Rationale Stoffkreisläufe: Die Verfütterung von Fleischmehl und „Kadaverfleisch“ vor dem Zweiten Weltkrieg

BSE ist heutzutage unter Kontrolle, der letzte Fall von „Rinderwahnsinn“ wurde hierzulande 2014 gemeldet. Nichts erinnert mehr an die politischen Verwerfungen und gesellschaftlichen Debatten, die in Deutschland nach dem ersten bestätigten BSE-Fall im November 2000 einsetzten und große Teile der Öffentlichkeit über Monate in ihren Bann zog. Bilder von konvulsivisch-zitternden und zusammenbrechenden Rindern verstörten, zumal eine realistische Gefahr der Übertragung auf den Menschen bestand: BSE-haltiges Rindfleisch konnte einen elenden Tod durch die Creutzfeldt-Jacob-Krankheit nach sich zu ziehen. Bis November 2000 schien diese Gefahr auf Großbritannien begrenzt. Dort hatte man seit den frühen 1980er Jahren begonnen, die Standards für die Produktion des Futtermittels Tiermehl aus Kadavern zu senken. Fleisch an Schweine und auch an Wiederkäuer zu verfüttern war EU-weit üblich, konnten so doch einerseits für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignetes Fleisch effizient entsorgt, anderseits die Rinder mit preiswertem Eiweiß versorgt werden. Doch die Abkehr von den lange geltenden Produktionsverfahren – in Deutschland beispielsweise seit 1939 – zerstörte bestehende Sicherheitsmechanismen gegen die erst Anfang der 1980er Jahre benannten Prionen. Großbritannien wurde vom EU-Markt ausgeschlossen, ab 1994 durfte Tiermehl nicht mehr an Wiederkäuer verfüttert werden. Doch Millionen Menschen hatten zuvor die infizierten Rinder verspeist – und entsprechend hieß es Mitte 2000 warnend: „Zahl der BSE-Toten nimmt zu“ (Die Tageszeitung 2000, Nr. 6194 v. 17. Juli, 7). Forscher warnten vor einer „BSE-Epidemie“ (Handelsblatt 2000, Nr. 152 v. 9. August, 45), Unsicherheit und Sorgen waren die Folgen.

01_Frankfurter Rundschau_2000_11_27_Nr267_p1_BSE

Ende einer Selbsttäuschung: Schlagzeile im November 2000 (Frankfurter Rundschau 2000, Nr. 267 v. 27. November, 1)

Die Verwerfungen der Jahre 2000/2001 darzustellen und zu analysieren war lange Zeit ein lukrativer Markt für Sozialwissenschaftler und Epidemiologen. Hier gilt es stattdessen den Blick zu weiten: Seit wann gibt es Tiermehl? Seit wann und warum wurde es zu einem Tierfutter auch für Pflanzenfresser? Warum verstand man in früheren Zeiten Tiermehl als ein modernes und leistungsstarkes Futtermittel? Antworten auf solche Fragen können helfen, die Strukturen auch des heutigen Agrar- und Ernährungsmarktes besser zu verstehen. BSE war schließlich nur ein Symptom für allgemeine Strukturen unserer Art der Agrarwirtschaft und Lebensmittelproduktion.

02_Über Land und Meer 31_1874_p268_Justus-von-Liebig_München

Justus von Liebig in seinem Münchener Arbeitszimmer (Über Land und Meer 31, 1874, 268)

Am Beginn dieser vergessenen Geschichte stand Justus von Liebig (1803-1873). Der erst in Gießen, dann in München wirkende Apothekersohn aus Darmstadt gilt als Stammvater der organischen Chemie, der „Agrikulturchemie“ und der Ernährungswissenschaft. Er war Impulsgeber einer neuen Zeit (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 32-37). Liebigs Arbeiten bündelten und popularisierten spätestens seit 1840 eine Agrarwissenschaft, die landwirtschaftliche Prozesse zunehmend unter dem Aspekt eines Kreislaufes von Stoffen, eines Stoffwechsels verstand. Landwirtschaft war demnach die angewandte Lehre von Stoffgehalten, Stoffaustausch und Stoffersatz, war die Nutzung einer kausalen Naturmechanik: „Der Landwirth wird damit in Stand gesetzt sein, ähnlich wie in einer wohleingerichteten Manufactur, ein Buch zu führen über einen jeden seiner Aecker, mit Genauigkeit im voraus zu bestimmen, welche Stoffe und in welcher Menge er sie hinzuführen muß, um den Acker, je nach der Menge der geernteten Frucht in seinen ursprünglichen Zustand der Fruchtbarkeit zurückzuversetzen“ (Justus Liebig, Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie, 6. Aufl., Braunschweig 1847, 277). Damit geriet die tradierte Düngung der Bauern in den Blick. Der im Betrieb entstehende Wirtschaftsdünger, also etwa Jauche, Mist oder Stroh, wurde als Stoffträger analysiert und peu a peu durch mineralischen „Kunstdünger“ ergänzt, schließlich gar ersetzt: Stickstoff, Phosphor, Kalium und Kalzium wurden auf die Felder aufgebracht, anfangs häufig in Form importierter Naturdünger (Guano, Chile-Salpeter), später dann verstärkt als chemisch synthetisierte Düngemittel.

03_Kaiserslauterer Wochenblatt und Plakat-Anzeiger_1868_04_11_Nr15_p2_Düngemittel_Knochenmehl_Michel-Lederle_Ludwigshafen

Optimierte Landwirtschaft durch Zufuhr von Makronährstoffen: Düngerwerbung 1868 (Kaiserslauterer Wochenblatt und Plakat-Anzeiger 1868, Nr. 15 v. 11. April, 2)

Es war nur konsequent, auch tierische Abfallstoffe in diesen Kreislauf einzuspeisen. Phosphorhaltiges Knochenmehl etablierte sich als Dünger erst im industriellen Pionierland England, seit der Jahrhundertmitte aber auch in Mitteleuropa (Julius Adolph Stöckhardt, Chemische Feldpredigten für deutsche Landwirthe, Abt. 1, Leipzig 1851, 169-192). Es wurde in speziellen Knochenmühlen produziert, um so Mineralstoffe nutzen zu können, bei denen gesundheitsschädliche Gärungsprozesse ausgeschlossen schienen. Schon in den 1860er Jahren entstanden größere Betriebe, etwa in München, Linden und in der Nähe von Leipzig (Grazer Zeitung 1871, Nr. 347 v. 31. Dezember, 5). Wichtiger aber waren die Folgen der internationalen Arbeitsteilung bei der Produktion etwa von Wolle und Fleisch für die europäischen Märkte. Die dabei entstehenden Abfallstoffe wurden weiterverarbeitet und führten zu einer breiten Palette tierischer getrockneter und konzentrierter Düngemittel. Neben fein gemahlenem und gedämpftem Knochenmehl standen etwa Wolldünger, Blutdünger und auch Fleischmehl aus Südamerika und den Weiten des britischen Kolonialreichs (Gemeinde-Zeitung 2, 1863, 522).

Die Düngung der Pflanzen wurde in den 1870er Jahren rasch durch die Fütterung von Tieren ergänzt. Auch sie waren letztlich nichts anders als eine Stoffansammlung, ihr Leben Teil des universell gültigen Stoffwechsels. Die zunehmend chemisch analysierten Futtermittel galten als regelrechte Bausteine für Zucht und Hege. Die physiologisch richtige Mischung von Eiweiß, Kohlehydraten, Fetten, Mineralstoffen und Wasser erschien als Garant des Züchtungs- und Masterfolges. Die Natur wurde von jedem Mystizismus befreit, allein materielle Faktoren zählten. Der tierische Organismus erschien als eine „Durchgangsstätte für chemische Stoffe“ und als „Ort ihrer Umwandlung“ (Ernst Mangold, Die physiologische Bedeutung der Ernährung und des Stoffwechsels für die landwirtschaftlichen Nutztiere, in: ders. (Hg.) Handbuch der Ernährung und des Stoffwechsels […], Bd. 1, Berlin 1929, 1-9, hier 1). Es ist offenkundig, dass dieser strikte Materialismus – der weit folgenreicher war als etwa der Materialismus Marxscher Prägung – keineswegs wertfrei war: Da tierisches Eiweiß als Quelle der Muskelkraft und als Garant körperlicher Stärke verstanden wurde, gewannen eiweißreiche Futtermittel rasch an Bedeutung. Das Fazit für die Tierfütterung war simpel: „Fleisch giebt Fleisch“ (C[arl] J. Eisbein, Das Fleischfuttermehl als willkommene Beihülfe bei der Ernährung der landwirtschaftlichen Nutztiere, Berlin/Neuwied 1886, 3). Doch tierische Futtermittel waren hygienisch heikel und relativ teuer. Letzteres sollte sich durch den Erfolg von Liebigs Fleischextrakt und die verbesserte Transportinfrastruktur binnen kurzem ändern.

04_Hannoverscher Courier_1867_07_01_p4_Suppenpräparate_Liebigs-Fleischextrakt

Liebigs Fleischextrakt als wissenschaftliches Stärkungsmittel (Hannoverscher Courier 1867, Ausg. v. 1. Juli, 4)

Um den Wandel hin zur allgemeinen Tiermehlverfütterung nachvollziehen zu können, müssen wir uns in der Tat wieder Justus von Liebig zuwenden, der eben nicht nur abstraktes Handlungswissen schuf. Schon 1847 hatte er auf Basis theoretischer Überlegungen die Produktion eines Rindfleischextraktes angeregt, um so die „Essenz“ des billigen und bisher kaum genutzten Fleisches in Südamerika für die breite Mehrzahl der europäischen Bevölkerung zu nutzen (Spiekermann, 2018, 130-138). Doch es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, ehe mit Hilfe vor allem deutschen Kapitals 1864 die Liebig’s Extract of Meat Company in Fray Bentos, Uruguay, die Produktion aufnehmen konnte. Südamerika bot in der Tat großflächige Weidegebiete und erlaubte eine preiswerte Aufzucht von Rindern. 30-32 Kilogramm Fleisch dienten zur Produktion von einem Kilogramm Fleischextrakt. Das von Fett und Sehnen größtenteils, von Knochen vollständig befreite Fleisch wurde dazu auf etwa 70-80° C erhitzt, der aroma- und mineralstoffreiche Extrakt abgeführt. Übrig blieben Knochen und ausgelaugtes Fleisch, also Abfallprodukte mit hohem Phosphor- bzw. sehr hohem Eiweißgehalt. Die zahlreichen in Mitteleuropa etablierten Knochenmühlen verhinderten Importerfolge von Knochenmehl, doch entsprechende Fleischreserven gab es hier nicht. Sie wurden in Fray Bentos getrocknet, gemahlen und sodann als Liebigsches Fleischfuttermehl weltweit vertrieben.

Das neue Futter fand nicht zuletzt wegen seines mehr als 70%igen Eiweißanteils rasch Interesse bei deutschen Wissenschaftlern und Landwirten. Im Deutschen Reich gab es zwar zahlreiche „Kraftfuttermittel“, doch Rapskuchen, Malzkeime oder Leguminosenkörner waren eher eiweißarm. Fleischmehl hatte zudem einen relativ hohen Fettanteil, der nur von verschiedenen Ölkuchen erreicht wurde. Es füllte demnach eine Lücke, die Jahrzehnte später durch Sojafuttermittel geschlossen wurde. Die chemische Zusammensetzung war also verheißungsvoll, entsprechend engagiert begannen seit den späten 1860er Jahre breit angelegte Fütterungsversuche. Der Bonner Physiologe Eduard Kemmerich (1845-1916) – später Fleischextraktproduzent in Santa Elena, Argentinien – erprobte 1869 das Fleischfuttermehl an Schweinen. Durch Zumischungen von Kali und Kochsalz konnte er dessen Nährwert beträchtlich steigern, was bei Liebig Freude hervorrief (Eisbein, 1886, 4). Weitere Versuche erfolgten in den 1870er Jahren an vielen Orten, etwa in München (Julius Lehmann (1825-1894)), Dresden (Carl Haubner (1806-1882)), Bonn-Poppelsdorf (Friedrich Wilhelm Dünkelberg (1819-1912)) und Möckern (Gustav Kühn (1840-1892)) (Der Praktische Landwirth 11, 1874, 138; Fühlings Landwirtschaftliche Zeitung 25, 1876, 776; Deutsche Landwirtschaftliche Presse 6, 1879, Nr. 93; Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 29, 1879, 374-375).

Die zahlreichen Fütterungsversuchen zuerst an Schweinen, dann auch an Pferden, Schafen und Ochsen, ließen Marktchancen konkret werden: Anfangs war das aus Blut-, Fleisch- und Knochenabfällen hergestellte Fleischmehl von Uruguay in plombierten Säcken nach Antwerpen verschifft worden, wurde dort nochmals chemisch kontrolliert und dann als Düngemittel insbesondere in der Rheinprovinz verwendet (Gemeinde-Zeitung 12, 1873, Nr. 23 v. 19. Juni, 14). Nun aber zeigte sich, dass Fleischmehl gut verdaut und resorbiert wurde, dass man es auch zur Fleischmast und zur Produktion qualitativ besserer Milch und Butter nutzen könne. Allerdings blieb der Geruch ein Problem. Hunde bekümmerte dies kaum, Schweine und Geflügel ließen sich durch kleinere Portionen und Futtermischungen leicht überzeugen. Dagegen zeigten Pferde, Schafe und Rinder offenen Widerwillen gegen das neue Futtermittel. Doch anders als bayerische Soldaten, die sich 1875 strikt und erfolgreich weigerten, ein heimisches Fleischmehl als Suppengrundstoff zu akzeptieren, konnten die Wiederkäuer keinen effektiven Widerstand leisten. Mast- und auch Milchbauern kochten das Fleischmehl nochmals, mischten erst kleinste, dann größere Mengen dem üblichen Futter bei und erreichten so zumindest Gewöhnung auf niedrigem Niveau (H[ermann] Haefcke, Die technische Verwerthung von thierischen Cadavern, Cadavertheilen, Schlachtabfällen u.s.w., Wien/Pest/Leipzig 1899). Die Praxis setzte der Theorie des Stoffkreislaufs also klare Grenzen: Fleischmehl konnte nur ein ergänzendes Kraftfuttermittel sein, um eiweißarme Futtermittel physiologisch angemessen zu ergänzen (ca. 1 kg/Tag und Rind). Zu große Portionen konnten bei Milchvieh zudem Durchfälle hervorrufen und den Geschmack von Milch und Butter beeinträchtigen.

05_Kladderadatsch_45_1892_05_08_Nr19_p07_Tierfutter_Fleischfuttermehl_Liebig_Fray-Bentos

Variationen des Liebigschen Fleischfuttermehls 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 19 v. 8. Mai, 7)

Der Doyen der deutschen Chemie nahm an diesen Versuchen regen Anteil. Er sandte Fleischmehl bereitwillig an alle an, die Untersuchungen durchführen wollten (Prager Landwirthschaftliches Wochenblatt 6, 1875, 32). Schon 1869 unterstützte Liebig Versuche, das Futter gezielt mit Kochsalz und Kali zu fortifizieren, auch wenn der von verschiedenen Fettsäuren herrührende Geruch dadurch kaum verbessert werden konnte. Liebig regte 1872 dann auch an, die Forschungen auf Wiederkäuer auszuweiten: „Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Fleischmehl auch von Rindvieh und Schafen gefressen wird, wenn man mit kleinen Gaben beginnt und wenn bei diesen Thieren ähnliche Erfolge erzielt werden, wie bei Schweinen, so dürfte dieses der beste Weg sein, Fleisch rasch nach Europa zu importiren; in dem Magen unserer Thiere verwandelt sich das Fleischmehl in Fleisch“ (zit. n. Der Praktische Landwirth 13, 1876, 292). Und so geschah es: „Man muß deshalb mit kleinen Portionen beginnen, dieselben mit den gern genommenen zerkleinerten Wurzelfrüchten oder Kartoffeln resp. Schlempe recht gut mischen und schon am zweiten oder dritten Tage ist die erste, durch den eigentümlichen, an Parmesankäse erinnernde Geruch entstandene Scheu überwunden. Schreiber dieser Zeilen hat bei verschiedenen Fachgenossen wiederholt konstatieren können, daß selbst unvermischt in die Krippe gestreutes Fleischmehl von den Kühen mit Begierde aufgeleckt wurde. Sie erhoben sich sofort und à tempo aus ihrer liegenden Stellung, wenn der Viehwärter zur bestimmten Zeit in den Stall trat und bewillkommneten ihn und seine ersehnte Gabe mit freudigem Gebrüll. Selbst ganz junge Kälber nehmen es gern, falls man es ihnen in Form von Brot beibringt“ (Eisbein, 1886, 30). Unabhängig vom Wahrheitsgehalt derartiger Aussagen wurde Fleischmehl jedenfalls seit Anfang der 1880er Jahre in der Kälbermast eingesetzt, galt als praktikables und sinnvolles Kraftfuttermittel für Mastochsen und auch Milchvieh. Nur selten wurde die Frage gestellt, ob es sinnvoll sei, ein tierisches Produkt an einen Pflanzenfresser zu verfüttern (Fleischmehl aus Fray Bentos, als Kraftfuttermittel für Rindvieh, Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft 1875, Nr. 50 v. 11. Dezember, 365). Die abstrakte Vorstellung des tierischen Stoffwechsels reduzierte Futter auf chemische Inhaltsstoffe – und diese waren grundsätzlich austauschbar. Auch wenn das Fleischmehl vorrangig zur Fütterung der omnivoren Schweine eingesetzt wurde, etablierte es sich als Ergänzungsfutter für Wiederkäuer (Karl Römer, Die Kraftfuttermittel, 2. Aufl., neu bearb. v. F[ranz] Weckesser, Stuttgart 1911, hier 99-102; Das Fleischfuttermehl und sein hoher Werth für die Landwirthschaft, Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1894, 670-671; Fleischfuttermehl, in: Konrad zu Putlitz und Lothar Meyer (Hg.), Landlexikon, Bd. 2, Stuttgart 1911, 637).

Seit den 1890er Jahren wurde die Palette tierischer Futtermittel nochmals erweitert. Neben die auch von zahlreichen Konkurrenten der Liebig Company in Argentinien, Australien und den USA vermarkteten Fleischmehle traten zuerst Rückstände aus der sich langsam entwickelnden Fleischkonservenindustrie, dann aber vor allem die Tierkörpermehle. Dabei handelte es sich um Restprodukte aus der schnell an Gewicht gewinnenden Tierkörperbeseitigung (Boretius, Das Abdeckereiwesen und seine Regelung, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 34, 1902, 475-498). Während zuvor Schlachtreste, Kadaver und kleinere Haus- und Nutztiere meist vergraben wurden, die Verarbeitung auch zu Dünger nicht die Regel war, setzte nun eine tiefgreifende, allerdings auf größere Städte begrenzte Mechanisierung der Tierkörperbeseitigung ein. Seit Anfang der 1890er Jahre wurden leistungsfähige „Desinfectoren“ eingesetzt, in denen die Tierreste unter hohem Druck (bis zu 7 bar) und hohen Temperaturen (ca. 90-100° C) bis zu 8 Stunden lang zu Tierkörpermehl (und anderen Produkten) verarbeitet wurden. Diese Maßnahmen galten als ausreichend, um sämtliche Krankheitskeime sicher abzutöten (J[ohannes] Haas, Über Kadaververnichtung und -Verwertung, Der Zeitgeist 2, 1909, 474-477). Damit konnten die meist an größeren Schlachthöfen angesiedelten Abdeckereien ihren Markt erweitern: An die Stelle einer aufwändigen Seifenfett- und Düngerproduktion (Verwerthung der Tiercadaver, Vereinigte Laibacher Zeitung 1874, Nr. 48 v. 28. Februar, 1005) traten vermehrt „Tierkörpermehl“ bzw. „Tiermehl“ als Futtermittel vornehmlich für Schweine. Die Städte trugen diesen Prozess, das Reich sicherte ihn rechtlich ab. Das Tierkadaverbeseitigungsgesetz von 1911 institutionalisierte diese Praxis grundsätzlich und beendete – trotz beträchtlicher Ausnahmen – das „wilde“ Entsorgen der Tierkadaver (Begründung des Tierkadaverbeseitigungsgesetzes v. 17.06.1911, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 35, 1911, 727-745, hier 729). Die Menge potenziellen Tierfutters stieg somit vor dem Ersten Weltkrieg deutlich an, obwohl die Bedeutung des südamerikanischen Fleischmehles aufgrund der wachsenden Bedeutung des internationalen Fleischkonserven- und Gefrierfleischhandels sowie effizienterer Fleischextraktproduktion tendenziell sank. Liebig’s Extract of Meat Company produzierte aber nach wie vor beträchtliche Mengen: 1898 handelte es sich um 2.440 Tonnen Fleischmehl und 2.950 Tonnen fleischhaltige Düngemittel (Allgemeine Zeitung 1901, Nr. 117 v. 28. April, 14).

06_Apparate und Transportwagen von Tierkadavern_Berlin-1908_p11_Tierfutter_Tierkörperverwertung_Tiermehl_Dresden

Tierkörperverwertung in der städtischen Abdeckerei Dresden-Löbtau, ca. 1900 (Apparate und Transportwagen zur Verwertung und Beseitigung von Tierkadavern und Schlachthofkonfiskaten, Berlin 1908, 11)

Gleichwohl ergaben sich beim „Kadavermehl“ neue Probleme. Denn während Schweine und Geflügel auch dieses Futter fraßen, zeigten Wiederkäuer eine noch deutlichere Abneigung (F[ranz] Honcamp (Hg.), Die tierischen Abfallstoffe Blutmehl, Fleischmehl, Tierkörpermehl und Waltiermehl […], Berlin 1932, 72). Dies galt nicht zuletzt, weil nicht mehr allein Fleisch, sondern auch Knochen und Eingeweide zu Tierkörpermehl verarbeitet wurden: „Während beim Liebig’schen nur eine Fleischsorte gesunder geschlachteter Tiere verarbeitet wird, werden in den Abdeckereien Fleischsorten aller möglichen Provenienzen verwendet; kranke, zum menschlichen Konsum ungeeignete Tiere, Hunde, Katzen, verendete Tiere, verdorbene Fleischwaren, Schlachthausabfälle etc. Aus dieser Verschiedenheit des Rohmaterials folgt schon, daß die Kadavermehle sehr große Schwankungen in ihrer Zusammensetzung aufweisen müssen“ (Johann Wittmann, Über den Einkauf von Fischfuttermittel mit besonderer Berücksichtigung der Verdaulichkeit, in: Adolf Gasch (Hg.), Die Teichwirtschaft, Bielitz 1911, 40-62, hier 41). Zugleich sank der Eiweißanteil auf ca. 50 %. Entsprechend fielen die Preise, nur große Tierkörperverwertungsanlagen arbeiteten kostendeckend (ca. 1.500 Tonnen Tierkörpermehl wurden 1908 reichsweit vertrieben, während die Fleischmehlimporte bei etwa 5.000 Tonnen lagen (Haas, 1909, 476, 477)). Zugleich aber regte sich auch öffentlicher Widerstand gegen „Müllschweine“ oder aber „Kadavermehl“. Deutlichen Niederschlag fand dieser beispielsweise beim Interessenverband der Nahrungsmittelindustrie, dem Bund Deutscher Nahrungsmittel-Fabrikanten und Händler. Er empfahl die Produkte der „Kadaver-Vernichtungsanstalten“ als Dünger, empörte sich aber über die „allgemeine Verwendung in der Schweinemästerei“ (Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1, 1903, 70-71, hier 70). Die Gewerbetreibenden argumentierten moralisch: „Billig ist solches Futter allerdings, aber es bedarf keines Wortes, daß die Fütterung mit Kadaverfleisch ekelerregend ist und das Fleisch der so gemästeten Tiere unbedingt als minderwertig angesehen werden muß“ (Deutsche Nahrungsmittelmittel-Rundschau 6, 1908, 71). Auch der Deutsche Fleischer-Verband kritisierte den Einsatz fast aller Abfälle, insbesondere aber von Fischabfällen, dem Fleisch kranker Tiere, von Blutmelasse und Zentrifugenschlamm (Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 3, 1905, 168). Doch die geforderte Deklarationspflicht kam nicht zustande. Zu Zeiten hoher Importzölle auf Fleisch und Getreide und fast regelmäßiger Fleischteuerungsdebatten war ein erschwinglicher Preis jedenfalls wichtig für diejenigen, die sich Moral nicht wirklich leisten konnten. Entsprechend bildete sich vor dem Ersten Weltkrieg bei Agrarwissenschaftlern und Hygienikern ein Konsens reflektierter Distanz aus. „Kadavermehl“ sei zuerst Dünger und nur in zweiter Linie ein Futtermittel, „denn bei der Art seiner Gewinnung ist es doch gar nicht ausgeschlossen, dass auch das Fleisch vergifteter Tiere, oder doch solche tierische Stoffe, die sich selbst infolge Fäulnis starke Gifte haben entstehen lassen, verwendet wird“ (Römer, 1911, 101). Obwohl es eine merkliche Milzbrandgefahr gab, wurden Tiermehl und Tierkörpermehl dennoch weiterhin an Schweine und auch an Wiederkäuer verfüttert. Blutmehl und Reste der Fleischkonservenindustrie füllten ebenfalls die Futtertröge.

07_Apparate und Transportwagen von Tierkadavern_Berlin-1908_p15_Tierfutter_Desinfektionsapparat_Fleischkörpermehl_Grove

Trocknung von Fleischkadavern im Extraktions- und Trockenapparat System Grove (Apparate und Transportwagen zur Verwertung und Beseitigung von Tierkadavern und Schlachthofkonfiskaten, Berlin 1908, 15)

Der Erste Weltkrieg führte dann zu einer wesentlich intensivierten Nutzung der Tierkadaver und Fleischreste, brachen doch die Fleischmehlimporte aufgrund der alliierten Wirtschaftsblockade zusammen (W. Hoenig, Kadaververwertung, Kosmos 15, 1918, 145-146). Kommunen und Länder bauten neue Kapazitäten auf, um Fleisch und Fett, Futter und Dünger in größerem Umfang zu gewinnen. Die Ergebnisse blieben völlig unzureichend. Großbetriebliche Modellanlagen, wie etwa die 1908 eingeweihte Fleischvernichtungs- und Verwertungsanstalt in Rüdnitz bei Bernau, blieben Ausnahmen. Insbesondere auf dem Lande wurden Kadaver auch während des Krieges meist verbrannt und vergraben (Verwertung der Tierkadaver, Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 24, 1916, 239). Die Forschung für Futtersubstitute wurde intensiviert, doch all dies konnte nicht vergessen machen, dass die Kosten für die Tiermehlproduktion sich erst bei einem jährlichen Produktionsvolumen von 200 Tonnen amortisierten (R[ichard] Fischer, die Beseitigung, Vernichtung und Verarbeitung der Schlachtabfälle und Tierleichen […], Stuttgart 1905, 148). Reichsweit erreichten das nur wenige Anlagen. Abdeckereien blieben aufgrund hoher Maschinenkosten und geringer Futterpreise meist Zuschussbetriebe. Während des Krieges wurden die vorhandenen Fleischkörpermehle – nach dem „Schweinemord“ von mehr als fünf Millionen Tieren 1915 – verstärkt für eine fettreichere Milchproduktion genutzt (H. Kleemann, Gewinnung von volkswirtschaftlich bedeutungsvollen Werten aus Tierleichen, Schlachthausabfällen usw., Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure 63, 1919, 1062-1066). Daneben baute die Kaiserliche Armee beträchtliche Kapazitäten für die eigene Fleischversorgung auf.

08_Deutsche Tierärztliche Wochenschrift_25_1917_98 und Nr 36_pI_Tiermehl_Tierkörperverwerter_Militärverpflegung_Preuß-Winzen_Viersen

Mobiler Tierkörperverwerter für den Feldeinsatz (Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 25, 1917, 98 (l.); ebd., Nr. 36, I)

Nach Kriegsende dauerte es Jahre bis zu einer begrenzten Entspannung auf dem Futtermarkt. Die neuerliche Anbindung an den Weltmarkt und der Abbau der Zwangswirtschaft erfolgte erst 1920/21. Dann aber nahm die Bedeutung tierischer Futtermittel wieder rasch zu, insbesondere durch große Mengen importierter Fisch- und Walmehle. Mischfuttermittel gewannen dadurch rasch an Bedeutung, Tiermehl wurde oft eine nicht mehr sichtbare, weil nicht mehr explizit beworbene Ware. Angesichts großer Außenhandelsdefizite und wachsender Autarkiebestrebungen wurde die Produktion von „deutschem Tiermehl“ dennoch gezielt gefördert (Heyck, Über Tiermehl, Tierkörpermehl, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 45, 1934/35, 206-209; G[ustav] Fingerling, Bedeutung der Schlachthofabfälle für die Fütterung, Mitteilungen für die Landwirtschaft 50, 1935, 968-969). 1925 dürften im Deutschen Reich ca. 4.500 Tonnen Tierköpermehl produziert worden sein (E[rich] Moegle, Der heutige Stand der Regelung des Abdeckereiwesens, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 35, 1924/25, 211-213, hier 213). Die während des Krieges aufgebauten Kapazitäten konnten während der Friedenszeit deutlich besser genutzt werden. Die heimische Produktion profitierte aber auch von der in den späten 1920er Jahren nach langen Vorarbeiten erfolgten Standardisierung des Futtermittelmarktes. Mit dem parallel zum Lebensmittelgesetz erlassenen Futtermittelgesetz vom 1. November 1927 wurden erstmals rechtlich verbindliche Begriffe festgelegt: Die aus geschlachteten und gesunden Tieren produzierten Futtermittel wurden abhängig von ihrem Knochengehalt als Fleischmehl, Fleischknochenmehl und Knochenschrote bezeichnet. Die „Kadavermehle“ mutierten dagegen zu Tierkörpermehl resp. Tiermehl. Diese Marktordnung half den Wildwuchs zu begrenzen, der in den 1920er Jahren eingerissen hatte und namentlich dem Absatz von „Kadavermehlen“ als Futtermittel zugesetzt hatte (Der fortschrittliche Landwirt 9, 1927, 378). Die Landwirte konzentrierten die Fleischfuttermittel zudem auf Schweine und Geflügel, gab es doch mit Soja- und Sonnenblumenkuchen neue preiswerte Eiweißfuttermittel für Wiederkäuer (Das argentinische Fleischmehl ein billiges Eiweißfutter, Der fortschrittliche Landwirt 11, 1929, 662-663).

09_Ostertag-Moegle_Hg_1940_Tierkörperbeseitigung_p160_Tierkörperbeseitigungsanstalt_Tiermehl

Ausgriff aufs Land: Modell einer mittleren Tierkörperbeseitigungsanlage (R[obert] v. Ostertag und E[rich] Moegle (Hg.), Die Tierkörperbeseitigung, Berlin 1940, 160)

Während der 1920er und 1930er Jahre wurde die Technik der Tierkörperbeseitigung weiter optimiert (G[ustav] Hönnicke, Entwickelung der sog. Indirekten Durchdämpfung bei der Tierkörper-Verwertung, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 36, 1925/26, 193-198, 210-212). Dies war auch eine Reaktion auf die qualitativen Verwerfungen während des Jahrzehnts der Ernährungskrise 1914 bis 1923 mit häufig gesundheitsschädlichen Angeboten. Zudem stellte die Vitaminforschung neue Aufgaben. Dämpfen und Sterilisieren reduzierte den Vitamin A-, vor allem aber den Vitamin D-Gehalt (Arthur Scheunert et al., Über den Vitamingehalt von Tiermehl […], in: Honcamp (Hg.), 1932, 48-61). Intensiv gefütterte Schweine entwickelten Rachitis, auch Verferkelungen kamen vor (F[ranz] Lehmann, Tierische Mehle und Futtermittel aus niederen Tieren, in: Mangold (Hg.), 1929, 498-527, hier 515-521). Dagegen setzte man auf neuartige Mischungen, etwa der Fortifizierung mit phosphorsaurem Kalk. Das Stoffparadigma lenkte weiterhin Denken und Handeln der Experten. Prozesstechnisch setzte man auf höhere Temperaturen, niedrigerer Druck (ca. 3-4 bar) und ein geringerer Energieaufwand. Das schien wirtschaftlich, doch auch veterinärmedizinisch geboten: „Die Temperatur von rund 140° C tötet alle Krankheitskeime absolut sicher ab“ (F[ranz] Lehmann, Tierische Mehle und Futtermittel aus niederen Tieren, in: Mangold (Hg.), 1929, 498-527, hier 518).

Während des Nationalsozialismus dominierten wehrwirtschaftliche Zielsetzungen die Tierfuttermittelproduktion. Fleischmehl wurde durch neue Verfahren ein Großteil des Fettes entzogen, um so die heimische „Fettlücke“ ansatzweise zu schließen (Franz Lehmann, Fleischmehl und Knochenschrot als Futtermittel, Mitteilungen für die Landwirtschaft 52, 1937, 192-193; Wilhelm Ziegelmayer, Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung, 4. verb. u. erw. Aufl., Dresden/Leipzig 1941, 181-198). Kurz vor dem 2. Weltkrieg hieß es stolz: „Fleischabfälle und Blut werden heute fast ausnahmslos zu Futtermehl und technischem Fett verarbeitet. Das mit modernen Apparaten gewonnene Futtermehl hat einen hohen Gehalt an eiweißartigen Stoffen. Je nach Art des Rohmaterials beträgt derselbe bei dem aus Fleischabfällen und dergleichen gewonnenem Tierkörpermehl im Durchschnitt 60-70 %, bei Blutmehl ungefähr 80 %“ (A. Lutter, Verwertungsmöglichkeit für Abfälle in der Fleischwaren- und in der Fischindustrie, Deutsche Lebensmittel-Rundschau 1939, 43-45, hier 43-44). Das Futtermehl war ein Eiweißkonzentrat, so wie von Liebig angestrebt. Insgesamt nahm seine Produktion beträchtlich zu, zumal die Importe moderat zurückgefahren wurden. Schätzungen sprachen von jährlich ca. 30.000 Tonnen Tiermehl. Angesichts von rechnerischen Ressourcen von ca. 540.000 Tonnen blieb die Stoffbilanz jedoch mager (Erich Moegle, Schlachthofabfälle und Verwertungsanlagen, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 46, 1935/36, 214-215, hier 215). Daran konnte auch das 1939 erlassene Tierkörperbeseitigungsgesetz kaum etwas ändern. Es unterstützte eine erhöhte Produktion vornehmlich in den Mittel- und Kleinstädten. Und seine Ausführungsbestimmungen legten auch die Grundprinzipien der Drucksterilisierung verbindlich fest, die im Kern bis zur BSE-Krise dauern sollten: Erhitzung auf mindestens 133°C bei 3 bar Druck für mindestens 20 Minuten. Führende Wissenschaftler hatten darauf hingearbeitet und verlautbarten selbstbewusst: „Die Unschädlichmachung von Konfiskaten und Tierkadavern bei gleichzeitiger Verarbeitung der verwertbaren Teile dürfte heute eine technisch gelöste Frage sein“ (Honcamp (Hg.), 1932, 11). Sie sollten sich irren.

Uwe Spiekermann, 15. Juni 2019

„Ramschbazar“ und Einzelhandelspionier: Das Berliner Magazin A. Lubasch

Die zahlreichen, häufig kulturalistischen Studien über die „Warenhausgesellschaft“ vor dem Ersten Weltkrieg können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bis heute eine zufriedenstellende Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Warenhäuser im Kaiserreich – und auch danach – schlicht fehlt. Diese Großbetriebe sind ein selbstreferenzieller Mythos geworden, passen sie doch perfekt in gängige, auch geschichtspolitisch nutzbare Narrative: Warenhäuser stehen für die Demokratisierung des Konsums, die Emanzipation leistungsbereiter und transnational lernfähiger jüdischer Unternehmer, für neue Freiräume von Frauen, für die Gefährdungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch Antisemiten, Nationalisten und Antikapitalisten. All das ist nicht falsch, doch es ist Stückwerk, nicht eingebettet in die Gesamtentwicklung der Gesellschaft, des Einzelhandels und der breiten Fülle schon zuvor entstandener anderer erfolgreicher Betriebsformen. Auch wenn dies vielfach auf intellektuelle Bequemlichkeit zurückzuführen ist, so hört man doch eher den resignativen Verweis auf die höchst prekäre Quellenlage, zumal in Deutschland mit seiner rückständigen Digitalisierungskultur. Ja, jede Anstrengung bleibt unbefriedigend, kann aus verstreuten Hinweisen bestenfalls ein fragmentiertes Mosaik zusammenzusetzen.

Das gilt auch – leider – für die vorliegende kleine Fallstudie über das Magazin A. Lubasch, das in den 1890er Jahre in einem Atemzug mit den damals aufstrebenden Warenhäusern und den großen Kaufhäusern genannt wurde. Der vagabundierende Intellektuelle Leo Colze (1880-1918) schrieb kurz nach der Jahrhundertwende: „Im Anfang also in Berlin war ‚Lubasch‘ in der Oranien- und Rosenthalerstraße. Er war Vorläufer der Berliner Warenhäuser“ (Berliner Warenhäuser, 3. Aufl., Berlin/Leipzig o.J., 56). Colze feierte in seinem viel zitierten Büchlein die erfolgreichen Warenhäuser, doch er wusste noch um die Verlierer des Ringens um die Kundschaft: „Lubasch machte es sich aber größtenteils zum Prinzip, nur Partiewaren zu führen, und baute die einzelnen Rayons nicht aus. Er kaufte alles Mögliche zusammen. So bekam er auch u. a. fertig, große Lager Tapeten, verschiedene Waggons Gummischuhe, etwa eine halbe Million Paar zu kaufen, von denen er noch heute übrig haben soll. Bekannt war ja besonders die Art seiner Auszeichnung mit Kreide auf alten Pappdeckeln“ (Ebd.). Das Magazin A. Lubasch hat keine archivalische Überlieferung hinterlassen. Seine Kundenansprache erfolgte vielfach abseits des Annoncenwesens, repräsentative Bilder der Läden und auch des Leitungspersonals fehlen. Eine Annäherung ist nur indirekt möglich, über Resonanzen der Firma bei Gegnern und Zeitgenossen. Schauen wir also, wie weit wir bei diesem Puzzle kommen…

Langsames Wachstum im Familienverbund

Beginnen wir mit dem Geschäftsbetrieb selbst (und sollte ihnen die Rekonstruktion eines jahrzehntelangen mühseligen Betriebswachstums zu kleinteilig kann, übergehen sie ruhig die nächsten zweieinhalb Seiten). Im Berliner Adressbuch finden sich schon vor der Jahrhundertmitte ein „Handelsmann“ Lubasch, in der Lietzmannsgasse 2, also östlich vom Alexanderplatz, neben der damaligen Judengasse (Berliner Adressbuch 1849, 86). 1854 wurde dann ein Putz- und Modewarenhändler namens L. Lubasch in der nahe gelegenen Königsstr. 22 erwähnt (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin und Umgebungen 1854, 319). Drei Jahre später tauchte er als „Galanteriewaarenhändler“ in der Prenzlauerstr. 40 auf, wiederum in der unmittelbaren Nachbarschaft seines früheren Standortes. Damals trat jedoch auch ein „Weißwaarenhändler“ S.A. Lubasch hervor (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1857, 269). Er residierte in der Neuen Friedrichstraße 66a, also weiter südlich und westlich vom Alexanderplatz. Bei diesen beiden kleinen Händlern handelte es sich um Seelig Abraham Lubasch und seinen Sohn Levy Lubasch.

01_Überblickskarte Familie Lubasch

Überblickskarte der Geschäftssitze der Familie Lubasch 1849-1870 (1: Lietzmanngasse 2 (1849); 2: Königsstraße 22 (1854); 3: Prenzlauerstraße 40 (1857); 4: Neue Friedrichstraße 66a (1857); 5: Alte Jakobsstraße 73 (1860); 6: Weberstraße 30 (1860); 7: Kommandantenstraße 44 (1863); 8: Oranienstraße 59 (1870))Gib eine Beschriftung ein

Seelig Abraham Lubasch wurde 1797 in Posen geboren und heiratete Henriette Jette Lubasch, geb. Cohn (dagegen vermerkt Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556 den Geburtsnamen Jacob). Sie hatten zwei Söhne, Levy (1824-1894) und Philipp (1845-1909), sowie wahrscheinlich fünf Töchter, nämlich die in Filehne, Posen geborene Caroline (1830-1885), Ernestine (*1830), Berta (*1834) sowie die im nahegelegenen Schönlanke geborenen Zwillinge Julie (1843-1913) und Rebecca (1843-1892). Die Lubaschfamilie war Teil des Mitte des 19. Jahrhunderts noch starken Landjudentums in den preußischen Ostprovinzen, doch stand ebenso für dessen Wanderung in größere Städte, hier nach Berlin. Untypisch war dagegen Seelig Abraham Lubaschs Tätigkeit als Brauer, die lange Zeit vor dem Handelsgeschäft stand. Die Namenswahl der Kinder deutet auf eine offenkundige Assimilationsbereitschaft. Seelig Abraham Lubasch dürfte dem Reformjudentum eines Abraham Geiger (1810-1874) nahegestanden haben, zumindest spendete er für die von diesem Rabbiner propagierte jüdisch-theologische Fakultät in Leipzig (Allgemeine Zeitung des Judenthums 2, 1838, 339), auch wenn eine solche erst 1854 in Breslau entstand.

02_Messehandel von A. Lubasch 1860_Magdeburgische Zeitung_1860_02_15_Nr039_p11

Messehandel von Alexander Lubasch 1860 (Magdeburgische Zeitung 1860, Nr. 39 v. 15. Februar, 11)

Anzeigen des frühen Handelsgeschäftes in Berlin konnte ich nicht finden, wohl aber einige Angaben in der Magdeburgischen Zeitung. Anlässlich der dortigen Frühjahrs- und Herbstmessen finden wir in den späten 1850er Jahren regelmäßig Anzeigen der Familie Lubasch, die dort an einem Handelsstand Gummischuhe verkauften, durchweg amerikanischer, teils französischer Herkunft. Es unterschrieben L., P. und A. Lubasch, also wohl Levy Lubasch, sein jüngerer Bruder Philipp Lubasch und Levys Sohn Alexander Lubasch (Magdeburgische Zeitung 1856, Nr. 24 v. 29. Januar, 6; ebd. 1857, Nr. 41 v. 18. Februar, 7; ebd. 1857, Nr. 223 v. 24. September, 7; ebd. 1858, Nr. 34 v. 10. Februar, 7). Die Lubaschfamilie handelte in den späten 1850er Jahren demnach mit Gebrauchsgütern, betrieb sowohl Markt- als auch Ladenhandel, verkaufte vorrangig Fertig- aber auch noch gebrauchte Waren. Ihre Geschäfte standen damals zwischen den tradierten Formen des Trödel- und Hausierhandels und den neuen, durch Judenemanzipation und Gewerbefreiheit ermöglichten Arten ladengebundenen Absatzes.

Kleine Geschäfte dieser Art hatten zumeist eine geringe Kapitalkraft, eine nur geringe Betriebsdauer und immer wieder neue Verkaufslokalitäten. 1860 findet man Seelig Abraham Lubasch entsprechend in der Alten Jakobsstraße 73, Loewy Lubasch dagegen in der Weberstraße 30 – beide allerdings kontinuierlich als Galanteriewaren-, resp. Weißwarenhändler (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1860, Berlin 1860, 301). Die langsame Südwanderung der Lubaschfamilie hielt an, endete aber nun im Stadtteil Kreuzberg. Hier etablierte man sich. Levy firmierte bis 1868 noch in der nördlich gelegenen Weberstraße, zuletzt als Inhaber eines Posamentier- und Weißwaaren-Geschäftes (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1868, Berlin 1868, 400). Zwei Jahre später erschien er nach wie vor als Inhaber eines Posamentier- und dann Kurzwarengeschäftes, doch trat am neuen Kreuzberger Standort Oranienstraße 59 das Großhandelsgeschäft mit Schwämmen immer stärker in den Vordergrund (Allgemeine Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1870, Berlin 1870, 498). Levy Lubasch begann dieses spätestens 1867, und es ersetzte peu a peu das Kleinhandelsgeschäft mit Kurzwaren (Berliner Gerichts-Zeitung 15, 1867, Nr. 59 v. 21. Mai, 4; Berliner Gerichts-Zeitung 16, 1868, Nr. 34 v. 21. März, 6). 1880 gründete er eine gesonderte Großhandelsfirma und erteilte seinem Sohn Alexander Prokura. 1882 nahm er ihn auch als Gesellschafter des Unternehmens auf; und dieses florierte, expandierte später auch international (Berliner Börsenzeitung 1880, Ausg. v. 8. Oktober, 14; Berliner Tageblatt 1882, Nr. 586 v. 13. Dezember, 4; Amtsblatt zur Wiener Zeitung 1889, Nr. 259 v. 9. November, 733). Levy Lubasch starb am 6. Juni 1894, doch der Schwammgroßhandel wurde von seinem Sohn erst fortgeführt und schließlich an neue Inhaber verkauft, die anfangs noch den eingeführten Namen Lubasch nutzen (Volks-Zeitung 1894, Ausg. v. 7. Juni, 3; Berliner Adreßbuch 1899, Bd. 1, 898).

Alexander Lubasch war es auch, der 1863 ein Handelsgeschäft gründete, dass später zum Magazin A. Lubasch werden sollte (Volks-Zeitung 1895, Nr. 189 v. 24. April, 4). Es lag an der Kommandantenstraße 44, unmittelbar an der Einmündung zur Hauptverkehrsachse dieses Viertels, der Oranienstraße (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1864, Berlin 1864, 342). Zu diesem Zeitpunkt war das Posamentier- und Weißwarengeschäft von Seelig Abraham Lubasch bereits an seine Gattin übergegangen, er selbst starb am 4. April 1864 (Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Berlin 1863, Berlin 1863, 323). Es ging dann in das neue Handelsgeschäft auf. Doch es blieb nicht dabei: 1866 gründete Alexander Lubasch eine Papier- und Pappenfabrik in der Stallschreiberstrasse 32, abermals in direkter Nachbarschaft. 1868 heiratete er und verkaufte im selben Jahr die Fabrik an seinen Onkel Philipp Lubasch (Nationalzeitung 1868, Nr. 195 v. 26. April, 9; Christoph Sandler, Handbuch der Leistungsfähigkeit der gesammten Industrie des Preussischen Staates, Leipzig 1873, 11). Er sollte spätestens 1870 dann das „Posamentier- und Kurzwaarenlager“ in der Kommandantenstr. 44 übernehmen. Die genauen Umstände sind unklar, doch denkbar ist, dass dies parallel mit dem Neubau der Immobilie durch die Präge-Anstalt für Luxus- etc. Papier von Hennig erfolgte (Berlin und seine Entwicklung 5, Berlin 1871, 130).

Wer war nun Philipp Lubasch, der das Magazin A. Lubasch zu einem der bekanntesten Geschäfte Berlins ausbauen sollte? Es gibt nur karge Daten. Demnach wurde er am 27. Februar 1845 (seine Heiratsurkunde – Landesarchiv Berlin, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874-1920, Berlin I, 1890, Nr. 676 – gibt 1841 an) im pommerschen Schönlanke als Sohn von Seelig Abraham und Jette Lubasch geboren. Er starb mit 64 Jahren am frühen Nachmittag des 5. September 1909 in Berlin-Charlottenburg (Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister 1874-1920, Charlottenburg I, 1909, Nr. 556). Lubasch heiratete am 14. August 1890, im relativ hohen Alter von 45 Jahren, die damals 24-jährige Auguste Friedländer. Die Tochter des schon verstorbenen Kaufmanns Joseph Friedländer und seiner Ehefrau Mathilde hatte am 30. September 1865 in Osterrode in Ostpreußen das Licht der Welt erblickt und war „ohne besonderen Beruf“. Sie gebar am 15. Juli 1891 einen Sohn, Kurt, und am 15. Juni 1893 eine Tochter, Lili Mathilde Henriette. Bereits am 26. Juli 1896 verstarb sie 30-jährig. Wahrlich karge Daten, doch sie deuten auf ein Leben voller Arbeit und im Familienkreis hin. In der teils digitalisierten jüdischen Presse des späten 19. Jahrhunderts taucht Philipp Lubasch nicht auf, ähnliches gilt für eine Reihe führender Berliner Tageszeitungen. Selbst die im 19. Jahrhundert gängigen Fremdenlisten enthalten nur einen einzigen Auslandsurlaub, nämlich 1882 in Österreich (Ischler Bade-Liste 1882, Ausgabe v. 1. August, 4). All das ist wenig für das Leben eines lange Zeit erfolgreichen Unternehmers.

Ähnliches gilt für die eigentliche Aufstiegsphase des Magazins bis in frühen 1890er Jahre. Lubasch reüssierte nicht im Zentrum Berlins, auch wenn das Modehaus Herrmann Gerson oder das Kaufhaus Rudolph Hertzog kaum ein Kilometer entfernt waren. Doch Kreuzberg war B-Lage, ein relativ armes Viertel mit 1890 ca. 300.000 Einwohnern, die Mehrzahl Arbeiter, kleine Leute. „Straße auf, Straße ab stand in oft sehr langen Reihen die glatte Mietskaserne, die Berlin in den sechziger Jahren für den plötzlich eindringenden Zuwanderstrom geschaffen hatte. Und in den Erdgeschossen waren, so weit es das Bedürfnis verlangte, einfache Läden geschaffen, die nach alter Sitte trocken und sachlich ihre Waren auslegten. […] Statt daß die Waren ordentlich aufgebaut waren, lagen sie in Haufen im Fenster. Die Preise, nicht zu Fünfern und Zehnern abgerundet, waren auf gelben Zetteln angegeben“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510 v. 7. Oktober, 1-2). Und doch bot das Viertel gute Wachstumsbedingungen, war es zugleich Zentrum der exportorientierten Konsumgüterindustrie, ein nahezu ideales Umfeld für die Erweiterung von Sortimenten, sei es durch Schmuck und Inneneinrichtungen, durch Lederwaren oder Besatzartikel (Peter Stürzebecher, Das Berliner Warenhaus, o.O. o.J. (1979), 13).

03_Anzeige eines Wanderlagers 1888_Karlsruher Tageblatt_1888_11_07_Nr306_p4191

Betriebswirtschaftliches Vorbild: Anzeige eines Wanderlagers auf der Karlsruher Messe 1888 (Karlsruher Tageblatt 1888, Nr. 306 v. 7. November, 4191)

Lubasch nutzte Einkaufsgelegenheiten, kaufte billige Ware aus der Nachbarschaft, aus gescheiterten Transaktionen und brachte diese dann unter die Leute. Diese Idee stammte von den sogenannten Wanderlager und Wanderauktionen (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, München 1999, 277-293). Durch das Freizügigkeitsgesetz von 1867 und die neue Gewerbeordnung im Norddeutschen Bund von 1869 fielen die früheren Begrenzungen des Gewerbebetriebes im Umherziehen, zumal die Steuerlast. Das zunehmend dichtere Eisenbahn- und Straßennetz erlaubte den Aufkauf großer Warenpartien, deren kurzfristige Konzentration an Verkaufsorten und einen raschen Abverkauf von Textilien, Kurzwaren, von Porzellan, Glas und Haushaltsgegenständen. Die Wanderlager verkauften beliebige Waren, waren nicht länger an bestimmte Sortimente gebunden. Vieles von dem, was fälschlich als typisch für die späteren Warenhäuser galt, wurde von ihnen praktiziert: Barzahlung, hohe Umschlagsgeschwindigkeiten und relativ niedrige Gewinnspannen dank geringer Fixkosten und großem Warenabsatz. Wanderlager und Wanderauktionen waren jedoch nicht stationär. Sie mieteten für kurze Zeit Verkaufsräume an, zogen dann weiter zum nächsten Ort. Der beträchtliche Erfolg dieser Unternehmen in den 1870er Jahren führte zu einer ersten massiven Mobilisierung des stehenden Gewerbes, zumal der kleineren lokal verankerten Händler. Sondersteuern halfen sie zu begrenzen, doch ihre Bedeutung blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beträchtlich. Wichtiger aber noch ist, dass ihre Grundideen auch im ladengebundenen stationären Handel vordrangen. Die Gründerkrise führte seit 1873 zu einer Vielzahl von Konkursen – und es entwickelten sich zahlreiche Partiewarengeschäfte, die Warenlager zu niedrigen Preisen absetzten. In Berlin waren das vielfach Unternehmen jüdischer Händler, etwa von Leopold Simonsohn oder Gustav Meyer (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 6. August, 7; ebd., Ausg. v. 24. September, 8). Partiewarengeschäfte dienten aber nicht nur dem Absatz von Konkurswaren, sondern zunehmend auch als Puffer für die riskante Produktion von Modewaren. Davon sollte insbesondere das Magazin A. Lubasch profitieren.

Ausgangspunkt soll ein größerer Posten Handschuhe gewesen sein. Dieser wurde mit Aushängen und Auslagen kräftig beworben. Der Absatz stieg und Lubasch nahm „immer neue Waren auf und immer neue Räume hinzu. Schließlich waren es viele Läden mit ihren dunklen Hinterräumen, in denen man die allerverschiedensten Dinge aufgestapelt sah: Pfefferkuchen, Seidenbänder, Schuhe, Heiligenbilder, Spielzeug, Handschuhe und Stiefelwichse“ (Das erste Warenhaus in Berlin, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 525 v. 15. Oktober, 2). Diese im Rückblick anekdotisch dargebotene Entwicklung erscheint recht zufällig. Doch Lubasch baute in den 1880er Jahren nicht nur sein Sortiment an Kurz- und Besatzwaren stark aus, sondern ergänzte es peu a peu um neue dauerhaft geführte Warengruppen. 1891 wies das Magazin „Posamentier-, Weißwaaren-, Strumpf-, Glas- und Porzellan“-Abteilungen auf (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.). Da ein Großteil des Einzelhandels nach vermeintlich zusammenhängenden Warengruppen organisiert war, erschien die Konzentration derartig vieler heterogener Waren in einem Geschäft als neuartig und ungewöhnlich. Es ist daher kein Zufall, dass Lubasch schon 1891 als „Waarenhaus“ bezeichnet wurde (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6) – also lange bevor der Konkurrent Wertheim diese Bezeichnung für sich wählte und kurz bevor das erste „richtige“ Warenhaus, der nur kurzlebige Berliner Kaiser-Bazar, am 15. April 1891 seine Pforten öffnete. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Lubasch auch über eigene Produktionskapazitäten, um einerseits Saisonwaren herzustellen, zum anderen aber Modewaren rasch umzuarbeiten (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8 mit Verweis auf Webereikapazitäten).

Das Magazin A. Lubasch stand in der Tradition der sogenannten Bazare, also von Vertriebsstätten billiger Gebrauchsgüter für klein- und unterbürgerliche Käufergruppen. Ausverkäufe und „krumme“ Preise waren für sie gängige Wettbewerbsmittel, ebenso die dezidierte Nutzung der eigenen Fassaden und der Schaufenster für Reklamezwecke. Sie führten zudem sogenannte Einheitspreise ein. Das tat Lubasch nicht. Doch gerade seine direkte Werbung durch Warenauslagen, Handzettel und eine größere Zahl von Schaufenstern brach mit Vorstellungen des gediegenen Fachhandels, der mit der Qualität von Waren und Service überzeugen wollte. Die Anfang der 1890er Jahre nochmals intensivierte Sortimentsausweitung orientierte sich an Kundenwünschen: „Besonders die Damen der Vororte, welche nicht so häufig nach Berlin hineinfahren möchten und doch grade dort ihre Weihnachtseinkäufe besorgen wollten, fänden es ungemein bequem, an nur eine Stelle kaufen zu können und doch auch an dieser eine recht große Auswahl verschiedenster Artikel vorzufinden. Und so werde denn Alles, was irgend dort zu bekommen sei, bei Wertheim, Lubasch etc. gekauft, während die Geschäftsleute in den Vororten sehen könnten, wo sie bleiben“ (Friedenauer Lokal-Anzeiger 1, 1894, Nr. 78 v. 19. Dezember, 1).

In solchen Zitaten spiegelt sich der Widerstand, den Lubasch, ebenso wie andere Pioniere der Branche, rasch zu spüren kam. Neben dem Vorwurf, die kleinen Händler um die ihnen zustehenden Kunden zu bringen und damit deren Untergang herbeizuführen, trat jedoch eine strikte Kritik an den billigen Konsumgütern. Sie seien nicht mehr von handwerklicher Qualität, etwa Schuhe oder Kleidung. Sie seien „Schundwaare“ (Pluto, Schundwaare, Die Zukunft 8, 1894, 43-46), billig und schlecht. Die „Uniformität der Bazarwaaren“ würde die Individualität der Käufer missachten (Rud[olf] Grätzer, Großmagazine und Kleinhandel, Blätter für Genossenschaftswesen 39, 1892, 238-240, hier 240). Das Magazin A. Lubasch stand Anfang der 1890er Jahre im Mittelpunkt von breiter geführten Debatten über die Durchsetzung massenhaft produzierter Konsumgüter als wichtiges Element der Wohlfahrtssteigerung moderner Konsumgesellschaften. Es galt als „Ramschbazar“ – und wir werden darauf noch zurückkommen. Festzuhalten aber ist, dass Lubasch Anfang der 1890er Jahre mit deutlich über einhundert Beschäftigten eine Ausnahme im Kleinhandel war. Er verkörperte ein Prinzip, das den langfristigen Trend in eine Dienstleistungsleistungsgesellschaft tragen sollte, dass nämlich „unter den heutigen Produktionsverhältnissen an den zum Verbrauch gelangenden Materialien weit mehr verdient wird, als an der Arbeit selbst“ (Max Broesicke, Das Berliner Tapeziergewerbe, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 1, T. 1, Berlin 1895, 107).

Philipp Lubasch, ein patriarchaler Arbeitgeber

Die Geschichte des Magazins A. Lubasch ist auch die Geschichte eines frühen Aufbegehrens der Beschäftigten im Handelsgewerbe gegen einen patriarchalischen Unternehmer, der sich als Herr im eigenen Haus sah und Widerspruch, gar eine organisierte Interessenvertretung, nicht akzeptierte. Dies entsprach dem Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, der vornehmlich durch den aufrüttelnden Streik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1889 auf die öffentliche Agenda gebracht wurde. Arbeiterkommissionen, vielfach noch erfüllt von Treuevorstellungen gegenüber Herrscher und gerechter Obrigkeit, drangen damals wortwörtlich bis vor die Stufen des Throns. Auch wenn der Streik ohne direkten Erfolg blieb, begann doch spätestens mit der Übernahme des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe durch Hans von Berlepsch (1843-1926) und die Kanzlerschaft Leo von Caprivis (1831-1899) ein „Neuer Kurs“, der nicht allein in einer liberaleren Zollpolitik, sondern auch in einer neuen Sozialpolitik, einer neuen Gewerbeordnung mündete. Getragen von breiten bürgerlichen Schichten, bekämpft von Linksliberalen, den ab 1890 nicht mehr verbotenen Sozialdemokraten und Konservativen, etablierte sie neuartige Schutzrechte auch im Handelsgewerbe. Die Begrenzung der Arbeitszeiten und eine langsame Reduktion der Sonntagsarbeit mochten zwar noch Stückwerk sein, doch sie setzten einen langwierigen und von strikten Auseinandersetzungen geprägten Prozess in Gang, der dann vor allem in der Weimarer Republik zu umfassenderen Verbesserungen der Lage der Angestellten im Handel führte (vgl. Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

Die Arbeiterbewegung stand derart moderaten Verbesserungen anfangs kritisch gegenüber. Der Aufstieg von Großbetrieben im Kleinhandel war für ihre Repräsentanten eine Bestätigung der simplen Gesellschaftsmechanik des Kapitalismus. Lubasch zahlte seinen Webern mittlere Löhne von 15-19 Mark pro Woche. Doch dies wurde als Hungerlohn verstanden, nicht als eine Verbesserung gegenüber dem bei 12 Mark liegenden Lohnniveau der in Berlin weit verbreiteten Hausindustrie (Berliner Volksblatt 1890, Ausg. v. 22. August, 8). Stattdessen dominierte das Marxsche Verelendungstheorem: „Die ganze Organisation des großen Betriebes ‚spart‘ ungeheuer an Arbeit. Durch Provisionen und Prämien wird der Eifer der Angestellten auf das Aeußerste angespornt. Die Löhne sinken hier am leichtesten, weil das große Geschäft eine dauernde Anstellung zu verbürgen scheint und weil die Thätigkeit darin eine Empfehlung für die Zukunft ist. Alle Raffinements der Ausbeutung und des Lohndruckes: Hausordnungen, Strafgelder, periodische Abstoßung und Heranziehung von Arbeitskräften, können hier ungehindert zur Anwendung kommen“ (Der Großbetrieb im Detailhandel, Die Neue Zeit 9, 1890/91, 617-624, hier 622).

Das Magazin A. Lubasch stand seit Anfang der 1890er Jahre vor allem wegen seiner Mitte der 1880er Jahre erlassenen Arbeitsordnung in der Kritik der Sozialdemokratie. Dabei handelte es sich um ein rigides Regelwerk, das Arbeitszeiten und Verhaltensweisen der Angestellten detailliert festlegte. Pünktlichkeit wurde verlangt, Unpünktlichkeit mit Lohnabzug sanktioniert. Saubere und dunkle Kleidung, festes Schuhwerk und weiße Wäsche waren vorgeschrieben, mussten von den Angestellten selbst bezahlt werden. Die Arbeitsordnung regelte das Odeur der Bediensteten, verbot etwa warme Speisen, Knoblauchwürste, alle Sorten Käse, Radieschen und Schnittlauch. Mutwillig oder fahrlässig beschädigte Ware musste ersetzt werden, nicht nur von Einzelnen, sondern auch von allen Angestellten einer Abteilung, sollte der Täter nicht ermittelt werden können. Auf viele Vergehen stand die unmittelbare Kündigung. Besonders kritisiert wurde, dass bei Krankheit nicht nur kein Lohn gezahlt wurde, sondern dass binnen zwei Stunden der Grund des Fernbleibens vom Arbeitsplatz mitgeteilt und binnen zehn Stunden ein ärztliches (und das heißt kostenträchtiges) Attest eingereicht werden musste (Vorwärts 1891, Nr. 77 v. 3. April, 6). Lubasch hätte wohl auf die aus seiner Sicht hohen Löhne verwiesen (Volks-Zeitung 1891, Ausg. v. 25. August, s.p.), ebenso auf die sehr ähnlichen Arbeitsordnungen anderer Handelsgeschäfte. Sozialdemokraten sahen dagegen eher Analogien zum industriellen Sektor, wo gerade in der Textil- und Schwerindustrie Arbeitsordnungen genutzt wurden, um die Risiken gewerblicher Arbeit einseitig den Beschäftigten aufzubürden.

Philipp Lubasch leitete sein Magazin wie ein Patriarch. Er bestimmte, die Angestellten hatten sich an seine Anweisungen zu halten. Anfang September 1893 kam es jedoch zum Eklat. In der neuen Filiale in der Rosenthalerstraße fiel Ende August eine Unterschlagung auf – und der Missetäter wurde fristlos entlassen. „Gleichzeitig verbreitete sich aber auch im Geschäft das Gerücht, daß Herr Lubasch seine sämmtlichen Angestellten im Verdacht habe, von dem Diebstahl gewußt zu haben. Das war dem Personal doch etwas zu stark; trotz ihrer gedrückten Lage hatten sich 85 Personen, Damen und Herren, etwas bewahrt, was man im gewöhnlichen Leben Ehrgefühl nennt.“ Sie trafen sich nach Dienstschluss und verabschiedeten nach zehn Minuten Diskussion einen Brief an Philipp Lubasch, in dem sie eine genaue Untersuchung forderten, sich zugleich aber dessen Unterstellungen verbaten. Der Patriarch erfuhr davon und entließ am nächsten Morgen den vermeintlichen Rädelsführer. Doch dabei blieb es nicht: „Herr Lubasch ging zu jedem seiner Angestellten und frug: Sind Sie in der betreffenden Versammlung gewesen? und kündigte weiteren 14 Theilnehmern derselben […] während neun Angestellte sich solidarisch mit den Entlassenen erklärten und selbst kündigten“ (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 6 – auch für das vorherige Zitat). Insgesamt wurden 34 Beschäftigte entlassen bzw. nahmen ihren Hut (Vorwärts 1893, Nr. 216 v. 14. September, 4).

04_Protestversammlung gegen A. Lubasch_Vorwärts_1893_09_12_Nr214_p4

Protest gegen Maßregelungen von Angestellten 1893 (Vorwärts 1893, Nr. 214 v. 12. September, 4)

Über Löhne hätte man wohl reden können, nicht jedoch über Ehre. Der Berliner Gewerkschafts-Kommission war klar, dass angesichts zahlloser Arbeitssuchender und mangels jeglicher Organisation ein Streik aussichtslos sein würde. Daher wählte man das Kampfmittel der öffentlichen Versammlung: „Jeder, der es mißbilligt, daß die Ehre der Arbeiter mit Füßen getreten wird, hat die Pflicht, in dieser Versammlung zu erscheinen“ (Vorwärts 1893, Nr. 215 v. 13. September, 6). Als Hauptredner für den 14. September 1893 gewann man den sozialdemokratischen Gewerkschafter, frisch gewählten Reichstagsabgeordneten und späteren Reichsernährungs- und -wirtschaftsminister Robert Schmidt (1864-1943), der zuvor mit Lubasch gesprochen hatte. Die Diskussion war gehaltvoll, ergab allerdings auch, dass die Arbeitsordnungen anderer Großbetriebe, etwa des Kaufhauses Rudolph Hertzog, fast deckungsgleich mit der von Lubasch waren. Auch die Löhne mochten objektiv niedrig sein, doch sie lagen keineswegs unter denen der Konkurrenz. Schließlich hatte die lokale Frauen-Agitationskommission schon im März die niedrigen Löhne des späteren Warenhauses Wertheim moniert und sie in einer öffentlichen Protestversammlung angeprangert (Vorwärts 1893, Nr. 55 v. 5. März, 10; Vorwärts 1893, Nr. 73 v. 26. März, 4). Dennoch kamen erste Boykottforderungen gegen Lubasch auf. Am Ende der Versammlung stand Protest gegen „die ärgste Vergewaltigung und Unterdrückung seines Personals“ sowie die Pflicht, die dortigen Vorfälle und Geschäftspraktiken in die Berliner Öffentlichkeit zu tragen (Vorwärts 1893, Nr. 218 v. 16. September, 6-7, hier 7).

05_Lohnverhältnisse des Verkaufspersonals im Magazin A. Lubasch 1893

Eine Stellungnahme von Philipp Lubasch ist nicht überliefert. Auf die Forderungen der Angestellten ging er jedoch nicht ein. Nun nahm sich die kleine, 1890 in Leipzig gegründete Freien Vereinigung der Kaufleute der Sache an. Sie nutzte eine neuerliche öffentliche Versammlung in dem Aschinger gehörenden Etablissement Buggenhagen am Moritzplatz – also in unmittelbarer Nähe zum Lubaschschen Hauptgeschäft –, um am 27. September 1893 den „Fall Lubasch“ neuerlich aufzurollen und zugleich Mitglieder für die sozialdemokratische Branchengewerkschaft zu werben. Aus Leipzig war der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bruno Schoenlank (1859-1901) gekommen, ein führender Theoretiker und Empiriker sowie früherer Redakteur des „Socialpolitischen Centralblattes“. Das „Kapital macht vor dem Kaufmannsstande nicht Halt; […] Diese Bazare, deren Verkaufspaläste mit dem glänzendsten Komfort der Neuzeit ausgestattet sind, deren Reklamen überall hin dringen und deren elegante Geschäfte in allen Stadttheilen anzutreffen sind, – diese Geschäfte, deren Reklamewagen man die Leichenfuhrwerke der kleinen Detaillisten nennen kann, denn sie begraben nicht nur die Hoffnungen der in der Nähe der Bazare Wohnenden, sondern aller kleiner Detaillisten Berlins – diese sind nur möglich dadurch, daß Unternehmer mit großen Kapitalien sie ins Leben rufen, gegen deren Uebermacht der kleine Kapitalist nicht ankämpfen kann.“ Angestellte seien „Arbeiter im Handelsgewerbe, denn sie sind nichts anderes als Arbeiter, ausgebeutete und brutal behandelte Arbeiter, während alle die Bezeichnungen als Handlungsgehilfen, Kommis etc. auf gut Berlinisch gesagt, nur Mumpitz sind […].“ Widerstand gegen das „Pascha- und Sultansgehabe der Herren Bazarinhaber“ sei erforderlich, zumal gegen die Arbeitsordnung bei Lubasch. Hoffnungsfroh verkündete Schoenlank: „Die kapitalistische Entwickelung des Handelsgewerbes schafft die Bedingungen für den Klassenkampf auch in diesem Erwerbszweig.“ Die „Proletarier im Handelsgewerbe“ müssten sich organisieren: „Mit Blut und Tränen ist die Geschichte dieser Arbeiter-Kategorie geschrieben, wie viele junge Mädchen sind auf dem Weg der Prostitution durch diese entsetzlichen Zustände gedrängt worden, wie viele werden noch täglich dazu gedrängt; der Einzelne vermag nichts in diesem wilden Verzweiflungskampfe, nur die Gesammtheit, die Organisation! Sie sind lange genug Amboß gewesen, seien sie endlich mal Hammer!“ (Vorwärts 1893, Nr. 226 v. 26. September, 4). Die Rhetorik glich der der Mittelstandbewegung, dem damaligem Rechtspopulismus. Doch bei den Angestellten verfing sie kaum, waren diese doch vielfach überzeugt, sich durch eigene Arbeit hocharbeiten, gar ein eigenes Geschäft gründen zu können. Philipp Lubasch unterstützte auch deshalb die neu eingerichteten Fortbildungsschulen, die Aufstieg durch Qualifizierung propagierten (Harry Schmitt, Die Kaufmännischen Fortbildungs-Schulen Berlins, Berlin 1891, 81). Die Versammlung schickte schließlich eine dreiköpfige Kommission zu Lubasch, um die Arbeitsordnung zu revidieren und die Entlassungen rückgängig zu machen.

Doch der geschmähte Pascha zeigte kein Einsehen, die Gespräche mit der Kommission verliefen ergebnislos. Eine dritte öffentliche Versammlung folgte am 2. November 1893, abermals in der direkten Nachbarschaft des Magazins A. Lubasch (Vorwärts 1893, Nr. 255 v. 29. Oktober). Etwa 1500 Männer und Frauen kamen. Die Kommission berichtete, dass „Herr Lubasch auf sein Ehrenwort versichert habe, daß niemand von seinem Personal wegen der bekannten Besprechung gemaßregelt worden, daß er zu dieser Zeit gar nicht in Berlin gewesen sei, daß die rigorose Geschäftsordnung schon seit 6 Jahren außer Kraft sei und daß auch Strafgelder nicht mehr in Abzug gebracht würden“ (Vorwärts 1893, Nr. 260 v. 4. November, 10-11 – auch für die folgenden Zitate). Für die Kommission waren dies Lügen. Bruno Schoenlank referierte abermals, nun zum Thema „Wie steuert die Berliner Arbeiterschaft der Sklaverei der Angestellten in den Großmagazinen?“ Lubasch wurde als „Vertreter des Großkapitalismus“, als „Vernichter des Kleinhandels“ und als durchaus ehrenwerter Mann präsentiert. Ihn zu bekämpfen helfe allen: “Die Berliner Arbeiterschaft könne in dem Falle Lubasch sehr viel mehr wirken zu gunsten der Handelsangestellten, dem Trumpfe der modernen Handelsfeudalisten einen andern Trumpf entgegensetzen. Niemand könne gezwungen werden, Herr Lubasch seine Kundschaft zuzuwenden, bei ihm zu kaufen.“ Eine Resolution war vorbereitet worden, die neuerlich forderte, die Arbeitsordnung zu beseitigen, die Entlassenden wieder einzustellen und ihnen gegenüber eine öffentliche Ehrenerklärung abzugeben. Geschähe dies nicht, sollten die Arbeiter bei Lubasch nicht mehr kaufen. Sie wurde nicht verabschiedet, da der Unternehmer in diesem Falle Rechtsmittel gegen die Gewerkschaftskommission angekündigt hatte (Neueste Nachrichten 1893, Nr. 56 v. 4. November, 3). Doch man „nahm an, daß die Arbeiter auch ohne Annahme dieser Resolution wissen würden, was sie zu thun hätten“ (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 562 v. 3. November, 2).

Lubasch vernahm die Aufforderung, doch er folgte ihr nicht. Weitere öffentliche Versammlungen der Berliner Gewerkschaftskommission folgten (Vorwärts 1893, Nr. 262 v. 7. November, 4; Vorwärts 1893, Nr. 270 v. 16. November, 10). Doch trotz neuerlicher Appelle an Solidarität und Mitgefühl verebbte der Boykott gegen Lubasch im märkischen Sande. Das Fazit im Frühjahr 1894 war ernüchternd: „Der ‚Fall Lubasch‘ beweise, daß sich die große Masse der arbeitenden Klassen leider nicht an derartige Beschlüsse kehre“ (Vorwärts 1894, Nr. 102 v. 5. Mai, 11). Als im Mai 1894 ein neuerlicher Konsumboykott auf der Tagesordnung stand – dieses Mal gegen die Burger Schuhfabrik Conrad Tack, die ihre Waren über ein System eigener Filialen absetzte – nahm man entsprechende Resolutionen nicht an, da ein Konsumentenstreik im Einzelhandel offenbar nur begrenzte Erfolgsaussichten hatte. Das war nicht das Ende von Konsumentenboykotten, endete der Berliner Bierboykott von 1894 doch mit einem begrenzten Sieg der Arbeiterbewegung. Aus der für Konsumgesellschaften scheinbar so passgenauen Waffe wurde jedoch vornehmlich ein Mittel gegen vermeintlich willkürliche Lebensmittelteuerungen, kaum aber zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Philipp Lubasch, Besitzer eines vermeintlichen „Ramschbazars“, hatte sich in dieser Auseinandersetzung jedenfalls als konfliktfähig erwiesen und setzte damit einen konfrontativen Standard für die Großbetriebe im Kleinhandel: „Diese ersten Anfänge eines autoritären Personalwesens sollten die deutschen Häuser in der Zeit bis zum Krieg und darüber hinaus prägen“ (Heinrich Hartmann, Organisation und Geschäft. Unternehmensorganisation in Frankreich und Deutschland 1890-1914, Göttingen 2011, 218).

Der „Ramschbazar“ Lubasch als Projektionsfläche für Antikapitalisten und Antisemiten

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung bekämpfte nicht allein Lubasch, sondern für sie ging es um die Fundamente gesellschaftlicher Ordnung. Lubasch stand für den aufstrebenden Großbetrieb, für die zerstörerische Kraft des Kapitalismus. Er war ökonomisch erfolgreich, attraktiv für eine rasch wachsende Zahl von Konsumenten. Nach dem Siegeszug des zunehmend großbetrieblich organisierten Industriekapitalismus veränderte sich mit den Großbetrieben des Kleinhandels auch der Alltag der kaufenden Massen. Für die sozialdemokratischen Repräsentanten bestätigte dies ihre Gesellschaftsanalyse. Der distributive Großbetrieb galt als Angriff auf die Ehre und Würde der Beschäftigten, auf die Sittlichkeit der arbeitenden jungen Frauen. Die bewegende Kraft war das Kapital, Philipp Lubasch erschien als Agent des Weltgeistes: „Es ist eine dämonische Kraft, die in der Gier nach kapitalistischer Macht steckt. Welches typische Bild entsteht da in dem Falle Lubasch. Was kümmert den Großmann des Kleinhandels die empörte öffentliche Meinung? Er schließt sich in die enge Welt der Interessenten seines Schlages ein. Hat er einen Konkurrenten um eine Länge geschlagen, das ist seine Wollust, sein Triumph. Hat das Geschäft mit gierigen Fangarmen neuen [sic!] Artikel in sich aufgesogen, das ist seine Befriedigung. Immer vorwärts, rastlos weiter drängt ihn sein Spekulationsfieber und auf dem erbärmlichsten Druck zahlloser Mitmenschen baut sich seine überragende Größe auf. Was kümmert ihn das Murren über seine famose Hausordnung, über die klägliche Entlohnung seiner Angestellten bei nervenzerstörender Anstrengung, über die existenzvernichtenden Ramsch- und Masseneinkäufe? Er hört es kaum und denkt wie der Fabrikant in Coppé’s Gedicht vom Streik der Schmiede: ‚Ich halt‘ es aus!‘ Mögen ihn Hundertausende anklagen, wenn nur ein Dutzend seiner Konkurrenten in ihm den Handelsmann großen Stils rühmt. Aber stärkerer Uebermuth, als der von Lubasch ward schon gebrochen auf Erden!“ (Alpha, Sonntagsplauderei, Vorwärts 1893, Nr. 261 v. 5. November, 10).

Die Sozialdemokraten blickten damals vor allem auf die sozialen Auswirkungen der mit dem Wachstum der Großbetriebe verbundenen Umwälzungen. Angestellte wurden zu Arbeitern, selbständige Kleinhändler zu Proletariern: „In allen Geschäftsstraßen fände man in den Schaufenstern der kleinen Geschäftstreibenden jene verhängnißvollen Plakate, welche den Ausverkauf infolge Konkurses oder wegen Aufgabe des Geschäftes anzeigten.“ Der Kleinhandel sei nicht in der Lage mit Großbazaren, „wie Werthheim [sic!], Lubasch, Herzog [sic!] u.s.w.“ (Vorwärts 1893, Nr. 123 v. 28. Mai, 10 – für beide Zitate) erfolgreich zu konkurrieren – so, wie zuvor das Handwerk der Industrie habe weichen müssen. Die „Ramschbazare“ seien Beschleuniger der Umwälzung, denn anders als die tradierten Geschäfte der Oberschicht zielten sie auf das bisherige Hauptklientel der kleinen und mittleren Händler; man vergaß dabei, dass der Handwerkshandel vor allem vom ladengebundenen Kleinhandel verdrängt worden war.

Derartige Analysen wurden von Antisemiten und der Mittelstandsbewegung dankbar aufgegriffen. Als der Vorwärts Mitte 1893 den Konkurrenzkampf von Lubasch und Wertheim thematisierte, übernahm die Zeitschrift des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stöcker (1835-1909) dessen Aussagen, fragte allerdings im altlutherschen ketzerischen Sinne „‚wo giebt es ähnliche christlich-deutsche Schleuderbazare?‘“ Die Antwort der Redakteure fiel gut marxistisch aus: „Wir kümmern uns nicht um die Religion der Schleuderbazare, und wissen nicht, ob Herr Herzog [sic!] das Ausbeutungsgeschäft besser betreibt, als die Herren Lubasch und Wertheim. Aber das wissen wir, daß tausende ‚christlich-deutscher‘, derzeit echt antisemitischer Fabrikanten und Geschäftsleute im Königreich Sachsen das Ausbeutungsgeschäft noch unmenschlicher üben, als die Firmen Wertheim und Lubasch es thun, und daß sie Hungerlöhne bezahlen, die hinter denen der Firmen Lubasch und Wertheim weit zurückstehen. Sind daran die Juden schuld, Herr Oberwinder-Stöcker?“ (Vorwärts 1893, Nr. 169 v. 21. Juli, 3 – beide Zitate).

Die Sozialdemokraten wiesen den Vorwurf des Antisemitismus immer wieder deutlich zurück; doch nicht zufällig war ihre Haltung zu den Antisemiten um Hermann Ahlwardt (1846-1914) ein umkämpftes Themenfeld auf den Parteitagen in Berlin 1892 und Köln 1893. August Bebel (1840-1913) distanzierte sich im Namen der SPD klar vom Antisemitismus – doch die Schilderung der „Kapitalisten“ trug weiterhin ebenso klare antisemitische Züge. Die sozialdemokratische Kritik an den Großbetrieben im Einzelhandel war gespickt mit antisemitischen Klischees der Geldgier, der Verführung, des Talmis oder der Unterwanderung. Es war eben kein Zufall, wenn ein wackerer Sozialdemokrat wie der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bock (1846-1931) in den Debatten über die Konsumgenossenschaften darauf verwies, „daß die großen Warenhäuser a la Rudolph Herzog [sic!], Lubasch, Wertheim etc. dem mittleren und kleineren Kaufmann mehr schadeten, als alle Konsumvereine zusammengenommen“ (Düsseldorfer Volksblatt 1894, Nr. 16 v. 18. Januar, 1). Die Debatte um Lubasch unterstreicht den Antisemitismus der Linken, auch wenn dieser in Frankreich oder Österreich noch deutlich ausgeprägter war (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. I, o.O. 1980, 82-96).

Die Mittelstandsbewegung dieser Zeit brauchte lange, bevor sie die Großbetriebe in den Blick nahm. Sie war antikapitalistisch und antisemitisch – und sie blieb es, beträchtlichen Lernprozessen zum Trotz. In den späten 1880er und frühen 1890er Jahren widmete sie sich vor allem der Konkurrenz von Hausierern, Abzahlungsgeschäften und insbesondere der aufstrebenden Konsumgenossenschaften (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland, Frankfurt a.M. et al. 1994, 32-35). Warenhäuser, das waren anfangs die Berliner „Warenhäuser“ für Offiziere und Beamte, also große Genossenschaften und Versandhändler. Der moderne Begriff des Warenhauses entwuchs erst den Debatten über die verschiedenen Sondersteuern auf Großbetriebe im Kleinhandel um die Jahrhundertwende. Großbetriebe war dagegen das anfangs entscheidende Stichwort, lernten die Mittelstandsvertreter doch durchaus von der marxistischen Todesglöckchenphilosophie. Strikt wandte man sich gegen das „Großkapital“. Erst dadurch konnten sich Negativ-Dispositive bildeten, in denen immer wieder Lubasch erschien. Seit 1893 finden wir im einschlägigen Schriftgut regelmäßig den einebnenden Verweis auf die „Bazare der Herren Werthheim [sic!], Lubasch pp.“ (Mittheilungen des Zentral-Verbandes deutscher Kaufleute 3, 1892/93, Nr. 7/8, 8) – mochten diese auch in strikter Konkurrenz zueinander stehen. Fast beliebig wurden nun Großbetriebe nebeneinandergestellt, unabhängig von ihren teils gegensätzlichen Geschäftsprinzipien. Als „Waarenhäuser“ erschienen beispielsweise der „Kaiser-Bazar (Nachfolger), Mey & Edlich, Wertheim, Lubasch etc.“ (F. Neuhofer, Unsere Zeit- und Streitfragen. IV., Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 19, 1894, 266-270, hier 270) – also ein Warenhaus, ein Versandgeschäft und zwei „Ramschbazare“. Die Bedrohungslage schien akut, doch das neue Fremde wurde nicht analysiert, sondern denunziert. Widerstand schien angeraten, gegen „die vernichtende Konkurrenz der Magazine, Lager, Großverkaufshäuser (Wertheim, Lubasch, Kaiserbazar u.s.w.)“ (Otto Wiedfeldt, Entwickelungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720 bis 1890, Leipzig 1898, 104), gegen die „Ueberwucherung von Großbazaren und Monopolgeschäften à la Wertheim, Jandorf, Lubasch, Aschingers Bierquelle, Loeser u. Wolf, Bolle etc.“ (Berliner Tageblatt 1898, Nr. 29a v. 18. Januar, 5). Hier gingen Antikapitalismus und Antisemitismus eine antiintellektuelle Allianz ein, für die es unwichtig war, ob es gegen die Meierei des christlichen Unternehmers Carl Bolle (1832-1910), den protestantischen Restaurateur und Bierschwemmenbesitzer August Aschinger (1862-1911) oder den jüdischen Warenhausbesitzer Adolf Jandorf (1870-1932) ging. Die Überlappung von Mittelstands- und Arbeiterbewegung manifestierte sich auch in dem vordergründigen Interesse am Schicksal der Beschäftigten, zumal der Verkäuferinnen: „In den Großbazaren und Massenzweiggeschäften wird der Verkauf immer mechanischer, Waarenkunde ist kaum noch erforderlich. Jeder kann dort fast ohne Vorkenntnisse verkaufen, die Waaren haben bestimmte Einheitspreise. In diesen Großbazaren u.s.w. kümmert sich der Inhaber nicht im Geringsten um die Weiterbildung seiner Angestellten, er ist dazu gar nicht im Stande. […] Nach einer anderen Statistik der Ortskrankencasse der Berliner Kaufleute wurden durchschnittlich 7 Percent Erkrankungen verzeichnet, in dem Bazar von Lubasch aber 14 Percent“ (Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Deutsches Wochenblatt 1899, Nr. 3732 v. 25. Mai, 4).

Lubasch war für diese Kritiker kein reales Geschäft, sondern Chiffre einer nicht gewollten Moderne. So konnte er, trotz nur einer Filiale, auch ein Filialtreiber werden (J. Rosenbaum, Filial-Treiberei und Massen-Bazare, Bamberg o.J. (1895), 11). 1895 gab es gar Warnungen vor anarchistischen Attentaten, welche „die Sprengung mehrerer großer Geschäfte wie Gerson, Herzog [sic!], Wertheim, Lubasch durch Dynamit“ ankündigten (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1893, Nr. 289 v. 13. Dezember, 2). Als „Ramschbazar“ stand Lubasch für neue Formen des Warenangebots, die man als „Nachahmungen aller Art, Qualitätsfälschungen, Quanitätsverkürzungen, Scheinausverkäufen und Scheinauktionen, Gelegenheits-, Reste- und Partiegeschäften“ denunzierte (Paul Dehn, Die Großbazare und Massenzweiggeschäfte, Berlin 1899, 5). Die Stärke und Gefälligkeit des Feindbildes Großbetrieb ermöglichte es gar noch Jahre nach dem Ende des Geschäftsbetriebes bei Lubasch die Reden des Deutschen Antisemitenbundes mit den „Ramschbazaren“ „Wertheim, Tietz, Lubasch“ zu würzen (Im deutschen Reich 9, 1903, 545).

Der verlorene Kampf mit Wertheim

Wertheim – dieser Name fiel bereits häufiger. Das Unternehmen dieses Namens siegte im direkten Konkurrenzkampf mit dem Magazin A. Lubasch; und seit seinen triumphalen Geschäftsneubauten in Berlins Leipzigerstraße gilt es als Vorzeigebetrieb der Betriebsform Warenhaus. Und doch entstand das Warenhaus Wertheim erst im Kampf mit und in der Abgrenzung von Lubasch. Die Brüder Abraham (1819-1896) und Theodor Wertheim hatten bereits 1852 ein erstes Modewarengeschäft im mecklenburgischen Stralsund gegründet, dem 1875 ein Kurzwarengeschäft am gleichen Standort folgte. Ein Jahr später traten Abrahams Söhne Georg (1857-1939) und Hugo Wertheim (1856-1883) in das Geschäft ein, das nicht nur erfolgreich war, sondern schon früh den Berliner Markt in den Blick nahm. Für das Stralsunder Laden suchte man in Berlin Verkäufer (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 196 v. 23. August, 11), und bereits 1879 verkaufte Abraham Wertheim Modewaren in der Kochstraße 15 „unterm Kostenpreise“ (Berliner Tageblatt 1879, Ausg. v. 6. September, 12). Es schien, als würde sich eine Geschichte wie die von Lubasch wiederholen. Doch Wertheim verlagerte sein Geschäft nicht, sondern gründete 1885 eine erste Filiale in Berlins Rosenthalerstraße 27, einer jüdisch geprägten Einkaufsstraße, mehr als zwei Kilometer entfernt vom Magazin A. Lubasch. Wertheim hatte dort harte lokale Konkurrenz und war gewiss mit anderen Käufererwartungen konfrontiert als im beschaulichen Stralsund. Man passte sich an, zumal nachdem Abraham Wertheims Sohn Georg Wertheim (1857-1939) 1888 nach Berlin übergesiedelt war. Das erste Berliner Wertheimgeschäft verkaufte Waren des „billigen Massenkonsums“ (Julius Hirsch, Das Warenhaus in Westdeutschland, Leipzig 1910, 20), vornehmlich Textilien, rasch aber auch andere Gebrauchsgegenstände.

Der Kampf mit Lubasch begann, nachdem Wertheim am 31. März 1890 einen Laden an der Oranienstraße 145 eröffnet hatte. Dieser lag knapp 300 Meter von Lubasch entfernt, zielte also auf dessen Käuferklientel. Der nun einsetzende Konkurrenzkampf wurde in der zeitgenössischen Literatur mehrfach erwähnt, doch die kurzen Notate sind nahezu durchweg sachlich falsch. Das gilt auch für die Darstellung von Simone Ladwig-Winters, die einseitig die Erfolgsgeschichte Wertheims singt. Glaubt man ihr, so war die Filialgründung durchaus reizvoll, „konnte man doch messen, wer besser ankam – Lubaschs billiger Laden, der die Kundschaft allein über den Preis warb, oder Wertheims teureres Geschäft, in dem die Käufer dafür sicher sein konnten, keinen Ramsch zu erwerben“ (Erica Fischer und Simone Ladewig-Winters, Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Reinbek 2007, 72). Belege für diese Behauptung wurden nicht präsentiert – und diese steht in offenkundigem Gegensatz zur zeitgenössischen Gleichsetzung von Wertheim und Lubasch als einerseits „Ramschbazare“, anderseits Großbetriebe des Kleinhandels. Ladewig-Winters zitiert jedoch ein vermeintliches „Tagebuch“ von Georg Wertheim, das unter dem 31. März 1890, also dem Tag der Ladeneröffnung in der Oranienstraße, folgendes vermerkt habe: „Infolge der Konkurrenz mit A. Lubasch mussten die von diesem geführten Artikel, Wirtschaftswaren und Galanterie-Artikel, auch bei uns eingeführt werden. Dies bedeutet den ersten Schritt zu der Wandlung des Manufaktur-Geschäfts in den sogenannten Warenhaus-Betrieb. Wir gerieten unbeabsichtigt auf diese Bahn und ohne uns bewusst zu sein, zu welchem Ziele dieser erste Schritt führen würde. Warenhäuser gab es damals in Deutschland noch nicht; nur A. Lubasch führte außer Manufakturwaren auch Glas, Porzellan und Wirtschafts- sowie Galanterie-Artikel, jedoch in einer partiewarenmäßigen Art und nur in billigsten Qualitäten; er machte jedoch seinerzeit auf diese Weise ein großes Geschäft. Als wir also gezwungenermaßen dazu übergingen, seine Artikel ebenfalls zu führen, entstanden daraus bei uns ordnungsgemäß geführte Abteilungen, wie sie unser Geschäftshandhabung entsprachen“ (Wertheim. Geschichte eines Warenhauses, Berlin 1997, 19). Es ist offenkundig, dass es sich bei diesem Eintrag um einen später geschriebenen Rückblick auf die Geschehnisse seit 1890 handelt, verfasst unter dem Eindruck des Sieges über Lubasch. Der verfehlte Gegensatz von Ramsch- und Qualitätsware wurde von Ladewig-Winter (mit Bezug auf Stürzebecher, 1997 und – irreführend – Hirsch, 1910) zudem mit dem nicht näher kontextualisierten geflügelten Wort „Wer bei Lubasch kauft, bringt nichts von Wert heim“ unterstrichen. Belege, dass dies just 1890 bis 1895 entstanden ist, sucht man vergeblich. Entsprechende Sentenzen gab es für fast alle führenden Warenhausunternehmen und sie sind beliebig aufladbar: Im Westen des Reiches hieß es etwa „Von Tietz, man sieht’s!“ oder auch „Wer bei Tietz kauft, bringt nichts von Wert heim!“ (Werner Rubens, Der Kampf des Spezialgeschäfts gegen das Warenhaus, Köln-Ehrenfeld 1929, 14) – doch wer würde deshalb auf die konkrete Qualität der Angebote der wichtigsten Warenhausdynastie des Reiches schließen? Ladewig-Winters verschweigt schließlich auch, dass der Kampf von Lubasch und Wertheim eben nicht allein in der Oranienstraße geführt wurde, sondern dass er in mindestens gleichem Maße in der Rosenthalerstraße tobte.

06_Überblickskarte Lubasch gegen Wertheim

Überblickskarte des Kampfes zwischen Lubasch und Wertheim (1: Lubasch, Kommandantenstraße 44/44a (1863), 2: Wertheim, Rosenthalerstraße 27 (1885), 3: Wertheim, Oranienstraße 145 (1890-1894), 4: Lubasch, Rosenthalerstraße 49 (1893-1895); 5: Wertheim, Oranienstraße 53/54 (1894-1913, Neubau))

Um all dies nachvollziehen zu können, müssen wir uns erst einmal die Geschehnisse selbst vor Augen führen. Wertheim etablierte seinen Laden 1890 in der Oranienstraße 145, also in Laufweite von Lubasch. Doch Lubasch nahm die Herausforderung an und eröffnete seinerseits einen großen Laden in der Rosenthalerstraße 49, also schräg gegenüber dem ersten Berliner Geschäft von Wertheim. Der wiederum ließ sich nicht lumpen, kaufte Grund am Moritzplatz auf, legte zwei Häuser nieder und eröffnete 1894  seinen Neubau in der Oranienstraße 53/54. 1895 schließlich gab Lubasch auf und schloss seine Filiale in der Rosenthalerstraße. Wertheim, der 1892 schon einen ersten Laden in der Leipzigerstraße 111 eröffnet hatte, ging somit als Sieger aus dem Ringen hervor.

06a_Berliner Tageblatt_1890_03_30_Nr163_p20_Spezialgeschäft_Wertheim_Oranienstraße_Manufakturwaren_b

Veränderung in der Nachbarschaft: Geschäftseröffnung von Wertheim in der Oranienstraße 145 am 31. März 1890 (Berliner Tageblatt 1890, Nr. 163 v. 30. März, 20)

Zu beantworten ist, warum dieser Kampf um den Kunden beträchtliches Aufsehen erregte. Nun, hier rangen zwei der größten „Ramschbazare“ Berlins um die Hegemonie im Billigsegment – und sie taten dies mit innovativen Mitteln. Es war Lubasch, der in der Kommandantenstraße begann, die Preise von Wertheim gezielt um einzelne Pfennige zu unterbieten: „Zuerst wurden die Hausfrauen wild, dann fingen die Kaufleute an, sich halb lachend zu ärgern und zu schimpfen. Dann wurde die Sache des Quartiers eine Sache der Stadt, die interessiert und belustigt den Kampf der Gegner verfolgte. Witzblätter und Couplets nahmen den Stoff auf. Und beide Gegner wurden berühmt“ (Fritz Stahl, Berliner Meilensteine, Berliner Tageblatt 1913, Nr. 510, 1-2). Wir sehen hier Marktwirtschaft in Aktion, doch Preiswettbewerb war zu dieser Zeit in breiten Teilen des Handels noch nicht üblich. Hier ging man von festen Gewinnspannen aus. Gewiss, Konsumgenossenschaften, Wanderlager, Bazare und Partiewarengeschäfte warben bereits seit längerem mit ihren Preisen. Doch im Kampf von Lubasch gegen Wertheim wurde der abstrakte Preismechanismus konkret, denn Wertheim zog nach, reduzierte seinerseits die Preise – und nun konnte das Spiel von Neuem beginnen. Der allgemeine Spott über die Kombattanten regte sich aber auch deshalb, weil das sich Unterbieten anfangs nur bei einzelnen, für den Kunden besonders sichtbaren und gut vergleichbaren Artikeln erfolgte. Diese „Lockvögel“ machten nur kleine Teile des gesamten Sortiments aus – und die Kunden lernten damit umzugehen.

Anfang 1893 nahm das Ringen richtig Fahrt auf, abermals mit Lubasch als Angreifer: „Gerade gegenüber dem bekannten Magazin von A. Wertheim ist vor kurzem eine Filiale des nicht minder bekannten Magazins von A. Lubasch (Kommandantenstraße) errichtet worden. Wer jetzt die Rosenthalerstraße in der Nähe der Weinmeisterstraße passirt, sieht zur Rechten wir zur Linken lange Reihen von Schaufenstern, die nur von den genannten Firmen besetzt sind. Beide suchen sich besonders in der Breitenausdehnung gegenseitig zu überbieten, um dem Publikum recht aufzufallen. Vorläufig verfügt aber noch die Firma Wertheim über die breiteste Front: sie hat bereits drei neben einander liegenden Häuser mit Beschlag belegt. In diesen Schaufenstern kann man alles Mögliche und Unmögliche sehen, Kochtöpfe und Damenhüter, Scheuerlappen und Reisehandbücher und tausenderlei andere Waaren in wunderlichster Zusammenstellung. Die Preise, welche mit Riesenziffern an jedem Stück befestigt sind, sind bei dem einen immer niedriger als bei dem anderen, sodaß der Passant, welcher der Skylla zur Linken glücklich entronnen ist, der Charybdis zur Rechten schließlich doch in den Rachen gerathen muß“ (Vorwärts 1893, Nr. 163 v. 14. Juli, 7). Ja, beide Firmen intensivierten den Preiswettbewerb, investierten in Außenwerbung und Kundenansprache. Es war ein Ringen auf Augenhöhe mit anfangs offenem Ausgang. Waren dienten nicht unmittelbaren Gebrauchszwecken, sondern wurden Mittel im Wettbewerb. Wertheim baute sein Geschäft nicht kühl und sachlich aus, sondern beide Geschäfte erweiterten kundennah, angestachelt von den Aktionen des Wettbewerbers. Es war just zu dieser Zeit, als der Begriff des „Ramschbazars“ zum Alltagsbegriff wurde. Doch der Vorwärts hielt dagegen, verwies auf die von Wertheim und Lubasch gleichermaßen betriebene Qualitätsdifferenzierung: „‚Ramschen‘ heißt: bei günstiger Gelegenheit billig (und zuweilen auch wirklich gut) kaufen. Die ‚Riesenbazare‘ ‚ramschen‘ nicht; sie dienen im Gegenteil eher dem kleineren ‚Ramscher‘ als Bezugsquelle. Sie kaufen nicht bei Gelegenheit Waaren aus einem Konkurse, alte Ladenhüter oder Reste von besserer Qualität auf, sondern sie geben mit ihrem ungeheuren Umsatze Jahr aus Jahr ein ganzen Fabriken Beschäftigung. In diesen Fabriken werden die Waaren von vornherein in der bescheidenen Qualität hergestellt, welche dem geringen, von der Arbeiterklasse gerade nur zu erschwingenden Preise angemessen ist […]“ (Vorwärts 1893, Nr. 8166 v. 18. Juli, 6). Entsprechend distanziert stand die Sozialdemokratie den Billigheimern gegenüber: Sie verwiesen auf die Kosten der billigen Waren, auf die Folgewirkungen auf Arbeiter und Verkäufer, die betroffenen Branchen und den Arbeitsmarkt. Und sie nahmen zugleich eine gängige Trope der mittelständischen Kritik auf, dass billige Waren eben auch schlechte Waren seien. Parallel realisierten die Sozialdemokraten die makroökonomischen Folgen der großen Billiganbieter: Sie gaben den arbeitenden Klassen den Anschein materiellen Besitzes, verbesserten über günstige Konsumgüter gar deren Lebensstandard. Dadurch aber erlaubten sie grundsätzlich aber auch geringe oder gar sinkende Löhne.

07_Geschäftseröffnung Wertheim Leipzigerstraße 111_Berliner Tageblatt_1892_09_09_Nr513_p4

Vorboten des Sieges: Annonce der Geschäftseröffnung von A. Wertheim in der Leipziger Straße 1892 (Berliner Tageblatt 1892, Nr. 513 v. 9. September, 4)

Die dritte und letzte Eskalation des Kampfes zwischen Lubasch erfolgte Ende 1894: Wertheim war trotz des Angriffes von Lubasch in der Lage, seinen angemieteten und zwischen durch erweiterten Laden in der Oranienstraße durch einen Neubau am Moritzplatz zu ersetzen, der nochmals 50 Meter näher am Lubaschschen Hauptgeschäft lag. „Herr Wertheim trägt sich vermuthlich mit der Absicht, seinen Konkurrenten Lubasch (Ecke Oranien- und Kommandantenstraße), in dessen Nähe er bereits vor längerer Zeit eine kleine Filiale errichtet hat, durch Errichtung eines neuen großen Waarenhauses an derselben Stelle gänzlich aus der dortigen Gegend zu verdrängen“ (Vorwärts 1893, Nr. 220 v. 19. September, 5). Wertheim hatte bereits 1892 in der Leipzigerstr. 111 ein weiteres Geschäft etabliert, das auf sechs Etagen die gesamte Palette der Gebrauchsgüter abdeckte. Es waren die Gewinne dieser Filiale, die den Neubau ermöglichten und zugleich die notwendigen Bankkredite absicherten. In der Leipzigerstraße hatte sich Wertheim nicht mehr an einem „Ramschbazar“, sondern an wohl etablierten Berliner Handelsfirmen zu orientieren. Hier traf er auf ein anderes Publikum, gehobener, solventer, interessiert an mittleren und gehobenen Qualitäten. Wertheim war in der Lage, sich einerseits früh aus dem Ringen um den Arbeiterkunden zu befreien, dieses anderseits aber zu nutzen, um sich des zuvor auf Augenhöhe kämpfenden Konkurrenten zu entledigen. Das neue, am 2. Dezember 1894 eröffnete Wertheimgeschäft in der Oranienburgerstraße 53/54 beendete die Zeitspanne, in der der „Ramschbazar von Lubasch in nächster Nachbarschaft noch als ein in Betracht kommendes Konkurrenzunternehmen“ (Die Eroberung der Leipzigerstraße, Vorwärts 1904, Nr. 281 v. 30. November, 9-10) galt. Für Wertheim war das der Durchbruch zur Respektabilität, doch es dauerte Jahre, bis die Firma in Berlin „zu Ansehen kam“ (ebd., 9). Wertheim gewann den Kampf mit Lubasch also nicht direkt, sondern indem er ihn nicht gänzlich annahm, sondern zugleich Alternativen zum Kampf fand. Lubasch verlor, weil er ihm aufging, ihn als persönliche Angelegenheit verstand.

Am Ende des Kampfes hatte sich gleichwohl gezeigt, dass Preis- und Qualitätsdifferenzierungen, Mischkalkulation, extensive Reklame und gezielte Kundenansprache Grundelemente unternehmerischen Erfolgs im Kleinhandel waren. Sie wurden von allen erfolgreichen Großbetrieben Berlins übernommen, strahlten weit in den Mittelstand hinaus. Wertheim lernte im Ringen mit Lubasch zudem, dass insbesondere die Lagerhaltung zu diesen Grundelementen gehörte. Anders als Lubasch, der stets in großen Partien kaufte und daher eine umfangreiche Lagerhaltung betreiben musste, führte Wertheim zwar die notwendigen, teils auch von der Konkurrenz aufgezwungenen Waren, hielt davon jedoch nur überschaubare Mengen. So konnte er rascher wechseln, hatte weniger Ladenhüter und geringere Fixkosten (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9).

08_Geschäftsauflösung Lubasch Rosenthalerstraße 49_Berliner Tageblatt_1895_07_19_Nr472_p15

Aufgabe der Lubaschschen Filiale in der Rosenthalerstraße 1895 (Berliner Tageblatt 1895, Nr. 472 v. 19. Juli, 15)

Lubasch realisierte seine Niederlage nur langsam, zog dann aber die richtigen unternehmerischen Konsequenzen: Im Juli 1895 verkündete er die Schließung seiner Filiale in der Rosenthalerstraße – und seine scheinbar wunderliche Behauptung, dass dies wegen „unzureichend gewordener Verkaufsräume“ erfolge, war nicht ohne Logik. Lubasch hatte nach wie vor immense Lagerbestände, weit größer als sein Konkurrent Wertheim. Aus diesem Grunde zog sich das Ende über Monate hin (Volks-Zeitung 1895, Nr. 445 v. 2. September, 10; Volks-Zeitung 1895, Nr. 473 v. 9. Oktober, 6). Lubasch war nicht allein ein Virtuose der Verzögerung, er musste auch die Ware abverkaufen, die ihm die Luft zum erfolgreichen Kampfe genommen hatte.

Die Posse „Lupas und Wörthaim“

Die kleine Schlacht um den Kunden war geschlagen – und in einer Konsumgesellschaft war auch das eine Ware. Der ökonomische Kampf zwischen Lubasch und Wertheim fand Widerhall nicht nur in Alltagsgesprächen und Zeitungsartikeln. Auch die holde Kunst bemühte sich, genauer die Budapester Possen-Theater-Gesellschaft. Im Oktober/November 1893 legte sie der Zensur „Lupas und Wörthaim“ vor, eine derbe Parodie auf das Geschehen in der Oranien- und Rosenthaler Straße (Peter Sprengel, Populäres jüdisches Theater in Berlin von 1877 bis 1944, Berlin 1997, 52). Autor war Donat Herrnfeld (1867-1916), ein jüdischer Schauspieler, der zusammen mit seinem Bruder Anton Herrnfeld (1866-1929) die Geschicke des Familienunternehmens bestimmte (Anton und Donat Herrnfeld, Der Humorist 28, 1908, Nr. 1, 2; Vom „Gebrüder Herrnfeld-Theater“ in Berlin, Der Humorist 29, 1909, Nr. 1, 4-6, hier 5). Die Theatergesellschaft bestand aus lediglich elf Mitgliedern, vielfach Familie, und da war das kleine „Orchester“ schon mit inbegriffen. Das Repertoire bestand aus kurzen, komischen Einaktern, meist aus dem bürgerlich-jüdischen Leben. Draller Humor, Schenkelklatscherwitze, „Komik als Selbstironie“ (Peter W. Marx, Jargontheater, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 3, Stuttgart/Weimar 2012, 170-173, hier 171). Die Gesten waren überzeichnet, die Charaktere ebenso, Männer waren noch Männer, das Ewigweibliche stets präsent. Nein, hehre Kunst boten die Herrnfelds nicht, doch Alfred Kerr (1867-1947), der kommende Kritikerpapst, schrieb 1897: Das „ist das Wundervollste und Erschütterndste an Komik, was der bescheidene Schreiber dieser Zeilen seit Geburt erlebt hat“ (Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895-1900, Berlin 1997, 271). Ihre Karriere in Berlin startete mit „Lupas und Wörthaim“, das 1893/94 mehr als 600 Aufführungen erlebte und „ein durchschlagender Erfolg“ (Heidelore Riss, Ansätze zu einer Geschichte des jüdischen Theaters in Berlin 1889-1936, Frankfurt et al. 2000, 22) wurde. Der Kampf zwischen Lubasch und Wertheim war der Ausgangspunkt dieser Posse – und man spielte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Geschehen, teils im Parodie-Theater in der Oranienstraße, teils im Grand-Hotel am Alexanderplatz, einem der vielen kleinen Varietés der Reichshauptstadt.

09_Anzeige für die Posse Lupas und Wörthaim_Hamburger Anzeiger_1894_11_16_p8_Vorwärts_1896_08_15_Nr190_p8

Langwährender Lacherfolg: Werbung für „Lupas und Wörthaim“ in Hamburg und Berlin (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 16. November, 8; Vorwärts 1896, Nr. 190 v. 15. August, 8)

Die Namensgleichheit diente jedoch nur als Köder, der Untertitel „Die concurrierenden Heiraths-Vermittler“ ist präziser. Der Inhalt dieses Einakters mit Gesang ist rasch erzählt: Die gut bemittelte Witwe Regenwurm will sich wieder verheiraten, ein Geschäft, das sich die Heiratsvermittler Lupas und Wörthaim nicht entgehen lassen wollen. Doch die holde Dame hat schon einen Favoriten, den Operettentenor Sonnenstich. Da können die Kandidaten der Vermittler – Lupas schickt den tauben Schneider Heißblut ins Werberennen, Wörthaim den Fuhrbesitzer Gottlieb – leider nicht mithalten. Doch Wörthaim weiß Rat. Denn er findet heraus, dass der Tenor den Glanz der Vorwochen, seine Braut Nett’l, ob der besseren Partie schmählich verstoßen hatte, ohne sich seiner Liebesschwüre zu erinnern. Wörthaim tut dies kund, Regenwurm versteht den Betrug, wendet sich dem soliden Gottlieb zu, die Heirat wird versprochen. Lupas steht außen vor, doch Wörthaim gibt sein stolzes Honorar der Nett’l, die nun abseits des Sonnenstichs auf dem Heiratsmarkt agieren kann (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 17. November, 2). Urkomisch, drollig, ein wenig derb, doch nicht unzüchtig – so urteilten die Kritiker. Selbst im kühlen Hamburg berichtete man von ganz außerordentlichen Lachsalven und einem Kassenmagnet erster Güte: „Unstreitig wird das Gastspiel der Budapester Possen-Gesellschaft nach allen Seiten hin einen dauernd günstigen Erfolg haben“ (Hamburger Anzeiger 1894, Ausg. v. 15. November, 15).

Im hohen Norden gastierte die Possen-Gesellschaft Ende 1894, anschließend stand das Stück in Berlin weiterhin auf dem Programm (Volks-Zeitung 1897, Nr. 43 v. 27. Januar, 1; Vorwärts 1897, Nr. 283 v. 12. April, 8). Noch 1900 gab es Aufführungen (Volks-Zeitung 1900, Ausg. v. 6. März, 6). Ja, Lubasch und Wertheim waren populär, ihnen wandte sich der Volkswitz zu: Und doch hieß es „Wertheim ist es – er ist der billige Mann“ (Heinrich Lee, Berliner Waarenhäuser, Berliner Tageblatt 1898, Nr. 1 v. 1. Januar, 9 – auch das folgende Zitat). Nicht das alteingesessene Geschäft machte das Rennen, sondern der betriebswirtschaftlich besser organisierte und kapitalkräftigere Neuling aus dem Norden. Doch in den 1890er Jahren ging es noch nicht um hochwertige, gediegene Waren, sondern um den „Reiz des Billigen“, denn „es ist das Publikum, das billig kaufen will, erst billig, dann mag es gut, dann mag es schön, dann mag es tüchtig sein.“ Diese simple Sentenz gilt trotz der großer Warenpaläste von Wertheim und Tietz, denn ihre ökonomische Basis war und blieb der Massenabsatz billiger Ware. Alles andere war Zierrat und Werbung – mögen es viele Historiker auch als Essenz dieser Betriebe missverstehen.

Den Makel des Anfangs als „Ramschbazar“ konnte selbst Wertheim nicht völlig abstreifen, auch wenn schließlich Kaiser Wilhelm II. 1910 für einige hunderttausend Mark Spenden das Warenhaus in der Leipzigerstraße besuchte. Die antisemitische Presse sah dennoch nur ein „Ramschausverkaufshaus“ (Die „Wahrheit“ vor Gericht, Dresdner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 300 v. 4. November, 3). Das war es wahrlich nicht, doch derartige Dispositive blieben bestehen, kamen während der Weltwirtschaftskrise wieder auf, begleiteten die neuerliche Welle der Sondersteuern und dann der „Arisierung“, also des Zangenübergriffs von Nationalsozialisten, Banken und biederen Profiteuren. Die letzten Reminiszenzen seitens der Arbeiterbewegung klangen dagegen nostalgisch. Nachdem bei der preußischen Landtagswahl 1903 im Kreise Teltow-Beeskow Liberale und Sozialdemokratie sich nicht auf einen wohl siegreichen Kompromisskandidaten hatten einigen können, war eine Posse die Antwort auf das die Arbeiter diskriminierende Dreiklassenwahlrecht. Die sozialdemokratischen Wahlmänner waren vollständig erschienen, hoben nicht allein die Hände, um dann von der konservativen Majorität überstimmt zu werden, sondern sie nutzten das ihnen zustehende Rederecht, um der Wahlfarce Kontur zu geben, indem sie fiktive Wunschkandidaten priesen. Sie lobten etwa die vom freisinnigen Vorkämpfer Eugen Richter (1838-1906) häufig erwähnte Figur der rechtschaffenden Spar-Agnes und verlangten auch die Wahl von Lubasch und Wertheim (Das Ende der Wahl in Teltow-Beeslow, Vorwärts 1903, Nr. 273 v. 22. November, 2; Die preußischen Wahlen, Pester Lloyd 1903, Nr. 285 v. 26. November, 3). Donat Herrnfeld hätte sich wohl auf die Schenkel geklatscht.

Das langwierige Ende eines Pionierunternehmens

Mitte der 1890er Jahre war Lubasch zwar populär, doch die Wachstumskraft seines Unternehmens war nach der Aufgabe der Filiale in der Rosenthalerstraße gebrochen. Der Sieg Wertheims führte zu einer stärkeren Spreizung des Geschäftes zwischen dem steten Absatz billiger Textilien und Haushaltswaren (und der Bestände seiner Warenlager) und einer stärkeren Orientierung auf Großkunden, wie Hotels, Cafés und Gaststätten.

10_Anzeige Magazin A. Lubasch_Volks-Zeitung_1895_10_08_Nr471_p7

Spezialisierung auf konsumnahe Dienstleistungen (Volks-Zeitung 1895, Nr. 471 v. 8. Oktober, 7)

Anders als bei Wertheim, der dank hoher Gewinne und umfangreicher Kredite seinen Betrieb konsequent ausbaute, setzte Lubasch weiterhin auch auf das tradierte Partiewarengeschäft. Während die Großen der Branche ihre Anzeigen mit immer breiteren Sortimenten anreicherten, annoncierte Lubasch nur ab und an, präsentierte dann aber wieder und wieder die gleiche Ware. Typisch hierfür waren etwa die 1897 in immer gleicher Weise angepriesenen Betten. Gut und groß sollten sie sein, doch im Vordergrund stand der niedrige Preis.

11_Anzeige Magazin A. Lubasch_Volks-Zeitung_1897_03_21_Nr235_p8

Kontinuität des Partiewarengeschäftes 1897 (Volks-Zeitung 1897, Nr. 235 v. 21. März, 8)

Angesichts dieser Kontinuität des Partiewarengeschäftes erscheint es paradox, dass sich das Magazin A. Lubasch zwar noch nicht in seinen Annoncen, wohl aber im Berliner Adressbuch zum „Waarenhaus“ (Berliner Adressbuch 1898, Berlin o.J., Bd. 2, 278) erklärte. Ökonomisch half dies wenig. Denn die gewählte Engführung des Betriebes traf Mitte der 1890er Jahre nicht mehr allein auf die Konkurrenz von Bazaren und „Warenhäusern“, sondern zunehmend auch auf spezialisierte Anbieter. Hervorzuheben ist etwa das 1891 an der Jannowitzbrücke, also nördlich der Kommandantenstraße, etablierte Warenhaus für Gelegenheitskäufe Heinrich Hennes (Berliner Börsen-Zeitung 1891, Nr. 516 v. 4. November, 7; Berliner Tageblatt 1898, Nr. 641 v, 18. Dezember, 29).

12_Anzeige Magazin A. Lubasch_Vorwärts_1899_03_15_Nr063_p9

Anzeige eines Gelegenheitskaufs bei Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 63 v. 15. März, 9)

Lubasch reagierte hierauf. Er schaltete häufiger Anzeigen, gab diesen ein einheitliches Design. Kräftige schwarze Ränder sorgten für rasche Wiedererkennung. Zugleich annoncierte er immer wieder andere Warenposten, seien es Gardinen, Pelz- und Tapisseriewaren, Leinen, Tapeten, Glas und Tafelgeschirr. Es mag sein, dass dies in Zusammenarbeit mit Hermann Lubaschs Luxuspapierfabrik erfolgte, die auch Reklamekarten und -plakate erstellte (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898). Trotz dieses zeitweiligen Gegenstemmens begann im März 1899 die Auflösung des nach wie vor allgemein bekannten Verkaufsgeschäftes. Ein Haarsalon warb für sich noch im November mit dem Hinweis „gegenüber Magazin Lubasch“ (Berliner Tageblatt 1899, Ausg. v. 26. November, 12).

13_Auflösung Magazin A. Lubasch_Vorwärts_1899_05_25_Nr119_p10

Ankündigung der Geschäftsauflösung von Lubasch 1899 (Vorwärts 1899, Nr. 119 v. 25. Mai, 10)

Wie schon bei der Abwicklung der Filiale in der Rosenthalerstraße zog sich die Auflösung lange hin, war eher ein Ausverkauf auf Raten. Billig war Trumpf. So wurden Porzellangegenstände für nur 10 Pfennige das Stück verkauft, „‚um die Unzuträglichkeiten einer Gratisverteilung zu vermeiden‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 151 v. 7. Juni, 1). Die Konkurrenz zeterte, denn durch das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb von 1896 war das sogenannte Nachschieben von Waren bei Ausverkäufen unter Strafe gestellt worden. Mehr als ein Jahr nach der angekündigten Auflösung hieß es aber immer noch: „Die Auflösung des Magazin A. Lubasch muß in diesem Jahr beendet sein. Die noch vorhandenen großen Lagerbestände werden demnach zu außerordentlich billigen Preisen verkauft“ (Vorwärts 1900, Nr. 74 v. 29. März, 8).

Es ist nicht klar, wann das Magazin A. Lubasch schließlich seine Türen schloss – auch wenn dies irgendwann im Jahre 1900 geschah. Das Großhandelsgeschäft für Hotels und Gaststätten wurde noch einige Zeit fortgeführt (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032). Formal wurde die Firma A. Lubasch erst 1908 gelöscht (Berliner Tageblatt 1908, Nr. 586 v. 16. November, 11). Philipp Lubasch hatte schon vor der Jahrhundertwende das Amt des Generalvertreters der Helsingborger Gummischuhfabrik übernommen (Berliner Adreßbuch 1899, Berlin o.J., Bd. 1, 898) und reüssierte nach der Jahrhundertwende unter „Gummischuhe Engros“ in der Kreuzberger Michaelkirchstraße 24a (Berliner Adreßbuch 1902, Berlin o.O., Bd. 1, 1032; ebd. 1908, Bd. 1, 1556). Lubasch wohnte auch nach der Schließung des Magazins in der Kommandantenstraße, doch zog er dann nach Wilmersdorf in die Joachimsthalerstr. 21 (Berliner Adreßbuch 1908, Berlin o.O., Bd. 1, 1556). Hier starb er am 8. September 1909.

 

14_Grabmahl Auguste und Philipp Lubasch_2019

Grabstätte des Ehepaar Philipp und Auguste Lubasch auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee 2019

Sein Ableben wurde vermerkt, traf jedoch auf kaum Widerhall. Er wurde als „Gründer des ersten Berliner Warenhauses“ (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 423 v. 10. September, 8) gewürdigt, gewiss zu Unrecht. Die kurzen Notizen hoben nicht Leistungen, sondern die Niederlage hervor: „Unter der Firma A. Lubasch eröffnete der Verstorbene Ecke Kommandanten- und Oranienstraße ein Kaufhaus, das aber von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ hieß es in der Berliner Volks-Zeitung (Nr. 423 v. 10. September, 4). Auch das Berliner Tageblatt erwähnte, dass sein Geschäft „von der Konkurrenz überflügelt wurde, so daß Lubasch sich genöthigt sah, das Haus wieder aufzugeben“ (Nr. 455 v. 8. September, 10). Philipp Lubasch wurde am 9. September 1909 auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beerdigt (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 455 v. 8. September, 10), sein Grabmal steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu denen von Unternehmern wie Bernhard Loeser (1835-1901), Philipp Freudenberg (1833-1919) und Rudolf Mosse (1843-1920).

Am Ende dieses höchst fragilen Puzzles stellt sich die Frage nach der historischen Bedeutung des Magazins A. Lubasch. Das entspringt dem Wunsch, das „wirkliche Leben noch einmal unwirklich zu erfinden, nicht eins zu eins, sondern viel genauer“ (Herta Müller, Mein Vaterland war ein Apfelkern, München 2014). Das kann nicht gelingen. Lubasch war ein Übergangsphänomen, verkörperte den Aufstieg und Wandel des Kleinhandels von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der Betrieb verdeutlicht die beträchtlichen Probleme, diese Veränderungen begrifflich und analytisch klar zu fassen. Vom Handelsmann über das Magazin hin zum Warenhaus? Wohl kaum. Das Puzzle ist wohl eher eine Rückfrage an unsere Vorstellungen vom Wandel, vom geschäftlichen Erfolg. Das Magazin A. Lubasch steht quer zu gängigen linearen Vorstellungen klar zu definierender Betriebsformen, mögen wir diese auch brauchen, um uns nicht in Einzelgeschichten zu verlieren. Lubaschs Unfähigkeit, vielleicht auch Weigerung, das tradierte Partiewarengeschäft zu systematisieren, in neue, ansprechendere und noch erfolgreichere Formen zu lenken, entsprach paradoxerweise der seiner mittelständischen Konkurrenten, die in seinem Großbetrieb vor allem einen Angriff auf ihre Art des Wirtschaftens, auf ihre Art des Lebens sahen. Die Geschichte seines Magazins lenkt unsere Blicke auf höchst unterschiedliche und doch zusammenhängende Felder: Das des Aufstiegs hin zum reichen Unternehmer, das der um Würde und Einkommen ringenden Beschäftigen, auch das von Gegnerschaft und Feindschaft, so beliebig und doch unerbittlich. Das Feld der harten direkten Konkurrenz, der Niederlage im Wettbewerb, der öffentlichen Bewertung, voller Häme und doch stiller Bewunderung. All das ist eins, so wie auch die Fülle der nicht zusammenpassenden Partiewaren ein Geschäft ergab, das Magazin A. Lubasch.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2019

Humanitäres Vorzeigeprojekt und wissenschaftliches Desaster – Die Quäkerspeisung in Deutschland, 1919-1921

Der Erste Weltkrieg und die damit verbundene Wirtschaftsblockade der Mittelmächte führten im Deutschen Reich zu massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen, zu Unterernährung, Hunger und Tod. Der ineffizienten und halbherzigen Kriegsernährungspolitik gelang es seit spätestens 1916 nicht mehr, den physiologischen Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken. Die Folgen waren verheerend, auch wenn die Menschen nicht direkt verhungerten. Die Zahl der vermeintlichen Toten der Heimatfront, also die sog. „Übersterblichkeit“ durch Infektionskrankheiten, Schwäche, Überbeanspruchung und Vernachlässigung, blieb jedoch politisch umstritten. Die deutsche Seite versuchte die Zahlen nach dem Waffenstillstand möglichst hoch zu halten, um so die deutsche Opferrolle zu unterstreichen (rund 763.000 zivile Opfer der Blockade, so Schädigung der deutschen Volkskraft durch die feindliche Blockade, o.O. o.J (1919), 17). Auch mehr als ein Jahrhundert nach Kriegsbeginn finden sich derartige Zahlen in Gesamtdarstellungen. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard schrieb beispielsweise ohne solide Belege von bis zu 700.000 direkt oder indirekt durch Unterversorgung Verstorbenen (Die Büchse der Pandora, 4. durchges. Aufl., München 2014, 518). Dabei hatten deutsche Statistiker Ende der 1920er Jahre die „Übersterblichkeit“ bereits auf ca. 424.000 Personen reduziert. Dazu wurden die Grippetoten geschätzt und herausgerechnet. Parallel verwiesen sie auf die Folgen des sehr kalten Winters 1917 und des massiven Kohlemangels.

01_Roesle_1928_p28_Uebersterblichkeit während des Ersten Weltkrieges

„Übersterblichkeit“ während des Ersten Weltkrieges ([Emil] Roesle, Die Geburts- und Sterblichkeitsverhältnisse, in F[ranz] Bumm (Hg.), Deutschlands Gesundheitsverhältnisse unter dem Einfluss des Weltkrieges, Halbbd. I, Stuttgart/Berlin/Leipzig 1928, 1-62, hier 28)

Einfache Zahlen über die Kriegsfolgen sind voller Vorannahmen, planieren dabei die beträchtlichen Variationen. Sie sind dennoch hilfreich und zugleich erforderlich. Sie erlauben einen analytischen und vergleichenden Blick, machen die Fährnisse der Zeit deutlich, verweisen auf die Herausforderungen des Alltags. Demgegenüber ist die einebnende Kraft derartiger Durchschnittszahlen zweitranging, kann man doch recht sicher davon ausgehen, dass Einzelschilderungen ihren Platz in der Erinnerungskultur einnehmen werden. Das gilt auch für die Unterernährung selbst, anschaulich gemacht durch die Berechnungen des Berliner Physiologen Max Rubner (1854-1932) über den Körperzustand während des Krieges. Danach sank das Gewicht eines rechnerischen Durchschnittsdeutschen von etwa 60 kg 1913 auf lediglich 49 kg Ende 1917, ein Substanzverlust von fast 20 % (Einfluss der Kriegsverhältnisse auf den Gesundheitszustand im Deutschen Reich, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 229-242, hier 235). Auch die Körpermaße der Kinder veränderten sich gravierend, denn das Wachstum verzögerte sich beträchtlich. Die Heranwachsenden waren ca. 3-5 cm kleiner als ihre gleichaltrigen Altersgenossen vor dem Krieg (vgl. Eugen Schlesinger, Wachstum, Gewicht und Konstitution der Kinder und der heranwachsenden Jugend während des Krieges, Zeitschrift für Kinderheilkunde 22, 1919, 79-123). Viele Einzelstudien dokumentierten derartige „Körperschäden“ mittels Messungen und Wägungen. Diese empirischen Daten waren eindringlich und bedrückend, so dass eine vergleichende Umrechnung anhand der zahlreichen „Formeln des Ernährungszustandes“ bis 1918/19 nur vereinzelt statt.

Diese waren seit dem 18. Jahrhundert aufgekommen, um den körperlichen Zustand des Menschen „objektiv“ erfassen zu können. War dies anfangs Teil der Erfassung und Kategorisierung aller Lebewesen, so geriet seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts der Mensch auch als soziales Lebewesen in den Bannstrahl einer Moral- und Sozialstatistik. Das war ein wichtiges Element in den Debatten über die Industrialisierung und die soziale Frage. Körperformeln waren für Anthropologen und Statistiker von hohem Interesse, um einerseits sozialpolitisch relevante Abweichungen festzustellen. Die schwachen, kränklichen Körper der arbeitenden Klassen bildeten Argumente im Kampf um soziale Reform, mochten andere Zahlen, etwa Preise und Löhne, auch klar dominieren. Das abstrakte Wissen der Normwerte erlaubte anderseits aber auch einen Vergleich verschiedener Bevölkerungsgruppen, der Klassen, Geschlechter, Regionen und „Rassen“, also allgemeine Aussagen über das Menschengeschlecht. Vom Hauptvertreter dieser Richtung, dem belgischen Sozialstatistiker Adolphe Quetelet (1796-1874), stammte denn auch die erste Fassung des heutzutage fast ausnahmslos genutzten Body Mass Index, der damals als unbrauchbar abgelehnt wurde.

Die Bedeutung einschlägiger Normwerte und Körperformeln nahm beträchtlich zu, als nach Kriegsende Hilfsmaßnahmen karitativer Organisationen des neutralen und ehedem feindlichen Auslandes einsetzten. Sie konzentrierten sich auf die vermeintlich Schwächsten der Bevölkerung, auf die Kinder, für die auch deutlich einfacher Geldmittel zu sammeln war. Wessen Herz wird nicht durch große Kinderaugen bewegt?

02_Bulletin of the American Friends Service Committee_1921_No39_p4_Quäkerspeisung

Sammlung für die deutsche Quäkerspeisung mit großen Augen und kleinen Körpern 1921 ($3,000,000 Campaign German Child Feeding August 1921 to July 1921, Phila-delphia o.J. (1921) (Bulletin of the American Friends Service Committee, No. 39), 4)

Doch Hilfsmittel sind immer begrenzt. Entsprechend erfordert Hilfe Kriterien für die Auswahl der am härtesten Betroffenen, der am dringendsten zu Unterstützenden. Schon die Auswahl der Kinder für die Erholungs- und Wiederauffütterungsreisen in die Schweiz oder aber skandinavische Staaten verlangte nach „objektiven“ Maßstäben. Ohne einheitliche Koordinierung wurden faktisch jedoch sehr unterschiedliche Kriterien angelegt, die von Arzt zu Arzt und von Organisation zu Organisation stark variierten. Diesen Zustand wollten die US-amerikanischen Quäker ändern, die 1919 schon in Österreich eine breit angelegte und wissenschaftlich fundierte Kinderspeisung begonnen hatten.

03_Henriques_Hg_1926_p110_Quäker und Kinder in Berlin 1920

Begegnung von Kindern, deutschen Verantwortlichen und Quäkern in Berlin 1920 (Clara Henriques, Wirkungen der Kinderspeisung und Urteile der Beteiligten, in Dies. (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 99-111, hier 110)

Nach einer ersten Studienreise im Sommer 1919 errichtete eine 15-köpfige Kadergruppe von Berlin ausgehend eine reichsweite Organisation, die im Februar 1920 mit der Kinderspeisung begann. Man startete in wenigen Großstädten, institutionalisierte die Aktion dann in immer mehr Orten (vgl. allgemein Charles E. Strickland, American Aid to Germany, 1919 to 1921, Wisconsin Magazine of History 45, 1965, 256-270; Yukako Otori, Faith-Based Belied and Postwar U.S. Foreign Policy: Quäkerspeisung as a Case Study, 2012). Schon im Juli 1920 wurden täglich mehr als 600.000 Portionen ausgegeben, im Juni 1921 die Millionengrenze überschritten. Bis zur alleinigen Übergabe des Speisungswerkes in deutsche Hände 1925 – ab Oktober 1921 deckten deutsche Gelder schon etwa die Hälfte der Ausgaben – wurden im Rahmen der Quäkerspeisung insgesamt fast 700 Mio. Portionen verteilt. Man kann davon ausgehen, dass „zum mindesten ein Viertel der in den Jahren 1907 und 1919 Geborenen einmal wenigstens ein halbes Jahr lang gespeist worden ist“ (Clara Henriques, Organisation und Durchführung der Speisung, in Dies. (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 62-93, hier 93). In einer nach wie vor hasserfüllten Nachkriegszeit war die vor allem von US-amerikanischen Spenden getragene Kinderspeisung der Quäker nicht allein Glaubenszeugnis und Akt der Barmherzigkeit, sondern zugleich ein Symbol für eine bessere, friedlichere Zukunft.

04_Zeitbilder_1920_01_11_p2_Quakerspeisung_Organisationskommission

Die Organisationskommission der Quäker in Berlin 1920 (Zeitbilder 1920, Ausg. v. 11. Januar, 2)

Doch auch ein derart großzügig dimensioniertes Hilfswerk erforderte eindeutige, „objektive“ Vorgaben für die Verwendung der gespendeten Mittel. Die Speisung sollte die körperlichen Schäden der unzureichenden Kriegsernährung so gut wie möglich ausgleichen, wurde daher als Zusatzspeisung gewährt. Maßstab für die Zulassung zur Speisung sollte einzig der individuelle Ernährungszustand der Kinder sein, wobei in begrenztem Umfang auch Schwangere bzw. Stillende und später auch Jugendliche gespeist wurden. Soziale Gesichtspunkte sollten ausdrücklich keine Rolle spielen. Damit wollte man nicht nur deutlich machen, dass alle Kinder Gottes seien, sondern auch verhindern, dass die strikten Kämpfe um die Kinderspeisung während des Kaiserreiches und der frühen Progressive Era neu aufflammten. Damals argumentierten bürgerliche Sozialreformer auf beiden Seiten des Atlantiks, dass eine strikte Begrenzung der Nahrungsabgabe auf physiologisch Bedürftige erforderlich sei, um nicht eine Kultur der Almosen zu unterstützen, die letztlich zur Verfestigung der Armut führen würde.

Die Quäker setzten allerdings voraus, dass die sozialpolitisch so fortschrittlichen Deutschen auch über ein breit gefächertes Schulgesundheitswesen verfügen würden, das Speisungsbedürftigte und Speisungsberechtigte schon ermittelt hätte. Erstaunt mussten sie registrieren, „daß man für die Quäkerspeisung auf keine allgemein anerkannten ärztlichen Untersuchungsmethoden zurückgreifen konnte und daß in vielen Städten die Zahl der speisungsbedürftigen Kinder ganz unbekannt war und eben erst durch besondere Untersuchungen festgestellt werden mußte“ (Gustav Tugendreich, Die ärztlichen Grundlagen für die Durchführung des Werkes, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 35, 1922, 181-196, hier 188). Die Frage, wie die körperliche Befindlichkeit festzustellen sei, wurde damit drängend. Es galt nicht nur knappe Mittel zu verteilen, sondern man musste auch den Ausgeschlossen begründen können, warum man sie ausschloss.

05_Henriques_Hg_1926_p75_Ärztliche Untersuchung Speisungsbedürftiger 1920

Ärztliche Untersuchung potenziell Speisungsbedürftiger 1920 (Henriques (Hg.), 1926, 75)

Die Quäker gingen anfangs pragmatisch vor und schieden vier Gruppen voneinander: Normal ernährte, minder unterernährte, unterernährte und sehr unterernährte Kinder. Auf Basis dieser Kategorien gruppierten vor Ort Vertrauensärzte die Kinder – und das Ergebnis war ein Fiasko. Ohne klare Richtlinien über den Begriff „Unterernährung“ variierte die Anzahl der Kinder in der vierten Gruppe auch an gleichen Orten zwischen 10 % und 90 %. Der ärztliche Blick war offenbar getrübt.

Daraufhin schlug der inzwischen eingerichtete Ärztliche Beirat des Speisungswerkes im Mai 1920 eine Straffung und Präzisierung der Gruppeneinteilungen vor, nämlich „Klasse I, Kinder in ausreichend oder noch unzureichend gesundheitlichem Zustand. Klasse II, leicht unterernährte Kinder, bei denen eine Zusatzspeisung ärztlich erwünscht, aber nicht dringend erforderlich war. Klasse III, ausgesprochen unterernährte, insbesondere in der körperlichen Entwicklung (Gewicht und Länge) zurückgebliebene, skrofulöse, spätrachitische oder blutarme Kinder. Klasse IV, schwer unterernährte Kinder, die sich in einem bedenklichen Zustande, hervorgerufen durch eine längere Periode der Unterernährung befinden“ (Tugendreich, 1922, 189). Aufgrund der Autorität des Beirates – er bestand aus den seinerzeit führenden Pädiatern und Physiologen Adalbert Czerny (1863-1941), Adolf Gottstein (1857-1941), Eugen Rost (1870-1953), Fritz Rott (1878-1959), Max Rubner und Gustav Tugendreich (1876-1948) – gab es innerhalb der deutschen Wissenschaft kaum Kritik an der Einteilung bzw. der Definition der ihr zugrundeliegenden Begriffe. Entsprechend wurde die ärztliche Musterung der Kinder nun vereinheitlicht, insbesondere aber Wägungen und Messungen standardisiert.

06_Kinderhilfsmission_1922_p9_Zusatzrationen 1920

Optimierte Zusatzrationen zur Auffütterung 1920 (Amerikanische Kinderhilfsmission der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker). Bericht 10. – 31. Juli 1922, Berlin 1922, 9)

Die Ergebnisse wurden dadurch besser, doch den Kriterien der rechenschaftspflichtigen Quäker genügten sie noch nicht, zu aufwändig waren die Untersuchungen. Der Ärztliche Beirat griff daher das Vorbild des österreichischen Hilfswerkes auf, wo unter Leitung des Wiener Pädiaters Clemens von Pirquet (1874-1929) die Auswahl aufgrund des von diesem selbst entwickelten Gelidusi-Indexes erfolgte (Fr[anz] Hamburger und K[arl] Jellenigg, Die Gelidusimethode zur Feststellung des Ernährungszustandes, Wiener klinische Wochenschrift 67, 1920, 1131-1132). Dieser war jedoch sehr komplex – der Index basierte auf der 3. Wurzel des durch die Sitzhöhe geteilten 10-fachen Gewichtes eines Kindes – und konnte nur von damit gut vertrauten Ärzten ermittelt und gehandhabt werden. Zudem akzeptierten die meisten deutschen Fachleute nicht das dem Index zugrundliegenden Nem-System, das Pirquets Arbeitsgruppe zwar mit Erfolg in der Säuglingspflege in Wien angewandt hatte, das aber zugleich die Grundlagen der „deutschen“ Ernährungsphysiologie in Frage stellte. Nicht mehr Kalorien resp. die Trias Eiweiß, Kohlehydrate und Fett sollten die Grundlagen für Ernährungsratschläge bilden, sondern die Nähr-Einheit-Milch, die dem Eiweiß eine klare Priorität einräumte (vgl. William E. Carter, The Pirquet System of Nutrition and its Applicability to American Conditions, Journal of the American Dietetic Association 77, 1921, 1541-1546 sowie umfassend Clemens v. Pirquet, System der Ernährung, 4 T., Berlin 1917-1920). Man übernahm daher zwar die Grundidee des die Auswahl erleichternden und begründenden Indexes, bettete sie jedoch anders als in Österreich nicht in ein pädiatrisches Gesamtkonzept ein. Das war angesichts des weitaus größeren und heterogenen Deutschen Reiches grundsätzlich angemessen. Doch als Alternative zur Körperformel Gelidusi-Index wählte man den bis dahin relativ unbekannten Rohrer-Index, obwohl dessen Nutzung als Index des Ernährungszustandes schon vor dem Krieg in kaum beachteten Einzelstudien diskutiert und kritisiert worden war (etwa Jakob Matusiewics, Der Körperlängen-Körpergewichts-Index bei Münchner Schulkindern, Med. Diss. München 1914).

07_Zeitschrift für Kinderheilkunde_29_1921_p221_Normwerte und Körperindizes

Normwerte auf Grundlage unterschiedlicher Körperindizes (untere Kurve Rohrerindex) – verglichen mit der Entwicklung der Körperproportionen (M[einhard] Pfaundler, Über die Indices der Körperfülle und über „Unterernährung“, Zeitschrift für Kinderheilkunde 29, 1921, 217-244, hier 221)

Die 1908 vom Schweizer Anthropologen Fritz Rohrer (1888–1926) vorgeschlagene „Formel zur Bestimmung der Körperfülle“ (Eine neue Formel zur Bestimmung der Körperfülle, Korrespondenz-Blatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Frühgeschichte 39, 1908, 5-7) lautete: Maß der Körperfülle gleich Gewicht durch Länge hoch 3. Faktisch handelte es sich um die mit 100 multiplizierte Buffon-Formel des 18. Jahrhunderts (Gustav Oeder, Der Rohrersche Index als Kriterium für die Auswahl zur Amerikaspeisung, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 1368). Mittels nicht eigens bekannt gemachter Körperdaten erstellte der Ärztliche Beirat eine Indexreihe für die Normalentwicklung bis zu 18-jähriger Kinder (Ergebnisse der im Jahre 1920/21 auf Veranlassung der Kinderhilfsmission der „Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) von Amerika“ durchgeführten ärztlichen Musterung von Schulkindern in Deutschland zur Feststellung ihrer Speisungsbedürftigkeit, Veröffentlichungen des Reichsgesundheitsamts 46, 1922, Nr. 16, Sdr.-Beil., 269-274, hier 269). Die Schulärzte hatten die Kinder nun zu messen und zu wägen, um schließlich den Rohrerindex für jedes Kind einzeln zu ermitteln. Lag der Wert um 15 oder mehr Prozent unter dem Normalwert, so sollte eine Speisung erfolgen – zumindest, wenn die zuvor erfolgte ärztliche Musterung nicht eine Höhergruppierung ergab. Lag die Abweichung niedriger bzw. über dem Normalwert, so wurden die betreffenden Kinder von der Speisung ausgeschlossen – es sei denn, der untersuchende Arzt befürwortete sie ausdrücklich. Das war ein klar definiertes Verfahren, viel weniger aufwändig als die eben nur in Ausnahmefällen vorgesehene individuelle ärztliche Untersuchung. Der Ärztliche Beirat hoffte so den durch die unterschiedlichen Kategorisierungen verunsicherten Ärzten ein sicheres Hilfsmittel an die Hand gegeben zu haben, um Speisebedürftige von nicht Speisebedürftigen scheiden zu können.

Wie war nun das Ergebnis? 2-2,25 Millionen Schüler wurden gespeist – doch es waren vielfach nicht die Richtigen. Die Untersuchungsärzte sahen sehr wohl, dass vielfach auch durchschnittlich entwickelte Kinder ausgewählt wurden, während kleine, untergewichtige und zurückgebliebene Kinder vielfach ausgeschlossen blieben. Vor Ort versuchten sie die Folgen dieser Indexselektion zu mindern und leiteten ihre Ergebnisse an die Berliner Zentrale weiter. Dort wurde das Steuer jedoch (noch) nicht herumgerissen. Die interne Kritik drang vereinzelt Ende 1920, dann in immer stärkerem Maße 1921 in die Öffentlichkeit. Der Einsatz des Indexes für die Ermittlung des Ernährungszustandes glich schließlich dem Unterfangen, den Inhalt einer Kiste aus deren Gewicht und Höhe ermitteln zu wollen.

Der Aussagewert des Rohrerindexes war offenkundig gering. Die Dreierpotenz bei der Länge führte zu deren Überbewertung. Die Kriegsernährung hatte zu einer generellen Veränderung der Körperproportionen geführt, die „Norm“ war also nicht mehr die Norm. Die damaligen Kinder waren leichter und kleiner als die der Vorkriegszeit, während sie zugleich relativ breiter waren. Durchschnittlich waren Kinder 1919 daher schwerer als gleich große Kinder 1913 (vgl. hierzu [Ignaz] Kaup, Einwirkung der Kriegsnot auf die Wachstumsverhältnisse der männlichen Jugendlichen, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 693-696; Redeker, Über die Eignung des Rohrerschen Index zur Bestimmung der Unterernährung der Schulkinder und über die dazu gestellte Tabelle, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 34, 1921, 4-11; [Theodor] Fürst, Die Jugendlichen in ungelernten Berufen vor und nach dem Kriege, ebd., 129-134). Der Rohrerindex und die Referenzdaten berücksichtigten diese Veränderungen nicht. Als Index des Ernährungszustandes versagte der Rohrerindex daher nahezu vollständig. Auch zuvor überzeugte Kliniker erkannten, „daß unterernährte, aber unter dem Mittelmaß des Altershalbjahrs kleinere Kinder nicht niedrigere, sondern höhere Indexwerte als nach Maßgabe der Indextabelle aufwiesen und gut genährte über das Mittelmaß an Länge größere Kinder hinwieder niedrigere Indexwerte als die Indextabelle zeigten. Die ersteren hätten als übernormal ernährt, trotz klinisch festgestellter Unterernährung, bezeichnet werden müssen, die letzteren als unterernährt trotz offenkundig hinreichender Ernährung“ (I[gnaz] Kaup, Neue Grundregeln der Norm und Konstitutionsforschung, Klinische Wochenschrift 3, 1924, 1249-1254, 1297-1303, hier 1251). Rohrer selbst erkannte dies ausdrücklich an und plädierte für eine Erweiterung seiner Formel, die erst dann als Ausdruck des Ernährungszustandes gelten könne (Der Index der Körperfülle als Mass des Ernährungszustandes, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 580-582). Den Auswahlprozess stoppte diese Kritik jedoch nicht.

Die rigide Anwendung des Rohrer-Indexes wurde erst zurückgenommen, nachdem der Münchner Pädiater Meinhard Pfaundler (1872-1947) Anfang 1921 von den Zahlen absah und zur Kardinalfrage durchstieß: Lässt sich der Ernährungszustand überhaupt durch Formeln und Indexreihen ermitteln? Seine Antwort war eindeutig: Der Ärztliche Beirat sei von der im Alltag üblichen Gleichsetzung von unter- und übernormaler Körperfülle mit unter- und überernährt ausgegangen. Die Ermittlung des „Entwicklungszustandes“ eines Kindes müsse jedoch beachten, dass Unterfülle nur als Unterernährung Resultat mangelhafter oder unzureichender Nahrungszufuhr sei. Diese aber habe nur einen „bescheidenen Anteil an der Entstehung der allenthalben angetroffenen Unterfülle“ (alle Zitate aus Über die Indices der Körperfülle und über „Unterernährung“, Zeitschrift für Kinderheilkunde 29, 1921, 217-244). Den Hauptanteil hätten dagegen drei Gruppen von Kindern, die Pfaundler „Dünnknochige, Muskelschwache und Fettarme“ nannte. Übermotorik, gepaart mit dem Durchschnitt vorauseilendem Längenwachstum, mangelnde Bewegung und damit nur geringe Ausbildung der Muskulatur sowie konstitutionelle Magerkeit führte er als Ursachen für Unterfülle an. Diese Kinder seien alle untermassig, nicht aber unterernährt. Das sei durch eine ärztliche Untersuchung einfach zu ermitteln. Der Rohrer-Index ordne sie dagegen sämtlich in die Gruppe der Negativabweichler ein, erlaube ihnen also eine Zusatzspeisung, die keine wirklich positiven Ergebnisse zeigen könne. Formeln und Indizes seien als alleinige oder dominierende Mittel zur Bestimmung des Ernährungszustandes daher zu verwerfen.

Diese fulminante und fundierte Kritik überzeugte den Ärztlichen Beirat. Am 1. August 1921 gab man zwar nicht die Körpermessungen, wohl aber deren Umrechnung in Indexziffern auf. Klärend und zugleich verbrämend hieß es: „Nachdem der Rohrersche Index seine Hauptaufgabe als wichtiges Hilfsmittel bei der Ermittelung des verhältnismäßigen Standes der Speisungsbedürftigkeit der Kinder in den verschiedenen Teilen Deutschlands erfüllt hat und da die Festlegung der Längen-, Gewichts- und Altersangaben eine etwa erforderliche Berechnung des Index jederzeit ermöglichte, ist seine Anwendung durch die musternden Ärzte nicht mehr erforderlich“ (Richtlinien für die Auswahl und Eingruppierung von Schulkindern zur Teilnahme an einer täglichen Speisung. Vom 1. August 1921, in Clara Henriques (Hg.), Kinderspeisung, Weimar 1926, 150-155, hier 151).

Die Folgen der verfehlten Indexanwendung sind nicht genau zu quantifizieren, dies eben stellte das Problem dar. Verschiedene Einzelstudien beziffern den Anteil der zu Unrecht gespeisten und zugleich nicht gespeisten Kinder zwischen 20 % und 50 % (vgl. etwa Bachauer und Lampart, Der Rohrersche Index als Kriterium für die Auswahl zur Amerikaspeisung, Münchener Medizinische Wochenschrift 67, 1920, 1296; Fritz Salomon, Die Geraer Schulkinder zu Beginn des Jahres 1921 und die Quäkerspeisung, Öffentliche Gesundheitspflege 6, 1921, 126-128; Gustav Oeder, Der Index ponderis des menschlichen Ernährungszustandes und die Quäkerspeisung, Deutsche Medizinische Wochenschrift 48, 1922, 126-128). Auch in Österreich gab es hohe, etwa ein Viertel betragende Differenzen zwischen den Indexergebnissen und ärztlicher Individualuntersuchung (vgl. Egon Helmreich und Karl Kassowitz, Körperbau und Ernährungszustand in ihrem Einfluß auf den Index der Körperfülle, Zeitschrift für Kinderheilkunde 35, 1923, 67-78, hier 74). Die beträchtlichen Differenzen führten zu durchweg enttäuschenden Gewichtszunahmen (Eugen Schlesinger, Ergebnisse der Quäkerspeisung, Concordia 7, 1920, 182-184). Untermassige, nicht aber unterernährte Kinder nahmen die Plätze derer ein, die körperlich stärker geschädigt waren. Der unreflektierte Einsatz einer Körpernorm hat inmitten einer bedrohlichen Versorgungslage dazu geführt, dass ca. 600.000-800.000 Kinder nicht die Lebensmittel bekamen, derer sie dringend bedurft hätten. Hier wurde Lehrgeld auf Kosten Betroffener bezahlt. Die offenkundigen fachlichen Defizite wurden kaum benannt, wenig diskutiert. Auf Seiten mancher Ärzte verwies man stattdessen auf vermeintlich abstrakte Mächte, etwa das „Unglück, das die Mathematik hier“ angerichtet habe (Hans Bernhardt, Hans: Kritische Bemerkungen zur Tauglichkeit des Rohrer’schen Indexes für die Auswahl der Kinder zur Quäkerspeisung, Berliner klinische Wochenschrift 58, 1921, 418-419, hier 418). Die Zahlengläubigkeit vieler Ärzte und ihre Unkenntnis, also ihr Nicht-Wissen, wurden dagegen bestenfalls indirekt thematisiert. Nicht reflektiert wurde zudem die stete Kulturverbundenheit der „Naturwissenschaftler“, deren Arbeit immer auf Vorannahmen beruhte, die rein fachlich nicht zu begründen war.

08_Lachen Links_1_1925_p74_Kinderspeisung_Quäkerspeisung

Essende Kinder – nicht alle davon speisungsbedürftig (Lachen Links 1, 1924, 74)

Die Quäkerspeisung war ein bemerkenswertes humanitäres Vorzeigeprojekt, zugleich aber ein wissenschaftliches Desaster. Sie steht für die strukturellen Probleme wissenschaftlicher Arbeit, zugleich aber für die Hybris vieler Naturwissenschaftler, die mit der Anwendung falscher Diagnose- und Kategorisierungsmethoden ihrer Aufgabe gegenüber ihren kleinen Patienten vielfach nicht gerecht geworden sind. Doch die Bedeutung dieses wissenschaftlichen Desasters geht darüber hinaus. Drei Aspekte gilt es hervorzuheben:

1. Die Diskussion über die für die Ermittlung des Ernährungszustandes notwendigen Daten intensivierte sich (vgl. etwa M[einhard] Pfaundler, Vorschlag zur Auswahl speisungsbedürftiger Schulkinder, Münchener Medizinische Wochenschrift 68, 1921, 974-976). Neben einer Vielzahl neuer oder neu erscheinender Formeln wurde das anthropometrische Rüstzeug der Schulärzte wesentlich erweitert und methodisch vereinheitlicht (Rudolf Martin, Richtlinien für Körpermessungen und deren statistische Verarbeitung mit besonderer Berücksichtigung von Schülermessungen, München 1924). Dies erhöhte die „Objektivität“ der Messverfahren, mündete aber auch in die zunehmend pseudoempirische Körper- und Rassentypenkonstruktionen, die der Rassenhygiene und -eugenik empirische Grundlagen für Scheinwissenschaft und Verbrechen lieferten. Dies war die Strategie des weiter so.

2. Der Ärztliche Beirat der Kinderhilfe präzisierte die ärztliche Auswahlpraxis durch klarere Definitionen von Habitus, Aussehen und Krankheitsbild der zu speisenden Kinder. Untermassige, aber nicht unterernährte Kinder grenzte man nun gezielt aus (Richtlinien, 1926, 151-154; Größe und Gewicht der Schulkinder und andere Grundlagen für die Ernährungsfürsorge, hg. v. Deutschen Zentralausschuss für die Kinderhilfe E.V. durch dessen Ärztlichen Beirat, Berlin 1924, 5-6). Der individualisierende ärztliche Blick trat damit wieder in sein Recht, gelenkt von präzisierenden Rahmensetzungen. Die Fehlurteile sanken so beträchtlich, hingen allerdings wieder von den Fähigkeiten und der Ausbildung einzelner Schulärzte ab. Dies war die Strategie der Individualisierung der Körperbewertung.

3. Das Kinderhilfswerk selbst änderte aufgrund des Subjektivismus einer körperlichen Einschätzung seine Auswahlkriterien. An die Stelle der körperlichen trat die soziale Indikation; so wie dies seit den spätestens den frühen 1890er Jahren von der Arbeiterbewegung gegen dominante Teile des Bürgertums gefordert worden war. Beginnend 1921, verstärkt seit 1922 orientierten sich die Ärzte immer stärker an der sozialen Bedürftigkeit der Kinder. 1921 hieß es erstmals: „Für die Ursachen des schlechten Ernährungszustandes und für die Notwendigkeit einer Zusatznahrung können häufig wichtige Anhaltspunkte aus Fragen nach den sozialen Verhältnissen gewonnen werden, wie z.B. ob die Eltern leben, ob und welcher Beschäftigung der Vater und die Mutter nachgehen, wie groß die Zahl der Geschwister, die Anzahl der bewohnten Räume ist usw.“ (Richtlinien, 1921, 154). 1924 waren soziale Indikationen dann ein probates Auswahlkriterium: „In besonderen Fällen kann eine Ernährungsfürsorge auch in Frage kommen für Kinder in gutem Körperzustand, bei denen eine plötzliche und durchgreifende Aenderung der wirtschaftlichen Lage ihrer Ernährer die Befürchtung ausreichend begründet, daß ohne Ernährungsfürsorge eine erhebliche Verschlechterung des Körperzustandes eintreten wird“ (Größe, 1924, 5).

09_Jahresschau Nürnberg_01_1923-24_p124_Quäkerspeisung in Nürnberg 1923

Quäkerspeisung in Nürnberg 1923 (Heimerich, Jugendwohlfahrtspflege, Jahresschau Nürnberg 1, 1923/24 (1924), 120-125, hier 124)

Quäkerspeisung in Nürnberg 1923 (Heimerich, Jugendwohlfahrtspflege, Jahresschau Nürnberg 1, 1923/24 (1924), 120-125, hier 124)

Möglich wurde dies, weil einerseits die Quäker ihre Hauptaktivität auf die Hungerhilfe im sowjetischen Russland verlagerten. Die US-amerikanischen Hilfsfonds, die an die Stelle der Kader traten, ließen den deutschen Gremien wesentlich größere Entscheidungsfreiheit. Anderseits veränderte sich mit der Hyperinflation 1922/23 die Ursache kindlicher Unterernährung. Lebensmittel fehlten nicht mehr, sondern waren schlicht unerschwinglich.

Damit war der Versuch einer „objektiven“ Darstellung des Ernährungszustandes auf Basis anthropometrischer Körpernormen gescheitert. An die Stelle der Kategorisierung des individuellen Körpers trat während der Weimarer Republik zunehmend die Kategorisierung durch das soziale Umfeld. Dies war verbunden mit einem Ausbau der Schulgesundheitspflege, insbesondere der Sozialmedizin und Epidemiologie. Faktisch war man in eine Sackgasse geraten: Naturwissenschaftliche Methodik war weder in der „objektiven“ Variante von Formeln und Indexreihen, noch in der subjektiveren Variante des individuellen ärztlichen Blickes fähig, den Ernährungszustand großer Gruppen hinreichend und einheitlich festzustellen. Ein anderes, neues Paradigma war notwendig, um den Orientierungsanspruch moderner Naturwissenschaft behaupten zu können. Deren Empfehlungen wurden nun abermals aus dem Zusammenspiel physiologischer Vorgänge und der chemischen Analyse der Nahrungsstoffe und ihrer Interaktionen extrahiert. Zufuhrempfehlungen wie die der nationalsozialistischen Deutschen Gesellschaft für Ernährungsforschung und ihrer Neugründung als Deutsche Gesellschaft für Ernährung waren die Folge. Und es sollte Jahrzehnte dauern, bis mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation ein neuerlicher Versuch unternommen wurde, mittels des Body Mass Index ein vermeintlich einfaches und objektives Mittel für den individuellen Ernährungszustand allgemein zu implementieren.

Uwe Spiekermann, 1. Mai 2019

Deutsche Kulis in der hawaiianischen Zuckerindustrie? Hintergründe einer Reichstagsdebatte von 1883

Am 14. Februar 1883 trat der liberale Abgeordnete Friedrich Kapp im Rahmen der Haushaltsdebatte an das Rednerpult im Deutschen Reichstag. Wie in den Jahren zuvor bot der Etat des in Hamburg ansässigen Reichskommissars für das Auswanderungswesen die Chance, allgemeinere Fragen der Migration zu behandeln. Kapp hatte bereits am 5. Februar 1883 in der zweiten Lesung einen Skandal ausgemacht: Deutsche Landarbeiter sollten auf Hawaii angesiedelt und in den dortigen Zuckerplantagen arbeiten. Nun galt es nachzulegen, die Details weiter auszubreiten, den Skandal in Gänze zu benennen. Was beabsichtige, so fragte Kapp, das Bremer Handelshaus Hackfeld & Co. mit dieser Anwerbung von deutschen Auswanderern?

01_Die Gartenlaube_1869_p341_Friedrich-Kapp

Friedrich Kapp: Exilant, Selfmademan, Liberaler (Die Gartenlaube 1869, 341)

„So weit ich ihren Plan verstehe, wollen sie Arbeitskräfte gewinnen, um ihren Antheil an den reichen Produkten der hawaiischen Inseln zu sichern. Daß dies ihre ernste Absicht ist, das zeigen die großen Opfer, die sie für diesen Zweck bringen, Opfer, die durch die Lage der Dinge auf jenen Inseln allerdings gerechtfertigt werden. Die Sandwichsinseln sind in dem letzten Jahrzehnt oder vielmehr seit 1875 gerade dadurch, daß sie mit den Vereinigten Staaten einen Vertrag abgeschlossen haben, wonach ihr Zucker dort zollfrei importiert werden kann, sowohl in ihrer Einfuhr als auch in ihrer Ausfuhr mächtig gestiegen; die Inseln eignen sich zu allen tropischen Produkten, ganz besonders aber für Zucker, dessen Anbau besonders vielversprechend ist. Es gibt dort nach dem letzten Gothaischen Almanach 67 Plantagen, von denen der dritte Theil in den Händen von Deutschen ist, und davon wieder die größte Zahl sich in dem Besitz der Firma Hackfeld und Kompagnie befindet“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. V. Legislaturperiode. II. Session 1882/83, Bd. 2, Berlin 1883, 1496-1498, hier 1496 [daraus auch die folgenden Zitate]). Gewinnstreben sei völlig in Ordnung, dazu könne man deutschen Kaufleuten nur Glück wünschen. „Ob sie dieses Ziel aber dadurch erreichen, daß sie deutsche Feldarbeiter auf Kredit befördern und diese die von ihnen gemachten Vorschüsse durch Plantagenarbeit abverdienen lassen, — das ist eine Frage, welche ganz Deutschland tief berührt, und ein Unwesen, welches mir sogar im höchsten Grade unzulässig erscheint.“ Hackfeld & Co. würde auf freie Deutsche damit ein höchst fragwürdiges Vertragssystem anwenden, dass schon seit langem als grausam und unmenschlich verurteilt werde. Man zahle mittellosen Auswanderern die Überfahrt, ermögliche ihnen damit eine zuvor aufgrund ihrer Armut nicht mögliche Mobilität, nötige sie nach der Ankunft dann aber den Vorschuss mit Zinsen durch Arbeit zu begleichen. „Der Kapitalist muß, um sein Kapital zu verzinsen und zu sichern, den ihm Verpflichteten für eine bestimmte Zeit jedes selbständigen Willens entkleiden“. Kapp erschien dies als ein Bruch mit modernem Staatsbürgerrecht, mit der Würde eines Deutschen: „Wenn wir dulden, daß unsere Landsleute in tropische oder subtropische Pflanzungen gebracht werden und an der Seite von Chinesen, Malayen, Ungarn oder wem sonst arbeiten müssen, dann wird die deutsche Arbeit erniedrigt, und die dazu Angehaltenen werden moralisch viel mehr degradirt, als sie möglicherweise physisch auf der anderen Seite gewinnen könnten. […] Haben Sie je gehört, daß ein Franzose, ein Engländer, ein Spanier seine Landsleute in die Tropen zur Arbeit geschickt hätte? Meine Herren, das ist ganz unmöglich, es hat keiner derselben seinen Landsleuten eine derartige Selbstentäußerung ihres innersten Wesens zugemuthet. Selbst der Irländer thut keine Plantagenarbeit; […]. Der Handel mit Menschenfrachten ist ein ungeheuer verführerischer, weil er ein so gewinnbringender ist. […] Es sollte selbst einem anständigen Hause nicht gestattet werden, das in Deutschland zu versuchen, was wir einem fremdem hoffentlich nie erlauben würden.“ Freizügigkeit sei ein hohes liberales Gut, und wer wolle, solle sein Glück auch auf Hawaii versuchen. „Ueber diese Freiheit geht aber bei weitem hinaus, was hier dem deutschen Volke zugemuthet wird, was ich aber zum Besten des Einzelnen und zur Ehre der Gesammtheit vermieden sehen möchte, und was ich nicht aufhören werde als Unfug vor aller Welt zu brandmarken; das ist die mit Vorschuß betriebene Anwerbung von armen Deutschen für Plantagen, daß ist die Ausbeutung deutscher Arbeitskräfte in Form der Plantagenarbeit, in Form einer zeitweisen Knechtschaft, das ist […] die tiefste Entwürdigung deutscher Arbeit, das ist die Herabsetzung der Ehre des deutschen Volkes unter den Nationen der Erde.“ Deutsche als Kulis? Das war in der Tat starker Tobak. Minderes Recht mochte es beim Gesinde in Ostelbien geben oder aber im autokratischen Russland. Aber in der Mitte Deutschlands? Fürwahr, hiergegen galt es einzuschreiten!

02_Fliegende Blätter_38_1863_p045_Auswanderung_Deutschland-USA

Deutsche Auswanderer auf dem Weg in die USA (Fliegende Blätter 38, 1863, 45)

Als Kapp diese Rede hielt, war der Blick der Öffentlichkeit gen Westen gerichtet. 1882 hatte die Auswanderung mit 250.000 Personen einen neuen Höchstwert erreicht, von 1880-1884 sollten mehr als 860.000 Bürger dem jungen Nationalstaat den Rücken kehren. Fast alle davon, mehr als 96%, zog es in die USA. Hier glaubte man ein besseres Leben führen zu können, konnte ein Stück Land erhalten und den Fährnissen der landwirtschaftlichen Rezession zumal in Nordwest- und Ostdeutschland entfliehen. Doch nicht Massenmigration stand im Mittelpunkt der Rede, denn diese Abstimmung mit den Füßen war Ausdruck eines Menschenrechts, war Hilfsmittel gegen die Inkompetenz und Hoffart des regierenden Adels: „Schaut her, ihr Landesväter, seht sie ziehen, Seht eure schönsten Arbeitskräfte fliehen“ – so der Hamburger Dichter Heinrich Schacht (1817-1863) in seinem Gedicht „Die deutschen Auswanderer“, später Liedzeile im Migrantenlied „Ein stolzes Schiff“ (Bilder aus Hamburg’s Volksleben, 1855, 131). Verglichen damit war die Fahrt einiger hundert Auswanderer von Mitteldeutschland über Bremen nach Hawaii an sich eine Petitesse. Doch dem Reichstagsabgeordneten des Wahlkreises Salzwedel-Gardelegen ging es ums Prinzip. Hawaii war damals noch keine touristische erschlossene Trauminsel; das war ein Produkt des späten 19. Jahrhunderts und der Werbung der Oceanic Steamship Company der deutsch-amerikanischen Industriellenfamilie Spreckels (vgl. Uwe Spiekermann, Expanding the Frontier(s). The Spreckels Family and the German-American Penetration of the Pacific, 1870-1920, in Explorations and Entanglements. Germans in Pacific Worlds from the Early Modern Period to World War I, hg. v. Hartmut Berghoff et al., New York and Oxford 2019, 171-194, hier 178-181). Gleichwohl verbreiteten Reiseberichte idyllische Bilder von Südseeparadiesen (vgl. etwa R[ichard] L[esser], Deutsche Niederlassungen in der Südsee, Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 93-100). Das nominell unabhängige Königreich Hawaii war um 1880 vorrangig Zuckerproduzent, ein Beispiel effizienter Plantagenwirtschaft, aber auch der Ausbeutung fremdländischer Coolies. Für Kapp war die Verfrachtung deutscher Landarbeiter Ausdruck der Naivität ungebildeter Armer, die aufgrund der Werbung eines Handelshauses glaubten, auf einer Südseeinsel durch leichte Arbeit bei der Zuckerkultivierung sich und ihren Familien ein einfaches Auskommen sichern zu können. Schutz schien erforderlich.

03_Kapp

Dokumente eines Lebens als öffentlicher Intellektueller

Will man all das genauer verstehen, so ist tiefer zu bohren, ist nach dem Redner, dem Anlass und dem Gegenstand der Rede zu fragen. Friedrich Kapp (1824-1884) war eine Berühmtheit, einer, dessen Wort im ganzen Deutschen Reich etwas galt (vgl. Wolfgang Hinners, Exil und Rückkehr. Friedrich Kapp in Amerika und Deutschland 1824-1884, Stuttgart 1987; Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Friedrich Kapp, Frankfurt/M. 1969, 1-42; Horst Dippel, Kapp, Friedrich, Neue Deutsche Biographie, Bd. 11, Berlin [W] 1977, 134-135). 1824 in Hamm in Westfalen in gutbürgerlichen Verhältnissen geboren, studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie in Heidelberg und dann Berlin. In Baden kam er mit führenden Repräsentanten der demokratischen Freiheitsbewegung zusammen, darunter dem Philosophen und Religionskritiker Ludwig Feuerbach (1804-1872) und Ludwig Bamberger (1823-1899), einem der wichtigsten Vertreter des Liberalismus im Kaiserreich. Kapp schrieb und agitierte auch als Rechtsreferendar im Sinne seiner frühsozialistischen Ideale und brach im März 1848 nach Frankfurt am Main auf, um dort der Revolution zu dienen. Im September 1848 sah er sich jedoch zur Flucht genötigt, die ihn erst nach Brüssel, dann nach Paris und Genf, schließlich 1850 in die USA führte. In New York etablierte er sich als Anwalt, trat als Historiker der amerikanischen Revolutionskriege hervor, schrieb beherzte Traktate gegen die Sklaverei und die Verschickung von deutschen Soldaten durch tyrannische Monarchen im späten 18. Jahrhundert. Kapp wurde zu einer allgemein akzeptierten Stimme der Deutsch-Amerikaner, ein Parteigänger der neu entstandenen Republikanischen Partei und der Sache der Nordamerikanischen Union. Er war zudem ein wichtiger Chronist, berichtete in deutschen Medien regelmäßig über die USA und ihre Geschichte. Obwohl 1855 naturalisiert und mit hohen Ämtern betraut – er war beispielsweise von 1867 bis 1870 New Yorks Commissioner of Emigration und etablierte damals verbesserte Standards auf den Einwandererschiffen – konnte er jedoch nie seinen kulturellen Dünkel den Amerikanern gegenüber ablegen. Schon während der 1860er Jahre ein eifriger Unterstützer der kleindeutschen Lösung, nutzte er die Amnestie 1870, um als reicher Mann zurück nach Deutschland zu kommen. Dort wurde er gleich einer der Mitbegründer der Deutschen Bank und blieb Mitarbeiter zahlreicher liberaler Zeitschriften auf beiden Seiten des Atlantiks. Der protestantische Kapp war ein überzeugter Freihändler, trat für einen deutschen Einheitsstaat ein, focht für eine Erweiterung demokratischer Rechte und die Verfolgung des Katholizismus. Er wurde Mitglied der 1867 gegründeten Nationalliberalen Partei, wurde in die Berliner Stadtverordnetenversammlung, den Preußischen Landtag und 1872 auch in den Reichstag gewählt. In den 1870er Jahren etablierte er sich als politische, publizistische und gesellschaftliche Instanz in Berlin, stand in engem Austausch mit dem von ihm bewunderten Fürst Otto von Bismarck (1815-1898), vor allem aber den Repräsentanten des bürgerlichen Liberalismus. Das Ende der Kooperation von Liberalismus und Staat im Zuge der „zweiten Reichsgründung“ 1879 sah Kapp als „Sezessionist.“ Er war Mitbegründer der sich von den Nationalliberalen loslösenden „Liberalen Vereinigung,“ die während der Reichstagswahl 1881 respektable 46 Mandate gewann. Kapp verwandt den konservativen Schwenk der Bismarckschen Politik jedoch nur schwer und konzentrierte sich zunehmend auf seine publizistische Arbeit. Die Reichstagsrede von 1883 zeigte nochmals eine für ihn typische Mischung aus wirtschaftsliberalem Denken, der Ablehnung kolonialer Abenteuer, dem Engagement für die Belange der unteren Schichten und einem dezidierten Kulturnationalismus.

04_Hawaiian Almanac and Annual_1885_sp_Hackfeld_Handelshaus

Handelshaus und Rohrzuckerproduzent: Anzeige von H. Hackfeld & Co. 1885 (Hawaiian Almanac and Annual for 1886, Honolulu 1885, s.p.)

Kapp hatte sich in seiner Rede auf das Bremer Handelshaus H. Hackfeld & Co. konzentriert, dessen Motive einer deutlichen Kritik unterzogen. Das Unternehmen selbst schien über jeden Zweifel erhaben zu sein. Sein Gründer, Hinrich Hackfeld (1816-1887) stammte aus dem Oldenburgischen, seine Eltern waren arm, Heuersleute (Richard Hawkins, Hackfeld, Heinrich, in Immigrant Entrepreneurship: German-American Business Biographies, 1720 to the Present, Bd. 2). Seefahrt bot eine Chance für Fort- und Einkommen; Hackfeld wurde Seemann, arbeitete im Transatlantik- und Lateinamerikaverkehr. Hawaii betrat er erstmals 1844, wählte die Inselgruppe ab 1848 als Standort eines Frachtgeschäftes mit Bremen. Er konzentrierte sich anfangs auf Holzhandel, suchte sich Partner, weitete das Handelsgeschäft aus und gründete 1853 in Honolulu die Firma „H. Hackfeld & Co. General Commission Agents and Ship Chandlers.“ Obwohl die Versorgung des Walfangs und seit 1855 auch das Chartergeschäft den Kern des Geschäftes ausmachten, investierte Hackfeld doch seit 1854 in den Rohrzuckeranbau, der in Hawaii seit den 1830er Jahren betrieben wurde. Der Zuckerhandel dominierte, doch die Produktion verlangte Kapital und auch Arbeit – 1852 importierte Hackfeld & Co. als erster Betrieb chinesische Feldarbeiter. Hackfeld war zu diesem Zeitpunkt ein wohlhabender Kaufmann, der zwischen Bremen und Honolulu hin- und herreiste. Sein Kompagnon Carl Pflüger (1833-1883) führte derweil die Geschäfte in der Südsee (Berliner Börsenzeitung 1883, Nr. 472 v. 9. Oktober, 8). Der Niedergang des Walfanggeschäftes konnte kompensiert werden, seit den frühen 1870er Jahren nahmen das allgemeine Frachtgeschäft und die Investitionen in die Zuckerwirtschaft deutlich zu (Carol A. MacLennan, Hawai’i Turns to Sugar: The Rise of Plantations Centers, 1860-1880, Hawaiian Journal of History 31, 1997, 97-125; Dies., Sovereign Sugar. Industry and Environment in Hawai’i, Honolulu 2014, Kap. 1-3). Doch erst der in der Rede explizit angesprochene Reziprozitätsvertrag zwischen dem Königreich Hawaii und den USA veränderte die Szenerie nachhaltig. Seit 1876 sorgten die Zollbefreiungen, vor allem aber die Exportsubventionen für massive Investitionen durch amerikanische Kapitalisten, vor allem den Deutsch-Amerikaner Claus Spreckels (1828-1908) (Vgl. Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8, 2010). In Deutschland war klar, dass dies zulasten deutscher Handelshäuser gehen würde (Allgemeine Zeitung 1879, Nr. 166 v. 15. Juni, 12). Nun begann ein zunehmend globaler Wettbewerb um günstige Arbeitskräfte. Das bestehende Netzwerk kleiner Plantagen mit zumeist weniger als hundert Beschäftigten – 1874 waren lediglich 3.800 Personen in der hawaiianischen Zuckerwirtschaft beschäftigt – wurde in eine großbetriebliche Plantagenökonomie transformiert, deren Konsequenzen Gegenstand der Rede waren.

05_Deutsche Kolonialzeitung_01_1884_p002_Deutscher-Kolonialverein_Kolonialismus

Die Flagge folgt dem Handel: Aus der Programmatik des Deutschen Kolonialvereins (Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 2)

Friedrich Kapp stand den globalen Bestrebungen deutscher Handelshäuser aufgeschlossen gegenüber. Sie verkörperten einen Handelsimperialismus, der auf Kapitalkraft und überlegenen Produkten basierte. Koloniale Landnahme lehnte der Freihändler dagegen strikt ab, führe sie doch einzig zu Konflikten und letztlich zu Kriegen. Kurz vor der Rede war im Dezember 1882 in Frankfurt/M. der Deutsche Kolonialverein gegründet worden. Repräsentanten von Finanzwesen und Schwerindustrie, von Geographie und Geschichtswissenschaften, plädierten pointiert für ein deutsches Kolonialreich, für die Annexion fremder Länder, deren gezielte Besiedlung und ökonomische Durchdringung. Der 1876 mit Tonga abgeschlossene Freundschaftsvertrag, die 1880 von Bismarck eingebrachte Samoa-Vorlage und die seither von deutschen Finanzinteressen vorangetriebene deutsche Expansion in Neuguinea unterstrichen, dass die Südsee Bestandteil deutscher kolonialer Expansion war. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Initiative von Hackfeld & Co. nicht allein auf der Ebene einiger Schiffsladungen mit deutschen Siedlern verstanden werden konnte, auch wenn der reale Ausbau eines deutschen Kolonialreichs dann 1884/85 in Afrika einsetzte, gefolgt von kleinen Erwerbungen auch in der Südsee.

Will man der Kappschen Intervention gerecht werden, so sind drei Perspektiven hilfreich, die zwiebelhaft jeweils eng miteinander verwobene Aspekte der versuchten Ansiedlung deutscher Arbeiter in der hawaiianischen Plantagenökonomie aufzeigen. Es geht erstens um den direkten Anlass für die Reichstagsrede. Zweitens muss die Hackfeldsche Initiative in die hawaiianische Migrations-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte integriert werden. Drittens schließlich lässt sich zeigen, dass Kapps Rede eng an die öffentliche Debatte über die Moralität der amerikanischen Investitionen auch in den USA rückgebunden war. Während im deutschen Kaiserreich langsam koloniale Fakten geschaffen wurden, wurde dort schon seit Jahren darum gerungen, ob ein demokratischer Staat und seine Bürger bei Direktinvestitionen nicht bestimmte Grenzen zu berücksichtigen hätten, und ob diese nicht auch für Konsumenten hawaiianischen Zuckers gelten müssten.

Friedrich Kapp stand der deutschen Auswanderung ambivalent gegenüber. Sie war für ihn ein notwendiges Übel, das vor allem auf die unzureichenden, teils unhaltbaren Zustände in Deutschland verwies (Pfälzische Volkszeitung 1872, Nr. 111 v. 8. Mai, 2). Der Freiheitsdrang des Menschen lasse sich nicht aufhalten, der Staat habe dies zu akzeptieren, Auswanderungsbeschränkungen lehnte Kapp ab. Der Staat solle sich neutral verhalten, doch er habe zugleich die Pflicht, seinen früheren Bürger noch eine Art sicheres Geleit in ferne Länder zu gewährleisten (Allgemeine Zeitung 1881, Nr. 337 v. 3. Dezember, 4965). Das bedeutete einerseits eine menschenwürdige Überfahrt, anderseits schon früh den Schutz gegen Betrug zumal ganzer Auswanderergruppen. Das betraf vor der Jahrhundertmitte viele Auswanderergesellschaften in die USA, dann aber vor allem Siedlungskolonisten in Lateinamerika: „Viele Pflanzer dort haben Agenten ausgesandt, um mit Geld und Worten deutsche Auswanderer zu verlocken. Wer sich fangen läßt verfällt der Sclaverei und einer Behandlung, die schlechter als die der Kulis (verkaufter Schwarzer) ist; […] Kapp hält es für Deutschlands Ehre geboten, die Auswanderung nach Brasilien zu hindern“ (Amts-Blatt für die königlichen Bezirksämter Forchheim und Ebermannstadt 1872, Nr. 52 v. 14. Mai, 2). Die Reichstagsdebatte bot einen Widerhall derartiger Warnungen. Kapp versuchte mit dem Entwurf eines Auswanderungsgesetzes gesetzliche Mindeststandards festzulegen, initiierte 1880 auch eine einschlägige Resolution des freihändlerischen Kongresses deutscher Volkswirte (Allgemeine Zeitung 1880, Nr. 300 v. 26. Oktober, 4000); doch ein entsprechendes Gesetz wurde im Deutschen Reich erst 1897 erlassen.

Die Emigration nach Hawaii setzte in der Tat neue Maßstäbe, zielte sie eben nicht primär auf Siedlung, sondern auf Arbeit. Um die Passage bezahlen zu können, verpflichteten sich die Haushaltsvorstände, ca. zwei Jahre gegen einen festgelegten Lohn auf einer Zuckerplantage zu arbeiten. Das schändete wahrlich nicht, zumal Freizügigkeit ein Kernelement der liberalen Gesellschaftsverfassung des neuen Deutschen Reiches war. Doch Deutsche standen damit in direktem Wettbewerb mit Arbeitsmigranten aus Asien und Afrika. Hackfeld & Co. hatte bereits im Januar 1881 ein erstes Segelschiff, die Ceder, von Bremen nach Honolulu fahren lassen, das dort im Juli mit 127 Passagieren an Bord eintraf. Es folgte das von Kapp angesprochene hawaiianische Segelschiff Iolani, das Anfang Juni 1882 Geestemünde mit 180 Insassen an Bord verließ und im Oktober in Honolulu landete (Honolulu Advertiser 1882, Ausg. v. 17. Oktober, 2). Kurz vor Kapps Rede war dann der Dampfer Ehrenfels in See gestochen, der am 3. Mai mit 700-800 Arbeitsmigranten in Honolulu eintraf (Hawaiian Gazette 1883, Ausg. v. 24. Januar, 3; Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 53 v. 22. Februar, 3; Hamburger Börsen-Halle 1883, Ausg. v. 23. Februar, 5). 46 Migranten überlebten die Passage nicht, 29 Kinder wurden während der Überfahrt geboren (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 232 v. 21. August, 3). Insgesamt verließen 1883 834 Deutsche über Bremen ihr Vaterland (Deutsche Kolonialzeitung 1, 1884, 81).

06_Saturday Press_1883_05_05_Nr036_p2_Hackfeld_Großhandel_Hawaii

Beipack eines Auswanderungsschiffes – Warenimporte der Ehrenfels (Saturday Press [Honolulu] 1883, Nr. 36 v. 5. Mai, 2)

Kapp hatte all dies schon während der Reichstagsdebatte am 5. Februar 1883 mit scharfen Worten kritisiert: „Ich halte es für ein Verbrechen, wenn wir dulden, daß unsere deutschen Landsleute in dieser Weise über den Ozean geschleppt und auf Inseln geführt werden, auf denen es allerdings den englischen nachgeschriebene Gesetze gibt, aber wo die armen Arbeiter, die kein Hawaiisch oder auch kein Englisch kennen […] keine Vertheidiger und keine Stütze haben, auf die sie zurückfallen können, wenn sie sich mit den Plantagenbesitzern nicht vertragen, oder überhaupt irgendwelche Rechtsgeschäfte haben“ (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages. V. Legislaturperiode. II. Session 1882/83, Bd. 2, Berlin 1883, 1299). Kapp kritisierte einerseits den zwischen Arbeitsmigranten und Hackfeld & Co. geschlossenen Vertrag als einseitig, als Ausdruck einer sittenwidrigen Versklavung, da unklar bliebe, wie die Arbeiter zurück nach Hause kommen könnten, wenn die vertraglichen Verpflichtungen nicht eingehalten würden. Das sei anderseits sehr wahrscheinlich, denn die Deutschen seien an harte Arbeit im Freien in den Tropen nicht gewohnt. Dies stieß beim Repräsentanten des Auswärtigen Amtes, dem Geheimen Legationsrat Reichardt, durchaus auf offene Ohren, doch sei es nicht möglich, ohne Beweise für Betrug hiergegen strafrechtlich vorzugehen. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hasenclever (1837-1889) unterstützte die Kritik Kapps, gab zudem präzise Einblicke in die Arbeitsmigration nach Hawaii. Für ihn war der eigentliche Skandal, das deutsche Arbeiter gegeneinander ausgespielt würden, um Löhne möglichst niedrig zu drücken. Das Recht des Arbeiters auf freie Verwendung seiner Arbeitskraft aber sei nicht zu hinterfragen, vielmehr befürwortete er deutsche Kolonien, um auch den Ärmeren Einkommensmöglichkeiten zu erschließen. Dagegen nahm der nationalliberale Bremer Großreeder Hermann Henrich Meier (1809-1898) seine Kollegen des Handelshauses Hackfeld & Co. in Schutz. Der Mitbegründer der Norddeutschen Lloyd und Präsident des Deutschen Handelstages hob nicht nur den hohen Leumund seiner Kollegen hervor, sondern legte dem Hohen Hause zugleich ein Musterexemplar eines der Verträge vor. Demnach hatten sich die Arbeitsmigranten auf vier Jahre zur Plantagenarbeit zu verpflichten, konnten den Vertrag aber nach zwei Jahren kündigen. Geregelt waren die Lohn- und Arbeitsverhältnisse des Haushaltsvorstandes und seiner Familie, die Ausstattung der Dienstwohnung und die regelmäßigen Naturlieferungen. Für Meier schien all dies eine „gute Gelegenheit, vorwärts zu kommen“ (Ebd., 1305).

Diese erste Debatte wurde in der Öffentlichkeit sehr wohl zu Kenntnis genommen, stand aber nicht im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen (vgl. etwa Berliner Tageblatt 1883, Nr. 61 v. 6. Februar, 3; Hamburgische Nachrichten 1883, Ausg. v. 6. Februar, 2; Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 37 v. 6. Februar, 534, 549-550). Das galt auch für den zweiten Teil der Debatte über deutsche Arbeit in der hawaiianischen Zuckerindustrie am 14. Februar 1883 (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 48 v. 17. Februar, 689-692). Allerdings berichteten hawaiianische Zeitschriften detailliert über die Rede (Honolulu Advertiser 1883, Ausg. v. 20. März, 2). Setzt man nun aber die Debattenbeiträge während der ersten Runde im Reichstag voraus, so erscheint Kapps zweite Rede weniger eloquent, weniger inhaltsstark. Der Liberale wiederholte im Wesentlichen seine Argumente und Ansichten. Obwohl er von zahlreichen Anfragen und Beschwerden berichtete, ging er weder auf die Argumente seitens der Arbeiterbewegung, noch die seines liberalen Parteifreundes ein. Darin kommt mehr zum Ausdruck als Prinzipientreue resp. dogmatische Verengung eines Linksliberalen am Ende seiner politischen Karriere. Kapp argumentierte prononciert für Schutzrechte; doch die Arbeitsmigranten hatten ihre Kontrakte aus freien Stücken unterzeichnet, wussten um die Härten und Chancen eines solchen Vertrages. Kapp versuchte, die Vertragsfreiheit auszuhebeln, den freien Arbeitsvertrag als Zentrum einer marktwirtschaftlichen Arbeitsverfassung. Seine Begründung folgte einem Kulturnationalismus, der einerseits die gemeinsame zivilisatorische Mission der „weißen“ Völker hochhielt, der anderseits sich strikt von anderen „Rassen“ abgrenzte, zumal den in der Quelle genannten Asiaten und Afrikanern. Der Linksliberale Kapp plädierte für Staatsintervention, konnte aber keine rechtlich einschlägigen Anhaltspunkte für eine solche Interventionen benennen. Die Quelle unterstreicht damit die innere Ambivalenz des modernen Liberalismus, dessen universalistischer, auf Menschenrechte und Vertragsfreiheit gründender Gesellschaftsentwurf zunehmend von den eigenen nationalen Vertretern in Frage gestellt wurde. Die Zeit der liberalen Vorkämpfer war offenbar vorbei, zivilgesellschaftliches Engagement folgte zunehmend anderen Regeln, verengte sich zudem national.

In Hawaii, im April 1883, begannen jedenfalls schon erste Rechtshändel zwischen deutschen Einwanderern und den Plantagenbesitzern. Siebzehn Arbeitsmigranten hatten auf der 1877 gegründeten Kilauea Sugar Company auf Kauai die Arbeit niedergelegt, um gegen Kontraktverletzungen zu protestieren (William Henry Dorrance, Sugar Islands, 2. Aufl., Honolulu 2005, 32). Sie wurden ins Gefängnis nach Honolulu gebracht, begleitet von weiteren deutschen Zuwanderern. Dort schalteten sie den deutschen Konsul J.C. Glade ein, Mitglied von Hackfeld & Co., verpflichteten einen Rechtsanwalt und verlangten, den geschlossenen Vertrag auflösen zu können (Hawaiian Gazette 1883, Ausg. v. 4. April, 2). Im Verfahren näherte man sich einander an, beiderseits lockerten sich die Verpflichtungen (Honolulu Advertiser 1883, Ausg. v. 11. April, 3). Briefe der Zuwanderer berichteten von wechselseitiger Vertragstreue, von einem Haus mit Stube, Kammer, Küche und Veranda und von langsam urbar gemachtem Land. Die Verpflegung sei gut, fehlendes Bier und geistige Getränke wurden gleichwohl moniert (Allgemeine Zeitung 1883, Nr. 232 v. 21. August, 3). Die deutschen Zuwanderer blieben zu einem beträchtlichen Teil auf Hawaii, nahmen dort zunehmend Leitungsfunktionen in der Plantagenwirtschaft und im Gewerbe ein. Sklaven sind sie nicht geworden – und ihre vermeintliche nationale Ehre dürfte kaum negativ betroffen worden sein.

Was in Deutschland skandaliert wurde, war derweil Alltagsroutine im Hawaiianischen Königreich. Die Zahl der einheimischen Bevölkerung sank seit Jahrzehnten, die Volkszählung 1878 ergab lediglich 57.985 Einwohner. Die Zuckerindustrie konnte nur durch Zuwanderung vorangebracht werden; Kapital und auch Boden waren vorhanden, einzig der Faktor Arbeit begrenzte ein rasches Wachstum. Chinesen, vor allem aus den südlichen Provinzen, galten als billig und arbeitsam, ihre Disziplin wurde durch chinesische Händler und Aufseher gewährleistet. 1884 lag die Zahl der Einwohner bereits bei 80.578, darunter 17.063 Chinesen und 871 Chinesinnen (Allgemeine Zeitung 1885, Nr. 251 v. 10. September, 7). Auch wenn diese im Regelfall abgeschottet auf den Plantagen untergebracht waren, so ergaben sich doch kontroverse Debatten auf der Inselgruppe, wo nicht allein weiße Investoren, sondern insbesondere die hawaiianische Bevölkerung weitere Zuwanderung aus Asien begrenzen wollte.

07_The Wasp_10_1883_05_05_p16_Einwanderung_China-Hawaii_Gelbe-Gefahr

Ängste vor einer chinesischen Dominanz in Hawaii (The Wasp 10, 1883, Ausg. v. 5. Mai, 16)

Dies konnte nicht im Sinne der Investoren sein. Zuckerplantagen hatten bereits in den 1870er Jahren eine strikte hierarchische und rassistische Struktur ausgebildet (vgl. Evelyn Nakano Glenn, Race, Labor and Citizenship in Hawaii, in American Dreaming, Global Realities, hg. v. Donna R. Gabaccia und Viki L. Ruiz, Urbana/Chicago 2006, 284-320). Die Leitung lag in den Händen einer weißen Funktionselite, zumeist Händler, Techniker und Handwerker. In Hawaii waren dies Deutsche, vor allem aber US-Amerikaner und Briten. Hawaiianer arbeiteten vereinzelt auf den Plantagen, nicht aber in der fordernden Neukultivierung, der Ernte und der langsam einsetzenden Bewässerung der Felder (C. Allan Jones und Robert V. Osgood, From King Cane to the Last Sugar Mill, Honolulu 2015). Die Umstrukturierung nach dem Reziprozitätsabkommen erfolgte durch ausländische Fachleute. Prototypisch waren die frühen Bewässerungssysteme auf der Insel Maui, die Spreckels durch Teams um den deutschstämmigen Wasserbauingenieur Hermann Schüssler (1842-1919) errichten ließ, nachdem er sich Land und Wasserrechte angeeignet hatte (vgl. Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich, in Tatort Unternehmen, hg. v. Hartmut Berghoff et al., Berlin und Boston 2016, 47-66). Von ihnen blieb nur eine Handvoll auf der Inselgruppe. Die drei Schiffsladungen mit deutschen Arbeitsmigranten waren Teil breiter gelagerter Bemühungen der weißen Pflanzerelite, die ethnischen Hierarchien und Funktionsabläufe der einzelnen Plantagen auszubalancieren, auch wenn dies zu deutlich höheren Kosten führen konnte: Spreckels zahlte 1879 den 125 weißen Beschäftigten seiner Hawaiian Commercial Sugar Company $3-4 pro Tag, während die ersten einhundert Chinesen $10-12 pro Monat erhielten. Mit dem Import europäischer Arbeiter reagierten die Pflanzer zugleich auf die Zurückhaltung der chinesischen Seite, ihre Landsleute zur Arbeit nach Hawaii zu schicken.

08_Sugar Museum Maui_Einwanderung_Hawaii

Hawaii als Zielort globaler Arbeitsmigration – Schaubild im Sugar Museum, Maui

Wie Hackfeld bemühte sich auch Spreckels zuerst um norwegische (und schwedische) Einwanderer, hatte er mit ihnen doch gute Erfahrungen in seiner Zuckerraffinerie in San Francisco gemacht. 1881 landeten ca. 500 Personen, doch sie kamen mit dem Klima nicht zurecht und verließen Hawaii großenteils nach sehr kurzer Zeit (Chicago Daily Tribune 1882, Ausg. v. 13. November, 8). Deutlich erfolgreicher waren die 1878 einsetzenden Importe portugiesischer Plantagenarbeiter von der vulkanischen Insel Madeira und dann den Azoren. Die Familien erhielten freie Passage, einen Lohn von einem Dollar pro Tag und die Verpflichtung, drei Jahre Plantagenarbeit abzuleisten. Dieses Importgeschäft wurde vorrangig vom deutschstämmigen Händler Abraham Hoffnung (1833-1908) organisiert, der über Kanada nach Hawaii gekommen war und später in London reüssierte. Die Portugiesen arrangierten sich mit den Verhältnissen, bis 1887 war ihre Zahl auf mehr als 10.000 gestiegen (Hawaiian Almanac and Annual for 1887, Honolulu 1886, 74-78). Anfang der 1880er Jahre hatte sich das System eingespielt, Arbeitskräftezufuhr und der Ausbau der Plantagen waren ausbalanciert, Chinesen und Portugiesen hatten sich als Zuwanderer etabliert. Deutsche Landarbeiter waren nicht mehr erforderlich. Doch das System blieb fragil. 1882 etwa, just während der Importe aus deutschen Ländern, stockte die Zuwanderung aus China, und Claus Spreckels bot an, mit der japanischen Regierung über die Entsendung von 2000 japanischen Arbeitern zu verhandeln. Dies misslang, doch nach der Kolonisierung der Inselgruppe durch die USA 1898 sollten sie zur wichtigsten ethnischen Gruppe Hawaiis aufsteigen.

Die Reichstagsdebatte über deutsche Arbeit in der hawaiianischen Zuckerindustrie war eine der vielen Resonanzen, die der Mechanisierung des Rohrzuckerbaus seit den 1860er Jahren weltweit folgten – seinerseits eine Folge der raschen Fortschritte des hochsubventionierten Rübenzuckerbaus in Frankreich und dem Deutschen Reich. Und doch brach sich diese Debatte nicht allein in den Peripherien. Es kann hier nicht der Ort sein, um die Auswirkungen der veränderten Arbeitsverfassung auf den Zuckerinseln der Südsee, der Karibik, der Philippinen oder aber Sumatras im Detail zu diskutieren. Sie bedeuteten zuerst einmal mehr und preiswerteren Zucker, zumal in den USA. Die Transformation Hawaiis mündete dort jedoch in eine breite öffentliche Debatte über die Bedeutung von Coolie-Arbeit für die amerikanische Politik und auch den amerikanischen Konsumenten. Die deutsche Arbeitsmigration wurde mit ähnlichen Tönen skandalisiert, wie sie Friedrich Kapp im Reichstag antönte. Es galt als ausgemacht, dass Plantagenarbeit “actually degrade free-born Germans to the level of coolies and negroes, rendering them useless to the Fatherland they have left, turning them from men into merchandise and practically using them as human manure for the properties of the sugar planters” (San Francisco Traffic 1883, Ausg. v. 3. Juni, 8 (nach einem Artikel der Leipziger Welt-Post)). Die immer stärkere Nutzung chinesischer Arbeit war in den USA besonders unpopulär – und hier stoppte der Kongress die legale Zuwanderung aus China mit dem Chinese Exclusion Act von 1882. Die führenden amerikanischen Investoren, die in den 1880er Jahren die hawaiianische Wirtschaft klar dominierten, wurden öffentlich als „Chinese lover” attackiert. Parallel diskutierte man zumal vor der Novelle des Reziprozitätsvertrages 1887 darüber, ob es gerechtfertigt sei, einer kleiner Pflanzerelite immense Gewinne auf Basis der Ausbeutung von Arbeitsmigranten und der amerikanischen Konsumenten zu erlauben. Letztlich setzten sich die ökonomischen Interessen allseits durch. Fragen nach globaler Gerechtigkeit wurden im Reichstag und anderswo vor fast anderthalb Jahrhunderten debattiert, doch mehr als graduelle Verbesserungen hat es dadurch nicht gegeben.

Uwe Spiekermann, 4. April 2019

Flucht vor der Vergangenheit? Ein Besuch des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Porta Westfalica

Bei Porta Westfalica durchbricht die Weser die sie begrenzenden Mittelgebirge, verlässt das Weserbergland und fließt durch die norddeutsche Tiefebene der Nordsee entgegen. Dies entgeht den rasch dahinrasenden Autofahrern auf der A2, die es nach Westen oder aber Osten drängt. Doch sie sehen ein riesiges Monument, das 1896 eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Auf vielen Fahrten zwischen Münster und Braunschweig verkörperte es auch für mich Rückkehr oder baldige Ankunft.

01_Neue Illustrirte Zeitung_17_1888-89_Nr12_p245_Porta-Westfalica

Porta Westfalica vor dem Denkmalsbau (Neue Illustrirte Zeitung 17, 1888/89, 245)

Der aus Detmold stammende Freiheitsdichter Ferdinand Freiligrath (1810-1876) begann hier seinen gemeinsam mit Levin Schücking (1814-1883) verfassten Reisebericht durch das „malerische und romantische Westphalen“, Zeugnis eines weltoffenen und geschichtsbewussten Regionalismus. Von der Mindener Weserbrücke aus sah er „nicht ein enges, zu beiden Seiten schroff und steil in den Strom herabfallendes Felsenthor […], sondern ein nicht allzu schmales Querthal, das ausser dem Strome Wiesen und Ackerland anmuthig ausfüllen“ (Barmen/Leipzig 1840, 12). Er bestieg den Wittekindsberg, benannt nach Widukind, dem mythenumwogenen Anführer der Sachsen im Kampf gegen die Frankenheere Karls „des Großen“ im späten 8. Jahrhundert. Ob der Westgermane dort wirklich zum Christentum übertrat, ist nicht gesichert, doch im Sagenschatz der Deutschen steht dieser Ort auch für den Beginn des Reiches, das in der Spätromantik als „deutsches“ Kaiserreich galt.

02_Fliegende Blätter_088_1888_Nr2231_p10_Erinnerungskultur_WilhelmI_Wandstickerei_Francke_Gnadenfrei

Kaisertod als Marktchance (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2231, 10)

Als am 9. März 1888 Wilhelm I., der erste (und drittletzte) „Deutsche Kaiser“ verstorben war, als die durchaus breite Schar der Trauernden ihre Gedenkmünzen, Büsten, Stickrahmen und vieles mehr gekauft und aufgestellt hatte, drang die Frage nach einem würdigen Gedenken des Heldenkaisers rasch in den öffentlichen Raum. Lokalvereine berieten, ein Wettbewerb zwischen preußischen Provinzen begann. Westfalen voran! Schon im April wurde ein Denkmal an der Porta Westfalica vorgeschlagen. Widerspruch machte sich breit, Widerstand führte am Ende gar zu einem Aufbrechen der Westfalenfront; das 1903 bei der Hohensyburg eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Denkmal materialisierte ihn. Doch Porta Westfalica machte das Rennen. In der Nähe wurde 1759 die für Preußens Existenz wichtige Schlacht bei Minden geschlagen, die mit einer Niederlage der Franzosen und Sachsen endete. Wilhelm I. hatte die Weserscharte als Oberbefehlshaber der verbündeten Armee gegen Frankreich überschritten, Grundlage des militärischen Sieges, ohne den die Gründung des Deutschen Reiches 1871 nicht möglich gewesen wäre. Und Porta Westfalica stand schon namentlich für die 1815 von Preußen okkupierte Provinz Westfalen, deren Landtag am 15. März 1889 den Gründungsbeschluss fasste und 500.000 Mark für die Baukosten bereitstellte (zu Details s. Das Kaiser Wilhelm-Denkmal der Provinz Westfalen auf dem Wittekindsberge der Porta Westfalica, Münster 1905, 4-8). Der recht erhebliche Rest sollte durch Spenden aufgebracht werden. Der Bildhauer Ernst von Bandel (1800-1876) musste fast 40 Jahre antichambrieren, um genügend Geld für das nicht fern gelegene Hermannsdenkmal zusammenzukriegen, Wilhelm I. hatte den Bau schließlich ermöglicht. Das war 1888/89 anders.

Wilhelm I. war zur Zeit seines Todes ein geachteter, ja populärer Monarch. Er galt aufgrund der Siege in den sog. Einigungskriegen als Heldenkaiser, er, der die deutschen Truppen höchstpersönlich beim Sieg in Sedan 1870 angeführt hatte. Wilhelm stand für das preußische Militär, dessen Erziehung er genossen hatte, dessen Denken ihn prägte. 1848 trat er für eine militärische Bekämpfung der Revolutionäre in Berlin ein, war 1849 ein zentraler Akteur bei der Niederschlagung der badischen Revolution. Verbittert beklagte Ferdinand Freiligrath in seinem Gedicht „Die Todten an die Lebenden“ „Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen“ (Nürnberger Tagblatt 1848, Nr. 85 v. 7. Oktober, 339). Doch der als „Kartäschenprinz“ beschimpfte Kronprinz lernte und mäßigte sich, nahm Grundgedanken des Liberalismus ernst und auch auf. Als Prinzregent läutete er 1858 eine kurze „Neue Ära“ ein. Deutsche Geschichte konnte auch etwas anderes sein als „Blut und Eisen“. Obwohl konstitutionell eingehegt, war Wilhelm dennoch vom Gottesgnadentum überzeugt. 1861 krönte er sich selbst – und berief 1862 dann Otto von Bismarck (1815-1898), um die königlichen Prärogative im Verfassungskonflikt strikt zu verteidigen. Wilhelm I. ließ seinen Kanzler agieren, auch wenn er dessen Vorstellungen von einer Zweckkoalition von Monarchie und liberaler Bewegung in einem Nationalstaat nur bedingt teilte. Wilhelm wusste, dass die 1871 festgezurrte kleindeutsche Lösung das Ende Preußens mit einschloss, das Ende der Herrschaft souveräner Fürsten. Er war klug genug, die um Konsolidierung bemühte Außenpolitik seines Kanzlers zu unterstützen. Auch wenn deren Friktionen bei seinem Tod offenkundig waren, galt er nach 17 Jahren ohne Krieg doch als Friedenskaiser. Er verkörperte Pflichtbewusstsein und Arbeitsamkeit, Prunksucht war ihm fremd. Doch er hatte erst Katholiken verfolgen lassen, dann die Sozialdemokraten, obwohl letztere nicht die fünf Attentate auf den Monarchen zu verantworten hatten. Eine gemischte Bilanz, geschönt im nationalen Überschwang.

03_Centralblatt der Bauverwaltung_10_1890_p388_Porta-Westfalica_Denkmal_WilhelmI

Die von Bruno Schmitz geplante Gesamtanlage des Denkmals am Wittekindsberg (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 388)

Friedenskaiser, Heldenkaiser – solche Träume hegte auch sein Enkel Wilhelm II., der 1888 die Kaiserkrone übernahm und zugleich eine Geschichts- und Medienpolitik begann, in der Wilhelm „der Große“ eine zentrale Rolle einnahm (vgl. Die Kaiser und die Macht der Medien, Berlin 2005). Er billigte die bürgerlichen Denkmalspläne, auch wenn öffentlich die Zersplitterung des vermeintlich nationalen Denkmalwerkes breit kritisiert wurde (Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 64). Zuvor aber lief das Denkmalprojekt weiter. Am 31. Januar 1890 startete ein Wettbewerb um den besten Bauentwurf, 56 deutsche Künstler reichten 58 Projekte ein. Ziel war „ein der Landschaft sich anpassendes Bauwerk […], welches den Gedanken des Kaiserdenkmals schon aus der Ferne erkennen lässt und in Verbindung mit einem Bildnis Kaiser Wilhelms“ (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 56) stehen sollte. Die Kosten waren bei 600.000 Mark gedeckelt. Im August standen zwei Sieger fest, von denen schließlich der Entwurf des Berliner Architekten Bruno Schmitz (1858-1916) umgesetzt wurde. Dieser hatte zuvor bereits den vom Deutschen Kriegerbund ausgelobten Wettbewerb um das in Thüringen gelegene Kyffhäuserdenkmal gewonnen. Auch sein eigentlich nur zweitplatzierter Entwurf für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck bei Koblenz wurde schließlich realisiert. Schmitz, der zuvor schon ein monumentales Heldendenkmal in Indianapolis, Indiana gebaut hatte, war schließlich auch für das 1913 in Leipzig eingeweihte Völkerschlachtdenkmal verantwortlich. Wie schon zuvor in den USA konnte er auch bei der Ausgestaltung des Porta-Westfalica-Denkmals auf ausländische Hilfe zurückgreifen. Das erzene Standbild des Herrschers stammte vom Wiener Bildhauer Caspar von Zumbusch (1830-1915), der auch auf Wünsche Wilhelm II. einging (zur Umsetzung vgl. Fred Kaspar, Das Kaiserdenkmal an der Porta-Westfalica, Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 2007, H. 1, 19-21, hier 20-21).

04_Blätter für Architektur und Kunsthandwerk_03_1890_Tafel102_Schmitz_Denkmal_Porta-Westfalica

Der siegreiche Entwurf „Auf hoher Warte“ von Bruno Schmitz (Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 3, 1890, Tafel 102)

Schmitz Entwurf meisterte die Aufgabe der Fernwirkung nicht durch riesige Türme oder gar eine Monumentalfigur, sondern durch eine Kombination von Standbild und offenem, mit einer Kaiserkrone geschmücktem Baldachin mit schmalen Säulen (vgl. Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 3, 1890, 41; Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 481-482). Damit wurde der Betrachter eingeladen, dem Herrscher entgegenzutreten, ihn als machtvolle und quasi unter freiem Himmel stehende Person zu sehen. Der vorgelagerte Festplatz erlaubte gleichermaßen Gruppenreisen wie Festspiele, bot zugleich aber eine gewisse Bewegungsfreiheit. All das war nicht wirklich originell, doch der Entwurf wurde wegen „maßvoller Einfachheit und überzeugender Lebensfähigkeit“ (Centralblatt der Bauverwaltung 10, 1890, 388) gelobt. Das neue Denkmal galt als gelungene Materialisierung des Nationalgedankens, stellte sich zudem bewusst in die lang zurückreichende Historie dieses Ortes (Der Bär 17, 1890/91, 431). Man war sich der „derben, kräftigen Formen“ der Ausführung bewusst, doch damit sollten auch „Beschädigungen durch Muthwillen und zerstörende Einflüsse der Witterung“ (Ebd., 389) ausgeschlossen werden. Vielfach bemängelt wurde allerdings, dass Schmitz sich bei seiner „Verherrlichung des neuen Deutschen Reiches und Kaiser ‚Weißbarts‘“ (L. Paloczy, Porta Westfalica, Pester Lloyd 1896, Nr. 256 v. 26. Oktober, 9) doch zu stark wiederholt habe, erinnerte doch manches an das Kyffhäuserdenkmal. Kritiker monierten auch den „von fast allen nationalen Beziehungen losgelösten Stil, der, fast international, beinahe auf jeden Boden passt“ (Deutsche Bauzeitung 24, 1890, 482). Die Platzierung des Kaiserstandbildes unter einen Baldachin erschien vielen fraglich, war doch ein direkter Blick oft nicht gewährleistet. Selbstredend gab es grundsätzliche Kritik seitens der Arbeiterbewegung, aus der es hieß, „es ist ein Jammer, in Deutschland zu leben, wo es nicht still werden will von Wilhelms-Denkmal-Enthüllungen […]. Auf deutschen Bergen wirbeln Trommeln, schmettern Trompeten und ertönen die schnarrenden Kommandorufe preußischer Kommandeure. Und die Freiheit? Wohin hat die Freiheit sich geflüchtet? – In die Thäler, wo es brodelt und qualmt und Legionen von Arbeitern stehen“ (Arbeiter-Zeitung 1896, Nr. 291 v. 22. Oktober, 6).

05_Centralblatt der Bauverwaltung_17_1897_Blatt44_Porta-Westfalica_Denkmal_WilhelmI

Das fertig erbaute Denkmal 1896 (Centralblatt der Bauverwaltung 17, 1897, Blatt 44)

1891 wurde der Vertrag zwischen Schmitz und dem westfälischen Provinzial-Ausschuss geschlossen (Centralblatt der Bauverwaltung 11, 1891, 144). Parallel baute man eine touristische Infrastruktur auf. Die AG Porta Westfalica errichtete ein großzügiges Hotel Kaiserhof, es folgten ein Bahnhof, eine Kaiserstraße und eine Trambahn (Der Bär 17, 1890/91, 531). Der eigentliche Bau begann 1892, wurde durch vielfältige Probleme mit Baufirmen und auch der Gestaltung jedoch verzögert. Der ursprüngliche Entwurf erwies sich als zu teuer, hätte ca. 1,262 Millionen Mark verschlungen. Der Provinzial-Landtag verlangte daraufhin Änderungen in der Struktur, den Dimensionen und des Baumaterials (vgl. W[ilhelm] Moelle, Das Kaiserdenkmal an der Porta westphalica, Deutsche Bauzeitung 32, 1898, 1-3, 5). Die geplanten Ecktürme fielen weg, auch auf Schmuck wurde großenteils verzichtet. So blieb man einigermaßen im Kostenrahmen. Ein Jahr später als geplant konnte das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica dann am 18. Oktober 1896 eingeweiht werden (zum Bau selbst vgl. Centralblatt für Bauverwaltung 16, 1896, 469-471; Scientific American 77, 1897, 235).

Der 18. Oktober war bewusst gewählt worden. Dies war der Geburtstag von Friedrich III. (1831-1888), dem Sohn Wilhelm I. Und es war der Tag, an dem verbündete Heere in der Leipziger Völkerschlacht den Sieg gegen die Truppen Napoleons errungen hatten. Das wurde denkmalskräftig an gleich drei Standorten gefeiert: Eingeweiht wurde das von Karl Janssen (1855-1927) geschaffene Reiterstandbild Wilhelm I. in Düsseldorf, das von Schmitz entworfene und gebaute Denkmal für Wilhelms Gemahlin Augusta (1811-1890) in Koblenz und schließlich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica. Etikettegerecht besuchte Wilhelm II. am Morgen das Grab seines Vaters in Potsdam (Altonaer Nachrichten 1896, Nr. 246 v. 19. Oktober, 1), ehe er mit seiner Gattin gen Minden aufbrach, wo er um 14 Uhr 20 eintraf. Dort waren derweil die Vorbereitungen abgeschlossen, zumal der Blumen-, Kranz- und Fahnenschmuck bis hin zum Denkmal. Schade nur, dass es regnete, dass es stürmte. Dennoch herrschte allgemeine Feststimmung. Kriegervereine und Anwohner säumten die Straßen, auf den Tribünen beim Denkmal fand man die westfälischen Honoratioren, die Militärs und auch die Bischöfe. Nicht weniger als 700 Posaunisten warteten auf den immer noch jungen Kaiser, spielten aber schon vor dessen Eintreffen patriotische Weisen (Berliner Tageblatt 1896, Nr. 535 v. 19. Oktober, 2). Über die 60.000 Mark teure Kaiserstraße ging es voran, eine Kürassierschwadron vor der Kutsche des Herrschers, Salutschüsse kündeten sein Eintreffen. 15 Uhr; er in Husarenuniform, sie im moosgrünem Plüschkostüm. Ehrenkompanie abschreiten, allgemeine Begrüßungsrunde im Kaiserzelt. Gesang aus 600 Männerkehlen ertönt zum neu komponierten Sängergruß. Derweil hat es sich aufgeklärt. Der westfälische Vertreter Alexander von Oheimb (1820-1903) preist nun die Hohenzollern, den allerdurchlauchtigsten Kaiser und König, spricht sich für die Wahrung und Förderung des allgemeinen Wohles aus, „daß das Reich in Eintracht erstarke, daß Frieden, Treue und Gottesfurcht in demselben erhalten bliebe“ (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1896, Nr. 492 v. 19. Oktober, 1). Es folgt der „Festgesang zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms des Großen“, dann die Besichtigung des Denkmals. Majestät zeigt sich zufrieden. Vorbeimarsch der Ehrenkompanie der Vereine. Sonnenschein, Kaiserzelt. Der Ehrentrunk huldvoll entgegengenommen, der Dank des Herrschers, ein Trinkspruch auf das Wohl der Provinz Westfalen. Allseits Begeisterung. Dann einige Gespräche, kurz vor 16 Uhr Abritt. Allgemeine Hochrufe. Ausspannen, Festmahl im Hotel Kaiserhof mit 370 Personen.

06_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Uwe-Spiekermann

Schilderwald und Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Auch mein Besuch fand bei Sturm und Regen statt. Gelockt hatten mich Nachrichten vom Umbau und der Wiedereröffnung des Denkmals. 2014 hatte es einen neuerlichen Wettbewerb gegeben, Ziel war vor allem die Stabilisierung von Terrasse und Außenring, ferner eine neugestaltete Gastronomie, ein Besucherzentrum für die Wissbegierigen sowie ein Parkplatz für alle. Das Geld kam vor allem vom Eigentümer, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), zudem gab es eine kräftige Finanzspritze des Bundes und Zuschüsse der Stadt Porta Westfalica. Der Kostenrahmen wurde mehrfach überschritten, am Ende 16,4 Millionen Euro verbaut. 2016 fand die Grundsteinlegung statt, 2018 dann die Neueröffnung. LWL-Direktor Matthias Löb machte zuvor klar: „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“ (zit. n. Bernd Bexte, Mehr als ein Denkmal für den Kaiser, Westfalen-Blatt 2018, Ausgabe v. 21. Februar). Gleich 2000 Jahre solle der Besucher erleben können, „von den Römern in Germanien (ein römisches Marschlager befand sich in direkter Nachbarschaft in Barkhausen) über das Mittelalter (das Areal der Wittkindsburg ist fußläufig erreichbar) bis hin zu Preußens Gloria und dem Elend der Zwangsarbeiter, die in der NS-Zeit im später von den Briten gesprengten Stollen unter dem Denkmal für die Rüstungsindustrie arbeiten und vielfach auch sterben mussten“ (Ebd.). Das klang vielversprechend, nach breit angelegter Geschichtsvermittlung, nach einer Kontextualisierung preußischer, äh, na, wohl eher deutscher Geschichte.

07_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Uwe-Spiekermann

Getrübter Durchblick: Informationsbehälter mit Ankündigungsmaterial

Bei Ankunft zeigte sich die volle Größe des Parkplatzes, denn an diesem regnerischen Samstag gab es praktisch keine Besucher. Das Denkmal kann kostenlos besucht werden, für das Auto sind aber drei Euro aufzubringen. Hat ja alles gekostet. Vorbei an einem kompakten Kiosk, an technisch hochwertigen Toiletten, vielen Müllbehältern, einer leider beschlagenen Glasvitrine mit daher nicht lesbarer Karte der Gesamtanlage sowie an Informationsbehältern. Dann die Straße die Anhöhe hoch. Ein eigenartiges Geviert wurde sichtbar, der Eingang zum Besucherzentrum.

 

 

08_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Besucherzentrum_Uwe-Spiekermann

Hier kehrt man gerne ein – Treppenhaus zum „Besucherzentrum“ und zur Gaststätte

Hinab also die gastlich einladende Steiltreppe. Ein wenig glitschig, doch jeder Besuch ist ein Abenteuer. Innen angekommen, wurde ich erst einmal mit den Angeboten des Restaurants vertraut gemacht. Ordentlich bürgerlich, mittlere Preisklasse, bei an sich herrlichem Ausblick sicher schön. Doch der Sinn stand mir eher nach geistigen Genüssen, nach dem angekündigten Parforceritt durch die 2000 langen Jahre. Davon sah man erst einmal nichts, denn unter der Überschrift „Kaiserliche Aussichten“ waren dort zahlreiche Gruppenphotos aufgehängt worden, allesamt Besucher des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Dazwischen moderne Bildschirme, teils mit Spaßprogramm. Jugendliche mit vorgehaltenem Oberlippenbart. Sollte wohl etwas mit Preußen zu tun haben (dabei war die Berliner Bartmode um 1900 doch von spitzen, eingedrehten Bartenden geprägt, nicht aber von den dort gezeigten rundlich wogenden…).

09_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Besucherzentrum_Uwe-Spiekermann

Nordkorea lässt grüßen. Aus dem Besucherzentrum

Nun ja, voran. Ich stieß auf eine moderne Stehle mit zahlreichen anderen Denkmälern, allesamt mit ein, zwei Sätzen vorgestellt. Vergleichende Denkmalkunde, in der Tat. Der Vergleich blieb zwar auf der Strecke, wurde mit nur wenigen Sätzen begründet, doch nebeneinandergestellt zeigte sich ein globales Panorama. Eine vergleichende europäische Analyse der Nationaldenkmäler hatte der Historiker Thomas Nipperdey (1927-1992) schon im Gefolge seines 1968 erschienenen Aufsatzes „Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert“ gefordert. Dies schien man hier aufgegriffen und gar erweitert zu haben. Kim Il-sung (1912-1994) und Kim Jong-il (1942-2011) traten mir entgegen, kleine Repliken des 2012 umgebauten Großmonuments Mansudae in Nordkorea. Viele andere Bilder fanden sich im Umfeld, etwa die vier US-Präsidenten von Mount Rushmore, der Arc de Triomphe oder die kontrovers beurteilten Monumente des russischen Bildhauers Surab Zereteli (1934-). All das nahm ich sehr rasch wahr, denn viel mehr als Bildunterschriften und einige Thesen zur relativen Ähnlichkeit aller monumentalen Machtausübung war nicht vorhanden. Nun ja, „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“. Deshalb wohl fehlte ein kleiner Skandal aus dem Jahre 1926, als man Denkmäler von Bruno Schmitz in Wasmuths Monatsheften für Baukunst und Städtebau neben sowjetischen Monumenten inklusive der Kremlmauer stellte. Die Akademie des Bauwesens war empört und protestierte (Centralblatt der Bauverwaltung 46, 1926, 488). Hätte gut gepasst, kann aber noch eingearbeitet werden zwecks kritischer Kontextualisierung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Doch im Besucherzentrum blieb diese Kontextualisierung dunkel. Es war irgendwie kritisch. Und kritisch ist gut. Mehr davon.

10_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Besucherzentrum_Uwe-Spiekermann

Zweisprachig und mit weniger Informationen als der einschlägige Wikipedia-Artikel. Denkmalskunde im Besucherzentrum

Schon war ich am „Rondell“, das den Besuchern das Denkmal näher bringen will. Es bot Informationen zu Wilhelm I. (und den Hohenzollern), zum Bau des Denkmals und zu den Besuchern. Im Mittelpunkt standen wieder Bilder, kurz erläutert von dürren Unterschriften, kaum verbunden mit wenigen Sätzen, die historischen Kontext darboten. War das alles? Der Kaiser als Kartäschenprinz, dann rasch zum Krieg mit Frankreich. Dazwischen nichts. Otto von Bismarck, der Kanzler als eigentlicher Herrscher. Und natürlich der nicht eindeutig Wilhelm I. zuzuschreibende Satz „Ich habe keine Zeit, müde zu sein.“ Nein, müde konnte man von derartigen fundierten Informationen nicht werden, reicht meine Aufmerksamkeitsspanne doch weit über die Öffnungszeiten derartiger Geschichtsanimation hinaus. Und die konnte auch nicht durch nachgespielte Szenen aus der deutschen Geschichte erschöpft werden, Szenen, die selbst im ZDF zu Qualitätsdiskussionen geführt hätten. Geschichte als Drama mit wenigen markanten Sätzen.

11_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Besucherzentrum_Uwe-Spiekermann

Panoramawand mit Historienschnipseln. 2000 Jahre Geschichte im Besucherzentrum

Doch da war ja noch etwas, nämlich eine Panoramawand. Die mit den 2000 Jahren Geschichte. Ein bisschen Heimatkunde, ein bisschen Animation, allesamt nur einfache Aussagesätze zu den zahlreichen mit der Porta Westfalica verbundenen Themen. Ernsten Themen. Voller Leben, voller Sterben. Wer mehr wissen will, der kann mittels Bildschirm ein wenig vertiefen. Wer noch mehr möchte, kann sicher zu Hause auf das Internet zurückgreifen. Bücher wurden keine verkauft. Doch Werbebroschüren lagen aus. „Historiker, Archäologen, Naturschützer und Heimatpfleger haben für die Stationen interessante Geschichten zusammengetragen“ lese ich dort. Schade, dass sie diese nicht verbunden haben. Immerhin bot die Rückseite der Panoramawand eindringliche Bilder vom Umbau der Terrasse, von den Herausforderungen für Bautechnik und Baustatik. Leider aber kaum etwas zur Geschichte des Denkmals.

12_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Uwe-Spiekermann

Die neue, attraktiv gestaltete Oberterrasse

Ich verlasse die heiligen Hallen der Bildung und reibe mir kurz die Augen. Auch ein neuerlicher Blick über die neu gestaltete Oberterrasse unterstreicht, dass ich hier wirklich im Besucherzentrum gewesen sein muss. Das also ist alles, was der Landschaftsverband Westfalen-Lippe seinen Besuchern mitteilen möchte. „Es geht hier nicht nur um Kaiser Wilhelm I.“. Ja, ich habe verstanden.

13_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Uwe-Spiekermann

Errungenschaften der Neugestaltung – Ein architektonisches Meisterstück der Behindertengerechtigkeit

Der eigentliche Stolz der Macher gilt nicht dem Denkmal, gilt nicht diesem grundsätzlich hervorragenden Lernort zur deutschen Geschichte. Er gilt den rollstuhlgerechten Aufzügen zum Besucherzentrum, den Parkplätzen für Gehbehinderte, nein, für „Menschen mit Gehbehinderung“. Die obere Terrasse ist barrierefrei erschlossen. Schade, dass man trotz umfangreicher Neubaumaßnahmen von wahrlich anheimelnder Architektur das eigentliche Denkmal dennoch nicht begehen kann. Denn es hat Treppen, bis heute. Wie rücksichtslos man im 19. Jahrhundert war… Und das bei den vielen Kriegskrüppeln… Die örtliche Gedenkkultur der Veteranen auch nach dem Ersten Weltkrieg erscheint nicht. Die der Amputierten, der Kriegsblinden, der Vernarbten, der Versehrten, der psychisch Labilen, denn an all die wurde auch hier, an diesem Denkmal erinnert. Von denen die übriggeblieben waren, innerlich gezeichnet. Heute ist das anders. Doch warum man die nicht vorhandenen Barrieren überwinden soll, bleibt unklar. Denn für die Vergangenheit, für die Geschichte dieses Denkmals, scheinen sich die Macher nicht zu interessieren.

14_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Uwe-Spiekermann

Neue Bewehrung: Fernrohre für Weitblicke

Dabei haben sie sich doch so viel Mühe gegeben. Die Brüstung des eigentlichen Denkmals wurde mit neuen Zäunen versehen, so dass niemand zu Schaden kommt. Das ist wichtig. Doch dabei soll natürlich der Spaß nicht zu kurz kommen. Daher verkleidete man die Brüstung mit leistungsfähigen Fernrohren. Nutzbar gegen eine kleine Gebühr. Hat ja alles gekostet. Allein die Pflastersteine. Weitblicke sind so möglich. Besser als nichts. Doch Einblicke wären mir auch ganz lieb gewesen. Vielleicht auch, weil ich vom Bildungsauftrag öffentlicher Einrichtungen überzeugt bin. Schade, dass man beim LWL anders denkt.

15_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Uwe-Spiekermann

Erinnerungen, die bleiben

Doch Spaß kann man haben. Ein kleiner Automat erlaubt das neckische Umprägen von Kleingeld in Erinnerungsstücke. So kann man etwas mit nach Hause nehmen. Den Eindruck der Gesamteinlage. Das Bild von Baldachin und Standbild. Leider nicht viel mehr. Vielleicht „Kartäschenprinz“, die Kim-Familie und die vielen Gruppenbilder… Stolz vermerken die Macher, dass man es durch den Umbau wohl schaffen werde, die durchschnittliche Verweildauer von 15 Minuten auf eine Stunde zu steigern. Wegen der Gastronomie. Weswegen auch sonst?

 

Ich gehe die Anhöhe wieder herunter. Ja, ich bin länger als der Durchschnittsbesucher geblieben. Und dass, obwohl ich es schaffe an dem Parkplatzkiosk vorbeizukommen, ohne dort etwas gekauft zu haben. „Willem“ heißt es – doch warum, konnte man mir nicht sagen. Ist halt ein Kiosk an irgendeinem Berg…

16_Kaiser-Wilhelm-Denkmal_Porta-Westfalica_Kiosk_Uwe-Spiekermann

Willem Snack and Go oder Die Tristesse der deutschen Grundverpflegung

So verlasse ich denn diesen Ort. Einen Ort, der es erlauben würde, die Geschichte des deutschen Kaiserreichs kritisch zu vermitteln. Doch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe ist daran offenbar nicht interessiert. Die Neugestaltung entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Flucht vor der Vergangenheit. Dabei ist das Kaiserreich bis heute aktuell, führt das Leben Wilhelm I. und die Denkmalsgründung in Porta Westfalica doch an zentrale Themenfelder auch unserer durch den deutschen Staat tagtäglich geprägten Gegenwart heran.

Da ist die Frage nach der Identität unseres Gemeinwesens: Was ist deutsch, was macht dieses Volk, diesen Staat, diese Nation aus? Wilhelm I. stand für die endgültige Aufsplittung der deutschen Kulturnation in zwei Reiche, stand für eine Verengung des Nationalbegriffs auf ein kleindeutsches, ein nationalliberal-konservatives, protestantisches Deutsches Reich. Doch er stand auch für etwas kleineres Großes, für ein ideal gedachtes Preußen, eines, in dem jeder „nach seiner Fasson selich“ werden konnte, in dem das gesatzte Recht galt, die Wissenschaften und das Gewerbe gefördert wurden, neuartige Bildungskonzepte entwickelt und mit Leben gefüllt werden konnten. Führt man sich das vor Augen, so erscheinen die heutigen Debatten eigenartig uninspiriert, der Breite der Geschichte nicht angemessen.

Da ist die Frage nach der Essenz des Bürgertums. Wilhelm I. bekämpfte Revolutionäre, erweiterte Bürgerrechte während der neuen Ära, bekämpfte sie neuerlich, ehe er Kernpunkte des Konstitutionalismus akzeptierte und respektierte. Wie definiert sich der Bürger angesichts der Macht des stets überbürdenden Staates und seiner Institutionen? Ist er Untertan, der sich anpassungsschlau wegduckt angesichts einer „alternativlosen“ Politik, der mitblöckt, wie Heinrich Manns Diederich Heßling? Oder ruft man mit Freiligrath: „Der Rang ist das Gepräge nur, Der Mann das Gold trotz alledem!“ (1843).

Da ist die Frage nach der Wehrkraft eines Landes, nach Verteidigung und Militarismus. Wilhelm I. hat in derartigen Kategorien gedacht, während es in diesem unserem Lande fast den Eindruck hat, dass man zwar mehr Soldaten in Auslandseinsätze schickt als die Kolonialmacht Deutsches Reich, dass man im Innern aber die Funktion bewaffneter Streitkräfte nicht mehr recht versteht, sich damit jedenfalls nicht auseinandersetzen möchte.

Da ist die Frage nach dem Warum dieser Flucht vor der Geschichte. Dient Geschichte, zumal in ihrer erinnerungspolitischen Engführung, nicht mehr dem Leben, ist sie negativ monumentalistisch geworden, weiß keinen Funken mehr zu entzünden? Oder ist sie eine Last, der ein friedlich arbeitender und konsumierender Mensch nicht mehr bedarf, wie eine Herde: „sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig“ (Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Stuttgart 1985, 7).

Da ist aber auch die Frage nach der Essenz der Wissensproduktion der Experten, in diesem Falle der Historiker. Welche Bedeutung besitzt eine kritische Geschichtswissenschaft angesichts staatlicher Geschichtspolitik, die von einem staatlich finanzierten Wissenschaftssystem vielfach affirmativ begleitet und gestützt wird? Folgt man den Moden der Profession, die sich vom 19. Jahrhundert seit langem abgewandt hat und dennoch (vielleicht auch deshalb?) öffentlich zunehmend bedeutungslos wird?

17_Porta-Westfalica_Hotel-Kaiserhof_Uwe-Spiekermann

Wo einst Wilhelm II. residierte – und ein Außenlager des KZ Neuengamme bestand

Zu all diesen Fragen – und natürlich zu den vielen kleinen Fachfragen – hätte ich gerne mehr am Denkmalsort erfahren, doch dies unterblieb. Und so verließ ich den Ort. Nicht ohne nochmals anzuhalten. Am Hotel Kaiserhof, am Fuße des Wittekindsberges. Dort wo einst Wilhelm II. tafelte und wohin er wieder zurückkam, im September 1898, beim Kaisermanöver (Allgemeine Zeitung 1898, Nr. 248 v. 8. September, 6). Seine Geschichte müsste gesondert erzählt werden. Ein anderes Denkmal in Porta Westfalica, das 1933/34 errichtete Schlageter-Denkmal auf der anderen Weserseite, am Jakobsberg, gab quasi den Takt vor. Es stand für die nationalsozialistische Transformation der Region, die auch das Hotel prägte. Im März 1944 wurde hier ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. Bis zu 1.500 Häftlinge mussten hier leben, um Arbeit im Stollen unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals zu leisten. Ca. 600 Personen kamen dabei ums Leben (Informationstafel der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica am Hotel, 20. Februar 2019; https://www.gedenkstaette-porta.de/). Das Hotel musste 2011 Insolvenz anmelden, im gleichen Jahr zerstörte ein Brand große Teile des Hauses. Ein Wiederaufbau des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes ist nicht in Sicht. Das wäre ein guter Ort für eine Gedenkstätte, für ein historisches Museum. Vielleicht wäre das eine Alternative für die Flucht vor der Vergangenheit bergauf.

Uwe Spiekermann, 3. April 2019

Mittel gegen den Massentod? Zur Geschichte des Eichelkakaos

Eichelkakao? Geht es nicht noch kleiner? Sollten sich Historiker nicht mit großen, zumindest aber größeren Themen beschäftigen? Absolut richtig! Und deshalb, gerade deshalb ist ein Blick auf die vermeintlich kleinen Dinge wichtig, die den Alltag von Millionen von Menschen mitbestimmt, die gar das Leben von Zehntausenden erst ermöglicht haben. Eichelkakao war kein modisches Hipstergetränk, keine kommunikativ zu schlürfende Süßware. Es handelte sich um ein Heilmittel, das stopfend wirkte und so Durchfälle mindern, Magen- und Darmbeschwerden lindern konnte. Eichelkakao war ein Präparat mit Wirkung, dessen Geschichte den Weg hin zu unserem heutigen pharmazeutisch-therapeutischen Dasein nachvollziehbar macht. Während Eichelbrot nur in Kriegs- und Notzeiten konsumiert wurde und Eichelkaffee ein überschätztes Heilgetränk blieb, war Eichelkakao ein effektives Pharmakon, verpackt in der Süße eines angenehm mundenden Tranks.

Der Wirkstoff aber war bitter, entstammte der Eiche, genauer dessen Früchten, den Eicheln. Sie dienten in der vorindustriellen Zeit der Mast von Wild und Schweinen, wurden von Menschen nur dann gegessen, wenn anderes nicht zur Verfügung stand. Eicheln haben einen hohen Gerbstoffgehalt, zumal die in Deutschland gängigen Stiel- und Zerreichen. Sie müssen verarbeitet werden, können erst nach dem Auslaugen, Rösten und Mahlen als Nahrung dienen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden sie als Grundlage für „teutschen“ Kaffee propagiert, doch derartiger Eichelkaffee wurde kaum konsumiert. Seit den 1770er Jahren jedoch gerieten Eicheln in das Blickfeld mehrerer auf Entdeckertum und Sinneserfahrung setzenden Mediziner. Unisono empfahlen der Marburger Friedrich Joseph Wilhelm Schröder (1733-1778), der Hannoveraner Jacob Marx (1743-1789) und der von Hof zu Hof wandernde Melchior Adam Weikard (1742-1803) die therapeutische Nutzung von Kaffee aus Eicheln. Die Eichelkraft öffne die Drüsen, ließe die Säfte fließen. Im Denken der damaligen herrschenden Meinung, der sog. Vier-Säfte-Lehre, war dies ein entscheidender Hebel für den Einsatz von Eicheln und des „medicinischen“ Eichelkaffees gegen eine Großzahl der damals gängigen Krankheiten. Mögen auch nach unserem heutigen Verständnis fast alle diese Anwendungen verfehlt und wenig hilfreich gewesen sein, so destillierten sich im späten 18. Jahrhundert doch zwei Anwendungsgebiete heraus: Allgemeine Kräftigung und Magen-Darm-Krankheiten. Kleinkinder und Ältere standen im Mittelpunkt des Interesses; wobei zu beachten ist, dass der Gang zum Medikus zu dieser Zeit ein Privileg zahlungskräftiger Gruppen war. Da Eicheln im Herbst aber breit verfügbar waren und Kochen und Rösten gängige Hausarbeiten, gewann der Eichelkaffee eine gewisse Alltagsbedeutung als stärkender Trank für die Kinder und als Labetrunk für die Greise.

Allen Bemühungen zum Trotz blieb der bittere Geschmack ein Kernhindernis für die weitere Verbreitung des Heilmittels. Entsprechend bemühten sich dessen Propagandisten von Beginn an, es mit zusagenden Zusätzen anzureichern. Marx empfahl den Zusatz von einem Viertel Kaffee oder einem Achtel Kakao (Magazin vor Aerzte 1, 1778, 141) und der österreichische Botaniker und Kinderarzt Heinrich Johann Nepomuk Crantz (1722-1797) folgte ihm, um den Eichelkaffee so „wohlschmeckender zu machen“ (Medizinische und Chirurgische Arzneymittellehre, Bd. I, Th. I, Wien 1785, 204). Auch der Altonaer Arzt Johann August Unzer (1727-1799) schloss sich in seinem Medicinisches Handbuch an (Neue verb. Aufl., Agram 1787, 226). Einmal etabliert, wurden derartige Ratschläge als Handbuchwissen weitergetragen, wobei Kaffee- oder Kakaozusätze auch durch Zimt oder Milch ergänzt werden konnten, so der Leipziger Mediziner Gotthilf Wilhelm Schwartze (1787-1855) in seinen weit verbreiteten Pharmakologische Tabellen, ehedem eine Handreichung für den praktischen Arzt (Bd. 1, Leipzig 1819, 99). Die Eichel enthielt den Wirkstoff, doch Kakao konnte als Mantelstoff, als Wirkmittelträger dienen. Eichelkaffee mit Kakao dürfte in der ärztlichen Praxis des frühen 19. Jahrhunderts entsprechend Anwendung gefunden haben – wobei der relativ hohe Preis die Patientenschar übersichtlich hielt.

Dieser Zusatz aber etablierte noch keinen Eichelkakao. Eichelkaffee hatte eine moderate Wirkung auf die Verdauung, eher stopfend als lösend. Doch diese hing von der Art der Eicheln ab, von deren Zubereitung und Aufbewahrung. Zielgerichtete Medikamente sind etwas anderes. Das galt auch für die Eichel-Schokoladen, die seit den späten 1820er Jahren neben den Eichelkaffee mit Kakao traten. „Schokolade“ war damals ein schillernder Begriff, ließ sich nicht auf die uns geläufige Tafelschokolade reduzieren. „Schokolade“ bedeutete damals häufig Koch- und Trinkschokolade; die selten gewordene Bezeichnung „heiße Schokolade“ erinnert noch hieran. Eichel-Schokoladen waren gewerblich hergestellte Produkte, die auf der Gesundheitsreputation der Eicheln aufbauten, die den Kunden zugleich aber auch mundeten.

Dank der umfassenden (aber leider nur bis in die 1870er Jahre reichenden) Digitalisierung eines Großteils der bayerischen Zeitschriftenliteratur durch die Bayerische Staatsbibliothek lässt sich die Kommerzialisierung eines zuvor im häuslichen Rahmen zubereiteten Heilmittels genauer nachzeichnen. Spätestens 1827 wurde in München von der im Mai gegründeten „Chocoladen-Fabrik“ des Gregor Martin Mayrhofer selbst hergestellte „Eichel-Chokolade“ produziert und verkauft – und das nach einer zuvor erfolgten ärztlichen Untersuchung des für Kinder und Nervenschwache gedachten Präparates (vgl. auch Hermann Schelenz, Geschichte der Pharmazie, Berlin 1904, 761, mit einer allerdings fehlerhaften Datierung).

01_Der Bayerische Volksfreund_1827_12_13_N159_p744_Eichelschokolade_Martin-Mayrhofer_München

Erstanzeige des Verkaufs von Eichelschokolade durch [Gregor] Martin Mayrhofer 1827 (Der Bayerische Volksfreund 1827, Nr. 159 v. 13. Dezember, 744)

Mayerhofers Schokoladefabrik bestand aus einem Handelsgeschäft, einem Schokoladenausschank sowie dem Verkauf von verschiedenen Schokoladen (Der Bayer’sche Landbote 1827, Nr. 61 v. 22. Mai, 335). Eichel-Schokolade wurde in größeren Quantitäten hergestellt und dann über einen längeren Zeitraum abverkauft (Ebd. 1828, Nr. 20 v. 14. Februar, 167). Anzeigen für die „nunmehr so beliebte Eichel-Chocolade“ richteten sich an den „hohen Adel“ und das Stadtbürgertum; sie sollte getrunken werden, entweder zuhause oder aber im Ausschank (Ebd. 1828, Nr. 54 v. 3. Mai, 449). Und der Pionier hatte Erfolg: Im Juni 1828 erhielt Mayrhofer ein fünfjähriges Privilegium für sein Produkt, das „nach den öffentlich bekannt gemachten Resultaten einer medicinisch-polizeylichen Untersuchung von ganz besonderm und heilbringendem Nutzen für Nervenschwache jeden Alters ist, und bey hektischen, atrophischen, scrophulösen, rachitischen Subjekten, besonders bey Kindern, nach vielen hitzigen und den meisten chronischen Krankheiten, nach großem Säfteverlust etc., mit dem größten Vortheil in Anwendung gebracht werden kann“ (Ebd. 1828, Nr. 75 v. 21. Juni, 614). Das Zitat verdeutlicht, dass Mayrhofer keine präzise Vorstellung von den Wirkungen seines Heilmittels hatte und letztlich nur die breiten Verheißungen der Eichelpropagandisten kommerziell nutzte. Er schuf aber eine neue, stetig (re)produzierte Gesundheitsware, überführte den heimischen Eichelkaffee damit in eine neue Sphäre. Mayrhofer blieb der führende Produzent in München. 1835 besuchte König Ludwig I. sein Etablissement und schmückte ihn später mit dem Titel des Hof-Chocolade-Fabrikanten und sein Geschäft mit dem der Hof-Materialwarenhandlung (Bayer’sche Landbötin 1835, Nr. 23 v. 21. Februar, 197; Regierung-Blatt für das Königreich Bayern 1848, Nr. 3 v. 25. Januar, Sp. 48).

Das Münchner Beispiel fand rasch Nachahmer, sicherlich auch begünstigt durch die 1828 patentierte Entfettung des Kakaos durch die Amsterdamer Schokoladenfabrikanten Casparus (1770-1858) und Coenraed Johannes Van Houten (1801-1887), durch die Kakao leichter zu Pulver und letztlich zu Trinkschokolade verarbeitet werden konnte. Weihnachten 1829 empfahl Wilhelmine Bauer in Regensburg ihre Cacao-Chocoladen, darunter die „reinen ungekünstelten Gesundheits-Eichel-Choccolade das Pfund 45 kr.“ (Regensburger Wochenblatt 1829, Nr. 5 v. 16. Dezember, 714). Spätestens 1830 bot auch der Kaufmann und Konditor Georg Heinrich Drexel seine „Chocolade-Fabrike“ in der Donaustadt an, darunter „auch Ißländisch Moos mit und ohne Salep, Reis- und Eichel-Chocolade, frei von allen fremdartigen Zuthaten“ (Regensburger Wochenblatt 1830, Nr. 7 v. 17. Februar, 95). Der Wettbewerb führte zu langsam sinkenden Preisen, deutlich unter den 54 Kreuzern, die Mayrhofer anfangs forderte. Und es blieb nicht bei Bayern. Die gewiss fragmentarischen Belege dokumentieren eine seit 1830 in Frankfurt a.M. vertriebene „Königl. Preuß. Privilegirte Eichel-Chocolade“, von der Berliner Sanitäts-Chocoladen-Fabrik Wilhelm Pollack hergestellt und empfohlen von Berliner Ärzten (Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung 1835, Nr. 108 v. 18. April, 7). In Wien las man im gleichen Jahr von einer von Ferer und Comp. angebotenen „Gesundheits- und Eichel-Chocolate“ (Wiener Zeitung 1830, Nr. 67 v. 23. März, 390). Und in Prag bot Joseph Wanig 1833 u. a. eine „Feine Wiener Eichel-Choccolade“ an (Prager Zeitung 1833, Nr. 44 v. 17. März, 23).

Eichel-Schokoladen wurden also seit etwa 1830 an verschiedenen Orten produziert und angeboten, doch ihr Vertrieb blieb lokal, bestenfalls regional begrenzt. Das lag auch an den Zollschranken zwischen den deutschen Territorien. Doch am Beispiel der Eichelschokolade zeigt sich, dass der 1829 zwischen Preußen und den süddeutschen Staaten geschlossene Zollverbund und dann der 1834 gegründete Deutsche Zollverein zu neuen, überregionalen Märkten und zum Entstehen leistungsfähigerer Schokoladeproduzenten führten. Seit spätestens 1830 offerierte die Potsdamer Dampf-Chocoladen-Fabrik von J.F. Miethe ihr breites Sortiment von aromatisierten Schokoladen, Kakao und Sanitäts-Chocolade, darunter auch „Süße Eichel-Chocolade“, im Süden Deutschlands (Augsburger Tagblatt 1837, Nr. 366 v. 7. Dezember, 1377). Die politischen Auseinandersetzungen vor Gründung des Deutschen Zollvereins umging Johann Friedrich Miethe (1791-1832) kurz vor seinem Tode durch Gründung einer zweiten Fabrik in Nürnberg mit Heinrich Lorenz Birkner (1792-1864) als Kompagnon (Der Friedens und Kriegs Kurier 1832, Nr. 49 v. 18. Februar, 3-4). Die in den meisten Städten Bayerns und Württembergs präsenten Herren warben, “daß wegen ihrer äusserst sorgsamen, nach den beßten ärztlichen Vorschriften und gründlichen technischen Erfahrungen geschehenen zweckmäßigen Bereitungsart und Beschaffenheit“ ihre Angebote „nach genauer Prüfung den strengsten Anforderungen genügen werden“ (Die Bayer’sche Landbötin 1832, Nr. 103 v. 28. August, 838). In den Anzeigen wurde immer wieder hervorgehoben, dass die Gesundheitsschokoladen „nach den Wünschen der Herren Aerzte“ zusammengestellt seien (Intelligenzblatt der Königlich Bayerischen Stadt Nördlingen 1833, Nr. 24 v. 11. Juni, 4). Stolz verwiesen wurde auf die kraftvolle und stetig arbeitende „Dampf-Chocoladen-Maschine“, die allein es ermögliche, derartige Kunstprodukte herzustellen (Allgemeiner Anzeiger 1832, Nr. 5 v. 18. Februar, insb. Sp. 23). Dabei handelte es sich wohl um eine Fortentwicklung des 1826 von Philippe Suchard (1797-1884) eingeführten Mélangeurs, mit dem Zucker und Kakaopulver enger verschmolzen werden konnten (zum damaligen Stand der Technik s. Die Chokoladefabrikation nach den neuesten Verbesserungen, Nürnberg 1841). Hervorgehoben wurde außerdem die hygienische Verpackung aus „feinem englischen Zinn“, versehen mit der „Etikette der Fabrik“ (Augsburger Tagblatt 1836, Nr. 13 v. 13. Januar, 3). Markenartikel waren diese Produkte aber noch nicht, denn noch dominierten Gattungsbegriffe, also eine sachliche Produktbezeichnung Werbung und Vertrieb (Die Bayerische Landbötin 1840, Nr. 94 v. 6. August, 794). Doch Eichelschokolade wurde von derartigen überregional ausgerichteten Firmen schon in vorportionierten Tafeln angeboten, die dann lediglich mit Wasser aufzukochen und eventuell mit Milch und Zucker zu ergänzen waren. Deutlich wird hier der langsame Übergang von der salzigen, mit Wasser zubereiteten Trinkschokolade hin zum süßen Kakaogetränk.

02_Leipziger Zeitung_1863_06_10_Nr136_p2914_Schokolade_Eichelschokolade_Jordan-Timaeus

Schokolade zwischen Nahrung und Pharmakon. Produktpalette von Jordan & Timaeus 1863 (Leipziger Zeitung 1863, Nr. 136 v. 10. Juni, 2914)

Ein weiterer überregionaler Anbieter von „Chocoladen (nach ärztlicher Vorschrift bereitet)“ war die 1823 gegründete Dresdener Schokoladenfabrik Jordan & Timaeus. Neben Eicheln verarbeiteten die Sachsen auch Isländisches Moos, Gerste, Fleischextrakt, Reis, Mandelmilch, Arrowroot und anderes zu Kochschokolade, die dann im Haushalt lediglich aufgekocht und eventuell mit Milch und Zucker geschmacklich verbessert werden musste (Leipziger Zeitung 1861, Nr. 206 v. 30. August, 4552; ebd. 1863, Nr. 136 v. 10. Juni, 2914). Derartige Waren wurden auch abseits von Sachsen verkauft, so etwa in der Magdeburger Kolonialwarenhandlung von Louis Sintenis (Magdeburger Zeitung 1850, Nr. 25 v. 30. Januar, 8). Für brustschwache und geschwächte Personen empfahlen Jordan & Timaeus in Bayern „Brust-Osmazon-Chocolade mit feinstem Bouillon-Extrakt, Eichel-, Mandelmilch-, Gersten- und Reis-Chocoladen“ (Fürther Tagblatt 1858, Nr. 237 v. 3. Oktober, 6).

03_Der Bayerische Volksfreund_1843_06_18_Nr097_p388_Eichelschokolade_Schokolade_Rosine-Schwankhard_München

Werbung für Eichelschokolade vor der Gewerbefreiheit (Der Bayerische Volksfreund 1843, Nr. 97 v. 18. Juni, 388)

Eichelschokolade war seit den 1830er Jahren gewiss „hie u. da käuflich“, so der Gießener Pharmakologe Philipp Phoebus (1804-1880) in seinem Handbuch der Arzneiverordnungslehre (Th. 2, Berlin 1836, 218). Sie war Teil des recht stetig steigenden Kakaoimports sowie der Produktion und des Konsums von „Schokolade“. Dabei handelte es sich aber nicht um simple Süßwaren, um Genussartikel zum Pläsier der Kinder und Damen. „Schokolade“ stand damals vielmehr zwischen Nahrungs- und Heilmittel. Eichel-Schokolade war ein Gesundheitsprodukt, verkauft in „Fabrikniederlagen“, in Drogeriewarenhandlungen und Apotheken – und erst seit der Jahrhundertmitte auch in Kolonialwarenhandlungen. Die Wachstumschancen wurden anfangs vor allem von kleineren, lokal ausgerichteten Firmen genutzt. Innovationen halfen die Grenzen der gebundenen Zunft- und Privilegienwirtschaft zu durchbrechen. Die Handelsliberalisierung innerhalb des deutschen Territoriums erlaubte die Etablierung größerer und überregional agierender Firmen. Eichel-Schokoladen wurden, wie schon seit längerem die Kaffeesurrogate, verpackt und gekennzeichnet verkauft. Im damaligen Warenabsatz war das eine Ausnahme, die die Entstehung früher Markenprodukte einfacher machen sollte.

Eichelschokolade war nie ein Massenprodukt. Doch nicht nur die fehlende Quantität begrenzte ihre Wirksamkeit als Heilmittel. Es handelte sich vielmehr um ein Produkt, welches die in es gesetzten Hoffnungen schlicht nicht erreichen konnte. Mochten einzelne Produkte auch Magen-Darm-Probleme eindämmen können, so gab es doch keine klaren Wirkmechanismen, keine präzisen Vorstellungen von den Wirksubstanzen, von ihrer physiologischen Funktion. Der Eichelschokoladenkonsum glich dem Schießen mit einer Schrotflinte. Irgendwie würde das Wild schon verenden. Doch begrenzten Wirkungen zum Trotz, verendeten seit den 1820er Jahren immer mehr Säuglinge. Mitte des Jahrhunderts starben in Preußen mehr als ein Fünftel der Neugeborenen im ersten Lebensjahr, in Bayern gar mehr als jedes dritte Kind. Die Ursachen lagen neben konstitutionellen Mängeln vor allem in Magen-Darm-Erkrankungen, hervorgerufen durch geringe Stillquoten, vergorene Milch, keimbelastete Nahrung, prekäre Wasserversorgung, Armut und eine fahrlässige Einstellung gegenüber dem Leben. Seit den 1860er Jahren wurde dem eine stetig wachsende Zahl von Kindernährmitteln entgegengestellt, viele, aber nicht alle davon waren hilfreich (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, Kap. 3.1). Eine wirksame Arznei hätte das Leben immens vieler retten können. Eichelkakao war ein solches Präparat – nicht aber Eichelkaffee und Eichelschokolade.

Doch bevor wir auf dem scheinbar linearen Weg vom Eichelkaffee mit Kakaozusatz über die Eichelschokolade hin zum Eichelkakao mir nichts, dir nichts weiterschreiten, ist noch zu klären, was sich hinter der Bezeichnung eigentlich verbarg. Der Pharmakologe Hermann Hager (1816-1897) beschrieb Eichelschokolade als „ein Gemisch aus gerösteten Eicheln, Cacao und Zucker“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 512), ähnlich dem 1885 neu auf den Markt gebrachten Eichelkakao. Diese Gleichsetzung erzürnte den eigentlichen Macher dieses Produktes, den Berliner Chemiker Hugo Michaelis (1852-1933): „Eichelschokolade war eine wenig rationell zusammengesetzte Mischung; sie enthielt die gesammte Cellulose der Eicheln, und war daher von vornherein als ein diätetische Präparat, welches event. Kindern mit geschwächten Verdauungsorganen gegeben werden sollte, im Prinzip verfehlt.“ Da die Heilwirkung, ähnlich wie beim Eichelkaffee, gering war, und die Faserstoffe den Magen-Darmtrakt belasteten, fand Eichelschokolade auch keine allgemeine Verwendung in der sich damals langsam institutionalisierenden Kinderheilkunde. „Es war eben widersinnig, Schokolade, welche als Emulsionsgetränk, d. h. in Substanz mit Wasser oder Milch zusammengekocht genossen wird, und geröstete Eicheln, deren wässriger Aufguss doch nur zum Trinken verwendbar ist, zu einem Präparat zusammenzumischen“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 568).

Eichelkakao war Ergebnis einer Abstraktionsleistung. Die Mystik um die Wirkung der Eichel wurde auf ihren Kern reduziert, nämlich die Wirkung ihrer Gerbsäure auf den Verdauungstrakt. Wenn man diese isolieren und mit einem die Obstipation ebenfalls anregenden und schmackhaften Trägerstoff kombinieren könnte, so bedürfte es lediglich noch technischer Hilfsstoffe um ein wirksames Eichelpräparat zu schaffen. Dies gelang einer kleinen Forschergruppe um die beiden erfahrenen Kliniker Oscar Liebreich (1839-1908) und Hermann Senator (1834-1911) sowie zweier jüngerer Forscher, Carl Hasenclever (1855-1934) und den schon genannten Hugo Michaelis. Liebreich regte das Präparat an, Senator erlaubte in seiner Berliner Klinik Tests an Patienten, Hasenclever führte diese durch und Michaelis kümmerte sich um die chemischen und technologischen Probleme bei der Überführung einer an sich simplen Idee in ein in großer Menge zu (re)produzierendes und wirksames Präparat. Es war Michaelis, seit 1878 Inhaber einer Berliner Handelsgesellschaft, der 1883 an die Kölner Schokoladenfirma Stollwerck herantrat, um den Eichelkakao zu produzieren. Stollwerck war mit der Herstellung von Brustbonbons groß geworden, besaß ein breites Angebot an Sanitäts- und Gesundheitsschokoladen, baute zudem das Angebot von Konsumschokolade und Zuckerwaren aus. Mit mehr als 500 Beschäftigten war sie ein Großbetrieb, auch wenn ein chemisches Laboratorium erst 1884 im Zusammenhang mit der Entwicklung des Eichelkakaos gegründet wurde ([Bruno] Kuske, Ausführliche Firmengeschichte mit Archiv-Ergänzungen von Direktor G. Laute 1941-1944, 192). Der Wirtschaftshistoriker Bruno Kuske (1876-1964) versuchte in seiner während des Nationalsozialismus entstandenen Firmengeschichte die Bedeutung der externen Experten klein zu halten. Schließlich hatte die Kölner Firma 1868, also sehr spät, die Produktion von mit Eichelkaffee vermischter Schokolade aufgenommen. Kuskes Aussage, dass „die pharmazeutischen Zusammenhänge der Eichel längst bekannt“ (Kuske, 65) waren, als Michaelis mit seinem Präparat auf den Plan trat, sind aber wohl eher dem Umstand geschuldet, dass der vom Sozialdemokraten zum nationalsozialistischen Propagandisten und Germanenforscher mutierte Schreiber die Verdienste der jüdischen Initiatoren für das weitere Wachstum des späteren Kölner NS-Musterbetriebes gering halten wollte. Es war dagegen Michaelis, der Stollwerck veranlasste, „mein Präparat genau nach den von mir publicirten Angaben im Grossen darzustellen“ und der dafür Sorge trug, „dass die Gleichmässigkeit des Präparates ein für alle Mal gesichert blieb“ (Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 328).

04_Pharmaceutische Centralhalle_26_1885_5Sn536_Eichelkakao_Dr-Michaelis_Stollwerck_Köln

Hilfe gegen den Massentod: Werbung für Dr. Michaelis’ Eichel-Cacao 1885 (Pharmaceutische Centralhalle 26, 1885, 5. S. n. 536)

Das neue Präparat, dass ab 1885 unter dem Markennamen „Dr. Michaelis’ Eichelkakao“ von Stollwerck vertrieben wurde, bestand „im Wesentlichen aus einem Cacaopulver von relativ geringem Fettgehalt, den wasserlöslichen Bestandtheilen gerösteter Eicheln, und einem geringen Zusatz von Zucker und geröstetem Mehl“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 26, 1885, 484). Der Eichelextrakt enthielt die für die Wirkung entscheidende Gerbsäure, der entölte Puderkakao wirkte leicht stopfend, sorgte für eine angenehme Textur und milderte, zusammen mit dem Staubzucker, den bitteren Geschmack des Präparates. Für die Konsistenz entscheidend war allerdings der Zusatz des dextrinierten Weizenmehles. Es war nicht nur leicht zu resorbieren, sondern diente der Stabilität der Emulsion. Das „Nähr- und Heilmittel bei der Behandlung chronischer Durchfälle, insbesondere bei Kindern“ wies knapp 2% Gerbstoff, 25% Zucker, über 23% Stärke, mehr als 14% Fett und lediglich 1,9% Cellulose auf (Pharmaceutische Rundschau 3, 1885, 281). Der beträchtliche technische Aufwand für die Produktion von Dr. Michaelis’ Eichelkakao zeigt sich deutlich an den erforderlichen Maschinen und Geräten. 1903 listete sie der damalige Laboratoriumsleiter Peter Welmans minutiös auf: „1. ein Eichelröster besonderer Konstruktion; 2. ein Mehlröster; 3. eine Eichelmühle; 4. eine Mehlsiebvorrichtung für geröstetes Mehl; 5. ein Eichelkochkessel von 1800 l Inhalt; 6. eine Filterpresse mit Dampfheizung und Luftdruckvorrichtung, 20 Kammern enthaltend; 7. ein Vakuum zum Eindampfen der Extraktbrühen, ca. 1000 l Inhalt; 8. eine Mischmaschine mit heizbaren Läufern; 9. eine Kakaosiebmaschine, um das fertige Produkt in staubfeinem Zustande zu erhalten“ (Pharmaceutische Zeitung 48, 1903, 278). So klang Spitzentechnologie anno 1885.

05_Breslauer Aerztliche Zeitschrift_07_1885_p276_Eichelkakao_Dr-Michaelis_Stollwerck_Köln

Produkteinführung mit Kakao- und Eichenlaub (Breslauer Aerztliche Zeitschrift 7, 1885, 276)

Das Präparat wurde vor der Markteinführung von Februar bis Juni 1884 an 97 Kindern und fünf Erwachsenen in der Poliklinik des Berliner Augusta-Hospitals getestet. Die mit akuten Brechdurchfällen eingelieferten Patienten erhielten anfangs dreimal täglich Eichelkakao, nach Besserung wurde die Dosis dann verringert (C[arl] Hasenclever und  H[ugo] Michaelis, Ueber die Behandlung chronischer Durchfälle mit Eichelcacao, besonders im Kindesalter, Deutsche Medizinische Wochenschrift 11, 1885, 686-687). Sechs Erkrankte verstarben; lediglich aus Sicht der damaligen Zeit, immer noch überraschend viele aus heutiger Sicht, abgesichert durch hygienisch-pharmazeutische Puffersysteme.

Blickweitung ist daher erforderlich: Insgesamt starben im Deutschen Reich von 1877 bis 1882 120.650 Personen an Darmkatarrh und Brechdurchfall, die meisten davon Kleinkinder (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 1, 1886, 62-63). Dieser „Würgeengel der Kleinen“ wurde vielfach als Schicksal verstanden, als „Kindercholera“ den Infektionskrankheiten zugerechnet, als „Sommerdiarrhoe“ naturalisiert (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 1, 1886, 27). Die Kinder starben meist im Haushalt, noch nach der Jahrhundertwende wurde nicht einmal ein Drittel der im ersten Monat gestorbenen Säuglinge von einem Arzt behandelt (HdStw, 4. Aufl., Bd. 7, Jena 1926, 159). Die damalige Medizin hatte jedoch ohnehin keine präzise Erklärung derartiger intestinaler Krankheiten. Erbrechen bzw. dünner Stuhl waren augenscheinlich, nicht aber, ob es sich im Einzelfall um Reaktionen auf die Nahrung, Erkrankungen des Darms oder aber des Gesamtorganismus handelte. Die meist häusliche Therapie bestand im Stopp der Nahrungszufuhr, also einer Art Entgiftung, dann aber in primär diätetischen Maßnahmen, also dem Auffüttern mit einer speziellen Krankenkost. Eichelkakao stand zwischen beiden Schritten: Es unterband den Abfluss weiterer Nahrung, diente zugleich aber der Grundversorgung des Patienten. Diese Brückenfunktion hatte ihre Schwächen. Ohne eine umfassende Untersuchung, ohne angemessene Behandlung und ohne eine andere Ernährung konnten Brechdurchfälle rasch wieder auftreten, konnte vor allem die Ursache der Durchfälle nicht wirklich bestimmt werden. Eichelkakao erlaubte Zeitgewinn, war zugleich aber nur ein Teil des umfassenderen Therapie- und Heilungsprozesses. Die nur sehr langsam sinkende Kindersterblichkeit unterstreicht, dass die durchaus breit gefächerten Maßnahmen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht ausreichend waren. Bis kurz nach der Jahrhundertwende stieg die Mortalität aufgrund von Darmkatarrhen und Brechdurchfällen sogar noch an (Darmkrankheiten und Brechdurchfall als unmittelbare Ursachen der Säuglingssterblichkeit, in: Katalog der Ausstellung für Säuglingspflege, Berlin 1906, 99-104). Entsprechend schwierig ist es, die unmittelbaren Wirkungen des Eichelkakaos zu quantifizieren. Aus meiner Sicht dürfte das neue, rasch wirkende Präparat in den nächsten Dekaden wohl Zehntausenden das Überleben ermöglicht haben; doch mangels detaillierter Daten und einer klaren Ätiologie ist dies nur eine allgemeine Schätzung. In der klinischen und ärztlichen Praxis war Eichelkakao jedenfalls ein sofortiger Erfolg. Es verdrängte dort peu a peu bisher angewandte Hausmitteln, etwa Heidelbeeren oder aber gewöhnliche Schokolade. Die breite, nicht auf Fachzeitschriften beschränkte Werbung plädierte für eine präventive Anwendung auch im Haushalt, suggerierte also eine einfache Behandlung ohne Arzt. Angesichts fehlender Absatzdaten ist die Reichweite jedoch nur indirekt abzuschätzen, nicht aber präzise zu fassen.

06_Berliner Tageblatt_1887_09_14_Nr464_p07_Eichelkakao_Wirtschaftskriminalität_Markenrecht_Radlauer

Werbung für ein Plagiat des Stollwerckschen Eichelkakaos 1887 (Berliner Tageblatt 1887, Nr. 464 v. 14. September, 7)

Ein wichtiges Argument für die Breitenwirkung des neuen Präparates ist die beträchtliche Resonanz bei den Wettbewerbern um den neu entstandenen Nischenmarkt. Die erfolgreiche Einführung des Eichelkakaos weckte natürlich Begehrlichkeiten. Dem bestehenden Patentschutz zum Trotz zeigten sich rasch die Probleme einer Wettbewerbsgesellschaft ohne Wettbewerbsordnung. Das 1874 erlassene Gesetz über Markenschutz stellte nur Bildmarken unter Schutz, nicht aber Wortmarken und die nähere Ausstattung eines Produktes. Unlauterer Wettbewerb stand ebenfalls noch nicht unter Strafe. Wer aber geglaubt hatte, dass die viel beschworene Kaufmannsehre unfaire Handlungen im Zaum halten würde, wurde auch im Falle des Eichelkakaos rasch enttäuscht. 1887 bot etwa die Berliner Kronen-Apotheke von Siegfried Radlauer (1850-1912) einen Eichelkakao an, nur echt mit dem Namenszug des Dr. Michaelis. Hugo Michaelis war darüber erstaunt, denn von ihm stammte dieses Produkt nicht. Des Rätsels Lösung war einfach. Der geschäftstüchtige Pharmazeut hatte Herrn Dr. Michaelis aus Waldenburg gewonnen, den von ihm hergestellten Eichelkakao mit seinem Namen zu zieren. Hugo Michaelis war entrüstet: „Die Absicht, die hier vorliegt, kann wohl kaum zweifelhaft sein; die Käufer, die Dr. Michaelis’ Eichelcacao verlangen, sollen durch diesen Namenszug in den Glauben versetzt werden, es handelte sich um das Stollwerck’sche Präparat. […] Kritik über eine solche Handlungsweise hier zu üben erscheint mir überflüssig; sie ergiebt sich für Jeden von selbst (Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 328). Radlauer ließ sich von derartig moralischer Kritik anfangs nicht beirren, doch ging er nach einigen Monaten zumindest dazu über, sein nicht näher analysiertes Präparat lediglich unter eigenem Namen zu vertreiben (Berliner Tageblatt 1887, Nr. 540 v. 25. Oktober, 8). Auch der durch den „Anker-Pain-Expeller“ (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2226, 7) und noch mehr durch seine Anker-Baukästen bekannt gewordene Friedrich Adolf Richter (1846-1910) aus dem thüringischen Rudolstadt koppelte den Namen seines rasch auf den Markt geworfenen Eichelkakaos wahrheitswidrig mit dem des Ideengebers Oscar Liebreich (Leipziger Tageblatt 1885, Nr. 358 v. 24. Dezember, 7233). Der verneinte in einem Protestschreiben jeglichen Kontakt mit dem Anbieter. Entsprechende Behauptungen seien irreführend, könnten das Renommee des Stollwerckschen Präparates unterminieren, würden minderwertiger Ware den Weg bahnen. Gerade bei einem Heilmittel müsse Verlass auf eine standardisierte Herstellung und hochwertige Rohwaren sein (Deutsche Medizinische Wochenschrift 11, 1885, 855).

Eichelkakao war schon kurz nach der Markteinführung des Stollwerkschen Präparates weit verbreitet, so das Ergebnis einer ersten umfassenden Untersuchung durch den Berner Pharmakologen Alexander Tschirch (1856-1939) aus dem Jahre 1887. Das Richtersche Präparat erschien ihm ungeeignet für den klinischen Einsatz, andere enthielten Kakaoschalen, Kartoffelstärke oder kaum dextriniertes Weizenmehl. Wichtiger als die so bewirkte Marktbereinigung war, dass damals ein Standard für Eichelkakao etabliert wurde, der sich eng an das Pionierprodukt von Hugo Michaelis anlehnte (Jahresbericht über die Fortschritte der Pharmakognosie, Pharmacie und Toxikologie 21, 1886, 381-382). Damit wurden Bewertungsmaßstäbe für die Arbeit der noch wenigen Nahrungsmitteluntersuchungsämter, insbesondere aber pharmazeutischer Institute geschaffen, mit deren Hilfe in den Folgejahren geringwertige Ware erfolgreich vom Markt verdrängt werden konnte (Technisches-Chemisches Jahrbuch 10, 1889, 413). Eichelkakao blieb eine Ware im Grenzgebiet zwischen Nahrungs- und Arzneimittel. Sie wurde vornehmlich von Apotheken und Drogerien verkauft, konnte jedoch auch im Kolonialwarenhandel erworben werden. Sie war im freien Verkehr erhältlich, ihr Verkauf war rechtlich nicht beschränkt (H[ugo] Böttger, Die reichsgesetzlichen Bestimmungen über den Verkehr mit Arzneimitteln, 3. verm. Aufl., Berlin 1895, 29). Auch wenn die hier genutzten Quellen eine klare medizinisch-pharmazeutische Schlagseite aufweisen, so war das Haupteinsatzgebiet von Eichelkakao doch das Haus.

07_Der Bazar_33_1887_p251_Eichelkakao_Hartwig-Vogel_Dresden

Wettbewerb der Eichelkakaomarken: Anzeige von Hartwig & Vogel 1887 (Der Bazar 33, 1887, 251)

Entsprechend begannen die führenden Schokoladenproduzenten nach 1885 rasch mit der Produktion eigener Eichelkakaoangebote. Die 1870 gegründete Dresdener Kakao- und Süßwarenfabrik Hartwig & Vogel, seinerzeit der zweitgrößte Schokoladenproduzent im Deutschen Reich, warb einprägsam mit einer Eichel für ihr neues Produkt. Mit dem Dresdener Pharmazeuten Otto Schweißinger (1856-1920), später Mitglied im Reichsgesundheitsrat, hatte man einen prominenten Wissenschaftler als werbeträchtigen Qualitätsgaranten für das neue Heilsprodukt gewonnen. In der Folgezeit wurde die Reklame zwar verändert, das Produkt aber weiterhin, und offenbar mit Erfolg, angeboten (Über Berg und Tal 16, 1893, 415; Führer durch die sächsisch-thüringische Export-Industrie, Dresden 1897, 288-289). Auch die Schokoladen- und Kakaofabrik Ferdinand Lobeck produzierte in Dresden-Löbtau Eichelkakao (Kursbuch für Sachsen, das übrige Mitteldeutschland, Böhmen, hg. v. Robert Fritzsche, s.l. 1896, IV). Erwähnenswert ist zudem der von der Züricher Firma Sprüngli entwickelte C.B. Bernhard’s entölter Eichel-Cacao, der auch als Exportgut erfolgreich war (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 5, 1890, 14).

Eichelkakao blieb dabei nicht auf die Schokoladenindustrie begrenzt. Auch die Kindernährmittelindustrie entdeckte das Präparat: Die seit 1848 bestehende Fabrik diätetischer Präparate Theodor Timpe aus Magdeburg hatte mit „Timpe’s Kraftgries“ schon in den frühen 1860er Jahren ein leicht stopfend wirkendes und gut resorbierbares Nährmittel auf den Markt gebracht. 1888 präsentierte der innovationsstarke Unternehmer einen Eichelkakao, der von Hermann Hager untersucht und mit Lob bedacht wurde: Guter Geschmack, hochwertige Rohware, keine Probleme bei der Verdauung und effektive Wirkung. “Es wäre ein Fortschritt in der Ernährung der kleinen Kinder und diesen zum Vortheil, wenn der Eichelcacao den arabischen Kaffee verdrängte“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 512). Derartige Verdrängungsphantasien waren natürlich gegenstandslos, doch der Magdeburger Tüftler bewarb sein Präparat offensiv mit Anzeigen und einer Broschüre (Die Ersatz-Mittel des Cacao. Eichel-Cacao als Nahrung bei Durchfall, schlaffer Function der Verdauungs-Organe etc., Magdeburg 1889). Als Kindernährmittel wurde es als reines, also milchfreies Produkt beworben. In der Kinderheilkunde führte dies dazu, die physiologischen Wirkungen der Säuglingsnahrung stärker in den Blick zu nehmen. Kufekes Kindermehl und dann Soxhlets Nährzucker wurden auch deshalb zu starken Marken ([Georg] Fendler, Kindermehle, in: Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 7, Berlin/Wien 1906, 440-446, hier 442).

08_Wochenblatt für Zschopau und Umgegend_1897_07_21_Nr084_p584_Eichelkakao_Theodor-Timpe_Magdeburg

Anzeige für Timpes Eichelkakao 1897 (Wochenblatt für Zschopau und Umgegend 1897, Nr. 84 v. 21. Juli, 584)

Doch nicht allein Spezialanbieter bedienten das neue Marktsegment. Auch die zunehmend wichtiger werdende Zuliefererindustrie bot veränderte Einzelkomponenten für die Produktion und auch Komplettpräparate an. Die 1869 gegründete Chemische Fabrik Helfenberg, später mit dem Präparat Regulin einer der Marktführer im Felde der Abführmittel, erweiterte beispielsweise 1888 ihre breite Palette pharmazeutischer Angebote um einen Malzeichelextrakt. Den Chemikern war es zuvor gelungen, durch Zusatz von Malz das Stärkemehl der Eichel in Malzzucker umzuwandeln (Pharmaceutische Rundschau 6, 1888, 117). Dieses konnte dem Gerbsäureextrakt zugefügt werden, so dass die Zumengung von Zucker bei der Produktion von Eichelkakao begrenzt werden konnte. Derartige Zwischenprodukte erleichterten auch den Markteintritt zumal kleinerer Anbieter, bis hin zu lokalen Apotheken.

09_Hamburger Nachrichten_1892_09_08_Nr214_p10_Eichelkakao_Reese-Wichmann

Lokale Angebote von Eichel-Kakao, Hamburg 1892 (Hamburger Nachrichten 1892, Nr. 214 v. 8. September, 10)

Trotz der großen Zahl potenter Konkurrenten dürfte es dem Stollwerckschen „Dr. Michaelis’ Eichelcacao“ gelungen sein, seine Marktführerschaft zu behaupten und Pioniererträge zu erzielen. Den frühen chemischen Analysen diente er als Referenzprodukt, größere klinische Tests anderer Präparate hat es wohl nicht gegeben (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 27, 1886, 497; Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 117). Der Eichelkakao verdrängte Eichelkaffee vollständig aus der ärztlichen Praxis (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreich Sachen 62, 1897, 184). Auch in der häuslichen Gesundheitspflege dürfte letzterer kaum mehr verwandt worden sein, nicht zuletzt aufgrund der für den zarten kindlichen Organismus potenziell schädlichen Ballaststoffe (Der praktische Arzt 30, 1889, 71). Eichelkakao half deutschen Kolonialbeamten und Soldaten in den Tropen (B[otho] Scheube, Die Krankheiten der warmen Länder, Jena 1896, 352) und fand sich rasch als Standardgabe in den Lehrbüchern der Kinderheilkunde und der allgemeinen Medizin wieder (Ph[ilipp] Biedert, Die Kinderernährung im Säuglingsalter und die Pflege von Mutter und Kind, 3. ganz neu bearb. Aufl. Stuttgart 1897, 234; Franz Penzoldt, Handbuch der Speciellen Therapie der Erkrankungen der Verdauungsorgane, Jena 1896, 257; Carl Wegele, Die diätetische Küche für Magen- und Darmkranke, Jena 1900, 14). Um die Jahrhundertwende befand er sich unter den „altbekannten Hausmitteln“ (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreiche Sachen 1900, 181) und wurde in Tageszeitungen und Zeitschriften als wichtiges Hilfsmittel der Hausapotheke propagiert. Obwohl Heilmittel, war Eichelkakao nicht apothekenpflichtig, war vielmehr explizit aus den im Arzneimittelgesetz von 1901 aufgeführten Präparaten ausgeschlossen. Stollwerck produzierte ihn nicht mehr nur in Köln, sondern auch in Preßburg und in New York. „Michaelis’ acorn cocoa“ konnte sich auch international etablieren.

10_Berliner Tageblatt_1900_09_13_Nr465_p07_Eichelkakao_Dr-Michaelis_Stollwerck_Köln

Rationale Werbung für Eichelkakao 1900 (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 465 v. 13. September, 7)

All dies war auch auf die stete Werbung von Stollwerck zurückzuführen. Sie war sachlich gehalten, verwies auf die bestehenden gesundheitlichen Risiken, offerierte Eichelkakao als käuflichen Ausdruck der Sorge für Kinder und Kranke. Das schmucke Äußere – Eichelkakao wurde in einer Blechbüchse angeboten, das darin befindliche Pulver befand sich in einem schützenden Pergamentbeutel (Archiv für Hygiene 30, 1897, 137) – unterstützte die Attraktivität der Ware. Stollwerck bediente aber auch virtuos den kleineren Werbemarkt für Multiplikatoren, also Ärzte, Apotheker und Drogisten. Die Werbebroschüre „Dr. Michaelis’ Eichelkakao, seine Anwendung als Antidiarrhoikum, Tonikum und als tägliches Getränk“ wurde kostenlos an alle Interessierten versandt (Pharmaceutische Zeitung 48, 1903, 278). Probepackungen banden und gewannen Kunden. Stollwerck hielt zudem an der ursprünglichen Zusammensetzung des Präparates fest, präsentierte es daher glaubhaft als bewährtes Heilmittel. Dass hierbei immer wieder auf die umfassende Kontrolle verwiesen wurde, versteht sich bei dem wissenschaftsgläubigen Publikum der Jahrhundertwende fast von selbst.

Im Hintergrund aber veränderte sich der Heilmittelmarkt rasch. Die pharmazeutische Industrie wies seit dem späten 19. Jahrhundert hohe Wachstumsraten auf, und eine wachsende Zahl neuer Arzneimittel veränderte nicht nur Märkte, sondern auch den Alltag. Schmerzmittel, Hormonpräparate, Anregungs- und Beruhigungsmittel entstanden in großer Zahl. Ihr praktischer Wert wurde vielfach im Alltag ausgetestet, sei es bei gesundheitsgefährdenden Diäten, Überdosierungen oder der rasch abhängig machenden Nutzung von anfangs frei verkäuflichen Pharmazeutika wie Heroin, Morphium oder Veronal. Auch Eichelkakao wurde von diesen Entwicklungen berührt. Die aus Rohwaren extrahierten Wirkstoffe wurden zwar nicht durch synthetisierte Zumengungen ersetzt, doch in pharmazeutischen Fachzeitschriften tauschte man optimierte, also gewiss billigere und eventuell wirksamere Fabrikationsrezepte aus. Einzelkomponenten wurden substituiert, etwa Weizenmehl durch das preiswertere Arrowroot. Eichelkakao konnte demnach aber auch aus der Verarbeitung von Eichelkaffee mit Wasser, Spiritus, Zucker und entöltem Kaffee resultieren (Pharmazeutische Zeitung 48, 1903, 249). Süßes wurde Trumpf seitdem die Brüsseler Zuckerkonvention 1902 niedrige Preise sicherstellt hatte: „Jeder kann natürlich so viel Zucker dem fertigen Getränk zufügen, als er Lust hat“ (Pharmazeutische Zeitung 48, 1903, 212). Die bestehenden, rechtlich nicht verbindlichen Produktionsstandards erlaubten immerhin Variationen ([Albert] Stutzer, Eichelkakao, in: Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 4, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Berlin/Wien 1905, 509; Technische Rundschau 13, 1907, 121). Wer sich über derartige Praktiken jedoch wundert, hat weder die moderne Lebensmittel-, noch die Arzneimittelproduktion verstanden. Sprache dient in Konsumgütermärkten nicht nur der eindeutigen Bezeichnung von Angeboten, sondern immer auch der Schaffung semantischer Illusionen. Sie wissen doch, dass Begriffe wie Natur, Gesundheit oder Qualität inhaltsleer sind. Oder etwa nicht?

Während das Produkt variabler gedacht wurde, führten die zahlreichen Fehlreichungen von Pharmazeutika aber auch zu Gegenbewegungen. Die Nebenwirkungen des Eichelkakaos gerieten genauer in den Blick, zumal, nachdem um die Jahrhundertwende die Kindersterblichkeit aufgrund besserer Daseinsfürsorge, reichhaltigerer Nahrung, erhöhter Stillraten, umfassender Milchkontrolle und auch des Eichelkakaos langsam zu sinken begann. Der führende Berliner Pädiater Otto Heubner (1843-1926) verwies darauf, dass eine Eichelkakaokur kalorisch als Unterernährung anzusehen sei, sie also ergänzende Beikost erfordere (Lehrbuch der Kinderheilkunde, Bd. I, 3. umgearb. Aufl., Leipzig 1911, 210). Kliniker thematisierten die gesundheitlichen Probleme der an sich erwünschten Verstopfung. Eichelkakao sei zwar weiterhin hilfreich, aber „nicht so harmlos wie man von gewissen Seiten glaubt“ (Berliner klinische Wochenschrift 43, 1906, 420).

Stollwerck reagierte darauf einerseits mit kontinuierlicher Werbung in führenden Tageszeitungen. Bereits 1905/06 hatte das Qualitätsprodukt Eichelkakao auch der werblichen Bekämpfung des raschen Aufstiegs der Wandsbecker Kakao-Kompagnie Theodor Reichardt zum deutschen Marktführer gedient. Entöltem „Volkskakao“ wurden qualitativ höherwertige und teurere Qualitätsprodukte entgegengestellt. Zwischen 1912 und 1914 waren Anzeigen für Dr. Michaelis’ Eichelkakao Dauergast in den Berliner Zeitungen präsent. Parallel intensivierte man die seinerzeit übliche redaktionelle Werbung, die auch in medizinischen Fachzeitschriften breiten Raum einnahm (Wiener Medizinischen Wochenschrift 58, 1908, Sp. 1951).

11_Vorwärts_1912_07_13_Nr161_p06_Eichelkakao_Dr-Michaelis_Stollwerck_Prävention

Vorbeugen mit Eichelkakao – Werbemotiv 1912 (Vorwärts 1912, Nr. 161 v. 13. Juli, 6)

Anderseits aber begann man mit der Entwicklung neuartiger Heilmittel – abermals in Kooperation mit Hugo Michaelis. Er war in der Zwischenzeit vielfach aktiv gewesen. In den späten 1890er Jahren gelang ihm beispielsweise die bei der Margarineproduktion lange Zeit übliche Milch durch ein billigeres Ersatzprodukt, nämlich Mandelmilch, zu ersetzen (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 40, 1899, 171). Dies reduzierte die Produktionskosten erheblich, rein rechnerisch um ca. 10 %. Stollwerck vermarktete unter seinem Namen eine Kindernahrung (Katalog der Ausstellung für Säuglingspflege, Berlin 1906, 283). 1906 gründete Michaelis gemeinsam mit dem Chemiker Isidor Traube (1860-1943) ein Unternehmen zur Verwertung eines von beiden entwickelten Kunstleders. Glaubt man Bruno Kuske, so hat Michaelis zudem schon vor dem Ersten Weltkrieg „Nurso“ entwickelt, ein Eichelkakaosubstitut aus Kakao, Milch- und Malzextrakt (Kuske, Firmengeschichte, 69). Hierfür, und auch für Dr. Michaelis Kindernahrung, habe ich jedoch keine weiteren Belege finden können.

Gut belegt ist demgegenüber das 1911 eingeführte „Chocolin“, ein abführendes Kakaopräparat, dessen Komposition an die des Eichelkakaos erinnert. Kakao wurde mit Manna vermengt, dem leicht abführenden süßen Saft der Mannaesche. Als eigentlichen Wirkstoff nutzte Michaelis aber das seit 1871 bekannte Phenolphtalein. Dieses bewirkte binnen zehn bis zwölf Stunden das Ende der Verstopfung und Stuhlgang ohne größere Schmerzen (Therapeutische Monatshefte 26, 1912, 194). Trotz der damals schon großen Zahl offensiv beworbener Abführmittel wurde das neue Präparat von Klinikern allgemein begrüßt. Erstens war die Zubereitung einfach, denn das Pulver konnte einfach in heiße Milch oder heißes Wasser eingerührt werden (Therapie der Gegenwart 52, 1911, 576). Zweitens schmeckte das Getränk der Hauptzielgruppe, also Kindern und Frauen. Drittens aber erlaubte es Konsum „in der diskreten Form einer Tasse Schokolade“ (Deutsche Medizinische Wochenschrift 37, 1911, 2428), ohne die strenge Aura der medizinischen Laxantien. Der Internist Carl Anton Ewald (1845-1915) begrüßte Stollwercks Chocolin, weil es „seine Eigenschaft als Medikament nicht an der Stirn trägt“ (Zentralblatt für die gesamte Therapie 30, 1912, 2). Die Regelung der Abfuhr ging also harmonisch mit der Hebung der Ernährung einher. Positiv hervorgehoben wurde auch, dass der regelmäßige Konsum nicht zu körperlicher Abhängigkeit führen würde (Wiener Medizinische Wochenschrift 62, 1912, Sp. 3398). Die potenziell kanzerogenen Wirkungen des Wirkstoffs Phenolphtalein kannte man damals noch nicht.

12_Therapeutische Monatshefte_31_1917_H02_pIX_Abführmittel_Chocolin_Dr-Michaelis_Stollwerck_Köln

Chocolin, ein Abführmittel von Dr. Michaelis (Therapeutische Monatshefte 31, 1917, H. 2, IX)

Chocolin deutete schon den Übergang des Eichelkakaos zum Medikament an. Der Erste Weltkrieg aber beschleunigte ihn. Mit etwa 0,8 Kilogramm Prokopfkonsum (errechnet aus den Importdaten) gehörte Deutschland 1913/14 zu den führenden Verbrauchern weltweit. Doch die alliierte Blockade unterbrach die Zufuhren. 1916 waren die Reserven aufgebraucht, 1917 gab es nur noch letzte Reste (Konsumgenossenschaftliche Praxis 12, 1923, 240). Während sich Hugo Michaelis darum bemühte, die Linde als Fettlieferant nutzbar zu machen (Berichte der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft 26, 1916, 185-192), wurde die Produktion von Chocolin und auch seines Eichelkakaos reduziert und 1917 eingestellt. Explizit hieß es: „Kakao und Präparate, auch Eichelkakao, sollten nur noch, wo als Heilmittel unbedingt erforderlich, und nur in kleinsten Mengen (100 g) verordnet werden“ (Deutsche Medizinische Wochenschrift 43, 1917, 209). Dies war um so einschneidender, da die Umstellung auf eine vornehmlich pflanzliche und weniger kompakte Nahrung massive Verdauungsprobleme hervorrief und auch Infektionskrankheiten häufiger Durchfälle hervorriefen. Morbiditäts- und Mortalitätsraten stiegen teils dramatisch an, die Rekonvaleszenzzeiten ebenso. Der Mediziner Alfred Lewandowski (1864-1931), ein guter Bekannter von Hugo Michaelis, fasste es pointiert: „Man darf ohne Uebertreibung sagen, dass von dem Krankenpublikum kaum ein Präparat so schmerzlich vermisst wurde wie Dr. Michaelis’ Eichelkakao“ (Berliner klinische Wochenschrift 55, 1918, 1003).

All das mündete in die Schaffung eines neuen Medikaments. Michaelis substituierte 1918 den fehlenden Kakao durch präparierte Kohlehydrate, fügte zudem synthetisches Vanillin als Aromastoff hinzu (Pharmaceutische Post 52, 1919, Nr. 37 v. 7. Mai, 289): Stopfend wirkender Ersatzeichelkakao aus rein deutscher Produktion. „Nurso“ war ein Medikament ohne größeren Nährwert, nicht bitter, aber auch nicht wirklich angenehm schmeckend. Doch das Medikament wirkte dank des aus Eicheln gewonnenen Gerbsäureextraktes. Die 1918 durchgeführten Versuche an Patienten ergaben „die gleichen günstigen Wirkungen auf den Verlauf der verschiedenartigen Darmerkrankungen, auf die Regelung der Darmtätigkeit, und damit auf die gesamte Vitalität und Arbeitsfähigkeit“ (Berliner klinische Wochenschrift 55, 1918, 1004). Nurso war ein in Wasser aufzukochendes Pulver, das durch Zucker- und Milchzusatz geschmacklich noch verbessert werden konnte. Es wurde mindestens bis zum Ende des Jahrzehnts der Ernährungskrise von Stollwerck vertrieben, bald wieder ergänzt durch „Dr. Michaelis’ Eichelkakao“, dessen Produktion nach Import ausreichender Kakaomengen wieder aufgenommen wurde.

Trotzdem nahm die Zahl der Nennungen von Eichelkakao in den 1920er Jahren deutlich ab. Er wurde zunehmend von Medikamenten auf anderer Wirkstoffbasis abgelöst, sei es Wismut- oder Pektinpräparate, sei es Pepsin-Salzsäure- oder Tanninapplikationen, letztere nicht mehr aus Eicheln extrahiert (vgl. Deutsche Medizinische Wochenschrift 60, 1934, 434-437; ebd., 65, 1939, 97-99). Eichelkakao wurde aber weiterhin angeboten, verschrieben und verkauft. Die Beurteilungsgrundlagen der Nahrungsmitteluntersuchungsämter der Nachkriegsjahre hatten sich nur moderat verändert (J[oseph] König, Chemie der Nahrungs- und Genußmittel sowie der Gebrauchsgegenstände, Bd. 2, 5. umgearb. Aufl., Berlin 1920, 566-567; Lexikon der Ernährungskunde, Wien 1926, 194), knüpften an die Vorkriegszeit an. Die pharmazeutischen Fachzeitschriften machten jedoch deutlich, dass die Produktionstechnik der frühen 1880er Jahre nicht mehr zeitgemäß war. Demnach wurde dem „Eichelkakao“ nicht nur Gerbsäureextrakt hinzugefügt, sondern auch gepulverter Eichelkaffee, Eichelmalzextrakt und zunehmend Eichelkaffeeextrakt (Pharmazeutische Post 57, 1924, 371). Stollwerck hielt dennoch an seinem Präparat fest, ergänzte es 1932 gar um eine diätetische Variante mit Zusatz von Saccharin.

Man könnte diese kurzen Ausführungen schließen mit Hinweisen auf den Zweiten Weltkrieg, als die neuerlichen Versorgungsprobleme dazu führten, gegen Durchfälle der Kinder neuerlich Eichelkaffee zu empfehlen – so, wie ehedem die Eichelenthusiasten der Aufklärungszeit. Doch ein anderer Hinweis unterstreicht die Brüche und Paradoxien deutscher Geschichte vielleicht deutlicher. Hugo Michaelis, dessen Präparat Zehntausenden das Überleben ermöglicht hatte, starb am 8. November 1933 in Berlin. Gefunden habe ich darüber nur einen Zweizeiler im Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt: „82jährig verstarb Dr. Hugo Michaelis, der sich große Verdienste um die Nahrungsmittelchemie, Bakteriologie und Hygiene erworben hat“ (12, 1933/34, 149). Die vielbeschworene Treue der Deutschen war demgegenüber bröselig wie wurmstichige Eicheln.

Uwe Spiekermann, 25. März 2019

 

PS Die wenigen Informationen zum Leben von Hugo Michaelis haben mich veranlasst, ergänzende Recherchen in Berlin durchzuführen. Dank der kompetenten Hilfe der Verwaltung des Jüdischen Friedhofs Weissensee konnte ich sein Grab ausfindig machen.

PS01_Hugo-Michaelis_Weissensee

Jüdischer Friedhof Weissensee, Feld U1, 3. Reihe

Es liegt in dem schmucklosen Urnenfeld U1 unter der Nummer 88441. Während nach der orthodoxen Interpretation der Halacha Feuerbestattung verboten war, wurden im liberalen Berliner Judentum Ausnahmen geduldet. Hugo Michaelis teilt die Grabfläche mit seiner sieben Jahre zuvor verstorbenen Gattin Harriet Michaelis (1862-1926).

PS02_Hugo-Michaelis_Weissensee

Die Grabplatte von Hugo Michaelis und seiner Gattin Harriet Michaelis

Uwe Spiekermann, 17. April 2019

Eichelkaffee – Schwaches Heilmittel und bitteres Kaffeesurrogat

Als Reichskanzler Leo von Caprivi (1831-1899) am 8. März 1893 vor den Reichstag trat, um die beantragten Flottenausgaben zu begründen, nutzte er die Kraft der Geschichte: „Wir brauchen Rohstoffe, um unsere Fabriken im Stand zu halten, wir brauchen Kolonialwaaren, wir sind verwöhnter als unsere Väter und Großväter, die zur Zeit der Kontinentalsperre mit Eichelkaffee sich begnügten“ (Verhandlungen des Reichstags, Bd. 129, 1499). Nein, mit Surrogaten wollte sich das neue Deutsche Reich damals nicht mehr begnügen, wollte nach echtem Bohnenkaffee aus den eigenen Kolonien streben und die Schmähungen der napoleonischen Zeit hinter sich lassen. Importe waren die Achillesfersen einer Industriegesellschaft, Selbstgenügsamkeit war in Zeiten der Globalisierung nicht mehr möglich. Und doch: Caprivis historischer Exkurs war mehr als fragwürdig. Auch im frühen 19. Jahrhundert wurde der verordnete Wirtschaftskampf gegen Großbritannien nicht klaglos hingenommen, dessen ökonomische Folgen unterminierten vielmehr die französische Dominanz in Europa. Und Eichelkaffee war damals eine seltene Ausnahme, anders als die Zichorie, die als Kaffeesurrogat großflächig angebaut und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiges Heißgetränk war.

Doch nicht allein der Reichskanzler irrte. Immer wieder finden sich im langen 19. Jahrhundert Verweise auf den Eichelkaffee als einheimisches Ersatzmittel für den kolonialen Kaffee, als preiswerten Bauernkaffee. Einen Höhepunkt erreichten derartige Narrative vor allem im Ersten, bedingt wieder im Zweiten Weltkrieg. Es dürfte auch dieses Erbe gewesen sein, dass dem Eichelkaffee selbst bei vielen fachkundigen Historikern und Volkskundlern wie Günter Wiegelmann (1928-2008), Hans-Jürgen Teuteberg (1929-2015) und Roman Sandgruber ein Platz als nicht unwichtigem Ersatzgetränk für den Bohnenkaffee im 18. und 19. Jahrhundert eingeräumt wurde.

Was also hatte es mit dem Eichelkaffee in dieser Zeit auf sich? Meine Argumentation im Folgenden ist einfach und hoffentlich gut nachvollziehbar. Aus meiner Sicht wurde der Eichelkaffee seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zwar vielfach als Kaffeesurrogat empfohlen, doch als solches hat er sich nicht durchsetzen können. Bedeutung gewann er seit den 1770er Jahren, als einige aufgeklärte Mediziner die Heilkraft der Eicheln näher erkundeten und den daraus bereiteten Trank als Universalheilmittel propagierten. Diese Erwartungen waren weit überzogen, teils falsch begründet. Der Eichelkaffee wurde in der ärztlichen Praxis gleichwohl verordnet, einerseits als stopfendes Mittel bei Magen-Darm-Erkrankungen, anderseits als stärkendes Getränk bei Auszehrung und Skrofulose. Das so bestehende Gesundheitsrenommee erweiterte die Akzeptanz für den recht bitter schmeckenden Eichelkaffee und etablierte ihn Mitte des 19. Jahrhunderts auch als Surrogat vornehmlich in Süddeutschland und Cisleithanien. Im späten 19. Jahrhundert kam dies an ein Ende: Als Heilmittel wurde der Eichelkaffee vom Eichelkakao abgelöst, als Kaffeesurrogat vom Malzkaffee. Im Ersten Weltkrieg kam es nochmals zu einer kurzfristigen mehr appellativen denn realen Verwendung als Kaffeeersatz, ebenso am Ende und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Eichelkaffee hat heutzutage nur noch wenige Freunde, teils aus der Kernbioszene, teils Enthusiasten einer vermeintlichen natürlichen Medizin. Seine Geschichte ist also verwoben und voller Missverständnisse. Wohlan, ich darf Sie bitten, mit mir dem Geschehen näher zu treten.

Im 18. Jahrhundert war die Eiche die häufigste Baumart in Mitteleuropa. Ihr Holz diente zum Bauen, ihre Früchte, die Eicheln, „zur Mastung der Schweine und des Rindviehes“ (Georg Adolph Suckow, Oekonomische Botanik, Mannheim/Lautern 1777, 31). Der aus dem Jemen stammende Kaffee war demgegenüber ein Neuankömmling. Er wurde schon im späten 17. Jahrhundert zuerst im asiatischen Kolonialreich der Niederlande, dann auch im britischen Machtbereich angebaut. Anfang des 18. Jahrhunderts etablierte sich schließlich eine Plantagenökonomie in der Karibik und an den Atlantikküsten Südamerikas. In Westeuropa war Kaffee schon Mitte des 17. Jahrhunderts Konsumgut, in die deutschen Lande gelangte er seit ca. 1680 (vgl. Günter Wiegelmann, Alltags- und Festspeisen, Marburg 1967, 165-171). Trotz seiner Verbreitung auch durch Kaffeehäuser blieb er bis ins zweite Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts selten und teuer, anschließend setzte er sich jedoch bis zur Jahrhundertmitte als prestigeträchtiges Getränk des höheren Bürgertums durch. Soziale und auch wirtschaftliche Konflikte waren die Folge, denn einerseits wurde durch die Importe den merkantilistisch geführten Staaten und Städten Kapital entzogen, anderseits konnte sich die Mehrzahl der Bevölkerung das Modegetränk eigentlich nicht leisten. Anders als in den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien konnte man in deutschen Landen nicht auf Produkte aus eigenen Kolonien zurückgreifen. Die Konsequenz war einerseits zwischen etwa 1760 und 1780 eine staatliche Einschränkung des Kaffeekonsums, teils durch Verbote, teils durch Verteuerungen mittels Zöllen und Steuern. Anderseits begünstigte dies die Entstehung einer heimischen Kaffeesurrogatproduktion. Davon profitierte vor allem der Zichorienkaffee mit Schwerpunkten in Braunschweig und der Magdeburger Börde (Sabine Ulrich, Industriearchitektur in Magdeburg, Magdeburg 2003, 241-262).

Es wäre allerdings verfehlt, Kaffee- und Surrogatkonsum als strikte Gegensätze zu begreifen. Im Gegenteil wurde die Verbreitung des Kaffees durch die breite Nutzung und Verfügbarkeit von Surrogaten wesentlich befördert. Billige Ersatzmittel etablierten das „Kaffee“-Trinken auch bei denen, die sich Kolonialware schlicht nicht leisten konnten. Ihnen allen war gemeinsam, dass sie kein Koffein enthielten, zugleich aber farblich und ansatzweise geschmacklich an das Vorbild erinnerten. Sie wurden von akademischen Eliten propagiert, von Priestern und Professoren, Beamten und Medizinern. Kaffee sei gefährlich, Surrogate dagegen zu empfehlen. Der Forstwissenschaftler Johann Friedrich Stahl (1718-1790) weitete 1766 dabei den Rohwarenkanon für „teutschen“ Kaffee über die gängige Gerste, über Walnüsse und Zichorien aus: „Man wählet sich gesunde vollkommene und schwere Eicheln, die weder eingerunzelt noch wurmstichig sind; schälet die Rinde vom Kern ab, und nach dieser auch die erste braune Haut, die den weissen Kern bedeckt. Wenn diß geschehen, spaltet man die weissen Eicheln entzwey: macht ordentlich Würfel daraus in der Grösse der Caffeebohnen: dörret sie auf dem Ofen auf einem Papier, bis sie recht hart werden; wobey man sich nur zu hüten hat, daß man sie nicht auf einer Seite allzulange liegen lässet, bis sie anbrennen, daher man sie zuweilen rühren muß. Sind sie so hart, wie andere Bohnen, so werden sie auf die nemliche Art, wie der recht Caffee geröstet, in der Caffeemühlen gemahlen, und kurz, wie der andere Caffee gesotten und zubereitet“ (Allgemeines oeconomisches Forst-Magazin 9, 1766, 116-117). Derart zubereiteter Eichelkaffee sei schmackhaft und aufgrund seiner adstringierenden, also zusammenziehenden Wirkung auch gesund. Wem er dennoch zu bitter sei, der könne ihn mit Kaffee vermengen – und würde dergestalt einiges Geld sparen. „Den wohlschmeckenden Eicheln-Caffee“ (Allgemeines oeconomisches Forst-Magazin 11, 1768, 316) rühmten natürlich auch andere in diesen Zeiten der Bohnenkaffeerestriktionen: „Aber auch Eicheln Caffee zuzubereiten, dürfte, ob es schon wirklich nichts ganz neues ist, gleichwohl noch nicht überall bekannt, oder versucht worden seyn“ (Vorschlag, wohlfeilen, und doch gesunden Caffee zu trinken, Der Bienenstock 2, 1769, 360-364, hier 361). Dieser kleine Einschub macht deutlich, dass die Empfehlungen offenbar wenig Widerhall fanden. Es handelt sich um Appelle, nicht um Berichte über realen Konsum. Das gilt für die meisten Hinweise auf Eichelkaffee. Entsprechend fehlt er in vielen zeitgenössischen Übersichten, wird im Falle eines Falles gar abgelehnt: „Die Eicheln welche sonst der Schweine Speise, lassen wir ihren Liebhabern, wie auch das geröstete Strohe“ (Benützte Reise durch Deutsch- und Waelschland, Augsburg 1782, 324-325). Auch der Botaniker Carl Wilhelm Juch (1774-1821) erörterte ausführlich die Vor- und Nachteile von Zichorien, Erdmandeln, Haferwurzeln und Runkelrüben, während ihm der Eichelkaffee nicht empfehlenswert schien (Europens vorzüglichere Bedürfnisse des Auslandes und deren Surrogate, H. 1: Caffee und dessen Surrogate, Nürnberg 1800, 97). Dennoch gewann er seit Mitte der 1770er Jahre an Bedeutung – allerdings nicht als Alltagsgetränk, sondern als Heilmittel.

01a_Schröder_1774_Eicheln

Referenzwerk der Eichelenpropagandisten

1774 legte der Marburger Mediziner und Alchimist Friedrich Joseph Wilhelm Schröder (1733-1778) die Ergebnisse spekulativer Ideen über die Eichenfrucht vor, die er an mehreren Patienten auch praktisch angewandt hatte. Eicheln galten ihm als Mittel, „wodurch die verstopften Drüsen im thierischen Körper wieder geöffnet werden“ (Von den Wirkungen der Eicheln, Verstopfungen der Drüsen im menschlichen Körper aufzulösen, Göttingen/Gotha 1774, 3). Sie bewirkten „zähen stinkenden Schweiß“ (Ebd., 21), dadurch die Reinigung des Körpers und eine neue Balance der Körpersäfte. Schröders kleine Broschüre ist ein gutes Beispiel für die damalige Humoralpathologie, voller spekulativer Elemente, ohne fundierte Kenntnis der Zusammensetzung der Eicheln. Der Medikus empfahl gleichwohl einen „medicinischen Caffee“ aus Eicheln, der bereits im Siebenjährigen Krieg als Notkaffee genutzt worden und dessen Konsum „gar bald wieder von selbst unterblieben“ (Ebd., 27) sei. Schröder testete den Trank an sich selbst, dann an einem Kinde, an einem Krätzigen und einem Verzehrten. Letzterer, „der ein Skelet mehr als ein menschlich Geschöpf zu seyn schien, fand in diesem Mittel bald seine völlige Nahrung und eine solche Befriedung, daß er am Ende die Eicheln den kräftigen Suppen selbst vorzog und sich einbildete, die Eicheln müßten wol recht zur Nahrung für den Menschen geschaffen seyn, weil er so augenscheinliche Wirkung davon an der Zunahme seines Körpers und seiner Kräfte wahrnahm“ (Ebd., 31). Das Resümee seines Pröbelns lautete hoffnungsfroh: „Ich glaube, daß man aus diesen Erfahrungen hinlänglich überzeugt seyn können, daß die Eichel das wirksamste, bewährteste und beynahe einzige Mittel sey in den Verstopfungen der Drüsen und selbst der Eingeweide“ (Ebd., 33-34).

01b_Marx_1784_Eicheln

Hauptwerk des Eichelpropagandisten Marx

Schröders Spekulation wurde sofort aufgegriffen und in die medizinische Praxis überführt. Dabei tat sich vor allem der Hannoveraner Mediziner Jacob Marx (1743-1789) hervor. Er verordnete Eichelkaffee extensiv, bündelte die so gemachten Erfahrungen rasch in einer Broschüre, in der er Eicheln als „eine gesunde, stärkende und kraftmachende Nahrung“ (Bestätigte Kräfte der Eicheln, Hannover 1776, 5) pries. Weitere Fallstudien folgten, begleitet von präzisen Instruktionen für die häusliche Zubereitung eines wirksamen Eichelkaffees ([Jacob] Marx, Zwey Fälle von der Abzehrung, welche durch die Eicheln glücklich curiret worden, Magazin vor Aerzte 1, 1778, 133-142, hier 141). Damit begann die medizinische Nobilitierung der „gering geachteten Früchte der Eichenbäume“ (Ebd., 133), damit begann zugleich die wissenschaftliche Debatte. Der Kameralist Johann Friedrich von Pfeiffer (1717-1787) unterstützte die frühen Eichelpropagandisten durch Beobachtungen, nach denen in den Grafschaft Mark ein Krebskranker von Eichelkaffee geheilt worden sei (Vermischte Verbeßrungsvorschläge und freie Gedanken, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1778, 7). In den Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen, in denen schon 1769 bezweifelt worden war, dass die Eicheln des Nordens überhaupt Nährwert besaßen (Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen 1769, Bd.1, 400), regte sich dagegen Kritik: Wie könne es sein, dass „die Eicheln, die in der größten Menge im thierischen Körper nichts thun, als nähren, wie können die wol in so geringer Menge so unglaubliche Wirkung haben?“ (Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen 1778, Bd. 1, 605). Diese stammte von dem Berliner Arzt und Naturphilosophen Marcus Herz (1747-1803), der außerdem darauf hinwies, dass Eicheln schon zuvor von anderen als Heilmittel empfohlen worden seien, etwa dem Pharmazeuten und gescheiterten Kirchenreformer Arnald von Villanova (ca. 1235-1311). Doch lassen wir die wissenschaftliche Beckmesserei, zumal zahlreiche Digitalisate es heute einfach machen, weitere Belege anzuführen. Denn noch dominierte die Begeisterung für das „neue“ Heilmittel Eichelkaffee.

Mit dem Hofarzt und Assoziationspsychologen Melchior Adam Weikard (1742-1803) fand es nämlich einen weiteren prominenten Fürsprecher. Er hatte nach der Lektüre von Schröders Schrift gleich ausprobiert, ob der ihm aus der Therapie der Ruhr bekannte Eichelkaffee seinen Patienten helfen würde. Doch die Effekte blieben unmerklich. Dann aber erfolgte der Selbstversuch und Skepsis verflog: „Kurz, er ist nun mein Mittel gegen Säure, Blähung, Schwäche des Magens, Empfindlichkeit der Nerven, vielleicht auch gegen Schärfe, die auf den Nerven liegt, gegen Schwindel, Bangigkeit, u.s.f.“ (Vermischte medicinische Schriften, Stück 2, Frankfurt a.M. 1779, 160). Daher galt es diesen allgemein zu nutzen, Vorurteile zu beseitigen. Und er lockte luzid: „Bey einigen älteren und jüngeren Männern, besonders auch bey zwei Phelgmatischen, habe ich die Bemerkung gemacht, daß der Eichelkaffee mehr Stärke und Regung zum Venuswerke gab“ (Ebd., 169). Den Höhepunkt medizinischer Eicheleuphorie bildete aber gewiss die von Marx 1784 veröffentliche Geschichte der Eicheln. Abermals reihte er Fallstudie an Fallstudie, abermals empfahl er Eichelkaffee als eine Art Universalheilmittel. Eine eher skeptische Rezension bündelte die Aussagen: „Am wirksamsten hat er das Mittel bey Kachexieen und daher entstandenen wässerichten Geschwülsten, bey Verstopfungen der Drüsen, Knoten und Verhärtungen in den Lungen, daher entstehenden schleichenden Fiebern, bey Krämpfen der mit Mutterbeschwerungen und der Hypochondrie behafteten Personen, bey gehemmten oder fehlerhaften Abgang der Monatszeit, der Engbrüstigkeit und dem Krampfhusten, bey Wechselfiebern, und in allen Fällen gefunden, wo die Verdauung geschwächt und Säure in den ersten Wegen vorhanden war. Selbst den hartnäckigen Nachtripper und den weißen Fluß haben die Eicheln glücklich gehoben“ (Allgemeine Literatur-Zeitung 4, 1785, 347). Die Quintessenz war offenkundig: Trinkt Eichelkaffee und ihr werdet gesund. Derartiger Euphorie folgte die wissenschaftliche Kanonisierung: „Dieser Eichelkaffee stärket, nähret und eröffnet“ hieß es vom österreichischen Kinderarzt Heinrich Johann Nepomuk Crantz (1722-1799) (Medizinische und Chirurgische Arzneymittellehre, Bd. I, Th. I, Wien 1785, 204). Auch der frühe Neurophysiologe Johann August Unzer (1727-1799) plädierte für seinen Einsatz in der medizinischen Praxis (Medicinisches Handbuch, neue verb. Aufl., Agram 1787, 225).

Doch mit etwas Abstand wurde die Kritik am Eichelkaffee lauter. Knapp zwanzig Jahre nach Schröders Broschüre hieß es, „daß man ihn gebraucht und wieder vergessen zu haben schien,“ dass vor allem aber die ihm zugeschriebenen Effekte nicht vorhanden seien (Kaiserlich privilegierter Reichs-Anzeiger 1793, Nr. 9 v. 10. Juli, Sp. 71-72). Ein Universalheilmittel? Keinesfalls! Dass Eichelkaffee „gegen Abzehrung, Lungensucht, Mutterbeschwerde, und der Himmel weiß, für welche Krankheiten noch, nach prahlerischem Vorgeben gewinnsüchtiger Aerzte“ anzuwenden sei, sei irrig (Churfürstlich gnädigst privilegirte oberpfälzisch-staatistisches Wochenblat 1799, Nr. 14 v. 4. April, 106-107). Eichelkaffee wurde verordnet, doch die erhoffte Wirkung blieb aus (Neues Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst 2, 1800, 105-106). Seit der Jahrhundertwende finden sich dann auch eindringliche Warnungen, da die Eicheln eine zusammenziehende und verhärtende, nicht aber eine öffnende Kraft besäßen und Verstopfung höchst nachteilige Wirkungen, bis hin zum Tode, mit sich bringen könne: „Ich will daher einem jeden wohlmeinend rathen, diesen Kaffee als ein schleichendes Gift zu meiden (Georgi, Warnung vor dem Eichel-Kaffee, Nachrichten von und für Hamburg 1808, Nr. 62 v. 3. August, 2). Die Folgen einseitigen Eichelbrotkonsums waren ihm wohl noch geläufig (Spiekermann, Eichelbrot). Einigung erzielte man auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner: Eichelkaffee ja, doch „alles auf Anordnung eines Arztes, da jedes Individuum besonders beurtheilt und behandelt werden muß“ (Fr[iedrich] Otto Conradi, Etwas über Verfütterung und Diät der Kinder, Neues Hannöverisches Magazin, 1804, Sp. 385-398, hier 390).

Vor diesem Hintergrund dürfte nachvollziehbar sein, dass sich der Eichelkaffee um 1800 als Alltagssurrogat für Kaffee wohl kaum etabliert hatte. Der schon erwähnte Carl Wilhelm Juch unkte: „Die Eicheln vollends als gewöhnliches Surrogat des Caffees vorzuschlagen, als Ersatzmittel einer zur Gewohnheit gewordenen Leckerey anzuwenden, war unstreitig ein Meistergedanke eines satyrischen Kopfs“ (a.a.O., 97-98). Das Scheitern des Eichelkaffees in der Alltagspraxis war kurz vor Beginn der Kontinentalsperre Handbuchwissen (J[ustus] L[udwig] G[ünther] Leopold, Handwörterbuch des Gemeinnützigsten und Neuesten aus der Oekonomie und Haushaltungskunde, 2. Ausg., Hannover 1805, 180). Das unterstrichen auch Fachleute des späten 19. Jahrhunderts, etwa der Pharmakologe Hermann Hager (1816-1897) (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 511). Gleichwohl ist mangels verlässlicher Konsum- oder Produktionsdaten der Umfang der Verwendung des Eichelkaffees letztlich nicht präzise zu klären. Die zahlreichen Hofkanzleidekrete Österreichs erwähnten ihn ab 1771, untersagten seinen Verkauf ohne offizielle Befugnis (Handbuch der Gesetzkunde im Sanitäts- und Medicinal-Gebiethe, Bd. 1, Wien 1830, 191). Und das Dekret vom 20. Oktober 1810 dehnte die Kennzeichnungs- und Verpackungspflicht für den Zichorienkaffee auch auf Erdmandel- und Eichelkaffee aus (Adolf Schauenstein, Handbuch der öffentlichen Gesundheitspflege in Österreich, Wien 1863, 201). Doch dabei handelte es sich um Eichelkaffee als Heilmittel, nicht als Kaffeesurrogat. Ersteres trotzte der Kritik und etablierte sich als ein gängiges Präparat für Kinder, Magen-Darm-Kranke und Ältere.

02_Guimpel-Willdenow-Hayne_1820_Eiche

Die gemeine Eiche im Blick der Botanik (Friedrich Guimpel, Carl Ludwig Willdenow und Friedrich Gottlob Hayne, Abbildung der deutschen Holzarten, Bd. 2, Berlin 1820, Tafel 139)

Um dieses verstehen zu können, ist es wichtig, sich durch den gleichmachenden Begriff der Medizin nicht täuschen zu lassen. Aller Erfahrungskunst zum Trotz standen die Ärzte im ersten Drittel näher an ihren antiken Vorbildern als an der wissenschaftlichen Medizin des frühen 20. Jahrhunderts. Die organische Chemie entwickelte sich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts und mit ihr präzisere Vorstellungen eines Stoffwechsels innerhalb des menschlichen Körpers. Die Auswirkungen der stetig steigenden Zahl anorganischer und organischer Stoffe wurden erst dann in reproduzierbaren experimentellen Designs überprüft. Die langsame Abkehr von der Naturphilosophie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlaubte die Etablierung materiellen und kausalen Denkens. Dadurch konnten auch die vielfältigen Mittel der ärztlichen Praxis neu befragt werden. Hielten sie diesem Test stand, so bestand mit dem Wachstum der pharmazeutischen Industrie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Chance, Wirkstoffe zu isolieren, sie zu synthetisieren oder anders zu gewinnen, sie dadurch zugleich wirksamer und preiswerter zu machen. Das erfolgte in größerem Maße allerdings erst im 20. Jahrhundert.

Die Verheißungen der Eichelenthusiasten wurden von der berechtigten Kritik der Zeitgenossen daher nicht einfach entkräftet. Sie wurden vielmehr von Handbuch zu Handbuch fort-, ja, abgeschrieben. Entsprechend finden sich Lobreden auf den Eichelkaffee nicht nur in Fachbüchern, wie etwa Konrad Anton Zwierleins (1755-1825) „Der deutsche Eichbaum und seine Heilkraft“. Darin bündelte der Mediziner und spätere Badearzt nicht nur die zuvor diskutierten Heilwirkungen des Eichelkaffees, sondern empfahl ihn als das „beste Surrogat des orientalischen Kaffees“ (Leipzig 1824, 116). Aber auch akademische Überblickswerke enthielten lange Listen von Heilwirkungen, etwa der Versuch einer Literatur und Geschichte der Nahrungsmittelkunde (Abt. 2, Stendal 1811, 649-652) des Mediziners und Seebadvorreiters Samuel Gottlieb Vogel (1750-1837) oder aber die weit verbreiteten Pharmakologische Tabellen (Bd. 1, Leipzig 1819, 99) des Leipziger Arztes Gotthilf Wilhelm Schwarze (1787-1855). Diese Experten handelten wohl nach bestem Wissen, doch dieses war häufig additiv und unkritisch. Außerdem war Gelehrsamkeit meist mit der Belehrung von Laien verbunden, das – neudeutsch gesprochen – Nudging der nicht akademischen Klassen war jedenfalls unübersehbar. Doch glaubte wirklich irgendjemand, dass „der feinste Leckergaumen“ eine Mischung von zwei Drittel Eichel- und einem Drittelbohnenkaffee nur schwer von reinem Kaffee unterscheiden konnte (Der Aufmerksame 1813, Nr. 45 v. 5. Juni, 3)? Es wäre leicht, weitere Beispiele zu ergänzen. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die Verheißungen der Eichelenthusiasten bis in die Jahrhundertmitte präsent blieben und sie erst dann auf die medizinische Hauptwirkung der Gerbsäure begrenzt wurden, nämlich ihre stopfende Wirkung, die bei Brechdurchfällen und Magen-Darmkrankheiten hilfreich sein konnte.

Festzuhalten ist aber auch, dass ab den 1810er Jahren die Belegstellen für einen regulären Absatz von Eichelkaffee zunehmen. Wenzel Storch, wohl kein Vorfahre des bekannten Trashfilmers gleichen Namens, verkaufte seit spätestens 1812 Eichelkaffee in Wien in Pfund-, Halb- und Viertelpfundpaketen (Wiener Zeitung 1812, Ausg. v. 4. Januar, 12). Es handelte sich laut Werbung um „ein stärkendes nahrhaftes, und Verdauung beförderndes Getränk“ (Wiener Zeitung 1813, Nr. 13 v. 30. Januar, 7). Der Paketinhalt wurde im Haushalt mit Wasser wohl eine Viertelstunde gekocht und anschließend gefiltert. Lauwarm, teils kühl, ergänzt um Zucker und Milch sollte er dann „gegen Schwäche der Verdauung, Atrophie, Scrofeln, Rhachitis“ helfen (Justus Radius, Auserlesene Heilformen, 2. umgearb. Aufl., Leipzig 1840, 606 [Bericht von 1813, US]). Ein Zusatz von Bohnenkaffee konnte den Geschmack natürlich verbessern, minderte aber nicht die vermeintliche medizinische Wirkung. Eichelkaffee wurde zunehmend von Kaffeesurrogatfabrikanten hergestellt, meist kleinen Anbietern für einen lokalen Markt (Wiener Zeitung 1829, Nr. 129 v. 6. Juni, 916). Doch er blieb auch Apothekerware. Die meisten mir vorliegenden Anzeigen finden sich dabei im österreichischen und bayerischen Bereich – aber es ist nicht klar, ob dies aus der Fokussierung auf die digitalisierten Bestände etwa der Österreichischen Nationalbibliothek, der Bayerischen Staatsbibliothek, von Internet Archive oder Google Books resultiert oder ob in den digitalisierungsfaulen Regionen Deutschlands ehedem wirklich kaum Eichelkaffee konsumiert wurde.

03_Augsburger Tagblatt_1833_01_31_Nr032_p124_Eichelkaffee

Werbung für Eichelkaffee 1833 (Augsburger Tagblatt 1833, Nr. 32 v. 31. Januar, 124)

Sicher ist aber, dass seit den späten 1820er Jahren ein wichtiger Konkurrent für den Eichelkaffee aufkam, nämlich die Eichelschokolade – ein weiterer Beitrag hierzu wird folgen. Dabei handelte es sich um eine Vermengung von gerösteten Eicheln, Kakao und Zucker, die gewiss wohlschmeckender war als der bittere Eichelkaffee. Das neue Getränk zielte auf Kinder und Magen-Darm-Kranke, galt im bürgerlichen Bereich als Heilmittel und Ausdruck elterlicher Sorge. Es wurde seinerseits nach 1885 von dem technisch versierteren Eichelkakao abgelöst, einem feinen und wohlschmeckenden Präparat, das Brechdurchfälle stoppen konnte und zudem half, die geschwächten Patienten wieder langsam aufzufüttern. Der Eichelkaffee verlor damit eine wichtige kaufkräftige Klientel, auch wenn er von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts eine gängige Handelsware gegen Magenprobleme blieb.

Die gewerbliche Herstellung des Eichelkaffees erlaubte eine gewisse qualitative Verbesserung und an einzelne Anbieter gekoppelte Produktqualität. Nach wie vor dürfte der Großteil häuslich zubereitet worden sein, abhängig vom Eichelanfall der einzelnen Jahre: „Am wohlfeilsten aber kommt der Caffe einer Familie zu stehen, wenn sie ihn selbst pflanzt, oder selbst sammelt und zurüstet“ (J[ohann] B[aptist] C[arl] Kottmann, Versuch über Caffeesurrogate, Solothurnisches Wochenblatt 1823, 421-432, hier 423). Die Mehrzahl der in Tageszeitungen und Journalen publizierten Rezepte zielte jedenfalls auf eine optimale häusliche Praxis. Sie wurden im Regelfall erst in Fachzeitschriften publiziert (etwa Dierbach, Bemerkungen über die officinellen Früchte der Eichen, Annalen der Pharmacie 12, 1834, 85-88, hier 87; Krauss, Ueber den Eichelkaffee, Annalen der Chemie 19, 1836, 346-347; Gesundheits-Zeitung 4, 1840, 67-68) und dann dem breiteren Publikum unterbreitet (Der Humorist 1837, Nr. 42 v. 8. April, 60; Goldgrube, 1850, 33; Illustrirte Zeitung 16, 1851, 100). Diese Rezepte waren langlebig, wurden immer mal wieder publiziert und erlebten während des Ersten Weltkrieges eine neuerliche Renaissance (etwa Berliner Volks-Zeitung 1915, Nr. 523 v. 13. Oktober, 10).

Der häuslich zubereitete Eichelkaffee hielt sich im ländlichen und kleinstädtischen Raume, denn hier war er Teil der Hausmittel. Er wurde vor allem den Kindern gegeben, um Verdauungsproblemen vorzubeugen und diese zu bekämpfen (Deutscher Volks-Kalender 1847, Berlin s.a. [1846], 143; Ernst von Bibra, Die Narkotischen Genußmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, 31). Ältere tranken in präventiv, als gesundes Alltagsgetränk. Die ländliche Bevölkerung nahm damit den Wandel in der medizinischen Beurteilung vorweg. Seit den 1840er Jahren wurde das Einsatzspektrum des Eichelkaffee resp. die wirkende Substanz der Eicheln immer stärker eingegrenzt, einerseits auf Verdauungskrankheiten, anderseits auf die allgemeine Stärkung (Ferdin[and] Ludw[ig] Strumpf, Systematisches Handbuch der Arzneimittellehre, Bd. 1, Berlin 1848, 245; Encyclopädie der gesammten Medizin, 2. Ausgabe, Bd. 2, Leipzig 1848, 195-197; L[udwig] W[ilhelm] Mauthner von Mautstein, Kinder-Diätetik, 2. Aufl., Wien 1853, 109; Friedrich Oesterlen, Handbuch der Heilmittellehre, 6. neu umgearb. Aufl., Tübingen 1856, 378). Im städtischen Raum aber verlor Eichelkaffee spätestens seit den 1850er Jahren seine ohnehin nur marginale Position. Der 1865 erfolgte und vielfach kommentierte Konkurs der Wiener Surrogatkaffee-Fabrik von Anton Gemperle markierte dabei ein gewisses Ende, hatte sie doch stark auf Eichelkaffee gesetzt (Gerichtshalle 9, 1865, 206). Der Nürnberger Naturforscher Ernst von Bibra (1806-1878) vermerkte jedenfalls schon 1858, dass Eichelkaffee „nur wenig gebraucht“ würde und wenn, dann vorzugsweise auf ärztlichen Rat (Der Kaffee und seine Surrogate, München 1858, 105).

04_Die Presse_1858_07_11_Nr156_p7_Ersatzkaffee_Eichelkaffee_Anton-Gemperle_Wien

Eichelkaffeeofferte von Anton Gemperle, Wien (Die Presse 1858, Nr. 156 v. 11. Juli, 7)

Parallel setzte in den 1860er Jahren eine neuerliche Kritik am Heilmittel Eichelkaffee ein. Sie kam zumeist von Kinderärzten, die auf Basis ihres neuen physiologischen Wissens versuchten, die massive Kindersterblichkeit zu bekämpfen, die in Oberbayern beispielsweise über 40 % lag. Dr. Flügel kritisierte die Landbevölkerung und auch die dortigen Ärzte: „So wurde mir auch hier verschiedene Male entgegnet, dass man auch Eichel-Caffee versucht habe und doch sei das Kind immer schlechter geworden. Auch der Eichel-Caffee ist ein thörichte Nahrung, denn nicht brenzliches Wasser und Gerbstoff brauchen schlecht genährte Kinder, sondern ganz andere Dinge!“ (Betrachtungen eines Neulings in Niederbayern, Aerztliches Intelligenz-Blatt 14, 1867, 473-475, hier 475). Der Wiener Mediziner Karl Kirschneck argumentierte ebenfalls physiologisch als er Eichelkaffee als Gefährdung für Säuglinge brandmarkte (Der Wiener Bote für Stadt und Landleute auf das Jahr 1872, Wien s.a. [1871], s.p.; ähnlich Allgemeine Wiener Medizinische Zeitung 22, 1875, 139). Zudem wandte man sich in bürgerlichen Kreisen offen gegen den unangenehm bitteren Geschmack der Eicheln (Iris 16, 1864, 173): Das „ekelhafte Gebräu, welches man aus ihnen bereitet, wird nie und nimmer die schlechteste Kaffeesorte ersetzen; ihre Anwendung ist der gröbste Selbstbetrug“ (Erheiterungen 1869, Nr. 124 v. 29. Mai, 495). Die sich langsam institutionalisierende Nahrungsmittelkontrolle beseitigte zuvor nicht selten vorkommende Kaffeeverfälschungen mit Eichelmehl, und selbst Ersatzkaffeeproduzenten wie die Nordhausener Firma Krause bewarben ihren „Gesundheitskaffee“ offensiv mit dem Gütehinweis „nach chemischer Untersuchung frei von Cichorien, Eicheln und sonstigen schädlichen Stoffen“ (Pfälzer Zeitung 1870, Nr. 16 v. 20. Januar).

Dennoch verschwand der Eichelkaffee nicht. Das lang an der höheren Beharrungskraft ländlicher Ernährungsweisen, an seinem niedrigeren Preis, aber auch einer Unterstützung des Getränkes durch die Naturheilkunde und die Temperenzbewegung. Schon der Makrobiotiker Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) hatte sich im späten 18. Jahrhundert mehrfach für den Eichelkaffee als Heiltrunk ausgesprochen, da er Wirkung und Nährkraft miteinander verbinde (Johann Wendt, Die Kinderkrankheiten systematisch dargestellt, Breslau/Leipzig 1826, 579). Auch der Begründer der Homöopathie Samuel Hahnemann (1755-1843) sah in ihm ein hilfreiches natürliches Heilmittel (Apothekerlexikon, T. 2, Abt. 1, Leipzig 1798, 35). Naturheilkundler stärkten das schwindende Renommee des Eichelkaffees als Kinder- und Alltagsgetränk am Ende des 19. Jahrhunderts neuerlich – mochte dieses von der wissenschaftlichen Medizin auch nicht (mehr) gedeckt sein. Sebastian Kneipp (1821-1897) ist zwar bis heute als Namensgeber von „Kathreiners Malzkaffee“ bekannt (Spiekermann, Kathreiners Malzkaffee), doch in seinem Hauptwerk „So sollt ihr leben“ bedauerte er, dass der Eichelkaffee nicht „die wohlwollende Gunst des Volkes“ habe (Kempten 1889, 81). Und pointiert ergänzte er: „Ich weiß wirklich nicht, ob ich dem Eichelkaffee oder dem Malzkaffee den Vorzug geben soll“ (zit. n. Linzer Volksblatt 1891, Nr. 62 v. 17. März, 1). Der Salzburger Feigenkaffeeproduzent Andre Hofer brachte entsprechend seit 1890 sowohl einen Gesundheitsmalzkaffee als auch einen Eichelkaffee auf den Markt. Auch der Schweizer Kräuterpfarrer Johann Künzle (1857-1945) empfahl den Eichelkaffee, vermarktete dann aber mit dem Kaffeesurrogat Virgo eine Eigenkreation. Die beiden Geistlichen waren überzeugungsstarke Persönlichkeiten mit großen Anhängerscharen. Die Zahl der Temperenzler blieb demgegenüber klein, wohl auch, weil sie sich über die Alternativen zum Teufel Alkohol nicht recht einigen konnten. Doch wie eine Hymne vom Wiener Antialkoholkongress 1901 belegt, zählte auch Eichelkaffe zu ihren Optionen: „Fort mit dem Alkohol, Fort mit dem Wein sowohl Als auch dem Korn! Bier, Rum, Arrac, Kognac, All dieses Teufelspack Ist uns ein Dorn. Gießet mir Milch ins Glas, Schänket mir eine Tass’ Eichelkaffee, Schänket Thee und Selters ein Und laßt uns lustig sein: Ach du herrje!“ (Neue Hamburger Zeitung 1901, Nr. 184 v. 20. April, 17). Die darin enthaltenen Gängelungsphantasien wurden damals noch kritisch kommentiert: „Es gab eine Zeit, wo man den in ein Irrenhaus gesteckt hätte, der für ein Gesetz gegen den Genuß von Wein und Bier plaidiert hätte. Und heute wird diese Forderung ganz laut erhoben und der edle Rebensaft für schnödes Gift erklärt. Vielleicht kommt’s wirklich noch dazu, daß die Menschheit auf Himbeerlimonade und Eichelkaffee gesetzt wird“ (Neue Hamburger Zeitung 1903, Nr. 138 v. 23. März, 5).

Eichelkaffee, ach du herrje, war damals bereits Symbol des einfachen, unbedarften, unverkünstelten Lebens im Einklang mit der Natur. Es verkörperte Häuslichkeit, bezog sich auch auf die vermeintliche Natur der Geschlechter. Eichelkaffee war ein Getränk des Kindes und der häuslichen Frau. Entsprechend wurde den kunstsinnigen aber mageren Besucherinnen des Wiener Burgtheaters von einem wohlmeinenden Manne nahegelegt: „Zuviel Kunstgenuß ist darum wahrscheinlich auch nicht gesund. Lieber etwas mehr Eichelkaffee!“ (Hagelbrunners Spaziergänge und Sonntagsplaudereien, Morgen-Post 1854, Nr. 115 v. 14. Mai, 3). Noch ärger das Bemühen seines Mannheimer Geschlechtsgenossen, der anlässlich der Gründung des ersten Mannheimer Frauenturnvereins folgendes zusammenreimte: „Verrenken sie sich die Glieder, Mit oder ohne Mieder? Vollbringen sie den Purzelbaum, Mit einfachem oder doppeltem Saum? Und springen sie Trambolin, In Seide oder in Mousselin? Und wenn sie klettern auf’s Strickel, Was hat ihr Strumpf für einen Zwickel? Und wenn sie schlagen flink ein Rad, Was hat ihr Negligé für eine Naht? O deutsche Frauen, laßt Euch nicht lachen aus, Bleibt hübsch beim Kind und beim Mann zu Haus, Und schlägt die deutsche Eiche mit Gewalt heraus, So trinkt Eichelkaffee und spielt Eichel-Daus!“ (Der Humorist 10, 1846, Nr. 312 v. 30. Dezember, 1258). Ach ja, die deutschen Männer. Das dachte sich gewiss auch der französische Reiseschriftsteller Victor Tissot (1844-1917), der in seiner 1875 erschienenen „Reise in das Milliardenland“ mitleidvoll vermerkte: „‘Abends gehen die Familienväter […] allein in’s Gasthaus des Ortes – lassen ihre Frau und Kinder zu Hause, welche indessen Eichelkaffee trinken und Kartoffeln essen‘“ (Dresdner Nachrichten 1876, Nr. 235 v. 22. August, 3). Das stimmte nicht ganz, zumal es ja den Freiheitsraum des Kaffeekränzchens gab. Doch auch hier warnten männliche Ärzte schnatternd vor dem Bohnenkaffee, der sie „gleichsam zu Tode liebkose. Darum ihr Kaffeebasen des Waldes und des Landes trinkt Eichelkaffee, Gersten-, Roggen- und Malzkaffee“ (Vorarlberger Volksblatt 1897, Nr. 86 v. 16. April, 4). Solches Hobbitidyll konnte man natürlich in Frage stellen. Eichelkaffee wurde daher ebenfalls als Symbol der Reaktion verstanden, etwa als Bestandteil eines von agrarischen Interessen einseitig dominierten Deutsches Reiches. Darin konnte man auf die Reizstoffe des modernen Lebens glücklich verzichten. „Wir dürfen Eicheln, Bucheckern, Brennesseln [sic!], Kartoffelblättern, Maikäfer, Lindenblüten und das Unkraut aus den Feldern sammeln, ohne einen Pfennig dafür bezahlen zu müssen. Was ich in ein paar Monaten schon an Delikatessen kennen gelernt habe, die mir früher fremd waren, das glaubt man gar nicht. Insektenkraftbrühe, Bucheckernpasteten mit Brennesselsalat, Wolfsmilch, Unkräuterkäse, Eichelkaffee und vieles mehr“ (Oscar Harsiem, Der agrarische Himmel auf Erden, Berliner Volks-Zeitung 1909, Nr. 345 v. 27. Juli, 2).

Handelt es sich bei alledem um typisch bürgerliche Symbolkämpfe, so markierten Eicheln und Eichelkaffee aber auch reale Machtkämpfe, vor allem aber die Grenze zwischen auskömmlich und arm. Eicheln konnten gesammelt werden, doch nicht nur in den Forsten stand dies häufig gegen Besitzrechte. Öffentliche Anlagen mussten gegen Lausbuben verteidigt werden, die dort ihr Unwesen trieben: „Daß arme Mütter daheim Eichelkaffee brauen, um die teueren Bohnen zu sparen, und daß im Winter mit gedörrten Kastanien Feuer angemacht wird, spielt im Vorstellungskreise der Jungen doch wohl noch kaum eine Rolle“ (Volks-Zeitung 1903, Nr. 467 v. 6. Oktober, 3). Eichelkaffeerezepte wurden vor dem Ersten Weltkrieg überschrieben mit „Eine, die sparen muß“ (Neue Hamburger Zeitung 1913, Nr. 500 v. 24. Oktober, 14). Das merkten auch die Kinder, zumal in der Nachkriegszeit: „Da wanderten wir Mädeln und Buben an schulfreien Tagen […] hin, den Mundvorrat in der Tasche; er bestand aus einem Stück Schmalzbrot und einer Flasche Eichelkaffee. Unsere Mutter wollte uns weismachen, dieser sei sehr gesund; in Wirklichkeit hat sie uns bewußt angelogen. Doch dürfte es eine Notlüge gewesen sein; denn wäre genug Geld im Hause gewesen, so hätte uns die Mutter sicherlich keinen Eichelkaffee gekocht“ (Rosa Nejedly, G’schichten vom „Linagrab’n“, Die Unzufriedene 1927, Nr. 39 v. 24. September, 5).

05_Drogisten-Zeitung_09_1894_p454_Säuglingsernährung_Eichelkaffee_Eichelkakao

Eichelprodukte als Kindernährmittel (Drogisten-Zeitung 9, 1894, 454)

Im frühen 20. Jahrhundert war Eichelkaffee als Nahrungsmittel und auch als Heilmittel unbedeutend. In Haushaltslehren und Kochbüchern tauchte er kaum mehr auf (eine Ausnahme ist Wilhelmine von Gehren, Küche und Keller, Leipzig 1905, 778). Die Hinweise in pharmazeutischen, chemischen und allgemeinen Nachschlagwerken informierten kurz und pflichtschuldig (Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 4, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Berlin/Wien 1905, 511; J[oseph] König, Chemie der Nahrungs- und Genußmittel sowie der Gebrauchsgegenstände, Bd. 2, 4. verb. Aufl., Berlin 1904, 813). In der medizinischen Literatur wurde er zumeist als „wenig nährend“ ([Leo] Langstein, Ueber die Ernährung des Kindes, Hebammen-Zeitung 9, 1895, 41-44, hier 43) abgelehnt, doch finden sich immer noch auch positive Einschätzungen (Therapie der Gegenwart 52, 1911, 57 (Adolf Baginsky)). Schlechter Geschmack, geringer Kaloriengehalt und die praktikable Alternative des Eichelkakaos dominierten jedoch die Bewertung des Eichelkaffes (Der Zeitgeist 1897, Nr. 21 v. 24. Mai, 4). Entsprechend wurde er ab und an mit Malzkaffee vermischt und dann als Eichelmalzkaffee angeboten.

06_Vorwärts_1907_11_03_Nr258_p23_Eichelkaffee_Mehl_Eichelmalzkaffee

Mühlenmedizin – Werbung für Eichelmalzkaffee (Vorwärts 1907, Nr. 258 v. 3. November, 23)

Der Erste Weltkrieg führte zu einer Sonderkonjunktur, wenngleich auf niedrigem Niveau. Die Preissteigerungen für Bohnenkaffee hatten schon vor dem Ersten Weltkrieg zu deutlichen Konsumrückgängen und einem weiteren Wachstum des Ersatzkaffeekonsums geführt. Davon profitierte vor allem der Malzkaffee, bedingt Zichorien- und – in Süddeutschland und Cisleithanien – Feigenkaffee. Nachdem im Herbst 1914 klar war, dass der Weltkrieg nicht rasch enden würde, und die völkerrechtswidrige Blockade der Alliierten die Kaffeeimporte größtenteils unterband, waren Konsumveränderungen erforderlich: „Wenn der Eichelkaffee vielleicht auch dem verwöhnten Gaumen nicht so ganz zusagt, so ist er doch ein billiges und gutes Volksnahrungsmittel und verdient bei den heutigen Kaffeepreisen volle Beachtung“ (Oesterreichische Land-Zeitung 1914, Nr. 43b v. 26. Oktober, 3). Noch besaßen die Mittelmächte beträchtliche Vorräte. 1915 lag der Bohnenkaffeekonsum im Deutschen Reich höher als 1914 (3,02 gegenüber 2,78 kg/Kopf), doch diese Menge halbierte sich 1916. 1917 waren die Vorräte aufgebracht, für 1918 geben die amtlichen Landesstatistiken einen Bohnenkaffeeverbrauch von lediglich 2000 t an, 0,03 kg/Kopf. Schon 1915 hatte man daher mit der Bewirtschaftung von Getreide begonnen, und Kaffeeersatzmittel der Rationierung unterworfen. Eichelkaffee schien eine sinnvolle Ergänzung zu sein, ein „ganz annehmbares Getränk“ (Vorarlberger Volksblatt 1915, Nr. 217 v. 23. September, 4), zumal für den häuslichen Konsum abseits der Kartenpflicht. Insbesondere in Süddeutschland gab es eine durchaus „lebhafte Propaganda für die Verwendung von Eicheln im Haushalt“, zumal bei ärmeren Bevölkerungsschichten (Oesterreichische Forst- und Jagd-Zeitung 30, 1915, 269).

Eichelkaffee schien eines der vielen Opfer zu sein, die den Sieg im Völkerringen näher bringen würden. Doch von einer sakrifiziellen Gemeinschaft (Herfried Münkler, Der Große Krieg, 5. Aufl., Berlin 2014, 226) konnte nicht die Rede sein. Stattdessen beschwor man die Vergangenheit, die gute alte, in der der Eichelkaffee noch „sehr geschätzt war und besonders gern von schwächlichen und der Kräftigung bedürftigen Personen getrunken wurde. Jetzt ist er ganz in Vergessenheit geraten“ (General-Anzeiger für Hamburg-Altona 1915, Nr. 226 v. 26. September, 17). In Zeiten der Sinnsuche für den Krieg hatte die Ernährung eine wichtige Funktion, konnte eine Transformation der „Volksernährung“ doch mehr erringen als den militärischen Sieg. Als zu Beginn des Krieges erlaubt wurde, bei außergewöhnlichen Belastungen die Kaffeeportion des Heeres mit einer Branntweinportion von 0,1 l zu ergänzen, wurde darüber kontrovers diskutiert, heiße Getränke oder Rotwein statt der Spirituosen gefordert. „Noch zweckmäßiger wäre der fast alkoholfreie und mehr gerbsäurehaltige Heidelbeerwein, Eichelkaffee, Eichelkakao“ (Medizinische Klinik 10, 1914, 1772). Der Krieg bot demnach die Chance einer wieder schollengebundenen, einfachen und natürlichen Kost. Gegen Verweichlichung, Fleischmast und koloniale Reizstoffe wurde breit gewettert, da kam der „beste Gesundheitskaffee“ (Mährisch-Schlesische Presse 1916, Nr. 73 v. 9. September, 5) gerade Recht. „Gratis-Nahrung aus Wald und Feld“ (R. Stätter (Hg.), Zürich 1918) war nicht nur erforderlich, sondern auch Umkehr. Künzle und Kneipp wussten das ja immer schon. Eichelkaffee war ein kleiner Baustein in dem großen Wandel, den die verlangten, die ausländische Weine, teure Südfrüchte und Luxuswaren verdammten. An die Stelle von Tee, Kakao, und Kaffee sollten „vollwertige Ersatzgetränke, wie Malz- und Eichelkaffee und Tee aus Brombeer- und Erdbeerblättern, Heidekraut, Apfelschalen usw.“ treten (Neue Hamburger Zeitung 1916, Nr. 69 v. 8. Februar, 11).

07_Stätter_1919_pI_Kriegskochbuch_Wildfrüchte

Ästhetisierter Mangel: Ersatzmittel aus der Natur (R. Stätter (Hg.), 2. Aufl., Zürich o.J. (1919))

Das waren Naturalphantasien, auch nicht ansatzweise geteilt von der zur Einschränkung grundsätzlich bereiten Mehrzahl. Für sie wurde Geschichte als Argument genutzt. Die Kontinentalsperre wurde bemüht, auch wenn die damals erzwungene Waffenbrüderschaft mit den Franzosen nicht ganz ins Bild passte. „Früher“ hatte man noch Eichelkaffee getrunken, also war das auch heute möglich. Schließlich ging sein Genuss „auf die direkte Anregung Friedrichs des Großen zurück“ (Deutsche Zeitung 1917, Nr. 22 v. 2. Juni, 7). Das wurde vielleicht zurecht nicht geglaubt, stellte den Ersatzmampf aber in eine hebende Tradition. Die Rezepte für Eichelkaffee griffen jedenfalls ältere Vorschläge auf, allerdings ohne dieses zu erwähnen (etwa Berliner Tageblatt 1917, Ausg. v. 8. August, 16).

Abseits derartiger Wunsch- und Zerrbilder dominierte jedoch eine Pragmatik des Alltags, die versuchte mit der wachsenden Enge umzugehen und die Not zu ertragen. Staatlicherseits wurde anfangs das Eichelsammeln propagiert, doch schon 1915 setzte die Bewirtschaftung der Eicheln ein, wurden Festpreise festgelegt und Eichelkontingente zugewiesen. Schweine hatten Vorrang. Am 8. November 1915 übernahm die Bezugsvereinigung Deutscher Landwirte die Federführung, wies Futtermittel aus Eicheln und Kastanien dezentral zu. Noch bestehende Lieferverträge mit den wenigen Eichelkaffeeproduzenten konnten allerdings noch erfüllt werden (Berliner Bösen-Zeitung 1915, Nr. 535 v. 14. November, 9). Unmittelbar vor dem Krieg wurden etwa 2000 t Eicheln zu Kaffeeersatz verarbeitet. Das waren etwa 0,8 % aller gewerblich hergestellten Kaffeesurrogate (Fritz Bürstner, Die Kaffee-Ersatzmittel vor und während der Kriegszeit, Berlin 1918, 6). Die staatliche Bewirtschaftung erlaubte bis 1918 eine Steigerung auf „höchstens 5000 t“ (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 35, 1918, 87 (Beitter)). Das war deutlich mehr als offiziell zirkulierender Bohnenkaffee, doch pro Kopf ergaben sich nur 0,08 kg. Diese Mengen dienten nicht zuletzt der Substitution des als Heilmittel wegbrechenden Eichelkakaos. Deutlich umfangreicher dürfte trotz staatlicher Bewirtschaftung die beträchtliche Selbsthilfe gewesen sein, zumal seit 1917. Eichelkaffee diente als „Stopfmittel“ (Carl von Noorden und Hugo Salomon, Handbuch der Ernährungslehre, Bd. 1, Berlin 1920, 620), als wenig effizientes Heilmittel gegen Durchfall und die deutlich zunehmenden Magen-Darm-Krankheiten. Er war aber nun auch wärmendes Alltagsgetränk: „Sie müssen die Eicheln rösten und mahlen, dann haben Sie Eichelkaffee. Mit Kaffee hat das Getränk absolut nichts zu tun, es ist aber immerhin ein guter Ersatz, besser als Rüben“ (General-Anzeiger für Hamburg-Altona 1918, Nr. 116 v. 21. Mai, 5). Häuslich hergestelltes Eichelmehl wurde vielfach zugemengt, anfangs zum Bohnenkaffee, dann zu Kaffeesurrogaten, schließlich zu Lupinen und sonstigem Wald- und Wiesengewächs. „Blumenerde“ hieß dieses Getränk, bitter war sein „Geschmack“ (Vorwärts 1924, Nr. 464 v. 2. Oktober, 5).

Die Sonderkonjunktur des Eichelkaffees endete nicht bei Kriegsende. Die Blockade wurde fortgesetzt, erst 1919 gelockert. Unter den dann verfügbaren Lieferungen waren auch große Mengen von Eicheln, Eichelkaffee und Eichelaromaextrakt (Berliner Tageblatt 1919, Nr. 267 v. 12. Juni, 5). Der Mangel betraf nicht nur Bohnenkaffee, sondern auch alle Surrogate. Im Herbst 1919, hieß es zum Auftakt der Eichelernte: „Jetzt ist der Eichelkaffee in unverfälschtem Zustande aber kaum noch käuflich, und wenn, nur zu sehr hohem Preise. Deshalb lohnt das Sammeln von Eicheln für den Hausverbrauch“ (Neue Hamburger Zeitung 1919, Nr. 531 v. 18. Oktober, 13). Dieses zog sich bis zum Ende des Jahrzehnts der Ernährungskrise hin, also bis 1923. Die vielbeschworenen Hausfrauen waren weiterhin gezwungen, „zu allerlei Ersatzmittel zu greifen, um der Familie eine Art ‚Kaffee‘ vorzutäuschen“ (Wienerwald-Bote 1920, Nr. 47 v. 27. November, 4). Eichelkaffee wurde jedoch gewerblich in schwindender Menge produziert. In Österreich gab es 1921 unter den zugelassenen Kaffeesurrogaterzeugern nur zwei Produzenten von Eichelkaffee, einer davon aus der Schweiz (Wiener Zeitung 1921, Nr. 58 v. 12. März, 202). In der Populärliteratur hieß es deutlich: „Die Leut‘ woll’n den Eichelkaffee net, das Geschlader mit dem ekelhaften Saccharin und der pappigen Kondensmilch, Da muß ja aner Sau grausen“ (Valentin Kramretter, Der Kotelettenfranzl und seine Tochter, Illustrierte Kronen-Zeitung 1922, Nr. 8035 v. 22. Mai, 2).

Die Geschichte des Eichelkaffees endete nicht 1923, doch breitere Bedeutung gewann das Heil- und Nährgetränk nicht mehr. Natürlich wurde es von medinischen Populärschriftstellern, wie etwa Waldemar Schweisheimer (1889-1986), weiter als „uraltes Hausmittel“ vorgestellt (Heilbestandteile der heimischen Laubbäume, Drogisten-Zeitung 41, 1926, 152). Armut blieb ein wichtiger Grund, um Eicheln nicht allein zu lustigen Tierfiguren zu formen, sondern auch zur Getränkebereitung heranzuziehen, da man mit dem Pfennig zu rechnen hatte (Vorwärts 1925, Nr. 457 v. 27. September, 6). Trotz wieder verfügbarem Eichelkakao und einer wachsenden Zahl wirksamer pharmazeutischer Mittel wurde Eichelkaffee weiterhin gegen Durchfall empfohlen (Alpenländische Rundschau 1928, Nr. 239 v. 5. Mai, 28; Illustrierte Kronen-Zeitung 1934, Nr. 12469 v. 7. Oktober, 17). Der Zweite Weltkrieg wurde begonnen, und trotz effizienter Kriegsvorbereitung wurde neuerlich an den Eichelkaffee als „ein altes, erprobtes Küchenmittel“ erinnert, galt er als „alter ‚Bauerntrank‘“ (Das kleine Blatt 1939, Folge 304 v. 4. November, 6). Neuerlich wurden Hausfrauen unterrichtet, wie sie denn die Eicheln zu schälen und zu rösten hatten, „einfach und ergiebig und – markenfrei“ (Salzburger Volksblatt 1940, Folge 245 v. 17. Oktober, 8). Die NS-Frauenschaft gab Eichelkochbücher heraus, denn die „Eichel ist als Nahrungsmittel heute neu entdeckt“ (zit. n. Rainer Horbelt und Sonja Spindler, Tante Linas Kriegskochbuch, Frankfurt/M. 1982, 192). Und in der nächsten Nachkriegszeit konkurrierten abermals Menschen mit Wild und Nutztieren um die immerhin nährenden Früchte. Glaubt man den vielfältigen Verheißungen heutiger Natur-, Wald- und Eichelpropagandisten, werden sich wohl weitere Kapitel anschließen. Ach du herrje!

Uwe Spiekermann, 22. März 2019