Humanitäres Vorzeigeprojekt und wissenschaftliches Desaster – Die Quäkerspeisung in Deutschland, 1919-1921

Der Erste Weltkrieg und die damit verbundene Wirtschaftsblockade der Mittelmächte führten im Deutschen Reich zu massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen, zu Unterernährung, Hunger und Tod. Der ineffizienten und halbherzigen Kriegsernährungspolitik gelang es seit spätestens 1916 nicht mehr, den physiologischen Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken. Die Folgen waren verheerend, auch wenn die Menschen nicht direkt verhungerten. Die Zahl der vermeintlichen Toten der Heimatfront, also die sog. „Übersterblichkeit“ durch Infektionskrankheiten, Schwäche, Überbeanspruchung und Vernachlässigung, blieb jedoch politisch umstritten. Die deutsche Seite versuchte die Zahlen nach dem Waffenstillstand möglichst hoch zu halten, um so die deutsche Opferrolle zu unterstreichen (rund 763.000 zivile Opfer der Blockade, so Schädigung der deutschen Volkskraft durch die feindliche Blockade, o.O. o.J (1919), 17). Auch mehr als ein Jahrhundert nach Kriegsbeginn finden sich derartige Zahlen in Gesamtdarstellungen. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard schrieb beispielsweise ohne solide Belege von bis zu 700.000 direkt oder indirekt durch Unterversorgung Verstorbenen (Die Büchse der Pandora, 4. durchges. Aufl., München 2014, 518). Dabei hatten deutsche Statistiker Ende der 1920er Jahre die „Übersterblichkeit“ bereits auf ca. 424.000 Personen reduziert. Dazu wurden die Grippetoten geschätzt und herausgerechnet. Parallel verwiesen sie auf die Folgen des sehr kalten Winters 1917 und des massiven Kohlemangels.

01_Roesle_1928_p28_Uebersterblichkeit während des Ersten Weltkrieges

„Übersterblichkeit“ während des Ersten Weltkrieges ([Emil] Roesle, Die Geburts- und Sterblichkeitsverhältnisse, in F[ranz] Bumm (Hg.), Deutschlands Gesundheitsverhältnisse unter dem Einfluss des Weltkrieges, Halbbd. I, Stuttgart/Berlin/Leipzig 1928, 1-62, hier 28)

Einfache Zahlen über die Kriegsfolgen sind voller Vorannahmen, planieren dabei die beträchtlichen Variationen. Sie sind dennoch hilfreich und zugleich erforderlich. Sie erlauben einen analytischen und vergleichenden Blick, machen die Fährnisse der Zeit deutlich, verweisen auf die Herausforderungen des Alltags. Demgegenüber ist die einebnende Kraft derartiger Durchschnittszahlen zweitranging, kann man doch recht sicher davon ausgehen, dass Einzelschilderungen ihren Platz in der Erinnerungskultur einnehmen werden. Das gilt auch für die Unterernährung selbst, anschaulich gemacht durch die Berechnungen des Berliner Physiologen Max Rubner (1854-1932) über den Körperzustand während des Krieges. Danach sank das Gewicht eines rechnerischen Durchschnittsdeutschen von etwa 60 kg 1913 auf lediglich 49 kg Ende 1917, ein Substanzverlust von fast 20 % (Einfluss der Kriegsverhältnisse auf den Gesundheitszustand im Deutschen Reich, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 229-242, hier 235). Auch die Körpermaße der Kinder veränderten sich gravierend, denn das Wachstum verzögerte sich beträchtlich. Die Heranwachsenden waren ca. 3-5 cm kleiner als ihre gleichaltrigen Altersgenossen vor dem Krieg (vgl. Eugen Schlesinger, Wachstum, Gewicht und Konstitution der Kinder und der heranwachsenden Jugend während des Krieges, Zeitschrift für Kinderheilkunde 22, 1919, 79-123). Viele Einzelstudien dokumentierten derartige „Körperschäden“ mittels Messungen und Wägungen. Diese empirischen Daten waren eindringlich und bedrückend, so dass eine vergleichende Umrechnung anhand der zahlreichen „Formeln des Ernährungszustandes“ bis 1918/19 nur vereinzelt statt.

Diese waren seit dem 18. Jahrhundert aufgekommen, um den körperlichen Zustand des Menschen „objektiv“ erfassen zu können. War dies anfangs Teil der Erfassung und Kategorisierung aller Lebewesen, so geriet seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts der Mensch auch als soziales Lebewesen in den Bannstrahl einer Moral- und Sozialstatistik. Das war ein wichtiges Element in den Debatten über die Industrialisierung und die soziale Frage. Körperformeln waren für Anthropologen und Statistiker von hohem Interesse, um einerseits sozialpolitisch relevante Abweichungen festzustellen. Die schwachen, kränklichen Körper der arbeitenden Klassen bildeten Argumente im Kampf um soziale Reform, mochten andere Zahlen, etwa Preise und Löhne, auch klar dominieren. Das abstrakte Wissen der Normwerte erlaubte anderseits aber auch einen Vergleich verschiedener Bevölkerungsgruppen, der Klassen, Geschlechter, Regionen und „Rassen“, also allgemeine Aussagen über das Menschengeschlecht. Vom Hauptvertreter dieser Richtung, dem belgischen Sozialstatistiker Adolphe Quetelet (1796-1874), stammte denn auch die erste Fassung des heutzutage fast ausnahmslos genutzten Body Mass Index, der damals als unbrauchbar abgelehnt wurde.

Die Bedeutung einschlägiger Normwerte und Körperformeln nahm beträchtlich zu, als nach Kriegsende Hilfsmaßnahmen karitativer Organisationen des neutralen und ehedem feindlichen Auslandes einsetzten. Sie konzentrierten sich auf die vermeintlich Schwächsten der Bevölkerung, auf die Kinder, für die auch deutlich einfacher Geldmittel zu sammeln war. Wessen Herz wird nicht durch große Kinderaugen bewegt?

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Sammlung für die deutsche Quäkerspeisung mit großen Augen und kleinen Körpern 1921 ($3,000,000 Campaign German Child Feeding August 1921 to July 1921, Phila-delphia o.J. (1921) (Bulletin of the American Friends Service Committee, No. 39), 4)

Doch Hilfsmittel sind immer begrenzt. Entsprechend erfordert Hilfe Kriterien für die Auswahl der am härtesten Betroffenen, der am dringendsten zu Unterstützenden. Schon die Auswahl der Kinder für die Erholungs- und Wiederauffütterungsreisen in die Schweiz oder aber skandinavische Staaten verlangte nach „objektiven“ Maßstäben. Ohne einheitliche Koordinierung wurden faktisch jedoch sehr unterschiedliche Kriterien angelegt, die von Arzt zu Arzt und von Organisation zu Organisation stark variierten. Diesen Zustand wollten die US-amerikanischen Quäker ändern, die 1919 schon in Österreich eine breit angelegte und wissenschaftlich fundierte Kinderspeisung begonnen hatten.

03_Henriques_Hg_1926_p110_Quäker und Kinder in Berlin 1920

Begegnung von Kindern, deutschen Verantwortlichen und Quäkern in Berlin 1920 (Clara Henriques, Wirkungen der Kinderspeisung und Urteile der Beteiligten, in Dies. (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 99-111, hier 110)

Nach einer ersten Studienreise im Sommer 1919 errichtete eine 15-köpfige Kadergruppe von Berlin ausgehend eine reichsweite Organisation, die im Februar 1920 mit der Kinderspeisung begann. Man startete in wenigen Großstädten, institutionalisierte die Aktion dann in immer mehr Orten (vgl. allgemein Charles E. Strickland, American Aid to Germany, 1919 to 1921, Wisconsin Magazine of History 45, 1965, 256-270; Yukako Otori, Faith-Based Belied and Postwar U.S. Foreign Policy: Quäkerspeisung as a Case Study, 2012). Schon im Juli 1920 wurden täglich mehr als 600.000 Portionen ausgegeben, im Juni 1921 die Millionengrenze überschritten. Bis zur alleinigen Übergabe des Speisungswerkes in deutsche Hände 1925 – ab Oktober 1921 deckten deutsche Gelder schon etwa die Hälfte der Ausgaben – wurden im Rahmen der Quäkerspeisung insgesamt fast 700 Mio. Portionen verteilt. Man kann davon ausgehen, dass „zum mindesten ein Viertel der in den Jahren 1907 und 1919 Geborenen einmal wenigstens ein halbes Jahr lang gespeist worden ist“ (Clara Henriques, Organisation und Durchführung der Speisung, in Dies. (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 62-93, hier 93). In einer nach wie vor hasserfüllten Nachkriegszeit war die vor allem von US-amerikanischen Spenden getragene Kinderspeisung der Quäker nicht allein Glaubenszeugnis und Akt der Barmherzigkeit, sondern zugleich ein Symbol für eine bessere, friedlichere Zukunft.

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Die Organisationskommission der Quäker in Berlin 1920 (Zeitbilder 1920, Ausg. v. 11. Januar, 2)

Doch auch ein derart großzügig dimensioniertes Hilfswerk erforderte eindeutige, „objektive“ Vorgaben für die Verwendung der gespendeten Mittel. Die Speisung sollte die körperlichen Schäden der unzureichenden Kriegsernährung so gut wie möglich ausgleichen, wurde daher als Zusatzspeisung gewährt. Maßstab für die Zulassung zur Speisung sollte einzig der individuelle Ernährungszustand der Kinder sein, wobei in begrenztem Umfang auch Schwangere bzw. Stillende und später auch Jugendliche gespeist wurden. Soziale Gesichtspunkte sollten ausdrücklich keine Rolle spielen. Damit wollte man nicht nur deutlich machen, dass alle Kinder Gottes seien, sondern auch verhindern, dass die strikten Kämpfe um die Kinderspeisung während des Kaiserreiches und der frühen Progressive Era neu aufflammten. Damals argumentierten bürgerliche Sozialreformer auf beiden Seiten des Atlantiks, dass eine strikte Begrenzung der Nahrungsabgabe auf physiologisch Bedürftige erforderlich sei, um nicht eine Kultur der Almosen zu unterstützen, die letztlich zur Verfestigung der Armut führen würde.

Die Quäker setzten allerdings voraus, dass die sozialpolitisch so fortschrittlichen Deutschen auch über ein breit gefächertes Schulgesundheitswesen verfügen würden, das Speisungsbedürftigte und Speisungsberechtigte schon ermittelt hätte. Erstaunt mussten sie registrieren, „daß man für die Quäkerspeisung auf keine allgemein anerkannten ärztlichen Untersuchungsmethoden zurückgreifen konnte und daß in vielen Städten die Zahl der speisungsbedürftigen Kinder ganz unbekannt war und eben erst durch besondere Untersuchungen festgestellt werden mußte“ (Gustav Tugendreich, Die ärztlichen Grundlagen für die Durchführung des Werkes, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 35, 1922, 181-196, hier 188). Die Frage, wie die körperliche Befindlichkeit festzustellen sei, wurde damit drängend. Es galt nicht nur knappe Mittel zu verteilen, sondern man musste auch den Ausgeschlossen begründen können, warum man sie ausschloss.

05_Henriques_Hg_1926_p75_Ärztliche Untersuchung Speisungsbedürftiger 1920

Ärztliche Untersuchung potenziell Speisungsbedürftiger 1920 (Henriques (Hg.), 1926, 75)

Die Quäker gingen anfangs pragmatisch vor und schieden vier Gruppen voneinander: Normal ernährte, minder unterernährte, unterernährte und sehr unterernährte Kinder. Auf Basis dieser Kategorien gruppierten vor Ort Vertrauensärzte die Kinder – und das Ergebnis war ein Fiasko. Ohne klare Richtlinien über den Begriff „Unterernährung“ variierte die Anzahl der Kinder in der vierten Gruppe auch an gleichen Orten zwischen 10 % und 90 %. Der ärztliche Blick war offenbar getrübt.

Daraufhin schlug der inzwischen eingerichtete Ärztliche Beirat des Speisungswerkes im Mai 1920 eine Straffung und Präzisierung der Gruppeneinteilungen vor, nämlich „Klasse I, Kinder in ausreichend oder noch unzureichend gesundheitlichem Zustand. Klasse II, leicht unterernährte Kinder, bei denen eine Zusatzspeisung ärztlich erwünscht, aber nicht dringend erforderlich war. Klasse III, ausgesprochen unterernährte, insbesondere in der körperlichen Entwicklung (Gewicht und Länge) zurückgebliebene, skrofulöse, spätrachitische oder blutarme Kinder. Klasse IV, schwer unterernährte Kinder, die sich in einem bedenklichen Zustande, hervorgerufen durch eine längere Periode der Unterernährung befinden“ (Tugendreich, 1922, 189). Aufgrund der Autorität des Beirates – er bestand aus den seinerzeit führenden Pädiatern und Physiologen Adalbert Czerny (1863-1941), Adolf Gottstein (1857-1941), Eugen Rost (1870-1953), Fritz Rott (1878-1959), Max Rubner und Gustav Tugendreich (1876-1948) – gab es innerhalb der deutschen Wissenschaft kaum Kritik an der Einteilung bzw. der Definition der ihr zugrundeliegenden Begriffe. Entsprechend wurde die ärztliche Musterung der Kinder nun vereinheitlicht, insbesondere aber Wägungen und Messungen standardisiert.

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Optimierte Zusatzrationen zur Auffütterung 1920 (Amerikanische Kinderhilfsmission der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker). Bericht 10. – 31. Juli 1922, Berlin 1922, 9)

Die Ergebnisse wurden dadurch besser, doch den Kriterien der rechenschaftspflichtigen Quäker genügten sie noch nicht, zu aufwändig waren die Untersuchungen. Der Ärztliche Beirat griff daher das Vorbild des österreichischen Hilfswerkes auf, wo unter Leitung des Wiener Pädiaters Clemens von Pirquet (1874-1929) die Auswahl aufgrund des von diesem selbst entwickelten Gelidusi-Indexes erfolgte (Fr[anz] Hamburger und K[arl] Jellenigg, Die Gelidusimethode zur Feststellung des Ernährungszustandes, Wiener klinische Wochenschrift 67, 1920, 1131-1132). Dieser war jedoch sehr komplex – der Index basierte auf der 3. Wurzel des durch die Sitzhöhe geteilten 10-fachen Gewichtes eines Kindes – und konnte nur von damit gut vertrauten Ärzten ermittelt und gehandhabt werden. Zudem akzeptierten die meisten deutschen Fachleute nicht das dem Index zugrundliegenden Nem-System, das Pirquets Arbeitsgruppe zwar mit Erfolg in der Säuglingspflege in Wien angewandt hatte, das aber zugleich die Grundlagen der „deutschen“ Ernährungsphysiologie in Frage stellte. Nicht mehr Kalorien resp. die Trias Eiweiß, Kohlehydrate und Fett sollten die Grundlagen für Ernährungsratschläge bilden, sondern die Nähr-Einheit-Milch, die dem Eiweiß eine klare Priorität einräumte (vgl. William E. Carter, The Pirquet System of Nutrition and its Applicability to American Conditions, Journal of the American Dietetic Association 77, 1921, 1541-1546 sowie umfassend Clemens v. Pirquet, System der Ernährung, 4 T., Berlin 1917-1920). Man übernahm daher zwar die Grundidee des die Auswahl erleichternden und begründenden Indexes, bettete sie jedoch anders als in Österreich nicht in ein pädiatrisches Gesamtkonzept ein. Das war angesichts des weitaus größeren und heterogenen Deutschen Reiches grundsätzlich angemessen. Doch als Alternative zur Körperformel Gelidusi-Index wählte man den bis dahin relativ unbekannten Rohrer-Index, obwohl dessen Nutzung als Index des Ernährungszustandes schon vor dem Krieg in kaum beachteten Einzelstudien diskutiert und kritisiert worden war (etwa Jakob Matusiewics, Der Körperlängen-Körpergewichts-Index bei Münchner Schulkindern, Med. Diss. München 1914).

07_Zeitschrift für Kinderheilkunde_29_1921_p221_Normwerte und Körperindizes

Normwerte auf Grundlage unterschiedlicher Körperindizes (untere Kurve Rohrerindex) – verglichen mit der Entwicklung der Körperproportionen (M[einhard] Pfaundler, Über die Indices der Körperfülle und über „Unterernährung“, Zeitschrift für Kinderheilkunde 29, 1921, 217-244, hier 221)

Die 1908 vom Schweizer Anthropologen Fritz Rohrer (1888–1926) vorgeschlagene „Formel zur Bestimmung der Körperfülle“ (Eine neue Formel zur Bestimmung der Körperfülle, Korrespondenz-Blatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Frühgeschichte 39, 1908, 5-7) lautete: Maß der Körperfülle gleich Gewicht durch Länge hoch 3. Faktisch handelte es sich um die mit 100 multiplizierte Buffon-Formel des 18. Jahrhunderts (Gustav Oeder, Der Rohrersche Index als Kriterium für die Auswahl zur Amerikaspeisung, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 1368). Mittels nicht eigens bekannt gemachter Körperdaten erstellte der Ärztliche Beirat eine Indexreihe für die Normalentwicklung bis zu 18-jähriger Kinder (Ergebnisse der im Jahre 1920/21 auf Veranlassung der Kinderhilfsmission der „Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) von Amerika“ durchgeführten ärztlichen Musterung von Schulkindern in Deutschland zur Feststellung ihrer Speisungsbedürftigkeit, Veröffentlichungen des Reichsgesundheitsamts 46, 1922, Nr. 16, Sdr.-Beil., 269-274, hier 269). Die Schulärzte hatten die Kinder nun zu messen und zu wägen, um schließlich den Rohrerindex für jedes Kind einzeln zu ermitteln. Lag der Wert um 15 oder mehr Prozent unter dem Normalwert, so sollte eine Speisung erfolgen – zumindest, wenn die zuvor erfolgte ärztliche Musterung nicht eine Höhergruppierung ergab. Lag die Abweichung niedriger bzw. über dem Normalwert, so wurden die betreffenden Kinder von der Speisung ausgeschlossen – es sei denn, der untersuchende Arzt befürwortete sie ausdrücklich. Das war ein klar definiertes Verfahren, viel weniger aufwändig als die eben nur in Ausnahmefällen vorgesehene individuelle ärztliche Untersuchung. Der Ärztliche Beirat hoffte so den durch die unterschiedlichen Kategorisierungen verunsicherten Ärzten ein sicheres Hilfsmittel an die Hand gegeben zu haben, um Speisebedürftige von nicht Speisebedürftigen scheiden zu können.

Wie war nun das Ergebnis? 2-2,25 Millionen Schüler wurden gespeist – doch es waren vielfach nicht die Richtigen. Die Untersuchungsärzte sahen sehr wohl, dass vielfach auch durchschnittlich entwickelte Kinder ausgewählt wurden, während kleine, untergewichtige und zurückgebliebene Kinder vielfach ausgeschlossen blieben. Vor Ort versuchten sie die Folgen dieser Indexselektion zu mindern und leiteten ihre Ergebnisse an die Berliner Zentrale weiter. Dort wurde das Steuer jedoch (noch) nicht herumgerissen. Die interne Kritik drang vereinzelt Ende 1920, dann in immer stärkerem Maße 1921 in die Öffentlichkeit. Der Einsatz des Indexes für die Ermittlung des Ernährungszustandes glich schließlich dem Unterfangen, den Inhalt einer Kiste aus deren Gewicht und Höhe ermitteln zu wollen.

Der Aussagewert des Rohrerindexes war offenkundig gering. Die Dreierpotenz bei der Länge führte zu deren Überbewertung. Die Kriegsernährung hatte zu einer generellen Veränderung der Körperproportionen geführt, die „Norm“ war also nicht mehr die Norm. Die damaligen Kinder waren leichter und kleiner als die der Vorkriegszeit, während sie zugleich relativ breiter waren. Durchschnittlich waren Kinder 1919 daher schwerer als gleich große Kinder 1913 (vgl. hierzu [Ignaz] Kaup, Einwirkung der Kriegsnot auf die Wachstumsverhältnisse der männlichen Jugendlichen, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 693-696; Redeker, Über die Eignung des Rohrerschen Index zur Bestimmung der Unterernährung der Schulkinder und über die dazu gestellte Tabelle, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 34, 1921, 4-11; [Theodor] Fürst, Die Jugendlichen in ungelernten Berufen vor und nach dem Kriege, ebd., 129-134). Der Rohrerindex und die Referenzdaten berücksichtigten diese Veränderungen nicht. Als Index des Ernährungszustandes versagte der Rohrerindex daher nahezu vollständig. Auch zuvor überzeugte Kliniker erkannten, „daß unterernährte, aber unter dem Mittelmaß des Altershalbjahrs kleinere Kinder nicht niedrigere, sondern höhere Indexwerte als nach Maßgabe der Indextabelle aufwiesen und gut genährte über das Mittelmaß an Länge größere Kinder hinwieder niedrigere Indexwerte als die Indextabelle zeigten. Die ersteren hätten als übernormal ernährt, trotz klinisch festgestellter Unterernährung, bezeichnet werden müssen, die letzteren als unterernährt trotz offenkundig hinreichender Ernährung“ (I[gnaz] Kaup, Neue Grundregeln der Norm und Konstitutionsforschung, Klinische Wochenschrift 3, 1924, 1249-1254, 1297-1303, hier 1251). Rohrer selbst erkannte dies ausdrücklich an und plädierte für eine Erweiterung seiner Formel, die erst dann als Ausdruck des Ernährungszustandes gelten könne (Der Index der Körperfülle als Mass des Ernährungszustandes, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 580-582). Den Auswahlprozess stoppte diese Kritik jedoch nicht.

Die rigide Anwendung des Rohrer-Indexes wurde erst zurückgenommen, nachdem der Münchner Pädiater Meinhard Pfaundler (1872-1947) Anfang 1921 von den Zahlen absah und zur Kardinalfrage durchstieß: Lässt sich der Ernährungszustand überhaupt durch Formeln und Indexreihen ermitteln? Seine Antwort war eindeutig: Der Ärztliche Beirat sei von der im Alltag üblichen Gleichsetzung von unter- und übernormaler Körperfülle mit unter- und überernährt ausgegangen. Die Ermittlung des „Entwicklungszustandes“ eines Kindes müsse jedoch beachten, dass Unterfülle nur als Unterernährung Resultat mangelhafter oder unzureichender Nahrungszufuhr sei. Diese aber habe nur einen „bescheidenen Anteil an der Entstehung der allenthalben angetroffenen Unterfülle“ (alle Zitate aus Über die Indices der Körperfülle und über „Unterernährung“, Zeitschrift für Kinderheilkunde 29, 1921, 217-244). Den Hauptanteil hätten dagegen drei Gruppen von Kindern, die Pfaundler „Dünnknochige, Muskelschwache und Fettarme“ nannte. Übermotorik, gepaart mit dem Durchschnitt vorauseilendem Längenwachstum, mangelnde Bewegung und damit nur geringe Ausbildung der Muskulatur sowie konstitutionelle Magerkeit führte er als Ursachen für Unterfülle an. Diese Kinder seien alle untermassig, nicht aber unterernährt. Das sei durch eine ärztliche Untersuchung einfach zu ermitteln. Der Rohrer-Index ordne sie dagegen sämtlich in die Gruppe der Negativabweichler ein, erlaube ihnen also eine Zusatzspeisung, die keine wirklich positiven Ergebnisse zeigen könne. Formeln und Indizes seien als alleinige oder dominierende Mittel zur Bestimmung des Ernährungszustandes daher zu verwerfen.

Diese fulminante und fundierte Kritik überzeugte den Ärztlichen Beirat. Am 1. August 1921 gab man zwar nicht die Körpermessungen, wohl aber deren Umrechnung in Indexziffern auf. Klärend und zugleich verbrämend hieß es: „Nachdem der Rohrersche Index seine Hauptaufgabe als wichtiges Hilfsmittel bei der Ermittelung des verhältnismäßigen Standes der Speisungsbedürftigkeit der Kinder in den verschiedenen Teilen Deutschlands erfüllt hat und da die Festlegung der Längen-, Gewichts- und Altersangaben eine etwa erforderliche Berechnung des Index jederzeit ermöglichte, ist seine Anwendung durch die musternden Ärzte nicht mehr erforderlich“ (Richtlinien für die Auswahl und Eingruppierung von Schulkindern zur Teilnahme an einer täglichen Speisung. Vom 1. August 1921, in Clara Henriques (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 150-155, hier 151).

Die Folgen der verfehlten Indexanwendung sind nicht genau zu quantifizieren, dies eben stellte das Problem dar. Verschiedene Einzelstudien beziffern den Anteil der zu Unrecht gespeisten und zugleich nicht gespeisten Kinder zwischen 20 % und 50 % (vgl. etwa Bachauer und Lampart, Der Rohrersche Index als Kriterium für die Auswahl zur Amerikaspeisung, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 1296; Fritz Salomon, Die Geraer Schulkinder zu Beginn des Jahres 1921 und die Quäkerspeisung, Öffentliche Gesundheitspflege 6, 1921, 126-128; Gustav Oeder, Der Index ponderis des menschlichen Ernährungszustandes und die Quäkerspeisung, Deutsche Medizinische Wochenschrift 48, 1922, 126-128). Auch in Österreich gab es hohe, etwa ein Viertel betragende Differenzen zwischen den Indexergebnissen und ärztlicher Individualuntersuchung (vgl. Egon Helmreich und Karl Kassowitz, Körperbau und Ernährungszustand in ihrem Einfluß auf den Index der Körperfülle, Zeitschrift für Kinderheilkunde 35, 1923, 67-78, hier 74). Die beträchtlichen Differenzen führten zu durchweg enttäuschenden Gewichtszunahmen (Eugen Schlesinger, Ergebnisse der Quäkerspeisung, Concordia 7, 1920, 182-184). Untermassige, nicht aber unterernährte Kinder nahmen die Plätze derer ein, die körperlich stärker geschädigt waren. Der unreflektierte Einsatz einer Körpernorm hat inmitten einer bedrohlichen Versorgungslage dazu geführt, dass ca. 600.000-800.000 Kinder nicht die Lebensmittel bekamen, derer sie dringend bedurft hätten. Hier wurde Lehrgeld auf Kosten Betroffener bezahlt. Die offenkundigen fachlichen Defizite wurden kaum benannt, wenig diskutiert. Auf Seiten mancher Ärzte verwies man stattdessen auf vermeintlich abstrakte Mächte, etwa das „Unglück, das die Mathematik hier“ angerichtet habe (Hans Bernhardt, Hans: Kritische Bemerkungen zur Tauglichkeit des Rohrer’schen Indexes für die Auswahl der Kinder zur Quäkerspeisung, Berliner klinische Wochenschrift 58, 1921, 418-419, hier 418). Die Zahlengläubigkeit vieler Ärzte und ihre Unkenntnis, also ihr Nicht-Wissen, wurden dagegen bestenfalls indirekt thematisiert. Nicht reflektiert wurde zudem die stete Kulturverbundenheit der „Naturwissenschaftler“, deren Arbeit immer auf Vorannahmen beruhte, die rein fachlich nicht zu begründen war.

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Essende Kinder – nicht alle davon speisungsbedürftig (Lachen Links 1, 1924, 74)

Die Quäkerspeisung war ein bemerkenswertes humanitäres Vorzeigeprojekt, zugleich aber ein wissenschaftliches Desaster. Sie steht für die strukturellen Probleme wissenschaftlicher Arbeit, zugleich aber für die Hybris vieler Naturwissenschaftler, die mit der Anwendung falscher Diagnose- und Kategorisierungsmethoden ihrer Aufgabe gegenüber ihren kleinen Patienten vielfach nicht gerecht geworden sind. Doch die Bedeutung dieses wissenschaftlichen Desasters geht darüber hinaus. Drei Aspekte gilt es hervorzuheben:

1. Die Diskussion über die für die Ermittlung des Ernährungszustandes notwendigen Daten intensivierte sich (vgl. etwa M[einhard] Pfaundler, Vorschlag zur Auswahl speisungsbedürftiger Schulkinder, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 974-976). Neben einer Vielzahl neuer oder neu erscheinender Formeln wurde das anthropometrische Rüstzeug der Schulärzte wesentlich erweitert und methodisch vereinheitlicht (Rudolf Martin, Richtlinien für Körpermessungen und deren statistische Verarbeitung mit besonderer Berücksichtigung von Schülermessungen, München 1924). Dies erhöhte die „Objektivität“ der Messverfahren, mündete aber auch in die zunehmend pseudoempirische Körper- und Rassentypenkonstruktionen, die der Rassenhygiene und -eugenik empirische Grundlagen für Scheinwissenschaft und Verbrechen lieferten. Dies war die Strategie des weiter so.

2. Der Ärztliche Beirat der Kinderhilfe präzisierte die ärztliche Auswahlpraxis durch klarere Definitionen von Habitus, Aussehen und Krankheitsbild der zu speisenden Kinder. Untermassige, aber nicht unterernährte Kinder grenzte man nun gezielt aus (Richtlinien, 1926, 151-154; Größe und Gewicht der Schulkinder und andere Grundlagen für die Ernährungsfürsorge, hg. v. Deutschen Zentralausschuss für die Kinderhilfe E.V. durch dessen Ärztlichen Beirat, Berlin 1924, 5-6). Der individualisierende ärztliche Blick trat damit wieder in sein Recht, gelenkt von präzisierenden Rahmensetzungen. Die Fehlurteile sanken so beträchtlich, hingen allerdings wieder von den Fähigkeiten und der Ausbildung einzelner Schulärzte ab. Dies war die Strategie der Individualisierung der Körperbewertung.

3. Das Kinderhilfswerk selbst änderte aufgrund des Subjektivismus einer körperlichen Einschätzung seine Auswahlkriterien. An die Stelle der körperlichen trat die soziale Indikation; so wie dies seit den spätestens den frühen 1890er Jahren von der Arbeiterbewegung gegen dominante Teile des Bürgertums gefordert worden war. Beginnend 1921, verstärkt seit 1922 orientierten sich die Ärzte immer stärker an der sozialen Bedürftigkeit der Kinder. 1921 hieß es erstmals: „Für die Ursachen des schlechten Ernährungszustandes und für die Notwendigkeit einer Zusatznahrung können häufig wichtige Anhaltspunkte aus Fragen nach den sozialen Verhältnissen gewonnen werden, wie z.B. ob die Eltern leben, ob und welcher Beschäftigung der Vater und die Mutter nachgehen, wie groß die Zahl der Geschwister, die Anzahl der bewohnten Räume ist usw.“ (Richtlinien, 1921, 154). 1924 waren soziale Indikationen dann ein probates Auswahlkriterium: „In besonderen Fällen kann eine Ernährungsfürsorge auch in Frage kommen für Kinder in gutem Körperzustand, bei denen eine plötzliche und durchgreifende Aenderung der wirtschaftlichen Lage ihrer Ernährer die Befürchtung ausreichend begründet, daß ohne Ernährungsfürsorge eine erhebliche Verschlechterung des Körperzustandes eintreten wird“ (Größe, 1924, 5).

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Quäkerspeisung in Nürnberg 1923 (Heimerich, Jugendwohlfahrtspflege, Jahresschau Nürnberg 1, 1923/24 (1924), 120-125, hier 124)

Quäkerspeisung in Nürnberg 1923 (Heimerich, Jugendwohlfahrtspflege, Jahresschau Nürnberg 1, 1923/24 (1924), 120-125, hier 124)

Möglich wurde dies, weil einerseits die Quäker ihre Hauptaktivität auf die Hungerhilfe im sowjetischen Russland verlagerten. Die US-amerikanischen Hilfsfonds, die an die Stelle der Kader traten, ließen den deutschen Gremien wesentlich größere Entscheidungsfreiheit. Anderseits veränderte sich mit der Hyperinflation 1922/23 die Ursache kindlicher Unterernährung. Lebensmittel fehlten nicht mehr, sondern waren schlicht unerschwinglich.

Damit war der Versuch einer „objektiven“ Darstellung des Ernährungszustandes auf Basis anthropometrischer Körpernormen gescheitert. An die Stelle der Kategorisierung des individuellen Körpers trat während der Weimarer Republik zunehmend die Kategorisierung durch das soziale Umfeld. Dies war verbunden mit einem Ausbau der Schulgesundheitspflege, insbesondere der Sozialmedizin und Epidemiologie. Faktisch war man in eine Sackgasse geraten: Naturwissenschaftliche Methodik war weder in der „objektiven“ Variante von Formeln und Indexreihen, noch in der subjektiveren Variante des individuellen ärztlichen Blickes fähig, den Ernährungszustand großer Gruppen hinreichend und einheitlich festzustellen. Ein anderes, neues Paradigma war notwendig, um den Orientierungsanspruch moderner Naturwissenschaft behaupten zu können. Deren Empfehlungen wurden nun abermals aus dem Zusammenspiel physiologischer Vorgänge und der chemischen Analyse der Nahrungsstoffe und ihrer Interaktionen extrahiert. Zufuhrempfehlungen wie die der nationalsozialistischen Deutschen Gesellschaft für Ernährungsforschung und ihrer Neugründung als Deutsche Gesellschaft für Ernährung waren die Folge. Und es sollte Jahrzehnte dauern, bis mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation ein neuerlicher Versuch unternommen wurde, mittels des Body Mass Index ein vermeintlich einfaches und objektives Mittel für den individuellen Ernährungszustand allgemein zu implementieren.

Uwe Spiekermann, 1. Mai 2019

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