Hamstern zwischen individueller Selbstbehauptung und sozialem Vergehen

Die Corona-Krise ist ein Test der Effizienz, aber auch der Wertegrundlagen moderner individualisierter Gesellschaften. Angesichts einer nach Alter, Vorerkrankungen und Geschlecht gestaffelten Risikoverteilung ist es für die nicht an Leib und Leben bedrohte Mehrzahl der Bevölkerung schwer, ihrer Verantwortung gerade für Ältere und Kranke gerecht zu werden. Selbstreflektierte Menschen haben ihr Leben schon seit mehreren Wochen zurückgefahren. Für die große Mehrzahl war allerdings der starke Staat erforderlich, der Handlungsänderungen durch Verordnungen und Verbote nicht nur von notorischen Partygängern, Fußballfans und Flaneuren erzwang. Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatten steht gegenwärtig der Maßnahmenstaat – doch der Stillstand ist auch die Folge mangelnder Lernfähigkeit und fehlenden Mitgefühls der immer wieder beschworenen Zivilgesellschaft. Der starke Staat ist die notwendige Konsequenz schwacher, um sich selbst kreisender Bürger*innen und ihres strukturellen Weiter-So.

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Leergeräumte H-Milch-Regale in einem Edeka-Markt in Hannover, 29. Februar 2020

Schon Wochen vor den jetzigen drakonischen Maßnahmen handelten Bürger auf ihre Art. Seit Ende Februar 2020 änderte sich die Situation im Lebensmittelhandel. H-Milch, Nudeln, Mehl, Konserven, Desinfektionsmittel und Toilettenpapier wurden in rauen Mengen gekauft, vielfach verdoppelten sich die Umsätze. Rasch fehlten vor allem die billigeren Produkte, während Bio-Produkte und teurere Chargen weiter verfügbar waren. Diese Einkäufe waren ein Misstrauensvotum der mittleren und unteren Einkommensschichten gegen Beschwichtigungen durch Politik und Massenmedien. Allerdings verkannten die Käufer, dass die über den Lebensmittelhandel abgesetzten Mengen nur sehr kleine, teils nur zwischen fünf und zehn Prozent liegende Anteile am Gesamtumsatz haben. Die Masse etwa des Zuckers und des Mehls wird von verarbeitenden Betrieben gekauft. Aktuelle Lieferprobleme sind eher Folge mangelnder Verpackungsmaschinen und fehlenden Personals, denn Ausdruck unzureichender Lagerbestände.

Der Zugriff der Frühkäufer auf direkt verfügbare Ware kombinierte ein rudimentäres Wissen über die Brüchigkeit moderner Versorgungsketten (zumal im Winter) mit einer generellen Skepsis gegenüber der Fairness und Gerechtigkeit etwaiger Maßnahmen der politischen und medialen Eliten. Derart erfahrungsgesättigtes Handeln ist erst einmal vernünftig, entspricht auch dem Ideal eines selbstbewussten, nach eigenen Interessen handelnden Konsumenten. Die öffentliche Resonanz war jedoch anders, erst verwundert, dann denunziatorisch. „Hamstern“ galt rasch als unsolidarischer Einkaufsakt, als Ausfluss atavistischer und egozentrischer Gesinnung. In einer gemeinhin von Individualität und Selbstverwirklichung geprägten Gesellschaft wurde in der sich anbahnenden Krise stattdessen das hohe Lied der Solidarität gesungen. Doch die Schelte gegenüber dem „kleinen Mann“ verfing nicht recht, denn in den zwei folgenden Wochen blieben die Umsätze einschlägig haltbarer Artikel hoch. Immer mehr Bürger, nun auch vermehrt aus der gesetzten Mitte, ahnten, was kommen würde und handelten im Sinne tradierter Empfehlungen: Denk daran, schaff Vorrat an!

Im Folgenden möchte ich nicht über die offenkundigen inneren Bruchlinien unserer Gesellschaft sinnieren. Es geht mir vielmehr um die seit kurzem wieder aktualisierte Figur des Hamsters und des Hamsterns. Während die neuen „Hamster“ wie in alten Zeiten das Verfügbare zu kauften, erinnerten sich nämlich auch zahlreiche Politiker und Journalisten an die lang zurückreichende Tradition, derart eigensinnig agierende Konsumenten in Krisen zu benennen, auszugrenzen und ihr Tun zu bekämpfen. Der schon vor Wochen einsetzende Gebrauch von Begriffen wie „Hamstern“ oder „Hamsterkäufe“ mag seine Berechtigung haben, denkt man etwa an die früh ausverkauften Schutzmasken und Desinfektionsmittel. Er ist jedoch primär ein Rückgriff auf tradierte Kriegs- und Krisenreflexe. Worte gingen den anfangs nur zaghaften Maßnahmen voraus, appellierten an die Ruhe als erste Bürger*innenpflicht, bevor man diese letztlich erzwang, ja, erzwingen musste. Dabei half auch der Handel, der die Abgabe der begehrten Artikel seit Ende der letzten Woche auf haushaltsübliche Mengen begrenzte. In der Krise gibt es keinen freien Konsumenten mehr. König Kunde dankt ab, hat sich dem Gemeinwohl zu fügen.

Der Hamster – Tier, Schädling, Mensch und Schlagwort

Der Hamster, genauer der Feldhamster, war zu Beginn der Moderne nicht nur ein possierliches Kerlchen, sondern lebte gemäß aufgeklärter Beobachter gar in einer „Art von bürgerlichen Gesellschaft“ (Fortsetzung der Abhandlung, daß sich der Flor und das Wachsthum eines gemeinen Wesens auf die Aufnahme der Wissenschaften gründe, Der Apothecker 1763, Nr. 28, 435-439, hier 436). Ordnungssinn und Voraussicht zeichneten ihn aus, ähnlich wie die Bienen und Ameisen. In der nationalökonomischen Literatur galt der Hamster noch im späten 19. Jahrhundert als ein Vorbild für den strebsamen Bürger. Er lebte nicht im Hier und Jetzt, sondern sorgte sich um die Zukunft, betrieb Vorratswirtschaft, quasi Kapitalakkumulation (Der Volksstaat 1875, Nr. 94 v. 18. August, 8). Der Hamster war ausdauernd und zielstrebig, seine Vorräte waren auskömmlich, konnten gar von Menschen genutzt werden (Wilhelm Roscher, System der Volkswirthschaft, T. 2, 7. stark verb. u. verm. Aufl., Stuttgart 1873, 17). Von Agrarwissenschaftlern und praktischen Landwirten wurde er dagegen immer auch als Schädling angesehen. Ihn zu vernichten, zum Schutz höherer, menschlicher Güter zu beseitigen, galt als opportun, zumal es Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts noch Abermillionen Feldhamster gab. Auf ihren Tod wurden insbesondere im Elsass und in Thüringen Prämien ausgesetzt. Die Hamsterjäger verkauften zudem das Fell und das wohlschmeckende Fleisch der Nagetiere. Ertragreich waren ebenso die erbeuteten Vorräte der Hamster: „Die Leute waschen die Körner einfach ab, trocknen sie wieder und vermahlen sie dann wie anderes Getreide“ (A[lfred] E[dmund] Brehm, Illustrirtes Thierleben, Bd. 2, Hildburghausen 1865, 147).

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Der Feldhamster (A[lfred] E[dmund] Brehm, Illustrirtes Thierleben, Bd. 2, Hildburghausen 1865, 141)

Übertragungen auf Menschen gab es schon im frühen 19. Jahrhundert. In einer der meistgelesenen damaligen bayerischen Zeitschriften findet sich etwa die Figur eines jüdischen Hamsters, eines Pfandleihers, dessen Besitz und Geschäftssinn ihn zu einer wichtigen untergründigen Figur der bürgerlichen Gesellschaft machte: „Da sah ich Leute zu Hamstern hereinschleichen, daß ich’s in meinem Leben nicht geglaubt hätte, daß sie ihn oder sein Haus je ansehen würden. […] ‚Lieber Hamster, guter Hamster, – Ehrenmann!‘ wurde er geheissen, obwohl sie ihm alle den Hals an den Galgen wünschten, – von diesen wurde er auf Monatscheine angewiesen, andere brachten Betten, Weißzeug, Kleider, Meubels u. dgl., daß er kaum Raum hatte zum Aufbewahren; dafür nahm er 30 Prozent, und war dabei so brutal, als ein Türke“ (Tages-Unterhaltungen in Freudenfeld. Tagesfahrt vom 13. und 14. Oktober, Sonntags-Blatt [des Bayerischen Volksfreundes] 1827, Nr. 47 v. 25. 11., 185-187, hier 186). Besitz wurde hier vermeintlich unlauter verwendet, der Hamster eingebunden in antisemitische Imaginationen von Wucher und Ausbeutung. Zeitgleich findet sich „hamstern“ als Tätigkeitswort, als Umschreibung individueller Sammelaktivität (Münchener-Conversations-Blatt 1833, Nr. 127 v. 7. Mai, 507). Die damalige populärwissenschaftliche Biologie vermenschlichte Tiere, charakterisierte den Hamster als Geizhals, so etwa in Heinrich Rebaus (d. i. Christian August Gebauer (1792-1852)) weit verbreiteter Naturgeschichte für Schule und Haus: „Er ist ernst und träge, doch muthig und tapfer, zornig, beißig, auch in seinem Hause streng und eigensinnig, in der Gefangenschaft immer tückisch und gefährlich, selbst wenn man ihm die Zähne ausgebrochen hat“ (Heinrich Rebau’s Naturgeschichte für Schule und Haus, 6. Aufl., neu bearb. v. Gust[av] Jäger, Hermann Wagner und O. Fraas, Stuttgart 1871, 202). Kinder sollten keinesfalls der Habsucht und dem Geiz des Hamsters nachzueifern (Der Hamster, Sonntags-Blatt [des bayerischen Volksfreundes] 1837, Nr. 16, Sp. 125-126, hier 126).

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Der (vermenschlichte) Hamster in der Karikatur (Fliegende Blätter 63, 1875, 167)

Derart negative Eigenschaften wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erst von Liberalen, dann von Sozialdemokraten auch in die politische Debatte eingeführt. Letztere kritisierten etwa Otto von Bismarcks (1815-1898) nahe an Vorteilsnahme grenzendes Finanzgebaren, indem sie vom hamsterartigen Aufspeichern staatlicher Gelder in seinem Gut in Schönhausen berichten (Der Sozialdemokrat 1885, Nr. 36 v. 3. September, 3. Der Begriff ist deutlich älter, vgl. Fliegende Blätter 19, 1866, 177) oder auf die von Arbeitergroschen strotzende „Hamstertasche“ (Der Sozialdemokrat 1887, Nr. 37 v. 10. September, 2) des Reichskanzlers verwiesen. Für die frühe Sozialdemokratie waren die Besitzenden tendenziell allesamt Hamster, heimsten sie sich doch das Geld des arbeitenden Volkes ein (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 236 v. 9. Oktober, 1): „Seht dort einen Hamster, sein Hoffen und Harren Und Trachten ist, Geld zusammen zu scharren. Trotz Menschenantlitz und fehlendem Schwanz, Verhamstert ist seine Seele ganz“ (Die Menagerie des Kapitalismus, Der wahre Jacob 7, 1890, 908). Von diesem bourgeoisen Menschentypus grenzte man sich ab: „Menschen ohne Erziehung, ohne Bildung, ohne Feinheit des Gefühls […], Menschen, die keine künstlerischen oder wissenschaftlichen Bedürfnisse haben – – kurz rohe, gemeine Naturen. Ihr ganzes Leben konzentrirt sich in der Pflege ihrer gemeinen, hamsterartigen Erwerbsmuth“ (Die Ritter der Arbeit [übersetzt von Nathalie Liebknecht], Berliner Volksblatt 1888, Nr. 239 v. 11. Oktober, 1-2, hier 1). Diese Abgrenzung war jedoch nicht nur antikapitalistisch, sondern häufig auch antisemitisch: „Und wie die Hamster schleppen sie zu Nest, im Börsentempel feiern Fest auf Fest Die arischen und die semit’schen Juden“ (Der wahre Jacob 8, 1891, 1091).

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Bankier Hamster als Prototyp von Geiz und Raffertum (Fliegende Blätter 51, 1869, 133)

Diese wenigen Zitate verweisen auf ein zunehmend breiteres Wortfeld im späten 19. Jahrhundert: Da ist von der Bismarckschen „Hamsterpolitik“ (Berliner Volks-Tribüne 1891, Nr. 19 v. 9. Mai, 7) die Rede, eine Umschreibung der agrarischen Schutzzollpolitik. Von „Hamstertaschen“ kann man wiederholt lesen, ebenso von „Hamsterhöhlen“ (Vorwärts 1894, Nr. 108 v. 12. Mai, 2; Vorwärts 1895, Nr. 161 v. 13. Juli, 2). Nicht die ungebührliche Selbstsorge des Einzelnen trat hierbei hervor, sondern die Akkumulation von Kapital und Positionen durch die oligarchischen Eliten resp. den politischen Gegner. Die straffe Haushaltsführung des preußischen Finanzminister Johannes von Miquel (1829-1901) erschien als „Hamstermanier“ (Vorwärts 1896, Nr. 277 v. 26. November, 2; ähnlich schon Kladderadatsch 45, 1892, 14) sowie im „Hamstergespann“ (Kladderadatsch 52, 1899, 151). Der liberale Kladderadatsch widmete dem wichtigsten deutschen Finanzpolitiker vor Matthias Erzberger (1875-1921) gar ein Spottgedicht über „Minister Hamster“ (Kladderadatsch 44, 1896, 57). Auch die konservativen Kandidaten „hamstern“ dank des Dreiklassenwahlrechts Mandate im preußischen Abgeordnetenhaus (Vorwärts 1901, Nr. 173 v. 27. Juli, 3). Das Wortfeld „Hamster/n“ stand damals für zu Unrecht Erworbenes, für ein Fehlverhalten gegenüber der Allgemeinheit. Um die Jahrhundertwende wurde es kritisch genutzt, forderte die Regierung und die herrschenden Klassen heraus: „Der Marder hat sein sich’res Haus, Der Hamster hat sein Essen; Nur euch verfolgt und stößt man aus, Nur ihr seid ganz vergessen“ (Hermann Lingg, Nachtstille, Vorwärts 1905, Nr. 141 v. 20. Juni, Unterhaltungsbeilage, 466). Das aber änderte sich langsam nach Beginn des Ersten Weltkrieges.

Brüche in der Rationierungsgesellschaft – Hamstern 1914 bis 1923

Das Wortfeld Hamster/n geriet während des Ersten Weltkrieges rasch in Fluss, erhielt zahlreiche neue, bis in die heutige Corona-Krise reichende Bedeutungsnuancen. Dabei überholte das Tätigkeitswort „Hamstern“ den Hamster.
Das Wortfeld wurde erstens auf den Lebensmittel- und Gütersektor verengt. Das geschah von 1914 bis 1916, zu Zeiten also, als Hamstern noch kein allgemein genutzter Alltagsbegriff war. Das Deutsche Kaiserreich mochte für den Ausbruch des Weltenbrandes ein gerütteltes Maß an Verantwortung tragen, doch vorbereitet war es für dieses Vabanquespiel nicht. Die frühen Maßnahmen zur Lebensmittelversorgung blieben allesamt moderat, noch bestand Siegeserwartung. Das Militär etablierte gesonderte Strukturen, das Land versorgte sich aus eigenen Beständen, während die urbanen Konsumenten nur langsam mit den strukturellen Problemen konfrontiert wurden, denn man besaß ja noch beträchtliche Vorräte in Lagern, Depots, Läden und den Haushalten. Die auch für das Zivilleben verantwortlichen Militärbefehlshaber etablierten ab August 1914 Höchstpreise für wichtige Güter. Eine allgemeine Rationierung gab es nicht, erst im Januar 1915 begann die Beschlagnahme und Verteilung von Getreide und Mehl, dann die Streckung des Brotes (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 239-251).

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Ungebührlicher Einkauf der Hamsterin im Ersten Weltkrieg (Ulk 45, 1916, Nr. 16, 5)

Angesichts der zu den Waffen gerufenen Männer standen insbesondere Konsumgüterproduzenten und -händler unter Druck, so dass zu Kriegsbeginn Konsum durchaus erwünscht war. Das Deutsche Reich war eine Konsumgesellschaft, Einkauf schon damals Bürgerpflicht. Das galt auch für die Arbeiter, die nun, wo das Vaterland in Gefahr war, endlich als „Deutsche“ anerkannt wurden. Gleichheit sollte auch im Konsumbereich herrschen, jeder auskömmlich versorgt werden. Der Ausrufung des Kriegszustandes folgte daher kein allgemeines „Hamstern“. Es waren vor allem bürgerliche Hausfrauen, die aus „Angstmeierei“ „ein Rennen in die Lebensmittelgeschäfte, ein planloses Einkaufen“ begannen (Luise Zietz, Können Hausfrauenvereine den Arbeiterfrauen nützlich sein?, Vorwärts 1915, Nr. 205 v. 27. Juli, 7). Der Hamster, genauer die Hamsterin, lebte in gesicherten Verhältnissen, wollte Vorsorge treffen, hatte dazu auch die Mittel. Haltbare und höherwertige Waren standen auf ihrer Einkaufsliste, Kaffee, Zucker, Mehl, Reis, auch Butter und Käse, nicht jedoch das seit dem späten 19. Jahrhundert verfügbare perforierte Toilettenpapier. Kritik kam insbesondere aus der arbeitenden unteren Mitte der Gesellschaft, durchaus noch im Einklang mit tradierten Vorstellungen von besitzenden Hamstern (Hamster, Mitteilungsblatt der Großeinkaufs-Gesellschaft 2, 1914, 38). Sie wurden denunziert, gewünscht, dass sie an ihren Vorräten ersticken – doch es schien sich anfangs um eine ärgerliche Petitesse zu handeln, nicht um ein dauerhaftes Massenphänomen. Die zugreifenden Bürgerinnen taten zudem ja nur das, was sie schon zuvor getan hatten: „Es wird viel über das ‚Hamstern‘ einzelner geschrieben, und die moralische Entrüstung darüber gehört zu den stehenden Klischees in den Zeitungen. Indessen will uns scheinen, daß moralische Entrüstung über den wirtschaftlichen Eigennutz des einzelnen in einer Gesellschaft sehr unangebracht ist, in der dieser Eigennutz die Haupttriebkraft bei jeder wirtschaftlichen Betätigung bildet“ (Die Zuckerfrage, Die Gleichheit 26, 1916, Nr. 17, 125-126, hier 126). Die Vertreter der Arbeiterbewegung forderten stattdessen seit 1915 eine möglichst umfassende und gerechte Rationierung, ihre Konsumgenossenschaften boten dafür eine organisatorische Blaupause.

In der Übergangszeit 1914-1916 finden sich weitere ausdifferenzierte Einschätzungen, wurde die Logik der „Vorversorgung“ (Josef Rieder, Die Hamsternatur des Menschen, Prometheus 17, 1916, 554-557, hier 555) durchaus anerkannt. Hamstern sei zwar moralisch grenzwertig, doch handele es sich eigentlich um ein sinnvolles Erbe vorindustrieller Mangelgesellschaften. Veränderte globale und nationale Handelsnetze, eine moderne Nahrungsmittelindustrie, ein leistungsfähiges Handelssystem und anders strukturierte, nicht mehr auf Vorratshaltung eingerichtete Häuser und Wohnungen hätten dies jedoch geändert. Dennoch sei Hamstern unklug, da moderne Zeiten durch Preismechanismen gekennzeichnet seien, ungebührliches Kaufen zu allgemeinen Preissteigerungen führe, der Markt also den Hamster bestrafen würde. Die Krise wurde damals auch als Chance für vermehrte Vorsorge verstanden: „Man wird nicht mehr sagen: man bekommt ja doch alles beim Kaufmann, sondern lieber vorbauen, denken: man kann nie wissen, wie es kommt.“ (Rieder, 1916, 557)

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Vorratskammer eines gutbürgerlichen Hamsters (Der wahre Jacob 33, 1916, 9008)

Hamstern, bis 1917 vielfach noch in Anführungszeichen geschrieben, wurde zweitens seit 1916 zum von bürgerlichen Konsumenten getragenen Massenphänomen. Grund hierfür war der wachsende Nahrungsmangel und die Etablierung eines allerdings lückenhaften Rationierungssystems. Im Mai 1916 wurden das Kriegsernährungsamt gegründet, Fleischkarten eingeführt, zugleich aber Höchstmengen für den häuslichen Vorrat beschlossen. Pro Kopf durften damals bis zu 2 kg Fleisch und Fleischwaren, 1 kg Schmalz und Speisefette, 1 kg Kaffee, 1 Pfd. Kakao, ein halbes Pfd. Tee, 2,5 kg Zucker, 1,5 kg Teigwaren, 10 frische und 100 konservierte Eier vorhanden sein (Gegen das Hamstern, Vorwärts 1916, Nr. 110 v. 20. April, 5). Derartige Maßregeln reagierten auf die seit Frühjahr 1916 immer stärkere Vorratshaltung städtischer bürgerlicher Konsumenten, die dem Rationierungssystem Nahrungsmittel entzog und inflationären Druck schuf. Schon 1915 begannen viele Städter, erst auf Wochenmärkten, dann auch in vielen ländlichen Geschäften frei verkäufliche Waren aufzukaufen: „Von früh an stand der Hamster Schar In meilenlanger Chaine Vor jedem Milch- und Wurstgeschäft Sich in den Bauch die Beene“ (Der wahre Jacob 33, 1916, 9139). Sie zahlten mehr als die Höchstpreise, veranlassten so viele Selbstversorger derartig profitable Geschäfte abzuschließen. Dagegen wurde anfangs moralisch argumentiert, etwa in einem Erlass des sächsischen Innenministeriums gegen die „Torheit des ‚Hamsterns‘, deren sich jeder denkende Staatsbürger schämen sollte, […]“ (Gegen die Lebensmittelhamsterei, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 9, 1916, 62). Gegenüber dem Bürgertum schien Repression anfangs jedoch nicht recht angemessen (Strünckmann, Die Furcht vor Unterernährung, Die Lebenskunst 11, 1916, 167-168; Das Hamstern, Vorwärts 1916, Nr. 105 v. 16. April, 6).

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Besitz als Zweck des vermenschlichten Tiers, sei er Hamster, sei er Frosch (Meggendorfer Blätter 105, 1916, 111)

Die moralische Diskreditierung wurde dennoch zunehmend von Strafandrohungen begleitet, Verstöße gegen die heimischen Vorratsbeschränkungen konnten mit Geld- und gar Gefängnisstrafen geahndet werden. Ab September 1916 mussten dann Betriebe, Institutionen, aber auch Haushalte ihre Vorräte offiziell angeben, falsche Angaben konnten strikt bestraft werden. Allerdings war der Kontrolldruck gering, entsprechend verpufften die Maßnahmen. Angesichts des nahenden „Steckrübenwinters“ intensivierte sich das Hamstern: „Der Städter begnügte sich nicht mehr damit, in seinen unmittelbaren Kaufbereich gelangte Ware aufzukaufen, er ging selbst auf die Dörfer, um den Erzeuger unmittelbar »anzugreifen«. Der übliche Sonntagsausflug wurde dazu benutzt. Doch ging man nicht nur selbst aufs Land, um für die eigene Familie einzukaufen. Nach allen Richtungen wurden Aufkäufer ausgeschickt. So entwickelte sich ein regelrechter »Hamsterhandel«. Man überbot sich gegenseitig und trieb die Preise in die Höhe. Bei der Jagd um die Ware kam es nicht selten zu häßlichen Auftritten, deren Folgen (Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Beamtenbeleidigungen) nachher die Strafgerichte beschäftigten“ (August Skalweit, Die deutsche Kriegsernährungswirtschaft, Stuttgart et al. 1927, 219). Bis Ende 1916 wurden behördliche Maßnahmen gegen das Hamstern von Sozialdemokraten unterstützt, denn dies entsprach ihrer tradierten Kritik der bourgeoisen Hamster. Noch 1922 galt ihnen der Hamster als „der Retter und Erhalter des Bürgertums in den Tagen der Rationierung“ (Der wahre Jacob 39, 1922, 10598). Sie begrüßten daher auch die ab Herbst 1916 intensivierten Kontrollen an Bahnhöfen oder Kontrollstellen, die zu Strafen und zur Konfiszierung des Hamstergutes führten (Eine recht fatale Ueberraschung, Vorwärts 1916, Nr. 31 v. 13. November, 4). Sie waren vorrangig Folge einer veränderten Lage auf dem Lande. Während die zahlungskräftigen Städter anfangs gern gesehene Käufer waren, wurde ihr immer massenhafteres und drängenderes Auftreten zunehmend zur Plage. Es blieb nämlich nicht nur bei illegalen Einkäufen, sondern auch die Zahl der Diebstähle auf Feldern und Höfen nahm massiv zu.

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Die Wehrhaftmachung des Landes gegen die Hamster (Fliegende Blätter 149, 1918, 9)

Die verstärkte Kontrolle des Hamsters wurde in den unter Zensur stehenden Zeitschriften zumeist begrüßt. Doch angesichts der Hungerkrise des Frühjahrs 1917 weitete sich das Hamstern massiv aus, da nun auch weite Teile der Arbeiterschaft aktiv wurden. Das führte drittens zu einem wachsenden Verständnis für das Hamstern: Not kennt kein Gebot – und angesichts elementaren Hungers und eines ineffizienten Rationierungssystems handelte es sich um Selbsthilfe, um eine Art von Mundraub (Anne Roerkohl, Hungerblockade und Heimatfront. Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkrieges, Stuttgart 1991, 261-286). Hamstern galt zunehmend als eine große „Zeitsünde“ (Meggendorfer Blätter 107, 1916, 150), die zu beichten sei, von der man in „diesen Tagen, da selbst die innerlich Gefestigten der Hamsterei verfallen“ (Zeichen der Zeit, Der wahre Jacob 34, 1917, 9207) jedoch nicht recht lassen konnte.

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Heuchelei als Alltagsphänomen (Fliegende Blätter 147, 1917, 162)

Die Appelle an das Gemeinwohl der eisernen Nation ertönten weiterhin: „Auch der Verbraucher stellt sein eigenes persönliches Wohlergehen hinter das Gesamtwohl; mehr als bisher ist ihm im dritten Kriegsjahr bewußt, daß es sich nicht allein um sein kleines Ich, sondern um die Gesamtheit handelt“ (Die Kriegsernährungs-Wirtschaft 1917, hg. v. Kriegsernährungs-amt, Berlin 1917, 72). Die Geltung der Verordnungen wurde propagiert, doch auch amtlich ein gewisser lebenspraktischer Pragmatismus empfohlen: Im Heim „muß der gesunde Menschenverstand die Verordnungen ersetzen, der Verbraucher muß, soweit die Regelung der Behörde fehlt, sein eigener Gesetzgeber sein. Sparsamkeit ist eine der Hauptpflichten der Verbraucher, aber nicht die falsche ‚Sparsamkeit‘, für die man im Kriege den Ausdruck: ‚Hamstern‘ geprägt hat. Es ist freilich unmöglich, diese Kriegserscheinung mit Strafen und Verboten auszurotten. Um so mehr muß der Einzelne sein Gewissen schärfen und sich selbst sagen, wo die in der Kriegszeit angemessene Versorgung mit Vorräten aufhört und wo das Hamstern beginnt“ (Kriegsernährungs-Wirtschaft, 1917, 73). Die Handlungsfähigkeit der Heimatfront war zentral, Ehrlichkeit und moralische Integrität würden das Hamstern schon in engen Bahnen halten. Zahlreiche Broschüren unterfütterten derartigen Pragmatismus ([Ernst] Bräuer, Wie esse ich mich satt trotz der Kriegszeit und ohne Hamsterei? Ein Ratschlag für den Großstädter, wie er mit den gebotenen Lebensmitteln auskommen kann, Berlin 1917). Dies ging einher mit einer zunehmend breiteren Definition des Hamsters. Es gab nicht nur den bürgerlichen Angst- und Vielfraßhamster sowie den allseits anzutreffenden Heuchelhamster. Händler wurden zu Reisehamstern, Bauern zu Landhamstern, Offizielle zu Gemeinde- und Reichshamstern. In der Not rafften alle zusammen, waren auf ihren Vorteil bedacht (Kategorien nach Der Kriegshamster, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 10, 1917, 4). Das führte zu wechselseitiger augenzwinkender Nachsicht, denn irgendwie schien jeder zu hamstern.

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Hamsterinnen bei der Rückkehr (Die Woche 21, 1919, 636)

Besondere Bedeutung gewannen ab 1917 die Hungernden in Städten und Industriebezirken: „Aber was sollen sie denn machen? Mit ein paar Gramm Butter und den paar Pfund Kartoffeln, die sie als Wochenration beziehen, damit können sie beim besten Willen nicht auskommen. Also zieht man aus, allein oder in geschlossenen Familientrupps, mit Ruck- und andern Säcken, mit Taschen jeder Art und Größe bewaffnet. Das Eisenbahnabteil gleicht zwar einer vollgepfropften Sardinenbüchse, doch das schreckt nicht ab, locken doch die wunderbarsten eßbaren Dinge nach überstandener Schreckensfahrt. Das Auge sieht im Geiste Speck und Schinken, Butter, Eier und Kartoffeln gleich der lieblichsten Fata Morgana vorüberziehen“ (Hamsters Freuden und Leiden, Hannoversche Hausfrau 14, 1917, Nr. 38, 7). Angesichts von Not und Hunger schienen kriminelle Handlungen durchaus gerechtfertigt, etwa die viel beklagten Felddiebstähle. Ruth von der Leyen (1888-1935), damals Leiterin der Berliner Jugendgerichtshilfe und später Propagandistin der Psychopathenfürsorge, schrieb mitfühlend: „Man rückt aus der Stadt aus, weil man hungern muß und geht aufs Feld und nimmt sich, was man findet. Die Mutter schickt ihren Jungen ‚hamstern‘, weil sie das Hungern der Kinder nicht mehr mit ansehen kann und weil Kartoffeln doch wenigstens satt machen. Was soll die Mutter auch zu Sommers Anfang tun, wenn es weder Brot noch Kartoffeln noch Gemüse in einigermaßen ausreichender Menge gibt? Kann man es einer Mutter verargen, wenn es ihr dann gleichgültig ist, wo Gemüse und Kartoffeln herkommen, wenn sie nur etwas hat, um sich und die Familie satt zu machen?“ (Die englische Hungerblockade in ihren Wirkungen auf Kriminalität und Verwahrlosung Jugendlicher, in: Max Rubmann (Hg.), Hunger! Wirkungen moderner Kriegsmethoden, Berlin 1919, 37-47, hier 40). Generell nahm gegen Kriegsende der Kontrolldruck auf die kleinen Hamster wieder ab, machten Gerüchte die Runde, dass sie nicht mehr scharf belangt werden würden („Schutz der kleinen Hamsterer.“, Metallarbeiter-Zeitung 36, 1918, 104). Offiziell handelten die Behörden anders, verwiesen auf die immer wieder verschärften Strafandrohungen. Informell aber handelten sie pragmatisch, auch, weil die Bediensteten selbst Hunger hatten.

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Kontrolle von Hamstern an einer Bahnsperre (Die Woche 21, 1919, 636)

Diese relative Lockerung hatte jedoch noch eine andere Ursache. Viertens begannen kriegswichtige Industriebetriebe und auch viele Kommunen spätestens 1916/17 mit dem Hamstern (Skalweit, 1927, 220). Zur Versorgung ihrer Belegschaften und ihrer Bürger kauften sie nicht nur in großem Maße Nahrungsmittel und Brennmaterial ein, sondern überboten die Höchstpreise und trieben damit die Preise weiter in die Höhe. Damit unterminierten sie das unzureichende Rationierungssystem, zumal individuelle Hamsterfahrten geduldet und unterstützt wurden, um Streiks, Krankfeiern und Bummeln zu minimieren. Dem rigiden Hilfsdienstgesetz von 1916 zum Trotz legten zahlreiche Betriebe gar Feierschichten ein, um Landpartien zu ermöglichen, gewährten ihren Beschäftigten teilweise Geldzuschüsse zum Hamstern (Bekämpfung der Schleichversorgung, Beiträge zur Kommunalen Kriegswirtschaft 3, 1918, 7). Sarkastisch hieß es: „Wie schön sich alles entwickelt doch! Das Hamstern, das wird zur Tugend noch!“ (Der wahre Jacob 34, 1917, 9379).

Der rasche Siegeszug des Hamsterns geriet in einer Konkurrenzwirtschaft dadurch an Grenzen. Denn zwischen die kleinen und die großen Hamster etablierte sich seit 1916 der sog. Schleichhandel. Aufkaufspezialisten professionalisierten die Beschaffungsarbeit der Einzelnen, waren zugleich flexibler als die Großbetriebe und Kommunen. Sie waren illegal und zugleich doch eine vielfach notwendige und anfangs auch informell geduldete Antwort auf Unterernährung und Hunger. Spätestens 1917 besaßen Schleichhändler beträchtliche Marktanteile, wurden öffentlich aber immer stärker zum Synonym für „verbrecherische Umtriebe“ und die „furchtbare Lebensmittelnot“ (Der Schleichhandel – die Volksgefahr!, Vorwärts 1917, Nr. 344 v. 16. Dezember, 1-2, hier 1). Hamstern, Schleichhandel, Kettenhandel und Wucher wurden vermengt (Hamsterkongreß 1917, Kladderadatsch 70, 1917, 612), galten fünftens als Ausdruck einer sich im Inneren auflösenden Heimatfront. Während gegen Kriegsende das Hamstern der Vielen begrenzt geduldet, das Hamstern der Großen deutlich zurückgeführt wurde, geriet der Schleichhandel ins Zentrum der Strafverfolgung – obwohl er objektiv eine professionellere und effizientere Form des Hamsterns war.

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Tötungsfantasien: Hamsterjagd 1916 (Der wahre Jacob 33, 1916, 9029)

Die Folge war eine bis 1924 reichende in sich widersprüchliche Debatte. Während informelle Nahrungsbeschaffung während der Rationierung, der Zwangswirtschaft und auch der Hyperinflation für breite Bevölkerungskreise notwendig und für viele „Schieber“, „Schleichhändler“ und „Wucherer“ profitabel war, wurde der gesamte informelle Sektor zunehmend verdammt und galt insbesondere bei rechts- und linksextremen Gruppen sechstens als Ausdruck einer verrotteten Republik: „Wie ein fressendes Gift, das sich tiefer und tiefer einätzt, haben sich Schleichhandel und Hamsterei leider auch in unserer Stadt und Provinz, die ja immer als eine wohlhabende gilt, eingenistet, und wie ein Krebsgeschwür nagt beides an unserer Volksernährung“ (Die leidige Hamsterfrage in Hannover, Hannoversche Hausfrau 15, 1918, Nr. 21, 1). Obwohl in diesem Artikel beherzt für die kleinen, nur ihren Grundbedarf deckenden Hamster eingetreten wurde, waren in ihm doch wesentliche Zerrbilder angelegt, die den Hamster als zersetzende Kraft deuteten: „Freimaurern gleich ist unter dem Hamstervolke das Wissen und die Kenntnis verbreitet, wo es etwas zu holen gibt, wo die ländlichen Verkäufer sich den Lockungen der ihnen verführerisch vor die Augen gehaltenen Kassenscheine gegenüber widerstandsfähig zeigen oder nicht; wo eine Hamsterfahrt sich lohnt, und wo man vergebens fährt“ (Hamsterfrage, 1918).

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Hamster, Schieber, Schleichhändler in einer Person (Fliegende Blätter 154, 1921, 71)

Der Hamster, so schien es, wirke untergründig, sei verschlagen, nur auf seinen Vorteil versessen, sein Treiben streue „das Gift der Heimlichkeiten, des Mißtrauens und des Argwohns“ zwischen die Menschen (Auf Schleichwegen, Hannoversche Hausfrau 15, 1918, Nr. 28, 1). Gerade während des Abwehrkampfes um die Republik 1919/20 knüpften Spartakisten und Kommunisten wieder an die antikapitalistischen Vorkriegsdeutungen des Hamsters an, während auf der nationalistischen und völkischen Seite der Republikfeinde Hamster, Schieber und Wucherer zu Negativfiguren antisemitischen Denkens mutierten (Auf der Höhe der Zeit, Kladderadatsch 73, 1920, 174). Derweil wurde weiter gehamstert. Die Nennungen erreichten 1919 einen Höhepunkt, nahmen mit der Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung dann jedoch ab. Während der Inflation verlagerte sich die Debatte zuerst auf das Hamstern von Sachwerten (Der wahre Jacob 38, 1921, 10238), doch im Krisen- und Hungerjahr 1923 führte das Nahrungs- und Kohlehamstern von Händlern und Institutionen zu massiven öffentlichen Protesten und zahlreichen gewalttätigen Krawallen (Die rücksichtslose Brothamsterei 1923, Vossische Zeitung 1923, Nr. 501 v. 23. Oktober). Individuelles Hamstern war zwar rechtlich inkriminiert, wurde aber vielfach geduldet.

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Positive Verwendung des Hamsters in der Sekt-Werbung (Lustige Blätter 33, 1918, Nr. 28, s.p.)

Fasst man die Wandlungen des Wortfeldes Hamster/Hamstern während des Jahrzehnts der Ernährungskrise 1914-1923 zusammen, so verbreitete sich dieses beträchtlich, obwohl es sich auf den Lebensmittel- und Gütersektor verengte. Der Hamster war eine denunziatorische Figur, zugleich ein um sein Überleben ringendes Wesen. Er erschien bürgerlich schaffend, auf Ordnung zielend, zugleich aber als asozial und egomanisch. Der Nager diente als antibürgerliche Antigeneralisierung der Schwachen gegen eine ungerechte und inkompetente Herrschaft. Er erlaubte die Vertierung von Verteilungskonflikten zwischen Menschen, stand als Schädling außerhalb gängiger Rechtsnormen. Entsprechend bündelte der Begriff Tötungs- und Vernichtungsfantasien, legitimierte brutale Gewalt. Er entgrenzte den wirtschaftlichen, aber auch politischen Kampf, konnte doch sein „Bau“, sein Heim, nicht unbehelligt bleiben. Beliebig füllbar war das Wortfeld projektionsoffen. Der Hamster stand für Selbstbehauptung gegen den Maßnahmenstaat, bot diesem aber auch eine perfekte Angriffsfläche. Wenn alle hamsterten, war jeder angreifbar.

Der Hamster als Volksschädling während der NS-Herrschaft

Übergehen wir in diesem gegenwartsgetriebenen kurzen Rückblick die stete Kritik an Schiebern, Raffkes und Hamstern, die seit den späten 1920er Jahre vor allem die Agitation der KPD und NSDAP prägte und auch zu gewalttätigen Übergriffen führte. Die antisemitische Aufladung nahm deutlich zu, die positiven Aspekte des Hamsterdaseins fielen dagegen kaum noch ins Gewicht. Besitz und Wohlleben konnten doch keine veritablen Ziele sein, wenn man für Rasse und Klasse marschieren, skandieren und schlagen konnte (Der wahre Jacob 49, 1928, Nr. 6, 14).

Der Hamster verschwand daher nicht nach der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer deutschnationalen Bundesgenossen. Dazu war er als Agitationsbegriff gegen besitzende Minderheiten und vermeint Asoziale viel zu nützlich. Zudem änderten sich mit dem schon während der Zeit der Präsidialkabinette begonnen Umbau der Landwirtschaft, des Güterabsatzes und der Außenwirtschaft die Regeln für wirtschaftliches Handeln und auch den Einkauf tiefgreifend. Im September 1933 wurde der Reichsnährstand etabliert, im Februar 1934 seine Aufgaben präzisiert (Spiekermann, 2018, 366-369). Es folgten festgesetzte Preise, vermeintlich „gerechte“ Handelsspannen, strikte Regulierungen von Erzeugung und Absatz. Marktmechanismen wurden damit auf breiter Front außer Kraft gesetzt. Graue und schwarze Märkte entstanden, getragen von vielen „Schiebern“, „Wucherern“, „Schleichhändlern“ und „Hamstern“.

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Der Hamster als Volksschädling (Kladderadatsch 90, 1937, 23)

Trotz des vermeintlichen nationalen Aufbruchs gab es nämlich beträchtliche Versorgungsprobleme, insbesondere im von Devisenzahlungen stark abhängigen Fettsektor. Die Versorgung mit Butter und Margarine war prekär, schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Kundenlisten und Bezugsscheine. Die Volksgenossen sorgten sich: „So gings im Kriege los; bald kommen die Brotkarten“ (Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 4, 1937, ND Salzhausen und Frankfurt a.M. 1980, 47). Doch die Propaganda des Regimes und eine unter Zensur stehende und zugleich willfährige Presse hielten mit Beruhigungen, Zwangsmaßnahmen und Antigeneralisierungen gegen. Der Hamster erschien immer wieder als „Volksschädling“, der die Aufbauarbeit des Regimes untergrub (Hamsterbekämpfung, Kladderadatsch 87, 1934, 741): „Fragt dich ein Hamsterer erschreckt: ‚Hast du dich auch schon eingedeckt?‘, Wirf ihn hinaus, den blöden Schuft; ‚Eindecker‘ setzt man an die Luft!“ (Zeitgemäßer Rat, Kladderadatsch 87, 1934, 751).

Der Hamster hatte bedrohliche Züge, war zugleich aber ein nützliches Element in der Brechung von Widerstand im Versorgungssektor. Er wurde antisemitisch, aber auch antikapitalistisch aufgeladen. Die Nationalsozialisten führten also nicht nur ihre eigene Agitation der Weimarer Zeit und der Präsidialkabinette fort. Sie koppelten sie vielmehr mit tradierten Bedeutungsebenen, die sich gegen den raffenden Kapitalisten und den vom Volk sich absentierenden Bürger richteten. Reih Dich ein in des Volkes Einheitsfront, weil Du selbst ein Deutscher bist. Das war wichtig zur Durchsetzung der NS-Herrschaft gegenüber konservativ-besitzbürgerlichen Schichten, ebnete aber auch den Weg für Maßnahmen gegen Juden und vermeintlich Asoziale. Der Hamster wirkte gemeinschaftsbildend, war selbst jedoch gemeinschaftsfremd, war entsprechend auszustoßen und zu bekämpfen (Hier spricht Frau Raffke (Eine kleine Hamster-Biesterei), Kladderadatsch 88, 1935, 640). Bemerkenswert ist auch die vermehrte Verwendung von antisemitisch aufgeladenen Hamsterbildern nach der Reichspogromnacht 1938, die zur Rechtfertigung der offen rechtswidrigen Aktionen des NS-Staates dienten (Die Träne quillt, Kladderadatsch 91, 1938, 338; Kladderadatsch 92, 1939, 724). Schließlich aber diente die Figur des Hamsters zur Stärkung einer spezifisch deutschen Moral, einer rassistisch begründeten Ehre. Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink forderte von den haushaltführenden Frauen Unterstützung für die Konsumpolitik des NS-Regimes und fuhr fort: „Ebensowenig werden wir das Schauspiel mangelnder Volksgemeinschaft bieten, indem wir durch Hamstern und Angstkäufe eine vorübergehende und geringe Knappheit zu einer krisenmäßigen Erscheinung werden lassen, bei der immer die ärmeren Volksgenossen die Hauptleidtragenden sein würden“ (Ernährungs-Dienst, Folge 8, 1935, 1). Nicht zu Hamstern wurde zur sozialen Tat, war Sorge der Besitzenden für die Besitzlosen, der Starken für die Schwächeren.

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Tod dem Hamster – zumindest offiziell (Fliegende Blätter 197, 1942, 195)

Derartige Appelle an Integrität und Ehrbarkeit wurden vor und während des Krieges jedoch häufig mit strikten Strafandrohungen sowie Vernichtungsfantasien gekoppelt. Nachrichten über die massenhafte Tötung von Feldhamstern wurden beifällig kommentiert: „Bravo, ihr Bauern und Landwirte! Macht auch künftig alle Hamsterer rücksichtlos dingfest!“ (Kladderadatsch 95, 1942, 943). Der Hamster, so in einer der zeittypischen „humoristischen“ Glossen, sollte eigentlich in „Zuchthäusler“ umbenannt werden (Kladderadatsch 95, 1942, 324). Doch dies war auch Reaktion auf die nach Kriegsbeginn rasch zunehmenden Hamsterfahrten, teils individuell, teils durch Zwischenhändler. Eier, Geflügel, Fleisch und Butter standen auf der Liste der Begehrlichkeiten, bezahlt aber wurde vielfach nicht mit Geld, sondern mit Sachwerten, etwa Seife oder aber Benzin (Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, hg. v. Heinz Boberach, Bd. 3, Herrsching 1984, 462). Anders als während des Ersten Weltkrieges begann der NS-Staat seit Kriegsbeginn, Hamstern und Schleichhandel systematisch zu diskreditieren, ihre Träger als „Lumpen“, als Gemeinschaftsfremde auszugrenzen: „Es geht nicht an, daß einzelne Volkskreise ohne sachlichen Grund lediglich dank verwandtschaftlicher Beziehungen oder vielleicht auch eines besonders leistungsfähigen Geldbeutels besser gestellt werden und dadurch die Ablieferungsmengen der landwirtschaftlichen Betriebe der Gesamtversorgung entzogen werden. Im Weltkrieg hat die hemmungslose Ausdehnung dieses Hamsterbetriebes neben der falschen Erzeugungspolitik mit dazu geführt, daß die ordnungsgemäßen Zuteilungen immer geringer wurden und eine auskömmliche Ernährung nicht mehr zuließen“ (Gustav Behrens, Erzeugungsschlacht 1940, Der Vierjahresplan 4, 1940, 8-10, hier 8). Neid auf andere, mit besseren Kontakten, mit mehr Möglichkeiten, war und ist ein wichtiger Grund für die Wirksamkeit einschlägiger Hamsterimaginationen.

Und doch, die NS-Verantwortlichen hatten aus dem Versorgungsdesaster des Ersten Weltkrieges gelernt. Schon vor Kriegsbeginn startete eine umfassende Rationierung, die die Grundbedürfnisse im Wesentlichen sicherte und durch die massiven Entnahmen aus eroberten Staaten während des Krieges weiter stabilisiert wurde. Wichtig war vor allem die Einbindung der Bauern und Selbstversorger in das Rationierungssystem. Diese hatten strikte Ablieferungspflichten und verfügten über deutlich weniger Handelsgüter als im Ersten Weltkrieg. Während offiziell das Hamstern strikt untersagt war und harte Strafen galten, war eine gewisse Selbstversorgung der Konsumenten durchaus möglich. Ein von Adolf Hitler (1889-1945) autorisiertes Rundschreiben des Leiters der Parteikanzlei, Martin Bormann (1900-1945), betonte 1943: „Volksgenossen, die sich in begrenztem Umfange Lebensmittel, die nicht der Bewirtschaftung unterliegen, verschaffen, seien nicht durch kleinliche Polizeikontrolle zu ärgern“ (zit. n. Gustavo Corni und Horst Gies, Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 571).

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Das viele wenig: Hamstern von Futtermitteln humoristisch-didaktisch (Fliegende Blätter 200, 1944, 135)

All dies stabilisierte die Lebensmittelversorgung. Man sollte allerdings nicht aus dem Blick verlieren, dass Hamstern während der 1936 massiv einsetzenden kriegsvorbereitenden Vorratswirtschaft eine staatliche Tugend war und die vielfach korrupten Eliten des NS-Staates ihren Lebensstandard während des Krieges auch illegal bewahrten (Lothar Gruchmann, Korruption im Dritten Reich. Die „Lebensmittelversorgung“ der NS-Führerschaft, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 42, 1994, 571-593). Graue und schwarze Märkte – im kollektiven Gedächtnis meist der Nachkriegszeit zugeordnet – nahmen während des Krieges deutlich zu. Neue Formen des Tauschhandels entwickelten sich, halfen Beschaffungsprobleme in einer Befehlswirtschaft zu mindern. Derartige Koppelungskäufe konnten durch drakonische Strafen und eine eigens eingerichtete Ehrengerichtsbarkeit nicht verhindert werden (Ehrrühriger Tauschhandel, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 526-527), denn auch urbane Verbraucher tauschten in ihrem Umfeld vielfach Waren, hamsterten sie zur Notbevorratung. Die Bäume und Mauern vieler Städte waren Ende 1942 trotz Verboten derartig mit Tauschzetteln beklebt, dass dies als Verschandelung gewertet wurde (Gebrauchtwarentauschstellen, Die Deutsche Volkswirtschaft 12, 1943, 668). Doch auch hier regierte das NS-System flexibel, erlaubte offizielle Gebrauchtwarentauschstellen zur „Mobilisierung ungenutzter Werte“ (Tauschstellen des Handels, Die Deutsche Volkswirtschaft 12, 1943, 1054-1055, hier 1054).

Das „Hamstern“ vieler Privatpersonen blieb ein zentrales Problem der Heimatfront, lockten angesichts der geltenden Festpreise doch hohe Gewinne (Blick in den Keller, Frankfurter Zeitung 87, 1943, Nr. 385/386 v. 31.07., 3). Bezeichnend war etwa der inkriminierte Fall eines Schuhwarengeschäftes im niedersächsischen Landkreis Bersenbrück, dessen Bearbeitung sich über mehr als ein halbes Jahr hinzog, da die beschlagnahmten Güter von lokalen Handlungsträgern eigenmächtig weiterverteilt worden waren (Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 430, Dez. 106, acc. 15/65, Nr. 319, Bd. 1 und Bd. 2). Allein die relative Effizienz der Grundversorgung und die zunehmend härtere, letztlich aber nur punktuell umgesetzte Bestrafung bei Preisvergehen und Schwarzhandel hielt die Schattenwirtschaft während Krieges in systemstabilen, teils auch systemstabilisierenden Grenzen (Die neue Verbrauchsregelungs-Strafverordnung, DHR 35, 1942, 34-35). Zudem garantierte bis zur totalen Niederlage 1945 der „deutsche“ Handel bis zur Selbstaufgabe die Versorgung in der Volksgemeinschaft (Uwe Spiekermann, L’approvisionnement dans la Communauté du peuple. Approches du commerce »allemand« pendant la période national-socialiste, Le Mouvement Social 206, 2004, 79–114). Grauen und schwarzen Märkte zum Trotz, und entgegen dem vielfach üblichen Tauschhandel und Hamstern, sicherte er den Absatz der rationierten Waren. Das galt auch während der folgenden Besatzungszeit, die zu einer massiven Ausweitung des Hamsterns unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen führte.

Hamstern als unwillig geduldete Selbsthilfe nach dem Zweiten Weltkrieg

Hamstern ist in der heutigen Öffentlichkeit wohl am stärksten mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Das hat vor allem mit gängigen Geschichtsnarrativen zu tun, die die Selbstbehauptung von Abermillionen von Deutschen als Teil des Neubeginns, als Bruch mit dem NS-Regime und als Beginn des doppelten Wirtschaftswunders in West- und Ostdeutschland interpretieren. Damit verbunden ist eine grundsätzlich positive Deutung des Hamsterns, symbolisiert etwa im Begriff des „Fringsens“, also der vermeintlichen Billigung des Diebstahls von Kohle und Lebensmitteln für den Eigenbedarf durch den Kölner Kardinal Josef Frings (1887-1976). Frings hatte in seiner Silvesterpredigt 1946 zwar anderes gesagt, doch das kümmerte weder damals noch heute.

Faktisch war das Hamstern nach 1945 eine Wiederkehr der Situation von 1916 bis 1919. Angesichts einer von den Besatzungsmächten nur mit großen Mühen und Opfern gerade für ihre eigene Bevölkerung aufrechterhaltenen, jedoch gänzlich unzureichenden Grundversorgung war Selbsthilfe erforderlich, wollte man nicht ehrlich sterben. Insbesondere während des Hungerwinters 1946/47 lagen die Rationen mit teils unter 1.000 Kilokalorien pro Tag und Kopf weiter unterhalb der lebensnotwendigen Margen – und hinzu kam ein massiver Mangel an Kohle: „‚Hamstern‘ auf dem Land wurde zur Überlebensfrage. Dies war vor allem die Aufgabe von Frauen, die auf kilometerlangen Märschen nicht selten ihr letztes Hab und Gut gegen Lebensmittel eintauschten“ (Das Neue Köln 1945-1995, hg. v. Werner Schäfke und Rita Wagner, 2. Aufl., Köln 1995, 496).

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Grenzen des Hamsterns für die städtische Bevölkerung (Der Simpl 2, 1947, 236)

Derartige Aussagen sind richtig und falsch zugleich. Der Schwerpunkt des Wareneinkaufs und auch der informellen Wirtschaft fand in den Städten statt, bei offiziellen Händlern, auf grauen und vor allem schwarzen Märkten (Malte Zierenberg, Berlin‘s Black Market, 1939-1950, Houndmills und Basingstoke 2015). Der viel geschmähte Schleichhandel war ein wichtiges und unverzichtbares Brückenelement. Frauen dominierten, wie im Ersten Weltkrieg, das Hamstern, doch dies war notwendig angesichts der massiven Zahlen gefallener Soldaten und millionenfacher Kriegsgefangenschaft. Wie im Ersten Weltkrieg wurde von den Behörden der Mangel mit einer immensen Zahl von Verordnungen reguliert, zumal die Strukturen des Reichsnährstandes erst einmal weiterbestanden. Angesichts des realen Mangels verpufften diese jedoch. Die moralische Diskreditierung blieb bestehen, wiederum stärker bei Schleichhändlern, Schiebern und Wucherern. Die neuen Machthaber setzen dabei die Kommunikation der alten im Wesentlichen fort. In der Sowjetischen Besatzungszone wurde beispielsweise festgestellt, „daß in den ländlichen Gegenden eine große Anzahl von Käufern erscheinen, die landwirtschaftliche Produkte auf den Höfen der Bauern zu Spekulationszwecken einkaufen. Die Spekulanten nutzen das Fehlen einer Kontrolle seitens der örtlichen behördlichen Organe aus und kaufen Getreide, Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, Milch, Eier bei Bauern ein, die ihre Pflichtablieferung nicht erfüllt haben; dies trifft insbesondere auf Milch zu. Diese Tatsache führt zu einer Nichterfüllung der Pflichtablieferung und zum Ankauf von Milch, Gemüse und anderen Produkten durch Spekulanten, die sich dabei bereichern“ (Verbot des Ankaufs landwirtschaftlicher Produkte vom Hof des Bauern, Die Versorgung 1, 1946/47, 60). Nachfolgende Enteignungen und die Verstaatlichung vieler Bauernhöfe schlossen sich an, nutzten die Lage ideologiekonform. Dennoch gab es einen wichtigen Unterschied zu den Jahren 1916 bis 1919: Die Besatzungsbehörden waren Vertreter der früheren Feinde, denen die Mehrzahl der Bevölkerung als vermeintliches Opfer von Willkür und imaginiertem Vernichtungswillen gegenüberstand. Hamstern wurde daher deutlich rascher als zuvor zum Alltagsphänomen, stand man doch anfangs keiner deutschen Obrigkeit gegenüber.

Die Mehrzahl der Deutschen knüpfte zugleich an die an sich berechtigten Argumente an, die schon im Ersten Weltkrieg genutzt wurden: „Man sollte vorsichtig verfahren bei jeglicher moralischer Diffamierung. Sie hat sonst nur Heuchelei zur Folge und vermehrt das Maß an Unaufrichtigkeit, an dem das soziale und wirtschaftliche Dasein ohnehin krankt. […] Die stirnrunzelnde Mißbilligung des Tuns von Menschen, die sich innerhalb der bescheidenen Grenzen der heutigen Rationen ein wenig satter essen möchten, ist auch wirkungslos und vermindert die Autorität. Man begnüge sich mit der lapidaren Sprache des Gesetzes und unterlasse es zu moralisieren.“ (Hamsterfahren, Wirtschaftszeitung 1947, Nr. 20 v. 16. Mai, 3). Eine weitere Besonderheit dieser Zeit war, dass die gehamsterten Waren angesichts der deutlich wichtigeren Schwarzmärkte nicht nur konsumiert wurden, sondern als Tauschgüter dienten (Antonia Humm, Die Ernährungskrise in Berlin zwischen 1945 und 1949, in: Vom Berliner Stadtgut zum Freilichtmuseum, Berlin 1997, 109-129, insb. 122-123).

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Glück und Leid eines Hamsters (Der Simpl 1, 1946, Nr. 7, 88)

Das Hamstern wurde bekämpft, mit gewissem Augenmaß jedoch auch geduldet. Informelle Märkte etablierten sich, waren funktional zur Überwindung einer existenziell bedrohlichen Versorgungslage. Sie war verbunden mit massiven gesellschaftlichen Verwerfungen, denn Zurückhaltung und Rücksicht auf Alte, Kranke und Schwache war nicht üblich. Mit der Verbesserung der Versorgungslage wurde das Hamstern weiter entkriminalisiert, erschien gar folkloristisch-fröhlich. Festzuhalten ist, dass es bis weit in die frühen 1950er Jahre in abebbendem Umfang weiterbestand. Auch die „Wirtschaftswunderzeit“ war ja bis weit in die 1960er Jahre durch umfangreiche graue Märkte gekennzeichnet. Der Hamster stand im Westen für einen Neubeginn aus eigener Kraft, auch wenn Millionen nur dank der beherzten Hilfe der früheren Feinde überlebten. Er ist Teil des Mythos vom Bruch mit dem Nationalsozialismus, ähnlich wie bei vielen „Trümmerfrauen“. Doch hier geht es nicht um Dekonstruktion bestehender Geschichtsbilder, sondern um die Figur des Hamsters. Sie wurde in dieser Nachkriegszeit zu etwas anderem, etwas Eigenem, etwas durchaus Positivem.

Das Fortleben des Hamsters in der DDR

Das galt allerdings vorwiegend im Westen Deutschlands. In der DDR blieb der Hamster bis weit in die 1960er Jahre hinein eine Alltagsfigur. Die kommunistischen Machthaber knüpften unmittelbar an die Narrative der Sozialdemokraten des späten 19. Jahrhunderts und der KPD während der Weimarer Republik an. Der Hamster war nicht Teil des Volkes, des Kollektivs der Bauern und Werktätigen. Er war vielmehr ein kapitalistischer Egomane, ein Spekulant, der das Aufbauwerk des Sozialismus unterminierte.

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Die Hamsterin als Negativfigur in der DDR (Der Handel 5, 1955, Nr. 7, 8)

Die Bildsprache einschlägiger Karikaturen knüpfte an die des NS-Staates an, diente der moralischen Diskreditierung des Hamsters als Agenten des Westens, als Kollektivfremden. Harte Strafen galten, wurden symbolisch auch ausgesprochen. Wie zuvor dominierte jedoch eher das Horten und Tauschen von Waren – zumal es der DDR ja rasch gelang, die Grundversorgung zu sichern. Die sozialistische Planwirtschaft mit ihrer massiven Begrenzung des Preismechanismus gelang es jedoch nicht, das kleine und vor allem das große Hamstern der Betriebe zu beenden, verstärkte es gar. Die DDR-Mangelgesellschaft blieb eine Hamstergesellschaft – und das war eine Ursache für ihren wirtschaftlichen Kollaps.

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Folgen des Hamsterns in der Karikatur (Handelswoche 6, 1961, Nr. 34, 5)

Öffentlich wurde mit den Mängeln des Plans und der daher erforderlichen Findigkeit und Flexibilität der Bürger immer wieder kokettiert. Doch angesichts regelmäßiger Versorgungsprobleme bei den tausend kleinen Dingen blieben Hamsterkäufe und Tauschwirtschaft üblich, prägten den Alltag.

Im Westen war dies anders, denn dort übernahm der Handel zunehmend die Rolle der Vorratswirtschaft – und darauf vertrauten die meisten Westdeutschen. Hamstern erschien als eine Reminiszenz an vergangene und überwundene Zeiten. Das gilt, trotz vermehrter Vorratskäufe etwa während der Ölkrise 1973/74. Die Westdeutschen wurden zwar von Haushaltswissenschaftlern und der Zivilverteidigung immer wieder angehalten, zumindest einen Notvorrat anzulegen: „Vorratshaltung, klug zusammengestellt, sorgsam gepflegt und ständig rotierend, kann nicht nur nicht schaden. Sie ist notwendig, sie beruhigt und ist daher nach wie vor notwendig“ (Elisabeth v. Oertzen, Vorsorge ist Fürsorge und keine Hamsterei, Das Reich der Landfrau 77, 1962, 398). Entsprechende staatliche Bestrebungen, etwa im Rahmen der 1961 gestarteten Aktion Eichhörnchen, verpufften jedoch ohne wirkliche Breitenwirkung (Krisenvorräte in jedem vierten Haushalt, Die Ernährungswirtschaft 8, 1961, 789; Von Welck, Überlegungen zur Frage der Haushaltsbevorratung, ebd. 9, 1962, 104-105). Vorratswirtschaft wurde auf den Staat und den Handel delegiert, Selbstvorsorge schien nicht wirklich notwendig zu sein.

Hamstern heute – ein vorläufiges Fazit

Die Corona-Krise änderte dies. Die Anlage von Grundvorräten ist richtig und krisenadäquat. Sie reduziert die Zahl der Kontakte und damit das Infektionsrisiko. Die seit Ende Februar hierzulande stark steigenden Verkaufsziffern elementarer Güter dienten vornehmlich der Selbstvorsorge, waren aktive und zielgerichtete Maßnahmen angesichts der massiven Quarantänemaßnahmen in China und der sie begleitenden Beschwichtigungen in Politik und Qualitätsmedien.

Die als irreal und überzogen verlachten Hamstereinkäufe dokumentierten selbstbewusstes Handeln abseits einer sich noch im Gleichschritt bewegenden Gesellschaft des Weiter-So. Es ging den Hamstern um den Aufbau fehlender Notvorräte, um eine Selbstvergewisserung durch eigenes Tun. Die Kaufenden dokumentierten damit zugleich ihr Misstrauen angesichts ausbleibender öffentlicher Vorsichtsmaßregeln. Sie waren Augenöffner einer sich anfangs nur verwundert die Augen reibenden Wohlstandsgesellschaft. Doch große Teile der politischen und medialen Eliten reagierten mit typischen Reflexen: Hybris angesichts des leistungsfähigen deutschen Gesundheitssystems, Hochmut gegenüber den scheinbar ungebildeten Mehl- und Nudelhamstern, Denunziation ihrer ungebührlichen, weil egozentrischen Handlungen. Der andauernde mediale Hype um das massiv gehortete Toilettenpapier unterstreicht, dass all dies nicht recht ernst genommen wurde, dass es sich um Unterschichtenprobleme handelte, zu denen die Mehrzahl keinen direkten Bezug hatte und hat. Das gilt, auch wenn die Mitte der Gesellschaft rasch ebenfalls gezielt nachfolgte.

Die Hamster haben richtige Schlüsse aus der Krankheit im fernen China gezogen. Sie handelten durch Kauf, also im Sinne unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Sie erfassten die herannahende Krise und wurden darob gebrandmarkt. Die Thematisierung durch Politik und vielen Medien nahm die im übergebührlichen Kauf liegende Aussagen nicht ernst, sondern grenzte sich ab: Sie vertierten ihre handelnden Mitbürger, denunzierten deren Egoismus, deren vermeintliche Irrationalität. Sie verwandten dazu Begriffe, deren Bedeutungsgehalte sie wahrscheinlich selbst kaum kannten. Der Hamster war weit weg, keine Figur unserer Zeit und der sie prägenden Versorgungssicherheit. Politiker und Journalisten verwiesen nicht auf die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Aufbruch einer hungernden, sich an Neuem orientierenden Gesellschaft, einem von den politischen Rahmenbedingungen unabhängigen Überlebenswillen. Sie öffneten vielmehr die Büchse der Pandora zu den Begriffsnuancen des Wilhelminismus – egoistischer Güterraffer –, des Nationalsozialismus – Volksschädling – oder den vielfältigen Spaltungen und Ausgrenzungen, die das Wortfeld während und nach dem Ersten Weltkrieg prägten. Das Wortfeld Hamster/n ist gefährlich, da inhaltlich beliebig füllbar, spaltend und voller antikapitalistischer und antisemitischer Gehalte. Hamster und Hamstern sind Flaggenworte zur Vergemeinschaftung, doch auch zur Bekämpfung und Beseitigung der anderen. Wer derart gefährliche Begriff nutzt(e), handelt unbedacht, gar unverantwortlich.

Das gilt besonders, weil sich parallel zur öffentlichen Abgrenzung von Hamstern die gleichen Mechanismen beobachten lassen, die es schon im Ersten Weltkrieg und während des NS-Systems gegeben hat. Die kleinen Hamster werden benannt, die großen aber darüber vergessen. Während einzelne Vorräte kauften, um in der Krise gewappnet zu sein, setzte das große Hamstern der einschlägig erforderlichen Güter des Gesundheitssystems ein. Nachdem die kleinen Hamster erste Apotheken und Drogeriemärkte leergekauft hatten, begannen auch Krankenhäuser Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel zu horten, wurden diese vom Staat massenhaft geordert. Die steten Propagandisten des offenen und freien Europas schlossen gar die Grenzen, um sich Vorräte zu sichern, Masken, Schutzkleidung, intensivmedizinische Geräte, zunehmend auch Personal. Als in Italien die ersten Alten röchelnd und ohne eine helfende Hand verreckten, priesen die Offiziellen „unsere“ Vorbereitungen, boten den Kranken kein Bett, den Ärzten und Pflegern keine Masken. Diese Hartherzigkeit und dieser Geiz entsprachen der vermeintlichen Hamsternatur, die man beredt kritisierte und zugleich unreflektiert praktizierte. In Krisen sollte auf derartige Heuchelei verzichtet werden, sondern zielgerichtetes Krisenmanagement ohne Schuldzuweisungen dominieren.

In Krisen ist die reale Gefahr vielfach geringer als die durch die Krise selbst hervorgerufenen Dynamiken. Der Rückfall in überwunden geglaubten Nationalismus ist atemberaubend, ebenso die kraftmeiernde Vollkaskopolitik voller ungedeckter Schecks und Versprechungen. Maßnahmen werden erlassen, kaum erklärt, Empathie und „Mitnehmen“ fehlen. Harte Einschnitte sind erfolgt, weitere werden folgen. Der Erfolg aller Anordnungen hängt nun entscheidend vom Handeln der „kleinen Leute“ ab, ihrer Einsicht, ihrem Mitgefühl, ihrer Selbstverantwortung. Das sollte vielleicht denen zu denken geben, die Mitbürger als „Hamster“ denunzieren, obwohl diese schon vor Wochen ohne Anordnungen richtige Schlüsse am Beginn einer Krise gezogen haben.

Uwe Spiekermann, 19. März 2020

Das „Deutsche Frischei“ – Ein Flop mit Zukunft

Wann haben Sie das letzte Mal Eier geprüft? Falls das schon länger zurückliegt, so haben Sie offenbar Vertrauen in die Qualitätskontrollen von Herstellern und Handel, glauben den auf das Ei gestempelten Informationen und den Angaben auf der Verpackung. Sie essen Eier, Sie kochen und verarbeiten sie, doch deren Qualität und deren Frische haben Sie anderen übertragen. Lassen Sie es sich schmecken…

Falls Sie allerdings wissen wollen, warum Sie selbst beruhigt untätig sein können, so lesen Sie weiter. Dann werden Sie mehr darüber erfahren, wie vor mehr als 90 Jahren Grundstrukturen etabliert wurden, die nach vielen Häutungen schließlich dazu geführt haben, dass Sie sich um diesen Teil ihres Essalltags kaum mehr kümmern müssen. Es wird um die Einführung des „Deutschen Frischeies“ gehen, 1926 bis 1928 konzipiert, ab 1930 allseits beworben, doch schon 1932 in ein anderes System des Absatzes und der Produktion überführt. Eigentlich ein Flop. Doch das „Deutsche Frischei“ machte Schule, seine Produktion, Kontrolle und Vermarktung setzten Standards für eine gesicherte Mindestqualität – und damit auch für Ihr Grundvertrauen.

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Der Traum von einer dressierten Natur – Karikatur 1913 (Fliegende Blätter 139, 1913, 236)

Die deutsche Eierwirtschaft in den 1920er Jahren – nicht konkurrenzfähig

Die Gründe für eine neue Ordnung der Eierwirtschaft lagen im relativen Niedergang der deutschen Landwirtschaft während und nach dem verlorenen Weltkrieg. Schon zuvor hatte sie an Wettbewerbsfähigkeit verloren, wurde jedoch durch die seit 1906 geltenden hohen Zölle der Bülow-Tarife auf Kosten der Verbraucher geschützt. Just diesen verloren breite Teile der Agrarwirtschaft immer stärker aus dem Blick, passten sie ihre Produktion doch nur zögerlich den sich rasch wandelnden Ansprüchen zumal der städtischen Bevölkerung an. Die Produktion konzentrierte sich auf Massengüter, wie Getreide oder Kartoffeln, und setzte nur unzureichend auf veredelte, marktnahe Produkte, etwa Obst und Gemüse oder aber Käse und Butter. Die Folge war eine wachsende Einfuhr ausländischer Güter, die vielfach qualitativ besser, teils preiswerter, fast durchweg jedoch einheitlicher und leichter vermarktbar waren.

Eier stammten vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend aus Russland sowie Österreich-Ungarn. Während des Krieges blieben sie anfangs noch frei verkäuflich, doch 1916 begann die Zwangsbewirtschaftung. Diese endete formal zwar 1919, dann aber dominierten Richtpreise den Absatz. Mochte die Selbstversorgung mit Eiern im Jahrzehnt der Ernährungskrise 1914 bis 1923 auch manche Vorteile bieten, so gaben die ökonomischen Rahmenbedingungen sicher kaum Anreize für den Ausbau der Geflügelwirtschaft. Der Versailler Vertrag hatte den Zollschutz der Landwirtschaft für mehrere Jahre beseitigt und auch die 1925 erfolgte Rückkehr zu den Bülow-Tarifen konnte aufgrund von Meistbegünstigungsklauseln nicht den gewünschten „Schutz“ bewirkten. Die überlegene ausländische Konferenz nutzte die sich bietenden Chancen im Eiermarkt. Billigimporte kamen weiterhin vor allem aus dem Osten und Südosten Europas, etwa aus dem Baltikum, Polen, Ungarn und Rumänien. Wichtiger aber wurden die Angebote aus den Niederlanden, Belgien und Dänemark, Länder, die vor dem Krieg nur einen Importanteil von 5 % hatten. Deren hochwertige und frische Eier machten ab Mitte der 1920er Jahre etwa zwei Fünftel der Einfuhren aus. Sie belieferten vor allem die Konsumzentren des Ruhrgebietes, des Rheinlands und Berlins. Offenkundig hatte die deutsche Eierwirtschaft ihren eigentlichen Vorteil, die Nähe zum Konsumenten, verspielt (Norwich Rüße, Absatzkrisen und Marketingkonzepte der deutschen Landwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1996/I, 129-162, hier 134).

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Imaginierte Bedrohung: Importeier auf dem deutschen Markt 1929 (Der junge Landwirt 3, 1930, 95)

Ja, „Der Markt ist ein unbarmherziger Richter!“ (Kurt Ritter, Absatz und Standardisierung landwirtschaftlicher Produkte, 2. Aufl., Berlin 1926, 25) Die deutschen Konsumenten griffen in den 1920er Jahren zu ausländischen Eiern, da deren Hersteller ihre Ware frisch und in standardisierter Qualität lieferten, da sie ferner eine an sich stark saisonale Ware ganzjährig zu akzeptablen Preisen anboten. Um zu verstehen, warum diese heutige Selbstverständlichkeit für die deutsche Landwirtschaft eine Herausforderung war, müssen wir uns kurz in eine Zeit zurückversetzen, in denen „natürliche“ Rhythmen die Eierproduktion noch dominierten und die Legeleistung der Hühner bei 80 bis 90 Eier jährlich lag – im Gegensatz zu heutigen Hybridhühnern, die in klimatisierten und beleuchteten Ställen ca. 300 Stück liefern.

Vor dem ersten Weltkrieg war Hühnerhaltung auf den meisten Bauernhöfen üblich, doch sie diente erst einmal der Selbstversorgung. Überschüsse wurden zumeist an Aufkäufer, Hausierer oder Ladenhändler verkauft, teils noch im Tauschhandel gegen Waren. Hühnerhaltung war Frauenarbeit. Eierverkauf ergab Zusatzeinkommen: „Die Bauersfrau zog mit ihrem Korb Eier wöchentlich ein- bis zweimal zur Stadt auf den Markt, bekam für das Dutzend Eier 30, im besten Falle 50-70 Pfg. und konnte mit diesem Erlös kaum die abgelaufenen Stiefelsohlen, geschweige denn das Futter für ihre Hühner bezahlen“ (Hans Brenning, Genossenschaftliche Eierverwertung, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (MDLG) 41, 1926, 658-661, hier 659). Sie hatte also kaum Marktmacht, konnte ihre Preisvorstellungen nur selten gegen Händler und auch Konsumenten durchzusetzen. So spielte die Größe der Eier damals keine Rolle: „Ei ist eben Ei“ (Nutzen der Geflügelzucht, Das Land 4, 1895/96, 362). Auch die Frische der Eier konnte per Augenschein kaum ermittelt werden. Durch Eintauchen in Wasser kann man das Alter zwar grob abschätzen, doch durch die damit verbundene Zerstörung der schützenden Fettschicht muss das Ei danach rasch verbraucht werden. Mangels Kennzeichnung und präziser Lagerung konnten Eier im Laden durchaus mehrere Wochen alt sein, so dass immer die Gefahr fauler, penetrant stinkender Eier bestand. Die Eieranbieter konterten die Preismacht der Händler und Konsumenten nämlich mit ihrer Zeitmacht, ihrem Wissen über das wahre Alter der Eier.

Das Ei – eine saisonale Ware

Hier gilt es innezuhalten. Denn anders als heute waren Eier noch in den 1920er Jahren eine stark saisonale Ware. Ware? Für ein Huhn ist ein Ei etwas anderes, nämlich Garant für Nachkommen, für neue Küken. Um nationale Zuschreibungen schert es sich nicht. Seine „natürliche“ Legetätigkeit endet im Herbst. Im September und Oktober waren frische Eier daher selten, im November und Dezember sehr selten. Anfang des Jahres nahm dann die Legetätigkeit der Hühner langsam wieder zu, um von März bis Mai in eine „Eierschwemme“ überzugehen. Fast 60 Prozent der einheimischen Eier wurden in nur vier Monaten, von März bis Juni, gelegt (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 25). Es sind derartig profane Rhythmen, die unsere eigenartige Verbindung von Ostern mit Eiern mit erklären können.

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Auszug aus einer Werbung des Filialisten Wilhelm Goebel für frische Eier im Frühjahr 1905 (Vorwärts 1905, Nr. 65 v. 17. März, 12)

Saisonale Güter führen in Marktwirtschaften zu Preisschwankungen: „Während im Herbst und im Winter die Eier ganz besonders von den kleinen Erzeugern und von kleinen Bauern möglichst lange zurückgehalten werden, um von dem späteren höheren Preisen Nutzen zu ziehen, der mit vermindertem Angebot regelmäßig eintritt, geschieht im Frühjahr genau das Gegenteil“ (Heinrich Kleinböhl, Das Alter der Eier, Die Volksernährung 5, 1930, 322-323, hier 322). Angesichts eines raschen Preisverfalls wurden Eier nun möglichst rasch verkauft. So waren Eier im Herbst und Winter teuer und selten frisch, im Frühjahr und auch noch im Sommer kehrte sich dieses Verhältnis um. Städtische Konsumenten wollten sich derartigen Rhythmen jedoch entziehen: Sie wollten ganzjährig Eier essen, relativ billig, relativ frisch.

Die geforderten Zeitensprünge hatten jedoch ihre Tücken. Das galt erst einmal für die häusliche Konservierung der Eier, die auch von Großhändlern praktiziert wurde. Frisch gelegte Eier wurden dazu vor Lufteintritt geschützt. Man bestrich Eier mit Fett oder Vaseline, legte sie in Sand, in Holzasche oder Häcksel. Kühlung im Keller oder in Erdmulden konnte ebenfalls helfen (Max Grünwald, Der Nährwert des Hühnereis und die Eierverordnung vom 17. März 1932, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 158-160, hier 158). Mit derartigen Mitteln konnten Eier viele Wochen, ja mehrere Monate aufbewahrt werden. Die Verkaufserlöse konnten dadurch durchaus verdoppelt werden, doch die Maßnahmen hatten ihren Preis: Die Zahl der faulen Eier war nicht gering, der Geschmack häufig muffig. Angesichts fehlender Kennzeichnungspflichten war dies Reiz und Gefahr zugleich. Daher gingen viele, auch städtische Hausfrauen dazu über, günstig gekaufte Eier schon während der „Eischwemme“ zu konservieren. Dazu aber musste man sie in Flüssigkeiten aufbewahren, die die Schutzfunktion der Schale langfristig stabilisierten. Man verwandte meist Kalkmilch oder Wasserglas. Letzteres ist eine Mischung aus Kieselsäure und Natriumoxyd, während Kalkpräparate vor allem aus Ätzkalkpulver, Sand, Gips und Eisenoxyd bestanden. Diese Mittel konnte man in der Drogerie oder auch der Apotheke kaufen, doch es gab – wie beim Backpulver oder der Maisstärke – auch Fertigmischungen. Eikonservierungsmittel, etwa „Garantol“, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gängige Haushaltsnamen (vgl. W[endelin] A[lban] Schwalbe, Warenkunde des Lebensmittel-Einzelhandels, 8. verb. Aufl. v. H[erbert] Leiser und E[berhard] Oelfke, Leipzig 1939, 184).

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Paradoxe Frische: Werbung für das Eierkonservierungsmittel Garantol (Meggendorfer Blätter 140, 1925, 208)

Das Problem dieser Eierkonserven war jedoch ihr Geschmack. Er war kalkig-kratzend. Als Frühstücksei waren sie also weniger brauchbar, und auch in der Küche nur bedingt verwendbar. Eischnee konnte mit Kalkeiern eben nicht mehr geschlagen werden (Grünwald, 1932, 158). Die Bedeutung von Eierkonserven im Absatz blieb daher gering und auf den Haushalt beschränkt. Nun, werden Sie fragen, warum wurden die Eier nicht gekühlt? In der Tat, technisch waren deutsche Anbieter spitze, ihre Kühlmaschinen wurden weltweit verkauft. Doch Kühlhäuser hatten im Deutschen Reich – anders als etwa in den USA oder in Großbritannien – nur geringe Kapazitäten. Es fehlte einerseits an einer Kühlkette, die bis in die Läden reichte. Anderseits gab es noch keine elektrische Kühlung, sondern lediglich relativ teure mit „Natureis“ bestückte Eisschränke im bürgerlichen Milieu. Kühlhäuser wurden daher vornehmlich in Hafenstädten und den Hauptabsatzzentren gegründet. Hinzu kamen beträchtliche Probleme mit der Temperaturführung in den keineswegs normierten, sondern kleinteilig ausgebauten Kühlhäusern. Die teils sehr unterschiedlich verpackten Eier konnten vielfach nicht sachgemäß untergebracht werden, auch waren die Auswirkungen der Kühlung auf die Eier nur ansatzweise erforscht. Ende der 1920er Jahre lag der Anteil der Kühlhauseier am deutschen Gesamtverbrauch bei lediglich drei bis vier Prozent. Das waren 1928 ca. 420 Millionen Eier, 1929 400 Mio. und 1930 dann nur noch 282 Mio. (Einlagerung von Eiern in deutsche Kühlhäuser, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/31, 135). Während in den USA intensiv über Kühlhauseier versus Frischware gerungen wurde, ging der Streit in Deutschland um Auslandseier oder deutsche Ware (zu den USA s. Susanne Freidberg, Fresh. A Perishable History, Cambridge/Mass. 2009, 86-121).

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Saisonale Schwankungen des Eierangebots im Deutschen Reich 1927/28 (Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/32, 311)

Ein Blick auf das Angebot 1927/28 zeigt eindringlich, dass auf dem Eiermarkt zwei unterschiedliche Agrarwirtschaften aufeinandertrafen. Die deutschen Anbieter waren noch massiv an „natürliche“ Legerhythmen rückgebunden, während die ausländischen Lieferanten recht kontinuierlich lieferten und insbesondere im Winter das Angebot dominierten. Überspitzt formuliert: Im Deutschen Reich bestimmten die Hühner die Marktzufuhr. Im Ausland, zumal in den Niederlanden, Belgien und Dänemark, gab es dagegen bereits Haltungsformen, Produktionsstandards und Transportkapazitäten, die das vorwegnahmen, was dann in Deutschland in den späten 1920er und 1930er Jahren begonnen und in den 1950er und 1960er Jahren vollends nachgeahmt wurde. Das Problem war also klar: „Solange die deutschen Geflügelhalter es nicht fertig bekommen, die deutsche Verbraucherschaft während des ganzen Jahres mit frischen Eiern zu versorgen, wird der deutsche Kaufmann die ausländischen Eier nicht entbehren können“ (Groß, Unser Ziel, Hannoversche Land- und Forstwirtschaftliche Zeitung (HLFZ) 83, 1930, 137-140, hier 138-139).

Standardisierung als Kernaufgabe

Wie nun auf die Herausforderung der Massenmärkte und der Konkurrenz der überlegenen ausländischen Konkurrenz reagieren? In den späten 1920er Jahren wurde zwar schon intensiv um neuartige Haltungsformen in spezialisierten Hühnerfarmen gerungen, doch der Anteil der vor allem im 1896 gegründeten Clubs Deutscher Geflügelzüchter (Görges, Die Ziele des „Klubs Deutscher Geflügelzüchter“, HLFZ 83, 1930, 151-152) organisierten größeren Eierproduzenten lag 1928 bei lediglich 15 Prozent. Der Großteil der deutschen Produktion, 85 Prozent, stammte aus bäuerlicher Hühnerhaltung – mehr als 80 Prozent davon aus Betrieben mit unter 20 ha Betriebsfläche (Karl Wagner, Neue Einrichtungen der Eierverwertung, MDLG 45, 1930, 852-854, hier 852).

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Hühnerfarm in Scharnebeck (HLFZ 83, 1930, 155)

Auch die Hühnerfarmen waren nach heutigem Verständnis klein. Abgesehen von Ausnahmen, wie etwa der Eberswalder Finow Farm, produzierten sie täglich mehrere hundert Eier, während die größten Betriebe heute hunderttausende auf den Markt werfen. Das war damals undenkbar, schon aufgrund fehlender Antibiotika. Die Hühnerzucht stand zwar schon seit langem im Blickpunkt spezialisierter Zuchtvereine und der Agrarwissenschaft, Küken wurden häufig von spezialisierten Brutanstalten zugekauft. Doch auf Eierproduktion spezialisierte Hybridhühner wurden erst seit 1940 eingesetzt, zuerst in den USA. Die Futterlehre hatte beträchtliche Fortschritte gemacht, doch die Kosten der eiweiß- und mineralstoffhaltigen Futtermittel waren für kleinere Halter zu hoch. Auch die wichtigsten Stellschrauben der immensen Produktionssteigerungen seit den späten 1950er Jahren wurden in den 1920er Jahren erprobt (und bereits kontrovers diskutiert): Die Klimatisierung und die Lichtführung in den Hühnerfarmen. Die deutsche Eierwirtschaft entwickelte sich also, der Geflügelbestand nahm zu. 1912 gab es knapp 72 Millionen Hühner (inklusive von Enten und Gänsen), 1921 trotz der Gebiets- und Bevölkerungsverluste fast 68 Millionen. Bis 1924 kamen vier Millionen hinzu, zwei Jahre später lag die Zahl bei knapp 76 Millionen und 1928 schließlich bei 84,5 Millionen Tieren ([Wilhelm] Müller-Lenhartz, Kann Deutschland seinen Eierbedarf selbst erzeugen?, MDLG 45, 1930, 386-387, hier 386) – bemerkenswertes Wachstum, wenngleich noch nicht annähernd die 174 Millionen Hühner im Jahre 2016. Auch die Legeleistung der Hennen stieg, in bäuerlichen Wirtschaften von ca. 80 auf 90 Eier pro Huhn und Jahr, in Hühnerfarmen wurden auch 150 Eier erreicht. Doch all dies reichte nicht, um den wachsenden Appetit auf Eier zu decken. 1924 aß der Durchschnittsbürger 98 Eier, 1926 121 und 1928 141 (Wagner, 1930, 852). Der Markt wuchs, doch der Ertrag floss ausländischen Wettbewerbern überdurchschnittlich zu: Lag der Einfuhrüberschuss 1912 noch bei 192 Millionen M, so stieg er seit der Mitte der 1920er Jahre rasch an: 1926 erreichte er 234 Mio. RM, 1927 263 Mio. und 1928 dann 294 Mio. RM (Müller-Lenhartz, 1930, 386). Veränderungen schienen unabdingbar.

Wo aber ansetzen? Die Landwirtschaft, genauer der die Landwirtschaftskammern repräsentierende Deutsche Landwirtschaftsrat, setzte auf die Standardisierung der Eier, um damit Vertrauen im Markt zurückzugewinnen. Das Programm der Reichsregierung resp. des Reichslandwirtschaftsministeriums war dagegen deutlich ambitionierter. Angesichts der seit Mitte der 1920er Jahre drängender werdenden internationalen Agrarkrise – Preisverfall durch Überproduktion und Überschuldung durch zu ambitionierte Investitionen – startete sie 1928 ein landwirtschaftliches Notprogramm, das auf eine „zweckmäßige Organisation des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse und zum anderen [auf, US] die Belieferung des Marktes mit einheitlicher, guter Ware auf Grund einer eingehenden Marktbeobachtung“ zielte ([Ewald] Rosenbrock, Handelspolitik, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 47, 1929, 273-315, hier 291). Die vielbeschworene „Not der Landwirtschaft“ sollte durch Lernen von den ausländischen Wettbewerbern gewendet werden. Damit nahm man die Herausforderung der überlegenden Konkurrenz an und zielte auf eine rasche Umgestaltung der Geflügelwirtschaft.

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Nationalistische Karikatur gegen Importe (Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 44)

Beide Strategien hatten unterschiedliche Zeithorizonte, gründeten jedoch auf dem genossenschaftlichen Zusammenschluss der gewerblichen Hühnerhalter. Dieser startete 1880, als in Hamburg-Uhlenhorst eine erste Eierverkaufsgenossenschaft gegründet wurde (Nis Petersen, Die mustergültige Geschäftsentwicklung einer Eierverkaufsgenossenschaft, MDLG 34, 1919, 21-24, hier 21). Bedeutung aber gewann er erst um die Jahrhundertwende, nachdem 1895/96 Geflügelzuchtvereine im niedersächsischen Soltau und Visselhövede den Eierabsatz in eigene Regie übernahmen, um höhere Preise zu erzielen (Zollikofer, Zur Entstehung und Entwicklung des genossenschaftlichen Eierverkaufs, Landwirtschaftliches Genossenschaftsblatt 45, 1923, 139-142, 155-157, hier 139). Dazu lieferten sie einheitliche Ware und kooperierten mit dem Großhandel. Weitere Genossenschaften entstanden, zuerst in der preußischen Provinz Hannover, dann auch in Oldenburg, in Schleswig-Holstein, vereinzelt gar in Bayern. 1899 ließ die Landwirtschaftskammer Hannover ein erstes Warenzeichen eintragen – ein springendes Sachsenross, der Identitätsanker der 1866 von Preußen annektierten Provinz. Eier bester Güte wurden damit gestempelt, hoben sich so vom anonymen Angebot ab. Weitere Landwirtschaftskammern übernahmen dieses Verfahren, eine reichsweite Dachorganisation aber fehlte. Die neuen Genossenschaften ließen Fortschrittsträume keimen, doch die anvisierte Marktbeschickung durch Kühlhauseier aus genossenschaftlichen Kühlhäusern blieb auf niedrigem Niveau stecken (Die Organisation des genossenschaftlichen Eierabsatzes, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 1, 1904, 919-920). 1914 bestanden in der Provinz Hannover allerdings schon 140 Eierverkaufsorganisationen, die ca. 28 Millionen Eier verkauften. Die Genossenschaftsbewegung stagnierte während des Weltkrieges, Rationierung und Zwangswirtschaft ließen die Zahl der Genossenschaften bis Mitte der 1920er Jahre auf unter die Hälfte sinken (Gerhard Lichter und Helmut Kobligk, Neue Wege in der Geflügelzucht und Eierverwertung, Berichte über Landwirtschaft NF 10, 1929, 611-672, insb. 624-625). Doch die bestehenden Strukturen boten einen Gestaltungssockel. Ähnliches galt für den „Trinkei“-Stempel des Clubs Deutscher Geflügelzüchter (Der Tanz auf den Eiern, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1028-1030).

Das Genossenschaftswesen hatte sich seit dem 1860er und 1870er Jahre vor allem in Form von Einkaufsgenossenschaften gegründet. Es ging um billigeres Saatgut und Maschinen, dann auch um Kredit. Absatzgenossenschaften entwickelten sich dagegen nur zögerlich, meist im Umfeld urbaner Konsumzentren. Regionale Regelungen dominierten, etablierten aber auch Formen föderalen Wettbewerbs. Anfang der 1920er Jahre begann jedoch, vorrangig in Norddeutschland, eine Neuausrichtung des genossenschaftlichen Arbeitens. Gruppiert um einzelne Produkte, etwa Milch, Butter, Gemüse, Obst oder Kartoffeln, entwickelten die Landwirte mit Unterstützung staatlicher Institutionen regionale Markenprodukte und legte Qualitätsnormen fest, die ihre Mitglieder einzuhalten hatten (Otto Jüngst, Maßnahmen zur Absatzsteigerung bei Obst, Gemüse, Eiern und Geflügel, MDLG 42, 1927, 1194-1198; Hans Asmis, Die Stellung der deutschen Landwirtschaft auf dem Binnenmarkt, MDLG 43, 1928, 859-863). All das erschien notwendig, war aber auch ambivalent: Im Marktwesen „erleben wir den Untergang des einzelnen und den Aufstieg von hundert und tausenden Leuten in den Genossenschaften. Aber es bedarf noch vieler Mühe, vieler Zeit und vielen Zuredens, ehe wir den Landwirt, der auf der einen Seite technisch zur Spitzenleistung erzogen wird und zur Spitzenleistung streben muß, soweit haben, daß er auf der anderen Seite seine persönlichen Neigungen vergißt und sich anschickt, die allgemeinen Formen des Absatzes, die nur in der Masse errichtet werden können, mitzumachen“ (Friedrich Beckmann, Markt und Landwirtschaft, MDLG 45, 1930, 520-522, hier 522). Schrillere Stimmen wandten sich gegen den vermeintlichen „Kollektivismus“ dieser Maßnahmen, forderten stattdessen massive staatliche Interventionen, wie sie dann im Reichsnährstand 1933 Gestalt annahm (Replik, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1100).

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Abstraktion als Grundlage der Standardisierung: Das Huhn als Eierfabrik (Illustrierter Sonntag 1930, Nr. 50 v. 14. Dezember, 8)

Bevor wir uns der Konzeptionierung des „Deutschen Frischeies“ zuwenden, sollten wir uns aber noch kurz mit den Erwartungen auseinandersetzen, die mit der Standardisierung verbunden waren. Sie setzte anonyme Märkte und die umfassende Geltung von Marktmechanismen voraus, zielte implizit auf mittlere und größere Betriebe. Ihr Hauptziel war Kostenreduktion. Einheitliche Ware führte zu geringeren Verpackungs-, Transport-, Lager- und Verkaufskosten. Sie reduzierte Kontrollkosten, wusste man doch, welche Ware man erhielt. Dies erleichterte die Bestellung, ermöglichte zugleich raschere Kaufentscheidungen bis hin zum Termingeschäft. Zugleich wurde die Ware beleihbar, war also schon vor dem Kauf Geld wert. Standardisierte Ware reduzierte das Risiko bei Käufer und auch Verkäufer, erleichterte eventuell auftretende Mängelrügen. Schließlich erlaubte sie eine einfachere Marktbeobachtung und bot eine gute Grundlage für passgenaue Werbung (Kurt Schneider, Die Standardisierung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse als Grundlage einer rationellen agraren Absatzwirtschaft, MDLG 45, 1930, 741-743, hier 742). All dem standen Nachteile gegenüber: Standardisierte Ware war Massenware, konzentrierte sich auf Mindestqualitäten. Dies begrenzte die Dispositionsfreiheit der Produzenten, reduzierte tendenziell die Auswahl der Konsumenten. Über dem Standard liegende Produzenten wurden benachteiligt, und der Einkauf glich dem Abarbeiten einer Liste, nicht dem Entdecken der Vielfalt eines Gutes. Wichtiger aber schien den Befürwortern die Ausweitung des Marktes, die Konzentration auf höhere Produktionsziffern, das Bekenntnis zu einer möglichst kontinuierlichen Marktbeschickung und das Wegfallen der Handelsspannen für Mittelsleute. Kostensenkungen und erhöhter Absatz würden zu höheren Preisen und damit auch Gewinnen führen – und zugleich die nach gleichen Prinzipien arbeitenden Auslandsanbieter aus dem Markt drängen. Der denkende und rechnende Konsument würde schon entsprechend handeln.

Standardisierung zielte auf einzelne Waren, bliebt dabei aber nicht stehen. Um standardisierte Waren liefern zu können, waren nämlich umfassende Änderungen in der Produktion und dem direkten Vertrieb erforderlich. Standardisierung war damit Teil einer breiter gefassten Rationalisierung von Produktion und Absatz (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland 1840 bis heute, Göttingen 2018, 306-311). Es ging nicht allein um marktgängige Waren, sondern immer auch um eine marktfähige Produktion. Dies bedeutete allerdings auch eine gewisse Abkehr vom Konsumenten, mochten dessen Wüsche in der damaligen Fachliteratur auch stetig beschworen werden: „Das Problem der Absatzkrise ist nicht nur vom landwirtschaftlichen Betrieb her zu betrachten, wie das die alte Landwirtschaftslehre tat, sondern von der Absatzseite her, vom Markte mit seinen Forderungen. Eingehendes Studium der Absatzverhältnisse, Anpassung an die Wünsche der Verbraucher durch Verbesserung und Normung der Qualität ist eine Notwendigkeit für die Landwirtschaft“ (Alfred Funccius, Normung und Wirtschaft, Wiso. Diss. Köln 1930, 34). Diese Marktbeobachtung erfolgte nicht mehr im privaten Austausch zwischen Bäuerin und Wochenmarktkundschaft, sondern durch Agrarökonomen, Statistiker und Marketingexperten, die zunehmend auf Grundlage von Marktdaten urteilten. Standardisierung war daher ein folgenreiches Erziehungsprojekt, „eine Frage der Menschenerziehung und Menschenbehandlung. Aufklärung und Interessierung aller beteiligten Kreise tut not. Die Konsumenten müssen dazu gebracht werden, Qualitätsunterschiede überhaupt zu bewerten und zu bezahlen. Die Produzenten und Händler sind über die zweckmäßigsten Arbeitsmethoden zu unterrichten. Ihr Verantwortungsgefühl ist zu stärken“ (Geert Koch-Weser, Die Standardisierung in der Milchwirtschaft, Agrarw. Diss. Berlin, Langensalza 1931, 112).

Die Entwicklung des „Deutschen Frischeies“

Das „Deutsche Frischei“ war die Quintessenz all dieser Vorüberlegungen, all dieser Marktveränderungen. Ewald Rosenbrock (1898-1983), Geschäftsführer des Deutschen Landwirtschaftsrates und ein guter Repräsentant für die Kontinuität der damaligen Agrarpolitik über den NS-Staat bis hin zur Bundesrepublik, pries es in seinem Jahresüberblick 1929 als Selbsthilfe der Landwirtschaft, als das erste nach einheitlichen Bewertungsgrundsätzen im ganzen Deutschen Reich geltendes „Wertzeichen für ein landwirtschaftliches Erzeugnis“ (Rosenbrock, 1929, 300, 301). Der Deutsche Landwirtschaftrat sei organisch vorgegangen, habe seit Mitte der 1920er Jahre lokale und regionale Eierverwertungsgenossenschaften gefördert, „die sich die Erfassung der bäuerlichen Geflügelhaltungen, die einwandfreie Qualitätskontrolle und Marktherrichtung der so gesammelten Eier und ihren Vertrieb zum Ziel setzte“ (Rosenbrock, 1929, 303). Hannover und Oldenburg, Rheinland und Westfalen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Pommern waren führend, auch bei der Etablierung regionaler Standardmarken. Diese regionalen Vorreiter repräsentierten fünf bis sieben Prozent der deutschen Eierproduktion. Auf ihren Wunsch sei man ab 1926 in Verhandlungen getreten, um auch ein reichsweites Einheitszeichen zu schaffen – die Markenbutterbewegung war hierfür das Vorbild; und deutsche Markenbutter können Sie bis heute kaufen. Die langwierigen, von regionalen Partikularinteressen stark geprägten Debatten stagnierten lange Zeit, blieben die Anforderungen an Ei und Eiproduzent doch hochgradig umstritten. Gleichwohl, am 2. Juni 1928 wurde das „Deutsche Frischei“ als Warenzeichen eingetragen. Die Anforderungen waren moderat, bedeuteten gleichwohl eine Neuorganisation der Eierproduktion: „Die Eier müssen einheitlich nach Größe bzw. Gewicht sortiert und durchleuchtet sein“ (Rosenbrock, 1929, 304). Dies sollte durch Kontrollstellen der Landwirtschaftskammern erfolgen. „Die Eier müssen sauber und ungewaschen sein. Die vom Erzeuger abzuliefernden Eier müssen mindestens einmal wöchentlich an die Sammelstelle bzw. Genossenschaft ausgehändigt und dürfen nicht länger als 7 Tage beim Erzeuger belassen werden.“ Die Verpackung wurde vereinheitlicht, und drei Größen festgeschrieben (a > 60 g, b 55-60 g, c 50-55 g). Rosenbrock schien zufrieden: „Diese Beschaffenheitsanforderungen für das ‚Deutsche Frischei‘ sind einerseits so streng, daß die mit dem neuen Einheitszeichen versehenen Eier tatsächlich den Anspruch erheben können, Qualitätseier zu sein, andererseits aber sind die Anforderungen, besonders was die Größensortierung und die Zeit der Ablieferung betrifft, so gehalten, daß bei geeigneter genossenschaftlicher Organisation tatsächlich die große Masse der deutschen Bauerneier ihnen Genüge tun kann“ (Rosenbrock, 1929, 305, auch für das vorherige Zitat).

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Der deutsche Frischei-Stempel 1928 (Landfrau 1928, Nr. 26, 5)

Doch nicht alle waren mit diesem langsamen Aufbau einer Qualitätsproduktion zufrieden. Jeder, der bürokratische Verfahren kennt, kann nachvollziehen, dass nach der Einigung auf das Warenzeichen weitere technische und organisatorische Aufgaben zu erledigen waren, so etwa das Recht der Stempelung oder die Art der zu verwendenden Stempel. Aus diesem Grund, sicher aber auch zur Stärkung der Reichsinteressen gegenüber den Ländern, intervenierte ab 1928 das Reichslandwirtschaftsministerium. Es lockte mit drei Millionen RM aus dem landwirtschaftlichen Notprogramm, die jedoch nur fließen sollten, wenn die bestehenden Richtlinien für die Eierproduktion und deren Kontrolle akzeptiert werden würden ([Helmuth] Kobligk, Getrennt marschieren – vereint schlagen!, Genossenschaftsblatt des Verbandes hannoverscher landwirtschaftlicher Genossenschaften 18, 1929, Nr. 18, (1)-(3); zur Mittelverwendung s. Otto Heine, Das „deutsche Frischei“, ebd., Nr. 16, (2)-(4)).

Angesichts der „Not der Landwirtschaft“ galt es größer zu denken, umfassender zu agieren. Die Finanzhilfen sollten die Grundausstattung der bestehenden, aber auch zahlreicher neu zu gründenden Absatzgenossenschaften sichern. Dies bedeutete Personalmittel, Transportmittel, Beleuchtungs- und Sortiermaschinen sowie Finanzhilfen. Zudem wurde am 12. Juli 1929 der Reichsausschuß für Geflügel- und Eierverwertung gegründet, der nicht nur die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Kreise koordinieren und miteinander in Einklang bringen sollte, sondern zugleich für die Marktbeobachtung sowie die reichsweite Werbung und Vermarktung zuständig war (Planmäßige Marktbeobachtung für Geflügel und Eier, Schaffung von Standard-Eiern, Die Volksernährung 4, 1929, 331-332, hier 331). Das entsprach dem Vorgehen in anderen Branchen, wurden damals doch jährlich 31 Millionen RM für zahlreiche Werbeausschüsse aufgewendet, die nun für „Mehr Milch“, „Mehr Obst“, „Deutschen Wein“, etc. warben. Dies war durchaus innovativ, der angewandte Marketingmix teils moderner als analoge Versuche der industriellen Markenartikelhersteller (Uwe Spiekermann, „Der Konsument muß erobert werden!“ Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt a.M. 2007, 123-147, hier 125-135). Ziel war, eine rasch wachsende Zahl von Anbietern in die Absatzgenossenschaften zu lenken, da die Werbung für das „Deutsche Frischei“ immer auch eine Nichtwerbung für die große Menge der sonstigen deutscher Eierproduktion war. Die neue Eiermarke würde zu einer Marktspreizung führen: Die Verbraucher würden die höhere Qualität mit höheren Preisen goutieren – und das bedeutete im Kern, dass sie bereit waren, „Deutsche Frischeier“ zu den Preisen der westlichen Importware zu kaufen. Parallel aber würden die Preise für die restlichen, nicht gekennzeichneten deutschen Eier tendenziell sinken. Entsprechend groß war der Anreiz, bedingt auch der Zwang, den neuen Genossenschaften beizutreten, die Eier gemäß den bestehenden Richtlinien abzuliefern und sie an keiner anderen Stelle abzusetzen: „Es ist Pflicht aller Geflügelhalter und -züchter, sich dieserhalb mit ihren Kammern oder dem Klub der deutschen Geflügelzüchter in Verbindung zu setzen, damit die Gewähr für ein einheitliches Vorgehen gegeben wird. Trotzdem kann außer dieser Bezeichnung […] ein privates zugesetzt werden, um zu zeigen, woher das Ei stammt. Dem Verbraucher wird das nur angenehm und für den Verbraucher eine gute Erziehung sein. Falsch ist es aber, sich in Erzeugerkreisen gegen die Einführung des deutschen Frischeies zu wehren und ein neues Zeichen einführen zu wollen. Solche Eigenbrötelei würde nur nachteilig für die deutsche Geflügelzucht- und -haltung sein“ (Deutsches Frischei, Landfrau 1929, Nr. 18, 7).

10_Genossenschaftsblatt_1929_Nr13_p2_Eier_Karte_Absatzgenossenschaften_Regulierung

Neue Ordnung der Erzeugungs- und Absatzräume der genossenschaftlichen Eierwirtschaft (Genossenschaftsblatt 1929, Nr. 13, 2)

Die neue Ordnung war reichsweit angelegt und kombinierte monetäre Anreize mit rigidem Zwang. Das Deutsche Reich wurde in 17 Erzeugergebiete untergliedert und die Genossen waren verpflichtet, ihre Eier ausschließlich der jeweiligen Zentralstelle zu liefern, die dann die Ware kontrollierte, sortierte, verkaufte und bezahlte. Die Gebiete waren bestimmten Absatzregionen zugeordnet, um die Belieferung der Konsumzentren sicherzustellen, um zugleich aber den Transport- und Vermarktungsaufwand gering zu halten. Das Reichslandwirtschaftsministerium zielte damit auch auf die Rationalisierung der bestehender Absatzketten, zumal die trotz Rechtsrahmen schwer zu kontrollierenden Wochenmärkte. Strukturen, bei denen der Hersteller entschied, an wen er seine Eier verkaufen wollte, wurden als „nicht zweckmäßig“ bewertet, ihr Marktwissen damit entwertet. Zugleich hoffte man mit der Förderung der Absatzgenossenschaften Einfluss auf den Groß- und Einzelhandel zu nehmen, um auch diese zu ordnen (Gerh[ard] Rudolph, Der Weg des Eies zum Verbraucher, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 153-156). Deutlich wird, wie von Experten implementierte Arrangements das Agrarische nach den Erfordernissen moderner Marktgesellschaften ordnen sollten und letztlich ordneten.

Kritik an diesen Maßnahmen ließ nicht auf sich warten. Sie kam einerseits von den schon etablierten Hühnerfarmen, die mit ihren Eiern überdurchschnittliche Preise erzielten, da sie marktgängige Waren in größeren Mengen liefern konnten. Sie kritisierten die einseitige Staatsintervention, brachten die Standardisierung von vornherein „in Mißkredit“ (L[u]dw[ig] Brand, Der Kampf um das deutsche Frischei, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1098-1099, hier 1099). Zugleich verwiesen sie auf den eher verhaltenen Erfolg der bereits bestehenden und mit dem Frischeistempel werbenden Genossenschaften. Diese hatten 1929 ca. 100 Millionen Eier verkauft – nicht viel angesichts eines Gesamtabsatzes von deutlich mehr als 8 Milliarden Stück. Die Folge war ein erstes Nachjustieren, das vor allem die Werbung betraf. Es wurde Anfang 1929 ein neues Markenzeichen, das sog. „Adlerei“, entwickelt. Dieses lehnte sich eng an die Werbung für andere einheimische Güter an, insbesondere der Ikonographie des Reichsmilchausschusses.

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Ein neues Markenzeichen: Banderole und Stempel des „Deutschen Frischeis“ ab 1929 (Landfrau 1930, Nr. 11, 5)

Die umfassenden Bemühungen der Standardisierung und des Ausbaues der genossenschaftlichen Absatzstruktur liefen derweil weiter. Der reichsweite Markteinstieg hatte noch nicht begonnen, er sollte erst am 1. April 1930 erfolgen. Dadurch blieb grundsätzlich Zeit, sich einer weiteren sehr grundsätzlichen Kritik an der „Frische“ der deutschen Standardware zu stellen.

Wie „frisch“ war das Frischei?

Frische ist ein inhaltsleerer Begriff, doch er markiert Anspruchshaltungen und Versprechen. Er steht für makellose, naturbelassene Güter, neu noch, nicht abgestanden und verdorben. Frische Lebensmittel sind sicher und ungefährlich, haben keinen typischen Geschmack, ihre Kühle ist unspezifisch, zielt auf Verfügbarkeit. Sie zeigen uns eine ideale Natur: Ebenmäßig und schön, ansprechend und ohne Schadstellen. Frische bedeutet Bewahrung, Sicherung von Nährwert und Bekömmlichkeit. Genauer bedacht, steht der Begriff nicht für Verzehrsfähigkeit und guten Geschmack, sondern für die noch mögliche optimale Nutzung: Wein und Weinbrand müssen reifen, Fleisch abgehangen sein, auch das Ei schmeckt vier Tage nach dem Legegeschäft am besten.

Frische ist daher von Kriterien abhängig, die je nach Lebensmittel anders sind. Der Begriff verweist auf Vergänglichkeit, setzt dagegen Techniken. Das mögen häusliche Verfahren der Konservierung und „Frischhaltung“ sein, doch auch der gewerbliche Einsatz von Konservierungsmitteln, von Hitze- und Kältetechnik, von Zwischenlagern und Verpackungen. Frische ist ohne Wissenschaft nicht denkbar, mag diese auch hintergründig wirken. Sie steht demnach für weit mehr als die Qualität eines Lebensmittels, seiner Entfernung von Entstehungsort und -zeit. Frische ist ein Mythos, dem sich Menschen zunehmend selbst unterordnen. Er kann helfen, Altern mit der Illusion von dauernder Jugend zu verbinden, Leistungsfähigkeit und stete Präsenz sicherzustellen und zugleich die zahllosen unabdingbaren Eingriffe in unsere Lebensmittel und zahlreiche andere Güter vergessen zu machen. Und doch, die Kriterien der Frische sind immer fraglich, immer Aushandlungssache.

Das galt auch für das „Deutsche Frischei“. Kritiker monierten harsch: „Man behauptete nach der berühmten Formel Ei ist Ei, die deutschen Eier brauchten nur einheitlich abgestempelt zu werden, um Qualitätsware zu sein! Man mutete also dem Verbraucher zu, zu glauben, daß die staatliche gestempelten Eier erste Qualität seien, obwohl die Methoden und Wege ihrer Sammlung aus Millionen kleiner Kanäle über Sammelstellen, Untergenossenschaften, Zentrale, Großverkaufsstelle zum Markt ihnen nicht einmal die Frische garantieren, die sie früher hatten, zu schweigen davon, daß man mit einem Stempel keine Qualität verbessert“ (Der Tanz auf den Eiern, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1028-1030, hier 1029). Diese Kritik war nicht unbegründet. „Frische“ wurde in keiner der Richtlinien präzise definiert. Immer wieder genannt wurden zwei miteinander verbundene, gleichwohl zu unterscheidende Kriterien, nämlich Alter und Aussehen: „Das Frischei muß an der ganzen Oberfläche die natürliche Fettschicht und den natürlichen Glanz vollkommen unverändert aufweisen. Bei der Durchsicht soll das Frischei eine kleine Luftblase zeigen, die nicht größer sein sollte als ein Groschenstück. Der Dotter des Frischeis darf in der Durchsicht nicht oder nur als ganz schwacher Schatten zu erkennen sei“ (Welche Forderungen stellt man an ein Frischei?, Das Kleine Blatt 1929, Nr. 214 v. 5. August, 5). Alle abgegebenen Eier wurden daher auf einem Durchleuchtungstisch kontrolliert. So konnten auch eventuell um den Dotter verbliebene Blutreste erkannt und, wie auch Knickeier, ausgesondert werden. Verantwortlich für die Frische und Güte der Eier war der Lieferant, dem bei Verstößen hohe Strafen drohten, eine ganze Reichsmark pro „minderwertiges“ Ei ([Alex] Schindler, Qualitätserzeugnisse in der deutschen Landwirtschaft, MDLG 44, 1929, 972-975, hier 974). Hier hallte gewiss die Warnung des Agrarökonomen und Vorreiters der landwirtschaftlichen Standardisierung Kurt Ritter (1894-1984) nach, der stetig an den immer prekären Genossenschaftsgeist appellierte: „Die deutschen Landwirte dürfen nicht, wie das bisher vielfach geschieht, die Genossenschaft als eine Einrichtung ansehen, die gut genug ist, ihnen ihren Kram und Schund abzunehmen, den der Händler nicht haben will!“ (Ritter, 1926, 26) Die Möchtegernfrischeier wurden auch deshalb bei der Ablieferung von Kontrolleuren grob gesichtet, um stark verschmutzte und beschädigte Ware auszuschließen. Nach der eigentlichen Kontrolle wurden sie dann nach Größe sortiert und in normierte Kisten verpackt. Bei der Zentralstelle schlossen sich stichprobenartige Kontrollen an.

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Veränderungen des Eies bei Alterung: Grundlage für die Durchleuchtung aller „Deutschen Frischeier“ (Die Landfrau 1929, Nr. 18, 7)

Kommen wir zum Alter als Kriterium für Frische: Alle Mechanismen dienten der Exekution der 7-Tage-Regel. Demnach durften Eier bei der Abgabe im Zeitraum Oktober bis Januar nicht älter als eine Woche sein. In der übrigen Zeit relativer „Eierschwemme“ sahen die Richtlinien gar eine zweimalige Ablieferung pro Woche vor. Die Genossenschaften wurden zudem mit kleinen Lastkraftwagen ausgestattet, um die Verweildauer der Eier in der Absatzkette möglichst zu minimieren. Optimistische Stimmen sprachen von Lieferfristen von nur wenigen Tagen: „Wenn die Sammelstellen richtig verteilt sind, wird man für die Zeit vom Erzeuger bis zu ihr nicht mehr als einen Tag rechnen brauchen. Veranschlagt man für die Zeit von der Sammelstelle bis zur Verkaufsstelle 2 Tage und bei dieser nochmals 1 Tag, dann kann das Ei bereits nach 4 Tagen in den Händen des Detailhandels sein“ (Deutschlands Eiereinfuhr und das „Deutsche Frischei“, Ernährungswirtschaft 3, 1929, 244-246, hier 246). Um das Alter der Eier abschätzen zu können, wurden die Eiern anfangs nicht nur gestempelt, sondern auch mit Kürzeln versehen, deren Nummern und Buchstaben den Legezeitraum benannten. Der Verbraucher konnte diese Angaben allerdings nicht deuten, das genaue Alter der Eier blieb Expertenwissen.

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Der Hahn als Exekutor der neuen Stempelfreude – Karikatur 1930 (Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 13)

„Deutsche Frischeier“ dürften demnach ein bis anderthalb Wochen nach dem Legen in die Läden gekommen sein. Sie galten als frisch, wenn sie nicht älter als drei Wochen waren. Diese Obergrenze entsprach Handelsbräuchen und einem Urteil des Landgerichtes Trier von 1912, durch das der Begriff „Frische Landeier“ genauer definiert worden war. Doch insbesondere die Kühltechnik stellte diese Zeitspannen infrage. Waren Eier noch frisch, wenn der Händler „Deutsche Frischeier“ gekauft und dann für drei bis sechs Monate in ein Kühlhaus eingelagert hatte? Sie waren es nicht; doch für dieses Verdikt bedurfte es eines längeren Gerichtsverfahrens, da chemische Prüfverfahren Kühlhauseier und frische Eier nicht voneinander unterscheiden konnten (A[ugust] Schrempf, Über den Rechtsschutz des Deutschen Frischeies, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1932, 10-12). Insgesamt blieben die Kontrollmechanismen im Handel unterentwickelt, so dass es durchaus möglich war, dass auch ältere Eier als „Deutsche Frischeier“ zu verkaufen.

Verpatzte Markteinführung und begrenzte Rationalitäten

Das „Deutsche Frischei“ wurde am 1. April 1930 nach vierjährigen Planungen und einer 1928 einsetzenden regionalen Vermarktung reichsweit eingeführt. Mitte März begann die Presseberichterstattung, die den Verbraucher in die Pflicht nahm: „Von ausschlaggebender Bedeutung für die erfolgreiche Durchführung der Bestrebungen ist neben der energischen Selbsthilfe der Landwirtschaft die treue und nachhaltige Mitwirkung der Verbraucherkreise, vor allem der städtischen Hausfrauen. Sie müssen sich in erster Linie darüber klar sein, daß nur ein wirklich frisches Ei ein vollwertiges Ei ist und daß Eier, die vom Auslande kommen und zum großen Teile wochen- und monatelang unterwegs sind, bevor sie in die Hand des Verbrauchers gelangen, trotz des scheinbar billigen Preises viel zu teuer bezahlt sind“ (Das deutsche Frischei, Badische Presse 1930, Nr. 164 v. 7. April, 5). Doch schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass die geschaffenen Strukturen nicht ausreichten, die Nachfrage zu decken: „Leider haben bei den großen Anforderungen, namentlich zum Osterfest, die deutschen Eierproduzenten bzw. Genossenschaften absolut versagt. Die ungenügend kaufmännisch geschulten Verkaufsorganisationen haben ihre Lieferverpflichtungen nicht gehalten, da sie an anderer Stelle geringe Preiserhöhungen wahrnehmen konnten. Dadurch ist das Vertrauen des Handels zur deutschen Landwirtschaft stark erschüttert worden“ (M. Weiler, Die Erfolge der Qualitätssteigerung der deutschen landwirtschaftlichen Erzeugnisse […], Ruhr und Rhein 11, 1930, Sdrh., 6-8, hier 8). Am Ende des Jahres 1930 zählte man 214 Millionen verkaufte „Deutsche Frischeier“, 1931 waren es 507 Millionen. 1932 sank der Absatz gar auf 439 Millionen Eier (Werner Kruse, Die deutsche Landwirtschaft und die Handelsklassengesetzgebung, Phil. Diss. Berlin 1934, 69). Das war eine beträchtliche Steigerung, die für beteiligte Eierproduzenten auch profitabel war, denn die Preise stiegen um ca. 1,5 Pfennig pro Ei, lagen damit auf der Höhe importierter Qualitätseier. Angesichts der weitaus ambitionierteren Zielsetzungen war das „Deutsche Frischei“ mit einem Marktanteil von etwa fünf Prozent jedoch ein Flop.

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Appell an das volkswirtschaftliche Gewissen der Nation: Werbung 1930 (Berliner Tageblatt 1930, Ausg. v. 17. April)

Stellen wir nun die deutsche Lieblingsfrage: Wer war daran schuld? Eine eindeutige Antwort ist schwierig, doch die begrenzten Rationalitäten der Akteure kommen so in den Blick. Die Werbung hatte gewiss ihren Anteil, trotz Aufwendungen, wie sie die Eierwirtschaft zuvor noch nie gesehen hatte. Bisher wurden Eier vor allem durch Groß- und Einzelhändler beworben, einzig der Club Deutscher Geflügelzüchter machte eine Ausnahme. Die Anzeigen des zuständigen Reichsausschußes für Geflügel- und Eierverwertung – hervorgegangen aus dem Reichsausschuß für Wirtschaftsgeflügel – präsentierten das gestempelte Adlerei 1930 als Maßnahme gegen den vermeintlich überbürdenden Eierimport des Auslandes. Zugleich forderten sie die Verbraucher zu aktiver Tat auf, wohl wissend, dass das „Deutsche Frischei“ in Köln, dem Ruhrgebiet, Hannover und Oldenburg gängige Handelsware war, nicht aber in Berlin, dem Süden oder Mitteldeutschland. Darüber konnten auch interessengeleitete Fehlinformationen nicht hinwegtäuschen, die allen Ernstes behaupteten: „Heute beherrscht in allen Eierhandlungen das ‚deutsche Frischei‘ nicht zuletzt dank der Nachfrage der Hausfrauen unbestritten das Feld“ (Cornelius Schmidt, Das deutsche Frischei erobert den Markt, Die Volksernährung 5, 1930, 274). Die Werbung orientierte sich einerseits an den Maßnahmen der zahlreichen anderen Werbeausschüsse für landwirtschaftliche Produkte, anderseits an den Vorarbeiten des Clubs Deutscher Geflügelzüchter. Anzeigenwerbung hatte daher nur einen eher geringen Anteil an den Werbemaßnahmen. Wichtiger waren appellative und informierende Plakate und Flugschriften. Gerade in Berlin hatten Hühnerfarmen diese spätestens seit 1927 in Milch- und Lebensmittelgeschäften schon eingesetzt: „Das Frischei ist das vollkommenste, wertvollste und dabei billigste Nahrungs- und Heilmittel!“ Auch Kleingartenbesitzern sollten schon seit längerem intensivere Geflügelzucht betreiben, um den Geldabfluss ins Ausland begrenzen zu helfen (Höhne, Kleinsiedler und „Die Ernährung“, Berliner Volks-Zeitung 1928, Ausg. v. 11. Mai). Insofern wandelte die Werbung für das „Deutsche Frischei“ auf bereits beschrittenen Bahnen – und war daher nicht differenzierungsstark.

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Informationsstand der Hannoverschen Frischei Genossenschaft während der DLG-Ausstellung in Hannover 1931 (Genossenschaftsblatt 20, 1931, Nr. 13, (2))

Das war anders bei den zahlreichen Formen direkter Werbung, wie sie zuvor vor allem der Reichsmilchausschuss genutzt hatte. Hervorzuheben ist die umfassende Präsenz auf land- und hauswirtschaftlichen Ausstellungen. Sie schuf Transparenz über das Kontrollverfahren und die Qualitätskriterien des neu bezeichneten Eies. Die Werbung zielte also keineswegs nur auf Verbraucher, sondern ebenfalls auf die große Zahl genossenschaftlich nicht organisierter Hühnerhalter. Das war ein strukturelles Problem: Die Werbung für eine nationale Dachmarke musste notgedrungen allgemein sein, doch dadurch wurde es schwieriger, zielgruppengenaue Ansprachen zu machen. Zugleich war die  Werbung für das „Deutsche Frischei“ nicht so einheitlich, wie dies Advokaten propagandistischer Massenansprache forderten; sie gingen, wie auch etwa die meisten politischen Parteien, von schwachen, leicht zu überzeugenden Konsumenten aus. Die unterschiedlichen landwirtschaftlichen Institutionen agierten durchaus eigenständig. Der Deutsche Landwirtschaftsrat schuf eigene Werbeplakate, ebenso einen für Kinos geeigneten Werbefilm. Regionale Landwirtschaftskammern steuerten weitere Werbematerialien bei, ebenso die Zentralen der Absatzgenossenschaften (Heine, 1929, (3)). Die Breite der Anstrenungen unterstreicht schließlich ein Reklameglasei der bei Spremberg gelegenen und für ihre Vorratsgläser und Messbecher bekannten Glashüttenwerke Poncet (Rosenbrock, 1929, 310).

Die Werbung für das „Deutsche Frischei“ blieb umstritten, nicht nur aufgrund der hinter den Erwartungen zurückbleibenden Absatzzahlen. Das lag aber nicht nur an dem strukturellen Defizit fehlender Preispolitik. Das Gemeinschaftsprodukt durfte nicht „billig“ sein, sollte eben höhere Preise erzielen. Es lag auch an grundsätzlicher Kritik, nach der Werbung „unproduktive Arbeit“ sei, ein zusätzlicher Kostenfaktor, der vor allem dazu diente, eine urbane Elite von Reklamefachleuten zu ernähren (Landwirtschaft und Reklame, HLFZ 83, 1930, 852, auch für da folgende Zitat). Sie setzten stattdessen auf einfache und sachliche Werbung, nicht sinnbetäubend, sondern im wohlverstandenen Sinne belehrend. Für diese Kritiker war „marktschreierische“ Werbung „undeutsch“. Diese im Mittelstand weitverbreitete Haltung verstand Wirtschaft noch als eine verpflichtende Handlung, gekennzeichnet durch wechselseitige Rücksichtnahme der unterschiedlichen wirtschaftlichen Akteure und einem von Pflicht geprägtem Konsumverhalten (Landwirtschaft und Deutsche Woche, HLFZ 84, 1931, 988-989, hier 989). Genauere Kenntnis des „Deutschen Frischeies“ hätte demnach klare Folgen: „Die Hausfrau ist ein Wirtschaftsdiktator im kleinen! Sie wird sicher ihre Pflicht in der einzig möglichen Weise zu handhaben wissen!“ (Steigende Nachfrage nach deutschen Qualitätserzeugnissen, Landfrau 1931, 93-94, hier 94)

In solchen Stellungnahmen spiegelt sich die strikt nationale Ausrichtung der Agrarwerbung, die angesichts der massiven Preis- und auch Konsumrückgänge während der Weltwirtschaftskrise nochmals intensiviert wurde. Seit 1928 wurden von der grünen Lobby „Deutsche Wochen“ gefordert, seit 1930 dann durchgeführt (K. Schumann, Die „Deutsche Woche“. Ein Weg für die landwirtschaftliche Gemeinschaftswerbung, MDLG 45, 1930, 1047-1048). Eine möglichst umfassende Autarkie wurden öffentlich intensiv diskutiert. Sie bildete die Quintessenz der neomerkantilistischen Wendung gegen die Eierimporte. Der 1930 gegründete Volkswirtschaftliche Aufklärungsdienst flankierte diese Maßnahmen mit Ausstellungen und reich bebilderten Broschüren. Die Werbung für das „Deutsche Frischei“ gliederte sich hierin ein: „Ein Volk mit 5 Millionen Arbeitslosen kann es sich nicht leisten, alljährlich Hunderte von Millionen für fremde Eier ins Ausland fließen zu lassen. Tätige Mithilfe eines jeden wird dem deutschen Eierfeldzug zum endlichen Siege verhelfen können“ (Das deutsche Ei marschiert!, Landfrau 1931, Nr. 14, 63-64, hier 63). Imagination eines einheitlichen Volkes ging einher mit imaginierten Verpflichtungen in einer Konsumgesellschaft.

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Nationalisierung der Werbung: Aktive Kennzeichnung deutscher Waren 1931 (l.) und Werbeplakat für Deutschen Wochen 1931 (HLFZ 85, 1931, 1096; Landfrau 1931, 176)

Nationales Wollen ersetzt jedoch keine Wirtschaftskompetenz. Das Fazit war 1931 eindeutig: „Allgemeine Propaganda für das deutsche Erzeugnis hat sich als völlig wirkungslos erwiesen“ (Mann, Erst Qualität, dann Propaganda!, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 49-50, hier 50). Die nach der NS-Machtzulassung nach Großbritannien emigrierte Agrarökonomin Hedwig Auspitz resümierte pointiert die Marktdaten des 1929 gegründeten Berliner Instituts für Marktforschung: “Die Propaganda für das ‚Deutsche Frischei‘ hat gezeigt, wie Propaganda nicht gemacht werden soll und welche Voraussetzungen für zweckmäßige, erfolgreiche Propaganda gegeben sein müssen – das in Qualität und Preis einwandfreie Produkt – Schwindel in der Reklame ist das Dümmste, was gemacht werden kann; besser ist es, gar keine Reklame zu machen, als schlechte Reklame. […] Durch die Reklame für ein nicht einwandfreies Produkt wird höchstens erreicht, daß die Verbraucher auf den Unwert des Produktes hingewiesen werden“ (Das Durcheinander im Nationalwirtschaftlichen Aufklärungsdienst, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 19-21, hier 20). Werbung konnte nicht die strukturellen Organisationsdefizite einer nationalen Dachmarke überdecken, die dem Werbeversprechen umfassender Verfügbarkeit nicht gerecht wurde. All dies führte zu einer neuerlichen Reorganisation der Werbung für das „Deutsche Frischei“, die ab 1932 von der neu gegründeten Berliner Eierstelle des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen – e.V. koordiniert wurde.

Auch ein zweiter, an sich moderner Aspekt der Eierwerbung hatte keine größeren Effekte: Die Anpreisung des „Deutschen Frischeies“ als gesund. Es galt als „vollwertiges Nahrungsmittel“, leicht verdaulich, klein, aber voller Energie, zudem reich an Vitamin A und an B-Vitaminen. „Das Vollfrischei jedoch besitzt außerdem noch wertvolle Stoffe wie: Lecithin und Cholesterin, wovon Wissenschaftler behaupten wollen, daß ohne dasselbe ein Fortleben in der Jugend nicht denkbar sei, nachdem diese Substanzen in den Gewebezellen, Nerven im Gehirn und im Samen enthalten sein soll“ (J. Rusch, Vom Wert des Frisch-Eies und seine Bedeutung als Volksnahrungsmittel, Bludenzer Anzeiger 1930, Nr. 20 v. 17. Mai, 3). Weitere Inhaltsstoffe wurde ausgelobt, etwa die Aminosäuren. Dazu kamen küchentechnische Vorteile: „Ohne das Ei ist die Ernährung kaum noch vorstellbar“ (Ei, 1931, 63). Das Ei, das frische, deutsche, es wurde gepriesen als „Vorbeugungsmittel“ gegen Arterienverkalkung, Harnvergiftung, Nierenkrankheiten und vieles mehr ([Josef Schießler], Der Wert vom Frischei und dem Trinkei!, Bludenzer Anzeiger 1932, Nr. 7 v. 13. Februar, 1-2, hier 2). Kurzum, die Ware „Deutsches Frischei“ wurde mit den üblichen verkürzenden Stoffprofilen beworben, wie bis heute die meisten Lebensmittel, wurde mit Attributen geschmückt, die selbst einen Pfingstochsen hätten neidisch machen können. Und doch, angesichts der während der späten 1920er Jahre massiv anwachsenden Gesundheitswerbung zerstoben spezielle Vorteile, war „Gesundheit“ doch kein eindeutiger Kaufgrund. Das galt zumal in einer Zeit, in der die Mehrzahl der Bevölkerung den Gürtel enger schnallen musste.

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Frische und Qualität als Werbeargumente 1931 (Vossische Zeitung 1931, Nr. 150 v. 29. März, 28)

Blicken wir nun auf einem weiteren potenziellen Schuldigem, den Verbraucher. Er war Fluchtpunkt vieler Wünsche, zumal nationaler: „Du aber, deutsche Frau und deutscher Mann, bedenke nicht nur, daß du ein Deutscher bist, sondern kaufe auch deutsch!“ (E. Rud[olf] Jungclaus, Schutzzoll oder Freihandel. – Deutsche, kauft deutsche Waren!, HLFZ 84, 1931, 1095-1096, hier 1096) Er galt als notorisch uninformiert über die Schäden der Eierimporte, jedoch als grundsätzlich gutwillig, wenn die Werbung ihn nur lenke (Elli Heese, Landfrau, Absatznot und Marktwerbung, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 200-202, hier 202). Diese „Fachleute“ hätten in der Fachliteratur genauer nachlesen sollen: „Die Einstellung der Landwirtschaft auf den Absatz setzt zunächst eine intime Kenntnis der Wünsche des Marktes voraus; eingehende Marktbeobachtung ist also unerläßlich. Nur wenn man die Forderungen der Käufer genau kennt, kann man sie erfüllen“ (Kurt Ritter, Rationalisierung in der Landwirtschaft, in: Ludwig Elster und Adolf Weber (Hg.), Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. gänzl. umgearb. Aufl., Erg.-Bd., Jena 1929, 765-795, hier 771). Preis, Geschmack und Frische, von dieser Trias abstrahierten die Frischeierpropagandisten, und mangels vorheriger Analyse hätten sie über den Flop nicht überrascht sein dürfen. Die Massenpresse brachte das Problem auf den Punkt: „Denn der übergrosse Teil der Konsumenten ist gezwungen, mit dem Pfennig zu rechnen, so dass er sich nicht den Luxus leisten kann, immer deutsche Waren zu kaufen! […] Was nützt das schönste Adlerei, wenn es der arme Schlucker sich nicht kaufen kann! Und dann: die ‚nationalen Belange‘, mit denen die berühmtem Plakate ‚Deutsche, trinkt deutschen Wein, esst deutsche Aepfel!‘ usw. stets drapiert werden, entpuppen sich bei genauen Untersuchungen immer wieder als geldliche Interessenten-‚Belange‘!“ (Das Adler-Ei!, Berliner Volks-Zeitung 1930, Ausg. v. 7. März)

Der Verbraucher handelte erwartbar, „rational“. Er schaute auf den Preis und die Qualität der Eier. Gerade während der Anlaufphase war die Zahl fauler Eier nicht zurückgegangen (Rationalisierte Eier, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 626-627, hier 626), konnte die namensgebende „Frische“ nicht durchweg gewährleistet werden. Auch später gab es immer wieder Beanstandungen (kritisch hierzu Breitfeld, Unfug mit dem deutschen Frischei, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 106-107). Die „Deutschen Frischeier“ standen für den Konsumenten zudem in einer längeren Reihe gestempelter Frischeier, teils der Hühnerfarmen, teils regionaler Produzenten, teils der Auslandsanbieter. Schwerwiegender aber war, dass er die neuartigen Eier vielfach schlicht nicht kaufen konnte (Thoering, Die Eier-Verordnung, MDLG 47, 1932, 323-324, hier 323). Es gelang den Genossenschaften nicht, genügend Ware anzubieten, so dass die Konsumenten vielfach nicht zwischen verschiedenen Angeboten wählen konnten.

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Kontrollzeichen niederländischer Exporteier (Lichter und Kobligk, 1929, 653)

Auch der Handel, insbesondere der Großhandel, zeigte sich gegenüber dem „Deutschen Frischei“ eher reserviert (Rudolph, 1932, 152): „Soweit er es überhaupt erhielt, hatte er allzu häufig Ursache zu Beanstandungen; er fand jedenfalls nicht das, was er dank der vielversprechenden Propaganda billigerweise erwarten mußte“ (Tanz, 1930, 1029). Doch es ging hier um Grundsätzlicheres: Auch wenn die Absatzgenossenschaften immer wieder ihr Interesse an fairen Beziehungen hervorhoben, konnten die Kostenreduktionen ohne Verdrängung von Händlern nicht realisiert werden. Schon das Kontrollsystem übernahm wichtige Funktionen, die damals vom Handel übernommen wurden. Diese Konkurrenz wurde durch zahlreiche Vorwürfe seitens der Landwirtschaft unterstrichen. Der Handel wurde immer angeklagt, keine Rücksicht auf die unter großen Schwierigkeiten produzierenden deutschen Bauern zu nehmen und sich für wenige Pfennige Differenz mit ausländischen Anbietern einzulassen, die ihm sicheren Gewinn für einfache Vermittlungstätigkeiten versprechen konnten (Das deutsche Frischei marschiert, Landfrau 1931, 149-150, hier 149). Auch der Handel rechnete jedoch mit Preisen und Preisdifferenzen, handelte ökonomisch „rational“, nicht national.

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Trittbrettfahrer: Werbung für einen elektrischen Eierkocher anlässlich der Einführung der „Deutschen Frischeis“ (Badische Presse 1930, Nr. 162 v. 5. April, 11)

Der Widerstreit der verschiedenen Akteure blieb nicht verborgen: „Der Kampf um das deutsche Frischei tobt in aller Heftigkeit weiter“ (Rusch, 1930, 3) – und die Eierabsatzgenossenschaften und die sie unterstützenden landwirtschaftlichen Organisationen hatten daran regen Anteil. Sie nahmen die theoretische Herausforderung dieser Zeit ernst: „Der deutsche Landwirt produziert in erster Linie für den Markt. Deshalb muß er sich dem Markt willig fügen, sich ihm anpassen und nicht seine ganzen Hoffnungen auf den Staat setzen oder darauf, daß der Markt sich ihm anpaßt“ (Ritter, 1926, 35). Es ging dabei erst einmal um ein Ringen um die Sache, also die Ausgestaltung der Produktion und der Kontrollsysteme. Die Marktbeobachtung kam anfangs nicht voran, da die elementare und an sich einfache Größensortierung nicht überall gleich erfolgte (Heine, 1929, (3)). Wichtiger aber war die Konkurrenz der Genossenschaften untereinander. Gerade bei der Belieferung der Konsumzentren, zumal Berlins, standen die Zentralgenossenschaften im direkten Wettbewerb. Ihr Marktanteil war zu gering, um die gewünschten Preise durchzusetzen und den privaten Eierhandel zu verdrängen. Zugleich war die Kostenbelastung hoch, waren die Strukturen eines reichsweiten Absatzsystems ja geschaffen worden (Rüße, 1996, 147). Das Reichslandwirtschaftsministerium richtete deshalb zusätzliche Ausgleichstellen ein, außerdem bemühte man sich um Einigungen innerhalb der sechs den siebzehn Erzeugergebieten übergeordneten Hauptabsatzgebiete.

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Werbung für neue Organisationsformen des Eierabsatzes 1930 (Genossenschaftsblatt 19, 1930, Nr. 13, 4)

Derartige interne Querelen waren ein Grund für die zu geringe Bindungskraft der Absatzgenossenschaften. Zeitgenossen unkten, bisher war „der Erfolg der gesamten Unternehmung sehr begrenzt […]. Der Grund hierfür ist letzten Endes in der Preisgestaltung zu suchen“ (Thoering, 1932, 324). Es gelang den Eierverkaufsgenossenschaften nur unzureichend, Hühnerfarmen als Mitglieder zu gewinnen. Auch die große Mehrheit der kleinen und auch mittleren Bauernwirtschaften blieb den Genossenschaften fern. Für kleine Nebenerwerbswirtschaften schien der Aufwand zu groß, während die leistungsfähigeren Spezialanbieter deutlich sinkende Einkommen befürchteten. Insgesamt erhöhten die Absatzsatzgenossenschaften die Anforderungen an die Geflügelwirtschaft, die nun dem Druck ausgesetzt war, die Hühnerzucht und die Fütterung zu verbessern (Die deutsche Geflügelzucht, Vorwärts 1931, Nr. 25 v. 16. Januar, 9). Kritiker monierten, dass dieses am Anfang hätte stehen müssen, nicht nach der Implementierung des „Deutschen Frischeis“. Auch die Werbung habe zu früh eingesetzt, habe dadurch die Konsumenten verwirrt. Die landwirtschaftlichen Organisationen hätten mindestens 20-25 Prozent der Inlandsproduktion genossenschaftlich organisieren, sich zuvor den monetären Lockungen des Reichslandwirtschaftsministeriums verweigern müssen (Kruse, 1934, 32-33). Erst Standardisierung, Qualitätsverbesserung, ein Ende des „Sortenwirrwarrs“ – und anschließend der Absatz unter einer nationalen Marke; das sei die Lehre aus der verfrühten Einführung des „Deutschen Frischeies“.

Aus dieser Sicht war der Schuldige vor allem „der Staat“, also das Reichslandwirtschaftsministerium. Dieses hatte die Federführung der Eierstandardisierung vom Deutschen Landwirtschaftsrat übernommen, sie dann mit einer umfassenden Neuorganisation des Eiermarktes verbunden und massiv auf eine schnelle Markteinführung des „Deutschen Frischeies“ gedrängt. Angesichts wachsender Einkommenseinbußen und einer nicht nur im Osten rasch zunehmenden Verschuldung der Landwirtschaft gab es jedoch gute Gründe, die Einführung zu wagen. Zu beachten ist auch die politische Konstellation. Seit 1928 leitete der liberale DDP-Politiker Hermann Dietrich (1879-1954) das Ministerium. Selbsthilfe ersetzte tendenziell Staatshilfe, die zahlreichen Absatzgenossenschaften waren die Konsequenz. 1930, mit dem nahenden Ende der großen Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller (1876-1931), endete dieses Intermezzo. Ein Tag vor der Markteinführung des „Deutschen Frischeies“ begann mit der Kanzlerschaft des Zentrums-Politikers Heinrich Brüning (1885-1970) die kurze Periode der Präsidialkabinette. Landwirtschaftsminister wurde nun, wie schon 1927 bis 1928, der deutschnationale Agrarier und Präsident des Reichslandbundes Martin Schiele (1870-1939). Dies bedeutete verstärkte Staatsintervention, Preisstützungen, mehr Zollschutz und eine Reorganisation der Eierwirtschaft auf deutlich breiterer Grundlage. Devisenbewirtschaftung, massive Kaufkraftverluste und ein Preisverfall von einem Drittel bewirkten derweil eine Umkehr des Aufwärtstrends bei den Eierimporten. Die Zahl der importierten Eier sank von 3,13 Milliarden Stück 1928, über 2,99 und 2,89 auf 2,49 Milliarden Eier 1931. Der Inlandanteil am Verbrauch stieg parallel von 60 Prozent (1928) über 63 und 66 auf 68 Prozent 1931 (A[lex] Walter und [Gerhard] Lichter, Die deutsche Eierstandardisierung, Berlin 1932, 15).

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Smileys für die Neuordnung: Rechts Verkaufskisten mit „Deutschen Frischeiern“ (Der junge Landwirt 5, 1932, 40)

Das Reichslandwirtschaftsministeriums begrüßte diese Trendwende, sah sich aufgrund des drohenden Verfalls der Investitionen in die Eierwirtschaft und dem möglichen Bedeutungsverlust der genossenschaftlichen Organisation jedoch zu weiteren aktiven Maßnahmen gezwungen. Die Marktimplementierung des „Deutschen Frischeies“ galt nun lediglich als „Vorarbeit“ (Binnenhandelspolitische Maßnahmen, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 49, 1931, 170-186, hier 185) für eine umfassende Neuregelung. Dazu zielte „der Staat“ – also eine kleine Gruppe landwirtschaftlicher Interessenvertreter, Ministerialbeamter und Agrarwissenschaftler – auf eine möglichst umfassende Kennzeichnung der Eier. Aus einer Markenbewegung für eine hohe gesicherte Standardqualität wurde nun eine Standardisierung tendenziell aller im Deutschen Reich verkauften Eier, auch der Auslandseier. Kritik an einem drohenden „Eier-Diktator“ (Eier, 1931, 627) wurde zwar laut, hatte aber politisch keine Chance mehr.

Detailliertere Kennzeichnungsvorschriften des Reichsausschußes für Geflügel- und Eierverwertung machten 1930 den Anfang. Eine weitere Größenklasse wurde eingeführt, diese farbig voneinander geschieden: Größe S (über 65 g) erhielt einen schwarzen Adlerstempel, A (60-65 g) einen roten, B (55-59,9 g) prangte blau und C (50-54,9 g) abermals schwarz. Pflichtschuldig hieß es in der Fachpressen: „Wir wollen hoffen, daß es gelingen wird, sowohl die Auslandsware als auch die Kühleier in einer Weise zu stempeln, daß es nicht mehr möglich sein kann, daß Manipulationen vorkommen, denen der reelle Handel vollkommen fernsteht, durch die das Publikum aber getäuscht wird, was wiederum zur Folge hat, daß durch gemachte schlechte Erfahrungen der Eierverbrauch zurückgeht“ (Wagner, 1930, 854). Die Absatzsteigerung auf 507 Millionen „Deutsche Frischeier“ 1931 wurde auch auf diese Maßnahme zurückgeführt (Kruse, 1934, 70). Sie war jedoch zugleich Folge strikt eingesetzter Agrarsubventionen. Ab dem 1. August 1930 wurde Futtermais verbilligt abgegeben, um die Auswirkungen der erhöhten Getreidezölle abzufedern. Eierproduzenten erhielten verbilligten Mais jedoch nur, wenn sie ihre Ware über Genossenschaften absetzten (Walter und Lichter, 1932, 11). Diese Maßnahme richtete sich vor allem gegen die Hühnerfarmen. Der Erfolg war gering, obwohl die Kostensenkung bis zu zwei Pfennig pro Ei betrug.

Ein Mitte des Jahres an die Interessenverbände versandter Entwurf einer Kennzeichnungsverordnung für Eier sah eine weitere Stärkung vor. Jede Qualitätskennzeichnung abseits des „Deutschen Frischeies“ sollte verboten werden (Das „politische Ei“, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 255-257, hier 256). Dies sollte, so die offiziöse Version, den Markt für den Verbraucher ordnen. Faktisch aber wollte man die etablierten Qualitätsmarken der Hühnerfarmen und Auslandseier verbannen. Der Antrag wurde Ende des Jahres wieder zurückgezogen, als ein Maßnahmenpaket zur „Verbesserung der Marktverhältnisse für deutsche landwirtschaftliche Erzeugnisse“ ohne parlamentarische Beratung als Teil der am 1. Dezember 1930 erlassenen „Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen“ Gesetzeskraft erhielt. Durch dieses „Handelsklassengesetz“ erhielt das Reichsministerium umfangreiche Rechte, um die rückwärtigen Sektoren der Versorgungsketten neu zu gestalten. Während zwei Jahre zuvor der Absatz im Mittelpunkt stand, konzentrierte man sich nun wieder auf die Ordnung der Produktion. Sie erfolgte im 1932.

Umfassende Kennzeichnung: Die Eierverordnung vom 17. März 1932

Die Eierverordnung vom 17. März 1932 bedeutete ein Ende des gestempelten „Deutschen Frischeies“. Der einmal etablierte Begriff blieb bestehen, rechtlich verbindliche Qualitätskriterien gab es jedoch nicht mehr. Die Verordnung setzte an deren Stelle neue Handelsklassen, die weiterhin von Kontrollstellen an den Landwirtschaftskammern überprüft wurden (Reichsgesetzblatt 1932, T. 1, Berlin 1932, 146-152). Da Sie als aufgeklärter Eieresser ja wissen, was sich hinter den 2008 erlassenen Kategorien der EU-Vermarktungsnormen für Eier verbirgt – vier verschiedene Haltungsformen (0-3), vier Größenklassen (XL. L, M und S), zwei Güteklassen (A und B) sowie Codes für die Herkunftsländer resp. die deutschen Bundesländer, schließlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum, aus dem Sie indirekt das Alter der Eier ermitteln können – werden Sie sich in das achtundachtzig Jahre alte System leicht einfinden können; es ist recht ähnlich.

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Neue Kennzeichnungen der Eier (Landfrau 1932, Nr. 25, 1)

Handelsklasseneier waren in fünf Gewichtsgruppen unterteilt, um so große (A), mittelgroße (B), gewöhnliche (C) und kleine (D) Eier von der wuchtigen Sonderklasse (S) unterscheiden zu können. Zwei Gütegruppen orientierten sich am Alter der Eier, schieden vollfrische (G1) von frischen (G2) Eiern. Für den Kampf um die Marktstellung des deutschen Eies zentral war eine zusätzliche Kennzeichnung der Herkunftsländer. Damit wurden Auslandseier als solche kenntlich. Doch damit nicht genug. Um vollfrische/frische Eier hervorzuheben, mussten Kühlhauseier (K) und konservierte Eier (Konserviert) ebenfalls gekennzeichnet werden. Farbliche Akzente blieben bestehen, denn die Stempel sollten von September bis Mitte März rot, den Rest des Jahres schwarz sein.

Das war Markttransparenz, doch diese Kennzeichnung betraf vornehmlich die urbanen Konsumzentren. Die Mehrzahl der deutschen Eier, der Vorwärts sprach von 3,5 der über 6 Milliarden Inlandseier, wurde von der Landbevölkerung verbraucht, und auch ein Großteil der in Klein- und Mittelstädten verkauften Eier war wohl nicht gekennzeichnet (Der Wettkampf der Hühnereier, Vorwärts 1932, Nr. 237 v. 22. Mai, 4). Zugleich monierte man die unverständlichen „Hieroglyphen“ auf den Eiern (Hühnerstall und Eierladen, Vorwärts 1932, Nr. 214 v. 8. Mai, 5). Doch lehnen wir uns etwas zurück, um den Sinn dieser Maßnahmen zu verstehen. Es ging darum, die „unübersichtliche Verwirrung im deutschen Eierhandel“ (Rudolph, 1932, 155) zu beenden, also um Marktbereinigung. Denn mit den Handelsklasseneiern verschwand nicht nur das „Deutsche Frischei“, sondern auch die vielen anderen Kennzeichnungen in- und ausländischer Anbieter. Landläufige Bezeichnungen, wie Landei oder Frühstücksei, waren ebenfalls verboten. Die Verordnung ermöglichte dem Konsumenten daher eine einfache Unterscheidung nach nationaler Herkunft und, sofern dies nicht Teil der Alltagskompetenz war, nach Größe. Die Frische der Eier wurde an sich transparenter gemacht, zumal durch die Kennzeichnung der Kühlhaus- und der konservierten, also mit chemischen Mitteln behandelten Eier. Zugleich aber wurde der Begriff der „Frische“ neu definiert – und damit zugleich auf das Alter, genauer auf die Größe der im Ei befindlichen Luftblase reduziert. War sie nicht über 5 Millimeter hoch, so handelte es sich um vollfrische Eier, während frische Eier eine doppelt so hohe haben durften. Frische Eier wären also zuvor nicht unter die Kriterien des „Deutschen Frischeies“ gefallen.

Die Eierverordnung beendete zwar das Marktpräsenz des „Deutsche Frischei“, sie zielte jedoch weiterhin auf die Stärkung der genossenschaftlichen Absatzorganisation. Wie zuvor setzte sie auf deren kontinuierliches Wachstum („Bereinigung des Eiermarktes.“, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 21-22, hier 21). Wer Eier vermarkten wollte, konnte dies abseits lokaler, bestenfalls regionaler Märkte nur unter den Kategorien des Handelsklasseneies, nur in diesem Rahmen erhielt er verbilligten Mais (kritisch hierzu Die Polizei im Eierladen, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 164). Die Verordnung bot verlässliche Rahmenbedingungen und angesichts der dann wenig später erlassenen Festpreise waren Sonderwege, etwa der Hühnerfarmen, wenig sinnvoll. Der abnehmende Druck ausländischer Eierimporte erschien als Zeitgewinn, der erlaubte, die zuerst auf die Produktion zielende Standardisierung vollenden zu wollen. Erst anschließend konnte dann, wie auch immer, der Absatzmarkt neu geordnet werden. Von einer intimen Kenntnis der Verbraucherwünsche war daher nicht mehr die Rede, auch wenn die Handelsklassen die Markttransparenz deutlich verbesserten. Der Begriff der „Frische“ wurde durch die Neuregelungen nochmals inhaltsleerer, entfernte sich jedenfalls weiter von den schon im Kaiserreich illusionären Vorstellungen nestwarmer Eier. Alte Eier waren nun „frisch“, frische Eier dagegen „vollfrisch“. Auch das deutsche Frischei wurde weiterhin beworben, damit allerdings kein Markenprodukt mehr verbunden (vgl. Badische Presse 1933, Nr. 126 v. 15. März, 6).

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Das neue, vor allem deutsche Frischei (Der Bazar 79, 1933, Nr. 13, 21)

Während der NS-Zeit blieb die Eierverordnung, von wenigen kleineren Änderungen abgesehen, bestehen. Der Reichsnährstand schuf Zwangsorganisationen der Eierwirtschaft. Die Rahmenbedingungen änderten sich in Richtung der seit 1930 beschrittenen Wege. Der Import wurde erschwert – und anderes als etwa bei Kaffee oder Südfrüchten gelang eine Konsumlenkung auf deutsche Eier und eine Rückführung des Eierkonsums auf den Vorkriegsstand. Während 1932 noch 161 Eier pro „Vollperson“ verzehrt wurden, verringerte sich dieser Wert 1934 auf 139 und lag 1938 mit 144 Stück nicht wesentlich höher (Wilhelm Ziegelmayer, Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung, 4. verb. u. erw. Aufl., Dresden/Leipzig 1941, 42).

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Wie in der „guten alten“ Zeit: Frischeier für die Haushaltskonservierung (Badischer Beobachter 1934, Nr. 111 v, 25. April, 10)

Die Saisonalität des Eieraufkommens blieb in den 1930er Jahren grundsätzlich bestehen, da der Ausbau der Kühlhäuser aufgrund wachsender Investitionen in die Grundstoff- und Rüstungsindustrie nicht wie geplant vorankam. Die im Rahmen des Reichsnährstandes neu eingerichtete Reichsstelle für Eier lagerte zwar im Frühjahr Eier ein, doch die saisonalen Preisschwankungen und Versorgungsengpässe konnten damit bestenfalls gemildert werden (Billigere Kühlhauseier, Badischer Beobachter 1934, Nr. 336 v. 9. Dezember, 7). Die reduzierten Importe sollten durch die deutsche Hausfrau abgefedert werden: „Gibt es keine Frischeier, dann werden Kühlhauseier verwendet“. Bestehende Feindbilder wurden dazu genutzt, die Verknappung der Eier nicht der Organisation der Eierwirtschaft oder dem ordinären Huhn zuzurechnen, sondern „jüdische[n] Spekulanten“. Wer dagegen aufbegehrte – und derer gab es viele – der machte sich zum „Feind der Nation. Als solcher aber wird er […] gebrandmarkt und rücksichtslos unschädlich gemacht“ (Preissenkung und Einkaufsdisziplin, Der Führer 1935, Nr. 251 v. 12. September, 9). Parallel wurde die Werbung für häusliche Konservierungsmittel, für Garantol, aber auch für Eifrischhalter wie Imo und Eifri, deutlich intensiviert.

Das „Deutsche Frischei“ war eine folgenreiche Episode. Obwohl ein Flop, setzte sie Dynamiken in Gang, die zu einer steten Rationalisierung der Eierwirtschaft, zu einer zuvor unbekannten Standardisierung und zum Vordringen von Expertenwissen und Kontrollverfahren führten. Dies war die Konsequenz einer sich schon im späten 19. Jahrhundert etablierenden Konsumgesellschaft, die das Agrarische letztlich nach ihren Werten umstellte. Die Bauern folgten langsam, aber doch stetig, da sich ihre Arbeit rechnen musste. Der lange Schatten der Diskussionen über das „Deutsche Frischei“ reicht bis in die Gegenwart. Dies nicht nur, weil wesentliche Elemente dessen, was Verbraucher heute über Eier wissen (und wissen wollen) spätestens mit der Eierverordnung von 1932 – und ähnlichen Regelungen im europäischen Ausland – festgezurrt wurden. Wichtiger noch: Frische etablierte sich als gängige Anspruchshaltung, mochte sie auch meist inhaltsleer sein. Die Geschichte des „Deutsche Frischeies“ erlaubt daher auch einen Blick hinter die Mythen, die wir so gerne pflegen, wenn wir uns ein „frisches“ Ei heute schmecken lassen.

Uwe Spiekermann, 29. Februar 2020

Der Verbraucher als Platzhalter: Agrarwende(n) im 20. Jahrhundert

Wer heute von „Agrarwende“ spricht, steht auf scheinbar sicherem historischem Grunde. Es geht dann, natürlich, um die Agrarwende 2000/2001. Ihr Ziel war die ökologische Neuorientierung einer qualitätsvergessenen, bürokratisierten, kommerzialisierten und naturfernen Landwirtschaft. Angesichts zahlreicher Probleme und Skandale in der „konventionellen“ Agrarwirtschaft bot schließlich die BSE-Krise die Chance für einen nachhaltigen Bruch mit dem Alten. [1] Endlich sollte der Verbraucher zum Fluchtpunkt agrarpolitischen und agrarwirtschaftlichen Handelns werden, endlich Klasse an die Stelle von Masse treten. [2]

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Die Verbraucherin – vermeintlicher Fluchtpunkt der Agrarpolitik auch vor 2000 (Der Verbraucher 1967, Nr. 38, I)

Diese Neuorientierung beinhaltete jedoch eine historische Engführung – und dies fast unabhängig von der Bewertung der damals angestrebten und durchgeführten Maßnahmen. Die Vorgeschichte der Agrarwende 2000/2001 wurde als Teil einer linearen Entwicklung von einer wenig effizienten, jedoch vermeintlich naturnahen Bauernwirtschaft in ferner Vergangenheit hin zu einer domestizierten, am Tropfe von Subventionen hängenden und von Bürokratien ferngeleiteten Agrarwirtschaft gedeutet. Die Agrarpolitik, zuvor stets im Einklang mit den Interessen der grünen Lobby, habe 2001 endlich einen Bruch herbeigeführt. Gewiss, dieser sei vielfach steckengeblieben, sei ab 2005 gar Stückwerk geblieben. Doch es scheint außer Frage zu stehen, dass die Agrarwende etwas Neues war, historisch einzigartig. Das unterstrich der Begriff, ein neu geschaffenes Flaggenwort mit dynamisch zukunftsgewandtem Klang.

Diese historische Engführung ist problematisch, ja irreführend. Festzuhalten ist vielmehr: Die Geschichte der deutschen Agrarpolitik im 20. Jahrhundert war auch eine Geschichte von Agrarwenden. Die 2000/2001 zuerst eingeforderten, dann von der neuen Verbraucherschutzministerin Renate Künast beredt kommunizierten und auch teils durchgesetzten Maßnahmen stehen in einer langen Reihe von Veränderungen im Agrar-, Wirtschafts- und Konsumsektor, die seit über 140 Jahren gefordert und auch angegangen wurden. Dies scheint offenkundig bei den umfassenden Bemühungen auf europäischer Ebene, die spätestens seit den 1970er Jahren einsetzten, als sich die Auswirkungen der „subventionierten Unvernunft“ in immensen Produktionsüberschüssen, einer ausufernden Subventionswirtschaft und zunehmenden ökologischen Kosten niederschlugen. [3] Doch ähnliches gab es, wiederholt und mit anderen Vorzeichen, auch auf nationaler Ebene.

Agrarpolitik als Gesellschaftspolitik

Damit nicht genug: Auch wenn Agrarwenden vielfach bei der Landwirtschaft ansetzten, so zielten sie doch immer über die Landwirtschaft hinaus. Agrarpolitik war und ist stets Gesellschaftspolitik. Eine Engführung von Agrarpolitik, etwa in Form der immer wieder – und wahrlich nicht zu Unrecht – zu hörenden Klagen über landwirtschaftliche Klientelpolitik, über „grüne Lobby“ und Interessenpolitik zu Lasten der Verbraucher, wird dieser Dimension nicht gerecht. Auch hier täuscht der enggefasste Begriff: Agrarpolitik diente im 20. Jahrhundert nämlich eben nicht primär der Landwirtschaft, sondern „der Unterordnung der Landwirtschaft unter die Interessen der Industriegesellschaft.“ [4] Agrarpolitik zielte auf die sozial verträgliche „Entagrarisierung“ des Ländlichen, auf das Verschwinden des Bauers und die Förderung des ländlichen Agrarunternehmers. Während 1900 ein Beschäftigter in der Landwirtschaft für vier Konsumenten produzierte, lag diese Relation 1950 bei eins zu zehn und heute bei weit über eins zu einhundert. Hinter derart dürren Zahlen verbirgt sich die tiefgreifendste soziale Transformation des letzten Jahrhunderts. Die Landwirtschaft, der sog. primäre Sektor, wies 1933 noch mehr Beschäftigte auf als der sog. gewerbliche Sektor. Das Dorf, noch um 1900 eine von der bäuerlichen Produktionsgemeinschaft dominierte kulturelle und soziale Einheit, verschwand in den 1970er Jahren, mögen Überbleibsel des Wertekanons dieses Mikrokosmos auch noch beredete Nachklänge in Werbung und Populärkultur feiern. [5]

Die Agrarwende 2000/2001 war entsprechend ein Anachronismus, denn das Agrarische war längst vergangen, auch wenn der unkundige Städter weiter seiner romantischen Vorstellung eines nach anderen Gesetzen funktionierenden ländlichen Raumes anhing. Die immer wieder beklagte und häufig skandalisierte Industrialisierung der Landwirtschaft stellte jedoch nicht nur ein Paradebeispiel für einen „interventions- und sozialstaatlich regulierten Kapitalismus“ [6] dar, sondern gründete immer auch auf speziellen Vorstellungen vom Fluchtpunkt aller agrarpolitischen Maßnahmen, dem urbanen Verbraucher, der urbanen Verbraucherin. Entsprechend ist es falsch, von einer Neuentdeckung des Verbrauchers im Rahmen der Agrarwende 2000/2001 zu sprechen. Diese steht vielmehr in einer langen Kontinuität einer Interessenpolitik, in der Verbraucher zum Platzhalter politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hegemonialansprüche wurden.

Phasen und Veränderungen

Blicken wir also auf den komplexen und keineswegs linearen Wandel, der von der politischen Rhetorik der Agrarwende 2000/2001 überdeckt wurde. Agrarpolitik als Gesellschafts- und Verbraucherpolitik lässt sich grob in fünf Phasen einteilen:

I. Die erste Zäsur bildeten die Jahre 1879/80. Während das 1871 gegründete Deutsche Reich und namentlich dessen größter Teilstaat Preußen anfangs an relativ offenen Märkten festhielten, zerbrach dieses Freihandelssystem unter dem Druck der billigen Getreideimporte aus den USA und Russland. [7] Die durch die Globalisierung bewirkten Kostenreduktionen kamen zwar der breiten Mehrzahl der urbanen Konsumenten zu Gute, doch sie bedrohten die ökonomische Stellung der schon früh auf Getreidewirtschaft und -export ausgerichteten mittel- und ostdeutschen Großlandwirtschaft. Im Bündnis mit Schwerindustrie, Kaiserhof und konservativen Parteien wurde der Brotkorb der Mehrzahl durch Schutzzölle deutlich höher gehängt. Das späte Kaiserreich war die eigentliche Zeit einer Klientelpolitik für die Großlandwirtschaft. Sie war integraler Bestandteil einer Politik gegen die „Reichsfeinde“ von Sozialdemokratie und Zentrum. Sie führte, bei allem Wohlstandswachstum dieser Zeit, zu einem bewusst niedriger gehaltenen städtischen Lebensstandard. Das bewirkte eine geringere Attraktivität des gewerblichen Arbeitsmarktes, minderte indirekt die Landflucht, stabilisierte so das Land. Zugleich aber war sie eine der zentralen Angriffspunkte der zur weitaus stärksten politischen Kraft aufsteigenden Sozialdemokratie und ein wichtiger Punkt für den späteren Zusammenbruch der konstitutionellen Monarchie. [8] Sie diente offenkundig nicht den Interessen der Konsumenten, ihre Agrarpolitik war Interessenpolitik gegen die urbanen Verbraucher. [9]

02_Der Wahre Jacob_17_1900_p3162_Zollpolitik_Soziale-Unterschiede_Agrarier_Konsument_Lebensmittelteuerung_Lebsnstandard

Agrarpolitik und Lebenshaltung um 1900: Interessenpolitik gegen städtische Verbraucher (Der Wahre Jacob 17, 1900, 3162)

II. Der Erste Weltkrieg markierte eine zweite Zäsur: Die Versorgungssituation war mit den bisherigen Strukturen einer Konfrontation von Land und Stadt, von Großlandwirtschaft und urbaner Verbraucherschaft nicht mehr länger zu beherrschen. Der Aufbau eines sowohl effizienten als auch gerechten Rationierungssystems, die optimale Versorgung der Truppen, Sorge für die Gesundheit der Bevölkerung und neue Lebensmittel zur Milderung bestehender Engpässe: All dies waren Aufgaben, die nicht nur die Mitarbeit der Lebensmittelindustrie und der aufstrebenden Ernährungswissenschaften erforderten, sondern auch ein Eingehen auf die Bedürfnisse der Verbraucher. [10] Die Bildung des Kriegsernährungsamtes im Mai 1916 konnte zwar einige Koordinierungsprobleme mildern, doch das strukturelle Problem einer vergleichsweise rückständigen, arbeitsintensiven und untermechanisierten Landwirtschaft, der Unterbindung der bisherigen Importe durch die nun „effizient“ wirkende Blockade [11] und die dreigeteilte Versorgung von Militär, Selbstversorgern und Rationenempfängern war im Rahmen der bestehenden Agrarpolitik nicht zu regeln. [12] Immense Preissteigerungen für Lebensmittel, eine unzureichende kalorische Versorgung der arbeitenden städtischen Bevölkerung und eine zunehmende Verengung des Lebensmittelangebotes auf wenige Produkte waren die Folge. [13] Zur fragilen Stabilisierung der Heimatfront war eine Kooperation mit den zuvor schwachen Konsumentenorganisationen – zusammengefasst im Kriegsausschuss für Konsumenteninteressen – sowie insbesondere den Konsumgenossenschaften erforderlich. [14]

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Humoristische Spiegelung einer ineffizienten Agrarpolitik: Karikaturen 1918 (Lustige Blätter 33, 1918, Nr. 14, 10)

Aus Sicht der Konsumenten, aber auch der dann sozialdemokratisch geführten Regierungen im Reich und in Preußen hatte die Versorgungskatastrophe des Ersten Weltkrieges die Schwächen der deutschen Landwirtschaft klar aufgezeigt: Zersplitterte und vielfach nicht marktbezogene Produktion, hohe Arbeits- und geringe Kapitalintensität, mangelnde Markt- und Produktkenntnisse und nicht zuletzt ein disperses Warenangebot. [15] Gehalt, Form und Darbietung der einheimischen Nahrungsmittel waren gegenüber der ausländischen Konkurrenz nicht wettbewerbsfähig und hatten sich gegenüber dem Vorkriegsniveau deutlich verschlechtert. [16] Ab 1919, vor allem aber nach der Hyperinflation 1923 endete zudem der für die Landwirtschaft insgesamt ertragreiche Verkäufermarkt, während der Wettbewerbsdruck ausländischer Anbieter zunahm, da der Versailler Friedensvertrag offene Zollgrenzen erzwang. Gerade bei Veredelungsprodukten, wie Butter, Eier, Obst und Gemüse, deren Konsum in der Nachkriegszeit überdurchschnittlich anstieg, gerieten deutsche Anbieter zunehmend ins Hintertreffen.

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Gemeinschaftswerbung für deutsche Eiernudeln 1922 (C.V.-Zeitung 1, 1922, 231)

Um dieser Misere zu begegnen, begann in den frühen 1920er Jahren – anfangs unter aktiver Mitwirkung der Konsumentenverbände und deren politischen Vertretern – eine umfassende Modernisierung der deutschen Landwirtschaft. Mechanisierung, Kapitalisierung und Chemisierung waren entscheidende Stellschrauben, um auf Basis einer immer breiteren agrar- und ernährungswissenschaftlichen Expertise und mit zunehmend präziseren Kenntnissen der Agrarmärkte ein erst ausreichendes, dann breiter gefächertes und zugleich erschwingliches Angebot zu ermöglichen. Die Modernisierung der deutschen Landwirtschaft war ein nationales Projekt, auch wenn eine mitteleuropäische Großraumwirtschaft unter deutschen Vorzeichen Teil deutscher Kriegszielplanungen gewesen war. Festzuhalten ist nochmals, dass dieses Projekt anfangs nicht gegen, sondern mit den Konsumenten in Gang gesetzt wurde – auch wenn das sich Anfang der 1920er Jahre etablierende „Eiserne Dreieck“ aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Politik von Beginn an die Zügel in der Hand hielt.

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Standardisierung als Orientierungshilfe für den Verbraucher: Werbeplakat für Markenkartoffeln 1928 (Hannoversche Land- und Forstwirtschaftliche Zeitung 81, 1928, 362)

Die frühen 1920er Jahre standen noch unter dem Eindruck wirtschaftlicher Deregulierung. Davon profitierten vor allem die zahlreichen Produktionsgenossenschaften. Regional organisiert, intensivierten sie die Standardisierung und Klassifizierung der Agrargüter, schieden so modernisierungswillige von modernisierungsunwilligen Mitgliedern. Dies erlaubte standardisierte Angebote, Agrargüter wurden nun vermehrt zu Markenprodukten. Vor allem im Umfeld der Konsumzentren sowie dem von niederländischen und dänischen Importen besonders betroffenen West- und Nordwestdeutschland griffen diese Selbsthilfebestrebungen, während Süddeutschland nur geringe Veränderungen zeigte. [17] Erfolgreicher Absatz setzte zahllose Veränderungen der betrieblichen Praxis in Gang: Rechenhaftigkeit wurde zu einem zentralen Thema dieser Zeit – zumal durch dem Preisverfall während der 1925 einsetzenden internationalen Agrarkrise. Wissenschaftliche Expertise, vornehmlich der angewandten Agrarwissenschaften, aber auch der sich rasch entwickelnden Agrarökonomie, gewann dadurch an Bedeutung, mochte sich die Mehrzahl der Landwirte auch reserviert und ablehnend verhalten. [18] Der Staat förderte diesen Prozess mit beträchtlichen Finanzmitteln, nahm zudem durch die 1925 einsetzende, nicht mehr an die Meistbegünstigungsklauseln des Versailler Vertrages gebundene Zollpolitik Wettbewerbsdruck von den Produzenten, forcierte aber auch die Rationalisierung von Produktion und Absatz.

Parallel erfolgte der Aufbau von Ressortforschungseinrichtungen auf Länderebene. Ziel war die „Erhöhung der Erzeugung durch Geistesarbeit“ [19]. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte es ein breites Netzwerk mit ca. 70 landwirtschaftlichen Versuchsanstalten gegeben. [20] Deren alltagspraktische Forschung wurde Anfang der 1920er Jahre durch zahlreiche Institute zur Grundlagenforschung ergänzt, die die Breite der anvisierten Agrarwende verdeutlichen: 1920 wurde das Institut für Seefischerei in Geestemünde errichtet, ebenso eine Anstalt für Fischereiuntersuchungen in Langenhagen. 1922 folgten die Kieler Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, die Süddeutsche Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Weihenstephan sowie die Versuchs- und Forschungsanstalt für Tierzucht in Tschechnitz, Schlesien. Trotz Hyperinflation folgten 1923 die Berliner Versuchs- und Forschungsanstalt für Getreideverarbeitung sowie die Bayerische Landesanstalt für Tierzucht in Grub bei München und schließlich 1924 die Preußische Versuchs- und Forschungsanstalt in Potsdam bzw. Geisenheim. Dies waren beträchtliche Investitionen sowohl in die Landwirtschaft als auch in die Sicherung der deutschen Ernährungsgrundlagen. In Preußen verdoppelten sich die gesamten Aufwendungen für landwirtschaftliche Bildung von 1913 bis 1927 von 6 Mio. auf 12,2 Mio. RM und wuchsen damit stärker als die für den gewerblichen Unterricht resp. die technischen Hochschulen. [21] Parallel wurde das Agrarmarketing institutionalisiert.

III. Die dritte Agrarwende erfolgt anfangs schleichend, setzte aber dann seit 1930/33 mit Wucht ein. Anlass war einerseits die spätestens 1925 einsetzende internationale Agrarkrise. Der beträchtliche Preisverfall führte dazu, dass sich die hohen Investitionen vieler Landwirte nicht mehr amortisierten. Obwohl die Landwirte nach der Inflation 1923 vielfach schuldenfrei waren, trudelten sie nun sehenden Auges in eine tiefgreifende Schuldenkrise. Zugleich zeigte sich der Konsument widerspenstig, bevorzugte er doch höherwertige ausländische Agrargüter. Es waren die Experten des Eisernen Dreiecks, die das gewünschte Konsumentenverhalten definierten und im Rahmen der Agrar- und Ernährungspolitik dieses auch durchzusetzen versuchten. Agrarpolitik als Verbraucherpolitik bedeutete seit Mitte der 1920er Jahre nicht, sich anonymen Marktmechanismen zu stellen. Stattdessen ging es darum, den Verbraucher aufzuklären, ihn zu erziehen und schließlich zu führen. [22] Aufklärung bedeutete die Vermittlung von objektiviertem wissenschaftlichem Wissen an Individuen zwecks Wissenstransfers – seine Alltagsrelevanz wurde gesetzt. Typisches Beispiel hierfür waren Informationen über den Vitamin- oder den Nährstoffgehalt von Lebensmitteln.

Der Begriff Erziehung zielte weiter und reicht tiefer, denn er umfasste Wissensvermittlung an Individuen und segmentierte Zielgruppen mit dem Ziel, praktisches Wissen und Handeln qua Einsicht zu optimieren. Wissen des Guten hieß, so die Annahme, Vollzug des Guten: Würden dem Konsumenten nur häufig genug die Vorteile von deutschem Roggenbrot, Markenkartoffeln und Frischgemüse nahegebracht, so würde man gewiss Markterfolge erzielen. Es ging um die Vermittlung von Expertenwissen – nicht um die Bedürfnisse oder gar die Eigenlogik der Verbraucher.

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Argumente für deutschen Weißwein: Erzieherische Gemeinschaftswerbung 1927 (Zeitbilder 1927, Ausgabe v. 27. März, 8)

Führung schließlich setzte ein, als klar wurde, dass Aufklärung und Erziehung nicht ausreichten, um den Konsum in die gewünschte Richtung zu lenken. Sie beinhaltete die autoritative Vermittlung wissenschaftlichen Wissens an Gruppen durch politische oder politisch unmittelbar rückgebundene Institutionen, um so deren praktisches Wissen und Handeln gezielt zu verändern. Weißwein, Milch und Süßmost wurden propagiert, deren Produktions- und Absatzstrukturen parallel gefördert. Führungsziel war eine stärker regionale Kost, mit weniger Fett, anderen Eiweißquellen, rustikal und darmfordernd.

In Deutschland finden wir die Trias Aufklärung, Erziehung und Führung besonders ausgeprägt während des NS-Systems, doch sie prägte auch die Agrarwerbung und Ernährungsklärung der Bundesrepublik und der DDR. [23] Sie spiegelte zugleich eine wachsende Verbindlichkeit des Wissens des eisernen Dreiecks für die Konsumenten und war Ausdruck einer wachsenden Vernetzung der Akteure. Aufklärung beinhaltete vorrangig die Vermittlung objektivierten wissenschaftlichen Wissens, Erziehung integrierte im Regelfall wirtschaftliche Akteure, Führung zudem staatliche Institutionen. Diese Klaviatur wird bis heute gespielt, gilt den sich selbst genügenden Expert*innen als alternativlos.

Der vom individuellen Nutzen ausgehende Duktus Anfang der 1920er Jahre wurde spätestens mit Beginn der Weltwirtschaftskrise um nationalwirtschaftliche, dann aber auch zunehmend gesundheitspolitische Argumente ergänzt: „Fast alle Krankheiten gehen auf Ernährungsfehler zurück. Und zwar essen wir meistens viel zu viel, und außerdem falsche Stoffe.“ [24] Nun hieß es nicht mehr „Trinkt mehr Milch“ oder aber „Eßt deutsches Gemüse“, vielmehr trat spätestens seit 1932/33 der individuelle (Gesundheits-)Nutzen in den Vordergrund der Werbung für Agrargüter. [25] „Gesunde“ Kost zu essen, setzte jedoch eine Vorstellung über das voraus, was Gesundheit ausmachte. Mit der Machtübernahme der Präsidialkabinette und der Machtzulassung der NSDAP veränderte sich dies folgenreich.

Während in der Weimarer Republik die Gesundheitsfürsorge im Mittelpunkt stand, war es nun immer stärker die Gesundheitsführung des deutschen Menschen. Nicht mehr Fürsorge, sondern Vorsorge war das Ideal. Die Gesundheit des Einzelnen wurde in einen völkischen Zusammenhang gebracht, Gesunderhaltung war „Mittel zur Steigerung der menschlichen Arbeitsleistung zum Wohle des Volksganzen.“ [26] Die Produkte der Landwirtschaft wurden zum Garanten für eine gesunde deutsche Rasse, ihr Konsum war zugleich Dienst am Volke. Konsum wurde moralisiert, in den Dienst der Rassenideologie des Nationalsozialismus und des national-konservativen Bürgertums gestellt.

Dies zeigt sich insbesondere angesichts der seit dem Vierjahresplan 1936 systematisch einsetzenden Führung. Wissenschaftliche Expertise strukturierte zunehmend die Agrarproduktion. Der wenig leistungsfähige Betrieb wurde „ausgemerzt“, die „Mechanisierung des Dorfes“ propagiert und im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten vorangebracht. [27] Zugleich aber forderte sie die Führung des Konsumenten, setzte auf eine Struktur der Verbindlichkeit, hin zu einer regionalen, saisonalen und gering verarbeiteten Kost. [28]

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Vermeintliche Interessenidentität: Erntedankumzug in Berlin 1934 (Der junge Landwirt 7, 1934, 81)

Die Vertreter des Eisernen Dreiecks zielten auf eine rationale Ordnung der Versorgung für die deutsche Bevölkerung, auf eine Modernisierung von Lebensmittelproduktion und -konsum. Auch wenn ihre Studien die Prioritätensetzungen der politischen Führung meist nicht hinterfragen, zeigten sie doch zugleich deren Widersprüchlichkeiten deutlich auf: Eine Verminderung des Zugviehs durch eine forcierte Maschinisierung der Landwirtschaft hätte etwa beträchtliche Produktivitätsgewinne und einen verminderten Futtermittelbedarf nach sich gezogen [29], war aber angesichts von Devisenmangel und Rüstungsprioritäten nicht möglich. Die planerische Ebene grenzte zugleich das subjektive Wissen der Konsumenten aus, degradierte sie zur Übernahme des überlegenen Wissens innerhalb des eisernen Dreiecks: „Der totalitäre Staat kann es aber nicht dulden, daß ein Teil seiner Glieder durch unvernünftige Ernährung seine Leistungsfähigkeit und damit auch die des ganzen Staates schwächt. So hat der Staat Interesse daran, daß auch derjenige, welcher seine Nahrung noch selbst frei wählen kann, sich nicht nur auf seinen eigenen fraglichen Instinkt verläßt, sondern sich auch belehren läßt, was ihm physiologische und ärztliche Wissenschaft als dritte, einzig sichere Quelle dazu zu sagen haben.“ [30]

Die institutionelle Quintessenz dieser neuen, den Konsumenten lediglich als Ausführungselement wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Handlungslogiken verstehenden Agrar- und Konsumpolitik war der seit September 1934 institutionalisierte Reichsnährstand, ein vielfach begrüßter Zwangszusammenschluss der Ernährungswirtschaft. [31] Obwohl die Landwirtschaft klar dominierte, handelte es sich nicht um ein „gewaltiges Bauernsyndikat“ [32], sondern um ein institutionelles Arrangement zur staatlich verpflichteten Kooperation der Primärproduktion, des verarbeitenden Gewerbes und des Einzelhandels. Seine Hauptaufgabe war die Regelung von Erzeugung, Absatz, Preisen und Preisspannen sämtlicher Ernährungsgüter. Er kontrollierte mehr als 25 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes, überwachte einen Absatz von mehr als 30 Mrd. RM, war somit „die größte Wirtschaftseinheit der Welt.“ [33] Ca. 30.000 Beschäftigte begannen eine intensive Regulierungstätigkeit, binnen zweier Jahre wurden ca. 250 Gesetze und Verordnungen erlassen. [34]

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Schaubild zur Aufklärung über die Marktregelung im Rahmen des Reichsnährstandes 1935 (Der junge Landwirt 8, 1935, 26)

Der Reichsnährstand stand für einen klaren Bruch mit marktwirtschaftlichen Prinzipien, für deren Anwendung sich Ende der 1920er Jahre noch wichtige Agrarökonomen ausgesprochen hatten. [35] Alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse erhielten nun Festpreise, zugleich legte man die Preisspannen zwischen den Absatzstufen fest. Für die NS-Funktionäre bedeutete dies „Beseitigung der Marktanarchie“ [36] und Planungssicherheit für die Erzeuger. Während der Bauer der Weimarer Republik, „der Periode der Preisstützung oder subventionierten Marktwirtschaft“ [37] als Empfänger öffentlicher Leistungen verstanden wurde, sollte die Marktordnung ihn nun wieder „auf den Weg der Selbstverantwortung“ leiten. Erhöhte Produktion führte nicht zu sinkenden Preisen, sondern zu steigendem Einkommen. Da fast alle Preise angehoben wurden und 1933 eine Rekordernte eingebracht werden konnte, etablierte sich das System relativ schnell – zu Lasten der Konsumenten. Auch wenn die strikten Regulierungen vielfach auf Widerspruch stießen und Kritik am „Nährstandsimperialismus“ [38] spätestens seit 1935 weit verbreitet war, ließ die Agrarpolitik im Rahmen der jeweils ausgegebenen Parolen Freiraum für Eigeninitiative. Die Bauern sollten möglichst viel produzieren, wurden trotz anderslautender Propaganda damit aber zu Rohstofflieferanten reduziert. Der sich insbesondere in der Reichserbhofgesetzgebung niederschlagende Rassismus der tragenden Bauerntumsideologie ging in die gleiche Richtung, waren die qua Ariernachweis hochwertigen Nachkommen „deutschen Blutes“ doch nur funktionale Pendants zum „deutschen Rindvieh“, dessen Qualität Rinderleistungsprüfungen absicherten. [39]

Die Marktordnung zielte jedoch ebenso auf die Konsumenten. Sie waren von den Preiserhöhungen direkt betroffen, doch dafür erhielten sie – so die Propaganda – gute Ware zu gerechten Preisen. Die sichere Versorgung galt als Wert, Normierungen deutete man im Sinne des Verbraucherschutzes: „Die eindeutige und klare Festlegung der Qualitätsvorschriften und Bedingungen gestattet auch dem letzten Verbraucher, Güte und Preiswürdigkeit der Erzeugnisse genau zu beurteilen.“ [40] Die Kombination von Erzeuger- und Verbraucherschutz wurde immer wieder hervorgehoben. [41]

Der Reichsnährstand, der in den Besatzungszonen faktisch bis 1948 bestand, bot die Blaupause für die Agrarpolitik (und damit auch für die Konsumentenpolitik) des sich in den späten 1950er Jahren etablierenden gemeinsamen europäischen Agrarmarktes. Die nationalsozialistischen Bemühungen um eine europäische Agrarpolitik unter deutscher Führung bilden eine wichtige Folie auch für die Agrarintegration der EWG – nun aber mit starkem Anteil vornehmlich französischer und niederländischer Interessen. [42]

IV. Die kurze Phase der Marktliberalisierung, die es in Westdeutschland auch nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat, kann übersprungen werden. [43] Sie endete 1952, spätestens aber 1955 mit dem „Grünen Plan“, in dem zwei Jahre vor der EWG-Gründung die branchenbezogene Subventionierungspolitik wieder aufgenommen wurde. Das Geschehen nach dem zweiten Weltkrieg entsprach dem nach dem Ersten Weltkrieg. Die Agrarpolitik der Bundesrepublik, bedingt auch die der DDR, setzte um, was während der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus begonnen wurde. Gleichwohl ist die Agrar- und Konsumpolitik dieser vierten Phase von der der dritten Phase klar zu unterscheiden. Der Hauptunterschied lag in der zunehmenden Integration der deutschen Agrarwirtschaften in das internationale Handelssystem. Dies wurde vornehmlich durch die USA und Großbritannien erzwungen, erlaubte dann aber eine rapide Umgestaltung der Landwirtschaft. [44]

09_Simpl_02_1947_p038_Hunger_Lebensmittelversorgung_Besatzungsherrschaft

Produktivitätsschübe als Quintessenz von Unterversorgung. Karikatur 1947 (Simpl 2, 1947, 38)

Die Strukturen der Lebensmittelgesetzgebung der frühen Bundesrepublik waren vorrangig von der Kooperation der Experten des eisernen Dreiecks geprägt. [45] Die Verbraucher erhielten zwar formale Mitspracherechte, doch ihre Vertreter waren meist interessenpolitisch gebunden, repräsentierten vornehmlich Haus- und Landfrauenverbänden und die Konsumgenossenschaften. [46] Verbraucherpolitik war angesichts der heterogenen Interessenlage des lediglich funktional zu definierendem Verbraucher eine Form wohlmeinender Als-ob-Politik, die nach Ansicht der Experten des eisernen Dreiecks von ihnen schon bestens wahrgenommen wurde. [47]

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Frische Blutorangen von außen: Wachsende Angebote auf Basis neuer Handelsregime (Der Verbraucher 1965, Nr. 4, II)

V. Dies änderte sich nur moderat seit den späten 1960er Jahren, als die sozialliberale Koalition auch in diesem Felde mehr Demokratie wagte – ohne aber die Dominanz des eisernen Dreiecks in Frage zu stellen. Parallel führten die immensen Kostensteigerungen der EU-Agrarpolitik zu einem andauernden Reformdiskurs, dem langsam auch Taten folgten. [48] Diese fünfte Phase der stetigen Reformen endete – zumindest diskursiv – mit der Tötung von Millionen von Tieren aufgrund von MKS und BSE. Dies führte – zumindest temporär – zum Bruch zwischen Konsumenten und den Experten des eisernen Dreieckes. Eine Agrarwende schien abermals möglich.

Zum verbraucherpolitischen Ort der Agrarwende 2000/2001

Der Rückblick auf die Geschichte der Agrarpolitik erlaubt eine bessere Einordnung der Agrarwende 2000/2001. Sie hat, dies das Ergebnis schon des Ernährungswende-Projektes der Jahre 2002 bis 2006 [49], kaum nachhaltige Veränderungen im harten Bereich der Agrarpolitik verbucht. Ihr relativer Erfolg lag im Felde „weicher“ Faktoren. Dies umgriff sog. Symbolpolitik, mit der Themen besetzt und Lösungen vorgeschlagen werden. Dies bezog sich aber auch auf die explizite Weitung der Agrarpolitik auf gesellschaftliche Ziele. Mit beidem aber hatte sie – anders als dies seit 2001 betont wird – keinesfalls Neuland betreten, sondern stand in einer langfristigen Kontinuität deutscher Agrar- und Gesellschaftspolitik.

Wie schon in den 1920er und 1930er Jahren zielte Agrarpolitik als Gesellschaftspolitik nicht mehr allein auf die Sicherung der täglichen Kost zu günstigen Preisen, sondern stellte zunehmend andere Ansprüche an die Arbeit der Agrarunternehmer und an die Kaufentscheidungen der Konsumenten. Qualität und Nachhaltigkeit sind seither allseits befürwortete Zielsetzungen, als Beliebigkeitscontainer sind diese Begriffe typisch für die Verzahnung von Wissenschaft, Politik und Public Relations. Dass sich eine große Zahl von Konsumenten diesen Imperativen strukturell verweigert, kann als Ausdruck von Unmündigkeit verstanden werden. Vielleicht aber ist sie auch Ausdruck einer überbürdenden Agrarpolitik, die im Verbraucher vornehmlich einen Platzhalter für ambitionierte gesellschaftliche Ziele sieht – zumal für ein bürgerliches Erziehungsprojekt, in dem aufgeklärte, mündige Konsumenten Wissen und Handeln in Einklang bringen sollen. Gelingt dies nicht, teils auch aufgrund zu geringen Einkommens oder fehlender haushälterischer Fertigkeiten, so wird dies häufig als Ausdruck fehlenden Willens (miß)verstanden. [50]

Da die harten Maßnahmen der Agrarwende 2000/2001, etwa die Bekämpfung von BSE oder verbesserte Kennzeichnungspflichten, vornehmlich eine Fortführung des Reformdiskurses der fünften Phase bildeten, blieb als deren bis heute wirksame Essenz – neben der unmittelbaren und erfolgreichen Förderung des ökologischen Landbaus und der Bioprodukte – ein Verpflichtungsdiskurs gegenüber den Konsumenten: Moral wird zunehmend in Konsumgütermärkten verhandelt. Die Moralisierung der Märkte bedeutet, „dass der moderne Konsument aufgrund fundamentaler Veränderungen im Wirtschaftssystem und in der Gesellschaft seine Produktwahl zunehmend aus anderen Überlegungen heraus trifft als aus Gründen der reinen ‚Nützlichkeit’“ [51] – und dies wird nun immer stärker politisch eingefordert. Paternalismus wird modisch ummantelt, „Nudging“ dient der Führung von Konsumenten, die man nur deshalb nicht „dumm“ nennt, da sich Expertensprache ja technokratisch-sanft und pädagogisch abgemildert gibt. [52] Lebensmittelkonsum soll Zeichen zu setzen und das Gute von unten her bewirken. Für die Anbieter wächst der kommunikative (und auch finanzielle) Aufwand, da er nicht mehr nur Produkte anbietet, sondern auch ein sauberes Image, eine gesellschaftliche Option. Vor diesem Hintergrund ist die Agrarwende 2000/2001 der Versuch eines Einstieges in eine Ernährungs- und Essenswende, die vom angeleiteten Konsumenten selbst ausgehen soll. Das klingt gut, deckt sich mit einem bürgerlichen Wertekanon. Doch Verstand und historische Expertise führen zur Skepsis. Der Verbraucher kommt immer dann ins Spiel, wenn die Politik mit ihren Mitteln nicht mehr weiter kommt oder weiter kommen will; wenn die Agrar- und Ernährungswirtschaft Wertsteigerungen erzielen möchte; und wenn schließlich Wissenschaftler ihre disziplinär immer begrenzten Deutungen der Welt verbindlich machen möchten. Es geht um die Benennung vermeintlicher Verantwortlicher angesichts einer fortgesetzten „Industrialisierung“ des Agrarsektors. Nur zur Erinnerung: 1999 gab es 472.000 landwirtschaftliche Betriebe, 2018 waren es lediglich noch 267.000. Parallel stieg Deutschland zum weltweit drittgrößten Agrarexporteur auf, Landwirte erzielen heute jeden vierten Euro im Exportgeschäft. Die Handelsbeschränkungen der EU sind derweil wirksamer als die des deutschen Kaiserreichs.

Agrarwenden sind die Tagträume unserer kommerzialisierten, effizienten und gegenüber Natur und Kreatur vielfach gnadenlosen Gesellschaft. Ihnen nachzuhängen mag angesichts des vielfach beschworenen stahlharten Gehäuses der Moderne aussichtslos erscheinen, in dem für das Dorf und den Bauern kein Platz mehr ist, in dem ästhetische Illusionen und Romantizismen deren Platz eingenommen haben. Doch angesichts der destruktiven Konsequenzen einer letztlich alternativlosen Modernisierung der Landwirtschaft bleiben uns vielleicht nur solche Tagträume, um neben dem Sein auch über das Sollen reden und streiten zu können.

Uwe Spiekermann, 17. Dezember 2019

 

Quellen- und Literaturnachweise:
[1] Franz Alt, Agrarwende jetzt. Gesunde Lebensmittel für alle, München 2001; Götz Schmidt und Ulrich Jasper, Agrarwende oder die Zukunft unserer Ernährung, München 2001.
[2] Zur Einführung: Renate Künast, Klasse statt Masse. Die Erde schätzen, den Verbraucher schützen, München 2002; Peter Hennig Feindt und Christiane Ratschow, „Agrarwende“: Programm, Maßnahmen und institutionelle Rahmenbedingungen, Hamburg 2003; Heinz-Jörg Wiegand, Die Agrar- und Energiewende. Bilanz und Geschichte rot-grüner Projekte, Frankfurt/M. et al. 2006.
[3] Hermann Priebe, Die subventionierte Unvernunft. Landwirtschaft und Naturhaushalt, Berlin (W) 1985.
[4] Josef Moser, Das Verschwinden der Bauern. Überlegungen zur Sozialgeschichte der „Entagrarisierung“ und Modernisierung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert, in: Daniela Münkel (Hg.), Der lange Abschied vom Agrarland. Agrarpolitik, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft zwischen Weimar und Bonn, Göttingen 2003, 23-35, hier 24.
[5] Wolfram Pyta, Bauern, Brauchtum, BSE, Die Zeit 56, 2001, Nr. 5 v. 25.01., 9.
[6] Moser, 2003, 30.
[7] Kevin H. O’Rouke, The European Grain Invasion, 1870-1913, Journal of Economic History 47, 1997, 775-801; Cornelius Torp, Die Herausforderung der Globalisierung. Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860-1914, Göttingen 2005, 121-178.
[8] Christoph Nonn, Verbraucherprotest und Parteiensystem im wilhelminischen Deutschland, Düsseldorf 1996.
[9] Vgl. Hartmut Harnisch, Agrarstaat oder Industriestaat. Die Debatte der Landwirtschaft in Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands an der Wende vom 19. und 20. Jahrhundert, in: Heinz Reif (Hg.), Ostelbische Agrargesellschaft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Agrarkrise – junkerliche Interessenpolitik – Modernisierungsstrategien, Berlin 1994, 33-50.
[10] Vgl. Sönke Neitzel, Weltkrieg und Revolution 1914-1918/19, Bonn 2011, 131-137; Jörg Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014, 490-524.
[11] Vgl. die Importdaten bei Albrecht Ritschl, The pity of peace: Germany’s economy at war, 1914-1918 and beyond, in: Stephen N. Broadberry und Mark Harrison (Hg.), The Economics of World War I, Cambridge 2005, 41-76, hier 58.
[12] Entsprechend ist es fraglich, hier undifferenziert vom „Beginn einer staatlichen Konsumentenpolitik“ zu reden, so Ulrich Kluge, Deutsche Agrarpolitik im 20. Jahrhundert zwischen Protektionismus und wirtschaftlicher Modernisierung. Ausklang des Agrarischen?, in: Münkel (Hg.), 2001, 289-314, hier 298.
[13] So Jürgen Rund, Ernährungswirtschaft und Zwangsarbeit im Raum Hannover 1914 bis 1923, Hannover 1992, 333, mit Bezug auf Arbeiten Frederic Vesters.
[14] Vgl. Hartmut Berghoff, Ingo Köhler und Harald Wixforth, Navigation im Meer der Interessen. Binnenwirtschaftliche Steuerungsinitiativen des Reichswirtschaftsministeriums, in: Carl-Ludwig Holtfrerich (Hg.), Das Reichswirtschaftsministerium der Weimarer Republik und seine Vorläufer. Strukturen, Akteure, Handlungsfelder, Berlin und Boston 2016, 421-516, hier 425-432.
[15] Vgl. hierzu H. v. Köppen (1931), Das neuzeitliche Absatzproblem in der deutschen Landwirtschaft, Berichte über Landwirtschaft NF 15, 1931, 491-527.
[16] Vgl. Norwich Rüße, Absatzkrisen und Marketingkonzepte der deutschen Landwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1996/I, 129-162.
[17] Vgl. Uwe Spiekermann, „Der Konsument muß erobert werden!“ Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt/M. und New York 2007, 123-146, v.a. 130-133.
[18] Vgl. Volker Klemm, Agrarwissenschaften in Deutschland. Geschichte – Tradition. Von den Anfängen bis 1945, St. Katharinen 1992; Günther Schmitt, Zur frühen Geschichte der landwirtschaftlichen Marktforschung in Deutschland, in: Ders. (Hg.), Landwirtschaftliche Marktforschung in Deutschland, München, Basel und Wien 1967, 17-40.
[19] Otto Eisinger, Otto, Die Ernährung des deutschen Volkes eine Organisationsfrage der Erzeugung, Berlin 1921, 112.
[20] J[oseph] König, Die Bedeutung der Chemie in wissenschaftlicher wie wirtschaftlicher Hinsicht und die soziale Stellung der Chemiker, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 18, 1909, 179-188, hier 181.
[21] W[aldemar] Ohlmer, Die Bedeutung der Landwirtschaftswissenschaft für die Volksernährung, Fortschritte der Landwirtschaft 3, 1928, 169-172, hier 172.
[22] Diese Begriffe wurden zumeist vermengt: „Werbung ist die Wissenschaft der Belehrung in kürzester Form und die Kunst der Erziehung in wirksamster Weise“ (Richard Kaysenbrecht, Aufbau und Aufgaben des Landwerbewerks, Ernährungswirtschaft 3, 1929, 462-464, hier 463). Vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 333.
[23] Allerdings gab es auch schon zuvor Forderungen nach Führung: „Auch der Appell ans Nationalgefühl findet keinen Widerhall, solange man in den Großstädten an jeder Straßenecke diese Waren feilgeboten bekommt. Hier wären einzig und allein diktatorische Maßnahmen am Platze, so lange wenigstens, bis die Agrarkrisis überstanden ist. Eine solche Zwangswirtschaft wird sich jeder national denkende Deutsche gefallen lassen müssen und auch wollen, wenn er die Wichtigkeit und Bedeutung der Landwirtschaft für sein Vaterland erkannt hat“ (E. Bieber, Die Wichtigkeit der Qualität unserer landwirtschaftlichen Erzeugnisse, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 41, 1926, 412). Vgl. auch Kiran Klaus Patel und Sven Reichardt, The Dark Side of Transnationalism Social Engineering and Nazism, 1930s-40s, Journal of Contemporary History 51, 2016, S. 3-21.
[24] R. Goering, Ernährungsfragen, Naturärztliche Rundschau 6, 1934, 239-240, hier 239.
[25] Zur Kritik an der imperativen Form der Werbung vgl. etwa J. Michaelis-Rentsch, Kritik der Landwirtschaftswerbung, Ernährungswirtschaft 3, 1929, 436-438; [Axel] Schindler, Aufgaben der landwirtschaftlichen Marktpflege, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 48, 1930, 194-211, v.a. 209; Hedwig Auspitz, Zur Ankurbelung der agrarischen Reklame, Ernährungswirtschaft 4, 1930, 895-896; Cincinnatus,  Wirtschaft, Horatio! – auch in der Agrarpropaganda. Bürokratischer Ehrgeiz auf falschen Spuren, ebd. 4, 1930, 928-929.
[26] Michael H. Kater, Die „Gesundheitsführung“ des Deutschen Volkes, Medizinhistorisches Journal 18, 1983, 349-375, hier 351.
[27] Herbert Backe, Technische und wirtschaftliche Voraussetzungen der ernährungswirtschaftlichen Leistungssteigerung, Braune Wirtschafts-Post 7, 1938, 1258-1262; Hermann Reischle, Nationalsozialistische Agrarpolitik, Münster 1941.
[28] Vgl. Herbert Backe, Verbrauchslenkung, Der Vierjahresplan 1, 1937, 203-205; Robert Oetker, Die betriebliche Werbung im Dienste des Vierjahresplanes. Eine Studie über die Aufgaben der betrieblichen Werbung als Mittel der Verbrauchslenkung im Dienste der Rohstoff- und Nahrungsfreiheit, Würzburg-Aumühle 1938.
[29] So Hans v.d. Decken, Entwicklung der Selbstversorgung Deutschlands mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Berlin 1938, 19.
[30] Kurt Wachholder, Überlieferung, Instinkt und Wissenschaft einer richtigen naturgemäßen Ernährung, Rostock 1939, 24-25.
[31] Zur Institutionengeschichte vgl. Claudia Frank, Der „Reichsnährstand“ und seine Ursprünge. Struktur, Funktion und ideologische Konzeption, Phil. Diss. Hamburg 1988; Spiekermann, 2018, 363-373.
[32] Gustavo Corni und Horst Gies, Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 28.
[33] Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, München 2007, 226.
[34] Grundlegend zur Organisationsgeschichte Corni und Gies, 1997, 79-250. Innerhalb des Reichsnährstandes nahm die Zahl der Diplom-Landwirte bis Kriegsbeginn deutlich zu, nicht zuletzt gefördert vom Führer des Reichsbundes der deutschen Diplom-Landwirte, Heinrich Himmler.
[35] Einen Überblick bietet Markus Albert Diehl, Von der Marktwirtschaft zur nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Die Transformation der deutschen Wirtschaftsordnung, Stuttgart 2005, 86-96.
[36] Hermann Reischle, Die Wirtschaftslenkung durch den Reichsnährstand, Der Vierjahresplan 1, 1937, 205-206, hier 206.
[37] Wolfgang Lützow, Neugestaltung der Agrarpolitik. Reichsnährstand und Getreidekartell, Soziale Praxis 42, 1933, Sp. 1145-1151, hier Sp. 1148 (auch für das folgende Zitat).
[38] Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 2, 1935 (ND Salzhausen und Frankfurt a.M. 1980), 265.
[39] Vgl. Hermann-Heinrich Freudenberger, Die volkspolitische Bedeutung des Reichserbhofgesetzes, Zeitschrift für Volksernährung 9, 1934, 18-19 sowie Uwe Mai, Gesteuerte Tradition. Recht als Lenkungsinstrument in der Agrar- und Siedlungspolitik während des Nationalsozialismus, in: Johannes Bähr und Ralf Banken (Hg.), Wirtschaftssteuerung durch Recht im Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2006, 423-441.
[40] W[illy] Zink, Reichsnährstand und Verbraucher, Rundschau des Reichsbundes der deutschen Verbrauchergenossenschaften 31, 1934, 309-311, hier 311.
[41] Vgl. Hans Merkel, Die Marktordnung des Reichsnährstandes, Der Forschungsdienst 1, 1936, 334-338, hier 335.
[42] Herbert Backe, Um die Nahrungsfreiheit Europas. Weltwirtschaft oder Großraum, Leipzig 1942; Kiran Klaus Patel, Europeanization à contre-coeur. West Germany and Agricultural Integration, 1945-1975, in: Ders. (Hg.), Fertile Ground for Europe? The History of European Integration and the Common Agricultural Policy since 1945, Baden-Baden 2009, 139-160.
[43] Vgl. Unabhängige Historikerkommission beim Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (Hg.), Geschichte des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft im Kontext des 20. Jahrhunderts. Kontinuität und Diskontinuität. Zwischenbericht, Berlin 2017, 19-26.
[44] Für detaillierte Angaben zur vierten und fünften Phase vgl. Peter Mosers Beitrag „Am Konsum orientiert, über die Produktion thematisiert: Die Agrarpolitik europäischer Industriestaaten vor der ‚Agrarwende‘“ zur 32. wissenschaftlichen Jahrestagung der AGEV, „Der Verbraucher als Platzhalter politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Interessen: Agrarwende(n) im 20. Jahrhundert“, Berlin, 10.-11. Juni 2013. Geplant war ein von Jana Rückert-John und Regine Rehaag herausgegebener Tagungsband, doch dieser kam nicht zustande. Der vorliegende Beitrag ist eine Ausarbeitung meines eigenen Vortrages zu dieser Veranstaltung.
[45] Ulrich Kluge, Vierzig Jahre Agrarpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, 2 Bde., Hamburg und Berlin (W) 1989.
[46] Vgl. [Erich] Vo[gel], Mitarbeit der Verbraucherschaft. Aufgaben und Möglichkeiten des Verbraucherausschusses beim Bundesernährungsministerium, Der Verbraucher 5, 1951, 3-5; J[osef] Bock, Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände, Der Verbraucher 7, 1953, 293-295.
[47] Vgl. zu den Grundkonturen Christian Kleinschmidt, Massenkonsum, „Rheinischer Kapitalismus“ und Verbraucherschutz, in: Volker R. Berghahn und Sigurt Vitolis (Hg.), Gibt es einen deutschen Kapitalismus? Tradition und globale Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft, Frankfurt/M. und New York 2006, 143-153; Kevin Rick, Verbraucherpolitik als Gegenmacht? Vom Scheitern einer westdeutschen Verbraucherbewegung „von unten“ in den 1960er Jahren, Vierteljahrsschrift für Wirtschafts- und Sozialgeschichte 102, 2015, 161-181. Zur zeitgenössischen Debatte s. Grundsätze und Forderungen zur Verbraucherpolitik, Hamburg 1954 mit Vorträgen von Karl Schiller, Franz Böhm und Josef Bock.
[48] Rosemarie Fennell, The Common Agricultural Policy: Continuity and Change, Oxford 1997.
[49] Vgl. insbesondere Frank Waskow und Regine Rehaag, Ernährungspolitik nach der BSE-Krise – ein Politikfeld in Transformation, Köln 2004.
[50] Vgl. Uwe Spiekermann, Warum scheitert Ernährungskommunikation? Eine Antwort aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, in: Eva Barlösius und Regine Rehaag (Hg.), Skandal oder Kontinuität. Anforderungen an eine öffentliche Ernährungskommunikation, Berlin 2006, 39-51.
[51] Nico Stehr, Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M. 2007, 282.
[52] Lucia A. Reisch und Julia Sandrini, Nudging in der Verbraucherpolitik. Ansätze verhaltensbasierter Regulierung, Baden-Baden 2015.