Zwerge in Wissenschaft und Öffentlichkeit – Ein Tribut an General Mite

Ranke_1886_p233_General Mite

Archiv für Anthropologie 16, 1886, 233

Beim Aufräumen stieß ich auf ein eigenartiges Bild, das ich einst nutzen wollte, um den Forschungsdrang der Ernährungsphysiologie im 19. Jahrhundert zu unterstreichen. Selbstversuche waren nicht unüblich und angesichts gesellschaftlicher Not gab es auch Forschungen, die heute keine Ethikkommission mehr zulassen würde. Das Bild zeigt einen Zwerg, genannt General Mite [also Däumling], in den 1880er Jahren weit bekannt in den USA, Großbritannien und auch auf dem europäischen Festland. Links neben ihm steht seine Bühnenpartnerin Millie Edwards, der vermeintliche Riese rechts ist dagegen der Vater des Generals. Es war Teil eines 1886 im Archiv für Anthropologie unter dem Titel „Ueber den amerikanischen Zwerg Frank Flynn, genannt General Mite, dessen Körper- und Geistesentwickelung und Nahrungsbedarf“ erschienenen Aufsatzes. Die Autoren waren zwei führende Vertreter der sog. Münchener Schule der Physiologie: Heinrich Ranke (1830-1909), ein Mediziner, der sich zuvor schon der Arbeit von italienischen Ziegelarbeitern gewidmet hatte, und Carl von Voit (1831-1908), ein Pionier der Stoffwechselforschung, dessen Kostmaß – pro Tag 118 g Eiweiß, 500 g Kohlenhydrate und 56 g Fett – seinerzeit die wichtigste Bezugsgröße für eine angemessene Ernährung bildete (mehr dazu in „Künstliche Kost,“ Kapitel 2.1).

Beide Wissenschaftler hatten schon lange auf einen Zwerg gewartet, denn mit Hilfe derart lebendigen Materials ließen sich wichtige Fachfragen klären. Ranke, der den Kontakt zu Flynns Vater herstellte, wollte vor allem die gängigen Entwicklungsgesetze des Menschen überprüfen. Zur Debatte standen vor allem die Vorstellungen eines „Homme Moyen“, wie sie seit den 1840er Jahren vor allem der belgische Statistiker Adolphe Quetelet (1796-1874) propagierte hatte. Seine „Physique Sociale“ (1869) und „Anthropométrie“ (1870) waren Referenzwerke, die es sowohl zu präzisieren als auch zu überwinden galt. Der heutige Body Mass Index (BMI) geht beispielsweise auf diese Arbeiten zurück. Rankes Messen des Zwerges zielte auf die Proportionen der Körperentwicklung, auf den „normalen“ Übergang vom Säugling zum Erwachsenen. Voit interessierten dagegen die Beziehungen zwischen der Größe eines Lebewesens und seines Stoffwechsels (wobei sich der Professor, wie in Deutschland üblich, auf die Arbeiten seiner Assistenten bezog, vor allem denen von Max Rubner, dem später so bezeichneten Vater der Kalorienlehre).

Wellcome Library London, L0063542

Poster London 1882 (Wellcome Library, L0063542)

Die Ergebnisse der Untersuchungen – einfache Messungen und die Analyse der Speisen des General Mite – bestätigten die Grundannahmen der bayerischen Wissenschaftler. Der Zwerg und seine Partnerin standen zwischen Säuglingen und Erwachsenen. Der 19-jährige General (Ranke nahm 16 Jahre an) maß 82,4 Zentimeter, sein Gewicht betrug ohne Kleider 6570 Gramm. Seine etwa 15 Jahre alte Partnerin kam auf 72 Zentimeter bei einem Gewicht von 6601 Gramm mit Kleidern. Dies entsprach Säuglingen im Alter von 2 bis 2 ein Viertel Jahr. Zugleich aber wiesen beide im Wesentlichen die Proportionen von Erwachsenen auf, insbesondere einen relativ kleineren Kopf und Unterkörper. Ranke konnte nicht erklären, wie dies möglich war, zumal die Eltern beider Erstgeborenen später zahlreich „normale“ Kinder hatten. Doch das hieß im Wissenschaftsjargon nur, dass weitere Forschungen erforderlich seien, ebenso präzisere Messmethoden. Voit referierte die Ergebnisse Max Rubners im Sinne von dessen dann 1893 aufgestellter Oberflächenregel, die besagt, dass der Stoffverbrauch pro Kilogramm Körpergewicht mit abnehmender Körpergröße zunimmt. General Mite verbrauchte zwar wenig Nahrung, doch lag sein Konsum pro Kilogramm Körpergewicht dreimal höher als der des „normalen“ Menschen. Sein früherer Tod war also wahrscheinlich.

Soweit die Wissenschaftler. Ich gehe nicht auf die im Artikel nur gestreifte Frage der geistigen Entwicklung dieser „abnormen“ Menschen ein. Die etwas früher angestellten Untersuchungen des Berliner Anthropologen Rudolf Virchow (1821-1902) betonten eine gewisse geistige Rückständigkeit, doch Ranke konnte dem nach einigen Gesprächen nicht beipflichten. Für ihn war der General „smart“ und witzig, gewandt und von gutem Benehmen. Allein die Geschlechtsentwicklung war verzögert, Rückfragen bei der Wärterin des Zwergenpaares führten zu dem wissenschaftlichen Ergebnis, dass beide Zwerge noch keine Schambehaarung aufwiesen.

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P.T. Barnum und General Tom Thumb, 1850 (Wikipedia)

Doch die Wissenschaftler mussten sich leider auf Informationen zweiter Hand verlassen. Das galt noch stärker für das Massenpublikum. Zwerge waren schließlich ein Riesengeschäft. Das galt schon für Charles Stratton (1838-1883), einem amerikanischen Zwerg, der 1842 von Zirkusdirektur und Marketingpionier Phineas Taylor Barnum (1810-1891) entdeckt wurde. Als General Tom Thumb tourte er erst durch die USA, seit 1844 auch durch Europa. Als er 1848 nach Berlin kam, rühmten die Kritiker seine Parodien berühmter Männer. In Großbritannien hatte er zuvor wohl drei Millionen Schaulustige angezogen und die holde Weiblichkeit war Garant für hohe Einkünfte. Der General sang nicht nur und machte Kunsttücke, sondern gab gegen ein kleines Salär auch ein Küsschen, umarmte die zahlende Kundschaft. Spätere Europatouren schlossen sich an, eine Zwergenheirat 1863 – auch Abraham Lincoln steuerte ein Geschenk bei – belebte das stockende Geschäft mit dem Kleinwuchs. Stratton starb als reicher Mann, als Berühmtheit seiner Zeit.

General Mite war gewissermaßen ein Wiedergänger, wenngleich deutlich kleiner als der über ein Meter messende General Tom Thumb. General Mite wurde erstmals 1876 auf der Weltausstellung in Philadelphia der sensationslüsternen Öffentlichkeit präsentiert, also nur kurz nach Einsetzen der Wachstumsstörungen. Sein Vater übergab ihn anfangs einem Manager, Frank Uffner, später übernahm er selbst die Federführung im lukrativen Familienunternehmen. Uffner kombinierte General Mite mit einem kleinen, naja, sehr kleinen mexikanisches Mädchen, Lucia Zarate.

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Berliner Börsen-Zeitung 1885, 11. April, 14

Die eigentlichen Erfolge im Ausland aber, vor allem von 1885 bis 1887, sahen General Mite an der Seite des 1877 geborenen US-Amerikanerin Millie Edwards. Höhepunkt des Showbusiness war auch hier die Hochzeit, 1884 in Manchester und in ganz Europa freudig zur Kenntnis nahmen. Abermals zog ein Zwergenpaar Millionen in den Bann – und dies mit einem eher konventionellen Programm. Die Berliner Börsenzeitung berichtete 1885: Die beiden Zwerge traten auf, nahmen auf ihrem ach so kleinen Sofa Platz, es folgten Details des Regisseurs und Conférenciers aus ihrem Leben. Der General sang, rezitierte Shakespeares „Sein oder nicht sein“, es folgte ein Tänzchen, dann ritten beide auf Ponys durch die Manege. Küsschen fehlten, doch dafür hatte man den Standardzwerg Berlins im Einsatz, der hier nur zeigen musste, dass er eigentlich ein rechter Riese war, verglichen mit dem kleinsten „Ehepaar seit Erschaffung der Welt.“

1887 kehrten die beiden – pekuniär sehr gut abgesichert – in die USA zurück. Sie siedelten 1890 nach Australien über, wo weiteren Touren folgten. General Mite starb 1898 an Leber- und Nierenversagen, während das Leben seiner angetrauten Ehefrau Millie 1919 endete – während ihrer offenkundig letzten Tour. Die Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten Jahren wiederholt mit Völkerschauen, Schaustellerein und den Frühformen des Vaudevilles beschäftigt. Darin finden sich all die korrekten Abgrenzungen zu derartig geifernden Massen, zum kommerzialisierten Schauen des Abnormen. Ja, aufgeklärte Menschen sind an Zwergen nicht interessiert, beklagen einzig deren Schicksal. Und doch haben Sie – wie auch ich – diese Geschichte genossen. Warum nur, warum?

Uwe Spiekermann, 10. Mai 2008

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