produkt positionieren wollten. Klar war anfangs nur, dass es sich um ein Getränk, nicht um ein Nährpräparat oder eine nährende Pastille handeln sollte. Doch unklar war, ob Haferkakao eher als ein Nähr- oder aber als ein Heilmittel vermarktet werden sollte. Obwohl die Vorportionierung die Zubereitung vereinfachte, war sie immer noch aufwändig und keineswegs strikt vorgegeben. Die kleinen Rechtecke mussten nämlich zerdrückt und dann mit Wasser klumpenfrei vermengt werden. Anschließend rührte man die zähflüssige Masse in Wasser oder Milch ein und ließ alles kochen. Der Kunde konnte Salz oder Zucker hinzufügen, aber auch Eier, aufgeschäumte Milch oder Gewürze. Diese Vielfalt entsprach der des Kakaos, denn auch dieser war noch nicht das heute gängige gesüßte Getränk, war kein Instantprodukt.

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Neuartige Warenpräsenz: Ein schmucker Karton mit 27 Würfeln (Karlsruher Tagblatt 1897, Nr. 136 v. 17. Mai, Beilage)

Die Kasseler Firmenleitung hob in der Werbung der ersten Jahre vor allem die heilende Wirkung des Haferkakaos hervor. Dieser nähre auf eine einfache Weise, beruhige den Magen-Darm-Trakt, reinige den Körper, sei blutbildend und kraftfördernd. Dem entsprachen frühe Kommerzmythen. Hafer wurde beispielsweise mit der Kraft und Gesundheit der Schotten verbunden. Ewald Paul, Mediziner und Herausgeber der populären „Zeitschrift für Gesundheitspflege“ schrieb: „Die Schotten sind ein Menschenschlag von Kraft und Schönheit, ausgezeichnet durch Muth und Energie, Ausdauer und Behendigkeit. […] Und das Geheimnis aller dieser Erscheinungen liegt – so paradox dies auch auf den ersten Augenblick erscheinen mag – zum guten Teil in der Vorliebe der Schotten an einer reichlichen und rationellen Hafer-Ernährung“ (Hamburger Anzeiger 1895, Ausg. v. 15. Dezember, 50). Nun, ja… Doch während die vielen Mythen unserer Tafeln weiterklingen, die Geschichten von Alpen und Sonne, von Natur und Urtümlichkeit, hat die Kasseler Firma die Schottengeschichte nicht wirklich forciert. Stattdessen setzte sie auf die Autorität der Wissenschaft, zumal der Medizin: Haferkakao wurde – analog etwa zum kurz zuvor eingeführten Kefir – in Sanatorien und der Privatpraxis getestet. Die Folge war eine Lawine von Empfehlungsschreiben, die sich für bis zu dreimonatigen Haferkakaokuren aussprachen, um das Leben des nervösen modernen Menschen gesünder zu machen. Parallel nutzte man die beginnende Mode der Eiweiß- und Nährpräparate aus, um Kasseler Haferkakao als allgemeines Stärkungsmittel zu vermarkten. Hafer wurde zum Schutzschild im Alltag, Kakao gab ihm Geschmack und ein wenig Exotik.

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Verdaulichkeit als Kaufargument (Über Land und Meer 88, 1902, 518)

„Gesunde“ Produkte aber dienen immer dem Kampf gegen die „bösen“. So auch beim Haferkakao. Seine Kulturmission war es offenbar, das Frühstück zu verbessern. Gehetzte Kinder sollten nicht mehr mit Kaffee oder Tee aufgepeitscht werden, sondern ihnen wurde von sorgender Mutterhand ein nährendes Haferkakaoentree für den Tag gekocht. Schwächliche Frauen fanden in Kassel einen Verbündeten, der ihnen Kraft und Blut gab. Das galt später auch für die gehetzte berufstätige Frau. Männer wurden in den Anzeigen weniger angesprochen, es sei denn, sie waren alt und bedurften der nutritiven Stütze, oder aber sie wollten noch welche werden. Anfang des 20. Jahrhunderts war Kasseler Haferkakao ein nährendes Produkt für Gefährdete und Heranwachsende geworden, ein Heilprodukt für Geschwächte, Kranke und Rekonvaleszenten.

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Ansprache von Jung und Alt (Daheim 50, 1914, Nr. 46, 29)

Der Weg zum präzise definierten Markenprodukt war lang, begleitet von den üblichen Abwehrkämpfen gegenüber billigeren Nachahmern oder aber einer seriösen Konkurrenz größerer Anbieter, etwa der Hamburger Kakao-Compagnie Theodor Reichardt. Trotz Patentschutz endete Anfang des 20. Jahrhundert langsam die Phase einfacher Erträge des Marktpioniers. Es folgte eine immer stärkere Ästhetisierung des Produktes und seiner Werbung. Die kleinen Stanniolrechtecke wurden einheitlich bedruckt, die Papp-Verpackung standardisiert und durchweg blau gefärbt. Für die Läden entwickelte die Firma eine ebenfalls standardisierte Verkaufskiste, deren Deckel mit farbigen Werbeplakaten ausgestattet war. Schon seit 1897 begann die Kasseler Firma Zugaben zu verteilen, etwa Sammelbände zu Flora und Fauna. Dazu gründete man einen eigenen Verlag. Die Werbung passte sich dem Trend der damaligen Plakatkunst an. Zwar gab es weiterhin vielfältige rein textliche Anzeigen, doch daneben trat die „schöne“ und „niveauvolle“ Bildanzeige. Für Läden, Schaufenster und Außenreklame entwickelte die Werbeabteilung stetig wechselnde Angebote – und insbesondere die Emailleschilder werden bis heute zu Dekorationszwecken nachproduziert.

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Entzeitlichung als Marketingstrategie (Daheim 48, 1911/12, Nr. 3, 31)

Vergessen wir abschließend aber nicht den Titel dieser kleinen Geschichte. Haferkakao gibt es heute praktisch nicht mehr, Kleinserien aus handwerklicher Produktion bilden rare Ausnahmen. Von den 1890er Jahren bis ca. 1940 war Haferkakao, zumal der des Kasseler Marktführers, dagegen ein gängiges Alltagsprodukt. Es wurde nicht als Ersatzmittel, als Streckung des erschwinglichen, doch nicht wirklich billigen Kakaos angesehen, sondern als ein Konsumgut eigenen Rechts, nährend und mit unverwechselbarem Geschmack. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg – die Kasseler Firma war 1923 schon in ein Gemeinschaftsunternehmen mit den Suppenpräparatehersteller Hohenlohe und dem Nudelproduzenten Jakob Friedrich Schüle eingetreten – konnte an die wirtschaftlichen Erfolge der späten 1920er Jahre und dann vor allem der NS-Zeit nicht angeknüpft werden. Hafer- und Suppenpräparate waren seit Ende der 1940er Jahre zunehmend schwerer abzusetzen. Die im Bombenkrieg schwer beschädigte Firma wurde zwar wiederaufgebaut, musste aber 1954 liquidiert werden. Kasseler Haferkakao steht nicht nur für eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte. Er steht auch für die große Zahl gewerbliche Produkte, die einst alltagsprägend waren, die in einer vermeintlich vorwärtsschreitenden Konsumgesellschaft jedoch keinen Platz mehr hatten und haben. Das Kasseler Beispiel erinnert daran, dass Konsumsektor ein Kampfplatz ist. Viele Konsumgüter können nur noch durch Geschichte(n) vor Augen geführt werden.

Uwe Spiekermann, 9. Juni 2018

Wider die Warenhausfixiertheit – Die Anfänge des Kaufhauses Rudolph Hertzog

Eine der zahlreichen Legenden der deutschen Konsumgeschichte ist die Mär von der „Warenhausgesellschaft“. Ihre Vertreter blicken voll Bewunderung auf die in der Tat beeindruckende Entwicklung einer kleinen Gruppe von Großbetrieben, die in den 1890er Jahre die bisherigen Sortimentsgrenzen durchbrachen und zumal in Berlin neue Maßstäbe im Absatz von Konsumgütern setzten. Wertheim und Tietz, Karstadt und Althoff stehen demnach für eine Demokratisierung des Konsums, für Verkaufspaläste zuvor unbekannter Größe, für Dienst am Kunden und die Etablierung des „Shopping“ als Freizeitgestaltung. Dieses Narrativ passt gut zum altbekannten Interpretament des vermeintlichen deutschen Sonderweges. Das Deutsche Reich ist demnach nicht nur politisch ein Spätstarter gewesen, sondern auch kommerziell. Das Aufkommen der Warenhäuser ist dann Teil einer nachholenden Modernisierung, die jedoch massive Widerstände im gewerblichen (und antisemitischen) Mittelstand und den konservativen Regierungen hervorrief, die zu exorbitanten Warenhaussteuern führten, also einer Art Sondersteuer gegen moderne Betriebe (vgl. „Warenhaussteuer in Deutschland“).

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Der größte Einkaufskomplex Berlins 1912: Kaufhaus Rudolph Hertzog (Berliner Leben 17, 1914, Nr. 2, s.p.)

Ich habe verschiedentlich gegen diese Warenhausfixiertheit argumentiert. Kann es wirklich sein, dass eine Betriebsform mit einem Marktanteil von 1913 2,2-2,5% den Konsumsektor derart prägte? Kann man wirklich ausblenden, dass alle – ja, mit Ausnahme der Sortimentserweitertung wirklich alle – den Warenhäusern zugeschriebene Innovationen in den frühen 1890er Jahren bereits von anderen Betriebsformen praktiziert wurden? Man kann dies, wenn man in treudeutscher Weise die Definitionen des preußischen Warenhaussteuergesetzes von 1900 für bare Münze nimmt. Dann spricht man von einem Warenhaus, wenn es sich um eine großbetriebliche, kapitalistische Unternehmung für den Kleinhandel mit Waren verschiedenster, innerlich nicht zusammenhängender Art in einheitlichen Verkaufsräumen/-häusern handelt. Solche Geschäfte hat es jedoch im Ausland praktisch nicht gegeben. Denn die vielfach als Vorbilder beschworenen französischen Warenhäuser waren – im deutschen Sinne – Manufakturwarengeschäfte oder Kaufhäuser, konzentrierten sich auf den Absatz von Konfektionswaren und ergänzender Artikel, vertrieben keine Lebensmittel. Entsprechende Kaufhäuser aber gab es in Deutschland in großer Zahl lange vor Beginn der imaginierten „Warenhausgesellschaft“. Das wurde in den 1880er Jahren auch allseits anerkannt. Deutschland stand demnach auf gleicher Höhe mit den französischen und englischen Konsumgesellschaften, die Großbetriebe waren mit denen des westlichen Auslandes grundsätzlich vergleichbar. Ansonsten wäre es nicht nachvollziehbar, wenn eine deutschsprachige US-Zeitung 1888 schrieb: „‘Bon Marche‘ und ‚Louvre‘ in Paris, Hertzog und Gerson in Berlin und die großen Modepaläste in London und St. Petersburg haben auch hier [d.i. Baltimore, US] ihre Nachahmer gefunden“ (Der Deutsche Correspondent 1888, Nr. 231 v. 26. September, 4).

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Rudolph Carl Hertzog in jungen Jahren (Berliner Leben 17, 1914, Nr. 2, s.p.)

Damit ist der interpretative Raum beschritten, der es wichtig macht, sich mit Großkaufhäusern wie Rudolph Hertzog zu beschäftigten. Das hat bisher kaum jemand getan (anders als, wenngleich kulturwissenschaftlich, bei Herrmann Gerson). Fragen wir also einmal genauer, ob das Kaufhaus vergleichbar war mit seinen europäischen Wettbewerbern und mit seinen vermeintlich bahnbrechenden späteren Überholern. Die Kerndaten sind bekannt: Am 14. Februar 1839 eröffnete der junge Kaufmann Rudolph Hertzog (1815-1894) im Zentrum Berlins, in der Breiten Straße, ein Manufakturwarengeschäft – eines von etwa 150 in der preußischen Hauptstadt. Hertzogs Vater Ferdinand waren Tuch- und Seidenhändler gewesen, und seine 1838 geheiratete Frau Rosalie (1817-1898) war die Tochter seines Lehrherrn Sy. Geschäftskontakte und profunde Warenkenntnisse hatte der junge Händler in Berlin bei George Gabain erworben, sie in Frankfurt/M. und dem französischen Textilzentrum Lyon erweitert. Seine Geschäftsprinzipien entsprangen dem Denken der damaligen Kaufmannselite, gingen jedoch weiter. Er wollte Stoffe und Seidenwaren zu soliden, aber – damals noch ungewöhnlich – festen Preisen verkaufen. Durch – so ein Rundschreiben von 1839 – „vorzüglich schöne Ware zu den möglichst billigen Preisen, werde er bemüht sein, das Vertrauen der Kundschaft zu erwerben und sich dauernd zu bewahren“ (Der Welt-Spiegel 1914, Nr. 7 v. 15. Februar, 7). 1848 hatte sein Geschäft eine Größe von 155 m², doch der steigende Absatz erlaubte regelmäßige Umbauten. 1867 wies es 2.290, 1878 3.710 und 1892 dann 5.405 m² auf. 1904 errichtete das Unternehmen einen neuen imposanten Bau in der gegenüberliegenden Brüderstraße, so dass eine Gesamtfläche von 10.800 m² und 1912 schließlich 15.875 m² umschlossen wurde. Rudolph Hertzog war und blieb größer als selbst die größten Warenhäuser: Wertheims Flaggschiff in der Leipziger Straße wies nach mehreren Umbauten damals knapp 15.000 m² auf.

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Blick in einen der Haupträume nach dem Umbau 1878 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 268)

Hertzogs Wachstum in den 1860er und 1870er Jahren erfolgte parallel zum Entstehen der Pariser Großkaufhäuser, die durch vielfältige Reiseberichte und Zolas Roman „Das Paradies der Damen“ (1884) in Deutschland gut bekannt waren. Den französischen Romancier beeindruckte die präzise getaktete Verkaufsmaschinerie, der stete Strom bürgerlicher Kunden und die große Schar junger Verkäuferinnen. Bei Hertzog, wie bei fast allen großen Häusern in Deutschland bis in 1890er Jahre, dominierten zwar männliche Handlungsdiener, doch der Verkauf erfolgte nach regelmäßigen saisonalem Rhythmus und unter strikter Rechenhaftigkeit.

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Detaillierte Informationen für Schnäppchenjäger (Königlich privilegirte Berlinische Zeitung 1849_Nr. 270 v. 18. November)

Ausverkäufe, gemäß den üblichen Missinterpretationen der Vertreter der „Warenhausgesellschaft“ eng mit den neuen Betriebsformen verbunden, wurden seit den 1840er Jahren stetig durchgeführt. Das Wachstum von Rudolph Hertzog lässt sich jedoch eher auf seine massive Anzeigenwerbung zurückführen.

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Typische Rudolph Hertzog-Offerte in den 1840er bis 1860er Jahren (Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen 1857, Nr. 61 v. 1. März)

Der „König der Inserate“ pflegte eine dauernde Interaktion mit seinen Kunden, denen er ehrerbietig immer wieder Neuigkeiten aus Frankreich, Belgien und England offerierte. 1875 gab Hertzog ca. 150.000 Mark allein für Inserate aus, lag damit weit vor der Konkurrenz, etwa den Großbetrieben von Nathan Israel (gegründet 1815 resp. 1843), Herrmann Gerson (1836), Heinrich Jordan (1839) oder Valentin Manheimer (1840). Doch Hertzog zielte nicht allein auf Quantität. Sein eisern umsäumtes Namensschild auf dem Dach des 1868 umgebauten Geschäftshauses setzte ebenso Maßstäbe wie seine seit 1882 erscheinende jährliche Agenda.

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Namenszug 1907 (Agenda Rudolph Hertzog 1907, Berlin 1906, I)

Diese schon nach kurzer Einführungszeit fast 200-seitige Mischung von Kalender, Fremdenführer, Geschichtsbuch und Werbeschrift wurde „der Kundschaft“ jeweils vor Weihnachten zugesandt. Kaufzwang gab es nicht, wohl aber wurde ein Band wechselseitiger Verpflichtungen geknüpft. Das galt nicht nur in Berlin. Hertzog etablierte spätestens seit den Postreformen Anfang der 1870er Jahre ein immens erfolgreiches Versandgeschäft, das durch Anzeigen, vor allem aber einen mit Mustern prächtig ausgestatteten Katalog im Deutschen Reich, aber auch bei vielen Auslandsdeutschen, popularisiert wurde. Die Auflage lag 1887 bei 260.000 Exemplaren. Damit dürfte Hertzog den Versandhandel der großen Pariser Kaufhäuser zumindest erreicht haben. Ob er aber wirklich das größte europäische Versandhaus war – so Beobachter in den 1890er Jahren – ist mangels genauer Daten schwer abzuschätzen.

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Blick in den Versandsaal ca. 1880 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 269)

Wichtig aber ist, dass dadurch der Name Hertzog zu einem reichsweiten Haushaltsbegriff für Stoffe und Konfektionswaren wurde. Auch Größe und Tenor der Anzeigen veränderten sich. Die vielfach fälschlich den Warenhäusern zugeschriebenen ganzseitigen und bebilderten Inserate finden sich bei Hertzog seit spätestens 1887, doch Versandhäuser wie Mey & Edlich oder aber zahlreiche Aktiengesellschaften der Gründerzeit waren hier vorangegangen. Der Versandhandel führte zu einem raschen Wachstum des Sortimentes auch im Ladengeschäft. Neben die bisherigen Textilien traten zunehmend Einrichtungs- und Dekorationsgegenstände, Wäsche und Trikotagen, Mäntel, Anzüge und Kostüme. Hertzog begann zudem 1879 mit der Eigenproduktion von Gardinen, gründete dazu eine Fabrik in Plauen.

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Ganzseitige bebilderte Anzeige 1887 (Der Bazar 33, 1887, 232)

Als Rudolph Hertzog 1894 in Karlsbad starb, arbeiteten ca. 500 Beschäftigte in Berlin und mehr als 100 in Plauen. Bis 1914 konnten diese Zahlen nochmals vielfach erhöht werden und mit ca. 50 Millionen Mark Jahresumsatz rangierte es noch vor jedem einzelnen Warenhaus der Reichshauptstadt. Gleichwohl gab es Unterschiede zur neuen Konkurrenz. Sie lagen vor allem in der Person des Gründers. Dieser war ein konservativer Monarchist, kaisertreu und Bismarcknah, ein wichtiger Finanzier des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stoeckers (1835-1909). Hertzog war ein Patriarch, unterstützte freigiebig bei Not und Armut, forderte aber Gehorsam und Unterordnung. Seine politische Agenda hatte Folgen für das Geschäft. Obwohl international bestens vernetzt, baute er bei Konfektionswaren stark auf lokale Netzwerke von Zwischenmeistern. Er misstraute der Börse, arbeitete mit Eigenmitteln, blieb voll verantwortlicher Einzelkaufmann. Hertzog beschäftigte keine Handelsvertreter, da er die gewachsenen Strukturen in anderen Orten nicht allein durch seine Kapitalkraft zerstören wollte. Er stand für strikten Leistungswettbewerb, praktizierte aber eine Kultur bedingter Rücksichtnahme gegenüber dem ehrsamen Mittelstand, dessen Forderungen er auch politisch unterstützte. Schließlich zielte Rudolph Hertzog nicht auf die „Demokratisierung“ des Konsums. Seine Kunden stammten aus dem Adel und dem Bürgertum, nicht aus dem Kleinbürgertum oder gar der Arbeiterschaft. Die erste Anzeige in der SPD-Zeitung „Vorwärts“ erschien 1919, während nationalliberale und konservative Zeitungen, etwa die National-Zeitung, die Norddeutsche Allgemeine Zeitung oder die Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung, auf seine regelmäßigen Inserate setzen konnten. Diese soziale Schließung reduzierte die Wachstumschancen, wenngleich dadurch das Sortiment durchweg höherwertiger blieb als das der später um die solvente Kundschaft buhlenden Warenhäuser. Der Erfrischungsraum von Hertzog bot beispielsweise dem Publikum kostenlos Kaffee, Tee, Kakao oder Eis an, denn die Welt dieses Kaufhauses betrat nur jemand mit Einkommen und Hintergrund.

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Die „bessere“ Gesellschaft im Treppenhaus (Agenda Rudolph Hertzog 1907, Berlin 1906, 76)

Doch zurück zur Mär von der „Warenhausgesellschaft“. Das Kaufhaus Rudolph Hertzog war ein bedeutender Exponent der tiefgreifenden Veränderungen im Manufakturwarenhandel seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Schon lange vor dem Aufkommen der Warenhäuser in den frühen 1890er Jahre führte das Kaufhaus zentrale Elemente einer modernen Konsumgesellschaft ein: Strikte Rechenhaftigkeit im Betrieb, Kulanz im Umgang mit der gehobenen Kundschaft, feste Warenpreise, Ausverkäufe, intensive Werbetätigkeit, große und prächtige Verkaufsräume. Rudolph Hertzog und eine große Zahl führender Kaufhäuser in Berlin und anderen Groß- und Mittelstädten konnten sich mit den Häusern in London, Paris und Wien durchaus messen. Deutschland mochte zwar bis Ende des 19. Jahrhunderts ärmer gewesen sein, doch es gab gewiss keinen konsumtiven deutschen Sonderweg. Wer von einer „Warenhausgesellschaft“ um die Jahrhundertwende spricht, unterstreicht mit seiner Warenhausfixiertheit nur mangelnde Sachkenntnisse über die Entwicklung des Handels und des Einkaufens in Deutschland im 19. Jahrhundert.

Uwe Spiekermann, 2. Juni 2018