Deutsche Kulis in der hawaiianischen Zuckerindustrie? Hintergründe einer Reichstagsdebatte von 1883

Am 14. Februar 1883 trat der liberale Abgeordnete Friedrich Kapp im Rahmen der Haushaltsdebatte an das Rednerpult im Deutschen Reichstag. Wie in den Jahren zuvor bot der Etat des in Hamburg ansässigen Reichskommissars für das Auswanderungswesen die Chance, allgemeinere Fragen der Migration zu behandeln. Kapp hatte bereits am 5. Februar 1883 in der zweiten Lesung einen Skandal ausgemacht: Deutsche Landarbeiter sollten auf Hawaii angesiedelt und in den dortigen Zuckerplantagen arbeiten. Nun galt es nachzulegen, die Details weiter auszubreiten, den Skandal in Gänze zu benennen. Was beabsichtige, so fragte Kapp, das Bremer Handelshaus Hackfeld & Co. mit dieser Anwerbung von deutschen Auswanderern?

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Friedrich Kapp: Exilant, Selfmademan, Liberaler (Die Gartenlaube 1869, 341)

„So weit ich ihren Plan verstehe, wollen sie Arbeitskräfte gewinnen, um ihren Antheil an den reichen Produkten der hawaiischen Inseln zu sichern. Daß dies ihre ernste Absicht ist, das zeigen die großen Opfer, die sie für diesen Zweck bringen, Opfer, die durch die Lage der Dinge auf jenen Inseln allerdings gerechtfertigt werden. Die Sandwichsinseln sind in dem letzten Jahrzehnt oder vielmehr seit 1875 gerade dadurch, daß sie mit den Vereinigten Staaten einen Vertrag abgeschlossen haben, wonach ihr Zucker dort zollfrei importiert werden kann, sowohl in ihrer Einfuhr als auch in ihrer Ausfuhr mächtig gestiegen; die Inseln eignen sich zu allen tropischen Produkten, ganz besonders aber für Zucker, dessen Anbau besonders vielversprechend ist. Es gibt dort nach dem letzten Gothaischen Almanach 67 Plantagen, von denen der dritte Theil in den Händen von Deutschen ist, und davon wieder die größte Zahl sich in dem Besitz der Firma Hackfeld und Kompagnie befindet“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. V. Legislaturperiode. II. Session 1882/83, Bd. 2, Berlin 1883, 1496-1498, hier 1496 [daraus auch die folgenden Zitate]). Gewinnstreben sei völlig in Ordnung, dazu könne man deutschen Kaufleuten nur Glück wünschen. „Ob sie dieses Ziel aber dadurch erreichen, daß sie deutsche Feldarbeiter auf Kredit befördern und diese die von ihnen gemachten Vorschüsse durch Plantagenarbeit abverdienen lassen, — das ist eine Frage, welche ganz Deutschland tief berührt, und ein Unwesen, welches mir sogar im höchsten Grade unzulässig erscheint.“ Hackfeld & Co. würde auf freie Deutsche damit ein höchst fragwürdiges Vertragssystem anwenden, dass schon seit langem als grausam und unmenschlich verurteilt werde. Man zahle mittellosen Auswanderern die Überfahrt, ermögliche ihnen damit eine zuvor aufgrund ihrer Armut nicht mögliche Mobilität, nötige sie nach der Ankunft dann aber den Vorschuss mit Zinsen durch Arbeit zu begleichen. „Der Kapitalist muß, um sein Kapital zu verzinsen und zu sichern, den ihm Verpflichteten für eine bestimmte Zeit jedes selbständigen Willens entkleiden“. Kapp erschien dies als ein Bruch mit modernem Staatsbürgerrecht, mit der Würde eines Deutschen: „Wenn wir dulden, daß unsere Landsleute in tropische oder subtropische Pflanzungen gebracht werden und an der Seite von Chinesen, Malayen, Ungarn oder wem sonst arbeiten müssen, dann wird die deutsche Arbeit erniedrigt, und die dazu Angehaltenen werden moralisch viel mehr degradirt, als sie möglicherweise physisch auf der anderen Seite gewinnen könnten. […] Haben Sie je gehört, daß ein Franzose, ein Engländer, ein Spanier seine Landsleute in die Tropen zur Arbeit geschickt hätte? Meine Herren, das ist ganz unmöglich, es hat keiner derselben seinen Landsleuten eine derartige Selbstentäußerung ihres innersten Wesens zugemuthet. Selbst der Irländer thut keine Plantagenarbeit; […]. Der Handel mit Menschenfrachten ist ein ungeheuer verführerischer, weil er ein so gewinnbringender ist. […] Es sollte selbst einem anständigen Hause nicht gestattet werden, das in Deutschland zu versuchen, was wir einem fremdem hoffentlich nie erlauben würden.“ Freizügigkeit sei ein hohes liberales Gut, und wer wolle, solle sein Glück auch auf Hawaii versuchen. „Ueber diese Freiheit geht aber bei weitem hinaus, was hier dem deutschen Volke zugemuthet wird, was ich aber zum Besten des Einzelnen und zur Ehre der Gesammtheit vermieden sehen möchte, und was ich nicht aufhören werde als Unfug vor aller Welt zu brandmarken; das ist die mit Vorschuß betriebene Anwerbung von armen Deutschen für Plantagen, daß ist die Ausbeutung deutscher Arbeitskräfte in Form der Plantagenarbeit, in Form einer zeitweisen Knechtschaft, das ist […] die tiefste Entwürdigung deutscher Arbeit, das ist die Herabsetzung der Ehre des deutschen Volkes unter den Nationen der Erde.“ Deutsche als Kulis? Das war in der Tat starker Tobak. Minderes Recht mochte es beim Gesinde in Ostelbien geben oder aber im autokratischen Russland. Aber in der Mitte Deutschlands? Fürwahr, hiergegen galt es einzuschreiten!

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Deutsche Auswanderer auf dem Weg in die USA (Fliegende Blätter 38, 1863, 45)

Als Kapp diese Rede hielt, war der Blick der Öffentlichkeit gen Westen gerichtet. 1882 hatte die Auswanderung mit 250.000 Personen einen neuen Höchstwert erreicht, von 1880-1884 sollten mehr als 860.000 Bürger dem jungen Nationalstaat den Rücken kehren. Fast alle davon, mehr als 96%, zog es in die USA. Hier glaubte man ein besseres Leben führen zu können, konnte ein Stück Land erhalten und den Fährnissen der landwirtschaftlichen Rezession zumal in Nordwest- und Ostdeutschland entfliehen. Doch nicht Massenmigration stand im Mittelpunkt der Rede, denn diese Abstimmung mit den Füßen war Ausdruck eines Menschenrechts, war Hilfsmittel gegen die Inkompetenz und Hoffart des regierenden Adels: „Schaut her, ihr Landesväter, seht sie ziehen, Seht eure schönsten Arbeitskräfte fliehen“ – so der Hamburger Dichter Heinrich Schacht (1817-1863) in seinem Gedicht „Die deutschen Auswanderer“, später Liedzeile im Migrantenlied „Ein stolzes Schiff“ (Bilder aus Hamburg’s Volksleben, 1855, 131). Verglichen damit war die Fahrt einiger hundert Auswanderer von Mitteldeutschland über Bremen nach Hawaii an sich eine Petitesse. Doch dem Reichstagsabgeordneten des Wahlkreises Salzwedel-Gardelegen ging es ums Prinzip. Hawaii war damals noch keine touristische erschlossene Trauminsel; das war ein Produkt des späten 19. Jahrhunderts und der Werbung der Oceanic Steamship Company der deutsch-amerikanischen Industriellenfamilie Spreckels (vgl. Uwe Spiekermann, Expanding the Frontier(s). The Spreckels Family and the German-American Penetration of the Pacific, 1870-1920, in Explorations and Entanglements. Germans in Pacific Worlds from the Early Modern Period to World War I, hg. v. Hartmut Berghoff et al., New York and Oxford 2019, 171-194, hier 178-181). Gleichwohl verbreiteten Reiseberichte idyllische Bilder von Südseeparadiesen (vgl. etwa R[ichard] L[esser], Deutsche Niederlassungen in der Südsee, Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 93-100). Das nominell unabhängige Königreich Hawaii war um 1880 vorrangig Zuckerproduzent, ein Beispiel effizienter Plantagenwirtschaft, aber auch der Ausbeutung fremdländischer Coolies. Für Kapp war die Verfrachtung deutscher Landarbeiter Ausdruck der Naivität ungebildeter Armer, die aufgrund der Werbung eines Handelshauses glaubten, auf einer Südseeinsel durch leichte Arbeit bei der Zuckerkultivierung sich und ihren Familien ein einfaches Auskommen sichern zu können. Schutz schien erforderlich.

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Dokumente eines Lebens als öffentlicher Intellektueller

Will man all das genauer verstehen, so ist tiefer zu bohren, ist nach dem Redner, dem Anlass und dem Gegenstand der Rede zu fragen. Friedrich Kapp (1824-1884) war eine Berühmtheit, einer, dessen Wort im ganzen Deutschen Reich etwas galt (vgl. Wolfgang Hinners, Exil und Rückkehr. Friedrich Kapp in Amerika und Deutschland 1824-1884, Stuttgart 1987; Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Friedrich Kapp, Frankfurt/M. 1969, 1-42; Horst Dippel, Kapp, Friedrich, Neue Deutsche Biographie, Bd. 11, Berlin [W] 1977, 134-135). 1824 in Hamm in Westfalen in gutbürgerlichen Verhältnissen geboren, studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in Heidelberg und dann Berlin. In Baden kam er mit führenden Repräsentanten der demokratischen Freiheitsbewegung zusammen, darunter dem Philosophen und Religionskritiker Ludwig Feuerbach (1804-1872) und Ludwig Bamberger (1823-1899), einem der wichtigsten Vertreter des Liberalismus im Kaiserreich. Kapp schrieb und agitierte auch als Rechtsreferendar im Sinne seiner frühsozialistischen Ideale und brach im März 1848 nach Frankfurt am Main auf, um dort der Revolution zu dienen. Im September 1848 sah er sich jedoch zur Flucht genötigt, die ihn erst nach Brüssel, dann nach Paris und Genf, schließlich 1850 in die USA führte. In New York etablierte er sich als Anwalt, trat als Historiker der amerikanischen Revolutionskriege hervor, schrieb beherzte Traktate gegen die Sklaverei und die Verschickung von deutschen Soldaten durch tyrannische Monarchen im späten 18. Jahrhundert. Kapp wurde zu einer allgemein akzeptierten Stimme der Deutsch-Amerikaner, ein Parteigänger der neu entstandenen Republikanischen Partei und der Sache der Nordamerikanischen Union. Er war zudem ein wichtiger Chronist, berichtete in deutschen Medien regelmäßig über die USA und ihre Geschichte. Obwohl 1855 naturalisiert und mit hohen Ämtern betraut – er war beispielsweise von 1867 bis 1870 New Yorks Commissioner of Emigration und etablierte damals verbesserte Standards auf den Einwandererschiffen – konnte er jedoch nie seinen kulturellen Dünkel den Amerikanern gegenüber ablegen. Schon während der 1860er Jahre ein eifriger Unterstützer der kleindeutschen Lösung, nutzte er die Amnestie 1870, um als reicher Mann zurück nach Deutschland zu kommen. Dort wurde er gleich einer der Mitbegründer der Deutschen Bank und blieb Mitarbeiter zahlreicher liberaler Zeitschriften auf beiden Seiten des Atlantiks. Der protestantische Kapp war ein überzeugter Freihändler, trat für einen deutschen Einheitsstaat ein, focht für eine Erweiterung demokratischer Rechte und die Verfolgung des Katholizismus. Er wurde Mitglied der 1867 gegründeten Nationalliberalen Partei, wurde in die Berliner Stadtverordnetenversammlung, den Preußischen Landtag und 1872 auch in den Reichstag gewählt. In den 1870er Jahren etablierte er sich als politische, publizistische und gesellschaftliche Instanz in Berlin, stand in engem Austausch mit dem von ihm bewunderten Fürst Otto von Bismarck (1815-1898), vor allem aber den Repräsentanten des bürgerlichen Liberalismus. Das Ende der Kooperation von Liberalismus und Staat im Zuge der „zweiten Reichsgründung“ 1879 sah Kapp als „Sezessionist.“ Er war Mitbegründer der sich von den Nationalliberalen loslösenden „Liberalen Vereinigung,“ die während der Reichstagswahl 1881 respektable 46 Mandate gewann. Kapp verwandt den konservativen Schwenk der Bismarckschen Politik jedoch nur schwer und konzentrierte sich zunehmend auf seine publizistische Arbeit. Die Reichstagsrede von 1883 zeigte nochmals eine für ihn typische Mischung aus wirtschaftsliberalem Denken, der Ablehnung kolonialer Abenteuer, dem Engagement für die Belange der unteren Schichten und einem dezidierten Kulturnationalismus.

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Handelshaus und Rohrzuckerproduzent: Anzeige von H. Hackfeld & Co. 1885 (Hawaiian Almanac and Annual for 1886, Honolulu 1885, s.p.)

Kapp hatte sich in seiner Rede auf das Bremer Handelshaus H. Hackfeld & Co. konzentriert, dessen Motive einer deutlichen Kritik unterzogen. Das Unternehmen selbst schien über jeden Zweifel erhaben zu sein. Sein Gründer, Hinrich Hackfeld (1816-1887) stammte aus dem Oldenburgischen, seine Eltern waren arm, Heuersleute (Richard Hawkins, Hackfeld, Heinrich, in Immigrant Entrepreneurship: German-American Business Biographies, 1720 to the Present, Bd. 2). Seefahrt bot eine Chance für Fort- und Einkommen; Hackfeld wurde Seemann, arbeitete im Transatlantik- und Lateinamerikaverkehr. Hawaii betrat er erstmals 1844, wählte die Inselgruppe ab 1848 als Standort eines Frachtgeschäftes mit Bremen. Er konzentrierte sich anfangs auf Holzhandel, suchte sich Partner, weitete das Handelsgeschäft aus und gründete 1853 in Honolulu die Firma „H. Hackfeld & Co. General Commission Agents and Ship Chandlers.“ Obwohl die Versorgung des Walfangs und seit 1855 auch das Chartergeschäft den Kern des Geschäftes ausmachten, investierte Hackfeld doch seit 1854 in den Rohrzuckeranbau, der in Hawaii seit den 1830er Jahren betrieben wurde. Der Zuckerhandel dominierte, doch die Produktion verlangte Kapital und auch Arbeit – 1852 importierte Hackfeld & Co. als erster Betrieb chinesische Feldarbeiter. Hackfeld war zu diesem Zeitpunkt ein wohlhabender Kaufmann, der zwischen Bremen und Honolulu hin- und herreiste. Sein Kompagnon Carl Pflüger (1833-1883) führte derweil die Geschäfte in der Südsee (Berliner Börsenzeitung 1883, Nr. 472 v. 9. Oktober, 8). Der Niedergang des Walfanggeschäftes konnte kompensiert werden, seit den frühen 1870er Jahren nahmen das allgemeine Frachtgeschäft und die Investitionen in die Zuckerwirtschaft deutlich zu (Carol A. MacLennan, Hawai’i Turns to Sugar: The Rise of Plantations Centers, 1860-1880, Hawaiian Journal of History 31, 1997, 97-125; Dies., Sovereign Sugar. Industry and Environment in Hawai’i, Honolulu 2014, Kap. 1-3). Doch erst der in der Rede explizit angesprochene Reziprozitätsvertrag zwischen dem Königreich Hawaii und den USA veränderte die Szenerie nachhaltig. Seit 1876 sorgten die Zollbefreiungen, vor allem aber die Exportsubventionen für massive Investitionen durch amerikanische Kapitalisten, vor allem den Deutsch-Amerikaner Claus Spreckels (1828-1908) (Vgl. Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8, 2010). In Deutschland war klar, dass dies zulasten deutscher Handelshäuser gehen würde (Allgemeine Zeitung 1879, Nr. 166 v. 15. Juni, 12). Nun begann ein zunehmend globaler Wettbewerb um günstige Arbeitskräfte. Das bestehende Netzwerk kleiner Plantagen mit zumeist weniger als hundert Beschäftigten – 1874 waren lediglich 3.800 Personen in der hawaiianischen Zuckerwirtschaft beschäftigt – wurde in eine großbetriebliche Plantagenökonomie transformiert, deren Konsequenzen Gegenstand der Rede waren.

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Die Flagge folgt dem Handel: Aus der Programmatik des Deutschen Kolonialvereins (Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 2)

Friedrich Kapp stand den globalen Bestrebungen deutscher Handelshäuser aufgeschlossen gegenüber. Sie verkörperten einen Handelsimperialismus, der auf Kapitalkraft und überlegenen Produkten basierte. Koloniale Landnahme lehnte der Freihändler dagegen strikt ab, führe sie doch einzig zu Konflikten und letztlich zu Kriegen. Kurz vor der Rede war im Dezember 1882 in Frankfurt/M. der Deutsche Kolonialverein gegründet worden. Repräsentanten von Finanzwesen und Schwerindustrie, von Geographie und Geschichtswissenschaften, plädierten pointiert für ein deutsches Kolonialreich, für die Annexion fremder Länder, deren gezielte Besiedlung und ökonomische Durchdringung. Der 1876 mit Tonga abgeschlossene Freundschaftsvertrag, die 1880 von Bismarck eingebrachte Samoa-Vorlage und die seither von deutschen Finanzinteressen vorangetriebene deutsche Expansion in Neuguinea unterstrichen, dass die Südsee Bestandteil deutscher kolonialer Expansion war. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Initiative von Hackfeld & Co. nicht allein auf der Ebene einiger Schiffsladungen mit deutschen Siedlern verstanden werden konnte, auch wenn der reale Ausbau eines deutschen Kolonialreichs dann 1884/85 in Afrika einsetzte, gefolgt von kleinen Erwerbungen auch in der Südsee.

Will man der Kappschen Intervention gerecht werden, so sind drei Perspektiven hilfreich, die zwiebelhaft jeweils eng miteinander verwobene Aspekte der versuchten Ansiedlung deutscher Arbeiter in der hawaiianischen Plantagenökonomie aufzeigen. Es geht erstens um den direkten Anlass für die Reichstagsrede. Zweitens muss die Hackfeldsche Initiative in die hawaiianische Migrations-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte integriert werden. Drittens schließlich lässt sich zeigen, dass Kapps Rede eng an die öffentliche Debatte über die Moralität der amerikanischen Investitionen auch in den USA rückgebunden war. Während im deutschen Kaiserreich langsam koloniale Fakten geschaffen wurden, wurde dort schon seit Jahren darum gerungen, ob ein demokratischer Staat und seine Bürger bei Direktinvestitionen nicht bestimmte Grenzen zu berücksichtigen hätten, und ob diese nicht auch für Konsumenten hawaiianischen Zuckers gelten müssten.

Friedrich Kapp stand der deutschen Auswanderung ambivalent gegenüber. Sie war für ihn ein notwendiges Übel, das vor allem auf die unzureichenden, teils unhaltbaren Zustände in Deutschland verwies (Pfälzische Volkszeitung 1872, Nr. 111 v. 8. Mai, 2). Der Freiheitsdrang des Menschen lasse sich nicht aufhalten, der Staat habe dies zu akzeptieren, Auswanderungsbeschränkungen lehnte Kapp ab. Der Staat solle sich neutral verhalten, doch er habe zugleich die Pflicht, seinen früheren Bürger noch eine Art sicheres Geleit in ferne Länder zu gewährleisten (Allgemeine Zeitung 1881, Nr. 337 v. 3. Dezember, 4965). Das bedeutete einerseits eine menschenwürdige Überfahrt, anderseits schon früh den Schutz gegen Betrug zumal ganzer Auswanderergruppen. Das betraf vor der Jahrhundertmitte viele Auswanderergesellschaften in die USA, dann aber vor allem Siedlungskolonisten in Lateinamerika: „Viele Pflanzer dort haben Agenten ausgesandt, um mit Geld und Worten deutsche Auswanderer zu verlocken. Wer sich fangen läßt verfällt der Sclaverei und einer Behandlung, die schlechter als die der Kulis (verkaufter Schwarzer) ist; […] Kapp hält es für Deutschlands Ehre geboten, die Auswanderung nach Brasilien zu hindern“ (Amts-Blatt für die königlichen Bezirksämter Forchheim und Ebermannstadt 1872, Nr. 52 v. 14. Mai, 2). Die Reichstagsdebatte bot einen Widerhall derartiger Warnungen. Kapp versuchte mit dem Entwurf eines Auswanderungsgesetzes gesetzliche Mindeststandards festzulegen, initiierte 1880 auch eine einschlägige Resolution des freihändlerischen Kongresses deutscher Volkswirte (Allgemeine Zeitung 1880, Nr. 300 v. 26. Oktober, 4000); doch ein entsprechendes Gesetz wurde im Deutschen Reich erst 1897 erlassen.

Die Emigration nach Hawaii setzte in der Tat neue Maßstäbe, zielte sie eben nicht primär auf Siedlung, sondern auf Arbeit. Um die Passage bezahlen zu können, verpflichteten sich die Haushaltsvorstände, ca. zwei Jahre gegen einen festgelegten Lohn auf einer Zuckerplantage zu arbeiten. Das schändete wahrlich nicht, zumal Freizügigkeit ein Kernelement der liberalen Gesellschaftsverfassung des neuen Deutschen Reiches war. Doch Deutsche standen damit in direktem Wettbewerb mit Arbeitsmigranten aus Asien und Afrika. Hackfeld & Co. hatte bereits im Januar 1881 ein erstes Segelschiff, die Ceder, von Bremen nach Honolulu fahren lassen, das dort im Juli mit 127 Passagieren an Bord eintraf. Es folgte das von Kapp angesprochene hawaiianische Segelschiff Iolani, das Anfang Juni 1882 Geestemünde mit 180 Insassen an Bord verließ und im Oktober in Honolulu landete (Honolulu Advertiser 1882, Ausg. v. 17. Oktober, 2). Kurz vor Kapps Rede war dann der Dampfer Ehrenfels in See gestochen, der am 3. Mai mit 700-800 Arbeitsmigranten in Honolulu eintraf (Hawaiian Gazette 1883, Ausg. v. 24. Januar, 3; Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 53 v. 22. Februar, 3; Hamburger Börsen-Halle 1883, Ausg. v. 23. Februar, 5). 46 Migranten überlebten die Passage nicht, 29 Kinder wurden während der Überfahrt geboren (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 232 v. 21. August, 3). Insgesamt verließen 1883 834 Deutsche über Bremen ihr Vaterland (Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 81).

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Beipack eines Auswanderungsschiffes – Warenimporte der Ehrenfels (Saturday Press [Honolulu] 1883, Nr. 36 v. 5. Mai, 2)

Kapp hatte all dies schon während der Reichstagsdebatte am 5. Februar 1883 mit scharfen Worten kritisiert: „Ich halte es für ein Verbrechen, wenn wir dulden, daß unsere deutschen Landsleute in dieser Weise über den Ozean geschleppt und auf Inseln geführt werden, auf denen es allerdings den englischen nachgeschriebene Gesetze gibt, aber wo die armen Arbeiter, die kein Hawaiisch oder auch kein Englisch kennen […] keine Vertheidiger und keine Stütze haben, auf die sie zurückfallen können, wenn sie sich mit den Plantagenbesitzern nicht vertragen, oder überhaupt irgendwelche Rechtsgeschäfte haben“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. V. Legislaturperiode. II. Session 1882/83, Bd. 2, Berlin 1883, 1299). Kapp kritisierte einerseits den zwischen Arbeitsmigranten und Hackfeld & Co. geschlossenen Vertrag als einseitig, als Ausdruck einer sittenwidrigen Versklavung, da unklar bliebe, wie die Arbeiter zurück nach Hause kommen könnten, wenn die vertraglichen Verpflichtungen nicht eingehalten würden. Das sei anderseits sehr wahrscheinlich, denn die Deutschen seien an harte Arbeit im Freien in den Tropen nicht gewohnt. Dies stieß beim Repräsentanten des Auswärtigen Amtes, dem Geheimen Legationsrat Reichardt, durchaus auf offene Ohren, doch sei es nicht möglich, ohne Beweise für Betrug hiergegen strafrechtlich vorzugehen. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hasenclever (1837-1889) unterstützte die Kritik Kapps, gab zudem präzise Einblicke in die Arbeitsmigration nach Hawaii. Für ihn war der eigentliche Skandal, das deutsche Arbeiter gegeneinander ausgespielt würden, um Löhne möglichst niedrig zu drücken. Das Recht des Arbeiters auf freie Verwendung seiner Arbeitskraft aber sei nicht zu hinterfragen, vielmehr befürwortete er deutsche Kolonien, um auch den Ärmeren Einkommensmöglichkeiten zu erschließen. Dagegen nahm der nationalliberale Bremer Großreeder Hermann Henrich Meier (1809-1898) seine Kollegen des Handelshauses Hackfeld & Co. in Schutz. Der Mitbegründer der Norddeutschen Lloyd und Präsident des Deutschen Handelstages hob nicht nur den hohen Leumund seiner Kollegen hervor, sondern legte dem Hohen Hause zugleich ein Musterexemplar eines der Verträge vor. Demnach hatten sich die Arbeitsmigranten auf vier Jahre zur Plantagenarbeit zu verpflichten, konnten den Vertrag aber nach zwei Jahren kündigen. Geregelt waren die Lohn- und Arbeitsverhältnisse des Haushaltsvorstandes und seiner Familie, die Ausstattung der Dienstwohnung und die regelmäßigen Naturlieferungen. Für Meier schien all dies eine „gute Gelegenheit, vorwärts zu kommen“ (Ebd., 1305).

Diese erste Debatte wurde in der Öffentlichkeit sehr wohl zu Kenntnis genommen, stand aber nicht im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen (vgl. etwa Berliner Tageblatt 1883, Nr. 61 v. 6. Februar, 3; Hamburgische Nachrichten 1883, Ausg. v. 6. Februar, 2; Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 37 v. 6. Februar, 534, 549-550). Das galt auch für den zweiten Teil der Debatte über deutsche Arbeit in der hawaiianischen Zuckerindustrie am 14. Februar 1883 (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 48 v. 17. Februar, 689-692). Allerdings berichteten hawaiianische Zeitschriften detailliert über die Rede (Honolulu Advertiser 1883, Ausg. v. 20. März, 2). Setzt man nun aber die Debattenbeiträge während der ersten Runde im Reichstag voraus, so erscheint Kapps zweite Rede weniger eloquent, weniger inhaltsstark. Der Liberale wiederholte im Wesentlichen seine Argumente und Ansichten. Obwohl er von zahlreichen Anfragen und Beschwerden berichtete, ging er weder auf die Argumente seitens der Arbeiterbewegung, noch die seines liberalen Parteifreundes ein. Darin kommt mehr zum Ausdruck als Prinzipientreue resp. dogmatische Verengung eines Linksliberalen am Ende seiner politischen Karriere. Kapp argumentierte prononciert für Schutzrechte; doch die Arbeitsmigranten hatten ihre Kontrakte aus freien Stücken unterzeichnet, wussten um die Härten und Chancen eines solchen Vertrages. Kapp versuchte, die Vertragsfreiheit auszuhebeln, den freien Arbeitsvertrag als Zentrum einer marktwirtschaftlichen Arbeitsverfassung. Seine Begründung folgte einem Kulturnationalismus, der einerseits die gemeinsame zivilisatorische Mission der „weißen“ Völker hochhielt, der anderseits sich strikt von anderen „Rassen“ abgrenzte, zumal den in der Quelle genannten Asiaten und Afrikanern. Der Linksliberale Kapp plädierte für Staatsintervention, konnte aber keine rechtlich einschlägigen Anhaltspunkte für eine solche Interventionen benennen. Die Quelle unterstreicht damit die innere Ambivalenz des modernen Liberalismus, dessen universalistischer, auf Menschenrechte und Vertragsfreiheit gründender Gesellschaftsentwurf zunehmend von den eigenen nationalen Vertretern in Frage gestellt wurde. Die Zeit der liberalen Vorkämpfer war offenbar vorbei, zivilgesellschaftliches Engagement folgte zunehmend anderen Regeln, verengte sich zudem national.

In Hawaii, im April 1883, begannen jedenfalls schon erste Rechtshändel zwischen deutschen Einwanderern und den Plantagenbesitzern. Siebzehn Arbeitsmigranten hatten auf der 1877 gegründeten Kilauea Sugar Company auf Kauai die Arbeit niedergelegt, um gegen Kontraktverletzungen zu protestieren (William Henry Dorrance, Sugar Islands, 2. Aufl., Honolulu 2005, 32). Sie wurden ins Gefängnis nach Honolulu gebracht, begleitet von weiteren deutschen Zuwanderern. Dort schalteten sie den deutschen Konsul J.C. Glade ein, Mitglied von Hackfeld & Co., verpflichteten einen Rechtsanwalt und verlangten, den geschlossenen Vertrag auflösen zu können (Hawaiian Gazette 1883, Ausg. v. 4. April, 2). Im Verfahren näherte man sich einander an, beiderseits lockerten sich die Verpflichtungen (Honolulu Advertiser 1883, Ausg. v. 11. April, 3). Briefe der Zuwanderer berichteten von wechselseitiger Vertragstreue, von einem Haus mit Stube, Kammer, Küche und Veranda und von langsam urbar gemachtem Land. Die Verpflegung sei gut, fehlendes Bier und geistige Getränke wurden gleichwohl moniert (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 232 v. 21. August, 3). Die deutschen Zuwanderer blieben zu einem beträchtlichen Teil auf Hawaii, nahmen dort zunehmend Leitungsfunktionen in der Plantagenwirtschaft und im Gewerbe ein. Sklaven sind sie nicht geworden – und ihre vermeintliche nationale Ehre dürfte kaum negativ betroffen worden sein.

Was in Deutschland skandaliert wurde, war derweil Alltagsroutine im Hawaiianischen Königreich. Die Zahl der einheimischen Bevölkerung sank seit Jahrzehnten, die Volkszählung 1878 ergab lediglich 57.985 Einwohner. Die Zuckerindustrie konnte nur durch Zuwanderung vorangebracht werden; Kapital und auch Boden waren vorhanden, einzig der Faktor Arbeit begrenzte ein rasches Wachstum. Chinesen, vor allem aus den südlichen Provinzen, galten als billig und arbeitsam, ihre Disziplin wurde durch chinesische Händler und Aufseher gewährleistet. 1884 lag die Zahl der Einwohner bereits bei 80.578, darunter 17.063 Chinesen und 871 Chinesinnen (Allgemeine Zeitung 1885, Nr. 251 v. 10. September, 7). Auch wenn diese im Regelfall abgeschottet auf den Plantagen untergebracht waren, so ergaben sich doch kontroverse Debatten auf der Inselgruppe, wo nicht allein weiße Investoren, sondern insbesondere die hawaiianische Bevölkerung weitere Zuwanderung aus Asien begrenzen wollte.

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Ängste vor einer chinesischen Dominanz in Hawaii (The Wasp 10, 1883, Ausg. v. 5. Mai, 16)

Dies konnte nicht im Sinne der Investoren sein. Zuckerplantagen hatten bereits in den 1870er Jahren eine strikte hierarchische und rassistische Struktur ausgebildet (vgl. Evelyn Nakano Glenn, Race, Labor and Citizenship in Hawaii, in American Dreaming, Global Realities, hg. v. Donna R. Gabaccia und Viki L. Ruiz, Urbana/Chicago 2006, 284-320). Die Leitung lag in den Händen einer weißen Funktionselite, zumeist Händler, Techniker und Handwerker. In Hawaii waren dies Deutsche, vor allem aber US-Amerikaner und Briten. Hawaiianer arbeiteten vereinzelt auf den Plantagen, nicht aber in der fordernden Neukultivierung, der Ernte und der langsam einsetzenden Bewässerung der Felder (C. Allan Jones und Robert V. Osgood, From King Cane to the Last Sugar Mill, Honolulu 2015). Die Umstrukturierung nach dem Reziprozitätsabkommen erfolgte durch ausländische Fachleute. Prototypisch waren die frühen Bewässerungssysteme auf der Insel Maui, die Spreckels durch Teams um den deutschstämmigen Wasserbauingenieur Hermann Schüssler (1842-1919) errichten ließ, nachdem er sich Land und Wasserrechte angeeignet hatte (vgl. Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich, in Tatort Unternehmen, hg. v. Hartmut Berghoff et al., Berlin und Boston 2016, 47-66). Von ihnen blieb nur eine Handvoll auf der Inselgruppe. Die drei Schiffsladungen mit deutschen Arbeitsmigranten waren Teil breiter gelagerter Bemühungen der weißen Pflanzerelite, die ethnischen Hierarchien und Funktionsabläufe der einzelnen Plantagen auszubalancieren, auch wenn dies zu deutlich höheren Kosten führen konnte: Spreckels zahlte 1879 den 125 weißen Beschäftigten seiner Hawaiian Commercial Sugar Company $3-4 pro Tag, während die ersten einhundert Chinesen $10-12 pro Monat erhielten. Mit dem Import europäischer Arbeiter reagierten die Pflanzer zugleich auf die Zurückhaltung der chinesischen Seite, ihre Landsleute zur Arbeit nach Hawaii zu schicken.

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Hawaii als Zielort globaler Arbeitsmigration – Schaubild im Sugar Museum, Maui

Wie Hackfeld bemühte sich auch Spreckels zuerst um norwegische (und schwedische) Einwanderer, hatte er mit ihnen doch gute Erfahrungen in seiner Zuckerraffinerie in San Francisco gemacht. 1881 landeten ca. 500 Personen, doch sie kamen mit dem Klima nicht zurecht und verließen Hawaii großenteils nach sehr kurzer Zeit (Chicago Daily Tribune 1882, Ausg. v. 13. November, 8). Deutlich erfolgreicher waren die 1878 einsetzenden Importe portugiesischer Plantagenarbeiter von der vulkanischen Insel Madeira und dann den Azoren. Die Familien erhielten freie Passage, einen Lohn von einem Dollar pro Tag und die Verpflichtung, drei Jahre Plantagenarbeit abzuleisten. Dieses Importgeschäft wurde vorrangig vom deutschstämmigen Händler Abraham Hoffnung (1833-1908) organisiert, der über Kanada nach Hawaii gekommen war und später in London reüssierte. Die Portugiesen arrangierten sich mit den Verhältnissen, bis 1887 war ihre Zahl auf mehr als 10.000 gestiegen (Hawaiian Almanac and Annual for 1887, Honolulu 1886, 74-78). Anfang der 1880er Jahre hatte sich das System eingespielt, Arbeitskräftezufuhr und der Ausbau der Plantagen waren ausbalanciert, Chinesen und Portugiesen hatten sich als Zuwanderer etabliert. Deutsche Landarbeiter waren nicht mehr erforderlich. Doch das System blieb fragil. 1882 etwa, just während der Importe aus deutschen Ländern, stockte die Zuwanderung aus China, und Claus Spreckels bot an, mit der japanischen Regierung über die Entsendung von 2000 japanischen Arbeitern zu verhandeln. Dies misslang, doch nach der Kolonisierung der Inselgruppe durch die USA 1898 sollten sie zur wichtigsten ethnischen Gruppe Hawaiis aufsteigen.

Die Reichstagsdebatte über deutsche Arbeit in der hawaiianischen Zuckerindustrie war eine der vielen Resonanzen, die der Mechanisierung des Rohrzuckerbaus seit den 1860er Jahren weltweit folgten – seinerseits eine Folge der raschen Fortschritte des hochsubventionierten Rübenzuckerbaus in Frankreich und dem Deutschen Reich. Und doch brach sich diese Debatte nicht allein in den Peripherien. Es kann hier nicht der Ort sein, um die Auswirkungen der veränderten Arbeitsverfassung auf den Zuckerinseln der Südsee, der Karibik, der Philippinen oder aber Sumatras im Detail zu diskutieren. Sie bedeuteten zuerst einmal mehr und preiswerteren Zucker, zumal in den USA. Die Transformation Hawaiis mündete dort jedoch in eine breite öffentliche Debatte über die Bedeutung von Coolie-Arbeit für die amerikanische Politik und auch den amerikanischen Konsumenten. Die deutsche Arbeitsmigration wurde mit ähnlichen Tönen skandalisiert, wie sie Friedrich Kapp im Reichstag antönte. Es galt als ausgemacht, dass Plantagenarbeit “actually degrade free-born Germans to the level of coolies and negroes, rendering them useless to the Fatherland they have left, turning them from men into merchandise and practically using them as human manure for the properties of the sugar planters” (San Francisco Traffic 1883, Ausg. v. 3. Juni, 8 (nach einem Artikel der Leipziger Welt-Post)). Die immer stärkere Nutzung chinesischer Arbeit war in den USA besonders unpopulär – und hier stoppte der Kongress die legale Zuwanderung aus China mit dem Chinese Exclusion Act von 1882. Die führenden amerikanischen Investoren, die in den 1880er Jahren die hawaiianische Wirtschaft klar dominierten, wurden öffentlich als „Chinese lover” attackiert. Parallel diskutierte man zumal vor der Novelle des Reziprozitätsvertrages 1887 darüber, ob es gerechtfertigt sei, einer kleiner Pflanzerelite immense Gewinne auf Basis der Ausbeutung von Arbeitsmigranten und der amerikanischen Konsumenten zu erlauben. Letztlich setzten sich die ökonomischen Interessen allseits durch. Fragen nach globaler Gerechtigkeit wurden im Reichstag und anderswo vor fast anderthalb Jahrhunderten debattiert, doch mehr als graduelle Verbesserungen hat es dadurch nicht gegeben.

Uwe Spiekermann, 4. April 2019

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