Rationale Stoffkreisläufe: Die Verfütterung von Fleischmehl und „Kadaverfleisch“ vor dem Zweiten Weltkrieg

BSE ist heutzutage unter Kontrolle, der letzte Fall von „Rinderwahnsinn“ wurde hierzulande 2014 gemeldet. Nichts erinnert mehr an die politischen Verwerfungen und gesellschaftlichen Debatten, die in Deutschland nach dem ersten bestätigten BSE-Fall im November 2000 einsetzten und große Teile der Öffentlichkeit über Monate in ihren Bann zog. Bilder von konvulsivisch-zitternden und zusammenbrechenden Rindern verstörten, zumal eine realistische Gefahr der Übertragung auf den Menschen bestand: BSE-haltiges Rindfleisch konnte einen elenden Tod durch die Creutzfeldt-Jacob-Krankheit nach sich zu ziehen. Bis November 2000 schien diese Gefahr auf Großbritannien begrenzt. Dort hatte man seit den frühen 1980er Jahren begonnen, die Standards für die Produktion des Futtermittels Tiermehl aus Kadavern zu senken. Fleisch an Schweine und auch an Wiederkäuer zu verfüttern war EU-weit üblich, konnten so doch einerseits für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignetes Fleisch effizient entsorgt, anderseits die Rinder mit preiswertem Eiweiß versorgt werden. Doch die Abkehr von den lange geltenden Produktionsverfahren – in Deutschland beispielsweise seit 1939 – zerstörte bestehende Sicherheitsmechanismen gegen die erst Anfang der 1980er Jahre benannten Prionen. Großbritannien wurde vom EU-Markt ausgeschlossen, ab 1994 durfte Tiermehl nicht mehr an Wiederkäuer verfüttert werden. Doch Millionen Menschen hatten zuvor die infizierten Rinder verspeist – und entsprechend hieß es Mitte 2000 warnend: „Zahl der BSE-Toten nimmt zu“ (Die Tageszeitung 2000, Nr. 6194 v. 17. Juli, 7). Forscher warnten vor einer „BSE-Epidemie“ (Handelsblatt 2000, Nr. 152 v. 9. August, 45), Unsicherheit und Sorgen waren die Folgen.

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Ende einer Selbsttäuschung: Schlagzeile im November 2000 (Frankfurter Rundschau 2000, Nr. 267 v. 27. November, 1)

Die Verwerfungen der Jahre 2000/2001 darzustellen und zu analysieren war lange Zeit ein lukrativer Markt für Sozialwissenschaftler und Epidemiologen. Hier gilt es stattdessen den Blick zu weiten: Seit wann gibt es Tiermehl? Seit wann und warum wurde es zu einem Tierfutter auch für Pflanzenfresser? Warum verstand man in früheren Zeiten Tiermehl als ein modernes und leistungsstarkes Futtermittel? Antworten auf solche Fragen können helfen, die Strukturen auch des heutigen Agrar- und Ernährungsmarktes besser zu verstehen. BSE war schließlich nur ein Symptom für allgemeine Strukturen unserer Art der Agrarwirtschaft und Lebensmittelproduktion.

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Justus von Liebig in seinem Münchener Arbeitszimmer (Über Land und Meer 31, 1874, 268)

Am Beginn dieser vergessenen Geschichte stand Justus von Liebig (1803-1873). Der erst in Gießen, dann in München wirkende Apothekersohn aus Darmstadt gilt als Stammvater der organischen Chemie, der „Agrikulturchemie“ und der Ernährungswissenschaft. Er war Impulsgeber einer neuen Zeit (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 32-37). Liebigs Arbeiten bündelten und popularisierten spätestens seit 1840 eine Agrarwissenschaft, die landwirtschaftliche Prozesse zunehmend unter dem Aspekt eines Kreislaufes von Stoffen, eines Stoffwechsels verstand. Landwirtschaft war demnach die angewandte Lehre von Stoffgehalten, Stoffaustausch und Stoffersatz, war die Nutzung einer kausalen Naturmechanik: „Der Landwirth wird damit in Stand gesetzt sein, ähnlich wie in einer wohleingerichteten Manufactur, ein Buch zu führen über einen jeden seiner Aecker, mit Genauigkeit im voraus zu bestimmen, welche Stoffe und in welcher Menge er sie hinzuführen muß, um den Acker, je nach der Menge der geernteten Frucht in seinen ursprünglichen Zustand der Fruchtbarkeit zurückzuversetzen“ (Justus Liebig, Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie, 6. Aufl., Braunschweig 1847, 277). Damit geriet die tradierte Düngung der Bauern in den Blick. Der im Betrieb entstehende Wirtschaftsdünger, also etwa Jauche, Mist oder Stroh, wurde als Stoffträger analysiert und peu a peu durch mineralischen „Kunstdünger“ ergänzt, schließlich gar ersetzt: Stickstoff, Phosphor, Kalium und Kalzium wurden auf die Felder aufgebracht, anfangs häufig in Form importierter Naturdünger (Guano, Chile-Salpeter), später dann verstärkt als chemisch synthetisierte Düngemittel.

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Optimierte Landwirtschaft durch Zufuhr von Makronährstoffen: Düngerwerbung 1868 (Kaiserslauterer Wochenblatt und Plakat-Anzeiger 1868, Nr. 15 v. 11. April, 2)

Es war nur konsequent, auch tierische Abfallstoffe in diesen Kreislauf einzuspeisen. Phosphorhaltiges Knochenmehl etablierte sich als Dünger erst im industriellen Pionierland England, seit der Jahrhundertmitte aber auch in Mitteleuropa (Julius Adolph Stöckhardt, Chemische Feldpredigten für deutsche Landwirthe, Abt. 1, Leipzig 1851, 169-192). Es wurde in speziellen Knochenmühlen produziert, um so Mineralstoffe nutzen zu können, bei denen gesundheitsschädliche Gärungsprozesse ausgeschlossen schienen. Schon in den 1860er Jahren entstanden größere Betriebe, etwa in München, Linden und in der Nähe von Leipzig (Grazer Zeitung 1871, Nr. 347 v. 31. Dezember, 5). Wichtiger aber waren die Folgen der internationalen Arbeitsteilung bei der Produktion etwa von Wolle und Fleisch für die europäischen Märkte. Die dabei entstehenden Abfallstoffe wurden weiterverarbeitet und führten zu einer breiten Palette tierischer getrockneter und konzentrierter Düngemittel. Neben fein gemahlenem und gedämpftem Knochenmehl standen etwa Wolldünger, Blutdünger und auch Fleischmehl aus Südamerika und den Weiten des britischen Kolonialreichs (Gemeinde-Zeitung 2, 1863, 522).

Die Düngung der Pflanzen wurde in den 1870er Jahren rasch durch die Fütterung von Tieren ergänzt. Auch sie waren letztlich nichts anders als eine Stoffansammlung, ihr Leben Teil des universell gültigen Stoffwechsels. Die zunehmend chemisch analysierten Futtermittel galten als regelrechte Bausteine für Zucht und Hege. Die physiologisch richtige Mischung von Eiweiß, Kohlehydraten, Fetten, Mineralstoffen und Wasser erschien als Garant des Züchtungs- und Masterfolges. Die Natur wurde von jedem Mystizismus befreit, allein materielle Faktoren zählten. Der tierische Organismus erschien als eine „Durchgangsstätte für chemische Stoffe“ und als „Ort ihrer Umwandlung“ (Ernst Mangold, Die physiologische Bedeutung der Ernährung und des Stoffwechsels für die landwirtschaftlichen Nutztiere, in: ders. (Hg.) Handbuch der Ernährung und des Stoffwechsels […], Bd. 1, Berlin 1929, 1-9, hier 1). Es ist offenkundig, dass dieser strikte Materialismus – der weit folgenreicher war als etwa der Materialismus Marxscher Prägung – keineswegs wertfrei war: Da tierisches Eiweiß als Quelle der Muskelkraft und als Garant körperlicher Stärke verstanden wurde, gewannen eiweißreiche Futtermittel rasch an Bedeutung. Das Fazit für die Tierfütterung war simpel: „Fleisch giebt Fleisch“ (C[arl] J. Eisbein, Das Fleischfuttermehl als willkommene Beihülfe bei der Ernährung der landwirtschaftlichen Nutztiere, Berlin/Neuwied 1886, 3). Doch tierische Futtermittel waren hygienisch heikel und relativ teuer. Letzteres sollte sich durch den Erfolg von Liebigs Fleischextrakt und die verbesserte Transportinfrastruktur binnen kurzem ändern.

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Liebigs Fleischextrakt als wissenschaftliches Stärkungsmittel (Hannoverscher Courier 1867, Ausg. v. 1. Juli, 4)

Um den Wandel hin zur allgemeinen Tiermehlverfütterung nachvollziehen zu können, müssen wir uns in der Tat wieder Justus von Liebig zuwenden, der eben nicht nur abstraktes Handlungswissen schuf. Schon 1847 hatte er auf Basis theoretischer Überlegungen die Produktion eines Rindfleischextraktes angeregt, um so die „Essenz“ des billigen und bisher kaum genutzten Fleisches in Südamerika für die breite Mehrzahl der europäischen Bevölkerung zu nutzen (Spiekermann, 2018, 130-138). Doch es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, ehe mit Hilfe vor allem deutschen Kapitals 1864 die Liebig’s Extract of Meat Company in Fray Bentos, Uruguay, die Produktion aufnehmen konnte. Südamerika bot in der Tat großflächige Weidegebiete und erlaubte eine preiswerte Aufzucht von Rindern. 30-32 Kilogramm Fleisch dienten zur Produktion von einem Kilogramm Fleischextrakt. Das von Fett und Sehnen größtenteils, von Knochen vollständig befreite Fleisch wurde dazu auf etwa 70-80° C erhitzt, der aroma- und mineralstoffreiche Extrakt abgeführt. Übrig blieben Knochen und ausgelaugtes Fleisch, also Abfallprodukte mit hohem Phosphor- bzw. sehr hohem Eiweißgehalt. Die zahlreichen in Mitteleuropa etablierten Knochenmühlen verhinderten Importerfolge von Knochenmehl, doch entsprechende Fleischreserven gab es hier nicht. Sie wurden in Fray Bentos getrocknet, gemahlen und sodann als Liebigsches Fleischfuttermehl weltweit vertrieben.

Das neue Futter fand nicht zuletzt wegen seines mehr als 70%igen Eiweißanteils rasch Interesse bei deutschen Wissenschaftlern und Landwirten. Im Deutschen Reich gab es zwar zahlreiche „Kraftfuttermittel“, doch Rapskuchen, Malzkeime oder Leguminosenkörner waren eher eiweißarm. Fleischmehl hatte zudem einen relativ hohen Fettanteil, der nur von verschiedenen Ölkuchen erreicht wurde. Es füllte demnach eine Lücke, die Jahrzehnte später durch Sojafuttermittel geschlossen wurde. Die chemische Zusammensetzung war also verheißungsvoll, entsprechend engagiert begannen seit den späten 1860er Jahre breit angelegte Fütterungsversuche. Der Bonner Physiologe Eduard Kemmerich (1845-1916) – später Fleischextraktproduzent in Santa Elena, Argentinien – erprobte 1869 das Fleischfuttermehl an Schweinen. Durch Zumischungen von Kali und Kochsalz konnte er dessen Nährwert beträchtlich steigern, was bei Liebig Freude hervorrief (Eisbein, 1886, 4). Weitere Versuche erfolgten in den 1870er Jahren an vielen Orten, etwa in München (Julius Lehmann (1825-1894)), Dresden (Carl Haubner (1806-1882)), Bonn-Poppelsdorf (Friedrich Wilhelm Dünkelberg (1819-1912)) und Möckern (Gustav Kühn (1840-1892)) (Der Praktische Landwirth 11, 1874, 138; Fühlings Landwirtschaftliche Zeitung 25, 1876, 776; Deutsche Landwirtschaftliche Presse 6, 1879, Nr. 93; Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 29, 1879, 374-375).

Die zahlreichen Fütterungsversuchen zuerst an Schweinen, dann auch an Pferden, Schafen und Ochsen, ließen Marktchancen konkret werden: Anfangs war das aus Blut-, Fleisch- und Knochenabfällen hergestellte Fleischmehl von Uruguay in plombierten Säcken nach Antwerpen verschifft worden, wurde dort nochmals chemisch kontrolliert und dann als Düngemittel insbesondere in der Rheinprovinz verwendet (Gemeinde-Zeitung 12, 1873, Nr. 23 v. 19. Juni, 14). Nun aber zeigte sich, dass Fleischmehl gut verdaut und resorbiert wurde, dass man es auch zur Fleischmast und zur Produktion qualitativ besserer Milch und Butter nutzen könne. Allerdings blieb der Geruch ein Problem. Hunde bekümmerte dies kaum, Schweine und Geflügel ließen sich durch kleinere Portionen und Futtermischungen leicht überzeugen. Dagegen zeigten Pferde, Schafe und Rinder offenen Widerwillen gegen das neue Futtermittel. Doch anders als bayerische Soldaten, die sich 1875 strikt und erfolgreich weigerten, ein heimisches Fleischmehl als Suppengrundstoff zu akzeptieren, konnten die Wiederkäuer keinen effektiven Widerstand leisten. Mast- und auch Milchbauern kochten das Fleischmehl nochmals, mischten erst kleinste, dann größere Mengen dem üblichen Futter bei und erreichten so zumindest Gewöhnung auf niedrigem Niveau (H[ermann] Haefcke, Die technische Verwerthung von thierischen Cadavern, Cadavertheilen, Schlachtabfällen u.s.w., Wien/Pest/Leipzig 1899). Die Praxis setzte der Theorie des Stoffkreislaufs also klare Grenzen: Fleischmehl konnte nur ein ergänzendes Kraftfuttermittel sein, um eiweißarme Futtermittel physiologisch angemessen zu ergänzen (ca. 1 kg/Tag und Rind). Zu große Portionen konnten bei Milchvieh zudem Durchfälle hervorrufen und den Geschmack von Milch und Butter beeinträchtigen.

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Variationen des Liebigschen Fleischfuttermehls 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 19 v. 8. Mai, 7)

Der Doyen der deutschen Chemie nahm an diesen Versuchen regen Anteil. Er sandte Fleischmehl bereitwillig an alle an, die Untersuchungen durchführen wollten (Prager Landwirthschaftliches Wochenblatt 6, 1875, 32). Schon 1869 unterstützte Liebig Versuche, das Futter gezielt mit Kochsalz und Kali zu fortifizieren, auch wenn der von verschiedenen Fettsäuren herrührende Geruch dadurch kaum verbessert werden konnte. Liebig regte 1872 dann auch an, die Forschungen auf Wiederkäuer auszuweiten: „Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Fleischmehl auch von Rindvieh und Schafen gefressen wird, wenn man mit kleinen Gaben beginnt und wenn bei diesen Thieren ähnliche Erfolge erzielt werden, wie bei Schweinen, so dürfte dieses der beste Weg sein, Fleisch rasch nach Europa zu importiren; in dem Magen unserer Thiere verwandelt sich das Fleischmehl in Fleisch“ (zit. n. Der Praktische Landwirth 13, 1876, 292). Und so geschah es: „Man muß deshalb mit kleinen Portionen beginnen, dieselben mit den gern genommenen zerkleinerten Wurzelfrüchten oder Kartoffeln resp. Schlempe recht gut mischen und schon am zweiten oder dritten Tage ist die erste, durch den eigentümlichen, an Parmesankäse erinnernde Geruch entstandene Scheu überwunden. Schreiber dieser Zeilen hat bei verschiedenen Fachgenossen wiederholt konstatieren können, daß selbst unvermischt in die Krippe gestreutes Fleischmehl von den Kühen mit Begierde aufgeleckt wurde. Sie erhoben sich sofort und à tempo aus ihrer liegenden Stellung, wenn der Viehwärter zur bestimmten Zeit in den Stall trat und bewillkommneten ihn und seine ersehnte Gabe mit freudigem Gebrüll. Selbst ganz junge Kälber nehmen es gern, falls man es ihnen in Form von Brot beibringt“ (Eisbein, 1886, 30). Unabhängig vom Wahrheitsgehalt derartiger Aussagen wurde Fleischmehl jedenfalls seit Anfang der 1880er Jahre in der Kälbermast eingesetzt, galt als praktikables und sinnvolles Kraftfuttermittel für Mastochsen und auch Milchvieh. Nur selten wurde die Frage gestellt, ob es sinnvoll sei, ein tierisches Produkt an einen Pflanzenfresser zu verfüttern (Fleischmehl aus Fray Bentos, als Kraftfuttermittel für Rindvieh, Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft 1875, Nr. 50 v. 11. Dezember, 365). Die abstrakte Vorstellung des tierischen Stoffwechsels reduzierte Futter auf chemische Inhaltsstoffe – und diese waren grundsätzlich austauschbar. Auch wenn das Fleischmehl vorrangig zur Fütterung der omnivoren Schweine eingesetzt wurde, etablierte es sich als Ergänzungsfutter für Wiederkäuer (Karl Römer, Die Kraftfuttermittel, 2. Aufl., neu bearb. v. F[ranz] Weckesser, Stuttgart 1911, hier 99-102; Das Fleischfuttermehl und sein hoher Werth für die Landwirthschaft, Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1894, 670-671; Fleischfuttermehl, in: Konrad zu Putlitz und Lothar Meyer (Hg.), Landlexikon, Bd. 2, Stuttgart 1911, 637).

Seit den 1890er Jahren wurde die Palette tierischer Futtermittel nochmals erweitert. Neben die auch von zahlreichen Konkurrenten der Liebig Company in Argentinien, Australien und den USA vermarkteten Fleischmehle traten zuerst Rückstände aus der sich langsam entwickelnden Fleischkonservenindustrie, dann aber vor allem die Tierkörpermehle. Dabei handelte es sich um Restprodukte aus der schnell an Gewicht gewinnenden Tierkörperbeseitigung (Boretius, Das Abdeckereiwesen und seine Regelung, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 34, 1902, 475-498). Während zuvor Schlachtreste, Kadaver und kleinere Haus- und Nutztiere meist vergraben wurden, die Verarbeitung auch zu Dünger nicht die Regel war, setzte nun eine tiefgreifende, allerdings auf größere Städte begrenzte Mechanisierung der Tierkörperbeseitigung ein. Seit Anfang der 1890er Jahre wurden leistungsfähige „Desinfectoren“ eingesetzt, in denen die Tierreste unter hohem Druck (bis zu 7 bar) und hohen Temperaturen (ca. 90-100° C) bis zu 8 Stunden lang zu Tierkörpermehl (und anderen Produkten) verarbeitet wurden. Diese Maßnahmen galten als ausreichend, um sämtliche Krankheitskeime sicher abzutöten (J[ohannes] Haas, Über Kadaververnichtung und -Verwertung, Der Zeitgeist 2, 1909, 474-477). Damit konnten die meist an größeren Schlachthöfen angesiedelten Abdeckereien ihren Markt erweitern: An die Stelle einer aufwändigen Seifenfett- und Düngerproduktion (Verwerthung der Tiercadaver, Vereinigte Laibacher Zeitung 1874, Nr. 48 v. 28. Februar, 1005) traten vermehrt „Tierkörpermehl“ bzw. „Tiermehl“ als Futtermittel vornehmlich für Schweine. Die Städte trugen diesen Prozess, das Reich sicherte ihn rechtlich ab. Das Tierkadaverbeseitigungsgesetz von 1911 institutionalisierte diese Praxis grundsätzlich und beendete – trotz beträchtlicher Ausnahmen – das „wilde“ Entsorgen der Tierkadaver (Begründung des Tierkadaverbeseitigungsgesetzes v. 17.06.1911, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 35, 1911, 727-745, hier 729). Die Menge potenziellen Tierfutters stieg somit vor dem Ersten Weltkrieg deutlich an, obwohl die Bedeutung des südamerikanischen Fleischmehles aufgrund der wachsenden Bedeutung des internationalen Fleischkonserven- und Gefrierfleischhandels sowie effizienterer Fleischextraktproduktion tendenziell sank. Liebig’s Extract of Meat Company produzierte aber nach wie vor beträchtliche Mengen: 1898 handelte es sich um 2.440 Tonnen Fleischmehl und 2.950 Tonnen fleischhaltige Düngemittel (Allgemeine Zeitung 1901, Nr. 117 v. 28. April, 14).

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Tierkörperverwertung in der städtischen Abdeckerei Dresden-Löbtau, ca. 1900 (Apparate und Transportwagen zur Verwertung und Beseitigung von Tierkadavern und Schlachthofkonfiskaten, Berlin 1908, 11)

Gleichwohl ergaben sich beim „Kadavermehl“ neue Probleme. Denn während Schweine und Geflügel auch dieses Futter fraßen, zeigten Wiederkäuer eine noch deutlichere Abneigung (F[ranz] Honcamp (Hg.), Die tierischen Abfallstoffe Blutmehl, Fleischmehl, Tierkörpermehl und Waltiermehl […], Berlin 1932, 72). Dies galt nicht zuletzt, weil nicht mehr allein Fleisch, sondern auch Knochen und Eingeweide zu Tierkörpermehl verarbeitet wurden: „Während beim Liebig’schen nur eine Fleischsorte gesunder geschlachteter Tiere verarbeitet wird, werden in den Abdeckereien Fleischsorten aller möglichen Provenienzen verwendet; kranke, zum menschlichen Konsum ungeeignete Tiere, Hunde, Katzen, verendete Tiere, verdorbene Fleischwaren, Schlachthausabfälle etc. Aus dieser Verschiedenheit des Rohmaterials folgt schon, daß die Kadavermehle sehr große Schwankungen in ihrer Zusammensetzung aufweisen müssen“ (Johann Wittmann, Über den Einkauf von Fischfuttermittel mit besonderer Berücksichtigung der Verdaulichkeit, in: Adolf Gasch (Hg.), Die Teichwirtschaft, Bielitz 1911, 40-62, hier 41). Zugleich sank der Eiweißanteil auf ca. 50 %. Entsprechend fielen die Preise, nur große Tierkörperverwertungsanlagen arbeiteten kostendeckend (ca. 1.500 Tonnen Tierkörpermehl wurden 1908 reichsweit vertrieben, während die Fleischmehlimporte bei etwa 5.000 Tonnen lagen (Haas, 1909, 476, 477)). Zugleich aber regte sich auch öffentlicher Widerstand gegen „Müllschweine“ oder aber „Kadavermehl“. Deutlichen Niederschlag fand dieser beispielsweise beim Interessenverband der Nahrungsmittelindustrie, dem Bund Deutscher Nahrungsmittel-Fabrikanten und Händler. Er empfahl die Produkte der „Kadaver-Vernichtungsanstalten“ als Dünger, empörte sich aber über die „allgemeine Verwendung in der Schweinemästerei“ (Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1, 1903, 70-71, hier 70). Die Gewerbetreibenden argumentierten moralisch: „Billig ist solches Futter allerdings, aber es bedarf keines Wortes, daß die Fütterung mit Kadaverfleisch ekelerregend ist und das Fleisch der so gemästeten Tiere unbedingt als minderwertig angesehen werden muß“ (Deutsche Nahrungsmittelmittel-Rundschau 6, 1908, 71). Auch der Deutsche Fleischer-Verband kritisierte den Einsatz fast aller Abfälle, insbesondere aber von Fischabfällen, dem Fleisch kranker Tiere, von Blutmelasse und Zentrifugenschlamm (Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 3, 1905, 168). Doch die geforderte Deklarationspflicht kam nicht zustande. Zu Zeiten hoher Importzölle auf Fleisch und Getreide und fast regelmäßiger Fleischteuerungsdebatten war ein erschwinglicher Preis jedenfalls wichtig für diejenigen, die sich Moral nicht wirklich leisten konnten. Entsprechend bildete sich vor dem Ersten Weltkrieg bei Agrarwissenschaftlern und Hygienikern ein Konsens reflektierter Distanz aus. „Kadavermehl“ sei zuerst Dünger und nur in zweiter Linie ein Futtermittel, „denn bei der Art seiner Gewinnung ist es doch gar nicht ausgeschlossen, dass auch das Fleisch vergifteter Tiere, oder doch solche tierische Stoffe, die sich selbst infolge Fäulnis starke Gifte haben entstehen lassen, verwendet wird“ (Römer, 1911, 101). Obwohl es eine merkliche Milzbrandgefahr gab, wurden Tiermehl und Tierkörpermehl dennoch weiterhin an Schweine und auch an Wiederkäuer verfüttert. Blutmehl und Reste der Fleischkonservenindustrie füllten ebenfalls die Futtertröge.

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Trocknung von Fleischkadavern im Extraktions- und Trockenapparat System Grove (Apparate und Transportwagen zur Verwertung und Beseitigung von Tierkadavern und Schlachthofkonfiskaten, Berlin 1908, 15)

Der Erste Weltkrieg führte dann zu einer wesentlich intensivierten Nutzung der Tierkadaver und Fleischreste, brachen doch die Fleischmehlimporte aufgrund der alliierten Wirtschaftsblockade zusammen (W. Hoenig, Kadaververwertung, Kosmos 15, 1918, 145-146). Kommunen und Länder bauten neue Kapazitäten auf, um Fleisch und Fett, Futter und Dünger in größerem Umfang zu gewinnen. Die Ergebnisse blieben völlig unzureichend. Großbetriebliche Modellanlagen, wie etwa die 1908 eingeweihte Fleischvernichtungs- und Verwertungsanstalt in Rüdnitz bei Bernau, blieben Ausnahmen. Insbesondere auf dem Lande wurden Kadaver auch während des Krieges meist verbrannt und vergraben (Verwertung der Tierkadaver, Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 24, 1916, 239). Die Forschung für Futtersubstitute wurde intensiviert, doch all dies konnte nicht vergessen machen, dass die Kosten für die Tiermehlproduktion sich erst bei einem jährlichen Produktionsvolumen von 200 Tonnen amortisierten (R[ichard] Fischer, die Beseitigung, Vernichtung und Verarbeitung der Schlachtabfälle und Tierleichen […], Stuttgart 1905, 148). Reichsweit erreichten das nur wenige Anlagen. Abdeckereien blieben aufgrund hoher Maschinenkosten und geringer Futterpreise meist Zuschussbetriebe. Während des Krieges wurden die vorhandenen Fleischkörpermehle – nach dem „Schweinemord“ von mehr als fünf Millionen Tieren 1915 – verstärkt für eine fettreichere Milchproduktion genutzt (H. Kleemann, Gewinnung von volkswirtschaftlich bedeutungsvollen Werten aus Tierleichen, Schlachthausabfällen usw., Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure 63, 1919, 1062-1066). Daneben baute die Kaiserliche Armee beträchtliche Kapazitäten für die eigene Fleischversorgung auf.

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Mobiler Tierkörperverwerter für den Feldeinsatz (Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 25, 1917, 98 (l.); ebd., Nr. 36, I)

Nach Kriegsende dauerte es Jahre bis zu einer begrenzten Entspannung auf dem Futtermarkt. Die neuerliche Anbindung an den Weltmarkt und der Abbau der Zwangswirtschaft erfolgte erst 1920/21. Dann aber nahm die Bedeutung tierischer Futtermittel wieder rasch zu, insbesondere durch große Mengen importierter Fisch- und Walmehle. Mischfuttermittel gewannen dadurch rasch an Bedeutung, Tiermehl wurde oft eine nicht mehr sichtbare, weil nicht mehr explizit beworbene Ware. Angesichts großer Außenhandelsdefizite und wachsender Autarkiebestrebungen wurde die Produktion von „deutschem Tiermehl“ dennoch gezielt gefördert (Heyck, Über Tiermehl, Tierkörpermehl, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 45, 1934/35, 206-209; G[ustav] Fingerling, Bedeutung der Schlachthofabfälle für die Fütterung, Mitteilungen für die Landwirtschaft 50, 1935, 968-969). 1925 dürften im Deutschen Reich ca. 4.500 Tonnen Tierköpermehl produziert worden sein (E[rich] Moegle, Der heutige Stand der Regelung des Abdeckereiwesens, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 35, 1924/25, 211-213, hier 213). Die während des Krieges aufgebauten Kapazitäten konnten während der Friedenszeit deutlich besser genutzt werden. Die heimische Produktion profitierte aber auch von der in den späten 1920er Jahren nach langen Vorarbeiten erfolgten Standardisierung des Futtermittelmarktes. Mit dem parallel zum Lebensmittelgesetz erlassenen Futtermittelgesetz vom 1. November 1927 wurden erstmals rechtlich verbindliche Begriffe festgelegt: Die aus geschlachteten und gesunden Tieren produzierten Futtermittel wurden abhängig von ihrem Knochengehalt als Fleischmehl, Fleischknochenmehl und Knochenschrote bezeichnet. Die „Kadavermehle“ mutierten dagegen zu Tierkörpermehl resp. Tiermehl. Diese Marktordnung half den Wildwuchs zu begrenzen, der in den 1920er Jahren eingerissen hatte und namentlich dem Absatz von „Kadavermehlen“ als Futtermittel zugesetzt hatte (Der fortschrittliche Landwirt 9, 1927, 378). Die Landwirte konzentrierten die Fleischfuttermittel zudem auf Schweine und Geflügel, gab es doch mit Soja- und Sonnenblumenkuchen neue preiswerte Eiweißfuttermittel für Wiederkäuer (Das argentinische Fleischmehl ein billiges Eiweißfutter, Der fortschrittliche Landwirt 11, 1929, 662-663).

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Ausgriff aufs Land: Modell einer mittleren Tierkörperbeseitigungsanlage (R[obert] v. Ostertag und E[rich] Moegle (Hg.), Die Tierkörperbeseitigung, Berlin 1940, 160)

Während der 1920er und 1930er Jahre wurde die Technik der Tierkörperbeseitigung weiter optimiert (G[ustav] Hönnicke, Entwickelung der sog. Indirekten Durchdämpfung bei der Tierkörper-Verwertung, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 36, 1925/26, 193-198, 210-212). Dies war auch eine Reaktion auf die qualitativen Verwerfungen während des Jahrzehnts der Ernährungskrise 1914 bis 1923 mit häufig gesundheitsschädlichen Angeboten. Zudem stellte die Vitaminforschung neue Aufgaben. Dämpfen und Sterilisieren reduzierte den Vitamin A-, vor allem aber den Vitamin D-Gehalt (Arthur Scheunert et al., Über den Vitamingehalt von Tiermehl […], in: Honcamp (Hg.), 1932, 48-61). Intensiv gefütterte Schweine entwickelten Rachitis, auch Verferkelungen kamen vor (F[ranz] Lehmann, Tierische Mehle und Futtermittel aus niederen Tieren, in: Mangold (Hg.), 1929, 498-527, hier 515-521). Dagegen setzte man auf neuartige Mischungen, etwa der Fortifizierung mit phosphorsaurem Kalk. Das Stoffparadigma lenkte weiterhin Denken und Handeln der Experten. Prozesstechnisch setzte man auf höhere Temperaturen, niedrigerer Druck (ca. 3-4 bar) und ein geringerer Energieaufwand. Das schien wirtschaftlich, doch auch veterinärmedizinisch geboten: „Die Temperatur von rund 140° C tötet alle Krankheitskeime absolut sicher ab“ (F[ranz] Lehmann, Tierische Mehle und Futtermittel aus niederen Tieren, in: Mangold (Hg.), 1929, 498-527, hier 518).

Während des Nationalsozialismus dominierten wehrwirtschaftliche Zielsetzungen die Tierfuttermittelproduktion. Fleischmehl wurde durch neue Verfahren ein Großteil des Fettes entzogen, um so die heimische „Fettlücke“ ansatzweise zu schließen (Franz Lehmann, Fleischmehl und Knochenschrot als Futtermittel, Mitteilungen für die Landwirtschaft 52, 1937, 192-193; Wilhelm Ziegelmayer, Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung, 4. verb. u. erw. Aufl., Dresden/Leipzig 1941, 181-198). Kurz vor dem 2. Weltkrieg hieß es stolz: „Fleischabfälle und Blut werden heute fast ausnahmslos zu Futtermehl und technischem Fett verarbeitet. Das mit modernen Apparaten gewonnene Futtermehl hat einen hohen Gehalt an eiweißartigen Stoffen. Je nach Art des Rohmaterials beträgt derselbe bei dem aus Fleischabfällen und dergleichen gewonnenem Tierkörpermehl im Durchschnitt 60-70 %, bei Blutmehl ungefähr 80 %“ (A. Lutter, Verwertungsmöglichkeit für Abfälle in der Fleischwaren- und in der Fischindustrie, Deutsche Lebensmittel-Rundschau 1939, 43-45, hier 43-44). Das Futtermehl war ein Eiweißkonzentrat, so wie von Liebig angestrebt. Insgesamt nahm seine Produktion beträchtlich zu, zumal die Importe moderat zurückgefahren wurden. Schätzungen sprachen von jährlich ca. 30.000 Tonnen Tiermehl. Angesichts von rechnerischen Ressourcen von ca. 540.000 Tonnen blieb die Stoffbilanz jedoch mager (Erich Moegle, Schlachthofabfälle und Verwertungsanlagen, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 46, 1935/36, 214-215, hier 215). Daran konnte auch das 1939 erlassene Tierkörperbeseitigungsgesetz kaum etwas ändern. Es unterstützte eine erhöhte Produktion vornehmlich in den Mittel- und Kleinstädten. Und seine Ausführungsbestimmungen legten auch die Grundprinzipien der Drucksterilisierung verbindlich fest, die im Kern bis zur BSE-Krise dauern sollten: Erhitzung auf mindestens 133°C bei 3 bar Druck für mindestens 20 Minuten. Führende Wissenschaftler hatten darauf hingearbeitet und verlautbarten selbstbewusst: „Die Unschädlichmachung von Konfiskaten und Tierkadavern bei gleichzeitiger Verarbeitung der verwertbaren Teile dürfte heute eine technisch gelöste Frage sein“ (Honcamp (Hg.), 1932, 11). Sie sollten sich irren.

Uwe Spiekermann, 15. Juni 2019