Korpulenz und Tod – Das Schlankheitspräparat Antipositin im Kontext

Schlankheitsdiäten und Schlankheitspräparate entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie waren Begleiterscheinungen erstens des Aufstiegs des Bürgertums, zweitens einer stofflich argumentierenden Chemie und Physiologie und drittens der Professionalisierung und Marktorientierung von Ärzten, Pharmazeuten und gewieften Unternehmern. Nur vor diesem Hintergrund kann man ein Produkt wie das Antipositin verstehen. Die kurze Geschichte dieses Entfettungsmittels eröffnet Schlaglichter auf eine Branche, die zwar per Werbung in die Öffentlichkeit drängte, die ansonsten aber eher im Dunkel bleiben wollte. Entsprechend müssen wir uns dem Thema langsam nähern, es in den Kontext der wissenschaftlichen, unternehmerischen und rechtlichen Zeitläufte einordnen. Beginnen wir mit der Frage, warum ein Präparat wie Antipositin überhaupt entstehen konnte.

Korpulenz als moralisches, physiologisches und pharmazeutisches Problem

Übergewicht lässt sich bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückverfolgen, war lange Ausdruck einer höheren sozialen Stellung und des Zugangs zu an sich knappen Nahrungsressourcen. Adel und frühes Bürgertum symbolisierten mit Körperfülle ihre gesellschaftliche Vorrangstellung (Ulrike Thoms, Körperstereotype. Veränderungen in der Bewertung von Schlankheit und Fettleibigkeit in den letzten 200 Jahren, in: Clemens Wischermann und Stefan Haas (Hg.), Körper mit Geschichte, Stuttgart 2000, 281-307). Und doch war die Realität des runden Leibes schon damals umstritten: Fettleibigkeit wurde während der Aufklärung zunehmend mit Trägheit und gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden und in der Mitte des 19. Jahrhunderts moralisch aufgeladen: „Sie hindert den Soldaten, in seinem ehrenvollen Stand zu verbleiben, unterbricht die Laufbahn der darstellenden Künstler, und hemmt den Unternehmungsgeist des Geschäftsmannes“ (Wilhelm Gollmann, Zur Fettleibigkeit und Magerkeit, Wien 1857, 11). Der Bürger hatte betriebsam zu sein, aktiv und leistungsfähig, unbehindert von überbürdendem und belastendem Fett. Fett war dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn die frühe Physiologie hatte experimentell festgestellt, dass dessen Brennwert doppelt so hoch lag wie der des Eiweißes und der Kohlenhydrate.

Solche Berechnungen gründeten nicht nur auf ökonomischen Idealen einer Wettbewerbsgesellschaft sondern auch auf einer neuartigen Vorstellung von Welt und Materie: Diese setzte sich, so seit den 1840er Jahren immer mehr Vertreter der organischen Chemie, aus kleinsten Elementen zusammen, aus Stoffen, die in dauerhaftem Fluss waren, deren Stoffwechsel den Kern des Lebens ausmachte. Der menschliche Körper stand mit seinen Nahrungsstoffen in stetem Austausch. Ein harmonisches Verhältnis von Zufuhr und Verbrauch war erforderlich, andernfalls drohte Abmagerung oder Korpulenz. Kostmaße und Ernährungsempfehlungen waren die Folge, immer weniger eingebettet in eine Kunst des Lebens, immer stärker auf den Stoffwechsel reduziert (vgl. Uwe Spiekermann, Übergewicht und Körperdeutungen im 20. Jahrhundert – Eine geschichtswissenschaftliche Rückfrage, in: Henning Schmidt-Semisch und Friedrich Schorb (Hg.), Kreuzzug gegen Fette, Wiesbaden 2008, 35-55, hier 43-45). Derartiges Expertenwissen bot in einer bürgerlichen Marktgesellschaft neue Marktchancen. Entsprechend wuchs seit der Jahrhundertmitte die Zahl von Entfettungs- und Heilkuren, individuell angeboten von privat zu zahlenden Ärzten oder in den nun zunehmend entstehenden Sanatorien und Kurorten. Aus diesem Erfahrungswissen entstanden seit den 1860er Jahren allgemeine Diätratschläge, die als „Diäten“ bis heute unter wechselnden Namen propagiert werden. Um abzunehmen, war die Stoffzufuhr zu reduzieren, zugleich aber neu zu ordnen. Die Harmonie der „Normalität“ setzte gezielte und wissenschaftlich begründete Nahrungswahl voraus: Der Londoner Arzt William Banting (1797-1878) propagierte eine vornehmlich eiweißhaltige Kost, während die bayerischen Ärzte Max Joseph Oertel (1835-1897) und Ernst Schwenninger (1850-1924) für eine deutlich verringerte Fett- und auch Flüssigkeitszufuhr eintraten, um den Körper wieder ins Lot zu bringen. Darauf zielte auch die Diät des Göttinger Internisten Wilhelm Ebstein (1836-1912), die Fette erlaubte, dagegen den Anteil der Kohlenhydrate deutlich senkte.

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Dezentralisierte Entfettung: Nachkur mit Heilwasser in Berlin (Die Woche 7, 1905, 1359)

Doch es blieb nicht bei derartigen über Frauen- und Familienzeitungen verbreiteten Handlungsanweisungen, die auch damals intensiv und kontrovers diskutiert wurden. Diäten waren nämlich nicht risikolos, konnten gesundheitliche Schäden hervorrufen (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 196-211). Zunehmend entstanden daher vermeintlich sichere, gar heilende Präparate. Vorbild für Gewichtsreduktion ohne negative Nebenwirkungen war erst einmal der bürgerliche Bädertourismus. Den Anfang machten seit den frühen 1870er Jahren leicht abführende und vielfach mit Kohlensäure versetzte Heilwässer, durch die man sich die Kur gleichsam nach Hause holen konnte. Parallel wurde ihre stoffliche Essenz, die Mineralsalze, eingedampft, zu Pastillen und Tabletten gepresst und dann verkauft. Doch all dies half wenig, wenn man zugleich nicht auch seine Ernährung umstellte und sich mehr bewegte. Angesichts des fehlenden Charmes langfristiger Wirksamkeit entstanden daher in den 1890er Jahren neuartige, nun in der Tat wirksame Präparate – allesamt Resultate intensiver wissenschaftlicher Forschung.

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Schlankheitssehnsucht und Todesverachtung 1899 (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 27, 16)

Den Anfang machten ab 1894 Schilddrüsenpräparate insbesondere von Borroughs, Wellcome & Co. (London) bzw. E. Merck (Darmstadt), die ursprünglich zur Bekämpfung von Kretinismus gedacht waren. Die Hormontherapie mit derartigen Thyreoidin-Tabletten beschleunigte den Stoffwechsel, ließ Pfunde purzeln, hatte jedoch massive, teils lebensgefährliche Nebenwirkungen. Während die pharmazeutischen Firmen sich daraufhin langsam aus dem Markte zurückzogen, griffen viele, insbesondere französische Hersteller das Grundprinzip auf, entwickelten es gar fort. Aus Hypophysen oder Keimdrüsen gewann man weitere marktgängige Hormonpräparate. Anfangs frei käuflich, wurden sie rasch verschreibungspflichtig, doch das Marktsegment blieb bestehen. Schlankheit, das war offenkundig, konnte mit wissenschaftlicher Hilfe herbeigeführt werden, mochten die Risiken auch beträchtlich sein.

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Kampf der Fettleibigkeit mit Hilfe abführender Mittel: Anzeige der Marienbader Reductions-Pillen (Jugend 3, 1898, 114)

Parallel gewannen Abführmittel an Bedeutung. Als Hausmittel (Honig, Marmeladen, Rhabarber, etc.) wohlbekannt, in Form von Mineralstoffpräparaten und Rizinusöl breit verwendet, dienten sie lange Zeit vornehmlich der Regulation des Darmtraktes und der Bekämpfung der vermeintlichen Zivilisationskrankheit der Darmverstopfung. Seit der Jahrhundertwende aber wurden sie auch als Mittel der Körpermodellierung genutzt, mochten die sog. Drastica auch viele Mineralstoffe ausschwemmen, die bis dato kaum beachtete Darmflora schädigen und den Körper schwächen. Auch saline Abführmittel aus „natürlichen“ Salzen fanden vermehrt Abnehmer, wenngleich sie das Körpergewicht meist auf Kosten der Eiweiss- und Wasserreserven reduzierten. Die meisten „Entfettungsmittel“ dieser Zeit enthielten entweder Drastika oder aber Mineralsalze. Sie wurden ergänzt durch eine wachsende Zahl pharmazeutischer Abführmittel, die unabhängig von ihren gesundheitlich problematischen Folgen als neuartige Markenartikel modern beworben wurden.

Kampf der Korpulenz: Ein lukrativer Markt des Wunderbaren

Schlankheitspräparate waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts also eine der vielen Verheißungen der angewandten Naturwissenschaften. Ebenso wie damals Träume von synthetischer Nahrung keineswegs rundum illusorisch erschienen, gab es scheinbar realistische Chancen auf neue Präparate, mit denen die Folgen zu geringer Bewegung und gar unmäßigen Essens und Trinkens einfach gebannt werden konnten. Hormonpräparate und Abführmittel materialisierten die Chancen und Gefahren der vielen neu verfügbaren medizinisch-pharmazeutischen Präparate – und sie schufen zugleich einen grauen Markt von Produkten, deren Wirkung lockte und von deren Problemen geschwiegen wurde. Geschäftstüchtige Ärzte und Pharmaunternehmen waren Teil dieses Geschehens – doch von denen soll im Folgenden nicht die Rede sein. Denn nach den Innovationen der 1890er Jahre dominierten sie nicht mehr die öffentlichen Debatten. Insbesondere viele Ärzte sahen nämlich ihre Befürchtungen vor einer abstrakten, die individuellen Unterschiede nicht beachtenden Heilwelt massenindustriell hergestellter Präparate bestätigt. Sie propagierten verstärkt individuelle Therapien beim Privat- oder Bäderarzt (Wilhelm Ebstein, Die Fettleibigkeit (Korpulenz) und ihre Behandlung, Wiesbaden 1904). Doch derartige Kuren waren Besitzenden vorbehalten, waren für die große Mehrzahl schlicht zu teuer. Sie griff daher notgedrungen zu Schlankheitspräparaten – und dies war die Chance für eine wachsende Zahl obskurer und zumeist betrügerischer Angebote. Das Antipositin der Berliner Firma Dr. med. Wagner und Marlier war deren Exponent, mochte es auch nur von 1905 bis 1907 öffentlich beworben worden sein, ehe die öffentliche Hand dieses Treiben unterband. Um den massiven Markterfolg des Antipositins – und der damit eng verbundenen Präparate Slankal, Levathin und Vitalito – nachvollziehen zu können, müssen wir den Blick jedoch nochmals weiten, einerseits den Markt genauer beachten, anderseits die damalige Rechtslage.

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Kleine Anzeigen für einen wachsenden Markt: D. Franz Steiners Tonnola-Zehrkur und Otto Reichels Zehrkur Graziana (Die Woche 6, 1904, H. 14, XII (l.); ebd. H. 11, IX)

Erstens hatte sich Berlin im späten 19. Jahrhundert zu einer deutschen „Hochburg“ sowohl des sog. Kurpfuschertums, also der Gesundheitsbehandlung ohne ärztliche Approbation, als auch des Geheimmittelwesens entwickelt (A. Springfeld, Die Bekämpfung der Kurpfuscherei und des Geheimmittelschwindels auf dem Boden landesgesetzlicher Verordnungen, Therapeutische Monatshefte 26, 1912, 803-816, hier 803). Kleine und mittlere Produktionsstätten beherrschten den Markt für (Schlankheits-)Präparate unbekannter Zusammensetzung. Die Anbieter waren meist Versandgeschäfte mit einer breiten Palette unterschiedlicher pharmazeutischer und kosmetischer Präparate. Die Berliner chemisch-pharmazeutische Fabrik von Otto Reichel bot beispielsweise nicht nur eine „Zehrkur“ gegen Korpulenz, sondern auch Kraftpillen gegen Magerkeit, Kraftwasser gegen Haarausfall, Haarfärbemittel, Cremes gegen Pickel, Sommersprossen, Runzeln und Nasenröte, Mittel gegen Rheumatismus und Gicht, Hustensaft sowie Blutreinigungspulver an – ganz zu schweigen von ihren „Original“-Essenzen für selbstbereitete Spirituosen und Erfrischungsgetränke. Die Reichelsche Zehrkur mit dem pretiösen Namen Graziana war zwar durch kontinuierliche Reklame reichsweit bekannt, doch handelte es sich um kleine, vielfach nur aus Text und einem Kreuz bestehende Anzeigen. Das galt auch für die meisten anderen Angebote, etwa die Tonnola-Zehrkur der Berliner Firma D. Franz Steiner & Co., die Robose-Pillen von Rudolf Hoffers aus Berlin-Karlshorst, die in der Reichshauptstadt gefertigten Orientalischen Kraftdragees von Max Denk oder das von Hoock & Co. in Hamburg hergestellten Amiral (vgl. Die neue Geheimmittel-Verordnung, Aerztliche Sachverständigen-Zeitung 1903, 346-347). Letzteres stammte eigentlich aus London, einer weiteren europäischen Hochburg der sog. Patentarzneien. Ausländische Anbieter, zumal einige Pariser Firmen, nutzten zudem regelmäßig graphische Elemente, um Aufmerksamkeit zu erregen.

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Ansprechende Konkurrenz aus dem Ausland (Der Bazar 50, 1904, 32)

Berlin lockte potenzielle Investoren mit einem breiten Netzwerk von Geheimmittelproduzenten, einer leistungsfähigen lokalen pharmazeutischen Industrie und zahlreichen qualifizierten Fachleuten. Hinzu kam ein quirliger Markt neuartiger Zeitschriften und Zeitungen, etwa die „Berliner Illustrirte Zeitung“ oder „Die Woche“, die „Berliner Morgenpost“ oder die „Berliner Volks-Zeitung“. Sie erreichten ein Millionenpublikum und ermöglichten Unternehmern einen zunehmend einfachen Weg zur Kundschaft. In Berlin regte sich allerdings auch kräftiger Widerstand gegen die neuen eifrig beworbenen Geheimmittel, beispielsweise durch die 1903 gegründete „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums“ und ihre Zeitschrift „Gesundheitslehrer“. Berlin war zudem der Ort, an dem im 1876 gegründeten Reichsgesundheitsamt, im Bundesrat und dem Reichstag um die Regulierung des Geheimmittelwesens gerungen wurde.

Der Erfolg der Schlankheitspräparate resultierte jedoch nicht nur aus dem Genius loci Berlins, sondern zweitens aus einer wahrlich speziellen rechtlichen Situation im Deutschen Reich. Auch hier gilt es ein wenig auszuholen: Die wirtschaftliche Liberalisierung hatte Ende der 1860er Jahre die tradierten Rechte der Ärzte und Apotheker gebrochen. Es gab Kurierfreiheit und Heilmittelabsatz durch Drogisten und Händler. Entscheidend war aber etwas anders: Die 1875 erlassene und 1890 sowie 1901 dann novellierte Verordnung über den Verkehr mit Arzneimitteln bestimmte positiv alle für Arzneimittel erforderlichen Stoffe und Verbindungen, machte diese apothekenpflichtig. Alle anderen waren damit frei verkäuflich (Kerrin Riewerts, Kosmetische Mittel vom Kaiserreich bis zur Zeit der Weimarer Republik. Herstellung, Entwicklung und Verbraucherschutz, Mathem. Diss. Hamburg 2005, 49-52). Das begünstigte innovative Produzenten, denn neue Präparate konnten anfangs frei, also etwa auch in Drogerien, in Friseurgeschäften oder per Versandhandel verkauft werden. Arzneien und Geheimmittel waren durch Apotheker und Ärzte nicht abgeschirmt.

Das begünstigte das ohnehin rasche Wachstum der pharmazeutischen Industrie, die immer neue „industrielle Geheimmittel“, „Spezialitäten“, also die uns bestens bekannten Pharmazeutika, entwickelte und verkaufte. Deren Zusammensetzung war vielfach unbekannt, fehlten anfangs doch Kernelemente einer modernen Wissensökonomie, wie etwa ein wirksamer Patent- und Markenschutz. Der Staat – und das hieß vor allem die Bundesstaaten des Deutschen Reiches – regulierte zwar sowohl giftige als auch apothekenpflichtige Stoffe. Doch das galt erst nach der Markteinführung, dauerte meist mehrere Jahre. Zahlreiche neue Schmerzmittel bzw. synthetische Drogen waren daher für eine gewisse Zeit allgemein erhältlich. Das betraf nicht nur die Hormonpräparate gegen Korpulenz, sondern auch Heroin, Veronal, cannabishaltige Medikamente und viele andere. Die Gesundheitsbehörden, darunter das Kaiserliche Gesundheitsamt, schritten gegebenenfalls ein, schlossen die Arzneimittel dann teils vom freien Verkauf aus, setzten sie auf die Giftlisten, verboten sie gar. Doch dieser bürokratisch-wissenschaftliche Apparat war langsam – und damit Gewähr für eine dynamische Geheimmittelindustrie.

Schlankheitspräparate waren bis zur Jahrhundertwende vorrangig ärztlich kontrollierte Mineralsalze resp. Abführmittel oder aber industrielle Geheimmittel. Dann aber begannen verstärkt medizinische und pharmazeutische Laien in dieses Feld zu investieren. Sie nutzten meist eine weitere offene Flanke der Regulierung. Die Zuordnung der neuen Präparate war nämlich vielfach unklar: War ein Malzpräparat ein Nahrungsmittel, eine Arznei oder aber ein kosmetisches Produkt? Die Regulierung derartiger Warengruppen erfolgte unterschiedlich, ihre Zuordnung folgte erst einmal den Angaben der Hersteller. Kosmetische Produkte waren dabei grundsätzlich frei verkäuflich. Das betraf etwa die gesamte oben angeführte Palette der Berliner Firma Otto Reichel – darunter auch seine Zehrkur Grazina gegen Korpulenz. Sie zielte auf eine andere Erscheinung, auf einen besser funktionierenden Körper – und war damit keine Arznei. Entsprechend schwierig war die Regulierung, gar das Verbot. Der Staat konzentrierte sich auf Gefahrenabwehr, sein Ideal war ein mündiger Konsument. Der Staatssekretär des Innern, Vizekanzler Arthur Graf v. Posadowsky-Wehner (1845-1932), begründete dies 1902 im Reichstag: „Auf allen Gebieten, meine Herren, kann der Staat nicht die Rolle der Kinderfrau spielen […,] etwas Intelligenz muß jeder selbst in seinem Interesse anwenden. Vor solchen schwindelhaften Unternehmungen ist so oft gewarnt worden, daß es sich schließlich jeder selbst zuschreiben muß, wenn er noch darauf hineinfällt. […] Aber allerdings werden wir die Geheimmittel unter scharfe Kontrolle nehmen, die entweder vom ärztlichen Standpunkte gefährlich sind oder offenbar nur betrügerischen Zwecken dienen“ (Reichstagsprotokolle. Stenographische Berichte, 10. Leg. 1900-1903, Bd. 4, Berlin 1902, Sitzung v. 30. Januar 1902, 3779).

Neues „Death Marketing“

Als im Februar 1905 das Entfettungsmittel Antipositin erstmals beworben wurde, war dies ein Bruch mit der bisherigen Werbetradition. Die Anzeigen waren deutlich größer, enthielten markante, einprägsame Bilder. Die gesundheitlichen Auswirkungen dauerhafter Korpulenz wurden mittels eines Totenschädels verdeutlich – der als Bildzeichen der Berliner Gesellschaft Dr. med. Wagner und Marlier bald vor Nachahmungen geschützt wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 286 v. 2. Dezember, 13)

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Der Schock des Todes und die Rettungskraft der Ware (Jugend 11, 1906, 203)

Das Gebrauchswertversprechen diese Entfettungsmittels war klar: Kauf oder stirb! Es handelte sich um „Death Marketing“, also die Mobilisierung von Angst und Todesfurcht für den Kauf gewerblicher Produkte. Gewiss, völlig neu war dies nicht. Doch es war neu für ein pharmazeutisches Kosmetikum, war charakteristisch für die Absatzstrategie des Antipositins.

Halten wir nochmals inne, um diese neue Strategie genauer zu verstehen: Gefahren wurden in der Reklamewelt des späten 19. Jahrhunderts durchaus direkt und auch krass präsentiert. Doch das galt für besondere Produktgruppen, vor allem für den breiten Sektor der Schädlingsbekämpfung. Schaben und Spinnen, Ratten und Mäuse waren Alltagsbegleiter, erschienen entsprechend auch in den Werbeanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften. Deren Sprache war eliminatorisch, kündigte Vernichtungsfeldzüge an, radikales Vorgehen, komplette Auslöschung. Sculein-Rattentod des Ottenser Apothekers (und späteren Herstellers von Hühneraugenringen) August Wasmuth (1860-1923) oder das vom Wiener Kaufmann Johann Zacherl (1814-1888) eingeführte und dann europaweit vermarktete Zacherlin hoben sich aus der großen Zahl tier- und todgeschmückter Anzeigen graphisch hervor, zeigten die sterbenden Tiere. Auch im Konsumgütermarkt fand sich der Tod als Sensenmann, als Gevatter Hain, als Skelett und Totenschädel. Eingesetzt wurde er jedoch vor allem aber bei Spirituosen, Bade- und Pflegemitteln – mehr hierzu finden Sie in meiner Analyse des schwedischen Hanfsamenbreies Maltos Cannabis. Der Tod drohte, gewiss. Doch er wurde vertrieben und überwunden, war eine Erinnerung an die alten schlechten Zeiten, in denen der schaffende menschliche Geist noch nicht die Herrschaft angetreten hatte.

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Die Pharmazie verscheucht den Tod, den Sensenmann: Titelvignette einer Fachzeitschrift (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 50, 1910, 423)

Das neuartige, von Antipositin umgesetzte „Death Marketing“ knüpfte an diese Vorbilder an. Der Totenschädel stand mitten im bürgerlichen Leben, blieb dabei aber nicht stehen, sondern lenkte den Schock um auf den heilenden Gebrauchswert der angepriesenen Produkte. Die sichtbare Gefahr der Krankheit und des Todes standen gegen die Aura der Gediegenheit und Sicherheit käuflicher Waren. Sie verdrängten zunehmend die Person des Arztes und des Herstellers, ersetzten sie durch Vertrauen in einen Markenartikel. Bei Antipositin stehen wir am Beginn dieser Entwicklung, knüpfte die oben gezeigte Anzeige doch noch an die weit verbreitete Werbefigur des empfehlenden Arztes an, verband sich das Präparat noch immer mit dem Namen eines Dr. Wagners. Doch die Anzeigen standen für einen Kulturbruch, weg von Menschen, hin zum Produkt. Da Tod und Konsumwelt Gegensätze waren, durchzogen anfangs Humor und Augenzwinkern viele Anzeigen, standen für den Exorzismus der modernen Warenwelt. Dem Tod zeigte man eine Nase, verspottete ihn, warf ihn schlicht hinaus.

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Austreibung des Bösen: Sensenmann, Albgestalten und Ungeziefer weichen dem Steinerschen Paradiesbett (Fliegende Blätter 124, 1906, Nr. 3164, Beibl. 2, 2)

Das war bei Antipositin nicht mehr der Fall, zumindest in den Anzeigen der Jahre 1905 und 1906. Sie waren ohne Augenzwinkern gestaltet, verwiesen auf die Lebensgefahren durch Korpulenz, machten Entfettung und Kauf zur Pflicht. Das war dramatisch, zumal eine detaillierte medizinische Begründung fehlte. Gefühle wurden mobilisiert, gerade deshalb wirkte das „Death Marketing“ – zumindest für einzelne Produkte und eine gewisse Zeit: „‚Gift im Blut‘, ‚Zerrüttete Nerven‘, ‚Kampf gegen Korpulenz, Fettleibigkeit, Häßlichkeit‘ u. ä., so lauteten die durch schauerliche Bilder noch unterstützten Schlagworte, mit denen das Publikum zunächst verängstigt wurde, um dann die obigen Mittel als wunderbare, sichere Rettung gegen diese in düstersten Farben geschilderten Leiden angepriesen zu erhalten“. Warnungen gab es, doch es galt: „Die Reklame übertönte jedoch jede Warnung “ (beide Zitate n. Berliner Tageblatt 1913, Nr. 231 v. 5. September, 11).

Antipositin: Zusammensetzung, Herkunft, Werbung

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Sterben oder kaufen: Werbung für Antipositin (Dresdner Nachrichten 1906, Nr. 220 v. 12. August, 4)

Nähern wir uns nun dem Mittel selbst. Zuerst ein Blick auf die Zusammensetzung: „Wagner’s Antipositin enthält angeblich Fruchtsalze und Fruchtsäuren“ (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 46, 1905, 194). Soweit die kargen Angaben der Hersteller. Offiziell angemeldet war Antipositin als „Kosmetisches Präparat gegen Korpulenz“ (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 115 v. 16. Mai, 10). Schon kurz nach dem Markteintritt wurde „das Beste der bisher existierenden Mittel gegen Korpulenz“ chemisch genauer analysiert.

Antipositin wurde anfangs als ein gelbliches Pulver in flachen, runden Blechdosen mit je 55 Gramm für 3 Mark das Stück vertrieben. Es wurde in Wasser eingerührt, brauste ein wenig auf, konnte dann getrunken werden. Sein Geschmack war sauer. Gemäß einer ersten Analyse war Antipositin ein Gemisch „aus Weinsäure, Zitronensäure, Natriumchlorid, Natriumbikarbonat oder getrocknetem Natriumkarbonat, einer geringen Menge eines Kaliumsalzes einer der genannten Säuren und möglicherweise auch Natriummalat“ (F[ranz] Zernik, Antipositin, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 187-188). Kurz gefasst, handelte es sich um leicht abführende Salze, um Säuerungsmittel und Brausepulver sowie um Spurenelemente der vom Anbieter in den Vordergrund gerückten Fruchtsäurenderivate (Fr. Franz, Antipositin. Mittel gegen Korpulenz, Zentralblatt für die gesamte Physiologie und Pathologie des Stoffwechsels NF 2, 1907, 528). Das Ergebnis dieser ersten, auf Anregung des Deutschen Apothekenvereins erstellten Analyse wurde in der Fachwelt rasch verbreitet (Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 43, 1905, 272-273 bzw. 1072; Chemisches Repertorium 29, 1905, 89; Süddeutsche Apotheker-Zeitung 45, 1905, 200; Les Nouveaux Remèdes 82, 1906, 87). Für diese Experten war klar, dass Antipositin schon aufgrund seiner Zusammensetzung gegen Korpulenz kaum wirken konnte. Die Inhaltsstoffe waren billig und breit verfügbar, das Präparat daher weit überteuert.

Der Hersteller sah dies natürlich anders. Die Anzeigen enthielten allerdings keine belastbaren Angaben zum Produkt und seiner Zusammensetzung. Die den Bestellungen beigefügte Broschüre „Die Korpulenz ihre Ursachen, ihre Folgen und ihre naturgemäße und unschädliche Beseitigung“ enthielt jedoch Hinweise: „Es lag deshalb der Gedanke nahe, die wirksamen Bestandteile des frischen Obstes, nämlich Fruchtsäuren und Fruchtsalze, ohne die wirksamen oder direkt zweckwidrigen (Zucker, Stärke, unverdauliche Stoffe) in konzentrierter Form zu Entfettungskuren zu verwenden. Dies ist in unserem Präparat ‚Antipositin‘ geschehen, welches in der Hauptsache diese Substanz enthält“ (zit. n. Apotheker-Zeitung 20, 1905, 346). Das Präparat sollte den Stoffwechsel beschleunigen, das verlorene körperliche Gleichgewicht dadurch wieder herstellen. Dies erinnerte an einen englischen Heilmittelklassiker, das seit 1852 bekannte und seit 1868 als Markenprodukt vertriebene Eno’s Fruit Salt. Es wurde als universelles Heil- und Kräftigungsmittel angeboten, doch seit den 1890er Jahren von Nachahmern auch als Entfettungsmittel positioniert.

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Eno’s Fruit Salt als Anreger für Schlankheitspräparate: Hier Dr. Edison’s Obesity Pills and Fruit Salts (The Sun 1900, Nr. 338 v. 4. August, 4 (l.); The Arizona Republican 1896, Nr. 107 v. 22. September, 3)

Einschlägige Fruchtsäuren und Fruchtsalze konnten bei Antipositin nur in geringen Mengen nachgewiesen werden. Das lag gewiss auch an defizitären Analysetechniken, führte jedoch dazu, dass Fachleute die Existenz dieser Stoffe bezweifelten (Pharmazeutische Post 38, 1905, 223; Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 46, 1905, 194). Wichtiger aber war etwas anderes: Der aufgrund seiner markanten Werbung rasch allseits bekannte Markenartikel wurde mehrfach analysiert – und die Ergebnisse variierten ([B. Walter], Ein weiteres Wort über Dr. med. Wagners & Marliers Antipositin, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 578). Mitte 1906 enthielten die Dosen 63 g eines nun weißen Pulvers, das ähnlich wie zuvor zusammengesetzt, aber nicht identisch war (F[ranz] Zernik, Antipositin. (2. Mitteilung), Apotheker-Zeitung 21, 1906, 866-867). Kunden erhielten mit gleicher Lieferung teils Dosen mit gelbem bzw. mit weißem Pulver.

Für die Kritiker bestätigte dies den betrügerischen Charakter des Mittels, sahen darin einen bekannten Trick der Geheimmittelproduzenten (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 47, 1907, 60). Es ging eben nicht um die von den Kontrollinstanzen stets implizit angenommene gleichmäßige Zusammensetzung und Wirkung, sondern um den Absatz von teuren und ohnehin wirkungslosen Präparaten. Deutlich wird, wie zentral für diese Waren die Werbung war: Sie erst schuf ein einheitliches Gebrauchswertversprechen, überdeckte die Heterogenität des Produktes durch einen zusammenführenden Markennamen und schuf damit erst die kommerziell gewünschte Gleichartigkeit des Antipositin. Dieses Grundprinzip des Marketings war in der Parallelwelt der Chemie und Pharmazie so nicht präsent, denn deren stofflicher Reduktionismus ermöglichte klare Definitionen und Kausalbeziehungen, forderte diese aber auch ein.

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Wirksame Stoffe in konzentrierter Form – Antipositin-Anzeige 1905 (Jugend 10, 1905, 717)

Abseits der Expertendiskussion hatte Antipositin beträchtlichen, aber nicht zu quantifizierenden Erfolg. Es habe „dank der außerordentlichen Reklame, mit der es propagiert wird, in weiteren Kreisen Eingang gefunden“ (Apotheker-Zeitung 21, 1906, 866). Daran hatten auch positive ärztliche Gutachten ihren Anteil, auf die in der Werbung anschließend großspurig und verallgemeinert verwiesen wurde (O. Kuhn, Ueber neuere Arzneimittel, Spezialitäten und Geheimmittel, Medizinische Klinik 3, 1907, 1366). Ärztliche Lohnschreiber gab es in größerer Zahl. Sie lobten unabhängig von der Wirksamkeit der Präparate, riefen damit Erbitterung bei Kollegen hervor: „Einige – gutmütige – Aerzte haben sich auch hier gefunden, die Zeugnisse ausgestellt haben. Die Namen haben sind nicht gerade berühmt. Aber es sind Aerzte – hoffentlich finden sich keine weiteren, die dieses unglaubliche Treiben unterstützen“ ([Otto] Neustätter, Aerztekaperung für das Antipositin, Münchener Medizinische Wochenschrift 53, 1906, 1942). Doch wie sollten Konsumenten urteilen, wenn ein Arzt in einer führenden Fachzeitschrift schrieb: „Ich selbst habe ‚Antipositin‘ vier Wochen lang gebraucht, und zwar dreimal täglich einen gehäuften Teelöffel in Wasser gelöst, und habe dabei, ohne Diaet irgendwie innenzuhalten, drei Pfund abgenommen. Bei Enthaltsamkeit von Alkohol, welchen ich in großen Mengen zu mir nahm – durchschnittlich fünf halbe Liter Pschorr pro Tag –, wäre die Gewichtsabnahme viel größer gewesen“ (Die Heilkunde 9, 1905, 186). Vereinzelte Nachrichten über Gesundheitsschädigungen durch die Zitronensäure des Antipositins versandeten demgegenüber (S. Wahle, Was ist Korpulenz?, Münchener Medizinische Wochenschrift 52, 1905, 1518).

Bevor wir uns näher mit Werbung und Absatz befassen, sind einige Worte über die Hersteller angebracht. Der scheinbare Macher – Dr. Wagner – war Namensgeber der Firma und dürfte mit dem Präparat nicht zu tun gehabt haben. Dr. Ferdinand Wagner führte eine Privatpraxis und war einer breiteren Öffentlichkeit durch seine Zusammenarbeit mit dem kriminellen Naturheilkundler Paul Mistelski bekannt geworden. Dieser hatte seit 1898 eine florierende Praxis betrieben, doch fehlten ihm Approbation und Kompetenz (Der Herr „Direktor“!, Berliner Volks-Zeitung 1904, Nr. 519 v. 4. November, 6). Aus diesem Grunde stellte er Dr. Wagner als leitenden Arzt ein, der dafür über drei Jahre ein Gehalt von 8000 Mark erhielt, wohl „eine Scheinanstellung“ (Apotheker-Zeitung 19, 1904, 889). Mistelski wurde 1904 in einem spektakulären Prozess u.a. wegen Körperverletzung verurteilt, machte auch später noch durch kriminelles Wirken von sich reden (Berliner Börsenzeitung 1904, Nr. 520 v. 4. November, 15).

Bei der offenen Handelsgesellschaft Dr. med. Wagner & Marlier war die tarnende Funktion des Mediziners ähnlich. Die Berliner Firma begann ihren Betrieb in der Karlsbaderstr. 21 am 13. Januar 1905, doch vertreten wurde sie allein vom Kaufmann Ernst Marlier (Berliner Tageblatt 1905, Nr. 68 v. 6. Februar, 5). Schon am 16. Januar 1905 wurde das Wortzeichen Antipositin für ein kosmetisches Präparat gegen Korpulenz beantragt, am 28. April 1905 auch erteilt (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 115 v. 16. Mai, 10). Zu diesem Zeitpunkt war die Gesellschaft längst aufgelöst und Dr. Wagner ausgeschieden (Berliner Börsen-Zeitung 1905, Nr. 72 v. 11. Februar, 21; Berliner Volks-Zeitung 1905, Nr. 73 v. 12. Februar, 3). Die Firma wurde Ende 1905 in eine haftungsrechtlich günstigere GmbH umgewandelt, deren Zweck „Herstellung und Vertrieb pharmaceutisch-kosmetischer Präparate, insbesondere der Fortbetrieb des unter der Firma Dr. med. Wagner & Marlier in Berlin bestehenden Handelsgeschäftes“ war (Berliner Börsen-Zeitung 1906, Nr. 27 v. 17. Januar, 20). Der 1903 von Nürnberg nach Berlin gezogene Marlier hielt 95% des Stammkapitals von 100.000 Mark. Als Geschäftsführer setzte er den Kaufmann Gustav Fugmann ein, einen guten Bekannten aus Nürnberg. Es folgten in rascher Taktung die Kaufleute Franz Wallbrecht, Wilhelm Keßeler und Karl Baresel (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 259 v. 1. November, 13; ebd. 1907, Nr. 125 v. 27. Mai, 20; ebd. 1907, Nr. 268 v. 9. November, 8). Die mittlerweile in die Magdeburgerstr. 36 umgezogene Firma wurde im Dezember 1911 aufgelöst, doch die Liquidation zog sich hin (Ebd. 1911, Nr. 302 v. 23. Dezember, 13; ebd. 1913, Nr. 116 v. 19. Mai, 11). Gelöscht wurde die GmbH kurz nach Kriegsbeginn 1914 (Ebd. 1914, Nr. 208 v. 4. September, 10). Die Werbung für Antipositin begann Anfang Februar 1905 (Die Woche 7, 1905, Nr. 5, VII), wurde ab Mai deutlich verstärkt. Bis Mitte 1906 waren Totenschädel regelmäßige Begleiter in Zeitschriften und Tageszeitungen.

12_Badische Presse_1906_06_02_Nr255_p6_Wiesbadener Tagblatt_1906_07_10_Nr314_p26_Schlankheitspraeparate_Antipositin_Wagner-Marlier_Totenschaedel_Geheimmittel_Korpulenz

Und täglich grüßt der Totenkopf: Zeitungswerbung mit Schädelvarianten (Badische Presse 1906, Nr. 255 v. 2. Juni, 6 (l.); Wiesbadener Tagblatt 1906, Nr. 314 v. 10. Juli, 26)

Der Absatz erfolgte über direkt belieferte Apotheken, auch der pharmazeutische Großhandel lieferte (Pharmazeutische Rundschau 38, 1905, 309). Das eigentliche Geschäft erfolgte jedoch direkt über den Versandhandel. Das Prinzip war einfach, mochte es auch der vielbeschworenen kaufmännischen Ehre widersprechen. Interessierte Konsumenten schrieben an die Firma, um die ausgelobte Gratisdose und eine belehrende Broschüre zu erhalten. Diese wurden prompt versandt, doch die Sendung erhielt zudem zwei weitere Dosen, die per Nachnahme zu bezahlen waren. Im Begleitschreiben hieß es: „Da wir annehmen, daß es Ihre Absicht ist, mit dieser angenehmen, leichten und sicheren Kur jetzt gleich Ernst zu machen (denn sie wieder aufschieben hat ja keinen Zweck, da Sie etwas Besseres bestimmt nicht finden), so haben wir uns erlaubt, zwei Originaldosen des Mittels, zu einer vierzehntätigen Kur genügend, franko an Sie abzusenden und den Betrag von 6 M per Nachnahme zu erheben. Wir bitten, die Sendung einzulösen und wissen aus Erfahrung, daß die kleine Ausgabe Sie niemals reuen wird“ (zit. n. B. Walter, Dr. med. Wagners Antipositin, eine neue ärztliche Erfindung, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 346). Diese Überrumpelungstaktik hatte fast durchweg Erfolg.

Dr. med. Wagner & Marlier warben primär über Anzeigen, doch sie versandten auch einschlägige Werbebroschüren. Neben der schon erwähnten „Die Korpulenz ihre Ursachen, ihre Folgen und ihre naturgemäße und unschädliche Beseitigung“ traten „Was hilft wirklich gegen Korpulenz“, „Dr. Kübner, Rückbildungstherapie bei Korpulenz und deren Folgezuständen nach physikalisch-diätetischen Verfahren. Eine neue Behandlungsweise der Korpulenz“, „3 Minuten Zeit“ und gewiss andere mehr ([B. Walter], Ein weiteres Wort über Dr. med. Wagners & Marliers Antipositin, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 578). Beigelegt wurden auch „Merkblätter für Korpulente“ sowie Werbeunterlagen für weitere Präparate des Versandhauses, etwa Abführ-Pastillen. Wagner & Marlier beließen es jedoch nicht allein bei Kundenwerbung, sondern verschickten auch Werbeschreiben an Multiplikatoren, insbesondere an Ärzte und Apotheker (Neustätter, 1906). Dadurch wurden teils Vertriebspartner gewonnen, die dann mittels eigener Klischeewerbung die Anstrengungen der Berliner Firma unterstützten.

Die Anzeigen für Antipositin fielen ins Auge, die Schockwirkung des Totenschädels war unstrittig. Der Wink mit der Knochenhand schuf Aufmerksamkeit, gab der Korpulenz besondere Bedeutung. Die Texte von Anzeigen und Werbeschreiben waren jedoch gewinnend und anschmiegend, umkränzten den Kunden, garnten ihn ein: „Korpulenz ist vor allem ein Schönheitsfehler. […] Korpulenz macht zweitens den Körper für Krankheiten empfänglich. […] Korpulenz vermindert endlich die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit […].“ Antipositin „ist ein ideales Mittel zur rechtzeitigen Bekämpfung der Korpulenz, soweit sie nicht, was also selten vorkommen, die Folge einer Krankheit ist. […] Antipositin ist vor allen Dingen wirksam, wie zahlreiche Gutachten von Aerzten und Anerkennungen von Leuten beweisen, die es mit glänzendem Erfolge benutzten. Antipositin erfordert keine strenge Diät und ist, im Gegensatze zu anderen Mitteln, sehr angenehm im Gebrauch und ohne schädliche oder unangenehme Nebenwirkungen.“ (Der Bazar 51, 1905, 422) Antipositin war ein Convenienceprodukt, eine vom Anbieter für den Kunden in Warenform verdichtete Dienstleistung. Darin traf es sich mit vielen Angeboten dieser Zeit, etwa den Bouillonwürfeln oder den Angeboten von Dr. Oetker. Es fehlte dem Antipositin allein die Wirksamkeit.

13_Badische Presse_1906_08_17_p3_Volksfreund_1906_12_08_Nr1287_p2_Schlankheitspraeparate_Antipositin_Wagner-Marlier_Werbung_Geheimmittel_Warnung

Lokale Kämpfe: Warnung und Intervention in Karlsruhe 1906 (Badische Presse 1906, Nr. 381 v. 17. August, 3 (l.); Volksfreund 1906, Nr. 1287 v. 8. Dezember, 2)

Fehlende Wirksamkeit, schwankende Zusammensetzung, unlauteres Geschäftsgebaren, vor allem aber „Death Marketing“ führten zu wachsender Kritik. Starke Resonanz erzielte die anderthalb Jahre nach der Markteinführung erlassene öffentliche Warnung des Obergesundheitsrates der badischen Hauptstadt Karlsruhe. Als Gründe wurde die fehlende Wirksamkeit, vor allem aber die „marktschreierische“ Reklame mit Totenschädel angeführt. Die Hersteller hielten dagegen, doch dies bewirkte nur eine weitere öffentliche Warnung. Wie die ersten Analysen so wurde auch diese amtliche Stellungnahme in der Fachpresse, aber auch in Tageszeitungen nachgedruckt (Drogisten-Zeitung 21, 1906, 428; Pharmazeutische Post 39, 1906, 553; Flörsheimer Zeitung 1906, Nr. 118 v. 6. Oktober, 18; für Auslandsmärkte: Nieuwe Vlaardingsche Courant 1906, Nr. 2993 v. 13. Oktober, 9).

Die Warnungen schränkten den Absatz nicht direkt ein, doch sie bewirkten Rückfragen zumal bei Zeitungen und Zeitschriften. So wurde eine ähnliche Warnung aus Darmstadt in der Fachzeitschrift des kurz zuvor in Hannover gegründeten Vereins deutscher Zeitungsverleger veröffentlicht (Wertloses Geheimmittel, Der Zeitungs-Verlag 7, 1906, Sp. 953). Da weiterhin massiv Anzeigen erschienen, wiederholte die Redaktion die Warnung (Schwindelhafte Anzeigen, Der Zeitungs-Verlag 7, 1906, Sp. 1064). Es ging um Gesten des guten Willens, obwohl Warnungen Anzeigen nicht einfach unterdrücken konnten. Das zeigte sich deutlich beim Konflikt zwischen dem Berliner Polizeipräsidium und der Leipziger „Illustrirten Zeitung“, der ersten und damals eine der führenden Illustrierten im deutschen Sprachraum. Während die Obrigkeit darauf drang, ihrer internen Warnung durch Ausschluss der Anzeigen für Amiral, Tonnola-Zehrkuhr und Antipositin Folge zu leisten, lehnte dies der Verlag strikt ab: „Es scheint aber bei unseren Behörden noch bei weitem nicht die nötige Würdigung der wirtschaftlichen Bedeutung der Presse vorhanden zu sein, da zur Lösung dieser hochbedeutsamen Frage immer wieder zum mangelhaften Mittel der lokalen Polizeizensur gegriffen wird; wir sehen deswegen gezwungen, den Weg der Obstruktion zu betreten und jeden einzelnen Fall gegenüber der verfügenden Behörde bis zur letzten Instanz zur Entscheidung zu bringen“ (Ankündigung von Heilmitteln in Zeitungen, Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 72, 1905, 6297). Stattdessen forderte er eine einheitliche reichsgesetzliche Regelung des Geheimmittelwesens. Das galt auch für die Standesvertretungen der Mediziner und Apotheker. Sie begrüßten entsprechende Warnungen, hielten sie aber für wirkungslos: „Ob dieser Weg der richtige ist, möchten wir schon deshalb bezweifeln, als das große Publikum von diesen behördlichen Warnungen wenig oder garnichts [sic!] erfährt“ (Apotheker-Zeitung 21, 1905, 936). Warnungen waren auch deshalb ambivalent, da sie Geheimmittelherstellern auch neue Chancen der Vermarktung boten. Die Rolle der verfolgten Wohltäter stand einigen gut. Dr. med. Wagner & Marlier schaltete als virtuelle Antwort beispielsweise Anzeigen „An die Zweifler!“. Darin wurde auf mehr als 1000 notariell beglaubigte anerkennende Zuschriften verwiesen und betont: „Wohl aber gibt es immer noch Leute, die an der Wirksamkeit von Dr. Wagners Antipositin gegen Korpulenz zweifeln. Diese sollten bedenken, dass ein unwirksames Präparat wohl angeboten werden könnte, dass es aber nicht jahrelang in steigendem Masse gerade in den intelligentesten und gebildetsten Kreisen und bei den Aerzten die Anerkennung finden würde, die Antipositin faktisch findet“ (Berliner Tageblatt 1906, Nr. 576 v. 12. November, 8). Schwarmintelligenz gegen den Obrigkeitsstaat – ein beliebig zu deutender Gegensatz.

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Antipositin als lichter Gegenpol zu anderen Entfettungsmitteln (Jugend 11, 1906, 863)

Die Warnungen hatten gleichwohl Konsequenzen. Die Firma änderte nämlich seit Mitte 1906 ihre Werbung. Der Totenschädel erschien seltener, verschwand dann gänzlich. Stattdessen setzte sie auf populärwissenschaftliche Bildelemente, wie man sie auch schon früher eingesetzt hatte. Eine gutes Beispiel und zugleich eine ansprechende Visualisierung des eigenen Gesundheitsfeldzuges bietet die obige Anzeige. Sie stellte das Ziel der Kur ins Blickfeld, benannte die vielfältigen Gesundheitsgefahren der Korpulenz, umarmte den potenziellen Kunden als Leidenden, der nur noch nicht das richtige Produkt gefunden habe, um sich zu verschlanken.

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Der erfundene Professor Schmidt mit Totenschädel (Die Woche 8, 1906, H. 30, Umschlags. III)

Drittens aber präsentierte die Firma nun neue wissenschaftliche Autoritäten, gleichermaßen Gewährsleute und Blickfang. Sie tat dies jedoch auf die ihre eigene Weise: „Der ‚Arzt‘, der auf das Totengerippe hinweist, hat jetzt einem ‚Professor Schmidt‘ Platz gemacht, der wie früher die ‚Aerzte‘ vor den Gefahren der Korpulenz warnt“ (Neustätter, 1906, 1942). Doch all das war lediglich Imagination, wie der reale damals Dresdener, kurz darauf Hallenser Professor Adolf Schmidt (1865-1918) feststellen musste: Er nach Erscheinen der Anzeige einen Rechtsanwalt eingeschaltet und erreicht, dass die Anzeige bald verschwand: „Aus der Korrespondenz, welche mein Anwalt mit der Firma führte, ging zur Evidenz hervor, dass der Name ‚Professor Schmidt‘ einfach fingiert war, ebenso wie höchstwahrscheinlich auf die ganze Rede, welche demselben in den Mund gelegt wurde“ (Ad[olf] Schmidt, Korrespondenz, Münchener Medizinische Wochenschrift 53, 1906, 2136).

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Werbung um die katholischen Käufer 1906 (Simplicissimus 11, 1906/07, 680)

Ähnlich obskur war die Geschichte des nachfolgenden Anzeigenmotivs. Seit Anfang 1907 präsentierte man nämlich den langjährigen Leibarzt von Leo XIII. (1810-1903) und Pius X. (1835-1914), den ehrenwerten Giuseppe Lapponi (1851-1906) als Qualitätsgaranten. Dessen Name war weltweit bekannt, bewarb in den USA Dr. Williams‘ Pink Pilles oder Buffalo Lithia. Im Deutschen Reich bürgte er für Dr. Roos Flatulinpillen, das Abführmittel Purgen, das abführend wirkende Mineralwasser Apenta, 1903 bis 1904 auch für das Kräftigungsmittel Sanatogen. Es ist jedoch mehr als fraglich, ob der seit September 1906 zunehmend bettlägerige, stark abgemagerte und an Magen- und Leberkrebs leidende Lapponi zwei Wochen vor seinen Tod am 7. Dezember 1906 noch ein Gutachten für ein Entfettungsmittel namens Antipositin unterzeichnet hat (vgl. die Nekrologe in Die Zeit 1906, Nr. 1511 v. 7. Dezember, 22 und vor allem The Lancet 168, 1906, 1695-1696).

Trotz dieser Mäßigung, trotz der bedingten Abkehr vom „Death Marketing“ wurde Antipositin am 1. Oktober 1907 schließlich auf die Geheimmittelliste des Bundesrates gesetzt. Damit durfte es nicht mehr öffentlich beworben werden. Pharmazeuten und Mediziner begrüßten dies, machten Antipositin zugleich aber zu einem Paradebeispiel für die allzu sehr nachhinkende Regulierungspraxis des Bundesrates (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1392). Dieser hatte jedoch weiter ausgeholt und mit seinem Beschluss über den Verkehr mit Geheimmitteln und ähnlichen Arzneimitteln vom 27. Juni 1907 auch die Entfettungsmittel Anticelta, Corpulin, Grundmanns Entfettungstee, Fulgural und die Marienbader Reduktionspillen auf die Geheimmittelliste gesetzt (Reichs-Medizinal-Kalender für Deutschland 29, 1908 [1907], 27*-30*). Dennoch lassen sich einschlägige Antipositin-Anzeigen mit Totenschädel bis in den Spätsommer hinein nachweisen (Berliner Tageblatt 1907, Nr. 456 v. 8. September, 15).

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Nicht genutztes Bildzeichen von Dr. med. Wagner & Marlier (Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 70 v. 19. März, 18)

Für Dr. med. Wagner & Marlier endete damit das zentrale Kapitel der Firmengeschichte, nicht aber der Betrieb selbst. Im Deutschen Reich hatte die Firma noch Ende Februar 1907 ein neues Bildzeichen erhalten, das gegen die zuvor praktizierte Mäßigung beim „Death Marketing“ stand. Es wurde am 24. August 1908 auf eine große Zahl weiterer Produkte erweitert, dafür jedoch nicht genutzt (Deutscher Reichsanzeiger 1908, Nr. 215 v. 11. September, 17).

Fasst man die Werbeaktivitäten zusammen, so wurde Antipositin von 1905 bis 1907 gleichermaßen in Tageszeitungen, Illustrierten und Satirezeitschriften beworben. Einzig die Presse der Arbeiterbewegung fehlte, einerseits wegen der anderen Nahrungssorgen vieler Arbeiter, anderseits aber aufgrund deren konsequent ablehnenden Haltung gegenüber der lukrativen Geheimmittelwerbung. Der geschäftliche Erfolg des Herrn Marlier wurde von einer durchaus kritischen bürgerlichen Publizistik ermöglicht, die sich zu nicht geringen Teilen durch die Propaganda für offenkundig unwirksame und vielfach überteuerte Produkte finanzierte.

Man könnte hier tiefer schürfen. Die Antipositin-Werbung verstärkte das gängige Bild der Dicken als zwar leidende, nicht aber tatkräftige Menschen, die sich den Qualen konsequenten Abnehmens nicht aussetzten wollten: „Viel lieber richten sie ihr Augenmerk auf die von spekulativen Köpfen auf den Markt geworfenen Entfettungsmittel, die angeblich das Fett wegnehmen, ‚ohne Berufsstörung und ohne besondere Aenderung der gewohnten Lebensweise‘ usw.“ (Eine Warnung vor Entfettungsmitteln, Die Zeit 1905, Nr. 1041 v. 19. August, 13). Ähnlich könnte man auf das vielbeschworene und verdammte Bild der eitlen, die „mütterlichen Formen“ verleugnenden Frau verweisen, das ja bis heute nachwirkt (H. Harrer, Der Geheimmittelunfug, Arbeiter-Zeitung 1925, Nr. 195 v. 18. Juli, 11). Wichtig wäre auch eine meistens vergessene Dimension des Kampfes gegen (unwirksame) Geheimmittel. Dieser geht von dem Idealbild einer fehlerlosen, nicht widersprüchlichen und einheitlichen Wissenschaft aus, das die teils tödlichen Folgen wissenschaftlichen Unwissens und Handelns negiert. Der Kampf gegen Geheimmittel war eben immer auch ein Kampf um die Hierarchisierung von Wissen und Wissenschaften. Auch der Sieg verursachte Kosten.

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Werbung in Auslandsmärkten (Arnhemsche Courant 1906, Nr. 6177 v. 14. Juni, 2 (l.); Loxton’s Medical Guide […], Sydney 1910, 137)

Antipositin verschwand ab Oktober 1907 aus der Öffentlichkeit im Deutschen Reich, wurde jedoch noch eine gewisse Zeit weiter vertrieben. Das Geschäft lief auf deutlich niedrigerer Flamme im Ausland weiter. Seit 1906 war Antipositin beispielsweise in den Niederlanden und in Russland erhältlich (Rigasche Rundschau 1906, Nr. 73 v. 29. März, 1; Düna-Zeitung 1906, Nr. 71 v. 27. März, s.p.). Auch in Großbritannien finden sich einschlägige Anzeigen (Cosmopolitanism in Quackery, Truth 1908, Nr. 1687 v. 13. Mai, 1207), ebenso in der Schweiz (Der Bund 1909, Nr. 417 v. 5. September, 7). Spätestens seit 1910 galt dies auch für Australien, dem Pazifikraum und Asien. Auch dort war der Erfolg jedoch zeitlich begrenzt, denn der Internationalisierung des Vertriebs folgte die Internationalisierung der Produktwarnungen (vgl. etwa Handelingen van moderne kwakzalvers, Maandblad uitgegeven door de Vereeniging tegen de Kwakzalverij 32, 1912, Nr. 6, 1).

Eine gewisse Ausnahme bildete das cisleithanische Österreich, denn dort wurde der Vertrieb von Antipositin schon am 17. Dezember 1905 untersagt (Das österreichische Sanitätswesen 18, 1906, 13). Allerdings gelang Marlier mit Erlass vom 12. Februar 1907 die Zulassung des Antipositins als „Fruchtsäurebrausesalz“ ohne Beschränkung auf ärztliche Verschreibung, nachdem er einen Pilsener Apotheker als Mittelsmann gewonnen hatte (Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 45, 1907, 244). Der Erfolg war begrenzt, doch dies Engagement ebnete anderen Marlierschen Produkten den Weg in den österreichischen Markt, darunter auch dem Entfettungsmittel Vitalito.

Grenzen des Rechts: Das verhaltene Vorgehen gegen Antipositin

Antipositin war ein praktisch wirkungsloses und zugleich überteuertes Präparat, dessen Verkauf auf Irreführung des Kunden und fragwürdigem Direktabsatz gründete. Das späte und durchaus halbherzige Einschreiten der Behörden war jedoch nicht böser Wille oder Bevorzugung der Besitzenden in einem bürgerlichen Rechtsstaat. Wir müssen uns vielmehr die immensen strukturellen Schwierigkeiten vor Augen führen, in einem im Grundsatz freien Marktsystem begründete Eingriffe auch gegen Widerstände vorzunehmen. Rechtliche Begriffe wie „Täuschung“, „Irreführung“, „Betrug“ und „unlauterer Wettbewerb“ waren umstritten und mussten um die Jahrhundertwende erst entwickelt, implementiert und in der rechtlichen Praxis ausdifferenziert werden. Grauzonen für „Geheimmittel“ folgten auch aus der föderalen Struktur des Deutschen Reiches. Der Gesundheitsschutz war bundesstaatlich, teils auch lokal organisiert, entsprechend unterschiedlich war die obrigkeitliche Praxis, war die Auslegung reichseinheitlicher Rahmenbedingungen. Das konnte sich, wie das Beispiel des rührigen Karlsruher Ortsgesundheitsrates unterstreicht, allerdings auch gegen einzelne Geheimmittel richten. Hinzu kam das weite Feld der Pressefreiheit, das angesichts beträchtlicher staatlicher Zensurbestrebungen in den 1890er Jahren (Umsturzvorlage und Lex Heinze) höchst sensibel war. Eine strikte Regulierung der Geheimmittelwerbung konnte die Pressefreiheit bedrohen, konnte den Behörden lenkende Zügel in die Hand geben (Gustav Schmidt, Die öffentliche Ankündigung der Arznei- und Geheimmittel und die Gesetzgebung, Hannover 1901).

Die bestehenden Missstände mündeten in breit gefächerte Forderungen nach einer reichseinheitlichen Regulierung der Geheimmittel. Hier trafen sich Ärzte und Pharmazeuten, Pressevertreter und reformbewegte Verbraucherschützer. Am 23. Mai 1903 wurde nach langen Debatten ein Bundesratsbeschluss über den Verkehr mit Geheimmitteln und ähnlichen Arzneimitteln gefasst. „Geheimmittel“ waren nun Präparate, die auf staatlich festgelegten Listen standen und für die keinerlei öffentliche Werbung gemacht werden durfte. Sie wurden damit der Obhut der Ärzte unterstellt, die sie weiterhin verschreiben konnten. Schwindelhafte und überteuerte Präparate wurden so ausgebremst. Hinzu kamen Verkehrsverbote und Verkehrsbeschränkungen. Doch all dies war an langwierige Ermittlungsverfahren gekoppelt. Bestand ein Verdacht gegen ein Mittel, so musste das Reichsgesundheitsamt ein Gutachten erstellen, musste dazu auch den Produzenten hören. Erst dann konnte der Bundesrat über Aufnahme in die Geheimmittelliste entscheiden. Der Aufwand war also beträchtlich, zumal Anfang 1906 etwa 600 potenzielle Geheimmittel vorgeschlagen waren (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 43 v. 19. Februar, 4). Nur wenige Dutzend davon kamen auf die 1907 erstmals erweiterte Geheimmittelliste. Das Verfahren mochte gründlich sein, doch in der Zwischenzeit konnten beträchtliche Gewinne realisiert werden. Das Antipositin zielte just auf diese lukrative Zwischenzeit.

Dessen Werbung und Vertrieb waren zugleich markante Argumente für eine Reform der bestehenden Regulierung, für eine reichseinheitliche Regelung. 1908 wurde ein Gesetzentwurf vorgelegt und dann kontrovers diskutiert (Otto Rapmund, Der vorläufige Entwurf eines Gesetzes betreffend die Ausübung der Heilkunde durch nicht approbierte Personen und den Geheimmittelverkehr, Zeitschrift für Medizinal-Beamte 21, 1908, 115-135; Dütschke, Vorläufiger Entwurf des Reichsgesetzes, betreffend die Ausübung der Heilkunde durch nicht approbierte Personen und den Geheimmittelverkehr, in: Offizieller Bericht über die XXV. Hauptversammlung des Preussischen Medizinalbeamten-Vereins […], Berlin 1908, 35-71 (inkl. Diskussion)). Im Reichstag fand sich 1910 jedoch keine Mehrheit, so dass die Reform unterblieb.

Es blieb bei Zwischenlösungen: Einerseits gab es leistungsfähige Kontrollinstanzen, insbesondere das vom Deutschen Apothekerverein finanziell unterstützte Pharmazeutische Institut der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Der dort seit Oktober 1904 tätige Chemiker und Pharmazeut Franz Zernik (1876-1941) untersuchte alle hier präsentierten Entfettungsmittel (Arbeiten aus dem Pharmazeutischen Institut der Universität Berlin 2, 1905, IV). Anderseits sprachen die lokalen Polizei- oder Gesundheitsbehörden Warnungen vor einzelnen Geheimitteln aus, die allerdings nur empfehlenden Charakter hatten. Der Geheimmittelmarkt blieb weiterhin lukrativ: „In der Tat, man staunt über die Riesenreklame für diese Allheilmittel und mehr noch darüber, daß die Aufsichtsbehörden sich nur auf gelegentliche öffentliche Warnungen davor beschränken“ (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 144). Die Zeche zahlten die Konsumenten, mochten sie auch willig den Verlockungen der wundersamen Präparate Glauben schenken.

Ernst Marlier – Unternehmer am Rande der Legalität

Wer war nun Ernst Marlier, der Macher des Antipositins, weiterer Entfettungsmittel und mehrerer ähnlich beworbener Geheimmittel? Da ein weiterer Artikel über dessen Personen- und Firmengeflecht folgen wird, hier nur eine kursorische Skizze (vgl. auch Michael Haupt, Das Haus der Wannsee-Konferenz, Paderborn 2009, 22-26; Ders. (Hg.), Villencolonie Alsen am Großen Wannsee, Berlin 2012, 28-30 – obwohl lücken- und fehlerhaft). Geboren in Coburg am 27. Juli 1875 als Sohn des Oberpostkommissairs und Hofbeamten Johann Philipp Marlier und seiner zweiten Ehefrau Emilie Rosalie Mathilde war Ernst Ferdinand Emil Marlier ein Nachkömmling, zumal dessen ältere Schwester Helene schon im Alter von knapp drei Jahren starb (Regierungs-Blatt für das Herzogthum Coburg 1875, 551; ebd. 1876, 20). Er wuchs in einer Aufsteigerfamilie auf, der Vater und der Halbbruder Julius (1852-1929) profitierten beide von Stipendien zum Besuch des herzoglichen Gymnasiums. Der Vater wurde nach seiner Pension Direktor des lokalen Vorschussvereins und Stadtverordnetenvertreter, während Julius als Kaufmann in Nürnberg reüssierte und dort insbesondere im Kohlenhandel und der Versicherungswirtschaft erfolgreich war. Er wurde 1897 Kommerzienrat und gehörte als nationalliberaler Stadtverordneter, Handelsrichter und vielfacher Aufsichtsrat zur bürgerlichen Elite in Franken.

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Betrügerische Geldgeschäfte: Anzeigen Ernst Marliers (Allgemeine Zeitung 1902, Nr. 281 v. 12. Oktober, 16 (l.); Wendelstein 1901, Nr. 176 v. 4. August, 4)

Ernst Marlier besuchte in Coburg ein Realgymnasium, es folgte eine kaufmännische Lehre und der Wehrdienst. 1899 zog er nach Nürnberg, kooperierte wohl mit seinem Halbbruder, setzte aber schon früh eigenständige Akzente. In weit gestreuten kleinen Anzeigen suggerierte er ab 1901 Darlehen zu günstigen Konditionen, sandte den Interessenten jedoch gegen unaufgeforderte Nachnahme nur ein teures Heft mit Banken und anderen Kreditgebern. Schon 1902 ergingen öffentliche Warnungen vor der Firma Ernst Marlier (Warnung für Darlehenssucher, Wendelstein 1902, Nr. 291 v. 21. Dezember, 2). Es folgten 1903 Prozess und Verurteilung (Geldvermittelung oder Versandgeschäft?, Allgemeine Zeitung 1903, Nr. 153 v. 4. Juni, Stadt-Anzeiger, 3). Der so wohlhabend gewordene Marlier ließ sich 1903 in Berlin nieder, gründete dort den erfolglosen Deutschen Reformverlag (Berliner Börsenzeitung 1903, Nr. 500 v. 24. Oktober, 18; Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 84 v. 9. April, 15). Es folgte am 2. April 1904 die offene Handelsgesellschaft F.J. Wallbrecht & Co., Produzent u. a. des Entfettungsmittels Slankal, über das gleich noch zu berichten sein wird (Berliner Börsen-Zeitung 1904, Nr. 514 v. 1. November, 20). Wallbrecht stammte ebenfalls aus Nürnberg, verkörperte trotz Ortswechsel kontinuierlich bestehende Geschäftsverbindungen. Es ging auch in Berlin nicht um seriöse unternehmerische Tätigkeit, sondern um die Fortsetzung unlauterer, ja betrügerischer Aktivitäten auf einem anderen Feld, dem der Geheimmittel.

20_Wikipedia_Unternehmer_Ernst-Marlier

Ernst Marlier 1916 (Wikipedia.com)

Es folgten weitere Firmengründungen: Marlier jedoch trat nur bei Dr. Wagner & Marlier (Antipositin) in den Vordergrund, ansonsten war sein Name nicht präsent. Das galt für die Dr. Arthur Erhard GmbH, die anfangs das Entfettungsmittel Levathin vertrieb (vornehmlich aber Renascin), dann die Dr. med. Karl Hartmann GmbH (Antineurasthin), die Dr. med. Schröder & Co. GmbH (Visnervin) und die Professor Dr. von Ganting GmbH, die sich auf das Entfettungsmittel Vitalito konzentrierte. Titelklingende und werbewirksame Namen dienten gleichermaßen dem Absatz und der Tarnung. Mit Ausnahme von Wallbrecht hatte keiner der Namensgeber Einfluss auf das Geschäft. Marliers unternehmerische Aktivitäten waren noch breiter gefasst, doch darum kann es hier nicht gehen. Festzuhalten ist, dass der evangelisch getaufte Unternehmer sich auf nur kurze Zeit aktive Firmen spezialisierte, die mittels intensiver Reklame wertlose Geheimmittel propagierten, bis der öffentliche Druck zu groß wurde. Dieses Geschäftsmodell machte Marlier zu einem reichen Geschäftsmann, zu einem in Wirtschaftskreisen dann zunehmend geachteten Millionär. 1907 erhielt er einen Sachsen-Weimarschen Kommerzienrat-Titel und heiratete zu Jahresbeginn Margarete Josephine Luise Wünsch (1883-1952). Der Absatz von Antipositin und Antineurasthin dürfte bis dahin Nettogewinne von 800.000 Mark abgeworfen haben (Das preussische Medizinal- und Gesundheitswesen in den Jahren 1883-1908, Berlin 1908, 457). Fürwahr, Ernst Marlier war „ein recht unternehmungslustiger Herr“ (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 212), kein Verfemter. Ihm gelang ein erstaunlich glatter Aufstieg ins Großbürgertum.

Testprodukt für Antipositin: Slankal

Die breit gefächerten unternehmerischen Aktivitäten von Ernst Marlier machen es unmöglich, beim Antipositin stehen zu bleiben. Denn dieses Präparat war nichts anderes als der Wiedergänger eines anderen Entfettungsmittels, nämlich des 1904 bis 1905 öffentlich beworbenen Slankals. Pharmazeuten stellten diese Verbindung schon im Frühjahr 1905 fest: „Antipositin ist ein Entfettungsmittel, welches dem sogenannten Slankal von F.J. Wallbrecht & Co. sehr ähnlich sein soll. Es entstammt auch derselben Fabrikationsstätte“ (Pharmazeutische Praxis 4, 1905, 119). Blicken wir zuerst auf das Präparat und die dafür betriebene Werbung.

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Werbung für die Slankal-Zehrkur 1904 (Berliner Tageblatt 1904, Nr. 240 v. 5. Dezember, 8 (l.); Berliner Leben 4, 1904, n. 196)

Slankal war ein schwach rosa gefärbtes Pulver, das in einem runden, mit einem Metalldeckel verschlossenen Glas für je 2,25 M vertrieben wurde. Enthalten waren 73 Gramm, die wie die Berliner Referenzpräparate Tonnola und Graziana als Grundstoff einer sog. Zehrkur dienen sollten. Das Pulver sollte in Wasser aufgelöst und dann getrunken werden. Slankal wurde als „kosmetisches Präparat zur Körperpflege“ (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 162 v. 12. Juli, 9) beworben, erschien Korpulenz doch als Schönheitsfehler, nicht als Krankheit. Das beiliegende Prospekt betonte: „In der Zusammensetzung den Bestandteilen des frischen Obstes ähnelnd, besitzt es nicht dessen oft schädliche Nebenwirkungen, sondern nur dessen Vorzüge, und diese sind ja allgemein bekannt, so z.B. die blutreinigenden, verjüngende Wirkung einer Trauben- oder Zitronenkur. […] Die Zusammensetzung des Slankal ist derart eigenartig, daß z.B. einzelne Ingredienzien in den meisten Apotheken garnicht [sic!] vorrätig sind, und wenn, dann meist nicht in frischem Zustand“ (zit. n. F[ranz] Zernik, Slankal, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 137). Die chemische Analyse war prosaischer: „Demnach dürfte Slankal aller Wahrscheinlichkeit nach darstellen ein schwach rot gefärbtes Gemisch aus rund 30% Weinsäure, 16% Zitronensäure, 4% Weinstein, 14% Chlornatrium und 36% trockenem Natriumkarbonat“ (ebd.). Es war also ein leicht abführend wirkendes Gemisch aus billigen Grundchemikalien, weit überteuert und keinesfalls Grundlage für eine wirksame Therapie von Korpulenz. Der Hersteller bemängelte die im Pharmazeutischen Institut der Universität Berlin erstellte Analyse, insbesondere das Fehlen von Natriummalat, also einem Salz der Äpfelsäure. Doch auch eine neuerliche Untersuchung ergab nicht mehr als marginale Mengen dieses Obstbestandteils (F[ranz] Zernik, Antipositin, Apotheker-Zeitung 20, 1905, 187-188, hier 188). Slankal war ein Standardgemenge, das in ähnlicher Form auch andere Anbieter offerierten, dann aber mit teils anderen Wirkversprechen verbanden (Franz Zernik, Arzneimittel, Spezialitäten und Geheimmittel, Deutsche Medizinische Wochenschrift 32, 1906, 1461). Das ähnlich zusammengesetzte Brackebuschsche Plantal sollte beispielsweise auch bei Diabetes, Gicht, Gallenstein und vielem mehr helfen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 46, 1906, 82).

Das Warenzeichen für Slankal wurde am 3. Mai 1904 beantragt und am 24. Juni 1904 als kosmetisches Präparat zur Körperpflege eingetragen (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 162 v. 12. Juli, 9). Kurz darauf begann die Reklame, die jedoch keinerlei eigene Akzente setzte, sich vielmehr an der der Konkurrenz anlehnte. Slankal war ein weiteres gleichartiges Entfettungsmittel, versprechensstark und differenzierungsschwach. Als Kosmetikum war es frei verkäuflich (Medicinische Woche 3, 1907, 32).

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Sortimentserweiterung und moderate Internationalisierung: Slankal-Werbung (Die Woche 6, 1904, H. 20, VII (l.); Czernowitzer Allgemeine Zeitung 1904, Nr. 2209 v. 5. Juni, 7)

Die Anlehnung an die Wettbewerber zeigt sich auch an einem weiteren Präparat des Anbieters: Ähnlich wie Steiner oder Reichel warb die Firma zudem für ein „Kraftpulver“ namens FIB, das garantiert unschädlich schöne üppige Körperformen hervorrufen sollte. Die Zusammensetzung war und blieb unbekannt, auch weil es rasch wieder vom Markt verschwand (Pharmazeutische Post 37, 1904, 420-421). Daneben weitete Wallbrecht & Co. schon den Absatzmarkt: Kurzfristig wurde es auch in der Habsburger Monarchie angeboten. Slankal war demnach eine Art Testlauf, von dessen Erfahrungen die deutlich andere Werbe- und Vertriebsstruktur des Antipositins profitierte. Öffentliche Warnungen vor den Präparaten scheint es nicht gegeben zu haben.

Hersteller des Slankal war die offene Handelsgesellschaft F.J. Wallbrecht & Co., ihrerseits eine Partnerschaft zwischen den Berliner Kaufleuten Franz Wallbrecht und Ernst Marlier. Letzterer war allein vertretungsberechtigt. Der Geschäftsbetrieb begann am 2. April 1904 (Berliner Börsen-Zeitung 1904, Nr. 514 v. 1. November, 20; Berliner Tageblatt 1904, Nr. 558 v. 1. November, 5). Dieser währte allerdings nicht lang, denn die in der Karlsbader Straße 21 ansässige Gesellschaft wurde schon im Dezember 1904 aufgelöst (Berliner Volks-Zeitung 1904, Nr. 580 v. 10. Dezember, 3; Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 293 v. 13. Dezember, 15). An ihre Stelle trat Anfang 1905 die neu gegründete Firma Dr. med. Wagner & Marlier, die ein recht ähnliches Gemenge mit gänzlich anderer Werbung als Antipositin vertrieb.

F.J. Wallbrecht & Co. erlaubte eine Art Testbetrieb, um in einem unbekannten Marktumfeld Tritt fassen zu können. Marlier hatte für das Alltagsgeschäft einen Fachmann gewonnen, den 1874 im sächsischen Roßwein als Sohn des später in Leipzig lebenden Kaufmannes Karl Wallbrecht und seiner Frau Johanne, geb. Krüger, geborenen Drogisten Johann Franz Wallbrecht. Dieser heiratete am 18. März 1899 in Nürnberg Anna Schreiber (1876-1955) (Stadtarchiv Nürnberg, Personenstandsregister, Geburtsregister, C 27/IV Nr. 24, Nr. 3692). Das Ehepaar Wallbrecht lebte in Steglitz, zuerst in der Albrechtstraße 99, ab 1914 dann in der Moltkestraße 3 (Adreßbuch für Steglitz, Südende und Dahlem 28, 1908, T. 1, 163; ebd., 33, 1914, 336). Auch nach der Auflösung der offenen Handelsgesellschaft blieb Wallbrecht mit Ernst Marlier eng verbunden. Von November 1906 bis Mai 1907 fungierte er als Geschäftsführer von Wagner & Marlier (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 259 v. 1. November, 13; ebd. 1907, Nr. 125 v. 27. Mai, 20), anschließend als Geschäftsführer der kurz darauf gegründeten Dr. med. Karl Hartmann GmbH (Berliner Adressbuch 1907, T. 1, 808). Er starb am 4. April 1918 zuhause „infolge Krankheit“ (Verlust-Liste Nr. 1873 v. 30. April 1918) als Beamtenstellvertreter im Ersatzbataillon des 2. Garde Regiments zu Fuß (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister, Sterberegister, Nr. 1638).

Kurzfristiger Wiedergänger: Levathin

Antipositin hatte jedoch nicht nur einen Vorgänger, sondern auch einen unmittelbaren Nachfolger. Als Antipositin auf die Liste der Geheimmittel gesetzt wurde, präsentierte Ernst Marlier das Entfettungsmittel Levathin: „Kaum ist die neue Verordnung über den Verkehr mit Geheimmitteln in Kraft getreten als auch eine Anzahl ganz neuer Mittel, die nach dem Wortlaut der Verordnung von ihr nicht betroffen werden, auf dem Plane erschienen ist“ (Apotheker-Zeitung 22, 1907, 887). Das Produkt wechselte, das Geschäft ging auf niedrigerem Niveau weiter, die Regulierung wurde so teilweise ausgehebelt.

Das neue alte Entfettungsmittel wurde von der Berliner Dr. Arthur Erhard GmbH vertrieben. Levathin wurde öffentlich beworben, „aufdringlich“ nach Ansicht vieler Ärzte und Pharmazeuten. Das Gemenge war zu Tabletten gepresst worden, 72 davon befanden sich in jeder der viereckigen Schachteln. Das Präparat war dank einer zugemengten Teerfarbe hellgelb, 10 bis 15 Stück a 0,315 Gramm sollten pro Tag genommen werden (Arbeiten aus dem Pharmazeutischen Institut der Universität Berlin 7, 1908, 105). Die Gebrauchsanweisung empfahl möglichst wenig zu trinken. Anders als Antipositin war das säuerlich schmeckende Levathin in Wasser nicht einfach aufzulösen, doch konnten die Tabletten einfach geschluckt werden (F[ranz] Zernik, Levathin, Apotheker-Zeitung 22, 1907, 1042-1043, hier 1042). Zusammengesetzt war es aus 75% Weinstein, 15% Kaliumnatriumtartrat und 10% Saccharose (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 15, 1908, 766). Abermals waren geringe Mengen von Aepfelsäurederivaten enthalten (Pharmazeutische Praxis 8, 1909, 62). Drei Schachteln kosten 5,75 M, die bei Bestellung einer kostenlosen Probeschachtel unaufgefordert per Nachnahme mitgesandt wurden (Süddeutsche Apotheken-Zeitung 47, 1907, 840). Analysen und Einschätzungen lagen nur wenige Monate nach der Markteinführung vor, wurden über die üblichen fachwissenschaftlichen Kanäle verbreitet (Pharmazeutische Praxis 6, 1907, 506-507; Therapeutische Rundschau 2, 1908, 71; Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 49, 1908, 105; Pharmazeutische Post 41, 1908, 748).

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Einladung zum Schneeballsystem: Werbeschreiben für Levathin (Apotheker-Zeitung 22, 1907, 888)

Die beigefügten Werbeschreiben verwiesen erstmals auch auf die helfende Wirkung reduzierter Fett- und Kohlehydratzufuhr, reichliche Bewegung konnte den Erfolg der Entfettungskur beschleunigen. Grundsätzlich aber könne das Körperfett auch allein vom Präparat getilgt werden. Interessenten erhielten neuerlich eine Werbebroschüre ‚Im Kampf gegen Korpulenz, Fettleibigkeit, Häßlichkeit‘, die aus Werbetexten und Empfehlungsschreiben bestand. Neu war allerdings das Angebot eines Schneeballsystems: Wer drei Bekannte zum Bestellen des Präparates bewegen könne, würde am Ende kostenlos weitere Schachteln enthalten. Das ist verwunderlich, war dieses Vertriebssystem doch grundsätzlich strafbar, nachdem das Reichsgericht die sog. Gella- und Hydrasysteme 1901 zu Glücksspielen erklärt und damit illegal gemacht hatte.

Hinter der im Juni 1907 gegründeten Dr. Arthur Erhard GmbH stand abermals Ernst Marlier, der auch das Stammkapital von 20.000 M eingebracht hatte (Deutscher Reichsanzeiger1907, Nr. 268 v. 9. November, 8). Als Geschäftsführer berief er den Steglitzer Kaufmann Karl Baresel, der diese Position im November auch bei Dr. med. Wagner & Marlier einnahm (Berliner Tageblatt 1907, Nr. 306 v. 19. Juni, 11; Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 268 v. 9. November, 8). Levathin war jedoch nur ein Ergänzungsgeschäft, denn der Fokus der Dr. Arthur Erhard GmbH lag auf dem Absatz des massiv beworbenen „Nerventonikums“ Visnervin.

Beide Präparate trafen rasch auf öffentlichen Widerstand: Am 20. Februar 1908 warnte das Berliner Polizeipräsidium Berlin vor dem übermäßig teuren Mittel, denen „die von der Firma zugeschriebenen Wirkungen keineswegs“ innewohnten (Berliner Tageblatt 1908, Nr. 285 v. 6. Juni, 17). Kaum variierte Warnungen wurden auch in vielen anderen Regionen Preußens erlassen (Namslauer Kreisblatt 1908, Nr. 15 v. 9. April, 220; Altonaer Nachrichten 1908, Nr. 152 v. 30. März, 6; Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Düsseldorf 1908, 184). Während die Visnervin-Werbung im Deutschen Reich leicht zurückgefahren wurde, um das Präparat dann global zu vermarkten, wurde Levathin seither öffentlich nicht mehr angepriesen, eventuell gar ganz aufgegeben. Ohne wirkungsvolles „Death Marketing“ bzw. große wirkungsvolle Anzeigen gingen die Erträge offenbar zurück. Die Berliner GmbH wurde schließlich im März 1913 aufgelöst, auch wenn sich die Liquidation noch länger hinzog (Berliner Börsenzeitung 1913, Nr. 136 v. 22. März, 15). Der namensgebende Dr. Arthur Erhard war übrigens fachfremd, war ein nicht näher bezeichneter „Schriftsteller unbekannten Aufenthaltes“ (Brixener Chronik 1913, Nr. 80 v. 8. Juli, 5), der lange Zeit in Charlottenburg gelebt hatte, ohne aber größere Spuren zu hinterlassen (Deutscher Reichsanzeiger 1887, Nr. 111 v. 13. Mai, 14).

Wandlungen im Markt für Schlankheitspräparate

Die relativ geringe Bedeutung von Levathin spiegelt die offenkundig abnehmende Attraktivität von Schlankheitspräparaten im Deutschen Reich. Diese resultierte sowohl aus dem Vorgehen der Behörden 1907 und 1908, als auch den Erfahrungen vieler Käufer mit den Angeboten Ernst Marliers. Nationale Kreise kritisierten seine Werbematerialien, stellten zugleich den Kampf gegen die zu vielen Pfunde als modischen Unsinn dar, der vor allem der Putzsucht der Frauen Vorschub leiste (Stanislaus Swierczewski, Wider Schmutz und Schwindel im Inseratenwesen, 3. erw. Aufl., Leipzig 1907, insb. 51).

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Drall versus Vital: Ein Kalkül für die potenziellen Käufer (Fliegende Blätter 124, 1906, Nr. 3167, Beibl. 6, 7)

Auch die Art der Werbung änderte sich. „Death Marketing“ mochte wirken, doch der Einsatz von Angst- und Schockelementen erregte auch Widerstand. Subtilere Werbung schien also angebracht, ebenso kleinere und geringer ausgestattete Anzeigen. Da die behördlichen Maßnahmen im Einklang mit der damaligen bürgerlichen Reklamekritik just an deren Lärm und Maßlosigkeit Anstoß nahmen, ging man zu gediegeneren Formen über. Es waren vor allem ausländische Anbieter, die weiterhin auf teils groteske Bilder potenziell gefährdeter Dicker setzten. Beim Dr. Dalloffschen Entfettungstee wurde die Vorher-Nachher-Reklame denn auch als recht aufdringlich kritisiert, doch wirklichen Anstoß nahm man an dessen exorbitantem Preis (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 45, 1905, 199; O. Kuhn, Ueber neuere Arzneimittel, Spezialitäten und Geheimmittel, Medizinische Klinik 3, 1907, 1366-1367, hier 1366). Größere Anzeigen deutscher Anbieter blieben Ausnahmen – etwa bei der Markteinführung von Fulgural, einem leicht abführend wirkenden trüb-bräunlichen Kräutersud des Braunschweiger Duos Dr. Steiner und Apotheker Schulze, der 1907 prompt auf der Geheimmittelliste landete (Pharmazeutische Praxis 5, 1906, 521; Simplicissimus 11, 1906/07, 407). Generell nahm die Bedeutung von salinen Abführmitteln wieder zu: Das galt vor allem für Reaktol, dem einzigen Präparat, das Marliers „Death Marketing“ ansatzweise aufgriff. Finanziert vom Berliner Optiker und Unternehmer Carl Ruhnke (1874-1922) war dessen Produktions- und Vertriebsgesellschaft weniger als ein Jahr aktiv. In Österreich lief der Absatz länger, mehr als zwei Jahre, endete nach behördlichen Warnungen dann 1914 (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 190 v. 13. August, 7; Therapeutische Monatshefte 30, 1916, 315; Österreichische Zeitschrift für Verwaltung 47, 1914, 91).

25_Der Welt-Spiegel_1913_02_13_p7_Illustrierte Kronen-Zeitung_1914_11_29_Nr5356_p14_Schlankheitspraeparate_Reaktol_Geheimmittel_Korpulenz

Eine dezentere Neuauflage bekannter Konzepte: Reaktol-Anzeigen (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 13. Februar, 7 (l.); Illustrierte Kronen-Zeitung 1914, Nr. 5356 v. 29. November, 14)

Der Markt für Schlankheitspräparate pendelte sich nach dem Exzess von Antipositin demnach wieder ein in die Nähe der gediegenen Betriebsamkeit kurz nach der Jahrhundertwende. D. Franz Steiner und Otto Reichel offerierten ihre leicht variierten Präparate weiterhin regelmäßig mittels kleiner Textanzeigen, neue Präparate schlossen sich hieran an. Ein einschlägiges, allerdings höchst lückenhaftes Dissertatiönchen listete kurz vor dem Ersten Weltkrieg die wichtigsten auf: Das Fettsuchtmittel von Joseph Heusler (Baden-Baden), das von Joseph Klimek (Eggenberg) vertriebene Gracilen, die Kaiserpillen, den von Gustav Laarmann (Herford) vertriebenen Entfettungstee Reduzin, ferner Julius Hensels Nervensalz (Zürich) und Warner’s Safe Cure (Frankfurt/M.). Damit nicht genug, denn der Reigen der Entfettungsmittel umgriff auch Dr. Bergmanns Kautabletten, Frau Bocks Cedera, die Entfettungstabletten von Dr. Hoffbauer (Berlin) und das „vegetabilische“ Naida von H. Wagner (Köln) (Michel Skulsky, Spezialitäten und Geheimmittel gegen die Fettsucht, Med. Diss. Berlin 1912, 17-19; für 1914 vgl. Spezialitäten, Nährpräparate, Geheimmittel, Therapeutische Monatshefte 28, 1914, passim, insb. 77 und 153). Einige davon wurden auch noch in den 1920er Jahren angeboten.

Damals kippte der Markt der Schlankheitspräparate, machte nun seinem Begriff alle Ehre. Stand vor dem Ersten Weltkrieg der Kampf gegen die Korpulenz (und damit gegen den drohenden Tod) im Vordergrund, so zielten die Anbieter nach Ende der Hyperinflation vorrangig auf ein positives Ziel, auf Schlankheit. An die Stelle der Vorher-Nachher-Bilder oder gar des Schocks des Totenschädels traten nun sportliche und schlanke Körper, vielfach in Sport- oder Strandbekleidung, zunehmend auch unbekleidet (etwa für Leichners Schlankheitsbad oder Waldheims Entfettungstee). Schlankheitspräparate standen nun für Gesundheit, konzentrierten sich nicht länger auf Korpulenz als Gesundheitsgefahr. Nun lockte die schönere Körperhülle, nicht mehr die physiologische Funktion des Körpers.

Einstellung des Vertriebs im Deutschen Reich – kontinuierliche Irreführung im Ausland: Vitalito

Ernst Marlier stellte die Werbung für seine Entfettungsmittel im Deutschen Reich 1908 erzwungenermaßen ein. Die Präparate waren zwar grundsätzlich weiter erhältlich, mussten dann jedoch ärztlich verschrieben werden. Das rechnete sich kaum – zumal Marlier längst dazu übergegangen war, andere Geheimmittel mit emotionalisierenden Anzeigen erfolgreich zu vermarkten. Doch eine Nuance seines unternehmerischen Waltens muss hier noch ausgelotet werden: Mit Vitalito präsentierte er nämlich seit Anfang 1911 ein viertes Schlankheitspräparat, dieses Mal aber nicht im Deutschen Reich, sondern in Österreich-Ungarn.

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Neuer Name, neuer Profit: Warenzeichenerteilung von Vitalito 1908 (Deutscher Reichsanzeiger 1908, Nr. 81 v. 3. April, 16)

„Vitalito“ wurde am 26. Juni 1907 von der Dr. Arthur Erhard GmbH als Wortzeichen beantragt, die Eintragung erfolgte am 19. März 1908. Es ist unklar, für welche Art von Präparat es genutzt werden sollte. Die Gesellschaft konzentrierte sich jedenfalls auf den Absatz des „Nerventonikums“ Visnervin – erst im Deutschen Reich, dann auch global. Parallel begann man deren Wortzeichen auf eine weitere Tarnfirma übertragen, nämlich die 1909 in Berlin gegründete Professor Dr. von Ganting GmbH. Sie warb Ende des gleichen Jahres für Kosmetikessenzen, mit denen man – so das Versprechen – Parfüm, Haarwasser und viele andere Dinge selbst herstellen konnte (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 574 v. 11. November, 20). Einer der Zulieferer berichtete: „Ganting hat nichts getan als den Namen gegeben, vielleicht auch die Reklame besorgt, und soll die G.m.b.H. ganz gut verdient haben“ (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 144).

Kurz danach änderte Ernst Marlier den Zuschnitt der Gesellschaft: Ende 1911 begann sie in Österreich-Ungarn mit dem Vertrieb des Vitalito, nachdem Marlier zuvor in Wien mittels lokaler Gewährsleute eine Apotheke als Vertriebszentrale gepachtet hatte (Marliersche Unternehmungen, Apotheker-Zeitung 29, 1914, 66). Seine kriminelle Energie zeigte sich schon in der Wahl des namengebenden Geschäftspartners. Ludwig von Ganting (1851-1928) war eine schillernde bürgerliche Figur und ein notorischer Verbrecher. Er hatte anfangs eine bürgerliche Universitätskarriere eingeschlagen, promovierte, arbeitete 1876 bis 1882 als Privatdozent für Musikwissenschaften an der Universität Bern. Eine Professur erhielt er jedoch nicht, nahm enttäuscht seinen Abschied, ließ dabei das Universitätssiegel mitgehen, schlug sich dann unter anderem mit einem schwunghaften Handel von Doktordiplomen durch. Schweigen wir von der wechselhaften, durch verschiedene Haftstrafen in mehreren europäischen Ländern unterbrochenen Betrügerkarriere (vgl. Ein Entgleister aus dem Bürgertum, Salzburger Wacht 1914, Nr. 50 v. 3. März, 5). Er dürfte für die Namensgabe eine angemessene Summe erhalten haben – mochte der Professorentitel auch nicht mehr als erfundener Zierrat einer neuerlichen Warenimagination im breiten Felde der Entfettungsmittel gewesen sein. Zeitgenossen witzelten über den reimenden Klang seines Namens: Ganting? Banting! (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 354) Doch angesichts des anfänglich ganz anders gelagerten Geschäftes war diese Referenz an den Pionier der Schlankheitsdiäten wohl eher zufällig. Dass in der ach so wachen bürgerlichen Öffentlichkeit sich jedoch niemand an die zahlreichen Verfehlungen des adretten Lebemanns erinnerte, deutet wohl eher auf deren weit verbreitete Amnesie im Umgang mit Wirtschaftskriminalität (Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann, Shady business: On the history of white-collar crime, Business History 60, 2018, 289-304).

Das „famose“ (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 617) Vitalito reihte sich unmittelbar in die bisherige Produktpalette des Hauses Marlier ein. Dieses Mal wurde das Gemenge in Form linsenförmigen Tabletten von je 0,5 Gramm angeboten. Eine Schachtel enthielt 70 Tabletten und kostete 3 Mark (Zentralblatt der gesamten Arzneimittelkunde 2, 1913-14, 22). Offenbar hatte man an einem besseren Geschmack gearbeitet, den die eigentlichen Pillen waren mit einer Masse aus Zucker und Weizenstärke überzogen und dann mit ätherischen Ölen aromatisiert worden (Pharmazeutische Post 46, 1913, 718). Das vermeintlich wirkende Innere bestand aus Süßholzpulver sowie pflanzlichen Extrakten aus Blasentang und Faulbaumrinden – und abermals Fruchtsäurederivaten (Pharmazeutische Zeitung 57, 1912, 444). Obwohl damit die Leitnuance aller Marlierschen Mittel wieder auftauchte, hatte man die salinen Bestandteile durch Pflanzenextrakte ersetzt. Vitalito enthielt „keine schädlichen Mittel“ (Pharmazeutische Post 45, 1912, 198), doch fehlten zugleich wirksame Inhaltsstoffe zur Bekämpfung von Korpulenz. Die neue Komposition setzte jedoch auch auf Altbewährtes, denn die Werbebroschüren lagen zuvor den Levathin-Päckchen bei (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 354).

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Abkehr von Werbung mit Bildern – Vitalito-Anzeige 1911 (Das Blatt gehört der Hausfrau 22, 1910/11, H. 10, XVI)

Die Werbung für Vitalito beschritt allerdings völlig neue Wege – nicht zuletzt aus Rücksicht auf die anders gelagerte Rechtslage in Cisleithanien. Marlier verzichtete auf Bilder, setzte nicht auf „Death Marketing“, sondern erzählte stattdessen kleine nette Werbegeschichten. Das Grundmotiv war das Leid und die Mühsal der Korpulenten. „Im Paradies der Dicken“ (Prager Abendblatt 1911, Nr. 242 v. 24. 10., 5) wurde des jährlichen Kuraufenthaltes der Übergewichtigen in Marienbad gedacht, „die armen Reichen“ bedauert: „Alles streng geregelt wie in einem wirklichen Gefängnis!“ Die Erlösung, Sie ahnen es, war jedoch nahe: „Professor Dr. von Ganting hat sie mit dem von ihm erfundenen ‚Vitalito‘ in dankenswerter Weise gebracht, denn ‚Vitalito‘ beseitigt die Wurzel und Folgen der Korpulenz, die Ueberfettung der inneren Organe, verbessert die Zusammensetzung des Blutes und ist, während sonst alle bekannten Entfettungskuren umständlich, unbequem und angreifend sind, einfach und zweckmäßig. ‚Vitalito‘ besteht aus Fruchtsäuren, Kräuter-Extrakten und Fruchtsalzen, wie sie teilweise auch im frischen Obst und Gemüse enthalten sind.“ Derart erklang es im Westen, Osten und Norden der Habsburger Monarchie: Ein tolles Produkt, absolut unschädlich, von dauernder Wirkung, regenerierend, kein Zwang zu Hunger- und Diätkuren oder gar Sport. Vitalito führe nicht zu Runzeln oder Falten, habe einen angenehmen Geschmack, sei unauffällig anwendbar und „sehr billig“. Probe und Broschüre wie immer kostenlos (Cerznowitzer Allgemeine Zeitung 1912, Nr. 2410 v. 4. Februar, 2; Das Blatt der Hausfrau 23, 1911/12, H. 24, VIII).

Ähnlich die schöne Geschichte „Vereine von Korpulenten“ (Illustrierte Kronen-Zeitung 1911, Nr. 3999 v. 16. Februar, 9): Übermäßiges Fett sei „eine ständige Gefahr für Leben und Gesundheit“ als „Hindernis des vollen Lebensgenusses“. Der Stoffwechsel des Korpulenten sei gestört, auch wenn der Körper permanent arbeite. Dagegen helfen aber nicht Bewegung, Diät oder abführende Mineralwässer: „Es kommt ganz allein darauf an, den mangelhaften Stoffwechsel so zu verbessern, daß die Nährstoffe nicht mehr als Fett angestaut, sondern in Energie, d.h. in Muskelkraft und Körperwärme, umgebildet werden. Das kann einzig und allein dadurch geschehen, daß das Blut befähigt wird, die Nährstoffe zugleich mit dem nötigen Sauerstoffe den einzelnen Organen zuzuführen. Diese Fähigkeit hat das Blut aber nur in einer bestimmten chemischen Zusammensetzung und man hat längst beobachtet, daß reichlicher Genuß frischen Obstes infolge der darin enthaltenen Fruchtsalze und Fruchtsäuren die chemische Zusammensetzung des Blutes günstig beeinflußt.“ Obst hilft also, doch die erforderlichen Mengen kann der Magen nicht aushalten. Doch es gibt ja Vitalito, welch Glück.

Auch „Vorsicht bei Entfettungskuren!“ (Elisabeth-Blatt 8, 1913, 24) warb für das Entfettungsmittel. Darin wurde vor Abführmitteln und Brunnenkuren gewarnt, ebenso vor Hormonpräparaten. Bewegung könne helfen, doch das Herz vieler Korpulenter sei schon so angegriffen, „daß jede größere körperliche Anstrengung lebensgefährlich werden kann.“ Doch es gibt – ja! – Vitalito!! Nur keine Verzögerung beim rettenden Kauf, denn jede ungenutzte Woche bedeute „eine Verkürzung des Lebens um mehrere Tage“ (Freie Stimmen 1912, Nr. 175 v. 10. November, 6; Illustrierte Kronen-Zeitung 1912, Nr. 4412 v. 14. April, 10; Wiener Landwirtschaftliche Zeitung 62, 1912, 1047). Analoge Geschichten finden sich auch in tschechischer Sprache (Télnatost kráti zîvot, Cech 1911, Nr. 315 v. 15. November, 6).

Die Vitalito-Werbung führte mit alldem Kernelemente des „Death-Marketing“ fort, doch sie vermied das anstößige, herausfordernde der Antipositin-Werbung. Der Tod war allgegenwärtig, aber nicht mehr sichtbar. Das war eine Reaktion auf die österreichische Rechtslage, erlaubte jedoch auch neue Formen der redaktionellen Reklame. Die Anzeigen fanden sich nämlich kaum im gesonderten Anzeigenteil, sondern meist inmitten des redaktionellen Textes. Nicht immer waren sie als kommerzieller Beitrag gekennzeichnet, mit „Eingesandt“ oder Ähnlichem. In einzelnen Zeitungen waren die Werbegeschichten in gleicher Schriftart in den üblichen Satz eingebunden (so etwa Oesterreichische Land-Zeitung 1912, Nr. 46 v. 16. November, 10). Wer derartiges sieht kann den Grimm von Karl Kraus (1874-1936) verstehen: „Wir bringen, dringen, schlingen / uns in das Leben ein. / Wo wir den Wert bezwingen, / erschaffen wir den Schein.“ (Lied von der Presse, in: Ders., Worte in Versen, Frankfurt a.M. 1973, 57). Vitalito wurde vornehmlich in bürgerlichen Zeitungen und Zeitschriften beworben. Doch zugleich findet man erste Anzeigen im Arbeitermilieu (Arbeiterwille 1912, Nr. 303 v. 3. November, 12). Auch starke Arme können verfetten…

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Gesundheitsgefahr Korpulenz – Vitalito-Werbung 1912 (Illustrierte Kronen-Zeitung 1912, Nr. 4436 v. 8. Mai , 10)

Vitalito wurde mit Erlass vom 21. Juni 1911 unter dem Vorbehalt weiter gestattet, dass „jede marktschreierische Ankündigung der Präparate, sowie das Beilegen von Druckschriften marktschreierischen Inhaltes das Vertriebsverbot zur Folge haben würde“(Pharmazeutische Presse 18, 1913, 162). Die Wirkungslosigkeit des Präparates hatte zu Nachfragen geführt, war aber kein Gegenargument, denn formal entsprach das Vorgehen dem geltenden Recht. Sarkastische Kommentare folgten: „Jetzt präsidiert der famose Professor Dr. v. G. für das neueste Marliersche Weltwunder, und die Dicken beiderlei Geschlechts werden natürlich kräftig darauf reinfallen. Es wird immer über den Apotheker als Kurpfuscher geschimpft, dem Marlier kann niemand etwas anhaben, er lacht über Aerzte und Regierung und bringt sein Schäfchen ins Trockene“ (Apotheker-Zeitung 27, 1912, 144). Und doch wurde Vitalito 1913 mit einem Vertriebsbann belegt (Erlaß des k. k. Ministeriums des Innern vom 9. April 1913, Z. 7411/S ex 1912, Drogisten-Zeitung 28, 1913, 239). In Wien konfiszierten Magistratsbeamte in der Marlierschen Mariahilf-Apotheke Tabletten und Werbebroschüren (Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 51, 1913, 620).

All dies war weniger die Folge überbürdender Reklame für Vitalito, sondern Resultat der deutlich anderen Vermarktung der Marlierschen Präparate Visnervin und Renascin. Doch nach einem Einspruch schwenkte das Innenministerium um, so dass Vitalito & Co. wieder vertrieben werden konnten, falls „jede Ankündigung und Anpreisung der genannten Präparate als Mittel gegen bestimmte Krankheiten, sowie das Beilegen von Druckschriften marktschreierischen Inhalten unterlassen wird.“ Probesendungen wurden untersagt, der Vertrieb vorrangig durch Apotheken gefördert (Erlaß des k. k. Ministeriums des Innern vom 7. November 1913, Z. 5909/S, Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 51, 1913, 663). Doch dies war nur ein Aufschub. Im April 1914 wurde der Vertrieb von Renascin und Visnervin neuerlich untersagt, Vitalito folgte nach Beginn des Weltkrieges (Apotheker-Zeitung 29, 1914, 439). Naseweis hieß es in einer Jugendzeitschrift: „Der Verkauf des Vitalito verboten, recht so! Machen Sie mehr Bewegung bis zur leichten Ermüdung und essen sie abends recht wenig; also hungrig ins Bett. Nach einigen Wochen kann schöner Erfolg da sein ohne Medikamente“ (Illustrierte Mädchen-Zeitung 1915, Nr. 3, II).

Was bringt die Analyse von Nischenmärkten?

Über Antipositin, über Slankal, Levathin, Vitalito, über all die anderen Entfettungsmittel der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mag man lächeln. Ein rationaler, naturwissenschaftlich geschulter Mensch wird darauf verweisen, dass Gewichtsreduktion nur durch weniger resp. anderem Essen sowie vor allem durch vermehrte Bewegung resp. einem anderen Lebenszuschnitt möglich ist (es sei denn, es handelt sich um klare Krankheitsfälle). Und er wird den vermeintlichen Schabernack derartiger Geheimmittel nur als Ausdruck der Dummheit unaufgeklärter Menschen verstehen: Mundus vult decipi. Gleichwohl besteht dieser Markt bis heute, mag er auch weitaus stärker von medizinischen Dienstleistungen und kostenträchtigen Kuren geprägt sein. Unsere Welt gibt sich rational, ist es aber nicht. Die Analyse des historischen Komplexes Antipositin hält uns also einen Spiegel vor, verweist auf Alltagsleben, das abseits rationaler Ratschläge verläuft. Dieses gilt es auch wissenschaftlich ernst zu nehmen – und hier kann man von den Anbietern durchaus lernen.

Unternehmenshistoriker untersuchen heutzutage fast durchweg erfolgreiche Unternehmen mit zumeist nützlichen Produkten. Die Geschichte des Antipositin und der Marlierschen Schlankheitspräparate zeigt dagegen ein deutlich anderes Bild von Wirtschaft und Wettbewerb, eines der Irreführung und des Betruges, eines des raschen Geldes und der Doppelbödigkeit der gutbürgerlichen Gesellschaft. Die Analyse des historischen Komplexes Antipositin fängt damit historisches Geschehen abseits der gängig präsentierten Rekonstruktionen unternehmerischen Handelns ein, deren ideologischer Gehalt offenkundig ist. Es liefert damit Argumente und „Fakten“ für eine präziser nachfassende und nicht gar zu einseitige historische Analyse „der“ Wirtschaft.

Angesichts der offenkundigen Wertlosigkeit der Marlierschen Entfettungsprodukte lenkt die Analyse unseren Blick gezielt auf die Imagination der Warenwelt und deren Versprechen. Der historische Komplex Antipositin verweist auf Enttäuschungen als Grunderfahrung der Konsumenten. Er verweist auf deren objektiv geringe Lernfähigkeit, zugleich aber auf eine scheinbar unerschütterliche Bereitschaft zum Systemvertrauen. Deutlich wird die Stärke des Gebrauchswertversprechens, hinterfragbar das Bild des mündigen Verbrauchers, vielleicht gar das des mündigen Menschen. Der Ruf nach Ordnung erklang nicht nur im Kampf gegen Korpulenz, sondern auch im Ringen um Wahrheit und Klarheit in den Konsumgütermärkten. Berufsständische und staatliche Eingriffe und Verbote schienen unabdingbar, Marktwirtschaft zwingend defizitär. Auch hier stand der Wunsch Pate, zeigte sich die beschränkte Wirkung wissenschaftlicher Ordnungsangebote und der durch Recht ummantelten Pranke des Staates. Die behandelten Schlankheitspräparate stehen zugleich für die Monotonie der Warenwelt: Ähnliche Produkte erschienen unter anderem Namen, in unterschiedlicher Aufmachung, vereint allein in ihrem fehlenden Gebrauchswert.

Die Analyse lenkt den Blick auch auf häufig unterschätzte und gemeinhin isoliert untersuchte Mittlerinstanzen. Die Presse, gefeiert als wichtiges Korrektiv der bürgerlichen Öffentlichkeit, blieb konturlos, unterstützte willig betrügerische Marktpraktiken. Wissenschaftler produzierten präzise Analysen, verdeutlichten die in den Produkten materialisierte Irreführung. Doch zugleich verblieben sie fast durchgängig auf einer vermeintlich neutralen Position abseits des Marktgeschehens. Bewertungen erfolgten auf Grundlage tradierter Kategorien von Standesehre und Lauterkeit. Dass auch das Antipositin Ergebnis einer zeittypischen Wissenschaftsgläubigkeit war, dass dessen Produktion und Vermarktung ohne wissenschaftliche Expertise nicht möglich gewesen wären, wurde kaum thematisiert.

Der historische Komplex Antipositin wurde bewusst als Folge wissenschaftlichen Wissens und unternehmerischen Strategien rekonstruiert. Der Grund hierfür liegt in der relativen Harmlosigkeit pseudokritischer Machtanalysen Foucaultscher Prägung und auch gängiger geschlechterhistorischer Ansätze. So wichtig kulturalistische Analysen auch sein können, so bedürfen sie doch einer ökonomischen Grundierung: It‘s the economy, stupid! Das gilt, obwohl der historische Komplex Antipositin auf den Wunderglauben vieler Käufer verweist, auf die Suggestion als Marktchance, auf den interkulturellen Transfer von Träumen durch Handel und Vermarktung.

Schließlich hat die Analyse auch eine wichtige biographische Komponente: Ernst Marlier, der Macher dieser Entfettungsprodukte, wurde mit diesen letztlich betrügerischen Präparaten reich. Sie bildeten die Grundlage für eine Reihe ähnlich unwirksamer, doch teils noch profitablerer Geheimmittel, die ihm vor dem Ersten Weltkrieg geschätzte Gewinne von etwa vier Millionen Mark einbrachten (Carodejci in Čudodelna Zdravilna Sredstva, Proletarec 1914, Nr. 358 v. 21. Juli, 7). 1914 ließ er sich jedenfalls ein mehr als stattliches Anwesen an der Sternstraße 22 (später Am Großen Wannsee 56-58) bauen, eine wahrlich herrschaftliche Villa, in der er die Erträge seines „Death Marketing“ bis 1921 genoss. Besitzwechsel folgten, Marlier selbst geriet in Vergessenheit. Seine Wannseevilla ist jedoch bis heute als Ort der sog. Wannseekonferenz bekannt, auf der am 20. Januar 1942 der Mord an den europäischen Juden besprochen und organisiert wurde.

Uwe Spiekermann, 31. Januar 2021

Einkaufen für eine bessere Welt – Das Frauen-Genossenschaftsblatt 1902-1907

Am Anfang des Frauen-Genossenschaftsblattes stand die Liebeserklärung eines Patriarchen: „Wissen Sie, wie das Frauen-Genossenschaftsblatt sein möchte? Es möchte sein wie Sie, es möchte sein wie unsere Frauen, die still und anspruchslos und bescheiden im häuslichen Kreise ihre Pflicht thun. Das ist wenig, werden Sie sagen, geehrte Frau, und Ihre Lippen lächeln. O nein, das ist viel, das ist unaussprechlich viel! In der Hand der Frauen liegt die Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft“ (Heinrich Kauffmann, Geehrte Frauen, Frauen-Genossenschaftsblatt (FGBl) 1, 1902, 1-2, hier 1). Heinrich Kaufmann (1864-1928) – er legte das doppelte f seines Namens 1903 ab – war kurz nach der Jahrhundertwende der führende Redakteur der deutschen Konsumgenossenschaften. Als Lehrer wegen sozialdemokratischer Umtriebe relegiert, wurde er Zeitungsjournalist, schloss sich der Konsumgenossenschaftsbewegung an, war mehr als zwei Jahrzehnte deren wichtigster Repräsentant. Das Frauen-Genossenschaftsblatt war Teil eines von ihm geprägten rasch wachsenden Verlagswesens, das Nachrichten bündelte, Rat gab, vor allem aber die Mission der Konsumentenbewegung wegbewusst vertrat.

Der Aufschwung der Konsumgenossenschaften und die veränderte Stellung der Frauen

Wie kam es zu Kaufmanns Liebeserklärung an die Frauen? Der Aufstieg der Konsumgenossenschaften in Deutschland war schließlich ein Werk von Männern – Männern, die der scheinbar alternativlosen Fremdversorgung durch Krämer etwas Besseres entgegensetzen wollten, Männern, die mehr für ihren Lohn haben wollten. Handelnd wandten sie sich gegen überteuerte und qualitativ schlechte Lebensmittel, wollten gute Ware für ihr Geld (Uwe Spiekermann, Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften 1903-1933, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann, Bilderwelt des Alltags. Werbung in der Konsumgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1995, 150-189, insb. 151-152). Anfangs gingen Arbeiter und Bürger Hand in Hand, mieteten ein Ladenlokal, organisierten Einkauf und Verkauf von Grundnahrungsmitteln. Die Konsumgenossenschaften begannen in der Provinz, in Mitteldeutschland und dem Südwesten. Sie waren Kinder des Liberalismus, wurden in den ersten Jahrzehnten von der aufstrebenden Sozialdemokratie und konservativ-mittelständischen Kräften gleichermaßen bekämpft. Für die einen waren sie die weiße Salbe des Kapitalismus, der erst beseitigt werden müsse, ehe eine gerechte Welt entstehen könne. Für die anderen bedrohten die Konsumgenossenschaften die bestehende festgefügte Ordnung mit dem Handelsstand als Garant der Alltagsversorgung. Es dauerte Jahrzehnte, ehe die seit 1850 lokal entstandenen Vereine ihre teils aus England, teils aus dem deutschen Genossenschaftswesen entlehnten Prinzipen festlegten: Offene Mitgliedschaft, demokratische Verwaltung, Rückvergütung der Überschüsse nach Maßgabe des jeweiligen Einkaufs, beschränkte Verzinsung der Mitgliedseinlage, politische und religiöse Neutralität, Barzahlung beim Einkauf und Förderung der Erziehung der Mitglieder (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 241-247; Michael Prinz, Brot und Dividende. Konsumvereine in Deutschland und England vor 1914, Göttingen 1996, 106-206). Die Konsumgenossenschaften standen gegen das Duckmäusertum der monarchischen Ordnung: In der Genossenschaft war der Mensch frei, Gleicher unter Gleichen. Sie zielten auf eine andere, eine solidarische Produktion und einen fairen Konsum, boten so eine Alternative zum kaum gebändigten Kapitalismus der frühen Industrialisierung.

Vom Theoriehimmel zurück auf den Boden der Tatsachen: Die Konsumgenossenschaften entwickelten sich bis in die 1880er Jahre nur langsam. Gründe hierfür waren nicht nur die Unerfahrenheit der Mitglieder im Handelssektor, sondern auch die rechtlichen Rahmenbedingungen: Vor dem Genossenschaftsgesetz von 1889 haftete jedes Mitglied persönlich für Verluste oder gar den Bankrott der Konsumgenossenschaft. Seither konnte die Haftung beschränkt werden. Erkauft wurde dies mit dem Verbot des Einkaufs von Nichtmitgliedern. Beides begünstigte das Wachstum der Konsumgenossenschaftsbewegung. Nun konnten auch Arbeiter mit geringem Einkommen und wenig Besitz Mitglieder werden, nun mussten die Genossenschaften um diese werben. Die Folge war ein rasches Wachstum der im Allgemeinen Verband Deutscher Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften organisierten Vereine: Von 1888 bis 1900 stieg deren Zahl von 198 auf 568, die der Mitglieder gar von 173.000 auf 522.000 (Erwin Hasselmann, Geschichte der deutschen Konsumgenossenschaften, Frankfurt a.M. 1971, 705). Das waren mehr als zwei Millionen Käufer, durfte damals doch nur der Haushaltsvorstand einer Familie beitreten. Zahlreiche nicht organisierte Vereine kamen hinzu, insgesamt gab es im Deutschen Reich mehr als 2000 Konsumvereine (X[aver] Pröbst, Konsumvereine im Jahre 1901, Statistisches Jahrbuch deutscher Städte 12, 19104, 180-213).

Das Größenwachstum veränderte die innere Struktur der Vereine. Das tradierte Gleichwicht von Bürgern und Arbeitern geriet ins Wanken. Arbeiter, zumal organisatorisch geschulte Kräfte aus der Gewerkschaftsbewegung, übernahmen in immer mehr Vereinen die Mehrheit. Sie aber wollten die Kraft der wachsenden Organisation nutzen, ihnen ging es um mehr als billige Lebensmittel. Sie vertraten „die Vision einer von der Masse der Konsumenten getragenen Veränderung der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse“ (Uwe Spiekermann und Dörthe Stockhaus, Konsumvereinsberichte – Eine neue Quelle der Ernährungsgeschichte, in: Dirk Reinhardt, Uwe Spiekermann und Ulrike Thoms (Hg.), Neue Wege zur Ernährungsgeschichte, Frankfurt a.M. et al. 1993, 88-112, hier 92). Dazu bündelte man einerseits ab 1894 die Einkaufsmacht der Vereine durch die Gründung einer in Hamburg ansässigen Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine (GEG). Anderseits nahmen insbesondere städtische Genossenschaften zuvor vielfach gescheiterte Versuche der Eigenproduktion von Brot und Backwaren, Fleisch und Fleischwaren wieder auf. Als 1899 das Hamburger Gewerkschaftskartell selbstbewusst eine neue Konsumgenossenschaft gründete, war deren programmatischer Name „Produktion“. Es ging nun um den Aufbau einer wirtschaftlichen und sozialen Gegenwelt: „Schaut der Arbeit Kinder geh’n / Stark und frei daher, / schlank und rüstig, ernst und schön, / keine Krüppel mehr“ (Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ zu Hamburg e.G.m.b.H. Geschäftsbericht für das 10. Geschäftsjahr 1908 […], Hamburg o.J. (1909), 119).

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Alternatives Wirtschaften? Die Zentrale der Hamburger „Produktion“ 1903 (Die Produktion in Hamburg, Hamburg 1924, 129)

Und die Frauen? Hausfrauen ohne Mitspracherechte? Kinder, Küche, Konsum? Gemach! Erstens gab es in den 1890er Jahren durchaus aktive Konsumgenossenschafterinnen, zumeist Sozialdemokratinnen mit engen Kontakten zu den Gewerkschaften. Clara Zetkin (1857-1933), noch nicht moskauhörige KPD-Abgeordnete, sondern führende sozialdemokratische Frauenrechtlerin, nannte etwa Adele Gerhard (1868-1956), Helma Steinbach (1847-1918), Fanny Imle (1878-1965) und Gertrud David (1862-1936) (Wie die radikale Frauenrechtelei Chronik schreibt, Die Neue Zeit 20/2, 1901-1902, 292-300, hier 294). Zweitens veränderte sich langsam die rechtliche Stellung von Frauen. Bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches 1900 war es Frauen untersagt, ohne Genehmigung ihres Ehemannes Mitglied einer Konsumgenossenschaft zu werden (Erwerb der Mitgliedschaft eines Konsumvereins durch Ehefrauen, Wochenbericht der Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine (WGEG) 7, 1900, Nr. 24, 4-5; Nr. 25, 5). Konsumgenossenschafter insbesondere in Sachsen wollten dies nicht wahrhaben, doch Gerichtsurteile bestätigten die Zulassung (Die Gleichheit 12, 1902, 23). Damit bot sich zumindest die Chance, eigene Anliegen bei Mitgliedsversammlungen anzusprechen und gar durchzusetzen. Drittens gab es Anregungen von anderen, ausländischen Konsumgenossenschaften. England war europaweit führend, hier hatte sich bereits 1883 eine Frauen-Genossenschaftsgilde gegründet. Schottland folgte 1892. Auch in Belgien, ebenfalls Vorreiter sowohl der Industrialisierung als auch der Genossenschaftsbewegung, wurde 1900 in Antwerpen ein Genossenschafts-Frauenbund etabliert. Heinrich Kaufmann hatte dies begrüßt, wollte aber nicht selbst aktiv werden: „Da schon heute bei uns eine ganze Anzahl hervorragender Frauen eifrige Förderinnen der Genossenschaftsbewegung sind, so kann es doch an geeigneten Personen für eine thatkräftige Initiative nicht fehlen. Jedenfalls muss die Sache von den Frauen selbst in die Hand genommen werden“ (Eine Frauen-Propaganda-Vereinigung für Genossenschaftswesen in den Niederlanden, WGEG 7, 1900, Nr. 40, 8). Im von ihm herausgegebenen Wochenbericht der Großeinkaufsgesellschaft richtete er parallel schon eine Rubrik „Genossenschaftliche Beteiligung der Frauen“ ein.

Viertens stimmte man in einer wachsenden Zahl der männlich dominierten Konsumgenossenschaften darin überein, dass ohne die aktive Mithilfe der Frauen der rasche Aufschwung von Mitgliederzahlen und Umsatz ins Stocken geraten könnte. Wachstum aber schien wichtig, um die Bewegung zu stärken, eine Bewegung, die unter wachsendem Druck stand. Die neuen „Arbeiterkonsumgenossenschaften“ betonten zwar ihre parteipolitische und weltanschauliche Neutralität und wurden von der SPD-Führung nach wie vor als revisionistische Kräfte kritisiert, doch faktisch gab es eine gewisse Sozialdemokratisierung. Die Konsumgenossenschaften standen zugleich unter Druck ihrer Wettbewerber, vor allem mittelständischer Kleinhändler, die staatlichen Schutz verlangten und für Sondersteuern agitierten. Der Allgemeine Verband beschirmte lange Zeit, doch die beherzte Aufbauarbeit der „Arbeiterkonsumgenossenschaften“ der sog. Hamburger Richtung stieß zunehmend auf interne Kritik durch Produktions- und Agrargenossenschaften. 1902 kam es zum Bruch, zahlreiche Konsumgenossenschaften wurden aus dem Allgemeinen Verband ausgeschlossen, noch mehr folgten freiwillig. 1903 schlossen sich diese im Zentralverband Deutscher Konsumvereine zusammen, der zum Erfolg verdammt war, wollte er seine ökonomische Handlungsfähigkeit und öffentliche Stellung zumindest behaupten oder gar ausbauen. Ohne Mithilfe der Frauen schien dies nicht möglich.

Die Gründung des Frauen-Genossenschaftsblattes

Gleichwohl, die Frauen preschten nicht voran. Die durch die Gründung der Hamburger „Produktion“ ausgelöste Debatte über den Stellenwert der Genossenschaften innerhalb der Sozialdemokratie mündete in eher allgemeines Fahrwasser: Es ging nicht um Männer und/oder Frauen, sondern um die praktische Verbesserung der Lebensbedingungen des Proletariats, um geschlechtslose Zwischenorgane auf dem langen Weg zur Überwindung des Kapitalismus – so gleichermaßen männliche und weibliche Diskutanten (Gertrud David, Die Konsumgenossenschaft und die sozialistische Theorie, Sozialistische Monatshefte 5, 1899, 112-118; Dies., Die Bedeutung der Konsumgenossenschaft für die wirthschaftliche Entwickelung, ebd., 167-177). Die Konsumgenossenschafter waren in den Augen sozialdemokratischer Revisionisten allerdings eine Avantgarde, just weil sie sich zurücknehmen konnten und bereit waren, kurzfristige materielle Vorteile zugunsten des Aufbaus einer alternativen Einkaufs- und Produktionswelt zurückzustellen: „In den Konsumvereinsläden verkehrt der geistig regsamste Teil unserer Arbeiterschaft“ (Kobelt, Die Konsumvereine im Dienste der Volksbildung, WGEG 8, 1901, 598). Diesen Idealismus galt es für einen gleichsam namenlosen Aufbau zu nutzen: „Das ist das schönste Amt der Geister, / Daß jeder als ein kleiner Meister, / Fürs große Allgemeine wirkt“ (Konsumgenossenschaftliche Rundschau (KR) 4, 1907, 146). Konsumgenossenschafter waren demnach wie Frauen: Selbstverleugnung war ihre Tugend.

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Helma Steinbach und Heinrich Kaufmann (Die Produktion in Hamburg, Hamburg 1924, 136 (l.); Heinrich Kaufmann, Die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine […], Hamburg 1919, Bildanhang, s.p.)

Praktiker verwiesen dagegen auf die durchaus andere „Realität“: Von hundert Mitgliedern, hieß es in Momenten gedrückter Laune, seien 99 Krämer und nur ein Genossenschafter (Joseph Cernesson, Die genossenschaftliche Erziehung, WGEG 8, 1901, 322-323, hier 322). Doch derartige, primär an materiellen Vorteilen interessierte „Realität“ galt es zu zwingen: Ziel müsse es sein, nicht nur Mitglieder zu gewinnen, sondern diese in Genossenschafter zu verwandeln. Diese Meinung teilten auch Frauen. Helma Steinbach, Mitgründerin und Aufsichtsratsmitglied der „Produktion“, benannte selbstkritisch das Problem: „Wenn heute die Konsumvereine noch nicht überall auf der Höhe stehen, auf der sie stehen sollen, so ist es dem Umstande zuzuschreiben, dass die Frau den Wert der Konsumvereine vielfach noch nicht begriffen hat. […] Im Interesse der Frauen vor allen Dingen liegt die Förderung der Konsumenten-Organisationen, denn die Frauen sind es, die den Hausstand führen und mit ihren Mitteln zu rechnen haben. Vom Standpunkte der Frau darf nichts geschehen, was die Entwicklung der Konsumvereine hemmt.“ Hier wurde ihre Rede auf dem Kreuznacher Genossenschaftstag vom Gelächter männlicher Vertreter der Kreditgenossenschaften unterbrochen. Steinbach setzte fort, wurde dann jedoch niedergeschrien. Mäßigungsforderungen überging der befrackte Mob, denn, so ein wahrer Herr, sie sei „keine Dame, sondern eine Sozialdemokratin“ (Der 43. Allgemeine Genossenschaftstag in Kreuznach, WGEG 9, 1902, 768-779, hier 773).

In diesem Klima der Zurückweisung und des Pöbelns schritten dennoch Männer voran, um eine konsumgenossenschaftliche Zeitschrift für Frauen zu schaffen. Heinrich Kaufmann hatte entgegen seines Verweises auf die Frauen einen ausgefeilten Plan vorgelegt und zur Diskussion gestellt. Agitation, nicht Produktwerbung, schien ihm die Kernaufgabe für das weitere Wachstum zu sein. Diese dürfe jedoch nicht nur bei Leitungskadern stehen bleiben: „Für die Allgemein-Agitation muss ein billiges, gern gelesenes und gutes Massen-Organ geschaffen werden. Dasselbe wird sich vor allen Dingen an die Frauen, als die eigentlichen Trägerinnen der Konsumgenossenschaftsbewegung zu wenden haben. Die Frauen sind es, die für die Konsumgenossenschaftsbewegung nicht bloss materiell, sondern auch ideell gewonnen werden müssen. Die Frauen sind es, welche die Einkäufe machen, welche sich die Mühe geben müssen, in die Verkaufsstellen zu kommen. Nur wenn wir die Frauen gewinnen, können wir den Durchschnittsumsatz, den Umsatz in den Verkaufsstellen und damit die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Vereine steigern. Die ideell für die Sache begeisterten und aufgeklärten Frauen sind zugleich die besten und erfolgreichsten Agitatorinnen für die Idee der Konsumgenossenschaftsbewegung. Das zu schaffende Massenorgan muss ein Frauen-Genossenschaftsblatt sein“ (Heinrich Kauffmann, Ein Frauen-Genossenschaftsblatt für die deutschen Konsumvereine, WGEG 8, 1901, 729-730, hier 729 (auch für das folgende Zitat)). Der Aufbau des neuen Organs folgte dem gängiger bürgerlicher Hausfrauenzeitschriften, der Inhalt aber sollte ein anderer sein: Zu Beginn ein genossenschaftlicher Artikel, ein Fortsetzungsroman, Fallstudien aus der konsumgenossenschaftlichen Praxis, Novellen, Gedichte, etwas Kunst, Gemeinnütziges, Lustiges, Rätselhaftes, Spielerisches und dann noch etwas Genossenschaftliches. „Ein solches im genossenschaftlichen Geiste geleitetes Frauen- und Familienblatt (im besten Sinne des Wortes) würde von den Frauen gelesen werden, es würde ihr Blatt sein, sie würden demselben im reichsten Masse ihr Interesse zuwenden. Selbstverständlich würden für die genossenschaftlichen, litterarischen und praktischen Abteilungen des Blattes erste Kräfte als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu gewinnen sein. Für die Frauen unseres Volkes ist das beste nicht zu gut.“

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Parallele Anstrengung: Titelvignette des Schweizer „Genossenschaftlichen Volksblattes“ (Genossenschaftliches Volksblatt 1, 1902, Nr. 2, 1)

Kaufmanns Vorstoß erfolgte in einem Umfeld allgemeiner Bewegung. Zum einen war man im Ausland bereits vorangegangen. In der Schweiz sollte ab Anfang 1902 alle 14 Tage ein populäres „Genossenschaftliches Volksblatt“ in einer Auflage von 40.000 Exemplaren erscheinen (Das »Genossenschaftliche Volksblatt«, das Organ des Verbandes Schweizerischer Konsumvereine, WGEG 9, 1902, 191). Wie im Deutschen Reich ergänzte es die 1901 in „Der Schweizerische Konsum-Verein“ umbenannte Fachzeitschrift „Correspondenzblatt des Verbandes schweizerischer Konsumvereine“. Das neue Volksblatt enthielt einen „Sprechsaal für die Hausfrauen“ und gewann rasch an Auflage und Bedeutung. Als Coopzeitung ist sie heute das reichweitenstärkste Periodikum in der Schweiz. Wichtiger noch dürften die lokalen und regionalen Bestrebungen deutscher Konsumgenossenschaften gewesen sein. In Leipzig wurde schon seit Jahren über ein Informations- und Agitationsblatt für Mitglieder und Interessierte diskutiert. In Hamburg publizierte die „Produktion“ seit 1901 vierseitige „Genossenschaftliche Mitteilungen“. Noch waren diese frühen Kundenzeitungen lediglich eine Mischung aus Preislisten, Bekanntmachungen und Mitteilungen, doch mehr schien möglich. Für die Leitung der Konsumgenossenschaften war dies Hoffnungsschein und Warnzeichen zugleich: Kräftezersplitterung drohte, ein zentrales Blatt schien im Sinne einer einheitlichen Bewegung erforderlich.

Kernproblem blieb jedoch die Finanzierung der „Herausgabe eines 8seitigen, halbmonatlich erscheinenden Frauengenossenschaftsblattes im »Jugend« Format“ (Kauffmann, Frauen-Genossenschaftsblatt, 1901, 729). Als Verkaufszeitschrift wäre die Auflage angesichts der begrenzten Kaufkraft der Mitglieder viel zu niedrig gewesen, wie etwa die sozialdemokratischen Frauenzeitungen „Die Gleichheit“ oder „Arbeiterinnen-Zeitung“ unterstrichen. Gewiss, es gab damals enorm erfolgreiche Illustrierte, etwa „Die Woche“ oder „Illustrirte Zeitung“, doch deren Anzeigeneinkünfte waren nicht nur aufgrund der relativen Werbeabstinenz der Konsumgenossenschaften undenkbar. Erfolgreiche Frauenzeitungen, etwa „Der Bazar“ oder aber „Vobachs Frauen- und Modenzeitung“ zielten auf ein zahlungskräftigeres mittelständisches Klientel, dessen Interessen und Sorgen doch deutlich andere waren.

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Für den bürgerlichen Haushalt: Titelvignette einer gängigen Hausfrauen-Zeitung der Jahrhundertwende (Das Blatt der Hausfrau 11, 1909, H. 8, 173)

Entsprechend entschied man sich bei der Großeinkaufsgesellschaft für eine von den lokalen Konsumgenossenschaften zu bezahlende Gratiszeitschrift für Mitglieder. Die Rechnung war einfach: Die Kosten würden bei etwa 0,1% bis 0,15% des Umsatzes liegen, doch diese Investition sich rasch amortisieren, wenn der Umsatz pro Leser erwartungsgemäß ansteigen würde. Im Interesse der lokalen Genossenschaften optierte man nicht für ein überall identisches Druckorgan, sondern für eine Mantellösung. Die abonnierenden Einzelvereine hatten die letzte Seite auf Selbstkostenbasis zur freien Verfügung, konnten dergestalt Preislisten, Ankündigungen oder Nachrichten zielgenau für ihre Mitglieder einbinden. Eine Werbezeitung mit Niveau, lokal gefärbt: So war das Angebot.

Es folgte eine reichsweite Werbung für den Plan – und die Resonanz war großenteils positiv. Zusagen wurden gemacht, eine Auflage von 90.000 Exemplaren war nach kurzer Zeit gesichert. Anfang 1902 entschloss sich der Aufsichtsrat der Hamburger Großeinkaufsgesellschaft zur Tat, zur Herausgabe des Frauen-Genossenschaftsblattes in einer Auflage von mindestens 100.000 Exemplaren (Die Herausgabe des Frauen-Genossenschaftsblattes, WGEG 9, 1902, 27). Für die Leitungskader war dies eine wichtige Wegmarke hin zu einer besseren, gerechteren Gesellschaft: „Mit unseren Augen sehen wir hier das Wachsen und Werden einer neuen volkswirtschaftlichen Organisation. Wir sehen, wie sich Knospe an Knospe, Zweig an Zweig fügt, wir sehen die innere Notwendigkeit und Gesetzmässigkeit des volkswirtschaftlichen Werdens in gleicher Weise, wie wir in der Natur die wunderbare Gesetzmässigkeit in dem Aufbau der organischen Wesen bewundern“ (Heinrich Kauffmann, Die Grosseinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine im Jahre 1901, WGEG 9, 1902, 282-284, 302-304, hier 282).

05_Wochen-Bericht der Grosseinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine_08_1901_p773_Frauengenossenschaftsblatt_Konsumgenossenschaften

Selbstermunterung in der Konsumvereinspresse (WGEG 8, 1901, 773)

Der Ankündigung folgte obligate Zustimmung in den Publikationen der Großeinkaufsgesellschaft. Landwirtschaftliche Genossenschaften begrüßten derart rührige genossenschaftliche Agitation (Das Frauen-Genossenschaftsblatt und die landwirtschaftliche Genossenschaftsbewegung, WGEG 9, 1902, 9). Der Heidelberger Genossenschafter und Nationalökonom Max May hoffte auf rasches Wachstum, gar auf eine künftige „Millionenauflage“ (Max May, Propaganda für Konsumvereine, WGEG 9, 1902, 42-43, hier 43). Dazu müsse man die Zeitschrift allerdings weiter verbreiten, sie in Wirtschaften und Lesezimmern auslegen, der Allgemeinheit zugänglich machen. Auch der SPD-Reichstagsabgeordnete Heinrich Pëus (1862-1937) – der 1925 zusammen mit dem DDP-Oberbürgermeister Fritz Hesse (1881-1973) die Übersiedlung des Bauhauses nach Dessau ermöglichen sollte – begrüßte das Frauen-Genossenschaftsblatt „mit tausend Freuden“ (Konsumvereine und Lokalpresse. (Eine bescheidene Antwort.), WGEG 9, 1902, 128-129, hier 129). Doch warnend fügte er hinzu, dass der Ausbau einer konsumgenossenschaftlichen Presse nicht dazu führen dürfe, deren Anliegen in der Lokalpresse zu vernachlässigen, sich also von der Allgemeinheit säulenhaft abzuschotten. Generell dominierte die Freude über „einen beispiellosen Erfolg der deutschen Konsumgenossenschaftsbewegung“ (WGEG 9, 1902, 26). Anfang April hatten 127 Vereine 120.000 Stück geordert, die Druckauflage der ersten Ausgabe betrug stattliche 153.000 Exemplare.

Die imaginierte Hausfrau und Konsumentin

Bevor wir näher auf den Inhalt und die weitere Entwicklung des Frauen-Genossenschaftsblattes eingehen, gilt es die damaligen Vorstellungen von Hausfrauen und Konsumentinnen in der Sozialdemokratie und der Konsumgenossenschaftsbewegung kurz zu beleuchten. Dazu fehlt Forschung (zu Österreich vgl. Andrea Ellmeier, Handel mit der Zukunft. Zur Geschlechterpolitik der Konsumgenossenschaften, L‘Homme 6, 1995, 62-77, insb. 66, mit Schwerpunkt auf den späten 1920er Jahren), im Gegensatz etwa zur objektiv recht unbedeutenden bürgerlichen Konsumentenbewegung. Festzuhalten ist, dass aus Sicht der Genossen erstens Klassengegensätze generell dominierten. Solidarität unter Frauen oder auch nur deren einheitliche Interessenartikulation waren in einer kapitalistischen Gesellschaft daher kaum möglich. Die Unterdrückung der Arbeiterfrau war auch eine Unterdrückung durch bürgerliche Hausfrauen, die breit diskutierte Ausbeutung von Dienstbotinnen schien dafür ein beredtes Menetekel.

Zweitens aber dominierte produktivistisches Denken: Frauen wurden als tätig, als schaffend angesehen, weit erhoben von der allein konsumierenden bürgerlichen Hausfrau: „Das Kapitalistenweib ist etwas Ueberflüssiges im Vergleich zur Bürgerin der ‚guten alten Zeit.‘ Damals, als die Produktion für den Hausbedarf wesentlich häusliche Produktion war, hatte das Eheweib einen wirthschaftlichen Zweck, nämlich den, diese Produktion zu leisten oder wenigstens zu leiten. Aber heute, in dem Zeitalter der Bäcker-, Butter-, Schlächter-, Wurst-, Kolonialwaaren-, Posamenten- und Kleiderläden, heute, wo es für die wohlsituirte Hausfrau nichts zu backen, zu buttern, zu schlachten, zu wursten, zu spinnen, zu weben und zu schneidern giebt, und wo das Bischen, was von häuslicher Produktion übrig geblieben ist, von Köchinnen, Stubenmädchen, Wäscherinnen, Plätterinnen und Schneiderinnen besorgt wird, heute, wo die ‚höhere Tochter‘ ‚j’aime‘ und ‚es‘, Kunstgeschichte und Erüden, Mythologie und Komplimentirbuch zu studiren hat – heute ist die ‚Hausfrau‘ in wirthschaftlicher Hinsicht ziemlich überflüssig, und dies am meisten in der wohlhabenden Welt“ (Sozialistische Spaziergänge, Berliner Volks-Tribüne 1890, Nr. 19 v. 5. Mai, 5-6, hier 5). Die Arbeiterfrau war dagegen weiterhin produktiv, nicht nur aufgrund der vorrangig diskutierten außerhäuslichen Erwerbsarbeit, erforderlich aufgrund der vermeintlich üblichen Hungerlöhne der männlichen Familienernährer. Sie hatte zudem mit dem wenigen umzugehen, daraus das Beste zu machen. Arbeiterhaushalte waren daher Leidensgemeinschaften: „An jedem Talerstück, das in dem Geldbeutel der Hausfrau kommt, hängt Schweiß und Blut des Mannes, hängt alles, was die kapitalistische Ausbeutung an ihm sündigt. Und an jedem Zehner, der aus dem Haushalt geht, hängt die Mühe und Sorge der Frau, und was sie leiden und entbehren muß, dank der heutigen Ordnung oder richtigen Unordnung“ (Wilh[elm] Bechstein, Aus der Bewegung, Die Gleichheit 16, 1905, 94).

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Der Konsumverein als Schutz vor kapitalistischen Profitjägern (FGBl 1, 1902, 106)

Drittens verdichteten Konsumgenossenschafter diese unterschiedlichen (und doch ähnlichen) Unterdrückungserfahrungen von Männern und Frauen in die Idee einer doppelten Ausbeutung, wie sie ja sowohl im marxistischen als auch im liberalen Denken seit langem diskutiert worden war: Als Verkäufer der Ware Arbeitskraft wurden sie ebenso ausgebeutet wie als Käufer von Waren. Vereinzelt waren sie dagegen schutzlos, den Marktmechanismen als Produzent und als Konsument ausgeliefert. Erst Kollektivorganisationen der Schwachen konnten Abhilfe schaffen: „Gerade so gut, wie der Arbeiter durch Gewerkschaften zu Disziplin und Solidarität erzogen wird, muß er durch Genossenschaften zur Erkenntnis und zur Vertretung seiner Interessen als Konsument erzogen werden. […] Konsumenten-Erziehung – so heißt die Parole der Gegenwart!“ (Franz Laufkötter, Konsumentenerziehung, KR 3, 1906, 223-224)

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Der ausgebeutete Konsument (FGBl 1, 1902, 105)

Viertens stand hinter dieser Parole die Vorstellung von der Arbeiterfrau als konsumtives Mängelwesen. Ebenso wie sich die Männer in der Produktionssphäre durch tradierte Vorstellungen von Arbeitsehre, handwerklicher Schaffenskraft und vermeintlich gleichlaufenden Interessen von Unternehmern und Arbeiterschaft vom Kern des Klassenkonfliktes abbringen ließen, ließen sich Frauen im Konsumsektor darüber hinwegtäuschen, dass auch die Händler primär Ausbeuter waren. Konsum war ein Ringen um knappe Ressourcen. Darüber durfte Reklame, durfte die Umgarnung durch beredte Kleinhändler/innen und abhängige Verkäufer/innen nicht hinwegtäuschen. Getragen von vielfach auch antisemitisch konnotierten Vorstellungen von Ausbeutung auf der gesamten Wertschöpfungskette, schien ein Bruch mit der kapitalistischen Wirtschaft erforderlich. Das unterschied die engagierten Konsumgenossenschafter von der damals sich langsam entwickelnden bürgerlichen Konsumentenbewegung. Deren Ziel war die Versittlichung des Konsums, nicht aber der Aufbau einer konsumtiven Gegenwelt. Gewiss, damit konnten begrenzte Verbesserungen erzielt werden, seien es Sitzgelegenheiten für Verkäuferinnen in den Läden, seien es verbesserte Arbeitsbedingungen für Heimarbeiterinnen (Julie Eichholz, Die Genossenschaftsbewegung und die Frauen, Neues Frauenleben 16, 1904, Nr. 12, 12-15; Gabriele Werner, Konsumenten-Moral, ebd. 18, 1906, Nr. 6, 5-14). Doch derartige Fürsorge – so die Kritik – sei vorrangig Ausdruck moraltriefender Selbstbeweihräucherung des Bürgertums, richte sie sich doch nur auf Symptome der Ausbeutung, nicht aber auf deren Ursachen.

Die Vorstellung der (Arbeiter-)Frau als konsumtives Mängelwesen wurde fünftens jedoch mit dem Aufbauwerk der Konsumgenossenschaften verbunden, denn nur so war sie wirkmächtig, nicht denunzierend. Das erforderte Erziehungsarbeit einer Avantgarde, denn die objektiven Lebensumstände standen reflektiertem Erkennen und Handeln entgegen: „Die Arbeiterfrau hat für ihre Wirtschaft in der Regel wenig Zeit. Gleich dem Manne steht sie mitten im Erwerbsleben. Sie muß mitkämpfen im Kampf um Brot, das schmale Einkommen zu erhöhen. Von früh bis spät muß sie sorgen und schaffen, der Haushalt wird so gut oder schlecht es eben geht, ‚nebenbei‘ im Fluge besorgt. Müde und abgehetzt kommt sie mittags auf ein paar Minuten in die Küche, um rasch in atemloser Hast das Mittagsmahl herzurichten“ (Das Dörrgemüse, Frauen-Genossenschaftsblatt (FGBl) 2, 1903, 189-190, hier 190). Die beklagte Rückständigkeit der Frauen war also erklärbar, folgerte aus ihrer Doppelbelastung und ihrer doppelten Ausbeutung. Just diese Rückständigkeit galt es zu durchbrechen. Die Nationalökonomin Henriette Fürth (1861-1938) – sozialdemokratische Propagandistin einer einheitlichen, nicht in Arbeiterinnen und Bürgerliche getrennten Frauenbewegung – plädierte entsprechend für Realismus, für eine Konsumentinnenerziehung, die persönlichen Nutzen und gesellschaftliche Fortentwicklung miteinander verband: „Sagt uns denn nicht das kleinste Nachdenken, daß eine Vereinigung, die keinen privaten Nutzen herauswirtschaften, sondern nur im Interesse der Vereinigten selbst tätig sein will, unbedingt leistungsfähiger ist als der privatwirtschaftende Krämer, der dazu nicht selten durch Zahlungsschwierigkeiten mannigfacher Art beim Einkauf gehemmt ist? […] Die einsichtige Hausfrau muß sich darüber klar sein, daß der Großeinkauf unendliche Vorteile bietet gegenüber der Erstehung in kleinen und kleinsten Quantitäten, und nichts anderes als Großeinkauf der Kleinen, als die zusammengefaßte Macht der wirtschaftlich Schwachen ist der Konsumverein“ (Henriette Fürth, Konstituierender Genossenschaftstag in Dresden, Die Gleichheit 13, 1903, 100-101, hier 101).

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Sehnsucht nach Ruhe und Zwang zum Handeln: Titelvignette (FGBl 1, 1902, 81)

Doch wie aus der Begrenztheit kurzfristiger Nutzenkalküle hinauskommen, wie die Tür hin zur langfristig erstrebenswerten Gemeinwirtschaft öffnen? Das Frauen-Genossenschaftsblattes sollte hierauf eine Antwort geben. Wie in der allgemeinen konsumgenossenschaftlichen Agitation vertraute man auf eine Mischung von volkswirtschaftlicher Aufklärung einerseits, der Moralisierung des alltäglichen Einkaufs anderseits. Dazu hielt man den Käufern, hielt auch der Organisation selbst einen Spiegel vor: Kritisiert wurde „gieriges Haschen nach Überschüssen, die sogenannte Dividendenjägerei“, da derartiger Eigennutz Kapitalismus in Reinkultur sei. Das galt auch für Konsumvereine, die „sich als Arbeitgeber schäbigster Art beweisen und durch unwürdige Lohn- und Arbeitsbedingungen die Überschüsse in die Höhe zu treiben“ (Simon Katzenstein, Die Konsumgenossenschaft als wirtschaftliches Erziehungsmittel, Die Gleichheit 16, 1906, 8-9, hier 9 (beide Zitate)) versuchten. Kontrastiert wurde dies mit einer licht ausgemalten konsumtiven Gegenwelt, getragen von Flaggenbegriffen wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Würde. All dies war ernst gemeint, doch die Genossenschafter wussten zugleich um die konstitutive Kraft ökonomischer Gesetzmäßigkeiten. Das Frauen-Genossenschaftsblatt wollte aufklären und unterhalten, anregen und die Sinne weiten. Ökonomisch aber war es Teil des wirtschaftlichen Ausbaus der konsumgenossenschaftlichen Organisation, war PR und zwingend gebotene Intensivierung: „Sehr wenige Hausfrauen erzielen im Konsumverein einen Umsatz von mehr als 200 bis 300 Mark im Jahre. Fast jede aber könnte, wenn sie wirklich alle Bedarfsartikel im Konsumverein einkaufen würde, einen Umsatz von 400 bis 600 Mark erzielen, also ihren Umsatz verdoppeln. Eine Verdoppelung des Umsatzes hat denselben Effekt, wie eine Verdoppelung der Mitgliederzahl und würde eine gewaltige Erhöhung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Konsumvereine bedeuten“ (Heinrich Kaufmann, Die Ueberlegenheit der Konsumvereine, FGBl 2, 1903, 161-162, hier 161).

Struktur und Mitarbeiter des Frauen-Genossenschaftsblattes

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Werbung für die Zeitschriften der GEG durch eine Berliner Konsumgenossenschaft (Vorwärts 1902, Nr. 229 v. 1. Oktober, 7)

„Das treffliche Frauen-Genossenschaftsblatt“ (Zürcher Wochen-Chronik 1904, Nr. 34 v. 20. August, 269) besaß eine klare, jede Ausgabe prägende Struktur und ein einheitliches Erscheinungsbild. Die Zeitschrift war illustriert, doch keine Illustrierte. Sie enthielt Graphiken und Zeichnungen, nicht aber Photographien. Zugleich fehlten Werbeanzeigen, zumindest solche für nicht konsumgenossenschaftliche Waren. Damit distanzierte man sich auch von dem Schweizer „Genossenschaftlichen Volksblatt“, das seit Anfang 1903 Anzeigen auch der privatwirtschaftlichen Konkurrenz schaltete (Genossenschaftliches Volksblatt 2, 1903, Nr. 3, s.p. (3)).

Das Frauen-Genossenschaftsblatt wies Nummer für Nummer gleichbleibende Rubriken auf. Am Anfang stand erstens ein einführender Artikel erzieherischen oder aber agitatorischen Charakters. War dieser kürzer, also nur eine Seite lang, so wurde er häufig ergänzt durch einen weiteren kurzen Artikel über konsumgenossenschaftliche Themen. Die Leitartikel erläuterten, benannten, boten Informationen, waren jedoch durchweg aus Sicht der Leitungskader geschrieben. Diskussionen erfolgten nicht, wenngleich eine belesene Zeitgenossin die Artikel gewiss in den damaligen Diskussionskontext hätte einbetten können. Die einführenden Artikel präsentierten die große Welt und die kleine Aufbauarbeit aus Sicht der Konsumgenossenschaften. Sie boten Lesarten an, grenzten sich ab von den Anwürfen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegenspieler, insbesondere mittelständischen Einzelhändlern, aber auch den großkapitalistischen Antipoden, etwa den Warenhäusern oder aber Filialbetrieben. Derartige Deutungen sollten natürlich den Einkauf auf die eigenen Geschäfte lenken, sollten Argumente für Debatten auch des Alltags liefern. Wichtig war aber zugleich eine Horizonterweiterung: Stolz auf die eigenen Einrichtungen war allgegenwärtig, die Leserin konnte sich als Teil einer Heilsbewegung verstehen. Dazu dienten nicht nur Zeichnungen von Zentralen und Geschäften konsumgenossenschaftlicher Betriebe, sondern auch biographische Verweise. Rollenvorbilder wurden präsentiert, darunter sehr selten auch Frauen. Das waren säkularisierte Heilsgeschichten voller Bekennermut und Glaubensfestigkeit.

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Vorbilder: William Maxwell (1841-1929), führender Repräsentant der Scottish Co-operative Wholesale Society (FGBl 3, 1904, 45) und die Genossenschafterin und Schriftstellerin Adele Gerhard (FGBl 1, 1902, 5)

Es folgten zweitens Erzählungen. Meist handelte es sich um Fortsetzungsgeschichten, nicht allzu lang, nicht allzu schwer. Klassische Autoren dominierten, solche des 19. Jahrhunderts, keine Revolutionäre. Die Erzählungen waren meist konkret, naturalistische Darstellungen dominierten, Herz-Schmerz war seltene Ausnahme. Sozialdemokratischen Autoren bot man ein Forum, etwa dem Dichter und Schriftsteller Ludwig Lessen (1873-1943). Für eine reichsweit vertriebene Zeitschrift war zudem bemerkenswert, dass norddeutsche Autoren, wie etwa Timm Kröger (1844-1918), überdurchschnittlich zu Worte kamen. Auch ausländische Autoren band man ein, etwa den französischen Dramatiker Leon Xanrof (1867-1953) oder den spätere Literaturnobelpreisträger Henrik Pontoppidan (1857-1943). Autorinnen waren Ausnahmen, beispielsweise Margarethe Wolff-Meder und Elisabeth Fischer-Markgraff. Insgesamt boten die Erzählungen durchaus Erbauung, hoben sich jedoch von den Kolportageträumen bürgerlicher Hausfrauen- und Familienzeitschriften ab. Man setzte auf Bildungsgut literarischer Art. Die Konsumgenossenschaften verstanden sich als Bildungsbewegung, Gedichte und Aphorismen fanden sich auch im Geschäftsbetrieb der Genossenschaftstage und Kaderpublikationen. Spezifisch weibliche Themen – wenn es diese in einer konsumtiven Emanzipationsbewegung denn geben sollte – wurden jedoch nicht behandelt.

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Populäre Stoffe, keine revolutionäre Literatur: Weihnachtsangebot an die Leserinnen (FGBl 5, 1906, 167)

Der Literatur folgten drittens Nachrichten aus den Konsumgenossenschaften. Dabei handelte es sich häufig um Berichte aus einzelnen Genossenschaften, insbesondere aus Mitteldeutschland. Auch hier ging es um Vorbilder, um einen realen Abglanz des Erstrebten. Dabei blickten die Autoren wieder und wieder über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus. Die Schweiz galt als Land des pragmatisch Machbaren, das eigentliche Vorbild aber bildeten die britischen Konsumgenossenschaften. In England und auch in Schottland waren eben schon Teile dessen erreicht, was man im Deutschen Reich erst schaffen wollte. Das war gewiss Männerwerk, doch die Fabian Society und insbesondere die Sozialreformatorin und Konsumvereinstheoretikerin Beatrice Webb (1858-1943) wurden immer wieder erwähnt.

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Vorbild Großbritannien: Konsumgenossenschaftliche Zentralinstitutionen im englischen Leeds (FGBl 4, 1905, 76)

Erst danach folgte viertens Informatives und Erzieherisches zu Hauswirtschaft, den Kindern oder einzelnen Konsumgütern. Hier deckte sich das Frauen-Genossenschaftsblatt vielfach mit ähnlichen, dann jedoch ausführlicheren Sektionen in bürgerlichen Frauen- und Familienzeitschriften. Der Kindeserziehung wurde viel Platz eingeräumt, reformpädagogisches Denken war gepaart mit Verweisen auf Klassiker wie etwa Karl Friedrich Fröbel (1807-1894) und dessen Onkel Friedrich Wilhelm August Fröbel (1772-1852). Zugleich informierte man über die verschiedenen Reformbestrebungen der Jahrhundertwende, etwa die vielgestaltige Kleiderreform.

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Alternativen am Leibe: Reformkleidung (FGBl 2, 1903, 133 (l.); ebd. 3, 1904, 109)

Es folgten dann kürzere Sektionen, teils nur eine Spalte lang, stets aber eingeleitet durch einschlägige graphisch gestaltete Rubrikenüberschriften. Da gab es fünftens die genossenschaftliche Übersicht, vornehmlich Jahresbilanzen und Nachrichten aus den verschiedenen Kämpfen der Konsumgenossenschaftsbewegung. Dies diente der Information, auch der Benennung der Gegner. Zugleich bestärkte die Rubrik die Grundhaltung, Kämpferin für eine gute Sache zu sein, sich gegen die alltägliche Ungerechtigkeit mit dem Einkaufskorb unterm Arm wenden zu können. Sechstens folgte die Rubrik Rezepte und hauswirtschaftliche Winke, die überraschend kurz ausfiel, nur etwa fünf Speisen pro Ausgabe behandelte. Dabei dominierten einfache und schnell zuzubereitende Gerichte. Die Rezepte enthielten kaum Produktwerbung, gewiss auch Reflex des noch nicht weit ausgebildeten Eigenmarkenangebots der Konsumgenossenschaften. Vereinzelt wurden allerdings die Grenzen zur Privatwirtschaft durchbrochen, etwa bei Verweis auf die Küchenhelfer von Maggi (FGBl 2, 1903, 167). Auch hier vermittelte man der arbeitenden Hausfrau praktische Kenntnisse, etwa durch Hinweise auf preiswerte Kochkisten, mit denen sie ein vorgekochtes Gericht kostengünstig weiterkochen lassen konnte. Dass dabei ein Großteil der Vitamine zerstört wurde war damals noch nicht bekannt.

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Hauswirtschaftliche Erläuterungen: Vorstellung der Kochkiste (FGBl 5, 1906, 60)

Es folgten siebtens die Rubriken Rätsel und Scherze, die kurzweilige Ablenkung boten, und achtens vermischte Nachrichten. Dabei mag man ursprünglich an ein Forum auch für Leserinnen gedacht haben, doch zunehmend handelte es sich um Informationen der Redaktion über verschiedene konsumgenossenschaftliche Themen.

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Rubrikenüberschriften (FGBl 1, 1902, 7)

Die letzte, die achte Seite blieb der lokalen Konsumgenossenschaft vorbehalten und diente der Information der Mitglieder. Wurde es nicht genutzt, so wurden vermischte Nachrichten ergänzt.

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Beispiel für die Werbeseite der abonnierenden Konsumgenossenschaften (FGBl 1, 1902, 16)

Fasst man zusammen, so verband das Frauen-Genossenschaftsblatt eine dezidiert institutionelle Perspektive mit der Lebenswelt ordentlicher Arbeiterinnen. Es zielte nicht auf Proletarierinnen, nicht auf revolutionäre, sondern auf evolutionäre Veränderungen. Es war Teil und Ausdruck des sozialen Aufstieges hunderttausender Arbeiter und Arbeiterinnen, nutzte liberale und bürgerliche Elemente, ging aber nicht vollends in Theoremen der Verbürgerlichung auf. Das Frauen-Genossenschaftsblatt war ein Versuch, die männliche Welt der konsumgenossenschaftlichen Organisationen mit der Lebenswelt der Hausfrauen zu verbinden. Das gelang nur teilweise, denn der erzieherisch-fordernde Charakter der Artikel gewann im Laufe der Jahre an Bedeutung, während der Umfang konkreter Hilfestellungen für den Haushalt tendenziell abnahm. Diese bedingte Vermännlichung des Inhalts spiegelte sich auch in den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Frauen-Genossenschaftsblattes.

Neben Heinrich Kaufmann, dem verantwortlichen Redakteur und regelmäßigen Artikelschreiber prägte vor allem der Hamburger Maler Heinrich Rudolph das Blatt, schuf er doch eine bei anderen Zeitschriften sehr seltene Einheitlichkeit des Frauen-Genossenschaftsblattes. Das betraf nicht allein die jeweils variierten Titelvignetten, die Rubrikenüberschriften und stimmungsvolle Zeichnungen. Angesiedelt zwischen Naturalismus und Jugendstil schuf Rudolph eine idealisierte Traumwelt mit Natur und Frauengestalten, mit Versatzstücken von Märchen und Landschaftsmalerei. Kurzum, hier wurde der Idealismus der Konsumvereinsbewegung visuell gebannt. Rudolph prägte zudem viele Druckwerke der Verlagsanstalt des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine(KR 1, 1904, 825), seien es deren Preislisten oder aber die erste Selbstdarstellung der Großeinkaufsgesellschaft.

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Ein anderes Leben: Titelvignette (FGBl 4, 1905, 41)

Die große Mehrzahl der Mitarbeiter waren Männer. Dabei handelte es sich zumeist um Genossenschafter, etwa den Sozialphilosophen Franz Staudinger (1849-1921), den Schweizer Konsumgenossenschaftstheoretiker Hans Müller (1867-1950), den Heidelberger Kaufmann Max May oder den Journalisten Martin Krolik. Hinzu kamen sozialdemokratische und gewerkschaftliche Vertreter, etwa Emil Krause (1870-1943), Franz Laufkötter (1857-1925) oder Heinrich Pëus. Zu nennen sind ferner Schriftsteller und Dichter, etwa Georg Breuker (1876-1964) oder Ernst Lime (d.i. Emil Utitz, 1883-1956). Weitere Namen wäre zu nennen – Johannes Ernst, Heinrich Hinze, G. Jährig, P. Straelen, E. Wetzleben –, doch diese sagen nur noch Spezialisten etwas. Das gilt selbst für den Nationalökonom Reinhold Riehn, damals kampferprobter Streiter für die Konsumgenossenschaften. Alle diese Männer verkörperten pragmatische Reformpolitik, angesiedelt im weiten Bereich zwischen Liberalismus und Sozialismus. Das galt auch für den Architekten und Kunsttheoretiker Paul Schultze-Naumburg (1869-1949), unabhängig von seiner späteren Wendung zum Völkisch-Nationalen und zum Nationalsozialismus. Summa summarum war dies eine ausdrucksstarke Gruppe, die für 10 Pfennig Zeilengeld und mögliche Extrahonorare Artikel beisteuerte (Blaetter für die gesamten Staatswissenschaften 4, 1908, 126). Einige der Konsumgenossenschafter waren auch fest beschäftigt, wenngleich eher beim Wochenbericht der Großeinkaufsgesellschaft bzw. dessen 1904 gestarteten Nachfolger Konsumgenossenschaftliche Rundschau.

Und wo waren die Frauen im Frauen-Genossenschaftsblatt? Nun, es gab sie. Und mit Gertrud David, Henriette Fürth und Fanny Imle schrieben zu Beginn wahrlich führende Genossenschafterinnen einzelne Artikel. Doch nach etwa einem Jahr wurden Autorinnen Ausnahmen. Zu erwähnen sind Alice Matz, die Frauenrechtlerin Auguste Staudinger (1852-1944) sowie vor allem die Hamburger Schriftstellerin Marie Bessmertny (1854-1934), deren Ideal der Frau jedoch just aus Schillers „Lied von der Glocke“ stammte (FGBl 3, 1904, 46). Damit lag der Autorinnenanteil des Frauen-Genossenschaftsblattes deutlich unter dem bürgerlicher und konfessionell gebundener Frauen- und Hauswirtschaftszeitungen. Das Frauen-Genossenschaftsblatt war als Blatt für Frauen gedacht, doch es wurde vorrangig von Männern geschrieben.

Frauen-Genossenschaftsblatt und Arbeiterpresse

Die konsumgenossenschaftliche Melange traf keineswegs auf allgemeine Unterstützung. Widerstand kam nicht zuletzt von den vermeintlichen Bundesgenossen in der SPD. Die Sozialdemokratisierung der im Zentralverband organisierten Konsumgenossenschaften darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter dem breiten Deckmantel der SPD sehr heterogene Kräfte gärten, die durch die Parteiführung um August Bebel (1840-1913) nur mühsam zusammengehalten wurden. Die erst 1910 erfolgte parteiamtliche Anerkennung der Konsumgenossenschaften als eine Säule der Arbeiterbewegung überrascht daher nicht. Gerade in Sachsen wurde das rote Banner der Revolution hoch gehalten. Unbedingte Sozialisten hielten den Aposteln des Genossenschaftswesens Versimpelung und Verflachung der marxistischen Theorie vor: „Damit vernichten sie oder erschweren wenigstens ganz ungemein die mühsame Arbeit der Aufklärung, welche die Partei seit Jahrzehnten mit langsamem, aber schönem Erfolge betreibt; damit hindern sie die Arbeit, welche die Erkenntnis der wirklichen Ursachen der sozialen Krankheit zum Ziele hat; damit rücken sie von den Bestrebungen ab, die Krankheit zu heilen, und kehren wieder zum bloßen Herumkurieren an Symptomen zurück, vom sozialistischen Standpunkt zum liberalen. […] So können diese Lehren mit ihrer selbstgefälligen Hervorkehrung des sogenannten ‚praktischen‘ Standpunktes, mit ihrer ostentativen Verachtung aller gründlicheren theoretischen Durchbildung allerdings dazu führen, die Arbeitermassen vom Sozialismus ab und einem halben, schwächlichen Reformismus zuzuwenden“ (Ueber Genossenschaftswesen, Leipziger Volkszeitung 1902, Nr. 177 v. 4. August, 1-2, hier 2). Zeithistorisch mochte derartige Radikalität nachvollziehbar sein, denn während SPD-Kandidaten 1898 die große Mehrzahl der Reichstagssitze in Sachsen gewonnen hatten, verloren sie aufgrund des zuvor verschärften Dreiklassenwahlrechtes 1901 ihr einziges Mandat in der 2. Kammer der sächsischen Ständeversammlung. Gut-Böse-Schemata dominierten, schlossen die „Hamburger Neutralität“ aus, mochte diese auch aufgrund des Genossenschaftsgesetzes erforderlich sein. Die Vorwürfe waren hart und zermürbend: Konsumgenossenschaften seien profitorientierte Unternehmen, deren einziger Vorteil für die Proletarier etwas preisgünstigere Lebensmittel seien. Ein utopisch-emanzipatorisches Ziel wurde verneint, die Druckwerke des Zentralverbandes galten als „verdummend“ und gegen die „Aufklärungsarbeit der Partei“ (Ueber Genossenschaftswesen, Leipziger Volkszeitung 1902, Extraausgabe v. 19. November, 1-2, hier 1) gerichtet. Doch es kam noch ärger, hieß es doch zum Frauen-Genossenschaftsblatt: „»Die prächtige Gelegenheit, proletarische Literatur unter die Arbeiterfrauen zu bringen, wird der krämerhaften Rücksicht, möglichst viel Frauen zu gewinnen, geopfert. – Die Konsumvereine sind ebensowenig sozialdemokratische Einrichtungen als diese Sorte Literatur sozialdemokratischen Charakters ist«“ (zit. n. Arno Pfütze-Grottewitz, Konsumvereine und Detailhandel im Königreich Sachsen, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 64, 1908, 346-367, hier 366, Fußnote 1). Doch diese in Selbstbezüglichkeit geflüchtete sächsische SPD konnte weder das rasche Wachstum gerade der sächsischen Konsumvereine bremsen, noch die Aufwärtsentwicklung des Zentralverbandes.

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Die Fülle der Natur: Titelvignette (FGBl 2, 1903, 83)

Stattdessen stärkte der Zentralverband seine Presse – und damit auch das Frauen-Genossenschaftsblatt – durch die mit Wirkung zum 1. Januar 1904 neu gegründete Verlagsanstalt des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine von Heinrich Kaufmann & Co. Dabei handelte es sich um eine offene Handelsgesellschaft, deren Gewinne ein wichtiger Faktor für die Fortentwicklung des Zentralverbandes wurden. Die Verlagsanstalt nutzte auch die Gewinne aus dem Vertrieb des Frauen-Genossenschaftsblattes für weitere Agitation mit anderen Medien und Mitteln (Paul Mombert, Die Konsumvereinsbewegung in Deutschland, Badener Zeitung 1907, Nr. 7 v. 23. Januar, 4). Gleichwohl blieb die Auflagenentwicklung hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück. Regelmäßig wurden die Vereine aufgefordert mehr als das eine ihnen zustehende Freiexemplar zu beziehen. Hundert Stück kosteten lediglich 1,25 M, und mittlere Vereine wie die in Hohenmölsen und Ilmenau nahmen 1000, der Konsumverein Meuselwitz gar 1200 Exemplare ab (KR 1, 1904, 481).

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Demokratisierung des Konsums: Genossenschaftliches Kaufhaus im sächsischen Schedewitz (FGBl 1, 1902, 125)

Diese relative Gleichgültigkeit in vielen Konsumgenossenschaften führte zu selbstkritischen Rückfragen. Gertrud David veröffentlichte 1905 eine stark nachgefragte Agitationsbroschüre für Arbeiterfrauen, in der sie einen Bogen von der Lebenssituation der Arbeiterin, den Zielen und Zwecken der Bewegung hin zur moralischen Verpflichtung zum treuen Einkauf spannte (Was bietet der Konsumverein der Arbeiterfrau?, Hamburg 1905 – Neuauflage ab 1909 unter dem bezeichnenden Titel Was bietet der Konsumverein der Hausfrau?). Franz Staudinger entwickelte daraus konkrete Rückfragen, die auch an seine Bemühungen im Frauen-Genossenschaftsblatt anknüpften, nämlich ob „die Sprache zu schwierig war, ob auf kurzem Raum zu viel zusammengedrängt wurde“. David habe sich für „die größte Kürze, die sorgsamste Auswahl des leichtverständlichen Stoffes und Gedankenzusammenhanges und die einfachste Darstellungsart“ entschieden. Sollte Arbeit, Leben und Konsum wirklich in leichter Sprache fassbar sei? Staudinger nahm stattdessen auch die Männer in die Pflicht, die mit ihren Frauen über die Verbindung von Konsum- und Arbeitssphäre reden sollten: „Der Riesenbaum der Gleichgültigkeit fällt noch weniger als andere auf einen Streich.“ (F[ranz] Staudinger, Was bietet der Konsumverein der Arbeiterfrau? Ein Werbebüchlein für die Frauen, KR 2, 1905, 1166-1167, hier 1166). Die Konsumgenossenschaften aber befanden sich in einer Zwickmühle, denn mit agitatorisch gebotener Vereinfachung wäre die Kritik theoretisch geschulter Marxisten wieder stärker geworden. Sie zielten daher eher auf direkte Aktionen, die Werbung vor Ort, das Gespräch mit dem Nachbarn, der Nachbarin – und die Überzeugungskraft von Waren und Preisen. All das wirkte, doch zugleich wurde die beschränkte Schlagkraft des Frauen-Genossenschaftsblattes deutlich.

Wirkungen des Frauen-Genossenschaftsblattes

Diese beschränkte Schlagkraft resultierte erst einmal aus der nur langsamen Steigerung der Auflage. Gewiss, eine Druckauflage von 153.000 Exemplaren beim Start einer Zeitschrift war außergewöhnlich, doch die Zukunftserwartungen waren entsprechend. Von 1902 bis 1907 stieg die Zahl der fest abonnierten Blätter um fast 50% von 115.000 auf 171.682, doch dies entsprach lediglich dem Wachstum der Konsumvereinsmitglieder.

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Fest abonnierte Auflage des Frauen-Genossenschaftsblattes 1902-1907 (zusammengest. n. Spiekermann, 1995, 162)

Trotz steter Werbung und regelmäßigen Ermahnungen durch die Verbandsspitze konnte der Quotient zwischen Auflage und Mitgliederzahl reichsweit nicht gesteigert werden. Er betrug 1903 23%, d.h. eine Zeitschrift für jedes vierte Mitglied, erreichte 1906 mit 25% einen Höchstwert, um 1907 mit 22,5% unter den Ausgangswert zu sinken. Da Einzelabonnements trotz niedriger Bezugspreise eher selten waren, hing der Bezug von den Leitungen der einzelnen Konsumgenossenschaften ab – und die blieben in ihrer Mehrzahl zurückhaltend. Anfang 1903 orderten lediglich 300 Vereine das Frauen-Genossenschaftsblatt, 1904 270, 1905 dann 258 und 1906 schließlich 309 (Jahrbuch des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine 1, 1903, 163; ebd. 5, 1907, T. 1, 172). In der Mehrzahl der Konsumgenossenschaften war das Frauen-Genossenschaftsblatt demnach nicht verfügbar.

Die Auflage stieg zwar, blieb jedoch hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück, war begrenzt von breiter Ablehnung innerhalb der Konsumgenossenschaftsbewegung. Der hochtönende Idealismus der Anfangszeit wog dadurch noch schwerer, war das Frauen-Genossenschaftsblatt zwar erfolgreich, nicht aber „ein fruchtendes Denkmal genossenschaftlicher Treue“ (FGBl 1, 1902, 6). Die Auflage galt jedoch als Indikator für den Erfolg, wurde von der sozialdemokratischen Presse auch entsprechend präsentiert (Simon Katzenstein, Genossenschaftliche Rundschau, Die Gleichheit 15, 1905, 82-83, hier 82; Gertrud David, Genossenschaftsbewegung, Sozialistische Monatshefte 10, 1906, 337-338, hier 337). Die Kraft einer unaufhaltsam wachsenden Bewegung konnte am Frauen-Genossenschaftsblatt aber nicht wirklich festgemacht werden. Entsprechend unterblieben die anfänglich gestreuten Erfolgsnachrichten bald, nach denen das Gewicht der 1902 erschienenen Ausgaben 33 Tonnen betragen und alle Seiten eine Linie von Hamburg bis nach Mailand ergäben hätten (FGBl 2, 1903, 23). Für derartige Tonnenideologie fehlte der begeisterte Widerhall.

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Deutsche Vorzeigekonsumgenossenschaft: Zentrale von „Vorwärts“ Dresden (FGBl 3, 1904, 21)

Welche Wirkung billigte man dem Frauen-Genossenschaftsblatt dennoch zu? Es galt vorrangig als Agitationsinstrument, sollte das ideelle Moment stärken und die Einkaufstat anregen: „Die Frauen müssen für die Konsumgenossenschaftsbewegung geistig interessiert werden, dieselbe muss ein fester Bestandteil ihres täglichen Gedankenkreises und ein liebes Gesprächsthema werden. Wenn das der Fall ist, dann stellt auch die »Bedenksamkeit« sich mehr und mehr ein, und die Herren Geschäftsführer unserer Vereine werden mit vergnügtem Schmunzeln steigende Ziffern des Durchschnittsumsatzes in ihren Jahresberichten feststellen“ (Heinrich Kauffmann, Zur Agitation für Konsumvereine, WGEG 7, 1900, Nr. 21, 2-3, hier 2). Neben derartige Intensivierung trat jedoch auch die Mitgliederwerbung, also die Extensivierung. Das Frauen-Genossenschaftsblatt war ein Werbemittel, sollte die Bewegung repräsentieren, sie attraktiv erscheinen lassen (Heinrich Kaufmann, Die deutsche Konsumgenossenschaftsbewegung im Jahre 1904, KR 1, 1904, 1390-1392, hier 1391). Diese doppelte Zielsetzung wurde auch seitens der bürgerlichen Frauenbewegung geteilt (Dokumente der Frau 6, 1901/02, Nr. 18 v. 15.12., 520), die zugleich die politische und religiöse Neutralität hervorhob und weitergehende „Kunstfragen und Arbeiten künstlerischer Natur“ (Dokumente der Frauen 7, 1902/03, Nr. 1 v. 1. April, 19).

Innerhalb der Konsumgenossenschaftsbewegung galt es zugleich aber auch als Abwehrinstrument, mit dem man der Agitation der Gegner trotzen, den Verlockungen der Einzelhändler begegnen konnte: „Es ist den Verwaltungen der Konsumvereine nicht möglich, alle die auf die Genossenschaften niederhagelnden Angriffe einzeln zu widerlegen, weil sie dazu die Zeit nicht haben und ihnen oft auch eine Zeitung am betreffenden Orte nicht zur Verfügung steht. […] Darum kann es den Verwaltungen der Konsumvereine nicht dringend genug empfohlen werden, über das gerade zum Zwecke der Konsumentenerziehung geschaffene Organ, das ‚Frauen-Genossenschaftsblatt des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine‘, einzuführen und an die Mitglieder der Vereine zu verteilen“ (Systematische Konsumentenerziehung, KR 1, 1904, 1371-1372, hier 1372). Dies schien auch deshalb wichtig, da viele Konsumgenossenschaften – im Gegensatz zu den Einzelhändlern – keine Anzeigen in den lokalen Tageszeitungen schalteten, und ihre Argumente daher geringen publizistischen Widerhall erzeugten (Max May, Wie ist die Presse für die Konsumvereine nutzbar zu machen?, KR 2, 1905, 1355-1356). Diese Abwehraufgabe betraf die Frauen in besonderem Maße, denn „gerade unsere Frauen bedürfen der Schulung, Aufklärung und Aufmunterung gegenüber den gegnerischen Einflüssen, denen sie ja am meisten ausgesetzt sind“ (P. Straelen, Praktische Kleinarbeit, KR 3, 1906, 3-5, 28-29, hier 4). Das Frauen-Genossenschaftsblatt war damit auch männlicher Schutz von Frauen in ihrer Sphäre, der der Hauswirtschaft und des Einkaufens.

Wirksam war das Frauen-Genossenschaftsblatt aber auch als eine Nachrichtenbörse abseits des täglichen Einkaufs. Dieser war zwar vom Plausch mit anderen Mitgliedern geprägt, doch schon der eigentliche Einkaufsakt kündete nicht von der Größe der Genossenschaft, sondern diente dem raschen Abarbeiten des eigenen Einkaufszettels. Der Eintritt in eine Konsumgenossenschaft erfolgte vielfach aufgrund der günstigeren Preise, der jährlichen Rückvergütung und des lokalen Arbeitermilieus. Die den Leitungskadern vorschwebende Binnenwelt der Genossenschaften blieb unbekannt, wurde im Alltag auch wenig thematisiert. Das galt beispielsweise für die ausgeprägte Sprachpolitik. Schon „Rückvergütung“ ersetzte den ehedem gängigen, jedoch „kapitalistischen“ Begriff der „Dividende“. Der „Laden“ wurde „Abgabestelle“ genannt, „Gewinn“ mutierte zu „Ersparnis“. Dutzende Begriffe des Geschäftslebens wurden so umdefiniert, viele erfolgreich, manche erfolglos (etwa „Schaffner“ und „Schaffnerin“ anstelle von „Verkäufer“ und „Verkäuferin“) (KR 2, 1905, 402). Auch im Frauen-Genossenschaftsblatt wurde die konsumgenossenschaftliche Sprache vielfach verwandt, teils auch erläutert, wurde damit den Lesern direkt und indirekt nahegebracht. Die Wirkung derartiger Sprachspiele blieb jedoch begrenzt. Wichtiger waren wohl warenkundliche Hinweise, die innerhalb des Blattes vielfach allgemein gehalten waren. Es ging um Qualitätskriterien, um Maße und Gewichte, um Verpackungen und die Gefahr von Lebensmittelzusätzen. Hinzu kamen Informationen über die Produktwelt der Konsumgenossenschaften, die ja nicht überall gleich war, da ein Großteil der Waren nicht von der GEG geliefert wurde. Die neuen Eigenprodukte wurden vorgestellt, zugleich die Eigenproduktion der Konsumgenossenschaften angeregt. Neben dieser Binnenwelt des Zentralverbandes stand jedoch auch das alltägliche wirtschaftliche Leben, über das die Alltagspresse ja nur rudimentär berichtete: „Viele genossenschaftliche Fragen von großer Wichtigkeit gelangen entweder nicht oder nur teilweise und unvollständig zur Kenntnis unserer Mitglieder: ich erinnere nur an die Steuerfrage, Revisionsverbände, Einkaufsvereinigungen, die allgemeinen Anschläge unserer Gegner, Rabattsparvereine, Dividendenjägerei usw.“ (Math[ias] Pellender, Zur Pressfrage, KR 2, 1905, 402-403, hier 403). Das Frauen-Genossenschaftsblatt bot in diesen Fällen Ordnungswissen, wenngleich es unklar ist, ob diese Rubriken auch gelesen wurden.

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Vorstellung erster Eigenmarken der GEG: Kakao- und Teeverpackungen (FGBl 2, 1903, 6 (l.) und 38)

Doch das Frauen-Genossenschaftsblatt wirkte nicht nur nach innen, sondern ebenso nach außen. Das galt sowohl für die politischen Gegner der Sozialdemokratie als auch für die wirtschaftlichen Wettbewerber der Konsumgenossenschaften. Für Konservative und das Zentrum war die neue Zeitschrift eine Gefahr, Ausdruck der Zersetzung von Staat und Familie: „Nistet sich auf diese Weise die Sozialdemokratie sogar am häuslichen Herde ein, so ist natürlich auch jede Schutzwehr gegen den Einfluß der Sozialdemokratie auf das heranwachsende Geschlecht niedergerissen“ (Die Frau und der Sozialismus, Vorarlberger Volksblatt 1904, Nr. 129 v. 9. Juni, 1). Derartige Ablehnung war aber auch Teil eines Lernprozesses, konstatierte man doch, dass diese an sich feindliche Presse „sehr geschickt geleitet“ (Wirtschaftspolitik der Sozialdemokratie, Leipziger Tageblatt 1903, Nr. 382 v. 30. Juli, 1) sei. So würdigte die zentrumsnahe Leipziger Volkszeitung den „frischeren Zug“ innerhalb der Konsumgenossenschaften seit Gründung des Zentralverbandes 1903, würdigte das Frauen-Genossenschaftsblatt als Teil breiter Bemühungen um weibliche Mitglieder: „Wir meinen, die Detaillisten sollen an diesem Berichte [Jahresbericht des Zentralverbandes, US] nicht achtlos vorübergehen. Er zeigt evident den Vorteil zentralisierter, genossenschaftlicher, zielbewußter Arbeit“ (Der Zentralverband deutscher Konsumvereine, Sächsische Volkszeitung 1905, Nr. 161 v. 17. Juli, 1). Einzelhandelsvertreter beobachteten die neue Zeitschrift in der Tat recht genau, auch wenn sie – spiegelbildlich zu den Konsumgenossenschaften – ihrerseits die „Angriffe“ und die Agitation in den Vordergrund stellten: Heinrich Beythien (1873-1952), Vorsitzender der deutschen Rabattsparvereine, einer Selbsthilfeorganisation gegen Konsumvereine und das „Großkapital“ im Handel, kritisierte das Frauen-Genossenschaftsblatt entsprechend hart: „Dieses Blatt lobt alle Einrichtungen der Konsumvereine über den grünen Klee, während es andererseits an Handel und Gewerbe des Mittelstandes kaum einen guten Faden läßt. Wenn man nicht wüßte, daß die Konsumvereine des Zentralverbandes unter sozialdemokratischer Leitung stehen, dann würde der Ton, der in dem Genossenschaftsblatte angeschlagen wird, es beweisen. Diesen Hetzereien müsse energisch entgegengearbeitet werden“ (5. Verbandstag der Rabatt-Spar-Vereine Deutschlands, Badische Presse 1907, Nr. 338 v. 24. Juli, 1). Abseits derartiger Rhetorik regte er jedoch an, auch seitens der Rabattsparvereine eine entsprechende Zeitschrift zu gründen. Dies misslang, unterstrich jedoch die Prägewirkung, die das Frauen-Genossenschaftsblatt abseits der Konsumgenossenschaften entfaltete. Auch der Einzelhandel wandte sich nun stärker an die nun langsam wahrgenommenen Kunden. Kundenzeitschriften, vermehrte Werbung und ein verstärkter Zusammenschluss von Einzelhändlern, etwa zu Einkaufsgenossenschaften, waren die Folge. Die Konsumgenossenschaften sollten ihren Vorsprung gegenüber der Konkurrenz jedoch bis weit in die Weimarer Republik zumindest behaupten können. Das lag auch an massiven Fortbildungsbemühungen innerhalb der Organisation, die auch weibliche Mitglieder und Verkäuferinnen umfassten. Es ging eben nicht um die kommerzielle „Verdummung der unteren Volksschichten“ (Otto Lindecke, Genossenschaftliche Erziehungsarbeit in Deutschland und England, KR 1, 1904, 1291-1292, hier 1291), sondern um deren Bildung – auch durch das Frauen-Genossenschaftsblatt.

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Brot, Rosen – und Stiefmütterchen: Titelvignette (FGBl 3, 1904, 121)

Die Frage nach dessen Wirksamkeit muss den Blick schließlich auf die Entwicklung der weiblichen Mitglieder in den Konsumgenossenschaften des Zentralverbandes lenken. In absoluten Zahlen war das Wachstum beträchtlich, stieg von 1903 31.796 Frauen über 1904 67.285, 1905 67.366 und 1906 71.853 auf 1907 91.107 (Jahrbuch des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine 6, 1908, T. 1, 378). Relativ bedeutete dies eine anfangs beträchtliche Steigerung von 6,3% 1903 auf 13,6% 1904. Dann aber sank der Frauenanteil, erreichte 1907 nur 12,3%. Diese Entwicklung resultierte vorrangig aus dem veränderten rechtlichen Rahmen, sodann aus dem Austritt vieler männlicher Unterbeamte und städtischer Angestellter nach der Gründung des „roten“ Zentralverbandes. Die Annahme, dass die höhere Zahl weiblicher Mitglieder auch auf das Frauen-Genossenschaftsblatt zurückzuführen gewesen sei, tritt demgegenüber in den Hintergrund.

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Männliche und weibliche Mitglieder im Zentralverband Deutscher Konsumvereine 1903-1907 (zusammengest. n. Jahrbuch des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine 6, 1908, T. 1, 378)

Das mag allerdings auch mit dem zunehmend realitätsfernen Frauenbild einiger Mitarbeiter zusammenhängen. Aus den selbstbewussten Arbeiterfrauen der Anfangszeit wurden teils betreuungsbedürftige Hausfrauen, die in einer Weise angesprochen wurden, die viel über das patriarchale Denken im späten Kaiserreich aussagt. Ein Beispiel mag genügen: „Siehst Du, liebe Leserin und treue Hausfrau, hier findest Du ein reiches Feld stiller opferfreudiger Agitation. Keine großartigen Aktionen sind es, die Dir hier zugemutet werden, nein, es ist das still im Verborgenen blühende Veilchen treuer Pflichterfüllung, opferfreudiger Erziehung im genossenschaftlichen Geiste, das Du hegen und pflegen sollst am häuslichen Herde, still und unscheinbar, aber darum desso [sic!] wirksamer ist diese Agitation so recht Deinem Wesen angepaßt. Gehe hin und wirke!“ (P. Straelen, Genossenschaftliche Agitation unserer Hausfrauen, FGBl 4, 1906, 42-43, hier 43) Wer so schrieb, schrieb für imaginierte Mütterchen, nicht aber für selbstbewusste Mitstreiterinnen.

Agitation und Frauenfrage: Das Ende des Frauen-Genossenschaftsblattes

Die interne Kritik am Frauen-Genossenschaftsblatt nahm 1905 deutlich zu, intensivierte sich 1906 und auf dem 4. Genossenschaftstag des Zentralverbandes beschloss man am 17. Juni 1907 dessen Ende. Ende? Nun, es sollte verwandelt, als „Konsumgenossenschaftliches Volksblatt“ mit neuer Kraft und anderem Konzept fortgeführt werden. Die Gründe für das Ende des Frauen-Genossenschaftsblattes waren gewiss nicht finanzieller Art, denn die Herausgabe war, zumindest für die 1904 gegründete Verlagsanstalt des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine, profitabel. Die Einnahmen betrugen 1905 46.174,68 M und 1906 49.857,50 M, die Ausgaben 1905 28.634,42 M und 1906 30.758,62 M (Jahrbuch des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine 5, 1907, 176). Für den Gewinn hätte man fast 20.000 Exemplare abonnieren können.

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Des Lebens Kreislauf: Titelvignette (FGBl 1, 1902, 41)

Das Frauen-Genossenschaftsblatt scheiterte vorrangig an den hohen Erwartungen der Leitungskader, denen die lokalen Konsumvereine nicht entsprachen. Die 50-prozentige Steigerung der Auflage schien zu gering, zumal die Art der Verteilung den eigentlichen Auftrag teils ad absurdum führte: „Nicht immer dem eigenen Triebe, sondern vielfach der Not gehorchend, wurden so und so viele hundert oder tausende ‚Frauen-Genossenschaftsblätter‘ bestellt und in die Verkaufsstelle gelegt, wo die schemamäßig in einem wie im anderen Verein an alle verteilt wurden oder liegen blieben, ohne Nutzen gestiftet zu haben, höchstens hin und wieder noch in den Generalversammlungen der Agitation dienend“ (Die Verbreitung des „Konsumgenossenschaftlichen Volksblattes“, KR 4, 1907, 1381). Das Frauen-Genossenschaftsblatt scheiterte demnach an der Gleichgültigkeit bzw. dem moderaten Widerstand in den durchweg von Männern geleiteten Einzelvereinen. Die regionale Verbreitung differenziert dieses Bild, ändert es aber nicht. Demnach lagen die Abonnements vor allen in Brandenburg, Thüringen, Nordwest- und Süddeutschland deutlich unter dem Durchschnitt, während mitteldeutsche, sächsische und rheinisch-westfälischen Konsumgenossenschaften überdurchschnittlich orderten (Jahrbuch des ZDK, 6, 1908, 365). Ein klares Muster ergibt sich hieraus nicht, zu breit war die kaum ausgesprochene Ablehnung durch die lokalen Leitungsgremien.

Sie wollten offenbar eine andere Agitationszeitschrift, in einer neuen Form „als in der jetzigen ausschliesslich auf die Gewinnung der Frauen zugespitzten“ (Gertrud David, Genossenschaftsbewegung, Sozialistische Monatshefte 11, 1907, 488-490, hier 490). Das Frauen-Genossenschaftsblatt schien zu eng angelegt, zu stark geprägt von einer Pionierrolle der einkaufenden Frauen. Sie schien ein Theoriegespinst zu sein, in der sozialen Realität nicht auffindbar. Pointierter formuliert: Das Frauen-Genossenschaftsblatt scheiterte an seiner relativen Modernität, mochte die anfängliche Hinwendung zu den Frauen auch patriarchalisch-gönnerhaft geprägt gewesen sein. Vor diesem Hintergrund war die abnehmende Zahl von Autorinnen und das Vordringen scheinbar überholt-männlicher Geschlechterbilder ein Versuch der Neujustierung angesichts einer unbefriedigenden Resonanz auf Seiten der Arbeiterfrauen.

Das neue „Konsumgenossenschaftliche Volksblatt“ sollte die Belange der Frauen weiterhin berücksichtigen, doch sein Kern die Agitation für die großenteils geschlechtslos gedachten Genossenschaften selbst sein. Angesichts der weiterhin zu erwartenden Gewinne stand eine Einstellung nicht zur Debatte, auch die derweil gewachsene Zahl lokaler Werbe- und Informationsblätter machte eine zentrale Publikation aus Sicht des Zentralverbandes erforderlich. Die Erwartungen an das neue Druckerzeugnis wurden gleichwohl weiter hochgeschraubt, gewissermaßen der moralische Preis für die moderate Kurskorrektur der Genossenschaftsspitze. Heinrich Kaufmann gab als Ziel „mindestens 300.000“ (Jahrbuch des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine 5, 1907, T. 1, 172) Exemplare vor. Ob dies realistisch war, stand 1907 in den Sternen: „Es wird der Versuch zu machen sein, ob sich ein solches Massenorgan bewährt. Ob der Erfolg die eminenten Kosten eines solchen Massenorgans rechtfertigt und ob ein solches Organ die bereits in den verschiedenen Vereinen vorhandenen Vereinsorgane ersetzen kann, bleibt dahingestellt“ (J. Dejung, Der weitere Ausbau der Organisation, KR 4, 1907, 508-509, hier 508).

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Das Element der Bewegung: Zierbordüre (FGBl 6, 1907, 69)

Um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, band man die genossenschaftlichen Revisionsverbände stärker ein, reservierte ihnen pro Ausgabe eine Spalte. Formal sollte sich wenig ändern: Es blieb bei 24 achtseitigen Ausgaben pro Jahr, den lokalen Vereinen wurde bei Interesse weiterhin die letzte Seite zur Verfügung gestellt. Der Neuerscheinung im Januar 1908 ging jedoch eine beispiellose interne Werbekampagne voraus. Eine Probenummer wurde gedruckt und an alle Vereine ohne Abonnement verschickt. Wiederholte Aufforderungen folgten, nun endlich zur Tat zu schreiten. Um die Verweigerer zu überzeugen, wurden gar neuartige statistische Berechnungen durchgeführt, die zeigen sollten, dass Abonnenten des Frauen-Genossenschaftsblattes höhere Umsatzsteigerungen aufzuweisen gehabt hätten als Nichtabonnenten (Rich[ard] Pflug, Abonnieren wir für unsere Mitglieder das „Konsumgenossenschaftliche Volksblatt“?, KR 4, 1907, 1406-1407, hier 1406). Am Ende war die Zahl der abonnierenden Vereine auf 415 gestiegen, also auf einen Anteil von knapp 40%. 198.312 Exemplare waren sicher abonniert, d.h. 22,5% der Einzelmitglieder konnten ein Exemplar erhalten (Jahrbuch des Zentralverbandes Deutscher Konsumvereine 6, 1908, 364). Das war enttäuschend – und ließ grundsätzlichere Fragen nach dem Engagement vor Ort aufkommen.

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Titelinformation des Konsumgenossenschaftlichen Volksblattes (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 1, 1908, 1)

Das neue Agitationsorgan wurde vom Sozialdemokraten August Müller (1873-1946) geleitet, kurz danach Vorstandsmitglied des Zentralverbandes und nach der Novemberrevolution erster Reichswirtschaftsminister (damals Staatssekretär im Reichswirtschaftsamt). Seine programmatischen Worte hoben sich von denen Heinrich Kaufmanns deutlich ab. Dem Frauen-Genossenschaftsblatt billigte er zu, „immer strebend sich bemüht“ (Zum Geleit, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 1, 1908, 1-2, hier 1) und seine begrenzte Mission erfüllt zu haben. Nun aber appellierte er an „die Pflicht, die Einheit des Genossenschaftsgedankens und der Genossenschaftstat zu lehren.“ Es gelte die bestehenden Probleme zu überwinden, „Indolenz und Trägheit, Kleben am Althergebrachten in den Reihen der Konsumenten, gärenden Haß und wütende Feindschaft beim Händlertum, das sich in seinem Anrechte auf ungestörte Ausnutzung der Konsumenten bedroht sieht [… Das Konsumgenossenschaftliche Volksblatt, US] will helfen, die Schar der bereits den Konsumgenossenschaften gewonnenen Mitglieder zu vergrößern, es will zu seinem Teil alles was es mag, dazu beitragen, daß aus organisierten Konsumenten überzeugte Genossenschafter werden, es will die Gegner beobachten, ihre Methoden studieren, ihre Waffen prüfen und Argumente zu ihrer Bekämpfung liefern“ (ebd., 2). Massenagitation war die neue Zielsetzung. Und die Frauen? Man vergaß sie nicht, denn es gab die regelmäßige Kolumne „Unseren Frauen“, in der Haushaltswinke, Rezepte und kleine Artikel dominierten. Der Erfolg blieb anfangs hinter den Erwartungen zurück, doch die wachsende Stärke der Konsumgenossenschaftsbewegung allgemein, des Zentralverbandes im Besonderen, führten schon nach wenigen Jahren zu deutlichem Umsatzwachstum. Das „Konsumgenossenschaftliche Volksblatt“ wurde ein Vorzeigeprojekt der modernen Massenpresse. Doch das ist eine andere Geschichte.

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Das Frauen-Genossenschaftsblatt als Beginn konsumgenossenschaftlicher Massenpresse: Auflagenentwicklung 1902-1932 (zusammengest. n. Spiekermann, 1995, 162)

Eine abgeschlossene Geschichte?

„In Ihrer Hand, geehrte Frau, liegt die Zukunft“ (Kauffmann, Geehrte Frauen, 1902, 2) – von diesem Tenor blieb innerhalb der Konsumgenossenschaftsbewegung wenig erhalten, auch wenn der Frauenanteil an den Mitgliedern auf knapp 20% Ende der 1920er Jahre steigen sollte. Die Konsumgenossenschaften blieben eine patriarchale Organisation, mochte die lokale Genossenschaftskultur auch stark von Frauen geprägt worden sein. Leitungsfunktionen blieben fast durchweg Männern vorbehalten, Heinrich Kaufmanns Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der GEG listete im Bildanhang lediglich Männer auf (Die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine […], Hamburg 1919). Publizistisch wandte man sich von den Arbeiterfrauen ab, beschwor nun die Hausfrauen, deren Stellung tradierte Geschlechterstereotype prägten (viel Freude bei Hans Legi, Meine Frau und der Konsumverein, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 4, 1911, 133 sowie August Metzinger, Die Frau in der Genossenschaft, Der Konsumverein 15, 1922, 33 (der Zeitschrift des zentrumsnahen Reichsverbandes Deutscher Konsumvereine)). Auch Ende der 1920er Jahre lehnte der Zentralverband Doppelmitgliedschaften oder aber die Übertragung der Mitgliedschaft vom Mann auf die Frau, „lediglich um weibliche Mitglieder in den Aufsichtsrat, in die Vertreterversammlung usw. gewählt zu erhalten“ (Robert Schweikart, Das konsumgenossenschaftliche Fortbildungswesen, Jahrbuch des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine 27, 1929, Bd. III, hier 106-114, hier 113) klar ab. Schließlich böten sich der Frau innerhalb der Konsumgenossenschaften genügend Tätigkeitsfelder: „Der Mann ist von Natur aus Träger des Organisationsgedankens, ist Kämpfer, Streiter mit den Widersachern seiner Wirtschafts- und Kulturinteressen. Das ist oft ein unschönes Handwerk, das Ausdauer und starke Nerven erfordert. Die Frau ist die mit Gefühl und Empfindungen ausgestattete Sachwalterin des Haushalts, ist Erzieherin der Kinder, hat auch nicht selten viele hauswirtschaftliche Sorgen zu bannen, und schon darum ist die Zahl der Frauen, die im öffentlichen, auch genossenschaftlichen Leben praktisch mitwirken können, sehr beschränkt. Eine gewisse Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau tut sich da auf, die auch wir respektieren müssen“ (ebd., 114). Die Genossenschaftsidee schien in Gänze vornehmlich Männern zugänglich – daran änderten in den 1920er Jahren auch die zahlreichen Frauenversammlungen und die Gründung einer Frauengilde innerhalb des Zentralverbandes nichts (vgl. Spiekermann, 1995, 174).

Vor diesem Hintergrund markierte das Frauen-Genossenschaftsblatt ein kurzes Zeitfenster des Aufbruchs, mochte es auch patriarchal gedacht gewesen sein. Frauen wurden in ihrer Rolle als Akteurinnen des Konsums angesprochen, ihre aktive Mitarbeit beschworen. Das schuf grundsätzlich Handlungsräume, mochte der Blick primär auf den Konsumvereinsumsatz diese auch beengen. Die ab 1903 sich langsam von der Arbeiterfrau auf die Hausfrau verlagernde Perspektive und die abnehmende Zahl von Mitarbeiterinnen schufen jedoch auch Enttäuschungen. Adele Gerhard wandte sich von den Konsumgenossenschaften ab und widmete sich schon vor ihrem Übertritt zum Protestantismus einer ethischen Kultur, fernab der Enge des Arbeiterinneneinkaufskorbes. Fanny Imle trat 1904 aus der SPD aus, konvertierte zum Katholizismus, promovierte und wurde 1912 Franziskanerin. Die Zahl der vielen unbekannten Konsumgenossenschafterinnen, die über das sich schließende Zeitfenster enttäuscht waren, dürfte deutlich größer geworden sein. Frauen blieben innerhalb der Bewegung zwar die personifizierte Einkaufskraft, doch das blieb eine ebenso inhaltsleere Abstraktion wie etwa der vielbeschworene König Kunde der Privatwirtschaft.

Das Frauen-Genossenschaftsblatt war gewiss keine führende Zeitschrift des Kaiserreichs, doch als populäres Blatt für arbeitende Frauen und Männer war sie einzigartig. Es ging um das Einkaufen für eine bessere Welt, um ein Arbeiten, Leben und Konsumieren, das den hehren Ansprüchen von Gleichheit, Gerechtigkeit und Würde entsprechen sollte. Die damaligen Konsumgenossenschaften standen für einen Aufbruch, der die ökonomischen Kernkonflikte der Gesellschaft noch ernst nahm und zugleich gespeist war von einer Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Sie standen am Anfang einer langen Suche nach einem verantwortbaren moralischen Konsum, der heute gewiss ebenso wichtig ist wie 1902, als Heinrich Kaufmann die Gestaltung der Zukunft in die Hände der Frauen legte.

Uwe Spiekermann, 30. Dezember 2020

Die neue Normalität des Lockdowns – Impressionen aus Hannover

Die seit April 2020 politisch propagierte neue Normalität gewinnt an Kontur: Der nächste, nun „harte“ Lockdown wurde abseits der parlamentarischen Gremien verabredet, wird ohne Landtagsbeschluss ab dem 16. Dezember 2020 auch in Niedersachsen exekutiert. Der „Lockdown light“ hatte zuvor erwartungsgemäß den Anstieg der Infektionszahlen nicht bremsen können, die Todeszahlen stiegen gar steil an.

Entgegen vollmundiger Ankündigungen von Spitzenpolitikern und den Funktionären im Gesundheits- und Pflege-Sektor sind nämlich erstens die „vulnerablen“ Gruppen bis heute nicht geschützt, wurden Schutzmaßnahmen in den vergangenen Monaten sträflich vernachlässigt. Es fehlt an Pflegekräften und medizinischem Personal, es gibt weiterhin Defizite bei Schutzkleidung und hochwertigen Masken. Zweitens wurde die Zeit seit April 2020 nicht dazu genutzt, um eine leistungsfähige Test- und Quarantäneinfrastruktur aufzubauen. Ein valider Überblick über das Infektionsgeschehen fehlt, Infizierte haben keine sicheren Rückzugsräume. Zugleich wächst neuerlich die Isolation der Alten und Kranken, denn wenn Testkits nicht fehlen, mangelt es häufig an Testpersonal. Drittens haben die vielfach widersprüchlichen und willkürlichen staatlichen Maßnahmen die Zustimmung auch zu den unverzichtbaren Hygienemaßnahmen erodiert. Wem die nicht zuständige Kanzlerin täglich Alternativlosigkeit predigt, der wird es irgendwann leid. Die Entscheidungsträger dreschen Schlagzeilen, doch ihre Sprache ist nicht die des Alltags der Bevölkerung, nicht die der kleinen Herausforderungen und Verpflichtungen. Sozialtechnische „Aufklärungskampagnen“ werden dies kaum ändern. Vor diesem dreifachen Hintergrund war der „harte“ Lockdown politisch konsequent. Er ist Ausdruck von Hilflosigkeit, doch er erlaubt das Narrativ, dass die hohen Infektions- und Todeszahlen nicht Folge der eigenen Versäumnisse sind, sondern der Disziplinlosigkeit kleiner, aber großgeredeter Gruppen von „Coronaleugnern“ oder „Impfverweigern“. Feindbilder werden geschürt, während parallel die parlamentarisch-demokratische Struktur unseres Gemeinwesens abgeschliffen wird. All das erfolgt nach Jahrzehnten politisch gewollter und umgesetzter Kommerzialisierung und Zernierung der Gesundheits- und Pflegesysteme.

Doch abseits derart großer Debatten plätschert das einfache Leben dahin. Nachdem ich im März und April schon zweimal mein weiteres Umfeld besucht hatte, um die im öffentlichen Raum der Schaufenster sichtbaren Reaktionen auf den ersten „Lockdown“ und die nach einigen Wochen folgenden „Lockerungen“ einzufangen, bin ich nun wieder losgegangen, um der neuen Härte der staatlichen Maßnahmen im Alltag nachzugehen. Abermals führte mich mein Weg zu einem Teilstück der Hannoveraner Podbielskistraße, abermals bin ich die Fronten der schon zuvor besuchten Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe abgegangen. Wie gingen die Geschäftsleute und die Angestellten mit der neuen Normalität um, wie kommunizierten sie mit ihren Kunden? Welche Unterschiede gab es zum Frühjahr? Mehr als Eindrücke kann ich nicht bieten. Doch angesichts einer sich selbst zurücknehmenden, vielfach auch in Kurzarbeit befindlichen Presse und dem gezielten Rückfahren von „Öffentlichkeit“ sind derart dokumentarische Blicke aus meiner Sicht unabdingbar. Es geht um eine gewisse bürgerliche Öffentlichkeit, Grundelement einer jeden modernen Demokratie.

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Nur der Hund trägt Maske: Straßenbild des Erlaubten

Zwei Punkte prägten den Gesamteindruck: Zum einen war die Zahl der Passanten am späten Samstagnachmittag des 19. Dezember 2020 gering, lag deutlich niedriger als zu früheren vergleichbaren Zeiten. Ältere waren rare Ausnahmen, es dominierten Familien mit Kindern. Zum anderen überraschte, dass Masken kaum getragen wurden: Der Anteil auf der Straße lag bei unter zehn Prozent. Paketboten und Wachleute waren seltene Ausnahmen. Aufgesetzt wurden die durchweg einfachen Masken nur vor dem Gang in Lebensmittelgeschäfte bzw. vor dem Einstieg in die Straßenbahn. Damit genügte man den Vorgaben, der Pflicht, markierte aber auch deren Grenzen. Dass die Masken eine gewisse Schutzwirkung auch im öffentlichen Raum entfalten können, mochte bekannt sein, doch man nutzte Freiräume, schlicht, weil sie bestanden.

Professionalisierung und Ästhetisierung

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Klare Vorgaben, anschaulich in einfacher Sprache präsentiert: Aushänge in einer Apotheke (l.) und einer Bäckerei

Beim Blick in die Schaufenster und Eingangstüren war der Wandel gegenüber März/April 2020 offenkundig: Dominierten damals rasch vor Ort geschriebene Hinweisschilder, die sich teils noch direkt an die Stammkunden richteten, so hatten nun die meisten Geschäfte professionell gestaltete Tafeln mit Verhaltenshinweisen. Sie waren im April Kennzeichen größerer Filialbetriebe, doch derweil hatten die Branchenverbände nachgezogen, etwa der Apotheken oder des Bäckerhandwerks. Dabei handelte es sich natürlich nicht allein um Informationen, sondern um rechtlich verbindliche Vorgaben, die dem Haftungsausschluss dienen und den Einsatz möglicher Zwangsmittel erlauben. Wachpersonal war lediglich bei zwei Filialbetrieben vorhanden, Tafeln ersetzten sie in kleineren Geschäften.

03_Uwe Spiekermann_Corona_Hygieneregeln_Masken_Smiley_Infantilisierung

Die Verkuschelung der Krise: Smileys beim Bäcker (l.) und beim Discounter

Die Bildsprache der Aushänge folgt der gängigen Ästhetisierung und Abstrahierung im kommerziellen Sektor. Neben die konkreten und verbindlichen Anweisungen treten durchweg visualisierte Botschaften, die (noch) leichter verständlich sind, die dem ganzen Krisengeschehen aber auch eine spielerisch-infantile Note geben. Wer Smileys nutzt, kann lächelnd führen, praktiziert Paternalismus der freundlichen Art.

04_Uwe Spiekermann_Corona_Hygieneregeln_Masken

Reduziert zu Piktogrammen: Maskenhinweisschilder

Die Bildsprache reduziert Kunden, Menschen zugleich zu Objekten des von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn beschworenen Pandemieregimes. Entscheidend ist die Maske, nicht der dahinter stehende Mensch. Vielfach verbundenen mit faktisch bedeutungsleeren Höflichkeitsformeln definieren diese Aushänge eine staatlich sanktionierte Pflicht, markieren damit aber auch Räume des bedingten Zwangs, trennen diese von Freiräumen ohne Maskenpflicht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die große Mehrzahl dort keine Masken trägt, mag sie auf den Bürgersteigen auch nah bei anderen sein.

05_Uwe Spiekermann_Corona_Hygieneregeln_Maske_Aushänge

Zwischen Pappdeckelästhetik und Phantasie: Orientierungstafel einer Konditorei (l.) sowie Hinweismaske in einer Eingangstür

Doch in etwa einem Fünftel aller Geschäfte fanden sich andere Kommunikationsformen. Teils griff man dabei – wie zu Beginn der Pandemie – auf ein Blatt Papier oder aber einen Pappdeckel zurück, um die Kunden zu informieren, um den Verkauf vorgabengemäß zu organisieren. Diese Hinweise erfolgten zumeist im Einklang mit der deutschen Schriftsprache. Während in den mehr als 40 von mir im März betrachteten Geschäften Rechtschreibungs- und Zeichensetzungsfehler gängig waren, hat sich deren Zahl nun auf lediglich zwei reduziert. Das hat mit einem generellen Austausch der Benachrichtigungen zu tun, denn nur in einem Kiosk fand ich noch die vor mehr als einem halben Jahr angefertigten Aushänge wieder. Die klar dominierenden professionellen Hinweise wurden zudem nur noch vereinzelt mit Zeichnungen und handschriftlichen Texten ergänzt. Generell zielte die Sprache auf Verbindlichkeit und Eindeutigkeit. Augenzwinkern und intelligenter Humor fehlten, sind diese doch ambivalent, könnten zu Diskussionen führen. Nur in einem kleinen Geschäft waltete ein wenig Phantasie, baumelte in der Eingangstür doch eine Stoffmaske, verwies auf die erforderliche und doch selbstbestimmte Handlung des Einzelnen.

Fehlende Verweise oder vorausgesetztes Wissen um das Nötige

06_Uwe Spiekermann_Corona_Hygieneregeln_Versicherungsagentur

Sie wissen ja gewiss Bescheid: Versicherungsagentur ohne Pandemiehinweise

Dieses allgemeine Wissen um die Krise und den damit verbundenen Einschränkungen und Pflichten führten bei einer Reihe von Dienstleistern aber auch dazu, auf Hinweise generell zu verzichteten. Bildlich ist dies schwierig darzustellen, doch die fehlenden Ausgänge sind Folge wahrlich einer neuen Normalität, in der das Pandemieregime die Handlungen aller auch ohne entsprechende Einforderungen lenkt. Vier entsprechende Geschäfte fielen mir auf – und dieser Anteil dürfte wachsen, sollte es in den nächsten Monaten zu den vielbeschworenen Stop-and-go-Maßnahmen kommen.

Der Umgang mit der Krise und ihren Fährnissen

07_Uwe Spiekermann_Corona_Einzelhandel_Ladenöffnung

Stolze Verkündung: Hinweisschilder von Nicht-Lebensmittelgeschäften

Abseits der allgemeinen Lenkungsaufgaben dürfen die Geschäfte ihre spezielle Situation nicht aus den Augen verlieren. Der Verordnungsstaat versucht zwar, das Handeln der Bürger und der Geschäftsleute möglichst präzise einzuhegen, doch dabei gibt es immer wieder Unklarheiten und Ausnahmen, die es zu nutzen gilt. Während in dem jetzigen Lockdown die zu Beginn noch geöffneten Baumärkte haben schließen müssen, sind andere Branchen diesem Verdikt entgangen. Reinigungen und Drogeriemärkte dürfen beispielsweise öffnen – und verkünden dies gerne dem nicht immer mit den neuesten Verordnungen vertrauten Publikum.

08_Uwe Spiekermann_Corona_Einzelhandel_Gastrononmie_Abholservice_Bringdienst

Neue Arrangements: Eingang zum Abholbereich eines italienischen Restaurants (l.) und gegenüber März professionalisierter Online-Auftritt eines Blumenladens

Ansonsten bietet auch der „harte“ Lockdown Schlupflöcher, meist gewollt, teils aber auch ungewollt. Die Reduktion von Restaurants zu Bringdiensten erlaubt etwa die bedingte Öffnung von Gaststätten zum Abholen vorbestellter Kost. Im März vielfach begonnene Lieferdienste ersetzen Teile des wegbrechenden Ladengeschäfts und ermöglichen virtuellen Einkauf und Einkünfte abseits der Kompensationszahlungen durch den Steuergelder verwaltenden Staat.

09_Uwe Spiekermann_Corona_Einzelhandel_Gastrononmie_Abholservice_Bringdienst

Hilfsmittel: Abholservice eines Blumenladens (l.) und eines chinesischen Restaurants

Derart kontaktarme Geschäftsbeziehungen erlauben kurz vor Weihnachten einigen Geschäften noch einen Rest von Weihnachtsgeschäft, auch um schon eingekaufte Waren nicht durchweg entsorgen zu müssen. Einzelne Betriebe haben die Zwischenzeit zudem genutzt, um Bring- und Abholoptionen auf die Beine zu stellen – so etwa ein chinesisches Restaurant, das im Frühjahr durchweg geschlossen hatte.

10_Uwe Spiekermann_Corona_Masken_Einkaufshilfe

Veränderte Dienstleistungen: Zurückgehende Maskenangebote bzw. reduzierte Einkaufshilfen

Diese Anpassungsfähigkeit im Kleinen führt zugleich zu sich verändernden Angeboten. Während im April die Zahl der Angebote vor Ort hergestellter und verkaufter Masken insbesondere für Änderungsschneidereien neue Geschäftschancen bot, fand ich nun nur noch zwei Anbieter. Einfache Masken sind derweil ohne Probleme zu beziehen, die zunehmend in ihrer Bedeutung erkannten FFP2-Masken erfordern dagegen andere Produktions- und Absatzstrukturen. Auch die im Frühjahr vielfach üblichen Einkaufshilfen bilden nun eine seltene Ausnahme; jedenfalls fand ich nur mehr ein Angebot. Ob dies allerdings heißt, dass derweil der Einkauf der „Risikogruppen“ pandemiegemäß organisiert ist, ist zu bezweifeln.

Stillstand und Ende

11_Uwe Spiekermann_Corona_Gastronomie_Betriebsschließung

Geschlossenes italienisches Restaurant (l.) und Aushang vom Teillockdown eines geschlossenen Bistros

Der politische Umgang mit der Pandemie wird zu massiven Verwerfungen innerhalb von Gastronomie, Einzelhandel und Dienstleitungen führen, auch wenn die Änderungen im Insolvenzrecht und die in Aussicht gestellten „Hilfszahlungen“ deren Ausmaß gegenwärtig überdecken. Von einer massiven (dauerhaften!) Schließung kann bisher aber noch nicht die Rede sein. Dennoch sind die harten Folgen schon jetzt absehbar, etwa bei Restaurants, die seit Frühjahr nicht mehr geöffnet haben und bei Gaststätten, die auch keine Bring- und Abholdienste anbieten.

12_Uwe Spiekermann_Corona_Spielhalle_Betriebsschließung_Lockdown

Eine kleine Geschichte in Aushängen: Öffnung, temporäre Schließung und Schließung einer Spielhalle

Das Auf und Ab der Einschränkungen und Lockerungen zeigt sich nur vereinzelt in den Schaufenstern – hier etwa bei einer Spielhalle. Die fehlende Planbarkeit und die relative Willkür staatlicher Maßnahmen unterminieren jedoch die wirtschaftliche Existenz vieler Anbieter; zumal angesichts einer nach vorne hin offenen Verlängerung des jetzigen „harten“ Lockdowns und der hinter den vollmundigen Ankündigungen deutlich zurückbleibenden Impfanstrengungen.

13_Uwe Spiekermann_Corona_Einzelhandel_Lockdown

Mitte Januar… Wann wird es weitergehen?

Die damit verbundene Zermürbung kommt in den Aushängen kaum zur Sprache, deren Professionalisierung und Ästhetisierung ja immer auch Sprachpflege und -lenkung beinhaltet. Wie schon im März 2020 findet man jedoch nur selten genaue Angaben über die Dauer der Schließung. Daten wie der 10. Januar 2021 werden zur Kenntnis genommen, aber nicht geglaubt.

Die Verkündung der Vorgaben und das Aushandeln ihrer Bedeutung

Die Geschäfte exekutieren durchweg die Vorgaben des Maßnahmenstaates, sind demnach wichtige Mittler- und Umsetzungsinstanzen. In dieser Form wird der Bürger vor Ort mit den Verordnungen konfrontiert, vor Ort muss er diesen folgen. Einschlägige Aushänge sind wohl bedeutsamer als die bisher gelaufenen und die noch kommenden „Aufklärungskampagnen“ mit ihren Kosten im dreistelligen Millionenbereich. Doch die Aushänge der Läden und Geschäfte klären nicht auf, sondern präsentieren Vorgaben und fordern deren Einhaltung. Um auf der sicheren Seite zu sein, verweist man die „lieben Kunden“ auf die große Bandbreite der Einschränkungen. Derartige lange Listen dürften jedoch kaum gelesen werden, sondern die Umsetzung wird im Laden, im direkten Geschäftsbetrieb ausgehandelt.

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Vorgabe erfüllt, mag es auch niemand lesen: Aushang eines Friseursalons (l.) und eines Schönheitssalons

Es handelt sich dabei um rechtstreues Vorgehen, doch das Augenzwinkern derartigen Tuns ist offenkundig. Hier sind die Vorgaben – und dann schauen wir mal. Das mag man kritisieren, doch so sind die Geschäftsleute auf der sicheren Seite, haben zugleich aber die Möglichkeit kundennaher Interpretation der Vorgaben. Es gilt der Aushang, nicht der Inhalt, nicht das epidemiologisch Gebotene. Die Art der Aushänge steht jedoch nicht für sich, sondern sie verweist damit auch auf die fehlende Kommunikationsleistung der politischen Setzungsinstanzen. In der Etappe fügt man sich – und dann schaut man weiter. Überzeugende Pandemiebekämpfung sieht anders aus.

15_Uwe Spiekermann_Corona_Hygieneregeln_Schoenheitsstudio

Die Sonne am Werk: Verblichene Hinweisschilder eines Schönheitssalons

Das Verschwinden von Weihnachten

All diese Entwicklungen kumulieren gegenwärtig im Vorschein des neuerlich geheiligten Weihnachtsfestes. Es ist schon überraschend, dass dieses christliche Hochfest in den Medien und von Politikern derart massiv emotionalisiert wird, denn nur noch 52% der Deutschen sind christlicher Konfession. Der öffentliche politische Diskurs ist säkular geprägt, das Weihnachtsfest seit spätestens dem ausgehenden 19. Jahrhundert kommerziell überformt. Ja, der „harte“ Lockdown erfolgt im Angesicht von mehreren zehntausend Toten – und das ist der wendenden Anstrengung wahrlich wert. Doch der Verweis der katholischen Kirche und kleinerer protestantischer Kreise auf jährlich mehr als hunderttausend Abtreibungen und kaum zu quantifizierende Zahlen allseits hingenommener Vernachlässigungen von Alten, Kranken und Armen gilt gemeinhin als reaktionär und vormodern, bewirkt einzig öffentliche Häme. Christliche Werte nur dann, wenn sie opportun sind, wenn die Krippe lockt. Die Emotionalisierung eines christlichen Festes überdeckt eine Politik ohne Selbstkritik und fundierter, wissenschaftlich begründeter Argumente für die Breite der laufenden Maßnahmen.

16_Uwe Spiekermann_Corona_Weihnachten_Schaufensterdekoration

Erinnerung an Jahresende und Weihnachten: Aushang in einer Metzgerei und Dekoration in einem Fahrradladen

Die Geschäftsinhaber sind da weiter, denn die vielbeschworene Weihnachtsstimmung wurde von ihnen kaum geschürt. Die Melancholie der Krise dominiert. Gewiss, ein Weihnachtsbaum leuchtete im Hinterhof, auch manches Kitschversatzstück zierte die Auslagen. Doch die „Festtage“ standen nicht im Mittelpunkt, sondern die Betriebsamkeit der Grundversorgung und die Nützlichkeit von Ergänzungsangeboten.

17_Uwe Spiekermann_Weihnachten_Weihnachtsbäume

Verkauf von Weihnachtsbäumen – ausgenommen von den Schließungen

Weihnachten mag eine der wenigen noch verbleibenden gesamtgesellschaftlichen Projektionsflächen unserer postmodernen und postsäkularen Gesellschaft sein, teilt dies mit dem Profifußball, über den auch zuschauerlos breit berichtet wird. Im Zwischenraum des alltäglichen Einkaufens ist das Fest zumindest in der Podbielskistraße jedoch kaum präsent, mögen die abgeschlagenen Bäume auch weiterhin Käufer finden.

Eindrücke – oder mehr?

Welchen Reim kann man sich auf all das machen? Allgemeine Aussagen verbieten sich schon aufgrund des Momentcharakters dieser Eindrücke. Das Leben geht offenbar weiter, trotz Pandemie, auch wegen der Pandemie. Zwischen den vermeintlichen Leitungs- und Setzungsinstanzen der Führung an sich reißenden Exekutive und den Mittelinstanzen im Geschäftsleben bestehen jedoch offenkundig tiefe Gräben. Man folgt dem Maßnahmenstaat, denn man muss. Man lamentiert nicht mehr in der Öffentlichkeit, versucht sich zu arrangieren, durchzukommen. Die Krise hat sich eingespielt, die Härten des verordneten Alltags sind allseits präsent, doch noch sind die Verwerfungen gering, bleiben Widerspruch und Verweigerung Ausnahmen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Mehrzahl weiß, dass sie selbst dem pandemischen Imperativ nicht vollends folgt, dass Kompromisse auch ihren Alltag prägen.

Der bisherige Verlauf der Pandemie in den westlichen parlamentarisch-demokratischen Staaten stellt weder der vielbeschworenen Zivilgesellschaft noch den Verantwortlichen in Politik und den Pflege- und Gesundheits-Systemen ein auch nur ausreichendes Zeugnis aus. Es fehlt an Ernsthaftigkeit, an Rücksichtnahme, an Selbstdisziplin – auch und gerade in den Führungskadern. Entgegen der öffentlichen Rhetorik hat man sich mit dem Tod der anderen arrangiert, steuert Mittelwege, ist für wirkliche Umstellungen zu bequem, denn die systemische Logik folgt anderen Imperativen (hierzu fundiert Branko Milanovic, Kapitalismus global. Über die Zukunft des Systems, das die Welt beherrscht, Berlin 2020). Vielleicht sollten wir uns dies zumindest vor Augen führen, bevor die Weihnachtslieder froh erklingen.

Uwe Spiekermann, 21. Dezember 2020

Baumkuchen – Eine Erinnerung

Baumkuchen – Eine Erinnerung? Baumkuchen gibt es doch überall, billig zu kaufen, drei Euro für 400 Gramm, bei Aldi, Edeka und Co. Ja, derartiger „Baumkuchen“ mag den formalen Definitionen entsprechen, mag auch schmecken. Doch er ist nicht mehr als ein billiger Rest vom einstigen „König der Kuchen“. Baumkuchen, so schrieb 1955 der Dichter Gottfried Benn (1886-1956) an den Journalisten Friedrich Sieburg (1893-1964), Baumkuchen sei „das edelste und teuerste Gebäck, das es gibt. Nicht Makronen, nicht Marzipan, sondern dieser weiche, zarte Teig, in dem man so viel Verdecktes und Verstecktes schmeckt“ (zit. n. Die Tat 1967, Nr. 254 v. 28. Oktober, 36). Baumkuchen war nicht standardisiert, war hochwertig und eigenartig; und das nicht nur als Werbeversprechen.

Waren dies Tagträume von Bildungsbürgern, die nach der von ihnen begrüßten NS-Zeit nach einer besseren Vergangenheit Ausschau hielten? Nun, erinnern heißt nicht, sich von Fiktionen einer guten alten Zeit leiten zu lassen, in der edle Konditoren ihrer Aufgabe dienten, zunehmend bedrängt von der billigen Massenware. Es waren vielmehr, so meine These, die Handwerker selbst, die den Weg hin zu dem heutigen Angebot ebneten – auch wenn es erst die technischen, lebensmitteltechnologischen und ökonomischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte waren, durch die „Baumkuchen“ zu einem „demokratisierten“ Massengut wurde. Erinnern wir uns also.

Ein zierendes Prunkstück auf adeliger und bürgerlicher Tafel

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Was ist „Baumkuchen“? Versand- und Konditorware (Neue Freie Presse 1895, Nr. 11207 v. 5. November, 15 (l.); Deutschlands Jubiläumsfirmen. Handelskammerbezirk Plauen, Leipzig 1927, 144)

Wie immer stellt sich dann die Frage, wie weit zurückgehen. Dazu gilt es kurz darüber nachzusinnen, was Baumkuchen war und ist. Der Heidelberger Bäckermeister Fritz Hahn hat in seinen lang zurückreichenden Arbeiten zwei wichtige Punkte hervorgehoben: Der Begriff „Baumkuchen“ leitet sich nicht von dessen Form, gar den ehedem charakteristischen Zacken ab. Es handelt sich vielmehr um einen an einem „Baum“ bei offenem Feuer gebackenen Kuchen, mag dieser auch Bratspieß, Spieß, Prügel, Stange oder Walze genannt worden sein. Diese Art des Backwerks lässt sich – unter anderem Namen – bis in die Antike zurückverfolgen (Fritz Hahn, Vom Brot zum „König der Kuchen“. Skizzen aus der Familienchronik der Baumkuchen, Brot und Gebäck 16, 1962, 232-240; Ders., Die Familie der Baumkuchen, Der Konditormeister 18, 1964, 409-416). Handelte es sich damals noch teils um Brote, entwickelte sich der „Baumkuchen“ erst während der frühen Neuzeit zur Herren- und Prunkspeise. Gerade während des Barocks, seit dem 17. Jahrhundert, finden sich zahlreiche Schautafeln, voller Aufsätze und Zuckerpyramiden, auf denen der Baumkuchen nicht fehlen durfte.

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Beispiel für ein frühes Baumkuchenrezept (Marcus Loofft, Nieder-Sächsisches Koch-Buch […], 3. Ausg., Altona und Lübeck 1758, 430-431)

Doch der „moderne“, also der uns ansatzweise bekannte Baumkuchen, ist eine neuzeitliche Entwicklung. Er ist verbunden mit dem Aufkommen erst des kolonialen Rohr-, dann des einheimischen Rübenzuckers im 18. Jahrhundert. Auf den adeligen Schautafeln wurde Zuckerluxus betrieben, da es sich damals um ein seltenes und teures Süßungsmittel handelte. Das änderte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – und zu dieser Zeit finden sich in den zunehmend produzierten bürgerlichen Kochbüchern regelmäßig auch „Baumkuchen“-Rezepte (vgl. schon George Heinrich Zincken, Allgemeines Oeconomisches Lexicon, Leipzig 1744, Sp. 2773). Ein Beispiel mag genügen, es stammt aus einer der um 1800 recht üblichen Rezeptsammlungen: „Man nimmt zu einem mittelmäßigen Baumkuchen ein Pfund ausgewaschene Butter, rührt sie mit achtzehn Eydottern zu Schaum. Dieß wird mit einem Pfund gestoßenen Zucker, etwas Gewürz, Citronen-Schale und einem Pfund Mehl gut durchgerührt. Ist dieß geschehen, so wird der hölzerne Baum an einen kleinen Bratspieß gesteckt, festgemacht, mit weißem Leinen übernäht an das Feuer gelegt und mit Butter begossen. Daß Weiße von den achtzehn Eyern wird zu Schnee geschlagen und zu dem Teig geführt, der so flüssig wie eine Klare seyn muß. Ist der Baum heiß; so wird er mit der Masse begossen, und so geschwind herumgedreht, daß sie zackig wird und beynahe gahr ist. Dann wird der zweyte, dritte und vierte Guß wiederhohlt, bis die Masse verbraucht ist. Sollte sie am Ende zu dick seyn, so wird ein wenig Sahne nachgegossen. Wenn der Kuchen gahr ist, so kann man ihn mit Zucker bestreuen und diesen am Feuer glacieren. Zuletzt wird er vorsichtig abgenommen und mit Mandelspänen servirt“ (Kochbuch oder meine vieljährigen Erfahrungen wie man gesunde und schmackhafte Speisen bey einer Holz und Kohlen ersparenden Feuerung zubereiten kann, T. 2, Magdeburg 1802, 64-65). Baumkuchen war demnach eine an einer Walze bei offenem Feuer hergestellte Backware aus Sandmasse, aus Eiern, Butter, Mehl, Zucker und einigen Gewürzen – entstanden vor der Zeit der Margarine und des Backpulvers, nach der Zeit des kolonialen Ausgriffs Europas auf die naturalen Rohstoffe der kolonialisierten Welt.

Um 1800 hatte sich das Speisenfeld allerdings bereits aufgefächert, Rezepte für Baumkuchen mit Schokolade und eine Baumtorte folgten dem hier zitierten Hauptrezept. Festzuhalten ist, dass Baumkuchen seit Ende des 18. Jahrhunderts auch abseits der Kochbücher allgemein bekannt war, zumindest im Adel und im Bürgertum (Allgemeine Literatur-Zeitung 1803, Nr. 229 v. 11. August, 334; Zeitung für die elegante Welt 1805, Nr. 145 v. 3. Dezember, Sp. 1158). Die gängigen Werbebotschaften etwa aus Salzwedel, Cottbus oder anderen vermeintlichen Stammorten dieses Kuchens sind also irreführend. Baumkuchen war um 1800 in ganz Norddeutschland bekannt, unter anderem Namen auch in anderen Regionen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Dort sprach man etwa von Spießkuchen, von Stangenkuchen oder, im Duktus der eleganten Welt, von Gâteau-arbreux. Das Aufkommen des Begriffs „Baumkuchen“ gab allerdings schon Hinweise auf dessen Funktion im Mahlzeitensystem: Während tradierte Begriffe mit Stange und Spieß noch auf die häusliche und herrschaftliche Küchenpraxis verwiesen – also dem Backen am offenen Herd –, verwies „Baum“ stärker auf die Schaufunktion des Kuchens, also seine Stellung als Prunkstück auf der adeligen und zunehmend auch bürgerlichen Festtafel. Baumkuchen wurde – so auch die Quintessenz der folgenden Graphik zur relativen Worthäufigkeit – zu einer Karrierespeise des 19. Jahrhunderts, Synonym für eine hochwertige Backware gehobener Kreise.

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Nennungen von „Baumkuchen“ im Textkorpus des Digitalen Wörterbuchs der Deutschen Sprache 1600-1990 (dwds.de)

Baumkuchen war aufwändig herzustellen und bestand aus teuren Zutaten. Er war daher Festspeise, bezeichnete Wohlstand und Stellung. Er verwies zurück auf die Zeit imperialer kaiserlicher Macht: Als Kaiser Leopold I. (1640-1705) 1673 seine zweite Ehe einging, sollen die Tafel nicht weniger als dreißig vergoldete Baumkuchen geziert haben (Reichspost 1932, Nr. 296 v. 23. Oktober, 10). Doch Baumkuchen stand auch für das beginnende bürgerliche Zeitalter: Nachdem 1844 Felix Mendelssohn-Bartholdys Paulus-Oratorium in Berlin aufgeführt war, traf man sich nach Auskunft seiner Schwester Fanny (1805-1847) in dessen Haus zur geselligen Runde, bei „Butterbrod und Baumkuchen und Punsch, und Lustigkeit und viel Thränen, alles durcheinander“ (S[ebastian] Hensel, Die Familie Mendelsohn 1729-1847. Nach Briefen und Tagebüchern, Bd. II, 6. Aufl., Berlin 1888, 340). Baumkuchen verband das Offiziöse, Gestelzte mit dem Persönlichen, Heimischen. Recht viel für „hohe, baumförmige, innen hohle Kuchen, die der Quere nach in flache Scheiben geschnitten werden“ (Am Stammtisch in Swinemünde, Neue Freie Presse 1875, Nr. 3903 v. 8. Juli 1875, 2) – so die etwas nüchterne norddeutsche Beschreibung des vielbeschworenen „Königs der Kuchen“.

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Reklameschilder der Berliner Konditorei Josty mit Baumkuchen, kurz nach 1800 (Zeitbilder 1925, Nr. 5 v. 1. Februar, 1)

Aufkommen der Spezialisten: Baumkuchen als Konditoreiware

Baumkuchen zu backen war kompliziert und aufwändig. Die frühen Kochbücher zielten auf eine gehobene häusliche Küche, doch sie benannten zugleich die Hürden der Praxis: „Obgleich man voraussetzen muß, daß Jeder, der einen Baumkuchen backen will, das Verfahren genau kennt, oder es doch wenigstens mit angesehen hat, ehe er es wagt, diesen König der Backereien ins Leben zu reifen, so ist doch nicht zu bezweifeln, daß sich der unternehmende Sinn der Frauen an dieses Meisterstück wagen wird, ohne meine aufgestellte Voraussetzung zu begründen“ (F[erdinand] V[alentin] Hauptner, Kochbuch für Haushaltungen aller Stände, 2. verb. Aufl., Berlin 1841, 678). Die Kunst lag nicht im einfachen Abbacken in einer Form, sondern im Backen um eine Form herum. Es galt eine Walze in steter Bewegung zu halten, den Teig gleichmäßig aufzutragen und zugleich sicherzustellen, dass er gut verbackte und nicht anbrannte, bevor die nächste Teigschicht aufgetragen wurde. Das machten im Haushalt kaum die vielbesungenen fleißigen Hausfrauen, sondern zumeist Dienstboten – die häusliche Köchin, der herrschaftliche Koch, die angemietete Kochfrau, der hinzugezogene Pâtissier.

Allen gemeinsam war, dass sie im Haushalt an einer offenen Feuerstelle, an einem offenen Herd arbeiteten – und just diese verschwanden Anfang des 19. Jahrhunderts durch die rasche Verbreitung der sog. Sparherde. Auf Basis verbesserter Metallverarbeitung trennten diese die Feuerstelle von der Kochstelle. Holz und zunehmend Kohle verbrannten in einem geschlossenen Unterteil, erhitzten von dort aus die Herdplatten und die darauf stehenden oder eingesetzten Töpfe. Dieser fundamentale Wandel der Speisenzubereitung hatte viele Vorteile, begünstigte die dann üblich werdenden Mehrkomponentenessen. Dem Baumkuchen jedoch entzog diese Kücheninnovation die häusliche Grundlage, waren für dessen Herstellung doch nun gesonderte Apparate und Aufsätze erforderlich. Die Folge war Enthäuslichung: Baumkuchen wurde seit dem frühen 19. Jahrhundert zunehmend von Spezialisten hergestellt, von der aufstrebenden Profession der Konditoren.

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„Schweizer“ Fachkenntnis und Berliner Baumkuchen: Eröffnungsanzeige der Konditorei Louis d’Heureuse (Berlinische Nachrichten 1820, Nr. 33 v. 16. März, 16)

Diese profitierte von der Gewerbefreiheit, die mit den Eroberungen Napoleons und der Einführung französischen Rechts im Westen des 1803 kollabierten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation vordrang. 1810 verkündete auch das verzopfte und geschlagene Königreich Preußen eine allgemeine Gewerbefreiheit, mochte diese auch noch von vielen Kautelen der ständisch-zünftigen Gesellschaft begrenzt worden sein. Diese Freisetzung unternehmerischer Initiative nutzten insbesondere Migranten aus der französischen Schweiz, die in Berlin, zunehmend aber auch in ganz Nord- und Mitteldeutschland eine teils kritisch beäugte „Suprematie“ (Friedrich Sass, Berlin in seiner neuesten Zeit und Entwicklung, Leipzig 1846, 64) erlangten. Die neuen Konditoreien konzentrierten sich vorrangig auf das Ladengeschäft, also auf die Herstellung von Kuchen, Torten, Konfekt, Eis und auch herzhaften Speisen. Sie verstanden sich als Dienstleister für häusliche Feste, gab es doch noch kein breit etabliertes Restaurantwesen, fehlten vielfach öffentliche Säle. Auch die uns heute geläufige enge Verbindung von Ladengeschäft und Cafébetrieb war vielfach noch nicht üblich, wenngleich sich Konditoreien in den größeren Städten, insbesondere aber der preußischen Hauptstadt schon vor der gescheiterten Revolution 1848/49 als „Centralpunkte der Berlinischen Bildung, Oeffentlichkeit und Mündlichkeit“ (Sass, 1846, 52) etablieren konnten. Josty, Spargnapani oder d’Heureuse etablierten Orte der Lektüre und Debatte, waren zugleich aber auch Vorreiter für die Produktion von Baumkuchen, der im ganzen Stück ausgeliefert, im kleinen Anschnitt vor Ort verzehrt werden konnte. Das galt auch für andere Großstädte, etwa Hamburg: „Nach dem neuen Kaffehhause [sic!] von Josty strömt Alt und Jung, um das Auge an dem Glanz der Einrichtung zu weiden und nebenbey dem Gaumen sein bescheidenes Theil in einem Stück Baumkuchen, oder sonst etwas Leckerem zukommen zu lassen“ (Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1832, 95).

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Baumkuchen als Teil des Standardsortiments, hier der Karlsruher Konditorei von Georg Ritzhaupt (Karlsruher Tagblatt 1871, Nr. 281 v. 15. Oktober, 1931)

So wichtig derartige Vorzeigeunternehmen auch waren, so war für die Baumkuchenkultur des 19. Jahrhunderts doch bedeutsamer, dass sich im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts das Netzwerk der Konditoreien zunehmend verdichtete, dass also Konditorengeschäfte in allen Großstädten und einer wachsenden Zahl von Mittelstädten gegründet wurden. Baumkuchen drang so in der Fläche vor, wenngleich der Schwerpunkt in Nord-, Mittel- und Ostdeutschland lag. Dies erst erlaubte seine Etablierung als typische Festspeise bei Hochzeiten oder zu Weihnachten. Zugleich aber gab es auch ein Angebot abseits der kommerziell jeweils unterstützten Saison, erlaubte die Stetigkeit des Ladengeschäftes doch ein kontinuierliches Angebot und auch entsprechenden Verzehr (Magdeburgische Zeitung 1850, Nr. 34 v. 9. Februar, 12).

Die Konditoreien besaßen die produktionstechnischen Voraussetzungen für den komplizierten Baumkuchen, der selbst in Standardlexika dieser Zeit noch mit dem Bratenspieß in Verbindung gebracht wurde (Pierer’s Universal-Lexikon, 4. umgearb. u. stark verm. Aufl., Bd. 2, Altenburg 1857, 430). Konditoreien verwandten um diese Zeit fast durchweg Walzen, während im Haushalt teils noch umwickelte Hölzer zum Einsatz kamen (Ernst Hermann, Neues illustrirtes Recept-Lexicon der Conditorei, Nürnberg 1856, 37). Einen wichtigen Entwicklungsschritt bildeten ab Anfang der 1880er Jahre erste mit Gas betriebene Baumkuchen-Backmaschinen, wenngleich sie erst Mitte der 1890er Jahre technisch ausgereift waren („Koche mit Gas!“ (Schluß.), Düsseldorfer Volksblatt 1894, Nr. 105 v. 21. April, 1-2, hier 2). Nach der Jahrhundertwende gewannen Elektromotoren langsam an Bedeutung, etablierten sich aber erst in der Zwischenkriegszeit. Die Maschinen ermöglichten Arbeitsteilung, denn sie nahmen den Konditoren die mühselige Arbeit des steten Walzendrehens ab, erlaubten die Konzentration auf die Teigarbeit und das folgende Glacieren. Übung und Spezialisierungsvorteile führten zu gut durchbackener und gefälliger Ware, so dass die häusliche Produktion mit der Konditorenware qualitativ kaum mehr mithalten konnte.

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Rationalisierung des Handwerks durch Gasöfen (Dresdner Nachrichten 1881, Nr. 337 v. 3. Dezember, 5)

Hinzu kam eine bessere Ausnutzung der Hitze – es musste lange vorgeheizt werden – und der kostengünstigere Einkauf der Rohmaterialien. Ein normaler Baumkuchen benötigte 20 bis 60 Eier, Gewürze, Mandeln und Makronen, erforderte also eine leistungsfähige Lieferkette (William Löbe (Hg.), Illustrirtes Lexikon der gesammten Wirthschaftskunde, Bd. 1, Leipzig 1853, 210). Besondere Bedeutung hatte zudem die Feuerarbeit. Anfangs nahm man hierfür Holz, Buchenholz, trocken, kleingespalten, in Scheiten von zehn bis zwölf Zentimeter Länge. Es verbrannte ohne größeren Funkenschlag, war zudem frei von geschmacksgefährdenden Harzen. Das Brennholz lag auf einem Rost, Asche konnte nach unten durchfallen. Die Öfen waren zumeist aus Stein gebaut, mit einem Rauchfang versehen, um so den Qualm abzuleiten und Zug zu garantieren. Die Rückenwand war meist gewölbt, sollten die Flammen den Baumkuchen doch vollständig erfassen (Baumkuchen, Weckruf 16, 1929, 301-302, hier 302). Buchenholz hielt sich als Brennmaterial vielfach bis Ende des 19. Jahrhunderts, während sich Koks aufgrund deutlich längerer Vorheizzeiten nur in größeren Betrieben etablieren konnte. Holz wurde in der Regel von Gas abgelöst, denn dieses wirkte unmittelbar, war zudem in Städten relativ preisgünstig.

Die Konditoreien variierten die an sich einfachen Grundrezepte je nach lokalen Vorlieben, insbesondere die Würzung wich um diese Zeit regional noch stark voneinander ab. Zugleich richtete sich die Art der Zutaten nach der jeweiligen Kaufkraft der Kundschaft, war also marktabhängig. Diese Nuancen führen zu durchaus unterschiedlichen Baumkuchenarten, die in Form von „Originalrezepten“ auch schon Mitte des 19. Jahrhunderts vermarktet und angepriesen wurden. Als wacher Geist werden Sie, verehrter Leser, verehrte Leserin, jedoch derartigen Gaukeleinen nicht auf den Leim gehen. Schon die zuvor geschilderten Veränderungen in der Feuerung und der Ofentechnik führten selbst bei gleichen Rezepten zu unterschiedlichen Ergebnissen. Stärker noch variierten die Grundzutaten, wie sie etwa am Beispiel der Geschichte des Deutschen Frischeies einfach nachlesen können. Und auch Mehl und Zucker veränderten sich im 19. Jahrhundert beträchtlich, ebenso in der Folgezeit. Wer von Geheim- oder Originalrezepten spricht, beschwört eine eben nicht reproduzierbare Vergangenheit, um Einkommen zu erzielen.

Blicken wir noch auf die äußere Form der Baumkuchen. Zu unterscheiden waren zwei grundsätzlich unterschiedliche Arten, nämlich die „wilden“ Kuchen und die auf Ringe gebackenen. Bei letzteren wurden in regelmäßigen Abständen von 6 bis 8 Zentimeter Ringe angelegt, ehe anschließend die Masse auf der gesamten Walzenbreite aufgetragen wurde. Das Ergebnis waren kurvige und leichter zu transportierende und zu teilende Baumkuchen. Anders dagegen das zackige „wilde“ Backgut. Hier bestrich man die Walze von Beginn an komplett, ließ dann der Gravitationskraft ihren Lauf (Baumkuchen, 1929, 302). Das Ergebnis war in der Tat Backkunst, denn es bedurfte einer beträchtlichen Erfahrung, um derartig bis zur Verkaufsreife backen zu können. Gegessen wurden dabei erst die Zacken, anschließend konnte der Korpus in die üblichen Ringe zerschnitten werden. Baumkuchen wurden anfangs vornehmlich mit Zucker glaciert, es folgten Glasuren aus Konfitüren, insbesondere von Aprikosen. Schokolierte Kuchen waren schon um 1800 nicht unüblich, doch sie gewannen erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts größere Bedeutung, als die Kakaoimporte zunehmend billiger und die Schokoladeproduktion preiswerter wurde.

Die Konditoren blieben bis spät ins 19. Jahrhundert vorwiegend Ladengeschäfte, stellten Baumkuchen auf Bestellung zu, hatten dafür ansprechende Schachteln aus Pappe. Erst seit Ende der 1920er Jahre wurden Baumkuchenscheiben auch in transparentes Cellophan gepackt, so dass Vorverpackung einfacher möglich war. Dennoch nahm die Bedeutung des Cafégeschäftes tendenziell zu. Baumkuchen wurde verbunden mit dessen öffentlicher, gediegener Kultur; wenngleich recht fern von den Treffpunkten der Künstler, der Avantgarde, oder gar beider. Blicken wir etwa kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges in das altehrwürdige Café Kranzler, spätestens seit dem Umbau in den frühen 1830er Jahren eine Berliner Institution, zudem ein regelmäßiger Baumkuchenspender an Hohenzollern und Wohltätigkeitsbazare: „Tagsüber aber auch noch abends lockt drinnen hinter den niedrigen Spiegelscheiben – den Spiegelscheiben eines einfachen Bürgerhauses – die alabasterfarbene, nur mit leichtem Goldbehang gezierte Kranzlerstube. Man grüßt das Büffet mit seiner süßen, fruchtbunten Schleckerbissenparade und hält sich hinter kleinen Tischen an den dicken, kompakten Baumkuchen, den würdige Kellner – keine wienerischen, überhöflichen Gentlemen, sondern ernste, wortkarge, herablassende Veteranen ihres Handwerks – zu reichen sich herablassen. Draußen das in jeder Sekunde sich auflösende und sich wieder beknotende Kinobild der Straße: drinnen eine gedämpfte, nicht gar zu sehr von Tabak und Alkohol aufgeheizte, sich vielmehr mit Behagen an die süßen Vorräte des Hauses haltende Genußfreude“ (Walter Turszinsky, Von Tortenfabrikanten und Hosenröcken, Prager Tageblatt 1911, Nr. 62 v. 3. März, 1-3, hier 1).

Markterweiterung: Das Aufkommen der Baumkuchenversandgeschäfte

Die neu entstehenden Konditoreien verkauften ihre Produkte aber nicht nur im Café und Ladengeschäft. Die Warenzustellung war üblich, entsprach der Güte der Waren und der Stellung der Käufer. Doch dabei blieb es nicht, blieb glasierter Baumkuchen doch länger saftig. Die auf Ringen gebackene Form besaß zudem transportfähige Rundungen, zerbrach, richtig eingepackt, nur selten. Entsprechend belieferten Konditoren auch Adelshöfe, Unternehmervillen und das Umland, überschritten mit ihren Aktivitäten gar Grenzen von Provinzen und Staaten. Die begrenzten Zollerleichterungen nach Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 halfen dabei ebenso wie verbesserte Droschkenverbindungen und insbesondere das neue Transportmittel Eisenbahn. Baumkuchen war teuer genug, um trotz weiterhin hoher Frachtraten und Zollsätze immer noch gewinnträchtig verkauft zu werden. Und so annoncierte etwa 1844 der Nürnberger Konditor G. Deecke, dass er von „den so beliebten Berliner Baumkuchen“ täglich vorrätig habe und empfahl sie zur geneigten Abnahme (Nürnberger Zeitung 1844, Nr. 13 v. 13. Januar, 4).

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Versand von Berliner Baumkuchen vor dem Entstehen moderner Versandgeschäfte – hier nach München (Allgemeine Zeitung 1860, Nr. 364 v. 29. Dezember, 6036)

Der Baumkuchenabsatz erfolgte jedoch nicht nur über Läden anderer Konditoren und per Frachtversand. Auch der Wander- und Jahrmarkthandel hatte seinen Anteil. Der Wolkensteiner Konditor Julius Gräser annoncierte 1845 etwa „neugebacknem Berliner Baumkuchen“, den er aufgekauft habe, um ihn nun in seiner Bude auf dem Zschopauer Jahrmarkt feilzuhalten (Zschopauer Wochenblatt 1845, 216). Jahrmärkte verloren im 19. Jahrhundert zwar ihre ehedem beträchtliche Bedeutung für die Alltagsversorgung, doch Baumkuchen als Festspeise, als außergewöhnliche Backware konnte sich diesem Niedergang bedingt entziehen, konnte vom Wandel der Jahrmärkte hin zu saisonalen Volksfesten gar profitieren.

Objektiv aber war es aufgrund der höheren Kosten schwer, Versandware gegen lokale Konditoren durchzusetzen, es sei denn, hier bestanden etablierte Handelsbeziehungen oder es fehlte an Angeboten vor Ort. Die wachsende Zahl lokaler Konditoren schien dieses Absatzproblem gar zu vergrößern. Und doch, das Gegenteil traf ein, profitierte der Baumkuchenabsatz doch in besonderer Weise von den mit der Reichsgründung verbundenen Veränderungen hin zu einem zunehmend einheitlichen Wirtschaftsgebiet. Den Unterschied machte das moderne Versandgeschäft. Baumkuchen war versandfähig, zumal wenn reichlich mit Zucker, Konfitüre oder Schokolade glasiert. Entscheidend aber waren das seit den 1860er Jahren immer dichtere Eisenbahnnetz und vor allem die Postreformen der frühen 1870er Jahre. 1873 wurde das Einheitsporto für Pakete bis 5 kg eingeführt, schon 1870 die Postkarte eingeführt, deren Porto 1872 halbiert. 1878 begann das Nachnahmeverfahren. Versand, Bestellung und Bezahlung wurden dadurch wesentlich vereinfacht und verbilligt (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 296-298). Hinzu kam ein bemerkenswerter Aufschwung der Tagespresse und der Wochenzeitschriften, die eine recht zielgenaue Reklame für Baumkuchen ermöglichte.

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Die einschlägigen Anzeigen waren einfach, kaum mehr als Annotationen, waren der begrenzten Betriebsgröße der Versandgeschäfte angemessen. Vor allem Konditoren aus Mittelstädten nutzten diese Chance der Markterweiterung, denn nur so konnten sie ihren Absatz erhöhen und damit zugleich die Produktion verbilligen. Bischofswerda, Cottbus, Potsdam, Salzwedel, Stettin – hier saßen einschlägige Firmen, die seit Mitte der 1870er Jahre den Kuchenversand intensivierten oder aufnahmen. Sie annoncierten meist in Zeitungen und Zeitschriften nahegelegener Großstädte, nutzen so deren stetig wachsende Kaufkraft. Berlin als die eigentliche Baumkuchenkapitale des Deutschen Reiches stand im Mittelpunkt entsprechender Bestrebungen, doch auch in den zuvor wenig baumkuchenaffinen süddeutschen Großstädten konnte man nun Festkuchen kaufen – nicht nur für sich selbst, für ein häusliches Fest, sondern auch als Geschenk für Bekannte. Der Humorist Julius Stettenheim (1831-1916) witzelte geistreich: „Ein speziell berlinischer Küchenunfug ist der Baumkuchen, ein Ungetüm, welches unter den Geschenken dadurch sehr beliebt geworden ist, daß die Geber nicht nachzudenken brauchen, und so in ganzen Wäldern da anzutreffen sind, wo solche Geber verkehren“ (Der moderne Knigge, Bd. III, Berlin 1902, 24).

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Produktorientierung beim Baumkuchenversand (Gesellschaft von Berlin 2, 1891/92, 605 (l.); Allgemeine Zeitung 1887, Nr. 307 v. 5. November, 4536)

Produktions- und Versandzahlen fehlen, doch kann man recht sicher annehmen, dass die Versandgeschäfte vor dem Ersten Weltkrieg nur ein nicht unwichtiges Ergänzungsangebot offerierten. Sie konnten mit den lokalen Preisen durchweg konkurrieren, lagen ihre Fixkosten doch niedriger als die der Konkurrenz im Ladengeschäft. Dennoch gelang es ihnen nicht wirklich, Baumkuchen anders als Baumkuchen anzupreisen. Die simplen Werbeklichees waren austauschbar, Veränderungen rare Ausnahmen. Im Mittelpunkt stand als Blickfang entweder fette Schrift oder ein mittelgroßer Baumkuchen mit moderaten Zacken. Ansonsten traten auch Konditoren auf, manchmal Zwerge, allesamt gediegene Gestalten, Ausprägungen spätbiedermeierlicher Bürgerexistenz. Die Anbieter schafften es nicht, Baumkuchen als ein in sich heterogenes Produkt anzupreisen, etwa durch die Hervorhebung unterschiedlicher Rezepte, Zutaten oder Dekorationen. Eine Anbindung an den pulsierenden Lebensstil der Großstadtmoderne fehlte, Baumkuchen wurde als Traditionsware positioniert, nicht sonderlich spannend, doch bekanntermaßen schmackhaft.

Festkultur und Baumkuchen: Die repräsentative Kraft des „Königs der Kuchen“

Dennoch veränderten die Baumkuchenversandgeschäfte die Stellung des Baumkuchens nachhaltig. Sie boten gediegene Mittelware an, während Spitzenprodukte nach wie vor lokal, insbesondere von den wirklichen Hofkonditoreien geliefert wurden (dieser Titel konnte faktisch erworben werden, war daher nicht in jedem Falle Qualitätsgarant). Die relativ festen Preise deckelten den Markt, verlagerten den Wettbewerb eher auf kostenträchtige Aufbauten und Zutaten für die festliche Tafel. Der Baumkuchen selbst wurde gleichsam eingefriedet, konserviert, wurde zu einem Stück essbarer Tradition. Dennoch veränderte sich nicht nur Produktion, Vertrieb und Zusammensetzung des eben nicht immergleichen Baumkuchens. Das Backwerk erhielt im 19. Jahrhundert neue Zuschreibungen, sein Platz auf der Tafel und im Festkranz veränderte sich nachhaltig. Das war teils gesellschaftlich bedingt, hing teils aber auch von den Werbe- und Vertriebsbestrebungen der Konditoren ab.

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Prunkstück einer Tafel: Dekorierter Baumkuchen auf einem Aufsatz (J[ohann] Rottenhöfer, Neue vollständige theoretisch-praktische Anweisung in der feineren Kochkunst […], München 1858, 808)

Anfang des 19. Jahrhunderts war der Baumkuchen noch ein außergewöhnliches Schaustück für außergewöhnliche Feste, für Empfänge und offizielle Veranstaltungen. Während sich die Herstellung dann jedoch enthäuslichte, also auf marktbezogen arbeitende Fachleute überging, verhäuslichte sich der Gebrauch des repräsentativen Backwerks. Er wurde einerseits zu einer zunehmend gutbürgerlichen Speise, mochte der Adel auch weiterhin zulangen, mochte er auch nach wie vor bei vielen offiziellen Veranstaltungen zierend auf der Tafel stehen.

Typisch für die Gesamtentwicklung ist etwa die Karriere des Baumkuchens als Hochzeitskuchen in Stadt und auch dem Lande: In der Nähe des pommerschen Wolgast klagte man nach Ende der Napoleonischen Kriege: „Bis dahin [ca. 1800, US] waren auf unsern Hochzeiten und Kindtaufen bestimmte Gerichte, dicker Reis in Milch, Fische und Braten Mode; jetzt aber hat man oft eine Kochfrau aus der Stadt, und es werden neben jenen Gerichten schöne Suppen, Baumkuchen und Torten, und neben gemeinem Kornbranntwein nicht selten Thee, Kaffee, Punsch und Glühwein gegeben“ (Sundine 5, 1823, 389). Baumkuchen war Teil der Übernahme städtischer Lebens- und Konsumformen auf dem Land, stand zugleich für eine beginnende Abkehr von der angestammten bäuerlich-regionalen Kost. Die symbolische Bedeutung dieses Andockens an die vermeintlich moderne Zeit war groß. In Berlin hatte sich Baumkuchen zu dieser Zeit als großbürgerlicher Hochzeitskuchen etabliert, und Mitte des 19. Jahrhunderts klagen Spötter über dessen Verbreitung im allgemeinen Bürgertum (Sass, 1846, 311). Am Ende der Bismarckzeit war er dergestalt etabliert, dass er beim Festmenü eines fiktiven Strohwitwertages Nachtisch des Festmahles war; und dann seitens der freien ungebundenen Männer natürlich keine Abnehmer fand (Ein Strohwitwertag zu Berlin, Die Presse 1887, Nr. 215 v. 6. August, 10). Auch deutsche Recken wussten vielleicht, dass in dem Baumkuchen noch das slawische Hochzeitsbäumchen fortlebte, dessen Äste üppiges Wachstum symbolisierten – Wünsche für eine große Kinderschar. Der Zackenkranz des Hochzeitsbaumkuchens war eben nicht bedeutungslos (Karl Kunst, Eherecht und Ehebrauch in alter und neuer Zeit, Reichspost 1926, Nr. 38 v. 7. Februar, 17-18, hier 17).

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Ein alter Bekannter: Baumkuchen mit Verzierung und Aufsatz (L[udwig] Kurth, Illustrirtes Kochbuch für bürgerliche Haushaltungen, wie auch für die feine Küche, 9. verm. Aufl., Leipzig 1879, 566)

Der Baumkuchen etablierte sich jedoch auch als ein repräsentativer Kuchen für bürgerliche Familienfeste. Bekannt sind gewiss Theodor Fontanes (1819-1898) Erinnerungen an seine Kinderzeit, an die Geselligkeit im pommerschen Swinemünde, an die dann stets hinzugerufene Kochfrau, deren Baumkuchen nicht nur dazugehörte, sondern dessen mit Spannung erwartetes Gelingen eine Art Horoskop für gelingende Geselligkeit war (Meine Kinderjahre, in: Ders., Gesammelte Werke, Bd. 14, München 1967, 91). Diese aber verkam vielfach zum Ritual, von der Frische des Mendelssohnschen Haushaltes war trotz Baumkuchens vielfach wenig zu spüren. Das Bürgertum, zumal das bessergestellte, richtete sich zunehmend nach der Etikette, deren Konventionenband auch über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus reichte: „Sie ist bis zum heutigen Tage der unsichtbare Kommandierende unserer Tafelrunden, der feudalen Luncheons, Diners und Soupers sowohl wie des Festmahls mit Baumkuchen und Schlagsahne, […]. Die Menge, die allüberall im gemeinsamen Essen und Trinken den Gipfel der Geselligkeit erblickt, hat durch Wetteifer und Nachahmungstrieb einen internationalen Ehrenkodex der guten Sitten bei Tisch geschaffen, der um so peinlicher beobachtet wird, je weniger die von Amt und Würden zum Verkehr gezwungenen Menschen sich aus innerem Bedürfnis zu einander finden“ (Zu Tisch geladen – vor hundert und mehr Jahren, Czernowitzer Tagblatt 1910, Nr. 2147 v. 16. April, 3). All das betraf die häusliche Geselligkeit, zunehmend aber auch die sich im späten 19. Jahrhundert entfaltende Kultur der Hotels und Grandhotels, der Transatlantikdampfer und der geselligen Büffets: „Inmitten der Tafel prangt ein hoher Baumkuchen, aus welchem ein frischer Blumenstrauß hervorschaut, oder ein Bienenkorb. Rechts und links stehen die großen Schüsseln, welche nur kalte oder kalte und warme Speisen enthalten“ (Wilhelmine v. Gehren, Küche und Keller, Berlin o.J. [1905], 194). Gerade in der deutschen Hauptstadt Berlin, wo Baumkuchen als Nationalheiliger galt (Carry Brachvogel, Tu, felix Austria…, Die Zeit 1906, Nr. 1350 v. 29. Juni, 1-2, hier 2), waren Zubereitung und Verzehr teure Alltagsrituale, ebenso wie der Zuckerengel auf der Spitze der Backware. Ein Jahrhundert nach der Einführung war sie eine Speise des gesetzten Bürgertums geworden – mit all seinen Ritualen, seiner Gediegenheit und Langeweile. So wurde sie ausgestellt, in den Auslagen der Konditoreien, als stetig verfügbare Leckerei. Und doch war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Ende der Hausse offenbar. Kuchen und Torten wurden als Nachtisch langsam von Desserts, von Obstarrangements, raffiniertem Pudding, etwas Frischem, etwas Kühlem verdrängt (Gehren, [1905], 171). Der Jugendstil drang vor, veränderte das bürgerliche Leben, ließ funktionale Elemente vordringen. Baumkuchen, voller Zierrat, immer gleich, immer gut, entstammte einer anderen Welt.

Die Konditoren zelebrierten diese langsam überholte Welt, deren im Fin de Siècle viele überdrüssig waren. Bei Kochkunstausstellungen: Konditoren mit wohlverziertem Baumkuchenexponat. Bei Festzügen: Ein Baumkuchen, „die weltbekannte Spezialität der Berliner Zuckerbäckerei“, vertreten durch „ein Exemplar von unwahrscheinlichen Dimensionen“, ein „Wahrzeichen über den Höhen des Zuges“ (Das Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms. II. Der Festzug der Berliner Handwerksinnungen, Neue Freie Presse 1913, Nr. 17535 v. 18. Juni, 31). In den Konditoreien: Attraktive Baumkuchen, wenngleich meist aus dauerhaftem Pappmaché. Wer ihn nicht kannte, ließ sich von diesen Wunderwerken der Backkunst „in Entzücken“ (Seidels Reklame 9, 1925, 558) versetzen. Aber die meisten in den gehobenen Kreisen kannten ihn, so schön er auch war. Der bombastische Aufputz überzeugte nicht mehr recht, mochten es auch Blumen und Rosen, Ritter und Ritterburgen sein, die den geschmeidigen Teig des Kuchens umzärtelten.

Diese Übersättigung schon vor dem Ersten Weltkrieg resultierte auch aus weiteren Veränderungen im jährlichen Fest- und Feierreigen. Baumkuchen stand zu Beginn des 19. Jahrhunderts für außergewöhnliche Feste, wurde etwas Einzigartiges wie etwa bei Hochzeitsfeiern. Die Konditoreien boten in zunehmend stetig an, ein Scheibchen war im Café regelmäßig zu haben. Doch mit Beginn des 2. Drittels des 19. Jahrhunderts etablierte sich der Baumkuchen auch im Jahresreigen, erst zu Weihnachten, dann auch zu Ostern, schließlich zu fast jedem Festtag. Gab er anfangs jedem Fest einen besonderen Glanz, nahm dieser Effekt ab, je häufiger just ein n kredenzt und gereicht wurde – und durch das stete Angebot der Versandkuchen auch einfach verfügbar war.

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Rheinisches Weihnachten mit Baumkuchen und mehr (Düsseldorfer Zeitung 1834, Nr. 305 v. 23. Dezember, 4)

Der Baumkuchen etablierte sich jedoch auch als ein repräsentativer Kuchen für bürgerliche Familienfeste. Bekannt sind gewiss Theodor Fontanes (1819-1898) Erinnerungen an seine Kinderzeit, an die Geselligkeit im pommerschen Swinemünde, an die dann stets hinzugerufene Kochfrau, deren Baumkuchen nicht nur dazugehörte, sondern dessen mit Spannung erwartetes Gelingen eine Art Horoskop für gelingende Geselligkeit war (Meine Kinderjahre, in: Ders., Gesammelte Werke, Bd. 14, München 1967, 91). Diese aber verkam vielfach zum Ritual, von der Frische des Mendelssohnschen Haushaltes war trotz Baumkuchens vielfach wenig zu spüren. Das Bürgertum, zumal das bessergestellte, richtete sich zunehmend nach der Etikette, deren Konventionenband auch über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus reichte: „Sie ist bis zum heutigen Tage der unsichtbare Kommandierende unserer Tafelrunden, der feudalen Luncheons, Diners und Soupers sowohl wie des Festmahls mit Baumkuchen und Schlagsahne, […]. Die Menge, die allüberall im gemeinsamen Essen und Trinken den Gipfel der Geselligkeit erblickt, hat durch Wetteifer und Nachahmungstrieb einen internationalen Ehrenkodex der guten Sitten bei Tisch geschaffen, der um so peinlicher beobachtet wird, je weniger die von Amt und Würden zum Verkehr gezwungenen Menschen sich aus innerem Bedürfnis zu einander finden“ (Zu Tisch geladen – vor hundert und mehr Jahren, Czernowitzer Tagblatt 1910, Nr. 2147 v. 16. April, 3). All das betraf die häusliche Geselligkeit, zunehmend aber auch die sich im späten 19. Jahrhundert entfaltende Kultur der Hotels und Grandhotels, der Transatlantikdampfer und der geselligen Büffets: „Inmitten der Tafel prangt ein hoher Baumkuchen, aus welchem ein frischer Blumenstrauß hervorschaut, oder ein Bienenkorb. Rechts und links stehen die großen Schüsseln, welche nur kalte oder kalte und warme Speisen enthalten“ (Wilhelmine v. Gehren, Küche und Keller, Berlin o.J. [1905], 194). Gerade in der deutschen Hauptstadt Berlin, wo Baumkuchen als Nationalheiliger galt (Carry Brachvogel, Tu, felix Austria…, Die Zeit 1906, Nr. 1350 v. 29. Juni, 1-2, hier 2), waren Zubereitung und Verzehr teure Alltagsrituale, ebenso wie der Zuckerengel auf der Spitze der Backware. Ein Jahrhundert nach der Einführung war sie eine Speise des gesetzten Bürgertums geworden – mit all seinen Ritualen, seiner Gediegenheit und Langeweile. So wurde sie ausgestellt, in den Auslagen der Konditoreien, als stetig verfügbare Leckerei. Und doch war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Ende der Hausse offenbar. Kuchen und Torten wurden als Nachtisch langsam von Desserts, von Obstarrangements, raffiniertem Pudding, etwas Frischem, etwas Kühlem verdrängt (Gehren, [1905], 171). Der Jugendstil drang vor, veränderte das bürgerliche Leben, ließ funktionale Elemente vordringen. Baumkuchen, voller Zierrat, immer gleich, immer gut, entstammte einer anderen Welt.

Die Konditoren zelebrierten diese langsam überholte Welt, deren im Fin de Siècle viele überdrüssig waren. Bei Kochkunstausstellungen: Konditoren mit wohlverziertem Baumkuchenexponat. Bei Festzügen: Ein Baumkuchen, „die weltbekannte Spezialität der Berliner Zuckerbäckerei“, vertreten durch „ein Exemplar von unwahrscheinlichen Dimensionen“, ein „Wahrzeichen über den Höhen des Zuges“ (Das Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms. II. Der Festzug der Berliner Handwerksinnungen, Neue Freie Presse 1913, Nr. 17535 v. 18. Juni, 31). In den Konditoreien: Attraktive Baumkuchen, wenngleich meist aus dauerhaftem Pappmaché. Wer ihn nicht kannte, ließ sich von diesen Wunderwerken der Backkunst „in Entzücken“ (Seidels Reklame 9, 1925, 558) versetzen. Aber die meisten in den gehobenen Kreisen kannten ihn, so schön er auch war. Der bombastische Aufputz überzeugte nicht mehr recht, mochten es auch Blumen und Rosen, Ritter und Ritterburgen sein, die den geschmeidigen Teig des Kuchens umzärtelten.

Diese Übersättigung schon vor dem Ersten Weltkrieg resultierte auch aus weiteren Veränderungen im jährlichen Fest- und Feierreigen. Baumkuchen stand zu Beginn des 19. Jahrhunderts für außergewöhnliche Feste, wurde etwas Einzigartiges wie etwa bei Hochzeitsfeiern. Die Konditoreien boten in zunehmend stetig an, ein Scheibchen war im Café regelmäßig zu haben. Doch mit Beginn des 2. Drittels des 19. Jahrhunderts etablierte sich der Baumkuchen auch im Jahresreigen, erst zu Weihnachten, dann auch zu Ostern, schließlich zu fast jedem Festtag. Gab er anfangs jedem Fest einen besonderen Glanz, nahm dieser Effekt ab, je häufiger just ein n kredenzt und gereicht wurde – und durch das stete Angebot der Versandkuchen auch einfach verfügbar war.

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Rheinisches Weihnachten mit Baumkuchen und mehr (Düsseldorfer Zeitung 1834, Nr. 305 v. 23. Dezember, 4)

Baumkuchen begleiteten den Aufschwung des bürgerlichen Weihnachtsfestes, verkörperte im Widerschein der kargen Krippe die Wohlhabenheit des eigenen Heims. Es waren Konditoren, die diesen Trend setzten, ihn mir ihren Angeboten unterstützten – auch um neben den damals noch teils zünftig getrennten Pfefferküchlern oder Lebzeltern einen gerechten Anteil am Weihnachtsgeschäft zu erhalten.

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Baumkuchen als Weihnachtsfestspeise Mitte des 19. Jahrhundert (Magdeburgische Zeitung 1854, Nr. 299 v. 21. Dezember, 12)

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich Baumkuchen als Weihnachtsgebäck etabliert, herausgehoben durch seine Größe und seinen Preis. In der Populärkultur fand dies entsprechenden Niederschlag: Im dreiaktigen Zaubermärchen „Der Erdgeist und die Wasserfee“ herrschte im Pfefferkuchenland natürlich König Baumkuchen, der Vortreffliche, dirigierte seinen Hofstaat mit den Hofdamen Zuckerbretzel und Pfannkuchen, dem Zeremonienmeister Sandtorte und dem Schatzmeister Windbeutel (J. Schanz, Ein neues Zaubermärchen, Dresdner Nachrichten 1858, Nr. 44 v. 13. Februar, 4). Zuckersüßes Weihnachten, lange vor dem „Kleinen Lord“. Baumkuchen war jedoch nur selten Teil des Weihnachtsmahles, gar ein Bestandteil der noch unüblichen individuellen Gebäck- und Naschteller. Er diente deutlich häufiger als allgemein akzeptiertes Geschenk, hochfein, doch keineswegs zu persönlich (Karlsruher Tagblatt 1896, Nr. 354 v. 21. Dezember, 6679). Gleichwohl teilte er das Schicksal prächtiger Stollen oder ausladender Lebkuchen: Während der Weihnachtstage wurde er kleingeschnitten, in Stücken angeboten, standen dann neben den verschiedenen Weihnachtsgebäcken, dem Konfekt, den Likörfiguren, dem Marzipan oder den Bienenkörben (Magdeburgische Zeitung 1852, Nr. 299 v. 21. Dezember, 12). Derart klein blieb er etwas besonderes, wurde seiner Aura von Macht und Größe jedoch zunehmend entkleidet. Gerade die Versandbäckereien haben diese Entwicklung aufgegriffen und verstärkt. Seit Ende der 1890er Jahre intensivierten sie ihre Weihnachtswerbung, verstärkten dies neuerlich seit Mitte der 1920er Jahre. Das mag man als Markterweiterung deuten. Doch es war zugleich Teil einer relativen Profanisierung des vermeintlichen „Königs der Gebäcks“, der nun immer stärker neben die gängigen Weihnachtsgebäcke trat, auch als erschwinglicher Drei-, Vier-, Fünf-Pfund-Anschnitt.

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Baumkuchen als Teil der Ostersachen in der Bukowina (Bukowinaer Post 1894, Nr. 60 v. 8. April, 8)

Die Verkoppelung von Baumkuchen mit Ostern erfolgte später, erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts (Magdeburgische Zeitung 1850, Nr. 81 v. 7. April, 11). Angesichts der Dominanz von Eiern und Zuckerwaren konnte er sich jedoch nicht wirklich durchsetzen, war im 19. Jahrhundert ein Ergänzungsangebot für das weniger kommerzialisierte christliche Hochfest mit seinen vielfach heidnischen Festsymbolen.

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Der Osterhase und der Baumkuchen. Werbung von Schernikow, Salzwedel (Sport im Bild 35, 1929, 363)

Baumkuchen zu Ostern wurde von den Versandkonditoreien jedoch intensiv beworben, hatten sie doch mit den typischen Problemen saisonaler Produktion zu kämpfen. Sie zielten auf einen möglichst gleichmäßigen Absatz, denn Fixkosten waren kontinuierlich zu begleichen, nicht nur zur Weihnachtsspitze oder während der Hochzeitszeit. Entsprechend waren sie die stärksten Propagandisten einer steten mit Baumkuchen verbundenen Festkultur. Die Salzwedeler Anbieter waren seit den späten 1920er Jahren kommerzieller Trendsetter (Sport im Bild 37, 1931, 367; ebd. 38, 1932, 272; 39, 1933, 464; ebd. 40, 1934, 264). Weitere größere Anbieter folgten, das Berliner Versandgeschäft Carl Jaedicke offerierte 1933 gar Baumkucheneier (Sport im Bild 39, 1933, 330).

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Eine beliebig einzusetzende Festspeise: Baumkuchen zu Silvester (Karlsruher Tagblatt 1888, Nr. 357 v. 30. Dezember, 5285)

Die betriebswirtschaftliche Frage der Auslastung der Konditoreien führte jedoch schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem weiteren Ausgreifen auf weitere Jahresfeste. Baumkuchen wurde dadurch auch eng mit Silvester und Neujahr verbunden. Doch der Erfolg erodierte seine Exklusivität: „Heute sind ‚fertige‘ Baumkuchen überall zu haben. Man kauft ihn nach Gewicht und serviert ihn zu Kaffee oder Tee, wozu unsere Großmütter nur einfach: Kaffeekuchen und Teekuchen gaben Baumkuchen zum gewöhnlichen Kaffee! Das wäre den Damen von damals wie eine Profanation erschienen“ (Käte Damm, Moderne und unmoderne Kuchen, Die Woche 8, 1906, 2260-2261, hier 2261).

Kommerzialisierung, Regionalisierung und Nationalisierung

Der offenbar steigende Konsum von Baumkuchen war nicht nur Folge des beträchtlich wachsenden Reichtums gutbürgerlicher Kreise und ihre Nachahmer. Es war auch eine Folge der begrifflich bedingten Homogenität des Baumkuchens, dessen Qualitätsunterschiede sich in den Anzeigen und Anpreisungen kaum niederschlugen. Baumkuchen war hier stets Baumkuchen, nicht unterschieden nach Güteklassen, nicht voneinander separiert nach Eier- oder Buttergehalt, nach besonderen Gewürzen und geschmacklich reizvoller Glasuren. Für die Vermarktung war dies ein massives Problem, ebenso für die Markenbildung – und damit die Preisdifferenzierung. Während man bei vielen Genussmitteln, etwa Kakao und Schokolade, schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Mindeststandards eingeführt hatte, gelang dies beim Baumkuchen nicht.

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Herkunftsbezeichnung im Massenmarkt: Konditor Steidel wirbt für seine Ware, nicht für „Berliner“ Baumkuchen (Berliner Tageblatt 1888, Nr. 14 v. 8. Januar, 11)

Baumkuchen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vornehmlich in Nord- und Mitteldeutschland verbreitet, ebenso in der Schweiz und einigen Regionen Österreichs. In Bayern und dem Südwesten hatte er dagegen geringere Bedeutung, etablierte sich dort erst nach der Jahrhundertmitte zu einem repräsentativen gutbürgerlichen Gebäck. Das eigentliche Zentrum der Baumkuchenherstellung im 19. Jahrhundert war Berlin, in der ersten Hälfte gefolgt von Magdeburg bzw. Dresden. In der preußischen Hauptstadt gab es leistungsstarke Konditoreien, hier war Baumkuchen ein übliches Festessen, hier gab es ihn auf den jeweiligen Jahrmärkten. Die Größe des Marktes führte aber auch zur Unterschätzung dieses Baumkuchenzentrums. Das Marketing der Konditoren war vorrangig auf den lokalen Markt zugeschnitten, verband den Namen eines Konditors, einer Konditorei mit dem Kuchen. Der Hersteller bürgte damit für seine Qualität. Aus diesem Grunde findet sich der Begriff „Berliner Baumkuchen“ nicht am eigentlichen Produktionsort, sondern lediglich bei Vertrieb in anderen Regionen (Neustadter Wochenblatt 1833, Nr. 52 v. 27. Dezember, 208; Intelligenz-Blatt zur Laibacher Zeitung 1841, Nr. 145 v. 5. Dezember, 802).

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Herkunftsbezeichnung oder Ausbildung regionaler Markenidentitäten? Werbung für Stettiner Baumkuchen (Königlich privilegirte Berlinische Zeitung 1848, Nr. 31 v. 7. Februar, 19)

Die Aufnahmefähigkeit des Berliner Marktes führte schon vor der Etablierung moderner Versandgeschäfte zu zahlreichen Offerten auswärtiger Anbieter. Auch diese erfolgten unter dem Namen des Produzenten, doch diesen kannte man in der Metropole nur sehr selten. Entsprechend ergänzten sie ihre Anzeigen mit Herkunftsbezeichnungen. Diese darf man nicht schlankweg mit einer entsprechenden Tradition vor Ort verbinden. Sie waren, ebenso wie Verzehrsmuster, recht beliebig. Hinweise, dass Baumkuchen vor der Reichsgründung beispielsweise „Nationalspeise der Hannoveraner“ (Die silberne Hochzeit des hannoverischen Königspaares, Neues Fremden-Blatt 1868, Nr. 49 v. 19. Februar, 5-7, hier 6) gewesen sei, haben bestenfalls Hinweischarakter, da belastbare Daten fehlen.

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Versand von Original Cottbuser Baumkuchen (Berliner Wespen 13, 1880, 22)

Die an unterschiedlichen Versandorten hergestellten Baumkuchen waren gewiss unterschiedlich, wiesen auch unterschiedliche Glasuren aus. Doch im Wesentlichen handelte es sich um recht homogene, also austauschbare Güter. Sie ergänzten das Berliner Angebot, konnten die lokale Produktion auch nicht annähernd erreichen.

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Eine Versandkonditorei unter vielen: Anzeige für Salzwedeler Baumkuchen im Massenmarkt (Illustrirte Zeitung 48, 1877, 213)

Für die Versandkonditoreien war dieser Absatz gleichwohl unverzichtbar, denn er erlaubte Wachstum weit über die Größe des lokalen Marktes hinaus. Dies galt vor allem für die altmärkische Mittelstadt Salzwedel, in der gleich mehrere Konditoreien die neuen Chancen des Versands ergriffen. Die stete Wiederholung der regionalen Herkunft in Anzeigen unterschiedlicher Anbieter war Grundlage für einen breiteren Absatz. Salzwedel wurde auch deshalb bekannter, weil dessen Waren im späten 19. Jahrhundert nicht nur an Letztkunden, sondern gezielt an ortsfremde Konditoren abgesetzt und von diesen dann als fremde Spezialität vor Ort verkauft wurde (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1899, Nr. 16 v. 20. Januar, 8; Bürger-Zeitung für Düsseldorf und Umgebung 1900, Nr. 335 v. 11. Dezember, 1237; Deutsch-Englischer-Reise-Courier 1908, H. 12, 35).

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Wettbewerb der Salzwedeler Versandgeschäfte (Kladderadatsch 64, 1911, Nr. 48, Beibl. 1, 4 (l.); Ebd. 49, 1896, Nr. 35, 6)

Wenn Salzwedel heute als wichtigster verbliebener Standort von Konditorenbaumkuchen gilt, so hängt dies einerseits mit dem Vergessen der nationalen kulinarischen Geschichte zusammen. „Stettiner Baumkuchen“ war vor dem Ersten Weltkrieg ein gängiger Topos (Neues Wiener Journal 1909, Nr. 5561 v. 15. April, 3; Oedenburger Zeitung 1938, Nr. 91 v. 24. April, 6), ebenso wie Cottbuser oder Salzwedeler.

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Etablierung als regionale Spezialität: Salzwedeler Baumkuchen (Das Magazin 9, 1932/33, Nr. 97, 52)

Entscheidend für die Etablierung Salzwedels als vermeintlich führende Baumkuchenstadt in der Zwischenkriegszeit war einerseits die seit 1924 auch von einer Schutzmarke unterstützte intensive überregionale Werbung, die zumindest teilweise mit der rückständigen Klischeewerbung der Vorkriegszeit brach. Anderseits gelang es dem nach Salzwedel zugewanderten Konditor Fritz Kruse (1879-1945) über verschiedene Zwischenstationen die wichtigsten Salzwedeler Produzenten 1928 zu den Vereinigten Schernikowschen Baumkuchenfabriken zusammenzuschließen (Manfred Lüders, Der Salzwedeler Baumkuchen. Drei Jahrhunderte Bäckergeschichte und Stadtgeschehnisse, Salzwedel 2018, 111-122; Sport im Bild 35, 1929, 2057). Festzuhalten aber ist, dass die Firma dennoch klein blieb. Ein Belegschaftsfoto von 1931 zeigt lediglich fünfzehn Beschäftige (Lüders, 2018, 123). Salzwedel lieferte, doch die Produktion lag weit hinter der Berliner Konditoreien zurück.

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Moderate Modernisierung der Werbung und Konzentration auf passgenaue Zielgruppen (Sport im Bild 40, 1934, 639)

Baumkuchen wurde jedoch nicht nur regionalisiert, sondern auch nationalisiert. Schon 1870, während des Krieges Frankreichs gegen die von Preußen angeführte Koalition deutscher Staaten wurde der Baumkuchen als deutsche Speise gefeiert, strikt abgesetzt von vermeintlich französischen Windbeuteln (Oesterreichisch-ungarische Wehr-Zeitung 1870, Nr. 184 v. 11. November, 6). Doch derart zeitnahe Zuschreibungen waren für historisch denkende Wilhelminer viel zu kurz gegriffen, denn es fehlten die Germanen, immer wieder beschworen als imaginierte Vorfahren der Deutschen: „Nein – unser Baumkuchen ist trotz seiner Jugend traditionell, er gehört auf unsern deutschen Tisch, wenn wir wollen, als eine Erinnerung an den alten Glauben der heidnischen Deutschen, den ‚heiligen Baum‘. Unsern Baumkuchen lassen wir uns vielleicht profanieren, der Blätter und Zweige entkleiden, aber am ‚Stamm‘ halten wir fest, den lassen wir uns nicht nehmen. Erinnerungen an alte Götterzeit und Götterlehre bergen alle unsere Kuchen“ (Damm, 1906, 2260).

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Anknüpfung an nationale Mythen: Siegfried-Baumkuchen aus Celle (Humor 1900, Nr. 98, 15)

Es würde daher etwas fehlen, erwähnten wir nicht auch den Siegfried-Baumkuchen, ein gar ergötzliches Wortspiel eines Celler Versandfabrikanten, der seine profane Ware mit der hehren Wagnerschen Mythenwelt verband. Baumkuchen galt vor dem Ersten Weltkrieg vielfach als speziell deutsche Speise (Reichspost 1913, Nr. 207 v. 4. Mai, 35). Das mag gewiss ein Reflex auf seine bevorzugte Stellung in der preußisch-deutschen Hauptstadt Berlin gewesen sein, erfolgte jedoch in strikter Ignoranz gegenüber den vielfältigen auf offenem Feuer gebackenen Schichtkuchen Mittel- und Osteuropas.

Der Baumkuchen und die Macht

Der Baumkuchen war ein Kuchen der Mächtigen. Wirtschaftlich und sozial stand er für die oberen zehn Prozent der Gesellschaft, mochte der Kuchen selbst auch allgemein bekannt gewesen sein. Um diese Differenz ging es. Das zeigt nicht zuletzt ein Blick in die Populärliteratur, schied Baumkuchen doch in Dutzenden von Fortsetzungsromanen das Terrain des Bürgertums und das der Ausgeschlossenen. Auch der immer erträumte, real eher seltene soziale und wirtschaftliche Aufstieg wurde damit gekoppelt, etwa im 1913 erschienenen Roman „Die Haynaus und ihr Mädchen“ der heute nicht ganz zu Unrecht vergessenen Ida von Medem (1836-1922), einer als Joachim von Dürow recht erfolgreichen Schriftstellerin: Bruno, der Held, war einer dieser Aufsteiger und manifestierte seine neue Stellung mit der Order eines Baumkuchens: „Der nie erfüllte Kindheitstraum, daß dieser in einer Ecke stand und daß jeder, der vorbeiging, sich ein Aestchen leisten konnte, sollte zu seinem Rechte kommen“ (Allgemeiner Tiroler Anzeiger 1924, Nr. 72 v. 28. März, 7). Baumkuchen konnte Kindheitstraum sein, die Schaufensterattrappe in der Konditorei die eigene Armut nahebringen. Im Alltag aber waren die Unterschiede prosaischer, etwa in Speisevorschlägen für das Bürgertum: „Was speisen wir morgen? Vornehm: Morchelsuppe. Rindszunge mit Spargelgemüse. Gebratene Tauben mit Kompott. Baumkuchen. – Einfach: Schweinefleisch mit Sauerkraut“ (Dresdner Nachrichten 1882, Nr. 115 v. 25. April, 9).

Baumkuchen war zugleich Element der Politik, der Machtpolitik und des Verhältnisses von Regierenden und Regierten. Angesichts der frühen Verbreitung in Nord- und Mitteldeutschland ist die enge Beziehung von Preußen, den Hohenzollern und dem Baumkuchen nicht überraschend. Schon im frühen 19. Jahrhundert war er Hofspeise, war „Lieblingskuchen“ (Neues Wiener Journal 1909, Nr. 5561 v. 15. April, 3) von König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), wurde von ihm zum gängigen Gast auf dem königlichen Weihnachtstisch erkoren (Robert Koenig, Der große Krieg gegen Frankreich im Jahre 1870-1871, 2. umgearb. Aufl., Bielefeld und Leipzig 1871, 417). Der in manch heutigem Marketing als außergewöhnlich präsentierte 1841er Besuch von Friedrich Wilhelm IV in Salzwedel und das damit verbundene Baumkuchengeschenk waren eben nicht außergewöhnlich, wurde der Hof doch schon seit längerem regelmäßig mit Berliner Baumkuchen nicht nur aus dem Hause Kranzler beliefert.

Die Hohenzollern wussten aber auch um die repräsentativen und machtpolitischen Nuancen einer königlichen Backspeise. Als 1858 Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen (1831-1888, der spätere Friedrich III.) in London Victoria (1840-1901), Tochter der gleichnamigen britischen Königin ehelichte, war der Brautkuchen ein Baumkuchen von 6 Fuß und 2 Zoll Höhe (ca. 1,90 Meter) und einem Umfang von 16 Fuß (ca. 5 Meter) (Bozener Zeitung 1858, Nr. 12 v. 10. Februar, 69). Das war der Steilpass für einen Geburtstagskuchen aus dem Hause Kranzler, ein ebenfalls riesiger Baumkuchen für die Prinzessin, mit achtzehn Rosenknöspchen, auf deren Blättern sich die verschiedenen Wappen der beiden verbundenen königlichen Häuser befanden, geschmückt von achtzehn Lichtern – all dies eine Referenz an die preußisch-britische Freundschaft, Hoffnung auf eine am britischen Liberalismus orientierte spätere Regentschaft (Humorist 1858, Nr. 281 v. 8. Dezember, 2). Mit dem Baumkuchen konnten sehr unterschiedliche Botschaften verbunden sein. Er stand für strikte Gegnerschaft zu Frankreich 1870/71, aber auch für versöhnende Gesten, etwa beim Abzug der preußischen Besatzungsarmee 1867 aus dem sächsischen Dresden (Dresdner Nachrichten 1867, Nr. v. 19. Mai, 139). Baumkuchen gehörten in den Folgejahrzehnten zu den regelmäßigen Geschenken der Hofkonditoren und der Bürgerschaft an die Regenten, markierten Regenten und Untertanen. Erst Wilhelm II. brach mit dieser Tradition (Zurückgewiesene Geschenke 1895, Nr. 278 v. 4. Dezember, 9).

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Liberale Kritik am reaktionären preußischen Ministerpräsidenten Otto v. Bismarck. Vorne rechts ein Baumkuchen mit Siegesengel (Kladderadatsch 16, 1863, 60)

Zu dieser Zeit war der frühere Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) der wohl wichtigste Empfänger von Baumkuchenzuwendungen. Nach seiner Demission nahm die Zahl der auf seinen Landsitz Friedrichsruh gesandten Geburtstagskuchen jedenfalls beträchtlich zu. Und dem Altkanzler schien dies zu gefallen, konnte er sich in der Fülle der Zuwendungen doch jovial und volksnah geben: Im obligaten Schlapphut kommentierte er 1895 einen neu gebrachten anderthalb Meter hohen Kuchen freudig: „Schon wieder so ein Riese“ (Welt-Neuigkeits-Blatt 1895, Nr. 76 v. 2. April, 2). All das war eine implizite Kritik an Wilhelm II. und seiner Politik. Doch Bismarck hatte schon andere Baumkuchengaben erlebt. Am bekanntesten wurde gewiss die Sendung einigerer Damen aus Cottbus, die dem im preußischen Verfassungskonflikt gegen Parlament und Liberalismus agierenden preußischen Ministerpräsidenten 1863 Baumkuchen und Gedicht verehrten: „Ein Baum bin ich, mein Ansehn gleicht dem Bilde / Des Eichenstammes im deutschen Waldesgrunde, / Die Aeste starren trotzig in die Runde, / Doch in mir wohnet Süßigkeit und Milde, / So sei auch Du!“ (Fremden-Blatt 1863, Nr. 89 v. 31. März, 5). Es folgte eine längere Debatte in den Tages- und Kaikaturzeitschriften über Mäßigung, Kompromissbereitschaft und die Abkehr von Blut und Eisen.

Die kulinarische Quintessenz all dieser wohlbedachten Geschenke war die in den 1890er Jahren entstandene Bismarck-Eiche, „eine Art Baumkuchen mit knorriger dunkelbrauner Schokoladenrinde“ (Neues Wiener Journal 1915, Nr. 7885 v. 5. Oktober, 11). Sie war eine Art Billigversion des Baumkuchens, die vorwiegend häuslich hergestellt wurde, jedoch auch das Geschäft von Konditoren belebte.

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Abwandlung des Baumkuchens: Werbung für Bismarck-Eiche aus Schlesien (Jugend 15, 1910, T.2, 1022)

Baumkuchen blieben im Deutschen Reich beliebte Präsente für Regierende, vielfach zur Unterstützung des politischen Kurses, seltener zu dessen Liberalisierung. Im Mittelpunkt der Gaben stand während der Weimarer Republik gewiss Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847-1934) (Massenansturm der Gratulanten, Neues Wiener Journal 1927, Nr. 12161 v. 2. Oktober, 3) – eine symbolische Anknüpfung insbesondere republikferner Kreise an die vermeintlich gute, die Kaiserzeit. Dass dabei die Grenzen des guten Geschmacks auch überschritten wurden, unterstreicht folgendes Beispiel nationalen Kitsches.

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Nationaler Kitsch: Baumkuchen mit Zuckerguss-Hindenburg 1933 (Prager Tagblatt 1933, Nr. 124 v. 27. Mai, Wochenbeil.)

Die Gaben für die NS-Führer waren dezenter – die Verwendung von nationalsozialistischen Symbolen für Werbezwecke wurde ja 1933 per Verordnung reguliert. Gleichwohl gehörte es zum Berliner Ritual, dem „Führer“ einen Führergeburtstagsbaumkuchen zu kredenzen, der nachher dann von ausgesuchten Schülern verzehrt werden durfte. Die politische Botschaft war Unterordnung, Vergewisserung uneingeschränkter Treue.

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Baumkuchen als Projektionsfläche heterogener Politikentwürfe: Festkuchen der Berliner Konditoren zum „Führergeburtstag“ 1939; Friedenskuchen als Neujahrsgruß des CDU-MdB Karl A. Lamers an die Unterhändler der Genfer Abrüstungsverhandlungen (Das kleine Blatt 1939, Nr. 109 v. 21. April, 5 (l.); Thuner Tagblatt 1983, Nr. 3 v. 5. Januar, 2)

In der Nachkriegszeit verlor der Baumkuchen seine enge Verbindung zur Macht, parallel zum Verlust seiner hervorragenden Stellung als Backware. Gewiss, Konrad Adenauer brachte den „Sowjets“ bei seiner Moskaureise 1955 zwei stolze Baumkuchen von Carl Jaedicke mit, dessen Geschäft zuvor von Berlin nach Rottach-Egern verlegt worden war. Doch die Liebedienerei vieler Konditoren während der NS-Zeit hatte entsprechende Gaben entwertet. Baumkuchen war öffentlich immer seltener mehr präsent. Und der bekannte „Friedenskuchen“ des aufstrebenden CDU-Politikers Karl A. Lamers unterstrich des Baumkuchens Abkehr von der Macht mit wohl unbewusster Ironie.

Relativer Bedeutungsverlust und Neubelebung als Billigsüßware

Der Bedeutungsverlust des Baumkuchens setzte jedoch schon deutlich früher ein, war schon vor dem Ersten Weltkrieg offenbar. Fontanes Kritik an den „Entartungen“ des Baumkuchens, an den schwächlichen und schwammartigen „Bleichenwangs“ der 1890er Jahre (Meine Kinderjahre, in: Ders., Gesammelte Werke, Bd. 14, München 1967, 91) fand in den bürgerlichen Haushalten durchaus Widerhall. Er wurde im Haushalt immer seltener hergestellt – und das nicht nur angesichts der Dienstbotennot der Zeit: Zeit und Mühe der Zubereitung standen in keinem verantwortbarem Verhältnis mehr, und „der herrliche Baumkuchen wird fertig besser, und fast kann man wohl sagen billiger, vom Baumkuchenbäcker bezogen“ (Weihnachtsgebäck, Der Bazar 37, 1891, Nr. 48 v. 21. Dezember, 498). Bei Tische entsprach er immer weniger den Moden der Zeit. Selbst auf der Hochzeitstafel geriet er unter Druck, denn er war zu hoch, zu groß, passte nicht zum immer flacher werdenden Blumenschmuck. Geselligkeit wurde kommunikativer, ein Baumkuchen war störend für sich gegenübersitzende Personen – und wurde daher seltener gewählt oder aber ins Büffet verbannt (Damm, 1906, 2261).

Die Jahrhundertwende markiert daher einen gewissen Kipppunkt in der Geschichte des „Königs der Kuchen“. Er verschwand langsam aus den gängigen Kochbüchern (etwa Luise Holle, Henriette Davidis Praktisches Kochbuch […], 37. Aufl., Bielefeld und Leipzig 1898; König’s Kochbuch für die bürgerliche Küche, Berlin o.J.; Antonie Weigand, Gute Kost. Ein bürgerliches Kochbuch, 22. Aufl., Reutlingen o.J. [1910]), blieb der Spezialliteratur vorbehalten. Regelmäßige Nachfragen in der hauswirtschaftlichen Literatur belegen noch ein moderates Grundinteresse, doch nahm dieses offenbar ab (vgl. etwa Wiener Hausfrauen-Zeitung 21, 1895, 88; Prager Tagblatt 1895, Nr. 331 v. 30. November, 20; Wiener Hausfrau 2, 1905, Nr. 32 v. 7. Mai, 12; Der Bazar 52, 1906, 324-325; Wiener Hausfrauen-Zeitung 36, 1910, 115; Illustrierte Kronen-Zeitung 1911, Nr. 4286 v. 4. Dezember, 2).

Der Bedeutungsverlust des Baumkuchens wurde durch den Ersten Weltkrieg beschleunigt. Eier und Butter wurden zunehmend knapp, und der Bundesrat verbot am 16. Dezember 1915 die gewerbliche Herstellung auch von Baumkuchen, während die Hausbäckerei durch die Nahrungsmittelknappheit austrocknete (Salzburger Volksblatt 1915, Nr. 287 v. 17. Dezember, 3). Von der Tanzwut und Vergnügungsfreude der unmittelbaren Nachkriegszeit profitierten andere Waren und Dienstleistungen: „Der Krieg hat alles mit eisernem Besen zusammengekehrt, Tanzkarten und Kotillonorden, gedruckte Menüs, Jardinieren und Baumkuchen und das alles“ (Liesbet Dill, Moderne Geselligkeit, Der Sonntag. Beilage zur Linzer Tages-Post 1923, Nr. 243 v. 28. Oktober, 2-3, hier 2).

Derartige Veränderungen waren jedoch nicht einfach „Moden“. Die veränderte Stellung einzelner Speisen im Mahlzeitengefüge ist immer verbunden mit ökonomischen Strukturveränderungen und kommerziellen Strategien. Es gibt kein unabhängiges Walten des Kulturellen. Produktion und Vertrieb von Baumkuchen wurden tiefgreifend geprägt von den massiven Veränderungen des Konditorengewerbes in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende. Im späteren 19. Jahrhundert verloren die Konditoren ihre zuvor dominante Position in der gewerblichen Produktion von Zucker- und Schokoladewaren einerseits an die rasch aufstrebende Süßwarenindustrie. Erst die Schokoladen-, dann die Keks- und Gebäck-, schließlich auch die Pralinen- und Bonbonherstellung wurden mechanisiert und damit beträchtlich verbilligt. Süßwaren mutierten verstärkt zu Markenartikeln, die Ausbildung regionaler Spezialitäten war deren Pendant im Felde des Baumkuchens. Anderseits erweiterten die zuvor auf die Produktion von Brot und das Lohnbacken konzentrierten Bäckereien ihr Angebot auf süße Teilchen, Kuchen und Torten. All dies unterminierte die Stellung des Baumkuchens als vermeintlichen König des Süßwarensektors schon lange vor dem Ersten Weltkrieg.

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Teuer, doch nur ein Angebot unter vielen: Baumkuchen als Angebot bei Karstadt, Berlin, Hermannplatz (Vorwärts 1930, Nr. 147 v. 28. März, 16)

Die massive Verarmung insbesondere bürgerlicher Schichten durch Krieg und Hyperinflation hinterließ noch deutlichere Spuren. Der strukturell rückläufige Verkauf von Konditoreiwaren hatte schon zuvor dafür gesorgt, dass zumal in Norddeutschland ein Cafégeschäft den Handelsbetrieb ergänzte. Nun aber schwanden die Ausgaben für Kaffee und Kuchen, konnten durch vermehrte Einnahmen aus dem Verkauf von Tabakwaren, Getränken und Speiseeis nicht kompensiert werden. Auch die verstärkte Herstellung von Brot und Weißgebäck konnte diese Veränderungen nur abmildern. Die Bäckereien verstärkten parallel die Produktion von Gebäck, Kuchen und Torten – auch als Folge leistungsfähigerer Öfen und Hilfsmaschinen. Das war einerseits Folge wachsender Absatzmengen von Brotfabriken. All dies führte aber auch zu einem preiswerteren Angebot von Backwaren, mochten einzelne Renommierkonditoreien sich von diesem Trend auch abkoppeln können (vgl. Das Konditorhandwerk, in: Das deutsche Handwerk. Verhandlungen und Berichte des Unterausschusses für Gewerbe: Industrie, Handel und Handwerk (III. Unterausschuß) 8. Arbeitsgruppe (Handwerk), Bd. 3, Berlin 1930, 97-136). Die während der Weltwirtschaftskrise in Berlin aufkommenden Baumkuchenstuben verwiesen jedoch auch auf neue Billigkonkurrenz innerhalb der Konditorenschaft (Badischer Beobachter 1932, Nr. 330 v. 29. November, 6).

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Schaufensterwerbung für gefällig gerundeten Baumkuchen in einer führenden Berliner Konditorei (Seidels Reklame 9, 1925, H. 10, Beil.)

Die Konditoren hatten auf diese Veränderungen keine wirklichen Antworten. Ihre höherwertige Handwerksware fand nach wie vor Abnehmer, doch die Grenzen zwischen diesem Angebot, dem einfacherer Bäckereien und industrieller Süßwarenhersteller verschwammen. Nur selten gelang den Konditoreien eine gewinnträchtige Spezialisierung. Beim Baumkuchen ist die Sonderentwicklung der Vereinigten Salzwedeler Baumkuchenfabriken Emil Schernikow die wohl markanteste Ausnahme. Die wachsende Verfügbarkeit von Kühltechnik, zunehmend auch elektrisch betrieben, verbreiterte zudem die Angebotspalette frischer Torten, sei es aus Obst-, sei es auch Crememassen. Baumkuchen mochte nach wie vor als „König der Kuchen“ gefeiert werden, doch Konkurrenten gab es in stetig wachsender Zahl.

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Der Baumkuchen als Symbol und Werbezeichen der Konditorei (Werben und Verkaufen 19, 1935, 286)

Die relative Verarmung des Bürgertums führte parallel zu einem Ende der häuslichen Herstellung von Baumkuchen (Blatt der Hausfrau 49, 1934, 520). Die Kochbücher der 1920er Jahre enthielten zumeist keine Rezepte mehr, Ausnahmen entstammten meist einer herrschaftlichen Küche. Sie verwiesen zwar auf neue häusliche Baumkuchen-Gasöfen, doch diese konnten sich nicht durchsetzen (M. Doennig und E. Doennig, Kochbuch, 21. Aufl., Königsberg 1929, 445-447). Seit den 1930er Jahren waren Baumkuchenrezepte in allgemeinen Kochbüchern kaum mehr enthalten (so etwa bei Erna Horn, Der neuzeitliche Haushalt, Bd. I, München-Solln 1940; Ida Schulze (Hg.), Davidis-Schulze. Das neue Kochbuch für die deutsche Küche, 11. erw. Aufl., Bielefeld und Leipzig 1941). Parallel griffen die Hausfrauen zu billigen Substitution, ersetzte Mock Food den tradierten Baumkuchen. Die einstige Bismarck-Eiche verlor beispielsweise ihre Sandteigsubstanz und mutierte ohne öffentlichen Protest zu einer einfachen Bisquitrolle (Erprobte Kochrezepte für die deutsche Hausfrau, hg. v.d. Rewe-Zentrale, Köln o.J. [ca. 1935], 54; Elisabeth Meyer-Haagen, Das elektrische Kochen, 2. erg. Aufl., Berlin 1937, 221-222). Als „Baumstamm“ findet sich diese noch in manchen Kochbüchern der frühen Bundesrepublik und der DDR (Dr. Oetker Schulkochbuch. Ausg. G; Bielefeld 1952, 275 (noch Bismarckeiche); Wir kochen gut, Leipzig 1968, 236 (als Eiche)). Vom häuslichen Baumkuchen blieb lediglich das Substitut der Baumkuchentorte, bekanntermaßen eine mehrfach aufgestrichene Schichttorte (Elisabeth Meyer-Haagen, Das elektrische Kochen, 37. Aufl., Frankfurt/M. 1978, 215).

Baumkuchen blieb in der zweiten Nachkriegszeit ein hochgeschätztes und gern verspeistes Backwerk, doch seine Glanzzeiten waren offenkundig lange vorbei, wenngleich es in der Bundesrepublik Konditorware blieb und in der DDR zur Bückware mutierte. Die modernen Konsumgesellschaften boten vielfältige und letztlich preiswertere Substitute für den handwerklich hergestellten Baumkuchen, „in dem man so viel Verdecktes und Verstecktes schmeckt“ (Die Tat 1967, Nr. 254 v. 28. Oktober, 36). Und doch: Vielleicht entdecken Sie dies ja neu, zu Weihnachten oder aber als Alltagsaufheller. Vorausgesetzt, Sie finden noch Konditoren, die einen solchen Baumkuchen herstellen können.

Uwe Spiekermann, 1. Dezember 2020

Auf den Spuren der Glasindustrie in Boffzen – Kritische Heimatgeschichte in Form eines Glasstelenweges

Die Industrialisierung wird vielfach mit Städten, mit den ausgreifenden urbanen Räumen in Verbindung gebracht. Doch nicht erst seit den bahnbrechenden Arbeiten Sidney Pollards ist klar, dass der Weg in die industrielle Moderne ihren Ausgang von regionalen Gewerbegebieten nahm. Die vielfach denunzierte „Provinz“ hat eine gewichtige Rolle beim Bruch mit der vorindustriellen Welt gespielt. Gleichwohl spiegelt sich dies nur unzureichend in der Forschung, dominierten dort doch Studien zu einzelnen Städten, Branchen und Regionen. Das kleine, vielgestaltige Geschehen der Geschichte ist mit großen Strichen eben leichter nachzuerzählen als mit der Analyse der kleinen Veränderungen in vielgestaltigen und als solchen einzigartigen Orten.

Es war demnach ein Wagnis, sich auf die Spuren der Glasgeschichte in Boffzen zu begeben, einem kleinen Weserdorf, bis Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt von Land- und Forstwirtschaft. Dort stellten zwei 1866 und 1874 gegründete Glashütten die tradierte Ordnung in Frage. Boffzen entwickelte sich binnen eines Jahrzehntes zu einem Industriedorf, das wie in einem Brennglas die allgemeinen Geschichtsläufte der letzten einhundertfünfzig Jahre bündelte. Der Anlass für diese Spurensuche kam von außen, vom lokalen Freundeskreis Glas. Dieser hatte sich 2017 aus der Betreuung des Boffzener Glasmuseums zurückgezogen, nachdem der CDU-geführte Gemeinderat eine Modernisierung der Dauerausstellung nicht gegenfinanzieren wollte. Zwei Jahre später schloss es dann seine Türen. Der Freundeskreis Glas hatte unter Vorsitz des früheren Landrates des Landkreises Holzminden, Walter Waske, jedoch schon zuvor über neue Vermittlungsformen abseits des Glasmuseums nachgedacht. Rasch war klar, dass ein lokaler historischer Rundweg erstellt werden sollte – in Form ästhetisch gestalteter Glasstelen. Er wurde nun am 8. November 2020 offiziell eingeweiht.

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Wegskizze des Boffzener Glasstelenweges (Graphik: Freundeskreis Glas Boffzen)

Ich selbst hatte 2016 einen Vortrag am Boffzener Museum gehalten, damals zur Geschichte des Einkochens im 20. Jahrhundert. Zum kulturpolitischen Zerstörungswerk der „bürgerlichen“ Gemeinderatsmehrheit hatte ich mich kritisch zu Wort gemeldet, hinzu kamen enge Bande zur Familie Waske. Gemeinsam entwickelten wir im Herbst 2019 ein Konzept, das vor Ort allseits unterstützt wurde. Der Freundeskreis Glas beantragte daraufhin einschlägige Fördergelder. Drei Stiftungen bewilligen 12.000 €, die Braunschweigische Stiftung 4.000 €, der Landschaftsverband Südniedersachsen 3.000 € und die Kulturstiftung des Landkreises Holzminden 2.000 €. Auch die in Boffzen ansässige Glashütte Noelle & von Campe hatte auf Basis des Konzeptes 6.100 € für zwei Stelen zur eigenen Unternehmensgeschichte zugesagt, zog diese Zusage jedoch aufgrund der Texte zur NS-Zeit der Firma zurück. Die Gelder wurden durch eine weitere Förderung durch die Braunschweigische Stiftung und eine namhafte Privatspende allerdings rasch gedeckt. Den Hauptteil der Kosten von ca. 45.000 € trug der Freundeskreis Glas.

Der Glasstelenweg

Der Glasstelenweg des Freundeskreises Glas ermöglicht einerseits einen Rundweg zu historischen Orten in Boffzen. Ziel ist es, die bis weit in das 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte der Glasindustrie vor Ort darzustellen und ansatzweise erfahrbar zu machen. Der Weg führt über eine Strecke von ca. zwei Kilometern, die in ein bis anderthalb Stunden bequem zu bewältigen ist. Unternehmens-, Sozial-, Konsum- und Alltagsgeschichte werden gleichermaßen behandelt und in Bezug zueinander gesetzt. Die von der Journalistin und Ausstellungsmacherin Stefanie Waske und mir formulierten Texte wurden mit Bildern ergänzt, von der Neuhauser Graphikerin Angelika Reuter in Form gebracht und dann auf knapp zwei Meter hohe Glasstelen gebrannt. Der Rundweg ist Teil ähnlicher Initiativen im gesamten Weserbergland, zielt damit nicht allein auf die lokale Bevölkerung, sondern auch auf Touristen in dieser historisch vielgestaltigen Region.

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Ausgangspunkt für Führungen (nach Ende der dekretierten Kontaktbeschränkungen): Glaspresse, Masterstele und zwei Themenstelen zu der auf der anderen Straße gelegenen Unternehmervilla Becker und der Georgshütte (Foto: Uwe Spiekermann)

Der Boffzener Glasstelenweg geht allerdings einen wichtigen Schritt weiter, denn er wird ergänzt durch die Website Glas-in-Boffzen.com. Die auch per QR-Code von den Stelen einfach aufrufbare Seite erlaubt zum einen die nötigen Vertiefungen zu den Informationen auf den einzelnen Stelen. Zum anderen ist sie sowohl eine Plattform für die kritische Aufarbeitung der lokalen Glasgeschichte als auch ein Sammelbecken für alle mit dem faszinierenden Werkstoff Glas verbundenen lokalen und regionalen Themen. Die Website enthält entsprechend alle Texte und Bilder der Glasstelen. Sie bietet zugleich aber Vertiefungstexte zu den einzelnen Stelen. Die Stelen mit ihren ca. 1800 Zeichen reißen zwar Hauptpunkte an, doch erst in Kombination mit den Angeboten der Website wird daraus ein Komplettpaket.

Thematische Schwerpunkte des Glasstelenweges

Die zehn thematischen Glasstelen des Rundweges konzentrieren sich zuerst einmal auf Bauten, die die Geschichte der Glasindustrie direkt vor Augen führen. Das betrifft Betriebsstätten, Unternehmervillen, Arbeiterhäuser oder den früheren Konsum. Inhaltlich stehen sie jedoch für drei größere Themenfelder, nämlich die Unternehmens-, Sozial- sowie Konsum- und Alltagsgeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte.

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Georgshütte mit Arbeiterwohnungen im späten 19. Jahrhundert (Schreiben von G. Becker an die Kreisdirektion Holzminden v. 13. September 1901, Kreisarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Bei der Unternehmensgeschichte geht es vorrangig um die beiden Boffzener Glashütten Noelle & von Campe (1866 als Bartling & Co. gegründet) und Georgshütte G. Becker. Beide repräsentieren den im späten 19. Jahrhundert erfolgten Bruch mit den bis weit in die frühe Neuzeit zurückreichenden Waldglashütten des Sollings mit ihren direkt mit Buchenholz befeuerten Glasöfen. Die Gründung in Boffzen erfolgte nahe der Mitte der 1860er Jahre eröffneten Eisenbahnen in Braunschweig, Hannover und dem preußischen Westfalen. Es galt Rohstoffe zu beziehen, vor allem aber Steinkohle aus den Zechen des Ruhrgebietes. Mit deren Hilfe konnten neuartige Glasöfen mit indirekter Gasfeuerung errichtet, dadurch die Glaspreise deutlich reduziert werden. Beide Glashütten konzentrierten sich auf Weißhohlglas, das sie meist über den Großhandel absetzten. Regionale und zunehmend nationale Märkte dominierten, Noelle & von Campe exportierte aber auch wachsende Teile des Angebotes.

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Mittelstand heute: Firmensignets von Noelle + von Campe an Werk I und Werk II (Fotos: Uwe Spiekermann)

Die Stelen – drei zu Noelle & von Campe, eine zur Georgshütte – geben allgemeine Einblicke in die Firmengeschichte bis in die 1980er Jahre. Noelle & von Campe hatte sich zuvor zum Massenbieter für Verpackungsglas gewandelt. Die Georgshütte reagierte auf die wegbrechende Nachfrage bei Einkoch- und Pressglas mit der Herstellung modern gestalteten Dekorationsglases, konnte sich im harten internationalen Wettbewerb jedoch nicht mehr behaupten und musste 1989 Konkurs anmelden. Die bisher vorliegenden Vertiefungstexte behandeln die Anfänge der Glasindustrie, geben aber auch einen Einblick in die handwerkliche Produktion der 1950er Jahre:

Der Glasstelenweg ermöglicht zudem vielfältige Einblicke in die lokale Sozialgeschichte, in die Unterschiede zwischen Arbeitern und Unternehmern, zwischen dem industriell geprägten Oberdorf und dem von der Landwirtschaft dominierten Unterdorf. In Boffzen gibt es drei Unternehmervillen, allesamt gebaut um die Jahrhundertwende. Auch von dem für die Anwerbung von qualifizierten Glasmachern unabdingbaren Arbeiterwohnungsbau gibt es noch zahlreiche Beispiele.

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Unternehmervilla Noelle (1897) und das Arbeiterwohnhaus von Ludwig Düsterdiek (1913) (Fotos: Uwe Spiekermann)

Ein besonderer Reiz geht dabei bis heute von der Arbeitersiedlung Steinbreite aus. Ebenso wie die Unternehmervillen neue Maßstäbe im ländlichen Bauen setzten, verkörperten die fünfzehn von 1906 bis 1913 erbauten Glasarbeiterhäuser einen Bruch mit der zuvor vornehmlich auf serielle Mehrfamilienhäuser setzenden betrieblichen Sozialpolitik. Angeregt durch Vorbilder aus Ost- und Westfalen entstanden einfache, doch relativ große Einfamilienhäuser mit Gartenland und Kleinviehhaltung. Sie waren Angebote für eine loyale Stammarbeiterschaft, markieren aber auch den Handwerkerstolz der Glasbläser.

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Eine Stele zum Lesen, eine Bank zum Verweilen: Impression aus der ehemaligen Arbeitersiedlung Steinbreite (Foto: Uwe Spiekermann)

Die bisherigen Vertiefungstexte geben Einblicke in die unterschiedlichen Bautypen, in den paternalistisch-protestantischen Führungsstil der Unternehmer sowie die materielle und gesundheitliche Lage der Glasarbeiter:

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Die Stele zur Arbeiterkonsumgenossenschaft wird fotografiert, nachdem die Gemeindearbeiter Rasen gesät und die Mitglieder des Vereins Boffzen Aktiv Blumenzwiebeln gepflanzt hatten (Foto: Uwe Spiekermann)

Zugleich darf aber nicht vergessen werden, dass beide Hütten die Konsumgütermärkte und die Alltagskultur mit ihren Produkten mitgeprägt haben. Das gilt für die weit verbreiteten Konservierungsgläser, für Milchflaschen und Bierseidel, für Verpackungsglas von Handels- und Markenartikelunternehmen. Die Hütten entwickelten technisch anspruchsvolle Angebote für Nischenmärkte, ihre Formgestaltung spiegelt die massiven Veränderungen der Konsumwelten vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Formgestaltung für Exportmärkte: Verpackungsglas Ende der 1950er Jahre (Samtgemeindearchiv Boffzen, Sammlung Heide)

Bisher liegen zwei Vertiefungstexte vor, nämlich

Es war von Beginn an der Anspruch des Boffzener Glasstelenweges auch die lokale Geschichte des Nationalsozialismus mit zu behandeln. Für mich war es jedoch mehr als irritierend, dass diese Selbstverständlichkeit in einem offenen, demokratischen Gemeinwesen vor Ort teils nicht geteilt wurde: Nach anfänglicher Unterstützung trafen die einschlägigen Stelenpassagen nämlich auf den massiven Widerstand der Geschäftsführung der Firma Noelle + von Campe und der Nachfahren der damaligen Geschäftsleitung der Familie Becker. Versuche, den Glasstelenweg trotz erfolgter Auftragsvergabe noch Mitte September 2020 zu stoppen, wurden von der Mitgliederversammlung des Freundeskreises Glas allerdings mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.

Teil meiner Irritation war gewiss auch, dass die Stelentexte nur grundsätzlich bekannte Fakten zur NS-Geschichte der beiden Glashütten wiedergaben. Zur Georgshütte wurde lapidar vermerkt: „In den frühen 1920er Jahren und während der Weltwirtschaftskrise lag der Betrieb wiederholt still. Er profitierte danach jedoch von der wirtschaftlichen Erholung, dann von der Rüstungskonjunktur des NS-Regimes: Die Hütte steigerte nach Erweiterungsbauten Anfang der 1940er Jahre die Zahl ihrer Beschäftigten, die Einberufenen wurden durch Zwangsarbeiter aus dem besetzten Osteuropa teils ersetzt.“ Das war natürlich nur die Spitze des Eisberges, der Kürze eines Stelentextes geschuldet. Nicht erwähnt wurde etwa, dass die Georgshütte aufgrund der 1931 beginnenden NSDAP- und SA-Mitgliedschaft des Hauptgesellschafters Carl-August Becker von 1946 bis Ende 1947 unter Treuhänderverwaltung stand, während der frühere und auch spätere Besitzer nach dem Militärdienst ab 1946 als Waldarbeiter beim Forstamt Boffzen tätig war (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Nds. 171 Hildesheim Nr. 44683).

Da für Noelle & von Campe drei Stelen zur Verfügung standen, war die einschlägige Passage zur NS-Geschichte etwas länger: „Noelle & von Campe war ein Renommierprojekt der nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungspolitik. […] Die wirtschaftliche Erholung und die 1936 einsetzende massive Rüstungskonjunktur führten zu steter Auslastung und wachsenden Gewinnen. […] Der Zweite Weltkrieg begann mit neuerlichen Einberufungen, doch Rohstoffe waren weiter vorhanden, auch Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Tschechien und der Slowakei sicherten die zunehmend kriegswichtige Produktion. Rüstungsgüter wurden gefertigt, darunter ab 1944 Glasminen.“ Über beide Hütten werden genauere Beiträge folgen, die sich allerdings nicht allein auf das unternehmerische Handeln und die Einbindung der Hütten in die Wehr- und Kriegswirtschaft konzentrieren werden. Auch Arbeiter und Angestellte profitierten vom damaligen Aufschwung, einem modernen Maschinenpark und hohen Gewinnen, die halfen, schon ab 1945 wieder profitabel produzieren und die ersten Anpassungskrisen in den 1950er Jahren erfolgreich bestehen zu können. Ein Vertiefungstext ist bereits verfügbar:

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Warnhinweis vor deutschen Minen, deren Glaskörper auch in Boffzen von Noelle & von Campe produziert wurden (Intelligence Bulletin 3, 1945, Nr. 5, 73)

Die Website Glas-in-Boffzen.com

Während der Glasstelenweg Grundinformationen über die Geschichte der Boffzener Glasindustrie und die unmittelbar zu sehenden Objekte liefert, erlaubt die neu eingerichtete und zeitnah zum Rundweg am 6. November 2020 eröffnete Website eine substanzielle Vertiefung der Aussagen. Dabei geht es erstens um eine Kontextualisierung der Stelentexte, also um die Einbettung der lokalen Geschehnisse in allgemeinere Entwicklungen. Dies wird fortgesetzt werden. Zweitens soll der Zugriff aber auch deutlich kleinteiligerer erfolgen, etwa durch die Präsentation und Diskussionen einzelner Geschichten, einzelner Glasobjekte oder aber Quellen. Drittens sind nicht nur Texte und Bilder geplant, sondern zusätzlich auch audiovisuelle Medien. Erste Interviews mit Zeitzeuginnen wurden geführt, müssen allerdings noch transkribiert und redigiert werden. Das Ziel liegt bei je drei Zusatzangeboten zu jeder Stele, also etwa 30 Beiträgen.

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Titelseite der Website Glas-in-Boffzen.com (Abruf: 10. November 2020)

Die Website wird jedoch auch Aufgaben übernehmen, die über den Glasstelenweg und die Geschichte der lokalen Glasindustrie hinausgehen. Glas-in-Boffzen.com dient dem Freundeskreis Glas als Vereinsplattform. Sie wird mit der nicht geringen Zahl von Internetangeboten ähnlicher Vereine und Glasmuseen vernetzt werden. Zugleich dient die Website aber auch zur Präsentation von Glasgeschichte(n), bietet also ein Spielbein für weitergehende Aspekte des Werkstoffs und Sammelobjektes Glas. Die Geschwindigkeit, mit der all dies umgesetzt werden kann, ist natürlich abhängig von den Vereinsmitgliedern. Die Website ist zugleich aber auch ein offenes Forum für alle einschlägig Interessierten. Förderung und Unterstützung kann der Freundeskreis Glas jedenfalls gut gebrauchen – und sie finden auch dazu nähere Informationen auf der Website.

Aussichten einer kritischen Heimatgeschichte Boffzens

Die lokalen Widerstände gegen eine kritische Heimatgeschichte, insbesondere aber eine auch nur rudimentäre Aufarbeitung der NS-Geschichte der Glashütten, ihrer Unternehmer und Arbeiter waren überraschend. Auch wenn jeder weiß, dass die öffentliche Rhetorik des „Kampfes gegen Rechts“ nur Ausdruck der Hilflosigkeit im Umgang mit extremistischen Herausforderungen der Bundesrepublik ist, so war die offenkundige Kombination von Unwissen, Ignoranz und Indifferenz doch bemerkenswert. Boffzen ist dafür nur ein Symptom, ist keineswegs außergewöhnlich. Der massive Abbau des Geschichtsunterrichtes nicht nur in Niedersachsen, die dominante Reduktion von Historie auf Unterhaltungsthemen und nicht zuletzt die öffentliche Erinnerungskultur mit ihren ritualisierten Einseitigkeiten und Selbstgefälligkeiten haben ein gesellschaftliches Klima geschaffen, das für eine kritische Heimatgeschichte nicht günstig ist. Sie ist dennoch unverzichtbar.

Die lokalen Widerstände haben uns jedenfalls dazu angeregt, parallel, vor allem aber nach der Niederschrift der Stelentexte unsere Quellenrecherchen nochmals deutlich auszuweiten. Neben den einschlägigen Landesarchiven in Wolfenbüttel und Hannover haben Stefanie Waske und ich Akten aus dem Bundesarchiv Lichterfelde, dem Berlin Document Center, den Arolsen Archives und dem United States Holocaust Memorial Museum, Washington, DC zusammengetragen. Die wichtigsten Bestände gab es jedoch in der Region Holzminden, gar in der Samtgemeinde Boffzen. Dass diese Bestände größtenteils offiziell unverzeichnet waren, gab dem Ganzen eine besondere Note und erhöhte unsere Entdeckerfreude. All dies hat unsere Wissensgrundlage über die Geschichte der (Boffzener) Glasindustrie deutlich verbreitet – und wir hoffen in Zukunft hierüber regelmäßig zu veröffentlichen.

Uwe Spiekermann, 11. November 2020

Fern von den Konsumenten: Biermarketing in Deutschland 1890-1970

Die Konsumenten fristen in der wirtschafts- und sozialhistorischen Forschung bis heute ein Schattendasein. Wie sie erfassen, welche Quellen dazu nutzen? In den Blick nehmen lassen sich vor allem ihre Handlungen. Welche Wahlmöglichkeiten bestanden, was wurde gekauft, und wie wurde mit den Waren umgegangen? Markthandeln steht dann im Mittelpunkt. Das Rollenwesen „König Kunde“ zeichnet sich vor allem durch seine Kaufkraft aus, erscheint als funktionaler Akteur im Wirtschaftsgeschehen, Ausgangs- und Endpunkt der Produktion und des Handels.

Die historische Forschung hat diesen Mythos der Souveränität vielfach fundiert hinterfragt, verfehlt das Bild freien ungebundenen Kaufens und Wirtschaftens doch die Realität moderner Konsumgütermärkte. Dort dominieren die Strukturen und Zwänge des Marktes, vor allem aber das Agieren der Händler und Produzenten, der Marketingspezialisten und Wissenschaftler. Diese – so die immer wieder vernehmliche Aussage – würden sich letztlich an einem wie immer gearteten Konsumentenbild orientieren. Die Herrschaft und die Eigeninteressen der Marktexperten interessieren dagegen weniger. Das zeigt sich prägnant an den einfachen Stufenlehren, mit deren Hilfe Konsumgesellschaften gerne periodisiert werden: Da geht es von der Produkt- über die Absatz- hin zur Markt- und Verbraucherorientierung. Oder aber von fragmentierten zu nationalen Märkten, dann zur Marktsegmentierung und immer kleinteiligeren Mikrosegmentierung. Die Konsumenten sind, sprachlich zumindest, irgendwie immer dabei.

All dies hat seinen Wert. Doch müsste man nicht selbstkritisch fragen, was der Eigenwert der Geschichtswissenschaft ist, und ob gängige ökonomische und psychologische Modelle und Normen nicht mehr verdecken als erhellen. Erlauben sie wirklich einen „realen“ Bezug zum „Markt“ – oder sind sie nicht primär schwache Krücken im Angesicht der Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit des Konsums? Um hierauf zu antworten, gilt es konkreter rückzufragen: Waren und sind Konsumenten relevante Größen im Marktgeschehen – zumal aus Sicht der Produzenten? Welche Bedeutung messen diese ihnen zu? Wie definieren sie ihr Gegenüber, wie konstruieren sie es? Um derartige Fragen zu beantworten, sind empirische Fallstudien unverzichtbar.

Das Konsumgut Bier eignet sich dafür besonders gut, handelt es sich doch um ein neu gestaltetes Massenkonsumgut des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dessen erste Konsumspitze um 1900 lag, die dann Mitte der 1970er Jahre nochmals übertroffen wurde, ehe der Konsum langsam zurückging. Es gab also – die vielfältigen Brüche dieser Zeitspanne mitdenkend – wiederholte Phasen von Wachstum, Stagnation und Rückgang. Unternehmerisches Kalkül und Expertenwissen waren also immer wieder gefordert, um das kühle Nass dem Konsumenten darzubieten.

Bier läuft – Der Konsument während des Kaiserreichs

Bevor wir starten, müssen wir aber über unseren Gegenstand nachdenken. Denn auch wenn zwischen dem untergärigen Vollbier, das als Helles oder aber als feines Pils um 1900 den Markt bestimmte, und unseren heutigen Standardsorten unter chemisch-physiologischen Aspekten kein gravierender Unterschied besteht: Für die Konsumenten hat sich „Bier“ grundlegend gewandelt. Die Einheitlichkeit entsprechender Begriffe ist daher eine semantische Illusion (dazu Uwe Spiekermann, Abkehr vom Selbstverständlichen. Entwicklungslinien der Ernährung seit 1880, Ernährung im Fokus 7, 2007, 202-208).
Heutzutage sind Alkoholika, auch relativ schwache, wie das Bier, Stimmungswandler. Sie haben vorrangig die „Funktion eines situativen Therapeutikums“ (Stephan Urlings, Geisterkampf und Stimmungswandel. Alkohol-Werbung und Trinkverfassungen, Rheingold Newsletter 2005, Nr. 1, s.p.) und erlauben, den Alltag spezifisch zu gestalten. Demgegenüber treten andere Funktionen des Getränks zurück. Umfragen der frühen 1950er Jahre hoben stattdessen noch die Durst stillende und erfrische Wirkung hervor (Frank Wiese, Der Strukturwandel im deutschen Biermarkt, WiSo. Diss. Köln 1993, 86). Bier war ein alimentärer Allrounder, dem ferner guter Geschmack, Nährwert und Bekömmlichkeit zugewiesen wurde, dessen Konsum vielfach als urwüchsig und gleichsam natürlich bewertet wurde. Vor dem ersten Weltkrieg spielten physiologische Momente eine noch größere Rolle. Bier war damals insbesondere „flüssiges Brot“, eine kräftigende Alltagsspeise. Es verband Ruhe und Geselligkeit, galt als reines und zugleich anregendes Produkt.

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Einkehr, Erfrischung, Ernährung und Erheiterung in einem Zug (Fliegende Blätter 113, 1900, 39)

Nimmt man diese veränderte Konsumentensicht ernst, so verwundert das Festhalten an dem einen Produkt Vollbier. Die Kernleistung der Bierproduzenten lag im 20. Jahrhundert offenbar darin, ein relativ homogenes Produkt für sehr unterschiedliche Aufgaben glaubhaft anzubieten. Nicht die Schaffung neuer Produkte, sondern die virtuelle Kreation von sich wandelnden Produkteigenschaften stand damit im Mittelpunkt unternehmerischer Leistung.

Setzt man dieses voraus, so müsste man von einer relativen Nähe von Produzenten und Konsumenten ausgehen. Die Brauwirtschaft bot um 1900 ihre transportkostenintensive Massenware zumeist in lokalen und regionalen Märkten an, war über die vertraglich gebundene Gastronomie und – zumindest in städtischen Märkten – Heimlieferangebote in vergleichsweise engem Kontakt mit den Trinkenden. Die Zielsetzungen waren vielfach identisch: Es ging um ein standardisiertes Angebot ohne größere Qualitätsschwankungen.

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Abseits standardisierter Angebote – Qualitätsrisiko Gastronomie (Fliegende Blätter 83, 1885, 27 (l.); ebd. 84, 1886, 85)

Vor der Einführung moderner Technologie, insbesondere aber der Kühltechnik und der bakteriologischen Forschung seit den 1870er Jahren, war dies kaum möglich, waren auch Schönungen und Verfälschungen durch Wirte weit verbreitet. Die erste Verwissenschaftlichung hätte grundsätzlich eine große Palette neuer Biersorten erlaubt. Glyzerin wurde dem Bier damals vielfach beigemengt, um den Geschmack vollmundiger, den Schaum feiner zu machen (Curt Michaelis, Die Bier-Frage, Correspondenz-Blatt des Niederrheinischen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 5, 1876, 36-39). Auch Färbemittel wurden häufig verwandt (Nowak, Zur Hygieine des Bieres, ebd. 9, 1880, 102-104). Zahlreiche deutsche Auswanderer nutzten diese Kenntnisse, um in den Vereinigten Staaten trotz anderer Rohwaren gut trinkbare und zugleich leichtere Lagerbiere herzustellen und damit die dunkleren, aus Großbritannien übernommenen Sorten in den Hintergrund zu drängen (Uwe Spiekermann, Marketing Milwaukee. Schlitz and the Making of a National Beer Brand, 1880–1940, Bulletin of the GHI 53, 2013, 55-67). Erst die 1909 erfolgte Übernahme des seit Mitte des 19. Jahrhunderts im süddeutschen Braugebiet zunehmend praktizierten „Reinheitsgebotes“ führte auch im Norden zu einem Ende des an sich möglichen Abenteuers kreativer Biere. Es galt ein hochwertiges, tendenziell helles und gefällig schmeckendes Produkt zu erstellen. Die Brauereien konzentrierten sich dazu auf umfangreiche Wasser- und Gerstenanalysen sowie eine Malzkontrolle, die standardisierte Qualität ermöglichte und die Landwirtschaft verpflichtete. Ein derart einheitliches Produkt, angeboten zu einem akzeptablen Preis schien Garantie dafür, dass Bier lief. Regionale und saisonale Spezialitäten standen dem nicht entgegen, sondern sicherten die Dominanz des Standardbiers.

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Der ideale Konsument in der Karikatur (Fliegende Blätter 103, 1895, Nr. 2426, Beibl. 13)

Aufgabe der Brauereien war es nicht, den Kunden zu analysieren, sondern ihm das Produkt preiswert und in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Dies galt zumal, da Bier gegenüber dem Branntwein als weniger ungesunde Alternative galt. Der Risikodiskurs der Temperenzler und Abstinenzler konnte dadurch abgeschwächt werden. Ein leichtes, nährendes, erfrischendes Produkt galt als deutsch, war Teil einer geselligen und jovialen Nation, schien Teil des Nationalcharakters (Was jedermann vom deutschen Bier wissen muß!, Tageszeitung für Brauerei 11, 1913, 87). Dem charakterfesten Konsumenten wurde nominell die Freiheit der Wahl gelassen werden, doch gute Bürger würden letztlich auch gute deutsche Produkte konsumieren. Die Interessenverbände betonten zudem, dass dies Arbeit für das Gemeinwesen sei, denke man an das volkswirtschaftliche Gewicht der Brauereien für Arbeitsplätze und Steueraufkommen.

Die Firmen konzentrierten sich daher auf das Produkt selbst. Neben der Zucker-, Stärke- und Schokoladenindustrie waren die Bierbrauer Pioniere bei der Etablierung von Betriebslaboratorien, die einerseits die Rohware, andererseits die Endprodukte chemisch und zunehmend auch sensorisch kontrollierten (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Geschichte der Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 319-322). Zugleich wurden Verbands- und Universitätsinstitute gegründet, die Grundlagenforschung betrieben.

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Hygiene und wissenschaftliche Kontrolle – Betriebslaboratorium der Schultheiss AG, Berlin, 1910 (Schultheiss, 1910, 80)

Zudem bemühten sich die Brauereien, breit gefächerte Vertriebsschienen aufzubauen, wobei der Flaschenbierproduktion eine besondere Rolle zukam, auch wenn der Fassbierabsatz insgesamt deutlich überwog (Gustav Stresemann, Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschaefts, Phil. Diss. Leipzig, Berlin 1902). 1907 bedienten ferner mehr als 16.000 spezialisierte Bierhandlungen ihre Kundschaft, 82% davon hatten höchstens zwei Beschäftigte (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 708-709). Ökonomisch war dies alles höchst erfolgreich, lag der Umsatz der Brauwirtschaft um 1900 doch über dem der Montanindustrie.

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Produktion für den Hauskonsum – Flaschenbierproduktion bei Schultheiss 1910 (Schultheiss, 1910, 55)

Die Anbieter taten also viel für die Konsumenten, doch als wirklich eigenständigen Akteure verstanden sie sie nicht. Im repräsentativen „Illustrierten Brauerei-Lexikon“ von 1910 fehlte jeglicher Hinweis, die zahlreichen Fachbücher über das Brauereigewerbe würdigten sie kaum einer Zeile. Das gute Produkt setzte sich halt durch, Konsumenten war Einsichtswesen. Nicht der Käufer wurde beobachtet, wohl aber der Konkurrent. Dessen Werbeaktivitäten zielten im Regelfall auf einen schwachen Konsumenten, so dass „Kundenhetze“ (Concurrenz und Publikum, Deutsche Brau-Industrie 29, 1904, 465-466, hier 465) trotz guter Qualität sehr wohl erfolgreich sein konnte. Wettbewerb wurde als Auseinandersetzung mit den Konkurrenten verstanden, es galt, diesen zu übertrumpfen: „Man wird stets finden, daß das urtheillose Publikum, dieses tausendköpfige Ungeheuer, in seiner Allgemeinheit immer auf Seiten der Großindustrie steht und deren Biere bevorzugt, eine Erscheinung, welche die Großbrauereien natürlich mit allen Mitteln zu fördern suchen. Das Publicum steht von vornherein unter dem Einfluß einer gewaltigen Reklame, welche sein Ohr vertraut werden läßt mit dem Namen der großen Brauereien und den Bezeichnungen ihrer Biersorten. Die colossalen Etablissements, die prunkvollen, comfortablen Ausschänke imponiren ihm und schon macht dieser Einfluß im Geschmack sich geltend“ (Concurrenz, 1904, 465).

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Großbetriebliche Tradition: Werbung der Münchener Salvatorbrauerei für ein saisonales Spezialbier (Der Welt-Spiegel 1914, Ausg. v. 1. Februar, 5)

Nicht eventuelle Wünsche und Vorstellungen der Konsumenten bestimmten Angebot und Werbeansprache. Ihnen mussten vielmehr die Vorzüge des jeweiligen Angebotes wieder und wieder vor Augen geführt werden, da sie als solche schwach, aber immerhin willig waren. Die Konsequenz war die Vorstellung eines von Unternehmern und dann zunehmend auch von Werbefachleuten dominierten Marktgeschehens.

Entsprechend platzierten die Betriebe ihre Werbung alltags- und konsumnah. Die relativ geringe Bedeutung der Anzeigenwerbung und hohe Aufwendungen für einerseits Außen- und Plakatwerbung, anderseits zahlreiche Werbemittel innerhalb der Gaststätten entsprachen dem. Die hohen Transportkosten, die begrenzte Haltbarkeit, aber auch die im Vergleich zu anderen Genussmitteln geringen Gewinnmargen schützten zugleich das Massengeschäft. Modernes Marketing mit integrierter Kundenorientierung, wie es im späten 19. Jahrhundert etwa im Absatz von Schokolade oder aber Suppenpräparaten praktiziert wurden, hatte deshalb im Braugewerbe keine wirkliche Funktion (vgl. als Fallstudie Clemens Wischermann, Zur Industrialisierung des deutschen Braugewerbes im 19. Jahrhundert. Das Beispiel der reichsgräflich zu Stolbergschen Brauerei Westheim in Westfalen 1860-1913, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 30, 1985, 143-180, v.a. 158-163).

Entsprechend nutzten die Brauereien zu dieser Zeit veränderte Verbraucherbedürfnisse nicht – die mehr als eine Dekade währende Mode der alkoholfreien Biere wurde kleinen Spezialanbietern überlassen, da Bier ohne Alkohol ein Widerspruch in sich zu sein schien. Und nur vereinzelt investierten sie in das nach 1900 schnell an Bedeutung gewinnende Geschäft mit Mineralwasser und Limonaden, das ungeliebtes Beiwerk blieb. Die kapitalkräftigen urbanen Brauereien wuchsen schließlich trotz Steuererhöhungen 1906 und 1909 in der Mehrzahl weiter und beschäftigten sich stärker mit dem Aufkauf und der Bekämpfung der Konkurrenz als mit Produktdiversifikation.

Halbe Rationalisierung – Gemeinschaftswerbung und abgegrenzte Märkte in der Zwischenkriegszeit

Lassen Sie uns den Ersten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit überspringen, denn fehlende Rohstoffe und Arbeitskräfte, Regulierung und Rationierung führten zum kurzfristigen Ende des guten Biers für alle. Qualitätsmängel hatten das Vertrauen in das vermeintliche deutsche Nationalgerät vielfach erschüttert. Im Gegensatz zu anderen Lebensmittelbranchen nutzten die Brauer in den 1920er Jahren aber nicht die damals breit rezipierte US-amerikanische agrar- und handelswissenschaftliche Marketingliteratur, sondern setzten auf Bier in Vorkriegsqualität, auf Restauration und Tradition. Während die durch die internationale Agrarkrise unter Druck geratene Veredelungswirtschaft zwischen 1926 und 1928 modernes Marketing nutzte – einerseits staatlich und korporativ finanzierte Gemeinschaftswerbung betrieb, andererseits aber Produktion und Absatz rationalisierte und verbesserte – gab es im Braugewerbe nur eine halbe Rationalisierung.

Das scheinbar ausgereifte Produkt „Bier“ erlaubte kaum Optimierungen und Variationen. Bier Pilsener Brauart hatte 1925/26 außerhalb Bayerns schon einen Marktanteil von ca. einem Fünftel, wobei vor allem Sachsen mit 51% hervorragte (Berthold Herzog, Das Recht der Biererzeugung. Ein Beitrag zu neueren Warenzeichen- und Wettbewerbsfragen, Berlin 1931, 4-5). Angesichts der angespannten Einkommenssituationen und der Bevorzugung preiswerter regionaler Sorten hatten Premiumstrategien zugleich nur begrenzte Chancen. Gleichwohl investierten Staat und Betriebe beträchtliche Summen in Grundlagenforschung und Kontrolle, wobei die Vitaminforschung und Physiologie einerseits, die Rohstoffkunde insbesondere von Malz und Wasser im Mittelpunkt standen (F[riedrich] Hayduck, Das deutsche Brauereigewerbe im Spiegel der Wissenschaft, Der deutsche Volkswirt 8, 1933/34, Nr. 48, Sdr.-Beil., 8-10). Bier wurde im naturwissenschaftlichen Sinne „besser“, für die Konsumenten aber wurde es nicht anders. Nur vereinzelt bauten insbesondere Großbrauereien ihr Angebot nicht alkoholischer Getränke aus, setzten auch auf Malzbier oder sog. Gesundheitsbiere.

Rationalisierung fand innerbetrieblich durchaus statt; Organisation und Technik des Absatzes wurden nunmehr genauer analysiert und eine wachsende Zahl betriebswirtschaftlicher Kennziffern machte Kostenstrukturen transparenter (Alexander Hoecht, Die Organisation und Technik des Bierabsatzes im Braugewerbe, Techn. Diss. TU München 1929).

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Systematisierung der Absatzbestrebungen – Muster für eine Werbekartothek 1930 (Simon, 1931, 23)

Die Werbeanstrengungen wurden gestrafft, aber nur von wenigen Betrieben institutionalisiert. Lediglich fünf von 50 befragten Großbrauereien besaßen 1930 eine Werbeabteilung (Theobald Simon, Die Werbung der Brauereien, Nürnberg 1931, 19). 1936 verfügten nur drei von 50 im Rahmen der Brauwirtschaftsenquete befragten Betriebe über einen gesonderten Werbeetat (Margarete Sy, Die Kundengewinnung im deutschen Braugewerbe, in: Walter Weddigen (Hg.), Grundfragen der deutschen Brauwirtschaft, Leipzig 1939, 210-258, hier 212). Während sich andere Konsumgüterbranchen zunehmend auf den „Markt“ und damit den empirisch erkundeten Konsumenten ausrichteten, führte der durch Konzentration und Kooperation vielfach eingedämmte Wettbewerb zu einer relativen Stagnation des Braugewerbes. Erst in den 1930er Jahren wurden Kundenbefragungen und Marktforschung üblich, doch sie erfolgten vornehmlich auf Branchenebene, kaum durch Einzelbetriebe. Gründe hierfür waren einmal die relative Konstanz der über die betrieblichen Absatzdaten sehr wohl konturenhaft bekannten Konsumentenstrukturen. Angesichts eines Flaschenbieranteiles von 15 bis 25 % bildeten zudem Wirte oder Restaurationsbesitzer die eigentlichen Hauptabnehmer. Von den Werbeausgaben von 53,5 Mio. RM entfielen 1929 mehr als drei Viertel auf Wirtewerbung (Theobald Simon, Werbung für Bier, Nürnberg 1960, 61). Dies bedeutete etwa eine Reichsmark pro verkauften Hektoliter. Der Konsument wurde demgegenüber im Rahmen noch üblicher Typologien als Mensch mit einem gewissen Phlegma verstanden. Die Konsequenz war einfach, keine Experimente und eine unterstützende affirmative Kommunikationspolitik.

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Tradition und Verzehrssituationen – Kundenansprache qua Plakat in den frühen 1930er Jahren (Scheck, 1935, 26-28)

Wie im Kaiserreich wurde plakatiert, kaum Anzeigen in Publikumszeitschriften, eher schon in Zeitungen geschaltet. Gastronomienahe Werbemittel wurden bevorzugt (Simon, 1931, 19). Werbegraphikern nutzte man, um Gemütlichkeit und – mit abnehmender Bedeutung – Tradition zu inszenieren (Fritz Wilck, Brauereibesitzer und Werbegraphiker. Voraussetzungen für erfolgreiche Zusammenarbeit, Tageszeitung für Brauerei 27, 1929, 529-530). Eine Marktsegmentierung fand kaum statt, war Bier doch Volksgetränk. Ausnahmen bei Nischenprodukten zeigten jedoch, dass die Marketingtechniken nicht nur bekannt waren, sondern auch Erfolg haben konnten.

09_Scheck_1935_p18-19_Malzbier_Marketing_Groterjan_Zielgruppensegmentierung

Zielgruppensegmentierung für Groterjan Malzbier 1934 (Scheck, 1935, 18-19)

Diesen relativen Rückstand gegenüber anderen Branchen verteidigten die Brauer selbstbewusst mit der Eigenart des Bieres, die Teil deutschen Volkslebens, deutscher Alltagskultur zu sein schien: „Ohne das deutsche Trinklied und ohne deutschen Humor ist eine feuchtfröhliche Tafelrunde gar nicht denkbar. […] Frohe Lieder und humorvolle Reden machen sehr wirksame Propaganda für das deutsche Volksgetränk“ (Fritz Wilck, Der Humor, ein wirkungsvoller Werbehelfer in der Brauindustrie, Tageszeitung für Brauerei 27, 1929, 663). Das relative Phlegma bei der Umsetzung modernen Marketings und der Ermittlung empirisch gesättigter Konsumententypen darf allerdings nicht mit Werbeaskese verwechselt werden, führten nicht nur die rührigen Antialkoholiker den Konsumzuwachs nach 1924 doch primär auf die fortwährende Anpreisung des Bieres zurück (so etwa Werner Kautzsch, Der Alkohol, Kosmos 22, 1925, 143-145, hier 143; Gegen die Propaganda des Braugewerbes, Blätter für Volksgesundheitspflege 31, 1931, 139). Mitte der 1930er Jahre wurde der Werbeaufwand der Brauereien auf 2-5 % des Umsatzes geschätzt. Das lag deutlich unter dem führender Markenartikelfirmen, doch die Aufwendungen stiegen absolut und relativ. Bierwerbung war 1937/38 ein 100 Mio. RM-Geschäft (Klaus Richter, Variationen der Bierwerbung, Forschungen zur Alkoholfrage 44, 1938, 169-185, hier 170).

Zu dieser Zeit fanden sich darunter auch Zwangsabgaben der 1934 gegründeten Wirtschaftsgruppe Brauerei, mit der Gemeinschaftswerbung forciert wurde. Der deutsche Brauerbund hatte schon 1925 und 1926 mittels großen „Gesundheitstempel“ auf Ausstellungen versucht, Hunderttausende von Besuchern vom Nähr- und Geschmackswert des Bieres zu überzeugen.

10_Scheck_1935_p51_Ausstellung_Bier_Gemeinschaftswerbung

Gemeinschaftswerbung für das deutsche Familien- und Volksgetränk auf der Ausstellung „Die Frau“ 1933 (Scheck, 1935, 51)

Es galt den Verbraucher zu informieren, aufklären, dann würde er die Arbeit der Brauereien schon würdigen und Bier trinken. Entsprechend nahm die Bedeutung verkündender Gemeinschaftswerbung seit 1929 beträchtlich zu (Erich Sturm, Der Absatz der deutschen Brauindustrie […] WiSo. Diss. Frankfurt/M., Bottrop 1933).

11_Die Ernaehrungswirtschaft_3_1929_p423_Scheck_1935_p49_Bier_Gemeinschaftswerbung_Plakatwerbung_Nationale-WerbungWirkliche Bedeutung gewannen derartige Konsumentenappelle aber erst während des Nationalsozialismus, in der Lehr- und Informationsstände für deutsches Bier bei den führenden Wirtschafts- und Gesundheitsausstellungen üblich wurden (Richter, 1938, 181). Allein 1934 wurden auf 41 Ausstellungen Bierwerbestände präsentiert. Die Brauereien zogen gezielt die nationale und nationalsozialistische Karte, doch angesichts der insgesamt geringen Bierimporte sowie der parallelen Werbung für deutschen Wein war die Wirkung der Gemeinschaftswerbung begrenzt. Sie diente einerseits der „Volksaufklärung“ mittels Plakats, Anzeige, Broschüre und Tonfilm, andererseits aber der Abwehr von durchaus ernstzunehmenden Bestrebungen einer staatlichen Regulierung des Bierkonsums. Selbst führende Werbefachleute waren im Falle des Bieres daher von der überlegenen Effizienz der Gemeinschaftswerbung überzeugt (Hanns W. Brose, Werbewirtschaft und Werbegestaltung. 6 Briefe an Herrn „M“, Berlin 1937, v.a. 90-91).

12_Scheck_1935_71_Nahrungsmittelproduktion_Brauwirtschaft_Volksgemeinschaft_Bier_Gemeinschaftswerbung

Das volkswirtschaftliche Gewicht des gleichgeschalteten Brauereigewerbes – Gemeinschaftswerbung 1934 (Scheck, 1935, 71)

Reichsgesundheitsamt und Reichärzteschaft führten ebenso wie die Hitlerjugend und wichtige Teile der Deutschen Arbeitsfront einen anhaltenden Kampf gegen Alkoholkonsum insbesondere von Frauen und Jugendlichen ([Hans] Harmsen, Die Bekämpfung des Alkohol- und Nikotingenusses in den Schulen und die wachsende Reklame des Alkoholkapitals, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 266-268).

13_Neuland_48_1939_p235_Alkohol_Temperenzbewegung_Rationalisierung_Effizienz_Nuechternheit

Effizienz und Ideologie: Antialkoholappelle 1938/39 für eine „neue Trinkepoche“ (Neuland 48, 1939, 235)

Im Denken der Unbedingten war der „Bierphilister“ ein Feindbild, an dessen Stelle der leistungsfähige nationalsozialistische Kämpfer treten sollte (H[ans] Reiter, Genußgifte und Leistung, Deutsches Ärzteblatt 69, 1939, 263-266). Dieses andere Konsumentenbild hing mit Autarkie- und Aufrüstungsbestrebungen zusammen, diente aber auch der Sicherung einer rassisch definierten Gesundheit, die Effizienz und Billigkeit, Heilen und Vernichten in den Mittelpunkt rückte. Die Bierwerbung wurde jedenfalls seit 1934 zunehmend reguliert, alternative Volksgetränke gefördert, Nüchternheit auch durch die zunehmende Motorisierung erforderlich. Die auf Risikokalkülen und rassistischen Vorstellungen gründende Zielgruppensegmentierung der Mediziner führte seit 1936, spätestens aber seit 1939 zu einem faktischen Verbot der Alkoholwerbung für Jugendliche (Richter, 1938, 175; Falk Ruttke, Erbpflege und Bekämpfung von Alkoholschäden im Großdeutschen Reich, Der Öffentliche Gesundheitsdienst 5, 1939/40, 345-349, 361-368, hier 364; Werbung für alkoholhaltige Getränke, Der Öffentliche Gesundheitsdienst 2, Teilausg. B, 1936/37, 703). An der grundsätzlichen Ausrichtung der Werbung bzw. an dem dahinterstehenden tradierten Konsumentenbild aber änderte sich wenig, zumal der Brauindustrie die Rohstoffversorgung zunehmend mehr Sorgen bereitete und die wachsende Kaufkraft zu steigendem Bierkonsum führte. Während der NS-Zeit wurde dem Wettbewerb um Kunden gezielt stillgestellt, galt die „Zeit der Kundenjagd“ (Sy, 1939, 230) doch als überwunden, wurden Preise und indirekt Gewinnmargen doch faktisch festgelegt. Dass dies auch Qualitätsprobleme schuf, ist eine andere Geschichte (Hans Weide, Bierpflege, Tageszeitung für Brauerei 38, 1940, 46, 52, 56, 60).

Der lange Weg zum Marketing – Die 1950er bis 1970er Jahre

Abermals gilt es die Kriegs- und unmittelbare Nachkriegszeit zu übergehen. Die Gründe hierfür sind ähnlich, auch wenn die Bierproduktion und der Stammwürzegehalt während des 2. Weltkrieges weniger eingeschränkt wurden, um die „Stimmung“ nicht zu sehr zu drücken. Die Besatzungszeit brachte jedoch stärkere Einschnitte. Mit der Freigabe der Brauerei von „Vollbier“ im September 1949 begann in Westdeutschland dann jedoch ein langanhaltender Konsumanstieg, der den des späten 19. Jahrhunderts weit in den Schatten stellte. Den Brauereien gelang es in den 1950er Jahren, Bier als zeitgemäßes Produkt darzustellen, als die abendliche Belohnung nach einem arbeitsreichen Tag.

Zugleich änderte sich die Wissensproduktion über die Konsumenten tiefgreifend. Emnid begann im Verbandsauftrag mit Befragungen zum Bier- und Spirituosenkonsum, die schon Mitte der 1930er Jahre einschlägig tätige Gesellschaft für Konsumforschung folgte 1953 mit einer ersten umfassenden Motivstudie zum Bierkonsum (Die Einstellung der Verbraucher zum Bierkonsum. Eine Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung, Nürnberg 1953 (Ms.)). Die kommerzielle Marktforschung wurde seit den frühen 1950er Jahren ergänzt durch zahlreiche akademische Abschlussarbeiten, deren Ergebnisse – ebenso wie die anderer Studien – in der Fachpresse vorgestellt und diskutiert wurden. Damit gewannen Konsumenten an Statur, wurden im Rahmen der Zuschreibungen einfacher sozialstatistischer Kategorien unterscheidbar und typisierbar. Bier stand nun nicht mehr isoliert im Raum, anhand simpler Konsumdaten, sondern wurde als Teil des Trinkens insgesamt verstanden, als Teil alltäglicher Mahlzeiten und auch des Kaufs anderer Gebrauchsgüter.

Gleichwohl änderte sich die Kommunikationspolitik der Brauereien strukturell nur wenig, die relativen Aufwendungen für Werbung sanken gar im Vergleich zur Zwischenkriegszeit. 1961 wurden lediglich 0,13 % des Umsatzes in Anzeigen und Plakate, Rundfunk- und TV-Werbung investiert, das waren 6,4 Mio. von insgesamt knapp 1,6 Mrd. DM Werbeaufwendungen für Markenartikel (Werbeaufwendungen 1961 im Markenartikelbereich, Der Markenartikel 24, 1962, 250-252). Stärkere Bedeutung hatte jedoch wiederum die Gemeinschaftswerbung, in die damals jährlich ca. drei Mio. DM investiert wurden (zur Größenordnung vgl. Hans Mosolff, Marktforschung und Werbung in der Ernährungswirtschaft, Die Ernährungswirtschaft 7, 1960, 183-184, 187, hier 183).

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Gemeinschaftswerbung für Bier 1958 (Der Volkswirt 12, 1958, 2405)

Ihre Koordinierung übernahm die 1953 gegründete Bierwerbe GmbH, die sich mittels Umlagen auf den Hektoliterabsatz finanzierte (Günther Haufe, Wandlungen im deutschen Biervertrieb der Nachkriegszeit, RStwiss. Diss. Freiburg i.Br. 1957, 46-48). Sie begann mit einfachen Slogans, präsentierte Bier dann im Sinne des empirisch ermittelten dominanten Verbraucherverständnisses, unterstützte zugleich die wachsende Exportorientierung (Wiese, 1993, 173).

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Internationales Flair und Tradition um die Ecke – Gesellige Konsumenten im Werbefilm der Gemeinschafts- und der Bitburger-Reklame (Simon, 1960, 150)

Während die Kommunikationspolitik der Brauereien damit kaum als Ursache des Konsumanstieges genannt werden kann, veränderten sich in den 1950er Jahren die Rahmenbedingungen des Absatzes wesentlich. Flaschenbier überholte Fassbier, die Selbstbedienung schuf neue Kaufsituationen, der Konsum verlagerte sich von den Gaststätten in die Haushalte, und der Großhandel wurde zum entscheidenden Akteur im Absatz (Heinz Pritzl, Die absatzwirtschaftliche Bedeutung der Verpackung für Bier, Wiwi. Diss. Nürnberg 1956; Günther Haufe, Wandlungen im deutschen Biervertrieb der Nachkriegszeit, RStwiss. Diss. Freiburg/Br. 1957). All dies waren Faktoren, die in anderen Konsumgüterbranchen zu Marketingorientierung auf breiter Basis führten.

Nicht so in der Brauwirtschaft. Der Verkäufermarkt begünstigte grundlegende Veränderungen nicht, Kritiker monierten Anfang der 1960er Jahre stattdessen „Werbeäußerungen im Stile der ‚Jahrmarktsreklame’“ und Missachtung basaler Regeln der Markentechnik (Lothar Michalski, „durch und durch solide“. Markentechnisch konzipierte Werbung für ein traditionsreiches Erzeugnis, Die Absatzwirtschaft 4, 1961, 654, 656-657). Marktwandel bedeutete vorrangig Delegation von Kommunikationsaufgaben an Handel und Warenausstattung. Die Pflege des Produktes stand nach wie vor im Mittelpunkt, wobei insbesondere der Ausstattung der Flaschen mehr Beachtung geschenkt wurde. Die Produktpolitik wurde kaum verändert, trotz eines langsam auf etwa 10 % wachsenden Anteils von Nichtalkoholika an der Brauereiproduktion. Die in der Fachpresse immer wieder unter Bezug auf die USA angesprochenen Vorteile systematischen Marketings, also des koordinierten Einsatzes von Produkt-, Distributions-, Preis- und Kommunikationspolitik wurden nur von wenigen Anbietern aufgegriffen und ansatzweise umgesetzt (Gerhard Koch, Die Absatzpolitik deutsche Brauereien […], WiSo. Diss. Freiburg/Schweiz, Nürnberg 1965; Herbert Greiner, Bier als Markenartikel, Agrarwiss. Diss. West-Berlin 1969).

Sie aber machten deutlich, dass es schon vor dem eigentlichen Umschwung zum modernen Marketing in den 1970er Jahren erfolgreiche Vorläufer gab, die veränderte Bedarfsstrukturen der Konsumenten erfolgreich angingen. Zwei kurze Beispiele hierzu müssen genügen, erstens die Duisburger König-Brauerei.

16_Chronik_1958_sp_Bier_Gaststaette_Schach_Kegeln_Geselligkeit_Buergertum

Der König-Konsument als geselliges Männerwesen – Werbefilm 1957 (Chronik, 1958, s.p.)

Ihre auf Geselligkeit zielende Werbung unterschied sich kaum von anderen Firmen, doch sie setzte schon in den 1950er Jahren systematisch auf das feinere Pilsener, das man erstmals 1911 gebraut hatte (Chronik der König-Brauerei 1858-1958, Duisburg-Beeck 1958). Die gerade für das Ruhrgebiet einschneidende Abkehr vom einfachen Export-Bier wurde damit frühzeitig ernstgenommen.

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Premiumstrategie Mitte der 1950er Jahre – Qualitätspositionierung des Pils (Chronik, 1958, 54)

Seit den frühen 1950er Jahren konzentrierte König sein Marketing vornehmlich auf die gehobene Qualität, auch wenn Export noch den Hauptanteil des Umsatzes trug. Abschied vom Alltag durch ein Premiumangebot – das war die wesentliche Werbebotschaft.

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Premiumstrategie Mitte der 1950er Jahre – Gaststättenpflege und Spezialgläser (Chronik, 1958, s.p.)

Dazu polierte König nicht allein die Marke, sondern schuf auch ein Markenambiente, das von der Flaschenausstattung über gesonderte Gläser bis hin zur einheitlichen Gestaltung der Ende der 1960er Jahre mehr als 15.000 Gaststätten ging, in denen das Duisburger Bier ausgeschenkt wurde (Wiese, 1993, 117).

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Premiumstrategie Mitte der 1950er Jahre – Inkonsequente Sozialpositionierung (Chronik, 1958, 55)

Gleichwohl wurde das Konzept lange Zeit nicht so konsequent durchgeführt, wie später bei den Premiumanbietern in den 1970er Jahren. Der Herr trank zwar Pils, doch stand er erkennbar im arbeitenden Leben, suchte Entspannung und Genuss als Ausgleich, nicht als Selbstzweck. Diese Lebensstilorientierung wurde 1962 mit der ersten von Werbe-Gramm in Düsseldorf initiierten Werbekampagne für Wicküler-Bier verstärkt, vor allem aber in neue emotionale Welten übersetzt.

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Vom Produkt zum Lebensstil – Wandel der Wicküler-Werbung seit 1962 (Ernährungswirtschaft 8, 1961, 217; Der Volkswirt 21, 1967, 2705)

Die drei lachenden, Bier trinkenden Musketiere waren abenteuerfreundlich und viril, sympathisch und fern jeder Arbeitswelt. Verbunden mit ähnlich modernen Werbekampagnen für Küppers Kölsch gelang der Wuppertaler Brauerei die schnellste Expansion aller Großbrauereien in den 1960er Jahren (Wicküler-Küpper-Brauerei AG […], Der Volkswirt 23, 1969, Nr. 18, 70-71). Beide Pioniere konnten das hohe Wachstumstempo dieser Zeit jedoch nicht halten. Die systematische Übernahme der modernen Marketingstrategien erfolgte durch kleine Brauereien aus ländlichen Regionen, die bis heute den Markt wesentlich prägen.

Virtuoses Marketing als folgenloses Antanzen der Konsumenten

Die Auswirkungen der „Marketingrevolution“ der 1970er Jahre waren in der Brauindustrie erheblich und veränderten Bier und Bierkonsum beträchtlich (Joachim Schnitzler, Erfolgreich Bier verkaufen, Nürnberg 1975; Thomas May, Marktsegmentierung. Eine zukunftssichernde Marketingstrategie für die Brauwirtschaft, Berlin-West 1980). Der immense Erfolg der Markenartikelanbieter basierte auf einer Neupositionierung von Bier, genauer Pils, als Premiumprodukt und als Ausdruck eines sich wandelnden Lebensstils. Mit Markenbildung und wesentlich erhöhten Werbebudgets wurde ein virtueller Mehrwert geschaffen, der sich in reale Erträge ummünzen ließ. Doch die Kommunikationspolitik war nach wie vor vorrangig produktzentriert, mochten Bier und Ausstattung auch als Aufhänger von Lebensstilelementen wie Exklusivität, Freiheit, Genuss oder Herkunft/Tradition dienen. Die immensen Änderungen im Leben und den Anspruchsprofilen der Konsumenten haben sich in der Werbekommunikation von Bier von den 1970er Jahren bis ins späte 20. Jahrhundert nur oberflächlich niedergeschlagen, hier holte man lediglich das nach, was bei nicht alkoholischen Getränken schon ein, zwei Jahrzehnte zuvor begonnen wurde.

21_Der Spiegel_29_1975_Nr20_p187_Bier_1993_p09_Der Spiegel_54_2001_Nr51_p092_Bier_Werbung_Warsteiner_Bierflasche_Produktorientierung

Das Produkt im Mittelpunkt – Werbung für Warsteiner (Der Spiegel 29, 1975, Nr. 20, 187; Bier, 1993, 9; Der Spiegel 54, 2001, Nr. 51, 92)

Auch die Konsumenten blieben trotz detaillierter Kenntnisse betrieblicher und branchenbezogener Marktforschung eine Chimäre. Nicht deren Bedürfnisse und Wünsche standen im Mittelpunkt der Arbeit der Anbieter. Sie bildeten vielmehr Anknüpfungs- und Andockpunkte, um bestehende Angebote kommunikativ anzudienen. Ausgangspunkt war immer noch das Produkt selbst, gefangen in der Wagenburg des „Reinheitsgebotes“. Dabei hätte ein Blick in andere europäische Länder, stärker aber noch in die USA (Leichtbiere!) aufzeigen können, dass Bedarfs- und Bedürfnisstrukturen der Konsumenten sich offenkundig veränderten. Der langfristige Rückgang des Bierabsatzes mag auch strukturelle Gründe haben, doch der Konservatismus und auch die fehlende Kapitalkraft der vielfach mittelständischen deutschen Brauereien hatten daran ein gerüttelt Maß Mitverantwortung.

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Mikrosegmentierung für Spezialbiere – hier für Studierende (Unicum 23, 2005, Nr. 4, 7)

Das gilt trotz seit den frühen 1970er Jahren einsetzenden virtuosen Handhabung der gesamten Klaviatur der Marketingtheorie, bis hin zum Mikromarketing für fast jede Nische. Blickt man in die betriebswirtschaftliche Fachliteratur, dominierten nicht Verbraucherwünsche, blieben dort bestenfalls schwammig. Dort dominieren Fragen der Premiumpositionierung, der Stärke geringer umkämpfter Regionalmärkte, der Transportkosten, der Produktivität des Maschinenparks sowie der Verankerung im Gastronomiegewerbe. Wer anders als die Vertreter der bekannten „Fernsehbiere“ handelte, konnte jedoch durchaus Erfolg haben. Der in den frühen 1990er Jahren einsetzende Erfolg der Oettinger Brauerei unterstrich die Marktchancen und den Bedarf im sog. Billigsegment, in dem Nährwert und Alkoholgehalt nach wie vor dominieren.

Seit 1979 wurde dann verstärkt alkoholfreie Biere produziert, geschmacklich ansprechende Leichtbiere ergänzten seit 1984 die Produktpalette, erreichten bis zu 5 % Marktanteil. Damit wurde auf veränderte Konsumentenbedürfnisse reagiert, ohne aber das Kernprodukt Bier zu verändern. Dies erfolgte erst seit Anfang des neuen Jahrtausends, indem technologisch virtuos gehandhabte Biermixgetränke auf den Markt geworfen werden.

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Biermixgetränke als Reaktion auf veränderte Konsumgewohnheiten der Jüngeren (Der Spiegel 2005, Nr. 29, 15)

Angesichts der Herausforderung der vornehmlich aus den USA stammenden und hierzulande wieder abebbenden Craft-Bier-Bewegung gilt es hier zu enden, ging es hier doch um eine langfristige historische Perspektive auf den letztlich immer außerhalb der Marketinganstrengungen stehenden Bierkonsumenten. Die veränderte Rohstoffbasis des Kerngetränks hat den Biermarkt hierzulande stark verändert und das Reinheitsgebot weiter unterminiert. Doch die Brauwirtschaft wird hierzulande weiter schrumpfen, wenn sie nicht den Mut und die Kraft zu einem Bruch mit der Tradition einseitiger Produktorientierung hat, die Konsumenten letztlich immer noch nicht ernst nimmt. Sie steht zugleich beispielhaft für Marketing fern vom Konsumenten, dem es nicht zu dienen gilt, sondern den man gemäß eigener Vorstellungen konsumtiv ermuntert und anleitet.

Uwe Spiekermann, 10. Oktober 2020

Betrug, Täuschung oder Lebensmitteldesign? – Der Skandal um den Fleischsaft Puro

Im späten 19. Jahrhundert träumten Wissenschaftler, Unternehmer, Politiker und auch viele Konsumenten von einer Welt ohne Hunger und Not, geschaffen und gesichert durch die Fortschritte der modernen Naturwissenschaften. Synthetische Farben hatten bereits seit den 1880er Jahren den Alltag verändert, neue Werkstoffe erlaubten Hochbau und Maschinenwelten, Mobilität und einfachere Arbeitsabläufe. Warum sollte der Fortschritt vor den Lebensmitteln haltmachen? Auf Basis neuen chemischen Wissens um die Bestandteile der Nahrung hatten sich die Säuglingsernährung und Krankenkost bereits gewandelt. Neugierde und Gewinnaussichten lockten, zumal als man langsam verstand, nicht nur Fett, sondern Fettsäuren, nicht nur Eiweiß, sondern Aminosäuren, nicht nur Kohlehydrate, sondern Stärke, Zucker, Gummi und Zellulose voneinander zu unterscheiden (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland 1840 bis heute, Göttingen 2018, 46-57). Ende des 19. Jahrhunderts entstanden daraufhin zahlreiche neuartige Nähr-, Kräftigungs- und Eiweißpräparate, preiswert und gehaltvoll, Vorboten eines bereits auf Erden Gestalt annehmenden Himmelreiches. Doch sie waren keine göttlichen Gaben, sondern Resultate menschlicher Schaffenskraft, menschlichen Erfindergeistes (Uwe Spiekermann, Die gescheiterte Neugestaltung der Alltagskost. Nähr- und Eiweißpräparate im späten Kaiserreich, Technikgeschichte 78, 2011, 187-209). Nun, wir wissen, dass die Neugestaltung der Alltagskost damals nicht gelang, dass die Träume trogen. Doch sie verflogen nicht. Bis heute hegen wir Vorstellungen auskömmlicher, gerechter, klimaneutraler, ohne Raubbau und Leid hergestellter Lebensmittel, streiten dafür und darum.

Häufig ausgeblendet wird, dass neuartiges Wissen und Innovationen immer auch eine „dunkle“ Seite haben, dass wachsende Komplexität zunehmende Kontrollen gebiert und Systemvertrauen erfordert. Die Graubereiche nahmen und nehmen zu. Kennzeichnungen helfen da nur wenig, orientierten sie sich doch vornehmlich an einer chemisch definierten und politisch regulierten Welt von Stoffen, die nicht nur „Laien“ nicht wirklich kennen und verstehen. Entsprechend vielfältig sind daher die mit Lebensmitteln zusätzlich verbundenen Beschwörungen des Natürlichen, Gesunden, Frischen, etc. Halten wir also ein wenig inne und fragen uns, wie es zu dieser schielenden Situation hat kommen können. Wagen wir uns mitten hinein in den Graubereich zwischen klarer Kennzeichnung und den Wünschen des Ernährungsalltags. Einen Schlüssel hierzu bieten Lebensmittelskandale, die bei genauerem Hinsehen zumeist nuancenreicher sind als die kurzzeitige Schnappatmung einer erregten Öffentlichkeit und fordernder Interessengruppen erahnen lässt (Uwe Spiekermann, Hormonskandale, in: Skandale in Deutschland nach 1945, Bielefeld 2007, 104-112). Das unterstreichen auch scheinbar klare Fälle, so der „Skandal“ um den Fleischsaft Puro, der von 1908 bis 1910 für beträchtlichen Widerhall bei Medizinern, Pharmazeuten, Nahrungsmittelchemikern, Kranken und auch der breiteren Öffentlichkeit sorgte (zur Einführung s. Spiekermann, 2018, 178-180).

Fleischsaft zwischen Haushalt und Markt

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Optimiertes Haushaltsgerät: Dr. Karl Kleins zerlegbare Fleischsaftpresse (Pharmaceutische Post 34, 1901, 300)

Fleischsaft ist heute kaum mehr bekannt. Das „Saftige“ wird mit Kuchen und Früchten, Steaks und dem Grillen verbunden, ist Produkteigenschaft, nicht Produkt. Im späten 19. Jahrhundert war Fleischsaft dagegen ein wichtiger Bestandteil der Krankenernährung. Im Hause, in Apotheken und Kliniken wurde rohes, fettfreies Rindfleisch mittels spezieller Fleischpressen bearbeitet, das flüssige Resultat dann dem Kranken gereicht. Ein Kilo Fleisch ergab ein knappes halbes Pfund Saft mit etwa 15 Gramm Eiweiß. Fleischsaft hatte einen Eiweißgehalt von sechs bis sieben Prozent und damit nach Meinung der damaligen Physiologie hohe Nährkraft. Schließlich galt es, „heruntergekommene Kranke über die gefahrvolle Klippe der drohenden Schwäche hinwegzuleiten“ und „mit allen Mitteln für die Erhaltung der Körperkräfte bzw. für deren energetischen Ersatz zu sorgen“ (Carl Klein, Wie kann man den frischen Fleischsaft mehr, wie dies seither geschah, für die Krankenernährung nutzbar machen?, Berliner klinische Wochenschrift 35, 1898, 584-586, hier 584). Frisch bereiteter Fleischsaft half, hatte jedoch drei gravierende Nachteile: Er war erstens teuer, zweitens nur kurz haltbar und drittens eine recht eintönige und schlecht schmeckende Speise, die nicht selten zu „Fleischekel“ führte.

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Haltbare Hilfsmittel für die bürgerliche Krankenkost: Werbung für Liebigschen Fleischextrakt und Dr. Kochs Fleisch-Pepton (Kladderadatsch 31, 1878, Nr. 23/24, Beibl. 2, 2 (l.); Fliegende Blätter 82, 1885, Nr. 2071, Beibl., 8)

Aus diesen Gründen gewann der seit 1863 hergestellte Liebigsche Fleischextrakt nicht nur als Suppenpräparat, sondern auch in der Krankenkost an Bedeutung. Er war haltbar, bei sparsamem Gebrauch erschwinglich, schmeckte und regte die Verdauung an – doch besaß keinen Nährwert (Spiekermann, 2018, 130-138). Die wissenschaftliche Antwort auf dieses Manko waren die seit Ende der 1870er Jahre allgemein verfügbaren Fleischpeptone (J[oseph] König, Über die Fleischpeptone des Handels, Archiv für Hygiene 3, 1885, 486-99). Fleisch(eiweiß) wurde mit Verdauungssäften bearbeitet, gleichsam künstlich vorverdaut. Die flüssigen Produkte hatten Nährwert, stärkten den Kranken also, und konnten lange aufbewahrt werden. Doch sie waren teuer, vor allem aber hatten sie einen offenbar schlechten, ja widerlichen Geschmack, waren also nur kurzfristig zu verabreichen. Ohne großen Erfolg rührte man die Präparate in wohlschmeckendere Suppen ein, auch Peptonweine oder Peptonkakao konnten sich nicht recht etablieren. Blut- und Fleischpulver erweiterten den Angebotsreigen, doch trotz Trocknung bargen diese Präparate aus Schlachtabfällen hygienische Risiken (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 2, 1883, 385-386). Wichtig ist, den Leidensdruck hinter alle diesen Produkten zu realisieren. Sie waren wenig ausgegorene Hilfen in einer Zeit, in der die künstliche Ernährung von Kranken in den Anfängen steckte. Stellen Sie sich nur die Rekonvaleszenz nach einer Magenoperation vor.

03_Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland_20_1879_p225_Der Bazar_39_1893_p32_Fleischpraeparate_Kraeftigungsmittel_Valentines_Leube-Rosenthalsche-Fleischsolution

Krankenkost mit schweren Mängeln: Werbung für Valentine’s Meat Juice und die verbesserte Leube-Rosenthalsche Fleischsolution (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 20, 1879, 225 (l.); Der Bazar 39, 1893, 32)

Kranke, Ärzte und Haushalte mussten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts also mit Kompromissen leben. Das galt auch für Angebote „flüssigen Fleisches“. Vorreiter waren US-amerikanische Produkte, Quintessenzen neuartiger Schlacht- und Verarbeitungstechniken in Cincinnati und Chicago einerseits, der dortigen „Patent Medicine“ anderseits. Die großbetrieblichen Schlachthöfe nutzten sämtliche Nebenprodukte der Tiere, setzten diese in marktgängige Produkte um, die sie vielfach auch international verkauften. Ohne Rezept erhältliche medizinische und diätetische Präparate wurden in den USA mit rechtlich kaum eingeschränkten Versprechungen beworben, standen zwischen preiswerten Hausmitteln und dem kostenträchtigen Gang zum Arzt. Pionierprodukt war die 1871 von Mann S. Valentine (1824-1892) in Richmond, Virginia entwickelte Valentine’s Meat Juice. Dieser dunkle „Fleischsaft“ wurde 1877 auch in Mitteleuropa eingeführt, doch die Reaktion vieler Pharmazeuten und auch Mediziner war eher negativ. Die braune, in ovalen Zwei-Unzen-Flaschen für 4 bis 5 Mark angebotene Flüssigkeit sollte den Saft von vier US-Pfund besten Rindfleisches enthalten und schmeckte nach Fleischbrühe. Im Vakuum bei mittleren Temperaturen hergestellt, war Valentine’s Fluid Meat fettfrei und haltbar, enthielt zudem – im Gegensatz zum Liebigschen Fleischextrakt – gewisse Mengen Eiweiß (Valentine’s Meat Juice, Pharmaceutische Post 12, 1877, 234-235). Doch angesichts des geringen Nährstoffgehaltes wurde es als „etwas theure Bratensauce“ (Pharmaceutische Post 12, 1879, 281) kritisiert und schien für die Krankenkost kaum empfehlenswert. Doch „der Markt“, also Ärzte und Kranke, entschieden sich dennoch für das relativ intensiv beworbene Produkt. Allen – auch so prominenten Fürsprechern wie dem Pharmakologen Oskar Liebreich (1839-1908) und dem Anthropologen Rudolf Virchow (1821-1902) – war jedoch klar, dass es sich dabei um keinen wirklichen Fleischsaft handelte. Rohes Fleisch stand am Anfang, doch dem eingedampften Saft wurde mineralstoffhaltiger Fleischextrakt als Geschmacksträger und auch als Konservierungsmittel zugesetzt. Würziger Geschmack und zumindest etwas Eiweiß ermöglichten jedoch einen Markterfolg dieser Komposition, zuerst am Krankenbett, dann vermehrt auch als Würze und Suppengrundstoff in der (bürgerlichen) Küche.

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Alte Rezepturen, ansprechendere Verpackung: Bovril als Zusatznahrung beim Sport (Illustrierte Sport-Zeitung 6, 1897, Nr. 19, 7)

US-amerikanische und auch britische Patentmedizin dominierte das kleine, aber wachsende Marktsegment im Deutschen Reich. Armour’s Fluid Beef (Chicago), Wyeth’s Beef Juice (Philadelphia), Bovril und Brand’s Meat Juice (beide London) waren im späten 19. Jahrhundert weit verbreitet und wurden als „Fleischsäfte“ vermarktet. Damit veränderten sie faktisch, nicht rechtlich, die tradierte Definition als „den aus frischem Fleisch mittels Hebel- oder hydraulischer Presse gewonnenen dünnen, milchig schmeckenden Saft von durchsichtig roter Farbe, der das natürliche Fleischeiweiß in Lösung enthält“ (Apotheker-Zeitung 25, 1910, 347). Ausländische Industrieprodukte führten durch die simple Übersetzung ihrer anderslautenden Bezeichnung in eine Grauzone. Diese wurde von einheimischen Substituten anfangs noch nicht genutzt. Im Zeitalter des Nationalismus und hoher bilateraler Zölle gab es allerdings auch deutsche Fleischangebote – wenngleich die im Vergleich zu den USA und Südamerika hohen Fleischpreise enge Grenzen setzten. Zu nennen ist etwa die 1872 eingeführte und immer wieder verbesserte Leube-Rosenthalsche Fleischsolution (R. Mirus, Ueber die Bereitung der Leube-Rosenthalschen Fleischsolution, Pharmaceutische Post 6, 1873, 198-200). Die „breiige Masse […] von angenehmem bratenartigen Geschmack“ (Die Hausfrau 3, 1879, Beilage Allgemeines Bade-Blatt, Nr. 5, 4) wurde als leicht verdauliches Nahrungsmittel in Blechdosen angepriesen. Faktisch handelte es sich um eine eingedickte Fleischbouillon. Obwohl all diese Fleischsaftpräparate ihre Berechtigung hatten, galt spätestens seit der Jahrhundertwende jedoch das Verdikt des Klinikers Otto Dornblüth (1860-1922), „daß diese Zubereitungen heute nicht mehr ernstlich in Frage kommen“ (Moderne Therapie, Leipzig 1906, 113). Der Fleischsaft Puro hatte, so schien es, einen neuen Standard gesetzt.

Der Fleischsaft Puro: Markteinführung und Werbung

Der schon 1896 verfügbare Fleischsaft „Puro“ wurde 1897 vom Medizinisch-chemischen Institut Dr. Scholl eingeführt. Hermann Scholl (1869-1943) war als Assistent an den hygienischen Instituten in Prag und München hervorgetreten, seine akademischen Mentoren Ferdinand Hueppe (1852-1938) und Max von Pettenkofer (1818-1901) waren weltweit führende Wissenschaftler. Pettenkofer war der vielbeschworene „Vater“ der modernen Hygiene, Hueppe etablierte die Konstitutionslehre und wurde der erste Präsident des 1900 gegründeten Deutschen Fußball-Bundes. Scholl etablierte sich im Grenzgebiet zwischen Medizin und Chemie, forschte zu Seren und zur Eiweißchemie (H[ermann] Scholl, Bacteriologische und chemische Studien über das Hühnereiweiss, Archiv für Hygiene 17, 1893, 535-551), entschied sich jedoch für eine Karriere abseits der Universitäten. Er ließ sich als Apotheker in Thalkirchen nieder und vermarktete dort das gemeinsam mit dem Hygieniker Rudolf Emmerich (1852-1914) entwickelte Krebsserum Anticancrin, das sich allerdings als nicht wirklich wirksam erwies (Pharmaceutische Post 28, 1895, 273; Zeitschrift des allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereines 34, 1896, 454). Ähnliches galt für ein 1894 vorgestelltes und in Scholls neu errichtetem bakteriologischen Privatlaboratorium hergestelltes Milzbrandserum (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, Sp. 487-488; Münchener Medizinische Wochenschrift 41, 1894, 623). Nach diesen Fehlschlägen konzentrierte sich Scholl darauf, den zuvor im Hygienischen Institut der Universität München entwickelten Fleischsaft zur Marktreife zu bringen.

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Mitteilung über ein neues Produkt (Die Heilkunde 1, 1896/97, 566)

Dessen Alleinstellungsmerkmal war ein vergleichsweiser hoher Eiweißgehalt, der sich vor allem positiv von den US-amerikanischen und britischen Präparaten abhob (Pharmaceutische Post, 30, 1897, 214). Er wurde durch Analysen im Institut von Carl Remigius Fresenius (1818-1897) bestätigt, damals führend in der analytischen Chemie. Die frühen Produktankündigungen gründeten auf Empfehlungen und Einschätzungen führender Chemiker und Kliniker, setzten also auf die Überzeugungskraft von „Autoritäten“. Puro wurde umschrieben, als dreifach konzentrierter natürlicher Fleischsaft angepriesen. Zu Beginn galt er als Substitution des Natürlichen: „Das Präparat bietet zum erstemale einen vollkommenen Ersatz für den von vielen unserer ersten Kliniker, wie Ziemssen etc. mit so vortrefflichem Erfolg angewandten rohen Saft aus gehacktem Fleisch“ (Allgemeine Zeitung 1897, Nr. 284 v. 13 Oktober, 3). Wachsende Absatzzahlen ließen Puro jedoch mehr und mehr als Heilmittel eigener Qualität erscheinen, als Substitut des frisch zubereiteten Fleischsaftes. Wissen und Technologie standen dabei Pate, boten etwas Neues, Bequemeres, Gehaltvolleres. Rohware war eben – so schien es – rohes Rindfleisch: „Aus bestem mageren Fleische, das jede nur denkbare thierärztliche und gesundheitspolizeiliche Controle durchgemacht, wird unter hohem Druck ein Saft gewonnen, der in so großem Masse alles, was nahrhaft, kräftigend und vor allem physiologisch wichtig ist, enthält, dass das, was zurückbleibt, nur die trockene, saft- und kraftlose Muskelfaser ist. Im Vaccum nach einem Sterilisationsprocess eingedampft und des Wohlgeschmackes wegen mit frischen Suppenkräutern behandelt und geklärt, gibt der Saft eine syrupdicke Masse von echt charakteristischem gesundem Fleischbrühegeruch“ (Wiener klinische Wochenschrift 14, 1900, 140).

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Kein Kunstprodukt: Naturromantik in der Puro-Werbung (Wiener klinische Rundschau 11, 1897, 837)

Puro galt erst einmal als Präparat für Privatpraxis und Klinik. Die kleinen Glasflaschen hatten eine gefällige Form, eine Stanniolkapsel, darin eingebettet eine Halsschleife mit Garantiemarke. Das Zielpublikum war primär bürgerlich, denn mit 2,50 Mark für etwa 80 Gramm war es für Kleinbürger und Arbeiter zu teuer. Teelöffelgroße Dosen sollten drei- bis viermal täglich in Milch und Kakao, in Suppen, Bier oder Wein eingerührt und dann verspeist werden. „Geradezu eine Delikatesse bildet Puro, auf geröstetem Weissbrot gestrichen, eine Form der Einnahme, welche namentlich gaumenverwöhnte Individuen gustiren“ (Diaetetica, Die Heilkunde 1, 1896/97, 719).

Scholls Institut präsentierte Puro den Ärzten jedoch nicht nur per Anzeige, sondernd war anfangs regelmäßiger Gast auf ärztlichen Kongressen und Ausstellungen (Congreß für innere Medicin in Carlsbad, Prager Tagblatt 1899, Nr. 105 v. 16. April, 6; Die Ausstellung für Krankenpflege zu Berlin. II, Allgemeine Zeitung 1899, Nr. 146 v. 28. Mai, 9). Dabei setzte die Firma auf vergleichende Werbung, moderne Präsentationstechniken und die nationale Karte: „Drei gleichgrosse Glascylinder zeigten die drei verschiedenen Mengen von ausgefälltem Eiweiss aus Puro, Wyeth‘s Beef juice und Valentine’s Meat Juice. Die Ausscheidungen standen im Verhältnis von etwa 66, 20, 10 pCt., während der Preis gleicher Portionen 2,50, 3,50 und 4,50 Mark ist. […] Die auffallende Billigkeit des deutschen Präparates soll durch die günstige Verwerthung der Abfälle allein ermöglicht sein“ (Die Ausstellung gelegentlich der 69. Naturforscher-Versammlung in Braunschweig, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 38, 1897, 743-744, hier 743). Auf derartige Mutmaßungen über die Herkunft des Fleisches ging Scholl jedoch nicht ein, seine Werbung verwies stetig auf bestes Ochsenfleisch.

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Ein Angebot für neue Lebenskraft (Berliner Tageblatt 1897, Nr. 49 v. 28. Januar, 8)

Puro wurde jedoch nicht nur im medizinischen Umfeld beworben. Die Markteinführung 1898 bis 1899 war massiv – und sie erfolgte parallel (und zu weit höheren Kosten) in Tageszeitungen und Publikumszeitschriften. Die dabei geschalteten Anzeigen waren etwas spielerischer und verwiesen auf recht breite häusliche Anwendungsmöglichkeiten. Nicht nur im Krankheitsfalle, sondern als Alltagbegleiter sollte Puro genutzt werden, als Hilfsmittel gegen Unpässlichkeiten, als Kräftigungsmittel. Es stand für Widerstandsfähigkeit und neue Lebenskraft, erlaubte Erholung vom Alltagskampf.

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Gescheitertes Dachmarkenkonzept: Werbung für Wein-Puro (Badische Landes-Zeitung 1897, Nr. 14 v. 17. Januar, Bl. I, 4)

Puro warb mit prototypisch männlichen Attributen, nutzte die Virilität von Fleisch und Blut, von Kraft und Stärke. Zugleich aber wies es allen den Weg dorthin, half Schwäche und temporäre Krisen zu überwinden. Frauen wurden in den Publikumszeitschriften vielfach direkt angesprochen. Schwangerschaftsprobleme waren ein Thema, während die vielfältigen „Frauenkrankheiten“ nur vage anklangen. Kurz nach der Einführung von Puro folgte jedoch Wein-Puro, das sich – so die Werbung – in der „Frauen-Praxis“ besonderes anbieten würde (Allgemeine Zeitung 1897, Nr. 284 v. 13. Oktober, 3). Puro wurde dazu mit spanischem Portwein im Verhältnis von 1:5 gemischt, fertig war das neue Produkt (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, 70). Die Idee, den strengen Fleischgeschmack des Präparates durch den süßlichen Wein zu überdecken und zugleich insbesondere Frauen einen erlaubten Alkoholkick zu gewähren, war jedoch nicht erfolgreich. Angesichts einer großen Zahl erfolgreich eingeführter „stärkender“ Medizinalweine, etwa Seravallo, Niers Duflot-Wein, Burgs oder Liebes Arzneiwein, konnte sich Wein-Puro nicht durchsetzen.

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Etwas mehr Anschauung für das breite Publikum (Wiener Caricaturen 18, 1898, Nr. 21, 11)

Grund hierfür war auch der hybride Charakter von Wein-Puro, sein Changieren zwischen Frau und Mann, dem Süden und dem Norden. Puro wurde nämlich bewusst als deutsches Produkt präsentiert, und strikt gegen die ausländischen Marktführer positioniert: „40mal nahrhafter als anglo-amerikanische Meat-Juice“ (Allgemeine Zeitung 1897, Nr. 202 v. 23. Juli, 8). Es ist erreicht, konnte man denken, denn Puro bot nicht nur der amerikanischen und britischen Konkurrenz die kecke Stirn, sondern schien geeignet, „diese Auslandsprovenienzen aus dem Felde zu schlagen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1897, Nr. 71 v. 9. Februar, 1016). Es half allen Tuberkulösen, Bleichsüchtigen, Skrofulösen, Magenleidenden, war allen Schwachen ein Trost. Auch sein milder Wohlgeschmack hob Puro von den amerikanischen Marken ab. Wohlwollend beschied die Fachpresse: Puro „ist offenbar ein hervorragender Concurrent im friedlichen Streit gegen die bis jetzt meist gehandelten Fleischsäfte von Wyeth und Valentine“ (Pharmaceutische Post 30, 1897, 504).

Die Werbung präsentierte die neue Ware als Convenienceprodukt, als Teil einer weit breiteren Enthäuslichung: „Fleischsaft ‚Puro‘ fehle in keinem Haushalte“ (Neue Freie Presse 1897, Nr. 11756 v. 16. Mai, 25). Sie teilte die Paradoxien damaligen Marketings, präsentierte das neue Produkt als „bewährtes Ernährungs- und Kräftigungsmittel“. In den Tageszeitungen dominierten Anzeigen, vielfach wurde jedoch auch redaktionelle Reklame betrieben. Puro galt darin als vielfältig nutzbares Präparat – eine Umschreibung für eine Neuerscheinung, deren Nische noch nicht gefunden war. Als sicheres Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen wurde es etwa für Zugfahrten gebührend angedient. Es sei kräftigend und belebend, führe „neues, gutes Blut“ zu und gäbe frisches Aussehen (Badische Landes-Zeitung 1897, Nr. 134 v. 11. Juni, Bl. I, 3). Als selbsternannter Helfer des Laien im unübersichtlichen Nährmittelmarkt erschien Puro als Angebot, „von dem Jeder sofort weiß, was er vor sich hat. Dieser Fleischsaft ist aus bestem Ochsenmuskelfleisch gepreßt und nachher unter besonderen Vorsichtsmaßregeln ganz bedeutend concentrirt, so daß ein Glas den gesammten Saft von 5 Pfund Fleisch enthält“ (Wiener Caricaturen 18, 1898, Nr. 16, 6). Für medizinische Lohnschreiber war es Prototyp einer neuen Klasse von Heilmitteln, nämlich hoch konzentrierte und leicht verdauliche Nährpräparate (Ludwig Büchner, Medizinische Wandlungen, Mährisches Tagblatt 1897, Nr. 50 v. 3. März, 1-3, hier 3). Die Werbung selbst war allerdings nicht sonderlich elaboriert, bestand meist aus einfachen Textanzeigen, verwendete keine ansprechenden Graphiken.

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Eine neue kräftigende Alternative zum Alltagsdoping (Sport im Bild 3, 1897, 656)

Parallel schaltete Scholl in Tageszeitungen (Berliner Tageblatt 1898, Nr. 8 v. 6. Januar, 7) und in Publikumszeitschriften Anzeigen mit immer neuen, immer gleichen ärztlichen Empfehlungen. Eine komplette Serie enthalten etwa die „Fliegenden Blättern“, doch auch andere Familienzeitschriften wurden mit derartigen Annoncen bestückt (Der Bazar 44, 1898, Nr. 2 v. 3. Januar, 24; Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 1, s.p.). Die Ärzte, teils renommierte, hatten zuvor Proben des Fleischsaftes zugesandt bekommen und berichteten dann brieflich von ihren „Erfahrungen“. Für jeden wachen Zeitgenossen war klar, dass es sich dabei um an sich wertlose Impressionen, nicht aber um wissenschaftlich seriöse Wertungen handelte. Doch mehr schien dem Publikum, dem Dummen, ohnehin nicht zuzumuten. Puros Werbung entsprach dem Stand der Zeit und der vielfach fehlenden Zurückhaltung vieler Mediziner bei der Vergabe von Gefälligkeiten.

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Werbung mit Slogan-Vorform und ärztlicher Empfehlung (Fliegende Blätter 108, 1898, Nr. 2748, Beibl., 1)

Ab 1900 finden sich nur noch selten Anzeigen in den Publikumszeitschriften. Die Markteinführung war gelungen, Puro hatte sich trotz gewöhnungsbedürftigen Geschmacks und eines nicht geringen Preises im klinischen Bereich fest etabliert, wurde zudem in der Privatpraxis breit verwendet. Es galt vor allem als kräftigende Medizin für Rekonvaleszente, wurde aber auch für eine Reihe weiterer Indikationen eingesetzt (Oskar Dreyer, Ueber neuere Eiweisspäparate, Med. Diss. Göttingen 1902, 6-8). Die Puro-Werbung erschien danach regelmäßig in führenden medizinischen Fachzeitschriften, etwa den Therapeutischen Monatsheften, der Berliner klinischen Wochenschrift, der Münchener Medizinischen Wochenschrift oder aber der Wiener klinischen Wochenschrift. Das erfolgreiche Ende der Markteinführung wurde gleichsam symbolisiert in dem seit 1899 verwendeten schwarzen Dreieck, seither der Blickfang des Präparates. Vornehmlich in medizinischen Zeitschriften geschaltet, diente es der Erinnerungswerbung jedoch auch in Tageszeitungen. Scholl nutzte zudem zeittypische Werbemittel, etwa Puro-Sammelbilder. Sie strichen vor allem das internationale Renommee des Fleischsaftes farbenfroh heraus – beispielsweise durch glückliche Eskimos vor ihrem Iglu, die fröhlich Fisch und Fleischsaft konsumierten.

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Ein schwarzes Dreieck als Erkennungselement der Puro-Werbung (Therapeutische Monatshefte 40, 1899, H. 12, II; Allgemeine Zeitung 1899, Ausg. v. 8. April, 12)

Puro wurde demnach zwischen 1897 und 1899 durch massive Werbeanstrengungen im Markt verankert, etablierte sich dadurch als Marktführer in der Nische der Fleischpräparate. Die Werbeformen war anfangs noch recht offen, doch der durch die Käuferresonanz zunehmend klare Platz des Produktes erlaubte Konsolidierung und Begrenzung vorrangig auf die Fachwerbung – in einer Größenordnung von jährlich etwa 50.000 M. Spätere Auslassungen Hermann Scholls, „daß sich Puro lediglich durch sich selber und nicht wie die meisten anderen Nährpräparate durch eine jährlich Hunderttausende verschlingende Reklame Bahn gebrochen hat“ (H[ermann] Scholl, Der Fleischsaft „Puro“. Eine Abwehr der Angriffe auf mich und mein Präparat, München 1908, 10) sind also falsch. Des Betruges bezichtigt, versuchte er die hohen Aufwendungen für die Markenidentität seiner Schöpfung möglichst gering erscheinen zu lassen: Es sei eben keine „‘Riesenreklame‘“ betrieben worden, es sei vielmehr so, „daß gerade Puro dasjenige Präparat ist, für das effektiv die geringste Reklame gemacht wird“ (Ebd., 10). Weiter behauptete Scholl wahrheitswidrig: „Puro exisitiert heute ungefähr zwölf Jahre, hat sich ohne Publikumsreklame nur durch direkte Versuche, die tausende von Aerzten mit dem Präparat gemacht, Bahn gebrochen“ (Ebd., 15).

Der Fleischsaft Puro wurde konventionell vermarktet. Der Absatz erfolgte vor allem in größeren Chargen über Grossisten, im Ausland über Agenturen (vgl. für Mailand Milano Scelta, 3, 1907, 280). Apotheken und Drogerien bildeten das Rückgrat des Verkaufs, doch Puro konnte im Ausland auch in Kolonialwarenhandlungen gekauft werden (Tages-Post [Linz] 1901, Nr. 162 v. 17. Juli, 7). Er besaß eine Schutzmarke, im Deutschen Reich jedoch kein geschütztes Warenzeichen. Anders in vielen Auslandsmärkten, etwa seit 1898 in den USA (The Chemist and Druggist 53, 1898, 341). Dank langer Haltbarkeit konnte man das Präparat in der gesamten westlichen Welt kaufen.

Etablierung als Standarddiätetikum

Ein neuer Fleischsaft, das war eine wissenschaftliche Überraschung. In München stellten die Apotheken nach wie vor täglich frischen Fleischsaft her. Versuche, diesen zu konservieren waren durchweg gescheitert. Max von Pettenkofer, damals auch Leiter der Königlichen Hofapotheke, hielt es für ausgeschlossen, dass dies gelingen könne (Apotheker-Zeitung 25, 1910, 3447). Puro schien ihn eines Besseren zu belehren. Derartige Skepsis wurde öffentlich jedoch nicht geteilt, das neue Präparat vielmehr freudig begrüßt. Das wies auch darauf hin, dass im wissenschaftlich weltweit führenden Mitteleuropa die kritische Überprüfung neuer Heilmittel offenbar defizitär war. Blicken wir daher genauer auf die verschiedenen Kontrollorgane, die allesamt dazu beitrugen, den Fleischsaft Puro zum Standarddiätetikum der Jahrhundertwende zu etablieren.

Am Anfang stand meist eine chemisch-pharmakologische Untersuchung. Schon 1896 untersuchte die Münsteraner Versuchsstation Puro, fand dabei deutlich höhere Peptonanteile als bei der von Scholl bezahlten Untersuchung von Fresenius (J[oseph] König, Chemische Zusammensetzung der menschlichen Nahrungs- und Genussmittel, 4. verb. Aufl. bearb. v. A[loys] Bömer, Berlin 1903, 89 und 1468). Rückfragen unterblieben jedoch. Die Fachzeitschriften begnügten sich fast durchweg mit der Wiedergabe der Anbieterangaben (Fleischsaft „Puro“, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 38, 1897, 254). Das damals maßgebliche Königsche Handbuch zitierte letztlich gar die Werbeprospekte der Puro-Gesellschaft, pries indirekt die damit verbundene relative Transparenz (J[oseph] König, Die menschlichen Nahrungs- und Genussmittel […], 4. verb. Aufl., Bd. 2, Berlin 1904, 543). Dies galt auch für einschlägige Handbücher damaliger Arzneimittel (Loebisch, Puro, Encyclopädische Jahrbücher der gesammten Heilkunde 7, 1897, 467; H[ermann] v. Tappeiner, Lehrbuch der Arzneimittellehre und Arzneiverordnungslehre, 5. neu bearb. Aufl., Leipzig 1904, 319).

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Trügerisches Wissen: Handbuchherausgeber Joseph König (1843-1930) und Ernst von Leyden (1832-1910) (Wikipedia (l.); Berliner Leben 1, 1898, 152)

Ähnlich unkritisch agierten Mediziner. Die diätetischen Lehrbücher konzentrierten sich vielfach auf Produktvergleiche, bei denen Puro gegenüber den ausländischen Fleischpräparaten durchweg punkten konnte (Carl Wegele, Die diätetische Küche für Magen- und Darmkranke, Jena 1900, 22). Darreichungen wurden aufgefächert, die Grenzen des Produktes benannt (Felix Hirschfeld, Nahrungsmittel und Ernährung der Gesunden und Kranken, Berlin 1900, 120). Nicht die Zusammensetzung, sondern die Wirkung Puros stand im Mittelpunkt (Dreyer, 1902, 6-8). Dabei beobachteten Mediziner sehr wohl die sich verändernde Zusammensetzung des Präparates. Anfangs wurde etwa der Zusatz von Borsäure kritisch moniert, ein Konservierungsmittel, dass nur wenige Jahre später in der Nahrungsmittelproduktion verboten wurde (R[udolf] Kolisch, Lehrbuch der diätetischen Therapie chronischer Krankheiten […], Bd. I, Leipzig und Wien 1899, 88). Deutlicher noch Georg Klemperer (1865-1946), führender Internist. Im repräsentativen Leydenschen Handbuch, kritisierte er die dunkel blutrote Farbe des Fleischsafts, sah darin ein Problem namentlich bei Patientinnen (Ueber Nährpräparate, in: E[rnst] v. Leyden (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, Bd. 1, Abt. 1, Leipzig 1897, 282-304, hier 289). Sechs Jahre später war dieses Problem abgestellt – und die Produktvorstellung entsprach dem allgemeinen Lobpreis (Über künstliche Nährpräparate, in: E[rnst] von Leyden und G[eorg] Klemperer (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, 2. umgearb. Aufl., Bd. 1, Leipzig 1903, 336-362, hier 345). Puro regte, so der Tenor, den Appetit an, erlaubte Eiweisszufuhr in kleinen Mengen. Über die Ursachen hierfür wurde durchaus gemutmaßt, genauere Kausalanalysen fehlten jedoch (P[almir] Rodari, Grundriss der medikamentösen Therapie der Magen- und Darmkrankheiten […], 2. verm. Ausg., Wiesbaden 1906, 211-212).

Diätetische Lehrbücher sollten die Quintessenz der Forschung enthalten. Und das Lob für Puro entsprach den knapp drei Dutzend von mir gesichteten klinischen Fallstudien. Zusammengefasst zeigte sich eine enge Verbindung zwischen dem Versenden kostenloser Warenproben, den daraus resultierenden Schreiben und ersten Studien, die sich fast durchweg dem Tenor der Werbeaussagen anschlossen. Nationale Bewertungen fanden sich immer wieder, stolz verkündeten Kliniker, „dass der Fleischsaft ‚Puro‘ allen ähnlichen Produkten überlegen ist“ (Ref. v. Werner, Die moderne Therapie und der Fleischsaft, Deutsche Medizinische Presse 1899, Nr. 10, Wiener klinische Rundschau 14, 1900, 139-140, hier 139). Nähr- und Anregungsmittel zugleich, erschien Puro als „vornehmster Vertreter dieser Classe“ neuartiger Nähr- und Heilpräparate (Ebd., 140). Anfangs dominierten Untersuchungen in verschiedenen Kliniken, darunter auch Zuchthäusern und Kinderabteilungen (Ludwig Nied, Ueber die therapeutische Verwendung von „Puro“, Der Heilkunde 6, 1902/03, 304-305; Julian Marcuse, Der Nutzwert des Fleischsaftes, Ebd. 9, 1905/06, 69-72). Die Qualität der meisten dieser auch in damals führenden Fachzeitschriften erschienenen Arbeiten war gering, Ausdruck einer von Marktinteressen dominierten Wissenschaft: Die meist recht kurzen Artikel verwiesen in einer allgemeinen Einführung zumeist zurück auf Liebig und die frühen Fleischpräparate, erörterten teils aber auch auf die Fortschritte der Ernährungstherapie und deren lichte Zukunft. Es folgten Angaben zum Produkt selbst, meist Wiedergaben der Firmen-PR. Zahlreiche Einzelfälle schlossen sich an, letztlich kurze Berichte aus den Krankenakten. Am Ende stand eine fast durchweg lobende Einschätzung. Die Quintessenz zog dann die Puro-Gesellschaft selbst, veröffentliche sie doch zwei Broschüren mit Fleischsaftelogen im wissenschaftlichen Gewande (Wissenschaftliche Abhandlungen über Fleischsaft Puro, München 1901; Einige neuere Arbeiten über Fleischsaft „Puro“, s.l. 1904).

Derartige Fachartikel waren Folge der immens gewachsenen Zahl von Pharmazeutika allgemein, von Nähr- und Eiweißpräparaten speziell. Die damals nur geringe Regulierung der Werbung und die schwach ausgeprägte Selbstkontrolle der Pharmazeuten, Chemiker und Mediziner führte zu einem wachsenden Bedarf an wissenschaftlicher Expertise: Selbsthilfe, um die Spreu vom Weizen zu trennen (so auch Rattner, Praktische Versuche am Krankenbett und in der ambulanten Praxis mit dem Fleischsaft „Puro“, Die Heilkunde 10, 1906/07, 66-69, hier 66, dem dann Purolob folgte). Neue, vor der Jahrhundertwende erlassene Gesetze über das Apothekerwesen und den Unlauteren Wettbewerb hatten kaum mildernd gewirkt. Neue, zwischen Geheimmitteln und seriösen Therapeutika positionierte Präparate konnten mit ihren „wunderwirkenden Eigenschaften“ (Johann Landau und Anton Schudmak, Erfahrungen über Puro in der Kinderpraxis, Die Heilkunde 5, 1900/01, 298-301, hier 298) durchaus gepriesen werden. Das Beispiel des Fleischsaftes Puro verdeutlicht, dass Wissenschaftler ihr Wächteramt vielfach nicht erfüllten und die immer wieder beschworene Ehrsamkeit des eigenen Standes eine Chimäre war. Bis zur Aufdeckung des Betruges wurde gelobt und Puro als „wunderbares Hilfsmittel“ (P. Schütte, „Puro“ und seine therapeutische Bewertung, Der praktische Arzt 48, 1908, 73-79, hier 76) empfohlen. Zu welch kruden Ideen sich einzelne Mediziner verstiegen, zeigen nicht nur Arbeiten zur vermeintlichen Förderung „guten Blutes“ durch Puro (Erich v. Matzner, „Puro“ und seine Bedeutung für die Zusammensetzung der Blutflüssigkeit, Die Heilkunde 11, 1907/08, 65-69). Livius Fürst (1840-1907), ein bedeutender Leipziger Pädiater, sah in ihm gar ein „Naturprodukt“, das „im erfreulichen Gegensatz zu dem heutigen Ueberwuchern von Kunstproducten auf dem Markt der Diätetica“ stehe („Puro“ in der Kranken-Diätetik, Therapeutische Monatshefte 16, 1902, 25-29, hier 26).

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„Saft aus rohem Ochsen-Muskelfleisch“ – Auszug aus einer ganzseitigen Puro-Werbung (Wiener Medicinische Wochenschrift 53, 1903, Sp. 1-2)

Gewiss, es gab Kritik, auch am Fleischsaft Puro. Anfangs wurde der relativ geringe Eiweißgehalt wiederholt moniert, dem Präparat der Nährcharakter abgesprochen (Pharmaceutische Rundschau 2, 1898, 407; Die Heilkunde 3, 1898/99, 643). Mediziner begrenzten zudem dessen Anwendungsgebiete (Therapeutischer Almanach 26, 1899, 35). Ende der 1890er Jahre schienen diese sehr weit gefächert, sollte Puro doch Bleichsucht, Skrofulose und Rachitis erfolgreich bekämpfen und auch bei der Behandlung von Kachexien und Tuberkulose herangezogen werden (Wiener Medizinische Wochenschrift 48, 1898, Sp. 329-330). Mediziner dämpften also Erwartungen, etablierten und festigten mit ihren Fallstudien zugleich aber die Marktführerschaft im Fleischpräparatesektor. Puro selbst galt als deutsche Spitzenleistung, sein Schöpfer schien in einer Kette mit den führenden Ernährungswissenschaftlern der Zeit zu stehen: „Was v. Liebig, der Erfinder des Fleischextractes, vor Jahren als erstrebenswerthes und wünschenswerthes Ziel hinstellte, […] ist im Puro einigermassen erreicht“ (Max Heim, Die künstlichen Nährpräparate und Anregungsmittel, Berlin 1901, 123).

Ökonomischer und gesellschaftlicher Erfolg waren der vermeintlich verdiente Lohn für Hermann Scholl. Er war „Millionär“ (Pharmazeutische Presse 15, 1910, 76), sein Vermögen wurde 1914 auf etwa drei Millionen Mark geschätzt (Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre in Bayern, Berlin 1914). 1899 erwarb er für 90.000 M eine standesgemäße Villa mit einem mehr als 3.000 m² großen Grundstück in bester Münchener Lage. 1905 ließ er dieses abreißen, zahlte mehr als 230.000 M für ein neues Anwesen, das er 1907 bezog (Angaben n. Bayerische Geschichte(n) 2011, Nr. 24: Mit Fleischsaft zur herrschaftlichen Villa [Verweis]). Hermann Scholl war damals mit seiner Gattin Mitglied der Münchener Gesellschaft, vergnügte sich beim Maskenball des Kaufmannskasinos gemeinsam mit Prinzregent Luitpold und bei vielen anderen Gelegenheiten (Alex Braun, Maskenball des Kaufmannskasino, Allgemeine Zeitung 1906, Nr. 93 v. 27. Februar, 4-5, hier 5). Bürgerliche Wohltätigkeit war ihm nicht fremd (Walderholungsstäte Holzapfelskreuth, Allgemeine Zeitung 1906, Nr. 459 v. 4. Oktober, 6). Darunter fiel auch Scholls Engagement in der Deutschen Kolonialgesellschaft, dessen Münchener Abteilung er ab Ende Januar 1908 als Erster Vorsitzender vorstand (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 51 v. 1. Februar, 3-4). In dieser Eigenschaft reiste er kurz darauf nach Deutsch-Ostafrika, um den Kern einer „Kolonialsammlung“ in München anzulegen.

Aufdeckung des Betruges

So schien alles wohl etabliert. Der Fleischsaft Puro wurde selbst von kritischen Kämpfern für mehr Transparenz im Präparatemarkt prospektgemäß dargestellt (G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1905, 440). Die Firma selbst beschickte weiterhin führende Ärztekongresse und tönte dort vom eigenen natürlichen Fleischsaft (Verhandlungen des Kongresses für Innere Medizin. Dreiundzwanzigster Kongress. Gehalten zu München vom 23.-26. April 1906, Wiesbaden 1906, 779-780 hier 779). Doch dann, 1908, kam es, das Ende: „Zerschlagt die Welt und laßt das Chaos kreisen / Denn Lug ist alles, alles falscher Schein! Selbst ‚Puro‘ ist nach chemischen Erweisen, / Der reine Fleischsaft Puro, ist nicht rein“ (Das Ende, Kladderadatsch 61, 1908, Nr. 21, Beibl. 5, 3).

Fleischsaft Puro war kein Fleischsaft, sondern ein Kunstprodukt aus Fleischextrakt, Hühnereiweiß und einigen Zusatzstoffen. Das war die Quintessenz mehrerer parallel laufender Untersuchungen des Präparates durch Forscher in Kairo, München und Berlin. Verbindendes Band war eine neuartige biochemische Methode. Die spezifische Präzipation stand für die damaligen Fortschritte in der Immunologie. Sie wurde 1901 von dem Hygieniker Paul Uhlenhuth (1870-1957) entwickelt und erlaubte einen Vergleich der Eiweißstrukturen zweier Organismen. Davon profitierte erst einmal die Forensik, da Menschen- und Tierblut nun sicher voneinander unterschieden werden konnten. Nahrungsmittelchemiker hatten ein anderes Kontrollarsenal, so dass es einige Jahre dauerte, bis die Präzipation auch von ihnen angewandt wurde. Entsprechend wurde der Betrug von Biochemikern und Hygienikern aufgedeckt.

Der erste Strang führte nach Kairo. Ende 1906 kaufte W. A. Schmidt, ein an der dortigen Government School of Medicine seit 1899 tätiger Professor für Chemie in einer Apotheke zwei Fläschchen Puro, um den Fleischsaft als Testmittel bei Experimenten zu nutzen. Der aus Göttingen stammende Eiweißforscher war jedoch überrascht, dass er eben keine genuinen Eiweißstoffe in dem Präparat fand. Schmidt schrieb rückfragend an Scholl, der beruhigend betonte, „‚daß zu meinem Präparat ‚Puro‘ nur Rindfleisch verwandt wird, ferner daß beim Auspressen und Herstellung Chemikalien keine Anwendung finden und daß ‚Puro‘ bei einer Temperatur von 20-35° zur Eindickung gelangt‘“ (Schreiben d. Instituts Dr. H. Scholl v. 18. Juli 1907, zit. n. W.A. Schmidt, Woraus besteht der Fleischsaft Puro?, Medizinische Klink 1908, 800-802, hier 801). Schmidt war irritiert, führte im Oktober 1907 weitere Untersuchungen durch, die analoge Ergebnisse erzielten. Auch Kollegen bestätigten das gänzliche Fehlen von Muskeleiweiß im Präparat. Schmidt veröffentlichte seine Ergebnisse erst am 24. Mai 1908, gleichsam als Protest gegen eine abwiegelnde Werbeanzeige der Puro-Gesellschaft auf derweil veröffentlichte Ergebnisse aus München. Sein Puro-Antiserum bestätigte nämlich den von der Firma in Abrede gestellten Zusatz von Eiereiweiß. Es war offenkundig, dass die Schollsche Firma ihre Käufer täuschte (Schmidt, 1908, 800).

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Max von Gruber 1913 (1853-1927) und sein japanischer Schüler Tsuguo Horiuchi 1933 (1873-1855) (Wikipedia)

Zu diesem Zeitpunkt hatten die am 17. April 1908 veröffentlichten Münchener Untersuchungen den „Skandal“ zu einem ersten Höhepunkt geführt. Der im gleichen Jahr nobilitierte Hygieniker, Serologe und auch Rassenhygieniker Max Gruber hatte bereits Mitte November 1907 erste Ergebnisse vergleichender Analysen der gängigen Fleischpräparate in einem Vortrag in der Münchener Morphologisch-physiologischen Gesellschaft vorgestellt. Gruber betonte später: „Anlass der Untersuchung gab eine rein wissenschaftliche Frage, ob man nämlich mit dem Verfahren der spezifischen Präzipation (nach Ulenhuth [sic!]) Aufschluss über die Herkunft der zahlreichen Fleisch-Nährpräparate bekommen könne“ (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 448, 1908, 299). Scholl erfuhr hiervon, sah sich jedoch weder zu einer Korrektur der Produktion noch der Werbung veranlasst. Die „Münchener“ Untersuchungen stammten von dem japanischen Gastwissenschaftler Tsuguo Horiuchi, dem Direktor der Hygienischen Instituts der Akademie der Medizin auf Formosa, dem heutigen Taiwan, zwischen 1895 und 1945 eine japanische Kolonie. Horiuchis Untersuchungen an Kaninchen stehen für die Ausweitung der spezifischen Präzipation auf Nahrungsmitteluntersuchungen von Fleischprodukten. Bei werbungsadäquater Produktion hätte der Fleischsaft Puro auf ein Antirindfleischserum reagieren müssen. Das unterblieb. Horiuchi wies ferner nach, dass das Eiweiß in Puro von Hühnereiweiss war. Bei dem „Fleischsaft“ handelte es sich um eine Mischung aus 40 % Fleischextrakt, 20 % getrocknetem Hühnereiweiß, knapp 7 % Glyzerin sowie Wasser. Statt der Essenz des Ochsen wurde also eine Kombination industriell hergestellter Zwischenprodukte verkauft (T[suguo] Horiuchi, Diätetische Nährpräparate vor dem Forum der spezifischen Präzipation, Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 900-902). Die Drucklegung hatte Gruber veranlasst (M[ax] Gruber, Ueber die Fleischsäfte „Puro“ und „Robur“, Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 791-792, hier 791). Scholl reagierte, strengte eine folgenlose Klage gegen den japanischen Forscher an, der derweil nach Formosa zurückgereist war (Max Gruber, Nochmals der „Fleischsaft“ Puro, Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 1024).

Gruber stand zudem Pate für die zeitgleiche Publikation einer weiteren, nun allerdings chemischen Analyse. Sie stammte von Ludwig Geret, einem Eiweiß- und Hefeforscher, auch er früherer Assistent am Hygienischen Institut in München. Er hatte den Fleischsaft dort schon 1898 und 1899 analysiert und war zu dem Schluss gekommen, dass die angegebene Zusammensetzung nicht stimmen könne (Hermann Bremer und [Ludwig] Geret, Diätetische Nahrungsmittel der Neuzeit, in: Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. 71. Versammlung zu München, T. 2, 1. Hälfte, Leipzig 1900, 173-176, hier 175). Scholl hatte die Resultate seinerzeit bestritten. Geret wechselte im Herbst 1901 zur Liebig-Compagnie in Amsterdam, deren enge Beziehungen zu München auf Liebig selbst, aber auch auf Max von Pettenkofer und Carl von Voit (1831-1908) zurückgingen, die den Liebigschen Fleischextraktes im Firmenauftrag und gegen Salär kontrollierten. Geret nahm 1901, 1904 und 1907 weitere Untersuchungen vor, deren Ergebnisse er nun nach einer Anfrage von Gruber veröffentlichte (L[udwig] Geret, Der Fleischsaft „Puro“, Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 902-904, hier 904). Demnach war Puro von Anfang an aus Blut bzw. käuflichem Albumin (also Eiweiß) unter Zusatz von Fleischextrakt hergestellt worden. Seine Zusammensetzung habe sich 1899 (oder schon 1898) mit der Abkehr vom Blut deutlich verändert, seine Farbe wandelte sich von blutrot zu dunkelbraun. Die Details müssen uns hier nicht interessieren, wohl aber Gerets chemisch begründete Aussage, dass ein minderwertiger Fleischextrakt verwendet worden sei. Die Konservierung des „Fleischsaftes“ Puro erfolge durch Glyzerin, nachweisbar sei aber auch Borsäure. Dabei handele es sich um eine Verunreinigung des ebenfalls verwandten Seesalzes bzw. Salpeters, wie sie in Pökelbrühen eingesetzt wurden, die ihrerseits zu Fleischextrakt weiterverarbeitet werden konnten (Nochmals der „Fleischsaft Puro“, Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1264).

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Puro in der Sprache der Chemie: Analyseergebnisse 1899-1907 (Geret, 1908, 903)

Die Redaktion der Münchener Medizinische Wochenschrift resümierte, dass die Bezeichnung von Puro als Fleischsaft „irreführend“ sei: „Wir müssen dem Hygienischen Institut München dankbar dafür sein, dass es durch diese Untersuchungen Aufklärung geschaffen hat über eine grobe Täuschung, die an Aerzten und Publikum durch diese Präparate [Puro und Robur, US] seit Jahren verübt wurde“ (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 943). Nachgeschoben wurde kurz darauf noch eine weitere klinische Studie, die ebenfalls nahelegte, dass Puro kein Ochsenfleisch, wohl aber Hühnereiweiss enthielt (P. Landmann, Ein seltener Fall von Idiosynkrasie gegen Hühnereiweiss nebst Beitrag zur Würdigung des „Fleischsaft“ Puro, Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1079).

Abgerundet wurde die wissenschaftliche Beweisführung durch eine weitere Untersuchung aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin. Paul Uhlenhuth hatte dort seit längerem die Anwendungsfelder seiner Methode getestet. Um die Jahreswende 1907/08 beschäftigte sich seine Arbeitsgruppe mit Fälschungen von (Rind-)Fleischwaren durch Pferdefleisch oder -blut. Puro diente dabei, dank seines Werbeimages, abermals als Referenzmittel, doch eine Reaktion bei Zusatz eines Rinderantiserums erfolgte nicht ([Paul] Uhlenhuth, [Oskar] Weidanz und [Wilhelm] Wedemann, Technik und Methodik des biologischen Verfahrens zum Nachweis von Pferdefleisch, Arbeiten aus dem Reichsgesundheitsamte 28, 1908, 449-476, hier 469). Sie wissen, warum.

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Paul Uhlenhuth (Der Welt-Spiegel 1906, Ausg. v. 9. Dezember, 4)

Und doch, diese wissenschaftlichen Untersuchungen verursachten nicht den Skandal. Ihre Veröffentlichung erfolgte vielmehr nach einer Enthüllung des Betruges in Kenntnis dieser Forschungsarbeiten. Die Wissenschaftler zögerten, wogen ab, hatten sich dadurch das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lassen. Es war der später im Dresdener Hygiene-Museum tätige Münchener Augenarzt Otto Neustätter (1871-1943), der in der „volkstümlichen Monatsschrift“ „Gesundheitslehrer“ am 1. März 1908 über „Puro – der Fleischsaft“ berichtete. Der Druckort war wohl gewählt, es handelte sich um das Organ der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums. Gründend auf 1907 durchgeführte Untersuchungen des Münchener Oberapothekers Rudolf Rapp (1866-1941), auf Horiuchi resp. Gruber behauptete Neustätter, „daß der allbekannte ‚Fleischsaft‘ Puro mit Fleisch nicht das mindeste gemein habe, aus Eiereiweiß bestehe, mithin Schwindel sei“ (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 235; auch für die folgenden Zitate Neustätters). Puro-Werbung und Untersuchungsergebnisse wurden kontrastiert, die Diskrepanz pointiert offengelegt: „Die ganze Puro-Geschichte ist nämlich ein purer Humbug. Puro – vollkommen pur von jedem Fleischsaft.“ Das waren in der Tat „merkwürdige Mitteilungen“ (Pharmazeutische Post 41, 1908, 368; s. auch Der Fleischsaft „Puro“, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 6, 1908, 94-95). Betrug und Täuschung schienen offenkundig: „Es ist eben genau so, wie wenn jemand ‚Kaviar‘ zu Kaviarpreisen verkaufen würde, der vielleicht aus Stärke, Eiereiweiß, Glyzerin und etwa grauer Farbe hergestellt wurde.“ Neustätters Artikel war engagiert geschrieben, enthielt Zuspitzungen und Übertreibungen, auch einige sachliche Fehler.

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Gestorben im erzwungenen Exil. Grabstein von Otto Neustätter in Baltimore, MD (Oliver Bryk)

Doch er machte lange nur in Expertenkreisen bekannte Vorwürfe öffentlich, machte deren Veröffentlichung unverzichtbar. Doch machen wir uns kurz frei von den Experten. Die Öffentlichkeit reagierte auf Neustätters Enthüllung kaum. Der Artikel wurde gelesen, interessierte Kreise reagierten vorhersehbar. Der Verband der Nahrungsmittelproduzenten schloss sich der scharfen Kritik an, unterminierten Unternehmer wie Scholl doch die Stellung der Hersteller bei den Konsumenten. Zugleich aber fragte man sich, warum die bayerischen Behörden nichts gemerkt hätten (Der Fleischsaft „Puro“, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 6, 1908, 94-95; Dass., 165). Zum öffentlichen Skandal wurde die Angelegenheit aber erst Ende April. Schrittmacher waren die Münchner Untersuchungen, die auch in Publikumszeitschriften vorgestellt und diskutiert wurden (Die Fleischsäfte „Puro“ und „Robur“, Berliner Tageblatt 1908, Nr. 222 v. 2. Mai, 10; Gegen den Fleischsaft „Puro“, Berliner Volks-Zeitung 1908, Nr. 264 v. 6. Juni, 3). Die Presse spitzte den Sachstand nochmals zu, wobei sie insbesondere Gerets Aussagen über wohl minderwertigen Fleischextrakt aus Pökelbrühe in den Vordergrund rückte („Puro.“, Berliner Tageblatt 1908, Nr. 249 v. 16. Mai, 5; „Puro.“, Berliner Volks-Zeitung 1908, Nr. 231 v. 17. Mai, 2). Zum Eklat kam es jedoch erst durch die Reaktion der Puro-Gesellschaft auf die Vorwürfe. Die Leugnung jeglicher Verfehlung ließ nicht nur Schmidt zur Veröffentlichung schreiten. In Hamburg protestierten Ärzte offen gegen die Machenschaften der Münchener Firma, nachdem Untersuchungen am dortigen Hygienischen Institut die Vorwürfe abermals bestätigt hatten (Beschlagnahme von Puro-Fleischextrakt, Hamburgischer Correspondent 1908, Nr. 252 v. 18. Mai, 9). Mitte Mai beschlagnahmte daraufhin die Hamburger Staatsanwaltschaft die bei Grossisten gelagerten Puro-Flaschen (Neue Hamburger Zeitung 1908, Nr. 232 v. 18. Mai, 5). Damit wurde auch der Export unterbunden. Die Hauptstadtpresse ergänzte: „Von einer Beschlagnahme in Berlin ist bisher noch nichts bekannt geworden; sie wird sich aber nach den letzten Feststellungen kaum umgehen lassen“ („Puro.“, 1908). Gerüchte waberten, Hermann Scholl solle verhaftet werden und sei geflüchtet (Grazer Tageblatt 1908, Nr. 138 v. 19. Mai, 7). Das war falsch, doch ein spannendes Gesprächsthema (Pharmazeutische Post 41, 1908, 474). Wichtiger war gewiss, dass auch Abnehmer reagierten: Grossisten und Apotheker sandten teils ihre Bestände zurück, erhielten dafür den Kaufpreis zurückerstattet (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 334). Die Puro-Gesellschaft knickte nun rhetorisch ein, strich den Begriff Fleischsaft aus ihren Anzeigen, nachdem diese in alter Form nicht mehr angenommen wurden. Daraufhin wurde die Beschlagnahme aufgehoben „und somit der Verkauf desselben in ganz Deutschland wieder freigegeben“ (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1366). Man sollte meinen, dass der Skandal nun gängige Formen annahm, also Entschuldigungen, Produktrückzug, Präsentation eines neuen, besseren, zumindest aber transparent gekennzeichneten Präparates. Doch dem war nicht so.

Was ist „Betrug“? Kontroverse Reaktionen auf die Enthüllungen

Die Presse berichtete über den Skandal, umfangreichere Kommentare aber fehlten – dies unter dem steten Vorbehalt, dass eine fundierte Analyse von Tageszeitungen und Zeitschriften im digitalen Entwicklungsland Bundesrepublik Deutschland nicht wirklich möglich ist. Doch schweifen wir nicht ab, sondern widmen uns zuerst den Reaktionen auf die Enthüllungen. Die Puro-Gesellschaft, das ist schon klar geworden, verteidigte ihr Produkt, attackierte ihrerseits die analysierenden Wissenschaftler. Drei Ebenen sind dabei hervorzuheben: Rechtlich ging die Firma gegen zentrale Aussagen der Kritiker vor. Werblich schaltete sie erst kurze, dann zunehmend umfangreichere Anzeigen, um Kunden und Öffentlichkeit alternative Fakten zu liefern. Publizistisch trat Herrmann Scholl mit zwei Broschüren hervor, um seine Sicht der Dinge zu verbreiten.

Gegen die Aussagen im „Gesundheitslehrer“ gingen die Puro-Hersteller rechtlich vor, versandten Berichtigungen auch an Zeitungen, die aus Neustätters Artikel zitiert hatten. Der Tenor war einfach, nämlich dass die Vorwürfe „gegenstandlos seien“ (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 314). Demgegenüber bekräftigte die Zeitschrift die wissenschaftlich fundierten Vorwürfe. Neustätter beharrte darauf, daß „Millionen für das Präparat zu viel bezahlt worden sind“ (Zu der „Aufklärung der Firma Puro-Dr. Scholl“, Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 931-932, hier 932). Es begann ein unfruchtbares Hin und Her, etwa um die Frage ob der mit N. gezeichnete Artikel wirklich von Neustätter oder aber von einem Anonymus geschrieben worden sei (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1111). Dabei spielte die Firma auch über Bande, indem ihr wohlgesonnene Ärzte Einzelangaben Neustätters berechtigt korrigierten. Beispiel hierfür war der Neurologe Hans Lungwitz (1881-1967), Redakteur der Therapeutischen Rundschau, in den 1920er Jahren Begründer der „Psychobiologie“, seit 1926 dann NSDAP-Mitglied. Er riet zu Gelassenheit: „Ob wohl Herr Dr. Neustätter sich endlich mal über Puro beruhigen wird?“ (Quamvis sint subaqua…., Therapeutische Rundschau 2, 1908, 766). Neustätter griff diesen und andere Einwände auf, veröffentlichte im November 1908 im „Gesundheitslehrer“ „Puro redivivus und die Therapeutische Rundschau“. Scholl verklagte Neustätter nun wegen Beleidigung, doch das Amtsgericht München I wies die Klage zurück, „wenn auch die Aeußerungen an sich und objektiv wohl geeignet gewesen seien, den Kläger verächtlich zu machen“ (Apotheker-Zeitung 24, 1909, 168-169, hier 168). Wichtiger sei, dass Neustätter als Sachwalter der Öffentlichkeit berechtigte Interessen verteidigt habe. Auch die 2. Instanz wies die Beleidigungsklage Scholls ab (Münchener Medizinische Wochenschrift 56, 1909, 487). Deutlicher noch war die Abfuhr der beiden späteren Eigentümer und damaligen Prokuristen der Puro-Gesellschaft Oskar Freygang und Oskar Langguth. Sie hatten den Herausgeber des „Gesundheitslehrers“ verklagt. Der böhmische Primararzt Heinrich Kantor (1859-1926) sollte nicht nur für die vielen Unwahrheiten über Puro zur Rechenschaft gezogen werden, sondern er habe den Artikel nur aus Ärger und Rache über nicht geschaltete Anzeigen veröffentlicht, und Neustätter stehe im Solde der Konkurrenz, der Liebig-Compagnie. „Die Verhandlung ergab auch nicht den Schatten eines Beweises für diese für die Behauptungen“ (Apotheker-Zeitung 244, 1909, 876). Die Behauptungen wurden bedauernd zurückgenommen, eine Geldstrafe verhängt, all das öffentlich zur Kenntnis gebracht. Hinter derartig unbegründeten Strafverfahren stand zweierlei: Zum einen ging es um die Grenzen des öffentlich Sagbaren, um die Chancen für öffentliche Interventionen von Wissenschaftlern gegen kommerzielle Interessen. Zum anderen ging es offenbar auch darum, jüdische Wissenschaftler an den Pranger zu stellen. Neustätter, Kantor, auch Gruber waren jüdischen Glaubens – und die imaginierten Rechtsbrüche wurden von den strikt nationalen Vertretern der Puro-Gesellschaft bewusst gestreut. Es würde schon etwas hängenbleiben… München war bekanntermaßen mehr als Schwabing, schon vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur vermeintlich liberale Enklave, sondern auch ein Ort virulenten Antijudaismus und Antisemitismus. Doch das ist nicht unsere Fragestellung. Unter dem Aspekt des Skandals ist das Recht jedoch immer Mittel im kommunikativen Kampf, Element der Verzögerung und Abwehr, der Einschüchterung und des Stillstellens. All das gilt, mag am Ende auch die Gerechtigkeit siegen.

19_Wiener Medizinische Wochenschrift_58_1908_Sp834_Lebensmittelskandal_Fleischsaft-Puro

Abwiegeln und Leugnen: „Aufklärungs“-Anzeige der Puro-Gesellschaft vom 18. April 1908 (Wiener Medizinische Wochenschrift 58, 1908, Sp. 834)

Die Puro-Gesellschaft schaltete ab April 1908 zudem mehrere Anzeigen in medizinischen Fachzeitschriften, aber auch in Tageszeitungen, in denen sie Nebenaspekte der publizierten Artikel in den Vordergrund schob und ihre Kritiker der Unwahrheit bezichtigte. „Zur Aufklärung“ stritt die Firma Betrug und Täuschung ab. Wer darüber berichtete erhielt Post, in denen die Firma betonte, daß die über sie „gebrachten Ausstreuungen grundlos seien. Es könne bewiesen werden, daß die Firma im Jahre 1906 zur Herstellung von Puro 19.800, im Jahre 1907 20.217 kg festes Fleischextrakt bezogen und verwendet habe. Da aus einem Stück Vieh nur 5 kg festen Fleischextrakts gewonnen werden, so wären in den beiden erwähnten Jahren 8000 Stück Rindvieh erforderlich gewesen“ (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 282). Damit gab sie indirekt die Kundentäuschung zu. Vorsichtig hieß es in der pharmazeutischen Fachpresse: „Diese Erklärung scheint noch nicht genügend, um das rege gewordene Misstrauen gegen Puro zu entkräften“ (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 48, 1908, 235).

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Kontinuierliche Fleischsaft-Werbung in Auslandsmärkten (St. Petersburger Medicinische Wochenschrift 33, 1908, 310)

Die Puro-Gesellschaft sah anfangs zugleich keinen Anlass, ihre Werbung umzustellen und insbesondere auf den Begriff „Fleischsaft“ zu verzichten. Ihre Anzeigen wurden im Regelfall von Annoncenexpeditionen verwaltet, die langfristige, häufig einjährige Verträge abschlossen, um so Mengenrabatte zu erhalten. Enthüllungen und Untersuchungen beeinflussten das erst einmal nicht. Dennoch weigerten sich, worauf wir am Ende nochmals genauer eingehen werden, die einschlägigen Fachzeitschriften spätestens ab Ende April, tradierte Puro-Anzeigen zu veröffentlichen. Die Firma selbst sah keinen Anlass, diese freiwillig zurückzuziehen bzw. zu ändern.

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Kampf gegen vermeintliche „Hetze“ – Anzeige der Puro-Gesellschaft Ende Mai 1908 (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 103 v. 30. Mai, VI)

Parallel aber beklagte sie in Anzeigen ein Klima der „Hetze“ gegen ihr bewährtes Produkt und bat ihre Käufer, sich dadurch nicht beirren zu lassen, sondern in Treue fest zu Puro zu stehen. Im Hintergrund stand stets der Vorwurf, dass ausländische Konkurrenz – vornehmlich die Londoner Liebig’s Extract of Meat Company – ein erstklassiges deutsches Präparat vom Markt verdrängen wolle. Neustätter betonte trotzig: „Das Präparat Puro ist und bleibt gerichtet“ (Neustätter, 1908, 932); und doch fanden dessen Produzenten mit ihren Vorwürfen durchaus Widerhall.

Drittens meldete sich auch der Erfinder Puros und Eigentümer des Medizinisch-chemischen Instituts Hermann Scholl nach seiner Rückkehr aus Deutsch-Ostafrika zu Wort. Dazu wählte er nicht die sich langsam verbreitende Form des Interviews, sondern die der darstellenden Broschüre. Sie wurde als Privatdruck erstellt und dann an Kunden und interessierte Kreise verschickt. Für ihn war all dies ein von Neustätter initiierter „wohlvorbereiteter, konzentrischer Angriff auf den Fleischsaft Puro und anschließend auf meine Person“ (Scholl, 1908, 3). Er beschrieb beredt, dass Max von Pettenkofer selbst seine Forschungen angeregt habe, um die ausländischen Präparate durch ein besseres Produkt vom deutschen Markt zu verdrängen. Er habe jedoch einsehen müssen, dass ein aus Fleisch direkt gewonnener Saft viel zu teuer geworden wäre und auch nicht den erforderlichen Geschmack gehabt hätte. Daher sei er zum Lebensmitteldesign übergegangen, habe etwas Neues geschaffen. Den Begriff Fleischsaft habe er analog zu den englischen Vorbildern gewählt, bei denen es ja klar gewesen sei, dass es sich nicht um Fleischsäfte im engeren Sinne des Wortes handelte, „denn der Begriff ‚Fleischsaft‘ ist speziell beim Publikum nicht der konkrete, den meine Gegner ihm gerne geben möchten“ (Ebd., 11). Ja, Puro sei ein Produkt aus Fleischextrakt und Eiweiss, doch es wirke und die Ärzte seien dankbar dafür – das allein sei entscheidend. Seine Kritiker seien heuchlerisch, da jeder Fachmann wisse, dass ein Präparat zu diesem Preis aus frischem Fleisch nicht hätte produziert werden können. Auch ein Blick in seine Firma hätte jedem deutlich gemacht, „daß Puro überhaupt nicht ausschließlich hier fabriziert wird“ (Ebd., 13). Betriebskontrollen hätten nie Beanstandungen ergeben. Der eingesetzte Fleischextrakt stamme vom Rind, der Preis Puros sei moderat, niedriger als der der Konkurrenz. Eine Übervorteilung des Publikums habe es daher nicht gegeben. Ein wirklicher Fleischsaft hätte mit etwa acht Mark pro Flasche kaum Käufer gefunden. Sein Herstellungsverfahren habe er geheim halten müssen, da es keinen gesetzlichen Schutz für derartige Präparate gäbe. Er habe Puro jedoch mehrfach verbessert, nutze gegenwärtig teureres Rohmaterial als zu Beginn der Produktion. Besseres sei gewiss denkbar, doch gegenwärtig gehe es nur um den „Ruin des zur Zeit relativ besten Präparates“ (Ebd., 20).

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Titelblatt von Scholls erster Verteidigungsbroschüre (Scholl, 1908, I)

Die Fachpresse griff Scholls Ausführungen durchaus auf, kaum aber die Öffentlichkeit (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 48, 1908, 315; Apotheker-Zeitung 32, 1908, 363). Die Resonanz war jedoch eindeutig, die Täuschung offenbar: „Die Rechtfertigung Dr. Scholls ist missglückt, wie es bei einer durch und durch faulen Sache nicht anders möglich war; der Erfinder des Puro kann nichts besseres tun, als sein Präparat so geräuschlos als möglich vom Schauplatz verschwinden zu lassen“ (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1159). Ähnlich äußerten sich Gruber und Geret (Puro, Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 1150-1151; Nochmals, 1908, 1264), die zudem bestritten, dass Puro einem frischen Fleischsaft gleichwertig sei.

Scholl schrieb im Anschluss eine weitere Broschüre: „Mit welchen Mitteln wird der Fleischsaft Puro bekämpft?“. In dieser Polemik zielte er offen auf Neustätter und Gruber, stellte sich als Opfer der Liebig-Compagnie dar, als ein nur bestes Rohmaterial verwendender Erfinder-Unternehmer. Horiuchi erschien darin als willfähriger Handlanger Grubers, dem eigentlichen Drahtzieher der ganzen Affäre (Angaben n. Apotheker-Zeitung 25, 1908, 396). Standpunkt stand gegen Standpunkt, Fachleute mokierten sich langsam über die „Preßpolemik über den Fleischsaft Puro“ (Apotheker-Zeitung 25, 1908, 417). Scholl und seine Firma hatten damit gewiss ein Ziel erreicht: Lebensmitteldesign erschien im Umfeld ausländischer Konkurrenz durchaus angemessen. Täuschung und Betrug schienen offenkundig, doch war dies wirklich entscheidend?

Diese Relativierung wirtschaftskriminellen Verhaltens gründete auch auf Vorwürfen, dass die falsche Bezeichnung Puros als Fleischsaft in Fachkreisen letztlich allgemein bekannt gewesen sei. Die schon erwähnten ersten Untersuchungen Gerets wurden schließlich auf der Jahresversammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte vorgetragen, einem Stelldichein der Experten. Wörtlich hieß es damals, dass der Fleisch Karno, „ebenso wie Puro aus Blut (oder neuerdings aus käuflichem Albumin) unter Zusatz von Fleischextract gewonnen wird“ (Bremer und Geret, 1900, 175). Ein öffentlicher Aufschrei über die offenkundige Diskrepanz zwischen diesem Ergebnis und der Puro-Werbung blieb jedoch aus.

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Ernüchternde Analysen von Puro am London Hospital 1901: Robert Hutchinson (1871-1960) in älteren Jahren (Wikipedia)

Auch international fiel der Fleischsaft Puro als ein falsch bezeichnetes Produkt auf. Robert Hutchinson, Pädiater und Diätetiker am London Hospital, veröffentlichte 1902 in der wichtigsten britischen Fachzeitschrift Untersuchungen von Nährpräparaten, darunter sieben Fleischsäfte. Puro, so schrieb er, „is a German preparation, which is of some interest, because originally, I believe, Puro was the concentrated juice of meat preserved in a special way. But on examining recently another preparation of Puro I found that it contained a large portion of egg albumen. In fact, it amounts to this: that it is a preparation artificially enriched by the addition of white of egg when I am supposed to be paying for the juice of meat. When you ask for meat juice people have no right to give you white of egg“ (An Address on Patent Foods, The Lancet 80, 1902, T. 2, 1-6, hier 4). Lektüre schützt vor Neuentdeckungen… Aber auch damals folgte kein Skandal. Berücksichtigen sollte man dabei allerdings, dass Scholl alles tat, um diese Ergebnisse kleinzuhalten. Hutchinson schrieb beispielsweise an die Puro-Gesellschaft, erhielt jedoch nur eine ausweichende Antwort. Weitere Anfragen nach der Zusammensetzung des Fleischsaftes wurden nicht mehr beantwortet. Ähnlich reagierte Scholl bei der Korrespondenz mit Schmidt. Gleichwohl zeigen diese beiden Publikationen, dass die einschlägigen Fachleute offenbar weniger belesen waren als gemeinhin angenommen. Der Skandal um den Fleischsaft Puro war also seit 1899 grundsätzlich bekannt. Es waren die Fachleute selbst, die erst spät intervenierten und den harten Wind der öffentlichen Kontroverse zuvor offenbar scheuten.

Entsprechend forderte man parallel zu den Enthüllungen verbesserte Kontrollsysteme für Heil- und Nährpräparate zu verbessern. Vor dem Ersten Weltkrieg war das ehedem fortschrittliche deutsche Nahrungsmittelgesetz von 1879 völlig veraltet, doch eine Reform scheiterte an den sich blockierenden Interessen: Es gab damals keine Handhaben gegen Täuschungen ohne Verfälschungen, keine wirklich verbindlichen Begriffsbestimmungen für Nahrungsmittel und zahllose unterschiedlich definierte Rechtsbegriffe. Das Wettbewerbsrecht war im Deutschen Reich schwach ausgebildet, letztlich konnte nur das Strafrecht angewandt werden. Neustätter und Scholl stimmten daher darin überein, dass es dringend neuer Institutionen für die Kontrolle und bedingt auch der Zulassung von Heil- und Nährpräparaten bedürfe. Dies fand grundsätzlich Zustimmung, doch schon die Umsetzung war strittig. Sollte das Kaiserliche Gesundheitsamt zuständig sein? Sollte ein gesondertes Laboratorium gegründet werden? Hätte dieses seine Untersuchungsergebnisse einfach veröffentlichen dürfen? (Deutsche Medizinische Wochenschrift 34, 1908, 792). Diese Fragen stellen sich bis heute. Vertreter der Apotheker waren jedoch skeptisch, da dies ihr Geschäftsmodell untergrub: „Die recht peinliche Angelegenheit ist Wasser auf die Mühle derjenigen, welche den Geheimmittel- und Spezialitätenverkehr unter strengste Ueberwachung der Regierungsorgane stellen wollen“ (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 48, 1908, 219). Puro sei eine Verfehlung, doch zu viel Staat schien ein noch größeres Problem zu sein.

Die Experten, Pharmazeuten, vor allem aber die Mediziner, bevorzugten stattdessen Standespolitik durch Selbstverpflichtungen. Insbesondere Ärzte sahen in der Skandalierung eines bewährten Standarddiätetikums einen Angriff auf ihre wissenschaftliche Autorität. Der schon erwähnte Hans Lungwitz gab den Takt vor: „Ein an sich unbedeutendes Ereignis wird, wenn es nur plötzlich und unerwartet eintritt oder von interessierten Kreisen geschickt benutzt wird, oft genug zu einer Staatsaktion, die nicht bloß die flachen Köpfe erregt, sondern selbst ruhige Gemüter tangieren kann. Die Kritik verblaßt vor der Stimmung – bis die Sache historisch geworden ist und alsdann ihren wahren Wert offenbart“ (Wahre Werte, Therapeutische Rundschau 2, 1908, 523-524, hier 523). Habe man vergessen, dass „erste Autoritäten“ des Faches Puro begutachtet und belobigt hätten? „Wie konnte man es wagen, das Urteil solcher Persönlichkeiten zu mißachten – aus dem einen Grunde, der eine Wertung des Präparats als Nähr- und Kräftigungsmittel gar nicht zuließ, sondern – sagen wir – rein juristische Art war“ (Die Heilkunde 12, 1908/09, 393-394, hier 393). Diese Verniedlichung von Wirtschaftskriminalität wurde zwar durchaus kritisiert (Apotheker-Zeitung 23, 1908, 667), entsprach aber dem Denken vieler Ärzte. Ähnlich wie Lungwitz sahen sie ein „Kesseltreiben“, eine Art deutscher Selbstkasteiung durch einen „mit Pauken und Trompeten, mit Haubitzen und Granaten inszenierte[n] Feldzug“ gegen Puro (Lungwitz, 1908, 524).

„Wozu all der Lärm?“ hieß es, letztlich sei es doch egal, woher die Ochsen stammten – und auch die Frage Hühner- oder Fleischeiweiß sei „von sekundärer Art“ (Der Fleischsaft „Puro“, Drogisten-Zeitung 23, 1908, 258). Teils liefen redaktionelle Reklametexte zu Puro einfach ungeprüft weiter, in denen es auch Ende 1908 noch hieß, dass es „aus erstklassigem Rohmaterial hergestellt“ (Hebammen-Zeitung 22, 1908, Nr. 22 v. 1. Dezember, 11) sei. In Teilen der Presse verfing die PR-Offensive Scholls, machten stattdessen Verschwörungstheorien die Runde: „Nur eine wohlinformierte Konkurrenz konnte den ganzen „Puro-Rummel“ zu einer Zeit in Szene setzen, als Dr. Scholl gerade in Ostafrika weilte und sein Erzeugnis dem Ansturm wehrlos preisgegeben war“ (Die Zeit 1908, Nr. 2210 v. 17. Oktober, 9). Insgesamt aber setzte sich das Wissen um den Betrug allseits durch (Wiener klinische Wochenschrift 22, 1908, 335; Die Geheimnisse der Fleischsäfte Puro und Robur, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 18, 1908, 302-303; Medizinische Klinik 4, 1908, 692; Schmidt’s Jahrbücher der gesammten in- und ausländischen Medicin 297, 1908, 264).

Verurteilung, Revision und Verurteilung – Die Puro-Prozesse 1909 und 1910

Auch die publizistische Öffentlichkeit hatte im Mai 1908 ihr Urteil schon parat. Eine österreichische Satirezeitschrift bündelte es, mochten auch nicht alle Einzelheiten stimmen: „Es war ein Mann, mit Namen Doktor Scholl, / Chemiae, smart und tatenfreudevoll. / Der hat zu München etwas fabriziert / Und im Pauschale ständig inseriert. / Der Doktor zog, es zog der schöne Namen / Und auch die Wissenschaft sprach gläubig Amen. / Der Doktor brachte ja die Analyse / Schon fertig mit. So unterschrieb man diese. / Der Fleischsaft Puro wurde Allgemeingut / Und wirkte Wunder, wie das schon so sein tut, / Wenn etwas hübsch verpackt ist und recht teuer. / Da kam zu Hamburg dieses Ungeheuer, / Den Staatsanwalt, einmal die Skepsis an, / Ob bei dem Puro alles wohlgetan? / Und siehe: Fleisch war wirklich nicht dabei, / Nur Pökelbrüh‘ und etwas Schweinerei. / Der Doktor Scholl ist seither durchgegangen, / Uns aber braucht deswegen nicht zu bangen. / War auch ein Schmarrn der attestierte Saft – / Uns bleibt die attestierte Wissenschaft!“ (Kiek Kiek, Der Fleischsaft Puro, Die Muskete 6, 1908, Ausg. v. 28. Mai, 10). Dieses Spottgedicht blieb nicht ohne Resonanz, denn Dr. Mößmer III, Scholls Rechtsanwalt, sandte der Redaktion eine Richtigstellung (Der Fleischsaft Puro, Die Muskete 6, 1908, Ausg. v. 23. Juli, 10). Satire darf nicht alles…

24_Badische Presse_1908_08_01_Nr352_p6_Lebensmittelskandal_Kraeftigungsmittel_Fleischsaft-Puro_Fleischpraeparate

Neuartige Benennung – Puro als „concentriertes flüssiges Fleischpräparat“ (Badische Presse 1908, Nr. 351 v. 1. August, 6)

Puro mochte gerichtet sein, doch verurteilt war weder das Präparat noch sein Hersteller. Die rechtliche Lage war keineswegs klar. Eine strafrechtliche Verfolgung würde nicht einfach sein, da eine einfache Klage einen „Geschädigten“ erforderte und der Sachverhalt der Schädigung schwierig nachzuweisen war. Entsprechend zog sich die Anklage hin. Derweil regelte Scholl sein Unternehmen. Schon am 1. Januar 1908 hatte er sein Institut in eine offene Handelsgesellschaft umgewandelt, die bisherigen Prokuristen Oskar Freygang und Oskar Langguth wurden Mitgesellschafter (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 8 v. 6. Januar, 7). Die Affäre führte keineswegs zur gesellschaftlichen Ächtung: Noch im März erhielt er den preußischen Roten Adlerorden vierter Klasse für seine Verdienste beim Aufbau des Deutschen Museums in München (Allgemeine Zeitung 1908, Nr. 103 v. 6. März, 3). Puro wurde weiter beworben, nun aber als „concentriertes flüssiges Fleischpräparat“. Die Werbung erfolgte nicht allein in der Fachpresse, sondern auch in Tageszeitungen.

25_Neue Freie Presse_1908_10_07_Nr15841_p37_Lebensmittelskandal_Fleischpraeparate_Fleischsaft-Puro

Neue Kontrolleure und eine neue Produktbezeichnung (Neue Freie Presse 1908, Nr. 15841 v. 7. Oktober, 37)

Puro wurde nun extern durch Handelschemiker kontrolliert, verantwortlich zeichnete das 1888 gegründete Münchener chemische Institut von Bender und Holbein, das eine Schrittmacherrolle in der Geschichte der Ausbildung pharmazeutisch-chemischer Assistenten hatte. Die Fachwerbung wurde von der chemischen Zusammensetzung weg, hin auf die therapeutische Wirkung des Präparates gelenkt. Die falsche Kennzeichnung wurde korrigiert. Doch dies war abgerungen, erfolgte nicht aus Einsicht. Denn Scholl betonte weiterhin, nichts Unrechtes begangen zu haben. Er wurde darin längere Zeit durch die zögerliche Münchener Justiz bestätigt. Der Staatsanwalt erhob zwar Anzeige gegen ihn wegen Betrugs, Betrugsversuch und Vergehens wider das Nahrungsmittelgesetz. Doch das Landgericht lehnte die Einleitung des Hauptverfahrens gegen Scholl ab. Erst nach einer Beschwerde des Staatsanwalts beschloss der Strafsenat des Obersten Landesgerichts das Strafverfahren aufgrund fortgesetzten Betrugs und Betrugsversuchs zu eröffnen (Die Heilkunde 1909/10, 63-64, hier 63). Scholl habe, so die Anklage „eine sehr große Anzahl von Vorständen von Krankenhäusern und Anstalten sowie von Privatpersonen in einen Irrtum über die Zusammensetzung und Eigenschaften des ‚Puro‘ versetzt und zu versetzen gesucht und die von ihm Getäuschten zur Abnahme des Präparates veranlaßt, wodurch diese an ihrem Vermögen geschädigt wurden“ (Fleischsaft „Puro“, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 8, 1910, 22-23).

26_Therapeutische Rundschau_03_1909_Nr03_pIV_Kraeftigungsmittel_Fleischsaft-Puro_Krankenkost

Wirkung entscheidend: Puro-Werbung 1909 (Therapeutische Rundschau 3, 1909, Nr. 3, IV)

Der „Sensationsprozess“ (Die Heilkunde 1909/10, 63-64, hier 63) am Landgericht München I währte schließlich vier Tage, vom 20. bis 23. Dezember 1909. Die Münchener Presse, insbesondere die Münchener Neueste Nachrichten brachten darüber „Tag für Tag spaltenlange Berichte“ (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 49, 1909, 819). Diese abseits der lokalen Archive und Bibliotheken nachzulesen, ist leider nicht möglich. Ein einschlägiges DFG-Projekt zur Digitalisierung der MNN hat zwar 2019 begonnen – doch derartiges wird in diesem unserem Lande viele Jahre dauern. Gleichwohl gibt es detaillierte Paraphrasen des Prozesses in medizinischen Fachzeitschriften (Der Prozess Puro, Münchener Medizinische Wochenschrift 57, 1910, 52-55).

Am Ende stand erst einmal ein Schuldspruch gegen Scholl, der „wegen fortgesetzten Vergehens und Betrugs zu 1 Monat Gefängnis und 3000 Mk. Geldstrafe verurteilt“ (Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 9, 1910, 23) wurde, außerdem die Prozesskosten zu tragen hatte. Die Geldstrafe lag zwar unter den von der Staatsanwaltschaft geforderten 5000 M, doch die Verhängung einer Haftstrafe war für sie ein großer Erfolg. Die Urteilsbegründung betonte, „Etiketten und Reklameschriften hätten objektiv falsche Tatsachen enthalten, die den Eindruck erwecken mußten, als ob der Angeklagte eine wichtige Entdeckung gemacht habe“ (Apotheker-Zeitung 24, 1909, 971). Allerdings habe Scholl nicht gegen das Nahrungsmittelgesetz verstoßen, Puro sei nicht nachgemacht, sondern ein völlig neues Produkt. Öffentliche Vorbehalte, dass es „unangängig [sei], dem Publikum den drei- oder vierfachen Betrag dessen abzuknöpfen, was ein Präparat wert ist“ (Woraus der Fleischsaft „Puro“ besteht, Die Umschau 12, 1908, 478) schienen damit gesühnt. Buchprüfungen hatten allerdings ergeben, dass die Gestehungskosten eines Fläschchen Puros bei 1,06-1,09 M lagen, der Abgabepreis bei 1,61 M, dass also der Großteil der Gewinne der jährlich etwa 500.000 Einheiten von Grossisten und Apothekern resp. Drogisten erzielt wurden (Münchener Medizinische Wochenschrift 57, 1910, 52). Scholl jedenfalls akzeptierte das Urteil nicht, sondern legte dagegen Revision beim Reichsgericht ein (Puro-Fleischsaft, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 8, 1910, 101-102).

Fast wichtiger aber war, dass sich die Sachverständigen in der Sache eben nicht einig waren, sondern eine Einschätzungskakophonie boten. Neben zahlreichen vom Gericht befragten Zeugen waren auf Antrag von Anklage und Verteidigung eine Reihe renommierter Wissenschaftler geladen, die zumeist schriftliche Gutachten vorlegten, teils aber auch im Prozess aussagten. Aus Berlin der Physiologe Adolf Bickel (1875-1946), der Bakteriologe Max Piorkowski (1859-1937), der schon erwähnte Internist Georg Klemperer, der Sanitätsrat Theodor Goerges und der Chemiker Sigismund Aufrecht (1862-1938). Aus Jena berichtete der Pathologe Hermann Dürck (1869-1941). Aus München war die erste Garde präsent, Max von Gruber, die Chemiker Theodor Paul (1862-1928) und Johannes Hoppe, der Hofapotheker Carl Wagenhäuser, Hofrat Franz Brunner (1850-1944) vom Krankenhaus München-Schwabing, der Landgerichtsarzt Friedrich Anton Hermann (1860-1930) und auch der Internist Friedrich von Müller (1858-1941). So viele Experten, doch kein Konsens. Weder über die Definition des Fleischsaftes noch über die Frage der Fälschung resp. Täuschung, der therapeutischen Wirkung von Puro und dessen angemessenen Preis. Das Verfahren war umkämpft, und es schien fast so, als hätten beide Seiten jeweils ihre Wahrheit wissenschaftlich begründet. Das Resultat war jedenfalls ein öffentliches Desaster für die Urteilsfähigkeit von Wissenschaft – vielleicht auch, weil ja bis heute die Mär vorherrscht, Wissenschaft sei ein verbindlicher Modus zur Entscheidungsfindung.

In den Fachzeitschriften wurde das Urteil zumeist beifällig aufgenommen oder nur vermeldet. Doch auch Scholl hatte Fürsprecher, die die „Hetze gegen ‚Puro‘“ (Der Streit um „Puro“, Drogisten-Zeitung 25, 1910, 41-42, hier 41) scharf verurteilten. Der Unternehmer wurde demnach verurteilt, weil er „beim Vertrieb seines Präparates, bezw. bei der Textierung seiner Reklame diejenigen Vorschriften unbeachtet ließ, die ein veraltetes, reformbedürftiges Gesetz verlangt“ (Ebd.). Auch die Frage eines angemessenen Preises für Puro wurde kontrovers beantwortet. Die einen verwiesen auf die einwandfreien Rohwaren (Puroprozeß, Pharmazeutische Presse 15, 1910, 76), die anderen dagegen auf deren Materialwert von lediglich 35 Pfennig, so dass „der Verdienst an diesem Schwindelmittel ein ganz ungeheurer gewesen ist“ (Verurteilung, Tierärztliche Rundschau 16, 1910, 8).

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Die Puro-Gesellschaft präsentiert ihre Deutung des Prozesses – Auszug aus einer ganzseitigen Anzeige (Leipziger Tageblatt 1910, Nr. 66 v. 8. März, 4)

Der Prozess selbst gebar weitere Rechtshändel. Max von Gruber musste um seine Stellung als Sachverständiger kämpfen, wurde er doch von Scholls Verteidigern wegen seiner seit Mitte 1908 bestehenden und mit jährlich 6.000 M vergüteten Kontrolltätigkeit für die Liebig-Compagnie als befangen abgelehnt (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 49, 1909, 819). Diese teils als „sensationell“ (Streit, 1908, 42) bewerteten Aussagen waren schon im Prozess zwischen der Puro-Gesellschaft und Kantor erwähnt worden – und Gruber betonte, dass die Geschäftsbeziehung erst nach der Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse eingesetzt, es also keinen Interessenkonflikt gegeben habe. Die Verteidigung behauptete ferner, dass Münchens Oberbürgermeister, der Zentrumspolitiker Wilhelm Borscht (1857-1943) bestätigen könne, dass Gruber ihm gesagt habe, die Angriffe auf Scholl wären unterblieben, hätte dieser die angefragte Spende von 50.000 M für das geplante Pettenkofer-Haus gezahlt (Münchener Medizinische Wochenschrift 57, 1910, 53). Dies führte zu einer Beleidigungsklage, die gegenstandlos blieb, da Borscht die Aussage abstritt (Apotheker-Zeitung 25, 1910, 541). Die Puro-Gesellschaft griff diese Vorwürfe jedoch abermals in einer weit verbreiteten ganzseitigen Textanzeige „Aufklärungen über Puro“ auf (Leipziger Tageblatt 1910, Nr. 66 v. 8. März, 4; Neues Wiener Journal 1910, N. 5897 v. 23. März, 13). Darin beschwor sie den Wert des Präparates, feierte es als einen „Fortschritt in der Ernährungstherapie“. Ansonsten folgten die Vorwürfe des Jahre 1908, sah man sich also von „der Konkurrenz“ attackiert, namentlich von der „englischen“ „Liebig-Company“, in deren Dienst Ludwig Geret und auch Max von Gruber ständen. Neustätters Kritik wurde als tendenziös und unpräzise abgewertet. Puro sei ein deutsches Produkt, weit besser als frisch gepresster Fleischsaft und amerikanische und englische Angebote. Maschinell hergestellt und immer wieder verbessert sei es ein recht billiges Präparat, das nun in seinem Wert nochmals von „zuständiger Seite“ geprüft und gelobt wurde (Neues Wiener Journal 1910, N. 5897 v. 23. März, 13). Der Münchener Ärztliche Verein sah sich angesichts der Vorwürfe gegen Gruber jedenfalls zu einer einstimmig ergangenen Ehrenerklärung genötigt (Die Heilkunde 15, 1910/11, 140).

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Wegducken und Verwirren: Kontinuierliche Vorwürfe gegen Max von Gruber (Leipziger Tageblatt und Handelszeitung 1910, Nr. 91, v. 3. April, 8)

Während die Puro-Gesellschaft also weiter gegen die (jüdischen) Kritiker schoss, um so das eigene wirtschafts-kriminelle Handeln zu überdecken, schied Hermann Scholl Anfang 1910 aus seiner Firma aus, „um seinen persönlichen Gegnern gegenüber völlig freie Hand zu haben“ (Leipziger Tageblatt 1910, Nr. 66 v. 8. März, 4). Sie firmierte seither als Puro-Gesellschaft Freygang & Langguth (Verurteilung, Tierärztliche Rundschau 16, 1910, 27). Nähere Informationen über die finanziellen Konditionen dieser Transaktion fehlen.

Der zweite Akt in der juristischen Bewältigung des Puro-Skandals fand im April 1910 vor dem Reichsgericht in Leipzig statt. Scholls Verteidiger bestritten die Zuständigkeit des Landgerichtes, monierten vor allem aber die unzureichende Feststellung des Straftatbestandes (Der Fleischsaft „Puro“ vor dem Reichsgericht, Leipziger Tageblatt 1910, N. 100 v. 12. April, 15). Das Reichsgericht wies fast alle Monita zurück, kritisierte jedoch den unklaren Nachweis einer Vermögensschädigung durch den Vorrichter (Puro-Fleischsaft, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 8, 1910, 101-102). „Eine Vermögensschädigung könne vor allem dann nicht gegeben sein, wenn der Preis eines Heilmittels im Verhältnis zu den günstigen Wirkungen, den das Präparat zur Folge habe, als vollkommen angemessen gelten könne. Durch die Tatsache aber, daß viele Aerzte das Puro-Präparat jahrelang mit sehr gutem Erfolge ihren Patienten verordnet hätten, sie zur Genüge bewiesen, daß der Preis des Präparates in Anbetracht dieser Wirkungen und vor allem im Vergleiche mit anderen ähnlichen Präparaten als vollkommen angemessen anzusehen sei“ (Puro-Fleischsaft. (Reichsgerichts-Entscheidung.), Apotheker-Zeitung 25, 1910, 287-288, hier 288).

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Das 1895 eingeweihte Gebäude des Reichsgerichtes in Leipzig (Library of Congress, LC-DIG-ppmsca-00967)

Der Revisionsprozess fand vom 24. bis 17. Oktober 1910 vor der 4. Strafkammer des Landgerichtes München statt (Der Prozess Puro, Münchener Medizinische Wochenschrift 60, 1910, 2377-2382). Der Staatsanwalt plädierte für die gleiche Strafe wie im ersten Prozess, die Verteidigung forderte abermals Freispruch. Am Ende wurde Hermann Scholl vom Vorwurf des Betruges freigesprochen, erhielt jedoch eine Geldstrafe von 1000 Mark wegen Täuschung nach dem Nahrungsmittelgesetz und musste die (erheblichen) Prozesskosten tragen (Wiederaufnahme des Puro-Prozesses, Pharmazeutische Post 43, 1910, 870-871, hier 870).

Inhaltlich erbrachte das Gerichtsverfahren wenig Neues. Es glich einem Gladiatorenkampf. Einer der Sachverständigen, der Münchener Pharmazeut Karl Bedall, sprach von einem „einem leicht entzündlichen und ‚donnernden Beifall‘ spendenden Auditorium“ (Ein Epilog zum Puroprozess, Süddeutsche Apotheker-Zeitung 50, 1910, 715). Abermals waren zahlreiche Sachverständige präsent, ihre Namen vielleicht noch prominenter. Ferdinand Hueppe, Scholls Doktorvater, war dabei, der Berliner Neurologe Albert Eulenburg (1840-1917), die Chemiker Paul Jeserich (1857-1927) und Rudolf Sendtner (1853-1933), aus Frankfurter der Arzt Max Flesch (1852-1943) und der Chemiker Kurt Poppe – und wiederum zahlreiche bayerische Wissenschaftler, insbesondere Pharmazeuten, Chemiker und Mediziner. Abermals konnten sich die Koryphäen selbst über elementare Sachverhalte nicht einigen, etwa den Begriff des Fleischsaftes oder aber den angemessenen Preis des Präparates. Korrespondenten konstatierten Aussagen „nach den auseinandergehendsten Richtungen hin“, sahen sich daher außer Stande, angemessene Paraphrasen des Geschehens zu geben (Der Kampf um „Puro“, Süddeutsche Apotheker-Zeitung 50, 1910, 691-692). Dennoch: Die Unterschiede zwischen den Ärzten und den Chemikern waren offenkundig. Während erstere den therapeutischen Wert Puros hervorhoben, ihnen alles andere weniger wichtig schien, waren für letztere Täuschung und Betrug offenkundig (Wiederaufnahme des Puro-Prozesses, Pharmazeutische Post 43, 1910, 870-871, hier 870). Eulenburg benannte diesen Unterschied, der im Interesse des Patienten liege. Objektiv sei „Fleischsaft“ eine falsche Bezeichnung, doch für den Kranken bedeute sie Hoffnung (Münchener Medizinische Wochenschrift 60, 1910, 2380). Auch Hueppe erklärte die von ihm eingeräumte Täuschung als absolut nebensächlich. Für den überzeugten Lebensreformer und Eugeniker war er über die Wirkung des Prozesses im Ausland entsetzt, denn der Puro-Skandal „sei eine furchtbare Schädigung einer aufblühenden Industrie“, unterminiere eine „deutsche Industrie“ (Ebd., 2381).

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Veränderte Bezeichnung von Puro vor dem zweiten Prozess gegen Scholl (Wiener Medizinische Wochenschrift 60, 1910, Sp. 490)

Gerade diese Äußerungen wurden heftig diskutiert. Die Redaktion der Münchener Medizinischen Wochenschrift kritisierte die „Laxheit der Begriffe von geschäftlicher Moral“ und hielt fest: „Puro war kein Ruhmestitel für München und hat dem guten Rufe der Münchener Industrie nur geschadet“ (Ebd., 2382). Das Urteil selbst wurde jedoch kaum erörtert, denn die Berichterstatter schienen froh, dass die „leidige Puro-Affäre“ (Wiener Medizinische Wochenschrift 61, 1911, Sp. 155) nun an ein Ende gekommen sei. Sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft kündeten nach dem Urteil zwar Revisionsklagen an, weitere Hauptverfahren fanden jedoch nicht statt.

Lehren und fehlende Konsequenzen

Was blieb nun von dieser „großes Aufsehen erregende[n] Affäre“ (Puro-Prozeß, Pharmazeutische Presse 15, 1910, 348)? Hermann Scholl hatte in Leipzig und München Achtungserfolge erzielt, verließ die Gerichte als freier Mann, den Geldstrafe und Prozesskosten nicht sonderlich trafen. Er reüssierte fortan als „Privatgelehrter“ und blieb Teil von Münchens Gesellschaft. Seine Tochter Irma Scholl (1898–1988) heirate 1924 Walther von Miller, Sohn des Bauingenieurs und Mitbegründers des Deutschen Museums, Oskar von Miller (1855-1934) (Sport im Bild 30, 1924, 1342). Scholl förderte dieses Technikmuseum weiterhin aktiv durch Exponate und Gremienarbeit. In seiner Villa hatte er bereits 1909 eine imposante Sternwarte einbauen lassen und blieb der Astronomie sein Leben lang verbunden.

Das Präparat Puro wurde weiterhin angeboten: „Wer an der Geschäftsgebahrung der Firma Scholl keinen Anstoß nimmt, kann heute Puro mit derselben wissenschaftlichen Berechnung verschreiben wie früher“ (Ad. Schmidt, Diätetische Küche und künstliche Nährpräparate, in: Ernst von Leyden und Georg Klemperer (Hg.), Die deutsche Klinik am Eingange des zwanzigsten Jahrhunderts […], Bd. XIII, Berlin und Wien 1911, 296-234, hier 316). Als „Fleischsaft“ war Puro schon 1908 zurückgezogen worden und wurde unter anderen Bezeichnungen vermarktet. Im Frühjahr 1910 feierte das Präparat jedoch als „künstlicher, konzentrierter Fleischsaft“ Puro eine Rückkehr in Demut (Zeitschrift des Allgemeinen Österreichischen Apotheker-Vereins 48, 1910, 228). Die Zusammensetzung des Präparates wurde transparent gemacht, um damit jegliche Beanstandungen auszuschließen (G[eorg] Arends, Spezialitäten und Geheimmittel […], 8. verm. u. verb. Aufl. Berlin 1924, 179). Auch die Packungsbeilage wurde verändert. Kurz darauf firmierter Puro gar als „Fleischersaftersatz“, gewissermaßen als medizinisches Mock Food.

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Puro, ein verbesserter Ersatz für rohen Fleischsaft (Wiener Medizinische Wochenschrift 62, 1913, Sp. 542)

Zu einer Preisreduktion konnte man sich nicht entschließen, das Fläschchen kostete weiter 2,50 M (Pharmazeutische Post 43, 1910, 436). Puro wurde noch 1914 chemisch analysiert, doch der Absatz war deutlich zurückgegangen. Es ist wohl spätestens Anfang der 1920er Jahre vom Markt verschwunden (Hermann Thoms (Hg.), Handbuch der praktischen und wissenschaftlichen Pharmazie, Bd. 3, T. 1, Berlin 1925, 403). Als Therapeutikum wurde Puro „das z. T. Hühnereiweiß enthält“ (Wolfgang Siegel, Therapeutisches Taschenbuch der Lungenkrankheiten, Berlin 1910, 128) auch nach den Enthüllungen weiter empfohlen. „Sein diäetetischer Wert wird dadurch nicht berührt“ (Carl von Noorden und Hugo Salomon, Handbuch der Ernährungslehre, Bd. 1, Berlin 1920, 633), hieß es noch nach dem Ersten Weltkrieg und warme Fürsprache folgte. Der Vergleich mit den Konkurrenzprodukten fiel weiterhin zugunsten des Münchener Präparates aus.

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Puro als Präparat mit den meisten Nährgeldwerteinheiten pro Mark (Therapeutische Rundschau 3, 1909, 87)

Puro sah sich zudem neuer Konkurrenz ausgesetzt, denn ab 1909 entstanden Substitute des Fleischpräparates. Die Münchener Fabrik medizinisch-chemische Präparate Wilhelm Pick warb Mitte 1909 für den „Fleischsaft“ Karsan und behauptete im Puro-Werbeton, dieser sei hergestellt mit Saft aus frischem Ochsenfleisch ohne künstlichen Zusatz von Eiern oder sonstigem Eiweiß (so die Anzeige in Münchener Medizinische Wochenschrift 56, 1909, Nr. 26, Umschlag, 27). Das irritierte Pharmazeuten und das Präparat verschwand trotz 35% Fleischeiweiß rasch vom Markt (Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereins 47, 1909, 70).

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Puro-Substitut Valid (Wiener Medizinische Wochenschrift 60, 1910, Sp. 2575)

Auch das Fleischpräparat Valid wurde in München hergestellt (Pharmazeutische Presse 1911, 403). Die Analyse stammte wiederum von Fresenius, und für die Kontrolle zeichnete der Nahrungsmittelchemiker Max Winckel (1875-1960), zwischen 1925 und 1945 einer der wichtigsten deutschen Ernährungsfachleute. Valid war eine Nachbildung von Puro, nun allerdings mit rechtskonformer Deklaration. Es sollte „sowohl bezüglich der ernährenden, als der anregenden Eigenschaften analog wie Fleischsaft wirken“ (Pharmazeutische Presse 15, 1910, 338). Auch dieses Präparat wurde nur kurze Zeit angeboten.

Schließlich entstanden auf Grundlage der Enthüllungen neue Apothekenzubereitungen. Ein Gemisch aus trockenem Eiweiß, Wasser und Fleischextrakt hatte, so das Rezept „die Konsistenz eines dünnen, noch fließenden Extraktes und einen 30%igen Eiweißgehalt“ (Apotheker-Zeitung 25, 1910, 348). Das Ergebnis konnte für 1,20 M angeboten werden, unterbot Puro also um mehr als die Hälfte. Der Besitzer der Münchener Adler-Apotheke offerierte ab Herbst 1910 denn auch einen wohl ähnlich hergestellten „Fleischsaft Adlermarke“ für 1,50 M. Doch natürlich war die Bezeichnung irreführend und er wurde vom Münchener Schöffengericht mit Verweis auf die Puro-Prozesse zu einer Geldstrafe von 50 M wegen Täuschung verurteilt (Ein neuer Fleischsaftprozeß, Pharmazeutische Zeitung 56, 1911, 917). Summa summarum waren die Substitute trotz niedrigerer Preise nicht erfolgreich, fehlten doch Markenidentitäten und Vertriebsstrukturen.

Der Puro-Skandal war zugleich eine nicht unwichtige Episode bei der Institutionalisierung öffentlicher Kontrolle über Nahrungs- und Heilmittel. Als solche kann sie Teil einer Fortschrittsgeschichte der Naturwissenschaften. Wissenschaft agierte als Aufklärungsmacht, Wissenschaftler als Verbrauchersachwalter. Biochemiker verwiesen voll Stolz auf ihre neue Methoden, durch die es gelang, „einen Fall aufzudecken, dem die Chemie fast machtlos gegenüber stand“ (Schmidt, 1908, 802). Das war nicht ganz richtig, doch Tierärzte und Humanmediziner sahen den Fall zurecht als Beleg für die Leistungsfähigkeit der „biologischen Methode“ (Tiede, Bedeutung und Technik des biologischen Eiweißdifferenzierungsverfahren (Präzipation) […], Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 21, 1910/11, 124-126, hier 125; E. Küster, Die praktischen Ergebnisse der Serumforschung, Der praktische Arzt 48, 1908, 241-255, hier 254). Der Puro-Skandal markiert die wachsende Bedeutung elaborierter biochemischer Methoden zumal in der Nahrungsmittelkontrolle. Das war gewiss ein Fortschritt. Doch die in den Puro-Prozessen immer wieder thematisierte Differenz von gesundem Menschenverstand, ärztlicher Therapie und der erhofften Eindeutigkeit und Reinheit der Heilmittel hatte auch Schattenseiten. Die Methodengläubigkeit war Teil des Vordringens von eng kausalen und pharmakologischen Wissensformen, die alternative Blicke auf Krankheit und Gesundheit tendenziell ausgrenzten. Die widersprüchlichen Aussagen der Sachverständigen vor Gericht gaben eine Vorstellung von wissenschaftsimmanenten Röhrenblicken, die selbst mit dem Wissen von Nachbardisziplinen kaum mehr etwas anfangen konnten. In den 1920er Jahren führte dies zu einer langanhaltenden Krise der Medizin (vgl. etwa Carsten Timmermann, Weimar Medical Culture. Doctors, Healers, and the Crisis of Medicine in Interwar Germany, 1918-1933, Phil. Diss. Machester 1999). Für die Nahrungsmittelchemie markierte der Puro-Skandal dagegen den Weg hin zu neuen Untersuchungsmethoden von Fleischsäften, -präparaten und Fleischextrakt, die einer stofflichen Normierung des Sektors Bahn brachen (Karl Micko, Über die Untersuchung von Fleischsäften, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 20, 1910, 537-564).

Die wohl wichtigste Folge des Puro-Skandals war wachsende Selbstkritik innerhalb der Medizin über die fehlende Distanz zu den kommerziellen Verlockungen durch Pharmazeutika, Heil- und Nährmitteln. Puro konkretisierte allgemeinere Vorstellungen von überteuerten und irreführenden künstlichen Präparaten (dazu schon M[ax] Rubner, Ueber Volksgesundheitspflege und medizinlose Heilkunde, Berlin 1899, insb. 22). Innerhalb der medizinischen Profession wurden die vielfältigen Gefälligkeitsgutachten angeprangert, wissenschaftsimmanente Regeln im Umgang mit der Heil- und Nährmittelindustrie gefordert. Das Sponsoring der Hersteller wurde benannt und kritisiert, ebenso die indirekten Wirkungen der Werbung für die Verschreibungspraxis. Diese kritische Selbstreflexion war gewiss nicht dominant, führte aber mittelfristig zu einer Reihe von Selbstbeschränkungen und Selbstverpflichtungen. „Kurpfuscher“ und Geheimmittel mochten Gefahren für die öffentliche Gesundheit sein, doch die einseitige Hörigkeit vieler Mediziner gegenüber „wissenschaftlichen“ Anbietern stellte diese vielfach in den Schatten.

Das zeigte sich im Fall des Fleischsaftes Puros vor allem am Umgang mit grenzwertigen Inseraten. Nach den Enthüllungen, im April/Mai 1908, verschwanden diese aus den meisten medinischen Fachzeitschriften. Puro bot dem Ausschuss der freien Vereinigung der medizinischen Fachpresse einen Anlass für einheitliche Verfahren bei die Ablehnung derartiger Anzeigen (Münchener Medizinische Wochenschrift 55, 1908, 1055, 1112; [Hans] Lungwitz, „Spezifikum“, Therapeutische Rundschau 2, 1908, 322-323; Die Zeit 1908, Nr. 2210 v. 17. Oktober, 9). Im Fall Puro wurde die Macht der Fachpresse durchaus spürbar, war der Boykott doch ein Element für die Revision der Bezeichnung Puros als „Fleischsaft“. Allerdings gab es auch Kritik an den nun plötzlich aufkommenden Reinlichkeitsbestrebungen: Nötig wäre nicht nur ein Durchforsten der Anzeigen, sondern viel wichtiger wäre eine Revision der zahllosen „Analysen“ der neuen Präparate in tönenden „Originalartikeln“ und Referaten (Der Fleischsaft „Puro“, Drogisten-Zeitung 23, 1908, 258). Im Fall Puro hörten nach den Enthüllungen „auch die wunderbaren Kurerfolge des Puro auf“ (W. Jaworski und E. Miesowicz, Ueber den verderblichen Einfluß der gegenwärtigen Richtung in den chemischen Fabriken und Apotheken auf die praktische Medizin, Zeitschrift des Allgemeinen Österreichischen Apotheker-Vereines 51, 1913, 527-530, hier 529). Die Selbstkritik zielte auch auf die mangelhafte fachliche Bildung der Ärzteschaft: „Die Entrüstung, die durch die ganze Fachpresse ging, als sie Verfälschung des „Fleischsaftes Puro“ durch Eiereiweiß bekannt wurde, bewies deutlich, wie wenig sich die Ärzte die Wirkung eines solchen Präparates klar gemacht hatten“ (R[udolf] Staehelin, Über Eiweißpräparate, Therapeutische Monatshefte 23, 1909, 634-638, hier 637-638). Ärzte hätten als Sachwalter der Patienten versagt, hätten unkritisch der Werbung und den Lohnschreibern geglaubt.

Der Fall Puro führte schließlich zu einer Neufassung des im Nahrungsmittelgesetz verankerten Begriffes der „Nachahmung“. Puro konnte damit nicht gefasst werden, gab es für das Präparat doch kein Vorbild. Die sprachliche Assoziation mit Fleisch war – das führten die kontroversen Positionen der Experten während der Prozesse klar vor Augen – eben nicht justiziabel: „Die Sache hat die Gerichte länge beschäftigt; sie wollten erst gar nicht recht heran, haben sich schließlich aber doch entschieden: Fleischsaft aus Hühnereiweiß und Extrakt ist ein nachgemachtes Nahrungsmittel, denn wenn es auch bislang noch keinen haltbaren Fleischsaft im Handel gab, so kann die Bezeichnung doch nicht anders als die aus dem Fleische gepreßte Flüssigkeit aufgefaßt werden“ (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genussmittel 34, 1917, 16 (Adolf Beythien)). Der Puro-Skandal wurde damit Teil einer allerdings erst 1927 kodifizierten Erneuerung des Lebensmittelrechtes, die nun auch die Realitäten künstlicher Kost ernst nahm.

Der Fleischsaft Puro gründete auf Betrug, sein Hersteller täuschte seine Kunden. Das Präparat aber war ein typisches Beispiel für Lebensmitteldesign schon im Kaiserreich, für die wachsende Zahl von Nähr- und Heilmitteln, die seit dem späten 19. Jahrhundert die Alltagskost erst beeinflussten, dann zunehmend veränderten. Lebensmitteldesign wurde danach kleinteiliger, Bestandteil von immer mehr Produkten, mochten diese sprachlich auch Kontinuität und tradierte Herkunft suggerierten. Der Puro-Skandal fand in einer Übergangszeit statt, die neuer Untersuchungsmethoden, eines neuen regulatorischen Rechtsrahmens und besserer Fachausbildung bedurfte. Er steht für die schwierige Austarierung des Spannungsgefüges von Ernährung, Gesundheit und Markt. Seine facettenreiche Geschichte unterstreicht wieder einmal, dass wir in der Gegenwart immer wieder alte Probleme behandeln, genauso abwegig und genauso wichtig wie die im Umgang mit Hermann Scholls Fleischsaft Puro.

Uwe Spiekermann, 29. September 2020

1932 – Das Jahr des Jo-Jos

„Wir spielen als Kind, als Knabe, als Jüngling, als Mann, als Frau, als Greis und als Matrone mit gleichem Vergnügen; der Hang, die Lust daran bleibt immer dieselbe, nur die Spielzeuge ändern sich“ (Friedrich Justin Bertuch, Ueber das Joujou de Normandie, und die Moden der Joujous überhaupt, Journal des Luxus und der Moden 7, 1792, 4-13, hier 4). Spielen erschien dem Verleger und Aufklärer Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) etwas zutiefst Menschliches – und sein Weimarer Geistesbruder Friedrich Schiller (1759-1805) würdigte in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen Spiel und Spieltrieb wenig später als Ausdruck wahren Menschentums. Und doch… Spielen ist mehr als ein erstrebenswertes Ideal, gar eine anthropologische Konstante. Der „Homo Ludens“ war nie nur er selbst, sondern immer auch Abbild und Ausdruck einer, eben seiner Zeit. Spielen charakterisiert die Zeitläufte, die sozialen und ökonomischen Formationen, erlaubt dadurch einen anderen Blick auf Vergangenheit. Die Ludologie, die Wissenschaft vom Spiel(en), hat dies, (zu)recht ernst und vielfältig analysiert, vornehmlich in der Pädagogik, der Kulturanthropologie und der Theologie. Doch bevor wir uns im Spiel der Worte verlieren, hin zum Thema, der Geschichte des Jo-Jo-Spiels. 1932, so sagen wir Historiker, war ein Jahr der Weltwirtschaftskrise, des Aufstieg des Nationalsozialismus, des Bürgerkrieges auf den Straßen, von Massenarmut und Not. Doch 1932 war zugleich das Jahr des Jo-Jos.

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Alltagsvirtuosität 1932 (Nebelspalter 59, 1933, Nr. 1, 6 – Nachdruck aus dem Punch)

Blicken wir etwa nach Wien, wo es überzeichnend hieß: „Die ganze Firma spielte Yo-Yo. Keiner war fähig, an etwas zu denken. Das Telephon wurde abgeschaltet, damit sein Klingeln nicht störte. Kundschaften wurden unhöflich behandelt und schlecht oder gar nicht beliefert, so daß sie zur Konkurrenz gingen. Zahlungstermine wurden vergessen. Einige große Schuldner gingen in den Ausgleich. Die Forderungen wurden nicht angemeldet, das Geld verloren. Wechsel wurden fällig und nicht bezahlt. Das Warenlager wurde gepfändet, die Bureaueinrichtung wurde gepfändet, aber in der Firma wurde nur Yo-Yo gespielt“ (George Stoeßler, Der Bankrott, Das interessante Blatt 50, 1932, Nr. 43 v. 27. Oktober, 11).

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Jo-Jo-Spiel im Büro (Das interessante Blatt 50, 1932, Nr. 43 v. 27. Oktober, 11)

Nein, Jo-Jo hat die Weltwirtschaftskrise weder bewirkt, noch verschärft – und doch. Das Spiel breitete sich 1932 binnen weniger Monate in Europa aus, erst im Westen, dann in der Mitte, schließlich auch im Osten. Während die ökonomischen Strukturen zerbrachen, alter und neuer Mittelstand gärten, sich Bauern und Teile der Arbeiterschaft radikalisierten, schien Jo-Jo den Alltag stillzulegen und zugleich mit neuem Zauber zu versehen.

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Alltag im Aufruhr (La Lutte Syndicale 1933, Nr. 14 v. 8. April, 2)

Karikaturisten gewannen dem spielerischen Treiben vielfältige Aspekte ab, auch hoffnungsfrohe. Das Auf und Ab der Politik spiegelte sich im Spiel der Jo-Jo-Scheiben. Und siehe da, Völkerverständigung schien möglich, Abrüstung und Frieden, der Mensch wurde ganz Mensch, verbindende Linien waren sichtbar: „Es gibt keine Zwistigkeiten mehr, denn Jo-Jo überbrückt alles und zieht jeden in seinen Bann. Wie der Hypnotiseur sein Medium auf eine Kugel starren läßt, so ist der Spielende von einer kleinen glänzenden Scheibe fasciniert. Stundenlang halten die vom Jo-Jo Besessenen den dünnen Faden in der Hand, um mit der größten Aufmerksamkeit die rotierende Scheibe zu beobachten“ (Josef Kostelnik, Yo-Yo erobert sich die Welt! Ein Spiel beherrscht den Kontinent, Neue Zürcher Nachrichten 1932, Nr. 271 v. 5. Oktober, 4).

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Jo-Jo als Chance für die „große“ Politik (Nebelspalter 58, 1932, Nr. 44, 3)

Folgt man den Tageszeitungen, so kam die Welle aus Kanada, erreichte im Frühsommer Großbritannien. Korrespondenten berichteten über ein scheinbar leichtes, letztlich aber forderndes Spiel, angegangen, um Aufmerksamkeit zu erregen und „Langeweile zu bannen“ (Wie sich die Londoner Gesellschaft amüsiert, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13856 v. 18. Juni, 6). Frankreich folgte mit noch stärkerer Resonanz. Am Anfang standen die Badeorte, standen auch publizistisch gezielt gestreute Gerüchte; etwa über einen jungen, scheinbar geisteskranken Amerikaner im mondänen französischen Badeort Deauville, der am Strande tagaus, tagein Jo-Jo spielte: „Eine Woche später wurde im Hotel ‚Normandy‘ in Deauville ein ‚Gala-Yo-Yo-Abend‘ abgehalten. Wieder eine Woche später hatte das Yo-Yo Paris erobert, dann Cannes, Juan-les-Pins, Rom, Berlin, London, Budapest, Wien, ganz Europa“ (Kostelnik, 1932).

All dies geschah im Sommer 1932, Anfang September. Der Berliner Soziologe und Journalist Siegfried Krakauer (1889-1966) weilte damals im französischen Seebad Royan. Er deutete das Phänomen als Teil allgemeiner Amerikanisierung, Jo-Jo war für ihn „eine Art Kaugummi für die Hand“ (Berliner Nebeneinander. Ausgewählte Feuilletons 1930-33, Zürich 1996, 298). Seitdem war das Spiel europäisches Pressethema und Alltagspraxis – und blieb es über den Herbst bis in die frühe Winterzeit (Le Nouveau Jeu. Le Yo-Yo, L’Elclaireur 1932, Nr. 20 v. 25. Oktober, 1; Robert Delys, Les Jeux à la Mode, Le Progrès 1932, Nr. 1929 v. 27. Oktober, 2; Yo-yo-mani, L’Eveil de l’AEF 1932, Nr. 31 v. 3. Dezember, 12). In Deutschland staunte man zu Beginn über die Manie im Westen, doch die Übernahme des neuen „Geduldspiels“ folgte auf dem Fuß: „Uns Deutschen wird dieses Spiel besonders liegen. Wir sind daran gewöhnt, Geduld haben zu müssen. Uns ist es seit vielen Jahren gegangen wie dem Jo-Jo, immer auf und runter“ (Das Geheimnis des Jo-Jo, Hamburger Nachrichten 1932, Ausg. v. 28. September, 7).

Die Jo-Jo-„Manie“ als gemachter Trend: Das Yo-Yo in den USA

Dabei könnte man es belassen. Doch kurzfristige Moden wie die des Jo-Jos sind ein konstitutives Element moderner Konsumgesellschaften. Sie stehen für Dynamik, für Wahlhandeln, für die Attraktion des Neuen. All das ist brüchig – und die Geschichte des Jo-Jos erlaubt einen Blick hinter das vordergründige Geschehen einer solch kurzfristigen Sonderkonjunktur.

Zuvor vielleicht aber noch wenige Sätze zum Objekt der Begierde. Ein Jo-Jo besteht aus zwei durch einen Mittelsteg verbundene Scheiben. Das Spielzeug wird durch eine am Mittelsteg befestigte Schnur in Bewegung gesetzt; und die Kunst besteht darin, dem Auf und Ab Dauer und Virtuosität zu verleihen. Das Jo-Jo ist spielerisch angewandte Physik (detailliert hierzu Wolfgang Bürger, The Yo-yo: A Toy Flywheel, American Scientist 72, 1984, 137-142): „Wer das Geheimnis dieses Auf- und Niederrollens physikalisch ergründen will, wird bei jener wunderbaren und herrlichen Naturkraft landen, der wir so viele schöne Dinge verdanken, der sogenannten Trägheit. Ich versetze die Doppelscheibe mit einem seitlichen Anstoß – Stümper und Anfänger rollen die ganze Schnur auf – und die Schwerkraft zieht meine Scheibe nach unten. Da sie aber an der Schnur hängt, muß sie sich drehen, und weil sie sich dreht, so will sie sich auch dann noch drehen, wenn es eigentlich gar nicht mehr notwendig wäre, und so wickelt sich das Scheibchen wieder verkehrt an der Schnur auf und das Spiel beginnt von neuem“ (Spielen Sie schon Yo-Yo?, Salzburger Chronik für Stadt und Land 1932, Nr. 244 v. 22. Oktober, 8). 1932 handelte es sich fast durchweg um Holzspielzeug, Blech wurde nur selten verwandt. Auch andere Werkstoffe wurden herangezogen, erlaubten Marktdifferenzierung bis hin zu teuren Anfertigungen aus Silber oder Elfenbein. Doch es soll hier nicht um das Objekt selbst, sondern vielmehr um das gesellschaftliche Ereignis im Jahre 1932 gehen, um die Wucht einer Mode, der sich damals kaum jemand entziehen konnte.

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Jo-Jos als Ware: Hausierer mit Bauchkasten in Wien 1932 (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 30)

Sie gilt es jedoch nicht zu feiern, sondern zu analysieren. All den netten Berichten und Bildern zum Trotz war die Jo-Jo-Mode eben kein naturwüchsiges Ereignis, sondern eine kühl geplante kommerzielle Landnahme. Der Trend wurde rational in Gang gesetzt und in Gang gehalten, sein Ziel war ökonomischer Gewinn. Berichte über die Jo-Jo-„Manie“ waren Bestandteil umfassender Presse- und PR-Arbeit. Gewiss, Moden und Kaskadeneffekte sind nicht vollends zu berechnen oder gar zu beherrschen; die wechselhafte Geschichte der Schnellballsysteme unterstreicht dies. Die plötzliche Alltagsmacht des Spieles galt damals jedoch als Beleg für erfolgreiches „social engineering“, also die systematische und erfolgreiche Beeinflussung der öffentlichen Meinung, der Wähler und Konsumenten. Die junge Marketing-“Wissenschaft“ ging damals noch von schwachen Konsumenten und starken kommerziellen Reizen aus, Märkte und Politiken schienen machbar (Walter Lippmann, Public Opinion, Washington 1922; Edward L. Bernays, Propaganda, New York 1928).

Die unmittelbaren Anfänge der europäischen Jo-Jo-Mode des Jahres 1932 lagen in den USA. Als „Erfinder“ wird gemeinhin der philippinische Einwanderer Pedro Flores (1896-1964) genannt. Er studierte Jura in Berkeley und San Francisco, verließ die Hochschulen jedoch ohne Abschluss. Mitte der 1920er Jahre entwickelte er den „Yo-Yo“ zu einem Konsumgut, charakterisiert durch eine neuartige Schleifenaufhängung der Schnur. Gegenüber der tradierten einfachen Befestigung am Mittelsteg ergaben sich dadurch neuartige, virtuos anzuschauende Spielarten. Flores gründete 1928 im kalifornischen Santa Barbara die “Yo-Yo Manufacturing Company”, die er mit Hilfe lokaler Investoren rasch ausbaute (David F. Crosby, The Yo-Yo: Its Rise and Fall, American History 2002, August, 52-56). Der Einwandererunternehmer setzte auf Direktmarketing, auf Produktdemonstrationen, bei denen die Teilnehmenden die Möglichkeiten des Spielzeugs sehen und es selbst ausprobieren konnten. 1929 verkaufte er bereits 300.000 „Flores Yo-Yos“, 1930 ließ er sich den Begriff “Yo-Yo” schützen (https://www.thoughtco.com/pedro-flores-inventor-1991879). Zum eigentlichen Macher wurde jedoch der Detroiter Investor Donald F. Duncan (1892-1971).

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Pedro Flores (1896-1964, l.) und Donald Franklin Duncan (1892-1971) (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000049)

Duncan hatte bereits ein Vermögen mit dem Absatz von Speiseeis gemacht, war Mitgründer der in seinem Geburtsstaat Ohio 1920 gestarteten Firma „Good Humor“. Sie war bekannt für die Einführung des „Eskimo Pies“, eines mit Schokolade überzogenen Vanilleeises am Stil, und ihre die Vororte durchfahrenden Verkaufswagen. Bei einer Yo-Yo-Demonstration realisierte Duncan 1929 das Marktpotenzial des neuen Spielzeuges. 1930 gründete er die „Donald F. Duncan Inc.“ in Detroit mit einem Kapital von 25.000 Dollar, die Flores im gleichen Jahr inklusive der Markenrechte aufkaufte. Flores arbeitete von nun an für Duncan, ebenso wie weitere philippinische Einwanderer, etwa der Marketingspezialist Tom Ives. Übernahmen kleinerer Yo-Yo-Produzenten schlossen sich an (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000031).

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Promotiontour von Tom Ives, Duncan Yo-Yo Corp., 1931 (National Museum of American History, Duncan Family Yo-yo Collection, AC0807-0000005)

Duncan hatte das Kapital und die Kontakte, um insbesondere den bevölkerungsreichen Mittleren Westen und die Ostküste der USA zu durchdringen, Flores selbst steuerte sein bewährtes Absatzsystem bei. Außerdem erlaubten seine Kontakte zu philippinischen Einwandererkreisen das von ihm geschaffene Narrativ der vermeintlich philippinischen Ursprünge des Yo-Yos fortzuspinnen. US-weit halfen jedenfalls ab 1931 immer mehr junge philippinische und auch einige chinesische „Champions“ das Yo-Yo zu verbreiten. Sie etablierten Produkt und Namen, während die durchaus vorhandene Konkurrenz sich mit umschreibenden Markennamen begnügen musste, etwa “come-back” oder “whirl-a-gig” (Marv Balousek, Famous Wisconsin Inventors and Entrepreneurs, Verona 2003, 105).

Bevor wir auf die Vermarktung genauer eingehen, einige abschließende Worte zu Duncan. Dieser produzierte bis in die späten 1950er Jahre Yo-Yos, obwohl er sich ab 1935 durch den Erwerb von Rechten für Parkuhren einen noch profitableren Geschäftszweig eröffnet hatte. Er übergab das Geschäft an seinen Sohn, Donald F. Duncan Jr., der massiv investierte, um den Weg ins Kunststoffzeitalter zu ebnen und die Zahl der Spielwaren zu erhöhen. Seine Strategie scheiterte, die Firma ging 1965 Bankrott – vor allem nachdem sie die Markenrechte verlor. Yo-Yo sei ein Alltagsbegriff geworden, der nicht länger geschützt werden könne (Parking meter, Yo-Yo promoter dead at 79, Daily Reporter 1971, Ausg. v. 17. Mai, 8; New Braunfels Herald-Zeitung 1998, Ausg. v. 16. Dezember, 5). Der Kunststoffproduzent Flambeau Products Corp. übernahm Duncan und machte das Tochterunternehmen wieder profitabel (Lisa Berman, Yo-Yo up when Business down, The Independent 1975, Ausg. v. 13. Februar, 33). Donald F. Duncan Sr. stieg Anfang der 1970er Jahre nochmals in den Spielzeugsektor ein, vermarktete nun neuartige Plastik-Yo-Yos. An die Erfolge der 1930er bis 1950er Jahre – mit jährlichen Absatzzahlen bis hin in den zweistelligen Millionenbereich – konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen (Cassie Domek, Guide to the Duncan Family Yo-yo Collection, Washington 2002, 2). Dennoch: Duncan machte das Yo-Yo zum Alltagsgegenstand – wie Asa Griggs Candler (1851-1929) Coca-Cola oder Ray Kroc (1902-1984) McDonald’s –, indem er es zu einer Ware reduzierte, die produkt- und erlebnisnah vermarktet wurde.

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Ein Markenartikel: Duncans Yo-Yo (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 28. August, 7)

Das Yo-Yo wurde seit 1930 als Markenartikel verankert, Duncan und Yo-Yo wurden rasch Synonyme. Flores war ähnlich vorgegangen, seine Werbetouren vermarkteten explizit „Flores Yo-Yo“ (Yo-Yo Contest of Clarksdale Fans Will be Held Wednesday at Marion, Clarksdale Press Register 1929, Ausg. v. 2. September, 8). Doch der Absatz wurde noch begleitet von einer Do-it-Yourself-Kultur, die Jungen aufforderte, sich ihr philippinisches Yo-Yo selbst zu basteln (Hi Sibley, Make a Filipino „Yo-Yo“, Popular Mechanics 52, 1929, Nr. 7, 135-136). Ab 1930 wurde dies eine Ausnahme – auch aufgrund der geringen Verkaufspreise. Mit einem „Dime“, zehn Cents, konnte man einsteigen und mitmachen.

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Geschichtsklitterung als Geschäftsmasche (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 28. August, 7)

Der Markenartikel wurde mit einer Ursprungsgeschichte verbunden, die Kinder ansprach und nach Abenteuer klang. Strikt kontrafaktisch wurde das Spielzeug als handliche Variante einer philippinischen Waffe der indigenen Krieger vermarktet, als „an obscure Asian jungle-fighting weapon” (Marketer Of Yo-Yo, Parking Meter Dead, The Herald 1971, Ausg. v. 17. Mai, 17). Dies war wirksam in einem Land, das die Philippinen 1898 nicht einfach von den Spaniern erobert, sondern dass die philippinische Unabhängigkeitsbewegung mit massiver Gewalt unterworfen hatte. Bis zu einem Fünftel der Einheimischen kam dabei ums Leben. Der letzte organisierte Widerstand wurde erst während des Ersten Weltkrieges gebrochen, von Kämpfen mit Filipinos konnte man immer wieder lesen. In der Werbung war das kein Thema, wohl aber wurde eine fiktive Begegnung von Flores und Duncan in San Francisco geschildert, die Entdeckung eines armen, aber gewitzt geschickten Einwanderers und seines Yo-Yo durch einen etablierten Repräsentanten des weißen Amerikas. Zähmung des Wilden und Vermarktung des Neuen gingen Hand in Hand, gaben zugleich eine gute Begründung für die Rekrutierung junger philippinischer Billigangestellter als Verkaufsrepräsentanten und Yo-Yo-„Champions“.

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Philippinische Yo-Yo-Virtuosen (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 27. September, 68)

Yo-Yo war exotisch, ein “Filipino fun bug that climbs merrily up and down a string” (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 6. Oktober, 11). Der Verkauf erfolgte über Kioske, Lebensmittel- und Drogerieläden, Warenhäuser und den Fachhandel, das neue Spielzeug war ein billiger Mitnahmeartikel. Doch diese indirekte Nähe zum Kunden reichte nicht, nur durch Direktmarketing schien es möglich, die Kunden einzunehmen und zu begeistern. Nicht Absatz, sondern Wettbewerb stand dabei scheinbar im Mittelpunkt – und den Einstieg erlaubten lokale Yo-Yo-Demonstrationen der jungen wilden Duncan-Repräsentanten. Diese fanden jedoch nicht einfach statt, sondern wurden häufig als Kooperationsveranstaltung lokaler Medien, meist Zeitungen, und von Duncan durchgeführt (vgl. etwa If Yo Can Yoo-Hoo You Can Yo-Ho; Enter Tribune Contest, Cash Prizes, Altoona Tribune 1930, Ausg. v. 30. Juni, 14).

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Philippinische Yo-Yo-Virtuosen (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 27. September, 68)

Yo-Yo-Absatz war ein Ereignis, eine Show. Das Yo-Yo wurde vorgeführt, Virtuosität nahm ein, weckte den Wunsch zum Mitmachen, zum Nachahmen. Schaustellungen auf Jahrmärkten und Rummelplätzen verbanden sich mit den Anpreisungen im Hausier- und Straßenhandel. Auch die gedruckte Werbung war spaßgeprägt, das Spiel einfach, die vielfältigen virtuosen Techniken scheinbar leicht zu erlernen. Vor allem aber war es ein Produkt für alle, klassen- und altersübergreifend, entsprach dem Teilhabeversprechen der amerikanischen Konsumgesellschaft (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 17. September, 17).

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Werbung für Duncan Yo-Yos 1931 (Brooklyn Daily Eagle 1931, Ausg. v. 6. Oktober, 11)

Für den Absatz boten die zahlreichen Tricks Attraktionen und Lernziele zugleich, schufen sie doch eine Parallelwelt zum raschen Abtauchen. Erst staunte man über The Spinner, Walking the Dog, The Creeper, Over the Falls, Bouncing Betsy, The Sleeper, The Sizzler, Around the World, The Break Away, Loop-the-Loop und viele andere mehr – und dann folgte ein erster Versuch. Yo-Yo-Spiel war Spaß, setzte aber Wissen um dessen Besonderheiten voraus, erforderte Zucht und Selbstdisziplin, sollten die Tricks gelingen, wollte man ebenso locker und cool erschienen wie die kleinen, dunkelhäutigen “Champions”.

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Anleitung für Jo-Jo-Tricks 1932 (San Bernardino County Sun 1932, Ausg. v. 28. Juli, 7)

Yo-Yo war nicht nur ein Spiel für Jugendliche, es gab ihnen auch die Chance, sich einen Freiraum zu erobern, eine akzeptierte Nische. Die Jugendlichen machten Ernst mit dem Spiel, Ratgeber und Zeitungsartikel präsentierten gängige und immer wieder neue Tricks, die es zu erlernen und zu erproben galt. Ihre Spielarbeit hatte zudem ein lohnendes Ziel, nämlich den Sieg beim Wettbewerb, den kleinen Pokal, die große Anerkennung. All dies ließ auch Ältere nicht ruhen, denn wer wollte schon von den Kindern abgehängt werden. Während die Weltwirtschaftskrise den Wettbewerb zwischen Arbeitssuchenden massiv intensivierte, bot Yo-Yo eine Form des friedlichen Miteinander-Ringens – die gleichwohl hart und fordernd war.

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Werbung für eine Yo-Yo-Präsentation in Lincoln, Nebraska (Nebraska State Journal 1932, Aus. v. 28. Mai, 10)

Die wachsende Zahl philippinischer Yo-Yo-Virtuosen erlaubte zahlreiche, präzise geplante parallele Kampagnen in den USA. Die kleinen Verkaufsgruppen zogen von Ort zu Ort, um dort das Yo-Yo-Fieber in Gang zu setzen, um Duncan Yo-Yos zu verkaufen. All das wurde begleitet von zahllosen Artikeln und Bildern, zunehmend aber auch durch eine Populärkultur, die anfangs angestoßen, dann aber zum Selbstläufer wurde. Schlager und Jazz-Titel waren im Radio zu hören, verbanden Tanz und Ausgehen mit dem neuen Produkt: Alice Brasels „Yo-Yo“, Jack „Fuzzie“ und Ree Millers „My Yo-Yo“ (1930), E. Howards „Everybody Yo-Yoing Now“ (1931) oder der „Yo-Yo Song“ sind dafür Beispiele. Wichtig war auch die Zusammenarbeit mit Hollywood-Schauspielern, die für ein für ein Paar Dollar bereitwillig das Yo-Yo präsentierten.

Anfang 1932 war es dann geschafft, die „yo-yo-craze“ (Yo-Yo Top Craze, Kiowa Record 1932, Ausg. v. 17. März, 4) in den USA entfacht, und der Lauf setzte sich über Kanada und England nach Kontinentaleuropa fort. Unterschiede waren offenkundig, denn die US-Kampagnen zielten anfangs vor allem auf Jungen. Nur so waren einschlägige lyrische Ergüsse denkbar, etwa: „What takes the place of my best girl, / Is treasured more than any pearl, / And sets my senses in a whirl. / My Yo-Yo“ (Ogden Standard Examiner 1932, Ausg. v. 23. Juli, 8). Gleichwohl weiteten sich die Kampagnen zunehmend auch auf Mädchen – Motto: „Girls also Yo-Yo“ (Ogden Standard Examiner 1932, Ausg. v. 25. Juni, 8) – und dann Erwachsene aus. In Europa war die Geschlechter- und Altersparität deutlich ausgeprägter.

Die USA boten die Folie für die europäische Jo-Jo-Mode. Duncans Kommerzlegenden wurden von der einschlägigen Presse weiter gesponnen, so etwa in der Frühphase der britischen Jo-Jo-Mode von der britischen Schriftstellerin Jan Struther (1901-1953), die die Entwicklung des Jo-Jos von einer tödlichen philippinische Waffe zu einem kanadischen, nun in England erhältlichen Konsumgut bedauerte (Yo-Yo, the newest fad, The Living Age 343, 1932, September, 63-65, hier 65). Träumereien über das Wilde im wohlbürgerlichen Ambiente…

Jo-Jo als Sonderkonjunktur in der europäischen Krise

Ja, Jo-Jo war ein „amerikanischer Wurf, der bis nach Europa gereicht hat“ (Yo-Yo, Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 1932, Nr. 46 v. 12. November, 3). Doch das Spiel geriet kaum in den Mahlstrom der recht stereotypen Amerikanisierungsdebatte der späten 1920er Jahre. Das lag zum einen daran, dass zwar die Herkunft allgemein bekannt war, dass aber eine daraus resultierende Ablehnung eine rare Ausnahme war. Obrigkeit und insbesondere die hehre Pädagogik schritten ab und an gegen das Jo-Jo-Spiel ein, sei es, um die Verkehrssicherheit, sei es, um den Unterricht zu garantieren. Doch das in Neustadt a.d. Donau, dem heutigen Novi Sad im November 1932 „unter Androhung strengster Bestrafung“ (Ein Verbot des Yo-Yo-Spieles, Die Neue Zeitung 1932, Ausg. v. 18. November, 4) erlassene Spielverbot in Schulen, auf Schulhöfen und auch offener Straße folgte der gängigen Logik der schwarzen Pädagogik, nicht einem antiamerikanischen Kalkül. Man mag das auf ein sich Fügen in das Unvermeidliche zurückführen, auf das Wissen, dass jede Mode ein Ende findet. Plausibler aber dürfte sein, dass das Jo-Jo 1932 eine Sonderkonjunktur bildete, ein Stück Bewegung, der vielbeschworene Silberstreif am Horizont. Wenn sich der Spielemarkt so plötzlich ändern konnte, warum nicht auch anderes?

Die Jo-Jo-Mode begann zwar in den USA, doch Duncan war keineswegs deren direkter Profiteur. In Frankreich brachte die konservative Tageszeitung „L’Intransigeant“ die Scheiben ins Rollen, andere Journale verstärkten den Trend. Davon profitierten Franzosen: „Im Nu haben sich einige geschäftstüchtige Kaufleute der Sache angenommen und die Yo-Yos für alle Preislagen mit allen hölzernen und metallenen Raffinessen hergestellt“ (Pieter Pott, Yo-Yo, Tagblatt 1932, Nr. 217 v. 18. September, 2-3). Produktionsziffern fehlen, ebenso genaue Angaben über die Jo-Jo-Hersteller. Doch während Duncan in den USA den Markt klar dominierte, gab es weder in Europa insgesamt noch in den einzelnen Staaten entsprechende Marktführerschaften. Yo-Yo/Jo-Jo war kein Markenzeichen, sondern eine allgemein nutzbare Bezeichnung. Die Sonderkonjunktur nutzte den durch die Krise darniederliegenden Spielwarenregionen der einzelnen Staaten. Diese produzierten vielfach noch im Heimgewerbe, Nebenerwerbslandwirtschaft war nicht selten, diente als Krisenpuffer. In Frankreich galt das etwa für das Departement Jura. Die Wiener Journalistin Lotte Sternbach-Gärtner (d.i. Caroline Kohn) bemerkte pointiert, das „der Yo-Yo-Rummel vermocht [habe, US], was alle Weltkonferenzen nicht zustande brachten: es gibt dort so gut wie keine Arbeitslosen mehr“ (Yo-Yo, die große Mode. Ein Kinderspielzeug, das alle Welt beschäftigt, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13980 v. 21. Oktober, 9). Ähnliches galt für den Böhmerwald, wo „die Betriebstätigkeit wesentlich zugenommen hat“ (Neues Wiener Journal 1932, Nr. 14006 v. 17. November, 14).

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Kleine Anzeige eines kleinen Anbieters (Die Stunde 1932, Nr. 2884 v. 21. Oktober, 10)

In Wien, wo im September mehr als 10.000 Jo-Jos verkauft worden sein sollen, nutzten auch lokale Anbieter, etwa Drechsler, ihre Marktchance (Kostelnik, 1932). Im Deutschen Reich profitierte insbesondere die Nürnberger Spielwarenindustrie (Yo-Yo Saves German Industry, Komomo Tribune 1932, Ausg. v. 16. Dezember, 15). Auch der sozialdemokratische „Vorwärts“ frohlockte, als er aus dem oberpfälzischen Furth im Walde berichtete: Dort sei „groß und klein damit beschäftigt, die notwendigen Materialien für Jo-Jo bereitzustellen, und die Aufträge sind so groß, daß noch die ganze dörfliche Umgebung beschäftigt wird. Eine Mode, die ganz plötzlich auftauchte, hat einer ganzen Stadt Arbeit gebracht“ (Die Jo-Jo-Stadt, Vorwärts 1932, Nr. 568 v. 2. Dezember, 3).

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Moden machen Mode: Werbung für einen Jo-Jo-Hut (Die Stunde 1932, Nr. 2881 v. 18. Oktober, 10)

Koppeleffekte, etwa durch Merchandising und ergänzende Applikationen, lassen sich nachweisen, auch wenn die Zahl spezieller Yo-Yo-Abendtaschen nicht allzu groß gewesen sein dürfte (Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 31. Dezember, 2). Jo-Jos wurden von Beginn an auch als Zugaben, als teils kostenlose Werbeartikel für Drogerieartikel und Lebensmittel produziert (Lotte Sternbach-Gärtner, Yo-Yo, die große Mode. Ein Kinderspielzeug, das alle Welt beschäftigt, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13980 v. 21. Oktober, 9).

Wichtiger dürften noch die Auswirkungen auf Dienstleister gewesen sein, etwa Gaststätten und Veranstaltungsräume. Jo-Jo-Polonaisen erfreuten sich nicht nur beim Münchener Oktoberfest im sächsischen Riesa großer Beliebtheit (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 254 v. 28. Oktober, 8). Wer es etwas distinguierter haben wollte, der konnte dort auch zum Jo-Jo-Ball gehen. Die gutbürgerliche Gesellschaft schuf sich ihre eigenen Konsumorte, ein wenig abgehoben vom Durchschnitt, doch mit Effekten auf Wachstum und Beschäftigung.

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Krise macht erfinderisch: Jo-Jo-Ball im sächsischen Riesa (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 277 v. 26. November, 8)

Nicht vergessen werden sollte, dass die hier großenteils verwandten Quellen ebenfalls Resultate wirtschaftlicher Aktivitäten waren. Die Jo-Jo-Mode gab Zeitungen und Zeitschriften „Stoff“, erlaubte leichte Artikel und Karikaturen in schweren Zeiten. Die Berichterstattung war insgesamt locker, das Phänomen wurde gefeiert, Verwunderung war gepaart mit kindlicher Begeisterung. Zugleich folgte man häufig den Texten anderer, vielfach auch den PR-Mythen Duncans. Fundierte Recherchen fehlten, die ökonomische Grundlegung des Trends blieb außen vor, stattdessen erschien Jo-Jo als Ausdruck des nicht zu bändigen Spieltriebes des Menschen, als Einbruch eines imaginierten Archetyps in den wankenden Alltag der Mehrzahl: „Man weiß eigentlich nicht genau, wieso es kam. Eines Tages war es eben da!“ („Yo-Yo“ – ein Spiel erobert die Welt, Linzer Volksblatt 1932, Nr. 266 v. 2. Dezember, 6).

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Deutschland im Jo-Jo-Fieber 1932 (Welt-Spiegel 1932, Ausg. v. 23. Oktober, 12)

Die Sprache suggerierte eine Art Naturereignis, eine positiv zu wertende Pandemie: „Wie ein Bakterium verbreitet sich die Manie des Yo-Yo über Europa und viele, die heute noch unschuldsvoll fragen: ‚Yo-Yo, was ist das?‘ sind morgen schon infiziert und dem Dämon der tanzenden Scheibe verfallen“ (Die Yoyomanie. Der Dämon in der Laufspule, Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 25. September, 25). Jo-Jo war eine „Weltkrankheit“ (Kostelnik, 1932), eine „Seuche“ (Vorarlberger Landes-Zeitung 1932, Ausg. v. 22. Oktober, 9), eine „Epidemie“ (Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3), Seit an Seit mit der bevorstehenden „Grippeepidemie“ (Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5) – doch weniger tödlich. Auch biblische Plagen wurden beschworen: „Wie Heuschreckenschwärme oft ins Land kommen, so wurden wir gegenwärtig mit den [sic!] Yo-Yo überschwemmt“ (Yo – Yo … Jou – Jou?, Illustriertes Familienblatt 38, 1932, Nr. 23, 15). Und, erwartbar, die „Yo-Yo-Pest“ (Yo-Yo, Die Bühne 1932, Nr. 336, 40).

Wer mag sie nicht, die dann folgenden leichten, atmosphärisch dichten Glossen, die sich abarbeiteten an den kleinen Dingen des Lebens? Doch mit Realitätssinn hatten die meisten Beiträge wenig zu tun, denn geglaubt und weitergereicht wurde (fast) alles, zumal Skurriles. Waren das Falschmeldungen? Gar Verschwörungstheorien über untergründige Mächte? Die große Zahl der Biologismen sollte stutzig machen, die schon bald mörderische Pseudoverwissenschaftlichung des Sozialen. Doch dazu bedürfte es einer genaueren Analyse, eines breiteren Quellenkorpus.

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Jo-Jo im Café und im Kino (Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3)

Das gilt auch für den Boulevard, die kleinen allzu menschlichen Nachrichten. Da war die Trauung in Madrid, bei der der Geistliche wenig Resonanz für die Zeremonie verspürte. Selbst Braut und Bräutigam blickten weg, brachen gar plötzlich in Lachen aus. Der Grund: Ein kleiner Junge hatte in der Kirche begonnen Jo-Jo zu spielen (Yo-Yo in der Kirche, Kärtner Volkszeitung 1932, Ausg. v. 12. November, 2). Jo tempora, jo mores… Auch Herr Bordelaire, seriöser Inhaber eines Pariser Porzellangeschäftes, hätte in diese Wehklage einstimmen können, denn seine Gattin handhabte ihr Jo-Jo derart offensiv, dass sie in Cafés, Vergnügungslokalen und gar auf offener Straße Bekanntschaften anknüpfte. Die Scheidungsklage folgte – doch Herr Bordelaire ließ sich umstimmen als seine Denise ihm vor Gericht versprach, „sich beim Yo-Yo-Spiel künftighin weniger kokett zu benehmen“ (Yo-Yo als Scheidungsgrund, Neue Freie Presse 1932, Nr. 24504 v. 1. Dezember, 5). Realität und Boulevard, Farce und Tragödie waren kaum mehr zu unterscheiden, denn das Leben war ein Witz: „‚Mutter, ich lasse mich scheiden!‘ kommt weinend Grete nach Hause. ‚Aber, was ist passiert, ihr wart doch bis jetzt so glücklich?‘ meint verwundert die Mutter. ‚Jetzt ist es aus‘, erklärt die junge Frau, ‚denke dir nur, was der Mann mit angetan hat – er hat die Schnur von meinen [sic!] Yo-Yo abgeschnitten ‘“ (Die Bühne 1932, Nr. 348, 49). Derartige Sternstunden des Journalismus spiegelten die Interessen der Mehrzahl, den Wunsch nach Heiterkeit. Sie waren aber auch fern vom hehren Ideal der vierten Gewalt. Journalisten hatten ihr Blatt käufernah zu füllen, um Anzeigen zu verkaufen – Jo-Jo war dabei eine willkommene Hilfe.

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Eine der vielen Lektionen der Jo-Jo-Champions Perry und Joe (L’Intransigeant 1932, Ausg. v. 4. Oktober, 6)

Zeitungen und Zeitschriften banden durch ihre Jo-Jo-Berichterstattung Käufer an sich, zumal junge. Auch wenn die in den USA üblichen Medienpartnerschaften in Europa nur selten anzutreffen waren, so wurden Klischees gerne benutzt, um etwa die wichtigsten Jo-Jo-Tricks zu präsentieren, um so den Spielern ein Ratgeber zu sein. Das stimmte auf die wachsende Zahl philippinischer und US-amerikanischer „Champions“ ein, die im Herbst 1932 Touren durch die europäischen Metropolen starteten, in denen sie nicht allein für das Jo-Jo-Spiel warben, sondern explizit für führende Importware. Dennoch gab es aufgrund der deutlich anderen Produktionsstrukturen in Europa eine bedeutsamere Bastelstruktur. Zeitungen und Zeitschriften konnten dabei mit ihren Beilagen punkten.

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Bastelzeichnung für ein Jo-Jo. Benötigt werden Zwirnspulenscheiben mit einem Durchmesser von fünf Zentimeter (1), ein acht Millimeter starkes Rundstäbchen (2) und ein schmiegsamer Wollfaden (Radio Wien 9, 1932, Nr. 3, 17)

Die Zahl der „Champions“ in Europa lag deutlich unter der in den USA, denn der Warenabsatz erfolgte stärker über die gängigen Kanäle des Handels, etwa Warenhäuser, den wesentlich wichtigeren Fachhandel oder aber die während der Krise insgesamt anwachsende Branche der Straßenhändler und Hausierer. Hinzu kamen Versandgeschäfte. Gleichwohl fanden die „Champions“ gebührenden Widerhall in der Presse. Der „Vorwärts“ berichte begeistert über vier „braunhäutige Studenten von den Philippinen“ in Berlin: „Was dieses Jo-Jo-Meister-Quartett den erstaunten Augen darbot, war allerdings verblüffend und stellte einen Jongleurakt dar, der an den seligen Rastelli erinnert. Acht Spiele flogen – jeder Spieler hielt links und rechts ein Jo-Jo – wie von Geisterhand geschnellt nach allen Richtungen. Das wirbelte wie toll im Kreis herum, schoß auf die Erde, beschrieb hier eine Bahn, flog zwischen den Beinen hindurch, über die Achsel retour, hielt sekundenlang auf halbem Weg nach unten inne und schoß bei Berührung mit der Fingerspitze wieder nach oben, beschrieb Spiralen und machte komplizierte Saltos, tänzelte im Takt der Musik“ („Hochschule“ für Jo-Jo, Vorwärts 1932, Nr. 555 v. 25. November, 7). Andere Beobachter lobten nicht zuletzt den Kreiselflug „im Walzertakt“ (Die hohe Schule des Yo-Yo, Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5). Die „Champions“ gaben potenziellen Jüngern Unterricht, machten sie so zu Botschaftern des Jo-Jos. Selbstverständlich fehlte nicht der Auftritt im Varieté und Ende Dezember 1932 gar in Fox Tönender Wochenschau (Österreichische Film-Zeitung 1932, Nr. 53 v. 31. Dezember, 12).

Die fehlenden starken Jo-Jo-Marken führten in Europa zu deutlich anderen Formen der Produktwerbung, so dass die Anzeigenerlöse niedriger lagen als in den USA. Die Anzeigengestaltungen war wenig elaboriert, Produktorientierung dominierte.

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Sachliche Werbung 1932 (Altonaer Nachrichten 1932, Nr. 233 v. 21. September, 4; La Sentinelle 1932, Nr. 232 v. 6. Oktober, 3)

Gleichwohl reagierten einzelne Werbegraphiker und auch Kritiker der Jo-Jo-Mode auf die Vielzahl der Karikaturen, in denen glücklich dreinschauende Menschen mit ihrem Jo-Jo eins waren. Humorvolle Werbung – dezent, man war deutsch! – wurde geschaltet. Und die vermeintliche Billigkeit des Jo-Jos wurde von kommunistischen Kadern angesichts bestehender Massenarmut als Kampfesmittel gegen das kapitalistische System gedeutet, um so die Weltrevolution voranzubringen und Mitgliedsbeiträge für die KPD zu generieren.

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Kritik und Agitation seitens der Kommunisten (Der Arbeiter-Fotograf 7, 1933, 21); Übertragung der Jo-Jo-Aktivitäten auf andere Konsumbereiche (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 57, 1933, 343)

Damit kommen wir zum letzten Aspekt der Sonderkonjunktur in der Krise, dem Widerhall der Jo-Jo-Mode in der Populärkultur. Das Spiel war der Ausgangspunkt, doch Jo-Jo stand nun für Lebensfreude und Optimismus. Der Begriff Yo-Yo/Jo-Jo löste sich vom Gegenstand, gewann eine abstrakte Qualität. Bemerkenswert war insbesondere die große Zahl von Schlagern und Tanzmusik, die sich an den Trend andockten. Blicken wir beispielhaft auf die österreichischen Radioprogramme der Jahreswende 1932/33: Leo Monosson (1897-1967), der Interpret von „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ präsentierte den Foxtrott „Ja, Ja, wir spielen Yo-Yo“ (Die Muskete 1932, 973), nicht wissend, dass er kurz darauf aus Deutschland fliehen musste. Bert Silving (1887-1948), ab 1938 Flüchtling, komponierte den „Yo-Yo-Marschfox“ (Reichspost 1932, Ausg. v. 15. Dezember, 12), Mallna-Ruzicka den „Yo-Yo-biguine“ (Radio Wien 1932, Ausg. v. 23. Dezember, 54), Oskar Kanita sang Jascha Doranges „Wir spielen nur Yo-Yo“ (Neuigkeits-Welt-Blatt 1933, Ausg. v. 5. Januar, 47). Leo Aschers (1880-1942) „Yo-Yo“-Foxtrott wurde wiederholt aufgeführt, der erfolgreiche Operettenkomponist musste Österreich ebenfalls 1938 verlassen (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1933, Nr. 5 v. 7. Januar, 13). Österreich ohne Walzer – undenkbar! Und der tschechische Komponist Bohuslav Leopold legte mit „Yo-Yo“ einschlägig nach (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1933, Nr. 5 v. 7. Januar, 14). Der Wiener Erik Jaksch (1904-1976) schuf einen gleichnamigen Rumba und später NS-Operettenfilme (Neues Wiener Journal 1933, Ausg. v. 7. Januar, 8). E. Chalers „Yo-Yo“-Walzer setzt den Reigen fort (Neues Wiener Journal 1933, Ausg. v. 10. Januar, 11), ebenso Charliers „Le Valse du Yo-Yo“ (Salzburger Volksblatt 1934, Nr. 118 v. 26. Mai, 13).

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Der „Yo-Yo-Trott“, imaginierter Modetanz 1933 (Das kleine Blatt 1933, Ausg. v. 17. Februar, 17)

Auch Paul O’Montis (1894-1942), einer der erfolgreichsten Interpreten der späten 1920er Jahre, präsentierte einen Foxtrott namens „Yo-Yo“, begleitet vom Paul Godwin-Tanzorchester (Moderne Welt 14, 1933, H. 5, 5); als Homosexueller floh er 1933 aus Deutschland, wurde 1939 jedoch in Prag verhaftet und starb im KZ Sachsenhausen. Fast schon zynisch erscheint da der Schlager „Was hat Yo-Yo mit Erotik zu tun?“, den die Jazzband Fred Bird Rhythmicans 1933 aufnahm, ehe sie als Fred Bird Tanz-Orchester neu firmieren musste (Neues Wiener Journal 1933, Nr. 14102 v. 22. Februar, 15). Die Jo-Jo-Mode griff über auf die leichten Muse, eine Kunstform die zu heiter und albern war als dass sie nach der Machtzulassung 1933 weiter hätte gepflegt werden können.

Das Phänomen Jo-Jo drang auch in den visuellen Medien vor, wenngleich es sich dabei vielfach nur noch um zeichenhafte Reminiszenzen handelte. Ein Beispiel ist die Filmkomödie „Fräulein Yo-Yo“, inszeniert von dem schon 1932 in die Schweiz emigrierten Fritz Kortner (1892-1970), der mit Dolly Haas (1910-1994) eine weitere Emigrantin und mit Willy Forst (1903-1980) einen Günstling des späteren NS-Systems zusammengeführt hatte.

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Fritz Kortner reizt mit „Fräulein Yo-Yo“ (Prager Tagblatt 1933, Nr. 59. v. 10. März, 10)

Auch im Theater finden sich eine Reihe weiterer Jo-Jo-Stücke: Die Operettengroteske „Adam, Yo-Yo und Eva“ (Der Abend 1932, Ausg. v. 5. Dezember, 11; Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 29. November, 7) etwa. Oder die Kinderrevue „Das Märchen vom Yo-Yo“ von Robert Peiper (1902-1966), der nach dem „Anschluss“ Österreich ebenfalls verlassen musste (Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 10. Dezember, 11). Festzuhalten ist, dass der Lalllaut Jo-Jo in den Folgejahren eine eigenständige Stellung als Name erhielt. Dafür steht etwa Henri van Wermeskerkens (1882-1937) Kinderbuch „Elefant Jo-Jo“ von 1937.

Jo-Jo und die Weltwirtschaftskrise: Erklärungsversuche

„Man kann noch durch die kleinste Nebenpforte in den Mittelpunkt menschlichen Wesens gelangen“ (Siegfried Kracauer, Georg Simmel, in: Ders., Das Ornament der Masse, Frankfurt a.M. 1977, 209-248, hier 224) – und entsprechend gab es zahlreiche zeitgenössische Erklärungen für das um sich greifende Jo-Jo-Spiel. Das Spiel wurde als „Spule der Geduld“ (Mimi Konried, Yo-Yo, ein Spiel und eine Weltanschauung, Neues Wiener Journal 1932, Nr. 13975 v. 16. Oktober, 9) geadelt, als „Symbol einer abgeklärten Weltanschauung“: „Ein Heilmittel für unsere zerrütteten Nerven: Nur Geduld! Es wird schon gehen!“ (Kostelnik, 1932). Wer meint, dass die Postmoderne in den 1970er Jahren begann, der wird durch das Jo-Jo eines besseren belehrt. Einzelne betonten: „In seiner Einfachheit liegt das Geheimnis seines Erfolges, in nichts anderem“ (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 31). Andere sahen die Ursachen der Manie im aufreibenden modernen Leben, das den Spieltrieb verkümmern lasse: „Ist es nicht vielleicht eine Auflehnung gegen die Vergewaltigung der menschlichen Natur durch Rationalisierung und Entseelung der Arbeit? Wer mag das wissen?“ (Yo-Yo, Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 1932, Nr. 46 v. 12. November, 3). Jo, Jo. Versuchen wir also die große Zahl zeitgenössischer Erklärungen etwas zu systematisieren. Fünf Aspekte treten dann in den Vordergrund.

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Spielende Kinder in Wien 1932 (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32)

Jo-Jo wurde, vor allem zu Beginn, als Lappalie gedeutet, als Spiel für Kinder und Dumme: „Es sagt die kluge Tante Els: «No, no / Was glaubst Du denn: ich spiel Yo-Yo? / Das ist ein Spiel für kleine Kinder / Und solche die im Geist noch minder.»“ (Yo-Yo-Fimmel, Nebelspalter 58, 1932, Nr. 52, 8). Bestand Distanz zum Spiel, hatte man es selbst nicht probiert, so war das Verdikt strikt: Zu „Yo-Yo braucht man wirklich nicht eine Spur von Verstand“ (Yo-Yo, Kärtner Volkszeitung 1932, Ausg. v. 10. Oktober, 5). Auch die Kärtner Schriftstellerin Paula Brix-Bogensberger (1889-1964), selbst Produzentin leichter Romankost, kanzelte das Spiel harsch ab: „Es ist grad nicht für große Geister, / Von Übel nur ist der Verstand, / Und wer in diesem Spiele Meister, / Das Pulver sicher nicht erfand“ (Yo-Yo, Freie Stimmen 1932, Ausg. v. 2. Dezember, 2). Derartige Stimmen waren jedoch selten und zudem häufig gebrochen. Der anfänglichen Verdammung folgte oft ein Innehalten, Nachdenken über die verlorene Unschuld der Kindheit, ein Lob der Torheit, des Unernsten (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32). Mehrfach war das Verdikt auch Anlass zur praktischen Bekehrung. So auch bei Tante Els: „Doch kaum hat sie das Spiel zur Hand, / Geht sie ans Lernen unverwandt. Sie zieht die Schnur hinaus, doch munter / Fällt der Yo-Yo stets wieder runter. Mit aller Hirn- und Körperkraft / Die Tante mit dem Yo-Yo schafft, / Und deutlich ist es zu erkennen: Sie kann sich nicht mehr von ihm trennen. / Moral: Es ist im Leben öfters so: Erst sagt man Nein und dann Jo, jo“ (Yo-Yo-Fimmel, 1932).

Weitaus verbreiteter war die Verbindung des Spiels mit Massenarbeitslosigkeit und zwangsweiser freien Zeit. Jo-Jo erschien als „ein der Jetztzeit gut angepaßtes Nervenberuhigungsmittel“ (Man spielt Yo-Yo, Neue Freie Presse 1932, Nr. 24441 v. 28. September, 6), als Zerstreuungs- und Nervenberuhigungsspiel, das „die so oft vermißte stumpfsinnige Glückseligkeit“ (Pott, 1932) erlaube. Jo-Jo stellte die Menschen offenkundig still, beschäftigte die Hände (Sternbach-Gärtner, 1932). Es wirkte besänftigend, beruhigend, galt als das „einzige Mittel gegen die Krise“ (Die Stunde 1932, Ausg. v. 16. Oktober, 10). Doch die Verbindung von Arbeitslosigkeit und Jo-Jo-Spiel trügt. Zeit war in der Tat vorhanden, doch sie war ein „tragisches Geschenk“ (Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt a. M. 1971, 83). Die Marienthal-Studie legte nahe, dass unbegrenzt verfügbare Zeit eben nicht zu deren einfacher Füllung führte, sondern zum Zerfall, ja zur Auflösung von Zeiteinteilungen (Ebd., 86). Jo-Jo mochte ein „Sorgenbrecher“ (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3) sein, doch dieses Gefühl hielt nur eine gewisse Weile vor. Jo-Jo war weder das „neueste Spiel der sich einsam fühlenden Frau“ (H.K. Breslauer, Teufelei…, Die Stunde 1932, Nr. 2820 v. 6. Dezember, 7) noch das der Arbeitslosen. Es war ein Spiel der breiten und durchaus noch beschäftigten Mitte der Gesellschaft, des neuen Mittelstandes. Es war nicht Ausdruck von Verzweiflung, sondern von dessen Gegenteil: „Yo-Yo verscheucht die Sorgen, Yo-Yo bekehrt uns zum Optimismus und mit dem aus dem Yo-Yo gewonnenen Optimismus kurbeln wir dann die Weltwirtschaft an“ (Die hohe Schule des Yo-Yo, Pilsner Tagblatt 1932, Ausg. v. 26. November, 5). Der kommerziell in Gang gesetzte Spieltrend stand für den eben nicht überall fraglich gewordenen Glauben an eine zwar zyklische, aber grundsätzlich wachsenden Wirtschaft, für das Heilsversprechen einer raschen Erholung nach der erforderlichen Rosskur und mittels der Selbstheilungskräfte des Marktes. Das Spiel beschwörte den Tag herbei, „an dem wieder endlich alles wie am Schnürchen läuft“ (Harry Schreck, Traktat vom Yo-Yo, Vossische Zeitung 1932, Nr. 473 v. 2. Oktober, 21).

Jo-Jo repräsentierte just auf dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise Aufstiegschancen im Wettbewerb – gesellschaftlich, aber auch individuell. Jo-Jo war eine liberale Utopie. Vorbild war Harvey Lowe (1918-2009), ein Kanadier chinesischer Abstammung, der am 12. September 1932 die Yo-Yo-Weltmeisterschaft und 4.600 $ in London gewann und anschließend durch Europa tourte. Jo-Jo war kein Gruppenspiel, auch wenn man es in der Gruppe spielen konnte. Es ging um Selbstbeherrschung, das Erlernen einer Konkurrenztechnik und auch die Durchsetzung des Besten: „An jeder Straßenecke, bei jedem Haustor werden Meisterschaften ausgefochten und jeder Mensch, ob groß oder klein, freut sich, wenn er es besser kann als sein Nachbar“ (Wiener Magazin 7, 1933, Nr. 2, 32). Anfangs, im September und Oktober 1932, gab es vielfältige lokale Wettbewerbe ohne einheitliche Leitung (Le championnat vaudois de yoyo, Le Rhone 1932, Nr. 80 v. 7. Oktober, 7). Doch parallel etablierte sich – analog zu den USA – eine wachsende Zahl von institutionalisierten Wettbewerben (L. Loeske, Yo-Yo Rollpendel-Schaufensteruhr, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 56, 1932, 590). Jo-Jo war nicht allein kontemplative Spielerei: „Scharf passen die Kinder auf, daß das Auf- und Abschnellen nicht einmal aussetzt. Denn ihnen geht es schon nicht mehr ums Vergnügen, sondern um Höheres, um den Rekord. Bald scheiden sich die Spieler in solche, bei denen Yo-Yo schon nach kurzer Zeit stille steht, und solche, die Yo-Yo beliebig lange rollen lassen, vorausgesetzt – daß nicht die Rolle ins Trudeln kommt“ (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3). Rekorde aber verlangten Training, erforderten einen Rückgriff auf die physikalischen Grundlagen des Spiels, die bis heute die Jo-Jo-Literatur mitprägen (vgl. auch D.W. Gould, The Top, Folkstone 1975, 98-101). Mehr als zwei Jahrzehnte vor der Veröffentlichung des ersten Guinness-Buchs der Rekorde rangen die Spieler um Anerkennung und Preise. Im November wurde beispielsweise der bis dahin geltende Weltrekord im Dauerrollen pulverisiert. Eine Budapesterin hatte die Bestmarke auf 2946-maliges Auf- und Ab geschraubt, doch dann kam ein neuer Star, ein nur 14jähriger Erzgebirgler, Sohn eines Holzwarenfabrikanten in Nassau. Dieser schaffte es unter Aufsicht sein Jo-Jo binnen einer Stunde und 49 Minuten genau viertauendmal rollen zu lassen (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 271 v. 19. November, 3). Anders als in den USA blieb die Professionalisierung des Jo-Jo-Sports jedoch in den Anfängen stecken. Ein Weltkongress der Yo-Yo-Spieler wurde in Prag einberufen, hatte jedoch keinen nachhaltigen Erfolg (Salzburger Wacht 1932, Ausg. v. 17. November, 2). Es fehlte an zahlungskräftigen Sponsoren.

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Jo-Jo im Jahresrückblick 1932 (Zeitbilder 1933, Nr. 1 v. 1. Januar, 8)

Leisten wir uns nun etwas Distanz – und nutzen das reichhaltige Arsenal der damaligen Philosophie für eine Erklärung des Phänomens. Jo-Jo war dann beispielsweise Ausdruck der Existenz in der Massengesellschaft. Das jedenfalls war die Quintessenz der Idee des „Man“, die der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) in seinem frühen Hauptwerk „Sein und Zeit“ entwickelt hatte (16. Aufl., Tübingen 1986, 126-130). Die moderne Massengesellschaft und ihre individuelle indifferente Infrastruktur charakterisierten demnach ein Miteinander, in dem der Mitmensch nicht mehr von anderen unterschieden wurde und in seiner Ausdrücklichkeit verschwand: „In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom »großen Haufen« zurück, wie man sich zurückzieht“ (Ebd., 126-127). Das Man stand für die Durchschnittlichkeit modernen Lebens, für ein abgepuffertes Dasein, das die Amplituden einebnete. Es nahm individuelle Urteile, individuelle Entscheidungen vorweg, entlastete den Alltag, machte ihn leicht, ließ in leicht nehmen. Selbstverständlich war das Man eine Fiktion, doch es ordnete das Dasein, schuf Realität. Es erlaubte Bezug auf die Anderen, zugleich aber Unterscheidungen. Das Jo-Jo-Spiel war dafür ein Beispiel, denn man spielte es: „Spielen Sie schon Yo-Yo? Wenn nicht, so schämen Sie sich. Denn die ganze Welt spielt Yo-Yo“ (Salzburger Chronik für Stadt und Land 1932, Nr. 244 v. 22. Oktober, 8). Es war uneigentlich, hatte keine Substanz, sondern war Ausdruck der Botmäßigkeit gegenüber anderen. Zugleich machte es Unterschiede deutlich, gab dem Einzelnen eine Chance, vorhandene Fähigkeiten im Wettbewerb mit anderen zu adeln. Heidegger, als Nationalsozialist und Antisemit dann wahrlich übermannt, erlaubte einen existenzialphilosophischen Zugang zur Jo-Jo-Manie, blendete aber die damit verbundenen gesellschaftlichen und ökonomischen Perspektiven aus. Das gilt zumal für den Internationalismus, der mit dem Jo-Jo verbunden war. Das Spiel war idealiter an keine Nation und keine Rasse gebunden, stand für Heterogenität in Spiel und Wettbewerb – und gegen abgeschlossene Vorstellungen eines dumpfen Man, einer erstrebenswerten Volksgemeinschaft.

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Abkehr von den Alltagspflichten (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 243 v. 15. Oktober, 16)

Die Jo-Jo-Mode wurde 1932 zudem vielfach als Eskapismus gedeutet: „Brennende politische Fragen werden nicht mehr diskutiert, Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise scheinen vergessen. Die Menschen haben keine Sorgen mehr“ (Yo-Yo erobert sich die Welt, 1932). Jo-Jo erlaubte kurzfristiges Abtauchen, Kurzzeitvergessen: Verschwunden „die unbezahlten Rechnungen in der Kohlenkiste, das Steuermandat, den Geschäftsgang, die Preise, die Politik“ (Vorarlberger Landes-Zeitung 1932, Ausg. v. 22. Oktober, 9). Jo-Jo war Eskapismus auch vom Deutsch-Nationalen und Völkischen, von den Verordnungen, den Regularien, von den Fährnissen der Zeit. Heiteren Ernst kennzeichneten die Bemühungen, ein wenig Freiraum galt es zu gewinnen: „Jo-Jo ist jetzt das Modespiel. / Man spielt es fern und nah. / Jo-Jo spielt heute der Jugendstil, / Jo-Jo spielt die Mama. / Die Oma spielt’s im weißen Haar, / die Tante ebenso. / Es ist ja auch ganz wunderbar, / Das neue Spiel Jo-Jo. / Jo-Jo spielt die Verkäuferin, / Wenn sie ist gerade frei. / Die Köchin hat Jo-Jo im Sinn, / Vergißt dabei den Brei. / Jo-Jo spielt, wenn die Luft ist rein, / Die Tippmaid im Büro. / Wer heute recht modern will sein, / Der übt sich im Jo-Jo“ (Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1932, Nr. 243 v. 15. Oktober, 16). Die Blödelkunst der damaligen Populärkultur schien hier auf – doch Eskapismus war Teil der Krise, verlängerte sie. Jo-Jo verkörperte die Handlungsunfähigkeit der Zeit, das Abdriften in Nabelschau und Träumereien: „Und die Leute spielen – Vogel Strauß!“ (Annette Stein, Yo Yo – Jo jo!, Marchfeldbote 1932, Ausg. v. 7. Oktober, 7).

Entamerikanisierung: Jo-Jo als europäischer Wiedergänger

Damit könnten wir eigentlich enden. Doch wir würden dann zwei zentrale Charakteristika der Jo-Jo-Manie des Jahres 1932 ausblenden: Jo-Jo geriet zum einen nämlich kaum in den üblichen Mahlstrom der Amerikanisierungsdebatte, weil in Europa eine andere, eine national geprägte, aber doch europäische Geschichtsdeutung verbreitet wurde. Zum anderen aber war Jo-Jo 1932 keine wirkliche Innovation, sondern ein Wiedergänger. Die Joujou-Mode der frühen 1790er Jahren enthielt fast alle Elemente, die 1932 als neuartig und modisch beschworen wurden.

Gewiss, auch in Europa war Geschichtsklitterung an der Tagesordnung. „Le yo-yo n’a donc paru nouveau qu’à cause de l’ignorance de l’histoire“ [Das Jo-Jo galt nur aufgrund der Unkenntnis der Geschichte als neu] (Propos d’un Parisien, Le Matin 1932, Nr. 17750 v. 24. Oktober, 1). Doch diese resultierte vorrangig aus der fehlenden Bildung der Journalisten, war nicht Ausdruck eines gezielt irreführenden Geschichtsnarrativs zum Absatz eines Markenartikels. Viele Journalisten kokettierten zudem mit den vermeintlich unbekannten Ursprüngen des Spieles und seines Erfinders. Faktenfreies Fabulieren galt einigen als Tugend, bis hin zur Mär von der chinesische Kaiserin Yo-Yo, der Erfinderin des einschlägigen Pläsiers (Die Yo-Yo-Epidemie, Prager Tagblatt 1932, Nr. 266 v. 11. November, 3). „Ja, alles ist schon dagewesen, / Auch dieses Spiel, genannt Yo-Yo. / In der Geschichte kann man lesen, / Schon die Chinesen spielten so“ (Brix-Bogensberger, 1932). Ha, ha… Korrekter waren da schon Verweise auf die griechische Antike (Die Yoyomanie. Der Dämon in der Laufspule, Neues Wiener Journal 1932, Ausg. v. 25. September, 25). Zugleich gab es viele Reminiszenzen an die eigene Geschichte, denn schon Väter und Großväter hatten das Jo-Jo offenbar geschätzt. Es war ein „wieder volkstümlich“ (Die Frau und Mutter 21, 1932, H. 11, 34) gewordenes Spiel. Duncan Yo-Yo wurde dagegen nicht erwähnt; schließlich handelte es sich um eine gleichsam naturwüchsige Mode, nicht um die Auswirkungen gezielten Marketings.

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Der niemals regierende französische König Louis XVII (1785-1795) mit einschlägigem Spielzeug (La Rhone 1932, Nr. 88 v. 4. November, 5)

Die Geschichte des Jo-Jos wurde aber durchaus korrekt an den britischen Hof – der spätere König Georg IV. (1762-1830) spielte als Jugendlicher „Bandalor“ –, vor allem aber ins französische Versailles zurückverfolgt. Das Spiel gelangte wohl aus dem Orient nach Europa, wo es seit 1790 vom Adel, zunehmend aber auch vom Bürgertum aufgegriffen wurde (Gould, 1975, 105-106). Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) sah es erstmals 1790 in Venedig: „Welch ein lustiges Spiel! Es windet am Faden die Scheibe, Die von der Hand entfloh, eilig sich wieder herauf! Seht, so schein‘ ich mein Herz bald dieser Schönen, bald jener Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zurück“ (Werke, Bd. 1, Wien 1816, 411). Ausgangspunkt der im gleichen Jahr beginnenden Mode war jedoch die Handelskapitale