Schaufenster und Schaufensterwerbung im langen 19. Jahrhundert

Werbung ist in den letzten Jahrzehnten zu einem bedeutenden Thema der internationalen Sozial­ und Wirtschaftsgeschichte geworden. [1] Neue, publikumswirksame Themen konnten so erschlossen werden und zugleich begann man, sich mit den Konturen der modernen Konsumgesellschaft auseinanderzusetzen. Doch die wachsende Zahl einschlägiger Publikationen kann nicht verdecken, dass es gerade in Deutschland an Grundlagenforschung mangelt. Werbung kann angemessen nur im Kontext von Konsum, Kleinhandel und Konsumgüterproduktion verstanden werden – und hier sind valide Studien dünn gesät. [2] Noch weniger wissen wir über die neu entstehende Objektwelt des 19. Jahrhunderts. Welche Waren beworben und gekauft wurden, an welchen Orten man sie erstand und in welchem Rahmen man sie sah – solche einfachen Fragen sind für die deutschen Lande kaum zu beantworten. Wir sollten sie uns jedoch stellen, hat doch nicht nur der Pariser Anthropologe Bruno Latour auf die grundlegende Bedeutung solcher Objekte für das Verständnis der Moderne hingewiesen. [3]

Eine der zentralen Innovationen der frühen Konsumgesellschaft war das Schaufenster. Dahinter wurden die Waren präsentiert und so ein Kunstraum des Käuflichen geschaffen. Doch wie so viele andere Objekte wirkte es erst in einem Gesamtensemble: „Schaufenster wurden zu den urbanen Attraktionen, sie bildeten die Anziehungspunkte der Straße, wirkten wie Magneten, die die Menschenströme in ihren Bann zogen.“ Die Schaulust des Publikums und der Zeigestolz der Händler und Produzenten trafen sich an einem gemeinsamen Ort. Hier fand die Ware zu sich selbst: „Losgelöst aus der Sphäre unmittelbaren Konsums, erschien die Ware dort im verglasten Kunstraum als Objekt, das nicht mehr wegen seines Gebrauchs- und Tauschwertes, sondern scheinbar nur um seiner selbst willen interessierte: Das Objekt will nicht benutzt und nicht gekauft, sondern betrachtet und bestaunt werden. Das Schaufenster ermöglicht die ästhetische Epiphanie der Ware.“ [4] Das Schaufenster verwandelte die schnell wachsenden Städte in Stätten von Zeichen und Bedeutungen und stand damit am Beginn eines modernen Lebensstils, unseres Lebensstils.

Derartig allgemeine Charakterisierungen findet man häufig, selten aber klare Entwicklungslinien, Periodisierungen oder gar Versuche, diese empirisch zu belegen. [5] Darum wird es im Folgenden gehen. Grundsätzlich lassen sich vier Entwicklungsstadien des Schaufensters und der Schaufensterwerbung in deutschen Städten des 19. Jahrhunderts nachzeichnen, die auch den folgenden Beitrag untergliedern: War das Schaufenster erstens bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts lediglich Repräsentationsmittel weniger Luxuswarengeschäfte, so setzte es sich zweitens bis in die 1870er Jahre in den Großstädten des Deutschen Reiches allgemein durch. Danach veränderten sich drittens sowohl das Schaufenster als auch die Dekorationsweise grundlegend. „Glaspaläste“ und „Schaufensterkunst“ fanden um die Jahrhundertwende ihren Höhe- und Wendepunkt. Denn seitdem weitete sich viertens die Werbesphäre in den Laden hinein und wurde zum Vorbild der allgemeinen Warenpräsentation. All dies hatte eine hohe Bedeutung nicht nur für die Geschichte von Werbung, sondern auch für Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschen Reiches.

Das Schaufenster vor dem Durchbruch zur Konsumgesellschaft

Das Schaufenster ist ohne einen Laden nicht denkbar. Doch der Laden, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht, hatte anfangs keine Schaufenster. [6] Seine Vorform bildete die Bude, ein fester Marktstand, der Verkäufer und Waren vor den Unbilden der Witterung schützte. Die Vorderseite bestand zumeist aus zwei hölzernen Läden, von denen der eine hoch­ und der andere heruntergeklappt wurde: Zwei Läden machten einen Laden. Dergestalt besaßen die Budenhändler einen Verkaufstisch, auf dem ein Teil der Ware ausgelegt werden konnte, sowie Käufer und Verkäufer einen begrenzten Schutz gegen Sonne und vor allem Regen. Der einfache Holzladen verband den freien Zugang zur Ware am Tage und angemessene Sicherheit des Nachts.

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Kaufladen in der frühen Neuzeit (Vorwärts! Magazin für Kaufleute NF 3, 1862, 87)

Sein Prinzip wurde auch beibehalten, als sich der Verkauf mehr und mehr in Häuser verlagerte. Hier konnten die Händler größere Warenmengen lagern, konnten Handwerker Produktion und Verkauf miteinander verbinden. Der Käufer aber blieb noch außerhalb, er betrachtete das Angebot vom öffentlichen Raum der Straße. Dieses Prinzip blieb in deutschen Landen – anders als in Frankreich, Großbritannien und Österreich – bis ins späte 18. Jahrhundert bestehen. Die seit dem 16. Jahrhundert grundsätzlich vorhandenen Butzenscheibenfenster dienten der Beleuchtung des Innenraums, nicht der Schaustellung der Ware. [7] Für kommerzielle Zwecke waren sie zu klein und ermöglichten nur einen verzerrten Blick auch auf dicht hinter der Scheibe aufgestellte Produkte. Das galt ebenso für Schiebefenster und aushängbare Fenster. Auch als 1688 vom Franzosen Louis Lucas de Néhou (?-1728) entwickelte Verfahren für die Herstellung gewalzten Gussglases blieb für den Kleinhandel im deutschen Sprachraum recht folgenlos. Allerdings erlaubten die bis zu 2 x 1,20 Meter großen Coulage-­Scheiben, anders als die mundgeblasenen und stets auch welligen Fensterscheiben, einen ziemlich klaren und kaum verzerrten Blick auf die Waren.

Die lange Dauer zwischen der Erfindung und der allgemeinen Verwendung dieser ersten Schaufensterscheiben resultierte denn auch nicht allein aus dem hohen Preis, schließlich wurden Spiegelscheiben schnell ein markantes Kennzeichen adeliger Repräsentationsarchitektur. Vielmehr benötigten die gehobenen Verkaufsläden des späten 17. Jahrhunderts, die Schaufenster durchaus hätten bezahlen können, noch keine öffentliche Warenschaustellung. Die Ansprüche des Adels waren exklusiv, sie wurden direkt geäußert und direkt befriedigt. Die Situation änderte sich erst mit dem Aufkommen einer zahlungskräftigen bürgerlichen Klientel. Sie schuf eine neue politische, zugleich aber auch kommerzielle Öffentlichkeit. Entsprechend waren es britische und französische Luxuswarengeschäfte, die zuerst Gussglasscheiben einsetzen. In Deutschland lassen sich entsprechende Läden zwar 1725 in Würzburg oder auch 1740 in Augsburg nachweisen, doch blieben diese seltene Ausnahmen. [8] Allgemeinere Verbreitung fanden Gussglasscheiben erst im frühen 19. Jahrhundert. [9]

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Verglaste Außenwände einer Kunst- und Musikalienhandlung in Hamburg um 1835 (W[ilhelm] Melhop, Alt-Hamburgische Bauweise, 2. neubearb. Aufl., Hamburg 1925, 322)

Dennoch machte die Schaustellung der Ware in deutschen Städten auch im 18. Jahrhundert Fortschritte. Innerhalb des Ladens kamen Schautische auf, die im Verkaufsraum standen. Besonders größere Läden mit Flügeltüren lockten so die Käufer in die Läden. Die Tische, auf denen stets wertvollere Waren ausgelegt wurden, übernahmen die Funktion des unteren Klappladens. Sie standen meist inmitten des Raumes, wiesen so zurück auf ihre präsentistische Funktion. Die Kunst der Warendarbietung entstand innerhalb des Verkaufsraumes. Die Ladenfassaden wurden dagegen noch durch Firmenschilder beherrscht, auf deren Reiz- und Informationskraft die meisten Händler vertrauten. [10] Die Ware lockte erst im Inneren des Ladens. Die Luxuswarengeschäfte schufen zwar Räume für den Konsum bürgerlicher Schichten, doch grenzten sie zugleich die kaum zahlungsfähige Mehrheit der Bevölkerung aus. Die Verkaufsräume betrat nur derjenige, der sich die teuren Textilien, Einrichtungsgegenstande und Apparate leisten konnte. Dem entsprach ein informeller Kaufzwang.

Die Durchsetzung des Schaufensters in deutschen Städten (ca. 1835 bis 1870)

Entscheidend für die wachsende Bedeutung des Schaufensters sollte der quantitative Aufschwung des Kleinhandels werden. Dieser lag in den 1830er Jahren, steht in seiner Bedeutung kam hinter der so einseitig gedeuteten „Industrialisierung“. [11] Diese wird fast durchweg verengt auf die Veränderungen im Produktionssektor. Die vielfaltigen Überlappungen zwischen Produktion und Absatz, die damals überproportional wachsende Zahl leistungsfähiger Handelsbetriebe und der Zwang, die im Produktionssektor arbeitenden Personen auch versorgen zu müssen, werden von bequem zusammengeschriebenen Handbüchern in der Regel nicht beachtet. Angesichts eines vielerorts noch gebundenen Gewerberechtes verortet man den nachhaltigen Aufschwung des Kleinhandels – und damit eine Konsumgesellschaft – erst in die 1870er, teils gar erst in die 1890er Jahre. [12] Das hängt eng mit der irreführenden Vorstellung einer „Warenhausgesellschaft“ zusammen. Erst diese scheinbar neuartigen Läden hätten, so die gängige These, die für Absatz, Werbung und Schaufenstergestaltung entscheidenden Maßstäbe gesetzt. [13] Blickt man jedoch auf lange vorher einsetzenden Veränderungen im Kleinhandel, so muss man dies revidieren: „Sollte je der Handel besser in der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung aufgearbeitet werden, wird wohl auch die Geschichte der Werbung in ihrer Anlaufphase neu periodisiert werden müssen.“ [14] Und zugleich erscheint die deutsche Stadt schon deutlich früher als Ort der Warenpräsentation und des demonstrativen Einkaufens.

Seit den späten 1830er Jahren nahm der Absatz von Konsumgütern in Läden mittlerer und kleinerer Händler in deutschen Landen stark zu. Wurden in Preußen beispielsweise 1837 21.782 Kaufleute mit offenen Verkaufsstellen gezählt, so hatte sich deren Zahl bis 1858 auf 48.625 erhöht. Relativ zum Bevölkerungswachstum nahm die Zahl dieser Gruppe binnen 21 Jahren um 76,4 % zu, während die Bedeutung der größtenteils ohne Läden agierenden Krämer, Höker und Trödler relativ schwand und absolut nur um 10,1 % (von 89.149 auf 98.158) zunahm. [15] Die Ladenhändler arbeiteten vorwiegend in Städten. Trotz gewerberechtlicher Beschränkungen ergänzten sie mehr und mehr das traditionelle, durch Wochen- und Jahrmärkte, Hausierer und Höker, den Handwerkshandel und Krämer geprägte Versorgungssystem, und an immer mehr Orten entwickelte sich der Laden zur dominanten Form des Kleinhandels. Die neuen Läden waren seit dem 2. Drittel des 19. Jahrhunderts immer häufiger mit Schaufenstern versehen. Diese entwickelte sich denn auch bis zur Reichsgründung zum wichtigsten Werbemittel eines zunehmend wettbewerbsorientierten Kleinhandels.

Wegweisend – gleichermaßen für die Produktion wie für den Absatz – war dabei das Textilgewerbe. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es beispielsweise in Berlin üblich, Kleidung entweder selbst zu nähen oder aber als Maßanfertigung vom Schneider anfertigen zu lassen. Zwar gab es seit Beginn des 18. Jahrhunderts Schneider, Händler und Verleger, die auch fertige Kleidung verkauften, doch trotz deren wachsender Bedeutung war der Handel mit gebrauchten Kleidern noch lange bedeutender. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich dies folgenreich. Die zunehmende Zahl alleinstehender (und kaufkräftiger) Männer, der wachsende Fremdenverkehr Berlins und die steigende Bedeutung der Mode, die einen schnelleren Wechsel der Garderobe erforderte, waren Grundlagen für den Aufstieg des Magazins. Hierunter ist ein Kleinhandelsgeschäft zu verstehen, welches Waren von Heimarbeitern, Handwerkern oder auch in eigenen Werkstätten produzieren ließ, dessen Hauptgeschäft aber der Verkauf bildete. Wurden anfangs vor allem Hosen, Westen und Röcke angeboten, so wurde das Sortiment seit den 1820er Jahren auch um Schlafröcke, dann um Joppen und Mäntel, Hemden und Kragen erweitert.

Das wachsende Angebot führte zu wachsender Spezialisierung: Neben Wäsche- und Leinwandhandlungen traten seit den 1830er Jahren gesonderte Herrengarderobemagazine. Adressbuchdaten verdeutlichen den tiefgreifenden Wandel: Gab es in Berlin 1830 erst 54 Wäsche- und Leinwandhandlungen, so waren es 1838 schon 116, 1847 dann 158. 1838 wurden erstmals auch zwanzig Herrengarderobemagazine aufgelistet, deren Zahl bis 1847 auf 66 stieg. [16] Berlin war Vorreiter, keine Ausnahme: In Hamburg stieg die Zahl der Kleiderhandlungen zwischen 1800 und 1822 von zehn auf 39, die der Modewarenhandlungen von 19 auf 31, und die der Manufakturwarengeschäfte gar von zehn auf 91. [17] In den wenigen Großstädten machten diese Geschäfte Schaufenster zum Alltagsphänomen. Schon 1830 glaubte die Hamburger Polizeibehörde gegen die Unsitte einschreiten zu müssen, die ausgestellte Ware mit tiefgezogenen Markisen gegen die Sonnenstrahlung zu schützen. [18]

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Schaufenster in Hamburg (Alter Jungfernstieg) 1846/47 (Hamburgs Neubau. Sammlung sämmtlicher Façaden der Gebäude an den neubebauten Strassen, Charles Fuchs, Hamburg 1846/47 (ND Hannover 1985), Bl. 39)

Die Magazine standen nicht allein für eine neue Betriebsform des Kleinhandels. Sie zeichneten sich auch durch neuartige Werbung aus. Die Hamburger Innenstadt war 1842 durch einen Brand fast vollständig zerstört worden, und die wieder aufgebauten Straßenzüge wurden 1846/47 in einer umfangreichen Lithographieserie festgehalten. Die obige Abbildung zeigt Fassaden gleich zweier Magazine. Beide verfügten über Schaufenster, in beiden fand sich wohldrapierte Ware. Diese Magazine bilden keine Ausnahmen im Straßenbild. Sie waren umrahmt von den Schaufenstern anderer Fachgeschäfte, die allesamt gewerblich gefertigte Waren anboten. Ähnliches galt auch für die Nebenstraßen der Innenstadt.

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Schaufenster in Hamburg (Bohnenstraße) 1846/47 (Hamburgs Neubau, Bl. 17)

Läden mit Schaufenstern dominierten. Gewiss, sie waren fast durchweg kleiner als in den Hauptstraßen, zudem handelte es sich zumeist um preiswertere Sprossenfenster. Die vor 1842 vielfach genutzten Erkerfenster, die sog. „Ausbauer“, fehlten hier; ihr Bau war nach dem Großen Brand verboten worden. [19] Doch nicht allein Textilwarengeschäfte stellten ihre Waren sinnfällig aus. Schuhe, Lederwaren und sogar Fleischwaren wurden in Hamburg schon vor der Jahrhundertmitte im gläsernen Ambiente präsentiert. Bemerkenswert war zudem die Kombination gewerblicher Tätigkeiten (Schuhmacher, Handschuhfabrik) mit einem schaufensterbewehrten Ladengeschäft. Auch in der Frühindustrialisierung war Güterproduktion kein Wert an sich, sondern bekam ihren Sinn erst durch den Absatz. Die Hamburger Lithographieserie enthielt Abbildungen von insgesamt 218 Läden der Innenstadt. Schaufenster fehlten fast nirgends, einzelne Läden präsentierten ihre Waren gar hinter vier großen Spiegelscheiben. Vereinzelt fanden sich schon Beleuchtungseinrichtungen; flackerndes Licht lud in Hamburg schon vor der Jahrhundertmitte zum abendlichen Schaufensterbummel. [20]

In der preußischen Hauptstadt Berlin entstanden seit den späten 1830er Jahren nicht allein deutlich mehr Magazine als in der Hansestadt Hamburg. Hier entstanden auch erste Großbetriebe des Kleinhandels, auch wenn deren Schaufenster noch nicht besonders hervorragten. Das 1836 gegründete „Modewaaren-Lager“ von Herrmann Gerson beschäftigte 1852 schon acht Aufseher/innen und 120-140 Arbeiterinnen in zwei Geschäftshäusern, 150 Meister mit ca. 1.500 Gesellen als Zulieferer und ca. 100 Personen im zweistöckigen Verkaufslokal. Doch das von 120 Gasflammen beleuchtete Magazin lockte seine Kundschaft mit nur zwei jeweils fünf Fuß breiten Spiegelscheiben. Hier zeigte sich noch deutlich die Tradition des Luxuswarengeschäftes, welches für eine feste und wohlsituierte Klientel Ware anbot. [21] Auch das 1839 entstandene Manufakturwarengeschäft Rudolph Hertzog, später größtes deutsches Kaufhaus und als Versandgeschäft in Europa führend, verfügte nur über durchschnittliche Schauflächen und konzentrierte sich stattdessen auf eine großzügige Annoncenreklame.

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Landsbergers Magazin in Berlin 1860 (Robert Springer, Berlin. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen, Leipzig 1861, 336)

Andere Magazine aber nutzen das neue Werbemedium des Schaufensters konsequent. Eindringlicher Beleg hierfür war das Garderobe-Magazin von Louis Landsberger. Nicht mehr zwei, nicht mehr vier, sondern zehn großformatige Spiegelscheiben schmückten den Geschäftsbau mit seinen zwei Verkaufsetagen. Die Schaufenster umrundeten den Laden, dokumentieren in ihrer Massiertheit Größe und Umfang des Angebotes. Wachsende Verkaufsflächen gingen einher mit wachsenden Schaufensterfronten. Als Kundenmagnet wirkte zusätzlich die Beleuchtung mit 316 Gasflammen, die das Magazin abends zum Blickfang werden ließ. Doch auch Landsberger bildete nur die Spitze eines breiten Ensembles. [22] Folgen wir doch einmal einem Stadtführer des Jahres 1861: „Unsere wohlgenährten Altvordern, die nur für den realen Genuß waren, kannten nicht den Schimmer der Spiegelscheiben und der Bronze, nicht die Farbenpracht, nicht den Zauber des Luxus und den Reiz der Künste. Desto besser verstehen wir uns auf solche Vorzüge. Den Unterschied zwischen Sonst und Jetzt sieht man nirgend auffälliger als an den Verkaufsläden. […] Betrachten wir jetzt jene Läden, […] wo die Waaren, von hübschen Händen geordnet, das Auge bezaubern! […] Sehen Sie dort, meine Damen, die strahlenden Fenster, die man mit Jakona und Organdis drapirt hat, mit Long-Shawls, wofür Sie ihr Lächeln verkaufen, mit venetianischen Spitzen, die Sie um ihre Liebe eintauschen! Sehen Sie hier, Dandies aus der Provinz, die prächtigen Piquéwesten! Steigen Sie hinunter in jene unterirdische Behausung: der Bärenschinken ist servirt und der Cliquot auf Eis gestellt. Hier die glänzenden Hüte à ressort, die zierlichen Ancreuhren, die Velourdecken, die riesigen Spiegel in Goldrahmen; dort kunstvolle Bronzewaaren, werthvolle Oelgemälde, Buffets mit Marmorplatten, prachtvolle Tafelservice; Blumenbouquets in schöneren Farben als die Gaben der Flora Cypris; hier die schönen wissenschaftlichen Sammelwerke in Prachtbänden, Zahn‘s Ornamente aus Pompeji, der Reliquienschein von Brügge in wundervollen Photographien. Welche Fülle von Pracht, Annehmlichkeit und Schönheit für den bevorzugten Sterblichen, der mit Sinn für die Genüsse des Lebens und mit reichlicher Rente gesegnet ist!“ [23]

Ein Schaufensterbummel war in Berlin also schon lange vor der Reichsgründung möglich und reizvoll. Der Reiseführer konzentrierte sich allerdings auf teurere, exklusive Produkte, die innerhalb der Klassengesellschaft der Hauptstadt für die meisten Bewohner unerschwinglich blieben. Und doch begannen in den 1860er Jahren auch Geschäfte mit einfacherem Angebot, vielfach auch Kolonialwaren- und Feinkostläden, mit der Um- und Neugestaltung ihrer Fassaden. Dabei gingen viele Kleinhandler Kompromisse ein: „Sehr oft werden gewöhnliche Fenster zur Schaustellung benutzt und wäre dann der einzige Unterschied, dass größere Scheiben in Anwendung kommen. Dass solche Anlage nur den einfachsten Forderungen entspricht, liegt auf der Hand; die Schaustellung ist hierbei sehr beeinträchtigt und ist gewöhnlich die zu hohe Lage der Fenster störend. Große Ausbreitung der Waren gestattet aber ein Fenster nicht und daher dürfte ein solches nur in Anwendung kommen, wo es darauf ankommt anzuzeigen, was für ein Geschäft sich an dem betreffenden Ort befindet.“ [24]

Die Schaufenster derartiger kleiner und mittlerer Geschäfte sind natürlich kaum mit denen der Großbetriebe zu vergleichen. Doch festzuhalten ist, dass auch etablierte Läden sich um An- und Umbauten zumindest bemühten. Zugleich wurde es in den 1860er Jahren üblich, neue Läden bereits beim Bau mit Schaufenstern auszustatten. Schaufenster wurden integraler Bestandteil des Kaufladens: „Die Schaufenster zum Ausstellen der Waaren müssen möglichst breit angelegt sein, und bedient man sich jetzt allgemein zur Unterstützung der oberen Geschosse der eisernen Säulen und Träger statt der in Stein ausgeführten Pfeiler und Bogen, weil dadurch an Raum gewonnen wird. Man ordnet dann recht oft die oberen Geschosse ganz unbekümmert von den unteren mit anderen Axen an, weil man die Axentheilung der unteren Geschosse doch kaum erkennt, indem bei der geringen Dimension des Eisens letzteres fast verschwindet und nur eine Glasflache sichtbar ist.“ [25]

Die hier schon diskutierte Verwendung von Stahl und Glas schuf ganz neue Möglichkeiten der Fassadengestaltung. Seit Anfang der 1870er Jahre wurden zunehmend auch zweigeschossige Schaufensteranlagen gebaut. [26] Ladenlokale mit Schaufenstern, die von der Mehrzahl der kleineren und mittleren Händler ja gemietet wurden, gehörten seitdem mehr und mehr zur üblichen Ausstattung größerer Geschäfts- und Wohnhäuser. Verlässliche Zahlen fehlen, so dass nicht überprüft werden kann, ob es 1880 in Berlin wirklich „3000 wirkungsvolle Schaufenster“ [27] gegeben hat, wie ein Zeitgenosse behauptete. Zweifellos aber waren in Berlin Schaufenster im Handel mit Gütern des gehobenen und periodischen Bedarfs schon vor der Reichsgründung 1871 üblich. Zwar hinkte der Kleinhandel mit Lebensmitteln dieser Entwicklung noch hinterher, doch der Delikatessen- und Kolonialwarenvertrieb erfolgte schon vielfach in Läden mit gläsernen Fronten. [28]

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Fassade des Karlshofes in Aachen 1869 (Deutsche Bauzeitung 3, 1869, 496)

Das neue Objekt des Schaufensters hatte sich zu dieser Zeit auch schon in der Provinz des Reichs fest etabliert. Die Abbildung zeigt ein „charakteristisches Beispiel der Facadenbildung von Privatbauten“ im Rheinland: Vier großformatige Schaufenster sprechen dagegen, die Durchsetzung eindringlicher Schaufenster erst in die 1890er Jahre zu datieren und mit der Entstehung der Warenhäuser zu verknüpfen. Im Gegenteil begann in Deutschland nach der allgemeinen Etablierung bereits in den 1870er Jahren eine Differenzierung der Schaufenster nach Größe, Anzahl und immer stärker nach der Dekoration. Sie entsprach nicht allein dem herrschenden Geschmack und Baustil, sondern war auch ein wichtiges Unterscheidungselement in einer gleichermaßen von Produktion und Distribution geprägten Wettbewerbsgesellschaft. Die deutschen Großstädte waren schon vor der Jahrhundertwende Stätten bürgerlichen Konsums geworden, und in den Schaufenstern lockten die Verheißungen einer Welt zunehmenden Wohlstands und allgemeinen Fortschritts.

Universalisierung und Differenzierung des Schaufensters in der Wettbewerbsgesellschaft (ca. 1870 bis 1900)

Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 war nicht allein eine politische Zäsur. Sie führte auch im Felde des Gewerberechts zu einer umfassenden Liberalisierung. Freizügigkeit und Gewerbefreiheit gab es in den meisten deutschen Ländern zwar schon zuvor, doch nun setzten sich diese Prinzipien endgültig durch. Die Verstädterung nahm zu, mündete in den qualitativen Prozess umfassender Urbanisierung. Die Zusammenballung großer Menschenmassen und hoher Kaufkraft ermöglichte dem Kleinhandel ein sich beschleunigendes Wachstum. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung wurde strikter, und schon während der 1873 einsetzenden Depression zeigte sich, dass eine wachsende Güterproduktion von liquidem Kapital, vor allem aber von gesichertem Absatz abhängig war. Absatz konnte jedoch nur durch ein leistungsfähiges Kleinhandelssystem gewährleistet werden, welches um die Käufer warb, welches etablierte und neue Waren an die Kunden verkaufte. Der Aufbruch in den Wettbewerb forderte vom Kleinhandel neue Lösungen nicht allein für die grundlegende Versorgungsaufgabe, sondern insbesondere für den Vertrieb der wachsenden Zahl bisher unbekannter gewerblich produzierter Produkte. Dazu bedurfte es einer Modernisierung des Betriebes, neuer Betriebsformen und einer veränderten Außendarstellung. Dem Kunden musste die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Ladens sinnenträchtig vor Augen geführt werden. [29]

Der Wettbewerb im Kleinhandel war nicht allein ein Wettbewerb der Waren, sondern auch ein Wettbewerb um das knappe Gut öffentlicher Aufmerksamkeit. Das Schaufenster nahm gerade angesichts der schnell wachsenden Bedeutung reiner Laufkundschaft einen zentralen Platz für eine erfolgreiche Arbeit vor allem im Gebrauchsgüterhandel ein. Und es war zugleich angemessenes Werbemedium einer Gesellschaft, in der die Präsentation von Warenqualität wichtiger war als die Qualität selbst. Um die Gesamtentwicklung angemessen beurteilen zu können, gilt es verschiedene, gleichwohl miteinander vernetzte Einzelentwicklungen voneinander zu scheiden:

Die Variationsbreite der Schaufensterwerbung nahm insgesamt zu. Neben die gediegene und warenzentrierte Werbung der Mehrzahl der Fachgeschäfte trat eine grelle, lärmende Reklame auch der Fassadenfronten. Das zeigt sich besonders am Beispiel der neuen Betriebsform der Bazare, die sich seit den späten 1860er Jahre aus den Magazinen entwickelten. Auch die Bazare bildeten anfangs prächtige, mit großem Prunk ausgestattete Geschäfte, doch verzichteten sie in der Regel auf eigene Güterproduktion. Sie waren durchweg mit ausladenden Schaufenstern versehen. Während der Depressionszeit entstand unter gleichem Namen jedoch auch eine Gruppe sogenannter Pfennigbazare (zumeist 50-Pfennig-Bazare), die geringerwertige Waren zu niedrigen fest umrissenen Preisen verkaufte und zugleich hohem Reklameaufwand betrieb. Der Begriff des „Bazars“ bekam dadurch einen negativen Grundton, der im seit den späten 1870er Jahren verwandten und vielfach antisemitisch grundierten Begriff der „Ramschbazare“ gespiegelt wurde. Diese in der Regel nicht allzu großen Läden nutzten Schaufenster und Gesamtfassade zu teils greller Anpreisung. Auch die ebenfalls in den 1860er Jahren aufkommenden Wanderlager sowie die Ende der 1870er Jahre entstandenen Abzahlungsbazare setzten auf eine vielfach als marktschreierisch gedeutete Reklame und provozierten damit schon früh Diskussionen über die kommerzielle „Verunstaltung“ der Innenstädte. [30]

Während sich die Bazare in der klassenspezifisch gegliederten Kleinhandelswelt des Kaiserreichs eher an Käufer aus der Mittel- und oberen Unterschicht wendeten, konzentrierten sich die aus den Magazinen entstehenden Kaufhäuser tendenziell auf die mittleren und oberen Klassen der Gesellschaft. Auch sie verzichteten zumeist auf eigene Güterproduktion, konzentrierten sich auf den Vertrieb von Waren. Doch schon aufgrund ihrer Größe besaßen sie meist eine nicht unbeträchtliche Nachfragemacht, die ihnen indirekten Einfluss auf die Lieferanten sicherte. Ihre Schaufenstergestaltung war zumeist gediegen, zurückhaltend und sachlich. Die Kaufhäuser waren jedoch zugleich Vorreiter einer allgemeinen Vergrößerung der Schaufensterflächen. Grundlage dafür boten zum einen Verbesserungen der Glasgusstechnik. Das Spiegelglas wurde glatter und durchsichtiger. Zugleich wurde es technisch möglich, größere Einzelscheiben zu produzieren. Wichtiger aber war, dass die Kaufhäuser schon in den 1870er und 1880er Jahren die neuen Möglichkeiten der Baustoffe Eisen und Stahl für eine immer prächtigere Schaufensterfront nutzten. [31] Nun entstanden rein funktionale Geschäftsbauten, die nur noch in Ausnahmefällen zu Wohnzwecken genutzt wurden. Citybildung und Schaufensterentwicklung waren eng miteinander verzahnt.

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Fassade des Geschäftshauses Rosipal in München 1884 (Zeitschrift für Baukunde 7, 1884, Bl. 9)

Die Abbildung zeigt eine 1884 neugestaltete Fassade des Münchener Kaufhauses Rosipal. Innerhalb des Geschäftes wurden rund um einen Lichthof auf drei Etagen Manufaktur-, Mode- und Schnittwaren verkauft, während sich die Verwaltung im dritten Stock befand. Dekorierte Schaufenster gab es in den ersten beiden Stockwerken, doch auch die großen Fenster im zweiten und dritten Stock dienten zu Werbezwecken.

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Obergeschosse des Berliner Kaufhauses Ascher & Münchow (1886/87) (Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 4, 1891, Tafel 27)

Das 1887 fertiggestellte Berliner Kaufhaus Ascher & Münchow zählte in den beiden Untergeschossen elf großformatige und aufwändig dekorierte Schaufenster. Dies allein genügte nicht, denn auch im zweiten Stock nutzte man insgesamt zwölf der schmaleren Fenster zur Präsentation damals moderner Einrichtungsgegenstände (die Abbildung zeigt davon nur vier). Die Fenster im dritten und vierten Stock wurden schließlich für Reklamebeschriftungen genutzt, um dadurch die Käufer in der Leipziger Straße schon von weitem auf das Angebot aufmerksam zu machen. Die Glasflächen der Kaufhäuser wuchsen schon in den 1880er Jahren bis an die Spitze der Geschäftsgebäude, folgten dabei auch der wachsenden Monumentalität damaliger Geschäftsstraßen und Prachtboulevards. Das Prinzip gläserner Fronten wurde dann in den späten 1890er Jahren von den neu entstehenden Warenhäusern auf die Spitze getrieben. [32] Von den Kaufhäusern unterschieden sie sich durch ihr breites Angebot vermeintlich nicht zusammengehöriger Waren. Ihre Architektur war durch neue Innenraumkonzepte, die konsequente Nutzung von Lichthöfen und eine stark auf vertikale Pfeilerkonstruktionen ausgerichtete Fassadengestaltung originell und innovativ, doch in der Gestaltung der Schaufensterpartien befanden sie sich sowohl in der Tradition deutscher Kaufhäuser als auch der wesentlich prächtigeren französischen Grands magasins. [33] Das 1897 von Alfred Messel (1853-1909) erbaute Warenhaus Wertheim und das 1899/1900 errichtete, ebenfalls in Berlins Leipziger Straße gelegene Warenhaus Hermann Tietz mit seinen zwei riesigen, jeweils 460 m2 umfassenden Schaufenstern, waren gewiss die bekanntesten Vertreter dieses Typus.

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Der Kaiser-Bazar als Schaufenster (Das Buch für Alle 27, 1892, 221)

Noch konsequenter allerdings war das um 1900 entstandene Mannheimer Warenhaus Kander: Stärker als bei seinen Berliner Vorbildern verzichtete man bei diesem Glaspalast auf eine schmückende Fassadengestaltung oder auch nur auf eine abrundende Dachkonstruktion. Die Eisen-Glas-Architektur hatte hier einen seltenen Höhepunkt erreicht, das Warenhaus erschien transparent, öffnete sich allseitig den neugierigen Blicken der Kundschaft. Ästhetische, architektonische und brandschutztechnische Erwägungen führten jedoch dazu, dass diese nur noch an Monumentalität zu überbietende Steigerung der Schaufensterfronten an einen Wendepunkt geriet. [34] In der Fabrikarchitektur wurde diese Bauweise allerdings – gemäß den Fabrikbauten von Steiff (Giengen, 1903) oder Fagus (Alfeld, 1911) – zum Vorreiter des Neuen Bauens.

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Das Warenhaus Kander in Mannheim 1900 (Kilian, 1994, 336)

Doch bevor wir auf die hieraus resultierenden Konsequenzen eingehen, müssen wir uns fragen, ob sich das Schaufenster auch abseits herausragender Einzelbetriebe universell durchsetzte. Im zweiten Teil wurde betont, dass in den 1860er Jahren im Gebrauchsgüterhandel auch mittlere und kleinere Betriebe Schaufenster neu einrichteten oder sich Verkaufslokale mieteten, die üblicherweise mit Glasfronten versehen waren. Auch im Handel mit Kolonialwaren und Delikatessen war dies nachweisbar. Doch es ist nicht möglich, diese Entwicklung präzise zu quantifizieren. Allerdings betonte der liberale Politiker und Genossenschafter Eugen Richter (1838-1906) schon 1867 eindringlich, dass Konsumgenossenschaftsläden eine ähnlich hochwertige Ausstattung wie konkurrierende Kolonialwarenläden haben sollten, um zugleich aber festzuschreiben: „Der Ausstellung von Waaren in den Schaufenstern zur Anlockung der Kunden enthalten sich dagegen alle Konsumvereine nach dem Muster der englischen Vereine grundsätzlich.“ [35] Auf Fotografien des letzten Jahrhunderts findet man seit den 1860er Jahren vielfach geschlossene Schaufensterfronten, die spätestens seit den 1880er Jahren stets auch die sesshaften Lebensmittelhändler umgriffen. [36] Lediglich die Konsumgenossenschaften grenzten sich zumindest bis zur Jahrhundertwende selbstbewusst aus, verfügten sie doch über einen festen Stamm eingetragener Mitglieder. [37]

Doch zugleich muss an ihr privatwirtschaftliches Pendant erinnert werden. Massenfilialbetriebe entstanden im Genuss- und Lebensmittelsektor vornehmlich seit den 1870er Jahren. Ihr Erfolgsrezept gründete nicht allein auf zentralem Einkauf und zentraler Verwaltung. Die Einzelfilialen besaßen vielmehr zunehmend einheitliche Außenfronten, deren Blickfang immer ein oder mehrere große Schaufenster bildeten. Zwar lag der eigentliche Aufschwung dieser neuen Betriebsform in den 1890er Jahren, doch entstanden die großen Ketten – Kaiser‘s Kaffeegeschäft verfügte 1900 schon über 667 Filialen – meist aus einfachen Kleinhandelsbetrieben. [38] Es scheint daher mehr als plausibel, dass das Wissen um die Werbekraft eines anziehenden Schaufensters auch im Kolonialwarenkleinhandel schon lange vor der Jahrhundertwende fest verankert war und allgemein praktiziert wurde.

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Filiale von Kaiser’s Kaffee-Geschäft 1904/05 (1880-1980. 100 Jahre Kaiser’s, hg. v. Kaiser’s Kaffee-Geschäft AG, Viersen 1980, s.p.)

Diese Universalisierung des Schaufensters zum zentralen Werbemittel des gesamten ladengebundenen Kleinhandels ging einher mit veränderten Präsentationsformen der Ware selbst. Schon in den Hamburger Schaufenstern wurde möglichst viel Ware gestapelt. Hiermit, so die allgemeine Überzeugung, könne die Leistungsfähigkeit des Geschäftes am besten dokumentiert werden. Doch massierte Warenpräsenz hatte nur begrenzte Lockkraft. Daher begann man spätestens seit den frühen 1870er Jahren damit, ungewöhnliche und spektakuläre Phantasiefenster einzurichten. [39]

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Phantasiefenster eines Fleischwarengeschäftes (Fliegende Blätter 115, 1901, Nr. 2927, 7)

Doch die Kritik an überladenen und ohne Sachbezug eingerichteten Schaufenstern ließ nicht lange auf sich warten, zumal in den Manufaktur-, Konditorei- oder Fleischwarenbranchen. Besonders die Dekoration toten Fleisches erregte Anstoß, auch wenn sie offenbar noch um die Jahrhundertwende weit verbreitet war [40].

Die schon in den 1870er Jahren offenbare Kritik deckte sich kaum mit dem in der bisherigen Forschung gezeichneten Bild der Schaufensterwerbung. [41] Der Übergang vom Phantasiefenster zu sachlichen Stapelfenstern wird gemeinhin mit den Elitendiskursen der Jahrhundertwende verbunden. Doch lange vor programmatischen Aussagen wie „Das neue Fenster will sachlich sein“ [42] war ein Großteil der Schaufenster schon „sachlich“ gestaltet. Städtische Schaufensterfronten wurden zum allgemeinen Präsentationsort moderner Waren. Die zunehmende Spezialisierung des Kleinhandels ließ die Schaufenster zugleich Ausdruck und Träger eines warenzentrierten Angebotes werden: „Beredter als Zeitungsannoncen ladet es zum Kauf ein, denn es zeigt die Waare selbst und erinnert dadurch den Kauflustigen nicht selten erst an Bedürfnisse, deren er ohne die Mahnung des Schaufensters nicht gedacht hatte“ [43].

Die städtischen Schaufenster präsentierten die Errungenschaften des technischen Fortschritts einfach und kaum verschnörkelt: „Durch riesengrosse Spiegelscheiben, […] fällt jetzt das Auge allenthalben auf bunteste Pracht und Fülle und ein Weg besonders durch die Hauptgeschäftsstrassen Berlins gleicht einem Spaziergang durch eine kleine internationale Ausstellung. Da giebt jeder Kaufmann mit grösstem Aufwand ein möglichst charakteristisches Bild seiner Branche und taucht es zum Ueberfluss noch in ein ganzes Meer hellfluthenden Lichtes.“ [44] Die Schaufensterdekoration wurde schon früh als kommerzielle Kunst verstanden, die der Unterhaltung einer wachsenden Zahl shoppender Käufer und Käuferinnen diente: „Die Perspective eine Ladens bei Abendbeleuchtung durch die Fenster betrachtet ist eins der herrlichsten Schauspiele, welches die große Stadt bietet, und wenn das Marmorlager, wo Werke der Sculptur aufgestellt sind, den höheren Kunstsinn noch starker anzieht und inniger erfreut, als die den Werken der Manufacturisten gewidmeten Verkaufshallen, so sind diese Werke doch der Mehrzahl nach, der Kunstsphäre nahe gehoben durch den Geist, welcher heutigen Tages auch im Handwerk sich regt, und die Betrachtung derselben ist folglich ein Genuß, der durch den Namen: Kunstgenuß nicht zu schmeichelhaft benannt ist.“ [45]

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Abendbeleuchtung vor einem Eingang des Kaufhauses Rudolph Hertzog (Der Bär 20, 1894, 441)

Vor diesem Hintergrund scheint es nicht nur angesichts mangelnder Detailforschung unangemessen, dem Kleinhandel vor der Jahrhundertwende Unmaß und mangelnden Kunstsinn zuzuschreiben. Symmetrisch aufgebaute Stapelfenster waren jedenfalls schon lange vor der Jahrhundertwende Gemeingut des Kleinhandels. Warenzentrierung war innerhalb der Schaufenster üblich und keine Ausnahme. Diese Entwicklung fand ihr Pendant in einer wachsenden Zahl von Waren, die im Schaufenster mit Preisauszeichnungen versehen wurden. Schon die Schaufenster der Magazine besaßen dadurch hohen Informationswert. [46] Diese Preistransparenz war aber nicht nur Ausdruck lauterer Geschäftspraxis. Vielmehr waren es gerade die neuen Betriebsformen des Pfennig-Bazars und des Wanderlagers, die geringe Preise seit den 1870er Jahren bewusst als Werbe- und Wettbewerbsmittel einsetzten. Sie schufen Preisdruck für die Konkurrenz, der in den 1890er Jahren durch Warenhäuser und Partiewarengeschäfte nochmals verstärkt wurde. Die Rechenhaftigkeit des Kunden wurde durch die immer häufigere Preisauszeichnung gerade in mittleren und kleineren Läden unterstützt: „Wenn wir in Berlin durch die Strassen gehen und vor einem Schaufenster eine ausserordentliche grosse Fülle sehen, so will ich darauf wetten, dass in dieser Auslage die Waaren mit Preisen versehen sind. Die Preisbezeichnung veranlasst eine Menge Leute, des Studiums halber stehen zu bleiben, auch solche, die im Augenblick gar nicht auf einem Kaufwege sind. Dieses Studium kostet dem Kaufmann nichts, aber es bringt ihm Vortheil; denn nachher heisst es zu Haus: ‚Da und da habe ich das und das zu dem Preise gesehen!‘ womit sich eine neue Kundschaft anbahnt. Um die misstrauischen und ängstlichen Käufer zu beruhigen, giebt es aber kein Mittel, als ihnen an allen Waaren, drinnen wie draussen, die lesbare Preisbezeichnung entgegenzuleuchten zu lassen. Das giebt auch demjenigen, der sich wegen Mangels an Sachkenntnis schwach fühlt, die angenehme Gewissheit, dass man ihm nicht mehr abnimmt, als den getriebenen Kunden.“ [47]

Die nachhaltigen Veränderungen der Dekoration der Schaufenster spiegelten sich aber auch im Entstehen eines neuen Berufszweiges – des teils noch semiprofessionellen Dekorateurs [48] – und einem immer bedeutenderen Angebot von Dekorationsmitteln. Gestelle, Ständer, Etageren, Attrappen, Borde, Spiegel, Plakate und vieles mehr wurde speziell für die Ausstattung von Schaufenstern gefertigt. Ein Lehrbuch listete 1895 allein 103 deutsche Firmen auf, die sich auf diese Produkte spezialisiert hatten. [49] Dazu kamen Anfang der 1890er Jahre mechanische Figuren, die jedoch ebenso wie der Automatenhandel nur geringe Bedeutung gewannen. [50] Auch die Verwendung mechanischer Klopfer, die an der Ladenfassade angebracht wurden, war eine Modeerscheinung, die sich nicht durchsetzen konnte. Wesentlich wichtiger waren dagegen Rollständer und Büstenfiguren, die eine lebensnahe Präsentation von Textilien ermöglichten. Wachspuppen kamen erst nach der Jahrhundertwende auf, hatten dann jedoch durchschlagenden Erfolg bei der Dekoration der größeren Geschäfte. [51] Alle diese Mittel halfen, die Schaufenster insgesamt attraktiver zu machen. Die hohen Kosten ließen die Unterschiede zwischen den Ladenfronten zugleich aber augenfälliger werden.

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Hilfsmittel zur Schaufensterdekoration (Kölner Local-Anzeiger 1904, Nr. 332 v. 1. Dezember, 6)

Auch wenn schon vor der Jahrhundertwende das Schaufenster in deutschen Groß- und Mittelstädten Allgemeingut war, so darf nicht vergessen werden, dass die Warenpräsentation technisch keineswegs ausgefeilt war. Für die Kleinhändler bedurfte es großer Anstrengungen, um den Kunden das Erlebnis eines gelungenen Schaufensterbummels zu ermöglichen. Die Glitzerwelt der Waren musste schließlich von der Straße aus betrachtet werden. Daher galt es Vorkehrungen zu treffen, um das Schaufenster bei allen Witterungsverhältnissen attraktiv zu machen.

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Wachstumsgewerbe Ladenbau (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 19, Beibl. 1, 1; ebd., Nr. 22/23, Beibl. 2, 2)

Augenfälligstes Hilfsmittel der meisten Läden war die Markise. Sie bestand in der Regel aus Leinwand und war meist mit Seitenblenden versehen. [52] Die Markise bot im Sommer Schutz vor Hitze, verringerte die Sonnenblendung und schützte zumindest vor leichtem Regen. Sie diente außerdem der Temperaturregulierung innerhalb des Ladens, denn gerade während des Sommers war Lüftung ein wichtiges Problem. Markisen nötigten zugleich dazu, nahe an das Geschäft heranzutreten, da sie den Blick von weitem beeinträchtigten. [53] Auch Rollläden behinderten insbesondere an Sonn- und Feiertagen den freien Blick auf Schaufenster und Waren. Doch die in Deutschland gebräuchlichen Holz-, später dann Stahlrollläden markierten zumeist mittlere und kleinere Geschäfte. Größere ließen dagegen ihre Schaufenster durchweg offen, da hochwertige Scheiben auch gegen Einbruch guten Schutz boten. Lediglich Kunsthändler und Juweliere griffen zu zusätzlichen beweglichen Gittern, so dass die Ware immerhin noch zu betrachten war. [54] Zu beachten ist allerdings, dass die Schaufenster bis zur Jahrhundertwende in den meisten Städten während der Hauptgottesdienstzeiten verhängt bzw. verschlossen werden mussten. Lokal blieben entsprechende Regelungen teilweise bis zum Ende des Kaiserreiches bestehen. [55]

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Eisverhangene Schaufenster selbst im Frühling (Fliegende Blätter 88, 1888, Beibl., 5)

Ein besonderes Problem bildeten außerdem Hitze und Kälte. Die Schaufenster bestanden in der Regel aus festen, schwer zu lüftenden Holzkästen. Kleine Lüftungslöcher halfen da wenig. Regelmäßig entstand Schwitzwasser, so dass ohne Gegenmaßnahmen die Fenster im Sommer beschlagen, im Winter dagegen gefroren waren. Im Laufe der Jahrzehnte wurden immer neue Hilfsmittel ersonnen, doch keines hatte einen nachhaltigen Effekt. Da offene Gasflammen im Fensterkasten eine hohe Brandgefahr bargen, wurden die Glasscheiben in der Regel alle paar Tage mit Glyzerin oder starken Chemikalien bestrichen. Trotzdem aber stand der Kunde häufig vor Schaufenstern, die nur teilweise einzusehen waren. [56]

Ein weiteres Naturhindernis bildete die Dunkelheit. Schaufenster mussten beleuchtet werden, um auch abends zu gefallen. Aufgrund der bis in die 1890er Jahre kaum beschränkten Ladenöffnungszeiten wurden viele Schaufenster anfangs von innen mit Kerzen und Petroleumleuchten, später dann mit Gasbrennern beleuchtet. Brandgefahr bestand stets, außerdem ließ das offene Feuer die Scheiben beschlagen. Gerade leistungsfähigere Geschäfte setzten daher schon frühzeitig auf die Außenbeleuchtung der Schaufenster. Dadurch konnten die Schaufenster jedoch schlechter ausgeleuchtet werden, außerdem blendeten die Lichter häufig. Gas- und Petroleumlicht schien gelblich, so dass sich die Farben der ausgestellten Waren grundlegend änderten. Seit den späten 1880er Jahren kamen dann elektrische Bogenlampen auf, in den späten 1890er Jahren auch das Gasglühlicht. Beide leuchteten weiß, doch verliehen sie den Waren einen kreidigen Charakter. Schon aus diesem Grunde waren kräftige Farben notwendig, erschien die Farbgestaltung der Schaufenster teilweise unnatürlich. [57] So bedeutsam die mit dem Schaufenster verbundenen Innovationen waren, so muss das Einkaufserlebnis der damaligen Zeit doch auch unter diesen Aspekten betrachtet werden, um nicht voreilig Vorstellungen unserer Zeit in die Vergangenheit zu projizieren. Kommerzielle Traumwelten stießen auch damals immer an die Grenzen natürlicher Gegebenheiten.

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Das Warenhaus Hermann Tietz (Berlin, Leipziger Straße) in nächtlichem Glanz (Die Woche 12, 1910, 373)

Diese Einschränkungen sind wichtig, um nicht der Apologie der urbanen Konsumgesellschaft zu verfallen. Die gläsernen Schaufenster zogen gewiss immer größere Kreise der Bevölkerung in ihren Bann. Doch trotz der steigenden Realeinkünfte waren die Barrieren von Klasse und Einkommen weniger durchlässig als die transparenten Scheiben der Läden.

Schaufenster und Läden als kommerzielle Ensembles (seit ca. 1900)

Die Entwicklung des Schaufensters war um die Jahrhundertwende an einer quantitativen Grenze angelangt. Neue Impulse, wie sie seit der Reichsgründung stets von neuen Betriebsformen des Kleinhandels erfolgt waren, blieben aus. Gewiss, spätestens seit den 1890er Jahren verbreiteten sich Schaufenster nicht nur in Mittelstädten, sondern waren auch immer häufiger in Kleinstädten anzutreffen. [58] Auch die kleineren Geschäfte der urbanen Außenbezirke glaubten nicht mehr auf gläserne Fronten verzichten zu können. Dennoch schritt die Entwicklung des Schaufensters weiter voran. Denn die Universalisierung des Schaufensters in den deutschen Großstädten um die Jahrhundertwende bewirkte einen qualitativen Sprung: Die Prinzipien der Schaufenstergestaltung griffen seither über in den Verkaufsraum, die „Schaufenster-Qualität der Dinge“ [59] erfüllte den gesamten Laden, prägte Ausstattung und Personal.

Den Hintergrund dieses Umschwungs bildete ein generelles qualitatives Wachstum des deutschen Kleinhandels, das spätestens zu Beginn der 1890er Jahre bestimmend wurde. Der intensivierte Wettbewerb führte zu geringeren Handelsspannen, steigerte zugleich aber die allgemeinen Kosten des Geschäftes. Daran hatte das Schaufenster einen wichtigen Anteil: „Enorme Summen verschlingt das moderne Schaufenster. Man macht sich im allgemeinen gar keine Vorstellung davon, wieviel verschiedene Dinge, von der riesigen Spiegelscheibe bis hin zu den kaum beachteten Warenständern benötigt werden, und wieviel Hände sich regen müssen, damit ein leidliches Schaufenster zustande kommt. Bloß die Einrichtung eines solchen kommt durchschnittlich für kleinere Maßstäbe von 150 Mk. bis auf 200 Mk. und für größere auf 1000 Mk., ja mehr zu stehen. Dazu kommen die Löhne für die Arrangeure.“ [60]

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Markenartikelwerbung als Alternative zur Eigendekoration (Über Land und Meer 103, 1910, 96)

Da schon zu Beginn der 1890er Jahre die Schaufensterdekoration auch in mittleren Geschäften durchschnittlich alle zwei Wochen neu gestaltet wurde [61], erhöhten sich die Fixkosten. Umsatzsteigerungen wurden betriebswirtschaftlich notwendig, um diese Kosten degressiv gestalten zu können. Parallel erhöhten sich die fachlichen Anforderungen an die Schaufenstergestaltung. Moden traten an die Stelle von Jahreszeiten und die Dekorationswarenindustrie bot immer neue, stets aber kostspielige Produkte an. Markenartikelanbieter nutzten dies, machten sich dadurch zumal bei Drogerieartikeln und Lebensmitteln unentbehrlich. Größere Betriebe konnten für die Dekoration eigenes Personal einstellen, der Dekorateur trat hier an die Stelle des dekorierenden Kleinhändlers bzw. Handlungsgehilfen. Lehrbücher und die Fachpresse des Kleinhandels boten zugleich einen immer größeren Wissensfundus, um Schaufenster ansprechend und im Einklang mit dem herrschenden Geschmack zu gestalten. [62] Doch diese Aufgaben ließen sich nicht einfach beschränken. Der Kunde sollte ja nicht allein zum Geschäft gelockt werden, um dort die gefällige Auslage zu betrachten. Er sollte den Laden betreten und dort kaufen. Dazu aber musste ihm mit fortschreitender Dekorationstechnik auch im Inneren des Geschäftes ein Ambiente geboten werden, welches gegenüber dem des Schaufensters zumindest nicht abfiel. Das Äußere des Ladens wurde zum Modell für die Neugestaltung des Inneren. Grundlage hierfür waren abermals neue Bautechniken. Die Kaufhäuser besaßen zwar schon frühzeitig große Verkaufsflächen; Rudolph Hertzog offerierte 1878 schon auf 3.710 m2 und das Berliner Kaufhaus Heinrich Jordan brachte es 1893 auf stolze 8.000 m2. [63] Doch erst die Verwendung von Stahlbeton ermöglichte den Bau weiter Verkaufshallen.

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Heizanlage inmitten des Ladens der Bremer Firma Oehlckers & Rabe (Der Manufacturist 24, 1901, s.p.)

Zwischenwände konnten nun beseitigt, die Zahl der Pfeiler wesentlich verringert werden. Bildeten bisher Laden- und Kassiertisch, Stellagen und Regale die Hauptmöbel auch größerer Geschäfte, so kamen nun große Verkaufs- und Präsentationstische auf, die inmitten der Räume platziert wurden. Parallel ersetzten Zentralheizungen die Öfen im Laden, wurden große Treppenhäuser, Galerien und Balkons gebaut. So konnte nicht nur die Ware von Ferne betrachtet werden, sondern auch der Kauf der Anderen geriet ins Blickfeld. [64] Für den Innenraum und die Warendarbietung stellten sich dadurch völlig neue Aufgaben, die in Rückgriff auf die bewährte Schaufenstergestaltung gelöst wurden. Bei den Warenhäusern war dieser Prozess offenkundig. [65] Doch auch und gerade mittlere und größere Kaufhäuser folgten diesem Trend und hoben damit die Schaufensterwerbung auf eine neue, umfassendere Ebene.

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Verkaufsräume der Berliner Firma H. Esders & Dyckhoff 1901 (Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 23, 9)

Die Verkaufsräume der Berliner Firma Esders & Dyckhoff waren nicht nur deutlich größer und besser beleuchtet als frühere Läden. Sie enthielten auch neue Möbel, Verkaufsschränke, teils mit Glas versehen, die mitten im Raume standen. Das Regalprinzip war für größere Raume allein ungeeignet und Schautische boten nur wenigen Waren Platz. Der Laden wurde daher neu möbliert, mit Spiegeln bekränzt, dem Kunden die Ware sichtbar gemacht. Selbstbedienung aber gab es nicht. Analog zum Schaufenster konnte man die Ware zwar betrachten, doch durfte man sie nicht ohne Beisein eines Verkäufers, einer Verkäuferin berühren.

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Verkaufsräume der Berliner Firma Kersten & Tuteur 1914 (Berliner Architekturwelt 16, 1914, 148)

Auch das stetig wachsende Sortiment industriell hergestellter Produkte begünstigte die Warenpräsentation innerhalb des Ladens. Die Ausstellung neuer Hüte und Blusen in den Verkaufsräumen der Berliner Firma Kersten & Tuteur verwies nicht nur durch die Präsenz von Warenständern und Büsten auf die direkte Nähe zur Schaufensterwerbung. Schautische und Glasauslagen erlaubten vielmehr ein Art Schaufensterbummel im Laden.

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Verkaufsräume der Hallenser Firma H.C. Weddy-Pönicke 1901 (Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 25, 13)

Umfassendere Möglichkeiten der neuen Innendekoration zeigt eine Bettenpräsentation des Kaufhauses Weddy-Pönicke. Die dekorierte Ware konnte nicht nur besehen werden, sondern gewann ihre spätere räumliche Qualität zurück, wurde begehbar, erfahrbar. Wunschwelten konnten nun abseits des engen Gevierts des Schaufensters aufgebaut, deren „Natürlichkeit“ somit erhöht werden.

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Innenansicht der Kölner Firma A. Böheimer (Der Manufacturist 24, 1901, s.p.)

Diese Entwicklung der Innendekoration wurde durch Verbesserungen der Lichttechnik unterstützt. Nicht mehr Petroleumleuchten oder einfaches Gaslicht wurden verwandt, sondern die hellen elektrischen Bogenlichter, vorrangig aber das neue Gasglühlicht. Der Laden konnte so gänzlich ausgeleuchtet werden, Waren und Dekoration dadurch ihre Pracht entfalten. Zugleich verschwanden die großen Öfen aus vielen Läden. Sie wurden durch Zentralheizungen ersetzt. Damit wurde weiterer Präsentationsraum gewonnen, das Verkaufsambiente angenehmer gestaltet. Weiterhin störend waren die bautechnisch notwendigen Pfeiler, doch bei Neubauten traten an die Stelle gemauerter Stützpfeiler mehr und mehr gusseiserne Säulen oder eiserne Träger, durch die auch mittlere Geschäfte größere Freiräume gewannen. [66] Die geschmackvolle Inneneinrichtung wurde mit Farbe abgerundet. Manche Ladenbesitzer stimmten Decken, Wände und getöntes Glas farblich aufeinander ab, ließen sie teils mit einfachen Mitteln ausmalen. Der Jugendstil drang gerade in gehobenen Gebrauchsgüterläden vor. [67] Der Laden entwickelte sich nach der Jahrhundertwende zumindest im Gebrauchsgüterhandel zu einer für den Zweck des Verkaufs gestalteten Kunstwelt. Auch wenn die Mehrzahl der kleinen Läden den bedeutenden Vorbildern gerade der Warenhäuser nicht das Wasser reichen konnte, so muss man doch auch deren Veränderungen – die auf niedrigerem Niveau auch den Lebensmittelkleinhandel prägten – in ihrer Gesamtheit würdigen. Analog zum Schaufenster wurde der Laden wurde immer mehr zum reflexiv-kalkulierten Mittel des Absatzes und glich sich diesem dekorativ an.

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Innere Glasfronten des Berliner Spezialgeschäftes Kopp & Joseph (Der Welt-Spiegel 1910, Nr. 101 v. 18. Dezember, 8)

Erst dadurch wurde der urbane Schaufensterbummel zum eigentlichen Einkaufserlebnis. Bewusst wurden dabei Klassengrenzen durchbrochen, um so auch Kundenkreise anzusprechen, für die die dargebotenen Waren meist unerschwinglich waren. Neue kommerzielle Sinnhorizonte entstanden, der nun rasch um sich greifende Ladendiebstahl spiegelte dies. [68] Eine „Demokratisierung des Konsums“ war mit diesen Laden allerdings kaum verbunden, denn die Möglichkeit des Kaufs höherwertiger Gebrauchsgegenstande war für die Mehrheit der Bevölkerung trotz steigender Reallöhne, trotz Abzahlungsgeschäften und Teilzahlung nur ansatzweise gegeben. Gleichwohl bildete sich insbesondere im gehobenen Mittelstand eine neue urbane Konsumkultur aus, in der die Schaufenster gewiss noch lockten, in der jedoch der seinem Vorbild gemäß gestaltete Verkaufsraum das Ziel bildete: „Was hat ein trüber unausstehlicher Wintertag in den lichterfüllten Geschäftsstraßen der Großstadt mit den lockenden Auslagen, den tausend schönen und kostbaren Dingen noch für Schrecken? Ein Hagelschauer, nasse Füße? Man tritt in den erstbesten Laden, wohlige Wärme, helles unaufdringliches Licht, angenehme Eindrücke überall! Man fühlt sich als Besitzer weicher Teppiche, prächtiger Spiegel, schöner und komfortabler Möbel, man weiß, die geschmackvolle Anordnung der Waren ist lediglich für den Käufer da. Alle vorhandenen Annehmlichkeiten stehen zu seiner unbeschränkten Verfügung. Warum soll man da nicht eine Kleinigkeit kaufen? Man braucht vielleicht nichts. Aber was soll man schon an solchem Tage daheim, wo es nicht halb so hübsch und modern ist, wo es nichts Neues mehr zu sehen gibt; was tut man bei dem unfreundlichen Wetter auf der Straße?“ [69]

Die Ausbreitung des Schaufensterprinzips in das Innere des Ladens ermöglichte zugleich, die Front des Ladens unter stärker qualitativen Aspekten zu sehen. Dadurch begann ein Prozess wechselseitiger Abstimmung, der die Einheitlichkeit der Werbung einzelner Geschäfte wesentlich vorantrieb – neudeutsch würde man vom Corporate Design sprechen. Die Zeit der Glaspaläste endete, an ihre Stelle traten Geschäfte mit kleineren Schaufensterfronten. Mehrere Warenhausbrände verdeutlichten die geringe Hitzestabilität reiner Stahl-Eisen-Konstruktionen, so dass nun die vertikalen Pfeiler fast durchgehend mit Stein verblendet wurden. Die Zahl zwei-, insbesondere aber dreigeschossiger Schaufensteranlagen sank rasch, da derart hoch gelegene Fenster kaum beachtet wurden. [70]

Neue Möglichkeiten eröffneten sich seit der Jahrhundertwende aber auch durch die Verwendung stark gebogener Spiegelscheiben. Dadurch konnte der Weg von der Straße hinein in den Laden durch Schaufenster umrahmt werden, wobei gerade gehobene Fachgeschäfte diese Möglichkeit nutzten. [71] Zugleich aber passten sich die Schaufenster stärker den ausgestellten Waren an: „Die Art der Ware wird entscheiden, ob ein großdimensioniertes Schaufenster passend sei oder ein kleiner Ausschnitt genügt. Die Schaufenstergestaltung erfordert beim Modenhaus andere Ueberlegung bei der Warenauslage als beim Juwelierladen, wo der Wert des Stückes in der Einzigkeit besteht. Und indem man der Theorie von der bildlichen Einheit der Warenauslage zuneigte, kam man auf die Idee der Konzentration, der Isolation, der Rahmenbildung für das Schaufensterstilleben. Die Fassung des Fensters wurde zugleich die Fassung der Ware.“ [72]

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Zurückgenommene Schaufensterzeile beim Seidenhaus Maassen 1912 (Berliner Leben 16, 1913, Nr. 2, III)

Auch die Verwendung des Lichtes erlaubte neue Formen der Schaufensterwerbung. Die gleißenden Fassaden der großen Häuser führten zu vermehrter Kritik am „Helligkeitswahn“. Diesem galt es mit schwächerer, aber gezielter eingesetzter Beleuchtung zu begegnen. [73] Die Außenbeleuchtung wurde immer mehr von einer indirekten Innenbeleuchtung abgelöst. Hinter Blindglas angebracht verursachten die elektrischen Bogenlampen kaum noch Schwitzwasser, tauchten die Waren zugleich aber in einen „mystischen Zauber“ [74].

Schließlich änderte sich die Stellung der Ware innerhalb der Dekoration. Die herausragende Rolle der Einzelware, die massierte Warenstapel noch verstärken sollten, schwand angesichts eines Verkaufsambientes, das generell zum Kauf animieren wollte und nur den Rahmen für den Kauf des Einzelproduktes abgab. Während beachtliche Teile der Unterschichten an Mangelernährung litten und der Lebensstandard der großen Mehrzahl der Konsumenten durch Lebensmittelteuerungen immer wieder beeinträchtigt wurde, setzte sich in den Auslagen der großen Geschäfte die Abstraktionskraft der Reklame immer stärker durch: „Die heutige Auslage ist Reklame geworden, Reklame so sehr, daß viele Geschäfte darauf verzichten, verkäufliche Ware zu zeigen.“ [75] Das Schaufenster hatte in diesem Rahmen nur noch appellativen Charakter, war Teil einer größeren Werbemaschinerie geworden.

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Blusen in der sie adelnden Abteilung des Seidenhauses Maassen (Berliner Leben 16, 1903, Nr. 2, III)

Am Ende unseres Rückblicks steht daher nicht mehr die einzelne Ware, deren Lockkraft das Schaufenster einst einen visuellen Rahmen bot. Am Ende steht der kommerzielle Kult um die Ware selbst. Die großen Geschäfte mutierten zu Kathedralen des Konsums, die Dekorateure zu Priestern des neuen Mysteriums und die Auslagen waren ihre Altäre: „Dem Kaufmann, der seine Ware verkaufen will, kann es nicht gleichgültig sein, ob der defilierende Menschenstrom sich nur an der Atmosphäre von Glanz und Licht berauscht. Er will ihn fesseln, locken, in Hemmung versetzen; die Ware soll für ihn Bedeutung gewinnen, soll sich durchsetzen, den ganzen berauschenden Glanz vergessen machen und allein sein mit Jedermann. So allein, dass die magische Suggestion ihre Faden spinnt und der Gebannte nicht loskommt von dem Gedanken: Dich muß ich besitzen. Aber dies Mysterium der Vermählung des Käufers mit der Ware verlangt Konzentration. Es müssen alle Mittel spielen, um die Ware zu isolieren. Vor allem braucht das Fenster einen Rahmen. Endell, der größte Magier unter den Schaufensterkünstlern Berlins, hat dies Erfordernis am besten begriffen. Wo er die Möglichkeit hatte, die Fassaden seiner Läden zu gestalten, hat er breite Pfeilerflächen zwischen die Fenster gelegt und den Einbau des Fensters selbst mit so kostbarer Fassung geschmückt, daß wir die Empfindung eines Wunders haben, schon ehe wir an die Scheiben herantreten. Endell war es auch, der der Beleuchtung ihre beste Lösung gab. In der Beseitigung der äußeren Bogenlampen, die blenden statt zu bestrahlen, hatten ihm andere vorgegriffen. Die verdeckte Beleuchtung, die dem Beschauer die Lichtquelle verbirgt, um die Ware um so heller hervortreten zu lassen, war als Vermächtnis der Bühne schon in die Auslagen eingetreten. In Endells Händen aber gewann das Licht erst seinen mystischen Zauber. Mit funkelnden Flächen tieffarbiger Gläser verschloss es die Beleuchtungskasten gegen die Straße, aus denen das Licht von oben über die Ware herabrieselt. Warenzeichen gleißen, zu magischen Zeichen gewandelt, mit heißen Zügen daraus hervor. Das Ganze atmet jene Stimmung, die das Kind vor dem Vorhange empfindet, der ihm zum ersten Male die Welt der Träume erschließen soll. Was in diesem Zauberschrein dargeboten wird, ist allemal etwas Kostbares, und wären es nur Stiefel aus schwarzem Leder.“ [76]

Zur Stellung von Schaufenstern und Schaufensterwerbung im 19. Jahrhundert

Die empirische Analyse der Entwicklung von Schaufenstern und Schaufensterwerbung im 19. Jahrhundert scheint zwar eindeutig, doch ist sie je nach Perspektive unterschiedlich zu deuten. Schaufenster und Schaufensterwerbung sind in der Tat Hilfsmittel allgemeinerer Fragen: Denken wir an die kulturkritische Variante, die kritisch wendet, was eben im Zitat noch positiv klang: Erhaben stand der moderne Konsument dann vor der leistungsfähigen Schau der scheinbar nur für ihn produzierten Guter. Waren wurden göttergleich, schufen erst im Rahmen der Schaufenster, dann im Rahmen des Ladens, schließlich als symbolische Lebensbegleiter ein neues Mysterium allgegenwärtigen transzendenten Wirkens. Die Rationalität moderner Warenpräsentation kreierte demnach das irrational Rationale des modernen Konsums. Die Entzauberung der Welt fand ihr paradoxes Pendant in allgemeiner Verzauberung durch die Schaufenster, Läden und Waren.

Doch Werbung und Konsum als Ersatzreligion einer kapitalistischen Gesellschaft werden der lustvollen Seite von Kauf und Kaufen, von Schauen und Entdecken sicher nicht gerecht. In der Entwicklung des Schaufensters zeigte sich aber nicht nur Entfremdung, sondern auch das Bemühen einer Vielzahl von Menschen, die Naturkräfte zu beherrschen und in einem kleinen gläsernen Geviert eine eigene, eine menschliche Kunstwelt zu schaffen. Konsum, gar Massenkonsum war im 19. Jahrhundert vielfach auch Ausdruck der Fortschrittsfähigkeit des Menschen. Das Kaufen, Besitznehmen und Einverleiben bestätigte ihn als Herren der Welt, zumal auch der kolonalisierten. Im Schaufenster sahen selbst der Mann, die Frau mit geringem Einkommen, dass die Welt ihm doch zu Füßen liegen konnte. Das hierauf gründende Selbstbewusstsein ist uns heute abhanden gekommen, war jedoch Teil der Faszination des Schaufensters im langen 19. Jahrhundert.

Vielleicht aber sollten wir auch der Leistung der Kleinhändler gedenken, die in der historischen Forschung so häufig übergangen werden. Sie waren es schließlich, die mit viel Energie und Liebe zum Detail kommerzielle Traumwelten schufen und damit wichtige Elemente der modernen Stadt prägten. Durch eine einfache, durchsichtige Scheibe trennten sie Käufer und Ware, schufen so Ungewissheit, versahen die Produkte mit einem unbestimmten Geheimnis. Ob sie aber über sich, über ihre Repräsentationskraft Rechenschaft gegeben haben?

Wir könnten weitere Rollen einnehmen: Historiker sind vielleicht überrascht von der neuartigen Periodisierung in dieser Arbeit. Stimmt sie, dürfte eine große Zahl bisheriger Forschungen falsch fokussiert worden sein. Nicht am Ende, sondern in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es demgemäß entscheidende Veränderungen von Kleinhandel, Schaufensterwerbung und Konsum. Damit wird das weithin akzeptierte Bild einer erst in den 1890er Jahren entstehenden Konsumgesellschaft fraglich, denn in deutschen Städten setzte sich zumindest ein bürgerlicher Konsumstil schon wesentlich früher durch. Auch die vielfach kolportierte Vorstellung einer neuen visuellen Kultur der Jahrhundertwende wäre zumindest falsch datiert. Vermehrt müsste dann nach den Trägern dieser Veränderungen gefragt werden – unabhängig davon, ob es sich um Produzenten, Händler oder Konsumenten oder aber um Läden, Schaufenster oder Produkte handelt. Menschen und Dinge gehören trotz Eigenleben zusammen. Vielleicht geriete schließlich auch das einseitig von der Produktion beherrschte Bild der „Industrialisierung“ in den Blick, nicht zuletzt um so den Städten als Handels- und Konsumzentren gerecht zu werden. Und auch für die Verortung des Deutschen Reiches als europäische Wirtschaftsmacht ergäben sich möglicherweise überraschende Perspektiven. Viele denkbare Folgerungen, die Sie weiterspinnen, denen Sie gewiss noch weitere hinzufügen können.

Uwe Spiekermann, 25. September 2022

Anmerkungen, Literatur und Quellen

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und mit weiteren Abbildungen versehene Fassung des in englischer Sprache erschienenen Artikels Display Windows and Window Displays in German Cities of the Nineteenth Century: Towards the History of a Commercial Breakthrough, in: Clemens Wischermann und Elliott Shore (Hg.), Advertising and the European City. Historical Perspectives, Aldershot et al. 2000, 139-171.

[1] Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags. Werbung in der Konsumgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1995; David Ciarlo, Advertising Empire. Race and Visual Culture in Imperial Germany, Cambridge und London 2011; Pamela E. Swett (Hg.), Selling under the Swastika. Advertising and Commercial Culture in Nazi Germany, Stanford 2014; Alexander Schug, Braune Verführer. Wie sich die deutsche Werbebranche den Nationalsozialisten andiente, Berlin 2015.
[2] Dirk Reinhardt, Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland, Berlin 1993; Hannes Siegrist, Hartmut Kaelble und Jürgen Kocka (Hg.), Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums (18.-20. Jahrhundert), Frankfurt a.M. und New York, 1997; Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999; Heinz-Gerhard Haupt und Claudius Torp (Hg.), Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990, Frankfurt/Main und New York 2009; Gudrun M. König, Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900, Wien, Köln und Weimar 2009; Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann (Hg.), Decoding Modern Consumer Societes, New York 2012; Frank Trentmann, Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute, München 2017; Christian Kleinschmidt und Jan Logemann (Hg.), Konsum im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 2021.
[3] Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Berlin 1995.
[4] Dieses und das voranstehende Zitat aus Hans-Walter Schmidt, Schaufenster des Ostens. Anmerkungen zur Konsumkultur der DDR, Deutschland-Archiv 27, 1994, 364-372, hier 364.
[5] Dieser fehlt bei Schaufenster. Die Kulturgeschichte eines Massenmediums, hg. v. Württembergischen Kunstverein, Stuttgart 1974 bzw. Heidrun Großjohann, Die Karriere des stummen Spektakels. Zur Geschichte des Schaufensters, in: Christel Köhle-Hezinger und Gabriele Mentges (Hg.), Der neuen Welt ein neuer Rock, Stuttgart 1993, 252-256.
[6] Vgl. hierzu Johann Georg Krünitz, Kauf-Laden, in: Ders., Oekonomisch-technologische Encyklopädie, Bd. 36, Berlin 1786, 482-486; Margot Aschenbrenner, Buden und Läden, Biberach/Riss 1951; Gerhard Kaufmann, Alte Läden, in: Max Galli (Hg.), Vom Charme der alten Warenwelt, Dortmund 1992, 115-153.
[7] Vgl. Heinrich Sasse, Das bremische Krameramt, Bremisches Jahrbuch 33, 1931, 108-157, hier 135, Anm. 1. Zur Gesamtentwicklung vgl. H.W. Bahn, Studienbeitrag zur Entwicklungsgeschichte des Schaufensters in Deutschland, Ing. Diss. Braunschweig 1923 (Ms.).
[8] Vgl. Bahn, 1923, s.p.; Hermann Weidemann, Skizze zur Geschichte des Glases, Prometheus 24, 1913, 340-342, 358-361, 378-381, 394-395, hier 341.
[9] Vgl. [Josef Kirchner], Münchener Kaufläden von einst und jetzt, Münchener Rundschau 4, 1907, 1-5, hier 1. Die Malerische Topographie des Königreichs Bayern, München 1830, enthält allerdings schon mehrere Zeichnungen von Münchener Läden mit Schaufenstern.
[10] Vgl. Boris Röhrl, Ladenbeschriftungen des 19. Jahrhunderts. Versuch einer Systematisierung, Volkskunst 13, 1990, H. 3, 39-43.
[11] Umfassende Belege hierfür enthält Spiekermann, 1999.
[12] Vgl. demgegenüber Ulrich Lange, Krämer, Höker und Hausierer. Die Anfänge des Massenkonsums in Schleswig-Holstein, in: Werner Paravicini (Hg.), Mare Balticum, Sigmaringen 1992, 315-327 sowie (trotz anderer Fragestellung) Heidrun Homburg, Heidrun, Werbung – „eine Kunst, die gelernt sein will“. Aufbrüche in eine neue Warenwelt 1750-1850, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1997/I, 11-52.
[13] Reinhardt, 1993, 271 betonte: „Bis zu den 1890er Jahren blieben die modernen, großflächigen Schaufenster jedoch vereinzelte Farbtupfer in den deutschen Städten“, während er an anderer Stelle (Dirk Reinhardt, Vom Intelligenzblatt zum Satellitenfernsehen. Stufen der Werbung als Stufen der Gesellschaft, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 44-63, hier 46) schrieb: „Die Gründerzeit hatte bereits in den 1870er Jahren durch die beginnende Umwandlung der Geschäftsfronten für eine Wandlung des großstädtischen Straßenbildes gesorgt.“ Zu beachten ist, dass diese Periodisierung nur dann sinnvoll ist, wenn das Warenhaus sehr eng als „eine großbetriebliche, kapitalistische Unternehmung für den Kleinhandel mit Waren verschiedenster, innerlich nicht zusammenhängender Art in einheitlichen Verkaufsraumen/-häusern“ definiert wird (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland. Mittelstandsbewegung, Kapitalismus und Rechtsstaat im spaten Kaiserreich, Frankfurt a.M. et al. 1994, 29). Eine allgemeiner gehaltene Definition – etwa analog zu den französischen Grands magasins – hätte dagegen zur Folge, dass die deutsche Warenhausgeschichte schon während der Frühindustrialisierung einsetzen würde.
[14] Wilfried Reininghaus, Rez. v. Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 83, 1996, 239-240, hier 239.
[15] Zahlen nach C[arl] F[riedrich] W[ilhelm] Dieterici, Statistische Uebersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs und Verbrauchs im Preußischen Staate und im deutschen Zollvereine in dem Zeitraume von 1837 bis 1839, Berlin, Posen und Bromberg 1842, 399-400; Tabellen und amtliche Nachrichten über den Preussischen Staat für Jahr 1858, hg. v.d. statistischen Bureau zu Berlin, Berlin, 1860, S. 322-323.
[16] Zahlen nach H[ans] Grandtke, Die Entstehung der Berliner Wäsche-Industrie im 19. Jahrhundert, Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich NF 20, 1896, 587-607, hier 596.
[17] Eigene Auswertung von Hamburgisches Adress-Buch auf das Jahr 1800, Hamburg o.J.; Hamburgisches Adreßbuch für das Jahr 1822, Hamburg o.J.
[18] Polizey-Bekanntmachung, die bequemere Passage der Stra6en betreffend v. 15.05.1830, in: J[ohann] M[artin] Lappenberg (Hg.), Sammlung der Verordnungen der freyen Hanse-Stadt Hamburg seit 1814, Bd. 11, Hamburg 1832, 170-171, hier 170.
[19] Melhop, 1925, 326. Darin auch eine Reihe weiterer Abbildungen sowie Fotographien aus den 1870er Jahren.
[20] Allerdings war in Hamburg eine einfache, vergleichsweise sachliche Ausgestaltung der Schaufenster allgemein üblich, vgl. Robert Geissler, Hamburg. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen, Leipzig 1861, v.a. 53.
[21] Das Gerson’sche Modewaaren-Lager zu Berlin, Werderscher Markt No. 5, Zeitschrift für Bauwesen 1, 1851, Sp. 131-137; Gustav Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert. Halle/S. 1870, 646.
[22] Entsprechend betonte Elisabeth v. Stephani-Hahn, Schaufenster-Kunst, 3. verb. Aufl., Berlin 1926, 9-10, dass die ersten spezialisierten Schaufensterdekorateure schon Mitte des 19. Jahrhunderts antraten.
[23] Springer, 1861, S. 330, 332-333.
[24] Stock, Ueber Schaufenster-Anlagen, Zeitschrift für Praktische Baukunst 24, 1864, Sp. 9-20, hier 9.
[25] Ueber Kaufläden, Zeitschrift für Bauhandwerker 7, 1863, 132-136, Bl. 17, hier 133.
[26] Vgl. Geschäftshaus in Berlin, Unter den Linden Nr. 13, für den Kaufmann Kohn, Zeitschrift für praktische Baukunde 31, 1871, Sp. 151-152, Taf. 17-20.
[27] Weidemann, 1913, 341. In London wurden dagegen nur 2.000, in Paris 1.500 und in Wien 1.000 entsprechende Schaufenster gezählt.
[28] Das belegen nicht zuletzt vielfaltige Karikaturen, etwa Fliegende Blatter 37, 1862, 40.
[29] Vgl. Bischoff et al., Das Manufakturwaarengeschäft. Fabrikation und Vertrieb, 2. wohlfeile Ausgabe, Leipzig 1869, 479.
[30] Vgl. allgemein Uwe Spiekermann, Elitenkampf um die Werbung. Staat, Heimatschutz und Reklameindustrie im frühen 20. Jahrhundert, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 126-149, v.a. 127-129.
[31] Zum technischen Hintergrund vgl. J. Schuh, Der moderne Ladenbau, Süddeutsche Bauzeitung 2, 1892, 222-224, 234-235, v.a. 222.
[32] Schon das erste Warenhaus, der 1891 gegründete Kaiser-Bazar, besaß 130 Schaufenster (Vom Kaiser­Bazar in Berlin, Wiener Bauindustrie-Zeitung 8, 1891, 323-324, hier 323).
[33] Ähnlich schon A.L. Plehn, Zur Entwicklung der Warenhausfassade, Deutsche Bauhütte 8, 1917, 113-114, 125-127, 129, hier 113. Zum französischen Vorbild vgl. Christian Schramm, Deutsche Warenhausbauten. Ursprung, Typologie und Entwicklungstendenzen, Aachen 1995, S. 28-41; Siegfried Gerlach und Dieter Sawatzki, Grands magasins oder Die Geburt des Warenhauses im Paris des 19. Jahrhunderts, Dortmund 1989, v.a. 5-38.
[34] Vgl. die vorgreifende Kritik von Hugo Koch, Schaufenster und Ladenverschlüsse, in: Handbuch der Architektur, T. 3, Bd. 3, H. 1, Darmstadt 1896, 356-382, hier 357-358. Ferner Hans Schliepmann, Das moderne Geschäftshaus, Berliner Architekturwelt 3, 1901, 423-425. Positiv dagegen Leo Nacht, Moderne Schaufensteranlagen, Berliner Architekturwelt 6, 1904, 336-340, hier 337.
[35] Eugen Richter, Die Consumvereine, Berlin 1867, 95.
[36] Vgl. etwa Richard Bauer, Das alte München. Photographien 1855-1912. Gesammelt von Karl Valentin, o.O.o.J.
[37] Zu den Gründen vgl. Uwe Spiekermann, Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften 1903-1933, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 150-189, v.a. 151- 156; Michael Prinz, Brot und Dividende. Konsumvereine in Deutschland und England vor 1914, Göttingen 1996, 263-264.
[38] Den besten Überblick vermittelt Julius Hirsch, Die Filialbetriebe im Detailhandel, Bonn 1913.
[39] Uli Huber, Die Geschichte des Schaufensters, in: Eugen Johannes Maecker (Hg.), Werbende Fenster, Bd. 1, Berlin o.J., 5-20, hier 15.
[40] Hermann Kind, Die Fleischerei in Leipzig, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 6, Leipzig 1897, 1-178, hier 55-56. Vgl. auch die „künstlerische“ Dekoration von Schweinehälften bei Stephani-Hahn, 1926, 28 bzw. die Abbildung bei S. Thron, Der Weihnachtsmann in der Grossstadt, Die Woche 6, 1908, 2237-2242, hier 2241.
[41] So noch – aufgrund sehr einseitiger Quellennutzung – Christiane Lamberty, ‚Die Kunst im Leben des Buttergeschäfts‘. Geschmacksbildung und Reklame in Deutschland vor 1914, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1997/I, 53-78.
[42] Karl Ernst Osthaus, Das Schaufenster, Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1913, 59-69, hier 61.
[43] Bischoff et al., 1869, 472.
[44] Schaufenster-Decorationen einst und jetzt, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 16, 7.
[45] Bischoff et al., 1869, 476-477.
[46] Geissler, 1861, 53.
[47] Soll man an den Waaren die Preise deutlich mit Ziffern bezeichnen, so dass Jedermann sofort weiss, was das betreffende Stück kostet?, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 10, 5.
[48] Entsprechende Lehrinstitute entstanden allerdings schon vor der Jahrhundertwende, vgl. Decorationsschule für Frauen, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 4, 9.
[49] J. Erhart, Der Schaufenster-Dekorateur, Frankfurt a.M. 1895, 215-220.
[50] Vgl. den Ratschlag in Wie mache ich Reklame, Der Materialist 21, 1900, Nr. 40, 2. S. n. 12.
[51] Vgl. Die Anziehungskraft des Schaufensters, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 5, 40; Stephani­ Hahn, 1926, 17.
[52] R. Goldschmidt, Kauf-, Waaren- u. Geschäftshäuser, in: Baukunde des Architekten (Deutsches Bauhandbuch.), Bd. 2, T. 5, 2. vollst. neu bearb. Aufl., Berlin 1902, 49-192, hier 71.
[53] Vgl. etwa die Abbildungen der Friedrich- bzw. Leipzigerstraße, Berliner Architekturwelt 16, 1914, 193-194.
[54] Vgl. hierzu Koch, 1896, 364, 370-376; Neue Schaufenster-Rouleaux, Der Materialist 20, 1899, Nr. 40, 2; Goldschmidt, 1902, 69-71; Franz Woas, Praktische Neuerungen im Ladenbau, Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen und Elsass-Lothringen 11, 1914, 162-164, 169-170, hier 170.
[55] Vgl. hierzu Dirk Reinhardt, Dirk, Beten oder Bummeln? Der Kampf um die Schaufensterfreiheit, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 116-125.
[56] Aus der Fülle der Ratgeberliteratur nur folgende Titel: Gefrieren der Schaufenster, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 3, 9; Gefrorene Schaufenster, ebd., Nr. 44, 8; Koch, 1896, 362; Das Beschlagen der Schaufenster, Der Materialist, Bd. 21, 1900, Nr. 1, S. 2; Das Beschlagen und Gefrieren der Schaufenster, Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 46, 12.
[57] Vgl. Ueber Schaufenster-Beleuchtung, Ebd. 16, 1893, Nr. 17, 3; Schaufenster-Beleuchtung, Der Materialist 21, 1900, Nr. 16, 2. S. n. 12; Carl Zaar und August Leo Zaar, Geschäfts-, Kauf- und Warenhäuser, in: Handbuch der Architektur, T. 4, Halbbd. 2, H. 2, Stuttgart 1902, 2-138, hier 20-24.
[58] Vgl. hierzu Max Schröder, Das Geschäftshaus der Kleinstadt, Strelitz o.J. (1911).
[59] Georg Simmel, Berliner Gewerbe-Ausstellung, Ästhetik und Kommunikation 18, 1987/89, H. 67/68, 101-105, hier 105 (Original von 1896).
[60] Dora Feigenbaum, Die Reklame, Deutschland 7, 1905/06, 427-436, 589-602, hier 595-596.
[61] Felix Steinl, Die Reklame des kleinstädtischen Manufakturwaarenhändlers, in: Robert Exner, (Hg.), Moderne Reklame, 4. Tausend, Zittau 1892, 7-10, hier 8.
[62] Gute Beispiele aus dem Lebensmittelhandel sind Fritz Grossmann, Schmücke Dein Schaufenster, Magdeburg o.J. (1901) bzw. Gustav Teller, Die Schaufenster-Dekoration für Kolonialwaren-Handlungen und verwandte Geschäftszweige, Leipzig 1909. Zur Einordnung vgl. Spiekermann, 1999, 573-585.
[63] Angaben nach Neu- und Umbau des Geschäftshauses Heinrich Jordan, Markgrafenstrasse 105-107, Deutsche Bauzeitung 27, 1893, 317-321, hier 317; Paul Lindenberg, Berlin und das Haus Rudolph Hertzog seit 1839, in: Agenda Rudolph Hertzog Berlin 1914, Berlin o.J. (1913), 3-96, hier 95.
[64] Vgl. Erwin Paneth, Entwicklung der Reklame vom Altertum bis zur Gegenwart, München und Leipzig 1926, 161.
[65] Vgl. etwa Alfred Wiener, Das Warenhaus, Berlin 1912.
[66] Karl Ross, Neubau und Umbau von Geschäftshäusern und Kaufläden, Der Manufacturist 24, 1901, passim, hier Nr. 29, 5.
[67] Vgl. ebd., Nr. 40, 5. Zur Deckenausgestaltung s. August Endell, Ladeneinrichtungen, Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1913, 55-58, hier 58.
[68] Näheres bei Uwe Spiekermann, Theft and Thieves in German Department Stores, 1895-1930. A Discourse about Morality, Crime and Gender, in: Geoffrey Crossick und Serge Jaumain (Hg.), Cathedrals of Consumption, London und New York 1998, 139-171.
[69] Die innere Ausstattung. Vom Werke der Raumkunst für das offene Ladengeschäft, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 8, 36.
[70] B. Haas, Das Schaufenster in ästhetischer und betriebstechnischer Beziehung (Schluss.), Deutsche Bauhütte 10, 1906, 221-223. Vgl. auch die Kritik von Hans Schliepmann, Das moderne Geschäftshaus (Schluss.), Berliner Architekturwelt 4, 1902, 52-55, 57-59, v.a. 59.
[71] Vgl. Ein schmales Bremer Geschäftshaus, Deutscher Bauhütte 5, 1901, 266-267; Goldschmidt, 1902, 60; Berliner Architekturwelt 16, 1914, 68 (Anbau bei Herrmann Gerson); Woas, 1914.
[72] Kurt Pallmann, Künstlerische Ladengestaltung als Aufgabe des Architekten, Deutsche Bauhütte 18, 1914, 108-110, 113, 122-123, hier 108.
[73] Neue Wege, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 5, 15, 17, hier 15.
[74] Pallmann, 1914, 108.
[75] Osthaus, 1913, 60. Vgl. auch Stephani-Hahn, 1926, 10-11.
[76] Osthaus, 1913, 62-63.

Karstadt in Flammen! Der Braunschweiger Warenhausbrand 1899

Konsum ist Gewalt – und das umfasst weit mehr als den notwendig zerstörerischen Akt des Konsumierens und die verdrängende Kraft der Versorgungsketten. Konsum hat Scheidequalitäten – wer nicht erwerben, nicht zahlen kann, erfährt Ausgrenzung, weiß um Defizite seiner selbst. Konsum geht zugleich einher mit Handgreiflichkeiten, mit speziellen Formen aktiver Gewalt. Während der frühen Neuzeit richteten sich Widergesetzlichkeiten und Katzenmusiken gegen Kaufleute und die Obrigkeit, denn diese galten – zumindest in Städten – als Garanten der Alltagsversorgung, die angesichts regelmäßiger Missernten und Preissteigerungen Vorsorge zu treffen hatten. Vorstellungen des ehrlichen Kaufmanns und des gerechten Preises definierten Kipppunkte, rechtfertigten konkrete Aktionen, Plündern und Stehlen. Im Laufe des langen 19. Jahrhunderts wurde all dies mittels Markt und starkem Staat befriedet, nicht aber beendet.

Gewohnt an den großen Blick, geraten die kleinen lokalen Konflikte aus dem Blick. Reallohnsteigerungen überdecken Mangel und akute Not, die zunehmend prächtigen Einkaufsstraßen und Verkaufsstätten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen Konsum als Feld struktureller Gewalt scheinbar verschwinden. Dabei war die Zahl der Krawalle Legion, ausgelöst meist durch Preissteigerungen, Nahrungsmittelfälschungen oder Warenzurückhaltung. Dafür war zuerst der „Pöbel“ verantwortlich, darunter viele Frauen. Das Proletariat entwickelte dann stärker kollektive Kampfformen, die zahlreichen Boykotte der 1890er Jahre zeugen davon. In höheren Kreisen gewann zeitweilig das Stehlen, der „Warenhausdiebstahl“, an Bedeutung, wurde als vermeintlich weibliche Kriminalität pathologisiert und lange nicht recht ernst genommen (Uwe Spiekermann, Theft and Thieves in German Department Stores. A Discourse about Morality, Crime and Gender, in: Geoffrey Crossick und Sergé Jaumain (Hg.), The European Department Store 1850-1939, Aldershot 1998, 135-159).

Der Warenhausdiebstahl war kriminell, stand gegen die bürgerliche Rechtsordnung. Doch er war zugleich eine Übersprungshandlung, gewalttätiger Ausgleich zwischen der wachsenden Fülle der Waren und der sinnesreizenden Pracht der immer größeren Verkaufsläden. Aus Manufakturwarenhandlungen wurden Magazine, dann Kaufhäuser und Bazare, das Warenhaus bündelte all dies in Deutschland seit den 1890er Jahren. Es stand für die Verheißungen der modernen materiellen Welt, war betörend und billig zugleich. Doch es gab Gegner, mächtige zumal. Da war die Konkurrenz, die kleinen und mittleren Händler: Das Warenhaus sei materialisierte Gewalt, unterminiere die Grundlagen eines sich auf Gottesgnadentum, Religion, Militär und einem starken königstreuen Mittelstand stützenden Staates. Es verderbe Sitte und Anstand bei den Käuferinnen, aber auch der nun erst wachsenden Zahl junger Verkäuferinnen. Hier sei die Plutokratie am Werke, international aufgestellt, das Großkapital, immer auch der Jude. Die Kritik der Mittelstandsbewegung entsprach einem Gefühl der Zeit, geprägt von den Herausforderungen und Verwerfungen der ersten Globalisierung und der zweiten Industrialisierung. Entsprechend teilten auch Sozialdemokratie bzw. Konsumgenossenschaftsbewegung zentrale Punkte der schrillen und mit sprachlicher Gewalt vorgetragenen Kritik.

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Gewalt gegen die vermeintlichen Totengräber des Mittelstandes (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 12, 9)

All das führte zu staatlichen Regulierungen, zu teils massiven „Warenhaussteuern“, zugleich aber zu Modernisierungsbestrebungen im Handel (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland. Mittelstandsbewegung, Kapitalismus und Rechtsstaat im späten Kaiserreich, Frankfurt/M. et al. 1994). Das Warenhaus wurde dabei zum Symbol einer ambivalenten, einer gewalttätigen Moderne. Dieser Wellenschlag war noch in den Kaufhausbrandstiftungen des frühen RAF-Terrors vernehmbar (Alexander Sedlmaier, Konsum und Gewalt. Radikaler Protest in der Bundesrepublik, Berlin 2018, 41-89). Die Linksterroristen waren krude Antisemiten – und diese Seite der Gewalt durchzieht nicht nur das späte Kaiserreich, sondern auch die Weimarer Republik bis hin zur „Arisierung“ der großenteils von Bürgern jüdischen Glaubens geführten Warenhauskonzerne während des frühen Nationalsozialismus. Nationalsozialisten, Antisemiten und Mittelstandsbewegung wollten die Konsumgesellschaft „reinigen“ – und dabei waren Vorstellungen eines reinigenden Feuers immer wieder präsent (Paul Lerner, The Consuming Temple. Jews, Department Stores, and the Consumer Revolution in Germany, 1880-1940, Ithaca 2015, 179-211). Anders als im Rheinischen Kapitalismus gab es Brandstiftungen im Deutschen Kaiserreich jedoch nur wenige, keine davon endete in niedergebrannten Verkaufsstätten. Doch es gab zahlreiche „natürliche“ Brände, meist durch Unachtsamkeit, Verantwortungslosigkeit, durch „Unfälle“ – das Berliner Unternehmen Grinell warb 1928 mit der Zahl von 96 durch seine Wassersprinkler gelöschten Warenhausbrände (25 Jahre Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser, Berlin 1928, 142). Ein solcher fand in Braunschweig statt, im späten 19. Jahrhundert noch Hauptstadt eines selbständigen Herzogtums: Am Abend des 17. Mai 1899 hieß es: Karstadt in Flammen! Ein Einzelfall, gewiss. Zugleich aber Ausdruck der zuvor angelegten Themen und der beachtlichen Brandgefahr im späten 19. Jahrhundert.

Brände als Gefahr für die populäre Konsumkultur

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Grauen zum Konsumieren: Theaterbrand in Schwerin (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 340)

Brände verbindet man gemeinhin mit der frühen Neuzeit, als Feuersbrünste viele in engen Mauern verdichtete Städte verwüsteten – Friedrich Schiller hat diese Gefahr in der bekanntesten deutschen Ballade wortmächtig eingefangen. Städtewachstum und Urbanisierung veränderten dies, schufen neue Viertel, breitere Straßen und damit Feuerschneisen. Die großen Stadtbrände in Hamburg 1842, vor allem aber in Chicago 1871 verwiesen jedoch auf eine andauernde Gefahr. Heizung und Beleuchtung blieben die Hauptrisiken, ebenso gewerbliche Arbeit, verbunden mit Funkenschlag und offenem Schmiedefeuer. Doch während das Gewerbe zunehmend am Stadtrand ansiedelte, entstanden mit der langsamen Transformation der Stadtmitten in Dienstleistungs- und Konsumzentren neue Gefahren. Der Brand des Brooklyn Theatres kostete 1876 fast vierhundert Menschenleben, die der Oper in Nizza 1881 knapp 200, der verheerende Wiener Ringtheaterbrand im gleichen Jahr offiziell fast 400, wahrscheinlich aber deutlich mehr (Elmar Buck, Thalia in Flammen, Theaterbrände in Geschichte und Gegenwart, Erlensee 2000). All dies war Folge eines teils kenntnisarmen, teils unbedachten und sorglosen Umgangs mit neuer Technik, mit Gas, Elektrizität, mit wenig geeigneten Baustoffen und Metallen (Aug[ust] Fölsch, Theaterbrände und die zur Verhütung derselben erforderlichen Schutz-Maßregeln, Hamburg 1878). Die Behörden reagierten mit Regulierungen, mit Zonenplänen, verschärften die bestehenden Bauordnungen. Zugleich wurden die Feuerwehren verstärkt und technisiert, mit Ausziehleitern, Pumpen und Dampfspritzen. Die meist privaten Theaterunternehmer nahm man in die Pflicht, die nun übliche Wasserversorgung half die Schäden zu begrenzen, Menschenleben zu retten. Der Kunst- und Kulturgenuss war ein Risiko, dessen war sich die Kundschaft bewusst; doch davon ließ sie sich nicht verdrießen, wähnte sie sich doch in einer Zeit des Fortschritts, der sukzessiven Gefahrenminderung.

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Der brandgefährliche Schaufensterbummel (Fliegende Blätter 90, 1889, 209)

Entsprechend wurden Gefahren der immer sinnenträchtigeren Warenpräsentationen eher gering geachtet. Schaufenster setzten seit den 1860er Jahren die Käufer in ein neues Verhältnis zur Warenwelt. Sie erlaubten eine Vorabinspektion, ohne Kaufzwang, ohne die lenkende Kraft von Händlern und Verkäufern. Diese lernten langsam ihre Angebote in Szene zu setzen; in Berlin soll es 1880 bereits „3000 wirkungsvolle Schaufenster“ (Hermann Weidemann, Skizze zur Geschichte des Glases, Prometheus 24, 1913, 341) gegeben haben. Viele nahmen daran Anstoß, sahen darin übergriffige Werbung, die spätere Außenwerbung führte zu bürgerlichem Protest gegen derartig raumgreifende Reklame. Doch die Schaufenster bildeten auch eine neuartige Feuergefahr, denn sie wurden während und auch nach dem vor 1900 großenteils um 20 Uhr einsetzenden Ladenschluss beleuchtet, ja illuminiert. Anfangs geschah dies mit Kerzen und Petroleumleuchten, dann mit Gasbrennern. Schadenfeuer war kaum zu vermeiden, teils durch direkte Entzündung, teils durch Erhitzung und folgendem Brand der Auslagen. Seit den späten 1880er Jahren kamen vermehrt elektrische Bogenlampen auf, seit den 1890er dann Gasglühlampen (Uwe Spiekermann, Display Windows and Window Displays in German Cities of the Nineteenth Century, in: Clemens Wischermann und Elliott Shore (Hg.), Advertising and the European City: Historical Perspectives, Aldershot und Burlington 2000, 139-171, hier 157). Damit beseitigte man Gefahren offenen Feuers, doch die Schalttechnik blieb äußerst anfällig, Kurzschlüsse waren an der Tagesordnung. Allein in Berlin musste die Feuerwehr von 1895 bis 1900 849 mal ausrücken, um Schaufenster und Schaukästen zu löschen (Bericht über die Gemeinde-Verwaltung der Stadt Berlin 1895 bis 1900, T. 3, Berlin 1905, 294).

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Neue Verkaufsräume für die wachsende Zahl der Waren: Zukunftsvision 1895 (Fliegende Blätter 103, 1895, 2)

In den meisten Fällen gingen die Schaufensterbrände glimpflich aus, endeten mit zerstörter Auslage und verrußten Waren; eine Folge auch der Sicherungswände, die den kommerziellen Kunstraum vom eigentlichen Laden abtrennten. Dieser aber vergrößerte sich massiv durch die wachsende Zahl der Spezialgeschäfte für Manufakturwaren und Möbel, der Kaufhäuser und dann auch der in den frühen 1890er Jahren entstehenden Warenhäuser. In Berlin besaßen Wertheim, Hermann Tietz und seit 1904 auch Rudolph Hertzog mehr als 10.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, Karstadt übertraf diese Marge erstmals 1912 im neu erbauten Verkaufspalast in der Hamburger Mönckebergstraße. Für die Baupolizei betraten die Käufer gefährliches Terrain: In den Warenhäusern „bewegen sich Käufer und Kaufende namentlich in der Weihnachtszeit dicht gedrängt zwischen brennbaren, bisweilen leicht entzündlichen Waren hin und her, und die Zeit, in der des Abends die künstliche Beleuchtung erstrahlt, ist die vom Publikum bevorzugteste. Durch zwei oder mehrere Geschosse pflegt sich bei größeren, den neuzeitlichen Anforderungen entsprechenden Bauten der Verkaufsraum zu dehnen, man ersteigt mittels offener Freitreppen die sich um ausgedehnte Lichthöfe galerieartig hinziehenden oberen Geschosse, in denen ebenfalls Waren aller Art feilgehalten werden“ (O[tto] v. Ritgen, Der Schutz der Städte vor Schadenfeuer, Jena 1902, 54). Allen Vorkehrungen zum Trotz schien Einkauf als Tanz auf dem Vulkan, als Balanceakt angesichts der damit verbundenen Brandgefahren.

Braunschweig, 17. Mai 1899: Der Brand

Das galt auch für Braunschweig, einer traditionsreichen Hanse- und Handelsstadt, die um die Jahrhundertwende im raschen Wandel begriffen war. Im westlichen Ringgebiet hatten sich bereits zahlreiche aufstrebende Maschinenbauunternehmen etabliert, befördert durch die frühe Agrarindustrialisierung der Region, durch prosperierende Mühlen, Zuckerraffinerien und Konservenfabriken. Die damals etwa 120.000 Einwohner zählende Landeshauptstadt entwickelte sich zu einem industriellen Zentrum, Unternehmen des Fahrzeugbaus (Büssing, gegründet 1903) oder der optischen Industrie (Voigtländer, ab 1898 AG) verbreiterten die industrielle Basis. Karstadts 1898 in der Stephanstraße 6 neu bezogenes Geschäftshaus stand für den parallelen Aufbruch auch im Handelsgewerbe, auch in der Braunschweiger Altstadt, von der es noch 1900 hieß: „Man braucht nur durch die stillen idyllischen Straßen Braunschweigs zu wandern, um sich sogleich zu sagen, daß hier unter den Menschen noch alte gute Gemächlichkeit zu Hause ist, und daß der Drang nach Erwerb, nach Reichtum und Karriere andere Regungen noch nicht ganz unterdrückt hat“ (Heinrich Lee, Deutsche Landsmannschaften in Berlin. XIV. Braunschweiger, Berliner Tageblatt 1900, Nr. 227 v. 5. Mai, 6-7, hier 6). Karstadt stand für die Kapitalkraft auswärtiger Investoren, doch auch lokale Unternehmen veränderten tradierte Formen des Einkaufens. Adolf Frank (1889-1920) hatte an der Ecke Schuhstraße/Stephanstraße 1889 eine Kurzwarenhandlung gegründet, die er bis zur Jahrhundertwende zu einem stattlichen Magazin fortentwickelt hatte. Beide Geschäfte setzten neue Maßstäbe durch große Verkaufshäuser und tiefe Sortimente gewerblich produzierter Waren.

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Braunschweigs Altstadt auf dem Weg zum Einkaufszentrum. Das schräg gegenüber von Karstadt liegende Magazin Adolf Frank 1899 (heute Ort der New Yorker-Filiale) (Wikipedia)

Es gibt allerdings Bereiche, in denen sich die Gemächlichkeit der vermeintlich guten alten Zeit bis heute gehalten hat, oberflächlicher Modernität zum Trotz. Das Land Niedersachsen, in den 1946 auch der Freistaat Braunschweig eingegliedert wurde, hat es beispielsweise in den 75 Jahren seines Bestehens nicht vermocht, auch nur eine der dort vor der Landesgründung erschienenen Tageszeitungen zu digitalisieren (karge Ansätze finden sich allein bei der Landesbibliothek Oldenburg). Diese kulturelle Einöde wird allerdings durchbrochen von tradierten Überlieferungen. Das Stadtarchiv Braunschweig birgt Material über den Warenhausbrand im Bestand H XIV Nr. 62, dessen Bibliothek eine kleine Gedenkbroschüre. Dieses gebührend erweiterte dürre Material liefert das Gerüst zur Rekonstruktion der Geschehnisse im Mai 1899, als es schreckerfüllt hieß: Karstadt in Flammen!

Am Mittwoch, den 17. Mai 1899 befanden sich kurz vor Ladenschluss noch etwa 70 Personen, darunter 30 Käufer, im Kaufhaus Karstadt in der Braunschweiger Stephanstraße 6. Im äußersten rechten Schaufenster – es gab insgesamt sechs davon – entstand zwischen 19.40 und 19.45 Uhr ein Brand. Eine glühende Leitung hatte Textilien erhitzt, diese fingen Feuer, das Schaufenster brannte aus, ebenso die Rückseite. Der Brand griff auf den Verkaufsraum über, fand Nahrung durch leicht entzündliche Waren. „Innerhalb weniger Minuten verbreitete sich, begünstigt von der breiten, nach dem ersten Stocke führenden Treppe, das Feuer in die oberen Stockwerke. Eine hohe Feuersäule und dichter Qualm schlugen nach oben, Alles um sich verzehrend und den Hauptausgang versperrend“ (Eine furchtbare Brandkatastrophe, Neueste Nachrichten 1899, Nr. 116 v. 19. Mai). Feuermelder waren nicht vorhanden, ebenso keine Alarmanlage. Ein Fahrradfahrer sah den Brand, eilte zur nahegelegenen Wache der Berufsfeuerwehr, wo der Alarm um 19.50 einging. Erste Einheiten rückten nach zwei Minuten aus, erreichten drei bis fünf Minuten später den Brandort. Die Feuerwehr der Turner und verschiedene Fabrikwehren folgten, ebenso freiwillige Feuerwehren aus dem unmittelbaren Umland.

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Die Freitreppe als potenzieller Schlot: Blick in das Berliner Kaufhaus Hermann Hoffmann (Baukunde des Architekten, Bd. 2, T. 5, 2. vollst. neu bearb. Aufl., Berlin 1902, 75)

Bei Karstadt hatten sich derweil die Geschehnisse überschlagen. Die Mehrzahl der Käufer und auch des Personals entkamen in den Hinterhof durch die Nottüren im Erdgeschoss. Die Richtung zu diesem unbekannten Fluchtweg wiesen Angestellte. Die elektrische Anlage war trotz des Kurzschlusses und der Angst vor weiterem Funkenschlag nicht abgestellt worden, so dass man den rettenden Weg trotz des Qualmes sehen und einschlagen konnte. Während die Personen im Erdgeschoss also rasch entkommen konnten, spitzte sich die Situation für die Besucher und Bediensteten in der ersten und zweiten Etage massiv zu. Sie wurden vom Feuer getrieben, konnten teils durch eine im Hause gelegene Nottreppe entkommen, retteten sich teils aber auch auf und über die Balustraden und Dächer des Geschäftshauses. Die Feuerwehr begann, ihre bis zu 18 Meter hohen hölzernen Leitern in Stellung zu bringen. All dies dauerte, und in ihrer Not kam es bei einigen zu beherzten Panikreaktionen.

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Lageplan auf Grundlage der Karte von Ernst Stier, Führer durch die Stadt Braunschweig und deren Umgebung, 2. verb. u verm. Aufl., Braunschweig 1899, s.p. (Wikipedia)

Folgen wir einer der Schilderungen, wohl wissend, dass dies ausschmückender Lokaljournalismus war, nachträglich erstellt: „In ihrer Verzweiflung sprangen einige der ängstlichen Personen von ihrem so sehr gefährdeten Standorte ohne unteren Schutz ins Freie. Einige kletterten, wie bereits oben angedeutet, aus den Giebelfenstern auf das Ziegeldach des benachbarten Schmidt’schen Hauses, oder wagten lebensgefährliche Sprünge auch auf dieses. Ein Mann sprang in seiner Angst sogar ins Leere, hatte aber doch noch die Geistesgegenwart, sich, während er nach unten sauste, an eine Sprosse einer Leiter festzuhalten, wo er, zum Entsetzen der Untenstehenden, zwischen Himmel und Erde hängen blieb. Die Aufregung der Letzteren steigerte sich jeden Augenblick und wuchs, als die Kräfte des Unglücklichen zu erlahmen drohten. Ein wackerer Feuerwehrmann erklomm so rasch es ging die Leiter und es gelang ihm schließlich unter Aufbietung all seiner Kräfte, den Aermsten zu sich herüberzuziehen. Zum Tode erschöpft kamen Retter und Geretteter zur Freude der Untenstehenden unten an“ (Brandkatastrophe, 1899). Der Artikel lenkte dann zum Höhepunkt über, den Sprüngen einzelner in die Tiefe der Hinterhöfe. Doch diese erfolgten schon vor Eintreffen der Feuerwehr. Der Schneider Karl Bosse sprang wohl bereits um 19.47 Uhr vom zweiten Stock aus auf die Straße. Seine Beine waren gebrochen, sein Rückgrat schwer beschädigt, Kopfwunden kamen hinzu. Der blutende Mann wurde in das hinter Karstadt gelegene Schmidtsche Etablissement getragen, einer beliebten, für seine Damenkapelle bekannten Restauration. Er war bei vollem Bewusstsein, verwies auf weitere vom Feuer drangsalierte Schneiderinnen im 2. Stock. Karl Bosse wurde mit einem Rettungswagen in das Herzogliche Krankenhaus gebracht, wo er in der Nacht verstarb.

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Sammelplatz vieler Brandopfer – Anzeige für Schmidts Etablissement (Braunschweigisches Adreß-Buch für das Jahr 1899, Braunschweig 1899, Werbung, 60)

Es folgte die Schneiderin Emma Müller. Sie erlitt einen doppelten Beinbruch, verstauchte sich das andere Bein, wies ebenfalls schwere Verletzung des Rückgrats und des Kopfes auf (Das Feuer bei Karstadt, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 200 v. 18. Mai). Ihr Zustand war kritisch, schien aber nicht lebensgefährlich zu sein, so dass sie von einem Sanitätswagen in die Obhut ihrer Eltern gebracht wurde. Es ist unklar, ob und wie viele weitere Personen in den Hof heruntersprangen. Doch diesen war das Glück hold, sicher auch Folge des verwinkelten und teils mit Zwischenmauern versehenen Hinterhofs. Drei Schneider sprangen zudem auf das acht Meter tiefer gelegene Dach des feuersicheren Treppenhauses, von wo sie dann mit Leitern gerettet wurden (Zum Brandunglück an der Stephanstraße, Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 138 v. 19. Mai 1899; Gedenkblatt an die Brandkatastrophe Karstadt am 17. Mai 1899, Braunschweig 1899, 9). Dramen spielten sich auch im Inneren des Karstadtschen Geschäftshauses ab. Eine junge Frau war in den Ölkeller des Hauses geflohen, schlug dort die Eisentür hinter sich zu, konnte diese dann aber nicht mehr öffnen. Andere hat dies bemerkt, Männer brachen das Straßengitter mit einem zufällig verfügbaren Brecheisen auf, retteten so ein Leben. Unmittelbar danach fingen in dem mit Rauch erfüllten Raum geplatzte Ölfässer Feuer, hüllten die Vorderfront des Hauses in dunkle Schwaden.

Der Berufsfeuerwehr war es kurz darauf gelungen, zahlreiche, wohl bis zu achtzehn Personen mittels ihrer Leitern zu retten. Gemeinsam mit den anderen Wehren wurde Karstadt von allen vier Seiten mit Löschwasser bestrichen. Dies diente nicht allein der Brandbekämpfung, sondern sollte vor allem verhindern, dass sich das Feuer auf die benachbarten Gebäude ausbreitete. Dabei half der einsetzende leichte Regen. Brennende Waren flogen jedoch hoch, fielen in der Nachbarschaft nieder. Sie fanden sich teils jenseits von Dom und Burgplatz, ohne aber weitere Brandherde zu entfachen. Auch Personen waren dadurch gefährdet: Ein Stoffballen traf eine Musikerin der Damenkapelle beim Einpacken, ihr Rock fing Feuer, doch die Flammen konnten rasch erstickt werden. Neben dem raschen Eingreifen der Wehren und der Sicherung des Hinterhofs halfen vor allem die drei hohen Giebelwände den Brand einzudämmen. In der Nachbarschaft, insbesondere im Bazar von Adolf Frank und im Schmidtschen Etablissements zersprangen Scheiben, wurden Außenwände und Mauerwerk beschädigt. Doch das Feuer war kurz nach 21 Uhr im Wesentlichen gelöscht. Zwei Stunden später zogen die ersten Wehren wieder ab, ebenso die Soldaten, die gemeinsam mit der fast komplett mobilisierten Polizei Sicherungsaufgaben übernommen hatten.

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Sammelpunkt der Menschenmenge: Der südlich vom Brandort gelegene Braunschweiger Kohlmarkt (Der Bär 26, 1900, 511)

Dies war erforderlich, denn die „schauerlichen Sturmsignale von den Thürmen, der helle Feuerschein und die mächtigen schwarzen Rauchwolken hatten eine nach Tausenden zählende Menschenmenge angelockt, welche das furchbare Schauspiel mit ansehen wollten“ (Brandkatastrophe, 1899). Die Schaulustigen wurden aus den umliegenden Straßen zurückgedrängt, Schützen- und Neuestraße, Sack und Schuhstraße abgesperrt. Der Straßenbahnverkehr kam teils zum Erliegen, Rückstaus waren die Folge. Ja, es gab etwas zu sehen: „Der Zudrang zur Brandstätte war gestern Abend unbeschreiblich; der Kohlmarkt war z.B. derart von Zuschauern bestanden, daß es dem Einzelnen schwer hielt, den Platz zu durchqueren“ (Brandunglück, 1899).

Die Menge zerstreute sich wieder, die Berufsfeuerwehr bekämpfte weiterhin schwelende Brandherde, Polizisten blieben auf Posten. Der Brand war ein Ereignis, doch noch war von Toten nicht die Rede. Am späten Abend zogen Journalisten und Agenturen eine erste Bilanz: „Im Waarenhaus von Karstadt entstand heute Abends 7¾ Uhr infolge Kurzschlusses der elektrischen Leitung Feuer, das rasch um sich griff. Alle vier Stockwerke sind ausgebrannt. Mehrere Angestellte sind verletzt, einige werden vermisst. Der Schaden ist sehr bedeutend“ (Berliner Tageblatt 1899, Nr. 249 v. 18. Mai, 3; ähnlich Berliner Börsen-Zeitung 1899, Nr. 230 v. 18. Mai, 5; Neue Hamburger Zeitung 1899, Nr. 229 v. 18. Mai, 4). Der nächste Tag sollte zeigen, dass die Verheerungen schlimmer waren als gedacht.

Das Warenhausunternehmen Rudolph Karstadt

Bevor wir darauf eingehen, sollten wir uns kurz dem Unternehmen widmen, dessen Braunschweiger Filiale jäh zerstört wurde. Der Name Karstadt steht einerseits für die übliche Entwicklung der deutschen Warenhäuser. 1881 gründeten Rudolph Karstadt (1856-1944) und seine Geschwister Ernst und Sophie-Charlotte unter dem Namen des Vaters Christian im mecklenburgischen Wismar das Manufakturwarengeschäft C. Karstadt & Co. Wie Wertheim, die Tietz-Brüder oder aber auch Althoff begnügte sich Rudolph Karstadt nicht mit nur einem prosperierenden Geschäft, mochte er es ab 1884 auch unter eigenem Namen führen. Rudolph Karstadt beschritt stattdessen den für die Warenhäuser üblichen Weg von der Provinz in die größeren Städte. 1884 folgte ein Geschäft in Lübeck, 1888 in Neumünster, 1890 dann in Braunschweig. Diese Filialbildung machten den Einkauf billiger, mochten die Läden auch noch eingeschossig sein und sich kaum von gängigen mittelständischen Geschäften unterscheiden. In Kiel, Preetz, Heide, Mölln und Eutin folgten weitere Karstadt-Betriebe. Erfolgreiche Häuser wurden rasch erweitert, so auch 1898 das Braunschweiger Geschäft in der Stephanstraße 6, inmitten der Altstadt (Die Rudolph Karstadt A.G. und die mit ihr verbundenen Unternehmungen, Berlin 1929, 9-16). Das damals in Kiel ansässige Unternehmen entwickelte sich in der Folgezeit zum wichtigsten Warenhauskonzern in Nord- und dann auch (neben Alsberg und Leonhard Tietz) in Westdeutschland. Rudolph Karstadt übernahm dazu die Läden seines Bruders Ernst Karstadt (1900-1901) sowie dann des Althoff-Konzerns (1918-1920).

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Nur für Christen: Stellenanzeige von Rudolph Karstadt Braunschweig (Allgemeine Zeitung 1907, Nr. 182 v. 20. April, 12)

Karstadt war anderseits aber eine Ausnahme innerhalb der diskreten Elite der Warenhausbesitzer (Heidrun Homburg, Warenhausunternehmen und ihre Gründer in Frankreich und Deutschland, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1992/I, 183-219). Bis 1912, der Eröffnung des Hamburger Warenhauses in der Mönckebergstraße firmierten seine Filialen als Kaufhäuser. In Braunschweig verkaufte er zuvor kein sortimentsübergreifendes Komplettangebot, sondern Textilien aller Art, Damen-, Herren- und Kinderkonfektion sowie Gardinen und Teppiche. Karstadt firmierte vor Ort nicht als Warenhaus, sondern als „Handlung mit Manufacturwaaren“ (Braunschweigisches Adreß-Buch für das Jahr 1896, Braunschweig 1896, 126; ebd. 1899, 145). Das diente der (letztlich erfolglosen) Vermeidung drohender Warenhaussteuern sowie der damals ebenfalls intensiv diskutierten Filialsteuern. Karstadt war zudem Lutheraner, also nicht jüdischen Glaubens. Auch wenn er virtuos Anzeigen schaltete, regelmäßig Ausverkäufe veranstaltete und nicht zuletzt Waren relativ preiswert verkaufte, bot er aufgrund seines christlichen Glaubens der immer auch antisemitischen Mittelstandsbewegung deutlich weniger Angriffsfläche als die Warenhauskonkurrenz. Dies wurde unternehmerisch auch genutzt, denn Karstadt setzte sich teils bewusst von der jüdischen Konkurrenz ab: Als Jude hatte man innerhalb des Karstadt-Imperiums nur begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten. Der Brand des Braunschweiger Hauses konnte daher von der gegen die gewaltsame Umgestaltung des Handels wetternde Mittelstandskonkurrenz also weniger einfach genutzt werden.

Braunschweig, 18. Mai 1899: Entdeckende Aufräumarbeiten

Am Morgen des 18. Mai 1899 war mit Karl Bosse ein erstes Todesopfer zu beklagen. Doch es gab Gerüchte über weitere Tote, zumal noch mehrere Personen vermisst wurden. Die Verwüstungen waren aber auch so bereits immens: „Das zerstörte Gebäude ist ein dreistöckiger Massivbau mit einem Dachgeschoß, dem drei große Giebelbauten vorgelegt worden sind; der mittlere stürzte zusammen, der westliche wurde heute Morgen abgetragen. In das untere Stockwerk waren 6 große Schaufenster und der breite Eingang eingeordnet; die beiden oberen Stockwerke hatten in der Front je 10 Fenster. Der Bau hat eine Tiefe von etwa 20 Metern“ (Brandunglück, 1899). Der Schaden wurde auf mindestens eine halbe Million Mark geschätzt, das gesamte Warenlager war verbrannt. Der Straßenbahnverkehr blieb beeinträchtigt, die Brandstätte abgesperrt. Kleine Brände loderten immer wieder auf, wurden jedoch rasch gelöscht. Hauptkasse und Geldschrank wurden zwischen den Trümmern gefunden. Der Keller war voller Wasser, darin schwammen Einrichtungsgegenstände und Waren. „Die Kellerdecken zeigen mehrfach Risse und drohen jeden Augenblick einzustürzen. Die eisernen Pfeiler sind eingeknickt, die Sandsteinpfeiler geborsten. Die Stockwerke machen einen beängstigenden Eindruck. Verbogene Eisenpfeiler, gebrochene und abgeschmolzene Traversen, verkohlte Fußböden, bedeckt mit fußhohem Schutt und rauchender Asche, das ist das Bild, dem man auf Schritt und Tritt begegnet“ (Zum Brande des Karstadt’schen Geschäftshauses, Neueste Nachrichten 1899, Nr. 117 v. 20. Mai).

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Die verwüstete Fassade des Karstadt-Hauses (Neueste Nachrichten 1899, Nr. 117 v. 20. Mai; Gedenkblatt, 1)

Am Morgen kamen auch Angehörige der Vermissten in die Stephanstraße 6. Sie forderten die Feuerwehr auf, in der Ruine genauer zu suchen. Die Mannschaften räumten ab 10 Uhr den Schutt aus dem nordwestlich gelegenen abgegrenzten Treppenhaus, das vielen erst ein Entkommen ermöglicht hatte. Sie drangen nach Mittag dann zu den im Hinterflügel des 2. Stocks gelegenen Schneiderwerkstätten vor. Lassen wir uns nochmals auf eine stilisierte Schilderung des Geschehens ein: „Ein schmaler Raum, mächtige Schutthaufen bedecken, wie alle übrigen Räume, den Boden, ein penetranter Brandgeruch steigt von demselben auf, der Verputz der Wände bedeckt den unheimlichen Haufen, langsam sickert das kohlengeschwärzte Wasser aus demselben hervor und bildet stellenweise dicke, zähe Lachen. Da gewahrt ein Feuerwehrmann eine verkohlte Hand, in Todesqual zur Faust geballt, welche aus dem Schutthaufen hervorragt. Schreckensrufe, heiser und schrill werden laut. Man ist an der Unglücksstätte angelangt. Vorsichtig wird der Schutt entfernt und ein Knäuel menschlicher Gliedmaßen, bis zur Unkenntlichkeit zusammengebrannt, wird frei gelegt. Es sind die fünf vermißten Schneiderinnen, fest umschlungen, als hätten sie gewußt, daß der unerbittliche Tod sie Alle auf einmal dahinraffen würden, müssen sie ihrem schrecklichen Ende entgegen gesehen haben. […] Die Namen der jungen Mädchen sind […] Paula Trippler, Frankfurterstr. 35, Meta Schulz, Alte Waage 21, Marie Becker (der Stiefvater derselben heißt Bartels), Alte Waage 21, Elsbeth Ruthemann, Haupt-Bahnhof und Frieda Jordan, Gliesmaroderstraße 46“ (Brande, 1899). Die Leichen wurden vom Schutt befreit, in den Hof getragen, dort von einem Karstadt-Angestellten rekognosziert. Dann brachte man sie in die Leichenhalle des Herzoglichen Krankenhauses. Dort hatten die Angehörigen die Möglichkeit Abschied zu nehmen.

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Hinterhof mit Außenreklame: Von Punkt 1 sprangen Karl Bosse und Emma Müller hinab, hinter den Punkten 2 lagen die Arbeitsräume der fünf erstickten Schneiderinnen. Das Schmidtsche Etablissement befand sich hinter den Mauern an der rechten Seite (Gedenkblatt 1899, 10)

Die Ermittlungen ergaben, dass die jungen Frauen in ihrem Arbeitsraum den Ausstand von Meta Schulz gefeiert hatten (Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 249 v. 31. Mai). Sie wollte am Pfingstsonntag heiraten. Die Aussagen zum Geschehen sind widersprüchlich. Augenzeugen wollten Meta Schulz, aber auch mehrere andere Personen an den Fenstern gesehen haben, doch sie sei zurück ins Zimmer gefallen, nachdem sie sich nicht zum Sprung habe entschließen können (Volks-Zeitung 1899, Nr. 233 v. 20. Mai, 3). Karl Bosse gab zu Protokoll, dass Meta Schulz die zum drei Meter entfernten Treppenhaus führende Tür geöffnet habe, durch die Hitze und das Feuer aber zurückgefallen sei. Sicher ist, dass sich mehrere in unmittelbarer Nähe befindliche Schneider retten konnten, doch hatten diese die Schneiderinnen nicht noch eigens gewarnt. Die Untersuchungen der Feuerwehr ergaben, dass eine der mit etwa einem Meter Schutt bedeckten Leichen mit den Füßen zur Tür aufgefunden wurde, drei Leichen zusammenlagen, die fünfte etwas versetzt gefunden wurde. Die Schneiderinnen hatten demnach das Feuer erst um ca. 19.46 Uhr bemerkt, seien aber vom Rauch, eventuell auch vom Schrecken niedergestreckt worden und dann erstickt. Die Feuerwehr habe ihren Tod daher nicht verhindern können (Sitzungsbericht 61 vom 30. Mai 1899 BL, Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 160, Beilage, 775-793, hier 779).

Beherztes Eingreifen anderer Beschäftigter oder Käufer hätte vielleicht etwas wenden können. Die Vorsteherin der Schneiderinnenwerkstatt, die aus Ahlum stammende Marie Grigat, brachte beim Brandausbruch fertig genähten Textilien ins Erdgeschoss. „Als sie in die zweite Etage kam, schlugen ihr schon die Flammen entgegen und sie lief nun ohne Weiteres aus dem Hause. Sie hat allerdings den unten stehenden Leuten zugerufen, daß sich noch acht junge Mädchen oben im Hause befänden, doch muß in der entsetzlichen Aufregung Niemand darauf geachtet haben“ (Das Feuer bei Karstadt, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 202 v. 19. Mai). Die Schneiderin im Ölkeller wurde gerettet, die in ihrer Werkstätte Feiernden reagierten zu spät und wurden vergessen.

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Extrablatt mit Todesnachrichten (Braunschweigische Landezeitung 1899, Extrablatt v. 18. Mai)

Am Mittag des 18. Mai 1899 war demnach klar, dass der Braunschweiger Brand mindestens sechs Todesopfer gefordert hatte. Diese Nachricht fand reichsweite Resonanz, wenngleich es meist bei einer kurzen Meldung blieb (Vossische Zeitung 1899, Nr. 230 v. 18. Mai, 8; Berliner Tageblatt 1899, Nr. 250 v. 18. Mai, 4; Neue Hamburger Zeitung 1899, Nr. 229 v. 18. Mai, 9; Der sächsische Erzähler 1899, Nr. 58 v. 20. Mai, 4). Teilwiese paraphrasierte man die Berichte der Braunschweiger Zeitungen (Vossische Zeitung 1899, Nr. 231 v. 19. Mai, 12). Die Toten und der Schaden standen im Mittelpunkt der Berichterstattung: „Der angerichtete Materialschaden ist, wie schon gesagt, sehr bedeutend. Das Gebäude ist mit 150.000 M, die Waarenvorräthe sind mit 225.000 M versichert“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1899, Nr. 253 v. 20. Mai, 4006). Die „Brandkatastrophe“, das „Brandunglück“ wurde auch im Ausland breit rezipiert (vgl. etwa die Berichte in Prager Tagblatt 1899, Nr. 138 v. 19. Mai, 9; Grazer Tagblatt 1899, Nr. 138 v. 19. Mai, 16; L’Universe 1899, Ausg. v. 20. Mai, 4; La Suisse Libérale 1899, Nr. 155 v. 20. Mai, 3; Feldkircher Zeitung 1899, Nr. 41 v. 24. Mai, 3; Auerthal-Zeitung 1899, Nr. 62 v. 24. Mai, 3).

Eigenproduktion

Der Tod von bei Karstadt in eigenen Werkstätten angestellten Schneidern und Schneiderinnen mag auf den ersten Blick überraschen. Es handelte sich dabei nicht allein um Vorläufer der bis heute in gehobenen Fachgeschäften vorhandenen Änderungsschneidereien. Vielmehr spiegelt dies die Traditionslinie der Magazine – Adolf Franks benachbartes Geschäft firmierte noch als solches –, also von Ladengeschäften mit integrierter Warenproduktion, die von den Warenhäusern fortgeführt wurde (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 376-377). Das größte deutsche Warenhaus, Wertheim in Berlin, beschäftigte 1895 beispielsweise 4.670 Personen. Doch darunter befanden sich im Haupthaus 180 Arbeiter, zudem 250 Schneider, 1200 Näherinnen und je 100 Stickerinnen und Putzmacherinnen in gesonderten Werkstätten (Werner Sombart, Die deutsche Volkswirtschaft im Neunzehnten Jahrhundert, Berlin 1903, 578). 40 Prozent der Beschäftigten stellten demnach Textilien und Besatzartikel her, änderten und reparierten Kleidung.

Die Braunschweiger Toten stehen für die rückwärtige Seite des breiten und kulanten Angebotes von Karstadt, für rasch zu erledigende Dienstleistungen der ja noch nicht durchkonfektionierten und normierten Angebote dieser Zeit. Die Warenhäuser intensivierten diese Eigenproduktion, teils als Bestandteil ihres Kundendienstes, aufgrund der abnehmenden Zahlen kleiner selbständiger Schneidereien, dem Reiz „exklusiver“ Angebote und der größeren Flexibilität bei Modewaren. 1908 besaßen 33 von 35 befragten Warenhausunternehmen eigene Produktionsstätten (Käthe Lux, Studien über die Entwicklung der Warenhäuser in Deutschland, Jena 1910, 150-152). Diese vertikale Konzentration war zugleich ein wichtiger Puffer gegen die schwer abwägbaren Einflüsse der Mode. Schwer verkäufliche Kollektionen konnten so umgearbeitet, nicht verkäufliche Stoffe und Muster anderweitig genutzt werden. Gerade Karstadt entwickelte sich, trotz der Brandtoten, schon vor dem Ersten Weltkrieg zum wichtigsten Protagonisten einer derartigen in einem Handelskonzern integrierten Warenproduktion (Heinrich Husemann, Die Eigenproduktion der deutschen Warenhauskonzerne, Hamburg 1930, 21; Käthe Lux, Die Eigenproduktion der deutschen Warenhäuser, Magazin der Wirtschaft 3, 1927, 1381-1383, insb. 1381). Dies führte allerdings zu massiver Kapitalbindung, so dass während der Weltwirtschaftskrise hohe staatliche Kredite und Subventionen erforderlich waren, um den Konkurs von Karstadt zu verhindern.

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Verspäteter Nachruf. Traueranzeige Rudolph Karstadts für seine verstorbenen Bediensteten (Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 236 v. 20. Mai)

Die Presse, die Gerüchte und die Ordnung

Der Karstadt-Brand war ein Ereignis elementarer Wucht auch abseits der Toten und Verletzten. So verloren die meisten Beschäftigten unmittelbar ihre Arbeit. Das war üblich, ebenso wie das überschüssige Wabern zahlreicher Gerüchte. Die Presse verbreitete einige davon, begünstigte sie mit übertriebener, teils fehlerhafter Berichterstattung. Als zentrales Medium abseits des Alltagsgesprächs verstand sie sich dennoch vor allem als Korrektiv, als Garant von Wahrheit und Ordnung.

Entsprechend traten die verschiedenen Zeitungen erst einmal Übertreibungen entgegen. Am Mittag nach dem Brand sprach man in der Stadt schon davon, dass man Menschenschädel oder gar vollständige Leichen gefunden habe. Das in der Presse immer wieder luzide ausgebreitete Leid der Betroffenen wurde fortgeführt: So etwa in der Fama, dass sich der Bräutigam von Meta Schulz in seiner Verzweiflung erschossen habe, nachdem er die zerborstene Leiche seiner Braut im Krankenhaus identifizierte hatte. Hier vermengte die Phantasie zwei unterschiedliche Ereignisse, denn in der Tat hatte sich am 19. Mai ein 19-Jähriger Kutscher mit einem Revolver erschossen (Das Feuer bei Karstadt, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 202 v. 19. Mai). Fabuliert wurde auch über weitere Opfer, die Vorsteherin der Schneiderwerkstatt mutierte zur vermissten und wohl verbrannten Käuferin.

Auch der Brand selbst gebar seine eigene Realität. Mehrere Nottüren seien verschlossen gewesen, die Feuerwehr habe zu spät reagiert und die Sprungtücher vergessen. Selbst in Berlin wurde gemeldet: „Die Feuerwehr zeigte sich der Situation durchaus nicht gewachsen, worüber hier große Entrüstung herrscht“ (Volks-Zeitung 1899, Nr. 230 v. 18. Mai, 3). Die lokalen Zeitungen verteidigten die Wehren, betonten ihre Mannhaftigkeit und ihre Tapferkeit, ihre Professionalität und Ortskunde. Offenkundige Abstimmungsprobleme zwischen Polizei und Feuerwehr wurden dagegen nicht thematisiert, obwohl Hinweise auf die Vermissten die Berufsfeuerwehr erst am Morgen nach dem Brand erreichten. Über den Anzeigenkunden Karstadt wurde kaum kritisch berichtet, denn er hatte gegen die baupolizeilichen Vorgaben scheinbar nicht verstoßen. Es kümmerte kaum, dass es keine Feuerleitern gab. Auch dass die zum Hof führende Nottür anfangs verschlossen war, fand nur Erwähnung, da der Schlüssel rasch zur Hand war. Die fehlenden Feuermelder waren kein Thema. Dabei hatte nicht nur der wackere Fahrradfahrer den Brand gemeldet, sondern unmittelbar darauf auch die Turmwache der nördlich gelegenen Andreaskirche sowie – per Feuermelder – ein Angestellter des in der Schuhstraße 33 befindlichen Kaufhauses Pfingst, einer Filialgründung des Nürnberger Warenhausbesitzes Julius Tietz (Vom Brande bei Karstadt, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 209 v. 25. Mai). Die unmittelbar nach dem Brand entbrannte Debatte über die Braunschweiger Baupolizeiordnung lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit stattdessen auf die nicht mehr zeitgemäße Regulierung moderner Verkaufsstätten. Dies war im Einklang mit der Staatsregierung, hatte Staatminister Adolf von Hartwieg (1849-1914) doch die Brandstätte am 18. Mai besucht und derartige Verbesserungen in Aussicht gestellt.

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Der Tod als Schicksal – Gebrauchspoetik zum Karstadt-Brand (Vaterländische Volkszeitung 1899, Nr. 28 v. 15. Juli)

Selbstkritik fehlte in den Tageszeitungen, Fehlmeldungen wurden auf die Augenzeugen geschoben, die nicht imstande gewesen seien „kaltblütig und ruhig zu beobachten“ (Folgen des Karstadtschen Brandes, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 253 v. 2. Juni). Die Schaulustigen wurden eher ungläubig zur Kenntnis genommen. Ihre Neugierde wurde nicht als Ausdruck eines Wissens um untergründige Alltagsgefährdungen verstanden, als Beleg für die Unsicherheit des Lebens und ubiquitäre Gewalt, sondern als hysterische Übersprungshandlung: „Geradezu widerlich und abstoßend sei es, wenn Mütter, den Säugling im Arme und ein bis zwei Kinder an der Hand, sich in das Gewühl der schaulustigen Menge stürzen, lediglich zu dem Zwecke, um ‚auch dabei gewesen zu sein!‘ wie es bei dem Karstadt’schen Brande leider so vielfach zu beobachten war. Ich möchte nur wissen, was sich diese Mütter dabei denken, ob sie überhaupt mit ihrem Spatzengehirn die Tragweite ihrer Handlungsweise zu fassen in der Lage sind und vor Allem, was die resp. Gatten dazu sagen“ (Wovon man spricht, Neueste Nachrichten 1899, Nr. 118 v. 21. Mai).

Braunschweig, 21. und 22. Mai 1899: Beerdigungen

Nach dem Brand stand das Pfingstfest in Braunschweig unter dem Eindruck der Ereignisse. Das Leid der anderen, das „Unglück“ der sechs Toten löste eine Welle der Anteilnahme aus. Am Pfingstsonntag, dem 21. Mai 1899, wurde zuerst der Schneider Karl Bosse zu Grabe getragen. Er war in seiner Wohnung aufgebahrt worden, der Leichenzug traf um 13 Uhr auf dem Zentralfriedhof ein. Sein zerborstener Leichnam lag in einem schlichten schwarzen Sarg, sein Grab im heutigen Gräberfeld 31. Die Trauerfeier war einfach, „nur wenige Neugierige nahmen daran Theil“ (Gedenkblatt, 1899, 13). Das sollte sich bei der unmittelbar folgenden Beerdigung der Schneiderin Frieda Jordan ändern. Auch ihr Leichnam wurde häuslich eingesegnet, Pastor Hermann Lagershauser hielt eine mehr oder weniger tröstende Ansprache. „An den Straßen, die der Kondukt passirte, hatten Tausende Aufstellung genommen“ (Gedenkblatt, 1899, 13).

Die eigentliche Trauerfeier fand am zweiten Pfingsttag statt, dem 22. Mai 1899. Die Lokalpresse stimmte hierauf ein, wollte ein ruhiges und würdiges letztes Geleit. Der übliche Pfingstausflug würde wohl vielfach unterbleiben, stattdessen die Gelegenheit genutzt, die „Schritte nach dem stillen Friedhofe [zu, US] lenken, wo die unglücklichen Opfer eines herben Geschicks zur letzten Ruhe bestattet werden sollen, Sie, die mit einander gekämpft und gelitten, sie hat der Tod vereint und Reihe an Reihe, wie sie gestorben, in trauter Nachbarschaft, wird sie der kühle Rasen decken, werden sie ihre letzte Ruhe finden, entrückt dem Lärm der Welt, entronnen dem harten Kampf ums Dasein“ (Wovon man spricht, Neueste Nachrichten 1899, Nr. 118 v. 21. Mai). Das verehrte Publikum zog jedenfalls schon eine Stunde vor dem auf 12 Uhr festgelegten Beginn der Trauerfeier „in hellen Schaaren nach dem Friedhof hinaus und je näher es der zur Trauerfeier angesetzten Mittagsstunde kam, desto stärker wurde der Andrang“ (Gedenkblatt, 13). Die Zugangsstraßen waren verstopft, Polizisten lenkten die Massen. Ein Beobachter vermerkte, „daß Braunschweig eine derartige Theilnahme bei einem bürgerlichen Begräbnis noch nie gesehen hat. Die weiten Gänge der Osthälfte des Friedhofs waren mit vielen Tausenden bestanden, doch herrschte überall mustergültige Ordnung. Man greift nicht zu hoch, wenn man die Zahl der Erschienenen auf 15-20.000 schätzt. Noch nach der Feier zogen breite Menschenströme auf der Straße nach dem Friedhofe hin“ (Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 141 v. 23. Mai). Die Straßenbahn fuhr in enger Taktung, jede versehen mit zwei zusätzlichen Anhängewagen.

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Lageplan der Beerdigung der Brandopfer (Eigene Darstellung auf Grundlage des Winterschen Bauplans von 1889 (Wikipedia resp. Stadtarchiv Braunschweig H XI 26.2)

Die Trauer galt den vier jungen Schneiderinnen Meta Schulz, Marie Becker, Else Ruthemann und Paula Trippler. Sie wurden Seit an Seit beerdigt, im Gräberfeld 33, neben dem verschlossenen Grab Frieda Jordans. Anders als am ersten Pfingsttage standen die vier Särge in einer Reihe in der Friedhofskapelle, umkränzt von Kandelabern, in Front von Trauerpflanzen. Sie waren umgeben und geschmückt von zahllosen Kränzen, Palmen und Blumensträußen. Das trübe Licht brach sich in den farbigen Fenstern der 1887 vom Braunschweiger Stadtbaurat Ludwig Winter (1843-1930) gestalteten neogotischen Kapelle. Deren Türen waren schon lange vor der Mittagszeit geschlossen worden, „weil die Kapelle von Leidtragenden und Teilnehmenden vollständig gefüllt war“ (Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 234 v. 23. Mai). Die Hinterbliebenen standen neben den Särgen, denn nicht ihre Trauer stand im Mittelpunkt, sondern die der gesamten Stadtgemeinde. Das Warenhaus Karstadt repräsentierten die beiden Geschäftsführer Klopp und Gollnick, Rudolph Karstadt blieb der Feier fern.

Um 12 Uhr setzte der Posaunenchor des evangelisch-lutherischen Jünglingsvereins ein, „Jesus lebt, mit ihm auch ich“ ertönte, Christian Fürchtegott Gellerts (1717-1769) bis heute bei Beerdigungen gerne verwandter Choral: „Wer nun verzagt, lästert ihn und Gottes Ehre“. Pastor Heinrich Runte (1860-1946) fragte nach dem Sinn dieses grausamen Geschehens und verwies auf die dem Menschen unergründlichen Pläne Gottes. Dennoch ersparte er der Trauergemeinde nicht seine ganz eigene Interpretation, dass nämlich besseren Zeiten und Verhältnissen stets Opfer vorausgegangen seien: „So würden auch diese Opfer dazu beitragen, den Menschengeist anzuspornen, Mittel und Wege zu finden, daß für die Folge unsere Stadt nie wieder eine solche Heimsuchung erfahren werde“ (Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 141 v. 23. Mai). Gewiss eine eigenartige Form, eine öffentliche Debatte über den Brandschutz in Gang zu setzen. Runte sollte zur prägenden Figur der Braunschweiger evangelisch-lutherschen Pfarrerschaft werden, die Trauerfeier war Teil dieses Weges. Er trug noch ein eigens für die Trauerfeier erdachtes Gebet vor, das „Vater unser“ folgte, ebenso der Segen. „Nicht allein die weiblichen Mitglieder der Trauergemeinde weinten, wohin man sah, rannen auch von den Wangen wetterharter Männer stille Thränen hinab“ (Ebd.). Draußen hatte die Polizei für Ordnung gesorgt und strömender Regen eingesetzt. Unter den Klängen des Posaunenchores und einer zweiten schon die Feier begleitenden Musikkapelle setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Die Särge wurden versenkt, und bis weit in den Nachmittag hinein erwiesen Braunschweiger den Toten die letzte Ehre, legten Kränze, Bestecke und Blumen an den Grabstätten nieder.

Diese breite Resonanz gab der allgemeinen Bestürzung über den Karstadt-Brand eine Form, war zugleich aber Ausfluss des unstillbaren menschlichen Interesses am Leid der anderen. Dieses endete schnell, rief doch das Tagwerk, das nächste Ereignis. Entsprechend wurde über das weitere Schicksal der Schneiderin Emma Müller kaum mehr berichtet. Nach ihrem verwegen-verzweifelten Sprung in die Tiefe war sie zuerst zuhause gepflegt, am 19. Mai aber ins Herzogliche Krankenhaus verlegt worden. Ihr Allgemeinbefinden verschlechterte sich dennoch, Ende Mai mussten ihr Fuß und Unterschenkel amputiert werden (Vom Karstadtschen Brande, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 248 v. 30. Mai). Die inneren Verletzungen waren noch gravierender. Die junge Frau erlag ihren Leiden am 16. Juni 1899 (Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 278 v. 16. Juni). Der Warenhausbrand hatte damit ein siebtes Todesopfer gefordert. Emma Müller wurde am 18. Juni 1899 in unmittelbarer Nähe ihrer fünf Kolleginnen begraben.

Effizienterer Brandschutz und neue Baupolizeiordnungen

Das Herzogtum Braunschweig besaß im bunten Reigen deutscher Länder eine Sonderstellung. Als der letzte regierende Welfe Herzog Wilhelm (1806-1884) starb, übernahm nicht dessen legitimer Nachfolger Ernst August von Hannover (1845-1923) die Herrschaft, sondern erst ein Regentschaftsrat, dann Albrecht von Preußen (1837-1906) – ein Hohenzoller und Kriegsheld der sog. Einigungskriege von 1864-1871. Von preußischem Gebiet umgeben, lehnte sich das Herzogtum eng an den übermächtigen Nachbarn an, fuhr innenpolitisch allerdings einen konservativeren Kurs. Er wurde verkörpert durch den seit 1889 tätigen Innenminister („Staatsminister“) Adolf von Hartwieg, der als überzeugter Monarchist Linksliberale und die in Braunschweig schon früh starke Sozialdemokratie möglichst ausgrenzte. Die Landesversammlung, die vorrangig aus entsandten Vertretern der Städte und Landgemeinden bestand – nur 18 der 48 Abgeordneten wurden geheim von Berufsständen gewählt – agierte mittelstandsfreundlich, lehnte allerdings 1898 und dann nochmals 1900 Anträge auf eine gesonderte Kommunalsteuer der Warenhäuser ab. Preußen hatte im gleichen Jahr eine landesweite Warenhaussteuer erlassen (Spiekermann, 1994, 127-128). 1904 wendete sich das Blatt allerdings. Die in Braunschweig von Mittelstandsvertretern und der Deutsch-Sozialen Partei vehement geforderte Sondergewerbesteuer gehörte seither zu den striktesten im Deutschen Reiche. Warenhäuser seien als solche anstößig, selbst „der ganze Geist, der aus diesen neuen Betriebsstätten des Handels herausweht, und der sich schwer auf den Lebensodem zahlreicher Existenzen legt“ (Entwurf des braunschweigischen Gesetzes, die Heranziehung der Warenhäuser usw. zu einer besonderen Gewerbesteuer (Umsatzsteuer) betreffend, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 1, 1904, passim, hier 169). Auch Karstadt musste ab 1904 diese Sondersteuer entrichten.

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Verkoppelung von Feuergefahr und Warenhaussteuer kurz nach dem Warenhausbrand in Berlin-Rixdorf (Kladderadatsch 53, 1900, Nr. 8, 9)

Unmittelbar nach dem Brand gab es 1899 gleichwohl eine recht abgewogene Debatte über die nun erforderlichen Konsequenzen: Der Karstadt-Brand zeugte von offenkundigen und nicht zu verleugnenden Gefahren. Auch wenn man die begrenzte Aussagefähigkeit der genutzten Quellen immer im Hinterkopf behalten muss, so gab es doch zwei klar zu unterscheidende Ebenen der öffentlichen Debatte: Erstens eine in den Tageszeitungen artikulierte Ursachendiskussion und -engführung; und zweitens die Erörterung angemessener Maßnahmen zwischen Legislative und Exekutive, zwischen Landesversammlung und Staatsministerium.

Die Zeitungen spielten damals auf der von Friedrich Schiller vorgegebenen Klaviatur: Feuer war ambivalent, war als eingehegte Himmelskraft zivil, als „freie Tochter der Natur“ dagegen gewalttätig und destruktiv. Das hätte man auch über den Konsum der bürgerlichen Gesellschaft sagen können. Die in den lokalen Journalen geforderten Konsequenzen waren einerseits eng administrativ, nämlich „weitere Vorsichts- und Sicherheitsmaßregeln bei Bau, Anlage und Einrichtung von solchen Warenhäusern wie überhaupt bei allen Gebäuden“ (Unaufschiebbare Forderungen, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 237 v. 24. Mai). Stetig geöffnete Notausgänge, vermehrte Kontrollen, staatliche Techniker; dadurch hätte man bei Karstadt Schaden verhindern können, das sollte nun weitere Tote und Verletzte ausschließen. Im Lichte des Brandes schimmerte anderseits die potenzielle Gewalt des Alltagskonsums durch: „Wie anmuthig und gefällig die oft von hochhonorierten Arrangeuren dargebotenen Stoffausstellungen mit elektrischen Glühlampen sein mögen, sie sind, wie der Fall Karstadt zeigt, von außerordentlicher Gefährlichkeit“ (Gedenkblatt, 1899, 15). Das aber bedeutete Eindämmung der Reklamepracht der Schaufenster und Verkaufshäuser, also kleinere Verkaufsräume und Warenausstellungen. Die fehlenden Vorkehrungen und die gemeinsame Gier von Anbietern und Käufern seien ursächlich für die Katastrophe: „Die armen Mädchen, die dem Brande zum Opfer gefallen sind, sind Opfer einer Schaufensterdekoration! und auch des nach einem gegebenen Schema blind arbeitenden Bureaukratismus. Die Rückkehr zu einfacheren Verhältnissen ist das, was erstrebt werden muß. Nur die bis in das Ungemessene gesteigerte Reklamesucht unserer Zeit konnte solche Gebäude schaffen, die wie ein Streichholz auflodern“ (Ebd., 16).

Von letzterem war in der Landesversammlungssitzung am 30. Mai 1899 kaum mehr etwas zu hören: Hier waltete bei Parlamentariern, Experten und Regierungsbeamten der gleiche technokratisch-bürokratische Blickwinkel auf zu verändernde Rechtsnormen. Debattiert wurde ein breit unterstützter Antrag des nationalliberalen Gutsbesitzers Carl Rühland, Anteilseigner einer von seinem Vater August in Königslutter gegründeten Zuckerfabrik. Er zielte auf Änderungen und Ergänzungen der Bauordnung (Volks-Zeitung 1899, Nr. 243 v. 27. Mai, 2). Die Diskussion war sachlich und ernst im Ton. Rühland paraphrasierte das Geschehen, stellte sich hinter die Feuerwehr, verstand den Brand zugleich als Menetekel für die Herausforderungen der Konsumgesellschaft: „Das ganze Haus ist bis oben hin vollgepfropft von Waren aller Art“ (Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 249 v. 31. Mai). Das Gebäude sei solide gebaut gewesen, die Brandmauern und das rasche Eingreifen der Feuerwehr hätten die Ausbreitung des Feuers verhindert. Die bestehende Regulierung einschlägiger Bauten sei aber nicht mehr zeitgemäß, einerseits wegen der sich rasch entwickelnden Elektrotechnik, anderseits wegen der wachsenden Größe moderner Verkaufsstätten. Ähnlich argumentierte der berichtende Abgeordnete Krüger, der aber auch Kritik an der wirtschaftsfreundlichen Politik der Staatsregierung äußerte: „Wo so großes Kapital im Betriebe steckt, wo eine Anzahl solventer Kapitalisten hinter derartigen Unternehmungen steht, wenn es auch äußerlich auf den Namen eines einzigen geht, da hat man doch ganz gewiß nicht nötig, die Leute mit Glacéhandschuhen anzufassen“ (Ebd.). Die bestehenden Vorgaben der Braunschweigischen Bauordnung und der Reichsgewerbeordnung seien an sich völlig ausreichend, doch müssten sie auch um- und durchgesetzt werden – und das sei nicht erfolgt, denn für regelmäßige Kontrolle sei nicht einmal Personal vorhanden (Sitzungsbericht 61 vom 30. Mai 1899 BL, Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 160, Beilage, 775-793, hier 778). Staatsminister Hartwieg nahm diese sanfte Kritik verbal auf, zeigte sich tief berührt von den Ereignissen, die er mittels des Berichtes des Kreisbranddirektors präzisierte. Er sagte den Abgeordneten eine strenge Überprüfung sowohl der Rechtslage als auch der bestehenden Großbetriebe im Handel zu (Sitzungsbericht 61 vom 30. Mai 1899 BL, Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 160, Beilage, 775-793, 779-784). Rühland zeigte sich damit zufrieden und zog seinen Antrag zurück.

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Staatsminister Adolf von Hartwieg (Illustrierte Weltschau 1914, Nr. 3, 8)

Die reichsweit beachtete Debatte war nicht folgenlos (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1899, Nr. 273 v. 1. Juni, 4304; Volks-Zeitung 1899, Nr. 250 v. 31. Mai, 2). Am 7. November 1899 erteilte die Staatsregierung den Verwaltungsbehörden und Gemeinden die Befugnis, beim Brandschutz über die Landesbauordnung hinaus zu gehen, also schärfere lokale Maßregeln zu erlassen (Mitteilungen des Zentral-Verbandes deutscher Kaufleute 10, 1899/1900, Nr. 4, 9). In Braunschweig wurde diese Chance auch ergriffen (Braunschweigische Landeszeitung 1900, Nr. 228 v. 17. Mai 1900). Die öffentliche Kontrolle einschlägiger Elektroanlagen wurde durch einen neu eingestellten Techniker professionalisiert. Die Braunschweiger Berufsfeuerwehr erhielt eine zweite Dampfspritze und 1901 auch eine erste 25 Meter lange Magirusleiter (Erinnerung an eine Brandkatastrophe, Braunschweigische Tageszeitung 1939, Nr. 113 v. 16. Mai).

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Hilfsmittel der Brandbekämpfung: Angebotspalette des Marktführers C.D. Magirus (Zeitschrift der oberösterreichischen Feuerwehren 17, 1902, Nr. 18, 7)

Die Geburt des „Warenhausbrandes“ im Gefolge des Braunschweiger Karstadt-Brandes

Wir Nachgeborenen sehen ein Ereignis wie das in Braunschweig unter einem zwingend anderen Blickwinkel als die Zeitgenossen. Ohne großes Nachdenken ist dieser Brand für uns Teil eines breiteren Problems, Beispiel für die öffentliche Gefährdung durch „Kaufhausbrände“, durch „Warenhausbrände“. Dieser Plural nährt sich aus beträchtlichen Fallzahlen, ähnlichen Verläufen und analogen Gegenmaßnahmen. Die Verschärfungen der Braunschweiger Bauordnung und die verbesserte Ausstattung der lokalen Feuerwehren wiesen den Weg für eine allgemeine, weit über Braunschweig hinausgreifende Brandvorsorge. Bevor wir diese in den Blick nehmen, um dadurch die Genese einer Kollektivvorstellung vom „Warenhausbrand“ nachvollziehen zu können, muss aber noch ein Blick zurück erfolgen, nämlich auf den Brand des Warenhauses Wronker in Frankfurt a.M. 1897.

Hermann Wronker (1867-1942), Spross aus der weitverzweigten Tietz-Familie, hatte 1891 auf der Zeil ein Manufakturwarengeschäft gegründet und in den Folgejahren stetig erweitert. Doch am 25. Februar 1897 hieß es um 12 Uhr mittags: Wronker in Flammen! „Vorrübergehende stürzten in den Laden, schrieen in allen Stockwerken ‚Feuer‘ und veranlaßten die entsetzten Kunden und Verkäufer, auf die Straße zu flüchten. Die brennbaren Stoffe, die den erst vor ein paar Monaten eingerichteten und eröffneten Bau bis zum Dach füllten, boten dem Feuer leichtes Spiel, und wie eine lodernde Flamme ging im Nu durch alle Räume der verheerende Brand. Gefährdet waren namentlich die Arbeiterinnen in den oberen Geschossen, wo die Wronkerschen Putzmacherei-Werkstätten u.s.w. gelegen sind. Aber auch sie konnten, zum Theil unter Zurücklassung der Ueberkleider u.s.w., in den Arbeitsgewändern das Freie erreichen“ (Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 97 v. 27. Februar, 9). Die Feuerwehr traf etwa fünfzehn Minuten nach Brandausbruch ein, zu diesem Zeitpunkt hatte das Feuer schon auf benachbarte Häuser übergegriffen. Achtzehn Personen wurden mit mechanischen Leitern und Sprungtüchern von den Balustraden und Dachstühlen der betroffenen Gebäude gerettet. Es gab Verletzte, doch keine Toten. Das Warenhaus wurde komplett zerstört, die umgebenden Häuser erlitten teils beträchtliche Schäden (Hamburger Nachrichten 1897, Nr. 48 v. 26. Februar, 16). Die Ursache des Brandes war schnell klar, beim Aufhängen zweier elektrischer Bogenlampen fielen Funken „des vorzeitig eingestellten electrischen Stromes in Gardinenstoffe“ (Rosenheimer Anzeiger, Nr. 53 v. 6. März, 3). Der verantwortliche Installateur wurde in Haft genommen (Volks-Zeitung 1897, Nr. 95 v. 26. Februar, 3). Der Brand von Wronker lief also exakt so ab, wie zwei Jahre später der Braunschweiger Karstadt-Brand. Für die Öffentlichkeit aber handelte es sich um einen bedauerlichen Einzelfall, um einen Brand wie viele andere. Da keine Kunden, auch keine Beschäftigten ums Leben gekommen waren, lamentierte man in der Tradition der alten Städtebrände, bei denen der ruhende Bürger des Nachts vom Feuer überrascht wurde: „So aber, am hellen Mittag, ist es gelungen, alle bedrohten Geschäftsräume noch so rechtzeitig, wenn auch im letzten Augenblick, von den Insassen zu räumen“ (Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 97 v. 27. Februar, 9). Bei der Einordnung des Wronker-Brandes fehlte das Denkmuster einer allgemeineren Gefahr durch überall drohende „Kaufhausbrände“ oder „Warenhausbrände“. Auch beim fast zeitgleichen Brand des Münchener Kaufhauses Bernheimer diskutierte man vorrangig über die allgemeine Gefahr durch elektrische Anlagen, nicht aber über die strukturelle Feuergefahr in modernen Verkaufsstätten (Allgemeine Zeitung 1897, Nr. 55 v. 24. Februar, 6).

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Stahlskelettbau des Warenhauses Alsberg in Oberhausen nach dem Brand am 25. März 1900 (Centralblatt der Bauverwaltung 20, 1900, 193)

Erst Braunschweig, erst die sieben Toten führten die öffentliche Diskussion auf eine neue vereinigende Ebene. Dabei waren Experten führend: Der Verband Deutscher Privatversicherungs-Gesellschaften hatte die gemeldeten Fälle analysiert und sah einerseits eine wachsende Gefahr durch unsachgemäß installierte und kontrollierte elektrische Anlagen. In einer Eingabe an die Bundesregierungen verlangte er nach dem Braunschweiger Brand staatliche Interventionen: „Trotzdem die Gesellschaften in dieser Hinsicht alles Mögliche vorschreiben und thun, mehrt sich von Jahr zu Jahr die Zahl der Brände. Natürlich sind Brände dieser Art besonders gefährlich in den modernen Waarenhäusern, deren Bauart und Inhalt rapide Verbreitung eines einmal ausgebrochenen Brandes befördern. Die Brände der Waarenhäuser von Bernheimer in München, Wronker in Frankfurt a.M., Bacher & Leon in Berlin, Karstadt in Braunschweig beweisen dies genügend“ (Allgemeine Zeitung 1899, Nr. 200 v. 21. Juli, 3). Man sah nun ein gemeinsames Muster der zuvor als Einzelfälle bewerteten Brände. 1899 entstand dadurch eine allgemeine, mit den Begriffen „Kaufhausbrand“ bzw. „Warenhausbrand“ umrissene Gefahrenquelle.

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Traueranzeige für die Todesopfer des Warenhausbrandes in Karlsruhe im Februar 1900: Zwei Näherinnen und eine Verkäuferin (Badische Presse 1900, Nr. 37 v. 14. Februar, Mittagsausgabe, 6)

In der Tat traten einschlägige Brände häufiger auf: 1897 gab es drei größere Ereignisse (München, Frankfurt a.M. und Berlin), 1898 zwei (Altona und Köln), 1899 derer fünf (Braunschweig, Elberfeld und drei in Berlin inkl. Vororte). Weitere drei folgten 1900, darunter einer – Landauer, Karlsruhe – mit drei Toten. Bereits 1898 mahnten mittelständische Konkurrenten der Großbetriebe des Handels Gegenmaßnahmen an. Der Berliner Centralverband der Vereine selbständiger Gewerbetreibender forderte damals vom Berliner Polizeipräsidium verschärfte baupolizeiliche Regelungen. Man versicherte den Petenten die Entwicklung bereits zu beobachten (Feuersicherheit der Großbazare, Braunschweigische Anzeigen 1899, Nr. 144 v. 26. Mai). In den damals laufenden öffentlichen und parlamentarischen Debatten über die preußische Warenhaussteuer wurde auf die Feuergefahr Bezug genommen – und damit die Brände in den unausgesprochenen Zusammenhang des Behördenversagens gestellt (Stenographische Berichte Preußisches Abgeordnetenhauses 1899, Bd. 4, Debatte v. 16. Juni, 2395 (Brockhausen)). Die Braunschweiger Toten bauten weiteren Handlungsdruck auf, die Debatte in Braunschweiger Landesversammlung setzte den Tenor für präventive Gegenmaßnahmen (Folgen des Karstadtschen Brandes, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 253 v. 2. Juni).

Anfang Juni 1899 forderte daraufhin der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten Karl von Thielen (1832-1906) seine nachgeordneten Behörden auf, große Verkaufshäuser besonders zu prüfen und die lokalen Baupolizeiverordnungen gegebenenfalls zu überarbeiten, um dadurch „das Vorkommen ähnlicher Unfälle, wie in Braunschweig, zu verhüten“ (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 157 v. 13. Juni, 2). Nottreppen, die Trennung von Keller- und Verkaufsräumen und die feuersichere Umkleidung elektrischer Anlagen sollten dadurch sichergestellt werden. Die Lokalbehörden sollten die Ergebnisse ihrer Prüfungen bis September 1899 melden, ebenso die vor Ort getroffenen Maßregeln (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 192 v. 19. Juli, 1). In Preußen schien damit das rettende Räderwerk der Bürokratie in Gang gesetzt und schreibentrunken hielt man es für dringend geboten, „dass auch in andern Staaten ebenso vorgegangen wird“ (Berliner Börsen-Zeitung 1899, Nr. 336 v. 20. Juli, 6).

Dazu hätte es der schnarrenden Mahnung nicht bedurft, sondern mittelständische Interessenvertretungen und konservativ-liberale Repräsentanten brachten die Feuersicherheit reichsweit auf die Agenda von Städten und Staaten. Schon Ende Mai ersuchte etwa das Nürnberger Gemeindekollegium einstimmig den Magistrat „sofort Vorbereitungen treffen zu wollen, wodurch Katastrophen wie der Warenhausbrand in Braunschweig verhindert werden können (Neue Hamburger Zeitung 1899, Ausg. v. 31. Mai, 4). Von den größeren Staaten ging Sachsen voran – auch eine Folge der dortigen gewerbefreundlichen Wahlgesetze. Die Leipziger Regelungen vom 28. Mai 1900 setzen den Tenor für das gesamte Königreich (Maßnahmen und Einrichtungen betreffend die Feuer- und Verkehrssicherheit in den Warenhäusern der Stadt Leipzig, Oesterreichische Verbands-Feuerwehr-Zeitung 24, 1900, 123-125, 131-132, 141, 160). In Preußen hatte es derweil nur vereinzelte Maßregeln gegeben. Im Regierungsbezirk Altona beschränkte man beispielsweise offene Warenpräsentationen in Räumen und auf Treppen, „da solche Vorrichtungen bei ausbrechendem Feuer gleich einer Zündschnur zu erachten sind“ (Neue Hamburger Zeitung 1899, Ausg. v. 15. Juli, 3).

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Das zerstörte Warenhaus Max Aron in Berlin-Rixdorf Anfang Februar 1900 (Österreichische Illustrierte Zeitung 1900, Nr. 17 v. 4. Februar, IV)

Im preußischen Berlin, der eigentlichen Hauptstadt der Warenhäuser, ging es dagegen gemächlicher zu; auch als Folge der dort dominierenden freisinnigen Wirtschaftsinteressen. Es bedurfte scheinbar erst der Zerstörung des Rixdorfer Warenhauses Max Aron am 13./14. Januar 1900, ehe die Verordnungsmaschinerie langsam in Bewegung kam (Garbe, Die Feuersicherheit der Warenhäuser, Centralblatt der Bauverwaltung 1900, 70-71). Erst mit diesem Brand setzte sich auch in der Reichshauptstadt die Idee durch, dass „Warenhausbrände“ eine reale und speziell zu bekämpfende Gefahr seien (Unglücksfälle, Die Woche 2, 1900, 578). Experten der Versicherungs-, Elektrizitäts- und Gaswirtschaft sahen das ähnlich (Eine neue Gefahr für die Gasindustrie, Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung 43, 1900, 345-347). Am 6. Mai 1901 erließ schließlich das preußische Ministerium für öffentliche Arbeiten baupolizeiliche Sonderanforderungen an Waren- und Kaufhäuser. Sie waren recht allgemein gehalten, lokale Besonderheiten konnten dadurch berücksichtigt werden. Architekten intervenierten, sahen sich dadurch gegängelt. Daraus entstanden schließlich präzisierte und ab dem 2. November 1907 geltende „Sonderanforderungen an Warenhäuser und an solche Geschäftshäuser, in welchen größere Mengen brennbarer Stoffe feilgehalten werden“ (R. Goldschmidt, Die Feuersicherheit der Warenhäuser, Deutsche Bauzeitung 42, 1908, 6-11).

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Neue Brandschutzbestimmungen: Feuerwehrmann eines Berliner Warenhauses nebst Feuerleitern (Fritz Leybold, Die Feuersicherheit in großen Berliner Warenhäusern, Die Woche 5, 1903, 1076-1079, hier 1077 (l.); ebd., 1078)

Die Vorstellung einer neuen Gefahr namens „Warenhausbrand“ entstand demnach 1899 und verbreitete sich anschließend. Der Braunschweiger Karstadt-Brand war hierfür die entscheidende Wegmarke. Es wäre allerdings verfehlt all dies als wirklich neu misszuverstehen. Es handelte sich um gängige Verwaltungsmaßnahmen, mit denen zuvor auch andere neuartige Brandarten, etwa die der Theater, erfolgreich eingedämmt werden konnten. Der „Warenhausbrand“ war zu dieser Zeit noch nicht agitatorisches Kampfmittel der Mittelstandsbewegung, eine antisemitisch aufgeladene Trope bzw. der symbolische Bezugspunkt antikapitalistischer, am „jüdischen“ Warenhaus festgemachten Dispositive. Letzteres ist die zentrale These in Paul Lerners Interpretation des „Consuming Fire“ (Lerner, 2015). Zum Beleg führte er einige wenige Aussagen der Warenhausliteratur der Vorkriegszeit an, nutzte markante Zitate antisemitischer Warenhauskritiker, unterzog die Brände aber nicht einer empirisch validen Analyse. Um die vermeintlich mit dem Warenhaus verbundene „fantasy of destruction“ zu belegen, zog Lerner vorrangig fiktive Quellen heran, nämlich mehrere Warenhausromane zumal der 1920er Jahre. Eine derartige Diskursanalyse hat gewiss ihre Meriten, kann als Quirl dienen, um gewisse Dispositive herausarbeiten. Sind diese jedoch nicht empirisch rückgebunden und hinterfragt, so verlässt man den Boden solider Geschichtsschreibung. Gewiss, die Forderungen antisemitischer Mittelstandsvertreter sind gut zu lesen, geben jeder Analyse popkornhaften Reiz: „Ihr Handwerker, Ihr Kaufleute, Ihr Landwirte […] haltet Eure Frauen und Töchter ab hinzugehen, auch schon deshalb, daß Ihr sie nicht eines Tages vom Feuer gebraten […] wieder erhaltet“ (E[mil] Suchsland, Die Klippen des sozialen Friedens, 6. Aufl., Halle a.S. 1904, 30). Da lächeln wir Bürgersöhnchen und -töchterchen fröstelnd, wissen um den richtigen Platz in derartigen Geschichten. Doch derartig schrill-irreale Aussagen waren 1899/1900 selten, lassen sich häufiger erst nach dem Warenhausbrand im Budapester „Pariser Warenhaus“ am 24. August 1903 finden, der europaweit für Aufsehen sorgte. Dort hatte es massive Baumängel gegeben, die Baupolizei hatte offenkundige Gefahren bewusst ignoriert. Im Deutschen Reich wäre das so nicht möglich gewesen; just weil man aus dem Braunschweiger und anderen Warenhausbränden gelernt hatte. Die Imagination des Warenhausbrandes nährte sich in den Folgejahren vorwiegend aus größeren Feuern im Westen Europas, während sich deutsche Behörden und Warenhäuser nicht zu Unrecht als Musterknaben präsentierten. Wer für eine Geschichte des Warenhausbrandes dagegen vorrangig fiktionale Quellen nutzt, ist immer in Gefahr, auch fiktionale Geschichte zu schreiben.

Rechtliche Nachhutgefechte: Karstadt vor Gericht

Der in den Zeitungen gängige Begriff „Unglück“ spiegelte den Zufall, die grundlegende Unsicherheit menschlichen Lebens. Er war zugleich aber ein wichtiges semantisches Hilfsmittel, um Fragen nach Ursachen und Verantwortung zu vernebeln. Rudolph Karstadt war nicht nur persönlich nicht sonderlich berührt von den Toten, die der Brand gefordert hatte. Im Rückblick erschien er als eine rasch überwundene Petitesse: „Einen Rückschlag erlitt die günstige Entwicklung der Firma, als der im Jahre 1898 eröffnete Neubau des Braunschweiger Geschäftshauses im Mai 1899 abbrannte. Bereits am 1. November 1899 faßte Rudolph Karstadt jedoch durch den Ankauf eines Grundstückes in Braunschweig wieder Fuß, und im Jahre 1903 wurde für das abgebrannte Haus durch einen Neubau Ersatz geschaffen, der in der Folgezeit durch Angliederung benachbarter Grundstücke ständig erweitert wurde“ (Die Rudolph Karstadt A.G. und die mit ihr verbundenen Unternehmungen, Berlin 1929, 16). Der 1903 gegründete Verband der Waren- und Kaufhäuser, die Interessenorganisation der Branche griff die Brandgefahr in den Verkaufsstätten ebenfalls auf. Obwohl Brandschutz als öffentliches Gut verstanden wurde, sich also im Wechselspiel zwischen staatlicher Regulierung und öffentlich bezahlten bzw. unterstützten Feuerwehren bewegte, verwiesen seine Repräsentanten auf die vielfältigen zusätzlichen Maßnahmen der einzelnen Firmen. Brandschutz galt zunehmend auch als privates Gut: Die Mitglieder passten Konstruktionen und Baumaterialien ihrer Bauten an, integrierten unabhängige Rettungswege, trennten Keller und Erdgeschoß voneinander, bauten Alarmsysteme, später dann auch Sprinkleranlagen ein. Das Personal wurde geschult, mittels regelmäßiger Probealarme auch getestet (Hermann, Warenhaus und Technik, in: Probleme des Warenhauses, Berlin 1928, 132-141). Größere Häuser hatten auch private Feuerwehren wie sie in der Industrie schon länger üblich waren. Der Vorwurf, „die Warenhäuser sind feuergefährliche Menschenfallen“ (J[ohannes] Wernicke, Kapitalismus und Mittelstandspolitik, Jena 1907, 580) konnte dadurch entkräftet werden, wenngleich kleinere Brände weiter regelmäßig auftraten. Auch diese Vorkehrungen halfen dabei, dass der Karstadt-Brand in Braunschweig der „Unglücksfall“ mit der höchsten Zahl an Toten im Deutschen Reich blieb.

Die rechtlichen Nachhutgefechte zeichnen das Bild von Rudolph Karstadt als Unternehmer, der das „Unglück“ nicht mit eigenen Versäumnissen verband und den entstandenen Schaden vor allem von anderen bezahlt haben wollte. Lokal hatte das durchaus Erfolg, denn die Herzogliche Landesversicherungsanstalt zahlte ihm 122.600 Mark Immobiliarentschädigung, so dass ein Neubau unmittelbar hätte begonnen werden können (Das Gas- und Wasserfach 43, 1900, 734). Die Geschäftsruine wurde beseitigt, das Grundstück lag erst einmal brach. Karstadt hatte das 1898 bezogene Haus für 15 Jahre vom Braunschweiger Kaufmann und Rentner Ernst Bornemann gemietet und sich zugleich im Verkaufsfalle ein Vorkaufsrecht gesichert. Dieses aber, so das Argument des Vermieters, sei mit der Zerstörung des Hauses nicht mehr gegeben – und er könne mit dem Grundstück nach eigenem Gusto verfügen. Karstadt, der mit Bornemann auch wegen des Fortbestehens des Mietvertrages in Rechtshändeln lag, klagte hiergegen, erlitt vor dem Braunschweiger Landesgericht jedoch eine Niederlage (Prozeß wegen des Karstadtschen Hauses, Braunschweigische Landeszeitung 1899, Nr. 381 v. 16. August). Das Grundstück Stephanstraße 6 wurde neu bebaut, doch ab 1903 bot dort das Warenhaus Alsberg seine Angebote an (Braunschweigisches Adreß-Buch für das Jahr 1903, Braunschweig 1903, III.276). Dabei handelte es sich um einen rasch wachsenden Konzern, dessen Schwerpunkte im Rhein-Ruhr-Gebiet lagen und der sein Filialnetz damals weiter nach Osten hin erweiterte. Karstadt musste umdisponieren, wollte er vor Ort präsent bleiben. Er kaufte in unmittelbarer Nähe erste Grundstücke, firmierte ab 1903 unter der Adresse Sack 24 (Ebd.; ebd. 1904, III.281). Ab 1905 offerierte Karstadt seine Waren auch in Verkaufsstätten der daran angrenzenden Schuhstraße 30-32 (Ebd. 1905, III.289). Das Geschäft barg weiterhin eine Änderungsschneiderei und Ateliers für Auftragsfertigungen.

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Anzeige für die neu errichteten Braunschweiger Karstadt-Kaufhäuser (Verzeichnis der Schulen und sonstigen Bildungsanstalten des Herzogtums Braunschweig, Braunschweig und Leipzig 1906, Anzeigenanhang, 19)

Karstadt brauchte also Jahre, ehe er den Verkauf fortsetzen konnte. Gravierender noch waren zwei Prozesse, die Karstadt gegen die Feuerversicherungsunternehmen „Baseler Versicherungsgesellschaft“ und „Londoner Phönix“ anstrengte. Bei diesen hatte der Warenhausunternehmer seine Warenbestände zu je 125.000 Mark abgesichert. Beide verweigerten jedoch die Zahlung. Ihre Argumentation war zweigeteilt. Zum einen hatte der Geschäftsführer des Braunschweiger Hauses bei Vertragsabschluss am 29. September 1898 die Frage verneint, ob zuvor Brandschäden entstanden und beglichen worden seien. Das aber war offenkundig falsch. Verschiedene Karstadt-Geschäfte außerhalb Braunschweigs hatten Schadenfeuer aufzuweisen, 1894 wurden daraufhin 60.000 Mark erstattet (Schweizerisches Handelsamtsblatt 20, 1902, 354-355, hier 355). Diese Frage stand im Mittelpunkt der Prozesse. Karstadt legte zweimal Revision ein, nachdem erst das Landesgericht, dann auch das Oberlandesgericht seine Klagen kostenpflichtig abgelehnt hatten. Am 6. Dezember 1901 entschied schließlich das Reichsgericht zugunsten der Baseler Versicherung – und Karstadt zog seine noch anhängige Klage gegen die Londoner Phoenix zurück (Der sächsische Erzähler 1902, Nr. 7 v. 16. Januar, 6). Karstadt, so letztinstanzlich das Reichsgericht, habe seine Pflicht der wahrheitsgemäßen Auskunftserteilung schuldhaft verletzt – und könne sich nicht darauf berufen, dass er glaubte, allein über das Braunschweiger Haus berichten zu müssen. Karstadt hatte demnach den kaufmännischen Grundsatz von Treu und Glaube verletzt. Dieses Urteil hatte für alle Filialbetriebe beträchtliche Auswirkungen, schuf zugleich aber wachsende Markttransparenz im Versicherungswesen.

Für unsere Analyse des Braunschweiger Warenhausbrandes war der zweite Teil der Argumentation wichtiger. Hier ging es nämlich um die Schuldfrage: „Karstadt habe den Brand mit verschuldet, weil er die Aufforderung der Baseler Versicherungsgesellschaft, seine Lichtanlage, durch die im Frühjahr v. Js. kurz nacheinander schon zwei kleine Brände veranlaßt worden waren, durch einen unparteiischen Sachverständigen revidieren zu lassen“ (Braunschweiger Stadtanzeiger 1900, Ausg. v. 23. März, auch für das folgende Zitat) ignoriert habe. Karstadts Rechtsanwalt begründete diese unstrittige Vernachlässigung damit, „daß dieselbe von einer ersten Firma nach den damaligen neuesten Erfahrungen installiert worden sei“ – und Karstadt selbst von der Sicherheit der Elektrizitätsanlage derart überzeugt war, dass er ein Warenlager von 450.000 Mark unterhalten habe, also Werte von 200.000 Mark im Vertrauen auf die Feuersicherheit unversichert gelassen habe. Die Zeugenvernehmung ergab weitere Details: Demnach bestätigten drei von der Phoenix aufgebotene Augenzeugen, ein Elektrotechniker und ein Ehepaar, „daß eine elektrische Leitung, die direkt von der Hauptleitung nach einem Schaufenster führte, plötzlich, noch ehe die Glühbirnen in dem Schaufenster angezündet waren, in Glut geriet, wodurch die umhüllende Seide Feuer fing und dann die Gegenstände im Schaufenster entzündete“ (Braunschweiger Anzeiger 1900, Ausg. v. 6. April). Das Aufglühen der Stromleitung sei auf eine zu starke oder aber nicht vorhandene Bleisicherung zurückzuführen, so wie schon zuvor die beiden rasch gelöschten Brände im Frühjahr 1899. Eine Revision der Anlage sei aus Kostengründen nicht erfolgt.

Diese Zeugenaussage wurde von Karstadts Prozessvertreter bestritten. Der Elektrotechniker Rolle stehe in einem Prozess mit Karstadt, sei also befangen. Das Landesgericht ging dieser komplexen Frage nicht nach, denn Karstadts Klage konnte allein durch die wahrheitswidrige Angabe in der Versicherungspolice abgelehnt werden. Die Direktoren der Phoenix hatten einzig zu schwören, dass sie bei Vertragsabschluss nichts von weiteren Karstadt-Geschäften außerhalb Braunschweigs gewusst hätten – was sie dann taten (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1900, Nr. 241 v. 13. Mai, 3989). Die Revisionsklagen vor dem Oberlandes- und dem Reichsgericht behandelten daher nicht mehr die Frage, warum Karstadt trotz zweier Schaufensterbrände die Elektrizitätsanlage nicht hatte nachjustieren lassen (Neuste Nachrichten 1901, Nr. 291 v. 12. Dezember). Die Verantwortung für die sieben Toten stand in den Revisionsprozessen eben nicht mehr zur Debatte. Ein routinemäßig in Gang gesetztes Ermittlungsverfahren der Braunschweiger Staatsanwaltschaft war rasch eingestellt worden, Zivilklagen der Hinterbliebenen unterblieben. Die beiden Brandschutzversicherungen zahlten ihnen im September 1902 freiwillig insgesamt 1000 Mark als Ersatz für die Beerdigungskosten (Jeversches Wochenblatt 1902, Nr. 221 v. 20. September). Über Zahlungen von ihrem Arbeitgeber Karstadt ist nichts bekannt.

Der Brand in Braunschweig, Zufall und die Gewalt des Konsums

Der Feuertod der sieben Karstadt-Beschäftigen ward rasch vergessen. Die vom Stadtarchiv gepflegte Braunschweiger Stadtchronik, die Ereignisse und Petitessen der Stadtgeschichte Jahr für Jahr auflistet, enthält keinen Eintrag zu der größten zivilen, von mindestens 15.000 Personen besuchten Trauerfeier am 22. Mai. Die in den Abteilungen 31 und 33 gelegenen Gräber der sieben Brandopfer liefen ab und wurden neu belegt (Schreiben von Claudia Daniel (Friedhofsverwaltung) v. 14. September 2021). „Karstadt“ wird sein Warenhaus am Gewandhaus Ende September 2021 schließen, die Zukunft des am Ort der früheren Brandstätte in der Schuhstraße 29-34 residierenden zweiten Hauses ist unklar.

Dem Karstadt-Brand in Braunschweig folgten viele weitere Warenhausbrände, doch nicht zuletzt aufgrund der anschließend langsam gezogenen Lehren auf Seiten des Staates und der Unternehmen blieben sie begrenzt, verursachten kaum mehr Tote. Wir könnten es dabei belassen, denn dann passte diese Geschichte in das uns geläufige Narrativ einer nach vorn laufenden Abfolge der Zeit, getragen vom Fortschritt und unser aller Lernfähigkeit. Mir scheint eine Blickumkehr jedoch ebenfalls erhellend. Moderne Gesellschaften tendieren dazu, Puffersysteme gegen Gewalt, gegen den Zufall aufzubauen. Diese funktionieren zumeist, bedürfen aber steter Bemühungen, wohl wissend, dass sie überholt werden und vielfach vergeblich sind.

Für mich bietet der Karstadt-Brand daher auch die Chance zum Räsonnement über die gemeinhin verdrängte Kategorie des Zufalls, dieses „Tremendum der Neuzeit“ (Erhart Kästner, Der Hund in der Sonne, Frankfurt a.M. 1975, 62). Der Tod der Bediensteten war willkürlich, ohne Sinn, kausal nicht rückführbar. In einer vermeintlich berechenbaren Welt über das Unberechenbare nachzudenken kann Kräfte freisetzen, Lebenszuschnitte verändern. Dies kann zugleich helfen, Willkür und Gewalt wahrzunehmen, die in das Gewebe der Konsumgesellschaft eingewoben ist. Dies betrifft die gängige Sprache, unsere Vorstellungen von Waren und Dienstleistungen sowie eines kommodifizierten Miteinanders. Dergestalt wäre die Geschichte dieses längst vergangenen Warenhausbrandes ein Plädoyer für offene Augen und einen reflektierten Realismus auch und gerade im Umgang mit den prangenden Fassaden der Schaufenster und der Läden, den Verlockungen und Verheißungen der Waren und Dienstleistungen; und auch ihrer wissenschaftlichen Untersuchung. Vielleicht können wir dann gar erklären, warum wir es doch auch mögen, mit dem Grauen des imaginierten Todes, mit dem Leiden der anderen zu kokettieren.

Uwe Spiekermann, 18. September 2021

„Ramschbazar“ und Einzelhandelspionier: Das Berliner Magazin A. Lubasch

Die zahlreichen, häufig kulturalistischen Studien über die „Warenhausgesellschaft“ vor dem Ersten Weltkrieg können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bis heute eine zufriedenstellende Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Warenhäuser im Kaiserreich – und auch danach – schlicht fehlt. Diese Großbetriebe sind ein selbstreferenzieller Mythos geworden, passen sie doch perfekt in gängige, auch geschichtspolitisch nutzbare Narrative: Warenhäuser stehen für die Demokratisierung des Konsums, die Emanzipation leistungsbereiter und transnational lernfähiger jüdischer Unternehmer, für neue Freiräume von Frauen, für die Gefährdungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch Antisemiten, Nationalisten und Antikapitalisten. All das ist nicht falsch, doch es ist Stückwerk, nicht eingebettet in die Gesamtentwicklung der Gesellschaft, des Einzelhandels und der breiten Fülle schon zuvor entstandener anderer erfolgreicher Betriebsformen. Auch wenn dies vielfach auf intellektuelle Bequemlichkeit zurückzuführen ist, so hört man doch eher den resignativen Verweis auf die höchst prekäre Quellenlage, zumal in Deutschland mit seiner rückständigen Digitalisierungskultur. Ja, jede Anstrengung bleibt unbefriedigend, kann aus verstreuten Hinweisen bestenfalls ein fragmentiertes Mosaik zusammenzusetzen.

Das gilt auch – leider – für die vorliegende kleine Fallstudie über das Magazin A. Lubasch, das in den 1890er Jahre in einem Atemzug mit den damals aufstrebenden Warenhäusern und den großen Kaufhäusern genannt wurde. Der vagabundierende Intellektuelle Leo Colze (1880-1918) schrieb kurz nach der Jahrhundertwende: „Im Anfang also in Berlin war ‚Lubasch‘ in der Oranien- und Rosenthalerstraße. Er war Vorläufer der Berliner Warenhäuser“ (Berliner Warenhäuser, 3. Aufl., Berlin/Leipzig o.J., 56). Colze feierte in seinem viel zitierten Büchlein die erfolgreichen Warenhäuser, doch er wusste noch um die Verlierer des Ringens um die Kundschaft: „Lubasch machte es sich aber größtenteils zum Prinzip, nur Partiewaren zu führen, und baute die einzelnen Rayons nicht aus. Er kaufte alles Mögliche zusammen. So bekam er auch u. a. fertig, große Lager Tapeten, verschiedene Waggons Gummischuhe, etwa eine halbe Million Paar zu kaufen, von denen er noch heute übrig haben soll. Bekannt war ja besonders die Art seiner Auszeichnung mit Kreide auf alten Pappdeckeln“ (Ebd.). Das Magazin A. Lubasch hat keine archivalische Überlieferung hinterlassen. Seine Kundenansprache erfolgte vielfach abseits des Annoncenwesens, repräsentative Bilder der Läden und auch des Leitungspersonals fehlen. Eine Annäherung ist nur indirekt möglich, über Resonanzen der Firma bei Gegnern und Zeitgenossen. Schauen wir also, wie weit wir bei diesem Puzzle kommen…

Langsames Wachstum im Familienverbund

Beginnen wir mit dem Geschäftsbetrieb selbst (und sollte Ihnen die Rekonstruktion eines jahrzehntelangen mühseligen Betriebswachstums zu kleinteilig kann, übergehen Sie ruhig die nächsten zweieinhalb Seiten). Im Berliner Adressbuch findet sich schon vor der Jahrhundertmitte ein „Handelsmann“ Lubasch, in der Lietzmannsgasse 2, also östlich vom Alexanderplatz, neben der damaligen Judengasse (Berliner Adressbuch 1849, 86). 1854 wurde dann ein Putz- und Modewarenhändler namens L. Lubasch in der nahe gelegenen Königsstr. 22 erwähnt (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin und Umgebungen 1854, 319). Drei Jahre später tauchte er als „Galanteriewaarenhändler“ in der Prenzlauerstr. 40 auf, wiederum in der unmittelbaren Nachbarschaft seines früheren Standortes. Damals trat jedoch auch ein „Weißwaarenhändler“ S.A. Lubasch hervor (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1857, 269). Er residierte in der Neuen Friedrichstraße 66a, also weiter südlich und westlich vom Alexanderplatz. Bei diesen beiden kleinen Händlern handelte es sich um Seelig Abraham Lubasch und seinen Sohn Levy Lubasch.

01_Überblickskarte Familie Lubasch

Überblickskarte der Geschäftssitze der Familie Lubasch 1849-1870 (1: Lietzmanngasse 2 (1849); 2: Königsstraße 22 (1854); 3: Prenzlauerstraße 40 (1857); 4: Neue Friedrichstraße 66a (1857); 5: Alte Jakobsstraße 73 (1860); 6: Weberstraße 30 (1860); 7: Kommandantenstraße 44 (1863); 8: Oranienstraße 59 (1870))

Seelig Abraham Lubasch wurde 1797 in Posen geboren und heiratete Henriette Jette Lubasch, geb. Cohn (dagegen vermerkt Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556 den Geburtsnamen Jacob). Sie hatten zwei Söhne, Levy (1824-1894) und Philipp (1845-1909), sowie wahrscheinlich fünf Töchter, nämlich die in Filehne, Posen geborene Caroline (1830-1885), Ernestine (*1830), Berta (*1834) sowie die im nahegelegenen Schönlanke geborenen Zwillinge Julie (1843-1913) und Rebecca (1843-1892). Die Lubaschfamilie war Teil des Mitte des 19. Jahrhunderts noch starken Landjudentums in den preußischen Ostprovinzen, doch stand ebenso für dessen Wanderung in größere Städte, hier nach Berlin. Untypisch war dagegen Seelig Abraham Lubaschs Tätigkeit als Brauer, die lange Zeit vor dem Handelsgeschäft stand. Die Namenswahl der Kinder deutet auf eine offenkundige Assimilationsbereitschaft. Seelig Abraham Lubasch dürfte dem Reformjudentum eines Abraham Geiger (1810-1874) nahegestanden haben, zumindest spendete er für die von diesem Rabbiner propagierte jüdisch-theologische Fakultät in Leipzig (Allgemeine Zeitung des Judenthums 2, 1838, 339), auch wenn eine solche erst 1854 in Breslau entstand.

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Messehandel von Alexander Lubasch 1860 (Magdeburgische Zeitung 1860, Nr. 39 v. 15. Februar, 11)

Anzeigen des frühen Handelsgeschäftes in Berlin konnte ich nicht finden, wohl aber einige Angaben in der Magdeburgischen Zeitung. Anlässlich der dortigen Frühjahrs- und Herbstmessen finden wir in den späten 1850er Jahren regelmäßig Anzeigen der Familie Lubasch, die dort an einem Handelsstand Gummischuhe verkauften, durchweg amerikanischer, teils französischer Herkunft. Es unterschrieben L., P. und A. Lubasch, also wohl Levy Lubasch, sein jüngerer Bruder Philipp Lubasch und Levys Sohn Alexander Lubasch (Magdeburgische Zeitung 1856, Nr. 24 v. 29. Januar, 6; ebd. 1857, Nr. 41 v. 18. Februar, 7; ebd. 1857, Nr. 223 v. 24. September, 7; ebd. 1858, Nr. 34 v. 10. Februar, 7). Die Lubaschfamilie handelte in den späten 1850er Jahren demnach mit Gebrauchsgütern, betrieb sowohl Markt- als auch Ladenhandel, verkaufte vorrangig Fertig- aber auch noch gebrauchte Waren. Ihre Geschäfte standen damals zwischen den tradierten Formen des Trödel- und Hausierhandels und den neuen, durch Judenemanzipation und Gewerbefreiheit ermöglichten Arten ladengebundenen Absatzes.

Kleine Geschäfte dieser Art hatten zumeist eine geringe Kapitalkraft, eine nur geringe Betriebsdauer und immer wieder neue Verkaufslokalitäten. 1860 findet man Seelig Abraham Lubasch entsprechend in der Alten Jakobsstraße 73, Loewy Lubasch dagegen in der Weberstraße 30 – beide allerdings kontinuierlich als Galanteriewaren-, resp. Weißwarenhändler (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1860, Berlin 1860, 301). Die langsame Südwanderung der Lubaschfamilie hielt an, endete aber nun im Stadtteil Kreuzberg. Hier etablierte man sich. Levy firmierte bis 1868 noch in der nördlich gelegenen Weberstraße, zuletzt als Inhaber eines Posamentier- und Weißwaaren-Geschäftes (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1868, Berlin 1868, 400). Zwei Jahre später erschien er nach wie vor als Inhaber eines Posamentier- und dann Kurzwarengeschäftes, doch trat am neuen Kreuzberger Standort Oranienstraße 59 das Großhandelsgeschäft mit Schwämmen immer stärker in den Vordergrund (Allgemeine Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1870, Berlin 1870, 498). Levy Lubasch begann dieses spätestens 1867, und es ersetzte peu a peu das Kleinhandelsgeschäft mit Kurzwaren (Berliner Gerichts-Zeitung 15, 1867, Nr. 59 v. 21. Mai, 4; Berliner Gerichts-Zeitung 16, 1868, Nr. 34 v. 21. März, 6). 1880 gründete er eine gesonderte Großhandelsfirma und erteilte seinem Sohn Alexander Prokura. 1882 nahm er ihn auch als Gesellschafter des Unternehmens auf; und dieses florierte, expandierte später auch international (Berliner Börsenzeitung 1880, Ausg. v. 8. Oktober, 14; Berliner Tageblatt 1882, Nr. 586 v. 13. Dezember, 4; Amtsblatt zur Wiener Zeitung 1889, Nr. 259 v. 9. November, 733). Levy Lubasch starb am 6. Juni 1894, doch der Schwammgroßhandel wurde von seinem Sohn erst fortgeführt und schließlich an neue Inhaber verkauft, die anfangs noch den eingeführten Namen Lubasch nutzen (Volks-Zeitung 1894, Ausg. v. 7. Juni, 3; Berliner Adreßbuch 1899, Bd. 1, 898).

Alexander Lubasch war es auch, der 1863 ein Handelsgeschäft gründete, dass später zum Magazin A. Lubasch werden sollte (Volks-Zeitung 1895, Nr. 189 v. 24. April, 4). Es lag an der Kommandantenstraße 44, unmittelbar an der Einmündung zur Hauptverkehrsachse dieses Viertels, der Oranienstraße (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1864, Berlin 1864, 342). Zu diesem Zeitpunkt war das Posamentier- und Weißwarengeschäft von Seelig Abraham Lubasch bereits an seine Gattin übergegangen, er selbst starb am 4. April 1864 (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1863, Berlin 1863, 323). Es ging dann in das neue Handelsgeschäft auf. Doch es blieb nicht dabei: 1866 gründete Alexander Lubasch eine Papier- und Pappenfabrik in der Stallschreiberstrasse 32, abermals in direkter Nachbarschaft. 1868 heiratete er und verkaufte im selben Jahr die Fabrik an seinen Onkel Philipp Lubasch (Nationalzeitung 1868, Nr. 195 v. 26. April, 9; Christoph Sandler, Handbuch der Leistungsfähigkeit der gesammten Industrie des Preussischen Staates, Leipzig 1873, 11). Er sollte spätestens 1870 dann das „Posamentier- und Kurzwaarenlager“ in der Kommandantenstr. 44 übernehmen. Die genauen Umstände sind unklar, doch denkbar ist, dass dies parallel mit dem Neubau der Immobilie durch die Präge-Anstalt für Luxus- etc. Papier von Hennig erfolgte (Berlin und seine Entwicklung 5, Berlin 1871, 130).

Wer war nun Philipp Lubasch, der das Magazin A. Lubasch zu einem der bekanntesten Geschäfte Berlins ausbauen sollte? Es gibt nur karge Daten. Demnach wurde er am 27. Februar 1845 (seine Heiratsurkunde – Landesarchiv Berlin, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874-1920, Berlin I, 1890, Nr. 676 – gibt 1841 an) im pommerschen Schönlanke als Sohn von Seelig Abraham und Jette Lubasch geboren. Er starb mit 64 Jahren am frühen Nachmittag des 5. September 1909 in Berlin-Charlottenburg (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556). Lubasch heiratete am 14. August 1890, im relativ hohen Alter von 45 Jahren, die damals 24-jährige Auguste Friedländer. Die Tochter des schon verstorbenen Kaufmanns Joseph Friedländer und seiner Ehefrau Mathilde hatte am 30. September 1865 in Osterrode in Ostpreußen das Licht der Welt erblickt und war „ohne besonderen Beruf“. Sie gebar am 15. Juli 1891 einen Sohn, Kurt, und am 15. Juni 1893 eine Tochter, Lili Mathilde Henriette. Bereits am 26. Juli 1896 verstarb sie 30-jährig. Wahrlich karge Daten, doch sie deuten auf ein Leben voller Arbeit und im Familienkreis hin. In der teils digitalisierten jüdischen Presse des späten 19. Jahrhunderts taucht Philipp Lubasch nicht auf, ähnliches gilt für eine Reihe führender Berliner Tageszeitungen. Selbst die im 19. Jahrhundert gängigen Fremdenlisten enthalten nur einen einzigen Auslandsurlaub, nämlich 1882 in Österreich (Ischler Bade-Liste 1882, Ausgabe v. 1. August, 4). All das ist wenig für das Leben eines lange Zeit erfolgreichen Unternehmers.

Ähnliches gilt für die eigentliche Aufstiegsphase des Magazins bis in frühen 1890er Jahre. Lubasch reüssierte nicht im Zentrum Berlins, auch wenn das Modehaus Herrmann Gerson oder das Kaufhaus Rudolph Hertzog kaum ein Kilometer entfernt waren. Doch Kreuzberg war B-Lage, ein relativ armes Viertel mit 1890 ca. 300.000 Einwohnern, die Mehrzahl Arbeiter, kleine Leute. „Straße auf, Straße ab stand in oft sehr langen Reihen die glatte Mietskaserne, die Berlin in den sechziger Jahren für den plötzlich eindringenden Zuwanderstrom geschaffen hatte. Und in den Erdgeschossen waren, so weit es das Bedürfnis verlangte, einfache Läden geschaffen, die nach alter Sitte trocken und sachlich ihre Waren auslegten. […] Statt daß die Waren ordentlich aufgebaut waren, lagen sie in Haufen im Fenster. Die Preise, nicht zu Fünfern und Zehnern abgerundet, waren auf gelben Zetteln angegeben“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510 v. 7. Oktober, 1-2). Und doch bot das Viertel gute Wachstumsbedingungen, war es zugleich Zentrum der exportorientierten Konsumgüterindustrie, ein nahezu ideales Umfeld für die Erweiterung von Sortimenten, sei es durch Schmuck und Inneneinrichtungen, durch Lederwaren oder Besatzartikel (Peter Stürzebecher, Das Berliner Warenhaus, o.O. o.J. (1979), 13).

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Betriebswirtschaftliches Vorbild: Anzeige eines Wanderlagers auf der Karlsruher Messe 1888 (Karlsruher Tageblatt 1888, Nr. 306 v. 7. November, 4191)

Lubasch nutzte Einkaufsgelegenheiten, kaufte billige Ware aus der Nachbarschaft, aus gescheiterten Transaktionen und brachte diese dann unter die Leute. Diese Idee stammte von den sogenannten Wanderlager und Wanderauktionen (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, München 1999, 277-293). Durch das Freizügigkeitsgesetz von 1867 und die neue Gewerbeordnung im Norddeutschen Bund von 1869 fielen die früheren Begrenzungen des Gewerbebetriebes im Umherziehen, zumal die Steuerlast. Das zunehmend dichtere Eisenbahn- und Straßennetz erlaubte den Aufkauf großer Warenpartien, deren kurzfristige Konzentration an Verkaufsorten und einen raschen Abverkauf von Textilien, Kurzwaren, von Porzellan, Glas und Haushaltsgegenständen. Die Wanderlager verkauften beliebige Waren, waren nicht länger an bestimmte Sortimente gebunden. Vieles von dem, was fälschlich als typisch für die späteren Warenhäuser galt, wurde von ihnen praktiziert: Barzahlung, hohe Umschlagsgeschwindigkeiten und relativ niedrige Gewinnspannen dank geringer Fixkosten und großem Warenabsatz. Wanderlager und Wanderauktionen waren jedoch nicht stationär. Sie mieteten für kurze Zeit Verkaufsräume an, zogen dann weiter zum nächsten Ort. Der beträchtliche Erfolg dieser Unternehmen in den 1870er Jahren führte zu einer ersten massiven Mobilisierung des stehenden Gewerbes, zumal der kleineren lokal verankerten Händler. Sondersteuern halfen sie zu begrenzen, doch ihre Bedeutung blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beträchtlich. Wichtiger aber noch ist, dass ihre Grundideen auch im ladengebundenen stationären Handel vordrangen. Die Gründerkrise führte seit 1873 zu einer Vielzahl von Konkursen – und es entwickelten sich zahlreiche Partiewarengeschäfte, die Warenlager zu niedrigen Preisen absetzten. In Berlin waren das vielfach Unternehmen jüdischer Händler, etwa von Leopold Simonsohn oder Gustav Meyer (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 6. August, 7; ebd., Ausg. v. 24. September, 8). Partiewarengeschäfte dienten aber nicht nur dem Absatz von Konkurswaren, sondern zunehmend auch als Puffer für die riskante Produktion von Modewaren. Davon sollte insbesondere das Magazin A. Lubasch profitieren.

Ausgangspunkt soll ein größerer Posten Handschuhe gewesen sein. Dieser wurde mit Aushängen und Auslagen kräftig beworben. Der Absatz stieg und Lubasch nahm „immer neue Waren auf und immer neue Räume hinzu. Schließlich waren es viele Läden mit ihren dunklen Hinterräumen, in denen man die allerverschiedensten Dinge aufgestapelt sah: Pfefferkuchen, Seidenbänder, Schuhe, Heiligenbilder, Spielzeug, Handschuhe und Stiefelwichse“ (Das erste Warenhaus in Berlin, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 525 v. 15. Oktober, 2). Diese im Rückblick anekdotisch dargebotene Entwicklung erscheint recht zufällig. Doch Lubasch baute in den 1880er Jahren nicht nur sein Sortiment an Kurz- und Besatzwaren stark aus, sondern ergänzte es peu a peu um neue dauerhaft geführte Warengruppen. 1891 wies das Magazin „Posamentier-, Weißwaaren-, Strumpf-, Glas- und Porzellan“-Abteilungen auf (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.). Da ein Großteil des Einzelhandels nach vermeintlich zusammenhängenden Warengruppen organisiert war, erschien die Konzentration derartig vieler heterogener Waren in einem Geschäft als neuartig und ungewöhnlich. Es ist daher kein Zufall, dass Lubasch schon 1891 als „Waarenhaus“ bezeichnet wurde (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6) – also lange bevor der Konkurrent Wertheim diese Bezeichnung für sich wählte und kurz bevor das erste „richtige“ Warenhaus, der nur kurzlebige Berliner Kaiser-Bazar, am 15. April 1891 seine Pforten öffnete. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Lubasch auch über eigene Produktionskapazitäten, um einerseits Saisonwaren herzustellen, zum anderen aber Modewaren rasch umzuarbeiten (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8 mit Verweis auf Webereikapazitäten).

Das Magazin A. Lubasch stand in der Tradition der sogenannten Bazare, also von Vertriebsstätten billiger Gebrauchsgüter für klein- und unterbürgerliche Käufergruppen. Ausverkäufe und „krumme“ Preise waren für sie gängige Wettbewerbsmittel, ebenso die dezidierte Nutzung der eigenen Fassaden und der Schaufenster für Reklamezwecke. Sie führten zudem sogenannte Einheitspreise ein. Das tat Lubasch nicht. Doch gerade seine direkte Werbung durch Warenauslagen, Handzettel und eine größere Zahl von Schaufenstern brach mit Vorstellungen des gediegenen Fachhandels, der mit der Qualität von Waren und Service überzeugen wollte. Die Anfang der 1890er Jahre nochmals intensivierte Sortimentsausweitung orientierte sich an Kundenwünschen: „Besonders die Damen der Vororte, welche nicht so häufig nach Berlin hineinfahren möchten und doch grade dort ihre Weihnachtseinkäufe besorgen wollten, fänden es ungemein bequem, an nur eine Stelle kaufen zu können und doch auch an dieser eine recht große Auswahl verschiedenster Artikel vorzufinden. Und so werde denn Alles, was irgend dort zu bekommen sei, bei Wertheim, Lubasch etc. gekauft, während die Geschäftsleute in den Vororten sehen könnten, wo sie bleiben“ (Friedenauer Lokal-Anzeiger 1, 1894, Nr. 78 v. 19. Dezember, 1).

In solchen Zitaten spiegelt sich der Widerstand, den Lubasch, ebenso wie andere Pioniere der Branche, rasch zu spüren kam. Neben dem Vorwurf, die kleinen Händler um die ihnen zustehenden Kunden zu bringen und damit deren Untergang herbeizuführen, trat jedoch eine strikte Kritik an den billigen Konsumgütern. Sie seien nicht mehr von handwerklicher Qualität, etwa Schuhe oder Kleidung. Sie seien „Schundwaare“ (Pluto, Schundwaare, Die Zukunft 8, 1894, 43-46), billig und schlecht. Die „Uniformität der Bazarwaaren“ würde die Individualität der Käufer missachten (Rud[olf] Grätzer, Großmagazine und Kleinhandel, Blätter für Genossenschaftswesen 39, 1892, 238-240, hier 240). Das Magazin A. Lubasch stand Anfang der 1890er Jahre im Mittelpunkt von breiter geführten Debatten über die Durchsetzung massenhaft produzierter Konsumgüter als wichtiges Element der Wohlfahrtssteigerung moderner Konsumgesellschaften. Es galt als „Ramschbazar“ – und wir werden darauf noch zurückkommen. Festzuhalten aber ist, dass Lubasch Anfang der 1890er Jahre mit deutlich über einhundert Beschäftigten eine Ausnahme im Kleinhandel war. Er verkörperte ein Prinzip, das den langfristigen Trend in eine Dienstleistungsleistungsgesellschaft tragen sollte, dass nämlich „unter den heutigen Produktionsverhältnissen an den zum Verbrauch gelangenden Materialien weit mehr verdient wird, als an der Arbeit selbst“ (Max Broesicke, Das Berliner Tapeziergewerbe, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 1, T. 1, Berlin 1895, 107).

Philipp Lubasch, ein patriarchaler Arbeitgeber

Die Geschichte des Magazins A. Lubasch ist auch die Geschichte eines frühen Aufbegehrens der Beschäftigten im Handelsgewerbe gegen einen patriarchalischen Unternehmer, der sich als Herr im eigenen Haus sah und Widerspruch, gar eine organisierte Interessenvertretung, nicht akzeptierte. Dies entsprach dem Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, der vornehmlich durch den aufrüttelnden Streik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1889 auf die öffentliche Agenda gebracht wurde. Arbeiterkommissionen, vielfach noch erfüllt von Treuevorstellungen gegenüber Herrscher und gerechter Obrigkeit, drangen damals wortwörtlich bis vor die Stufen des Throns. Auch wenn der Streik ohne direkten Erfolg blieb, begann doch spätestens mit der Übernahme des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe durch Hans von Berlepsch (1843-1926) und die Kanzlerschaft Leo von Caprivis (1831-1899) ein „Neuer Kurs“, der nicht allein in einer liberaleren Zollpolitik, sondern auch in einer neuen Sozialpolitik, einer neuen Gewerbeordnung mündete. Getragen von breiten bürgerlichen Schichten, bekämpft von Linksliberalen, den ab 1890 nicht mehr verbotenen Sozialdemokraten und Konservativen, etablierte sie neuartige Schutzrechte auch im Handelsgewerbe. Die Begrenzung der Arbeitszeiten und eine langsame Reduktion der Sonntagsarbeit mochten zwar noch Stückwerk sein, doch sie setzten einen langwierigen und von strikten Auseinandersetzungen geprägten Prozess in Gang, der dann vor allem in der Weimarer Republik zu umfassenderen Verbesserungen der Lage der Angestellten im Handel führte (vgl. Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

Die Arbeiterbewegung stand derart moderaten Verbesserungen anfangs kritisch gegenüber. Der Aufstieg von Großbetrieben im Kleinhandel war für ihre Repräsentanten eine Bestätigung der simplen Gesellschaftsmechanik des Kapitalismus. Lubasch zahlte seinen Webern mittlere Löhne von 15-19 Mark pro Woche. Doch dies wurde als Hungerlohn verstanden, nicht als eine Verbesserung gegenüber dem bei 12 Mark liegenden Lohnniveau der in Berlin weit verbreiteten Hausindustrie (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8). Stattdessen dominierte das Marxsche Verelendungstheorem: „Die ganze Organisation des großen Betriebes ‚spart‘ ungeheuer an Arbeit. Durch Provisionen und Prämien wird der Eifer der Angestellten auf das Aeußerste angespornt. Die Löhne sinken hier am leichtesten, weil das große Geschäft eine dauernde Anstellung zu verbürgen scheint und weil die Thätigkeit darin eine Empfehlung für die Zukunft ist. Alle Raffinements der Ausbeutung und des Lohndruckes: Hausordnungen, Strafgelder, periodische Abstoßung und Heranziehung von Arbeitskräften, können hier ungehindert zur Anwendung kommen“ (Der Großbetrieb im Detailhandel, Die Neue Zeit 9, 1890/91, 617-624, hier 622).

Das Magazin A. Lubasch stand seit Anfang der 1890er Jahre vor allem wegen seiner Mitte der 1880er Jahre erlassenen Arbeitsordnung in der Kritik der Sozialdemokratie. Dabei handelte es sich um ein rigides Regelwerk, das Arbeitszeiten und Verhaltensweisen der Angestellten detailliert festlegte. Pünktlichkeit wurde verlangt, Unpünktlichkeit mit Lohnabzug sanktioniert. Saubere und dunkle Kleidung, festes Schuhwerk und weiße Wäsche waren vorgeschrieben, mussten von den Angestellten selbst bezahlt werden. Die Arbeitsordnung regelte das Odeur der Bediensteten, verbot etwa warme Speisen, Knoblauchwürste, alle Sorten Käse, Radieschen und Schnittlauch. Mutwillig oder fahrlässig beschädigte Ware musste ersetzt werden, nicht nur von Einzelnen, sondern auch von allen Angestellten einer Abteilung, sollte der Täter nicht ermittelt werden können. Auf viele Vergehen stand die unmittelbare Kündigung. Besonders kritisiert wurde, dass bei Krankheit nicht nur kein Lohn gezahlt wurde, sondern dass binnen zwei Stunden der Grund des Fernbleibens vom Arbeitsplatz mitgeteilt und binnen zehn Stunden ein ärztliches (und das heißt kostenträchtiges) Attest eingereicht werden musste (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6). Lubasch hätte wohl auf die aus seiner Sicht hohen Löhne verwiesen (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.), ebenso auf die sehr ähnlichen Arbeitsordnungen anderer Handelsgeschäfte. Sozialdemokraten sahen dagegen eher Analogien zum industriellen Sektor, wo gerade in der Textil- und Schwerindustrie Arbeitsordnungen genutzt wurden, um die Risiken gewerblicher Arbeit einseitig den Beschäftigten aufzubürden.

Philipp Lubasch leitete sein Magazin wie ein Patriarch. Er bestimmte, die Angestellten hatten sich an seine Anweisungen zu halten. Anfang September 1893 kam es jedoch zum Eklat. In der neuen Filiale in der Rosenthalerstraße fiel Ende August eine Unterschlagung auf – und der Missetäter wurde fristlos entlassen. „Gleichzeitig verbreitete sich aber auch im Geschäft das Gerücht, daß Herr Lubasch seine sämmtlichen Angestellten im Verdacht habe, von dem Diebstahl gewußt zu haben. Das war dem Personal doch etwas zu stark; trotz ihrer gedrückten Lage hatten sich 85 Personen, Damen und Herren, etwas bewahrt, was man im gewöhnlichen Leben Ehrgefühl nennt.“ Sie trafen sich nach Dienstschluss und verabschiedeten nach zehn Minuten Diskussion einen Brief an Philipp Lubasch, in dem sie eine genaue Untersuchung forderten, sich zugleich aber dessen Unterstellungen verbaten. Der Patriarch erfuhr davon und entließ am nächsten Morgen den vermeintlichen Rädelsführer. Doch dabei blieb es nicht: „Herr Lubasch ging zu jedem seiner Angestellten und frug: Sind Sie in der betreffenden Versammlung gewesen? und kündigte weiteren 14 Theilnehmern derselben […] während neun Angestellte sich solidarisch mit den Entlassenen erklärten und selbst kündigten“ (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 6 – auch für das vorherige Zitat). Insgesamt wurden 34 Beschäftigte entlassen bzw. nahmen ihren Hut (Vorwärts 1893, Nr. 216 v. 14. September, 4).

04_Protestversammlung gegen A. Lubasch_Vorwärts_1893_09_12_Nr214_p4

Protest gegen Maßregelungen von Angestellten 1893 (Vorwärts 1893, Nr. 214 v. 12. September, 4)

Über Löhne hätte man wohl reden können, nicht jedoch über Ehre. Der Berliner Gewerkschafts-Kommission war klar, dass angesichts zahlloser Arbeitssuchender und mangels jeglicher Organisation ein Streik aussichtslos sein würde. Daher wählte man das Kampfmittel der öffentlichen Versammlung: „Jeder, der es mißbilligt, daß die Ehre der Arbeiter mit Füßen getreten wird, hat die Pflicht, in dieser Versammlung zu erscheinen“ (Vorwärts 1893, Nr. 215 v. 13. September, 6). Als Hauptredner für den 14. September 1893 gewann man den sozialdemokratischen Gewerkschafter, frisch gewählten Reichstagsabgeordneten und späteren Reichsernährungs- und -wirtschaftsminister Robert Schmidt (1864-1943), der zuvor mit Lubasch gesprochen hatte. Die Diskussion war gehaltvoll, ergab allerdings auch, dass die Arbeitsordnungen anderer Großbetriebe, etwa des Kaufhauses Rudolph Hertzog, fast deckungsgleich mit der von Lubasch waren. Auch die Löhne mochten objektiv niedrig sein, doch sie lagen keineswegs unter denen der Konkurrenz. Schließlich hatte die lokale Frauen-Agitationskommission schon im März die niedrigen Löhne des späteren Warenhauses Wertheim moniert und sie in einer öffentlichen Protestversammlung angeprangert (Vorwärts 1893, Nr. 55 v. 5. März, 10; Vorwärts 1893, Nr. 73 v. 26. März, 4). Dennoch kamen erste Boykottforderungen gegen Lubasch auf. Am Ende der Versammlung stand Protest gegen „die ärgste Vergewaltigung und Unterdrückung seines Personals“ sowie die Pflicht, die dortigen Vorfälle und Geschäftspraktiken in die Berliner Öffentlichkeit zu tragen (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 7).

05_Lohnverhältnisse des Verkaufspersonals im Magazin A. Lubasch 1893

Eine Stellungnahme von Philipp Lubasch ist nicht überliefert. Auf die Forderungen der Angestellten ging er jedoch nicht ein. Nun nahm sich die kleine, 1890 in Leipzig gegründete Freien Vereinigung der Kaufleute der Sache an. Sie nutzte eine neuerliche öffentliche Versammlung in dem Aschinger gehörenden Etablissement Buggenhagen am Moritzplatz – also in unmittelbarer Nähe zum Lubaschschen Hauptgeschäft –, um am 27. September 1893 den „Fall Lubasch“ neuerlich aufzurollen und zugleich Mitglieder für die sozialdemokratische Branchengewerkschaft zu werben. Aus Leipzig war der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bruno Schoenlank (1859-1901) gekommen, ein führender Theoretiker und Empiriker sowie früherer Redakteur des „Socialpolitischen Centralblattes“. Das „Kapital macht vor dem Kaufmannsstande nicht Halt; […] Diese Bazare, deren Verkaufspaläste mit dem glänzendsten Komfort der Neuzeit ausgestattet sind, deren Reklamen überall hin dringen und deren elegante Geschäfte in allen Stadttheilen anzutreffen sind, – diese Geschäfte, deren Reklamewagen man die Leichenfuhrwerke der kleinen Detaillisten nennen kann, denn sie begraben nicht nur die Hoffnungen der in der Nähe der Bazare Wohnenden, sondern aller kleiner Detaillisten Berlins – diese sind nur möglich dadurch, daß Unternehmer mit großen Kapitalien sie ins Leben rufen, gegen deren Uebermacht der kleine Kapitalist nicht ankämpfen kann.“ Angestellte seien „Arbeiter im Handelsgewerbe, denn sie sind nichts anderes als Arbeiter, ausgebeutete und brutal behandelte Arbeiter, während alle die Bezeichnungen als Handlungsgehilfen, Kommis etc. auf gut Berlinisch gesagt, nur Mumpitz sind […].“ Widerstand gegen das „Pascha- und Sultansgehabe der Herren Bazarinhaber“ sei erforderlich, zumal gegen die Arbeitsordnung bei Lubasch. Hoffnungsfroh verkündete Schoenlank: „Die kapitalistische Entwickelung des Handelsgewerbes schafft die Bedingungen für den Klassenkampf auch in diesem Erwerbszweig.“ Die „Proletarier im Handelsgewerbe“ müssten sich organisieren: „Mit Blut und Tränen ist die Geschichte dieser Arbeiter-Kategorie geschrieben, wie viele junge Mädchen sind auf dem Weg der Prostitution durch diese entsetzlichen Zustände gedrängt worden, wie viele werden noch täglich dazu gedrängt; der Einzelne vermag nichts in diesem wilden Verzweiflungskampfe, nur die Gesammtheit, die Organisation! Sie sind lange genug Amboß gewesen, seien sie endlich mal Hammer!“ (Vorwärts 1893, Nr. 226 v. 26. September, 4). Die Rhetorik glich der der Mittelstandbewegung, dem damaligem Rechtspopulismus. Doch bei den Angestellten verfing sie kaum, waren diese doch vielfach überzeugt, sich durch eigene Arbeit hocharbeiten, gar ein eigenes Geschäft gründen zu können. Philipp Lubasch unterstützte auch deshalb die neu eingerichteten Fortbildungsschulen, die Aufstieg durch Qualifizierung propagierten (Harry Schmitt, Die Kaufmännischen Fortbildungs-Schulen Berlins, Berlin 1891, 81). Die Versammlung schickte schließlich eine dreiköpfige Kommission zu Lubasch, um die Arbeitsordnung zu revidieren und die Entlassungen rückgängig zu machen.

Doch der geschmähte Pascha zeigte kein Einsehen, die Gespräche mit der Kommission verliefen ergebnislos. Eine dritte öffentliche Versammlung folgte am 2. November 1893, abermals in der direkten Nachbarschaft des Magazins A. Lubasch (Vorwärts 1893, Nr. 255 v. 29. Oktober). Etwa 1500 Männer und Frauen kamen. Die Kommission berichtete, dass „Herr Lubasch auf sein Ehrenwort versichert habe, daß niemand von seinem Personal wegen der bekannten Besprechung gemaßregelt worden, daß er zu dieser Zeit gar nicht in Berlin gewesen sei, daß die rigorose Geschäftsordnung schon seit 6 Jahren außer Kraft sei und daß auch Strafgelder nicht mehr in Abzug gebracht würden“ (Vorwärts 1893, Nr. 260 v. 4. November, 10-11 – auch für die folgenden Zitate). Für die Kommission waren dies Lügen. Bruno Schoenlank referierte abermals, nun zum Thema „Wie steuert die Berliner Arbeiterschaft der Sklaverei der Angestellten in den Großmagazinen?“ Lubasch wurde als „Vertreter des Großkapitalismus“, als „Vernichter des Kleinhandels“ und als durchaus ehrenwerter Mann präsentiert. Ihn zu bekämpfen helfe allen: “Die Berliner Arbeiterschaft könne in dem Falle Lubasch sehr viel mehr wirken zu gunsten der Handelsangestellten, dem Trumpfe der modernen Handelsfeudalisten einen andern Trumpf entgegensetzen. Niemand könne gezwungen werden, Herr Lubasch seine Kundschaft zuzuwenden, bei ihm zu kaufen.“ Eine Resolution war vorbereitet worden, die neuerlich forderte, die Arbeitsordnung zu beseitigen, die Entlassenden wieder einzustellen und ihnen gegenüber eine öffentliche Ehrenerklärung abzugeben. Geschähe dies nicht, sollten die Arbeiter bei Lubasch nicht mehr kaufen. Sie wurde nicht verabschiedet, da der Unternehmer in diesem Falle Rechtsmittel gegen die Gewerkschaftskommission angekündigt hatte (Neueste Nachrichten 1893, Nr. 56 v. 4. November, 3). Doch man „nahm an, daß die Arbeiter auch ohne Annahme dieser Resolution wissen würden, was sie zu thun hätten“ (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 562 v. 3. November, 2).

Lubasch vernahm die Aufforderung, doch er folgte ihr nicht. Weitere öffentliche Versammlungen der Berliner Gewerkschaftskommission folgten (Vorwärts 1893, Nr. 262 v. 7. November, 4; Vorwärts 1893, Nr. 270 v. 16. November, 10). Doch trotz neuerlicher Appelle an Solidarität und Mitgefühl verebbte der Boykott gegen Lubasch im märkischen Sande. Das Fazit im Frühjahr 1894 war ernüchternd: „Der ‚Fall Lubasch‘ beweise, daß sich die große Masse der arbeitenden Klassen leider nicht an derartige Beschlüsse kehre“ (Vorwärts 1894, Nr. 102 v. 5. Mai, 11). Als im Mai 1894 ein neuerlicher Konsumboykott auf der Tagesordnung stand – dieses Mal gegen die Burger Schuhfabrik Conrad Tack, die ihre Waren über ein System eigener Filialen absetzte – nahm man entsprechende Resolutionen nicht an, da ein Konsumentenstreik im Einzelhandel offenbar nur begrenzte Erfolgsaussichten hatte. Das war nicht das Ende von Konsumentenboykotten, endete der Berliner Bierboykott von 1894 doch mit einem begrenzten Sieg der Arbeiterbewegung. Aus der für Konsumgesellschaften scheinbar so passgenauen Waffe wurde jedoch vornehmlich ein Mittel gegen vermeintlich willkürliche Lebensmittelteuerungen, kaum aber zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Philipp Lubasch, Besitzer eines vermeintlichen „Ramschbazars“, hatte sich in dieser Auseinandersetzung jedenfalls als konfliktfähig erwiesen und setzte damit einen konfrontativen Standard für die Großbetriebe im Kleinhandel: „Diese ersten Anfänge eines autoritären Personalwesens sollten die deutschen Häuser in der Zeit bis zum Krieg und darüber hinaus prägen“ (Heinrich Hartmann, Organisation und Geschäft. Unternehmensorganisation in Frankreich und Deutschland 1890-1914, Göttingen 2011, 218).

Der „Ramschbazar“ Lubasch als Projektionsfläche für Antikapitalisten und Antisemiten

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung bekämpfte nicht allein Lubasch, sondern für sie ging es um die Fundamente gesellschaftlicher Ordnung. Lubasch stand für den aufstrebenden Großbetrieb, für die zerstörerische Kraft des Kapitalismus. Er war ökonomisch erfolgreich, attraktiv für eine rasch wachsende Zahl von Konsumenten. Nach dem Siegeszug des zunehmend großbetrieblich organisierten Industriekapitalismus veränderte sich mit den Großbetrieben des Kleinhandels auch der Alltag der kaufenden Massen. Für die sozialdemokratischen Repräsentanten bestätigte dies ihre Gesellschaftsanalyse. Der distributive Großbetrieb galt als Angriff auf die Ehre und Würde der Beschäftigten, auf die Sittlichkeit der arbeitenden jungen Frauen. Die bewegende Kraft war das Kapital, Philipp Lubasch erschien als Agent des Weltgeistes: „Es ist eine dämonische Kraft, die in der Gier nach kapitalistischer Macht steckt. Welches typische Bild entsteht da in dem Falle Lubasch. Was kümmert den Großmann des Kleinhandels die empörte öffentliche Meinung? Er schließt sich in die enge Welt der Interessenten seines Schlages ein. Hat er einen Konkurrenten um eine Länge geschlagen, das ist seine Wollust, sein Triumph. Hat das Geschäft mit gierigen Fangarmen neuen [sic!] Artikel in sich aufgesogen, das ist seine Befriedigung. Immer vorwärts, rastlos weiter drängt ihn sein Spekulationsfieber und auf dem erbärmlichsten Druck zahlloser Mitmenschen baut sich seine überragende Größe auf. Was kümmert ihn das Murren über seine famose Hausordnung, über die klägliche Entlohnung seiner Angestellten bei nervenzerstörender Anstrengung, über die existenzvernichtenden Ramsch- und Masseneinkäufe? Er hört es kaum und denkt wie der Fabrikant in Coppé’s Gedicht vom Streik der Schmiede: ‚Ich halt‘ es aus!‘ Mögen ihn Hundertausende anklagen, wenn nur ein Dutzend seiner Konkurrenten in ihm den Handelsmann großen Stils rühmt. Aber stärkerer Uebermuth, als der von Lubasch ward schon gebrochen auf Erden!“ (Alpha, Sonntagsplauderei, Vorwärts 1893, Nr. 261 v. 5. November, 10).

Die Sozialdemokraten blickten damals vor allem auf die sozialen Auswirkungen der mit dem Wachstum der Großbetriebe verbundenen Umwälzungen. Angestellte wurden zu Arbeitern, selbständige Kleinhändler zu Proletariern: „In allen Geschäftsstraßen fände man in den Schaufenstern der kleinen Geschäftstreibenden jene verhängnißvollen Plakate, welche den Ausverkauf infolge Konkurses oder wegen Aufgabe des Geschäftes anzeigten.“ Der Kleinhandel sei nicht in der Lage mit Großbazaren, „wie Werthheim [sic!], Lubasch, Herzog [sic!] u.s.w.“ (Vorwärts 1893, Nr. 123 v. 28. Mai, 10 – für beide Zitate) erfolgreich zu konkurrieren – so, wie zuvor das Handwerk der Industrie habe weichen müssen. Die „Ramschbazare“ seien Beschleuniger der Umwälzung, denn anders als die tradierten Geschäfte der Oberschicht zielten sie auf das bisherige Hauptklientel der kleinen und mittleren Händler; man vergaß dabei, dass der Handwerkshandel vor allem vom ladengebundenen Kleinhandel verdrängt worden war.

Derartige Analysen wurden von Antisemiten und der Mittelstandsbewegung dankbar aufgegriffen. Als der Vorwärts Mitte 1893 den Konkurrenzkampf von Lubasch und Wertheim thematisierte, übernahm die Zeitschrift des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stöcker (1835-1909) dessen Aussagen, fragte allerdings im altlutherschen ketzerischen Sinne „‚wo giebt es ähnliche christlich-deutsche Schleuderbazare?‘“ Die Antwort der Redakteure fiel gut marxistisch aus: „Wir kümmern uns nicht um die Religion der Schleuderbazare, und wissen nicht, ob Herr Herzog [sic!] das Ausbeutungsgeschäft besser betreibt, als die Herren Lubasch und Wertheim. Aber das wissen wir, daß tausende ‚christlich-deutscher‘, derzeit echt antisemitischer Fabrikanten und Geschäftsleute im Königreich Sachsen das Ausbeutungsgeschäft noch unmenschlicher üben, als die Firmen Wertheim und Lubasch es thun, und daß sie Hungerlöhne bezahlen, die hinter denen der Firmen Lubasch und Wertheim weit zurückstehen. Sind daran die Juden schuld, Herr Oberwinder-Stöcker?“ (Vorwärts 1893, Nr. 169 v. 21. Juli, 3 – beide Zitate).

Die Sozialdemokraten wiesen den Vorwurf des Antisemitismus immer wieder deutlich zurück; doch nicht zufällig war ihre Haltung zu den Antisemiten um Hermann Ahlwardt (1846-1914) ein umkämpftes Themenfeld auf den Parteitagen in Berlin 1892 und Köln 1893. August Bebel (1840-1913) distanzierte sich im Namen der SPD klar vom Antisemitismus – doch die Schilderung der „Kapitalisten“ trug weiterhin ebenso klare antisemitische Züge. Die sozialdemokratische Kritik an den Großbetrieben im Einzelhandel war gespickt mit antisemitischen Klischees der Geldgier, der Verführung, des Talmis oder der Unterwanderung. Es war eben kein Zufall, wenn ein wackerer Sozialdemokrat wie der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bock (1846-1931) in den Debatten über die Konsumgenossenschaften darauf verwies, „daß die großen Warenhäuser a la Rudolph Herzog [sic!], Lubasch, Wertheim etc. dem mittleren und kleineren Kaufmann mehr schadeten, als alle Konsumvereine zusammengenommen“ (Düsseldorfer Volksblatt 1894, Nr. 16 v. 18. Januar, 1). Die Debatte um Lubasch unterstreicht den Antisemitismus der Linken, auch wenn dieser in Frankreich oder Österreich noch deutlich ausgeprägter war (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. I, o.O. 1980, 82-96).

Die Mittelstandsbewegung dieser Zeit brauchte lange, bevor sie die Großbetriebe in den Blick nahm. Sie war antikapitalistisch und antisemitisch – und sie blieb es, beträchtlichen Lernprozessen zum Trotz. In den späten 1880er und frühen 1890er Jahren widmete sie sich vor allem der Konkurrenz von Hausierern, Abzahlungsgeschäften und insbesondere der aufstrebenden Konsumgenossenschaften (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland, Frankfurt a.M. et al. 1994, 32-35). Warenhäuser, das waren anfangs die Berliner „Warenhäuser“ für Offiziere und Beamte, also große Genossenschaften und Versandhändler. Der moderne Begriff des Warenhauses entwuchs erst den Debatten über die verschiedenen Sondersteuern auf Großbetriebe im Kleinhandel um die Jahrhundertwende. Großbetriebe war dagegen das anfangs entscheidende Stichwort, lernten die Mittelstandsvertreter doch durchaus von der marxistischen Todesglöckchenphilosophie. Strikt wandte man sich gegen das „Großkapital“. Erst dadurch konnten sich Negativ-Dispositive bildeten, in denen immer wieder Lubasch erschien. Seit 1893 finden wir im einschlägigen Schriftgut regelmäßig den einebnenden Verweis auf die „Bazare der Herren Werthheim [sic!], Lubasch pp.“ (Mittheilungen des Zentral-Verbandes deutscher Kaufleute 3, 1892/93, Nr. 7/8, 8) – mochten diese auch in strikter Konkurrenz zueinander stehen. Fast beliebig wurden nun Großbetriebe nebeneinandergestellt, unabhängig von ihren teils gegensätzlichen Geschäftsprinzipien. Als „Waarenhäuser“ erschienen beispielsweise der „Kaiser-Bazar (Nachfolger), Mey & Edlich, Wertheim, Lubasch etc.“ (F. Neuhofer, Unsere Zeit- und Streitfragen. IV., Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 19, 1894, 266-270, hier 270) – also ein Warenhaus, ein Versandgeschäft und zwei „Ramschbazare“. Die Bedrohungslage schien akut, doch das neue Fremde wurde nicht analysiert, sondern denunziert. Widerstand schien angeraten, gegen „die vernichtende Konkurrenz der Magazine, Lager, Großverkaufshäuser (Wertheim, Lubasch, Kaiserbazar u.s.w.)“ (Otto Wiedfeldt, Entwickelungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720 bis 1890, Leipzig 1898, 104), gegen die „Ueberwucherung von Großbazaren und Monopolgeschäften à la Wertheim, Jandorf, Lubasch, Aschingers Bierquelle, Loeser u. Wolf, Bolle etc.“ (Berliner Tageblatt 1898, Nr. 29a v. 18. Januar, 5). Hier gingen Antikapitalismus und Antisemitismus eine antiintellektuelle Allianz ein, für die es unwichtig war, ob es gegen die Meierei des christlichen Unternehmers Carl Bolle (1832-1910), den protestantischen Restaurateur und Bierschwemmenbesitzer August Aschinger (1862-1911) oder den jüdischen Warenhausbesitzer Adolf Jandorf (1870-1932) ging. Die Überlappung von Mittelstands- und Arbeiterbewegung manifestierte sich auch in dem vordergründigen Interesse am Schicksal der Beschäftigten, zumal der Verkäuferinnen: „In den Großbazaren und Massenzweiggeschäften wird der Verkauf immer mechanischer, Waarenkunde ist kaum noch erforderlich. Jeder kann dort fast ohne Vorkenntnisse verkaufen, die Waaren haben bestimmte Einheitspreise. In diesen Großbazaren u.s.w. kümmert sich der Inhaber nicht im Geringsten um die Weiterbildung seiner Angestellten, er ist dazu gar nicht im Stande. […] Nach einer anderen Statistik der Ortskrankencasse der Berliner Kaufleute wurden durchschnittlich 7 Percent Erkrankungen verzeichnet, in dem Bazar von Lubasch aber 14 Percent“ (Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Deutsches Wochenblatt 1899, Nr. 3732 v. 25. Mai, 4).

Lubasch war für diese Kritiker kein reales Geschäft, sondern Chiffre einer nicht gewollten Moderne. So konnte er, trotz nur einer Filiale, auch ein Filialtreiber werden (J. Rosenbaum, Filial-Treiberei und Massen-Bazare, Bamberg o.J. (1895), 11). 1895 gab es gar Warnungen vor anarchistischen Attentaten, welche „die Sprengung mehrerer großer Geschäfte wie Gerson, Herzog [sic!], Wertheim, Lubasch durch Dynamit“ ankündigten (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1893, Nr. 289 v. 13. Dezember, 2). Als „Ramschbazar“ stand Lubasch für neue Formen des Warenangebots, die man als „Nachahmungen aller Art, Qualitätsfälschungen, Quanitätsverkürzungen, Scheinausverkäufen und Scheinauktionen, Gelegenheits-, Reste- und Partiegeschäften“ denunzierte (Paul Dehn, Die Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Berlin 1899, 5). Die Stärke und Gefälligkeit des Feindbildes Großbetrieb ermöglichte es gar noch Jahre nach dem Ende des Geschäftsbetriebes bei Lubasch die Reden des Deutschen Antisemitenbundes mit den „Ramschbazaren“ „Wertheim, Tietz, Lubasch“ zu würzen (Im deutschen Reich 9, 1903, 545).

Der verlorene Kampf mit Wertheim

Wertheim – dieser Name fiel bereits häufiger. Das Unternehmen dieses Namens siegte im direkten Konkurrenzkampf mit dem Magazin A. Lubasch; und seit seinen triumphalen Geschäftsneubauten in Berlins Leipzigerstraße gilt es als Vorzeigebetrieb der Betriebsform Warenhaus. Und doch entstand das Warenhaus Wertheim erst im Kampf mit und in der Abgrenzung von Lubasch. Die Brüder Abraham (1819-1896) und Theodor Wertheim hatten bereits 1852 ein erstes Modewarengeschäft im mecklenburgischen Stralsund gegründet, dem 1875 ein Kurzwarengeschäft am gleichen Standort folgte. Ein Jahr später traten Abrahams Söhne Georg (1857-1939) und Hugo Wertheim (1856-1883) in das Geschäft ein, das nicht nur erfolgreich war, sondern schon früh den Berliner Markt in den Blick nahm. Für das Stralsunder Laden suchte man in Berlin Verkäufer (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 196 v. 23. August, 11), und bereits 1879 verkaufte Abraham Wertheim Modewaren in der Kochstraße 15 „unterm Kostenpreise“ (Berliner Tageblatt 1879, Ausg. v. 6. September, 12). Es schien, als würde sich eine Geschichte wie die von Lubasch wiederholen. Doch Wertheim verlagerte sein Geschäft nicht, sondern gründete 1885 eine erste Filiale in Berlins Rosenthalerstraße 27, einer jüdisch geprägten Einkaufsstraße, mehr als zwei Kilometer entfernt vom Magazin A. Lubasch. Wertheim hatte dort harte lokale Konkurrenz und war gewiss mit anderen Käufererwartungen konfrontiert als im beschaulichen Stralsund. Man passte sich an, zumal nachdem Abraham Wertheims Sohn Georg Wertheim (1857-1939) 1888 nach Berlin übergesiedelt war. Das erste Berliner Wertheimgeschäft verkaufte Waren des „billigen Massenkonsums“ (Julius Hirsch, Das Warenhaus in Westdeutschland, Leipzig 1910, 20), vornehmlich Textilien, rasch aber auch andere Gebrauchsgegenstände.

Der Kampf mit Lubasch begann, nachdem Wertheim am 31. März 1890 einen Laden an der Oranienstraße 145 eröffnet hatte. Dieser lag knapp 300 Meter von Lubasch entfernt, zielte also auf dessen Käuferklientel. Der nun einsetzende Konkurrenzkampf wurde in der zeitgenössischen Literatur mehrfach erwähnt, doch die kurzen Notate sind nahezu durchweg sachlich falsch. Das gilt auch für die Darstellung von Simone Ladwig-Winters, die einseitig die Erfolgsgeschichte Wertheims singt. Glaubt man ihr, so war die Filialgründung durchaus reizvoll, „konnte man doch messen, wer besser ankam – Lubaschs billiger Laden, der die Kundschaft allein über den Preis warb, oder Wertheims teureres Geschäft, in dem die Käufer dafür sicher sein konnten, keinen Ramsch zu erwerben“ (Erica Fischer und Simone Ladewig-Winters, Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Reinbek 2007, 72). Belege für diese Behauptung wurden nicht präsentiert – und diese steht in offenkundigem Gegensatz zur zeitgenössischen Gleichsetzung von Wertheim und Lubasch als einerseits „Ramschbazare“, anderseits Großbetriebe des Kleinhandels. Ladewig-Winters zitiert jedoch ein vermeintliches „Tagebuch“ von Georg Wertheim, das unter dem 31. März 1890, also dem Tag der Ladeneröffnung in der Oranienstraße, folgendes vermerkt habe: „Infolge der Konkurrenz mit A. Lubasch mussten die von diesem geführten Artikel, Wirtschaftswaren und Galanterie-Artikel, auch bei uns eingeführt werden. Dies bedeutet den ersten Schritt zu der Wandlung des Manufaktur-Geschäfts in den sogenannten Warenhaus-Betrieb. Wir gerieten unbeabsichtigt auf diese Bahn und ohne uns bewusst zu sein, zu welchem Ziele dieser erste Schritt führen würde. Warenhäuser gab es damals in Deutschland noch nicht; nur A. Lubasch führte außer Manufakturwaren auch Glas, Porzellan und Wirtschafts- sowie Galanterie-Artikel, jedoch in einer partiewarenmäßigen Art und nur in billigsten Qualitäten; er machte jedoch seinerzeit auf diese Weise ein großes Geschäft. Als wir also gezwungenermaßen dazu übergingen, seine Artikel ebenfalls zu führen, entstanden daraus bei uns ordnungsgemäß geführte Abteilungen, wie sie unser Geschäftshandhabung entsprachen“ (Wertheim. Geschichte eines Warenhauses, Berlin 1997, 19). Es ist offenkundig, dass es sich bei diesem Eintrag um einen später geschriebenen Rückblick auf die Geschehnisse seit 1890 handelt, verfasst unter dem Eindruck des Sieges über Lubasch. Der verfehlte Gegensatz von Ramsch- und Qualitätsware wurde von Ladewig-Winter (mit Bezug auf Stürzebecher, 1997 und – irreführend – Hirsch, 1910) zudem mit dem nicht näher kontextualisierten geflügelten Wort „Wer bei Lubasch kauft, bringt nichts von Wert heim“ unterstrichen. Belege, dass dies just 1890 bis 1895 entstanden ist, sucht man vergeblich. Entsprechende Sentenzen gab es für fast alle führenden Warenhausunternehmen und sie sind beliebig aufladbar: Im Westen des Reiches hieß es etwa „Von Tietz, man sieht’s!“ oder auch „Wer bei Tietz kauft, bringt nichts von Wert heim!“ (Werner Rubens, Der Kampf des Spezialgeschäfts gegen das Warenhaus, Köln-Ehrenfeld 1929, 14) – doch wer würde deshalb auf die konkrete Qualität der Angebote der wichtigsten Warenhausdynastie des Reiches schließen? Ladewig-Winters verschweigt schließlich auch, dass der Kampf von Lubasch und Wertheim eben nicht allein in der Oranienstraße geführt wurde, sondern dass er in mindestens gleichem Maße in der Rosenthalerstraße tobte.

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Überblickskarte des Kampfes zwischen Lubasch und Wertheim (1: Lubasch, Kommandantenstraße 44/44a (1863), 2: Wertheim, Rosenthalerstraße 27 (1885), 3: Wertheim, Oranienstraße 145 (1890-1894), 4: Lubasch, Rosenthalerstraße 49 (1893-1895); 5: Wertheim, Oranienstraße 53/54 (1894-1913, Neubau))

Um all dies nachvollziehen zu können, müssen wir uns erst einmal die Geschehnisse selbst vor Augen führen. Wertheim etablierte seinen Laden 1890 in der Oranienstraße 145, also in Laufweite von Lubasch. Doch Lubasch nahm die Herausforderung an und eröffnete seinerseits einen großen Laden in der Rosenthalerstraße 49, also schräg gegenüber dem ersten Berliner Geschäft von Wertheim. Der wiederum ließ sich nicht lumpen, kaufte Grund am Moritzplatz auf, legte zwei Häuser nieder und eröffnete 1894  seinen Neubau in der Oranienstraße 53/54. 1895 schließlich gab Lubasch auf und schloss seine Filiale in der Rosenthalerstraße. Wertheim, der 1892 schon einen ersten Laden in der Leipzigerstraße 111 eröffnet hatte, ging somit als Sieger aus dem Ringen hervor.

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Veränderung in der Nachbarschaft: Geschäftseröffnung von Wertheim in der Oranienstraße 145 am 31. März 1890 (Berliner Tageblatt 1890, Nr. 163 v. 30. März, 20)

Zu beantworten ist, warum dieser Kampf um den Kunden beträchtliches Aufsehen erregte. Nun, hier rangen zwei der größten „Ramschbazare“ Berlins um die Hegemonie im Billigsegment – und sie taten dies mit innovativen Mitteln. Es war Lubasch, der in der Kommandantenstraße begann, die Preise von Wertheim gezielt um einzelne Pfennige zu unterbieten: „Zuerst wurden die Hausfrauen wild, dann fingen die Kaufleute an, sich halb lachend zu ärgern und zu schimpfen. Dann wurde die Sache des Quartiers eine Sache der Stadt, die interessiert und belustigt den Kampf der Gegner verfolgte. Witzblätter und Couplets nahmen den Stoff auf. Und beide Gegner wurden berühmt“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510, 1-2). Wir sehen hier Marktwirtschaft in Aktion, doch Preiswettbewerb war zu dieser Zeit in breiten Teilen des Handels noch nicht üblich. Hier ging man von festen Gewinnspannen aus. Gewiss, Konsumgenossenschaften, Wanderlager, Bazare und Partiewarengeschäfte warben bereits seit längerem mit ihren Preisen. Doch im Kampf von Lubasch gegen Wertheim wurde der abstrakte Preismechanismus konkret, denn Wertheim zog nach, reduzierte seinerseits die Preise – und nun konnte das Spiel von Neuem beginnen. Der allgemeine Spott über die Kombattanten regte sich aber auch deshalb, weil das sich Unterbieten anfangs nur bei einzelnen, für den Kunden besonders sichtbaren und gut vergleichbaren Artikeln erfolgte. Diese „Lockvögel“ machten nur kleine Teile des gesamten Sortiments aus – und die Kunden lernten damit umzugehen.

Anfang 1893 nahm das Ringen richtig Fahrt auf, abermals mit Lubasch als Angreifer: „Gerade gegenüber dem bekannten Magazin von A. Wertheim ist vor kurzem eine Filiale des nicht minder bekannten Magazins von A. Lubasch (Kommandantenstraße) errichtet worden. Wer jetzt die Rosenthalerstraße in der Nähe der Weinmeisterstraße passirt, sieht zur Rechten wir zur Linken lange Reihen von Schaufenstern, die nur von den genannten Firmen besetzt sind. Beide suchen sich besonders in der Breitenausdehnung gegenseitig zu überbieten, um dem Publikum recht aufzufallen. Vorläufig verfügt aber noch die Firma Wertheim über die breiteste Front: sie hat bereits drei neben einander liegenden Häuser mit Beschlag belegt. In diesen Schaufenstern kann man alles Mögliche und Unmögliche sehen, Kochtöpfe und Damenhüter, Scheuerlappen und Reisehandbücher und tausenderlei andere Waaren in wunderlichster Zusammenstellung. Die Preise, welche mit Riesenziffern an jedem Stück befestigt sind, sind bei dem einen immer niedriger als bei dem anderen, sodaß der Passant, welcher der Skylla zur Linken glücklich entronnen ist, der Charybdis zur Rechten schließlich doch in den Rachen gerathen muß“ (Vorwärts 1893, Nr. 163 v. 14. Juli, 7). Ja, beide Firmen intensivierten den Preiswettbewerb, investierten in Außenwerbung und Kundenansprache. Es war ein Ringen auf Augenhöhe mit anfangs offenem Ausgang. Waren dienten nicht unmittelbaren Gebrauchszwecken, sondern wurden Mittel im Wettbewerb. Wertheim baute sein Geschäft nicht kühl und sachlich aus, sondern beide Geschäfte erweiterten kundennah, angestachelt von den Aktionen des Wettbewerbers. Es war just zu dieser Zeit, als der Begriff des „Ramschbazars“ zum Alltagsbegriff wurde. Doch der Vorwärts hielt dagegen, verwies auf die von Wertheim und Lubasch gleichermaßen betriebene Qualitätsdifferenzierung: „‚Ramschen‘ heißt: bei günstiger Gelegenheit billig (und zuweilen auch wirklich gut) kaufen. Die ‚Riesenbazare‘ ‚ramschen‘ nicht; sie dienen im Gegenteil eher dem kleineren ‚Ramscher‘ als Bezugsquelle. Sie kaufen nicht bei Gelegenheit Waaren aus einem Konkurse, alte Ladenhüter oder Reste von besserer Qualität auf, sondern sie geben mit ihrem ungeheuren Umsatze Jahr aus Jahr ein ganzen Fabriken Beschäftigung. In diesen Fabriken werden die Waaren von vornherein in der bescheidenen Qualität hergestellt, welche dem geringen, von der Arbeiterklasse gerade nur zu erschwingenden Preise angemessen ist […]“ (Vorwärts 1893, Nr. 8166 v. 18. Juli, 6). Entsprechend distanziert stand die Sozialdemokratie den Billigheimern gegenüber: Sie verwiesen auf die Kosten der billigen Waren, auf die Folgewirkungen auf Arbeiter und Verkäufer, die betroffenen Branchen und den Arbeitsmarkt. Und sie nahmen zugleich eine gängige Trope der mittelständischen Kritik auf, dass billige Waren eben auch schlechte Waren seien. Parallel realisierten die Sozialdemokraten die makroökonomischen Folgen der großen Billiganbieter: Sie gaben den arbeitenden Klassen den Anschein materiellen Besitzes, verbesserten über günstige Konsumgüter gar deren Lebensstandard. Dadurch aber erlaubten sie grundsätzlich aber auch geringe oder gar sinkende Löhne.

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Vorboten des Sieges: Annonce der Geschäftseröffnung von A. Wertheim in der Leipziger Straße 1892 (Berliner Tageblatt 1892, Nr. 513 v. 9. September, 4)

Die dritte und letzte Eskalation des Kampfes zwischen Lubasch erfolgte Ende 1894: Wertheim war trotz des Angriffes von Lubasch in der Lage, seinen angemieteten und zwischendurch erweiterten Laden in der Oranienstraße durch einen Neubau am Moritzplatz zu ersetzen, der nochmals 50 Meter näher am Lubaschschen Hauptgeschäft lag. „Herr Wertheim trägt sich vermuthlich mit der Absicht, seinen Konkurrenten Lubasch (Ecke Oranien- und Kommandantenstraße), in dessen Nähe er bereits vor längerer Zeit eine kleine Filiale errichtet hat, durch Errichtung eines neuen großen Waarenhauses an derselben Stelle gänzlich aus der dortigen Gegend zu verdrängen“ (Vorwärts 1893, Nr. 220 v. 19. September, 5). Wertheim hatte bereits 1892 in der Leipzigerstr. 111 ein weiteres Geschäft etabliert, das auf sechs Etagen die gesamte Palette der Gebrauchsgüter abdeckte. Es waren die Gewinne dieser Filiale, die den Neubau ermöglichten und zugleich die notwendigen Bankkredite absicherten. In der Leipzigerstraße hatte sich Wertheim nicht mehr an einem „Ramschbazar“, sondern an wohl etablierten Berliner Handelsfirmen zu orientieren. Hier traf er auf ein anderes Publikum, gehobener, solventer, interessiert an mittleren und gehobenen Qualitäten. Wertheim war in der Lage, sich einerseits früh aus dem Ringen um den Arbeiterkunden zu befreien, dieses anderseits aber zu nutzen, um sich des zuvor auf Augenhöhe kämpfenden Konkurrenten zu entledigen. Das neue, am 2. Dezember 1894 eröffnete Wertheimgeschäft in der Oranienburgerstraße 53/54 beendete die Zeitspanne, in der der „Ramschbazar von Lubasch in nächster Nachbarschaft noch als ein in Betracht kommendes Konkurrenzunternehmen“ (Die Eroberung der Leipzigerstraße, Vorwärts 1904, Nr. 281 v. 30. November, 9-10) galt. Für Wertheim war das der Durchbruch zur Respektabilität, doch es dauerte Jahre, bis die Firma in Berlin „zu Ansehen kam“ (ebd., 9). Wertheim gewann den Kampf mit Lubasch also nicht direkt, sondern indem er ihn nicht gänzlich annahm, sondern zugleich Alternativen zum Kampf fand. Lubasch verlor, weil er ihm aufging, ihn als persönliche Angelegenheit verstand.

Am Ende des Kampfes hatte sich gleichwohl gezeigt, dass Preis- und Qualitätsdifferenzierungen, Mischkalkulation, extensive Reklame und gezielte Kundenansprache Grundelemente unternehmerischen Erfolgs im Kleinhandel waren. Sie wurden von allen erfolgreichen Großbetrieben Berlins übernommen, strahlten weit in den Mittelstand hinaus. Wertheim lernte im Ringen mit Lubasch zudem, dass insbesondere die Lagerhaltung zu diesen Grundelementen gehörte. Anders als Lubasch, der stets in großen Partien kaufte und daher eine umfangreiche Lagerhaltung betreiben musste, führte Wertheim zwar die notwendigen, teils auch von der Konkurrenz aufgezwungenen Waren, hielt davon jedoch nur überschaubare Mengen. So konnte er rascher wechseln, hatte weniger Ladenhüter und geringere Fixkosten (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9).

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Aufgabe der Lubaschschen Filiale in der Rosenthalerstraße 1895 (Berliner Tageblatt 1895, Nr. 472 v. 19. Juli, 15)

Lubasch realisierte seine Niederlage nur langsam, zog dann aber die richtigen unternehmerischen Konsequenzen: Im Juli 1895 verkündete er die Schließung seiner Filiale in der Rosenthalerstraße – und seine scheinbar wunderliche Behauptung, dass dies wegen „unzureichend gewordener Verkaufsräume“ erfolge, war nicht ohne Logik. Lubasch hatte nach wie vor immense Lagerbestände, weit größer als sein Konkurrent Wertheim. Aus diesem Grunde zog sich das Ende über Monate hin (Volks-Zeitung 1895, Nr. 445 v. 2. September, 10; Volks-Zeitung 1895, Nr. 473 v. 9. Oktober, 6). Lubasch war nicht allein ein Virtuose der Verzögerung, er musste auch die Ware abverkaufen, die ihm die Luft zum erfolgreichen Kampfe genommen hatte.

Die Posse „Lupas und Wörthaim“

Die kleine Schlacht um den Kunden war geschlagen – und in einer Konsumgesellschaft war auch das eine Ware. Der ökonomische Kampf zwischen Lubasch und Wertheim fand Widerhall nicht nur in Alltagsgesprächen und Zeitungsartikeln. Auch die holde Kunst bemühte sich, genauer die Budapester Possen-Theater-Gesellschaft. Im Oktober/November 1893 legte sie der Zensur „Lupas und Wörthaim“ vor, eine derbe Parodie auf das Geschehen in der Oranien- und Rosenthaler Straße (Peter Sprengel, Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1944, Berlin 1997, 52). Autor war Donat Herrnfeld (1867-1916), ein jüdischer Schauspieler, der zusammen mit seinem Bruder Anton Herrnfeld (1866-1929) die Geschicke des Familienunternehmens bestimmte (Anton und Donat Herrnfeld, Der Humorist 28, 1908, Nr. 1, 2; Vom „Gebrüder Herrnfeld-Theater“ in Berlin, Der Humorist 29, 1909, Nr. 1, 4-6, hier 5). Die Theatergesellschaft bestand aus lediglich elf Mitgliedern, vielfach Familie, und da war das kleine „Orchester“ schon mit inbegriffen. Das Repertoire bestand aus kurzen, komischen Einaktern, meist aus dem bürgerlich-jüdischen Leben. Draller Humor, Schenkelklatscherwitze, „Komik als Selbstironie“ (Peter W. Marx, Jargontheater, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 3, Stuttgart/Weimar 2012, 170-173, hier 171). Die Gesten waren überzeichnet, die Charaktere ebenso, Männer waren noch Männer, das Ewigweibliche stets präsent. Nein, hehre Kunst boten die Herrnfelds nicht, doch Alfred Kerr (1867-1947), der kommende Kritikerpapst, schrieb 1897: Das „ist das Wundervollste und Erschütterndste an Komik, was der bescheidene Schreiber dieser Zeilen seit Geburt erlebt hat“ (Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895-1900, Berlin 1997, 271). Ihre Karriere in Berlin startete mit „Lupas und Wörthaim“, das 1893/94 mehr als 600 Aufführungen erlebte und „ein durchschlagender Erfolg“ (Heidelore Riss, Ansätze zu einer Geschichte des jüdischen Theaters in Berlin 1889-1936, Frankfurt et al. 2000, 22) wurde. Der Kampf zwischen Lubasch und Wertheim war der Ausgangspunkt dieser Posse – und man spielte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Geschehen, teils im Parodie-Theater in der Oranienstraße, teils im Grand-Hotel am Alexanderplatz, einem der vielen kleinen Varietés der Reichshauptstadt.

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Langwährender Lacherfolg: Werbung für „Lupas und Wörthaim“ in Hamburg und Berlin (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 16. November, 8; Vorwärts 1896, Nr. 190 v. 15. August, 8)

Die Namensgleichheit diente jedoch nur als Köder, der Untertitel „Die concurrierenden Heiraths-Vermittler“ ist präziser. Der Inhalt dieses Einakters mit Gesang ist rasch erzählt: Die gut bemittelte Witwe Regenwurm will sich wieder verheiraten, ein Geschäft, das sich die Heiratsvermittler Lupas und Wörthaim nicht entgehen lassen wollen. Doch die holde Dame hat schon einen Favoriten, den Operettentenor Sonnenstich. Da können die Kandidaten der Vermittler – Lupas schickt den tauben Schneider Heißblut ins Werberennen, Wörthaim den Fuhrbesitzer Gottlieb – leider nicht mithalten. Doch Wörthaim weiß Rat. Denn er findet heraus, dass der Tenor den Glanz der Vorwochen, seine Braut Nett’l, ob der besseren Partie schmählich verstoßen hatte, ohne sich seiner Liebesschwüre zu erinnern. Wörthaim tut dies kund, Regenwurm versteht den Betrug, wendet sich dem soliden Gottlieb zu, die Heirat wird versprochen. Lupas steht außen vor, doch Wörthaim gibt sein stolzes Honorar der Nett’l, die nun abseits des Sonnenstichs auf dem Heiratsmarkt agieren kann (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 17. November, 2). Urkomisch, drollig, ein wenig derb, doch nicht unzüchtig – so urteilten die Kritiker. Selbst im kühlen Hamburg berichtete man von ganz außerordentlichen Lachsalven und einem Kassenmagnet erster Güte: „Unstreitig wird das Gastspiel der Budapester Possen-Gesellschaft nach allen Seiten hin einen dauernd günstigen Erfolg haben“ (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 15. November, 15).

Im hohen Norden gastierte die Possen-Gesellschaft Ende 1894, anschließend stand das Stück in Berlin weiterhin auf dem Programm (Volks-Zeitung 1897, Nr. 43 v. 27. Januar, 1; Vorwärts 1897, Nr. 283 v. 12. April, 8). Noch 1900 gab es Aufführungen (Volks-Zeitung 1900, Ausg. v. 6. März, 6). Ja, Lubasch und Wertheim waren populär, ihnen wandte sich der Volkswitz zu: Und doch hieß es „Wertheim ist es – er ist der billige Mann“ (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9 – auch das folgende Zitat). Nicht das alteingesessene Geschäft machte das Rennen, sondern der betriebswirtschaftlich besser organisierte und kapitalkräftigere Neuling aus dem Norden. Doch in den 1890er Jahren ging es noch nicht um hochwertige, gediegene Waren, sondern um den „Reiz des Billigen“, denn „es ist das Publikum, das billig kaufen will, erst billig, dann mag es gut, dann mag es schön, dann mag es tüchtig sein.“ Diese simple Sentenz gilt trotz der großer Warenpaläste von Wertheim und Tietz, denn ihre ökonomische Basis war und blieb der Massenabsatz billiger Ware. Alles andere war Zierrat und Werbung – mögen es viele Historiker auch als Essenz dieser Betriebe missverstehen.

Den Makel des Anfangs als „Ramschbazar“ konnte selbst Wertheim nicht völlig abstreifen, auch wenn schließlich Kaiser Wilhelm II. 1910 für einige hunderttausend Mark Spenden das Warenhaus in der Leipzigerstraße besuchte. Die antisemitische Presse sah dennoch nur ein „Ramschausverkaufshaus“ (Die „Wahrheit“ vor Gericht, Dresdner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 300 v. 4. November, 3). Das war es wahrlich nicht, doch derartige Dispositive blieben bestehen, kamen während der Weltwirtschaftskrise wieder auf, begleiteten die neuerliche Welle der Sondersteuern und dann der „Arisierung“, also des Zangenübergriffs von Nationalsozialisten, Banken und biederen Profiteuren. Die letzten Reminiszenzen seitens der Arbeiterbewegung klangen dagegen nostalgisch. Nachdem bei der preußischen Landtagswahl 1903 im Kreise Teltow-Beeskow Liberale und Sozialdemokratie sich nicht auf einen wohl siegreichen Kompromisskandidaten hatten einigen können, war eine Posse die Antwort auf das die Arbeiter diskriminierende Dreiklassenwahlrecht. Die sozialdemokratischen Wahlmänner waren vollständig erschienen, hoben nicht allein die Hände, um dann von der konservativen Majorität überstimmt zu werden, sondern sie nutzten das ihnen zustehende Rederecht, um der Wahlfarce Kontur zu geben, indem sie fiktive Wunschkandidaten priesen. Sie lobten etwa die vom freisinnigen Vorkämpfer Eugen Richter (1838-1906) häufig erwähnte Figur der rechtschaffenden Spar-Agnes und verlangten auch die Wahl von Lubasch und Wertheim (Das Ende der Wahl in Teltow-Beeslow, Vorwärts 1903, Nr. 273 v. 22. November, 2; Die preußischen Wahlen, Pester Lloyd 1903, Nr. 285 v. 26. November, 3). Donat Herrnfeld hätte sich wohl auf die Schenkel geklatscht.

Das langwierige Ende eines Pionierunternehmens

Mitte der 1890er Jahre war Lubasch zwar populär, doch die Wachstumskraft seines Unternehmens war nach der Aufgabe der Filiale in der Rosenthalerstraße gebrochen. Der Sieg Wertheims führte zu einer stärkeren Spreizung des Geschäftes zwischen dem steten Absatz billiger Textilien und Haushaltswaren (und der Bestände seiner Warenlager) und einer stärkeren Orientierung auf Großkunden, wie Hotels, Cafés und Gaststätten.

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Spezialisierung auf konsumnahe Dienstleistungen (Volks-Zeitung 1895, Nr. 471 v. 8. Oktober, 7)

Anders als bei Wertheim, der dank hoher Gewinne und umfangreicher Kredite seinen Betrieb konsequent ausbaute, setzte Lubasch weiterhin auch auf das tradierte Partiewarengeschäft. Während die Großen der Branche ihre Anzeigen mit immer breiteren Sortimenten anreicherten, annoncierte Lubasch nur ab und an, präsentierte dann aber wieder und wieder die gleiche Ware. Typisch hierfür waren etwa die 1897 in immer gleicher Weise angepriesenen Betten. Gut und groß sollten sie sein, doch im Vordergrund stand der niedrige Preis.

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Kontinuität des Partiewarengeschäftes 1897 (Volks-Zeitung 1897, Nr. 235 v. 21. März, 8)

Angesichts dieser Kontinuität des Partiewarengeschäftes erscheint es paradox, dass sich das Magazin A. Lubasch zwar noch nicht in seinen Annoncen, wohl aber im Berliner Adressbuch zum „Waarenhaus“ (Berliner Adressbuch 1898, Berlin o.J., Bd. 2, 278) erklärte. Ökonomisch half dies wenig. Denn die gewählte Engführung des Betriebes traf Mitte der 1890er Jahre nicht mehr allein auf die Konkurrenz von Bazaren und „Warenhäusern“, sondern zunehmend auch auf spezialisierte Anbieter. Hervorzuheben ist etwa das 1891 an der Jannowitzbrücke, also nördlich der Kommandantenstraße, etablierte Warenhaus für Gelegenheitskäufe Heinrich Hennes (Berliner Börsen-Zeitung 1891, Nr. 516 v. 4. November, 7; Berliner Tageblatt 1898, Nr. 641 v, 18. Dezember, 29).

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Anzeige eines Gelegenheitskaufs bei Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 63 v. 15. März, 9)

Lubasch reagierte hierauf. Er schaltete häufiger Anzeigen, gab diesen ein einheitliches Design. Kräftige schwarze Ränder sorgten für rasche Wiedererkennung. Zugleich annoncierte er immer wieder andere Warenposten, seien es Gardinen, Pelz- und Tapisseriewaren, Leinen, Tapeten, Glas und Tafelgeschirr. Es mag sein, dass dies in Zusammenarbeit mit Hermann Lubaschs Luxuspapierfabrik erfolgte, die auch Reklamekarten und -plakate erstellte (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898). Trotz dieses zeitweiligen Gegenstemmens begann im März 1899 die Auflösung des nach wie vor allgemein bekannten Verkaufsgeschäftes. Ein Haarsalon warb für sich noch im November mit dem Hinweis „gegenüber Magazin Lubasch“ (Berliner Tageblatt 1899, Ausg. v. 26. November, 12).

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Ankündigung der Geschäftsauflösung von Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 119 v. 25. Mai, 10)

Wie schon bei der Abwicklung der Filiale in der Rosenthalerstraße zog sich die Auflösung lange hin, war eher ein Ausverkauf auf Raten. Billig war Trumpf. So wurden Porzellangegenstände für nur 10 Pfennige das Stück verkauft, „‚um die Unzuträglichkeiten einer Gratisverteilung zu vermeiden‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 151 v. 7. Juni, 1). Die Konkurrenz zeterte, denn durch das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb von 1896 war das sogenannte Nachschieben von Waren bei Ausverkäufen unter Strafe gestellt worden. Mehr als ein Jahr nach der angekündigten Auflösung hieß es aber immer noch: „Die Auflösung des Magazin A. Lubasch muß in diesem Jahr beendet sein. Die noch vorhandenen großen Lagerbestände werden demnach zu außerordentlich billigen Preisen verkauft“ (Vorwärts 1900, Nr. 74 v. 29. März, 8).

Es ist nicht klar, wann das Magazin A. Lubasch schließlich seine Türen schloss – auch wenn dies irgendwann im Jahre 1900 geschah. Das Großhandelsgeschäft für Hotels und Gaststätten wurde noch einige Zeit fortgeführt (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032). Formal wurde die Firma A. Lubasch erst 1908 gelöscht (Berliner Tageblatt 1908, Nr. 586 v. 16. November, 11). Philipp Lubasch hatte schon vor der Jahrhundertwende das Amt des Generalvertreters der Helsingborger Gummischuhfabrik übernommen (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898) und reüssierte nach der Jahrhundertwende unter „Gummischuhe Engros“ in der Kreuzberger Michaelkirchstraße 24a (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032; ebd. 1908, Bd. 1, 1556). Lubasch wohnte auch nach der Schließung des Magazins in der Kommandantenstraße, doch zog er dann nach Wilmersdorf in die Joachimsthalerstr. 21 (Berliner Adreßbuch 1908, Berlin o.O., Bd. 1, 1556). Hier starb er am 8. September 1909.

14_Grabmahl Auguste und Philipp Lubasch_2019

Grabstätte des Ehepaar Philipp und Auguste Lubasch auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee 2019

Sein Ableben wurde vermerkt, traf jedoch auf kaum Widerhall. Er wurde als „Gründer des ersten Berliner Warenhauses“ (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 423 v. 10. September, 8) gewürdigt, gewiss zu Unrecht. Die kurzen Notizen hoben nicht Leistungen, sondern die Niederlage hervor: „Unter der Firma A. Lubasch eröffnete der Verstorbene Ecke Kommandanten- und Oranienstraße ein Kaufhaus, das aber von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ hieß es in der Berliner Volks-Zeitung (Nr. 423 v. 10. September, 4). Auch das Berliner Tageblatt erwähnte, dass sein Geschäft „von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ (Nr. 455 v. 8. September, 10). Philipp Lubasch wurde am 9. September 1909 auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beerdigt (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 455 v. 8. September, 10), sein Grabmal steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu denen von Unternehmern wie Bernhard Loeser (1835-1901), Philipp Freudenberg (1833-1919) und Rudolf Mosse (1843-1920).

Am Ende dieses höchst fragilen Puzzles stellt sich die Frage nach der historischen Bedeutung des Magazins A. Lubasch. Das entspringt dem Wunsch, das „wirkliche Leben noch einmal unwirklich zu erfinden, nicht eins zu eins, sondern viel genauer“ (Herta Müller, Mein Vaterland war ein Apfelkern, München 2014). Das kann nicht gelingen. Lubasch war ein Übergangsphänomen, verkörperte den Aufstieg und Wandel des Kleinhandels von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der Betrieb verdeutlicht die beträchtlichen Probleme, diese Veränderungen begrifflich und analytisch klar zu fassen. Vom Handelsmann über das Magazin hin zum Warenhaus? Wohl kaum. Das Puzzle ist wohl eher eine Rückfrage an unsere Vorstellungen vom Wandel, vom geschäftlichen Erfolg. Das Magazin A. Lubasch steht quer zu gängigen linearen Vorstellungen klar zu definierender Betriebsformen, mögen wir diese auch brauchen, um uns nicht in Einzelgeschichten zu verlieren. Lubaschs Unfähigkeit, vielleicht auch Weigerung, das tradierte Partiewarengeschäft zu systematisieren, in neue, ansprechendere und noch erfolgreichere Formen zu lenken, entsprach paradoxerweise der seiner mittelständischen Konkurrenten, die in seinem Großbetrieb vor allem einen Angriff auf ihre Art des Wirtschaftens, auf ihre Art des Lebens sahen. Die Geschichte seines Magazins lenkt unsere Blicke auf höchst unterschiedliche und doch zusammenhängende Felder: Das des Aufstiegs hin zum reichen Unternehmer, das der um Würde und Einkommen ringenden Beschäftigen, auch das von Gegnerschaft und Feindschaft, so beliebig und doch unerbittlich. Das Feld der harten direkten Konkurrenz, der Niederlage im Wettbewerb, der öffentlichen Bewertung, voller Häme und doch stiller Bewunderung. All das ist eins, so wie auch die Fülle der nicht zusammenpassenden Partiewaren ein Geschäft ergab, das Magazin A. Lubasch.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2019