Ein Nährpräparat aus Hanf: Zur Geschichte von Maltos Cannabis

Maltos Cannabis ist seit längerem ein Hit auf Hanfaktivistenseiten und bei Interessenverbänden für die Legalisierung von medizinischem Hanf. Grund hierfür ist vor allem das folgende Werbeklischee des schwedischen Herstellers, der Stockholmer Tekniska Fabriken Röda Korset. Es wird fast durchweg ohne Kontextualisierung und Quellenangabe präsentiert (vgl. etwa Status of Hemp Extracts in Europe, EIHA Presse Notes, Brussels 2019, 2). Das mag in den Weiten des Internets nicht unüblich sein. Hier wird Vergangenes offenkundig als Steinbruch und Zierrat genutzt wird, als Konsumgut zur Bestätigung der eigenen Weltsicht – nicht aber als eine irgendwie widerspenstige Quelle mit Eigengewicht.

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Werbemittel für Maltos Cannabis 1894 (Aftonbladet 1894, Ausg. v. 11. Mai, 24)

Schauen wir also genauer hin. Die Bildsprache der Werbezeichnung für Maltos Cannabis ist in der Tat suggestiv und eingängig: Das Leben, symbolisiert von Mutter und Kind, steht gegen den Tod. Erleuchtet durch Kenntnis und Konsum des Präparates, einem mit Malz angereicherten Hanfpräparat, weisen sie den Sensenmann in die Schranken, verbannen ihn aus ihrem Umfeld. Daraus werden meist zwei Konsequenzen gezogen: Einerseits gab es schon im späten 19. Jahrhundert frei verkäufliche Cannabispräparate mit positiven Gesundheitswirkungen. Anderseits handelte es sich bei Maltos Cannabis um ein Nährpräparat, also ein Alltagsprodukt. Ein Sprung zu den vielgestaltigen heutigen Hanfpräparaten liegt dann nahe. Was damals gut war, kann heute nicht schlecht sein. Um die komplexen und sicher nicht mit simplem Ja-Nein zu behandelnden Themen der Hanf- und der Cannabislegalisierung kann es hier nicht gehen. Stattdessen gilt es sich dem Mythos von Maltos Cannabis produktiv zu widmen, also das Produkt, sein Entstehungsumfeld und seine Bedeutung genauer zu analysieren.

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Der Sensenmann als Werbefigur – hier für Münsels Loh-Tanninbäder (Vorwärts 1896, Nr. 131 v. 7. Juni, 15)

Festzuhalten ist erst einmal: Die schwedische, vom US-Ableger der Firma in Chicago, Illinois, auch in englischer Sprache geschaltete Anzeige war keineswegs außergewöhnlich. Sie steht für eine Vielzahl von Annoncen von Anbietern realer oder vermeintlicher Gesundheitsprodukte in den 1890er Jahren und auch zuvor. Die obige Anzeige des Berliner Badanstaltsbesitzers Otto Becker unterstreicht mit dem aus Bad und Leben verbannten Sensenmann ebenfalls die besondere Güte seines Bademittels. Ähnlich agierte das Kloster Walkenried, das den Absatz seines Nordhäuser Kornbranntwein durch ein Bild eines den Schnitter vertreibenden Mönches anzukurbeln glaubte (Illustrirte Zeitung 101, 1893, 7). Das vermeintliche Universalheilmittel Oxydonor „Victory“ der Leipziger Firma Rukin & Albrecht warb ebenso mit einer Kranken, die dem Sensenmann eine Nase zeigte (Lustige Blätter 14, 1899, 11).

Gevatter Hain selbst ist eine alte Figur, bekannt vor allem aus den mittelalterlichen Totentänzen, zugleich eine stete Erinnerung an die Endlichkeit menschlichen Daseins. Im Barock war der Schnitter in Kirchen und Literatur weit verbreitet, während der Romantik galt er als Vanitas-Motiv und zierte vermehrt die Friedhöfe. Diese Traditionslinien wirkten noch Ende des 19. Jahrhunderts. Im Jugendstil wurde der Sensenmann gerne und mit wohligem Schauer gezeichnet. Zu dieser Zeit stand das mobile Skelett aber auch für die alte, durch den Fortschritt der Moderne überwundene Zeit. Wissenschaft und deren Produktkultur verkörperten dagegen das Neue. Sie schlugen dem ubiquitären Tod ein Schnippchen und machten das Leben zunehmend sicherer, zunehmend länger.

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Werbemotiv für Hanfsamenextrakt 1893 (Nya Dagligt Allehanda 1893, Ausg. v. 27. Dezember, 4)

Die einschlägige Werbung von Maltos Cannabis wurde im Frühjahr 1894 geschaltet, dann rasch abgelöst von Textanzeigen mit einem roten Kreuz, dem namensgebenden Signet des Stockholmer Anbieters. Ihr ging eine fast identische Anzeige voraus, in der anstelle des Produktnamens Maltos Cannabis jedoch eine sachliche Beschreibung des beworbenen Produktes stand: „Hanfröextrakt“, also ein aus den Samen des Hanfes gewonnenes Extrakt. Dessen Produktion nahmen die Tekniska Fabriken Röda Korset Anfang Oktober 1893 auf, seit Dezember trat dann Maltos Cannabis erst an dessen Seite und dann an dessen Stelle. Das Bildmotiv war in beiden Fällen lediglich Blickfang einer umfangreicherer Textanzeige: Dort hieß es, dass man eine große Produktionsstätte unter öffentlicher Kontrolle errichtet habe, in der man Hanfsamenextrakt und Maltos Cannabis produziere und in stilvolle Blechdosen verpacke (Aftonbladet 1893, Ausgabe v. 18. Dezember, 8).

Die Stockholmer Tekniska Fabriken Röda Korset baute ihr neues Markenprodukt auf den Vorarbeiten anderer auf. Da war zum einen Paul Petter Waldenström (1838-1917), ein schwedischer Schullehrer, Theologe und zugleich führender Repräsentant der evangelikalen Freikirchenbewegung. Deren Ziel war es, die lutherische Orthodoxie der Staatskirche zu durchbrechen und unter deren Dach zu einem zeitgemäßeren, pietistisch geprägten Protestantismus zu gelangen. Waldenström beschäftigte sich – wie zeitgleich etwa die katholischen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) und Johann Künzle (1857–1945) – mit Naturheilkunde als Grundlage eines einfachen und gottgefälligen Lebens. 1890 empfahl er als Mittel gegen die weit verbreitete Lungentuberkulose den „Waldenströmska vällingen“, den Waldenströmbrei. Dazu wurden Hanfsamen zerkleinert und mit einer etwa gleichen Menge gesiebten Roggenmehls vermischt. Festzuhalten bleibt, dass die in Schweden angebauten Cannabis Sativa-Varietäten damals keine psychoaktive Wirkung entfaltet konnten. Hanfsamenbrei – und auch Maltos Cannabis – hatten mit dem Indischen Hanf und Berauschungsmitteln nichts zu tun. Die ölige Masse wurde jedenfalls in vorgekochte Milch gegeben, etwa ein Esslöffel in einen Liter Milch. Die Menge wurde weiter gekocht und am gleichen Tag verzehrt (E[rik] W[ilhelm] Wretlin, Läkarebok för alla! Hälso- och Sjukvardslära i populär Form, Stockholm s.a. [1893], 105, Anm.). Waldenström knüpfte damit an die bis ins frühe 19. Jahrhundert übliche Nutzung von Hanfsamen in der bäuerlichen Hauswirtschaft an (Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829; Uwe Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfes). Doch Breie und Morgensuppen waren durch das auch in Schweden zunehmend praktizierte Kaffeefrühstück unter Druck geraten. Hanfsuppen konnten sich einzig als diätetisches Hausmittel gegen Durchfall und Harnbeschwerden behaupten (Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 217, 243). In der Kinderheilkunde wurden hanfsamenhaltige Milchsuppen ebenfalls noch eingesetzt.

Waldenströms Hanfsamen-Roggen-Brei wurde offensiv als Heilmittel gegen „lungsot“, also Lungentuberkulose, empfohlen. Seit 1882 wusste man dank der Entdeckungen Robert Kochs (1843-1910) um die Existenz des Tuberkel-Bazillus, doch eine systematischere TBC-Bekämpfung begann in Schweden erst in den frühen 1890er Jahren (Helen Wallstedt und Markus Maeurer, The History of Tuberculosis Management in Sweden, International Journal of Infectious Diseases 32, 2015, 179-182, hier 179). Der Waldenström-Brei traf daher auf beträchtliche Resonanz, auch wenn er keine kausalmedizinischen Wirkungen hervorrufen, sondern einzig der Kräftigung von Kranken dienen konnte. Der Hanfsamenbrei stand dabei in einer langen Reihe von volksmedizinischen Anwendungen und Geheimmitteln, die mangels effizienter Arzneimittel zur Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheit herangezogen wurden. An erster Stelle wäre Fischöl zu nennen, aber auch aus Kälberlungen gewonnener Kälbersaft. Das Kräuterpräparat „Homerania“ gewann Kunden, ebenso Inhalationskuren mit sehr heterogenen Grundstoffen. Und dann kam Waldenström. Ärzte kritisierten den medizinischen Laien und seinen erfahrungsmedizinischen Ansatz. Sie hoben hervor, dass der evangelikale Prediger durchaus guten Willens gewesen sei, als er gemeinsam mit einigen Heilmittelproduzenten und getragen von dem wissenschaftlich klingenden Namen Cannabis auch Hanfsamenpräparate auf den Markt geworfen habe. Diese könne man jedoch nur als „humbug“ (Nägra upplyanlagar om den Waldenströmska vällingen och dess afkomlingar samt om nägra andra mot lungsot rekommenderade populära läkemedel, Arbetet 1894, Ausg. v. 24. April, 3 (auch für die vorhergehenden Angaben)) bezeichnen.

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Vom Brei zum Präparat: Werbung für Hanfsamenextrakt von A.G. Holst 1892 (Norrlandsposten 1892, Nr. 139 v. 2. Dezember 1892, 4)

Damit sind wir im Jahre 1892 angekommen. Waldenströms Brei teilte die Schwächen vieler volksmedizinischer Mittel. Er musste jeweils frisch zubereitet werden und erforderte längeres Kochen. Dem Östersunder „Provisor“ J.L. Hedin gelang es jedoch zwei Jahre nach der Propagierung des Hanfsamen-Roggen-Breies dessen vermeintlich wirkende Essenz zu einem handlichen Pulver zu verarbeiten (Dagens Nyheter 1893, Ausg. v. 25. Oktober, 3). Dieses konnte im häuslichen Bereich einfach zugemengt werden. Damit entfiel die Verarbeitung der Hanfsamen und des Roggenmehls, verringerte sich zudem die Kochzeit der Milch. Es ist kein Zufall, dass dies in Östersund erfolgte. Die in Mittelschweden gelegene Kleinstadt hatte sich nach dem 1879 erfolgten Anschluss an das Eisenbahnnetz rasch zu einem Zentrum der Holzindustrie entwickelt. Der wirtschaftliche Aufschwung führte aber auch zu wachsenden Problemen mit den meist männlichen Zuwanderern. Deren überbürdender Alkoholkonsum wurde von einer kirchlich unterstützten Temperenzbewegung strikt bekämpft. Diese Laiengruppen setzten aber nicht nur auf Verzicht, sondern waren auch Teil einer aktiven Volksgesundheitsbewegung. Sie kritisierte Pharmazeutika, war skeptisch gegenüber den vermeintlichen Zumutungen der modernen Medizin, etwa der Impfung. Stattdessen propagierte sie ein natürliches, unkompliziertes Leben in Einklang mit Gott, der Natur und den von ihr gegebenen Heilmitteln (hierzu detailliert Bosse Sundin, Bland kvacksalvare och godtemplare i 1890-talets Östersund, Gamla Östersund 49, (Jubileumsarsskrift) 1986, hg v. Föringen Gamla Östersund, Östersund 1986, 45-57). Hanfsamenbrei passte hierzu.

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Diffusion der Angebote: Werbung für Barthelsons Hanfsamenextrakt 1892 (Jämtlandsposten 1892, Ausg. v. 15. August, 4)

Auf Basis der Hedinschen Verarbeitungstechnik produzierten ab 1892 in Östersund mehrere Hersteller „Hampfröextrakt“, nämlich die Chemisch-Technische Fabrik (Kem. Tekniska Fabriken) des Östersunder Apothekers A.G. Holst und die Technische Fabrik Rentier (Tekniska Fabriken Renen) von Hedin. Hinzu kamen kleinere Anbieter, etwa J. Barthelson im westlich von Östersund gelegenen Hjerpen (Järpen) (Norrlandsposten 1892, Ausg. v. 6. April, 4; Jämtlandsposten 1892, Ausg. v. 15. August, 4). Absatzziffern fehlen. Doch die beträchtliche Werbepräsenz dieser Anbieter verweist nicht nur auf die unternehmerische Aufgabe, die neuen Produkte bekannt zu machen, sondern auch auf nicht unbeträchtliche Gewinnspannen. Der Absatz erfolgte direkt, per Postversand und über das bestehende Netzwerk von Großhändlern resp. Apotheken und Drogerien (Tidning För Wenersborgs Stad och Län 1893, Nr. 78 v. 29. September, s.p.; Göteborgsposten 1893, Ausg. v. 12. Oktober, 1). Holst eröffnete zudem 1893 eine Fabrikfiliale in der mittelschwedischen Hafenstadt Söderhamn (Söderhamns Tidning 1893, Ausg. v. 11. Oktober, 1; Jämtlandsposten 1894, Ausg. v. 9. März, 4).

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Erik Taflin und das Warenzeichen seiner Firma 1891 (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 203 (l.), Norrlandsvännen 1891, Nr. 127 v. 28. November, 4)

Diese Entwicklungen in der Provinz fanden zunehmend Widerhall in den wenigen großen Städten des schwedischen Königreiches. In Stockholm hatte die 1891 gegründete Technika Fabriken Röda Korset bemerkenswerte Wachstumsraten. Gründer und treibende Kraft war Erik Olof Taflin (1856-1910), ein Kaufmann aus dem mittelschwedischen Sundsvall. 1888 handelte er dort mit Möbeln und Musikinstrumenten, war zudem Repräsentant der Feuerversicherung Tor (Sundsvalls Tidning 1888, Ausg. v. 22. Dezember, s.p.). Doch Produktion und Handel mit Heilmitteln waren offenbar lukrativer. Es ist unsicher, ob die hagiographische Darstellung seines Lebensweges in den Unterlagen zum Börsengang seiner Firma 1896 zutrifft. Demnach war er in ärmlichen Verhältnissen in Tafnäs in Ostjemtland aufgewachsen, besuchte eine Handelsschule und arbeitete bis 1886 in einer Lebensmittelgroßhandlung in Sundsvall. Danach habe er einige Zeit in England verbracht (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 201). Taflin knüpfte währenddessen internationale Geschäftsbeziehungen, aus denen 1887 der Import des Rheumamittels Amerikanischer Samariterbalsam resultierte. Seine Stockholmer Firma produzierte und vertrieb von Beginn an weitere in- und ausländische Geheimmittel: Brustkamellen, Professor Downes Gesundheitsalz, Aseptika, Tannennadelöl, Zahnpulver sowie Fleckenentferner und Insektenpulver – das Angebot war breit und deckte zahlreiche Problemfelder des Alltags ab (Stockholmstidningen 1892, Ausg. v. 27. Februar, 4; Sundsvalls Tidning 1893, Ausg. v. 12. Oktober, 4). Außergewöhnlich war die Vermarktung, wurde Taflin doch binnen weniger Jahre „Schwedens größter Werbetreibender“ (Enköpingsposten 1896, Ausg. v. 18. Februar, 3) – in einem allerdings recht rückständigen Werbemarkt. 1894 betrug der Umsatz in Schweden nach eigenen Angaben 290.000 Kronen, also mehr als 2,1 Millionen Euro (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 201. Umrechnung nach https://www.historicalstatistics.org/Currencyconverter.html). Röda Korset expandierte parallel auch ins europäische Ausland und in die USA und präsentierte seine Produkte auf führenden Ausstellungen in der westlichen Welt (Amerikanska Posten 1893, Ausg. v. 23. Dezember, 28; Nya Dagligt Allehanda 1893, Nr. 300 v. 27. Dezember, 4. Einen Überblick der gewonnenen Preise enthält Aftonbladet 1897, Ausg. v. 19. Oktober, 4). Die errungenen Auszeichnungen dienten dann wiederum der Werbung, galten sie doch als Ausdruck hochwertiger Heilmittel. Zugleich verwies man stetig auf jede noch so unbedeutende Erwähnung durch ausländische Wissenschaftler, unterstrich damit die Heilkraft der eigenen Produkte (vgl. die lange Liste in Falköpings Tidning 1896, Ausg. v. 14. 11., 3).

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Hanfsamenextrakt gegen Lungen- und Organkrankheiten (Aftonbladet 1893, Ausg. v. 5. Oktober, 4)

Im September 1893 erweiterte Röda Korset das Sortiment um Hanfsamenextrakt, wobei man auf Hedins Verfahren zurückgriff (Stockholmstidningen 1893, Ausg. v. 14. September, 4; Aftonbladet 1893, Ausg. v. 21. September, 4; Eskilstunakurien 1893, Ausg. v. 28. September, 4). Analog zu den anderen Anbietern versprach die Firma Hilfe auch bei gemeinhin als unheilbar geltenden Krankheiten. Haupteinsatzfeld waren innere Krankheiten, daneben unterstrich die Werbung die stärkende und wiederherstellende Kraft des Mittels (Nya Dagligt Allehanda 1893, Ausg. v. 7. Oktober, 4). Doch das bestehende Interessengeflecht barg beträchtliche Tücken, die rasch zu Vorwürfen durch den Östersunder Produzenten Holst führten: Röda Korset plagiiere und habe lediglich ein nachgemachtes Präparat auf den Markt gebracht. Dies führte zu einer hier nicht zu schildernden scharfen öffentlichen Kontroverse um den „echten“ Hanfsamenextrakt (Mot bättre vetande, Aftonbladet 1893, Ausg. v. 31. Oktober, 4). Daraus resultierte eine Diversifizierungsstrategie, folgte im Dezember 1893 das neue Produkt Maltos Cannabis. Es wurde zeitgleich in Schweden und den USA eingeführt (Barometern 1893, Ausg. v. 13. Dezember, 3; Aftonbladet 1893, Ausg. v. 18. Dezember, 8; Amerikanska Posten 1893, Ausg. v. 23. Dezember, 28).

Mit Maltos Cannabis setzte Röda Korset auf ein seit mehr als drei Jahrzehnte bestehendes Erfolgsrezept. Angeführt von dem seit den frühen 1860er Jahren vertriebenen Malzextrakt des Berliner Unternehmers Johann Hoff (1826-1887) – über den ich eine Publikation vorbereite – dienten Malzpräparate vor allem der Stärkung von Kranken und Genesenden. Malz war einfach resorbierbar, hatte einen als angenehm empfundenen Geschmack: Liebigs Malzsuppe war beispielsweise ein Pionier der wissenschaftlichen Säuglingsernährung (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 91-93). Malz wurde mit fast allen Mineralstoffen und Eiweißstoffen gemischt, mit Kakao und Süßwaren und nun auch mit Hanfsamen.

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Sachlich-narrative Werbung für Maltos-Cannabis nach der Produkteinführung (Kalmar 1894, Ausg. v. 5. Mai, 3)

Die Tekniska Fabriken Röda Korset propagierten ihr neues Hanfpräparat mit vergleichsweise sachlichen Anzeigen. Erst einmal wurde das Produkt erklärt: Dazu diente ein ausführlicherer Artikel des Stockholmer Arztes Henrik Berg in einer populären Gesundheitszeitschrift, auf den dann in Anzeigen wieder und wieder eingegangen wurde (Henrik Berg, Maltos-Cannabis, ett svenskt hälso- och dietmedel, Trollhättans-Tidning 1894, Ausg. v. 16. März, 4; Kristrinehamns-Tidningen 1894, Ausg. v. 29. März, 3). Für ihn waren weder Waldenströms Brei noch der Hanfsamenextrakt wirkliche Heilmittel, da sie aufgrund ihres Geschmackes schon nach kurzer Zeit Widerwillen hervorrufen würden. Dies änderte sich mit der neuen Zubereitung, denn der hinzugefügte Malzzucker (mit einem Anteil von mehr als 30 %) überdeckte den Geschmack der Hanfsamen. Zugleich handelte es sich um leicht resorbierbare und – so die damals noch häufig geteilte Fehleinschätzung – direkt in Fett umwandelbare Kohlehydrate, die für die Rekonvaleszenz zentral seien. Zusammen mit dem hohen, etwa 15 % betragenden Fettanteil der Hanfsamen sei Maltos Cannabis ein wohlschmeckendes Substitut für das früher genommene, widerwärtig schmeckende Fischöl (also Lebertran). Das Präparat war einfach zuzubereiten, mussten doch ein bis zwei Esslöffel lediglich in einem halben Liter Wasser aufgekocht werden. Aus dem Brei wurde also ein Milchgetränk, aus dem frühen Hanfsamenpräparat ein Convenienceartikel. Für Leckermäuler – und Kinder – bot Röda Korset zudem Kakao-Maltos Cannabis an, eine Mischung des neuen Hanfsamenpräparates mit einem Drittel Kakao. Dies unterstrich die Marktpositionierung als Gesundheitsgetränk.

Wie bei vielen Malzpräparate früherer Zeit handelte es sich bei Maltos Cannabis um ein patentiertes Markenprodukt, das in Blechdosen vertrieben wurde. Die latinisierte Bezeichnung hob es von üblichen sachlichen Produktbeschreibungen ab, band es auch nicht mehr direkt an einen Erfinder, einen Hersteller. Damit gewann es eine neue, gleichsam eigenständige Produktqualität, die später von anderen Herstellern genutzt werden sollte. Das Produkt selbst war ein gelblich-weißes Pulver „von anfangs salzigem, nachher süsslichen und zuletzt kratzendem und bitterem Geschmack“ (J[onathan] Mindes, Manuale der neuen Arzneimittel, 3. neu bearb. Aufl., Zürich 1898, 218. Analog Virgil Coblentz, The new remedies, 3. Aufl., Philadelphia 1899, 86). Es konnte der Nahrung auch beigemischt werden, ebenso als Suppenzusatz dienen. Maltos Cannabis war ein Nährmittel, das gleichsam nebenher der Stärkung und Heilung von Lungenkranken diente, das auch gegen Brustkatarrahe und Bronchitis helfen sollte. 1893 wurde es von dem Stockholmer Handelschemiker John Landin (1861-1920) genauer analysiert. Die Ergebnisse wurden über Anzeigen verbreitet und unterstützten die wissenschaftliche Aura der Hanfsamenpräparates (Norrbottensposten 1894, Ausg. v. 12. April, 4; Göteborgs Aftonblad 1894, Ausg. v. 21. April, 3). 1895 ergab eine Sekundäranalyse des Utrechter Pharmakologen Hendrik Wefers-Betting (1843-1921) allerdings deutlich niedrigere Malzzucker- und Hanfölgehalte: Sie lagen bei 22,2 % resp. 10,2 % (Ueber Maltos. Canabis [sic!], Pharmazeutische Zeitung 40, 1895, 407). Die Zusammensetzung von Maltos Cannabis variierte also nicht unbeträchtlich.

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Werbung für Holsts Extractum Maltos cum Cannabe 1894 (Nerikes Allehanda 1894, Ausg. v. 12. Mai, 4)

Gleichwohl setzte Röda Korset mit seinem neuen Produkt einen neuen Standard. Die Zahl einfacher Hanfsamenextrakte ging ab 1894 deutlich zurück – zumindest, wenn die Anzahl der Anzeigen in den damaligen schwedischen Tageszeitungen ein genauer Indikator ist. An seine Stelle traten nun Substitute für Maltos Cannabis, an erster Stelle Holsts Extractum Maltos cum Cannabe. Dessen Werbung griff auch die visuelle Herausforderung der frühen Bildanzeigen von Röda Korset produktiv auf. Die genauen Markt- und Absatzverhältnisse konnten leider nicht rekonstruiert werden. 1895 und 1896 nahm die Werbeintensität jedenfalls ab, zudem traten Bildanzeigen deutlich in den Hintergrund. Dies kann bedeuten, dass lediglich noch Erinnerungswerbung geschaltet wurden, da die neuen Präparate bekannt und etabliert waren. Wahrscheinlicher ist jedoch ein reales Abflachen des Absatzes, handelte es sich bei den Hanfsamenpräparaten doch um Geheimmittel, die Lungentuberkulose nicht bekämpfen konnten. Darauf deutet auch ein dramatischer Bruch bei Röda Korset hin. Zum einen führte das Wachstum und auch die Gründung neuer Niederlassungen in Göteborg und Malmö zu erhöhtem Kapitalbedarf (Göteborgs Aftonblad 1896, Ausg. v. 1. Oktober, 1; Sydsvenska Dagbladet 1896, Ausg. v. 22. Oktober, 4). 1896 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 300.000 Kronen umgewandelt (Stockholmstidningen 1896, Aug. v. 6. März, 2; ebd., Ausg. v. 11. April, 2; Aftonbladet 1896, Ausg. v. 17. April, 4). Zum anderen begann das Unternehmen Maltos Cannabis durch ein neues Nährsalzprodukt, Närsalt-Maltos, zu ersetzen (Enköpingsposten 1896, Ausg. v. 18. Februar, 3). Erik Taflin hatte im Herbst 1895 das Dresdener Sanatorium Weißer Hirsch besucht und sich intensiv mit der Dysämie-Theorie Heinrich Lahmanns (1860-1905) auseinandersetzt (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 216-218). Die wichtigsten Krankheiten ließen sich demnach durch eine richtige Mischung der Mineralstoffe (also der Nährsalze) verhindern. Lahmann entwickelte daraus eine zivilisationskritische Theorie der Blutentmischung und Blutentartung durch die Entmineralisierung der Alltagskost. Sie ist ein nicht unwichtiges Zeitdokument, jedoch ohne physiologische Fundierung (Heinrich Lahmann, Die diätetische Blutentmischung (Dysämie) als Grundursache aller Krankheiten, 7. verm. Aufl., Leipzig 1897). Während Nährsalzpräparate in Deutschland seit den frühen 1890er Jahren eine nicht zu unterschätzende Marktbedeutung hatten, dürfte die Resonanz in Schweden deutlich verhaltener gewesen sein – auch wenn Röda Korset und Henrik Berg die Werbetrommel dafür intensiv schlugen (Aftonblad 1896, Ausg. v. 6. März, 4; Svenska Dagbladet 1897, Ausg. v. 22. April, 4). Wichtig war, dass die Nährsalze nun die Hanfsamen verdrängten. Das Hanfpräparat trat in den Hintergrund, da die naturheilkundliche Begründung durch die Naturheilkunde überholt worden war.

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Sortimentswerbung von Röda Korset 1898 (Göteborgs Aftonblad 1898, Ausg. v. 17. Oktober, 4)

Maltos Cannabis wurde weiterhin produziert, trat aber in der ohnehin deutlich zurückgefahrenen und immer stärker auf Einzelprodukte ausgerichteten Werbung kaum mehr hervor (Ausnahmen bilden Korrespondenten 1899, Ausg. v. 25. Februar, 3; Aftonbladet 1899, Ausg. v. 2. März, 4; Söderhamns Tidning 1899, Ausg. v. 6. März, 4. Zum Sortiment s. Parti-preiskurant fran Aktiebolaget Tekniska Fabriken Röda Korset, Stockholm 1899). Dies ging einher mit wachsenden ökonomischen Schwierigkeiten der Technika Fabriken Röda Korset. Obwohl die Firma zahlreiche neue Produkte auf den Markt brachte – etwa den Fruchtnektar Freya – und die breite Produktpalette der Anfangszeit weiter abdeckte, sanken die Erträge dramatisch (Trelleborgstidningen 1901, Ausg. v. 28. Oktober, 2). Am 5. Februar 1902 musste die Firma Konkurs anmelden (Stockholmstidningen 1902, Ausg. v. 7. Februar, 2).

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Werbung für Hedins Hanfsamenextrakt 1904 (Östersundenposten 1904, Ausg. v. 15. Februar, 1)

In Schweden wurden auch danach Maltos Cannabis produziert, beworben und abgesetzt. Es stammte allerdings nicht mehr von Röda Korset, sondern vom langjährigen Mitbewerber, den Chemisch-Technischen Fabriken von Apotheker Holst in Östersund (Aftonbladet 1903, Ausg. v. 24. Januar, s.a.; Smalandsposten 1903, Ausg. v. 14. Februar, 4; Hallandsposten 1903, Ausg. v. 23. Februar, 4. Vgl. schon zuvor Jämtlandsposten 1899, Ausg. v. 28. April, 4). Auch Hanfsamenextrakt wurde in Schweden weiter vermarktet (Norrlandsposten 1903, Ausg. v. 5. Februar, 2; ebd., Ausg. v. 14. Februar, 4).

Maltos Cannabis war zwischen 1893 und etwa 1898 ein auch international erfolgreicher Markenartikel. Das Präparat wurde in Schweden (und damit Norwegen), Finnland, Dänemark, den Niederlanden, Russland, Griechenland, der Schweiz, den USA und wohl auch darüber hinaus angeboten (vgl. etwa St. Petersburger Medicinische Wochenschrift 21, 1896, 42; The Lindsborg News Record 1895, Ausg. v. 4. Januar, 2; Rotterdamsch Niewsblad 1895, Nr. 5454 v. 23. Dezember, 3; Hufvudstadsbladet 1905, Nr. 203 v. 30. Juli, 12). In diesen Staaten gründete man teils eigene „Fabriken“, so etwa in Utrecht und Chicago. Das Eiweißpräparat wurde auch in Deutschland eingesetzt, zumal nachdem der Berliner Mediziner Hermann Senator (1834-1911) seinen Einsatz in der Kinderheilkunde 1895 empfohlen hatte (Skaffaren 1895, Ausg. v. 6. März, 3. Empfehlungen für mit Maltos Cannabis angereicherte Milchsuppen enthält I[mmanuel] Munk und C[arl] A[nton], Ernährung des gesunden und kranken Menschen, 3. verb. Aufl., Wien/Leipzig 1895; Ernst von Leyden und Georg Klemperer (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, 2. umgearb. Aufl., Bd. II, Leipzig 1904, 102). Maltos Cannabis stand für einen Konsumtransfer schwedischer Produkte in die neue Welt, wurde in den schwedischsprachigen Einwandererzeitungen in den nördlichen Staaten der USA mehrere Jahre beworben (vgl. etwa Fergus Falls Ugeblatt 1894, Ausg. v. 7. November, 3; Fergus Falls Ugeblatt 1894, Nr. 680 v. 5. Dezember, 3; Minnesota Stats Tidning 1896, Nr. 6 v. 5. Februar, 5; Skaffaren 1895, Ausg. v. 25. September, 2). Auch englischsprachige Werbeanzeigen lassen sich nachweisen, doch ist unklar, wie lange das Nährmittel in den USA angeboten wurde (Chicago Daily Tribune 1895, Ausg. v. 1. April, 3). In den Niederlanden wurde Maltos Cannabis noch 1905 angeboten, in Schweden bis zumindest 1921 (Hufvudstadsblad 1905, Nr. 207 v. 3. August, 8; Svensk farmaceutisk tidskrift 24, 1921, 195). Auch wenn die Unternehmensgeschichte der Techniken Fabriken Röda Korset nicht lang währte, gelang der Firma doch eine profitable internationale Vermarktung eines Hanfnährpräparates vor den Cannabisverboten in den späten 1920er und 1930er Jahren. Als solches war Maltos Cannabis jedoch eine seltene Ausnahme.

Das schwedische Nährpräparat spiegelt das doppelte Verschwinden des Hanfes im langen 19. Jahrhundert. Es war einerseits eine auch medizinisch genutzte Speise aus Hanfsamen. Als Alltagskost verschwand diese in Mitteleuropa – von wenigen Ausnahmen abgesehen – schon im frühen 19. Jahrhundert, während sie sich im Osten und Norden Europas in ländlichen Gebieten noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts halten konnten. In Schweden griffen Naturheilkundler diese Tradition im späten 19. Jahrhundert auf, boten damit Heil- und Geheimmittelproduzenten Marktchancen. Sie transformierten mittels moderner Trocknungstechnik eine tradierte Speise in ein neuartiges Nährmittel und dann in einen gezielt beworbenen Markenartikel. Doch just in diesem neuen Gewande wurde die tradierte Hanfspeise schon nach wenigen Jahren durch gesüßte und besser schmeckende Nährsalzpräparate abgelöst. Maltos Cannabis steht damit für die schon lange vor den staatlichen Cannabisverboten einsetzenden Abkehr vom landwirtschaftlich genutzten Hanf und daraus bereiteten Nahrungsmitteln.

Zugleich war Maltos Cannabis – analog zu der großen Zahl medizinischer Cannabispräparate – eines der vielen im späten 19. Jahrhundert noch angebotenen Heilmittel aus Hanf (Uwe Spiekermann, Cannabispräparate). Doch als solches war es ein Übergangspräparat von revitalisierten volksmedizinischen Anwendungen hin zu leistungsfähigeren Heilmitteln und Therapien. Grund hierfür war nicht das kurz zuvor entwickelte und ebenfalls unwirksame Tuberkulin Robert Kochs, sondern der Aufbau einer in Ansätzen durchaus wirksamen Therapie und Prävention der Lungentuberkulose auf Basis der Bakteriologie. Als Heilmittel nicht wirksam, mutierten Hanfsamenextrakte wie Maltos Cannabis rasch zu Kräftigungsmitteln, ehe sie vom Markt verschwanden. Wer hofft, dass Nährpräparate aus Hanf heutzutage große Marktchancen haben, dem bietet die Geschichte von Maltos Cannabis eher Ernüchterung.

Uwe Spiekermann, 14. November 2019

Zwischen Arznei und Geheimmittel: Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert

Hanf war im 19. Jahrhundert eine in ganz Europa angebaute Nutzpflanze, die in der bäuerlichen Hauswirtschaft und der gewerblichen Wirtschaft allüberall verwandt wurde: Hanf lieferte Faserstoffe, wurde zu Geweben und Garnen, zu Seilen und Segelzeug, zu Hartfilz und Säcken verarbeitet. Die Samen dienten der Ölgewinnung, erhellten dann in Öllampen die Stube, dienten der Herstellung von Seifen, Ölfarben und Firnis. Im 18. Jahrhundert fanden sie den Weg in die Küche, waren auch Heilmittel. All dies geriet im langen 19. Jahrhundert in den Mahlstrom von Industrialisierung und Globalisierung. Hanf, genauer der heimische Cannabis Sativa, verschwand in deutschen Landen lange bevor er Teil einer sich erst entwickelnden Anti-Drogenpolitik wurde.

Der Niedergang des heimischen Hanfanbaus war jedoch von einer kurzen, von ca. 1840 bis ins frühe 20. Jahrhundert reichenden Präsenz des Indischen Hanfes begleitet. Sie war ein Elitenprojekt, getragen von Pharmazeuten, Chemikern und Medizinern. Ihr Interesse richtete sich einerseits auf die Wirkmechanismen des im Nahen Osten, in Indien und Nordafrika aus dem dortigen Hanf hergestellten Haschisch. Anderseits zielten die Experten auf neue Anwendungen im rasch wachsenden Gesundheitsmarkt. Präparate aus Cannabis Indica sollten nicht allein das inkriminierte Opium ersetzen, sondern auch neue Märkte erschließen. Während die sperrige, ca. zwei Meter hohe und arbeitsintensive heimische Faserpflanze durch billigere koloniale Substitute und neue Werkstoffe verdrängt wurde, stieg davon unberührt das Interesse an den Inhaltsstoffen des fremden Hanfes. Dies war Teil eines intensiven Ausgriffs auf die botanischen Reichtümer peripherer und zunehmend kolonial beherrschter Regionen. Naturwissenschaftliches Wissen konnte deren stoffliche Essenz handhabbar machen, versprach Markterfolge. Die Neugier der Forscher ging Hand in Hand mit dem Ertrag der Tüftler. Und mehr noch: Cannabis stand im Ruf, zu harten, anhaltenden Arbeiten zu befähigen, Schmerzen zu stillen und Wetterunbilden besser zu vertragen. [1] Mochte sein Konsum in Nordafrika, dem Nahen Osten und in Indien auch eher für eine vermeintliche Kultur der Faulheit stehen, so schien es doch möglich, die Essenz des Hanfes für die sich ausbreitende industrielle Arbeitsgesellschaft zu nutzen.

Der eigentliche Bruch hin zur medizinischen Nutzung des Indischen Hanfes erfolgte in den 1840er Jahren – lang zurückreichenden Kenntnissen über die Cannabiskultur der Anderen zum Trotz. Er gründete auf Erfahrungsberichten englischer und auch französischer (Kolonial-)Experten, die nun in der klinischen Praxis und dem sich neu etablierenden Laboratorium ausgetestet und überprüft wurden. Derweil traten volksmedizinische und humoralpathologische Anwendungen des heimischen Hanfes in den Hintergrund. Das Haschisch hatte den Charme des Rausches, also den einer offenkundigen Wirkung. Sie einzuhegen und dann gezielt zu nutzen war attraktiver als eine grundsätzlich ebenfalls denkbare Analyse der gering eingeschätzten Heilwirkungen der heimischen Hanfpflanze. Die Folge war ein kurzer Boom erster Cannabispräparate in einem kaum regulierten Marktumfeld. Aus Bayern hieß es 1852: „Der Extract. Cannabis indicae wird jetzt auch in England, Frankreich und in einigen deutschen Städten ächt bereitet und von den Aerzten beliebig in Pillen, Tropfen oder Latwergen verabreicht. Als Narcoticum, leicht berauschendes Mittel, mag es seinen Werth haben, möglich, daß es in größerer Gabe auch krampf- und schmerzstillend wirkt.“ [2]

Bei diesen frühen Cannabispräparaten handelte es sich meist um Apothekerzubereitungen. Die Rohware stammte aus sehr unterschiedlichen Quellen. Angesichts der individuell höchst unterschiedlichen Wirkungen des Haschisch und der fehlenden Kenntnis von Wirkstoffen und Wirkmechanismen gründeten die Präparate auf Erfahrungswissen, teils aus Reiseberichten, teils aus Selbsterfahrungen, zunehmend aber auch auf chemischen und pharmakologischen Tests. Eine rasch wachsende Zahl von Patientenberichten half bei der Dosierung und erlaubte die Eingrenzung möglicher Anwendungsfelder. In den frühen 1850er Jahren nahm der Apotheker Carl Stutzbach (1789-1871) in Hohenmölsen, dann aber vor allem die kurz zuvor in Darmstadt gegründete Firma E. Merck die Produktion von Cannabisextrakten auf. Sie setzten indirekte Standards, boten Referenzen, schufen ansatzweise Verlässlichkeit. Sie dienten dann, meist noch durch Apotheker, zur lokalen Produktion von Hanföl (für Einreibungen), Opodeldok (gegen Rheumatismen) und Hanfchloroform (zum Inhalieren). Auch Hanfbutter wurde hergestellt, Stutzbach mischte zudem „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen. [3] Doch noch dominierten Apotheker mit individuellen Rezepturen den Markt. 1860 bedeutete dies beispielsweise „für den inneren Gebrauch das gepulverte Hanfkraut, in Pillen- oder Pulverform, pulverisierte Haschischstückchen aus dem Orient bezogen […], harziges Hanf-Extract in Pulver- und Pillenform […], Hanfharz-Tinctur […], Hanfharz-Emulsion.“ [4] Auch Churrus war grundsätzlich erhältlich.

Nach dieser Findungsphase begann die Eingliederung der Cannabispräparate in den staatlich regulierten Arzneimittelmarkt, Ausfluss des obrigkeitlichen Gesundheitsschutzes der frühen Neuzeit. Im preußischen Arzneibuch von 1861 fanden sie ihren Platz. [5] Auch das 1872 veröffentlichte erste reichseinheitlichen Arzneibuch enthielt die dann gängigen Präparate, nämlich Extractum Cannabis Indicae – Indischer Hanfextrakt, Fructus Cannabis – Hanfsamen, Herba Cannabis Indicae – Indischer Hanf und Tinctura Canabis Indicae – Indischhanftinktur. [6] Sie wurden in Pillenform, vornehmlich aber in Alkohollösung verabreicht und dienten als Narkotikum und Schlafmittel, wurden gegen Asthma eingesetzt und waren entspannend. [7] Diese Hanfpräparate mussten in jeder Apotheke vorrätig sein. [8] Sie waren Ausgangspunkt für weitere Anwendungen, die anfangs in Apotheken, zunehmend aber auch von pharmazeutischen Firmen erstellt wurden. [9] Zugleich durften Apotheken Indischen Hanf weiterverarbeiten, doch dies diente fast nur der arzneilichen Verwendung, also der Arbeit auf ärztliches Rezept. [10] Er war verschlossen in einem Giftschrank unterzubringen, über die Bestände musste detailliert Rechenschaft gegeben werden. Die damalige Arzneiverordnungslehre setzte all dem einen gewissen Rahmen, der jedoch durch Forschung und dann auch neue Produkte erweitert werden konnte. [11] Die teils um das mehr als Zehnfache differierenden Dosierungsvorschläge unterstreichen jedoch eine beträchtliche Unsicherheit im Umgang mit Hanfpräparaten. Sie führten zu einer eher langsamen Marktentwicklung, waren sich die Anbieter doch möglicher Schädigungen durch Fehldosierungen durchaus bewusst. [12] Entsprechend fehlten Hanfextrakt und Hanftinkturen auch im internationalen Verzeichnis der heroischen Arzneimittel. [13]

Im Folgenden wird es in natürlich nur groben Zügen um die Entwicklung unterschiedlicher Marktsegmente gehen. Cannabispräparate waren Teil des Gesundheitsmarktes des langen 19. Jahrhunderts, fanden einen Platz als Heil- und Nährmittel. Am Beginn stehen, im deutschsprachigen Rahmen, pharmazeutische Produkte, also die eigentlichen Arzneimittel. Zweitens gilt es sich am Beispiel der „Asthmazigaretten“ (international) vermarkteten Markenartikeln zu widmen. Als Geheimmittel fanden sie rasch ihr Publikum, standen jedoch auch unter stetem Druck nachfragender staatlicher Kontrollinstanzen. Das galt vor allem für Mitteleuropa, wo Rauchwaren nicht nur im Deutschen Reich rechtlich als Nahrungs- und Genussmittel galten. Drittens zeigt die an anderer Stelle untersuchte Geschichte des Nährpräparates „Maltos Cannabis“ den Wandel eines als Hanfsamenextraktes entwickelten Heilmittels zu einem dann ebenfalls international vermarkteten Nahrungsergänzungsmittel. In allen drei Sektoren waren Cannabispräparate integrale Elemente eines sich im späten 19. Jahrhundert erweiternden und ausdifferenzierenden Gesundheitsmarktes. Während der einheimische Hanf seine Stellung als Alltagsrohstoff verlor, verlor der Indische Hanf seinen exotischen Charme und wurde zeitweilig Grundstoff der sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden pharmazeutischen Industrie.

Cannabis in pharmazeutischen Produkten

Cannabis war ein unsicheres Kraut. Die Herkunft der Haschischpräparate war häufig unklar, Standardisierungen gab es nur indirekt. Zwischen 1840 und 1860, also vor dem raschen Aufschwung der Bakteriologie und Pharmazie, wurde es zur Bekämpfung zahlreicher Krankheiten eingesetzt, doch nur in wenigen Fällen konnte man kausale Heilwirkungen konstatieren. Der Entwicklung pharmazeutischer Produkte waren somit enge Grenzen gesetzt. [14] Hinzu kam, dass Cannabis, wie zahlreiche andere neue Pflanzenstoffe aus kolonialem Umfeld, weder ein klares stoffliches Profil besaß, noch klare Anwendungsgebiete. Als die pharmazeutische Industrie an Bedeutung gewann, in den 1870er Jahren, hatte sich das Einsatzspektrum schon gelichtet, galt er doch als „ein Harnwerkzeug-, Lungen-, Geschlechts- und vorzügliches Augenmittel.“ Doch das Pröbeln zielte noch auf deutlich mehr Beschwerden und Krankheiten. Verwandt wurde Cannabis, „1. bei Ermüdung nach starken Fußreisen, 2. beim beschwerlichen Urinlassen (Strangurie), 3. bei Nieren- und Blasenentzündung und beim Blutharnen, 4. bei skrophulösen Hornhauttrübungen, 5. bei Lungenentzündung, die man sich durch rasches Gehen zugezogen hat, 6. im Wadenkrampf, 7. im Typhus, der nach Cholera entsteht.“ [15]

Am Anfang der Arzneimittelentwicklung stand die Firma E. Merck in Darmstadt. Seit den frühen 1850er Jahren führender Anbieter von Cannabispräparaten in Mitteleuropa, entwickelten deren Pharmazeuten in den 1880er Jahren neuartige Angebote: Den Anfang machte 1882 das Cannabium tannicum, 1884 folgte das Cannabinon, 1889 dann das Cannabin. Sie waren allesamt noch keine Arzneimittel modernen Typs, kombinierten also noch nicht chemisch und physiologisch klar definierte Wirkstoffe, eine standardisierte Zusammensetzung und eine (erst 1894 rechtlich abgesicherte) Markenidentität. Sie waren vielmehr Pharmazeutika auf der Suche nach Anwendungsfeldern. [16] Dies entsprach der damaligen chemischen Kenntnis des Indischen Hanfes: Unter Cannabinon verstand man einen braunen Weichharz, Cannabin war ein Glykosid, galt als Essenz des Haschisch. [17] Anders ausgedrückt: Die durch eine ausdifferenzierende Forschung isolierten Stoffgruppen wurden zu Pharmazeutika verdichtet und vermarktet. Einmal angeboten, veränderte man dann die Zusammensetzung der Präparate, näherte sich dergestalt möglichen Anwendungen. Merck verbesserte Cannabium tannicum beispielsweise 1886, „so dass das Medicament nunmehr als ein kräftiges und doch milde wirkendes Schlafmittel betrachtet werden kann.“ [18] Es wurde dann auch international vermarktet. [19] Emanuel August Merck (1855-1923) knüpfte damit an länger zurückreichende und von seinem Vater geförderte Forschungen des Fürther Mediziners Georg Fronmüller (1809-1889) an. Dessen umfangreiche klinische Studien in den 1850er und 1860er Jahren zeigten die Chancen, aber auch die Grenzen von Cannabis Indica als Schlafmittel recht präzise auf. [20] Angesichts möglicher Überdosierungen durfte das Mercksche Medikament seit 1890 jedenfalls nur noch in Apotheken verkauft werden. [21]

Typisch für die Merckschen Präparate war ihr Endproduktcharakter. Cannabium tannicum war eine Art Blackbox, „über dessen chemische Natur, ja sogar über dessen Bereitungsweise bisher ebenfalls nichts Näheres bekannt ist.“ [22] Es war kein standardisiertes Präparat, sein Aussehen variierte zwischen gelblich und bräunlichgrau. Der Geschmack war bitterlich, zusammenziehend, es roch schwach nach Hanf. Noch nach dem Ersten Weltkrieg mutmaßten Pharmazeuten über die genaue Herstellung, auch wenn grundsätzlich klar, wie Merck vorging: „Indischer Hanf wird durch Destillation mit Wasserdämpfen das ätherische Oel entzogen, derselbe alsdann mit Wasser ausgezogen und der Auszug mit Gerbsäure gefällt.“ [23] Cannabium tannicum diente jedenfalls als ein leichtes Schlafmittel, Merck empfahl es auch als Beruhigungsmittel sowie bei „Hysterie, Delirium tremens und nervöser Schlaflosigkeit.“ [24] Cannabinon wirkte demgegenüber deutlich stärker, Durchschnitts- und Maximaldosen waren entsprechend niedriger. [25] Es handelte sich nicht um Pulver, sondern einen bei Wärme „dickflüssigen, braunen, in dünnen Schichten klaren durchsichtigen Balsam von starkem aromatischen Geruch und scharf bitterem, etwas kratzigen Geschmack“ [26]. Cannabinon wurde aus den Spitzen von Cannabis indica hergestellt. Cannabin diente vor allem als Grundstoff sowie als Beruhigungsmittel. [27]

Die Merckschen Präparate sind ein Beispiel für die wachsende Angebotspalette früher Vorreiterunternehmen im Geschäft mit Indischem Hanf. Ähnliche Profile finden sich bei dem 1880 gegründete Londoner Pharmaziehersteller Bourroughs, Wellcome & Co. und den US-Firmen E.R. Squibb (Brooklyn, Gründung 1858), Parke, Davies & Co. (Detroit, 1866) und Eli Lilly & Co. (Indianapolis, 1876). Schweizer Firmen folgten mit gewissem zeitlichem Abstand. In diese Reihe gehörte auch das 1875 in St. Louis von Cullen Andrews Battle (1848-1909) gegründete Unternehmen Battle & Co., Hersteller starker Markenartikel, darunter auch das Opiumpräparat Papine. 1886 begann die Produktion des Schlafmittels Bromidia, das sich in den USA und in Großbritannien rasch erfolgreich etablieren konnte. Wohl seit Anfang der 1890er Jahre war es auch in Österreich und dem Deutschen Reich erhältlich und wurde dort – anders als die Merck-Präparate – breit beworben. [28]

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Werbung für das hanfextrakthaltige Schlafmittel Bromidia 1893 (Deutsche Medicinische Wochenschrift 19, 1893, Nr. 24, Beil.)

Das süße alkoholhaltige Mittel bestand vor allem aus Chloralhydrat und Kaliumbromid, doch enthielt es auch geringe Mengen Hanf- und Bilsenkrautextrakt. [29] Die schlafbringende Wirkung resultierte vornehmlich vom seit 1873 produzierten synthetischen Chloralhydrat, nicht aber vom Hanfextrakt. Es blieb jedoch strittig, ob die Inhaltsangaben der Firma präzise waren, da es Apothekern nicht gelang, das eingängig schmeckende Präparat im Nachklang darzustellen. Analysen ergaben 1894 und 1905, dass Bromidia keinen Hanfextrakt enthielt – die Mehrzahl aber bestätigte den marginalen Zusatz. [30] Die Rezepturen lokaler Apothekervereine, gedacht zum sicheren Ersatz des US-Medikaments, enthielten jedenfalls durchweg Hanfextrakt, wenngleich in meist geringeren Anteilen als in der Produktwerbung. [31] Bromidia geriet jedoch nicht wegen der schwankenden Zusammensetzung ins Visier der Regulierungsbehörden, sondern aufgrund der nicht unbeträchtlichen Suchtgefahr, dem sog. Chloralismus. [32] Das verschreibungspflichtige Bromidia konnte zwar weiter vertrieben werden, doch es wurde 1907 Geheimmitteln gleichgestellt, so dass es nicht mehr öffentlich beworben werden durfte. [33]

Zu dieser Zeit standen cannabishaltige Schlafmittel jedoch durch die ersten Barbiturate unter wachsendem Marktdruck. Seit 1903 boten Bayer und Merck Veronal an, dass ebenso wie Bromidia ab 1908 verschreibungspflichtig wurde. Die Grenze zwischen einem erquickenden Schlaf, beträchtlichen Nebenwirkungen, Sucht und Tod waren klein – und verwies auf beträchtliche Defizite der staatlichen Aufsicht über den Arzneimittelmarkt. Dies aber war nicht das Ende von Schlafmitteln mit Cannabisextrakten, denn Merck und Battle boten ihre Medikamente weiterhin an. Es gab weiterhin zahlreiche Apothekerrezepte für Schlafmittel, bei denen Hanfextrakt Opiate ersetzte. [34] Und auch neue Präparate wurden lanciert, so das unter anderem aus Cannabis Sativa zusammengesetzte Schlaf- und Beruhigungsmittel Plantival der Leipziger pharmazeutischen und homöopathischen Firma Dr. Willmar Schwabe. [35]

Derartige „Hypnotica“ blieben jedoch nicht das einzige Anwendungsfeld von Cannabispräparaten. Deutlich größere Breitenwirkung erzielten seit den 1880er Jahren vielfältige Angebote von Hühneraugenmitteln. Sie verdeutlichen einen entscheidenden Aspekt bei der pharmazeutischen Verwendung von Cannabis, einen, der schon bei Bromidia deutlich werden sollte: Hanfbestandteile wurden nur selten als Hauptwirkstoff, sondern fast durchweg als Puffer, als Zusatzstoff eingesetzt. In der Werbung wurde dies häufig nicht sachlich kommuniziert – und entsprechend großspurig erscheinen heute viele Aussagen interessierter Kreise über die vermeintliche Ubiquität medizinischer Hanfpräparate im späten 19. Jahrhundert. Bei den Hühneraugenmitteln war Cannabisextrakt gewiss Trittbrettfahrer anderer Entwicklungen, namentlich der Isolation und Synthese der Salicylsäure.

Diese erfolgte 1873. Im Folgejahr begann die Produktion der Salicylsäure-Fabrik Dr. F. v. Heyden in Dresden und dann Radebeul. Salicylsäure schien ein neues Wundermittel zu sein, wirkte es doch „in hervorragender Weise antiseptisch, fäulnishindernd, antizymotisch, gährungshemmend und antipyretisch, fieberwidrig.“ [36] Erste Einsatzfelder lagen daher in der Veterinärmedizin und der Konservierung von Nahrungsmitteln. [37] Humanmedizinische Anwendungen erfolgten nur langsam: Als Antiseptikum wurde es als Wundheilmittel und in der Chirurgie eingesetzt, ebenso bei Gicht und Gelenkrheumatismus. [38] Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis die Brücke von der Imprägnierung von Wundverbänden hin zur Dermatologie geschlagen wurde. [39] Salicylsäure wurde als solche genutzt, ihre ätzende Wirkung konnte gegen Hautverhärtungen, Schwielen, insbesondere aber gegen die weit verbreiteten Hühneraugen eingesetzt werden. Seit den späten 1880er Jahren entwickelten zahlreiche Apotheker Tinkturen, die fast durchweg ähnlich zusammengesetzt waren: 8- bis 10prozentige Salicyclsäurelösungen wurden mit 4 bis 5 % Hanfextrakt in Kollodium (eine zähflüssige Baumwollelösung) oder Zerat (eine wächserne Salbe) getränkt. Das Cannabispräparat diente dabei als Sedativum, als Antagonist zum an sich schmerzenden Wirkstoff Salicylsäure. Der Konsument bestrich mehrere Tage die verhärtete Stelle bzw. das Hühnerauge, nahm dann ein Fußbad und schabte schließlich die inkriminierte Stelle aus. [40] Dies musste mehrfach wiederholt werden, konnte jedoch den zuvor vielfach üblichen Messereinsatz vermeiden bzw. in Grenzen halten. Die neuen Hühneraugenmittel waren nicht konkurrenzlos, auch Milch- oder Essigsäure dienten der Harthautbekämpfung. Doch ab Ende der 1880er Jahre waren die neuen Kombinationspräparate mit Hanf üblich. [41] In Österreich konnte man 1890 zwischen den Hühneraugentinkturen von Sikroski (Kollodium und Cannabis), von Kranich, Würfling, Golienski, Barkowski, Bongartz oder Esser (Kollodium, Salicylsäure und Cannabis) wählen. [42] Der führende österreichische Veterinärmedizinhersteller Kwizda bot neben einer Hühneraugen- und Warzentinktur auch Hühneraugenpflaster an. [43] Neben die Tinkturen traten nun auch dauerhaft einwirkende Präparate, vornehmlich mit Salicylsäure und Cannabis getränkte Pflaster und Pflasterringe. Sie kamen vor allem in Deutschland auf, da ihr Handverkauf in Apotheken und Drogerien erlaubt war. Führend hierbei war der Hamburger Dermatologe Paul Gerson Unna (1850-1929), der für Beiersdorf neue imprägnierte Pflaster (Guttaplast, Leukoplast) und, zusammen mit dem Unternehmer Oskar Troplowitz (1863-1918) und dem Chemiker Isaac Lifschütz (1852-1938), 1911 auch die Handcreme Nivea kreierte. [44]

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Hanfextrakt im Radlauerschen Hühneraugenmittel 1900 (Dresdner Nachrichten 1900, Nr. 147 v. 30. Mai, 22)

Im Deutschen Reich waren Hühneraugentinkturen mit Cannabisextrakten bis 1896 allerdings vom Handverkauf ausgeschlossen. [45] Aufgrund einer klaren Kennzeichnung „Nur für den äußerlichen Gebrauch“ änderte sich dies 1896 – und die einschlägigen Angebote nahmen rasch zu. [46] Auch wenn einzelne Apotheken, etwa die Radlauerscher Kronen-Apotheke in Berlin, ihre Angebote reichsweit versandten, dominierten anfangs noch tendenziell lokale Angebote, bei denen die Kunden auf die Professionalität der kleinen Hersteller setzen mussten. Doch auch hier bereitete der Cannabisextrakt Probleme. Die 1869 gegründete Chemische Fabrik Helfenberg, ein führender Produzent auch von Pflaster, konstatierte kurz nach der Jahrhundertwende: „Das Cannabis-Extrakt, welches wir für Pflaster und Hühneraugenpräparate verwenden, gehört zu den Präparaten, die wir immer auf gut Glauben hin gekauft und nicht näher untersucht haben. Verschiedene Reklamationen über die mangelhafte Wirksamkeit der Präparate und Schwierigkeiten in der Fabrikation liessen jedoch eine genauere Analyse angezeigt erscheinen. Es ergab sich hierbei […], dass die Extrakte des Handels nicht nur sehr wechselnd zusammengesetzt waren, sondern auch zum grössten Teil grosse Mengen Kupfer und Zink enthielten, also meistens künstlich gefärbt waren.“ [47] Zudem gab es immer wieder Kritik an der mangelnden Balance der Hühneraugenmittel, deren Ätzwirkung oberflächlich bliebe und nicht in die Tiefe der Haut wirke. [48]

Derartige Probleme konnten nicht wirklich gelöst werden, doch versuchten abermals größere pharmazeutische Unternehmen Markenartikel zu schaffen, die für eine relativ verlässliche Zusammensetzung und auch Wirkung standen. Am Anfang standen wiederum US-Anbieter: Das 1892 von der Rydales Remedy Co. of Newport News, Va., entwickelte Geheimmittel Cornicide wurde in Kontinentaleuropa 1894 als Hühneraugenmittel aus Salicyl- und Essigsäure, Terpentinöl, Kollodium und Hanfextrakt vertrieben. [49] Das amerikanische Präparat hatte auch 1905 noch die gleiche Zusammensetzung, lässt sich auch noch Ende der 1920er Jahre nachweisen. [50] Größere Bedeutung gewann dagegen das 1894 vorgestellte Cornilin, produziert von der zwölf Jahre zuvor in Hamburg gegründeten Pflasterfirma Beiersdorf. [51] Es handelte sich um „ein Guttapercha-Pflastermull mit Salicylsäure und Indisch Hanfextrakt zur schmerzlosen Entfernung von Hühneraugen, Hornhaut und Warzen“ [52]. Ein nahezu gleichartiges Produkt wurde auch unter dem Namen Beiersdorfs Hühneraugenpflaster vermarktet. Diese Markenartikel konnten ihre lokalen Wettbewerber allerdings nicht vom Markt verdrängen. Die mit Cannabisextrakt getränkten Hühneraugentinkturen von Esser, Kranich, Sikorski, Würfling, Golienski, Barkowski und Bongartz gab es auch noch nach dem Ersten Weltkrieg. [53] Ähnlich lange behauptete sich in der Schweiz das vom Zürcher Apotheker Karrer vertriebene Hühneraugenmittel mit dem provokanten Namen Haschisch.

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Werbung für Karrers Haschisch Hühneraugentinktur 1894 und 1926 (Nebelspalter 20, 1894, H. 6, s.p.; ebd. 52, 1926; H. 10, s.p.)

Wenngleich die Vielzahl lokaler Angebote nicht abzuschätzen ist, handelte es sich bei dem Markt für Hühneraugenmittel vor dem Ersten Weltkrieg doch um ein relativ saturiertes und wenig umkämpftes Marktsegment mit relativ wenigen Innovationen, wie etwa Backford & Spooners mit Salpeter behandeltes Hanfpräparat. [54] Die Mehrzahl auch neuer Angebote blieb dem Salicylsäure-Hanfextrakt-Standard verpflichtet, etwa das ab 1914 verkaufte Hühneraugenmittel Cannabin sowie Clavomors, ein Hühneraugenpflaster des Berliner Dr. Laboschin. [55] Ausnahmen bildeten fortentwickelte Medizinalpflaster. Das Arsenik-Salicyl-Cannabis-Pflastermull nach Unna diente etwa der gezielten Eindämmung krebsverdächtiger Hautstellen. [56] Während der Weimarer Republik wurde der Markt dann zwar durch das Salicylpräparat Kukirol werblich auf neue Höhen geführt, strukturell aber blieb das Angebot unverändert. [57]

Hühneraugenmittel stehen für den Einsatz von Cannabispräparaten als pharmazeutische Hilfsmittel. Sie waren Beiwerk, erfüllten ihnen zugewiesene Funktionen. Das gilt auch für die gar nicht kleine Zahl weiterer Anwendungen, allesamt Nebenmedikamente. Folgt man dem Hanfaktivisten Hans-Georg Behr (1937-2010), so gab es 1890 etwa ein Schmerzmittel namens Migränin, hergestellt von der Münchner Hof-Apotheke, versehen mit 1 % Hanfextrakttinktur. [58] Dieses ist sachlich falsch. Migränin war ein 1894 von den Hoechster Farbwerken eingeführtes Schmerzmittel, das vornehmlich gegen Migräne und Kopfschmerzen genommen verordnet wurde. Es bestand vor allem aus Antipyrin, aus Koffein und etwa Zitronensäure. [59] Das neue, mit beträchtlichem Werbeaufwand lancierte Präparat diente dem Aushebeln des 1891 erfolgten Verbotes des lukrativen Handverkaufs des Antipyrins (heute Phenazon) durch die Verordnung über stark wirkende Arzneimittel. Derartige Verbraucherschutzmaßnahmen ließen sich durch Produktinnovationen umgehen. [60] Eine 1897 erfolgte weitere Fortentwicklung mit dem Markennamen Pyramidon wurde schließlich 1978 aufgrund kanzerogener Wirkungen verboten. Migränin enthielt keinen Hanfextrakt. Gegen Schmerzen wirkten dagegen Antigichtmittel, so etwa der wohl 1890 eingeführte Goldstein’s Gicht- und Rheumatismusbalsam. Dies war eine Mischung von Ammoniak, Alkohol, Chloroform, Kampfer, Terpentin, fetten Ölen und wahrscheinlich auch etwas Cannabisextrakt. [61] Trotz ihrer Suchtgefahr dominierten bei den Schmerzmitteln vornehmlich Opiate und Opioide, so etwa Morphium oder das 1875 synthetisierte, 1896 von Bayer dann vermarktete Heroin. Cannabispräparate dürften als leichter wirkende Substitute ärztlich gegen Schmerzen eingesetzt worden sein, doch zu Pharmazeutika sind sie nicht verdichtet worden.

Kaum anders war dies bei den frühen Psychopharmaka, ein relativ spät entwickeltes Marktsegment. Merck empfahl Cannabinon beispielsweise bei Hysterie und Psychosen. [62] Cannabispräparte wurden ebenso in Mitteln gegen den „Weißen Tod“, die Tuberkulose eingesetzt. Sheras war ein Kombinationspräparat von Hanf, Weiderinde, Blutwurz und einigen anderen Kräutern, mit Rum und Zucker schmackhaft abgerundet. [63] Auch Mercks Extractum fluidum Cannabis indicae aquos wurde gegen die Schwindsucht empfohlen. Es wurde aus Cannabis sativa gewonnen, besaß also keine psychoaktive Wirkung. Es diente ebenfalls bei Verdauungsstörungen, wirkte als Beruhigungsmittel. Der seit Mitte der 1890er Jahre angebotene Extrakt wurde daher auch bei Kinderkrankheiten verordnet. [64] Gegen hartnäckige Verdauungsstörungen bei Erwachsenen galt das auch für das vom französischen Mediziner Germaine Sée (1818-1896) entwickelte Haschschin, das zudem Angstgefühle bei gastritischen Neurosen bekämpfen sollte. [65] Es gab weitere Anwendungsgebiete der Cannabispräparate. Doch wie schon einige der zuvor erwähnten Medikamente unterstreichen sie eher eine Zerfaserung der Anwendung. Sie verweisen nicht auf das potenziell breite Wirkungsspektrum des Cannabis, sondern waren eher die Fortführung der Suchbewegungen der Mitte des 19. Jahrhunderts. So wurden etwa Hustenbonbons mit Hanfextrakt angereichert und dann – nur auf ärztliche Anweisung – in Apotheken verkauft. [66] Ähnliches galt für ein hanfextrakthaltiges Mittel gegen starke Schuppen resp. Haarausfall. [67] Leberkolik? Auch dagegen gab es Arznei mit Hanf. [68] Wichtig auch dessen Präsenz im Geschlechterleben: Da gab es Mittel gegen Menstruationsbeschwerden, fünf Tage vor Eintritt jeden Abend ein Stück einführen. [69] Blenorol, ein Salo-Kawa-Cannabis Santal, war ein Antigonorrhoicum, also ein Mittel gegen die meist Tripper genannte weit verbreitete Geschlechtskrankheit. [70] Chromiac Tablets, ein Präparat der in Newark, New Jersey, ansässigen, 1888 gegründeten Maltbie Chemical Company, kombinierte dagegen Chrom und Zink, Brechnuss und Hanf zur Hebung der Manneskraft. [71] Auch dem Indischen Zahnextrakt mengte man etwas Hanfextrakt bei. [72] Der kleine Reigen mag enden mit einem letzten Klassiker, nämlich dem von dem britischen Kolonialarzt John Collis Browne (1819-1884) 1848 entwickelten und seit den späten 1850er Jahren international vermarkteten Chlorodyne. Anfangs eingesetzt gegen Cholera, wurde das aus einer Mischung von Alkohol, Morphium, Chloroform, Blausäure und Hanf bestehende Medikament gegen allerhand Schmerzen und Sinnestrübungen eingesetzt, vor allem aber getrunken. [73] Aufgrund der hohen Suchtgefahr und der möglichen Toxizität wurde die Zusammensetzung zunehmend verändert und die Arznei später auch ohne Hanfextrakt und mit einem deutlich reduzierten Morphiumgehalt vertrieben.

Hält man kurz inne, so findet man gegen Ende des langen 19. Jahrhunderts eine breite Palette von pharmazeutischen Cannabispräparaten. Schlaf- und Hühneraugenmittel waren die wichtigsten Anwendungsgebiete, auch wenn die Hanfmedikamentation häufig nur ergänzenden, abpuffernden und abrundenden Charakter hatte. Sie gerieten nach der Jahrhundertwende einerseits unter starken Wettbewerbsdruck durch neue Medikamente. Anderseits ermöglichte ihr Nischencharakter eine relativ leichte Substitution. Summa summarum unterstreichen die vielfältigen Angebote vor allem die Kernprobleme der damaligen Cannabispräparate, nämlich ihre vielfach variable Zusammensetzung, vor allem aber ihre ungeklärte chemische Struktur und bestenfalls erfahrungsmedizinisch abgesicherte Wirkmechanismen. Das galt grundsätzlich auch für ein weiteres wichtiges Marktsegment, das der Asthmazigaretten.

Asthmazigaretten – Geheimmittel mit Cannabiszusätzen

Asthma, eine chronische Entzündung der Atemwege, war im langen 19. Jahrhundert eine weit verbreitete Alltagskrankheit, die zu steten Hustenattacken und Atemnot führte. [74] Seit dem 18. Jahrhundert wurden die tradierten humoralpathologischen Verfahren durch abmildernde Therapien verdrängt, in deren Mittelpunkt die Wirkkraft von Bilsenkraut, Tollkirsche (Belladonna) und Stechapfel (Stramonium) stand. Diese Kräuter wurden einerseits geraucht, zuerst als Pfeife, dann mittels Zigarren, seit den 1860er Jahren auch in Zigarettenform. Anderseits entstanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Inhalationsapparate. Die Heilmittel wurden in ihnen verraucht, der Patient atmete den Inhalt mittels eines Schlauches ein. Beide Maßregeln halfen bei akuten Asthmaanfällen, linderten Schmerzen, konnten aber die chronische Entzündung nicht bekämpfen. [75] Die Präparate wirkten, doch sie wirkten nur begrenzt – ein Zustand, der Marktchancen für immer wieder neue, immer wieder gleichartige Angebote bot, zumal die Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts zahlreiche Atemwegserkrankungen förderte, ja hervorrief. Entsprechend gab es für die Bekämpfung von Asthma eine schier unüberschaubare Zahl von innerlich und äußerlich verordneten Mitteln. Um 1900 bedeutete dies einerseits Tees, Essenzen und Tinkturen, anderseits Asthmapapiere, -pappen, -kerzen, -pulver, -kräuter und „die verschiedenartigsten Asthmazigaretten und viele andere. Die Auswahl ist groß – der Erfolg gering.“ [76]

Der bekannteste Anbieter von Asthmazigaretten im späten 19. Jahrhundert war Grimault & Co., „einer der fruchtbarsten Specialitäten-Fabrikanten in Paris“ [77]. Das Unternehmen bot seit den 1850er Jahren eine breite Palette pharmazeutischer Artikel an, meist Stärkungsmittel aus Pflanzenextrakten und Mineralstoffen. Als Sirup oder in Pillenform wurden sie dann international vermarktet, dienten als Allzweckmittel gegen eine Vielzahl von Alltagskrankheiten. [78] Obwohl die Firma seit den frühen 1870er Jahren mehrfach den Besitzer wechselte, blieb der Name bestehen. Grimault & Co. war eine eingeführte Namensmarke und galt als Synonym für „französische Specialitäten.“ Neben die anfangs zentralen Matikopräparate traten seit 1867 die „Indischen Cigaretten“, die zum bekanntesten Produkt des Unternehmens werden sollten. Sie kamen erst im Heimatmarkt und dann in Österreich als „Hachisch-Cigaretten“ [79] auf, wurden in führenden deutschen Tageszeitungen zumindest bis vor Beginn des Ersten Weltkrieges verkauft und überstanden auch die erste Welle der Verbote Indischen Hanfes in den 1920er und 1930er Jahren. Dank etablierter Vertriebsnetze verkaufte Grimault seine Medizinalzigaretten auch in Übersee: Bereits 1867 waren sie in Australien und im frankophonen New Orleans erhältlich, ab spätestens 1869 finden sich Anzeigen in Kanada, dann auch in Großbritannien. [80]

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Anzeige von Grimaults Indian Cigarettes in Großbritannien 1872 (Lancaster Gazette 1872, Nr. 4454 v. 7. September, 7)

Die zumeist gleichlautende Werbung versprach viel: „Es genügt, den Rauch der Cigaretten aus Cannabis indica einzuathmen, um die heftigsten Anfälle von Asthma, nervösem Husten, Heiserkeit, Stimmlosigkeit, Gesichtsschmerz und Schlaflosigkeit verschwinden zu machen und gegen die Kehlkopfschwindsucht zu wirken.“ [81] Eilfertige medizinische Gutachten bestätigten positive Ergebnisse bei Bronchitis, Keuchhusten und Asthma, bei Herzklopfen, Migräne und einigem mehr. [82] Grimault richtete sich nicht nur an Ärzte und Apotheker, sondern meist direkt an die Konsumenten. Asthmaleidende sollten demnach morgens und abends die Zigaretten rauchen, „denn durch den Gebrauch dieser Cigaretten hören die Schwierigkeit des Athmens, die Erstickungsanfälle und das pfeifende Athmen baldigst auf. Ein starker Auswurf wird dadurch ohne Anstrengung hervorgerufen, der trockene Husten vermindert sich, die Beklemmung verschwindet und ein wohltuender Schlaf beendet die für den Kranken und seine Umgebung so peinlichen Symptome.“ [83] Grimault verkaufte nicht einfach Zigaretten, sondern ein ansprechend gestaltetes Produkt. Die gelb gehaltenen und mit goldener Schrift versehenen Verpackungsetuis enthielten zumeist fünfzehn Zigaretten mit aufgedrucktem Firmensignet und Mundstück. Auf der mit einer Schnalle versehenen Verpackung prangte in einer Vignette der Firmen- und Produktname: „Cigarettes indiennes au Canabis indica. Contre l’asthme, les bronchitis et les Maladies du Poumon.“ [84]

Für Kritiker und Konkurrenten war all dies typisch französisch. Französische Spezialitäten seien „in der Regel von einem sehr geringen innern Werthe […] und zu übertriebenen Preisen verkauft [… worden]. Wenn sie dennoch in der ganzen Welt die größte Rolle spielen, so liegt es darin, dass sie gewöhnlich in äusserst eleganter und geschmackvoller Form adjustirt und in einer Weise zusammengesetzt sind, welche dem Consumenten durch irgend einen Zusatz einer wohlschmeckenden oder wohlriechenden Ingredienz angenehm werden, endlich darin, dass die Reclame für diesselben in einer wohlorganisirten, meist verschwenderischen Weise betrieben wird.“ [85] Grimaults Indische Cigaretten waren ein typisches Geheimmittel. Diese waren vor allem Folge der umfassenden Liberalisierungswelle, die in fast der gesamten westlichen Welt die strikte Privilegienwirtschaft der gebundenen Wirtschaftsordnungen Mitte des 19. Jahrhunderts durchbrach und auch im Arzneimittelmarkt ansatzweise Gewerbefreiheit etablierte. [86] Dadurch gerieten die zuvor vielfach zünftig geschützten Pharmazeuten und Ärzte unter Wettbewerbsdruck, doch ihre Kritik an ungerechtfertigten Anpreisungen und überteuerten Waren traf in vielen Fällen zu.

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Werbeanzeigen für Grimaults Indische Cigaretten in Österreich 1873 (Die Neue Zeit 1873, Nr. 91 v. 20. April, 6)

Grimault lobte in seiner Werbung das eigene Produkt: „Wonderful results have been obtained from the use of these cigarettes […].“ [87] Wissenschaftliche Autoritäten waren ein wichtiger Werbeträger: „Dieses neue Heilmittel wird von den meisten Aerzten Frankreichs und des Auslandes gegen Affectionen der Athmungswege empfohlen.“ Deren Aura von Expertise koppelte man mit breiten Wirkungsbehauptungen: „Es genügt, den Rauch der Cigaretten aus Cannabis Indica einzuathmen, um die heftigsten Anfälle von Asthma, nervösem Husten, Heiserkeit, Stimmlosigkeit, Gesichtsschmerz und Schlaflosigkeit verschwinden zu machen und gegen die Kehlkopfschwindsucht zu wirken.“ [88] Typisch für derartige Referenzen war ihre Vagheit: „Recent experiments in France, England, and Germany have proved that these cigarettes are a souvereign remedy for the above distressing affections especially when Bella dona, stramonium, and opium have failed to give relief.“ [89] Zugleich aber nutzte sie offenkundig unstimmige Kollektivsingulare, so, wenn in Österreich behauptet wurde, die Asthmazigaretten seien „von den Pariser Aerzten gegen Athembeschwerden, Krampfhusten, Heiserkeit, Beklemmungen, Stimmlosigkeit und Gesichtsnervenschmerzen als unfehlbar erklärt,“ und „bis jetzt von keinem andern Heilmittel erreicht worden.“ [90]

Schließlich bedienten sich Geheimmittelanbieter wie Grimault der Breite der keineswegs einheitlichen „Wissenschaft“. Lohnschreiber besaßen häufig akademische Titel, die dann als Beleg für vermeintlich objektive Bewertungen vermarktet wurden. Sie waren einerseits mäßig im Ton, wurden jedoch an prominenter Stelle veröffentlicht. Beispiele sind frühe österreichische Gutachten, in denen es etwa hieß: „überhaupt können Grimaults Cigaretten immer Anwendung finden, wo es sich um sofortige Beruhigung der Nerven und einer Anregung der Capillaren zum erhöhten Stoffwechsel handelt, wenn Schmerz und Krampf vorherrschen.“ [91] Anderseits finden sich derartig werbende Worte auch in der „Fachliteratur“ dieser Zeit, in denen Grimaults Indische Zigaretten teils als letzter Rettungsanker für die gepeinigten und um Atem ringenden Asthmatiker erschienen: „Grimault’s cigarettes, which contain Indian hemp, […] will, in many cases of troublesome asthma, relieve when others have failed.“ [92] Insgesamt tönte die Produktwerbung weltweit ähnlich, doch je nach Markt gab es Nuancen und Abstufungen. Auffallend ist vornehmlich die wesentlich zurückhaltendere Werbung in Frankreich. Die Anzeigen waren dort durchweg kleiner als in Auslandsmärkten und stärker sachlich gehalten.

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Zurückhaltende Werbung für Grimaults „Cigarettes Indiennes“ in Frankreich (La Lanterne 1900, Ausg. v. 23. Januar, 4)

Wirkungsversprechen wurden im Grimaultschen Heimatmarkt kaum gegeben, auch wenn die vermeintlich exzellenten Resultate des Zigarettenkonsums hervorgehoben wurden. [93] Doch auch dort war der Cannabisgehalt rasch der wichtigste Werbehinweis. Für die Firma war das wichtig, da man in England und Deutschland seinerzeit Zigaretten mit Belladonna, Stramonium und anderen Inhaltsstoffe eher ablehnte. [94] Grimault nutzte die Aura und Exotik des Indischen Hanfes; doch über den genauen Inhalt der Zigaretten schwieg sich der Geheimmittelanbieter aus. Aufmerksame Marktbeobachter hätten dagegen wissen können, dass es sich nicht um Zigaretten aus Indischem Hanf handelte. 1870 hatte Grimault in vereinzelten Anzeigen sie noch korrekt als „mit dem Harze von Bengalischem Hanf und Nitrium imprägnierten Belladonnablättern“ [95] hergestellte Produkte beworben. In Frankreich warb man Anfang der 1870er Jahre auch für Waren „avec Cannabis Indien“. Doch diese kurze Phase der Ehrlichkeit endete rasch, pries man sie dananch meist als Zigaretten „au“ Hanfextrakt. [96]

Untersuchungen in Österreich ergaben 1880 jedenfalls ein deutlich anderes Stoffprofil. [97] Demnach bestand das zu rauchende Kraut fast gänzlich aus Belladonna, also Tollkirschenblättern – und kaum Cannabis. Französische Forscher ermittelten für Grimault günstigere Verhältnisse, nach denen die Zigaretten eine Mischung aus Belladonna, Bilsenkraut und Strammonium mit einem Sechstel Hanf bildeten. [98] Außerdem fanden sie Spuren von Opium, was allerdings weder in Österreich, noch im Deutschen Reich bestätigt werden konnte. Dort hieß es seither: „Die Cigarettes indiennes de Grimault sollen angeblich nur aus Herba Cannabis indicae angefertigt sein, tatsächlich enthalten sie davon aber sehr wenig, dagegen Belladonna, Nicotiana etc.“ [99]

Die Ein- und Durchfuhr der Zigaretten nach Österreich wurde daraufhin 1882 in Österreich verboten. [100] Nach Russland, wo im Rahmen einer recht strikten Anti-Geheimmittelpolitik der Import Indischer Cigaretten, aber auch anderer Grimaultsche Präparate, seit 1878 untersagt worden war, brach ein weiterer wichtiger Absatzmarkt weg. [101] Weitere Untersuchungen in Deutschland bestätigten, dass die Zigaretten „grösstentheils aus Blättern von Atropa Belladonna“ [102] bestanden, die Werbung also irreführend war. 1885 wurden die Präparate in Hamburg verboten. Dies war möglich, denn bis 1888 war die Hansestadt zollpolitisch eigenständig. Auch in Baden gab es einschlägige Untersuchungen. In Karlsruhe wurden Indische Zigaretten gekauft und untersucht. Die Nachforschungen ergaben, „daß dieselben fast ausschließlich aus den werthlosen, zu Folge der Eintrocknung unwirksamen Blättern der Tollkirsche (atropa Belladonna) und nur zum kleinsten Theile aus indischem Hanf bestehen.“ Die Quintessenz war klar: „In der Anpreisung der Cigaretten liegt daher eine Täuschung und Uebervortheilung des Publikums, auf welche wir umsomehr aufmerksam machen müssen, als der Gebrauch des Mittels in vielen Fällen von Störungen der Athmungsorgane schweren Schaden bringen kann.“ [103] Ein Verbot wurde nicht ausgesprochen, lediglich eine Warnung. Zuvor hatte die Firma Grimault noch auf die strukturellen Probleme verwiesen, wirksamen Hanfextrakt zu erhalten und vergewissert, dass sie „bei ihren in allen Weltgegenden unterhaltenden geschäftlichen Beziehungen diese Schwierigkeit überwunden habe.“ Sie gab Indischen Hanf als Material der Zigaretten an, konzidierte einzig, dass man zwecks besseren Brennens etwas salpetersaures Kali beigefügt habe. [104]

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Werbung für Grimaults Indische Zigaretten in München 1902 (Allgemeine Zeitung 1902, Nr. 46 v. 16. Februar, 10)

Die Firma Grimault & Co. bewarb auch danach ihre Produkte als Indische Cigaretten aus dem Extrakt Indischen Hanfs. Dieser kostete in Mitteleuropa fast doppelt so viel wie Belladonnaextrakt. [105] Der Differenzgewinn dürfte nicht unerheblich gewesen sein. Auch in Frankreich wurden die österreichischen Untersuchungen öffentlich thematisiert. Doch hier, wie auch in den meisten anderen Lieferstaaten, wurde das Geheimmittel nicht verboten. [106] In der Werbung hieß es weiterhin, dass die Zigaretten eine sichere Wirkung besäßen. [107] Im Deutschen Reich gab es trotz umfassender Bemühungen des Staates kein Verbot. Pharmazeuten betonten in ihren Publikationen die offenkundige Irreführung des Publikums, während Apotheker vor Ort das Präparat auf Rezept verkauften. Ärzte verordneten das Präparat, da es grundsätzlich wirkte: „Wenige Athemzüge lassen sehr oft erhebliches Asthma verschwinden, indess sind die Gefahren des Haschischrauchens bekanntlich so gross, dass man die Cannabis in Cigarettenform nur ausnahmsweise gestatten kann. Der willkürliche Verkauf dieser Cigaretten ist streng zu untersagen.“ [108] Grimaults Indische Cigaretten blieben verfügbar. Nicht als vermeintlicher Joint auf Rezept, sondern als überteuertes Geheimmittel mit gewisser Wirkung.

Grimaults Indische Cigaretten waren nur eines von vielen aus Frankreich stammenden Angeboten im internationalen Markt der Asthmazigaretten. Sie beruhten meist auf anderen Kräutermischungen, so etwa die sehr erfolgreichen Cigarettes Espic. [109] Diese enthielten Spuren von Opium, vor allem aber Stramonium, Bilsenkraut und Wasserfenchel. [110] Diese Kräuter wurden, wie auch bei Grimaults Indischen Zigaretten, sehr fein geschnitten und dann durch Umwickeln mit Zigarettenpapier in Form gebracht. Für diffizilere Präparate, zumal bei arsenhaltigen Zigaretten, stellte man dagegen aus den Inhaltsstoffen einen Aufguss her, dem man dann zum besseren Brennen Salpeter zufügte. Mit der Flüssigkeit tränkte man anschließend Papier und formte diese zur Rauchware. [111] Die französischen Asthmazigaretten prägten den Nischenmarkt in Europa. Neben Grimault standen Namensmarken wie Clery, Espic, Exibard, Trousseua, Guilt, Zematone und Boudin, die jedoch ohne Hanfzusätze produziert worden waren. Während des Ersten Weltkrieges brachen diese Importe weg und wurden bei den Mittelmächten durch eigene Angebote bzw. solcher aus neutralen Staaten ersetzt. Produzenten waren unter anderem Neumeier, Riemann, Klein, Schiffmann, Kraepelien & Holm, Fischer und Reichenhaller. [112]

All dies verweist auf eine beträchtliche Konkurrenz im deutschen Pharmaziemarkt. Dabei half der stetige Ausgriff auf „exotische“ Pflanzen, die als Heilmittel in die Verwertungsketten des Gesundheitsmarktes integriert wurden. E. Merck bot beispielsweise Blätter und Wurzel des argentinischen Brachycladus Stuckerti an. Mit Cumarin aromatisiert und etwas Salpeter hatten sie zwar eine geringere Wirkung als etwa Cannabiszigaretten, doch konnten sie ohne das ansonsten übliche Kratzen im Hals geraucht werden. [113] Doch deutsche Hersteller boten nicht nur Marktalternativen, sondern auch Asthmazigaretten mit Cannabis Indica an. Die Präparate der Chemischen Fabrik Falkenberg in Grünau, die von der französischen Konkurrenz lernten, bestanden aus einer Mischung aus Tollkirsche, Hanf und Schlafmohn. [114] Daneben wurde Inhalationspräparate angeboten. [115]

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Anzeige für Bronchiol-Zigaretten gegen Asthma 1901 (Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 39 v. 24. Januar, 13)

Andere Markenartikel folgten, etwa die 1900/01 in führenden deutschen Tageszeitungen beworbenen Bronchiol-Cigaretten der eigens zu deren Produktion gegründeten Berliner Bronchiol-Gesellschaft. [116] Hierbei handelte es sich um ein kurzfristig angepriesenes Geheimmittel, in diesem Fall aus Hanf und Kräutern der südamerikanischen Flora. [117] Von einem Dr. Abbot hergestellt und einem Dr. Krüger belobigt, wurden sie zeitgleich auch in Österreich angeboten. [118]

Die Bronchiol-Gesellschaft war ein Spezialanbieter von kurzem Bestand. Andere Anbieter von cannabishaltigen Asthmazigaretten blickten dagegen auf eine lange Tradition zurück. Bei der Familie von Trnkócy handelte es sich um eine wohletablierte Apothekerdynastie mit fünf leistungsstarken Apotheken in Wien, Graz und Laibach. [119] Ähnlich wie Grimault & Co. boten sie schon Mitte des 19. Jahrhunderts medizinische Zubereitungen überregional an und gewannen insbesondere mit ihren Medizinallikören einen großen Kundenstamm. Schon vor dem Verbot der Indischen Cigaretten offerierten sie einheimische Alternativen zu Importware aus Frankreich. Der Laibacher Apotheker Julius v. Trnkóczy verwies in seinen Anzeigen nicht nur auf die offizielle Bewilligung der Krainer Landesregierung, sondern präsentierte darin offensiv eine Hanfpflanze.

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Werbung für Dr. von Trnkóczys Cannabis-Zigaretten 1898 (Fremden-Zeitung 12, 1898, Nr. 10 v. 17. Dezember, 12)

Selbstbewusst – und gewiss auch in Abgrenzung zu Grimaults Zigaretten – verwies er 1881 auf das „direct echt bezogene[…] indische[…] Hanfkraut“. [120] Derartige Angebote bedeuteten aber keinen Handverkauf in der gesamten K. & K.-Monarchie. 1883, bei der ersten pharmazeutischen Ausstellung in Wien, verwies der Berichterstatter mit Schmäh auf „die hier unseres Wissens verbotenen Cannabis-Zigaretten.“ [121] Sicher ist, dass Cannabis-Zigar(ett)en in Cisleithanien, aber auch in Ungarn und Kroatien nur auf individuellen, von einem Arzt begründeten Antrag des Konsumenten hin bezogen werden konnten. [122] Gleichwohl finden sich Trnkóczys Asthmazigaretten in gängigen Großhandelsangeboten, wurden also auch auf Vorrat bezogen. [123]

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg annoncierte die Laibacher Apotheke zudem „Tubuli fumales“ mit Hanfextrakt – wobei es nicht sicher ist, ob es sich bei der seinerzeit auch von anderen Apotheker gewählten medizinischen Bezeichnung um eine Umgehung bestehender Werbeeinschränkungen für Geheimmittel oder aber um ein neues Cannabispräparat gehandelt hat.

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Marktpräsenz unter anderem Namen – Werbung für Trnkóczys Tubuli fumales 1910 (Illustrierte Kronen-Zeitung 1910, Nr. 3600 v. 8. Januar, 13)

Derartige Angebote von Spezialanbietern verweisen abermals auf die hohe Bedeutung der Apotheker und ihrer lokalen Zubereitungen auf Rezept. Schon früh kombinierten Apotheker für „Indische Zigaretten“ Tollkirsche, Stechapfel, Hanf und teils auch Opium. [124] Diese wurden aber auch auf Vorrat produziert und dann unter rasch wechselnden Namen als Geheimmittel verkauft. [125] Viele Apotheker wussten um die Resultate von Reihenuntersuchungen etwa an norwegischen Kindern, nach denen Kombinationspräparate meist bessere Effekte erzielten als reine Hanf- oder Tollkirschezubereitungen. [126] Entsprechend gab es ein in seinem Umfang nicht abzuschätzendes lokales Pröbeln. Tollkirsche und Hanf waren meist gesetzt, seit den 1890er Jahren gewannen auch Stechapfelzuwendungen an Bedeutung. [127] Die schon erwähnten Neumeierschen Präparate kombinierten Stechapfel, Männertreu, Brachycladus stuckerti, Grindelien und Hanfextrakt. [128]

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Apothekerwaren gegen Asthma 1895 (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 35, 1895, 712)

Pharmazeutische Anbieter und auch Versandapotheken vertrieben Rohwaren und auch fertige Asthmamittel an Apotheken. Cannabis stand dabei – auch aufgrund des Preises – nicht im Vordergrund, doch er war ein allgemein akzeptierter Wirkstoff. Gleichwohl unterstrich die seit den 1890er Jahren rasch zunehmende Zahl von Angeboten indirekt auch den Mangel an effizient wirkenden Asthmamitteln. Asthmazigaretten mit und ohne Hanf blieben bis in 1920er Jahre Standardangebote, medizinische Ratschläge in Tageszeitungen unterstrichen dies eindringlich: „Nehmen Sie beim asthmatischen Anfall einige Schluck Sodawasser; man bekommt in der Apotheke auch Asthmazigaretten aus Haschisch und Stramonium, welche sehr gut tun und von denen Sie täglich 1-2 rauchen können.“ [129] Sie wurden schließlich seit den 1920er Jahren zunehmend durch synthetische Arzneimittel auf Ephedrin- oder Theophyllinbasis verdrängt.

Damit könnte man diesen Abschnitt über cannabishaltige Rauchwaren eigentlich beenden. Notwendig erscheinen mir jedoch noch einige Hinweise auf „normale“ Tabakwaren, wurden (und werden) in der Hanfaktivistenliteratur doch auch gängige Zigarettenmarken erwähnt, die Beimischungen von Indischem Hanf enthalten hätten und im Handverkauf vertrieben worden seien. Genannt wurde etwa die „No. 2“ von Simon Arzt mit einem Anteil von 7 % ägyptischem Hanf. [130] Im Mittelpunkt derartiger Behauptungen steht jedoch die österreichische Tabakregie mit der 1869 eingeführten „Khedive“ (mit 5 % Hanfanteil), der seit 1873 produzierten „Nil“ (8 % ungarischer Hanf) und schließlich der „Egyptische II. Sorte“ von 1878, mit der man der „No. 2“ gezielt Konkurrenz machen wollte. Belege hierfür fehlen, ja, die Angaben sind tendenziell irreführend.

„Nil“ wurde seitens der Österreichischen Tabakregie produziert, doch erst seit dem 1. Dezember 1901. [131] Die neue Zigarette kostete sechs Heller pro Stück, konnte aber auch vorverpackt in einer Papierschachtel (20 Stück, 1 Krone und 20 Haller) oder einer Blechkassette (100 Stück für 6 Kronen) erworben werden. Nil wies einen mittleren Nikotingehalt von 0,02 Gramm pro Stück auf, doch die einschlägigen Untersuchungen berichteten nichts über Cannabiszusätze. [132] Diese aber hätten beantragt und genehmigt werden müssen – und Nachweise hierfür konnte ich nicht finden. Gleichwohl geistern entsprechende Angaben nach wie vor auch in vermeintlich wissenschaftlicher Literatur umher. [133] Bei den anderen Markenartikeln fehlen mir die Quellen für eine Falsifikation. Simon Arzt (1814-1910) produzierte in Port Said eine große Zahl von Angeboten, doch die genaue Zusammensetzung der frühen Sorten dürfte kaum zu ermitteln sein. „Egyptische II. Sorte“ wurde seitens der Österreichischen Tabakregie 1926 wieder eingeführt. [134] Sie bestand damals aus mazedonischen Rohtabaken. In den Preisverzeichnissen des Jahres 1911 ist sie nicht enthalten [135], wohl aber in Auflistungen des Jahre 1897. [136] Auch „Khedive“ wurde 1911 angeboten, doch frühere Angaben, gar mit Hinweisen auf die Zusammensetzung, konnte ich nicht finden; die österreichische Tabakregie, also das staatliche Monopol beim Tabakverkauf, diente ja auch der Reduktion von Werbekosten. [137] Da die österreichische Regierung cannabishaltige Zigaretten hätte genehmigen müssen, entsprechende Hinweise in der pharmazeutischen Literatur und auch den Tageszeitungen fehlen, scheint es mir jedoch unbegründet zu sein, unbelegten Angaben zu folgen, deren wesentlicher Zweck die Suggestion einer scheinbaren Ubiquität von Indischem Hanf im Europa des 19. Jahrhunderts war und ist.

Tabakwaren fielen unter das deutsche Nahrungsmittelgesetz von 1879, dem Vorbild für viele europäische Regelungen. Im Deutschen Reich und anderswo fehlten zu diesem Zeitpunkt explizite Nähr- und Kräftigungsmitteln aus Hanf. Hanfsamensuppen für Schwangere wurden gereicht, waren jedoch Teil diätetischer Praxis. Hanfextrakte wurden zur Geschmacksverbesserung vielfach mit Sirup oder aber Milchzucker gemischt, doch handelte es sich dann nicht um Nahrungsmittel, da der medizinische Zweck der Verabreichung im Mittelpunkt stand. [138] Auch der zu dieser Zeit rasch wegbrechende Hanfanbau lieferte abseits des Nordostens Europas (und bedingt Italiens) keine Nahrungsmittel mehr. Dies hing mit den Preisen und der schwankenden Qualität der Rohware zusammen. Gleichwohl gab es entsprechende Präparate. Am bekanntesten dürfte das aus Schweden stammende Hanfsamenpräparat Maltos Cannabis, über das Sie in einem gesonderten Artikel mehr erfahren können. Es bildete keine Ausnahme von der zuvor entwickelten Geschichte der Cannabispräparate, so dass ein vorläufiges Fazit gezogen werden kann.

Vom Verschwinden der Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert bis zur Euphorie der Gegenwart

Die Geschichte der Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert ist eine Geschichte eines erst relativen und dann – im frühen 20. Jahrhundert – absoluten Bedeutungsverlustes. Nachdem die erste Phase der Erkundung des Indischen Hanfes zwischen 1840 und 1860 zwar vielfältige Anwendungsfelder ergeben, doch nur eine begrenzte Zahl von Extrakten und Präparaten hervorgebracht hatte, nahm deren Zahl am Ende des Jahrhunderts deutlich zu und erreichte in den 1880er und 1890er Jahre ihren Höhepunkt. Doch schon in den 1890er Jahre kehrte sich diese Entwicklung um: Cannabispräparate wurden zunehmend ersetzt, weil sie strukturelle Defizite bei Wirkung und Dosierung hatten und die pharmazeutische Industrie leistungsfähigere und marktgängigere Alternativen offerierte. Sie verschwanden, waren kein „Opfer“ staatlicher Repressionen. Das Verbot des Indischen Hanfes 1929 war gewiss ein Einschnitt, doch auch danach konnten Cannabispräparate auf ärztliche Verschreibung genutzt werden. Sie blieben allerdings seltene Nischenprodukte, konnten nur in sehr wenigen Fällen im Sinne von Patienten sinnvoll eingesetzt werden. Cannabispräparate wurden um die Jahrhundertwende noch vielfältig verwandt, doch in den meisten Fällen übertrafen die werblichen Versprechungen den gesundheitlichen Nutzen.

Heutzutage ist die Situation anders und vertraut zugleich. Anders, weil die staatliche Regulierung de jure strikt ist, auch wenn das geltende Recht von der Exekutive vielfach nicht mehr recht umgesetzt wird. Anders aber vor allem, weil die wesentlich präziseren chemischen und pharmakologischen Kenntnisse über Hanf und Cannabispräparate gesundheitlich sinnvolle Anwendungen denkbar machen und teils auch nahelegen. Ein Blick in den heutigen Markt nicht psychoaktiver Cannabispräparate erinnert aber zugleich an das breite Feld cannabishaltiger Geheimmittel und ihrer Anpreisung im späten 19. Jahrhundert. Die Vielzahl unwissenschaftlicher, irreführender und suggestiver Beiträge zahlreicher Hanfaktivisten bezeugt vor allem die anhaltende Goldgräberstimmung im Markt, kaum jedoch seriöse Arbeit im Gesundheitsmarkt. Vielleicht kann die in diesem Artikel ausgebreitete Palette von fast durchweg über Gebühr angepriesenen Cannabispräparaten dafür sensibilisieren, dass Marktkräfte eine eigene, von den Wirksubstanzen recht unabhängige ökonomische Dynamik freisetzen. In einer Konsumgesellschaft suggerieren Begriffe wie „Gesundheit“ und „Wohlbefinden“ Hilfsversprechen, doch stehen sie primär für ein lohnendes Geschäft.

Uwe Spiekermann, 29. Oktober 2019

 

Quellen- und Literaturnachweise

[1] R[udolf] Palm, Die wichtigsten und gebräuchlichsten menschlichen Nahrungs-, Genussmittel und Getränke […], St. Petersburg 1882, 121.
[2] Bayerisches Volksblatt 4, 1852, 900.
[3] Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 39, 58-63.
[4] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für die praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 110.
[5] O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung sämmtlicher in der Pharmacopoea Borussica aufgeführten offizinellen Gewächse, H. 17-24, Leipzig 1861, Tafel XIXb.
[6] Pharmacopoea Germanica, Berlin 1872, 111, 160, 175, 342.
[7] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1876, 703.
[8] Verzeichniß derjenigen Arzneistoffe und Präparate, welche in jeder selbstständigen Apotheke vorhanden sein müssen, Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberbayern 1872, Nr. 95 v. 5. November, Sp. 2106-2122, hier Sp. 2114.
[9] Die Angebote des Marktführers finden sich in Merck’s Index, 3. Aufl., Darmstadt 1910, 105, 118-119, 254.
[10] Arnold Baumann, Der Gift- und Farbwaaren-Handel, Berlin 1901, 58.
[11] Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 299, 481, 684.
[12] Vgl. etwa Zur Wirkung von Extractum Cannabis, Pharmaceutische Post 19, 1886, 372. Zu den möglichen Nebenwirkungen s. Otto Seifert, Die Nebenwirkungen der modernen Arzneimittel, Leipzig 1915, 49-50.
[13] August von Vogl, Die internationale Conferenz zur Vereinheitlichung der Formen der sogenannten heroischen Arzneimittel, Pharmaceutische Post 35, 1902, 761.
[14] Bernhard Fischer, Die Neueren Arzneimittel, 5. stark verm. Aufl., Berlin 1893, 291.
[15] Gesundheits-Lehre. Siebenter Brief, Gemeinde-Zeitung 1874, Nr. 98 v. 22. Dezember, Beilage, 2 (auch für das vorherige Zitat).
[16] Entsprechend wurde Cannabium tannicum gleich nach Erscheinen dermatologisch getestet, vgl. Zentralblatt für innere Medizin 4, 1883, 653.
[17] Fischer, 1893, 291.
[18] Pharmaceutische Post 19, 1886, 58.
[19] Congrès des médecins allemands, L’Union Medicale Ser. III 40, 1885, 135-139, hier 139; E[manuel August] Merck, Einige kurze Mittheilungen über Bismuth. peptonat., Cannabin. tannicum, Cannabinon und Pelletierin-Präparate, Pharmaceutische Post 18, 1885, 336-337.
[20] Fronmüller, 1860; [Georg] Fronmüller, Klinische Studien über die schlafmachende Wirkung der narkotischen Arzneimittel, Erlangen 1869, insb. 45-69, 90. Fronmüllers Rezept für hanfextrakthaltige Pillen wurde von Apotheken noch lange weitergenutzt, vgl. Formeln älterer und neuerer Mittel gegen Schlaflosigkeit, Wiener Medizinische Wochenschrift 39, 1889, Sp. 1458.
[21] Dies gemäß der Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln v. 27. Januar 1890 (Pharmaceutische Post 23, 1890, 150).
[22] Ernst Schmidt, Ausführliches Lehrbuch der pharmaceutischen Chemie, Bd. 2, 3. verm. Aufl., Braunschweig 1896, 1477.
[23] G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, Berlin 1903, 90; B[ernhard] Fischer und C[arl] Hartwich (Hg.), Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1919, 592.
[24] Merck’s Index, 1910, 70.
[25] Arends, 1903, 89-90; Alfred Fuchs, Einiges über Schlaflosigkeit und ihre Behandlung. (Schluß), Wiener klinische Wochenschrift 21, 1907, 734-736, hier 735.
[26] Merck, 1885, 377.
[27] R. Gerstenberger, Ad extract. cannabis Indic., Pharmaceutische Post 18, 1885, 189-190, hier 190.
[28] Drogisten-Zeitung 2, 1887, 153; Pharmaceutische Post 25, 1892, 1379.
[29] Drogisten-Zeitung 3, 1888, 466. Die genaue Zusammensetzung blieb strittig, vgl. Bromidia, Pharmaceutische Post 28, 1895, 558.
[30] Arends, 1903, 77-79; Bromidia, Pharmazeutische Post 38, 1905, 760; Fischer und Hartwich (Hg.), 1919, 592.
[31] Pharmaceutische Post 33, 1900, 20; Arends, 1903, 79.
[32] Fuchs, 1907, 735.
[33] Wiener klinische Rundschau 21, 1907, 735; Vorschriften über den Verkehr mit Geheimmitteln und ähnlichen Arzneimitteln. Beschluß des Bundesrats vom 27. Juni 1907, Vierteljahresschrift für praktische Pharmazie 4, 1907, 276-281, hier 280.
[34] Als Beispiel kann dienen Drogisten-Zeitung 8, 1894, 435.
[35] Pharmazeutische Presse 1930, 76; Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, Folge 44, s.p. Hahnemann hatte sich schon früh mit dem Hanf beschäftigt, vgl. Samuel Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, T. 1, 2. verm. Aufl., Dresden 1822, 145-165.
[36] F[riedrich] von Heyden, Die Salicylsäure. Kolbe’s Patent, Oesterreichische Gartenlaube 4, 1878, Nr. 27, V-VII, hier V.
[37] Uwe Spiekermannn, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 575.
[38] Salicyl, Die Hausfrau 8, 1884, Nr. 1/2, 4.
[39] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 44, verwies auf ein Hühneraugenkollodium des Apothekers Gezow mit einem Verhältnis von 3,0 Salicylsäure und 0,5 Cannabisextrakt.
[40] Drogisten-Zeitung 10, 1895, 221.
[41] Hermann Hager, Kommentar zum Arzneibuch für das Deutsche Reich, Bd. 1, Ausg. 3, Berlin 1891, 151.
[42] Pharmazeutische Post 23, 1890, 586, 589.
[43] Pharmaceutische Post 26, 1893, 23.
[44] Drogisten-Zeitung 10, 1895, 221.
[45] Otto Meissner, Die Kaiserliche Verordnung betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln vom 27. Januar 1890, Leipzig 1890, 148. Wie schwierig diese Regelung war, zeigte sich 1895 u.a. am Handverkaufsverbot der viel beworbenen Wasmuthschen Hühneraugenringe, vgl. Franz Nesemann, Der Verkehr mit Arzneimitteln und Giften ausserhalb der Apotheken, Berlin 1897, 57.
[46] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 36, 1896, 430.
[47] Über Extractum Cannabis Indicae, Helfenberger Annalen 16, 1903, 243-245, hier 243; zum Problem der künstlichen Färbung der Hanfextrakte s. schon Gerstenberger, 1885.
[48] Internationale klinische Rundschau 8, 1894, Beilage: Therapeutische Blätter, Sp. 91.
[49] American Druggist and Pharmaceutical Record 22, 1892/93, 133; Encyclopädische Jahrbücher der gesammten Heilkunde 4, 1894, 238.
[50] American Druggist and Pharmaceutical Record 42, 1903, 68; Josef Moeller und Hermann Thoms (Hg.), Real-Encyclopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 4, Berlin/Wien 1905, 136.
[51] Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 35, 1894, 489.
[52] Pharmaceutische Post 36, 1903, 392.
[53] Fischer und Hartwich (Hg.), 1919, 592.
[54] Ebd.
[55] Pharmazeutische Post 47, 1914, 254, 721.
[56] Arends, 1903, 55-56.
[57] Hermann Thoms (Hg.), Handbuch der praktischen und wissenschaftlichen Pharmazie, Bd. VI, Berlin 1927, 677.
[58] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 148.
[59] Ueber den therapeutischen Werth des Migränin, Wiener Medizinische Wochenschrift 44, 1894, Sp. 2026; Allgemeine Zeitung 1894, Nr. 137 v. 20. Mai, 3; Pharmaceutische Post 27, 1894, 226.
[60] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 34, 1893, 301, 345; C[arl] Bedall, Das Mysterium des Migränin, Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, 905.
[61] Pharmaceutische Post 23, 1890, 587.
[62] Merck’s Index, 1910, 70.
[63] Eduard Hahn und J[ohann] Holfert, Spezialitäten und Geheimmittel. Ihre Herkunft und Zusammensetzung, 6. verm. u. verb. Aufl., bearb. v. G[eorg] Arends, Berlin 1906, 189-190.
[64] Merck’s Index, 1910, 118-119; G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, Berlin 1903, 162.
[65] Merck’s Index, 1910, 140.
[66] Pharmaceutische Post 19, 1886, 32.
[67] Pharmaceutische Post 34, 1901, 603.
[68] Wiener klinische Wochenschrift 10, 1896, 504.
[69] Wiener Medizinische Wochenschrift 40, 1890, Sp. 21.
[70] Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 46, 1905, 911; Pharmazeutische Post 38, 1905, 787.
[71] Pharmazeutische Post 43, 1910, 338.
[72] Pharmazeutische Post 39, 1906, 159.
[73] Industrie-Blätter 3, 1866, 126; Pharmaceutische Post 35, 1902, 205.
[74] M[oritz] Saenger, Über Asthma und seine Behandlung, Berlin 1910; W[ilhelm] Brügelmann, Ueber Asthma, sein Wesen und seine Behandlung, 3. verm. Aufl., Wiesbaden 1895.
[75] Vgl. zur Technik, aber auch zu den Präparaten Friedrich Fieber, Die Inhalation medicamentöser Flüssigkeiten und ihre Verwerthung bei Krankheiten der Athmungsorgane, Wien 1865; Georg Lewin, Die Inhalations-Therapie in Krankheiten der Respirations-Organe, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1865.
[76] Jaroslaw Hrach, Das Bronchialasthma und die pneumatische Kammer, Wiener Medizinische Wochenschrift 55, 1905, Sp. 2025-2028, hier Sp. 2026.
[77] Ewald Geissler und Josef Moeller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 5, Wien/Leipzig 1888, 19.
[78] American Medical Times NS 2, 1861, Nr. 26, 4; Allgemeine Illustrirte Zeitung 1, 1865, 112, 136.
[79] Der Militärarzt 1, 1867, Sp 327; Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 13, 1868, 245; Der Militärarzt 2, 1868, Sp. 71.
[80] Hamilton Spectator 1867, Nr. 567 v. 20. Juli, 1; Sydney Morning Herald 1867, Nr. 9147 v. 14. September, 2; The Times-Picayune 1867, Nr. 256 v. 19. November, 4; New Orleans Crescent 1868, Nr. 685 v. 14. Juli, 14; Ottawa Citizen 1869, Nr. 7 v. 29. Mai, 3; The Times 1872, Nr. 27355 v. 19. April, 15; Lancaster Gazette 1872, Nr. 4454 v. 9. Juli, 7. Auch in Japan war Grimault präsent, vgl. The Japan Daily Mail 20, 1893, 368, 740.
[81] Würzburger Stadt- und Landbote 1873, Nr. 47 v. 24. Februar, s.p.; Innsbrucker Nachrichten 1878, Nr. 298 v. 28. Dezember, Extra-Beilage.
[82] Flusser, Cigaretten aus Cannabis indica von Grimault, Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 15, 1870, 74-75.
[83] Karlsruher Zeitung 1881, Nr. 33 v. 8. Februar, s.p.
[84] Uebersicht der bei den Handels- und Gewerbekammern der österreichischen Monarchie vom 1. Jänner bis Ende Juni 1872 registrirten gewerblichen Marken, Wien 1872, 6.
[85] Frank Wilhelm, Pharmaceutische und technische Drogen und Chemikalien, Wien 1877, 47.
[86] Vgl. Spiekermann, 2018, 173-175.
[87] The Age 1872, Nr. 5464 v. 18. Mai, 2.
[88] Internationale Ausstellungs-Zeitung der Neuen Freien Presse 1873, Nr. 3135 v. 16. Mai, 6.
[89] Daily Examiner [San Francisco] 1870, Ausg. v. 23. März, 4; auch New Orleans Crescent 1868, Nr. 685 v. 14. Juli, 14.
[90] Gemeinde-Zeitung 1874, Nr. 108 v. 10. Mai, 6.
[91] Cigaretten aus Cannabis indica, Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 15, 1870, 178-179, hier 179.
[92] John C. Thorowgood, Notes on Asthma: Its Forms, and Treatment, London, 3. Aufl., London 1878, 60.
[93] Le Rappel 1872, Ausg. v. 6. Mai, 3.
[94] Leconte 1873, 4 (Beilage).
[95] Blätter für Reform des Sanitätswesens 3, 1870, Sp. 13.
[96] Le XIXe siècle 1882, Nr. 3758 v. 15. April, 4; Le Petit Bengali 1885, Ausg. v. 28. Juli, 120.
[97] Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349.
[98] Hager, 1884, 191.
[99] Josef Moeller und Hermann Thoms (Hg.), Real-Encyclopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 2, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Berlin/Wien 1904, 350.
[100] Bozener Zeitung 1882, Ausg. v. 21. Juni, 3.
[101] Pharmaceutische Nachricht aus Russland, Pharmaceutische Post 11, 1878, 45-46, hier 45; Schweizerisches Handelsamtsblatt 4, 1886, 611-612.
[102] Pharmaceutische Post 31, 1898, 381.
[103] Karlsruher Tagblatt 1885, Nr. 117 v. 30. April, 1891.
[104] Karlsruher Zeitung 1885, Nr. 101 v. 30. April, Beilage, s.p.
[105] Pharmaceutische Post 8, 1875, 20.
[106] E. Labbée, Composition de cigarettes indiennes, Le Reveil Medical 1, 1880, Ausg. v. 12. Juni, 30.
[107] Le Gaulois 1882, Ausg. v. 21. Februar, 4; Le Petit Journal 1895, Ausg. v. 21. März, 4.
[108] Brügelmann, 1895, 127.
[109] Vgl. Mark Jackson, „Divine Stramonium“: The Rise and Fall of Smoking for Asthma, Medical History 54, 1010, 171-194; Cecile Raynal, De la fumée contre l’asthme, histoire d’un paradoxe pharmaceutique, Revue d’histoire de la pharmacie 94, 2007, Nr. 353, 7-24.
[110] Victor Gardette, Formulaire des spécialités pharmaceutiques pour 1907, Paris 1907, 49.
[111] Thoms (Hg.), 1927, 249.
[112] C[arl] Bachem, Deutsche Ersatzpräparate für Pharmazeutische Spezialitäten des feindlichen Auslandes, Bonn 1916, 11.
[113] Arends, 1903, 214.
[114] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 36, 1896, 413.
[115] Brügelmann, 1895, 127, Fußnote.
[116] Vgl. Hamburger Nachrichten 1900, Nr. 280 v. 29. November, 11; Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 568 v. 5. Dezember, 11.
[117] Berliner Tageblatt 1900, Nr. 419 v. 19. August, 11; Hahn und Holfert, 1906, 13.
[118] Wiener Caricaturen 20, 1900, Nr. 33 v. 12. August, 7.
[119] Eine Apotheker-Dynastie, Die Presse 1889, Nr. 15 v. 15. Januar, 10.
[120] Innsbrucker Nachrichten 1881, Nr. 137 v. 20. Juni, 2128.
[121] Richard Wittelshöfer, Die erste internationale pharmaceutische Ausstellung in Wien, Wiener Medizinische Wochenschrift 33, 1883, Sp. 1025-1027, hier Sp. 1026.
[122] Pharmaceutische Post 29, 1896, 584.
[123] Pharmazeutische Post 38, 1905, 613.
[124] Hager, 1884, 191.
[125] Pharmaceutische Post 29, 1896, 398 mit einem Beispiel aus Berlin.
[126] H.J. Vetlesen, Cannabis und Belladonna gegen Keuchhusten, Pharmazeutische Post 20, 1887, 353-354.
[127] Pharmazeutische Post 45, 1912, 175.
[128] Hahn und Holfert, 1906, 149.
[129] Neuigkeits-Welt-Blatt 1914, Nr. 283 v. 10. Dezember, 16.
[130] Diese und die folgenden Behauptungen nach Behr, 1982, 165.
[131] Freie Stimmen 1901, Nr. 97 v. 4. Dezember, 4.
[132] Der Nikotingehalt der österreichischen Zigaretten, Drogisten-Zeitung 26, 1911, 173.
[133] Franz Bibra, Asthma-Therapie anno dazumal, Österreichische Apotheker-Zeitschrift 72, 2018, 94-95, hier 94 (ohne Beleg).
[134] Die österreichische Tabakregie, Die Stunde 1926, Nr. 1047 v. 4. September, 4.
[135] Illustrierte Kronen-Zeitung 1911, Nr. 4121 v. 11. Juni, 15.
[136] Wiener Zeitung 1897, Nr. 123 v. 1. Juni, 3.
[137] Vgl. hierzu S.M. Wickett, Studien über das Oesterreichische Tabakmonopol, Stuttgart 1897, 66-68.
[138] Pharmazeutische Post 37, 1904, 757.

Der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes: Cannabis zwischen Naturwissenschaften und Markt, 1840-1929

Hanf war in Deutschland bis Ende des langen 19. Jahrhunderts eine gängige landwirtschaftliche Pflanze. Cannabis Sativa – so der botanische Name – diente als Faserstoff der häuslichen Spinnerei und Weberei, war Grundlage der gewerblichen Herstellung von „Leinenwaren“, vor allem aber von Seilen, Tauwerk und Segeltuch. Hanfsamen wurden als Vogelfutter genutzt, dienten als Grundstoff für Seifen, technische Öle, Ölfarben und Firnis. Zahlreiche weitere Verwendungen ließen sich nennen, von Dachschindeln über Löscheimer bis hin zur Papierherstellung und diätetischen Suppen. Doch all dies wurde immer wieder überwölbt von einem packenderen exotischen Thema, nämlich Hanf als Droge.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der aus Indien und dem Nahen Osten eingeführte Haschisch – ein Extrakt des dort kultivierten Cannabis Indica – für kurze Zeit ein Modethema der Chemie, der Pharmazie und der Medizin. [1] Doch das Interesse der Experten ebbte rasch ab. Die „Normalwissenschaft“ übernahm und für die Öffentlichkeit waren die heutigen Rauschgifte vornehmlich Kuriositäten. Cannabistinkturen und -extrakte mutierten zu Apotheker- und Medizinerwaren, nur wenige Präparate etablierten sich als öffentlich beworbene Konsumgüter. Das Verbot des Indischen Hanfes im Jahre 1929 war denn auch nicht Folge einer irgendwie bedeutsamen Gefährdung von öffentlicher Ordnung oder der „Volksgesundheit“, sondern erfolgte im Rahmen einer internationalen Harmonisierung der Maßnahmen im Gefolge des Opiumgesetzes. [2]

Dabei könnte man es belassen. Doch der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes von ca. 1840 bis in die 1920er Jahre hat Spuren hinterlassen. In dieser Zeit etablierten sich die modernen Naturwissenschaften – Medizin, Chemie und Pharmazie – als die wichtigsten Taktgeber einer nicht nur fachwissenschaftlichen, sondern auch öffentlichen Debatte über Hanf als Droge. Auch wenn heutzutage angewandte Sozialwissenschaften, zumal Kriminalsoziologie, Psychologie und Sozialpädagogik, wichtige Beiträge liefern, um Cannabis/Haschisch/Marihuana als Droge und als gesellschaftliches Problem zu verstehen, so dominiert doch naturwissenschaftliches Wissen (und Gegenwissen) nach wie vor das Themenfeld. Was wäre die Debatte ohne den Bezug auf chemische Konstrukte wie THC oder CBD, was ohne die Deduktion individueller Schädigungen auf Basis abstrakter und kausaler Wirkungsmodelle? Die bis heute damit implizit verbundenen Versprechen, Hanf durch die Reduktion auf dessen Chemie und Physiologie verstehen und einhegen zu können, entstanden Mitte des 19. Jahrhundert, sind Teil einer bald zweihundert Jahre alten Wissensform, die Welt verstehen, ordnen und beherrschen zu wollen. [3] Angesichts der immensen Leistungen der modernen Naturwissenschaften scheint dies erst einmal rational zu sein. Doch der Weg von Laboratorium und Klinik zurück in die soziale und ökonomische Welt ist lang und nicht ohne Brüche möglich. Für die gesellschaftliche und politische Debatte liefern naturwissenschaftliche Beiträge denn auch wenig, sieht man einmal ab von der klaren Benennung des vielfach bestehenden Nicht-Wissens über die Zusammensetzung und Wirkungsweise von Hanf und Cannabispräparaten. Überraschend ist zugleich, dass auch die historische Erforschung der naturwissenschaftlichen Erkundung der Droge bestenfalls in den Kinderschuhen steckt. [4] Wenn in der jüngsten, vom Bundestag gleichsam geadelten und kostenlos verteilten Überblicksdarstellung zu Cannabis jedoch behauptet wird: „Die Inhaltsstoffe der weiblichen Hanfpflanze wurden erst seit den 1960er Jahren wissenschaftlich untersucht“ [5], so dokumentiert dies vor allem Unwissen. Blicken wir also zurück, um unsere Gegenwart und ihre Engführungen besser verstehen zu lernen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich neben dem Hanfanbau, der Hanfverarbeitung und der Nutzung der Hanfprodukte (Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfes) ein zweiter, zeitweilig intensiv diskutierter und deutlich engerer Wissensbereich, in dem Hanf primär als Droge verstanden wurde. Das beträchtliche Interesse vieler Mediziner, Chemiker und Pharmazeuten an der bewusstseinserweiternden Kraft der verschiedenen aus Indien und Ägypten stammenden Haschischformen mündete in eine Forschung, die in den kleinsten Bestandteilen der Pflanze Wirkstoffe finden und dann isolieren wollte. Ziel waren klare Kenntnisse über die Drogenwirkungen, über Einsatzmöglichkeiten bei klar definierten und unspezifischen Krankheiten und eine mögliche Synthese der „natürlichen“ Präparate. Dies diente der Professionalisierung der Experten und war immer auch wirtschaftlich begründet.

Falsch wäre es, von einem plötzlichen Einbruch der Droge in eine vermeintlich heile, vor allem aber drogenferne Welt auszugehen. Dem stehen nicht nur die häufig exzessive Festkultur der frühen Neuzeit und der immense Bedeutungsgewinn des „Branntweinteufels“ seit dem 17. Jahrhundert entgegen, sondern auch die breit debattierten Gefährdungen von gesellschaftlicher Ordnung und „Volkswohlfahrt“ durch die Kolonialprodukte Kaffee und Tabak. [6] Die gesundheitlichen Wirkungen und Gefahren des Haschisch in Europa waren bereits während der frühen Neuzeit grundsätzlich bekannt, ohne dass diese jedoch praktische Auswirkungen hatten. Die häufig erwähnte französische Besetzung Ägyptens im späten 18. Jahrhundert, dann aber vor allem die Forschungen des britischen Mediziners und Unternehmers William O’Shaughnessy (1809-1889) in Indien in den späten 1830er Jahren führten zwar zu beträchtlichen Resonanzen, doch die möglichen berauschenden, heilenden und toxischen Wirkungen des Hanfes waren wahrlich nicht neu. Im Zedlerschen Universallexikon wurden nicht nur die Heilwirkungen des heimischen Hanfes, sondern auch das Haschisch ausführlich erörtert. [7] In der Krünitzschen Encyclopädie hieß es analog 1789: „Die Hanfpflanze hat in allen ihren Theilen einen starken Geruch, und eine besondere Kraft den Geist zu ermuntern, und gleichsam trunken, oder gar verwirrt zu machen“ [8] – und sie enthielt ebenfalls eine umfangreiche Darstellung des Haschisch und seiner Wirkungen.

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Neugier, geteilt in der Öffentlichkeit: Ein ärztlicher Bericht über Rauscherfahren (Isar-Zeitung 1862, Nr. 304 v. 3. November, 1)

Schon lange bevor sich die aufkommenden Naturwissenschaften der Droge annahmen, hatten Reisende über deren Kultur vornehmlich in den arabischen Ländern berichtet. [9] Als Anfang der 1840er Jahre mehrere britische Forscher mit Cannabis Indica behandelt hatten, vermerkte ein deutscher Rezensent kühl: „Diese Abhandlung über die Arzneikraft der bezeichneten Pflanze dürfte in Deutschland wenig Aufmerksamkeit erregen; da unsere Aerzte mit den Wirkungen derselben längst bekannt sind und nur daraus abnehmen könnten, dass dieselbe bisher not in medical use in England gewesen ist.“ [10] Bereits 1821 hatte der spätere Amtsarzt Ferdinand Tscheppe die Blätter des einheimischen Cannabis Sativa chemisch untersucht, um darin den wirksamen Stoff des Opiums oder einen ähnlichen Stoff zu finden. [11] Schon vor dem eigentlichen Drogendiskurs waren die möglichen Wirkungen des einheimischen Cannabis bekannt und ansatzweise untersucht worden. Die Hanfverarbeitung hatte demnach potenziell narkotische, schwächende und trübende Auswirkungen auf die meist weiblichen Arbeiter und Bauern. Die giftigen Wirkungen des Röstens, also des Wässerns der Hanfstängel nach der Ernte, auf Wasserläufe und Fischbestand waren bekannt und hatten zu zahlreichen Beschränkungen geführt. Und wenn in einem Hauswirtschaftsbuch gemahnt wurde, darauf zu achten, daß das Geflügel „ja keinen jungen Hanf bekommen [solle, US], denn davon sterben sie“ [12], so war dies Ausdruck einer alltagskulturellen Gefahrenprävention, eines auf Erfahrungswissen beruhenden Umgangs mit der immer auch als Gefährdung verstandenen Pflanzenwelt.

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Erfahrungsgesättigte Publizistik über den Indischen Hanf Mitte des 19. Jahrhunderts

Gleichwohl setzte eine breitere wissenschaftliche Untersuchung der Droge Hanf erst um 1840 ein, nachdem zuerst in England, dann auch in Frankreich medizinische Beschreibungen mit der Entwicklung neuer Heilmittel einhergingen. [13] Neue Marktchancen waren entscheidend – und deutsche Ärzte bedauerten, „dass man nicht eher den arzneilichen Wirkungen des ausländischen Hanfes nachgeforscht hat“ [14]. Schon 1840 erschien eine knochentrockene chemische Analyse des nun in Haschischform importierten Indischen Hanfes, es folgten zahlreiche medizinische Untersuchungen. [15] In Deutschland war man sich sicher, die englischen und französischen Forschungen rasch übertreffen zu können. [16] Selbstversuche wurden unternommen, die Zahl der Patientengeschichten schwoll rasch an. [17] Parallel begannen erste gezielte Kausalanalysen, etwa über die Bedeutung des Indischem Hanfes für die Einhegung des Wundstarrkrampfes oder aber die Geburtshilfe. [18] In Berlin, Würzburg, Marburg, Erlangen und weiteren Klinikstandorten wurden Experimente an Tieren und Menschen durchgeführt. [19] Der Fürther Mediziner Georg Fronmüller (1809-1889), der seit 1850 mit Cannabis experimentiert hatte, charakterisierte diese Bewegung pointiert: „Es ergab sich, dass das erst in letzter Zeit im Abendlande bekannt gewordene Mittel Anfangs als neues Narkotikum freudig gegrüsst, von vielen Collegen bereits als unsicher und schwach wieder verlassen worden war, in Deutschland sowohl als in Frankreich. In vielen deutschen Spitälern war damit experimentirt worden; mitunter erzielte man auch überraschende Erfolg. Die Sache schlief jedoch wieder ein.“ [20] Der Umgang mit dem neuen Präparat blieb jedoch ambivalent. Die Beschreibungen vom Haschischrausch faszinierten Ärzte und eine kleine bürgerliche Öffentlichkeit, doch zugleich begann ein Risikodiskurs. [21] Eine erste detaillierte Beschreibung der „Cannabis-Krankheit“ findet sich 1853. [22] Dies war allerdings noch nicht eine grundsätzliche Verdammung als Rauschgift, wie sie etwa 1871 der amerikanische Mediziner Alonzo Calkins (1804-1878) vorlegte. [23] Stattdessen ging es um die Erkundung eines Wirkungsspektrums. Hier aber blieb Cannabis obskur. Georg Fronmüller hob die widersprüchlichen Ergebnisse der Forschung hervor, die Folge sehr unterschiedlicher Rohmaterialien waren. Zugleich aber gab es – auch angesichts der Debatten über die Unterschiede der heimischen Cannabis Sativa und der importierten Cannabis Indica – offenkundige Unterschiede zwischen Orient und Okzident: „Ein zweiter Grund für den Rückgang der Hanfanwendung ist darin zu suchen, dass das Mittel im Orient ganz anders wirkt als in Europa.“ Es sei davon auszugehen, „dass irgend ein flüchtiger Stoff in der Hanfpflanze befindlich ist, wahrscheinlich ätherisches Oel, welches auf der Reise zu uns verdunstet.“ Die Konsequenzen waren typisch für seriöse Wissenschaftler: „Diese Verhältnisse machten einen grossen Theil der Praktiker zaghaft und verhinderten sie, zu den höheren Dosen überzugehen, die allein einen sicheren Erfolg erwarten lassen.“ [24] Das Abebben des wissenschaftlichen Interesses am indischen Hanf war also eine für diese Zeit grundlegende Skepsis gegenüber vermeintlichen „Naturprodukten“, die nicht präzise analysiert werden konnten und kein klares Wirkungsspektrum aufwiesen.

Selbstverständlich flossen während des Zeitalters des Nationalismus auch Kulturdeutungen in die Analyse des Haschisch mit ein. Forschung diente der Erklärung der Alltagspraktiken rückständiger Kulturen im arabischen und vielfach auch islamischen Umfeld. Wenngleich vereinzelt auf die Arbeiten und damit die Kompetenz arabischer Ärzte zurückgegriffen wurde [25], bot die Kenntnis vom Indischen Hanf doch auch eine Erklärung und Begründung für den Bedeutungsverlust des Osmanischen Reichs, die Kolonialisierung Indiens und die informelle Beherrschung Nordafrikas.

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Cannabisextrakt in einem pharmazeutischen Handbuch (Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, T. 1, 4. Abdruck, Berlin 1883, 703)

Generell unterschied sich die Erforschung des Indischen Hanfes nicht sonderlich von der anderer potenzieller Heilpflanzen. Haschisch wurde gegen eine recht willkürlich erscheinende Zahl von Krankheiten eingesetzt, sollte dabei nicht zuletzt das aufgrund offenkundiger Abhängigkeiten zunehmend kritisch bewertete Opium ersetzen. [26] Es ging um Rheuma, Neuralgien und Krämpfe, um Schlaflosigkeit, Entzündungen und Reizzustände der Atem- und insbesondere der Harnwege. Ebenso breit gefächert wie die Krankheiten war jedoch auch das Präparat selbst. Die Versuche der 1840er und 1850er Jahre enthalten immer wieder genaue Berichte über die Herkunft des untersuchten Haschisch, das aus vieler Herren Länder in vielfältigen Formen und unter zahlreichen fremdländischen Namen zu den Experten gelangte. Generelle Aussagen waren daher kaum möglich: „Der Hanfsamen ist […] ein in Bezug auf Grad und Art seiner Wirkung, nach Verschiedenheit der Individualität und des psychischen Charakters, sowohl im gesunden als kranken Zustande die grösste Mannigfaltigkeit darbietendes, und darum eben höchst unsicheres Mittel, dessen Anwendung die äusserste Vorsicht erfordert.“ [27] Hanfpräparate wurden daher nur zurückhaltend eingesetzt. Als die Troppauer chemische Fabrik G. Hell & Co. Anfang der 1890er Jahre ein stärker wirkendes Extractum Cannabis indicae einführen wollte, traf sie bezeichnenderweise auf den Widerstand vieler Ärzte, die mildere Präparate bevorzugten. [28] In den USA wurden deshalb deutlich mehr Hanfvarietäten zugelassen als in Europa. [29]

Vor dem Hintergrund des raschen Aufstieges der organischen Chemie und der Pharmazie blieb die Unsicherheit über die Wirkung des Indischen Hanfes ein wichtiger Antriebspunkt für die weitere Erforschung möglicher Wirkstoffe, besser, des einen Wirkstoffes. [30] Dass es einen solchen geben müsse, folgerten die Experten aus den beträchtlichen Erfolgen der bakteriologischen Forschung, durch die Infektionskrankheiten wie Cholera, Diphterie, Typhus und Tetanus erfolgreich bekämpft werden konnten. Schon früh schien klar, dass es um „flüchtige Stoffe“ ging, „welche in Verbindung mit einem Harze in besonderen winzigen drüsenartigen Gebilden erzeugt werden“ [31]. Gleichwohl waren die chemischen Kenntnisse bis in die 1890er Jahre „sehr dürftige.“ [32] Was hieß das? Dazu muss man sich auf eine andere, gleichsam vortastende Sprache einlassen, die ihre Unsicherheit gegenüber dem Untersuchungsgegenstand noch transparent ließ: „Das Cannabiskraut enthält etwa 0,3 % eines characteristisch riechenden ätherischen Oeles, welches […] aus Cannaben C18 H20 und Cannabenwasserstoff C18 H22 bestehen soll, ein braunes Weichharz (Cannabinon), ein Cannabin [auch Haschischin] genanntes Glycosid, welches schlaferregende Wirkung besitzt, Harzsäuren ohne physiologische Wirkung, Chlorophyll, Hanföl, herrührend von den anhängenden, eingeklebten Früchten, deren gänzliche Entfernung unmöglich ist. Ferner ein Tetanin […] (Tetano-Cannabin) genanntes Alkaloid, dessen Zusammensetzung nicht näher bekannt ist, welches aber dem Strychnin ähnliche Wirkung besitzen soll. Ausserdem eine eigenthümliche krystallisirende Säure, die Hanfsäure, endlich Gerbsäure, wässerige Extractivstoffe, mineralische Salze. Diese Stoffe sind in der Tinctura Oannabis indicae sowohl, wie in dem Extractum Cannabis indicae zum Theil wenigstens enthalten, woraus sich leicht erklärt, dass diese Formen besonders geschätzte Arzneimittel nicht werden konnten, umsomehr, als der Gehalt der einzelnen Substanzen in den Rohmaterialien ein stets schwankender ist.“ [33]

In der heutigen chemischen und pharmazeutischen Literatur wird vielfach behauptet, dass 1896 erstmals Cannabinol (als C18 H24 O2) identifiziert worden sei – damals als den vermeintlichen Wirkstoff des Indischen Hanfes, nicht als ein nicht psychoaktives Cannabionid. [34] Die unmittelbar einsetzende Kritik verwies jedoch nicht allein auf die Unwahrscheinlichkeit, „dass eine so schwer zersetzbare Substanz wie das Cannabinol der Träger der Wirksamkeit der in dieser Hinsicht so leicht veränderlichen Droge sein könnte,“ [35] sondern konzentrierte sich auch andere Stoffe als vermeintliche psychoaktive Wirkstoffe. Die britischen Autoren räumten ihre technischen Fehler 1899 ein, behielten den Begriff Cannabinol, verwandten ihn nun aber für die auch heute noch gültige Summenformel C21 H26 O2. [36] Der Wiener Chemiker Sigmund Fränkel (1868-1939) nannte dies jedoch Pseudocannabinol und bezeichnete seinerseits 1903 C21 H30 O2 als Cannabinol. [37]

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Hunde im Cannabisrausch – Tierversuche von Sigmund Fränkel 1903 (Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 49, 1903, 280)

Dem Wiener Pharmazeut Max Czerkis gelang es kurz darauf dank „einer verbesserten Apparatur bei niedrigerem Druck und verfeinerter Messung“ [38] das Fränkelsche Cannabinol weiter auszudifferenzieren. Entsprechend plädierte er für C18 H24 O3 als eigentlichen Wirkstoff und als Ausgangspunkt für eine erstrebenswerte Isolation und Synthese. [39]

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Pharmazeutisches Laboratorium der Wiener Apotheke Zum heiligen Geist, 1910 – Wirkungsstätte von Max Czerkis (Pharmazeutische Post 43, 1910, 759)

Bei derartigen Rekonstruktionen geht es nicht darum, Fehler der Vergangenheit zu benennen, sondern die strukturellen Schwierigkeiten naturwissenschaftlicher Wirkungsnachweise und der ihnen zugrunde liegenden (kulturellen) Modellannahmen aufzuzeigen. Mit dem Cannabinol war für die Erforschung der Droge Hanf ein ähnliches Flaggenwort geschaffen worden, wie 1911 durch den russisch-polnischen Chemiker Casimir Funk (1884-1967) für die „Vitamine“. Wagende begriffliche Modelle wiesen der biochemischen Forschung mögliche Wege, auch wenn es sich sowohl bei den Vitaminen als auch beim Cannabinol um sehr heterogene Stoffgruppen handelte, für die ein einziges Erklärungsmuster nicht ausreichen konnte. Das wussten schon die Zeitgenossen: Der Zürcher Pharmakologe Carl Hartwich (1851-1917) monierte 1911: „Vielleicht ist das Cannabinol aber nicht allein Träger der Wirksamkeit, denn die damit beobachteten Erscheinungen scheinen nicht sehr stark gewesen zu sein. [40]“ Im seinerzeit maßgebenden pharmazeutischen Handbuch resümierte man 1919 mit wohlverstandener Demut: „Ueber die die narkotische Wirkung bedingenden Stoffe herrscht wenig Klarheit. Cannabin, Oxycannabin, Cannabinin, Tetano-Cannabin sind nicht einheitlich, sondern anscheinend Gemenge harzartiger Körper vielleicht mit Alkaloiden.“ [41] Die Cannabinoide sind auch heutzutage nicht vollständig analysiert – so wie ein Großteil auch werblich genutzter anderer Stoffgruppen, etwa der sekundären Pflanzenstoffe. Heute übernimmt das 1964 isolierte Tetrahydrocannabinol die Rolle als stofflicher Marker der psychoaktiven Wirksamkeit von Hanfprodukten. Dies ist jedoch nur eine Annäherung an komplexe Wirkungsmechanismen, die mit einer simplen stofflich reduzierten und kausalen Logik kaum vollständig einzufangen sind. Synthetische Vitaminpräparate wirken schließlich auch anders als die analogen Stoffkonglomerate frisch aus der Speise.

Trotz der beträchtlichen Unsicherheiten bei den Wirkstoffen blieben Präparate aus Indischem Hanf bis zu dem 1929 erfolgten Verbot gängige Apothekerwaren. [42] Der Grund für dieses Verbot war diplomatischer Natur, resultierte nicht aus hohen Raten Abhängiger oder größeren Gefahren für die vielbeschworene „Volksgesundheit“. Es wurde notwendig aufgrund der am 26. Juni 1929 erfolgten deutschen Ratifizierung des Genfer Opiumabkommens vom 19. Februar 1925 und diente vornehmlich der Harmonisierung der deutschen und der internationalen Rechtslage. Dazu galt es, das bereits am 21. März 1924 revidierte Betäubungsmittelgesetz vom 30.12.1920 zu verändern, mit denen das Deutsche Reich die Vorgaben des internationalen Opiumabkommens vom 23. Januar 1912 – und des Versailler Vertrages – in geltendes deutsches Recht umgesetzt hatte. Ziel war ein direkterer Durchgriff auf die Art und die Verwendung von Betäubungsmitteln, seinerzeit vor allem Opiumpräparate, insbesondere Kokain und Heroin. Damit war noch kein vollständiges Verbot ausgesprochen, wurde damit doch „ein Feind bekämpft, dessen Hülfe die Medizin immer noch nicht entbehren“ [43] konnte. Ärzte konnten Cannabispräparate weiterhin als Arznei nutzen.

Frühere Verbote, etwa das von Haschisch und dem Rauchen von Hanfsamen in Ägypten durch die französischen Kolonialherren vom Jahre 1800, waren Konsequenzen direkt beobachteter schädlicher Wirkungen. [44] In Deutschland gab es um die Mitte des 19. Jahrhunderts erste Verkaufsbeschränkungen, doch Verbote, Cannabis Indica an Nicht-Apotheker in Mengen nicht unter einem Pfund zu kaufen, dienten vornehmlich den Standesinteressen der Apotheker und Ärzte, waren noch nicht Maßnahmen der Drogenbekämpfung. [45] Hanf war Mitte des Jahrhunderts noch ein Alltagsprodukt, mochte es sich auch um Cannabis Sativa, nicht um Cannabis Indica handeln. Letzteres galt als Heilmittel. [46] Mit Gründung des Deutschen Reiches wurden Hanfpräparate daher apothekenpflichtig. [47]

Während der Jahrhundertmitte war der Präparatemarkt allerdings kaum reguliert. Pointiert hieß es aus Bayern: „Der Extract. Cannabis indicae wird jetzt auch in England, Frankreich und in einigen deutschen Städten ächt bereitet und von den Aerzten beliebig in Pillen, Tropfen oder Latwergen verabreicht. Als Narcoticum, leicht berauschendes Mittel, mag es seinen Werth haben, möglich, daß es in größerer Gabe auch krampf- und schmerzstillend wirkt.“ [48] Diese pharmazeutischen Präparate waren noch nicht standardisiert, auch wenn es Verfahren der Qualitätskontrolle gab. Sie erfolgten per Sinnesprüfung, wurden aber zunehmend in die Sprache der organischen Chemie überführt. Entsprechend hieß es in der seinerzeit führenden Arzneimittelkunde zu Hanfsamen bzw. Cannabis: „Geruch aller Pflanzentheile unangenehm, betäubend. Geschmak der Samen süßlich schleimig, unangenehm“ – und dann zu den Samenbestandteilen: „1) Fettes Oel. 2) Pflanzeneiweiss (Emulsin). 3) Schleimzucker mit Extractivstoff. 4) Braunes gummiges Extract. 5) Hanfharz. 6) Vegetabilischer Faserstoff. 7) Hülsen.“ [49]

Als Heilmittel wurde Hanf vor dem Aufkommen des Indischen Hanfes nur sporadisch genutzt. In den der Fürstin Philippine Welser zugeschriebenen Rezeptbüchern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts tauchten Hanfsamen als Mittel gegen Rachitis auf. [50] Auf die humoralpathologischen Verweise im Zedlerschen Universallexikon wurde schon hingewiesen. Krünitz erwähnte im späten 18. Jahrhundert die auch noch um 1900 üblichen Milchemulsionen aus Hanfkörnern, die Schwangeren stärkten und die Niederkunft verzögerten. [51] Auch der Kameralist Georg Gottfried Strelin (1750-1833) vermerkte „mancherley Heilkräfte“ [52] der Hanfpflanze, ging jedoch nur auf veterinärmedizinische Anwendungen ein. Erst im frühen 19. Jahrhundert gab es ein etwas stärkeres Interesse an der heimischen Gespinstpflanze, so etwa seitens des Begründers der Homöopathie Samuel Hahnemann (1755-1843). Dieser nutzte die gesamte Pflanze, verarbeitete sie zu Hanfsaft, mischte sie mit Ethanol, und wandte das so gewonnene Präparat gegen Geschlechtskrankheiten, Brustleiden und Erkrankungen der Sinnesorgane an. [53] Es war der Indische Hanf, der ein stärkeres Bewusstsein dafür schuf, dass Hanf auch ein gesundheitsförderliches Heilmittel sein konnte. [54] In den frühen 1850er Jahren nahm der Apotheker Stutzbach in Hohenmölsen, dann aber vor allem E. Merck in Darmstadt die Produktion von Cannabisextrakt auf. Dieser diente auch zur Produktion von Hanföl (für Einreibungen), Opodeldok (gegen Rheumatismen) und Hanfchloroform (zum Inhalieren). Neben dem Extrakt wurde auch Hanfbutter hergestellt, Stutzbach mischte zudem „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen. [55]

Hanf fand daher einen Platz im preußischen Arzneibuch von 1861. [56] Im ersten noch in lateinischer Sprache veröffentlichen reichseinheitlichen Arzneibuch waren 1872 dann die für die Folgejahrzehnte gängigen Präparate enthalten: Extractum Cannabis Indicae – Indischer Hanfextrakt, Fructus Cannabis – Hanfsamen, Herba Cannabis Indicae – Indischer Hanf und Tinctura Canabis Indicae – Indischhanftinktur. [57] Cannabis Indicae war damals ein Heilmittel, das (zumindest in Bayern) in jeder Apotheke vorrätig sein musste. [58] Art und Bedeutung dieser medizinische Hanfpräparate dokumentieren die einschlägigen Passagen aus der damals gültigen Arzneiverordnungslehre. [59] Sie wurden vornehmlich in Alkohol gelöst, dienten als Narkotikum, zur Hypnose, wurden gegen Asthma eingesetzt. Die Standardanwendungen verdeutlichen zugleich immense Dosierungsprobleme, die teils um das mehr als Zehnfache differierten. Die eher zurückhaltende Verordnungs- und Verabreichungspraxis der Ärzte resultierte auch aus den damit verbundenen Unsicherheiten.

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Werbung für Grimaults „Indische Cigaretten“ 1873 (Würzburger Stadt- und Landbote 1873, Nr. 47 v. 24. Februar, Beilage, 2)

Neben diesen Apothekerwaren gab es im Deutschen Reich, aber auch in anderen europäischen Staaten, eine Reihe von pharmazeutischen Markenartikeln. Das bekannteste Segment waren wohl Medizinalzigaretten, sog. „Asthma-Zigaretten“. Die seit 1867 in der gesamten westlichen Welt beworbenen und vertriebenen „Indischen Cigaretten“ des Pariser Pharmazieanbieters Grimault & Co. ragten hervor. Sie waren ein typisches Geheimmittel, sollten vor allem gegen Asthma und Bronchialkrankheiten helfen. Morgens und abends geraucht, „hören die Schwierigkeiten des Athmens, die Erstickungsanfälle und das pfeifende Athmen baldigst auf. Ein starker Auswurf wird dadurch ohne Anstrengung hervorgerufen, der trockene Husten vermindert sich, die Beklemmung verschwindet und ein wohlthuender Schlaf beendet die für den Kranken und seine Umgebung so peinlichen Symptome.“ [60] Grimaults Produkte waren in Deutschland bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erhältlich, auch wenn die Anpreisung als „Indische Cigaretten aus Cannabis Indica“ [61] offenkundig irreführend war. Chemische Analysen in Österreich fanden im Produkt 1880 lediglich Belladonnablätter. [62] Daraufhin wurde 1882 die Ein- und Durchfuhr der Zigaretten in Österreich verboten. [63] Weitere Untersuchungen in Deutschland bestätigten die Kernaussage, konnten jedoch sehr geringe Mengen von Cannabis Indica nachweisen. [64] Auch Hamburg untersagte daraufhin 1885 den Vertrieb, in Baden gab es einschlägige öffentliche Warnungen. [65] Grimaults Medizinalzigaretten verloren an Bedeutung, blieben aber Handelsartikel. Andere, ebenfalls meist aus Frankreich stammende Asthmazigaretten ohne Cannabiszusatz gewannen Marktanteile. Im deutschen und im österreichischen Markt gab es jedoch auch andere Cannabiszigaretten, etwa die 1900/01 beworbenen Bronchicol-Zigaretten. [66] In der Hanfaktivistenliteratur wurde ferner (ohne Beleg) behauptet, dass auch abseits von Apotheken erhältliche Zigaretten sowohl der im ägyptischen Port Said ansässigen Firma Simon Arzt als auch der Österreichischen Tabakregie Cannabiszusätze enthalten hätten. [67] Nachweise konnte ich allerdings nicht finden.

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Hanfextrakt gegen Hühneraugen. Werbung der Radlauerschen Kronenapotheke 1901 (Berliner Tageblatt 1901, Nr. 344 v. 10. Juli, 4)

Es gab zudem eine Reihe cannabishaltiger Arzneimittel. Hühneraugentinkturen und auch -pflaster enthielten in vielen Fällen Cannabisextrakte, auch wenn deren Handverkauf im Deutschen Reich erst ab 1896 erlaubt war. Sie wurden meist mit der 1874 isolierten und dann industriell hergestellten Salicylsäure und Kollodium kombiniert. [68] Die Angebote stammten anfangs vor allem von einzelnen Apothekern, wurden dann von US-Anbietern als Markenartikel und schließlich auch von führenden deutschen Pharmazieanbietern vermarkt. Einigen Schmerzmittel wurden ebenfalls Cannabisextrakt zugefügt. [69] Auch das seit Ende der 1880er Jahre in Deutschland angebotene und in den USA hergestellte Schlafmittel Bromidia enthielt Hanf und Bilsenkraut, vor allem aber Chloralhydrat und Brom. [70] Damit sind die wichtigsten Angebotsgruppen benannt, auch wenn die Zahl der Präparate natürlich größer war. Eine detaillierte Analyse folgt an anderer Stelle.

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Schlaf durch Bromidia – Anzeige von 1894 (Wiener Medizinische Wochenschrift 44, 1894, 44)

Fasst man zusammen, so findet man um die Jahrhundertwende eine nicht völlig vernachlässigbare, keineswegs aber wirklich bedeutsame Palette von grundsätzlich zugänglichen Cannabispräparaten. Sie wurden zumeist über Apotheker und Mediziner vertrieben und verordnet. Cannabisextrakte waren anfangs Teil des Bedeutungsgewinns moderner Pharmazeutika. Sie wurden, ähnlich wie die damaligen Arzneien Kokain, Heroin, Morphium oder Veronal, öffentlich beworben, waren also auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. [71] Cannabispräparate galten als Heilmittel, nicht als öffentliche Gefahr. Die Haschischkultur galt als exotisch, stand real und noch stärker imaginär für den Nahen Osten und Indien, nicht aber für die „zivilisierten“ Staaten Mitteleuropas. Es mag einen gewissen illegalen Handel mit ihnen gegeben haben, doch dieser hatte keinen nennenswerten Umfang. Selbst während der Nachkriegs- und Inflationsjahre gab es keine relevante öffentliche Debatte über Haschisch und Cannabispräparate – anders als etwa über Morphium und Kokain. Das Verbot 1929 war denn auch keineswegs einschneidend und wurde öffentlich kaum diskutiert.

Nach der Jahrhundertwende war die anfängliche Euphorie über den Indischen Hanf und seine vermeintlich vielfältigen Heilwirkungen schon längst verflogen. Im Rahmen des allgemeinen Aufschwunges der pharmazeutischen Industrie fanden sich Anwendungsfelder für Cannabispräparate, doch diese blieben eher randständig, zumal sie auch bei erfolgreichen Medikamenten eher Zusatzstoffe blieben. Cannabispräparate teilten somit das Schicksal vieler „Naturpräparate“. Sie wurden nur so lange genutzt, bis leistungsfähigere Arzneimittel mit standardisierter Zusammensetzung und klarer Wirkung verfügbar waren. Am wichtigsten wurde für Cannabis die Primärverwendung als Schlafmittel und der Sekundareinsatz bei Hühneraugenmittel. Asthmazigaretten bewarben zwar die heilende Wirkung des Cannabisextraktes, ihre Wirkung beruhte jedoch anderen Wirkstoffen. Obwohl es eine Reihe weiterer Anwendungsfelder gab, sank die Bedeutung des Indischen Hanfes im pharmazeutischen Sektor nach der Jahrhundertwende. Andere, wirkungsfähigere Medikamente kamen auf, traten an die Stelle von Präparaten, die mangels präziser chemischer Analytik und wegen unzureichender Kenntnisse der Wirkstoffe und Wirkmechanismen nur bedingt den Kriterien modernen Arzneimittel entsprachen. Cannabispräparate konnten im langen 19. Jahrhundert den in sie anfänglich gesetzten Hoffnungen nicht gerecht werden. Ihre höchste Bedeutung hatten sie in den 1890er Jahren, danach folgte ein relativer und dann auch absoluter Abstieg. Erst die spätere kulturelle Aufladung der Präparate durch einen Imagewandel auf Seiten der Konsumenten und eine in sich widersprüchliche Anti-Drogenpolitik machten Indischen Hanf wieder zu einem öffentlichen Thema. Der kurze Aufschwung des Indischen Hanfes im langen 19. Jahrhunderts endete im frühen 20. Jahrhundert. Er endete nicht aufgrund einer damals noch nicht entwickelten Antidrogenpolitik. Er endete aufgrund der Marktmechanismen einer sich entwickelnden pharmazeutischen Industrie und einer wachsenden Zahl von Konsumenten, die Produkten mit relativ klaren Wirkungen und Wirkmechanismen ihr Vertrauen schenkten.

Uwe Spiekermann, 14. September 2019

Quellen- und Literaturhinweise:
[1] Die im 19. Jahrhundert noch gängige Unterscheidung von Cannabis Sativa und Cannabis Indica als zwei strikt unterschiedliche Pflanzenarten wurde zunehmend zugunsten der Vorstellung von nur einer, sich jeweils spezifisch an Klima und Böden angepassten Pflanzart aufgegeben.
[2] Vgl. Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Betäubungsmitteln v. 21. Oktober 1929 (Opiumgesetz), in: Verhandlungen des Reichstages, IV. Wahlperiode 1928, Anlagen, Bd. 438, Berlin 1930, Nr. 1386, insb. 7.
[3] Eine Zusammenfassung des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Wissens findet sich – mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen – in: Eva Hoch, Chris Maria Friemel und Miriam Schneider (Hg.), Cannabis: Potenzial und Risiko, Berlin 2019 resp. Ernst Small, Cannabis. A Complete Guide, Boca Raton 2017 (mit irreführenden Hinweisen auf Gefängnisarbeit, ebd., 94).
[4] Barna Bridgeman und Daniel T. Abazia, Medical Cannabis: History, Pharmacology, And Implications for the Acute Care Setting, Pharmacy & Therapeutics 42, 2017, 180-188 enthält lediglich ein Zerrbild der Nutzung des Hanfes für medizinische Zwecke. Fundierter, doch mit zahlreichen Lücken insbesondere im späten 19. Jahrhundert ist Raphael Mechoulam und Lumir Hanus, A historical overview of chemical research on cannabinoids, Chemistry and Physics of Lipids 108, 2000, 1-13. Ein Kernproblem derartiger Publikationen ist die unreflektierte mangelnde Sprachkenntnis der Autoren – und die damit verbundene Ausgrenzung der nicht angelsächsischen Wissenschaftskulturen.
[5] Winfried Häuser, Cannabis als Medizin, in: Eva Hoch, Chris Maria Friemel und Miriam Schneider (Hg.), Cannabis: Potenzial und Risiko, Berlin 2019, 26-30, hier 26.
[6] Vgl. Heinrich Tappe, Auf dem Weg zur modernen Alkoholkultur. Alkoholproduktion, Trinkverhalten und Temperenzbewegung in Deutschland vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1994; Hasso Spode, The first step toward sobriety: the „Boozing Devil“ in sixteenth-century Germany, Contemporary Drug Problems 1995, 453-483.
[7] Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 12, Halle/Leipzig 1735, Sp. 461-462.
[8] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 826.
[9] Die geographische Verbreitung der Berauschungsmittel, Das Ausland 3, 1830, Nr. 181 v. 30. Juni, 723-724, hier 724.
[10] Literarische Zeitung 1843, Nr. 26 v. 1. April, Sp. 422.
[11] Ferd[inand] Tscheppe, Chemische Untersuchung der Hanfblätter, Med. Diss. Tübingen 1821, 3 (mit weiterer Literatur).
[12] Caroline Kümicher, Constanzer Kochbuch, 4. verb. u. sehr verm. Aufl., Constanz 1835, 425.
[13] Vgl. die Literatur in Georgius Freudenstein, De Cannabis Sativae usu ac viribus narcoticis, Marburg 1841.
[14] A.W. Varges, Cannabis indica, Zeitschrift des Deutschen Chirurgen-Vereins 3, 1849, 280-288, hier 280.
[15] Sigmund Schlesinger, Untersuchung der Cannabis sativa, Repertorium der Pharmacie 71, 1840, 190-208.
[16] Ueber Cannabis indica (Indian hemp, Gunjah), von O’Shaugnessy, Pharmaceutisches Central-Blatt 11, 1840, 523-524; Gebrauch von Haschisch in Algier, Das Ausland 15, 1842, 499. Als Bezugsgröße dienten zumeist die Publikationen von Ley, Pereira und vor allem O’Shaugnessy, so insbesondere W[illiam] B. O’Shaughnessy, On the Preparations of the Indian Hemp, or Gunjah, (Cannabis Indica), Provincial Medical Journal 6, 1843, Nr. 123, 363-369.
[17] A.W. Varges, Ref. v. Cannabis indica; vom Geh. Sanitätsrat Dr. Wolff, Zeitschrift des Deutschen Chirurgen-Vereins 3, 1849, 65-87.
[18] Franz von Kobylanski, Ueber den Indischer Hanf, mit besonderer Rücksicht auf seine wehenbefördernde Wirkung, Würzburg 1852; Bayerisches Volksblatt 1852, Nr. 227 v. 19. August, 900. Vgl. allgemein Alexander Christison, On the Natural History, Action, and Uses of Indian Hemp, Edinburgh 1851.
[19] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 109.
[20] [Georg] Fronmüller, Klinische Studien über die schlafmachende Wirkung der narkotischen Arzneimittel, Erlangen 1869, 46.
[21] Haschisch-Trunkenheit, Die Gartenlaube 1854, 368; Ernst von Bibra, Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, passim.
[22] Heinrich Gottfried Schneider, Handbuch der reinen Pharmakodynamik, Bd. I, Magdeburg 1853, 458-460.
[23] Alonzo Calkins, Opium and the opium-appetite, Philadelphia 1871, 320-330.
[24] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 103-104 (für alle Zitate).
[25] E.R. Pfaff, Die einfachen Arzneimittel der Araber und ihre therapeutische Anwendung, Deutsche Klink 1870, Nr. 28 und 29, hier 313.
[26] Michael Benedict Lessing, J.F. Sobernheim’s Handbuch der Praktischen Arzneimittellehre, T. 2, 7. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Berlin 1854, 34.
[27] Michael Benedict Lessing, Handbuch der speciellen Praktischen Arzneimittellehre, 8. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Leipzig 1863, 34. Auch deshalb unterblieb ein Einsatz als Tierfutter, ansonsten ein gängiges Testfeld vor dem Einsatz am Menschen, vgl. Gutachten über die Wirkung gedörrter Hanfblätter auf die Milchsekretion und Käsebereitung, Archiv für Thierheilkunde 21, 1855, 54-58.
[28] Zur Kritik der Extract-Vorschriften und über fabriksmässig dargestellte Extracte. Aus dem Laboratorium von G. Hell & Comp., Pharmaceutische Post 27, 1894, 147-149, hier 148.
[29] Ueber Hanfsamen und Hanfsamenöl, Drogisten-Zeitung 12, 1897, 484-485.
[30] Vgl. Ueber den indischen Hanf und dessen wirksames Bestandtheil, Archiv der Pharmazie 211, 1877, 189; Der Indische Hanf und dessen wirksames Princip, Archiv der Pharmazie 212, 1878, 378.
[31] Haschisch, Internationale Ausstellungs-Zeitung. Beilage zur Neuen Freien Presse 1873, Nr. 3259 v. 19. September, 2-3, hier 2.
[32] Ernst Schmidt, Ausführliches Lehrbuch der pharmaceutischen Chemie, Bd. 2, 3. verm. Aufl., Braunschweig 1896, 1477.
[33] Bernhard Fischer, Die Neueren Arzneimittel, 5. stark verm. Aufl., Berlin 1893, 291.
[34] T[homas] Barlow Wood, W.T. Newton Spivey und Thomas Hill Easterfield, Charas. The Resin of Indian Hemp, Journal of the Chemical Society, Transactions 69, 1896, 539-546.
[35] Indischer Hanf, Drogisten-Zeitung 13, 1898, 228.
[36] Thomas Barlow Wood, W.T. Newton Spivey und Thomas Hill Easterfield, Cannabinol. Part I., Journal of the Chemical Society, Transaction 75, 1899, 20-36, hier 20.
[37] Sigmund Fränkel, Chemie und Pharmakologie des Haschisch, Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 49, 1903, 266-284, hier 275.
[38] Max Czerkis, Ueber Cannabinol, den wirksamen Bestandteil des Haschisch, Pharmazeutische Post 40, 1907, 49-51, 69-70, 97-98, hier 97.
[39] M[ax] Czerkis, Ueber Cannabinol, den wirksamen Bestandteil des Haschisch, Pharmazeutische Post 42, 1909, 794-795.
[40] C[arl] Hartwich, Die menschlichen Genussmittel, Leipzig 1911, 236.
[41] B[ernhard] Fischer und C[arl] Hartwich (Hg.), Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1919, 591. Ähnlich urteilte Wilhelm Mitlacher, Die offizinellen Pflanzen und Drogen, Wien/Leipzig 1912, 13.
[42] Einen anregenden Überblick bietet – trotz der Fokussierung vor allem auf die Schweiz – J[akob] Tanner, Kurze Geschichte und Kritik der Drogenprohibition im 20. Jahrhundert, Zeitenblicke 8, 2009, Nr. 3 (http://www.zora.ush.ch).
[43] H. Rebmann, Kampf den Nervengiften! Nach der Konvention des Völkerbundes, Vorwärts 1930, Nr. 58 v. 4. Februar, 5.
[44] L[ouis] Lewin, Phantastica. Die betäubenden und erregenden Genussmittel, Berlin 1924, 102.
[45] Verzeichniß derjenigen chemischen und pharmazeutischen Präparate und Arzneiformen, welche Nicht-Apotheker nicht unter einem bürgerlichen Pfunde verkaufen dürfen, Amtsblatt der Regierung zu Düsseldorf 1858, Nr. 33 v. 5. Juni, 341-349, hier 344 (aufgrund der Verordnung den Debit der Arzneiwaaren betreffend v. 29. Juli 1857, einer Revision des Reglements vom 16. September 1836).
[46] Der Begriff Heilmittel wird hier im modernen pharmazeutischen Sinne verstanden. Im heutigen Buchmarkt kursieren stattdessen zahlreiche unwissenschaftliche Publikationen, etwa Wernard Bruining, Hanf heilt. Die Wiederentdeckung einer uralten Volksmedizin, Immenstadt 2013.
[47] So die Verordnung v. 25. März 1872 (Amtsblatt der königlichen Regierung zu Düsseldorf 1872, Nr. 18 v. 4. Mai, 149-152, hier 151), die durch die Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln v. 4. Januar 1875 nochmals bestätigt wurde (Amtsblatt der Königlichen Kreishauptstadt Landshut 1, 1875, Nr. 3 v. 27. Januar, 15-16, hier 16).
[48] Bayerisches Volksblatt 4, 1852, 900.
[49] Michael Benedict Lessing, Handbuch der speciellen Praktischen Arzneimittellehre, 8. umgearb. u. vielfach verm. Aufl., Leipzig 1863, 34.
[50] Otto Zekert, Die Rezeptsammlung der Philippine Welser (Fortsetzung), Scientia Pharmaceutica 12, 1941, 1-4, hier 4.
[51] Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829.
[52] Georg Gottfried Strelin, Realwörterbuch für Kameralisten und Oekonomen, Bd. 4, Nördlingen 1788, 514.
[53] Samuel Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, T. 1, 2. verm. Aufl., Dresden 1822, 145-165.
[54] Die einschlägige medizinische Literatur vornehmlich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien wurde (mit manchen Lücken) chronologisch zusammengestellt von Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 5-16.
[55] Ebd., 39, 58-63.
[56] O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung sämmtlicher in der Pharmacopoea Borussica aufgeführten offizinellen Gewächse, H. 17-24, Leipzig 1861, Tafel XIXb.
[57] Pharmacopoea Germanica, Berlin 1872, 111, 160, 175, 342.
[58] Verzeichniß derjenigen Arzneistoffe und Präparate, welche in jeder selbstständigen Apotheke vorhanden sein müssen, Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberbayern 1872, Nr. 95 v. 5. November, Sp. 2106-2122, hier Sp. 2114.
[59] Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 299, 481, 684.
[60] Karlsruher Zeitung 1881, Nr. 33 v. 8. Februar, s.p.
[61] Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 150 v. 1. Juni, 4.
[62] Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349.
[63] Bozener Zeitung 1882, Ausg. v. 21. Juni, 3.
[64] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 191.
[65] Pharmazeutische Post 31, 1898, 381.
[66] Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 568 v. 5. Dezember, 11.
[67] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 165.
[68] Hermann Hager, Kommentar zum Arzneibuch für das Deutsche Reich, Ausgabe 3, Bd. 1, Berlin 1891, 151.
[69] Die Angabe von Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 148, dass das 1894 eingeführte Migränin Hanfextrakt enthalten habe, ist falsch.
[70] Drogisten-Zeitung 3, 1888, 466.
[71] Das gilt auch für Suchtfolgen, annoncierten Sanatorien doch für Entziehungskuren, so etwa Illustrirte Zeitung 113, 1899, 547; Der Welt-Spiegel 1924, Ausg. v. 27. April, 7.