Eine zerbrochene Heimat: Ruth Gröne auf den Spuren ihrer Kindheit in Boffzen

„Hüte Dich – Und bewahre Deine Seele gut, dass Du die Geschichte nicht vergisst, die Deine Augen gesehen haben. Und dass sie nicht aus Deinem Herzen komme, Dein Leben lang – und tue sie Deinen Kinder kund“ (Lesung: Sachor! – Erinnere Dich! Aus dem Leben der jüdischen Hannoveranerin Ruth Gröne – YouTube). Diese jüdische Weisheit stand am Ende eines Grußwortes der am 5. Juli 1933 in Hannover geborenen Ruth Ester Julie Gröne, geb. Kleeberg, anlässlich einer Lesung ihrer von Anja Schade verfassten Biographie „Sachor! – Erinnere Dich!“. Diese Erinnerung kreiste ihr Leben lang um den Ort der heutigen Gedenkstätte Ahlem, um die Erinnerung an ihren 1944 verhafteten und 1945 nach Internierung in Ahlem, Neuengamme und Sandbostel an Torturen und Typhus gestorbenen Vater Erich Kleeberg. Ruth Gröne lebte in der zu einem „Judenhaus“ umgewandelten früheren Israelitischen Gartenbauschule Ahlem seit der Ausbombung 1943 zuerst mit ihren Eltern, dann allein mit ihrer protestantischen Mutter Maria. Für ihr beherztes Engagement, ihre beharrlichen, bohrenden und vielfach erfolgreichen Rückfragen an Verwaltungen, Parlamente, Regierende und Firmen wie die Continental AG hat sie in den letzten Jahren zahlreiche Ehrungen erhalten, darunter 2017 den Theodor-Lessing-Preis. Dessen 1919 erschienenes Hauptwerk „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ beinhaltet bis heute dringliche Rückfragen an unseren Umgang mit Vergangenheit, warnt vor der menschlichen Grundneigung des Umbiegens der eigenen Geschichte. Ruth Gröne hat ihre Geschichte immer wieder erzählt, mochte sie auch nicht kommod sein, gegen bequemes Vergessen stehen.

Ruth Grönes Erinnerung war immer eine des Verlustes, des unbegreiflichen und sinnlosen Verlustes ihres Vaters, ihrer in Riga ermordeten Großeltern Frieda und Hermann Kleeberg, ihrer Tante Martha Kleeberg, geb. Heimbach. Sie war immer auch die Geschichte einer zerbrochenen Kindheit, durchfurcht von nicht zu kontrollierenden, nicht einzuhegenden Mächten. Diese Kindheit ist eng mit dem kleinen Weserort Boffzen verbunden, bekannt durch Wilhelm Raabes Beschreibungen, bis heute geprägt von der dortigen Glasindustrie. In Boffzen wurde Erich Kleeberg geboren, hier stand das Haus der Großeltern, die dort eine Schlachterei, eine Viehhandlung betrieben. Dort traf sich die Verwandtschaft, dort erkundete auch die kleine Ruth das Haus, den Innenhof, die Nachbarschaft.

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Die kleine Ruth auf dem Schoß ihrer Großmutter, im Kreise der Familie Kleeberg, Boffzen 1934 (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

Boffzen war und blieb ein wichtiger Teil der Erinnerung Ruth Grönes. Sie war geprägt von kindlichem Entdecken und Erkunden, von dem Grundvertrauen, dass die Welt gut sei, voller Wunder. Doch Boffzen stand auch für die Vertreibung dieser und anderer Familien, für den erzwungenen Verlust einer bis 18. Jahrhundert zurückreichenden jüdischen Gemeinschaft. 1939 kamen die Großeltern nach Hannover, fanden Herberge bei ihrem Sohn Erich, seiner Frau Maria und ihrer Tochter Ruth. Sie hatten zuvor ihr Geschäft in Boffzen schließen, Haus und Grundstück verkaufen müssen. Zu fünft lebten sie in einer 2-Zimmer-Wohnung, dann ab 1941 in einem „Judenhaus“, wurden dann getrennt, die Großeltern vor Weihnachten deportiert.

Ruth Gröne ist seit 1966 mehrfach nach Boffzen gefahren, an den Ort ihrer Kindheit, hat dort Kontakte geknüpft, sich entwickelnde Freundschaften gepflegt. 1988/89 wurde sie, aber auch ihre ins britische und US-amerikanische Exil gezwungenen Verwandten, Onkel Walter (Clay, geb. Kleeberg) und Tante Ruth (Kolb, geb. Kleeberg) von der Gemeinde Boffzen eingeladen, 2006 auf Ruth Grönes beharrliches Drängen hin ein Gedenkstein vor der Gemeindeverwaltung errichtet. Weitere Besuche folgten – und bei dem letzten fühlte sich die Hannoveranerin nicht mehr willkommen geheißen. Der Bürgermeister hatte für sie keine Zeit, der Verwaltungsvertreter war auf den Besuch nicht vorbereitet, nicht einmal auf den jüdischen Friedhof begleitete man den Gast.

Anja Schades Biographie „Sachor! – Erinnere Dich!“ veränderte dies. Ruth Gröne war häufiger Gast im Niedersächsischen Landtag, bei Landtagspräsidentin Gabriele Andretta. Deren persönliche Referentin, Stefanie Waske, stammte aus Boffzen, hatte das Buch gelesen, sprach nicht nur mit der Zeitzeugin, sondern auch mit ihrem Vater Walter Waske, früherer Landrat des Landkreises Holzminden, in Boffzen weiter kommunalpolitisch aktiv. Er nahm den Kontakt auf, Besuche folgten, Überzeugungsarbeit in Boffzen, schließlich erfolgte eine von allen Gemeindevertretern getragene Einladung. „Der erzwungene Verlust 1938. Boffzen erinnert sich seiner jüdischen Nachbarn“ war der Titel einer am 19. November 2022 durchgeführten Gedenkveranstaltung. Sie war wichtig, zumal für die Bürger Boffzens. Doch für Ruth Gröne war sie nur Teil einer neuerlichen Rückkehr an den Ort ihrer zerbrochenen Kindheit.

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Besuch im Jacob Pins Forum Höxter: Fritz Ostkämper erzählt von der Geschichte dieses Erinnerungsortes an die vertriebenen und ermordeten Höxteraner Juden (Foto: Uwe Spiekermann)

Die Reise nach Boffzen und in die eigene Vergangenheit begann in Höxter. Dort besteht seit 2008 das Jacob Pins Forum, ein Ort der Erinnerung an den gleichnamigen, aus Höxter stammenden jüdischen Künstler. Das in einem alten umgestalteten Adelshof liegende Forum ist heute Veranstaltungsort für Konzerte, für Ausstellungen, dort kann man wichtige Werke von Pins sehen. Doch im Obergeschoss gibt es auch zwei kleine, erst jüngst umgestaltete Räume, die an die jüdische Geschichte in Höxter erinnern. Der langjährige Vorsitzende der Jacob Pins Gesellschaft, Fritz Ostkämper, der sich auch als Forscher zur jüdischen Geschichte Höxters und der Region einen Namen gemacht hat, präsentierte Ort und Ausstellungen, erzählte auch über Familien im Umfeld der Kleebergs.

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Letzter Testlauf: Walter Waske in der bereits von den Helferinnen der Arbeiterwohlfahrt und den Landfrauen eingedeckten Mehrzweckhalle (Foto: Uwe Spiekermann)

In Boffzen waren derweil die Vorbereitungen abgeschlossen. Die Mehrzweckhalle war geputzt, von Gemeindearbeitern bestuhlt worden, einhundert Bürger hatten sich zur Gedenkveranstaltung angemeldet. Die „üblichen Verdächtigen“, die verlässlichen Frauen der Arbeiterwohlfahrt und auch der Landfrauen, hatten dem Raum ein freundlicheres Ambiente gegeben, die Technik war aufgebaut und wurde nochmals überprüft. Boffzen war bereit für seine Gäste, Ruth Gröne übernachtete im Hotel „Alte Post“ in Boffzen – Anfang der 1930er Jahre ein Treffpunkt der lokalen NSDAP, heute von der Familie Winnefeld mit frischem Engagement betrieben. Angesprochen auf diese Geschichte, antwortete Ruth Gröne mit lapidar-ernstem Mutterwitz: „Die sind ja schon tot.“

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Aufbruch im Hotel „Alte Post“: Ruth Gröne mit Boffzens Bürgermeisterin Gudrun Raßmann (Foto: Stefanie Waske)

Der Rundgang durch Boffzen begann am Samstagmorgen. Dieses Mal nicht allein, sondern in einer großen Gruppe. Anja Schade war dabei, Bürgermeisterin Gudrun Raßmann begrüßte im Namen der Gemeinde Boffzen, ebenso als Gemeinderatsmitglieder Manfred Bues, Manuela Püttcher und Walter Waske. Nachbarn und alte Bekannte, wie Karl-Heinz Göhmann, waren zugegen, vertieften auch ihre Erinnerungen an Boffzen, an die bis heute bedrückende Verfolgungsgeschichte. Der Weg führte durch die U-förmige Straße „Im Winkel“, in deren Mitte einst die Gemeindeverwaltung und die Polizei lag. Im Ortsmund hieß sie nach dem Krieg „Judengasse“, denn hier hatte eine Reihe jüdischer Familien gelebt, nicht nur die dann während der NS-Zeit ins Exil vertriebene Familie Lebenbaum.

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Gang durch das Dorf: Walter Waske erzählt von der Ortsgeschichte (Foto: Stefanie Waske)

„Im Winkel“ lag auch das kleine Gebetshaus der jüdischen Gemeinschaft. Ruth Gröne hat dieses nicht mehr besucht. Doch die Runde stimmte ein auf das erste Ziel, das Haus ihrer Großeltern in der Oberen Dorfstraße, Teil der Hauptachse Boffzens. Ruth Gröne hatte frühere Fotos mitgebracht, Haus und Straße immer wieder festgehalten. Ihr 2016 verstorbener Mann Ludwig war Schmied, von ihm stammt das schiedeeiserne Geländer des Hauseingangs. Die Grönes standen auf guten Fuß mit den Kues, trotz all der Fährnisse um den Kauf des Hauses zu gedrücktem Preis 1939, trotz der Entschädigung in der Nachkriegszeit. Helmut Kues war für die Kleebergs einkaufen gegangen, als ihnen dies 1939 in Boffzen verboten war, ihnen, einer seit vielen Generationen in Boffzen ansässigen und geachteten Familie, tief verwurzelt in den lokalen Vereinen, deren Männer in den deutschen Einigungskriegen und im Ersten Weltkrieg gedient hatten.

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Abgleich mit alten Fotos: Ruth Gröne mit Bildern früherer Besuche (links Holger Kues, rechts Stefanie Waske) (Foto: Uwe Spiekermann)

Holger Kues öffnete der Gruppe das große Tor zum Innenhof, Ruth Gröne stand nun wieder an einem Kindheitsort: Dort war der Stall der Ziege, dort der knurrende Hund, vor dem sie immer ein wenig Angst gehabt habe. Erinnerung ist schwer zu teilen, doch man sah im Antlitz der alten Frau einen Widerschein einer immer wieder erinnerten und daher nicht vergessenen Zeit. Gewiss, der Hinterhof hatte sich in achtzig Jahren vielfach verändert, die alten Bodenplatten waren nicht mehr da, die Stallungen, das Plumpsklo, die Abwassergräben, der Brunnen lief nicht mehr. Das Haus hatte neue Türen, neue Fenster, doch sie waren immer noch am gleichen Platz, die alten Formen bewahrend.

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Geteilte Kindheiten: Ruth Gröne im Gespräch mit Bernd Kaussow, der in diesem Haus längere Zeit gelebt hat (Foto: Uwe Spiekermann)

Gesprochen wurde viel, über die Veränderungen, die mehr als achtzig Jahre seit der Vertreibung der Familie Kleeberg. Bernd Kaussow lebte später im Hause, doch seine Erinnerungen waren die der 1960er Jahre, einer Jugend im allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung.

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Hier gingen wir ein und aus: Ruth Gröne an der Tür zwischen Küche und Hof (Foto: Uwe Spiekermann)

Ruth Gröne leihte all dem ihr Ohr, doch ihr Eindruck war ein anderer. Sie war ergriffen. Doch nicht Trauer über den Verlust trat hervor, sondern Dankbarkeit ob der schönen Stunden im Kreise ihrer Großeltern. Hier im Innenhof hatte sie gespielt, durch diese Tür war sie ein und aus gegangen. Die Gruppe trat zurück, mochte mancher davon auch von Erinnerungen an die eigene Kindheit berührt worden sein.

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Ruth Gröne mit Anja Schade im Garten ihrer aus Boffzen vertriebenen Großeltern (Foto: Stefanie Waske)

Im Garten war alles verändert, eine neue Birke war gepflanzt worden. Doch Altes war noch da: Die Trittplatten hatten mehr als hundert Jahre überdauert. Die Futter- und Wassertröge der Stallungen bargen nun Blumen. Ruth Gröne schaute, sah, berührte Wände und Türen, greifbare Reste einer zerbrochenen Heimat. Berühren, Festhalten, wieder Loslassen, doch den Moment bewahren.

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Die Heimat der Kindheit: Ruth Gröne im Innenhof ihrer Großeltern, einem Jugendort ihres Vaters (Foto: Uwe Spiekermann)

Holger Kues verstand das, öffnete dann auch das Haus. Der Aufgang war beschwerlich, doch für Ruth Gröne ging das Festhalten am Geländer und manch stützender Hand über in das Umhergehen, in das Betasten von Wänden und Türrahmen. Das Haus war noch stärker verändert worden als der Innenhof, neue Wände waren eingezogen worden, die modernen Annehmlichkeiten von Wasserversorgung, Zentralheizung und Einbauküche.

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Holger Kues öffnet die Tür seines Hauses für Ruth Gröne und Anja Schade (Foto: Uwe Spiekermann)

Das alte Mobiliar fehlte, einiges war in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Unbekannten zerschlagen, einiges vor dem erzwungenen Wegzug verkauft und verschenkt worden, größere Möbel wurden nach Hannover mitgenommen. Kein Klavier zierte die gute Stube. Eine Küche gab es, nicht wie ehedem zwei, die milchige und fleischige, wie in einem koscheren jüdischen Haushalt üblich. Doch Ruth Gröne hatte die alten Bilder in sich bewahrt, im Kopfe und im Herzen, sah hinter Verputz und Verkleidungen, wusste um den Ort der Spüle, um Tische, Schränke und Stühle.

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Erinnerungen an die alte(n) Küche(n) (Anja Schade, Ruth Gröne, Holger Kues, Uwe Spiekermann) (Foto: Stefanie Waske)

Man verließ diesen bitter-freudigen Ort, der Zeitplan war schon längst gesprengt, Erinnerung brach Ordnung. Noch aber gab es einen unverzichtbaren historischen Ort, den kleinen jüdischen Friedhof am nördlichen Ortsausgang. Er wurde „später“ wieder hergerichtet, doch alte Grabplatten fehlten, waren „damals“ von unheiligen Horden zum Straßenbau verwandt worden. Vierzehn Grabstätten gibt es noch, darunter die der Familie Kleeberg. Ruth Gröne war vorbereitet, natürlich. Sie hatte Steine mitgebracht, ein guter jüdischer Brauch, um die Gräber zu markieren, den Ahnen Ehre zu erweisen, um etwas von sich zurückzulassen. Und sie stellte sich selbstbewusst in die Reihe ihrer Vorfahren, beginnend mit Abraham Kleeberg, ihrem Ur-Urgroßvater, endend mit ihrer Großtante Helene Seligmann. Auch hier das Handauflegen, auch hier der handgreifliche Bezug zu den Verstorbenen, zu den Erinnerten. Berührend in einem Umfeld der Grabeinebnungen und Urnenfelder auf „christlichen“ Friedhöfen. Das Vergessen religiöser Traditionen zeigte sich auch in der Gruppe, denn nur zwei der Männer (darunter nicht der Autor, ein guter Katholik) trugen eine Kopfbedeckung, so wie es sich für einen jüdischen Friedhof geziemt.

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In der Reihe ihrer Vorfahren: Ruth Gröne am Grabstein ihres Ur-Urgroßvaters Abraham Kleeberg (1799-1856), dahinter die Gräber ihrer Urgroßeltern Moses (1829-1916) und Julie Kleeberg (1839-1918) sowie ihrer Großtante Helene Seligmann, geb. Kleeberg (1875-1932) (Foto: Uwe Spiekermann)

Die Momente der Ruhe, des Eingedenkens währten nicht allzu lang. Denn es gab noch einen offiziellen Termin, den Eintrag in das „Goldene Buch“ der Samtgemeinde Boffzen. Deren Bürgermeister Tino Wenkel und der stellvertretende Gemeindedirektor Philip Becker begrüßten Ruth Gröne und die Gruppe. Schnittchen und Kaffee folgten.

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Eintragung in das „Goldene Buch“ der Samtgemeinde Boffzen (Foto: Uwe Spiekermann)

Der Rahmen war gesteckt, doch unbefangen war das Zusammensein nicht, die rechte Sprache fehlte. Holger Kues durchbrach die wortreiche Stille, indem er unbefangen fragte, warum denn die Juden so verhasst gewesen seien. Ruth Gröne verwies auf die bis weit in die Antike zurückreichende Judenfeindschaft, auf eine kleine Gruppe, die sich schlecht wehren konnte. Uwe Spiekermann ergänzte, verwies auf pseudowissenschaftliche Argumente der Andersartigkeit, auf Unsicherheit und Neid als Untugenden der Mehrheitsgesellschaft. Der Umgang mit Minderheiten, Vorstellungen von Fremdheit, sie standen im Raum, wurden besprochen, ein „Nie wieder“ beschworen.

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„Was Dir verhaßt ist – das tue Deinen Nachbarn nicht an“ (Foto: Uwe Spiekermann)

Der offizielle Termin ebbte ab. Zwei Nicht-Boffzener hatten vor dem Gedenkstein vor der Gemeindeverwaltung zuvor einen Blumenstrauß und eine Kerze gestellt – und Ruth Gröne ließ es sich nicht nehmen, ein Licht anzuzünden, ein Seelenlicht als Ausdruck der Verbundenheit mit den Toten, mit ihren ermordeten Großeltern, ihrer ermordeten Tante, ihrem ermordeten Vater.

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Stilles Gedenken vor der Gemeindeverwaltung: Der Gedenkstein für die vertriebenen jüdischen Nachbarn Boffzens, für die Ermordeten der Familie Kleeberg (Foto: Uwe Spiekermann)

Die Gedenkveranstaltung schloss sich an. Die Mehrzweckhalle füllte sich, der Landrat traf ein, die Landtagsabgeordnete, der Bundestagsabgeordnete, Vertreter der Boffzener Vereine, der Kirchen, von Feuerwehr und Polizei. Hinzu kamen viele Boffzener, nicht nur ältere. Auch Freunde und Weggefährten Ruth Grönes waren gekommen, darunter Klaus Kieckbusch, der die jüdische Ortsgeschichte einst akribisch erforscht hatte.

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Alte Freunde: Ruth Gröne mit Klaus Kieckbusch, der die Geschichte der Juden in Boffzen umfassend aufgearbeitet hat (Foto: Stefanie Waske)

Nach jüdischen Weisen von Jean Goldenbaum folgten Ansprachen der Bürgermeisterin, dann ein langer Vortrag des Autors über „Boffzen und die NS-Zeit“, der durch begleitende zehn Quellentexte nochmals länger wurde. Und doch: Achtzig Minuten vergingen voller Konzentration, aufmerksam, ja gebannt verfolgten die hundert Gäste die Geschichte der jüdischen Nachbarn Boffzens, ihrer Verfolgung und Vertreibung; aber auch die der gelungener Nachbarschaft (bis 1930/33) und des langen abduckenden Schweigens nach 1939/45. Erinnerung braucht Ruhe, Abgeklärtheit, auch Zeit.

Danach trat Ruth Gröne ans Rednerpult. Sie begann stockend, begrüßte die vielen Würdenträger, bedankte sich bei denen, die diese Tage vorbereitet und mitgestaltet hatten. Sie schilderte ihre angesichts Boffzens ambivalenten Gefühle, die unterschiedlichen Erfahrungen, die sie vor Ort gemacht hatte. Neben Hannover habe ihr Boffzen jedoch stets am Herzen gelegen – und nun fahre sie mit einem guten Gefühl zurück in ihre erste Heimatstadt. Walter Waske dankte dafür, sichtlich bewegt, hob aber auch hervor, dass es just nach diesem Besuch darum gehen müsste, die Erinnerung vor Ort weiter zu bewahren. Erinnerung sei kein Konsumgut, sondern eine stets auszugestaltende Aufgabe. So, wie sich der fliegende Vogel über das am Boden gefesselte Schlachtkalb erhebt. So wie die Erinnerung an die eigene Kindheit den Funken eines Grundvertrauens birgt, der trotz aller Gewalt und aller Schlechtigkeit doch daran festhalten lässt, dass die Welt gut ist und voller Wunder. Ruth Grönes Rückkehr nach Boffzen hob dies allen ins Gedächtnis.

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Ruth Gröne mit Fritz Ostkämper beim Rundgang in Boffzen (Foto: Stefanie Waske)

Uwe Spiekermann, 21. November 2022

Das Bauhaus als handzahme Konsumware. Ein Besuch im Bauhausmuseum Weimar

Das „Bauhausjahr“ 2019 ist fast schon wieder vergessen, obwohl es doch versprach, die Welt neu zu denken. Allüberall wurde damals das Loblied auf die Männer und Frauen gesungen, die in Weimar, Dessau und dann noch ein wenig in Berlin das Design der Moderne geprägt und das Neue Bauen entscheidend vorangebracht hatten. Wahrlich, sie waren Gesinnungsgenossen – vor allem mit uns. Das Mantra der ein wenig exzentrischen, doch guten Menschen vom Bauhaus, die damals das taten, was wir ach so aufgeklärten Bildungs- und Bundesbürger gewiss auch getan hätten, dieses Mantra ließ Staatsgelder fließen, um die die in der Breite wegbrechenden kleineren Museen und Kultureinrichtungen seit Jahren vergeblich gebettelt hatten. Finanziell ragten dabei die neuen Museen an den Bauhausstätten hervor: In Dessau-Roßlau verbaute man mindestens 28 Millionen €, auch in Weimar überschritt man die Baukosten auf etwa 27 Millionen € – und im Umfeld des Berliner Bauhaus-Archivs dürfte der Finanzrahmen von 64 Millionen € wohl neuerlich erweitert worden sein, wenn vielleicht 2023 (vielleicht aber auch später) die Eröffnungsfeier ausgewählte Bürger*innen zusammenführen wird. Det is halt Berlin, die Hauptstadt mit dem relativ geringsten Beitrag zum nationalen Bruttoinlandsprodukt innerhalb der Europäischen Union.

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Das Weimarer Bauhausmuseum im Bau, Dezember 2018

Diese neuen Wallfahrtstätten standen an der Spitze einer vierstelligen Zahl meist gut subventionierter Ausstellungen, Veranstaltungen, Vorträgen und Festbüffets. Lokal wurde teils Außergewöhnliches geleistet, gerade wenn man gegen den dumpf auf „Zukunft“ ausgerichteten Denkkorridor von „100 Jahre Bauhaus“ agierte. Die Resonanz all dieser „Events“ war beträchtlich, der Aufmarsch von Schulklassen und Bildungsbeflissenen im noch „normalen“ Jahr 2019 erinnerte teils an Sommerschlussverkauf. „Hunderttausende“ begeisterten Museumsmacher und Tourismusplaner, erreichte man doch Zahlen wie allwöchentlich die Fußballbundesliga. In den neuen Häusern wurden die „Massen“ jedenfalls schon vor Einsetzen des Pandemieregimes durch ein striktes Zeitregiment gelenkt. Die Pandemie stoppte den freudigen Aufmarsch, die teuren Museen wurden geschlossen, so dass man eigentlich an das Nachjustieren hätte gehen können.

Kritik und Ertrag von „100 Jahre Bauhaus“ 2019

Das schien angebracht, denn Kenner stießen sich seit April 2019 erst einmal an den aus ihrer Sicht abstoßenden neuen Gebäuden sowie der Präsentation und Auswahl der Exponate – und über derartige Formfragen lässt sich trefflich streiten. Diese Kritik erfolgte meist eingedenk des Bauhausmanifestes von 1919, durch das der Bau in den Mittelpunkt der bildnerischen Tätigkeit gestellt wurde. Dazu passt eben kein „Sarkophag“ (Laura Weissmüller, Das Bauhaus-Mausoleum, Süddeutsche Zeitung 2019, Ausg. v. 5. April), kein „Luftschutzbunker“ (Marcus Woeller, Steckt die Seele des Bauhaus wirklich in diesem Klotz?, Die Welt 2019, Ausg. v. 11. April), kein Bauhausmausoleum.

Wichtiger aber war die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Hauptnarrativen dieser bunten Kulturperformance. Allseits positiv vermerkt wurde die wachsende Popularisierung des Bauhauses, durch die dessen Bedeutung mit wachsendem historischem Abstand stetig ansteigt. Dies führte allerdings auch zu bemerkenswerten neuen Bauhausgeschichten und -geschichtchen, insbesondere in den öffentlich-rechtlichen Medien und den Kulturboulevardverlagen. „Lotte am Bauhaus“ wird gewiss einen Sonderplatz im Kitschpavillon des Feminismus einnehmen, während „Bauhausmädels“ zwar wichtige Biographien freilegte, populärkulturell aber auch an die wilde Ursula oder den Opfergang der Magdala erinnerte.

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Freudige Erwartung bei Geldgebern und Medienpartnern zum Bauhausjubiläum (100 Jahre Bauhaus. Aus Thüringen in die Welt, hg. v. d. AG Marketing 100 Jahre Bauhaus in der Impulsregion, Weimar 2019, 57 (l.), 54)

Der Aufwand war groß, die Rotationsmaschinen surrten, doch der publizistische Ertrag war überschaubar – zumindest aus meiner begrenzten Warte. Vier Aspekte möchte ich hervorheben: Erstens, natürlich, die Mädels, oder, weniger wild, die am Bauhaus aktiven Frauen. Ihre Rolle wurde im Detail erkundet, die tradierte Geschlechterhierarchie am Bauhaus beredt beklagt, ihr zuvor meist unterschätzter Beitrag ausgelotet (Ulrike Müller, Bauhausfrauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design, München 2019). Zwar gab es nur eine Bauhausmeisterin, Gunta Stölzl (1897-1983), doch immerhin je eine Lehrende in Weimar (Helene Börner (1867-1962)) und in Berlin (Lilly Reich (1885-1947)), und gar derer sechs in Dessau (Marianne Brandt (1893-1983), Carla Grosch (1904-1933), Gunta Stölzl, Anni Albers (1899-1994), Otti Berger (1898-1944) und Lilly Reich). Von den 1.258 Studierenden waren mindestens 465 Frauen. Allerdings war das Bauhaus auch ein wichtiger Ort ehelicher Versorgung, denn zwischen den Studierenden wurden nicht weniger als 56 Ehen geschlossen (Angaben n. Folke Dietzsch, Die Studierenden am Bauhaus, Bd. 2, Weimar 1990, passim).

Wichtiger schienen mir zweitens Arbeiten zur Vor- und Parallelgeschichte. Vorbildlich war eine Ausstellung im Bröhan-Museum 2019, die das Bauhaus als absehbare Konsequenz einer im späten 19. Jahrhundert einsetzenden Kunstgewerbebewegung präsentierte (Tobias Hoffmann (Hg.), Von Arts and Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design – eine neue Einheit, Köln 2019). Wiener Werkstätten, Deutscher Werkbund und De Stijl praktizierten und nahmen vieles vorweg, was heute als Bauhaus vermarktet wird. Die große Zahl recht ähnlicher Bildungsstätten für Gestaltung in den deutschen Einzelstaaten in den 1920er Jahren müsste ebenso genannt werden. Doch der Bulldozercharme des Bauhausjahres setzte eben nicht auf Vergleiche, sondern sah überall Bauhausimpulse – also ein so eben nicht existierendes hierarchisches Verhältnis zwischen ehedem gleichrangig agierenden Institutionen (derart vereinnahmend etwa Jean Molitor und Kaija Voss, Bauhaus. Eine fotografische Weltreise, Bonn 2019). Das verfälscht nicht nur die Entwicklung von Design, Malerei und Kunstgewerbe, sondern verschüttet auch alternative „progressive“ Ansätze, wie sie etwa die damaligen Konsumgenossenschaften praktizierten. Weitet man den Blick räumlich resp. interkulturell, so findet man zudem nicht nur in west- und mitteleuropäischen Ländern vergleichbare Lehrstätten, sondern mit dem Moskauer WChUTEMAS eine Einrichtung, die dem Bauhaus bis in die späten 1920er Jahre wichtige Impulse gab und es an Größe weit überragte (Anna Bokov, Avant-Garde as Method: Vkhutemas and the Pedagogy of Space, 1920-1930, Zürich 2020). Eine Fokussierung allein auf das Bauhaus ist daher irreführend.

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Studenten in den Vereinigten Linken Werkstätten (OBMAS) an der Moskauer WChUTEMS (Wikipedia)

Drittens wurde nochmals eine (für einen Wirtschafts- und Sozialhistoriker) Banalität fundiert bekräftigt: Das Bauhaus kann nur im Kontext sich verändernder Konsumgütermärkte und neuartigen Marketings verstanden werden. Am Anfang stand eben nicht Weimar, sondern das niedersächsische Alfeld. Ohne das 1911 errichtete Fagus-Werk, ohne die Folgeaufträge im Rahmen des Werkbundes, wäre ein Studienabbrecher wie Walter Gropius (1883-1969) gewiss nicht nach Weimar berufen worden (Arne Herbote, Carl Benscheidt auf der Suche nach der idealen Fabrik. Eine Bauherrenbiographie, Braunschweig 2019). Auch in den Folgejahren waren die Industriekooperationen entscheidend für die immer prekäre Grundfinanzierung: Umbauten des Fagus-Werkes, Kandem-Lampen und Rasch-Tapeten stehen exemplarisch für eine auch marktgetriebene Veränderung der Arbeit am Bauhaus (Stefanie Waske, Der Traum vom Neuen Leben. Niedersachsen und das Bauhaus, Hannover 2021). Ebenso wichtig aber war die Ausgestaltung der Marke Bauhaus, wie sie im aus meiner Sicht wichtigsten Beitrag zum Bauhausjahr luzide ausgelotet wurde (Philipp Oswalt, Marke Bauhaus 1919-2019. Der Sieg der ikonischen Form über den Gebrauch, Zürich 2020). Die Engführung des Bauhauses auf eine handzahme Konsumware hat ihren Ursprung just in der geschickten Selbstinszenierung von Gropius und der systematischen Ausblendung von konkurrierenden Ansätzen und der heterogenen, ja widersprüchlichen Ideen der Bauhäusler.

Damit eng verbunden waren viertens Arbeiten, die das Nachleben des Bauhauses nicht allein im Exil, der Bundesrepublik und der DDR erkunden, sondern auch im Stalinismus (Ursula Muscheler, Das rote Bauhaus, Berlin 2016) und Nationalsozialismus untersuchen. Die große Mehrzahl der Bauhäusler arbeitete nach 1933 mehr oder minder regimenah, so dass eine Reduktion auf die politisch oder rassisch Verfolgten ein schiefes Bild ergibt. So verfehlt es wäre, die vom Bauhäusler Fritz Ertl (Adina Seeger, Vom Bauhaus nach Auschwitz, Wien 2013) konstruierten Baracken in Auschwitz-Birkenau zur Quintessenz der Moderne hochzustilisieren, so wichtig ist doch ein Blick auf die hohe Anpassungsbereitschaft des dritten Direktors Ludwig Mies van der Rohes (1886-1969) 1933/34, auf die Beteiligung von Gropius und einem knappen Dutzend führender Bauhäusler an der Ausstellung „Deutsches Volk – Deutsche Arbeit“ der Deutschen Arbeitsfront 1934, auf Gropius lautes Schweigen über die deutschen Verhältnisse in Harvard sowie die vielfältigen Beiträge von Bauhäuslern zu den NS-Bau- und Infrastrukturvorhaben, zu Aufrüstung und Besatzungsherrschaft.

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Der NS-Staat feiert das deutsche Wiedererstarken – unter Beteiligung führender Bauhäusler (Der Bazar 80, 1934, H. 7, 27)

100 Jahre Bauhaus – eine politische Inszenierung

Im Bauhausjahr wurde all das behandelt, in Feuilletons, im wissenschaftlichen Raum. Doch die öffentliche Kernbotschaft nahm dies nicht auf, blieb plakativ, blendete nicht passende Forschungsergebnisse meist aus. Grund hierfür war eine sich wandelnde Stellung des Bauhauses: Geglättet und vermarktet wurde und wird es politisch für den guten Zweck instrumentalisiert. Der massive Finanzregen über „Bauhaus 2019“ war an die unausgesprochene Bedingung geknüpft, diesen durch Agitation für die real existierenden Bundesrepublik, für deren vermeintliche Buntheit und Offenheit zu danken: „Mit dem Bauhaus ging von Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein kultureller Aufbruch aus. Bis heute ist das Bauhaus in seiner internationalen Ausprägung der erfolgreichste kulturelle Exportartikel Deutschlands im 20. Jahrhundert. Seine Gestaltungsansätze für eine moderne, offene und freiheitliche Gesellschaft sind nach wie vor von ungebrochener Gültigkeit. So steht das Bauhaus für die Weltoffenheit Deutschlands in der Moderne“ (Antrag Wanderwitz et al. v .13. Januar 2015, Deutscher Bundestag, Drucksache 18/3727). Handreichungen aus Berlin ergänzten derartige Narrative, wurde darin das Bauhaus doch als „eine damals völlig neue Form der Kunstschule“ (4) und als „Inbegriff und Domizil der Avantgarde der Klassischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Kunst“ gefeiert (100 Jahre Bauhaus 2019, hg. v. d. Wissenschaftlichen Diensten des Deutschen Bundestages, Berlin 2017). Ja, Du sollst keine anderen Modernen neben mir haben. Die Bauhausmoderne ist Konsumware und Exportartikel, der aller Welt deutlich machen wird, dass wir Deutschen nun unsere Lektionen gelernt haben, die doch so bunt in unserer Geschichte verankert ist. Derartig (a-)historisches Framing geht einher mit einer Erinnerungspolitik, die den Widersprüchen der Moderne einzig entfliehen möchte.

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Markenbilder als Bauzaun, rechts Teile des früheren NS-Gauforums, Dezember 2018

Eine Ausstellung von Fans für Fans: Eindrücke und Rückfragen

Dies alles im Kopfe zog ich los. Das Bauhausjahr war auch an mir nicht einfach vorübergegangen – auch wenn ich nur knapp 20 Ausstellungen und Vortragsveranstaltungen besucht haben dürfte. 2019 hat es mich aber weder nach Weimar, noch nach Dessau verschlagen. Mit einem Abstand von zwei Jahren galt es nun aber nicht nur Versäumtes nachzuholen, sondern sich vor Ort auch davon ein Bild zu machen, ob laufende Forschungen sowie die geäußerte Kritik irgendeinen Widerhall in den öffentlich finanzierten Bauhaustempeln gefunden hatten. Die Macher*innen hatten ja schließlich mehr als ein Jahr Zeit, um nachzujustieren und neu zu fassen.

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„Bunt ist meine Lieblingsfarbe“ (Walter Gropius) – Das Bauhausmuseum Weimar, Juli 2021

An der Architektur hat man in Weimar allerdings nicht weiter gefeilt. Während offiziell verlautbart wird, dass das Bauhausmuseum einen architektonischer Gegenpol zum benachbarten NS-Gauforum bilde, präsentieren die touristischen „Flyer“ Weimars das neue Haus allerdings Seit an Seit mit dem an dieser Seite schön rötlich erscheinenden neoklassizistischen NS-Bau (Museen, Schlösser, Garten 2021, hg. v. d. Klassik Stiftung Weimar; Die Moderne und das Bauhaus in Weimar, hg. v. Ders.). Wahrlich interessante Farbnuancen…

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Der Besucher als gelenktes Wesen: Laufwegvorgaben und eine 34 Meter lange Treppe

Beginnen wir unseren Rundgang mit einem Blick auf die Räumlichkeiten. Versprochen war ein rhythmisches Raumerlebnis, ein Wechselspiel von ausladenden Räumlichkeiten und engführenden Treppen. Geblieben sind Abgründe, nicht nur pandemiebedingte Lenkungen sowie vollgestellte vitrinisierte Räume.

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Gedrängte Fülle im rechten Licht: Präsentation der Bauhauswerkstätten

Platz wäre an sich genügend vorhanden, die Ausstellungsfläche beträgt ordentliche 2000 Quadratmeter (Bettina Maria Brosowksy, Gebaute Abwehr, Bauwelt 26, 2019, H. 10, 20-27, hier 24). Doch den Besucher will man nicht recht ansprechen, sondern man will ihm Schönes, gleichwohl Bekanntes präsentieren. An Interaktion ist nicht gedacht, das Kulturnudging setzt auf den Wiedererkennungseffekt des Erwartbaren. Der Raumeindruck wird aber auch durch fast beliebig eingezogene Zwischenwände unterminiert. Hier findet Kleinklein seinen Platz, auch der ein oder andere Monitor. Doch das erinnert mehr an einen Piggly-Wiggly-Laden als an ein modernes Museum.

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Leere Seiten- und farbige Zwischenwände

Zweitens will die Ausstellung im Bauhausmuseum Weimar nichts anderes präsentieren als das Bauhaus Weimar enggeführt. Verweise auf die lokalen Vorgänger findet man kaum, der Übergang von der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule und der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule hin zur Vereinigung ehemaliger Großherzoglicher Kunstschulen und dann dem Staatlichen Bauhaus in Weimar wird kaum gespiegelt. Dabei hätte man in der Nachbarschaft, im Neuen Museum nachschauen können, in dem auch mehr als Amtsvorgänger Henry van de Velde (1863-1957) präsentiert wird (Wolfgang Kil, Moderne in Weimar, die ganze Geschichte, Bauwelt 26, 2019, H. 10, 28-33). Die politischen Debatten über die neue sozialdemokratische Gründung wären gewiss hilfreich gewesen, um die späteren Debatten über das Ende des Weimarer Bauhauses angemessener einordnen zu können. Dass es dabei nicht nur um Lokal- und Landespolitik ging, sondern auch um grundlegende finanzpolitische Fragen über die 1924 gegründete Bauhaus GmbH hätte aber gewiss nur zur Verwirrung des Besuchers beigetragen. Wie einfach, wie zeitgemäß, wenn die „Rechten“ die Guten rauswerfen. Ach nein, wenn sie die gleichsam zwingen, selbst ihren Auszug aus Weimar zu verkünden. Bei alledem hätten einige Hinweise auf die parallele Geschichte der Weimarer Republik und der besonders umkämpften thüringischen Lande gewiss geholfen. Aber warum denn so viel Mühe, wenn Gut-Böse-Schemata an Stelle etwas komplexerer Geschichtskenntnisse treten können. Alle Guten gehen weg, das neue Bauhausmuseum in Dessau wird übernehmen. Das Fortleben der Staatlichen Bauhochschule Weimar wird deshalb nicht thematisiert, obwohl unter dem Direktorat von Otto Bartning (1883-1959) dort zahlreiche Bauhäusler blieben und arbeiteten. Es gibt nur eine Bauhausmoderne…

Trotz der bewussten Engführung des Museums allein auf die Weimarer Zeit des Bauhauses wird diese doch wieder und wieder durchbrochen. Das Museum präsentiert sich als historische Rumpelkammer, die beliebig hinzufügt und weglässt, was der glatten Darstellung nicht entspricht. Das zeigt sich deutlich am Beginn, wo unter der völlig inhaltsleeren Überschrift der neue Mensch unzusammenhängende Fetzen aus Wissenschaft, Gesellschaft und Kunst der Jahrhundertwende, aber auch der späten 1920er Jahren zusammengehängt werden. Wichtig nur, dass es pseudoinnovativ und revolutionär bis grundstürzend daherkommt. Was aber Lebensborn hier soll, Fritz Kahns 1926 erschienene Graphik „Der Mensch als Industriepalast“, oder aber die schon vor der Bauhausgründung ermordete, gegen die parlamentarische Demokratie kämpfende Revolutionärin Rosa Luxemburg (1871-1919), das erschließt sich nicht. Ähnliches gilt für die Klangkulisse: Strawinskys „Sacre de Printemps“ stammt von 1913, doch immerhin hat er das Bauhaus 1923 besucht (Gisela Selden-Goth, Mit Stravinsky und Kandinsky in Weimar, Neues Wiener Journal 1923, Nr. 10688 v. 23. August, 6). Die Marseillaise aber ist deplatziert, wie so vieles andere. Doch es klingt so schön und man ballt dazu doch bis heute die Fäustchen…

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Was ist Bauhaus, was Neues Bauen? Alles war modern!

Problematischer wird das Prinzip historische Rumpelkammer aber drittens, wenn Objekte nebeneinander gestellt werden, die nun nicht aus dem Bauhaus stammen. Das gilt etwa für die Reste einer Frankfurter Küche. Man kann diese gewiss dem klobig-unbeholfenen Küchenentwurf des Weimarer Hauses am Horn entgegenstellen, doch aus Weimar kam sie nicht. Die seit 1926 von Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) konzipierte Einbauküche hätte gewiss ermöglicht, die Breite der damaligen Rationalisierungsbemühungen darzustellen, zumal sie eine Schülerin des Wiener Architekturpolemikers Adolf Loos (1870-1933) war. Doch dann hätte man auch eingestehen müssen, dass Bauen am Weimarer Bauhaus vornehmlich eine theoretische Beschäftigung war – und das Neue Bauen sich aus anderen Quellen speiste. Ähnlich verfahren die Macher in Konsumbereichen, in denen das Bauhaus keine rechte Relevanz hatte, etwa bei der Gestaltung von Bädern. Hier zeigt man schöne Exponate aus den Wiener Werkstätten, namentlich von Koloman Moser (1868-1918). Was dieser bürgerliche Zierrat aber in einer engstens auf das Weimarer Bauhaus zugeschnittenen Ausstellung zu suchen hat, das bleibt ein Geheimnis. Ein Foto habe ich nicht gemacht, denn die nicht entspiegelten Vitrinen und Kunstlicht erschweren eine ordentliche Dokumentation des Gesehenen. All diese historischen Beliebigkeiten deuten jedoch auf das Fehlen einer konsistenten und dem Besucher transparent präsentierten Ausstellungskonzeption hin. Das können auch schöne Exponate nicht überdecken.

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Wir stellen mal was hin: Ungeordnete Fülle als Präsentationsprinzip

Das Weimarer Bauhausmuseum gründet auf einer auf Gropius zurückgehenden Sammlung, die etwa 13.000 Exponate umfasst. Diese war Grundlage für eine Selbstvermarktung des Bauhauses, die während der Hyperinflation unabdingbar schien. Das Ende schien 1923 nahe, doch die Abkehr von Esoterikern wie Johannes Itten (1888-1967) und die Orientierung an praktischer und verwertbarer Arbeit – „Kunst und Technik eine neue Einheit“ – konnten den Bankrott vermeiden. Eine Sammlung war wichtig für die ab 1923 einsetzende Kooperation mit der Industrie, die im (gesponserten) „Haus am Horn“ und der „Bauhauswoche“ auch Gestalt annahm.

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Dinge und Personen: Bildquellen ohne Bezeichnung und Einordnung

Im Weimarer Bauhausmuseum überwältigt viertens die Sammlung jedoch die Ausstellung. Das zeigt sich wiederum an den ausgestellten Design-Ikonen, etwa Breuers Stahlrohrmöbel oder Wagenfelds Glaswaren bei Schott, die eben nicht am Weimarer Bauhaus entstanden. Die Sammlung steht für sich, liefert Augenschmankerl. Zugleich erlaubt sie ein Vollstellen der Räume und Wände, so dass man keinen Platz mehr hat, vom Bauhaus selbst zu erzählen, von dessen Widersprüchen, von dessen inneren Kämpfen, die immer auch Ausdruck des Ringens der Zeit war. Nationalismus, Rassismus, autoritäres Gehabe waren nicht nur „draußen“ vorhanden, sondern waren auch Teil des Lebens und Arbeitens am Bauhaus. Doch das könnte Besucher erschrecken, dann doch lieber noch einige Sammlungsstückchen.

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Personenkult um die Meister

2019 irritierte Kritiker, dass „100 Jahre Bauhaus“ von einem offenkundigen Personenkult geprägt war. Dies gilt fünftens auch und gerade für die Weimarer Dauerausstellung im Jahre 2021. Dieses Kokettieren mit dem Weimarer Geniekult überrascht auch deshalb, da das dortige Bauhaus gegründet worden war, um „Dienerin der Werkstatt“ zu sein, um ein zunftmäßiges – also aufgabenbezogenes – gemeinsames Arbeiten von Meistern, Gesellen und Lehrlingen zu ermöglichen. Man wandte sich gegen die dem Genius frönende Salonkunst, wollte eben „keine »Stars«“ (Fritz Hoeber, Das neue Bauhaus in Weimar, Der Architekt 22, 1919, 122). Im Bauhausmuseum werden dennoch die Direktoren gefeiert, während man schon bei den Meistern Abstriche macht. Eine Ausnahme bildet der ungarische Konstruktivist László Moholy-Nagy (1895-1945), der Itten als Leiter der Metallwerkstatt und der Vorkurse ablöste. In Weimar wird Gropius als der große Visionär und Macher präsentiert, seine wankelmütige Direktion nicht kritisch beleuchtet. Dies geht einher mit einer platten Adaption der gereinigten und verfälschten Interpretation der Bauhausidee, an der Gropius nicht erst seit dem Fiasko der Bauhaussiedlung in Dessau-Törten und seinem Abgang gearbeitet hat – und die auch seitens der heutigen politischen Geldgeber geteilt wird.

In Weimar ist diese Orientierung auf große Männer besonders misslich; nicht unbedingt wegen der damit weggedrückten Frauen, sondern wegen des damit verbundenen Unwillens sozialhistorisch nachzufassen. In Weimar gibt es umfassende Personalunterlagen, zumal der Studierenden. Das Binnenleben des Bauhauses hätte dadurch in seinen Widersprüchen dargestellt werden können, denn nicht nur der hohe Frauenanteil überrascht, sondern auch die vielen sozialen Aufsteiger, die aus teils ärmlichen Verhältnissen stammten und im Bauhaus ihre Chance sahen. Dadurch hätten auch die lokalen Konflikte mit den Weimarer Bürgern an Kontur gewinnen können. Das hätte erlaubt mehr von der Weimarer Zeit zu erzählen, von Armut, Krankheit und Kriegsfolgen, von freien Berufen und einem sich wandelnden Bürgertum. Stattdessen der überraschungsarme Scheuklappenblick auf die Großen…

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Spott über die Weimarer Bürgerinnen (Lachen Links 2, 1925, 26)

Das implizite Motto der Weimarer Ausstellung lautet: Keine Experimente, keine Überraschungen. Präsentiert wird eine ahistorische Marke, dargeboten in edlen Stücken für das gehobene Bürgertum. Die „Heroisierung des Immergleichen“ (Weissmüller, 2019) soll Staunen ermöglichen, Bewunderung der edlen Recken, der tollen Stücke. Dies kann nur gelingen, wenn man sechstens die Widersprüchlichkeit und die innere Pluralität auch des Weimarer Bauhauses möglichst ignoriert. Geboten wird eine Leistungsschau des Bekannten, des wieder und wieder Wiedergekäuten (wesentlich anregender, immer noch, Magdalene Droste, Bauhaus, Aktualisierte Ausg., Köln 2019). Die unterschiedlichen Konzeptionen der Meister, aber auch der Studierenden werden nicht als Möglichkeitsraum verstanden, der ehedem sehr unterschiedlich gefüllt wurde und hätte gefüllt werden können.

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Der ideale Besucher – auf teils nicht aus Weimar stammenden „Bauhausstühlen“

Festzuhalten ist, dass die bereits 2019 vor zwei Jahren geäußerte Kritik auch nicht ansatzweise aufgegriffen wurde. Haus und Ausstellung haben die Pandemie nicht zu Änderungen genutzt, die Kritik prallt am Panzer der Ignoranz ab. Das zeigt sich auch in dem kleinen, doch sprechenden Umstand, dass ein Besucherbuch nicht verfügbar war. Aus Pandemiegründen, versteht sich… Komisch nur, dass in den fünf anderen Museen meiner kleinen Reise solche allesamt verfügbar waren.

Wie sich einen Reim auf dieses alles machen?

Was ist der Zweck von derartigen öffentlich geförderten Museen, die für wichtige Themen und Anliegen stehen könnten, die diesen aber auch nicht ansatzweise gerecht werden? Man könnte es sich arg einfach machen und die politischen Zielsetzungen von dem einen guten und progressiven Bauhaus für bare Münze nehmen, solche Häuser also als Institutionen primär politischer Bildung missverstehen. Dafür bietet auch das Weimarer Museum Belege, denn ohne Verweise auf eine bunte, globale neue Welt und die Zielsetzung eines neuen Weltbürgers endet auch diese Museumsshow nicht (für eine realistischer Sicht all dessen: Branko Milanovic, Kapitalismus global. Über die Zukunft des Systems, das die Welt beherrscht, Berlin 2020).

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Konsens und Diskurs statt dem Verstehen von realen Konflikten: Neue Welt und Weltbürger als didaktische Ziele

Doch für derartig plumpe Überwältigungen sind die meisten, zumal die „einfachen“ Menschen viel zu klug, denn deren Welt sieht anders aus als die der Museumswände. Wir haben es beim Bauhausmuseum Weimar und bei den meisten Veranstaltungen von „100 Jahre Bauhaus“ vielmehr mit einem polit-ökonomischen Phänomen zu tun. Das Bauhaus ist heute ein Marke, nur ahistorisch ideal zu vermarkten. Sie ist nicht allein Schöpfung von Walter Gropius, der sich als Wiedergänger des Dr. Mabuse denkbar schlecht eignet. Sie ist vielmehr ein integrales Element moderner Bereicherungsökonomie (Luc Boltanski und Arnaud Esquere, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2018).

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Schulklasse auf dem Anmarsch in den Lernort Bauhausmuseum

Eine historische angemessene kritische Darstellung des Facettenreichtums und der Widersprüchlichkeit des Weimarer Bauhauses würde einer wirtschaftlich lukrativen „Ausschlachtung der Vergangenheit“ im Wege stehen. In zunehmend post- und deindustrialisierten Staaten erfolgt Wohlstandsschöpfung zunehmend durch die Schaffung kultureller Artefakte, für die sich die Bauhaus-Ikonen bestens eignen. Sie erlauben einen „Qualitätstourismus“ und Kulturmarketing, insbesondere in den ärmeren neuen Bundesländern (Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Thüringen 2019: 29.883 €, in der Bundesrepublik: 41.358 €). Dazu braucht man Zielorte, ebenso aber auch wenige große „Künstler“, die gefällig und in der Breite vermarktbar sind. Die gängige Kritik – „In Weimar wird aber eine Leistungsschau der bekannten Heroen und Design-Ikonen abgefeiert“ (Brosowsky, 2019, 27) – ist daher fehlgeleitet, denn ohne die Engführung einer einfachen und leicht wiedererkennbaren Markenwelt Bauhaus würde der ökonomische Zweck dieser Kulturinvestitionen verfehlt werden. Es gilt nicht Bildungsbürger nuanciert zu ergötzen, sondern „Massen“ durchschnittlich gebildeter Bürger anzulocken. Die einschlägige Tourismusbroschüre Thüringens hatte immerhin eine Auflage von 330.000 Exemplaren (100 Jahre Bauhaus. Aus Thüringen in die Welt, hg. v. d. AG Marketing 100 Jahre Bauhaus in der Impulsregion, Weimar 2019).

Was man im „Bauhausjahr“ 2019 sehen und an den damals geschaffenen Vermarktungsorten weiter studieren kann hat mit einem reflektiert wissenschaftlichem Umgang mit dem Phänomen Bauhaus nichts zu tun. Es geht vielmehr um eine neuartige Nutzung bestehenden kulturellen Kapitals. Die recht unbedeutende Einrichtung Bauhaus in Weimar 1919-1925 (die ursprüngliche Kapitalakkumulation) wird mit zahlreichen zeitgenössischen Geschichten (Moderne, Design, Nationalsozialismus, Feminismus, Exil, Antisemitismus) aufgeladen, die allesamt in unserem Alltag relevant sind. Sie sind zugleich Teil umfassender Zukunftsszenarien, in denen das Bauhaus als Chiffre für die Kämpfe steht, die „wir“ zu bestehen haben. Das ist historisch abstrus und kann nur durch die bewusste Enthistorisierung der Vergangenheit erfolgreich sein. Doch mangels auch nur fundierter Grundkenntnisse ist dieses Versatzstück lukrativ und ökonomisch erfolgreich.

Als Historiker habe ich hier fachlich gegenzuhalten. Es gilt, das Bauhaus vor Unternehmen wie dem Bauhausmuseum Weimar in Schutz zu nehmen. Philipp Oswalt sprach zu Recht vom untoten Bauhaus (Das untote Bauhaus, Aus Politik und Zeitgeschichte 2019, Nr. 13/14, 16-21; Oswalt, 2020, 325-329, 332-334). Es war eben keine tradierte Avantgarde, sondern nach dem Verwüstungen des Ersten Weltkrieges, dem Kampf um die politische Neugestaltung des Kaiserreichs und dem weiter pulsierenden Kampf von Stadt und Land, von Kapital und Arbeit ein „Reparaturbetrieb der Moderne“ (Oswalt, 2019, 17). Dieser strebte nach neuen Synthesen, auch wenn es sie nur ansatzweise erreicht hat. Das Bauhaus gründete auf dem durch den bürgerlichen Kapitalismus geschaffenen Möglichkeitsraum, teilte dessen Schaffenskraft und Machbarkeitsdenken. Doch es war zugleich dessen scharfer Kritiker, der individuelle und kollektive Emanzipation zu bewahren versuchte, mochten sich viele Bauhäusler am Ende auch in die Sackgasse des Social Engineering verlieren, der nicht angenommenen Wohnmaschinen und Konsumkorridore.

Mir bleibt am Ende des Besuchs im Bauhausmuseum Weimar nur die schlichte Erkenntnis, dass einigermaßen fundierte Kenntnisse beim Besuch einer derartigen Institution nur hinderlich sind. Meine Vorstellung vom Museum als kritische und selbstkritische Bildungsanstalt ist hoffnungslos antiquiert. Museen dienen politischen, vor allem aber ökonomischen Zielsetzungen. Menschen wie ich stören da nur. Sie mögen in ihren Studierzimmern verweilen.

Uwe Spiekermann, 31. Juli 2021

Flucht vor der Vergangenheit? Ein Besuch des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Porta Westfalica

Bei Porta Westfalica durchbricht die Weser die sie begrenzenden Mittelgebirge, verlässt das Weserbergland und fließt durch die norddeutsche Tiefebene der Nordsee entgegen. Dies entgeht den rasch dahinrasenden Autofahrern auf der A2, die es nach Westen oder aber Osten drängt. Doch sie sehen ein riesiges Monument, das 1896 eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Auf vielen Fahrten zwischen Münster und Braunschweig verkörperte es auch für mich Rückkehr oder baldige Ankunft.

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Porta Westfalica vor dem Denkmalsbau (Neue Illustrirte Zeitung 17, 1888/89, 245)

Der aus Detmold stammende Freiheitsdichter Ferdinand Freiligrath (1810-1876) begann hier seinen gemeinsam mit Levin Schücking (1814-1883) verfassten Reisebericht durch das „malerische und romantische Westphalen“, Zeugnis eines weltoffenen und geschichtsbewussten Regionalismus. Von der Mindener Weserbrücke aus sah er „nicht ein enges, zu beiden Seiten schroff und steil in den Strom herabfallendes Felsenthor […], sondern ein nicht allzu schmales Querthal, das ausser dem Strome Wiesen und Ackerland anmuthig ausfüllen“ (Barmen/Leipzig 1840, 12). Er bestieg den Wittekindsberg, benannt nach Widukind, dem mythenumwogenen Anführer der Sachsen im Kampf gegen die Frankenheere Karls „des Großen“ im späten 8. Jahrhundert. Ob der Westgermane dort wirklich zum Christentum übertrat, ist nicht gesichert, doch im Sagenschatz der Deutschen steht dieser Ort auch für den Beginn des Reiches, das in der Spätromantik als „deutsches“ Kaiserreich galt.

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Kaisertod als Marktchance (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2231, 10)

Als am 9. März 1888 Wilhelm I., der erste (und drittletzte) „Deutsche Kaiser“ verstorben war, als die durchaus breite Schar der Trauernden ihre Gedenkmünzen, Büsten, Stickrahmen und vieles mehr gekauft und aufgestellt hatte, drang die Frage nach einem würdigen Gedenken des Heldenkaisers rasch in den öffentlichen Raum. Lokalvereine berieten, ein Wettbewerb zwischen preußischen Provinzen begann. Westfalen voran! Schon im April wurde ein Denkmal an der Porta Westfalica vorgeschlagen. Widerspruch machte sich breit, Widerstand führte am Ende gar zu einem Aufbrechen der Westfalenfront; das 1903 bei der Hohensyburg eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Denkmal materialisierte ihn. Doch Porta Westfalica machte das Rennen. In der Nähe wurde 1759 die für Preußens Existenz wichtige Schlacht bei Minden geschlagen, die mit einer Niederlage der Franzosen und Sachsen endete. Wilhelm I. hatte die Weserscharte als Oberbefehlshaber der verbündeten Armee gegen Frankreich überschritten, Grundlage des militärischen Sieges, ohne den die Gründung des Deutschen Reiches 1871 nicht möglich gewesen wäre. Und Porta Westfalica stand schon namentlich für die 1815 von Preußen okkupierte Provinz Westfalen, deren Landtag am 15. März 1889 den Gründungsbeschluss fasste und 500.000 Mark für die Baukosten bereitstellte (zu Details s. Das Kaiser Wilhelm-Denkmal der Provinz Westfalen auf dem Wittekindsberge der Porta Westfalica, Münster 1905, 4-8). Der recht erhebliche Rest sollte durch Spenden aufgebracht werden. Der Bildhauer Ernst von Bandel (1800-1876) musste fast 40 Jahre antichambrieren, um genügend Geld für das nicht fern gelegene Hermannsdenkmal zusammenzukriegen, Wilhelm I. hatte den Bau schließlich ermöglicht. Das war 1888/89 anders.

Wilhelm I. war zur Zeit seines Todes ein geachteter, ja populärer Monarch. Er galt aufgrund der Siege in den sog. Einigungskriegen als Heldenkaiser, er, der die deutschen Truppen höchstpersönlich beim Sieg in Sedan 1870 angeführt hatte. Wilhelm stand für das preußische Militär, dessen Erziehung er genossen hatte, dessen Denken ihn prägte. 1848 trat er für eine militärische Bekämpfung der Revolutionäre in Berlin ein, war 1849 ein zentraler Akteur bei der Niederschlagung der badischen Revolution. Verbittert beklagte Ferdinand Freiligrath in seinem Gedicht „Die Todten an die Lebenden“ „Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen“ (Nürnberger Tagblatt 1848, Nr. 85 v. 7. Oktober, 339). Doch der als „Kartäschenprinz“ beschimpfte Kronprinz lernte und mäßigte sich, nahm Grundgedanken des Liberalismus ernst und auch auf. Als Prinzregent läutete er 1858 eine kurze „Neue Ära“ ein. Deutsche Geschichte konnte auch etwas anderes sein als „Blut und Eisen“. Obwohl konstitutionell eingehegt, war Wilhelm dennoch vom Gottesgnadentum überzeugt. 1861 krönte er sich selbst – und berief 1862 dann Otto von Bismarck (1815-1898), um die königlichen Prärogative im Verfassungskonflikt strikt zu verteidigen. Wilhelm I. ließ seinen Kanzler agieren, auch wenn er dessen Vorstellungen von einer Zweckkoalition von Monarchie und liberaler Bewegung in einem Nationalstaat nur bedingt teilte. Wilhelm wusste, dass die 1871 festgezurrte kleindeutsche Lösung das Ende Preußens mit einschloss, das Ende der Herrschaft souveräner Fürsten. Er war klug genug, die um Konsolidierung bemühte Außenpolitik seines Kanzlers zu unterstützen. Auch wenn deren Friktionen bei seinem Tod offenkundig waren, galt er nach 17 Jahren ohne Krieg doch als Friedenskaiser. Er verkörperte Pflichtbewusstsein und Arbeitsamkeit, Prunksucht war ihm fremd. Doch er hatte erst Katholiken verfolgen lassen, dann die Sozialdemokraten, obwohl letztere nicht die fünf Attentate auf den Monarchen zu verantworten hatten. Eine gemischte Bilanz, geschönt im nationalen Überschwang.

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Die von Bruno Schmitz geplante Gesamtanlage des Denkmals am Wittekindsberg (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 388)

Friedenskaiser, Heldenkaiser – solche Träume hegte auch sein Enkel Wilhelm II., der 1888 die Kaiserkrone übernahm und zugleich eine Geschichts- und Medienpolitik begann, in der Wilhelm „der Große“ eine zentrale Rolle einnahm (vgl. Die Kaiser und die Macht der Medien, Berlin 2005). Er billigte die bürgerlichen Denkmalspläne, auch wenn öffentlich die Zersplitterung des vermeintlich nationalen Denkmalwerkes breit kritisiert wurde (Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 64). Zuvor aber lief das Denkmalprojekt weiter. Am 31. Januar 1890 startete ein Wettbewerb um den besten Bauentwurf, 56 deutsche Künstler reichten 58 Projekte ein. Ziel war „ein der Landschaft sich anpassendes Bauwerk […], welches den Gedanken des Kaiserdenkmals schon aus der Ferne erkennen lässt und in Verbindung mit einem Bildnis Kaiser Wilhelms“ (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 56) stehen sollte. Die Kosten waren bei 600.000 Mark gedeckelt. Im August standen zwei Sieger fest, von denen schließlich der Entwurf des Berliner Architekten Bruno Schmitz (1858-1916) umgesetzt wurde. Dieser hatte zuvor bereits den vom Deutschen Kriegerbund ausgelobten Wettbewerb um das in Thüringen gelegene Kyffhäuserdenkmal gewonnen. Auch sein eigentlich nur zweitplatzierter Entwurf für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck bei Koblenz wurde schließlich realisiert. Schmitz, der zuvor schon ein monumentales Heldendenkmal in Indianapolis, Indiana gebaut hatte, war schließlich auch für das 1913 in Leipzig eingeweihte Völkerschlachtdenkmal verantwortlich. Wie schon zuvor in den USA konnte er auch bei der Ausgestaltung des Porta-Westfalica-Denkmals auf ausländische Hilfe zurückgreifen. Das erzene Standbild des Herrschers stammte vom Wiener Bildhauer Caspar von Zumbusch (1830-1915), der auch auf Wünsche Wilhelm II. einging (zur Umsetzung vgl. Fred Kaspar, Das Kaiserdenkmal an der Porta-Westfalica, Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 2007, H. 1, 19-21, hier 20-21).

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Der siegreiche Entwurf „Auf hoher Warte“ von Bruno Schmitz (Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 3, 1890, Tafel 102)

Schmitz Entwurf meisterte die Aufgabe der Fernwirkung nicht durch riesige Türme oder gar eine Monumentalfigur, sondern durch eine Kombination von Standbild und offenem, mit einer Kaiserkrone geschmücktem Baldachin mit schmalen Säulen (vgl. Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 3, 1890, 41; Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 481-482). Damit wurde der Betrachter eingeladen, dem Herrscher entgegenzutreten, ihn als machtvolle und quasi unter freiem Himmel stehende Person zu sehen. Der vorgelagerte Festplatz erlaubte gleichermaßen Gruppenreisen wie Festspiele, bot zugleich aber eine gewisse Bewegungsfreiheit. All das war nicht wirklich originell, doch der Entwurf wurde wegen „maßvoller Einfachheit und überzeugender Lebensfähigkeit“ (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 388) gelobt. Das neue Denkmal galt als gelungene Materialisierung des Nationalgedankens, stellte sich zudem bewusst in die lang zurückreichende Historie dieses Ortes (Der Bär 17, 1890/91, 431). Man war sich der „derben, kräftigen Formen“ der Ausführung bewusst, doch damit sollten auch „Beschädigungen durch Muthwillen und zerstörende Einflüsse der Witterung“ (Ebd., 389) ausgeschlossen werden. Vielfach bemängelt wurde allerdings, dass Schmitz sich bei seiner „Verherrlichung des neuen Deutschen Reiches und Kaiser ‚Weißbarts‘“ (L. Paloczy, Porta Westfalica, Pester Lloyd 1896, Nr. 256 v. 26. Oktober, 9) doch zu stark wiederholt habe, erinnerte doch manches an das Kyffhäuserdenkmal. Kritiker monierten auch den „von fast allen nationalen Beziehungen losgelösten Stil, der, fast international, beinahe auf jeden Boden passt“ (Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 482). Die Platzierung des Kaiserstandbildes unter einen Baldachin erschien vielen fraglich, war doch ein direkter Blick oft nicht gewährleistet. Selbstredend gab es grundsätzliche Kritik seitens der Arbeiterbewegung, aus der es hieß, „es ist ein Jammer, in Deutschland zu leben, wo es nicht still werden will von Wilhelms-Denkmal-Enthüllungen […]. Auf deutschen Bergen wirbeln Trommeln, schmettern Trompeten und ertönen die schnarrenden Kommandorufe preußischer Kommandeure. Und die Freiheit? Wohin hat die Freiheit sich geflüchtet? – In die Thäler, wo es brodelt und qualmt und Legionen von Arbeitern stehen“ (Arbeiter-Zeitung 1896, Nr. 291 v. 22. Oktober, 6).

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Das fertig erbaute Denkmal 1896 (Centralblatt der Bauverwaltung 17, 1897, Blatt 44)

1891 wurde der Vertrag zwischen Schmitz und dem westfälischen Provinzial-Ausschuss geschlossen (Centralblatt der Bauverwaltung 11, 1891, 144). Parallel baute man eine touristische Infrastruktur auf. Die AG Porta Westfalica errichtete ein großzügiges Hotel Kaiserhof, es folgten ein Bahnhof, eine Kaiserstraße und eine Trambahn (Der Bär 17, 1890/91, 531). Der eigentliche Bau begann 1892, wurde durch vielfältige Probleme mit Baufirmen und auch der Gestaltung jedoch verzögert. Der ursprüngliche Entwurf erwies sich als zu teuer, hätte ca. 1,262 Millionen Mark verschlungen. Der Provinzial-Landtag verlangte daraufhin Änderungen in der Struktur, den Dimensionen und des Baumaterials (vgl. W[ilhelm] Moelle, Das Kaiserdenkmal an der Porta westphalica, Deutsche Bauzeitung 32, 1898, 1-3, 5). Die geplanten Ecktürme fielen weg, auch auf Schmuck wurde großenteils verzichtet. So blieb man einigermaßen im Kostenrahmen. Ein Jahr später als geplant konnte das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica dann am 18. Oktober 1896 eingeweiht werden (zum Bau selbst vgl. Centralblatt für Bauverwaltung 16, 1896, 469-471; Scientific American 77, 1897, 235).

Der 18. Oktober war bewusst gewählt worden. Dies war der Geburtstag von Friedrich III. (1831-1888), dem Sohn Wilhelm I. Und es war der Tag, an dem verbündete Heere in der Leipziger Völkerschlacht den Sieg gegen die Truppen Napoleons errungen hatten. Das wurde denkmalskräftig an gleich drei Standorten gefeiert: Eingeweiht wurde das von Karl Janssen (1855-1927) geschaffene Reiterstandbild Wilhelm I. in Düsseldorf, das von Schmitz entworfene und gebaute Denkmal für Wilhelms Gemahlin Augusta (1811-1890) in Koblenz und schließlich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica. Etikettegerecht besuchte Wilhelm II. am Morgen das Grab seines Vaters in Potsdam (Altonaer Nachrichten 1896, Nr. 246 v. 19. Oktober, 1), ehe er mit seiner Gattin gen Minden aufbrach, wo er um 14 Uhr 20 eintraf. Dort waren derweil die Vorbereitungen abgeschlossen, zumal der Blumen-, Kranz- und Fahnenschmuck bis hin zum Denkmal. Schade nur, dass es regnete, dass es stürmte. Dennoch herrschte allgemeine Feststimmung. Kriegervereine und Anwohner säumten die Straßen, auf den Tribünen beim Denkmal fand man die westfälischen Honoratioren, die Militärs und auch die Bischöfe. Nicht weniger als 700 Posaunisten warteten auf den immer noch jungen Kaiser, spielten aber schon vor dessen Eintreffen patriotische Weisen (Berliner Tageblatt 1896, Nr. 535 v. 19. Oktober, 2). Über die 60.000 Mark teure Kaiserstraße ging es voran, eine Kürassierschwadron vor der Kutsche des Herrschers, Salutschüsse kündeten sein Eintreffen. 15 Uhr; er in Husarenuniform, sie im moosgrünem Plüschkostüm. Ehrenkompanie abschreiten, allgemeine Begrüßungsrunde im Kaiserzelt. Gesang aus 600 Männerkehlen ertönt zum neu komponierten Sängergruß. Derweil hat es sich aufgeklärt. Der westfälische Vertreter Alexander von Oheimb (1820-1903) preist nun die Hohenzollern, den allerdurchlauchtigsten Kaiser und König, spricht sich für die Wahrung und Förderung des allgemeinen Wohles aus, „daß das Reich in Eintracht erstarke, daß Frieden, Treue und Gottesfurcht in demselben erhalten bliebe“ (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 492 v. 19. Oktober, 1). Es folgt der „Festgesang zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms des Großen“, dann die Besichtigung des Denkmals. Majestät zeigt sich zufrieden. Vorbeimarsch der Ehrenkompanie der Vereine. Sonnenschein, Kaiserzelt. Der Ehrentrunk huldvoll entgegengenommen, der Dank des Herrschers, ein Trinkspruch auf das Wohl der Provinz Westfalen. Allseits Begeisterung. Dann einige Gespräche, kurz vor 16 Uhr Abritt. Allgemeine Hochrufe. Ausspannen, Festmahl im Hotel Kaiserhof mit 370 Personen.

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Schilderwald und Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Auch mein Besuch fand bei Sturm und Regen statt. Gelockt hatten mich Nachrichten vom Umbau und der Wiedereröffnung des Denkmals. 2014 hatte es einen neuerlichen Wettbewerb gegeben, Ziel war vor allem die Stabilisierung von Terrasse und Außenring, ferner eine neugestaltete Gastronomie, ein Besucherzentrum für die Wissbegierigen sowie ein Parkplatz für alle. Das Geld kam vor allem vom Eigentümer, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), zudem gab es eine kräftige Finanzspritze des Bundes und Zuschüsse der Stadt Porta Westfalica. Der Kostenrahmen wurde mehrfach überschritten, am Ende 16,4 Millionen Euro verbaut. 2016 fand die Grundsteinlegung statt, 2018 dann die Neueröffnung. LWL-Direktor Matthias Löb machte zuvor klar: „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“ (zit. n. Bernd Bexte, Mehr als ein Denkmal für den Kaiser, Westfalen-Blatt 2018, Ausgabe v. 21. Februar). Gleich 2000 Jahre solle der Besucher erleben können, „von den Römern in Germanien (ein römisches Marschlager befand sich in direkter Nachbarschaft in Barkhausen) über das Mittelalter (das Areal der Wittkindsburg ist fußläufig erreichbar) bis hin zu Preußens Gloria und dem Elend der Zwangsarbeiter, die in der NS-Zeit im später von den Briten gesprengten Stollen unter dem Denkmal für die Rüstungsindustrie arbeiten und vielfach auch sterben mussten“ (Ebd.). Das klang vielversprechend, nach breit angelegter Geschichtsvermittlung, nach einer Kontextualisierung preußischer, äh, na, wohl eher deutscher Geschichte.

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Getrübter Durchblick: Informationsbehälter mit Ankündigungsmaterial

Bei Ankunft zeigte sich die volle Größe des Parkplatzes, denn an diesem regnerischen Samstag gab es praktisch keine Besucher. Das Denkmal kann kostenlos besucht werden, für das Auto sind aber drei Euro aufzubringen. Hat ja alles gekostet. Vorbei an einem kompakten Kiosk, an technisch hochwertigen Toiletten, vielen Müllbehältern, einer leider beschlagenen Glasvitrine mit daher nicht lesbarer Karte der Gesamtanlage sowie an Informationsbehältern. Dann die Straße die Anhöhe hoch. Ein eigenartiges Geviert wurde sichtbar, der Eingang zum Besucherzentrum.

 

 

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Hier kehrt man gerne ein – Treppenhaus zum „Besucherzentrum“ und zur Gaststätte

Hinab also die gastlich einladende Steiltreppe. Ein wenig glitschig, doch jeder Besuch ist ein Abenteuer. Innen angekommen, wurde ich erst einmal mit den Angeboten des Restaurants vertraut gemacht. Ordentlich bürgerlich, mittlere Preisklasse, bei an sich herrlichem Ausblick sicher schön. Doch der Sinn stand mir eher nach geistigen Genüssen, nach dem angekündigten Parforceritt durch die 2000 langen Jahre. Davon sah man erst einmal nichts, denn unter der Überschrift „Kaiserliche Aussichten“ waren dort zahlreiche Gruppenphotos aufgehängt worden, allesamt Besucher des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Dazwischen moderne Bildschirme, teils mit Spaßprogramm. Jugendliche mit vorgehaltenem Oberlippenbart. Sollte wohl etwas mit Preußen zu tun haben (dabei war die Berliner Bartmode um 1900 doch von spitzen, eingedrehten Bartenden geprägt, nicht aber von den dort gezeigten rundlich wogenden…).

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Nordkorea lässt grüßen. Aus dem Besucherzentrum

Nun ja, voran. Ich stieß auf eine moderne Stehle mit zahlreichen anderen Denkmälern, allesamt mit ein, zwei Sätzen vorgestellt. Vergleichende Denkmalkunde, in der Tat. Der Vergleich blieb zwar auf der Strecke, wurde mit nur wenigen Sätzen begründet, doch nebeneinandergestellt zeigte sich ein globales Panorama. Eine vergleichende europäische Analyse der Nationaldenkmäler hatte der Historiker Thomas Nipperdey (1927-1992) schon im Gefolge seines 1968 erschienenen Aufsatzes „Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert“ gefordert. Dies schien man hier aufgegriffen und gar erweitert zu haben. Kim Il-sung (1912-1994) und Kim Jong-il (1942-2011) traten mir entgegen, kleine Repliken des 2012 umgebauten Großmonuments Mansudae in Nordkorea. Viele andere Bilder fanden sich im Umfeld, etwa die vier US-Präsidenten von Mount Rushmore, der Arc de Triomphe oder die kontrovers beurteilten Monumente des russischen Bildhauers Surab Zereteli (1934-). All das nahm ich sehr rasch wahr, denn viel mehr als Bildunterschriften und einige Thesen zur relativen Ähnlichkeit aller monumentalen Machtausübung war nicht vorhanden. Nun ja, „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“. Deshalb wohl fehlte ein kleiner Skandal aus dem Jahre 1926, als man Denkmäler von Bruno Schmitz in Wasmuths Monatsheften für Baukunst und Städtebau neben sowjetischen Monumenten inklusive der Kremlmauer stellte. Die Akademie des Bauwesens war empört und protestierte (Centralblatt der Bauverwaltung 46, 1926, 488). Hätte gut gepasst, kann aber noch eingearbeitet werden zwecks kritischer Kontextualisierung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Doch im Besucherzentrum blieb diese Kontextualisierung dunkel. Es war irgendwie kritisch. Und kritisch ist gut. Mehr davon.

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Zweisprachig und mit weniger Informationen als der einschlägige Wikipedia-Artikel. Denkmalskunde im Besucherzentrum

Schon war ich am „Rondell“, das den Besuchern das Denkmal näher bringen will. Es bot Informationen zu Wilhelm I. (und den Hohenzollern), zum Bau des Denkmals und zu den Besuchern. Im Mittelpunkt standen wieder Bilder, kurz erläutert von dürren Unterschriften, kaum verbunden mit wenigen Sätzen, die historischen Kontext darboten. War das alles? Der Kaiser als Kartäschenprinz, dann rasch zum Krieg mit Frankreich. Dazwischen nichts. Otto von Bismarck, der Kanzler als eigentlicher Herrscher. Und natürlich der nicht eindeutig Wilhelm I. zuzuschreibende Satz „Ich habe keine Zeit, müde zu sein.“ Nein, müde konnte man von derartigen fundierten Informationen nicht werden, reicht meine Aufmerksamkeitsspanne doch weit über die Öffnungszeiten derartiger Geschichtsanimation hinaus. Und die konnte auch nicht durch nachgespielte Szenen aus der deutschen Geschichte erschöpft werden, Szenen, die selbst im ZDF zu Qualitätsdiskussionen geführt hätten. Geschichte als Drama mit wenigen markanten Sätzen.

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Panoramawand mit Historienschnipseln. 2000 Jahre Geschichte im Besucherzentrum

Doch da war ja noch etwas, nämlich eine Panoramawand. Die mit den 2000 Jahren Geschichte. Ein bisschen Heimatkunde, ein bisschen Animation, allesamt nur einfache Aussagesätze zu den zahlreichen mit der Porta Westfalica verbundenen Themen. Ernsten Themen. Voller Leben, voller Sterben. Wer mehr wissen will, der kann mittels Bildschirm ein wenig vertiefen. Wer noch mehr möchte, kann sicher zu Hause auf das Internet zurückgreifen. Bücher wurden keine verkauft. Doch Werbebroschüren lagen aus. „Historiker, Archäologen, Naturschützer und Heimatpfleger haben für die Stationen interessante Geschichten zusammengetragen“ lese ich dort. Schade, dass sie diese nicht verbunden haben. Immerhin bot die Rückseite der Panoramawand eindringliche Bilder vom Umbau der Terrasse, von den Herausforderungen für Bautechnik und Baustatik. Leider aber kaum etwas zur Geschichte des Denkmals.

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Die neue, attraktiv gestaltete Oberterrasse

Ich verlasse die heiligen Hallen der Bildung und reibe mir kurz die Augen. Auch ein neuerlicher Blick über die neu gestaltete Oberterrasse unterstreicht, dass ich hier wirklich im Besucherzentrum gewesen sein muss. Das also ist alles, was der Landschaftsverband Westfalen-Lippe seinen Besuchern mitteilen möchte. „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“. Ja, ich habe verstanden.

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Errungenschaften der Neugestaltung – Ein architektonisches Meisterstück der Behindertengerechtigkeit

Der eigentliche Stolz der Macher gilt nicht dem Denkmal, gilt nicht diesem grundsätzlich hervorragenden Lernort zur deutschen Geschichte. Er gilt den rollstuhlgerechten Aufzügen zum Besucherzentrum, den Parkplätzen für Gehbehinderte, nein, für „Menschen mit Gehbehinderung“. Die obere Terrasse ist barrierefrei erschlossen. Schade, dass man trotz umfangreicher Neubaumaßnahmen von wahrlich anheimelnder Architektur das eigentliche Denkmal dennoch nicht begehen kann. Denn es hat Treppen, bis heute. Wie rücksichtslos man im 19. Jahrhundert war… Und das bei den vielen Kriegskrüppeln… Die örtliche Gedenkkultur der Veteranen auch nach dem Ersten Weltkrieg erscheint nicht. Die der Amputierten, der Kriegsblinden, der Vernarbten, der Versehrten, der psychisch Labilen, denn an all die wurde auch hier, an diesem Denkmal erinnert. Von denen die übriggeblieben waren, innerlich gezeichnet. Heute ist das anders. Doch warum man die nicht vorhandenen Barrieren überwinden soll, bleibt unklar. Denn für die Vergangenheit, für die Geschichte dieses Denkmals, scheinen sich die Macher nicht zu interessieren.

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Neue Bewehrung: Fernrohre für Weitblicke

Dabei haben sie sich doch so viel Mühe gegeben. Die Brüstung des eigentlichen Denkmals wurde mit neuen Zäunen versehen, so dass niemand zu Schaden kommt. Das ist wichtig. Doch dabei soll natürlich der Spaß nicht zu kurz kommen. Daher verkleidete man die Brüstung mit leistungsfähigen Fernrohren. Nutzbar gegen eine kleine Gebühr. Hat ja alles gekostet. Allein die Pflastersteine. Weitblicke sind so möglich. Besser als nichts. Doch Einblicke wären mir auch ganz lieb gewesen. Vielleicht auch, weil ich vom Bildungsauftrag öffentlicher Einrichtungen überzeugt bin. Schade, dass man beim LWL anders denkt.

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Erinnerungen, die bleiben

Doch Spaß kann man haben. Ein kleiner Automat erlaubt das neckische Umprägen von Kleingeld in Erinnerungsstücke. So kann man etwas mit nach Hause nehmen. Den Eindruck der Gesamteinlage. Das Bild von Baldachin und Standbild. Leider nicht viel mehr. Vielleicht „Kartäschenprinz“, die Kim-Familie und die vielen Gruppenbilder… Stolz vermerken die Macher, dass man es durch den Umbau wohl schaffen werde, die durchschnittliche Verweildauer von 15 Minuten auf eine Stunde zu steigern. Wegen der Gastronomie. Weswegen auch sonst?

 

Ich gehe die Anhöhe wieder herunter. Ja, ich bin länger als der Durchschnittsbesucher geblieben. Und dass, obwohl ich es schaffe an dem Parkplatzkiosk vorbeizukommen, ohne dort etwas gekauft zu haben. „Willem“ heißt es – doch warum, konnte man mir nicht sagen. Ist halt ein Kiosk an irgendeinem Berg…

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Willem Snack and Go oder Die Tristesse der deutschen Grundverpflegung

So verlasse ich denn diesen Ort. Einen Ort, der es erlauben würde, die Geschichte des deutschen Kaiserreichs kritisch zu vermitteln. Doch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe ist daran offenbar nicht interessiert. Die Neugestaltung entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Flucht vor der Vergangenheit. Dabei ist das Kaiserreich bis heute aktuell, führt das Leben Wilhelm I. und die Denkmalsgründung in Porta Westfalica doch an zentrale Themenfelder auch unserer durch den deutschen Staat tagtäglich geprägten Gegenwart heran.

Da ist die Frage nach der Identität unseres Gemeinwesens: Was ist deutsch, was macht dieses Volk, diesen Staat, diese Nation aus? Wilhelm I. stand für die endgültige Aufsplittung der deutschen Kulturnation in zwei Reiche, stand für eine Verengung des Nationalbegriffs auf ein kleindeutsches, ein nationalliberal-konservatives, protestantisches Deutsches Reich. Doch er stand auch für etwas kleineres Großes, für ein ideal gedachtes Preußen, eines, in dem jeder „nach seiner Fasson selich“ werden konnte, in dem das gesatzte Recht galt, die Wissenschaften und das Gewerbe gefördert wurden, neuartige Bildungskonzepte entwickelt und mit Leben gefüllt werden konnten. Führt man sich das vor Augen, so erscheinen die heutigen Debatten eigenartig uninspiriert, der Breite der Geschichte nicht angemessen.

Da ist die Frage nach der Essenz des Bürgertums. Wilhelm I. bekämpfte Revolutionäre, erweiterte Bürgerrechte während der neuen Ära, bekämpfte sie neuerlich, ehe er Kernpunkte des Konstitutionalismus akzeptierte und respektierte. Wie definiert sich der Bürger angesichts der Macht des stets überbürdenden Staates und seiner Institutionen? Ist er Untertan, der sich anpassungsschlau wegduckt angesichts einer „alternativlosen“ Politik, der mitblöckt, wie Heinrich Manns Diederich Heßling? Oder ruft man mit Freiligrath: „Der Rang ist das Gepräge nur, Der Mann das Gold trotz alledem!“ (1843).

Da ist die Frage nach der Wehrkraft eines Landes, nach Verteidigung und Militarismus. Wilhelm I. hat in derartigen Kategorien gedacht, während es in diesem unserem Lande fast den Eindruck hat, dass man zwar mehr Soldaten in Auslandseinsätze schickt als die Kolonialmacht Deutsches Reich, dass man im Innern aber die Funktion bewaffneter Streitkräfte nicht mehr recht versteht, sich damit jedenfalls nicht auseinandersetzen möchte.

Da ist die Frage nach dem Warum dieser Flucht vor der Geschichte. Dient Geschichte, zumal in ihrer erinnerungspolitischen Engführung, nicht mehr dem Leben, ist sie negativ monumentalistisch geworden, weiß keinen Funken mehr zu entzünden? Oder ist sie eine Last, der ein friedlich arbeitender und konsumierender Mensch nicht mehr bedarf, wie eine Herde: „sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig“ (Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Stuttgart 1985, 7).

Da ist aber auch die Frage nach der Essenz der Wissensproduktion der Experten, in diesem Falle der Historiker. Welche Bedeutung besitzt eine kritische Geschichtswissenschaft angesichts staatlicher Geschichtspolitik, die von einem staatlich finanzierten Wissenschaftssystem vielfach affirmativ begleitet und gestützt wird? Folgt man den Moden der Profession, die sich vom 19. Jahrhundert seit langem abgewandt hat und dennoch (vielleicht auch deshalb?) öffentlich zunehmend bedeutungslos wird?

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Wo einst Wilhelm II. residierte – und ein Außenlager des KZ Neuengamme bestand

Zu all diesen Fragen – und natürlich zu den vielen kleinen Fachfragen – hätte ich gerne mehr am Denkmalsort erfahren, doch dies unterblieb. Und so verließ ich den Ort. Nicht ohne nochmals anzuhalten. Am Hotel Kaiserhof, am Fuße des Wittekindsberges. Dort wo einst Wilhelm II. tafelte und wohin er wieder zurückkam, im September 1898, beim Kaisermanöver (Allgemeine Zeitung 1898, Nr. 248 v. 8. September, 6). Seine Geschichte müsste gesondert erzählt werden. Ein anderes Denkmal in Porta Westfalica, das 1933/34 errichtete Schlageter-Denkmal auf der anderen Weserseite, am Jakobsberg, gab quasi den Takt vor. Es stand für die nationalsozialistische Transformation der Region, die auch das Hotel prägte. Im März 1944 wurde hier ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. Bis zu 1.500 Häftlinge mussten hier leben, um Arbeit im Stollen unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals zu leisten. Ca. 600 Personen kamen dabei ums Leben (Informationstafel der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica am Hotel, 20. Februar 2019; https://www.gedenkstaette-porta.de/). Das Hotel musste 2011 Insolvenz anmelden, im gleichen Jahr zerstörte ein Brand große Teile des Hauses. Ein Wiederaufbau des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes ist nicht in Sicht. Das wäre ein guter Ort für eine Gedenkstätte, für ein historisches Museum. Vielleicht wäre das eine Alternative für die Flucht vor der Vergangenheit bergauf.

Uwe Spiekermann, 3. April 2019