Der Corona-Shutdown der Läden und Geschäfte – Impressionen aus Hannover

Der Corona-Virus hat die westliche Welt fest im Griff. Die Einschnitte sind umfassend – und der starke Staat hat Probleme, die eigenen Bürger an ihre Pflichten gegenüber Alten und Kranken zu erinnern. Ausgangsbeschränkungen und mehr werden die Folge sein, die immer wieder beschworene Zivilgesellschaft ist weniger rücksichtsvoll und sensibel als Lichterketten und Gendersterne suggerieren. Über die zu spät begonnenen Krisenmaßnahmen kann man wortreich spekulieren, doch insbesondere das Ende der begründeten Begrenzungen des Schuldenstaates wird tiefgreifende Folgen haben. Nachtragshaushalte, Bazooka-Reden, Kraftmeierei stehen auf der Tagesordnung, sind die Auswirkungen der Krise doch unabsehbar. Die lange zurecht verdammten Eurobonds werden als Coronabonds plötzlich akzeptiert, die Haushaltskonsolidierung der vergangenen Jahre ist Makulatur. Die Krise nährt die Krise, die Abwehr schafft neue Verwerfungen.

Wie aber sieht die Lage vor Ort aus? Nachdem ich einige Zeit mit der historischen Analyse des Hamsterns verbracht habe, um die aus meiner Sicht eher unangemessenen, ja unverantwortlichen Denunziationen dieser Frühbevorrater in einen breiteren Kontext einzubetten, schien es mir sinnvoll, mich ein wenig umzuschauen. In Niedersachsen wurde am 16. März 2020 mit Wirkung vom 17. März auf Basis von § 28, Abs. 1 Infektionsschutzgesetz die Schließung eines Großteils der Einzelhandelsläden und Dienstleister verordnet. Die Lebensmittelversorgung ist davon nicht betroffen, auch wenn kurz darauf Restaurants und Cafés ebenfalls geschlossen wurden. Weisungen dieser Art erfolgen befehlsartig. Die Begründung ist kurz und knapp: „Vor dem Hintergrund der sehr dynamischen Verbreitung von Infektionen mit dem SARS-CoV-2 Virus und Erkrankungen an COVID-19 müssen unverzüglich weitere umfänglich wirksame Maßnahmen zur Verzögerung der Ausbreitungsdynamik und zur Unterbrechung von Infektionseffekten ergriffen werden. Weitreichende effektive Maßnahmen sind dazu dringend notwendig, um im Interesse der Bevölkerung und des Gesundheitsschutzes die dauerhafte Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems in Niedersachsen sicherzustellen. Die großflächige Unterbrechung und Eindämmung eines Großteils der sozialen Kontakte stellt – über die bereits ergriffenen Maßnahmen hinaus – [sic!] das einzig wirksame Vorgehen dar, um das Ziel einer Entschleunigung und Unterbrechung der Infektionsketten zu erreichen“ (Fachaufsichtliche Weisung des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung an die Niedersächsischen Landkreise, Kreisfreie Städte, Region Hannover v. 16. März 2020, 4). Die kontroversen Diskussionen der zurückliegenden Wochen wurden damit planiert, der Shutdown allein schien angemessen und notwendig.

01_Umarmungen_Friedensbewegung

Verlautbarungen aus einer vergangenen Zeit: Mülleimeraufkleber

Der Maßnahmenstaat dekretierte, wohl begründet. Doch wie wurden die damit in Gang gesetzten Informationen weitergegeben und an die Kunden vermittelt? Um dies zu beantworten, habe ich mich in Hannovers Podbielskistraße begeben, habe dort die ersten fünfzig einschlägigen Verweise auf Schließungen und die Corona-Krise fotografiert. Victor von Podbielski (1844-1916) war ein kontrovers bewerteter und affärenbeladener konservativer Spitzenpolitiker des Kaiserreichs, Leiter der Reichspost, preußischer Landwirtschaftsminister, führender Sportfunktionär. Die nach ihm benannte mehr als fünf Kilometer lange Straße bietet Industriegeschichte pur, hier lagen die Firmensitze von Bahlsen, den Pelikan-Werken, der Deutschen Grammophon, der Geha-Werke und der Karosseriefabrik Emmelmann (Elke Kümmel, Dieter Sagolla und Jörg Maaß, Podbielskistraße. Eine Straße verändert ihr Gesicht, hg. v. Baudezernat Hannover, Hannover 2007). Sie ist gesäumt von zahllosen Genossenschaftswohnungen aus der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und den 1950er Jahren. Ihr relativer Niedergang wurde durch hohe Investitionen anlässlich der Weltausstellung 2000 gebremst. Das von mir besuchte Teilstück beherbergt vornehmlich Bürger der unteren Mittelschicht, doch am benachbarten Stadtwald, der Eilenriede, liegen auch zahlreiche Villen des wohlsituierten Bürgertums.

Wir sind dann mal weg

Viele Geschäfte informierten ihre Kunden über die Geschäftsschließungen, beließen es aber dabei. Die Situation wurde als bekannt vorausgesetzt, der Blick richtete sich nach vorn, auf den anvisierten Termin der Wiedereröffnung. Während einzelne Anbieter schlicht dichtmachten, offerierten die meisten Geschäftsleute zusätzliche Kontaktdaten. Sie wurden von der raschen Entwicklung offenkundig überrascht, machten irritiert dicht.

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Herzlich geschlossen – Liebe Grüße einer Änderungsschneiderei

Shutdown mit Alternativen

Die Mehrzahl der geschlossenen Geschäfte versucht gegenwärtig noch, den Betrieb auch nach dem Schließen des Verkaufsladens ansatzweise aufrechtzuerhalten: Aus Händlern werden Dienstleister, Bringdienste ohne direkten Kundenkontakt treten an die Stelle des persönlichen Services.

04_Corona-Krise_Lieferservice_BringdiensteAndere Anbieter konzentrieren ihre Angebote. Ein Schlüsseldienst und Eisenwarengeschäft hält den Notfallbetrieb aufrecht, ein Uhren- und Schmuckgeschäft den Reparaturbetrieb, bietet zudem Auftragsproduktion in der Werkstätte an. Ebenso ein Fahrradladen. Der Stillstand ist nie vollkommen, die Kompetenz der Geschäftsinhaber kann weiter abgerufen werden.

05_Corona-Krise_Notdienste_ReparaturdienstDies gilt ebenso für weiterhin geöffnete Geschäfte. Sie fühlen sich teils genötigt, ihre kontinuierliche Dienstbereitschaft eigens hervorzuheben, so etwa ein Copy-Shop mit krisenwichtigem Zusatzspektrum. Angesichts der massiven Umsatzeinbrüche des Nahrungsmittelhandwerks, die der gestrige Notruf des Bäckereifilialistenchefs Gerhard Bosselmann eindringlich in Erinnerung rief, steht der Dank an die weiterhin kaufenden Kunden vielfach an erster Stelle – gerade, wenn der Café-Betrieb häufig größere Umsätze machte als das nun allein noch geöffnete Verkaufsgeschäft.

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Zehrende Unsicherheit

Obwohl sachlich und freundlich gehalten, schwingt bei fast allen Kundeninformationen eine beträchtliche Unsicherheit über die Zukunft des eigenen Geschäftsbetriebes mit. Der starke Staat konzentriert sich auf die Kernaufgabe des Shutdowns. Doch es ist unklar, was nun wird. Tönende Ansagen aus Berlin sind in Hannover nicht angekommen, ähnliches gilt für die maßvolleren Programme der Landesregierung. Gerade kleinere Geschäfte hängen in der Luft. Die Krisenkommunikation ist vorrangig repressiv-eindämmend, ein Silberstreif ist noch nicht sichtbar. Das mag die Lage widerspiegeln, doch dies zehrt an den Betroffenen.

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Denn wir wissen nicht, was kommt. Handschriftliche Ergänzungen in der Krise

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Schauen wir erst mal – mehr wird die Zukunft bringen

Die Zentrale übernimmt – zum Teil

Die Kundeninforationen größerer Firmen unterscheiden sich deutlich von denen lokaler Einzelunternehmer. Handbücher der Krisenkommunikation und interne Pressestellen werden offenkundig herangezogen, entsprechende Aushänge dann zumindest regional verteilt. Dies zielt vor allem auf Verhaltensregulierungen, also die Regeln für einen seuchengerechten Einkauf. Zugleich helfen Aushänge leidige Diskussionen über Engpassgüter zu vermeiden. Dennoch ist es erstaunlich, dass bei fast allen Niederlassungen die Aushänge der Zentralen durch eigengestrickte, teils gar handschriftlich Informationen ergänzt wurden. Schön, derartige Eigeninitiative zu sehen, denn vor Ort sieht man viele Probleme früher als in den Zentralen.

08_Corona-Krise_Netto_Höchstmengen_Rossmann_Toilettenpapier

09_Corona-Krise_Porsche

Warum wir schließen

Die meisten Geschäften begründen ihre Geschäftsschließung entweder gar nicht oder aber mit nur einigen allgemeinen Verweisen. Die Verwaltungsstelle einer Wohnungsgenossenschaft schließt etwa „zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“, benennt die Situation also nicht konkret. Maßnahmen werden zum „Schutz der Allgemeinheit“ getroffen, „zum Schutz aller“, der Sachverhalt aber wird als solcher bekannt vorausgesetzt. Da ist wiederholt von der „aktuellen Lage“ die Rede, von den aktuellen „Umständen“, der „aktuellen Entwicklung“, der „gegenwärtigen Situation“. Die Hinweise auf die Corona-Pandemie bleiben spärlich, der Begriff wird meist ausgespart, stattdessen über eine „Sondersituation“ berichtet. Empathie klingt in der „bedauerlichen Situation“ selten an, trotz vielfacher Wünsche, gesund zu bleiben. Andere Geschäfte verweisen auf höhere Mächte, nicht auf Gott, wohl aber auf die niedersächsische Landesregierung als Verfügungsinstanz, auch auf die „erwünschten Vorschriften des Gesundheitsamtes“.

Diese sprachliche Hilflosigkeit war für mich überraschend. Sie geht einher mit den üblichen Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern unserer „Wissensgesellschaft“ – in mehr als der Hälfte der Aushänge. Offenbar ist eine dunkle, unbenennbare Macht über die Podbielskistraße gekommen, über die man nicht recht reden kann, die aber all das bewirkt. Das Virus betrifft alle, wird schwere Gesundheitsfolgen und Tote nach sich ziehen, doch benannt wird dies nicht. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung, Frankfurt a.M. 1963, 89).

Verhaltensregulierung vor Ort

Dennoch war ich positiv erstaunt, dass die meisten Kunden diszipliniert einkauften, Abstand hielten, sich aus dem Weg gingen, vor den Läden warteten. Das ist Folge auch einer fast durchweg klaren und nachvollziehbaren Ansprache über das erforderliche Tun, über persönliche Hygiene.

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Umfängliches Maßnahmenpaket in einer Apotheke – doch wer kennt schon die Nießetikette?

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Fehlende Empathie und bürokratischer Ungeist

Dennoch, es gab auch eigenartige Aushänge, sachlich gerechtfertigt, doch ohne jedes Mitgefühl, ohne ein Mitdenken der Betroffenen. Eine Arztpraxis verlautbarte auf mehreren Aushängen, dass eventuell Infizierte sich möglichst wegtrollen sollten, da für sie nur der ärztliche Bereitschaftsdienst zuständig sei. Hinweise auf das Warum fehlten. Ein beredtes Beispiel hiesiger Servicekultur war auch der Aushang eines Bestattungsunternehmens, der Hygienehinweise und telefonische Alternativen anbot, eine persönliche Beratung jedoch an einen „eingetretenen Sterbefall“ knüpfte. Da ist es fast beruhigend zu wissen, dass ein beträchtlicher Teil der italienischen Toten derartige Dienstleistungen gar nicht in Anspruch hat nehmen müssen, da die Leichen in Einfachsärgen in Krematorien gebracht wurden, wo sie ohne Anteilnahme ihrer Angehörigen hygienisch verbrannt wurden.

12_Corona-Krise_Arztpraxis_Bestattungsdienst

Fasst man zusammen, so erfolgte der Shutdown offenkundig plötzlich, ließ kaum Zeit für einen geordneten Rückzug, für eine reflektierte Kundenansprache. Überwältigt von der Situation beschäftigte man sich mit deren unmittelbarer Bewältigung, mit Alternativen zum bisherigen Betrieb, mit dem erzwungenen Rückzug. Obwohl die letztlich getroffenen Maßnahmen seit Wochen diskutiert wurden, haben die meisten Geschäftsleute diese Debatten nicht recht auf sich bezogen. Es fehlen Gemeinsamkeiten in der Krise, jeder schließt für sich allein.

Diese Impressionen geben Eindrücke wieder, rasch niedergeschrieben. Sie sind kaum repräsentativ. Zugleich hoffe ich, dass viele andere ihr Umfeld ebenfalls erkunden – mit gebotenem Abstand und so lange es noch erlaubt ist. Texte und Fotos abseits der öffentlichen Stellen sind wichtige und notwendige Quellen für diesen, wie immer, „historischen“ Einschnitt. Sie wissen doch, „Democracy dies in Darkness“.

Uwe Spiekermann, 21. März 2020

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