Walfang, Waltran und weitere Walprodukte in den 1930er Jahren. Eine Erinnerung

Der Buckelwal „Timmy“ zieht gegenwärtig Medien und Millionen in seinen Bann. Die mögliche Rettung eines ob seiner Größe majestätischen Tieres gilt als Ausdruck „uns“ verbindenden Mitgefühls, eines respektvollen Umgangs mit der Natur. Vor einem knappen Jahrhundert hätte sich die Mehrzahl der Deutschen über solches Gebaren lediglich gewundert. Nach dem verlorenen Weltkrieg erlaubten neue Ölraffinerien die zunehmend geschmacksneutrale Verarbeitung importierten Waltrans. Und als Folge erst wirtschaftlicher, dann politischer und militärischer Debatten trat in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre das nationalsozialistische Deutsche Reich wieder ein in die kleine Gruppe der Walfangnationen. Waltran stand im Mittelpunkt der wissenschaftlich und technisch optimierten Jagd in der Antarktis, durch die „Timmys“ Vorfahren effizient geortet, erlegt und fast vollständig verwertet wurden.

Walharpune mit Widerhaken und Sprenggranate (Albert Weber, Die Jagd auf Wale, in: Nicolaus Peters (Hg.), Der neue deutsche Walfang, Hamburg 1938, 144)

Die „Fettlücke“ als wirtschaftliches und politisches Problem der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Dies sollte helfen, die hierzulande vielbeschworene „Fettlücke“ zu schließen, also die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichende fehlende Selbstversorgung mit preiswerten Fetten durch die heimische Milch- und Schlachtwirtschaft. Dies war Folge der nach der Jahrhundertwende zunehmend möglichen Verarbeitung importierter und „gehärteter“ Ölsaaten zu preiswerter Margarine. Anfangs ging es um Baumwollsamen-, Erdnuss- und Sesamöl, dann auch Kokos- und Palmöl. Hinzu trat schon vor dem ersten Weltkrieg Sojaöl, schließlich auch der technisch nochmals schwerer zu bearbeitende, zudem „kratzig“ schmeckende Waltran. Die vorwiegend in der Hand niederländischer und britischer Unternehmen liegenden Importe erforderten allerdings beträchtliche Devisenzahlungen. Während des Kaiserreichs war dies ökonomisch unproblematisch, erwirtschaftete die florierende Exportwirtschaft doch genügend Mittel, zumal dank der billig eingeführten Nahrungs-, Futter- und Düngemittel auch die Löhne niedrig gehalten werden konnten. Während der Weimarer Republik wurde dies aufgrund weltweit höherer Zölle und auch hoher, der Niederlage folgenden Reparationszahlungen schwieriger. Und während der mit weiteren Zollerhöhungen verbundenen Weltwirtschaftskrise waren Fettimporte aufgrund schwindender Massenkaufkraft zwar geboten, standen aber in immer größerer Spannung zu politischen Bestrebungen, die deutsche Wirtschaft von den Fährnissen der Weltwirtschaft möglichst abzukoppeln.

Waltran als unsichtbarer Teil der Margarine: Fettkonsum im Deutschen Reich 1933 (Rheinische Bäcker- und Konditorei-Zeitung 37, 1935, 282)

Mit der Machtzulassung der NSDAP und ihrer konservativen Bündnispartner verschärfte sich dieses Problem, denn die Verwendung von Devisen war nun nicht länger ein vorrangig ökonomisches, sondern immer stärker ein machtpolitisches Problem. Die im massiv geschwundenen Exporthandel erwirtschafteten Devisen sollten weniger für den Konsum als vielmehr für die Grundlagen von „Wehrfreiheit“ und dem Aufbau einer seit 1935 „Wehrmacht“ genannten Militärmaschinerie eingesetzt werden. Um dies zu erreichen, zielten die neuen Machthaber – durchaus in der Tradition vieler ihrer Vorgänger – einerseits auf eine erhöhte inländische Produktion von Milch- und Schlachtfetten sowie heimischen Ölsaaten. Dazu wurde 1933 die „Erzeugungsschlacht“ ausgerufen, galt Selbstversorgung als anzustrebendes Ziel. Die limitierten landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, die aufgrund des wach­senden Militärbedarfs und der wenig effektiven Flurbereini­gung kaum erweitert werden konnten, begrenzten die Produktion von Butter, Schlachtfetten und heimischen Ölsaaten jedoch deutlich. Das scheint alles fern von den Vorfahren unseres Buckelwals „Timmy“ zu liegen. Doch das damalige abstrakte Denken in Devisen, Außenhandels- und Nahrungsbilanzen kreiste zunehmend um vermeintlich unerschlossene Reserven. Wir kommen damit zum Habitat der Wale, zum Meer.

Das Meer als Kolonie

Anfangs ging es weniger um Wale als vielmehr um Seefisch. Seit 1934, spätestens aber seit der Versorgungskrise im Winter 1935/36 gewann das Meer als „Deutschlands gegenwärtig einzige Kolonie“ (K.H. Hoffmann, Deutschlands gegenwärtig einzige Kolonie – das Meer, Zeitschrift für Volkser­näh­rung 14, 1939, 93-95, 187) in den Expertendiskussionen einen rasch wachsenden Platz. Er­nährungsfachleuten und Politikern erschien es als unerschöpfliche Quelle von Fett und Eiweiß. Seefi­sche – und dann auch Wale – galten seit lan­gem als „‚Schätze des Meeres’, die geerntet werden können, ohne daß gesät zu wer­den braucht“ ([Walter] Reichert-Facilides, Die Bedeutung des Seefisches für die Volksernährung, Hannover­sche Hausfrau 25, 1927/28, Nr. 10, VI-VII, hier VII). Diese Ernte erforderte allerdings einerseits be­trächtliche Investitio­nen in eine Fangflotte, eine verarbeitende Industrie sowie ein effizientes Lagerungs- und Absatzsystem. Anderseits galt es Vorurteile gegen Fisch (und Walprodukte) bei den Verbrauchern abzuschleifen, die um den vermeintlich ge­ringen Nährwert und ihre besonders im Sommer geringe Qualität kreisten.

Der stete Kampf gegen die vermeintlichen Vorurteile gegen Seefisch (Die Glocke. Ausgabe F, 1937, Nr. 108 v. 22. April, Unterhaltungsblatt, 4)

Der Walfang profitierte von dieser Diskussion, den organisatorischen Umgestaltungen der Fischwirtschaft, dem Ausbau der Hochseefischerei (Vgl. detaillierter Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018). Ende 1936 sah der für den anvisierten Krieg unverzichtbare Vierjahresplan eine Verdop­pelung der deutschen Fisch­fänge bis 1940 und einen Pro-Kopf-Konsum von zwanzig Kilogramm vor (Hans Mosolff, Steigerung der deutschen Seefischversor­gung und ihre Grundlagen, Die Deutsche Volkswirtschaft 6, 1937, 1051-1056, 1087-1089). Fangflotten und Fischindustrie sollten entspre­chend ausgebaut werden. Obwohl auf Grundlage zahlreicher neuer Fachgeschäfte, von Fischbratküchen, von massiver Werbung und einer vehementen Verbrauchslenkung der Konsum beträchtlich gesteigert werden konnte, blieb das Ergebnis von knapp zwölf Kilogramm hinter den hohen Erwartungen zurück. Der allgemeine Einzelhandel mochte angesichts geringer staatlich festgelegter Han­delsspan­nen die nötigen Investitionen nicht recht tragen. Die Gefriertechnik stand noch in den Kinderschuhen, entsprechend war der Verderb der Frischware hoch, wurden viele Verbraucher durch qualitativ geringwertige Waren in ihrer Reserviertheit gegenüber dem Produkt Fisch bestätigt. Der von 1933 bis 1936 um knapp drei Kilogramm gestiegene Pro-Kopf-Konsum erhöhte sich zwischen 1936 und 1938 trotz breit gefächerter Propaganda nur noch moderat um ein Pfund, auf Filetgewicht be­rechnet stag­nierte er gar. Auch die beträchtlichen Verzehrsunterschiede zwischen küstennahen und küstenfernen Regionen verringerten sich kaum noch. Wie sich Anfang 1939 zeigen sollte, konnte Seefisch auch die damals offen zutage tretenden Versor­gungs­engpässe bei Fleisch und Fettwaren nicht wirklich aufgefangen werden (Deutschlands wirtschaftliche Lage in der Jahresmitte 1939, o.O. o.J. (1939) (Ms.), 16). Die parallel teils entwickelten, teils verbesserten Angebote, also Fischklöße, -fri­kadel­len, -pasten, -puddings, -extrakte oder aber -würste boten zwar Abhilfe, ver­deutlichten zugleich aber die Grenzen neuartiger Angebote aus Fischrohwaren. Die negativen Erfahrungen entsprechender Fischprodukte während des Ersten Weltkriegs wirkten noch nach. Da halfen auch neue Gewürzmischungen und Aromen wenig. „Ueber den Geschmack ent­scheidet die Tunke“ (Deutsche Handels-Rundschau 31, 1938, 940) blieb eine Floskel, trotz Umsetzung in der Gemeinschaftsverpflegung. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte die „Kolonie Meer“ jedoch ohnehin nicht mehr unbehelligt genutzt werden, wurden insbesondere die Fischgründe in der Nordsee zum Schlachtfeld zwischen Menschen.

Die wachsende Produktpalette der “unterirdischen Weiden“ (National-Zeitung, 1939, Nr. 36 v. 5. Februar, 5)

Billige Konsummargarine und die Lockkraft des Waltrans

Der nur begrenzte Bedeutungsgewinn von devisenfrei gefangenem Seefisch unterstrich die Schwierigkeiten, bestehende Ernährungsge­wohnheiten von der Angebotsseite her rasch zu ändern. Gegen die in der Alltagskost eingewobene kulturelle Selbstorgani­sation wetterten die Ernährungsfachleute. Sie orientierten sich nicht an der Tradition, sondern an physiologisch und medizinisch optimierten Modellen, hatten zugleich aber die volks- und privatwirtschaftlichen Kosten des importbasierten Fett- und auch Genussmittelkonsum im Blick. Darüber wurde in zunehmend martialischem Ton aufgeklärt, doch die von den Experten vielfach angenommene Allmacht werblicher Kommunikation erwies sich als Chimäre. Fisch blieb für die Mehrzahl ein schwaches, nicht wirklich sättigendes Lebensmittel, vor dem sein Eiweiß-, Vitamin- und Mineralstoffreichtum verblasste. Ernährungsfachleute in Wirtschaft und Wissenschaft zogen daraus eine einfache Lehre: Ernährungsumstellungen bei Grundnah­rungsmitteln waren we­niger erfolgreich als die gleichsam unsichtbaren Veränderungen in der Zusam­mensetzung neuer Produkte. Die Margarine war hierfür ein Paradebeispiel.

Margarine bestand während der 1920er Jahre, der „Ära der gehärteten Öle“ (Die Deutsche Margarineindustrie, Berlin 1930, 52 (Juckenack)), vorwie­gend aus pflanzlichen Fetten. Während die Bedeutung der ehedem dominie­renden tierischen Fette weiter sank, gewann importierter gehärteter Waltran kontinuierlich an Be­deutung: Sein Anteil am Gesamtangebot stieg von 9,8 Prozent 1924 auf 15,9 Prozent 1928 (Ebd., 47). Die daraus herge­stellte Margarine war im Wortsinne härter, schmolz langsa­mer und erforderte intensivere Verdauungsarbeit, doch sie war zugleich preiswerter. Dieser Wandel gründete auf technologi­schen Innovationen, auf neuen Raffinerien, die Fetthärtung ermöglichten und allgemein üblich machten. Waltran diente bis 1900 vorwiegend als Leuchtstoff, während gegen seine Verwendung als Speisefett „große Widerstände“ (Fr. W. Landgraeber, Walfang und Walfettgewinnung einst und jetzt, Braune Wirtschafts-Post 6, 1937, 482-484, hier 482) bestanden. Entsprechende Vorbehalte wurden von den meisten mittleren deut­schen Produzenten unterstützt, denn den neuen Rohstoff verarbeiteten vorrangig multinationale britische und niederländische Unternehmen. Jurgens & Prinz produzierte Margarine aus gehärtetem Waltran seit 1912 in Emmerich, doch das neue Produkt durfte erst ab Juli 1914 im Deutschen Reich angeboten werden, nachdem Untersu­chungen im Reichs­gesundheitsamt seine gesundheitliche Unbedenklichkeit belegt hatten (Die Öl- und Fettlücke, DAF-Rohstoff-Dienst 1939, 977-1045, hier 1008). Aufgrund der Blockade der Entente brachen 1914 die Importe insbesondere aus dem britischen Empire weg, konnten aber durch Angebote aus dem neutralen Norwegen ansatzweise kompensiert werden. Dadurch etablierten sich Handelskontakte zur weltweit führenden Walfangnation, die auch während der 1920er Jahren fortbestanden, als Waltran von immer mehr Firmen als Rohstoff für preiswerte Marga­rine genutzt wurde.

Die lebendige Hülle des Trans: Nach Größe geordnete Walarten (Johannes Paulsen, Neudeutscher Walfang, Langensalza, Berlin und Leipzig 1938, 5)

Waltran blieb dennoch ein umstrittener Rohstoff. Die während der Weltwirtschaftskrise Oberwasser gewinnenden Autarkiebefürworter kritisierten „die Abhängigkeit die­ses Ersatznah­rungsmittels von ausländischen Stoffen“ (Hans Peter Danielcik, Margarineversorgung, in: Ders. (Hg.), Deutschlands Selbstversorgung, München 1932, 179-180, hier 179) sowie die Dominanz des „Margarine-Trusts“ scharf. Die von ausländischem Kapital getragenen niederländischen Marktführer Jurgens & Prinz sowie Van den Bergh hatten sich 1928 zur Margarine-Union zusammengeschlossen, die 1930 dann mit der britischen Lever zu Unile­ver fusionierte (vgl. Ben Wubs, Niederländische Multinationals in Deutschland: Das Beispiel Unilever, 1890-1960, in: Hein A.M. Klemann und Frisco Wielanga (Hg.), Deutschland und die Niederlande, Münster et al. 2009, 173-186) – und dadurch war die Fettverarbeitung politisch nur schwer zu steuern. Das eigentliche Problem lag jedoch im immens gestiegenen Margarinekonsum: Anfang der 1920er Jahre hatte der 1913 auf drei Kilogramm pro Kopf geschätzte Verzehr den der Butter überholt und konnte diesen Vorsprung trotz beträchtlicher Rationalisierungsanstrengungen der Butterproduzenten behaupten. 1932 wurden mit knapp acht Kilogramm pro Kopf ein devisenträchtiger Spitzenwert erreicht. Dies war Folge der vergleichsweise geringen Leistungsfähigkeit und hohen Preise der deutschen Milch- und Fleischwirtschaft. Die insbesondere wäh­rend der Weltwirtschafts­krise immens ansteigenden Waltranimporte waren zudem preisgünstiger als die entsprechenden Importmengen pflanzlicher Öle. Daher konnten werde der seit 1930 gültige Beimi­schungs­zwang für deutsche Fette, noch der sog. Fettplan der neuen Regierung Hitler den Übergang zum Walöl stoppen. Im Gegenteil forcierte gerade der Neue Plan die Importe aus Norwegen, da Clearing-Geschäfte hier, anders als etwa mit den Ölexporteuren in der Mandschurei oder Indien, in größerem Maße möglich waren (O[skar] Schwalling, Die Margarine, Rundschau des Reichsbundes der deutschen Verbrau­cher­genossen­schaften 32, 1935, 648-651, hier 651).

Produkt ohne Information der genutzten Rohstoffe: Margarinewerbung 1934 (Illustrierter Beobachter 9, 1934, 198)

Der Übergang zum Waltran und dann zum Walfang resultierten auch aus dem faktischen Scheitern der NS-Regierung bei der Eindämmung des Margarinekonsums. Ab März 1933 versuchte der deutschnationale Ernährungsminister Alfred Hugenberg einerseits die einheimische Fettproduktion zu steigern, anderseits aber die devisenträchtigen Fettimporte deutlich zu verringern. Verwendungsquoten für deutsche Fette wurden zwar weiter festgeschrieben, der Konsum mittels einer Fettsteuer von fünfzig Pfennig pro Kilogramm erheblich verteuert, eine Reichsstelle für Öle und Fette zur Importkontrolle etabliert und die Margarine- und Speiseölproduktion auf die Hälfe der Menge des letzten Quartals 1932 kontingentiert. Gewisse Erfolge waren spürbar, der Selbstversorgungsgrad von Fett stieg von 1932 44 Prozent über 1933 51 Prozent auf 1934 56 Prozent. Doch das NS-Regime war zu schwach, um die Verdoppelung der Fettpreise gegenüber der ärmeren Bevölkerung beizubehalten. Schon im September 1933 wurde die Hälfte der Margarine als „Haushaltsmargarine“ zu stark subventionierten Preisen auf den Markt gebracht, etwa zwanzig Millionen Deutsche nutzen dies. Schon zuvor wurde das Margarinekontingent auf 60 Prozent erhöht. Der Fettplan zeitigte Teilerfolge, doch das war wenig in einer schnelllebigen Zeit, in der es galt, Erfolge rasch zu erzielen: Die beträchtlichen Preissteigerungen ließen erstens den Margarinekonsum um 40 Prozent auf 1933 4,8 Kilogramm sinken, reduzierten also die Devisenaufwendungen erheblich, ehe die alten Werte langsam wieder erreicht wurden. Zweitens wurde seitens der Politik ein institutionelles Instrumentarium geschaffen, mit dem man die Fettversorgung auch in den Folgejahren ansatzweise steuern konnte. Nicht länger bestimmte der Unilever-Konzern den Markt, sondern zunehmend der nationalsozialistische Staat. Die Fettversorgung wurde schon lange vor Kriegsbeginn reglementiert, Kundenlisten, Produktionsverbote und Versorgungsengpässe waren seit Ende 1936 üblich. Die Margarinequalität nahm weiter ab, parallel wurde gehärteter Waltran als Rohfett der billigen Konsummargarine üblich. Das akzeptierte auch die Mehrzahl der deutschen Anbieter, sicherte die übergeordnete Reichsnährstandorganisation doch stabile Gewinne. Wer nach den Regeln des NS-Regimes handelte, profitierte wirtschaftlich.

Der Übergang zum deutschen Walfang

1933/34 stand ein eigenständiger deutscher Walfang allerdings noch nicht oben auf der Agenda des Reichs­nährstandes. Es galt schlicht, die Fettversorgung sicherzustellen und die nach Bildung der Wirtschaftlichen Vereinigung der Margarine- und Kunstspeisefettindustrie im Juli 1933 staatlich strikt regulierte Branche zu stabilisieren. Die NS-Agrarpolitik zielte im Einklang mit der „Erzeugungsschlacht“ parallel mittels Anbauprämien und hohen Festpreisen auf einen intensivierten Ölsaatanbau, forcierte zudem die Milchfettproduk­tion: „150 bodenständige Bauernhöfe sind uns wichtiger als ein einziger überflüssig ein­geführter Walfisch“ (Fettwirtschaft, o.O. 1936, 9). Doch nicht nur angesichts des 1934 einsetzenden japani­schen Walfangs, durch den die jahrzehntelange Dominanz Nor­wegens und Großbri­tanniens herausgefordert wurde, trat die „für alle Völker freie Kolonie Antarktis“ (Otto Hugo, Deutscher Walfang, Ruhr und Rhein 17, 1936, 528-530, hier 528) in den Fokus auch deutscher Ernährungspolitik. Die Fischwirt­schaft, namentlich der Deutsche Seefischerei-Verein, unterstützte neuerli­chen deutschen Walfang.

Das frühere Walfangschiff „Deutschland“ während der deutschen Südpolarexpedition 1911 (Das Buch für Alle 46, 1911, 512)

Die Interessenvertreter knüpften dabei nicht nur an die Walfangtradition vieler Hansestädte in der frühen Neuzeit an, son­dern stärker noch an Vorläufer während des späten Kaiserreichs. Die 1903 und 1904 auslaufenden, vom Deutschen Seefischerei-Verein finanziell geförderten Dampfer der Hamburger Walfang- und Fischindustrie AG galten als Traditionsanker, ebenso die 1914 gegründete Deutsch-Südwestafrikanische Walfang AG, deren Schiffe aller­dings nicht mehr zum Einsatz kamen (W[erner] Schnakenbeck, Der Walfang, Stuttgart 1928, 32). Eine Neuaufnahme des Walfangs scheiterte 1927 jedoch an fehlenden Investitionsmitteln der mittelständisch geprägten Branche (Nicolaus Peters, Kurze Geschichte des Walfanges von den ältesten Zeiten bis heute, in: Ders. (Hg.), Der neue deutsche Walfang, Hamburg 1938, 6-23, hier 20). Die Fischindustrie mochte die Werbetrommel rühren, die Inves­titionsmittel kamen in den 1930er Jahren jedoch von der fettverarbeitenden Industrie: Eine Fangflotte mit Mutter- und Fangschiffen erforderte Anlageinvestitionen von ca. zwölf Mio. Reichsmark, hinzu kamen pro Expedition vier bis fünf Mio. Reichsmark für Sachmittel und die über 400 Beschäftig­ten (Wilhelm Schultze, Strukturwandel des Walfanges, Der deutsche Volkswirt 13, 1938/39, 718-722, hier 718). Die Fett- und Seifenindustrie hatte sich anfangs zurück­gehalten, doch spätestens mit dem 1934 wieder anziehenden Welt­marktpreisen bot der Walfang gute Gewinnchancen. Zugleich erlaubte er begrenzte Freiräume innerhalb des regulier­ten deutschen Fettsektors. Angesichts der be­grenzten Erfolge der ersten „Erzeugungsschlacht“ wurde der Walfang nun auch vom Reichsnähr­stand unterstützt: Ab Dezember 1934 musste Margarine nämlich zu mindestens 50 Prozent aus Waltran bestehen. Neben die nun etablierten Clearing-Geschäfte mit Norwegen traten nunmehr eigene Fangflotten, die halfen, die deutsche Devisenbilanz zu ent­lasten.

Walfangmutterschiff „Unitas“ (E[duard] Gramcko, Die Organisation der deutschen Walfangunternehmungen, in Peters (Hg.), 1938, 54)

1934 wurde aus Fischereikreisen die „Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft“ in Wesermünde gegründet, die im folgenden Jahr vom Düsseldorfer Seifen- und Waschmittelproduzenten Henkel übernommen wurde (Materialreich und politikarm ist Friedrich Bohmert, Der Walfang der Ersten Deutschen Walfang Gesellschaft. Ein Beitrag zur Geschichte des Unternehmens Henkel, Düsseldorf s.a. (1982); Ders., Vom Fang der Wale zum Schutz der Wale. Wie Henkel Wale fing und einen Beitrag zu ihrer Rettung leistete, Düs­seldorf 1982). 1935 folgte der mit der NSDAP eng liierte Margarine- und Ölprodu­zent Walter Rau mit der Walfang AG, ebenso weitere Firmen, bei denen Uni­lever vielfach dominierte (Martin Fiedler, Die Fetthärtung, die Margarine und der Walfang. Ökologische Folgen des Massenkonsums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Michael Prinz (Hg.), Der lange Weg in den Überfluss, Pa­derborn et al. 2003, 465-487, hier 479-481). Deren Investitionen basierten auf den devisenrechtlichen Restriktionen des Deutschen Reichs, die den Gewinntransfer ins Ausland unterbanden.

Private Walfangflotten und ihre Besitzer (Öllücke, 1939, 1011)

Die ersten Flotten fuhren 1936 in die Antarktis aus, in der Saison 1938/39 waren es schließlich sieben. Deutscher Walfang war ein propagan­distisch gefeiertes Ereignis, bei dem der Kampf des Menschen gegen die größten lebenden Tiere und der Kampf um „Rohstofffreiheit“ im Sinnbild eines ewigen Kampfes um das Da­sein verschmolzen. Er war aber auch ökonomisch erfolgreich, sowohl für die meis­ten Einzelfirmen als auch für die deutsche Fettbilanz. 1936/37 wurden 33.000 t Walöl, 1937/38 91.850 t und 1938/39 schließlich 84.170 t angelandet. Das war ein knappes Fünftel der globalen Jagdergebnisse. Etwa ein Viertel des damaligen deutschen Rohstoffbedarfs für Margarine konnte dadurch gedeckt werden, mochten die Planer anfangs auch von noch höheren Anteilen geträumt haben (Öllücke, 1939, 1010-1011; Fritz Lücke, Fisch­fang­stei­gerung – ein Mittel zur Nahrungssicherung, in: Aufgaben und Ergebnisse zeitgemäßer Ernäh­rungsfor­schung, Leipzig 1937, 21-27, hier 25).

Weltweit getötete Buckelwale 1921 bis 1937 (Hans Hoppe, Statistische Zahlentafeln, in: Peters (Hg.), 1938, 219)

Kaum weniger wichtig waren die indirekten weltwirtschaftlichen Auswirkungen der deutschen Fangflotten: Der rigide, durch das Londoner Abkommen zur Rege­lung des Walfangs vom Juni 1937 kaum gemilderte Raubbau an den Walbe­ständen ließ das international verfügbare Fettvolumen beträchtlich ansteigen, wodurch die Preise auch der konkurrierenden Ölsaaten beträchtlich sanken (Deutschland im Walfang, Die Deutsche Volkswirtschaft 6, 1937, 597-598, hier 597). Weltweit bildete die Fangsaison 1937/38 mit insge­samt 43.100 erlegten Walen (gegenüber einem Durchschnitt von 26.000 Tieren zwischen 1928 und 1935) einen nicht mehr erreichten Höhepunkt. 1938/39 konnten die Kapazitäten der weltweit ins­ge­samt 34 Fangflotten nicht mehr ausgenutzt werden (Hans Hoppe, Statistische Zahlentafeln, in: Peters (Hg.), 1938, 208-226), regionale Fangverbote kamen hinzu. Für das Deutsche Reich war der Walfang dennoch volkswirtschaftlich erfolgreich, minderte er doch parallel zur forcierten Rüstungs- und Vorratswirtschaft während des Vierjahresplans den deutschen De­visenaufwand für Importfette. Die hohen Erträge ermöglichten zudem eine kriegswichtige Fettreserve: Anfang 1939 lagerten ca. 200.000 Tonnen Waltran in größtenteils neu errichteten Tanks der ölverarbeitenden Unternehmen (Tätigkeitsbericht der Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie zur Leistungssteigerung, Deutsche Lebensmittel-Rundschau 1939, 151-152, hier 151).

Aufschleppen eines getöteten Blauwals in ein Walfangmutterschiff (Otto Hugo, Deutscher Walfang in der Antarktis, Oldenburg und Berlin 1939, 35)

Der Wal als Rohstoffträger

Eine Fabrik auf See: Schemazeichnung des Walfangmutterschiffs „Walter Rau“ (Der technische Betrieb einer Walfang-Expedition, Deutsche Fischerei-Rundschau 60, 1937, 544-548, hier 547)

Diese Anstrengungen wären ohne die Kooperation innerhalb des „eisernen Dreiecks“ von Wissenschaft, Wirtschaft und Staat nicht möglich gewesen. Walfang war nicht allein ein finanzielles Wagnis, sondern erfor­derte umfangreiche technologische und wissenschaftliche Vorarbeiten, um die Mee­ressäuger ökonomisch verwerten zu können. Die Mutterschiffe hatten Ähnlichkeit „mit einer modern eingerichteten chemischen Fabrik“ (Schultze, 1938/39, 718). Unterhalb des Schlachtdecks befand sich ein komplizierter Maschinenpark, dessen Verfah­renstechnologie seit den frühen 1930er Jahren neu entwickelt worden war (C. Kaysler, Die Bearbeitung und Verwertung der Wale an Bord der Kocherei, in: Peters (Hg.), 1938, 152-167).

Speckkocher und Ölabscheider (l.) in einem Walfangmutterschiff (Hugo, 1939, 77 und 85)

Zuvor war es üblich gewesen, alle Teile des Wales ohne Zerkleinerung in die Kochapparate zu werfen. Bei der ebenfalls praktizierten me­chanischen Zerkleinerung wurden die einzelnen Teile mit ihren unter­schiedlichen Ölarten und -gehalten zwar voneinander geschieden (Fachgebiet Fettchemie. Sitzung vom 8. Juli 1937, Angewandte Chemie 50, 1937, 625-626, hier 626 (Fauth)). Doch dies war aufwendig, zielte lediglich auf einen Durchschnittstran. Seit 1933/34 ging man zuerst auf den in deutschen Werften gebauten norwegischen Mutterschiffen, dann auch bei ihren in Deutschland gebauten Nachfolgern stattdessen dazu über, die einzelnen Bestandteile des Wales im Vorfeld voneinander zu trennen und sie anschließend in gesonderten Apparaturen zu kochen. Gestützt auf chemische Analysen an Bord wurden dadurch passgenaue Ölqualitäten gewonnen und die Erträge beträchtlich gesteigert.

Eindosen von Walfleisch an Bord eines Walfangmutterschiffes (Hugo, 1939, 95)

Obwohl die Trangewinnung im Mittelpunkt der Jagd stand, nahm zudem die Nut­zung der sonstigen Bestandteile des Jagdgutes zu. Ein Blauwal von 100 Tonnen Gewicht ergab etwa 28 bis 30 Tonnen Öl, zudem Barten und Innereien. Die beträchtlichen Fleischmengen wurden lange Zeit wieder ins Meer gekippt, obwohl mittels werbeträchtiger Testessen seit den 1880er Jahren immer wieder versucht worden war, Walfleisch im In- und Ausland zu vermarkten (Präserviertes Walfischfleisch, Bonner Zeitung 1883, Nr. 216 v. 8. August, 3; „Heute Abend Walfleisch, verschiedenartig zubereitet!“, Barmer Zeitung 1903, Nr. 201 v. 28. August, 1): „Ge­ruch und Geschmack, das dunkle Aussehen und das schnelle Verderben des Flei­sches“ (Hans Schmalfuß und Hans Werner, Walfleischverwertung, in: Peters (Hg.), 1938, 183-189, hier 184) sprachen jedoch lange gegen seinen Verzehr, so dass immense Mengen Eiweiß (und begrenzte Mengen Fett) verloren gingen. Seit Ende der 1920er Jahre begannen zu­erst norwegische Forscher, dann auch deutsche Chemiker und Ingenieure mit Grundlagenforschung zur Verfahrenstechnik (W[alther] Pohlmann, Die Waltranproduktion und das Walgefrierfleisch, Die Kälte-Industrie 28, 1931, 60). Der Mannheimer Unter­nehmer Karl-Heinz Fauth, ein etab­lierter Anbieter von Tierkörperbeseitigungs- und Tiermehlgewinnungsanlagen, ent­wickelte leistungsfähige Geräte für die Walmehlproduk­tion. Neuartige Kochver­fahren des Leiters des Hamburger Chemischen Staatsin­stituts, Hans Schmalfuß, sollten Wal­fleisch zudem als Lebensmittel für den Menschen er­schließen. Die Devise lautete zunehmend: „Weniger Wale fangen und die voll ausnutzen! Hierfür muß die wis­senschaftliche Walforschung die Grundlagen schaffen“ (H[ans] Schmalfuß, Zur Walfleischverwertung, Vorratspflege und Lebensmittelforschung 1, 1938, 392-395, hier 394).

Walfangmutterschiff „Jan Wellem“ mit Fangbooten (Paulsen, 1938, 9)

Walmehl, Walfleisch und mehr: Neue Produktpaletten

Mit verbesserter Technik und präziserem chemischen Wissen verbreiterte sich die Produktpalette der deutschen Walfangflotten. Das galt etwa für hochwertiges Tierfutter, sog. Walmehl von dem 1936/37 2.500 Tonnen, 1937/38 dann 4.000 Tonnen angelandet wurden. Ende der 1920er Jahre wiesen die als Schweinefutter eingesetzten Vorgängerprodukte zwischen 25 und 41 Prozent Eiweiß auf, während man mit neuen Verfahren nun Werte von 85 Prozent erreichte (F[ranz] Honcamp (Hg.), Die tierischen Abfallstoffe […], Berlin 1932, 88). Die zunehmend umfassender ansetzende Erforschung des Roh­stoffträger Wal erfolgte durch die einzelnen Firmen, durch Branchenlaboratorien, aber auch durch öffentlich finanzierte Institutio­nen. 1937 wurde in Hamburg die staatlich betriebene Reichsstelle für Walforschung gegründet. Bis zur Übernahme durch die Reichsanstalt für Fischerei 1939 gehörten ihr zehn Wissenschaftler und drei technische Kräfte an. Ihre Aufgaben lagen zum einen in der Walbiologie, zum ande­ren aber in praktischen Fragen der Walverwer­tung. Forscher der Reichsstelle beglei­teten die meisten deutschen Fangflotten (Hanns Piegler, Deutsche Forschungsstätten im Dienste der Nahrungsfreiheit, Neudamm 1940, 321).

Besondere Fortschritte machte die Fettforschung. Die Einführung gehärteten Wal­trans hatte bereits 1914/15 Grundlagenforschung sowohl zur Physiologie als auch zur chemischen Zusammensetzung des keineswegs einheitlichen Fettes angeregt (Otto Bürger, Über die Verwendung des gehärteten Trans in der Margarinebutter-Fabrika­tion, Naturwissenschaftliche Wochenschrift 30, 1915, 197-198; Philipp O. Süßmann, Sind die ge­här­teten Fette für den menschlichen Genuß geeignet?, Archiv für Hygiene 84, 1915, 121-145). Man folgte damit Erfolgspfaden deutscher Wissenschaftler und Techniker, die vor dem Ersten Weltkrieg die Lebensmittelproduktion weit stärker beeinflussten als dies die nur begrenzten Warenexporte widerspiegelten (umfassend hierzu Stefan Manz und Uwe Spiekermann, Making Food Empires. German Technology and Global Mass Production, 1870-1914, Oxford 2026). Nach dem Ersten Weltkrieg be­trieben derartige Analytik vor allem die der Qualitätssicherung dienenden Betriebslaboratorien größerer Margarineproduzenten. Die dann insbesondere von der Ersten Deutschen Wal­fang-Gesellschaft forcierte Grundlagenforschung analysierte die Walfette seit Mitte der 1930er Jahre allerdings wesentlich differenzierter, war ein hoher Reinheitsgrad doch entscheidend für die Lagerfähig­keit (R[udolf] Dietrich, Walfang und Walverarbeitung, Angewandte Chemie 51, 1938, 715-718, hier 717).

Der stofflich reduzierte Blick auf ein Lebewesen: Schaubild 1939 (Öllücke, 1939, 1019)

Staatlich finanzierte Forschung trat hinzu, wurde unternehmensunabhängig nutzbar. Die 1936 gegründete Deutsche Gesellschaft für Fettforschung, ihr Vorsitzender, der Münsteraner Chemiker Hans Paul Kaufmann sowie die Arbeits­gruppe Öl- und fettwirtschaftliche Forschung des Forschungsdienstes unterstützten und ergänzten privatwirtschaftlichen Arbeiten mit ähnlich gelagerter Grundlagenforschung (H[ans] P[aul] Kaufmann, Neuere Ergebnisse der Fettforschung, in: Forschung für Volk und Nahrungsfreiheit, Berlin 1938, 546-551; Georg Greitemann, Blau- und Finnwalöl für Ernährungszwecke, Gewinnung und Weiterverarbeitung, in: Lebensmittel und Rohstoffe vom Wal, bearb. v.d. Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung, Dresden und Leipzig 1939, 14-19; Hans Paul Kaufmann, Über Pottwalöl, in: ebd., 19-25). Verbessertes Wissen über die stoffliche Zusammensetzung des Waltrans ermöglichte nicht nur dessen gezieltere Verwendung, sondern erweiterte auch die Einsatzmöglichkeiten der Fettwirtschaft insgesamt, zumal bei der damals massiv geförderten Fettsynthese.

Für Wirtschaft, Staat und Wissenschaft gleichfalls wichtig war die Verarbeitung der immensen Mengen von Walfleisch. Während Walmehl dem menschlichen Konsum über die Schweinemast nur indirekt zugutekam, galt es nun auch Verfahren zu entwickeln, um die rasch verderblichen Massen von Walfleisch auch direkt für den Menschen nutzbar zu machen. Im Wesermünder Institut für Seefischerei wurden zahlreiche Konservierungsverfahren – Pökeln, Hitzesterilisierung, Gefriertechnik – und auch Konservierungsge­fäße erprobt, sodass seit 1938/39 auch Walfleischprodukte für den Heeresbedarf und den Massenmarkt hergestellt wurden (Dietrich, 1938, 716; zur parallelen norwegischen Forschung Carl Heinrich Hudtwalcker, Der Walfang als volks­wirtschaftliches Problem, Wiwi. Diss. München, Forchheim 1935, 107). Deutsches und engli­sches Steak, falscher Hase, Frisch- und Dauerwurst, aber auch Lachsschinken wur­den aus Walfleisch hergestellt, ohne allerdings einen nennenswerten Beitrag zur deutschen Fleischversorgung zu leisten. Doch das Aufzeigen möglicher Alternativen zum Alltagskonsum war ein wichtiger Bestandteil der Verheißungen einer nationalsozialistischen Konsumwelt, die sich durchaus an den hohen Standards der USA maß. Parallel zum Aufbau der Gefriertechnologie schienen sich die Weidegründe des Deutschen Reiches immens zu weiten: „Etwa 115000 t erst­klassiges Gefrier-Walfleisch warten auf ihre Verarbeitung in Deutschland zu schmackhaften Fleisch- und Wurstwaren“ (Schwieger, Walfang und Walprodukte für die menschliche Ernährung, Vorratspflege und Lebens­mittelforschung 1, 1938, 488-494, hier 492).

Bekanntgabe Wochen nach der Einführung: Vom Wal stammende Vitamin-A-Zusätze zur Margarine (Bergische Landes-Zeitung 1941, Nr. 42 v. 19. Februar, 4)

Die umfangreichen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zielten zudem nicht nur auf die Substituierung bestehender Lebensmittel. Es galt den Wal auch so zu nutzen, dass gängige Lebensmittel gehaltvoller wurden. Margarine war schließlich – im Gegensatz zu Butter – ein nahezu vitaminloses Produkt. Vitaminzusätze wurden seit Ende der 1920er Jahre diskutiert, in einigen Ländern auch praktiziert, nachdem erste Präparate verfügbar waren. Die Walleber ent­hielt in der Tat be­trächtliche Mengen Vitamin A, die nun nutzbar gemacht werden sollten. 1937/38 gab es einschlägige Kooperationen zwi­schen der Margarinefabrik Isserstedt, dem Hamburger Chemiker Hans Schmalfuß und dem Leipziger Vitaminforscher Arthur Scheunert, um ein wirksames Extraktionsverfahren zu entwickeln (Schmalfuß, 1938, 394). Analoge Forschungen des Freiburger Mediziners Christian Bomskov wurden von der Vierjahresplanorganisation finanziert. Man hoffte damals, mit den Erträgen des Walfangs den gesamten deutschen Marga­rinekonsum vitaminisieren zu können (Die Walerzeugnisse in der menschlichen Ernährung, Zeit­schrift für Volksernährung 14, 1939, 105-106, hier 106). Dadurch sollte nicht nur die Gesundheit zumal im Winter verbessert, sondern auch die devisenträchtige Abhängigkeit von Schweizer Vitaminpräparaten verringert werden. Scheunert, damals einer der einflussreichsten nationalsozialistischen Ernährungswissen­schaftler, schlug jedenfalls Anfang 1939 während einer Arbeitssit­zung der Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung vor, „die Margarine, welche einen erheblichen Anteil an der Fettversorgung hat, mit Vitamin A in ähnlichem Um­fang zu versehen, wie es die Butter enthält. Die Möglichkeiten dazu sind durch den deutschen Walfang erschlossen worden“ (Ebd.). Billige Walölmargarine würde der minderbemittelten Bevölkerung somit doppelt nutzen: Die „Kolonie Meer“ würde sowohl den Fett- als auch den Vitaminbedarf decken können (Arthur Scheunert, Die Deckung des Vitamin-A-Bedarfs durch Fette unter Berücksichtigung von Walerzeugnissen, in: Lebensmittel und Rohstoffe, 1939, 34-40, hier 40).

Fettforschung und neue Virtuosität im Umgang mit den Grundstoffen

Typisch für derartige Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen waren (und sind) Koppeleffekte, also zuvor kaum beachtete Folgen für benachbarte Arbeits- und Forschungsfelder. Der Ende der 1930er Jahre scheinbar kostengünstig und devisenfrei verfügbare Waltran sollte damals auch in der Lebensmittelverarbeitung Butter vermehrt ersetzen. Am Berliner Institut für Bäckerei fanden seit 1936 Versuche statt, um die Backeigenschaften des Trans genauer zu bestim­men, zugleich aber auch Höchstmengen für eine mögliche Beimischung festzulegen (P[aul] Pelshenke und A[dolf] Zeisset, Backeignungsprüfung einiger Pflanzenfette und -öle und gehärteter Waltrane, Mehl und Brot 37, 1937, Nr. 1, 1-3). Geringe Zusätze hatten kaum Auswirkungen, doch bei größeren Mengen schmeckten Gebäcke „tranig und fade“ (Werner Hofmann, Die Fetteinsparung bei Fettgebäcken. II., Mehl und Brot 37, 1937, Nr. 9, 11, 13 und 17, hier Nr. 9, 3). Bei solchen Ergebnissen beließ man es nicht, sondern entwickelte zahlreiche Rezepte, mit deren Hilfe Waltran ohne signifikante Geschmackseinbußen mit anderen Fetten kombiniert werden konnte. Ziel dieser staatspolitisch wichtigen Forschung war, nach der Formulierung des Staatssekretärs Herbert Backe, „Öl in billigster Form“ ([Herbert] Backe, Warum wurde eine Neuregelung des Fettverbrauchs und Fettbezuges notwen­dig?, Der Vierjahresplan 1, 1937, 4-8, hier 6). Die Käufer würden sich die veränderten Backwaren deut­scher Konditoreien gewiss auch weiterhin schmecken lassen.

Dieser Maxime folgend, wurde die Backwarenbranche nach Einsetzen des Vierjahresplans 1936 immer stärker von Alternativfetten geprägt. Ebenso wie Waltran waren sie unmittelbar kaum zu schmecken, zumal sie meist nicht de­klariert werden mussten. Zwischenprodukte wurden zum Einlasstor für neue, aus der „Kolonie Meer“ gewonnene Angebote, denn bei einigermaßen akzeptablem Geschmack schien keine Ableh­nung durch die Konsu­menten zu befürchten. Die eigentliche Diffusion der Fangprodukte fand daher nicht als Walfleisch oder als Seefischfilet statt, sondern in Form hochverarbeiteter Zwischenprodukte. Ihre Existenz wurde keineswegs verheim­licht, die vielen neuen (Ersatz-)Produkte wurden vielmehr sowohl in der Werbung als auch in der staatlichen Propaganda als Ausdruck „deutschen Erfindertums“ präsentiert.

Das wichtigste aus Fischrohstoffen hergestellte neue Präparat war das von der ei­gens hierfür Anfang 1935 gegründeten Hamburger Eiweiss-Gesellschaft mbH entwi­ckelte „Wiking Ei­weiss“. Hierbei handelte es sich um „Fisch in Pulverform“ (Willi Rudolph, Nahrung und Rohstoffe aus dem Meer, Stuttgart 1946, 94), ge­nauer um 94-prozentiges aus Fischfilets gewonnenes Trockeneiweiß. Die Fische, vorrangig nicht vermarktbarer Kabeljau, Seelachs, Kattfisch, Seewolf und Langfisch, wur­den getrocknet und mittels Salz- und Schwefelsäure hydrolysiert (Emil Abderhalden, Eiweiß von Seefischen als Nahrungsmittel. Ein Beitrag zur Lösung der Frage des Eiweißbedarfs im Inland, Deutsche Fischerei Rundschau 1936, 193-194).. Technolo­gisch war es beson­ders schwierig, die Aromastoffe des Fisches zu beseitigen, um so ein möglichst ge­schmacks- und geruchsneutrales Produkt herstellen zu können. Doch dies gelang.

Verarbeitete Fischreste als Zwischenprodukt (Zeitschrift für Volksernährung 17, 1942, H. 1, I)

Die „Zusammenarbeit von Wissenschaft, Technik und Organisation“ (Peter Paul Hiltner, Ein wichtiges deutsches Forschungsergebnis: Trocken-Eiweiß aus Seefi­schen, Deutsche Fischerei-Rundschau 1936, 1-3, hier 1) erlaubte eine umfangreiche Nutzung der „Kolonie Meer“, zielte auf neue Verwertungsketten abseits von Margarine und Alternativfetten. Der Umgang mit den Rohstoffen der Wale war leitgebend für eine große und wachsende Palette bisher ungenutzter Spezialprodukte. Es ging um die Nutzung von zuvor Unverkäuflichem, um die Reduktion von Fett- und Eiweißimporten. Das war Teil einer in diesem Sektor durchaus erfolgreichen Ersatzstoffwirtschaft, für die auch der Eiersatz Milei und das Magermilchnährmittel Migetti standen. Wiking-Eiweiss drang trotz nicht wesentlich günstigerer Preise seit 1937/38 jedenfalls in die deutschen Backstuben vor, ersetzte dort Eiweiß und sparte Fett. Es gelang zwar nicht, die anvisierte Hälfte der dort verbrauchten Eier zu ersetzen, doch ab 1939 wurden täglich mehr als drei Tonnen des Fischproduktes hergestellt (Anton Lübke, Das deutsche Rohstoffwunder. Wandlungen der deutschen Rohstoffwirtschaft, Stuttgart 1938, 453; Produktion nach Tätigkeitsbericht, 1939, 151). Als hochwertiger „Austausch­stoff“ gewann es während des Krieges weiter an Bedeutung, denn es war lange haltbar, erforderte weniger knappe Transportmittel als tradierte Angebote. Wiking Ei­weiss konnte sich auch nach 1945 im Markt behaupten, war ab 1948 „wieder erhält­lich“ und diente bis in die 1960er Jahre als Hilfsmittel für Back- und Kondito­renwa­ren bzw. Cremes und Mayon­naisen.

Zusammengefasst spiegelt die seit Mitte der 1930er Jahre Fahrt aufnehmende Erschließung der „Kolonie Meer“ eine recht effiziente Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft und Staat zulasten bisher kaum bejagter Meeressäuger und Fische. Es gelang zusätzliche Nähr- und Wirkstoffe mit vergleichsweise geringen Kosten zu erschließen, auch wenn die Zielsetzungen und Träume der Funktionseliten (wie üblich) weit darüber hinaus reichten. Gerade der Walfang zeigte allerdings, dass man auch die Weltallmende Meer nicht beliebig nutzen konnte. Schon 1939 war klar, dass die Ressourcengrundlagen überdehnt waren, dass sich die Walbestände ohne Jagdeinschränkungen nicht mehr regenerieren konnten. Der forcierte deutsche Walfang war nicht nachhaltig, auch wenn er während der Aufrüstung der zweiten Hälfte der 1930er Jahre für das NS-Regime eine wichtige Lücke füllte. Die beträchtlichen wissenschaftlichen und technischen Erkenntnisse flossen zudem in andere Sektoren der Lebensmittelproduktion mit ein, prägten damit auch die Konsumwelten der Nachkriegszeit.

All das scheint fern zu sein von dem einen Buckelwal, dem medial und politisch ausgeschlachteten „Timmy“. Die emotionalisierte Geschichte der einen Walrettung übertüncht den – trotz Walschutzabkommen – gänzlich anderen Umgang mit den Meeressäugern, überdeckt die alltäglichen Nutzungszusammenhänge von Mensch und Natur. Diese Diskrepanz aber ist zentral für unsere Art des Lebens, des Konsumierens, des Verwertens. Während „Timmy“ seinem vorbereiteten Weg heim zu seiner imaginierten Familie, heim zu den geschätzten 25.000 bis 30.000 Buckelwalen im Nordatlantik, heim ins Habitat des freien Meeres folgt, kreisen wir weiter in den wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und auch staatlichen Lebensfurchen vergangener Zeiten, von denen die kurze Geschichte des deutschen Walfangs während der NS-Zeit nur ein kleiner, wenngleich bezeichnender Ausschnitt ist.

Uwe Spiekermann, 30. April 2026

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