Der Dank der Heimatstadt – Lamstedt und Claus Spreckels

Lamstedt ist ein kleiner Ort in Norddeutschland, im Landkreis Cuxhaven. Die Samtgemeinde umfasst noch mehrere kleine Dörfchen und Flecken, zusammengezählt leben vor Ort immerhin 3.300 Menschen. Gleich zwei Museen gibt es, auch wenn das „Bördemuseum“ die Anfang der 1970er Jahre erfolgte Wende der Volkskunde hin zur Kulturanthropologie sicher nicht mitgemacht hat.

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St. Bartholomäus Kirche Lamstedt

Lamstedt, als Kirchensprengel seit dem frühen 12. Jahrhundert nachweisbar, besitzt eine eindringliche, ab dem 16. Jahrhundert dann evangelische Langhauskirche, ein abseits des Ortskerns liegendes Schul-, Sport- und Verwaltungszentrum und das Erlebnisbad „Lambada“, ausgestattet mit „Kids River“-Rundkanal und Schwallwasserpilz. Auch den neuen Friedhof habe ich besucht. Die Geschicke vor Ort bestimmt die konservative CDU, die bei den letzten Wahlen mehr als 70 % der Stimmen holte. Ein ruhiges, gutes Leben, das mag Lamstedt bieten.

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Zentrum abseits des Ortskerns

Doch mein Besuch galt nicht dem einst als Treffpunkt geplanten menschenleeren Funktionsmöbelplatz des Rathausumfeldes, folgte auch nicht der einladenden Werbebotschaft „Börde Lamstedt hat’s … gemütlich einkaufen und mehr.“ Mein Besuch galt Lamstedt als Geburtsort von Claus Spreckels (1828-1908), dem wohl bedeutendsten Lamstedter (auch wenn der frühere Fußballnationalspieler Wolfgang Rolff wohl mehr Bewohnern bekannt sein dürfte).

Claus Spreckels verließ Lamstedt 1846. Er war Sohn von Kötnern, die unterhalb der Kirche wohnten, in der Großen Straße 25. Das Kötnerhaus besteht nicht mehr, doch ein letzter Teil des Herrenhofes. Der junge Spreckels musste seinen Lebensunterhalt als Dienstmann und Tagelöhner verdienen, die größeren Höfe mit fruchtbaren Lössböden boten hierzu Gelegenheit. In den „hungrigen“ 1840er Jahren, kurz vor der politischen Revolution 1848, boten die USA jedoch eine Möglichkeit für ein besseres Leben. Hinzu kam die missliche Aussicht auf preußischen Militärdienst. 1846 schiffte Claus Spreckels in Hamburg ein, kam wohl 1847 in Charleston, South Carolina, an, wo er bereits auf eine kleine Auswanderergruppe der Region traf, die bei der Eingliederung halfen.

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Claus Spreckels (San Francisco Call 1895, Nr. v. 8.2.)

Es folgte eine der vielen Varianten des amerikanischen Traums, die es hier nicht zu erzählen gilt. Spreckels wurde Kolonialwarenhändler, machte sein Geld vor allem mit Alkohol. Seine Frau Anna, geboren im benachbarten Flecken Mittelstenahe, folgte ihm in die USA, sie heirateten 1852 in New York. Claus, unterstützt von seinem Schwiegervater, dann auch von nachkommenden Brüdern, etablierte sich in New York, siedelte 1856 über in die Glückritterstadt des Westens nach San Francisco. Spreckels wurde wohlhabend als Kolonialwarenhändler, erwarb ein kleines Vermögen als Bierbrauer und als Zuckerproduzent brachte er es bis Ende der 1860er Jahre zum Dollar-Millionär. Anschließend reüssierte er zum Quasi-Monopolisten im Zuckergewerbe im amerikanischen Westen, war die treibende Kraft der Transformation Hawaiis zum führenden Zuckerproduzenten und wurde zum Pionier der Rübenzuckerindustrie in den USA. Mehr wäre zu erzählen, reichen muss der einfache Hinweis, dass Claus Spreckels auf der (nicht unproblematischen) Liste der reichsten US-Amerikaner aller Zeiten auf Platz 40 auftaucht. Er war Multimilliardär und um 1900 wohl der reichste deutschstämmige Unternehmer, reicher als Siemens, Thyssen oder die Hohenzollern.

Claus Spreckels hat die Bande zu Lamstedt nie gekappt. Er kam mehrfach zurück, auch einer der ausgewanderten Brüder siedelte sich hier wieder an. Die Vernichtung der Privatakten während des Erdbebens in San Francisco 1906 lässt vieles im Dunkeln. Sicher aber scheint, dass er seiner Schwester Anna Hinter den Höfen 10 ein auch heute noch bestehendes und gut gepflegtes Haus geschenkt hat. Auch die Kirchenorgel konnte 1907 dank einer Spende des Lamstedter Milliardärs bezahlt werden.

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Der Plan von Lamstedt – mitten im Ortskern, mit Claus-Spreckels-Straße

Mein Besuch galt diesen Resten, galt vor allem aber der in gängigen Karten verzeichneten Claus-Spreckels-Straße. Das war der Dank der Heimatstadt an ihren größten Sohn. Ähnliches hatte ich in Honolulu gefunden, dort wo einst Spreckels Stadtpalast stand. Auch an mehreren Orten Kaliforniens gab es solche Ehrerweisungen. Und die von ihm gegründete Stadt Spreckels trägt bis heute seinen Namen. Nun also Lamstedt, der Ort, wo sein Leben begann.

Ich hätte vorsichtig sein sollen. Die Claus-Spreckels-Straße liegt, glaubt man den Karten, im Gewerbegebiet „An der Gösche“, erschlossen wohl kurz vor dem Jahr 2000. Der damalige Samtgemeindebürgermeister sprach in der Niederelbe-Zeitung 2008 von elf neu angesiedelten Betrieben, von 150 neuen Arbeitsplätzen. Er sprach nicht von der Claus-Spreckels-Straße. Und als ich vor einigen Jahren den lokalen Heimatpfleger danach fragte, antwortete der schlicht, dass es diese Straße gar nicht gäbe.

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Claus-Spreckels-Straße, Lamstedt

Also hin: Was ich sah, erinnerte mich an manche Sackgasse meiner Hochsauerländer Heimat. Ein Weg, nicht wirklich erschlossen, nicht asphaltiert, eine Planungsidee, keine Umsetzung. In den Unterlagen für das neue, 2017 in Angriff genommene Gewerbegebiet „Auf dem Kampen“ wird erwähnt, dass bereits ein Drittel der Fläche des alten Gewerbegebietes von benachbarten Betrieben reserviert sei. Eine Karte zeigt gar Konturen von Firmen – und die Claus-Spreckels-Straße mit einem Wendehammer. Doch selbst in Lamstedt gibt es nicht nur eine Realität.

Haften blieb mir bei alledem eine Zeile aus dem Nekrolog von Claus Spreckels in der Hawaiian Gazette vom 29. Dezember 1908: “Most of the good people of Lamstedt were satisfied to do as they were told, and they made no further mark on the history of the world,” also “Die meisten der guten Leute aus Lamstedt waren damit zufrieden, das zu tun, was ihnen gesagt wurde, und sie hinterließen deshalb keinen Fußabdruck in der Geschichte dieser Welt.” Claus Spreckels war damit nicht zufrieden. Er verließ Lamstedt als Namenloser. So namenlos wie heute das Stück Erde, das seine Heimatstadt zu seiner Ehre einst vorgesehen hatte.

Uwe Spiekermann, 9. Mai 2018

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