Von der Kunstbutter zur Margarine – Eine Exkursion zu den Anfängen der Speisefettproduktion 1860-1890

„Margarine“ ist eine Sprachschöpfung des deutschen Reichstages. Das 1886 vorgelegte Gesetz „betreffend den Verkehr mit Ersatzmitteln für Butter“ sollte gemäß Regierungsvorlage lediglich Ordnung in den chaotischen Markt mit der neuartigen „Kunstbutter“ bringen. Doch für die Mehrheit der Parlamentarier war das nicht ausreichend. Sie wollte die Veränderungen im Fettsektor auch sprachlich einhegen und damit bändigen. Der fremde, wissenschaftlich hergeleitete Begriff „Margarine“ dient seit dem Erlass des ersten „Margarinegesetzes“ 1887 als Dachbegriff für eine stetig wachsende Zahl von Fettzubereitungen, die nicht Talg, vor allem aber nicht Butter waren. „Reine“, „gute“ Butter, versteht sich.

Margarine wurde eine Erfolgsgeschichte, global, aber auch in Deutschland: Die Produktion stieg von ca. 15.000 t 1887 über 100.000 t 1900 auf 210.000 t 1913 (W[alther] G. Hoffmann, 100 Years of the Margarine Industry, in: J[ohannes] H[ermanns] van (Hg.), Margarine. An Economic, Social and Scientific History 1869-1969, Liverpool 1969, 9-36, hier 22). Der Aufschwung während der Weimarer Zeit war noch spektakulärer, später konnte gar der Konsum von Butter übertroffen werden. Auch wenn die heutigen Konsumdaten weit unter dem Spitzenwert von 1970 liegen (8,9 kg pro Kopf und Jahr versus heutzutage ca. 4 kg), so war doch klar, dass die Margarine gefeiert werden musste, als sich am 15. Juli der Tag des Patentantrages des französischen Chemikers Hippolyte Mège-Mouriès (1817-1880) zum 150sten Male jährte. Medien sekundierten (Erinnerung im Deutschlandfunk) – und ich war selbst Teil der erinnernden Gratulantenschar.

Derartige „runde“ Gedenktage konzentrieren sich auf simplifizierte Kernthemen, also den heroischen Erfinder, die Durchsetzung der Erfindung, den Kampf zwischen Butter und Margarine und die vielfältigen Wandlungen der „Margarine“. Die „Story“ scheint klar: Vor 150 Jahren entstand demnach ein wissenschaftliches, ein menschengemachtes neues Nahrungsmittel, das billiges Fett für Ärmere erschwinglich machte, das sich dank seiner Wandlungsfähigkeit gegen die harte und vielfach unfaire Konkurrenz der Butterproduzenten hat durchsetzen können. All das ist richtig – doch die Geschichte der Margarine ist natürlich weit komplexer.

Leisten wir uns deshalb ein wenig Abstand. Gewiss, „Margarine ist Armeleutebutter!“  (W[ilhelm] Fahrion, Die Fabrikation der Margarine, des Glycerins und Stearins, Berlin/Leipzig 1920, 5). Gewiss, Margarine war Fortschritt. Zumindest aus unserer heutigen Sicht. Doch vor 150 Jahren sah die Welt anders aus. Die harten Debatten um die Kunstbutter waren auch ein Signet für das Ende des bäuerlichen Universums, jener transnationalen, vornationalen und vorindustriellen Welt, deren Zernierungsprozess schon im späten 18. Jahrhundert einsetzte und sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker beschleunigte (Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften, 7. Aufl., Berlin (West) 1979, 44-48). Margarine stand nicht nur für sich, sondern zugleich für neue Ordnungsregime, für eine grundlegende Veränderung der westlichen Welt, in der es nun nicht mehr um die unbedingt notwendigen Güter ging, sondern um neue Angebote, um konsumtive Landnahmen. Dazu musste neue wissenschaftliche Nahrung nicht nur erfunden, sondern durchgesetzt, integriert und reguliert werden.

Blickt man auf die Fachliteratur, so thematisiert sie kursorisch den Moment der Erfindung der Margarine, konzentriert sich dann jedoch voranging auf die Entwicklungen nach der Benennung der „Margarine“. Präsentiert wird die Karriere eines industriell hergestellten Massengutes, das als Markenartikel dank Preiswürdigkeit, strikter Hygiene und ansprechender Reklame neue Käufer gewann, das aber zunehmend staatlich und auch gesellschaftlich reguliert wurde (vgl. etwa Birgit Pelzer und Reinhold Reith, Margarine. Die Geschichte der Kunstbutter, Berlin 2001). Im Folgenden werde ich stattdessen früher, bei den fehlenden zwei Jahrzehnten ansetzen, um die Bedeutung der „Margarine“ angemessener zu verstehen: Wie war die Versorgungssituation vor der Einführung der Kunstbutter? Wie und warum setzte sich die Kunstbutter durch? Welche Probleme rief das neue Produkt hervor? Wie und warum wurde aus der Kunstbutter die „Margarine“? Finden wir hierauf Antworten, so können wir den relativen Furor der Debatten über „Margarine“ besser verstehen und sie zugleich als einen konsumtiven Marker des Endes des bäuerlichen Universums einordnen.

Fette und Ersatzfette vor der „Margarine Mouriès“

Der neue Begriff „Margarine“ rief 1887 breite und kontroverse Debatten hervor. Zwanzig Jahre zuvor wäre er dagegen gänzlich unverständlich gewesen. „Margarin“ war bekannt, jedoch aus anderen Zusammenhängen. So etwa der frühen, vornehmlich von französischen Chemikern geprägten Fettchemie (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 51-52). Eugéne Chevreul (1786-1889) isolierte in den 1810er Jahren erste Fettsäuren, darunter auch die „acide margarique“ (M[ichel] Eugéne] Chevreul, Recherches chimiques sur les Corps d’Origine Animale, Paris 1823, 59-65). Die Eindeutschung „Margarine“ folgte unmittelbar, konnte sich aber nicht behaupten (Morgenblatt für die gebildeten Stände 1814, Nr. 105 v. 3. Mai, 420; Leipziger Literatur-Zeitung 1816, Nr. 82 v. 2. April, Sp. 650). Chemiker sprachen stattdessen von der Margarinsäure beziehungsweise Margarin.

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Werbung für Margarin-Kerzen in München 1838 (Münchener Politische Zeitung 1838, Nr. 253 v. 24. Oktober, 1560)

Die Fettchemie hatte praktische Folgen. Seit den 1820er Jahren konnte man etwa in Frankreich, dann auch darüber hinaus, Margarin-Kerzen kaufen (Nicolas Clément‐Désormes, Ueber Beleuchtung, Dinglers Polytechnisches Journal 32, 1829, 104-111, hier 110). Sie wurden erst während der Jahrhundertmitte von preiswerteren Sorten verdrängt. Zum Speisefett aber mutierte „Margarine“ in der Tat erst durch das neue Verfahren von Mège-Mouriès. Er nannte sein Produkt 1869 „beurre economique“, vermarktet wurde es dann seit 1872, vielleicht auch schon früher, als „Margarine Mouriès“.

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Vorstellung der Margarine Mouriès 1874 (Le Voleur 1874, Nr. 907 v. 20. November, 746)

Während aber das Produkt seit den frühen 1870er Jahren vermehrt Absatz fand, konnte sich der Begriff Margarine im Markt anfangs nicht durchsetzen. Zu stark wirkte das Referenzprodukt, die Butter, ein aus Milchrahm hergestelltes Speisefett. Margarine war ein Ersatzprodukt, ein preiswertes Buttersubstitut. Dies spiegelte die Produktbezeichnung, denn „Margarine“ entstand als Kunst-, als Sparbutter – und diese Begriffe deckten zugleich ein weit über die französische „Margarine Mouriès“ hinausreichendes Gütersortiment ab.

Der Fettkonsum der 1860er Jahre unterschied sich tiefgreifend von dem unserer Zeit. Pflanzliche Fette waren, mit Ausnahme des Rapsöls, selten und teuer, zumal sie vielfach auch gewerblich genutzt wurden (zum Hanföl vgl. Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfs). Fett stammte zumeist aus tierischen Nahrungsquellen. Es dominierte die fast durchweg aus Kuhmilch hergestellte Butter. Spätere Berechnungen des Statistischen Reichsamtes schätzten den jährlichen Prokopfkonsum 1860 auf etwa 5 kg, 1880 und 1900 auf je 6 kg. Das war ungefähr das heutige Konsumniveau (2018 ca. 5,8 kg). Tierische Fette besaßen dagegen einen deutlich höheren Stellenwert. Die entsprechenden Konsumdaten für Talg lagen bei 3,5, 2 und einem Kilogramm (Werner Schüttauf, Die Margarine in Deutschland und in der Welt, 4. verb. u. erw. Aufl., s.l. 1962, Tab. 33). Dieser rasche Rückgang wurde anfangs jedoch nicht durch einen höheren Konsum von pflanzlichen Fetten kompensiert, stattdessen gewann Schweineschmalz an Bedeutung, knapp die Hälfte davon Importware (2, 3,5 und 5 kg/Kopf und Jahr). Der Import von Ölsaaten stieg erst in den 1890er Jahren deutlich an, diente zuvor auch vielfach als Tierfutter. Und der „Margarine“-Konsum lag 1880 lediglich bei 0,2 kg pro Kopf, erreichte 1890 dann ein, 1900 schließlich zwei Kilogramm. Der Veränderungen im Konsum tierischer Fette resultierten dabei nicht aus fehlender Nachfrage, sondern waren Resultat grundlegender Veränderungen im Angebot. Die Mechanisierung der Landwirtschaft setzte erst langsam ein, Kühe und Ochsen waren um die Jahrhundertmitte vornehmlich Arbeitstiere. Sie wurden meist mehr als zehn, teils fünfzehn Jahre alt; und erst dann setzten sie wirklich Fett an. Dies veränderte sich mit der wachsenden Bedeutung der Fleischmast einerseits, der Milch- und Butterwirtschaft anderseits. Sie führten zu einer deutlich niedrigeren Lebensdauer der Nutztiere – und parallel stieg die Bedeutung von Butter und Schweineschmalz einerseits, Pflanzenölen anderseits. Die veränderte Nutzung der Tiere im Deutschen Reich wurde vorrangig durch Importe kompensiert.

Vor dem Hintergrund einer immer rascher zunehmenden Bevölkerung, der wachsenden Kaufkraft bürgerlicher Konsumenten sowie neuer von Marktversorgung abhängiger gewerblicher Arbeiter kam es in den 1850er und 1860er Jahren zu deutlichen Preissteigerungen bei allen Fettarten. Dies betraf Butter in besonderem Maße und führte zu einer beträchtlichen Marktspreizung: Während erstklassige frische Butter „mehr und mehr Luxusartikel“ (Wilhelm Fleischmann, Das Molkereiwesen, Braunschweig 1875, 671) wurde, führte die wachsende Nachfrage gerade in den Städten zu überdurchschnittlichen Preissteigerungen geringerer Qualitäten. Butter war damals keineswegs das standardisierte, wohlgekühlte Produkt, das wir heute kaufen. Die in Kübeln und Fässern transportierte Butter war vielmehr eine äußerst heterogene Ware, die teils durch Hausierer, teils auf Wochenmärkten, zunehmend aber in nun massenhaft entstehenden Verkaufsläden abgesetzt wurde. Die noch geringe Zahl der Molkereigenossenschaften bewirkte zwar Qualitätsverbesserungen, doch der Einsatz mechanischer Milchzentrifugen und wirksamer Kühleinrichtungen mit Natureis erfolgte erst in den späten 1870er Jahren (Helmut Ottenjann und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels, Cloppenburg 1996). Butter war damals ein hygienisch heikles Nahrungsmittel, dessen Geruch und Geschmack stark vom Produktions-, Transport- und Absatzumfeld abhingen und das rasch verdarb (H[einrich] Beckurts, Ueber die Prüfung der Butter auf ihre Verfälschungen, Correspondenz-Blatt des niederrheinischen Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege 8, 1879, 61-63, hier 61). Ranzige Fette waren nicht unüblich und die damalige Bewertung von Fetten kreiste immer wieder um deren Geruch.

Ein standardisiertes und preiswertes Buttersurrogat erschien demnach erstrebenswert: „Gelänge es, gute Kunstbutter aus anderen thierischen Fetten zu bereiten, so ließen sich die letzteren höher, als dies früher möglich war, verwerthen, es würden die Betrügereien im Butterhandel auf ein erheblich geringeres Maß zurückgeführt, es würde der Volksernährung ein nicht geringer Dienst erwiesen, ohne daß der rationellen Production von feiner Butter eine fühlbare Concurrenz erwüchse, ja es ließe sich vielleicht sogar ein Theil der Milch, welche seither der Butterfabrikation diente, zum Segen ganzer Länder als directes Nahrungsmittel wiedergewinnen“ (Fleischmann, 1875, 671). Entsprechende Bemühungen begannen spätestens in den 1810er Jahren, nach den ersten Fortschritten der Fettchemie. Dazu wurden nahezu alle verfügbaren Fette genutzt. In der Hauswirtschaft konzentrierte frau sich auf die Substitution der Butter beim Kochen und Braten, wobei Rinder- und Schweinefett, Speck, aber auch Raps-, Lein-, Oliven- und Palmöl genutzt wurden. „Gute“ Butter diente vorrangig als eine direkt konsumierte Speise, etwa als Brotbelag oder Brotaufstrich. Spätestens seit den 1840er Jahren, parallel zu den beträchtlichen Fortschritten der organischen Chemie, kamen zudem Fettgemische und sog. „Kunstprodukte“ auf, etwa Schmalzöl (aus Rinderfett und Rapsöl) oder Butteröl (aus Erdnussöl) (Johann Carl Leuchs, Kunstbutter, Oelschmalz, Schmalzöl und entwässerte Butter mit großem Gewinn sowohl in Haushaltungen als in Fabriken zu bereiten, 2. ganz umgearb. Ausg., Nürnberg 1877). Auch Schmalzbutter (aus Rindertalg, Schweineschmalz, Palm- und Rapsöl) fand Käufer (H[ermann] Weigmann, Die Kunstbutter, Landwirthschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 40, 1883, 409-410, hier 409). Diese Fettmischungen besaßen teils nur lokale Bedeutung, auch wenn sie auf dem neuen universellen Wissen der Chemiker und auch Praktiker gründeten. Die seit den späten 1860er Jahren rasch wieder ansteigenden Fettimporte aus den USA, insbesondere von Rindertalg und Schweineschmalz, unterstreichen jedoch eindringlich, dass derartige Fettgemenge zugleich Bausteine der Zernierung bäuerlich-dörflicher und regionaler Produktions- und Konsumweisen waren. Die sich sozial rasch ausdifferenzierenden und vermehrt von Verstädterung und gewerblichem Aufschwung gekennzeichneten Gesellschaften Europas durchbrachen die strukturellen Grenzen der tradierten Bauernwirtschaft durch neues Wissen, einen wachsenden internationalen Güteraustausch und durch neue Techniken der Nahrungsmittelproduktion.

Zahlreiche Vorschläge und Verfahren für neuartige Kunstfette waren die Folge. Breite Beachtung in der Fachliteratur fand beispielsweise das 1846 gewährte Patent des Londoner Kerzenproduzenten und Erfinders William Palmer (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Giftmörder). Er behandelte Rinder-, Kälber- und Schaffett mit Lorbeerblättern, um so dessen Geschmack butternah zu machen (The Patent Journal and Inventors‘ Magazine 1, 1846, 367; Du Beurre artificiel, Bulletin Commercial 6, 1878, 117-120, hier 120). Dieses Verfahren setzte sich nicht durch, doch festzuhalten ist, dass die kreative Produktion von Kunstbutter schon vor der Erfindung der „Margarine“ auch großbetrieblich erfolgte. „Flämische Butter“ wurde beispielsweise in großen Mengen für den englischen Markt hergestellt: Sie bestand aus importiertem englischen Rindertalg, der mit vorbehandeltem Mehl zu einer Masse vermengt wurde, der dann 35 Prozent Wasser hinzugefügt wurden (Butter aus Ochsentalg, Industrie-Blätter 7, 1870, 31). Butter wurde dagegen noch großenteils in Bauernwirtschaften hergestellt, wenngleich Genossenschaftsmolkereien seit den 1860er Jahren rasch an Bedeutung gewannen. Sie zentralisierten die Butterproduktion, standen für die Prosperität und Wettbewerbsfähigkeit der immer stärker betriebenen, weil lukrativeren bäuerlichen Milchwirtschaft (zur früher einsetzenden Marktversorgung vgl. Uwe Spiekermann, Milchkleinhandel im Wandel. Eine Fallstudie zu München 1840-1913, Scripta Mercaturae 27, 1993, 91-145). Sie etablieren zugleich aber Produktionsstandards, die den betrieblichen Alltag verstärkt bestimmten und mittelfristig grundlegend veränderten.

Während der Handel mit Kunstbutter und Fettmischungen in den Hafenstädten Belgiens, der Niederlande und Großbritanniens bereits auch großbetrieblich betrieben wurde, blieb er in deutschen Landen auf kleinere Unternehmen begrenzt. Dies lag nicht nur am Fehlen eines nationalen Marktes, sondern auch an der vor der Reichsgründung teils noch nicht bestehenden Gewerbefreiheit. So bot der Münchener Seifensieder Elkan Feuchtwanger (1823-1902), Großvater des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1845-1947), spätestens seit 1865 eine „Schmalzbutter“ an, gefertigt aus Butter-, Schweineschmalz und Nierenfett (fehlerhaft und spekulativ hierzu Heike Specht, Die Feuchtwangers, Göttingen 2006, 51-52). In Nürnberg intervenierten daraufhin lokale Kaufleute und verlangten, den Namen in „Kunstbutter“ umzuändern. Der Magistrat erlaubte den Vertrieb des neuen Produktes, allerdings nur ohne Nennung des Begriffes „Butter“ (Nürnberger Anzeiger 1865, Nr. 312 v. 11. November, 2). In Augsburg wurde ihm der Verkauf durch den obersten Gerichtshof gar verboten, obwohl Feuchtwanger die Bestandteile seiner künstlichen Butter bewusst öffentlich ausgelobt hatte. Derartige Verbote geschahen damals nominell im Interesse des Publikums, „um dasselbe vor Uebervortheilung und Betrug zu sichern […], da auch leicht solche falsche Waare für ächte an irgend einem Platz feilgeboten werden könnte“ (Oeffentliche Sitzung des Stadtmagistrats am 11. September 1866, Augsburger Neueste Nachrichten 1866, Nr. 250 v. 12. September, 2988; zu den verschiedenen Prozessen s. Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt der Pfalz 1866, Nr. 70 v. 7. September, Sp. 1268-1273). Es wurde durchaus abgewogen zwischen Konsumenten- und Gewerbeschutz einerseits, sozialen und unternehmerischen Interessen anderseits.

Dabei gingen die Gerichte meist von souveränen Konsumenten mit einschlägigen Marktkenntnissen aus. 1867 wurde in Bayern beispielsweise eine Kunstbutter erlaubt, obwohl sie ähnlich aussah wie Butterschmalz: „Sollte also auch die sogenannte Kunstbutter im Inlande in den Handel und insbesondere in den Kleinverkehr gelangen, was bisher nicht geschehen zu sein scheint, so besteht selbst, abgesehen von den öffentlichen Bekanntmachungen und dem Unterschiede des Preises, welche Umstände bald von dem neuen Producte reden machen und das Publikum belehren würden, insolange keine Gefahr für das Publikum, als bis es etwa den Fabrikanten gelingen würden, die Kunstbutter dergestalt zu verfertigen, daß deren Unterschied von dem Kuhbutterschmalze nicht sofort von Jedermann erkannt werden könnte“ (Die Fälschung von Nahrungsmitteln, hier die Fabrikation der sogenannten Kunstbutter betreffend, Königlich-bayerisches Kreis-Amtsblatt der Oberpfalz und von Regensburg 1867, Nr. 21 v. 9. März, Sp. 279-281, hier Sp. 280). Auch die vom Münchener Fabrikanten Heinrich Murr aus Rinder- und Schweinefett sowie Sesamöl hergestellte Kunstbutter entstand deutlich vor der „Margarine“ von Mège-Mouriès (Ingolstädter Tagblatt 1869, Nr. 176 v. 29. Juli, 716; Das Bayrische Vaterland 1869, Nr. 102 v. 30. Juli, 4). Vor diesem Hintergrund ist die später aufgestellte und von der Forschung grundsätzlich übernommene Aussage, dass alles, was vorher unter dem Namen Kunstbutter auf den Markt kam, „mehr oder weniger fragwürdig, nicht selten sogar widerwärtiger Natur“ (Paul Lohmann (Hg.), Lebensmittelpolizei, Leipzig 1894, 223) gewesen war, kaum zutreffend. Die strikte Gegenüberstellung von Margarine und Butter ist eine nachträgliche Simplifizierung der Marktsituation der 1860er bis 1880er Jahre, die nicht zuletzt dazu diente, eine Regulierung des Kunstbuttermarktes zu erreichen (Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg. – II. Sess. 1878, Bd. 4: Anlagen, 766-830, hier 785-786). In deutschen Landen sollte es Jahrzehnte dauern, bis sich „Margarine“ gegenüber den vielfältigen Kunstbutterarten durchsetzen konnte. Es handelte sich eben nicht nur um grundsätzlich substituierbare Waren. Der Fettwandel veränderte schließlich auch den Geschmack der Speisen. Tierische Fette und Ersatzprodukte wurden im Nachhinein immer wieder als streng riechend und grob schmeckend bewertet (Adolph Jolles, Ueber Margarin. Eine hygienische Studie, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 15-42, hier 16). Derartige Quellen spiegeln vorrangig einen generellen Geschmackswandel weg vom „Derben“, hin zum feineren Lebensmittel oder, allgemeiner, die Verschiebung von einer ländlich-lokalen zu einer städtisch-internationalen Alltagskost.

Die „Margarine Mouriès“ zwischen Mythos und Markt

Kommen wir nun zur „Margarine“. Angesichts der offenkundigen Bedeutung des neuen Nahrungsmittels sollte anzunehmen sein, dass zumindest deren Entstehungsgeschichte präzise nachzuzeichnen sei. Doch schon über Hippolyte Mège-Mouriès ist erstaunlich wenig bekannt. Er war Chemiker und Praktiker, aktiv in der Anwendung des neuen naturwissenschaftlichen Wissens. Schon in den 1850er Jahren produzierte er Gesundheitsschokoladen, fortifiziert mit Kalzium, Phosphat und Eiweiß. Seinen Zeitgenossen war er vornehmlich durch Arbeiten zu einer rationellen Brotproduktion bekannt (J[an] van Alphen, Hippolyte Mège Mouriès, in: Stuyvenberg (Hg.), 1969, 5-8). Mit der Fettchemie hatte sich der Schüler Chevreuls intensiv beschäftigt und produzierte seit 1862 auf eigene Rechnung Seife (Sur la fabrication du savon, par M. Mège Mouriès, Bulletin de la Société Chimique de Paris NS 2, 1864, 138). Anfang 1867 soll er dazu täglich 3000 Pfund Stearin und Oleo-Margarin verarbeitet haben (A new Method of Saponification, Scientific American 16, 1867, Nr. 9 fr. March 2, 134). Es liegt nahe, dass Mège-Mouriès damals nach lukrativeren Verwendungsmöglichkeiten zumal für das Speisefett Ausschau gehalten hat.

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Hippolyte Mège-Mouriès (Gallica, Agence Rol 99462)

Glaubt man jedoch den gängigen Geschichten, so hat 1866 resp. 1867 der französische Kaiser Napoleon III. entweder direkt oder aber anlässlich der Pariser Weltausstellung einen Preis für die Entwicklung eines butterähnlichen Fettes ausgeschrieben, einerseits für die Versorgung der französischen Marine, anderseits für die preiswerte Fettversorgung der ärmeren Bevölkerung. Mège-Mouriès gewann den Wettbewerb und durfte dann auf den königlichen Gütern in Vincennes, nahe Paris, weiter forschen. Zwei Jahre später, 1869, hatte er sein Verfahren optimiert und dann am 15. Juli 1869 das französische Patent beantragt, das am 2. Oktober 1869 gewährt wurde. Weitere Patente im Ausland folgten im gleichen Jahr. Mège-Mouriès begann daraufhin in Poissy, nahe Versailles, mit der Produktion seiner künstlichen Butter. Diese wurde ab 1870 auch in den Pariser Markthallen verkauft, wenngleich der Umsatz von Januar bis März lediglich 810 Francs betrug. Nach dem deutsch-französischen Krieg nahm er die Produktion wieder auf, doch zwischen Dezember 1871 und März 1872 blieben die Umsätze in den Hallen ähnlich niedrig (F. Bezancon, Rapport Général sur les Travaux du Conseil d’Hygiène publique et de Salubrité du Département de la Seine depuis 1872 jusqu’a 1877 inclusivement, Paris 1880/1881, 10). Mège Mouriès, der schon zuvor Patenterechte an niederländische, englische und US-amerikanische Investoren verkauft hatte, übertrug sein französisches Patent dann 1872 an die Société anonyme d’Alimentation, die anschließend die Produktion und den Export von „Margarin Mouriès“ in großem Stil aufnahm.

Schaut man genauer hin, so handelt es sich hierbei um eine Geschichte voller Leerstellen und Versatzstücke. Die zahllosen kurzen Hinweise auf die Margarineerfindung zeichnen sich einerseits durch gänzlichen Verzicht auf Quellen, zum anderen durch höchst phantasievolle Beimengungen und Alternativgeschichten aus. Meine Recherchen in den digitalisierten Beständen von Gallica, also der französischen Nationalbibliothek, ergaben jedenfalls keine Hinweise auf den ausgelobten Preis für die künstliche Butter. Auch die vermeintliche Forschungsförderung durch Kaiser resp. Regierung blieb höchst vage. Blickt man auf die Literatur, so wird deutlich, dass seit 150 Jahren immer neue und stetig leicht variierende Histörchen dargeboten werden. Wie gut, dass wenigstens über die Kunstbutter und ihre Produktion grundsätzlich valide Quellen vorliegen.

Wie nahezu alle Kunstbutterproduzenten ging auch Hippolyte Mège-Mouriès vom Wissen der damaligen Fettchemie aus. Tierisches Fett war demnach eine Emulsion aus verschiedenen Fettsäuren, die jeweils spezifische Charakteristika besaßen. Der Chemiker erweiterte dieses Strukturwissen um praktisches Erfahrungswissen: Demnach gaben Kühe trotz unzureichender Fütterung zumindest noch eine Zeitlang fetthaltige Milch. Daraus folgerte er, dass Milchfett nichts anderes als Körperfett der Tiere sei. Im Umkehrschluss hieß dies, dass Milchfett aus Tierfett gewonnen werden konnte (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], 9-11). Die Kernaufgabe war demnach, dem tierischen Talg resp. Unschlitt das seifig schmeckende Stearin zu entziehen, um möglichst reines Olein und Margarin zu erhalten. Diese konnten weiterverarbeitet und zu einem schmackhaften Kunstfett verdichtet werden. Aus heutiger Sicht ging Mège-Mouriès von falschen Annahmen aus. Margarinsäure als solche gibt es nicht, es handelt es sich vielmehr um ein Konglomerat verschiedener Fettsäuren. Ebenso entsteht das Milchfett nicht aus der Resorption des körpereigenen Fettes. Die Erfindung der Margarine steht damit in einer langen Reihe von wissenschaftlichen und technologischen Durchbruchserfolgen, die auf zielführenden Irrtümern beruhten. Liebigs Fleischextrakt oder aber die Vitamine sind andere Beispiele.

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Verwissenschaftlichung der Fettproduktion: Gewerbliche Verarbeitung von Rindertalg (Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 206)

Mège-Mouriès ging schon bei der Seifenproduktion vom Rohtalg aus, konzentrierte sich nun aber auf das sog. Nierenfett. Aus diesem extrahierte er mittels Pressung das Oleo-Margarin, reinigte es insbesondere von Stearin und Abfällen. Damit war das Ausgangsmaterial für die Kunstbutterproduktion gewonnen. Der zähflüssigen Fettmasse wurden Milch und kleingeschnittene Euter zugefügt, ebenso Wasser – und dann begann ein längerer Prozess der Vermengung (H[ippolyte] Mège, Darstellung künstlicher Butter, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 585; Ch[arles] Girard und J[acques] de Brevans, La Margarine et le Beurre artificiel, Paris 1889, 6-11). Dieser zweite Schritt war vielleicht noch wichtiger als die schon zuvor von anderen Praktikern erprobte Verwendung von Oleo-Margarin. Die Extraktion erhöhte die Haltbarkeit, verringerte zudem den eher seifigen Geschmack des Ausgangsmaterials. Doch erst durch die anfangs etwa zweistündige Mischung von Grundfett, Milch und Wasser erhielt man ein ansatzweise schmackhaftes und geschmeidiges Produkt ([Eugen] Sell, Ueber Kunstbutter. Ihre Herstellung, sanitäre Beurtheilung und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von Milchbutter, Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 481-528, hier 483).

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Die Materie zwingen: Fettverarbeitungsmaschinen Mitte der 1870er Jahre (Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 9)

Obwohl die Grundprozesse von Beginn an mechanisiert waren, war die Kunstbutterproduktion anfänglich noch handwerklich organisiert. Das zumeist direkt von Schlachthöfen stammende Fett – ein wichtiger Grund für die Konzentration der frühen Firmen in größeren Städten – wurde durch per Hand in Schwung gesetzte Maschinen kleingehackt und zerquetscht. Die hier gezeigten frühen Beispiele konnten jedoch bereits an einen Transmissionsriemen angeschlossen und daher mittels Dampfkraft betrieben werden. Dies beschleunigte nicht nur die Produktion, sondern führte auch zu einer erhöhten Ausbeute der Schlachtfette.

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Fettpresse der Firma J.M. Lehmann, Löbtau-Dresden (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 353)

Die Mechanisierung erfolgte rasch, da der Ertrag und die Qualität von Oleo-Margarin und Kunstbutter auch vom Krafteinsatz abhingen. Von Beginn an konnte so eine relativ einheitliche Ware hergestellt werden. Mège-Mouriès setzte sich damit deutlich von der vielgestaltigen Butter ab, auch wenn die Qualität des neuen Produktes von der Art und Qualität der Rohwaren sowie der Sorgfalt und Dauer der Vermengung abhing.

Das neue Produkt stand für einen klaren Bruch mit der kleinbetrieblichen bäuerlichen Butterproduktion. Kunstbutter basierte auf der Zufuhr von firmenfremder Rohware, stand also inmitten einerseits zentralisierender Schlachthöfe und anderseits weit ausgreifender Handelsnetze. Ihre gegenüber Butter größere Haltbarkeit erlaubte zugleich die Beschickung nicht nur lokaler, sondern auch regionaler, nationaler, gar internationaler Märkte. Die Kunstbutter verstärkte damit einen Trend, den leistungsfähigere Molkereigenossenschaften in Deutschland nach dem Erlass des Genossenschaftsgesetzes 1868 begonnen hatten: Die Versorgung urbaner Zentren nicht allein vom Umland, sondern vom Lande (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 308-309).

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Fett vom Lande – hier Butterversand an Kleinhändler (Illustrirte Zeitung 60, 1873, 40)

Vorbild und Konkurrenz führten gleichermaßen zu einer wachsenden Kommerzialisierung des Landes und der bäuerlichen Wirtschaft. Das neue Produkt wurde zuerst in Paris, dann in den Niederlanden verkauft. Wie zuvor bei anderen Kunstfettprodukten gab es Bedenken über mögliche Gesundheitsschädigungen bzw. Täuschungen der Konsumenten. In Paris wurden diese 1872 offiziell ausgeräumt – doch die Geschichte der Kunstbutter blieb eine Geschichte der Rückfragen und der interessegeleiteten Unterstellungen (Beurre artificiel, L’Annèe Scientifique et Industrielle 16, 1872, 449-451). Wichtiger als derartige ohnehin nur lokal greifende Beschränkungen war, dass die reinen Produktionskosten für die „Margarine Mouriès“ nur etwa halb so hoch waren wie die erstklassiger Butter. Margarine war ein Preisbrecher. Zum anderen überzeugten der neutrale Geruch und der Geschmack: „Die Kunstbutter zergeht auf der Zunge rasch, wie echte Butter, läßt sich gut streichen, ist jedoch etwas härter als letztere“ (Fleischmann, 1875, 679). Beim Kochen und Backen war sie aufgrund des geringeren Wassergehaltes ergiebiger und zudem länger haltbar. Die frühe Margarine war ein gleichförmiges Produkt von wachsig, blassgelbem Aussehen (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 148). Durch Färbung konnte sie jedoch den Vorstellungen der Konsumenten von „richtiger“ Butter weiter angenähert werden. All das stimmte hoffnungsfroh: Der kreative Geist des Menschen schien ein neues Nahrungsmittel geschaffen zu haben, das auch den Ärmeren in den Städten ein auskömmliches Dasein sichern könnte. Der Markt würde nun dafür sorgen, dass die obskuren Buttersurrogate aus Großbritannien, den Niederlanden und den USA vom Markt verdrängt werden würden (F[riedrich] Strohmer, Kunst- und Naturbutter, Neue Freie Presse 1886, Nr. 7871 v. 26. Juli, 5). Nahrungsmittelchemiker und Pharmazeuten waren sich jedenfalls Mitte der 1870er Jahre größtenteils einig, dass die neue „Margarine“ „ein vorzügliches Butter-Surrogat“ (Beckurts, 1879, 62) sein könne.

Das galt um so mehr, da seit Anfang der frühen 1870er Jahre zahlreiche Praktiker die Ideen Mège-Mouriès aufgriffen und kleinteilige Verbesserungen patentieren ließen (Butterin, Aerztliches Intelligenz-Blatt 24, 1877, 103). Zeitgenössische Überblicksdarstellungen listeten die vornehmlich in Großbritannien, Frankreich, den USA und den Niederlanden, vereinzelt auch im Deutschen Reich gewährten Kunstbutterpatente auf, ohne aber zu klären, ob diese auch praktisch angewandt wurden (Sell, 1886, 485-486). Die Fettsäuren sollten demnach teils durch Chemikalien getrennt werden, häufiger waren Substitute der zugesetzten Milch, etwa Buttermilch. Ebenso entstanden Verfahren mit zugesetzten Pflanzenölen (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Kunstspeisefette und Pflanzenbutter, 4. vollst. neubearb. Aufl., Wien/Leipzig 1912, 52). Allen Erfindungen zum Trotz blieb das Verfahren von Mège-Mouriès für mehr als zwei Jahrzehnte die vielerörterte Referenz. Es wurde jedoch von Beginn an in der betrieblichen Praxis kleinteilig verändert (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Sparbutter und Butterine, Wien/Pest/Leipzig 1878). So fiel der Zusatz von Euter- oder Magenmasse rasch weg, während neue Maschinen andere Prozesstemperaturen ermöglichen (Benedikt, Butter, in: Ewald Geissler und Josef Möller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 2, Wien/Berlin 1887, 418-422, hier 420).

Die Diffusion der Kunstbutter

Die Erfindung der „Margarine Mouriès“ sagt allerdings wenig über deren realhistorische Bedeutung aus. Die Anfänge der „Margarine“ und damit deren Durchsetzung als „Volksnahrungsmittel“ sind kaum erforscht, präzise Daten fehlen meist. Dennoch ist es wichtig, die Diffusion von Kunstbutter und „Margarine“ in den Blick zu nehmen, denn anders sind die harten Auseinandersetzungen über diese Warengattung kaum verständlich. Die „Margarine Mouriès“ bildete in der Tat den Ausgangspunkt für die Verbreitung der Kunstbutter in der gesamten westlichen Welt. Die 1872 zur Verwertung des Patentes in Paris gegründete und mit einem Kapital von 800.000 Franc ausgestattete Société anonyme d‘Alimentation nahm wohl 1874 den Vertrieb auf. Mitte der 1870er Jahre produzierte sie täglich 20 bis 30 Tonnen. Doch ein Großteil der „Margarine Mouriès“ wurde versandt, meist in den industrialisierten Norden Frankreichs, teils aber ins Ausland, darunter auch ins Deutsche Reich (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 204-208, hier 204). Trotz einer weiteren größeren Fabrik in Nancy blieb der Margarineabsatz in Frankreich jedoch niedriger als in anderen Staaten, insbesondere den Niederlanden und Skandinavien.

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Werbung für die neue „Margarine Mouriès“ in Frankreich (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], nach 32)

Die Niederlande entwickelten sich seit den frühen 1870er Jahren zur eigentlichen Drehscheibe des Handels und der Produktion von Kunstbutter und „Margarine“ in Europa. Eine weit entwickelte, marktorientierte Landwirtschaft, ein leistungsfähiges Transportsystem sowie die Nähe zum aufnahmefähigen Markt des Industriepioniers Großbritannien bildeten schon in den 1850er und 1860er Jahren die Basis für eine führende Rolle bei der Versorgung der Insel mit Butter und zunehmend auch Buttermischungen. Ähnlich wie bei der schon erwähnten „Flämischen Butter“ vermengte man preiswerte Butter mit Milch, Stärke unterschiedlicher Provenienz, Sirup und Färbemitteln. Gerade während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 ersetzten derartige Billigimporte die ausfallenden Sendungen aus Frankreich, erschlossen aufgrund ihres niedrigen Preises zudem neuer Käuferschichten (Die Kunstbutterfabrikation, Industrielle Rundschau 1, 1887, 248-250, hier 248-249). Preiswertere Angebote schienen lukrativ, produziert wurden gefärbte Mischungen aus Butter, Oleo-Margarin, Milch, Pflanzenölen.

Das neue Verfahren von Mège-Mouriès gefährdete dieses Geschäftsmodell – und folgerichtig kaufte Anton Jurgens, eine der führenden Buttergroßhandlungen, das neue Patent für 60.000 Francs und gründete 1871 die erste niederländische Margarinefabrik in Oss im Rhein-Maas-Delta. Das Produkt verkaufte sich gut, wurde daher nicht nur als Zumischung verwandt, sondern auch eigenständig vertrieben (N. Schouten, Plantaardige Olie- en Margarine-Industrie, Zeist 1994; Bernhard Gerhard Hülsbeck, Die holländische Margarineindustrie, Diss. Köln, Kleve 1931). Der Pionier blieb nicht allein: „Ein Jahr nach Produktionsbeginn bekam die Firma Anton Jurgens bereits Konkurrenz in nächster Nähe: Die befreundete, auch im Butterhandel engagierte Familie Van den Bergh eröffnete 1872 ebenfalls eine Margarinefabrik in Oss. Da in Holland kein Patentschutz für die Margarineherstellung bestand, hatte Simon Van den Bergh das Verfahren einfach von Jurgens kopiert – ein klassischer Fall von Industriespionage“ (Rainer Herbst, Die Entwicklung der Margarineindustrie zwischen 1869 und 1930 unter besonderer Berücksichtigung des Hamburger Wirtschaftsraumes, Wiwi. Diss. Hamburg 1989, 16). Jurgens und van den Bergh entwickelten sich in den 1870er und 1880er Jahren zu den wichtigsten niederländischen Kunstbutterimporteuren für das Deutsche Reich. Die 1879 erfolgten Zollerhöhungen für Margarine richteten sich nicht zuletzt gegen diese Firmen. 1888 gründeten sie in den niederrheinischen Städten Goch und Kleve Produktionsstätten, die in den Folgejahrzehnten einen Großteil des deutschen Marktes versorgten (Barbara Anne Hendricks, Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert, Bonn 1981, 64-81).

Jurgens und van den Bergh waren Anfang der 1870er Jahre jedoch nur Exponenten einer explosionsartigen Entwicklung der Kunstbutterproduktion in den Niederlanden. 1880 bestanden etwa 70 einschlägige, meist exportorientierte Firmen, deren Be- und Vertriebsorganisationen Maßstäbe setzen. Der beträchtliche Wettbewerb, vor allem aber die intransparenten Fettprodukte, führten jedoch zur Marktbereinigung, zu Standardisierungsbemühungen der Produzenten und einer zunehmenden Regulierung des Kunstbuttermarktes (Fabrikation von Butter und Kunstbutter in Holland. (Schluss.), Das Handel-Museum 2, 1887, 399-401, hier 400). Die Debatten im Deutschen Reich folgten diesen Debatten mit gewissem zeitlichem Abstand.

Auch die Entwicklung der deutschen Kunstbutterindustrie verlief deutlich langsamer. Grund hierfür war nicht nur der technologische Rückstand gegenüber dem westlichen Ausland, sondern auch die Kombination zollfreier Importmöglichkeiten und eines leistungsfähigen Eisenbahn- und Postnetzes. Das Deutsche Reich war schon zu seiner Gründung von Fett- und auch Fleischzufuhren abhängig. Das blieb auch nach der Zollwende 1879 so und führte zu teils beträchtlichen Verwerfungen mit Handelspartnern, insbesondere den USA, Russland und auch Österreich-Ungarn (Uwe Spiekermann, Dangerous Meat? German-American Quarrels over Pork and Beef, 1870-1900, Bulletin of the German Historical Institute 46, 2010, 93-110). Für unser Thema wichtiger ist, dass das Deutsche Reich von Beginn an ein Kunstbutterimportland wurde, dessen heimische Industrie sich nur schwer gegen die ausländische Konkurrenz behaupten konnte.

Eine präzise Untersuchung der Anfänge der Margarineproduktion im Deutschen Reich fehlt. Rainer Herbst verwies in seiner Dissertation auf die 1863 in Hamburg gegründete Firma G.W. Reye & Söhne (Herbst, 1989, 17, 148-149). Getreidehandel stand am Anfang, heute werden Putz- und Gipsprodukte hergestellt. G.W. Reye & Sohn betrieb seit 1871 eine große Schmalzraffinerie und stellte mehrere Jahre auch Kunstbutter her. Die erste Nutzung des Verfahrens von Mège-Mouriès erfolgte aber durch die 1872 im Frankfurter Nordend gegründete und seit 1874 produzierende Frankfurter Margarine-Gesellschaft. In den frühen 1880er Jahren beschäftigte sie ca. 100 Arbeiter und stellte jährlich 3.000-4.000 t Kunstbutter her (Volker Rödel, Fabrikarchitektur in Frankfurt am Main 1774-1924, Frankfurt a.M. 1986, 493). In den 1870er Jahren entstanden weitere Firmen vornehmlich im Rheinland und in Bayern. 1880 nahm dann A.L. Mohr in Hamburg-Bahrenfeld die Produktion von Kunst- und Mischbutter auf. Diese Firma steht für die eigentliche im Schatten des Zollschutzes erfolgte Wachstumsphase der deutschen Margarineindustrie nach 1879. Zugleich trugen ihre Produkte, ähnlich wie in den Niederlanden, zu einer allgemeinen Vertrauenskrise bei, die letztlich zu den Regulierungsbestrebungen des ersten Margarinegesetzes führte.

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Spezialmaschinen als Wegmarken der Margarineproduktion – Anzeige 1881 (Neue Freie Presse 1881, Nr. 5967 v. 8. April, 13)

Die Existenz von Firmen sagt jedoch nur wenig über Absatz und Konsumverhältnisse auf. Eine detaillierte Analyse von Haushaltsrechnungen zwischen 1900 und 1940 ergab nämlich das Paradoxon, dass das universelle Kunstprodukt Margarine im Deutschen Reich deutliche regionale Verzehrsunterschiede aufwies: „Insgesamt zeigt sich ein von den Vertriebszentren ausgehendes, sich dann in die Konsumzentren des typischen ‚Butterbrot‘-Verzehrs Sachsen und Schlesien ausdehnendes Muster, dem schließlich die Markterschließung zuerst Mitteldeutschlands, dann des fettarmen Südens folgte“ (Uwe Spiekermann, Regionale Verzehrsunterschiede als Problem der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Räume und Strukturen im Deutschen Reich 1900-1940, in: Hans Jürgen Teuteberg et al. (Hg.), Essen und kulturelle Identität, Berlin 1996, 247-282, hier 267). In der Tat bildete das rheinisch-westfälische Industriegebiet die eigentliche Pionierregion des Kunstbutterkonsums. Derartige regionale Märkte wurden jedoch ergänzt durch das Versandgeschäft führender ausländischer Anbieter, deren Produkte schon in den 1870er Jahren im gesamten Deutschen Reich erhältlich waren. Das galt insbesondere für Sargs Prima Wiener Sparbutter, der wohl bekanntesten Margarinesorte in einem ansonsten von anonymer Ware dominierten Absatzmarkt.

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Anzeige des Neuen: Werbung für Sargs Prima Wiener Sparbutter 1874 (Illustrirtes Wiener Extrablatt 1874, Nr. 146 v. 29. Mai, 7)

Derartige Versandware gründete auf der höheren Haltbarkeit der Margarine und relativ fortgeschrittenen Verkehrsverhältnissen. Zugleich handelte es sich um verpackte Ware in einem Nahrungsmittelmarkt, in dem lose, unverpackte und dann direkt ausgewogene Produkte noch dominierten: „Die Kunstbutter wird in 1 Pfund schweren, viereckigen, mit einen dünnen weißen Baumwollenzeug umwickelten Packeten, die sich bequem in eine Kiste zusammenpacken lassen, versendet, appetitlicher in der Form wie die Marktbutter; die Farbe ist gewöhnlich Gelb“ (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Der Begriff „Sparbutter“ hob einen anderen Gebrauchswertvorteil hervor, nämlich den gegenüber Butter geringeren Wasseranteil. Dadurch war sie ergiebiger, ein wichtiges Argument auch für bürgerliche Kreise: „Eine gut abgerichtete Köchin braucht die Butter nicht zu jeder Speise, sondern nur wo dieselbe unentbehrlich ist, und kann durch Verwendung der Sparbutter ihrer Herrschaft viel Geld ersparen“ (Raphael Molin, Die Sparbutter-Industrie, Das Vaterland 1880, Nr. 319 v. 19. November, 10-11, hier 10). Hinzu kam: Kunstbutter war nicht nur länger haltbar, sondern wurde dadurch nur höchst selten ranzig. Das aber kam bei Milchbutter häufiger vor als es die späteren Hymnen der Agrarier auf die „gute“ Butter wahrhaben wollten (Vom Rhein, Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 61 v. 5. März, s.p.). Die weite Verbreitung der Versandbutter erlaubt schließlich auch Rückfragen an die heutzutage fast litaneihaft vorgetragene Positionierung der Kunstbutter als Fett der Armen und der Arbeiter. Gerade im rückwärtigen gewerblichen Sektor, also bei Bäckern und Konditoren, bei Wirten und Restaurantbesitzern, wurde sie häufig verwandt, um Backwaren und Speisen preiswerter zu machen (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Kunstbutter war immer auch bürgerlich, war keineswegs das Fett allein der Armen.

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Kein Fett für die Armen: Werbung für Sparbutter in Karlsruhe 1875 (Karlsruher Tagblatt 1875, Nr. 184 v. 8. Juli, 6)

Der Hersteller der Prima Wiener Sparbutter – ein vom Wiener Magistrat 1874 genehmigter Markenbegriff – war F.A. Sarg Sohn & Co., ein führender Produzent von Stearinkerzen und Glycerinseifen, ein Unternehmen also, das schon früh preiswerte Massenkonsumgüter herstellte und aktiv bewarb. Es diversifizierte zunehmend in die Kosmetikbranche. Die seit 1887 vertriebene Tubenzahncreme Kalodont wurde ein weltweit erfolgreiches Markenprodukt und diente als Dachmarke für viele weitere fetthaltige Kalodontprodukte. Ähnlich wie in Frankfurt am Main und Paris dauerte es auch in Wien fast zwei Jahre, von 1872 bis 1874, ehe die Produktion auf Basis des Mège-Mourièsschen Patentes aufgenommen werden konnte (Sparbutter, Morgen-Post 1874, Nr. 61 v. 3. März, 2). Ihr Absatz war seit 1874 von Anzeigenwerbung begleitet – und blieb damit eine Ausnahme, denn die Werbung für Kunstbutter erfolgte zumeist noch durch die Kleinhändler.

Sargs Sparbutter traf auf eine gespaltene Rezeption. Blicken wir auf eine aufstrebende Industriestadt im südlichen Ruhrgebiet: „Hier in Witten wiesen einzelne renommirte Ladengeschäfte den Verkauf zurück, andere kleine Geschäfte versuchten den Artikel und fanden ihn auch brauchbar. Die Butter ist selbst bei heißer Witterung hart und kernig, schmeckt nicht gerade schlecht und kostet 15 bis 20 Pfg. weniger als geringere Sorten Naturbutter. Das Publikum, auch wenn es noch so genau über die Zusammensetzung der Butter belehrt wurde, verlangte eben ‚Sparbutter‘, weil sie gefälliger für’s Auge und praktischer im Gebrauche sei. So mußten Nachbestellungen folgen und der Artikel ‚zog‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 223 v. 21. August, 3). Die neue Kunstbutter wurde allerdings häufig dazu genutzt, um sie Butter beizumengen und diese dann undeklariert, aber zu leicht niedrigerem Preis zu verkaufen. Umfassende Untersuchungen der lokalen Nahrungspolizei waren die Folge, führten teils gar zu ersten Verboten des Wochenmarktverkaufs. In Düsseldorf hieß es: „Es dürfte unseres Erachtens der Verkauf dieser Butter unter dem Namen ‚Sparbutter‘ auch auf den Wochenmärkten gestattet werden, doch müßten polizeilicherseits dafür gesonderte Verkaufsstellen auf den Marktplätzen angewiesen und diese entsprechend bezeichnet werden“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 270 v. 7. Oktober, 2). Die Sparbutter war ein Einbruch in die tradierte Welt des Absatzes – und auch deshalb schlug ihr beträchtlicher Widerstand entgegen.

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Widerstand gegen die Sparbutter in Dresden 1877 (Dresdner Nachrichten 1875, Nr. 293 v. 20. Oktober, 6)

Ein strukturelles Problem war dabei die mangelnde Kenntnis des noch nicht eingeführten Produktes. Über dessen Zusammensetzung gingen „im Publikum die verschiedensten Gerüchte“ um: „Es nimmt dies nicht Wunder, da verschiedene Fabriken dieser Art dem Publikum nicht gestatten, Einsicht von ihrem Betrieb zu nehmen; in Folge dessen denkt dasselbe unwillkürlich an Pferde- und Schweinefett, Kartoffelmehl, Gelèe aus isländischem Moos und sonstige Teufeleien“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106). Während die Kritik im Auslande vielfach allgemein und unspezifisch blieb, sah sich Sarg in Wien regelrechten Denunziationskampagnen ausgesetzt: Butter stamme von der Kuh – und nicht vom Ochsen. Die Sparbutter würde vornehmlich zur Verfälschung der Butter eingesetzt („Kunstbutter.“, Morgen-Post 1877, Nr. 199 v. 22. Juli, 3). Das Neue wurde zum Skandal: „Die Liesinger Sparbutter ist nichts Anderes, als ein Unschlitt- und Glyceringemengsel mit verschiedenen ekelhaften Zuthaten, welche dem Fabrikate den Geschmack und die Structur der wirklichen Butter geben sollen“ (Glycerin-Butter, Morgen-Post 1877, Nr. 223 v. 15. August, 3).

Kritiker beklagten die vermeintliche „rissige“ Struktur der Sparbutter, die daraus resultiere, „daß ihr das, die einzelnen, bunt zusammengewürfelten Bestandtheile zu einem einheitlichen Ganzen verbindende Ferment vollständig abgeht“ (Die Sparbutter und ihre Verehrer, Morgen-Post 1877, Nr. 227 v. 19. August, 3). Die Reaktion der Wiener Firma war bemerkenswert: Zum einen förderte sie redaktionelle Werbung, in der die bestehenden Vorurteile gegen die Nahrungsinnovation argumentativ aufgegriffen wurden (Das Vorurtheil und die Sparbutter, Kikeriki 17, 1877, Nr. 62 v. 5. August, 3). Zum anderen informierte sie die Öffentlichkeit recht präzise über die Sparbutterproduktion, die hohen Hygienestandards und den modernen Maschinenpark (Sarg’s Prima Wiener Sparbutter, Die Presse 1877, Nr. 156 v. 9. Juni, 9; Die Spar- oder Kunstbutter-Fabrikation, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 4, 1877, 222-223; Excursionsbericht, Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins 12, 1886, 194-195). Sarg praktizierte somit Vertrauensbildung durch Firmen- und Produkt-PR lange bevor es reflektierte Public-Relations-Ratgeber gab. Dadurch gewann sie nicht allein wachsendes öffentliches Vertrauen, sondern initiierte auch eine tradierte Elitenkritik an der vermeintlich dummen Masse der Konsumenten und deklassierter Kleinhändler: „Die betreffende Bevölkerung ist theils zu indolent, theils auch gar nicht in Kenntnis von der Beschaffenheit jenes Surrogatmittels, genannt Sparbutter, und daher ganz ausser Stande, davon Gebrauch zu machen“ (Zur Nahrungsmittelfrage. Sarg’s Prima Wiener-Sparbutter, Wiener Medizinische Wochenschrift 27, 1877, Sp. 1175-1177, hier Sp. 1176). Das Beispiel von Sargs Prima Wiener Sparbutter unterstreicht, dass es bei der Einführung der „Margarine“ keineswegs um den simplen Gegensatz von Gewerbe und Landwirtschaft ging, sondern dass hier um die Bedrohung durch das Unbekannte, durch das Neue gerungen wurde. Gerade nach dem Gründerkrise war Skepsis gegenüber einer vom Markt ausgehenden Umgestaltung des Alltags weit verbreitet. Die Durchsetzung der Margarine war schließlich Teil der Durchsetzung und Verankerung kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien.

Gleichwohl zeigt insbesondere die Produkteinführung eine Konsumgesellschaft im Werden. Kunstbutter war eine anonyme Ware. Hersteller und Zusammensetzung waren zumeist nicht bekannt. Der gegenüber Butter geringere Preis und der gegenüber Schmalz und Talg bessere Geschmack waren für den Absatz entscheidend. Anfang der 1870er Jahre erfolgte der Absatz noch vielfach über Wochenmärkte. Die lokale Marktpolizei schritt hiergegen rasch ein, um Übervorteilungen auszuschließen und – im Wortsinne – Markttransparenz zu gewährleisten. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet wurde Kunstbutter anfangs teils vom Wochenmarktverkehr ausgeschlossen, teils wurden die Marktordnungen so verändert, dass der Absatz nur bei expliziter Kennzeichnung erlaubt war (Sell, 1886, 492-493). Die Folge war eine Diffusion des Verkaufs in ladengebundene Nahrungsmittelgeschäfte bzw. Versandgeschäfte. Händler- und Herstellervertrauen traten hier teils an die Stelle der unzureichenden Informationen über die Kunstbutter. Zugleich wurde augenfällig, dass auch die tradierten Nahrungsmittel bisher vorwiegend nach Augenschein und ohne detaillierte Produktinformationen gekauft wurden.

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Etablierung im Sortiment des Kolonialwarenhandels. Anzeigen von Sparbutter in Düsseldorf 1877 (Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 302 v. 10. November, 4 (l.); ebd., Nr. 42 v. 14. Februar, 4)

Preis und Geschmack dominierten den Abverkauf, nicht aber vertiefende Informationen: „In Dortmund kommt die Kunstbutter waggonweise an. Die Lieferanten sind hauptsächlich zwei holländische Fabriken, und diese können nicht so viel liefern als bestellt wird. […] In Dortmund muß jeder Kaufmann, welcher Kunstbutter feil hält, in seinem Laden einen Anschlag in großen Lettern mit den Worten führen ‚Margarinbutter‘, ‚Kunstbutter‘ oder ‚Sparbutter‘. Das Publikum stößt sich aber hieran nicht.“ Via Hamburg oder Bremen wurde auch amerikanische Kunstbutter „massenhaft angeboten“ (Kunstbutter, Linzer Volksblatt 1878, Nr. 248 v. 26. Oktober, 2). Schon Ende der 1870er Jahre war klar, dass Kunstbutter „unter ihrem wirklichen Namen auch gern vom Publikum gekauft und genossen wird“ (Naturbutter und Kunstbutter, Wider die Nahrungsfälscher! 2, 1879, 46-47, hier 46). Bemühungen von Kleinhändlern, die Vorteile der „reinen“ Butter gegenüber den nun aufkommenden zahlreichen Fettmischprodukten herauszustreichen, hatten dagegen kaum Erfolg: „Von drei Kunden, welche die Kunstbutter verlangen, sind aber nur zwei zu überreden, die gute reelle Waare zu kaufen, der dritte geht weiter und kauft beim Concurrenten die geringe Waare, welche ja äußerlich der anderen sehr ähnlich ist. Er nimmt die Meinung mit sich fort, daß ich mit der Waare zu theuer bin“ (Das Publicum und die Waarenverfälschung. (Bemerkungen eines Kaufmanns.), Deutsche Blätter 1873, Nr. 7, 26-27, hier 27). Der Speisefettmarkt geriet seit Anfang der 1870er Jahre jedoch nicht durch die Margarine selbst in Bewegung, sondern durch die nun rasch wachsende Zahl von Fettgemischen. Sie stammten von Margarineproduzenten, von Groß- und Kleinhändlern und nicht zuletzt von bäuerlichen Butterproduzenten.

Chaos im Fettmarkt: Mischbutter und Qualitätsprobleme

Die Kunstbutter war in den 1870er Jahren nur im rheinisch-westfälischen Gebiet von größerer Relevanz für den Alltagskonsum. Aufgrund des niedrigeren Preises ist es plausibel, dass Bergleute und die Industriearbeiterschaft daran einen überdurchschnittlichen Anteil hatten. Sicher belegt ist dies aber nicht, beziehen sich die meisten Quellen doch auf bürgerliche Konsumenten und das Nahrungsmittelgewerbe. Der spätere, insbesondere in den Reichstagsdebatten immer wieder antönende Gleichklang von „Margarine“ und Arbeiterschaft war immer auch eine bequeme Deutung, von der nicht zuletzt die politischen Parteien profitieren konnten. Liberale und Teile des Zentrums konnten ihr Eintreten für die „reelle“ Margarineindustrie als Sorge für den Arbeiter und sein Wohlergehen präsentieren. Auch Nationalliberale und die konservativen Parteien ließen keinen Zweifel daran, dass sie preiswerte Nahrung unterstützten: Butter für die Bessergestellten, Kunstbutter für die arbeitende Masse. Alle konnten so vergessen machen, dass Unternehmer, Kleinhändler und Landwirte Akteure und Profiteure des sich wandelnden Fettmarktes waren.

Blicken wir zuerst aufs Land: Verstädterung und „Industrialisierung“ hatten beträchtliche Chancen für marktbezogene Versorgung eröffnet, die insbesondere im Nordwesten und in Mitteldeutschland zu tiefgreifenden Veränderungen vornehmlich in der Fleischproduktion sowie der Milch- und Butterherstellung geführt hatten. Tradierte Stadt-Land-Beziehungen veränderten sich: Märkte wurde immer seltener von bäuerlichen Produzenten beschickt, an ihre Stelle traten Händler. Die Zahl der Hausierer und Höker in den Städten nahm zu. Neben das traditionelle Nahrungsmittelhandwerk traten spezialisierte Kleinhandelsgeschäfte, namentlich Fleischwaren-, Milch- und Butterhandlungen. Ohne diese Veränderungen wäre das, was heute immer noch einseitig und irreführend „Industrialisierung“ genannt wird, nicht möglich gewesen. Doch es reicht nicht, auf die Absatz- und Vertriebsstrukturen zu blicken. Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft, des kleinbäuerlichen Betriebes, manifestierte sich gerade in der Marktproduktion von Eiern, von Butter und Milch. Sie wurden zur Ware, waren nicht mehr Teil des bäuerlichen Universums, einem Konglomerat von Selbstversorgung, Tauschwirtschaft und Kapitalarmut. Marktbeschickung erlaubte eine Neudefinition des bäuerlichen Betriebes, erlaubte eine Horizonterweiterung. Doch sie bedeutete auch die Akzeptanz der Regeln urbaner Märkte. Es galt Standards einzuhalten, Expertensetzungen, Menschenwerk. Das war nicht leicht. „Milch“ variierte je nach Tierart, Fütterung, Weidequalität, Jahreszeit, Abkalbedaten und Wetter beträchtlich. Derart „natürlich“ variierende Ware war aber schwieriger abzusetzen, erzielte oft niedrigere Preise. Die Bauern halfen nach, und nicht nur zu sie. Neben die strukturellen Probleme der Nahrungsmittelversorgung traten insbesondere in den 1870er Jahren zahlreiche Wertverringerungen und auch Nahrungsmittelfälschungen (vgl. Gesetz betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg., II. Sess. 1878, Bd. 3, Berlin 1878, 766-830, insb. 775-798). Was für die Milch das Wasser wurde für die Butter nun die Kunstbutter.

Ihr Aufkommen wurde von vielen Landwirte als Weckruf verstanden (Gabriel Belleville, Die Milch und deren Verwerthung, Wein 1879, 177). Die Kunstbutterbranche war offenbar in der Lage, wichtige Nahrungsmittel preiswerter herzustellen. Die Ausbreitung „dieser Industrie“ sei „ein Mahnruf für die Landwirthe, sich die Errungenschaften der Neuzeit auf dem Gebiete des Molkereiwesens recht bald zu Nutze zu machen“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106-107, hier 107). Das war vor allem Wasser auf die Mühlen einer Minderheit von Agrarwissenschaftlern, die im Sinne der wegweisen Arbeiten Albrecht Daniel Thaers (1752-1828) forderten, „daß die Landwirthschaft heutzutage lediglich als ein industrielles Gewerbe zu betrachten ist, dessen zweckmäßige und gewinnbringende Ausbeutung, nach jeder sich darbietenden Richtung hin, die Aufgabe und das Ziel der Landwirthe sein muß“ (Heinrich Janke, Die Kunstbutter-Fabrikation als landwirthschaftliches Nebengewerbe, Seperatabdruck aus dem Jahrbuch für österreichische Landwirthe 1879, o.O. 1879, 1). Butter musste billiger und zugleich qualitativ besser werden.

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Aufhübschung als Dauerpraxis: Werbung für Butterfarbe 1875 (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 11, Beibl. 2, 3)

Dieser Aufgabe fühlten sich die Molkereigenos-senschaften verpflichtet. Händler bevorzugten die Kunstbutter nämlich nicht nur wegen ihres geringeren Preises, sondern auch wegen ihrer standardisierten Konsistenz (Naturbutter und Kunstbutter, Fühling’s landwirthschaftliche Zeitung 27, 1879, 111-113, hier 111). Doch die Butter veränderte sich auch durch gezielte Interventionen. Mit den Fortschritten der Farbchemie wurde die Butterfärbung, bei der zuvor vorrangig auf das aus dem brasilianischen Annattostrauch gewonnene Orleans zurückgegriffen wurde, einfacher und auch preiswerter: Das vermeintliche Naturprodukt wurde den Konsumentenerwartungen gemäß ausgestaltet. Kunstbutter konnte genutzt werden, um sie der eigenen „Naturbutter“ hinzuzufügen, um sie entweder billiger anzubieten oder um einen höheren Ertrag zu erzielen. Es galt, „daß selbst unsere biederen weiblichen Butterverkäufer vom Lande die Kunst, Natur durch Surrogat zu ergänzen, sehr trefflich verstehen“ (Strohmer, 1886). Derartige Mischbutter war erlaubt, sollte allerdings als solche ausgewiesen sein. Das war sie häufig nicht.

Bäuerliche Butterproduzenten nahmen daher nicht unbeträchtliche Mengen Kunstbutter ab – und dies übertraf bei weitem die auch im dem europäischen Ausland allgemein verbreitete Praxis, im bäuerlichen Haushalt Kunstbutter zu verzehren, um mehr Butter verkaufen zu können (Lang, 1912, 54-55). Friktionen innerhalb „der“ Landwirtschaft wurden dadurch offenbar. Die bäuerliche Alltagspraxis stand nicht zuletzt im Gegensatz zu den Interessen der noch erfolgreichen Butterexportindustrie. In Norddeutschland und Ostelbien gelegen, belieferte sie insbesondere den britischen Markt mit hochwertiger Ware. Mischbutter unterminierte ihren Qualitätsanspruch. Das Ringen um die „Margarine“ erfolgte also nicht allein zwischen Industrie und Landwirtschaft, sondern auch innerhalb der Landwirtschaft selbst: „Denn, meine Herren, verkennen Sie doch die Gefahr nicht: es ist nothwendig, daß wir den Artikel ‚Kunstbutter‘ unterdrücken, damit nicht auch die Landwirthe die Möglichkeit bekommen, gewissermaßen selbst schon die Fälschung in ihrer eigenen Wirthschaft vorzunehmen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 667 (von Frege)).

Bäuerliche Anbieter haben das Chaos im Fettmarkt nicht hervorgerufen, doch sie haben es verstärkt. Die Produzenten ergänzten ihre Angebote, neben Kunstbutter trat zunehmend Mischbutter. A.L. Mohr produzierte 1887 beispielsweise 880 t Margarine und mehr als 2.600 t Mischbutter (Herbst, 1989, 151). Großhändler kauften Butter und Margarine, vermengten diese dann zu neuen Produkten. Kleinhändler kauften die Fettgemenge an, wiesen deren Zusammensetzung aber nicht aus, kannten sie teils auch nicht. Die Obrigkeit war nur vereinzelt in der Lage, den Mischbutterabsatz zu ordnen und zu begrenzen. Explizite Kennzeichnungspflichten gab es nicht, zumal Mischbutter keine Gesundheitsgefährdung darstellte. Der Nationalstaat reagierte kaum. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb allgemein, behandelte Kunst- und Mischbutter trotz zahlreicher Petitionen nicht explizit.

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Reine Ware in einem Markt ohne Regeln? Karikatur anlässlich der globalen Regulierungswelle (Nebelspalter 12, 1886, H. 15, s.p.)

Spätestens zu dieser Zeit war Mischbutter ein auch öffentlich diskutiertes Problem. Experten diskutierten vorrangig „die Gefahr der Uebervortheilung“ der Konsumenten (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 147). Indikator hierfür waren gemeinhin Butterkontrollen der noch in den Anfängen stehenden Nahrungsmittel-kontrolle. In Hannover hatten Bürger daher ein privates Untersuchungsamt gegründet, um „dieser neuen Form der Nahrungsnoth“ (Wieder die Nahrungsfälscher! 1, 1878, 1) zu begegnen. Dessen Resultate dürften repräsentativ sein. Die – allerdings nicht sehr zahlreichen – Untersuchungen ergaben regelmäßig mit Kunstbutter vermischte „Butter“. Schlechte Butter resultierte aber vielfach auch aus mangelhafter Butterung, also Defiziten in der bäuerlichen Produktion (Ergebnisse des Hannoverschen Untersuchungsamtes, Wider die Nahrungsmittelfälscher! 1, 1878, 27-28, hier 28). Die Konsequenz waren Forderungen einerseits nach klarer Kennzeichnung, anderseits nach Aufklärung des Publikums über die rechte Beschaffenheit von Butter resp. Kunstbutter (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1878, 23). Die Fachleute wussten aber auch, dass ihre Arbeit keine marktbereinigenden Folgen gegen Mischbutter haben konnte: „Die Behörden waren bislang gegen diesen Betrug meistens machtlos, da alle vorgeschlagenen analytischen Methoden […] zu umständlich und viel zu unsicher sind, als dass auf sie hin eine energische Controle denkbar wäre“ (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1879, 168). Das Chaos im Fettmarkt resultierte auch aus dem Mangel an empirisch validen Nachweisverfahren. Neue Verfahren arbeiteten mit polarisiertem Licht, also optischen Verfahren, doch deren Handhabung war kompliziert, teuer und oft nicht gerichtsfest. Während der 1880er Jahre kamen zahlreiche neue Verfahren und Geräte auf, doch eine präzise und zugleich preisgünstige analytische Unterscheidung der einzelnen Fettsäuren war erst nach der Jahrhundertwende möglich.

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Wahrheitsverfahren: Butteruntersuchungsapparat des Agrarwissenschaftlers Adolf Eduard Mayer ([Eugen] Sell, Beiträge zur Kenntnis der Milchbutter […], Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 529-545, hier 543)

Auch der bestehende Rechtsrahmen setzte dem Einschreiten der Obrigkeit enge Grenzen. In Leipzig wurden 1886 beispielsweise drei Kaufleute erstinstanzlich wegen des Verkaufs Mohrscher Kunstbutter als „Gutsmischbutter“ zu Geldstrafen verurteilt. Die Revision kassierte das Urteil des Amtsgerichts, da der Fettgehalt beider absolut vergleichbar sei, ein Betrug also nicht vorliegen könne. Das Verfahren wurde zwar an das Landgericht überwiesen, doch dort konnte man nur noch wegen Betruges nach dem Nahrungsmittelgesetz vorgehen – ein quasi aussichtsloses Unterfangen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 213 v. 1. August, 20). Was blieb war vor allem der moralische Appell, da Kennzeichnung nicht einfach dekretiert werden konnten. „In diesem Kampf zwischen ‚Natur‘ und ‚Kunst‘ stehen die Dresdner Hausfrauen natürlich auf der Seite der Naturbutterhändler und wünschen recht sehnlichst, daß sie durch behördliche Fürsorge vor Schwindel und Uebervortheilung bewahrt werden“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 210 v. 29. Juli, 6). Da lachten viele Marktteilnehmer und schritten weiter voran. Gerade Pharmazeuten und Chemiker flüchteten sich angesichts der weitverbreiteten Moralisierung der Märkte in Sarkasmus. Als in London 1870 Fett aus den Themseabfällen gewonnen werden sollte, kommentierte man süffisant: „Philanthropen bemühen sich, den Armen einen billigen Genuß von Butter zu verschaffen“ (Butterverfälschung, Industrie-Blätter 7, 1870, 108-109). Inhaltlich waren sie nicht weit entfernt von den Vorstellungen der Sozialdemokratie, die sich in der Folgezeit zur eigentlichen Partei des Konsumentenschutzes entwickeln sollte. Sie beklagte beredt den Schwindel mit „Butter“, forderte aber zugleich Zwangsmittel, damit die Firmen klar kennzeichneten. Zugleich aber brandmarkte sie die Kennzeichnungsdebatte als bürgerliche Irreführung, ginge es doch darum, „daß die große Masse des Volkes nicht mehr im Stande ist, unverfälschte Nahrungsmittel zu kaufen“ (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 181 v. 6. August, 2).

Das Chaos im Fettmarkt führte auch zu einer steten Präsenz des Verdachts. Fabriken wurden beobachtet, um abschätzen zu können, wie viel sie produzierten und wie viel sie davon ehrlich verkauften (Rosenheimer Anzeiger 1879, Nr. 198 v. 31. August, 3). Wirkmächtiger aber war der Verdacht, „dass ein Theil der Kunstbutter aus ekelerregenden Materialien dargestellt wird“ (Adolf Eduard Mayer, zit. n. Benedikt, 1887, 420). Gerade die Verwendung von Schlachtabfällen führte zu gleichsam apokalyptischen Szenarien allgemeiner Verfälschung, allgemeiner Vergiftung.

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Das Unbehagen an der Kunstbutter: US-Karikatur über die nicht deklarierten Grundstoffe der Margarineproduktion (The Wasp 10, 1883, Nr. 1 v. 6. Januar, 16)

Dem standen Physiologen und Chemiker gegenüber, die berechtigt hervorhoben, dass eine öffentliche Gefahr bei Natur- und Kunstbutter sowie etwaigen Mischungen an sich ausgeschlossen war: „Auf dem Markte wird man füglich dem Geschmacke des Publikums die Rolle des Richters überlassen können und derjenige, welcher sich über den Genuss des feinen Butteraromas hinwegzusetzen vermag und anstatt Naturbutter Kunstbutter mit nach Hause bringt, wird nicht schlechter fahren als Jemand, welcher mit einer geringeren Fleischqualität sich zufrieden stellt“ (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 249, 1883, 319). Fasst man zusammen, so war der Verkauf von Kunstbutter unter der „Maske der Naturbutter“ (Strohmer, 1886) in der Tat weit verbreitet. Die Speisefette bestanden aus zahlreichen Mischungen, doch es gab keine rechtlich verbindlichen Begriffe, um diese Vielfalt präzise fassen zu können. Kunstbutter war Produkt naturwissenschaftlichen Wissens, doch die Wissenschaft war nicht in der Lage, ihre Marktpräsenz stetig und differenziert nachweisen zu können. Dies führte zu Unsicherheit über gängige Alltagsangebote, über die Ordnungskraft von Obrigkeit und Wissenschaft. Staatliches Handeln schien unabdingbar – und seit 1886 lag ein erster Gesetzentwurf vor, der das Chaos im Fettmarkt beenden sollte. Bevor wir auf diesen eingehen, ist nochmals innezuhalten: Die hitzige Diskussion über Kunst-, Misch- und Naturbutter macht schließlich klar, das moderne Produkte ohne eine informative Reklame und das Qualitätsversprechen von Markenartikeln kaum zu etablieren sind. Der Markt kann nicht gänzlich frei sein, muss immer begrenzt und eingehegt sein. In den 1890er Jahren gab es daher weitere Rahmenregulierungen, so 1894 das Gesetz zum Schutz der Waarenbezeichnungen und 1897 das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Staatlich-parlamentarische Intervention: Benennung und Einhegung der „Margarine“

Als die Reichsregierung im Februar 1886 dem Bundesrat einen Gesetzentwurf „über den Verkehr mit Kunstbutter“ vorlegte, war klar, dass ein öffentliches Problem bestand, doch es war unklar, wie dieses zu regeln war (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 48 v. 26. Februar, 2). Der Gesetzentwurf war jedenfalls eine Absage an ebenfalls mögliche detaillierte Verordnungen auf Grundlage des Nahrungsmittelgesetzes, wie sie vornehmlich von landwirtschaftlichen Interessengruppen vielfach gefordert worden war (Otto May, Umschau, Zeitschrift des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 69, 1879, 418-425, hier 424). Kunstbutter war wichtig genug, um in einem Spezialgesetz geregelt zu werden – recht bemerkenswert, denn damals lief die Gesetzesmaschinerie deutlich niedertouriger als heutzutage. Dem Gesetzentwurf vorangegangen waren nicht nur intensive öffentliche Debatten, sondern auch Forderungen nach einem neuerlich höheren Zoll auf Oleomargarin und Kunstbutter, eingebracht 1885 vom Zentrum resp. der freien wirtschaftlichen Vereinigung, einer Vorform der „Kartellparteien“ von Nationalliberalen und Konservativen. Sie trafen auf vehementen Protest der Linksliberalen, scheiterten aber an der schlichten Regierungsaussage, das eine zolltechnische Unterscheidung von Butter und Kunstbutter nicht möglich sei (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 90 v. 18. April, 5).

Während der Entwurf 1886 beraten wurde, waren Umfang und Struktur der Kunstbutterindustrie nur grob bekannt. Eine vom Reichsgesundheitsamt initiierte Denkschrift, die sich vornehmlich den verschiedenen Nachweisverfahren, also einer möglichen Kontrollpraxis widmete, nutzte die Angaben der Berufsgenossenschaft der Nahrungsmittelmittelindustrie. Demnach gab es im Deutschen Reich 45 Kunstbutterproduzenten mit 415 Beschäftigten. Hinzu kamen sieben weitere Firmen, die auch andere Waren produzierten (Sell, 1886, 492). Preußen, und darin insbesondere die Rheinprovinz, dominierte, Bayern folgte mit beträchtlichen zehn Fabriken. Gestützt durch die neu errichteten Zollschranken war die Branche zwischenzeitlich zum Export übergegangen (Kunstbutterfabrikation, 1887, 250). Produktionsziffern lagen nur vereinzelt vor. Kunstbutter wurde vornehmlich in Städten verkauft, insbesondere in Hafenstädten. Mège-Mouriès Initiative hatte also auch den Schiffsproviant verändert. Als Abnehmer wurden die „ärmeren Klassen der Bevölkerung“ (Sell, 1886, 492) genannt, doch der gewerbliche Konsum war ebenfalls beträchtlich. Valide Umsatzziffern fehlten, die Schätzungen schwankten zwischen 18 und 162 Millionen Mark (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 940). Die Margarineindustrie war also relativ klein, ökonomisch recht unbedeutend. Ihre Regulierung durch ein Spezialgesetz erfolgte, weil es um grundsätzliche Ordnungsentscheidungen im sich rasch wandelnden Konsumgütermarkt handelte.

In der Forschung wird das sog. Margarinegesetz von 1887 nun häufig missverstanden als eine einseitige Liebesgabe an landwirtschaftliche Interessen: „Unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes suchte die Landwirtschaft sich missliebiger Konkurrenz zu entledigen“ (Vera Hierholzer, Nahrung nach Norm. Regulierung von Nahrungsmittelqualität in der Industrialisierung 1871-1914, Göttingen 2010, 148). In der Tat gab es seit 1886 eine breite Mobilisierung landwirtschaftlicher Vereine, namentlich des Deutschen Landwirtschaftsrates. Deren Forderungen waren bekannt reißerisch: „Unserseits würden wir am liebsten die Existenz von ‚Kunstbutter-Fabriken‘ ganz beseitigt sehen. Die Gründe, welche man für deren Bestehen geltend macht, sind sehr fadenscheinig und der Nutzen, welchen die Arbeiterwelt in Mittel- und Norddeutschland daraus ziehen soll, ist gering, kann aber jedenfalls den immensen Schaden, der durch die Kunstbutterfabrikation angerichtet wird, bei Weitem nicht aufwiegen“ (Tagesgeschichte, Rosenheimer Anzeiger 1885, Nr. 111 v. 17. Mai, 1). Damit negierten sie das bestehende Chaos im Fettmarkt, negierten insbesondere, dass davon zahlreiche kleinbäuerliche Butterproduzenten profitierten. Während der Debatte über das Margarinegesetz wurde ein Verbot der Kunstbutter jedoch von allen Fraktionen abgelehnt. Stattdessen ging es auch für die zu dieser Zeit noch schwer zu fassenden „Agrarier“ – der Bund der Landwirte wurde erst 1893 gegründet – um eine neue Ordnung dieses für Milchbauern und Fleischmäster wichtigen Konsumgütermarktes. Der Regierungsentwurf hatte genau das anvisiert und blieb gegenüber den natürlich auch in den Reichstag dringenden Forderungen der Agrarier – insbesondere der nicht im Mittelpunkt stehenden Frage der Färbung der Kunstbutter – ablehnend. Das Margarinegesetz war kein Erfolg der Agrarlobby. Wohlig berichtete die liberale Vossische Zeitung über die „Mißstimmung der Agrarier“ (Vossische Zeitung 1887, Nr. 233 v. 22. Mai, 1) nach der für sie eigentlich erfolgreichen 2. Lesung des Gesetzentwurfes. Doch es ging letztlich nicht um die Minderheit der Extremisten vom Lande. Es ging bei dem Margarinegesetz um die Marktregulierung von wissensbasierten Konsumgütern. Das sahen auch die beiden konservativen Parteien und die Nationalliberalen so – also die Kartellparteien, die eine klare Mehrheit im Anfang 1887 neu gewählten Reichstag besaßen.

Was war nun das Ergebnis all dieser Debatten? Der Reichstag agierte als Sprachschöpfer: Der Begriff „Kunstbutter“ wurde quasi amtlich gestrichen und durch den neuen Begriff „Margarine“ ersetzt. Mischbutter wurde grundsätzlich verboten, wenngleich eine relativ geringe Zumischung von Milchbutter zugestanden wurde. „Margarine“ musste als solche gekennzeichnet sein, war im Kleinhandel in Würfelform abzusetzen. Hersteller hatten ihren Namen und die Produktbezeichnung anzugeben, Händler mussten das Produkt benennen und ausschildern. „Margarine“ musste aber nicht gefärbt werden, um sie auch augenscheinlich von Butter abzugrenzen (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494-1495). Damit genügte das Gesetz weder extremen agrarischen Forderungen, noch richtete es sich primär gegen die „Uebervortheilung namentlich der kleinen Leute“ (Der Wendelstein 1886, Nr. 156 v. 30. 12., 1). Es war vielmehr der Versuch, den Fettmarkt mittels einer Kombination von moderaten Eingriffen in den Absatz, tradierten Strafbestimmungen und wissenschaftlicher Kontrolltätigkeit wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Es waren vor allem zwei bisher wenig beachtete Aspekte, die das sog. erste Margarinegesetz zu einem Meilenstein in der Regulierung der Konsumsphäre machten. Zum einen rückten die Parlamentarier die für Konsumgüter wesentlichen semantischen Illusionen in den Mittelpunkt der Gesetzgebung. Zum anderen rangen sie um die Warenästhetik der Konsumgesellschaft, erörterten am wachsgelben Exemplum die visuelle Kultur der neuen Zeit.

Die Parlamentarier waren sich der tiefgreifenden Veränderungen der Nahrungsmittel seit dem Markteintritt der „Margarine Mouriès“ natürlich bewusst. Das galt nicht allein für das Deutsche Reich, denn in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre wurde „Margarine“ in fast allen westlichen Staaten durch Spezialgesetze reguliert. Der Nationalliberale Abgeordnete Friedrich Bahya brachte den Wandel auf den Punkt: „Ich bin weit entfernt, irgend einem Kunstprodukt nahetreten zu wollen; wir leben in einer Zeit, wo alles doch mehr oder weniger dem Kunstbetrieb zugeht“ (RT, Stenographischer Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 290 (Bayha)). Kunstbutter war ein Prototyp neuer künstlicher Kost, der stete Bezug auf Auslandsmärkte, internationale Transfers und wissenschaftliches Wissen unterstrich dies.

Kunstbutter indes war in Zeiten ubiquitär angebotener Mischbutter ein unklarer Begriff geworden, ausgehöhlt, weit entfernt von der ursprünglichen Klarheit der „Margarine Mouriès“, auf die man sich immer wieder als ehrliches Produkt berief. Was war aus Kunstbutter nur geworden: Sparbutter, Kochbutter, Wirtschaftsbutter, Margarinbutter, Naturbutter, Grasmischbutter. Auch Schmalzbutter, Fassbutter, holländische Butter, Butterine wurde angeboten, nicht zu schweigen von Gebirgs-, Alpen- Alpenkräuter-, Senn-, Rittergutsbutter, schließlich Schweizer, Bayerische, Tyroler Butter. Wer Kunstbutter kaufte, fühlte sich an die Schäferromane des Barocks, die einfache ländliche Welt der Romantik erinnert. Auch Butter blieb nicht länger Butter, sondern wurde „gut“ und „rein“, mutierte zur Naturbutter oder Milchbutter. Begrifflich entfernten sich die Anbieter von der recht prosaischen Produktionspraxis, verkauften mit der Ware zunehmend auch Träume. Der Regierungsentwurf wollte diese nicht zerstören, doch die darin vorgeschlagene Rückführung aller Mischfette auf den verbindlichen Begriff der Kunstbutter fand keine Billigung bei der Mehrheit: Im beratenden Kommissionbericht hieß es desillusionierend: Mischbutter „gleicht einer falschen Münze, und verdient auch so behandelt zu werden; sie trägt nicht nur ein erborgtes Kleid, sondern sie borgt von der Naturbutter auch deren Preis, läßt ihr aber deren höhere Produktionskosten, welche den Preis der Milchbutter bedingen und rechtfertigen; sie ist daher nicht nur zu Täuschungen benutzbar, sondern ein Täuschungsprodukt an und für sich; ihre ganze Existenz ist dadurch bedingt, daß eine Täuschung erzielt wird“ (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 942-943). Dem galt es gegenzusteuern, regulativ, aber auch begrifflich. So hatten einzelne Abgeordnete schon während der Diskussionen um das Nahrungsmittelgesetz argumentiert, ohne sich aber durchsetzen zu können (Entwurf, 1878, 786). Nun aber kam man, auch unter dem Einfluss ausländischer Gesetze, zu dem Schluss, dass ein neues wissensbasiertes Produkt auch eines neuen wissenschaftlichen Namens bedürfe.

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Dem Kunstfett einen Namen geben: Werbung für Margarin-Produkte 1886 (Wiener Hausfrauen-Zeitung 12, 1886, 141)

Der neue Begriff „Margarine“ verweise nicht allein auf den eigentlichen Ausgangspunkt des Marktwandels – die „Margarine Mouriès“ – sondern erlaube auch eine Vereinheitlichung des Fettmarktes, die mit dem in Deutschland eben nicht überall eingebürgerten Begriff der Kunstbutter nicht zu gewährleisten sei (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 941). Kunstbutter habe zudem einen irreführenden Lockreiz, beziehe sich auf die Kunstfertigkeit der Produktion, auf deren Nähe zum Kunsthandwerk. Der Begriff „Margarine“ sollte zugleich die Trennung von Butter und dem neuen Kunstprodukt unterstreichen. Es ging um begriffliche Trennung, nicht um begriffliche Vermischung. Zugleich unterstrich „Margarine“ das Fremdländisch-internationale dieser Handelsware, während Butter, die reine, im heimisch-ländlichen Raum verankert blieb. Der neue Begriff rief allerdings deutliche Kritik hervor. Die Regierung verteidigte die Kunstbutter pragmatisch, da der Zusatz „Kunst“ doch eher an Ersatzmittel, an Surrogate erinnere (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 281 (Köhler). Kunstwein schmeckte nicht recht, auch Kunstdünger hatte schon damals gewissen Warncharakter. Auch Hinweise, dass „Margarine“ ein wissenschaftlich irreführender Begriff sei, da das Produkt aus Olein und Margarin bestehe – in den USA erließ man 1886 den Oleomargarine Act – und die Margarinsäure keineswegs konstitutiv sei, wurden nicht gehört.

Öffentlich breit diskutiert wurde einerseits die vom Nationalliberalen Ludwig Bamberger (1823-1899) thematisierte Kernfrage, „wie weit soll der Gesetzgeber sich einmischen in den Sprachgebrauch eines Volkes, insofern er sich reflektirt in seinem gewerblichen Verkehr?“ Damit versuchte er die für die deutsche Kulturnation zentrale sprachliche Autonomie der bürgerlichen Gesellschaft zu verteidigen. Zugleich erschien ihm das Lehnwort aus dem Französischen eine „Verunreinigung der deutschen Sprache“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 resp. zuvor 660). Ähnlich argumentierte der freisinnige Abgeordnete Alexander Meyer (1832-1908), der lange bevor dieser Begriff für das Herrschaftssystem Wilhelm II. verwandt wurde, anmerkte, dass „Margarine“ „gewisse cäsarische Neigungen“ verrate, „die Grammatik zu beherrschen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 17. Juni 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 1120). Der Begriff schien ihm nicht handhabbar, erinnere an die Kunstsprache Volapük, nicht aber an klare deutsche Sprache. Diese Kritik ließ die Befürworter der Konservativen, der Nationalliberalen und auch des Zentrums jedoch nicht wanken. Unter dem Spott der liberalen Presse und auch ordentlicher Nationalisten und Germanisten sprachen sie sich für ein welsches Fremdwort aus, nicht aber für das ebenfalls vorgeschlagene schöne deutsche Wort „Talgbutter“. Die sprachlich verordnete „Margarine“ setzte sich nach längerer Gewöhnungsphase schließlich durch – überdeckte so den tiefgreifenden Wandel des Fettproduktes in den folgenden Jahrzehnten. Das aber ist ein wesentliches Kennzeichen semantischer Illusionen.

„Margarine“, ursprünglich noch ein Plural, war nun begrifflich fixiert als „diejenigen, der Milchbutter ähnlichen Zubereitungen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt“ (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494). Ihre Warenästhetik blieb davon jedoch unberührt. Schon die „Margarine Mouriès“ war chamäleonhaft. Frisch hergestellt war sie wachsig-weiß, nicht golden-gelb wie „gute“ Butter. Die Fabrikanten veränderten jedoch schon früh Geschmack, Geruch und insbesondere die Farbe des Fertigproduktes, folgten dabei den Wünschen und den Erwartungen der Käufer. Man griff dabei ins Schatzkästlein auch der Butterproduzenten: Dort fanden sich Butterfarbe, Butteräther, Orleans, Cumarin, Curcuma, nicht zu vergessen die Gelbwurzel, Safran, Saflor, die Ringelblume, das Gelbholz und auch die gemeine Mohrrübe (Kunstbutterfabrikation, 1887, 249; Wider die Nahrungsfälscher! 4, 1881, 78; Jolles, 1895, 19). Sie alle dienten nun auch der Färbung der „Margarine“, ihrer properen und buttergleichen Erscheinung.

Der Vorschlag einer markanten Färbung der Kunstbutter war daher keineswegs so abwegig, wie dies die Kritiker monierten. Abermals handelte es sich um einen Wissenstransfer, dieses Mal aus den USA, wo seit spätestens 1885 die Farben blau, grün und rot in die engere Auswahl kamen, von denen rot, zumindest in New York, auch kurze Zeit angewandt wurde (Strohmer, 1886). Der Deutschkonservative Agrarier Hans von Kanitz (1841-1913) griff derartige Anregungen freudig auf und plädierte 1886 im Preußischen Abgeordnetenhaus für eine Blaufärbung der Kunstbutter (Blau gefärbte Kunstbutter, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 93 v. 20. April, 2). Im deutschen Reichstag war der Freikonservative Abgeordnete Arthur Gehlert (1833-1904) – heute noch erinnert als ein Pionier der Schachkomposition – der Färbungsfrontmann. Er sah den Menschen als eine „zweibeinige Bestie“, die nur durch den Staat als „Inbegriff aller Konsumenten“ gebändigt werden könne. Stupsen reiche nicht, die Lenkung müsse klar sein. Und so plädierte er für eine Kunstbutterfärbung im sanften Hellblau (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 283 resp. 284). Das Protokoll vermerkte hier „große Heiterkeit“ – und doch: Eine Färbung war durchaus praktikabel und insbesondere der Münchener Agrarwissenschaftler Franz von Soxhlet (1848-1926) präsentierte nicht nur eine deutlich breitere Farbpalette ([Franz] Soxhlet, Ueber Margarine, München 1895, 131-149). Um aus der Not der Untersuchungspraxis eine Tugend zu machen, plädierte er während der Beratungen 1887 für den verpflichten Zusatz des aus dem Lackmustest bekannten Phenolphtaleins. Dieses sei „völlig unschädlich“ und leicht festzustellen und belasse die Farbe des Produktes im Vertrieb. Von der heute angenommenen kanzerogenen Wirkung des Stoffes konnte er noch nichts wissen.

In der Tat wären dies wirksame Maßnahmen gegen die „unkontrolirbare“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 21. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 685 (von Holstein)) Kunst- und Mischbutter gewesen. Doch schon in der Kommissionsberatung hatte sich die Regierung gegen die Zwangsfärbung ausgesprochen und eine Kommissionsmehrheit war nicht zu erlangen. Schon zuvor hatte man ein ebenfalls gefordertes Färbeverbot der Kunstbutter abgelehnt. Eine moderate Färbung gehöre zu modernen Konsumgütern dazu, sie könne daher nicht zur einseitigen Diskriminierung verwendet werden (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 939-40, 945). Damit war der Vorschlag eigentlich vom Tisch. Doch er wurde in den Folgedebatten wiederholt aufgegriffen, ging es doch nicht allein um Farbzusätze, sondern um die psychologischen Grundlagen moderner Konsumgesellschaften: Wahrheit verkaufe sich nicht. Diese Plattitüde wurde dann immer wieder von nachplappernden Werbepionieren aufgewärmt, so etwa von Raymond Loewy (1893-1986) (Häßlichkeit verkauft sich schlecht, Düsseldorf 1953). August Lucius (1816-1900), Zentrumsabgeordneter des Düsseldorfer Wahlkreises, wusste bereits, dass es hier um Teilhabe und Respekt ging: „Hüte man sich doch, so weit zu gehen, und bedenke man, daß man den armen Mann durch eine solche Maßregel nicht allein abschreckt, sondern auch beleidigt, degradirt. Welche Frau würde in einen solchen Laden gehen und kaufen oder einen solchen Gegenstand wie gefärbte Butter über die Straße tragen wollen? Das ist eine Zumuthung, die, wenn es möglich wäre, gewiß vermieden werden soll. Denn eine gewisse Befriedigung liegt doch darin, daß die arme Familie glaubt, dieselbe Butter zu essen, wie die reiche Familie. Das Färben der Butter hat etwas despektierliches, unappetitliches und möglicherweise schädliches“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 279). Der Mensch braucht Illusionen, Konsumgüter liefern sie ihm. Mit ernstem Sinn sekundierte Ludwig Bamberger: „Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot, wie es mit Richtigkeit heißt, sondern auch die Phantasie, die Vorstellung […] müssen mit zu Rathe gezogen werden. Und gerade bei dem kleinen Mann, dem die Genüße in der Verfeinerung so viel schmaler zugemessen sind, als den mehr mit Glücksgütern Gesegneten, da ist es von Wichtigkeit, daß auch das Reich der Phantasie, dieser Sinn für das Schöne, die ästhetische Empfindung dessen, was er genießt, ihm nicht verkümmert wird.“ Es sei daher nicht möglich, die Kunstbutter durch Färbung zu „einem Proletarier der vornehmen Naturbutter gegenüber zu machen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 und zuvor 662). Die Margarinefärbung wurde anlässlich des zweiten Margarinegesetzes 1897 neuerlich mit Vehemenz gefordert, doch letztlich nicht eingeführt.

Ein neuer Dachbegriff für ein sich veränderndes Produkt

Blicken wir abschließend auf die Folgen des Spezialgesetzes von 1887. Die neuen Regelungen wurden akzeptiert, auch wenn es teils Jahre dauerte, bis sie umgesetzt wurden. Mischbutter verlor dagegen relativ rasch an Bedeutung. Dies war auch Folge der Professionalisierung der Nahrungsmitteluntersuchung, die langsam selbst in Preußen einsetzte. Der Begriff Kunstbutter verschwand langsam aus dem Sprachgebrauch, im gewerblichen Bereich früher als im Alltag. Entscheidend aber war, dass die neue Definition der „Margarine“ einer neuen Breite des Buttersubstituts ungewollt den Weg bereitete. Während die eigentliche Intention des 1887er-Gesetzes war, eine „Margarine“ zu fördern, deren stoffliche Zusammensetzung der der ursprünglichen „Margarine Mouriès“ entspricht, zeigte sich nicht allein durch die zahlreichen neuen Patente der 1870er Jahre eine beträchtliche Innovationskraft im Fettmarkt (Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 21, 1880, 253; Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Wider die Nahrungsfälscher 4, 1881, 91-92).

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„Margarine“ als Stoffcontainer: Werbung für „Pflanzen-Butter“ nach dem ersten Margarinegesetz (Vossische Zeitung 1891, Nr. 171 v. 17. April, 15)

Mitte der 1890er Jahre war klar: „Was wir heute unter Margarine verstehen, ist etwas wesentlich anderes als vor 10 und 20 Jahren“ (E.H. Burckhardt, Der unlautere Wettbewerb im Butterhandel. Ein Beitrag zur Beurteilung der Margarinefrage, Berlin 1895, 2). Peu a peu verringerte sich die Bedeutung des Rindertalgs als Grundstoff der Margarineproduktion. Das war zum einen eine Konsequenz der schon skizzierten Veränderungen im bäuerlichen Tiereinsatz und der Tiermast, zum anderen aber des Importes von anderen tierischen Fetten. Gebrauchsfertiges Oleo-Margarin und von Stearin befreiter Rindertalg waren mit geringerem Aufwand zu verarbeiten. Daneben trat Schweinefett, insbesondere der sog. Neutrallard, ein geruch- und geschmackloses Bauchfellprodukt (Ernst Storm, Der Wettbewerb zwischen den Speisefetten, Agrarwiss. Diss. Berlin 1933, 18). Der wachsende Margarineverbrauch gründete bis Ende des 19. Jahrhunderts vorrangig auf Importen tierischer Fette, doch die damit einhergehenden Preissteigerungen begrenzten einen höheren Absatz.

Aus diesem Grunde begann man schon in den 1880er Jahren pflanzliche Öle zu nutzen. Sie waren preiswerter, zumal das vornehmlich aus den USA stammende Baumwollsamenöl. Auch deutlich teurere Erdnuss- und Sesamöle wurden einbezogen (Sell, 1886, 490). Gegen die Verpflanzlichung der Margarine gab es aufgrund der weiten Produktdefinition von 1887 keine rechtlichen Bedenken. Allerdings gelang es lange nicht, Öle zu einem konsistenten, streichfähigen und auch bei mittleren Temperaturen verwendbarem Produkt zu verarbeiten (Gustav Hefter (Hg.), Technologie der Fette und Öle, Bd. 3, Berlin 1910, 85-88). Frühe Pflanzenmargarinen zerflossen unter Hitzeeinfluss, waren ohne Eisschränke nicht zu verwenden. Waltran bot ab der Jahrhundertwende eine gewisse Alternative, doch der Geschmack war kratzig. Erst durch die 1901 vom deutschen Chemiker Wilhelm Normann (1870-1939) erfundene, ab 1909 auch allgemein zugängliche Fetthärtung veränderte sich die Margarine zu einem dominant pflanzlichen Fett. Die Kunstbutter wandelte sich dadurch zu einer wirklichen Alternative zur Butter, ließ den Makel des billigen Ersatzmittels hinter sich. Sie wurde zum Stoffcontainer, flexibel einsetzbar, nur mehr rechtlich vom 1887 festgeschriebenen Dachbegriff Margarine zusammengehalten.

Dieses neue, zunehmend als Markenartikel beworbene Produkt kapitalkräftiger Großunternehmen erinnert nur noch sprachlich an das Butteranalogon der 1860er Jahre, das in immer neuen Facetten den frühen deutschen Fettmarkt in ein temporäres Chaos stützte und dessen globale Marktanbindung das Ende des bäuerlichen Universums verdeutlichte. Die Entwicklung der Kunstbutter zur Margarine von den 1860er bis zu den 1890er Jahren ist ein beredtes Beispiel für das Vordringen einer kaum mehr an Räume und Zeiten gebundenen künstlichen Kost, deren Realdefinition ohne Expertensysteme nicht mehr zu leisten ist. Und wir selbst können uns am Beispiel der 1887 von Parlamentariern präsentierten Sprachschöpfung „Margarine“ klarmachen, wie lang der Schlagschatten der Geschichte ist.

Uwe Spiekermann, 26. August 2019

Das Verschwinden des Hanfes. Landwirtschaftliche Produktion, gewerbliche Verarbeitung und Konsumwandel im langen 19. Jahrhundert

„Es ist unnötig, unsere Hanfpflanze zu beschreiben, da sie jedermann kennt.“ [1] Als der Nürnberger Naturforscher Ernst von Bibra (1806-1878) dies Mitte des 19. Jahrhunderts niederschrieb, war Hanf ein Alltagsprodukt, lieferte einen beträchtlichen Teil der Kleidung auf dem Lande, war Grundstoff für Seile, Taue und Segel, lieferte Öl zur Beleuchtung und zum Anstrich. Hanf war Mitte des 19. Jahrhunderts allgegenwärtig – und doch zugleich unsichtbar, eine uncharismatische Pflanze. Sie glich darin Mais und Soja, die heute in einem Großteil unserer Lebensmittel vorkommen, doch hinter den daraus hergestellten Produkten verschwinden.

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Weibliche und männliche Hanfpflanzen im späten 18. Jahrhundert (Johann Zorn, Icones plantarum medicinalium, Nürnberg 1790, Tafel 532 (l.) und 531 (r.))

Heutzutage ist Hanf ebenfalls allgemein bekannt. Doch es handelt sich nicht mehr um eine ehedem gängige landwirtschaftliche Pflanze. Hanf ist heute vor allem Platzhalter für eine Droge, für Cannabis, für Marihuana, für Haschisch, für die zahlreichen Probleme und Paradoxien der Drogenregulierung und die immensen Probleme, Wirkungen von Pflanzenbestandteilen präzise zu benennen und zu regulieren. Hanf steht heutzutage somit für einen verengten Blick auf und die geringe Wertigkeit von Alltagspraktiken und Konsummustern der eigenen ruralen und gewerblichen Vergangenheit.

Falsch wäre es, die Mitte des 19. Jahrhunderts als simple Scharnierzeit zu denken, als die Zeit eines langsamen Übergangs von Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt hin zu Hanf als Droge. Stattdessen haben wir es einerseits mit dem langfristigen Auslaufen einer ländlichen Lebens- und Konsumkultur zu tun, der Substitution heimischer Kulturpflanzen durch leistungsfähigere „cash crops“ mit vielfach kolonialem Hintergrund. In Mitteleuropa geriet der Hanfanbau zwischen die Mahlsteine von Industrialisierung und Globalisierung. Eingebunden in eine bäuerliche Lebenswelt war die Umstellung des Anbaus und der Verarbeitung leicht zu fordern, doch schwer umzusetzen. Der heimische Hanfanbau endete, abgesehen von einigen hundert Hektar, schon vor dem Ersten Weltkrieg, am Ende des langen 19. Jahrhunderts. Anderseits war zu diesem Zeitpunkt Hanf in Mitteleuropa als Droge nur von marginaler Bedeutung. Gewiss, Mitte des 19. Jahrhunderts war Cannabis Indica für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab – und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte damals nur Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte wurden als Apotheker- und Medizinerware genutzt, als Narkotikum, in Hühneraugenmedizin, als Schlafmittel. Einige wenige Präparate etablierten sich gar als öffentlich beworbene Konsumgüter. Doch als indischer Hanf 1929 im Rahmen einer Revision des Opiumgesetzes im Deutschen Reich verboten wurde, hieß es lapidar und zugleich korrekt: „Die suchtmäßige Verwendung des Indischen Hanfs und der aus ihm hergestellten Zubereitungen ist […] in Deutschland nicht bekannt“. [2]

Dieses Verbot veränderte den Alltag nicht, erst in den 1960er Jahren stand Hanf hierzulande für ein Drogenproblem. Das 1971 und 1982 nochmals ausgeweitete Verbot veränderte die Perspektive auf den Hanf weiter, der nun nicht mehr auch als Alltagsprodukt einer vergangenen bäuerlichen Lebenswelt verstanden wurde, sondern allein als Wirkstoffträger mit potenziell gefährlichen Auswirkungen. Die seit den frühen 1970er Jahren anschwellende wissenschaftliche und populäre Literatur handelt denn auch fast ausschließlich von Cannabis, Marihuana und Haschisch. Das galt erst einmal für die wichtigsten Werke der Hanfaktivisten. Hainer Hais Hanf Handbuch erschöpfte sich in einer thematischen Engführung auf den Anbau, die Inhaltsstoffe, die Wirkungen, Fragen der Strafverfolgung und Details zur Extraktion des Hanföls, reproduzierte dabei die Argumente der Verbotsbefürworter mit negativem Vorzeichen. [3] Auch in Hans-Georg Behrs Hauptwerk war von Hanf eben kaum die Rede, stattdessen wurden zahllose historische Quellen unkritisch zusammengeführt, um eine vermeintliche Ubiquität der Droge auch im 19. Jahrhundert zu belegen. [4] Diese, aber auch zahllose andere Publikationen aus dem taktgebenden angelsächsischen Raum etablierten Haschisch als „a mark of fashion“ [5], als Ausdruck einer rebellischen und gesellschaftskritischen Lebenshaltung, denen sich auch wissenschaftliche Werke verpflichtet sahen. Die nicht allzu zahlreichen geschichtswissenschaftlichen Analysen konzentrierten sich entsprechend vornehmlich auf Hanf als Droge, vernachlässigen die Alltagskultur im Umgang mit Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt. [6] Dieser modischen Attitüde folgten auch die vielen nach der Wiederzulassung des Nutzhanfanbaus in Deutschland 1996 veröffentlichen Hanfhandbücher und -kochbücher. Zwischen dem steten Verweis auf die „uralte“ Kulturpflanze Hanf und dem beträchtlichen Marktpotenzial der heutigen Hanfprodukte fehlt eine auch nur ansatzweise fundierte Analyse der Verwendung von Hanf als Alltagsprodukt und Handelsgut vor dem Ersten Weltkrieg. [7] Stattdessen wird mit vermeintlich berauschenden und abhebenden Wirkungen der Hanfprodukte kokettiert, obwohl diese durch die bestehende Gesetzeslage ausgeschlossen sind. [8]

Im Folgenden wird es darum gehen, die fehlende Perspektive auf Hanf als eines bis Ende des langen 19. Jahrhunderts gängigen landwirtschaftlichen Handelsgutes und eines Alltagsproduktes in groben Strichen aufzuarbeiten. Hanf wird dabei als Teil der mitteleuropäischen bäuerlichen Hauswirtschaft des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts analysiert. Dabei wird sich der Blick auf die im Begriff „Industrialisierung“ kaum beachtete Transformation der ländlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen und deren materielle Kultur richten. Die zahlreichen Bemühungen, den Hanfanbau zu intensivieren, führten zwar zu veränderten hauswirtschaftlichen und gewerblichen Verarbeitungsweisen der Faser, des Öls und der Samen – also zu neuen, im Haushalt und vielen Wirtschaftssektoren nutzbaren Konsumgütern. Doch dies war nicht ausreichend, um den erst relativen und dann absoluten Niedergang des Hanfanbaus zu stoppen, dessen Revitalisierung im Ersten Weltkrieg und auch später misslang. Der heutige, primär auf hippe Nahrungshappen und Heilsöle zielende Anbau basiert ohnehin auf anderen Grundlagen. Er ist nicht nur Teil, sondern auch Ausdruck einer ubiquitären Konsumkultur, unterstreicht die Integration einer pseudorebellischen Gegenkultur in globale Verwertungszusammenhänge.

Hanf zwischen bäuerlicher Hauswirtschaft und nebengewerblicher Marktproduktion

Mitte des 18. Jahrhunderts war Hanf etwas Alltägliches, eben darum auch etwas Prosaisches: „Hanf […] ist ein bekanntes Feldgewächs, das einen einzigen, geraden, viereckichten, dichten, rohen, hohlen, und mit einer safigten Schale überzogenen, auch an manchen Orten oft einer Mannslänge hohen Stengel treibt. Die Blätter sind länglicht, schmal, spitzig und in etwas gekerbt, und wachsen in Gestalt einer offenen Hand, haben eine braun- oder dunkelgrüne Farbe, sind linde anzufühlen, und haben einen widerwärtigen stinkenden Geruch und unangenehmen Geschmack.“ [9] Der Blick allein auf die Pflanze verdeckt jedoch mehr als er enthüllt. Dinge, seien es landwirtschaftliche Güter oder aber Konsumwaren, sind implizite Handlungsprogramme, die das Leben ihrer Produzenten und Konsumenten indirekt organisieren. [10] Das gilt für den Hanf in besonderem Maße, handelte es sich doch um eine arbeitsintensive Pflanze, die zu einer Vielzahl heterogener Güter verarbeitet werden konnte und sowohl im bäuerlichen Haushalt als auch im Markt wichtige Funktionen einnahm. Hanf stand zwischen der vorindustriellen und industriellen Zeit, ist daher ein gutes Beispiel für die grundstürzenden Veränderungen, die mit der „Industrialisierung“ und der Etablierung moderner Konsumgesellschaften einhergingen.

Will man verstehen, was den Hanfanbau im 18. und insbesondere im langen 19. Jahrhundert ausgemacht hat, so muss man sich zurückversetzen in ein gewerblich entwickeltes, gleichwohl eindeutig landwirtschaftlich dominiertes Europa, in dem 90 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande wohnten und kleinbäuerliche Familienhaushalte eine zentrale Rolle spielten. Hanf diente nicht dem unmittelbaren Überleben, zielte nicht auf die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Getreide und dann auch Kartoffeln. Hanfanbau war ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dezentral betrieben, das einerseits Gelderwerb ermöglichte, anderseits aber die Herstellung von Stoffen und Kleidung im hauswirtschaftlichen Verbund erlaubte. Stärker als Flachs auf die Selbstversorgung ausgerichtet, erlaubte die Gespinstpflanze die Produktion einer „Leinwand der Armen“. [11] Ihre Herstellung war eingebunden in eine von Jahreslauf und Wetter abhängige Wirtschaftsweise: „Hanf und Flachs sind vorzüglich deshalb in einer Haushaltung viel werth, weil durch dessen Bereitung die Arbeitshände zu einer Zeit Beschäftigung erhalten, wo ohnedem dieselben bei der regnerischen Witterung ruhen müßten.“ [12] Die vielfältigen und recht unterschiedlichen Verarbeitungsschritte zwischen der Ernte und dem Verkauf der Faserstoffe oder Samen erlaubten die Füllung von Arbeitslücken und damit eine erhöhte Produktivität der nicht weit über dem Subsistenzniveau existierenden Haushalte. Hanffasern konnten im Winter zu Garn gesponnen und zu Stoffen gewoben werden, die Erträgnisse dieser Hausarbeit dann wieder entweder selbst genutzt oder aber verkauft werden. Hanf organisierte zugleich strikt funktionale Geschlechterverhältnisse. Während Aussaat und Ernte vornehmlich Männerarbeit waren, lag die langwierige Verarbeitung in den Händen der Frauen und auch der Kinder. [13] Der Hanfanbau erfolgte zumeist in kleinen Gärten, war ein Nebengewerbe. Spezialisierte Hanfbauern gab es nur selten – und dann eher in Italien oder Frankreich als in Deutschland, Österreich oder Russland. Die Hanfverarbeitung erlaubte eine breite Palette wirtschaftlicher Existenzen – von der Selbstversorgung über die nebengewerbliche Heimarbeit bis hin zum protoindustriellen Hauptgewerbe in der Hausindustrie. Der Hanfanbau war damit anschlussfähig an eine quasiautarke bäuerliche Existenz, an die damals übliche begrenzte Einbindung in die Geldwirtschaft, aber auch an das im 18. Jahrhundert zunehmend wichtigere Verlagswesen, bei dem Kaufleute Produktion und Absatz von Textilien organisierten und die beteiligten Haushalte vertraglich abgestimmte Kontingente herstellen mussten. [14] Hanf stand, ebenso wie Flachs, die Schafhaltung, die vielfältigen Färbepflanzen oder auch Maulbeerbäume für die langsame Weitung der traditionellen Landwirtschaft, die durch das Missverhältnis von langsamem Bevölkerungswachstum und geringeren Produktivitätsfortschritten zunehmend unter Druck geraten war. [15] Hanfanbau war Ausdruck einer Lebens- und Wirtschaftsform, bei der ein Wandel des Wirtschaftens immer auch eine Veränderung des Lebenszuschnittes mit sich zog. Die vielgestaltigen Rationalisierungsbemühungen der Hanfproduktion hatten dies im frühen 19. Jahrhundert noch im Blick, wenn sie einen erhöhten und intensivierten Anbau an die Menge des verfügbaren Landes, die Düngung und die Arbeitskapazitäten der Hauswirtschaft koppelten. [16]

Jedes Verstehen des fragilen Mobiles des Hanfanbaus setzt Grundkenntnisse über die jeweiligen Arbeitsschritte voraus. Hanf stammte ursprünglich aus Zentralasien und gelangte über den Nahen Osten noch Mitteleuropa. [17] Als Carl von Linné die zweigeschlechtliche Pflanze 1753 als Cannabis Sativa in sein botanisches Ordnungssystem integrierte, war sie hierzulande weit verbreitet und soweit Gegenstand zahlreicher gelehrter Abhandlungen, dass 1765 resümiert werden konnte: „Man hat bereits sehr vieles über den anbau [sic!] des Hanfes geschrieben, […].“ [18]

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Hanfpflanze (l.) und Hanffaser (r.) (O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 65; Hermine Bartesch und Mathilde Fiedler, Die moderne Damenschneiderei in Wort und Bild, Leipzig/Nordhausen 1918, 284)

Im Mittelpunkt der meisten Schriften standen Beschreibungen des Anbaus und der Verarbeitung des Hanfes (und meist auch des ähnlich zu handhabenden Flachses). Was im Rückblick wie eine Wiederholung des Immergleichen erscheint, entpuppt sich bei genauerer Lektüre als eine kleinteilige und alltagspraktische Analyse mit immer wieder kleinen Variationen. Französische Autoren gaben anfangs den Takt vor, doch italienische, schweizerische und auch deutsche Autoren nahmen die Vorlagen noch im späten 18. Jahrhundert auf und ergänzten ihre eigenen Beobachtungen und Ratschläge. [19]

Hanf erforderte einen sandigen, feuchten und gut vorbereiteten Boden, den es ab April zu lockern und von Unkraut zu befreien galt. [20] Die Aussaat sollte frühestens Anfang Mai erfolgen, da die Pflanze sehr empfindlich gegen Nachfrost und Kälte war. Den lange Zeit von Kirchenfeiertagen vorgegebenen, regional leicht variablen Saattagen folgte eine Woche aufmerksamer Pflege, worunter vor allem die Bekämpfung von Vögeln zählte. War die Pflanze jedoch entwickelt, bedurfte sie etwa zwölf Wochen keiner größeren Pflege, auch wenn ein wenig Jäten und ergänzendes Düngen angeraten wurden. Die Ernte startete dann Anfang bis Mitte August. Sie begann mit dem für die Faserproduktion einschlägigen männlichen Hanf, wurde vier Wochen später mit dem weiblichen Hanf fortgesetzt, bei dem die Samenproduktion im Mittelpunkt stand. Die meist von Männern durchgeführte Ernte erforderte Übung und Sorgfalt, mussten Brüche der teils zwei Meter, teils aber auch längeren Pflanzen doch vermieden werden.

Die abgeernteten Faserstängel wurden zuerst einer Röste unterzogen. Dies hieß, sie zwischen vier und acht Tagen in Wasser zu legen, meist in einen Bach oder Teich, zunehmend in gesondert angelegten Röstegruben. Teilweise bediente man sich aber auch der sogenannten Tauröste, legte die Fasern also auf Wiesen, um sie so dem Morgentau auszusetzen. Ziel war die Auflockerung und Zerstörung der Stängel, um so Zugang zu den im Inneren angesiedelten Fasern zu bekommen. An die Röste schloss sich das Ausspreiten, also das Trocknen der gerösteten Stängel bei gleichzeitiger moderater Bewässerung an. Abhängig vom Wetter, konnte diese Phase nach neun bis vierzehn Tagen abgeschlossen werden. Die Qualität der Faserstoffe war abhängig vom passgenauen Übergang zwischen den einzelnen Verarbeitungsschritten. Dies erforderte Erfahrung und genaue Bobachtungsgabe. Es folgten das Dreschen und Risten der Stängel, um so die Hanfsamen gewinnen zu können. Daran schloss sich das Brechen der Stängel an, also das Zerbrechen und Entfernen des holzigen Kerns, dann das teils durch Mühlen und Reiben durchgeführte Boken. Durch Quetschen und Stampfen mussten Stängel und Fasern weicher gemacht werden. Es folgte das Stoßen, also die Zerteilung des Reinhanfs in zwei oder drei meist etwa 80 cm lange Teile. Am Ende stand schließlich das Hecheln, also die Trennung von Faserstoffen und den holzigen Ummantelungen. Nun, nach langen und mühseligen Arbeitsschritten, konnte auch ein wenig Agrarromantik Einkehr halten: „Im fröhlichen Kreise setzen sich zu diesem Geschäfte die Hanfbauern familienweise im Freien zusammen, bei einem von den abgeschlußten Stengeln unterhaltenen Lustfeuer.“ [21]

Kühlere Analytiker verwiesen dagegen auf Ertragsparameter, nach denen 100 kg geerntete Hanfstängel 10-15 kg Reinhanf ergaben, zudem 30-45 kg Werg, also weiterverwertbare Faserstoffe. [22] Der gehechelte Hanf bildete – neben den Hanfsamen – die eigentliche Handelsware, bildete das Rohmaterial für die Folgearbeiten der Seiler und der Textilindustrie. Auch in Mutters Stübele schloss sich das Spinnen und dann das Weben an, sollte die Familie versorgt werden. Das mochte genügen, doch die neuen Chancen des Industriezeitalters erlaubten zahlreiche effizientere und produktivere Anbauweisen, vor denen die langsamen Verbesserungen des späten 18. Jahrhunderts keine Gnade fanden: „Seit Jahrhunderten dachte bey uns niemand an die Verbesserung der alt hergebrachten Behandlungsweise; niemand arbeitete mit Ernst und Beharrlichkeit und mit den nöthigen Vorkenntnissen, an die Erhebung dieses Zweiges der Landes-Cultur; wenigstens ist nichts dieser Art, zur öffentlichen Kunde gelangt. Man blieb beym alten Schlendrian, und begnügte sich mit dem, was die Natur mit einiger einfachen Aushülfe, gern gab.“ [23]

Hanfanbau wurde zu dieser Zeit in ganz Europa betrieben. Frankreich konnte sich in der napoleonischen Zeit fast selbst versorgen,  Großbritannien und Deutschland blieben wichtige Importregionen, Norditalien sowie insbesondere in Russland wichtige Exportländer. Nationenbegriffe führen allerdings irre, denn durchweg gab es regionale Schwerpunkte beim Anbau, vielfach auch beim Verbrauch. Österreich wies beispielsweise hohe Produktionsziffern in Galizien, der Bukowina, Mähren, der Steiermark und dem Krain auf, zugleich aber gab es große Gebiete ohne Hanfanbau. [24] In Deutschland waren im späten 18. Jahrhundert Schlesien, Westfalen, die Pfalz, Baden, Bayern und auch Lüneburg wichtige Hanfanbaugebiete. [25] Im 19. Jahrhundert brachen jedoch die protoindustriellen Heimgewerberegionen Schlesien und Westfalen spätestens in den 1840er Jahren weg. Dagegen entwickelte sich Baden zur eigentlichen Kernregion des deutschen Hanfanbaus. Ähnliche regionale Cluster bildeten sich etwa in den italienischen Regionen Bologna und Ferrara. Nicht nur die Industrialisierung war anfangs ein regionales Phänomen, sondern auch in der damals noch wichtigeren landwirtschaftlichen Produktion fanden sich analoge Prozesse. [26]

Alle Hanfanbaugebiete sahen sich seit dem frühen 19. Jahrhundert unter Veränderungsdruck. Dieser erfolgte nicht immer direkt, also durch Güter in Konkurrenz zu den noch zu behandelnden Hanfprodukten. Der Druck erfolgte vor allem indirekt, durch wachsende Marktchancen. Binnenwanderung war Chancenwanderung, zunehmend lockte auch das freiere Amerika. Die sich nach dem Vorbild Englands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beträchtlich verändernde Landwirtschaft bot zahlreiche neue Einkommenschancen. Insbesondere das rasche Vordringen des arbeitsintensiven Hackfruchtanbaus (Kartoffeln, Zuckerrüben) ging vielfach zulasten des Hanfanbaus, erforderten sie beide doch ähnlichen Arbeitseinsatz und ähnliche Böden. Diese langsame zweckrationale Umgestaltung führte zu höherer Produktivität und Marktanbindung der Agrarwirtschaft. Sie zernierte jedoch auch die kleinbäuerliche Lebenswelt, in die der Hanfanbau verankert war. Doch in der Expertenliteratur las man fast ausschließlich das vorwärtstreibende Mantra der Moderne: „Es möge der alte Schlendrian der handwerksmässigen Betriebe, wie er leider nur noch zu häufig auf dem Lande anzutreffen ist, der steife Aberglaube, alle landwirhtschaflichen [sic!] Verrichtungen müssen nach gewissen Kalendertagen oder nach dem und dem Heiligen geschehen und dergleichen, es möge der mechanische oder instinktmässige Trieb, ‚wie der Grossvater es gemacht, so macht es der Vater, und wie der Vater sein Feld bestellt, so thue auch ich es‘, doch bald hierin auf hören.“ [27]

Die intensiven Versuche, den Hanfanbau zumal in Deutschland zu intensivieren, ihn damit durch Wandel wettbewerbsfähig zu machen, zu bewahren und gar auszubauen, können hier natürlich nur kursorisch behandelt werden. Zentral war dabei ein anderer Blick auf die landwirtschaftliche und gewerbliche Produktion, angetrieben von Wissensformen, wie sie moderne Naturwissenschaften, der Maschinenbau und die Ökonomie entwickelten und gesellschaftlich hierarchisierten.

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Die Pflanzenbotanik des Hanfes als Optimierungshilfe  (O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung der offizinellen Gewächse, Bd. 3, Leipzig 1861, Tafel XIXb)

Getragen von einem breiten Netzwerk aus landwirtschaftlichen Vereinen und einer neuen, zunehmend naturwissenschaftlich arbeitenden Agrarwissenschaft begann man Mitte des Jahrhunderts mit einer Verbesserung des Saatgutes. Das bedeutete nicht nur eine umfassende Neukombination der Sorten zur Hebung des Faserertrages; etwa durch die Anpflanzung von sibirischem und italienischem Hanf. [28] Das bedeutete auch einen systematischen Wechsel des Saatgutes und dessen Vertrieb durch qualifizierten Samengroßhandlungen im In- und Ausland. Zudem forderten Experten eine sorgsamere Ernte, um sicherzustellen, dass die weiblichen Pflanzen auch wirklich bestäubt wurden und eigene Samen ausbilden konnten. [29] Der moderne Hanfbauer musste demnach die Art der Aussaat besser kontrollieren. Breitwürfiges Aussäen verursachte Fehleinsatz, entsprechend galt es die sparsameren Drillmaschinen einzusetzen. [30] Die Saat sollte noch stärker als zuvor auf die letztlich gewünschten Hanfarten abgestimmt werden, schließlich differierte die Saatmenge von Spinnhanf, Seilerhanf und Samenhanf etwa um den Faktor 4. [31] Auch die Züchtungsforschung widmete sich dem Hanfanbau, bemühte sich dabei nicht nur um besseres Saatgut, sondern auch um die Kreation nur weiblicher resp. nur männlicher Pflanzen, da die Zweigeschlechtlichkeit immensen Aufwand bedeutete. [32]

Auch wenn der Düngung schon im späten 18. Jahrhundert hohe Aufmerksamkeit geschenkt wurde, handelte es sich doch durchweg um organische Materialien. Dies änderte sich mit dem Aufkommen der Agrikulturchemie, die dem mineralischen „Kunstdünger“ den Weg bereitete: „Genügt die Stallmistdüngung nicht allein, so können auch konzentrierte Düngemittel mit bestem Erfolg Verwendung finden. Man nimmt Phosphorsäure und Stickstoff, ebenso hat sich Kali gut bewährt.“ [33] Während die Ernte nach wie vor mechanisch mit der Sichel erfolgte, konnte mit verbesserter Düngung neues Hanfland erschlossen werden. [34] Angesichts der nicht unbeträchtlichen Kosten für die modernen Düngemittel und den tendenziell nachgebenden Hanfpreisen setzte man in Deutschland bis vor dem Ersten Weltkrieg allerdings sowohl organischen als auch mineralischen Dünger ein. [35]

Die Rationalisierung des Hanfanbaus wurde schließlich auch durch verfeinertes chemisches Wissen vorangetrieben. Nicht nur der indische, sondern auch der einheimische Hanf wurden immer wieder untersucht. [36] Mochten die frühen Analysen auch kaum heutigen Kriterien genügen, so schufen sie doch Referenzwissen, mit dessen Hilfe man Auswirkungen der Düngung oder neuer Anbautechniken genauer einschätzen konnte. [37] Gerade die Fortschritte der Fett- und Eiweißchemie im späten 19. Jahrhundert wurden rasch auf die Analyse von Ölsaaten übertragen. [38]

Neben dieses naturwissenschaftliche Wissen trat seit Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch immer stärker ökonomisches Wissen. Dies bedeutete den Siegeszug der Zahl zur Festschreibung empirischer Realität und zum zweckgebundenen Vergleich. Das bedeutete für die Landwirtschaft zunehmend genauere Kenntnisse des Betriebsablaufes, ergab aber auch Zielmargen für die eigene Produktion. Wer wusste, dass „100 Pfd. gerotteter und getrockneter Stengel“ „gewöhnlich nahe bei 30 Pfd. an geschwungenem Hanfe [geben, US], was 9 bis 12 Prozent vom Gewichte der grünen Stengel ausmacht,“ [39] konnte seine Arbeit besser planen, seinen Ertrag besser abschätzen. Statistisches Wissen erlaubte aber nicht nur einzel-, sondern auch volkswirtschaftliches relevantes Orientierungswissen. Auch wenn Handelsdaten schon im 17. Jahrhundert gesammelt wurden und im 18. Jahrhundert in den Intelligenzzeitschriften breiten Niederschlag fanden, so erlaubte doch erst der Ausbau der landwirtschaftlichen Anbau- und später Produktionsstatistik eine gezielte Förderungspolitik der deutschen Staaten. Es ist kein Zufall, dass die offenkundige Krise des heimischen Leingewerbes seit den 1830er Jahren zu umfassenden Untersuchungen in Baden, dem Zollverein und später auch Österreich führte. [40] Mittels statistischen Wissens konnte nicht nur die Gewerbe- und Handelspolitik besser begründet, sondern auch die Effekte staatlicher Maßnahmen im Vorfeld besser eingeschätzt werden. Hanfimporte blieben auch nach der Zollwende 1879 praktisch zollfrei, hätten erhöhte Zölle doch die bestehende Verarbeitungsindustrie hart getroffen.

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Wachsende Importabhängigkeit. Außenhandel des Deutschen Zollvereins mit Hanf 1854-1864   (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 61)

Neues natur- und gesellschaftliches Wissen erlaubte aber auch gezielte Prozessverbesserungen. Beim Hanfanbau betrug dies vorrangig die Röste, also die Wässerung und gesteuerte Verrottung der frisch geernteten Hanfstängel. Schon im späten 18. Jahrhundert wurden alternative chemischen Verfahren getestet, insbesondere der Einsatz von Laugen und Pottasche. [41] Dies hätte aber großbetriebliches Arbeiten vorausgesetzt. Die „Umständlichkeit, Unsicherheit und Unvollkommenheit“ des Röstens wurde immer wieder betont, die Chemie als „treue Helferin“ des Landmannes bemüht. [42] In Deutschland blieb das Rösten dennoch kaum verändert, Verbesserungen erzielte man vor allem bei der Anlage von Röstgruben. Dies geschah aber eher aus ökologischen Gründen, zur „Abwendung der nachtheiligen Folgen, welche Wasser, in dem Flachs oder Hanf geröstet wird, für die Erhaltung der Fische herbeiführt“. [43] „Luftverderbnis“ wurde häufig beklagt, auch wenn die Verwirrung und Betäubung der Beschäftigten zumeist auf die betörende Hanfpflanze zurückgeführt wurde. Spätestens in den 1870er Jahren war jedoch vorgegeben, Röstgruben außerhalb menschlicher Behausungen und fließender Gewässer angelegen, sie regelmäßig zu desinfizieren und zu reinigen. [44] Es ist allerdings unklar, wieweit die Regulative wirkten.

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Optimierte Hanfröste in Gottenheim, Baden, späte 1890er Jahre (Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 91)

Neben derartige Prozessverbesserungen trat seit dem frühen 19. Jahrhundert vermehrt der Einsatz verbesserter Geräte und neu konstruierter Maschinen. Dabei spielte das mechanische Rösten anfangs eine wichtige Rolle, auch wenn sich die vornehmlich aus Frankreich stammenden Maschinen nicht durchsetzen konnten. [45] Später konzentrierten sich Praktiker und Ingenieure dann stärker auch das Brechen und das Hecheln. [46] Die Hanfverarbeitung blieb in Deutschland wenig mechanisiert, bis zum relativen Ende vor dem ersten Weltkrieg dominierte Handarbeit. Anders war dies bei der Hanfspinnerei und -weberei, die es hier jedoch nicht weiter zu verfolgen gilt. [47]

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Verbesserung bäuerlicher Geräte: Hanfbreche als Beispiel ([Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 36)

Charakteristisch für die mitteleuropäische Landwirtschaft und auch den Hanfanbau waren eng auf die Pflanzen, ihren Anbau, ihre Düngung, die Ernte, die möglichen Geräte sowie den möglichen Maschineneinsatz ausgerichtete Debatten. Der Absatz respektive die Vermarktung besaßen keine wirkliche Bedeutung, modernes Agrarmarketing setzte in Deutschland erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein. [48] Diese Einschränkungen galten auch für Interessenvereine, so etwa die von 1851 bis 1857 bestehende Gesellschaft zur Beförderung des Flachs- und Hanfanbaus.

Staatliche Instanzen unterstützten den Hanfanbau mit vielfältigen Maßnahmen, insbesondere in Baden. Hier gab es Gemeinschaftsdarren, wurden früh schon Röstgruben angelegt. Für die Bauern gab es spezialisierte Märkte, Kennzeichnungssysteme wurden staatlich garantiert. [49] Zollschutz wurde von ihnen mehrfach gefordert, doch liberale Mehrheiten lehnten diesen 1840 in Baden und auch später anderswo wiederholt ab. [50]

Hanfprodukte in sich stetig wandelnden Märkten

Der Hanfanbau war zumeist ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dessen Hauptziel der Erwerb eines Ergänzungseinkommens war. Hanf wurde gepflanzt und verarbeitet, um die so gewonnen Produkte zu verkaufen. Sie alle wurden jedoch auch direkt im Haushalt verwendet, zumal weniger marktfähige Qualitäten. Seit dem späten 18. Jahrhundert nahm die Bedeutung des Haushaltskonsum jedoch ab, auch wenn insbesondere in Osteuropa resp. Russland begrenzte Eigenwirtschaft auch noch im frühen 20. Jahrhundert betrieben wurde.

Die nur noch geringe Bedeutung der Naturalwirtschaft zeigt sich deutlich an der Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel im eigenen Haushalt. In der frühen Neuzeit wurden auch in Mitteleuropa Hanfsamen noch vielfach dem Brei und anderen Speisen zugefügt, diente Hanföl auch als Speiseöl. [51] In der Schweiz bzw. dem deutschen und französischen Oberrhein nutzte man es zum Kochen, vermengte es mit Butter oder dem Schmalz geschlachteter Tiere. Gerade während der Fastenzeit war Hanföl ein wichtiges Substitut für die dann verbotenen tierischen Fette. In Notzeiten – und die gab es in der frühen Neuzeit durchschnittlich alle sieben Jahre – dienten auch die bei der Ölgewinnung übriggeblieben Reste der menschlichen Nahrung, während Ölkuchen und Ölbrot ansonsten Viehfutter waren. [52]

Die zuvor referierten volkskundlichen Berichte beruhen auf Erfahrungsberichten und Befragungen. Zeitgenössische Publikationen unterstreichen ihre Aussagen. Zedlers Universallexikon konzentrierte sich auf die vielfältigen Heilwirkungen des Hanfs, insbesondere des Hanföls, das von der Humoralpathologie hoch geschätzt wurde. Doch auch als Nahrungsmittel fand er Verwendung: „Die gemeinen Leute reiben den Hanff in einem Asche mit etwas Milch, schlagen dieses durch einen Durchschlag und kochen hernachmahls Suppen davon, die einen gar angenehmen Geschmackes sind.“ [53] Dies unterstrich auch der Leipziger Professor für Weltweisheit Carl Günther Ludovici (1707-1778) in seinem weit verbreiteten Kaufmannslexikon. Für ihn war dies jedoch eine „Speise für das gemeine Volk“ [54], nichts für den bürgerlichen Haushalt. Allerdings wurden Hanfsamen in der frühen Neuzeit auch im noch teuren Zucker gesotten und dann als Beispeise auf die Festtafel gebracht – doch dies war Mitte des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa nicht mehr üblich. [55] Hanfsamen wurde nach wie vor in Osteuropa, insbesondere in Russland verzehrt: „Der Landmann röstet ihn nämlich bey wenigem Feuer im Backofen, und stampfet ihn mit den Schalen in einer sehr einfachen Maschine. […] Wenn bey Gelegenheit der Hunger erinnert, nimmt man hiervon etwas auf ein kräftiges Stück grobes schwarzes Brod, würzet sich selbiges mit polnischem Stein- oder russischem Seesalze, und glaubt, daß man sich in der strengsten Fasten kein besseres Gericht wünschen könne. In der That schmeckt auch der geröstete und gestampfte Hanf mit etwas Salz, gleich nach dem Mohn, vor allen anderen hiesigen Oelfrüchten so gut, daß selbst der adelige Einwohner besagter Gegenden, welcher fast durchgängig an eine sehr reichlich besetzte Tafel gewöhnt ist, ihn oft auf der Jagd oder Reise zu versuchen Appetit bekommt.“ [56] Hanfsuppen waren im späten 18. Jahrhundert noch üblich, also vor der allgemeinen Verdrängung der Frühstückssuppen durch Brot- und Kaffeespeisen [57]: „Wo ein starker Hanfbau ist, pflegen die gemeinen Leute auch aus den Hanfkörnern Suppe zu kochen, welche eben nicht übel schmeckt. Zu Bereitung dieser Hanfsamensuppe, werden die Hanfkörner in einer Reibesatte klein gerieben, die zerriebenen Körner in einen Durchschlag gethan, kochendes Wasser darauf genossen, und die harten Schalen und Hülsen zurück gelassen, und zur Viehfütterung verwendet.“ [58] Hanfsuppen mutierten zu einer diätetischen Speise, dienten ab und an der Versorgung von Schwangeren.

Im 19. Jahrhundert finden sich kaum noch Belegstellen für die Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel, einzig als Notnahrung wurde er in eine breite Palette „wohlfeiler Nahrungsmittel“ eingegliedert. [59] Hanf wurde zu einer Speise der anderen, insbesondere des fernen Russlands, wo die „schwer verdauliche vegetabilische Kost […] gewöhnlich mit Lein- oder Hanföhl zubereitet“ [60] wurde. Diese Exklusion ist sicher auch Ausdruck des damaligen Nationalismus und der damit einhergehenden Etablierung holzschnittartiger Nationalcharaktere. Russen wurden in der Bildsprache der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur zunehmend als ungehobelte Trampel dargestellt, sondern ihr vermeintlicher Gestank auch zurückgeführt auf „eine bedeutende Quantität Hanföl, Buchweizen und andere übelriechende Vegetabilien, welcher der Russe verzehrt, und deren Essenz durch seine Schweißlöcher zu strömen scheint.“ [61] Parallel begann eine Exotisierung der Hanfnahrung, die sich vor allem an den wohlbeleibten Körpern der Araber festmachte, Folge sowohl vermeintlicher Faulheit als auch des Hanfsamenkonsums. [62] Diese Exotisierung galt am Ende des 19. Jahrhunderts aber auch für das Land, für die Benennung bedrohter Traditionen, wie etwa dem in der Provinz Posen noch bestehenden Brauch, dem Gesinde am Weihnachtsabend Hanfsuppe mit Mohn zu reichen. [63] Faktisch aber wollte der bürgerliche Städter davon nichts mehr wissen, bewertete daher die ehedem wohlschmeckende Hanfsuppe nun als „die unangenehmste und unverdaulichste“ [64] aller Löffelspeisen.

Während Hanfsamen somit ab dem späten 18. Jahrhundert zu einem recht seltenen bäuerlichen Nahrungsmittel in Mitteleuropa wurden, gewannen sie nicht nur an Bedeutung als Handelssaatgut für neue Hanfkulturen und als Grundstoff der Hanfölproduktion. Hanfsamen fanden zudem guten und regelmäßigen Absatz als Futter für die seit dem 18. Jahrhundert in Tirol, den Niederlanden und dann vor allem im Harz gezüchteten Kanarienvögel.

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Anzeige für Hanfsamen als Vogelfutter 1880 (Der Nebelspalter 6, 1880, H. 17, s.p.)

Einseitige Fütterung hatte jedoch ihren Preis, denn die Ziervögel nahmen zwar rasch zu, beendeten aber vielfach auch den vom bürgerlichen Publikum so erwünschten Gesang. [65] Entsprechend wurden Hanfsamen Teil von Futtermischungen – und die Presse des 19. Jahrhunderts ist durchzogen von Ratschlägen, welche Vogelart welche Mischung zu sich nehmen müsse, um allseits zu delektieren. [66] Hanfsamen wurden vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nicht als Supernahrungsmittel verstanden, sondern „als kleines, graues Korn mit öligem Kern“, das man für die “kleinen gelben Sänger“ „in Papierdüten vom Kaufmann nach Hause tragen“ konnte. [67]

Hanfsamen hatten Mitte des 19. Jahrhunderts keinen hohen Wert mehr, galten zusammen mit Lein- und Mohnsamen als das „Proletariat der Schalenfrüchte“ [68]. Als Haus- und Heilmittel konnten sie jedoch noch eine gewisse Bedeutung behaupten, nutzten doch Fachärzte Hanfsamenmilch als ein wirksames Mittel gegen Harnbeschwerden und Diarrhoe. [69] Die Mehrzahl der Ernte und insbesondere der Importware ging jedoch in Produktion von Hanföl.

Hanföl war vorrangig Handelsgut, Welthandelsware. Das wichtigste Produktionszentrum bildete seit dem frühen 18. Jahrhundert Russland und das Baltikum. Schätzungen gehen von etwa vier Millionen russischen Bauern aus, die Anfang des 19. Jahrhundert marktbezogen Hanf anbauten. [70] Neben den Faserstoff trat der Hanfsamen, der in den größeren Hafenstädten der Ostseeküste, in Riga, St. Petersburg und Königsberg, zu Öl verarbeitet und dann vor allem nach Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien verschifft wurde. Hanföl war in erster Linie ein Zwischenprodukt, das anfangs vor allem als Grundstoff für die Seifenherstellung, für Ölfarben und zunehmend auch zur Firnisproduktion eingesetzt wurde. Außerdem wurde es im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert als Beleuchtungsmittel eingesetzt.

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Werbeanzeige für importiertes Hanföl 1830 (Leipziger Zeitung 1830, Nr. 171 v. 19. Juli, 1980)

Auf der anderen Seite des Nutzungsspektrums standen bäuerliche Haushalte, in denen Hanföl „bald zum Brennen, bald zur Wagenschmiere, bald in der Arztney gebrauchet“ [71] wurde. Hanfsamen wurde an der Sonne getrocknet, gesäubert, mit einer Wind- oder Staubmühle nochmals gereinigt und dann kalt geschlagen. [72] Das so gewonnene Öl diente vornehmlich als Leuchtmittel, als Anstrich, selten als Nahrungszusatz. Für die bäuerliche Ökonomie waren auch die Reste der Ölherstellung wichtig. Der sogenannte Ölkuchen wurde an Rindvieh, Schweine, Schafe und auch Pferde verfüttert, fand auch Verwendung als Fischköder. [73] Die Masse der Hanfsamen wurde jedoch nicht häuslich genutzt, sondern verkauft. Die Textilindustrie bot im späten 18. Jahrhundert noch günstige Absatzmöglichkeiten, diente Hanföl doch der Vorbehandlung von Garnen und Stoffen. [74] Es blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiges Handelsgut, im Haushalt dagegen fanden sich immer weniger Anwendungen. Als Leuchtmittel war es nicht ideal, rußte es doch beträchtlich, verbrannte auch relativ schnell. [75] Es wurde ersetzt durch die in den 1830er Jahren aufkommenden Stearin- und dann Paraffinkerzen, schließlich durch das Petroleum. Auch die Ölkuchen gerieten seit der Jahrhundertmitte in den Bannstrahl der sich rasch entwickelnden Agrarwissenschaft. Aufgrund der harten Fruchtschalen hatten die Abfälle der Hanfölproduktion einen recht niedrigen Futterwert. Das reichte für die Nebenerwerbslandwirtschaft, doch die immer häufiger spezialisierten Haupterwerbsbetriebe tendierten zunehmend zu kolonialen Futtermitteln, die höhere Eiweiß- und Fettgehalte besaßen und mit denen sicherere Masterfolge erzielt werden konnten. Der Ölkuchen wurde dann als Dünger genutzt.

Die Ölproduktion war teils landwirtschaftliches Nebengewerbe, teils schon großbetrieblich betriebene Großmüllerei. Entsprechend finden sich relativ früh beträchtliche Rationalisierungsgewinne durch technische Innovationen. Zu Beginn der Industrialisierung wurde Hanföl durch Ausschlagen sowie kalte und warme Pressung gewonnen. [76] Um 1840 dominierte noch das einmalige Ausschlagen, doch mit leistungsfähigen hydraulischen Pressen konnte der Ertrag deutlich gesteigert werden. In den 1870er Jahren wurde Hanföl vor allem mittels Keilpressen gewonnen, daneben gab es auch eine einmalige warme Pressung. [77] In den 1880er Jahren betrug die Ausbeute des Hanföls durchschnittlich 25%, konnte aber durch neue Extraktionstechniken auf 30-32% erhöht werden. [78] Als Lösungsmittel wurden Benzin, Schwefelkohlenstoff und Äther eingesetzt, entsprechend unterschied sich die Ölgewinnung von der heutzutage gängigen, doch erst Anfang der 1970er Jahre eingeführten Hochdruckextraktion mit Kohlendioxid. [79] Die damaligen Lösungsmittel waren stärker invasiv, wenngleich mit ihrer Hilfe durchaus erfolgreiche Markenprodukte produziert werden konnten. Kaffee HAG ist wohl das bekannteste Extraktionsprodukt – dabei wurde Koffein mit Hilfe von Benzol aus dem Rohkaffee entfernt. [80] Die Hanfölerträge konnten bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nur noch moderat gesteigert werden. 1911 hieß es: „Die kalte Pressung liefert bis zu 25 % eines ziemlich dünnen, hellgrünen, die warme Pressung bis zu 30 % eines dickeren und dunkelgrünen Öls. Unter dem Einfluß der Luft wird das Öl braungelb. Die besseren Sorten dienen, besonders in Rußland, als Speiseöl, die geringeren werden zu Firnissen und Seifen verwendet, die in Norddeutschland sehr verbreitete ‚grüne Seife‘ ist eine Schmierseife aus Hanföl.“ [81]

Das Zitat dokumentiert Fortschritte in der Ölverarbeitung, belegt indirekt aber noch die relativ verhaltene Entwicklung der Fettchemie. Selbst an sich einfache Parameter, wie der Ölgehalt der Hanfsamen, wurden bis in die 1880er Jahre hinein mit 20-25% deutlich zu niedrig angegeben, so dass potenzielle Ertragssteigerungen kaum gesehen wurden. [82] Erst danach wurde das Öl auf Basis seiner verschiedenen Fettsäuren (damals Leinölsäure, Oelsäure, Palmitinsäure und Stearinsäure) eingeschätzt, erst danach war Extraktionstechnik oder aber die Dampfdestillation überhaupt denkbar. [83] Kurz vor dem ersten Weltkrieg hatte man ein deutlich differenzierteres Bild von der Zusammensetzung des Hanföls gewonnen. [84] Für eine Intensivierung der Ölproduktion war es damals jedoch schon zu spät, denn kurz vor dem Ersten Weltkrieg war der Hanfanbau in Deutschland im Wesentlichen eingestellt worden. Das war vor allem Folge des ökonomischen Niedergangs der Hanffaser. Hanföl hätte, zumal aus heutiger Sicht, grundsätzlich Chancen für andere nichttechnische Angebote gegeben. Es gab solche, wenngleich sie Ausnahmen bildeten: In Österreich wurde 1825 den in Prag produzierenden Gebrüdern Löwy ein Privileg auf ein Kunst- und Gesundheitsöl zugesprochen, bei dem Hanföl mit Schwefelsäure versetzt und mit Ethanol vermischt wurde, um das Produkt dann mit süßen und bitteren Mandeln zu einer kosmetischen Mandelmilch zu vermengen. [85] Hanföl wurde auch zu anderen kosmetischen Zwecken eingesetzt, etwa für ein kurzlebiges Haarwuchsmittel in Ungarn. [86] Diese Beispiele verweisen auf Marktchancen, die nicht genutzt wurden – obwohl die Kosmetikbranche ein wichtiger Wachstumsmotor des Konsumgütermarktes im späten 19. Jahrhundert wurde.

Das galt auch für andere Produkte der Hanfherstellung. Ab und an wurde Hanf beispielsweise als Substitut für Hopfen beim Bierbrauen vorgeschlagen – und zwar zu Zeiten als das mythenbeladene bayerische resp. deutsche Reinheitsgebot noch nicht griff. [87] Was Anfang des 19. Jahrhunderts noch undenkbar schien, wurde in der Mitte wissenschaftlich begründet, sei doch Hanf ähnlich bitter wie der Hopfen, böte die stetere Ernte zudem eine höhere Betriebssicherheit. “Daß auch unser Hanf (Cannabis sativa) betäubend wirkt, ist den Producenten hinlänglich bekannt.“ [88] Die vom Nürnberger Chemiker Rudolph von Wagner (1822-1880) propagierte Idee wurde seinerzeit zwar breit gestreut, doch offenkundig nicht aufgegriffen. [89] Ebenso scheiterten nach 1900 eher zaghafte Versuche, Hanfstauden als dekorative Zierpflanzen in die Rundbeete deutscher Gärten einzuführen. [90] Stattdessen behauptete sich die Rizinusstaude.

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Hanf als Zierpflanze – Ein Versuch von 1908 (Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351)

Hanf war vor allem ein Gespinstpflanze, Hanffasern das wichtigste Produkt. Deren Präsenz in der vorindustriellen Gesellschaft war offenkundig: „Mit Hanf werden Schiffe gelenkt, Glocken geschwenkt, Bettstätten verschränkt und Schelme gehenkt.“ [91] Doch nicht allein der Markt wurde beschickt, die Hanffaser prägte die ländlichen Konsumsphäre bis weit in das 19. Jahrhundert hinein: „Sie liefert ihm die Stoffe zur ersten Hülle bei seinem Erscheinen auf diesem Schauplatze der Natur. Sie bekleidet ihn bis an sein Ende und selbst noch im Grabe. Mit roher Hoffnung blickt das Mädchen des Landmanns auf das Gedeihen dieser Pflanze, welche ihr den Stoff zu ihrer Aussteuer liefert.“ [92] Stärker noch als der vor allem für Garne und Kleidung verwandte Flachs war Hanf ein Universalrohstoff für zahlreiche Produkte der Hauswirtschaft und des Gewerbes. Die aus bäuerlich-kleingewerblichen Milieu stammende Schweizer Volkskundlerin Anna Ithen (1858-1924) listete kurz nach der Jahrhundertwende vieles auf: „Frucht- und Mehlsäcke, Seile, Stränge, Stricke, Wagendecken, des Kaufmanns starkes Packtuch und des Schusters Pechdraht wurden aus dem starken Hanfe bereitet. Der einstigen Schiffahrt lieferte er die Taue und Segeltücher, der alle Schiffbauer verstopfte mit geringerm Werg die Fugen und Risse, und der Brunnenbauer der alten Zeit versuchte ebenfalls mit Werg schadhafte Stellen seiner hölzernen Dünkelleitung wasserdicht zu machen. Auch der Nähfaden (‚Zwirn‘) ward aus der Hanfreist gedreht.“ [93] Hanffasern eröffnen den Blick auf eine vergangene materielle Kultur, die heute durch andere funktionalere und preiswertere Werkstoffe verdrängt ist.

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Hanf als ubiquitärer Faserstoff. Ein nostalgischer Rückblick der NS-Propaganda 1943 (Die lustige Hanffibel, hg. v. Reichsnährstand, Berlin o.J. [1943], 7)

Im 18. Jahrhundert dienten Hanffasern noch vielfach der protoindustriellen Garn- und Stoffproduktion. In den wichtigsten Produktionsregionen wurden aber auch erste Fabriken errichtet, so etwa die 1762 in Lörrach gegründete Firma Gaup, Kupfer und Breitenbach. [94] Hanfstoffe konnten einfach gefärbt werden (damals noch mit heimischen „Naturfarben“) und erwiesen sich als besonders haltbar: „Die Würmer fressen den Hanffaden nicht an.“ [95] Je nach Verwendungszweck wurden die Garne mit Wolle, Baumwolle, Leinen und Haaren verwoben, um Stoffe billiger anbieten zu können, um zugleich aber die immer etwas kratzigen und starren Hanfgeflechte tragfähiger und anschmiegsamer zu machen. Hanfgarn erzielte auch daher geringere Preise als Flachsgarn. Relative Schwere, Dauerhaftigkeit und Widerstandskraft gegen Nässe waren bei Segeltuch jedoch von Vorteil, ebenso bei Tauen, Stricken und Netzen. Im Bereich der Schifffahrt besaßen Hanfprodukte daher lange Zeit ein Quasimonopol, waren zugleich kriegswichtig. Die Handels- und Kriegsflotten Englands, Spaniens und der Niederlande bedurften immenser Zufuhren, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem von Russland befriedigt wurden, während sich in deutschen Landen Frankfurt a.M. als Handelsdrehscheibe etablieren konnte. Mitte des 18. Jahrhunderts stammten 90 Prozent der in England benötigten Hanffasern aus Russland, und selbst in den späten 1850er Jahren lag deren Marktanteil noch bei 75 Prozent. [96] Zu dieser Zeit erforderten Segel und Tauwerk eines Linienschiffes etwa 90 Tonnen Rohhanf. [97] Hanf, so der paradoxe Schluss, bot also die für den europäischen Ausgriff auf die koloniale Welt notwendigen Materialien, erlaubte den Zugriff auf koloniale Fasersubstitute und auch den indischen Hanf.

Hanffasern wurden anhand äußerer Kriterien und mittels Sinnesprüfung unterschieden. Feinheit und Farben bestimmten die Qualität der Garne, ebenso deren Länge und Stärke. [98] Hanffasern machten nur etwa 3-6 % des Gewichtes der geernteten Hanfstängel aus und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unterschieden Händler auch nach dem Glanz der jeweiligen Ware. [99] Für den Fernhandel entwickelten russische Kaufleute schon Mitte des 18. Jahrhunderts einfach abgrenzbare Qualitätsabstufungen. Andere Produktionsregionen folgten, so dass die Käufer anhand von Verpackungen, Buchstaben und Nummern die jeweilige Ware einschätzen konnten. Derartige Informationen waren für die meist lokal arbeitenden Seiler weniger wichtig, kauften sie doch meist von lokalen Anbietern und Kaufleuten mit bewährter Importware. Hanfwerg und geringe Qualitäten wurden zudem zu Papier verarbeitet, ehe der Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführte Holzschliff dieser Produktion ein Ende bereitete.

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Ausverkauf von Leinenwaren aus Flachs und Leinen 1874 (Düsseldorfer Volksblatt 1874, Nr. 53 v. 7. März, s.p.)

Hanfgewebe wurden im Textilsektor kaum beworben, sie erschienen, ebenso wie Flachs, unter dem Dachbegriff von Leinenwaren. Ihre dennoch hohe Wertigkeit zeigt sich aber in Diebstahlsinventaren, die sich im frühen 19. Jahrhundert auch in Tageszeitungen finden. Dort wurde Hanfkleidung explizit als solche hervorgehoben, erleichterte solche Genauigkeit doch das Auffinden von Diebesgut und Dieben. [100] Generell aber war die Innovationskraft der Hanf- und Flachsspinner und -weber jedoch gering, erschöpfte sich in schnelleren Maschinen und verbesserter Anbautechnik, nicht aber in neuartigen Produkten. Eine Ausnahme bildete der in den 1840er Jahren populäre und in Frankreich entwickelte Hanffilz, dessen Fasern wärmebehandelt und mit Fetten und Harzen getränkt waren. So blieb der Stoff relativ temperaturunabhängig, konnte zudem gut geformt werden. Feuereimer, Wasserröhren, Felleisen, Hutkästen, Blumenvasen, Waschbecken, Becher, Flaschen und nicht zuletzt relativ leichte Dachschindeln wurden daraus gefertigt. [101]

Auch nach dem Wegbrechen der Hanf -und Flachsverarbeitung im Heimgewerbe, das in den 1840er Jahren vor allem in Westfalen und Schlesien beträchtliche soziale und wirtschaftliche Verwerfungen hervorrief, gab es jedoch weiterhin eine durchaus wachsende deutsche, vor allem aber in ganz Europa etablierte Flachs- und Hanfindustrie. [102] Im Deutschen Reich gab es 1884 sieben Hanfspinnereien und Bindfadenfabriken mit einem Geschäftskapital von 12,5 Mio. Mark und 2.389 Beschäftigten, die allerdings nur die Spitze des Eisberges bildeten, da die Mehrzahl der Garne und Stoffe in Leinenspinnereien und -webereien produziert war. Um 1880 war das Deutsche Reichs der weltweit größte Importmarkt für Hanf mit einer Produktionsmenge von ca. 11.000-17.000 Tonnen. [103]

Substitution und Verschwinden des Hanfes seit dem späten 19. Jahrhundert

Diese Weiterverarbeitung vor allem von Importware gibt einen Eindruck von den beträchtlichen Umgestaltungen während der ersten Globalisierung im langen 19. Jahrhunderts, deren Auswirkungen denen heutiger Globalisierung kaum nachstehen. Hanf wurde davon besonders getroffen, denn dessen Fasern konnten durch Importe aus Kolonien oder überseeischen Produktionsgebieten kostensparend substituiert werden. Die Sprache der neuen Billigfasern deutet ihre Marktwirkung noch an. Schon in den 1830er Jahren galt dies für den neuseeländischen Flachs (aus der Flachslilie), den Sunn-Hanf (aus der Klapperschote), den Aloe-Hanf (aus mexikanischer Agave) und vor allem den philippinischen Manila-Hanf (aus der Pisangpflanze). [104] Aus ihnen konnten Bindfäden, Seile, auch Segeltuch gefertigt werden. Dies geschah im Zeitalter des Imperialismus auch, um die Abhängigkeit von Importen aus potenziellen Feindesländern zu minimieren und die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Herrschaftsbereich zu fördern. Im Deutschen Reich war Sisalhanf ein wichtiges Argument für die Kolonisierung Deutsch-Ostafrikas, wo 1913 in der Tat 19.700 Tonnen produziert und ins Reich zur Weiterverarbeitung exportiert wurden. [105] Seit der Jahrhundertmitte kam zudem Bombay-Hanf – Jute – auf und nahm dem Hanf große Marktanteile bei Tauen und Säcken ab. [106] Marktdruck gab es aber auch durch die beträchtlichen Fortschritte in der eisenverarbeitenden Industrie. Eisen- und dann Stahlseile gewannen im Bergbau und schließlich der Schifffahrt immer größere Bedeutung, erlaubten Fördermengen und Transportleistungen, die mit Hanf und anderen Faserstoffen nicht möglich gewesen wären.

„Vom facettenreichen Phänomen «Cannabis» blieb nur noch ein Rauschgift übrig.“ [107] Diese Sentenz des Zürcher Sozial- und Wirtschaftshistorikers Jakob Tanner beschreibt die Richtung, doch diente ihm die neuen Debatten um die Drogenlegalisierung als Messlatte. Für das lange 19. Jahrhundert galt dies nicht. Hanf wurde Ende des 19. Jahrhunderts zwar noch, zusammen mit Tabak, Tee, Kaffee, Opium, Hanf, Baumwolle und Getreide, zu den „Grossmächten der Pflanzenwelt“ [108] gezählt, doch der relative Abstieg war damals schon akut. In Deutschland verschwand der Hanf dagegen faktisch vor dem Ersten Weltkrieg, die Produktionsmenge lag 1913 noch bei ganzen 100 Tonnen. [109] Analog zur Schweiz galt auch hierzulande: „Immer seltener werden in unserer Gegend die Saatfelder von Flachs und Hanf, dieser einst in der Hauswirtschaft so hochgehaltenen Kultur. Die Werkzeuge, welche dazu dienten, diese Pflanzen durch alle Stadien der Bearbeitung zur fertigen Leinwand zu verwandeln, stehen auf dem Estrich oder in Rumpelkammern, dem Roste und Holzwurme preisgegeben.“ [110]

Das hatte 1880 noch deutlich anders ausgesehen. Damals lag die Produktion im Deutschen Reich zwar weit hinter den führenden Produktionsländern Russland, Italien und Ungarn, doch immerhin noch auf der Höhe der USA als dem wichtigsten Agrarproduzenten weltweit. Hanf wurde vor allem importiert, dann hierzulande abgesetzt oder aber als Fertigware exportiert.

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Hanf als globale Handelsware 1880 (Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 20)

Nun aber kumulierten die zuvor schon mehrfach erörterten Veränderungen im Hanfmarkt. [111] Hanf wurde, wie auch die anderen dominanten Textilstoffe des frühen 19. Jahrhunderts (Schafwolle, Flachs und Seide) durch Pflanzenfaserstoffe aus dem globalen Süden verdrängt. Gerade die auf Sklaven- und Plantagenwirtschaft gründende Baumwolle setzte zum globalen Siegeszug an, „King Cotton“ hatte die Leinenkleidung abseits der bäuerlichen Selbstversorgung bis spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts verdrängt. Hanf hatte auch gegenüber Jute deutliche Preisnachteile, konnte sich im Verpackungssektor daher nicht länger behaupten. Tropische Langfasern wurden zunehmend für Taue und Seile genutzt, neben Sisal, Aloe und den anderen bereits erwähnten Kolonialprodukten traten nun auch Bananen- und Kokosfasern. Die noch nennenswerte Ölfarbenproduktion geriet durch die kostengünstigeren Teer- und auch Pigmentfarben der deutschen chemischen Industrie unter harten Wettbewerbsdruck. [112] Importierte Lein-, Mohn- und Rizinusöl sowie asiatisches Holzöl, Perillaöl und Sojaöl dominierten nun bei den trocknenden Ölen, während nach dem Ersten Weltkrieg, Hanföl, aber auch Nuss-, Sonnenblumen- und Baumwollsamenöl „nur sehr selten Anwendung“ [113] fanden. Der Niedergang wurde gewiss durch die in Baden übliche Nebenerwerbslandwirtschaft verlangsamt, die mit gewerblicher Haupterwerbsarbeit verbunden und weiterhin von Frauen mitgetragen wurde. Die Hanfanbauflächen sanken nun rasch. Wurden 1878 noch 21.000 ha kultiviert, so sank diese Zahl über 15.000 ha 1883 und 8000 ha 1893 auf 3.500 ha 1900 und wohl 200 ha 1913. [114]

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Hanfbrechmaschine in den USA (S.S. Boyce, Hemp (Cannabis sativa), New York 1900, 97)

Dies bedeutete (noch) nicht ein Verschwinden der globalen Hanfproduktion, die für die deutsche Textilindustrie nach wie vor eine gewichtige Rolle spielte. Schätzungen gehen für 1913 von weltweit 850.000 ha Anbaufläche und einem Ertrag von ca. 500.000 t aus. Diese Werte lagen 1924/25 bei nur noch 300-400.000 ha resp. 220.000 t. [115] Der Rückgang erfolgte, obwohl insbesondere in den USA der Maschineneinsatz sowohl bei der Ernte als auch bei der Verarbeitung auf neue Höhen gebracht wurde und Handarbeit dort Ausnahme wurde. Russland spielte auch nach der Machtübernahme durch die Sowjets eine führende Rolle im Billig- und Massensektor, während Italien hochwertige Produkte, zugleich aber auch alle anderen Marktsegmente bediente. [116] Das Deutsche Reich nahm diese grundlegenden Veränderungen hin, ließ den heimischen Hanfanbau ohne Zollschutz. Das war ökonomisch rational, zumal die Hanf- und Flachsindustrie anders als die Getreide- oder Zuckerwirtschaft keine schlagkräftige Interessenvertretung besaß. Während das Deutsche Reich zur weltweit zweitgrößten Handelsnation aufstieg, und gewiss zu den Globalisierungsgewinnern dieser Zeit zu zählen ist, zeigt das Verschwinden des Hanfanbaus, dass dieser Weg mit beträchtlichen Verwerfungen erkauft war, darunter die Zernierung der Lebens- und Wirtschaftsweisen breiter Teile des kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Grund war aber auch, daß im Deutschen Reich Landwirtschaft immer stärker im Hauptgewerbe betrieben wurde und Bauern sich auf ertragsstarke und gut absetzbare Produkte konzentrierten. Die Hanfbauern waren keineswegs Opfer, sondern sie optieren vielfach bewusst und zweckrational für lukrativere Tätigkeitsfelder. [117] Dies missachteten auch zahlreiche Fachbücher, die in romantisierender Weise Flachs und Hanf immer noch als „liebe alte Bekannte unserer Landwirtschaft und unseres deutschen Hauses“ [118] präsentierten.

Der Erste Weltkrieg bildete einen Testfall für die Auswirkungen derartiger Strukturwandlungen. 1913 wurden noch 159.000 t Flachs, Hanf (55.000 t) und Werg im Wert von 118 Mio. Mark eingeführt, also etwa 5% der gesamten Rohstoffimporte im Wert von 2,447 Mrd. Mark. [119] Trotz beträchtlicher Eroberungen russischer Hanfproduktionsflächen [120] gelang es nicht, die hohen Importe zumal aus dem 1915 vom Verbündeten zum Kriegsgegner mutierten Italien zu kompensieren. Schon 1915 setzten daher Appelle und Förderprogramme ein, um den heimischen Hanfanbau zu revitalisieren. [121] Höchstpreise wurden festgelegt, die vorhandenen Vorräte beschlagnahmt und der Markt durch eine frisch gegründete Deutsche Hanfbaugesellschaft bewirtschaftet. Nun war es „vaterländische Pflicht der deutschen Landwirte Gespinnstpflanzen anzubauen.“ [122] All dies wurde umkränzt von Broschüren, die an die Ratgeber der Zeit um 1800 erinnerten. [123] Obwohl es einen zunehmend spürbaren Mangel an Stricken und Verpackungsmaterial gab, stand dieser nicht im Vordergrund. Es hieß nun „Baut Ölpflanzen!“ [124], denn insbesondere im Felde technischer Anstriche und Firnisse herrschte ein eklatanter Mangel.

Die Folge waren prozentual bemerkenswerte Steigerungen von 1915 417 ha über 1916 1600 ha bis hin zu 1918 3650 ha. 1920 wurde mit 5350 ha ein Höchstwert erreicht, der dem der späten 1890er Jahre entsprach. Die Erzeugungsmengen von 1918 1820 t und 1920 2575 t reichten jedoch auch nicht ansatzweise an die 55.000 t Hanfimporte von 1913 heran. Entsprechend brach der Hanfanbau nach dem Auslaufen der Zwangswirtschaft auch rasch wieder zusammen und erreichte 1932 einen Tiefstwert von 200 ha. [125] Parallel zum Verbot des indischen Hanfes als Rauschgift war der einheimische Hanf neuerlich verschwunden. Das gilt, obwohl insbesondere in Baden beträchtliche Anstrengungen unternommen worden waren, das Nachkriegsniveau zumindest zu halten, obwohl die Textilindustrie nach dem neuerlichen Anlaufen der Hanfimporte weiterhin Rohware zu Fäden und Spezialstoffen verarbeitete, und obwohl die NS-Autarkiepolitik den Hanfanbau im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkrieges auf neuerliche Höhen schnellen ließ. [126] In der Zwischenkriegszeit waren die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen längst weggebrochen, auf denen der Hanfanbau im langen 19. Jahrhundert gründete. Der heute wieder legale Nutzhanfanbau und die daraus entstehende neue Gütervielfalt beruhen denn auch auf gänzlich anderen Grundlagen als die einer längst verlorenen Vergangenheit mit einer vom Hanf stark geprägten Alltags- und Konsumkultur.

Uwe Spiekermann, 29. Juni 2019

Quellen- und Literaturnachweise:
[1] Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, 265.
[2] Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, 7.
[3] Hainer Hai, Das Definitive Deutsche Hanf Handbuch, Löhrbach o.J. (1982).
[4] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982.
[5] Patrick Matthews, Cannabis Culture, London 2000, 25.
[6] Vgl. etwa James H. Mills, Cannabis Britannica. Empire, trade, and prohibition, 1800-1928, Oxford 2003; Martin Booth, Cannabis. A History, New York 2003.
[7] Vgl. etwa Kim Lutz, Super Seeds. Cooking with Power-Packed Chia, Quinoa, Flax, Hemp & Amaranth, New York 2014; Jack Herer und Mathias Bröckers, Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf, Solothurn 2017.
[8] Kathrin Gebhardt, Backen mit Hanf. Berauschend gut, 4. Aufl., Aarau/München 2003; Dominik Schlemmer, Hanf Kochbuch. Cannabis Rezepte, Marihuana und Haschisch backen zum Kochen und Abheben, o.O. 2017.
[9] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 239-251, hier Sp. 239.
[10] Vgl. Arjun Appadurai, The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge/New York 1986; Zygmunt Bauman, Consuming Life, Cambridge/Malden 2007; Daniel Miller, Consumption and Its Consequences, Cambridge/Malden 2012.
[11] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 108.
[12] Johann Ernst von Reider, Die neuesten Entdeckungen in den wichtigsten Gegenständen der Landwirthschaft und des Gartenbaues, Bamberg 1835, 117-123, hier 117.
[13] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 229.
[14] Markus Promberger, Topographie der Leiharbeit. Flexibilität und Prekarität einer atypischen Beschäftigungsform, Berlin 2012, 43.
[15] Vgl. Rolf Peter Sieferle, Der Europäische Sonderweg. Ursachen und Faktoren, Stuttgart 2000; Markus Cerman, Vorindustrielles Gewerbe und Proto-Industrialisierung, in: ders. et al. (Hg.), Wirtschaft und Gesellschaft. Europa 1000-2000, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, 211-227, insbesondere 224.
[16] Friedrich Koch, Ansichten über das Pflanzen und Zubereiten von Hanf (Rysten) und Flachs, Bern 1824, 36.
[17] Barney Warf, High Points: An Historical Geography of Cannabis, Geographical Review 104, 2014, 414-438.
[18] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes Flachses betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 43.
[19] Vgl. etwa Zubereitung des Hanfes und Flachses nach einer Methode des Herrn Marcandier, nebst einichen andern Vorschlägen, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 75-98; Erste Sammlung Nützlicher Unterrichte, Laybach 1770, 94-116; Neue Art, den Hanf mit wenigerem Abgange und geringeren Kosten zu bereiten, und ihn am besten zu nutzen, Der Sammler 5, 1783, 162-167; Karl la Hard, Abhandlung vom Hanfe, Wien/Prag/Leipzig 1785; Gilbert Baur, Stallfütterung, Klee-Hanf-Flachs- und Grundbirnbau, Augsburg 1794, 84-93; Franz Fuß, Ausführliche Abhandlung über den Flachs und Hanf, Prag 1796, 75-95.
[20] Dies und das Folgende nach Vollständige und genaue Beschreibung wie der Hanf im Stifte Osnabrück gebauet und bereitet werde, Detmold/Meyenberg 1787.
[21] Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 110.
[22] Julius Zipser, Die textilen Rohmaterialien und ihre Verarbeitung zu Gespinsten, T. 1, Wien/Leipzig 1895, 24.
[23] Anleitung den Hanf und Flachs auf das vortheilhafteste zu pflanzen, […], St. Gallen 1812, VI.
[24] Arthur von Hohenbruck, Beiträge zur Statistik der Flachs- und Hanf-Production in Oesterreich, Wien 1873, 5 sowie die Karte im Anhang.
[25] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 765-838, hier 765.
[26] Vgl. auch den groben Überblick bei Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898, 7.
[27] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 53-54.
[28] Centralblatt des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 26, 1837, 62.
[29] O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 66.
[30] B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 100.
[31] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 425.
[32] Friedr[ich] Haberlandt, Kann man durch Culturmaßregeln auf die Hervorbringung männlicher oder weiblicher Hanfpflanzen einen Einfluß nehmen?, Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 19, 1869, 25-26.
[33] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 423-424.
[34] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 83, 85.
[35] Eduard Birnbaum, Pflanzenbau, 8. Aufl., bearb. v. Paul Gisevius, Berlin 1911, 133.
[36] Untersuchung mehrerer Theile der Cannabis sativa, von S. Schlesinger, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 490-491.
[37] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[38] Victor Griessmayer, Die Proteide der Getreidearten, Hülsenfrüchte und Ölsamen sowie einiger Steinfrüchte, Heidelberg 1897, 294.
[39] Karl Karmarsch, Grundriß der mechanischen Technologie, Bd. 2, Hannover 1841, 613.
[40] Vgl. [Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840; Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 96-111; Josef Hain, Handbuch der Statistik des österreichischen Kaiserstaates, Bd. 2, Wien 1853, 40-41, 150.
[41] [Georg Rudolph] Böhmer, Technische Geschichte der Pflanzen […], T. 1, Leipzig 1794, 514-526.
[42] Ed[uard] Brinckmeier, Der Hanf. Sein Anbau, seine Bereitung und seine Verwendung, 2. Aufl., Ilmenau/Leipzig 1886, 7. Vgl. auch Ueber die Zubereitung des Flachses und Hanfes, hg. durch die Centralstelle für die Landwirthschaft im Großherzogthum Baden, Karlsruhe 1853, mit einer Analyse irischer Röstverfahren.
[43] L[eopold] Gottlieb Kraus und W[ilhelm] Pichler (Bearb.), Encyclopädisches Wörterbuch der Staatsarzneikunde, Bd. II, Erlangen 1873, 113.
[44] Vgl. E[uard] Reichard[t], Schädliche Wirkung des Röstwassers von Flachs und Hanf für die Fischzucht, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 22, 1881, 522-523.
[45] Joh[ann] Gottfr[ied] Dingler, Bericht an Freiherr von Gravenreuth über die Brauchbarkeit der von Hrn. Christian in Paris erfundenen Hanf- und Flachs-Brechmaschine, Kunst- und Gewerb-Blatt des polytechnischen Vereins im König-Reiche Bayern 5, 1819, Sp. 81-92. Deutlich kritischer Fahnenberg, Bemerkungen über die neue Hanfbereitungs-Maschine und einige damit angestellte Versuche, Ebd., Sp. 92-96.
[46] Ueber die neue Methode, den Flachs und Hanf zu brechen und zu bearbeiten, Leipzig 1822; Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 238-239, hier 239 und den Überblick von Hermann Grote, Bilder und Studien zur Geschichte vom Spinnen, Weben, Nähen, 2. Aufl., Berlin 1875, 7-8.
[47] Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, R. Choimet, theoretische und praktische Elemente der Maschinen-Flachs-, sowie auch Hanf- und Werg-Spinnerei, Weimar 1852 und (vielfach deckungsgleich) Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, C. Ancellin, der praktische Flachs-, Hanf- u. Wergspinner auf Maschinen, Weimar 1857.
[48] Gleichwohl galten die im internationalen Hanfhandel bestehenden Standardisierungen in den USA noch nach dem Ersten Weltkrieg als vorbildlich, vgl. Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 68-70.
[49] Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 65-69; Lauter, Notizen über den Hanfbau in Weißweil und Wyhl im Breisgau Badens, Agronomische Zeitung 9, 1854, 817-819.
[50] Karlsruher Zeitung 1839, Nr. 273 v. 2. Oktober, 3053; Karlsruher Zeitung 1840, Nr. 186 v. 11. Juli, 1150.
[51] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 107.
[52] Moritz Caduff, Essen und Trinken im Lugenz, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 82, 1986, 223-276, hier 230-231.
[53] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 463.
[54] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[55] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, hier 205.
[56] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 828.
[57] Uwe Spiekermann, Suppe im Wandel. Zur Karriere einer Alltagsspeise, Historicum 1995, Herbstausgabe, 15-21.
[58] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[59] D. Nikolai, Vorschlag wohlfeiler Nahrungsmittel, Allgemeiner Anzeiger 1812, Nr. 246 v. 12. September, Sp. 2521-2526, 2529-2533, hier Sp. 2532.
[60] Vermischte Abhandlungen aus dem Gebiete der Heilkunde (Fortsetzung), Medizinisch-chirurgische Zeitung 1835, 257-272, hier 259.
[61] St. Petersburg im Jahre 1843, Wiener Zeitschrift 1843, Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1843, Nr. 257 v. 27. Dezember, 2050-2052, hier 2052. Vgl. auch Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 73.
[62] So etwa E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Bedeutung (Fortsetzung), Deutsche Klinik 1870, Nr. 36 v. 3. September, 329-330, hier 329.
[63] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[64] Von Hartungen, Über die Suppe, Meraner Zeitung 1913, Nr. 127 v. 22. Oktober, 1.
[65] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 827.
[66] Fütterung der Kanarienvögel, Feldkircher Anzeiger 1876, Nr. 25 v. 20. Juni, 6-7; Futterrezept für Papageien, Praktische Mitteilungen für Gewerbe und Handel, Land- und Hauswirtschaft. Beilage zum Pusterthaler Bote 1908, Nr. 23 v. 5. Juni, 3.
[67] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[68] Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 161.
[69] Ebd., 217, 243; Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 361.
[70] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 253.
[71] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[72] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 400.
[73] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, 206.
[74] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes und die Zurüstung betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 48.
[75] L. Kober, Reinigung des Hanföls, Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen 1830, Nr. 256 v. 21. September, Sp. 3422-3423, hier Sp. 3422; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 603.
[76] Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 621.
[77] C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 95, 121.
[78] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 537.
[79] Hanföl, Drogisten-Zeitung 53, 1938, Nr. 4, 8.
[80] Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 194.
[81] Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 284.
[82] Vgl. die Angaben bei J[öns] J[akob] Berzelius, Lehrbuch der Chemie, übersetzt von F[riedrich] Woehler, Dresden/Leipzig 1837, 493 (25%); Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131 (23%); B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 98 (20-24%). Eine Ausnahme bildete Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345 mit einem Schätzwert von etwa einem Drittel.
[83] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 538; Eduard Gildemeister und Friedrich Hofmann, Die ätherischen Öle, Miltitz 1910, 342.
[84] Vgl. Emil Abderhalden (Hg.), Biochemisches Handlexikon, Bd. III, Berlin 1911, 22; Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 285-286.
[85] Oesterreichisch-Kaiserliche priveligirte Wiener Zeitung 1838, Nr. 130 v. 7. Juni, 815.
[86] Neues Haaröl, Verhandlungen und Mitteilungen des Gewerb-Vereines zu Köln 6, 1841, 12.
[87] Ueber Hopfen-Stellvertreter, Kaiserlich privilegirter Reichs-Anzeiger 1801, Nr. 162 v. 30. Juni, Sp. 2169-2171, hier 2170.
[88] Kurier für Niederbayern 1853, Nr. 188 v. 12. Juli, 754.
[89] Didaskalia 1853, Nr. 167 v. 15. Juli, s.p.; Hanf als Ersatzmittel für Hopfen, Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft 1854, Nr. 36 v. 9. September, 192.
[90] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[91] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 54.
[92] J[ohann] L[udwig] F[riedrich] Müller, Die Gespinnstpflanzen Flachs und Hanf, Stuttgart 1861.
[93] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 235.
[94] Mode-, Fabriken- und Gewerbszeitung 1, 1788, 22.
[95] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 830.
[96] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 252-253.
[97] Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131.
[98] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 245-247; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 598.
[99] Viktor Pöschl, Warenkunde, in: Georg Obst (Hg.), Das Buch des Kaufmanns, 7. Aufl., Bd. 1, Stuttgart 1928, 635-704, hier 692.
[100] Vgl. etwa Karlsruher Zeitung 1828, Nr. 359 v. 27. Dezember, 2094.
[101] Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345.
[102] Carl von Oberleithner, Flachs- und Hanf-Industrie. (Gruppe V, Section 3), in: Officieller Ausstellungs-Bericht, hg. v.d. General-Direction der Weltausstellung 1873, Wien 1874, 1-34.
[103] Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 17-19 (auch für die vorherigen Angaben).
[104] Carl Hartmann, Populäres Handbuch der allgemeinen und populären Technologie, Bd. 2, Berlin 1841, 371.
[105] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[106] Rhode und Beysell, Hanf, in: Pierers Universal-Conversationslexikon, 6. vollst. umgearb. Aufl., Bd. 9, Berlin/Leipzig 1877, 777-778.
[107] Jakob Tanner, Rauchzeichen. Zur Geschichte von Tabak und Hanf, in: Thomas Hengartner und Christoph Maria Merki (Hg.), Tabakfragen. Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, Zürich 1996, 15-42, hier 36-37.
[108] J. Brassel, Narkotische Nahrungs-, resp. Genussmittel. IV. Der Tabak, in: Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen naturwissenschaftlichen Gesellschaft 1887/88, Zürich 1889, 382-419, hier 382.
[109] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[110] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 228.
[111] Das Folgende nach W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 100.
[112] Hanföl wurde nicht genannt in der detaillierten Präsentation von P[aul] Schultze-Naumburg, Technik der Malerei, Leipzig 1901, 21-65.
[113] Max Bottler, Die Lack- und Firnisfabrikation, 2. verb. u. verm. Aufl., Halle a.S. 1924, 4.
[114] W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 109.
[115] Ebd., 108.
[116] Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898.
[117] Vgl. Paul Hoffmann, Die Wiederbelebung des Flachsbaus und der Hausweberei in Deutschland und ihr Einfluss auf die ländlichen Arbeitsverhältnisse, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 2-3.
[118] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 73.
[119] L[udwig] Jungmann, Der Weltkrieg, Bühl 1918, 39.
[120] Die hauptsächlichsten Oelfrüchte, Drogisten-Zeitung 34, 1919, 394-395, hier 394.
[121] Badischer Beobachter 1915, Nr. 539 v. 20. November, 6.
[122] Durlacher Wochenblatt 1916, Nr. 34 v. 10. Februar, 3.
[123] Hans Wacker, Der Handelsgewächsbau, Friedrichswerth 1917, 60-64.
[124] J[ohannes] Richter, Böttgers Praktische Anleitung zur Kultur der wichtigsten Ölgewächse, 2. Aufl., Leipzig 1916, 4.
[125] Alle Angaben n. W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. III. D: Langfaserwirtschaft, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 197-204, hier 200-201.
[126] Vgl. Die Gespinstpflanzen Flachs und Hanf auf der landwirtschaftlichen Ausstellung, Der Volksfreund 1924, Nr. 225 v. 26. September, Beilage; Körner, Leistungsfähiger Faserpflanzenanbau in Baden, Der Führer 1941, Nr. 128 v. 10. Mai, 5; Schiffstaue aus badischem Hanf, Der Führer 1943, Nr. 33 v. 2. Februar, 4.