Ein Nährpräparat aus Hanf: Zur Geschichte von Maltos Cannabis

Maltos Cannabis ist seit längerem ein Hit auf Hanfaktivistenseiten und bei Interessenverbänden für die Legalisierung von medizinischem Hanf. Grund hierfür ist vor allem das folgende Werbeklischee des schwedischen Herstellers, der Stockholmer Tekniska Fabriken Röda Korset. Es wird fast durchweg ohne Kontextualisierung und Quellenangabe präsentiert (vgl. etwa Status of Hemp Extracts in Europe, EIHA Presse Notes, Brussels 2019, 2). Das mag in den Weiten des Internets nicht unüblich sein. Hier wird Vergangenes offenkundig als Steinbruch und Zierrat genutzt wird, als Konsumgut zur Bestätigung der eigenen Weltsicht – nicht aber als eine irgendwie widerspenstige Quelle mit Eigengewicht.

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Werbemittel für Maltos Cannabis 1894 (Aftonbladet 1894, Ausg. v. 11. Mai, 24)

Schauen wir also genauer hin. Die Bildsprache der Werbezeichnung für Maltos Cannabis ist in der Tat suggestiv und eingängig: Das Leben, symbolisiert von Mutter und Kind, steht gegen den Tod. Erleuchtet durch Kenntnis und Konsum des Präparates, einem mit Malz angereicherten Hanfpräparat, weisen sie den Sensenmann in die Schranken, verbannen ihn aus ihrem Umfeld. Daraus werden meist zwei Konsequenzen gezogen: Einerseits gab es schon im späten 19. Jahrhundert frei verkäufliche Cannabispräparate mit positiven Gesundheitswirkungen. Anderseits handelte es sich bei Maltos Cannabis um ein Nährpräparat, also ein Alltagsprodukt. Ein Sprung zu den vielgestaltigen heutigen Hanfpräparaten liegt dann nahe. Was damals gut war, kann heute nicht schlecht sein. Um die komplexen und sicher nicht mit simplem Ja-Nein zu behandelnden Themen der Hanf- und der Cannabislegalisierung kann es hier nicht gehen. Stattdessen gilt es sich dem Mythos von Maltos Cannabis produktiv zu widmen, also das Produkt, sein Entstehungsumfeld und seine Bedeutung genauer zu analysieren.

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Der Sensenmann als Werbefigur – hier für Münsels Loh-Tanninbäder (Vorwärts 1896, Nr. 131 v. 7. Juni, 15)

Festzuhalten ist erst einmal: Die schwedische, vom US-Ableger der Firma in Chicago, Illinois, auch in englischer Sprache geschaltete Anzeige war keineswegs außergewöhnlich. Sie steht für eine Vielzahl von Annoncen von Anbietern realer oder vermeintlicher Gesundheitsprodukte in den 1890er Jahren und auch zuvor. Die obige Anzeige des Berliner Badanstaltsbesitzers Otto Becker unterstreicht mit dem aus Bad und Leben verbannten Sensenmann ebenfalls die besondere Güte seines Bademittels. Ähnlich agierte das Kloster Walkenried, das den Absatz seines Nordhäuser Kornbranntwein durch ein Bild eines den Schnitter vertreibenden Mönches anzukurbeln glaubte (Illustrirte Zeitung 101, 1893, 7). Das vermeintliche Universalheilmittel Oxydonor „Victory“ der Leipziger Firma Rukin & Albrecht warb ebenso mit einer Kranken, die dem Sensenmann eine Nase zeigte (Lustige Blätter 14, 1899, 11).

Gevatter Hain selbst ist eine alte Figur, bekannt vor allem aus den mittelalterlichen Totentänzen, zugleich eine stete Erinnerung an die Endlichkeit menschlichen Daseins. Im Barock war der Schnitter in Kirchen und Literatur weit verbreitet, während der Romantik galt er als Vanitas-Motiv und zierte vermehrt die Friedhöfe. Diese Traditionslinien wirkten noch Ende des 19. Jahrhunderts. Im Jugendstil wurde der Sensenmann gerne und mit wohligem Schauer gezeichnet. Zu dieser Zeit stand das mobile Skelett aber auch für die alte, durch den Fortschritt der Moderne überwundene Zeit. Wissenschaft und deren Produktkultur verkörperten dagegen das Neue. Sie schlugen dem ubiquitären Tod ein Schnippchen und machten das Leben zunehmend sicherer, zunehmend länger.

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Werbemotiv für Hanfsamenextrakt 1893 (Nya Dagligt Allehanda 1893, Ausg. v. 27. Dezember, 4)

Die einschlägige Werbung von Maltos Cannabis wurde im Frühjahr 1894 geschaltet, dann rasch abgelöst von Textanzeigen mit einem roten Kreuz, dem namensgebenden Signet des Stockholmer Anbieters. Ihr ging eine fast identische Anzeige voraus, in der anstelle des Produktnamens Maltos Cannabis jedoch eine sachliche Beschreibung des beworbenen Produktes stand: „Hanfröextrakt“, also ein aus den Samen des Hanfes gewonnenes Extrakt. Dessen Produktion nahmen die Tekniska Fabriken Röda Korset Anfang Oktober 1893 auf, seit Dezember trat dann Maltos Cannabis erst an dessen Seite und dann an dessen Stelle. Das Bildmotiv war in beiden Fällen lediglich Blickfang einer umfangreicherer Textanzeige: Dort hieß es, dass man eine große Produktionsstätte unter öffentlicher Kontrolle errichtet habe, in der man Hanfsamenextrakt und Maltos Cannabis produziere und in stilvolle Blechdosen verpacke (Aftonbladet 1893, Ausgabe v. 18. Dezember, 8).

Die Stockholmer Tekniska Fabriken Röda Korset baute ihr neues Markenprodukt auf den Vorarbeiten anderer auf. Da war zum einen Paul Petter Waldenström (1838-1917), ein schwedischer Schullehrer, Theologe und zugleich führender Repräsentant der evangelikalen Freikirchenbewegung. Deren Ziel war es, die lutherische Orthodoxie der Staatskirche zu durchbrechen und unter deren Dach zu einem zeitgemäßeren, pietistisch geprägten Protestantismus zu gelangen. Waldenström beschäftigte sich – wie zeitgleich etwa die katholischen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) und Johann Künzle (1857–1945) – mit Naturheilkunde als Grundlage eines einfachen und gottgefälligen Lebens. 1890 empfahl er als Mittel gegen die weit verbreitete Lungentuberkulose den „Waldenströmska vällingen“, den Waldenströmbrei. Dazu wurden Hanfsamen zerkleinert und mit einer etwa gleichen Menge gesiebten Roggenmehls vermischt. Festzuhalten bleibt, dass die in Schweden angebauten Cannabis Sativa-Varietäten damals keine psychoaktive Wirkung entfaltet konnten. Hanfsamenbrei – und auch Maltos Cannabis – hatten mit dem Indischen Hanf und Berauschungsmitteln nichts zu tun. Die ölige Masse wurde jedenfalls in vorgekochte Milch gegeben, etwa ein Esslöffel in einen Liter Milch. Die Menge wurde weiter gekocht und am gleichen Tag verzehrt (E[rik] W[ilhelm] Wretlin, Läkarebok för alla! Hälso- och Sjukvardslära i populär Form, Stockholm s.a. [1893], 105, Anm.). Waldenström knüpfte damit an die bis ins frühe 19. Jahrhundert übliche Nutzung von Hanfsamen in der bäuerlichen Hauswirtschaft an (Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829; Uwe Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfes). Doch Breie und Morgensuppen waren durch das auch in Schweden zunehmend praktizierte Kaffeefrühstück unter Druck geraten. Hanfsuppen konnten sich einzig als diätetisches Hausmittel gegen Durchfall und Harnbeschwerden behaupten (Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 217, 243). In der Kinderheilkunde wurden hanfsamenhaltige Milchsuppen ebenfalls noch eingesetzt.

Waldenströms Hanfsamen-Roggen-Brei wurde offensiv als Heilmittel gegen „lungsot“, also Lungentuberkulose, empfohlen. Seit 1882 wusste man dank der Entdeckungen Robert Kochs (1843-1910) um die Existenz des Tuberkel-Bazillus, doch eine systematischere TBC-Bekämpfung begann in Schweden erst in den frühen 1890er Jahren (Helen Wallstedt und Markus Maeurer, The History of Tuberculosis Management in Sweden, International Journal of Infectious Diseases 32, 2015, 179-182, hier 179). Der Waldenström-Brei traf daher auf beträchtliche Resonanz, auch wenn er keine kausalmedizinischen Wirkungen hervorrufen, sondern einzig der Kräftigung von Kranken dienen konnte. Der Hanfsamenbrei stand dabei in einer langen Reihe von volksmedizinischen Anwendungen und Geheimmitteln, die mangels effizienter Arzneimittel zur Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheit herangezogen wurden. An erster Stelle wäre Fischöl zu nennen, aber auch aus Kälberlungen gewonnener Kälbersaft. Das Kräuterpräparat „Homerania“ gewann Kunden, ebenso Inhalationskuren mit sehr heterogenen Grundstoffen. Und dann kam Waldenström. Ärzte kritisierten den medizinischen Laien und seinen erfahrungsmedizinischen Ansatz. Sie hoben hervor, dass der evangelikale Prediger durchaus guten Willens gewesen sei, als er gemeinsam mit einigen Heilmittelproduzenten und getragen von dem wissenschaftlich klingenden Namen Cannabis auch Hanfsamenpräparate auf den Markt geworfen habe. Diese könne man jedoch nur als „humbug“ (Nägra upplyanlagar om den Waldenströmska vällingen och dess afkomlingar samt om nägra andra mot lungsot rekommenderade populära läkemedel, Arbetet 1894, Ausg. v. 24. April, 3 (auch für die vorhergehenden Angaben)) bezeichnen.

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Vom Brei zum Präparat: Werbung für Hanfsamenextrakt von A.G. Holst 1892 (Norrlandsposten 1892, Nr. 139 v. 2. Dezember 1892, 4)

Damit sind wir im Jahre 1892 angekommen. Waldenströms Brei teilte die Schwächen vieler volksmedizinischer Mittel. Er musste jeweils frisch zubereitet werden und erforderte längeres Kochen. Dem Östersunder „Provisor“ J.L. Hedin gelang es jedoch zwei Jahre nach der Propagierung des Hanfsamen-Roggen-Breies dessen vermeintlich wirkende Essenz zu einem handlichen Pulver zu verarbeiten (Dagens Nyheter 1893, Ausg. v. 25. Oktober, 3). Dieses konnte im häuslichen Bereich einfach zugemengt werden. Damit entfiel die Verarbeitung der Hanfsamen und des Roggenmehls, verringerte sich zudem die Kochzeit der Milch. Es ist kein Zufall, dass dies in Östersund erfolgte. Die in Mittelschweden gelegene Kleinstadt hatte sich nach dem 1879 erfolgten Anschluss an das Eisenbahnnetz rasch zu einem Zentrum der Holzindustrie entwickelt. Der wirtschaftliche Aufschwung führte aber auch zu wachsenden Problemen mit den meist männlichen Zuwanderern. Deren überbürdender Alkoholkonsum wurde von einer kirchlich unterstützten Temperenzbewegung strikt bekämpft. Diese Laiengruppen setzten aber nicht nur auf Verzicht, sondern waren auch Teil einer aktiven Volksgesundheitsbewegung. Sie kritisierte Pharmazeutika, war skeptisch gegenüber den vermeintlichen Zumutungen der modernen Medizin, etwa der Impfung. Stattdessen propagierte sie ein natürliches, unkompliziertes Leben in Einklang mit Gott, der Natur und den von ihr gegebenen Heilmitteln (hierzu detailliert Bosse Sundin, Bland kvacksalvare och godtemplare i 1890-talets Östersund, Gamla Östersund 49, (Jubileumsarsskrift) 1986, hg v. Föringen Gamla Östersund, Östersund 1986, 45-57). Hanfsamenbrei passte hierzu.

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Diffusion der Angebote: Werbung für Barthelsons Hanfsamenextrakt 1892 (Jämtlandsposten 1892, Ausg. v. 15. August, 4)

Auf Basis der Hedinschen Verarbeitungstechnik produzierten ab 1892 in Östersund mehrere Hersteller „Hampfröextrakt“, nämlich die Chemisch-Technische Fabrik (Kem. Tekniska Fabriken) des Östersunder Apothekers A.G. Holst und die Technische Fabrik Rentier (Tekniska Fabriken Renen) von Hedin. Hinzu kamen kleinere Anbieter, etwa J. Barthelson im westlich von Östersund gelegenen Hjerpen (Järpen) (Norrlandsposten 1892, Ausg. v. 6. April, 4; Jämtlandsposten 1892, Ausg. v. 15. August, 4). Absatzziffern fehlen. Doch die beträchtliche Werbepräsenz dieser Anbieter verweist nicht nur auf die unternehmerische Aufgabe, die neuen Produkte bekannt zu machen, sondern auch auf nicht unbeträchtliche Gewinnspannen. Der Absatz erfolgte direkt, per Postversand und über das bestehende Netzwerk von Großhändlern resp. Apotheken und Drogerien (Tidning För Wenersborgs Stad och Län 1893, Nr. 78 v. 29. September, s.p.; Göteborgsposten 1893, Ausg. v. 12. Oktober, 1). Holst eröffnete zudem 1893 eine Fabrikfiliale in der mittelschwedischen Hafenstadt Söderhamn (Söderhamns Tidning 1893, Ausg. v. 11. Oktober, 1; Jämtlandsposten 1894, Ausg. v. 9. März, 4).

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Erik Taflin und das Warenzeichen seiner Firma 1891 (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 203 (l.), Norrlandsvännen 1891, Nr. 127 v. 28. November, 4)

Diese Entwicklungen in der Provinz fanden zunehmend Widerhall in den wenigen großen Städten des schwedischen Königreiches. In Stockholm hatte die 1891 gegründete Technika Fabriken Röda Korset bemerkenswerte Wachstumsraten. Gründer und treibende Kraft war Erik Olof Taflin (1856-1910), ein Kaufmann aus dem mittelschwedischen Sundsvall. 1888 handelte er dort mit Möbeln und Musikinstrumenten, war zudem Repräsentant der Feuerversicherung Tor (Sundsvalls Tidning 1888, Ausg. v. 22. Dezember, s.p.). Doch Produktion und Handel mit Heilmitteln waren offenbar lukrativer. Es ist unsicher, ob die hagiographische Darstellung seines Lebensweges in den Unterlagen zum Börsengang seiner Firma 1896 zutrifft. Demnach war er in ärmlichen Verhältnissen in Tafnäs in Ostjemtland aufgewachsen, besuchte eine Handelsschule und arbeitete bis 1886 in einer Lebensmittelgroßhandlung in Sundsvall. Danach habe er einige Zeit in England verbracht (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 201). Taflin knüpfte währenddessen internationale Geschäftsbeziehungen, aus denen 1887 der Import des Rheumamittels Amerikanischer Samariterbalsam resultierte. Seine Stockholmer Firma produzierte und vertrieb von Beginn an weitere in- und ausländische Geheimmittel: Brustkamellen, Professor Downes Gesundheitsalz, Aseptika, Tannennadelöl, Zahnpulver sowie Fleckenentferner und Insektenpulver – das Angebot war breit und deckte zahlreiche Problemfelder des Alltags ab (Stockholmstidningen 1892, Ausg. v. 27. Februar, 4; Sundsvalls Tidning 1893, Ausg. v. 12. Oktober, 4). Außergewöhnlich war die Vermarktung, wurde Taflin doch binnen weniger Jahre „Schwedens größter Werbetreibender“ (Enköpingsposten 1896, Ausg. v. 18. Februar, 3) – in einem allerdings recht rückständigen Werbemarkt. 1894 betrug der Umsatz in Schweden nach eigenen Angaben 290.000 Kronen, also mehr als 2,1 Millionen Euro (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 201. Umrechnung nach https://www.historicalstatistics.org/Currencyconverter.html). Röda Korset expandierte parallel auch ins europäische Ausland und in die USA und präsentierte seine Produkte auf führenden Ausstellungen in der westlichen Welt (Amerikanska Posten 1893, Ausg. v. 23. Dezember, 28; Nya Dagligt Allehanda 1893, Nr. 300 v. 27. Dezember, 4. Einen Überblick der gewonnenen Preise enthält Aftonbladet 1897, Ausg. v. 19. Oktober, 4). Die errungenen Auszeichnungen dienten dann wiederum der Werbung, galten sie doch als Ausdruck hochwertiger Heilmittel. Zugleich verwies man stetig auf jede noch so unbedeutende Erwähnung durch ausländische Wissenschaftler, unterstrich damit die Heilkraft der eigenen Produkte (vgl. die lange Liste in Falköpings Tidning 1896, Ausg. v. 14. 11., 3).

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Hanfsamenextrakt gegen Lungen- und Organkrankheiten (Aftonbladet 1893, Ausg. v. 5. Oktober, 4)

Im September 1893 erweiterte Röda Korset das Sortiment um Hanfsamenextrakt, wobei man auf Hedins Verfahren zurückgriff (Stockholmstidningen 1893, Ausg. v. 14. September, 4; Aftonbladet 1893, Ausg. v. 21. September, 4; Eskilstunakurien 1893, Ausg. v. 28. September, 4). Analog zu den anderen Anbietern versprach die Firma Hilfe auch bei gemeinhin als unheilbar geltenden Krankheiten. Haupteinsatzfeld waren innere Krankheiten, daneben unterstrich die Werbung die stärkende und wiederherstellende Kraft des Mittels (Nya Dagligt Allehanda 1893, Ausg. v. 7. Oktober, 4). Doch das bestehende Interessengeflecht barg beträchtliche Tücken, die rasch zu Vorwürfen durch den Östersunder Produzenten Holst führten: Röda Korset plagiiere und habe lediglich ein nachgemachtes Präparat auf den Markt gebracht. Dies führte zu einer hier nicht zu schildernden scharfen öffentlichen Kontroverse um den „echten“ Hanfsamenextrakt (Mot bättre vetande, Aftonbladet 1893, Ausg. v. 31. Oktober, 4). Daraus resultierte eine Diversifizierungsstrategie, folgte im Dezember 1893 das neue Produkt Maltos Cannabis. Es wurde zeitgleich in Schweden und den USA eingeführt (Barometern 1893, Ausg. v. 13. Dezember, 3; Aftonbladet 1893, Ausg. v. 18. Dezember, 8; Amerikanska Posten 1893, Ausg. v. 23. Dezember, 28).

Mit Maltos Cannabis setzte Röda Korset auf ein seit mehr als drei Jahrzehnte bestehendes Erfolgsrezept. Angeführt von dem seit den frühen 1860er Jahren vertriebenen Malzextrakt des Berliner Unternehmers Johann Hoff (1826-1887) – über den ich eine Publikation vorbereite – dienten Malzpräparate vor allem der Stärkung von Kranken und Genesenden. Malz war einfach resorbierbar, hatte einen als angenehm empfundenen Geschmack: Liebigs Malzsuppe war beispielsweise ein Pionier der wissenschaftlichen Säuglingsernährung (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 91-93). Malz wurde mit fast allen Mineralstoffen und Eiweißstoffen gemischt, mit Kakao und Süßwaren und nun auch mit Hanfsamen.

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Sachlich-narrative Werbung für Maltos-Cannabis nach der Produkteinführung (Kalmar 1894, Ausg. v. 5. Mai, 3)

Die Tekniska Fabriken Röda Korset propagierten ihr neues Hanfpräparat mit vergleichsweise sachlichen Anzeigen. Erst einmal wurde das Produkt erklärt: Dazu diente ein ausführlicherer Artikel des Stockholmer Arztes Henrik Berg in einer populären Gesundheitszeitschrift, auf den dann in Anzeigen wieder und wieder eingegangen wurde (Henrik Berg, Maltos-Cannabis, ett svenskt hälso- och dietmedel, Trollhättans-Tidning 1894, Ausg. v. 16. März, 4; Kristrinehamns-Tidningen 1894, Ausg. v. 29. März, 3). Für ihn waren weder Waldenströms Brei noch der Hanfsamenextrakt wirkliche Heilmittel, da sie aufgrund ihres Geschmackes schon nach kurzer Zeit Widerwillen hervorrufen würden. Dies änderte sich mit der neuen Zubereitung, denn der hinzugefügte Malzzucker (mit einem Anteil von mehr als 30 %) überdeckte den Geschmack der Hanfsamen. Zugleich handelte es sich um leicht resorbierbare und – so die damals noch häufig geteilte Fehleinschätzung – direkt in Fett umwandelbare Kohlehydrate, die für die Rekonvaleszenz zentral seien. Zusammen mit dem hohen, etwa 15 % betragenden Fettanteil der Hanfsamen sei Maltos Cannabis ein wohlschmeckendes Substitut für das früher genommene, widerwärtig schmeckende Fischöl (also Lebertran). Das Präparat war einfach zuzubereiten, mussten doch ein bis zwei Esslöffel lediglich in einem halben Liter Wasser aufgekocht werden. Aus dem Brei wurde also ein Milchgetränk, aus dem frühen Hanfsamenpräparat ein Convenienceartikel. Für Leckermäuler – und Kinder – bot Röda Korset zudem Kakao-Maltos Cannabis an, eine Mischung des neuen Hanfsamenpräparates mit einem Drittel Kakao. Dies unterstrich die Marktpositionierung als Gesundheitsgetränk.

Wie bei vielen Malzpräparate früherer Zeit handelte es sich bei Maltos Cannabis um ein patentiertes Markenprodukt, das in Blechdosen vertrieben wurde. Die latinisierte Bezeichnung hob es von üblichen sachlichen Produktbeschreibungen ab, band es auch nicht mehr direkt an einen Erfinder, einen Hersteller. Damit gewann es eine neue, gleichsam eigenständige Produktqualität, die später von anderen Herstellern genutzt werden sollte. Das Produkt selbst war ein gelblich-weißes Pulver „von anfangs salzigem, nachher süsslichen und zuletzt kratzendem und bitterem Geschmack“ (J[onathan] Mindes, Manuale der neuen Arzneimittel, 3. neu bearb. Aufl., Zürich 1898, 218. Analog Virgil Coblentz, The new remedies, 3. Aufl., Philadelphia 1899, 86). Es konnte der Nahrung auch beigemischt werden, ebenso als Suppenzusatz dienen. Maltos Cannabis war ein Nährmittel, das gleichsam nebenher der Stärkung und Heilung von Lungenkranken diente, das auch gegen Brustkatarrahe und Bronchitis helfen sollte. 1893 wurde es von dem Stockholmer Handelschemiker John Landin (1861-1920) genauer analysiert. Die Ergebnisse wurden über Anzeigen verbreitet und unterstützten die wissenschaftliche Aura der Hanfsamenpräparates (Norrbottensposten 1894, Ausg. v. 12. April, 4; Göteborgs Aftonblad 1894, Ausg. v. 21. April, 3). 1895 ergab eine Sekundäranalyse des Utrechter Pharmakologen Hendrik Wefers-Betting (1843-1921) allerdings deutlich niedrigere Malzzucker- und Hanfölgehalte: Sie lagen bei 22,2 % resp. 10,2 % (Ueber Maltos. Canabis [sic!], Pharmazeutische Zeitung 40, 1895, 407). Die Zusammensetzung von Maltos Cannabis variierte also nicht unbeträchtlich.

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Werbung für Holsts Extractum Maltos cum Cannabe 1894 (Nerikes Allehanda 1894, Ausg. v. 12. Mai, 4)

Gleichwohl setzte Röda Korset mit seinem neuen Produkt einen neuen Standard. Die Zahl einfacher Hanfsamenextrakte ging ab 1894 deutlich zurück – zumindest, wenn die Anzahl der Anzeigen in den damaligen schwedischen Tageszeitungen ein genauer Indikator ist. An seine Stelle traten nun Substitute für Maltos Cannabis, an erster Stelle Holsts Extractum Maltos cum Cannabe. Dessen Werbung griff auch die visuelle Herausforderung der frühen Bildanzeigen von Röda Korset produktiv auf. Die genauen Markt- und Absatzverhältnisse konnten leider nicht rekonstruiert werden. 1895 und 1896 nahm die Werbeintensität jedenfalls ab, zudem traten Bildanzeigen deutlich in den Hintergrund. Dies kann bedeuten, dass lediglich noch Erinnerungswerbung geschaltet wurden, da die neuen Präparate bekannt und etabliert waren. Wahrscheinlicher ist jedoch ein reales Abflachen des Absatzes, handelte es sich bei den Hanfsamenpräparaten doch um Geheimmittel, die Lungentuberkulose nicht bekämpfen konnten. Darauf deutet auch ein dramatischer Bruch bei Röda Korset hin. Zum einen führte das Wachstum und auch die Gründung neuer Niederlassungen in Göteborg und Malmö zu erhöhtem Kapitalbedarf (Göteborgs Aftonblad 1896, Ausg. v. 1. Oktober, 1; Sydsvenska Dagbladet 1896, Ausg. v. 22. Oktober, 4). 1896 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 300.000 Kronen umgewandelt (Stockholmstidningen 1896, Aug. v. 6. März, 2; ebd., Ausg. v. 11. April, 2; Aftonbladet 1896, Ausg. v. 17. April, 4). Zum anderen begann das Unternehmen Maltos Cannabis durch ein neues Nährsalzprodukt, Närsalt-Maltos, zu ersetzen (Enköpingsposten 1896, Ausg. v. 18. Februar, 3). Erik Taflin hatte im Herbst 1895 das Dresdener Sanatorium Weißer Hirsch besucht und sich intensiv mit der Dysämie-Theorie Heinrich Lahmanns (1860-1905) auseinandersetzt (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 216-218). Die wichtigsten Krankheiten ließen sich demnach durch eine richtige Mischung der Mineralstoffe (also der Nährsalze) verhindern. Lahmann entwickelte daraus eine zivilisationskritische Theorie der Blutentmischung und Blutentartung durch die Entmineralisierung der Alltagskost. Sie ist ein nicht unwichtiges Zeitdokument, jedoch ohne physiologische Fundierung (Heinrich Lahmann, Die diätetische Blutentmischung (Dysämie) als Grundursache aller Krankheiten, 7. verm. Aufl., Leipzig 1897). Während Nährsalzpräparate in Deutschland seit den frühen 1890er Jahren eine nicht zu unterschätzende Marktbedeutung hatten, dürfte die Resonanz in Schweden deutlich verhaltener gewesen sein – auch wenn Röda Korset und Henrik Berg die Werbetrommel dafür intensiv schlugen (Aftonblad 1896, Ausg. v. 6. März, 4; Svenska Dagbladet 1897, Ausg. v. 22. April, 4). Wichtig war, dass die Nährsalze nun die Hanfsamen verdrängten. Das Hanfpräparat trat in den Hintergrund, da die naturheilkundliche Begründung durch die Naturheilkunde überholt worden war.

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Sortimentswerbung von Röda Korset 1898 (Göteborgs Aftonblad 1898, Ausg. v. 17. Oktober, 4)

Maltos Cannabis wurde weiterhin produziert, trat aber in der ohnehin deutlich zurückgefahrenen und immer stärker auf Einzelprodukte ausgerichteten Werbung kaum mehr hervor (Ausnahmen bilden Korrespondenten 1899, Ausg. v. 25. Februar, 3; Aftonbladet 1899, Ausg. v. 2. März, 4; Söderhamns Tidning 1899, Ausg. v. 6. März, 4. Zum Sortiment s. Parti-preiskurant fran Aktiebolaget Tekniska Fabriken Röda Korset, Stockholm 1899). Dies ging einher mit wachsenden ökonomischen Schwierigkeiten der Technika Fabriken Röda Korset. Obwohl die Firma zahlreiche neue Produkte auf den Markt brachte – etwa den Fruchtnektar Freya – und die breite Produktpalette der Anfangszeit weiter abdeckte, sanken die Erträge dramatisch (Trelleborgstidningen 1901, Ausg. v. 28. Oktober, 2). Am 5. Februar 1902 musste die Firma Konkurs anmelden (Stockholmstidningen 1902, Ausg. v. 7. Februar, 2).

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Werbung für Hedins Hanfsamenextrakt 1904 (Östersundenposten 1904, Ausg. v. 15. Februar, 1)

In Schweden wurden auch danach Maltos Cannabis produziert, beworben und abgesetzt. Es stammte allerdings nicht mehr von Röda Korset, sondern vom langjährigen Mitbewerber, den Chemisch-Technischen Fabriken von Apotheker Holst in Östersund (Aftonbladet 1903, Ausg. v. 24. Januar, s.a.; Smalandsposten 1903, Ausg. v. 14. Februar, 4; Hallandsposten 1903, Ausg. v. 23. Februar, 4. Vgl. schon zuvor Jämtlandsposten 1899, Ausg. v. 28. April, 4). Auch Hanfsamenextrakt wurde in Schweden weiter vermarktet (Norrlandsposten 1903, Ausg. v. 5. Februar, 2; ebd., Ausg. v. 14. Februar, 4).

Maltos Cannabis war zwischen 1893 und etwa 1898 ein auch international erfolgreicher Markenartikel. Das Präparat wurde in Schweden (und damit Norwegen), Finnland, Dänemark, den Niederlanden, Russland, Griechenland, der Schweiz, den USA und wohl auch darüber hinaus angeboten (vgl. etwa St. Petersburger Medicinische Wochenschrift 21, 1896, 42; The Lindsborg News Record 1895, Ausg. v. 4. Januar, 2; Rotterdamsch Niewsblad 1895, Nr. 5454 v. 23. Dezember, 3; Hufvudstadsbladet 1905, Nr. 203 v. 30. Juli, 12). In diesen Staaten gründete man teils eigene „Fabriken“, so etwa in Utrecht und Chicago. Das Eiweißpräparat wurde auch in Deutschland eingesetzt, zumal nachdem der Berliner Mediziner Hermann Senator (1834-1911) seinen Einsatz in der Kinderheilkunde 1895 empfohlen hatte (Skaffaren 1895, Ausg. v. 6. März, 3. Empfehlungen für mit Maltos Cannabis angereicherte Milchsuppen enthält I[mmanuel] Munk und C[arl] A[nton], Ernährung des gesunden und kranken Menschen, 3. verb. Aufl., Wien/Leipzig 1895; Ernst von Leyden und Georg Klemperer (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, 2. umgearb. Aufl., Bd. II, Leipzig 1904, 102). Maltos Cannabis stand für einen Konsumtransfer schwedischer Produkte in die neue Welt, wurde in den schwedischsprachigen Einwandererzeitungen in den nördlichen Staaten der USA mehrere Jahre beworben (vgl. etwa Fergus Falls Ugeblatt 1894, Ausg. v. 7. November, 3; Fergus Falls Ugeblatt 1894, Nr. 680 v. 5. Dezember, 3; Minnesota Stats Tidning 1896, Nr. 6 v. 5. Februar, 5; Skaffaren 1895, Ausg. v. 25. September, 2). Auch englischsprachige Werbeanzeigen lassen sich nachweisen, doch ist unklar, wie lange das Nährmittel in den USA angeboten wurde (Chicago Daily Tribune 1895, Ausg. v. 1. April, 3). In den Niederlanden wurde Maltos Cannabis noch 1905 angeboten, in Schweden bis zumindest 1921 (Hufvudstadsblad 1905, Nr. 207 v. 3. August, 8; Svensk farmaceutisk tidskrift 24, 1921, 195). Auch wenn die Unternehmensgeschichte der Techniken Fabriken Röda Korset nicht lang währte, gelang der Firma doch eine profitable internationale Vermarktung eines Hanfnährpräparates vor den Cannabisverboten in den späten 1920er und 1930er Jahren. Als solches war Maltos Cannabis jedoch eine seltene Ausnahme.

Das schwedische Nährpräparat spiegelt das doppelte Verschwinden des Hanfes im langen 19. Jahrhundert. Es war einerseits eine auch medizinisch genutzte Speise aus Hanfsamen. Als Alltagskost verschwand diese in Mitteleuropa – von wenigen Ausnahmen abgesehen – schon im frühen 19. Jahrhundert, während sie sich im Osten und Norden Europas in ländlichen Gebieten noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts halten konnten. In Schweden griffen Naturheilkundler diese Tradition im späten 19. Jahrhundert auf, boten damit Heil- und Geheimmittelproduzenten Marktchancen. Sie transformierten mittels moderner Trocknungstechnik eine tradierte Speise in ein neuartiges Nährmittel und dann in einen gezielt beworbenen Markenartikel. Doch just in diesem neuen Gewande wurde die tradierte Hanfspeise schon nach wenigen Jahren durch gesüßte und besser schmeckende Nährsalzpräparate abgelöst. Maltos Cannabis steht damit für die schon lange vor den staatlichen Cannabisverboten einsetzenden Abkehr vom landwirtschaftlich genutzten Hanf und daraus bereiteten Nahrungsmitteln.

Zugleich war Maltos Cannabis – analog zu der großen Zahl medizinischer Cannabispräparate – eines der vielen im späten 19. Jahrhundert noch angebotenen Heilmittel aus Hanf (Uwe Spiekermann, Cannabispräparate). Doch als solches war es ein Übergangspräparat von revitalisierten volksmedizinischen Anwendungen hin zu leistungsfähigeren Heilmitteln und Therapien. Grund hierfür war nicht das kurz zuvor entwickelte und ebenfalls unwirksame Tuberkulin Robert Kochs, sondern der Aufbau einer in Ansätzen durchaus wirksamen Therapie und Prävention der Lungentuberkulose auf Basis der Bakteriologie. Als Heilmittel nicht wirksam, mutierten Hanfsamenextrakte wie Maltos Cannabis rasch zu Kräftigungsmitteln, ehe sie vom Markt verschwanden. Wer hofft, dass Nährpräparate aus Hanf heutzutage große Marktchancen haben, dem bietet die Geschichte von Maltos Cannabis eher Ernüchterung.

Uwe Spiekermann, 14. November 2019

Zwischen Arznei und Geheimmittel: Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert

Hanf war im 19. Jahrhundert eine in ganz Europa angebaute Nutzpflanze, die in der bäuerlichen Hauswirtschaft und der gewerblichen Wirtschaft allüberall verwandt wurde: Hanf lieferte Faserstoffe, wurde zu Geweben und Garnen, zu Seilen und Segelzeug, zu Hartfilz und Säcken verarbeitet. Die Samen dienten der Ölgewinnung, erhellten dann in Öllampen die Stube, dienten der Herstellung von Seifen, Ölfarben und Firnis. Im 18. Jahrhundert fanden sie den Weg in die Küche, waren auch Heilmittel. All dies geriet im langen 19. Jahrhundert in den Mahlstrom von Industrialisierung und Globalisierung. Hanf, genauer der heimische Cannabis Sativa, verschwand in deutschen Landen lange bevor er Teil einer sich erst entwickelnden Anti-Drogenpolitik wurde.

Der Niedergang des heimischen Hanfanbaus war jedoch von einer kurzen, von ca. 1840 bis ins frühe 20. Jahrhundert reichenden Präsenz des Indischen Hanfes begleitet. Sie war ein Elitenprojekt, getragen von Pharmazeuten, Chemikern und Medizinern. Ihr Interesse richtete sich einerseits auf die Wirkmechanismen des im Nahen Osten, in Indien und Nordafrika aus dem dortigen Hanf hergestellten Haschisch. Anderseits zielten die Experten auf neue Anwendungen im rasch wachsenden Gesundheitsmarkt. Präparate aus Cannabis Indica sollten nicht allein das inkriminierte Opium ersetzen, sondern auch neue Märkte erschließen. Während die sperrige, ca. zwei Meter hohe und arbeitsintensive heimische Faserpflanze durch billigere koloniale Substitute und neue Werkstoffe verdrängt wurde, stieg davon unberührt das Interesse an den Inhaltsstoffen des fremden Hanfes. Dies war Teil eines intensiven Ausgriffs auf die botanischen Reichtümer peripherer und zunehmend kolonial beherrschter Regionen. Naturwissenschaftliches Wissen konnte deren stoffliche Essenz handhabbar machen, versprach Markterfolge. Die Neugier der Forscher ging Hand in Hand mit dem Ertrag der Tüftler. Und mehr noch: Cannabis stand im Ruf, zu harten, anhaltenden Arbeiten zu befähigen, Schmerzen zu stillen und Wetterunbilden besser zu vertragen. [1] Mochte sein Konsum in Nordafrika, dem Nahen Osten und in Indien auch eher für eine vermeintliche Kultur der Faulheit stehen, so schien es doch möglich, die Essenz des Hanfes für die sich ausbreitende industrielle Arbeitsgesellschaft zu nutzen.

Der eigentliche Bruch hin zur medizinischen Nutzung des Indischen Hanfes erfolgte in den 1840er Jahren – lang zurückreichenden Kenntnissen über die Cannabiskultur der Anderen zum Trotz. Er gründete auf Erfahrungsberichten englischer und auch französischer (Kolonial-)Experten, die nun in der klinischen Praxis und dem sich neu etablierenden Laboratorium ausgetestet und überprüft wurden. Derweil traten volksmedizinische und humoralpathologische Anwendungen des heimischen Hanfes in den Hintergrund. Das Haschisch hatte den Charme des Rausches, also den einer offenkundigen Wirkung. Sie einzuhegen und dann gezielt zu nutzen war attraktiver als eine grundsätzlich ebenfalls denkbare Analyse der gering eingeschätzten Heilwirkungen der heimischen Hanfpflanze. Die Folge war ein kurzer Boom erster Cannabispräparate in einem kaum regulierten Marktumfeld. Aus Bayern hieß es 1852: „Der Extract. Cannabis indicae wird jetzt auch in England, Frankreich und in einigen deutschen Städten ächt bereitet und von den Aerzten beliebig in Pillen, Tropfen oder Latwergen verabreicht. Als Narcoticum, leicht berauschendes Mittel, mag es seinen Werth haben, möglich, daß es in größerer Gabe auch krampf- und schmerzstillend wirkt.“ [2]

Bei diesen frühen Cannabispräparaten handelte es sich meist um Apothekerzubereitungen. Die Rohware stammte aus sehr unterschiedlichen Quellen. Angesichts der individuell höchst unterschiedlichen Wirkungen des Haschisch und der fehlenden Kenntnis von Wirkstoffen und Wirkmechanismen gründeten die Präparate auf Erfahrungswissen, teils aus Reiseberichten, teils aus Selbsterfahrungen, zunehmend aber auch auf chemischen und pharmakologischen Tests. Eine rasch wachsende Zahl von Patientenberichten half bei der Dosierung und erlaubte die Eingrenzung möglicher Anwendungsfelder. In den frühen 1850er Jahren nahm der Apotheker Carl Stutzbach (1789-1871) in Hohenmölsen, dann aber vor allem die kurz zuvor in Darmstadt gegründete Firma E. Merck die Produktion von Cannabisextrakten auf. Sie setzten indirekte Standards, boten Referenzen, schufen ansatzweise Verlässlichkeit. Sie dienten dann, meist noch durch Apotheker, zur lokalen Produktion von Hanföl (für Einreibungen), Opodeldok (gegen Rheumatismen) und Hanfchloroform (zum Inhalieren). Auch Hanfbutter wurde hergestellt, Stutzbach mischte zudem „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen. [3] Doch noch dominierten Apotheker mit individuellen Rezepturen den Markt. 1860 bedeutete dies beispielsweise „für den inneren Gebrauch das gepulverte Hanfkraut, in Pillen- oder Pulverform, pulverisierte Haschischstückchen aus dem Orient bezogen […], harziges Hanf-Extract in Pulver- und Pillenform […], Hanfharz-Tinctur […], Hanfharz-Emulsion.“ [4] Auch Churrus war grundsätzlich erhältlich.

Nach dieser Findungsphase begann die Eingliederung der Cannabispräparate in den staatlich regulierten Arzneimittelmarkt, Ausfluss des obrigkeitlichen Gesundheitsschutzes der frühen Neuzeit. Im preußischen Arzneibuch von 1861 fanden sie ihren Platz. [5] Auch das 1872 veröffentlichte erste reichseinheitlichen Arzneibuch enthielt die dann gängigen Präparate, nämlich Extractum Cannabis Indicae – Indischer Hanfextrakt, Fructus Cannabis – Hanfsamen, Herba Cannabis Indicae – Indischer Hanf und Tinctura Canabis Indicae – Indischhanftinktur. [6] Sie wurden in Pillenform, vornehmlich aber in Alkohollösung verabreicht und dienten als Narkotikum und Schlafmittel, wurden gegen Asthma eingesetzt und waren entspannend. [7] Diese Hanfpräparate mussten in jeder Apotheke vorrätig sein. [8] Sie waren Ausgangspunkt für weitere Anwendungen, die anfangs in Apotheken, zunehmend aber auch von pharmazeutischen Firmen erstellt wurden. [9] Zugleich durften Apotheken Indischen Hanf weiterverarbeiten, doch dies diente fast nur der arzneilichen Verwendung, also der Arbeit auf ärztliches Rezept. [10] Er war verschlossen in einem Giftschrank unterzubringen, über die Bestände musste detailliert Rechenschaft gegeben werden. Die damalige Arzneiverordnungslehre setzte all dem einen gewissen Rahmen, der jedoch durch Forschung und dann auch neue Produkte erweitert werden konnte. [11] Die teils um das mehr als Zehnfache differierenden Dosierungsvorschläge unterstreichen jedoch eine beträchtliche Unsicherheit im Umgang mit Hanfpräparaten. Sie führten zu einer eher langsamen Marktentwicklung, waren sich die Anbieter doch möglicher Schädigungen durch Fehldosierungen durchaus bewusst. [12] Entsprechend fehlten Hanfextrakt und Hanftinkturen auch im internationalen Verzeichnis der heroischen Arzneimittel. [13]

Im Folgenden wird es in natürlich nur groben Zügen um die Entwicklung unterschiedlicher Marktsegmente gehen. Cannabispräparate waren Teil des Gesundheitsmarktes des langen 19. Jahrhunderts, fanden einen Platz als Heil- und Nährmittel. Am Beginn stehen, im deutschsprachigen Rahmen, pharmazeutische Produkte, also die eigentlichen Arzneimittel. Zweitens gilt es sich am Beispiel der „Asthmazigaretten“ (international) vermarkteten Markenartikeln zu widmen. Als Geheimmittel fanden sie rasch ihr Publikum, standen jedoch auch unter stetem Druck nachfragender staatlicher Kontrollinstanzen. Das galt vor allem für Mitteleuropa, wo Rauchwaren nicht nur im Deutschen Reich rechtlich als Nahrungs- und Genussmittel galten. Drittens zeigt die an anderer Stelle untersuchte Geschichte des Nährpräparates „Maltos Cannabis“ den Wandel eines als Hanfsamenextraktes entwickelten Heilmittels zu einem dann ebenfalls international vermarkteten Nahrungsergänzungsmittel. In allen drei Sektoren waren Cannabispräparate integrale Elemente eines sich im späten 19. Jahrhundert erweiternden und ausdifferenzierenden Gesundheitsmarktes. Während der einheimische Hanf seine Stellung als Alltagsrohstoff verlor, verlor der Indische Hanf seinen exotischen Charme und wurde zeitweilig Grundstoff der sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden pharmazeutischen Industrie.

Cannabis in pharmazeutischen Produkten

Cannabis war ein unsicheres Kraut. Die Herkunft der Haschischpräparate war häufig unklar, Standardisierungen gab es nur indirekt. Zwischen 1840 und 1860, also vor dem raschen Aufschwung der Bakteriologie und Pharmazie, wurde es zur Bekämpfung zahlreicher Krankheiten eingesetzt, doch nur in wenigen Fällen konnte man kausale Heilwirkungen konstatieren. Der Entwicklung pharmazeutischer Produkte waren somit enge Grenzen gesetzt. [14] Hinzu kam, dass Cannabis, wie zahlreiche andere neue Pflanzenstoffe aus kolonialem Umfeld, weder ein klares stoffliches Profil besaß, noch klare Anwendungsgebiete. Als die pharmazeutische Industrie an Bedeutung gewann, in den 1870er Jahren, hatte sich das Einsatzspektrum schon gelichtet, galt er doch als „ein Harnwerkzeug-, Lungen-, Geschlechts- und vorzügliches Augenmittel.“ Doch das Pröbeln zielte noch auf deutlich mehr Beschwerden und Krankheiten. Verwandt wurde Cannabis, „1. bei Ermüdung nach starken Fußreisen, 2. beim beschwerlichen Urinlassen (Strangurie), 3. bei Nieren- und Blasenentzündung und beim Blutharnen, 4. bei skrophulösen Hornhauttrübungen, 5. bei Lungenentzündung, die man sich durch rasches Gehen zugezogen hat, 6. im Wadenkrampf, 7. im Typhus, der nach Cholera entsteht.“ [15]

Am Anfang der Arzneimittelentwicklung stand die Firma E. Merck in Darmstadt. Seit den frühen 1850er Jahren führender Anbieter von Cannabispräparaten in Mitteleuropa, entwickelten deren Pharmazeuten in den 1880er Jahren neuartige Angebote: Den Anfang machte 1882 das Cannabium tannicum, 1884 folgte das Cannabinon, 1889 dann das Cannabin. Sie waren allesamt noch keine Arzneimittel modernen Typs, kombinierten also noch nicht chemisch und physiologisch klar definierte Wirkstoffe, eine standardisierte Zusammensetzung und eine (erst 1894 rechtlich abgesicherte) Markenidentität. Sie waren vielmehr Pharmazeutika auf der Suche nach Anwendungsfeldern. [16] Dies entsprach der damaligen chemischen Kenntnis des Indischen Hanfes: Unter Cannabinon verstand man einen braunen Weichharz, Cannabin war ein Glykosid, galt als Essenz des Haschisch. [17] Anders ausgedrückt: Die durch eine ausdifferenzierende Forschung isolierten Stoffgruppen wurden zu Pharmazeutika verdichtet und vermarktet. Einmal angeboten, veränderte man dann die Zusammensetzung der Präparate, näherte sich dergestalt möglichen Anwendungen. Merck verbesserte Cannabium tannicum beispielsweise 1886, „so dass das Medicament nunmehr als ein kräftiges und doch milde wirkendes Schlafmittel betrachtet werden kann.“ [18] Es wurde dann auch international vermarktet. [19] Emanuel August Merck (1855-1923) knüpfte damit an länger zurückreichende und von seinem Vater geförderte Forschungen des Fürther Mediziners Georg Fronmüller (1809-1889) an. Dessen umfangreiche klinische Studien in den 1850er und 1860er Jahren zeigten die Chancen, aber auch die Grenzen von Cannabis Indica als Schlafmittel recht präzise auf. [20] Angesichts möglicher Überdosierungen durfte das Mercksche Medikament seit 1890 jedenfalls nur noch in Apotheken verkauft werden. [21]

Typisch für die Merckschen Präparate war ihr Endproduktcharakter. Cannabium tannicum war eine Art Blackbox, „über dessen chemische Natur, ja sogar über dessen Bereitungsweise bisher ebenfalls nichts Näheres bekannt ist.“ [22] Es war kein standardisiertes Präparat, sein Aussehen variierte zwischen gelblich und bräunlichgrau. Der Geschmack war bitterlich, zusammenziehend, es roch schwach nach Hanf. Noch nach dem Ersten Weltkrieg mutmaßten Pharmazeuten über die genaue Herstellung, auch wenn grundsätzlich klar, wie Merck vorging: „Indischer Hanf wird durch Destillation mit Wasserdämpfen das ätherische Oel entzogen, derselbe alsdann mit Wasser ausgezogen und der Auszug mit Gerbsäure gefällt.“ [23] Cannabium tannicum diente jedenfalls als ein leichtes Schlafmittel, Merck empfahl es auch als Beruhigungsmittel sowie bei „Hysterie, Delirium tremens und nervöser Schlaflosigkeit.“ [24] Cannabinon wirkte demgegenüber deutlich stärker, Durchschnitts- und Maximaldosen waren entsprechend niedriger. [25] Es handelte sich nicht um Pulver, sondern einen bei Wärme „dickflüssigen, braunen, in dünnen Schichten klaren durchsichtigen Balsam von starkem aromatischen Geruch und scharf bitterem, etwas kratzigen Geschmack“ [26]. Cannabinon wurde aus den Spitzen von Cannabis indica hergestellt. Cannabin diente vor allem als Grundstoff sowie als Beruhigungsmittel. [27]

Die Merckschen Präparate sind ein Beispiel für die wachsende Angebotspalette früher Vorreiterunternehmen im Geschäft mit Indischem Hanf. Ähnliche Profile finden sich bei dem 1880 gegründete Londoner Pharmaziehersteller Bourroughs, Wellcome & Co. und den US-Firmen E.R. Squibb (Brooklyn, Gründung 1858), Parke, Davies & Co. (Detroit, 1866) und Eli Lilly & Co. (Indianapolis, 1876). Schweizer Firmen folgten mit gewissem zeitlichem Abstand. In diese Reihe gehörte auch das 1875 in St. Louis von Cullen Andrews Battle (1848-1909) gegründete Unternehmen Battle & Co., Hersteller starker Markenartikel, darunter auch das Opiumpräparat Papine. 1886 begann die Produktion des Schlafmittels Bromidia, das sich in den USA und in Großbritannien rasch erfolgreich etablieren konnte. Wohl seit Anfang der 1890er Jahre war es auch in Österreich und dem Deutschen Reich erhältlich und wurde dort – anders als die Merck-Präparate – breit beworben. [28]

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Werbung für das hanfextrakthaltige Schlafmittel Bromidia 1893 (Deutsche Medicinische Wochenschrift 19, 1893, Nr. 24, Beil.)

Das süße alkoholhaltige Mittel bestand vor allem aus Chloralhydrat und Kaliumbromid, doch enthielt es auch geringe Mengen Hanf- und Bilsenkrautextrakt. [29] Die schlafbringende Wirkung resultierte vornehmlich vom seit 1873 produzierten synthetischen Chloralhydrat, nicht aber vom Hanfextrakt. Es blieb jedoch strittig, ob die Inhaltsangaben der Firma präzise waren, da es Apothekern nicht gelang, das eingängig schmeckende Präparat im Nachklang darzustellen. Analysen ergaben 1894 und 1905, dass Bromidia keinen Hanfextrakt enthielt – die Mehrzahl aber bestätigte den marginalen Zusatz. [30] Die Rezepturen lokaler Apothekervereine, gedacht zum sicheren Ersatz des US-Medikaments, enthielten jedenfalls durchweg Hanfextrakt, wenngleich in meist geringeren Anteilen als in der Produktwerbung. [31] Bromidia geriet jedoch nicht wegen der schwankenden Zusammensetzung ins Visier der Regulierungsbehörden, sondern aufgrund der nicht unbeträchtlichen Suchtgefahr, dem sog. Chloralismus. [32] Das verschreibungspflichtige Bromidia konnte zwar weiter vertrieben werden, doch es wurde 1907 Geheimmitteln gleichgestellt, so dass es nicht mehr öffentlich beworben werden durfte. [33]

Zu dieser Zeit standen cannabishaltige Schlafmittel jedoch durch die ersten Barbiturate unter wachsendem Marktdruck. Seit 1903 boten Bayer und Merck Veronal an, dass ebenso wie Bromidia ab 1908 verschreibungspflichtig wurde. Die Grenze zwischen einem erquickenden Schlaf, beträchtlichen Nebenwirkungen, Sucht und Tod waren klein – und verwies auf beträchtliche Defizite der staatlichen Aufsicht über den Arzneimittelmarkt. Dies aber war nicht das Ende von Schlafmitteln mit Cannabisextrakten, denn Merck und Battle boten ihre Medikamente weiterhin an. Es gab weiterhin zahlreiche Apothekerrezepte für Schlafmittel, bei denen Hanfextrakt Opiate ersetzte. [34] Und auch neue Präparate wurden lanciert, so das unter anderem aus Cannabis Sativa zusammengesetzte Schlaf- und Beruhigungsmittel Plantival der Leipziger pharmazeutischen und homöopathischen Firma Dr. Willmar Schwabe. [35]

Derartige „Hypnotica“ blieben jedoch nicht das einzige Anwendungsfeld von Cannabispräparaten. Deutlich größere Breitenwirkung erzielten seit den 1880er Jahren vielfältige Angebote von Hühneraugenmitteln. Sie verdeutlichen einen entscheidenden Aspekt bei der pharmazeutischen Verwendung von Cannabis, einen, der schon bei Bromidia deutlich werden sollte: Hanfbestandteile wurden nur selten als Hauptwirkstoff, sondern fast durchweg als Puffer, als Zusatzstoff eingesetzt. In der Werbung wurde dies häufig nicht sachlich kommuniziert – und entsprechend großspurig erscheinen heute viele Aussagen interessierter Kreise über die vermeintliche Ubiquität medizinischer Hanfpräparate im späten 19. Jahrhundert. Bei den Hühneraugenmitteln war Cannabisextrakt gewiss Trittbrettfahrer anderer Entwicklungen, namentlich der Isolation und Synthese der Salicylsäure.

Diese erfolgte 1873. Im Folgejahr begann die Produktion der Salicylsäure-Fabrik Dr. F. v. Heyden in Dresden und dann Radebeul. Salicylsäure schien ein neues Wundermittel zu sein, wirkte es doch „in hervorragender Weise antiseptisch, fäulnishindernd, antizymotisch, gährungshemmend und antipyretisch, fieberwidrig.“ [36] Erste Einsatzfelder lagen daher in der Veterinärmedizin und der Konservierung von Nahrungsmitteln. [37] Humanmedizinische Anwendungen erfolgten nur langsam: Als Antiseptikum wurde es als Wundheilmittel und in der Chirurgie eingesetzt, ebenso bei Gicht und Gelenkrheumatismus. [38] Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis die Brücke von der Imprägnierung von Wundverbänden hin zur Dermatologie geschlagen wurde. [39] Salicylsäure wurde als solche genutzt, ihre ätzende Wirkung konnte gegen Hautverhärtungen, Schwielen, insbesondere aber gegen die weit verbreiteten Hühneraugen eingesetzt werden. Seit den späten 1880er Jahren entwickelten zahlreiche Apotheker Tinkturen, die fast durchweg ähnlich zusammengesetzt waren: 8- bis 10prozentige Salicyclsäurelösungen wurden mit 4 bis 5 % Hanfextrakt in Kollodium (eine zähflüssige Baumwollelösung) oder Zerat (eine wächserne Salbe) getränkt. Das Cannabispräparat diente dabei als Sedativum, als Antagonist zum an sich schmerzenden Wirkstoff Salicylsäure. Der Konsument bestrich mehrere Tage die verhärtete Stelle bzw. das Hühnerauge, nahm dann ein Fußbad und schabte schließlich die inkriminierte Stelle aus. [40] Dies musste mehrfach wiederholt werden, konnte jedoch den zuvor vielfach üblichen Messereinsatz vermeiden bzw. in Grenzen halten. Die neuen Hühneraugenmittel waren nicht konkurrenzlos, auch Milch- oder Essigsäure dienten der Harthautbekämpfung. Doch ab Ende der 1880er Jahre waren die neuen Kombinationspräparate mit Hanf üblich. [41] In Österreich konnte man 1890 zwischen den Hühneraugentinkturen von Sikroski (Kollodium und Cannabis), von Kranich, Würfling, Golienski, Barkowski, Bongartz oder Esser (Kollodium, Salicylsäure und Cannabis) wählen. [42] Der führende österreichische Veterinärmedizinhersteller Kwizda bot neben einer Hühneraugen- und Warzentinktur auch Hühneraugenpflaster an. [43] Neben die Tinkturen traten nun auch dauerhaft einwirkende Präparate, vornehmlich mit Salicylsäure und Cannabis getränkte Pflaster und Pflasterringe. Sie kamen vor allem in Deutschland auf, da ihr Handverkauf in Apotheken und Drogerien erlaubt war. Führend hierbei war der Hamburger Dermatologe Paul Gerson Unna (1850-1929), der für Beiersdorf neue imprägnierte Pflaster (Guttaplast, Leukoplast) und, zusammen mit dem Unternehmer Oskar Troplowitz (1863-1918) und dem Chemiker Isaac Lifschütz (1852-1938), 1911 auch die Handcreme Nivea kreierte. [44]

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Hanfextrakt im Radlauerschen Hühneraugenmittel 1900 (Dresdner Nachrichten 1900, Nr. 147 v. 30. Mai, 22)

Im Deutschen Reich waren Hühneraugentinkturen mit Cannabisextrakten bis 1896 allerdings vom Handverkauf ausgeschlossen. [45] Aufgrund einer klaren Kennzeichnung „Nur für den äußerlichen Gebrauch“ änderte sich dies 1896 – und die einschlägigen Angebote nahmen rasch zu. [46] Auch wenn einzelne Apotheken, etwa die Radlauerscher Kronen-Apotheke in Berlin, ihre Angebote reichsweit versandten, dominierten anfangs noch tendenziell lokale Angebote, bei denen die Kunden auf die Professionalität der kleinen Hersteller setzen mussten. Doch auch hier bereitete der Cannabisextrakt Probleme. Die 1869 gegründete Chemische Fabrik Helfenberg, ein führender Produzent auch von Pflaster, konstatierte kurz nach der Jahrhundertwende: „Das Cannabis-Extrakt, welches wir für Pflaster und Hühneraugenpräparate verwenden, gehört zu den Präparaten, die wir immer auf gut Glauben hin gekauft und nicht näher untersucht haben. Verschiedene Reklamationen über die mangelhafte Wirksamkeit der Präparate und Schwierigkeiten in der Fabrikation liessen jedoch eine genauere Analyse angezeigt erscheinen. Es ergab sich hierbei […], dass die Extrakte des Handels nicht nur sehr wechselnd zusammengesetzt waren, sondern auch zum grössten Teil grosse Mengen Kupfer und Zink enthielten, also meistens künstlich gefärbt waren.“ [47] Zudem gab es immer wieder Kritik an der mangelnden Balance der Hühneraugenmittel, deren Ätzwirkung oberflächlich bliebe und nicht in die Tiefe der Haut wirke. [48]

Derartige Probleme konnten nicht wirklich gelöst werden, doch versuchten abermals größere pharmazeutische Unternehmen Markenartikel zu schaffen, die für eine relativ verlässliche Zusammensetzung und auch Wirkung standen. Am Anfang standen wiederum US-Anbieter: Das 1892 von der Rydales Remedy Co. of Newport News, Va., entwickelte Geheimmittel Cornicide wurde in Kontinentaleuropa 1894 als Hühneraugenmittel aus Salicyl- und Essigsäure, Terpentinöl, Kollodium und Hanfextrakt vertrieben. [49] Das amerikanische Präparat hatte auch 1905 noch die gleiche Zusammensetzung, lässt sich auch noch Ende der 1920er Jahre nachweisen. [50] Größere Bedeutung gewann dagegen das 1894 vorgestellte Cornilin, produziert von der zwölf Jahre zuvor in Hamburg gegründeten Pflasterfirma Beiersdorf. [51] Es handelte sich um „ein Guttapercha-Pflastermull mit Salicylsäure und Indisch Hanfextrakt zur schmerzlosen Entfernung von Hühneraugen, Hornhaut und Warzen“ [52]. Ein nahezu gleichartiges Produkt wurde auch unter dem Namen Beiersdorfs Hühneraugenpflaster vermarktet. Diese Markenartikel konnten ihre lokalen Wettbewerber allerdings nicht vom Markt verdrängen. Die mit Cannabisextrakt getränkten Hühneraugentinkturen von Esser, Kranich, Sikorski, Würfling, Golienski, Barkowski und Bongartz gab es auch noch nach dem Ersten Weltkrieg. [53] Ähnlich lange behauptete sich in der Schweiz das vom Zürcher Apotheker Karrer vertriebene Hühneraugenmittel mit dem provokanten Namen Haschisch.

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Werbung für Karrers Haschisch Hühneraugentinktur 1894 und 1926 (Nebelspalter 20, 1894, H. 6, s.p.; ebd. 52, 1926; H. 10, s.p.)

Wenngleich die Vielzahl lokaler Angebote nicht abzuschätzen ist, handelte es sich bei dem Markt für Hühneraugenmittel vor dem Ersten Weltkrieg doch um ein relativ saturiertes und wenig umkämpftes Marktsegment mit relativ wenigen Innovationen, wie etwa Backford & Spooners mit Salpeter behandeltes Hanfpräparat. [54] Die Mehrzahl auch neuer Angebote blieb dem Salicylsäure-Hanfextrakt-Standard verpflichtet, etwa das ab 1914 verkaufte Hühneraugenmittel Cannabin sowie Clavomors, ein Hühneraugenpflaster des Berliner Dr. Laboschin. [55] Ausnahmen bildeten fortentwickelte Medizinalpflaster. Das Arsenik-Salicyl-Cannabis-Pflastermull nach Unna diente etwa der gezielten Eindämmung krebsverdächtiger Hautstellen. [56] Während der Weimarer Republik wurde der Markt dann zwar durch das Salicylpräparat Kukirol werblich auf neue Höhen geführt, strukturell aber blieb das Angebot unverändert. [57]

Hühneraugenmittel stehen für den Einsatz von Cannabispräparaten als pharmazeutische Hilfsmittel. Sie waren Beiwerk, erfüllten ihnen zugewiesene Funktionen. Das gilt auch für die gar nicht kleine Zahl weiterer Anwendungen, allesamt Nebenmedikamente. Folgt man dem Hanfaktivisten Hans-Georg Behr (1937-2010), so gab es 1890 etwa ein Schmerzmittel namens Migränin, hergestellt von der Münchner Hof-Apotheke, versehen mit 1 % Hanfextrakttinktur. [58] Dieses ist sachlich falsch. Migränin war ein 1894 von den Hoechster Farbwerken eingeführtes Schmerzmittel, das vornehmlich gegen Migräne und Kopfschmerzen genommen verordnet wurde. Es bestand vor allem aus Antipyrin, aus Koffein und etwa Zitronensäure. [59] Das neue, mit beträchtlichem Werbeaufwand lancierte Präparat diente dem Aushebeln des 1891 erfolgten Verbotes des lukrativen Handverkaufs des Antipyrins (heute Phenazon) durch die Verordnung über stark wirkende Arzneimittel. Derartige Verbraucherschutzmaßnahmen ließen sich durch Produktinnovationen umgehen. [60] Eine 1897 erfolgte weitere Fortentwicklung mit dem Markennamen Pyramidon wurde schließlich 1978 aufgrund kanzerogener Wirkungen verboten. Migränin enthielt keinen Hanfextrakt. Gegen Schmerzen wirkten dagegen Antigichtmittel, so etwa der wohl 1890 eingeführte Goldstein’s Gicht- und Rheumatismusbalsam. Dies war eine Mischung von Ammoniak, Alkohol, Chloroform, Kampfer, Terpentin, fetten Ölen und wahrscheinlich auch etwas Cannabisextrakt. [61] Trotz ihrer Suchtgefahr dominierten bei den Schmerzmitteln vornehmlich Opiate und Opioide, so etwa Morphium oder das 1875 synthetisierte, 1896 von Bayer dann vermarktete Heroin. Cannabispräparate dürften als leichter wirkende Substitute ärztlich gegen Schmerzen eingesetzt worden sein, doch zu Pharmazeutika sind sie nicht verdichtet worden.

Kaum anders war dies bei den frühen Psychopharmaka, ein relativ spät entwickeltes Marktsegment. Merck empfahl Cannabinon beispielsweise bei Hysterie und Psychosen. [62] Cannabispräparte wurden ebenso in Mitteln gegen den „Weißen Tod“, die Tuberkulose eingesetzt. Sheras war ein Kombinationspräparat von Hanf, Weiderinde, Blutwurz und einigen anderen Kräutern, mit Rum und Zucker schmackhaft abgerundet. [63] Auch Mercks Extractum fluidum Cannabis indicae aquos wurde gegen die Schwindsucht empfohlen. Es wurde aus Cannabis sativa gewonnen, besaß also keine psychoaktive Wirkung. Es diente ebenfalls bei Verdauungsstörungen, wirkte als Beruhigungsmittel. Der seit Mitte der 1890er Jahre angebotene Extrakt wurde daher auch bei Kinderkrankheiten verordnet. [64] Gegen hartnäckige Verdauungsstörungen bei Erwachsenen galt das auch für das vom französischen Mediziner Germaine Sée (1818-1896) entwickelte Haschschin, das zudem Angstgefühle bei gastritischen Neurosen bekämpfen sollte. [65] Es gab weitere Anwendungsgebiete der Cannabispräparate. Doch wie schon einige der zuvor erwähnten Medikamente unterstreichen sie eher eine Zerfaserung der Anwendung. Sie verweisen nicht auf das potenziell breite Wirkungsspektrum des Cannabis, sondern waren eher die Fortführung der Suchbewegungen der Mitte des 19. Jahrhunderts. So wurden etwa Hustenbonbons mit Hanfextrakt angereichert und dann – nur auf ärztliche Anweisung – in Apotheken verkauft. [66] Ähnliches galt für ein hanfextrakthaltiges Mittel gegen starke Schuppen resp. Haarausfall. [67] Leberkolik? Auch dagegen gab es Arznei mit Hanf. [68] Wichtig auch dessen Präsenz im Geschlechterleben: Da gab es Mittel gegen Menstruationsbeschwerden, fünf Tage vor Eintritt jeden Abend ein Stück einführen. [69] Blenorol, ein Salo-Kawa-Cannabis Santal, war ein Antigonorrhoicum, also ein Mittel gegen die meist Tripper genannte weit verbreitete Geschlechtskrankheit. [70] Chromiac Tablets, ein Präparat der in Newark, New Jersey, ansässigen, 1888 gegründeten Maltbie Chemical Company, kombinierte dagegen Chrom und Zink, Brechnuss und Hanf zur Hebung der Manneskraft. [71] Auch dem Indischen Zahnextrakt mengte man etwas Hanfextrakt bei. [72] Der kleine Reigen mag enden mit einem letzten Klassiker, nämlich dem von dem britischen Kolonialarzt John Collis Browne (1819-1884) 1848 entwickelten und seit den späten 1850er Jahren international vermarkteten Chlorodyne. Anfangs eingesetzt gegen Cholera, wurde das aus einer Mischung von Alkohol, Morphium, Chloroform, Blausäure und Hanf bestehende Medikament gegen allerhand Schmerzen und Sinnestrübungen eingesetzt, vor allem aber getrunken. [73] Aufgrund der hohen Suchtgefahr und der möglichen Toxizität wurde die Zusammensetzung zunehmend verändert und die Arznei später auch ohne Hanfextrakt und mit einem deutlich reduzierten Morphiumgehalt vertrieben.

Hält man kurz inne, so findet man gegen Ende des langen 19. Jahrhunderts eine breite Palette von pharmazeutischen Cannabispräparaten. Schlaf- und Hühneraugenmittel waren die wichtigsten Anwendungsgebiete, auch wenn die Hanfmedikamentation häufig nur ergänzenden, abpuffernden und abrundenden Charakter hatte. Sie gerieten nach der Jahrhundertwende einerseits unter starken Wettbewerbsdruck durch neue Medikamente. Anderseits ermöglichte ihr Nischencharakter eine relativ leichte Substitution. Summa summarum unterstreichen die vielfältigen Angebote vor allem die Kernprobleme der damaligen Cannabispräparate, nämlich ihre vielfach variable Zusammensetzung, vor allem aber ihre ungeklärte chemische Struktur und bestenfalls erfahrungsmedizinisch abgesicherte Wirkmechanismen. Das galt grundsätzlich auch für ein weiteres wichtiges Marktsegment, das der Asthmazigaretten.

Asthmazigaretten – Geheimmittel mit Cannabiszusätzen

Asthma, eine chronische Entzündung der Atemwege, war im langen 19. Jahrhundert eine weit verbreitete Alltagskrankheit, die zu steten Hustenattacken und Atemnot führte. [74] Seit dem 18. Jahrhundert wurden die tradierten humoralpathologischen Verfahren durch abmildernde Therapien verdrängt, in deren Mittelpunkt die Wirkkraft von Bilsenkraut, Tollkirsche (Belladonna) und Stechapfel (Stramonium) stand. Diese Kräuter wurden einerseits geraucht, zuerst als Pfeife, dann mittels Zigarren, seit den 1860er Jahren auch in Zigarettenform. Anderseits entstanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Inhalationsapparate. Die Heilmittel wurden in ihnen verraucht, der Patient atmete den Inhalt mittels eines Schlauches ein. Beide Maßregeln halfen bei akuten Asthmaanfällen, linderten Schmerzen, konnten aber die chronische Entzündung nicht bekämpfen. [75] Die Präparate wirkten, doch sie wirkten nur begrenzt – ein Zustand, der Marktchancen für immer wieder neue, immer wieder gleichartige Angebote bot, zumal die Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts zahlreiche Atemwegserkrankungen förderte, ja hervorrief. Entsprechend gab es für die Bekämpfung von Asthma eine schier unüberschaubare Zahl von innerlich und äußerlich verordneten Mitteln. Um 1900 bedeutete dies einerseits Tees, Essenzen und Tinkturen, anderseits Asthmapapiere, -pappen, -kerzen, -pulver, -kräuter und „die verschiedenartigsten Asthmazigaretten und viele andere. Die Auswahl ist groß – der Erfolg gering.“ [76]

Der bekannteste Anbieter von Asthmazigaretten im späten 19. Jahrhundert war Grimault & Co., „einer der fruchtbarsten Specialitäten-Fabrikanten in Paris“ [77]. Das Unternehmen bot seit den 1850er Jahren eine breite Palette pharmazeutischer Artikel an, meist Stärkungsmittel aus Pflanzenextrakten und Mineralstoffen. Als Sirup oder in Pillenform wurden sie dann international vermarktet, dienten als Allzweckmittel gegen eine Vielzahl von Alltagskrankheiten. [78] Obwohl die Firma seit den frühen 1870er Jahren mehrfach den Besitzer wechselte, blieb der Name bestehen. Grimault & Co. war eine eingeführte Namensmarke und galt als Synonym für „französische Specialitäten.“ Neben die anfangs zentralen Matikopräparate traten seit 1867 die „Indischen Cigaretten“, die zum bekanntesten Produkt des Unternehmens werden sollten. Sie kamen erst im Heimatmarkt und dann in Österreich als „Hachisch-Cigaretten“ [79] auf, wurden in führenden deutschen Tageszeitungen zumindest bis vor Beginn des Ersten Weltkrieges verkauft und überstanden auch die erste Welle der Verbote Indischen Hanfes in den 1920er und 1930er Jahren. Dank etablierter Vertriebsnetze verkaufte Grimault seine Medizinalzigaretten auch in Übersee: Bereits 1867 waren sie in Australien und im frankophonen New Orleans erhältlich, ab spätestens 1869 finden sich Anzeigen in Kanada, dann auch in Großbritannien. [80]

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Anzeige von Grimaults Indian Cigarettes in Großbritannien 1872 (Lancaster Gazette 1872, Nr. 4454 v. 7. September, 7)

Die zumeist gleichlautende Werbung versprach viel: „Es genügt, den Rauch der Cigaretten aus Cannabis indica einzuathmen, um die heftigsten Anfälle von Asthma, nervösem Husten, Heiserkeit, Stimmlosigkeit, Gesichtsschmerz und Schlaflosigkeit verschwinden zu machen und gegen die Kehlkopfschwindsucht zu wirken.“ [81] Eilfertige medizinische Gutachten bestätigten positive Ergebnisse bei Bronchitis, Keuchhusten und Asthma, bei Herzklopfen, Migräne und einigem mehr. [82] Grimault richtete sich nicht nur an Ärzte und Apotheker, sondern meist direkt an die Konsumenten. Asthmaleidende sollten demnach morgens und abends die Zigaretten rauchen, „denn durch den Gebrauch dieser Cigaretten hören die Schwierigkeit des Athmens, die Erstickungsanfälle und das pfeifende Athmen baldigst auf. Ein starker Auswurf wird dadurch ohne Anstrengung hervorgerufen, der trockene Husten vermindert sich, die Beklemmung verschwindet und ein wohltuender Schlaf beendet die für den Kranken und seine Umgebung so peinlichen Symptome.“ [83] Grimault verkaufte nicht einfach Zigaretten, sondern ein ansprechend gestaltetes Produkt. Die gelb gehaltenen und mit goldener Schrift versehenen Verpackungsetuis enthielten zumeist fünfzehn Zigaretten mit aufgedrucktem Firmensignet und Mundstück. Auf der mit einer Schnalle versehenen Verpackung prangte in einer Vignette der Firmen- und Produktname: „Cigarettes indiennes au Canabis indica. Contre l’asthme, les bronchitis et les Maladies du Poumon.“ [84]

Für Kritiker und Konkurrenten war all dies typisch französisch. Französische Spezialitäten seien „in der Regel von einem sehr geringen innern Werthe […] und zu übertriebenen Preisen verkauft [… worden]. Wenn sie dennoch in der ganzen Welt die größte Rolle spielen, so liegt es darin, dass sie gewöhnlich in äusserst eleganter und geschmackvoller Form adjustirt und in einer Weise zusammengesetzt sind, welche dem Consumenten durch irgend einen Zusatz einer wohlschmeckenden oder wohlriechenden Ingredienz angenehm werden, endlich darin, dass die Reclame für diesselben in einer wohlorganisirten, meist verschwenderischen Weise betrieben wird.“ [85] Grimaults Indische Cigaretten waren ein typisches Geheimmittel. Diese waren vor allem Folge der umfassenden Liberalisierungswelle, die in fast der gesamten westlichen Welt die strikte Privilegienwirtschaft der gebundenen Wirtschaftsordnungen Mitte des 19. Jahrhunderts durchbrach und auch im Arzneimittelmarkt ansatzweise Gewerbefreiheit etablierte. [86] Dadurch gerieten die zuvor vielfach zünftig geschützten Pharmazeuten und Ärzte unter Wettbewerbsdruck, doch ihre Kritik an ungerechtfertigten Anpreisungen und überteuerten Waren traf in vielen Fällen zu.

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Werbeanzeigen für Grimaults Indische Cigaretten in Österreich 1873 (Die Neue Zeit 1873, Nr. 91 v. 20. April, 6)

Grimault lobte in seiner Werbung das eigene Produkt: „Wonderful results have been obtained from the use of these cigarettes […].“ [87] Wissenschaftliche Autoritäten waren ein wichtiger Werbeträger: „Dieses neue Heilmittel wird von den meisten Aerzten Frankreichs und des Auslandes gegen Affectionen der Athmungswege empfohlen.“ Deren Aura von Expertise koppelte man mit breiten Wirkungsbehauptungen: „Es genügt, den Rauch der Cigaretten aus Cannabis Indica einzuathmen, um die heftigsten Anfälle von Asthma, nervösem Husten, Heiserkeit, Stimmlosigkeit, Gesichtsschmerz und Schlaflosigkeit verschwinden zu machen und gegen die Kehlkopfschwindsucht zu wirken.“ [88] Typisch für derartige Referenzen war ihre Vagheit: „Recent experiments in France, England, and Germany have proved that these cigarettes are a souvereign remedy for the above distressing affections especially when Bella dona, stramonium, and opium have failed to give relief.“ [89] Zugleich aber nutzte sie offenkundig unstimmige Kollektivsingulare, so, wenn in Österreich behauptet wurde, die Asthmazigaretten seien „von den Pariser Aerzten gegen Athembeschwerden, Krampfhusten, Heiserkeit, Beklemmungen, Stimmlosigkeit und Gesichtsnervenschmerzen als unfehlbar erklärt,“ und „bis jetzt von keinem andern Heilmittel erreicht worden.“ [90]

Schließlich bedienten sich Geheimmittelanbieter wie Grimault der Breite der keineswegs einheitlichen „Wissenschaft“. Lohnschreiber besaßen häufig akademische Titel, die dann als Beleg für vermeintlich objektive Bewertungen vermarktet wurden. Sie waren einerseits mäßig im Ton, wurden jedoch an prominenter Stelle veröffentlicht. Beispiele sind frühe österreichische Gutachten, in denen es etwa hieß: „überhaupt können Grimaults Cigaretten immer Anwendung finden, wo es sich um sofortige Beruhigung der Nerven und einer Anregung der Capillaren zum erhöhten Stoffwechsel handelt, wenn Schmerz und Krampf vorherrschen.“ [91] Anderseits finden sich derartig werbende Worte auch in der „Fachliteratur“ dieser Zeit, in denen Grimaults Indische Zigaretten teils als letzter Rettungsanker für die gepeinigten und um Atem ringenden Asthmatiker erschienen: „Grimault’s cigarettes, which contain Indian hemp, […] will, in many cases of troublesome asthma, relieve when others have failed.“ [92] Insgesamt tönte die Produktwerbung weltweit ähnlich, doch je nach Markt gab es Nuancen und Abstufungen. Auffallend ist vornehmlich die wesentlich zurückhaltendere Werbung in Frankreich. Die Anzeigen waren dort durchweg kleiner als in Auslandsmärkten und stärker sachlich gehalten.

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Zurückhaltende Werbung für Grimaults „Cigarettes Indiennes“ in Frankreich (La Lanterne 1900, Ausg. v. 23. Januar, 4)

Wirkungsversprechen wurden im Grimaultschen Heimatmarkt kaum gegeben, auch wenn die vermeintlich exzellenten Resultate des Zigarettenkonsums hervorgehoben wurden. [93] Doch auch dort war der Cannabisgehalt rasch der wichtigste Werbehinweis. Für die Firma war das wichtig, da man in England und Deutschland seinerzeit Zigaretten mit Belladonna, Stramonium und anderen Inhaltsstoffe eher ablehnte. [94] Grimault nutzte die Aura und Exotik des Indischen Hanfes; doch über den genauen Inhalt der Zigaretten schwieg sich der Geheimmittelanbieter aus. Aufmerksame Marktbeobachter hätten dagegen wissen können, dass es sich nicht um Zigaretten aus Indischem Hanf handelte. 1870 hatte Grimault in vereinzelten Anzeigen sie noch korrekt als „mit dem Harze von Bengalischem Hanf und Nitrium imprägnierten Belladonnablättern“ [95] hergestellte Produkte beworben. In Frankreich warb man Anfang der 1870er Jahre auch für Waren „avec Cannabis Indien“. Doch diese kurze Phase der Ehrlichkeit endete rasch, pries man sie dananch meist als Zigaretten „au“ Hanfextrakt. [96]

Untersuchungen in Österreich ergaben 1880 jedenfalls ein deutlich anderes Stoffprofil. [97] Demnach bestand das zu rauchende Kraut fast gänzlich aus Belladonna, also Tollkirschenblättern – und kaum Cannabis. Französische Forscher ermittelten für Grimault günstigere Verhältnisse, nach denen die Zigaretten eine Mischung aus Belladonna, Bilsenkraut und Strammonium mit einem Sechstel Hanf bildeten. [98] Außerdem fanden sie Spuren von Opium, was allerdings weder in Österreich, noch im Deutschen Reich bestätigt werden konnte. Dort hieß es seither: „Die Cigarettes indiennes de Grimault sollen angeblich nur aus Herba Cannabis indicae angefertigt sein, tatsächlich enthalten sie davon aber sehr wenig, dagegen Belladonna, Nicotiana etc.“ [99]

Die Ein- und Durchfuhr der Zigaretten nach Österreich wurde daraufhin 1882 in Österreich verboten. [100] Nach Russland, wo im Rahmen einer recht strikten Anti-Geheimmittelpolitik der Import Indischer Cigaretten, aber auch anderer Grimaultsche Präparate, seit 1878 untersagt worden war, brach ein weiterer wichtiger Absatzmarkt weg. [101] Weitere Untersuchungen in Deutschland bestätigten, dass die Zigaretten „grösstentheils aus Blättern von Atropa Belladonna“ [102] bestanden, die Werbung also irreführend war. 1885 wurden die Präparate in Hamburg verboten. Dies war möglich, denn bis 1888 war die Hansestadt zollpolitisch eigenständig. Auch in Baden gab es einschlägige Untersuchungen. In Karlsruhe wurden Indische Zigaretten gekauft und untersucht. Die Nachforschungen ergaben, „daß dieselben fast ausschließlich aus den werthlosen, zu Folge der Eintrocknung unwirksamen Blättern der Tollkirsche (atropa Belladonna) und nur zum kleinsten Theile aus indischem Hanf bestehen.“ Die Quintessenz war klar: „In der Anpreisung der Cigaretten liegt daher eine Täuschung und Uebervortheilung des Publikums, auf welche wir umsomehr aufmerksam machen müssen, als der Gebrauch des Mittels in vielen Fällen von Störungen der Athmungsorgane schweren Schaden bringen kann.“ [103] Ein Verbot wurde nicht ausgesprochen, lediglich eine Warnung. Zuvor hatte die Firma Grimault noch auf die strukturellen Probleme verwiesen, wirksamen Hanfextrakt zu erhalten und vergewissert, dass sie „bei ihren in allen Weltgegenden unterhaltenden geschäftlichen Beziehungen diese Schwierigkeit überwunden habe.“ Sie gab Indischen Hanf als Material der Zigaretten an, konzidierte einzig, dass man zwecks besseren Brennens etwas salpetersaures Kali beigefügt habe. [104]

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Werbung für Grimaults Indische Zigaretten in München 1902 (Allgemeine Zeitung 1902, Nr. 46 v. 16. Februar, 10)

Die Firma Grimault & Co. bewarb auch danach ihre Produkte als Indische Cigaretten aus dem Extrakt Indischen Hanfs. Dieser kostete in Mitteleuropa fast doppelt so viel wie Belladonnaextrakt. [105] Der Differenzgewinn dürfte nicht unerheblich gewesen sein. Auch in Frankreich wurden die österreichischen Untersuchungen öffentlich thematisiert. Doch hier, wie auch in den meisten anderen Lieferstaaten, wurde das Geheimmittel nicht verboten. [106] In der Werbung hieß es weiterhin, dass die Zigaretten eine sichere Wirkung besäßen. [107] Im Deutschen Reich gab es trotz umfassender Bemühungen des Staates kein Verbot. Pharmazeuten betonten in ihren Publikationen die offenkundige Irreführung des Publikums, während Apotheker vor Ort das Präparat auf Rezept verkauften. Ärzte verordneten das Präparat, da es grundsätzlich wirkte: „Wenige Athemzüge lassen sehr oft erhebliches Asthma verschwinden, indess sind die Gefahren des Haschischrauchens bekanntlich so gross, dass man die Cannabis in Cigarettenform nur ausnahmsweise gestatten kann. Der willkürliche Verkauf dieser Cigaretten ist streng zu untersagen.“ [108] Grimaults Indische Cigaretten blieben verfügbar. Nicht als vermeintlicher Joint auf Rezept, sondern als überteuertes Geheimmittel mit gewisser Wirkung.

Grimaults Indische Cigaretten waren nur eines von vielen aus Frankreich stammenden Angeboten im internationalen Markt der Asthmazigaretten. Sie beruhten meist auf anderen Kräutermischungen, so etwa die sehr erfolgreichen Cigarettes Espic. [109] Diese enthielten Spuren von Opium, vor allem aber Stramonium, Bilsenkraut und Wasserfenchel. [110] Diese Kräuter wurden, wie auch bei Grimaults Indischen Zigaretten, sehr fein geschnitten und dann durch Umwickeln mit Zigarettenpapier in Form gebracht. Für diffizilere Präparate, zumal bei arsenhaltigen Zigaretten, stellte man dagegen aus den Inhaltsstoffen einen Aufguss her, dem man dann zum besseren Brennen Salpeter zufügte. Mit der Flüssigkeit tränkte man anschließend Papier und formte diese zur Rauchware. [111] Die französischen Asthmazigaretten prägten den Nischenmarkt in Europa. Neben Grimault standen Namensmarken wie Clery, Espic, Exibard, Trousseua, Guilt, Zematone und Boudin, die jedoch ohne Hanfzusätze produziert worden waren. Während des Ersten Weltkrieges brachen diese Importe weg und wurden bei den Mittelmächten durch eigene Angebote bzw. solcher aus neutralen Staaten ersetzt. Produzenten waren unter anderem Neumeier, Riemann, Klein, Schiffmann, Kraepelien & Holm, Fischer und Reichenhaller. [112]

All dies verweist auf eine beträchtliche Konkurrenz im deutschen Pharmaziemarkt. Dabei half der stetige Ausgriff auf „exotische“ Pflanzen, die als Heilmittel in die Verwertungsketten des Gesundheitsmarktes integriert wurden. E. Merck bot beispielsweise Blätter und Wurzel des argentinischen Brachycladus Stuckerti an. Mit Cumarin aromatisiert und etwas Salpeter hatten sie zwar eine geringere Wirkung als etwa Cannabiszigaretten, doch konnten sie ohne das ansonsten übliche Kratzen im Hals geraucht werden. [113] Doch deutsche Hersteller boten nicht nur Marktalternativen, sondern auch Asthmazigaretten mit Cannabis Indica an. Die Präparate der Chemischen Fabrik Falkenberg in Grünau, die von der französischen Konkurrenz lernten, bestanden aus einer Mischung aus Tollkirsche, Hanf und Schlafmohn. [114] Daneben wurde Inhalationspräparate angeboten. [115]

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Anzeige für Bronchiol-Zigaretten gegen Asthma 1901 (Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 39 v. 24. Januar, 13)

Andere Markenartikel folgten, etwa die 1900/01 in führenden deutschen Tageszeitungen beworbenen Bronchiol-Cigaretten der eigens zu deren Produktion gegründeten Berliner Bronchiol-Gesellschaft. [116] Hierbei handelte es sich um ein kurzfristig angepriesenes Geheimmittel, in diesem Fall aus Hanf und Kräutern der südamerikanischen Flora. [117] Von einem Dr. Abbot hergestellt und einem Dr. Krüger belobigt, wurden sie zeitgleich auch in Österreich angeboten. [118]

Die Bronchiol-Gesellschaft war ein Spezialanbieter von kurzem Bestand. Andere Anbieter von cannabishaltigen Asthmazigaretten blickten dagegen auf eine lange Tradition zurück. Bei der Familie von Trnkócy handelte es sich um eine wohletablierte Apothekerdynastie mit fünf leistungsstarken Apotheken in Wien, Graz und Laibach. [119] Ähnlich wie Grimault & Co. boten sie schon Mitte des 19. Jahrhunderts medizinische Zubereitungen überregional an und gewannen insbesondere mit ihren Medizinallikören einen großen Kundenstamm. Schon vor dem Verbot der Indischen Cigaretten offerierten sie einheimische Alternativen zu Importware aus Frankreich. Der Laibacher Apotheker Julius v. Trnkóczy verwies in seinen Anzeigen nicht nur auf die offizielle Bewilligung der Krainer Landesregierung, sondern präsentierte darin offensiv eine Hanfpflanze.

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Werbung für Dr. von Trnkóczys Cannabis-Zigaretten 1898 (Fremden-Zeitung 12, 1898, Nr. 10 v. 17. Dezember, 12)

Selbstbewusst – und gewiss auch in Abgrenzung zu Grimaults Zigaretten – verwies er 1881 auf das „direct echt bezogene[…] indische[…] Hanfkraut“. [120] Derartige Angebote bedeuteten aber keinen Handverkauf in der gesamten K. & K.-Monarchie. 1883, bei der ersten pharmazeutischen Ausstellung in Wien, verwies der Berichterstatter mit Schmäh auf „die hier unseres Wissens verbotenen Cannabis-Zigaretten.“ [121] Sicher ist, dass Cannabis-Zigar(ett)en in Cisleithanien, aber auch in Ungarn und Kroatien nur auf individuellen, von einem Arzt begründeten Antrag des Konsumenten hin bezogen werden konnten. [122] Gleichwohl finden sich Trnkóczys Asthmazigaretten in gängigen Großhandelsangeboten, wurden also auch auf Vorrat bezogen. [123]

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg annoncierte die Laibacher Apotheke zudem „Tubuli fumales“ mit Hanfextrakt – wobei es nicht sicher ist, ob es sich bei der seinerzeit auch von anderen Apotheker gewählten medizinischen Bezeichnung um eine Umgehung bestehender Werbeeinschränkungen für Geheimmittel oder aber um ein neues Cannabispräparat gehandelt hat.

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Marktpräsenz unter anderem Namen – Werbung für Trnkóczys Tubuli fumales 1910 (Illustrierte Kronen-Zeitung 1910, Nr. 3600 v. 8. Januar, 13)

Derartige Angebote von Spezialanbietern verweisen abermals auf die hohe Bedeutung der Apotheker und ihrer lokalen Zubereitungen auf Rezept. Schon früh kombinierten Apotheker für „Indische Zigaretten“ Tollkirsche, Stechapfel, Hanf und teils auch Opium. [124] Diese wurden aber auch auf Vorrat produziert und dann unter rasch wechselnden Namen als Geheimmittel verkauft. [125] Viele Apotheker wussten um die Resultate von Reihenuntersuchungen etwa an norwegischen Kindern, nach denen Kombinationspräparate meist bessere Effekte erzielten als reine Hanf- oder Tollkirschezubereitungen. [126] Entsprechend gab es ein in seinem Umfang nicht abzuschätzendes lokales Pröbeln. Tollkirsche und Hanf waren meist gesetzt, seit den 1890er Jahren gewannen auch Stechapfelzuwendungen an Bedeutung. [127] Die schon erwähnten Neumeierschen Präparate kombinierten Stechapfel, Männertreu, Brachycladus stuckerti, Grindelien und Hanfextrakt. [128]

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Apothekerwaren gegen Asthma 1895 (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 35, 1895, 712)

Pharmazeutische Anbieter und auch Versandapotheken vertrieben Rohwaren und auch fertige Asthmamittel an Apotheken. Cannabis stand dabei – auch aufgrund des Preises – nicht im Vordergrund, doch er war ein allgemein akzeptierter Wirkstoff. Gleichwohl unterstrich die seit den 1890er Jahren rasch zunehmende Zahl von Angeboten indirekt auch den Mangel an effizient wirkenden Asthmamitteln. Asthmazigaretten mit und ohne Hanf blieben bis in 1920er Jahre Standardangebote, medizinische Ratschläge in Tageszeitungen unterstrichen dies eindringlich: „Nehmen Sie beim asthmatischen Anfall einige Schluck Sodawasser; man bekommt in der Apotheke auch Asthmazigaretten aus Haschisch und Stramonium, welche sehr gut tun und von denen Sie täglich 1-2 rauchen können.“ [129] Sie wurden schließlich seit den 1920er Jahren zunehmend durch synthetische Arzneimittel auf Ephedrin- oder Theophyllinbasis verdrängt.

Damit könnte man diesen Abschnitt über cannabishaltige Rauchwaren eigentlich beenden. Notwendig erscheinen mir jedoch noch einige Hinweise auf „normale“ Tabakwaren, wurden (und werden) in der Hanfaktivistenliteratur doch auch gängige Zigarettenmarken erwähnt, die Beimischungen von Indischem Hanf enthalten hätten und im Handverkauf vertrieben worden seien. Genannt wurde etwa die „No. 2“ von Simon Arzt mit einem Anteil von 7 % ägyptischem Hanf. [130] Im Mittelpunkt derartiger Behauptungen steht jedoch die österreichische Tabakregie mit der 1869 eingeführten „Khedive“ (mit 5 % Hanfanteil), der seit 1873 produzierten „Nil“ (8 % ungarischer Hanf) und schließlich der „Egyptische II. Sorte“ von 1878, mit der man der „No. 2“ gezielt Konkurrenz machen wollte. Belege hierfür fehlen, ja, die Angaben sind tendenziell irreführend.

„Nil“ wurde seitens der Österreichischen Tabakregie produziert, doch erst seit dem 1. Dezember 1901. [131] Die neue Zigarette kostete sechs Heller pro Stück, konnte aber auch vorverpackt in einer Papierschachtel (20 Stück, 1 Krone und 20 Haller) oder einer Blechkassette (100 Stück für 6 Kronen) erworben werden. Nil wies einen mittleren Nikotingehalt von 0,02 Gramm pro Stück auf, doch die einschlägigen Untersuchungen berichteten nichts über Cannabiszusätze. [132] Diese aber hätten beantragt und genehmigt werden müssen – und Nachweise hierfür konnte ich nicht finden. Gleichwohl geistern entsprechende Angaben nach wie vor auch in vermeintlich wissenschaftlicher Literatur umher. [133] Bei den anderen Markenartikeln fehlen mir die Quellen für eine Falsifikation. Simon Arzt (1814-1910) produzierte in Port Said eine große Zahl von Angeboten, doch die genaue Zusammensetzung der frühen Sorten dürfte kaum zu ermitteln sein. „Egyptische II. Sorte“ wurde seitens der Österreichischen Tabakregie 1926 wieder eingeführt. [134] Sie bestand damals aus mazedonischen Rohtabaken. In den Preisverzeichnissen des Jahres 1911 ist sie nicht enthalten [135], wohl aber in Auflistungen des Jahre 1897. [136] Auch „Khedive“ wurde 1911 angeboten, doch frühere Angaben, gar mit Hinweisen auf die Zusammensetzung, konnte ich nicht finden; die österreichische Tabakregie, also das staatliche Monopol beim Tabakverkauf, diente ja auch der Reduktion von Werbekosten. [137] Da die österreichische Regierung cannabishaltige Zigaretten hätte genehmigen müssen, entsprechende Hinweise in der pharmazeutischen Literatur und auch den Tageszeitungen fehlen, scheint es mir jedoch unbegründet zu sein, unbelegten Angaben zu folgen, deren wesentlicher Zweck die Suggestion einer scheinbaren Ubiquität von Indischem Hanf im Europa des 19. Jahrhunderts war und ist.

Tabakwaren fielen unter das deutsche Nahrungsmittelgesetz von 1879, dem Vorbild für viele europäische Regelungen. Im Deutschen Reich und anderswo fehlten zu diesem Zeitpunkt explizite Nähr- und Kräftigungsmitteln aus Hanf. Hanfsamensuppen für Schwangere wurden gereicht, waren jedoch Teil diätetischer Praxis. Hanfextrakte wurden zur Geschmacksverbesserung vielfach mit Sirup oder aber Milchzucker gemischt, doch handelte es sich dann nicht um Nahrungsmittel, da der medizinische Zweck der Verabreichung im Mittelpunkt stand. [138] Auch der zu dieser Zeit rasch wegbrechende Hanfanbau lieferte abseits des Nordostens Europas (und bedingt Italiens) keine Nahrungsmittel mehr. Dies hing mit den Preisen und der schwankenden Qualität der Rohware zusammen. Gleichwohl gab es entsprechende Präparate. Am bekanntesten dürfte das aus Schweden stammende Hanfsamenpräparat Maltos Cannabis, über das Sie in einem gesonderten Artikel mehr erfahren können. Es bildete keine Ausnahme von der zuvor entwickelten Geschichte der Cannabispräparate, so dass ein vorläufiges Fazit gezogen werden kann.

Vom Verschwinden der Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert bis zur Euphorie der Gegenwart

Die Geschichte der Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert ist eine Geschichte eines erst relativen und dann – im frühen 20. Jahrhundert – absoluten Bedeutungsverlustes. Nachdem die erste Phase der Erkundung des Indischen Hanfes zwischen 1840 und 1860 zwar vielfältige Anwendungsfelder ergeben, doch nur eine begrenzte Zahl von Extrakten und Präparaten hervorgebracht hatte, nahm deren Zahl am Ende des Jahrhunderts deutlich zu und erreichte in den 1880er und 1890er Jahre ihren Höhepunkt. Doch schon in den 1890er Jahre kehrte sich diese Entwicklung um: Cannabispräparate wurden zunehmend ersetzt, weil sie strukturelle Defizite bei Wirkung und Dosierung hatten und die pharmazeutische Industrie leistungsfähigere und marktgängigere Alternativen offerierte. Sie verschwanden, waren kein „Opfer“ staatlicher Repressionen. Das Verbot des Indischen Hanfes 1929 war gewiss ein Einschnitt, doch auch danach konnten Cannabispräparate auf ärztliche Verschreibung genutzt werden. Sie blieben allerdings seltene Nischenprodukte, konnten nur in sehr wenigen Fällen im Sinne von Patienten sinnvoll eingesetzt werden. Cannabispräparate wurden um die Jahrhundertwende noch vielfältig verwandt, doch in den meisten Fällen übertrafen die werblichen Versprechungen den gesundheitlichen Nutzen.

Heutzutage ist die Situation anders und vertraut zugleich. Anders, weil die staatliche Regulierung de jure strikt ist, auch wenn das geltende Recht von der Exekutive vielfach nicht mehr recht umgesetzt wird. Anders aber vor allem, weil die wesentlich präziseren chemischen und pharmakologischen Kenntnisse über Hanf und Cannabispräparate gesundheitlich sinnvolle Anwendungen denkbar machen und teils auch nahelegen. Ein Blick in den heutigen Markt nicht psychoaktiver Cannabispräparate erinnert aber zugleich an das breite Feld cannabishaltiger Geheimmittel und ihrer Anpreisung im späten 19. Jahrhundert. Die Vielzahl unwissenschaftlicher, irreführender und suggestiver Beiträge zahlreicher Hanfaktivisten bezeugt vor allem die anhaltende Goldgräberstimmung im Markt, kaum jedoch seriöse Arbeit im Gesundheitsmarkt. Vielleicht kann die in diesem Artikel ausgebreitete Palette von fast durchweg über Gebühr angepriesenen Cannabispräparaten dafür sensibilisieren, dass Marktkräfte eine eigene, von den Wirksubstanzen recht unabhängige ökonomische Dynamik freisetzen. In einer Konsumgesellschaft suggerieren Begriffe wie „Gesundheit“ und „Wohlbefinden“ Hilfsversprechen, doch stehen sie primär für ein lohnendes Geschäft.

Uwe Spiekermann, 29. Oktober 2019

 

Quellen- und Literaturnachweise

[1] R[udolf] Palm, Die wichtigsten und gebräuchlichsten menschlichen Nahrungs-, Genussmittel und Getränke […], St. Petersburg 1882, 121.
[2] Bayerisches Volksblatt 4, 1852, 900.
[3] Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 39, 58-63.
[4] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für die praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 110.
[5] O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung sämmtlicher in der Pharmacopoea Borussica aufgeführten offizinellen Gewächse, H. 17-24, Leipzig 1861, Tafel XIXb.
[6] Pharmacopoea Germanica, Berlin 1872, 111, 160, 175, 342.
[7] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1876, 703.
[8] Verzeichniß derjenigen Arzneistoffe und Präparate, welche in jeder selbstständigen Apotheke vorhanden sein müssen, Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberbayern 1872, Nr. 95 v. 5. November, Sp. 2106-2122, hier Sp. 2114.
[9] Die Angebote des Marktführers finden sich in Merck’s Index, 3. Aufl., Darmstadt 1910, 105, 118-119, 254.
[10] Arnold Baumann, Der Gift- und Farbwaaren-Handel, Berlin 1901, 58.
[11] Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 299, 481, 684.
[12] Vgl. etwa Zur Wirkung von Extractum Cannabis, Pharmaceutische Post 19, 1886, 372. Zu den möglichen Nebenwirkungen s. Otto Seifert, Die Nebenwirkungen der modernen Arzneimittel, Leipzig 1915, 49-50.
[13] August von Vogl, Die internationale Conferenz zur Vereinheitlichung der Formen der sogenannten heroischen Arzneimittel, Pharmaceutische Post 35, 1902, 761.
[14] Bernhard Fischer, Die Neueren Arzneimittel, 5. stark verm. Aufl., Berlin 1893, 291.
[15] Gesundheits-Lehre. Siebenter Brief, Gemeinde-Zeitung 1874, Nr. 98 v. 22. Dezember, Beilage, 2 (auch für das vorherige Zitat).
[16] Entsprechend wurde Cannabium tannicum gleich nach Erscheinen dermatologisch getestet, vgl. Zentralblatt für innere Medizin 4, 1883, 653.
[17] Fischer, 1893, 291.
[18] Pharmaceutische Post 19, 1886, 58.
[19] Congrès des médecins allemands, L’Union Medicale Ser. III 40, 1885, 135-139, hier 139; E[manuel August] Merck, Einige kurze Mittheilungen über Bismuth. peptonat., Cannabin. tannicum, Cannabinon und Pelletierin-Präparate, Pharmaceutische Post 18, 1885, 336-337.
[20] Fronmüller, 1860; [Georg] Fronmüller, Klinische Studien über die schlafmachende Wirkung der narkotischen Arzneimittel, Erlangen 1869, insb. 45-69, 90. Fronmüllers Rezept für hanfextrakthaltige Pillen wurde von Apotheken noch lange weitergenutzt, vgl. Formeln älterer und neuerer Mittel gegen Schlaflosigkeit, Wiener Medizinische Wochenschrift 39, 1889, Sp. 1458.
[21] Dies gemäß der Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln v. 27. Januar 1890 (Pharmaceutische Post 23, 1890, 150).
[22] Ernst Schmidt, Ausführliches Lehrbuch der pharmaceutischen Chemie, Bd. 2, 3. verm. Aufl., Braunschweig 1896, 1477.
[23] G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, Berlin 1903, 90; B[ernhard] Fischer und C[arl] Hartwich (Hg.), Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1919, 592.
[24] Merck’s Index, 1910, 70.
[25] Arends, 1903, 89-90; Alfred Fuchs, Einiges über Schlaflosigkeit und ihre Behandlung. (Schluß), Wiener klinische Wochenschrift 21, 1907, 734-736, hier 735.
[26] Merck, 1885, 377.
[27] R. Gerstenberger, Ad extract. cannabis Indic., Pharmaceutische Post 18, 1885, 189-190, hier 190.
[28] Drogisten-Zeitung 2, 1887, 153; Pharmaceutische Post 25, 1892, 1379.
[29] Drogisten-Zeitung 3, 1888, 466. Die genaue Zusammensetzung blieb strittig, vgl. Bromidia, Pharmaceutische Post 28, 1895, 558.
[30] Arends, 1903, 77-79; Bromidia, Pharmazeutische Post 38, 1905, 760; Fischer und Hartwich (Hg.), 1919, 592.
[31] Pharmaceutische Post 33, 1900, 20; Arends, 1903, 79.
[32] Fuchs, 1907, 735.
[33] Wiener klinische Rundschau 21, 1907, 735; Vorschriften über den Verkehr mit Geheimmitteln und ähnlichen Arzneimitteln. Beschluß des Bundesrats vom 27. Juni 1907, Vierteljahresschrift für praktische Pharmazie 4, 1907, 276-281, hier 280.
[34] Als Beispiel kann dienen Drogisten-Zeitung 8, 1894, 435.
[35] Pharmazeutische Presse 1930, 76; Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, Folge 44, s.p. Hahnemann hatte sich schon früh mit dem Hanf beschäftigt, vgl. Samuel Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, T. 1, 2. verm. Aufl., Dresden 1822, 145-165.
[36] F[riedrich] von Heyden, Die Salicylsäure. Kolbe’s Patent, Oesterreichische Gartenlaube 4, 1878, Nr. 27, V-VII, hier V.
[37] Uwe Spiekermannn, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 575.
[38] Salicyl, Die Hausfrau 8, 1884, Nr. 1/2, 4.
[39] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 44, verwies auf ein Hühneraugenkollodium des Apothekers Gezow mit einem Verhältnis von 3,0 Salicylsäure und 0,5 Cannabisextrakt.
[40] Drogisten-Zeitung 10, 1895, 221.
[41] Hermann Hager, Kommentar zum Arzneibuch für das Deutsche Reich, Bd. 1, Ausg. 3, Berlin 1891, 151.
[42] Pharmazeutische Post 23, 1890, 586, 589.
[43] Pharmaceutische Post 26, 1893, 23.
[44] Drogisten-Zeitung 10, 1895, 221.
[45] Otto Meissner, Die Kaiserliche Verordnung betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln vom 27. Januar 1890, Leipzig 1890, 148. Wie schwierig diese Regelung war, zeigte sich 1895 u.a. am Handverkaufsverbot der viel beworbenen Wasmuthschen Hühneraugenringe, vgl. Franz Nesemann, Der Verkehr mit Arzneimitteln und Giften ausserhalb der Apotheken, Berlin 1897, 57.
[46] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 36, 1896, 430.
[47] Über Extractum Cannabis Indicae, Helfenberger Annalen 16, 1903, 243-245, hier 243; zum Problem der künstlichen Färbung der Hanfextrakte s. schon Gerstenberger, 1885.
[48] Internationale klinische Rundschau 8, 1894, Beilage: Therapeutische Blätter, Sp. 91.
[49] American Druggist and Pharmaceutical Record 22, 1892/93, 133; Encyclopädische Jahrbücher der gesammten Heilkunde 4, 1894, 238.
[50] American Druggist and Pharmaceutical Record 42, 1903, 68; Josef Moeller und Hermann Thoms (Hg.), Real-Encyclopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 4, Berlin/Wien 1905, 136.
[51] Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 35, 1894, 489.
[52] Pharmaceutische Post 36, 1903, 392.
[53] Fischer und Hartwich (Hg.), 1919, 592.
[54] Ebd.
[55] Pharmazeutische Post 47, 1914, 254, 721.
[56] Arends, 1903, 55-56.
[57] Hermann Thoms (Hg.), Handbuch der praktischen und wissenschaftlichen Pharmazie, Bd. VI, Berlin 1927, 677.
[58] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 148.
[59] Ueber den therapeutischen Werth des Migränin, Wiener Medizinische Wochenschrift 44, 1894, Sp. 2026; Allgemeine Zeitung 1894, Nr. 137 v. 20. Mai, 3; Pharmaceutische Post 27, 1894, 226.
[60] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 34, 1893, 301, 345; C[arl] Bedall, Das Mysterium des Migränin, Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, 905.
[61] Pharmaceutische Post 23, 1890, 587.
[62] Merck’s Index, 1910, 70.
[63] Eduard Hahn und J[ohann] Holfert, Spezialitäten und Geheimmittel. Ihre Herkunft und Zusammensetzung, 6. verm. u. verb. Aufl., bearb. v. G[eorg] Arends, Berlin 1906, 189-190.
[64] Merck’s Index, 1910, 118-119; G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, Berlin 1903, 162.
[65] Merck’s Index, 1910, 140.
[66] Pharmaceutische Post 19, 1886, 32.
[67] Pharmaceutische Post 34, 1901, 603.
[68] Wiener klinische Wochenschrift 10, 1896, 504.
[69] Wiener Medizinische Wochenschrift 40, 1890, Sp. 21.
[70] Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 46, 1905, 911; Pharmazeutische Post 38, 1905, 787.
[71] Pharmazeutische Post 43, 1910, 338.
[72] Pharmazeutische Post 39, 1906, 159.
[73] Industrie-Blätter 3, 1866, 126; Pharmaceutische Post 35, 1902, 205.
[74] M[oritz] Saenger, Über Asthma und seine Behandlung, Berlin 1910; W[ilhelm] Brügelmann, Ueber Asthma, sein Wesen und seine Behandlung, 3. verm. Aufl., Wiesbaden 1895.
[75] Vgl. zur Technik, aber auch zu den Präparaten Friedrich Fieber, Die Inhalation medicamentöser Flüssigkeiten und ihre Verwerthung bei Krankheiten der Athmungsorgane, Wien 1865; Georg Lewin, Die Inhalations-Therapie in Krankheiten der Respirations-Organe, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1865.
[76] Jaroslaw Hrach, Das Bronchialasthma und die pneumatische Kammer, Wiener Medizinische Wochenschrift 55, 1905, Sp. 2025-2028, hier Sp. 2026.
[77] Ewald Geissler und Josef Moeller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 5, Wien/Leipzig 1888, 19.
[78] American Medical Times NS 2, 1861, Nr. 26, 4; Allgemeine Illustrirte Zeitung 1, 1865, 112, 136.
[79] Der Militärarzt 1, 1867, Sp 327; Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 13, 1868, 245; Der Militärarzt 2, 1868, Sp. 71.
[80] Hamilton Spectator 1867, Nr. 567 v. 20. Juli, 1; Sydney Morning Herald 1867, Nr. 9147 v. 14. September, 2; The Times-Picayune 1867, Nr. 256 v. 19. November, 4; New Orleans Crescent 1868, Nr. 685 v. 14. Juli, 14; Ottawa Citizen 1869, Nr. 7 v. 29. Mai, 3; The Times 1872, Nr. 27355 v. 19. April, 15; Lancaster Gazette 1872, Nr. 4454 v. 9. Juli, 7. Auch in Japan war Grimault präsent, vgl. The Japan Daily Mail 20, 1893, 368, 740.
[81] Würzburger Stadt- und Landbote 1873, Nr. 47 v. 24. Februar, s.p.; Innsbrucker Nachrichten 1878, Nr. 298 v. 28. Dezember, Extra-Beilage.
[82] Flusser, Cigaretten aus Cannabis indica von Grimault, Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 15, 1870, 74-75.
[83] Karlsruher Zeitung 1881, Nr. 33 v. 8. Februar, s.p.
[84] Uebersicht der bei den Handels- und Gewerbekammern der österreichischen Monarchie vom 1. Jänner bis Ende Juni 1872 registrirten gewerblichen Marken, Wien 1872, 6.
[85] Frank Wilhelm, Pharmaceutische und technische Drogen und Chemikalien, Wien 1877, 47.
[86] Vgl. Spiekermann, 2018, 173-175.
[87] The Age 1872, Nr. 5464 v. 18. Mai, 2.
[88] Internationale Ausstellungs-Zeitung der Neuen Freien Presse 1873, Nr. 3135 v. 16. Mai, 6.
[89] Daily Examiner [San Francisco] 1870, Ausg. v. 23. März, 4; auch New Orleans Crescent 1868, Nr. 685 v. 14. Juli, 14.
[90] Gemeinde-Zeitung 1874, Nr. 108 v. 10. Mai, 6.
[91] Cigaretten aus Cannabis indica, Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 15, 1870, 178-179, hier 179.
[92] John C. Thorowgood, Notes on Asthma: Its Forms, and Treatment, London, 3. Aufl., London 1878, 60.
[93] Le Rappel 1872, Ausg. v. 6. Mai, 3.
[94] Leconte 1873, 4 (Beilage).
[95] Blätter für Reform des Sanitätswesens 3, 1870, Sp. 13.
[96] Le XIXe siècle 1882, Nr. 3758 v. 15. April, 4; Le Petit Bengali 1885, Ausg. v. 28. Juli, 120.
[97] Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349.
[98] Hager, 1884, 191.
[99] Josef Moeller und Hermann Thoms (Hg.), Real-Encyclopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 2, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Berlin/Wien 1904, 350.
[100] Bozener Zeitung 1882, Ausg. v. 21. Juni, 3.
[101] Pharmaceutische Nachricht aus Russland, Pharmaceutische Post 11, 1878, 45-46, hier 45; Schweizerisches Handelsamtsblatt 4, 1886, 611-612.
[102] Pharmaceutische Post 31, 1898, 381.
[103] Karlsruher Tagblatt 1885, Nr. 117 v. 30. April, 1891.
[104] Karlsruher Zeitung 1885, Nr. 101 v. 30. April, Beilage, s.p.
[105] Pharmaceutische Post 8, 1875, 20.
[106] E. Labbée, Composition de cigarettes indiennes, Le Reveil Medical 1, 1880, Ausg. v. 12. Juni, 30.
[107] Le Gaulois 1882, Ausg. v. 21. Februar, 4; Le Petit Journal 1895, Ausg. v. 21. März, 4.
[108] Brügelmann, 1895, 127.
[109] Vgl. Mark Jackson, „Divine Stramonium“: The Rise and Fall of Smoking for Asthma, Medical History 54, 1010, 171-194; Cecile Raynal, De la fumée contre l’asthme, histoire d’un paradoxe pharmaceutique, Revue d’histoire de la pharmacie 94, 2007, Nr. 353, 7-24.
[110] Victor Gardette, Formulaire des spécialités pharmaceutiques pour 1907, Paris 1907, 49.
[111] Thoms (Hg.), 1927, 249.
[112] C[arl] Bachem, Deutsche Ersatzpräparate für Pharmazeutische Spezialitäten des feindlichen Auslandes, Bonn 1916, 11.
[113] Arends, 1903, 214.
[114] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 36, 1896, 413.
[115] Brügelmann, 1895, 127, Fußnote.
[116] Vgl. Hamburger Nachrichten 1900, Nr. 280 v. 29. November, 11; Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 568 v. 5. Dezember, 11.
[117] Berliner Tageblatt 1900, Nr. 419 v. 19. August, 11; Hahn und Holfert, 1906, 13.
[118] Wiener Caricaturen 20, 1900, Nr. 33 v. 12. August, 7.
[119] Eine Apotheker-Dynastie, Die Presse 1889, Nr. 15 v. 15. Januar, 10.
[120] Innsbrucker Nachrichten 1881, Nr. 137 v. 20. Juni, 2128.
[121] Richard Wittelshöfer, Die erste internationale pharmaceutische Ausstellung in Wien, Wiener Medizinische Wochenschrift 33, 1883, Sp. 1025-1027, hier Sp. 1026.
[122] Pharmaceutische Post 29, 1896, 584.
[123] Pharmazeutische Post 38, 1905, 613.
[124] Hager, 1884, 191.
[125] Pharmaceutische Post 29, 1896, 398 mit einem Beispiel aus Berlin.
[126] H.J. Vetlesen, Cannabis und Belladonna gegen Keuchhusten, Pharmazeutische Post 20, 1887, 353-354.
[127] Pharmazeutische Post 45, 1912, 175.
[128] Hahn und Holfert, 1906, 149.
[129] Neuigkeits-Welt-Blatt 1914, Nr. 283 v. 10. Dezember, 16.
[130] Diese und die folgenden Behauptungen nach Behr, 1982, 165.
[131] Freie Stimmen 1901, Nr. 97 v. 4. Dezember, 4.
[132] Der Nikotingehalt der österreichischen Zigaretten, Drogisten-Zeitung 26, 1911, 173.
[133] Franz Bibra, Asthma-Therapie anno dazumal, Österreichische Apotheker-Zeitschrift 72, 2018, 94-95, hier 94 (ohne Beleg).
[134] Die österreichische Tabakregie, Die Stunde 1926, Nr. 1047 v. 4. September, 4.
[135] Illustrierte Kronen-Zeitung 1911, Nr. 4121 v. 11. Juni, 15.
[136] Wiener Zeitung 1897, Nr. 123 v. 1. Juni, 3.
[137] Vgl. hierzu S.M. Wickett, Studien über das Oesterreichische Tabakmonopol, Stuttgart 1897, 66-68.
[138] Pharmazeutische Post 37, 1904, 757.

Der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes: Cannabis zwischen Naturwissenschaften und Markt, 1840-1929

Hanf war in Deutschland bis Ende des langen 19. Jahrhunderts eine gängige landwirtschaftliche Pflanze. Cannabis Sativa – so der botanische Name – diente als Faserstoff der häuslichen Spinnerei und Weberei, war Grundlage der gewerblichen Herstellung von „Leinenwaren“, vor allem aber von Seilen, Tauwerk und Segeltuch. Hanfsamen wurden als Vogelfutter genutzt, dienten als Grundstoff für Seifen, technische Öle, Ölfarben und Firnis. Zahlreiche weitere Verwendungen ließen sich nennen, von Dachschindeln über Löscheimer bis hin zur Papierherstellung und diätetischen Suppen. Doch all dies wurde immer wieder überwölbt von einem packenderen exotischen Thema, nämlich Hanf als Droge.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der aus Indien und dem Nahen Osten eingeführte Haschisch – ein Extrakt des dort kultivierten Cannabis Indica – für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. [1] Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab. Die „Normalwissenschaft“ übernahm und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte vornehmlich Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte mutierten zu Apotheker- und Medizinerwaren, nur wenige Präparate etablierten sich als öffentlich beworbene Konsumgüter. Das Verbot des Indischen Hanfes im Jahre 1929 war denn auch nicht Folge einer irgendwie bedeutsamen Gefährdung von öffentlicher Ordnung oder der „Volksgesundheit“, sondern erfolgte im Rahmen einer internationalen Harmonisierung der Maßnahmen im Gefolge des Opiumgesetzes. [2]

Dabei könnte man es belassen. Doch der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes von ca. 1840 bis in die 1920er Jahre hat Spuren hinterlassen. In dieser Zeit etablierten sich die modernen Naturwissenschaften – Medizin, Chemie und Pharmazie – als die wichtigsten Taktgeber einer nicht nur fachwissenschaftlichen, sondern auch öffentlichen Debatte über Hanf als Droge. Auch wenn heutzutage angewandte Sozialwissenschaften, zumal Kriminalsoziologie, Psychologie und Sozialpädagogik, wichtige Beiträge liefern, um Cannabis/Haschisch/Marihuana als Droge und als gesellschaftliches Problem zu verstehen, so dominiert doch naturwissenschaftliches Wissen (und Gegenwissen) nach wie vor das Themenfeld. Was wäre die Debatte ohne den Bezug auf chemische Konstrukte wie THC oder CBD, was ohne die Deduktion individueller Schädigungen auf Basis abstrakter und kausaler Wirkungsmodelle? Die bis heute damit implizit verbundenen Versprechen, Hanf durch die Reduktion auf dessen Chemie und Physiologie verstehen und einhegen zu können, entstanden Mitte des 19. Jahrhundert, sind Teil einer bald zweihundert Jahre alten Wissensform, die Welt verstehen, ordnen und beherrschen zu wollen. [3] Angesichts der immensen Leistungen der modernen Naturwissenschaften scheint dies erst einmal rational zu sein. Doch der Weg von Laboratorium und Klinik zurück in die soziale und ökonomische Welt ist lang und nicht ohne Brüche möglich. Für die gesellschaftliche und politische Debatte liefern naturwissenschaftliche Beiträge denn auch wenig, sieht man einmal ab von der klaren Benennung des vielfach bestehenden Nicht-Wissens über die Zusammensetzung und Wirkungsweise von Hanf und Cannabispräparaten. Überraschend ist zugleich, dass auch die historische Erforschung der naturwissenschaftlichen Erkundung der Droge bestenfalls in den Kinderschuhen steckt. [4] Wenn in der jüngsten, vom Bundestag gleichsam geadelten und kostenlos verteilten Überblicksdarstellung zu Cannabis jedoch behauptet wird: „Die Inhaltsstoffe der weiblichen Hanfpflanze wurden erst seit den 1960er Jahren wissenschaftlich untersucht“ [5], so dokumentiert dies vor allem Unwissen. Blicken wir also zurück, um unsere Gegenwart und ihre Engführungen besser verstehen zu lernen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich neben dem Hanfanbau, der Hanfverarbeitung und der Nutzung der Hanfprodukte (Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfes) ein zweiter, zeitweilig intensiv diskutierter und deutlich engerer Wissensbereich, in dem Hanf primär als Droge verstanden wurde. Das beträchtliche Interesse vieler Mediziner, Chemiker und Pharmazeuten an der bewusstseinserweiternden Kraft der verschiedenen aus Indien und Ägypten stammenden Haschischformen mündete in eine Forschung, die in den kleinsten Bestandteilen der Pflanze Wirkstoffe finden und dann isolieren wollte. Ziel waren klare Kenntnisse über die Drogenwirkungen, über Einsatzmöglichkeiten bei klar definierten und unspezifischen Krankheiten und eine mögliche Synthese der „natürlichen“ Präparate. Dies diente der Professionalisierung der Experten und war immer auch wirtschaftlich begründet.

Falsch wäre es, von einem plötzlichen Einbruch der Droge in eine vermeintlich heile, vor allem aber drogenferne Welt auszugehen. Dem stehen nicht nur die häufig exzessive Festkultur der frühen Neuzeit und der immense Bedeutungsgewinn des „Branntweinteufels“ seit dem 17. Jahrhundert entgegen, sondern auch die breit debattierten Gefährdungen von gesellschaftlicher Ordnung und „Volkswohlfahrt“ durch die Kolonialprodukte Kaffee und Tabak. [6] Die gesundheitlichen Wirkungen und Gefahren des Haschisch in Europa waren bereits während der frühen Neuzeit grundsätzlich bekannt, ohne dass diese jedoch praktische Auswirkungen hatten. Die häufig erwähnte französische Besetzung Ägyptens im späten 18. Jahrhundert, dann aber vor allem die Forschungen des britischen Mediziners und Unternehmers William O’Shaughnessy (1809-1889) in Indien in den späten 1830er Jahren führten zwar zu beträchtlichen Resonanzen, doch die möglichen berauschenden, heilenden und toxischen Wirkungen des Hanfes waren wahrlich nicht neu. Im Zedlerschen Universallexikon wurden nicht nur die Heilwirkungen des heimischen Hanfes, sondern auch das Haschisch ausführlich erörtert. [7] In der Krünitzschen Encyclopädie hieß es analog 1789: „Die Hanfpflanze hat in allen ihren Theilen einen starken Geruch, und eine besondere Kraft den Geist zu ermuntern, und gleichsam trunken, oder gar verwirrt zu machen“ [8] – und sie enthielt ebenfalls eine umfangreiche Darstellung des Haschisch und seiner Wirkungen.

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Neugier, geteilt in der Öffentlichkeit: Ein ärztlicher Bericht über Rauscherfahren (Isar-Zeitung 1862, Nr. 304 v. 3. November, 1)

Schon lange bevor sich die aufkommenden Naturwissenschaften der Droge annahmen, hatten Reisende über deren Kultur vornehmlich in den arabischen Ländern berichtet. [9] Als Anfang der 1840er Jahre mehrere britische Forscher mit Cannabis Indica behandelt hatten, vermerkte ein deutscher Rezensent kühl: „Diese Abhandlung über die Arzneikraft der bezeichneten Pflanze dürfte in Deutschland wenig Aufmerksamkeit erregen; da unsere Aerzte mit den Wirkungen derselben längst bekannt sind und nur daraus abnehmen könnten, dass dieselbe bisher not in medical use in England gewesen ist.“ [10] Bereits 1821 hatte der spätere Amtsarzt Ferdinand Tscheppe die Blätter des einheimischen Cannabis Sativa chemisch untersucht, um darin den wirksamen Stoff des Opiums oder einen ähnlichen Stoff zu finden. [11] Schon vor dem eigentlichen Drogendiskurs waren die möglichen Wirkungen des einheimischen Cannabis bekannt und ansatzweise untersucht worden. Die Hanfverarbeitung hatte demnach potenziell narkotische, schwächende und trübende Auswirkungen auf die meist weiblichen Arbeiter und Bauern. Die giftigen Wirkungen des Röstens, also des Wässerns der Hanfstängel nach der Ernte, auf Wasserläufe und Fischbestand waren bekannt und hatten zu zahlreichen Beschränkungen geführt. Und wenn in einem Hauswirtschaftsbuch gemahnt wurde, darauf zu achten, daß das Geflügel „ja keinen jungen Hanf bekommen [solle, US], denn davon sterben sie“ [12], so war dies Ausdruck einer alltagskulturellen Gefahrenprävention, eines auf Erfahrungswissen beruhenden Umgangs mit der immer auch als Gefährdung verstandenen Pflanzenwelt.

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Erfahrungsgesättigte Publizistik über den Indischen Hanf Mitte des 19. Jahrhunderts

Gleichwohl setzte eine breitere wissenschaftliche Untersuchung der Droge Hanf erst um 1840 ein, nachdem zuerst in England, dann auch in Frankreich medizinische Beschreibungen mit der Entwicklung neuer Heilmittel einhergingen. [13] Neue Marktchancen waren entscheidend – und deutsche Ärzte bedauerten, „dass man nicht eher den arzneilichen Wirkungen des ausländischen Hanfes nachgeforscht hat“ [14]. Schon 1840 erschien eine knochentrockene chemische Analyse des nun in Haschischform importierten Indischen Hanfes, es folgten zahlreiche medizinische Untersuchungen. [15] In Deutschland war man sich sicher, die englischen und französischen Forschungen rasch übertreffen zu können. [16] Selbstversuche wurden unternommen, die Zahl der Patientengeschichten schwoll rasch an. [17] Parallel begannen erste gezielte Kausalanalysen, etwa über die Bedeutung des Indischem Hanfes für die Einhegung des Wundstarrkrampfes oder aber die Geburtshilfe. [18] In Berlin, Würzburg, Marburg, Erlangen und weiteren Klinikstandorten wurden Experimente an Tieren und Menschen durchgeführt. [19] Der Fürther Mediziner Georg Fronmüller (1809-1889), der seit 1850 mit Cannabis experimentiert hatte, charakterisierte diese Bewegung pointiert: „Es ergab sich, dass das erst in letzter Zeit im Abendlande bekannt gewordene Mittel Anfangs als neues Narkotikum freudig gegrüsst, von vielen Collegen bereits als unsicher und schwach wieder verlassen worden war, in Deutschland sowohl als in Frankreich. In vielen deutschen Spitälern war damit experimentirt worden; mitunter erzielte man auch überraschende Erfolg. Die Sache schlief jedoch wieder ein.“ [20] Der Umgang mit dem neuen Präparat blieb jedoch ambivalent. Die Beschreibungen vom Haschischrausch faszinierten Ärzte und eine kleine bürgerliche Öffentlichkeit, doch zugleich begann ein Risikodiskurs. [21] Eine erste detaillierte Beschreibung der „Cannabis-Krankheit“ findet sich 1853. [22] Dies war allerdings noch nicht eine grundsätzliche Verdammung als Rauschgift, wie sie etwa 1871 der amerikanische Mediziner Alonzo Calkins (1804-1878) vorlegte. [23] Stattdessen ging es um die Erkundung eines Wirkungsspektrums. Hier aber blieb Cannabis obskur. Georg Fronmüller hob die widersprüchlichen Ergebnisse der Forschung hervor, die Folge sehr unterschiedlicher Rohmaterialien waren. Zugleich aber gab es – auch angesichts der Debatten über die Unterschiede der heimischen Cannabis Sativa und der importierten Cannabis Indica – offenkundige Unterschiede zwischen Orient und Okzident: „Ein zweiter Grund für den Rückgang der Hanfanwendung ist darin zu suchen, dass das Mittel im Orient ganz anders wirkt als in Europa.“ Es sei davon auszugehen, „dass irgend ein flüchtiger Stoff in der Hanfpflanze befindlich ist, wahrscheinlich ätherisches Oel, welches auf der Reise zu uns verdunstet.“ Die Konsequenzen waren typisch für seriöse Wissenschaftler: „Diese Verhältnisse machten einen grossen Theil der Praktiker zaghaft und verhinderten sie, zu den höheren Dosen überzugehen, die allein einen sicheren Erfolg erwarten lassen.“ [24] Das Abebben des wissenschaftlichen Interesses am indischen Hanf war also eine für diese Zeit grundlegende Skepsis gegenüber vermeintlichen „Naturprodukten“, die nicht präzise analysiert werden konnten und kein klares Wirkungsspektrum aufwiesen.

Selbstverständlich flossen während des Zeitalters des Nationalismus auch Kulturdeutungen in die Analyse des Haschisch mit ein. Forschung diente der Erklärung der Alltagspraktiken rückständiger Kulturen im arabischen und vielfach auch islamischen Umfeld. Wenngleich vereinzelt auf die Arbeiten und damit die Kompetenz arabischer Ärzte zurückgegriffen wurde [25], bot die Kenntnis vom Indischen Hanf doch auch eine Erklärung und Begründung für den Bedeutungsverlust des Osmanischen Reichs, die Kolonialisierung Indiens und die informelle Beherrschung Nordafrikas.

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Cannabisextrakt in einem pharmazeutischen Handbuch (Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, T. 1, 4. Abdruck, Berlin 1883, 703)

Generell unterschied sich die Erforschung des Indischen Hanfes nicht sonderlich von der anderer potenzieller Heilpflanzen. Haschisch wurde gegen eine recht willkürlich erscheinende Zahl von Krankheiten eingesetzt, sollte dabei nicht zuletzt das aufgrund offenkundiger Abhängigkeiten zunehmend kritisch bewertete Opium ersetzen. [26] Es ging um Rheuma, Neuralgien und Krämpfe, um Schlaflosigkeit, Entzündungen und Reizzustände der Atem- und insbesondere der Harnwege. Ebenso breit gefächert wie die Krankheiten war jedoch auch das Präparat selbst. Die Versuche der 1840er und 1850er Jahre enthalten immer wieder genaue Berichte über die Herkunft des untersuchten Haschisch, das aus vieler Herren Länder in vielfältigen Formen und unter zahlreichen fremdländischen Namen zu den Experten gelangte. Generelle Aussagen waren daher kaum möglich: „Der Hanfsamen ist […] ein in Bezug auf Grad und Art seiner Wirkung, nach Verschiedenheit der Individualität und des psychischen Charakters, sowohl im gesunden als kranken Zustande die grösste Mannigfaltigkeit darbietendes, und darum eben höchst unsicheres Mittel, dessen Anwendung die äusserste Vorsicht erfordert.“ [27] Hanfpräparate wurden daher nur zurückhaltend eingesetzt. Als die Troppauer chemische Fabrik G. Hell & Co. Anfang der 1890er Jahre ein stärker wirkendes Extractum Cannabis indicae einführen wollte, traf sie bezeichnenderweise auf den Widerstand vieler Ärzte, die mildere Präparate bevorzugten. [28] In den USA wurden deshalb deutlich mehr Hanfvarietäten zugelassen als in Europa. [29]

Vor dem Hintergrund des raschen Aufstieges der organischen Chemie und der Pharmazie blieb die Unsicherheit über die Wirkung des Indischen Hanfes ein wichtiger Antriebspunkt für die weitere Erforschung möglicher Wirkstoffe, besser, des einen Wirkstoffes. [30] Dass es einen solchen geben müsse, folgerten die Experten aus den beträchtlichen Erfolgen der bakteriologischen Forschung, durch die Infektionskrankheiten wie Cholera, Diphterie, Typhus und Tetanus erfolgreich bekämpft werden konnten. Schon früh schien klar, dass es um „flüchtige Stoffe“ ging, „welche in Verbindung mit einem Harze in besonderen winzigen drüsenartigen Gebilden erzeugt werden“ [31]. Gleichwohl waren die chemischen Kenntnisse bis in die 1890er Jahre „sehr dürftige.“ [32] Was hieß das? Dazu muss man sich auf eine andere, gleichsam vortastende Sprache einlassen, die ihre Unsicherheit gegenüber dem Untersuchungsgegenstand noch transparent ließ: „Das Cannabiskraut enthält etwa 0,3 % eines characteristisch riechenden ätherischen Oeles, welches […] aus Cannaben C18 H20 und Cannabenwasserstoff C18 H22 bestehen soll, ein braunes Weichharz (Cannabinon), ein Cannabin [auch Haschischin] genanntes Glycosid, welches schlaferregende Wirkung besitzt, Harzsäuren ohne physiologische Wirkung, Chlorophyll, Hanföl, herrührend von den anhängenden, eingeklebten Früchten, deren gänzliche Entfernung unmöglich ist. Ferner ein Tetanin […] (Tetano-Cannabin) genanntes Alkaloid, dessen Zusammensetzung nicht näher bekannt ist, welches aber dem Strychnin ähnliche Wirkung besitzen soll. Ausserdem eine eigenthümliche krystallisirende Säure, die Hanfsäure, endlich Gerbsäure, wässerige Extractivstoffe, mineralische Salze. Diese Stoffe sind in der Tinctura Oannabis indicae sowohl, wie in dem Extractum Cannabis indicae zum Theil wenigstens enthalten, woraus sich leicht erklärt, dass diese Formen besonders geschätzte Arzneimittel nicht werden konnten, umsomehr, als der Gehalt der einzelnen Substanzen in den Rohmaterialien ein stets schwankender ist.“ [33]

In der heutigen chemischen und pharmazeutischen Literatur wird vielfach behauptet, dass 1896 erstmals Cannabinol (als C18 H24 O2) identifiziert worden sei – damals als den vermeintlichen Wirkstoff des Indischen Hanfes, nicht als ein nicht psychoaktives Cannabionid. [34] Die unmittelbar einsetzende Kritik verwies jedoch nicht allein auf die Unwahrscheinlichkeit, „dass eine so schwer zersetzbare Substanz wie das Cannabinol der Träger der Wirksamkeit der in dieser Hinsicht so leicht veränderlichen Droge sein könnte,“ [35] sondern konzentrierte sich auch andere Stoffe als vermeintliche psychoaktive Wirkstoffe. Die britischen Autoren räumten ihre technischen Fehler 1899 ein, behielten den Begriff Cannabinol, verwandten ihn nun aber für die auch heute noch gültige Summenformel C21 H26 O2. [36] Der Wiener Chemiker Sigmund Fränkel (1868-1939) nannte dies jedoch Pseudocannabinol und bezeichnete seinerseits 1903 C21 H30 O2 als Cannabinol. [37]

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Hunde im Cannabisrausch – Tierversuche von Sigmund Fränkel 1903 (Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 49, 1903, 280)

Dem Wiener Pharmazeut Max Czerkis gelang es kurz darauf dank „einer verbesserten Apparatur bei niedrigerem Druck und verfeinerter Messung“ [38] das Fränkelsche Cannabinol weiter auszudifferenzieren. Entsprechend plädierte er für C18 H24 O3 als eigentlichen Wirkstoff und als Ausgangspunkt für eine erstrebenswerte Isolation und Synthese. [39]

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Pharmazeutisches Laboratorium der Wiener Apotheke Zum heiligen Geist, 1910 – Wirkungsstätte von Max Czerkis (Pharmazeutische Post 43, 1910, 759)

Bei derartigen Rekonstruktionen geht es nicht darum, Fehler der Vergangenheit zu benennen, sondern die strukturellen Schwierigkeiten naturwissenschaftlicher Wirkungsnachweise und der ihnen zugrunde liegenden (kulturellen) Modellannahmen aufzuzeigen. Mit dem Cannabinol war für die Erforschung der Droge Hanf ein ähnliches Flaggenwort geschaffen worden, wie 1911 durch den russisch-polnischen Chemiker Casimir Funk (1884-1967) für die „Vitamine“. Wagende begriffliche Modelle wiesen der biochemischen Forschung mögliche Wege, auch wenn es sich sowohl bei den Vitaminen als auch beim Cannabinol um sehr heterogene Stoffgruppen handelte, für die ein einziges Erklärungsmuster nicht ausreichen konnte. Das wussten schon die Zeitgenossen: Der Zürcher Pharmakologe Carl Hartwich (1851-1917) monierte 1911: „Vielleicht ist das Cannabinol aber nicht allein Träger der Wirksamkeit, denn die damit beobachteten Erscheinungen scheinen nicht sehr stark gewesen zu sein. [40]“ Im seinerzeit maßgebenden pharmazeutischen Handbuch resümierte man 1919 mit wohlverstandener Demut: „Ueber die die narkotische Wirkung bedingenden Stoffe herrscht wenig Klarheit. Cannabin, Oxycannabin, Cannabinin, Tetano-Cannabin sind nicht einheitlich, sondern anscheinend Gemenge harzartiger Körper vielleicht mit Alkaloiden.“ [41] Die Cannabinoide sind auch heutzutage nicht vollständig analysiert – so wie ein Großteil auch werblich genutzter anderer Stoffgruppen, etwa der sekundären Pflanzenstoffe. Heute übernimmt das 1964 isolierte Tetrahydrocannabinol die Rolle als stofflicher Marker der psychoaktiven Wirksamkeit von Hanfprodukten. Dies ist jedoch nur eine Annäherung an komplexe Wirkungsmechanismen, die mit einer simplen stofflich reduzierten und kausalen Logik kaum vollständig einzufangen sind. Synthetische Vitaminpräparate wirken schließlich auch anders als die analogen Stoffkonglomerate frisch aus der Speise.

Trotz der beträchtlichen Unsicherheiten bei den Wirkstoffen blieben Präparate aus Indischem Hanf bis zu dem 1929 erfolgten Verbot gängige Apothekerwaren. [42] Der Grund für dieses Verbot war diplomatischer Natur, resultierte nicht aus hohen Raten Abhängiger oder größeren Gefahren für die vielbeschworene „Volksgesundheit“. Es wurde notwendig aufgrund der am 26. Juni 1929 erfolgten deutschen Ratifizierung des Genfer Opiumabkommens vom 19. Februar 1925 und diente vornehmlich der Harmonisierung der deutschen und der internationalen Rechtslage. Dazu galt es, das bereits am 21. März 1924 revidierte Betäubungsmittelgesetz vom 30.12.1920 zu verändern, mit denen das Deutsche Reich die Vorgaben des internationalen Opiumabkommens vom 23. Januar 1912 – und des Versailler Vertrages – in geltendes deutsches Recht umgesetzt hatte. Ziel war ein direkterer Durchgriff auf die Art und die Verwendung von Betäubungsmitteln, seinerzeit vor allem Opiumpräparate, insbesondere Kokain und Heroin. Damit war noch kein vollständiges Verbot ausgesprochen, wurde damit doch „ein Feind bekämpft, dessen Hülfe die Medizin immer noch nicht entbehren“ [43] konnte. Ärzte konnten Cannabispräparate weiterhin als Arznei nutzen.

Frühere Verbote, etwa das von Haschisch und dem Rauchen von Hanfsamen in Ägypten durch die französischen Kolonialherren vom Jahre 1800, waren Konsequenzen direkt beobachteter schädlicher Wirkungen. [44] In Deutschland gab es um die Mitte des 19. Jahrhunderts erste Verkaufsbeschränkungen, doch Verbote, Cannabis Indica an Nicht-Apotheker in Mengen nicht unter einem Pfund zu kaufen, dienten vornehmlich den Standesinteressen der Apotheker und Ärzte, waren noch nicht Maßnahmen der Drogenbekämpfung. [45] Hanf war Mitte des Jahrhunderts noch ein Alltagsprodukt, mochte es sich auch um Cannabis Sativa, nicht um Cannabis Indica handeln. Letzteres galt als Heilmittel. [46] Mit Gründung des Deutschen Reiches wurden Hanfpräparate daher apothekenpflichtig. [47]

Während der Jahrhundertmitte war der Präparatemarkt allerdings kaum reguliert. Pointiert hieß es aus Bayern: „Der Extract. Cannabis indicae wird jetzt auch in England, Frankreich und in einigen deutschen Städten ächt bereitet und von den Aerzten beliebig in Pillen, Tropfen oder Latwergen verabreicht. Als Narcoticum, leicht berauschendes Mittel, mag es seinen Werth haben, möglich, daß es in größerer Gabe auch krampf- und schmerzstillend wirkt.“ [48] Diese pharmazeutischen Präparate waren noch nicht standardisiert, auch wenn es Verfahren der Qualitätskontrolle gab. Sie erfolgten per Sinnesprüfung, wurden aber zunehmend in die Sprache der organischen Chemie überführt. Entsprechend hieß es in der seinerzeit führenden Arzneimittelkunde zu Hanfsamen bzw. Cannabis: „Geruch aller Pflanzentheile unangenehm, betäubend. Geschmak der Samen süßlich schleimig, unangenehm“ – und dann zu den Samenbestandteilen: „1) Fettes Oel. 2) Pflanzeneiweiss (Emulsin). 3) Schleimzucker mit Extractivstoff. 4) Braunes gummiges Extract. 5) Hanfharz. 6) Vegetabilischer Faserstoff. 7) Hülsen.“ [49]

Als Heilmittel wurde Hanf vor dem Aufkommen des Indischen Hanfes nur sporadisch genutzt. In den der Fürstin Philippine Welser zugeschriebenen Rezeptbüchern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts tauchten Hanfsamen als Mittel gegen Rachitis auf. [50] Auf die humoralpathologischen Verweise im Zedlerschen Universallexikon wurde schon hingewiesen. Krünitz erwähnte im späten 18. Jahrhundert die auch noch um 1900 üblichen Milchemulsionen aus Hanfkörnern, die Schwangeren stärkten und die Niederkunft verzögerten. [51] Auch der Kameralist Georg Gottfried Strelin (1750-1833) vermerkte „mancherley Heilkräfte“ [52] der Hanfpflanze, ging jedoch nur auf veterinärmedizinische Anwendungen ein. Erst im frühen 19. Jahrhundert gab es ein etwas stärkeres Interesse an der heimischen Gespinstpflanze, so etwa seitens des Begründers der Homöopathie Samuel Hahnemann (1755-1843). Dieser nutzte die gesamte Pflanze, verarbeitete sie zu Hanfsaft, mischte sie mit Ethanol, und wandte das so gewonnene Präparat gegen Geschlechtskrankheiten, Brustleiden und Erkrankungen der Sinnesorgane an. [53] Es war der Indische Hanf, der ein stärkeres Bewusstsein dafür schuf, dass Hanf auch ein gesundheitsförderliches Heilmittel sein konnte. [54] In den frühen 1850er Jahren nahm der Apotheker Stutzbach in Hohenmölsen, dann aber vor allem E. Merck in Darmstadt die Produktion von Cannabisextrakt auf. Dieser diente auch zur Produktion von Hanföl (für Einreibungen), Opodeldok (gegen Rheumatismen) und Hanfchloroform (zum Inhalieren). Neben dem Extrakt wurde auch Hanfbutter hergestellt, Stutzbach mischte zudem „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen. [55]

Hanf fand daher einen Platz im preußischen Arzneibuch von 1861. [56] Im ersten noch in lateinischer Sprache veröffentlichen reichseinheitlichen Arzneibuch waren 1872 dann die für die Folgejahrzehnte gängigen Präparate enthalten: Extractum Cannabis Indicae – Indischer Hanfextrakt, Fructus Cannabis – Hanfsamen, Herba Cannabis Indicae – Indischer Hanf und Tinctura Canabis Indicae – Indischhanftinktur. [57] Cannabis Indicae war damals ein Heilmittel, das (zumindest in Bayern) in jeder Apotheke vorrätig sein musste. [58] Art und Bedeutung dieser medizinische Hanfpräparate dokumentieren die einschlägigen Passagen aus der damals gültigen Arzneiverordnungslehre. [59] Sie wurden vornehmlich in Alkohol gelöst, dienten als Narkotikum, zur Hypnose, wurden gegen Asthma eingesetzt. Die Standardanwendungen verdeutlichen zugleich immense Dosierungsprobleme, die teils um das mehr als Zehnfache differierten. Die eher zurückhaltende Verordnungs- und Verabreichungspraxis der Ärzte resultierte auch aus den damit verbundenen Unsicherheiten.

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Werbung für Grimaults „Indische Cigaretten“ 1873 (Würzburger Stadt- und Landbote 1873, Nr. 47 v. 24. Februar, Beilage, 2)

Neben diesen Apothekerwaren gab es im Deutschen Reich, aber auch in anderen europäischen Staaten, eine Reihe von pharmazeutischen Markenartikeln. Das bekannteste Segment waren wohl Medizinalzigaretten, sog. „Asthma-Zigaretten“. Die seit 1867 in der gesamten westlichen Welt beworbenen und vertriebenen „Indischen Cigaretten“ des Pariser Pharmazieanbieters Grimault & Co. ragten hervor. Sie waren ein typisches Geheimmittel, sollten vor allem gegen Asthma und Bronchialkrankheiten helfen. Morgens und abends geraucht, „hören die Schwierigkeiten des Athmens, die Erstickungsanfälle und das pfeifende Athmen baldigst auf. Ein starker Auswurf wird dadurch ohne Anstrengung hervorgerufen, der trockene Husten vermindert sich, die Beklemmung verschwindet und ein wohlthuender Schlaf beendet die für den Kranken und seine Umgebung so peinlichen Symptome.“ [60] Grimaults Produkte waren in Deutschland bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erhältlich, auch wenn die Anpreisung als „Indische Cigaretten aus Cannabis Indica“ [61] offenkundig irreführend war. Chemische Analysen in Österreich fanden im Produkt 1880 lediglich Belladonnablätter. [62] Daraufhin wurde 1882 die Ein- und Durchfuhr der Zigaretten in Österreich verboten. [63] Weitere Untersuchungen in Deutschland bestätigten die Kernaussage, konnten jedoch sehr geringe Mengen von Cannabis Indica nachweisen. [64] Auch Hamburg untersagte daraufhin 1885 den Vertrieb, in Baden gab es einschlägige öffentliche Warnungen. [65] Grimaults Medizinalzigaretten verloren an Bedeutung, blieben aber Handelsartikel. Andere, ebenfalls meist aus Frankreich stammende Asthmazigaretten ohne Cannabiszusatz gewannen Marktanteile. Im deutschen und im österreichischen Markt gab es jedoch auch andere Cannabiszigaretten, etwa die 1900/01 beworbenen Bronchicol-Zigaretten. [66] In der Hanfaktivistenliteratur wurde ferner (ohne Beleg) behauptet, dass auch abseits von Apotheken erhältliche Zigaretten sowohl der im ägyptischen Port Said ansässigen Firma Simon Arzt als auch der Österreichischen Tabakregie Cannabiszusätze enthalten hätten. [67] Nachweise konnte ich allerdings nicht finden.

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Hanfextrakt gegen Hühneraugen. Werbung der Radlauerschen Kronenapotheke 1901 (Berliner Tageblatt 1901, Nr. 344 v. 10. Juli, 4)

Es gab zudem eine Reihe cannabishaltiger Arzneimittel. Hühneraugentinkturen und auch -pflaster enthielten in vielen Fällen Cannabisextrakte, auch wenn deren Handverkauf im Deutschen Reich erst ab 1896 erlaubt war. Sie wurden meist mit der 1874 isolierten und dann industriell hergestellten Salicylsäure und Kollodium kombiniert. [68] Die Angebote stammten anfangs vor allem von einzelnen Apothekern, wurden dann von US-Anbietern als Markenartikel und schließlich auch von führenden deutschen Pharmazieanbietern vermarkt. Einigen Schmerzmittel wurden ebenfalls Cannabisextrakt zugefügt. [69] Auch das seit Ende der 1880er Jahre in Deutschland angebotene und in den USA hergestellte Schlafmittel Bromidia enthielt Hanf und Bilsenkraut, vor allem aber Chloralhydrat und Brom. [70] Damit sind die wichtigsten Angebotsgruppen benannt, auch wenn die Zahl der Präparate natürlich größer war. Eine detaillierte Analyse folgt an anderer Stelle.

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Schlaf durch Bromidia – Anzeige von 1894 (Wiener Medizinische Wochenschrift 44, 1894, 44)

Fasst man zusammen, so findet man um die Jahrhundertwende eine nicht völlig vernachlässigbare, keineswegs aber wirklich bedeutsame Palette von grundsätzlich zugänglichen Cannabispräparaten. Sie wurden zumeist über Apotheker und Mediziner vertrieben und verordnet. Cannabisextrakte waren anfangs Teil des Bedeutungsgewinns moderner Pharmazeutika. Sie wurden, ähnlich wie die damaligen Arzneien Kokain, Heroin, Morphium oder Veronal, öffentlich beworben, waren also auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. [71] Cannabispräparate galten als Heilmittel, nicht als öffentliche Gefahr. Die Haschischkultur galt als exotisch, stand real und noch stärker imaginär für den Nahen Osten und Indien, nicht aber für die „zivilisierten“ Staaten Mitteleuropas. Es mag einen gewissen illegalen Handel mit ihnen gegeben haben, doch dieser hatte keinen nennenswerten Umfang. Selbst während der Nachkriegs- und Inflationsjahre gab es keine relevante öffentliche Debatte über Haschisch und Cannabispräparate – anders als etwa über Morphium und Kokain. Das Verbot 1929 war denn auch keineswegs einschneidend und wurde öffentlich kaum diskutiert.

Nach der Jahrhundertwende war die anfängliche Euphorie über den Indischen Hanf und seine vermeintlich vielfältigen Heilwirkungen schon längst verflogen. Im Rahmen des allgemeinen Aufschwunges der pharmazeutischen Industrie fanden sich Anwendungsfelder für Cannabispräparate, doch diese blieben eher randständig, zumal sie auch bei erfolgreichen Medikamenten eher Zusatzstoffe blieben. Cannabispräparate teilten somit das Schicksal vieler „Naturpräparate“. Sie wurden nur so lange genutzt, bis leistungsfähigere Arzneimittel mit standardisierter Zusammensetzung und klarer Wirkung verfügbar waren. Am wichtigsten wurde für Cannabis die Primärverwendung als Schlafmittel und der Sekundareinsatz bei Hühneraugenmittel. Asthmazigaretten bewarben zwar die heilende Wirkung des Cannabisextraktes, ihre Wirkung beruhte jedoch anderen Wirkstoffen. Obwohl es eine Reihe weiterer Anwendungsfelder gab, sank die Bedeutung des Indischen Hanfes im pharmazeutischen Sektor nach der Jahrhundertwende. Andere, wirkungsfähigere Medikamente kamen auf, traten an die Stelle von Präparaten, die mangels präziser chemischer Analytik und wegen unzureichender Kenntnisse der Wirkstoffe und Wirkmechanismen nur bedingt den Kriterien modernen Arzneimittel entsprachen. Cannabispräparate konnten im langen 19. Jahrhundert den in sie anfänglich gesetzten Hoffnungen nicht gerecht werden. Ihre höchste Bedeutung hatten sie in den 1890er Jahren, danach folgte ein relativer und dann auch absoluter Abstieg. Erst die spätere kulturelle Aufladung der Präparate durch einen Imagewandel auf Seiten der Konsumenten und eine in sich widersprüchliche Anti-Drogenpolitik machten Indischen Hanf wieder zu einem öffentlichen Thema. Der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes im langen 19. Jahrhunderts endete im frühen 20. Jahrhundert. Er endete nicht aufgrund einer damals noch nicht entwickelten Antidrogenpolitik. Er endete aufgrund der Marktmechanismen einer sich entwickelnden pharmazeutischen Industrie und einer wachsenden Zahl von Konsumenten, die Produkten mit relativ klaren Wirkungen und Wirkmechanismen ihr Vertrauen schenkten.

Uwe Spiekermann, 14. September 2019

Quellen- und Literaturhinweise:
[1] Die im 19. Jahrhundert noch gängige Unterscheidung von Cannabis Sativa und Cannabis Indica als zwei strikt unterschiedliche Pflanzenarten wurde zunehmend zugunsten der Vorstellung von nur einer, sich jeweils spezifisch an Klima und Böden angepassten Pflanzart aufgegeben.
[2] Vgl. Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, insb. 7.
[3] Eine Zusammenfassung des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Wissens findet sich – mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen – in: Eva Hoch, Chris Maria Friemel und Miriam Schneider (Hg.), Cannabis: Potenzial und Risiko, Berlin 2019 resp. Ernst Small, Cannabis. A Complete Guide, Boca Raton 2017 (mit irreführenden Hinweisen auf Gefängnisarbeit, ebd., 94).
[4] Barna Bridgeman und Daniel T. Abazia, Medical Cannabis: History, Pharmacology, And Implications for the Acute Care Setting, Pharmacy & Therapeutics 42, 2017, 180-188 enthält lediglich ein Zerrbild der Nutzung des Hanfes für medizinische Zwecke. Fundierter, doch mit zahlreichen Lücken insbesondere im späten 19. Jahrhundert ist Raphael Mechoulam und Lumir Hanus, A historical overview of chemical research on cannabinoids, Chemistry and Physics of Lipids 108, 2000, 1-13. Ein Kernproblem derartiger Publikationen ist die unreflektierte mangelnde Sprachkenntnis der Autoren – und die damit verbundene Ausgrenzung der nicht angelsächsischen Wissenschaftskulturen.
[5] Winfried Häuser, Cannabis als Medizin, in: Eva Hoch, Chris Maria Friemel und Miriam Schneider (Hg.), Cannabis: Potenzial und Risiko, Berlin 2019, 26-30, hier 26.
[6] Vgl. Heinrich Tappe, Auf dem Weg zur modernen Alkoholkultur. Alkoholproduktion, Trinkverhalten und Temperenzbewegung in Deutschland vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1994; Hasso Spode, The first step toward sobriety: the „Boozing Devil“ in sixteenth-century Germany, Contemporary Drug Problems 1995, 453-483.
[7] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 461-462.
[8] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 826.
[9] Die geographische Verbreitung der Berauschungsmittel, Das Ausland 3, 1830, Nr. 181 v. 30. Juni, 723-724, hier 724.
[10] Literarische Zeitung 1843, Nr. 26 v. 1. April, Sp. 422.
[11] Ferd[inand] Tscheppe, Chemische Untersuchung der Hanfblätter, Med. Diss. Tübingen 1821, 3 (mit weiterer Literatur).
[12] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 425.
[13] Vgl. die Literatur in Georgius Freudenstein, De Cannabis Sativae usu ac viribus narcoticis, Marburg 1841.
[14] A.W. Varges, Cannabis indica, Zeitschrift des Deutschen Chirurgen-Vereins 3, 1849, 280-288, hier 280.
[15] Sigmund Schlesinger, Untersuchung der Cannabis sativa, Repertorium der Pharmacie 71, 1840, 190-208.
[16] Ueber Cannabis indica (Indian hemp, Gunjah), von O’Shaugnessy, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 523-524; Gebrauch von Haschisch in Algier, Das Ausland 15, 1842, 499. Als Bezugsgröße dienten zumeist die Publikationen von Ley, Pereira und vor allem O’Shaugnessy, so insbesondere W[illiam] B. O’Shaughnessy, On the Preparations of the Indian Hemp, or Gunjah, (Cannabis Indica), Provincial Medical Journal 6, 1843, Nr. 123, 363-369.
[17] A.W. Varges, Ref. v. Cannabis indica; vom Geh. Sanitätsrat Dr. Wolff, Zeitschrift des Deutschen Chirurgen-Vereins 3, 1849, 65-87.
[18] Franz von Kobylanski, Ueber den Indischer Hanf, mit besonderer Rücksicht auf seine wehenbefördernde Wirkung, Würzburg 1852; Bayerisches Volksblatt 1852, Nr. 227 v. 19. August, 900. Vgl. allgemein Alexander Christison, On the Natural History, Action, and Uses of Indian Hemp, Edinburgh 1851.
[19] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 109.
[20] [Georg] Fronmüller, Klinische Studien über die schlafmachende Wirkung der narkotischen Arzneimittel, Erlangen 1869, 46.
[21] Haschisch-Trunkenheit, Die Gartenlaube 1854, 368; Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, passim.
[22] Heinrich Gottfried Schneider, Handbuch der reinen Pharmakodynamik, Bd. I, Magdeburg 1853, 458-460.
[23] Alonzo Calkins, Opium and the opium-appetite, Philadelphia 1871, 320-330.
[24] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 103-104 (für alle Zitate).
[25] E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Anwendung, Deutsche Klink 1870, Nr. 28 und 29, hier 313.
[26] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[27] Michael Benedict Lessing, Handbuch der speciellen Praktischen Arzneimittellehre, 8. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Leipzig 1863, 34. Auch deshalb unterblieb ein Einsatz als Tierfutter, ansonsten ein gängiges Testfeld vor dem Einsatz am Menschen, vgl. Gutachten über die Wirkung gedörrter Hanfblätter auf die Milchsekretion und Käsebereitung, Archiv für Thierheilkunde 21, 1855, 54-58.
[28] Zur Kritik der Extract-Vorschriften und über fabriksmässig dargestellte Extracte. Aus dem Laboratorium von G. Hell & Comp., Pharmaceutische Post 27, 1894, 147-149, hier 148.
[29] Ueber Hanfsamen und Hanfsamenöl, Drogisten-Zeitung 12, 1897, 484-485.
[30] Vgl. Ueber den indischen Hanf und dessen wirksames Bestandtheil, Archiv der Pharmazie 211, 1877, 189; Der Indische Hanf und dessen wirksames Princip, Archiv der Pharmazie 212, 1878, 378.
[31] Haschisch, Internationale Ausstellungs-Zeitung. Beilage zur Neuen Freien Presse 1873, Nr. 3259 v. 19. September, 2-3, hier 2.
[32] Ernst Schmidt, Ausführliches Lehrbuch der pharmaceutischen Chemie, Bd. 2, 3. verm. Aufl., Braunschweig 1896, 1477.
[33] Bernhard Fischer, Die Neueren Arzneimittel, 5. stark verm. Aufl., Berlin 1893, 291.
[34] T[homas] Barlow Wood, W.T. Newton Spivey und Thomas Hill Easterfield, Charas. The Resin of Indian Hemp, Journal of the Chemical Society, Transactions 69, 1896, 539-546.
[35] Indischer Hanf, Drogisten-Zeitung 13, 1898, 228.
[36] Thomas Barlow Wood, W.T. Newton Spivey und Thomas Hill Easterfield, Cannabinol. Part I., Journal of the Chemical Society, Transaction 75, 1899, 20-36, hier 20.
[37] Sigmund Fränkel, Chemie und Pharmakologie des Haschisch, Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 49, 1903, 266-284, hier 275.
[38] Max Czerkis, Ueber Cannabinol, den wirksamen Bestandteil des Haschisch, Pharmazeutische Post 40, 1907, 49-51, 69-70, 97-98, hier 97.
[39] M[ax] Czerkis, Ueber Cannabinol, den wirksamen Bestandteil des Haschisch, Pharmazeutische Post 42, 1909, 794-795.
[40] C[arl] Hartwich, Die menschlichen Genussmittel, Leipzig 1911, 236.
[41] B[ernhard] Fischer und C[arl] Hartwich (Hg.), Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1919, 591. Ähnlich urteilte Wilhelm Mitlacher, Die offizinellen Pflanzen und Drogen, Wien/Leipzig 1912, 13.
[42] Einen anregenden Überblick bietet – trotz der Fokussierung vor allem auf die Schweiz – J[akob] Tanner, Kurze Geschichte und Kritik der Drogenprohibition im 20. Jahrhundert, Zeitenblicke 8, 2009, Nr. 3 (http://www.zora.ush.ch).
[43] H. Rebmann, Kampf den Nervengiften! Nach der Konvention des Völkerbundes, Vorwärts 1930, Nr. 58 v. 4. Februar, 5.
[44] L[ouis] Lewin, Phantastica. Die betäubenden und erregenden Genussmittel, Berlin 1924, 102.
[45] Verzeichniß derjenigen chemischen und pharmazeutischen Präparate und Arzneiformen, welche Nicht-Apotheker nicht unter einem bürgerlichen Pfunde verkaufen dürfen, Amtsblatt der Regierung zu Düsseldorf 1858, Nr. 33 v. 5. Juni, 341-349, hier 344 (aufgrund der Verordnung den Debit der Arzneiwaaren betreffend v. 29. Juli 1857, einer Revision des Reglements vom 16. September 1836).
[46] Der Begriff Heilmittel wird hier im modernen pharmazeutischen Sinne verstanden. Im heutigen Buchmarkt kursieren stattdessen zahlreiche unwissenschaftliche Publikationen, etwa Wernard Bruining, Hanf heilt. Die Wiederentdeckung einer uralten Volksmedizin, Immenstadt 2013.
[47] So die Verordnung v. 25. März 1872 (Amtsblatt der königlichen Regierung zu Düsseldorf 1872, Nr. 18 v. 4. Mai, 149-152, hier 151), die durch die Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln v. 4. Januar 1875 nochmals bestätigt wurde (Amtsblatt der Königlichen Kreishauptstadt Landshut 1, 1875, Nr. 3 v. 27. Januar, 15-16, hier 16).
[48] Bayerisches Volksblatt 4, 1852, 900.
[49] Michael Benedict Lessing, Handbuch der speciellen Praktischen Arzneimittellehre, 8. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Leipzig 1863, 34.
[50] Otto Zekert, Die Rezeptsammlung der Philippine Welser (Fortsetzung), Scientia Pharmaceutica 12, 1941, 1-4, hier 4.
[51] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[52] Georg Gottfried Strelin, Realwörterbuch für Kameralisten und Oekonomen, Bd. 4, Nördlingen 1788, 514.
[53] Samuel Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, T. 1, 2. verm. Aufl., Dresden 1822, 145-165.
[54] Die einschlägige medizinische Literatur vornehmlich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien wurde (mit manchen Lücken) chronologisch zusammengestellt von Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 5-16.
[55] Ebd., 39, 58-63.
[56] O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung sämmtlicher in der Pharmacopoea Borussica aufgeführten offizinellen Gewächse, H. 17-24, Leipzig 1861, Tafel XIXb.
[57] Pharmacopoea Germanica, Berlin 1872, 111, 160, 175, 342.
[58] Verzeichniß derjenigen Arzneistoffe und Präparate, welche in jeder selbstständigen Apotheke vorhanden sein müssen, Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberbayern 1872, Nr. 95 v. 5. November, Sp. 2106-2122, hier Sp. 2114.
[59] Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 299, 481, 684.
[60] Karlsruher Zeitung 1881, Nr. 33 v. 8. Februar, s.p.
[61] Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 150 v. 1. Juni, 4.
[62] Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349.
[63] Bozener Zeitung 1882, Ausg. v. 21. Juni, 3.
[64] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 191.
[65] Pharmazeutische Post 31, 1898, 381.
[66] Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 568 v. 5. Dezember, 11.
[67] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 165.
[68] Hermann Hager, Kommentar zum Arzneibuch für das Deutsche Reich, Ausgabe 3, Bd. 1, Berlin 1891, 151.
[69] Die Angabe von Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 148, dass das 1894 eingeführte Migränin Hanfextrakt enthalten habe, ist falsch.
[70] Drogisten-Zeitung 3, 1888, 466.
[71] Das gilt auch für Suchtfolgen, annoncierten Sanatorien doch für Entziehungskuren, so etwa Illustrirte Zeitung 113, 1899, 547; Der Welt-Spiegel 1924, Ausg. v. 27. April, 7.

Das Verschwinden des Hanfes. Landwirtschaftliche Produktion, gewerbliche Verarbeitung und Konsumwandel im langen 19. Jahrhundert

„Es ist unnötig, unsere Hanfpflanze zu beschreiben, da sie jedermann kennt.“ [1] Als der Nürnberger Naturforscher Ernst von Bibra (1806-1878) dies Mitte des 19. Jahrhunderts niederschrieb, war Hanf ein Alltagsprodukt, lieferte einen beträchtlichen Teil der Kleidung auf dem Lande, war Grundstoff für Seile, Taue und Segel, lieferte Öl zur Beleuchtung und zum Anstrich. Hanf war Mitte des 19. Jahrhunderts allgegenwärtig – und doch zugleich unsichtbar, eine uncharismatische Pflanze. Sie glich darin Mais und Soja, die heute in einem Großteil unserer Lebensmittel vorkommen, doch hinter den daraus hergestellten Produkten verschwinden.

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Weibliche und männliche Hanfpflanzen im späten 18. Jahrhundert (Johann Zorn, Icones plantarum medicinalium, Nürnberg 1790, Tafel 532 (l.) und 531 (r.))

Heutzutage ist Hanf ebenfalls allgemein bekannt. Doch es handelt sich nicht mehr um eine ehedem gängige landwirtschaftliche Pflanze. Hanf ist heute vor allem Platzhalter für eine Droge, für Cannabis, für Marihuana, für Haschisch, für die zahlreichen Probleme und Paradoxien der Drogenregulierung und die immensen Probleme, Wirkungen von Pflanzenbestandteilen präzise zu benennen und zu regulieren. Hanf steht heutzutage somit für einen verengten Blick auf und die geringe Wertigkeit von Alltagspraktiken und Konsummustern der eigenen ruralen und gewerblichen Vergangenheit.

Falsch wäre es, die Mitte des 19. Jahrhunderts als simple Scharnierzeit zu denken, als die Zeit eines langsamen Übergangs von Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt hin zu Hanf als Droge. Stattdessen haben wir es einerseits mit dem langfristigen Auslaufen einer ländlichen Lebens- und Konsumkultur zu tun, der Substitution heimischer Kulturpflanzen durch leistungsfähigere „cash crops“ mit vielfach kolonialem Hintergrund. In Mitteleuropa geriet der Hanfanbau zwischen die Mahlsteine von Industrialisierung und Globalisierung. Eingebunden in eine bäuerliche Lebenswelt war die Umstellung des Anbaus und der Verarbeitung leicht zu fordern, doch schwer umzusetzen. Der heimische Hanfanbau endete, abgesehen von einigen hundert Hektar, schon vor dem Ersten Weltkrieg, am Ende des langen 19. Jahrhunderts. Anderseits war zu diesem Zeitpunkt Hanf in Mitteleuropa als Droge nur von marginaler Bedeutung. Gewiss, Mitte des 19. Jahrhunderts war Cannabis Indica für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab – und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte damals nur Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte wurden als Apotheker- und Medizinerware genutzt, als Narkotikum, in Hühneraugenmedizin, als Schlafmittel. Einige wenige Präparate etablierten sich gar als öffentlich beworbene Konsumgüter. Doch als indischer Hanf 1929 im Rahmen einer Revision des Opiumgesetzes im Deutschen Reich verboten wurde, hieß es lapidar und zugleich korrekt: „Die suchtmäßige Verwendung des Indischen Hanfs und der aus ihm hergestellten Zubereitungen ist […] in Deutschland nicht bekannt“. [2]

Dieses Verbot veränderte den Alltag nicht, erst in den 1960er Jahren stand Hanf hierzulande für ein Drogenproblem. Das 1971 und 1982 nochmals ausgeweitete Verbot veränderte die Perspektive auf den Hanf weiter, der nun nicht mehr auch als Alltagsprodukt einer vergangenen bäuerlichen Lebenswelt verstanden wurde, sondern allein als Wirkstoffträger mit potenziell gefährlichen Auswirkungen. Die seit den frühen 1970er Jahren anschwellende wissenschaftliche und populäre Literatur handelt denn auch fast ausschließlich von Cannabis, Marihuana und Haschisch. Das galt erst einmal für die wichtigsten Werke der Hanfaktivisten. Hainer Hais Hanf Handbuch erschöpfte sich in einer thematischen Engführung auf den Anbau, die Inhaltsstoffe, die Wirkungen, Fragen der Strafverfolgung und Details zur Extraktion des Hanföls, reproduzierte dabei die Argumente der Verbotsbefürworter mit negativem Vorzeichen. [3] Auch in Hans-Georg Behrs Hauptwerk war von Hanf eben kaum die Rede, stattdessen wurden zahllose historische Quellen unkritisch zusammengeführt, um eine vermeintliche Ubiquität der Droge auch im 19. Jahrhundert zu belegen. [4] Diese, aber auch zahllose andere Publikationen aus dem taktgebenden angelsächsischen Raum etablierten Haschisch als „a mark of fashion“ [5], als Ausdruck einer rebellischen und gesellschaftskritischen Lebenshaltung, denen sich auch wissenschaftliche Werke verpflichtet sahen. Die nicht allzu zahlreichen geschichtswissenschaftlichen Analysen konzentrierten sich entsprechend vornehmlich auf Hanf als Droge, vernachlässigen die Alltagskultur im Umgang mit Hanf als landwirtschaftliche Rohware und Alltagsprodukt. [6] Dieser modischen Attitüde folgten auch die vielen nach der Wiederzulassung des Nutzhanfanbaus in Deutschland 1996 veröffentlichen Hanfhandbücher und -kochbücher. Zwischen dem steten Verweis auf die „uralte“ Kulturpflanze Hanf und dem beträchtlichen Marktpotenzial der heutigen Hanfprodukte fehlt eine auch nur ansatzweise fundierte Analyse der Verwendung von Hanf als Alltagsprodukt und Handelsgut vor dem Ersten Weltkrieg. [7] Stattdessen wird mit vermeintlich berauschenden und abhebenden Wirkungen der Hanfprodukte kokettiert, obwohl diese durch die bestehende Gesetzeslage ausgeschlossen sind. [8]

Im Folgenden wird es darum gehen, die fehlende Perspektive auf Hanf als eines bis Ende des langen 19. Jahrhunderts gängigen landwirtschaftlichen Handelsgutes und eines Alltagsproduktes in groben Strichen aufzuarbeiten. Hanf wird dabei als Teil der mitteleuropäischen bäuerlichen Hauswirtschaft des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts analysiert. Dabei wird sich der Blick auf die im Begriff „Industrialisierung“ kaum beachtete Transformation der ländlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen und deren materielle Kultur richten. Die zahlreichen Bemühungen, den Hanfanbau zu intensivieren, führten zwar zu veränderten hauswirtschaftlichen und gewerblichen Verarbeitungsweisen der Faser, des Öls und der Samen – also zu neuen, im Haushalt und vielen Wirtschaftssektoren nutzbaren Konsumgütern. Doch dies war nicht ausreichend, um den erst relativen und dann absoluten Niedergang des Hanfanbaus zu stoppen, dessen Revitalisierung im Ersten Weltkrieg und auch später misslang. Der heutige, primär auf hippe Nahrungshappen und Heilsöle zielende Anbau basiert ohnehin auf anderen Grundlagen. Er ist nicht nur Teil, sondern auch Ausdruck einer ubiquitären Konsumkultur, unterstreicht die Integration einer pseudorebellischen Gegenkultur in globale Verwertungszusammenhänge.

Hanf zwischen bäuerlicher Hauswirtschaft und nebengewerblicher Marktproduktion

Mitte des 18. Jahrhunderts war Hanf etwas Alltägliches, eben darum auch etwas Prosaisches: „Hanf […] ist ein bekanntes Feldgewächs, das einen einzigen, geraden, viereckichten, dichten, rohen, hohlen, und mit einer safigten Schale überzogenen, auch an manchen Orten oft einer Mannslänge hohen Stengel treibt. Die Blätter sind länglicht, schmal, spitzig und in etwas gekerbt, und wachsen in Gestalt einer offenen Hand, haben eine braun- oder dunkelgrüne Farbe, sind linde anzufühlen, und haben einen widerwärtigen stinkenden Geruch und unangenehmen Geschmack.“ [9] Der Blick allein auf die Pflanze verdeckt jedoch mehr als er enthüllt. Dinge, seien es landwirtschaftliche Güter oder aber Konsumwaren, sind implizite Handlungsprogramme, die das Leben ihrer Produzenten und Konsumenten indirekt organisieren. [10] Das gilt für den Hanf in besonderem Maße, handelte es sich doch um eine arbeitsintensive Pflanze, die zu einer Vielzahl heterogener Güter verarbeitet werden konnte und sowohl im bäuerlichen Haushalt als auch im Markt wichtige Funktionen einnahm. Hanf stand zwischen der vorindustriellen und industriellen Zeit, ist daher ein gutes Beispiel für die grundstürzenden Veränderungen, die mit der „Industrialisierung“ und der Etablierung moderner Konsumgesellschaften einhergingen.

Will man verstehen, was den Hanfanbau im 18. und insbesondere im langen 19. Jahrhundert ausgemacht hat, so muss man sich zurückversetzen in ein gewerblich entwickeltes, gleichwohl eindeutig landwirtschaftlich dominiertes Europa, in dem 90 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande wohnten und kleinbäuerliche Familienhaushalte eine zentrale Rolle spielten. Hanf diente nicht dem unmittelbaren Überleben, zielte nicht auf die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Getreide und dann auch Kartoffeln. Hanfanbau war ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dezentral betrieben, das einerseits Gelderwerb ermöglichte, anderseits aber die Herstellung von Stoffen und Kleidung im hauswirtschaftlichen Verbund erlaubte. Stärker als Flachs auf die Selbstversorgung ausgerichtet, erlaubte die Gespinstpflanze die Produktion einer „Leinwand der Armen“. [11] Ihre Herstellung war eingebunden in eine von Jahreslauf und Wetter abhängige Wirtschaftsweise: „Hanf und Flachs sind vorzüglich deshalb in einer Haushaltung viel werth, weil durch dessen Bereitung die Arbeitshände zu einer Zeit Beschäftigung erhalten, wo ohnedem dieselben bei der regnerischen Witterung ruhen müßten.“ [12] Die vielfältigen und recht unterschiedlichen Verarbeitungsschritte zwischen der Ernte und dem Verkauf der Faserstoffe oder Samen erlaubten die Füllung von Arbeitslücken und damit eine erhöhte Produktivität der nicht weit über dem Subsistenzniveau existierenden Haushalte. Hanffasern konnten im Winter zu Garn gesponnen und zu Stoffen gewoben werden, die Erträgnisse dieser Hausarbeit dann wieder entweder selbst genutzt oder aber verkauft werden. Hanf organisierte zugleich strikt funktionale Geschlechterverhältnisse. Während Aussaat und Ernte vornehmlich Männerarbeit waren, lag die langwierige Verarbeitung in den Händen der Frauen und auch der Kinder. [13] Der Hanfanbau erfolgte zumeist in kleinen Gärten, war ein Nebengewerbe. Spezialisierte Hanfbauern gab es nur selten – und dann eher in Italien oder Frankreich als in Deutschland, Österreich oder Russland. Die Hanfverarbeitung erlaubte eine breite Palette wirtschaftlicher Existenzen – von der Selbstversorgung über die nebengewerbliche Heimarbeit bis hin zum protoindustriellen Hauptgewerbe in der Hausindustrie. Der Hanfanbau war damit anschlussfähig an eine quasiautarke bäuerliche Existenz, an die damals übliche begrenzte Einbindung in die Geldwirtschaft, aber auch an das im 18. Jahrhundert zunehmend wichtigere Verlagswesen, bei dem Kaufleute Produktion und Absatz von Textilien organisierten und die beteiligten Haushalte vertraglich abgestimmte Kontingente herstellen mussten. [14] Hanf stand, ebenso wie Flachs, die Schafhaltung, die vielfältigen Färbepflanzen oder auch Maulbeerbäume für die langsame Weitung der traditionellen Landwirtschaft, die durch das Missverhältnis von langsamem Bevölkerungswachstum und geringeren Produktivitätsfortschritten zunehmend unter Druck geraten war. [15] Hanfanbau war Ausdruck einer Lebens- und Wirtschaftsform, bei der ein Wandel des Wirtschaftens immer auch eine Veränderung des Lebenszuschnittes mit sich zog. Die vielgestaltigen Rationalisierungsbemühungen der Hanfproduktion hatten dies im frühen 19. Jahrhundert noch im Blick, wenn sie einen erhöhten und intensivierten Anbau an die Menge des verfügbaren Landes, die Düngung und die Arbeitskapazitäten der Hauswirtschaft koppelten. [16]

Jedes Verstehen des fragilen Mobiles des Hanfanbaus setzt Grundkenntnisse über die jeweiligen Arbeitsschritte voraus. Hanf stammte ursprünglich aus Zentralasien und gelangte über den Nahen Osten noch Mitteleuropa. [17] Als Carl von Linné die zweigeschlechtliche Pflanze 1753 als Cannabis Sativa in sein botanisches Ordnungssystem integrierte, war sie hierzulande weit verbreitet und soweit Gegenstand zahlreicher gelehrter Abhandlungen, dass 1765 resümiert werden konnte: „Man hat bereits sehr vieles über den anbau [sic!] des Hanfes geschrieben, […].“ [18]

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Hanfpflanze (l.) und Hanffaser (r.) (O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 65; Hermine Bartesch und Mathilde Fiedler, Die moderne Damenschneiderei in Wort und Bild, Leipzig/Nordhausen 1918, 284)

Im Mittelpunkt der meisten Schriften standen Beschreibungen des Anbaus und der Verarbeitung des Hanfes (und meist auch des ähnlich zu handhabenden Flachses). Was im Rückblick wie eine Wiederholung des Immergleichen erscheint, entpuppt sich bei genauerer Lektüre als eine kleinteilige und alltagspraktische Analyse mit immer wieder kleinen Variationen. Französische Autoren gaben anfangs den Takt vor, doch italienische, schweizerische und auch deutsche Autoren nahmen die Vorlagen noch im späten 18. Jahrhundert auf und ergänzten ihre eigenen Beobachtungen und Ratschläge. [19]

Hanf erforderte einen sandigen, feuchten und gut vorbereiteten Boden, den es ab April zu lockern und von Unkraut zu befreien galt. [20] Die Aussaat sollte frühestens Anfang Mai erfolgen, da die Pflanze sehr empfindlich gegen Nachfrost und Kälte war. Den lange Zeit von Kirchenfeiertagen vorgegebenen, regional leicht variablen Saattagen folgte eine Woche aufmerksamer Pflege, worunter vor allem die Bekämpfung von Vögeln zählte. War die Pflanze jedoch entwickelt, bedurfte sie etwa zwölf Wochen keiner größeren Pflege, auch wenn ein wenig Jäten und ergänzendes Düngen angeraten wurden. Die Ernte startete dann Anfang bis Mitte August. Sie begann mit dem für die Faserproduktion einschlägigen männlichen Hanf, wurde vier Wochen später mit dem weiblichen Hanf fortgesetzt, bei dem die Samenproduktion im Mittelpunkt stand. Die meist von Männern durchgeführte Ernte erforderte Übung und Sorgfalt, mussten Brüche der teils zwei Meter, teils aber auch längeren Pflanzen doch vermieden werden.

Die abgeernteten Faserstängel wurden zuerst einer Röste unterzogen. Dies hieß, sie zwischen vier und acht Tagen in Wasser zu legen, meist in einen Bach oder Teich, zunehmend in gesondert angelegten Röstegruben. Teilweise bediente man sich aber auch der sogenannten Tauröste, legte die Fasern also auf Wiesen, um sie so dem Morgentau auszusetzen. Ziel war die Auflockerung und Zerstörung der Stängel, um so Zugang zu den im Inneren angesiedelten Fasern zu bekommen. An die Röste schloss sich das Ausspreiten, also das Trocknen der gerösteten Stängel bei gleichzeitiger moderater Bewässerung an. Abhängig vom Wetter, konnte diese Phase nach neun bis vierzehn Tagen abgeschlossen werden. Die Qualität der Faserstoffe war abhängig vom passgenauen Übergang zwischen den einzelnen Verarbeitungsschritten. Dies erforderte Erfahrung und genaue Bobachtungsgabe. Es folgten das Dreschen und Risten der Stängel, um so die Hanfsamen gewinnen zu können. Daran schloss sich das Brechen der Stängel an, also das Zerbrechen und Entfernen des holzigen Kerns, dann das teils durch Mühlen und Reiben durchgeführte Boken. Durch Quetschen und Stampfen mussten Stängel und Fasern weicher gemacht werden. Es folgte das Stoßen, also die Zerteilung des Reinhanfs in zwei oder drei meist etwa 80 cm lange Teile. Am Ende stand schließlich das Hecheln, also die Trennung von Faserstoffen und den holzigen Ummantelungen. Nun, nach langen und mühseligen Arbeitsschritten, konnte auch ein wenig Agrarromantik Einkehr halten: „Im fröhlichen Kreise setzen sich zu diesem Geschäfte die Hanfbauern familienweise im Freien zusammen, bei einem von den abgeschlußten Stengeln unterhaltenen Lustfeuer.“ [21]

Kühlere Analytiker verwiesen dagegen auf Ertragsparameter, nach denen 100 kg geerntete Hanfstängel 10-15 kg Reinhanf ergaben, zudem 30-45 kg Werg, also weiterverwertbare Faserstoffe. [22] Der gehechelte Hanf bildete – neben den Hanfsamen – die eigentliche Handelsware, bildete das Rohmaterial für die Folgearbeiten der Seiler und der Textilindustrie. Auch in Mutters Stübele schloss sich das Spinnen und dann das Weben an, sollte die Familie versorgt werden. Das mochte genügen, doch die neuen Chancen des Industriezeitalters erlaubten zahlreiche effizientere und produktivere Anbauweisen, vor denen die langsamen Verbesserungen des späten 18. Jahrhunderts keine Gnade fanden: „Seit Jahrhunderten dachte bey uns niemand an die Verbesserung der alt hergebrachten Behandlungsweise; niemand arbeitete mit Ernst und Beharrlichkeit und mit den nöthigen Vorkenntnissen, an die Erhebung dieses Zweiges der Landes-Cultur; wenigstens ist nichts dieser Art, zur öffentlichen Kunde gelangt. Man blieb beym alten Schlendrian, und begnügte sich mit dem, was die Natur mit einiger einfachen Aushülfe, gern gab.“ [23]

Hanfanbau wurde zu dieser Zeit in ganz Europa betrieben. Frankreich konnte sich in der napoleonischen Zeit fast selbst versorgen,  Großbritannien und Deutschland blieben wichtige Importregionen, Norditalien sowie insbesondere in Russland wichtige Exportländer. Nationenbegriffe führen allerdings irre, denn durchweg gab es regionale Schwerpunkte beim Anbau, vielfach auch beim Verbrauch. Österreich wies beispielsweise hohe Produktionsziffern in Galizien, der Bukowina, Mähren, der Steiermark und dem Krain auf, zugleich aber gab es große Gebiete ohne Hanfanbau. [24] In Deutschland waren im späten 18. Jahrhundert Schlesien, Westfalen, die Pfalz, Baden, Bayern und auch Lüneburg wichtige Hanfanbaugebiete. [25] Im 19. Jahrhundert brachen jedoch die protoindustriellen Heimgewerberegionen Schlesien und Westfalen spätestens in den 1840er Jahren weg. Dagegen entwickelte sich Baden zur eigentlichen Kernregion des deutschen Hanfanbaus. Ähnliche regionale Cluster bildeten sich etwa in den italienischen Regionen Bologna und Ferrara. Nicht nur die Industrialisierung war anfangs ein regionales Phänomen, sondern auch in der damals noch wichtigeren landwirtschaftlichen Produktion fanden sich analoge Prozesse. [26]

Alle Hanfanbaugebiete sahen sich seit dem frühen 19. Jahrhundert unter Veränderungsdruck. Dieser erfolgte nicht immer direkt, also durch Güter in Konkurrenz zu den noch zu behandelnden Hanfprodukten. Der Druck erfolgte vor allem indirekt, durch wachsende Marktchancen. Binnenwanderung war Chancenwanderung, zunehmend lockte auch das freiere Amerika. Die sich nach dem Vorbild Englands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beträchtlich verändernde Landwirtschaft bot zahlreiche neue Einkommenschancen. Insbesondere das rasche Vordringen des arbeitsintensiven Hackfruchtanbaus (Kartoffeln, Zuckerrüben) ging vielfach zulasten des Hanfanbaus, erforderten sie beide doch ähnlichen Arbeitseinsatz und ähnliche Böden. Diese langsame zweckrationale Umgestaltung führte zu höherer Produktivität und Marktanbindung der Agrarwirtschaft. Sie zernierte jedoch auch die kleinbäuerliche Lebenswelt, in die der Hanfanbau verankert war. Doch in der Expertenliteratur las man fast ausschließlich das vorwärtstreibende Mantra der Moderne: „Es möge der alte Schlendrian der handwerksmässigen Betriebe, wie er leider nur noch zu häufig auf dem Lande anzutreffen ist, der steife Aberglaube, alle landwirhtschaflichen [sic!] Verrichtungen müssen nach gewissen Kalendertagen oder nach dem und dem Heiligen geschehen und dergleichen, es möge der mechanische oder instinktmässige Trieb, ‚wie der Grossvater es gemacht, so macht es der Vater, und wie der Vater sein Feld bestellt, so thue auch ich es‘, doch bald hierin auf hören.“ [27]

Die intensiven Versuche, den Hanfanbau zumal in Deutschland zu intensivieren, ihn damit durch Wandel wettbewerbsfähig zu machen, zu bewahren und gar auszubauen, können hier natürlich nur kursorisch behandelt werden. Zentral war dabei ein anderer Blick auf die landwirtschaftliche und gewerbliche Produktion, angetrieben von Wissensformen, wie sie moderne Naturwissenschaften, der Maschinenbau und die Ökonomie entwickelten und gesellschaftlich hierarchisierten.

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Die Pflanzenbotanik des Hanfes als Optimierungshilfe  (O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung der offizinellen Gewächse, Bd. 3, Leipzig 1861, Tafel XIXb)

Getragen von einem breiten Netzwerk aus landwirtschaftlichen Vereinen und einer neuen, zunehmend naturwissenschaftlich arbeitenden Agrarwissenschaft begann man Mitte des Jahrhunderts mit einer Verbesserung des Saatgutes. Das bedeutete nicht nur eine umfassende Neukombination der Sorten zur Hebung des Faserertrages; etwa durch die Anpflanzung von sibirischem und italienischem Hanf. [28] Das bedeutete auch einen systematischen Wechsel des Saatgutes und dessen Vertrieb durch qualifizierten Samengroßhandlungen im In- und Ausland. Zudem forderten Experten eine sorgsamere Ernte, um sicherzustellen, dass die weiblichen Pflanzen auch wirklich bestäubt wurden und eigene Samen ausbilden konnten. [29] Der moderne Hanfbauer musste demnach die Art der Aussaat besser kontrollieren. Breitwürfiges Aussäen verursachte Fehleinsatz, entsprechend galt es die sparsameren Drillmaschinen einzusetzen. [30] Die Saat sollte noch stärker als zuvor auf die letztlich gewünschten Hanfarten abgestimmt werden, schließlich differierte die Saatmenge von Spinnhanf, Seilerhanf und Samenhanf etwa um den Faktor 4. [31] Auch die Züchtungsforschung widmete sich dem Hanfanbau, bemühte sich dabei nicht nur um besseres Saatgut, sondern auch um die Kreation nur weiblicher resp. nur männlicher Pflanzen, da die Zweigeschlechtlichkeit immensen Aufwand bedeutete. [32]

Auch wenn der Düngung schon im späten 18. Jahrhundert hohe Aufmerksamkeit geschenkt wurde, handelte es sich doch durchweg um organische Materialien. Dies änderte sich mit dem Aufkommen der Agrikulturchemie, die dem mineralischen „Kunstdünger“ den Weg bereitete: „Genügt die Stallmistdüngung nicht allein, so können auch konzentrierte Düngemittel mit bestem Erfolg Verwendung finden. Man nimmt Phosphorsäure und Stickstoff, ebenso hat sich Kali gut bewährt.“ [33] Während die Ernte nach wie vor mechanisch mit der Sichel erfolgte, konnte mit verbesserter Düngung neues Hanfland erschlossen werden. [34] Angesichts der nicht unbeträchtlichen Kosten für die modernen Düngemittel und den tendenziell nachgebenden Hanfpreisen setzte man in Deutschland bis vor dem Ersten Weltkrieg allerdings sowohl organischen als auch mineralischen Dünger ein. [35]

Die Rationalisierung des Hanfanbaus wurde schließlich auch durch verfeinertes chemisches Wissen vorangetrieben. Nicht nur der indische, sondern auch der einheimische Hanf wurden immer wieder untersucht. [36] Mochten die frühen Analysen auch kaum heutigen Kriterien genügen, so schufen sie doch Referenzwissen, mit dessen Hilfe man Auswirkungen der Düngung oder neuer Anbautechniken genauer einschätzen konnte. [37] Gerade die Fortschritte der Fett- und Eiweißchemie im späten 19. Jahrhundert wurden rasch auf die Analyse von Ölsaaten übertragen. [38]

Neben dieses naturwissenschaftliche Wissen trat seit Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch immer stärker ökonomisches Wissen. Dies bedeutete den Siegeszug der Zahl zur Festschreibung empirischer Realität und zum zweckgebundenen Vergleich. Das bedeutete für die Landwirtschaft zunehmend genauere Kenntnisse des Betriebsablaufes, ergab aber auch Zielmargen für die eigene Produktion. Wer wusste, dass „100 Pfd. gerotteter und getrockneter Stengel“ „gewöhnlich nahe bei 30 Pfd. an geschwungenem Hanfe [geben, US], was 9 bis 12 Prozent vom Gewichte der grünen Stengel ausmacht,“ [39] konnte seine Arbeit besser planen, seinen Ertrag besser abschätzen. Statistisches Wissen erlaubte aber nicht nur einzel-, sondern auch volkswirtschaftliches relevantes Orientierungswissen. Auch wenn Handelsdaten schon im 17. Jahrhundert gesammelt wurden und im 18. Jahrhundert in den Intelligenzzeitschriften breiten Niederschlag fanden, so erlaubte doch erst der Ausbau der landwirtschaftlichen Anbau- und später Produktionsstatistik eine gezielte Förderungspolitik der deutschen Staaten. Es ist kein Zufall, dass die offenkundige Krise des heimischen Leingewerbes seit den 1830er Jahren zu umfassenden Untersuchungen in Baden, dem Zollverein und später auch Österreich führte. [40] Mittels statistischen Wissens konnte nicht nur die Gewerbe- und Handelspolitik besser begründet, sondern auch die Effekte staatlicher Maßnahmen im Vorfeld besser eingeschätzt werden. Hanfimporte blieben auch nach der Zollwende 1879 praktisch zollfrei, hätten erhöhte Zölle doch die bestehende Verarbeitungsindustrie hart getroffen.

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Wachsende Importabhängigkeit. Außenhandel des Deutschen Zollvereins mit Hanf 1854-1864   (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 61)

Neues natur- und gesellschaftliches Wissen erlaubte aber auch gezielte Prozessverbesserungen. Beim Hanfanbau betrug dies vorrangig die Röste, also die Wässerung und gesteuerte Verrottung der frisch geernteten Hanfstängel. Schon im späten 18. Jahrhundert wurden alternative chemischen Verfahren getestet, insbesondere der Einsatz von Laugen und Pottasche. [41] Dies hätte aber großbetriebliches Arbeiten vorausgesetzt. Die „Umständlichkeit, Unsicherheit und Unvollkommenheit“ des Röstens wurde immer wieder betont, die Chemie als „treue Helferin“ des Landmannes bemüht. [42] In Deutschland blieb das Rösten dennoch kaum verändert, Verbesserungen erzielte man vor allem bei der Anlage von Röstgruben. Dies geschah aber eher aus ökologischen Gründen, zur „Abwendung der nachtheiligen Folgen, welche Wasser, in dem Flachs oder Hanf geröstet wird, für die Erhaltung der Fische herbeiführt“. [43] „Luftverderbnis“ wurde häufig beklagt, auch wenn die Verwirrung und Betäubung der Beschäftigten zumeist auf die betörende Hanfpflanze zurückgeführt wurde. Spätestens in den 1870er Jahren war jedoch vorgegeben, Röstgruben außerhalb menschlicher Behausungen und fließender Gewässer angelegen, sie regelmäßig zu desinfizieren und zu reinigen. [44] Es ist allerdings unklar, wieweit die Regulative wirkten.

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Optimierte Hanfröste in Gottenheim, Baden, späte 1890er Jahre (Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 91)

Neben derartige Prozessverbesserungen trat seit dem frühen 19. Jahrhundert vermehrt der Einsatz verbesserter Geräte und neu konstruierter Maschinen. Dabei spielte das mechanische Rösten anfangs eine wichtige Rolle, auch wenn sich die vornehmlich aus Frankreich stammenden Maschinen nicht durchsetzen konnten. [45] Später konzentrierten sich Praktiker und Ingenieure dann stärker auch das Brechen und das Hecheln. [46] Die Hanfverarbeitung blieb in Deutschland wenig mechanisiert, bis zum relativen Ende vor dem ersten Weltkrieg dominierte Handarbeit. Anders war dies bei der Hanfspinnerei und -weberei, die es hier jedoch nicht weiter zu verfolgen gilt. [47]

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Verbesserung bäuerlicher Geräte: Hanfbreche als Beispiel ([Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 36)

Charakteristisch für die mitteleuropäische Landwirtschaft und auch den Hanfanbau waren eng auf die Pflanzen, ihren Anbau, ihre Düngung, die Ernte, die möglichen Geräte sowie den möglichen Maschineneinsatz ausgerichtete Debatten. Der Absatz respektive die Vermarktung besaßen keine wirkliche Bedeutung, modernes Agrarmarketing setzte in Deutschland erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein. [48] Diese Einschränkungen galten auch für Interessenvereine, so etwa die von 1851 bis 1857 bestehende Gesellschaft zur Beförderung des Flachs- und Hanfanbaus.

Staatliche Instanzen unterstützten den Hanfanbau mit vielfältigen Maßnahmen, insbesondere in Baden. Hier gab es Gemeinschaftsdarren, wurden früh schon Röstgruben angelegt. Für die Bauern gab es spezialisierte Märkte, Kennzeichnungssysteme wurden staatlich garantiert. [49] Zollschutz wurde von ihnen mehrfach gefordert, doch liberale Mehrheiten lehnten diesen 1840 in Baden und auch später anderswo wiederholt ab. [50]

Hanfprodukte in sich stetig wandelnden Märkten

Der Hanfanbau war zumeist ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, dessen Hauptziel der Erwerb eines Ergänzungseinkommens war. Hanf wurde gepflanzt und verarbeitet, um die so gewonnen Produkte zu verkaufen. Sie alle wurden jedoch auch direkt im Haushalt verwendet, zumal weniger marktfähige Qualitäten. Seit dem späten 18. Jahrhundert nahm die Bedeutung des Haushaltskonsum jedoch ab, auch wenn insbesondere in Osteuropa resp. Russland begrenzte Eigenwirtschaft auch noch im frühen 20. Jahrhundert betrieben wurde.

Die nur noch geringe Bedeutung der Naturalwirtschaft zeigt sich deutlich an der Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel im eigenen Haushalt. In der frühen Neuzeit wurden auch in Mitteleuropa Hanfsamen noch vielfach dem Brei und anderen Speisen zugefügt, diente Hanföl auch als Speiseöl. [51] In der Schweiz bzw. dem deutschen und französischen Oberrhein nutzte man es zum Kochen, vermengte es mit Butter oder dem Schmalz geschlachteter Tiere. Gerade während der Fastenzeit war Hanföl ein wichtiges Substitut für die dann verbotenen tierischen Fette. In Notzeiten – und die gab es in der frühen Neuzeit durchschnittlich alle sieben Jahre – dienten auch die bei der Ölgewinnung übriggeblieben Reste der menschlichen Nahrung, während Ölkuchen und Ölbrot ansonsten Viehfutter waren. [52]

Die zuvor referierten volkskundlichen Berichte beruhen auf Erfahrungsberichten und Befragungen. Zeitgenössische Publikationen unterstreichen ihre Aussagen. Zedlers Universallexikon konzentrierte sich auf die vielfältigen Heilwirkungen des Hanfs, insbesondere des Hanföls, das von der Humoralpathologie hoch geschätzt wurde. Doch auch als Nahrungsmittel fand er Verwendung: „Die gemeinen Leute reiben den Hanff in einem Asche mit etwas Milch, schlagen dieses durch einen Durchschlag und kochen hernachmahls Suppen davon, die einen gar angenehmen Geschmackes sind.“ [53] Dies unterstrich auch der Leipziger Professor für Weltweisheit Carl Günther Ludovici (1707-1778) in seinem weit verbreiteten Kaufmannslexikon. Für ihn war dies jedoch eine „Speise für das gemeine Volk“ [54], nichts für den bürgerlichen Haushalt. Allerdings wurden Hanfsamen in der frühen Neuzeit auch im noch teuren Zucker gesotten und dann als Beispeise auf die Festtafel gebracht – doch dies war Mitte des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa nicht mehr üblich. [55] Hanfsamen wurde nach wie vor in Osteuropa, insbesondere in Russland verzehrt: „Der Landmann röstet ihn nämlich bey wenigem Feuer im Backofen, und stampfet ihn mit den Schalen in einer sehr einfachen Maschine. […] Wenn bey Gelegenheit der Hunger erinnert, nimmt man hiervon etwas auf ein kräftiges Stück grobes schwarzes Brod, würzet sich selbiges mit polnischem Stein- oder russischem Seesalze, und glaubt, daß man sich in der strengsten Fasten kein besseres Gericht wünschen könne. In der That schmeckt auch der geröstete und gestampfte Hanf mit etwas Salz, gleich nach dem Mohn, vor allen anderen hiesigen Oelfrüchten so gut, daß selbst der adelige Einwohner besagter Gegenden, welcher fast durchgängig an eine sehr reichlich besetzte Tafel gewöhnt ist, ihn oft auf der Jagd oder Reise zu versuchen Appetit bekommt.“ [56] Hanfsuppen waren im späten 18. Jahrhundert noch üblich, also vor der allgemeinen Verdrängung der Frühstückssuppen durch Brot- und Kaffeespeisen [57]: „Wo ein starker Hanfbau ist, pflegen die gemeinen Leute auch aus den Hanfkörnern Suppe zu kochen, welche eben nicht übel schmeckt. Zu Bereitung dieser Hanfsamensuppe, werden die Hanfkörner in einer Reibesatte klein gerieben, die zerriebenen Körner in einen Durchschlag gethan, kochendes Wasser darauf genossen, und die harten Schalen und Hülsen zurück gelassen, und zur Viehfütterung verwendet.“ [58] Hanfsuppen mutierten zu einer diätetischen Speise, dienten ab und an der Versorgung von Schwangeren.

Im 19. Jahrhundert finden sich kaum noch Belegstellen für die Nutzung von Hanf als Nahrungsmittel, einzig als Notnahrung wurde er in eine breite Palette „wohlfeiler Nahrungsmittel“ eingegliedert. [59] Hanf wurde zu einer Speise der anderen, insbesondere des fernen Russlands, wo die „schwer verdauliche vegetabilische Kost […] gewöhnlich mit Lein- oder Hanföhl zubereitet“ [60] wurde. Diese Exklusion ist sicher auch Ausdruck des damaligen Nationalismus und der damit einhergehenden Etablierung holzschnittartiger Nationalcharaktere. Russen wurden in der Bildsprache der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur zunehmend als ungehobelte Trampel dargestellt, sondern ihr vermeintlicher Gestank auch zurückgeführt auf „eine bedeutende Quantität Hanföl, Buchweizen und andere übelriechende Vegetabilien, welcher der Russe verzehrt, und deren Essenz durch seine Schweißlöcher zu strömen scheint.“ [61] Parallel begann eine Exotisierung der Hanfnahrung, die sich vor allem an den wohlbeleibten Körpern der Araber festmachte, Folge sowohl vermeintlicher Faulheit als auch des Hanfsamenkonsums. [62] Diese Exotisierung galt am Ende des 19. Jahrhunderts aber auch für das Land, für die Benennung bedrohter Traditionen, wie etwa dem in der Provinz Posen noch bestehenden Brauch, dem Gesinde am Weihnachtsabend Hanfsuppe mit Mohn zu reichen. [63] Faktisch aber wollte der bürgerliche Städter davon nichts mehr wissen, bewertete daher die ehedem wohlschmeckende Hanfsuppe nun als „die unangenehmste und unverdaulichste“ [64] aller Löffelspeisen.

Während Hanfsamen somit ab dem späten 18. Jahrhundert zu einem recht seltenen bäuerlichen Nahrungsmittel in Mitteleuropa wurden, gewannen sie nicht nur an Bedeutung als Handelssaatgut für neue Hanfkulturen und als Grundstoff der Hanfölproduktion. Hanfsamen fanden zudem guten und regelmäßigen Absatz als Futter für die seit dem 18. Jahrhundert in Tirol, den Niederlanden und dann vor allem im Harz gezüchteten Kanarienvögel.

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Anzeige für Hanfsamen als Vogelfutter 1880 (Der Nebelspalter 6, 1880, H. 17, s.p.)

Einseitige Fütterung hatte jedoch ihren Preis, denn die Ziervögel nahmen zwar rasch zu, beendeten aber vielfach auch den vom bürgerlichen Publikum so erwünschten Gesang. [65] Entsprechend wurden Hanfsamen Teil von Futtermischungen – und die Presse des 19. Jahrhunderts ist durchzogen von Ratschlägen, welche Vogelart welche Mischung zu sich nehmen müsse, um allseits zu delektieren. [66] Hanfsamen wurden vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nicht als Supernahrungsmittel verstanden, sondern „als kleines, graues Korn mit öligem Kern“, das man für die “kleinen gelben Sänger“ „in Papierdüten vom Kaufmann nach Hause tragen“ konnte. [67]

Hanfsamen hatten Mitte des 19. Jahrhunderts keinen hohen Wert mehr, galten zusammen mit Lein- und Mohnsamen als das „Proletariat der Schalenfrüchte“ [68]. Als Haus- und Heilmittel konnten sie jedoch noch eine gewisse Bedeutung behaupten, nutzten doch Fachärzte Hanfsamenmilch als ein wirksames Mittel gegen Harnbeschwerden und Diarrhoe. [69] Die Mehrzahl der Ernte und insbesondere der Importware ging jedoch in Produktion von Hanföl.

Hanföl war vorrangig Handelsgut, Welthandelsware. Das wichtigste Produktionszentrum bildete seit dem frühen 18. Jahrhundert Russland und das Baltikum. Schätzungen gehen von etwa vier Millionen russischen Bauern aus, die Anfang des 19. Jahrhundert marktbezogen Hanf anbauten. [70] Neben den Faserstoff trat der Hanfsamen, der in den größeren Hafenstädten der Ostseeküste, in Riga, St. Petersburg und Königsberg, zu Öl verarbeitet und dann vor allem nach Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien verschifft wurde. Hanföl war in erster Linie ein Zwischenprodukt, das anfangs vor allem als Grundstoff für die Seifenherstellung, für Ölfarben und zunehmend auch zur Firnisproduktion eingesetzt wurde. Außerdem wurde es im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert als Beleuchtungsmittel eingesetzt.

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Werbeanzeige für importiertes Hanföl 1830 (Leipziger Zeitung 1830, Nr. 171 v. 19. Juli, 1980)

Auf der anderen Seite des Nutzungsspektrums standen bäuerliche Haushalte, in denen Hanföl „bald zum Brennen, bald zur Wagenschmiere, bald in der Arztney gebrauchet“ [71] wurde. Hanfsamen wurde an der Sonne getrocknet, gesäubert, mit einer Wind- oder Staubmühle nochmals gereinigt und dann kalt geschlagen. [72] Das so gewonnene Öl diente vornehmlich als Leuchtmittel, als Anstrich, selten als Nahrungszusatz. Für die bäuerliche Ökonomie waren auch die Reste der Ölherstellung wichtig. Der sogenannte Ölkuchen wurde an Rindvieh, Schweine, Schafe und auch Pferde verfüttert, fand auch Verwendung als Fischköder. [73] Die Masse der Hanfsamen wurde jedoch nicht häuslich genutzt, sondern verkauft. Die Textilindustrie bot im späten 18. Jahrhundert noch günstige Absatzmöglichkeiten, diente Hanföl doch der Vorbehandlung von Garnen und Stoffen. [74] Es blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiges Handelsgut, im Haushalt dagegen fanden sich immer weniger Anwendungen. Als Leuchtmittel war es nicht ideal, rußte es doch beträchtlich, verbrannte auch relativ schnell. [75] Es wurde ersetzt durch die in den 1830er Jahren aufkommenden Stearin- und dann Paraffinkerzen, schließlich durch das Petroleum. Auch die Ölkuchen gerieten seit der Jahrhundertmitte in den Bannstrahl der sich rasch entwickelnden Agrarwissenschaft. Aufgrund der harten Fruchtschalen hatten die Abfälle der Hanfölproduktion einen recht niedrigen Futterwert. Das reichte für die Nebenerwerbslandwirtschaft, doch die immer häufiger spezialisierten Haupterwerbsbetriebe tendierten zunehmend zu kolonialen Futtermitteln, die höhere Eiweiß- und Fettgehalte besaßen und mit denen sicherere Masterfolge erzielt werden konnten. Der Ölkuchen wurde dann als Dünger genutzt.

Die Ölproduktion war teils landwirtschaftliches Nebengewerbe, teils schon großbetrieblich betriebene Großmüllerei. Entsprechend finden sich relativ früh beträchtliche Rationalisierungsgewinne durch technische Innovationen. Zu Beginn der Industrialisierung wurde Hanföl durch Ausschlagen sowie kalte und warme Pressung gewonnen. [76] Um 1840 dominierte noch das einmalige Ausschlagen, doch mit leistungsfähigen hydraulischen Pressen konnte der Ertrag deutlich gesteigert werden. In den 1870er Jahren wurde Hanföl vor allem mittels Keilpressen gewonnen, daneben gab es auch eine einmalige warme Pressung. [77] In den 1880er Jahren betrug die Ausbeute des Hanföls durchschnittlich 25%, konnte aber durch neue Extraktionstechniken auf 30-32% erhöht werden. [78] Als Lösungsmittel wurden Benzin, Schwefelkohlenstoff und Äther eingesetzt, entsprechend unterschied sich die Ölgewinnung von der heutzutage gängigen, doch erst Anfang der 1970er Jahre eingeführten Hochdruckextraktion mit Kohlendioxid. [79] Die damaligen Lösungsmittel waren stärker invasiv, wenngleich mit ihrer Hilfe durchaus erfolgreiche Markenprodukte produziert werden konnten. Kaffee HAG ist wohl das bekannteste Extraktionsprodukt – dabei wurde Koffein mit Hilfe von Benzol aus dem Rohkaffee entfernt. [80] Die Hanfölerträge konnten bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedenfalls nur noch moderat gesteigert werden. 1911 hieß es: „Die kalte Pressung liefert bis zu 25 % eines ziemlich dünnen, hellgrünen, die warme Pressung bis zu 30 % eines dickeren und dunkelgrünen Öls. Unter dem Einfluß der Luft wird das Öl braungelb. Die besseren Sorten dienen, besonders in Rußland, als Speiseöl, die geringeren werden zu Firnissen und Seifen verwendet, die in Norddeutschland sehr verbreitete ‚grüne Seife‘ ist eine Schmierseife aus Hanföl.“ [81]

Das Zitat dokumentiert Fortschritte in der Ölverarbeitung, belegt indirekt aber noch die relativ verhaltene Entwicklung der Fettchemie. Selbst an sich einfache Parameter, wie der Ölgehalt der Hanfsamen, wurden bis in die 1880er Jahre hinein mit 20-25% deutlich zu niedrig angegeben, so dass potenzielle Ertragssteigerungen kaum gesehen wurden. [82] Erst danach wurde das Öl auf Basis seiner verschiedenen Fettsäuren (damals Leinölsäure, Oelsäure, Palmitinsäure und Stearinsäure) eingeschätzt, erst danach war Extraktionstechnik oder aber die Dampfdestillation überhaupt denkbar. [83] Kurz vor dem ersten Weltkrieg hatte man ein deutlich differenzierteres Bild von der Zusammensetzung des Hanföls gewonnen. [84] Für eine Intensivierung der Ölproduktion war es damals jedoch schon zu spät, denn kurz vor dem Ersten Weltkrieg war der Hanfanbau in Deutschland im Wesentlichen eingestellt worden. Das war vor allem Folge des ökonomischen Niedergangs der Hanffaser. Hanföl hätte, zumal aus heutiger Sicht, grundsätzlich Chancen für andere nichttechnische Angebote gegeben. Es gab solche, wenngleich sie Ausnahmen bildeten: In Österreich wurde 1825 den in Prag produzierenden Gebrüdern Löwy ein Privileg auf ein Kunst- und Gesundheitsöl zugesprochen, bei dem Hanföl mit Schwefelsäure versetzt und mit Ethanol vermischt wurde, um das Produkt dann mit süßen und bitteren Mandeln zu einer kosmetischen Mandelmilch zu vermengen. [85] Hanföl wurde auch zu anderen kosmetischen Zwecken eingesetzt, etwa für ein kurzlebiges Haarwuchsmittel in Ungarn. [86] Diese Beispiele verweisen auf Marktchancen, die nicht genutzt wurden – obwohl die Kosmetikbranche ein wichtiger Wachstumsmotor des Konsumgütermarktes im späten 19. Jahrhundert wurde.

Das galt auch für andere Produkte der Hanfherstellung. Ab und an wurde Hanf beispielsweise als Substitut für Hopfen beim Bierbrauen vorgeschlagen – und zwar zu Zeiten als das mythenbeladene bayerische resp. deutsche Reinheitsgebot noch nicht griff. [87] Was Anfang des 19. Jahrhunderts noch undenkbar schien, wurde in der Mitte wissenschaftlich begründet, sei doch Hanf ähnlich bitter wie der Hopfen, böte die stetere Ernte zudem eine höhere Betriebssicherheit. “Daß auch unser Hanf (Cannabis sativa) betäubend wirkt, ist den Producenten hinlänglich bekannt.“ [88] Die vom Nürnberger Chemiker Rudolph von Wagner (1822-1880) propagierte Idee wurde seinerzeit zwar breit gestreut, doch offenkundig nicht aufgegriffen. [89] Ebenso scheiterten nach 1900 eher zaghafte Versuche, Hanfstauden als dekorative Zierpflanzen in die Rundbeete deutscher Gärten einzuführen. [90] Stattdessen behauptete sich die Rizinusstaude.

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Hanf als Zierpflanze – Ein Versuch von 1908 (Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351)

Hanf war vor allem ein Gespinstpflanze, Hanffasern das wichtigste Produkt. Deren Präsenz in der vorindustriellen Gesellschaft war offenkundig: „Mit Hanf werden Schiffe gelenkt, Glocken geschwenkt, Bettstätten verschränkt und Schelme gehenkt.“ [91] Doch nicht allein der Markt wurde beschickt, die Hanffaser prägte die ländlichen Konsumsphäre bis weit in das 19. Jahrhundert hinein: „Sie liefert ihm die Stoffe zur ersten Hülle bei seinem Erscheinen auf diesem Schauplatze der Natur. Sie bekleidet ihn bis an sein Ende und selbst noch im Grabe. Mit roher Hoffnung blickt das Mädchen des Landmanns auf das Gedeihen dieser Pflanze, welche ihr den Stoff zu ihrer Aussteuer liefert.“ [92] Stärker noch als der vor allem für Garne und Kleidung verwandte Flachs war Hanf ein Universalrohstoff für zahlreiche Produkte der Hauswirtschaft und des Gewerbes. Die aus bäuerlich-kleingewerblichen Milieu stammende Schweizer Volkskundlerin Anna Ithen (1858-1924) listete kurz nach der Jahrhundertwende vieles auf: „Frucht- und Mehlsäcke, Seile, Stränge, Stricke, Wagendecken, des Kaufmanns starkes Packtuch und des Schusters Pechdraht wurden aus dem starken Hanfe bereitet. Der einstigen Schiffahrt lieferte er die Taue und Segeltücher, der alle Schiffbauer verstopfte mit geringerm Werg die Fugen und Risse, und der Brunnenbauer der alten Zeit versuchte ebenfalls mit Werg schadhafte Stellen seiner hölzernen Dünkelleitung wasserdicht zu machen. Auch der Nähfaden (‚Zwirn‘) ward aus der Hanfreist gedreht.“ [93] Hanffasern eröffnen den Blick auf eine vergangene materielle Kultur, die heute durch andere funktionalere und preiswertere Werkstoffe verdrängt ist.

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Hanf als ubiquitärer Faserstoff. Ein nostalgischer Rückblick der NS-Propaganda 1943 (Die lustige Hanffibel, hg. v. Reichsnährstand, Berlin o.J. [1943], 7)

Im 18. Jahrhundert dienten Hanffasern noch vielfach der protoindustriellen Garn- und Stoffproduktion. In den wichtigsten Produktionsregionen wurden aber auch erste Fabriken errichtet, so etwa die 1762 in Lörrach gegründete Firma Gaup, Kupfer und Breitenbach. [94] Hanfstoffe konnten einfach gefärbt werden (damals noch mit heimischen „Naturfarben“) und erwiesen sich als besonders haltbar: „Die Würmer fressen den Hanffaden nicht an.“ [95] Je nach Verwendungszweck wurden die Garne mit Wolle, Baumwolle, Leinen und Haaren verwoben, um Stoffe billiger anbieten zu können, um zugleich aber die immer etwas kratzigen und starren Hanfgeflechte tragfähiger und anschmiegsamer zu machen. Hanfgarn erzielte auch daher geringere Preise als Flachsgarn. Relative Schwere, Dauerhaftigkeit und Widerstandskraft gegen Nässe waren bei Segeltuch jedoch von Vorteil, ebenso bei Tauen, Stricken und Netzen. Im Bereich der Schifffahrt besaßen Hanfprodukte daher lange Zeit ein Quasimonopol, waren zugleich kriegswichtig. Die Handels- und Kriegsflotten Englands, Spaniens und der Niederlande bedurften immenser Zufuhren, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem von Russland befriedigt wurden, während sich in deutschen Landen Frankfurt a.M. als Handelsdrehscheibe etablieren konnte. Mitte des 18. Jahrhunderts stammten 90 Prozent der in England benötigten Hanffasern aus Russland, und selbst in den späten 1850er Jahren lag deren Marktanteil noch bei 75 Prozent. [96] Zu dieser Zeit erforderten Segel und Tauwerk eines Linienschiffes etwa 90 Tonnen Rohhanf. [97] Hanf, so der paradoxe Schluss, bot also die für den europäischen Ausgriff auf die koloniale Welt notwendigen Materialien, erlaubte den Zugriff auf koloniale Fasersubstitute und auch den indischen Hanf.

Hanffasern wurden anhand äußerer Kriterien und mittels Sinnesprüfung unterschieden. Feinheit und Farben bestimmten die Qualität der Garne, ebenso deren Länge und Stärke. [98] Hanffasern machten nur etwa 3-6 % des Gewichtes der geernteten Hanfstängel aus und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unterschieden Händler auch nach dem Glanz der jeweiligen Ware. [99] Für den Fernhandel entwickelten russische Kaufleute schon Mitte des 18. Jahrhunderts einfach abgrenzbare Qualitätsabstufungen. Andere Produktionsregionen folgten, so dass die Käufer anhand von Verpackungen, Buchstaben und Nummern die jeweilige Ware einschätzen konnten. Derartige Informationen waren für die meist lokal arbeitenden Seiler weniger wichtig, kauften sie doch meist von lokalen Anbietern und Kaufleuten mit bewährter Importware. Hanfwerg und geringe Qualitäten wurden zudem zu Papier verarbeitet, ehe der Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführte Holzschliff dieser Produktion ein Ende bereitete.

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Ausverkauf von Leinenwaren aus Flachs und Leinen 1874 (Düsseldorfer Volksblatt 1874, Nr. 53 v. 7. März, s.p.)

Hanfgewebe wurden im Textilsektor kaum beworben, sie erschienen, ebenso wie Flachs, unter dem Dachbegriff von Leinenwaren. Ihre dennoch hohe Wertigkeit zeigt sich aber in Diebstahlsinventaren, die sich im frühen 19. Jahrhundert auch in Tageszeitungen finden. Dort wurde Hanfkleidung explizit als solche hervorgehoben, erleichterte solche Genauigkeit doch das Auffinden von Diebesgut und Dieben. [100] Generell aber war die Innovationskraft der Hanf- und Flachsspinner und -weber jedoch gering, erschöpfte sich in schnelleren Maschinen und verbesserter Anbautechnik, nicht aber in neuartigen Produkten. Eine Ausnahme bildete der in den 1840er Jahren populäre und in Frankreich entwickelte Hanffilz, dessen Fasern wärmebehandelt und mit Fetten und Harzen getränkt waren. So blieb der Stoff relativ temperaturunabhängig, konnte zudem gut geformt werden. Feuereimer, Wasserröhren, Felleisen, Hutkästen, Blumenvasen, Waschbecken, Becher, Flaschen und nicht zuletzt relativ leichte Dachschindeln wurden daraus gefertigt. [101]

Auch nach dem Wegbrechen der Hanf -und Flachsverarbeitung im Heimgewerbe, das in den 1840er Jahren vor allem in Westfalen und Schlesien beträchtliche soziale und wirtschaftliche Verwerfungen hervorrief, gab es jedoch weiterhin eine durchaus wachsende deutsche, vor allem aber in ganz Europa etablierte Flachs- und Hanfindustrie. [102] Im Deutschen Reich gab es 1884 sieben Hanfspinnereien und Bindfadenfabriken mit einem Geschäftskapital von 12,5 Mio. Mark und 2.389 Beschäftigten, die allerdings nur die Spitze des Eisberges bildeten, da die Mehrzahl der Garne und Stoffe in Leinenspinnereien und -webereien produziert war. Um 1880 war das Deutsche Reichs der weltweit größte Importmarkt für Hanf mit einer Produktionsmenge von ca. 11.000-17.000 Tonnen. [103]

Substitution und Verschwinden des Hanfes seit dem späten 19. Jahrhundert

Diese Weiterverarbeitung vor allem von Importware gibt einen Eindruck von den beträchtlichen Umgestaltungen während der ersten Globalisierung im langen 19. Jahrhunderts, deren Auswirkungen denen heutiger Globalisierung kaum nachstehen. Hanf wurde davon besonders getroffen, denn dessen Fasern konnten durch Importe aus Kolonien oder überseeischen Produktionsgebieten kostensparend substituiert werden. Die Sprache der neuen Billigfasern deutet ihre Marktwirkung noch an. Schon in den 1830er Jahren galt dies für den neuseeländischen Flachs (aus der Flachslilie), den Sunn-Hanf (aus der Klapperschote), den Aloe-Hanf (aus mexikanischer Agave) und vor allem den philippinischen Manila-Hanf (aus der Pisangpflanze). [104] Aus ihnen konnten Bindfäden, Seile, auch Segeltuch gefertigt werden. Dies geschah im Zeitalter des Imperialismus auch, um die Abhängigkeit von Importen aus potenziellen Feindesländern zu minimieren und die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Herrschaftsbereich zu fördern. Im Deutschen Reich war Sisalhanf ein wichtiges Argument für die Kolonisierung Deutsch-Ostafrikas, wo 1913 in der Tat 19.700 Tonnen produziert und ins Reich zur Weiterverarbeitung exportiert wurden. [105] Seit der Jahrhundertmitte kam zudem Bombay-Hanf – Jute – auf und nahm dem Hanf große Marktanteile bei Tauen und Säcken ab. [106] Marktdruck gab es aber auch durch die beträchtlichen Fortschritte in der eisenverarbeitenden Industrie. Eisen- und dann Stahlseile gewannen im Bergbau und schließlich der Schifffahrt immer größere Bedeutung, erlaubten Fördermengen und Transportleistungen, die mit Hanf und anderen Faserstoffen nicht möglich gewesen wären.

„Vom facettenreichen Phänomen «Cannabis» blieb nur noch ein Rauschgift übrig.“ [107] Diese Sentenz des Zürcher Sozial- und Wirtschaftshistorikers Jakob Tanner beschreibt die Richtung, doch diente ihm die neuen Debatten um die Drogenlegalisierung als Messlatte. Für das lange 19. Jahrhundert galt dies nicht. Hanf wurde Ende des 19. Jahrhunderts zwar noch, zusammen mit Tabak, Tee, Kaffee, Opium, Hanf, Baumwolle und Getreide, zu den „Grossmächten der Pflanzenwelt“ [108] gezählt, doch der relative Abstieg war damals schon akut. In Deutschland verschwand der Hanf dagegen faktisch vor dem Ersten Weltkrieg, die Produktionsmenge lag 1913 noch bei ganzen 100 Tonnen. [109] Analog zur Schweiz galt auch hierzulande: „Immer seltener werden in unserer Gegend die Saatfelder von Flachs und Hanf, dieser einst in der Hauswirtschaft so hochgehaltenen Kultur. Die Werkzeuge, welche dazu dienten, diese Pflanzen durch alle Stadien der Bearbeitung zur fertigen Leinwand zu verwandeln, stehen auf dem Estrich oder in Rumpelkammern, dem Roste und Holzwurme preisgegeben.“ [110]

Das hatte 1880 noch deutlich anders ausgesehen. Damals lag die Produktion im Deutschen Reich zwar weit hinter den führenden Produktionsländern Russland, Italien und Ungarn, doch immerhin noch auf der Höhe der USA als dem wichtigsten Agrarproduzenten weltweit. Hanf wurde vor allem importiert, dann hierzulande abgesetzt oder aber als Fertigware exportiert.

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Hanf als globale Handelsware 1880 (Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 20)

Nun aber kumulierten die zuvor schon mehrfach erörterten Veränderungen im Hanfmarkt. [111] Hanf wurde, wie auch die anderen dominanten Textilstoffe des frühen 19. Jahrhunderts (Schafwolle, Flachs und Seide) durch Pflanzenfaserstoffe aus dem globalen Süden verdrängt. Gerade die auf Sklaven- und Plantagenwirtschaft gründende Baumwolle setzte zum globalen Siegeszug an, „King Cotton“ hatte die Leinenkleidung abseits der bäuerlichen Selbstversorgung bis spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts verdrängt. Hanf hatte auch gegenüber Jute deutliche Preisnachteile, konnte sich im Verpackungssektor daher nicht länger behaupten. Tropische Langfasern wurden zunehmend für Taue und Seile genutzt, neben Sisal, Aloe und den anderen bereits erwähnten Kolonialprodukten traten nun auch Bananen- und Kokosfasern. Die noch nennenswerte Ölfarbenproduktion geriet durch die kostengünstigeren Teer- und auch Pigmentfarben der deutschen chemischen Industrie unter harten Wettbewerbsdruck. [112] Importierte Lein-, Mohn- und Rizinusöl sowie asiatisches Holzöl, Perillaöl und Sojaöl dominierten nun bei den trocknenden Ölen, während nach dem Ersten Weltkrieg, Hanföl, aber auch Nuss-, Sonnenblumen- und Baumwollsamenöl „nur sehr selten Anwendung“ [113] fanden. Der Niedergang wurde gewiss durch die in Baden übliche Nebenerwerbslandwirtschaft verlangsamt, die mit gewerblicher Haupterwerbsarbeit verbunden und weiterhin von Frauen mitgetragen wurde. Die Hanfanbauflächen sanken nun rasch. Wurden 1878 noch 21.000 ha kultiviert, so sank diese Zahl über 15.000 ha 1883 und 8000 ha 1893 auf 3.500 ha 1900 und wohl 200 ha 1913. [114]

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Hanfbrechmaschine in den USA (S.S. Boyce, Hemp (Cannabis sativa), New York 1900, 97)

Dies bedeutete (noch) nicht ein Verschwinden der globalen Hanfproduktion, die für die deutsche Textilindustrie nach wie vor eine gewichtige Rolle spielte. Schätzungen gehen für 1913 von weltweit 850.000 ha Anbaufläche und einem Ertrag von ca. 500.000 t aus. Diese Werte lagen 1924/25 bei nur noch 300-400.000 ha resp. 220.000 t. [115] Der Rückgang erfolgte, obwohl insbesondere in den USA der Maschineneinsatz sowohl bei der Ernte als auch bei der Verarbeitung auf neue Höhen gebracht wurde und Handarbeit dort Ausnahme wurde. Russland spielte auch nach der Machtübernahme durch die Sowjets eine führende Rolle im Billig- und Massensektor, während Italien hochwertige Produkte, zugleich aber auch alle anderen Marktsegmente bediente. [116] Das Deutsche Reich nahm diese grundlegenden Veränderungen hin, ließ den heimischen Hanfanbau ohne Zollschutz. Das war ökonomisch rational, zumal die Hanf- und Flachsindustrie anders als die Getreide- oder Zuckerwirtschaft keine schlagkräftige Interessenvertretung besaß. Während das Deutsche Reich zur weltweit zweitgrößten Handelsnation aufstieg, und gewiss zu den Globalisierungsgewinnern dieser Zeit zu zählen ist, zeigt das Verschwinden des Hanfanbaus, dass dieser Weg mit beträchtlichen Verwerfungen erkauft war, darunter die Zernierung der Lebens- und Wirtschaftsweisen breiter Teile des kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Grund war aber auch, daß im Deutschen Reich Landwirtschaft immer stärker im Hauptgewerbe betrieben wurde und Bauern sich auf ertragsstarke und gut absetzbare Produkte konzentrierten. Die Hanfbauern waren keineswegs Opfer, sondern sie optieren vielfach bewusst und zweckrational für lukrativere Tätigkeitsfelder. [117] Dies missachteten auch zahlreiche Fachbücher, die in romantisierender Weise Flachs und Hanf immer noch als „liebe alte Bekannte unserer Landwirtschaft und unseres deutschen Hauses“ [118] präsentierten.

Der Erste Weltkrieg bildete einen Testfall für die Auswirkungen derartiger Strukturwandlungen. 1913 wurden noch 159.000 t Flachs, Hanf (55.000 t) und Werg im Wert von 118 Mio. Mark eingeführt, also etwa 5% der gesamten Rohstoffimporte im Wert von 2,447 Mrd. Mark. [119] Trotz beträchtlicher Eroberungen russischer Hanfproduktionsflächen [120] gelang es nicht, die hohen Importe zumal aus dem 1915 vom Verbündeten zum Kriegsgegner mutierten Italien zu kompensieren. Schon 1915 setzten daher Appelle und Förderprogramme ein, um den heimischen Hanfanbau zu revitalisieren. [121] Höchstpreise wurden festgelegt, die vorhandenen Vorräte beschlagnahmt und der Markt durch eine frisch gegründete Deutsche Hanfbaugesellschaft bewirtschaftet. Nun war es „vaterländische Pflicht der deutschen Landwirte Gespinnstpflanzen anzubauen.“ [122] All dies wurde umkränzt von Broschüren, die an die Ratgeber der Zeit um 1800 erinnerten. [123] Obwohl es einen zunehmend spürbaren Mangel an Stricken und Verpackungsmaterial gab, stand dieser nicht im Vordergrund. Es hieß nun „Baut Ölpflanzen!“ [124], denn insbesondere im Felde technischer Anstriche und Firnisse herrschte ein eklatanter Mangel.

Die Folge waren prozentual bemerkenswerte Steigerungen von 1915 417 ha über 1916 1600 ha bis hin zu 1918 3650 ha. 1920 wurde mit 5350 ha ein Höchstwert erreicht, der dem der späten 1890er Jahre entsprach. Die Erzeugungsmengen von 1918 1820 t und 1920 2575 t reichten jedoch auch nicht ansatzweise an die 55.000 t Hanfimporte von 1913 heran. Entsprechend brach der Hanfanbau nach dem Auslaufen der Zwangswirtschaft auch rasch wieder zusammen und erreichte 1932 einen Tiefstwert von 200 ha. [125] Parallel zum Verbot des indischen Hanfes als Rauschgift war der einheimische Hanf neuerlich verschwunden. Das gilt, obwohl insbesondere in Baden beträchtliche Anstrengungen unternommen worden waren, das Nachkriegsniveau zumindest zu halten, obwohl die Textilindustrie nach dem neuerlichen Anlaufen der Hanfimporte weiterhin Rohware zu Fäden und Spezialstoffen verarbeitete, und obwohl die NS-Autarkiepolitik den Hanfanbau im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkrieges auf neuerliche Höhen schnellen ließ. [126] In der Zwischenkriegszeit waren die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen längst weggebrochen, auf denen der Hanfanbau im langen 19. Jahrhundert gründete. Der heute wieder legale Nutzhanfanbau und die daraus entstehende neue Gütervielfalt beruhen denn auch auf gänzlich anderen Grundlagen als die einer längst verlorenen Vergangenheit mit einer vom Hanf stark geprägten Alltags- und Konsumkultur.

Uwe Spiekermann, 29. Juni 2019

Quellen- und Literaturnachweise:
[1] Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, 265.
[2] Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, 7.
[3] Hainer Hai, Das Definitive Deutsche Hanf Handbuch, Löhrbach o.J. (1982).
[4] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982.
[5] Patrick Matthews, Cannabis Culture, London 2000, 25.
[6] Vgl. etwa James H. Mills, Cannabis Britannica. Empire, trade, and prohibition, 1800-1928, Oxford 2003; Martin Booth, Cannabis. A History, New York 2003.
[7] Vgl. etwa Kim Lutz, Super Seeds. Cooking with Power-Packed Chia, Quinoa, Flax, Hemp & Amaranth, New York 2014; Jack Herer und Mathias Bröckers, Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf, Solothurn 2017.
[8] Kathrin Gebhardt, Backen mit Hanf. Berauschend gut, 4. Aufl., Aarau/München 2003; Dominik Schlemmer, Hanf Kochbuch. Cannabis Rezepte, Marihuana und Haschisch backen zum Kochen und Abheben, o.O. 2017.
[9] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 239-251, hier Sp. 239.
[10] Vgl. Arjun Appadurai, The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge/New York 1986; Zygmunt Bauman, Consuming Life, Cambridge/Malden 2007; Daniel Miller, Consumption and Its Consequences, Cambridge/Malden 2012.
[11] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 108.
[12] Johann Ernst von Reider, Die neuesten Entdeckungen in den wichtigsten Gegenständen der Landwirthschaft und des Gartenbaues, Bamberg 1835, 117-123, hier 117.
[13] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 229.
[14] Markus Promberger, Topographie der Leiharbeit. Flexibilität und Prekarität einer atypischen Beschäftigungsform, Berlin 2012, 43.
[15] Vgl. Rolf Peter Sieferle, Der Europäische Sonderweg. Ursachen und Faktoren, Stuttgart 2000; Markus Cerman, Vorindustrielles Gewerbe und Proto-Industrialisierung, in: ders. et al. (Hg.), Wirtschaft und Gesellschaft. Europa 1000-2000, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, 211-227, insbesondere 224.
[16] Friedrich Koch, Ansichten über das Pflanzen und Zubereiten von Hanf (Rysten) und Flachs, Bern 1824, 36.
[17] Barney Warf, High Points: An Historical Geography of Cannabis, Geographical Review 104, 2014, 414-438.
[18] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes Flachses betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 43.
[19] Vgl. etwa Zubereitung des Hanfes und Flachses nach einer Methode des Herrn Marcandier, nebst einichen andern Vorschlägen, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 75-98; Erste Sammlung Nützlicher Unterrichte, Laybach 1770, 94-116; Neue Art, den Hanf mit wenigerem Abgange und geringeren Kosten zu bereiten, und ihn am besten zu nutzen, Der Sammler 5, 1783, 162-167; Karl la Hard, Abhandlung vom Hanfe, Wien/Prag/Leipzig 1785; Gilbert Baur, Stallfütterung, Klee-Hanf-Flachs- und Grundbirnbau, Augsburg 1794, 84-93; Franz Fuß, Ausführliche Abhandlung über den Flachs und Hanf, Prag 1796, 75-95.
[20] Dies und das Folgende nach Vollständige und genaue Beschreibung wie der Hanf im Stifte Osnabrück gebauet und bereitet werde, Detmold/Meyenberg 1787.
[21] Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 110.
[22] Julius Zipser, Die textilen Rohmaterialien und ihre Verarbeitung zu Gespinsten, T. 1, Wien/Leipzig 1895, 24.
[23] Anleitung den Hanf und Flachs auf das vortheilhafteste zu pflanzen, […], St. Gallen 1812, VI.
[24] Arthur von Hohenbruck, Beiträge zur Statistik der Flachs- und Hanf-Production in Oesterreich, Wien 1873, 5 sowie die Karte im Anhang.
[25] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 765-838, hier 765.
[26] Vgl. auch den groben Überblick bei Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898, 7.
[27] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 53-54.
[28] Centralblatt des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 26, 1837, 62.
[29] O. Salzwedel, Rationelle Samenzucht, Leipzig 1860, 66.
[30] B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 100.
[31] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 425.
[32] Friedr[ich] Haberlandt, Kann man durch Culturmaßregeln auf die Hervorbringung männlicher oder weiblicher Hanfpflanzen einen Einfluß nehmen?, Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 19, 1869, 25-26.
[33] Adolf Hildebrand, Handbuch des Landwirtschaftlichen Pflanzenbaues, Berlin 1889, 423-424.
[34] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 83, 85.
[35] Eduard Birnbaum, Pflanzenbau, 8. Aufl., bearb. v. Paul Gisevius, Berlin 1911, 133.
[36] Untersuchung mehrerer Theile der Cannabis sativa, von S. Schlesinger, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 490-491.
[37] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[38] Victor Griessmayer, Die Proteide der Getreidearten, Hülsenfrüchte und Ölsamen sowie einiger Steinfrüchte, Heidelberg 1897, 294.
[39] Karl Karmarsch, Grundriß der mechanischen Technologie, Bd. 2, Hannover 1841, 613.
[40] Vgl. [Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840; Alexander von Lengerke, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Abt. 2, Braunschweig 1841, 96-111; Josef Hain, Handbuch der Statistik des österreichischen Kaiserstaates, Bd. 2, Wien 1853, 40-41, 150.
[41] [Georg Rudolph] Böhmer, Technische Geschichte der Pflanzen […], T. 1, Leipzig 1794, 514-526.
[42] Ed[uard] Brinckmeier, Der Hanf. Sein Anbau, seine Bereitung und seine Verwendung, 2. Aufl., Ilmenau/Leipzig 1886, 7. Vgl. auch Ueber die Zubereitung des Flachses und Hanfes, hg. durch die Centralstelle für die Landwirthschaft im Großherzogthum Baden, Karlsruhe 1853, mit einer Analyse irischer Röstverfahren.
[43] L[eopold] Gottlieb Kraus und W[ilhelm] Pichler (Bearb.), Encyclopädisches Wörterbuch der Staatsarzneikunde, Bd. II, Erlangen 1873, 113.
[44] Vgl. E[uard] Reichard[t], Schädliche Wirkung des Röstwassers von Flachs und Hanf für die Fischzucht, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 22, 1881, 522-523.
[45] Joh[ann] Gottfr[ied] Dingler, Bericht an Freiherr von Gravenreuth über die Brauchbarkeit der von Hrn. Christian in Paris erfundenen Hanf- und Flachs-Brechmaschine, Kunst- und Gewerb-Blatt des polytechnischen Vereins im König-Reiche Bayern 5, 1819, Sp. 81-92. Deutlich kritischer Fahnenberg, Bemerkungen über die neue Hanfbereitungs-Maschine und einige damit angestellte Versuche, Ebd., Sp. 92-96.
[46] Ueber die neue Methode, den Flachs und Hanf zu brechen und zu bearbeiten, Leipzig 1822; Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 238-239, hier 239 und den Überblick von Hermann Grote, Bilder und Studien zur Geschichte vom Spinnen, Weben, Nähen, 2. Aufl., Berlin 1875, 7-8.
[47] Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, R. Choimet, theoretische und praktische Elemente der Maschinen-Flachs-, sowie auch Hanf- und Werg-Spinnerei, Weimar 1852 und (vielfach deckungsgleich) Chr[istian] Heinr[ich] Schmidt, C. Ancellin, der praktische Flachs-, Hanf- u. Wergspinner auf Maschinen, Weimar 1857.
[48] Gleichwohl galten die im internationalen Hanfhandel bestehenden Standardisierungen in den USA noch nach dem Ersten Weltkrieg als vorbildlich, vgl. Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 68-70.
[49] Vollrath] Vogelmann, Der Hanfbau im Großherzogthum Baden, Carlsruhe 1840, 65-69; Lauter, Notizen über den Hanfbau in Weißweil und Wyhl im Breisgau Badens, Agronomische Zeitung 9, 1854, 817-819.
[50] Karlsruher Zeitung 1839, Nr. 273 v. 2. Oktober, 3053; Karlsruher Zeitung 1840, Nr. 186 v. 11. Juli, 1150.
[51] Margit Irniger und Marlu Kühn, Hanf und Flachs. Ein traditioneller Rohstoff in der Wirtschaft des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Traverse 4, 1997, 100-114, hier 107.
[52] Moritz Caduff, Essen und Trinken im Lugenz, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 82, 1986, 223-276, hier 230-231.
[53] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 463.
[54] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[55] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, hier 205.
[56] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 828.
[57] Uwe Spiekermann, Suppe im Wandel. Zur Karriere einer Alltagsspeise, Historicum 1995, Herbstausgabe, 15-21.
[58] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[59] D. Nikolai, Vorschlag wohlfeiler Nahrungsmittel, Allgemeiner Anzeiger 1812, Nr. 246 v. 12. September, Sp. 2521-2526, 2529-2533, hier Sp. 2532.
[60] Vermischte Abhandlungen aus dem Gebiete der Heilkunde (Fortsetzung), Medizinisch-chirurgische Zeitung 1835, 257-272, hier 259.
[61] St. Petersburg im Jahre 1843, Wiener Zeitschrift 1843, Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1843, Nr. 257 v. 27. Dezember, 2050-2052, hier 2052. Vgl. auch Lawrence Murphy Mah, Hemp-Cannabis sativa: an agronomic study, Master Thesis University of California 1923 (Ms.), 73.
[62] So etwa E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Bedeutung (Fortsetzung), Deutsche Klinik 1870, Nr. 36 v. 3. September, 329-330, hier 329.
[63] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[64] Von Hartungen, Über die Suppe, Meraner Zeitung 1913, Nr. 127 v. 22. Oktober, 1.
[65] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 827.
[66] Fütterung der Kanarienvögel, Feldkircher Anzeiger 1876, Nr. 25 v. 20. Juni, 6-7; Futterrezept für Papageien, Praktische Mitteilungen für Gewerbe und Handel, Land- und Hauswirtschaft. Beilage zum Pusterthaler Bote 1908, Nr. 23 v. 5. Juni, 3.
[67] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[68] Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 161.
[69] Ebd., 217, 243; Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 361.
[70] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 253.
[71] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 242.
[72] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 400.
[73] Abhandlungen von dem Hanfe, Sammlungen von landwirthschaftlichen Dingen der Schweitzerischen Gesellschaft in Bern 1, 1760, 200-235, 206.
[74] Felice, Anmerkungen und Handgriffe den Anbau und die Zurüstung des Hanfes und die Zurüstung betreffend, Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt 6, 1765, 41-74, hier 48.
[75] L. Kober, Reinigung des Hanföls, Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen 1830, Nr. 256 v. 21. September, Sp. 3422-3423, hier Sp. 3422; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 603.
[76] Carl Hartmann, Encyclopädisches Wörterbuch der Technologie, der technischen Chemie, Physik und des Maschinenwesens, Bd. 3, Augsburg 1840, 621.
[77] C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 95, 121.
[78] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 537.
[79] Hanföl, Drogisten-Zeitung 53, 1938, Nr. 4, 8.
[80] Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 194.
[81] Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 284.
[82] Vgl. die Angaben bei J[öns] J[akob] Berzelius, Lehrbuch der Chemie, übersetzt von F[riedrich] Woehler, Dresden/Leipzig 1837, 493 (25%); Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131 (23%); B[enno] Römer, Grundzüge der landwirtschaftlichen Pflanzenbaulehre, Leipzig 1881, 98 (20-24%). Eine Ausnahme bildete Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345 mit einem Schätzwert von etwa einem Drittel.
[83] Carl Schaedler, Die Technologie der Fette und Oele des Pflanzen- und Thierreichs, Berlin 1883, 538; Eduard Gildemeister und Friedrich Hofmann, Die ätherischen Öle, Miltitz 1910, 342.
[84] Vgl. Emil Abderhalden (Hg.), Biochemisches Handlexikon, Bd. III, Berlin 1911, 22; Wilhelm Fahrion, Die Chemie der trocknenden Öle, Berlin 1911, 285-286.
[85] Oesterreichisch-Kaiserliche priveligirte Wiener Zeitung 1838, Nr. 130 v. 7. Juni, 815.
[86] Neues Haaröl, Verhandlungen und Mitteilungen des Gewerb-Vereines zu Köln 6, 1841, 12.
[87] Ueber Hopfen-Stellvertreter, Kaiserlich privilegirter Reichs-Anzeiger 1801, Nr. 162 v. 30. Juni, Sp. 2169-2171, hier 2170.
[88] Kurier für Niederbayern 1853, Nr. 188 v. 12. Juli, 754.
[89] Didaskalia 1853, Nr. 167 v. 15. Juli, s.p.; Hanf als Ersatzmittel für Hopfen, Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft 1854, Nr. 36 v. 9. September, 192.
[90] Ph. Seidler, Allerlei vom Hanf, Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt 30, 1908, Nr. 39 v. 26. September, 351.
[91] Joh[ann] Dosch, Deutschlands Flachs und Hanf-Bau, Freiburg i. Br. 1850, 54.
[92] J[ohann] L[udwig] F[riedrich] Müller, Die Gespinnstpflanzen Flachs und Hanf, Stuttgart 1861.
[93] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 235.
[94] Mode-, Fabriken- und Gewerbszeitung 1, 1788, 22.
[95] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 830.
[96] Klaus Gestwa, Proto-Industrialisierung in Rußland. Wirtschaft, Herrschaft und Kultur in Ivanovo und Pavlovo, 1741-1932, Göttingen 1999, 252-253.
[97] Ernst Große, Deutschlands Kulturpflanzen, Leipzig 1858, 131.
[98] Carl Günther Ludovici, Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon, T. 3, Leipzig 1754, Sp. 245-247; Johann Carl Leuchs, Allgemeines Waren-Lexikon, 2. verb. Aufl., T. 1, Nürnberg 1835, 598.
[99] Viktor Pöschl, Warenkunde, in: Georg Obst (Hg.), Das Buch des Kaufmanns, 7. Aufl., Bd. 1, Stuttgart 1928, 635-704, hier 692.
[100] Vgl. etwa Karlsruher Zeitung 1828, Nr. 359 v. 27. Dezember, 2094.
[101] Universal-Lexikon, hg. v. H[einrich] A[ugust] Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 13, Altenburg 1843, 345.
[102] Carl von Oberleithner, Flachs- und Hanf-Industrie. (Gruppe V, Section 3), in: Officieller Ausstellungs-Bericht, hg. v.d. General-Direction der Weltausstellung 1873, Wien 1874, 1-34.
[103] Chr[istian] Heinzerling, Abriss der chemischen Technologie mit besonderer Berücksichtigung auf Statistik und Preisverhältnisse, Cassel/Berlin 1888, 17-19 (auch für die vorherigen Angaben).
[104] Carl Hartmann, Populäres Handbuch der allgemeinen und populären Technologie, Bd. 2, Berlin 1841, 371.
[105] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[106] Rhode und Beysell, Hanf, in: Pierers Universal-Conversationslexikon, 6. vollst. umgearb. Aufl., Bd. 9, Berlin/Leipzig 1877, 777-778.
[107] Jakob Tanner, Rauchzeichen. Zur Geschichte von Tabak und Hanf, in: Thomas Hengartner und Christoph Maria Merki (Hg.), Tabakfragen. Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, Zürich 1996, 15-42, hier 36-37.
[108] J. Brassel, Narkotische Nahrungs-, resp. Genussmittel. IV. Der Tabak, in: Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen naturwissenschaftlichen Gesellschaft 1887/88, Zürich 1889, 382-419, hier 382.
[109] Paul Drexler, Papiergarnindustrie und Kriegswirtschaft, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 9.
[110] Anna Ithen, Flachs und Hanf, Schweizerisches Archiv für Volkskunde 10, 1906, 228-250, hier 228.
[111] Das Folgende nach W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 100.
[112] Hanföl wurde nicht genannt in der detaillierten Präsentation von P[aul] Schultze-Naumburg, Technik der Malerei, Leipzig 1901, 21-65.
[113] Max Bottler, Die Lack- und Firnisfabrikation, 2. verb. u. verm. Aufl., Halle a.S. 1924, 4.
[114] W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. I./II., in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 98-112, hier 109.
[115] Ebd., 108.
[116] Charles Richards Dodge, A Report of the Culture of Hemp in Europe, Washington/DC, 1898.
[117] Vgl. Paul Hoffmann, Die Wiederbelebung des Flachsbaus und der Hausweberei in Deutschland und ihr Einfluss auf die ländlichen Arbeitsverhältnisse, Phil. Diss. Heidelberg 1919, 2-3.
[118] Heinrich Zeeb, Der Handelsgewächsbau, 2. Aufl. bearb. v. Viktor Weitzel, Stuttgart 1900, 73.
[119] L[udwig] Jungmann, Der Weltkrieg, Bühl 1918, 39.
[120] Die hauptsächlichsten Oelfrüchte, Drogisten-Zeitung 34, 1919, 394-395, hier 394.
[121] Badischer Beobachter 1915, Nr. 539 v. 20. November, 6.
[122] Durlacher Wochenblatt 1916, Nr. 34 v. 10. Februar, 3.
[123] Hans Wacker, Der Handelsgewächsbau, Friedrichswerth 1917, 60-64.
[124] J[ohannes] Richter, Böttgers Praktische Anleitung zur Kultur der wichtigsten Ölgewächse, 2. Aufl., Leipzig 1916, 4.
[125] Alle Angaben n. W[erner] F[riedrich] Bruck, Textilrohstoffe und Textilwirtschaft. III. D: Langfaserwirtschaft, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, Jena 1928, 197-204, hier 200-201.
[126] Vgl. Die Gespinstpflanzen Flachs und Hanf auf der landwirtschaftlichen Ausstellung, Der Volksfreund 1924, Nr. 225 v. 26. September, Beilage; Körner, Leistungsfähiger Faserpflanzenanbau in Baden, Der Führer 1941, Nr. 128 v. 10. Mai, 5; Schiffstaue aus badischem Hanf, Der Führer 1943, Nr. 33 v. 2. Februar, 4.