„Mock Food“ – Eine kurze historische Horizonterweiterung

„Mock Food“? So bezeichnet man in den USA Lebensmittel und Speisen, die ihre eigentliche Beschaffenheit verdecken, die den Konsumenten augenzwinkernd täuschen. Denn natürlich ist ihre andere Zusammensetzung bekannt, wird teils stolz kommuniziert, gründet bei Produkten darauf doch der Markterfolg. Bei meinem letzten Aufenthalt in Kalifornien hatte ich wissensbegierig ein neues Leitprodukt dieser Marktsegmentes geordert: $8,99 kostete der Beyond Meat Burger im kargen Ambiente eines Jack’s Jr. Fast-Food-Restaurants. Dieser Burger ist ein Burger, doch er ist kein Burger.

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Ein wohlverpackter Burger „Beyond Meat“

Die Debatten in Deutschland über den neuen vegetarischen Wunderklops hatte ich natürlich im Hinterkopf: „Beyond Meat steht für fleischlose die [sic!] Alternative zum klassischen Burger-Patty und ist der Hype des Jahres – ohne Gentechnik, ohne Soja und vegan!“ Obwohl schon zuvor erhältlich, etwa beim Hildesheimer Systemgastronomen Café del Sol, begann der Medienhype im Mai 2019. Lidl lud Burger-Patties in seine Regale, die burgeraffine Kundschaft kaufte diese leer. Das lockte noch mehr Käufer, vermeintliche Knappheit hat in Zeiten des Überflusses Signalwirkung. Die Lieferschwierigkeiten blieben allerdings bestehen, ein „Shit-Storm“ folgte. Netto und Real versorgten die darbenden „Mock-Food“-Willigen dennoch mit dem aus Erbsenprotein, Pflanzenölen und Gewürzen bestehenden Ersatzburger (Stern 2019, Ausg. v. 16. Juni; Merkur 2019, Ausg. v. 19. September). Andere folgten: Next Level Burger bei Lidl, Wonder Burger bei Aldi, mehr wären zu erwähnen. Die Medienresonanz war ausgezeichnet, die Produkteinführung lehrbuchgerecht erfolgt. Schade nur, dass spätere Tests Qualitätsmängel monierten: Öko-Test gab dem „Beyond Meat“ Burgersubstitut nur ein „ausreichend“, monierte einen stark erhöhten Gehalt an Mineralölbestandteilen sowie den Einsatz eines geschmacksverstärkenden Hefeextraktes (Öko-Test 2019, Ausg. v. 24. Oktober). Auch der Spiegel ließ testen, und das Kreuznacher Labor Dr. Haase-Aschoff fand das Rauch-Aroma Grillin, einen nicht unproblematischen Stoff, zuvor nur Experten bekannt (Der Spiegel 2019, Ausg. v. 28. Dezember). Beyond Meat antwortete gemäß Krisenmanagement-Handbuch: Das Unternehmen gelobte Besserung, verwies ansonsten auf Probleme in der Lieferkette. Hätte ich dies alles zuvor gewusst, hätte ich dennoch probiert. Einverleiben ist Forschungsarbeit.

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Der im Oktober 2019 bei Jack’s Jr. eingeführte Beyond BBQ Cheeseburger lockt

Den Hype in Deutschland hatte ich mitverfolgt, konnte ihn aber nicht recht nachvollziehen. Fleischersatz hat schließlich eine lange, weit über ein Jahrhundert zurückreichende gewerbliche Geschichte. Allerdings ist Beyond Meat kein tradierter Ökoanbieter. Das Unternehmen wurde 2009 nahe von Los Angeles mit Startkapital aus sehr unterschiedlichen Quellen gegründet, die von Tierrechtsaktivisten bis hin zum größten US-Fleischproduzenten Tyson Food reichten. Am Anfang standen Geflügelsubstitute (Beyond Chicken), ab 2013 auch über die größte, mittlerweile in Besitz von Amazon stehende US-Bio-Supermarktkette Whole Foods abgesetzt. Trotz raschen Wachstums (auf knapp unter 90 Mio. $ 2018) und der Gründung einer zweiten Produktionsstätte in Missouri waren Mitte 2019 erst 400 Mitarbeiter beschäftigt – wenig angesichts einer Marktkapitalisierung von damals deutlich über 11 Mrd. $. Die Investoren setzen auf eine rosige Zukunft der Substitution von Geflügel, Rind- und Schweinefleisch durch pflanzliche Produkte.

Beyond Meat steht für heutiges „Mock Food“ – ein Neologismus, der gegenwärtig vorwiegend aus den USA in die an Food-Komposita nicht arme deutsche Gegenwartssprache schwappt. Und doch: „Mock Food“ deckt ein breiteres Spektrum ab, breiter jedenfalls als vegetarische resp. vegane Fleischersatzprodukte. Im Deutschen fehlt ein überzeugender Dachbegriff, ein Sprachsubstitut. Stattdessen verwendet(e) man Begriffe wie Surrogate und Ersatzstoffe (vor allem bis in die 1930er Jahre), Austauschstoffe (nationalsozialistische Sprachpflege) oder das bis heute weit verbreitete Plastikwort Substitute. Sie stehen sämlich für Produkte im öffentlich-kommerziellen Raum. Im hauswirtschaftlichen Bereich sprach man dagegen seit langem von Resteküche, benutzte ansonsten die tradierten Speisenbezeichnungen, wohl wissend, dass der falsche Hase nie gehoppelt hat.

„Mock Food“ aus gastronomischer Sicht

Will man der Breite von „Mock Food“ gerecht werden, gilt es also den Blick zu weiten. Tut man dies, befindet man sich allerdings erst einmal im Feld der Alltagsküche. Denn marktgängige Substitute wie „mein“ Burger verweisen zurück auf häusliche Speisen (vgl. zur Strukturierung Lynne N. Olver, Mock Foods, in: Andrew F. Smith (Hg.), The Oxford Companion to American Food and Drink, Oxford 2003, 391-392). Setzen wir uns, entfalten das gastronomische Panorama: Bei „Mock Food“ wird erstens eine Hauptzutat ausgetauscht. Ein gutes Beispiel ist Schildkrötensuppe, hierzulande lange Zeit erfolgreich vom Frankfurter Feinkostanbieter Lacroix in Dosen gefüllt und als Edelsuppenpräparat an Restaurants und Haushalte verkauft wurde. Seit 2002 ist sie in Deutschland verboten, eine Referenz an Tier- und Artenschutz. Doch schon lange zuvor gab es Mockturtlesuppe, bei der das Fleisch der majestätischen Kriechtiere durch das der auf raschen Tod gezüchteten und ungeschützten Kälber ersetzt wurde. Will man es heimeliger haben, so sei an Kinder- oder Damenpunsch erinnert. Alkohol wird darin durch Saft, gar fruchtigen, ersetzt. Zweitens bietet „Mock Food“ ein Geschmacksäquivalent. Ähnlich sind etwa Persipan (aus Pfirsich- oder Orangenkernen) und Marzipan (aus Mandeln), Kuvertüre und Tafelschokolade oder aber der vor einigen Jahren breit diskutierte Analogkäse auf Tiefkühlpizzen und anderen Köstlichkeiten. Wer es süffiger haben möchte, sei auf Knickebein hingewiesen, ein Liköranalogon mit Eidotter. Weiter zurück noch reicht drittens die Substitution der Form. Die prächtigen Tischdekorationen des französischen Konditors und Chefkochs Marie-Antoine Carême (1784-1833) bestachen das diplomatische Europa und setzten Maßstäbe für den Einsatz von Lebensmitteln für Tafelaufbauten. Das diente dem Pläsier des Adels, sorgte für Erstaunen und Kritik in bürgerlichen Kreisen. Doch es waren dann die US-amerikanischen „Robber Barons“ und Multimillionäre, die vor dem Ersten Weltkrieg, teils auch danach, neue opulente Maßstäbe setzten. Auch hier gab es deutlich preiswertere Varianten, etwa die zahlreichen vegetarischen Frikadellen oder Braten, die der Ceres huldigten. In den USA gibt es seit 2006 das viel diskutierte Tofurkey, ein gewürztes Soja- oder Weizenkomprimat, das während des Erntedankfestes die weltoffene Welt der Nicht-Fleischesser materialisierte. Wer es kleiner deutsch möchte, erinnere sich an Deutsches Beefsteak, das nicht aus der Oberschale stammt, sondern aus Tatar besteht.

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Tomatenbraten: „Mock Food“ substitutiert die tradierte Form des Sonntagsbratens (Kurt Klein, Die fleischlose Küche für Gesunde und Kranke, 10. Aufl., Hamburg s.a. [1940], Taf. V)

Eine vierte Variante von „Mock Food“ orientiert sich ebenfalls am Preis, steht für billigere Produkte und Speisen mit gleicher Funktion. Ein gutes Beispiel hierfür ist das ehedem Kunstbutter genannte Fett, heute als Margarine voll etabliert. In Kochbüchern findet man das sog. blinde Huhn, ein deftiges Eintopfgericht, bei dem das Geflügel allerdings durch Kochwurst oder Bratenreste ersetzt wird (Davidis-Schulze, Das neue Kochbuch für die deutsche Küche, hg. v. Ida Schulze, 11. erw. Aufl., Bielefeld/Leipzig s.a. [1941], 84). Einfaches „Mock Food“ sind fünftes Speisen und Produkte, bei denen teure Zutaten reduziert werden. Welfenspeise kann man auch mit weniger als einem Dutzend Eiern schmackhaft kredenzen und nicht jeder merkt, ob die Waffeln aus ein, zwei oder drei Eier zubereitet wurden. Kuchen und Torten mit weniger Butter werden heute gar bevorzugt, die Linie, sicher. Am Ende dieser ersten Annäherung stehen sechstens dann die vegetarische Substitute. Gewiss, hinweg mit dem Fleisch! Doch auch Eier müssen ersetzt werden. Und viele überzeugte Vegetarier atmeten auf, als der aus „Leichen“ hergestellte Fleischextrakt endlich durch Gemüse- oder Hefeextrakt ersetzt werden konnte.

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Fleischextrakt ohne Fleisch (Vegetarische Warte 62, 1929, 109)

„Mock Food“ im gesellschaftlichen Kontext

„Mock Food“ fand und findet also einen vielgestaltigen Platz in der Küche und auch in den Produktwelten. Doch dies ist immer noch ein eng gefasstes Bild. Angemessener wird es, wenden wir uns den gesellschaftlichen und kulturellen Funktionen dieses Nahrungssegmentes zu (vgl. auch Patricia Roberts, In Praise of Mock Food, Gastronomica 3, 2003, Nr. 2, 17-21; Trends: Why in the world do we need fake food, Pioneer Press 2015, Ausg. v. 14. November). Beginnen wir erstens mit dem Vegetarismus, heute – noch engagierter – dem Veganismus. „Mood Food“ dient der Abgrenzung vom tradiertem Essen, ist dann primär ein Fleischersatzstoff. Solche begleiten die vegetarische Bewegung von Anbeginn. Nun, ich will Sie nicht in die Antike entführen, sondern beginne mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Beyond Meat ist nämlich ein Wiedergänger, Nachklang der schon damals weit verbreiteten Fleischsubstitute. Vor dem ersten Weltkrieg hatte sich bereits eine kleine, nur mehrere Tausend zählende Gemeinschaft organisierter „Vegetarianer“ zusammengefunden, die Grundlage einer nicht unbeträchtlichen Nischenökonomie von Gewerbebetrieben, Reformhäusern, vegetarischen Gaststätten und Verlagen war. Überzeugt von ihrer Mission der Weltverbesserung durch Verzicht, versuchte sie die Mehrheitsgesellschaft für ihr heilbringendes Anliegen zu gewinnen. Ausstellungen waren dafür ein probates Mittel. Auf der Ausstellung für fleischlose Ernährung in Frankfurt/M. wurde 1911 – ähnlich wie heute – argumentiert, dass fleischlose Ernährung nicht teuer sei, „wenn sie richtig zubereitet wird, und die Zutaten mit Überlegung gewählt werden.“ Braten aus Hülsenfrüchten kosteten demnach nur ein Viertel der üblichen Fleischbraten. Dort konnte man aber auch Pflanzenwurst kosten, „die nicht nur der Leberwust ähnlich sieht, sondern auch gut schmeckt“ (Vegetarische Warte 44, 1911, 108). Entsprechende Köstlichkeiten alternativer Küche wurden zumeist aus Nüssen bzw. Leguminosen produziert. Soja war bekannt, seit 1908 als Importöl auch Massenware, war jedoch noch kein Grundstoff für „Mock Food“.

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Fleischalternativen der Nuxo-Werke 1913 (Vegetarische Warte 46, 1913, H. 8, 3. S. vor 73)

Dennoch gab es vor dem Ersten Weltkrieg deutliche Kritik an den nicht nur in der Nischenpresse beworbenen Fleischersatzprodukten. Wilhelm Kiefer, ein überzeugter Vegetarier aus Freiburg im Breisgau, ereiferte sich Anfang 1913: „Ohne lange Einleitung will ich eine der Dummheiten herausgreifen: Fleischersatz! Nicht, als ob ich ein Gegner dieser Speise an sich wäre; aber ich bin ein Gegner schwächlicher oder allzu höflicher Zugeständnisse. Warum sagt man denn nicht einfach: Getreide-Bratenmasse? Warum denn Fleisch, Fleisch und noch einmal Fleischersatz? Muß uns die Höflichkeit der Herren Fabrikanten denn täglich mit dem Worte ‚Fleisch‘ an die Banalitäten des spießbürgerlicher Ernährungsrummels erinnern!“ Doch damit nicht genug, entsprechende Dummheiten fanden sich auch auf den Menükarten vegetarischer Restaurants: „Da lesen wir: Vegetarische Schnitzel, falscher Hase, Nußsteak, vegetarische Cotellets usf. – Ich habe mich schon gewundert, daß die Eifrigsten noch nicht zum vegetarischen Schweinebraten, oder zur vegetarischen Metzelsuppe mit vegetarischer Blut- und Leberwurst übergegangen sind“ (Vegetarische – Dummheiten, Vegetarische Warte 46, 1913, 15-16, hier 15). Die Reaktionen waren harsch, warben gleichzeitig aber um Verständnis für das vegetarische „Mock Food“. Karl Zech, Inhaber des Düsseldorfer Gesundheitsbasars „Lebensquell“, meinte erläuternd: „Wir haben es hier mit der Auswirkung des Gesetzes von Nachfrage und Angebot zu tun. Die Fabrikanten, meist keine Vegetarier, dafür umso mehr Kaufleute, wissen, da der bisherige Fleischesser nichts von ‚Getreide-Bratenmasse‘ und ähnlichen Sachen wissen will, auf Fleisch schwört, nach Fleisch verlangt und sich schließlich mit einem Ersatz begnügt, wenn ihm das Fleisch wegen Krankheit vorenthalten werden soll, oder wenn es ihm zu teuer ist.“ Auch taktisch sei es richtig, der Mehrheit entgegenzukommen: „Das mit Fleisch- und Alkoholgiften überladene Gehirn eines Fleischessers begreift nicht immer so leicht die einfache Logik des vegetarischen Gedankens. Es ist schon genug gewonnen, wenn der bisherige Fleischesser diese Gifte nicht mehr zu sich nimmt, und die Folge wird dann sein, daß er sich allmählich mehr und mehr mit der fleischlosen Ernährung befreundet“ („Vegetarische Dummheiten“, Vegetarische Warte 46, 1913, 39). Dem Idealisten Wilhelm Kiefer reichte das nicht, ging es ihm doch um die Reinheit der Bewegung, war ihm wichtig, „daß die vegetarische Bewegung kein Deckmantel für kapitalistische Uebereiferungen und Ueberschwänglichkeiten sein will. […] Denn es würde schlecht um dem Fortschritt unserer Bewegung bestellt sein, setzte man allzuviele Hoffnungen auf die Werbekraft von Ersatz-Nahrungsmitteln“ (Vegetarische Dummheiten in zweiter Auflage, Vegetarische Warte 46, 1913, 66-67, hier 66). Es gab viele Vorläufer der Beyond Meat-Produkte, allesamt begleitet von kritischen Rückfragen innerhalb und außerhalb der vegetarischen Nische.

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Pflanzenfleisch statt Tierfleisch – Werbung für Obodo (Vegetarische Warte 41, 1908, Anzeigenanhang)

Es blieb nicht bei vegetarischen Würsten aus Leguminosen oder aber dem Edener Erfolgsprodukt „Gesunde Kraft“. In den 1920er, vor allem aber in den 1930er Jahren kamen zahlreiche Sojaprodukte auf (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 512-521). Während das vegetarische „Mock Food“ während des Kaiserreichs nie größere Bedeutung gewinnen, prägten Sojabohnen als Lebensmittelinhaltsstoffe eine beträchtliche Zahl von Alltagsspeisen. Etwa fünfzig Komponenten der Wehrmachtsverpflegungen enthielten Soja, die Fleischersparnis lag bei etwa sechs Prozent des Gesamtbedarfs. Ohne Sojamampf kein Kampf. Fleischersatz blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Nischenprodukt, auch wenn die 1968 erfolgte Markteinführung des Sojamehlproduktes TVP an den Hype um den Beyond Meat-Burger erinnert. Die Zeitungen berichteten damals voller Zukunftslust über das mit Schweine- und Rindfleischgeschmack angebotene „Mock Food“, erste Chargen waren rasch ausverkauft. Doch die hehre Rede über vermeintliche Lebensmittel an der Schwelle zum Morgen blieb inhaltsleer, stattdessen machte sich rasch Ernüchterung über das Kunstfleisch Platz (Spiekermann, 2018, 730-731). Heutzutage besteht Fleischersatz weniger aus Soja, eher aus Weizen, Dinkel, Lupinen und Leguminosen. Ein Blick in die jeweils neueste „Schrot und Korn“, einer Kundenzeitschrift von Bioläden, gibt reichhaltige Einblicke. Wilhelm Kiefer wäre wahrlich überrascht gewesen.

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Nährkraft und Kaffeegenuss: Werbung für Kathreiners Kneipp’s Malz-Caffee 1891 (Berliner Tageblatt 1891, Nr. 578 v. 14. November, 9)

Gesellschaftlich und auch ökonomisch wesentlich wichtiger war zweitens „Mock Food“ aus sozialen Gründen. Damit betreten wir das weite Feld der Nahrungssurrogate. Rübenzucker ersetzte Rohrzucker, Zichorien- und Malzkaffee erlaubten billigen Kaffeegenuss, die Kunstbutter trat an die Seite der „guten“ Butter und wurde 1887 schließlich „Margarine“ benannt, erhielt so eine eigene Produktidentität. Das Wortfeld „Kunst“ gewann dadurch gänzlich neue Aspekte, mögen Kunsthonig, Kunstlimonaden oder Kunsteis auch heute kaum mehr bekannt sein. Festzuhalten aber ist, dass „Mock Food“ aus der Nische durchaus heraustreten konnte, wenn der Preis und die soziale Akzeptanz stimmten.

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Fast nikotinfrei: Werbung für ärztlich überall empfohlene Fastzigarren (Lustige Blätter 29, 1914, Nr. 2, 18)

Zukunftsgewandtes „Mock Food“ entstand drittens aus gesundheitlichen Gründen. Hierfür steht die breite Palette der Light-Produkte, auch sie ein Kind des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, auch sie seither immer wieder verfeinert, teils gar an die Seite des Ausgangsproduktes tretend. Das galt insbesondere für die zahlreichen „entgifteten“ Genussmittel: Zigarren und Zigaretten wurden nikotinarm, dann gar „nikotinfrei“. Der Alkoholgehalt des Bieres konnte mit moderaten Geschmackseinbußen auf ein bis anderthalb Prozent reduziert werden. Entkoffeinierter Kaffee folgte. Der weltweit erfolgreiche Kaffee HAG demonstrierte, dass „Mock Food“ durchaus munden, das Ausgangsprodukt durchaus substituieren kann. Während es bei diesen Lightprodukten um die Reduktion gesundheitsgefährdender Wirkstoffe ging, begannen Wissenschaftler und Unternehmer zudem, Makronährstoffe auszutauschen. Früh erfolgreich war dies bei den kohlehydratfreien Zuckeraustauschstoffen. Saccharin kam 1884 auf den Markt – und die Liste der Süßstoffe bis hin zu Stevia ist lang. Deutlich mehr Angebote und auch Rückschläge gab es bei der Substitution der Makronährstoffe Fett und Eiweiß. Diabetikernahrung war ein frühes und recht breites Marktsegment, ebenso fettreduzierte Produkte. Hier stießen die Produzenten jedoch immer wieder auf die Grenzen der technologischen Handhabung der Nahrung und ihrer Inhaltsstoffe.

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Die Nöte der Kriege kaschiert: Deutsche Zigarre und Deutscher Familientee aus heimischem Anbau (Lustige Blätter 33, 1918, Nr. 27 (l.); Wiener Illustrierte 61, 1942, Nr. 24 v. 17. Juni, 8)

Viertens schufen Wirtschaftskrisen und vor allem Kriege ihr stets eigenes „Mock Food“. Diese Notnahrung diente der Aufrechterhaltung des nutritiven Scheins angesichts von Versorgungsschwierigkeiten und Rationierung. Sprachpflege war ein wichtiges Element von Unternehmern und Bürokraten: Deutscher Tabak entstammte vielfach deutschem Anbau, wurde jedoch, je länger, je mehr, mit Blättern aller verfügbaren Pflanzen gestreckt. Ähnliches galt für Deutschen Tee. Deutscher Pfeffer bestand häufig aus Mischungen von Seidelbast und Basilikum. Wichtiger noch war der im Ersten Weltkrieg erst spät regulierte Markt der Ersatzmittel. Wer aber konnte schon ahnen, dass „Kamerad Henkel, der Feuerpunsch!“ lediglich aus gefärbtem und gewürztem Kirschsaft bestand. Bis Ende 1919 wurden mehr als 12.000 Ersatzmittel genehmigt, mehr als die Hälfte Getränkeimitate, doch auch über 800 Wurstersatzmittel.

Abseits dieser vier Hauptfelder von „Mock Food“ gibt es noch zahlreiche weitere Erscheinungsformen, die hier nur angerissen werden können. Die Gastronomie hat seit ihrem Entstehen im späten 18. Jahrhundert immer wieder versucht, ihre Gäste zu überraschen. Wer weiß schon, was im Omelette Surprise enthalten ist? Kunstvolles „Mock Food“ kreierte gewiss die in den 2000er Jahren breit diskutierte Molekularküche, ein ansprechendes Amalgam von Lebensmitteltechnologie und Spitzengastronomie (Toni Tarver, Science + Food = Fine Cuisine, Food Technology 64, 2010, Nr. 2, 38-40, 42-43, 45; Christiane Pakula nebst „Ko-Autor“ Rainer Stamminger, Molekulare Gastronomie – Gastrotrend und Wissenschaft, Ernährung im Fokus 9, 2009, 8-12). Neue Texturen, Farben und Formen täuschten sinnesfroh die Sinne, auch wenn die erhoffte Breitenwirkung ausblieb. Derartige Täuschungen muss man sich allerdings leisten können.

„Mock Food“ kann zudem Ausdruck von Emotionen sein, Soul Food im wohlverstandenen Sinne. Migrantenküchen entstehen nicht nur aus Geschäftssinn, sondern bilden eine Brücke zur imaginären Heimat, mögen die zubereiteten Gerichte auch nicht dem entsprechen, was man kannte, was man schätzte. Weiter geht es: „Mock Food“ war historisch auch eine Folge der wesentlich ausgeprägteren Saisonalität der Alltagskost. Sie führten zu einer breiten Palette von saisonalen Speisen, die den Fährnissen der kalten Jahreszeit zumindest verbal trotzten. Ähnliche Funktionen erfüllten religiöse Vorschriften, zumal während der ehedem zahlreichen Fastenzeiten. Kommerzieller aufgeladen waren und sind dagegen die Camouflagetechniken der modernen Lebensmitteltechnologie, die halfen, Fischreste zu Fischwurst zu verdichten, Filets zu Fischstäbchen, Geflügelfleisch zu Chicken Nuggets. „Mock Food“ demonstriert Gestaltungsmacht, ist Ausdruck der Herrschaft über die Natur, mag Formfleisch auch wenig heroisch erscheinen. Für unsere Zeit mindestens ebenso prägend ist gewiss das Recht, zumal das internationale Marken- und Wirtschaftsrecht. Denken Sie etwa an ein „Pilsner“ Bier, an Kognak, Cognac, Weinbrand und Deutschen Weinbrand. Substitute rundum, etwa bei Sekt und Champagner, Schaumwein und Cava. Damit gerät eine weitere, kaum beachtete Dimension von „Mock Food“ in den Blick, nämlich die übliche Qualitätsspreizung aller Angebote. Die Dachbegriffe, etwa „Eis“ oder „Eier“, informieren die Kunden nur rudimentär, denn ohne Zusatzinformationen oder eine praktische Prüfung ist unklar, was man erhält.

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Ein Rest bleibt noch

„Mock Food“ und semantische Illusionen

Wer über „Mock Food“ nachdenkt, kann nicht beim Beyond Meat Burger stehenbleiben. Lockreiz, Schein und Sinnestäuschung sind konstitutiv für moderne Lebensmittel und Speisen, für „künstliche Kost“. Der Unterschied zwischen dem Produkt im Warenkorb und den Produkten in unseren Köpfen prägt den Ernährungsalltag. „Mock Food“ auf eine kleine Gruppe etwa von Imitaten und Substituten zu begrenzen, wäre eine gar künstliche Isolierung eines Segmentes mit wabernden Grenzen. Die Weiten der käuflichen Dinge locken, noch stärker ihr imaginierter Nutzen.

„Mock Food“ steht daher nicht nur für einschlägig bezeichnete Produkte und Speisen. Der Begriff verweist vielmehr auf ein Grundelement von Konsumgesellschaften, nämlich semantischen Illusionen (vgl. Uwe Spiekermann, Abkehr vom Selbstverständlichen. Entwicklungslinien der Ernährung in Deutschland seit der Hochindustrialisierung, Bioskop 10, 2007, 15-22, hier 20-21). Gewiss, dieser Begriff ist nicht so knackig-eingängig wie „Mock Food“. Doch er hilft einzufangen, was durch ein Abarbeiten allein am Beyond Meat Burger übersehen würde: Konsumgesellschaften bestehen nicht nur aus Produkten und Dienstleistungen. Sie formen und prägen vielmehr Sprache, unseren eigentlichen Schlüssel zur Welt. Um die Fachsprache, die der Wissenschaftler, Ingenieure und Rechtsanwälte, muss es hier nicht gehen, mag sie auch die Absatzketten prägen.

Die grundlegenden Veränderungen der Alltagskost seit der Mitte des 19. Jahrhunderts haben dazu geführt, dass die häufig konkreten Bezeichnungen und Kenntnisse von Küche und Markt durch immer abstraktere Begriffe abgelöst wurden. Wer sein Dorf, seine Region kaum verließ, der verstand seine enge Welt. Markterweiterungen und Verwissenschaftlichung bedurften aber breiterer Begriffe, um aus konkreten Rindern alle Rinder machen zu können, um Absatzketten zu organisieren, um eine zumindest ungefähre Vorstellung einer wesentlich weiteren Welt zu vermitteln und zu ermöglichen. Dieser Prozess ging weiter, war und ist nicht still zu stellen. Er umgriff nicht nur Produkte und Nahrungsgruppen, sondern auch die uns anregenden und leitenden Großbegriffe. Was bedeutet Genuss, Gesundheit, Qualität, Frische, Geschmack, gar Natur? Unsere Sprache suggeriert Kontinuität, obwohl die Inhalte sich teils rasant änderten. Sie wurden und werden aufgeladen vom Wissen der angewandten Naturwissenschaften und marktnah agierender Werbespezialisten, von politischen und gesellschaftlichen Akteuren. Die Folgen sind enorm: Auf der einen Seite haben wir sehr konkrete, meist rechtlich begründete Definitionen, die der Logik der Wertschöpfungsketten angepasst sind. Auf der anderen Seite aber wachsen die Projektionen, erscheinen Produkte und Dienstleistungen in anderem, gar güldenem Licht. Überbürdungen sind die stete Folge, Täuschungen und Enttäuschungen dominieren. „Mock Food“ kann helfen, diese Mechanismen in den Blick zu nehmen – just um mit mehr Realismus Tagwerk und Tagträume miteinander in Einklang zu bringen.

Uwe Spiekermann, 6. Februar 2020

Die begrenzte Rationalisierung der Produktions- und Absatzketten im späten Kaiserreich: Das Beispiel Obst und Gemüse

Anders als Fleisch oder Milch, Brot und Getreide standen Obst und Gemüse vor dem Ersten Weltkrieg nicht im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Sie erschienen als schwache Lebensmittel, mit nur wenig Eiweiß und wenigen Kalorien; Vitamine waren noch nicht bekannt. Obwohl Teil der täglichen Kost, rangierten sie deutlich hinter den Kernelementen bürgerlicher und auch unterbürgerlicher Kost, nämlich Fleisch, Brot und Kartoffeln. Ihre Alltagsbedeutung war weit gefächert. Obst und Gemüse waren erstens saisonale Lebensmittel, deren Konsumspitzen sich an die Erntezeiten anschlossen. Zweitens boten sie Beikost zur Variation der relativ gleichförmigen, vorrangig auf Getreide, Getreideprodukten und später auch Kartoffeln basierenden Mahlzeiten. Obst und Gemüse waren drittens soziale Marker [1] und dienten viertens als Gesundheitskost [2]. Trotz eingeschränkter saisonaler Verfügbarkeit und hoher Preise war die gesellschaftliche Bewertung beider Lebensmittelgruppen durchaus positiv, boten sie doch schmackhafte und auch süße Ergänzungen im Alltag.

Angesichts ihres relativ geringen Nährwertes ist ihr Bedeutungsgewinn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemerkenswert. Der Gemüsekonsum stieg bis zum Ersten Weltkrieg relativ konstant an [3]. Zwischen 1850 und 1913 verdreifachte sich der Anbau, während der jährliche Pro-Kopf-Konsum von 37 kg auf über 60 kg wuchs. Das Angebot war regional geprägt, generell dominierten im Deutschen Reich verschiedene Kohl- und Wurzelgemüse, Mohrrüben, Zwiebeln und Gurken. [4] Der Obstkonsum lag deutlich niedriger, doch verdoppelte er sich zwischen 1850 und 1913. Äpfel, Pflaumen, Birnen und Kirschen bestimmten das Angebot. Südfrüchte besaßen dagegen nur eine geringe absolute Bedeutung, auch wenn Natureis und Kühlmaschinen den Eisenbahn- und Schiffstransport insbesondere seit den 1890er Jahren wesentlich vereinfachten. Zitrusfrüchte, Ananas, Bananen, sowie getrocknete Feigen und Korinthen waren relativ teuer, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg allgemein verbreitet [5].

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Verkauf von Messina-Apfelsinen in Berlin 1907 [6]

Die veränderten Konsummuster lassen sich auf drei vornehmlich angebotsbezogene Faktoren zurückführen, die ihrerseits wiederum auf Nachfrageimpulsen gründeten. Erstens ist die verbesserte Transportinfrastruktur zu nennen, ohne die neue leistungsfähige Versorgungsinstitutionen, etwa die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, neue Großhandelsformen und insbesondere ein sich dynamisch entwickelnder Facheinzelhandel nicht denkbar gewesen wären. Zweitens setzte schon früh eine Rationalisierung und Intensivierung des Gartenbaus ein. Es waren vor allem kleine und mittlere Produzenten, vorrangig Pomologen, die lokale und regionale, meist genossenschaftlich organisierte Netzwerke einrichteten, um die Qualität, insbesondere aber den Ertrag des angebauten Obstes und Gemüses zu erhöhen.

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Professionalisierung der landwirtschaftlichen Forschung: Landwirtschaft­li­che Experimentalstationen für Gartenbau in Deutschland im 19. Jahr­hundert [7]

Die dort, aber auch an Universitäten und in landwirtschaftlichen Betrieben arbeitenden Experten etablierten ein chemisch-physiologisches und stoffbasiertes Verständnis von Pflanzen und Agrarproduktion, auch wenn es noch lange von den empirischen Kenntnissen der Praktiker in Frage gestellt wurde. Die Zusammensetzung von Böden und Pflanzen wurde analysiert, neues Saatgut gezüchtet und verbreitet, ferner Grundzüge der Düngelehre und dann auch des Pflanzenschutzes etabliert [8]. Gleichwohl produzierte man Obst und Gemüse vorrangig im Nebengewerbe, lediglich ein Achtel des Angebotes stammte vor dem Ersten Weltkrieg von spezialisierten Betrieben. Das lag an der gegenüber Hackfrucht- und Getreideanbau wesentlich höheren Abhängigkeit vom Wetter und den nicht unerheblichen Problemen, die nach der Ernte teils schnell verderblichen Waren verkaufen zu können.

Neben den traditionellen Lager- und Verarbeitungstechniken entwickelte sich drittens die Konservierungstechnik rasch, nahm jedoch eine außergewöhnliche Entwicklung. Gewiss, die gewerbliche Dosenkonservierung gerade von Gemüse nahm zwar deutlich zu, doch die Konsummengen blieben zumal im Vergleich zu Großbritannien und den USA recht gering: 1913 wurden im Deutschen Reich ca. 80 Mio. Dosen Gemüse- und 30 Mio. Dosen Obstkonserven produziert, also etwa zwei Kilogramm pro Kopf und Jahr. [9] Von einem „Konservenzeitalter“ kann wahrlich nicht die Rede sein. Wesentlich bedeutsamer als die Konservenindustrie war die häusliche Konservierung. Die anfallenden Ernten von Gärten und Feldern wurden dezentral verarbeitet, wobei der Anteil der zugekauften Ware stetig wuchs. Dabei handelte es sich nicht um Beibehaltung tradierter Techniken des Einmachens, sondern um eine bewusste Verhäuslichung, um die Nutzung neuer Techniken in der Hauswirtschaft. Seit den 1870er Jahren gewann insbesondere im landwirtschaftlichen Milieu die heimische Dosenkonservierung an Bedeutung. Entscheidend aber wurde die Einführung von Einkochverfahren auf Grundlage der neu entwickelten Hitzesterilisierung, namentlich des Weck-Verfahrens in den späten 1890er Jahren [10]. Aufgrund des relativ hohen Preises der Konservierungsgefäße und -geräte blieb ihre Verwendung während des Kaiserreiches jedoch noch auf bürgerliche und bäuerliche Haushalte begrenzt.

Während die Fleisch- und Milchproduzenten, teils durch Zollschutz und veterinärmedizinische Vorkehrungen, teils durch die rasche Verderblichkeit der Waren, nur relativ geringer Konkurrenz ausgesetzt waren, gab es im Obst- und Gemüsesektor nicht nur vermehrte Nachfrage, sondern zugleich einen wachsenden Importdruck qualitativ höherwertiger Angebote. Der durchaus bestehende Zollschutz wurde dadurch unterminiert. Selbstbewusst hieß es etwa auf einem Eisenbahnwaggon mit Importware: „Einst waren sie im Reichstag toll, Schickten uns darum Eingangszoll, Und hofften Hollands Kohl zu wehren, Doch Deutschland kann sie nicht entbehren. Schon 1000 Wagen sandte dies Jahr Hinüber Kaufmann K. Wagenaar. Klaas Wagenaar aus Broek und Langendeich. Sandte immer beste Waren, Berliner Händler, bestellt darum sogleich. So werdet ihr viel ersparen“ [11].

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Marktorientierte Gemüseproduktion in den Niederlanden 1911: Gurkenproduktion im beheizten Glashaus (l.) und Gemüsetransport zur Auktion (r.) [12]

Ähnlich urteilten deutsche Marktbeobachter über die Fruchtimporte: „Das [ausländische, US] Obst kommt unter bestimmten bekannten Marken in den Handel und befindet sich in den Verpackungsgefäßen in so tadelloser, gleichmäßiger Qualität, daß der Großhandel die Ware sowohl einkaufen wie verkaufen kann, ohne sie vorher in Augenschein nehmen zu müssen, und ohne ein nennenswertes Risiko zu laufen, welches bei der Versendung durch Verderben der Früchte sonst zu befürchten wäre. Der Zustand des ausländischen Obstes befähigt den Großhandel, dasselbe von den großen Handelszentren bis in die entferntesten und kleinsten Konsumplätze dem Kleinhandel zu liefern. An diesen Plätzen wird hierdurch das deutsche Obst ersetzt bezw. verdrängt.“ [13] Die wachsenden Erfolge auswärtiger Anbieter, die vor dem Ersten Weltkrieg mehr als ein Fünftel des Absatzes bestritten, führten spätestens Mitte der 1890er Jahre zu einer intensivierten Expertendiskussion. Es galt, vom Ausland zu lernen, vorrangig von den USA und den Niederlanden [14].

Die Qualitätsdefizite des eigenen Angebotes waren offenkundig: „Geht man durch die Marktstände in den Städten oder wirft einen Blick in die Schaufenster und Läden der Fruchthandlungen, so kann man sich eines Erstaunens über das Aussehen der Früchte nicht erwehren und muß sich wundern, daß derartig fleckiges, angestoßenes oder krüppeliges Obst Abnehmer findet, und zwar zu einem Preise, den der produzierende Landwirt kaum für seine allerbesten Früchte erzielt.“ [15] Abseits des Augenscheins wurden vorrangig zu geringe Anbauflächen, zu schlechte Pflege der Pflanzen, mangelnde Konservierungstechniken, zu hohe Warenverluste, zu viele Sorten, zu geringe Liefermengen und schlechte Sortierung kritisiert. [16] Das Kleinklein der Produktion galt als besonderes Problem, verlangte „der wirklich intensive Obstbau [doch, US] große Kapitalien, viel Zeit und ungeteilte Arbeitskraft […]. Er muß zu einer förmlichen ländlichen Industrie ausgestaltet werden, wenn er nennenswerte Erträgnisse liefern und volkswirtschaftliche Bedeutung erlangen soll.“ [17]

Die Antwort zahlreicher Agrarökonomen, Pomologen und Praktiker zielte auf eine Qualitätsoffensive zur Rückgewinnung der deutschen Konsumenten. Sie ging jedoch nicht von den Bedürfnissen und Erwartungen der Verbraucher aus, sondern zielte auf hochwertigere und vor allem effizienter produzierte und vermarktete Waren. Diese würden – gemäß dem Sayschen Theorem – ihren Absatz finden, da Produktqualität das beste Verkaufsargument sei. Das mag aus heutiger Sicht verwundern, spiegelte jedoch die zeitgenössischen Vorstellungen der nationalökonomischen Theorie, in denen der Konsument erst einmal als Widerpart des Produzenten verstanden wurde. [18] Er erzwang „die Waren resp. Leistungen nach Bedarf und möglichst bequem, mannigfaltig, brauchbar und preiswert zu erhalten“ – doch damit waren die Problemlagen einer Konsumentenorientierung klar benannt, biete sie denn „keine Garantie mehr für die Güte, die Qualität, die Preiswürdigkeit der Waren. Der Konsument muß selbst prüfen und ist, wenn er dies nicht thut oder nicht kann, der Gefahr der Benachteiligung ausgesetzt.“ [19] Der rational gedachte Konsument zielte auf die maximale Befriedigung seiner Bedürfnisse. Er war Auslöser ökonomischen Dynamik, die zu Qualitätsverschlechterung und überbürdenden Ansprüche führen mussten, wenn nicht andere Instanzen helfend einsprangen. Entsprechend diente er vielfach als „Prügelknabe“ [20] von Wissenschaft und Öffentlichkeit, als Projektionsfläche der inneren Debatten über die liberale Wirtschaftsordnung und den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Der „Konsument“ war meist eingebettet in moralische Debatten über Luxus und Sparsamkeit, war Gegenstand stetiger Aufklärungs- und Erziehungsbestrebungen. Sie zielten nicht zuletzt darauf, ihm einen Begriff von Qualität zu vermitteln: Es galt, „daß die sittliche Erziehung des Konsumenten darauf ausgehen muß, ihn mit den Herstellungskosten der Gegenstände vertraut zu machen, ihm einen Begriff von den Kosten volkswirtschaftlicher Produktion beizubringen, damit er nicht einfach planlos nach dem Billigsten greift.“ [21] Gegenüber diesem Hauptstrang traten andere Versuche von Ökonomen und Sozialwissenschaftler zurück, die den Begriff des „Konsumenten“ nutzten, um Kritik an der korporatistischen Wirtschaftsstruktur und seiner „Bevormundungstendenz“ [22] im Konsumgütermarkt zu üben, oder aber gar auf seinem Wollen und Streben die Grundlagen einer genossenschaftlich organisierten „sozialen Tauschgemeinschaft“ [23] zu gründen.

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Idealbild Massenproduktion – Obstzüchterei Karolinenhof in der Steiermark 1902 [24]

Der Konsument war also Billigheimer und Qualitätsverschlechterer. Sein Griff nach der schönen Auslandsware lag denn nicht an deren höherer Qualität, sondern am blendenden schönen und standardisierten Äußeren holländischer Gurken und kalifornischer Äpfel. „Gute“ deutsche Ware würde sich dagegen durchsetzen, wenn sie denn nur in größeren Chargen angeboten würde. Ziel war daher „Massenerzeugung“ [25], auch, um die Kosten zu reduzieren. Verbraucher und Marktentwicklung wurden damals nicht analysiert, sondern antizipiert: „Es ist mit erhöhten Ansprüchen der Verbraucher, mit der Einfuhr ausländischer Früchte und auch mit der räumlichen Ausdehnung der Städte zu rechnen.“ Eine präzise Marktanalyse unterblieb, entwickelte sich erst in den 1920er Jahren. [26] Die deutschen Anbieter von Obst und Gemüse blieben vor dem Ersten Weltkrieg produktorientiert, die einschlägigen Fachbücher konzentrierten sich auf Garten und Feld, nicht auf Absatz und Verkauf. [27]

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Sortenreduktion – Differenzierte Empfehlungen für den Handelsobstbau 1903 [28]

Dies bedeutete erst einmal eine Sortenreduktion, wie sie in den badischen Obstbaugebieten schon seit Ende der 1880er Jahre umgesetzt wurde. [29] Die Pomologen hatten die heimischen Sorten detailliert beschrieben, sahen darin einen Widerhall von Gottes Ordnung und nationalem Reichtum. [30] Nun aber ging es um Quasimarkenbildung, insbesondere „wenige, marktgängige Sorten. Die Obstbautechnik muß sich des bestehenden Vielerleis annehmen und hierin Wandel schaffen.“ [31] Dies betraf einerseits marktgängige Sorten, etwa die heute noch gängigen Boskop- oder Reinette-Äpfel. Anderseits sollten Markenartikel als Herstellermarken durch einzelne Obstbaugenossenschaften etabliert werden. [32] Dazu bedurfte es neuartiger Verpackungen, denn die Züchtungsprodukte mochten ähnlich aussehen und auch einheitlich sortiert worden sein, doch sie blieben eine heterogene Ware.

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Einhegung bestehender Variabilität: Williams-Äpfel vom selben Saatgut [33]

Es ging vor dem Ersten Weltkrieg also nicht allein um eine höhere Produktion von marktgängigem Obst und Gemüse zu akzeptablen Preisen. Es ging zuerst einmal um den Aufbau umfassender Produktions- und Lieferketten, um die Waren in möglichst unversehrter Form an den Konsumenten bringen zu können. Angesichts des zersplitterten Angebotes war dieses Ziel nicht passgenau zu erreichen, sondern nur annäherungsweise. Die Vielfalt und die Variabilität der Obst- und Gemüsesorten bildeten zentrale Probleme, denn die Kosten für ein derart breites und qualitativ heterogenes Angebote waren für einen profitablen Absatz schlicht zu hoch. Entsprechend gab es vor dem Ersten Weltkrieg eine Vielzahl lokaler und regionaler Initiativen, um jeweils Teile der Produktions- und Lieferketten zu verbessern. Der Konsument blieb in Deutschland dabei jedoch eine Chimäre, denn Anbieter und Händler waren überzeugt, dass „gute“ Ware ihn überzeugen würde. Sie handelten fast lehrbuchmäßig, mit einem rational agierenden homo oeconomicus als Absatzziel. Doch sie verkannten, dass auch eine in ihren Augen „gute“ Ware nicht ausgereicht hätte, die Konsumenten dem vermeintlich unter kalifornischer Sonne gereiften Obst und dem frischen Gemüse aus Holland zu entwöhnen. Zudem blieben die Initiativen im Inland häufig Stückwerk. Standardisierungsbemühungen gab es, doch die letztlich steckengebliebene Vereinheitlichung der Verpackungen unterstrich die immensen Probleme, das Angebot gefällig, transportfest und preisgünstig zu bewegen. Wo immer Produzenten und Händler begannen, trafen sie rasch auf neue Flaschenhälse, die kleinteilige Verbesserungen entwerteten.

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Einheitsverpackungen des Deutschen Pomologen-Vereins 1907 [34]

Um ein homogenes markt- und konkurrenzfähiges Produkt anbieten zu können, wurde beispielsweise von regionalen und nationalen Spitzenverbänden versucht, Transport- und Verkaufspackungen miteinander zu koppeln. Doch der jeweilige Materialaufwand sollte sich an der Qualität der Ware orientieren. Es ging also noch nicht um eine für alle Sorten gültige Einheitslösung – der Deutsche Normenausschuss entstand erst 1917 mit Fokus auf Rüstungsgüter und die Maschinenindustrie – sondern um Verpackungen für Einzelgüter. Diese konnten Transportkosten reduzieren, zumal die Tarif- und Portosätze von Reichsbahn und Reichspost einen Referenzrahmen boten. Doch zugleich stellten die vermeintlich passgenauen Verpackungen neue Aufgaben, erforderten insbesondere eine bessere Sortierung der Waren: „Je geschmackvoller und sauberer die Verpackung nun ist, ein um so höherer Preis wird gezahlt. Präsentiert sich doch gut verpacktes Obst dem Auge des Käufers viel besser als lose in Körbe geschüttete Früchte.“ [35]

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5-Kilogramm-Versandpackungen für Berliner Delikatessenläden 1904 [36]

Standardisierte Füllmengen und gestufte, meist am Gewicht und der äußeren Erscheinung der Waren orientierte Qualitätsspreizungen beschleunigten und verbilligten zugleich den Groß- und Einzelhandel – so die Schlussfolgerung der Experten. Üblich wurden vielfach 25 kg-Kisten bzw. 5 kg-Pappkartons. Die erste Qualität wurde mit Seidenpapier, Holzwolle und Papierlagen ausgelegt, bei der zweiten fehlte Seidenpapier, während es bei dritter Qualität nur eine lockere Aufhäufung gab. Die Qualitätsspreizung erfolgte jedoch auch anhand der Ware selbst: „Erste Qualität nennt man tadellos entwickelte, gleichgroße und fleckenlose Früchte, welche weder angestoßen, noch wurmstichig sein dürfen. Früchte zweiter Qualität sind auch eine gute Verkaufsware, die den obigen Ansprüchen in bezug auf Güte entsprechen, doch können sie zweiter Größe sein. Unter dritter Qualität versteht man nun den Rest des Ernteertrages, jedoch dürfen keine faulenden Früchte dabei sind“ [37].

Der hochwertige Augenschein erforderte Rationalisierungen auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette. Diese bedeutete einerseits Kooperation in Form spezialisierter Obst- und Gemüsebaugenossenschaften. [38] Damit konnten nicht nur die noch wenigen Saat-, Kultivierungs-, Reinigungs- und Sortierungsmaschinen effizienter eingesetzt, sondern auch Betriebsmittel zu geringeren Preisen eingekauft werden.

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Ertragssicherung durch Chemisierung – Baumspritze „für den Großbetrieb“ 1903 [39]

Die Genossenschaften förderten zudem eine systematischere Produktpflege, eine intensivierte Schädlingsbekämpfung und eine verbesserte Düngung: „Um Qualitätsfrüchte zu erreichen, darf man mit der Düngung von Phosphorsäure nicht sparen.“ [40] Gemeinsam mit landwirtschaftlichen Vereinen erleichterten Produktionsgenossenschaften ferner eine lokale Wissensdiffusion, die nicht nur auf Broschüren und Bücher gründete. Landwirtschaftliche Ausstellungen waren tendenziell wichtiger. [41]

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Rationalisierung der Marktbeschickung – Ausladevorkehrungen und Marktpritschen in Stuttgart 1904 [42]

Anderseits etablierten sich leistungsfähigere Großhandelsbetriebe, die sich insbesondere auf den raschen Absatz in urbanen Massenmärkten konzentrierten. Gemeinsam verbesserte man langsam auch die Lagerhaltung, um die saisonalen Angebotsspitzen abzuflachen und höhere Preise zu erzielen. Die deutschen Anstrengungen blieben jedoch weit hinter denen der europäischen und insbesondere der US-amerikanischen Anbieter zurück. Grund hierfür war auch, dass die Veränderungen des Kühlgutes während der Lagerung damals noch kaum erforscht waren. Die Forschung hatte sich im späten 19. Jahrhundert zuerst auf Fleisch und Fette, dann auch auf Fisch konzentriert, nur langsam folgten lagerfähige Gemüse und Südfrüchte wie Ananas und insbesondere Bananen. [43] Zur Verbindung von Produktion und Absatzmärkten nutzte man zudem mit Natureis gekühlte Transportmittel.

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Kühltechnik im Dienst der Obstvermarktung in den USA: Waggon mit Eiskühlung [44]

Das betraf insbesondere Eisenbahnwaggons mit Eiskühlung sowie spezialisierte Frachtschiffe. Sie halfen nicht nur Distanzen zu überwinden, sondern erforderten auch neue Absatzinfrastrukturen in den Zielorten. Lagerhäuser mutierten peu a peu zu Kühlhäusern. Hier konnte zudem „künstliche“ Kühlung eingesetzt werden, die seit den 1870er Jahren schon die Produktion von Bier grundlegend umgestaltet hatte.

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Maschinengekühlter Lagerraum mit Obstfässern und -kisten [45]

Die kleinteiligen Lagerräume erlaubten lediglich Kühlung, nicht aber das damals kaum erforschte Gefrieren von Obst und Gemüse. Kernproblem blieb die genaue Temperaturführung, gab es in den Räumen doch nicht unbeträchtliche Unterschiede von einigen Grad. Das aber gefährdete die Qualität des Kühlgutes, zumal bei kleineren Chargen. Die unterschiedlichen Verpackungen und die Lagertechnik erschwerten zudem das dadurch eigentlich erforderliche regelmäßige Umpacken.

Technische Probleme dieser Art wurden angegangen und in langwieriger Arbeit auch abgemildert. Das aber galt nicht für das eigentliche Ziel all dieser Bemühungen, den Absatz an den Konsumenten. Die Mitte der 1890er Jahre vielfach ins Leben gerufenen Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte hatten beispielsweise kaum Erfolg [46]. Die Direktvermarktung der Produzenten konnte sich gegen die schnell wachsende und hochgradig fluktuierende Zahl der Straßenhändler und Ladengeschäfte nicht durchsetzen [47]. Schon vorher waren Versuche gescheitert, den Obst- und Gemüseverkauf in Kleinhandelsmarkthallen zu konzentrieren. Dieses hätte zwar einen hygienischen und staatlich einfacher zu überwachenden Absatz erlaubt, doch angesichts der Zeitaufwendungen derartiger zentralisierter Strukturen fanden sie beim Publikum kaum Widerhall.

Großhandelsmarkthallen etablierten sich dagegen im späten 19. Jahrhundert als die eigentlichen Drehscheiben des Absatzes von Obst und Gemüse. Daneben behaupteten sich die im späten 19. Jahrhundert vielfach totgesagten Wochenmärkte insbesondere in Mittelstädten. Allerdings nahm die Zahl der vom Umland in die Stadt fahrenden Produzenten zugunsten spezialisierter Markthändler ab.

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Wochenmarkt in Würzburg im späten 19. Jahrhundert [48]

Der Ladenhandel mit Obst- und Gemüse wurde von kapitalarmen Kleinhändlern dominiert, auch wenn sich parallel spezialisierte Frucht- und Feinkosthandlungen für den gehobenen Bedarf etablieren konnten. 1907 gab es im Handel mit anderen landwirtschaftlichen Waren – Tiere, Getreide, Samen und Blumen waren ausgeschlossen – 102.607 Betriebe, doch weniger als fünf Prozent davon beschäftigten vier oder mehr Personen [49]. Parallel etablierten sich gerade in den Großstädten zahllose Straßenhändler, die Großhandelsware rasch abverkauften. Sie waren eine institutionelle Antwort auf das saisonal sehr unterschiedliche Aufkommen von Gemüse und insbesondere Obst. Obwohl innovative Absatzformen, wie etwa Verkaufsautomaten, durchaus bestanden, veränderte sich der Letztverkauf von Obst und Gemüse nur wenig [50].

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Gesunde Snacks in 31 Fächern. Obst-Automat der Berliner Firma P. de la Vari [51]

Wichtige Veränderungen gab es jedoch im Wechselspiel zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Verarbeitungsindustrie. Parallel zum Bedeutungsgewinn der häuslichen Verarbeitung von Obst und Gemüse zu Dauerwaren etablierte sich ein rasch wachsender gewerblicher Markt. Marmeladen, Fruchtsäfte und Obstweine sowie Dosengemüse gewannen an Bedeutung, waren im Kaiserreich aber nie mehr als Nischenprodukte. [52] Das sollte sich angesichts der Versorgungsprobleme während des Ersten Weltkrieg, vor allem aber durch technische Verbesserungen während der Weimarer Republik ändern, als zudem die Vitaminforschung die Wertigkeit pflanzlicher Produkte deutlich verbesserte.

Vor dem Ersten Weltkrieg erfolgten all diese kleinteiligen Veränderungen nur langsam, blieben teils regional begrenzt, griffen nicht reichsweit. Dies war paradoxerweise aber auch Resultat eines überbordenden Nationalismus: Die begrenzten Rationalisierungsbestrebungen spiegelten nämlich immer auch Vorstellungen einer spezifisch deutschen Qualität insbesondere des Obstes. Die ausländische Konkurrenz mochte gefällige Massenware liefern, doch das eigentliche Alleinstellungsmerkmal deutscher Produkte lag nicht in der Form, sondern in ihrem Geschmack [54]. In den Quellen findet sich wieder und wieder Klagen über die Ignoranz der Konsumenten, die beispielsweise die zahllosen Nuancen einheimischer säuerlicher Äpfel oder regionaler Kohlsorten nicht würdigen würden. Es war also nicht allein Marktignoranz, sondern auch der nationale Stolz vieler Anbieter auf ihre Spezialitäten, der Rationalisierungsbestrebungen ins Leere laufen ließ [55]. Gut und reell zu liefern und das eigene Angebot zu pflegen – das mochte angehen. Doch die breiter gelagerten Qualitätsvorstellungen der Konsumenten in den Blick zu nehmen war vor dem Ersten Weltkrieg kaum verbreitet. Nicht freier Konsum nach eigenem Gustus stand im Mittelpunkt, sondern eine Einreihung in eine spezifisch deutsche Rollenerwartung, in der die Verpflichtung für das abstrakte Gemeinwohl stets bedeutsam blieb.

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Produktdifferenzierung durch Verarbeitung – Anzeigen 1914 [53]

Entsprechend wurde immer wieder versucht, den Konsumenten von den relativen Vorzügen des bestehenden deutschen Angebotes zu überzeugen, sie also zu erziehen. Die meisten bäuerlichen Produzenten sahen sich selbst in einer geordneten, ständisch differenzierten Gesellschaftsstruktur, in der sie möglichst „gute“ Ware liefern sollten, in der die Konsumenten dann aber auch verpflichtet waren, diese abzunehmen. [56] Die von zahlreichen Agrarwissenschaftlern vorgeschlagenen Rationalisierungsbestrebungen, insbesondere die intensiv diskutierte „Industrialisierung der Landwirtschaft“ [57] schien nur wenigen erstrebenswert, da sie Lebenszuschnitte unterminierte und die Gesellschaft zu zersetzen schien – fast so wie eine faule Frucht die sie umgebenden Früchte. [58]

Standardisierungsbestrebungen, Qualitätsfestlegungen und eine Orientierung auf die mit dem Produktionsumfeld und seinen Besonderheiten nicht mehr vertrauten Konsumenten hatten daher im späten Kaiserreich nur begrenzte Erfolge. Es fehlten nicht nur ihrer selbst bewusste Konsumenten, die ihre Forderungen aktiv artikulierten, sondern es fehlte zugleich seitens der Mehrzahl der Produzenten an der Bereitschaft, deren Erwartungen ernst zu nehmen, und ihnen eine Ware zu liefern, die mit großem Aufwand verbunden war. [59] Trotz ihres Kultes des Objektiven ging es den Akteuren nie nur um Richtiges, sondern immer auch um Rechtes. Die Malaise der Qualität von Obst und Gemüse lag nicht nur darin, dass die Konsumenten an deren Definition nur indirekt und virtuell beteiligt waren, sondern dass Wissenschaftler und Produzenten stets Qualitätsideale verfochten, die auf eine kleingewerblich organisierte Bürgerwelt zugeschnitten war, nicht aber auf die Herausforderungen anonymisierter Massenmärkte und damit moderner Konsumgesellschaften. Für die ausländische Konkurrenz, die schon vor dem Ersten Weltkrieg begann, Marktforschung und Marketing zu betreiben, war und blieb dies ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Uwe Spiekermann, 31. Januar 2020

 

Quellen- und Literaturnachweise

[1] Gustav Klemm, Allgemeine Culturwissenschaft, Leipzig 1855, 304-308.
[2] Ulrike Thoms, Anstaltskost im Rationalisierungsprozeß. Die Ernährung in Krankenhäusern und Gefängnissen im 18. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 2005, 110-119.
[3] Hans J. Teuteberg, Der Verzehr von Nahrungsmitteln in Deutschland pro Kopf und Jahr seit Beginn der Industrialisierung (1850-1975). Versuch einer quantitativen Langzeitanalyse, in: Ders. und Günter Wiegelmann, Unsere tägliche Kost. Geschichte und regionale Prägung, Münster 1986, 225-289, hier 245. Teutebergs Sekundärzahlen basieren allerdings auf sehr unpräzisen Grundangaben. Eine Neuberechnung und Präzisierung ist ein wichtiges Forschungsdesiderat.
[4] Georg v. Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands, T. 2, Berlin 1862; Elisabeth Paetzmann-Dulon, Richard Heineke und Hermann Henke, Der Verbrauch von Obst und Gemüse in Nordwesteuropa und seine Bedeutung für die Absatzmöglichkeiten der Mittelmeerländer, Kiel 1961; Paul Seitz, Der Gemüse- und Kräuteranbau und die Speisepilzerzeugung seit dem 18. Jahrhundert, in: Günther Franz (Hg.), Geschichte des deutschen Gartenbaues, Stuttgart 1984, 365-454.
[5] Helmut Eisig, Der Verbrauch von Nahrungsmitteln in Deutschland vor und nach dem Krieg, Phil. Diss. Basel 1933, 19, 28-30.
[6] Berliner Leben 10, 1907, Nr. 1, 10.
[7] Karte erstellt anhand der Angaben von Günther Liebster, Der deutsche Obstbau seit dem 18. Jahrhundert, in: Franz (Hg.), 1984, 143-205, hier 193. Während des 20. Jahrhunderts wurden weitere Experimentalstationen in Schlachter (1903), Pillnitz (1922), Fünfhausen (1938), Osnabrück (1949) and Nürtingen (1952) errichtet. Einen guten Einblick in die Arbeitsschwerpunkte vermittelt Th[eodor] Remy, [Bernhard] Hunger und [P.] Lange, Der neue Versuchsbetrieb für Gemüse- und Obstbau an der Königl. landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf, Berlin 1916.
[8] Frank Uekötter, Die Wahrheit ist auf dem Feld. Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft, Göttingen 2010.
[9] [Bernhard Heinrich] Barg, Konservierte Nahrungsmittel, Zeitschrift für Volksernährung 13, 1938, 56-57, hier 57.
[10] Uwe Spiekermann, Zeitensprünge: Lebensmittelkonservierung zwischen Haushalt und Industrie 1880-1940, in: Ernährungskultur im Wandel der Zeiten, hg. v. KATALYSE e.V. und BUNTSTIFT e.V., Köln 1997, 30-42. Zu den zuvor verwandten Haushaltstechniken s. A. Gebhardt, Das Obst als Nahrungsmittel, Leipzig 1894.
[11] Zit. n. Hayunga, Die Versorgung des deutschen Marktes mit Gemüse aus dem Auslande und Erfahrungen über Organisation im Anbau und Verkauf von Gemüse in Holland, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 25, 1910, 391-396, 420-421, hier 393.
[12] Udo Dammer, Moderne Gemüsekultur in Holland, Die Woche 13, 1911, 847-851, 848 (l.) und 849 (r).
[13] D. Sandmann, Wie kann der Absatz der deutschen Obstproduktion auf genossenschaftlichem Wege gefördert werden?, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 4, 1906, 138-140, 146-148, hier 138.
[14] Reiseberichte förderten den Informationstransfer, vgl. etwa umfassend Fr[iedrich] Oetken, Die Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sowie die allgemein-wirthschaftlichen, sozialen und Kultur-Verhältnisse dieses Landes zur Zeit des Eintritts Amerikas in das fünfte Jahrhundert nach seiner Entdeckung, Berlin 1892; A.G. Grant, Internationaler Obstbau und der Weltmarkt. Was der rationelle Obstbau der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika den deutschen Obstzüchtern lehrt. Eine Skizze, o.O. 1905. Beispiele für unmittelbare Adaptionsvorschläge sind M. Heller, Obst-Industrie. Ein Anregung nach amerikanischem Muster, Das Land 14, 1905/06, 59-62; B[runo] Hempel, Deutschlands Gemüseeinfuhr und ihre Lehren für den heimischen Anbau, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 1913, 377-381; Hans Tenhaeff, Gemüseproduktion und -Absatz nach holländischen Vorbild in Deutschland, ebd. 30, 1915, 283-286, 300-304, 322-325, 340-342. Die Veränderungen begannen zuerst im Obstsektor, griffen dann aber auch auf die Gemüseproduktion über, vgl. [Fridolin] Rebholz, Förderung des Gemüsebaus, Landwirtschaftliches Jahrbuch für Bayern 2, 1912, 1-13.
[15] O[tto] Wauer, Ernte, Aufbewahrung und Verwertung des Obstes, Landwirtschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 68, 1911, 384-386, hier 384.
[16] Udo Dammer, Obstbau in Deutschland, Die Woche 1, 1899, 953-955. Zum relativer Rückstand gegenüber anderen Sektoren der Landwirtschaft, vgl. A. Hupertz, Landwirtschaftlicher Obstbau. Vorschläge zur Reorganisation, Würzburg 1902.
[17] Heller, 1905/06, 59.
[18] Vgl. etwa Karl Marlo [d.i. Karl Georg Winkelblech], Untersuchungen über die Organisation der Arbeit oder System der Weltökonomie, 2. vollst. Aufl., Bd. 3, Tübingen 1885, insb. 294-295.
[19] G[ustav] v. Schönberg (Hg.), Handbuch der Politischen Oekonomie, 4. Aufl., Bd. 2, Halbbd. 1, Tübingen 1898, 662 (auch für das vorherige Zitat).
[20] Begriff nach Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte, Ergänzungsbd. 2: Zur jüngsten deutschen Vergangenheit, Freiburg i.Br. 1903, 497.
[21] G[ottfried] Traub, Ethik und Kapitalismus. Grundzüge einer Sozialethik, 2. verb. u. verm. Aufl., Heilbronn 1909, 138.
[22] Karl Oldenberg, Die Konsumtion, in: Grundriss der Sozialökonomik, Abt. II, Tübingen 1914, 103-164, hier 120.
[23] Vgl. etwa Franz Staudinger, Die Konsumgenossenschaft, Leipzig 1908, v. a. 31-40; Ders., Die geregelte Tauschgemeinschaft als soziales Ziel, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 14, 1917, 173-175.
[24] Obstzüchterei Karolinenhof, Der Obstzüchter 1, 1903, 102-104, hier 102.
[25] M. Lindner, Ueber die Auswahl der Obstarten und -sorten bei Obstpflanzungen, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 193, 120-121, hier 121 (auch für das folgende Zitat).
[26] Vgl. hierzu Uwe Spiekermann, »Der Konsument muß erobert werden!« Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt/M. und New York 2007, 123-147, hier 126-129.
[27] Beispiele wären Johannes Böttner, Praktische Gemüsegärtnerei, 7. verb. u. verm. Aufl., Frankfurt/O. 1913; F[lorian] Stoffert, Das Obst- und Gemüsegut der Neuzeit, 2. Aufl., Frankfurt/O. 1920.
[28] Der Obstzüchter 1, 1903, 16.
[29] Huber, Etwas über Obstkunde (Pomologie), Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1899, 369-371, hier 370.
[30] Vgl. etwa Theodor Engelbrecht, Deutschlands Apfelsorten, Braunschweig 1889.
[31] Hans Pfeiffer, Einheitliche Maßnahmen zur Hebung des Obstbaues, des Obsthandels und der Obstverwertungs-Industrie, Zeitschrift für Agrarpolitik 7, 1909, Sp. 17-20, hier 17.
[32] Sandmann, 1906, 139.
[33] The Century 69, 1904/05, 833.
[34] Einheitsverpackung in Deutschland, Der Obstzüchter 5, 1907, 146-147, hier 147.
[35] Wauer, 1911, 386. Vgl. demgegenüber die Erfahrungen von Grant, 1905, 5: „In der alten urgroßväterlichen Weise reißt und schüttelt man die Kernobstfrüchte von den Bäumen, verpackt sie wie Kartoffeln in große Körbe und schickt sie auf den lokalen Markt. Ist derselbe überfüllt und lohnt sich nicht der hohen Transportkosten wegen, das solcherweise gesammelte Obst nach Frankfurt a.M. auf die Obstbörse zu senden, so verfaulen nicht selten unsere schönsten heimischen Früchte tonnenweise.“
[36] Verkehrtes Packen, Der Obstzüchter 2, 1904, 125.
[37] Wauer, 1911, 385-386.
[38] Vgl. als Beispiel Die Obstbaugenossenschaft Höbeck, Das Land 4, 1895/96, 53-54 bzw. mit idealistischem Aufbruchston Vorwärts, Genossenschaften! (Obstverwertung.), ebd., 231-232.
[39] J[osef] Löschnig, Blattkrankheiten unserer Obstbäume und ihre Bekämpfung, Der Obstzüchter 1, 1903, 65-71, 81-84, 113-115, hier 69.
[40] Hayunga, 1910, 395.
[41] Vgl. O. Bossert, Wie kann der Landmann seine Lage verbessern?, Wochenblatt des landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1896, 494-497. Auch hier waren ausländische Vorbilder maßgebend, vgl. A. Gradenwitz, Californische Ausstellungszüge, Prometheus 22, 1911, 586-588.
[42] Der Handel mit Obst in und nach Stuttgart, Der Obstzüchter 1, 1903,164 (o.) und 165 (u.).
[43] Vgl. hierzu James Troubridge Critchell und Joseph Raymond, A History of the Frozen Meat Trade, London 1912 (Nachdruck 1969); Richard Perren, Taste, Trade and Technology. The Development of the International Meat Industry since 1840, Aldershot 2006; Boris Loheide, Beef around the World – Die Globalisierung des Rindfleischhandels bis 1914, Comparativ 17, 2007, 46-67.
[44] Rich[ard] Stetefeld, Die Kälte-Industrie im Dienste des Obst- und Gartenbaus, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 12, 1905, 40-56, hier 54. Zur technischen Entwicklung vgl. auch Karl Sajó, Fortschritte im Obstverkehre, Prometheus 17, 1906, 705-709, 724-727 und [Richard] Stetefeld, Neuerungen in Obstkühlanlagen, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 13, 1906, 1-4.
[45] Stetefeld, 1905, 53.
[46] Vgl. Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte, Das Land 4, 1895/96, 265; Städtische Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte, ebd., 331; Hupertz, 1902, 52-55; Rebholz, 1912, 1.
[47] Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999.
[48] Illustrirte Zeitung 113, 1899, 435.
[49] Spiekermann, 1999, 708-709.
[50] Walther Schubring, Entwicklung und heutige Form des Handels mit Obst und Gemüse, Agrarwiss. Diss. Berlin, Düsseldorf 1933, 5-9.
[51] Der Obstzüchter 5, 1907, 175. Vgl. auch Ueber Obstverkaufsautomaten, Gartenflora 56, 1907, 503.
[52] Gleichwohl sind insbesondere die Rationalisierungseffekte der schon in den 1880er Jahren einsetzenden Vertragslieferungen an die Konservenindustrie nicht zu unterschätzen. Vgl. G. Brandau, Gemüsedauerwaren von den Anbauversuchen des Sonderausschusses für Feldgemüsebau, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 1913, 520-521.
[53] Der Materialist 35, 1914, Nr. 2, 12.
[54] Vgl. etwa Lindner, 1913, 121.
[55] Dies galt insbesondere auf die Produktionsprofile der regionalen Anbieter: „Der Anbau im Großen von reich und regelmäßig tragenden Obstsorten und dieser in Gebieten, wo manche Obstarten besonders gut gedeihen, spezialisiert, wie am Mittelrhein, in den Bodenseegebieten, Württemberg und den Ostseeprovinzen der Apfel, an der badischen und hessischen Bergstraße, Rheingau, Rheinpfalz, die badischen Schwarzwaldtäler, am Kaiserstuhl, einige Gebiete in Thüringen die Kirschen, Pfirsiche, feine Zwetschen, in der Rheinpfalz, im Maingebiet, die Birnen vorherrschend sind, wird es in den Jahren möglich sein, in dem Konkurrenzkampf erfolgreich vorzugehen. Dazu muß aber auch der deutsche Obstzüchter lernen, kaufmännischer zu handeln, das schmackhafte deutsche Obst sorgfältiger zu ernten, sortieren und zu verpacken. Frachtermäßigungen, schneller Bahntransport, gute Wasserstraßen, zweckmäßig eingerichtete Spezialwagen für Obst, werden bessere und schnellere Absatzmöglichkeiten schaffen“ (Georg Thiem, Der Handelsobstbau, Stuttgart 1913, 2).
[56] J. Joachim, Was fehlt zur Zeit unserm Obstbau am meisten?, Das Land 3, 1894/95, 323-324, hier 323.
[57] E[milé] Vandervelde, Der Sozialismus und die kapitalistische Umwandlung der Landwirtschaft, Die Neue Zeit 18,2, 1900,260-266, 292-301, hier 297.
[58] Gleichwohl erfolgte sie, vgl. etwa F. Kunert, Die moderne Glashauskultur der Tafeltrauben, Die Umschau 14, 1910, 64-67.
[59] Zur Diskussion etwa im Bereich des Gartenbaus vgl. [Ernst] Lesser u.a., Wodurch können wir den Obstbauern gesicherte, bessere Absatzverhältnisse schaffen?, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 17, 1902, 149-151; C. Beckenhaupt, Die Qualitätsfrage und die Landwirtschaft, ebd. 18, 1903, 215-218; Müller-Diemitz, Die Ansprüche des Handels und der Industrie an den obstbauenden Landwirt, ebd. 19, 1904, 54-55; Lorgus, Maßnahmen zur Regelung und Förderung des Absatzes von deutschem Obst und Gemüse, ebd. 28, 1913, 208-212.

Gierige Käufer und unlautere Geschäfte. Aufstieg und Ende des Gella- und Hydra-Handels im Kaiserreich

Hervorgehoben

Eine moderne Konsumgesellschaft etablierte sich in Deutschland im späten 19. Jahrhundert. Sie gründete nicht allein auf leistungsfähigen Handels- und Produktionsstrukturen, sondern auch auf der zuvor erfolgten rechtlichen Liberalisierung, insbesondere den Garantien von Freizügigkeit, Gewerbe- und Vertragsfreiheit. Der alte Obrigkeitsstaat wurde zurückgedrängt, Wirtschaft und Gesellschaft gewannen bisher unbekannte Prägekraft. Die Folge war ein neuer, allumfassender Aggregatszustand: „Die ganze Neubildung mußte die Mehrzahl aller Menschen zu etwas psychologisch anderem machen; sie mußten nun Tag und Nacht sinnen, billig einzukaufen, teuer zu verkaufen; am meisten trat dieses für die Händler ein. Ihr Erwerbstrieb, ihre Energie mußte bedeutend wachsen. Der kluge, der findige, der pfiffige und rücksichtslose kam voran, machte große Gewinne“ – so resümiertes es Gustav Schmoller (1838-1917), der führende Nationalökonom um die Jahrhundertwende (Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre, T. 2, Leipzig 1904, 497).

Liberales Recht und die Chancen der entstehenden Massenmärkte ermöglichten eine große Zahl neuer Betriebsformen des Handels. Manche davon, etwa Wanderlager oder Bazare, blieben zeitgebunden, gingen in andere Absatzformen über. Andere, wie Kauf- und Warenhäuser, Konsumgenossenschaften und Versandgeschäfte, Automaten und Filialbetriebe, prägen mit leichten Häutungen noch unsere Gegenwart. Sie stießen allesamt nicht nur auf Begeisterung, sondern mobilisierten auch erbitterten Widerstand; meist von denen, die ihre Marktanteile bedroht sahen, die zugleich aber ihre soziale Stellung in der Mitte der Gesellschaft verteidigten. Das Kaiserreich war daher eine Zeit harter Auseinandersetzungen um die Konturen des Neuen, um die Ausgestaltung der sich rasch ausweitenden Markt- und Konsumgesellschaft.

Die Auswirkungen dieser Debatten werden bis heute von der Geschichtswissenschaft unterschätzt. Kombattanten waren eben nicht nur Vertreter des liberalen und sozialdemokratischen Deutschlands, sondern konservative und „populistische“ Interessenvertreter des Kleinhandels, die sich häufig an altem Recht, tradierten Werten und vermeintlich überholten Gesellschaftsmodellen orientierten. Sie waren Modernisierungsverlierer, gewiss. Doch auch ihr stupender Antisemitismus darf nicht vergessen machen, dass viele ihrer Argumente heutzutage von „linken“ Globalisierungs- und Kapitalismuskritikern fortgesponnen werden, dass ihre Botschaften politisch nicht eindeutig der „Rechten“ zuzuordnen sind. Es gab ja schon im Kaiserreich argumentative Überlappungen zwischen dem Antikapitalismus der Sozialdemokratie und dem der „Mittelstandsbewegung“; und die antisemitische Grundeinstellung breiter Teile des etablierten Bürgertums war offenkundig. Doch nicht nur deshalb waren die mittelständischen Kritiker der Konsumgesellschaft keine reinen Reaktionäre. Ähnlich den Gewerkschaften, die ihren Kampf gegen den vermeintlich freien, die bestehenden Machtunterschiede ignorierenden Arbeitsvertrag im berechenbaren Streik und mit dem Ziel tarifvertraglicher Einigungen verfolgten, kämpfen sie um die Konturen der modernen Konsumgesellschaft zumeist auf dem Boden des Rechts.

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Justitia und die Konsumgesellschaft: Auszug aus einer Werbung für Wasmuths Hühneraugenpflaster (Fliegende Blätter 101, 1894, Nr. 2558, Beibl. 1, 2)

Im Kern ging es der breitgefächerten Mittelstandsbewegung um die Einschränkung der Gewerbefreiheit. Diese sei zu rasch eingeführt worden, die Mehrzahl habe sich an die damit verbundenen Veränderungen nicht anpassen können. Anfangs, also in den 1870er und 1880er Jahren, wurden vorrangig Verbote gefordert, schienen ihnen Wanderlager, Arbeiterkonsumgenossenschaften, Beamtenwarenhäuser oder aber Filialbetriebe doch unmoralisch und verwerflich. Derartige Agitation zielte selbstbezüglich auf direkte Wettbewerber, hätte im Erfolgsfalle jedoch die Konturen der Wirtschafts- und Sozialverfassung des Kaiserreichs zum Einsturz gebracht, die seit der „zweiten Reichsgründung“ 1878/79 ja grundsätzlich bis heute gelten. Verbotsforderungen verstummten auch später nicht, doch die eigentlichen Debatten – und das wussten auch die sich zunehmend in Interessenverbänden organisierenden Mittelstandsvertreter – gingen um neue rechtliche Instrumente zur Gestaltung des Wandels, zur Abfederung der Liberalisierungsfolgen. Um die Jahrhundertwende war es eine offene Frage, ob das geltende Recht mit dem Tempo der Konsumgesellschaft mithalten konnte. Unvorhergesehenes musste offenbar eingehegt werden, der Markt wurde zum rechtlichen Kampfplatz, der Konsument zu einem potenziell schützenswerten Akteur.

Beispiele hierfür lassen sich einfach aneinanderreihen: Das privatwirtschaftliche Vertragsrecht wurde durch das Abzahlungsgesetz von 1894 neu gefasst – und damit eine der wichtigsten Formen des Einkaufes von Gebrauchsgütern der weniger bemittelten Bevölkerungsschichten. Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb von 1896 regelte die seit langem üblichen, nun aber intensivierten Ausverkäufe und führte neue Rechtstatbestände von Treu und Glauben im Geschäftsverkehr ein. Der Hausierhandel wurde 1896 neu geregelt, das Genossenschaftsgesetz abermals verändert. Parallel wurde das Privat- und Handelsrecht nach langen Debatten kodifiziert, so durch das Handelsgesetzbuch von 1897 und das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900. Auch die Sozialgesetzgebung schuf Ordnung beim Einkauf, beispielsweise durch die sich nun langsam verringernden Ladenöffnungszeiten.

Die Mittelstandsvertreter waren verbalradikal, doch sie verwiesen immer wieder auf ihre Orientierung an Thron und Altar, an eine sittlich fundierte monarchische Herrschaft. Das waren implizite Selbstverpflichtungen. Entsprechend wurden gegen die neue Konkurrenz, im Einklang mit der rechtsstaatlichen Fundierung des Kaiserreichs, Gesetze und Verordnungen eingefordert – mochten diese auch den bisherigen Rechtsrahmen sprengen. Diese grundsätzlich systemkonforme Haltung zeigte sich auch in den die Jahrhundertwende kennzeichnenden Debatten über Sondersteuern für das Wandergewerbe, Konsumgenossenschaften und Filialbetriebe, schließlich auch für Warenhäuser (vgl. Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland. Mittelstandsbewegung, Kapitalismus und Rechtsstaat im späten Kaiserreich, Frankfurt a.M. et al. 1994). Damit transformierte man die Kontroverse über die Konturen der Konsumgesellschaft auf die abstrakte Ebene von Geld, von Angebot und Nachfrage. Die populistischen Kritiker akzeptierten damit das Finanzwesen als Kern des Kapitalismus und die Steuerpolitik als Kern moderner staatlicher Herrschaft.

Der Gella- und Hydrahandel: Struktur und Entstehung

Wie also ging man im Kaiserreich mit neuen, sich rasch etablierenden Veränderungen im Konsumgütermarkt um? Das kann man wie im Brennglas an einer sich kaum drei Jahre hinziehenden Debatte über den Gella- und Hydrahandel nachverfolgen (vgl. kompakt hierzu bereits Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 433-436). Unter diesem Begriff ist er heute vergessen, doch er war eine der ersten kommerziellen Anwendungen sogenannter Schneeballsysteme, auf die bis heute recht unterschiedliche Vertriebssysteme unter modischen Begriffen wie „Multi-Level-Marketing-System“ oder „Strukturvertrieb“ aufgebaut werden. Auch im Finanzsystem sind sie beliebt und berüchtigt, wie der Fall des Wirtschaftskriminellen und Finanzmaklers Bernie L. Madoff vor einigen Jahren unterstrich (Diana B. Henriques, The Wizard of Lies. Bernie Madoff and the Death of Trust, New York 2017).

Der Gella- und Hydrahandel war eine sich 1899 im Deutschen Reich etablierende Vertriebsweise, durch die man mittels Kaufs von Gutscheinen höherwertige Gebrauchsgüter zu äußerst niedrigen Preisen erhalten konnte. Er verdeutlichte die rasche Ökonomisierung und Abstrahierung des Massenmarktes mit Uhren, Fahrrädern, Kleidung, Schuhen, Stahlwaren, Zigarren und anderem mehr. Doch bevor wir näher auf den historischen Kontext eingehen, sollten wir uns vor Augen führen, wie dieses Vertriebssystem funktionierte.

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Bezugsschein und Coupons des Münchener Warenhauses Hydra 1899 (Stadtarchiv München, Gewerbeamt 215)

Der hier gezeigte, nicht übertragbare Bezugsschein des Warenhauses Hydra wurde dem Käufer für einen Coupon ausgehändigt, den er für zwei Mark erwerben konnte. „Für diesen Coupon hat er die Berechtigung, sich eine Urkunde zu erwerben, an der 6 weitere Coupons sitzen, wofür er 12 M. zu zahlen hat. Diese 6 Coupons kann er das Stück mit 2 M. weiter verkaufen und erhält so die dafür gezahlten 12 M. zurück. Sobald die von ihm verkauften 6 Coupons bei dem betreffenden Unternehmer einkaufen und je durch eine neue Urkunde eingetauscht sind, von welchen jede natürlich gleichfalls 12 M. kostet und je gleichfalls enthält, erhält A. nunmehr einen Gegenstand im Werte von 20 bis 50 M. Der Käufer A. hat also thatsächlich einen Gegenstand im Werte von 20-50 M. für 2 M. erhalten“ (Vorwärts 1899, Nr. 152 v. 2. Juli, 6). Konsumgüter konnten also zu einem Spottpreis erworben werden, der dafür erforderliche Aufwand schien gering. Ein bisschen Antichambrieren, ein wenig den Freundeskreis bearbeiten, mehr schien nicht nötig. Die Nachfrage nach Coupons und Bezugscheinen war entsprechend groß. Über das Münchener Warenhaus Hydra hieß es im Juli 1899: „Der Besuch dort ist ein sehr lebhafter, die Besucher dieses Geschäftes gehören sowohl dem Mittelstande, der größte Teil aber dem Arbeiterstande an“ (Stadtarchiv München, Gewerbeamt 215).

Blicken wir genauer hin, so werden die Tücken des Vertriebssystem deutlich. Für den erfolgreichen Erwerb der begehrten Ware waren nicht nur insgesamt 1 plus 6 plus 6 mal 6, also 43 Coupons von unterschiedlichen Personen zu kaufen. Auch die sechs Käufer der zweiten Runde mussten nun versuchen, ihrerseits je sechs weitere Käufer zu finden. Aus der Perspektive des einen Käufers handelte es sich wiederum um den Erwerb von 43 Coupons. Aus der Perspektive des Gesamtabsatzes aber erhöhte sich die Zahl der im Umlauf befindlichen Coupons um 6 mal 36, also auf 216. Es traten also Kaskadeneffekte auf, die zwingend dazu führten, dass es nach kurzer Zeit nicht mehr genügend Interessenten für die einschlägigen Coupons geben konnte. In der neunten Runde wären immerhin mehr als 10 Millionen Coupons im Umlauf. Prosaisch gefasst: „Das Hydra-System […] überträgt die Regel der geometrischen Progression auf den Handelsverkehr“ (Das Hydra-System, Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 165 v. 16. Juni, Beil., 1).

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Zeitgenössische Visualisierung des Schneeballeffektes (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 303 v. 8. November, 3)

Die Lawine kam daher rasch zum Stillstand: „Wenn aber keine Coupons mehr gekauft werden, werden diese auch nicht mehr dem Unternehmer zur Einlösung geschickt werden, da dies nur durch Zahlung von weiteren 12 M. geschehen könnte. Unzählige Coupons wandern jetzt als wertlose Papierfetzen herum, für welche der schlaue Unternehmer zwei Mark pro Stück erhalten hat, ohne je in die Lage zu kommen, auch nur den größeren Teil wieder einzulösen und die entsprechenden Werte dafür auszahlen zu müssen“ (Vorwärts 1899, Nr. 152 v. 2. Juli, 6). Der monetäre Verlust des Käufers betrug in diesem Falle 14 Mark, nämlich die addierten Preise für Coupon und Bezugsschein.

Ein Blick auf den Bezugsschein zeigt allerdings, dass dies nur bei Passivität des Käufers zutraf. Der Käufer konnte sich den Couponwert aber auch zusammenrechnen lassen und dann eine Ware erhalten, die – nach Auskunft des Anbieters – dem Wert des eingesetzten Kapitals entsprach. Der aktive Käufer bekam also durchaus einen Gegenwert für seinen Einsatz, allerdings nicht den begehrten Artikel zum Spottpreis. Der Verkäufer selbst hatte ein Interesse an einer schnellen Entwicklung des Handels, da die Zahl potenzieller Käufer so rasch zunahm. Auch daher verfielen die Coupons nach einer gewissen Zeit – hier nach 100 bzw. 150 Tagen – und zwar zugunsten des Verkäufers, wenn der Käufer nicht zuvor seine Ansprüche geltend machte.

Das Vertriebssystem dürfte als Gutscheinhandel wohl zu Beginn des letzten Drittels der 1890er Jahre in Frankreich und der Westschweiz entstanden sein. Es diente anfangs vornehmlich dem Absatz von Uhren (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1899/1900, 370-372, hier 371). Über Klein- und Mittelstädte Elsass-Lothringens und Badens verbreitete sich das neue System dann im ganzen Deutschen Reich, parallel erweiterte sich das Warenangebot. Angesichts der raschen Verbote des Gutscheinhandels in der Schweiz kann es sich durchaus um Ausweichbewegungen gehandelt haben (so Eingabe der Centralstelle „Die Uhr“ an den Reichstag v. 20. Februar 1900, Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 49), doch schon aufgrund der raschen Ausweitung möglicher Käufer handelte es sich um ein strukturell mobiles und ortsübergreifendes System. Seine prononcierteste Ausprägung erhielt es jedoch 1899 in mehreren Großstädten.

Namensgeber war einerseits die Berliner Vertriebsgesellschaft Gella, deren Konzept wohl aus England stammte. Noch bekannter wurde anderseits das Warenhaus Hydra, das in mehreren Großstädten Dependancen eröffnete. Es ist unklar, ob die Firmenbesitzer wussten, dass sie schon früher im Finanzsektor praktizierte Schneeballsysteme weiterentwickelt hatten. Das gewiss bekannteste stammte von der Münchener Schauspielerin und Wirtschaftskriminellen Adele Spitzeder (1832-1895), deren Münchener Privatbank von 1869 bis 1872 bis zu 32.000 Bürger um Kapital brachte (Dirk Schumann, Der Fall Adele Spitzeder 1872. Eine Studie zur Mentalität der „kleinen Leute“ in der Gründerzeit, Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 58, 1995, 991-1026). Der seltener, aber immer wieder verwandte Dachbegriff Schneeballsystem ging dagegen auf die Schneeballkollekten zurück (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 169). Deren Grundprinzip war, dass jemand eine geringe Summe spendete, unter der Maßgabe, dass zwei seiner Bekannten die gleiche Summe gaben und diese wiederum ebenso vorgingen. So konnten in kurzer Zeit auch größere Summen gesammelt werden. Mangels Kontrolle war bei derartigen Kollekten dem Missbrauch jedoch Tür und Tor geöffnet (Gella und Hydra, Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 208 v. 4. August, 2). Sie galten daher seit den frühen 1890er Jahren als nicht genehmigte und damit rechtswidrige Lotterien (Deutsche Juristenzeitung 1, 1896, 202). Auch Bettelbriefe nach dem Schneeballprinzip reichten historisch weiter zurück. Kollekten und Briefen war gemeinsam, dass die Kaskaden mangels finanzieller Anreize sehr rasch abebbten, zumal Nichtstun in diesen Fällen Geld sparte, da es nicht ausgegeben wurde. Man musste lediglich mit dem moralischen Dilemma fertig werden, Hilfe verweigert zu haben. Das war beim Gella- und Hydrahandel anderes, denn dieser wurde vom Erwerbstrieb in Gang gesetzt und in Bewegung gehalten.

Gella & Hydra oder rasche Marktbereinigung vor Ort

Eine öffentliche Debatte über den Gella- und Hydrahandel setzte Mitte 1899 ein. Sie konzentrierte sich auf die beiden namensgebenden Firmen und die Metropolen Berlin und München. Verhandelt wurde jedoch nicht nur eine neue Vertriebsform des Handels, sondern auch die Gefährdungen der Kommerzialisierung des Alltags, „denn der Reiz, für wenige Mark einen wertvollen Gegenstand erwerben zu können, überwiegt selbst bei aufgeklärten Leuten die Bedenken, und wenn diese erst einen Gutschein in Händen haben, dann sind sie rettungslos dem Unternehmer verfallen“ (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 6, 1900, 170).

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Der gierige Käufer auf der Suche nach Abnehmern seiner Gutscheine (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 32, 6)

Die Berliner Gella Vertriebsgesellschaft mbH wurde Ende Mai 1899 ins lokale Gesellschaftsregister eingetragen, ihr Gesellschaftervertrag datiert vom 15. Mai 1899: „Gegenstand des Unternehmens ist: Der Vertrieb von Waaren in beliebiger Anzahl von Gattungen; die Gesellschaft ist eine bestimmte Zeit nicht beschränkt. Das Stammcapital beträgt 21.000 M. […] Geschäftsführer ist Kaufmann Siegfried Hertz zu Berlin“ (Berliner Börsen-Zeitung 1899, Nr. 246 v. 29. Mai, 21). Für die sozialdemokratische Parteizeitung Vorwärts handelte es sich um eine „sehr raffinierte Finanzoperation“ zu Lasten „der ärmeren Bevölkerungsklassen […], welches den genialen, es ausübenden Finanzgenies bei nicht (vielleicht auch trotz) rechtzeitiger Warnung der namentlich in Betracht kommenden weniger bemittelten Klassen große Summen in die Tasche spielen wird“ (Vorwärts 1899, Nr. 152 v. 2. Juli, 6). Dagegen präsentierte das linksliberale Berliner Tageblatt die Fährnisse und Gefahren des Systems anfangs eher in humoristischer Weise (vgl. hierzu Gella und Hydra, Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 208 v. 4. August, 2). Vorgeführt wurden sie am Beispiel eines wohlsituierten Bürgers, der einen Koffer voller Toilettengegenstände billigst erstehen wollte. Er fand sich nach Kauf der Coupons in der Rolle eines Verkäufers wieder, „der nun plötzlich gezwungen ist, seinen Freunden einzureden, daß ohne den Besitz einer Nähmaschine, eines Theaterglases oder eines Kettenarmbandes ihr Leben ein verfehltes sei, und daß sie diese Dinge vernünftigerweise nur auf dem Wege des ‚Gella-Systems‘ erlangen könnten.“ Seine detailliert geschilderten Erfahrungen waren Abbitten auf seine eigene Gier, zumal als er die Käufer seiner Coupons anzuhalten hatte, ihrerseits die Coupons an weitere Käufer abzusetzen. Freundschaften zerbrachen, Schroffheit beherrschte das einst harmonische Beziehungsgeflecht. Am Ende zählte der fiktive Bürger 62 Personen, die ihn „als die Quelle ihres Unheils betrachten“ (Gella und Hydra, Berliner Tageblatt 1899, Nr. 358 v. 17. Juli, 2). Die billige Ware hatte offensichtlich hohe soziale Kosten. Dann doch lieber im Fachhandel kaufen.

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Soziale Kosten des Gella- und Hydrahandels in der Karikatur (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 32, 6)

Derweil sah sich die Redaktion des Vorwärts gemüßigt, eine freundliche, aber bestimmt gehaltene Entgegnung der Gella auf ihre Warnung zu veröffentlichen. Und es war in der Tat gewährleistet, dass ein Käufer sein Kapital nicht verlieren musste, wenn es ihm nicht gelang, genügend Käufer zu gewinnen. In diesem Fall konnte er andere, preiswertere Waren im Gegenwert des Einsatzes erhalten: „Aber selbst wenn es dem Inhaber eines Coupons und einer Urkunde nicht gelingt, einen einzigen der der Urkunde beigegebenen Coupons zu veräußern, so hat er nicht einen wertlosen Papierfetzen in der Hand, sondern ihm steht, wie in Nummer VII der Gebrauchsanweisung der Gesellschaft ‚Gella‘ hervorgehoben ist, in diesem ungünstigsten Falle das Recht zu, die Coupons selbst zu erfüllen und gegen Zahlung von 2 Mark für den Coupon + 12 Mark für die Urkunde + 72 Mark für die Erfüllung der sechs zur Urkunde gehörigen Coupons, im Ganzen also von 86 Mark, aus Abteilung A einen Gegenstand im Werte von 72-90 Mark zu entnehmen. Daneben erhält er noch sechs Urkunden nebst dazu gehörigen Coupons und somit die Möglichkeit, durch Verkauf derselben den Warenpreis zurückzugewinnen“. Die Kaufleute verwiesen auf die ökonomische Rationalität ihrer Geschäftsbedingungen: „Der Nutzen der Gesellschaft ergiebt sich somit nicht aus der Spekulation auf die Entwertung ihrer Coupons, sondern wie bei jedem kaufmännischen Geschäft aus der Differenz zwischen dem Einkaufspreis und dem Verkaufspreis ihrer Waren (Vorwärts 1899, Nr. 158 v. 9. Juli, 6).“ Doch das war formal gedacht, ging nicht auf die andere Erwartung der Käufer ein. Diesen schien es offenbar nicht lohnend, relativ kleine Beträge wieder einzusammeln oder aber mit zusätzlichem Kapital Waren zu erwerben, die sie mit geringerem Aufwand direkt hätten kaufen können.

Das Gella-System unterstrich, dass der Preis und die Kosten einer Ware unterschiedliche Dinge waren. Selbst das Schnäppchen war teuer, rechnete man den Aufwand des Couponerwerbs, des eigenhändigen Vertriebs der Scheine, die Kontrolle über deren weiteren Absatz und die entgangenen Zinsen für das eingesetzte Kapitel mit ein. Der Aufwand für die Rückerstattung des Grundpreises des Coupons konnte ebenfalls Kosten verursachen, und teils wollte man andere Waren gar nicht haben, mochten sie auch wertmäßig kompensieren. Der Gellahandel spielte also virtuos mit Kostenkalkulationen: Er suggerierte enorm billige Ware, schuf eine vertragliches Sicherheitsnetz für den Käufer, setzte aber darauf, dass dieses von vielen Käufern nicht genutzt wurde. Abstrakt gesprochen: Konsumgesellschaften charakterisierten eben nicht nur mikroökonomische Kalkulationen über Geldausgaben und eine möglichst effiziente Bedürfnisbefriedigung, sondern sie sind immer auch von den mit Kaufakten verbundenen Opportunitäts-, also Marktnutzungskosten, abgängig. Auch ohne entsprechendes ökonomisches Wissen richtet sich eine große Mehrzahl nach derartigen Kostenkalkülen; und dies kann man im Geschäftsleben wiederum nutzen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich rasch ein Markt für verbilligte Coupons ausbildete, obwohl diese doch im Prinzip von jedem Besitzer zu Waren im Gegenwert eingelöst werden konnten.

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Neue Märkte deutlich verbilligter Coupons des Warenhauses Gella (Berliner Tageblatt 1899, Nr. 341 v. 9. Juli, 9)

Vor dem Hintergrund ihrer transparenten und auch verständlich gehaltenen Geschäftsbedingungen war es kein Zufall, dass sich die Gella-Gesellschaft auch gegen öffentliche Warnungen des Berliner Polizeipräsidenten vernehmlich zu Wort meldete. Ihr Geschäftsbetrieb sei juristisch einwandfrei, würden die Käufer doch deutlich auf bestehende Risiken hingewiesen, ihnen auch Alternativen bis hin zum Einkauf bei „anderen Ladengeschäften höheren Ranges“ (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 391 v. 4. August, 5) offeriert, um den Wert der Coupons auszugleichen. Auf diese Weise gewann das neue Unternehmen weitere Publizität und Aufmerksamkeit. Das galt auch für eine Privatklage gegen Karl Keller, Redakteur des Berliner Tageblattes, der sich der Warnung des Berliner Polizeipräsidenten vor dem Gella- und Hydrahandel angeschlossen hatte (Vorwärts 1900, Nr. 240 v. 14. Oktober, 5; Berliner Tageblatt 1900, Nr. 526 v. 16. Oktober, 5). Er wurde freigesprochen, verbunden mit einer Bekräftigung der erfolgten Warnung: „Wenn sich die Gella-Gesellschaft in ihren Prospekten an die Minderbegüterten wende und in ihren Reklamen mit fetter Schrift verkünde, daß man für 2 M. eine Nähmaschine, für 4 M. eine Klassiker-Bibliothek, für 6 M. ein erstklassiges Fahrrad und andre Gegenstände ‚für einen minimalen Bruchteil des Wertes‘ erwerben könne, so spekuliere sie auf die Leichtgläubigkeit des nicht geschäftsgewandten Publikums und die Presse ist berechtigt, davor zu warnen“ (Vorwärts 1901, Nr. 4 v. 5. Januar, 6; Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 7 v. 5. Januar, 6). Eine Verurteilung der Gella Vertriebsgesellschaft war dies jedoch noch nicht. Es war vielmehr auch eine Warnung vor den Trieben ärmerer Konsumenten, die Waren besitzen wollten, ohne über das nötige Kapital hierfür zu verfügen und die deshalb auf Angebote eingingen, deren Kosten schwer übersehbar waren.

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Neue Märkte deutlich verbilligter Coupons des Warenhauses Gella (Berliner Tageblatt 1899, Nr. 341 v. 9. Juli, 9)

Das Warenhaus Hydra, das Anfang Juli 1899 in der Mitte Berlins die Tore öffnete, verfolgte ein leicht modifiziertes Geschäftskonzept. Die Zahl der angebotenen und der Preisstufen lag deutlich höher (Die Dummen werden nicht alle, Vorwärts 1899, Nr. 153 v. 4. Juli, 5). Wie Abzahlungs-, Partiewaren- und die Mehrzahl der Warenhäuser zielte es explizit auf Käufer aus der Arbeiterschaft und dem unteren Mittelstand. Wie die Gella Vertriebsgesellschaft bot sie Waren nicht zum freien Verkauf an, sondern präsentierte sie in einer Musterausstellung, „d. h. mehrere Schaufenster und das Innere des Ladens sind mit Gegenständen gefüllt, die durch das ‚Hydra-System‘ erworben werden können. Der Andrang war in den letzten Tagen ein so gewaltiger, daß der Straßenverkehr vor dem Hause zeitweilig gelenkt wurde. Die an den Waaren angehefteten Preise mußten natürlich die Passanten in den Irrthum versetzen, daß die Sachen nahezu verschenkt würden und ohne Weiteres gegen Zahlung des Betrages zu kaufen wären. So sind z. B. ein Eisschrank und ein aus 40 Theilen bestehendes Tafelservice mit einer Mark ausgezeichnet, sechs silberne Theelöffel im Etuis mit 50 Pfennigen, ein Reisekoffer aus braunem Segeltuch mit 10 Pfennigen.“ Abermals wurden Warnungen laut und „eine Verschärfung gesetzlicher Bestimmungen“ gefordert: Aber „der Hydra ‚unlauterer Wettbewerb‘ wachsen stets an Stelle des eitlen abgeschlagenen Hauptes ein Dutzend neuer Köpfe“ (Das Gella-System macht Schule, Volkszeitung 1899, Ausg. v. 6. Juli).

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Rascher Erfolg: Stellenanzeige des Berliner Warenhauses Hydra (Vossische Zeitung 1899, Nr. 307 v. 4. Juli, 23)

Das Warenhaus Hydra machte anfangs gute Geschäfte, schon nach wenigen Tagen musste das Personal erweitert werden. Doch vier Wochen später hatte sich die Szenerie gewandelt: „Selbst die verlockendste Anpreisung verfängt nicht mehr. […] Das Publikum denkt aber: ‚Nicht geschenkt!‘“ (Volkszeitung 1899, Ausg. v. 31. Juli).

Auch Hydra versandte Berichtigungen, klagte gegen Warnungen und vermeintlich unwahre Berichte (Volkszeitung 1899, Nr. 359 v. 3. August, 5; Vorwärts 1899, Nr. 180 v. 4. August, 5; Volkszeitung 1899, Ausg. v. 15. September). Durchschlagende Wirkung hatte dies nicht. Das Warenhaus wurde Mitte August an neue Investoren verkauft, der Gründer Leopold Behrend beantragte kurz darauf die Insolvenz (Volkszeitung 1899, Ausg. v. 2. September). Er hatte seit 1893 ein Netzwerk von „Special-Restegeschäften“ aufgebaut, das durch die Vorgaben des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb illegal wurde. Er ging zum Großhandel über, hatte Finanzierungsprobleme, die auch mittels der Hydra-Gründung überwunden werden sollten. Am Ende standen Verbindlichkeiten von drei Millionen Mark zu Buche (Vorwärts 1900, Nr. 206 v. 3. September, 5).

09_Lustige Blätter_14_1899_Nr32_p06_Warenhaus-Hydra_Pleitegeier

Pleitegeier über dem Warenhaus Hydra (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 32, 6)

Hydra Warenhäuser wurden auch an anderen Orten gegründet, gewissermaßen in Analogie zu den zuvor unterhaltenen Restegeschäften. Ihre Leitung lag in der Hand von Louis Grand, dem Schwager des Firmeninhabers Behrend. In München traf der Betrieb auf deutlich stärkeren Widerstand durch ortsansässige Kaufleute, aber auch durch die Obrigkeit – hier hatte der Landtag kurz zuvor in einer Gewerbesteuernovelle die reichsweit höchsten Warenhaussteuern beschlossen (Spiekermann, 1994, 97-105). Das im Zentrum von München gelegene Warenhaus war jedenfalls nur kurze Zeit in Betrieb, mochte es in seinen Schaufenstern auch mit Preisen locken, die „unmöglich“ (Wendelstein 1899, Nr. 166 v. 25. Juli, 3) schienen. Es ist unklar, warum die Staatanwaltschaft gegen den Inhaber Louis Grand ermittelt hatte, doch mit der Schließung des Betriebes kam er einem behördlichen Eingreifen zuvor (Volkszeitung 1899, Ausg. v. 4. August). Die liberale Allgemeine Zeitung vermerkte volksseelennah: „Es ist daher nur mit Genugthuung zu begrüßen, daß diesem Treiben bereits nach kurzer Zeit hier ein Ende gemacht worden ist“ (1899, Nr. 209 v. 30. Juli, 6). Die Polizeidirektion München warnte anschließend vor dem Schneeballsystem als solchem und Stand Gewehr bei Fuß, um „die öffentliche Strafverfolgung der Verkäufer sogenannter Gutscheine jederzeit herbeizuführen“ (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 67, 1900, 6628). Es sollte sich allerdings rasch zeigen, dass die Gerichte diese Vertriebssysteme keineswegs einschränken konnten. Dennoch schlossen auch weitere Filialen des Warenhauses Hydra nach nur kurzem Bestehen, so etwa in Hannover (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1899/1900, 425-426, hier 426).

Das Fazit der Gegner der neuen Vertriebsform war demnach hoffnungsfroh: „Die Vertreibung der Gella-Gutscheine geht nach uns von allen Seiten gewordenen Nachrichten so zurück, dass […] der Schwindel an der eigenen Liederlichkeit ein unrühmliches Ende finden wird“ (Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 25, 1900, 154). Doch das war voreilig, denn mit dem nur kurzen Bestehen der namensgebenden Firmen Gella und Hydra war das Vertriebssystem keineswegs am Ende. Und auch die eliminatorischen Wünsche, „dass allenthalben derartige Unternehmungen sofort unterdrückt würden“ (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 23, 1899, 617) ließen sich im Rahmen des geltenden Rechts nicht verwirklichen.

Ausweitungen: Schnellballsysteme im Uhren- und Fahrradhandel

Die nach dem Niedergang des Warenhauses Hydra noch hoffnungsfrohe Stimmung der Wettbewerber kippte daher Anfang 1900: „Die Beunruhigung, in die vielerorts unsere Kollegen durch das Gutschein-Verkaufs-System versetzt worden sind, dauert leider noch an, und es muß bedauerlicherweise sogar konstatirt werden, daß das Uebel noch weiter um sich frißt und immer größere Gebiete zu ergreifen droht“ (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 24, 1900, 63). Diese Stellungnahme des Deutschen Uhrmacher-Bundes war repräsentativ für zahlreiche etablierte Kräfte im Gebrauchsgüterhandel, die nun erst vergegenwärtigten, dass Gella und Hydra lediglich Vorboten einer zweiten, deutlich umfangreicheren Entwicklungsphase des neuen Vertriebssystems waren. Gewiss, in größeren Städten gab es nach wie vor Waren- und Kaufhäuser auf Basis des Gella- und Hydrahandels. Doch auch hier war eine Konzentration auf wenige, häufig nur eine Warenart feststellbar. So wurden in Düsseldorf sogenannte Fortunabücher ausgegeben, um Anzüge zu den bekannten Spottpreisen erwerben zu können (Gella und Hydra, Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 208 v. 4. August, 2).

Die zweite Phase wurde vor allem von Versandgeschäften getragen, bediente sich der Post, nutzte nur selten lokale Standorte. Wir sehen also eine weitere Abstrahierung des Warenvertriebs. Gab es in der ersten Phase noch Schaufenster und Verkaufsläden, hatte man Umgang mit Vertriebspersonal und konnte die Waren noch direkt begutachten, so traten nun Prospektabbildungen an die Stelle der Warenmuster, substituieren Adressen die Läden, ersetzten Namen reale Personen. Dies lag in der Logik eines Vertriebssystems, das auf schriftlichen Verträgen und Geschäftsbedingungen gründete und bei dem die Vorstellung einer billigst zu erwerbenden Ware handlungsauslösend war. Die deutlich abgeschwächte Materialität des Handelsgeschäfts legte auch eine Begrenzung auf wenige Warengruppen nahe. Fahrräder und Uhren dominierten den Handel, wenngleich auch Kleidung bzw. Genussmittel abgesetzt wurden. Es handelte sich um Güter des Alltagsbedarfs, um etablierte Konsumgüter, die um die Jahrhundertwende auch von Arbeitern, Handwerkern und Bauern massenhaft gekauft wurden.

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Der Preis als irreleitender Indikator eines Einkaufes, Karikatur 1899 (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 32, 6)

Bevor wir uns wenige Beispiele genauer anschauen, sollten wir uns allerdings einen Blick auf die unmittelbaren Reaktionen der Wettbewerber erlauben. Sie dachten eben nicht in Entwicklungslinien modernen Handels, reflektierten kaum die mit der Ökonomisierung des Absatzes einhergehende Reduktion von Käufen auf Geldtransaktionen. Für sie war Warenabsatz nicht eine Interaktion von Käufern und Waren, sondern geprägt von einem fachlich ausgewiesenen Mittelmann, einem Händler, der das jeweils passende Produkt empfahl, der auch dafür sorgte, dass das Budget des Käufers nicht von Käufen und unschicklichen Konsumwünschen gesprengt würde. Das Schneeballsystem war für sie „Massenschädigung“, ein Bruch mit den gewachsenen Beziehungen von Menschen in einer geordneten Wirtschaft mit klaren Rollen und Kompetenzen. Für sie lag darin „ganz gewöhnliches Anreißerthum“ und es schien ihnen schlicht unlauter, „daß jeder, der für ein ihm ganz fremdes Geschäft, für dessen Zuverlässigkeit und für die Güte von dessen Waren er nicht die geringste Bürgschaft hat, Kunden heranzieht, sich zum gewöhnlichen Schlepper erniedrigt“ (Gella und Hydra, Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 208 v. 4. August, 2 – auch für die Zitate zuvor). Jeder „anständige und ehrenwerte Mensch“ würde das neue Vertriebssystem zurückweisen, würde er über die Folgen nachdenken: „Ein solcher Vertrieb ist […] in hohem Grade unmoralisch und er findet nur statt, weil und wenn der Verkäufer sein wahres Wesen in seinen Ankündigungen so geschickt zu verdecken versteht, dass selbst Leute von guter Urteilskraft und Rechenkenntnis sich darüber täuschen lassen“ (Die rechtliche Beurteilung des Gella- und Hydra-Systems, Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 181). Derartige Bewertungen spiegelten das Aufbrechen fester Einkaufsmuster und gleichsam garantierter Beziehungen von Händler und Käufer. Der Konsument emanzipierte sich von derartigen Bindungen, zerschlug so die imaginäre Welt des „Leben und leben lassens“, in der man sich wechselseitig einen für das Auskommen nötigen Ertrag zubilligte und nicht einseitig seinen Vorteil suchte. Für die mittelständischen Händler war der Gella- und Hydrahandel dagegen „ein trauriges Zeichen unserer Zeit“, „Unfug“ unreeller Geschäftsleute, die sich zynisch vor Augen führten, dass die Welt betrogen werden will (Düsseldorfer Volksblatt 1900, Nr. 221 v. 12. August, 2). Sie reflektierten nicht, dass in einer Konsumgesellschaft Geldwert und Kosten dominieren und Moral einen klaren, meist sozialen Mehrwert erbringen muss, um Kaufakte zu beeinflussen.

Blicken wir zuerst auf den Uhrenhandel. Die mechanischen Instrumente setzten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch, veränderten die Taktung des Alltags. Sie waren zugleich ein Renommiergut, sei es als möglichst „goldene“ Taschenuhr oder aber als repräsentative Standuhr. Ab Mitte des 19. Jahrhundert traten neben den lokalen Uhrmacher heimindustrielle Produzenten, die insbesondere im Schwarzwald und der schweizerischen Romandie angesiedelt waren. Sie belieferten meist Großhändler, doch seit Ende des 19. Jahrhundert integrierten Versandhändler Uhren in ihre Kataloge, etablierten sich zunehmend spezialisierte Anbieter. Letztere wurden zum eigentlichen Träger des „Gutscheinhandels“ mit Uhren jeglicher Art. Eines davon war das Versandhaus Engler & Co. aus dem thurgauischen Kreuzlingen. Dessen Anzeigen tönten vielversprechend: „Wer ohne Geld in den Besitz einer wertvollen Uhr gelangen will, sende seine genaue Adresse mit Retourmarke an die Reklameabteilung des Uhren-Versandhauses Engler & Co. in Kreuzlingen“ (Der Gellacouponhandel, Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 76-77, hier 76 – auch für das Folgende). Tat man dies, so erhielt der potenzielle Kunde drei Briefe, zwei davon luden zu Preisrätseln ein. Wichtiger aber war der erste Brief, in dem es einladend hieß: „Ohne Geld können Sie in den Besitz einer wertvollen Uhr gelangen, wenn sie nachstehend erklärte kleine Arbeit nicht scheuen. – Gewiss befinden sich ja in ihrem Bekanntenkreisen Personen, die auch den Wunsch haben, mit der Kleinigkeit von nur 50 Rappen an einer Preisbewerbung teilzunehmen. Sie erhalten nun mitfolgend zehn Formulare mit einem Preisrätsel und einem Rückschein für die Lösung, diese verteilen Sie nur an solche Leute, welche Freude und Interesse daran zeigen und Ihnen nach erfolgter Erklärung die Beteiligung bestimmt zusagen. Sobald dann jeder von den 10 Mitbewerbern die Lösung samt den verlangten Briefmarken uns eingesandt hat, erhalten Sie von uns ohne weitere eine wertvolle Uhr umsonst.“ Das Grundprinzip blieb bestehen, die Ausführung jedoch variierte. Engler & Co. waren Billiganbieter. Andere Firmen forderten mehr Geld für die Coupons: So sollte man etwa 80 Pfennig einsenden, erhielt damit die Chance, fünf weitere Coupons à 80 Pfennig zu kaufen, um diese weiterzuverkaufen und schließlich eine Uhr im Wert von 30 Francs zugesandt zu bekommen (vgl. Petition des Central-Verbandes der Deutschen Uhrmacher v. 10. Februar 1900, Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 25, 1900, 34). Das Resultat war bemerkenswert: „Anfänglich […] erregte das Hydrasystem eine förmliche Spielwut unter dem Publikum, welches durch die Neuheit der Sache und den in Aussicht gestellten Gewinn gereizt wurde“ (Finger, Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 403-404). Doch auch im Uhrenhandel kam das System rasch an seine Grenzen, obwohl die Anbieter ebenfalls Garantien gaben, durch die man einen gewissen Gegenwert für nicht genutzte Coupons erhielt. Doch der Vertragspartner war fern, die Rückforderung kostete Aufwand und Porto. Für die Versandgeschäfte war ein Marktkollaps zugleich weniger einschneidend als für stationäre Geschäfte. Sie schalteten ihre Anzeigen resp. verteilten ihre Flugblätter halt an anderen Orten, wo sie vielfach neuerlich auf freudige Begeisterung stießen (Volkszeitung 1899, Ausg. v. 13. August, s.p.). Wichtig war auch, dass diese Art des Geschäftsbetriebes große Datenmengen generierte, also Adressen und Informationen über die Käufer, die später wieder genutzt werden konnten, die aber auch Handelsgut für Versandgeschäfte anderer Branchen bildeten. Der Gella- und Hydrahandel schuf demnach weitere gewinnträchtige Märkte abseits des reinen Warenabsatzes.

Ähnliche Vertriebssysteme entwickelten sich im Fahrradhandel. Hier standen französische Vorbilder Pate, die Anbieter wiesen deutlich andere regionale Schwerpunkte auf, wobei Mittel- und Westdeutschland hervortraten. Auch hier lockte das Versprechen, für beispielsweise nur acht Mark ein „anerkannt tadelloses Fahrrad“ zu erwerben (Volkszeitung 1899, Nr. 349 v. 28. Juli, 5). Der weitere Ablauf folgte den vorgegebenen Mustern.

Der lokale Kampf gegen das Schneeballsystem

Die neue Vertriebsform zielte also auf die Abschöpfung von lokaler Kaufkraft. Die ansässigen Händler, die schon gegen die Versandgeschäfte vergeblich agitiert hatten – nutzten diese doch Strukturentscheidungen der Reichspost der 1870er Jahre (Spiekermann, 1999, 296-298) – begannen ihren Kampf entsprechend vor Ort. Es galt die Käufer aufzuklären, ihnen die Folgen ihres Handelns vor Augen zu führen.

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Aufklärung des kaufenden Publikums: Flugblatt des Vereins gegen Unwesen im Handel und Gewerbe für Norddeutschland vom Juli 1899 (Staatsarchiv Hamburg 331-3 Politische Polizei S 6750, Bd. 2)

Einschlägige Flugblätter wurden von zahlreichen Händlervereinigungen und bürgerlichen Vereinen gegen unlauteren Wettbewerb verteilt. Darin artikulierten sie nicht nur die strukturellen Probleme der Schneeballsysteme, sondern auch ihre Vorstellungen eines angemessenen, und das hieß rücksichtsvollen, nicht von Gier getriebenen Kaufverhaltens. Die lokalen Händlervereinigungen hatten zumeist lokale Tages- und Wochenzeitungen auf ihrer Seite, waren diese doch auf regelmäßige Annoncen angewiesen. Abseits des publizistischen Flankenschutzes standen jedoch auch Strafanzeigen auf Grundlage vermeintlicher Vergehen gegen die Reichsgewerbeordnung, das Bürgerliche Gesetzbuch oder das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Sie stammten beispielsweise von „in ihren Lebensinteressen durch das Schneeballsystem aufs Tiefste geschädigten Fahrradhändler[n]“, die dringlichst baten, jeden entsprechenden Gutschein „zur polizeilichen oder gerichtlichen Anzeige zu bringen“ (Rosenheimer Anzeiger 1900, Nr. 174 v. 3. August, 3).

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Eine Chance für Minderbemittelte: Werbung der Fahrrad-Werke Riesenfeld für ihr Absatzsystem (Rosenheimer Anzeiger 1900, Nr. 188 v. 21. August, s.p.)

Wie schon Gella und Hydra, nutzten die derart angeprangerten Unternehmen jedoch die Chance, die von den lokalen Händlern geschaffene Publizität aufzugreifen und in Interesse für ihre Angebote umzumünzen. Sie konnten dabei, wie oben die Fahrrad-Werke Riesenfeld, zurecht darauf verweisen, dass ihr Betrieb rechtens sei und viele Vorwürfe ihrer Wettbewerber haltlos. Diese fühlten sich herausgefordert und entsprechend wurden die Strafanzeigen häufig über mehrere Instanzen durchgefochten. Im Falle der Fahrradwerke Riesenfeld zogen sich die Prozesse über fast ein Jahr hin (Unlauterer Wettbewerb, Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 256 v. 17. September, 13; Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 147). Die Wettbewerber sahen Verstöße gegen das geltende Recht, während die Fahrradwerke auf ihre Geschäftsbedingungen verwiesen, die nachvollziehbar darlegten, dass „nach ihrem System ein Fahrrad um 8 M. 50 Pf. erworben werden kann, jedoch nicht unter allen Umständen erworben werden muß“ (Das Hydra- oder Schneeballensystem bei den Riesenfeld-Fahrradwerken, Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 4 v. 4. Januar, 6). Dennoch kam es zu einem Teilerfolg der Kläger, denn in diesem Falle musste das unvollständige Bezugsheft kostenpflichtig zurückgenommen werden, konnte also nicht durch andere Waren abgegolten werden. Dies wurde auch von der Revisionsinstanz, dem Amtsgericht München, bestätigt. Die Verurteilung erfolgte allerdings auf dem höchst brüchigen Terrain des Verstoßes gegen die guten Sitten nach § 138 BGB: „Die Absicht des Beklagten war offensichtlich die, dem gemeinen Mann die guten Seiten des Vertrages möglichst vor Augen zu stellen und ihn so über die schlechte Seite hinwegzutäuschen. Diese Geschäfte entsprächen aber nicht den im Volke herrschenden Anschauungen über die gute Sitte“ (Das neue Bürgerliche Gesetzbuch und der Hydra-Schwindel, Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 110 v. 21. April, 6). Hier wurde nicht Recht gesprochen, sondern moralisch verurteilt – und das nachdem 1900 die Lex Heinze, also eine Verschärfung des Strafgesetzes zur Bekämpfung vermeintlicher „Unsittlichkeit“ (und zur Ermöglichung umfassender Zensur) nach vehementem Widerstand des liberalen und sozialdemokratischen Deutschlands gescheitert war.

In den meisten Verfahren musste die Anklage jedoch fallengelassen werden. Dies wurde dann werblich genutzt. Der Bonner Versandhändler Jean Duell ließ etwa in Bingen Flugblätter verteilen, in denen es hieß: „‘Auf mit frischem Muth! Laut Beschluß des Königlichen Obersten Landgerichts in München vom 10. August 1900 theile ich meiner werthen Kundschaft mit, daß der Verkauf meiner […fett, US] Gutscheine auch im Königreich Bayern gesetzlich gestattet ist, und bitte ich, dieses Circular weiter zu geben‘“ (Gutschein-Unwesen, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 25, 1901, 18). Schon zuvor hatte er mehrfach Anzeigen „Zur Aufklärung!“ geschaltet, in denen er die Rechtmäßigkeit seines Unternehmens hervorhob und sich von Denunziationen gegen ihn abgrenzte (Der Wurm krümmt sich, Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 179). Der Karlsruher Uhrmacher Carl Faller reagierte auf die Warnungen des Bezirksamtes mit Plakataktion an Litfaßsäulen (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 110). Die lokalen Auseinandersetzungen führten also aus Sicht der mittelständischen Wettbewerber zu keinem Erfolg, konnten insbesondere die weitere Expansion der Schneeballsysteme nicht stoppen. Auch Versuche der lokaler Händlervereinigungen, ihrerseits Couponsysteme aufzulegen, erwiesen sich als Fehlschlag (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 73). Daher sammelten die Wettbewerber seit Frühjahr 1900 ihre Kräfte auf regionaler und nationaler Ebene, um die Rechtslage zu ihren Gunsten zu wenden.

Eine Bewegung für den Verbot des Gella- und Hydrahandels

Den Handels- und Gewerbekammern als Interessenvertretern von Industrie und Handel kam dabei anfangs eine wichtige Rolle zu. Ab Mai 1900 sprachen sich zahlreiche Handelskammern für ein „Verbot des Handels mit Gutscheinen“ aus (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1899/1900, 455). Vorausgegangen waren umfangreiche Erörterungen vor Ort, mit sehr unterschiedlichen Empfehlungen: Aufklärung der Käufer, Strafanzeigen gegen Gella- und Hydrahändler, vorrangig aber Eingaben und Petitionen zur Änderung des bestehenden Rechts. Das sei erforderlich, da „in der deutschen Gewerbegesetzgebung […] leider keine Bestimmung [bestehe], die eine Handhabe zum Einschreiten bieten könnte“ – so die Handelskammer Rottweil (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1898/99, 370-372, hier 372). Wie diese Gewerbeordnungsnovelle aussehen sollte, wurde nicht gesagt; nicht zuletzt, weil auch eine größere Zahl von Handelskammern dem Staat als Regulierungsinstanz des Handels misstrauten.

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Öffentliche Warnung vor rechtlich zulässigen Vertriebsformen (Rosenheimer Anzeiger 1900, Nr. 200 v. 9. April, 4)

Entsprechend wurde die eigentliche Bewegung für eine gesetzliche Regelung – und das hieß fast durchweg ein Verbot – von den zahlreichen Branchenverbänden zumal der Uhrmacher und -händler getragen. Sie versuchten zugleich genauere Informationen über den „Gutscheinhandel“ zu gewinnen. Es blieb bei Einzelfällen, doch diese gaben immerhin Eindrücke von beträchtlichen Erfolgen des neuen Vertriebssystems. Der Versandhändler Gustav Lehmann aus dem sächsischen Oberloschwitz versandte „innerhalb Jahresfrist 6000 Stück Uhren-Bezugsscheine à 6 Mk., meistens an minderbemittelte Leute, Dienstboten, Tagelöhner, Fabrikarbeiter“ (Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 195). Ein Aufruf des Schweizerischen Gewerbevereins Mitte 1900 ergab die Zusendung von Coupons im Nominalwert von 6897,50 Franken von 16 verschiedenen Firmen, die von den Besitzern offenbar als wertlos erachtet wurden (Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung 16, 1900, 537). Das Schneeballsystem war ein Massenphänomen.

Die Branchenvereine fordern Schutz, forderten Staatshilfe, manifestierten so ihre tradierte Vorstellung vom Staat als gerechtem Makler. Dabei wurde immer wieder auf die Schweiz verwiesen, hatten dort doch zahlreiche Kantone Verbote ausgesprochen (Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung 15, 1899, 758; Gegen den Gutscheinhandel, Allgemeine Zeitung [München] 1900, Nr. 358 v. 29. Dezember, 2). Im Deutschen Reich war dieses angesichts der Grundsatzentscheidungen der Reichsgewerbeordnung nicht einfach möglich, konnten regionale Verordnungen doch Reichsgesetze nicht aushebeln (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 49-50). Beschränkungen der Bundesstaaten, so etwa die badische Maßregel, den Vertrieb der Gutscheine abseits des Wohnortes der Händler als genehmigungspflichtiges Wandergewerbe zu definieren, führten zu nichts (Gegen den „Gutscheinhandel“, Mitteilungen des ZVDK 11, 1900/01, Nr. 9, 6; Bekanntmachung. Den Uhrenhandel betreffend v. 31. März 1900, Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 25, 1900, 74). Die Branchenverbände kontaktierten lokale, regionale, bundesstaatliche und auch nationale Instanzen. Dort luden sie ihre Forderungen ab, manifestierten so Handlungswillen und Ohnmacht zugleich. Beides mündete in eine Sprache, die von Biologismen dieser Zeit getränkt und vielfach xenophobisch und rassistisch war.

Naturmetaphern wurden bemüht, „überschwemmten“ die Bezugsscheine doch das Deutsche Reich, „überfluteten“ es (Eingabe an das Königlich Württembergische Ministerium des Innern, Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 25, 1900, 83-84, hier 84). Relevanter aber schien, dass der Gella- und Hydrahandel den imaginierten Volkskörper befallen hatte: „Wie eine Epidemie hat sich dieses Uebel verbreitet und nur wenige Gegenden giebt es, die noch verschont geblieben sind“ (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 61). Auch für die deutschen Uhrmacher schien es sich um eine Krankheit zu handeln, nicht abheilend „bis alle Theile Deutschlands nach einander von ihr befallen werden“ (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 24, 1900, 76). Gegen derartige „Seuchen“ forderten die Branchenverbände „Absperrmassregeln“ (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 170). Als Erfolge der eigenen Agitation deutlich wurden, war der Verbandsanwalt beglückt über „die radikale Vernichtung des Gutscheinhandels“ und resümierte, „eine Sumpfpflanze, welche das Feld ehrlicher Arbeit zu überwuchern drohte, ist der Ausrottung verfallen, und ein weiteres Gebiet, welche die Industrieritter des unlauteren Wettbewerbes mit Beschlag belegt hatten, ist für die ehrliche Arbeit zurückerobert worden“ (Henschel, Das Ende des Hydra-Schwindels, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 25, 1901, 82-83, hier 83). Derartige Biologismen waren um die Jahrhundertwende weit verbreitet, nicht nur aufgrund des modischen Sozialdarwinismus. Sie waren Metaphern der Bewegung, prägten farbenfrohe Darstellungen des absterbenden Kapitalismus und der Klassenkämpfe, der Lebensreform und des Heimatschutzes, der Feminisierung der Gesellschaft und der sozialen Hygiene. Man mag dies als Hinweise auf deutsche Sonderwege oder gar Vorboten des Nationalsozialismus lesen, doch finden sich entsprechende Metaphern auch bei der Beschreibung der Schneeballsysteme in der Schweiz und in Frankreich. Sie erscheinen eher als Ausdruck aggressiv gewendeter Ratlosigkeit und eines Gefühls des Ausgeliefertseins. Die von den Branchenverbänden praktizierte Selbsthilfe schien nicht auszureichen. Hilfe, vom Arzt oder anderen, schien notwendig.

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Vorsprechen von Mittelstandsvertretern beim preußischen Finanzminister Johannes von Miquel (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 40, 10)

Taschenspielertricks: Die Umdeutung der Schneeballsysteme als Glücksspiel durch das Reichsgericht

Ende 1900 waren die mittelständischen Maßregeln in einer Sackgasse angelangt. Der immer wieder adressierte Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1819-1901) musste eingestehen, daß „die Strafgesetze z. Z. keine ausreichende Handhabe zu bieten scheinen, um gegen Gewerbetreibende, welche sich das System zu Nutze machen, mit Erfolg vorzugehen“ (Handel und Gewerbe 8, 1900/01, 195). Ein Antrag der Zentrumsabgeordneten Adolf Gröber (1854-1919), Ernst Lieber (1838-1902) und Franz von Pichler (1852-1927) forderte zwar ein Verbot des Gutscheinsystems, wurde im Reichstag jedoch nicht beraten (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 67, 1900, 9447). Möglich schien eine Novelle des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb, doch die einschlägigen Debatten sollten sich bis 1909 hinziehen.

Eine Vielzahl staatlicher Behörden warnte vor dem Gella- und Hydrahandel, so etwa Baden, Württemberg, Preußen, Sachsen und Braunschweig. Sie machten den Händlern Mut zu Klagen, obwohl sie eigentlich hätten wissen sollen, dass diese nur in Ausnahmefällen Erfolg haben konnten. Dies war typisch für die „Mittelstandspolitik“ der nationalliberal-konservativen Regierungen. Sie kamen den Forderungen des tradierten Mittelstandes verbal durchaus entgegen, scheuten aber weitere Eingriffe in die Gewerbefreiheit. Das war verantwortungsvoll im Sinne der gewerblichen Fortentwicklung und Modernisierung des Deutschen Reiches. Doch es war immer auch unehrlich gegenüber den mittelständischen Interessenvertretern. Diese wussten darum, zumindest 1900/01 (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 24, 1900, 230). Trotzdem forderten sie weiter Verbote, für die es keine Mehrheiten gab.

Und doch: Der Gella- und Hydrahandel endete 1901. Grund hierfür war eine Art juristischer Posse, nämlich der Umdefinition der Schneeballsysteme von einer neuen Vertriebsform zu einem Glücksspiel, einer vom Zufall abhängigen Ausspielung. So urteilte der erste Strafsenat des Reichsgerichts in einer Entscheidung vom 14. Februar 1901 (zur Begründung s. Warenvertrieb durch Gutscheinhandel, Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 68, 1901, 1917-1919; Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 86-88). Als Glücksspiel war der Gella- und Hydrahandel plötzlich genehmigungspflichtig, doch derartige Genehmigungen wurden nicht erteilt.

Diese Entscheidung überraschte viele Zeitgenossen, doch sie lag in der argumentativen Logik der Mittelstandsvertreter, die nicht von einem aktiven, auf seinen Vorteil bedachten Konsumenten ausgingen, sondern von einem Käufer, der beim Handelsstand Rat suchte und seiner Fachkompetenz vertraute. Für sie war es nicht denkbar, dass sich denkende Menschen aus guten Gründen gegen sie entschieden. Sie mussten vielmehr verführt worden sein, getrieben von unangemessener Gier. Entsprechend warnten die mittelständischen Aktivisten. In dem oben im Ausschnitt dokumentierten Flugblatt des Vereins gegen Unwesen im Handel und Gewerbe für Norddeutschland hieß es schon im Juli 1899: „Verbrennt Euch nicht die Finger! – Nieten sind es, Nieten, welche Ihr bei diesem Geschäftsspiel, genannt Coupon-Verkaufs-System, zieht. Die Hamb. Stadtlotterie hat schwerlich soviele Nieten aufzuweisen“ (Staatsarchiv Hamburg 331-3 Politische Polizei S 6750, Bd. 2). Auch die Handelskammer Leipzig vermerkte in einer Eingabe an das sächsische Innenministerium vom 23. April 1899: „Die ganze Sache gewinnt den verführerischen Reiz eines Glücksspiels, und zwar wird sie naturgemäß, wie das Lotto, ihre hauptsächliche Verbreitung in den weniger bemittelten Schichten der Bevölkerung finden“ (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1899/1900, 425-426, hier 426). In mehreren letztlich gescheiterten Klagen gegen Gella- und Hydrahändler versuchten lokalen Staatsanwälte, den Tatbestand des Glücksspiels geltend zu machen, ohne damit aber Erfolg zu haben (Ist das Gella, Hydra-, Schneeballsystem eine Lotterie?, Leipziger Uhrmacher-Zeitung 7, 1900, 274).

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Das 1895 eingeweihte Gebäude des Reichsgerichtes in Leipzig (Library of Congress, LC-DIG-ppmsca-00967)

Auch deshalb wurde das Reichsgerichtsurteil von den Gegnern des neuen Vertriebssystems begeistert aufgenommen: „Endlich! riefen wir aus und ‚Gott sei Dank‘ fügten wir hinzu, denn nunmehr brauchen wir nicht mehr zu befürchten, dass das Hydra-Ungeheuer, welches augenblicklich nur noch schwache Lebenszeichen von sich gab, später sich wieder neugestärkt erheben werden. Das System ist tot, mausetot“ (Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 161). Der Sieg schien vollständig, denn man glaubte, „daß infolge dieses Urteils sich die Leute wohl vorsehen und diesen Handel nicht mehr betreiben werden, und die Mühe, Strafantrag zu stellen, den Kollegen ersparen“ (Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 85).

Das Urteil des Reichsgerichts vom 14. Februar 1901 rückte das Schneeballsystem von der Sphäre des freien Kaufs in die einer Ausspielung. Der Erwerb von Waren hing somit nicht von der Zahlung eines Preises ab, sondern „vom Zufall“ (Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 164). Zwar sei der einzelne Käufer grundsätzlich in der Lage, diesen auszuschließen, doch angesichts der durchschnittlichen Befähigung der Personen sei dies nur eine abstrakte Möglichkeit. Das Urteil entsprach einem anthroposkeptischen Denken, reduzierte den Käufer auf eine schwache und verführbare Person, getrieben von Erwerbsdrang, nicht fähig, die Logik des Schneeballsystems zu durchschauen. Doch dieses Urteil traf auf substanzielle Kritik bei führenden Juristen des Kaiserreichs.

16_Der Welt-Spiegel_1906_07_26_p3_Rechtswissenschaftler_Franz-von-Liszt

Franz von Liszt, führender Staatsrechtler und Kritiker des Reichsgerichtsurteils vom 14. Februar 1901 (Der Welt-Spiegel 1906, Ausg. v. 26. Juli, 3)

Hermann Staub (1856-1904), der führende Kommentator des 1897 erlassenen Handelsgesetzbuches, kritisierte vor allem den angewendeten Begriff des Zufalls. Die Gewinnung von Couponkäufern sei vielmehr abhängig von individueller Tätigkeit und rationalem Kalkül: „Nicht der Zufall, sondern seiner persönlichen Tüchtigkeit vertraut er, […]. Ob es ihm sicher gelingen wird, vier Personen zum Kauf zu bewegen, weiß er allerdings nicht. Aber nichts ist verfehlter, daß nur derjenige Erfolg ein nicht zufälliger ist, der sicher ist“ (Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 193-195, hier 194). Der Straf- und Völkerrechtler Franz von Liszt (1851-1919) teilte diese Skepsis, verwies aber stärker noch auf die verfehlte Konstruktion des Schneeballsystems als einer Ausspielung, die zudem von der bisherigen Rechtsprechung abweiche (Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 195-196). Preußische und bayerische Gerichte teilten diese Auffassung (Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 147). Zeitweilig wurde daher versucht, die schwammigen Generalklauseln des 1896 erlassenen Gesetzes zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs heranzuziehen, sei doch der Schneeballhandel „in hohem Grade unmoralisch“ ([Albert] Groschuff, Ueber das sog. Gella- und Hydrasystem, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 277-278, hier 278), eine Spekulation auf den Nachteil der spät einsteigenden Käufer. Rechtspraktiker wandten sich daher gegen zu viel rechtswissenschaftliche Abstraktion (und damit vermeintlich „jüdische“ Interpretationskunst), forderten stattdessen den freien Blick auf die soziale Realität: „Berechnet ist die Ausspielung nach dem Hydrasystem aber offenbar für das ärmliche Publikum, das, wie es sich alle möglichen Sachen auf Abzahlung aufschwatzen läßt, […] die Coupons in der leichtfertigen und durch nichts zu rechtfertigenden Annahme kauft, es werde sie schon wieder an Personen los werden, die sich ihrerseits ebenfalls Bezugsscheine zu lösen gewillt sind“ (Lehmann, Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 328).

Die Debatte endete damit nicht. Der liberale Liszt betonte die freisetzende wirtschaftliche Energie des neuen Systems: Das „Wesen des Hydrasystems besteht darin, daß durch das Versprechen hoher Provisionen freiwillige Geschäftsagenten aus den Kreisen des Publikums gewonnen werden sollen, um für gangbare Artikel einen Massenabsatz zu erzielen“ (Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 404-405, hier 404). Das aber könne man nicht als Glücksspiel bewerten. Denn es handele sich um Gegenstände des Massenabsatzes, die entsprechend große Verbreitungskreise hätten. Zudem sei es nicht Aufgabe des Reichsgerichtes, die Moralität des Schneeballsystems zu bewerten. Dagegen hob der Leipziger Reichsgerichtsrat Karl von Braun (1832-1903) hervor, dass gerade die Einordnung als Glückspiel die wirtschaftliche Dimension des Schneeballsystems berücksichtige, handele es sich doch um „eine Spekulation auf die Spiellust und Gewinnsucht des großen Publikums“ (Ein letztes Wort zur Hydrafrage, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 453-454, hier 453), nicht aber um eine beidseitig verstandene Agententätigkeit.

In der Gerichtspraxis setzte sich die Auffassung des Reichsgerichtes durch, nicht zuletzt, weil die meisten Richter den Staat als Schutzinstanz und die Käufer als eine schutzbedürftige Masse verstanden. Die Beurteilung des ersten Strafsenats des Reichsgerichtes wurde im Oktober auch von dessen zweitem und viertem Strafsenat bestätigt (Die Strafbarkeit des Hydrasystems, Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 298; Vorwärts 1901, Nr. 243 v. 17. Oktober, 6). Bis dahin hatte der Gella- und Hydrahandel deutlich abgenommen, auch wenn bis zur Jahresmitte keineswegs ausgemacht schien, dass die neue Rechtsdeutung übernommen wurde. Doch im Mai verurteilte das Landgericht Berlin den erfolgreichen Fahrradhändler Willy Schlawe als Veranstalter eines nicht genehmigten Glücksspiels, obwohl die Verteidigung die Gutachten Staubs und Liszts offensiv ins Feld führte (Vorwärts 1901, Nr. 105 v. 7. Mai, 10). Man wischte ihre Bedenken als blinden Formalismus weg, der die individuellen Gefährdungen und volkswirtschaftlichen Folgen der Schneeballsysteme nicht sehen wollte (Das Hydra-System, Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 165 v. 16. Juni, Beil., 1).

Die Agonie des Gutscheinhandels dauerte noch Monate. Immer wieder neue Variationen der Grundstruktur mussten juristisch bekämpft werden, etwa der kurzfristig erfolgreiche Berliner Modebazar Hecht, dessen billigste Stoffe die holde Weiblichkeit Berlins temporär anzogen (Vorwärts 1901, Nr. 102 v. 3. Mai, 10). Der Jahresumsatz betrug etwa eine Million Mark, doch im März 1903 wurde der Inhaber, Paul Hecht, schließlich zur Höchststrafe von 3000 Mark verurteilt. Die Gerichte nutzten aber auch 1901 immer noch andere Rechtskonstruktionen, um erfolgreich Exempel zu statuieren. Der Berliner Uhrenhändler Blaustein, der goldene Damenuhren für 2,50 Mark anpries, wurde im Mai 1901 noch auf der fragilen Grundlage des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb verurteilt (Vorwärts 1901, Nr. 116 v. 21. Mai, 4; Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 178). Aber das waren allesamt Nachhutgefechte. Aufgrund des Reichsgerichtsurteils von 1901 gelang es letztlich, „diese moderne Hydra zu töten“ (Herm[ann] Pilz, Der Hydraschwindel und sein Ende, Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 75-76, hier 75).

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Das Schneeballsystem als Thema der Populärkultur: Persiflage 1899 (Jugend 4, 1899, 520)

Das gelang auch, weil einzelne Staatsanwaltschaften nun gegen die Käufer vorgingen, die sich nun mit Verfahren wegen Beihilfe zum illegalen Glücksspiel konfrontiert sahen. Auch das hatte Vorläufer: Im bayerischen Fürth hatte die Kriminalpolizei schon Ende 1900 1400 Käufer vernommen, die in den Adresskarteien eines Solinger Versandgeschäftes standen (Rosenheimer Anzeiger 1900, Nr. 266 v. 22. November, 2). Nun aber erfolgten entsprechende Verhöre unter der Drohung eine Strafe von einer Mark Nachsteuer und sechs Mark Reichstempelsteuergebühr (ja, die deutsche Amtssprache ist schön) pro Coupon. In einem 1902 in Dortmund durchgeführten Prozess gegen das Versandhaus Excelsior aus dem schweizerischen Chaux-de-Fonds betraf dies nicht weniger als 320 Personen (Leipziger Uhrmacher-Zeitung 9, 1902, 346).

Die staatlichen Stellen setzten ihre Warnungen vor Schneeballsystemen auch 1902 und 1903 fort (Warenvertrieb durch Ausspielung, Badische Presse 1903, Nr. 298 v. 20. Dezember). In den stark betroffenen Konsumgüterbranchen verblieb Unbehagen: „Der mit Coupons nach dem Gella- und Hydra-System betriebene Schwindel ist zwar von der Oberfläche verschwunden, scheint aber im Geheimen hier und da noch weiter gepflegt werden“ (Hydra-Schwindel, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 27, 1903, 138). Wiederholt wurde auf „ausländische Gewerbetreibende“ verwiesen – meist aus der Schweiz –, die „weniger urteilsfähige Kreise“ mit immer neuen Variationen in ihren Bann ziehen würden (Warenvertrieb durch Ausspielung, Vorwärts 1903, Nr. 296 v. 19. Dezember, 4). In derart untergründiger Form blieben Schneeballsysteme präsent. Im Handel sollte sie allerdings erst nach der Hyperinflation wieder aufkommen, wenngleich auf einem deutlich niedrigeren Niveau als um die Jahrhundertwende (Die Uhrmacherkunst 49, 1924, 503; Deutsche Uhrmacher-Zeitung 48, 1924, 541; Die Uhrmacher-Woche 33, 1926, 4; Friedrich Huth, Das Schneeballsystem im Warenhandel, Der Materialist 47, 1926, Nr. 37, 3).

Der Gella- und Hyrahandel als Marker einer Konsumgesellschaft

Der Gella- und Hydrahandel war populär. Viele Millionen Konsumenten setzten sich  mit diesem Vertriebssystem auseinander, teils nutzten sie es. Es war ein gern aufgegriffenes Thema im publizistischen Massenmarkt: Viele Tageszeitungen präsentierten sich als Hüter der öffentlichen Moral und kaufmännischer Ehrsamkeit, obwohl sie parallel auch  Anzeigen der Gella- und Hydrahändler veröffentlichten. Es gab Widerhall in der Populärkultur, sei es durch Persiflagen in der zeitgenössischen Publizistik, sei durch es als Chiffre für komplexe Verpflichtungssysteme, in denen man sich schließlich verheddern müsse (Politische „Gella“ und „Hydra“, Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 47, 7). Schneeballsysteme blieben in Form von Bettelbriefen weiter alltäglich. Immer wieder neu, immer wieder anders, wie etwa die „ewigen“ Gebetsbriefe dieser Zeit unterstreichen (Das Schneeballsystem, Vorwärts 1905, Nr. 42 v. 18. Februar, 9). Zeitgenössische Diagnostiker, wie der Publizist Karl Kraus (1874-1935), interpretierten Schneeballsysteme daher als typisches Element der Moderne. Nachrichtendienste schienen nach ähnlichen Prinzipien zu funktionieren, denn sie brachten an sich gleiche Güter – hier Nachrichten – über Verbreitungsmedien – hier Zeitungen – in immer weitere Teile der Welt: „Die fünfzigfache zweite Hand reicht sie einer tausendfachen dritten Hand weiter“ (Die Fackel 4, 1902/03, Nr. 101, 4-6, hier 5). Beschleunigung durch Abstraktion, das erst bot Raum für Imaginationen wie Marken oder Warenvorstellungen, für kommerziell zu nutzende und zu schaffende Bedürfnisse und Wünsche.

Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt angelangt sind, der sich im späten 19. Jahrhundert in Deutschland etablierten Konsumgesellschaft. Der Gella- und Hydrahandel stand für den Übergang vom tradierten Käufer zum preisbewussten Konsumenten. Er verdeutlichte die Dynamik eines freien Handels, aber auch die Fährnisse des Marktes. Er generierte dadurch Fragen nach dem Konsumentenschutz und der Rolle des Staates und des Justizwesens in einer Konsumgesellschaft. Er verwies auf die rasche Abstraktion der Konsumkultur seit der Jahrhundertwende, erlaubte aber auch einen Blick auf die Kritiker dieser Kommerzialisierung des Sozialen, des Alltagslebens.

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Der imaginierte Konsument: Anzeige des KaDeWe 1912 (Berliner Volks-Zeitung 1912, Nr. 11 v. 7. Januar, 13)

Fassen wir derart zusammen. Der Gella- und Hydrahandel war ein klarer Bruch mit der tradierten, seinerseits ja erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Versorgungsstruktur des ladengebundenen Kleinhandels kleiner und mittlerer Händler. Letztere orientierten sich an Käufern, ihnen grundsätzlich bekannten Kunden, die sie bedienten und denen sie gegen auskömmliche Handelsspannen passgenaue Offerten machten. Der Gutscheinhandel bedurfte ihrer nicht. Er setzte auf Konsumenten, die nicht gemäß Herkommen und Gewohnheit kauften, sondern sich von sozialen Beziehungen emanzipiert hatten, die sich an Preisen orientierten und Preisdifferenzen zu nutzen wussten. Der Gella- und Hydrahandel wäre ohne diese vorherige Ökonomisierung nicht möglich gewesen, er nutzte sie aus, war ihr Ausdruck und Beschleuniger. Gleichwohl war er ein Übergangsphänomen, denn er gründete auf der Bereitschaft und Fähigkeit der Konsumenten, für günstige Preise aktiv zu werden, als Agent der Handelsfirma zu fungieren. Die damit verbundenen möglichen Kosten schienen vielen beherrschbar, doch die Grenze des Einsatzes und die damit verbundenen Risiken mussten viele erst lernen. Selbstreflexive Konsumenten hätten die offenkundigen Kosten der Schneeballsysteme von Anfang an gesehen, hätten daher zurückhaltender agiert als die der Jahrhundertwende.

Diese janushafte Erscheinung des Käufers/Konsumenten verweist auf die beträchtlichen Probleme des Konsumentenschutzes zu Beginn der Konsumgesellschaft. Wen sollte man schützen? Und wenn ja, wie? Der Staat und auch Gerichte befanden sich in einem grundsätzlichen Dilemma, denn die Gella- und Hydrahändler konnten mit vollem Recht behaupten, dass sie systemkonforme Mittel für ein beidseitig faires Geschäft anwandten. In konsequenter Fortführung der liberalen Umgestaltung des deutschen Wirtschaftsrechtes agierten sie auf Grundlage privater Verträge, deren Inhalte sie in ihren Prospekten und Geschäftsbedingungen nachvollziehbar niederlegten. Sollte sich der Staat dort einmischen, in die freie Absprache freier Bürger? Ein Konsument vermochte doch die Folgen seines Tuns zu überblicken. Das wurde bestritten, nicht nur von Wettbewerbern, sondern auch von den meisten staatlichen Repräsentanten. Sie blickten über den Vertragstext hinaus, auf die vermeintliche Verführungskraft der Waren, auf die Gier nach Besitz. All dies stand in der langen Tradition der Luxusdebatten über Schicklichkeit und Angemessenheit des Konsums, die im langen 19. Jahrhundert wieder und wieder geführt wurden. Musste man nun nicht endlich loslassen von derartig bürgerlichen Ordnungsvorstellungen, von bevormundender Moral? War das nicht Teil wahrer Emanzipation gerade weniger solventer Mitbürger? Sollte man sie nicht das Abenteuer Freiheit auskosten lassen? Es war bezeichnend, dass nicht Regierungen und Parlamente den Gella- und Hydrahandel stoppten, sondern Gerichte. Das entsprach der zunehmenden Verrechtlichung des Alltags, in dem der Händedruck vom Vertrag abgelöst worden war, in dem vieles nur noch in Rahmengesetzen festgelegt wurde, um es der Regelungskraft der Bürger und der Gerichte abzutreten.

Der Gella- und Hydrahandel unterstrich den Wandel der Konsumkultur des Kaiserreichs, ihre Abstraktion und Entmaterialisierung. Paradox gesprochen: Je wichtiger auch an sich nicht notwendige Dinge wurden, um so allgemeiner wurden sie präsentiert und imaginiert, als Platzhalter für Wünsche und Bedürfnisse, als vermeintliche Notwendigkeiten eines guten, sicheren, gesunden und erfolgreichen Lebens. Der Gella- und Hydrahandel setzte an die Stelle der Ware den Coupon, den Gutschein. Versprechungen überbrückten die Zeitspanne vom Kauf des ersten Coupons bis hin zum Erhalt der begehrten und doch so billigen Ware. Das öffnete Vorstellungsräume, die beim tradierten Direktkauf so nicht bestanden. Die Debatte über Schneeballsysteme war damit auch Nachklang zu dem erbitterten Ringen um das Börsengesetz 1896, bei dem der zeitüberbrückende Terminhandel zwar grundsätzlich erlaubt, der „spekulative“ Getreideterminhandel 1897 aber verboten wurde.

Wie die Agrarier sahen sich auch die Vertreter des ladengebundenen Handels an konkrete Waren und Abläufe rückgebunden, wollten die Spekulation minimieren, ihre Stellung in der Absatzkette beibehalten. Die Debatte über den Gella- und Hydrahandel war für die Vertreter der mittelständigen Wettbewerber eine von vielen, in denen sie sich gegen ihre scheinbar wegbrechende Stellung in der Konsumgesellschaft wandten. Sie führten diese Debatten mit heißem Herz, voller Hetze und mit Schaum vor dem Mund. Sie schufen sich Feinde, stritten dagegen wie Siegfried gegen den Drachen, voller Bekennermut, an mannhaftem Kampf und Ausrottung interessiert. Sie waren Hefe im Gärbottich der Moderne, den man nicht schönfärben sollte. Antikapitalismus, Antisemitismus, Antirationalismus prägten die Debatten, machen sie schwer erträglich – vielleicht, weil sie mit deutlicherer Sprache all das sichtbar machen, was auch vielen heutigen Debatten zugrunde liegt. Die mittelständischen Wettbewerber verteidigten aggressiv ihre Vorstellung vom Zusammenleben, vom gedeihlichen Miteinander in Wirtschaft und Gesellschaft. Entsprechende Fragen werden auch heute gestellt, wenngleich kaum mehr von diesen sozialen Gruppen. Schließlich waren die mittelständischen Vertreter keineswegs die Modernisierungsverlierer, zu denen sie gleichermaßen von Liberalen und Sozialdemokraten abgestempelt wurden. Sie wussten, dass sie sich nur selbst helfen konnten, dass sie den Schaum von ihrem Munde wegwischen und ihre Betriebsstrukturen ändern mussten, um weiter erfolgreich arbeiten und leben zu können. Das taten sie, unwillig Wege beschreitend, die ihnen ihre erfolgreichen Gegner wiesen. Vermehrte Rabatt(mark)en, Zugaben und Preisausschreiben folgten.

Aus heutiger Sicht war der Gella- und Hydrahandel nicht mehr als eine kurze Episode. Doch die Kernfragen, die darin verhandelt wurden, sind auch heute noch aktuell: Die Stellung des Käufers/Konsumenten im Konsumgütermarkt, die Rolle von Regierungen, Parlamenten und Gerichten als Schutzmächte und Akteure, die Ausgestaltung moderner Konsumgesellschaften – und auch der Umgang mit Gier und Unlauterkeit. Das rasche Ende des Gella- und Hydrahandel hat diese Fragen jedenfalls nicht stillstellen können.

Uwe Spiekermann, 10. Januar 2020

Der Verbraucher als Platzhalter: Agrarwende(n) im 20. Jahrhundert

Wer heute von „Agrarwende“ spricht, steht auf scheinbar sicherem historischem Grunde. Es geht dann, natürlich, um die Agrarwende 2000/2001. Ihr Ziel war die ökologische Neuorientierung einer qualitätsvergessenen, bürokratisierten, kommerzialisierten und naturfernen Landwirtschaft. Angesichts zahlreicher Probleme und Skandale in der „konventionellen“ Agrarwirtschaft bot schließlich die BSE-Krise die Chance für einen nachhaltigen Bruch mit dem Alten. [1] Endlich sollte der Verbraucher zum Fluchtpunkt agrarpolitischen und agrarwirtschaftlichen Handelns werden, endlich Klasse an die Stelle von Masse treten. [2]

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Die Verbraucherin – vermeintlicher Fluchtpunkt der Agrarpolitik auch vor 2000 (Der Verbraucher 1967, Nr. 38, I)

Diese Neuorientierung beinhaltete jedoch eine historische Engführung – und dies fast unabhängig von der Bewertung der damals angestrebten und durchgeführten Maßnahmen. Die Vorgeschichte der Agrarwende 2000/2001 wurde als Teil einer linearen Entwicklung von einer wenig effizienten, jedoch vermeintlich naturnahen Bauernwirtschaft in ferner Vergangenheit hin zu einer domestizierten, am Tropfe von Subventionen hängenden und von Bürokratien ferngeleiteten Agrarwirtschaft gedeutet. Die Agrarpolitik, zuvor stets im Einklang mit den Interessen der grünen Lobby, habe 2001 endlich einen Bruch herbeigeführt. Gewiss, dieser sei vielfach steckengeblieben, sei ab 2005 gar Stückwerk geblieben. Doch es scheint außer Frage zu stehen, dass die Agrarwende etwas Neues war, historisch einzigartig. Das unterstrich der Begriff, ein neu geschaffenes Flaggenwort mit dynamisch zukunftsgewandtem Klang.

Diese historische Engführung ist problematisch, ja irreführend. Festzuhalten ist vielmehr: Die Geschichte der deutschen Agrarpolitik im 20. Jahrhundert war auch eine Geschichte von Agrarwenden. Die 2000/2001 zuerst eingeforderten, dann von der neuen Verbraucherschutzministerin Renate Künast beredt kommunizierten und auch teils durchgesetzten Maßnahmen stehen in einer langen Reihe von Veränderungen im Agrar-, Wirtschafts- und Konsumsektor, die seit über 140 Jahren gefordert und auch angegangen wurden. Dies scheint offenkundig bei den umfassenden Bemühungen auf europäischer Ebene, die spätestens seit den 1970er Jahren einsetzten, als sich die Auswirkungen der „subventionierten Unvernunft“ in immensen Produktionsüberschüssen, einer ausufernden Subventionswirtschaft und zunehmenden ökologischen Kosten niederschlugen. [3] Doch ähnliches gab es, wiederholt und mit anderen Vorzeichen, auch auf nationaler Ebene.

Agrarpolitik als Gesellschaftspolitik

Damit nicht genug: Auch wenn Agrarwenden vielfach bei der Landwirtschaft ansetzten, so zielten sie doch immer über die Landwirtschaft hinaus. Agrarpolitik war und ist stets Gesellschaftspolitik. Eine Engführung von Agrarpolitik, etwa in Form der immer wieder – und wahrlich nicht zu Unrecht – zu hörenden Klagen über landwirtschaftliche Klientelpolitik, über „grüne Lobby“ und Interessenpolitik zu Lasten der Verbraucher, wird dieser Dimension nicht gerecht. Auch hier täuscht der enggefasste Begriff: Agrarpolitik diente im 20. Jahrhundert nämlich eben nicht primär der Landwirtschaft, sondern „der Unterordnung der Landwirtschaft unter die Interessen der Industriegesellschaft.“ [4] Agrarpolitik zielte auf die sozial verträgliche „Entagrarisierung“ des Ländlichen, auf das Verschwinden des Bauers und die Förderung des ländlichen Agrarunternehmers. Während 1900 ein Beschäftigter in der Landwirtschaft für vier Konsumenten produzierte, lag diese Relation 1950 bei eins zu zehn und heute bei weit über eins zu einhundert. Hinter derart dürren Zahlen verbirgt sich die tiefgreifendste soziale Transformation des letzten Jahrhunderts. Die Landwirtschaft, der sog. primäre Sektor, wies 1933 noch mehr Beschäftigte auf als der sog. gewerbliche Sektor. Das Dorf, noch um 1900 eine von der bäuerlichen Produktionsgemeinschaft dominierte kulturelle und soziale Einheit, verschwand in den 1970er Jahren, mögen Überbleibsel des Wertekanons dieses Mikrokosmos auch noch beredete Nachklänge in Werbung und Populärkultur feiern. [5]

Die Agrarwende 2000/2001 war entsprechend ein Anachronismus, denn das Agrarische war längst vergangen, auch wenn der unkundige Städter weiter seiner romantischen Vorstellung eines nach anderen Gesetzen funktionierenden ländlichen Raumes anhing. Die immer wieder beklagte und häufig skandalisierte Industrialisierung der Landwirtschaft stellte jedoch nicht nur ein Paradebeispiel für einen „interventions- und sozialstaatlich regulierten Kapitalismus“ [6] dar, sondern gründete immer auch auf speziellen Vorstellungen vom Fluchtpunkt aller agrarpolitischen Maßnahmen, dem urbanen Verbraucher, der urbanen Verbraucherin. Entsprechend ist es falsch, von einer Neuentdeckung des Verbrauchers im Rahmen der Agrarwende 2000/2001 zu sprechen. Diese steht vielmehr in einer langen Kontinuität einer Interessenpolitik, in der Verbraucher zum Platzhalter politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hegemonialansprüche wurden.

Phasen und Veränderungen

Blicken wir also auf den komplexen und keineswegs linearen Wandel, der von der politischen Rhetorik der Agrarwende 2000/2001 überdeckt wurde. Agrarpolitik als Gesellschafts- und Verbraucherpolitik lässt sich grob in fünf Phasen einteilen:

I. Die erste Zäsur bildeten die Jahre 1879/80. Während das 1871 gegründete Deutsche Reich und namentlich dessen größter Teilstaat Preußen anfangs an relativ offenen Märkten festhielten, zerbrach dieses Freihandelssystem unter dem Druck der billigen Getreideimporte aus den USA und Russland. [7] Die durch die Globalisierung bewirkten Kostenreduktionen kamen zwar der breiten Mehrzahl der urbanen Konsumenten zu Gute, doch sie bedrohten die ökonomische Stellung der schon früh auf Getreidewirtschaft und -export ausgerichteten mittel- und ostdeutschen Großlandwirtschaft. Im Bündnis mit Schwerindustrie, Kaiserhof und konservativen Parteien wurde der Brotkorb der Mehrzahl durch Schutzzölle deutlich höher gehängt. Das späte Kaiserreich war die eigentliche Zeit einer Klientelpolitik für die Großlandwirtschaft. Sie war integraler Bestandteil einer Politik gegen die „Reichsfeinde“ von Sozialdemokratie und Zentrum. Sie führte, bei allem Wohlstandswachstum dieser Zeit, zu einem bewusst niedriger gehaltenen städtischen Lebensstandard. Das bewirkte eine geringere Attraktivität des gewerblichen Arbeitsmarktes, minderte indirekt die Landflucht, stabilisierte so das Land. Zugleich aber war sie eine der zentralen Angriffspunkte der zur weitaus stärksten politischen Kraft aufsteigenden Sozialdemokratie und ein wichtiger Punkt für den späteren Zusammenbruch der konstitutionellen Monarchie. [8] Sie diente offenkundig nicht den Interessen der Konsumenten, ihre Agrarpolitik war Interessenpolitik gegen die urbanen Verbraucher. [9]

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Agrarpolitik und Lebenshaltung um 1900: Interessenpolitik gegen städtische Verbraucher (Der Wahre Jacob 17, 1900, 3162)

II. Der Erste Weltkrieg markierte eine zweite Zäsur: Die Versorgungssituation war mit den bisherigen Strukturen einer Konfrontation von Land und Stadt, von Großlandwirtschaft und urbaner Verbraucherschaft nicht mehr länger zu beherrschen. Der Aufbau eines sowohl effizienten als auch gerechten Rationierungssystems, die optimale Versorgung der Truppen, Sorge für die Gesundheit der Bevölkerung und neue Lebensmittel zur Milderung bestehender Engpässe: All dies waren Aufgaben, die nicht nur die Mitarbeit der Lebensmittelindustrie und der aufstrebenden Ernährungswissenschaften erforderten, sondern auch ein Eingehen auf die Bedürfnisse der Verbraucher. [10] Die Bildung des Kriegsernährungsamtes im Mai 1916 konnte zwar einige Koordinierungsprobleme mildern, doch das strukturelle Problem einer vergleichsweise rückständigen, arbeitsintensiven und untermechanisierten Landwirtschaft, der Unterbindung der bisherigen Importe durch die nun „effizient“ wirkende Blockade [11] und die dreigeteilte Versorgung von Militär, Selbstversorgern und Rationenempfängern war im Rahmen der bestehenden Agrarpolitik nicht zu regeln. [12] Immense Preissteigerungen für Lebensmittel, eine unzureichende kalorische Versorgung der arbeitenden städtischen Bevölkerung und eine zunehmende Verengung des Lebensmittelangebotes auf wenige Produkte waren die Folge. [13] Zur fragilen Stabilisierung der Heimatfront war eine Kooperation mit den zuvor schwachen Konsumentenorganisationen – zusammengefasst im Kriegsausschuss für Konsumenteninteressen – sowie insbesondere den Konsumgenossenschaften erforderlich. [14]

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Humoristische Spiegelung einer ineffizienten Agrarpolitik: Karikaturen 1918 (Lustige Blätter 33, 1918, Nr. 14, 10)

Aus Sicht der Konsumenten, aber auch der dann sozialdemokratisch geführten Regierungen im Reich und in Preußen hatte die Versorgungskatastrophe des Ersten Weltkrieges die Schwächen der deutschen Landwirtschaft klar aufgezeigt: Zersplitterte und vielfach nicht marktbezogene Produktion, hohe Arbeits- und geringe Kapitalintensität, mangelnde Markt- und Produktkenntnisse und nicht zuletzt ein disperses Warenangebot. [15] Gehalt, Form und Darbietung der einheimischen Nahrungsmittel waren gegenüber der ausländischen Konkurrenz nicht wettbewerbsfähig und hatten sich gegenüber dem Vorkriegsniveau deutlich verschlechtert. [16] Ab 1919, vor allem aber nach der Hyperinflation 1923 endete zudem der für die Landwirtschaft insgesamt ertragreiche Verkäufermarkt, während der Wettbewerbsdruck ausländischer Anbieter zunahm, da der Versailler Friedensvertrag offene Zollgrenzen erzwang. Gerade bei Veredelungsprodukten, wie Butter, Eier, Obst und Gemüse, deren Konsum in der Nachkriegszeit überdurchschnittlich anstieg, gerieten deutsche Anbieter zunehmend ins Hintertreffen.

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Gemeinschaftswerbung für deutsche Eiernudeln 1922 (C.V.-Zeitung 1, 1922, 231)

Um dieser Misere zu begegnen, begann in den frühen 1920er Jahren – anfangs unter aktiver Mitwirkung der Konsumentenverbände und deren politischen Vertretern – eine umfassende Modernisierung der deutschen Landwirtschaft. Mechanisierung, Kapitalisierung und Chemisierung waren entscheidende Stellschrauben, um auf Basis einer immer breiteren agrar- und ernährungswissenschaftlichen Expertise und mit zunehmend präziseren Kenntnissen der Agrarmärkte ein erst ausreichendes, dann breiter gefächertes und zugleich erschwingliches Angebot zu ermöglichen. Die Modernisierung der deutschen Landwirtschaft war ein nationales Projekt, auch wenn eine mitteleuropäische Großraumwirtschaft unter deutschen Vorzeichen Teil deutscher Kriegszielplanungen gewesen war. Festzuhalten ist nochmals, dass dieses Projekt anfangs nicht gegen, sondern mit den Konsumenten in Gang gesetzt wurde – auch wenn das sich Anfang der 1920er Jahre etablierende „Eiserne Dreieck“ aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Politik von Beginn an die Zügel in der Hand hielt.

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Standardisierung als Orientierungshilfe für den Verbraucher: Werbeplakat für Markenkartoffeln 1928 (Hannoversche Land- und Forstwirtschaftliche Zeitung 81, 1928, 362)

Die frühen 1920er Jahre standen noch unter dem Eindruck wirtschaftlicher Deregulierung. Davon profitierten vor allem die zahlreichen Produktionsgenossenschaften. Regional organisiert, intensivierten sie die Standardisierung und Klassifizierung der Agrargüter, schieden so modernisierungswillige von modernisierungsunwilligen Mitgliedern. Dies erlaubte standardisierte Angebote, Agrargüter wurden nun vermehrt zu Markenprodukten. Vor allem im Umfeld der Konsumzentren sowie dem von niederländischen und dänischen Importen besonders betroffenen West- und Nordwestdeutschland griffen diese Selbsthilfebestrebungen, während Süddeutschland nur geringe Veränderungen zeigte. [17] Erfolgreicher Absatz setzte zahllose Veränderungen der betrieblichen Praxis in Gang: Rechenhaftigkeit wurde zu einem zentralen Thema dieser Zeit – zumal durch dem Preisverfall während der 1925 einsetzenden internationalen Agrarkrise. Wissenschaftliche Expertise, vornehmlich der angewandten Agrarwissenschaften, aber auch der sich rasch entwickelnden Agrarökonomie, gewann dadurch an Bedeutung, mochte sich die Mehrzahl der Landwirte auch reserviert und ablehnend verhalten. [18] Der Staat förderte diesen Prozess mit beträchtlichen Finanzmitteln, nahm zudem durch die 1925 einsetzende, nicht mehr an die Meistbegünstigungsklauseln des Versailler Vertrages gebundene Zollpolitik Wettbewerbsdruck von den Produzenten, forcierte aber auch die Rationalisierung von Produktion und Absatz.

Parallel erfolgte der Aufbau von Ressortforschungseinrichtungen auf Länderebene. Ziel war die „Erhöhung der Erzeugung durch Geistesarbeit“ [19]. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte es ein breites Netzwerk mit ca. 70 landwirtschaftlichen Versuchsanstalten gegeben. [20] Deren alltagspraktische Forschung wurde Anfang der 1920er Jahre durch zahlreiche Institute zur Grundlagenforschung ergänzt, die die Breite der anvisierten Agrarwende verdeutlichen: 1920 wurde das Institut für Seefischerei in Geestemünde errichtet, ebenso eine Anstalt für Fischereiuntersuchungen in Langenhagen. 1922 folgten die Kieler Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft, die Süddeutsche Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Weihenstephan sowie die Versuchs- und Forschungsanstalt für Tierzucht in Tschechnitz, Schlesien. Trotz Hyperinflation folgten 1923 die Berliner Versuchs- und Forschungsanstalt für Getreideverarbeitung sowie die Bayerische Landesanstalt für Tierzucht in Grub bei München und schließlich 1924 die Preußische Versuchs- und Forschungsanstalt in Potsdam bzw. Geisenheim. Dies waren beträchtliche Investitionen sowohl in die Landwirtschaft als auch in die Sicherung der deutschen Ernährungsgrundlagen. In Preußen verdoppelten sich die gesamten Aufwendungen für landwirtschaftliche Bildung von 1913 bis 1927 von 6 Mio. auf 12,2 Mio. RM und wuchsen damit stärker als die für den gewerblichen Unterricht resp. die technischen Hochschulen. [21] Parallel wurde das Agrarmarketing institutionalisiert.

III. Die dritte Agrarwende erfolgt anfangs schleichend, setzte aber dann seit 1930/33 mit Wucht ein. Anlass war einerseits die spätestens 1925 einsetzende internationale Agrarkrise. Der beträchtliche Preisverfall führte dazu, dass sich die hohen Investitionen vieler Landwirte nicht mehr amortisierten. Obwohl die Landwirte nach der Inflation 1923 vielfach schuldenfrei waren, trudelten sie nun sehenden Auges in eine tiefgreifende Schuldenkrise. Zugleich zeigte sich der Konsument widerspenstig, bevorzugte er doch höherwertige ausländische Agrargüter. Es waren die Experten des Eisernen Dreiecks, die das gewünschte Konsumentenverhalten definierten und im Rahmen der Agrar- und Ernährungspolitik dieses auch durchzusetzen versuchten. Agrarpolitik als Verbraucherpolitik bedeutete seit Mitte der 1920er Jahre nicht, sich anonymen Marktmechanismen zu stellen. Stattdessen ging es darum, den Verbraucher aufzuklären, ihn zu erziehen und schließlich zu führen. [22] Aufklärung bedeutete die Vermittlung von objektiviertem wissenschaftlichem Wissen an Individuen zwecks Wissenstransfers – seine Alltagsrelevanz wurde gesetzt. Typisches Beispiel hierfür waren Informationen über den Vitamin- oder den Nährstoffgehalt von Lebensmitteln.

Der Begriff Erziehung zielte weiter und reicht tiefer, denn er umfasste Wissensvermittlung an Individuen und segmentierte Zielgruppen mit dem Ziel, praktisches Wissen und Handeln qua Einsicht zu optimieren. Wissen des Guten hieß, so die Annahme, Vollzug des Guten: Würden dem Konsumenten nur häufig genug die Vorteile von deutschem Roggenbrot, Markenkartoffeln und Frischgemüse nahegebracht, so würde man gewiss Markterfolge erzielen. Es ging um die Vermittlung von Expertenwissen – nicht um die Bedürfnisse oder gar die Eigenlogik der Verbraucher.

06_Zeitbilder_1927_03_27_p8_Gemeinschaftswerbung_Wein_Nationale-Werbung_Agrarmarketing

Argumente für deutschen Weißwein: Erzieherische Gemeinschaftswerbung 1927 (Zeitbilder 1927, Ausgabe v. 27. März, 8)

Führung schließlich setzte ein, als klar wurde, dass Aufklärung und Erziehung nicht ausreichten, um den Konsum in die gewünschte Richtung zu lenken. Sie beinhaltete die autoritative Vermittlung wissenschaftlichen Wissens an Gruppen durch politische oder politisch unmittelbar rückgebundene Institutionen, um so deren praktisches Wissen und Handeln gezielt zu verändern. Weißwein, Milch und Süßmost wurden propagiert, deren Produktions- und Absatzstrukturen parallel gefördert. Führungsziel war eine stärker regionale Kost, mit weniger Fett, anderen Eiweißquellen, rustikal und darmfordernd.

In Deutschland finden wir die Trias Aufklärung, Erziehung und Führung besonders ausgeprägt während des NS-Systems, doch sie prägte auch die Agrarwerbung und Ernährungsklärung der Bundesrepublik und der DDR. [23] Sie spiegelte zugleich eine wachsende Verbindlichkeit des Wissens des eisernen Dreiecks für die Konsumenten und war Ausdruck einer wachsenden Vernetzung der Akteure. Aufklärung beinhaltete vorrangig die Vermittlung objektivierten wissenschaftlichen Wissens, Erziehung integrierte im Regelfall wirtschaftliche Akteure, Führung zudem staatliche Institutionen. Diese Klaviatur wird bis heute gespielt, gilt den sich selbst genügenden Expert*innen als alternativlos.

Der vom individuellen Nutzen ausgehende Duktus Anfang der 1920er Jahre wurde spätestens mit Beginn der Weltwirtschaftskrise um nationalwirtschaftliche, dann aber auch zunehmend gesundheitspolitische Argumente ergänzt: „Fast alle Krankheiten gehen auf Ernährungsfehler zurück. Und zwar essen wir meistens viel zu viel, und außerdem falsche Stoffe.“ [24] Nun hieß es nicht mehr „Trinkt mehr Milch“ oder aber „Eßt deutsches Gemüse“, vielmehr trat spätestens seit 1932/33 der individuelle (Gesundheits-)Nutzen in den Vordergrund der Werbung für Agrargüter. [25] „Gesunde“ Kost zu essen, setzte jedoch eine Vorstellung über das voraus, was Gesundheit ausmachte. Mit der Machtübernahme der Präsidialkabinette und der Machtzulassung der NSDAP veränderte sich dies folgenreich.

Während in der Weimarer Republik die Gesundheitsfürsorge im Mittelpunkt stand, war es nun immer stärker die Gesundheitsführung des deutschen Menschen. Nicht mehr Fürsorge, sondern Vorsorge war das Ideal. Die Gesundheit des Einzelnen wurde in einen völkischen Zusammenhang gebracht, Gesunderhaltung war „Mittel zur Steigerung der menschlichen Arbeitsleistung zum Wohle des Volksganzen.“ [26] Die Produkte der Landwirtschaft wurden zum Garanten für eine gesunde deutsche Rasse, ihr Konsum war zugleich Dienst am Volke. Konsum wurde moralisiert, in den Dienst der Rassenideologie des Nationalsozialismus und des national-konservativen Bürgertums gestellt.

Dies zeigt sich insbesondere angesichts der seit dem Vierjahresplan 1936 systematisch einsetzenden Führung. Wissenschaftliche Expertise strukturierte zunehmend die Agrarproduktion. Der wenig leistungsfähige Betrieb wurde „ausgemerzt“, die „Mechanisierung des Dorfes“ propagiert und im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten vorangebracht. [27] Zugleich aber forderte sie die Führung des Konsumenten, setzte auf eine Struktur der Verbindlichkeit, hin zu einer regionalen, saisonalen und gering verarbeiteten Kost. [28]

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Vermeintliche Interessenidentität: Erntedankumzug in Berlin 1934 (Der junge Landwirt 7, 1934, 81)

Die Vertreter des Eisernen Dreiecks zielten auf eine rationale Ordnung der Versorgung für die deutsche Bevölkerung, auf eine Modernisierung von Lebensmittelproduktion und -konsum. Auch wenn ihre Studien die Prioritätensetzungen der politischen Führung meist nicht hinterfragen, zeigten sie doch zugleich deren Widersprüchlichkeiten deutlich auf: Eine Verminderung des Zugviehs durch eine forcierte Maschinisierung der Landwirtschaft hätte etwa beträchtliche Produktivitätsgewinne und einen verminderten Futtermittelbedarf nach sich gezogen [29], war aber angesichts von Devisenmangel und Rüstungsprioritäten nicht möglich. Die planerische Ebene grenzte zugleich das subjektive Wissen der Konsumenten aus, degradierte sie zur Übernahme des überlegenen Wissens innerhalb des eisernen Dreiecks: „Der totalitäre Staat kann es aber nicht dulden, daß ein Teil seiner Glieder durch unvernünftige Ernährung seine Leistungsfähigkeit und damit auch die des ganzen Staates schwächt. So hat der Staat Interesse daran, daß auch derjenige, welcher seine Nahrung noch selbst frei wählen kann, sich nicht nur auf seinen eigenen fraglichen Instinkt verläßt, sondern sich auch belehren läßt, was ihm physiologische und ärztliche Wissenschaft als dritte, einzig sichere Quelle dazu zu sagen haben.“ [30]

Die institutionelle Quintessenz dieser neuen, den Konsumenten lediglich als Ausführungselement wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Handlungslogiken verstehenden Agrar- und Konsumpolitik war der seit September 1934 institutionalisierte Reichsnährstand, ein vielfach begrüßter Zwangszusammenschluss der Ernährungswirtschaft. [31] Obwohl die Landwirtschaft klar dominierte, handelte es sich nicht um ein „gewaltiges Bauernsyndikat“ [32], sondern um ein institutionelles Arrangement zur staatlich verpflichteten Kooperation der Primärproduktion, des verarbeitenden Gewerbes und des Einzelhandels. Seine Hauptaufgabe war die Regelung von Erzeugung, Absatz, Preisen und Preisspannen sämtlicher Ernährungsgüter. Er kontrollierte mehr als 25 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes, überwachte einen Absatz von mehr als 30 Mrd. RM, war somit „die größte Wirtschaftseinheit der Welt.“ [33] Ca. 30.000 Beschäftigte begannen eine intensive Regulierungstätigkeit, binnen zweier Jahre wurden ca. 250 Gesetze und Verordnungen erlassen. [34]

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Schaubild zur Aufklärung über die Marktregelung im Rahmen des Reichsnährstandes 1935 (Der junge Landwirt 8, 1935, 26)

Der Reichsnährstand stand für einen klaren Bruch mit marktwirtschaftlichen Prinzipien, für deren Anwendung sich Ende der 1920er Jahre noch wichtige Agrarökonomen ausgesprochen hatten. [35] Alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse erhielten nun Festpreise, zugleich legte man die Preisspannen zwischen den Absatzstufen fest. Für die NS-Funktionäre bedeutete dies „Beseitigung der Marktanarchie“ [36] und Planungssicherheit für die Erzeuger. Während der Bauer der Weimarer Republik, „der Periode der Preisstützung oder subventionierten Marktwirtschaft“ [37] als Empfänger öffentlicher Leistungen verstanden wurde, sollte die Marktordnung ihn nun wieder „auf den Weg der Selbstverantwortung“ leiten. Erhöhte Produktion führte nicht zu sinkenden Preisen, sondern zu steigendem Einkommen. Da fast alle Preise angehoben wurden und 1933 eine Rekordernte eingebracht werden konnte, etablierte sich das System relativ schnell – zu Lasten der Konsumenten. Auch wenn die strikten Regulierungen vielfach auf Widerspruch stießen und Kritik am „Nährstandsimperialismus“ [38] spätestens seit 1935 weit verbreitet war, ließ die Agrarpolitik im Rahmen der jeweils ausgegebenen Parolen Freiraum für Eigeninitiative. Die Bauern sollten möglichst viel produzieren, wurden trotz anderslautender Propaganda damit aber zu Rohstofflieferanten reduziert. Der sich insbesondere in der Reichserbhofgesetzgebung niederschlagende Rassismus der tragenden Bauerntumsideologie ging in die gleiche Richtung, waren die qua Ariernachweis hochwertigen Nachkommen „deutschen Blutes“ doch nur funktionale Pendants zum „deutschen Rindvieh“, dessen Qualität Rinderleistungsprüfungen absicherten. [39]

Die Marktordnung zielte jedoch ebenso auf die Konsumenten. Sie waren von den Preiserhöhungen direkt betroffen, doch dafür erhielten sie – so die Propaganda – gute Ware zu gerechten Preisen. Die sichere Versorgung galt als Wert, Normierungen deutete man im Sinne des Verbraucherschutzes: „Die eindeutige und klare Festlegung der Qualitätsvorschriften und Bedingungen gestattet auch dem letzten Verbraucher, Güte und Preiswürdigkeit der Erzeugnisse genau zu beurteilen.“ [40] Die Kombination von Erzeuger- und Verbraucherschutz wurde immer wieder hervorgehoben. [41]

Der Reichsnährstand, der in den Besatzungszonen faktisch bis 1948 bestand, bot die Blaupause für die Agrarpolitik (und damit auch für die Konsumentenpolitik) des sich in den späten 1950er Jahren etablierenden gemeinsamen europäischen Agrarmarktes. Die nationalsozialistischen Bemühungen um eine europäische Agrarpolitik unter deutscher Führung bilden eine wichtige Folie auch für die Agrarintegration der EWG – nun aber mit starkem Anteil vornehmlich französischer und niederländischer Interessen. [42]

IV. Die kurze Phase der Marktliberalisierung, die es in Westdeutschland auch nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat, kann übersprungen werden. [43] Sie endete 1952, spätestens aber 1955 mit dem „Grünen Plan“, in dem zwei Jahre vor der EWG-Gründung die branchenbezogene Subventionierungspolitik wieder aufgenommen wurde. Das Geschehen nach dem zweiten Weltkrieg entsprach dem nach dem Ersten Weltkrieg. Die Agrarpolitik der Bundesrepublik, bedingt auch die der DDR, setzte um, was während der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus begonnen wurde. Gleichwohl ist die Agrar- und Konsumpolitik dieser vierten Phase von der der dritten Phase klar zu unterscheiden. Der Hauptunterschied lag in der zunehmenden Integration der deutschen Agrarwirtschaften in das internationale Handelssystem. Dies wurde vornehmlich durch die USA und Großbritannien erzwungen, erlaubte dann aber eine rapide Umgestaltung der Landwirtschaft. [44]

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Produktivitätsschübe als Quintessenz von Unterversorgung. Karikatur 1947 (Simpl 2, 1947, 38)

Die Strukturen der Lebensmittelgesetzgebung der frühen Bundesrepublik waren vorrangig von der Kooperation der Experten des eisernen Dreiecks geprägt. [45] Die Verbraucher erhielten zwar formale Mitspracherechte, doch ihre Vertreter waren meist interessenpolitisch gebunden, repräsentierten vornehmlich Haus- und Landfrauenverbänden und die Konsumgenossenschaften. [46] Verbraucherpolitik war angesichts der heterogenen Interessenlage des lediglich funktional zu definierendem Verbraucher eine Form wohlmeinender Als-ob-Politik, die nach Ansicht der Experten des eisernen Dreiecks von ihnen schon bestens wahrgenommen wurde. [47]

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Frische Blutorangen von außen: Wachsende Angebote auf Basis neuer Handelsregime (Der Verbraucher 1965, Nr. 4, II)

V. Dies änderte sich nur moderat seit den späten 1960er Jahren, als die sozialliberale Koalition auch in diesem Felde mehr Demokratie wagte – ohne aber die Dominanz des eisernen Dreiecks in Frage zu stellen. Parallel führten die immensen Kostensteigerungen der EU-Agrarpolitik zu einem andauernden Reformdiskurs, dem langsam auch Taten folgten. [48] Diese fünfte Phase der stetigen Reformen endete – zumindest diskursiv – mit der Tötung von Millionen von Tieren aufgrund von MKS und BSE. Dies führte – zumindest temporär – zum Bruch zwischen Konsumenten und den Experten des eisernen Dreieckes. Eine Agrarwende schien abermals möglich.

Zum verbraucherpolitischen Ort der Agrarwende 2000/2001

Der Rückblick auf die Geschichte der Agrarpolitik erlaubt eine bessere Einordnung der Agrarwende 2000/2001. Sie hat, dies das Ergebnis schon des Ernährungswende-Projektes der Jahre 2002 bis 2006 [49], kaum nachhaltige Veränderungen im harten Bereich der Agrarpolitik verbucht. Ihr relativer Erfolg lag im Felde „weicher“ Faktoren. Dies umgriff sog. Symbolpolitik, mit der Themen besetzt und Lösungen vorgeschlagen werden. Dies bezog sich aber auch auf die explizite Weitung der Agrarpolitik auf gesellschaftliche Ziele. Mit beidem aber hatte sie – anders als dies seit 2001 betont wird – keinesfalls Neuland betreten, sondern stand in einer langfristigen Kontinuität deutscher Agrar- und Gesellschaftspolitik.

Wie schon in den 1920er und 1930er Jahren zielte Agrarpolitik als Gesellschaftspolitik nicht mehr allein auf die Sicherung der täglichen Kost zu günstigen Preisen, sondern stellte zunehmend andere Ansprüche an die Arbeit der Agrarunternehmer und an die Kaufentscheidungen der Konsumenten. Qualität und Nachhaltigkeit sind seither allseits befürwortete Zielsetzungen, als Beliebigkeitscontainer sind diese Begriffe typisch für die Verzahnung von Wissenschaft, Politik und Public Relations. Dass sich eine große Zahl von Konsumenten diesen Imperativen strukturell verweigert, kann als Ausdruck von Unmündigkeit verstanden werden. Vielleicht aber ist sie auch Ausdruck einer überbürdenden Agrarpolitik, die im Verbraucher vornehmlich einen Platzhalter für ambitionierte gesellschaftliche Ziele sieht – zumal für ein bürgerliches Erziehungsprojekt, in dem aufgeklärte, mündige Konsumenten Wissen und Handeln in Einklang bringen sollen. Gelingt dies nicht, teils auch aufgrund zu geringen Einkommens oder fehlender haushälterischer Fertigkeiten, so wird dies häufig als Ausdruck fehlenden Willens (miß)verstanden. [50]

Da die harten Maßnahmen der Agrarwende 2000/2001, etwa die Bekämpfung von BSE oder verbesserte Kennzeichnungspflichten, vornehmlich eine Fortführung des Reformdiskurses der fünften Phase bildeten, blieb als deren bis heute wirksame Essenz – neben der unmittelbaren und erfolgreichen Förderung des ökologischen Landbaus und der Bioprodukte – ein Verpflichtungsdiskurs gegenüber den Konsumenten: Moral wird zunehmend in Konsumgütermärkten verhandelt. Die Moralisierung der Märkte bedeutet, „dass der moderne Konsument aufgrund fundamentaler Veränderungen im Wirtschaftssystem und in der Gesellschaft seine Produktwahl zunehmend aus anderen Überlegungen heraus trifft als aus Gründen der reinen ‚Nützlichkeit’“ [51] – und dies wird nun immer stärker politisch eingefordert. Paternalismus wird modisch ummantelt, „Nudging“ dient der Führung von Konsumenten, die man nur deshalb nicht „dumm“ nennt, da sich Expertensprache ja technokratisch-sanft und pädagogisch abgemildert gibt. [52] Lebensmittelkonsum soll Zeichen zu setzen und das Gute von unten her bewirken. Für die Anbieter wächst der kommunikative (und auch finanzielle) Aufwand, da er nicht mehr nur Produkte anbietet, sondern auch ein sauberes Image, eine gesellschaftliche Option. Vor diesem Hintergrund ist die Agrarwende 2000/2001 der Versuch eines Einstieges in eine Ernährungs- und Essenswende, die vom angeleiteten Konsumenten selbst ausgehen soll. Das klingt gut, deckt sich mit einem bürgerlichen Wertekanon. Doch Verstand und historische Expertise führen zur Skepsis. Der Verbraucher kommt immer dann ins Spiel, wenn die Politik mit ihren Mitteln nicht mehr weiter kommt oder weiter kommen will; wenn die Agrar- und Ernährungswirtschaft Wertsteigerungen erzielen möchte; und wenn schließlich Wissenschaftler ihre disziplinär immer begrenzten Deutungen der Welt verbindlich machen möchten. Es geht um die Benennung vermeintlicher Verantwortlicher angesichts einer fortgesetzten „Industrialisierung“ des Agrarsektors. Nur zur Erinnerung: 1999 gab es 472.000 landwirtschaftliche Betriebe, 2018 waren es lediglich noch 267.000. Parallel stieg Deutschland zum weltweit drittgrößten Agrarexporteur auf, Landwirte erzielen heute jeden vierten Euro im Exportgeschäft. Die Handelsbeschränkungen der EU sind derweil wirksamer als die des deutschen Kaiserreichs.

Agrarwenden sind die Tagträume unserer kommerzialisierten, effizienten und gegenüber Natur und Kreatur vielfach gnadenlosen Gesellschaft. Ihnen nachzuhängen mag angesichts des vielfach beschworenen stahlharten Gehäuses der Moderne aussichtslos erscheinen, in dem für das Dorf und den Bauern kein Platz mehr ist, in dem ästhetische Illusionen und Romantizismen deren Platz eingenommen haben. Doch angesichts der destruktiven Konsequenzen einer letztlich alternativlosen Modernisierung der Landwirtschaft bleiben uns vielleicht nur solche Tagträume, um neben dem Sein auch über das Sollen reden und streiten zu können.

Uwe Spiekermann, 17. Dezember 2019

 

Quellen- und Literaturnachweise:
[1] Franz Alt, Agrarwende jetzt. Gesunde Lebensmittel für alle, München 2001; Götz Schmidt und Ulrich Jasper, Agrarwende oder die Zukunft unserer Ernährung, München 2001.
[2] Zur Einführung: Renate Künast, Klasse statt Masse. Die Erde schätzen, den Verbraucher schützen, München 2002; Peter Hennig Feindt und Christiane Ratschow, „Agrarwende“: Programm, Maßnahmen und institutionelle Rahmenbedingungen, Hamburg 2003; Heinz-Jörg Wiegand, Die Agrar- und Energiewende. Bilanz und Geschichte rot-grüner Projekte, Frankfurt/M. et al. 2006.
[3] Hermann Priebe, Die subventionierte Unvernunft. Landwirtschaft und Naturhaushalt, Berlin (W) 1985.
[4] Josef Moser, Das Verschwinden der Bauern. Überlegungen zur Sozialgeschichte der „Entagrarisierung“ und Modernisierung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert, in: Daniela Münkel (Hg.), Der lange Abschied vom Agrarland. Agrarpolitik, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft zwischen Weimar und Bonn, Göttingen 2003, 23-35, hier 24.
[5] Wolfram Pyta, Bauern, Brauchtum, BSE, Die Zeit 56, 2001, Nr. 5 v. 25.01., 9.
[6] Moser, 2003, 30.
[7] Kevin H. O’Rouke, The European Grain Invasion, 1870-1913, Journal of Economic History 47, 1997, 775-801; Cornelius Torp, Die Herausforderung der Globalisierung. Wirtschaft und Politik in Deutschland 1860-1914, Göttingen 2005, 121-178.
[8] Christoph Nonn, Verbraucherprotest und Parteiensystem im wilhelminischen Deutschland, Düsseldorf 1996.
[9] Vgl. Hartmut Harnisch, Agrarstaat oder Industriestaat. Die Debatte der Landwirtschaft in Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands an der Wende vom 19. und 20. Jahrhundert, in: Heinz Reif (Hg.), Ostelbische Agrargesellschaft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Agrarkrise – junkerliche Interessenpolitik – Modernisierungsstrategien, Berlin 1994, 33-50.
[10] Vgl. Sönke Neitzel, Weltkrieg und Revolution 1914-1918/19, Bonn 2011, 131-137; Jörg Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014, 490-524.
[11] Vgl. die Importdaten bei Albrecht Ritschl, The pity of peace: Germany’s economy at war, 1914-1918 and beyond, in: Stephen N. Broadberry und Mark Harrison (Hg.), The Economics of World War I, Cambridge 2005, 41-76, hier 58.
[12] Entsprechend ist es fraglich, hier undifferenziert vom „Beginn einer staatlichen Konsumentenpolitik“ zu reden, so Ulrich Kluge, Deutsche Agrarpolitik im 20. Jahrhundert zwischen Protektionismus und wirtschaftlicher Modernisierung. Ausklang des Agrarischen?, in: Münkel (Hg.), 2001, 289-314, hier 298.
[13] So Jürgen Rund, Ernährungswirtschaft und Zwangsarbeit im Raum Hannover 1914 bis 1923, Hannover 1992, 333, mit Bezug auf Arbeiten Frederic Vesters.
[14] Vgl. Hartmut Berghoff, Ingo Köhler und Harald Wixforth, Navigation im Meer der Interessen. Binnenwirtschaftliche Steuerungsinitiativen des Reichswirtschaftsministeriums, in: Carl-Ludwig Holtfrerich (Hg.), Das Reichswirtschaftsministerium der Weimarer Republik und seine Vorläufer. Strukturen, Akteure, Handlungsfelder, Berlin und Boston 2016, 421-516, hier 425-432.
[15] Vgl. hierzu H. v. Köppen (1931), Das neuzeitliche Absatzproblem in der deutschen Landwirtschaft, Berichte über Landwirtschaft NF 15, 1931, 491-527.
[16] Vgl. Norwich Rüße, Absatzkrisen und Marketingkonzepte der deutschen Landwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1996/I, 129-162.
[17] Vgl. Uwe Spiekermann, „Der Konsument muß erobert werden!“ Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt/M. und New York 2007, 123-146, v.a. 130-133.
[18] Vgl. Volker Klemm, Agrarwissenschaften in Deutschland. Geschichte – Tradition. Von den Anfängen bis 1945, St. Katharinen 1992; Günther Schmitt, Zur frühen Geschichte der landwirtschaftlichen Marktforschung in Deutschland, in: Ders. (Hg.), Landwirtschaftliche Marktforschung in Deutschland, München, Basel und Wien 1967, 17-40.
[19] Otto Eisinger, Otto, Die Ernährung des deutschen Volkes eine Organisationsfrage der Erzeugung, Berlin 1921, 112.
[20] J[oseph] König, Die Bedeutung der Chemie in wissenschaftlicher wie wirtschaftlicher Hinsicht und die soziale Stellung der Chemiker, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 18, 1909, 179-188, hier 181.
[21] W[aldemar] Ohlmer, Die Bedeutung der Landwirtschaftswissenschaft für die Volksernährung, Fortschritte der Landwirtschaft 3, 1928, 169-172, hier 172.
[22] Diese Begriffe wurden zumeist vermengt: „Werbung ist die Wissenschaft der Belehrung in kürzester Form und die Kunst der Erziehung in wirksamster Weise“ (Richard Kaysenbrecht, Aufbau und Aufgaben des Landwerbewerks, Ernährungswirtschaft 3, 1929, 462-464, hier 463). Vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 333.
[23] Allerdings gab es auch schon zuvor Forderungen nach Führung: „Auch der Appell ans Nationalgefühl findet keinen Widerhall, solange man in den Großstädten an jeder Straßenecke diese Waren feilgeboten bekommt. Hier wären einzig und allein diktatorische Maßnahmen am Platze, so lange wenigstens, bis die Agrarkrisis überstanden ist. Eine solche Zwangswirtschaft wird sich jeder national denkende Deutsche gefallen lassen müssen und auch wollen, wenn er die Wichtigkeit und Bedeutung der Landwirtschaft für sein Vaterland erkannt hat“ (E. Bieber, Die Wichtigkeit der Qualität unserer landwirtschaftlichen Erzeugnisse, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 41, 1926, 412). Vgl. auch Kiran Klaus Patel und Sven Reichardt, The Dark Side of Transnationalism Social Engineering and Nazism, 1930s-40s, Journal of Contemporary History 51, 2016, S. 3-21.
[24] R. Goering, Ernährungsfragen, Naturärztliche Rundschau 6, 1934, 239-240, hier 239.
[25] Zur Kritik an der imperativen Form der Werbung vgl. etwa J. Michaelis-Rentsch, Kritik der Landwirtschaftswerbung, Ernährungswirtschaft 3, 1929, 436-438; [Axel] Schindler, Aufgaben der landwirtschaftlichen Marktpflege, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 48, 1930, 194-211, v.a. 209; Hedwig Auspitz, Zur Ankurbelung der agrarischen Reklame, Ernährungswirtschaft 4, 1930, 895-896; Cincinnatus,  Wirtschaft, Horatio! – auch in der Agrarpropaganda. Bürokratischer Ehrgeiz auf falschen Spuren, ebd. 4, 1930, 928-929.
[26] Michael H. Kater, Die „Gesundheitsführung“ des Deutschen Volkes, Medizinhistorisches Journal 18, 1983, 349-375, hier 351.
[27] Herbert Backe, Technische und wirtschaftliche Voraussetzungen der ernährungswirtschaftlichen Leistungssteigerung, Braune Wirtschafts-Post 7, 1938, 1258-1262; Hermann Reischle, Nationalsozialistische Agrarpolitik, Münster 1941.
[28] Vgl. Herbert Backe, Verbrauchslenkung, Der Vierjahresplan 1, 1937, 203-205; Robert Oetker, Die betriebliche Werbung im Dienste des Vierjahresplanes. Eine Studie über die Aufgaben der betrieblichen Werbung als Mittel der Verbrauchslenkung im Dienste der Rohstoff- und Nahrungsfreiheit, Würzburg-Aumühle 1938.
[29] So Hans v.d. Decken, Entwicklung der Selbstversorgung Deutschlands mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Berlin 1938, 19.
[30] Kurt Wachholder, Überlieferung, Instinkt und Wissenschaft einer richtigen naturgemäßen Ernährung, Rostock 1939, 24-25.
[31] Zur Institutionengeschichte vgl. Claudia Frank, Der „Reichsnährstand“ und seine Ursprünge. Struktur, Funktion und ideologische Konzeption, Phil. Diss. Hamburg 1988; Spiekermann, 2018, 363-373.
[32] Gustavo Corni und Horst Gies, Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 28.
[33] Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, München 2007, 226.
[34] Grundlegend zur Organisationsgeschichte Corni und Gies, 1997, 79-250. Innerhalb des Reichsnährstandes nahm die Zahl der Diplom-Landwirte bis Kriegsbeginn deutlich zu, nicht zuletzt gefördert vom Führer des Reichsbundes der deutschen Diplom-Landwirte, Heinrich Himmler.
[35] Einen Überblick bietet Markus Albert Diehl, Von der Marktwirtschaft zur nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Die Transformation der deutschen Wirtschaftsordnung, Stuttgart 2005, 86-96.
[36] Hermann Reischle, Die Wirtschaftslenkung durch den Reichsnährstand, Der Vierjahresplan 1, 1937, 205-206, hier 206.
[37] Wolfgang Lützow, Neugestaltung der Agrarpolitik. Reichsnährstand und Getreidekartell, Soziale Praxis 42, 1933, Sp. 1145-1151, hier Sp. 1148 (auch für das folgende Zitat).
[38] Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 2, 1935 (ND Salzhausen und Frankfurt a.M. 1980), 265.
[39] Vgl. Hermann-Heinrich Freudenberger, Die volkspolitische Bedeutung des Reichserbhofgesetzes, Zeitschrift für Volksernährung 9, 1934, 18-19 sowie Uwe Mai, Gesteuerte Tradition. Recht als Lenkungsinstrument in der Agrar- und Siedlungspolitik während des Nationalsozialismus, in: Johannes Bähr und Ralf Banken (Hg.), Wirtschaftssteuerung durch Recht im Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2006, 423-441.
[40] W[illy] Zink, Reichsnährstand und Verbraucher, Rundschau des Reichsbundes der deutschen Verbrauchergenossenschaften 31, 1934, 309-311, hier 311.
[41] Vgl. Hans Merkel, Die Marktordnung des Reichsnährstandes, Der Forschungsdienst 1, 1936, 334-338, hier 335.
[42] Herbert Backe, Um die Nahrungsfreiheit Europas. Weltwirtschaft oder Großraum, Leipzig 1942; Kiran Klaus Patel, Europeanization à contre-coeur. West Germany and Agricultural Integration, 1945-1975, in: Ders. (Hg.), Fertile Ground for Europe? The History of European Integration and the Common Agricultural Policy since 1945, Baden-Baden 2009, 139-160.
[43] Vgl. Unabhängige Historikerkommission beim Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (Hg.), Geschichte des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft im Kontext des 20. Jahrhunderts. Kontinuität und Diskontinuität. Zwischenbericht, Berlin 2017, 19-26.
[44] Für detaillierte Angaben zur vierten und fünften Phase vgl. Peter Mosers Beitrag „Am Konsum orientiert, über die Produktion thematisiert: Die Agrarpolitik europäischer Industriestaaten vor der ‚Agrarwende‘“ zur 32. wissenschaftlichen Jahrestagung der AGEV, „Der Verbraucher als Platzhalter politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Interessen: Agrarwende(n) im 20. Jahrhundert“, Berlin, 10.-11. Juni 2013. Geplant war ein von Jana Rückert-John und Regine Rehaag herausgegebener Tagungsband, doch dieser kam nicht zustande. Der vorliegende Beitrag ist eine Ausarbeitung meines eigenen Vortrages zu dieser Veranstaltung.
[45] Ulrich Kluge, Vierzig Jahre Agrarpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, 2 Bde., Hamburg und Berlin (W) 1989.
[46] Vgl. [Erich] Vo[gel], Mitarbeit der Verbraucherschaft. Aufgaben und Möglichkeiten des Verbraucherausschusses beim Bundesernährungsministerium, Der Verbraucher 5, 1951, 3-5; J[osef] Bock, Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände, Der Verbraucher 7, 1953, 293-295.
[47] Vgl. zu den Grundkonturen Christian Kleinschmidt, Massenkonsum, „Rheinischer Kapitalismus“ und Verbraucherschutz, in: Volker R. Berghahn und Sigurt Vitolis (Hg.), Gibt es einen deutschen Kapitalismus? Tradition und globale Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft, Frankfurt/M. und New York 2006, 143-153; Kevin Rick, Verbraucherpolitik als Gegenmacht? Vom Scheitern einer westdeutschen Verbraucherbewegung „von unten“ in den 1960er Jahren, Vierteljahrsschrift für Wirtschafts- und Sozialgeschichte 102, 2015, 161-181. Zur zeitgenössischen Debatte s. Grundsätze und Forderungen zur Verbraucherpolitik, Hamburg 1954 mit Vorträgen von Karl Schiller, Franz Böhm und Josef Bock.
[48] Rosemarie Fennell, The Common Agricultural Policy: Continuity and Change, Oxford 1997.
[49] Vgl. insbesondere Frank Waskow und Regine Rehaag, Ernährungspolitik nach der BSE-Krise – ein Politikfeld in Transformation, Köln 2004.
[50] Vgl. Uwe Spiekermann, Warum scheitert Ernährungskommunikation? Eine Antwort aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, in: Eva Barlösius und Regine Rehaag (Hg.), Skandal oder Kontinuität. Anforderungen an eine öffentliche Ernährungskommunikation, Berlin 2006, 39-51.
[51] Nico Stehr, Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M. 2007, 282.
[52] Lucia A. Reisch und Julia Sandrini, Nudging in der Verbraucherpolitik. Ansätze verhaltensbasierter Regulierung, Baden-Baden 2015.

Reenactment – Ein Besuch in Kalifornien zur Feier von 100 Jahren San Diego & Arizona Railway

Neuntausend Kilometer mit dem Flugzeug, dann nochmals achthundert mit dem Auto: Der Aufwand war groß, um einen kleinen Ort mit etwas mehr als zweitausend Einwohnern zu besuchen. Doch als ich im Februar hörte, dass in Campo, Kalifornien, der hundertste Jahrestag der Vollendung der „unmöglichen“ Eisenbahn von San Diego nach El Centro, Arizona, gefeiert werden würde, war klar: Ich musste dabei sein.

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Stationen der San Diego & Arizona Railway 1919 (San Diego & Arizona Railway, Werbebroschüre 1921, s.p.)

Warum? Es ging um ein Versprechen, ein Familientreffen und das Reenactment als solches. Das Versprechen stammte von John D. Spreckels (1853-1926), dem Präsidenten der San Diego & Arizona Railway. Als der deutsch-amerikanische Unternehmer am 15. November 1919 einen goldenen Nagel in die letzte verbindende Bohle der von Westen und von Osten vorangetriebenen Teilstücke der neuen Bahnlinie schlug, war dies mehr als eine symbolische Handlung. San Diego erhielt damit einen weiteren, nicht mehr über Los Angeles führenden Zugang zum Transkontinentalnetz. Sein in Wüstengegenden liegendes Hinterland konnte nun gezielt erschlossen werden, Touristen aus dem Osten schneller nach San Diego gelangen. Wieder und wieder waren ähnliche Eisenbahnprojekte gescheitert, 1893 etwa eine Bahnlinie von Phoenix nach San Diego. Spreckels hatte die auch über mexikanisches Gebiet führende Linie 1906 gemeinsam mit dem Bahnriesen Southern Pacific begonnen, doch letzterer stellte 1909 seine Zahlungen ein. Statt abzubrechen, übernahm Spreckels, „let me do it“ (San Diego Union 1919, Ausg. v. 16. November, 1). Dankbarkeit paarte sich mit hohen Erwartungen: „Every man, woman, and child in San Diego, Cal., is looking to him to give that town its first direct railroad connection with the east” (Chicago Daily Tribune 1909, Ausg. v. 15. August, 8).

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Ikonographischer Moment: John D. Spreckels schlägt den „Golden Spike“ ein, Carrizo Gorge, 15. November 1919 (Programmbroschüre Gold Spike Centennial, Campo Railroad Park & Museum, 2019 (l.); San Francisco Chronicle 1919, Ausg. v. 5. Dezember, 16)

Dreizehn Jahre lang wurde eine 148 Meilen lange Eisenbahnlinie durch arides Ödland, durch Granitfelsen und unerschlossene Canyons vorangetrieben, obwohl sich in dieser Zeit die Rahmenbedingungen für den Gütertransport grundlegend änderten. Lastwagen und Straßenbau traten damals an die Seite der zuvor unangefochten dominierenden Eisenbahnen. Die San Diego & Arizona Railway war schon bei der Eröffnung 1919 obsolet, Gewinne waren nicht zu erwarten. Spreckels wusste dies – und dennoch pumpte er einen beträchtlichen Teil seines Milliardenvermögens in dieses Unternehmen. Die Eisenbahn war für ihn Schlusspunkt eines Konzeptes, das San Diego, um 1900 ein Städtchen mit 17.700 Einwohnern, zur führenden Metropole Südkaliforniens machen sollte. Gemeinsam mit seinem Bruder Adolph B. Spreckels (1857-1924) hatte er seit den späten 1880er Jahren Grundstücke und Land aufgekauft, übernahm und modernisierte die Straßenbahn, die Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung, baute den Hafen aus, leistete sich zwei Tageszeitungen, errichtete Geschäftshäuser, Hotels und Theater und vieles andere mehr. San Diego war eine „one-man-town“, sollte sich aber häuten, hin zu einer wirtschaftlich prosperierenden und zugleich touristisch attraktiven Stadt. Wagemut und Paternalismus kamen zusammen, fügten sich zu einer Booster-Town, größenwahnsinnig und profitabel zugleich.

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Ein alter Mann erfüllt sein Versprechen: John D. Spreckels im Führerhaus einer Lok der San Diego & Arizona Railway, wohl 1919 (H. Austin Adams, The Man John D. Spreckels, San Diego 1924, nach 274)

Doch da war mehr als einem deutsch-amerikanischen Einwandererunternehmer Referenz für sein gehaltenes Versprechen zu erweisen. Die Historikerin Sandra Bonura, die im nächsten Jahr eine Biographie über John D. Spreckels veröffentlichen wird, hatte schon 2018 zahlreiche Nachfahren der Spreckelsfamilie in Coronado zusammengebracht. Nun hatte sich abermals ein knappes Dutzend angesagt. Obwohl ich die Geschichte der Familie schon seit Jahren erforsche und 2021 eine Familienbiographie vorlegen möchte, hatte ich bis dato Distanz zur Familie gehalten. Doch eine derart einfache Begegnung reizte mich.

Schließlich war ich gespannt, wie man diesen Jahrestag vor Ort begehen würde. Im Februar hörte ich das Zauberwort „Reenactment“, also das Nachspielen eines historischen Ereignisses. Wer je auf dem denkmalgesprenkelten Terrain in Gettysburg oder auch den Feldern westlich von Königgrätz herumgewandert ist, verbindet damit Schlachtenlärm, Männer in frisch geschneiderten Uniformen, auf schneidigen Pferden, Gewehrsalven und Geschützlärm. In Campo aber ging es um das Reenactment eines zivilen Ereignisses. Das wollte ich, als Zuschauer, miterleben. Als Historiker reizte mich zudem die damit verbundene Erkundung von Vergangenheit. Es war der britische Philosoph Robin George Collingwood (1889-1943), der in seinen 1919 erschienenen „Principles of History“ eine bis heute nachwirkende Theorie des „Reenactment“ vorstellte. Ihm ging es um die Kernfrage, wie man Vergangenheit erforschen und erfahren kann. Der Historiker, so Collingwood, „must re-enact the past in his own mind“ (Robin George Collingwood, Principles of History, Oxford 1919, 282). Wie schon Geschichtsphilosophen vor ihm, etwa der Stammvater der Hermeneutik Johann Gustav Droysen (1808-1884), grenzte er historische Arbeit strikt von naturwissenschaftlicher ab. Das Nachbilden sei situativ, ziele auf Gedanken und Handlungen, Ereignisse und darin eingebettete Emotionen. Es sei keine rein abstrakte Tätigkeit, kein Nachkauen im Geiste. „Reenactment“ sei praktisch, interessiert an der Logik und dem Ablauf des Geschehens, wohl wissend, dass ein vollständiges Nachempfinden ebenso wenig möglich sei wie eine im engen Sinne kausale Erklärung historischer Vorgänge.

Das Gold Spike Centennial in Campo, Kalifornien

Mir war klar, dass sich jedes Reenactment auf wesentliche Aspekte konzentrieren muss. Abstriche waren zu machen: Die Veranstaltung fand am 16. November 2019 statt, nicht am 15. Ein gutes Abendessen im ehedem Spreckelschen Hotel del Coronado tröstete darüber hinweg, eingeleitet mit einem Champagner-Toast der Historikerin Reena Deutsch. Auch der Ort war ein anderer: 1919 hatte der Sonderzug aus San Diego nicht nur 750 Gäste an Bord, sondern hielt in Carrizo Gorge, dem wohl spektakulärsten Teil der „unmöglichen Eisenbahn“. Das Reenactment 2019 fand dagegen westlich davon, in Campo, statt.

Dort gab es eine Dependance des Pacific Southwest Railroad Museums, einer 1961 im kalifornischen La Mesa gegründeten gemeinnützigen Institution. In Campo hatten Eisenbahnenthusiasten 1980 begonnen, einerseits die Geschichte der San Diego & Arizona Railway aufzuarbeiten, anderseits Lokomotiven, Wagons, Gebäude und Maschinen und Objekte zu sammeln und funktionsfähig zu halten. Sie konnten dazu Teile des früheren Camp Lockett nutzen, einer 1941 gegründeten Kaserne für die letzten Kavallerieeinheiten der US-Army. Schon in den späten 1870er Jahren und während des Ersten Weltkriegs waren in Campo Einheiten zur Grenzsicherung stationiert. 1944 wurden die US-Truppen abgezogen, Camp Lockett dann als Armeelazarett und Kriegsgefangenenlager weiterverwendet. Ab 1944 beherbergte es italienische und deutsche Soldaten, größtenteils Gefangene der Kämpfe in Nordafrika. Das Pacific Southwest Railroad Museum in Campo wird durchweg von Freiwilligen betrieben und ausgebaut. Für sie war das hundertjährige Jubiläum der Höhepunkt einer bemerkenswerten Aufbauleistung, die das ganze Jahr über gefeiert wurde. Als sich verschiedene Besucher aus den urbanen Zentren der Pazifikküste darüber mokierten, nun „in the desert“ gelandet zu sein, konnte ich mein Befremden hierüber kaum unterdrücken. Ehrenamtliche Passion ermöglichte in der Wüste schließlich etwas, was in der Millionenstadt San Diego nicht möglich gewesen wäre.

Vor Ort erwartete Besucher ein breit gefächertes Programm. Clowns und der Quacksalber Dr. Lunar sorgten für Kinderbelustigung, die Beköstigung war erwartungsgemäß fleischlastig, umgriff aber auch Veggie Burger. Zahlreiche Geschichtsvereine präsentierten ihre Arbeit, zielten nicht vorrangig auf den Verkauf von Druckwerken, sondern auf Engagement vor Ort. Darunter war auch die San Diego Electric Railway Association, die bald eine zweite „Original“-Straßenbahn restauriert und fahrfähig gemacht haben wird. John D. Spreckels hätte daran wohl seine Freude gehabt. Gemeinsam mit seinem Bruder Adolph B. hatte er 1891 die San Diego Electric Railway Company gegründet, die seine Erben 1948 schließlich verkauften. Wer lediglich schauen wollte, kam ebenso auf seine Kosten: Eine Oldtimerparade präsentierte Modelle aus der Zwischenkriegszeit, auch Traktoren durften nicht fehlen. Bands spielten auf, alte Weisen des Westens wurden gesungen, ab und an unterbrochen vom Pfeifen der Eisenbahnhörner. Weit über hundert Gäste starteten am Morgen zu einer ersten Fahrt in historischen Wagons der San Diego & Arizona Railway, am Nachmittag, nach dem „Golden Spike Reenactment“, sollte eine zweite folgen.

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Gedenktafel der Native Sons of the Golden West, Campo, Kalifornien

Nicht alles verlief wie geplant. Die Native Sons of the Golden West sollten am Morgen eigentlich eine bronzene Gedenktafel der Jahrhundertfeier einweihen, doch diese war leider vergessen worden. Daher verschob man die Zeremonie auf den frühen Nachmittag, unmittelbar vor das eigentliche Reenactment. John D. Spreckels, geboren in Charleston, South Carolina, war nie Mitglied gewesen. Doch es ist unstrittig, dass er die Brüderschaft seit der Jahrhundertwende wiederholt unterstützt hatte. Die 1875 in San Francisco gegründeten Native Sons (Töchter folgten 1886) waren eine konservativ-nativistische Brüderschaft gebürtiger Kalifornier, deren Ziel die Bewahrung des Geistes der Pioniere von 1849 war. In der Zwischenkriegszeit agierte sie nationalistisch und rassistisch, grenzte sich strikt gegen Nicht-Weiße und Migranten ab. Heutzutage handelt es sich um eine patriotische Gesellschaft, gesellig und eine zentrale Stütze der Pflege des historischen Erbes Kaliforniens.

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Führende Mitglieder der Native Sons of the Golden West während des einführenden Gebetes

Die Zeremonie begann mit einem Gebet, es folgten kurze, prägnante Ansprachen. Sie füllten das Motto der Organisation aus, „Loyalty, Friendship und Charity“. Von der alten Zeit war die Rede, den Gründungsjahrzehnten Kaliforniens, dem Pioniergeist dieser Tage. Mensch stand gegen Natur, sie zu zwingen war und ist Aufgabe. Wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand für alle seien die Folge. Kaliforniens Demokratie wurde hochgehalten, die Verantwortung des Einzelnen für das Wohlergehen aller beschworen. Zu spüren war etwas von einem Gemeinwesen, das auf Familie, Nachbarschaft und Gemeinden gründet. Das nicht immer nach dem Staat ruft, sondern diesen formt und lebt: „America! America! God mend thine every flaw, Confirm thy soul in self-control, Thy liberty in law!“ Mit der heimlichen Hymne „America the Beautiful“ endete die Zeremonie.

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Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs?! Ansprache von Manuel Herandez (Baja California Railroad) während der Grußworte

Das Vorprogramm ging weiter. Natürlich, Offizielle kamen zu Wort, mussten zu Wort kommen: Die Präsidentin des Eisenbahnmuseums, Repräsentanten der lokalen Verkehrsgesellschaften, die demokratischen Repräsentanten von Stadt, Bezirk, Staat und dem US-Senat. Das war wichtig für das Museum, denn Zuschüsse sind für dessen Betrieb unabdingbar. Doch es war auch wichtig für Stadt und Region. Die San Diego & Arizona Railway transportierte bis 1951 Passagiere, das Frachtgeschäft wurde 1983 eingestellt. Kleine Teile der Bahnlinie sind bis heute in Betrieb, darunter die in Mexiko gelegenen vierundvierzig Meilen von Tijuana bis Tecate, die 1970 verkauft worden waren. Die mexikanische Baja California Railroad will denn ab 2020/21 den Verkehr auch auf amerikanischer Seite wieder aufnehmen. Unterstützer und Fürsprecher sind dafür nötig; und die anwesenden erhielten warmen Applaus, ging es doch, wie 1919, um die Verkehrsanbindung der Region.

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Die Akteure von 1919: Einstimmen auf die Ansprachen während der Intonierung der US-Nationalhymne

Nun konnte das eigentliche Reenactment beginnen. Die Szenerie folgte der detaillierten Schilderung in der San Diego Union vom 16. November 1919. Dort wurden Bilder veröffentlicht, ebenso die Kernelemente der Reden. Herren beherrschten die Szene, gekleidet in eleganten schwarzen Anzügen und den hohen, fast spitz zu nennenden Hüten dieser Zeit. Die Zeitung gehörte John D. Spreckels, sie präsentierte seine Deutung des Ereignisses. In Campo aber hatte man zwei Elemente vorgeschaltet: Zum einen fuhren Gleisarbeiter mit einer Draisine vor, verlegten die letzte Bohle, bereiteten den Spreckelsschlag vor. Zum anderen wurden die anwesenden Herren kurz mit einem herbeigelaufenen Arbeiter konfrontiert, der die Mühen der Konstruktion beschwor. Nein, von Arbeitsunfällen sprach er nicht, auch nicht vom Wassermangel auf den Baustellen. Doch er gab zumindest eine Idee davon, dass hier „Unmögliches“ gewagt und auch erreicht wurde.

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Zum Einstimmen: Begleitbroschüre mit dem „San Diego Progress“-Marsch von Esther M. Bush

Die zuvor präsentierten Photos geben natürlich kein Abbild der Veranstaltung, sind auch nicht sinnlich genug. Denn das Reenactment wurde von Musik begleitet: Die San Diego City Guard Band spielte patriotische und beliebte Weisen. Ein Kalliope-Musikwerk ergänzte sie. Schon wieder also „deutsche“ Reminiszenzen, wurde die Kalliope Musikwerke AG doch 1898 in Leipzig gegründet. Ihre mechanischen Spielwerke waren auch in den USA erfolgreich. John D. Spreckels, Musikliebhaber und passionierter Orgelspieler, wird sie gekannt haben. Musik war aber nicht allein Beiwerk, emotionale Umrahmung. Musik spielte nämlich 1919 eine wichtige Rolle während der Einweihungsfeier. Eigens komponiert und aufgeführt wurde der Marsch „San Diego Progress“ von Esther Mugan Bush, einer lokalen Repräsentantin der leichten Muse. Das Lied behandelt vornehmlich das wundervolle Wetter in San Diego, die dort stets blühenden Blumen, den fantastischen Hafen und die verheißungsvolle Zukunft: „Prosperity has come to stay In San Diego at the Sea“. Die Veranstalter hatten Text und Musik eigens verteilt, doch es lag sicher nicht an der mit Verve spielenden Band, dass die Besucher nicht mitsangen. Das galt auch für zeitgenössische Schlachtrufe zu Ehren des Eisenbahndirektors: „What’s the matter with John D.? He’s all right! What’s the matter with John D.? Out of Sight! He’s a live on and full of vim, Now take it from us, we’re strong for him!“ Dennoch: Musik und Gesang prägten die Feier 1919; und sie erst gaben dem Reenactment ein Gefühl nachfolgender Anwesenheit.

Die Reden der schauspielenden Freiwilligen führten zurück in die Situation 1919. Der Weltkrieg war gewonnen, die scharfen Auseinandersetzungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten überwunden. Die Kriegskonjunktur war Labsal für San Diego, das sich endgültig als Standort der US-Navy and der Marineflieger etablierten konnte. 1917 hatte John D. Spreckels den nördlichen Teil von Coronado an den Bundesregierung verkauft, bis heute ankern dort Flugzeugträgergruppen der amerikanischen Streitkräfte. Die Redner blickten allesamt nach vorn. Die Mühen der Bauphase, der zahlreichen Brücken und der einundzwanzig durch Felsen gesprengten Tunnel, sie verblassten angesichts einer verheißungsvollen Zukunft. Das brachte Juan P. Quemper, Richter im mexikanischen Tecate, salbungsvoll zum Ausdruck: „You have made possible dreams of long ago; you have brought into realization hopes born and cherished at the warmth of civilization. Yours is a brotherly work, yours is a patriotic and noble impulse, which will start a new era of development and betterment which will reach from one end of our country to the other. […] If God Almighty made us forever neighbors, let Him make us forever friends“ (San Diego Union 1919, Ausg. v. 16. November, 3). Auch Esteban Cantu, Governor von Baja California, unterstrich den Gedanken der Völkerfreundschaft, könne die Bahn doch Menschen miteinander verbinden, durch persönlichen Kontakt Vorurteile abbauen und diese durch Kenntnisse ersetzen. Die amerikanischen Vertreter legten größeren Wert auf die Erschließung des fruchtbaren Imperial Valley und den rascheren und preiswerteren Transport gen Osten. Der Reigen der Reden wurde beendet von David W. Pontius, dem General Manager der Bahnlinie und zugleich Repräsentanten der Southern Pacific. Spreckels wurde gelobt, doch alle Anwesenden wussten, dass man ohne das neuerliche Engagement des Bahngiganten die Linie zu diesem Zeitpunkt nicht hätte abschließen können. Dessen Kapital und Expertise brachten das Unterfangen nach der Überschwemmung von Gleisen und Depots 1916 wieder nach vorn, erlaubten zudem Sondergenehmigungen, um den Bau auch während des Weltkrieges fortzusetzen. Pontius dankte allseits, doch als er endete, brach 1919 die Menge los: „Let’s see it!“

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Der Darsteller von Generalmanager David W. Pontius, Bruce Semelsberger, zeigt der Menge den „Golden Spike“

In Campo waren die Anwesenden zurückhaltender, das Rufen übernahmen die Darsteller der Offiziellen. Der „Golden Spike“, ehedem $286 teuer, nach der Feier wieder in sicheres Gewahrsam gebracht und 1967 (zusammen mit den Archivalien der Bahnlinie) der University of California, San Diego übergeben, war wahrlich ein Hingucker. Seit der Zusammenführung der Linien der Union Pacific und Central Pacific zur ersten Transkontinentalstrecke 1869 gehörte ein derart blinkendes Stück Metall zum Inventar fast aller größeren Eisenbahneinweihungen. In Campo kam eine Nachbildung zum Einsatz, doch instinktiv begriff nun jeder, um was es hier ging: Den Schlussakkord eines großen Unterfangens.

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Auftritt und Rede von „John D. Spreckels“

Noch fehlte John D. Spreckels. Er kam in Gestalt von Jake Schaible, eines jovialen Deutschamerikaners, Mitglied des vierköpfigen Organisationskomitees der Jahrhundertfeierlichkeiten. Er hatte Spaß, er konnte mitreißen. Seine Rede war verhalten, Dank klang an, Stolz darauf, sein Versprechen gehalten zu haben. Spreckels war 1919 ein alter Mann, gezeichnet von Krankheiten, nicht mehr der 1,80 Meter große blonde Modellathlet früherer Zeiten. Er konnte nicht mehr kraftvoll und zielgenau zuzuschlagen. Den Nagel traf er erst im dritten Anlauf, Anwesende lachten spöttisch.

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Der „Golden Spike“ an seinem Bestimmungsort

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„John D. Spreckels“ vor dem ersten Schlag

Das Reenactment nahm dieses auf. Der Darsteller schlug zu, fehlte, nahm abermals Schwung, traf, trieb den Nagel nun mit zwei weiteren Schlägen in den Bohlengrund. So hatte man es sich wohl vorgestellt, das virile Ende eines Projektes, dessen Erledigung in San Diego seit Jahrzehnten herbeigesehnt wurde.

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„John D. Spreckels“ schlägt den „Golden Spike“ in die letzte Bohle ein

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„Well done, Mr. Spreckels“

Beifall brandete auf, die Dramaturgie riss mit, die Besucher fühlten mit dem Akteur, teilten dessen Freude, mochte sie denn auch nur gespielt sein. Anschließend waren alle eingeladen, sich in einem Panoramaphoto zu verewigen. So war es auch 1919. Wir schritten voran, reihten uns ein, standen neben einem mit Kokarden und Flaggen geschmückten Zug. Weitere Photos wurden gemacht, das Reenactment war vorüber.

Nun ja, nicht ganz. Denn es stand noch eine Bahnfahrt auf historischer Trasse an, in rollfähigen Wagons der San Diego & Arizona Railway. Gegen mein Naturell hatte ich 1. Klasse geordert, gemeinsam mit Mitgliedern der Spreckelsfamilie. Es wurde eine gemächliche Fahrt, nicht schneller als 30 Meilen die Stunde. Die Landschaft war karg und felsig. Die Sonne brannte, Wind machte sie erträglich. Eine Rundtour aber war es nicht. Die Reise endete an der mexikanischen Grenze. 1920 brauchten Passagiere keinen Ausweis, wenn sie die zwischen Mexiko und den USA oszillierende Linie nutzten. Während der Prohibition ermöglichte die lange Fahrt durch Mexiko „nasse“ Freuden. Heute ist all dies anders. Hundert Jahre Fortschritt… Wir kehrten um, zurück nach Campo. Am Grenzzaun war das Nachspielen endgültig zu Ende gegangen.

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Die Grenze zwischen den USA und Mexiko nahe Tecate

Ein Familientreffen der Spreckels

Die Rücktour erlaubte weitere Gespräche mit den Mitgliedern der Spreckels-Familie. Die meisten waren Nachfahren von John D. Spreckels, fast durchweg noch an der Westküste ansässig. Sandra Bonura hat all dies ermöglicht, hat die aufgrund einer alten Familienfehde entfremdeten Nachfahren der unterschiedlichen Familienteile wieder zusammengebracht.

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Eintreffen von Spreckels-Nachfahren. In der Mitte Sandra Bonura, links Stefanie Waske

Die Nachfahren kamen gern nach Campo, wurden so dessen gewahr, was einer der Ihren einst angestoßen und vollendet hatte. Genauere Kenntnisse der Familiengeschichte hatten sie jedoch nicht. Im Familienbesitz sind noch zahlreiche Photoalben, vereinzelt gibt es auch historische Ausarbeitungen zur eigenen Geschichte. Schriftquellen sind eher rar gesät.

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Gruppenbild mit Spreckels-Damen und einem historischen Porträt von Claus Spreckels, der Lamstedt 1846 verließ (Photo: Stefanie Waske)

Dennoch ist ein solches Treffen auch für einen Historiker anregend. Man kann etwas lernen über Familiennarrative, über gängige Anekdoten und Erinnerungen, auch über nicht Sagbares. Man lernt mehr über Empfindlichkeiten, über das Verblassen historischer Größe und Bedeutsamkeit. Klar wird auch, stärker noch als im Quellenstudium privater Aufzeichnungen, dass die eigene Arbeit direkt bedeutsam sein kann, nicht nur analytisch korrekt. Sie gleicht einem scharfen Schwert: In einem Tage zuvor in Napa geführten Gespräch kam die Rede auf die Zuckerraffinerie von Claus Spreckels (1828-1908) in San Francisco, dem Vater von John D. Meine Gesprächspartnerin fragte, ob ich diese denn schon besucht habe. Ich verneinte, schließlich sei sie vor längerer Zeit abgetragen worden. Doch, sie liegt in Crockett. Meine Mutter hat sie uns immer gezeigt, wenn wir die Bay südlich von Vallejo überquerten. Nein, das war die Konkurrenz, war meine wehmütig korrekte Antwort. In der Tat, die 1906 von hawaiianischen Zuckerpflanzern gegründete C & H Sugar Company sollte das Monopol der Spreckelsfamilie brechen. Ich zerbrach so das familieninterne Bild vom immer noch sichtbaren Erbe.

Die andere Wahrheit des Reenactment

Damit sind wir wieder zurück beim Reenactment. Ebenso wie das Gespräch mit Nachfahren hat auch das Nachspielen historischen Geschehens eine eigene Logik. Sie liegt nicht in der korrekten Widergabe von Vergangenem. Wäre dem so, so wäre die Feier in Campo eine Ansammlung von Fehlern: Ort und Zeit falsch, vor allem aber die Zusammenführung von klar voneinander zu scheidenden Ereignissen (vgl. Patrick W. O’Bannon, Railroad Construction in the Early Twentieth Century: The San Diego and Arizona Railway, Southern California Quarterly 61, 1979, 255-290; Robert M. Hanft, San Diego & Arizona: The Impossible Railroad, Glendale 1984; Reena Deutsch, San Diego and Arizona Railway: The Impossible Railroad, Charleston 2011; Wayne M. Scarpaci, San Diego and Arizona Eastern motive power and equipment, Gardnerville 2017).

Der Festzug, der am 15. November 1919 den 1913 von der Santa Fe neu errichteten Bahnhof um 6.50 Uhr mit ca. 600 Passagieren gen Osten verließ (National City News 1919, Nr. 46 v. 21. November, 1), hielt zuerst im mexikanischen Tecate, wo Richter Quemper seine Rede hielt. Mittags traf man in Jacumba, 20 Meilen östlich von Campo, mit 150 Repräsentanten aus dem Imperial Valley zusammen, nahm ein Mittagessen zu sich und brach dann gemeinsam auf, um im nahegelegenen Carrizo Gorge die Eröffnungszeremonie zu begehen. 18 Uhr lief der Sonderzug wieder in San Diego ein.

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Ziel der neuen Eisenbahn: Die Entwicklung von Imperial Valley (San Diego Union. Annual Edition 45, 1914, s.p. [60])

Der Tenor der Presseberichte lag primär auf der wirtschaftlichen Erschließung des Imperial Valley und der weiteren Entwicklung von San Diego. Das lag in Linie mit der Berichterstattung der vergangenen Jahre. Sie gaben zugleich Eindrücke von der harten Konstruktionsarbeit und den zahlreichen Fehlschlägen beim Bau. Völkerverständigung mit Mexiko mochte ein Aspekt sein, doch dieser war für die US-Seite nicht vorrangig. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Rede von Governor Cantu in spanischer Sprache gehalten, von der Mehrzahl nicht verstanden wurde. Die neue Bahnlinie galt als Sieg über die widerspenstige Natur, unterstrich, dass die neue Supermacht alles erreichen könne, wenn sie denn nur wolle und arbeite.

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Das Profil der „impossible railroad“ 1919 (Los Angeles Times 1919, Ausg. v. 15. November, 13)

Wichtiger als derartige Detailkritik war das Ausblenden des historischen Kontextes, sei es das schwierige Verhältnis von Southern Pacific und der Spreckelsfamilie, sei es die strategische Bedeutung der Eisenbahn für eine wehrhafte USA. Die Golden Spike-Zeremonie war zugleich nur der Auftakt für zahlreiche Festivitäten, die am 1. Dezember in San Diego einsetzten, als der erste Passagierzug in San Diego eintraf. Vier Tage lang feierten ca. 25.000 Menschen, jeder Tag stand unter einem eigenen Motto. Am Flugtag stiegen mehrere hundert Maschinen hoch, manifestierten die Geburt eines neuen Zeitalters. Der Großraum von San Diego beherbergt heute knapp fünf Millionen Menschen, mehr als der von Berlin. John D. Spreckels genoss seine Rolle als „City-Builder“. Doch er wusste um die Probleme der Eisenbahn. In seiner Rede anlässlich des Festdiners der Stadt am 1. Dezember hieß es: „The road is built. It is at your service. […] It is now up to the people of San Diego to go ‘over the top,’ and get all they can for their city” (San Diego Weekly Union 1919, Ausg. v. 4. Dezember, 6). Die Resonanz blieb verhalten, die Geschichte der San Diego & Arizona Railway war verlustreich. Die Spreckelsfamilie verkaufte ihre Anteile 1932, konnte sich die Bahn nicht mehr leisten. 18 Millionen Dollar waren investiert worden, am Ende war der 50%ige Anteil noch 2,8 Millionen Dollar wert.

All dies sind gewiss wichtige Einwände gegen die „Wahrheit“ des Reenactment. Doch sie treffen nicht den Kern, also das Nachspielen einer historischen Situation. Das Ausblenden des Kontextes und der Nachgeschichte sind vielmehr konstitutiv für diese Form historischen Wissens. Es geht um konkrete Situationen, hier also um den Tag des eingelösten Versprechens. Allen „Fehlern“ zum Trotz wurde deutlich, dass im Gelingen eine eigene Logik lag, eine in der Feier geteilte Freude, vielleicht auch nur Erleichterung. Mochte diese auch eine freundliche Morgengabe der Manager der Southern Pacific an den Unternehmer Spreckels gewesen sein, so wurde die Situation doch anders bewertet, erlebt und wahrgenommen. Das Reenactment machte deutlich, wie ein Traum gelingen kann und welche Kräfte der Weg dorthin freizusetzen vermag. Es kennzeichnet einen Überschuss, den eine rein analytische Geschichtswissenschaft kaum einzufangen vermag. Zwischen den „Fakten“ stecken Träume und Albträume, Hoffnungen und Enttäuschungen. Um das zu visualisieren, hilft ein Blick auf die Werbung der San Diego & Arizona Railway.

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Wolkenritt in der Eisenbahn. Werbezeichnung der Fahrt durch Carrizo Gorge 1921 (San Diego & Arizona Railway, Werbebroschüre 1921, s.p.)

All die Mühen des Baus und die vier Millionen Dollar, die allein das elf Meilen lange Teilstück durch Carrizo Gorge verschlang, sind in dieser Zeichnung vergessen. Der Mensch schwingt sich auf zu neuen Höhen, auch wenn er zuvor nur Bohle an Bohle reihte, Nagel nach Nagel einschlug. Im Reenactment wurde etwas von dem Faszinosum deutlich, das große Technik, große Infrastrukturen umgibt. Der Schriftsteller E.B. White (1899-1985) hat dies in prägende Worte gefasst: „For almost a hundred years the Iron Horse was America’s Mount; the continent was his range, and the sound his hoofs made in the land was the sound of stability, majesty, punctuality, and success“ (E.B. White, The Railroad [1960, 1962], in: ibid., Essays, New York et al. 1979, 208-221, hier 211). Im Eisenbahnbau kam die USA zu sich selbst, wurden die Vereinigten Staaten geformt. John D. Spreckels Einschlagen des „Golden Spike“ zeigte ihn als Pionier nach der Pionierzeit, als Amerikaner, der seine deutsche Herkunft hinter sich ließ und eine neue gewann.

Uwe Spiekermann, 5. Dezember 2019

Ein Nährpräparat aus Hanf: Zur Geschichte von Maltos Cannabis

Maltos Cannabis ist seit längerem ein Hit auf Hanfaktivistenseiten und bei Interessenverbänden für die Legalisierung von medizinischem Hanf. Grund hierfür ist vor allem das folgende Werbeklischee des schwedischen Herstellers, der Stockholmer Tekniska Fabriken Röda Korset. Es wird fast durchweg ohne Kontextualisierung und Quellenangabe präsentiert (vgl. etwa Status of Hemp Extracts in Europe, EIHA Presse Notes, Brussels 2019, 2). Das mag in den Weiten des Internets nicht unüblich sein. Hier wird Vergangenes offenkundig als Steinbruch und Zierrat genutzt wird, als Konsumgut zur Bestätigung der eigenen Weltsicht – nicht aber als eine irgendwie widerspenstige Quelle mit Eigengewicht.

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Werbemittel für Maltos Cannabis 1894 (Aftonbladet 1894, Ausg. v. 11. Mai, 24)

Schauen wir also genauer hin. Die Bildsprache der Werbezeichnung für Maltos Cannabis ist in der Tat suggestiv und eingängig: Das Leben, symbolisiert von Mutter und Kind, steht gegen den Tod. Erleuchtet durch Kenntnis und Konsum des Präparates, einem mit Malz angereicherten Hanfpräparat, weisen sie den Sensenmann in die Schranken, verbannen ihn aus ihrem Umfeld. Daraus werden meist zwei Konsequenzen gezogen: Einerseits gab es schon im späten 19. Jahrhundert frei verkäufliche Cannabispräparate mit positiven Gesundheitswirkungen. Anderseits handelte es sich bei Maltos Cannabis um ein Nährpräparat, also ein Alltagsprodukt. Ein Sprung zu den vielgestaltigen heutigen Hanfpräparaten liegt dann nahe. Was damals gut war, kann heute nicht schlecht sein. Um die komplexen und sicher nicht mit simplem Ja-Nein zu behandelnden Themen der Hanf- und der Cannabislegalisierung kann es hier nicht gehen. Stattdessen gilt es sich dem Mythos von Maltos Cannabis produktiv zu widmen, also das Produkt, sein Entstehungsumfeld und seine Bedeutung genauer zu analysieren.

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Der Sensenmann als Werbefigur – hier für Münsels Loh-Tanninbäder (Vorwärts 1896, Nr. 131 v. 7. Juni, 15)

Festzuhalten ist erst einmal: Die schwedische, vom US-Ableger der Firma in Chicago, Illinois, auch in englischer Sprache geschaltete Anzeige war keineswegs außergewöhnlich. Sie steht für eine Vielzahl von Annoncen von Anbietern realer oder vermeintlicher Gesundheitsprodukte in den 1890er Jahren und auch zuvor. Die obige Anzeige des Berliner Badanstaltsbesitzers Otto Becker unterstreicht mit dem aus Bad und Leben verbannten Sensenmann ebenfalls die besondere Güte seines Bademittels. Ähnlich agierte das Kloster Walkenried, das den Absatz seines Nordhäuser Kornbranntwein durch ein Bild eines den Schnitter vertreibenden Mönches anzukurbeln glaubte (Illustrirte Zeitung 101, 1893, 7). Das vermeintliche Universalheilmittel Oxydonor „Victory“ der Leipziger Firma Rukin & Albrecht warb ebenso mit einer Kranken, die dem Sensenmann eine Nase zeigte (Lustige Blätter 14, 1899, 11).

Gevatter Hain selbst ist eine alte Figur, bekannt vor allem aus den mittelalterlichen Totentänzen, zugleich eine stete Erinnerung an die Endlichkeit menschlichen Daseins. Im Barock war der Schnitter in Kirchen und Literatur weit verbreitet, während der Romantik galt er als Vanitas-Motiv und zierte vermehrt die Friedhöfe. Diese Traditionslinien wirkten noch Ende des 19. Jahrhunderts. Im Jugendstil wurde der Sensenmann gerne und mit wohligem Schauer gezeichnet. Zu dieser Zeit stand das mobile Skelett aber auch für die alte, durch den Fortschritt der Moderne überwundene Zeit. Wissenschaft und deren Produktkultur verkörperten dagegen das Neue. Sie schlugen dem ubiquitären Tod ein Schnippchen und machten das Leben zunehmend sicherer, zunehmend länger.

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Werbemotiv für Hanfsamenextrakt 1893 (Nya Dagligt Allehanda 1893, Ausg. v. 27. Dezember, 4)

Die einschlägige Werbung von Maltos Cannabis wurde im Frühjahr 1894 geschaltet, dann rasch abgelöst von Textanzeigen mit einem roten Kreuz, dem namensgebenden Signet des Stockholmer Anbieters. Ihr ging eine fast identische Anzeige voraus, in der anstelle des Produktnamens Maltos Cannabis jedoch eine sachliche Beschreibung des beworbenen Produktes stand: „Hanfröextrakt“, also ein aus den Samen des Hanfes gewonnenes Extrakt. Dessen Produktion nahmen die Tekniska Fabriken Röda Korset Anfang Oktober 1893 auf, seit Dezember trat dann Maltos Cannabis erst an dessen Seite und dann an dessen Stelle. Das Bildmotiv war in beiden Fällen lediglich Blickfang einer umfangreicherer Textanzeige: Dort hieß es, dass man eine große Produktionsstätte unter öffentlicher Kontrolle errichtet habe, in der man Hanfsamenextrakt und Maltos Cannabis produziere und in stilvolle Blechdosen verpacke (Aftonbladet 1893, Ausgabe v. 18. Dezember, 8).

Die Stockholmer Tekniska Fabriken Röda Korset baute ihr neues Markenprodukt auf den Vorarbeiten anderer auf. Da war zum einen Paul Petter Waldenström (1838-1917), ein schwedischer Schullehrer, Theologe und zugleich führender Repräsentant der evangelikalen Freikirchenbewegung. Deren Ziel war es, die lutherische Orthodoxie der Staatskirche zu durchbrechen und unter deren Dach zu einem zeitgemäßeren, pietistisch geprägten Protestantismus zu gelangen. Waldenström beschäftigte sich – wie zeitgleich etwa die katholischen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) und Johann Künzle (1857–1945) – mit Naturheilkunde als Grundlage eines einfachen und gottgefälligen Lebens. 1890 empfahl er als Mittel gegen die weit verbreitete Lungentuberkulose den „Waldenströmska vällingen“, den Waldenströmbrei. Dazu wurden Hanfsamen zerkleinert und mit einer etwa gleichen Menge gesiebten Roggenmehls vermischt. Festzuhalten bleibt, dass die in Schweden angebauten Cannabis Sativa-Varietäten damals keine psychoaktive Wirkung entfaltet konnten. Hanfsamenbrei – und auch Maltos Cannabis – hatten mit dem Indischen Hanf und Berauschungsmitteln nichts zu tun. Die ölige Masse wurde jedenfalls in vorgekochte Milch gegeben, etwa ein Esslöffel in einen Liter Milch. Die Menge wurde weiter gekocht und am gleichen Tag verzehrt (E[rik] W[ilhelm] Wretlin, Läkarebok för alla! Hälso- och Sjukvardslära i populär Form, Stockholm s.a. [1893], 105, Anm.). Waldenström knüpfte damit an die bis ins frühe 19. Jahrhundert übliche Nutzung von Hanfsamen in der bäuerlichen Hauswirtschaft an (Johann Georg Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie, T. 21, 2. Aufl., Berlin 1789, 829; Uwe Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfes). Doch Breie und Morgensuppen waren durch das auch in Schweden zunehmend praktizierte Kaffeefrühstück unter Druck geraten. Hanfsuppen konnten sich einzig als diätetisches Hausmittel gegen Durchfall und Harnbeschwerden behaupten (Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 217, 243). In der Kinderheilkunde wurden hanfsamenhaltige Milchsuppen ebenfalls noch eingesetzt.

Waldenströms Hanfsamen-Roggen-Brei wurde offensiv als Heilmittel gegen „lungsot“, also Lungentuberkulose, empfohlen. Seit 1882 wusste man dank der Entdeckungen Robert Kochs (1843-1910) um die Existenz des Tuberkel-Bazillus, doch eine systematischere TBC-Bekämpfung begann in Schweden erst in den frühen 1890er Jahren (Helen Wallstedt und Markus Maeurer, The History of Tuberculosis Management in Sweden, International Journal of Infectious Diseases 32, 2015, 179-182, hier 179). Der Waldenström-Brei traf daher auf beträchtliche Resonanz, auch wenn er keine kausalmedizinischen Wirkungen hervorrufen, sondern einzig der Kräftigung von Kranken dienen konnte. Der Hanfsamenbrei stand dabei in einer langen Reihe von volksmedizinischen Anwendungen und Geheimmitteln, die mangels effizienter Arzneimittel zur Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheit herangezogen wurden. An erster Stelle wäre Fischöl zu nennen, aber auch aus Kälberlungen gewonnener Kälbersaft. Das Kräuterpräparat „Homerania“ gewann Kunden, ebenso Inhalationskuren mit sehr heterogenen Grundstoffen. Und dann kam Waldenström. Ärzte kritisierten den medizinischen Laien und seinen erfahrungsmedizinischen Ansatz. Sie hoben hervor, dass der evangelikale Prediger durchaus guten Willens gewesen sei, als er gemeinsam mit einigen Heilmittelproduzenten und getragen von dem wissenschaftlich klingenden Namen Cannabis auch Hanfsamenpräparate auf den Markt geworfen habe. Diese könne man jedoch nur als „humbug“ (Nägra upplyanlagar om den Waldenströmska vällingen och dess afkomlingar samt om nägra andra mot lungsot rekommenderade populära läkemedel, Arbetet 1894, Ausg. v. 24. April, 3 (auch für die vorhergehenden Angaben)) bezeichnen.

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Vom Brei zum Präparat: Werbung für Hanfsamenextrakt von A.G. Holst 1892 (Norrlandsposten 1892, Nr. 139 v. 2. Dezember 1892, 4)

Damit sind wir im Jahre 1892 angekommen. Waldenströms Brei teilte die Schwächen vieler volksmedizinischer Mittel. Er musste jeweils frisch zubereitet werden und erforderte längeres Kochen. Dem Östersunder „Provisor“ J.L. Hedin gelang es jedoch zwei Jahre nach der Propagierung des Hanfsamen-Roggen-Breies dessen vermeintlich wirkende Essenz zu einem handlichen Pulver zu verarbeiten (Dagens Nyheter 1893, Ausg. v. 25. Oktober, 3). Dieses konnte im häuslichen Bereich einfach zugemengt werden. Damit entfiel die Verarbeitung der Hanfsamen und des Roggenmehls, verringerte sich zudem die Kochzeit der Milch. Es ist kein Zufall, dass dies in Östersund erfolgte. Die in Mittelschweden gelegene Kleinstadt hatte sich nach dem 1879 erfolgten Anschluss an das Eisenbahnnetz rasch zu einem Zentrum der Holzindustrie entwickelt. Der wirtschaftliche Aufschwung führte aber auch zu wachsenden Problemen mit den meist männlichen Zuwanderern. Deren überbürdender Alkoholkonsum wurde von einer kirchlich unterstützten Temperenzbewegung strikt bekämpft. Diese Laiengruppen setzten aber nicht nur auf Verzicht, sondern waren auch Teil einer aktiven Volksgesundheitsbewegung. Sie kritisierte Pharmazeutika, war skeptisch gegenüber den vermeintlichen Zumutungen der modernen Medizin, etwa der Impfung. Stattdessen propagierte sie ein natürliches, unkompliziertes Leben in Einklang mit Gott, der Natur und den von ihr gegebenen Heilmitteln (hierzu detailliert Bosse Sundin, Bland kvacksalvare och godtemplare i 1890-talets Östersund, Gamla Östersund 49, (Jubileumsarsskrift) 1986, hg v. Föringen Gamla Östersund, Östersund 1986, 45-57). Hanfsamenbrei passte hierzu.

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Diffusion der Angebote: Werbung für Barthelsons Hanfsamenextrakt 1892 (Jämtlandsposten 1892, Ausg. v. 15. August, 4)

Auf Basis der Hedinschen Verarbeitungstechnik produzierten ab 1892 in Östersund mehrere Hersteller „Hampfröextrakt“, nämlich die Chemisch-Technische Fabrik (Kem. Tekniska Fabriken) des Östersunder Apothekers A.G. Holst und die Technische Fabrik Rentier (Tekniska Fabriken Renen) von Hedin. Hinzu kamen kleinere Anbieter, etwa J. Barthelson im westlich von Östersund gelegenen Hjerpen (Järpen) (Norrlandsposten 1892, Ausg. v. 6. April, 4; Jämtlandsposten 1892, Ausg. v. 15. August, 4). Absatzziffern fehlen. Doch die beträchtliche Werbepräsenz dieser Anbieter verweist nicht nur auf die unternehmerische Aufgabe, die neuen Produkte bekannt zu machen, sondern auch auf nicht unbeträchtliche Gewinnspannen. Der Absatz erfolgte direkt, per Postversand und über das bestehende Netzwerk von Großhändlern resp. Apotheken und Drogerien (Tidning För Wenersborgs Stad och Län 1893, Nr. 78 v. 29. September, s.p.; Göteborgsposten 1893, Ausg. v. 12. Oktober, 1). Holst eröffnete zudem 1893 eine Fabrikfiliale in der mittelschwedischen Hafenstadt Söderhamn (Söderhamns Tidning 1893, Ausg. v. 11. Oktober, 1; Jämtlandsposten 1894, Ausg. v. 9. März, 4).

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Erik Taflin und das Warenzeichen seiner Firma 1891 (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 203 (l.), Norrlandsvännen 1891, Nr. 127 v. 28. November, 4)

Diese Entwicklungen in der Provinz fanden zunehmend Widerhall in den wenigen großen Städten des schwedischen Königreiches. In Stockholm hatte die 1891 gegründete Technika Fabriken Röda Korset bemerkenswerte Wachstumsraten. Gründer und treibende Kraft war Erik Olof Taflin (1856-1910), ein Kaufmann aus dem mittelschwedischen Sundsvall. 1888 handelte er dort mit Möbeln und Musikinstrumenten, war zudem Repräsentant der Feuerversicherung Tor (Sundsvalls Tidning 1888, Ausg. v. 22. Dezember, s.p.). Doch Produktion und Handel mit Heilmitteln waren offenbar lukrativer. Es ist unsicher, ob die hagiographische Darstellung seines Lebensweges in den Unterlagen zum Börsengang seiner Firma 1896 zutrifft. Demnach war er in ärmlichen Verhältnissen in Tafnäs in Ostjemtland aufgewachsen, besuchte eine Handelsschule und arbeitete bis 1886 in einer Lebensmittelgroßhandlung in Sundsvall. Danach habe er einige Zeit in England verbracht (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 201). Taflin knüpfte währenddessen internationale Geschäftsbeziehungen, aus denen 1887 der Import des Rheumamittels Amerikanischer Samariterbalsam resultierte. Seine Stockholmer Firma produzierte und vertrieb von Beginn an weitere in- und ausländische Geheimmittel: Brustkamellen, Professor Downes Gesundheitsalz, Aseptika, Tannennadelöl, Zahnpulver sowie Fleckenentferner und Insektenpulver – das Angebot war breit und deckte zahlreiche Problemfelder des Alltags ab (Stockholmstidningen 1892, Ausg. v. 27. Februar, 4; Sundsvalls Tidning 1893, Ausg. v. 12. Oktober, 4). Außergewöhnlich war die Vermarktung, wurde Taflin doch binnen weniger Jahre „Schwedens größter Werbetreibender“ (Enköpingsposten 1896, Ausg. v. 18. Februar, 3) – in einem allerdings recht rückständigen Werbemarkt. 1894 betrug der Umsatz in Schweden nach eigenen Angaben 290.000 Kronen, also mehr als 2,1 Millionen Euro (Sveriges industri. Dess stormän och befrämjare, Bd. 2, hg. v. Herman A. Ring, Stockholm 1907, Bl. 201. Umrechnung nach https://www.historicalstatistics.org/Currencyconverter.html). Röda Korset expandierte parallel auch ins europäische Ausland und in die USA und präsentierte seine Produkte auf führenden Ausstellungen in der westlichen Welt (Amerikanska Posten 1893, Ausg. v. 23. Dezember, 28; Nya Dagligt Allehanda 1893, Nr. 300 v. 27. Dezember, 4. Einen Überblick der gewonnenen Preise enthält Aftonbladet 1897, Ausg. v. 19. Oktober, 4). Die errungenen Auszeichnungen dienten dann wiederum der Werbung, galten sie doch als Ausdruck hochwertiger Heilmittel. Zugleich verwies man stetig auf jede noch so unbedeutende Erwähnung durch ausländische Wissenschaftler, unterstrich damit die Heilkraft der eigenen Produkte (vgl. die lange Liste in Falköpings Tidning 1896, Ausg. v. 14. 11., 3).

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Hanfsamenextrakt gegen Lungen- und Organkrankheiten (Aftonbladet 1893, Ausg. v. 5. Oktober, 4)

Im September 1893 erweiterte Röda Korset das Sortiment um Hanfsamenextrakt, wobei man auf Hedins Verfahren zurückgriff (Stockholmstidningen 1893, Ausg. v. 14. September, 4; Aftonbladet 1893, Ausg. v. 21. September, 4; Eskilstunakurien 1893, Ausg. v. 28. September, 4). Analog zu den anderen Anbietern versprach die Firma Hilfe auch bei gemeinhin als unheilbar geltenden Krankheiten. Haupteinsatzfeld waren innere Krankheiten, daneben unterstrich die Werbung die stärkende und wiederherstellende Kraft des Mittels (Nya Dagligt Allehanda 1893, Ausg. v. 7. Oktober, 4). Doch das bestehende Interessengeflecht barg beträchtliche Tücken, die rasch zu Vorwürfen durch den Östersunder Produzenten Holst führten: Röda Korset plagiiere und habe lediglich ein nachgemachtes Präparat auf den Markt gebracht. Dies führte zu einer hier nicht zu schildernden scharfen öffentlichen Kontroverse um den „echten“ Hanfsamenextrakt (Mot bättre vetande, Aftonbladet 1893, Ausg. v. 31. Oktober, 4). Daraus resultierte eine Diversifizierungsstrategie, folgte im Dezember 1893 das neue Produkt Maltos Cannabis. Es wurde zeitgleich in Schweden und den USA eingeführt (Barometern 1893, Ausg. v. 13. Dezember, 3; Aftonbladet 1893, Ausg. v. 18. Dezember, 8; Amerikanska Posten 1893, Ausg. v. 23. Dezember, 28).

Mit Maltos Cannabis setzte Röda Korset auf ein seit mehr als drei Jahrzehnte bestehendes Erfolgsrezept. Angeführt von dem seit den frühen 1860er Jahren vertriebenen Malzextrakt des Berliner Unternehmers Johann Hoff (1826-1887) – über den ich eine Publikation vorbereite – dienten Malzpräparate vor allem der Stärkung von Kranken und Genesenden. Malz war einfach resorbierbar, hatte einen als angenehm empfundenen Geschmack: Liebigs Malzsuppe war beispielsweise ein Pionier der wissenschaftlichen Säuglingsernährung (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 91-93). Malz wurde mit fast allen Mineralstoffen und Eiweißstoffen gemischt, mit Kakao und Süßwaren und nun auch mit Hanfsamen.

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Sachlich-narrative Werbung für Maltos-Cannabis nach der Produkteinführung (Kalmar 1894, Ausg. v. 5. Mai, 3)

Die Tekniska Fabriken Röda Korset propagierten ihr neues Hanfpräparat mit vergleichsweise sachlichen Anzeigen. Erst einmal wurde das Produkt erklärt: Dazu diente ein ausführlicherer Artikel des Stockholmer Arztes Henrik Berg in einer populären Gesundheitszeitschrift, auf den dann in Anzeigen wieder und wieder eingegangen wurde (Henrik Berg, Maltos-Cannabis, ett svenskt hälso- och dietmedel, Trollhättans-Tidning 1894, Ausg. v. 16. März, 4; Kristrinehamns-Tidningen 1894, Ausg. v. 29. März, 3). Für ihn waren weder Waldenströms Brei noch der Hanfsamenextrakt wirkliche Heilmittel, da sie aufgrund ihres Geschmackes schon nach kurzer Zeit Widerwillen hervorrufen würden. Dies änderte sich mit der neuen Zubereitung, denn der hinzugefügte Malzzucker (mit einem Anteil von mehr als 30 %) überdeckte den Geschmack der Hanfsamen. Zugleich handelte es sich um leicht resorbierbare und – so die damals noch häufig geteilte Fehleinschätzung – direkt in Fett umwandelbare Kohlehydrate, die für die Rekonvaleszenz zentral seien. Zusammen mit dem hohen, etwa 15 % betragenden Fettanteil der Hanfsamen sei Maltos Cannabis ein wohlschmeckendes Substitut für das früher genommene, widerwärtig schmeckende Fischöl (also Lebertran). Das Präparat war einfach zuzubereiten, mussten doch ein bis zwei Esslöffel lediglich in einem halben Liter Wasser aufgekocht werden. Aus dem Brei wurde also ein Milchgetränk, aus dem frühen Hanfsamenpräparat ein Convenienceartikel. Für Leckermäuler – und Kinder – bot Röda Korset zudem Kakao-Maltos Cannabis an, eine Mischung des neuen Hanfsamenpräparates mit einem Drittel Kakao. Dies unterstrich die Marktpositionierung als Gesundheitsgetränk.

Wie bei vielen Malzpräparate früherer Zeit handelte es sich bei Maltos Cannabis um ein patentiertes Markenprodukt, das in Blechdosen vertrieben wurde. Die latinisierte Bezeichnung hob es von üblichen sachlichen Produktbeschreibungen ab, band es auch nicht mehr direkt an einen Erfinder, einen Hersteller. Damit gewann es eine neue, gleichsam eigenständige Produktqualität, die später von anderen Herstellern genutzt werden sollte. Das Produkt selbst war ein gelblich-weißes Pulver „von anfangs salzigem, nachher süsslichen und zuletzt kratzendem und bitterem Geschmack“ (J[onathan] Mindes, Manuale der neuen Arzneimittel, 3. neu bearb. Aufl., Zürich 1898, 218. Analog Virgil Coblentz, The new remedies, 3. Aufl., Philadelphia 1899, 86). Es konnte der Nahrung auch beigemischt werden, ebenso als Suppenzusatz dienen. Maltos Cannabis war ein Nährmittel, das gleichsam nebenher der Stärkung und Heilung von Lungenkranken diente, das auch gegen Brustkatarrahe und Bronchitis helfen sollte. 1893 wurde es von dem Stockholmer Handelschemiker John Landin (1861-1920) genauer analysiert. Die Ergebnisse wurden über Anzeigen verbreitet und unterstützten die wissenschaftliche Aura der Hanfsamenpräparates (Norrbottensposten 1894, Ausg. v. 12. April, 4; Göteborgs Aftonblad 1894, Ausg. v. 21. April, 3). 1895 ergab eine Sekundäranalyse des Utrechter Pharmakologen Hendrik Wefers-Betting (1843-1921) allerdings deutlich niedrigere Malzzucker- und Hanfölgehalte: Sie lagen bei 22,2 % resp. 10,2 % (Ueber Maltos. Canabis [sic!], Pharmazeutische Zeitung 40, 1895, 407). Die Zusammensetzung von Maltos Cannabis variierte also nicht unbeträchtlich.

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Werbung für Holsts Extractum Maltos cum Cannabe 1894 (Nerikes Allehanda 1894, Ausg. v. 12. Mai, 4)

Gleichwohl setzte Röda Korset mit seinem neuen Produkt einen neuen Standard. Die Zahl einfacher Hanfsamenextrakte ging ab 1894 deutlich zurück – zumindest, wenn die Anzahl der Anzeigen in den damaligen schwedischen Tageszeitungen ein genauer Indikator ist. An seine Stelle traten nun Substitute für Maltos Cannabis, an erster Stelle Holsts Extractum Maltos cum Cannabe. Dessen Werbung griff auch die visuelle Herausforderung der frühen Bildanzeigen von Röda Korset produktiv auf. Die genauen Markt- und Absatzverhältnisse konnten leider nicht rekonstruiert werden. 1895 und 1896 nahm die Werbeintensität jedenfalls ab, zudem traten Bildanzeigen deutlich in den Hintergrund. Dies kann bedeuten, dass lediglich noch Erinnerungswerbung geschaltet wurden, da die neuen Präparate bekannt und etabliert waren. Wahrscheinlicher ist jedoch ein reales Abflachen des Absatzes, handelte es sich bei den Hanfsamenpräparaten doch um Geheimmittel, die Lungentuberkulose nicht bekämpfen konnten. Darauf deutet auch ein dramatischer Bruch bei Röda Korset hin. Zum einen führte das Wachstum und auch die Gründung neuer Niederlassungen in Göteborg und Malmö zu erhöhtem Kapitalbedarf (Göteborgs Aftonblad 1896, Ausg. v. 1. Oktober, 1; Sydsvenska Dagbladet 1896, Ausg. v. 22. Oktober, 4). 1896 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 300.000 Kronen umgewandelt (Stockholmstidningen 1896, Aug. v. 6. März, 2; ebd., Ausg. v. 11. April, 2; Aftonbladet 1896, Ausg. v. 17. April, 4). Zum anderen begann das Unternehmen Maltos Cannabis durch ein neues Nährsalzprodukt, Närsalt-Maltos, zu ersetzen (Enköpingsposten 1896, Ausg. v. 18. Februar, 3). Erik Taflin hatte im Herbst 1895 das Dresdener Sanatorium Weißer Hirsch besucht und sich intensiv mit der Dysämie-Theorie Heinrich Lahmanns (1860-1905) auseinandersetzt (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 216-218). Die wichtigsten Krankheiten ließen sich demnach durch eine richtige Mischung der Mineralstoffe (also der Nährsalze) verhindern. Lahmann entwickelte daraus eine zivilisationskritische Theorie der Blutentmischung und Blutentartung durch die Entmineralisierung der Alltagskost. Sie ist ein nicht unwichtiges Zeitdokument, jedoch ohne physiologische Fundierung (Heinrich Lahmann, Die diätetische Blutentmischung (Dysämie) als Grundursache aller Krankheiten, 7. verm. Aufl., Leipzig 1897). Während Nährsalzpräparate in Deutschland seit den frühen 1890er Jahren eine nicht zu unterschätzende Marktbedeutung hatten, dürfte die Resonanz in Schweden deutlich verhaltener gewesen sein – auch wenn Röda Korset und Henrik Berg die Werbetrommel dafür intensiv schlugen (Aftonblad 1896, Ausg. v. 6. März, 4; Svenska Dagbladet 1897, Ausg. v. 22. April, 4). Wichtig war, dass die Nährsalze nun die Hanfsamen verdrängten. Das Hanfpräparat trat in den Hintergrund, da die naturheilkundliche Begründung durch die Naturheilkunde überholt worden war.

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Sortimentswerbung von Röda Korset 1898 (Göteborgs Aftonblad 1898, Ausg. v. 17. Oktober, 4)

Maltos Cannabis wurde weiterhin produziert, trat aber in der ohnehin deutlich zurückgefahrenen und immer stärker auf Einzelprodukte ausgerichteten Werbung kaum mehr hervor (Ausnahmen bilden Korrespondenten 1899, Ausg. v. 25. Februar, 3; Aftonbladet 1899, Ausg. v. 2. März, 4; Söderhamns Tidning 1899, Ausg. v. 6. März, 4. Zum Sortiment s. Parti-preiskurant fran Aktiebolaget Tekniska Fabriken Röda Korset, Stockholm 1899). Dies ging einher mit wachsenden ökonomischen Schwierigkeiten der Technika Fabriken Röda Korset. Obwohl die Firma zahlreiche neue Produkte auf den Markt brachte – etwa den Fruchtnektar Freya – und die breite Produktpalette der Anfangszeit weiter abdeckte, sanken die Erträge dramatisch (Trelleborgstidningen 1901, Ausg. v. 28. Oktober, 2). Am 5. Februar 1902 musste die Firma Konkurs anmelden (Stockholmstidningen 1902, Ausg. v. 7. Februar, 2).

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Werbung für Hedins Hanfsamenextrakt 1904 (Östersundenposten 1904, Ausg. v. 15. Februar, 1)

In Schweden wurden auch danach Maltos Cannabis produziert, beworben und abgesetzt. Es stammte allerdings nicht mehr von Röda Korset, sondern vom langjährigen Mitbewerber, den Chemisch-Technischen Fabriken von Apotheker Holst in Östersund (Aftonbladet 1903, Ausg. v. 24. Januar, s.a.; Smalandsposten 1903, Ausg. v. 14. Februar, 4; Hallandsposten 1903, Ausg. v. 23. Februar, 4. Vgl. schon zuvor Jämtlandsposten 1899, Ausg. v. 28. April, 4). Auch Hanfsamenextrakt wurde in Schweden weiter vermarktet (Norrlandsposten 1903, Ausg. v. 5. Februar, 2; ebd., Ausg. v. 14. Februar, 4).

Maltos Cannabis war zwischen 1893 und etwa 1898 ein auch international erfolgreicher Markenartikel. Das Präparat wurde in Schweden (und damit Norwegen), Finnland, Dänemark, den Niederlanden, Russland, Griechenland, der Schweiz, den USA und wohl auch darüber hinaus angeboten (vgl. etwa St. Petersburger Medicinische Wochenschrift 21, 1896, 42; The Lindsborg News Record 1895, Ausg. v. 4. Januar, 2; Rotterdamsch Niewsblad 1895, Nr. 5454 v. 23. Dezember, 3; Hufvudstadsbladet 1905, Nr. 203 v. 30. Juli, 12). In diesen Staaten gründete man teils eigene „Fabriken“, so etwa in Utrecht und Chicago. Das Eiweißpräparat wurde auch in Deutschland eingesetzt, zumal nachdem der Berliner Mediziner Hermann Senator (1834-1911) seinen Einsatz in der Kinderheilkunde 1895 empfohlen hatte (Skaffaren 1895, Ausg. v. 6. März, 3. Empfehlungen für mit Maltos Cannabis angereicherte Milchsuppen enthält I[mmanuel] Munk und C[arl] A[nton], Ernährung des gesunden und kranken Menschen, 3. verb. Aufl., Wien/Leipzig 1895; Ernst von Leyden und Georg Klemperer (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, 2. umgearb. Aufl., Bd. II, Leipzig 1904, 102). Maltos Cannabis stand für einen Konsumtransfer schwedischer Produkte in die neue Welt, wurde in den schwedischsprachigen Einwandererzeitungen in den nördlichen Staaten der USA mehrere Jahre beworben (vgl. etwa Fergus Falls Ugeblatt 1894, Ausg. v. 7. November, 3; Fergus Falls Ugeblatt 1894, Nr. 680 v. 5. Dezember, 3; Minnesota Stats Tidning 1896, Nr. 6 v. 5. Februar, 5; Skaffaren 1895, Ausg. v. 25. September, 2). Auch englischsprachige Werbeanzeigen lassen sich nachweisen, doch ist unklar, wie lange das Nährmittel in den USA angeboten wurde (Chicago Daily Tribune 1895, Ausg. v. 1. April, 3). In den Niederlanden wurde Maltos Cannabis noch 1905 angeboten, in Schweden bis zumindest 1921 (Hufvudstadsblad 1905, Nr. 207 v. 3. August, 8; Svensk farmaceutisk tidskrift 24, 1921, 195). Auch wenn die Unternehmensgeschichte der Techniken Fabriken Röda Korset nicht lang währte, gelang der Firma doch eine profitable internationale Vermarktung eines Hanfnährpräparates vor den Cannabisverboten in den späten 1920er und 1930er Jahren. Als solches war Maltos Cannabis jedoch eine seltene Ausnahme.

Das schwedische Nährpräparat spiegelt das doppelte Verschwinden des Hanfes im langen 19. Jahrhundert. Es war einerseits eine auch medizinisch genutzte Speise aus Hanfsamen. Als Alltagskost verschwand diese in Mitteleuropa – von wenigen Ausnahmen abgesehen – schon im frühen 19. Jahrhundert, während sie sich im Osten und Norden Europas in ländlichen Gebieten noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts halten konnten. In Schweden griffen Naturheilkundler diese Tradition im späten 19. Jahrhundert auf, boten damit Heil- und Geheimmittelproduzenten Marktchancen. Sie transformierten mittels moderner Trocknungstechnik eine tradierte Speise in ein neuartiges Nährmittel und dann in einen gezielt beworbenen Markenartikel. Doch just in diesem neuen Gewande wurde die tradierte Hanfspeise schon nach wenigen Jahren durch gesüßte und besser schmeckende Nährsalzpräparate abgelöst. Maltos Cannabis steht damit für die schon lange vor den staatlichen Cannabisverboten einsetzenden Abkehr vom landwirtschaftlich genutzten Hanf und daraus bereiteten Nahrungsmitteln.

Zugleich war Maltos Cannabis – analog zu der großen Zahl medizinischer Cannabispräparate – eines der vielen im späten 19. Jahrhundert noch angebotenen Heilmittel aus Hanf (Uwe Spiekermann, Cannabispräparate). Doch als solches war es ein Übergangspräparat von revitalisierten volksmedizinischen Anwendungen hin zu leistungsfähigeren Heilmitteln und Therapien. Grund hierfür war nicht das kurz zuvor entwickelte und ebenfalls unwirksame Tuberkulin Robert Kochs, sondern der Aufbau einer in Ansätzen durchaus wirksamen Therapie und Prävention der Lungentuberkulose auf Basis der Bakteriologie. Als Heilmittel nicht wirksam, mutierten Hanfsamenextrakte wie Maltos Cannabis rasch zu Kräftigungsmitteln, ehe sie vom Markt verschwanden. Wer hofft, dass Nährpräparate aus Hanf heutzutage große Marktchancen haben, dem bietet die Geschichte von Maltos Cannabis eher Ernüchterung.

Uwe Spiekermann, 14. November 2019

Zwischen Arznei und Geheimmittel: Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert

Hanf war im 19. Jahrhundert eine in ganz Europa angebaute Nutzpflanze, die in der bäuerlichen Hauswirtschaft und der gewerblichen Wirtschaft allüberall verwandt wurde: Hanf lieferte Faserstoffe, wurde zu Geweben und Garnen, zu Seilen und Segelzeug, zu Hartfilz und Säcken verarbeitet. Die Samen dienten der Ölgewinnung, erhellten dann in Öllampen die Stube, dienten der Herstellung von Seifen, Ölfarben und Firnis. Im 18. Jahrhundert fanden sie den Weg in die Küche, waren auch Heilmittel. All dies geriet im langen 19. Jahrhundert in den Mahlstrom von Industrialisierung und Globalisierung. Hanf, genauer der heimische Cannabis Sativa, verschwand in deutschen Landen lange bevor er Teil einer sich erst entwickelnden Anti-Drogenpolitik wurde.

Der Niedergang des heimischen Hanfanbaus war jedoch von einer kurzen, von ca. 1840 bis ins frühe 20. Jahrhundert reichenden Präsenz des Indischen Hanfes begleitet. Sie war ein Elitenprojekt, getragen von Pharmazeuten, Chemikern und Medizinern. Ihr Interesse richtete sich einerseits auf die Wirkmechanismen des im Nahen Osten, in Indien und Nordafrika aus dem dortigen Hanf hergestellten Haschisch. Anderseits zielten die Experten auf neue Anwendungen im rasch wachsenden Gesundheitsmarkt. Präparate aus Cannabis Indica sollten nicht allein das inkriminierte Opium ersetzen, sondern auch neue Märkte erschließen. Während die sperrige, ca. zwei Meter hohe und arbeitsintensive heimische Faserpflanze durch billigere koloniale Substitute und neue Werkstoffe verdrängt wurde, stieg davon unberührt das Interesse an den Inhaltsstoffen des fremden Hanfes. Dies war Teil eines intensiven Ausgriffs auf die botanischen Reichtümer peripherer und zunehmend kolonial beherrschter Regionen. Naturwissenschaftliches Wissen konnte deren stoffliche Essenz handhabbar machen, versprach Markterfolge. Die Neugier der Forscher ging Hand in Hand mit dem Ertrag der Tüftler. Und mehr noch: Cannabis stand im Ruf, zu harten, anhaltenden Arbeiten zu befähigen, Schmerzen zu stillen und Wetterunbilden besser zu vertragen. [1] Mochte sein Konsum in Nordafrika, dem Nahen Osten und in Indien auch eher für eine vermeintliche Kultur der Faulheit stehen, so schien es doch möglich, die Essenz des Hanfes für die sich ausbreitende industrielle Arbeitsgesellschaft zu nutzen.

Der eigentliche Bruch hin zur medizinischen Nutzung des Indischen Hanfes erfolgte in den 1840er Jahren – lang zurückreichenden Kenntnissen über die Cannabiskultur der Anderen zum Trotz. Er gründete auf Erfahrungsberichten englischer und auch französischer (Kolonial-)Experten, die nun in der klinischen Praxis und dem sich neu etablierenden Laboratorium ausgetestet und überprüft wurden. Derweil traten volksmedizinische und humoralpathologische Anwendungen des heimischen Hanfes in den Hintergrund. Das Haschisch hatte den Charme des Rausches, also den einer offenkundigen Wirkung. Sie einzuhegen und dann gezielt zu nutzen war attraktiver als eine grundsätzlich ebenfalls denkbare Analyse der gering eingeschätzten Heilwirkungen der heimischen Hanfpflanze. Die Folge war ein kurzer Boom erster Cannabispräparate in einem kaum regulierten Marktumfeld. Aus Bayern hieß es 1852: „Der Extract. Cannabis indicae wird jetzt auch in England, Frankreich und in einigen deutschen Städten ächt bereitet und von den Aerzten beliebig in Pillen, Tropfen oder Latwergen verabreicht. Als Narcoticum, leicht berauschendes Mittel, mag es seinen Werth haben, möglich, daß es in größerer Gabe auch krampf- und schmerzstillend wirkt.“ [2]

Bei diesen frühen Cannabispräparaten handelte es sich meist um Apothekerzubereitungen. Die Rohware stammte aus sehr unterschiedlichen Quellen. Angesichts der individuell höchst unterschiedlichen Wirkungen des Haschisch und der fehlenden Kenntnis von Wirkstoffen und Wirkmechanismen gründeten die Präparate auf Erfahrungswissen, teils aus Reiseberichten, teils aus Selbsterfahrungen, zunehmend aber auch auf chemischen und pharmakologischen Tests. Eine rasch wachsende Zahl von Patientenberichten half bei der Dosierung und erlaubte die Eingrenzung möglicher Anwendungsfelder. In den frühen 1850er Jahren nahm der Apotheker Carl Stutzbach (1789-1871) in Hohenmölsen, dann aber vor allem die kurz zuvor in Darmstadt gegründete Firma E. Merck die Produktion von Cannabisextrakten auf. Sie setzten indirekte Standards, boten Referenzen, schufen ansatzweise Verlässlichkeit. Sie dienten dann, meist noch durch Apotheker, zur lokalen Produktion von Hanföl (für Einreibungen), Opodeldok (gegen Rheumatismen) und Hanfchloroform (zum Inhalieren). Auch Hanfbutter wurde hergestellt, Stutzbach mischte zudem „Deutsches Hanfkraut“ zum Rauchen. [3] Doch noch dominierten Apotheker mit individuellen Rezepturen den Markt. 1860 bedeutete dies beispielsweise „für den inneren Gebrauch das gepulverte Hanfkraut, in Pillen- oder Pulverform, pulverisierte Haschischstückchen aus dem Orient bezogen […], harziges Hanf-Extract in Pulver- und Pillenform […], Hanfharz-Tinctur […], Hanfharz-Emulsion.“ [4] Auch Churrus war grundsätzlich erhältlich.

Nach dieser Findungsphase begann die Eingliederung der Cannabispräparate in den staatlich regulierten Arzneimittelmarkt, Ausfluss des obrigkeitlichen Gesundheitsschutzes der frühen Neuzeit. Im preußischen Arzneibuch von 1861 fanden sie ihren Platz. [5] Auch das 1872 veröffentlichte erste reichseinheitlichen Arzneibuch enthielt die dann gängigen Präparate, nämlich Extractum Cannabis Indicae – Indischer Hanfextrakt, Fructus Cannabis – Hanfsamen, Herba Cannabis Indicae – Indischer Hanf und Tinctura Canabis Indicae – Indischhanftinktur. [6] Sie wurden in Pillenform, vornehmlich aber in Alkohollösung verabreicht und dienten als Narkotikum und Schlafmittel, wurden gegen Asthma eingesetzt und waren entspannend. [7] Diese Hanfpräparate mussten in jeder Apotheke vorrätig sein. [8] Sie waren Ausgangspunkt für weitere Anwendungen, die anfangs in Apotheken, zunehmend aber auch von pharmazeutischen Firmen erstellt wurden. [9] Zugleich durften Apotheken Indischen Hanf weiterverarbeiten, doch dies diente fast nur der arzneilichen Verwendung, also der Arbeit auf ärztliches Rezept. [10] Er war verschlossen in einem Giftschrank unterzubringen, über die Bestände musste detailliert Rechenschaft gegeben werden. Die damalige Arzneiverordnungslehre setzte all dem einen gewissen Rahmen, der jedoch durch Forschung und dann auch neue Produkte erweitert werden konnte. [11] Die teils um das mehr als Zehnfache differierenden Dosierungsvorschläge unterstreichen jedoch eine beträchtliche Unsicherheit im Umgang mit Hanfpräparaten. Sie führten zu einer eher langsamen Marktentwicklung, waren sich die Anbieter doch möglicher Schädigungen durch Fehldosierungen durchaus bewusst. [12] Entsprechend fehlten Hanfextrakt und Hanftinkturen auch im internationalen Verzeichnis der heroischen Arzneimittel. [13]

Im Folgenden wird es in natürlich nur groben Zügen um die Entwicklung unterschiedlicher Marktsegmente gehen. Cannabispräparate waren Teil des Gesundheitsmarktes des langen 19. Jahrhunderts, fanden einen Platz als Heil- und Nährmittel. Am Beginn stehen, im deutschsprachigen Rahmen, pharmazeutische Produkte, also die eigentlichen Arzneimittel. Zweitens gilt es sich am Beispiel der „Asthmazigaretten“ (international) vermarkteten Markenartikeln zu widmen. Als Geheimmittel fanden sie rasch ihr Publikum, standen jedoch auch unter stetem Druck nachfragender staatlicher Kontrollinstanzen. Das galt vor allem für Mitteleuropa, wo Rauchwaren nicht nur im Deutschen Reich rechtlich als Nahrungs- und Genussmittel galten. Drittens zeigt die an anderer Stelle untersuchte Geschichte des Nährpräparates „Maltos Cannabis“ den Wandel eines als Hanfsamenextraktes entwickelten Heilmittels zu einem dann ebenfalls international vermarkteten Nahrungsergänzungsmittel. In allen drei Sektoren waren Cannabispräparate integrale Elemente eines sich im späten 19. Jahrhundert erweiternden und ausdifferenzierenden Gesundheitsmarktes. Während der einheimische Hanf seine Stellung als Alltagsrohstoff verlor, verlor der Indische Hanf seinen exotischen Charme und wurde zeitweilig Grundstoff der sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden pharmazeutischen Industrie.

Cannabis in pharmazeutischen Produkten

Cannabis war ein unsicheres Kraut. Die Herkunft der Haschischpräparate war häufig unklar, Standardisierungen gab es nur indirekt. Zwischen 1840 und 1860, also vor dem raschen Aufschwung der Bakteriologie und Pharmazie, wurde es zur Bekämpfung zahlreicher Krankheiten eingesetzt, doch nur in wenigen Fällen konnte man kausale Heilwirkungen konstatieren. Der Entwicklung pharmazeutischer Produkte waren somit enge Grenzen gesetzt. [14] Hinzu kam, dass Cannabis, wie zahlreiche andere neue Pflanzenstoffe aus kolonialem Umfeld, weder ein klares stoffliches Profil besaß, noch klare Anwendungsgebiete. Als die pharmazeutische Industrie an Bedeutung gewann, in den 1870er Jahren, hatte sich das Einsatzspektrum schon gelichtet, galt er doch als „ein Harnwerkzeug-, Lungen-, Geschlechts- und vorzügliches Augenmittel.“ Doch das Pröbeln zielte noch auf deutlich mehr Beschwerden und Krankheiten. Verwandt wurde Cannabis, „1. bei Ermüdung nach starken Fußreisen, 2. beim beschwerlichen Urinlassen (Strangurie), 3. bei Nieren- und Blasenentzündung und beim Blutharnen, 4. bei skrophulösen Hornhauttrübungen, 5. bei Lungenentzündung, die man sich durch rasches Gehen zugezogen hat, 6. im Wadenkrampf, 7. im Typhus, der nach Cholera entsteht.“ [15]

Am Anfang der Arzneimittelentwicklung stand die Firma E. Merck in Darmstadt. Seit den frühen 1850er Jahren führender Anbieter von Cannabispräparaten in Mitteleuropa, entwickelten deren Pharmazeuten in den 1880er Jahren neuartige Angebote: Den Anfang machte 1882 das Cannabium tannicum, 1884 folgte das Cannabinon, 1889 dann das Cannabin. Sie waren allesamt noch keine Arzneimittel modernen Typs, kombinierten also noch nicht chemisch und physiologisch klar definierte Wirkstoffe, eine standardisierte Zusammensetzung und eine (erst 1894 rechtlich abgesicherte) Markenidentität. Sie waren vielmehr Pharmazeutika auf der Suche nach Anwendungsfeldern. [16] Dies entsprach der damaligen chemischen Kenntnis des Indischen Hanfes: Unter Cannabinon verstand man einen braunen Weichharz, Cannabin war ein Glykosid, galt als Essenz des Haschisch. [17] Anders ausgedrückt: Die durch eine ausdifferenzierende Forschung isolierten Stoffgruppen wurden zu Pharmazeutika verdichtet und vermarktet. Einmal angeboten, veränderte man dann die Zusammensetzung der Präparate, näherte sich dergestalt möglichen Anwendungen. Merck verbesserte Cannabium tannicum beispielsweise 1886, „so dass das Medicament nunmehr als ein kräftiges und doch milde wirkendes Schlafmittel betrachtet werden kann.“ [18] Es wurde dann auch international vermarktet. [19] Emanuel August Merck (1855-1923) knüpfte damit an länger zurückreichende und von seinem Vater geförderte Forschungen des Fürther Mediziners Georg Fronmüller (1809-1889) an. Dessen umfangreiche klinische Studien in den 1850er und 1860er Jahren zeigten die Chancen, aber auch die Grenzen von Cannabis Indica als Schlafmittel recht präzise auf. [20] Angesichts möglicher Überdosierungen durfte das Mercksche Medikament seit 1890 jedenfalls nur noch in Apotheken verkauft werden. [21]

Typisch für die Merckschen Präparate war ihr Endproduktcharakter. Cannabium tannicum war eine Art Blackbox, „über dessen chemische Natur, ja sogar über dessen Bereitungsweise bisher ebenfalls nichts Näheres bekannt ist.“ [22] Es war kein standardisiertes Präparat, sein Aussehen variierte zwischen gelblich und bräunlichgrau. Der Geschmack war bitterlich, zusammenziehend, es roch schwach nach Hanf. Noch nach dem Ersten Weltkrieg mutmaßten Pharmazeuten über die genaue Herstellung, auch wenn grundsätzlich klar, wie Merck vorging: „Indischer Hanf wird durch Destillation mit Wasserdämpfen das ätherische Oel entzogen, derselbe alsdann mit Wasser ausgezogen und der Auszug mit Gerbsäure gefällt.“ [23] Cannabium tannicum diente jedenfalls als ein leichtes Schlafmittel, Merck empfahl es auch als Beruhigungsmittel sowie bei „Hysterie, Delirium tremens und nervöser Schlaflosigkeit.“ [24] Cannabinon wirkte demgegenüber deutlich stärker, Durchschnitts- und Maximaldosen waren entsprechend niedriger. [25] Es handelte sich nicht um Pulver, sondern einen bei Wärme „dickflüssigen, braunen, in dünnen Schichten klaren durchsichtigen Balsam von starkem aromatischen Geruch und scharf bitterem, etwas kratzigen Geschmack“ [26]. Cannabinon wurde aus den Spitzen von Cannabis indica hergestellt. Cannabin diente vor allem als Grundstoff sowie als Beruhigungsmittel. [27]

Die Merckschen Präparate sind ein Beispiel für die wachsende Angebotspalette früher Vorreiterunternehmen im Geschäft mit Indischem Hanf. Ähnliche Profile finden sich bei dem 1880 gegründete Londoner Pharmaziehersteller Bourroughs, Wellcome & Co. und den US-Firmen E.R. Squibb (Brooklyn, Gründung 1858), Parke, Davies & Co. (Detroit, 1866) und Eli Lilly & Co. (Indianapolis, 1876). Schweizer Firmen folgten mit gewissem zeitlichem Abstand. In diese Reihe gehörte auch das 1875 in St. Louis von Cullen Andrews Battle (1848-1909) gegründete Unternehmen Battle & Co., Hersteller starker Markenartikel, darunter auch das Opiumpräparat Papine. 1886 begann die Produktion des Schlafmittels Bromidia, das sich in den USA und in Großbritannien rasch erfolgreich etablieren konnte. Wohl seit Anfang der 1890er Jahre war es auch in Österreich und dem Deutschen Reich erhältlich und wurde dort – anders als die Merck-Präparate – breit beworben. [28]

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Werbung für das hanfextrakthaltige Schlafmittel Bromidia 1893 (Deutsche Medicinische Wochenschrift 19, 1893, Nr. 24, Beil.)

Das süße alkoholhaltige Mittel bestand vor allem aus Chloralhydrat und Kaliumbromid, doch enthielt es auch geringe Mengen Hanf- und Bilsenkrautextrakt. [29] Die schlafbringende Wirkung resultierte vornehmlich vom seit 1873 produzierten synthetischen Chloralhydrat, nicht aber vom Hanfextrakt. Es blieb jedoch strittig, ob die Inhaltsangaben der Firma präzise waren, da es Apothekern nicht gelang, das eingängig schmeckende Präparat im Nachklang darzustellen. Analysen ergaben 1894 und 1905, dass Bromidia keinen Hanfextrakt enthielt – die Mehrzahl aber bestätigte den marginalen Zusatz. [30] Die Rezepturen lokaler Apothekervereine, gedacht zum sicheren Ersatz des US-Medikaments, enthielten jedenfalls durchweg Hanfextrakt, wenngleich in meist geringeren Anteilen als in der Produktwerbung. [31] Bromidia geriet jedoch nicht wegen der schwankenden Zusammensetzung ins Visier der Regulierungsbehörden, sondern aufgrund der nicht unbeträchtlichen Suchtgefahr, dem sog. Chloralismus. [32] Das verschreibungspflichtige Bromidia konnte zwar weiter vertrieben werden, doch es wurde 1907 Geheimmitteln gleichgestellt, so dass es nicht mehr öffentlich beworben werden durfte. [33]

Zu dieser Zeit standen cannabishaltige Schlafmittel jedoch durch die ersten Barbiturate unter wachsendem Marktdruck. Seit 1903 boten Bayer und Merck Veronal an, dass ebenso wie Bromidia ab 1908 verschreibungspflichtig wurde. Die Grenze zwischen einem erquickenden Schlaf, beträchtlichen Nebenwirkungen, Sucht und Tod waren klein – und verwies auf beträchtliche Defizite der staatlichen Aufsicht über den Arzneimittelmarkt. Dies aber war nicht das Ende von Schlafmitteln mit Cannabisextrakten, denn Merck und Battle boten ihre Medikamente weiterhin an. Es gab weiterhin zahlreiche Apothekerrezepte für Schlafmittel, bei denen Hanfextrakt Opiate ersetzte. [34] Und auch neue Präparate wurden lanciert, so das unter anderem aus Cannabis Sativa zusammengesetzte Schlaf- und Beruhigungsmittel Plantival der Leipziger pharmazeutischen und homöopathischen Firma Dr. Willmar Schwabe. [35]

Derartige „Hypnotica“ blieben jedoch nicht das einzige Anwendungsfeld von Cannabispräparaten. Deutlich größere Breitenwirkung erzielten seit den 1880er Jahren vielfältige Angebote von Hühneraugenmitteln. Sie verdeutlichen einen entscheidenden Aspekt bei der pharmazeutischen Verwendung von Cannabis, einen, der schon bei Bromidia deutlich werden sollte: Hanfbestandteile wurden nur selten als Hauptwirkstoff, sondern fast durchweg als Puffer, als Zusatzstoff eingesetzt. In der Werbung wurde dies häufig nicht sachlich kommuniziert – und entsprechend großspurig erscheinen heute viele Aussagen interessierter Kreise über die vermeintliche Ubiquität medizinischer Hanfpräparate im späten 19. Jahrhundert. Bei den Hühneraugenmitteln war Cannabisextrakt gewiss Trittbrettfahrer anderer Entwicklungen, namentlich der Isolation und Synthese der Salicylsäure.

Diese erfolgte 1873. Im Folgejahr begann die Produktion der Salicylsäure-Fabrik Dr. F. v. Heyden in Dresden und dann Radebeul. Salicylsäure schien ein neues Wundermittel zu sein, wirkte es doch „in hervorragender Weise antiseptisch, fäulnishindernd, antizymotisch, gährungshemmend und antipyretisch, fieberwidrig.“ [36] Erste Einsatzfelder lagen daher in der Veterinärmedizin und der Konservierung von Nahrungsmitteln. [37] Humanmedizinische Anwendungen erfolgten nur langsam: Als Antiseptikum wurde es als Wundheilmittel und in der Chirurgie eingesetzt, ebenso bei Gicht und Gelenkrheumatismus. [38] Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis die Brücke von der Imprägnierung von Wundverbänden hin zur Dermatologie geschlagen wurde. [39] Salicylsäure wurde als solche genutzt, ihre ätzende Wirkung konnte gegen Hautverhärtungen, Schwielen, insbesondere aber gegen die weit verbreiteten Hühneraugen eingesetzt werden. Seit den späten 1880er Jahren entwickelten zahlreiche Apotheker Tinkturen, die fast durchweg ähnlich zusammengesetzt waren: 8- bis 10prozentige Salicyclsäurelösungen wurden mit 4 bis 5 % Hanfextrakt in Kollodium (eine zähflüssige Baumwollelösung) oder Zerat (eine wächserne Salbe) getränkt. Das Cannabispräparat diente dabei als Sedativum, als Antagonist zum an sich schmerzenden Wirkstoff Salicylsäure. Der Konsument bestrich mehrere Tage die verhärtete Stelle bzw. das Hühnerauge, nahm dann ein Fußbad und schabte schließlich die inkriminierte Stelle aus. [40] Dies musste mehrfach wiederholt werden, konnte jedoch den zuvor vielfach üblichen Messereinsatz vermeiden bzw. in Grenzen halten. Die neuen Hühneraugenmittel waren nicht konkurrenzlos, auch Milch- oder Essigsäure dienten der Harthautbekämpfung. Doch ab Ende der 1880er Jahre waren die neuen Kombinationspräparate mit Hanf üblich. [41] In Österreich konnte man 1890 zwischen den Hühneraugentinkturen von Sikroski (Kollodium und Cannabis), von Kranich, Würfling, Golienski, Barkowski, Bongartz oder Esser (Kollodium, Salicylsäure und Cannabis) wählen. [42] Der führende österreichische Veterinärmedizinhersteller Kwizda bot neben einer Hühneraugen- und Warzentinktur auch Hühneraugenpflaster an. [43] Neben die Tinkturen traten nun auch dauerhaft einwirkende Präparate, vornehmlich mit Salicylsäure und Cannabis getränkte Pflaster und Pflasterringe. Sie kamen vor allem in Deutschland auf, da ihr Handverkauf in Apotheken und Drogerien erlaubt war. Führend hierbei war der Hamburger Dermatologe Paul Gerson Unna (1850-1929), der für Beiersdorf neue imprägnierte Pflaster (Guttaplast, Leukoplast) und, zusammen mit dem Unternehmer Oskar Troplowitz (1863-1918) und dem Chemiker Isaac Lifschütz (1852-1938), 1911 auch die Handcreme Nivea kreierte. [44]

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Hanfextrakt im Radlauerschen Hühneraugenmittel 1900 (Dresdner Nachrichten 1900, Nr. 147 v. 30. Mai, 22)

Im Deutschen Reich waren Hühneraugentinkturen mit Cannabisextrakten bis 1896 allerdings vom Handverkauf ausgeschlossen. [45] Aufgrund einer klaren Kennzeichnung „Nur für den äußerlichen Gebrauch“ änderte sich dies 1896 – und die einschlägigen Angebote nahmen rasch zu. [46] Auch wenn einzelne Apotheken, etwa die Radlauerscher Kronen-Apotheke in Berlin, ihre Angebote reichsweit versandten, dominierten anfangs noch tendenziell lokale Angebote, bei denen die Kunden auf die Professionalität der kleinen Hersteller setzen mussten. Doch auch hier bereitete der Cannabisextrakt Probleme. Die 1869 gegründete Chemische Fabrik Helfenberg, ein führender Produzent auch von Pflaster, konstatierte kurz nach der Jahrhundertwende: „Das Cannabis-Extrakt, welches wir für Pflaster und Hühneraugenpräparate verwenden, gehört zu den Präparaten, die wir immer auf gut Glauben hin gekauft und nicht näher untersucht haben. Verschiedene Reklamationen über die mangelhafte Wirksamkeit der Präparate und Schwierigkeiten in der Fabrikation liessen jedoch eine genauere Analyse angezeigt erscheinen. Es ergab sich hierbei […], dass die Extrakte des Handels nicht nur sehr wechselnd zusammengesetzt waren, sondern auch zum grössten Teil grosse Mengen Kupfer und Zink enthielten, also meistens künstlich gefärbt waren.“ [47] Zudem gab es immer wieder Kritik an der mangelnden Balance der Hühneraugenmittel, deren Ätzwirkung oberflächlich bliebe und nicht in die Tiefe der Haut wirke. [48]

Derartige Probleme konnten nicht wirklich gelöst werden, doch versuchten abermals größere pharmazeutische Unternehmen Markenartikel zu schaffen, die für eine relativ verlässliche Zusammensetzung und auch Wirkung standen. Am Anfang standen wiederum US-Anbieter: Das 1892 von der Rydales Remedy Co. of Newport News, Va., entwickelte Geheimmittel Cornicide wurde in Kontinentaleuropa 1894 als Hühneraugenmittel aus Salicyl- und Essigsäure, Terpentinöl, Kollodium und Hanfextrakt vertrieben. [49] Das amerikanische Präparat hatte auch 1905 noch die gleiche Zusammensetzung, lässt sich auch noch Ende der 1920er Jahre nachweisen. [50] Größere Bedeutung gewann dagegen das 1894 vorgestellte Cornilin, produziert von der zwölf Jahre zuvor in Hamburg gegründeten Pflasterfirma Beiersdorf. [51] Es handelte sich um „ein Guttapercha-Pflastermull mit Salicylsäure und Indisch Hanfextrakt zur schmerzlosen Entfernung von Hühneraugen, Hornhaut und Warzen“ [52]. Ein nahezu gleichartiges Produkt wurde auch unter dem Namen Beiersdorfs Hühneraugenpflaster vermarktet. Diese Markenartikel konnten ihre lokalen Wettbewerber allerdings nicht vom Markt verdrängen. Die mit Cannabisextrakt getränkten Hühneraugentinkturen von Esser, Kranich, Sikorski, Würfling, Golienski, Barkowski und Bongartz gab es auch noch nach dem Ersten Weltkrieg. [53] Ähnlich lange behauptete sich in der Schweiz das vom Zürcher Apotheker Karrer vertriebene Hühneraugenmittel mit dem provokanten Namen Haschisch.

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Werbung für Karrers Haschisch Hühneraugentinktur 1894 und 1926 (Nebelspalter 20, 1894, H. 6, s.p.; ebd. 52, 1926; H. 10, s.p.)

Wenngleich die Vielzahl lokaler Angebote nicht abzuschätzen ist, handelte es sich bei dem Markt für Hühneraugenmittel vor dem Ersten Weltkrieg doch um ein relativ saturiertes und wenig umkämpftes Marktsegment mit relativ wenigen Innovationen, wie etwa Backford & Spooners mit Salpeter behandeltes Hanfpräparat. [54] Die Mehrzahl auch neuer Angebote blieb dem Salicylsäure-Hanfextrakt-Standard verpflichtet, etwa das ab 1914 verkaufte Hühneraugenmittel Cannabin sowie Clavomors, ein Hühneraugenpflaster des Berliner Dr. Laboschin. [55] Ausnahmen bildeten fortentwickelte Medizinalpflaster. Das Arsenik-Salicyl-Cannabis-Pflastermull nach Unna diente etwa der gezielten Eindämmung krebsverdächtiger Hautstellen. [56] Während der Weimarer Republik wurde der Markt dann zwar durch das Salicylpräparat Kukirol werblich auf neue Höhen geführt, strukturell aber blieb das Angebot unverändert. [57]

Hühneraugenmittel stehen für den Einsatz von Cannabispräparaten als pharmazeutische Hilfsmittel. Sie waren Beiwerk, erfüllten ihnen zugewiesene Funktionen. Das gilt auch für die gar nicht kleine Zahl weiterer Anwendungen, allesamt Nebenmedikamente. Folgt man dem Hanfaktivisten Hans-Georg Behr (1937-2010), so gab es 1890 etwa ein Schmerzmittel namens Migränin, hergestellt von der Münchner Hof-Apotheke, versehen mit 1 % Hanfextrakttinktur. [58] Dieses ist sachlich falsch. Migränin war ein 1894 von den Hoechster Farbwerken eingeführtes Schmerzmittel, das vornehmlich gegen Migräne und Kopfschmerzen genommen verordnet wurde. Es bestand vor allem aus Antipyrin, aus Koffein und etwa Zitronensäure. [59] Das neue, mit beträchtlichem Werbeaufwand lancierte Präparat diente dem Aushebeln des 1891 erfolgten Verbotes des lukrativen Handverkaufs des Antipyrins (heute Phenazon) durch die Verordnung über stark wirkende Arzneimittel. Derartige Verbraucherschutzmaßnahmen ließen sich durch Produktinnovationen umgehen. [60] Eine 1897 erfolgte weitere Fortentwicklung mit dem Markennamen Pyramidon wurde schließlich 1978 aufgrund kanzerogener Wirkungen verboten. Migränin enthielt keinen Hanfextrakt. Gegen Schmerzen wirkten dagegen Antigichtmittel, so etwa der wohl 1890 eingeführte Goldstein’s Gicht- und Rheumatismusbalsam. Dies war eine Mischung von Ammoniak, Alkohol, Chloroform, Kampfer, Terpentin, fetten Ölen und wahrscheinlich auch etwas Cannabisextrakt. [61] Trotz ihrer Suchtgefahr dominierten bei den Schmerzmitteln vornehmlich Opiate und Opioide, so etwa Morphium oder das 1875 synthetisierte, 1896 von Bayer dann vermarktete Heroin. Cannabispräparate dürften als leichter wirkende Substitute ärztlich gegen Schmerzen eingesetzt worden sein, doch zu Pharmazeutika sind sie nicht verdichtet worden.

Kaum anders war dies bei den frühen Psychopharmaka, ein relativ spät entwickeltes Marktsegment. Merck empfahl Cannabinon beispielsweise bei Hysterie und Psychosen. [62] Cannabispräparte wurden ebenso in Mitteln gegen den „Weißen Tod“, die Tuberkulose eingesetzt. Sheras war ein Kombinationspräparat von Hanf, Weiderinde, Blutwurz und einigen anderen Kräutern, mit Rum und Zucker schmackhaft abgerundet. [63] Auch Mercks Extractum fluidum Cannabis indicae aquos wurde gegen die Schwindsucht empfohlen. Es wurde aus Cannabis sativa gewonnen, besaß also keine psychoaktive Wirkung. Es diente ebenfalls bei Verdauungsstörungen, wirkte als Beruhigungsmittel. Der seit Mitte der 1890er Jahre angebotene Extrakt wurde daher auch bei Kinderkrankheiten verordnet. [64] Gegen hartnäckige Verdauungsstörungen bei Erwachsenen galt das auch für das vom französischen Mediziner Germaine Sée (1818-1896) entwickelte Haschschin, das zudem Angstgefühle bei gastritischen Neurosen bekämpfen sollte. [65] Es gab weitere Anwendungsgebiete der Cannabispräparate. Doch wie schon einige der zuvor erwähnten Medikamente unterstreichen sie eher eine Zerfaserung der Anwendung. Sie verweisen nicht auf das potenziell breite Wirkungsspektrum des Cannabis, sondern waren eher die Fortführung der Suchbewegungen der Mitte des 19. Jahrhunderts. So wurden etwa Hustenbonbons mit Hanfextrakt angereichert und dann – nur auf ärztliche Anweisung – in Apotheken verkauft. [66] Ähnliches galt für ein hanfextrakthaltiges Mittel gegen starke Schuppen resp. Haarausfall. [67] Leberkolik? Auch dagegen gab es Arznei mit Hanf. [68] Wichtig auch dessen Präsenz im Geschlechterleben: Da gab es Mittel gegen Menstruationsbeschwerden, fünf Tage vor Eintritt jeden Abend ein Stück einführen. [69] Blenorol, ein Salo-Kawa-Cannabis Santal, war ein Antigonorrhoicum, also ein Mittel gegen die meist Tripper genannte weit verbreitete Geschlechtskrankheit. [70] Chromiac Tablets, ein Präparat der in Newark, New Jersey, ansässigen, 1888 gegründeten Maltbie Chemical Company, kombinierte dagegen Chrom und Zink, Brechnuss und Hanf zur Hebung der Manneskraft. [71] Auch dem Indischen Zahnextrakt mengte man etwas Hanfextrakt bei. [72] Der kleine Reigen mag enden mit einem letzten Klassiker, nämlich dem von dem britischen Kolonialarzt John Collis Browne (1819-1884) 1848 entwickelten und seit den späten 1850er Jahren international vermarkteten Chlorodyne. Anfangs eingesetzt gegen Cholera, wurde das aus einer Mischung von Alkohol, Morphium, Chloroform, Blausäure und Hanf bestehende Medikament gegen allerhand Schmerzen und Sinnestrübungen eingesetzt, vor allem aber getrunken. [73] Aufgrund der hohen Suchtgefahr und der möglichen Toxizität wurde die Zusammensetzung zunehmend verändert und die Arznei später auch ohne Hanfextrakt und mit einem deutlich reduzierten Morphiumgehalt vertrieben.

Hält man kurz inne, so findet man gegen Ende des langen 19. Jahrhunderts eine breite Palette von pharmazeutischen Cannabispräparaten. Schlaf- und Hühneraugenmittel waren die wichtigsten Anwendungsgebiete, auch wenn die Hanfmedikamentation häufig nur ergänzenden, abpuffernden und abrundenden Charakter hatte. Sie gerieten nach der Jahrhundertwende einerseits unter starken Wettbewerbsdruck durch neue Medikamente. Anderseits ermöglichte ihr Nischencharakter eine relativ leichte Substitution. Summa summarum unterstreichen die vielfältigen Angebote vor allem die Kernprobleme der damaligen Cannabispräparate, nämlich ihre vielfach variable Zusammensetzung, vor allem aber ihre ungeklärte chemische Struktur und bestenfalls erfahrungsmedizinisch abgesicherte Wirkmechanismen. Das galt grundsätzlich auch für ein weiteres wichtiges Marktsegment, das der Asthmazigaretten.

Asthmazigaretten – Geheimmittel mit Cannabiszusätzen

Asthma, eine chronische Entzündung der Atemwege, war im langen 19. Jahrhundert eine weit verbreitete Alltagskrankheit, die zu steten Hustenattacken und Atemnot führte. [74] Seit dem 18. Jahrhundert wurden die tradierten humoralpathologischen Verfahren durch abmildernde Therapien verdrängt, in deren Mittelpunkt die Wirkkraft von Bilsenkraut, Tollkirsche (Belladonna) und Stechapfel (Stramonium) stand. Diese Kräuter wurden einerseits geraucht, zuerst als Pfeife, dann mittels Zigarren, seit den 1860er Jahren auch in Zigarettenform. Anderseits entstanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Inhalationsapparate. Die Heilmittel wurden in ihnen verraucht, der Patient atmete den Inhalt mittels eines Schlauches ein. Beide Maßregeln halfen bei akuten Asthmaanfällen, linderten Schmerzen, konnten aber die chronische Entzündung nicht bekämpfen. [75] Die Präparate wirkten, doch sie wirkten nur begrenzt – ein Zustand, der Marktchancen für immer wieder neue, immer wieder gleichartige Angebote bot, zumal die Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts zahlreiche Atemwegserkrankungen förderte, ja hervorrief. Entsprechend gab es für die Bekämpfung von Asthma eine schier unüberschaubare Zahl von innerlich und äußerlich verordneten Mitteln. Um 1900 bedeutete dies einerseits Tees, Essenzen und Tinkturen, anderseits Asthmapapiere, -pappen, -kerzen, -pulver, -kräuter und „die verschiedenartigsten Asthmazigaretten und viele andere. Die Auswahl ist groß – der Erfolg gering.“ [76]

Der bekannteste Anbieter von Asthmazigaretten im späten 19. Jahrhundert war Grimault & Co., „einer der fruchtbarsten Specialitäten-Fabrikanten in Paris“ [77]. Das Unternehmen bot seit den 1850er Jahren eine breite Palette pharmazeutischer Artikel an, meist Stärkungsmittel aus Pflanzenextrakten und Mineralstoffen. Als Sirup oder in Pillenform wurden sie dann international vermarktet, dienten als Allzweckmittel gegen eine Vielzahl von Alltagskrankheiten. [78] Obwohl die Firma seit den frühen 1870er Jahren mehrfach den Besitzer wechselte, blieb der Name bestehen. Grimault & Co. war eine eingeführte Namensmarke und galt als Synonym für „französische Specialitäten.“ Neben die anfangs zentralen Matikopräparate traten seit 1867 die „Indischen Cigaretten“, die zum bekanntesten Produkt des Unternehmens werden sollten. Sie kamen erst im Heimatmarkt und dann in Österreich als „Hachisch-Cigaretten“ [79] auf, wurden in führenden deutschen Tageszeitungen zumindest bis vor Beginn des Ersten Weltkrieges verkauft und überstanden auch die erste Welle der Verbote Indischen Hanfes in den 1920er und 1930er Jahren. Dank etablierter Vertriebsnetze verkaufte Grimault seine Medizinalzigaretten auch in Übersee: Bereits 1867 waren sie in Australien und im frankophonen New Orleans erhältlich, ab spätestens 1869 finden sich Anzeigen in Kanada, dann auch in Großbritannien. [80]

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Anzeige von Grimaults Indian Cigarettes in Großbritannien 1872 (Lancaster Gazette 1872, Nr. 4454 v. 7. September, 7)

Die zumeist gleichlautende Werbung versprach viel: „Es genügt, den Rauch der Cigaretten aus Cannabis indica einzuathmen, um die heftigsten Anfälle von Asthma, nervösem Husten, Heiserkeit, Stimmlosigkeit, Gesichtsschmerz und Schlaflosigkeit verschwinden zu machen und gegen die Kehlkopfschwindsucht zu wirken.“ [81] Eilfertige medizinische Gutachten bestätigten positive Ergebnisse bei Bronchitis, Keuchhusten und Asthma, bei Herzklopfen, Migräne und einigem mehr. [82] Grimault richtete sich nicht nur an Ärzte und Apotheker, sondern meist direkt an die Konsumenten. Asthmaleidende sollten demnach morgens und abends die Zigaretten rauchen, „denn durch den Gebrauch dieser Cigaretten hören die Schwierigkeit des Athmens, die Erstickungsanfälle und das pfeifende Athmen baldigst auf. Ein starker Auswurf wird dadurch ohne Anstrengung hervorgerufen, der trockene Husten vermindert sich, die Beklemmung verschwindet und ein wohltuender Schlaf beendet die für den Kranken und seine Umgebung so peinlichen Symptome.“ [83] Grimault verkaufte nicht einfach Zigaretten, sondern ein ansprechend gestaltetes Produkt. Die gelb gehaltenen und mit goldener Schrift versehenen Verpackungsetuis enthielten zumeist fünfzehn Zigaretten mit aufgedrucktem Firmensignet und Mundstück. Auf der mit einer Schnalle versehenen Verpackung prangte in einer Vignette der Firmen- und Produktname: „Cigarettes indiennes au Canabis indica. Contre l’asthme, les bronchitis et les Maladies du Poumon.“ [84]

Für Kritiker und Konkurrenten war all dies typisch französisch. Französische Spezialitäten seien „in der Regel von einem sehr geringen innern Werthe […] und zu übertriebenen Preisen verkauft [… worden]. Wenn sie dennoch in der ganzen Welt die größte Rolle spielen, so liegt es darin, dass sie gewöhnlich in äusserst eleganter und geschmackvoller Form adjustirt und in einer Weise zusammengesetzt sind, welche dem Consumenten durch irgend einen Zusatz einer wohlschmeckenden oder wohlriechenden Ingredienz angenehm werden, endlich darin, dass die Reclame für diesselben in einer wohlorganisirten, meist verschwenderischen Weise betrieben wird.“ [85] Grimaults Indische Cigaretten waren ein typisches Geheimmittel. Diese waren vor allem Folge der umfassenden Liberalisierungswelle, die in fast der gesamten westlichen Welt die strikte Privilegienwirtschaft der gebundenen Wirtschaftsordnungen Mitte des 19. Jahrhunderts durchbrach und auch im Arzneimittelmarkt ansatzweise Gewerbefreiheit etablierte. [86] Dadurch gerieten die zuvor vielfach zünftig geschützten Pharmazeuten und Ärzte unter Wettbewerbsdruck, doch ihre Kritik an ungerechtfertigten Anpreisungen und überteuerten Waren traf in vielen Fällen zu.

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Werbeanzeigen für Grimaults Indische Cigaretten in Österreich 1873 (Die Neue Zeit 1873, Nr. 91 v. 20. April, 6)

Grimault lobte in seiner Werbung das eigene Produkt: „Wonderful results have been obtained from the use of these cigarettes […].“ [87] Wissenschaftliche Autoritäten waren ein wichtiger Werbeträger: „Dieses neue Heilmittel wird von den meisten Aerzten Frankreichs und des Auslandes gegen Affectionen der Athmungswege empfohlen.“ Deren Aura von Expertise koppelte man mit breiten Wirkungsbehauptungen: „Es genügt, den Rauch der Cigaretten aus Cannabis Indica einzuathmen, um die heftigsten Anfälle von Asthma, nervösem Husten, Heiserkeit, Stimmlosigkeit, Gesichtsschmerz und Schlaflosigkeit verschwinden zu machen und gegen die Kehlkopfschwindsucht zu wirken.“ [88] Typisch für derartige Referenzen war ihre Vagheit: „Recent experiments in France, England, and Germany have proved that these cigarettes are a souvereign remedy for the above distressing affections especially when Bella dona, stramonium, and opium have failed to give relief.“ [89] Zugleich aber nutzte sie offenkundig unstimmige Kollektivsingulare, so, wenn in Österreich behauptet wurde, die Asthmazigaretten seien „von den Pariser Aerzten gegen Athembeschwerden, Krampfhusten, Heiserkeit, Beklemmungen, Stimmlosigkeit und Gesichtsnervenschmerzen als unfehlbar erklärt,“ und „bis jetzt von keinem andern Heilmittel erreicht worden.“ [90]

Schließlich bedienten sich Geheimmittelanbieter wie Grimault der Breite der keineswegs einheitlichen „Wissenschaft“. Lohnschreiber besaßen häufig akademische Titel, die dann als Beleg für vermeintlich objektive Bewertungen vermarktet wurden. Sie waren einerseits mäßig im Ton, wurden jedoch an prominenter Stelle veröffentlicht. Beispiele sind frühe österreichische Gutachten, in denen es etwa hieß: „überhaupt können Grimaults Cigaretten immer Anwendung finden, wo es sich um sofortige Beruhigung der Nerven und einer Anregung der Capillaren zum erhöhten Stoffwechsel handelt, wenn Schmerz und Krampf vorherrschen.“ [91] Anderseits finden sich derartig werbende Worte auch in der „Fachliteratur“ dieser Zeit, in denen Grimaults Indische Zigaretten teils als letzter Rettungsanker für die gepeinigten und um Atem ringenden Asthmatiker erschienen: „Grimault’s cigarettes, which contain Indian hemp, […] will, in many cases of troublesome asthma, relieve when others have failed.“ [92] Insgesamt tönte die Produktwerbung weltweit ähnlich, doch je nach Markt gab es Nuancen und Abstufungen. Auffallend ist vornehmlich die wesentlich zurückhaltendere Werbung in Frankreich. Die Anzeigen waren dort durchweg kleiner als in Auslandsmärkten und stärker sachlich gehalten.

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Zurückhaltende Werbung für Grimaults „Cigarettes Indiennes“ in Frankreich (La Lanterne 1900, Ausg. v. 23. Januar, 4)

Wirkungsversprechen wurden im Grimaultschen Heimatmarkt kaum gegeben, auch wenn die vermeintlich exzellenten Resultate des Zigarettenkonsums hervorgehoben wurden. [93] Doch auch dort war der Cannabisgehalt rasch der wichtigste Werbehinweis. Für die Firma war das wichtig, da man in England und Deutschland seinerzeit Zigaretten mit Belladonna, Stramonium und anderen Inhaltsstoffe eher ablehnte. [94] Grimault nutzte die Aura und Exotik des Indischen Hanfes; doch über den genauen Inhalt der Zigaretten schwieg sich der Geheimmittelanbieter aus. Aufmerksame Marktbeobachter hätten dagegen wissen können, dass es sich nicht um Zigaretten aus Indischem Hanf handelte. 1870 hatte Grimault in vereinzelten Anzeigen sie noch korrekt als „mit dem Harze von Bengalischem Hanf und Nitrium imprägnierten Belladonnablättern“ [95] hergestellte Produkte beworben. In Frankreich warb man Anfang der 1870er Jahre auch für Waren „avec Cannabis Indien“. Doch diese kurze Phase der Ehrlichkeit endete rasch, pries man sie dananch meist als Zigaretten „au“ Hanfextrakt. [96]

Untersuchungen in Österreich ergaben 1880 jedenfalls ein deutlich anderes Stoffprofil. [97] Demnach bestand das zu rauchende Kraut fast gänzlich aus Belladonna, also Tollkirschenblättern – und kaum Cannabis. Französische Forscher ermittelten für Grimault günstigere Verhältnisse, nach denen die Zigaretten eine Mischung aus Belladonna, Bilsenkraut und Strammonium mit einem Sechstel Hanf bildeten. [98] Außerdem fanden sie Spuren von Opium, was allerdings weder in Österreich, noch im Deutschen Reich bestätigt werden konnte. Dort hieß es seither: „Die Cigarettes indiennes de Grimault sollen angeblich nur aus Herba Cannabis indicae angefertigt sein, tatsächlich enthalten sie davon aber sehr wenig, dagegen Belladonna, Nicotiana etc.“ [99]

Die Ein- und Durchfuhr der Zigaretten nach Österreich wurde daraufhin 1882 in Österreich verboten. [100] Nach Russland, wo im Rahmen einer recht strikten Anti-Geheimmittelpolitik der Import Indischer Cigaretten, aber auch anderer Grimaultsche Präparate, seit 1878 untersagt worden war, brach ein weiterer wichtiger Absatzmarkt weg. [101] Weitere Untersuchungen in Deutschland bestätigten, dass die Zigaretten „grösstentheils aus Blättern von Atropa Belladonna“ [102] bestanden, die Werbung also irreführend war. 1885 wurden die Präparate in Hamburg verboten. Dies war möglich, denn bis 1888 war die Hansestadt zollpolitisch eigenständig. Auch in Baden gab es einschlägige Untersuchungen. In Karlsruhe wurden Indische Zigaretten gekauft und untersucht. Die Nachforschungen ergaben, „daß dieselben fast ausschließlich aus den werthlosen, zu Folge der Eintrocknung unwirksamen Blättern der Tollkirsche (atropa Belladonna) und nur zum kleinsten Theile aus indischem Hanf bestehen.“ Die Quintessenz war klar: „In der Anpreisung der Cigaretten liegt daher eine Täuschung und Uebervortheilung des Publikums, auf welche wir umsomehr aufmerksam machen müssen, als der Gebrauch des Mittels in vielen Fällen von Störungen der Athmungsorgane schweren Schaden bringen kann.“ [103] Ein Verbot wurde nicht ausgesprochen, lediglich eine Warnung. Zuvor hatte die Firma Grimault noch auf die strukturellen Probleme verwiesen, wirksamen Hanfextrakt zu erhalten und vergewissert, dass sie „bei ihren in allen Weltgegenden unterhaltenden geschäftlichen Beziehungen diese Schwierigkeit überwunden habe.“ Sie gab Indischen Hanf als Material der Zigaretten an, konzidierte einzig, dass man zwecks besseren Brennens etwas salpetersaures Kali beigefügt habe. [104]

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Werbung für Grimaults Indische Zigaretten in München 1902 (Allgemeine Zeitung 1902, Nr. 46 v. 16. Februar, 10)

Die Firma Grimault & Co. bewarb auch danach ihre Produkte als Indische Cigaretten aus dem Extrakt Indischen Hanfs. Dieser kostete in Mitteleuropa fast doppelt so viel wie Belladonnaextrakt. [105] Der Differenzgewinn dürfte nicht unerheblich gewesen sein. Auch in Frankreich wurden die österreichischen Untersuchungen öffentlich thematisiert. Doch hier, wie auch in den meisten anderen Lieferstaaten, wurde das Geheimmittel nicht verboten. [106] In der Werbung hieß es weiterhin, dass die Zigaretten eine sichere Wirkung besäßen. [107] Im Deutschen Reich gab es trotz umfassender Bemühungen des Staates kein Verbot. Pharmazeuten betonten in ihren Publikationen die offenkundige Irreführung des Publikums, während Apotheker vor Ort das Präparat auf Rezept verkauften. Ärzte verordneten das Präparat, da es grundsätzlich wirkte: „Wenige Athemzüge lassen sehr oft erhebliches Asthma verschwinden, indess sind die Gefahren des Haschischrauchens bekanntlich so gross, dass man die Cannabis in Cigarettenform nur ausnahmsweise gestatten kann. Der willkürliche Verkauf dieser Cigaretten ist streng zu untersagen.“ [108] Grimaults Indische Cigaretten blieben verfügbar. Nicht als vermeintlicher Joint auf Rezept, sondern als überteuertes Geheimmittel mit gewisser Wirkung.

Grimaults Indische Cigaretten waren nur eines von vielen aus Frankreich stammenden Angeboten im internationalen Markt der Asthmazigaretten. Sie beruhten meist auf anderen Kräutermischungen, so etwa die sehr erfolgreichen Cigarettes Espic. [109] Diese enthielten Spuren von Opium, vor allem aber Stramonium, Bilsenkraut und Wasserfenchel. [110] Diese Kräuter wurden, wie auch bei Grimaults Indischen Zigaretten, sehr fein geschnitten und dann durch Umwickeln mit Zigarettenpapier in Form gebracht. Für diffizilere Präparate, zumal bei arsenhaltigen Zigaretten, stellte man dagegen aus den Inhaltsstoffen einen Aufguss her, dem man dann zum besseren Brennen Salpeter zufügte. Mit der Flüssigkeit tränkte man anschließend Papier und formte diese zur Rauchware. [111] Die französischen Asthmazigaretten prägten den Nischenmarkt in Europa. Neben Grimault standen Namensmarken wie Clery, Espic, Exibard, Trousseua, Guilt, Zematone und Boudin, die jedoch ohne Hanfzusätze produziert worden waren. Während des Ersten Weltkrieges brachen diese Importe weg und wurden bei den Mittelmächten durch eigene Angebote bzw. solcher aus neutralen Staaten ersetzt. Produzenten waren unter anderem Neumeier, Riemann, Klein, Schiffmann, Kraepelien & Holm, Fischer und Reichenhaller. [112]

All dies verweist auf eine beträchtliche Konkurrenz im deutschen Pharmaziemarkt. Dabei half der stetige Ausgriff auf „exotische“ Pflanzen, die als Heilmittel in die Verwertungsketten des Gesundheitsmarktes integriert wurden. E. Merck bot beispielsweise Blätter und Wurzel des argentinischen Brachycladus Stuckerti an. Mit Cumarin aromatisiert und etwas Salpeter hatten sie zwar eine geringere Wirkung als etwa Cannabiszigaretten, doch konnten sie ohne das ansonsten übliche Kratzen im Hals geraucht werden. [113] Doch deutsche Hersteller boten nicht nur Marktalternativen, sondern auch Asthmazigaretten mit Cannabis Indica an. Die Präparate der Chemischen Fabrik Falkenberg in Grünau, die von der französischen Konkurrenz lernten, bestanden aus einer Mischung aus Tollkirsche, Hanf und Schlafmohn. [114] Daneben wurde Inhalationspräparate angeboten. [115]

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Anzeige für Bronchiol-Zigaretten gegen Asthma 1901 (Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 39 v. 24. Januar, 13)

Andere Markenartikel folgten, etwa die 1900/01 in führenden deutschen Tageszeitungen beworbenen Bronchiol-Cigaretten der eigens zu deren Produktion gegründeten Berliner Bronchiol-Gesellschaft. [116] Hierbei handelte es sich um ein kurzfristig angepriesenes Geheimmittel, in diesem Fall aus Hanf und Kräutern der südamerikanischen Flora. [117] Von einem Dr. Abbot hergestellt und einem Dr. Krüger belobigt, wurden sie zeitgleich auch in Österreich angeboten. [118]

Die Bronchiol-Gesellschaft war ein Spezialanbieter von kurzem Bestand. Andere Anbieter von cannabishaltigen Asthmazigaretten blickten dagegen auf eine lange Tradition zurück. Bei der Familie von Trnkócy handelte es sich um eine wohletablierte Apothekerdynastie mit fünf leistungsstarken Apotheken in Wien, Graz und Laibach. [119] Ähnlich wie Grimault & Co. boten sie schon Mitte des 19. Jahrhunderts medizinische Zubereitungen überregional an und gewannen insbesondere mit ihren Medizinallikören einen großen Kundenstamm. Schon vor dem Verbot der Indischen Cigaretten offerierten sie einheimische Alternativen zu Importware aus Frankreich. Der Laibacher Apotheker Julius v. Trnkóczy verwies in seinen Anzeigen nicht nur auf die offizielle Bewilligung der Krainer Landesregierung, sondern präsentierte darin offensiv eine Hanfpflanze.

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Werbung für Dr. von Trnkóczys Cannabis-Zigaretten 1898 (Fremden-Zeitung 12, 1898, Nr. 10 v. 17. Dezember, 12)

Selbstbewusst – und gewiss auch in Abgrenzung zu Grimaults Zigaretten – verwies er 1881 auf das „direct echt bezogene[…] indische[…] Hanfkraut“. [120] Derartige Angebote bedeuteten aber keinen Handverkauf in der gesamten K. & K.-Monarchie. 1883, bei der ersten pharmazeutischen Ausstellung in Wien, verwies der Berichterstatter mit Schmäh auf „die hier unseres Wissens verbotenen Cannabis-Zigaretten.“ [121] Sicher ist, dass Cannabis-Zigar(ett)en in Cisleithanien, aber auch in Ungarn und Kroatien nur auf individuellen, von einem Arzt begründeten Antrag des Konsumenten hin bezogen werden konnten. [122] Gleichwohl finden sich Trnkóczys Asthmazigaretten in gängigen Großhandelsangeboten, wurden also auch auf Vorrat bezogen. [123]

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg annoncierte die Laibacher Apotheke zudem „Tubuli fumales“ mit Hanfextrakt – wobei es nicht sicher ist, ob es sich bei der seinerzeit auch von anderen Apotheker gewählten medizinischen Bezeichnung um eine Umgehung bestehender Werbeeinschränkungen für Geheimmittel oder aber um ein neues Cannabispräparat gehandelt hat.

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Marktpräsenz unter anderem Namen – Werbung für Trnkóczys Tubuli fumales 1910 (Illustrierte Kronen-Zeitung 1910, Nr. 3600 v. 8. Januar, 13)

Derartige Angebote von Spezialanbietern verweisen abermals auf die hohe Bedeutung der Apotheker und ihrer lokalen Zubereitungen auf Rezept. Schon früh kombinierten Apotheker für „Indische Zigaretten“ Tollkirsche, Stechapfel, Hanf und teils auch Opium. [124] Diese wurden aber auch auf Vorrat produziert und dann unter rasch wechselnden Namen als Geheimmittel verkauft. [125] Viele Apotheker wussten um die Resultate von Reihenuntersuchungen etwa an norwegischen Kindern, nach denen Kombinationspräparate meist bessere Effekte erzielten als reine Hanf- oder Tollkirschezubereitungen. [126] Entsprechend gab es ein in seinem Umfang nicht abzuschätzendes lokales Pröbeln. Tollkirsche und Hanf waren meist gesetzt, seit den 1890er Jahren gewannen auch Stechapfelzuwendungen an Bedeutung. [127] Die schon erwähnten Neumeierschen Präparate kombinierten Stechapfel, Männertreu, Brachycladus stuckerti, Grindelien und Hanfextrakt. [128]

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Apothekerwaren gegen Asthma 1895 (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 35, 1895, 712)

Pharmazeutische Anbieter und auch Versandapotheken vertrieben Rohwaren und auch fertige Asthmamittel an Apotheken. Cannabis stand dabei – auch aufgrund des Preises – nicht im Vordergrund, doch er war ein allgemein akzeptierter Wirkstoff. Gleichwohl unterstrich die seit den 1890er Jahren rasch zunehmende Zahl von Angeboten indirekt auch den Mangel an effizient wirkenden Asthmamitteln. Asthmazigaretten mit und ohne Hanf blieben bis in 1920er Jahre Standardangebote, medizinische Ratschläge in Tageszeitungen unterstrichen dies eindringlich: „Nehmen Sie beim asthmatischen Anfall einige Schluck Sodawasser; man bekommt in der Apotheke auch Asthmazigaretten aus Haschisch und Stramonium, welche sehr gut tun und von denen Sie täglich 1-2 rauchen können.“ [129] Sie wurden schließlich seit den 1920er Jahren zunehmend durch synthetische Arzneimittel auf Ephedrin- oder Theophyllinbasis verdrängt.

Damit könnte man diesen Abschnitt über cannabishaltige Rauchwaren eigentlich beenden. Notwendig erscheinen mir jedoch noch einige Hinweise auf „normale“ Tabakwaren, wurden (und werden) in der Hanfaktivistenliteratur doch auch gängige Zigarettenmarken erwähnt, die Beimischungen von Indischem Hanf enthalten hätten und im Handverkauf vertrieben worden seien. Genannt wurde etwa die „No. 2“ von Simon Arzt mit einem Anteil von 7 % ägyptischem Hanf. [130] Im Mittelpunkt derartiger Behauptungen steht jedoch die österreichische Tabakregie mit der 1869 eingeführten „Khedive“ (mit 5 % Hanfanteil), der seit 1873 produzierten „Nil“ (8 % ungarischer Hanf) und schließlich der „Egyptische II. Sorte“ von 1878, mit der man der „No. 2“ gezielt Konkurrenz machen wollte. Belege hierfür fehlen, ja, die Angaben sind tendenziell irreführend.

„Nil“ wurde seitens der Österreichischen Tabakregie produziert, doch erst seit dem 1. Dezember 1901. [131] Die neue Zigarette kostete sechs Heller pro Stück, konnte aber auch vorverpackt in einer Papierschachtel (20 Stück, 1 Krone und 20 Haller) oder einer Blechkassette (100 Stück für 6 Kronen) erworben werden. Nil wies einen mittleren Nikotingehalt von 0,02 Gramm pro Stück auf, doch die einschlägigen Untersuchungen berichteten nichts über Cannabiszusätze. [132] Diese aber hätten beantragt und genehmigt werden müssen – und Nachweise hierfür konnte ich nicht finden. Gleichwohl geistern entsprechende Angaben nach wie vor auch in vermeintlich wissenschaftlicher Literatur umher. [133] Bei den anderen Markenartikeln fehlen mir die Quellen für eine Falsifikation. Simon Arzt (1814-1910) produzierte in Port Said eine große Zahl von Angeboten, doch die genaue Zusammensetzung der frühen Sorten dürfte kaum zu ermitteln sein. „Egyptische II. Sorte“ wurde seitens der Österreichischen Tabakregie 1926 wieder eingeführt. [134] Sie bestand damals aus mazedonischen Rohtabaken. In den Preisverzeichnissen des Jahres 1911 ist sie nicht enthalten [135], wohl aber in Auflistungen des Jahre 1897. [136] Auch „Khedive“ wurde 1911 angeboten, doch frühere Angaben, gar mit Hinweisen auf die Zusammensetzung, konnte ich nicht finden; die österreichische Tabakregie, also das staatliche Monopol beim Tabakverkauf, diente ja auch der Reduktion von Werbekosten. [137] Da die österreichische Regierung cannabishaltige Zigaretten hätte genehmigen müssen, entsprechende Hinweise in der pharmazeutischen Literatur und auch den Tageszeitungen fehlen, scheint es mir jedoch unbegründet zu sein, unbelegten Angaben zu folgen, deren wesentlicher Zweck die Suggestion einer scheinbaren Ubiquität von Indischem Hanf im Europa des 19. Jahrhunderts war und ist.

Tabakwaren fielen unter das deutsche Nahrungsmittelgesetz von 1879, dem Vorbild für viele europäische Regelungen. Im Deutschen Reich und anderswo fehlten zu diesem Zeitpunkt explizite Nähr- und Kräftigungsmitteln aus Hanf. Hanfsamensuppen für Schwangere wurden gereicht, waren jedoch Teil diätetischer Praxis. Hanfextrakte wurden zur Geschmacksverbesserung vielfach mit Sirup oder aber Milchzucker gemischt, doch handelte es sich dann nicht um Nahrungsmittel, da der medizinische Zweck der Verabreichung im Mittelpunkt stand. [138] Auch der zu dieser Zeit rasch wegbrechende Hanfanbau lieferte abseits des Nordostens Europas (und bedingt Italiens) keine Nahrungsmittel mehr. Dies hing mit den Preisen und der schwankenden Qualität der Rohware zusammen. Gleichwohl gab es entsprechende Präparate. Am bekanntesten dürfte das aus Schweden stammende Hanfsamenpräparat Maltos Cannabis, über das Sie in einem gesonderten Artikel mehr erfahren können. Es bildete keine Ausnahme von der zuvor entwickelten Geschichte der Cannabispräparate, so dass ein vorläufiges Fazit gezogen werden kann.

Vom Verschwinden der Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert bis zur Euphorie der Gegenwart

Die Geschichte der Cannabispräparate im späten 19. Jahrhundert ist eine Geschichte eines erst relativen und dann – im frühen 20. Jahrhundert – absoluten Bedeutungsverlustes. Nachdem die erste Phase der Erkundung des Indischen Hanfes zwischen 1840 und 1860 zwar vielfältige Anwendungsfelder ergeben, doch nur eine begrenzte Zahl von Extrakten und Präparaten hervorgebracht hatte, nahm deren Zahl am Ende des Jahrhunderts deutlich zu und erreichte in den 1880er und 1890er Jahre ihren Höhepunkt. Doch schon in den 1890er Jahre kehrte sich diese Entwicklung um: Cannabispräparate wurden zunehmend ersetzt, weil sie strukturelle Defizite bei Wirkung und Dosierung hatten und die pharmazeutische Industrie leistungsfähigere und marktgängigere Alternativen offerierte. Sie verschwanden, waren kein „Opfer“ staatlicher Repressionen. Das Verbot des Indischen Hanfes 1929 war gewiss ein Einschnitt, doch auch danach konnten Cannabispräparate auf ärztliche Verschreibung genutzt werden. Sie blieben allerdings seltene Nischenprodukte, konnten nur in sehr wenigen Fällen im Sinne von Patienten sinnvoll eingesetzt werden. Cannabispräparate wurden um die Jahrhundertwende noch vielfältig verwandt, doch in den meisten Fällen übertrafen die werblichen Versprechungen den gesundheitlichen Nutzen.

Heutzutage ist die Situation anders und vertraut zugleich. Anders, weil die staatliche Regulierung de jure strikt ist, auch wenn das geltende Recht von der Exekutive vielfach nicht mehr recht umgesetzt wird. Anders aber vor allem, weil die wesentlich präziseren chemischen und pharmakologischen Kenntnisse über Hanf und Cannabispräparate gesundheitlich sinnvolle Anwendungen denkbar machen und teils auch nahelegen. Ein Blick in den heutigen Markt nicht psychoaktiver Cannabispräparate erinnert aber zugleich an das breite Feld cannabishaltiger Geheimmittel und ihrer Anpreisung im späten 19. Jahrhundert. Die Vielzahl unwissenschaftlicher, irreführender und suggestiver Beiträge zahlreicher Hanfaktivisten bezeugt vor allem die anhaltende Goldgräberstimmung im Markt, kaum jedoch seriöse Arbeit im Gesundheitsmarkt. Vielleicht kann die in diesem Artikel ausgebreitete Palette von fast durchweg über Gebühr angepriesenen Cannabispräparaten dafür sensibilisieren, dass Marktkräfte eine eigene, von den Wirksubstanzen recht unabhängige ökonomische Dynamik freisetzen. In einer Konsumgesellschaft suggerieren Begriffe wie „Gesundheit“ und „Wohlbefinden“ Hilfsversprechen, doch stehen sie primär für ein lohnendes Geschäft.

Uwe Spiekermann, 29. Oktober 2019

 

Quellen- und Literaturnachweise

[1] R[udolf] Palm, Die wichtigsten und gebräuchlichsten menschlichen Nahrungs-, Genussmittel und Getränke […], St. Petersburg 1882, 121.
[2] Bayerisches Volksblatt 4, 1852, 900.
[3] Georg Martius, Pharmakologisch-medicinische Studien über den Hanf, Leipzig 1856, 39, 58-63.
[4] [Georg] Fronmüller, Der indische Hanf, besonders in Beziehung auf seine schlafmachende Eigenschaft, Vierteljahrsschrift für die praktische Heilkunde 16, 1860, 102-131, hier 110.
[5] O[tto] C[arl] Berg und C[arl] F[riedrich] Schmidt, Darstellung und Beschreibung sämmtlicher in der Pharmacopoea Borussica aufgeführten offizinellen Gewächse, H. 17-24, Leipzig 1861, Tafel XIXb.
[6] Pharmacopoea Germanica, Berlin 1872, 111, 160, 175, 342.
[7] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1876, 703.
[8] Verzeichniß derjenigen Arzneistoffe und Präparate, welche in jeder selbstständigen Apotheke vorhanden sein müssen, Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberbayern 1872, Nr. 95 v. 5. November, Sp. 2106-2122, hier Sp. 2114.
[9] Die Angebote des Marktführers finden sich in Merck’s Index, 3. Aufl., Darmstadt 1910, 105, 118-119, 254.
[10] Arnold Baumann, Der Gift- und Farbwaaren-Handel, Berlin 1901, 58.
[11] Handbuch der allgemeinen und speciellen Arzneiverordnungslehre, bearb. v. L[ouis] Waldenburg und Carl Eduard Simon, 9. umgearb. u. verm. Aufl. Berlin 1877, 299, 481, 684.
[12] Vgl. etwa Zur Wirkung von Extractum Cannabis, Pharmaceutische Post 19, 1886, 372. Zu den möglichen Nebenwirkungen s. Otto Seifert, Die Nebenwirkungen der modernen Arzneimittel, Leipzig 1915, 49-50.
[13] August von Vogl, Die internationale Conferenz zur Vereinheitlichung der Formen der sogenannten heroischen Arzneimittel, Pharmaceutische Post 35, 1902, 761.
[14] Bernhard Fischer, Die Neueren Arzneimittel, 5. stark verm. Aufl., Berlin 1893, 291.
[15] Gesundheits-Lehre. Siebenter Brief, Gemeinde-Zeitung 1874, Nr. 98 v. 22. Dezember, Beilage, 2 (auch für das vorherige Zitat).
[16] Entsprechend wurde Cannabium tannicum gleich nach Erscheinen dermatologisch getestet, vgl. Zentralblatt für innere Medizin 4, 1883, 653.
[17] Fischer, 1893, 291.
[18] Pharmaceutische Post 19, 1886, 58.
[19] Congrès des médecins allemands, L’Union Medicale Ser. III 40, 1885, 135-139, hier 139; E[manuel August] Merck, Einige kurze Mittheilungen über Bismuth. peptonat., Cannabin. tannicum, Cannabinon und Pelletierin-Präparate, Pharmaceutische Post 18, 1885, 336-337.
[20] Fronmüller, 1860; [Georg] Fronmüller, Klinische Studien über die schlafmachende Wirkung der narkotischen Arzneimittel, Erlangen 1869, insb. 45-69, 90. Fronmüllers Rezept für hanfextrakthaltige Pillen wurde von Apotheken noch lange weitergenutzt, vgl. Formeln älterer und neuerer Mittel gegen Schlaflosigkeit, Wiener Medizinische Wochenschrift 39, 1889, Sp. 1458.
[21] Dies gemäß der Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln v. 27. Januar 1890 (Pharmaceutische Post 23, 1890, 150).
[22] Ernst Schmidt, Ausführliches Lehrbuch der pharmaceutischen Chemie, Bd. 2, 3. verm. Aufl., Braunschweig 1896, 1477.
[23] G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, Berlin 1903, 90; B[ernhard] Fischer und C[arl] Hartwich (Hg.), Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Bd. 1, Berlin 1919, 592.
[24] Merck’s Index, 1910, 70.
[25] Arends, 1903, 89-90; Alfred Fuchs, Einiges über Schlaflosigkeit und ihre Behandlung. (Schluß), Wiener klinische Wochenschrift 21, 1907, 734-736, hier 735.
[26] Merck, 1885, 377.
[27] R. Gerstenberger, Ad extract. cannabis Indic., Pharmaceutische Post 18, 1885, 189-190, hier 190.
[28] Drogisten-Zeitung 2, 1887, 153; Pharmaceutische Post 25, 1892, 1379.
[29] Drogisten-Zeitung 3, 1888, 466. Die genaue Zusammensetzung blieb strittig, vgl. Bromidia, Pharmaceutische Post 28, 1895, 558.
[30] Arends, 1903, 77-79; Bromidia, Pharmazeutische Post 38, 1905, 760; Fischer und Hartwich (Hg.), 1919, 592.
[31] Pharmaceutische Post 33, 1900, 20; Arends, 1903, 79.
[32] Fuchs, 1907, 735.
[33] Wiener klinische Rundschau 21, 1907, 735; Vorschriften über den Verkehr mit Geheimmitteln und ähnlichen Arzneimitteln. Beschluß des Bundesrats vom 27. Juni 1907, Vierteljahresschrift für praktische Pharmazie 4, 1907, 276-281, hier 280.
[34] Als Beispiel kann dienen Drogisten-Zeitung 8, 1894, 435.
[35] Pharmazeutische Presse 1930, 76; Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, Folge 44, s.p. Hahnemann hatte sich schon früh mit dem Hanf beschäftigt, vgl. Samuel Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, T. 1, 2. verm. Aufl., Dresden 1822, 145-165.
[36] F[riedrich] von Heyden, Die Salicylsäure. Kolbe’s Patent, Oesterreichische Gartenlaube 4, 1878, Nr. 27, V-VII, hier V.
[37] Uwe Spiekermannn, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 575.
[38] Salicyl, Die Hausfrau 8, 1884, Nr. 1/2, 4.
[39] Hermann Hager, Handbuch der pharmaceutischen Praxis, Ergänzungsbd., Berlin 1884, 44, verwies auf ein Hühneraugenkollodium des Apothekers Gezow mit einem Verhältnis von 3,0 Salicylsäure und 0,5 Cannabisextrakt.
[40] Drogisten-Zeitung 10, 1895, 221.
[41] Hermann Hager, Kommentar zum Arzneibuch für das Deutsche Reich, Bd. 1, Ausg. 3, Berlin 1891, 151.
[42] Pharmazeutische Post 23, 1890, 586, 589.
[43] Pharmaceutische Post 26, 1893, 23.
[44] Drogisten-Zeitung 10, 1895, 221.
[45] Otto Meissner, Die Kaiserliche Verordnung betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln vom 27. Januar 1890, Leipzig 1890, 148. Wie schwierig diese Regelung war, zeigte sich 1895 u.a. am Handverkaufsverbot der viel beworbenen Wasmuthschen Hühneraugenringe, vgl. Franz Nesemann, Der Verkehr mit Arzneimitteln und Giften ausserhalb der Apotheken, Berlin 1897, 57.
[46] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 36, 1896, 430.
[47] Über Extractum Cannabis Indicae, Helfenberger Annalen 16, 1903, 243-245, hier 243; zum Problem der künstlichen Färbung der Hanfextrakte s. schon Gerstenberger, 1885.
[48] Internationale klinische Rundschau 8, 1894, Beilage: Therapeutische Blätter, Sp. 91.
[49] American Druggist and Pharmaceutical Record 22, 1892/93, 133; Encyclopädische Jahrbücher der gesammten Heilkunde 4, 1894, 238.
[50] American Druggist and Pharmaceutical Record 42, 1903, 68; Josef Moeller und Hermann Thoms (Hg.), Real-Encyclopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 4, Berlin/Wien 1905, 136.
[51] Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 35, 1894, 489.
[52] Pharmaceutische Post 36, 1903, 392.
[53] Fischer und Hartwich (Hg.), 1919, 592.
[54] Ebd.
[55] Pharmazeutische Post 47, 1914, 254, 721.
[56] Arends, 1903, 55-56.
[57] Hermann Thoms (Hg.), Handbuch der praktischen und wissenschaftlichen Pharmazie, Bd. VI, Berlin 1927, 677.
[58] Hans-Georg Behr, Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge, Basel 1982, 148.
[59] Ueber den therapeutischen Werth des Migränin, Wiener Medizinische Wochenschrift 44, 1894, Sp. 2026; Allgemeine Zeitung 1894, Nr. 137 v. 20. Mai, 3; Pharmaceutische Post 27, 1894, 226.
[60] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 34, 1893, 301, 345; C[arl] Bedall, Das Mysterium des Migränin, Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, 905.
[61] Pharmaceutische Post 23, 1890, 587.
[62] Merck’s Index, 1910, 70.
[63] Eduard Hahn und J[ohann] Holfert, Spezialitäten und Geheimmittel. Ihre Herkunft und Zusammensetzung, 6. verm. u. verb. Aufl., bearb. v. G[eorg] Arends, Berlin 1906, 189-190.
[64] Merck’s Index, 1910, 118-119; G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, Berlin 1903, 162.
[65] Merck’s Index, 1910, 140.
[66] Pharmaceutische Post 19, 1886, 32.
[67] Pharmaceutische Post 34, 1901, 603.
[68] Wiener klinische Wochenschrift 10, 1896, 504.
[69] Wiener Medizinische Wochenschrift 40, 1890, Sp. 21.
[70] Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 46, 1905, 911; Pharmazeutische Post 38, 1905, 787.
[71] Pharmazeutische Post 43, 1910, 338.
[72] Pharmazeutische Post 39, 1906, 159.
[73] Industrie-Blätter 3, 1866, 126; Pharmaceutische Post 35, 1902, 205.
[74] M[oritz] Saenger, Über Asthma und seine Behandlung, Berlin 1910; W[ilhelm] Brügelmann, Ueber Asthma, sein Wesen und seine Behandlung, 3. verm. Aufl., Wiesbaden 1895.
[75] Vgl. zur Technik, aber auch zu den Präparaten Friedrich Fieber, Die Inhalation medicamentöser Flüssigkeiten und ihre Verwerthung bei Krankheiten der Athmungsorgane, Wien 1865; Georg Lewin, Die Inhalations-Therapie in Krankheiten der Respirations-Organe, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1865.
[76] Jaroslaw Hrach, Das Bronchialasthma und die pneumatische Kammer, Wiener Medizinische Wochenschrift 55, 1905, Sp. 2025-2028, hier Sp. 2026.
[77] Ewald Geissler und Josef Moeller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 5, Wien/Leipzig 1888, 19.
[78] American Medical Times NS 2, 1861, Nr. 26, 4; Allgemeine Illustrirte Zeitung 1, 1865, 112, 136.
[79] Der Militärarzt 1, 1867, Sp 327; Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 13, 1868, 245; Der Militärarzt 2, 1868, Sp. 71.
[80] Hamilton Spectator 1867, Nr. 567 v. 20. Juli, 1; Sydney Morning Herald 1867, Nr. 9147 v. 14. September, 2; The Times-Picayune 1867, Nr. 256 v. 19. November, 4; New Orleans Crescent 1868, Nr. 685 v. 14. Juli, 14; Ottawa Citizen 1869, Nr. 7 v. 29. Mai, 3; The Times 1872, Nr. 27355 v. 19. April, 15; Lancaster Gazette 1872, Nr. 4454 v. 9. Juli, 7. Auch in Japan war Grimault präsent, vgl. The Japan Daily Mail 20, 1893, 368, 740.
[81] Würzburger Stadt- und Landbote 1873, Nr. 47 v. 24. Februar, s.p.; Innsbrucker Nachrichten 1878, Nr. 298 v. 28. Dezember, Extra-Beilage.
[82] Flusser, Cigaretten aus Cannabis indica von Grimault, Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 15, 1870, 74-75.
[83] Karlsruher Zeitung 1881, Nr. 33 v. 8. Februar, s.p.
[84] Uebersicht der bei den Handels- und Gewerbekammern der österreichischen Monarchie vom 1. Jänner bis Ende Juni 1872 registrirten gewerblichen Marken, Wien 1872, 6.
[85] Frank Wilhelm, Pharmaceutische und technische Drogen und Chemikalien, Wien 1877, 47.
[86] Vgl. Spiekermann, 2018, 173-175.
[87] The Age 1872, Nr. 5464 v. 18. Mai, 2.
[88] Internationale Ausstellungs-Zeitung der Neuen Freien Presse 1873, Nr. 3135 v. 16. Mai, 6.
[89] Daily Examiner [San Francisco] 1870, Ausg. v. 23. März, 4; auch New Orleans Crescent 1868, Nr. 685 v. 14. Juli, 14.
[90] Gemeinde-Zeitung 1874, Nr. 108 v. 10. Mai, 6.
[91] Cigaretten aus Cannabis indica, Allgemeine Wiener medizinische Zeitung 15, 1870, 178-179, hier 179.
[92] John C. Thorowgood, Notes on Asthma: Its Forms, and Treatment, London, 3. Aufl., London 1878, 60.
[93] Le Rappel 1872, Ausg. v. 6. Mai, 3.
[94] Leconte 1873, 4 (Beilage).
[95] Blätter für Reform des Sanitätswesens 3, 1870, Sp. 13.
[96] Le XIXe siècle 1882, Nr. 3758 v. 15. April, 4; Le Petit Bengali 1885, Ausg. v. 28. Juli, 120.
[97] Indische Cigaretten, Dinglers Polytechnisches Journal 236, 1880, 349.
[98] Hager, 1884, 191.
[99] Josef Moeller und Hermann Thoms (Hg.), Real-Encyclopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 2, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Berlin/Wien 1904, 350.
[100] Bozener Zeitung 1882, Ausg. v. 21. Juni, 3.
[101] Pharmaceutische Nachricht aus Russland, Pharmaceutische Post 11, 1878, 45-46, hier 45; Schweizerisches Handelsamtsblatt 4, 1886, 611-612.
[102] Pharmaceutische Post 31, 1898, 381.
[103] Karlsruher Tagblatt 1885, Nr. 117 v. 30. April, 1891.
[104] Karlsruher Zeitung 1885, Nr. 101 v. 30. April, Beilage, s.p.
[105] Pharmaceutische Post 8, 1875, 20.
[106] E. Labbée, Composition de cigarettes indiennes, Le Reveil Medical 1, 1880, Ausg. v. 12. Juni, 30.
[107] Le Gaulois 1882, Ausg. v. 21. Februar, 4; Le Petit Journal 1895, Ausg. v. 21. März, 4.
[108] Brügelmann, 1895, 127.
[109] Vgl. Mark Jackson, „Divine Stramonium“: The Rise and Fall of Smoking for Asthma, Medical History 54, 1010, 171-194; Cecile Raynal, De la fumée contre l’asthme, histoire d’un paradoxe pharmaceutique, Revue d’histoire de la pharmacie 94, 2007, Nr. 353, 7-24.
[110] Victor Gardette, Formulaire des spécialités pharmaceutiques pour 1907, Paris 1907, 49.
[111] Thoms (Hg.), 1927, 249.
[112] C[arl] Bachem, Deutsche Ersatzpräparate für Pharmazeutische Spezialitäten des feindlichen Auslandes, Bonn 1916, 11.
[113] Arends, 1903, 214.
[114] Süddeutsche Apotheker-Zeitung 36, 1896, 413.
[115] Brügelmann, 1895, 127, Fußnote.
[116] Vgl. Hamburger Nachrichten 1900, Nr. 280 v. 29. November, 11; Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 568 v. 5. Dezember, 11.
[117] Berliner Tageblatt 1900, Nr. 419 v. 19. August, 11; Hahn und Holfert, 1906, 13.
[118] Wiener Caricaturen 20, 1900, Nr. 33 v. 12. August, 7.
[119] Eine Apotheker-Dynastie, Die Presse 1889, Nr. 15 v. 15. Januar, 10.
[120] Innsbrucker Nachrichten 1881, Nr. 137 v. 20. Juni, 2128.
[121] Richard Wittelshöfer, Die erste internationale pharmaceutische Ausstellung in Wien, Wiener Medizinische Wochenschrift 33, 1883, Sp. 1025-1027, hier Sp. 1026.
[122] Pharmaceutische Post 29, 1896, 584.
[123] Pharmazeutische Post 38, 1905, 613.
[124] Hager, 1884, 191.
[125] Pharmaceutische Post 29, 1896, 398 mit einem Beispiel aus Berlin.
[126] H.J. Vetlesen, Cannabis und Belladonna gegen Keuchhusten, Pharmazeutische Post 20, 1887, 353-354.
[127] Pharmazeutische Post 45, 1912, 175.
[128] Hahn und Holfert, 1906, 149.
[129] Neuigkeits-Welt-Blatt 1914, Nr. 283 v. 10. Dezember, 16.
[130] Diese und die folgenden Behauptungen nach Behr, 1982, 165.
[131] Freie Stimmen 1901, Nr. 97 v. 4. Dezember, 4.
[132] Der Nikotingehalt der österreichischen Zigaretten, Drogisten-Zeitung 26, 1911, 173.
[133] Franz Bibra, Asthma-Therapie anno dazumal, Österreichische Apotheker-Zeitschrift 72, 2018, 94-95, hier 94 (ohne Beleg).
[134] Die österreichische Tabakregie, Die Stunde 1926, Nr. 1047 v. 4. September, 4.
[135] Illustrierte Kronen-Zeitung 1911, Nr. 4121 v. 11. Juni, 15.
[136] Wiener Zeitung 1897, Nr. 123 v. 1. Juni, 3.
[137] Vgl. hierzu S.M. Wickett, Studien über das Oesterreichische Tabakmonopol, Stuttgart 1897, 66-68.
[138] Pharmazeutische Post 37, 1904, 757.