Als sich der Hunger in die Körper der Kinder fraß – Entwicklungsrückstände im Gefolge des Ersten Weltkriegs

Die Lage vor den Geschäften war dramatisch: „Unter den Wartenden sieht man mangelhaft gekleidete Personen, auch schlecht gekleidete Kinder und Greise. Seitens vieler Frauen mit kleinen hungernden Kindern wurden Aeusserungen von Lebensüberdruss gehört. Die Wache hat wiederholt die Kinder in der Weise berücksichtigt, dass sie sie vorne anstellen lässt; doch ist dies nicht immer möglich, da die Kinder oft sehr zahlreich kommen“ (Stimmungsbericht d. K.k. Polizeidirektion in Wien v. 25. Januar 1917, 2 (Ms.)). Dieser Polizeibericht aus Wien hätte ebenso aus einer beliebigen deutschen Großstadt kommen können. Im Winter 1916/17 herrschten Unterernährung und Hunger sowohl im Habsburger als auch im Deutschen Reich. Mütter mit ihren Kindern ließen sich von den Gewaltdrohungen der Militärbefehlshaber kaum mehr einschüchtern, verlangten nach auskömmlicher Nahrung, forderten zunehmend „Frieden“. Auch auf Seiten der „Feinde“, der Alliierten, in Paris und London, gab es ähnlichen Aufruhr. Und doch, die Lage auf Seiten der Mittelmächte war bedrohlicher. Gewichtsverluste und zunehmende Gesundheitsprobleme, Tuberkulose und erste Hungerkrankheiten waren im Alltag unübersehbar. Gestorben wurde erst einmal an der Front, doch der Anteil der zivilen Opfer wuchs von Jahr zu Jahr. Während des „Steckrübenwinters“ 1916/17 wurde den meisten Müttern zudem bewusst, dass der Hunger auch ihre Kinder ergriff. Sensibel registrierten sie einen Zivilisationsbruch: Die körperliche Entwicklung ihrer Kinder stagnierte, sie wuchsen nicht mehr recht, legten weniger Gewicht zu, blieben klein.

Das war ein Bruch, den auch wir Nachgeborenen ansatzweise nachvollziehen können. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war es nämlich ausgemacht, dass Kinder etwas größer als ihre Eltern wurden. Die deutschen Recken waren anfangs durchschnittlich nur ca. 1,55 Meter groß, Frauen erreichten zumeist keine 1,50 – doch mit dem Aufstieg des Deutschen Reiches zur Weltmacht wurde nachgelegt, Zentimeter um Zentimeter, ein stetes Wachstum schon vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser Trend ist ungebrochen, auch wenn er sich in den letzten Jahrzehnten abgeschwächt hat. Der Mikrozensus von 2017 weist in der Bundesrepublik Deutschland eine durchschnittliche Größe von 1,79 Meter (Männer) bzw. 1,66 Meter (Frauen) aus, während 18-20-Jährige 1,81 respektive 1,68 erreichen (Körpermaße der Bevölkerung 2017, hg. v. Statistischen Bundesamt, Wiesbaden 2018, 11). Diese Werte werden heute zudem meist bei Volljährigkeit erreicht, also deutlich früher als noch vor hundert Jahren, als man noch mit 20 oder auch 22, 23 Jahren etwas wuchs. Mit dem Größenwachstum veränderte sich im Laufe der letzten anderthalb Jahrhunderte auch die Gestalt der Menschen, denn die Gewichtszunahme erfolgte nicht proportional, sondern blieb deutlich hinter dem Längenwachstum zurück. Trotz weit verbreitetem und noch stärker beklagtem Übergewicht sind die Bundesbürger heutzutage durchschnittlich schmaler und „schlanker“ als die der Bürger des Kaiserreichs. Über die Ursachen dieser Entwicklung, dieser „Akzeleration“, streiten die Experten. Die verbesserte Wohnsituation, der wachsende Umfang ärztlicher Betreuung, der Rückgang körperlich schwerer Arbeiten und längere Ausbildungszeiten waren und sind wichtig. Entscheidend aber dürfte die veränderte und verbesserte Ernährung seit Ende des 19. Jahrhunderts sein. Stetes und auskömmliches Essen ist und war für die Körperentwicklung entscheidend – und just das mussten unsere Vorfahren leidvoll während der Kriege und wirtschaftlicher Krisen erfahren. Der Kampf um auskömmliches Essen war für die Mütter auch ein Kampf für das Wachstum ihrer Kinder (Fritz Hoppe, Kriegsjugend und Hungerfolgen, Archiv für soziale Hygiene NF 2, 1926/27, 534-545; Größe und Gewicht der Schulkinder […], Berlin 1924).

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Erwartet und geliebt – Eloge auf ein Kriegskind (Fliegende Blätter 146, 1917, 225)

Kriegsernährung, Unterernährung und „Übersterblichkeit“

Die Rahmenbedingungen für auskömmliches und stetes Essen sanken seit dem Kriegsbeginn im August 1914. Vorrangig die britische Flotte riegelte das Deutsche Reich vom Weltmarkt ab. Das galt nicht nur für die Nord- und Ostsee, sondern zunehmend auch für den Handel mit Neutralen, für die Versorgung über das Mittelmeer oder die Donau. Und doch, die andauernde, im Winter 1916/17 lediglich kumulierende Versorgungskrise war großenteils selbstgemacht. Die Rationierung der Nahrungsmittel erfolgte halbherzig, ohne klaren Plan, ohne Vorbereitung. Die Bevölkerung wurde dreigeteilt – Soldaten, ländliche Selbstversorger und städtische Rationenempfänger –, jede Gruppe erhielt unterschiedliche Sätze, war unterschiedlich betroffen, zumal Städte und Industriebetriebe im Wettbewerb um Nahrung standen und die Preise ansteigen ließen, administrierten „Höchstpreisen“ zum Trotz. Landwirtschaftliche Interessen fanden Widerhall beim monarchisch-konservativen Machtstaat, kaum dagegen die Interessen der fremdversorgten Konsumenten. Der ineffizienten und dumpf-bürokratischen Kriegsernährungspolitik gelang es seit spätestens 1916 nicht mehr, den physiologischen Bedarf an Nahrungsmitteln in den Städten zu decken. Die Folgen waren verheerend, auch wenn die Menschen nicht direkt verhungerten. Immer geringere Rationen deckten in den Großstädten und Industriegebieten seit 1916 nur mehr zwei Drittel des Lebensnotwendigen: Das bedeutete täglich 1.500 bis 1.600 Kilokalorien – wenn sie denn geliefert wurden: Im westfälischen Münster erhielten die Bürger – trotz eines leistungsfähigen Agrarumlandes – 1918 lediglich täglich 1.409 Kilokalorien zugewiesen (Anne Roerkohl, Hungerblockade und Heimatfront […], Stuttgart 1991, 291, Anm. 12). Hamstern oder Hungern war die bedrückende Alternative, Rechtsbrüche wurden aufgrund staatlicher Ineffizienz üblich. Parallel veränderte sich die Zusammensetzung der Speisen: Es fehlte vor allem an Eiweiß und Fett, beides wesentlich für das Wachstum der Kinder. Vitaminträger wie Obst, Gemüse und Milch wurden aus dem täglichen Speiseplan verbannt. Selten zugewiesene Kindermilch war häufig sauer (F[ranz] Bumm (Hg.), Deutschlands Gesundheitsverhältnisse unter dem Einfluss des Weltkrieges, Halbbd. I und II, Stuttgart, Berlin u. Leipzig 1928).

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Bittere Alternativen lustig gewendet: Ohne landwirtschaftliche Produktion kommt der Leichenwagen (Lustige Blätter 31, 1916, Nr. 35, 5)

Als die erschöpften, zu längerfristigem Widerstand nicht mehr fähigen deutschen Truppen am 11. November 1918 kapitulierten, wurde im Waffenstillstand eigens festgeschrieben, dass die völkerrechtswidrige Seeblockade Großbritannien fortgesetzt würde. Offizielle deutsche Angaben gingen von 763.000 zivile Opfer der Blockade aus (Schädigung der deutschen Volkskraft durch die feindliche Blockade, o.O. o.J. (1919), 17). Diese aus der statistischen Übersterblichkeit errechnete Zahl war weit überhöht, waren doch etwa die Grippetoten nicht auf die „Hungerblockade“ zurückzuführen. Auch die Folgen des massiven Kohlemangels zumal im eiskalten Winter 1917 sind in Rechnung zu stellen. Realistisch war eine „Übersterblichkeit“ von ca. 424.000 Personen ([Emil] Roesle, Die Geburts- und Sterblichkeitsverhältnisse, in: Bumm (Hg.), 1928, Halbbd. I, 1-61, hier 28). In dieser Zahl inbegriffen sind mehr als 60.000 Insassen in psychiatrischen Anstalten, die durch bewusste Vernachlässigung ums Leben kamen (Heinz Faulstich, Hungersterben in der Psychiatrie, Freiburg i. Br. 1998, 67). Die Unterernährung betraf allerdings fast die gesamte Bevölkerung, konnten in der Spätphase des Krieges doch nicht einmal die an sich bevorzugten Soldaten ausreichend ernährt werden (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 251-263). Diese Folgen war spürbar und sichtbar, prägten und lähmten den Alltag fast aller: Der Berliner Physiologen Max Rubner (1854-1932) errechnete, dass der Durchschnittsdeutsche Ende 1917 lediglich 49 Kilogramm wog. 1913 hatte dieser Wert noch etwa 60 Kilogramm betragen. Das war ein durchschnittlicher Verlust von fast 20 Prozent des Körpergewichtes (Einfluss der Kriegsverhältnisse auf den Gesundheitszustand im Deutschen Reich, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 229-242, hier 235).

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Fette Lügen: Beschwichtigungskarikatur zur britischen „Aushungerung“ (Fliegende Blätter 142, 1915, 204)

Nahrungsfürsorge für die Kinder

Die Kriegsnahrung war „im Gesamtbrennwert herabgesetzt, sie ist eine eiweißarme, fettarme, vorwiegend vegetabilische Kost von geringer Auswahl wie früher“ (H[ermann] Determann, Die Bedeutung der Kriegsernährung für Stoffwechsel und Gesundheit, Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie 23, 1919, 1-14, 49-65, 92-108, 237-248, hier 1). Die Folgen für die Zivilbevölkerung waren tiefgreifend, wurden aber von den kriegführenden Militärs und Politikern in Kauf genommen, von manchen Vegetariern und Medizinern gar als stählerner Jungbrunnen gepriesen: Bis 1916 war der generelle Tenor, dass „bisher von einer Beeinträchtigung der Gesundheit und Kraft der Kinder höchstens in Ausnahmefällen die Rede sein.“ Ja, die Nahrungsmenge habe sich reduziert: „Durch die Beschränkung schein indes – und das ist das allein maßgebend – die Grenze der physiologisch für Gesundheit und Wachstum notwendigen Ernährung allgemein nicht unterschritten zu sein.“ Der drohenden Gefahren war man sich klar: „Wir müssen […] unter allen Umständen und um jeden Preis dafür sorgen, daß auch während der fernern Kriegsdauer die Gesundheit und die körperliche Entwicklung unserer Jugend keine Schädigung erfährt.“ Dabei waren Schulen und Schulärzte in der Pflicht: „Die Schulen müssen den Ernährungs- und Kräftezustand ihrer Kinder dauern sorgsam beobachten und bei eintretender Verschlechterung sofort eingreifen. Sie müssen im letzteren Falle zunächst durch Aufklärung und Ermahnung der Angehörigen der Kinder, durch positive Ratschläge zu rationellster Lebens- und Nährweise, Abhilfe zu schaffen suchen; wo dieses Mittel aber versagt – infolge mangelnden Verständnisses, mangelnder Zeit und vor allem mangelnder finanzieller Leistungsfähigkeit – werden sie äußerstenfalls öffentliche Ernährungshilfe (Schulspeisungen) zu vermitteln haben. Die Mittel dazu müssen beschafft werden. Eine auch nur einigermaßen häufige Unterernährung unserer Schuljugend als Kriegsfolge darf es nicht geben und wird es nicht geben“ (Die Ernährung der Kinder im Kriege, Kölnische Zeitung 1916, Ausg. v. 10. Februar). Man war sich der Gefahren für die Kinder also mehr als bewusst: Als wachsende, sich entwickelnde Wesen konnten sie nicht einfach Fettreserven aufbrauchen. Unterernährung würde zu Entwicklungsrückständen führen. Noch aber schienen die Gefahren überschaubar, es war halt Krieg: „Das ist der Krieg, der schreckliche Krieg, / Und was wir leiden, der Preis für den Sieg“ (Heinrich Tiwald, Die deutsche Mutter zu ihrem Kinde, Österreichische Volkszeitung 1916, Ausg. v. 22. April).

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Propaganda an der Heimatfront: Germania und Kriegsernährungsamtsleiter Adolf Tortilowicz von Batocki-Friebe (1868-1944) nähren die deutschen Kinder (Lustige Blätter 31, 1916, Nr. 40, 2)

Und in der Tat, an die jüngeren Kinder glaubte man gedacht zu haben. Sonderrationen wurden ausgegeben und realistisch zynisch kalkulierte man mit der Leidenskraft und Opferwilligkeit der Mütter, die ihre älteren Kinder schon versorgen würden. Neugeborene besaßen in den ersten beiden Lebensjahren einen Anspruch auf einen, dann auf dreiviertel Liter Milch pro Tag. Für zwei- bis sechsjährige Kinder sank die Milchration rasch auf ein Viertel Liter, während ältere Kinder Milch nur im Krankheitsfalle auf ärztliche Verordnung erhielten (Ad[olf] Czerny, Die Ernährung der deutschen Kinder während des Weltkrieges, Monatsschrift für Kinderheilkunde 21, 1921, 2-13, hier 6-7). Formal aber waren Kinder bis zum 10. Lebensjahr über Gebühr versorgt, erhielten sie doch die Erwachsenenration (M[einhard] Pfaundler, Ration und Bedarf an Nährstoffen für Kinder, Münchener Medizinische Wochenschrift 65, 1918, 173-174, hier 173). Anschließend aber konnten sie ihren Bedarf durch die offiziellen Rationen nicht mehr decken, mussten ihn also durch nicht rationierte Nahrungsmittel, durch Schwarzmarkt- oder Hamsterware ergänzen. Die 1916 einsetzende Stadt-Landverschickung der Kinder sollte die Nährungssituation bessern, doch eine an sich angestrebte „Auffütterung“ war damit keineswegs gesichert (Roerkohl, 1991, 299-301). Das galt ebenso für die langsam ausgebauten Schulspeisungen, die jedoch vielfach auf ideologische Vorbehalte trafen – die Familie hatte zu sorgen, nicht die Gemeinschaft – und für die häufig nur unzureichende Mittel und Nahrung bereit standen. So sehr man sich also des Sonderanspruchs der Unmündigen auf Schutz durch die Gesellschaft bewusst war, so begrenzt waren doch die Maßnahmen und Möglichkeiten.

Ernüchternder Realismus

Während die Mehrzahl der Ärzte noch beruhigende und verfälschende Berichte über die gesundheitliche Situation an der „Heimatfront“ veröffentlichten – „Die Aerzte hätten sich nicht zu solchen Darstellungen hergeben sollen“ (G[ustav] Tugendreich, Die Wirkung der englischen Hungerblockade auf die deutschen Kinder, Deutsche Medizinische Wochenschrift 45, 1919, 806-807, hier 807) – zeigten sich jedoch schon 1915 erste Risse im Propagandabild der stählernen Nation. Das äußere Erscheinungsbild vieler Kinder gab Anlass zu Besorgnis, Blässe und Mattigkeit nahmen zu ([Wilhelm] Hanauer, Kinderernährung und Krieg, Frankfurter Zeitung 1916, Ausg. v. 26. Mai). Untersuchungen Berliner Säuglingen ließen erahnen, dass sich die „Kriegsneugeborenen“ von den Friedenskindern unterschieden (Sigismund Peller, Die Maße der Neugeborenen und die Kriegsernährung der Schwangeren, Deutsche Medizinische Wochenschrift 43, 1917, 178-180: Ders., Rückgang der Geburtsmaße als Folge der Kriegsernährung, Wiener klinische Wochenschrift 32, 1919, 758-761).

Das Geburtsgewicht näherte sich der später unterschrittenen Drei-Kilogramm-Schwelle und die Körperlänge sank unter 50 Zentimeter. Wirkte sich somit die schlechte Versorgung der Schwangeren und der Mütter – Fettarmut der Muttermilch – direkt auf die Körper der Säuglinge aus, so verlangsame sich bei den Klein- und Schulkindern lediglich der Gewichtszuwachs. Es schien sich bei der Masse der Kinder doch zu bestätigen, was erste Tierversuche noch 1914 ergeben hatten: Das Längenwachstum erfolge ohne Rücksicht auf die Ernährung und eher gehe ein Organismus zugrunde, als dass er aufhöre zu wachsen (Hans Aron, Untersuchungen über die Beeinflussung des Wachstums durch die Ernährung, Berliner klinische Wochenschrift 51, 1914, 972-977). Doch bald schon sollte diesem Wunschdenken ein neuer Realismus entgegentreten: Zuerst traten noch relativ begrenzte Gewichtsverluste auf – immer in Bezug zu der durch Normzahlen näher umrissenen Standardentwicklung eines Kindes. Sie blieben allerdings begrenzt, wurden nicht wirklich wahrgenommen, da es sich ja um ein Zurückbleiben eines weiterhin wachsenden Körpers war. Anschließend traten jedoch auch Längeneinbußen auf. Anders als Gewichtsverluste ließen sie sich aber nur auf längere Sicht – und dann nicht vollständig – reparieren.

Ein Jahr später, 1916, zeigte sich jedoch, wie verfehlt diese Hoffnungen auf die Wachstumskräfte des kindlichen Körpers waren. Umfangreiche Messungen etwa in Straßburg ergaben, dass Klein- und Schulkinder rund einen Zentimeter kleiner waren als ihre wenige Jahre vorher geborenen Vorgänger (Eugen Schlesinger, Der Einfluß der durch die Kriegslage veränderten Ernährung auf die schulpflichtige und heranwachsende Jugend, Archiv für Kinderheilkunde 66, 1918, 161-179). Und nach dem berüchtigten „Steckrübenwinter“ 1916/17 war der Tenor der medizinischen Fachzeitschriften trotz abdämpfender Zensur eindeutig: Der Hunger fraß sich in die Körper der Kinder. Nun maß man, von Region zu Region variierend, Längeneinbußen von zwei bis vier Zentimeter. Knaben nahmen dabei stärker ab als Mädchen. Soziale Unterschiede verringerten sich: Die Kinder aus Mittel- und Oberschichten konnten ihren Vorsprung gegenüber den Unterschichten zwar halten, er reduzierte sich jedoch von zwei bis vier Zentimeter auf ein bis zwei. Auch das Gewicht nahm um acht bis zwölf Prozent ab (Eugen Schlesinger, Wachstum, Ernährungszustand und Entwicklungsstörungen der Kinder nach dem Kriege bis 1923, Zeitschrift für Kinderheilkunde 37, 1924, 311-324).

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Eine Knabenklasse im sächsischen Werdau (Walter Eschbach, Kinderelend – Jugendnot, völlig neu bearb. Aufl., Berlin 1924, 25)

Die dezentral, meist in einzelnen Städten, teils nur in wenigen Schulen erhobenen Daten enthielten Durchschnittsziffern, versuchten dergestalt die Entwicklungsrückstände zu objektivieren. Und doch traf die Mangelernährung die Kinder unterschiedlich. 1917 nahm die Zahl ausgesprochen kleiner Schüler unter den Schulanfängern sowohl in Volksschulen als auch in Gymnasien beträchtlich zu, kurz darauf waren zudem 13-Jährige davon betroffen (Eugen Schlesinger, Wachstum und Gewicht der Kinder und herangewachsenen Jugend während des Krieges, Münchener Medizinische Wochenschrift 66, 1919, 662-664, hier 662). Auffallend war auch ein wachsender Anteil disproportional wachsender Schüler, bei denen Längen- und Gewichtswachstum auseinandertraten: Kleine kompakte und spindeldürr hochgeschossene Kinder prägten viele Schulklassen, fette propere fehlten. Die Zahl der „tadellosen, gut entwickelten Knaben“, und mit Abstand auch Mädchen, nahm deutlich ab (Eugen Schlesinger, Der Einfluss der Kriegskost im dritten Kriegsjahr auf die Kinder im Schulalter und die herangewachsene Jugend, ebd. 64, 1917, 1505-1507, hier 1507). Generell blieb das Längenwachstum relativ hinter der Gewichtszunahme zurück. Ersteres wurde auf mangelnde Eiweiß-, letzteres auf die stark zurückgegangene Fettzufuhr zurückgeführt. Zu bedenken ist, dass die nachwachsende Generation eben noch nicht über die Körperreserven der Erwachsenen verfügte. Entsprechend erreichte der Gewichtsverlust ein Drittel (Schüler) bis die Hälfte (Jugendliche) der der Erwachsenen, die bis Kriegsende ja durchschnittlich ein Fünftel ihrer Körpersubstanz verloren.

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Krumme Beine, Gelenkschäden und übergroße Köpfe: Kinder auf einem Berliner Spielplatz (Das Buch für Alle 57, 1922, H. 1, 14)

Voll Sorge blickten verhärmte Eltern, meist Mütter, nun auf ihre Zöglinge, denn der Körperschwund war Anzeichen tiefer greifender Ernährungsstörungen: So schnellte die Zahl der Vitamin-D-Mangelkrankheit Rachitis in München zwischen 1913 und 1924 von unter 5 Prozent auf etwa 25 Prozent hoch. Rund 30 Prozent der Kinder wiesen deutliche Verkrümmungen an Rumpf und Beinen auf – ein nicht unüblicher Wert, wies doch der Regierungsbezirk Münster ebenfalls 25 Prozent Rachitisfälle auf (L[eo] Langstein und F[ritz] Rott, Der Gesundheitsstand unter den Säuglingen und Kleinkindern, in: Bumm (Hg.), 1928, Halbbd. I, 87-114, hier 99-100).

Und die Kinder? Zeugnisse sind selten, doch Erwachsene nahmen sich ihrer Sorgen durchaus an. Heinrich Zille fasste sie in eine Zeichnung einer ärmlichen Einzimmerwohnung, in der die Mutter auf dem Herd Wäsche kochte. Der auf ihrem Arm sitzende Kleine fragte: „Mutta, wat kochste denn da?“ – „Wäsche, du Dummlack!“ – „Schmeckt’n det jut?“ (Ulk 45, 1916, Nr. 27, 6). Diese Horizontverengung auf Nahrung prägte den Alltag zumal der Jahre 1916 bis 1919.

Doppelte Standards und politische Indienstnahme der „Hungerblockade“

Darbende Kinder, ausgemergelte Körper – das sollte jeden berühren; so dachten 1918 wohl fast alle Deutschen. Sie vergaßen dabei jedoch ihre eigene Unbarmherzigkeit wenige Jahre zuvor. Gustav Hettstetter (1873-1944), ein später im Konzentrationslager Theresienstadt ermordeter Schriftsteller, ließ in den „Lustigen Blätter“ seinem eliminatorischen Hass gegen das britische Weltreich freien Lauf – und tausende und abertausende von Bildungsbürgern stimmten dem in eigenen Gedichten zu.

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Hungerkrieg gegen Großbritannien (Lustige Blätter 30, 1915, Nr. 9, 6)

Dichter und Militärs setzten dabei auf die bei Kriegsbeginn noch kaum beachtete U-Boot-Waffe, durch die dem von Nahrungszufuhren noch stärker abhängigen Großbritannien der Brotkorb höher gehängt werden sollte, durch die man den Gegner – auf Kosten der Zivilbevölkerung – in die Knie zwingen wollte. Der deutschen Propaganda gelang es ab 1916, die ineffiziente Ernährungspolitik in den Hintergrund zu drängen und die offenbaren Folgen fehlender Nahrung als Folge primär der völkerrechtswidrigen britischen Seeblockade darzustellen. Dies schuf den Nährboden für eine wachsende öffentliche Zustimmung zum „uneingeschränkten“ U-Boot-Krieg 1917, durch den man gleiches mit gleichem vergelten wollte. Großbritannien sollte der Schmachtriemen angezogen, der Feind durch die Versenkung der Zufuhren zur Aufgabe bewogen werden. Die USA nutzten dies 1917, um auch formal in den Krieg einzutreten.

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U-Boote zwischen Kinderersatz und apokalyptischem Erfüller (Ulk 43, 1914, Nr. 45 (l.); Ulk 45, 1916, Nr. 50)

Nach der deutschen Kapitulation wurde die „Hungerblockade“ zu einem wichtigen Argument für einen möglichst milden Frieden und politische Rückendeckung bei den Neutralen (Die Aushungerung Deutschlands, Berliner klinische Wochenschrift 56, 1919, 1-9). Max Rubner stand dabei an vorderster Heimatfront, er, der schon während des Krieges die Gesundheitsgefahren von Erwachsenen und Kindern in Gutachten benannt hatte, er, dessen zwei Söhne als Soldaten starben, er, der sich lange weigerte, mehr als die ihm zustehenden Rationen zu verzehren. Er sprach von einer „Halbhungertortur“ durch die Alliierten und forderte die Aufhebung der Blockade, um weiteren Schaden zumal von den Jüngeren abzuwenden ([Max] Rubner, Die Opfer der Blockade, Deutsche Allgemeine Zeitung 1919, Nr. 46 v. 29. Januar, 1-2, hier 1): „Zuerst ergriff die steigende Sterblichkeit die älteren Altersklassen vom 50. Lebensjahre ab, dann aber auch die jüngeren Jahrzehnte, ferner die Jugendlichen, endlich auch die jüngsten Altersstufen. Beobachtungen der allerletzten Zeit lassen gar nicht verkennen, daß auch die Säuglinge an der Mutterbrust in ihrem Gedeihen bereits getroffen sind. Im allgemeinen kann man sagen, daß bei Hunderttausenden und Millionen Menschen der Körper durch die ungenügende Kost allmählich so hinfällig wurde, daß alle möglichen Krankheiten, die sonst in Genesung ausgingen zum Tode führen.“ Rubner schmiedete daraus eine politische Waffe, die von der großen Mehrzahl der Deutschen aller politischen Richtungen hochgehalten wurde. Nährschäden wurden quantifiziert, die volkswirtschaftlichen Kosten der Blockade auf 56 Mrd. Mark beziffert (ebd., 2). Sie sollten von den zu erwartenden Reparationszahlungen abgezogen werden (Wirkungen der Hungerblockade auf die Volksgesundheit, Soziale Praxis 28, 1919, Sp. 443-446, hier Sp. 446). Der propagandistische Dokumentarfilm „Die Wirkung der Hungerblockade auf die Volksgesundheit“ unterstützte diese Deutung, ging es doch immer auch um politisch verwertbare Bilder (Wolfgang U. Eckart, Kino, Hunger, „Rassenschmach“. Exemplarische Dokumentar- und Propagandafilme aus dem Nachkriegsdeutschland, 1919-1924, in: Philipp Osten et al. (Hg.), Das Vorprogramm, Heidelberg 2015, 315-336, hier 320-324).

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Kriegsschuld Hungerblockade – vermeintlich schlimmer als die von deutschen Soldaten begangenen Zerstörungen in Nordfrankreich (Der Wahre Jakob 37, 1920, 9877)

Derartige Rechnungen verkannten jedoch nicht nur die komplexe ernährungspolitische Lage: Die Übersterblichkeit hätte durch eine effizientere Ernährungspolitik und den besonderen Schutz vulnerabler Gruppen, insbesondere von Anstaltsinsassen und Alten, deutlich verringert werden können. Sie zeichneten sich ferner durch eine geringe Empathie gegenüber einzelnen Opfergruppen aus, die wahrheitswidrig zu Blutzeugen nationaler Kraftanstrengungen stilisiert wurden. Das heißt nicht, dass die Trauer angesichts von Übersterblichkeit und Entwicklungsrückständen unbegründet gewesen wäre. Sie war es – und die Kritik des völkerrechtswidrigen Agierens der britischen Regierung war berechtigt. Und das galt um so mehr für die bis Juli 1919 aufrechterhaltene Seeblockade. Rubner schrieb im April 1919, dass die Zahl der an dem seit dem Waffenstillstand bestehenden Nahrungsmangel gestorbenen Menschen „schon wieder über 100000 Menschen“ (M[ax] Rubner, Von der Blockade und Aehnlichem, Deutsche Medizinische Wochenschrift 45, 1919, 393-395, hier 393) betragen habe. Diese Zahl war haltlos, Zeugnis der Bitternis über die erlittene Niederlage, die als Schmach verstanden wurde.

Die „Hungerblockade“ war neben der „Dolchstoßlegende“ das wichtigste Narrativ zur Erklärung der deutschen Niederlage. Je länger, je mehr wurde sie zu einem völkisch-nationalistischen Argument, mit dem die westlichen Besatzungsmächte denunziert werden konnten, mit dem man Begriffe wie „Kindermord“ stetig verband. Während der belgisch-französischen Besetzung des Ruhrgebietes fand sich der Begriff in neuem Kontext (Die französische Hungerblockade, Badische Post 1923, Nr. 176 v. 28. Juni, 2). Im zweiten Weltkrieg war die „Hungerblockade“ ein wichtiges Element der nationalsozialistischen Kriegspropaganda. Die überhöhte Zahl der fast 800.000 „Hungertoten“ findet sich gleichwohl bis heute in zahlreichen historischen Darstellungen. Selbst ein so seriöser Kenner wie der Freiburger Historiker Jörn Leonhard schrieb in seiner jüngsten Gesamtdarstellung des Krieges ohne solide Belege von bis zu 700.000 direkt oder indirekt durch Unterversorgung Verstorbenen (Die Büchse der Pandora, 4. durchges. Aufl., München 2014, 518).

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Anklage gegen die Entente (Simplicissimus 24, 1919-20, 231)

1919/20 wurde die „Hungerblockade“ jedoch nicht nur in völkisch-nationalistischen Kreise beklagt. Überall „wartet man sehnlichst auf die Aufhebung der Blockade und verspricht sich dann von ihr die Rettung. Wird aber, kann aber die Aufhebung der Blockade das Allheilmittel sein, das man in ihr erblickt, wird ausreichende Ernährung allein alles wieder gutmachen können, was dieser unselige Krieg an unseren Kindern verbrochen hat?“ (Heinrich Keller, Was muß jetzt für unsere Kinder geschehen?, Arbeiterzeitung 1919, Ausg. v. 23. März) Auch die sozialdemokratische Sozialpolitikerin Henriette Fürth (1861-1938) schrieb 1919 fatalistisch und verzweifelt: „Was sich uns da vor Augen stellt, ist düster und hoffnungslos genug. Das Grausige aber kommt noch. Die unerhörte, so ganz unmenschliche, durch keinerlei sog. Kriegsnotwendigkeit gerechtfertigte Aushungerungspolitik nach dem Kriege, in der Zeit des Waffenstillstandes und nach Friedensschluß ist nicht anders zu qualifizieren denn als Menschenmord, der als ein ewiger, untilgbarer Fluch auf denen lasten wird, die ihn verschuldet haben. Diese Nachkriegsmarter hat das tiefste Mark unseres Volkes zerstörend angegriffen“ (Statistische Nachdenklichkeiten, Soziale Praxis 29, 1919/20, Sp. 1100-1101, hier 1101). Dass ein Ende der Blockade erst einmal wenig am Nahrungsmangel geändert hätte, wurde dabei schlicht ignoriert – ebenso wie das britische Kalkül über wirksame Faustpfänder in den Friedensverhandlungen. Schätzungen für die „Wiederauffütterung“ gingen jedenfalls von 294 Tagen bei einer Zufuhr eiweißreicher animalischer Kost aus bzw. 1097 Tagen bei dominanter Getreidezufuhr (G[otthold] Mamlock, Die Blockade-Denkschrift des Reichsgesundheitsamtes, Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie 23, 1919, 213-215, hier 215).

Kontinuität der Entwicklungsrückstände auch nach Kriegsende

Die Ernährungsprobleme blieben 1919/20 bestehen, verminderten sich auch nach dem Ende der Seeblockade nur ansatzweise. Die Nährschäden wuchsen weiter, auch die Entwicklungsrückstände der Kriegskinder nahmen weiter zu. Die neue Generation der Kriegskinder war rund drei bis fünf Zentimeter kleiner als ihre altersgleichen Vorgänger, in besonders stark geschädigten Gebieten betrugen die Längenunterschiede bis zu acht Zentimeter. Das Durchschnittsgewicht lag je nach Alter um zwei bis fünf Kilogramm hinter dem der Friedenskinder. Rechnet man diesen Wert auf die heutigen, durchweg properen und längeren Kinder um, so betrug das relative Mindergewicht fünfeinhalb bis vierzehn Pfund. Selbst in ländlichen Gebieten, die teilweise erst nach Kriegsende Versorgungsprobleme aufwiesen, waren ernste Schädigungen nicht mehr zu übersehen (vgl. Das Kinderelend in Deutschland, Soziale Praxis 29, 1919/20, Sp 997; Otto Blum, Die Ernährungsverhältnisse der kleinstädtischen und ländlichen Bevölkerung während der Krisenzeit, Med. Diss. München 1917). Die Rückfragen wurden entsprechend drängender, grundsätzlicher: „Was für Hoffnung besteht auf einen Wiederaufbau der Welt, wenn die Kinder Europas, die überleben, von Rachitis und Tuberkulose so geschwächt sind, daß ihr Leben nur ein halbes Leben ist? […] Wie kann die Welt von Völkern wieder aufgebaut werden, die in ihrer Lebenskraft so schwer erschüttert sind? Denn es handelt sich nicht nur um die Lebenden, sondern um die degenerierten Nachkömmlinge der heute Lebenden. Wir fragen mit Entsetzen, was für eine Zivilisation von dieser wachsenden Masse menschlichen Elends ausgehen soll“ (Das Kinderelend in Mitteleuropa, Vorwärts 1919, Nr. 336 v. 4. Juli, 2).

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Zurückgebliebene und unterentwickelte Säuglinge und Jugendliche (Zeitbilder 1920, Nr. 10 v. 7. März, 2)

Allerdings hofften die meisten Ärzte auf eine gleichsam natürliche Gegenreaktion: „Herabgesetzter Ernährungszustand und damit Magerkeit ist noch keine Krankheit. Bedenklich wird der Zustand erst dann, wenn sich tatsächlich durch die Ernährungsknappheit und Ernährungsveränderungen Krankheitserscheinungen einstellen“ ([Adolf] Thiele, Für die „gefährdeten“ Jugendlichen, Soziale Praxis 27, 1917/18, Sp. 73-76, hier Sp. 75). Hier aber waren die Kinder weniger betroffen als Alte oder auch berufstätige Erwachsene. Die Säuglingssterblichkeit war während des Krieges anfangs zurückgegangen, erreichte erst gegen Kriegsende höhere Margen. Typische Kinderkrankheiten stagnierten auf einem nicht geringen Niveau. Der weiter bestehende Milchmangel führte zu „auffällig blassen und blutarmen“ Kindern, Rachitisfälle nahmen massiv zu, ebenso die vielfach tödliche Tuberkulose. Die gesundheitlichen Verhältnisse und der körperliche Zustand der Kinder verbesserten sich erst in der zweiten Hälfte 1921 und dann 1922, ehe die Hyperinflation neuerlich mit lokal teils massiver Unterernährung verbunden war: „Standen auch zwar Lebensmittel wieder in reichlicherer Menge zur Verfügung, so machten doch die unerschwinglich hohen Preise eine ausreichende Ernährung für weiteste Bevölkerungskreise unmöglich“ (Vonessen, Der Ernährungszustand von Cölner Schulkindern, Öffentliche Gesundheitspflege 6, 1921, 196-209, hier 197).

12_Zeitbilder_1919_04_13_Nr13_p2_Hungerblockade_Unternernaehrung_Kinder_Deutschland-Schweden_Nahrungsmittelhilfe

Reisetourismus der Genährten: Deutsche Politiker und schwedische Experten besuchen unterernährte Kinder im Berliner Virchow-Krankenhaus (heute: Charité) (Zeitbilder 1919, Nr. 13 v. 13. April, 2)

Hilfe war erforderlich. Sie kam anfangs, 1919/20, aus vielen neutralen europäischen Staaten, aus der Schweiz und den Niederlanden, aus Dänemark und Schweden. Mit gewissem Zeitverzug setzte die Hilfe aus den USA ein, die während des Krieges schon die belgische Zivilbevölkerung unter deutscher Besatzungsherrschaft versorgt hatten. Es waren vor allem Quäker, viele Deutschamerikaner und dann auch Regierungsstellen, die erst der Kindernot in Wien und Deutschösterreich, dann auch der im Deutschen Reich konkrete Hilfe entgegensetzten. Nicht Feinde wurden gespeist, sondern unterernährte und zurückgebliebene Kinder. Bis 1922 wurden 290 Millionen nährende Mahlzeiten ausgegeben, bis 1925 – nun im Rahmen eines deutsch-amerikanischen Gemeinschaftswerkes – insgesamt fast 700 Millionen. Vor dem Hintergrund einer sich insgesamt bessernden Versorgungslage konnten so die Ernährungsschäden begrenzt werden, auch wenn die Hyperinflation 1922/23 viele Bemühungen wieder zunichtemachte (Eugen Schlesinger, Ergebnisse der Quäkerspeisung, Concordia 27, 1920, 182-184). Erst die Jahrgänge seit 1924 wiesen keine Körperschädigungen mehr auf (Heinrich Davidsohn, Untersuchungen über die Reparation unterernährten Kinder, Klinische Wochenschrift 1, 1922, 2483-2486; Georg Wolff, Kriegsunterernährung und Grössenwachstum […], ebd. 9, 1930, 1778-1783).

13_Gieseler-Bach_1927_p124_Kinder_Gewicht_Koerper_Muenchen_Statistik_Schaubild

Normalisierung: Körpergewicht Münchener Schulkinder (links Knaben, rechts Mädchen) 1923-1926 (Wilhelm Gieseler und Fritz Bach, Die Münchener Schulkinderuntersuchungen in den Jahren 1925 und 1926, Anthropologischer Anzeiger 4, 1927, 120-131, hier 124)

Entwicklungsrückstände als wissenschaftliches Problem

Unterernährung, Hunger und Entwicklungsrückstände sind allesamt Resultate breit angelegter wissenschaftlicher Expertise. Die Referenzdaten stammten zumeist von Schulärzten, von Pädiatern, Schulärzten und Anthropologen. Für sie war die Ernährungskrise eine wissenschaftliche Herausforderung, „ein Experiment größten Stils über die Zeichen und Folgen der Unterernährung“ (Ad[olf] Czerny und A[rthur] Keller, Des Kindes Ernährung, Ernährungsstörungen und Ernährungstherapie, Bd. II, 2. vollkommen umgearb. Aufl., Leipzig und Wien 1928, 299). Ihre Aufgabe war es, bestehende Problemlagen zu objektivieren, nachdem sie diese lange bewusst ausgeblendet hatten. Bleiche Gesichter und ausgemergelte Körper hatten als solche eben keine Beweisqualität, mögen sie auch jeden ansprechen und berühren. Allgemeine Einschätzungen, etwa von großer Magerkeit, einer zurückbleibenden Größe und muskulären Stärke sowie einer gewissen „Schlaffheit“ (Richard Hamburger, Die Ernährung der deutschen Kinder in der Kriegszeit und der Gegenwart, Zeitschrift für Krankenpflege 1, 1919, 129-142, hier 141), waren nicht nur reale Beschreibungen, sondern standen auch in einer Tradition der Geringschätzung und Maßregelung der breiten Mehrzahl der arbeitenden Bevölkerung durch die noch relativ kleine Zahl großenteils wohlsituierter Experten. Parallel wurden ja zehntausende Kranke wieder arbeits- und frontverwendungsfähig geschrieben, nahm die Mehrzahl keine rechte Notiz von den zehntausenden Anstaltsinsassen, die man schlicht verhungern ließ, verweigerten viele Ärzte Kindern Atteste für Milchzuschläge.

Weltkrieg und Nachkriegszeit bewirkten eine massive Professionalisierung der Kinderheilkunde. Die noch im späten 19. Jahrhundert in der Pädiatrie weit verbreitete präzise Schilderung von Einzelfällen trat zunehmend in den Hintergrund, der Einzelne ging fast durchweg in der statistischen Masse auf. Fachwissenschaftlich waren die umfangreichen Reihenuntersuchungen sowohl während des Krieges als auch in der Nachkriegszeit mit intensiven Methodendiskussionen verbunden, vom Vordringen mathematischer Modelle begleitet, wobei am Ende übrigens auch eine neuerliche Wertschätzung der ärztlichen Einzelfalldiagnostik stand.

14_Jaenicke_1921_p183_Kinder_Gewicht_Koerperlaenge_Koerper_Apolda_Tabelle_Statistik

Durchschnittswerte in Tabellenform: Ergebnisse der Messungen und Wägungen von 2742 Schülern der Bürgerschule in Apolda 1920 (Jaenicke, Der Einfluss der Kriegsernährung auf die Körperbeschaffenheit der Schulkinder in Apolda und der Rohrersche Index, Öffentliche Gesundheitspflege 76, 1921, 181-186, hier 183)

Damit einher gingen neue Formen der Visualisierung wissenschaftlicher Daten. Tabellen nahmen weiterhin breiten Raum ein, in ihnen manifestierte sich der große Aufwand der Messungen und Wägungen. Sie wurden zunehmend ergänzt durch Häufigkeitstabellen, zumal beim Vergleich von Normdaten „normaler“ körperlicher Entwicklungen mit den Messergebnissen. Sie gaben zugleich einen besseren Eindruck über die Dynamik körperlichen Geschehens.

15_Davidsohn_1919_p389_Kinder_Waisenhaus_Berlin_Koerperlaenge_Statistik_Liniendiagramm

Körperlängen Berliner Waisenhauskinder 1919 (I = Knaben, II = Mädchen) im Vergleich zu den damals meist herangezogenen Camererschen Daten zur Normalentwicklung (Heinrich Davidsohn, Die Wirkung der Aushungerung Deutschlands auf die Berliner Kinder […], Zeitschrift für Kinderheilkunde 21, 1919, 349-407, hier 389)

Während Balkendiagramme eher selten waren (Richard Maron, Der Einfluß der Ernährungsverhältnisse im Kriege auf den körperlichen Entwicklungszustand der Neugeborenen, Berlin 1918), wurden die Daten zunehmend in Liliendiagramme gebannt. Auch wenn es sich dabei um eine noch abstraktere Form der Präsentation handelte, erschienen sie doch als gleichsam nachvollziehbares Abbild des Geschehens. Obwohl die Mehrzahl der Ärzte als Fachleute für Fachleute schrieb, zielte sie zugleich aber auf bessere Verständlichkeit. So lag das Längenwachstum der Berliner Waisenkinder 1919 7,2 (Knaben) bzw. 6,4 Prozent (Mädchen) hinter den gängigen Normzahlen zurück – und es bedurfte eines beträchtlichen Abstraktionsvermögens, um daraus korrekte Schlüsse zu ziehen (Davidsohn, 1919, 391). Die gängigen Normdaten stammten nämlich von 1903 und waren in der Vorkriegszeit regelmäßig übertroffen worden (W[ilhelm] Camerer, Gewichts- und Längenwachstum der Kinder, in: M[einhard] Pfaundler und A[rthur] Schlossmann (Hg.), Handbuch der Kinderheilkunde, Bd. I, Hälfte I, Leipzig 1906, 385-400). Sowohl das Liniendiagramm als auch die Durchschnittsziffer konnten dies kaum vermitteln. Einigermaßen anschaulich wurden die Daten erst, verwies man darauf, dass die Knaben im Vergleich zur Normentwicklung anderthalb, die Mädchen dagegen eineinviertel Jahre Entwicklungsrückstand aufwiesen.

16_Deutsch-Amerika_08_1922_Nr45_p12_Kinder_Unterernaehrung_Koerper_Reihenuntersuchung_Berlin

Ärztliche Reihenuntersuchung „unterernährter“ Kinder im Berliner Kinderhaus in der Blumenstraße (Deutsch-Amerika 8, 1922, Nr. 45, 12)

Auch wenn Experten damit versuchten, ihre Ergebnisse einem breiteren Publikum anschaulich zu präsentieren, so blieb ihr zunehmend komplexeres Methodenarsenal jedoch außen vor (Martin, Richtlinien für Körpermessungen, München 1924). Weit vor Tabellen und Diagrammen rangierten vielmehr einschlägige Photos, auch wenn deren Aussagewert vielfach nur eng begrenzt ist. Dünn ist nicht krank, einzelne Kinder bleiben einzelne Kinder. Festzuhalten aber ist, dass die umfangreiche fachliche und öffentliche Debatte über die massiven Entwicklungsrückstände der Kriegskinder die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit tiefgreifend veränderte. Die vielfältigen anthropometrischen Darstellungen und Abbildungen während der NS-Zeit sind Folge auch dieses Wandels.

Gewachsenes Wissen, begrenzter Erkenntnisgewinn

Die Erforschung der Entwicklungsrückstände der deutschen Kinder während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hat fast ein Jahrzehnt ein Großteil der Schulärzte und Anthropologen beschäftigt. Die Ergebnisse waren beachtlich, nicht nur Datenfriedhöfe. Neben dem Nachweis, dass Wachstum nicht allein konstitutionell bedingt, sondern vielmehr durch sog. Umwelteinflüsse wie etwa Ernährung beeinflusst wurde, gab es vor allem vier Hauptergebnisse – auf die nicht alle zuvor eingegangen werden konnte: Erstens gab es bei den Folgen der Unterernährung beträchtliche geschlechtsspezifische Unterschiede, machten sich die Folgen der Unterernährung bei Mädchen doch deutlich geringer bemerkbar als bei Jungen. Dies ging einher mit der insgesamt höheren Verletzlichkeit der männlichen Körper, die in der Medizin bis heute keinen angemessenen Widerhall gefunden hat. Zweitens besaßen die Entwicklungsrückstände eine klare soziale Schlagseite, ist der Körper doch immer auch ein sozialer Marker. Während des Krieges sanken die Größen- und Gewichtsvorteile der wohlhabenderen Schichten überdurchschnittlich, während sie anschließend, auch schon während der Inflationszeit, wieder überdurchschnittlich anstiegen. Drittens waren die Entwicklungsrückstände bei denen besonders groß, die ohnehin schwächlich und kränklich waren. Zeitgenössisch wurde diese quasi eugenische Selektion nicht durchweg verurteilt, sondern als Stärkung des „Volkskörpers“ teils begrüßt. Viertens legten die Daten Unterschiede zwischen den verschiedenen Phasen der Kindheit offen, die eine genauere Unterscheidung zwischen dem Kindergarten-, dem Schulalter und der Pubertät erforderlich machten. Kindheit wie Wachstum waren eben keine linear ablaufenden Prozesse, sondern wiesen unterschiedliche Geschwindigkeiten auf, die zu unterschiedlich ausgeprägten Entwicklungsrückständen führten (Hoppe, 1926-27, 540). Entsprechend waren arithmetische Mittelwerte vielfach irreführend – auch wenn sie griffig zu sein schienen.

Eine große Zahl der Kinder blieb dauerhaft geschädigt, konnte die Entwicklungsrückstände nicht mehr wettmachen. Das galt vor allem für Kinder vor der Pubertät. Langfristig war all dies anthropometrisch unbedeutend, da die Schädigungen keinen unmittelbaren Einfluss auf die Nachkommen hatten (Georg Wolff, Die Nachwirkung der Kriegshungerperiode auf das Schulkinderwachstum, Leipzig 1932, insb. 34-38). Rein rechnerisch kosteten der Erste Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit den Kindern eine Länge von ein bis zwei Zentimeter. Nicht viel – so mag man meinen: „Aber auch wo die Folgen nicht so ernst waren, wird die Erinnerung bei unseren Kindern an die Zeiten kaum verloren gehen, in denen sie den Hunger kennen gelernt haben, in denen ihnen eine erhöhte Brotration zum Ziel ihrer Sehnsucht wurde“ (Ad[olf] Czerny, Die Ernährung der deutschen Kinder während des Weltkrieges, Monatsschrift für Kinderheilkunde 21, 1921, 2-13, hier 13).

Festzuhalten ist schließlich, dass die „objektive“ wissenschaftliche Darstellung der Entwicklungsrückstände der deutschen Kinder zugleich Grundprobleme unseres Umgangs mit Vergangenem anreißt. Die „Hungerblockade“ war eben ein kein rein „objektives“ Thema, sondern hoch emotionalisiert – wer wollte das verurteilen. Sie wurde jedoch zunehmend eine Projektionsfolie, mit deren Hilfe Fehler der deutschen Eliten überdeckt, mit denen zugleich tradierte Feindbilder neu aufgeladen werden konnten. Der Kampf um die kindlichen Körper führte andere Kämpfe von Erwachsenen fort, ließ sie weiter köcheln.

17_Das Ostpreußenblatt_02_1951_Nr09_p5_Kind_Tod_Käthe-Kollwitz_Gewalt

Zertreten – Käthe Kollwitz, 1900 (Das Ostpreußenblatt 2, 1951, Folge 9, 5)

Vielleicht hilft hier einfach Innehalten: Die Pädagogin Mathilde Vaerting (1884-1977), ab 1923 erste Professorin ihres Faches, vermerkte sachlich trauernd: „Wir haben dem Kriege nicht nur unseren Wohlstand geopfert, sondern auch unsere Gesundheit und damit die Gesundheit unserer spätesten Nachkommen“ (Hungerkinder – Hungerdegeneration, Reichs-Medizinal-Anzeiger 44, 1919, 209-213). Mir selbst kam bei der Niederschrift immer wieder eine Vorstudie zu der um ihr Kind trauernden Arbeiterfamilie von Käthe Kollwitz (1867-1945) in den Sinn. Es gilt hinzuschauen, auch wenn es schmerzt.

Uwe Spiekermann, 15. Mai 2021

Blondinen zur Zeit des Nationalsozialismus – Das Haarfärbeshampoo Nurblond

Die Konsumgeschichte des Nationalsozialismus ist bis heute nur oberflächlich untersucht. Volkswagen und Volksempfänger, Vollkornbrot und Sojamehl geben eine Ahnung von der Breite und Ambivalenz einer zunehmend unter staatlichem Einfluss stehenden Konsumwelt, doch Auto und Radio, Naturkost und Convenienceprodukte künden von einer raschen Entnazifizierung der Dinge in der folgenden „Wirtschaftswunderzeit“. Die für Konsumgütermärkte charakterisierende Vermischung ideologischer, politischer, technischer und ökonomischer Einflussfaktoren ist schwer aufzudröseln – und vermeintlich typisch nationalsozialistische Konsumgüter kaum auszumachen. Auch die NS-Zeit war konsumtiv vorrangig Teil einer „westlichen“, einer kapitalistischen Moderne.

Konsumgüter sind eben nicht eindimensional, sondern vieldeutig. Der Gebrauchswert eines Volksempfängers lag wohl vorrangig in leichter Muse, Nachrichten und familiärer Geselligkeit, weniger in den obligaten Reden der nationalsozialistischen Politiker und ihrer konservativen Bündnispartner. Er war Ausdruck des sozialen Status, erlaubte Distanz zum Alltagsgeschehen, zeitweiliges Wegtauchen, diente der Wohnungseinrichtung. Vergleichbare Ambivalenzen gelten auch für Produkte, deren ideologischer Gehalt vermeintlich sicher zu sein scheint. Ein gutes Beispiel hierfür sind Haarpflegeprodukte. Blickt man in die Literatur, so scheinen vor allem die seit Anfang der 1930er Jahre verstärkt beworbenen und verkauften Haarfärbeshampoos typisch nationalsozialistisch zu sein. Das betonen zumindest mehrere Autoren mit Blick etwa auf Nurblond, einem Shampoo für blonde Frauen und solche, die es werden wollten.

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Blond gleich „arisch“? Plakative Rezeption einer Nurblond-Werbung (Lenka Kopecká, Das Bild der Frau in der NS-Zeitschrift „NS-Frauen-Warte“, Bachelorarbeit Olomouc 2015, 46)

Einschlägige Anzeigen fanden sich erst einmal in historischen Dokumentationen, die seit den 1980er Jahren mit einer verstärkten musealen Aufarbeitung des Nationalsozialismus einhergingen (Sabine Kübler, Frauen im deutschen Faschismus 1933-1945, hg. v.d. Stadt Frankfurt a.M., Frankfurt a.M. 1980, 72-73; Norbert Hopster (Hg.), Träume und Trümmer. Der Nationalsozialismus von 1933 bis 1945, Bielefeld 1989, 192). Dieses Genre ist plakativ: Die Nurblond-Anzeigen standen für die spezifisch nationalsozialistische Unterdrückung der Frau, die auf ihre Körperlichkeit und Reproduktionsfunktion reduziert wurde. Blondinen galten demnach auch als Ausdruck des „Arischen“, plakatierten gleichsam die Idee einer auch für die Damenwelt geltende Herrenrasse (Gloria Sultano, Wie geistiges Kokain… Mode unterm Hakenkreuz, Wien 1995, 188; Anja C. Schmidt-Otto, „Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen“. Das Bild der Frau im Dritten Reich – zwischen nationalsozialistischem Dogma und populären Frauenzeitschriften, in: Walter Delabar, Horst Denkler und Erhard Schütz (Hg.), Spielräume des einzelnen. Deutsche Literatur in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Berlin 1999, 254-264, hier 255-256). Die Autorinnen werteten strikt und eingängig: In Nurblond-Anzeigen – und solchen vergleichbarer Haarpflegeprodukte – manifestiere sich das „Schönheitsideal der deutschen Frau“, orientiert „an dem Vorbild des Frauenbildes der nordischen Rasse“ (Tanja Sadowski, Die nationalsozialistische Frauenideologie: Bild und Rolle der Frau in der ‚NS-Frauenwarte‘ vor 1939, Mainzer Geschichtsblätter 12, 2000, 161-182, 169). Alle diese Arbeiten nutzten Anzeigen, analysierten und kontextualisierten sie jedoch nicht. Die geschichtspädagogische Aufgabe überlagerte offenbar die fachwissenschaftliche. Es ging um eindimensionale Benennung und Kritik von ideologisch begründeter Mutterschaft, vom Hausfrauenideal, dem Dienst am Manne und der „Volksgemeinschaft“, von Körperertüchtigung und Gesundheitspflege. Es fehlte jedoch eine genauere Kenntnis und Definition der Produkte (und auch der ideologischen Konstrukte der NS-Frauen- und Biopolitik). Nur so ist zu erklären, dass in Abschlussarbeiten die Fotomotive der Nurblond-Anzeigen als „arisch“ bezeichnet werden können.

Ein derart plakativer Umgang mit historischen Zeugnissen mag zwar kritisch daherkommen, steht jedoch für mangelnde Kenntnisse der NS-Konsumgütermärkte im Allgemeinen, für die der herangezogenen Haarpflegeprodukte im Speziellen. Es scheint, dass hier alte Vorstellungen des „Blonden und Blauäugigen“ – vermeintlich kritisch gewendet – in die Literatur zurückkehren. Blond wird auf einen zu dekonstruierenden Marker reduziert, gerät unter Generalverdacht.

Im Folgenden werde ich am Beispiel von Nurblond versuchen, eine andere und substanziellere Analyse von Haarpflegeprodukten während der NS-Zeit zu geben. Erstens wird es darum gehen, die Vorgeschichte des Haarfärbens und Blondierens genauer einzufangen, denn der Markteintritt von Produkten hat seine Eigenlogik, folgt technischen Entwicklungen, Marketingentscheidungen sowie Veränderungen der Nachfrage. Zweitens gilt es sich das Produkt Nurblond genauer anzuschauen, dessen Herkunft und Werbung, dessen Darstellung von Frauen und Kaufmotiven. Drittens folgt ein vergleichender Blick auf einige Konkurrenzprodukte, um so den Stellenwert des nur einen Markenartikels zu präzisieren. Viertens ist der Blick über die Grenzen des deutschen Vermarktungsgebietes hinaus zu weiten, war Nurblond doch keineswegs „deutsch“, sondern ein unter verschiedenen Namen vertriebenes globales Produkt.

Färben und Blondieren: Gefährliche und mühselige Unterfangen

Blond zu sein ist etwas Besonderes, denn es ist rar und vergänglich. Bei vielen, so auch bei mir, ist es eine Erinnerung an die Kindheit, denn das Haar dunkelt nach, die blonde Farbe vergeht, kehrt sich um ins bräunlich-fahle bis schließlich die Färbung aussetzt, graues und weißes Haar vordringt, gar dominiert. Blond steht für die eigene Herkunft, für Reinheit, für Jungfräulichkeit: „Die schönste Jungfrau sitzet / dort oben wunderbar / ihr goldnes Geschmeide blitzet, / sie kämmt ihr goldenes Haar“ heißt es in Heinrich Heines Loreley. Auch Goethes Gretchen oder von Kleists Käthchen sind jung und rein, Figuren im Widerstreit zwischen Heim und fordernder Welt.

Blond ist zugleich eine schwindende Haarfarbe. Lange charakteristisch für den weit gefassten Ostseeraum, für Skandinavien, Norddeutschland, Nordpolen und die baltischen Staaten, geht der Anteil der Blonden stetig zurück, wird diese Farbe doch rezessiv vererbt. Naturwissenschaftlich lässt sich dies stofflich fassen. Melanine werden gebildet oder nicht gebildet, ihre Mischung entscheidet über die Haarfarbe. Diese prosaische Erklärung verhinderte nicht, dass zumal im 19. Jahrhundert das Blonde pseudowissenschaftlich geadelt wurde, zur Haarfarbe der imaginierten „Germanen“ mutierte, zu einem Merkmal recht beliebig benannter „Rassen“, zum Kennzeichen von Höherwertigkeit und eines kühlen Geistesadels. Friedrich Nietzsche hat daraus „die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie“ (Zur Genealogie der Macht, in: Ders., Werke in drei Bänden, Bd. 2, München 1954, 786) kondensiert, gedacht als Warnung vor der grausam-barbarischen Natur des vermeintlich kultivierten Hominiden, unkundig umgedeutet zum heroisch-agilen Herrenmenschen. Die Spannbreite des Blonden war also beträchtlich. Eine klare Verbindung von Blond und Rassismus, gar Nationalsozialismus lässt sich daraus jedoch nicht ziehen.

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Ändere Dein Leben – Wasserstoffperoxid hilft (P[aul] Börner und R[ichard] Henneberg (Hg.), Officieller Führer durch die allgemeine deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens, Berlin 1883, Annoncen, 80)

Das gilt zumal, blickt man auf das blonde Haar im Alltag der bürgerlichen Gesellschaft. Reinheit, Seltenheit, Schönheit – dies betörte, hier bestand Nachfrage: Es galt im bürgerlichen Heiratsmarkt zu bestehen, das Matronendasein hinauszuzögern oder Attraktivität und Selbstwertgefühl zu steigern. Sich gegen das Nachdunkeln und Ergrauen zu stemmen, gar andersfarbiges Haar zu blondieren, war daher nicht ungewöhnlich. Blondieren war jedoch schwierig und aufwändig, verlangte nach Friseuren, nach Haarfärbespezialisten. Das änderte sich seit den späten 1860er Jahren mit dem Wasserstoffsuperoxyd (ab 1960 als Wasserstoffperoxid bezeichnet, vgl. Über Wasserstoffsuperoxyd, Zeitschrift des allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 13, 1875, 145-149). Damals brachte der Londoner Pharmazeut Eugène Henri Thiellay das Geheimmittel „Eau fontaine de jouvence golden“ für stattliche sieben Francs pro 140-ml-Flakon auf den Markt, garniert mit Verweis auf eine goldene Medaille während der Pariser Weltausstellung 1867. Bei dem Wässerchen handelte es sich um verdünntes und durchaus wirksames Wasserstoffperoxid, dessen bleichende Wirkung überzeugte (A. v. Schrötter, Wasserstoffsuperoxyd als Cosmeticum, Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft zu Berlin 7, 1874, 980-982). Die Chemikalie zerstörte die Haarpigmente, erlaubte damit entweder eine wasserstoffblonde Frisur oder aber recht beliebig gefärbtes Haar. Als „Golden Hair Water“ oder auch „Auricome“ weiter vermarktet, wurde es rasch zum unverzichtbaren Hilfsmittel des Friseurhandwerkes oder aber der wagemutigen Frau. Das recht hoch konzentrierte Wasserstoffperoxid war wirksam, auch aufgrund der anfangs beigemengten Salpetersäure. Es war nicht einfach zu handhaben, zersetzte sich an der Luft recht rasch, hinterließ bei unkundiger Anwendung kräftige Flecken auf Haut und Kleidung. Doch die Bleichung hielt acht bis zehn Wochen (Heinrich Paschkis, Kosmetik für Ärzte, 2. verm. Aufl., Wien 1893, 221).

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Schönheit und vermeintliche Dummheit der Blondinen (Jugend 7, 1902, 647 (l.); Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 5, 5)

All dies schien akzeptabel, erinnerte das sonstige Angebot doch an einen Chemiebaukasten: „Die derzeit meist in den Handel kommenden Haarfärbemittel enthalten entweder Blei, Wismuth, Silber, Mangan, Kupfer, Eisen, Quecksilber oder sind vegetabilischer Natur“ (Max Schneider, Die Mittel zur Pflege des Haares. II. Haarfärbemittel, Pharmaceutische Post 34, 1901, 617-620, hier 617). Die Mittel überdeckten die vorhandene Haarfarbe von außen, wirkten deshalb nur kurze Zeit, regelmäßig wiederholte Anwendungen waren die Folge. Das ging am besten bei der Schwarz- und Rotfärbung (Henna) – zumal der Kampf gegen graue Haare das Färben dominierte. Dagegen war es äußerst schwierig Mittelfarben wie Hellbraun oder Blond zu rekonstruieren bzw. neu herzustellen. Immerhin, Curcuma führte zu semmelweißem Haar, Silber-, Kupfer- und Molybdänpräparate zu Hell- und Tizianblond (Paschkis, 1893, 216-220). Die immense Zahl der Haarfärbemittel – eine Untersuchung in Wien nach der Jahrhundertwende führte knapp fünfzig Präparate namentlich auf (Schröder, 1901) – spiegelte sowohl den Drang nach Farbe und Veränderung als auch den Mangel an wirklich überzeugenden Angeboten. Wasserstoffperoxidpräparate blieben deshalb allgemein üblich.

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Teerfarben machen alles möglich (Lustige Blätter 21, 1906, Nr. 18, 22)

Auch Teerfarben wurden ausprobiert und eingesetzt, auch hier blieb das Ergebnis zwiespältig. Dennoch wurde schon vor dem Ersten Weltkrieg die kosmetische Manipulation der Haare im Bürgertum üblich: „Das Haarfärben und die Erzeugung der Haarfärbemittel beginnt sich zu einem wahren Gewerbe zu entwickeln. Das Hindernis beim Gebrauch der Mittel ist nur das, daß die öffentliche Meinung mit dem Resultate wenig zufrieden ist, die Manipulation verurteilt, einen Betrug in ihnen sieht und sie nicht als den Ersatz der Natur annimmt, was zum Grunde haben kann, daß bei uns die Kunst des Haarfärbens ziemlich unvollkommen ist, ausgenommen das Bleichen. Das Blondfärben gelingt gewiß schön und wer es verurteilt, tut Unrecht. Wenn sich jemand sein wirklich häßliches Haar in schönes Blond verwandeln läßt, das ist absolut nicht zu verurteilen. Ein gelungenes Färben ist schön, ist somit kein Betrug, sondern es ist damit der Natur ein Sieg abgerungen“ (Johann Deffert, Vom Haarfärben, Neue Wiener Friseur-Zeitung 30, 1913, Nr. 12, 1-2, Nr. 13, 2-3, hier 3). Das Bleichen war zu dieser Zeit deutlich billiger geworden, so dass es auch in ärmere Schichten Verwendung fand. Da dort jedoch seltener auf Friseure zurückgegriffen wurde, war zersplissenes und „ruiniertes“ Haar ein Alltagsproblem. Erste Fertigkoloraturen, wie das 1908 auf Basis der Forschungen des Chemikers Eugéne Schueller (1881-1957) in Paris einführte L’Oreal-Henne, blieben Ausnahmen, waren aufgrund des verwendeten Phenylendiamins auch gesundheitsgefährlich (Jos. Mayer, Gefärbtes Haar einst und jetzt, Friseurkunst der Mode 5, 1920, Nr. 4, 1-2).

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Erhöhtes Körperkapital dank Blondin (Das interessante Blatt 24, 1905, Nr. 49 v. 7. Dezember, 21)

Nach Ende des Ersten Weltkrieges gewannen pflanzliche Färbemittel an Bedeutung – zumeist Kombinationen von Henna und Reng mit anderen Pflanzenstoffen. Französische, aber auch deutsche Anbieter entwickelten daraus Komplettangebote, aus denen die Konsumenten scheinbar beliebig wählen konnten. Das Pulver Henné-Broux gab es beispielsweise in fünfzehn verschiedene Farbnuancen, darunter Blond, Hellblond, Goldblond, Dunkelblond, Aschblond, Rötlichblond, Hellgoldblond, Hell-Aschblond und Dunkel-Kastanienblond. Um zu färben, musste man das Färbepulver in eine Schale geben, nach und nach kochendes Wasser hinzufügen, bis sich unter Rühren ein schlagsahnenähnlicher Brei gebildet hatte. Die Haare mussten zuvor gereinigt, getrocknet und gekämmt werden. Der abgekühlte Brei wurde dann per Pinsel auf die Haare aufgetragen, das Haar zu einem Schopf zusammengelegt und für eine halbe Stunde mit einem Tuch bedeckt. Es folgte die Reinigung mit lauwarmem Wasser, die Haare sollten mehrfach ausgedrückt und dann getrocknet werden. Damit war das Ende nahe, doch noch nicht erreicht. Noch musste das dem Pulver beigefügte Fixiermittel in kaltem Wasser aufgelöst und mit einem Pinsel in die Haare gestrichen werden. Anschließend auskämmen: Fertig (Fachblatt der Friseure, Raseure und Perückenmacher 20, 1926, Nr. 6, 14). Aufgrund dieses hohen Aufwandes griff die Mehrzahl beim Blondieren weiterhin zum Wasserstoffperoxid – oder aber zu Hausmitteln, etwa einem Kamillensud oder einer Rhabarberabkochung (Karl Mausser, Haarfarben und Haarfärben, Die Bühne 1926, H. 82, 62).

All dies fand nicht im luftleeren Raum statt, sondern vor dem Hintergrund einer breit gefächerten und sozial höchst heterogenen Frauenemanzipation. Ihnen stand eine wachsende Zahl von Berufen offen, gerade im Angestelltenmilieu etablierten sich berufstätige junge Frauen als Teil einer urbanen Arbeits- und Konsumkultur. Zum Signet der neuen Zeit und der viel beschworenen „Neuen Frau“ wurde nicht nur ein schlanker und sportlicher Körper, sondern auch der Bubikopf. Diese kurz gehaltene Frisur brach mit den Konventionen der Vorkriegszeit, hob Kopfform und Haar markant hervor, ließ das Äußere zunehmend gestaltbar werden: „Haarfärben ist zur Mode geworden. Die Blondine will als Brünette, diese als Blondine erscheinen; individueller, oft launiger Geschmack sind maßgebend. Anderseits soll dem frühzeitig oder dem physiologisch eingetretenem Ergrauen Abhilfe geschaffen werden“ (Egon Karpelis, Sind die üblichen Haarprozeduren schädlich?, Die Bühne 1927, H. 140, 38).

All dies war umstritten und umkämpft. Kritikern galt Färben als „eine Art Gewaltakt“: „Das Haar ist ein schönes Geschenk Gottes und soll nicht mißhandelt werden, gefärbt soll immer erst werden, wenn es nötig ist, und zwar nur da, wo es nötig ist“ (Die Kunst des Haarfärbens, Prager Tagblatt 1927, Nr. 84 v. 9. April, Unterhaltungsbeilage, 5). Färben war zudem kein Einmalakt, sondern Einstieg in einen oft lebenslangen Gebrauch. Dieser erfolgte auch keineswegs freiwillig, schien vielmehr Folge des intensiveren beruflichen Wettbewerbs zu sein (Ernst Tannert, Darf man die Haare färben?, Kleine Volks-Zeitung 1932, Nr. 121 v. 1. Mai, 13). Haarfärbung stehe für eine artifizielle Welt der Künstlichkeit und des Überdeckens, stehe gegen die von der Lebensreform und der Sportbewegung gefeierte und geforderte Natürlichkeit. „Hand weg vom Haarfärben!“ (Hilde Hanna Sitte-Hutter, Blond—Braun—Schwarz?, Kärntner Volkszeitung 1933, Nr. 88 v. 4. November, 8) hieß es aber auch auf der politischen Agenda, darin stimmten viele Repräsentanten von KPD, SPD, Zentrum, DNVP und NSDAP überein. Schließlich sprachen wichtige gesundheitliche Gründe gegen das Färben (Edmund Saalfeld, Haarbleich- und -färbemittel. Ärztlicher Teil, in: Hans Truttwin (Hg.), Handbuch der kosmetischen Chemie, Leipzig 1920, 541-546). Bleipräparate waren schon 1906 verboten, kupferhaltige deutlich eingeschränkt worden. Silberhaltige Hilfsmittel hielten länger vor, wurden daher gerne genommen, mochten sie das Haar langfristig auch spröde machen (P. Martell, Ueber Haarfärbemittel, Pharmazeutische Post 66, 1933, 29-31). Beim Blondieren wiederum führte der öffentlich geführte Risikodiskurs zum verstärkten Einsatz von „natürlichen“ Kamillenabkochungen. Diese waren wirksam, erforderten jedoch stetig wiederholte Anwendungen.

Shampoo als neues Produkt

Mitte der 1920er Jahre gab es also eine wachsende Palette von Haarfärbemitteln, doch keines war ohne Risiko. Färben blieb daher eine Kernkompetenz der Friseure. Dennoch ermöglichten die zeitgleich entwickelten Färbeshampoos einer wachsenden Zahl von Konsumenten selbstständige und häusliche Haargestaltung. „Shampooing“ war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als eine speziell amerikanische Form der Kopfwäsche bekannt geworden, die ab Mitte der 1870er Jahre hierzulande auch maschinell angeboten wurde (Augsburger Postzeitung 1859, Nr. 89 v. 14. April, 8; Nürnberger Presse 1875, Nr. 190 v. 9. Juli, 4). Das Waschmittel bereiteten die Friseure meist selbst zu, üblicherweise als eine Mischung aus Eiern mit Rosenwasser und Parfüm (G. Weidinger’s Waarenlexikon der chemischen Industrie und der Pharmacie, hg. v. T[homas] F[ranz] Hanausek, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Leipzig 1898, 297). Für den Hausgebrauch entstanden parallel Shampoo-Pulver, Mixturen aus parfümiertem Seifenpulver mit Soda oder Borax. Der Begriff „Shampoo“ findet sich im deutschen Warenzeichenverzeichnis seit spätestens 1899 (Deutscher Reichsanzeiger 1899, Nr. 36 v. 10. Februar, 8), 1903 wurde „Ebert’s Shampoo Powder“ als Warenzeichen eines Pulvers „zum Shamponieren“ (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 151 v. 30. Juni, 16) eingetragen.

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Vorgefertigtes „Shampoon“, häuslich anwendbar (Fliegende Blätter 119, 1903, Nr. 3045, Beibl. 10, 2)

Nachhaltigen Erfolg hatte das seit 1903 angebotene „Shampoon“ des Berliner Friseurs Hans Schwarzkopf (vgl. Geoffrey Jones, Beauty Imagined. A History of the Global Beauty Industry, Oxford und New York 2010, 45-52). Es handelte sich um ein vorgefertigtes Pulver, ein Convenienceprodukt, das häuslich angewandt werden konnte und deutlich bessere Ergebnisse erzielte als das gängige Haarwaschen mit Seife oder Soda. Es dauerte jedoch nochmals zwei Jahrzehnte, bis es hieß: „Haarfärben nur durch Haarwaschen!“ (Neue Wiener Friseur-Zeitung 42, 1925, Nr. 6, 22). Dieser Slogan stammte vom Berliner Friseur Friedrich Klein, dessen Kleinol zu den Pionierprodukten neuartiger Haarfärbeshampoos gehörte. Sein 1924 gegründetes und 1935 von Elida übernommenes Unternehmen verband zwei Entwicklungen zu einem Produkt. Das häuslich anwendbare Shampoo wurde mit der Palette neuartiger pflanzlicher Haarfärbemittel gekoppelt, die bisher vornehmlich beim Friseurbesuch verwandt wurden. Daraus entstanden rasch ausdifferenzierte Produkte, angeboten unter der Dachmarke „Kleinol Henna-Shampoos“ zur Aufhellung dunkler Haare: Darunter befand sich ein eigenes Blondier-Shampoo (platinblond) und abgestufte Henna-Shampoos (mattblond, hellblond, goldblond und tizianblond). Gefahrlos war auch das nicht, denn die aromatisierten Diamine des Kleinols konnten Hautreizungen hervorrufen (Neue Wiener Friseur-Zeitung 48, 1931, Nr. 7, 1-2, hier 2).

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Shampoo + Henna = Haarfärbeshampoo Kleinol (Sport im Bild 39, 1933, 877)

Das neue Prinzip der Färbeshampoos führte zu einer wachsenden Zahl von Rezepten, auch zu einer Vermengung mit Hausmitteln. Das betraf vor allem die Kamille: „Aus den Kamillenblüten wird ein Extrakt gebraut; mit diesem wird das Haar nach dem Waschen und auch sonst alle paar Tage benetzt, […]. Viele Blondinen gießen auch den Extrakt direkt zu dem aufgelösten Haarwaschpulver und waschen das Haar mit dieser Mischung“ (Tannert, 1932). Entsprechende Extrakte wurden auch gewerblich hergestellt, mit Shampoopulver vermengt und als Kombinationsprodukt angeboten. Wichtige Impulse für derartige Produkte kamen dabei aus dem wachsenden Sortiment von Wasch- und Putzmitteln. Dort ging es um Farbechtheit, die gewonnenen Kenntnisse über Verfärbungen konnten jedoch auch in anderen Märkten genutzt werden.

Die neuen Shampoos waren betriebswirtschaftlich äußerst reizvoll: „Durch das Shampoonieren mit Shampoo-Farbe wird die Frau daran gewöhnt, ihre Haare in der Farbe zu erhalten, in der sie es haben will. Sie wird daran gewöhnt, daß das Haar ein gesundes und frisches Aussehen behalten muß. Sie wird daran gewöhnt, es zu pflegen und ihm schon von Jugend an ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sie fährt damit fort, wenn sie älter wird und geht nun leicht zur notwendig gewordenen Färbebehandlung über“ (Haarpflege – die Einnahmequelle der Gegenwart, Friseur und Fortschritt 1935, H. 10, 13). Es ging also nicht nur um eine neue Produktgruppe, sondern auch um zunehmend jüngere Konsumenten, begann das Nachdunkeln des blonden Haares doch schon mit Beginn des heiratsfähigen Alters. Wichtiger noch war eine zunehmende Verhäuslichung der Haarfärbung – und es war unklar, ob die Friseure vom insgesamt wachsenden Markt der Haarpflege profitieren oder aber unter dem vermehrten Färben der Laien leiden würden. Um 1930 setzten die Berufsvertreter noch auf die eigene Kompetenz und glaubten sich durch die Werbung für die neuen Färbeshampoos nicht irre machen zu müssen (Praktische Winke für den Haarfärber, Neue Wiener Friseur-Zeitung 48, 1931, Nr. 6, 8; Um und für die Schönheit der Frau, Internationale Frisierkunst und Schönheitspflege 22, 1934, Nr. 11, 3-7, hier 7).

Ein wachsender Markt: Der lange Schatten der Filmblondinen

Nurblond war eines dieser neuen Färbeprodukte. Seit Sommer 1930 erwerbbar, war es Teil allgemeiner Veränderungen des Haarpflegemarktes, also stetem, schon vor dem Ersten Weltkrieg einsetzendem Wachstum, der Ausdifferenzierung der Haarfärbemittel sowie der Entwicklung neuartiger häuslich nutzbarer Färbeshampoos. Anders als etwa Kleinol, das von Anfang an auf das gesamte Farbspektrum zielte und bei dem blondfarbige Angebote Teil einer Dachmarke waren, konzentrierte sich Nurblond jedoch allein auf Blondinen.

Das bedarf der Erklärung, denn der Anteil der Blonden an der Gesamtbevölkerung sank. Nurblond war einerseits eine unmittelbare Referenz an das aufstrebende Massenmedium Film, dessen Dramen neue Prominenz schufen. Filmstars wurden bewusst geschaffen, waren Teil eines Vermarktungssystems, das zuerst bei Universal Pictures entworfen, auf das Mitte der 1910er Jahre entstehende Hollywood übertragen und dann weltweit übernommen wurde. Illustrierte, Magazine und neuartige Filmzeitschriften konzentrierten sich auf reale und imaginierte Nachrichten und Stories der Schauspieler, der Schauspielerinnen, ihres Lebens und ihrer amourösen Abenteuer. Die Filmstudios schufen eine Parallelwelt abseits der anfangs zumeist kurzen und schematisch ablaufenden Stummfilme. Die Traumfabrik produzierte nicht nur Konsumgüter für die Leinwand, sondern Lebens- und Konsumentwürfe für die Zuschauer. Dies galt für die Filmdramen, galt aber in noch stärkerem Maße für das scheinbar erstrebenswerte Leben als Filmstar. Begabung, Glück und natürlich Schönheit waren Voraussetzungen für einen raschen Aufstieg, der scheinbar jedem offen stand. Charlie Chaplin (1889-1979) stammte aus den Armenvierteln Londons, Mary Pickford (1892-1979) war ein Waisenkind aus Toronto, Douglas Fairbanks (1883-1939) eines aus New York. Zusammen mit dem ebenfalls als Waise in Kentucky aufgewachsenen Regisseur David Wark Griffith (1875-1948) gründeten sie 1919 United Artists, eines der größten und erfolgreichsten Filmstudios Hollywoods. Diese prozierten Filme und Stars; Stars, die zumeist standardisierten Schönheitsidealen und Rollenerwartungen entsprachen. Der Schwarz-Weiß-Film präsentierte die Blonde als Widerpart zur Dunklen. Sie konnte naiv sein, weißes Gift, lasziv und verführerisch, kühl und berechnend. Die Blonde wurde zum Ideal, Mary Pickford selbst hatte hierfür den Weg gewiesen.

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Die Garbo – platinblond – und die deutsche „Miß Blond“ 1932 (Das interessante Blatt 51, 1932, Nr. 24 v. 16. Juni, 6 (l.); ebd., Nr. 11 v. 17. März, 6)

In Deutschland wurde dieses Star- und Studiosystem ansatzweise kopiert, ebenso die Produktion von begehrten und bewunderten Filmblondinen. Ende der 1920er Jahre hieß es pointiert: „Während noch vor etlichen Jahrzehnten die dämonischen Schwarzen den Schauplatz beherrschten, sind sie inzwischen vollkommen von den Blondinen verdrängt worden“ (Pilsner Tagblatt 1928, Nr. 54 v. 23. Februar, 2). Filmstars prägten Männer- und Frauenbilder, bewegten Konsumgütermärkte, waren Konsumvorbilder: „Ob blond oder dunkel: das entscheidet heute die Mode und – die Filmdiva“ (Der Wiener Tag 1932, Nr. 3436 v. 11. Dezember, 14).

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NS-Gegnerin Marlene Dietrich als blonder Vamp und als imaginiertes Gretchen (Revue des Monats 8, 1933/34, Nr. 2, 115 (l.); Uhu 8, 1931/32, Nr. 2, 31)

Die Filmindustrie etablierte ein zwar vielfach irreales und eskapistisches Paralleluniversum, doch sie weitete die möglichen Lebensentwürfe von Frauen auch deutlich aus. Gewiss, ein Mann musste gewonnen werden, doch dies häufig nur als Startpunkt für ein Leben in Wohlstand und Glamour (Verena Dollenmaier und Ursel Berger (Hg.), Glamour! Das Girl wird feine Dame – Frauendarstellungen in der späten Weimarer Republik, Leipzig 2008). Frauenbilder wurden jedoch nicht nur facettenreicher, sondern waren Ausdruck auch von Selbstverwirklichung und einem erweiterten Horizont. Wichtig: Sie wurden global verbreitet – immer verbunden mit einem Set ähnlicher Konsumgüter (Tani E. Barlow et al., The Modern Girl around the World: A Research Agenda and Preliminary Findings, Gender & History 17, 2005, 245-294; Alys Eve Weinbaum et al. (Hg.), The Modern Girl around the World. Consumption, Modernity, and Globalization, Durham and London 2008).

Blonde Haare waren nicht mehr länger Reminiszenz an eine vergangene Kindheit, sondern erlaubten den virtuellen Kontakt mit dieser Welt. Sie waren Teil eines immensen Wachstums der kosmetischen Industrie, die scheinbar Brücken in die Traumwelten ebnen konnte. Schönheit war nicht mehr länger nur gegeben, sondern sie wurde machbar. Blond konnte wiederhergestellt werden, war Ausdruck neuer Möglichkeitshorizonte, war gestaltbar – so wie vieles andere mehr. Rückfragen und Ideologiekritik wären hier gewiss nötig, Hinweise auf illusionäre Tagträume, auf die systemstabilisierenden Wirkungen der Filmindustrie, sei es gesellschaftlich, wirtschaftlich und in der Hierarchie der Geschlechter. Doch das wurde durchaus selbstreferentiell behandelt, etwa in Alfred Hitchcocks wenig bekannter Farce „Endlich sind wir reich“ (1931).

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Selbstbewusste emanzipierte Frauen – auch blond (Ulk 55, 1926, Nr. 20, 8 (l.); Kriminal-Magazin 3, 1931, Nr. 33, I)

Blond, das sollte deutlich geworden sein, war ein buntes, vielgestaltiges Thema, lässt sich nicht auf die Produktion naiv konsumierender Blondchen reduzieren oder aber – neumodisch – auf „white femininity with specific class attributes“ (Pam Cook, Because she’s worth it: the natural blond from Grace Kelle to Nicole Kidman, Celebrity Studies 7, 2016, 6-20, hier 6). Blond sein war nicht zwingend affirmativ, Schrumpfform menschlicher Möglichkeiten. Blondinen waren um 1930 vielfach emanzipierte und selbstbewusste Frauen, wählerisch und in der Lage zu wählen. Das galt natürlich auch für „ihren“ Typ, für ihre Erscheinung, für ihre Haarfarbe, denn „überall siegt das Lichte über das Dunkle, Henna, Nur-Blond oder das Geheimrezept des Friseurs über die schwärzesten Locken“ („Ich erinnere mich Ihrer dunkel, gnädige Frau!“, Revue des Monats 7, 1932/33, Nr. 11, 994-996, hier 994-995).

Nurblond: Markteinführung während der Weltwirtschaftskrise

Die Deutsch-Schwedische Nurblond Laboratorien GmbH wurde am 26. Juli 1930 in Berlin mit einem Stammkapital von 20.000 Reichsmark gegründet. Ziel war die Herstellung und Vertrieb „von pharmazeutischen und kosmetischen Artikeln, insbesondere die Herstellung von Shampoons für blonde Haare nach schwedischen Originalrezepten“ (Deutscher Reichsanzeiger 1930, Nr. 180 v. 5. August, 9). Nurblond wurde anfangs von zwei Geschäftsführern geleitet, einerseits vom US-amerikanischen Fabrikanten Robert Routh (New York), anderseits dem Journalist Fritz Krome. Letzter wurde Ende Mai 1931 von seiner Position entbunden (Deutscher Reichsanzeiger 1931, Nr. 124 v. 1. Juni, 6). Der promovierte Philologe schrieb später dann regimenahe Romane, etwa 1938 „Deutsche in Südamerika“ oder „Kampf um Münsterland“. Im Dezember 1931 wurde schließlich auch Routh abberufen. Die Geschäftsführung übernahm nun eine Frau, Clara Schulz, geborene Funk (Deutscher Reichsanzeiger 1932, Nr. 31 v. 6. Februar, 8). Im November 1933 erhielt die Firma schließlich einen neuen Namen, entledigte sich der deutsch-schwedischen Imagination, fungierte seither als Nurblond Laboratorien GmbH (Deutscher Reichsanzeiger 1933, Nr. 279 v. 29. November, 9).

Nurblond war ein typisches Geheimmittel, unterlag als Kosmetikum einer aus heutiger Sicht gewiss unzureichenden Regulierung. Die Zusammensetzung blieb unbekannt, stattdessen gab es inhaltsleere Allgemeinplätze: „Dieses neue Shampoo ‚Roberts NUR-BLOND“ ist ein natürliches Mittel. […] Es enthält weder Färbemittel noch schädliche Bleichmittel“ (Dresdner Neueste Nachrichten 1930, Nr. 226 v. 27. September, 17). Das Produkt hob seinen Alleinstellungsanspruch nur negativ hervor, schloss bestimmte Wirkstoffe aus: „Nurblond enthält keine Färbemittel, keine Kamille und auch kein Henna, kein schädliches Bleichmittel und ist frei von Soda“ (Das Blatt der Hausfrau 47, 1931/32, H. 7, 35). Auch der vielfach gängige graue Haarbelag durch Kalkseifen fehlte, stattdessen wurde auf den „seidigen Schaum“ des Präparates verwiesen (Neues Wiener Tagblatt-Wochen-Ausgabe 1935, Nr. 164 v. 15. Juni, 10). Mangelnde Transparenz wurde werblich umgedeutet, auf ein „Geheimrezept“ verwiesen. Nurblond blieb Imagination: „Ein Spezial-Shampoo, das wie strahlende Sommersonne wirkt“ (Das kleine Frauenblatt 14, 1937, Nr. 7, 9).

Friseure sahen dies anders, bezeichneten es als „Bleichshampoon“, das die Haare wenn nicht ruiniere, so doch zumindest schädige („Nur blond.“, Neue Wiener Friseur-Zeitung 50, 1933, Nr. 21, 10; Nur blond, Neue Wiener Friseur-Zeitung 50, 1933, Nr. 23, 12). Doch Wasserstoffperoxid dürfte das als Pulver dargebotene Nurblond nicht geprägt haben. Stattdessen wird man wohl von einem getrockneten Seifenprodukt mit Zusätzen aus Pflanzen- und Bleichmittelextrakten ausgehen dürfen. Nicht die Sonne stand an der Wiege, sondern kundige chemische Fachleute.

Nurblond wurde zu Beginn in Mehrfachpacks angeboten, „Kleinpackungen“ ergänzten das Angebot ab Herbst 1930, wenige Monate nach der Markteinführung (Das Magazin 7, 1930/31, Nr. 81, 5979). Die Papiertüten enthielten ein Pulver, das mit Wasser anzurühren und dann in die Haare einzureiben war. Die Empfehlung lautete: Einmal pro Woche. Parallel aber wurde das Präparat auch von Friseuren genutzt, wenngleich dies für die Anbieter nur zweite Wahl war: „Versuchen Sie NURBLOND noch heute, oder bestehen Sie darauf, daß Ihr Friseur es benützt“ (Das kleine Frauenblatt 15, 1938, Nr. 26, 8).

Der Absatz erfolgte über die damals gängigen Kanäle, also den Großhandel (Drogisten-Zeitung 48, 1933, 156) und dann die große Zahl von Drogerien, Friseurgeschäften, auch Kolonialwarenläden, Warenhäusern und Einheitspreisgeschäften. Der Preis war nicht niedrig, zielte aber auf ein Massenpublikum. Er wurde im Rahmen des Preisabbaus verringert, werblich dies als Folge des Erfolgs gedeutet: „NURBLOND jetzt 35 Pf. Jetzt kann es sich jede Blondine leisten, ihr Haar mit Nurblond zu pflegen. Große Erfolge, ständig steigende Umsätze und zeitgemäß verbilligte Materialpreise ermöglichen Preisermäßigung“ (Revue des Monats 7, 1932/33, Nr. 5, 471). Die Zielgruppe des Shampoos waren primär blonde Frauen im mittleren Alter. Doch auch Männer wurden angesprochen, teils um ihre Frauen zum Kauf zu bewegen, teils aber sicher auch für eigene Blondierversuche. Häufiger angesprochen wurden jüngere Frauen und auch Mädchen: „20 Jahre – die gefährliche Zeit für Blondinen“ (Das Magazin 8, 1931/32, Nr. 99, 117) hieß es dann; oder aber „Fräulein Blondine möchten Sie FRAU werden?“ (Das Magazin 7, 1930/31, Nr. 82, 6085). Das diente der Ausweitung des Marktes und der frühen Kundenbindung.

Nurblond-Werbung: Anzeigenmotive

Mangels Firmenunterlagen sind genauere Aussagen über die (Deutsch-Schwedische) Nurblond Laboratorien GmbH nur über gedruckte und veröffentliche Quellen möglich. Dabei stehen Anzeigen zwingend im Mittelpunkt. Sie galten als innovativ und modern: Der Wiener Zeichner und Trickfilmpionier Ladislaus Tuszynski (1876-1943) urteilte begeistert: „Geheiratet hat er sie? Wen denn? Und schon überfliegt man den kurzen Text, der ohne Umschweife das zum Kauf Verlockende herausschält. Sehen Sie, das ist eine ganz ausgezeichnete filmhafte Anzeige, die mutig auf die Hervorhebung der angepriesenen Ware verzichtet. Es gehört gar kein Mut dazu, wenn man mit Bild und Überschrift eine Motiv herausstellt, das wie aus einem Roman, wie aus einem Film gegriffen wirkt oder – wenn Sie so wollen: wie aus dem Leben der Menschen im Alltag“ (Strix, Inserenten: Greift ins Leben – zeigt den Alltag!, Die Reklame 24, 1931, 514-515, hier 514).

Eine Brücke zwischen Filmwelt und Alltag – just das bot die Nurblond-Werbung. Sie hatte damit beträchtlichen Erfolg, denn nach einer (nicht repräsentativen) Umfrage lag ihre Bekanntheit 1936 bei immerhin 43%. Das war deutlich weniger als bei den Marktführern Schwarzkopf (100%) und Elida (73%), doch der bei weitem höchste Wert für Spezialshampoos. Wettbewerber kamen auf deutlich niedrigere Bekanntheitswerte – je 16 % bei Palmolive und Kamilloflor, je 13 % für Auxolin, Heliopon und Blondoon sowie je 9 % bei Pixavon und 4711 (Otto Alexander Breyer, „Wer kennt die meisten Markennamen?“, Werben und Verkaufen 20, 1936, 164-175, hier 167). Schauen wir nun aber genauer hin – nicht zuletzt, um uns die vermeintliche Gleichsetzung von Blond und Nationalsozialismus vor Augen zu führen.

Blonde Diven

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Blonde Filmstars (Die Bühne 1932, H. 333, 25 (l.); Das Magazin 8, 1931/32, Nr. 96, 117)

Die Nurblond-Werbung gründete auf der Präsentation blonder Frauen, spiegelte damit die Zielgruppe des Produktes. Leitbilder waren die Diven aus Hollywood: Die oben gezeigte Joan Marsh (1914-2000) war Anfang der 1930er Jahre eine der führenden Vamps in Hollywood, machte später eine Zweitkarriere als Unternehmerin. Madge Evans (1909-1981) spielte bereits als Kind 1920 die Hauptrolle im ersten großen Heidi-Film und mutierte ab 1931 zum blonden Mägdelein in vielen, ja allzu vielen Romanzen. Anita Page (1910-2008) war demgegenüber eine der prägendsten Blondinen in Hollywoods Stummfilmära. Zu ihren zahllosen Fans zählte auch der italienische Diktator Benito Mussolini.

Das Filmdiven-Motiv wurde insbesondere in Illustrierten und Filmmagazinen genutzt, ließ die ohnehin kaum vorhandene Grenze zwischen redaktionellem und Anzeigenteil verschwimmen. Nurblond schien dadurch als Teil der fernen Welt der Stars, als Abglanz ihrer Aura. Doch auch redaktionelle Textanzeigen nutzen dieses Motiv zu Geschichten, die ebenso interessierten wie die meist kurzen Beiträge der Magazine. Ein Beispiel gefällig? Filmdiva erscheint am Set mit mattem, dunklem und farblosem Goldhaar. Allgemeine Erregung und Entsetzen. „Nur um die Lippen des Filmstars schwebt das bezaubernde Lächeln. ‚Nur immer mit der Ruhe, meine Herren! Nur keine Aufregung! Abwarten! Bei den Aufnahmen in 14 Tagen sehen wir uns wieder!‘ Und tatsächlich schimmert am ersten Aufnahmetag das Haar der Filmdiva wie gleißendes Gold. Erlöstes Aufatmen. Allgemeines Erstaunen und Bewunderung. Bis endlich die lächelnde Filmdiva des Rätsels Lösung verrät: Roberts Nurblond, das Spezial-Shampoo für Blondinen, […]“ (Panik im Tonfilmatelier, Neues Wiener Journal 1931, Nr. 13641 v. 12. November, 17).

Deutsche Blondinen in Hollywood

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Deutsche in Hollywood: Charlotte Susa und Camilla Horn (Die Bühne 1934, H. 380, 16 (l.); Illustrierter Beobachter 9, 1934, 372)

Doch die blonden Diven waren auch von dieser Welt. Hollywood war bekanntermaßen nicht nur eine Gründung vorrangig zugewanderter Unternehmer aus Mittel- und Osteuropa, sondern bediente sich auch der Schauspieler und Regisseure dieser vom Ersten Weltkrieg stark gebeutelten Länder. Deutsche Blondinen hatten zeitweilig Konjunktur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der zeitlich klar befristeten Studioverträge. Sie schufen ein Band zur Heimat der Käufer von Nurblond, erschienen sie doch als eine von uns. Die heute kaum mehr bekannte Charlotte Susa (1898- 1976) reüssierte unter ihrem Geburtsnamen auf Opern-, Operetten- und Revuebühnen und begann 1926 ihre Filmkarriere. Als Femme fatale hatte sie Erfolg und erhielt 1932 einen Vertrag bei Metro-Goldwyn-Mayer – doch aus der internationalen Karriere wurde nichts, wenngleich sie noch in verschiedenen Ufa-Filmen zu sehen war. Camilla Horn (1903-1996) gelang bereits 1926 der Durchbruch als (dunkelblondes) Gretchen in Friedrich Wilhelm Murnaus (1888-1931) „Faust – eine deutsche Volkssage“. Anschließend erhielt sie einen Vertrag von United Artists, drehte in Hollywood einige Filme unter anderem mit Ernst Lubitsch (1892-1947) und Lewis Milestone (1895-1980), kehrte nach Deutschland zurück und wurde dort eine führende Ufa-Schauspielerin. Nurblond setzte verschiedene Fotos von ihr ein, nutzte ihre Prominenz auch für redaktionelle Werbung und scheinbare Einblicke in ihr Alltagsleben (Revue des Monats 6, 1931/32, Nr. 5, 108).

Projektionen des Nationalen

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Der deutsche Idealtyp: Ruth Eweler – und schöne amerikanische Blondinen (Illustrierter Beobachter 8, 1933, Sdrnr. Adolf Hitler, 50 (l.); Das interessante Blatt 57, 1938, Nr. 10, 12)

Wo bleibt nun die behauptete enge Verbindung zwischen Blondinen und Nationalsozialismus? Sucht man, so findet man eine Anzeige mit dem Konterfei Ruth Ewelers (1913-1947), die oben schon einmal als „Miß Blond“ erschienen ist. Darunter hieß es dann: „Blond und deutsch – das ist ein Begriff. Es ist Pflicht jeder deutschen Blondine, sich die sprichwörtliche Schönheit ihres Blondhaares für immer zu bewahren“(Illustrierter Beobachter 8, 1933, Sdrnr. Adolf Hitler, 50). Ja, das war eine Verbeugung vor dem weit verbreiteten Rassismus im Deutschen Reich, vor dem Zerrbild einer blonden deutschen Nation. Doch die beschworene Pflicht ist weniger die gegenüber dem deutschen Volke, sondern die gegenüber der Nurblond-Gesellschaft und ihres hilfreichen Shampoos. Motiv und Text wurden auch abseits der biographischen Sondernummer der NSDAP-Illustrierten „Illustrierter Beobachter“ über Adolf Hitler verwandt (Revue des Monats 7, 1932/33, Nr. 8, 763: Das Magazin 9, 1932/33, Nr. 106, 119) – dort nicht umgeben von braunen Marschbataillonen sondern von zarten Beinen einschlägiger Girls.

Doch selbst Bilder deutscher Blondinen milderten nicht den Zorn mancher Rassenkundler: Kurt Holler (1901-1981), deutscher Professor, NSDAP-Mitglied, Lektor im Rassenpolitischen Amt der NSDAP und Oberscharführer im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS wetterte: „Wie stark der Rassengedanke und das nordische Schönheitsbild im Volke wieder Fuß fassen – wenn auch oft noch oberflächlich und verzerrt – geht nicht zuletzt aus den ‚Nurblond‘ Reklamen, ‚blond und deutsch‘, ‚blonde germanische Locken‘ u.a. hervor, die sich die Volksstimmung zu geschäftlichen Zwecken zumute zu machen suchen. Es bedarf wohl kaum eines Hinweises darauf, daß die Nordische Bewegung dadurch nur geschädigt werden kann“ (Kurt Holler, Übersicht, Rasse 5, 1934, 254-261, hier 261). Der echte Nationalsozialist stand Nurblond-Blondinen kritisch, ja ablehnend gegenüber, denn bei ihnen war die wiederhergestellte Haarfarbe unecht, fassadenhaft: „Die unechte Blondine […] wird immer heimlich untreu, heimlich mokant, heimlich einen dunkleren Charakter beibehalten. Aber es gibt Männer, die echtes Blond von unechtem unterscheiden können“ (Willy Raetzke, Psychologische Betrachtungen über die blonde deutsche Frau, Illustrierter Beobachter 6, 1931, 697). Ja, da wirkte wohl das Negativbild der Wasserstoffblondinen nach, der berühmt-berüchtigten Asphaltgeschöpfe – auch dies Imaginationen des Blonden aus Film und Illustrierten.

Dennoch gab es Zeitgenossen, die Nurblond-Anzeigen als typisch nationalsozialistisch ansahen. Es waren Vertreter des hilflosen Antifaschismus, die in einer spöttisch-ironischen Glosse „Weihnachts-Tips für Nazis“ wiedergaben (Die Weltbühne 28, 1932, T. 2, 903-904). Sie hatten sich eine Ausgabe des Illustrierten Beobachters angeschaut, und stellten Nurblond neben SA- und SS-Puppen, Salem-Zigaretten und Hakenkreuz-Christbaumschmuck. Ach, diese Nazis sind ja so putzig und naiv, nicht recht ernst zu nehmen (Nachdruck ohne Quellenangabe auch in Arbeiter-Zeitung 1932, Nr. 354 v. 23. Dezember, 4). Während die Redakteure und Mitarbeiter der Weltbühne kurz darauf verhaftet, geschlagen, ermordet oder ins Exil getrieben wurden, blieb die Nurblond-Gesellschaft im Lande. Und das trotz der Kritik mancher NSDAP-Kämpen und auch trotz relativen Versagens im national(sozialistisch)en Sinne. Bei der Markteinführung wurde Nurblond nämlich noch als „dieses ursprünglich deutsche Präparat“ (Dresdner Neueste Nachrichten 1930, Nr. 226 v. 27. Juni, 17) beworben, doch dies blieb eine Ausnahme. Stattdessen warb man nun mit Blondinen aus dem gern als „jüdisch“ denunzierten Hollywood, propagierte Kopfschminke statt klarem Wasser. Und immer wieder hob man die Schönheit gerade der „amerikanischen Blondinen“ hervor, wohl wissend, dass sie Resultat kosmetischer Prozeduren war. Nurblond war eben kein deutsches, sondern ein global vermarktetes Shampoo. Die Werbung feierte das „modern girl“, wo immer dieses ein paar Groschen, ein paar Kronen, ein paar Cent auszugeben bereit war.

Sexuelle Attraktivität

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Die Attraktive mit dem Heiligenschein begeistert die Männer (Revue des Monats 7, 1932/33, Nr. 1, 91 (l.), Die Bühne 1935, H. 406, 5)

Das zeigte sich nicht nur am „Glamour“ der Werbedamen, sondern auch an deren stets beschworener sexueller Attraktivität. Explizite Küsse waren selten, doch Umarmungen zwischen haltenden Männern und gehaltenen Frauen ließen Raum für das kommende. Nein, die Nurblond-Damen waren keine sittenstrengen Tugendwächterinnen, sondern sie bezirzten und umgarnten Männer, spielten mit ihren Reizen. Die Anzeigentexte unterstützten die visuelle Botschaft, zitierten Koryphäen, die da summten: „Frauen mit natürlichem, lichtblonden Haar sind viel bezaubernder – viel begehrenswerter als Frauen mit braunblondem oder aschfarbenem Haar“ (Neues Wiener Journal 1936, Nr. 15378 v. 11. September, 7). Später sicherte man derartig flüchtige Eindrücke auch pseudowissenschaftlich ab: „Auf Grund wissenschaftlicher Versuche wird behauptet, daß hellblonde Frauen 47% mehr Sex Appeal haben als dunkelblonde“ (Das kleine Blatt 1938, Nr. 97 v. 8. April, 9).

Sehnsucht nach einem Ehemann

Und doch… Hafen der unruhig daherschwankenden Blondine war nicht der Mann, sondern der Ehemann. Wie im Film galt es eine Partie zu machen, einen liebevollen Mann zu finden, diesen vor den Traualtar zu bringen. Ja, die Emanzipation der blonden Frau hatte Grenzen, Grenzen, die der Realität niedriger Fraueneinkommen und rechtlicher Schlechterstellung entsprachen. Es hieß Schönheit und Blondheit gegen Sicherheit und Auskommen.

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Der Ehemann als Glück vieler Blondinen (Revue des Monats 7, 1932/33, Nr. 2, 189 (l.); Das Magazin 7, 1931, H. 7, 683)

Die Sehnsucht nach dem Ehemann blieb nicht abstrakt, sondern mündete in einen harten Wettbewerb, bei dem die Haarfarbe eine wichtige, ja entscheidende Ressource war: „Zwei Blondinen waren in ihn verliebt, aber die eine hatte nachgedunkeltes, farbloses Haar. Das Haar der anderen schimmerte in lichtem, natürlichem Goldglanz – dank Nurblond. Natürlich hat sie ihn bekommen, denn ihr Blondhaar war viel schöner als das ihrer Rivalin“ (Scherl’s Magazin 7, 1931, H. 8, 783). Blond sein war Kalkül, wusste man doch um die Schwächen der Männer, diesen triebgesteuerten Unholden, die der festen Leitung durch eine kluge Frau bedurften.

Dafür – und auch für sich selbst – war manches Opfer zu erbringen. Die kluge Blondine wusste um männliche Sehnsucht nach der Jugend, der Jungfräulichkeit. Hans Beckert, besser bekannt als M aus Fritz Langs Sittengemälde von 1931, schrie laut heraus: „Ich kann nicht anders!“ Und die Blondine, die darum wusste, präsentierte ihre Haare „im Lichten Goldton der Kinderjahre“ (Revue des Monats 7, 1932/33, Nr. 2, 189). Das Kindchenschema war sozialpräventiv, „Nurblond macht das Haar locker und duftig und gibt ihm den unwiderstehlichen Zauber der Kinderjahre“ (Revue des Monats 7, 1932/33, Nr. 3, 285). Frauen konnten damit dem Alter entfliehen, erhielten „die lichte Farbe der Kinderjahre“ zurück (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 656) und banden den geehelichten Recken an sich, hielten ihn von der Straße fern, schufen ihm ein trautes Heim.

Familienfrieden dank dem Haarshampoo

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Blondes Heim, Glück allein (Das Magazin 7, 1930/31, Nr. 81, 5979 (l.); Die Bühne 1932, H. 320, 34)

Die Nurblond-Werbung spielte mit den Möglichkeiten des modernen Frauenlebens, den Tagträumen von Popularität und Glorienschein, der Erfordernis der sichernden Ehe, aber auch dem Aufgehen in Aufzucht und Hege des Nachwuchses. Nur Küchen- und Haushaltsarbeit blieben außen vor, denn im Traum hatte man – ach wie schön wäre es – Dienstboten. Blondinen gewannen den Ehemann dank Blondhaar, doch Nurblond half auch danach. Es bot Schutz vor der rohen Natur des Mannes, sicherte ein friedvolles Familienleben, „schon seinetwegen“ (Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13965 v. 6. Oktober, 9).

Freundinnen

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Vorstadtglück bei Kartenspiel und Rat geben (Die Bühne 1932, H. 330, 48 (l.); Uhu 10, 1934, Nr. 9, 105)

Die Filmperspektive der Nurblond-Werbung schlug aber auch bei den Nebenfiguren durch. Männliche und weibliche Sphären waren voneinander getrennt, begegneten sich nur dank Schönheit und Begehren sowie der wöchentlichen, selten monatlichen Zahlung des Haushaltsgeldes. Hohe Bedeutung hatten dagegen die Freundinnen, mit denen frau in einer imaginierten Vorstadt, in der eigenen Wohnung, im eigenen Haus, Karten spielte und konsumierte. In dieser Konsumwelt tauschte frau sich aus, war gefragt und Ratgeberin. Und fröhlich heißt es, wir bleiben immer blond, „denn wir pflegen unser Blondhaar regelmäßig mit Roberts Nurblond, […]“ (Neues Wiener Journal 1932, Nr. 14000 v. 10. November, 9).

Der Spiegel

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Wahrheit im Spiegel (Das Magazin 9, 1932/33, Nr. 97, 115 (l.); Illustrierter Beobachter 11, 1936, 1550)

Und doch. Auch die Freundinnen verließen das traute Heim, die eigene Wohnung. Schnell Karten und Gläser wegräumen, denn er würde bald kommen. Kurz ein Blick in den Spiegel: Oh Graus, dieses grausam reale Ding zeigte immer wieder, dass das eigene Haar nachdunkelte, gar einen hässlichen Farbton annahm. Ja, sie wusste: „Natürliches lichtblondes Haar macht die Frau viel reizvoller und verlockender als bräunliches oder dunkel gewordenes Blondhaar“ (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 989). Und sie handelte entsprechend. Dann war der Spiegel wieder ihr Freund, zeigte ein unwiderstehliches Äußeres, apart und zart, jung und wunderbar.

Appell auch an den Mann

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Der Schatten des Niedergangs (Das Magazin 8, 1931/32, Nr. 92, 7119)

Sollte dennoch einzelne Frauen diese Botschaft nicht vernommen haben und nicht entsprechend schäumen, so blieb dennoch Hoffnung. Denn auch der Mann konnte Retter sein, signalisierte seine kritisch-distanzierte Traurigkeit doch Einkaufsbedarf. Sollte selbst das nicht reichen, sie seine unausgesproche-nen Wünsche nicht wahrnehmen, dann wiesen hilfreiche Anzeigen auch dem Mann den Weg, denn „lassen Sie es nicht zu, daß sie den Reiz ihrer blonden Schönheit einbüßt, daß ihr Haar nachdunkelt oder farblos wird. Sorgen Sie dafür, daß Ihre Frau Nurblond benutzt“ (Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13951 v. 27. September, 10). Wahre Liebe wurde auf Produkte übertragen – „und er verliebte sich von neuem in seine gescheite kleine Frau“ (Das Magazin 8, 1931/32, Nr. 93, 72).

Die Besonderheit der Blondine

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Blondinen sind etwas Besonderes (Das Magazin 9, 1932/33, Nr. 101, 113 (l.); Das Blatt der Hausfrau 48, 1932/33, H. 7, 180)

Man mag all das lesen als weibliche Drangsalierung, als Reduktion von Frauen auf Häuslichkeit, Körperlichkeit und Kreuzworträtsel. Doch das entsprach nicht nur der damaligen Lebensrealität der meisten Frauen, sondern wurde von vielen Frauen auch als spezifisch weiblich verstanden und geadelt. Die Nurblond-Werbung bestärkte derartige Stereotype jedoch nur ansatzweise. Sie stärkte nämlich Blondinen den Rücken, verbreitete Stolz auf ihre Attribute, auf ihren Körper. In der Werbung konnten sie über ihre Schönheit lesen – und das war nicht nur kommerzielles Kalkül: Sie sind etwas besonders, Sie besitzen Charme und Glanz (Neues Wiener Tagblatt-Wochen-Ausgabe 1935, Nr. 164 v. 15. Juni, 10). Blondinen konnten sich als zarte, empfindliche und empfindsame Wesen verstehen (Das kleine Blatt 1938, Nr. 124 v. 6. Mai, 11). Es gab mehr als die Fron des Alltags, den Dienst an irgendetwas.

Aktivierung: Kampf gegen das Alter

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Blond sein, ein steter, doch chancenreicher Kampf (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 656 (l.); ebd., 436)

Die Nurblond-Werbung wäre keine Werbung, hätte sie das mitgeschaffene und bestärkte Selbstbewusstsein nicht gleich wieder in kommerzielle Bahnen gelenkt. Der Stolz auf die eigene Schönheit führte zu dauerhaftem Konsum, denn sie musste abgesichert werden. Wissen um kosmetische Möglichkeiten wurde dazu in schlechtes Gewissen umgemünzt: „Warum lassen Sie es zu, daß Ihr Haar zu einem unbestimmten Braunblond nachdunkelt?“ (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 822) Das war nicht der Trommelschlag des Nationalsozialismus, sondern der Takt einer Konsumgesellschaft, die neue Realitäten schuf und nutzte.

Die Aura der Wissenschaft

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Typologisierung des Blonden sowie Erklärung des Nachdunkelns (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 1952 (l.); Die Bühne 1934, H. 387, 13)

Diese neue Realität bestand aber nicht nur aus dem eigenen Körper und der auf ihn einwirkenden Produkte. Vielmehr mobilisierte die Werbung zeittypische Phänomene, etwa die voranschreitende Normierung und Verwissenschaftlichung des Alltags, um vermeintlich aufzuklären und Teilhabe zu suggerieren. Blond wurde ausdifferenziert und dann typologisiert – so wie zeitgleich Rassen voneinander geschieden wurden, Grundlage mörderischer Selektion. So wie aber auch Papierformate und Flaschengrößen normiert wurden, um die Wertschöpfung zu erhöhen und das Leben einfacher zu gestalten. Der Mensch als gestaltendes Wesen war durchaus Teil der Nurblond-Werbung – auch wenn der Friseur an die Stelle des sonst gern besetzten Wissenschaftlers trat.

Das kaum gezeigte Produkt

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Das Produkt adelt das natürliche Haar: Anzeige und Ladenaufsteller (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 1756 (l.); Drogisten-Zeitung 48, 1933, 156)

Die Nurblond-Werbung zeigte und spiegelte seine Zielgruppen. Das Produkt selbst trat demgegenüber in den Hintergrund. Nur in Ausnahmefällen erschien die Verpackung in Anzeigen, vertraute man doch auf die Findigkeit der Käuferinnen, auf die Lockkraft der im Laden prangenden Blondinen und des Markenbegriffes. Dort wurden häufig Pappaufsteller genutzt, die den Weg zur Ware ebnen halfen. Es ging eben darum, eine Grundhaltung zum Blondieren zu internalisieren, würde der eigentliche Kaufakt dann doch zwingend nachfolgen. Aus diesem Grund blieb die Ausstattung der Ware bescheiden, zumal verglichen mit der anderer Kosmetika.

Fotogeschichten

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Bildgeschichte eines Filmstars – und die Alternative Mutterglück (Die Bühne 1933, H. 360, 17 (l.); Moderne Welt 14, 1932-33, H. 9, 59)

Die relative Modernität der Nurblond-Werbung zeigte sich aber nicht nur in der steten Nutzung psychologischer Momente, die dann in der Motivforschung ja seit den frühen 1940er Jahren fleißig Urstände feiern sollte. Sie gebrauchte auch neue serielle Techniken der Illustrierten und Unterhaltungsbeilagen, verwandte diese dann kommerziell. Das galt vor allem für kleine Fotogeschichten, die comichaft eine lange Geschichte auf den Punkt brachten und die zugleich aus dem gängigen Umbruch der Zeitschriften und Zeitungen hervorstachen. Sie unterstrichen auch, dass es sich bei dieser Werbung in deutschen und österreichischen Medien um prototypisch „amerikanische“ Techniken handelte.

Dies erklärt auch, dass Fotos und Text häufig recht beliebig miteinander vermengt wurden. Die Texte konnten von verschiedenen Motiven überwölbt werden, denn diese waren letztlich austauschbare Blickfänge. Anderseits setzte die Werbung auch auf redaktionelle Reklame, also kurze Geschichten resp. Wenigzeiler. Letztere wurden insbesondere in Tageszeitungen geschaltet, deren Druckqualität die Fotoanzeigen nur selten zur Geltung kommen ließ. Sie bestanden aus simplen Produkthinweisen, aber auch aus kurzen Geschichten, etwa um die vermeintlicher Eifersucht auf blonde Frauen (Das Magazin 9, 1932/33, Nr. 101, 113), über unbesorgtes Schwimmen und Strandleben für Blonde (Scherl’s Magazin 7, 1931, H. 8, 781) oder aber Modefragen (Das Magazin 8, 1932/33, Nr. 87, 6613). Die Werbung stand damit – wie auch Hollywood – für einen sehr speziellen westlichen und „weißen“ Lebensstil. Die Konsumwelt des Westens scheint unerreichbar, Höhepunkt menschlicher Zivilisation. Exkursionen in andere Weltregionen erfolgten kaum, glitten dann ab in Klischees über das ferne Morgenlande und die Weisen aus dem Abendlande (Prager Tagblatt 1931, Nr. 267 v. 17. November, 7). Dann durfte gar „Prinzessin Sonnenschein“ ihr Blondhaar zeigen (Das interessante Blatt 50, 1931, Nr. 47 v. 19. November, 11).

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Blondinenparade: Rechts die Siegerin Ruth Eweler (Das Magazin 8, 1931/32, Nr. 93, XII)

Die Nurblond GmbH schaltete jedoch nicht nur Anzeigen, sondern popularisierte ihr Produkt auch durch eigene Veranstaltungen. Breite Resonanz erzielte dabei der im März 1932 durchgeführte Wettbewerb um die schönste Blondine Deutschlands. Schon Monate vorher hieß es verheißend in den Magazinen: „Nurblond sucht die schönsten deutschen Blondinen! Barpreise und Filmengagement bei der Universal-Film A.-G. Lesen Sie die Bedingungen und alles Nähere im Prospekt, der jedem Beutel beiliegt“ (Modenschau 1931, Nr. 225, 37). Bildeinsendungen folgten, eine Vorauswahl ermittelte Kandidatinnen, der Jury gehörten bekannte Filmblondinen an, man traf sich zum Stelldichein im Berliner Hotel Kaiserhof. Hier hatte Adolf Hitler seinen Berliner Wohnsitz, war dort zwei Wochen zuvor eingebürgert worden. Doch das trat zurück, als die fünfzehnjährige Ruth Eweler, Tochter aus einer Plettenberger Fabrikantenfamilie mit gretchenhafter Schlichtheit den Sieg davontrug. Der Filmvertrag erlaubte ihr den Einstieg in eine erfolgreiche Karriere mit mindestens fünfzehn Unterhaltungsfilmen. Neben Camilla Horn war sie das wichtigste Vorzeigeblondine in den Nurblond-Anzeigen.

Expansion von Nurblond ins Ausland

Ewelers Fotos halfen auch bei der weiteren europäischen Expansion der Nurblond-Shampoos. In Österreich und der Tschechoslowakei erfolgte der Markteintritt Mitte 1931. Die Motive der Anzeigen deckten sich mit denen im Deutschen Reich – doch das wissen Sie bereits, denn mehrere oben gezeigte Motive entstammen den vorbildlich digitalisierten Beständen der Wiener Nationalbibliothek. Hierzulande, im digitalen Armenhaus Europas, gibt es nichts Vergleichbares. Nurblond expandierte im gleichen Jahr nach Polen, dort wurde das Wortzeichen „Roberts – Nurblond“ am 4. Dezember 1931 geschützt (Wiadomosci Urzedu Patentowego 9, 1932, 437). Es folgten Luxemburg und die Niederlande (De Reclame 11, 1932, Nr. 31, 10). Auch die dortige Werbung entsprach der im Deutschen Reich – und erschien in einschlägigen Fachzeitschriften als beispielhaft für die kommerzielle Ansprache der modernen Frau (De Veroveringspolitiek der Moderne Vrouw gezien door Adverteerders, Meer Baet 4, 1932, 1287-1288). „Arische“ Frauen sah man in diesen Werbebildern nicht. Die Vermarktung erfolgte ebenfalls analog, auch wenn die Preise in den Niederlanden länger auf den relativ hohen Einstiegsmargen gehalten und erst 1936 deutlich reduziert wurden (De Reclame 15, 1936, H. 4/5, 40). Auch in der Schweiz war Nurblond seit spätestens 1933 etabliert (La Liberté 1933, Nr. 257 v. 4. November, 2). Berlin war demnach Brückenkopf für eine Europäisierung des Nurblond, zugleich aber Teil einer globalen Markenstrategie der amerikanischen Mutterfirma.

Wandlungen von Produkt, Produktpalette und Werbung

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Trockenwäsche des Haares mit Nurblond-Haarpuder (Dresdner Neueste Nachrichten 1936, Nr. 154 v. 4. Juli, 12)

Zwischen Europa und den USA bestanden Unterschiede beim Absatz des Produktes. Das betraf jedoch kaum die Werbung. Doch anders als in den USA blieb Nurblond mehrere Jahre ein Soloprodukt. Erst 1936 erschien unter gleicher Dachmarke ein ergänzendes Haarpuder. Dieses sollte täglich genommen werden, doch der Erfolg dieser Ergänzung blieb bescheiden. Das lag nicht zuletzt an der stärkeren Stellung von Hautcreme im Deutschen Reich, die von Puderpräparaten kaum unterminiert werden konnte.

Die USA warfen dennoch einen langen Schatten auf den europäischen Markt. Dort stand die Mutterfirma unter staatlichem Druck, änderte daraufhin 1937 die Zusammensetzung des Shampoos. Nurblond folgte – und bewarb nun offensiv das neue Nurblond. Neue Motive kamen auf, Filmdiven verschwanden, nicht aber Fotos von Blondinen. Damit überspielte man eine veränderte Zusammensetzung und bewarb offensiv den Zusatz Linsol, einen Ölextrakt, der sprödes Haar und Schuppen beseitigen und die Haarwurzeln verjüngen sollte (Das kleine Blatt 1937, Nr. 319 v. 19. November, 7). Dieser war zuvor lediglich als Farbzusatz von Mineralöl bekannt gewesen (Chemical Age 29, 1933, 352). Mangels mir bekannter Analysen kann ich über die Zusammensetzung des Nurblond keine fundierte Aussage treffen. Die Werbung betonte, dass es „keine schädlichen Färbe- oder Bleichmittel“ (Das kleine Blatt 1938, Nr. 97 v. 8. April, 9) enthalte und „ein rein seifenhaltiges Shampoo ist, aus hochwertiger, besonders edler Reinseife hergestellt“ (Filmwoche 17, 1939, 251).

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Neue Zusammensetzung und tradierte Bildmotive (Das interessante Blatt 57, 1938, Nr. 16, 17 (l.); Film-Woche 17, 1939, 185)

Das neue Nurblond behielt seinen „amerikanischen“ Anklang, der bei der Markteinführung schon Pate gestanden hatte. In den ersten Anzeigen hieß es 1930 eben nicht nur, dass es in den USA als Blondex bekannt sei, sondern dass es dort über eine Million blonder Frauen benutzen würden (Dresdner Neueste Nachrichten 1930, Nr. 226 v. 27. Juni, 17). Etwas mehr als ein halbes Jahr später hieß es dann: „Über eine Million amerikanischer und schon jetzt hunderttausende deutsche Blondinen benutzen Naturblond mit größtem Erfolg“ (Die Bühne 1931, H. 305, 3). Fasst man die Analyse der Anzeigen zusammen, so ist festzuhalten, dass es sich bei Nurblond nicht um ein nationalsozialistisches Haarfärbeprodukt gehandelt hat, das darin auch keine „arischen“ Frauen präsentiert wurden. Es handelte sich vielmehr um die leicht eingedeutschte Variante eines globalen Markenartikels, der sich der „neuen Frau“ der späten 1920er Jahr andiente und sich dazu an die Trends der Filmindustrie anhängte.

Nurblond im Wettbewerb: Die breite Konkurrenz

Damit kommen wir zum dritten Teil der Analyse, dem Blick auf die unmittelbaren Konkurrenzprodukte des Nurblond. Schließlich ist es eine offene Frage, warum die eingangs aufgeführten Autoren just diesem Präparat den NS-Stempel aufgedrückt haben. Das könnte erklärbar sein, wenn die besonders ausgeprägte Werbung mit Blondinen bei der Konkurrenz unterblieben wäre.

Gehen wir zeitlich nochmals zurück, so finden wir Mitte der 1920er Jahre tradierte Haarfärbemittel, wie etwa das 1896 entwickelte Aureol der Berliner Firma J.F. Schwarzlose GmbH (Drogisten-Zeitung 20, 1905, 161; Der Welt-Spiegel 1925, Ausg. v. 30. März, 7). Wasserperoxyd war allgemein verbreitet, diente als preiswertes Bleichmittel. Erste Haarfärbeshampoos kamen auf, etwa das schon erwähnte Kleinol. Daneben aber finden sich erste Kamillen-Extrakte: „Die Blondine benützt nur Rausch’s Kamillen-Extrakt, welches dem Haar den pikanten Goldton gibt“ (Sport im Bild 31, 1925, 609). Der Markterfolg blieb jedoch begrenzt, obwohl allgemein bekannt war, dass regelmäßige Waschungen mit Eigelb und Kamillen das Haar blond erhielten (Tages-Post 1929, Nr. 226 v. 29. September, 14).

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Dachmarkenkonzept für Blonde und Dunkle von Schwarzkopf (Das Leben 6, 1928/29, H. 2, 103)

Während der Weltwirtschaftskrise wandelte sich dies unter dem Eindruck massiv einbrechender Umsätze bei Haarpflegemitteln und Kosmetika. Der Nischenanbieter Nurblond hatte den Markt verändert. Die ausdifferenzenden Haarfärbemittel auf Henna-Basis waren für immer mehr Menschen schlicht zu teuer, ließen jedoch Raum für preiswertere Nischenprodukte. Schwarzkopf hatte sich bereits 1928 diesem Trend angepasst, erweiterte sein „Schaumpon“ doch um eine parfümierte Variante und Angebote für Blonde und Dunkle.

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Extra-Blond – das „Schaumpon der Blondine“ aus dem Hause Schwarzkopf (Vorwärts 1932, Nr. 409-415 v. 3. September, 9)

Im Juli 1931 warf Schwarzkopf dann auch ein neues „Spezial-Shampoo für Blondinen“ auf den Markt. In roter Farbe geschrieben, blieb „Extra-Blond“ allerdings Teil der Shampoo-Kernmarke „Extra“. Seine Zusammensetzung war unklar, der Preis lag mit 30 Pfennig pro Packung deutlich unter dem von Nurblond (Vorwärts 1931, Nr. 351 v. 30. Juli, 4). Doch das galt nur vordergründig, denn der Hersteller empfahl, das Haar mit „Extra-Blond“ zu reinigen, anschließend aber mit dem zusätzlich zu kaufenden Kernshampoo nachzuspülen (Vorwärts 1931, Nr. 361 v. 5. August, 5). Die Einführungswerbung für „Extra-Blond“ wurde nach wenigen Monaten wieder zurückgefahren. Das Blondinenprodukt wurde nun integraler Bestandteil Teil der Dachmarkenwerbung für „Schwarzkopf-Extra“ (Vorwärts 1931, Nr. 389 v. 21. August, 5). „Extra-Blond“ selbst war ein Shampoo-Pulver, musste also in Wasser aufgelöst und angeschäumt werden. Als besonderen Marketing-Clou lag eine sog. Schaumbrille bei, also eine über den Kopf zu stülpende Hülle, die Schaum und Wasser von den Augen fernhielt (Vorwärts 1931, Nr. 291 v. 25. Juni, 7). Betrachtet man die später immer mal wieder ausgekoppelten Anzeigen für „Extra-Blond“, so waren diese deutlich gesetzter, deutlich edler und gutbürgerlicher als die Nurblond-Anzeigen (Die Bühne 1933, H. 363, 33; ebd., H. 365, 49).

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Pixavon für die blonde Wucht (Das interessante Blatt 51, 1932, Nr. 23 v. 9. Juni, 8)

Auch andere führende deutsche Kosmetikhersteller hatten derweil Haarshampoos herausgebracht. Das Frankfurter Unternehmen A. Albersheim vertrieb es unter seiner breiten Dachmarke Khasana fächerte es aber nicht weiter auf. Anders dagegen die Lingner-Werke. Deren Hauptprodukt war das Mundwasser Odol, doch sie brachten 1908 mit Pixavon auch eine erste auf Teerfarben beruhende flüssige Haarseife auf den Markt. Das auch durch seine extravagante Glasverpackung bekannte Produkt diente seit 1929 als Dachmarke für ein Pixavon-Shampoo, das dann nach einzelnen Haarfarben weiter ausdifferenziert wurde. Mitte 1931 kam ein Kamillen-Shampoo für Blonde auf den Markt. Es enthielt einen Extrakt aus römischer Kamille, besaß eine aufhellende Wirkung und bewahrte die natürliche Farbe des Haares (Neue Wiener Friseur-Zeitung 48, 1931, Nr. 10, 20). Pixavon war eine flüssige Alternative zu Nurblond oder Extra-Blond, wurde auch in Einzelpackungen vertrieben (Drogisten-Zeitung 47, 1932, 229). Die Werbung war deutlich glamouröser als die von Extra-Blond, blieb aber in ihrer Taktung deutlich hinter der von Nurblond zurück. Sie feierte blondes Haar, versprühte Lebensfreude in der Krise, besaß einen Hauch selbstbestimmter Emanzipation. Das Kamillen-Shampoo litt jedoch, wie Extra-Blond, unter der Fokussierung des Marketings auf das namensgebende Hautprodukt.

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Elida Shampoo Kamilloflor für „jedes Blondhaar“ (Der Welt-Spiegel 1932, Ausg. v. 21. August, 10)

Elidas Kamilloflor setzte ab Mitte 1931 schon durch den pointierten Produktnamen stärkere Akzente (Illustrierter Beobachter 6, 1931, 937). Die Werbung konzentrierte sich auf jüngere Frauen, spiegelte einen urbanen und ansatzweise unabhängigen Lebens- und Konsumstil. Doch auch hier überwölbte das 1925 eingeführte Hauptprodukt „Elida Shampoo“ rasch die Auskopplung für Blonde, mochte diese auch recht preiswert und 1933 mit einem zusätzlichen „Zitronenbad“ versehen gewesen sein (Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13889 v. 21. Juli, 5; Prager Tagblatt 1933, Nr. 278 v. 28. November, 8). Während Nurblond das Blondsein stetig feierte, blieb Kamilloflor nur ein Ergänzungsprodukt.

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SYS, „Spezial-Shampoo der gepflegten Blondine“ (Die Frau und Mutter 21, 1932, H. 9, 31 (l.); Das interessante Blatt 51, 1932, Nr. 29 v. 21. Juli, 14)

Andere Produkte besaßen schon aufgrund geringer Kapitalausstattung kaum Chancen auf einen Breitenerfolg. Dafür steht etwa SYS, ein von der Wiener Firma Emil Weil 1932 präsentiertes „Spezial-Shampoo der gepflegten Blondine“. Die Werbung mutete modern an, Blondköpfe dominierten. Doch in der Krise fehlte die ökonomische Substanz, um das Präparat breitenwirksam zu vermarkten.

Es gab weitere Angebote, etwa Sandors Haarschaum-Extrakt Kamille (Neue Wiener Friseur-Zeitung 45, 1928, Nr. 7, 8), das Igemo-Shampoo der Berliner Kosmetikherstellers Mouson (Gebrauchsgraphik 1934, Junih., 77) oder das vor Kriegsbeginn verstärkt beworbene Blondoon (Filmwoche 17, 1939, 89, 119). Werblich präsenter waren dagegen weitere Haarpflegeprodukte, die gezielt mit blonden Frauen warben, etwa das Birkenwasser des Hamburger Unternehmens Georg Dralle (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 655).

Fasst man diesen recht kursorischen Überblick der Konkurrenzprodukte von Nurblond zusammen, so resultierte dessen hohe Bekanntschaft und wohl auch unternehmerischer Erfolg auf einer konsequenten Spezialisierung auf die blonde Kundschaft, auf einer bewusst glamourösen Werbeansprache, auf deren Eingehen auf die realen und vermeintlichen Wünsche der Blondinen. Die deutschen und österreichischen Konkurrenten boten zwar an sich preiswertere und wohl auch „natürlichere“ Produkte an, doch ihre Werbung war teils kundenfern und wurde zumeist überdeckt durch halbherzig angewandte Dachmarkenstrategien, in der Einzelmarken nicht wirklich eigenständig präsentiert wurden. Festzuhalten auch: Alle Färbeshampoos präsentierten Blondinen auch fern der nationalsozialistischen Frauenideologie oder gar „arischer“ Idealtypen. Blond ließ sich zwar durchaus regimenah vermarkten, doch keines dieser Angebote war prototypisch nationalsozialistisch.

Blondex-Stablond-Nurblond als globale Marken

Damit kommen wir zum vierten und letzten Teil der Argumentation. Die verengte Deutung von Nurblond verkennt nämlich, dass Nurblond die mitteleuropäische Hülle eines global unter verschiedenen Namen vermarkteten Haarfärbeshampoos war, das „in allen Ländern der Welt“ (Revue des Monats 7, 1932/33, Nr. 5, 471) verbreitet war. Das in der von Land zu Land kaum voneinander abweichenden Werbung gefeierte „modern girl“ stand für ein selbstbestimmteres Frauenleben als es die Generation zuvor möglich schien. Dies zeigt sich auch an den von der Werbung – wie auch vom Film – teils verrückten sittlichen Grenzen. Die Werbung war durchaus anstößig, ja frivol. In den USA musste beispielsweise eine angedeutete Kussszene anders betextet werden, da „wahllose Küsserei“ unerwünscht war. Das Bild blieb, doch der Text stellte den zu küssenden Herrn nun als Verlobten der blonden Dame vor (Der Querschnitt 12, 1932, H. 8, 604).

Blondex, ein amerikanisches Haarfärbeshampoo

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Frühe Blondex-Werbung (The Pantagraph 1924, Ausg. v. 12. Juni, 6 (l.); Journal Gazette 1924, Ausg. v. 9. Oktober, 9)

Das Haarshampoo Blondex wurde seit dem 28. März 1924 vertrieben, das entsprechende Warenzeichen kurz darauf, am 27. Juli 1926, eingetragen (The American Perfumer and Essential Oil Review 21, 1926, 453). Hersteller war der New Yorker Pharma- und Kosmetikproduzent Guaranteed Products Inc., der als Vertriebsnamen die Bezeichnung Blondex Laboratories wählte. Dies sollte Wissenschaftlichkeit repräsentieren, ebenso wie Coolene Laboratories für die gleichnamige Fußcreme der gleichen Firma. Guaranteed Products resp. die Kalmo Company stellte auch ein entsprechendes Getränk her (Index of Patents 1926, Washington 1927, 1081). Der Markteinstieg von Blondex erfolgte mit Textanzeigen in Tageszeitungen, rasch wurden graphische Elemente ergänzt und nach wenigen Monaten fanden sich die hinlänglich bekannten Photo-Text-Anzeigen (Wilkes-Barre Times Leader 1924, Ausg. v. 1. Mai, 18; The Pantagraph 1924, Ausg. v. 26. Juni, 8).

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Blondinen als Blickfang der Blondex-Werbung (Motion Picture Magazine 30, 1926, Nr. 7, 107 (l.); ebd., Nr. 12, 108)

Wie im Deutschen Reich die Deutsch-Schwedischen Nurblond Laboratorien verwies der Hersteller von Blondex auf einen skandinavischen Ursprung des Mittels, bewarb es 1926/27 als „the new Swedish light shampoo“ (McCall’s Magazine 53, 1926, Nr. 11, 82). Dies war eine Reminiszenz an den durch zahlreiche Immigranten unterstrichenen Eindruck, Schweden sei das Kernland des natürlichen Blondhaars. Noch koppelte man sich nicht an die Filmdiven Hollywoods, denn die Karriere der Schwedin Greta Garbo (1905-1990) begann dort 1926 mit Darstellungen dunkelhaariger südamerikanischer Schönheiten. Doch das sollte sich rasch ändern – und Blondex bot die Vorlagen für die deutsche Nurblond-Auskoppelung.

Diese war nur aufgrund des deutschen Markennamens ungewöhnlich, lag ansonsten im Trend der zunehmen multinationalen Expansion von Guaranteed Products. Blondex wurde ab 1931 auch in Skandinavien vertrieben. Dänemark machte wohl den Anfang, dort wurde das Warenzeichen am 27. Juli 1931 für A.-S. Hother Hellenberg eingetragen (Registrerings-Tidende for Vare- og Faellesmaerker for Aaret 1931, Kopenhagen 1932, 576). Wie im Deutschen Reich entstanden jeweils selbständige Firmen mit geringer Kapitalausstattung, die teils von US-Geschäftsleuten, im Regelfall aber von nationalen Gewährspersonen geleitet wurden. Auch in Schweden, dem vermeintlichen Ursprungland des Haarshampoos, setzte die Blondex-Werbung 1931 ein (Svenska Dagbladet 1931, Ausg. v. 18. Oktober, 10). Finnland folgte, dann auch Frankreich.

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Blondex-Werbung in Finnland und in Frankreich (Kotiliesi 16, 1938, 516 (l.); Nouveauté 3, 1937, Nr. 5, 36; Gebweiler Neueste Nachrichten 1935, Nr. 178 v. 29. Juni, 3 (r.))

Die multinationale Expansion erfolgte auch auf dem amerikanischen Kontinent, so etwa in Kanada. Blondex war Anfang der 1930er Jahre ein gängiges Alltagsprodukt, vornehmlich vertrieben über Drogerien und Kettenläden. Während die eingangs aufgeführten Autoren Nurblond als Beispiel einer nationalsozialistischen Frauenbildes deuteten, erschien Blondex US-Historikern als typisches Produkt der Depressionszeit (Robert Heide und John Gilman, Dime-Store Dream Parade. Popular Culture, 1925-1955,New York 1979, 30; Dies., Popular Art Deco. Depression Era Style and Design, rev. ed., New York 2004, 129).

Die Werbung von Blondex wurde ab 1937 auf Druck der Federal Trade Commission allerdings deutlich eingeschränkt. Deren Regulierungsmöglichkeiten wurden durch den Wheeler-Lea Act vom 21. März 1938 beträchtlich erweitert, doch schon zuvor „unfaire“ Werbepraktiken eingedämmt. Guaranteed Products durfte unter anderem nicht mehr behaupten, dass Blondex keine Färbe- oder Bleichmittel enthalte, dass es das Haar gesund erhalte, dass es den Effekt eines Sonnenbades habe, dass es dunkelblondes Haar unmittelbar in hellblondes aufhellen können und die natürliche Farbe des Haares wiederherstellen könne und einiges andere mehr (Federal Trade Commission Decisions, Bd. 26, Washington 1938, 1400). Kurzum: Die Wirkung von Blondex war deutlich geringer als von der Firma angepriesen. Guaranteed Products reagierte hierauf schon 1937, etablierte das Shampoo-Puder „New Blondex“, bewarb dieses mit noch blumigeren und kaum aussagefähigen Worten. Einmal pro Woche angerichtet, sollte es die bekannten blondierenden Wirkungen hervorrufen. Anders als Nurblond wurde es in einer mit Cellophan ummantelten Papierschachtel verkauft, in dem je ein Papierumschlag mit dem Shampoo-Pulver und der Spülung enthielt (Ruth Hooper Larisson, Packaging the Ten Cent Product, The American Perfumer 36, 1938, Nr. 2, 38-39, hier 38).

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Werbung für „New Blondex“ (Motion Picture 57, 1939, Nr. 4, 78 (l.); ebd., Nr. 3, 68)

Das Haarfärbeshampoo Blondex überstand diesen Wandel ohne größere Einbußen. Es wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter erfolgreich vermarktet, zumal in europäischen Märkten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es historische Arbeiten gibt, die Blondex als ein typisches Produkt just dieser Zeit und ihrer Wertschätzung blonder Hollywooddiven, des American Way of Life und allgemeiner Amerikanisierung deuten.

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Blondex und Konkurrenzprodukte (The American Perfumer 36, 1938, Nr. 2, 39)

Stablond für Großbritannien und Teile des Commonwealth

Das amerikanische Haarfärbeshampoo Blondex wurde global vermarktet – und da durften Großbritannien und das Commonwealth nicht fehlen. Wohl aus markenschutzrechtlichen Gründen wählte man auch dort einen anderen Namen: Stablond Laboratories Ltd. wurde 1932 in London etabliert. Robert Rough, der ja schon Geschäftsführer der deutschen Nurblond GmbH gewesen war, war Direktor, ebenso Richard Millett und der Chemiker Alexander Kowarsky (Lesley Richmond, Julie Stevenson und Alison Turton, The Pharmaceutical Industry. A Guide to historical Records, Aldershot 2017, s.p. (E-Book)).

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Werbephrasen für Stablond (Picturegoer 3, 1934, Nr. 151 v. 14. April, 3 (l.); ebd. 1937, Nr. 147 v. 24. März, 39)

Die Stablond Laboratories boten nicht nur Haarpflegeprodukte an. Wie in die USA wurde das Shampoo in verschiedenen Konsistenzen angeboten: „Stablond Regular“ wurde durch „Stablond Liquid Soapless“ und „Stablond Powder Soapless“ ergänzt. Die Produktpalette umgriff jedoch nicht nur Angebote für Blondinen: Viklep-Tabletten sollten beispielsweise auch dürren Damen zu begehrenswerten Rundungen verhelfen, wurden auch für Heranwachsende beworben (Picturegoer 3, 1934, Nr. 141 v. 3. Februar, 36). Dunkelhaarige Modelle bebilderten die Anzeigen – doch auch für diese hielt man mit Brunitex ein Pflegeprodukt bereit. Stablond war im deutlich umkämpfteren britischen Markt gewiss weniger wichtig als Nurblond im Deutschen Reich. Regelmäßige umfangreiche Werbekampagnen sorgten jedoch für allgemeine Bekanntheit (The Chemist and Drugist 130, 1939, Nr. 3077, 8).

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Ob blond, ob braun, wir shampoonieren alle Frauen – Stablond- und Brunitex-Anzeigen in Australien (Australian Women’s Weekly 2, 1934/35, Nr. 52 v. 1. Juni, 43 (l.); ebd. 8, 1940/41, Nr. 9 v. 3. August, 31)

Von London aus wurden auch große Teile des Commonwealth beliefert. Anfangs nutzte die Londoner Zentrale für die Werbung vielfach die Köpfe deutscher Blondinen, doch nach Kriegsbeginn wurden diese gegen nicht zu personalisierende Graphiken und Bilder ausgetauscht. Auf die englische Herkunft wurde stolz verwiesen (Australian Women’s Weekly 7, 1939/40, Nr. 48 v. 4. Mai, 33). Doch die gleichen Werbeköpfe fanden sich zu dieser Zeit auch in deutschsprachigen Zeitschriften.

Stablond blieb ein aktiver Nischenproduzent, der seine Produkte auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit nur gering verändertem Marketing an die Frau brachte (The Chemist and Drugist 165, 1956, Nr. 3983, 25). Die Firma wurde 1979 von dem Pharmakonzern Beecham aufgekauft, der unter anderem auch Herrenpflegeartikel anbot. Stablond-Produkte wurden bis 1992 verkauft. Die Geschichte der Stablond Laboratories endete 1993 im Rahmen sog. Umstrukturierungen der Beecham Group.

Zweiter Weltkrieg und das späte Ende von Nurblond

Die Nurblond Laboratorien GmbH warb auch nach Kriegsbeginn weiter mit Blondinenbildern, nutzte dazu aber neue Fotos. Die Werbung endete 1940, schon lange vor der deutschen Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941. Die Gesellschaft bestand weiter, residierte im Berliner Grunewald in der Humboldtstraße 22-24 (Berliner Adreßbuch 1941, 2191; ebd. 1943, 2123).

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Nurblond: In der ganzen Welt und auch für Auslandsdeutsche (Banater Deutsche Zeitung 1940, Nr. 108 v. 16. Mai, 7)

Die Nurblond-Gesellschaft bestand auch nach dem Zweiten Weltkrieg, war erst in Charlottenburg, ab 1953 dann in Tempelhof, in der Boelkestraße 131 gemeldet (Amtliches Fernsprechbuch für Berlin 1952, 346; ebd. 1953, 388). In den Berliner Stadtadressbüchern findet sie sich bis 1961 (Berliner Stadtadressbuch 1961, T. 1, 1155) – und es ist davon auszugehen, dass es das Haarfärbeshampoo für Blondinen weiter beworben und verkauft wurde. Das aber ist für unsere Fragestellung nicht mehr relevant. Denn schon auf Grundlage der hier verfolgten vier Argumentationsstränge, ist die Antwort auf die Ausgangsfrage klar.

Sehen wir nur, was wir sehen wollen?

Nurblond war erstens ein typisches Haarpflegeprodukt der 1920er Jahre, Teil einer sich dynamisch entfaltenden Kosmetik- und Schönheitsindustrie. Es steht für die Fortschritte der chemischen Industrie aber auch für eine verstärkte Nachfrage auf Seiten junger, urbaner, durch neue Populärmedien sozialisierten Frauen. Zweitens bediente die Nurblond-Werbung die Wünsche und Sehnsüchte dieser Käuferinnen, stützte und verstärkte ein vom Film geprägtes vielgestaltiges Frauenbild. Sie orientierte sich am international prägenden Bild des „modern girl“, war damit nationalsozialistischen Verengungen fremd, stellte vielmehr ein konträres und als undeutsch kritisiertes Frauenbild dar. Dies ließ äußerliche Überlappungen zu, eine starke Orientierung auf Körperlichkeit, Familienorientierung und Eheglück. Doch es setzte zugleich eine Dynamik frei, die bei weniger engen rechtlichen und materiellen Rahmenbedingungen auch emanzipatorischen Gehalt haben konnte. Nurblond unterschied sich drittens von der doch beachtlichen Zahl der Konkurrenzprodukte durch eine klarer Zielgruppenfokussierung und eine darauf konsequent zugeschnittene Werbung. Die Konkurrenz nutzte zugleich Frauendarstellungen, die teils stärker häuslich, weniger international, im Ganzen auch weniger glamourös waren. Viertens war das Marketing von Nurblond eine nur leicht variierte Kopie des amerikanischen Blondex, das unter verschiedenen Markennamen in den frühen 1930er Jahre global präsent war. Es stand für die Schönheit „weißer“ Blondinen, für deren wachsende Konsumoptionen, für deren Leben im nichtprekären Wohlstand. Mag dies mit dem Abstand von einem Jahrhundert auch nicht mehr zeitgemäß erscheinen, so ist die Verengung auf Zerrbilder „arischer“ Frauen oder tradierter Mütterlichkeit doch unzutreffend, ja irreführend.

Nurblond steht für die auch während des Nationalsozialismus bestehende Widersprüchlichkeit und Vielgestaltigkeit der Konsumgüter und der für sie betrieben Werbung (so auch Sharon Ringel, Representations of the German woman’s body in the official Nazi woman’s magazine, Feminist Media Studies 20, 2020, 238-255). Nicht zuletzt aus diesem Grund konnte die Mehrzahl starker Markenartikel nach Ende des Nationalsozialismus mit teils nur marginalen Änderungen weiter beworben und vertrieben werden.

Zu fragen ist schließlich aber auch, warum offenkundig einseitige, verkürzte und irreführende Deutungen wie die der Nurblond-Werbung unkritisch bestehen konnten, warum sie gar Teil eines vermeintlich kritischen und aufklärerischen Umgangs mit dem NS-Regime und seiner Konsumkultur werden und bleiben konnten. Die Antwort liegt erstens in den nur geringen empirischen Kenntnissen über diese Zeit, insbesondere in der kaum ausgeloteten NS-Konsumwelt. Dies ist jedoch, wie insbesondere Götz Aly treffend dargelegt hat, ein wichtiges Element, um auch allgemeine Fragen nach der nationalsozialistischen Herrschaft und ihrer mörderische Stabilität zu stellen und ansatzweise zu beantworten. Zweitens sind die plakativen Deutungen von Nurblond Ausdruck eines vielfach eben nur pseudokritischen Umgangs mit der NS-Zeit, die primär heutigen Debatten und Deutungskämpfen verpflichtet ist, sich einer konkreteren historische Analyse jedoch häufig entzieht. Dies gilt nicht nur für die oft vergessenen Vorgeschichte, sondern auch für den eben vielfach nicht vollzogenen Neubeginn nach 1945, für die massiven Kontinuitäten, die durch bequeme Bruch- und Befreiungsmetaphern gern über- und verdeckt werden. Drittens handelt es sich bei einschlägigen Deutungen auch um eine Weigerung, den Nationalsozialismus anders als primär ideologisch zu verstehen. Für Millionen deutscher Konsumenten waren Haarshampoos jedoch wichtiger als das real existierende NS-System, von dem sie nur indirekt betroffen waren, von dessen Auswirkungen sie anfangs dankbar profitierten. Die Sinnangebote der Konsumkultur waren für sie zumindest ebenso bedeutsam, wenn nicht bedeutsamer. Aber sie halfen anderen den Weg zu bereiten, waren in ihrer Selbstbezüglichkeit und ihrem Eskapismus auch Teil der zerstörerischen Dynamik des NS-Regimes.

Das lässt durchaus Rückschlüsse auf die Gegenwart zu, in der die materielle Grundversorgung und Absicherung der Bürger scheinbar alternativlos ist – und andere Gehalte des Politischen gering geachtet werden. Der britische Journalist George Orwell hat in seiner Besprechung von Hitlers „Mein Kampf“ diesen Punkt deutlich angesprochen: „Fast das gesamte westliche Denken seit dem letzten Krieg, sicherlich alles ‚fortschrittliche‘ Denken, ist stillschweigend davon ausgegangen, dass der Mensch nichts anderes will als Bequemlichkeit, Sicherheit und Vermeidung von Schmerz. In einem solchen Leben ist zum Beispiel kein Platz für Patriotismus und die militärischen Tugenden. […] Hitler weiß, weil er es in seinem eigenen freudlosen Geist mit außerordentlicher Stärke spürt, dass die Menschen nicht nur Komfort, Sicherheit, kurze Arbeitszeiten, Hygiene, Geburtenkontrolle und im Allgemeinen gesunden Menschenverstand wollen; sie wollen auch, zumindest zeitweise, Kampf und Selbstaufopferung, ganz zu schweigen von Trommeln, Fahnen und Treueparaden“ (eigene Übersetzung von Review of Adolf Hitler, Mein Kampf, London 1939, New English Weekly 1940, Ausg. v. 21. März, in: George Orwell, Collected Essays, Journalism, and Letters, Bd. 2: My Country Right or Left, 1940-1943, London 1968, 12-14, hier 14). Nurblond war ein modernes amerikanisches Konsumgut, das gleichermaßen in Diktaturen und in Demokratien gekauft wurde. Es stand nicht für Rassismus und Frauenfeindlichkeit, wohl aber für moderne Konsumgesellschaften, deren Sinnangebote die eigenen Grundlagen tendenziell unterminieren.

Uwe Spiekermann, 15. Februar 2021

Korpulenz und Tod – Das Schlankheitspräparat Antipositin im Kontext

Schlankheitsdiäten und Schlankheitspräparate entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie waren Begleiterscheinungen erstens des Aufstiegs des Bürgertums, zweitens einer stofflich argumentierenden Chemie und Physiologie und drittens der Professionalisierung und Marktorientierung von Ärzten, Pharmazeuten und gewieften Unternehmern. Nur vor diesem Hintergrund kann man ein Produkt wie das Antipositin verstehen. Die kurze Geschichte dieses Entfettungsmittels eröffnet Schlaglichter auf eine Branche, die zwar per Werbung in die Öffentlichkeit drängte, die ansonsten aber eher im Dunkel bleiben wollte. Entsprechend müssen wir uns dem Thema langsam nähern, es in den Kontext der wissenschaftlichen, unternehmerischen und rechtlichen Zeitläufte einordnen. Beginnen wir mit der Frage, warum ein Präparat wie Antipositin überhaupt entstehen konnte.

Korpulenz als moralisches, physiologisches und pharmazeutisches Problem

Übergewicht lässt sich bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückverfolgen, war lange Ausdruck einer höheren sozialen Stellung und des Zugangs zu an sich knappen Nahrungsressourcen. Adel und frühes Bürgertum symbolisierten mit Körperfülle ihre gesellschaftliche Vorrangstellung (Ulrike Thoms, Körperstereotype. Veränderungen in der Bewertung von Schlankheit und Fettleibigkeit in den letzten 200 Jahren, in: Clemens Wischermann und Stefan Haas (Hg.), Körper mit Geschichte, Stuttgart 2000, 281-307). Und doch war die Realität des runden Leibes schon damals umstritten: Fettleibigkeit wurde während der Aufklärung zunehmend mit Trägheit und gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden und in der Mitte des 19. Jahrhunderts moralisch aufgeladen: „Sie hindert den Soldaten, in seinem ehrenvollen Stand zu verbleiben, unterbricht die Laufbahn der darstellenden Künstler, und hemmt den Unternehmungsgeist des Geschäftsmannes“ (Wilhelm Gollmann, Zur Fettleibigkeit und Magerkeit, Wien 1857, 11). Der Bürger hatte betriebsam zu sein, aktiv und leistungsfähig, unbehindert von überbürdendem und belastendem Fett. Fett war dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn die frühe Physiologie hatte experimentell festgestellt, dass dessen Brennwert doppelt so hoch lag wie der des Eiweißes und der Kohlenhydrate.

Solche Berechnungen gründeten nicht nur auf ökonomischen Idealen einer Wettbewerbsgesellschaft sondern auch auf einer neuartigen Vorstellung von Welt und Materie: Diese setzte sich, so seit den 1840er Jahren immer mehr Vertreter der organischen Chemie, aus kleinsten Elementen zusammen, aus Stoffen, die in dauerhaftem Fluss waren, deren Stoffwechsel den Kern des Lebens ausmachte. Der menschliche Körper stand mit seinen Nahrungsstoffen in stetem Austausch. Ein harmonisches Verhältnis von Zufuhr und Verbrauch war erforderlich, andernfalls drohte Abmagerung oder Korpulenz. Kostmaße und Ernährungsempfehlungen waren die Folge, immer weniger eingebettet in eine Kunst des Lebens, immer stärker auf den Stoffwechsel reduziert (vgl. Uwe Spiekermann, Übergewicht und Körperdeutungen im 20. Jahrhundert – Eine geschichtswissenschaftliche Rückfrage, in: Henning Schmidt-Semisch und Friedrich Schorb (Hg.), Kreuzzug gegen Fette, Wiesbaden 2008, 35-55, hier 43-45). Derartiges Expertenwissen bot in einer bürgerlichen Marktgesellschaft neue Marktchancen. Entsprechend wuchs seit der Jahrhundertmitte die Zahl von Entfettungs- und Heilkuren, individuell angeboten von privat zu zahlenden Ärzten oder in den nun zunehmend entstehenden Sanatorien und Kurorten. Aus diesem Erfahrungswissen entstanden seit den 1860er Jahren allgemeine Diätratschläge, die als „Diäten“ bis heute unter wechselnden Namen propagiert werden. Um abzunehmen, war die Stoffzufuhr zu reduzieren, zugleich aber neu zu ordnen. Die Harmonie der „Normalität“ setzte gezielte und wissenschaftlich begründete Nahrungswahl voraus: Der Londoner Arzt William Banting (1797-1878) propagierte eine vornehmlich eiweißhaltige Kost, während die bayerischen Ärzte Max Joseph Oertel (1835-1897) und Ernst Schwenninger (1850-1924) für eine deutlich verringerte Fett- und auch Flüssigkeitszufuhr eintraten, um den Körper wieder ins Lot zu bringen. Darauf zielte auch die Diät des Göttinger Internisten Wilhelm Ebstein (1836-1912), die Fette erlaubte, dagegen den Anteil der Kohlenhydrate deutlich senkte.

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Dezentralisierte Entfettung: Nachkur mit Heilwasser in Berlin (Die Woche 7, 1905, 1359)

Doch es blieb nicht bei derartigen über Frauen- und Familienzeitungen verbreiteten Handlungsanweisungen, die auch damals intensiv und kontrovers diskutiert wurden. Diäten waren nämlich nicht risikolos, konnten gesundheitliche Schäden hervorrufen (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 196-211). Zunehmend entstanden daher vermeintlich sichere, gar heilende Präparate. Vorbild für Gewichtsreduktion ohne negative Nebenwirkungen war erst einmal der bürgerliche Bädertourismus. Den Anfang machten seit den frühen 1870er Jahren leicht abführende und vielfach mit Kohlensäure versetzte Heilwässer, durch die man sich die Kur gleichsam nach Hause holen konnte. Parallel wurde ihre stoffliche Essenz, die Mineralsalze, eingedampft, zu Pastillen und Tabletten gepresst und dann verkauft. Doch all dies half wenig, wenn man zugleich nicht auch seine Ernährung umstellte und sich mehr bewegte. Angesichts des fehlenden Charmes langfristiger Wirksamkeit entstanden daher in den 1890er Jahren neuartige, nun in der Tat wirksame Präparate – allesamt Resultate intensiver wissenschaftlicher Forschung.

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Schlankheitssehnsucht und Todesverachtung 1899 (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 27, 16)

Den Anfang machten ab 1894 Schilddrüsenpräparate insbesondere von Borroughs, Wellcome & Co. (London) bzw. E. Merck (Darmstadt), die ursprünglich zur Bekämpfung von Kretinismus gedacht waren. Die Hormontherapie mit derartigen Thyreoidin-Tabletten beschleunigte den Stoffwechsel, ließ Pfunde purzeln, hatte jedoch massive, teils lebensgefährliche Nebenwirkungen. Während die pharmazeutischen Firmen sich daraufhin langsam aus dem Markte zurückzogen, griffen viele, insbesondere französische Hersteller das Grundprinzip auf, entwickelten es gar fort. Aus Hypophysen oder Keimdrüsen gewann man weitere marktgängige Hormonpräparate. Anfangs frei käuflich, wurden sie rasch verschreibungspflichtig, doch das Marktsegment blieb bestehen. Schlankheit, das war offenkundig, konnte mit wissenschaftlicher Hilfe herbeigeführt werden, mochten die Risiken auch beträchtlich sein.

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Kampf der Fettleibigkeit mit Hilfe abführender Mittel: Anzeige der Marienbader Reductions-Pillen (Jugend 3, 1898, 114)

Parallel gewannen Abführmittel an Bedeutung. Als Hausmittel (Honig, Marmeladen, Rhabarber, etc.) wohlbekannt, in Form von Mineralstoffpräparaten und Rizinusöl breit verwendet, dienten sie lange Zeit vornehmlich der Regulation des Darmtraktes und der Bekämpfung der vermeintlichen Zivilisationskrankheit der Darmverstopfung. Seit der Jahrhundertwende aber wurden sie auch als Mittel der Körpermodellierung genutzt, mochten die sog. Drastica auch viele Mineralstoffe ausschwemmen, die bis dato kaum beachtete Darmflora schädigen und den Körper schwächen. Auch saline Abführmittel aus „natürlichen“ Salzen fanden vermehrt Abnehmer, wenngleich sie das Körpergewicht meist auf Kosten der Eiweiss- und Wasserreserven reduzierten. Die meisten „Entfettungsmittel“ dieser Zeit enthielten entweder Drastika oder aber Mineralsalze. Sie wurden ergänzt durch eine wachsende Zahl pharmazeutischer Abführmittel, die unabhängig von ihren gesundheitlich problematischen Folgen als neuartige Markenartikel modern beworben wurden.

Kampf der Korpulenz: Ein lukrativer Markt des Wunderbaren

Schlankheitspräparate waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts also eine der vielen Verheißungen der angewandten Naturwissenschaften. Ebenso wie damals Träume von synthetischer Nahrung keineswegs rundum illusorisch erschienen, gab es scheinbar realistische Chancen auf neue Präparate, mit denen die Folgen zu geringer Bewegung und gar unmäßigen Essens und Trinkens einfach gebannt werden konnten. Hormonpräparate und Abführmittel materialisierten die Chancen und Gefahren der vielen neu verfügbaren medizinisch-pharmazeutischen Präparate – und sie schufen zugleich einen grauen Markt von Produkten, deren Wirkung lockte und von deren Problemen geschwiegen wurde. Geschäftstüchtige Ärzte und Pharmaunternehmen waren Teil dieses Geschehens – doch von denen soll im Folgenden nicht die Rede sein. Denn nach den Innovationen der 1890er Jahre dominierten sie nicht mehr die öffentlichen Debatten. Insbesondere viele Ärzte sahen nämlich ihre Befürchtungen vor einer abstrakten, die individuellen Unterschiede nicht beachtenden Heilwelt massenindustriell hergestellter Präparate bestätigt. Sie propagierten verstärkt individuelle Therapien beim Privat- oder Bäderarzt (Wilhelm Ebstein, Die Fettleibigkeit (Korpulenz) und ihre Behandlung, Wiesbaden 1904). Doch derartige Kuren waren Besitzenden vorbehalten, waren für die große Mehrzahl schlicht zu teuer. Sie griff daher notgedrungen zu Schlankheitspräparaten – und dies war die Chance für eine wachsende Zahl obskurer und zumeist betrügerischer Angebote. Das Antipositin der Berliner Firma Dr. med. Wagner und Marlier war deren Exponent, mochte es auch nur von 1905 bis 1907 öffentlich beworben worden sein, ehe die öffentliche Hand dieses Treiben unterband. Um den massiven Markterfolg des Antipositins – und der damit eng verbundenen Präparate Slankal, Levathin und Vitalito – nachvollziehen zu können, müssen wir den Blick jedoch nochmals weiten, einerseits den Markt genauer beachten, anderseits die damalige Rechtslage.

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Kleine Anzeigen für einen wachsenden Markt: D. Franz Steiners Tonnola-Zehrkur und Otto Reichels Zehrkur Graziana (Die Woche 6, 1904, H. 14, XII (l.); ebd. H. 11, IX)

Erstens hatte sich Berlin im späten 19. Jahrhundert zu einer deutschen „Hochburg“ sowohl des sog. Kurpfuschertums, also der Gesundheitsbehandlung ohne ärztliche Approbation, als auch des Geheimmittelwesens entwickelt (A. Springfeld, Die Bekämpfung der Kurpfuscherei und des Geheimmittelschwindels auf dem Boden landesgesetzlicher Verordnungen, Therapeutische Monatshefte 26, 1912, 803-816, hier 803). Kleine und mittlere Produktionsstätten beherrschten den Markt für (Schlankheits-)Präparate unbekannter Zusammensetzung. Die Anbieter waren meist Versandgeschäfte mit einer breiten Palette unterschiedlicher pharmazeutischer und kosmetischer Präparate. Die Berliner chemisch-pharmazeutische Fabrik von Otto Reichel bot beispielsweise nicht nur eine „Zehrkur“ gegen Korpulenz, sondern auch Kraftpillen gegen Magerkeit, Kraftwasser gegen Haarausfall, Haarfärbemittel, Cremes gegen Pickel, Sommersprossen, Runzeln und Nasenröte, Mittel gegen Rheumatismus und Gicht, Hustensaft sowie Blutreinigungspulver an – ganz zu schweigen von ihren „Original“-Essenzen für selbstbereitete Spirituosen und Erfrischungsgetränke. Die Reichelsche Zehrkur mit dem pretiösen Namen Graziana war zwar durch kontinuierliche Reklame reichsweit bekannt, doch handelte es sich um kleine, vielfach nur aus Text und einem Kreuz bestehende Anzeigen. Das galt auch für die meisten anderen Angebote, etwa die Tonnola-Zehrkur der Berliner Firma D. Franz Steiner & Co., die Robose-Pillen von Rudolf Hoffers aus Berlin-Karlshorst, die in der Reichshauptstadt gefertigten Orientalischen Kraftdragees von Max Denk oder das von Hoock & Co. in Hamburg hergestellten Amiral (vgl. Die neue Geheimmittel-Verordnung, Aerztliche Sachverständigen-Zeitung 1903, 346-347). Letzteres stammte eigentlich aus London, einer weiteren europäischen Hochburg der sog. Patentarzneien. Ausländische Anbieter, zumal einige Pariser Firmen, nutzten zudem regelmäßig graphische Elemente, um Aufmerksamkeit zu erregen.

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Ansprechende Konkurrenz aus dem Ausland (Der Bazar 50, 1904, 32)

Berlin lockte potenzielle Investoren mit einem breiten Netzwerk von Geheimmittelproduzenten, einer leistungsfähigen lokalen pharmazeutischen Industrie und zahlreichen qualifizierten Fachleuten. Hinzu kam ein quirliger Markt neuartiger Zeitschriften und Zeitungen, etwa die „Berliner Illustrirte Zeitung“ oder „Die Woche“, die „Berliner Morgenpost“ oder die „Berliner Volks-Zeitung“. Sie erreichten ein Millionenpublikum und ermöglichten Unternehmern einen zunehmend einfachen Weg zur Kundschaft. In Berlin regte sich allerdings auch kräftiger Widerstand gegen die neuen eifrig beworbenen Geheimmittel, beispielsweise durch die 1903 gegründete „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums“ und ihre Zeitschrift „Gesundheitslehrer“. Berlin war zudem der Ort, an dem im 1876 gegründeten Reichsgesundheitsamt, im Bundesrat und dem Reichstag um die Regulierung des Geheimmittelwesens gerungen wurde.

Der Erfolg der Schlankheitspräparate resultierte jedoch nicht nur aus dem Genius loci Berlins, sondern zweitens aus einer wahrlich speziellen rechtlichen Situation im Deutschen Reich. Auch hier gilt es ein wenig auszuholen: Die wirtschaftliche Liberalisierung hatte Ende der 1860er Jahre die tradierten Rechte der Ärzte und Apotheker gebrochen. Es gab Kurierfreiheit und Heilmittelabsatz durch Drogisten und Händler. Entscheidend war aber etwas anders: Die 1875 erlassene und 1890 sowie 1901 dann novellierte Verordnung über den Verkehr mit Arzneimitteln bestimmte positiv alle für Arzneimittel erforderlichen Stoffe und Verbindungen, machte diese apothekenpflichtig. Alle anderen waren damit frei verkäuflich (Kerrin Riewerts, Kosmetische Mittel vom Kaiserreich bis zur Zeit der Weimarer Republik. Herstellung, Entwicklung und Verbraucherschutz, Mathem. Diss. Hamburg 2005, 49-52). Das begünstigte innovative Produzenten, denn neue Präparate konnten anfangs frei, also etwa auch in Drogerien, in Friseurgeschäften oder per Versandhandel verkauft werden. Arzneien und Geheimmittel waren durch Apotheker und Ärzte nicht abgeschirmt.

Das begünstigte das ohnehin rasche Wachstum der pharmazeutischen Industrie, die immer neue „industrielle Geheimmittel“, „Spezialitäten“, also die uns bestens bekannten Pharmazeutika, entwickelte und verkaufte. Deren Zusammensetzung war vielfach unbekannt, fehlten anfangs doch Kernelemente einer modernen Wissensökonomie, wie etwa ein wirksamer Patent- und Markenschutz. Der Staat – und das hieß vor allem die Bundesstaaten des Deutschen Reiches – regulierte zwar sowohl giftige als auch apothekenpflichtige Stoffe. Doch das galt erst nach der Markteinführung, dauerte meist mehrere Jahre. Zahlreiche neue Schmerzmittel bzw. synthetische Drogen waren daher für eine gewisse Zeit allgemein erhältlich. Das betraf nicht nur die Hormonpräparate gegen Korpulenz, sondern auch Heroin, Veronal, cannabishaltige Medikamente und viele andere. Die Gesundheitsbehörden, darunter das Kaiserliche Gesundheitsamt, schritten gegebenenfalls ein, schlossen die Arzneimittel dann teils vom freien Verkauf aus, setzten sie auf die Giftlisten, verboten sie gar. Doch dieser bürokratisch-wissenschaftliche Apparat war langsam – und damit Gewähr für eine dynamische Geheimmittelindustrie.

Schlankheitspräparate waren bis zur Jahrhundertwende vorrangig ärztlich kontrollierte Mineralsalze resp. Abführmittel oder aber industrielle Geheimmittel. Dann aber begannen verstärkt medizinische und pharmazeutische Laien in dieses Feld zu investieren. Sie nutzten meist eine weitere offene Flanke der Regulierung. Die Zuordnung der neuen Präparate war nämlich vielfach unklar: War ein Malzpräparat ein Nahrungsmittel, eine Arznei oder aber ein kosmetisches Produkt? Die Regulierung derartiger Warengruppen erfolgte unterschiedlich, ihre Zuordnung folgte erst einmal den Angaben der Hersteller. Kosmetische Produkte waren dabei grundsätzlich frei verkäuflich. Das betraf etwa die gesamte oben angeführte Palette der Berliner Firma Otto Reichel – darunter auch seine Zehrkur Grazina gegen Korpulenz. Sie zielte auf eine andere Erscheinung, auf einen besser funktionierenden Körper – und war damit keine Arznei. Entsprechend schwierig war die Regulierung, gar das Verbot. Der Staat konzentrierte sich auf Gefahrenabwehr, sein Ideal war ein mündiger Konsument. Der Staatssekretär des Innern, Vizekanzler Arthur Graf v. Posadowsky-Wehner (1845-1932), begründete dies 1902 im Reichstag: „Auf allen Gebieten, meine Herren, kann der Staat nicht die Rolle der Kinderfrau spielen […,] etwas Intelligenz muß jeder selbst in seinem Interesse anwenden. Vor solchen schwindelhaften Unternehmungen ist so oft gewarnt worden, daß es sich schließlich jeder selbst zuschreiben muß, wenn er noch darauf hineinfällt. […] Aber allerdings werden wir die Geheimmittel unter scharfe Kontrolle nehmen, die entweder vom ärztlichen Standpunkte gefährlich sind oder offenbar nur betrügerischen Zwecken dienen“ (Reichstagsprotokolle. Stenographische Berichte, 10. Leg. 1900-1903, Bd. 4, Berlin 1902, Sitzung v. 30. Januar 1902, 3779).

Neues „Death Marketing“

Als im Februar 1905 das Entfettungsmittel Antipositin erstmals beworben wurde, war dies ein Bruch mit der bisherigen Werbetradition. Die Anzeigen waren deutlich größer, enthielten markante, einprägsame Bilder. Die gesundheitlichen Auswirkungen dauerhafter Korpulenz wurden mittels eines Totenschädels verdeutlich – der als Bildzeichen der Berliner Gesellschaft Dr. med. Wagner und Marlier bald vor Nachahmungen geschützt wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 286 v. 2. Dezember, 13)

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Der Schock des Todes und die Rettungskraft der Ware (Jugend 11, 1906, 203)

Das Gebrauchswertversprechen diese Entfettungsmittels war klar: Kauf oder stirb! Es handelte sich um „Death Marketing“, also die Mobilisierung von Angst und Todesfurcht für den Kauf gewerblicher Produkte. Gewiss, völlig neu war dies nicht. Doch es war neu für ein pharmazeutisches Kosmetikum, war charakteristisch für die Absatzstrategie des Antipositins.

Halten wir nochmals inne, um diese neue Strategie genauer zu verstehen: Gefahren wurden in der Reklamewelt des späten 19. Jahrhunderts durchaus direkt und auch krass präsentiert. Doch das galt für besondere Produktgruppen, vor allem für den breiten Sektor der Schädlingsbekämpfung. Schaben und Spinnen, Ratten und Mäuse waren Alltagsbegleiter, erschienen entsprechend auch in den Werbeanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften. Deren Sprache war eliminatorisch, kündigte Vernichtungsfeldzüge an, radikales Vorgehen, komplette Auslöschung. Sculein-Rattentod des Ottenser Apothekers (und späteren Herstellers von Hühneraugenringen) August Wasmuth (1860-1923) oder das vom Wiener Kaufmann Johann Zacherl (1814-1888) eingeführte und dann europaweit vermarktete Zacherlin hoben sich aus der großen Zahl tier- und todgeschmückter Anzeigen graphisch hervor, zeigten die sterbenden Tiere. Auch im Konsumgütermarkt fand sich der Tod als Sensenmann, als Gevatter Hain, als Skelett und Totenschädel. Eingesetzt wurde er jedoch vor allem aber bei Spirituosen, Bade- und Pflegemitteln – mehr hierzu finden Sie in meiner Analyse des schwedischen Hanfsamenbreies Maltos Cannabis. Der Tod drohte, gewiss. Doch er wurde vertrieben und überwunden, war eine Erinnerung an die alten schlechten Zeiten, in denen der schaffende menschliche Geist noch nicht die Herrschaft angetreten hatte.

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Die Pharmazie verscheucht den Tod, den Sensenmann: Titelvignette einer Fachzeitschrift (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 50, 1910, 423)

Das neuartige, von Antipositin umgesetzte „Death Marketing“ knüpfte an diese Vorbilder an. Der Totenschädel stand mitten im bürgerlichen Leben, blieb dabei aber nicht stehen, sondern lenkte den Schock um auf den heilenden Gebrauchswert der angepriesenen Produkte. Die sichtbare Gefahr der Krankheit und des Todes standen gegen die Aura der Gediegenheit und Sicherheit käuflicher Waren. Sie verdrängten zunehmend die Person des Arztes und des Herstellers, ersetzten sie durch Vertrauen in einen Markenartikel. Bei Antipositin stehen wir am Beginn dieser Entwicklung, knüpfte die oben gezeigte Anzeige doch noch an die weit verbreitete Werbefigur des empfehlenden Arztes an, verband sich das Präparat noch immer mit dem Namen eines Dr. Wagners. Doch die Anzeigen standen für einen Kulturbruch, weg von Menschen, hin zum Produkt. Da Tod und Konsumwelt Gegensätze waren, durchzogen anfangs Humor und Augenzwinkern viele Anzeigen, standen für den Exorzismus der modernen Warenwelt. Dem Tod zeigte man eine Nase, verspottete ihn, warf ihn schlicht hinaus.

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Austreibung des Bösen: Sensenmann, Albgestalten und Ungeziefer weichen dem Steinerschen Paradiesbett (Fliegende Blätter 124, 1906, Nr. 3164, Beibl. 2, 2)

Das war bei Antipositin nicht mehr der Fall, zumindest in den Anzeigen der Jahre 1905 und 1906. Sie waren ohne Augenzwinkern gestaltet, verwiesen auf die Lebensgefahren durch Korpulenz, machten Entfettung und Kauf zur Pflicht. Das war dramatisch, zumal eine detaillierte medizinische Begründung fehlte. Gefühle wurden mobilisiert, gerade deshalb wirkte das „Death Marketing“ – zumindest für einzelne Produkte und eine gewisse Zeit: „‚Gift im Blut‘, ‚Zerrüttete Nerven‘, ‚Kampf gegen Korpulenz, Fettleibigkeit, Häßlichkeit‘ u. ä., so lauteten die durch schauerliche Bilder noch unterstützten Schlagworte, mit denen das Publikum zunächst verängstigt wurde, um dann die obigen Mittel als wunderbare, sichere Rettung gegen diese in düstersten Farben geschilderten Leiden angepriesen zu erhalten“. Warnungen gab es, doch es galt: „Die Reklame übertönte jedoch jede Warnung “ (beide Zitate n. Berliner Tageblatt 1913, Nr. 231 v. 5. September, 11).

Antipositin: Zusammensetzung, Herkunft, Werbung

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Sterben oder kaufen: Werbung für Antipositin (Dresdner Nachrichten 1906, Nr. 220 v. 12. August, 4)

Nähern wir uns nun dem Mittel selbst. Zuerst ein Blick auf die Zusammensetzung: „Wagner’s Antipositin enthält angeblich Fruchtsalze und Fruchtsäuren“ (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 46, 1905, 194). Soweit die kargen Angaben der Hersteller. Offiziell angemeldet war Antipositin als „Kosmetisches Präparat gegen Korpulenz“ (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 115 v. 16. Mai, 10). Schon kurz nach dem Markteintritt wurde „das Beste der bisher existierenden Mittel gegen Korpulenz“ chemisch genauer analysiert.

Antipositin wurde anfangs als ein gelbliches Pulver in flachen, runden Blechdosen mit je 55 Gramm für 3 Mark das Stück vertrieben. Es wurde in Wasser eingerührt, brauste ein wenig auf, konnte dann getrunken werden. Sein Geschmack war sauer. Gemäß einer ersten Analyse war Antipositin ein Gemisch „aus Weinsäure, Zitronensäure, Natriumchlorid, Natriumbikarbonat oder getrocknetem Natriumkarbonat, einer geringen Menge eines Kaliumsalzes einer der genannten Säuren und möglicherweise auch Natriummalat“ (F[ranz] Zernik, Antipositin, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 187-188). Kurz gefasst, handelte es sich um leicht abführende Salze, um Säuerungsmittel und Brausepulver sowie um Spurenelemente der vom Anbieter in den Vordergrund gerückten Fruchtsäurenderivate (Fr. Franz, Antipositin. Mittel gegen Korpulenz, Zentralblatt für die gesamte Physiologie und Pathologie des Stoffwechsels NF 2, 1907, 528). Das Ergebnis dieser ersten, auf Anregung des Deutschen Apothekenvereins erstellten Analyse wurde in der Fachwelt rasch verbreitet (Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 43, 1905, 272-273 bzw. 1072; Chemisches Repertorium 29, 1905, 89; Süddeutsche Apotheker-Zeitung 45, 1905, 200; Les Nouveaux Remèdes 82, 1906, 87). Für diese Experten war klar, dass Antipositin schon aufgrund seiner Zusammensetzung gegen Korpulenz kaum wirken konnte. Die Inhaltsstoffe waren billig und breit verfügbar, das Präparat daher weit überteuert.

Der Hersteller sah dies natürlich anders. Die Anzeigen enthielten allerdings keine belastbaren Angaben zum Produkt und seiner Zusammensetzung. Die den Bestellungen beigefügte Broschüre „Die Korpulenz ihre Ursachen, ihre Folgen und ihre naturgemäße und unschädliche Beseitigung“ enthielt jedoch Hinweise: „Es lag deshalb der Gedanke nahe, die wirksamen Bestandteile des frischen Obstes, nämlich Fruchtsäuren und Fruchtsalze, ohne die wirksamen oder direkt zweckwidrigen (Zucker, Stärke, unverdauliche Stoffe) in konzentrierter Form zu Entfettungskuren zu verwenden. Dies ist in unserem Präparat ‚Antipositin‘ geschehen, welches in der Hauptsache diese Substanz enthält“ (zit. n. Apotheker-Zeitung 20, 1905, 346). Das Präparat sollte den Stoffwechsel beschleunigen, das verlorene körperliche Gleichgewicht dadurch wieder herstellen. Dies erinnerte an einen englischen Heilmittelklassiker, das seit 1852 bekannte und seit 1868 als Markenprodukt vertriebene Eno’s Fruit Salt. Es wurde als universelles Heil- und Kräftigungsmittel angeboten, doch seit den 1890er Jahren von Nachahmern auch als Entfettungsmittel positioniert.

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Eno’s Fruit Salt als Anreger für Schlankheitspräparate: Hier Dr. Edison’s Obesity Pills and Fruit Salts (The Sun 1900, Nr. 338 v. 4. August, 4 (l.); The Arizona Republican 1896, Nr. 107 v. 22. September, 3)

Einschlägige Fruchtsäuren und Fruchtsalze konnten bei Antipositin nur in geringen Mengen nachgewiesen werden. Das lag gewiss auch an defizitären Analysetechniken, führte jedoch dazu, dass Fachleute die Existenz dieser Stoffe bezweifelten (Pharmazeutische Post 38, 1905, 223; Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 46, 1905, 194). Wichtiger aber war etwas anderes: Der aufgrund seiner markanten Werbung rasch allseits bekannte Markenartikel wurde mehrfach analysiert – und die Ergebnisse variierten ([B. Walter], Ein weiteres Wort über Dr. med. Wagners & Marliers Antipositin, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 578). Mitte 1906 enthielten die Dosen 63 g eines nun weißen Pulvers, das ähnlich wie zuvor zusammengesetzt, aber nicht identisch war (F[ranz] Zernik, Antipositin. (2. Mitteilung), Apotheker-Zeitung 21, 1906, 866-867). Kunden erhielten mit gleicher Lieferung teils Dosen mit gelbem bzw. mit weißem Pulver.

Für die Kritiker bestätigte dies den betrügerischen Charakter des Mittels, sahen darin einen bekannten Trick der Geheimmittelproduzenten (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 47, 1907, 60). Es ging eben nicht um die von den Kontrollinstanzen stets implizit angenommene gleichmäßige Zusammensetzung und Wirkung, sondern um den Absatz von teuren und ohnehin wirkungslosen Präparaten. Deutlich wird, wie zentral für diese Waren die Werbung war: Sie erst schuf ein einheitliches Gebrauchswertversprechen, überdeckte die Heterogenität des Produktes durch einen zusammenführenden Markennamen und schuf damit erst die kommerziell gewünschte Gleichartigkeit des Antipositin. Dieses Grundprinzip des Marketings war in der Parallelwelt der Chemie und Pharmazie so nicht präsent, denn deren stofflicher Reduktionismus ermöglichte klare Definitionen und Kausalbeziehungen, forderte diese aber auch ein.

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Wirksame Stoffe in konzentrierter Form – Antipositin-Anzeige 1905 (Jugend 10, 1905, 717)

Abseits der Expertendiskussion hatte Antipositin beträchtlichen, aber nicht zu quantifizierenden Erfolg. Es habe „dank der außerordentlichen Reklame, mit der es propagiert wird, in weiteren Kreisen Eingang gefunden“ (Apotheker-Zeitung 21, 1906, 866). Daran hatten auch positive ärztliche Gutachten ihren Anteil, auf die in der Werbung anschließend großspurig und verallgemeinert verwiesen wurde (O. Kuhn, Ueber neuere Arzneimittel, Spezialitäten und Geheimmittel, Medizinische Klinik 3, 1907, 1366). Ärztliche Lohnschreiber gab es in größerer Zahl. Sie lobten unabhängig von der Wirksamkeit der Präparate, riefen damit Erbitterung bei Kollegen hervor: „Einige – gutmütige – Aerzte haben sich auch hier gefunden, die Zeugnisse ausgestellt haben. Die Namen haben sind nicht gerade berühmt. Aber es sind Aerzte – hoffentlich finden sich keine weiteren, die dieses unglaubliche Treiben unterstützen“ ([Otto] Neustätter, Aerztekaperung für das Antipositin, Münchener Medizinische Wochenschrift 53, 1906, 1942). Doch wie sollten Konsumenten urteilen, wenn ein Arzt in einer führenden Fachzeitschrift schrieb: „Ich selbst habe ‚Antipositin‘ vier Wochen lang gebraucht, und zwar dreimal täglich einen gehäuften Teelöffel in Wasser gelöst, und habe dabei, ohne Diaet irgendwie innenzuhalten, drei Pfund abgenommen. Bei Enthaltsamkeit von Alkohol, welchen ich in großen Mengen zu mir nahm – durchschnittlich fünf halbe Liter Pschorr pro Tag –, wäre die Gewichtsabnahme viel größer gewesen“ (Die Heilkunde 9, 1905, 186). Vereinzelte Nachrichten über Gesundheitsschädigungen durch die Zitronensäure des Antipositins versandeten demgegenüber (S. Wahle, Was ist Korpulenz?, Münchener Medizinische Wochenschrift 52, 1905, 1518).

Bevor wir uns näher mit Werbung und Absatz befassen, sind einige Worte über die Hersteller angebracht. Der scheinbare Macher – Dr. Wagner – war Namensgeber der Firma und dürfte mit dem Präparat nicht zu tun gehabt haben. Dr. Ferdinand Wagner führte eine Privatpraxis und war einer breiteren Öffentlichkeit durch seine Zusammenarbeit mit dem kriminellen Naturheilkundler Paul Mistelski bekannt geworden. Dieser hatte seit 1898 eine florierende Praxis betrieben, doch fehlten ihm Approbation und Kompetenz (Der Herr „Direktor“!, Berliner Volks-Zeitung 1904, Nr. 519 v. 4. November, 6). Aus diesem Grunde stellte er Dr. Wagner als leitenden Arzt ein, der dafür über drei Jahre ein Gehalt von 8000 Mark erhielt, wohl „eine Scheinanstellung“ (Apotheker-Zeitung 19, 1904, 889). Mistelski wurde 1904 in einem spektakulären Prozess u.a. wegen Körperverletzung verurteilt, machte auch später noch durch kriminelles Wirken von sich reden (Berliner Börsenzeitung 1904, Nr. 520 v. 4. November, 15).

Bei der offenen Handelsgesellschaft Dr. med. Wagner & Marlier war die tarnende Funktion des Mediziners ähnlich. Die Berliner Firma begann ihren Betrieb in der Karlsbaderstr. 21 am 13. Januar 1905, doch vertreten wurde sie allein vom Kaufmann Ernst Marlier (Berliner Tageblatt 1905, Nr. 68 v. 6. Februar, 5). Schon am 16. Januar 1905 wurde das Wortzeichen Antipositin für ein kosmetisches Präparat gegen Korpulenz beantragt, am 28. April 1905 auch erteilt (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 115 v. 16. Mai, 10). Zu diesem Zeitpunkt war die Gesellschaft längst aufgelöst und Dr. Wagner ausgeschieden (Berliner Börsen-Zeitung 1905, Nr. 72 v. 11. Februar, 21; Berliner Volks-Zeitung 1905, Nr. 73 v. 12. Februar, 3). Die Firma wurde Ende 1905 in eine haftungsrechtlich günstigere GmbH umgewandelt, deren Zweck „Herstellung und Vertrieb pharmaceutisch-kosmetischer Präparate, insbesondere der Fortbetrieb des unter der Firma Dr. med. Wagner & Marlier in Berlin bestehenden Handelsgeschäftes“ war (Berliner Börsen-Zeitung 1906, Nr. 27 v. 17. Januar, 20). Der 1903 von Nürnberg nach Berlin gezogene Marlier hielt 95% des Stammkapitals von 100.000 Mark. Als Geschäftsführer setzte er den Kaufmann Gustav Fugmann ein, einen guten Bekannten aus Nürnberg. Es folgten in rascher Taktung die Kaufleute Franz Wallbrecht, Wilhelm Keßeler und Karl Baresel (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 259 v. 1. November, 13; ebd. 1907, Nr. 125 v. 27. Mai, 20; ebd. 1907, Nr. 268 v. 9. November, 8). Die mittlerweile in die Magdeburgerstr. 36 umgezogene Firma wurde im Dezember 1911 aufgelöst, doch die Liquidation zog sich hin (Ebd. 1911, Nr. 302 v. 23. Dezember, 13; ebd. 1913, Nr. 116 v. 19. Mai, 11). Gelöscht wurde die GmbH kurz nach Kriegsbeginn 1914 (Ebd. 1914, Nr. 208 v. 4. September, 10). Die Werbung für Antipositin begann Anfang Februar 1905 (Die Woche 7, 1905, Nr. 5, VII), wurde ab Mai deutlich verstärkt. Bis Mitte 1906 waren Totenschädel regelmäßige Begleiter in Zeitschriften und Tageszeitungen.

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Und täglich grüßt der Totenkopf: Zeitungswerbung mit Schädelvarianten (Badische Presse 1906, Nr. 255 v. 2. Juni, 6 (l.); Wiesbadener Tagblatt 1906, Nr. 314 v. 10. Juli, 26)

Der Absatz erfolgte über direkt belieferte Apotheken, auch der pharmazeutische Großhandel lieferte (Pharmazeutische Rundschau 38, 1905, 309). Das eigentliche Geschäft erfolgte jedoch direkt über den Versandhandel. Das Prinzip war einfach, mochte es auch der vielbeschworenen kaufmännischen Ehre widersprechen. Interessierte Konsumenten schrieben an die Firma, um die ausgelobte Gratisdose und eine belehrende Broschüre zu erhalten. Diese wurden prompt versandt, doch die Sendung erhielt zudem zwei weitere Dosen, die per Nachnahme zu bezahlen waren. Im Begleitschreiben hieß es: „Da wir annehmen, daß es Ihre Absicht ist, mit dieser angenehmen, leichten und sicheren Kur jetzt gleich Ernst zu machen (denn sie wieder aufschieben hat ja keinen Zweck, da Sie etwas Besseres bestimmt nicht finden), so haben wir uns erlaubt, zwei Originaldosen des Mittels, zu einer vierzehntätigen Kur genügend, franko an Sie abzusenden und den Betrag von 6 M per Nachnahme zu erheben. Wir bitten, die Sendung einzulösen und wissen aus Erfahrung, daß die kleine Ausgabe Sie niemals reuen wird“ (zit. n. B. Walter, Dr. med. Wagners Antipositin, eine neue ärztliche Erfindung, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 346). Diese Überrumpelungstaktik hatte fast durchweg Erfolg.

Dr. med. Wagner & Marlier warben primär über Anzeigen, doch sie versandten auch einschlägige Werbebroschüren. Neben der schon erwähnten „Die Korpulenz ihre Ursachen, ihre Folgen und ihre naturgemäße und unschädliche Beseitigung“ traten „Was hilft wirklich gegen Korpulenz“, „Dr. Kübner, Rückbildungstherapie bei Korpulenz und deren Folgezuständen nach physikalisch-diätetischen Verfahren. Eine neue Behandlungsweise der Korpulenz“, „3 Minuten Zeit“ und gewiss andere mehr ([B. Walter], Ein weiteres Wort über Dr. med. Wagners & Marliers Antipositin, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 578). Beigelegt wurden auch „Merkblätter für Korpulente“ sowie Werbeunterlagen für weitere Präparate des Versandhauses, etwa Abführ-Pastillen. Wagner & Marlier beließen es jedoch nicht allein bei Kundenwerbung, sondern verschickten auch Werbeschreiben an Multiplikatoren, insbesondere an Ärzte und Apotheker (Neustätter, 1906). Dadurch wurden teils Vertriebspartner gewonnen, die dann mittels eigener Klischeewerbung die Anstrengungen der Berliner Firma unterstützten.

Die Anzeigen für Antipositin fielen ins Auge, die Schockwirkung des Totenschädels war unstrittig. Der Wink mit der Knochenhand schuf Aufmerksamkeit, gab der Korpulenz besondere Bedeutung. Die Texte von Anzeigen und Werbeschreiben waren jedoch gewinnend und anschmiegend, umkränzten den Kunden, garnten ihn ein: „Korpulenz ist vor allem ein Schönheitsfehler. […] Korpulenz macht zweitens den Körper für Krankheiten empfänglich. […] Korpulenz vermindert endlich die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit […].“ Antipositin „ist ein ideales Mittel zur rechtzeitigen Bekämpfung der Korpulenz, soweit sie nicht, was also selten vorkommen, die Folge einer Krankheit ist. […] Antipositin ist vor allen Dingen wirksam, wie zahlreiche Gutachten von Aerzten und Anerkennungen von Leuten beweisen, die es mit glänzendem Erfolge benutzten. Antipositin erfordert keine strenge Diät und ist, im Gegensatze zu anderen Mitteln, sehr angenehm im Gebrauch und ohne schädliche oder unangenehme Nebenwirkungen.“ (Der Bazar 51, 1905, 422) Antipositin war ein Convenienceprodukt, eine vom Anbieter für den Kunden in Warenform verdichtete Dienstleistung. Darin traf es sich mit vielen Angeboten dieser Zeit, etwa den Bouillonwürfeln oder den Angeboten von Dr. Oetker. Es fehlte dem Antipositin allein die Wirksamkeit.

13_Badische Presse_1906_08_17_p3_Volksfreund_1906_12_08_Nr1287_p2_Schlankheitspraeparate_Antipositin_Wagner-Marlier_Werbung_Geheimmittel_Warnung

Lokale Kämpfe: Warnung und Intervention in Karlsruhe 1906 (Badische Presse 1906, Nr. 381 v. 17. August, 3 (l.); Volksfreund 1906, Nr. 1287 v. 8. Dezember, 2)

Fehlende Wirksamkeit, schwankende Zusammensetzung, unlauteres Geschäftsgebaren, vor allem aber „Death Marketing“ führten zu wachsender Kritik. Starke Resonanz erzielte die anderthalb Jahre nach der Markteinführung erlassene öffentliche Warnung des Obergesundheitsrates der badischen Hauptstadt Karlsruhe. Als Gründe wurde die fehlende Wirksamkeit, vor allem aber die „marktschreierische“ Reklame mit Totenschädel angeführt. Die Hersteller hielten dagegen, doch dies bewirkte nur eine weitere öffentliche Warnung. Wie die ersten Analysen so wurde auch diese amtliche Stellungnahme in der Fachpresse, aber auch in Tageszeitungen nachgedruckt (Drogisten-Zeitung 21, 1906, 428; Pharmazeutische Post 39, 1906, 553; Flörsheimer Zeitung 1906, Nr. 118 v. 6. Oktober, 18; für Auslandsmärkte: Nieuwe Vlaardingsche Courant 1906, Nr. 2993 v. 13. Oktober, 9).

Die Warnungen schränkten den Absatz nicht direkt ein, doch sie bewirkten Rückfragen zumal bei Zeitungen und Zeitschriften. So wurde eine ähnliche Warnung aus Darmstadt in der Fachzeitschrift des kurz zuvor in Hannover gegründeten Vereins deutscher Zeitungsverleger veröffentlicht (Wertloses Geheimmittel, Der Zeitungs-Verlag 7, 1906, Sp. 953). Da weiterhin massiv Anzeigen erschienen, wiederholte die Redaktion die Warnung (Schwindelhafte Anzeigen, Der Zeitungs-Verlag 7, 1906, Sp. 1064). Es ging um Gesten des guten Willens, obwohl Warnungen Anzeigen nicht einfach unterdrücken konnten. Das zeigte sich deutlich beim Konflikt zwischen dem Berliner Polizeipräsidium und der Leipziger „Illustrirten Zeitung“, der ersten und damals eine der führenden Illustrierten im deutschen Sprachraum. Während die Obrigkeit darauf drang, ihrer internen Warnung durch Ausschluss der Anzeigen für Amiral, Tonnola-Zehrkuhr und Antipositin Folge zu leisten, lehnte dies der Verlag strikt ab: „Es scheint aber bei unseren Behörden noch bei weitem nicht die nötige Würdigung der wirtschaftlichen Bedeutung der Presse vorhanden zu sein, da zur Lösung dieser hochbedeutsamen Frage immer wieder zum mangelhaften Mittel der lokalen Polizeizensur gegriffen wird; wir sehen deswegen gezwungen, den Weg der Obstruktion zu betreten und jeden einzelnen Fall gegenüber der verfügenden Behörde bis zur letzten Instanz zur Entscheidung zu bringen“ (Ankündigung von Heilmitteln in Zeitungen, Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 72, 1905, 6297). Stattdessen forderte er eine einheitliche reichsgesetzliche Regelung des Geheimmittelwesens. Das galt auch für die Standesvertretungen der Mediziner und Apotheker. Sie begrüßten entsprechende Warnungen, hielten sie aber für wirkungslos: „Ob dieser Weg der richtige ist, möchten wir schon deshalb bezweifeln, als das große Publikum von diesen behördlichen Warnungen wenig oder garnichts [sic!] erfährt“ (Apotheker-Zeitung 21, 1905, 936). Warnungen waren auch deshalb ambivalent, da sie Geheimmittelherstellern auch neue Chancen der Vermarktung boten. Die Rolle der verfolgten Wohltäter stand einigen gut. Dr. med. Wagner & Marlier schaltete als virtuelle Antwort beispielsweise Anzeigen „An die Zweifler!“. Darin wurde auf mehr als 1000 notariell beglaubigte anerkennende Zuschriften verwiesen und betont: „Wohl aber gibt es immer noch Leute, die an der Wirksamkeit von Dr. Wagners Antipositin gegen Korpulenz zweifeln. Diese sollten bedenken, dass ein unwirksames Präparat wohl angeboten werden könnte, dass es aber nicht jahrelang in steigendem Masse gerade in den intelligentesten und gebildetsten Kreisen und bei den Aerzten die Anerkennung finden würde, die Antipositin faktisch findet“ (Berliner Tageblatt 1906, Nr. 576 v. 12. November, 8). Schwarmintelligenz gegen den Obrigkeitsstaat – ein beliebig zu deutender Gegensatz.

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Antipositin als lichter Gegenpol zu anderen Entfettungsmitteln (Jugend 11, 1906, 863)

Die Warnungen hatten gleichwohl Konsequenzen. Die Firma änderte nämlich seit Mitte 1906 ihre Werbung. Der Totenschädel erschien seltener, verschwand dann gänzlich. Stattdessen setzte sie auf populärwissenschaftliche Bildelemente, wie man sie auch schon früher eingesetzt hatte. Eine gutes Beispiel und zugleich eine ansprechende Visualisierung des eigenen Gesundheitsfeldzuges bietet die obige Anzeige. Sie stellte das Ziel der Kur ins Blickfeld, benannte die vielfältigen Gesundheitsgefahren der Korpulenz, umarmte den potenziellen Kunden als Leidenden, der nur noch nicht das richtige Produkt gefunden habe, um sich zu verschlanken.

15_Die Woche_08_1906_H30_Umschlags_pIII_Schlankheitspraeparate_Antipositin_Wagner-Marlier_Geheimmittel_Totenschaedel

Der erfundene Professor Schmidt mit Totenschädel (Die Woche 8, 1906, H. 30, Umschlags. III)

Drittens aber präsentierte die Firma nun neue wissenschaftliche Autoritäten, gleichermaßen Gewährsleute und Blickfang. Sie tat dies jedoch auf die ihre eigene Weise: „Der ‚Arzt‘, der auf das Totengerippe hinweist, hat jetzt einem ‚Professor Schmidt‘ Platz gemacht, der wie früher die ‚Aerzte‘ vor den Gefahren der Korpulenz warnt“ (Neustätter, 1906, 1942). Doch all das war lediglich Imagination, wie der reale damals Dresdener, kurz darauf Hallenser Professor Adolf Schmidt (1865-1918) feststellen musste: Er nach Erscheinen der Anzeige einen Rechtsanwalt eingeschaltet und erreicht, dass die Anzeige bald verschwand: „Aus der Korrespondenz, welche mein Anwalt mit der Firma führte, ging zur Evidenz hervor, dass der Name ‚Professor Schmidt‘ einfach fingiert war, ebenso wie höchstwahrscheinlich auf die ganze Rede, welche demselben in den Mund gelegt wurde“ (Ad[olf] Schmidt, Korrespondenz, Münchener Medizinische Wochenschrift 53, 1906, 2136).

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Werbung um die katholischen Käufer 1906 (Simplicissimus 11, 1906/07, 680)

Ähnlich obskur war die Geschichte des nachfolgenden Anzeigenmotivs. Seit Anfang 1907 präsentierte man nämlich den langjährigen Leibarzt von Leo XIII. (1810-1903) und Pius X. (1835-1914), den ehrenwerten Giuseppe Lapponi (1851-1906) als Qualitätsgaranten. Dessen Name war weltweit bekannt, bewarb in den USA Dr. Williams‘ Pink Pilles oder Buffalo Lithia. Im Deutschen Reich bürgte er für Dr. Roos Flatulinpillen, das Abführmittel Purgen, das abführend wirkende Mineralwasser Apenta, 1903 bis 1904 auch für das Kräftigungsmittel Sanatogen. Es ist jedoch mehr als fraglich, ob der seit September 1906 zunehmend bettlägerige, stark abgemagerte und an Magen- und Leberkrebs leidende Lapponi zwei Wochen vor seinen Tod am 7. Dezember 1906 noch ein Gutachten für ein Entfettungsmittel namens Antipositin unterzeichnet hat (vgl. die Nekrologe in Die Zeit 1906, Nr. 1511 v. 7. Dezember, 22 und vor allem The Lancet 168, 1906, 1695-1696).

Trotz dieser Mäßigung, trotz der bedingten Abkehr vom „Death Marketing“ wurde Antipositin am 1. Oktober 1907 schließlich auf die Geheimmittelliste des Bundesrates gesetzt. Damit durfte es nicht mehr öffentlich beworben werden. Pharmazeuten und Mediziner begrüßten dies, machten Antipositin zugleich aber zu einem Paradebeispiel für die allzu sehr nachhinkende Regulierungspraxis des Bundesrates (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1392). Dieser hatte jedoch weiter ausgeholt und mit seinem Beschluss über den Verkehr mit Geheimmitteln und ähnlichen Arzneimitteln vom 27. Juni 1907 auch die Entfettungsmittel Anticelta, Corpulin, Grundmanns Entfettungstee, Fulgural und die Marienbader Reduktionspillen auf die Geheimmittelliste gesetzt (Reichs-Medizinal-Kalender für Deutschland 29, 1908 [1907], 27*-30*). Dennoch lassen sich einschlägige Antipositin-Anzeigen mit Totenschädel bis in den Spätsommer hinein nachweisen (Berliner Tageblatt 1907, Nr. 456 v. 8. September, 15).

17_Deutscher Reichsanzeiger_1907_03_19_Nr070_p18_Wagner-Marlier_Warenzeichen_Bildzeichen_Totenschaedel

Nicht genutztes Bildzeichen von Dr. med. Wagner & Marlier (Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 70 v. 19. März, 18)

Für Dr. med. Wagner & Marlier endete damit das zentrale Kapitel der Firmengeschichte, nicht aber der Betrieb selbst. Im Deutschen Reich hatte die Firma noch Ende Februar 1907 ein neues Bildzeichen erhalten, das gegen die zuvor praktizierte Mäßigung beim „Death Marketing“ stand. Es wurde am 24. August 1908 auf eine große Zahl weiterer Produkte erweitert, dafür jedoch nicht genutzt (Deutscher Reichsanzeiger 1908, Nr. 215 v. 11. September, 17).

Fasst man die Werbeaktivitäten zusammen, so wurde Antipositin von 1905 bis 1907 gleichermaßen in Tageszeitungen, Illustrierten und Satirezeitschriften beworben. Einzig die Presse der Arbeiterbewegung fehlte, einerseits wegen der anderen Nahrungssorgen vieler Arbeiter, anderseits aber aufgrund deren konsequent ablehnenden Haltung gegenüber der lukrativen Geheimmittelwerbung. Der geschäftliche Erfolg des Herrn Marlier wurde von einer durchaus kritischen bürgerlichen Publizistik ermöglicht, die sich zu nicht geringen Teilen durch die Propaganda für offenkundig unwirksame und vielfach überteuerte Produkte finanzierte.

Man könnte hier tiefer schürfen. Die Antipositin-Werbung verstärkte das gängige Bild der Dicken als zwar leidende, nicht aber tatkräftige Menschen, die sich den Qualen konsequenten Abnehmens nicht aussetzten wollten: „Viel lieber richten sie ihr Augenmerk auf die von spekulativen Köpfen auf den Markt geworfenen Entfettungsmittel, die angeblich das Fett wegnehmen, ‚ohne Berufsstörung und ohne besondere Aenderung der gewohnten Lebensweise‘ usw.“ (Eine Warnung vor Entfettungsmitteln, Die Zeit 1905, Nr. 1041 v. 19. August, 13). Ähnlich könnte man auf das vielbeschworene und verdammte Bild der eitlen, die „mütterlichen Formen“ verleugnenden Frau verweisen, das ja bis heute nachwirkt (H. Harrer, Der Geheimmittelunfug, Arbeiter-Zeitung 1925, Nr. 195 v. 18. Juli, 11). Wichtig wäre auch eine meistens vergessene Dimension des Kampfes gegen (unwirksame) Geheimmittel. Dieser geht von dem Idealbild einer fehlerlosen, nicht widersprüchlichen und einheitlichen Wissenschaft aus, das die teils tödlichen Folgen wissenschaftlichen Unwissens und Handelns negiert. Der Kampf gegen Geheimmittel war eben immer auch ein Kampf um die Hierarchisierung von Wissen und Wissenschaften. Auch der Sieg verursachte Kosten.

18_Arnhemsche Courant_1906_06_14_Nr6177_p2_Loxton's Medical Guide_1910_p137_Schlankheitspraeparate_Antipositin_Totenschaedel_Wagner-Marlier_Niederlande_Australien

Werbung in Auslandsmärkten (Arnhemsche Courant 1906, Nr. 6177 v. 14. Juni, 2 (l.); Loxton’s Medical Guide […], Sydney 1910, 137)

Antipositin verschwand ab Oktober 1907 aus der Öffentlichkeit im Deutschen Reich, wurde jedoch noch eine gewisse Zeit weiter vertrieben. Das Geschäft lief auf deutlich niedrigerer Flamme im Ausland weiter. Seit 1906 war Antipositin beispielsweise in den Niederlanden und in Russland erhältlich (Rigasche Rundschau 1906, Nr. 73 v. 29. März, 1; Düna-Zeitung 1906, Nr. 71 v. 27. März, s.p.). Auch in Großbritannien finden sich einschlägige Anzeigen (Cosmopolitanism in Quackery, Truth 1908, Nr. 1687 v. 13. Mai, 1207), ebenso in der Schweiz (Der Bund 1909, Nr. 417 v. 5. September, 7). Spätestens seit 1910 galt dies auch für Australien, dem Pazifikraum und Asien. Auch dort war der Erfolg jedoch zeitlich begrenzt, denn der Internationalisierung des Vertriebs folgte die Internationalisierung der Produktwarnungen (vgl. etwa Handelingen van moderne kwakzalvers, Maandblad uitgegeven door de Vereeniging tegen de Kwakzalverij 32, 1912, Nr. 6, 1).

Eine gewisse Ausnahme bildete das cisleithanische Österreich, denn dort wurde der Vertrieb von Antipositin schon am 17. Dezember 1905 untersagt (Das österreichische Sanitätswesen 18, 1906, 13). Allerdings gelang Marlier mit Erlass vom 12. Februar 1907 die Zulassung des Antipositins als „Fruchtsäurebrausesalz“ ohne Beschränkung auf ärztliche Verschreibung, nachdem er einen Pilsener Apotheker als Mittelsmann gewonnen hatte (Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 45, 1907, 244). Der Erfolg war begrenzt, doch dies Engagement ebnete anderen Marlierschen Produkten den Weg in den österreichischen Markt, darunter auch dem Entfettungsmittel Vitalito.

Grenzen des Rechts: Das verhaltene Vorgehen gegen Antipositin

Antipositin war ein praktisch wirkungsloses und zugleich überteuertes Präparat, dessen Verkauf auf Irreführung des Kunden und fragwürdigem Direktabsatz gründete. Das späte und durchaus halbherzige Einschreiten der Behörden war jedoch nicht böser Wille oder Bevorzugung der Besitzenden in einem bürgerlichen Rechtsstaat. Wir müssen uns vielmehr die immensen strukturellen Schwierigkeiten vor Augen führen, in einem im Grundsatz freien Marktsystem begründete Eingriffe auch gegen Widerstände vorzunehmen. Rechtliche Begriffe wie „Täuschung“, „Irreführung“, „Betrug“ und „unlauterer Wettbewerb“ waren umstritten und mussten um die Jahrhundertwende erst entwickelt, implementiert und in der rechtlichen Praxis ausdifferenziert werden. Grauzonen für „Geheimmittel“ folgten auch aus der föderalen Struktur des Deutschen Reiches. Der Gesundheitsschutz war bundesstaatlich, teils auch lokal organisiert, entsprechend unterschiedlich war die obrigkeitliche Praxis, war die Auslegung reichseinheitlicher Rahmenbedingungen. Das konnte sich, wie das Beispiel des rührigen Karlsruher Ortsgesundheitsrates unterstreicht, allerdings auch gegen einzelne Geheimmittel richten. Hinzu kam das weite Feld der Pressefreiheit, das angesichts beträchtlicher staatlicher Zensurbestrebungen in den 1890er Jahren (Umsturzvorlage und Lex Heinze) höchst sensibel war. Eine strikte Regulierung der Geheimmittelwerbung konnte die Pressefreiheit bedrohen, konnte den Behörden lenkende Zügel in die Hand geben (Gustav Schmidt, Die öffentliche Ankündigung der Arznei- und Geheimmittel und die Gesetzgebung, Hannover 1901).

Die bestehenden Missstände mündeten in breit gefächerte Forderungen nach einer reichseinheitlichen Regulierung der Geheimmittel. Hier trafen sich Ärzte und Pharmazeuten, Pressevertreter und reformbewegte Verbraucherschützer. Am 23. Mai 1903 wurde nach langen Debatten ein Bundesratsbeschluss über den Verkehr mit Geheimmitteln und ähnlichen Arzneimitteln gefasst. „Geheimmittel“ waren nun Präparate, die auf staatlich festgelegten Listen standen und für die keinerlei öffentliche Werbung gemacht werden durfte. Sie wurden damit der Obhut der Ärzte unterstellt, die sie weiterhin verschreiben konnten. Schwindelhafte und überteuerte Präparate wurden so ausgebremst. Hinzu kamen Verkehrsverbote und Verkehrsbeschränkungen. Doch all dies war an langwierige Ermittlungsverfahren gekoppelt. Bestand ein Verdacht gegen ein Mittel, so musste das Reichsgesundheitsamt ein Gutachten erstellen, musste dazu auch den Produzenten hören. Erst dann konnte der Bundesrat über Aufnahme in die Geheimmittelliste entscheiden. Der Aufwand war also beträchtlich, zumal Anfang 1906 etwa 600 potenzielle Geheimmittel vorgeschlagen waren (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 43 v. 19. Februar, 4). Nur wenige Dutzend davon kamen auf die 1907 erstmals erweiterte Geheimmittelliste. Das Verfahren mochte gründlich sein, doch in der Zwischenzeit konnten beträchtliche Gewinne realisiert werden. Das Antipositin zielte just auf diese lukrative Zwischenzeit.

Dessen Werbung und Vertrieb waren zugleich markante Argumente für eine Reform der bestehenden Regulierung, für eine reichseinheitliche Regelung. 1908 wurde ein Gesetzentwurf vorgelegt und dann kontrovers diskutiert (Otto Rapmund, Der vorläufige Entwurf eines Gesetzes betreffend die Ausübung der Heilkunde durch nicht approbierte Personen und den Geheimmittelverkehr, Zeitschrift für Medizinal-Beamte 21, 1908, 115-135; Dütschke, Vorläufiger Entwurf des Reichsgesetzes, betreffend die Ausübung der Heilkunde durch nicht approbierte Personen und den Geheimmittelverkehr, in: Offizieller Bericht über die XXV. Hauptversammlung des Preussischen Medizinalbeamten-Vereins […], Berlin 1908, 35-71 (inkl. Diskussion)). Im Reichstag fand sich 1910 jedoch keine Mehrheit, so dass die Reform unterblieb.

Es blieb bei Zwischenlösungen: Einerseits gab es leistungsfähige Kontrollinstanzen, insbesondere das vom Deutschen Apothekerverein finanziell unterstützte Pharmazeutische Institut der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Der dort seit Oktober 1904 tätige Chemiker und Pharmazeut Franz Zernik (1876-1941) untersuchte alle hier präsentierten Entfettungsmittel (Arbeiten aus dem Pharmazeutischen Institut der Universität Berlin 2, 1905, IV). Anderseits sprachen die lokalen Polizei- oder Gesundheitsbehörden Warnungen vor einzelnen Geheimitteln aus, die allerdings nur empfehlenden Charakter hatten. Der Geheimmittelmarkt blieb weiterhin lukrativ: „In der Tat, man staunt über die Riesenreklame für diese Allheilmittel und mehr noch darüber, daß die Aufsichtsbehörden sich nur auf gelegentliche öffentliche Warnungen davor beschränken“ (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 144). Die Zeche zahlten die Konsumenten, mochten sie auch willig den Verlockungen der wundersamen Präparate Glauben schenken.

Ernst Marlier – Unternehmer am Rande der Legalität

Wer war nun Ernst Marlier, der Macher des Antipositins, weiterer Entfettungsmittel und mehrerer ähnlich beworbener Geheimmittel? Da ein weiterer Artikel über dessen Personen- und Firmengeflecht folgen wird, hier nur eine kursorische Skizze (vgl. auch Michael Haupt, Das Haus der Wannsee-Konferenz, Paderborn 2009, 22-26; Ders. (Hg.), Villencolonie Alsen am Großen Wannsee, Berlin 2012, 28-30 – obwohl lücken- und fehlerhaft). Geboren in Coburg am 27. Juli 1875 als Sohn des Oberpostkommissairs und Hofbeamten Johann Philipp Marlier und seiner zweiten Ehefrau Emilie Rosalie Mathilde war Ernst Ferdinand Emil Marlier ein Nachkömmling, zumal dessen ältere Schwester Helene schon im Alter von knapp drei Jahren starb (Regierungs-Blatt für das Herzogthum Coburg 1875, 551; ebd. 1876, 20). Er wuchs in einer Aufsteigerfamilie auf, der Vater und der Halbbruder Julius (1852-1929) profitierten beide von Stipendien zum Besuch des herzoglichen Gymnasiums. Der Vater wurde nach seiner Pension Direktor des lokalen Vorschussvereins und Stadtverordnetenvertreter, während Julius als Kaufmann in Nürnberg reüssierte und dort insbesondere im Kohlenhandel und der Versicherungswirtschaft erfolgreich war. Er wurde 1897 Kommerzienrat und gehörte als nationalliberaler Stadtverordneter, Handelsrichter und vielfacher Aufsichtsrat zur bürgerlichen Elite in Franken.

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Betrügerische Geldgeschäfte: Anzeigen Ernst Marliers (Allgemeine Zeitung 1902, Nr. 281 v. 12. Oktober, 16 (l.); Wendelstein 1901, Nr. 176 v. 4. August, 4)

Ernst Marlier besuchte in Coburg ein Realgymnasium, es folgte eine kaufmännische Lehre und der Wehrdienst. 1899 zog er nach Nürnberg, kooperierte wohl mit seinem Halbbruder, setzte aber schon früh eigenständige Akzente. In weit gestreuten kleinen Anzeigen suggerierte er ab 1901 Darlehen zu günstigen Konditionen, sandte den Interessenten jedoch gegen unaufgeforderte Nachnahme nur ein teures Heft mit Banken und anderen Kreditgebern. Schon 1902 ergingen öffentliche Warnungen vor der Firma Ernst Marlier (Warnung für Darlehenssucher, Wendelstein 1902, Nr. 291 v. 21. Dezember, 2). Es folgten 1903 Prozess und Verurteilung (Geldvermittelung oder Versandgeschäft?, Allgemeine Zeitung 1903, Nr. 153 v. 4. Juni, Stadt-Anzeiger, 3). Der so wohlhabend gewordene Marlier ließ sich 1903 in Berlin nieder, gründete dort den erfolglosen Deutschen Reformverlag (Berliner Börsenzeitung 1903, Nr. 500 v. 24. Oktober, 18; Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 84 v. 9. April, 15). Es folgte am 2. April 1904 die offene Handelsgesellschaft F.J. Wallbrecht & Co., Produzent u. a. des Entfettungsmittels Slankal, über das gleich noch zu berichten sein wird (Berliner Börsen-Zeitung 1904, Nr. 514 v. 1. November, 20). Wallbrecht stammte ebenfalls aus Nürnberg, verkörperte trotz Ortswechsel kontinuierlich bestehende Geschäftsverbindungen. Es ging auch in Berlin nicht um seriöse unternehmerische Tätigkeit, sondern um die Fortsetzung unlauterer, ja betrügerischer Aktivitäten auf einem anderen Feld, dem der Geheimmittel.

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Ernst Marlier 1916 (Wikipedia.com)

Es folgten weitere Firmengründungen: Marlier jedoch trat nur bei Dr. Wagner & Marlier (Antipositin) in den Vordergrund, ansonsten war sein Name nicht präsent. Das galt für die Dr. Arthur Erhard GmbH, die anfangs das Entfettungsmittel Levathin vertrieb (vornehmlich aber Renascin), dann die Dr. med. Karl Hartmann GmbH (Antineurasthin), die Dr. med. Schröder & Co. GmbH (Visnervin) und die Professor Dr. von Ganting GmbH, die sich auf das Entfettungsmittel Vitalito konzentrierte. Titelklingende und werbewirksame Namen dienten gleichermaßen dem Absatz und der Tarnung. Mit Ausnahme von Wallbrecht hatte keiner der Namensgeber Einfluss auf das Geschäft. Marliers unternehmerische Aktivitäten waren noch breiter gefasst, doch darum kann es hier nicht gehen. Festzuhalten ist, dass der evangelisch getaufte Unternehmer sich auf nur kurze Zeit aktive Firmen spezialisierte, die mittels intensiver Reklame wertlose Geheimmittel propagierten, bis der öffentliche Druck zu groß wurde. Dieses Geschäftsmodell machte Marlier zu einem reichen Geschäftsmann, zu einem in Wirtschaftskreisen dann zunehmend geachteten Millionär. 1907 erhielt er einen Sachsen-Weimarschen Kommerzienrat-Titel und heiratete zu Jahresbeginn Margarete Josephine Luise Wünsch (1883-1952). Der Absatz von Antipositin und Antineurasthin dürfte bis dahin Nettogewinne von 800.000 Mark abgeworfen haben (Das preussische Medizinal- und Gesundheitswesen in den Jahren 1883-1908, Berlin 1908, 457). Fürwahr, Ernst Marlier war „ein recht unternehmungslustiger Herr“ (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 212), kein Verfemter. Ihm gelang ein erstaunlich glatter Aufstieg ins Großbürgertum.

Testprodukt für Antipositin: Slankal

Die breit gefächerten unternehmerischen Aktivitäten von Ernst Marlier machen es unmöglich, beim Antipositin stehen zu bleiben. Denn dieses Präparat war nichts anderes als der Wiedergänger eines anderen Entfettungsmittels, nämlich des 1904 bis 1905 öffentlich beworbenen Slankals. Pharmazeuten stellten diese Verbindung schon im Frühjahr 1905 fest: „Antipositin ist ein Entfettungsmittel, welches dem sogenannten Slankal von F.J. Wallbrecht & Co. sehr ähnlich sein soll. Es entstammt auch derselben Fabrikationsstätte“ (Pharmazeutische Praxis 4, 1905, 119). Blicken wir zuerst auf das Präparat und die dafür betriebene Werbung.

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Werbung für die Slankal-Zehrkur 1904 (Berliner Tageblatt 1904, Nr. 240 v. 5. Dezember, 8 (l.); Berliner Leben 4, 1904, n. 196)

Slankal war ein schwach rosa gefärbtes Pulver, das in einem runden, mit einem Metalldeckel verschlossenen Glas für je 2,25 M vertrieben wurde. Enthalten waren 73 Gramm, die wie die Berliner Referenzpräparate Tonnola und Graziana als Grundstoff einer sog. Zehrkur dienen sollten. Das Pulver sollte in Wasser aufgelöst und dann getrunken werden. Slankal wurde als „kosmetisches Präparat zur Körperpflege“ (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 162 v. 12. Juli, 9) beworben, erschien Korpulenz doch als Schönheitsfehler, nicht als Krankheit. Das beiliegende Prospekt betonte: „In der Zusammensetzung den Bestandteilen des frischen Obstes ähnelnd, besitzt es nicht dessen oft schädliche Nebenwirkungen, sondern nur dessen Vorzüge, und diese sind ja allgemein bekannt, so z.B. die blutreinigenden, verjüngende Wirkung einer Trauben- oder Zitronenkur. […] Die Zusammensetzung des Slankal ist derart eigenartig, daß z.B. einzelne Ingredienzien in den meisten Apotheken garnicht [sic!] vorrätig sind, und wenn, dann meist nicht in frischem Zustand“ (zit. n. F[ranz] Zernik, Slankal, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 137). Die chemische Analyse war prosaischer: „Demnach dürfte Slankal aller Wahrscheinlichkeit nach darstellen ein schwach rot gefärbtes Gemisch aus rund 30% Weinsäure, 16% Zitronensäure, 4% Weinstein, 14% Chlornatrium und 36% trockenem Natriumkarbonat“ (ebd.). Es war also ein leicht abführend wirkendes Gemisch aus billigen Grundchemikalien, weit überteuert und keinesfalls Grundlage für eine wirksame Therapie von Korpulenz. Der Hersteller bemängelte die im Pharmazeutischen Institut der Universität Berlin erstellte Analyse, insbesondere das Fehlen von Natriummalat, also einem Salz der Äpfelsäure. Doch auch eine neuerliche Untersuchung ergab nicht mehr als marginale Mengen dieses Obstbestandteils (F[ranz] Zernik, Antipositin, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 187-188, hier 188). Slankal war ein Standardgemenge, das in ähnlicher Form auch andere Anbieter offerierten, dann aber mit teils anderen Wirkversprechen verbanden (Franz Zernik, Arzneimittel, Spezialitäten und Geheimmittel, Deutsche Medizinische Wochenschrift 32, 1906, 1461). Das ähnlich zusammengesetzte Brackebuschsche Plantal sollte beispielsweise auch bei Diabetes, Gicht, Gallenstein und vielem mehr helfen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 46, 1906, 82).

Das Warenzeichen für Slankal wurde am 3. Mai 1904 beantragt und am 24. Juni 1904 als kosmetisches Präparat zur Körperpflege eingetragen (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 162 v. 12. Juli, 9). Kurz darauf begann die Reklame, die jedoch keinerlei eigene Akzente setzte, sich vielmehr an der der Konkurrenz anlehnte. Slankal war ein weiteres gleichartiges Entfettungsmittel, versprechensstark und differenzierungsschwach. Als Kosmetikum war es frei verkäuflich (Medicinische Woche 3, 1907, 32).

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Sortimentserweiterung und moderate Internationalisierung: Slankal-Werbung (Die Woche 6, 1904, H. 20, VII (l.); Czernowitzer Allgemeine Zeitung 1904, Nr. 2209 v. 5. Juni, 7)

Die Anlehnung an die Wettbewerber zeigt sich auch an einem weiteren Präparat des Anbieters: Ähnlich wie Steiner oder Reichel warb die Firma zudem für ein „Kraftpulver“ namens FIB, das garantiert unschädlich schöne üppige Körperformen hervorrufen sollte. Die Zusammensetzung war und blieb unbekannt, auch weil es rasch wieder vom Markt verschwand (Pharmazeutische Post 37, 1904, 420-421). Daneben weitete Wallbrecht & Co. schon den Absatzmarkt: Kurzfristig wurde es auch in der Habsburger Monarchie angeboten. Slankal war demnach eine Art Testlauf, von dessen Erfahrungen die deutlich andere Werbe- und Vertriebsstruktur des Antipositins profitierte. Öffentliche Warnungen vor den Präparaten scheint es nicht gegeben zu haben.

Hersteller des Slankal war die offene Handelsgesellschaft F.J. Wallbrecht & Co., ihrerseits eine Partnerschaft zwischen den Berliner Kaufleuten Franz Wallbrecht und Ernst Marlier. Letzterer war allein vertretungsberechtigt. Der Geschäftsbetrieb begann am 2. April 1904 (Berliner Börsen-Zeitung 1904, Nr. 514 v. 1. November, 20; Berliner Tageblatt 1904, Nr. 558 v. 1. November, 5). Dieser währte allerdings nicht lang, denn die in der Karlsbader Straße 21 ansässige Gesellschaft wurde schon im Dezember 1904 aufgelöst (Berliner Volks-Zeitung 1904, Nr. 580 v. 10. Dezember, 3; Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 293 v. 13. Dezember, 15). An ihre Stelle trat Anfang 1905 die neu gegründete Firma Dr. med. Wagner & Marlier, die ein recht ähnliches Gemenge mit gänzlich anderer Werbung als Antipositin vertrieb.

F.J. Wallbrecht & Co. erlaubte eine Art Testbetrieb, um in einem unbekannten Marktumfeld Tritt fassen zu können. Marlier hatte für das Alltagsgeschäft einen Fachmann gewonnen, den 1874 im sächsischen Roßwein als Sohn des später in Leipzig lebenden Kaufmannes Karl Wallbrecht und seiner Frau Johanne, geb. Krüger, geborenen Drogisten Johann Franz Wallbrecht. Dieser heiratete am 18. März 1899 in Nürnberg Anna Schreiber (1876-1955) (Stadtarchiv Nürnberg, Personenstandsregister, Geburtsregister, C 27/IV Nr. 24, Nr. 3692). Das Ehepaar Wallbrecht lebte in Steglitz, zuerst in der Albrechtstraße 99, ab 1914 dann in der Moltkestraße 3 (Adreßbuch für Steglitz, Südende und Dahlem 28, 1908, T. 1, 163; ebd., 33, 1914, 336). Auch nach der Auflösung der offenen Handelsgesellschaft blieb Wallbrecht mit Ernst Marlier eng verbunden. Von November 1906 bis Mai 1907 fungierte er als Geschäftsführer von Wagner & Marlier (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 259 v. 1. November, 13; ebd. 1907, Nr. 125 v. 27. Mai, 20), anschließend als Geschäftsführer der kurz darauf gegründeten Dr. med. Karl Hartmann GmbH (Berliner Adressbuch 1907, T. 1, 808). Er starb am 4. April 1918 zuhause „infolge Krankheit“ (Verlust-Liste Nr. 1873 v. 30. April 1918) als Beamtenstellvertreter im Ersatzbataillon des 2. Garde Regiments zu Fuß (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister, Sterberegister, Nr. 1638).

Kurzfristiger Wiedergänger: Levathin

Antipositin hatte jedoch nicht nur einen Vorgänger, sondern auch einen unmittelbaren Nachfolger. Als Antipositin auf die Liste der Geheimmittel gesetzt wurde, präsentierte Ernst Marlier das Entfettungsmittel Levathin: „Kaum ist die neue Verordnung über den Verkehr mit Geheimmitteln in Kraft getreten als auch eine Anzahl ganz neuer Mittel, die nach dem Wortlaut der Verordnung von ihr nicht betroffen werden, auf dem Plane erschienen ist“ (Apotheker-Zeitung 22, 1907, 887). Das Produkt wechselte, das Geschäft ging auf niedrigerem Niveau weiter, die Regulierung wurde so teilweise ausgehebelt.

Das neue alte Entfettungsmittel wurde von der Berliner Dr. Arthur Erhard GmbH vertrieben. Levathin wurde öffentlich beworben, „aufdringlich“ nach Ansicht vieler Ärzte und Pharmazeuten. Das Gemenge war zu Tabletten gepresst worden, 72 davon befanden sich in jeder der viereckigen Schachteln. Das Präparat war dank einer zugemengten Teerfarbe hellgelb, 10 bis 15 Stück a 0,315 Gramm sollten pro Tag genommen werden (Arbeiten aus dem Pharmazeutischen Institut der Universität Berlin 7, 1908, 105). Die Gebrauchsanweisung empfahl möglichst wenig zu trinken. Anders als Antipositin war das säuerlich schmeckende Levathin in Wasser nicht einfach aufzulösen, doch konnten die Tabletten einfach geschluckt werden (F[ranz] Zernik, Levathin, Apotheker-Zeitung 22, 1907, 1042-1043, hier 1042). Zusammengesetzt war es aus 75% Weinstein, 15% Kaliumnatriumtartrat und 10% Saccharose (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 15, 1908, 766). Abermals waren geringe Mengen von Aepfelsäurederivaten enthalten (Pharmazeutische Praxis 8, 1909, 62). Drei Schachteln kosten 5,75 M, die bei Bestellung einer kostenlosen Probeschachtel unaufgefordert per Nachnahme mitgesandt wurden (Süddeutsche Apotheken-Zeitung 47, 1907, 840). Analysen und Einschätzungen lagen nur wenige Monate nach der Markteinführung vor, wurden über die üblichen fachwissenschaftlichen Kanäle verbreitet (Pharmazeutische Praxis 6, 1907, 506-507; Therapeutische Rundschau 2, 1908, 71; Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 49, 1908, 105; Pharmazeutische Post 41, 1908, 748).

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Einladung zum Schneeballsystem: Werbeschreiben für Levathin (Apotheker-Zeitung 22, 1907, 888)

Die beigefügten Werbeschreiben verwiesen erstmals auch auf die helfende Wirkung reduzierter Fett- und Kohlehydratzufuhr, reichliche Bewegung konnte den Erfolg der Entfettungskur beschleunigen. Grundsätzlich aber könne das Körperfett auch allein vom Präparat getilgt werden. Interessenten erhielten neuerlich eine Werbebroschüre ‚Im Kampf gegen Korpulenz, Fettleibigkeit, Häßlichkeit‘, die aus Werbetexten und Empfehlungsschreiben bestand. Neu war allerdings das Angebot eines Schneeballsystems: Wer drei Bekannte zum Bestellen des Präparates bewegen könne, würde am Ende kostenlos weitere Schachteln enthalten. Das ist verwunderlich, war dieses Vertriebssystem doch grundsätzlich strafbar, nachdem das Reichsgericht die sog. Gella- und Hydrasysteme 1901 zu Glücksspielen erklärt und damit illegal gemacht hatte.

Hinter der im Juni 1907 gegründeten Dr. Arthur Erhard GmbH stand abermals Ernst Marlier, der auch das Stammkapital von 20.000 M eingebracht hatte (Deutscher Reichsanzeiger1907, Nr. 268 v. 9. November, 8). Als Geschäftsführer berief er den Steglitzer Kaufmann Karl Baresel, der diese Position im November auch bei Dr. med. Wagner & Marlier einnahm (Berliner Tageblatt 1907, Nr. 306 v. 19. Juni, 11; Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 268 v. 9. November, 8). Levathin war jedoch nur ein Ergänzungsgeschäft, denn der Fokus der Dr. Arthur Erhard GmbH lag auf dem Absatz des massiv beworbenen „Nerventonikums“ Visnervin.

Beide Präparate trafen rasch auf öffentlichen Widerstand: Am 20. Februar 1908 warnte das Berliner Polizeipräsidium Berlin vor dem übermäßig teuren Mittel, denen „die von der Firma zugeschriebenen Wirkungen keineswegs“ innewohnten (Berliner Tageblatt 1908, Nr. 285 v. 6. Juni, 17). Kaum variierte Warnungen wurden auch in vielen anderen Regionen Preußens erlassen (Namslauer Kreisblatt 1908, Nr. 15 v. 9. April, 220; Altonaer Nachrichten 1908, Nr. 152 v. 30. März, 6; Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Düsseldorf 1908, 184). Während die Visnervin-Werbung im Deutschen Reich leicht zurückgefahren wurde, um das Präparat dann global zu vermarkten, wurde Levathin seither öffentlich nicht mehr angepriesen, eventuell gar ganz aufgegeben. Ohne wirkungsvolles „Death Marketing“ bzw. große wirkungsvolle Anzeigen gingen die Erträge offenbar zurück. Die Berliner GmbH wurde schließlich im März 1913 aufgelöst, auch wenn sich die Liquidation noch länger hinzog (Berliner Börsenzeitung 1913, Nr. 136 v. 22. März, 15). Der namensgebende Dr. Arthur Erhard war übrigens fachfremd, war ein nicht näher bezeichneter „Schriftsteller unbekannten Aufenthaltes“ (Brixener Chronik 1913, Nr. 80 v. 8. Juli, 5), der lange Zeit in Charlottenburg gelebt hatte, ohne aber größere Spuren zu hinterlassen (Deutscher Reichsanzeiger 1887, Nr. 111 v. 13. Mai, 14).

Wandlungen im Markt für Schlankheitspräparate

Die relativ geringe Bedeutung von Levathin spiegelt die offenkundig abnehmende Attraktivität von Schlankheitspräparaten im Deutschen Reich. Diese resultierte sowohl aus dem Vorgehen der Behörden 1907 und 1908, als auch den Erfahrungen vieler Käufer mit den Angeboten Ernst Marliers. Nationale Kreise kritisierten seine Werbematerialien, stellten zugleich den Kampf gegen die zu vielen Pfunde als modischen Unsinn dar, der vor allem der Putzsucht der Frauen Vorschub leiste (Stanislaus Swierczewski, Wider Schmutz und Schwindel im Inseratenwesen, 3. erw. Aufl., Leipzig 1907, insb. 51).

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Drall versus Vital: Ein Kalkül für die potenziellen Käufer (Fliegende Blätter 124, 1906, Nr. 3167, Beibl. 6, 7)

Auch die Art der Werbung änderte sich. „Death Marketing“ mochte wirken, doch der Einsatz von Angst- und Schockelementen erregte auch Widerstand. Subtilere Werbung schien also angebracht, ebenso kleinere und geringer ausgestattete Anzeigen. Da die behördlichen Maßnahmen im Einklang mit der damaligen bürgerlichen Reklamekritik just an deren Lärm und Maßlosigkeit Anstoß nahmen, ging man zu gediegeneren Formen über. Es waren vor allem ausländische Anbieter, die weiterhin auf teils groteske Bilder potenziell gefährdeter Dicker setzten. Beim Dr. Dalloffschen Entfettungstee wurde die Vorher-Nachher-Reklame denn auch als recht aufdringlich kritisiert, doch wirklichen Anstoß nahm man an dessen exorbitantem Preis (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 45, 1905, 199; O. Kuhn, Ueber neuere Arzneimittel, Spezialitäten und Geheimmittel, Medizinische Klinik 3, 1907, 1366-1367, hier 1366). Größere Anzeigen deutscher Anbieter blieben Ausnahmen – etwa bei der Markteinführung von Fulgural, einem leicht abführend wirkenden trüb-bräunlichen Kräutersud des Braunschweiger Duos Dr. Steiner und Apotheker Schulze, der 1907 prompt auf der Geheimmittelliste landete (Pharmazeutische Praxis 5, 1906, 521; Simplicissimus 11, 1906/07, 407). Generell nahm die Bedeutung von salinen Abführmitteln wieder zu: Das galt vor allem für Reaktol, dem einzigen Präparat, das Marliers „Death Marketing“ ansatzweise aufgriff. Finanziert vom Berliner Optiker und Unternehmer Carl Ruhnke (1874-1922) war dessen Produktions- und Vertriebsgesellschaft weniger als ein Jahr aktiv. In Österreich lief der Absatz länger, mehr als zwei Jahre, endete nach behördlichen Warnungen dann 1914 (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 190 v. 13. August, 7; Therapeutische Monatshefte 30, 1916, 315; Österreichische Zeitschrift für Verwaltung 47, 1914, 91).

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Eine dezentere Neuauflage bekannter Konzepte: Reaktol-Anzeigen (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 13. Februar, 7 (l.); Illustrierte Kronen-Zeitung 1914, Nr. 5356 v. 29. November, 14)

Der Markt für Schlankheitspräparate pendelte sich nach dem Exzess von Antipositin demnach wieder ein in die Nähe der gediegenen Betriebsamkeit kurz nach der Jahrhundertwende. D. Franz Steiner und Otto Reichel offerierten ihre leicht variierten Präparate weiterhin regelmäßig mittels kleiner Textanzeigen, neue Präparate schlossen sich hieran an. Ein einschlägiges, allerdings höchst lückenhaftes Dissertatiönchen listete kurz vor dem Ersten Weltkrieg die wichtigsten auf: Das Fettsuchtmittel von Joseph Heusler (Baden-Baden), das von Joseph Klimek (Eggenberg) vertriebene Gracilen, die Kaiserpillen, den von Gustav Laarmann (Herford) vertriebenen Entfettungstee Reduzin, ferner Julius Hensels Nervensalz (Zürich) und Warner’s Safe Cure (Frankfurt/M.). Damit nicht genug, denn der Reigen der Entfettungsmittel umgriff auch Dr. Bergmanns Kautabletten, Frau Bocks Cedera, die Entfettungstabletten von Dr. Hoffbauer (Berlin) und das „vegetabilische“ Naida von H. Wagner (Köln) (Michel Skulsky, Spezialitäten und Geheimmittel gegen die Fettsucht, Med. Diss. Berlin 1912, 17-19; für 1914 vgl. Spezialitäten, Nährpräparate, Geheimmittel, Therapeutische Monatshefte 28, 1914, passim, insb. 77 und 153). Einige davon wurden auch noch in den 1920er Jahren angeboten.

Damals kippte der Markt der Schlankheitspräparate, machte nun seinem Begriff alle Ehre. Stand vor dem Ersten Weltkrieg der Kampf gegen die Korpulenz (und damit gegen den drohenden Tod) im Vordergrund, so zielten die Anbieter nach Ende der Hyperinflation vorrangig auf ein positives Ziel, auf Schlankheit. An die Stelle der Vorher-Nachher-Bilder oder gar des Schocks des Totenschädels traten nun sportliche und schlanke Körper, vielfach in Sport- oder Strandbekleidung, zunehmend auch unbekleidet (etwa für Leichners Schlankheitsbad oder Waldheims Entfettungstee). Schlankheitspräparate standen nun für Gesundheit, konzentrierten sich nicht länger auf Korpulenz als Gesundheitsgefahr. Nun lockte die schönere Körperhülle, nicht mehr die physiologische Funktion des Körpers.

Einstellung des Vertriebs im Deutschen Reich – kontinuierliche Irreführung im Ausland: Vitalito

Ernst Marlier stellte die Werbung für seine Entfettungsmittel im Deutschen Reich 1908 erzwungenermaßen ein. Die Präparate waren zwar grundsätzlich weiter erhältlich, mussten dann jedoch ärztlich verschrieben werden. Das rechnete sich kaum – zumal Marlier längst dazu übergegangen war, andere Geheimmittel mit emotionalisierenden Anzeigen erfolgreich zu vermarkten. Doch eine Nuance seines unternehmerischen Waltens muss hier noch ausgelotet werden: Mit Vitalito präsentierte er nämlich seit Anfang 1911 ein viertes Schlankheitspräparat, dieses Mal aber nicht im Deutschen Reich, sondern in Österreich-Ungarn.

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Neuer Name, neuer Profit: Warenzeichenerteilung von Vitalito 1908 (Deutscher Reichsanzeiger 1908, Nr. 81 v. 3. April, 16)

„Vitalito“ wurde am 26. Juni 1907 von der Dr. Arthur Erhard GmbH als Wortzeichen beantragt, die Eintragung erfolgte am 19. März 1908. Es ist unklar, für welche Art von Präparat es genutzt werden sollte. Die Gesellschaft konzentrierte sich jedenfalls auf den Absatz des „Nerventonikums“ Visnervin – erst im Deutschen Reich, dann auch global. Parallel begann man deren Wortzeichen auf eine weitere Tarnfirma übertragen, nämlich die 1909 in Berlin gegründete Professor Dr. von Ganting GmbH. Sie warb Ende des gleichen Jahres für Kosmetikessenzen, mit denen man – so das Versprechen – Parfüm, Haarwasser und viele andere Dinge selbst herstellen konnte (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 574 v. 11. November, 20). Einer der Zulieferer berichtete: „Ganting hat nichts getan als den Namen gegeben, vielleicht auch die Reklame besorgt, und soll die G.m.b.H. ganz gut verdient haben“ (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 144).

Kurz danach änderte Ernst Marlier den Zuschnitt der Gesellschaft: Ende 1911 begann sie in Österreich-Ungarn mit dem Vertrieb des Vitalito, nachdem Marlier zuvor in Wien mittels lokaler Gewährsleute eine Apotheke als Vertriebszentrale gepachtet hatte (Marliersche Unternehmungen, Apotheker-Zeitung 29, 1914, 66). Seine kriminelle Energie zeigte sich schon in der Wahl des namengebenden Geschäftspartners. Ludwig von Ganting (1851-1928) war eine schillernde bürgerliche Figur und ein notorischer Verbrecher. Er hatte anfangs eine bürgerliche Universitätskarriere eingeschlagen, promovierte, arbeitete 1876 bis 1882 als Privatdozent für Musikwissenschaften an der Universität Bern. Eine Professur erhielt er jedoch nicht, nahm enttäuscht seinen Abschied, ließ dabei das Universitätssiegel mitgehen, schlug sich dann unter anderem mit einem schwunghaften Handel von Doktordiplomen durch. Schweigen wir von der wechselhaften, durch verschiedene Haftstrafen in mehreren europäischen Ländern unterbrochenen Betrügerkarriere (vgl. Ein Entgleister aus dem Bürgertum, Salzburger Wacht 1914, Nr. 50 v. 3. März, 5). Er dürfte für die Namensgabe eine angemessene Summe erhalten haben – mochte der Professorentitel auch nicht mehr als erfundener Zierrat einer neuerlichen Warenimagination im breiten Felde der Entfettungsmittel gewesen sein. Zeitgenossen witzelten über den reimenden Klang seines Namens: Ganting? Banting! (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 354) Doch angesichts des anfänglich ganz anders gelagerten Geschäftes war diese Referenz an den Pionier der Schlankheitsdiäten wohl eher zufällig. Dass in der ach so wachen bürgerlichen Öffentlichkeit sich jedoch niemand an die zahlreichen Verfehlungen des adretten Lebemanns erinnerte, deutet wohl eher auf deren weit verbreitete Amnesie im Umgang mit Wirtschaftskriminalität (Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann, Shady business: On the history of white-collar crime, Business History 60, 2018, 289-304).

Das „famose“ (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 617) Vitalito reihte sich unmittelbar in die bisherige Produktpalette des Hauses Marlier ein. Dieses Mal wurde das Gemenge in Form linsenförmigen Tabletten von je 0,5 Gramm angeboten. Eine Schachtel enthielt 70 Tabletten und kostete 3 Mark (Zentralblatt der gesamten Arzneimittelkunde 2, 1913-14, 22). Offenbar hatte man an einem besseren Geschmack gearbeitet, den die eigentlichen Pillen waren mit einer Masse aus Zucker und Weizenstärke überzogen und dann mit ätherischen Ölen aromatisiert worden (Pharmazeutische Post 46, 1913, 718). Das vermeintlich wirkende Innere bestand aus Süßholzpulver sowie pflanzlichen Extrakten aus Blasentang und Faulbaumrinden – und abermals Fruchtsäurederivaten (Pharmazeutische Zeitung 57, 1912, 444). Obwohl damit die Leitnuance aller Marlierschen Mittel wieder auftauchte, hatte man die salinen Bestandteile durch Pflanzenextrakte ersetzt. Vitalito enthielt „keine schädlichen Mittel“ (Pharmazeutische Post 45, 1912, 198), doch fehlten zugleich wirksame Inhaltsstoffe zur Bekämpfung von Korpulenz. Die neue Komposition setzte jedoch auch auf Altbewährtes, denn die Werbebroschüren lagen zuvor den Levathin-Päckchen bei (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 354).

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Abkehr von Werbung mit Bildern – Vitalito-Anzeige 1911 (Das Blatt gehört der Hausfrau 22, 1910/11, H. 10, XVI)

Die Werbung für Vitalito beschritt allerdings völlig neue Wege – nicht zuletzt aus Rücksicht auf die anders gelagerte Rechtslage in Cisleithanien. Marlier verzichtete auf Bilder, setzte nicht auf „Death Marketing“, sondern erzählte stattdessen kleine nette Werbegeschichten. Das Grundmotiv war das Leid und die Mühsal der Korpulenten. „Im Paradies der Dicken“ (Prager Abendblatt 1911, Nr. 242 v. 24. 10., 5) wurde des jährlichen Kuraufenthaltes der Übergewichtigen in Marienbad gedacht, „die armen Reichen“ bedauert: „Alles streng geregelt wie in einem wirklichen Gefängnis!“ Die Erlösung, Sie ahnen es, war jedoch nahe: „Professor Dr. von Ganting hat sie mit dem von ihm erfundenen ‚Vitalito‘ in dankenswerter Weise gebracht, denn ‚Vitalito‘ beseitigt die Wurzel und Folgen der Korpulenz, die Ueberfettung der inneren Organe, verbessert die Zusammensetzung des Blutes und ist, während sonst alle bekannten Entfettungskuren umständlich, unbequem und angreifend sind, einfach und zweckmäßig. ‚Vitalito‘ besteht aus Fruchtsäuren, Kräuter-Extrakten und Fruchtsalzen, wie sie teilweise auch im frischen Obst und Gemüse enthalten sind.“ Derart erklang es im Westen, Osten und Norden der Habsburger Monarchie: Ein tolles Produkt, absolut unschädlich, von dauernder Wirkung, regenerierend, kein Zwang zu Hunger- und Diätkuren oder gar Sport. Vitalito führe nicht zu Runzeln oder Falten, habe einen angenehmen Geschmack, sei unauffällig anwendbar und „sehr billig“. Probe und Broschüre wie immer kostenlos (Cerznowitzer Allgemeine Zeitung 1912, Nr. 2410 v. 4. Februar, 2; Das Blatt der Hausfrau 23, 1911/12, H. 24, VIII).

Ähnlich die schöne Geschichte „Vereine von Korpulenten“ (Illustrierte Kronen-Zeitung 1911, Nr. 3999 v. 16. Februar, 9): Übermäßiges Fett sei „eine ständige Gefahr für Leben und Gesundheit“ als „Hindernis des vollen Lebensgenusses“. Der Stoffwechsel des Korpulenten sei gestört, auch wenn der Körper permanent arbeite. Dagegen helfen aber nicht Bewegung, Diät oder abführende Mineralwässer: „Es kommt ganz allein darauf an, den mangelhaften Stoffwechsel so zu verbessern, daß die Nährstoffe nicht mehr als Fett angestaut, sondern in Energie, d.h. in Muskelkraft und Körperwärme, umgebildet werden. Das kann einzig und allein dadurch geschehen, daß das Blut befähigt wird, die Nährstoffe zugleich mit dem nötigen Sauerstoffe den einzelnen Organen zuzuführen. Diese Fähigkeit hat das Blut aber nur in einer bestimmten chemischen Zusammensetzung und man hat längst beobachtet, daß reichlicher Genuß frischen Obstes infolge der darin enthaltenen Fruchtsalze und Fruchtsäuren die chemische Zusammensetzung des Blutes günstig beeinflußt.“ Obst hilft also, doch die erforderlichen Mengen kann der Magen nicht aushalten. Doch es gibt ja Vitalito, welch Glück.

Auch „Vorsicht bei Entfettungskuren!“ (Elisabeth-Blatt 8, 1913, 24) warb für das Entfettungsmittel. Darin wurde vor Abführmitteln und Brunnenkuren gewarnt, ebenso vor Hormonpräparaten. Bewegung könne helfen, doch das Herz vieler Korpulenter sei schon so angegriffen, „daß jede größere körperliche Anstrengung lebensgefährlich werden kann.“ Doch es gibt – ja! – Vitalito!! Nur keine Verzögerung beim rettenden Kauf, denn jede ungenutzte Woche bedeute „eine Verkürzung des Lebens um mehrere Tage“ (Freie Stimmen 1912, Nr. 175 v. 10. November, 6; Illustrierte Kronen-Zeitung 1912, Nr. 4412 v. 14. April, 10; Wiener Landwirtschaftliche Zeitung 62, 1912, 1047). Analoge Geschichten finden sich auch in tschechischer Sprache (Télnatost kráti zîvot, Cech 1911, Nr. 315 v. 15. November, 6).

Die Vitalito-Werbung führte mit alldem Kernelemente des „Death-Marketing“ fort, doch sie vermied das anstößige, herausfordernde der Antipositin-Werbung. Der Tod war allgegenwärtig, aber nicht mehr sichtbar. Das war eine Reaktion auf die österreichische Rechtslage, erlaubte jedoch auch neue Formen der redaktionellen Reklame. Die Anzeigen fanden sich nämlich kaum im gesonderten Anzeigenteil, sondern meist inmitten des redaktionellen Textes. Nicht immer waren sie als kommerzieller Beitrag gekennzeichnet, mit „Eingesandt“ oder Ähnlichem. In einzelnen Zeitungen waren die Werbegeschichten in gleicher Schriftart in den üblichen Satz eingebunden (so etwa Oesterreichische Land-Zeitung 1912, Nr. 46 v. 16. November, 10). Wer derartiges sieht kann den Grimm von Karl Kraus (1874-1936) verstehen: „Wir bringen, dringen, schlingen / uns in das Leben ein. / Wo wir den Wert bezwingen, / erschaffen wir den Schein.“ (Lied von der Presse, in: Ders., Worte in Versen, Frankfurt a.M. 1973, 57). Vitalito wurde vornehmlich in bürgerlichen Zeitungen und Zeitschriften beworben. Doch zugleich findet man erste Anzeigen im Arbeitermilieu (Arbeiterwille 1912, Nr. 303 v. 3. November, 12). Auch starke Arme können verfetten…

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Gesundheitsgefahr Korpulenz – Vitalito-Werbung 1912 (Illustrierte Kronen-Zeitung 1912, Nr. 4436 v. 8. Mai , 10)

Vitalito wurde mit Erlass vom 21. Juni 1911 unter dem Vorbehalt weiter gestattet, dass „jede marktschreierische Ankündigung der Präparate, sowie das Beilegen von Druckschriften marktschreierischen Inhaltes das Vertriebsverbot zur Folge haben würde“(Pharmazeutische Presse 18, 1913, 162). Die Wirkungslosigkeit des Präparates hatte zu Nachfragen geführt, war aber kein Gegenargument, denn formal entsprach das Vorgehen dem geltenden Recht. Sarkastische Kommentare folgten: „Jetzt präsidiert der famose Professor Dr. v. G. für das neueste Marliersche Weltwunder, und die Dicken beiderlei Geschlechts werden natürlich kräftig darauf reinfallen. Es wird immer über den Apotheker als Kurpfuscher geschimpft, dem Marlier kann niemand etwas anhaben, er lacht über Aerzte und Regierung und bringt sein Schäfchen ins Trockene“ (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 144). Und doch wurde Vitalito 1913 mit einem Vertriebsbann belegt (Erlaß des k. k. Ministeriums des Innern vom 9. April 1913, Z. 7411/S ex 1912, Drogisten-Zeitung 28, 1913, 239). In Wien konfiszierten Magistratsbeamte in der Marlierschen Mariahilf-Apotheke Tabletten und Werbebroschüren (Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 51, 1913, 620).

All dies war weniger die Folge überbürdender Reklame für Vitalito, sondern Resultat der deutlich anderen Vermarktung der Marlierschen Präparate Visnervin und Renascin. Doch nach einem Einspruch schwenkte das Innenministerium um, so dass Vitalito & Co. wieder vertrieben werden konnten, falls „jede Ankündigung und Anpreisung der genannten Präparate als Mittel gegen bestimmte Krankheiten, sowie das Beilegen von Druckschriften marktschreierischen Inhalten unterlassen wird.“ Probesendungen wurden untersagt, der Vertrieb vorrangig durch Apotheken gefördert (Erlaß des k. k. Ministeriums des Innern vom 7. November 1913, Z. 5909/S, Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 51, 1913, 663). Doch dies war nur ein Aufschub. Im April 1914 wurde der Vertrieb von Renascin und Visnervin neuerlich untersagt, Vitalito folgte nach Beginn des Weltkrieges (Apotheker-Zeitung 29, 1914, 439). Naseweis hieß es in einer Jugendzeitschrift: „Der Verkauf des Vitalito verboten, recht so! Machen Sie mehr Bewegung bis zur leichten Ermüdung und essen sie abends recht wenig; also hungrig ins Bett. Nach einigen Wochen kann schöner Erfolg da sein ohne Medikamente“ (Illustrierte Mädchen-Zeitung 1915, Nr. 3, II).

Was bringt die Analyse von Nischenmärkten?

Über Antipositin, über Slankal, Levathin, Vitalito, über all die anderen Entfettungsmittel der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mag man lächeln. Ein rationaler, naturwissenschaftlich geschulter Mensch wird darauf verweisen, dass Gewichtsreduktion nur durch weniger resp. anderem Essen sowie vor allem durch vermehrte Bewegung resp. einem anderen Lebenszuschnitt möglich ist (es sei denn, es handelt sich um klare Krankheitsfälle). Und er wird den vermeintlichen Schabernack derartiger Geheimmittel nur als Ausdruck der Dummheit unaufgeklärter Menschen verstehen: Mundus vult decipi. Gleichwohl besteht dieser Markt bis heute, mag er auch weitaus stärker von medizinischen Dienstleistungen und kostenträchtigen Kuren geprägt sein. Unsere Welt gibt sich rational, ist es aber nicht. Die Analyse des historischen Komplexes Antipositin hält uns also einen Spiegel vor, verweist auf Alltagsleben, das abseits rationaler Ratschläge verläuft. Dieses gilt es auch wissenschaftlich ernst zu nehmen – und hier kann man von den Anbietern durchaus lernen.

Unternehmenshistoriker untersuchen heutzutage fast durchweg erfolgreiche Unternehmen mit zumeist nützlichen Produkten. Die Geschichte des Antipositin und der Marlierschen Schlankheitspräparate zeigt dagegen ein deutlich anderes Bild von Wirtschaft und Wettbewerb, eines der Irreführung und des Betruges, eines des raschen Geldes und der Doppelbödigkeit der gutbürgerlichen Gesellschaft. Die Analyse des historischen Komplexes Antipositin fängt damit historisches Geschehen abseits der gängig präsentierten Rekonstruktionen unternehmerischen Handelns ein, deren ideologischer Gehalt offenkundig ist. Es liefert damit Argumente und „Fakten“ für eine präziser nachfassende und nicht gar zu einseitige historische Analyse „der“ Wirtschaft.

Angesichts der offenkundigen Wertlosigkeit der Marlierschen Entfettungsprodukte lenkt die Analyse unseren Blick gezielt auf die Imagination der Warenwelt und deren Versprechen. Der historische Komplex Antipositin verweist auf Enttäuschungen als Grunderfahrung der Konsumenten. Er verweist auf deren objektiv geringe Lernfähigkeit, zugleich aber auf eine scheinbar unerschütterliche Bereitschaft zum Systemvertrauen. Deutlich wird die Stärke des Gebrauchswertversprechens, hinterfragbar das Bild des mündigen Verbrauchers, vielleicht gar das des mündigen Menschen. Der Ruf nach Ordnung erklang nicht nur im Kampf gegen Korpulenz, sondern auch im Ringen um Wahrheit und Klarheit in den Konsumgütermärkten. Berufsständische und staatliche Eingriffe und Verbote schienen unabdingbar, Marktwirtschaft zwingend defizitär. Auch hier stand der Wunsch Pate, zeigte sich die beschränkte Wirkung wissenschaftlicher Ordnungsangebote und der durch Recht ummantelten Pranke des Staates. Die behandelten Schlankheitspräparate stehen zugleich für die Monotonie der Warenwelt: Ähnliche Produkte erschienen unter anderem Namen, in unterschiedlicher Aufmachung, vereint allein in ihrem fehlenden Gebrauchswert.

Die Analyse lenkt den Blick auch auf häufig unterschätzte und gemeinhin isoliert untersuchte Mittlerinstanzen. Die Presse, gefeiert als wichtiges Korrektiv der bürgerlichen Öffentlichkeit, blieb konturlos, unterstützte willig betrügerische Marktpraktiken. Wissenschaftler produzierten präzise Analysen, verdeutlichten die in den Produkten materialisierte Irreführung. Doch zugleich verblieben sie fast durchgängig auf einer vermeintlich neutralen Position abseits des Marktgeschehens. Bewertungen erfolgten auf Grundlage tradierter Kategorien von Standesehre und Lauterkeit. Dass auch das Antipositin Ergebnis einer zeittypischen Wissenschaftsgläubigkeit war, dass dessen Produktion und Vermarktung ohne wissenschaftliche Expertise nicht möglich gewesen wären, wurde kaum thematisiert.

Der historische Komplex Antipositin wurde bewusst als Folge wissenschaftlichen Wissens und unternehmerischen Strategien rekonstruiert. Der Grund hierfür liegt in der relativen Harmlosigkeit pseudokritischer Machtanalysen Foucaultscher Prägung und auch gängiger geschlechterhistorischer Ansätze. So wichtig kulturalistische Analysen auch sein können, so bedürfen sie doch einer ökonomischen Grundierung: It‘s the economy, stupid! Das gilt, obwohl der historische Komplex Antipositin auf den Wunderglauben vieler Käufer verweist, auf die Suggestion als Marktchance, auf den interkulturellen Transfer von Träumen durch Handel und Vermarktung.

Schließlich hat die Analyse auch eine wichtige biographische Komponente: Ernst Marlier, der Macher dieser Entfettungsprodukte, wurde mit diesen letztlich betrügerischen Präparaten reich. Sie bildeten die Grundlage für eine Reihe ähnlich unwirksamer, doch teils noch profitablerer Geheimmittel, die ihm vor dem Ersten Weltkrieg geschätzte Gewinne von etwa vier Millionen Mark einbrachten (Carodejci in Čudodelna Zdravilna Sredstva, Proletarec 1914, Nr. 358 v. 21. Juli, 7). 1914 ließ er sich jedenfalls ein mehr als stattliches Anwesen an der Sternstraße 22 (später Am Großen Wannsee 56-58) bauen, eine wahrlich herrschaftliche Villa, in der er die Erträge seines „Death Marketing“ bis 1921 genoss. Besitzwechsel folgten, Marlier selbst geriet in Vergessenheit. Seine Wannseevilla ist jedoch bis heute als Ort der sog. Wannseekonferenz bekannt, auf der am 20. Januar 1942 der Mord an den europäischen Juden besprochen und organisiert wurde.

Uwe Spiekermann, 31. Januar 2021

Humanitäres Vorzeigeprojekt und wissenschaftliches Desaster – Die Quäkerspeisung in Deutschland, 1919-1921

Der Erste Weltkrieg und die damit verbundene Wirtschaftsblockade der Mittelmächte führten im Deutschen Reich zu massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen, zu Unterernährung, Hunger und Tod. Der ineffizienten und halbherzigen Kriegsernährungspolitik gelang es seit spätestens 1916 nicht mehr, den physiologischen Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken. Die Folgen waren verheerend, auch wenn die Menschen nicht direkt verhungerten. Die Zahl der vermeintlichen Toten der Heimatfront, also die sog. „Übersterblichkeit“ durch Infektionskrankheiten, Schwäche, Überbeanspruchung und Vernachlässigung, blieb jedoch politisch umstritten. Die deutsche Seite versuchte die Zahlen nach dem Waffenstillstand möglichst hoch zu halten, um so die deutsche Opferrolle zu unterstreichen (rund 763.000 zivile Opfer der Blockade, so Schädigung der deutschen Volkskraft durch die feindliche Blockade, o.O. o.J (1919), 17). Auch mehr als ein Jahrhundert nach Kriegsbeginn finden sich derartige Zahlen in Gesamtdarstellungen. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard schrieb beispielsweise ohne solide Belege von bis zu 700.000 direkt oder indirekt durch Unterversorgung Verstorbenen (Die Büchse der Pandora, 4. durchges. Aufl., München 2014, 518). Dabei hatten deutsche Statistiker Ende der 1920er Jahre die „Übersterblichkeit“ bereits auf ca. 424.000 Personen reduziert. Dazu wurden die Grippetoten geschätzt und herausgerechnet. Parallel verwiesen sie auf die Folgen des sehr kalten Winters 1917 und des massiven Kohlemangels.

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„Übersterblichkeit“ während des Ersten Weltkrieges ([Emil] Roesle, Die Geburts- und Sterblichkeitsverhältnisse, in F[ranz] Bumm (Hg.), Deutschlands Gesundheitsverhältnisse unter dem Einfluss des Weltkrieges, Halbbd. I, Stuttgart/Berlin/Leipzig 1928, 1-62, hier 28)

Einfache Zahlen über die Kriegsfolgen sind voller Vorannahmen, planieren dabei die beträchtlichen Variationen. Sie sind dennoch hilfreich und zugleich erforderlich. Sie erlauben einen analytischen und vergleichenden Blick, machen die Fährnisse der Zeit deutlich, verweisen auf die Herausforderungen des Alltags. Demgegenüber ist die einebnende Kraft derartiger Durchschnittszahlen zweitranging, kann man doch recht sicher davon ausgehen, dass Einzelschilderungen ihren Platz in der Erinnerungskultur einnehmen werden. Das gilt auch für die Unterernährung selbst, anschaulich gemacht durch die Berechnungen des Berliner Physiologen Max Rubner (1854-1932) über den Körperzustand während des Krieges. Danach sank das Gewicht eines rechnerischen Durchschnittsdeutschen von etwa 60 kg 1913 auf lediglich 49 kg Ende 1917, ein Substanzverlust von fast 20 % (Einfluss der Kriegsverhältnisse auf den Gesundheitszustand im Deutschen Reich, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 229-242, hier 235). Auch die Körpermaße der Kinder veränderten sich gravierend, denn das Wachstum verzögerte sich beträchtlich. Die Heranwachsenden waren ca. 3-5 cm kleiner als ihre gleichaltrigen Altersgenossen vor dem Krieg (vgl. Eugen Schlesinger, Wachstum, Gewicht und Konstitution der Kinder und der heranwachsenden Jugend während des Krieges, Zeitschrift für Kinderheilkunde 22, 1919, 79-123). Viele Einzelstudien dokumentierten derartige „Körperschäden“ mittels Messungen und Wägungen. Diese empirischen Daten waren eindringlich und bedrückend, so dass eine vergleichende Umrechnung anhand der zahlreichen „Formeln des Ernährungszustandes“ bis 1918/19 nur vereinzelt statt.

Diese waren seit dem 18. Jahrhundert aufgekommen, um den körperlichen Zustand des Menschen „objektiv“ erfassen zu können. War dies anfangs Teil der Erfassung und Kategorisierung aller Lebewesen, so geriet seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts der Mensch auch als soziales Lebewesen in den Bannstrahl einer Moral- und Sozialstatistik. Das war ein wichtiges Element in den Debatten über die Industrialisierung und die soziale Frage. Körperformeln waren für Anthropologen und Statistiker von hohem Interesse, um einerseits sozialpolitisch relevante Abweichungen festzustellen. Die schwachen, kränklichen Körper der arbeitenden Klassen bildeten Argumente im Kampf um soziale Reform, mochten andere Zahlen, etwa Preise und Löhne, auch klar dominieren. Das abstrakte Wissen der Normwerte erlaubte anderseits aber auch einen Vergleich verschiedener Bevölkerungsgruppen, der Klassen, Geschlechter, Regionen und „Rassen“, also allgemeine Aussagen über das Menschengeschlecht. Vom Hauptvertreter dieser Richtung, dem belgischen Sozialstatistiker Adolphe Quetelet (1796-1874), stammte denn auch die erste Fassung des heutzutage fast ausnahmslos genutzten Body Mass Index, der damals als unbrauchbar abgelehnt wurde.

Die Bedeutung einschlägiger Normwerte und Körperformeln nahm beträchtlich zu, als nach Kriegsende Hilfsmaßnahmen karitativer Organisationen des neutralen und ehedem feindlichen Auslandes einsetzten. Sie konzentrierten sich auf die vermeintlich Schwächsten der Bevölkerung, auf die Kinder, für die auch deutlich einfacher Geldmittel zu sammeln war. Wessen Herz wird nicht durch große Kinderaugen bewegt?

02_Bulletin of the American Friends Service Committee_1921_No39_p4_Quäkerspeisung

Sammlung für die deutsche Quäkerspeisung mit großen Augen und kleinen Körpern 1921 ($3,000,000 Campaign German Child Feeding August 1921 to July 1921, Phila-delphia o.J. (1921) (Bulletin of the American Friends Service Committee, No. 39), 4)

Doch Hilfsmittel sind immer begrenzt. Entsprechend erfordert Hilfe Kriterien für die Auswahl der am härtesten Betroffenen, der am dringendsten zu Unterstützenden. Schon die Auswahl der Kinder für die Erholungs- und Wiederauffütterungsreisen in die Schweiz oder aber skandinavische Staaten verlangte nach „objektiven“ Maßstäben. Ohne einheitliche Koordinierung wurden faktisch jedoch sehr unterschiedliche Kriterien angelegt, die von Arzt zu Arzt und von Organisation zu Organisation stark variierten. Diesen Zustand wollten die US-amerikanischen Quäker ändern, die 1919 schon in Österreich eine breit angelegte und wissenschaftlich fundierte Kinderspeisung begonnen hatten.

03_Henriques_Hg_1926_p110_Quäker und Kinder in Berlin 1920

Begegnung von Kindern, deutschen Verantwortlichen und Quäkern in Berlin 1920 (Clara Henriques, Wirkungen der Kinderspeisung und Urteile der Beteiligten, in Dies. (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 99-111, hier 110)

Nach einer ersten Studienreise im Sommer 1919 errichtete eine 15-köpfige Kadergruppe von Berlin ausgehend eine reichsweite Organisation, die im Februar 1920 mit der Kinderspeisung begann. Man startete in wenigen Großstädten, institutionalisierte die Aktion dann in immer mehr Orten (vgl. allgemein Charles E. Strickland, American Aid to Germany, 1919 to 1921, Wisconsin Magazine of History 45, 1965, 256-270; Yukako Otori, Faith-Based Belied and Postwar U.S. Foreign Policy: Quäkerspeisung as a Case Study, 2012). Schon im Juli 1920 wurden täglich mehr als 600.000 Portionen ausgegeben, im Juni 1921 die Millionengrenze überschritten. Bis zur alleinigen Übergabe des Speisungswerkes in deutsche Hände 1925 – ab Oktober 1921 deckten deutsche Gelder schon etwa die Hälfte der Ausgaben – wurden im Rahmen der Quäkerspeisung insgesamt fast 700 Mio. Portionen verteilt. Man kann davon ausgehen, dass „zum mindesten ein Viertel der in den Jahren 1907 und 1919 Geborenen einmal wenigstens ein halbes Jahr lang gespeist worden ist“ (Clara Henriques, Organisation und Durchführung der Speisung, in Dies. (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 62-93, hier 93). In einer nach wie vor hasserfüllten Nachkriegszeit war die vor allem von US-amerikanischen Spenden getragene Kinderspeisung der Quäker nicht allein Glaubenszeugnis und Akt der Barmherzigkeit, sondern zugleich ein Symbol für eine bessere, friedlichere Zukunft.

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Die Organisationskommission der Quäker in Berlin 1920 (Zeitbilder 1920, Ausg. v. 11. Januar, 2)

Doch auch ein derart großzügig dimensioniertes Hilfswerk erforderte eindeutige, „objektive“ Vorgaben für die Verwendung der gespendeten Mittel. Die Speisung sollte die körperlichen Schäden der unzureichenden Kriegsernährung so gut wie möglich ausgleichen, wurde daher als Zusatzspeisung gewährt. Maßstab für die Zulassung zur Speisung sollte einzig der individuelle Ernährungszustand der Kinder sein, wobei in begrenztem Umfang auch Schwangere bzw. Stillende und später auch Jugendliche gespeist wurden. Soziale Gesichtspunkte sollten ausdrücklich keine Rolle spielen. Damit wollte man nicht nur deutlich machen, dass alle Kinder Gottes seien, sondern auch verhindern, dass die strikten Kämpfe um die Kinderspeisung während des Kaiserreiches und der frühen Progressive Era neu aufflammten. Damals argumentierten bürgerliche Sozialreformer auf beiden Seiten des Atlantiks, dass eine strikte Begrenzung der Nahrungsabgabe auf physiologisch Bedürftige erforderlich sei, um nicht eine Kultur der Almosen zu unterstützen, die letztlich zur Verfestigung der Armut führen würde.

Die Quäker setzten allerdings voraus, dass die sozialpolitisch so fortschrittlichen Deutschen auch über ein breit gefächertes Schulgesundheitswesen verfügen würden, das Speisungsbedürftigte und Speisungsberechtigte schon ermittelt hätte. Erstaunt mussten sie registrieren, „daß man für die Quäkerspeisung auf keine allgemein anerkannten ärztlichen Untersuchungsmethoden zurückgreifen konnte und daß in vielen Städten die Zahl der speisungsbedürftigen Kinder ganz unbekannt war und eben erst durch besondere Untersuchungen festgestellt werden mußte“ (Gustav Tugendreich, Die ärztlichen Grundlagen für die Durchführung des Werkes, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 35, 1922, 181-196, hier 188). Die Frage, wie die körperliche Befindlichkeit festzustellen sei, wurde damit drängend. Es galt nicht nur knappe Mittel zu verteilen, sondern man musste auch den Ausgeschlossen begründen können, warum man sie ausschloss.

05_Henriques_Hg_1926_p75_Ärztliche Untersuchung Speisungsbedürftiger 1920

Ärztliche Untersuchung potenziell Speisungsbedürftiger 1920 (Henriques (Hg.), 1926, 75)

Die Quäker gingen anfangs pragmatisch vor und schieden vier Gruppen voneinander: Normal ernährte, minder unterernährte, unterernährte und sehr unterernährte Kinder. Auf Basis dieser Kategorien gruppierten vor Ort Vertrauensärzte die Kinder – und das Ergebnis war ein Fiasko. Ohne klare Richtlinien über den Begriff „Unterernährung“ variierte die Anzahl der Kinder in der vierten Gruppe auch an gleichen Orten zwischen 10 % und 90 %. Der ärztliche Blick war offenbar getrübt.

Daraufhin schlug der inzwischen eingerichtete Ärztliche Beirat des Speisungswerkes im Mai 1920 eine Straffung und Präzisierung der Gruppeneinteilungen vor, nämlich „Klasse I, Kinder in ausreichend oder noch unzureichend gesundheitlichem Zustand. Klasse II, leicht unterernährte Kinder, bei denen eine Zusatzspeisung ärztlich erwünscht, aber nicht dringend erforderlich war. Klasse III, ausgesprochen unterernährte, insbesondere in der körperlichen Entwicklung (Gewicht und Länge) zurückgebliebene, skrofulöse, spätrachitische oder blutarme Kinder. Klasse IV, schwer unterernährte Kinder, die sich in einem bedenklichen Zustande, hervorgerufen durch eine längere Periode der Unterernährung befinden“ (Tugendreich, 1922, 189). Aufgrund der Autorität des Beirates – er bestand aus den seinerzeit führenden Pädiatern und Physiologen Adalbert Czerny (1863-1941), Adolf Gottstein (1857-1941), Eugen Rost (1870-1953), Fritz Rott (1878-1959), Max Rubner und Gustav Tugendreich (1876-1948) – gab es innerhalb der deutschen Wissenschaft kaum Kritik an der Einteilung bzw. der Definition der ihr zugrundeliegenden Begriffe. Entsprechend wurde die ärztliche Musterung der Kinder nun vereinheitlicht, insbesondere aber Wägungen und Messungen standardisiert.

06_Kinderhilfsmission_1922_p9_Zusatzrationen 1920

Optimierte Zusatzrationen zur Auffütterung 1920 (Amerikanische Kinderhilfsmission der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker). Bericht 10. – 31. Juli 1922, Berlin 1922, 9)

Die Ergebnisse wurden dadurch besser, doch den Kriterien der rechenschaftspflichtigen Quäker genügten sie noch nicht, zu aufwändig waren die Untersuchungen. Der Ärztliche Beirat griff daher das Vorbild des österreichischen Hilfswerkes auf, wo unter Leitung des Wiener Pädiaters Clemens von Pirquet (1874-1929) die Auswahl aufgrund des von diesem selbst entwickelten Gelidusi-Indexes erfolgte (Fr[anz] Hamburger und K[arl] Jellenigg, Die Gelidusimethode zur Feststellung des Ernährungszustandes, Wiener klinische Wochenschrift 67, 1920, 1131-1132). Dieser war jedoch sehr komplex – der Index basierte auf der 3. Wurzel des durch die Sitzhöhe geteilten 10-fachen Gewichtes eines Kindes – und konnte nur von damit gut vertrauten Ärzten ermittelt und gehandhabt werden. Zudem akzeptierten die meisten deutschen Fachleute nicht das dem Index zugrundliegenden Nem-System, das Pirquets Arbeitsgruppe zwar mit Erfolg in der Säuglingspflege in Wien angewandt hatte, das aber zugleich die Grundlagen der „deutschen“ Ernährungsphysiologie in Frage stellte. Nicht mehr Kalorien resp. die Trias Eiweiß, Kohlehydrate und Fett sollten die Grundlagen für Ernährungsratschläge bilden, sondern die Nähr-Einheit-Milch, die dem Eiweiß eine klare Priorität einräumte (vgl. William E. Carter, The Pirquet System of Nutrition and its Applicability to American Conditions, Journal of the American Dietetic Association 77, 1921, 1541-1546 sowie umfassend Clemens v. Pirquet, System der Ernährung, 4 T., Berlin 1917-1920). Man übernahm daher zwar die Grundidee des die Auswahl erleichternden und begründenden Indexes, bettete sie jedoch anders als in Österreich nicht in ein pädiatrisches Gesamtkonzept ein. Das war angesichts des weitaus größeren und heterogenen Deutschen Reiches grundsätzlich angemessen. Doch als Alternative zur Körperformel Gelidusi-Index wählte man den bis dahin relativ unbekannten Rohrer-Index, obwohl dessen Nutzung als Index des Ernährungszustandes schon vor dem Krieg in kaum beachteten Einzelstudien diskutiert und kritisiert worden war (etwa Jakob Matusiewics, Der Körperlängen-Körpergewichts-Index bei Münchner Schulkindern, Med. Diss. München 1914).

07_Zeitschrift für Kinderheilkunde_29_1921_p221_Normwerte und Körperindizes

Normwerte auf Grundlage unterschiedlicher Körperindizes (untere Kurve Rohrerindex) – verglichen mit der Entwicklung der Körperproportionen (M[einhard] Pfaundler, Über die Indices der Körperfülle und über „Unterernährung“, Zeitschrift für Kinderheilkunde 29, 1921, 217-244, hier 221)

Die 1908 vom Schweizer Anthropologen Fritz Rohrer (1888–1926) vorgeschlagene „Formel zur Bestimmung der Körperfülle“ (Eine neue Formel zur Bestimmung der Körperfülle, Korrespondenz-Blatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Frühgeschichte 39, 1908, 5-7) lautete: Maß der Körperfülle gleich Gewicht durch Länge hoch 3. Faktisch handelte es sich um die mit 100 multiplizierte Buffon-Formel des 18. Jahrhunderts (Gustav Oeder, Der Rohrersche Index als Kriterium für die Auswahl zur Amerikaspeisung, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 1368). Mittels nicht eigens bekannt gemachter Körperdaten erstellte der Ärztliche Beirat eine Indexreihe für die Normalentwicklung bis zu 18-jähriger Kinder (Ergebnisse der im Jahre 1920/21 auf Veranlassung der Kinderhilfsmission der „Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) von Amerika“ durchgeführten ärztlichen Musterung von Schulkindern in Deutschland zur Feststellung ihrer Speisungsbedürftigkeit, Veröffentlichungen des Reichsgesundheitsamts 46, 1922, Nr. 16, Sdr.-Beil., 269-274, hier 269). Die Schulärzte hatten die Kinder nun zu messen und zu wägen, um schließlich den Rohrerindex für jedes Kind einzeln zu ermitteln. Lag der Wert um 15 oder mehr Prozent unter dem Normalwert, so sollte eine Speisung erfolgen – zumindest, wenn die zuvor erfolgte ärztliche Musterung nicht eine Höhergruppierung ergab. Lag die Abweichung niedriger bzw. über dem Normalwert, so wurden die betreffenden Kinder von der Speisung ausgeschlossen – es sei denn, der untersuchende Arzt befürwortete sie ausdrücklich. Das war ein klar definiertes Verfahren, viel weniger aufwändig als die eben nur in Ausnahmefällen vorgesehene individuelle ärztliche Untersuchung. Der Ärztliche Beirat hoffte so den durch die unterschiedlichen Kategorisierungen verunsicherten Ärzten ein sicheres Hilfsmittel an die Hand gegeben zu haben, um Speisebedürftige von nicht Speisebedürftigen scheiden zu können.

Wie war nun das Ergebnis? 2-2,25 Millionen Schüler wurden gespeist – doch es waren vielfach nicht die Richtigen. Die Untersuchungsärzte sahen sehr wohl, dass vielfach auch durchschnittlich entwickelte Kinder ausgewählt wurden, während kleine, untergewichtige und zurückgebliebene Kinder vielfach ausgeschlossen blieben. Vor Ort versuchten sie die Folgen dieser Indexselektion zu mindern und leiteten ihre Ergebnisse an die Berliner Zentrale weiter. Dort wurde das Steuer jedoch (noch) nicht herumgerissen. Die interne Kritik drang vereinzelt Ende 1920, dann in immer stärkerem Maße 1921 in die Öffentlichkeit. Der Einsatz des Indexes für die Ermittlung des Ernährungszustandes glich schließlich dem Unterfangen, den Inhalt einer Kiste aus deren Gewicht und Höhe ermitteln zu wollen.

Der Aussagewert des Rohrerindexes war offenkundig gering. Die Dreierpotenz bei der Länge führte zu deren Überbewertung. Die Kriegsernährung hatte zu einer generellen Veränderung der Körperproportionen geführt, die „Norm“ war also nicht mehr die Norm. Die damaligen Kinder waren leichter und kleiner als die der Vorkriegszeit, während sie zugleich relativ breiter waren. Durchschnittlich waren Kinder 1919 daher schwerer als gleich große Kinder 1913 (vgl. hierzu [Ignaz] Kaup, Einwirkung der Kriegsnot auf die Wachstumsverhältnisse der männlichen Jugendlichen, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 693-696; Redeker, Über die Eignung des Rohrerschen Index zur Bestimmung der Unterernährung der Schulkinder und über die dazu gestellte Tabelle, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 34, 1921, 4-11; [Theodor] Fürst, Die Jugendlichen in ungelernten Berufen vor und nach dem Kriege, ebd., 129-134). Der Rohrerindex und die Referenzdaten berücksichtigten diese Veränderungen nicht. Als Index des Ernährungszustandes versagte der Rohrerindex daher nahezu vollständig. Auch zuvor überzeugte Kliniker erkannten, „daß unterernährte, aber unter dem Mittelmaß des Altershalbjahrs kleinere Kinder nicht niedrigere, sondern höhere Indexwerte als nach Maßgabe der Indextabelle aufwiesen und gut genährte über das Mittelmaß an Länge größere Kinder hinwieder niedrigere Indexwerte als die Indextabelle zeigten. Die ersteren hätten als übernormal ernährt, trotz klinisch festgestellter Unterernährung, bezeichnet werden müssen, die letzteren als unterernährt trotz offenkundig hinreichender Ernährung“ (I[gnaz] Kaup, Neue Grundregeln der Norm und Konstitutionsforschung, Klinische Wochenschrift 3, 1924, 1249-1254, 1297-1303, hier 1251). Rohrer selbst erkannte dies ausdrücklich an und plädierte für eine Erweiterung seiner Formel, die erst dann als Ausdruck des Ernährungszustandes gelten könne (Der Index der Körperfülle als Mass des Ernährungszustandes, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 580-582). Den Auswahlprozess stoppte diese Kritik jedoch nicht.

Die rigide Anwendung des Rohrer-Indexes wurde erst zurückgenommen, nachdem der Münchner Pädiater Meinhard Pfaundler (1872-1947) Anfang 1921 von den Zahlen absah und zur Kardinalfrage durchstieß: Lässt sich der Ernährungszustand überhaupt durch Formeln und Indexreihen ermitteln? Seine Antwort war eindeutig: Der Ärztliche Beirat sei von der im Alltag üblichen Gleichsetzung von unter- und übernormaler Körperfülle mit unter- und überernährt ausgegangen. Die Ermittlung des „Entwicklungszustandes“ eines Kindes müsse jedoch beachten, dass Unterfülle nur als Unterernährung Resultat mangelhafter oder unzureichender Nahrungszufuhr sei. Diese aber habe nur einen „bescheidenen Anteil an der Entstehung der allenthalben angetroffenen Unterfülle“ (alle Zitate aus Über die Indices der Körperfülle und über „Unterernährung“, Zeitschrift für Kinderheilkunde 29, 1921, 217-244). Den Hauptanteil hätten dagegen drei Gruppen von Kindern, die Pfaundler „Dünnknochige, Muskelschwache und Fettarme“ nannte. Übermotorik, gepaart mit dem Durchschnitt vorauseilendem Längenwachstum, mangelnde Bewegung und damit nur geringe Ausbildung der Muskulatur sowie konstitutionelle Magerkeit führte er als Ursachen für Unterfülle an. Diese Kinder seien alle untermassig, nicht aber unterernährt. Das sei durch eine ärztliche Untersuchung einfach zu ermitteln. Der Rohrer-Index ordne sie dagegen sämtlich in die Gruppe der Negativabweichler ein, erlaube ihnen also eine Zusatzspeisung, die keine wirklich positiven Ergebnisse zeigen könne. Formeln und Indizes seien als alleinige oder dominierende Mittel zur Bestimmung des Ernährungszustandes daher zu verwerfen.

Diese fulminante und fundierte Kritik überzeugte den Ärztlichen Beirat. Am 1. August 1921 gab man zwar nicht die Körpermessungen, wohl aber deren Umrechnung in Indexziffern auf. Klärend und zugleich verbrämend hieß es: „Nachdem der Rohrersche Index seine Hauptaufgabe als wichtiges Hilfsmittel bei der Ermittelung des verhältnismäßigen Standes der Speisungsbedürftigkeit der Kinder in den verschiedenen Teilen Deutschlands erfüllt hat und da die Festlegung der Längen-, Gewichts- und Altersangaben eine etwa erforderliche Berechnung des Index jederzeit ermöglichte, ist seine Anwendung durch die musternden Ärzte nicht mehr erforderlich“ (Richtlinien für die Auswahl und Eingruppierung von Schulkindern zur Teilnahme an einer täglichen Speisung. Vom 1. August 1921, in Clara Henriques (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 150-155, hier 151).

Die Folgen der verfehlten Indexanwendung sind nicht genau zu quantifizieren, dies eben stellte das Problem dar. Verschiedene Einzelstudien beziffern den Anteil der zu Unrecht gespeisten und zugleich nicht gespeisten Kinder zwischen 20 % und 50 % (vgl. etwa Bachauer und Lampart, Der Rohrersche Index als Kriterium für die Auswahl zur Amerikaspeisung, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 1296; Fritz Salomon, Die Geraer Schulkinder zu Beginn des Jahres 1921 und die Quäkerspeisung, Öffentliche Gesundheitspflege 6, 1921, 126-128; Gustav Oeder, Der Index ponderis des menschlichen Ernährungszustandes und die Quäkerspeisung, Deutsche Medizinische Wochenschrift 48, 1922, 126-128). Auch in Österreich gab es hohe, etwa ein Viertel betragende Differenzen zwischen den Indexergebnissen und ärztlicher Individualuntersuchung (vgl. Egon Helmreich und Karl Kassowitz, Körperbau und Ernährungszustand in ihrem Einfluß auf den Index der Körperfülle, Zeitschrift für Kinderheilkunde 35, 1923, 67-78, hier 74). Die beträchtlichen Differenzen führten zu durchweg enttäuschenden Gewichtszunahmen (Eugen Schlesinger, Ergebnisse der Quäkerspeisung, Concordia 7, 1920, 182-184). Untermassige, nicht aber unterernährte Kinder nahmen die Plätze derer ein, die körperlich stärker geschädigt waren. Der unreflektierte Einsatz einer Körpernorm hat inmitten einer bedrohlichen Versorgungslage dazu geführt, dass ca. 600.000-800.000 Kinder nicht die Lebensmittel bekamen, derer sie dringend bedurft hätten. Hier wurde Lehrgeld auf Kosten Betroffener bezahlt. Die offenkundigen fachlichen Defizite wurden kaum benannt, wenig diskutiert. Auf Seiten mancher Ärzte verwies man stattdessen auf vermeintlich abstrakte Mächte, etwa das „Unglück, das die Mathematik hier“ angerichtet habe (Hans Bernhardt, Hans: Kritische Bemerkungen zur Tauglichkeit des Rohrer’schen Indexes für die Auswahl der Kinder zur Quäkerspeisung, Berliner klinische Wochenschrift 58, 1921, 418-419, hier 418). Die Zahlengläubigkeit vieler Ärzte und ihre Unkenntnis, also ihr Nicht-Wissen, wurden dagegen bestenfalls indirekt thematisiert. Nicht reflektiert wurde zudem die stete Kulturverbundenheit der „Naturwissenschaftler“, deren Arbeit immer auf Vorannahmen beruhte, die rein fachlich nicht zu begründen war.

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Essende Kinder – nicht alle davon speisungsbedürftig (Lachen Links 1, 1924, 74)

Die Quäkerspeisung war ein bemerkenswertes humanitäres Vorzeigeprojekt, zugleich aber ein wissenschaftliches Desaster. Sie steht für die strukturellen Probleme wissenschaftlicher Arbeit, zugleich aber für die Hybris vieler Naturwissenschaftler, die mit der Anwendung falscher Diagnose- und Kategorisierungsmethoden ihrer Aufgabe gegenüber ihren kleinen Patienten vielfach nicht gerecht geworden sind. Doch die Bedeutung dieses wissenschaftlichen Desasters geht darüber hinaus. Drei Aspekte gilt es hervorzuheben:

1. Die Diskussion über die für die Ermittlung des Ernährungszustandes notwendigen Daten intensivierte sich (vgl. etwa M[einhard] Pfaundler, Vorschlag zur Auswahl speisungsbedürftiger Schulkinder, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 974-976). Neben einer Vielzahl neuer oder neu erscheinender Formeln wurde das anthropometrische Rüstzeug der Schulärzte wesentlich erweitert und methodisch vereinheitlicht (Rudolf Martin, Richtlinien für Körpermessungen und deren statistische Verarbeitung mit besonderer Berücksichtigung von Schülermessungen, München 1924). Dies erhöhte die „Objektivität“ der Messverfahren, mündete aber auch in die zunehmend pseudoempirische Körper- und Rassentypenkonstruktionen, die der Rassenhygiene und -eugenik empirische Grundlagen für Scheinwissenschaft und Verbrechen lieferten. Dies war die Strategie des weiter so.

2. Der Ärztliche Beirat der Kinderhilfe präzisierte die ärztliche Auswahlpraxis durch klarere Definitionen von Habitus, Aussehen und Krankheitsbild der zu speisenden Kinder. Untermassige, aber nicht unterernährte Kinder grenzte man nun gezielt aus (Richtlinien, 1926, 151-154; Größe und Gewicht der Schulkinder und andere Grundlagen für die Ernährungsfürsorge, hg. v. Deutschen Zentralausschuss für die Kinderhilfe E.V. durch dessen Ärztlichen Beirat, Berlin 1924, 5-6). Der individualisierende ärztliche Blick trat damit wieder in sein Recht, gelenkt von präzisierenden Rahmensetzungen. Die Fehlurteile sanken so beträchtlich, hingen allerdings wieder von den Fähigkeiten und der Ausbildung einzelner Schulärzte ab. Dies war die Strategie der Individualisierung der Körperbewertung.

3. Das Kinderhilfswerk selbst änderte aufgrund des Subjektivismus einer körperlichen Einschätzung seine Auswahlkriterien. An die Stelle der körperlichen trat die soziale Indikation; so wie dies seit den spätestens den frühen 1890er Jahren von der Arbeiterbewegung gegen dominante Teile des Bürgertums gefordert worden war. Beginnend 1921, verstärkt seit 1922 orientierten sich die Ärzte immer stärker an der sozialen Bedürftigkeit der Kinder. 1921 hieß es erstmals: „Für die Ursachen des schlechten Ernährungszustandes und für die Notwendigkeit einer Zusatznahrung können häufig wichtige Anhaltspunkte aus Fragen nach den sozialen Verhältnissen gewonnen werden, wie z.B. ob die Eltern leben, ob und welcher Beschäftigung der Vater und die Mutter nachgehen, wie groß die Zahl der Geschwister, die Anzahl der bewohnten Räume ist usw.“ (Richtlinien, 1921, 154). 1924 waren soziale Indikationen dann ein probates Auswahlkriterium: „In besonderen Fällen kann eine Ernährungsfürsorge auch in Frage kommen für Kinder in gutem Körperzustand, bei denen eine plötzliche und durchgreifende Aenderung der wirtschaftlichen Lage ihrer Ernährer die Befürchtung ausreichend begründet, daß ohne Ernährungsfürsorge eine erhebliche Verschlechterung des Körperzustandes eintreten wird“ (Größe, 1924, 5).

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Quäkerspeisung in Nürnberg 1923 (Heimerich, Jugendwohlfahrtspflege, Jahresschau Nürnberg 1, 1923/24 (1924), 120-125, hier 124)

Quäkerspeisung in Nürnberg 1923 (Heimerich, Jugendwohlfahrtspflege, Jahresschau Nürnberg 1, 1923/24 (1924), 120-125, hier 124)

Möglich wurde dies, weil einerseits die Quäker ihre Hauptaktivität auf die Hungerhilfe im sowjetischen Russland verlagerten. Die US-amerikanischen Hilfsfonds, die an die Stelle der Kader traten, ließen den deutschen Gremien wesentlich größere Entscheidungsfreiheit. Anderseits veränderte sich mit der Hyperinflation 1922/23 die Ursache kindlicher Unterernährung. Lebensmittel fehlten nicht mehr, sondern waren schlicht unerschwinglich.

Damit war der Versuch einer „objektiven“ Darstellung des Ernährungszustandes auf Basis anthropometrischer Körpernormen gescheitert. An die Stelle der Kategorisierung des individuellen Körpers trat während der Weimarer Republik zunehmend die Kategorisierung durch das soziale Umfeld. Dies war verbunden mit einem Ausbau der Schulgesundheitspflege, insbesondere der Sozialmedizin und Epidemiologie. Faktisch war man in eine Sackgasse geraten: Naturwissenschaftliche Methodik war weder in der „objektiven“ Variante von Formeln und Indexreihen, noch in der subjektiveren Variante des individuellen ärztlichen Blickes fähig, den Ernährungszustand großer Gruppen hinreichend und einheitlich festzustellen. Ein anderes, neues Paradigma war notwendig, um den Orientierungsanspruch moderner Naturwissenschaft behaupten zu können. Deren Empfehlungen wurden nun abermals aus dem Zusammenspiel physiologischer Vorgänge und der chemischen Analyse der Nahrungsstoffe und ihrer Interaktionen extrahiert. Zufuhrempfehlungen wie die der nationalsozialistischen Deutschen Gesellschaft für Ernährungsforschung und ihrer Neugründung als Deutsche Gesellschaft für Ernährung waren die Folge. Und es sollte Jahrzehnte dauern, bis mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation ein neuerlicher Versuch unternommen wurde, mittels des Body Mass Index ein vermeintlich einfaches und objektives Mittel für den individuellen Ernährungszustand allgemein zu implementieren.

Uwe Spiekermann, 1. Mai 2019

Zwerge in Wissenschaft und Öffentlichkeit – Ein Tribut an General Mite

Ranke_1886_p233_General Mite

Archiv für Anthropologie 16, 1886, 233

Beim Aufräumen stieß ich auf ein eigenartiges Bild, das ich einst nutzen wollte, um den Forschungsdrang der Ernährungsphysiologie im 19. Jahrhundert zu unterstreichen. Selbstversuche waren nicht unüblich und angesichts gesellschaftlicher Not gab es auch Forschungen, die heute keine Ethikkommission mehr zulassen würde. Das Bild zeigt einen Zwerg, genannt General Mite [also Däumling], in den 1880er Jahren weit bekannt in den USA, Großbritannien und auch auf dem europäischen Festland. Links neben ihm steht seine Bühnenpartnerin Millie Edwards, der vermeintliche Riese rechts ist dagegen der Vater des Generals. Es war Teil eines 1886 im Archiv für Anthropologie unter dem Titel „Ueber den amerikanischen Zwerg Frank Flynn, genannt General Mite, dessen Körper- und Geistesentwickelung und Nahrungsbedarf“ erschienenen Aufsatzes. Die Autoren waren zwei führende Vertreter der sog. Münchener Schule der Physiologie: Heinrich Ranke (1830-1909), ein Mediziner, der sich zuvor schon der Arbeit von italienischen Ziegelarbeitern gewidmet hatte, und Carl von Voit (1831-1908), ein Pionier der Stoffwechselforschung, dessen Kostmaß – pro Tag 118 g Eiweiß, 500 g Kohlenhydrate und 56 g Fett – seinerzeit die wichtigste Bezugsgröße für eine angemessene Ernährung bildete (mehr dazu in Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, Kapitel 2.1).

Beide Wissenschaftler hatten schon lange auf einen Zwerg gewartet, denn mit Hilfe derart lebendigen Materials ließen sich wichtige Fachfragen klären. Ranke, der den Kontakt zu Flynns Vater herstellte, wollte vor allem die gängigen Entwicklungsgesetze des Menschen überprüfen. Zur Debatte standen vor allem die Vorstellungen eines „Homme Moyen“, wie sie seit den 1840er Jahren vor allem der belgische Statistiker Adolphe Quetelet (1796-1874) propagierte hatte. Seine „Physique Sociale“ (1869) und „Anthropométrie“ (1870) waren Referenzwerke, die es sowohl zu präzisieren als auch zu überwinden galt. Der heutige Body Mass Index (BMI) geht beispielsweise auf diese Arbeiten zurück. Rankes Messen des Zwerges zielte auf die Proportionen der Körperentwicklung, auf den „normalen“ Übergang vom Säugling zum Erwachsenen. Voit interessierten dagegen die Beziehungen zwischen der Größe eines Lebewesens und seines Stoffwechsels (wobei sich der Professor, wie in Deutschland üblich, auf die Arbeiten seiner Assistenten bezog, vor allem denen von Max Rubner, dem später so bezeichneten Vater der Kalorienlehre).

Wellcome Library London, L0063542

Poster London 1882 (Wellcome Library, L0063542)

Die Ergebnisse der Untersuchungen – einfache Messungen und die Analyse der Speisen des General Mite – bestätigten die Grundannahmen der bayerischen Wissenschaftler. Der Zwerg und seine Partnerin standen zwischen Säuglingen und Erwachsenen. Der 19-jährige General (Ranke nahm 16 Jahre an) maß 82,4 Zentimeter, sein Gewicht betrug ohne Kleider 6570 Gramm. Seine etwa 15 Jahre alte Partnerin kam auf 72 Zentimeter bei einem Gewicht von 6601 Gramm mit Kleidern. Dies entsprach Säuglingen im Alter von zwei bis zweieinviertel Jahr. Zugleich aber wiesen beide im Wesentlichen die Proportionen von Erwachsenen auf, insbesondere einen relativ kleineren Kopf und Unterkörper. Ranke konnte nicht erklären, wie dies möglich war, zumal die Eltern beider Erstgeborenen später zahlreich „normale“ Kinder hatten. Doch das hieß im Wissenschaftsjargon nur, dass weitere Forschungen erforderlich seien, ebenso präzisere Messmethoden. Voit referierte die Ergebnisse Max Rubners im Sinne von dessen dann 1893 aufgestellter Oberflächenregel, die besagt, dass der Stoffverbrauch pro Kilogramm Körpergewicht mit abnehmender Körpergröße zunimmt. General Mite verbrauchte zwar wenig Nahrung, doch lag sein Konsum pro Kilogramm Körpergewicht dreimal höher als der des „normalen“ Menschen. Sein früherer Tod war also wahrscheinlich.

Soweit die Wissenschaftler. Ich gehe nicht auf die im Artikel nur gestreifte Frage der geistigen Entwicklung dieser „abnormen“ Menschen ein. Die etwas früher angestellten Untersuchungen des Berliner Anthropologen Rudolf Virchow (1821-1902) betonten eine gewisse geistige Rückständigkeit, doch Ranke konnte dem nach einigen Gesprächen nicht beipflichten. Für ihn war der General „smart“ und witzig, gewandt und von gutem Benehmen. Allein die Geschlechtsentwicklung war verzögert, Rückfragen bei der Wärterin des Zwergenpaares führten zu dem wissenschaftlichen Ergebnis, dass beide Zwerge noch keine Schambehaarung aufwiesen.

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P.T. Barnum und General Tom Thumb, 1850 (Wikipedia)

Doch die Wissenschaftler mussten sich leider auf Informationen zweiter Hand verlassen. Das galt noch stärker für das Massenpublikum. Zwerge waren schließlich ein Riesengeschäft. Das galt schon für Charles Stratton (1838-1883), einem amerikanischen Zwerg, der 1842 von Zirkusdirektor und Marketingpionier Phineas Taylor Barnum (1810-1891) entdeckt wurde. Als General Tom Thumb tourte er erst durch die USA, seit 1844 auch durch Europa. Als er 1848 nach Berlin kam, rühmten die Kritiker seine Parodien berühmter Männer. In Großbritannien hatte er zuvor wohl drei Millionen Schaulustige angezogen und die holde Weiblichkeit war Garant für hohe Einkünfte. Der General sang nicht nur und machte Kunsttücke, sondern gab gegen ein kleines Salär auch ein Küsschen, umarmte die zahlende Kundschaft. Spätere Europatouren schlossen sich an, eine Zwergenheirat 1863 – auch Abraham Lincoln steuerte ein Geschenk bei – belebte das stockende Geschäft mit dem Kleinwuchs. Stratton starb als reicher Mann, als Berühmtheit seiner Zeit.

General Mite war gewissermaßen ein Wiedergänger, wenngleich deutlich kleiner als der über ein Meter messende General Tom Thumb. General Mite wurde erstmals 1876 auf der Weltausstellung in Philadelphia der sensationslüsternen Öffentlichkeit präsentiert, also nur kurz nach Einsetzen der Wachstumsstörungen. Sein Vater übergab ihn anfangs einem Manager, Frank Uffner, später übernahm er selbst die Federführung im lukrativen Familienunternehmen. Uffner kombinierte General Mite mit einem kleinen, naja, sehr kleinen mexikanisches Mädchen, Lucia Zarate.

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Berliner Börsen-Zeitung 1885, 11. April, 14

Die eigentlichen Erfolge im Ausland aber, vor allem von 1885 bis 1887, sahen General Mite an der Seite des 1877 geborenen US-Amerikanerin Millie Edwards. Höhepunkt des Showbusiness war auch hier die Hochzeit, 1884 in Manchester und in ganz Europa freudig zur Kenntnis nahmen. Abermals zog ein Zwergenpaar Millionen in den Bann – und dies mit einem eher konventionellen Programm. Die Berliner Börsenzeitung berichtete 1885: Die beiden Zwerge traten auf, nahmen auf ihrem ach so kleinen Sofa Platz, es folgten Details des Regisseurs und Conférenciers aus ihrem Leben. Der General sang, rezitierte Shakespeares „Sein oder nicht sein“, es folgte ein Tänzchen, dann ritten beide auf Ponys durch die Manege. Küsschen fehlten, doch dafür hatte man den Standardzwerg Berlins im Einsatz, der hier nur zeigen musste, dass er eigentlich ein rechter Riese war, verglichen mit dem kleinsten „Ehepaar seit Erschaffung der Welt.“

1887 kehrten die beiden – pekuniär sehr gut abgesichert – in die USA zurück. Sie siedelten 1890 nach Australien über, wo weiteren Touren folgten. General Mite starb 1898 an Leber- und Nierenversagen, während das Leben seiner angetrauten Ehefrau Millie 1919 endete – während ihrer offenkundig letzten Tour. Die Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten Jahren wiederholt mit Völkerschauen, Schaustellern und den Frühformen des Vaudevilles beschäftigt. Darin finden sich all die korrekten Abgrenzungen zu derartig geifernden Massen, zum kommerzialisierten Schauen des Abnormen. Ja, aufgeklärte Menschen sind an Zwergen nicht interessiert, beklagen einzig deren Schicksal. Und doch haben Sie – wie auch ich – diese Geschichte genossen. Warum nur, warum?

Uwe Spiekermann, 10. Mai 2008