Tiefkühlkost während des Nationalsozialismus

Tiefkühlkost wurde in Deutschland während der NS-Zeit eingeführt. Obwohl die damaligen Produktionsmengen erst Anfang der 1960er Jahre wieder überschritten wurden, wird diese „neue“ und höchst erfolgreiche Innovation dennoch gemeinhin mit dem „Wirtschaftswunder“ in beiden deutschen Staaten verbunden. Die Konsumgeschichte folgt damit politischen Legitimationsinteressen, die Kontinuitäten gering gewichten, ja ausblenden. Die „Massenkonsumgesellschaft“ habe sich eben erst mit dem „Wiederaufbau“ etabliert (vgl. etwa Michael Wildt, Am Beginn der ‚Konsumgesellschaft‘. Mangelerfahrung, Lebenshaltung, Wohlstandshoffnung in Westdeutschland in den fünfziger Jahren, Hamburg 1994; Arne Andersen, Der Traum vom guten Leben. Alltags- und Konsumgeschichte vom Wirtschaftswunder bis heute, Frankfurt/M. und New York 1997). Dieses Zerrbild führt dazu, dass der Volkswagen zum Symbol westdeutscher Prosperität mutieren konnte und „Feinfrost“ zum Kennzeichen der technisch fortgeschrittenen DDR. Selbst neuere Arbeiten blenden die enge Verzahnung der nationalsozialistischen und der nachkriegsdeutschen Kühl- und Gefriertechnik konsequent aus (Karl Christian Führer, Das Fleisch der Republik, Berlin und Boston 2022, 96).

Einer der Gründe für diese kaum angemessenen Zuschreibungen liegt in der dualen Struktur der Tiefkühlkost. Während des Nationalsozialismus seien zwar die technischen Grundlagen für eine Gefrierindustrie gelegt, die neuen „Gefrierkonserven“ aber primär an die Wehrmacht geliefert worden. Tiefkühlkost wurde demnach nicht vorrangig für die Zivilbevölkerung produziert, auch wenn deren Versorgung durchaus mitbedacht worden sei (Ulrike Thoms, The Introduction of Frozen Foods in West Germany and Its Integration into the Daily Diet, in: Kostas Gavroglu (Hg.), History of Artificial Cold, Scientific, Technological and Cultural Issues, Dordrecht et al. 2014, 201-229, hier 202). Die fest etablierte Gefrierindustrie sei nach Kriegsende zusammengebrochen, der Ende der 1950er Jahre einsetzende Aufschwung daher in der Tat etwas völlig Neues gewesen sei. Erst die in Ost und West gleichermaßen erfolgte Selbstbedienungsrevolution habe dieses Marktsegment wirklich ermöglicht, die mit Gefrierkühlschränken verbundene Verlängerung der Kühlkette bis in die Haushalte habe sie dann zu neuen Höhen geführt.

All das unterschätzt, wie eng die gern beschworene Nachkriegsprosperität mit den Innovationen und mentalen Erwartungshaltungen der nationalsozialistischen Zeit verzahnt war. Bundesrepublik und DDR setzten in den 1950er und 1960er Jahren vielfach das um, was zuvor von nationalsozialistischen Funktionseliten als Teil einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft gedacht, propagiert und auch umgesetzt wurde. Um diese These zu unterfüttern, ist die Einführung der Tiefkühlkost während der NS-Zeit genauer unter die Lupe zu nehmen. In einer ersten Analyse habe ich dies vor allem unter wissenshistorischen Gesichtspunkten getan, also das Innovationssystem und seine Implementierung untersucht (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2019, 476-487). Regime kollabierten, Fachleute setzten ihre Arbeit fort. Nachfolgend werde ich den Blick weit stärker auf die zivile Versorgung während des Zweiten Weltkrieges legen. Dies ist möglich, da die seither erfolgte Digitalisierung zahlreicher Tageszeitungen und illustrierter Zeitschriften einen breiteren Blick aus der Perspektive des Alltags ermöglicht. Gewiss, diese Quellen sind propagandistisch eingefärbt, präsentieren staatlich gewünschte und tolerierte Informationen. Doch sie erlauben einerseits einen präziseren Blick auf die Alltagspräsenz der neuen tiefgekühlten Waren, geben anderseits auch eine Vorstellung von den mit der Tiefkühlkost verbundenen Verheißungen. Sie war Abglanz einer breiteren nationalsozialistischen Konsumgesellschaft nach dem siegreichen Krieg, dessen erste Konturen aber bereits während dieser vermeintlichen Kampf- und Bewährungszeit deutlich wurden.

Die Reintegration der nationalsozialistischen Zeit in die Kontinuitäten der deutschen Konsumgeschichte gründet zugleich auf den bisher kaum beachteten alliierten Untersuchungen der deutschen Konsumgüterindustrie 1945. Das Resultat zahlreicher Gespräche mit nationalsozialistischen Fachleuten und Besuchen in führenden Firmen hieß es darin: Die deutsche Gefrierindustrie „played a definite role in the feeding of both the Wehrmacht and the German civilian population during the recent war. Although information received from various sources indicates a difference of opinion as to the best actual importance of frozen foods, the best available estimate on 1944 production (40 to 45 Million Kilos) would suggest that substantial amounts of frozen foods were consumed by at least certain elements of the German Army and the civilian population“ (C.J. Mangan et al., German Frozen Foods, in: G.T. Carlin, A Survey of German Wartime Food Processing, Packaging and Allocation, T. 1, Frankfurt/Main 1945 (BIOS Misc. Report 19) (Ms.), 44-70, hier 45). Die Wehrmacht habe vorrangig Fisch geliefert bekommen, die Zivilbevölkerung dagegen Obst und Gemüse. Letzte werden daher auch im Mittelpunkt dieses Beitrages stehen.

Etablierung und Struktur der deutschen Gefrierindustrie

Anfang 1941 nahm Gestalt an, worüber seit Frühjahr 1940 ab und an, seit Herbst 1940 dann immer häufiger zu lesen gewesen war: „Es ist wirklich eine fabelhafte neue Sache, mit der wir Sie hier bekanntmachen, und zwar kein Projekt, das erst in grauer Ferne in den Bereich der praktischen Wirklichkeit einrücken wird, sondern mit dem wir alle schon bald Bekanntschaft machen werden. Bisher kannten wir haltbargemachtes Obst und Gemüse nur aus der Konservenbüchse, wo es durch das Einkochen schon einen Teil seines Nährwertes eingebüßt hat. Durch die Methode des Schnellgefrierens dagegen werden Früchte und Gemüse, Fleisch und Fisch in rohem Zustand, in aller Zartheit und Vitaminfülle haltbar gemacht und dem Verbraucher zugeleitet“ (Frisches Frühlingsgemüse aus dem Eis, Schlesische Sonntagspost 1941, Nr. 5 v. 2. Februar, 10-11). Das klang verheißungsvoll, spiegelte zugleich die Sprache dieser Zeit. „Tiefkühlkost“, dieser heute gebräuchliche Dachbegriff, etablierte sich in Westdeutschland erst seit Mitte der 1950er Jahre. Während des Zweiten Weltkrieges sprach man von „Feinfrost“, „Kühlkost“ oder „Gefrierkonserven“, präsentierte diese zugleich als Teil der Versorgungsleistungen des NS-Staates. Die Konsumenten hatten durch die schon vor dem Überfall auf Polen etablierte Lebensmittelrationierung schließlich einen Anspruch auf Grundversorgung. Das bedeutete auch die Zuleitung vitaminreichen Obstes und Gemüses durch den sorgenden, den versorgenden NS-Staat. Und es bedeutete auch Teilhabe an den Errungenschaften wissenschaftlicher Geistesarbeit, an den Errungenschaften der modernen Technik.

Die wichtigsten Akteure der Gefrierindustrie etablierten sich bis 1942 in einem vom NS-Staat gesetzten Rahmen. Das betraf das regulative Umfeld, die wissenschaftliche Grundlagenforschung, die Entscheidungen über Rohstoffe und Devisen. Den eigentlichen Impuls gab der Vierjahresplan, also die Ende 1936 intensivierte Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft auf den spätestens 1940 zu führenden Krieg. Allerdings war die mittelbetrieblich organisierte Konservenindustrie anfangs nicht bereit, die hohen Investitionskosten zu tragen, um einerseits die neue Technik praxisnah zu entwickeln, andererseits ein neues Marktsegment ohne größere Subventionen aufzubauen („Aufbau der Gefrierwirtschaft“, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 484 v. 22. September, 4). Das Reichsernährungsministerium, die aufstrebende Vierjahresplanadministration und nicht zuletzt die Wehrmacht griffen deshalb zu einem für die NS-Wirtschaft typischen Mittel: Es wurden neue Unternehmen gegründet, damit die bestehenden Strukturen des an sich gebundenen Marktes in Frage gestellt. Dadurch stieg der Druck, die nun anlaufende Entwicklung nicht zu verpassen. Zugleich legte man sich staatlicherseits noch nicht auf nur eine Produktionstechnik, auf nur wenige Lebensmittel fest. Die leistungsfähigsten Maschinen, die ansprechendsten Konsumgütersortimente sollten sich im oligarchischen Wettbewerb herausstellen.

Der Aufbau eine neuen Gefrierindustrie markierte einen gewissen Bruch innerhalb der nationalsozialistischen Agrar- und Ernährungspolitik: Standen die ersten Jahre unter den vorrangig quantitativen Zielsetzungen einer „Erzeugungsschlacht“, so ging man ab 1936/37 zunehmend dazu über, die vorhandenen Lebensmittel auch möglichst optimal zu nutzen. Landwirtschaftliche Selbstversorgung blieb aus Devisengründen ein vorrangiges Ziel, doch nun wurde verstärkt versucht, die vorhandenen Nahrungsgüter im Rahmen einer „Erhaltungsschlacht“ möglichst verlustarm zu verwerten. Nicht nur hauswirtschaftlich hieß es „Kampf dem Verderb“, sondern auch die Lebensmittelindustrie sollte leichtverderbliche Nahrungsgüter möglichst schonend lagern und konservieren, Schwund und Verluste möglichst minimieren. „Verbrauchslenkung“ diente zur Abpufferung dieser Politik, spiegelte die immer noch stark saisonale Prägung des Angebotes. Anderseits verbesserte verstärkter „Vorratsschutz“ die staatliche Lagerhaltung und Rationierungswirtschaft (G[eorg] Kunike, Aufgaben und Ziele des Vorratsschutzes, in: Forschung für Volk und Nahrungsfreiheit, Berlin 1938, 559-561).

Nachzügler bei der Kühltechnik: Hygieneprobleme beim Lebensmittelabsatz (Kölnische Illustrierte Zeitung 8, 1933, 662)

Seit 1938 entstanden binnen weniger Jahren mehrere große „Konzerne“, die teils auch die Tiefkühlwirtschaft der Nachkriegszeit prägen sollten. Sie knüpften an teils länger zurückreichende Vorgänger an, denn mehr oder minder praktikable Schnellgefrierverfahren hatte es bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegeben. Pionierprodukt war Fisch, seine Gefrierkühlung wurde hierzulande während des Ersten Weltkrieges verbessert, seit Anfang der 1920er Jahre auch praktisch erprobt. Kernfragen des Geschmacks und der Lagerhaltung konnten allerdings noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden, denn die als Kühlmittel verwandte Salzsole veränderte die Gefrierwaren unvorteilhaft. Das Deutsche Reich barg zwar eine exportorientierte Kühltechnik, und auch das globale Renommee des deutschen, des bayerischen Bieres gründete darauf (Stefan Manz und Uwe Spiekermann, Making Food Empires. German Technology and Global Mass Production, 1870-1914, Oxford 2026, 171-172). Doch Deutschland war kein Land der Tiefkühlung, keines des Gefrierens. Das galt eher für Großbritannien, das beträchtliche Mengen seines Fleischbedarfs per Seetransport aus dem überseeischen Empire deckte. Das galt insbesondere aber für die Vereinigten Staaten, deren Lebensmittelversorgung auf einem immensen Netzwerk von Kühlwaggons, Kühlhäusern und auch gewerblichen Kühlschränken gründete. Während die Reichsbahn Ende der 1920er Jahre 2.200 Kühlwaggons besaß, zählte man in den USA etwa 180.000 (Hanns-Liudger Dienel, Ingenieure zwischen Hochschule und Industrie, Göttingen 1995, 62). Die hiesige Kühlhausfläche betrug Anfang der 1930er Jahre weniger als ein Hundertstel der westlichen Flügelmacht und erreichte lediglich Temperaturen von knapp über dem Gefrierpunkt (Henning, Die Segnungen der Kälte-Industrie für der Lebensmittelverkehr, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 42, 1935, 195-199, hier 197).

Die vielgestaltige Infrastruktur in den USA ermöglichte in den 1920er Jahren ein „Kühlwunder“, getragen von Speiseeis und vor allem Gefrierfisch: 1926 produzierten etwa fünfzig Firmen 18 Mil. Pfund verpackter Ware, zwei Jahre später waren es bereits neunzig Firmen mit 65 Mio. Pfund (W[alther] Pohlmann, Neuere Fischgefriermethoden in Amerika, Die Kälte-Industrie 26, 1929, 89-92, hier 88). Zahlreiche Verfahren des Schnellgefrierens wetteiferten um die wirtschaftlichste Methode; und es war anfangs keineswegs ausgemacht, dass die bei der General Seafoods Corp. in Gloucester, Mass. implementierte Methode des US-Biologen Clarence Birdseye (1886-1956) im Folgejahrzehnt das Rennen machen sollte (s. mit vielen Verkürzungen und Fehlern Mark Kurlansky, Birdseye. The Adventures of a Curious Man, New York et al. 2012). Ende der 1920er Jahre verbreiterten kapitalkräftige Massenfilialisten ihr tiefgekühltes Angebot erst auf Fleisch, dann auch auf Obst und Gemüse. Beträchtlichen Wachstums zum Trotz blieb die Revolution der Alltagsernährung während der Weltwirtschaftskrise ohne den erwarteten, ja erhofften Schwung. Dennoch blieben die USA das große Vorbild der gefriertechnischen Umgestaltung, der politisch-wirtschaftliche Einschnitt 1933 war dafür unerheblich. Doch nicht nur aus Devisenmangel investierte man hierzulande vorrangig in eigene Technik, insbesondere in das auf die Fischindustrie zugeschnittene Luftgefrierverfahren nach Heinrich Heckermann (1883-1945). Seefisch erlaubte mehr Eiweiß ohne Devisen.

Vorbild USA: Tiefgefrorenes Lammfleisch der Frosted Foods Company (Die Bedeutung des Birdseye-Verfahrens, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/32, 27-31, hier 29)


Kartellierte Industrie

Die Gefriertechnik bot in den 1930er Jahren demnach einen Hebel für eine neue Art des Produzierens und Konsumierens. Sie verband agrarpolitische Ziele wie Erhaltungs- und Lagerschutz mit dem Konsumenteninteresse an hochwertigen und gering verarbeiteten Lebensmitteln. Für Technokraten wie den nationalsozialistischen Ingenieur und Lebensmitteltechniker Rudolf Heiss (1903-2009) lag darin die Chance einer umfassenden Rationalisierung des Konsumsektors und einer beträchtlichen Leistungssteigerung in Wirtschaft und Wehrmacht (Rudolf Heiss, Die Aufgaben der Kältetechnik in der Bewirtschaftung Deutschlands mit Lebensmitteln, Berlin 1939). Dazu waren allerdings immense Investitionen erforderlich, also kapitalkräftige Großunternehmen. Bis 1942 etablierten sich insgesamt vier führende „Gefrierkonzerne“, die mit jeweils unterschiedlichen Rohstoffen, Techniken, regionalen Zuschnitten und Kapitalstrukturen den Markt dominierten. Während man 1940 in der Presse noch freudig von vierzehn größeren „Gefrierunternehmungen“ sprach, schmolz diese Zahl in den Folgejahren rasch ab, fügte man sich in die staatlich geförderten Verbünde. Ziel dieser Quasi-Kartelle war es, „durch weitere Verbesserung der Maschinen und Apparate, durch Erweiterung der Kühlfläche auf etwa zwei Millionen Quadratmeter und durch entsprechende Werbung allmählich weiteste Volkskreise für diese hervorragende und einzigartige Konservierungstechnik zu gewinnen. Bald wird das ‚Gefrierpaket‘ in jeder Küche zu finden sein“ (Gefrierkonserven für den Tisch, Riesaer Tageblatt und Anzeiger 1940, Nr. 227 v. 26. September, 3).

Den Anfang machte die Fischwirtschaft. Die 1938 in Hamburg gegründete, von der dort ebenfalls ansässigen Firma Philipp Reemtsma finanziell mitgetragenen Firma Andersen & Co. GmbH konzentrierte sich auf den zuvor schon im Vordergrund stehende Gefrierfisch (Der Siegeslauf der Kühltechnik, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 156 v. 8. Juli, 156, Stadtbl., 4). Sie setzte auf das von Rheinmetall-Borsig in Kooperation mit Linde verbesserte Heckermann-Verfahren, das heute als Pioniertechnologie des Schockfrostens gilt. Anfangs ging es vor allem um verkürzte Verderbszeiten, um Schnellgefrieren auf hoher See. Analog zum 1936 wieder aufgenommenen Walfang sollten die erbeuteten Tiere „fangfrisch“ in einem Mutterschiff verarbeitet werden. Die Kühlung durch rasch zirkulierende kalte Luft erlaubte kontinuierliches Gefrieren ohne Vorverpackung (Wilhelm Ziegelmayer, Die Ernährung des deutschen Volkes, Dresden und Leipzig 1947, 602). Andersen konzentrierte sich anfangs fast ausschließlich auf die Fischversorgung der Wehrmacht. Nach Beginn des Krieges und dem damit verbundenen Einbruch der Hochseefischerei diversifizierte sie auch in die Tiefkühlung von Obst und Gemüse. Ihre Bedeutung für den Zivilmarkt blieb dennoch gering, Hauptgeschäft war die Belieferung von Großkunden.

Flexibler Einsatz mobiler Gefrieraggregate: Einsatz von Andersen-Geräten in der Konservenfabrik Gifhorn 1942 (Tiefkühlgemüse, 1965, 343)

Anfang 1939 wurde als zweiter Gefrierkonzern in Berlin die Solo-Feinfrost GmbH mit einem Stammkapital von 6 Mio. RM gegründet. Sie nutzte die zuvor von der Hamburger Margarine-Verkaufs-Union erworbenen Birdseye-Patente. Solo-Feinfrost war Teil des niederländisch-britischen Konzerns Unilever, der aufgrund der geltenden Devisenzwangswirtschaft seit den frühen 1930er Jahren die nicht unbeträchtlichen Gewinne nicht mehr an die ausländische Muttergesellschaft abführen durfte. Das Kapital investierte man daher im Deutschen Reich, rüstete Walfangflotten aus, beteiligte sich am Fischereikonzern und Massenfilialisten Nordsee Deutsche Hochseefischerei AG. Solo-Feinfrost erschloss weitere Sortimente, konzentrierte sich seit Herbst 1939 auf das Tiefgefrieren von Obst und Gemüse (Heinrich Lohmann, Der Bremer Fichtenhof und seine Bewohner, Bremen 2018, 96). Der Gefrierkonzern war finanziell in der Lage, die hohen Kosten für die dezentrale Gefrierinfrastruktur aufzubringen: Ein Plattenfroster kostete etwa 40.000 RM, eine Gefriertruhe 1.500 RM. Solo-Feinfrost etablierte ab 1939 ein schnell wachsendes Netzwerk dezentraler Gefrierstätten, indem es vertraglich gebundenen Konservenfabriken Gefrieraggregate zur Verfügung stellte. Auf gleicher Grundlage lieferte man Gefriertruhen an leistungsfähige Einzelhändler (Der Aufbau der deutschen Gefrierwirtschaft, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 478 v. 19. September, 4). Es ging offenbar auch ohne die tradierte und gut organisierte Konservenindustrie, denn die Technik wurde gestellt, der weitere Absatz übernommen. Solo-Feinfrost hatte seit Mai 1939 auch mit dem Tiefgefrieren von Fischfilets in den Anlandehäfen Wesermünde und Cuxhaven experimentiert, baute diesen gleichermaßen von der Nordsee und der Wehrmacht geförderten Betriebszweig aber nicht weiter aus (Neue Forschungsergebnisse beim Gefrieren von Lebensmitteln, Hamburger Fremdenblatt 1940, Nr. 16A v. 17. Januar, 3). Märkte wurden wie Filets passgenau zugeschnitten. Dass Unilever 1940 in Deutschland unter Treuhänderschaft gestellt wurde, erlaubte anschließend eine Ausweitung der Vertragsproduktion mit Birdseye-Technik auch in das besetzte und verbündete Europa (Frozen Foods Skyrocketed In Wartime Germany, Food Industries 18, 1946, 183).

Regionale Verteilung der Plattenfroster der Solo-Feinfrost GmbH​ im Deutschen Reich 1940-1944 (Uwe Spiekermann auf Basis von Mangan et al., 1945, 46)

Der dritte Gefrierkonzern entwickelte sich aus der Speiseeisindustrie, wobei die 1933 von Josef Pankofer (1907-1963) in München eröffnete Eisdiele namensgebend wurde. Er bündelte länger bestehende Expertise, etwa der 1925 gegründeten Berliner Grönland GmbH, die bereits 1927 Obst mittels Trockeneis erfolgreich eingefroren hatte. In Kooperation mit der Potsdamer Konservenfabrik Zinnert lieferte sie Luxuswaren insbesondere für den Berliner Gastronomiekonzern Aschinger, der 1935 seinerseits mit dem Fleischgefrieren für den eigenen Restaurantbetrieb begann (Gefrorene Nahrungsmittel, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 380 v. 28. Juli, 4). Josef Pankofer kooperierte mit der 1935 gegründeten Unilever-Tochter Langnese, zudem mit dem 1937 in Nürnberg gegründeten Lizenznehmer Karl Schoeller. Unterstützt von der Vierjahresplanbehörde begann Pankofer & Co. ab 1939 mit dem Direktabsatz von Gefrierkonserven, Gefriertruhen wurden den Einzelhändlern geliefert. Die Firma expandierte rasch, machte 1942 dann einen weiteren Entwicklungsschritt. Die gemeinsam mit der zuvor aus dem Zigarettengeschäft ausgestiegenen Familie Neuerburg in München gegründete Firma Neuerburg & Pankofer wies ein Stammkapital von fünf Mio. RM auf, erforderlich vor allem zur Europäisierung des Geschäfts. Eroberungskriege müssen schließlich zu etwas Nutze sein. Ziel waren nicht zuletzt alkoholfreie „Volksgetränke“, ermöglicht durch im Ausland tiefgekühlte Fruchtkonzentrate, ein in den USA damals bereits gängiges Verfahren (Die vierte Gefriergruppe, Frankfurter Zeitung 1942, Nr. 392 v. 4. August, 4).

Schließlich schlossen sich 1942 zahlreiche zuvor schon in der Gefrierkonservierung tätige mittlere Dosenkonservenhersteller zur Ahena zusammen, der in Düsseldorf ansässigen Arbeitsgemeinschaft von Herstellern tiefgefrorener Nahrungsmittel GmbH. Die anfängliche Zurückhaltung der Branche war damit gebrochen, die neuen Marktchancen überwogen offenbar die finanziellen und technischen Risiken. Die Ahena bestand aus teils schon zuvor aktiven Firmen, wie etwa Dr. Willy Knoll in Nürnberg, der schon erwähnten Konservenfabrik W. Zinnert in Potsdam oder der Fa. Sössing in Laufa a.d. Unstrut. Auch das badische Unternehmen Gebr. Bratzler, Kühlhaus Müggensturm, die Firma Aschinger und das in Brandenburg ansässige Kühl- und Gefrierhaus „Vitam“ gehörten zu dieser Gruppe (vgl. Die zweite Gefrierkonservensaison, Frankfurter Zeitung 1942, Nr. 103 v. 23. Februar, 2; Frozen Foods, 1946, 183). Im Verbund froren sie vor allem Gemüse und Obst, belieferten Zivilbevölkerung und Großverbraucher wie die Wehrmacht, agierten aber auch multinational, etwa mittels der Dutch Winterzon-Conserven N.V.

Die vier Gefrierkonzerne bauten vielgestaltige Produktionsstätten und Absatzketten auf. Dies basierte einerseits auf einer neu ausgebildeten Gefriermaschinenindustrie, zum anderen auf Dienstleistern für die auszudehnende Kühlkette. Erstere wuchs gleichsam organisch aus der je ein halbes Dutzend klingende Namen umfassenden Kältemaschinen- und Kühlschrankindustrie (Hans Mosolff (Hg.), Der Aufbau der deutschen Gefrierindustrie, Hamburg 1941). Letztere bestand vor allem aus der 1941 gegründeten Kühldienst GmbH resp. der Deutschen Behälter-Verkehrs GmbH (F.W. Packenius, Die Kühlkonserve, Das Reich 1941, Nr. 40 v. 5. Oktober, 10). Getragen vornehmlich von staatlichen Stellen, sollten beide die von der Reichsbahn und dem zunehmend ausgedünnten Fernlastverkehr gelassenen Lücken schließen (Kühldienst für Lebensmittel, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 267 v. 28. Mai, 4). Neben Transportmitteln entwickelten sie insbesondere aus Leichtmetall bestehende Transportcontainer mit integrierter Gefriertechnik, die an Produktionsstätten gefüllt wurden, im Güterverkehr einsatzfähig, zugleich aber als Kühlzellen nutzbar waren (Sicherung der Gemüseversorgung, Gartenbauwirtschaft 58, 1941, Nr. 44, 2). Die Kühlkette wurde dadurch flexibilisiert, sehr unterschiedliche Zugmaschinen und die Reichsbahn übernahmen den Transport. So konnte man mit überschaubarem Kapitalaufwand an unterschiedlichen Ernteplätzen produzieren, den Versorgungsbedarf an unterschiedlichen Orten decken. Das war wichtig, handelte es sich bei der Gefrierkonservierung doch immer noch um einen Saisonbetrieb, der von „natürlichen“ Ernte-, Fang- und Schlachtrhythmen abhängig war.

Weitere Firmen und Techniken wären zu nennen, doch hier geht es um die Grundstruktur von Produktion und Absatz. Sie basierte auch auf den bei Quasi-Kartellen üblichen Absprachen über die Gefrierguter, über die Absatzmärkte (Die Kapitalinteressen in der Konserven-Industrie, Stuttgarter Neues Tageblatt 1940, Nr. 256 v. 17. September, 7). Die Firmen konkurrierten und kooperierten zugleich, agierten sie doch in von Rationierung und Kriegseinschränkungen geprägten Wachstums- und Verkäufermärkten. Kompromisse waren daher einfacher. Flankiert wurde all dies durch „Marktordnung“, durch staatliche und halbstaatliche Regulierungen. Das bedeutete Qualitätsnormen, Sortenbegrenzung, Zuchtziele und eine gesicherte Stellung der Gefrierkonserven im Vierklang mit Frisch-, Trocken- und Dosenwaren (Gefrierkonserven in der Marktregelung, Neueste Zeitung 1941, Nr. 189 v. 14. August, 3; Gefrierkonserven gleichberechtigt, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 112 v. 2. März, 2. Morgenbl., 3). Gewiss, während der NS-Zeit gab es eine deutliche Diskrepanz zwischen der plantechnisch aufgebauten Struktur und den Problemlagen des Alltags. Doch die Struktur war just für den Zivilsektor arbeits- und ausbaufähig.

Warum Tiefkühlkost?

Der Aufbau der deutschen Gefrierindustrie wurde damals vorrangig unter technischen, wissenschaftlichen, politischen und ökonomischen Aspekten diskutiert, während der Verbrauch(er) in der Literatur nur als funktionierendes und zu belehrendes Endglied vorkam. Dies entsprach dem Selbstverständnis der Funktionseliten, die hochwertige Waren produzieren wollten, beim Absatz aber auf deren Überzeugungskraft setzten. Gutes würde gegessen werden, den Rest erledigten Marketing und Konsumnarrative. Der Markt war ein Rieselgeschehen (vgl. etwa Karl Paech und Erwin Loeser, Die Gefrierkonservierung von Gemüse, Obst und Fruchtsäften, Berlin 1941; R[udolf] Heiss u.a., Fortschritte der Lebensmittelforschung, Dresden und Leipzig 1942, 21-46, 150-182; Rudolf Heiss, Anleitung zum Frischhalten der Lebensmittel, 2. verb. u. erw. Aufl., Berlin 1945; Rudolf Heiss, Fortschritte in der Technologie des Konservierens von Obst und Gemüse, Braunschweig 1955, 9-105). Die Frage nach dem Warum der Tiefkühlkost, nach ihrer Alltagsbedeutung war darin gesetzt. Die folgenden fünf Unterkapitel werden auf Basis vor allem an Durchschnittsverbraucher gerichteter Zeitungsartikel nun versuchen, andere Antworten auch aus Perspektive der Konsumenten zu geben.

Dominanz der Militärverpflegung?

Tiefkühlkost diente während des Nationalsozialismus vor allem der Verpflegung der Wehrmacht. Dieses Mantra der Fachliteratur basiert auf deren Vorbildfunktion für eine kämpfende Nation, für eine überlegene Rasse. Eine vitaminreiche Militärverpflegung mit hohem Eiweißgehalt garantierte Kampfkraft, ansprechende Textur und guter Geschmack sollten die Stimmung hochhalten. Sie war ein männlich ersonnenes Abbild einer bequem handhabbaren und ernährungswissenschaftlich austarierten Nachkriegsernährung (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 583-611). Die Fortschritte gegenüber den Kaiserlichen Armeen wurden 1939/40 voller Stolz öffentlich präsentiert, repräsentierten den vermeintlichen Rüstungsvorsprung der Wehrmacht ebenso wie der Stuka, die 88-mm-Flak oder die U-Boote. Tiefkühlkost war Teil dieser Rüstungs-PR, symbolisierte den Wandel hin zum Neuen: „Bei Gemüse, Obst und Fleisch geht die Wehrmacht mehr und mehr zur Tiefkühlung über, deren Vorteile nicht nur für die Organisation des Nachschubs gelten, sondern auch in der Erhaltung der Vitamine und der Haltbarkeit und in dem ausgezeichneten Geschmack der tiefgekühlten Ware liegen, der sich von der frischen in keiner Weise unterscheidet. In ziegelsteinförmigen Blöcken werden Spinat, Karotten, grüne Bohnen und andere Gemüse, Erdbeeren, Kirschen, Brombeeren, Aepfel und jedes andere Obst, ebenso wie brat- und kochfertiges Fleisch bei 30 Grad unter Null eingefroren, um in der Feldküche in wenigen Minuten aufgetaut zu werden. Auch bei größter Hitze kann diese Ware tagelang von der Truppe mitgeführt werden, ohne daß sie im geringsten leidet“ (Tiefgefrorene Soldatenkost, Zeno-Zeitung 1940, Nr. 154 v. 4. Juni, 4). Tiefkühlkost war hochwertige Männerkost, auch daraus resultierte ihre hohe Wertschätzung. In der Presse wurde bei Einführung der neuen Produkte entsprechend immer wieder darauf verwiesen, dass die „ersten Mengen [20.000-25.000 Tonnen, US] vor allem den Lazaretten, Krankenhäusern und denjenigen Truppenteilen unserer Wehrmacht zur Verfügung gestellt [werden], bei denen auch in den Wintermonaten eine möglichst vitaminreiche Kost erforderlich ist“ (K. v. Philippoff, Gefrierkonserven, Der Sächsische Erzähler 1940, Nr. 281 v. 29. November, 7).

Grobes für die Wehrmacht: Ausgepackter Fleischziegel, Packungen in verschiedenen Größen, Gefrierrahmen (Wiener Neueste Nachrichten 1939, Nr. 272 v. 22. Dezember, 7; R[udolf] Heiss et al., Fortschritte der Lebensmittelforschung, Dresden und Leipzig 1942, 155)

Wird an solchen Aussagen schon deutlich, dass Gefrierkost eher für Rekonvaleszente, Etappe oder Ruhestellungen bestimmt war, so finden sich zugleich öffentlich kaum Bildbelege für Gefrierkost bei der kämpfenden Truppe. Bei den Bildern dominierte die gern gezeigte, nun mit einer Bratvorrichtung versehene „Gulaschkanone“, ansonsten aber Brot, Wurstwaren, ferner das wohl gefüllte Feldgeschirr in der Hand des gut gelaunten Soldaten. Die wichtigste Ausnahme war beredt, der Fleischziegel. Ein Koloss der Kraftübertragung, eine quadratisch oder rechteckig gepresste tiefgekühlte Gefrierkonserve. Seit 1939 seien „wöchentlich Hunderte von Tonnen Fleisch“ gefroren worden, um die Gefrierapparate auch während des Winters auszunutzen – so der Leiter des Verpflegungsabteilung im Heeresverwaltungsdienst Wilhelm Ziegelmayer (1898-1951). Die Vorteile bei Transport und Hygiene seien offenkundig. Doch er hob bezeichnenderweise die lange Haltbarkeit auch bei unzureichender Kühlung, bei Fahrten in lediglich isolierten Waggons hervor. Auch über den so sehr geförderten Gefrierfisch schrieb er im Futurum (Ziegelmayer, 1947, 603). Es verwundert daher nicht, dass die Nachkriegsuntersuchungen der britischen Streitkräfte zu einem ernüchternden Urteil kamen: „In the early stages of the war the ‘Cold Chain’ did not reach to the front lines but only to army camps, division headquarters etc. Later on in the war when supply lines had been shortened there was little or no frozen food available. […] Likewise, it appears that frozen foods supplied to the Wehrmacht went primarily to Norway and Russia” (Mangan et al., 1945, 45-46). Verlässliche Zahlen fehlen, auch deshalb sollte man vorsichtig sein, ehe man den NS-Wissenschaftlern und ihren Begründungen für die eigene Arbeit glaubt.

Präsentation der modernisierten Wehrmachtskost inklusive mehrerer Gefrierkonserven (Stuttgarter NS-Kurier 1940, Nr. 300 v. 30. Oktober, 18)

Gefrierkost war auch für die Wehrmacht schwer zu handhaben, die Kühlkette nur selten sicherzustellen, überforderte sie doch die Truppe abseits von Kasernen, Garnisonen und festen Truppenunterkünften. Angesichts beträchtlicher Probleme im vielfach noch per Pferd oder Esel bewegten Nachschub ist es recht unwahrscheinlich, dass es sich um eine an der Front häufiger eingesetzte Kostform handelte, um mehr als eine begrenzte Ergänzung (Ebd., 70). Hinzu kamen die Defizite an den Zielorten selbst, denn nach dem Krieg betonten Beteiligte, dass bei der
Wehrmacht ganze Ladungen aufgrund unzureichender Kühlung verdarben und Spediteure und Lageristen nur unzureichend geschult werden konnten (J.L. Heid, Aufgaben der Forschungsabteilung in der Nahrungsmittel-Industrie, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 36, 1951, 18-20, hier 19).

Angesichts dieser nicht quantifizierbaren Eindrücke ist es nicht überzeugend, die Wehrmacht als den eigentlichen Nutznießer der Gefrierindustrie in den Vordergrund zu rücken. Zeitgenössisch diente der Verweis auf den Militärbedarf vor allem der Camouflage. Die anvisierten und öffentlich kommunizierten Produktionsmengen wurden nicht erreicht, das Surplus von der Wehrmacht aufgenommen – eine perfekte Begründung für den hinter den selbst geschürten Erwartungen zurückbleibende Verkauf an die Zivilbevölkerung. Zugleich aber sollte die in den „sog. ‚Konservengebieten‘“ (Ausgabe von Gefrierkonserven [11.4.1942], in: Verfügungen / Anordnungen / Bekanntgaben, hg. v.d. NSDAP, München 1943, 694-695, hier 695) versorgte Bevölkerung für diese Sonderzuteilungen dankbar sein. Schließlich würden von der weisen Führung doch „alle Maßnahmen getroffen, auch den Bedürfnissen der Zivilbevölkerung weitestgehend gerecht zu werden“ (Feinfrost-Gemüse und -Obst, Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 212 v. 2. August, 5). Der vermeintlich hohe Gefrierkostanteil der Militärverpflegung war vor allem Teil des Spieles mit den Erwartungen der Zivilbevölkerung. Schließlich verschwanden Markenartikel und ganze Konsumgütersegmente ab Herbst 1941 vornehmlich aufgrund der bevorzugten Wehrmachtslieferungen und nicht aufgrund unzureichender Planungen und fehlender Ressourcen in einem schon damals verlorenen Krieg.

Europäische Großraumwirtschaft als Herrschafts- und Kooperationsprojekt

Die nur geringen Steigerungsraten der Tiefkühlkostproduktion in Deutschland sollten und wurden durch die Europäisierung der Gefrierindustrie aufgefangen, die Wachstumsgeschichte dadurch bestätigt. Ebenso wie sich die Wehrmacht möglichst aus den eroberten und besetzten Gebieten versorgen sollte, so bekam auch die deutsche Zivilbevölkerung ihren Anteil an der Beute. Dies erfolgte in an sich zivilisierter Weise und nicht nur zu Lasten der okkupierten und kooperierenden Länder. Ohne die deutschen Investitionen in Norwegen wäre dessen Nachkriegsentwicklung schwieriger verlaufen – auch wenn diese ökonomisch begründete Aussage gesellschaftspolitisch anders ausfallen müsste (Harald Espeli, Economic consequences of the German occupation of Norway, 1940-1945, Scandinavian Journal of History 38, 2013, 502-524; Simon Gogl, Laying the Foundations of Occupation. Organisation Todt and the German Construction Industry in Occupied Norway, Berlin 2020). Die Ausbeutung naturaler Ressourcen erfolgte gegen Bezahlung, Technologietransfer war Usus, ähnlich wie zuvor zwischen den Gefrierkonzernen und den deutschen Vertragsproduzenten.

Der vom Deutschen Reich begonnene Zweite Weltkrieg war ein Raub- und Vernichtungskrieg, wenngleich die Akzentuierungen nach Region und Rasse deutlich unterschiedlich waren. Er stand in der geopolitischen Tradition der Großmächte im Kolonialzeitalter, der Umgestaltung der Einflusssphären während und nach dem Ersten Weltkrieg, war auch beeinflusst von den Utopien globaler Arbeitsteilung. Die deutsche Agrar- und Ernährungspolitik war schon vor dem Krieg von Vorstellungen hierarchischer Kooperation mit ausländischen Staaten durchzogen, die Clearing-Geschäfte mit Norwegen oder die Kooperationen mit südosteuropäischen Staaten spiegelten teils schon die kommende europäische Großraumwirtschaft (Gustavo Corni und Horst Gies, Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 364-376). Die Gefrierindustrie war ein Paradebeispiel für die Kooperation im Konsumsektor unter deutscher Herrschaft (Ed[uard] Emblik, Die Bedeutung der Gefrierkonserve in der europäischen Großraumwirtschaft, ihre Herstellung und ihr Transport, Zeitschrift für die gesamte Kälteindustrie 50, 1943, 89-93). Hinweise müssen genügen, eine gesonderte Aufarbeitung fehlt.

Mit Beginn des Krieges begannen Nordsee und Solo-Feinfrost mit Verhandlungen über die Gründung eines deutsch-norwegischen Unternehmens, das mittels Birdseye-Frostern Fischfilet für den deutschen Markt produzieren sollte (W[alther] Pohlmann, Fischgefrieranlage in Norwegen, Zeitschrift für die gesamte Kälteindustrie 50, 1943, 87-89). Die Vertragshandlungen zogen sich bis März 1940 hin, parallel wurde in Trondheim die Frostfilet AS eingerichtet. Gefeiert als größte Fischgefrieranlage Europas, waren dort unter deutscher Leitung sechs deutsche Meister und 150 norwegische Beschäftigte tätig (Eine Groß-Fischgefrieranlage der „Nordsee“, Westfälische Zeitung 1940, Nr. 249 v. 22. Oktober, 6). Angesichts der aufgrund der britischen Seeblockade zusammenbrechenden Hochseefischerei schien die neue Technik lukrativ, da die Produktion von Stock- und Klippfisch in Norwegen gar zu sehr an die Zeit des Ersten Weltkriegs erinnert hätte. Nach der deutschen Okkupation Norwegens begannen im Juli 1940 die Exporte, doch die Kühlkette wies Mängel vor allem beim Landtransport auf. Lapidar urteilte Nordsee-Direktor Wilhelm Roloff (1900-1979): „Die Qualität des tiefgefrorenen Filets aus Norwegen hat nicht befriedigen können“ (Wilhelm Roloff, Probleme der Tiefgefrierung von Seefischen, Zeitschrift für die gesamte Kälteindustrie 51, 1944, 93-95, hier 94). Norwegen blieb dennoch ein wichtiger Lieferant von Gefrierfisch, auch wenn der Hauptnutznießer wohl die deutschen Besatzungsarmee war (Björn-Petter Finstadt, The Norwegian Fishing Sector During the German Occupation: Continuity or Change?, in: Mats Ingolstadt, Hans Otto Froland und Jonas Scherner (Hg.), Industrial Collaboration in Nazi-Occupied Europe: Norway in Context, London 2016, 389-415). Daneben gab es weiter europäische Direktinvestition von Andersen und Solo-Feinfrost. Letztere produzierte mit Birdseye-Frostern seit 1940 in der Türkei, seit 1942 auch im französischen La Rochelle (Lohmann, 2018, 106).

Kühlraum für gefrorenes Obst- und Gemüse in der Region Paris 1943 (Froid 1943, Nr. 28, 5)

Die Eroberung Westeuropas mündete Ende 1940 auch in eine Kooperation von Andersen, Solo-Feinfrost und Pankofer mit mehr als einem Dutzend leistungsfähiger französischer Konservenproduzenten (oberflächlich Julia S. Torrie, Frozen Food and National Socialist Expansionism, Global Food History 2016, 2-23). Analog zu den deutschen Gepflogenheiten schloss man verbindliche Lieferverträge, um die Erträge der klimatisch begünstigen Gartenbauwirtschaft mit deutscher Technik in Gefrierkonserven für die Wehrmacht umzuwandeln. 1941 sollten 74 Froster in dann 27 Werken arbeiten, die Produktionsmenge die Höhe der einschlägigen Gefrierproduktion im Deutschen Reich erreichen. Unter Einbezug schon vorher mit der Technik vertrauten niederländischen Firmen waren für 1941 20.000 Tonnen geplant (Gefriersyndikat für Wehrmachtslieferungen, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 657 v. 24. Dezember, 2. Morgenbl., 3). Diese Werte dürften nicht erreicht worden sein, parallel gelangte ein unbekannter Anteil auch in den deutschen Zivilabsatz. In den Folgejahren nahm die Zahl der Vertragspartner zu, auch belgische Firmen wurden Teil des Syndikats. In der deutschen Besatzungspresse hieß es selbstbewusst: „Ein wiederbelebter französischer Frühobst- und Frühgemüsebau kann als entscheidender Versorgungsfaktor für Europa gelten, besonders bedeutungsvoll, wenn es gelingt, einen Teil der hier immer vorhandenen Ernteüberschüsse in Gefrierkonserven zu verwandeln“ (Chancen für Frankreichs Gemüsebau, Pariser Zeitung 1941, Nr. 10 v. 24. Januar, 6; vgl. auch Industries des tres basses Températures et Congélation rapide, Froid 1943, Nr. 28, 3-5). Auch die Ahena begann 1942 mit der Westexpansion, gehörten ihr doch zwei niederländische Gefrierkonservenproduzenten an (Gefrierkonserven gleichberechtigt, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 112 v. 2. März, 2. Morgenbl., 3). Europa wurde zum Arbeitsfeld aller deutschen Gefrierkonzerne.

Ambitioniert war zudem die vor allem von Pankofer seit 1941 getragene Kooperation mit italienischen und insbesondere bulgarischen Obstproduzenten. Das war Markt- und Technikzugang unter Verbündeten, diente dem Ausbau der zunehmend dominanten deutschen Wirtschaftsinteressen. Die Kombination von dezentral eingesetzten Plattenfrostern mit Leichtmetallcontainer für jeweils vier bis fünf Tonnen Gefrierobst konnte die Anlagen- und Transportkosten minimieren, den deutschen Konsumenten zugleich Trauben, Erdbeeren und andere Saisonware auch im Winter bieten (Packenius, 1941). Zudem galt es, die durch unzureichende Transportmittel und Lagerflächen hohe Abfallrate zu minimieren. Südosteuropa wurde durch diese Investitionen zeitweilig eng mit den Konsumgütermarkten der deutschen „Konservenstädte“ verbunden. Gerade in Bulgarien zog die neue Industrie beträchtliche einheimische Privatinvestitionen an, 1943 zählte man 95 einschlägige Unternehmen. Im besetzten Polen, in Warschau entstand 1943 das erste Gefrierunternehmen (Frozen Foods, 1946, 183).

Pankofer als Wegbereiter europäischer Verbundwirtschaft unter deutscher Herrschaft (Die Wehrmacht 6, 1942, Nr. 1, 8; Das Reich 1943, Nr. 5, 8)

Ähnlich, wenngleich auf niedrigem Niveau, war die Entwicklung in Ungarn. Dort bauten Gemeinschaftsunternehmen von Solo-Feinfrost und Pankofer wie die Hungaria Container-Verkehrs- und Kühlindustrie AG oder die Ungarische Lebensmitteltransport- und Warenhandels-AG die Gefrierkapazitäten aus, investierten in Lagerhäuser und integrierten den Wasserweg der Donau in die Kühlketten (Ausbau der Tiefkühlung in Ungarn, Hamburger Fremdenblatt 1943, Nr. 102 v. 12. April, 7). Jährlich 12.000-15.000 Tonnen Kühlkost seien möglich (Donau-Kühlkette Wien-Südosten, Neues Wiener Tagblatt 1944, Nr. 199 v. 21. Juli, 4). Rumänien folgte, doch die Rote Armee unterband weitere Kooperationen (Kühlkette nach dem Südosten, Kölnische Zeitung 1944, Nr. 213 v. 5. August, 5)

Gefriertransporte auch per Fluss: Das 1943 in Dienst gestellte Kühlschiff 1 (Hamburger Fremdenblatt 1943, Nr. 163 v. 15. Juni, 7)

Leisten wir uns nun ein wenig Abstand: Wir sehen zumindest ansatzweise den Aufbau einer europäischen Großraumwirtschaft zur Produktion von Gefrierkonserven vornehmlich für den deutschen Markt. Die Wehrmacht stand am Anfang, doch vor allem lockte der Massenmarkt in der Mitte Europas. Die Funktionseliten kollaborierten, profitierten von den neuen Gegebenheiten unter deutscher Dominanz. Die Großraumplanungen zielten nach Überzeugung von NS-Experten wie dem Reichsfachwart der Deutschen Gartenbauwirtschaft Johannes Boettner (1889-1970) auf die Überwindung der steten Agrarkrise des Kontinents, von Absatznot und Überproduktion (Johannes Boettner, Gartenbau im großeuropäischen Raum, Gartenbauwirtschaft 58, 1941, Nr. 4, 1). Die neue Technik würde Ausgleich schaffen, gerechte Preise ermöglichen. Die Landwirtschaft könne sich nun endlich weiter spezialisieren, Klima und Bodenqualität ausspielen, verbunden durch das einigende Band der Kühlkette (Hamburger Anzeiger 1944, Nr. 134 v. 6. Dezember, 2). Im Deutschen Reich würde das die Bühler Obstgegend fördern, die Kirschen kämen aus dem Burgenland, Spinat und Frühgemüse vom Neusiedler See. Noch stärker die Effekte für Europa: „Italien baut Blumenkohl und andere feine Gemüse, das gleiche gilt für Holland, weiter sei auf die Erdbeerkulturen in Bulgarien, auf den Anbau von Paradeisern und Paprika in Ungarn oder gewisse Südfrüchte in Griechenland hingewiesen“ (Marktausgleich durch Kühlware, Neues Wiener Tageblatt 1942, Nr. 346 v. 15. Dezember, 4). Technokratische Utopien dieser Arten sollten eine gemeinsame Grundlage für die Nachkriegszeit bilden, für die Agrarpolitik von EWG und EU.

All das war Teil einer öffentlich geführten Debatte, für jeden deutschen Volksgenossen transparent. Deutschland erschien als Vormacht auf dem Kontinent, die Eliten in Wirtschaft und Landwirtschaft arbeiteten für die deutschen konsumtiven Interessen. Die Macht der Wehrmacht hatte den Rahmen gesetzt, die Gefrierindustrie erschloss nun den Raum. Und die deutschen Konsumenten würden davon profitieren. Kühlkost wurde zu etwas Deutschem, mochte die Rohware auch aus dem Ausland stammen.

Sieg über die unwirtliche Natur: Die Angleichung saisonaler Rhythmen

Ein dritter Grund für die Einführung der Tiefkühlkost in Deutschland war der Fachleute und Konsumenten verbindende Traum der Überwindung der saisonalen Rhythmen. Dieser Zeitensprung hatte seit jeher die häusliche und gewerbliche Konservierung geleitet, trug auch die Werbung für das in Deutschland damals von fast allen Haushalten praktizierte Einmachen. Dazu war jedoch individuelle Arbeit erforderlich, beträchtliche Geldmittel für Apparate, Gläser, Steingut oder auch Dosen. Die Gefriertechnik überließ diesen Aufwand anderen, „man geht – den Erfordernissen einer kaum weniger ans Märchenhafte grenzenden modernen Technik entsprechend, […] zu seinem Lebensmittelhändler und erhält dort, aus der von schneeweißem Email und silbrigen Beschlägen nur so blinkenden Tiefkühl-Truhe, ein ziegelsteingroßes, zierlich umhülltes Päckchen. Es ist seiner Herkunft gemäß etwas kalt anzufühlen; und einige nähere Gebrauchsanweisungen muß man sich auch mit auf den Heimweg geben lassen. Allein der Endeffekt ist derselbe wie im Märchenbuch der Gebrüder Grimm: man kann geraume Zeit später zu Hause eine Schüssel voll frisch duftender Erdbeeren auf den Tisch stellen“ (Obst und Gemüse erntefrisch mitten im Winter, Neue Mannheimer Zeitung 1941, Nr. 43 v. 3. Februar, 8). Das hört sich für uns kitschig an, übertrieben. Doch die Saisonalität hielt die Ernährung unserer Vorfahren in weitaus engeren Grenzen als wir uns dies gemeinhin vor Augen führen. Wir, die wir kaum mehr Sehprobleme haben, weil im Frühjahr Vitamin A fehlt. Die vor der neuen Ernte nicht mehr Zahnweh und Abgespanntheit spüren, weil Vitamin C nur unzureichend verfügbar war. Wir, für die Erdbeeren im Winter ein Vergehen gegen das imaginierte Klima ist, haben wir doch Alternativen durch Technik und Fremdversorgung.

In den späten 1930er Jahren schwankte das Marktangebot von Inlandsgemüse trotz Lagerhaltung und Wintergemüse um den Faktor eins zu vier. Bei Obst war die saisonale Diskrepanz noch größer, mindestens eins zu zehn (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 26 und 28). Um die saisonalen Ausschläge zu verringern, importierte man Südfrüchte und Auslandsobst, doch diese waren teurer, kosteten Devisen, die nicht mehr für die Rüstung eingesetzt werden konnten.

Marktangebot von Obst im Deutschen Reich inklusive und exklusive der Importe 1936/37 versus das Versprechen steter Frische (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 28 (l.); Der Vierjahresplan 5, 1941, 790)

In der nationalsozialistischen Presse wurde erwartungsgemäß die politisch-volkswirtschaftliche Ebene mit dem Freiheitsgewinn durch saisonal kaum mehr zurechenbare Kühlkost verbunden. Sie war Teil systematisch betriebener „Vorratspolitik“, um sich „weitgehend von den Ernteschwankungen unabhängig zu machen“ (Durch Kälte von der Jahreszeit unabhängig, Nachrichten und Anzeiger für Naundorf […] 1940, Nr. 230 v. 1. Oktober, 1). Belobigt wurde die „Erhaltung der Vitamine“ (Vitamine im Eiskeller, Der Sächsische Erzähler 1940, Nr. 41 v. 18. Februar, 5) durch die „neuen bahnbrechenden und fortschrittlichen Methoden der Vorratswirtschaft“, die durchaus eingeräumte jahreszeitliche Schwierigkeiten vermindern würden (Hans Wöckener, Die Tiefgefrierkonserve in der deutschen Vorratswirtschaft, Siegener Zeitung 1940, Nr. 101 v. 30. April, 5). Wie eine göttliche Macht wurde die „Technik“ gefeiert, die Frische bewahren, ja schaffen könne (Frische Kirschen im Winter, Haaner Zeitung 1941, Nr. 90 v. 18. April, 3).

Utopie der steten Verfügbarkeit (Dresdner Nachrichten 1938, Nr. 530 v. 11. November, 7)

Die Zeitungen übertrieben, bewusst, gaben der Freude über die neue Technik freien Lauf: „Ein vor vier Jahren geschlachtetes Hähnchen kommt so saftig und frisch aus seiner Eistüte, als habe es gestern noch auf dem Hof den Sand gescharrt. Und die richtig aufgetauten Gemüse und Früchte können gekocht werden, als kämen sie eben vom Gartenbeet oder Obstbaum“ (Das Geheimnis der Schnellkühlung, Hamburger Anzeiger 1941, Nr. 161 v. 12. Juli, 5).

In der zweiten, dritten Saison nahm die Emphase allerdings ab. Hervorgehoben wurde zwar die gütemäßige Verbesserung der Alltagskost im späten Winter (K. v. Philippoff, Gefrierkonserven, Wurzener Tageblatt 1941, Nr. 286 v. 29. November, 8). Die Freude am nun möglichen Zeitensprung wurde jedoch überlagert vom zunehmend durchscheinenden Kriegsgeschehen, von ersten Verringerungen der Rationen: Gefrierkost half nun Reserven zu schaffen, auch um „irgendwo auftretende Bedarfslücken schnell“ füllen zu können (Neue Formen der Gemüseverwertung, Kölnische Zeitung 1942, Nr. 145 v. 20. März, 3). Es ging um Verfügungsgewalt über die Natur, derweil die Verfügungsgewalt über den Krieg langsam entglitt.

Eine US-amerikanische Lastwagenwerbung visualisiert den auch für Deutschland geltenden Traum von der steten Verfügbarkeit moderner Lebensmittel (Time 1947, Nr. 12, 43)

Bemerkenswert ist bei alledem die Rücknahme des Konsumenten selbst. Die grundstürzenden Veränderungen im Natur-Kultur-Verhältnis wurden begrüßt, vor allem aber freudig hingenommen. Tiefkühlkost war etwas Fremdes, von Anderen Geschaffenes. Während parallel die Rezeptspalten hauswirtschaftliche Tugenden priesen, während man mit geringeren Qualitäten und kriegsbedingt eintönigerer Nahrung umgehen musste, nahm man das kühle Neue als Gabe an. Gefrierkost zeigte, dass Vertrauen in die Wissenschaft, die Technik und die Führung letztlich belohnt werden würde. Das war die konsumtive Welt, nach der man sich sehnte – und das nicht nur in Deutschland. Denn die Wissenschaft, die Technik und die Führung würden die Welt verbessern, konnten sie doch bereits das Kommen und Gehen der Jahreszeiten abmildern und glätten.

Frischgemüse vor der Frühernte, Frischfisch zu jeder Zeit (Der Südosten 21, 1943, Nr. 5, 10-11)

Eine neue, höhere Qualität

Tiefkühlkost bedeutete nicht nur einen Sieg über die Zeit. Sie symbolisierte auch eine neue Produktqualität: „Die Qualität der Gefrierkonserven steht an der Spitze aller Konserven“ (Herstellung an Gefrierkonserven beginnt, Sächsische Volkszeitung 1940, Nr. 29 v. 3. Februar, 2). Dadurch habe sie sich in den USA durchsetzen können, ähnliches gelte auch hierzulande. Die neue Technik umhülle das Produkt mit einem stillstellenden Panzer. Die natürlichen Stoffwechselprozesse würden neutralisiert, endlich war man Herren des Konsums. Es schien unglaublich: „Selbst in Geschmack, Form und Aussehen treten keine Veränderungen ein, und die wichtigen Kohlhydrate, Eiweiß- und Mineralstoffe bleiben neben dem Vitamingehalt voll bestehen“ (Gemüse und Obst aus der Kühltruhe, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 97 v. 27. April, Stadtbl., 2). Nicht länger müsse man essen, was wegmüsse, nun ging es darum, was man selbst essen wolle. Hinzu käme die Vorleistung der Industrie: Gemüse würde in kochendes Wasser geschüttet, Fischfilet nach dem Auftauen in der Pfanne gebraten, direkt verzehrt. Tiefkühlkost war bequem, die Arbeit des Putzens, des Schälens, des Entgrätens war mit dem Kauf schon geleistet.

Güte, der die Natur nichts anhaben kann (Mosolff (Hg.), 1941, Tiefkühl ABC, 16)

Gewiss, das war ein konsumtiver Traum, doch ein schöner, ein gerne verbreiteter. Der Einkaufsalltag sah anders aus, nicht immer entsprach die Ware dem „Ehrgeiz des Primats“ (Die erste Saison der Gefrierkonserven, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 117 v. 21. März, 4). Schon nach der ersten Saison wurde ein wenig zurückgerudert, doch Qualität blieb auch weiterhin ein Argument für Tiefkühlkost. Probleme resultierten eben nicht aus der Technik, sondern an der manchmal fehlenden 1a-Qualität der Rohware. Das werde sich aber einrenken, bei deutscher Ware durch klar definierte Qualitätsparameter, ansonsten durch das Ausgreifen auf das Beste, was Europa zu bieten hatte. Probleme waren Übergangserscheinungen einer sich vollends entpuppenden Industrie. Und man werde dem vielleicht einfach begegnen können: A-Ware für allerbeste Waren, B-Ware für den gehobenen Rest. Der aber war immer noch weit hochwertiger als wässerige Dosenware ohne feste Konsistenz, als welkes Frischgemüse oder verklumpte Trockenprodukte.

Neue Produkte für eine gesunden und aufstrebende Arbeitsgesellschaft

Die NS-Zeit, insbesondere aber die Kriegszeit erscheint Nachgeborenen zu Recht als eine Periode zunehmender konsumtiver Restriktionen, wachsender materieller Not. Doch sie war zugleich auch eine der überwundenen Not der Weltwirtschaftskrise, langsam steigender Realeinkommen und eines immer breiteren Horizonts neuer Konsummöglichkeiten. Radios wurden Alltagsgegenstände, Urlaub weitete die Horizonte, (ausländische) Filme unterhielten, führten neue Welten vor, neben Motorräder traten Automobile, ließen Grenzen fluid werden. Vermeintlich unpolitische Illustrierte enthielten stetig Bildberichte aus der Ferne, boten Exotisches, andere Lebens- und Konsumstile. Die Werbung war zwar reguliert, doch die Photographien und Zeichnungen offerierten das Ideal eines Lebens in schicklicher Fülle, in einer arbeitssamen und just deshalb prosperierenden Konsumgesellschaft. Neue Nahrungs- und Reinigungsmittel, eine Phalanx neuer Haushaltsgeräte würden die häusliche Fron minimieren helfen. Strom, Gas und fließendes Warmwasser würden den Alltag verändern. Der öffentlich beschworene „Adel der Arbeit“ würde belohnt, Prävention und die reflektierte Abkehr von den „Genussgiften“ ein nicht nur längeres, sondern auch gesünderes Leben ermöglichen.

Gewiss, das war nicht „Der Wohlstand für Alle“, den der russische Anarchist Peter Kropotkin (1842-1921) als Grundlage einer Gesellschaft von Freien und Gleichen einst ausgebreitet hatte (Peter Kropotkin, Der Wohlstand für Alle („La Conquete du Pain“), Zürich s.a. [1896]). Das war auch nicht das Amalgam von liberalem Wohlstandsversprechen und lebensreformerischem Freiheitssinn, das in den bis heute lesenswerten Arbeiten des Konsumgenossenschafters Franz Staudinger (1849-1921) ausgefächert wurde. Eine nationalsozialistische Konsumgesellschaft grenzte breite Teile der Bevölkerung aus der Konsumgemeinschaft aus, nicht nur Juden. Sie war rassistisch und biologistisch, moralisch entsprechend aufgeladen. Doch sie war modern, nutzte die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, scheute nicht zurück vor Gewalt und Raub. Tiefkühlkost, zumal in der Variante der europäischen Großraumwirtschaft, war damit bestens zu verbinden. Die ambivalente Anlehnung an die USA folgte teils fordistischen Ideen (vgl. hierzu Uwe Spiekermann, German-Style Consumer Engineering: Victor Vogt’s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann, Gary Cross und Ingo Köhler (Hg.), Consumer Engineering 1920s-1970s, Houndsmill und New York 2019, 117-145, insb. 128-132), war sich aber überlegener Zurückhaltung gewiss, entsprach damit einer reflektierten, sich selbst moralisch dünkenden, integren Gesellschaft.

Entsprechend genoss man frische Erdbeeren, die nicht Statussymbol waren, sondern Belohnung für die eigene Arbeit, Abkehr von der Härte des Alltags. Entsprechend verband man Tiefkühlkost nicht mit dem in den USA so weitverbreiteten, fett und träge machenden Rahmeis. Fisch, frisches Obst und Gemüse waren Teil einer dem arbeitenden Menschen frommenden gesunden Kost. Tiefkühlkost werde helfen, die Obst- und Gemüseverkehr von den damals täglich ca. 260 Gramm auf die wissenschaftlich propagierten 1,1 Kilogramm zu heben (Karl Paech, Die Bedeutung der Gefrierkonserven von Obst und Gemüse für die Volksernährung, Die Umschau 44, 1940, 275-178, hier 275). Ergänzt um Gefrierfisch könne der Fett- und Fleischkonsum so genussvoll gesenkt werden: „Das Ideal des Men­schen der Zukunft ist nicht ein hauptsächlich mit Fleisch und Fett vollgefressener Dickwanst, sondern der in Arbeit und Sport ge­stählte, gesund und zweckmäßig er­nährte leistungsfähige Körper. In diesem gesun­den Körper werden auch gesunde und geniale Geisteskräfte zur Ent­faltung gelan­gen“ (Mosolff (Hg.), Tiefkühl ABC, 1941, 7-8).

Glück, Gemeinschaft, Geborgenheit – Zukunftsbild auch der nationalsozialistischen Konsumgesellschaft (Simplicissimus 46, 1941, 304)

Die körperliche Ausbildung des Einzelnen war Teil einer gerade im Krieg erforderlichen Stärkung der Volksgemeinschaft. Im Verbund könnten die anstehenden Aufgaben gemeistert werden: „Jede Erhaltung leichtverderblicher Nahrungsmittel, jede bessere Produktionsmöglichkeit der deutschen Industrie durch künstliche Kälte läßt es zu, unsere Leistung zu steigern und damit dem Endsieg näherzukommen“ (Hans-Otto Karl, Der „Eisberg“ aus der Maschine, Der Neue Tag 1942, Nr. 17). Im Rahmen des Krieges sei Tiefkühlkost funktional, „Mittel im Kampf gegen die Aushungerungsversuche Englands“ (Gemüse und Obst aus der Kühltruhe, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 97 v. 27. April, Stadtbl., 2). Aber sie sei zugleich Ausdruck des wachsenden Wohlstandes einer arbeitsamen und kämpfenden Gemeinschaft. Der Speisezettel würde revolutioniert werden, die Eintönigkeit der Ernährung im Winter überwunden (Frischegemüse im Karton, Westfälische Tageszeitung 1941, Nr. 32 v. 2. Februar, 10). Tiefkühlkost sei ein erster Lohn, frische, vollwertige Ernährung Ausdruck der lichten Zukunft des deutschen Volkes, „Anfang zu einer Entwicklung, die nach dem Ende des Krieges ihrer Fesseln gänzlich ledig sein wird“ (Tiefgefrorenes Obst und Gemüse, Altenaer Kreisblatt 1943, Nr. 151 v. 1. Juli, 3). All dies waren Projektionen, Utopien, auch Regressionen einer Kriegsgesellschaft. Doch sie deckten sich mit vielem, das auch heute noch in unseren Zeitungen zu lesen ist.

Wie wurde die Tiefkühlkost im zivilen Sektor eingeführt?

Die Einführung der Tiefkühlkost im nationalsozialistischen Deutschen Reich erfolgte vor der Etablierung einer flächendeckenden, bis in die Haushalte reichenden Kühlkette. Beliefert wurden Wehrmacht, Lazarette, Großküchen, aber auch und gerade die Zivilbevölkerung. Tiefkühlkost wurde reichsweit eingeführt, war jedoch an die Gefrierinfrastruktur vor Ort gebunden. Beliefert wurden Großstädte und industriellen Zentren, nicht aber das flache Land, Klein- und Mittelstädte. Das unterschied die neuen Gefrierkonserven von zahlreichen getrockneten Ersatzmitteln, die während des Krieges mit gleichermaßen informierender und spielerischer Werbung reichsweit eingeführt wurden. Der Eiersatz Milei oder das Nährmittel Migetti sind dafür Beispiele. Der Zivilmarkt für Tiefkühlkost war örtlich begrenzt, gut belieferte Kunden waren umsäumt von Zaungästen der Entwicklung. Die damalige Marketing-Not war offenkundig, aus ihr galt es eine Tugend zu machen.

Wir müssen daher drei eng miteinander verzahnten Ebenen verfolgen. Erstens wurde Tiefkühlkost als neue Produktgruppe in Form gängiger Anzeigen in allerdings regional eng zugeschnittenen Zeitungen und einigen reichsweit präsenten Zeitschriften beworben. Zweitens stellten Unternehmen und staatliche Stellen reichsweit Bildmaterial zur Verfügung, das in der gelenkten Presse ein recht anschauliches Bild sowohl der neuen Industrie als auch der neuen Waren vermittelte. Drittens waren beide Maßnahmen umrahmt von allgemeinen, meist textlichen Berichten über die neuen „Gefrierkonserven“, die explizit auf die Normalität nach dem Sieg und die dann bestehende nationalsozialistische Konsumgesellschaft verwiesen. Produktwerbung, Kühlkettenimaginationen und konsumgesellschaftliche Utopie wirkten im Verbund. Die Analyse allein einer dieser Ebenen würde das bestehende kommunikative Feld ungebührlich engführen. Die Einführung der Tiefkühlkost erfolgte zudem parallel zu zahlreichen Kampagnen der Verhaltensregulierung, sei es zum richtigen Heizen, dem Energiesparen oder dem Luftschutz. Das Kaufen, Zubereiten und Verzehren von Gefrierkonserven war daher immer auch ein Plebiszit über die Versorgungspolitik des NS-Staates.

Produktwerbung: Solo-Feinfrost als Pionier der Anzeigenwerbung

Seit 1939 war in den Tageszeitungen von neuen Gefrierkonserven erstmals die Rede gewesen, seit 1940 konnte man immer häufiger darüber lesen. Die Beneluxstaaten und Frankreich waren bald besiegt, das Neue nun eine erste Friedensdividende: „In München sind zu Beginn dieses Jahres die ersten Gefriertruhen im Einzelhandel aufgestellt. Düsseldorf ist gefolgt. Mit der Herbstsaison wird die Solo-Feinfrost in verschiedenen Großstädten etwa 1000 Einzelhandelsgeschäfte mit Gefriertruhen ausrüsten“ (Gefrorene Nahrungsmittel, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 380 v. 28. Juli, 4). Die Unilever- und Reemtsmatochter schaffte es mit ihren in Deutschland dezentral produzierten Obst- und Gemüsewaren in der Tat, Teile der Ernte 1940 zu gefrieren und von Januar bis März 1941 öffentlich anzubieten. Die kommerziellen Claqueure tönten zukunftsfroh: „Nach den bisherigen Erfahrungen darf man dem ‚getrockneten‘ wie dem ‚gefrosteten‘ Gemüse und Obst eine große Zukunft voraussagen. Die Frische macht’s!“ („Durch Feinfrost zur Feinkost“, Anzeiger und Tageblatt [Bad Oeynhausen] 1940, Nr. 268 v. 14. November, 4) Konserven als Frischeprodukte… Nun gut, die Werbung machts, schließlich sind auch heutzutage Frischwaren Ergebnis massiver Sicherungseingriffe.

Solo-Feinfrost als Feinkost (Derner Lokal-Anzeiger 1941, Nr. 18 v. 22. Januar, 4)

Solo-Feinfrost-Ware war verfügbar, doch die Werbung wurde anfangs von den Einzelhändlern getragen, mochte das Warenzeichen des Herstellers (Warenzeichenblatt 48, 1941, 1890) auch die Verpackung zieren. Anzeigenpräsenz und Presserummel schienen nicht folgenlos zu sein, die „weitverbreitete Annahme, die Gefrierkonserve sei eine vorübergehende Erscheinung“ war offenbar falsch (Fritz Spanier, Der Gefrierkonservenvertrieb im Einzelhandel wesentlich erleichtert, Stuttgarter NS-Kurier 1941, Nr. 50 v. 20. Februar, 7). Grundsätzlich konnte jede Volksgenossin zugreifen. In Halle an der Saale lockten Plakate mit der Aufschrift „Obst und Gemüse tiefgekühlt, markenfrei“. Die Gefrierkonserven standen allerdings für mehr als eine neue Ware, vermittelten bereits eine neue Art des Einkaufs, des Ladens: „Wer in ein solches Geschäft eintritt, dem wird sofort eine große, weiße Truhe auffallen, die aus schneeweißem Email hergestellt und die von silbrig blinkenden Beschlägen besetzt ist“ (Obst aus der Kühltruhe, Hallische Nachrichten 1941, Nr. 77 v. 1. April, 5). Die tiefgekühlte Ware wurde noch über den Verkaufstresen oder aber direkt aus der Gefriertruhe gereicht. Obst und Gemüse gab es nicht lose oder aber in der Tüte, sondern aus einem kleinen Pappkarton: „‚Erbsen (fein)‘ steht darauf oder auch ‚Pariser Karotten‘ oder ‚Spargel‘, ‚Erdbeeren‘ oder ‚Kirschen‘, was eben das Herz begehrte. Aber es fühlt sich an wie ein kleiner Eisblock“ (Hannover ißt Gemüse aus der Eiskiste, Hannoverscher Kurier 1941, Nr. 84 v. 5. März, 6). Damit galt es vorsichtig umzugehen, Broschüren, mehr aber noch die Verkäuferin rieten zu schneller Nutzung. All das war ein kleines Abenteuer im höheren Preissegment. „Feinfrost“ war Feinkost, ein Fünftel, ein Drittel teurer als gängige Dosenkonserven. All das war aber auch eine Auflösung des bewusst nicht vollends gelösten Rätsels, was sich denn in den im Herbst 1940 häufiger zusehenden „geschlossene[n] Lastkraftwagen mit der Ausschrift ‚Solo-Feinkost‘“ befunden hatte. Von der Fabrik zum Kühlhaus transportiert, nunmehr in der Hand, in der Einkaufstasche: „So wird das tiefgekühlte Obst und Gemüse bald zu einem Begriff für die deutschen Hausfrauen werden: die Gefrierkonserve steht am Anfang einer vielversprechenden Entwicklung“ („Durch Feinfrost zur Feinkost“, Anzeiger und Tageblatt [Bad Oeynhausen] 1940, Nr. 268 v. 14. November, 4).

Solo-Feinfrost-Werbung eines Dortmunder Einzelhändlers (Volksblatt [Hörde] 1941, Nr. 9 v. 11. Januar, 4; ebd., Nr. 24 v. 29. Januar, 4; ebd., Nr. 39 v. 15. Februar, 4)

Die Anzeigen chargierten zwischen einfacher Information, Schlagworten und lockenden Anpreisungen: Obst und Gemüse erhielten Produktkonturen, neben Erbsen und Bohnen wurde besonders der Tiefkühlspargel beworben. Der war hochwertiger, „frischer“ als die teure, doch recht wässerig schmeckende Glasware, war Vorschein des bald wieder frisch verfügbaren Frühgemüses. Gefrorene Leguminosen waren eben keine über Nacht zu wässernde Trockenware für den Eintopf, vielmehr handelte es sich um Feingemüse, mit etwas Fett zu dieser Zeit ein gern verspeister Leckerbissen. Das galt stärker noch für Pflaumen, Kirschen und Erdbeeren, Garanten für ein Sonntagskompott, einen außergewöhnlichen Nachtisch. Und doch, zu viel Genuss war nicht kriegsgemäß. Der Verweis auf den hohen Vitamingehalt ließ immer auch die Pflicht zur Gesunderhaltung, zur Leistungsfähigkeit im Ringen mit dem noch renitenten britischen Empire durchscheinen. Dass derweil die Vorbereitungen für den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion liefen, war den meisten noch nicht bewusst.

Werbung für Solo-Feinfrost und vitaminhaltige Gefrierwaren (Die Heimat am Mittag 1941, Nr. 60 v. 12. März, 8)

Die erste Saison 1940/41 war solide, zugleich Vorgeschmack auf mehr: Im noch nicht belieferten Wien gab es im Sommer 1941 bereits Probeessen „für einen ganz kleinen Kreis“. Kredenzt wurde „Karpfen in Butter mit Gurkensalat, Zwetschenknödel, Apfel- und Traubenkost…“. Ab Januar 1942 würde es so weit sein (Das Wunder der künstlichen Eiszeit, Völkischer Beobachter [Wien] 1941, Nr. 166 v. 15. Juni, 10). Markteinführung als versprochene Marktausweitung. In der Wirtschaftspresse resümierte man nüchterner: Eigentlich habe es sich noch um einen Großversuch gehandelt, nachdem 1939/40 bereits erste Firmen Kühltruhen aufgestellt und Gefrierware verkauft hätten. Ein Jahr später gäbe es reichsweit schon 700 Gefriertruhen. Die Konsumenten hätten „nach anfänglicher Scheu“ die auf unbekannte Weise produzierte markenfreie Ware „begierig aufgenommen“. Sie hofften auf „frische“ Ware, erhielten diese meist auch. Gleichwohl habe nicht immer die „versprochene allerbeste Qualität“ geliefert werden können. Doch das seien halt Anlaufschwierigkeiten einer noch jungen Industrie. Auch an den recht hohen Preisen gab es Kritik. Doch bei größeren Mengen würden die mindestens zwanzig Prozent teurere Ware gewiss billiger werden, sich mittelfristig auf dem Preisniveau hochwertiger Dosenware einpendeln. Dazu sei vielleicht auch eine Verringerung der Transportwege, eine weitere Kartellierung des Absatzes erforderlich (zuvor n. Die erste Saison, 1941). Die Erwartungen nach Ende der ersten Saison waren also hoch, mehr und billigere Waren standen an. Die bisherigen Hoffnungen hatten schließlich nicht getrogen.

Produktwerbung: Werbedominanz von Jopa-Tiefkühlung

So war die Erwartungshaltung an die zweite Saison 1941/42 durchaus groß: „In diesem Winter wird das Wort ‚Gefrierkonserve‘ in aller Munde sein“ (K. v. Philippoff, Gefrierkonserven, Wurzener Tageblatt 1941, Nr. 286 v. 29. November, 8). Sie wurde kaum dadurch gemildert, dass die Masse des Gefriergutes offiziell der Wehrmacht geliefert werden würde, „die übrigen Gefrierkonserven“ neuerlich „den Großstädten und Industrierevieren zugeleitet“ (Marktregelung für Gefrierkonserven 1941, Nr. 409 v. 13. August, 4). 1942 begann der Verkauf allerdings später, Ende Februar, Anfang März. Es galt, just in den letzten Wochen des Winters frisches Obst und Gemüse anzubieten; vielleicht lag diese Verlagerung aber auch an der immensen Belastung der Transport- und Versorgungssysteme durch den eben nicht erfolgreichen „Blitzkrieg“ im Osten, wo der Zusammenbruch der Wehrmacht nach dem Desaster vor Moskau nur mit immensen Mühen hatte vermieden werden können. In der Heimat schien man besser gerüstet, stand doch nunmehr in den Läden die dreifache Zahl der Gefriertruhen, etwas mehr als 2.000 (Gefrierkonservensaison, 1942). Das deutete nicht auf einen Angebotsrückgang hin, zumal die Obst- und Gemüseernten deutlich gesteigert werden konnten. Deutsche Ware stand nun neben den Erträgen der anlaufenden europäischen Verbundwirtschaft. Letztere sollte den Unterschied machen, die Konsummöglichkeiten und die Zahl der „Truhenstädte“ weiten, zudem die hohe Qualität garantieren. Die deutsche Landwirtschaft hatte seit jeher große Probleme bei der Lieferung von höherwertigem Obst und Gemüse. Die vor Beginn der NS-Zeit an ausländische Anbieter verlorenen Marktanteile waren auch eine begrenzte Konsumentenrebellion gegen fehlendes Feingemüse und gehobeneres Obst aus deutschen Landen.

Der Konsument als Endziel der Kühlkette (Von l. n. r.: Neues Wiener Tagblatt 1942, Nr. 67 v. 8. März, 12; Westfälische Landeszeitung [Castrop-Rauxel] 1942, Nr. 93 v. 4. April, 3; ebd., Nr. 106 v. 19. April, 8)

Einfacher umzusetzen waren Verbesserungen der Anzeigenwerbung. Hier tat sich der Gefrierkonzern Pankofer hervor, der den von Solo-Feinfrost begonnenen Weg zum Markenartikel konsequent fortsetzte. Parallel zum Ausbau der europäischen Großraumwirtschaft entstand ein auf höherwertige Auslandswaren zugeschnittenes Markenimage, das im Qualitätsdiskurs der Fachleute geschürt worden war. In der professionell gestalteten Werbung erschienen die Hauptfacetten der „Jopa-Tiefkühlung“.

Jopa-Tiefkühlkost-Werbung 1942 (Von l. n. r.: Westfälische Landeszeitung [Castrop-Rauxel] 1942, Nr. 86 v. 28. März; Hamburger Tageblatt 1942, Nr. 104 v. 16. April, 4 (l.); ebd., Nr. 106 v. 18. April, 8)

Da stand einerseits die vielgliedrige Kühlkette, Meisterwerk deutscher Wissenschaft und nationalsozialistischen Großraumdenkens. Die wirtschaftliche Erschließung der Auslandsmärkte materialisierte sich eben nicht nur in Gold, Devisen, Rohstoffen und Zwangsarbeitern, sondern auch in neuen Produkten auf deutschen Tischen. Anderseits aber kündete die Jopa-Werbung vom Vitaminreichtum, der Frische und dem hervorragenden Geschmack der Tiefkühlkost. Hochwertige Nahrung für ein Herrenvolk. Als im Mai der Verkauf beendet wurde, zeichnete man in der Presse die Gefrierkonserve als beliebte Ware. Sie „ist erwiesenermaßen der Dosenkonserve überlegen“ (Am Ende der Tiefkühlkette, Neues Wiener Tagblatt 1942, Nr. 125 v. 7. Mai, 5).

Produktwerbung: Jopas dominante Werbepräsenz 1943/44

Weg von der anonymen Ware: Markenartikel und Markenzeichen (Wiener Illustrierte 62, 1943, Nr. 20, 8 (l.); NS-Frauen-Warte 12, 1943/44, 131)

Ende 1942 endete die Markenfreiheit der Gefrierkonserven. Sie wurden Teil des Rationierungssystems. Dies resultierte nicht aus fehlenden Mengen, denn die Obst- und Gemüseernten konnten auch in der dritten Saison 1942/43 nochmals gesteigert werden. Grund waren nicht zuletzt die gegenüber Dosenkonserven weiterhin deutlich höheren Preisen. Zugleich aber hoffte man dadurch eine auch öffentlich konzedierte Skepsis gegenüber dem Gefriergut zu überwinden: Zahlreiche Hausfrauen „lehnen es ab, weil sie glauben, daß es kein vollwertiges Nahrungsmittel sei und Frischgemüse und -obst nur unvollkommen ersetzen könne“ (Tiefgekühlt – ebensogut wie frisch, Wittener Tageblatt 1943, Nr. 55 v. 6. März, 3). Generell sprach man jedoch vom besonderen Anklang der Tiefkühlkost – und dieser bestand, wenn man die teurere Ware kaufen wollte. Allein der 1938 arisierte Wiener Kolonialwarenhändler Julius Meinl vermerkte in seinen dreißig Filialen Vormerkungen für 75.000 Kunden (Völkischer Beobachter [Wien] 1943, Nr. 46 v. 15. Februar, 4). Gefriergut werde schließlich vielerorts „in größeren Quantitäten als im Vorjahr angeliefert“ werden (Tiefgekühltes Gemüse, Neues Wiener Tagblatt 1942, Nr. 333 v. 2. Dezember, 5). Bei lokalem Überangebot war es zudem möglich, auch mehr als das eine fest zugeteilte Kilogramm Gefrierware zu kaufen (Sortierung der Laufkunden, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 211 v. 25. April, 3).

1943 war wahrscheinlich das Jahr mit dem größten zivilen Absatz der Tiefkühlkost, nunmehr gab es reichsweit offiziell 8.000 Gefriertruhen. Die Anzeigendichte war größer als je zuvor. Jopa blieb Vorreiter, hatte den Weg zur Markenware nicht nur mit entsprechend ausgestatteten Verpackungen beschritten, sondern auch mit einem neuen Warenzeichen und einer Bildmarke, dem stilisierten Eiskristall. Die Anzeigen wurden neu gestaltet, die Zahl der Motive auf mindestens neun ausgeweitet. Zugleich sprach man nicht mehr allgemein von „Tiefkühlung“, sondern offerierte nun gezielt „Kühlkost“, baute also eine doppelte sprachliche Alternative zum „Feinfrost“ von Solo auf.

Wie handhaben? Einführende Anzeigen der zweiten Werbekampagne für Jopa-Kühlkost 1943 (V. l. n. r.: Fliegende Blätter 198, 1943, 139; Litzmannstädter Zeitung 1943, Nr. 84 v. 25. März, 6; Kölnische Zeitung 1943, Nr. 230 v. 8. Mai, 4)

Die Anzeigen dienten der Propagierung der neuen Tiefkühlkost, hatten aber auch spezifischere Aufgaben. Erstens gaben sie der Käuferin genauere Informationen im Umgang mit der Kühlkost: Verpackungshinweise lesen, Ratschläge gegen das rasche Auftauen befolgen, das Gefriergemüse direkt kochen, während man Gefrierobst auftauen lassen sollte, um es dann wie Frischware oder (falls in Zuckerlösung) Kompott weiter zu verarbeiten.

Präsentation einzelner Jopa-Produkte (Simplicissimus 48, 1943, Nr. 14, 215; Neuigkeits-Welt-Blatt 1943, Nr. 197 v. 22. August, 7; Kölnische Illustrierte Zeitung 18, 1943, 393)

Zweitens präsentierte man nunmehr auch einzelne Gefrierprodukte, insbesondere die Spitzenprodukte Erbsen und Erdbeeren. Erstere waren schon gedöppt, küchenfertig einsatzbar; letztere boten einen Hauch von Luxus (und Frühling) im Wintereinerlei. Parallel hob man die Hochwertigkeit der Kühlkost und ihren hohen Conveniencegrad hervor. Der NS-Staat befreite die Hausfrau von unproduktiver Hausarbeit, ein stetes Versprechen der Haushaltsrationalisierung.

Europäische Großraumwirtschaft für die deutsche Konsumentin (Das Kleine Frauenblatt 20, 1943, Nr. 10, 9; Kölnische Illustrierte Zeitung 18, 1943, 546; Der Neue Tag 1943, Nr. 154 v. 5. Juni, 4)

Drittens schließlich positionierte man die Jopa-Produkte als europäische Spitzenprodukte. Der deutsche Konsument erhielt Ware aus Frankreich, den Niederlanden, aus Bulgarien und Italien, hielt gleichsam Ernte im europäischen Garten. Die Indienstnahme ausländischer Ökonomien erhielt einen greifbaren Sinn, erschient als Lohn für den Einsatz, die alltägliche Leistungsbereitschaft.

Werbung auch im Querformat (Illustrierter Beobachten 18, 1943, Nr. 10, 9)

Es gab weitere Nuancierungen, den Wechsel von Hoch- und Querformaten, die Ergänzung von Einzeltexten und Variationen mit Firmennamen und Bildmarke. Werblich war dies gelungen – und die Motive wurden im Folgejahr, der vierten Saison, beibehalten. Während der nach Stalingrad Anfang 1943 offiziell ausgerufene „totale Krieg“ die Investitionsmittel schmälerte und den weiteren Ausbau der Gefrierwirtschaft ausbremste, führten die zunehmend spürbaren Kriegseinwirkungen und die schlechte Obst- und Gemüseernte 1944 zu einem geringeren zivilen Angebot. Trotz vereinzelter Produktinnovationen, etwa tiefgekühlten Beerenkonzentrate als Stärkungsmittel für Rekonvaleszente und Schwangere (Wiener Medizinische Wochenschrift 94, 1944, 170), blieb das Sortiment im Wesentlichen unverändert. Mochte die Wehrmacht auch an allen Fronten auf dem Rückzug sein, die Versorgungslage im Inneren blieb relativ stabil, da man die hierarchischen Kooperationen mit dem Ausland weiter fortführen konnte. Jopa-Kühlkost wurde mit weniger Motiven angezeigt, drei schon 1943 genutzten Anzeigen (Einkaufstasche, Innenverpackung und Fruchtschüssel) erfüllten jedoch den Werbezweck. Zugleich schaltete Pankofer gezielt repräsentative Anzeigen in Vorzeigepublikationen des NS-Staates, kündete so von der weiterhin hohen und kriegswichtigen Produktion der neuen Firma, der neuen Industrie. Wer wollte schon Hungerproteste wie 1917 erleben.

Kontinuierliche Werbebotschaft an repräsentativen Stellen (Das Reich 1944, Nr. 26 v. 25. Juni, 8 (l.); Große Deutsche Kunstausstellung, München 1944, Werbung, 1)

Die Begleittexte in den Tageszeitungen stützten dies, wenngleich eingebettet in die routinierten Formen der Rationierungswirtschaft. Mochte es sich bei der Tiefkühlwirtschaft auch um ein „Kriegskind“ handeln, so lägen ihre größten Zukunftsaussichten jedoch „im Frieden“ (Das fünfte Jahr der Gefrierkonserve, Hakenkreuzbanner 1944, Nr. 92 v. 3. April, 3). Die nunmehr etablierten Unternehmen würden dies garantieren. Parallel aber wies man die zunehmend vom Bombenkrieg gebeutelte Zivilbevölkerung und auch den weiter dienstfertigen Einzelhandel auf ihre Aufgaben hin. Es galt, die Kühlkette weiter aufrecht zu erhalten, „soll nicht der bisher gemachte Kühlaufwand vergeblich gewesen sein“ (Tiefkühltruhen auch in Herner Geschäften, Herner Zeitung 1944, Nr. 144 v. 22. Juni, 3). Die Schlacht um die letzten Gefriertruhen rückte näher.

Produktwerbung: Dezentrale Anzeigen 1941-1944 oder Grenzen der Markenwerbung der Großunternehmen

Der Fokus auf Solo und Jopa, auf die Markenartikelwerbung von 1941 bis 1944, darf allerdings nicht zu falschen Schlüssen führen. Jopa dominierte die Anzeigenwerbung, doch parallel warb auch der wichtigste Konkurrent, einnehmend mit eigenem Warenzeichen. Schließlich besaß Solo Pioniervorteile, zudem das größere Vertriebsnetz.

Gefrierkost als Angebot gehobener Lebensmittelgeschäfte (Der Neue Tag 1942, Nr. 54 v. 23. Februar, 10)

Auch Einzelhändler schalteten weiter Anzeigen. Nicht die Marke stand dabei im Mittelpunkt, sondern der noch mögliche markenfreie Einkauf. Feinkost- und gehobenere Kolonialwarenhändler konnten sich dadurch von der Durchschnittskonkurrenz abheben, der allgemeinen Nivellierung im Einzelhandel noch kurze Zeit entkommen.

Einkaufsvorteil Markenfreiheit (Neue Mannheimer Zeitung 1941, Nr. 43 v. 3. Februar, 8 (l.); Hallische Nachrichten 1941, Nr. 77 v. 1. April, 3)

Bemerkenswert war zudem die Kooperation der Gefrierindustrie mit leistungsfähigen Massenfilialbetrieben, wie etwa Kaiser’s Kaffeegeschäft oder Cornelius Stüssgen. Diese bevorzugten allerdings anonyme Angebote, wollten sich nicht zum Umschlagplatz von Markenware degradieren. Die vom NS-System vielfach übernommenen und strikt kontrollierten Konsumgenossenschaften verkauften ebenfalls anonyme Tiefkühlkost, allerdings keine aus Eigenproduktion. Sie hatten schon zu Beginn der 1930er Jahre die amerikanischen Entwicklungen genauestens beobachtet (Erich Kraemer, Gefrorene Lebensmittel, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 28, 1931, 171-173, 196-197, 216-218) und sahen in der Gefriertechnik eine willkommene Ergänzung ihrer eigenen Dosenkonservierung. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Westen insbesondere nach dem Kauf einer eigenen Fabrik in Wiesloch 1955, sollten die Konsumgenossenschaften für einige Jahre zum Vorreiter der bundesdeutschen Tiefkühlindustrie werden (Hermann Flick, Tiefgekühlte Lebensmittel in den Konsumgenossenschaften, Der Verbraucher 13, 1959, 228-230).

Vertrieb durch Massenfilialbetriebe: Gefrierkonservenangebot bei Kaiser’s Kaffee-Geschäft (Neue Mannheimer Zeitung 1941, Nr. 43 v. 3. Februar, 9)

Tiefkühlkost war – bei vorhandener Gefriertruhe – zudem eine Warengattung, die sich in das gängige Sortiment einfügte. Die neue Technik konnte schließlich abseits der Gefriersaison für die Kühlung von Milchprodukten, Fleischwaren, Wein und Flaschenbier genutzt werden. Die großen Verkaufsmöbel waren auch abseits des späten Winters Ausdruck einer beginnenden Umgestaltung der Läden.

Gefrierkost als Sortimentsbestanteil (Wittener Tageblatt 1943, Nr. 80 v. 22. Juli, 4 (l.); Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 80 v. 21. März, 7)

Bei ihnen aber dürfen wir nicht stehenbleiben. Tiefkühlkost war nämlich nicht nur bei den ersten Verkostungen 1939 ein Aperçu auch der Restaurantküche und der im Handel integrierten Gaststätten (Tiefgekühltes Mittagessen – Kulinarische Überraschungen, Hamburger Fremdenblatt 1940, Nr. 328 v. 28. Oktober, 5). Feinfrost- und Kühlkostwaren repräsentierten ein gehobenes Speisenangebot – und Köche präsentierten zeigestolz den Umgang mit gefrorenen Rohwaren. Nicht nur Gemüse und Obst, sondern auch Fischfilets und „blutfrischer“ Feinfrostkarpfen zeugten von der repräsentativen Qualität des Neuen, die man sich schmecken ließ, zugleich aber auch gern mit anderen teilte (Karpfen in der Tüte, Westfälische Landeszeitung [Castrop-Rauxel] 1941, Nr. 334 v. 3. Dezember, 5).

Gefrierkost als Speisenbestandteil in Gaststätten (Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 80 v. 21. März, 7; Schlesische Sonntagspost 1941, Nr. 5 v. 2. Februar, 10)

Faszination und Realität der Kühlkette

Die Werbung für Tiefkühlkost lässt sich nicht auf die Endprodukte reduzieren. Die neuen Waren wurden als Teil von etwas Größerem vermarktet, dem Aufbau einer neuen Industrie, erst deutsch, dann auch europäisch. Sie etablierten eine „Kühlkette“, begrifflich in den Debatten der Fachleute seit den späten 1920er Jahren etabliert, nach dem Vierjahresplan als Alltagsbegriff verankert. Das Konzept selbst ist älter, schon 1914 präsentierte der amerikanische Praktiker A.M. Mortensen „Betrachtungen über die Notwendigkeit einer umfassenden Organisation der Transportgesellschaften für durchgehende Beförderung verderblicher Waren vom Herkunfts- und Produktionsort nach den Konsumzentren, einschliesslich Verteilung der Waren sowie des Rechts der Ueberführung oder Weiterversendung von einem Markt zum andern“ (Die Kälte-Industrie 11, 1914, 202-204). „Kühlkette“ war griffiger, allerdings irreführend. Denn es ging um eine Gefrierkette, um wesentlich tiefere Temperaturen als die für Butter, Speisefett und Gefrierfleisch erforderliche Kühlung. Zwanzig zusätzliche Grad Celsius. Heute ein Knopfdruck, damals ein Quantensprung. Rudolph Plank (1886-1973), russischstämmiger Doyen der deutschen Kältetechnik, war sich noch 1940 sicher, dass diese Gefrierkette kaum möglich sei, denn „im Augenblick wird ein solcher Spezialwagenpark bei uns kaum zu schaffen sein“ (Neue Lebensmittel- und Kältetechnik, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 47 v. 27. Januar, 4). Gleichwohl war die Kühlkette werblich unverzichtbar, denn die Utopie des großen Ganzen, des Zusammenwirkens der kleinen dezentralen Einheiten, war nicht nur bei Ingenieuren üblich, sondern gerade auch in einer Gesellschaft des „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“. Prozessanalysen wurden damals üblich, Schwachstellenanalysen möglich, erdacht, gepflegt, zum Normalen erklärt. Die Ubiquität von HACCP-Analysen und Wertschöpfungsketten-Analysen unterstreicht ihre bis heute währende Unverzichtbarkeit.

Die „Kühlkette“ zielte auf die einheitliche Koordinierung miteinander verzahnter Sektoren, also der Durchbrechung von aus dem 19. Jahrhundert stammenden Einheitsphantasien wie „Landwirtschaft“, „Industrie“, „Transport“ und „Handel“. Ziel war „die Herstellung einer qualitativ hochwertigen Ware“ und das bedeutete Arbeit und Wandel vom Feld bis zum gedeckten Tisch: „Sie beginnt bei dem Anbau, wo nur das vollkommen einwandfreie, qualitativ hochwertige Frischerzeugnis, sei dies nun Fisch, Fleisch, Gemüse oder Obst, sofort nach Fang, Schlachtung oder Ernte Verwendung finden darf. Der Gefriervorgang selbst muß mit größter Sorgfalt hinsichtlich Vorbereitung des Gefriergutes – Zerteilen, Blanchieren, Verpacken – durchgeführt werden. Die Lagerung selbst muß bei absolut konstanten, tiefen Temperaturen, die für die einzelnen Kühlgüter vorgeschrieben werden, stattfinden. Der Transport, entweder vom Gefrierapparat zum Kühlhaus oder vom Kühlhaus zum Verteiler, findet in isolierten Spezialgefäßen oder Spezialwaggons oder Spezialautos statt. Der Großverteiler bekommt Gefriertruhen geliefert, in denen das Produkt bis zur Abgabe an den Verbraucher weiterhin gefroren lagert, und letzten Endes wird in Zukunft auch der kleinste Verbraucher einmal einen Kühlschrank besitzen, in dem er das Gefriergut noch etwas lagern kann, wenn er es nicht zum sofortigen Verzehr bestimmt hat“ ([Lieselotte] Scupin, Die Zukunft der Gefrierkonserve, Gartenbauwirtschaft 57, 1940, 6). Das war ein faszinierendes Aufgabenfeld, erforderte den Gleichklang der Interessen, des Wollens, der Handlungen. Die Volksgemeinschaft im Richt-Euch!

Die Erdbeere in der Tiefkühlkette (Mosolff (Hg.), 1941, Tiefkühl ABC, 19)

Das öffentlich präsentierte, über Zeitungen und Illustrierte einfach zugängliche Bildmaterial war allerdings in Sequenzen aufgeteilt, denn Einheitlichkeit war schwer herzustellen, zumal bei vier nicht nur kooperierenden, sondern auch miteinander konkurrierenden Gefrierkonzernen, bei unterschiedlichen Techniken und heterogenen lokalen Bedingungen. „Kühlkette“ bündelte jedoch Einzelbilder, so wie der Führerwille das Volk. Und so gaben die veröffentlichten Bilder nicht nur präzise und/oder propagandistische Einblicke in die Praxis der Gefrierindustrie, sondern schufen auch ein Bild des Ganzen im Bewusstsein des Betrachters. Sachliche Richtigkeit erhöhte die Wirksamkeit, war Teil der Werbung, der Propaganda.

Säuberung von Blattspinat vor der Tiefkühlung (Der Südosten 21, 1943, Nr. 5, 11)

Die Bildreportagen setzten gemeinhin mit der Rohware ein, nicht mit der ansonsten gern präsentierten bäuerlichen Arbeit: „Die Erzeugnisse werden von der Anbaufläche zur Konservenfabrik gebracht. Hier wird das Gemüse und Obst in der üblichen Weise gereinigt, geputzt, geschnitten und was sonst zur küchentechnischen Herrichtung gehört. Dann ist das Gemüse kurz vorzukochen, damit die Fermente, die auch bei niederen Temperaturen gewisse chemische Umsetzungen – Farb-, Geruch- und Geschmacksveränderungen – bewirken können, unwirksam gemacht werden“ ([Helmut] Schieferdecker, „Die Kühlkette“, Gartenbauwirtschaft 59, 1942, Nr. 1, 2). Dergestalt erklärt, wurden einfache Brauseköpfe zur Beseitigung der anhaftenden Erde zu etwas anderem, zum reinigenden Vorspiel der Transformation.

Frauenarbeit am Band: Vorbereitung von Blattspinat, Verpackung des Gefriergutes (Der Südosten 21, 1943, Nr. 5, 10)

An den Transportbändern war Frauenarbeit üblich, beim Waschen, insbesondere bei der Verpackung des Gefriergutes. Männer dienten als Zwischenglieder, bei kräftiger Arbeit, vor allem aber beim Bestücken der Plattenfroster, zudem bei der nicht im Vordergrund stehenden Wartung und Reparatur, auch beim Fahren der großen Wagen, dem Rangieren der Waggons. Gezeigt wurde Handarbeit, auch wenn Ingenieure diese möglichst beseitigen wollten.

Vorverpackung von Fischen, Abwiegen von Beerenobst (Kölnische Illustrierte Zeitung 17, 1942, 128 (l.); Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 212 v. 2. August, 5)

Der Blick auf die mechanisch arbeitenden Frauen erlaubte noch den Blick auf die Rohware, auf das zum Gefrieren vorbereitete Gut. Das Bild der Hausfrau, der sorgenden Mutter mochte mitschwingen, doch der Betriebsalltag forderte mehr. Blicken wir in einen Solo-Feinfrost-Betrieb nah bei Hannover: „Sauber, appetitlich frisch liegen die Schnippelbohnen in den hübschen Kästchen aus wasserabstoßendem Material, jede Packung genau auf volles Gewicht des Inhalts geprüft. Flinke Frauenhände legen Manschetten um die Packungen, falten Zellophanhüllen darüber, und dann wandern die Kästchen mit den ‚kochfertig‘ zubereiteten Bohnen in große Kühlschränke hinein, um darin auf minus 38 Grad Celsius ‚feinfrost‘ eingefroren zu werden. In mächtigen Kühlzellen, in denen insgesamt etwa 10 bis 12 Tonnen Feinfrostgemüse gelagert werden können, verlebt unsere ‚Prinzeß‘ eine kurze Uebergangszeit, um dann als stille Reserve für Mutters Kochtopf in die Kühlhäuser der Großstädte gebracht zu werden“ (G.A. Mulach, Im Reiche der ‚Doppelten Prinzeß‘, Hannoverscher Kurier 1941, Nr. 220 v. 10. August, 6).

Das Ideal des vollautomatisch erfolgenden Schnellgefrierens: Das von Linde-Borsig verbesserte Heckermann-Verfahren (Heiss et al., 1942, 26)

Derartige Bilder (und Begleittexte) zielten nicht auf die Strukturen des Gefrierprozesse, sondern knüpfen an haushälterische Logiken an, denn diese waren den Leserinnen und späteren Käuferinnen bekannt. Parallel gab es zahlreiche abstrahierende Schaubilder, in Wissenschaftsillustrierten, insbesondere aber in der Fachliteratur. In den Fachbüchern fehlten allerdings die Menschen, stand die Maschine im Mittelpunkt. Menschen sind fehleranfällig, Maschinen funktionieren. Das spiegelte sich in den vielen Arbeiten zum Heckermann-Verfahren, denn dieses ermöglichte eine kontinuierliche Produktion. Die Maschine wurde bestückt, Vorverpackung war nicht erforderlich, das Gefriergut wurde herausgenommen, in Form gebracht, zersägt, portioniert.

Bestückung eines Plattenfrosters mit Gefriergut und Abpacken in Verkaufsverpackungen (RGA-Illustrierte 1941, Nr. 1 v. 4. Januar, 2 (l.); Velberter Zeitung 1940, Nr. 351 v. 19. Dezember, 7)

Beim Birdseye-Verfahren war Vorverpackung und Einzelbestückung erforderlich, nicht umsonst sprach man auch von „Kälte-Bäckerei“. Der Froster wies Temperaturen von -35 bis -40 °C auf, denn bei diesen Temperaturen wurde das Gewebe, die Zellstruktur nicht zerstört, blieb stabil bis zum Aufbrechen des Gefrierpanzers. In der Presse hieß es flotter: „Nach der Vorbereitung geht die Arbeit des Gefrierverfahrens am laufenden Band. In mit Pergamentpapier ausgelegte Kartons wird das Obst oder Gemüse eingefüllt und genau abgewogen. Zwetschen erhalten als Beigabe eine Zuckerlösung, damit sie als Kompott usw. sofort gebrauchsfertig sind. Die Kartons werden am laufenden Band verschlossen, erhalten noch eine Cellophanumhüllung und wandern dann zu großen Gefrier- oder wie man auch sagt Tiefkühlapparaten, die je 720 Kilo Großpackungen oder etwa 500 Kilo Kleinverpackungen aufnehmen. In zwei- bis dreieinhalb Stunden geschieht bei 32 bis 40 Grad das Einfrosten“ („Durch Feinfrost zur Feinkost“, Anzeiger und Tageblatt [Bad Oeynhausen] 1940, Nr. 268 v. 14. November, 4).

Sicherung der Kühlkette: Tiefkühltruhe und transportable Tiefkühlzellen (Neue Mannheimer Zeitung 1941, Nr. 43 v. 3. Februar, 8)

Die Gefrierkonserven wurden nun umgeladen, Kunsträume der Kälte bargen sie, bewahrten sie bis zum konsumtiven Endzweck. Risiken lauerten bei Unterbrechungen, beim Umladen. Unterschiedliche Transportmittel wurden ersonnen und erprobt, vielfach pragmatisch agiert, denn optimale Lösungen kosteten, waren im Wettbewerb mit dem Rüstungsbedarf kaum erreichbar: „Auf nahe Entfernungen, vom Kühlhaus zur Kühltruhe des Einzelhändlers in derselben Stadt soll der gewöhnliche Lieferwagen genügen. Für größere Entfernungen werden Kühlwagen und Waggons mit Trocken- oder eutektischem Eis, aber auch der Altek-Wagen verwendet. Dabei scheint der Kraftlastwagen wegen seiner niedrigeren Kosten bevorzugt zu werden“ (Kühldienst für Lebensmittel, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 267 v. 28. Mai, 4). Deren Zahl war allerdings begrenzt, ebenso die Gefrierflächen in den Kühlhäusern.

Beweglichkeit durch Gefriercontainer: Solo-Feinfrost-Transporter mit Dreiachsanhänger von Brown, Boveri & Cie. sowie Universal-Tiefkühlbehälter von Kässbohrer (Mosolff (Hg.), Aufbau, 1941, 106 und 98)

Gleichwohl durften diese Zwischenelemente nicht fehlen, denn sie spiegelten das Bild einer mobilen Industrie, mochte die Tiefkühlkost auch gemeinhin über Monate stillstehen, bis hin zum finalen Transport in den Laden. Dort warteten Gefriertruhen, gern gezeigt, doch „noch nicht bis zum letzten ausprobiert“ (Wirtschaftsfragen im Lebensmittel-Handel, Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 111 v. 22. April, 5).

Der Einzelhändler als Bediener der ladengebundenen Gefriertruhe (Hannoverscher Kurier 1941, Nr. 84 v. 5. März, 6) (l.); Aushändigung der gewünschten Ware (Kölnische Illustrierte Zeitung 17, 1942, 128)

Nun endlich sah sich die Leserin in ihrer Sphäre, adrett gekleidet in damaliger Mode, umzirzt von Verkäuferinnen in ihren unverzichtbaren Kitteln. Die Bildreportagen blendeten die Zwischenprodukte aus, tiefgefrorene Pulpen, Fruchtfüllungen, Getränkekonzentrate, zunehmend üblich in Bäckereien und Abfüllereien, vom Kunden nicht als Gefriergut wahrgenommen. Stattdessen erklang das Loblied der neuen Waren: „Wir sehen sie im Laden stehen, eine schmucke, weiße Truhe, hinter deren isolierten Wänden eine Temperatur von minus 35 Grad Celsius herrscht. Der Verkäufer öffnet mit einem Griff die Klappen: ‚Was darf es also sein, Obst oder Gemüse? Uebrigens können Sie auch kochfertigen Fisch bekommen…‘ Unsere Hausfrauen werden einem neuen Werbespruch ihre Aufmerksamkeit schenken müssen: ‚Gemüse erntefrisch auch im Winter auf den Tisch!‘ Freilich, muß man bei der Verwertung von Obst ein bißchen Geduld haben. Man kann die Früchte nicht gleich auf der Zunge zergehen lassen, denn bei normaler Zimmertemperatur dauert das Auftauen etwa vier Stunden. Schneller ist das Gemüse tafelfertig, weil es am besten im gefrorenen Zustand ins kochende Wasser gegeben oder gedämpft wird“ (Hannover, 1941).

Gute Ratschläge für den richtigen Umgang mit dem Gefriergut (Hans Mosolff (Hg.), Tiefkühl ABC, Hamburg 1941, 26)

Noch war Gefriergut erklärungsbedürftig, doch Anzeigenwerbung, Zeitungsartikel, Ratgeber und auch Beratung durch die NS-Frauenschaft wiesen den richtigen Weg. Der Rest würde sich im Gespräch zwischen nicht nur blonden Hausfrauen regeln, denn Novitäten waren wohl spannender als die Fährnisse der Kinderlandverschickung, Luftschutzdienste, Klagen über die stetigen Sammlungen. Und zu anderem schwieg man lieber, schaute weg; Erdbeeren im Winter, lecker!

Geöffnetes Gefriergut (Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 212 v. 2. August, 5 (l.); Hans Mosolff, Der Aufbau der deutschen Gefrierindustrie, Der Vierjahresplan 5, 1941, 600)

In der Tat: Die Bildberichte erlaubten den Blick just auf die Ware, sollte frau doch wissen, was in den weißen Papp-Packungen zu erwarten war. In wenig Reif überzog das Gefriergut, doch schon kurze Zeit später war es nutzbar, würde schmecken.

Umgang mit tiefgefrorenen Kartoffeln und Eiern (Margriet 1942, Nr. 5, 6)

Auch dazu gab es Anleitungen, die Fragen zu fehlenden Haushaltsgefriertruhen allerdings kaum erörterten. Die Hoffnungen auf den Volkskühlschrank waren bereits zerstoben, bei Kriegsbeginn gab es im mächtigen Deutschen Reich lediglich 250.000 Elektrokühlschränke. Dem galt es sich anzupassen: „Da die Haushaltungen nicht in der Lage sind, das Gemüse richtig aufzubewahren (selbst der gewöhnliche Eisschrank und Kühlschränke reichen nicht aus), ist es also unmöglich, die Feinfrostgemüse im Haushalt zu lagern. Jeder Haushalt kaufe deshalb nur die Menge, die er tatsächlich schnell verbrauchen kann“ (Tiefgefrorenes Obst und Gemüse, Litzmannstädter Zeitung 1943, Nr. 72 v. 13. März, 4). So hieß es in Litzmannstadt, der aufstrebenden Metropole im Osten – in den deutschen Wohnquartieren, nicht im nahegelegenen Ghetto, in der Saison zuvor Hauptlieferant des KZ Kulmhof, doch immer noch zeitweiliger Bewahrort preiswerter Arbeitskräfte.

Gefrierkost als Teil einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft

Erhöhen wir am Ende dieser Analyse der Werbemittel nochmals den Abstraktionsgrad. Denn Werbung für Gefrierkost blieb nicht beim Produkt stehen. Sie traf Aussagen über die Konsumwelt der Gegenwart, über die Hoffnungen auf die kommende voll ausgebildete nationalsozialistische Konsumgesellschaft – oder sollte man im Sinne der Sprache der Zeit nicht besser von einer Konsumgemeinschaft reden? Gefrierkost stand für die Leistungsfähigkeit des NS-Regimes in der Gegenwart, zugleich aber für die Zukunftsvorstellungen von Funktionseliten und Volk. Warum sonst hätte man während des Krieges mit dem Aufbau einer so komplizierten und kapitalintensiven Industrie beginnen können? Dieser Ausgriff auf die Zukunft war nicht allein hilfreich, um bestehende Probleme kleinzureden. Es ging in zahlreichen Zeitungsartikeln just um die anvisierte Utopie eines NS-Regimes im Frieden. Über das bestehende, vom Krieg in Anspruch genommene, mit Makeln versehene könne, ja müsse man reden. Doch am Beispiel der neuen Tiefkühlkost wurde auch über das nach dem Sieg sich etablierende Großreich sinniert, mächtig, prosperierend, ohne Mangel, voller Optionen. Lebensmittel würden erntefrisch sein, die saisonale Enge durchbrochen.

Innovationsversprechen Gefrierkonserve: Vorbote der kommenden Konsumgesellschaft (Merseburger Zeitung 1940, Nr. 264 v. 24. September, 7)

Diese nationalsozialistische Konsumgesellschaft würde die bisherigen sozialen Schranken durchbrechen, den Lebensstandard erhöhen, dem einfachen Bürger das bieten, was zuvor nur wenigen vorbehalten war: „In Zukunft wird man also auch im Winter frischen Spargel, frische Erdbeeren und frischen Gurkensalat auf dem Tisch bringen können“ (Fische, Obst, Gemüse zu jeder Tageszeit frisch auf den Tisch, Anzeiger und Tageblatt [Bad Oeynhausen] 1940, Nr. 232 v. 3. Oktober, 4). Es ging um Teilhabe an den materiellen Möglichkeiten der Welt, schon jetzt in kleinen Packungen symbolisch greifbar, doch die „vollständige Vollendung“ werde folgen (Wenn es Fisch zu kaufen gibt…, Westfälischer Beobachter 1942, Nr. 355 v. 29. Dezember, 3). Nach dem Sieg werde sich der „Tisch mit selbst in Vorkriegszeiten nicht erträumten Genüssen decken (Tiefkühltruhen auch in Herner Geschäften, Herner Zeitung 1944, Nr. 144 v. 22. Juni, 3). Jeder würde mitgenommen, keiner zurückgelassen: „Auch der kleinste, mit den bescheidensten Mitteln ausgestattete Haushalt wird sich den Auswirkungen der Gefrierkonserven auf seine Wirtschaftsführung nicht mehr entziehen können“ (Europäische Lebensmittel-Kühlkette im Werden, Bremer-Zeitung 1944, Nr. 159 v. 11. Juni, 7). Vieles sei bereits geschehen, mehr werde folgen: „Hunderttausende Einzelhandelsgeschäfte warten bereits auf Gefriertruhen“ (Die Gefrierkonserve im Vormarsch, Gartenbauwirtschaft 57, 1940, Nr. 40, 4). Gewiss, das waren Versprechungen, ungedeckte Schecks auf die Zukunft. Doch sie gründeten auf Bestehendem – und der überbrückende Rest erfolgt im Kopf des Lesers, der Käuferin.

Gefrierkonserven als Abglanz einer neuen Konsumwelt: Schlagzeiten 1940/41 (Von oben n. unten: Anzeiger und Tageblatt 1940, Nr. 232 v. 3. Oktober, 4; Westfälische Tageszeitung 1941, Nr. 32 v. 2. Februar, 10; Völkischer Beobachter [Wien] 1941, Nr. 166 v. 15. Juni, 10; Westfälische Tageszeitung 1941, Nr. 350 v. 19. Dezember, 5)

Glaubwürdigkeit gewannen derartige Konsumszenarien aber nicht nur anhand der bestehenden Angebote. Sie standen eben für mehr, schon zu Kriegszeiten. Da war erstens ihre Modernität, die darin eingebettete Vorstellung von technischem Fortschritt. Alles Neu hieß es bereits im Blick auf die konkurrierenden Konservierungsverfahren: „‚Weckgläser‘ und ‚Konservendosen‘ sind zwar auch heute noch durchaus neuzeitliche Erscheinungen, aber erst die moderne Gefriertechnik, die in der jüngsten Zeit von deutschen Fachleuten vervollkommnet wurde, ist in der Lage, das Problem zu lösen“ (Die Gefrierfibel, Westfälische Zeitung 1940, Nr. 157 v. 6. Juli, 11).

Neuartige Verpackungen: Gefrierkonserven in Papp-, Spezial- und Zellglaskartons (Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 663 v. 29. Dezember, Technik und Betrieb, 2)

Das Neue des Neuen unterstrichen auch die Verpackungen der Tiefkühlkost. Sie waren nicht nur Spielwiese von Verfahrenstechnikern und Werkstoffspezialisten, sondern fühlten sich in der Tat anders an, sahen anders aus als gängige Dosen, Nährmittel- und Trockenwarenumhüllungen (vgl. Neue Konservendosen, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 237 v. 11. Mai, 5; Johannes Hoffmann, Wandlung des Werkstoffes Papier, Frankfurter Zeitung 1941, Nr. 663 v. 29. Dezember, Technik und Betrieb, 2 sowie allgemein Spiekermann, 2018, 458-465). Sie waren leicht, funktional, stapelfähig, innen beschichtet, mit Cellophan ausgelegt. Flüssigkeits- und Obstverpackungen waren mit Leichtmetall verstärkt, standen aufrecht, Zellglas gab ihnen eine knisternde Aura.

Zweitens war Gefrierkost neu, galt als „Volksnahrungsmittel zu gleichblei­benden gerechten Festpreisen während des ganzen Jahres“ (Mosolff, 1940, 142-143). Während tradierte Lebensmittel immer auch den Büttel der überwunden geheißenen Klassengesellschaft mit sich trugen, wie Butter und Margarine zwischen Bürgern und Arbeitern schieden, sei es nun möglich, eine Innovation gerecht auszugestalten, mit erschwinglichen Preisen für alle. Wer arbeite, solle auch essen. Die Preise waren noch hoch, doch der Fortschritt führe zu Gerechtigkeit: „Die Zeit geht weiter, die Erfinder sorgen für den Fortschritt!“ (Hannover, 1941)

Drittens besaß Tiefkühlkost auch eine volksbiologische und rassistische Komponente. Sie sei Vorzugsspeise, Augenweide, erlaube die Pflege der leistungsfähigen Deutschen, die Hege der kommenden Geschlechter: „Unabhängig von der Jahreszeit macht es die Tiefkühlung werdenden und stillenden Müttern möglich, ihre Ernährung vielseitiger und hochwertiger zu gestalten, was für Mutter und Kind von unschätzbarem Nutzen ist. Ein Volk kann mit Tiefkühlung gesünder und leistungsfähiger werden als es ihm sonst sein Lebensraum erlauben würde, denn ihm steht die Möglichkeit offen, sich hochwertige und insbesondere vitaminreiche Erzeugnisse an Obst und Gemüse aus klimatisch günstigen Nachbarländern mehr als bisher nutzbar zu machen“ ([Franz G.M.] Wirz, Tiefgekühlte Lebensmittel sind die besten Diener der Gesundheit, in: Mosolff (Hg.), Tiefkühl ABC, 1941, 3-4). „Erntefrische“ bedeutete ausreichend „Wirkstoffe“, um die höherwertigen Erbanlagen voll ausbilden zu können.

Die Antizipation einer kommenden nationalsozialistischen Konsumgesellschaft war einfacher fortzusetzen als in der Anzeigenwerbung und Bildreportagen. Sie war Fiktion, die Glauben erforderte, aber auch Kräfte weckte. Sie sprach unterschwellig von den Belohnungen nach dem Sieg, über den Sinn der Entbehrung, der Anstrengungen und Opfer. Ein kommunikativer Strohhalm, an dem man sich klammern konnte, wenn man denn wollte. Im kriegsverwüsteten Hamburg verwies man noch kurz vor Weihnachten 1944 getreu auf „tiefgreifende wirtschaftliche, ernährungsphysiologische und gastronomische Wandlungen“ (Hamburger Anzeiger 1944, Nr. 134 v. 6. Dezember, 2) durch die Gefrierkonserven. Objektiv ebbte die Werbung in allen drei Formen mit der Integration der Tiefkühlkost in das Rationierungssystem 1943 langsam ab. Da es nicht gelang, die Absatzmengen plangemäß auszuweiten, damit die Preise zu verringern und das neue Angebot als „Volksnahrungsmittel“ zu verankern, glich die bis Ende 1944 weiter präsentierte Werbewelt eher der schon seit 1942 vielfach üblichen Erinnerungswerbung. Doch sie war zugleich, rigiden Werberestriktionen und der wachsenden Papierknappheit zum Trotz, bis Mitte 1944 alltagspräsent. Die 1944 eingefrorenen Bestände konnten 1945 allerdings nicht mehr geordnet ausgeliefert werden.

Werbung, Propaganda und die Frage nach der „Realität“ der Tiefkühlkost

​​Es ist notwendig, die Selbstbilder der nationalsozialistischen Konsumgesellschaft zu aus analytischen Gründen zu rekonstruieren. Nur so kann diese Zeit, können die Träger dieses Aberwitzes abseits der einfachen Verführungsnarrative verstanden werden. Doch es ist auch zugleich Aufgabe der Analyse, die Brüche bereits im zeitgenössischen Diskurs über Tiefkühlkost und die bestehenden Problemlagen der Gefrierindustrie aufzuzeigen. Das ist möglich, war angesichts der hier gewählten Quellen auch damals möglich. Zuvor aber ist es erforderlich, das Geschehen ansatzweise zu quantifizieren, um zumindest graduelle Aussagen über die Bedeutung der Gefrierindustrie und ihre Stellung im Versorgungsalltag treffen zu können.

Quantitative Angaben auf teils wackeligen Beinen

Festzuhalten ist erstens, dass die „Kriegserzeugungsschlacht“ zu einem massiver Bedeutungsgewinn des Gartenbaus während des Zweiten Weltkrieges führte.

Die Rohstoffgrundlage für die Gefrierindustrie wurde damit deutlich erweitert. Die Gemüseernten stiegen von 4,6 Mio. Tonnen 1939/40 auf 8,5 Mio. Tonnen 1942/43, sanken in der Folgekampagne auf 7,0 Mio. Tonnen, um dann wieder anzusteigen (Kurt Häfner, Materialien zur Kriegsernährungswirtschaft 1939-1945, s.l. s.a. (Ms.), Kap. Entwicklung der Versorgung mit den wichtigsten Nahrungsmitteln, 27). Unter Einberechnung der Kleingärtenerträge und der nicht unbeträchtlichen Einfuhren, angesichts der um fast neun Millionen gestiegenen Zahl verpflegungsberechtigter Menschen, ergab sich ein Jahresverbrauch von 1939/40 50, 1941/42 60, 1943/44 etwa 70 und 1944/45 77 Kilogramm (Ebd., 23). Bei Obst gab es witterungsbedingt größere Schwankungen: 1939 und 1943 gab es gute, 1940 bis 1942 geringe und 1943 eine mittlere Ernte. Etwa die Hälfte der Erträge wurde über das Rationierungssystem verteilt. Der geschätzte Prokopfkonsum betrug 1939/40 49, 1941/42 23 und 1944/45 31 Kilogramm (Ebd., 28, 24). Der Gefrierindustrie standen also stark wachsende Mengen an Rohware zur Verfügung. Angesichts der relativen Stagnation der Produktion ab 1942/43 spiegelt diese die Qualitätsprobleme des deutschen Gartenbaus, den Übergang insbesondere zu Massenware und die objektiv nur geringe Bedeutung der Gefrierkonservierung für die landwirtschaftliche Branche.

Deutsche Tomaten (als Mark gefrierfähig), deutscher Feldsalat (nicht gefrierfähig), farbig eingefangen (Deutscher Garten 58, 1943, 75 (l.), 51)

Zweitens: Die Einführung der Tiefkühlkost war Teil einer allgemein zunehmenden Bedeutung von konserviertem Obst und Gemüse. Die höchsten Steigerungsraten wies die Trocknungsindustrie auf, während die Dosenkonservierung insgesamt dominierte. Gefrierkonserven gewannen nicht unerhebliche Anteile, die aber vor allem auf fehlende Konservendosen zurückzuführen waren.

Die Produktion von Obst- und Gemüsekonserven stieg von 1932 82 Mio. Kilogrammdosen auf 1939 fast 200 Mio. Stärker noch legten die Produktionsmengen von Trockengemüse, Süßmost/Fruchtsaftgetränken und Frucht- und Mischmarmeladen zu (Mehr Gemüse und Obstkonserven, Frankfurter Zeitung 1939, Nr. 235 v. 10. Mai, 3). Der Anteil der Tiefkühlkost am Konservierungsmarkt betrug 1940 etwa ein Sechstel bis ein Fünftel (Control over Occupied Territories improves economic Position of the Reich, Chemical & Metallurgical Engineering 47, 1940, 500-502, hier 501). Bis 1943 stieg der Anteil an der konservierten Rohware allerdings auf mehr als ein Drittel (Wo bleibt das Gemüse?, Der Oberschlesische Wanderer 1943, Nr. 181 v. 4. Juli, 6).

Plandaten im lockenden Schaubild (Stuttgarter NS-Kurier 1940, Nr. 308 v. 7. November, 8)

Drittens: Für eine solide quantitative Bewertung der Gefrierindustrie fehlen die verlässlichen Quellen. Die britischen und einheimischen Schätzungen belegen allerdings eine kontinuierliche Produktion, die noch 1944 bei knapp einem halben Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung gelegen haben dürfte.

Nach technischer Erprobung 1937/38 wurde 1939 auf niedrigem Niveau mit der Pro­duktion von Tiefkühlkost begonnen. 1940 dürften ca. 22.000 Tonnen Gefriergüter produziert worden sein, davon 14.000 Tonnen Obst und Gemüse, sowie 7.000-8.000 Tonnen Fisch (Mosolff (Hg.), 1940, Aufbau, 17). Parallel wurden auch 25.000 Tonnen genannt (Gartenbauwirtschaft 57, 1940, Nr. 40, 4). Damals waren etwa 100 Tiefgefrierappa­rate im Einsatz, von denen 74 in 27 Dosenkonservenfabriken aufge­stellt wurden (Etwas über die deutschen „feingefrorenen“ Nahrungsmittel, Braun­schweigi­sche Konserven-Zeitung 1942, Nr. 29/30, 7-8, hier 8). Ihre Kapazität betrug täglich 200 bis 800 Tonnen (Gefrorene Nahrungsmittel, Frankfurter Zeitung 1940, Nr. 380 v. 28. Juli, 4). Die Zielmargen für 1942 lagen bei 120-150.000 Tonnen (Die Gefrierkonserve im Vormarsch, Gartenbauwirtschaft 57, 1940, Nr. 40, 4). 1943 sollten mehr als 200.000 Tonnen aus (Ebd., 8).

Die Zahl der Gefriertruhen, ein zentraler Indikator für den Zivilverkauf, soll zu Beginn der Kampagne 1940/1941 etwa 1.000 betragen haben, im Frühling 1942 ca. 2.500, Ende 1942 ca. 6.000 und zu Beginn des Verkaufs 1943 etwa 8.000 (Gelenkter Ausbau der Gefrierkonserven-Industrie, Stuttgarter Neues Tagblatt 1940, Nr. 211 v. 3. August, 7; Packenius, 1941; Neue Formen der Gemüseverwertung, Kölnische Zeitung 1942, Nr. 145 v. 20. März, 3; Wo bleibt das Gemüse?, 1943). Dies spricht für einen rasch steigenden Verkauf von Tiefkühlkost an die Zivilbevölkerung, basierend vor allem auf den nicht quantifizierbaren Importen aus dem europäischen Ausland.

Produktion von Obst- und Gemüsegefrierkonserven im Deutschen Reich 1941 bis 1944 und in der Bundesrepublik Deutschland 1948 bis 1964 (Tiefkühlgemüse und -obst in Deutschland, Die industrielle Obst- und Gemüseverwertung 50, 1965, 341-344, hier 344)

Spätere Schätzungen der Dosenkonservenindustrie geben eine Gefrierkonservenproduktion von 1941/42 9.000, 1942/43 15.400 und 1943/44 11.500 Tonnen Obst und Gemüses an. Diese Daten berücksichtigen die wahrscheinlich deutlich höher liegende Produktion im europäischen Ausland nicht. Hinzu käme Gefrierfisch in unbekannte Menge. Dagegen stehen die eingangs schon zitierten Schätzungen der britischen Analysten, die unmittelbar nach Kriegsende von einer Produktion von 40.000 bis 45.000 Tonnen für 1944 ausgingen (Mangan et al., 1945, 45). Da ihr Blick auf die Gefrierkonzerne gerichtet war, sie also auch die Auslandsproduktion berücksichtigen, dürften die Produktionsmengen zumindest in den zwei vorherigen Kampagnen nicht unerheblich höher gelegen haben.

Fasst man zusammen, so lassen sich die Größenordnungen der Gefrierindustrie im Deutschen Reich in groben Zügen nachzeichnen. Einer raschen Wachstumsphase mit Ausbau entsprechender Kapazitäten folgte ein weiteres moderateres Wachstum, das vor allem auf der europäischen Expansion der Gefrierkonzerne gründete. Die Wehrmacht mochte bevorzugt beliefert worden sein, doch der Aufbau der Gefriertruhenkapazitäten lässt eine überproportionale Belieferung des Zivilsektors nicht unwahrscheinlich erscheinen. Bezogen auf die Gesamtversorgung mit Obst und Gemüse blieb die Tiefkühlkost jedoch von quantitativ zweitrangiger Bedeutung. Die vorhandenen Strukturen waren aber mindestens so solide wie Anfang der 1960er Jahre, als sich Tiefkühlkost in West- und Ostdeutschland zu einem unverzichtbaren Marktsegment entwickelte.

Rationierungspraxis und Konsumentenkritik

Bisher wurden Einschätzungen und Reaktionen der Konsumenten nur indirekt eingefangen. Das veränderte sich ansatzweise durch die Integration der Gefrierkonserven in die Rationierung. Dadurch wurden ihnen einerseits klare Vorgaben für ihre Warenbeschaffung gegeben. Anderseits aber waren sie seither auch Gegenstand der Überwachung durch den Sicherheitsdienst der SS, für den die Lebensmittelversorgung seit Beginn der Rationierung ein möglicher Hort des Aufruhrs und des Protestes war.

Die markenfreie Versorgung mit Gefrierwaren war Folge der begrenzten gefriertechnischen Absatzstrukturen. Kühlhäuser und Gefriertruhen ließen sich nur in Großstädten und industriellen Agglomerationen kostendeckend nutzen. Auch wenn sich die Versorgung offiziell auf Orte konzentrierte, die „überwiegend keine Verbindung mit dem Lande haben und mit unbewirtschafteten Lebensmitteln weniger gut versorgt sind als kleinere Städte und das flache Land“ (Erlaß. Betrifft: Verteilung von Gemüse und Obstkonserven v. 28. Oktober 1940, Deutscher Reichsanzeiger 1940, Nr. 286 v. 5. Dezember, 2-3, hier 2), so kennzeichnet der zeitgenössische Begriff „Truhenstadt“ die Auswahlkriterien doch präziser. Die rasch wachsende Zahl der Gefriertruhen und der Verkaufsdruck für die im europäischen Ausland erzeugten und bezahlten Gefrierwaren führten 1943 dann zur Bewirtschaftung. Für die Industrie bedeutete das höhere Planbarkeit und sicheren Absatz, zumal sich angesichts der zurückgefahrenen Ausbaupläne an der Zahl der belieferten Städte nur noch wenig änderte.

1943 konnten die zuständigen Ernährungsämter tiefgefrorenes Obst und Gemüse ab Februar ausgeben, sollten das Angebot aber nicht vor Mitte Mai einstellen: „Die Ausgabe der Gefrierkonserven kann mit Rücksicht auf das Fassungsvermögen der Kühltruhen und die ständig fließende Nachlieferung von Gefrierkonserven an die Geschäfte nur allmählich erfolgen; die Verbraucher sind beim Aufruf hieraus ausdrücklich aufmerksam zu machen“ (Verkündungsblatt des Reichsnährstandes 1942, 519). „Aufruf“ bedeutete, dass Ware verfügbar war. Konsumenten waren an bestimmte Einzelhändler gebunden, mussten vorsprechen, der Kauf wurde dann durch einen Stempel im Haushaltsausweis bestätigt, teils gab es auch gesonderte Bezugsscheine (Sortierung der Laufkunden, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 211 v. 25. April, 3). Es gab keinen Anspruch auf bestimmte Sorten, selbst die Wahl zwischen Obst und Gemüse konnte der Einzelhändler selbst treffen. Das eine Kilogramm Gefrierkonserven gab es nur auf Voranmeldung, fehlte diese, so erhielt man Dosenkonserven, die aufgrund der unzureichenden Schwarzblechdosen oder anderer Ersatzmaterialen aber vielfach deutliche Qualitätsmängel aufwiesen. Dosenware dominierte, etwa ein Fünftel dieser Konserven wurde als Gefrierware ausgegeben, in Städten mit vielen Gefriertruhen konnten es aber auch fast die Hälfte sein (Gefrierkonserven gleichberechtigt, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 112 v. 2. März, 2. Morgenbl., 3). Der um 20 bis 25 Prozent höhere Preis der Tiefkühlkost wirkte regulierend, andernfalls entschieden Voranmeldungen und Einzelhändler. Generell war das in geringerer Menge ausgegebene gefrorene Obst deutlich begehrter als Gefriergemüse (Tiefkühlkonserven, Tages-Post [Linz] 1943, Nr. 88 v. 14. April, 6).

Der Konsument als Bittsteller: Karikatur auf das hierarchische Verhältnis von Käufer und Verkäufer (Illustrierter Beobachter 1943, Nr. 27, 12)

Das Rationierungssystem klärte zwar Zuständigkeiten, doch im Falle eines Falles wurde vor Ort verhandelt, wurden Beziehungen genutzt, war der Umgangston harsch. Das Recht auf Nahrung, auf gute Ware wurde strikt verteidigt. Das betraf insbesondere eine an sich hochwertige Ware wie Tiefkühlkost: „In Meldungen zur Ernährungslage und Lebensmittelversorgung werden immer wieder Klagen der Verbraucher über die Qualität der Gemüsekonserven und das Trockengemüse wiedergegeben. […] Die Hausfrauen seien entsetzt darüber, dass ihnen für teures Geld eine derart schlechte Ware angeboten werde“ (Meldungen aus dem Reich 1943, Nr. 379 v. 29. April, 24, Bundesarchiv R 58 182-0350, 350). Der Sicherheitsdienst der SS hatte ähnliches schon Ende März 1943 aus Hamburg gemeldet. Dort waren die Hausfrauen verstimmt. Einerseits waren die Preise hoch, tendenziell zu hoch, anderseits erhielten sie statt erstklassiger Ware faktisch Überraschungspakete. Nicht die aus Bildreportagen bekannten feinen Erbsen oder Karotten gab es, sondern ordinären Kohlrabi, Möhren und gar Zwiebeln. Das Wurzelgemüse gab es bereits frisch für ein Zehntel des Preises. Die Hausfrauen stellten Logik und Expertise der Gefrierexperten beredt in Frage, denn frische Zwiebeln seien doch wohl gesünder als die Gefrierkonserven. Die Anbieter schienen offenbar alles verfügbare Gemüse in die Froster gepackt, keine Rücksicht auf das eigene Markenimage genommen zu haben. Auch beim Vorputzen gäbe es beträchtliche Mängel, Bohnen seien etwa mit den Fäden eingefroren worden. Und wie diese ziehen, da man sie doch frostkalt ins kochende Wasser werfen solle? Es seien daher „Maßnahmen erforderlich seien, die es der Industrie im neuen Erntejahr unmöglich machen, Gemüse in großen Mengen frei zu kaufen“. Die Tiefkühlindustrie solle sich allein „auf die Verarbeitung von hochwertigem und nicht langerfähigem Gemüse beschränken“ (Ebd. 1943, Nr. 371 v. 29. März, 25, Bundesarchiv R 58 10695, 151). Ähnlich berechtigter Zorn wurde auch aus dem Ruhrgebiet berichtet. Auch dort habe man Gefriergemüse parallel zu dem deutlich billigeren Frischgemüse ausgegeben. Nun verkaufe es sich schlecht, laufe gar in Gefahr zu verderben. In Hagen mussten Lieferfahrzeuge gar unausgeladen zum Kühlhaus zurückfahren. Das entspräche nicht der nötigen Sparsamkeit im „totalen Krieg“. Und es sei schon paradox, dass sich Gefriergutproduzenten nicht an die saisonbedingten Verhältnisse anpassen könnten (Meldungen aus dem Reich 1943, Nr. 379 v. 29. April, 25, Bundesarchiv R 58 182-0350, 351). Die Berichte verdeutlichen, dass Hausfrauen die Versprechen der Anbieter ernst nahmen, dass sie eine hochwertige Ware zeitig erhalten wollten, dass sie aber dann grollten, ja grollen mussten, wenn die Versprechungen nicht gehalten wurden.

1944 gab es ähnliche Problemlagen, vor allem aber zu wenige und dann vielfach zu späte Lieferungen. Die Logistik der Produzenten war teils unausgereift, teils wurde die Ware nicht regelmäßig ergänzt, da half auch hochwertiger Inhalt wenig (Ausgabe von tiefgefrorenem Gemüse, Siegener Zeitung 1944, Nr. 110 v. 12. Mai, 3). Besondere Probleme hatten Laufkunden, denen ihr Recht auf Einkauf abseits des eigenen Stammgeschäftes wenig half. Da kein Rechtsanspruch auf Ware bestand, hieß es häufig: „Wir bitten daher die Verbraucher, Geduld zu haben“ (Zur Ausgabe von tiefgekühltem Obst und Gemüse, Oberdonau-Zeitung 1944, Nr. 144 v. 26. Mai, 4). Geduld aber war im Umfeld zunehmend karger, kaum ausreichender Rationen ein noch knapperes Gut als Tiefkühlkost.

Zwischen Luxuskost und Volksnahrungsmittel: Hohe Preise als selbstgeschürtes Problem

1939 hatte der Schriftsteller Bruno Frank (1887-1945), der als Jude und Republikaner das Deutsche Reich nach dem Reichstagsbrand hatten verlasse müssen, eine kleine antinationalsozialistische Kampfschrift namens „Lüge als Staatsprinzip“ geschrieben (Bruno Frank, Lüge als Staatsprinzip, hg. v. Peter Graf und Tobias Roth, Berlin 2024). Lüge sei Grundprinzip des NS-Regimes, aller seiner Repräsentanten, des von ihnen beherrschten Staates. Die Philippika wurde seinerzeit nicht veröffentlicht, wäre bei der Mehrzahl der Deutschen auch nicht auf großen Widerhall gestoßen. „Wahrheit“ und „Ehrlichkeit“ galten offiziell als Tugenden des Regimes, die Glaubwürdigkeit von Vorhersagen, Zielsetzungen und Verheißungen wurden in der gelenkten Presse immer wieder betont. Selbstverständlich handelte es sich um begriffliche Instrumente der Herrschaftssicherung – doch viele Aussagen fanden Glauben, galten nicht von vornherein als Lügen.

Ideal Volksnahrungsmittel (Westfälische Neueste Nachrichten 1940, Nr. 30 v. 5. Februar, 5)

Gefrierkonserven wurden von Anfang an als „Volksnahrungsmittel“ propagiert, einem seit Mitte des 19. Jahrhunderts gern gewählten Begriff, um Popularität und Massentauglichkeit neuer Lebensmittel zu bezeichnen, um aber auch neuen Angeboten einen Weg in den Massenmarkt zu bahnen. 1940 stand dieser Begriff zudem in einer Kette mit vielfältigen „Volksprodukten“, dem Volksempfänger, der Volksgasmaske, dem Volkswagen und dem schon erwähnten Volkskühlschrank. Ihnen gemein war ein günstiger, vom Durchschnittsbürger grundsätzlich bezahlbarer Preis. Und so war die Einführung der Tiefkühlkost von einem vielstimmigen Chor begleitet: „Gefrierware soll kein Luxusartikel sein, sondern ist für die Versorgung der breiten Masse der Bevölkerung bestimmt“ (Gefriererzeugnisse 1941, Meinerzhagener Zeitung 1941, Nr. 142 v. 20. Juni, 4). Das traf jedoch offenkundig nicht zu, zumindest war sie 20 bis 25 Prozent teurer als Dosenware, die ihrerseits mehr kostete als frische, dann allerdings noch zu bearbeitende Angebote.

Grund dafür war offiziell die hohe Qualität, waren gewiss auch die hohen Anlage- und Kapitalkosten, zudem der noch geringe Absatz. Doch man versprach sinkende Preise, angelehnt an gängige Dosenware. Erreicht werden könne dies durch die „zweckmäßige Sortenwahl der Rohware sowie die Vereinfachung und Verbilligung des Produktionsganges und des Weges zum Verbraucher“ (Gefrierkonserve als Volksnahrungsmittel, Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 80 v. 21. März, 6). Dafür gab es breite Unterstützung, denn Tiefkühlkost sollte in einer gerechten und sozialen Volksgemeinschaft eben nicht „nur eine Angelegenheit der Feinschmecker mit großem Geldbeutel“ sein, sondern Speise für jeden Volksgenossen. Anfangs wurden die hohen Preise noch gerechtfertigt, seien diese doch typisch für Innovationen. Doch schon am Ende der zweiten Saison hieß es fordernd klar: „Als Mangel empfindet man zurzeit mit Recht den hohen Preis“. Volksnahrungsmittel, das bedeute Gefriertruhen in jedem Geschäft, also in Laufweite, um „küchenfertige, naturfrische Gefriererzeugnisse aller Art preiswert kaufen“ zu können (beides n. Das Geheimnis der Schnellkühlung, Hamburger Anzeiger 1941, Nr. 161 v. 12. Juli, 5).

1942 nahm die Unzufriedenheit über die weiterhin hohen Preise zu, denn schließlich waren Preise damals staatlich veränderbar. Doch just während der europäischen Expansion hätten Preissenkungen diese wohl deutlich verlangsamt. Offiziell begründete man hohe Preise daher mit dem nur geringen Inlandsangebot und steigenden Importpreisen. Ferner wies man darauf hin, dass in einem Kilogramm geputzter Gefrierkonserve faktisch ja mehr Inhalt als ausgewiesen enthalte. Auch Dosenware weise hohe Wasser- und Brüheanteile auf, habe daher nur 500 bis 650 Gramm wirkliches Füllgewicht (Ausgabe von Gefrierkonserven [11.4.1942], 1943). Das war nicht falsch, verschleierte aber den Sachverhalt von Preisen, die für einen Luxusartikel recht niedrig, für ein Volksnahrungsmittel aber zu hoch lagen. Kamen dann noch Qualitätsprobleme hinzu, war der 1943 offiziell eingefangene Zorn der Hausfrauen vorhersehbar.

„Feinfrost“, „Kühlkost blieben zu teuer, hatten Erwartungen geschürt, die sie letztlich nicht hielten, wohl auch nicht halten konnten. Die britischen Analysen brachten dieses Dilemma auf den Punkt: „In the cause of civilians, frozen foods were reported to be definitely a luxury item because of their high price and thus were generally available those who could afford them“ (Mangan et al., 1945, 46). Und in der US-Fachpresse resümierte man ein Jahr später mit breiterem Blick: „Prices of frozen Foods were from 20 to 25 percent higher than canned foods, although the quality was not always superior. The young industry was having difficulties in the choice of raw materials, in freezing technic, and in packaging. Undesirable flavors were produced in strawberries and stone fruits, and in asparagus, tomatoes, salsify and celery” (Frozen Foods, 1946, 183). Das implizite Versprechen geringerer Preise hatte die Industrie offenkundig gebrochen. Das führte noch nicht zum Vorwurf der Lüge, erodierte aber doch die Glaubwürdigkeit der Industrie, auch des NS-Regimes. Ähnliches galt für die Qualität der Tiefkühlkost.

Die Realität der Gefrierware: Qualitätsfragen und Qualitätsprobleme

Qualitätsführerschaft war das Ziel der Gefrierindustrie, ein Ideal, basierend auf Kenntnissen von der Zersetzung der Lebensmittel, von den Erfahrungen in zahlreichen Testreihen. Die Markteinführung der Tiefkühlkost war ein vielfach ernüchternder Lernprozess, denn die Realität der Gefrierware entsprach vielfach nicht den Deduktionen der Experten: Nur ein knappes Viertel der Produkte war erstklassig, ansonsten gab es vielfältige Wertminderungen, insbesondere Geschmackseinbu­ßen (Müller, Ref. v. Heiß, Ergebnis, 1941, Die Ernährung 7, 1942, 236-237). Für Ingenieure und Hygieniker war dies Folge des raschen Aufbaus und der noch nicht optimierten Technik. Die Arbeitsbedingungen just in den Vertragsbetrieben entsprachen vielfach nicht den hehren Bildern des DAF-Amtes „Arbeit und Schönheit“. Es fehlte an Waschgelegenheiten und Toiletten, vielfach auch an einfachen Hilfsmitteln für das Putzen und Sortieren der Gefriergüter. Das sollte sich durch den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen nicht verbessern.

Fehlende Normierung und begrenzte Produktionsstätten: Erbsensortierung vor dem Gefrieren (Hamburger Fremdenblatt 1941, Nr. 212 v. 2. August, 5)

Doch die von vielen Konsumenten beklagten und auch in der Presse immer wieder zumindest erwähnten Qualitätsprobleme reichten tiefer. Erstens wurden die Fachleute insbesondere bei der Gefrierkonservierung von Obst und Gemüse davon überrascht, dass ihre Annahmen über die Veränderungen des Gefriergutes vielfach trogen: „Schon bei der Sterilisierung von Erbsen und Bohnen zeigt sich, daß durchaus nicht Erbse gleich Erbse, Bohne gleich Bohne ist“ (Die richtige Gefriersorte, Bozener Tagblatt 1944, Nr. 219 v. 29. September, 4). Lieselotte Nicolaisen-Scupin (1898-1979), führende Qualitätsforscherin, stellte verwundert und zugleich fasziniert fest, dass die Unterschiede „[e]rheblich krasser“ als bei Dosenkonserven ausfielen: „Nicht allein Farbe und Konsistenz, sondern vor allem auch der Geschmack ist bei der Sortenbewertung erheblich größeren Schwankungen unterworfen“ (L[ieselotte] Scupin, Hochwertiges Gefriergemüse, Gartenbauwirtschaft 61, 1944, Nr. 32, 1-2, hier 1). Die Europäisierung, das Wildern in fremden Gärten, potenzierte die Schwierigkeiten, einheitliche Waren herzustellen. Gefrierkost war daher in der Tat weitab von der an sich angestrebten Standardisierung, Grundlage jeden Massenkonsums. Die Technik mochte funktionieren, doch wusste man zu wenig über die Biologie und Physiologie der Rohware – und das schloss die Lagerhaltung mit ein. Für die Konsumenten war ernüchternd, „daß in manchen Fällen die Dosenkonserve oder die Trockenkonserve vorzuziehen ist“ (Fortschritte in der Herstellung von Gefrierkonserven, Wurzener Tageblatt 1941, Nr. 156 v. 8. Juli, 6).

Solches Wissen führte zu den üblichen Appellen an die Gartenbauwirtschaft, doch nur bestimmte Sorten anzupflanzen. Die Sortenregister müssten überprüft, „Gefriersorten“ definiert und dann Saatgut gezüchtet werden. Ein von der Dosenkonservenindustrie schon vor dem Ersten Weltkrieg eingeführter Vertragsanbau mit normiertem Saatgut und klaren Qualitätsstandards wurde zwar seit 1942 üblich, ließ sich aber aufgrund der Kriegssituation nicht vollends durchsetzen (Ausgabe von Gefrierkonserven, Hamburger Tageblatt 1942, Nr. 63 v. 5. März, 6). Zudem intensivierte man die Quali­tätsforschung, entwickelte und erprobte Klassifikationssysteme zur Objektivierung von Geruch und Ge­schmack, ohne damit aber noch große Effekte zu erzielen (R[udolph] Plank, Fortschritte in der Herstellung von Gefrierkonserven, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 51, 1944, 15-16, hier 16; ders., Ein Bewertungsschema für die Quali­tätsprüfung von Obst und Gemüse, ebd., 65-66). Für die Übergangszeit wurden verschiedene Qualitätsklassen empfohlen, da das Versprechen allgemeiner Hochwertigkeit nicht gehalten werden konnte. Das unterblieb, galt angesichts der Qualitätspropaganda auch ein Offenbarungseid.

Einfache Selektion: Qualitätskontrollen in der Propaganda (Mosolff (Hg.), 1941, Tiefkühl ABC, 16)

Zweitens minderten absehbare Probleme in der Kühlkette die Qualität des Gefriergutes. Gerade die Lagerkapazitäten blieben unzureichend, begrenzten also das Wachstum der Branche. Die Tiefkühlhäuser, „die großen Konservenbüchsen der Er­nährungswirtschaft“ (Hans Mosolff, Vorratswirtschaft durch Kälte, Die Deutsche Volkswirtschaft 8, 1939, 84-86, hier 86), erforderten Temperaturen von mindestens -15 bis -25° C. Die Vierjahresplanadministration steigerte zwar die Kühlraumfläche beträchtlich, die Kapazitäten der Plattenfroster konnten aber dennoch nicht voll ausgelastet werden. Mehr hochwertige Rohware hätte diese Probleme nicht beseitigt. Hinzu traten Wissensdefizite. Seit 1936 intensivierte Kühllagerungsversuche bezogen sich anfangs noch nicht auf Gefrierkonserven, sondern eher auf lediglich zu kühlende Massengüter wie Kartoffeln oder Kohl (F[riedrich] Kiermeier und G[ottfried] Krumbholz, Lagerungsversuche mit Kartoffeln mit beson­derer Berücksichtigung der Kaltlagerung, Vorratspflege und Lebensmittelforschung 5, 1942, 1-20). Gefriergut veränderte sich nicht allein bei der Produktion selbst, sondern just danach, selbst bei optimalen Bedingungen. Auch dies war sortenabhängig (G[ottfried] Krumbholz, Ergebnisse und Aufgaben der Forschung auf dem Gebiet der Kaltlage­rung von Kern- und Steinobst, ebd. 4, 1941, 209-218, hier 209).

Einwirkung von Lagertemperatur auf die Beschaffenheit von Tomaten (L[ieselotte] Scupin, Ein Beitrag zur Frage der Tomatenlagerung, Vorratspflege und Lebensmittel­for­schung 4, 1941, 531-540, hier vor 533)

Hinzu kamen vielfältige kleinteilige Probleme bei der Verpackung, dem Transport und der Verteilung der Gefrierwaren (Erich Borkenhagen, Die Gefrierkonserve in der Kriegsernährungswirtschaft, Deutsche Agrarpolitik NF 1, 1942/43, 253-254; Gefrierkonserven gleichberechtigt, Frankfurter Zeitung 1943, Nr. 112 v. 2. März, 2. Morgenbl., 3). Diese waren bekannt, wurden aber (auch kriegsbedingt) nicht angegangen: „There is evidence that an effort was made by the industry to maintain the quality of frozen foods at a high level but in the last years of the war and in the summer of 1945 little attention was paid to quality and greatest emphasis was placed on the conservation of any raw material as long as it was edible” (Mangan et al., 1945, 70).

Die Gefrierindustrie wurde rasch aufgebaut, der Glaube an Technik und rasche Erfolge ebnete ihr den Weg. Doch die heterogene Qualität des Gefriergutes unterstrich, dass man die Vorteile des Nachfolgers nicht wirklich genutzt hat. Die vielgestaltigen Erfahrungen in den USA wurden großenteils ignoriert, da man wohl meinte, es aus eigener Kraft besser machen zu können. Die Probleme im Markt überließ man Praktikern, war zugleich überrascht, dass ihr emsiges Bemühen von berechtigten Klagen der Konsumenten begleitet war. Die deutsche Gefrierindustrie produzierte durchaus Spitzenqualität, doch dem einzelnen Käufer konnte sie diese nicht garantieren. Das erodierte Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Festzuhalten ist aber auch, dass die Tiefkühlkost zwar vielfältiger Kritik ausgesetzt war, dass diese aber nicht grundsätzlich war. Es ging um konkrete Probleme, die zwar ärgerlich, aber überwindbar waren. Die Werbung für Tiefkühlkost hatte auf allen drei Ebenen Erwartungen geschürt, hinter die man nicht nur schwer zurückfallen konnte, sondern auch nicht wollte. Gefrierkost war während der NS-Zeit als Traum von einer besseren, wohlverdienten Spitzennahrung fest verankert worden, so fest, dass Konsumenten und Wissenschaftler gleichermaßen einforderten, was die Gefrierindustrie in der zweiten Kriegshälfte offenbar nicht mehr ausreichend liefern konnte. Das war in der folgenden Übergangszeit eine schwere Hypothek.

Hin zur zweiten Wellte

Es dürfte deutlich geworden sein, dass Tiefkühlkost im Deutschen Reich von 1940 bis 1944 eine relevante Rolle just im Zivilsektor gespielt hat. Das eiserne Dreieck von NS-Staat, Wirtschaft und Wissenschaft etablierte seit 1938 eine Gefrierindustrie, teils auf Basis amerikanischer Patente, teils mittels eigener Technik. Sie war in der Lage, Ansätze zu einer europäischen Großraumwirtschaft zu legen, naturale Rohstoffe besetzter und verbündeter Staaten zu verarbeiten, den deutschen Markt mit nicht unbeträchtlichen Mengen relativ hochwertiger Gefrierwaren zu versorgen. Vor Beginn des Kriegs dominierten die Interessen der Wehrmacht, doch nach den ersten Waffenerfolgen trat der Zivilmarkt immer stärker hervor. Das galt insbesondere für die Obst- und Gemüseversorgung. Tiefkühlkost war werblich und propagandistisch hervorragend nutzbar, verkörperte die vermeintlich überlegene deutsche Wissenschaft und Technik, das sorgende NS-Regime, bot einen Abglanz der noch zu erkämpfenden und zu sichernden nationalsozialistischen Konsumgesellschaft. Bei der Einführung 1940/41 gab es öffentlich breit kommunizierte Versprechungen, ja Verheißungen, die sich als großenteils nicht haltbar erwiesen. Die Preise blieben relativ hoch, die Qualität ließ teils zu wünschen übrig, die Kühlkette wies Lücken und Engpässe auf, der Ausbau blieb hinter den anfangs genannten Größenordnungen deutlich zurück. Doch es gelang Industrie und Handel, Tiefkühlkost abseits der gar nicht so dominanten, während des Krieges vielfach zurücktretenden Wehrmachtslieferungen als Alltagsware in Großstädten und Industriezentren zu etablieren. Die Implementierung von etwa 8.000 Verkaufstruhen während des Krieges unterstrich nicht nur die Bereitschaft, sondern auch die Fähigkeit, Gefrierkost einer wachsenden, möglichst umfassenden Zahl von Konsumenten zu liefern. Der Ausbau der Gefrierwirtschaft stagnierte spätestens seit 1943, lief jedoch auf einem bemerkenswert hohen Niveau weiter. Das war ein entwicklungsfähiges Plateau, das einen raschen Ausbau der Branche nach dem Ende der Besatzungsherrschaft grundsätzlich ermöglicht hätte.

Ausverkauf preisreduzierter Solo-Feinfrost-Produkte im bundesdeutschen Markt (Badische Neueste Nachrichten 1949, Nr. 74 v. 16. April, 11)

Es kam anders, doch dies war ein selbstgewählter Bruch, der Ende der 1950er Jahre korrigiert wurde. Die unmittelbare Kontinuität nach einer Wachstumsdelle von einem Jahrzehnt ist nicht Gegenstand dieses Beitrages. Die Industrie war nach dem Krieg im Wesentlichen intakt, produzierte weiter, belieferte die in die Fußstapfen der Wehrmacht tretenden Besatzungstruppen, seltener auch die Zivilbevölkerung. 1948/49 wurden in Westdeutschland etwa 12.000 Tonnen Gefrierobst und -gemüse produziert. Trotz Wegfalls der mittel- und ostdeutschen Produktionsstätten, überschaubaren, kaum ersetzten Verlusten durch die Kriegshandlungen und begrenzte Demontagen, trotz des Wegfalls der Erträge der Vertragsproduktion in ganz Europa. Die Funktionseliten der Gefrierindustrie trauerten ob dieser Verluste, eine verdeckende Weinerlichkeit, die für große Teil der deutschen Nachkriegsgesellschaft(en) galt. Nicht nur war der Kapitalstock im besiegten Deutschen Reich trotz aller Zerstörungen 1945 höher als 1939. Gerade auch die Gefrierindustrie verfügte über ein zuvor unbekanntes Anlagenvermögen, vielgestaltige Expertise und relativ neue Technik, die unmittelbar hätte genutzt werden können, wäre man denn so wagemutig gewesen wie 1938 bis 1942 unter den Rahmenbedingungen des fordernden und bereitwillig unterstützenden NS-Systems (Bate-Smith, E.O. et al., Food Preservation, with Special Reference to the Applications of Refrigeration, London 1947 (BIOS, Final Report 275), 4-19 (Forschung), 20-49 (Technik und Produkte).

Werbung für tiefgekühlte „Feinfrost“-Gerichte in der DDR (Berliner Zeitung 1957, Nr. 279 v. 29. November, 4)

Während in der DDR der Wiederaufbau der Investitionsgüterindustrien die Mittel aufzehrte, waren es in der Bundesrepublik die massiven Importe von Dosenkonserven, die nicht nur der verbliebenen Dosenkonservenindustrie massiv zusetzten, sondern die Chancen für hochpreisige Tiefkühlkost verringerten. 1949/50 senkten die großenteils noch bestehenden, teils unter neuem Namen weiter produzierenden Unternehmen massiv die Preise, leerten ihre Lager, obwohl man zuvor die Sortimente nochmals erweitert hatte. Stattdessen lockte man mit Preisen „von 1944“ (Wieder „Solo-Feinfrost“, Berliner Zeitung 1950, Nr., 256 v. 3. November, 6). Die Gefrierindustrie versetzte sich in eine kurzen Kälteschlaf, produzierte auf deutlich niedrigerem Niveau vorrangig hochwertige Produkte für sichere Abnehmer. Es wäre irreführend, hieraus den Schluss zu ziehen, dass die Ende der 1950er Jahre einsetzende zweite Welle des Ausbaus der Tiefkühlkost etwas anderes war als eine Fortsetzung der während des Nationalsozialismus gelegten Strukturen unter ansprechenderen, nun offenkundig lukrativeren Rahmenbedingungen.

Uwe Spiekermann, 13. Juni 2026

Verbrauchslenkung vor dem Zweiten Weltkrieg: „Roderich, das Leckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ im Kontext

Das Volk, der große Lümmel – so klang es ironisch gebrochen in Heinrich Heines Wintermärchen, so klingt es bis heute in den Stuben von Gelehrsamkeit, Macht und Transformationswillen. Dort kennt man die Zukunft, weiß, warum sie nur so und nicht anders zu gestalten ist. Da die eigenen Händchen aber zu schwach zu deren Ausgestaltung sind, setzt man immer neue, alle möglichen Hebel in Bewegung, um den großen Lümmel in die zwingend richtige Richtung zu lenken. Dabei helfen Krisen und Kriege, denn dank ihnen können Traditionen und Routinen einfacher gebrochen werden. Und so schaffen und verstärken moderne Wissensgesellschaften immer neue Krisen und Krisennarrative, um Menschen zu motivieren und sie in eine lichte Zukunft zu lenken. Von den öffentlich propagierten Idealen pluraler Problembewältigung bleibt wenig übrig, wenn die Erde brennt, die Seuche Gegenmaßnahmen erfordert, Geld an allen Ecken und Enden fehlt, die russischen Dampfwalze alles planiert und die amerikanischen Freunde die vermeintlich gemeinsamen Werte nicht mehr teilen.

Was für eine Zeit der vermeintlichen „multiplen Krisen“ oder der „Multikrise“ gilt, galt ebenso während der Mobilisierungsdiktatur des Nationalsozialismus. Krisen wurden geschaffen und ausgerufen, mussten bekämpft und überwunden werden. Das Volk, das deutsche, schien willig zu sein, doch es bedurfte der Anleitung. Dabei stand, stärker noch als heute, die Transformation der Ernährung im Mittelpunkt, für die damals noch 40 bis 50 Prozent des Einkommens ausgegeben wurden.

Auf dem Weg zur „freiwilligen“ Verbrauchslenkung

Verbrauchslenkung bedeutete in den 1930er Jahren erst einmal eine Nationalisierung der Ernährung. Das deckte sich durchaus mit den Zielen der Agrar- und Wirtschaftspolitik während der Weimarer Republik, mit dem teils von amerikanischen Werbemethoden geprägten Agrarmarketing, das den Kauf deutscher Milch, deutschen Weins, deutscher Zigaretten, etc. propagierte (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen, 2018, 332-351). Nicht nur nationale Kreise forderten: „Bau‘ eigenen Weizen dir zum Brot; / Drauf streich‘ die eigene Butter; / Der deutschen Erde Glück und Not / Sei deine Nahrungsmutter!“ (Merkbüchlein für den deutschen Michel, Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 44, 18)

Die Präsidialkabinette intensivierten diese Anstrengungen ab 1930, kokettierten mit Ideen der Autarkie, die seit den massiven Zollerhöhungen 1925 in der deutschen Öffentlichkeit breit und kontrovers diskutiert wurden (Eckart Teichert, Autarkie und Großraumwirtschaft in Deutschland 1930-1939. Außenwirtschaftspolitische Konzeptionen zwischen Wirtschaftskrise und Zweitem Weltkrieg, München 1984). Der Börsenkrach von 1929, vor allem aber der US-amerikanische Smoot-Hawley Zolltarif vom Juni 1930 verengten die handelspolitischen Freiräume weiter. Die US-Maßnahmen schränkten die Exporte deutscher Investitionsgüter massiv ein, verschärften die ohnehin prekäre Devisenlage des Deutschen Reiches und nahmen den Reparationszahlungen die ökonomische Grundlage (Kris James Mitchener, Kevin Hjortshoj O’Rourke und Kirsten Wandschneider, The Smoot-Hawley Trade War, The Economic Journal 132, 2022, 2500-2533). Das zuvor zumindest theoretisch noch hochgehaltene Prinzip der Meistbegünstigung fiel 1931, bilaterale Handelsabkommen gewannen weiter an Bedeutung. Während die Zölle stiegen, wurde die Devisen zunehmend staatlich bewirtschaftet, parallel wickelte man den Außenhandel vermehrt über Clearing-Systeme ab, ging also teilweise zum Tauschhandel über (Ralf Banken, Die wirtschaftspolitische Achillesferse des „Dritten Reiches“ […], in: Albrecht Ritschl (Hg.), Das Reichswirtschaftsministerium in der NS-Zeit, Berlin und Boston 2016, 111-232, insb. 161-175). Der deutsche Konsum wurde dadurch stark beeinflusst: Menge und Wert der importierten Genussmittel und Frischwaren sanken, auch die für die Milch- und Mastwirtschaft zentralen Futtermitteleinfuhren nahmen schon während der autoritären Phase zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus drastisch ab. Parallel begünstigten die Präsidialregierungen deutsche Agrarprodukte: Seit 1930 musste Margarine immer auch deutsches Fett und zwischen 1931 und 1934 Backwaren vier bis fünf Prozent deutsches Kartoffelstärkemehl und Magermilch enthalten.

Importabhängigkeit des Deutschen Reiches 1931 (Illustrierte Technik 10, 1932, H. 15, V)

Das NS-Regime führte diese Maßnahmen großenteils weiter. Es profitierte von der bereits 1932 offenkundigen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, setzte zugleich aber auf zuvor undenkbare und mit Schulden finanzierte Maßnahmen zur Reduktion der Arbeitslosigkeit, kommunizierte diese mit zuvor unbekannter Wucht (Christoph Buchheim, Das NS-Regime und die Überwindung der Weltwirtschaftskrise in Deutschland, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 56, 2008, 383-414). Die finanz- und wirtschaftspolitischen Argumente für eine möglichst hohe Selbstversorgung galten weiter, wurden aber zunehmend ergänzt durch die rüstungs- und machtpolitischen Zielsetzungen des Regimes. Die schon aufgrund der notorischen Devisenschwäche des Deutschen Reiches kaum zu umgehende strikte Regulierung des Außenhandels wurde 1933 innenpolitisch ergänzt durch eine offensiv propagierte „Erzeugungsschlacht“, die propagandistisch überhöht auf „Nahrungsfreiheit“ zielte, auf eine Intensivierung der heimischen Agrarproduktion, auf eine Mobilisierung des ländlichen Arbeitskräftepotentials. Es galt, heimische Alternativen zur „Auslandsware“ zu fördern, die Milchwirtschaft, die Käseproduktion, den vernachlässigten Obst- und Gemüsesektor, die Herstellung pflanzlicher Öle und vieles mehr. Diese Maßnahmen wurden in ein neues regulatives und institutionelles Korsett gepresst: Der im September 1933 entstandene Reichsnährstand war ein vielfach begrüßter Zwangszusammenschluss der gesamten Ernährungswirtschaft, also der Landwirtschaft, des verarbeitenden Gewerbes und des Einzelhandels. Diese „größte Wirtschaftseinheit der Welt“ (Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, München 2007, 226) zielte auf die korporatistische Regulierung und Koordinierung der Erzeugung, des Absatzes, der Preise und Preisspannen.

Begrenzte Erfolge wurden erzielt, doch Selbstversorgung blieb unerreichbar. Agrarimporte kosteten 1936 3,5 Mrd. Reichsmark, machten 35,5 Prozent aller Einfuhren aus (Avraham Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus […], Frankfurt/M. 1988, 235). Ohne die Zufuhren wäre die Eiweißversorgung gefährdet gewesen, war die „Fettlücke“ auch nicht ansatzweise zu schließen. Seit 1936, seit dem Übergang zum zweiten Vierjahresplan, traten daher die schon zuvor durch Deutsche oder Braune Wochen oder auch die Kampagne „Deutsche Weihnacht! Deutsche Gaben!“ adressierten Konsumenten verstärkt in den Blickpunkt der Funktionseliten: „So scherzhaft es klingt, es ist bitterer Ernst: das deutsche Volk braucht einen politischen Magen“ (Der politische Magen, Nationalsozialistische Partei-Korrespondenz 1936, Nr. 256, Bl. 1). Neben die Erzeugungsschlacht trat mit der Propagandakampagne „Kampf dem Verderb“ eine vorwiegend von den Hausfrauen umzusetzende „Erhaltungsschlacht“ zur möglichst umfassenden Nutzung der heimischen Ressourcen. Ersatzmittel wurden als Austauschprodukte gefördert, die Vorratswirtschaft intensiviert. Lange vor Kriegsbeginn begann eine „freiwillige Verbrauchslenkung“ (Gesunde Vorratswirtschaft, Nachrichten für Stadt Elsfleth und Umgebung 1936, Nr. 16 v. 6. Februar, 3). Die später im Detail zu analysierende Kampagne „Roderich, das Leckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ spiegelte die Breite der nun tagtäglich eingesetzten propagandistischen Mittel. Schon während der Weimarer Republik und der Präsidialkabinette begonnene Maßnahmen wurden fortgeführt und intensiviert, die militärischen und politischen Ziele mündeten in einen aufeinander bezogenen Kranz von „Aufklärung, Werbung, Propaganda, Reglementierung und schließlich Zwang“ (Gustavo Corni und Horst Gies, Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 355). Die explizite Lenkung der Konsumenten hieß aber auch, dass sich die anvisierte Selbstversorgung „als eine Utopie erwiesen“ habe (Die Reichsspeisekarte, Der Deutsche in Polen 4, 1937, Nr. 4, 11).

Nationaler Einkauf zwischen Ehrenpflicht und neuen Güte- und Herkunftszeichen (Schwarzwald-Bote 1933, Nr. 257 v. 3. November, 4; Bremer Nationalsozialistische Zeitung 1933, Nr. 73 v. 21. März, 5)

Diese begriffliche Differenzierung ist wichtig, um den Wandel der staatlich-korporatistisch eingesetzten Mittel einzufangen. Festzuhalten ist jedoch, dass mit Ausnahme der ja schon vor dem Krieg einsetzenden Rationierungen, die Wirtschafts- und Konsumpolitik mit Propaganda engstens verwoben war. Der Begriff selbst war Anfang der 1930er Jahre noch positiv besetzt, nicht nur bei den politischen und akademischen Eliten mit ihrem steten Drang nach wissensbasierter Optimierung und Massenführung. Propaganda war eben nicht spezifisch nationalsozialistisch, sondern wurde als ein notwendiges Grundelement moderner technischer Gesellschaften verstanden (Jacques Ellul, The Technological Society, New York 1964 [französisches Original von 1954]; ders., Propaganda. Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird, Frankfurt/M. 2021 [erstmals 1962]). Propaganda im engeren Sinne entstand in demokratischen Gesellschaften, vorwiegend in Großbritannien, Frankreich und den USA im späten 19. Jahrhundert. Propaganda war (und ist) in einer effizienten arbeitsteiligen Gesellschaft strukturell notwendig, ermöglichte dem Einzelnen Orientierung, koordinierte Individuen und Gruppen, verringerte die Kosten des verzahnten Miteinanders unterschiedlicher Interessen, unterschiedlicher Praktiken. Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass Kernpunkte der eben nur teilweise „nationalsozialistischen“ Verbrauchslenkung auch die heutige Ernährungs- und Gesundheitspolitik prägen. Begründungen verändern sich, zielgerichtete hierarchische Interventionen werden fortgeführt. Das Volk, der große Lümmel.

Verbrauchslenkung als Maßnahmenbündel

Zielsetzungen der nationalsozialistischen Verbrauchslenkung (Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung 9, 1936, 196)

Die Verbrauchslenkung, die es auch für andere Gütergruppen und Dienstleistungen gab, zielte auf eine aus Sicht des NS-Regimes wünschenswerte Erhöhung resp. Verminderung des Konsums bestimmter Lebens- und Genussmittel. Sie galten als Stoffträger, die Bedarfsrechnungen der Ernährungswissenschaften standen Pate, die seit den 1920er Jahren zunehmend akzeptierte „neue“ Ernährungslehre hatte die Bedeutung gerade von Mineralstoffen und Vitaminen für Gesundheit und Leistungsfähigkeit folgenreich unterstrichen (Spiekermann, 2018, 412-418). Darauf baute man auf, zielte auf einen im Systemsinne möglichst effizienten Umgang mit den verfügbaren Ressourcen.

Eine vom Institut für Konjunkturforschung entwickelte und im Dezember 1936 verbreitete Übersicht der erforderlichen Umstellungen diente machtpolitisch einer möglichst blockadefesten Selbstversorgung des Deutschen Reiches. Sozialpolitisch zielte sie auf einen staatlich festgesetzten „fairen“ Ausgleich der Ansprüche innerhalb der Wertschöpfungsketten sowie einer auch rassenpolitisch erwünschten Stärkung von Land und Landwirtschaft. All dies bedeutete eben nicht „eine mehr oder weniger offensichtlich durchgesetzte Rationierung“ (Utz Maas, Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand. Sprache im Nationalsozialismus, Opladen 1984, 32), denn mögliche Erfolge resultierten just aus der propagierten Glaubwürdigkeit, der Fairness, der Akzeptanz der neuen Konsumweisen. Der Lebensmittelverbrauch sollte möglichst heimisch sein, möglichst saisonal, möglichst gesund, auskömmlich und schmackhaft. Tierische Produkte waren keineswegs verpönt, doch insbesondere Rindfleisch und animalische Fette sollten weniger verzehrt werden. Der Anteil pflanzlicher Kost, insbesondere von Kartoffeln, Kohl- und Wurzelgemüse, sollte deutlich gesteigert werden. Die immer wieder diskutierten, schon während der Weltwirtschaftskrise offenkundigen Eiweißdefizite sollten durch verstärkten Verzehr von Seefisch, Magermilch und Milchprodukten verringert werden. Angesichts des außer Kraft gesetzten marktwirtschaftlichen Preismechanismus bedurfte eine derartige Verbrauchsumgestaltung zugleich allgemeiner Geschichten, steter Propaganda. Aufrüstung und Kriegsziele wurden nicht diskutiert, angesichts der immer wieder hervorgehobenen Bedrohung durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges waren die vermeintlich friedenswahrenden Gegenmaßnahmen des Deutschen Reiches jedoch allseits bekannt. Die Verbrauchslenkung wurde nicht plump aufgedrängt, sondern nutzte die generelle Bereitschaft der Bevölkerung, sparsam, national, regional und im Sinne der machtpolitischen Ziele des Regimes zu konsumieren. Allein bei den kolonialen Massengütern Kaffee und Tabak gab es deutliche Differenzen. Angesichts der wachsenden Einkommen führten sie zu steigenden Importen und gefährdeten tendenziell Aufrüstung und Kriegsbereitschaft.

Saisonale Umstellung der deutschen Ernährung: Reichspeisekarte und propagandistische Präsentation eines saisonalen Frühgemüses (Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung 9, 1936, 196 (l.); Beobachter für das Sauerland 1939, Nr. 120 v. 5. Mai, 1)

Die Blaupause für die „freiwillige“ Verbrauchslenkung lieferte die vom Institut für Konjunkturforschung, dem heutigen Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, vorgestellte „Reichsspeisekarte“ (A[lfons] Moritz, Wertvolle Ergänzungen der Erzeugungsschlacht, Milchwirtschaftliches Zentralblatt 68, 1939, 57-62, hier 57). Eine Selbstversorgung des Deutschen Reiches schien demnach weiter möglich. Angesichts des Zusammenbruchs des internationalen Warenaustausches und der Klima- und Produktionsbedingungen der deutschen Agrarproduktion könne der Verbraucher aber nicht länger verlangen, „daß ihm zu jeder Zeit alle Nahrungsmittel lediglich seinen persönlichen Wünschen entsprechend zur Verfügung stehen“ (Volksernährung aus deutschem Boden. Richtlinien für die Verbrauchslenkung auf dem Gebiete der Ernährung, Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung 9, 1936, 195-196, hier 195). Wichtig sei jedoch nicht nur die Grobsteuerung – mehr pflanzliche Lebensmittel, weniger (tierisches) Fett – sondern insbesondere eine Abfederung saisonaler Angebotsschwankungen (dies ignoriert Hartmut Berghoff, Methoden der Verbrauchslenkung im Nationalsozialismus. Konsumpolitische Normensetzung zwischen totalitärem Anspruch und widerspenstiger Praxis, in: Dieter Gosewinkel (Hg.), Wirtschaftskontrolle und Recht in der nationalsozialistischen Diktatur, Frankfurt a.M. 2005, 281-316, hier 310).

Strukturelles Problem Saisonalität: Eier als Beispiel (Hakenkreuzbanner 1936, Nr. 289 v. 25. Juni, 9)

Die gegenüber heute deutlich stärker ausgeprägte Saisonalität des Angebotes war ein zentrales Problem der damaligen Versorgungsketten. Massive Forschungsinvestitionen sollten helfen: Verbesserte Konservierungstechniken, neue Verpackungen, Lager- und Vorratshaltung streckten das Angebot zeitlich, vereinfachten jegliche Verbrauchslenkung. Die „Erhaltungsschlacht“ der Hausfrauen, insbesondere das massiv propagierte Einmachen von Obst und Gemüse bot Flankenschutz, doch bei anderen saisonalen Lebensmitteln wie Eiern oder Fleisch begrenzten der veränderte Geschmack oder auch der fehlende häusliche Lagerraum die haushälterischen Gegenmaßnahmen. Die Saisonalität war anderseits ideologisch wichtig, denn sie half Konsumwelten temporärer Fülle zu präsentieren. Zumindest propagandistisch konnten so die offenkundigen Versorgungsdefizite in der Fett- und Eiweißversorgung ummäntelt werden. Seit Ende 1935 wurden für erste Fette Kundenlisten angelegt und Bezugsscheine ausgegeben, Ende 1936 betraf das alle Fette. Zeitweilig wurde die Herstellung von Wurst und Schinken untersagt, Schlagsahne kontingentiert (Spiekermann, 2018, 370). Die Saisonalität des Angebotes band zugleich Stadt und Land, Bauern, Arbeiter und Angestellte zusammen, imaginierte die Vorstellung einer aufeinander angewiesenen Volksgemeinschaft. Sie bot daher wichtige Ansatzpunkte für einen langsamen Wandel der Verbrauchlenkung auf der „Grundlage der Verbrauchsfreiheit“, bei der es galt, „durch psychologische Einwirkungen die für eine bestimmte Zeit gegebene Verbrauchsstruktur zu verändern“ (Werbung beeinflußt den Verbraucher, Jeversches Wochenblatt 1936, Nr. 33 v. 8. Februar, 6) – so der seit 1923 als Präsident des Statistischen Reichsamtes tätige, 1933 flugs in die NSDAP eingetretene Ernst Wagemann (1884-1956). Die gezielte Nutzung und Neuschöpfung regionaler Traditionen und Speisen waren Teile dieser Lenkungsanstrengungen.

Die damaligen Medien präsentierten den Verbrauchern ein im Detail realistisches, insgesamt aber schönfärberisches Bild der Versorgungssituation (Corni und Gies, 1997, 355-357). Das spiegelte auch die fortwirkende Presseanweisung zu dem vom Institut für Konjunkturforschung ausgearbeiteten Lenkungsbündel: Es galt, „bei der weiteren Behandlung des ganzen Themas nicht jedesmal von Verbrauchslag((e)) und Verbrauchsregelung zu schreiben, sondern dann einfach nur noch ueber die konkreten einzelnen Themen, etwa ueber Fisch- und Kaeseverbrauch usw., was gerade aktuell sei. Die Tatsache einer geregelten Verbrauchslenkung sei also nicht stets besonders hervorzuheben. […] Bei der Verwertung des Aufsatzes soll kein Wort ueber den Vierjahresplan gesagt werden, intern aber seien die Redaktionen an die Richtlinien dieses Aufsatzes aufs strengste gebunde((n.))“ (NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit, Bd. 4: 1936, T. I, bearb. v. Gabriele Toepser-Ziegert, München et al. 1993, 1526). Unmittelbar drängende Versorgungsprobleme wurden angesprochen, begründet und zur Aufgabe erklärt, die grundsätzlichen Probleme der Kriegsvorbereitung und der Vorbereitung einer mit strukturellem Zwang arbeitenden Rationierung jedoch nur indirekt thematisiert. Der große Lümmel sollte gelenkt, nicht erzürnt werden.

Institutionell war die Verbrauchslenkung nicht eindeutig zuzuordnen. Formal war das Agrarmarketing, waren auch entsprechende Propagandakampagnen Aufgaben der Reichshauptabteilung III des Reichsnährstandes (Wolfgang Heidel, Ernährungswirtschaft und Verbrauchslenkung im Dritten Reich 1936-1939, Phil. Diss. Berlin 1989 (Ms.), 73-74; Corni und Gies, 1997, 357). Im Reichsernährungsministerium wurde der Generalplan festgelegt, monatliche Runden der dort angesiedelten Arbeitsgemeinschaft für Verbrauchslenkung sorgten für den Feinschliff. Sie war korporatistisch zusammengesetzt, bündelte die Interessen des Reichspropagandaministeriums, der Reichspropagandaleitung, der Wehrmacht, des Reichsnährstandes, des Hauptamtes für Volkswohlfahrt, der Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung, des Deutschen Frauenwerks, der Deutsche Arbeitsfront, des Lebensmittelhandels, des Gaststättengewerbes und des Fleischer-, Bäcker- und Konditorenhandwerks. Staatssekretär Herbert Backe (1896-1947) verstand die Verbrauchslenkung als „Gemeinschaftsarbeit aller Volksgenossen“, bei der die Mitwirkung um so ehrenvoller sei, „je weniger sie in Erscheinung“ trete (Herbert Backe, Verbrauchslenkung, Der Vierjahresplan 1, 1937, 203-205, hier 204). Eine eng hierarchische Vorstellung von Propaganda unterschätzt entsprechend die zahlreichen in die Verbrauchslenkung einbezogenen Institutionen von Staat, Partei und Privatwirtschaft. Schon die damals gängige Aufgliederung der Propaganda in wirtschaftliche Aufklärung, wirtschaftspolitische Propaganda, Gemeinschaftswerbung und die privatwirtschaftliche Einzelwerbung verweist auf zahlreiche zusätzliche Akteure, die immer auch ihre Eigeninteressen verfolgten (Alfred Helzel, Werbung und Politik, Werben und Verkaufen 23, 1939, 263-265, hier 263). Das galt insbesondere für den Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung, eine Unterabteilung des Deutschen Werberates. Gemeinhin ignoriert wird auch der durchaus eigenständige Beitrag des Handels. Der Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsgruppe Groß-, Ein- und Ausfuhrhandel Edmund von Sellner (1898-1939) begrüßte die vielen Artikel und Plakate, doch erst vor Ort, im kleinen Geviert des Einkaufs, würde sich der Erfolg der Maßnahmen einstellen – und es sei Aufgabe des Handels, „die Wünsche des Verbrauchers in die richtigen Bahnen zu lenken, mit falschen Vorstellungen zu brechen, aufklärend zu wirken und das Interesse des einzelnen für neue Waren zu wecken“ (Einkaufs- und Verbrauchslenkung, Deutscher Reichsanzeiger 1936, Nr. 287 v. 9. Dezember, 3).

Das NS-Regime war zugleich bemüht, Sorgen über die staatliche Bevormundung des Einkaufens und Essens aufzunehmen und umzudeuten: „Unser Ziel ist nicht: Gleichmachung aller Verbrauchsbedürfnisse, sondern: Steigerung der Lebenshaltung auf Grund einer Entfaltung der Persönlichkeit. Unser Ziel ist nicht der schematisierte Einheitsverbraucher, sondern der persönlichkeitsbewußte Kulturträger. Wenn der Nationalsozialismus stärker als seine politischen Vorgänger den Verbrauch zu lenken und zu organisieren versucht, so allein deswegen, um die Aufgaben, die über die Kraft des einzelnen hinausgehen, im Rahmen der Gemeinschaft für das Volk zu lösen“ (Robert Ley (Hg.), Lebenshaltung! Ein Beitrag zur Frage der Lebenshaltungspolitik und der Verbrauchslenkung, Berlin 1937 (Ms.), 80). Nicht Verzicht wurde propagiert, sondern eine neue reflektierte Form des (Haus-)Wirtschaftens. Die vermeintlich überholten Hausfrauentugenden, die während der Weimarer Republik vom planlosen Kauf ausländischer Angebote und dem massenhaften Wegwerfen an sich noch brauchbarer Nahrungsgüter überwölbt worden seien, müssten daher revitalisiert werden (Ebd., 82). Dadurch könnten auch viele gesundheitliche Probleme gemildert werden (Karlheinz Backhaus, Der deutsche Speisezettel. Was ist richtig – was ist falsch?, Wille und Macht 5, 1937, H. 18, 8-11, insb. 10).

Sich der Hausfrau nähern: Propagandamittel der Verbrauchslenkung

Verbrauchslenkung erschöpfte sich nicht im Schreiben und Dekretieren. Der Appell an die nationalsozialistische Moral, an den Stolz und imaginierten Wertekanon der Hausfrau, auch an die praktischen Vorteile eines regimekonformen Verbrauchs, spiegelten sich in einer Kaskade von kleinen Artikeln in Tages- und Wochenzeitungen. Verbrauchslenkung war eine Herausforderung: „Aus dem Vollen schöpfen ist keine Kunst. Erst das Einteilen, das richtige Einkaufen, die kluge und geschickte Anpassung an die jeweilige Ernährungslage, und vor allem auch Sparenkönnen am rechten Platz, macht hausfrauliches Können aus“ (Zeitspiegel der Frau, Hakenkreuzbanner 1936, Nr. 465 v. 6. Oktober, 8).

Die ästhetisierte Ernährungsrichtline: Genügend Auswahl auch im kargen Monat Februar (Hakenkreuzbanner 1937, Nr. 56 v. 3. Februar, 7)

Zu Beginn jedes Monats gab erstens eine Ernährungsrichtlinie des Reichsernährungsministeriums einen allgemeinen Überblick der Versorgungslage. Die Richtlinie zeigte „Ia bei welchen Nahrungsmitteln ein verstärkter Verbrauch allgemein erwünscht ist, Ib inwieweit darüber hinaus gewisse Nahrungsmittel besonders zu bevorzugen sind, II bei welchen Nahrungsmitteln ein gleichbleibender Verbrauch möglich ist, III bei welchen Nahrungsmitteln ein verminderter Verbrauch nötig ist“ (Moritz, 1939, 58). Im Gegensatz der „Reichsspeisekarte“ des Instituts für Konjunkturforschung basierte sie auf den aktuellen statistischen Daten – und war damit deutlich präziser und umfangreicher. Die Ernährungsrichtlinie wurde vielfach in eine die Hausfrauen direkt ansprechende, einfach gehaltene und nachvollziehbare Form gebracht. Die Sprache war positiv, unterrichtete über Möglichkeiten, schwieg sich über konkreten Mangel allerdings aus.

Werbung für vorbildliches Einkaufen (Marbacher Zeitung 1939, Nr. 28 v. 2. Februar, 8)

Andere Visualisierungen präsentierten die Hausfrauen unmittelbar beim Einkauf, benannten die oben angeführten Kategorien, gaben aber keine Vorgaben für verminderten Verbrauch. Nach einer gewissen Laufzeit lernten die Leserinnen, dass Nichtbenennung Hinweischarakter hatte. Die einzelnen Zeitungen mussten die Ernährungsrichtlinien abdrucken, hatten bei der Gestaltung der Verbrauchsvorschläge aber einen gewissen Spielraum. Verbote fehlten auch in den insgesamt dominierenden Text-Meldungen (Wir notieren den Küchenzettel für Februar, Der Patriot 1939, Nr. 28 v. 2. Februar, 8). Wenn dort von gleichbleibendem Verbrauch geschrieben wurde, so waren diese Lebensmittel zu reduzieren, zu verringernde dagegen oft gar nicht lieferbar. Die Abbildungen selbst wurden durch Materndienste reichsweit verbreitet (analoger Abdruck Rheinisch-Bergische Zeitung 1939, Nr. 36 v. 11. Februar, 10). Auflagenstärkere Zeitungen nutzten allerdings ihre Pressezeichner, um sich in diesem scheinbar einheitlichen Feld der Verbrauchslenkung zumindest visuell von der Konkurrenz abzuheben.

Groblenkung durch Küchenzettel (Durlacher Tagblatt 1938, Nr. 158 v. 9. Juli, 5)

Diese allgemeinen Hinweise zielten erst einmal auf den Einkauf – und es bestand auch bei folgsamen Hausfrauen grundsätzlich die Gefahr, dass sie mit den für sie ungewohnten Produkten nicht umgehen konnten, dass diese am Ende gar verdarben. Entsprechend veröffentlichten die Zeitungen mit dem Beginn der „Kampf dem Verderb“-Kampagnen Ende 1936 zweitens auch wöchentliche Küchenzettel, die Tag für Tag, mittags und abends Speisevorschläge enthielten. Anfangs handelte es sich um einfache Standardgerichte, zentral herausgegeben vom nationalsozialistischen Deutschen Frauenwerk. Angesichts tiefgreifender regionaler und sozialer Verzehrsunterschiede stieß dies jedoch auf Kritik. Die Deutsche Frauenschaft justierte nach, schließlich handelte es sich um eine ideale Professionalisierungschance. Die Rezepte wurden zunehmend regionalisiert, zudem gab es Küchenzettel für den normalen und für den sparsamen Haushalt.

Von Frau zu Frau: Neu errichtete Versuchsküche der NS-Frauenschaft, Gau Württemberg-Hohenzollern und ein schwäbischer Küchenzettel (Stuttgarter NS-Kurier 1939, Nr. 462 v. 18. Oktober, 6 (l.); Marbacher Zeitung 1939, Nr. 267 v. 14. November, 6)

Die Verbrauchslenkung wurde drittens durch Rezepte ergänzt. Neue Speisen, wie Bratlinge oder Salate, wurden dadurch handhabbar, zugleich aber konnte man darin den Fett-, Eier-, Weizen-, Butter- und Fleischgehalt bekannter Speisen reduzieren. Rezepte halfen kurz vor dem Weltkrieg auch, neue Austauschprodukte wie DPM, Milei und Migetti bekannt zu machen. Das erleichterte deren Integration in die Ende August 1939 eingeführte Lebensmittelrationierung. Die Maschinerie lief im Großen und Ganzen glatt, gleichwohl nicht ohne Knirschen – und man kann bei den Gründen mutmaßen: Geringe Akzeptanz bei den Lesern, Nachlässigkeit und Desinteresse oder aber grundsätzlichere Bedenken gegenüber zunehmend strikten Vorgaben für die tägliche Kost. 1938 gab es jedenfalls 700 „Prüfungen bei den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen“, um „eine noch vollkommenere Einhaltung der Bestimmungen“ sicherzustellen (Aus dem Bericht des Werberates der deutschen Wirtschaft für 1938, Deutscher Reichsanzeiger 1939, Nr. 23 v. 27. Januar, 3).

Ausgearbeitete Vorgaben für die norddeutsche Küche (Oldenburger Nachrichten für Stadt und Land 1939, Nr. 71 v. 13. März, 9)

Zu der Trias von Ernährungsrichtlinien, Küchenzettel und Rezepten gesellte sich dann lokal und regional eine vielgestaltige kleinteilige Ergänzung der Einkäufe und auch des häuslichen Kochens. Mittlerdienste leisteten auch Kochsendungen der verschiedenen Rundfunksender. Wesentlich wichtiger aber war der Einzelhandel. Vor Ort, auch in den üblichen Warteschlangen vor dem Verkaufstresen, konnten eventuelle Rückfragen zur Marktlage und zu Marktalternativen beantwortet werden. Verbrauchslenkungspropaganda war eben nicht allein medial, sondern immer auch konkret, Teil der Alltagsgespräche und der Haushaltspraxis.

Muster einer Schaufensterwerbung und an Händler gerichteter Marktbericht der Edeka (Deutsche Handels-Rundschau 30, 1937, 997 (l.); ebd., 250)

Die Verbrauchslenkung gründete demnach auf einem umfangreichen Angebot allgemeiner, letztlich im Haushalt verwertbarer Informationen. Getragen wurde sie aber immer auch von persönlichen Kontakten, vom Nachfragen vor Ort, im Laden, in der Nachbarschaft. Konflikte wurden vielfach dort ausgetragen, denn die Richtlinien wurden berücksichtigt, nicht aber direkt umgesetzt. Hinzu trat ein breites Netzwerk lokaler Einrichtungen des Reichsnährstandes, vor allem aber nationalsozialistischer Massenorganisationen wie dem Deutschen Frauenwerk, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und der Deutschen Arbeitsfront. Sie organisierten Vorträge, publizierten und verteilten Broschüren, organisierten Ausstellungen, praktische Vorführungen, Schulungen und vor allem Kochkurse (Moritz, 1939, 60).

Verbrauchslenkung als Bildungsaufgabe: Kochkurs der NS-Frauenschaft in Stuttgart (Stuttgarter NS-Kurier 1939, Nr. 108, 4. März, 41)

Die regelmäßig angebotenen, billigen, teils kostenlosen Kochkurse vermittelten insbesondere jungen Frauen Grundkenntnisse im Kochen, waren zugleich eine wichtige Rekrutierungschance der einzelnen Institutionen. Die Verbrauchslenkung war Thema, ebenso das Hineinwachsen in die NS-Organisationen. In derartigen geselligen Veranstaltungen wurde die Erhaltungsschlacht erprobt, nahm die Heimatfront Gestalt an. Das galt auch für die insbesondere in Groß- und Mittelstädten üblichen hauswirtschaftlichen Ausstellungen. Sie waren ideologiegetränkt und parolenstark, hatten aber den Reiz des Anschaulichen. Typisch war das Verschwimmen der Grenzen zur Gesundheits- und Ernährungsaufklärung. Richtiges Konsumieren, richtiges Essen und richtiges Leben wurde gleichermaßen propagiert, glaubten die Funktionseliten doch, dieses bewerten und vorgeben zu können.

Weniger Fett, mehr Vielfalt. Schautisch einer Wanderausstellung (F.W. Terjung, Warum Verbrauchslenkung?, in: Ernährungspolitik und Schule, hg. v. Reichausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung, Berlin 1938, 7-26, hier 17)

All dies war nationalsozialistisch, all dies knüpfte aber an zuvor erprobte und etablierte Vorläufer während der Weimarer Republik, des Ersten Weltkrieges und auch schon des Kaiserreiches an. Damals aber waren sie marktgetrieben, Ausdruck des Sendungsbewusstseins der Lebensreformvereine, der öffentlichen Aufgaben von Gesundheitsfürsorge und Wohlfahrtspflege, der Not. Die völkische Ideologie des Nationalsozialismus, die staatlichen Machtmittel und die Lenkung der veröffentlichten Meinung schufen neuartige Verpflichtungen auf (fast) allen Ebenen der Gesellschaft – und dienten zugleich dem bewussten Ausschluss unterdrückter Minderheiten. Doch selbst die sozialdemokratische Opposition, die Verbrauchslenkung als Vorwegnahme der Kriegswirtschaft deutete, konzedierte eine gewisse Breitenwirkung: „Und das Volk läßt sich auch auf diesem Weg ‚lenken‘; nicht ganz ohne Widerstand, aber doch bereitwilliger, als man früher angenommen hätte“ (Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade), 4, 1937, 133).

Schaubilder zur Systematisierung der Verbrauchslenkung (Werben und Verkaufen 23, 1939, 407)

Die Verbrauchslenkung half dem NS-Regime die Aufrüstung weiter zu forcieren, die Wehrmacht kriegsfähig zu machen. Sie half zugleich bei der Bewältigung zahlreicher kleinerer Krisen, 1937/38 etwa mittels gezielter Kampagnen für den Konsum von Kohl, Äpfeln und Käse. Sie war ein wichtiges Hilfsmittel, um den Marmelade- und Zuckerkonsum zu erhöhen, Seefisch, Quark und auch Sauermilch zu allgemein akzeptierten Lebensmitteln zu machen. Die Verbrauchslenkung konnte die strukturellen Defizite der Lebensmittelversorgung allerdings nicht beseitigen oder gar eine Selbstversorgung sicherstellen. Im Sinne des NS-Regimes war sie dennoch systemrelevant, denn sie schloss für mehrere Jahre eine Fähigkeitslücke. Technisch-institutionell war die Verbrauchslenkung modern und in ihrer Vielgestaltigkeit innovativ. Sie war immer auch ein wissenschaftliches Projekt, das permanent reflektiert und verfeinert wurde (Erich August Goeggle, Untersuchungen zu Verbrauchslenkungen auf dem Gebiete der Ernährungswirtschaft in Deutschland, Diss. TH München 1938; Robert Oetker, Die betriebliche Werbung im Dienste des Vierjahresplanes. Eine Studie über die Aufgaben der betrieblichen Werbung als Mittel der Verbrauchslenkung im Dienste der Rohstoff- und Nahrungsfreiheit, Würzburg-Aumühle 1938; Hans Bliss, Verbrauchslenkung in der entfalteten Wirtschaft, Berlin 1942). Die „freiwillige“ Verbrauchslenkung war Teil der heute wieder so zackig beschworenen Kriegsbereitschaft und erlaubte einen direkten Weg in die nicht mehr freiwillige Verbrauchslenkung, in die Rationierungswirtschaft.

Die Grundkonturen der nationalsozialistischen Verbrauchslenkung sind damit umrissen. Wie aber wurde ein solch langfristig ausgerichtetes Maßnahmenbündel im Detail umgesetzt? Die kleine, in der Forschung höchstens erwähnte, nicht aber näher untersuchte Propagandakampagne „Roderich, das Schleckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ kann helfen, einen genaueren Eindruck von der praktischen Umsetzung der „freiwilligen“ Verbrauchslenkung zu gewinnen. Beginnen wir mit den Namen selbst, die wie bei so vielen vergleichbaren Kampagnen unmittelbar sprechend waren.

Sprechende Namen: Roderich, Schleckermaul und Gemahlin Garnichtfaul

Auch wenn die Hausfrau im Mittelpunkt der Ernährungspropaganda stand, so adressierte die Kampagne doch das eigentliche Problem der Verbrauchslenkung, nämlich den deutschen Mann. Seine Ernährung sollte im patriarchalischen Verständnis kräftig sein, insbesondere Fleisch enthalten. Genussmittel schienen unverzichtbar, zumal Alkoholika und die Importgüter Tabak und Kaffee. Neuem gegenüber, so die gängige Vorstellung, war er kaum aufgeschlossen, seinen „süßen Zahn“ befriedigte er häufig mit Schokolade, also importierten Kakaoprodukten.

Der Name „Roderich, das Schleckermaul“ spiegelte diese Problemlage. Roderich, der Ruhmreiche, war ein Name germanischen Ursprungs. Felix Dahns (1834-1912) 1875 veröffentlichtes Trauerspiel „König Roderich“ zeigte ihn in Aktion, als Anführer im Kampf des christlichen Europas gegen die muslimischen Araber, den er, der Westgotenkönig, in der Schlacht am Rio Guadalete 711 verlor, bei der er auch ums Leben kam. Die Folge war die maurische Eroberung eines Großteils der iberischen Halbinsel. Während Roderich hierzulande nurmehr selten ist – der Aufrüster Roderich Kiesewetter ist eine Ausnahme – sind Abwandlungen wie Rodrigo (Spanien), Rod oder Rory (Großbritannien) andernorts heute noch gängig. Doch die Kampagnenfigur erinnerte nur an einen vormals rechten Krieger, denn Roderich war ein gutmütiger und wohlsituierter, lenkbarer und begeisterungsfähiger Mann.

Roderich und seine Gemahlin (Das Blatt der Hausfrau 53, 1939/40, H. 15, 442)

Roderich war zudem Schleckermaul, ein Vorkoster der Nation, ein Erkunder ihm zuvor unbekannter kulinarischer Welten. Der Begriff steht heute einerseits für einen Feinschmecker und Genießer, anderseits für einen naschenden, bewusst wählenden Menschen (Heinz Köpper, Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache, Bd. 7, Stuttgart 1984, 2484; Synonym-Wörterbuch. Sinnverwandte Wörter, völlig neu bearb., Gütersloh und München 2001, 409). Im 19. Jahrhundert waren diese Nuancen noch vermengt, der Schlecker naschte, gern auch über die Grenzen des Schicklichen hinaus. Das Schleckermaul-Leckermaul wurde im frühen 19. Jahrhundert negativ bewertet, war nicht robust, verzärtelt, konnte Krisen nicht bestehen (Deutsches Schimpfwörterbuch oder die Schimpfwörter der Deutschen, Arnstadt 1839, 59; Friedrich Eberhard von Rochow, Der Kinderfreund. Ein Lesebuch zum Gebrauche in Landschulen, 3. verm. Aufl., Nürnberg 1795, 51-52; Leckermaul, in: Lehrreiche Erzählungen für Kinder, Wien 1816, 16-17). Nicht der Mann, sondern Löwen, Schoßhündchen und insbesondere Bären galten als Schleckermäuler (Christoph v. Schmid, Der Tanzbär. (Ein Kinderlied.), in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 17, Augsburg 1844, 72-73, hier 73; [Alfred Edmund] Brehm, Illustrirtes Thierleben, bearb. v. Friedrich Schödler, Bd. 1, Hildburghausen 1870, 122, 211, 334; Carl Lemcke, Populäre Aesthetik, 3. verm. u. verb., Leipzig 1870, 161). Kinder sollten vor dem Schleckern bewahrt werden, ihren Gelüsten nicht nachgeben, vielmehr mit Verstand auswählen und essen (Friedrich Harder, Theoretisch-praktisches Handbuch für den Anschauungs-Unterricht, 8. Aufl., Hannover 1884, 70-71). Ein Leckermaul war demnach kein echter Kerl, konnte auch eine Frau sein. Die sexuelle Doppeldeutigkeit von Lecken und Naschen war im 19. Jahrhundert jedenfalls präsent, die Psychoanalyse machte den Zusammenhang nach der Jahrhundertwende gar zeitweilig modisch (Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Deutsches Wörterbuch, Bd. 6, bearb. v. Moriz Heine, Leipzig 1885, Sp. 486; Helene Böhlau, Eine kuriose Geschichte, Westermann Illustrierte Deutsche Monatshefte 74, 1892, 106-128, hier 116; Wilhelm Stekel, Die Sprache des Traumes, 2. verb. Aufl., München und Wiesbaden 1922, 198). Im 20. Jahrhundert wurde Schleckermaul dennoch zunehmend seltener verwandt, findet sich nach dem Zweiten Weltkrieg eher in Kinderliteratur, in den deutschen Übersetzungen etwa von Winnie Puuh, Disneys Lustigen Taschenbüchern oder Micky Maus. In der NS-Kampagne verwies Schleckermaul auf die stete Gefahr des Fehlessens, des völkischen Selbstmordes mit Messer und Gabel. Sie wies zugleich aber einen Ausweg, denn die staatspolitisch gebotenen Nahrungsmittel mussten nur ansprechend zubereitet und dargeboten werden, um Roderich zum Vorkämpfer guter deutscher Kost zu machen.

Seine Gemahlin war aus anderem Holz geschnitzt, denn sie war prinzipientreu, konnte sich an die neue, mit dem Vierjahresplan eingeleitete Zeit anpassen. Sie war das Gegenteil des altbekannten Zerrbildes der verschwenderischen Ehefrau: „Sie verdäntlet und verschächert alles / was ihr under die Händ kommet / kauffet darvon allerley Zucker und Schleckerwerck / sutzlet / küsslet und beisset den gantzen Tag wie die kleinen Kinder / ihr Schleckermaul hat den gantzen Tag kein Ruhe“ (J[ohann] J[oseph] P[ock], Ein Schlecker-Maul, in: ders., Gantz neu eröffneter reichlich und wol eingerichteter Glücks und Unglücks-Hafen […], Augsburg 1716, 126-129, hier 128). Der Name Garnichtfaul spiegelte demgegenüber ihre Flexibilität, ihre Erfinderinnengabe: „Die Eva, die list’ge, die war gar nicht faul, / und steckte dem Adam ‘nen Appel in’s Maul“ (Kneip-Bibel, hg. v. d. Turnkneipe zu Schönlinde, 2. verb. u. verm. Aufl., Schönlinde 1882, 64). Der Begriff Gemahlin wies zurück in frühmittelalterliche Zeiten, zielte jedoch weniger auf einen sozial höheren Status des Ehepaars, sondern auf deren Geistesverwandtschaft – prinzipientreu bei ihr, willig bei ihm. Die Gemahlin war Anvertraute, Bindeglied zwischen Gemeinschaft und dem eigenen Haus. Der im Verlöbnis, dem Eheversprechen, enthaltene rühmende und preisende Vorschuss war in ihrer Bezeichnung noch präsent, prägte die ganze Kampagne.

Die Charakterisierung Garnichtfaul tauchte in Kinderliedern oder populärer Lyrik vor der NS-Zeit vereinzelt auf, doch eher aufgrund des gefälligen Reimes auf Maul, Gaul und anderes (Heinrich Seidel, Der Hasel im Kohl, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. XI, Leipzig 1894, 181-182, hier 181; A. Haas, Volkstümliche Tänze und Tanzlieder in Pommern. (Fortsetzung.), Blätter für Pommersche Volkskunde 5 (1897), 177-181, hier 179). Als Name knüpfte dieser sprechende Vornamenersatz jedoch an die bereits während der 1920er Jahre aufkommenden, anschließend dann gängigen begrifflichen Charakterisierungen fiktiver, meist gezeichneter Personen an. Frau Knauserich und ihr Gatte scheuten die Ausgaben für ein Zeitungsabonnement, Frau Klar nutzte Geliermittel für das Marmeladekochen, parallel mit Garnichtfaul reinigte Frau Säuberlich die Wohnung mit Henkels IMI (DGA. Duisburger General-Anzeiger 1934, Nr. 52 v. 22. Februar, 14; Mittelbadischer Kurier 1935, Nr. 142 v. 22. Juni, Beil., 1; National-Zeitung 1939, Nr. 36 v. 11. Februar, 81).

Gemahlin Garnichtfaul bezeichnete die fiktive Volksgenossin, die dem Führer strebsam zuarbeitete, die Vorbild war und in doppelter Liebe aufging, die zu ihrem Roderich und die zu ihrem Volk: „Nur die Frau, die Verständnis hat für das politische Ziel der Partei, für die politischen Aufgaben und die Tätigkeit ihres Mannes und auch ihrer Kinder innerhalb der Organisationen, kann und wird die ihr daraus erwachsenden Aufgaben innerhalb der Familie und Haushalt richtig erfüllen, und die nicht zu vermeidenden Opfer wie das Alleinsein, die vermehrte Arbeit mit Freuden auf sich nehmen. […] Die Frau welche die politischen Zusammenhänge und Notwendigkeiten versteht, wird sich mit Selbstverständlichkeit in die Forderungen des Vierjahresplanes, der Verbrauchslenkung der Marktwaren finden“ (Appell an die Außenseiter!, Stuttgarter NS-Kurier 1939, Nr. 36 v. 21. Februar, 35). Frau Garnichtfaul brach mit dem alten Trott, war eine nationalsozialistische Gefährtin, Praktikerin einer neuen Zeit: „Sie bevorzugt Lebensmittel, die zur jeweiligen Jahreszeit reichlich und frisch vorhanden sind, und hilft nach Möglichkeit durch eine gesunde Vorratswirtschaft den Markt zu entlasten und vorübergehende Verknappungen zu überwinden“ (Die Hausfrau kämpft mit, Zeno-Zeitung 1939, Nr. 42 v. 11. Februar, 8). Gatte Roderich, das alte Leckermaul, wurde durch sie vor Abwegen bewahrt, auf den Pfad der völkischen Tugend, gar ins Rampenlicht einer Kampagne geführt.

Bilder und Gedichte: „Roderich, das Schleckmaul, und Gemahlin Garnichtfaul“

Die Propagandakampagne „Roderich, das Leckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ war die erste zusammenhängende Begleitaktion zum ansonsten etablierten Instrumentarium der Verbrauchslenkung. Getragen wurde sie von den in der Arbeitsgemeinschaft für Verbrauchslenkung vertretenen Institutionen. Sie schloss einerseits an die vielgestaltigen „Kampf dem Verderb“-Kampagnen an: „Kampf um 1 ½ Milliarden“ (1936/37), „Brot als kostbarstes Volksgut“ (1937/38) und vor allem „Groschengrab“ (1938/39) mobilisierten für die Erhaltungsschlacht, für eine neue deutsche Hauswirtschaft. Sie informierten, emotionalisierten und visualisierten zugleich ein zentrales staatspolitisches Problem: Die Kampagnen kreisten in immer neuer, immer wieder variierter Form um die Mobilisierung der Haushalte, der Hausfrauen, für die Wehr- und Kriegsbereitschaft des Deutschen Reiches, für die Bewältigung zeitweiliger Mangellagen. Sie alle griffen auf Zeichnungen und Comics, auf Parolen und Texte, auf Geschichten und Gedichte zurück. Nicht das eine Bild, die eine Serie, waren charakteristisch, sondern ein Beziehungsgeflecht unterschiedlicher ineinander übergreifender Einzelelemente. „Roderich, das Schleckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ war der Versuch, ähnliches für die umfassendere Aufgabe der Verbrauchslenkung zu wagen.

Die neue Kampagne knüpfte zugleich an frühere Werbekampagnen für deutsche Nahrungsgüter an. Betrachten wir etwa Milcheiweißpulver: 1934 wurde es einem neuartigen Milcheiweißbrot beigemengt, im April 1938 als eigenständiger Austauschstoff aus heimischer Magermilch angepriesen. Plakate, Klischeezeichnungen, ein Rezeptdienst und ein Werbefilm ergaben eine breit gefächerte Werbung, die vom Deutschen Frauenwerk, der Deutschen Arbeitsfront, der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel und Vertretern der Milchwirtschaft getragen wurde (Käse, Berlin 1938 (Ernährungs-Dienst, Folge 21), 25). Solche Kampagnen hatten Gleichschrittcharakter, vermengten Markterschließung und unternehmerische Dienstbarkeit. Rewe-Aufsichtsratsvorsitzender Blohm feierte das Engagement seiner Einkaufsgenossenschaft als Ausdruck unternehmerischen Dienstes an der Gemeinschaft („Rewe“-Lebensmittel-Großhandel, Oberbergischer Bote, 1938, Nr. 101 v. 2. Mai, 9).

Motiv I: Kartoffeln und Motiv II: Quark, Sauerkäse, Trockenmilch (Der Führer 1939, Nr. 29 v. 29. Januar, 6 (l.); Völkischer Beobachter 1939, Nr. 43 v. 12. Februar, 15)

Fünf Bilder und Gedichte bildeten den appellativen, allseits sichtbaren Teil der Kampagne. Sie waren einheitlich aufgebaut, erschienen dadurch als visuelle Einheit. Roderich und seine Gemahlin dienten jeweils als Hingucker, verdeutlichten auch, dass es hier um die tägliche Kost ging. Der jeweils gleiche Rahmen unterstrich dies. Er präsentierte die Fülle der deutschen, der heimischen Küche. Alle fünf Motive hatten eine identische Überschrift, endeten mit Verweisen auf ergänzende Informationen und Rezepte in dem jeweiligen Blatt. Die Serie gab Einblicke in einen Privathaushalt, Kinder fehlten. Das Gedicht widmete sich der Interaktion zwischen Roderich und seiner Gemahlin, folgte deren Gedanken. Das Paar kannte einander, die Vorlieben des Haushaltsvorstandes lenkten die Hauswirtschaft seiner Gattin. Und doch gab es abseits des kleinen Glücks noch eine andere Dimension: die des vernünftigen und sparsamen Wirtschaftens, die neuer preiswerter Lebensmittel und Speisen. Von Verbrauchslenkung oder den Anforderungen der Volksgemeinschaft war nicht die Rede, ging es doch vordergründig um die Befriedigung von Roderichs kulinarischen Vorlieben. Doch Frau Garnichtfaul wusste das Leckermaul mit der neuen Zeit zu versöhnen, kochte gute, einfache Speisen, verwandelte heimische Lebensmittel und verarbeitete Produkte in schmackhafte Gerichte, so recht im Sinne ihres Gatten. Die Gedichte mündeten daher in einen im damaligen Ehealltag eher seltenen Lobpreis. In fetter Type hieß es summarisch: „Leckermaul jedoch spricht froh: / ‚Teures Weib – nur weiter so!‘“.

Motiv III: Fisch und Motiv IV: Zucker (Stuttgarter Neues Tagblatt 1939, Nr. 96 v. 25. Februar, 9 (l.); Bremer Zeitung 1939, Nr. 71 v. 12. März, 26)

Was heimelig daher kam, hatte allerdings einen klaren Adressaten: Leser und Leserinnen wurden in vier der Gedichte direkt angesprochen. Jeweils in Klammer wurde gefragt, ob sie nicht ähnlich handeln wolle, ob sie nicht auch schon einmal solche Speisen probiert hätten. Das war die Quintessenz des allseitigen, allgemeinen, die Leser mit einbeziehenden Lobes der Klugheit und Sparsamkeit der Garnichtfaul.

Formal handelte es sich um ein zwölfzeiliges und vier zehnzeilige Gedichte. Die Sprache war einfach, ebenso der Paarreim, Fremdworte fehlten. Jedes Gedicht stellte andere Lebensmittel und Produkte vor und in den Mittelpunkt. Das Entree bildete die Kartoffel, ein kulinarischer Tausendsassa, wandlungsfähig, eiweißhaltig, der deutschen Erde abgerungen. Es folgten Milchprodukte, genauer Quark, Sauerkäse und Trockenmilch, allesamt Eiweißträger. Die Gemahlin lebte offenbar in einer arbeitsteiligen Konsumgesellschaft, griff auf verarbeitete Lebensmittel zurück, vertraute den Angeboten auch der Industrie. Sie war modern, wählte mit Bedacht, ging mit der Zeit. Es folgte der eiweißreiche Fisch, ebenfalls vielgestaltig, nicht nur frisch eine Leckerei, eine wohlfeile Alternative zum Fleisch. Die vorgestellten Produkte waren, mit Ausnahme von Quark und Sauerkäse, länger haltbar, konnten daher die Tafel dauerhaft prägen. Der Reigen wurde mit dem stärkenden Gaumenkitzler Zucker fortgesetzt, der physiologiewidrig als Fettsparer präsentiert wurde. Die Anzeigenserie endete süß, verlängerte den Einsatz des deutschen Rübenzuckers als Mahlbegleiter. Das neu geschaffene Deutsche Pudding-Mehl und das frühere Palmmarknährmittel Sago waren Kartoffelprodukte, schlossen den Reigen der heimischen Angebote. Man fand die von Garnichtfaul genutzten Waren nicht alle im umkränzenden Rahmen, denn dieser zeigte nur einen Ausschnitt der quasi unbegrenzten Möglichkeiten der deutschen Agrarwirtschaft, der deutschen Lebensmittelindustrie. Der Rahmen war Vermittler der gesunden, der richtigen Ernährung. Und angesichts der neuen und gewiss stetig verbesserten Austauschprodukte waren weitere Angebote nicht ausgeschlossen. Garnichtfaul würde darauf achten, Roderich wohlig genießen.

Motiv V: Deutsches Pudding-Mehl und Sago (Hamburger Tageblatt 1939, Nr. 84 v. 25. März, 6)

„Roderich, das Leckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ wurde erstmals am Samstag, dem 28. Januar 1939 abgedruckt (Wilsdruffer Tageblatt 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 6; Hamburger Tageblatt 1939, Nr. 28 v. 28. Januar, 11; Verbo 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 18; Kärntner Volkszeitung 1939, Nr. 8 v. 28. Januar, 11). Der Start erfolgte reichsweit, in Tages- und Wochenzeitungen. Viele begannen die zwingend abzudruckende Serie erst am Sonntag, dem 29. Januar, vereinzelt auch später (Riesaer Tageblatt 1939, Nr. 30 v. 3. Februar, 11; Stolles Blätter für Landwirtschaft, Gartenbau, Tierzucht 1939, Nr. 8 v. 19. Februar, 4; Sächsische Volkszeitung 1939, Nr. 79 v. 1. April). Die fünf Motive erschienen alle zwei Wochen, entsprechend endete die Serie zumeist am 25. oder 26. März. Die vorgesehene Reihenfolge wurde fast durchweg eingehalten, ein doppelter Abdruck der gleichen Anzeige blieb Ausnahme (Illustriertes Tageblatt 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 21; ebd., Nr. 41 v. 17. Februar, 7).

Die Serie stand allerdings nicht für sich alleine, die drei- bis vierzeiligen Verweise auf ergänzende Rezepte in den jeweiligen Druckwerken machten dies unmissverständlich klar. Sie fassten zugleich den Gegenstand des Gedichts zusammen, nannten nochmals die darin angesprochenen Lebensmittel und Produkte. Diese Verweise konnten von der jeweiligen Zeitschrift verändert werden. So verwies das Neue Wiener Tagblatt explizit auf die Folgerezepte in der jeweils mittwochs erscheinenden Rubrik Frau und Haushalt (Neues Wiener Tagblatt 1939, Nr. 29 v. 29. Januar, 37). Zeitschriften lenkten das Interesse vielfach auf die Rezepte in den Tageszeitungen (Die Wehrmacht 3, 1949, Nr. 3, 22), konnte darauf aber auch verzichten (Fliegende Blätter 190, 1939, 187). Die Verweise waren mehr als Beiwerk, auch wenn in vielen Tageszeitungen entsprechende Rezepte nicht in der gleichen Ausgabe zu finden waren. „Roderich, das Leckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ war eben deutlich mehr als eine fünfteilige, nett anzusehende Werbeserie. Die hier präsentierten Zeichnungen glichen der Spitze eines Eisbergs, waren lediglich der direkt sichtbare Teil einer wesentlich umfangreicheren und vielgestaltigeren Verbrauchslenkung. Die namensgebenden „Sinnfiguren der ernährungswirtschaftlichen Erziehungspropaganda“ (Erich Kupke (Bearb.), Jeder denkt mit!, Berlin 1939, 37) standen für etwas Größeres, etwas Wichtigeres. Dazu gilt es, genauer hinzuschauen.

Narrative Vergemeinschaften: Roderich und Garnichtfaul als Marker

NS-Propaganda war Verbundpropaganda. Bleibt ihre Analyse bei den scheinbaren Kernmotiven stehen, so verkennt sie deren Funktion, missversteht das Teil als Ganzes. Bilder allein verniedlichten und verharmlosten NS-Propaganda, ignorierten die verschiedenen, eng miteinander verzahnten Ebenen der Einflussnahme. Bilder sind offener, interpretationsgefälliger, luden daher stärker ein als eindeutigere, stärker fordernde Texte. Die Kampagne „Roderich, das Leckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ enthielt solche einordnenden Begleittexte. Und sie bestand aus einer Kaskade ergänzender Texte und Bilder der in den Bild- und Gedichtanzeigen angesprochenen Lebensmittel und Produkten. Wie schon zuvor bei Groschengrab wurde auch diese NS-Propagandakampagne zudem durch Comics erweitert und gedoppelt. Die daraus resultierende Vielgestaltigkeit war charakteristisch für die NS-Propaganda, stand damit aber auch im Gefolge breiter gefasster Werbekampagnen der späten 1920er Jahre. Für die Funktionseliten war Wirksamkeit entscheidend, Akzeptanz und Aufgreifen völkisch vermeintlich notweniger Konsumweisen. Propaganda sollte gefällig dargeboten werden, durfte nicht langweilen. Blicken wir näher auf kleine Geschichten von Roderich und Garnichtfaul, die deren Bilder und Gedichte ergänzten.

Erinnerung an das Gesehene, an das Gelesene (National-Zeitung 1939, Nr. 39 v. 8. Februar, 11)

Die allmonatlichen Ernährungsrichtlinien, die wöchentlichen Küchenzettel und Rezepte griffen immer wieder über das haushälterische Feld hinaus, forderten den Gleichschritt: „Wir Frauen müssen wirklich denken, sollen wir nicht mitschuldig werden an gewissen kleinen Schwierigkeiten, die es überhaupt nicht gäbe, dächten alle Frauen logisch“ (Frauengeständnisse, Rheinisches Volksblatt 1939, Nr. 30 v. 4. Februar, 10). Solche unangemessenen Schuldzuweisen konnten jedoch auch freundlicher verpackt, Teil eines positiven Narrativs werden – ergänzende Geschichten über Roderich und seine Garnichtfaul zeigten dies. Kurz nach dem Beginn der Serie erschien reichsweit eine erste Home Story. Sie vertiefte das Thema der entrahmten Milchprodukte, nutzte vor allem aber das positive Vorbild der Gemahlin als völkisches und frauliches Ideal. Sie habe es als „Ergebnis langjähriger Bemühungen“ geschafft, ihrem Roderich typisch männliches Habenwollen ohne Bedacht abzugewöhnen. Dank ihr wisse er, dass jegliche Speise ihre Zeit habe, Eierkuchen nicht ganzjährig möglich seien. Von ihrer Klugheit inspiriert richte er sich nach „der Geberlaune der Natur“, die ihm „zu einer regelrecht strotzenden Gesundheit“ verholfen habe. Der eigens ausgesandte „Sonderkorrespondent für Gaumenkitzel“ berichtete auch über die Kunst der Garnichtfaul, aus einfachen Dingen wie Quark Genüsse zu zaubern. Roderich sei zufrieden, einer der nicht allzu zahlreichen „einwandfrei gefütterte[n] Männer“, die um gutes Essen als Grundlage „ihres ehelichen Glücks“ wussten. In ehelichem Einvernehmen habe Garnichtfaul, „die erst denkt und dann kocht“ jetzt gar mit einem Kochbuch begonnen, einer „Liebeserklärung an ihren lieben Roderich“. Sie gehe alle an: „Wer noch ein Herz hat, spitzt sein Ohr / wir stellen ihm als ‚Glücksfall‘ vor: / Herr Roderich das Leckermaul und seine Gattin Garnichtfaul!!“ (Westfälische Zeitung 1939, Nr. 28 v. 2. Februar, 10; Sauerländisches Volksblatt 1939, Nr. 29 v. 3. Februar, 3; Verbo 1939, Nr. 30 v. 4. Februar, 20; Riesaer Tageblatt 1939, Nr. 33 v. 8. Februar, 9).

Dieser Text wurde fast überall gedruckt, dabei teils leicht variiert: Mal ohne das Schlussgedicht (Der Erft-Bote 1939, Nr. 22 v. 31. Januar, 7; National-Zeitung 1939, Nr. 36 v. 11. Februar, 6), mal vermengt mit dem Lobpreis anderer Lebensmittel (Herner Anzeiger 1939, Nr. 34 v. 9. Februar, 7), mal aber auch schon mit nachfolgenden Rezepten. Festzuhalten ist der unterhaltende Ton der Propaganda, zugleich aber die gezielte Nutzung allgemeiner Gefühle, allgemeiner Sehnsüchte. Eheprobleme würden sich lösen lassen, Gleichgültigkeit könne der Liebe weichen, das tägliche Kochen geadelt werden – man müsse nur die ohnehin vom NS-Staat immer wieder propagierten Anregungen umsetzen. Derartige Lenkungsbestrebungen waren an sich einfach zu durchschauen; Männer dürften sich an der tumben Roderichrolle auch gestoßen haben. Doch war an der Geschichte nicht vielleicht doch etwas dran?

Freundlich wandten sich die nicht mit Namen zeichnenden Propagandisten auch an die vermeintlichen Trotzköpfe der Nation, unvernünftige Wesen fernab des Normalen. Sie wollten Blattsalat im Winter speisen, Eier im Spätherbst, beharrten auf Gänseschmalz, wo doch gerade Butter allgemein verfügbar war, bevorzugten ihr Fleisch gegenüber einer saisonal gebotenen vegetarischen Leckerei. Roderich hätte ihnen erzählen können, dass die „Natur“ auch das „verwöhnteste Leckermaul nicht Hunger leiden“ lasse, vorausgesetzt jemand gehe mit offenen Augen einkaufen und wisse, wie man aus dem Gebotenen einen Genuss bereiten könne (Die Speisekarte der Trotzköpfe, Neuigkeits-Welt-Blatt 1939, Nr. 60 v. 12. März, 21; analog Salzburger Volksblatt 1939, Nr. 59 v. 11. März, 23; ohne das nachfolgende Gedicht Bremer Zeitung 1939, Nr. 77 v. 18. März, 14; Sächsische Volkszeitung 1939, Nr. 61 v. 11. März, 4). Sorge nicht, lebe – das war die implizite Botschaft, natürlich nur auf Basis haushälterischer Kompetenz. Im völkischen Ringen setzte sich der Stärkere durch – und Gemahlin Garnichtfaul unterstrich dies mit ihrer sparsamen Klugheit, ihrem Dienst für die Belange sowohl ihres Gatten als auch der Volksgemeinschaft.

Gegen die Trotzköpfe: Vertrauen in die staatliche Agrar- und Ernährungspolitik (Anzeiger für die Bezirke Bludenz und Montafon 1939, Nr. 12 v. 25. März, 5)

Das vierte Bild-/Gedichtmotiv wurde analog begleitet, war doch von Deutschland die Rede, Deutschland als der größten Markthalle der Welt. Hierzulande würde die Natur alles bieten „wonach der Gaumen verlangt“, Auslandsware sei nicht erforderlich. Frau Garnichtfaul wisse das, habe sich umgeschaut, liege nicht auf der Bärenhaut wie manch andere Hausfrau. „Renntierschinken mit Burgundertunke und anschließendem Bananensalat“ sei nicht möglich. Sie wisse aber, dass jegliches Lebensmittel seinen Stichtag habe, dass man die Natur nicht zwingen könne. Sich anzupassen sei die Kunst, dann aber könne sie zaubern, aus einfachen Dingen Freude bereiten (Zschopauer Tageblatt und Anzeiger 1939, Nr. 59 v. 10. März, 5; Neuigkeits-Welt-Blatt 1939, Nr. 60 v. 12. März, 22).

Weitere Geschichten um Roderich und Garnichtfaul gaben mehr von ihrem Glück preis, hatten sie doch einen geliebten und gehegten Stammhalter. Roderich war mit Säuglingsspeisen nach Ende des Stillens nicht recht vertraut, kritisierte daher das aus seiner Sicht gefährliche Verfüttern von Kartoffeln. Garnichtfaul aber beendete das nächtliche Schreien des hungrigen Babys mit einem wohlig schmatzend verzehrten süßen Brei. Roderich verstand nicht, wohl aber seine Gemahlin, denn diese hatte das Deutsche Pudding-Mehl, das neue Kartoffelstärkeprodukt, genutzt. Sie ließ ihren Gatten kosten und nun leuchtete es ihm ein: Es gab eine noch größere Vielfalt als herzhafte Brat-, Pell- oder Salzkartoffeln, als die unverzichtbaren Klöße und Kartoffelpuffer. Und freudig gedachte man – Propaganda braucht solche Legenden – des alten Fritzes, der doch die Kartoffel hierzulande heimisch gemacht hatte (Vom Säugling, der nach Kartoffeln schreit!, Sauerländisches Volksblatt 1939, Nr. 73 v. 27. März, 6; Der Haushalt 11, 1939, Nr. 4, 6; gekürzt Der sächsische Erzähler 1939, Nr. 72 v. 25. März, 7).

Die neuen Kartoffelprodukte mussten erklärt werden, entsprechend gab es weitere Geschichte mit den beiden Propagandafiguren. Sie erschienen nun bereits als gute Bekannte, als Alltagsbegleiter. Und angesichts des kommenden Osterfestes nutzte sie, die Gemahlin, DPM und Sago, um all den Anforderungen der Festzeit zu genügen. In der Geschichte selbst war das nicht mehr exotisch. Garnichtfaul war nun, nach Ende der Bilder und Gedichte, Teil einer breiten Hausfrauenschar, die jene belächtete, die von den neuen, den guten heimischen Dingen nichts wussten. Die Volksgemeinschaft freute sich daher zurecht auf „großartige Festtagskuchen“, deren „reichlicher Verbrauch nunmehr für alle Zeiten zur Selbstverständlichkeit wird“ (Gute Sachen, die alltags und festtags Freude machen, Die Glocke, Ausg. F, 1939, Nr. 98 v. 11. April, 5).

Texte wie diese verwiesen auf das Eigengewicht von Roderich und Garnichtfaul, die sich zwar noch nicht von den Grundmotiven der Serie emanzipiert hatten, die aber in neue Zusammenhänge gestellt wurden. Das galt auch für den letzten gedruckten Text mit dem glücklichen Ehepaar. Roderich schwelgte darin von „Schweinerem“, von Salami und Schmalz. Seine Gemahlin aber wusste, dass es der Gehalt machte, dass Fleisch durch Zucker bestens ersetzt werden konnte. So die Wissenschaft, so auch ihre Küche. Roderich war nicht ganz überzeugt, doch einen Pudding, schön süß, den wollte er sich durchaus munden lassen (Kein Krach um Jolanthe, Verbo 1939, Nr. 139 v. 19. Juni, 8).

Im Nachhinein mögen derartige Narrative nicht sonderlich ansprechend wirken, doch sie waren integraler Bestandteil dieser Propagandakampagne. Wie parallel beim Groschengrab gewannen die Figuren weitere Konturen, mit denen die Propagandisten weiterarbeiten konnten. Ein ungleiches, aber miteinander glückliches Ehepaar wie Roderich und Garnichtfaul hätte Serienheld werden können, doch der Krieg setzte anstelle der noch beschworenen „freiwilligen“ eine bald allgemein verpflichtende Verbrauchslenkung, die Rationierung. Nun bedurfte es der beiden nicht mehr, Lebensmittel wurden zugewiesen und aufgerufen. Doch Roderich und Garnichtfaul hatten bereits gängige Lebensmittel des Weltkrieges propagiert, ebenso Informationen und Rezepte, um aus diesen etwas Schmackhaftes zu machen.

Empfohlener Konsum: Text- und Rezeptmassen als Kern der Kampagne

Für die Propagandisten waren Roderich und Garnichtfaul Mittel zum Zweck, so wie die Mehrzahl der großen Lümmel, der willigen Deutschen für die NS-Oberen. Sie blickten schon weiter, hin auf die im Krieg unverzichtbaren Lebensmittel und Produkte, für die das glückliche Ehepaar freudig warb. Es ging den Funktionseliten um „unermüdliche, ständig wiederkehrende Hinweise“, darum, „die Menschen allmählich dazu zu erziehen, daß ihnen auf dem Gebiet der Nahrungsverwertung nichts mehr unwichtig erscheint“ (Gerstorfer, Die Propaganda im Dienste der Aufklärungsaktion „Kampf dem Verderb“, Unser Wille und Weg 6, 1936, 355-357, hier 356, auch unten). Eine einheitliche Propaganda war unverzichtbar, daher einheitliche Bilder und Gedichte, daher einheitliche ergänzende Texte. Doch die Propagandisten wussten um die Grenzen derartiger Vorgaben, daher waren auch Journalisten und praktische Hausfrauen gefragt, denn sie und nur sie kannten die Besonderheiten vor Ort: „Generalrezepte können dafür natürlich nicht gegeben werden, da es sich gerade darum handelt, unter keinen Umständen nach einer Schablone zu arbeiten, sondern die Aktion in dem vielfältigen Mosaik all der Kleinigkeiten, aus der sie sich zusammensetzt, unter ständig neuen Blickpunkten zu beleuchten“. Bilder, Gedichte und Ergänzungsnarrative bildeten daher nicht den Kern der Propagandaserie. Dieser bestand aus zahllosen dezentral publizierten und erstellten Texten und Rezepten. Wer die Kampagne als wenig „lokalbezogen“ charakterisiert, spiegelt die eigene Oberflächlichkeit (Hans Veigl und Sabine Dermann, Alltag im Krieg 1939-1945. Bombenstimmung und Götterdämmerung, Wien 1998, 32). Gewiss, auch die kleinteiligen Texte und Rezepte bewegten sich im vorgegebenen Rahmen und nutzten einheitliche Vorlagen. Ihre (bedingte) Überzeugungskraft gewannen sie aber aus der genaueren Kenntnis und Darstellung lokaler Fährnisse, lokaler Konsummuster. Dies gilt es genauer in den Blick zu nehmen, auch um einen Eindruck von der Alltagspropaganda kurz vor Kriegsbeginn zu erhalten.

Stete Lenkung, schon vor Roderich-Garnichtfaul-Kampagne 1938 (Ernährungsdienst 1938, Nr. 20, 1)

Anfang 1939 war die Versorgungslage im Deutschen Reich weiterhin angespannt. Butter, Eier, Fleisch und vielfach auch Gemüse fehlten, verbrämt wurde dies mit der „anomalen Witterung im Dezember und Januar“. Die Alltagspropaganda griff dies auf, sah dieses als paradoxen Widerhall der Erfolge der NS-Regimes, denn das Ende der Arbeitslosigkeit und die moderat steigende Lebenshaltung hätten den „Verbrauch verfeinerter Nahrungsmittel“ deutlich erhöht (Hat die Verbrauchslenkung versagt?, National-Zeitung 1939, Nr. 28 v. 28. Januar, 15 für beide Zitate). Versorgungsschwierigkeiten seien Übergangserscheinungen auf dem Weg hin zu besseren Zeiten, zur entwickelten nationalsozialistischen Konsumgesellschaft. Meckern sei unangemessen: „Wir vergessen oft sehr schnell, wenn es uns einmal schlecht gegangen ist und richten dafür unsere Aufmerksamkeit um so härter auf die Ereignisse und damit natürlich auch auf Unzulänglichkeiten des Augenblickes“ (Unsere Ernährung im Februar, Bremer Zeitung 1939, Nr. 28 v. 28. Januar, 10). Verglichen mit der immer wieder in Erinnerung gerufenen Zeit der Hungerblockade und der Weltwirtschaftskrise war das zwar richtig, lenkte vom Problem aber ab.

Die Kartoffel als wichtigstes deutsches Lebensmittel (Rahdener Wochenblatt 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 5)

Die allwöchentliche, allmonatliche Verbrauchslenkung hielt längst gegen, die Ernährungsrichtlinie empfahl für den Februar mehr Fisch, Käse und Quark, Butter und Trockenmilch (Fett, Fleisch, Eier. Dinge, an denen wir sparen müssen – Dafür Käse, Fisch, Kartoffeln, Herforder Kreisblatt 1939, Nr. 21 v. 25. Januar, 4). Das erste Bild und Gedicht der Roderich-Kampagne propagierte zudem vermehrt Kartoffeln – und die Knollenfrucht wurde nun gesondert empfohlen. Dazu dienten erstens Artikel, in denen ihre stoffliche Zusammensetzung (Eiweiß, Nährsalze und Vitamine) ebenso gepriesen wurde, wie ihre vielgestaltige küchentechnische Verwendung. Als Ergebnis beträchtlicher, propagandistisch übertriebener Ertragssteigerungen müsse auch der Konsument seinen Beitrag leisten: „Der 15prozentigen Erzeugungssteigerung muß eine ebensolche Verbrauchssteigerung folgen“ (Die Kartoffel in der Ernährung, Oberbergischer Bote 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 10). Der Reichsnährstand hatte dazu einen Rezeptdienst ausgearbeitet, die Zeitungen verbreiteten zudem Teile einer vom Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung erstellten illustrierten Broschüre, um Kartoffeln mittags, aber auch abends „zum Hauptträger unserer Mahlzeiten“ werden zu lassen (Kärntner Volkszeitung 1939, Nr. 8 v. 28. Januar, 11). Die Zeitungen präsentierten sich als Dienstleister, als Freund und Helfer (Schwerter Zeitung 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 4; Altenaer Kreisblatt 1939, Nr. 21 v. 28. Januar, 11; Sächsische Elbzeitung 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 6). Haushaltsparole war: „Die wahrhaft kluge Hausfrau spricht: ‚Verachtet die Kartoffeln nicht!‘“ (Gevelsberger Zeitung 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 15).

Nur geringe regionale Verzehrsunterschiede: Kartoffelkonsum 1908/09, 1927/28, 1937 (Spiekermann, 1997, 278)

Kartoffeln waren damals das wichtigste Lebensmittel im Deutschen Reich. 1938 wurden ca. 174 Kilogramm pro Kopf und Jahr verzehrt, die regionalen Verzehrsunterschiede waren vergleichsweise gering (Uwe Spiekermann, Regionale Verzehrsunterschiede als Problem der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Räume und Strukturen im Deutschen Reich 1900-1940, in: Hans Jürgen Teuteberg et al., Essen und kulturelle Identität, Berlin 1997, 247-282). Doch die Rekordwerte der Vorkriegszeit mit rechnerisch mehr als fünf Zentnern, fast 700 Gramm täglich, erreichte man nicht mehr. Außerdem wurden Kartoffeln vor dem Zweiten Weltkrieg bereits zunehmend verarbeitet, verdrängten als staatlich gefördertes Kartoffelwalzmehl vielfach Getreide, waren als Kartoffelstärke Alltagsgut. Die in der Propaganda klar dominierenden Speisekartoffeln machten nur ein gutes Viertel der Ernte aus, Pflanz- und vor allem Futterkartoffeln mehr als die Hälfte. Die deutsche Landwirtschaft deckte den kompletten Kartoffelbedarf, so dass die Kartoffel immer stärker nationalisiert wurde und auch das öffentlich geehrte und geheiligte Brot, insbesondere das aus importierten Weizen, teilweise substituieren sollte.

Auf diese Struktur baute die Begleitpropaganda zu Roderich und Garnichtfaul vierfach auf. Erstens wurde versucht, den Verzehr insgesamt zu erhöhen. Eine kulturelle Aufladung, etwa durch Bezug an den frühen Lobpreis der Kartoffel durch Mathias Claudius (1740-1815) (Ein Loblied der Kartoffel, Bochumer Anzeiger 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 23), erhöhte die Wertschätzung der Alltagsspeise, vielgestaltige Rezepte riefen andere Zubereitungsformen in Erinnerung. Gerade in den Hauptverzehrsregionen in West- und Norddeutschland galt abseits von Salz- und Bratkartoffeln, abseits der tunkenbewehrten Sättigungsbeilage, „sie ist es wert, um ihrer selbst willen gegessen zu werden“ (Kultur der Kartoffel! Es geht um den guten Geschmack, Dortmunder Zeitung 1939, Nr. 72 v. 12. Februar, 3). Es folgten gleich vierzehn Rezepte bis hin zu verschiedenen Torten und Gebäcken.

Zweitens ging es darum, den Kartoffelkonsum vor allem im Süden und Südwesten des Reiches stärker einzubürgern, wurden in Bayern doch nur zwei Drittel der Reichsdurchschnittswerte erreicht, noch weniger in der „Ostmark“. Während parallel das hohe Lied regionaler Küche gesungen wurde, der 1928 erstmals erwähnte Spätzle-Eintopf Gaisburger Marsch zum typisch südwestdeutschen Gericht mutierte, propagierte man zugleich das weitere Vordringen der Kartoffel als Teil des Zusammenwachsens der einen deutschen Nation: „Ja, es war wirklich arg für die armen Norddeutschen, in Baden zu leben. Aber wie gesagt: es war. Inzwischen ist die Kartoffel auch im klassischen Lande der Mehlspeisen zu großer Beliebtheit gelangt“ (Kartoffeln ein nahrhaftes Gericht, Badische Presse 1939, Nr. 29 v. 29. Januar, 19). Rezepte für Kartoffelgnocchi und in Schale überbackene Kartoffeln errichteten eine Brücke zu regional üblicheren Zubereitungsweisen: „In jeder Gegend unseres Vaterlandes gibt es […] besondere Spezialitäten, zu denen in der Hauptsache Kartoffeln verwandt werden“ (Der Kartoffel ein volles Lob! Wer kennt die Zahl der Kartoffelgerichte?, Dortmunder Zeitung 1939, Nr. 48 v. 29. Januar, 3).

Lob der Kartoffel (Die Glocke am Sonntag 12, 1939, Nr. 5, 20; Rahdener Wochenblatt 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 5)

Drittens unterstützte man die häufigere Verwendung von Kartoffeln als warme Abendmahlzeit, als Suppe, als verarbeitete Beikost. Suppen, salziger Kartoffelpudding und Kartoffelsalate wurden in immer neuen Variationen vorgeschlagen (Was man aus Kartoffeln machen kann, Rheinisch-Bergische Zeitung 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 17). Wer hatte denn schon einmal Kartoffeln in die Milchsuppe eingebaut? (Geseker Zeitung 1939, Nr. 12 v. 28. Januar, 5) Wer traute sich an Kartoffelschnee, Kartoffelrand, Kartoffelringe, gefüllte Kartoffeln und Eierkartoffeln? (Honnefer Volkszeitung 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 6). Kartoffelbällchen und Leberkartoffeln konnten den Tag durchaus abrunden (Zschopauer Tageblatt und Anzeiger 1939, Nr. 24 v. 28. Januar, 7). Auch Kartoffelnudeln oder gewickelter Kartoffelkuchen boten Ergänzungen zum abendlichen kalten Mahl (Billig, nahrhaft, abwechslungsreich. Kartoffelgerichte, Neues Wiener Tagblatt 1939, Nr. 32 v. 1. Februar, 22). Und für nährende Resteessen bot sich selbstverständlich die Kartoffel an (Kartoffeln so und so!, Wilsdruffer Tageblatt 1939, Nr. 36 v. 11. Februar, 6). Wer all das nicht kannte oder konnte, für den gab es Kochkurse des Deutschen Frauenwerks (Essener Anzeiger 1939, Nr. 28 v. 29. Januar, 4).

Viertens schließlich koppelte man die Kartoffelpropaganda mit Fragen des Kampfes gegen den Verderb, den im Krieg systematisch propagierten Pellkartoffeln und der richtigen Einlagerung (Der Neue Tag 1939, Nr. 42 v. 11. Februar, 5). Die Propaganda für höheren Kartoffelverzehr vermischte sich dabei zunehmend mit den Empfehlungen verarbeiteter Kartoffelprodukte.

Erlaubt man sich etwas mehr Distanz, so praktizierte die nationalsozialistische Verbrauchslenkung zentrale Ideen der späteren Salutogenese (Aaron Antonovsky, Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1997). Es galt, den Volkskörper zu optimieren, seine Stärken zu stärken, seine Schwächen zu schwächen. Die Propaganda, nicht nur die von Roderich und Garnichtfaul, lenkte nicht nur, sondern bot Hilfestellungen, um das Leben im völkischen Verbund zu verstehen, es auch auszufüllen. Sie bot Handreichungen, um das eigene Haushalten und Konsumieren trotz äußerer Fährnisse handhabbar zu gestalten. Und durch die kulturelle Aufladung, durch die Integration von staatspolitisch bedeutsamen Aufgaben, schuf sie Sinngehalte, ein Leben mit Weihegehalt. Dieser Bezug erscheint erst einmal paradox, denn als Konzept wurde die Salutogene Anfang der 1970er Jahre just aufgrund von Untersuchungen an weiblichen KZ-Häftlingen entwickelt. Doch das für Aaron Antonovsky (1923-1994) zentrale Kohärenzprinzip wurde bereits von den für die Verfolgung und Verhaftung verantwortlichen Funktionseliten systematisch eingesetzt. Propaganda ist ein Grundelement jeder modernen Gesellschaft, dient heterogenen Zwecken.

Wir könnten nun fortfahren: Auch beim Quark, angesprochen im zweiten Motiv der Bilder und Gedichte, gab es unmittelbar daran andockende Einzeltexte (Quark zum Mittag- und Abendessen, Lippstädter Zeitung 1939, Nr. 60 v. 11. März, 11), einen reichsweit abgedruckten, allerdings vielfältig variierten Grundtext (Erzeugung und Verbrauch von entrahmter Milch, Geseker Zeitung 1939, Nr. 18 v. 11. Februar, 5; Annener Zeitung 1939, Nr. 36 v. 11. Februar, 6; Aachener Anzeiger 1939, Nr. 36 v. 11. Februar, 6). Die Magermilchprodukte Quark, Sauerkäse und Trockenmilch wurden darin als billige und hochwertige, in der Küche vielfach einsetzbare, einfach zu handhabende Produkte vorgestellt, ausführlich von den Anstrengungen und Verwertungsnöten der Milchwirtschaft berichtet. Es folgte eine große Zahl regional angepasster Rezeptvorschlägen. Topfenspeisen in Österreich, im Nordwesten eher Quark mit Hering, mit Haferflocken, als Brotaufstrich anstelle von Butter (Topfen in gemüsearmer Zeit, Neues Wiener Tagblatt 1939, Nr. 39 v. 8. Februar, 22; Der Erft-Bote 1939, Nr. 30 v. 11. Februar, 3; General-Anzeiger für Bonn und Umgegend 1939, Nr. 16372 v. 11. Februar, 15). Quark wurde als modernes Lebensmittel präsentiert, als „guter deutscher Speisequarg“ geadelt (Gladbecker Volkszeitung 1939, Nr. 44 v. 12. Februar, 4). Die Hausfrauen sollten ihn endlich würdigen, ihn nicht mehr als „rechtes Stiefkind“ behandelten, die Fülle der damit möglichen herzhaften und süßen Speisen sich zu eigen machten (Quarg macht sich beliebt, Bochumer Anzeiger 1939, Nr. 36 v. 11. Februar, 21 mit Rezepten für Quark-Appetitbissen und einer süßen Quarkspeise).

Quark mit Pellkartoffeln und neue Verpackungen (Die Käse-Industrie 11, 1938, 34 (l.); ebd. 9, 1936, 123)

Da die Struktur derartig ergänzender und erweiternder Ernährungspropaganda jedoch meist repetitiv ist – Grundtext, Nebentexte, ergänzende Abbildungen und dann vor allem regional passende Rezepte – will ich nur noch auf zwei der insgesamt acht mittels Roderich und Garnichtfaul in den Blickpunkt gerückten Produkte genauer eingehen, nämlich die seit Jahrzehnten intensiv beworbene Fleischalternative Fisch und das Deutsche Pudding-Mehl als Prototyp einer wachsenden Zahl neuer Ersatzprodukte.

Fischpropaganda vor und während der NS-Zeit (Das Blatt der Hausfrau 1930/31, H. 13, 37 (l.); Die Glocke, Ausg. F 1937, Nr. 108 v. 22. April, Unterhaltungsblatt, 4)

Fisch, vorrangig Seefisch, war seit der Vorkriegszeit ein immer wieder intensiv beworbenes Lebensmittel. Verglichen mit der Kartoffel war sein Konsum regional weitaus disperser, zudem handelte es sich um ein hochgradig saisonales Produkt. Frischfisch war hygienisch heikel, für einen reichsweiten Absatz fehlte es trotz der 1896 erfolgten Gründung der Deutschen Dampfschiffereigesellschaft Nordsee lange an Kühltechnik für Transport und Ladenverkauf. Marinaden und Konserven dienten sowohl als Gaumenkitzel als auch als billige, meist gesalzene Ware, doch ihr Geschmack sagte nicht jedem zu, auch der Sättigungswert einer Hauptspeise wurde vielfach in Frage gestellt. Demgegenüber standen ernährungsphysiologische und handelspolitische Vorteile, entlastete Fisch doch die Devisenbilanz des Deutschen Reiches. Seit 1926 intensivierte der „Ausschuss für Seefischpropaganda“ die „Aufklärung“ der Konsumenten, doch es war vor allem der niedrige Preis der Massenware, der den Pro-Kopf-Konsum während der Weltwirtschaftskrise moderat auf etwa zehn Kilogramm steigen ließ (Spiekermann, 2018, 374-375).

Fisch als Erweiterung der deutschen Nahrungsgrundlagen (National-Zeitung 1939, Nr. 36 v. 5. Februar, 5)

Für das NS-Regime hatte Seefisch vor allem den Charme, dass mit der Hochseefischerei eine zuvor unerschlossene „Kolonie“ genutzt werden konnte. Es galt auf „unterseeischen Weiden“ zu ernten, dadurch die Devisenbilanz zu verbessern, die Aufwendungen für die Fleischproduktion zu vermindern. Günstige Preise und eine „Arbeitsschlacht“ zugunsten deutscher Fischer erlaubten eine rasche Steigerung des Konsums auf 1936 dreizehn Kilogramm pro Kopf – und die Funktionseliten intensivierten die Forschungsinvestitionen und Subventionen nochmals massiv (Spiekermann, 2018, 376-378). Der Vierjahresplan sah eine Verdopplung der Anlandungen bis 1940 vor – und das, obwohl im Kriegsfall die Hochseefischerei, wie auch der parallel noch stärker ausgebaute Walfang, aufgrund der britischen Seemacht nicht fortgeführt werden konnte. Die weiter professionalisierte Fischpropaganda unterstrich, dass es um das Erreichen der Kriegsfähigkeit ging, dass dann die Karten neu gemischt werden sollten.

Roderich und Garnichtfaul wurden demnach in eine bestehende, immer wieder erneuerte Propaganda integriert. Seit 1936 zeigten sich nämlich die Grenzen einer raschen Umstellung der Alltagskost: Die Mengenausweitung war nicht begleitet von einer entsprechenden standardisierten Warenqualität. Es fehlte an elektrischer Kühlung, in den Läden, in der Transportinfrastruktur. Bis 1938 konnte der Konsum nur noch um ein halbes Kilogramm gesteigert werden. Es ging eben nicht mehr um die Brechung von Vorurteilen, auch der recht niedrige Preis der Standardarten war angesichts eines moderat steigenden Lebensstandards nicht mehr so wichtig. Die Roderich-Garnichtfaul-Kampagne griff dies bedingt auf, zielte vorrangig auf drei Punkte:

Erstens setzte sie – im Gegensatz zu anderen Teilen der Serie – die Moralisierung der Hausfrauentätigkeit fort: „Deutsche Frau, in Deiner Hand liegt es, den Fischverbrauch des deutschen Volkes zu verdoppeln!“ (Auf jeden Tisch zweimal in der Woche Fisch!, Niederrheinische Volkszeitung 1939, Nr. 57 v. 26. Februar, 7). Auch wenn begleitend Kochkurse des Deutschen Frauenwerks angeboten wurden, so handelte es sich doch um eine Fortsetzung der stark fordernden allgemeinen Fischkampagne, die sich vom zumeist freundlicheren Tenor des Herrn Roderich und seiner Gemahlin parolenhaft-plärrend abhob. Auch sachlicher klingende Texte erinnerten eher an die allgemeinen Ernährungsrichtlinien der steten Verbrauchslenkungspropaganda: „Der Fisch ist also die einzige ‚Kolonialware‘, die wir aus eigener Erzeugung haben“ (Jetzt ist auf dem Meer Erntezeit, Siegblätter 1939, Nr. 48 v. 25. Februar, 6; Die Bedeutung des Fisches für die Ernährung, Schwerter Zeitung 1939, Nr. 48 v. 25. Februar, 4). Die Hausfrauen sollten zugreifen, zumal ihnen die Verarbeitung der nicht verkauften Filets zu Fischmehl zeigefingernd zur Last gelegt wurde. Laufende Propagandamaßnahmen begrenzten somit den Spielraum der Roderich-Garnichtfaul-Kampagne.

Die Serie bot wiederum einen Grundtext, der die Anstrengungen der Fischwirtschaft anschaulich schilderte, daraus eine völkische Reziprozität ableitete. Darüber aber waberte eine aufgrund des Vierjahresplanes bestehende Pflicht zum massiv höheren Konsum; derartiges erfolgte ansonsten indirekt und implizit, mit Bezug auf die technischen Fortschritte des NS-Regimes und der „klugen“ Gefolgschaft der Hausfrauen (Die Bedeutung des Fisches für die Ernährung, Der Haushalt 11, 1939, Nr. 4, 6; Salzburger Volksblatt 1939, Nr. 47 v. 25. Februar, 11; Wittener Tagblatt 1939, Nr. 48 v. 25. Februar, 3). Auch die in der allgemeinen Fischwerbung stets präsente Heldengeschichte des kernigen Fischers, der als Teil des ewigen Kampfes zwischen Natur und Mensch dem Meer einen lebensnotwendigen Anteil entriss, wurde nicht aktiviert.

Zweitens wurde auch der Fischkonsum als Problem regionaler Ernährungsdisparitäten verstanden. Württemberger Leser wurden gezielt angesprochen „weil Württemberg sowohl bei Fischen wie bei Kartoffeln je Kopf der Bevölkerung nahezu den geringsten Durchschnittsverbrauch aller Gaue des Reiches hat“ (Eßt mehr Fische!, Verbo 1939, Nr. 35 v. 10. Februar, 15). Mit Verweis auf neue hygienische Fischverkaufsautos und vermehrte spezialisierte Fischverkaufsstellen wurde versucht, bestehende Befürchtungen über mangelhafte Qualität und Frische der im Norden angelandeten Fische aufzugreifen und abzumildern. Dazu diente auch eine große Zahl von Fischkochkursen der Deutschen Frauenschaft. Sie sollten Qualitätskriterien, wie klare Augen, dunkelrote Kiemen, fehlenden Fischgeruch oder eine noch widerständige Textur verankern, den Hausfrauen die Angst vor Fehleinkäufen nehmen. Das „Drei-S-System“ wurde vermittelt, das Säubern der Fische und ihrer Filets, das Säuern mit regional passenden Marinadengrundstoffen und schließlich das Salzen zur Tilgung des Seegeruchs. Hinzu kamen basale Kochfertigkeiten, insbesondere das seit den 1920er Jahren immer wieder empfohlene Dünsten – und schließlich Kochrezepte, die den regionalen Geschmacksvorstellungen entsprachen. Fischeintopf mit Hülsenfrüchten wäre in Bayern kaum zu vermitteln gewesen, eher schon geräucherter oder gegrillter Fisch mit Kraut.

Gesund und preiswert: Argumente für höheren Fischverbrauch in Österreich (Kärntner Volkszeitung 1939, Nr. 14 v. 25. Februar, 8)

Entsprechend nahmen drittens Fischrezepte einen besonders großen Raum ein. In Bochum befanden sich unter 21 einschlägigen Rezepten Fischfilet mit Speck, Fischragout, Fischkartoffelpuffer und „Sauerbraten von Kabeljau“, also Mock Food. Das passte zu regionalen Spezialitäten, zur üblichen Kost (Kleine Vorschläge für den Fischtag, Bochumer Anzeiger 1939, Nr. 48 v. 25. Februar, 5). Im Sauerland gab es unter anderem Deutsche Fischsuppe, Labskaus, grüne Heringsröllchen, Bratfisch, Fischfilet mit Sauerkraut, auch ein Bauern-Essen mit Bückling und Räucherfischauflauf (Fisch auf mancherlei Art, Sauerländisches Volksblatt 1939, Nr. 48 v. 25. Februar, 9). Rheinische Zeitungen enthielten Karpfen mit Meerrettichtunke, Fischschnitten auf rheinische Art, Fischauflauf mit Weißkohl und Bücklingswürstchen, Kohlrollen mit Fischhackmasse sowie Fischpuffer als Variation der beliebten Reibekuchen mit Apfelmus: „Gibt es etwas Abwechslungsreicheres? Es soll 1000 verschiedene Eierspeisen geben, aber es gibt noch viel mehr Fischgerichte“ (Fisch auf den Tisch!, Gladbecker Volkszeitung 1939, Nr. 56 v. 25. Februar, 4).

Derartige Rezepte suggerierten nicht nur die Nähe zu bestimmten regionalen Küchen, sondern auch, dass richtig zubereiteter Fisch schmackhaft, leicht verdaulich und sättigend sein konnte (Hamburger Tageblatt 1939, Nr. 56 v. 25. Februar, 8). Er mutierte so zum „Fleischvorrat, den uns das Meer gibt“. Ja, die große Zahl der Spezialitäten mochte die Hausfrau teils überfordern, doch dann war Garnichtfaul eine Wegweiserin: „Ein wenig Phantasie hilft über alles hinweg“ (Fleisch aus dem Meer, Kärntner Volkszeitung 1939, Nr. 14 v. 25. Februar, 8). Die Rezepte hatten den Vorteil haushälterischer Kontrolle, einer selbstbestimmten Qualität bei relativ billigen Grundstoffen. Doch für die Propagandaserie war ebenso charakteristisch, dass sie auch neuartige verarbeitete Fischprodukte vorstellte, so etwa die „nach einigen Fehlschlägen“ als kaltgeräucherte „Vollkraft-Fische“ in der Wehrmacht und im Reichsarbeitsdienst eingeführten Hauptgerichte („Vollkraft-Fische“ – eine neue Art, Herner Anzeiger 1939, Nr. 48 v. 25. Februar, 14). Fisch wurde kräftige, männliche Speise. Daran hätte auch Roderich seine Freude gehabt. Derweil lief die allgemeine Fischpropaganda weiter, fordernd und weniger subtil (Werbewelle für den Fisch, General-Anzeiger für das rheinisch-westfälische Industriegebiet 1939, Nr. 56 v. 25. Februar, 11).

Werbung für Deutsches Pudding-Mehl, Sago und Kartoffelmehl (Hamburger Tageblatt 1939, Nr. 85 v. 26. März, 4)

„Roderich, das Leckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ hatte eine besondere Bedeutung für die Einführung neuartiger Austauschstoffe, bot diesen einen breiteren Rahmen als üblich. Verbrauchslenkung war dann Anpreisung des Neuen, war Werbung für hochverarbeitete Produkte. Die Propagierung des Deutschen Pudding-Mehls war Teil eines Protzes des Neuen, zeigte zugleich aber die Grenzen der Verbrauchslenkung deutlich auf. DPM wurde als eines der vielen „Kinder der Kartoffel“ präsentiert, neuartige Lebensmittel aus dem Rohstoff Kartoffel. Es war Teil einer brüstend posaunten Zahl von mehr als hundert Knolleninnovationen, mit deren Hilfe die Selbstversorgung Gestalt annehmen sollte („Kinder“ der Kartoffel, Der Gesellschafter 1939, Nr. 16 v. 19. Januar, 8).

Als Teil der Roderich-Garnichtfaul-Kampagne kam die Vorstellung jedoch recht spät, denn DPM wurde bereits im Sommer 1938 eingeführt: „Etwas ganz Neues auf dem Gebiet unserer Ernährung ist das Deutsche Puddingmehl, das unter dem Qualitätszeichen DPM und in einheitlicher Packung nunmehr überall dem Verbraucher angeboten werden wird“ (Wir bitten zu Tisch, Die Glocke, Ausg. F 1938, Nr. 171 v. 27. Juni, 6). Ganz neu war es natürlich nicht, denn schon während des Ersten Weltkrieges gab es intensive Forschungen für einen Ersatz der aus Mais, Weizen oder aber Reis hergestellten Stärkeprodukte. Ein deutsches Puddingmehl wurde schon 1933 auf staatlichen Druck hin angeboten, die Nährmittelindustrie damals verpflichtet, 3000 Tonnen einzukaufen und zehn Prozent billiger als das aus Importmais hergestellte Mondamin anzubieten (Kartoffeln als Auslandsrohstoffersatz, Hamburger Fremdenblatt 1933, Nr. 347 v. 16. Dezember, 9). Das Produkt scheiterte, der Kartoffelgeschmack war zu dominant.

DPM-Einführung nebst späterem Küchenarrangement (Hamburger Tageblatt 1938, Nr. 268 v. 1. Oktober, 13 (l.); Rahdener Wochenblatt 1939, Nr. 27 v. 1. Februar, 7)

Bis 1938 war die Produktionstechnologie deutlich verbessert worden, und eine schön gestaltete illustrierte Broschüre stellte das Knollenprodukt der Öffentlichkeit vor (Kinder der Kartoffel, hg. v. Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung, Berlin 1938). Die Ernährungsrichtlinien lenkten die reichsweite Öffentlichkeit im Juli auf das neue Ersatzprodukt, auch wenn es damals kaum erhältlich war, erst „demnächst allgemein im Verkehr erscheinen“ sollte (Was essen wir im Juli?, Schwarzwald-Wacht 1938, Nr. 157 v. 8. Juli, 5; analog Der Patriot 1938, Nr. 150 v. 1. Juli, 4). Auch die Ernährungsrichtlinien von August und September 1938 empfahlen einen bevorzugten Konsum von DPM, während kleinere Artikel über kontinuierliche Lieferschwierigkeiten berichteten (Ernährungsrichtlinie für die Verbrauchslenkung im August 1938, Die Glocke, Ausg. F, 1938, Nr. 218 v. 13. Juli, 7; Was essen wir in der kommenden Woche?, Solinger Tageblatt 1938, Nr. 200 v. 27. August, 12). Noch Anfang Oktober hieß es hoffnungsfroh, dass „in allernächster Zeit Packungen mit der Aufschrift ‚DPM‘ in den Handel kommen“ würden (Deutsches Puddingmehl, Hamburger Tageblatt 1938, Nr. 268 v. 1. Oktober, 13). Und schon schrieben eilfertige Federn „vom allseitig erfolgreiche[n] Absatz von deutschem Puddingmehl“ (Marktumschau für die Hausfrau, Viernheimer Volkszeitung 1938, Nr. 250 v. 26. Oktober, 7). Doch erst im Dezember dürfte es breiter verfügbar gewesen sein – nun beworben durch eigens in den Läden angebrachte Plakate. Nun wurden auch Einsatzmöglichkeiten genauer vorgestellt: Es diente als Puddingpulver, Nährmittel, ergänzendes Speisenpulver, als Weizenzusatz beim Backen („DPM.“ – schnell begehrt, Die Glocke am Sonntag 11, 1938, Nr. 50, 20). DPM war, wie viele Ersatzmittel dieser Zeit, auch nach seiner Einführung ein Produkt auf der Suche nach einem Markt, einer Marktnische. Rezepte folgten, spiegelten dabei regional unterschiedliche Nachtischvorlieben (Pudding für den Festtagtisch, Wiener Zeitung 1938, Nr. 315 v. 8. November, 8). Einschlägige Speisen lockten in Illustrierten, gaben einen Abglanz der kulinarischen Möglichkeiten von DPM und anderen Ersatzprodukten aus Kartoffeln.

Nettes Arrangement: Sagoauflauf und Flammeri aus Deutschem Pudding-Mehl (Das Blatt der Hausfrau 53, 1939/40, H. 15, 443)

Die Einführungswerbung lief im neuen Jahr mit Einzelartikeln im Rahmen der allgemeinen Verbrauchslenkung weiter; abseits der schon angelaufenen Roderich-Garnichtfaul-Kampagne. DPM symbolisierte Nahrungsfreiheit und deutsche Schaffenskraft (Süsse Speisen aus Kartoffeln?, Rahdener Wochenblatt 1939, Nr. 27 v. 1. Februar, 7; Noch unbekannt?, Oberbergischer Bote 1939, Nr. 30 v. 4. Februar, 11). Das Neue wurde deutlich vom früheren Kartoffelmehl abgegrenzt, als feines Produkt positioniert, das „einen wahrhaften Siegeszug durch die Küchen angetreten“ habe (Nahrhafte Kartoffel-Produkte, Gladbecker Volkszeitung 1939, Nr. 45 v. 14. Februar, 3). Im Februar schienen die Liefer- und wahrscheinlich ebenfalls bestehenden Qualitätsprobleme behoben, doch offenkundig wurde es „noch nicht allgemein von den Hausfrauen seinem Wert nach gewürdigt und darum gekauft“ (Das jüngste Kind der Kartoffel, Lenneper Kreisblatt 1939, Nr. 41 v. 17. Februar, 7). Die Einsatzmöglichkeiten schienen kaum begrenzt, auch die Kranken- und Kinderkost wurden anvisiert. Eine Rezeptbroschüre gab es kostenlos im Einzelhandel, Kochkurse der Deutschen Frauenschaft offerierten praktische Hilfen, minderten die offenkundige Skepsis: „Dieses Puddingmehl riecht und schmeckt nicht etwa nach Kartoffeln. Wer die Herkunft nicht weiß, glaubt kaum, daß man aus ‚gewöhnlichen‘ Kartoffeln ein so hochwertiges Nahrungsmittel machen kann. Es klebt und kleistert nicht, wie Kartoffelstärke das sonst tut, erinnert also in nichts mehr an die Kartoffel“ (Puddingpulver, aus Kartoffeln hergestellt, Buersche Zeitung 1939, Nr. 50 v. 20. Februar, 3). Allseits verwandt, könne DPM die 1938 noch produzierten 45.000 Tonnen Maisstärke ersetzen. Die Lebensmittelindustrie konnte zaubern, DPM wurde somit ein Produkt auch für Gemahlin Garnichtfaul und ihre Kochkünste.

Hinweis und Angebot von Deutschem Pudding-Mehl (Neckar-Bote 1939, Nr. 71 v. 23. April, 8 (l.); Ostfriesische Tageszeitung 1939, Nr. 16 v. 19. Januar, 4)

Die Integration des Deutschen Pudding-Mehls in die Roderich-Garnichtfaul-Kampagne diente demnach der Verstärkung einer ohnehin laufenden Einzelwerbung im Rahmen der allgemeinen Verbrauchslenkung. Das schien nötig, denn 1937/38 wurden nach offiziellen Angaben lediglich 400 Tonnen DPM hergestellt (Der Haushalt 11, 1939, Nr. 6, 7). Neuerlich veröffentlichten die Zeitungen vielgestaltige Rezepte, auch kleine Geschichten versuchten das Interesse auf das neue, nunmehr verfügbare Produkt zu lenken (Illustrierte Kronen-Zeitung 1939, Nr. 14076 v. 26. März, 18; Die Wiener Bühne 16, 1939, H. 14, 38). Innerhalb der Kampagne war das Pulver Grundstoff für Süßspeisen, für Nachtische, andere Einsatzmöglichkeiten traten dagegen in den Hintergrund. Doch trotz der Propaganda konnte DPM weder Mais- noch Weizenstärke verdrängen. Erst als Teil der Rationierungswirtschaft etablierte es sich als Kindernährmittel neben Gustin, Maizena, Mondamin, Rizena und Weizenin (Der Gesellschafter 1939, Nr. 246 v. 20. Oktober, 4). In dieser Nische hielt es sich auch in der Nachkriegszeit. Der durch den Roman „Ich denke oft an Piroschka“ bekannt gewordene Schriftsteller Hugo Hartung (1902-1972) – Simplicissimus-Mitarbeiter und NSDAP-Mitglied – präsentierte es im freundlichen NS-Jargon noch 1960 (Hugo Hartung, Kinder der Kartoffel, Köln 1960).

Ernährungsrichtline im September 1938: Präsenz aller von Roderich und Garnichtfaul empfohlener Lebensmittel (Hakenkreuzbanner 1938, Nr. 409 v. 4. September, 5)

Wie kann man angesichts dieser Fallstudien die Wirkung sowohl der allgemeinen Verbrauchslenkung als auch der Kampagne um „Roderich, das Schleckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ einschätzen? Bei der Antwort hilft vielleicht ein Blick auf die visuell nett aufbereitete Ernährungsrichtlinie vom September 1938. Darin fand man bereits alle Lebensmittel und Produkte, die dann von Roderich und Garnichtfaul prominenter präsentiert wurden. Dies spiegelt die 1938/39 zunehmend geringere Resonanz der staatlichen Lenkungsmaßnahmen, also just zu einem Zeitpunkt, in dem die durch den Vierjahresplan in Gang gesetzte lebensmitteltechnologische Forschung nennenswerte Ersatzmittel produzierte. Sie wurden während des Krieges über die Rationierung allgemein verbreitet, waren wichtige Zwischenschritte für die zunehmend industriell gefertigten Lebensmittel der Supermarkt-Ära und auch unserer Zeit.

Die Kampagne spiegelte das Beharren der NS-Funktionseliten auf einen tiefgreifenden Wandel in der Ernährungswirtschaft, im Alltagskonsum. Die von Roderich und Garnichtfaul goutierten Produkte waren allesamt deutsch, doch zugleich Prototypen einer neuen Konsumkultur, mit höherem Verarbeitungs- und Conveniencegrad, mit einem für die Konsumenten scheinbar offenkundigen Zusatznutzen. Die Roderich-Garnichtfaul-Kampagne steht für das immer wieder verfeinerte Bemühen, das Volk, den großen Lümmel, in die vom NS-Regime und seinen Funktionseliten anvisierte Richtung zu leiten. Sie war Beispiel für einen weniger strikten, ansatzweise freundlicheren Ton in der Propaganda. Das war Teil einer nationalsozialsozialistischen Binnenmoral, denn totaler Krieg und Höflichkeitspropaganda waren kein Widerspruch, sondern aufeinander bezogen. Freudig Kochen, genussvoll essen, am Weg des Führers arbeiten, und dann erschrocken sagen: Davon haben wir nichts gewusst. Propaganda dient der Effizienzsteigerung in modernen arbeitsteiligen Gesellschaften.

Visueller Flankenschutz: Begleitkampagnen durch Materndienste

Mit diesen vielen Informationen und Überlegungen könnte man enden. Doch dann hätte man immer noch nur einen Teil der Roderich-Garnichtfaul-Kampagne betrachtet, den unbedingten Willen einer immer wieder neu ansetzenden, immer wieder verfeinerten Verbrauchslenkung unterschätzt. Denn die Kampagne, über deren Hauptzeichner wir nichts wissen, wurde von anderen aufgegriffen und gedoppelt. Roderich und Garnichtfaul hatten – wie auch andere Propagandafiguren der NS-Zeit – Wiedergänger.

Einen Monat nach dem Beginn der Propagandakampagne trat ein neuer, ein zweiter Roderich in das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Thematisiert wurde das zweite Motiv der Serie, der vom Schlecker Roderich geliebte und von Gemahlin Garnichtfaul gut hergerichtete Quark. Das war der Start von fünf weiteren Doppelbildern, kleinen Comics, die dem Leser Geschmack, Gehalt und Preiswürdigkeit heimischer Lebensmittel und Produkte nochmals freundlicher, nochmals unterhaltender darboten. Gezeichnet von dem Karikaturisten D. Aschau (ein Pseudonym des 1902 in Würzburg geborenen und für die Reichsbank tätigen Volkswirtes Friedrich Oechsner (Staatsarchiv Sigmaringen Wü 13 T2, Nr. 1630/038)), handelte es sich um ein ergänzendes, nicht verpflichtendes Angebot des Scherl-Materndienstes. Dieser wurde 1916 von einem Konsortium um Alfred Hugenberg (1865-1951) gekauft, einem Schwerindustriellen, DNVP-Politiker, Medienmogul und späteren Superminister im ersten Kabinett Hitler. Der Materndienst versorgte während der Weimarer Republik und der Präsidialdiktatur vorwiegend kleinere Zeitungen mit Texten und vielfach antirepublikanischen Meinungsartikeln. 1933 wurde er vom Zentralverlag der NSDAP, dem Franz-Eher-Verlag, übernommen und etablierte sich rasch auch als reichsweit präsenter Bildmaterndienst. Solche ergänzende Bildmotive waren typisch für die NS-Propaganda, unterstrichen deren staatspolitische Bedeutung. Kampagnen wie Groschengrab, Herr Bramsig und Frau Knöterich oder auch Kohlenklau wiesen ähnliche Ergänzungen auf.

Quark als kulinarischer Genuss (Velberter Zeitung 1939, Nr. 58 v. 27. Februar, 6)

Die zweite Roderich-Serie – das Leckermaul wurde jeweils namentlich genannt, nicht aber seine allerdings stets sichtbare Gemahlin Garnichtfaul – folgte etwa zwei Wochen nach den ersten Vertiefungstext des glücklichen Ehepaars, widmete sich wie dieser dem Quark, dem heimischen. Die Einzelbilder erschienen dann in etwa zweiwöchigem Abstand. Die Zeitungen nutzten allerdings ihren Freiraum, eine einheitlich getaktete Erscheinungsweise gab es nicht (Ersterscheinung Die Glocke 1939, Ausg. E, Nr. 57 v. 27. Februar, 4; Lippische Staatszeitung 1939, Nr. 63 v. 5. März, 22; Rheinisches Volksblatt 1939, Nr. 55 v. 6. März, 7). Die jeweils zwei Zeichnungen waren zumeist horizontal angeordnet, doch sie erschienen auch vertikal, verortet meist in der ersten oder letzten Spalte (Hakenkreuzbanner 1939, Nr. 94 v. 25. Februar, 5). Scherl ergänzte dadurch sein Angebot eingängiger Zeichnungen der monatlichen Ernährungsrichtlinen oder aber besonders zu bevorzugender Lebensmittel. Comics waren zur NS-Zeit keineswegs verpönt, sondern ein wichtiges Element der Propaganda. Gewiss, sie hatten im Deutschen Reich eine andere Form als in den vielfach stilbildenden Vereinigten Staaten. Doch als Kindergeschichten, als humoristische Einschübe, in zahlreichen Werbekampagnen und nicht zuletzt in staatspolitischen Angelegenheiten waren sie mehr als eingängige Bildtupfer.

Frühe Propagandazeichnung Aschaus für die Reichsanleihe 1937 (Mitteldeutsche Nationalzeitung 1937, Nr. 234 v. 26. August, 8)

Zeichner Aschau hatte sich seit 1937 einen gewissen Namen gemacht, als er die Reichsanleihe beworben hatte, ein wichtiges Element der Aufrüstung. 1938 illustrierte er auch den vom Regime vorgeschriebenen Goldmünzeneintausch, der die Devisenprobleme des Deutschen Reichs kurzfristig minderte (Mitteldeutsche Saale-Zeitung 1938, Nr. 188 v. 13. August, 7; ebd., Nr. 203 v. 31. August, 7). Aschau erweiterte sein Arbeitsfeld, seine Zeichnungen zielten auf den rechtzeitigen Weihnachtseinkauf oder richtiges Wäschewaschen (Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung 1938, Nr. 290 v. 11. Dezember, 6; Meinerzhagener Zeitung 1939, Nr. 15 v. 19. Januar, 6). Unmittelbarer Vorläufer der Roderich-Serie war eine sechsteilige Ergänzung der 1938/39 veröffentlichten Groschengrab-Propaganda (Rheinisches Volksblatt 1938, Nr. 146 v. 27. Juni, 3; Hakenkreuzbanner 1938, Nr. 315 v. 11. Juli, 5; Durlacher Wochenblatt 1938, Nr. 168 v. 21. Juli, 5; Lippische Staatszeitung 1939, Nr. 214 v. 15. August, 15; ebd., Nr. 226 v. 18. August, 8; Mindener Zeitung 1939, Nr. 207 v. 5. September, 8).

Trockenmilch als kräftigende Proteinquelle (Tremonia 1939, Nr. 64 v. 5. März, 2)

Die einzelnen Motive der Roderich-Serie hatten zumeist eine ansprechende, fett gesetzte und häufig mit einem Ausrufezeichen versehene Überschrift. Sie wurde unterhalb der beiden Bilder präzisiert und in fetter Type auf die eigentliche Botschaft zugeschnitten. Trockenmilch war der Aufmacher des zweiten Motivs, doch das Feld war breiter, umfasste die preiswerte Eiweißversorgung. Jedes Motiv bestand zudem aus zwei je vierzeiligen Gedichten, die zugleich den Inhalt der Zeichnungen näher erläuterten. Aschau arbeitete zudem mit den nicht gar so häufigen Sprechblasen, dynamisierte dadurch die Einzelgeschichten. Die abonnierenden Zeitungen besaßen bei der typographischen Gestaltung relative Freiheit, texteten teils andere Überschriften, ließen diese aber auch mal weg (Hakenkreuzbanner 1939, Nr. 104 v. 3. März, 4; Rheinisches Volksblatt 1939, Nr. 67 v. 20. März, 4).

Während sich die Roderich-Garnichtfaul-Kampagne bildlich auf das Ehepaar konzentrierte, hatten die beiden in Aschaus Serie nicht nur ein anderes Aussehen, sondern standen auch stärker im Leben, waren Teil der Volksgemeinschaft. Roderich & Co. waren eine nationalsozialistische Musterfamilie, ein virtueller Aktionsverbund, verwandt mit der zu Beginn des Krieges präsentierten Vorbildfamilie Pfundig, die viele Widrigkeiten der Heimatfront meisterte. Roderich kommentierte und korrigierte, war somit öffentlich aktiv, während Garnichtfaul zwar auch außerhalb des Hauses erschien, dort aber kaum das Wort ergriff. Ihre Wirkungsstätte war das Heim, hier salutierten ihr die anderen Familienmitglieder, priesen ihre zeitgemäße Kochkunst, ihre schmackhaften Gerichte. Die Kinder, ein Sohn und eine Tochter, waren folgsam ruhig. Heiner trieb erfolgreich Sport, seine Schwester spornte den großen Bruder an. Einen Hund gab es ebenfalls, wie putzig…

Fisch von Garnichtfaul überzeugt auch notorische Meckerer (Hakenkreuzbanner 1939, Nr. 118 v. 11. März, 7)

Roderich und Garnichtfaul waren nun Überzeugungstäter, Verbrauchsmissionare. Genuss und Leckerhaftigkeit wurden weiterhin angesprochen, doch das traute Glück war nicht mehr vorrangig. Stattdessen stand in der dritten und vierten Episode die allgemeine Konsumsteigerung im Mittelpunkt. Der Meckerer wurde mit Backfisch bekehrt (Westfälische Zeitung 1939, Nr. 59 v. 10. März, 3; Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung 1939, Nr. 66 v. 18. März, 18; Illustriertes Tageblatt 1939, Nr. 78 v. 1. April, 15), Frau Dürr mit Zucker auf die rund-gebärfähige Idealfigur der deutschen Frau gebracht. Fett wurde in beiden Fällen gespart, Roderich sei Dank!

Zucker für den wohlgeformten Frauenkörper (Illustriertes Tageblatt 1939, Nr. 81 v. 5. April, 6)

Die Zucker-Episode wurde in sehr unterschiedlicher Weise abgedruckt, die Doppelstruktur teils aufgelöst, teils neue Überschriften gewählt (Der sächsische Erzähler 1939, Nr. 76 v. 30. März, 3; Derner Lokal-Anzeiger 1939, Nr. 77 v. 31. März, 8). Auch die Aschau-Serie endete süß, präsentierte DPM als schmackhafte Billigkost, die einen zusätzlichen Kinobesuch ermöglichte. Das Ende zog sich allerdings noch hin, denn auch nach dem gängigen Letztabdruck Ende April gab es bis tief in den Mai hinein noch weitere Abdrucke (NS-Volksblatt für Westfalen 1939, Nr. 103 v. 4. Mai, 5; Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung 1939, Nr. 116 v. 20. Mai, 9). Roderich & Co. boten völkisches Anschauungsmaterial, endeten mit der Überschrift „Wir wünschen wohl zu speisen“ (Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung 1939, Nr. 94 v. 22. April, 9).

Deutsches Pudding-Mehl, schmackhaft und billig (Rheinisches Volksblatt 1939, Nr. 93 v. 22. April, 9)

Aschau zeichnete auch nach dieser Ergänzungsserie weiter, liefert nach Kriegsbeginn passgenaue politische Propaganda gegen Engeland (Mindener Zeitung 1939, Nr. 246 v. 10. Oktober, 10; Hohenstein-Ernstthaler Tageblatt 1939, Nr. 246 v. 21. Oktober, 1; Mindener Zeitung 1939, Nr. 301 v. 23. Dezember, 14; Rahdener Wochenblatt 1940, Nr. 77 v. 4. Februar, 4; ebd., Nr. 83 v. 9. Februar, 4). Weihnachten 1940 durfte er nochmals Überraschungen humoristisch aufs Papier bannen (Volks-Zeitung für den rheinisch-westfälischen Industriebezirk 1940, Nr. 305 v. 27. Dezember, 7; Westfälischer Beobachter 1940, Nr. 179 v. 28. Dezember, 67). Aschau-Oechsner konzentrierte sich seither auf seine Arbeit zur finanzpolitischen Mobilisierung des Deutschen Reichs. Er konnte seine Karriere nach dem Krieg ohne größere Friktionen fortsetzen, war seit 1952 Vorstandsmitglied der Landeszentralbank Württemberg-Hohenzollern, ab 1959 Vizepräsident der Landeszentralbank Bayern. Zu seiner Pension erhielt der frühere NS-Propagandist 1967 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Roderich und Garnichtfaul wurden während des Krieges zunehmend vergessen, die Lebensmittelrationierung wirkte effizienter als der freie Warenkauf. Genuss und privates Glück waren auf die Zeit nach dem Endsieg vertagt worden.

Dank an die UdSSR: NS-Kriegspropagandist Aschau (Nachrichten und Anzeiger für Naunhof […] 1940, Nr. 82 v. 8. April, 6)

Resümee

Die Verbrauchsregelung des NS-Regimes basierte auf einem bis weit ins frühe 20. Jahrhundert zurückreichenden Instrumentarium. Selbstversorgung schien schon vor dem Ersten Weltkrieg wirtschafts- und machtpolitisch geboten. Die Vorteile globaler Arbeitsteilung überwogen jedoch deutlich, die weit verbreitete Vorstellung vom kurzen Krieg ließ das Risiko von Versorgungsengpässen gering erscheinen. Der Erste Weltkrieg beendete derartige Illusionen. Einerseits wurden im langen Übergang zur Rationierungswirtschaft der Städter erst freiwillige, dann mit Zwang versehene Mittel entwickelt, an die der NS-Staat seit 1936 konsequent anknüpfte: Marktübersichten und Wochenspeisezettel, Kochkurse und Speisungswerke, Ersatzmittelwirtschaft und intensivierte angewandte Forschung blieben Kernelemente des raschen Übergangs zu einer freiwilligen Verbrauchslenkung, die nach nur drei Jahren in eine relativ effiziente Rationierung mündete. Anderseits nutzte der NS-Staat auch das Erbe der Weimarer Republik, dessen Agrarmarketing und Produktwerbung alliierte Anregungen aufgriffen und in vielgestaltige, aufeinander bezogene, mit Marken und Bildern unterlegte Kampagnen führten. Während der Zeit der Präsidialkabinette und der frühen NS-Zeit wurde das regulative Instrumentarium für eine Verbrauchslenkung geschaffen, die Massenorganisationen der NSDAP boten personelle Ressourcen für eine zuvor nur aus dem Weltkrieg bekannte Breitenwirkung. Für Aufrüstung und letztlich Krieg wurde Selbstversorgung ein zentrales staatspolitisches Ziel, das anfangs vor allem mit einer Ausweitung der heimischen Agrarproduktion und begrenzten Interventionen in die Lebensmittelproduktion erreicht werden sollte. Doch „Nahrungsfreiheit“ blieb eine Illusion, die Importabhängigkeit des Deutschen Reichs bei Rohstoffen, Investitionsgütern, Futtermittel und Genussmitteln, Eiweißen und Fetten konnte vermindert, nicht aber beseitigt werden.

Seit 1936 wählten die Funktionseliten einen anderen Weg, dessen Konturen zuvor ausführlich dargestellt wurden. Es gelang dem Regime ein reichsweites, noch freiwilliges Verbrauchslenkungssystem zu etablieren, durch das den Hausfrauen monatlich, wöchentlich und täglich Aufgaben präsentiert wurden, um heimische Produkte bevorzugen zu können, um höhere Selbstversorgung zu erreichen. Parallel setzte eine Erhaltungsschlacht ein, eine Effizienzsteigerung der Hauswirtschaft, durch die einerseits Lebensmittelverluste verringert, anderseits die Saisonalität der Ernährung weiter begrenzt werden sollte. In diese Richtung wirkten auch die massiven Investitionen in eine verbesserte Vorratshaltung, in schmackhafte Convenienceprodukte, in eine wachsende Palette wissensbasierter Ersatzprodukte. All dies bewirkte tiefgreifende Veränderungen in den Sortimenten und der Hauswirtschaft. Die allgemeine Verbrauchslenkung griff sie alle auf, versuchte die Hausfrauen und ihre Männer zur langsamen Akzeptanz einer neuen Konsumwelt zu bewegen. Handwerkskunst und regionale Küchen wurden beschworen, letztlich aber zerniert. Die Modernisierung von Landwirtschaft und Handel blieben aufgrund von Ressourcenmangel vielfach auf halbem Wege stecken, ließen aber in der unmittelbaren Vorkriegszeit schon die Fortentwicklung nach dem Krieg erahnen. Die allgemeine Verbrauchslenkung war von diesen Herausforderungen letztlich überfordert, zumal der moderat verbesserte Lebensstandard andere Konsummuster ermöglichte.

In dieser Situation war „Roderich, das Leckermaul, und Gemahlin Garnichtfaul“ eine aus Sicht des NS-Regimes sinnvolle Maßnahme. Sie hatte einen anderen freundlich-gewinnenden Ton, nutzte andere Propagandamedien, eine neuartige Kombination von Bildern und Texten, Geschichten und Produktinformationen, Rezepten und praktischen Hilfestellungen. Sie bildete einen zweiten Anlauf, um den Konsum schon zuvor mit recht begrenztem Erfolg beworbenen Lebensmitteln und vor allem neuartigen Ersatzprodukte zu steigern. Es ging dabei um Zeitgewinn, um Systemstabilisierung, bis ein fest anvisierter Krieg die machtpolitischen Rahmenbedingungen in neue Bahnen zwingen würde.

Roderich und Garnichtfaul waren Vorboten einer neuen Konsumgesellschaft, einer neuen Hauswirtschaft, entsprechend dominierten in der Serie Aspekte von Genuss und Selbstbezüglichkeit. Dies war eingebettet in ein System allgemeiner Sparsamkeit und völkischer Verpflichtung, doch die Motivlage hatte sich gegenüber der allgemeinen Verbrauchslenkung beträchtlich verändert. Die neue, für wenige Monate gleichberechtigt in den Vordergrund tretende Kampagne war deutlich breiter als die fünf simplen Bilder und Gedichte. Sie waren nur Entree in eine vielgestaltige, miteinander verbundene Kampagne. Die Freude des glücklichen Ehepaars gab nicht nur Anregungen und praktische Hilfestellungen, sondern beantwortete auch Fragen nach dem Sinn all der Anstrengungen, wies über völkische Verpflichtungen hinaus. Die neue Konsumwelt würde technisch-wissenschaftlich fundiert sein, dem Einzelnen Belohnung für seine Mühsal bringen, sein Glück nicht missachten. Das war leicht einzubetten in das breite Korsett nationalsozialistischer Moral, doch es wies ansatzweise darüber hinaus.

Roderich und Garnichtfaul war eine typische nationalsozialistische Propagandakampagne. Doch sie war eben nicht nur nationalsozialistisch, sondern adressierte viele Aspekte des modernen Lebens in einer Konsumgesellschaft. Effizienz, Preiswürdigkeit, Bequemlichkeit waren rote Fäden der Kampagne und verknüpfen sie eng mit den anders gelagerten Problemlagen der Gegenwart. Das Volk, der große Lümmel, war und is(s)t auch heute eigensinnig und eigenständig. Funktionseliten drängen auf mikroautoritäre Eingriffe, auf staatliche Hebel fernab der allseits praktizierten, kaum aber erfolgreichen Moralisierung der Märkte, deren Essenz eine selbstbestimmte und freiwillige Verbrauchslenkung ist. Träume von einer raschen Transformation prägen Medien und Öffentlichkeit heute in vielerlei Richtung. Dass dabei der trennende Grat zwischen verschiedenen Gesellschaften und politischen Systemen schmal ist, ist auch Ergebnis dieser Analyse einer modernen und gleichwohl nationalsozialistischen Propagandakampagne.

Uwe Spiekermann, 31. Mai 2025

Aufbruch in die Konsumgesellschaft. Das deutsche Kaiserreich als Experimentierfeld moderner Konsummodelle

„Das Buch der Geschichte findet mannigfaltige Auslegung“ (Heinrich Heine, Verschiedenartige Geschichtsauffassung, in: Ders., Historisch-kritische Gesamt­ausgabe der Werke, Bd. 10, Hamburg 1993, 301-302, hier 301). Diese Sentenz Heinrich Heines charakterisiert trefflich die unterschiedli­chen Haltungen der historischen Forschung, wenn es denn gilt, Anfänge und Durch­setzung der sog. „Konsumgesellschaft“ zu bestimmen. In der internationalen Kon­sumforschung werden ihre Anfänge zumeist ins England des späten 18. Jahrhunderts verlegt. Carole Shammas, Margit Schulte-Beerbühl, Neil McKendrick, John Brewer und insbesondere Maxine Berg haben die Konturen dieser bürgerlich geprägten, aber auch auf die große Mehrzahl der sog. Unterschicht ausstrahlenden „Consumer So­ciety“ präzise gezeichnet. Jan de Vries hat in seinen zahlreichen, unlängst bis in die Gegenwart fortgesetzten Studien zur „industrious revolution“ zugleich ein Modell vor­gestellt, mit dem Haushaltsökonomik, Marktproduktion und die familiären Kon­sum­bedürfnisse dynamisch gekoppelt wurden (Jan de Vries, The Industrious Revolution. Consumer Behaviour and the Household Economy, 1650 to the Present, New York 2008). Bedürfniswandel und Konsummög­lich­­keiten waren demnach entscheidend für den Take-off in eine Welt industrieller Pro­duktion, in deren Mittelpunkt mit der Textilproduktion der damals wichtigste gewerb­liche Konsumgüterbereich stand.

Die deutsche Konsumgeschichtsforschung hat deutlich andere Akzente gesetzt. Sie zeichnet sich einerseits durch eine wahrlich überraschende Selbstbezüglichkeit aus. Christian Kleinschmidts schmales Bändchen „Konsumgesellschaft“ verzichtet prak­tisch auf die Rezeption der internationalen Forschung und nimmt selbst große Teile der deutschen kulturanthropologischen und auch historischen Forschung schlicht nicht zur Kenntnis (Christian Kleinschmidt, Konsumgesellschaft, Göttingen 2008). Auch das von Heinz-Gerhard Haupt und Claudius Torp vorgelegte Handbuch „Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990“ kon­zent­riert sich – bei allen Verdiensten – vornehmlich auf eine Zusammenschau der bishe­rigen deutschen Forschung (Heinz-Gerhardt Haupt und Claudius Torp (Hg.), Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990. Ein Handbuch, Frankfurt a.M. und New York 2009). Ist damit die hiesige Konsumgeschichte erstens durch Rezeptionsdefizite gekennzeichnet, so zeichnet sie sich zweitens durch eine starke Fokussierung auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aus (vgl. auch Frank Trentmann, The Long History of Contemporary Consumer Society. Chronologies, Practices, and Politics in Modern Europe, Archiv für Sozialgeschichte 49, 2009, 107-128). Auch kritisch rückfra­gende Studien, wie etwa die von Michael Wildt oder Arne Andersen, basieren para­doxerweise auf dem Narrativ des Wirtschaftswunders, des Andockens des verlo­ren­en Sohnes (West-)Deutschlands an die dominante Entwicklung des westlichen Konsummodells. Es handelt sich um einen eigenartigen Nachhall der Sonderwegs­these: Das ökonomisch arme, relativ spät industriell entwickelte Deutsche Reich habe zwar Vorformen einer modernen Konsumgesellschaft entwickelt, sei aber durch die Kriegs- und Krisenerfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entschei­dend zurück­geworfen worden. Erst der materielle Wohlstand der Nachkriegszeit habe dann zu einer irreversiblen, in sich aber problematischen Adaption der Konsummo­derne ge­führt.

Diese These wird besonders prononciert von dem Technikhistoriker Wolf­gang König vertreten. In seiner die Forschungsliteratur nur ansatzweise und einseitig rezipierenden „Kleinen Geschichte der Konsumgesellschaft“ heißt es pointiert: „Die Konsumgesellschaft ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts“ (Wolfgang König, Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft, Stuttgart 2008, 9). In den USA könne man seit den 1920er, in Westdeutschland erst seit den 1960er Jahren von einer Konsumgesellschaft sprechen. König gibt zahlreiche, sich teils widersprechende, teils tautologische Kriterien für diese Periodisierung; doch diese lassen sich überprüfen: „In der Konsumgesellschaft konsumiert ein überwiegender Teil der Bevölkerung deutlich über die Grundbedürf­nisse hinaus. Dabei stehen neuartige, kulturell geprägte Konsumformen im Mittel­punkt, wie der ubiquitäre und omnitemporale Verzehr industriell hergestellter Le­bensmittel, die Bekleidung mit modischer Massenkonfektion, das Wohnen in techni­sierten Haushalten, eine dramatisch gestiegene Mobilität und eine medial gestaltete Freizeit“ (Ebd., 28). Zudem solle „die Mehrheit der Bevölkerung an neuen Konsumformen teilha­ben, der Konsum eine herausragende kulturelle, soziale und ökonomische Be­deutung haben und der Konsument zur soziokulturellen Leitfigur geworden sein“ (Ebd., 9-10).

Ich möchte diese Definitionen nutzen, um eine andere Periodisierung zu diskutieren: Nach meiner Auffassung war das Kaiserreich eine Kon­sumgesellschaft – wenngleich eine sehr spezifisch geprägte. Sie war charakterisiert von mindestens drei miteinander ringenden und sich parallel institutionalisierenden Kon­summodellen, die in unterschiedlichen Konstellationen auch die ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts bestimmten. Zuvor gilt es sich jedoch genauer der Frage zu widmen, ob das Kaiserreich eine Konsumgesellschaft war.

Die Erfahrung des Wandels: Kommerzialisierung als Alltagserfahrung

Beginnen möchte ich mit einigen sog. Doppelbildern, die sämtlich aus der im rela­tiv rückständigen München erscheinenden Karikaturzeitschrift „Fliegende Blätter“ stammen (zur historischen Einordnung s. Uwe Spiekermann, Gesunde Ernährung im Spiegel von Karikaturen der Jahrhundertwende. Das Beispiel der „Fliegenden Blätter“, in: Gesunde Ernährung zwischen Natur- und Kulturwissenschaft, hg. v. d. Dr. Rainer Wild-Stiftung, Münster 1999, 61-82). Die liberal-konservativen Zeichner begleiteten Neuerungen jedweder Art mit bitter-melancholischem Spott und einer sentimentalen Sympathie für die im Niedergang begriffene Kultur des ländlichen Bayerns. Sie waren daher sensible Beobachter, die Wahrnehmungen ihrer Klientel, mittelständische Städter und solvente Landbewohner, in ihren Bildern verdichteten.

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Das Ende der Gemütlichkeit oder Die Herrschaft von Geld und Rationalität (Fliegende Blätter 88, 1888, 178, 179)

Geld und Rechenhaftigkeit veränderten demnach schon in den 1880er Jahren den ländlichen Raum. Moderne Transportmittel und gepflasterte Straßen er­schlossen den Städtern die Schönheiten der Heimat, veränderten so aber auch deren Kern. Die ge­rade Linie wurde dominant, Gaslicht und Telegraphenleitungen koppelten Stadt und Land enger aneinander, das Hotel brachte Geld und diente dem temporären Aufenthalt der Fremden.

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Das Ende der Gemütlichkeit oder Die Herrschaft von Geld und Rationalität (Fliegende Blätter 88, 1888, 178, 179)

Die Veränderungen begannen in der Stadt, doch diese kannte keine Grenzen mehr und wurde zum dominanten Typus für die Umgestaltung des Umlandes und der tradierten Welt. Vergleicht man die Bildinhalte, so fallen neben dem jeweils aktualisierten Stand der Transport- und Kommunikationstechnik vor allem zwei Un­terschiede auf: Zum einen die Ubiquität der modernen Reklame, zum andern aber – achten Sie auf die „Naturheil-Anstalt“ – eine zunehmend reflexive Modernisierung, die durch die Bekämpfung der Modernisierungsfolgen zusätzliche Dynamik gewann.

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Modernisierung und Kommerzialisierung oder Die moderne Stadt (Fliegende Blätter 116, 1902, 102, 103)

Folgen wir den Zeichnern in die Mitte der Stadt, so erscheint diese als dynamischer Ort des Konsums und der funktionalen Vergesellschaftung. Die Verdichtung war un­mittelbar erfahrbar, die kollektiven Transporttechnologien reichten kaum mehr aus. Sin­nenmächtig fanden sich allüberall Werbebotschaften, Markenartikel kündeten von den hochwertigen Produkten der im Hintergrund rauchschwangeren Industrie, deren Internationalität „Kodak“ dokumentiert. Umrahmt von Magazinen und Bazaren, stand im Mittelpunkt raumgreifend der moderne Menschenfänger, das Warenhaus. Er offerierte nicht nur Waren, sondern lenkte die Menschen auf den Preis der Güter als deren verlässlichen Wertmaßstab. Wer hier nicht mithalten konnte, dem winkte „Credit“.

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Tempo und Verlorenheit oder Der überbürdende Formwandel des Alltags (Fliegende Blätter 121, 1904, 266, 267)

Die Konsummoderne erscheint in diesen Quellen als hereinbrechende Macht, der die Menschen nachhasteten, die sie zugleich aber kaum bestimmen konnten. Die Automobilisten, ihrerseits Konsumpioniere, erscheinen wie apokalyptische Reiter, de­nen man sich nicht mehr entziehen konnte. Die fremde Formsprache des Ju­gendstils, die hier Intellekt und Kommerz symbolisierte, übermächtigte das biedermeierliche Idyll ebenso wie die im Hintergrund erscheinenden Versprechen „billig“ und „reell“ die Aushandlungsprozesse der scheinbar vergangenen Welt.

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Verfahren oder Die Konsummoderne als Sackgasse (Fliegende Blätter 131, 1909, 70)

Die Zeichner der „Fliegenden Blätter“ konzentrieren sich auf den „Clash of Cultures“ einer gemütlichen und historisch gewachsenen bäuerlich-bürgerlichen Gesellschaft der Ähnlichen und einer funktional differenzierten Konsummoderne, in der Menschen kaum mehr miteinander sprachen, sondern über symbolisch generalisierte Kommuni­kationsmedien miteinander interagierten. Die Künstler empfanden dies als eine verfah­rene Situation, doch sie wussten, dass ihr Spott die dominanten Entwicklungen nicht wirklich bremsen konnte.

Was wir in diesen und hunderten anderer Karikaturen wiederfinden, ist die Vorstel­lung einer Zeitenwende, in deren Mittelpunkt die Errungenschaften des industriellen Zeitalters standen, deren Nutzung und Konsum immer größeren Gruppen der Gesell­schaft möglich wurde – und zu dem es keine realistische Alternative zu geben schien. Augenzwinkernd fügte man sich ins Unvermeidliche, wohl wissend, dass die Aus­handlungen des Alltags die Überbürdungen des neuen kommerziellen Zeitalters noch menschennah abschleifen würden. Hier gab es keine Debatten über die Konsumgesellschaft, denn sie war schon lange vor Ende des Kaiserreichs eine sinnbetörende und alltagsdurchdringende Realität.

Konturen der Konsumgesellschaft: Strukturveränderungen und Pro­duktinnovationen

Derartige Quellen mögen Einblicke in die Denkweisen der Zeitgenossen erlauben, doch Evidenz und Repräsentativität sind ihnen kaum abzuringen. Ich möchte deshalb in einem zweiten Schritt in sechs Punkten empirisch begründete Argumente für die Annahme aufzuzeigen, dass das Kaiserreich eine Konsumgesellschaft war.

Erstens finden wir während des Kaiserreichs ein weder zuvor noch danach wieder erreichtes quantitatives Wachstum der „Basis der Konsumgesellschaft“, also des Ein­zelhandels (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850.1914, München 1999). 1875 gab es im Warenhandel 480.000 Betriebe, 1907 waren es dagegen mehr als 1,1 Millionen. Ihre Branchenverteilung spiegelte ansatzweise die Konsum­strukturen, knapp die Hälfte war im Gebrauchsgüterbereich tätig. 1914 entfiel ein Laden auf 61 Einwohner, jeder einunddreißigste Deutsche arbeitete im Warenhandel. Wichtiger aber war ein qualitativer Wandel. Der kleine spezialisierte Laden wurde zunehmend von sog. neuen Betriebsformen ergänzt, die jeweils spezielle Zielgruppen besaßen und eine erhebliche Sogwirkung zur Modernisierung und Ökonomisierung des Han­dels entfalteten. Magazine, Bazare und Kaufhäuser machten den Anfang, veränder­ten den Absatz von Kleidung und Gebrauchsgütern fundamental.

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Vorboten des Kommenden: Modemagazin Landsberger, Berlin, ca. 1860 (Robert Springer, Berlin. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen, Leipzig 1861, 336)

Konsumgenossenschaften verbesserten die Konsummöglichkeiten der Arbeiter und der unteren Mittelschicht. Wanderlager und Wanderauktionen veräußerten gewerbli­che Güter in Stadt und Land, setzten den Kleinhandel unter gehörigen Preisdruck. Die deutschen Versandgeschäfte waren die größten Kontinentaleuropas und ver­sorgten nicht zuletzt den ländlichen Raum mit den Novitäten modernen Konsums. Massenfilialbetriebe drangen sowohl im Lebens- als auch im Gebrauchsgüterhandel vor, während die bis heute völlig unterschätzten Abzahlungsgeschäfte Arbeitern und kleinen Angestellten den Kauf von Gebrauchsgütern, vorrangig Möbeln und Konfektionswaren, erlaubten.

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Abzahlungsgeschäft in München (Neueste Nachrichten und Münchner Anzeiger 1887, Nr. 83 v. 27. März, 10)

Verkaufsautomaten veränderten nicht nur den Dienstleistungssektor, sondern ein­zelne Branchen des Handels. Die deutschen Warenhäuser schließlich erreichten rasch das Niveau ihrer französischen Vorbilder und dienten nach 1900 als weltweites Vor­bild für die Präsentation neuer Konsumwelten.

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Lichthof des Berliner Warenhauses Wertheim (Alphons Schneegans, Geschäftshäuser für Kleinhandel, Großhandel und Kontore, in: Ders. und Paul Kick, Gebäude für die Zwecke des Wohnens, des Handels und Verkehrs, Leipzig 1923, 3-119, hier 40)

Zweitens kreierte die Werbung während des Kaiserreichs neues Produktwissen und neue Konsumträume. Das rasche Wachstum der Tagespresse erlaubte den tagtäglichen Einsatz informierender Anzeigen, die zahlreichen illustrierten Wochenblätter konzent­rierten sich zunehmend auf Reklame mit Bildelementen. Der rechtlich abgesicherte Markenartikel wurde vornehmlich über Plakate und Emailleschilder beworben, die Werbegraphik des frühen 20. Jahrhunderts veränderte den Kaufappell nachhaltig.

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Neuer Realismus: Die Prägnanz der Plakatwerbung (Fliegende Blätter 104, 1896, 231)

Sie wurden durch Werbeabteilungen in Industrie und Handel unterfüttert, schon vor dem Ersten Weltkrieg entstanden zahlreiche Dienstleistungsberufe in der Werbebran­che. Die Straßen erhielten durch Litfaßsäulen, Plakatwände und Fassadenmalerei einen neuen kommerziellen Anstrich, wichtiger noch wurde die permanente Ausstel­lung der Konsumgüter in den Schaufenstern des Einzelhandels. Und auch die Waren selbst wurden anders präsentiert, gezielt gestaltete und vielfach farbige Verpackungen erweiterten die Palette der Kaufanreize.

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Mode und Schaufenster oder Der Malstrom des Konsums (Fliegende Blätter 91, 1889, 209)

Drittens war die Freizeitgestaltung vielfach noch klassen- und milieugebunden, bür­gerliche, katholische und sozialdemokratische Vereine und Institutionen waren streng voneinander getrennt. Trotz Temperenzbewegung nahmen Kneipen und Gaststätten jedoch einen immensen Aufschwung. Im Kaiserreich kamen mit dem Restaurant und Aus­flugslokalen neue Konsumorte der Mittelschichten auf, Animierkneipen, Music-Halls und Tanzcafés fanden nach Alter und Klasse segmentierte Kundschaft. Jahr­märkte veränderten ihre Gestalt, der Übergang zum preiswerten Vergnügen der Kir­mes war fließend. Ein gänzliches neues, zukunftsweisendes Vergnügen boten seit Mitte der 1890er Jahre die Kinos. Um 1910 gab es in Deutschland ca. 1.000 stationäre Lichtspieltheater mit täglich 1,5 Millionen Besuchern. Nicht nur männliche Erwachsene, sondern auch Kinder, Jugendliche und Frauen wurden angesprochen.

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Kinos als neue Form des Theaters in Berlin (Berliner Leben 15, 1912, Nr. 6, s.p.)

Viertes war die Konsumgesellschaft des Kaiserreichs durch eine Vielzahl neuartiger Gebrauchsgüter geprägt, die teils erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Sätti­gungsgrenzen stießen. Das Automobil, das Grammophon, elektrische Haushaltsge­räte, Telefone und vieles andere mehr blieben Beziehern höherer Einkommen vorbe­halten, doch im Alltag waren sie präsent und schufen neue Konsumwünsche.

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Konfektionsware für Frauen (Der Bazar 39, 1893, nach 100)

Die Konfektionsindustrie legte Jahr für Jahr neue modische Waren vor, Bedarfswe­ckung durch Veralterung, nicht Gebrauchswertverlust prägte auch den Konsum des neuen Mittelstandes. Neue Konservierungs- und Verarbeitungstechniken veränderten die tägliche Kost, die durch Kolonialprodukte und ihre Substitute zunehmend geprägt wurde. Neue Lebensstilprodukte warben für ein gesundes Leben, eine immense Zahl von Diät- und Aufbaupräparaten verwies auf die zunehmende Kommerzialisie­rung auch der Körper.

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Gewerbliche Herstellung der Konsumgüter (Fliegende Blätter 123, 1905, 265)

Fünftens drangen diese neuen Produkte zunehmend auch auf das Land vor. Die Zahl der landwirtschaftlichen Subsistenzbetriebe lag unter einer Million, Kolonialprodukte und gediegene Gebrauchsgüter bildeten Renommierprodukte gerade der Bauern.

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Dorfladen im ländlichen Umfeld Bremens, ca. 1885 (Brigitta Seidel, MarkenWaren. Maggi, Odol, Persil & Co. erobern den ländlichen Haushalt, Husum 2002, 34)

Die Sortimente der Dorfläden verbreiterten sich während des Kaiserreich auf weit über das Doppelte, die Zahl der Hausierer lag vor dem Ersten Weltkrieg über der Zahl der Beschäftigten der Chemieindustrie, Versandgeschäfte erlaubten den Kauf modischer Artikel, der Eisenbahntransport erleichterte den Einkauf in der nächstge­legenen grö­ßeren Stadt. Die Werbung drang nicht ohne Grund zunehmend auf das Land vor, auch wenn die Heimatschutzbewegung vielfach erfolgreichen Widerstand gegen diese kommerzielle Landnahme organisierte.

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Abglanz des Möglichen – Ländlicher Konsum in der Karikatur (Fliegende Blätter 122, 1905, 192)

Betrachtet man sechstens schließlich makro- und mikroökonomische Daten, so stieg der reale durchschnittliche Jahresverdienst von Arbeitnehmern von 1871 bis 1913 um ca. 80 Prozent. Dies wurde zumeist in eine bessere Ernährung umgesetzt, insbesondere den Kon­sum von Fleisch umgesetzt. Zugleich aber vergrößerte sich die freie Spitze der Haushaltsbudgets nachhaltig. Man mag darüber streiten, ob 10 Prozent disponibles Ein­kommen bei Arbeitern ausreichten, um im modernen Sinne zu „konsumieren“ – doch es reichte für Alltagsfreuden und kleine Anschaffungen, die zwei Generationen zuvor noch un­denkbar gewesen wären.

Fasst man diese, zugegeben, kursorischen Bemerkungen zusammen, so konsumierte aller Enge zum Trotz die Mehrzahl der Bevölkerung über die Grundbedürf­nisse hin­aus. Auch die anderen Kriterien Königs werden im Wesentlichen erfüllt, einzig das Wohnen in technisierten Haushalten ließ noch auf sich warten, auch wenn die Ver­besserungen der Gas- und Wasserversorgung sowie der Abfallentsorgung vielfach bemerkenswert waren. Das Kaiserreich war demnach eine Konsumgesellschaft.

Die innere Gebrochenheit der deutschen Konsumgesellschaft

Konsum und Konsument im zeitgenössischen Diskurs

Und doch: Diese Aussage ist zu relativieren. Denn die Vorstellung einer deutschen „Konsumgesellschaft“ ist schon deshalb schwierig, da die ver­meintlich stählerne Nation vielfältig zerklüftet war. Das Kaiserreich war eine Klas­sengesell­schaft in Stadt und zunehmend auch auf dem Lande, regionale und soziale Unterschiede beein­flussten den Konsum tiefgreifend.

Die Länder wiesen beträchtliches Eigengewicht auf, so dass die Vorstellung eines einheitlichen nationalen Marktes vielfach in die Irre führt. Selbst Markenartikel, wie Maggis Suppen, waren Mitte der 1890er Jahre im nördlichen Deutschland vielfach nicht erhältlich. Die Stadt-Land-Unterschiede waren bedeutsam, auch wenn sich der Konsum einzelner Produkte und Warengattungen langsam anglich. Kategorien wie Geschlecht bildeten Demarkationslinien des Alltags, auch wenn die modernen Wa­renhäuser und das breite Netzwerk neuer Läden Frauen neue Räume und Aufgaben zuwiesen.

Diesen Unterschieden zum Trotz wurde in der Ökonomie seit dem 18. Jahrhundert intensiv um allgemeine Aussagen zur Konsumtion und auch zum Konsumenten ge­rungen. Im deutschen Fall war dies immer auch eine Suche nach einem neuen Gan­zen, nach der inneren Gesetzmäßigkeit der durch Arbeitsteilung in Frage gestellten bürgerlichen Gesellschaft. Die Lehren der westlichen Ökonomie und des Industrialis­mus wurden mit gehöriger Skepsis wahrgenommen. Schon Friedrich Schiller (1859-1805) betonte: Das an­tike Menschenideal „machte jetzt einem kunstreichen Uhrwerke Platz, wo aus der Zusammenstückelung unendlich vieler, aber lebloser Teile ein mechanisches Le­ben im Ganzen sich bildet. Der Genuss wurde von der Arbeit, das Mittel vom Zweck, die Anstrengung von der Belohnung geschieden. Ewig nur an ein einzelnes Bruch­stück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Har­monie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts“ (Friedrich v. Schiller, Briefe über die Ästhetische Erziehung (1795), in: Ders., Sämtliche Werke, Bd. 5, 3. Aufl. München 1962, 584).

Ökonomik war daher Suche nach Ausgleich, nach Harmonie von Produktion und Kon­sumtion. Trotz der bekannten Smithschen Sentenz vom Konsum als Ziel aller Pro­duktion galt dieser jedoch lange Zeit als nachgeordnet und potenzieller Störfak­tor. Karl von Rotteck (1775-1840) bezeichnete ihn etwa als Wert­zerstörung, als „Reichthumsver­minderung“ (Carl v. Rotteck, Lehrbuch des Vernunftsrechts und der Staatswissenschaften, Bd. 4: Oekonomi­sche Politik, Stuttgart 1835, 215). Wie viele andere Staatswissenschaftler hob er jedoch zwei Punkte hervor: Zum einen war die Konsumtion nur deshalb weniger wichtig, weil gemäß dem Sayschen Theorem sich die Produktion stets ihre Nachfrage schaffe, so dass man hierfür keine Sorge tragen müsse. Zum anderen war die „Privat-Verzeh­rung“ (Ebd., 238) nicht Gegenstand der Staatswissenschaft, da für sie das Prinzip grundsätzli­cher Freiheit galt.

Damit war der Konsum immer auch Ausdruck der Moral und der Sittlichkeit der Kon­sumenten, war demnach gebunden an wandelbare normative Ideale. Bei Johann Schön (1802-1839) hieß es prägnant: „Ideal ist die Consumtion, welche hinsichtlich ihrer Quantität durch das Maaß des Ertrages, hinsichtlich ihrer Qualität durch das vernünftige Be­dürfnis und durch die wirthschaftliche Vorsicht sich bestimmt“ (Neue Untersuchungen der Nationalökonomie und der natürlichen Volkswirthschaftsordnung, von Schön, Morgenblatt für gebildete Leser 31, 1837, 425-428, hier 427). Wenn der Londoner Historiker Frank Trentmann in den letzten Jahren vielfach her­vorgehoben hat, dass der „Konsument“ Ausdruck einer historischen Rollenidentität ist, die von der Entstehung einer modernen Konsumgesellschaft deutlich zu trennen ist, so ist diese These richtig und falsch zugleich (Frank Trentmann, Synapses of Consumer Politics: The Genealogy of the Consumer, o.O. 2003 (Ms.)., 2). Es ist richtig, dass es im Deutschen Reich, anders als etwa im spätviktorianischen England, nur bescheidene Anfänge ei­ner Kon­sumentenidentität gab. Abgesehen von den Konsumgenossenschaften und dann den bürgerlichen Käuferligen artikulierten sich moderne Konsumenten erst im Rahmen der verschiede­nen Teuerungsdebatten des frühen 20. Jahrhunderts, auch wenn deren expressive Handgreiflichkeit vielfach noch in der moralischen Ökonomie der vor- und frühindus­triellen Zeit gründete (Christoph Nonn, Verbraucherprotest und Parteisystem im Wilhelminischen Deutschland, Düsseldorf 1996). Doch zugleich macht eine auch nur oberflächige Analyse etwa der Außenhandelsdebatten schnell deutlich, dass der Konsument spätestens seit den 1870er Jahren Fluchtpunkt so zentraler Debatten, wie der um Freihandel oder Schutzzoll war.

Gilt dies, so muss erklärt werden, warum der „Konsument“ in der zeitgenössi­schen ökonomischen Diskussion nur ein Schattendasein führte. Hier wurde er vorrangig als Widerpart zum Produzenten verstanden (vgl. etwa Karl Marlo [d.i. Karl Georg Winkelblech], Untersuchungen über die Organisation der Arbeit oder System der Weltökonomie, 2. vollst. Aufl., Bd. 3, Tübingen 1885, insb. 294-295). Er erzwang „die Waren resp. Leistungen nach Bedarf und möglichst bequem, mannigfaltig, brauchbar und preis­wert zu erhal­ten“; doch schon in dieser Passage aus dem Schönbergschen Handbuch der politi­schen Ökono­mie klang die Malaise einer derartigen Orientierung am Verbraucher an, biete sie doch „keine Garantie mehr für die Güte, die Qualität, die Preiswürdigkeit der Waren. Der Konsument muß selbst prüfen und ist, wenn er dies nicht thut oder nicht kann, der Gefahr der Benachteiligung ausgesetzt“ (G[ustav] v. Schönberg (Hg.): Handbuch der Politischen Oekonomie, 4. Aufl., Bd. 2, Halbbd. 1, Tübingen 1896, 662 (auch für das vorherige Zitat)). Daher sei für den Konsu­menten zu denken, hätten Produzenten und Händler für seine Belange Sorge zu tra­gen. Das Rollenwesen des Konsumenten musste daher aus den Handlungsidealen an­derer Akteure herausgelesen werden. Dann aber war er durchweg präsent.

Er diente vielfach als „Prügelknabe“ (Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte, Ergänzungsbd. 2: Zur jüngsten deutschen Vergangenheit, Freiburg i.Br. 1903, 497) von Wissenschaft und Öffent­lichkeit, als Projekti­onsfläche der inneren Debatten über die liberale Wirt­schaftsordnung und den Übergang von der Agrar- zur Industriege­sellschaft. Der „Konsument“ war meist ein­gebettet in moralische Debatten über Lu­xus und Spar­samkeit, war Gegenstand steti­ger Aufklärungs- und Erziehungsbestre­bungen: Es galt, „daß die sittliche Erziehung des Konsumenten darauf ausgehen muß, ihn mit den Herstel­lungskosten der Ge­genstände vertraut zu machen, ihm ei­nen Begriff von den Kosten volkswirtschaftli­cher Produktion beizubringen, damit er nicht einfach planlos nach dem Billigsten greift“ (G[ottfried] Traub, Ethik und Kapitalismus. Grundzüge einer Sozialethik, 2. verb. u. verm. Aufl. Heilbronn 1909, 138). Öko­nomen und Sozialwissenschaft­ler, die nach der Jahrhundertwende auf den Konsumenten setzten, um Kritik an der korpo­ratistischen Wirtschaftsstruktur und seiner „Bevormundungs­tendenz“ (Karl Oldenberg, Die Konsumtion, in: Grundriss der Sozialökonomik, Abt. II, Tübingen 1914, 103-164, hier 120) im Konsumgü­termarkt zu üben, oder aber auf seinem Wollen und Streben die Grundlagen einer genossenschaftlich organisierten „sozialen Tauschgemein­schaft“ (zur allgemeinen Diskussion vgl. etwa Oskar August Rosenqvist, Die Konsumgenossenschaft, ihr föderativer Ausbau und dessen Theorie. (Der Föderalismus), Basel 1906) zu gründen, standen allerdings in einer fast hun­dert-jährigen Tradition.

Fasst man diese Debatten abstrakter, so handelte es sich beim deutschen Narrativ des Konsumenten um eine Form der „economic citizenship“ (Gunnar Trumbull, National Varieties of Consumerism, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2006/I, 77-93) im Sinne Gunnar Trum­bulls. Der Konsument galt als integraler und funktionaler Teil der Wirtschaft, der dann in den Vordergrund trat, wenn Märkte versagten; dies galt bei mangelnder Transpa­renz der Qualität, bei ungleichen Machtverhältnissen und beschränktem Wett­bewerb. Institutionelle Phantasie, also marktbezogene Regelmechanismen, schienen erforderlich, um dem mit Blick auf den Konsumenten zu begegnen. Die Interessen des Rol­lenwesens „Konsument“ wurden im Konsumgütermarkt des späten Kaiserreichs ab­seits der un­sichtbaren Hand des Marktes vornehmlich von wissenschaftlichen und ökonomischen Akteuren vertreten (Uwe Spiekermann, From Neighbour to Consumer. The Transformation of Retailer-Consumer Relationships in Twentieth-Century Germany, in: Frank Trentmann (Hg.), The Making of the Consumer. Knowledge, Power and Identity in the Modern World, Oxford und New York 2006, 147-174, hier 147-148). Wir haben es nicht mit sich selbst bewussten und artikulierenden „Konsumenten“ zu tun, wohl aber mit einem virtuellen Konsu­menten, dessen Inte­ressen von der Wirtschaft und den Sachwaltern des Funktions­wissens, also die wis­senschaftlichen und bedingt technischen Eliten, antizipierend nachgebildet wurden. Entsprechend galt vielfach: „die ‚Jury‘ – das Publikum“ (Werner Sombart, Der moderne Kapitalis­mus, Bd. 2: Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung, Leipzig 1902, 424). Je nach Konsummodell wurde der Konsument ganz unterschiedlich definiert. Mindestens drei rangen während des Kaiserreichs um Anerkennung und Domi­nanz: Ich unterscheide zwischen (wirtschafts-)liberalen, mittel­ständischen und konsumgenossenschaftlichen Konsummodellen.

Aufstieg zur Mitte: Das (wirtschafts-)liberale Konsummodell

Die Vertreter der deutschen Manchesterschule, hier sind Namen wie John-Prince Smith (1809-1874), Max Wirth (1822-1900), Julius Faucher (1820-1878), Heinrich Bernhard Oppenheim (1819-1880) oder Eugen Rich­ter (1838-1906) zu nennen, entwickelten ihre Konzepte vornehmlich in der Fortschreibung der britischen Klassiker, aber auch zahlreicher französischen Wirtschaftstheoretiker.

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Eugen Richter (l.) und Julius Faucher als Vertreter des „entschiedenen“ Liberalismus (Der Welt-Spiegel 1906, Ausg. v. 15. März, 4 (l.); Gartenlaube 1863, 269)

Schon Jean-Baptiste Say (1767-1832) hatte die menschlichen Bedürfnisse mit einem Thermometer verglichen, das zwar eine untere Grenze habe, nicht aber einen Mittel- oder End­punkt. Bedürfnisse seien nicht statisch, es galt vielmehr, sie zu entwickeln, sie zu heben. „Je mehr aber die Bedürfnisse überhand nehmen, desto glücklicher befindet sich die Gesellschaft; denn die Bedürfnisse nehmen nur überhand mit den Mitteln zu ihrer Befriedigung“ (Max Wirth, Grundzüge der National-Oekonomie, Bd. 1, 2., vollst. umgearb., verm. u. verb. Aufl., Köln 1860, 424). Produktion und Konsumtion bedingen sich, doch es wird „desto mehr producirt, je mehr die Bedürfnisse in die breitesten Schichten steigen“ (auch für das folgende Zitat Ebd., 425). Folgt man dem Nationalökonom Max Wirth, Vorstand des Congresses Deutscher Volks­wirthe, so war die Konsumtion mit einer Pyramide vergleichbar, die Armut und Be­dürfnislosig­keit, aber auch Reichtum und Verschwendung widerspiegele: Sie galt es tenden­ziell in eine Säule zu transformieren: „Während aber auf der einen Seite die unters­ten Schichten der menschlichen Pyramide hinsichtlich der Zahl ihrer Bedürf­nisse ge­hoben werden sollen, weil sie dadurch auch ihre Production vermehren, so muß die Tendenz der wirthschaftlichen Bewegung doch wieder dahin gehen, die übertriebe­nen Bedürfnisse zu vermindern, die obersten Spitzen der Pyramide den mittleren zu nähern, weil die Befriedigung übertriebener Bedürfnisse (Luxus) in der Regel durch irreproductive Consumtion geschieht, durch welche das Capital, die Pro­duction somit, vermindert und der allgemeine Zustand der Gesellschaft verschlech­tert wird.“ Luxus sei zu verdammen, da er nicht mit der generellen Leistungsfähigkeit der Wirtschaft einhergehe und dem Ökonomie-Prinzip entspreche. Grundsätzlich aber seien die Be­dürfnisse zu einer „unendlichen Ausdehnung fähig“ (Ebd., 440), so dass der verdammens­werte Luxus von heute sehr wohl die rationale Konsumweise von morgen sein könne. Die Orientierung auf das mittlere Segment der Gesellschaft sei nicht nur Aus­druck des staatsbürgerlichen Ideals von Menschen gleichen Besitzes und Bildung, sondern hier sei der „Umfang des Marktes“ (Ebd., 1860, 427) am größten, seien Kostendegressionen also am besten möglich. Konsum hatte aber nicht nur Economies of Scale, sondern ansatzweise auch Eco­nomies of Speed zu beachten, denn er sollte im Einklang mit Jahreszeiten und Pro­duktionsrhythmen erfolgen. Der Konsument sollte zudem in möglichst großen Mengen ein­kaufen und hierbei auf möglichst dauerhafte, gediegene Ware setzen. Das liberale Konsummodell deutete den Konsumenten als ein Kulturprodukt, das die Besonder­heiten des regionalen und nationalen Marktes mit dessen allgemein geltenden Geset­zen handelnd in Bezug setzte. Es gründete auf Freiheit vom Staate, seien doch die Konsu­menten selbst in der Lage, eine angemessene „Ordnung“ zu gewährleisten. Sie zie­lten nämlich auf das „allgemeine Wohl“ (Ebd., 438), dessen Definition aber ihnen selbst überlassen bleiben müsse.

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Die Gediegenheit des bürgerlichen liberalen Konsummodells: Einkaufsstraße im wieder aufgebauten Hamburg Ende der 1840er Jahre (Hamburgs Neubau, Hamburg o.J. [1846/47], Bl. 17)

Entsprechend finden wir selbst in einem der prägnantesten Texte des deutschen Manchesterliberalismus, John Prince-Smiths Artikel über die sogenannte Arbeiter­frage von 1874, nicht nur eine entschiedene Abfuhr konservativer und marxistischer Menschheitsbeglücker, sondern auch ein Konsumideal für die breite Mehrzahl der Bevölkerung. Gegen das eherne Lohngesetz Ferdinand Lasalles (1825-1864) setzte Prince-Smith das sog. „goldene Gesetz“, nach dem sich „das Leben der Wirthschaftswelt auf ein Gesetz steter Fort­entwicklung zum Besseren gestellt ist“ (John Prince-Smith, Die sogenannte Arbeiterfrage, Vierteljahrsschrift für Volkswirthschaft und Kulturgeschichte 4, 1874, 192-207 (auch die folgenden Zitate)). Technische und institutionelle Innovationen würden die Produkte verbessern und verbilligen. Diese Kapitalvergrößerung erlaube höhere Löhne und höhere Lebensansprüche insbesondere der Arbeiter: „Das aufwachsende Geschlecht gewöhnt sich an geräumigere und sauberere Wohnungen, bequemere Möbel, vollständigeren Hausrath, reichlichere Nahrung, bessere Kleidung, auch an gewisse Geistesgenüsse und eine anständigere Geselligkeit.“ Mögliche Verschlechte­rungen würden nicht einfach hingenommen, sondern begünstigen rationale Anstrengungen, um dem Rückfall Widerstand entgegen zu setzen. Ein hohes Konsumniveau sei Ziel des modernen Wirtschaftens – und der Bruch hin zu dieser neuen Dynamik sei mit der wirtschaftlichen Freiheit seit 1815, seit 1848, seit der Gründung des Norddeutschen Bundes verbunden. Der Aufstieg zu immer anspruchsvollerem Konsum erfolge ge­setzmäßig, vorausgesetzt, die unteren Schichten brächten die moralische Kraft auf, ihre Beiträge zur Produktion und ihre konsumtiven Handlungen in die rechte Balance zu bringen.

Es waren derartige Annahmen, die Abgeordnete wie Theodor Barth (1849-1909), Ludwig Bamberger (1823-1889) und insbesondere Eugen Richter spätestens seit den 1870er Jahren zu beredeten Vertretern von Verbraucherinteressen werden ließen – wenngleich im Ord­nungsrahmen des liberalen Konsummodells. Für sie war das Kaiserreich eine Kon­sumgesellschaft auf dem Wege – hin zu einer sich immer wieder veränderten Mitte; man müsse nur Produzenten und Konsumenten ihre Freiheit(en) lassen.

Ordnung und Qualität: Das mittelständische Konsummodell

Doch gerade die „Mitte“ der Gesellschaft vertrat mehrheitlich andere Vorstellungen. Schon die begrenzte Liberalisierung der deutschen Gesellschaft, insbesondere aber der Be­deutungsverlust der Korporationen und auch des Staates, hatte nach Ansicht vie­ler mittelständischer Geschäftsleute zu „anarchistischen Verhältnissen“ geführt. Seit den 1860er Jahren führte jede neue Betriebsform zu Klagen über Niedergang und Verfall der schaffenden Stände, zum Konkurs der kleinen Händler, die doch das ei­gentliche Rückgrat von Staat, Nation und Alltagskonsum bildeten. Seit den späten 1870er Jahren wurden zahllose mittelständische Interessenverbände gegrün­det und nahmen mit teils beträchtlichem Erfolg Einfluss auf politische Ent­scheidun­gen. Sie führten den Staat zurück in den Ring, indem sie eine Parteinahme für ihr Recht forderten, Schutz gegen das von den Liberalen so harmlos verbrämte „Groß­kapital“. Doch hier zählte nicht der Erfolg dieser Staatshilfe, auch nicht die fak­tisch viel wichtigere Selbsthilfe dieser Gruppe kleiner selbstständiger Gewerbetrei­bender. Im Rahmen unserer Fragestellungen rückt das Konsummodell dieser mittel­ständischen Gruppen in den Mittelpunkt, deren Vertreter doch die Mehrzahl der deutschen Kon­sumenten tagtäglich versorgten.

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Modische Gediegenheit für eine Solide Kundschaft: Das Kaufhaus Gustav Cords (Schneegans, 1923, 63)

Der Ausgangspunkt lag dabei nicht in Vorstellungen abstrakten Bedürfnisse und einer gleichsam me­chanisch ablaufenden Geschichte. An ihre Stelle trat eine organische Auffassung der Gesellschaft, ein moralisch geprägtes Subsidiaritätsrecht und ein Geschichtsmodell, das Niedergangsszenarien tendenziell begünstigte. Die Wirtschaft wurde als eine Art geschlossene Volkswirtschaft verstanden, in der die Industrie mögliche Werte schaffte, die Groß- und Einzelhandel mit angemessenem Nutzen realisierten. Die ei­gentliche Leistung der nachgelagerten Stufen bestand im Wissen der selbständigen Händler um die richtige Behandlung und Vermarktung der Ware, die ihnen durch ihre ge­nauen Kenntnisse der Konsumenten und ihrer Bedürfnisse möglich war. Nicht der günstigste Preis sei anzustreben, sondern ein Mix aus gutem Service, hoher Qualität und einem ange­mes­senem Preis. Konsumenten und Händler, Händler und Großhändler, Großhändler und Fabrikanten – sie alle kannten sich und vertrauten einander, „Treu und Glaube“ durch­drang das Geschäftsleben, „Jedem das Seine“ gilt als Imperativ. Dies schloss hohe, sozial angemessene Löhne und wechselseitigen Respekt mit ein. Diese „Inte­ressen­gemeinschaft zwischen Geschäftsmann und Kundschaft“ (Der rechte Weg, Deutsche Rabattsparvereins-Zeitung 5, 1908, 97-98, hier 98) sei jedoch be­droht, wenn das „Großkapital“ die gewachsenen Beziehungen untergrub, das Publi­kum zur „Bil­ligkeitssucht“ erzog und es mit unlauteren Mitteln und überbürdender Reklame in die eigenen Läden expedierte.

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Kommerzialisierung als Bruch mit mittelständischen Werten (Fliegende Blätter 84, 1886, 60)

Die Folgen derartiger Kommerzialisierung seien verderblich: sinkende Qualität der Waren, sin­kende Löhne der Be­diensteten, sinkende Einkommen der Stützen des Staates, eine schwindende Zahl selbständiger Existenzen, ein Niedergang der Staats­finanzen. Der Staat habe daher aus wohlverstandenem Selbstschutz die Pflicht, die Zernierung des Wirtschaftslebens ge­gen Kommerz und Kollektiv zu verteidigen – und dies hatte zumeist auch eine antisemitische Schlagseite.

Das mittelständische Konsummodell betonte nicht allein, dass im Erwerbsleben „alles Hand in Hand“ (J. Rosenbaum, Filialtreiberei und Masse-Bazare, deren Auswüchse und Folgen, Bamberg 1895, 19), sondern auch, dass es einen jeweils opportunen Konsum des Einzelnen gäbe. Dessen Konturen sollten am besten von den Fachhändlern als Konsumexperten abgesteckt werden. Dadurch seien sowohl heterogene Konsumstile als auch eine geordnete stabile monarchische Ordnung möglich. Obwohl das Modell die Einbindung des Einzelnen in klar umrissene Lebenszuschnitte betonte, war es doch mit Wachstum und moderatem sozialen und konsumtiven Wandel kompati­bel.

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Rationalisierung in vorgegebenen Sozialbezügen – Einkaufszentrale der Berliner Edeka, 1907 (Edeka. 75 Jahre immer in Aktion, Hamburg 1982, 12)

Das mittelständische Konsummodell setzte die sozialen Strukturen statisch, zielte daher nicht auf einen sich hebenden mittleren, sondern auf einen standesspezifischen Konsum. Obwohl politisch vor­nehmlich defensiv zur Verteidigung der Besitzstände des nur wenige Dekaden zuvor auf breiter Front entstandenen Facheinzelhandels und des Handwerks genutzt, war dieses Mo­dell reflektiverer Rücksichtnahme das für die politisch Verantwortlichen wohl attrak­tivste Konsummodell. Nicht materiell definierbare, sich in Preisen und Kaufakten nie­derschlagende Bedürfnisse standen dabei im Mittelpunkt, sondern das Ideal einer Ge­meinschaft, in der jeder seinen Platz und seine Funktion hatte.

Aufstieg von unten: Das konsumgenossenschaf­tliche Konsummodell

Diesen Platz mussten sich andere erst erstreiten, das Wirtschaftsbürgertum, die Arbeiterschaft. Die Vertreter mittelständischer Konsummodelle kämpften mit Verve gegen die neuen Betriebsformen des Handels, die für sie vielfach Vertreter einer gelben bzw. roten Internationale bildeten. Als Repräsentant des Umsturzes galten die Konsumgenos­senschaften, deren Herkunft aus der liberalen Idee der Selbsthilfe seit den späten 1880er Jahren kaum mehr bedacht wurde (Uwe Spiekermann, Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenos­senschaften 1903-1933, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags, Stuttgart 1995, 150-189, insb. 151-155).

Abhängig von der Fremdversorgung der Krämer, wandten sich die ersten, vornehm­lich aus der bürgerlichen Mittelschicht und der Facharbeiterschaft stammenden Ge­nossenschafter handelnd gegen die Überteuerung und schlechte Qualität der Grund­nahrungsmittel und einfacher Konsumgüter. Sie bündelten ihren Einkauf, kauften so billiger und verteilten die wenigen Waren in unansehnlichen Verteilstellen. Man wandte sich gegen die Gewinnabsicht des Kleinhandels, teilte nicht dessen Ge­schäftsgebaren und die darin inkorporierten paternalistischen Elemente. Von der organisierten Arbeiterschaft rigide abgelehnt, von der auf Kredit-, Agrar- und Produktionsgenossenschaften fixierten liberalen Spitze des Genossenschaftsverbandes weit­gehend negiert, gelang es den Konsumgenossenschaften in den ersten drei Dekaden ihres Bestehens nicht, mehr als regionale Bedeutung zu gewinnen.

Erste Vorstellun­gen einer auf genossenschaftlicher Basis gründenden Konsumgesellschaft, wurden seit den 1860er Jahren etwa vom Stuttgarter Konsumvereinsgründer Eduard Pfeiffer (1835-1921) entwickelt. Seine Vorstellung eines auf gemeinsamer Produktion und Distribu­tion gründenden nicht kapitalistischen Konsummodells war noch vielfach liberalen Wirtschaftsideen verpflichtet, da die Kooperation der Konsumenten eine naturwüchsige Lösung der sozialen Frage und eine Integration der Arbeiter in die moderne Konsumgesellschaft erlauben würde. Dies änderte sich erst, nachdem die Konsumgenossenschaften seit Mitte der 1880er Jahre zunehmend von Arbeitern als Mittel zur Verbesserung ihres Lebens­standards und Lebens genutzt wurden. Gestützt auf die seit 1889 mögliche beschränkte Haft­pflicht verän­derte sich erst die soziale Zusammensetzung, dann auch die Leitung und Zielsetzung der „Arbeiterkonsumgenossenschaften“. Sie forcierten die Eigenproduk­tion und bün­delten seit 1894 wachsende Teile ihres Großhandels in der Großein­kaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine.

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Die Hamburger Großeinkaufsgesellschaft als Symbol eines konsumtiven Gegenmodells (Postkarte 1904)

In nur 15 Jahren verfünffachte sich die Konsumgenossen­schaftsbewegung, die seit 1901 mehr als 630.000 Mitglieder hatte – und der 1930 dann mehr ein Fünftel aller Haushalte angehören sollte. Diese Genos­sen wollten nicht für den freien Markt pro­duzieren, sondern einen bekannten Massenbedarf de­cken. Der Ausbau der rasch wachsenden Bewegung erforderte planen­des, auf einem eigenständigen Konsummo­dell basierendes Handeln. Der Generalsek­retär Heinrich Kaufmann (1864-1928), vor allem aber der Philosoph und Genossenschaftslehrer Franz Staudinger (1849-1921) entwarfen seit der Jahr­hundertwende ein heute weitgehend vergessenes Ge­genmo­dell zur bestehenden „Profitwirtschaft“ des Kaiserreichs.

Ziel war „die Herstellung einer Gemeinschaft, in die die arbeitsteilig produzierenden Menschen miteinander so verbunden sind, daß sie sich und ihre zugehörigen Bedürfniskreise durch ihre Tätigkeit geordnet voneinander versorgen können, ohne dadurch in Dienstbarkeit voneinander und in vernichtende Konkurrenzkämpfe miteinander zu geraten“ (Franz Staudinger, Die geregelte Tauschgemeinschaft als soziales Ziel, Konsumgenossenschaftli­che Rundschau 14, 1917, 173-175, hier 173). Die Errungenschaften der modernen Zeit sollten in eine neue, höhere Form des Miteinanders transformiert werden. Der Mensch wurde als ein vernunftbe­gabtes Wesen verstanden, das seine materiellen Bedürfnisse erkennen konnte und demnach die Produktion organisieren könne. Die Konsumgenossenschaftsbewegung bildete hierfür die institutionelle Infrastruktur. Sie bot eine Alternative, um sich vom Kleinhändler und der Profitwirtschaft abzuwenden. Dazu konnte man nicht bei der günstigen Beschaffung und Verteilung von Waren sowie der Investition eines Teils der Überschüsse stehen blieben. Man musste vielmehr aus der distributiven Selbst­beschränkung ausbrechen, um Waren billiger und zugleich qualitativ hochwertiger anbieten zu können. Dazu bedurfte es der Disziplin der Mitglieder, die aus freien Stü­cken Teile der betrieblichen Ersparnisse in neue Anlagen investieren wollten. Idee und Opferbereitschaft bedingten einander. Ebenso wie der Einkauf erst in regionalen, dann nationalen, schließlich internationalen Großeinkaufsorganisationen gebündelt werden sollte, sollte die Eigenproduktion mit der lokalen und regionalen Produktion von frischen Gütern, etwa Brot, Milch oder Fleisch, beginnen.

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Das Ganze im Einzelkonsum sehen: Konsumgenossenschaftliche Eigenmarken (Konsumgenossenschaftliche Rundschau 8, 1911, Nr. 7, I)

Dann aber galt es, die Größenvorteile zentraler Gebrauchsgüterherstellung zu nut­zen. Den Anfang sollten verarbeitete Lebensmittel machen, dann Haushaltswaren und Einrichtungsgegens­tände hinzutreten. Im nächsten Schritt sollte die landwirt­schaftliche Produktion über­nommen, dann Dienstleistungen und Infrastrukturaufbau integriert werden. Die Kon­sumgenossenschaft wurde als „Genossenschaft schlecht­hin“ definiert, die „Güter be­ziehen, Eigenproduktion treiben, Sparkassen einrichten, Wohnungen bauen, […] Schulen, Bibliotheken, Krankenhäuser usw. ins Leben ru­fen“ (Franz Staudinger, Die Konsumgenossenschaft, Leipzig 1908, 113) könne. Diese Infrastruktur ermöglichte den Genossen die Bildung von individuellen Ei­gentum, schuf relative Sicherheit, erlaubte so ein reflektive Anhebung der Bedürf­nisse. Diese galt es nicht in Konkurrenz zu anderen durchzusetzen, sondern koope­rativ, in Diskussionen ohne Machtgefälle. Wird hier die Friedensmission der Konsum­genossenschaften deutlich, so zeigte sie sich auch im Wettbewerb mit der „Profit­wirt­schaft“, die sie langfristig ersetzen wollte. Gute Ware, geringe Preise und ein überlegenes Ideal sollten „eine neue Kulturepoche“ (Martin Krolik, [Diskussionsbeitrag], Jahrbuch des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine 9,1, 1911, 648-650, hier 648) der Menschheit ermöglichen.

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Zigarren aus fairer, selbstbestimmter Produktion für den Arbeiter – Konsumgenossenschaftliche Aufklärung (Konsumgenossenschaftliche Rundschau 8, 1911, Nr. 34, XVI)

Man nahm den Kampf auf, kämpfte aber nicht mit den Mitteln des Gegners. Ange­sichts der heutigen Mikrosegmentierung der Märkte mag man über den Idealismus dieser neukantianischen Konzeption kritteln, doch bis 1918 bündelten die Konsumge­nossen­schaften fast drei Millionen Haushalte – und angesichts der vierstelligen Zahl von Pro­dukten lässt sich im Kaiserreich zumindest mehr als ein Abglanz eines konsumti­ven Bedarfsdeckungsmodells nachweisen.

Das Kaiserreich als Experimentierfeld moderner Konsummodelle – ein vorläufiges Fazit

Die drei vorgestellten Konsummodelle machen deutlich, warum mein so hoffnungsfroh vorgetragenes Zwischenergebnis, das Kaiserreich sei eine Konsumgesellschaft gewesen, zu differenzieren ist. Das Kaiserreich war vielmehr da­durch charakterisiert, dass sehr unterschiedliche, einander gar feindlich gegenüber­stehende Konsummodelle parallel erdacht, diskutiert und praktisch umgesetzt wur­den. Sie enthielten sämtlich Versatzstücke der nach dem zweiten Weltkrieg bzw. seit den 1960er Jahren realisierten „Konsumgesellschaft“. Sie ist als Resultante dieser Mo­delle zu verstehen, ging folgerichtig auch nicht im Vorbild der USA auf. Weitere gingen in sie ein, so etwa schon während des Kaiserreichs gedachte und in nuce vorhandenen rassistisch-völkische und lebensreformerisch-ökologische Konsummodelle. Doch sie alle folgten anderen Imperativen, denen ihrer Zeit. Sie alle sind jedoch auch heute noch präsent, wenngleich als Palimpsest eingeschrieben, nicht aber klar voneinander getrennt.

Enden möchte ich mit einigen vielleicht weiterführenden Thesen: Erstens zeigt sich an den unterschiedlichen Konsummodellen des Kaiserreichs wieder einmal ein fruchtbarer Kontrast zwi­schen einer empirisch und einer stärker diskursiv ausgerichteten Methodologie. Das Kaiserreich war mehr als eine fragmentierte Konsumgesellschaft, denn parallel zu dessen Auf- und Ausbau, entwickelten Theoretiker und Praktiker, Journalisten und Wissen­schaftler ihre Modelle einer anders ausgerichteten, in sich stimmig konstruierten konsumtiven Zukunft. Die Entwicklungsdynamik des Kaiserreichs erlaubte intellektu­elle Experimente, sie führte zu systematischen Rückfragen und vielfältigen prakti­schen Verbesserungen. Zugleich aber beeinflussten die Konsummodelle nur Teile der konsumtiven Wirklichkeit, an der sie sich – gleichermaßen hoffend und verzweifelnd – abarbeiteten.

Zweitens erfordert die Diskussion über abstrakte Begriffe wie „Konsum“, „Konsumtion“, „Konsument“ und „Konsumgesellschaft“ Brückenkonzepte, um fruchtbar zu wer­den und nicht – wie vielfach üblich – die Modelle und Selbstverständlichkeiten unse­rer Gegenwart auf eine vielfach anders gelagerte historische Epoche zu projizieren. „Konsummodelle“, also normative zeitgenössische Deutungen und Leitbilder, können dabei eine wichtige Rolle spielen – nicht zuletzt, um die im planierenden Begriff der „Konsumge­sellschaft“ kaum angelegten Unterschiede analysieren zu können.

Drittens war die Konsumgesellschaft des Kaiserreichs von normativen Vorgaben des rechten „Konsums“ durchdrungen und band, je nach Verhalten, den Konsumenten in höchst unterschiedliche Zukunftsszenarien ein. Es ging nicht um einen hybriden Konsumen­ten, sondern um einen stimmig handelnden Menschen, der um die gesellschaftlichen Folgen seines Konsums wusste und um den deshalb zu werben war. Die seit langem wieder aufkommende „Moralisierung“ von Märkten findet hier ihre Vorläufer – und es ist eine offene Frage, ob die Konsummodelle des Kaiserreichs nicht doch moderner waren als wir dies gemeinhin denken.

Viertens erlaubt Konsumgeschichte die kritische Selbstvergewisserung des Men­schen in einer kommerzialisierten Gesellschaft. Der Verweis auf experimentelle histo­rische Zeiten und heterogene Konsummodelle ermöglicht, die vielfältigen Brechun­gen des Gegenwartskonsums genauer zu analysieren und zugleich Alternativen hierzu zu entwickeln. Gerade die deutsche Geschichte mit ihren vielfältigen und widersprüchlichen Kon­summodellen bietet hierfür ein reichhaltiges und analytisch fruchtbares Arsenal – auch wenn man dafür zeitlich weiter zurückgreifen muss, als uns die manche deutschen Historiker suggerieren.

Uwe Spiekermann, 16. August 2024

Der vorliegende Beitrag basiert auf einem am 22. Dezember 2009 im Forum Neuzeit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gehaltenen Vortrag. Die Vortragfassung wurde beibehalten, die Quellenbelege wurden auf ein Minimum beschränkt.