Flucht vor der Vergangenheit? Ein Besuch des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Porta Westfalica

Bei Porta Westfalica durchbricht die Weser die sie begrenzenden Mittelgebirge, verlässt das Weserbergland und fließt durch die norddeutsche Tiefebene der Nordsee entgegen. Dies entgeht den rasch dahinrasenden Autofahrern auf der A2, die es nach Westen oder aber Osten drängt. Doch sie sehen ein riesiges Monument, das 1896 eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Auf vielen Fahrten zwischen Münster und Braunschweig verkörperte es auch für mich Rückkehr oder baldige Ankunft.

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Porta Westfalica vor dem Denkmalsbau (Neue Illustrirte Zeitung 17, 1888/89, 245)

Der aus Detmold stammende Freiheitsdichter Ferdinand Freiligrath (1810-1876) begann hier seinen gemeinsam mit Levin Schücking (1814-1883) verfassten Reisebericht durch das „malerische und romantische Westphalen“, Zeugnis eines weltoffenen und geschichtsbewussten Regionalismus. Von der Mindener Weserbrücke aus sah er „nicht ein enges, zu beiden Seiten schroff und steil in den Strom herabfallendes Felsenthor […], sondern ein nicht allzu schmales Querthal, das ausser dem Strome Wiesen und Ackerland anmuthig ausfüllen“ (Barmen/Leipzig 1840, 12). Er bestieg den Wittekindsberg, benannt nach Widukind, dem mythenumwogenen Anführer der Sachsen im Kampf gegen die Frankenheere Karls „des Großen“ im späten 8. Jahrhundert. Ob der Westgermane dort wirklich zum Christentum übertrat, ist nicht gesichert, doch im Sagenschatz der Deutschen steht dieser Ort auch für den Beginn des Reiches, das in der Spätromantik als „deutsches“ Kaiserreich galt.

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Kaisertod als Marktchance (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2231, 10)

Als am 9. März 1888 Wilhelm I., der erste (und drittletzte) „Deutsche Kaiser“ verstorben war, als die durchaus breite Schar der Trauernden ihre Gedenkmünzen, Büsten, Stickrahmen und vieles mehr gekauft und aufgestellt hatte, drang die Frage nach einem würdigen Gedenken des Heldenkaisers rasch in den öffentlichen Raum. Lokalvereine berieten, ein Wettbewerb zwischen preußischen Provinzen begann. Westfalen voran! Schon im April wurde ein Denkmal an der Porta Westfalica vorgeschlagen. Widerspruch machte sich breit, Widerstand führte am Ende gar zu einem Aufbrechen der Westfalenfront; das 1903 bei der Hohensyburg eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Denkmal materialisierte ihn. Doch Porta Westfalica machte das Rennen. In der Nähe wurde 1759 die für Preußens Existenz wichtige Schlacht bei Minden geschlagen, die mit einer Niederlage der Franzosen und Sachsen endete. Wilhelm I. hatte die Weserscharte als Oberbefehlshaber der verbündeten Armee gegen Frankreich überschritten, Grundlage des militärischen Sieges, ohne den die Gründung des Deutschen Reiches 1871 nicht möglich gewesen wäre. Und Porta Westfalica stand schon namentlich für die 1815 von Preußen okkupierte Provinz Westfalen, deren Landtag am 15. März 1889 den Gründungsbeschluss fasste und 500.000 Mark für die Baukosten bereitstellte (zu Details s. Das Kaiser Wilhelm-Denkmal der Provinz Westfalen auf dem Wittekindsberge der Porta Westfalica, Münster 1905, 4-8). Der recht erhebliche Rest sollte durch Spenden aufgebracht werden. Der Bildhauer Ernst von Bandel (1800-1876) musste fast 40 Jahre antichambrieren, um genügend Geld für das nicht fern gelegene Hermannsdenkmal zusammenzukriegen, Wilhelm I. hatte den Bau schließlich ermöglicht. Das war 1888/89 anders.

Wilhelm I. war zur Zeit seines Todes ein geachteter, ja populärer Monarch. Er galt aufgrund der Siege in den sog. Einigungskriegen als Heldenkaiser, er, der die deutschen Truppen höchstpersönlich beim Sieg in Sedan 1870 angeführt hatte. Wilhelm stand für das preußische Militär, dessen Erziehung er genossen hatte, dessen Denken ihn prägte. 1848 trat er für eine militärische Bekämpfung der Revolutionäre in Berlin ein, war 1849 ein zentraler Akteur bei der Niederschlagung der badischen Revolution. Verbittert beklagte Ferdinand Freiligrath in seinem Gedicht „Die Todten an die Lebenden“ „Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen“ (Nürnberger Tagblatt 1848, Nr. 85 v. 7. Oktober, 339). Doch der als „Kartäschenprinz“ beschimpfte Kronprinz lernte und mäßigte sich, nahm Grundgedanken des Liberalismus ernst und auch auf. Als Prinzregent läutete er 1858 eine kurze „Neue Ära“ ein. Deutsche Geschichte konnte auch etwas anderes sein als „Blut und Eisen“. Obwohl konstitutionell eingehegt, war Wilhelm dennoch vom Gottesgnadentum überzeugt. 1861 krönte er sich selbst – und berief 1862 dann Otto von Bismarck (1815-1898), um die königlichen Prärogative im Verfassungskonflikt strikt zu verteidigen. Wilhelm I. ließ seinen Kanzler agieren, auch wenn er dessen Vorstellungen von einer Zweckkoalition von Monarchie und liberaler Bewegung in einem Nationalstaat nur bedingt teilte. Wilhelm wusste, dass die 1871 festgezurrte kleindeutsche Lösung das Ende Preußens mit einschloss, das Ende der Herrschaft souveräner Fürsten. Er war klug genug, die um Konsolidierung bemühte Außenpolitik seines Kanzlers zu unterstützen. Auch wenn deren Friktionen bei seinem Tod offenkundig waren, galt er nach 17 Jahren ohne Krieg doch als Friedenskaiser. Er verkörperte Pflichtbewusstsein und Arbeitsamkeit, Prunksucht war ihm fremd. Doch er hatte erst Katholiken verfolgen lassen, dann die Sozialdemokraten, obwohl letztere nicht die fünf Attentate auf den Monarchen zu verantworten hatten. Eine gemischte Bilanz, geschönt im nationalen Überschwang.

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Die von Bruno Schmitz geplante Gesamtanlage des Denkmals am Wittekindsberg (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 388)

Friedenskaiser, Heldenkaiser – solche Träume hegte auch sein Enkel Wilhelm II., der 1888 die Kaiserkrone übernahm und zugleich eine Geschichts- und Medienpolitik begann, in der Wilhelm „der Große“ eine zentrale Rolle einnahm (vgl. Die Kaiser und die Macht der Medien, Berlin 2005). Er billigte die bürgerlichen Denkmalspläne, auch wenn öffentlich die Zersplitterung des vermeintlich nationalen Denkmalwerkes breit kritisiert wurde (Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 64). Zuvor aber lief das Denkmalprojekt weiter. Am 31. Januar 1890 startete ein Wettbewerb um den besten Bauentwurf, 56 deutsche Künstler reichten 58 Projekte ein. Ziel war „ein der Landschaft sich anpassendes Bauwerk […], welches den Gedanken des Kaiserdenkmals schon aus der Ferne erkennen lässt und in Verbindung mit einem Bildnis Kaiser Wilhelms“ (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 56) stehen sollte. Die Kosten waren bei 600.000 Mark gedeckelt. Im August standen zwei Sieger fest, von denen schließlich der Entwurf des Berliner Architekten Bruno Schmitz (1858-1916) umgesetzt wurde. Dieser hatte zuvor bereits den vom Deutschen Kriegerbund ausgelobten Wettbewerb um das in Thüringen gelegene Kyffhäuserdenkmal gewonnen. Auch sein eigentlich nur zweitplatzierter Entwurf für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck bei Koblenz wurde schließlich realisiert. Schmitz, der zuvor schon ein monumentales Heldendenkmal in Indianapolis, Indiana gebaut hatte, war schließlich auch für das 1913 in Leipzig eingeweihte Völkerschlachtdenkmal verantwortlich. Wie schon zuvor in den USA konnte er auch bei der Ausgestaltung des Porta-Westfalica-Denkmals auf ausländische Hilfe zurückgreifen. Das erzene Standbild des Herrschers stammte vom Wiener Bildhauer Caspar von Zumbusch (1830-1915), der auch auf Wünsche Wilhelm II. einging (zur Umsetzung vgl. Fred Kaspar, Das Kaiserdenkmal an der Porta-Westfalica, Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 2007, H. 1, 19-21, hier 20-21).

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Der siegreiche Entwurf „Auf hoher Warte“ von Bruno Schmitz (Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 3, 1890, Tafel 102)

Schmitz Entwurf meisterte die Aufgabe der Fernwirkung nicht durch riesige Türme oder gar eine Monumentalfigur, sondern durch eine Kombination von Standbild und offenem, mit einer Kaiserkrone geschmücktem Baldachin mit schmalen Säulen (vgl. Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 3, 1890, 41; Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 481-482). Damit wurde der Betrachter eingeladen, dem Herrscher entgegenzutreten, ihn als machtvolle und quasi unter freiem Himmel stehende Person zu sehen. Der vorgelagerte Festplatz erlaubte gleichermaßen Gruppenreisen wie Festspiele, bot zugleich aber eine gewisse Bewegungsfreiheit. All das war nicht wirklich originell, doch der Entwurf wurde wegen „maßvoller Einfachheit und überzeugender Lebensfähigkeit“ (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 388) gelobt. Das neue Denkmal galt als gelungene Materialisierung des Nationalgedankens, stellte sich zudem bewusst in die lang zurückreichende Historie dieses Ortes (Der Bär 17, 1890/91, 431). Man war sich der „derben, kräftigen Formen“ der Ausführung bewusst, doch damit sollten auch „Beschädigungen durch Muthwillen und zerstörende Einflüsse der Witterung“ (Ebd., 389) ausgeschlossen werden. Vielfach bemängelt wurde allerdings, dass Schmitz sich bei seiner „Verherrlichung des neuen Deutschen Reiches und Kaiser ‚Weißbarts‘“ (L. Paloczy, Porta Westfalica, Pester Lloyd 1896, Nr. 256 v. 26. Oktober, 9) doch zu stark wiederholt habe, erinnerte doch manches an das Kyffhäuserdenkmal. Kritiker monierten auch den „von fast allen nationalen Beziehungen losgelösten Stil, der, fast international, beinahe auf jeden Boden passt“ (Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 482). Die Platzierung des Kaiserstandbildes unter einen Baldachin erschien vielen fraglich, war doch ein direkter Blick oft nicht gewährleistet. Selbstredend gab es grundsätzliche Kritik seitens der Arbeiterbewegung, aus der es hieß, „es ist ein Jammer, in Deutschland zu leben, wo es nicht still werden will von Wilhelms-Denkmal-Enthüllungen […]. Auf deutschen Bergen wirbeln Trommeln, schmettern Trompeten und ertönen die schnarrenden Kommandorufe preußischer Kommandeure. Und die Freiheit? Wohin hat die Freiheit sich geflüchtet? – In die Thäler, wo es brodelt und qualmt und Legionen von Arbeitern stehen“ (Arbeiter-Zeitung 1896, Nr. 291 v. 22. Oktober, 6).

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Das fertig erbaute Denkmal 1896 (Centralblatt der Bauverwaltung 17, 1897, Blatt 44)

1891 wurde der Vertrag zwischen Schmitz und dem westfälischen Provinzial-Ausschuss geschlossen (Centralblatt der Bauverwaltung 11, 1891, 144). Parallel baute man eine touristische Infrastruktur auf. Die AG Porta Westfalica errichtete ein großzügiges Hotel Kaiserhof, es folgten ein Bahnhof, eine Kaiserstraße und eine Trambahn (Der Bär 17, 1890/91, 531). Der eigentliche Bau begann 1892, wurde durch vielfältige Probleme mit Baufirmen und auch der Gestaltung jedoch verzögert. Der ursprüngliche Entwurf erwies sich als zu teuer, hätte ca. 1,262 Millionen Mark verschlungen. Der Provinzial-Landtag verlangte daraufhin Änderungen in der Struktur, den Dimensionen und des Baumaterials (vgl. W[ilhelm] Moelle, Das Kaiserdenkmal an der Porta westphalica, Deutsche Bauzeitung 32, 1898, 1-3, 5). Die geplanten Ecktürme fielen weg, auch auf Schmuck wurde großenteils verzichtet. So blieb man einigermaßen im Kostenrahmen. Ein Jahr später als geplant konnte das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica dann am 18. Oktober 1896 eingeweiht werden (zum Bau selbst vgl. Centralblatt für Bauverwaltung 16, 1896, 469-471; Scientific American 77, 1897, 235).

Der 18. Oktober war bewusst gewählt worden. Dies war der Geburtstag von Friedrich III. (1831-1888), dem Sohn Wilhelm I. Und es war der Tag, an dem verbündete Heere in der Leipziger Völkerschlacht den Sieg gegen die Truppen Napoleons errungen hatten. Das wurde denkmalskräftig an gleich drei Standorten gefeiert: Eingeweiht wurde das von Karl Janssen (1855-1927) geschaffene Reiterstandbild Wilhelm I. in Düsseldorf, das von Schmitz entworfene und gebaute Denkmal für Wilhelms Gemahlin Augusta (1811-1890) in Koblenz und schließlich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica. Etikettegerecht besuchte Wilhelm II. am Morgen das Grab seines Vaters in Potsdam (Altonaer Nachrichten 1896, Nr. 246 v. 19. Oktober, 1), ehe er mit seiner Gattin gen Minden aufbrach, wo er um 14 Uhr 20 eintraf. Dort waren derweil die Vorbereitungen abgeschlossen, zumal der Blumen-, Kranz- und Fahnenschmuck bis hin zum Denkmal. Schade nur, dass es regnete, dass es stürmte. Dennoch herrschte allgemeine Feststimmung. Kriegervereine und Anwohner säumten die Straßen, auf den Tribünen beim Denkmal fand man die westfälischen Honoratioren, die Militärs und auch die Bischöfe. Nicht weniger als 700 Posaunisten warteten auf den immer noch jungen Kaiser, spielten aber schon vor dessen Eintreffen patriotische Weisen (Berliner Tageblatt 1896, Nr. 535 v. 19. Oktober, 2). Über die 60.000 Mark teure Kaiserstraße ging es voran, eine Kürassierschwadron vor der Kutsche des Herrschers, Salutschüsse kündeten sein Eintreffen. 15 Uhr; er in Husarenuniform, sie im moosgrünem Plüschkostüm. Ehrenkompanie abschreiten, allgemeine Begrüßungsrunde im Kaiserzelt. Gesang aus 600 Männerkehlen ertönt zum neu komponierten Sängergruß. Derweil hat es sich aufgeklärt. Der westfälische Vertreter Alexander von Oheimb (1820-1903) preist nun die Hohenzollern, den allerdurchlauchtigsten Kaiser und König, spricht sich für die Wahrung und Förderung des allgemeinen Wohles aus, „daß das Reich in Eintracht erstarke, daß Frieden, Treue und Gottesfurcht in demselben erhalten bliebe“ (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 492 v. 19. Oktober, 1). Es folgt der „Festgesang zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms des Großen“, dann die Besichtigung des Denkmals. Majestät zeigt sich zufrieden. Vorbeimarsch der Ehrenkompanie der Vereine. Sonnenschein, Kaiserzelt. Der Ehrentrunk huldvoll entgegengenommen, der Dank des Herrschers, ein Trinkspruch auf das Wohl der Provinz Westfalen. Allseits Begeisterung. Dann einige Gespräche, kurz vor 16 Uhr Abritt. Allgemeine Hochrufe. Ausspannen, Festmahl im Hotel Kaiserhof mit 370 Personen.

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Schilderwald und Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Auch mein Besuch fand bei Sturm und Regen statt. Gelockt hatten mich Nachrichten vom Umbau und der Wiedereröffnung des Denkmals. 2014 hatte es einen neuerlichen Wettbewerb gegeben, Ziel war vor allem die Stabilisierung von Terrasse und Außenring, ferner eine neugestaltete Gastronomie, ein Besucherzentrum für die Wissbegierigen sowie ein Parkplatz für alle. Das Geld kam vor allem vom Eigentümer, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), zudem gab es eine kräftige Finanzspritze des Bundes und Zuschüsse der Stadt Porta Westfalica. Der Kostenrahmen wurde mehrfach überschritten, am Ende 16,4 Millionen Euro verbaut. 2016 fand die Grundsteinlegung statt, 2018 dann die Neueröffnung. LWL-Direktor Matthias Löb machte zuvor klar: „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“ (zit. n. Bernd Bexte, Mehr als ein Denkmal für den Kaiser, Westfalen-Blatt 2018, Ausgabe v. 21. Februar). Gleich 2000 Jahre solle der Besucher erleben können, „von den Römern in Germanien (ein römisches Marschlager befand sich in direkter Nachbarschaft in Barkhausen) über das Mittelalter (das Areal der Wittkindsburg ist fußläufig erreichbar) bis hin zu Preußens Gloria und dem Elend der Zwangsarbeiter, die in der NS-Zeit im später von den Briten gesprengten Stollen unter dem Denkmal für die Rüstungsindustrie arbeiten und vielfach auch sterben mussten“ (Ebd.). Das klang vielversprechend, nach breit angelegter Geschichtsvermittlung, nach einer Kontextualisierung preußischer, äh, na, wohl eher deutscher Geschichte.

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Getrübter Durchblick: Informationsbehälter mit Ankündigungsmaterial

Bei Ankunft zeigte sich die volle Größe des Parkplatzes, denn an diesem regnerischen Samstag gab es praktisch keine Besucher. Das Denkmal kann kostenlos besucht werden, für das Auto sind aber drei Euro aufzubringen. Hat ja alles gekostet. Vorbei an einem kompakten Kiosk, an technisch hochwertigen Toiletten, vielen Müllbehältern, einer leider beschlagenen Glasvitrine mit daher nicht lesbarer Karte der Gesamtanlage sowie an Informationsbehältern. Dann die Straße die Anhöhe hoch. Ein eigenartiges Geviert wurde sichtbar, der Eingang zum Besucherzentrum.

 

 

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Hier kehrt man gerne ein – Treppenhaus zum „Besucherzentrum“ und zur Gaststätte

Hinab also die gastlich einladende Steiltreppe. Ein wenig glitschig, doch jeder Besuch ist ein Abenteuer. Innen angekommen, wurde ich erst einmal mit den Angeboten des Restaurants vertraut gemacht. Ordentlich bürgerlich, mittlere Preisklasse, bei an sich herrlichem Ausblick sicher schön. Doch der Sinn stand mir eher nach geistigen Genüssen, nach dem angekündigten Parforceritt durch die 2000 langen Jahre. Davon sah man erst einmal nichts, denn unter der Überschrift „Kaiserliche Aussichten“ waren dort zahlreiche Gruppenphotos aufgehängt worden, allesamt Besucher des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Dazwischen moderne Bildschirme, teils mit Spaßprogramm. Jugendliche mit vorgehaltenem Oberlippenbart. Sollte wohl etwas mit Preußen zu tun haben (dabei war die Berliner Bartmode um 1900 doch von spitzen, eingedrehten Bartenden geprägt, nicht aber von den dort gezeigten rundlich wogenden…).

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Nordkorea lässt grüßen. Aus dem Besucherzentrum

Nun ja, voran. Ich stieß auf eine moderne Stehle mit zahlreichen anderen Denkmälern, allesamt mit ein, zwei Sätzen vorgestellt. Vergleichende Denkmalkunde, in der Tat. Der Vergleich blieb zwar auf der Strecke, wurde mit nur wenigen Sätzen begründet, doch nebeneinandergestellt zeigte sich ein globales Panorama. Eine vergleichende europäische Analyse der Nationaldenkmäler hatte der Historiker Thomas Nipperdey (1927-1992) schon im Gefolge seines 1968 erschienenen Aufsatzes „Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert“ gefordert. Dies schien man hier aufgegriffen und gar erweitert zu haben. Kim Il-sung (1912-1994) und Kim Jong-il (1942-2011) traten mir entgegen, kleine Repliken des 2012 umgebauten Großmonuments Mansudae in Nordkorea. Viele andere Bilder fanden sich im Umfeld, etwa die vier US-Präsidenten von Mount Rushmore, der Arc de Triomphe oder die kontrovers beurteilten Monumente des russischen Bildhauers Surab Zereteli (1934-). All das nahm ich sehr rasch wahr, denn viel mehr als Bildunterschriften und einige Thesen zur relativen Ähnlichkeit aller monumentalen Machtausübung war nicht vorhanden. Nun ja, „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“. Deshalb wohl fehlte ein kleiner Skandal aus dem Jahre 1926, als man Denkmäler von Bruno Schmitz in Wasmuths Monatsheften für Baukunst und Städtebau neben sowjetischen Monumenten inklusive der Kremlmauer stellte. Die Akademie des Bauwesens war empört und protestierte (Centralblatt der Bauverwaltung 46, 1926, 488). Hätte gut gepasst, kann aber noch eingearbeitet werden zwecks kritischer Kontextualisierung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Doch im Besucherzentrum blieb diese Kontextualisierung dunkel. Es war irgendwie kritisch. Und kritisch ist gut. Mehr davon.

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Zweisprachig und mit weniger Informationen als der einschlägige Wikipedia-Artikel. Denkmalskunde im Besucherzentrum

Schon war ich am „Rondell“, das den Besuchern das Denkmal näher bringen will. Es bot Informationen zu Wilhelm I. (und den Hohenzollern), zum Bau des Denkmals und zu den Besuchern. Im Mittelpunkt standen wieder Bilder, kurz erläutert von dürren Unterschriften, kaum verbunden mit wenigen Sätzen, die historischen Kontext darboten. War das alles? Der Kaiser als Kartäschenprinz, dann rasch zum Krieg mit Frankreich. Dazwischen nichts. Otto von Bismarck, der Kanzler als eigentlicher Herrscher. Und natürlich der nicht eindeutig Wilhelm I. zuzuschreibende Satz „Ich habe keine Zeit, müde zu sein.“ Nein, müde konnte man von derartigen fundierten Informationen nicht werden, reicht meine Aufmerksamkeitsspanne doch weit über die Öffnungszeiten derartiger Geschichtsanimation hinaus. Und die konnte auch nicht durch nachgespielte Szenen aus der deutschen Geschichte erschöpft werden, Szenen, die selbst im ZDF zu Qualitätsdiskussionen geführt hätten. Geschichte als Drama mit wenigen markanten Sätzen.

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Panoramawand mit Historienschnipseln. 2000 Jahre Geschichte im Besucherzentrum

Doch da war ja noch etwas, nämlich eine Panoramawand. Die mit den 2000 Jahren Geschichte. Ein bisschen Heimatkunde, ein bisschen Animation, allesamt nur einfache Aussagesätze zu den zahlreichen mit der Porta Westfalica verbundenen Themen. Ernsten Themen. Voller Leben, voller Sterben. Wer mehr wissen will, der kann mittels Bildschirm ein wenig vertiefen. Wer noch mehr möchte, kann sicher zu Hause auf das Internet zurückgreifen. Bücher wurden keine verkauft. Doch Werbebroschüren lagen aus. „Historiker, Archäologen, Naturschützer und Heimatpfleger haben für die Stationen interessante Geschichten zusammengetragen“ lese ich dort. Schade, dass sie diese nicht verbunden haben. Immerhin bot die Rückseite der Panoramawand eindringliche Bilder vom Umbau der Terrasse, von den Herausforderungen für Bautechnik und Baustatik. Leider aber kaum etwas zur Geschichte des Denkmals.

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Die neue, attraktiv gestaltete Oberterrasse

Ich verlasse die heiligen Hallen der Bildung und reibe mir kurz die Augen. Auch ein neuerlicher Blick über die neu gestaltete Oberterrasse unterstreicht, dass ich hier wirklich im Besucherzentrum gewesen sein muss. Das also ist alles, was der Landschaftsverband Westfalen-Lippe seinen Besuchern mitteilen möchte. „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“. Ja, ich habe verstanden.

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Errungenschaften der Neugestaltung – Ein architektonisches Meisterstück der Behindertengerechtigkeit

Der eigentliche Stolz der Macher gilt nicht dem Denkmal, gilt nicht diesem grundsätzlich hervorragenden Lernort zur deutschen Geschichte. Er gilt den rollstuhlgerechten Aufzügen zum Besucherzentrum, den Parkplätzen für Gehbehinderte, nein, für „Menschen mit Gehbehinderung“. Die obere Terrasse ist barrierefrei erschlossen. Schade, dass man trotz umfangreicher Neubaumaßnahmen von wahrlich anheimelnder Architektur das eigentliche Denkmal dennoch nicht begehen kann. Denn es hat Treppen, bis heute. Wie rücksichtslos man im 19. Jahrhundert war… Und das bei den vielen Kriegskrüppeln… Die örtliche Gedenkkultur der Veteranen auch nach dem Ersten Weltkrieg erscheint nicht. Die der Amputierten, der Kriegsblinden, der Vernarbten, der Versehrten, der psychisch Labilen, denn an all die wurde auch hier, an diesem Denkmal erinnert. Von denen die übriggeblieben waren, innerlich gezeichnet. Heute ist das anders. Doch warum man die nicht vorhandenen Barrieren überwinden soll, bleibt unklar. Denn für die Vergangenheit, für die Geschichte dieses Denkmals, scheinen sich die Macher nicht zu interessieren.

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Neue Bewehrung: Fernrohre für Weitblicke

Dabei haben sie sich doch so viel Mühe gegeben. Die Brüstung des eigentlichen Denkmals wurde mit neuen Zäunen versehen, so dass niemand zu Schaden kommt. Das ist wichtig. Doch dabei soll natürlich der Spaß nicht zu kurz kommen. Daher verkleidete man die Brüstung mit leistungsfähigen Fernrohren. Nutzbar gegen eine kleine Gebühr. Hat ja alles gekostet. Allein die Pflastersteine. Weitblicke sind so möglich. Besser als nichts. Doch Einblicke wären mir auch ganz lieb gewesen. Vielleicht auch, weil ich vom Bildungsauftrag öffentlicher Einrichtungen überzeugt bin. Schade, dass man beim LWL anders denkt.

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Erinnerungen, die bleiben

Doch Spaß kann man haben. Ein kleiner Automat erlaubt das neckische Umprägen von Kleingeld in Erinnerungsstücke. So kann man etwas mit nach Hause nehmen. Den Eindruck der Gesamteinlage. Das Bild von Baldachin und Standbild. Leider nicht viel mehr. Vielleicht „Kartäschenprinz“, die Kim-Familie und die vielen Gruppenbilder… Stolz vermerken die Macher, dass man es durch den Umbau wohl schaffen werde, die durchschnittliche Verweildauer von 15 Minuten auf eine Stunde zu steigern. Wegen der Gastronomie. Weswegen auch sonst?

 

Ich gehe die Anhöhe wieder herunter. Ja, ich bin länger als der Durchschnittsbesucher geblieben. Und dass, obwohl ich es schaffe an dem Parkplatzkiosk vorbeizukommen, ohne dort etwas gekauft zu haben. „Willem“ heißt es – doch warum, konnte man mir nicht sagen. Ist halt ein Kiosk an irgendeinem Berg…

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Willem Snack and Go oder Die Tristesse der deutschen Grundverpflegung

So verlasse ich denn diesen Ort. Einen Ort, der es erlauben würde, die Geschichte des deutschen Kaiserreichs kritisch zu vermitteln. Doch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe ist daran offenbar nicht interessiert. Die Neugestaltung entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Flucht vor der Vergangenheit. Dabei ist das Kaiserreich bis heute aktuell, führt das Leben Wilhelm I. und die Denkmalsgründung in Porta Westfalica doch an zentrale Themenfelder auch unserer durch den deutschen Staat tagtäglich geprägten Gegenwart heran.

Da ist die Frage nach der Identität unseres Gemeinwesens: Was ist deutsch, was macht dieses Volk, diesen Staat, diese Nation aus? Wilhelm I. stand für die endgültige Aufsplittung der deutschen Kulturnation in zwei Reiche, stand für eine Verengung des Nationalbegriffs auf ein kleindeutsches, ein nationalliberal-konservatives, protestantisches Deutsches Reich. Doch er stand auch für etwas kleineres Großes, für ein ideal gedachtes Preußen, eines, in dem jeder „nach seiner Fasson selich“ werden konnte, in dem das gesatzte Recht galt, die Wissenschaften und das Gewerbe gefördert wurden, neuartige Bildungskonzepte entwickelt und mit Leben gefüllt werden konnten. Führt man sich das vor Augen, so erscheinen die heutigen Debatten eigenartig uninspiriert, der Breite der Geschichte nicht angemessen.

Da ist die Frage nach der Essenz des Bürgertums. Wilhelm I. bekämpfte Revolutionäre, erweiterte Bürgerrechte während der neuen Ära, bekämpfte sie neuerlich, ehe er Kernpunkte des Konstitutionalismus akzeptierte und respektierte. Wie definiert sich der Bürger angesichts der Macht des stets überbürdenden Staates und seiner Institutionen? Ist er Untertan, der sich anpassungsschlau wegduckt angesichts einer „alternativlosen“ Politik, der mitblöckt, wie Heinrich Manns Diederich Heßling? Oder ruft man mit Freiligrath: „Der Rang ist das Gepräge nur, Der Mann das Gold trotz alledem!“ (1843).

Da ist die Frage nach der Wehrkraft eines Landes, nach Verteidigung und Militarismus. Wilhelm I. hat in derartigen Kategorien gedacht, während es in diesem unserem Lande fast den Eindruck hat, dass man zwar mehr Soldaten in Auslandseinsätze schickt als die Kolonialmacht Deutsches Reich, dass man im Innern aber die Funktion bewaffneter Streitkräfte nicht mehr recht versteht, sich damit jedenfalls nicht auseinandersetzen möchte.

Da ist die Frage nach dem Warum dieser Flucht vor der Geschichte. Dient Geschichte, zumal in ihrer erinnerungspolitischen Engführung, nicht mehr dem Leben, ist sie negativ monumentalistisch geworden, weiß keinen Funken mehr zu entzünden? Oder ist sie eine Last, der ein friedlich arbeitender und konsumierender Mensch nicht mehr bedarf, wie eine Herde: „sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig“ (Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Stuttgart 1985, 7).

Da ist aber auch die Frage nach der Essenz der Wissensproduktion der Experten, in diesem Falle der Historiker. Welche Bedeutung besitzt eine kritische Geschichtswissenschaft angesichts staatlicher Geschichtspolitik, die von einem staatlich finanzierten Wissenschaftssystem vielfach affirmativ begleitet und gestützt wird? Folgt man den Moden der Profession, die sich vom 19. Jahrhundert seit langem abgewandt hat und dennoch (vielleicht auch deshalb?) öffentlich zunehmend bedeutungslos wird?

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Wo einst Wilhelm II. residierte – und ein Außenlager des KZ Neuengamme bestand

Zu all diesen Fragen – und natürlich zu den vielen kleinen Fachfragen – hätte ich gerne mehr am Denkmalsort erfahren, doch dies unterblieb. Und so verließ ich den Ort. Nicht ohne nochmals anzuhalten. Am Hotel Kaiserhof, am Fuße des Wittekindsberges. Dort wo einst Wilhelm II. tafelte und wohin er wieder zurückkam, im September 1898, beim Kaisermanöver (Allgemeine Zeitung 1898, Nr. 248 v. 8. September, 6). Seine Geschichte müsste gesondert erzählt werden. Ein anderes Denkmal in Porta Westfalica, das 1933/34 errichtete Schlageter-Denkmal auf der anderen Weserseite, am Jakobsberg, gab quasi den Takt vor. Es stand für die nationalsozialistische Transformation der Region, die auch das Hotel prägte. Im März 1944 wurde hier ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. Bis zu 1.500 Häftlinge mussten hier leben, um Arbeit im Stollen unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals zu leisten. Ca. 600 Personen kamen dabei ums Leben (Informationstafel der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica am Hotel, 20. Februar 2019; https://www.gedenkstaette-porta.de/). Das Hotel musste 2011 Insolvenz anmelden, im gleichen Jahr zerstörte ein Brand große Teile des Hauses. Ein Wiederaufbau des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes ist nicht in Sicht. Das wäre ein guter Ort für eine Gedenkstätte, für ein historisches Museum. Vielleicht wäre das eine Alternative für die Flucht vor der Vergangenheit bergauf.

Uwe Spiekermann, 3. April 2019

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