Deutscher Rum – Gestaltungsutopie, Importalternative, Billigangebot

Rum – das war ein Trank, der von Ferne und Abenteuer kündete, von der Karibik, den Kämpfen zwischen Briten, Franzosen und Spaniern; und natürlich von der Seefahrt und Piraten: Yo ho ho, und ne Buddel voll Rum… Rum stand aber auch für eine begehrte Kolonialware mit zuvor unbekanntem rauchig-süßen, scharf-milden Geschmack. Wie Zucker, Kaffee, Kakao, Tee und Arrak veränderte sie die europäische Esskultur seit dem 18. Jahrhundert. Rum verkörperte die koloniale Plantagenwirtschaft, war Anlass und Zahlungsmittel des Sklavenhandels. Adam Smith (1723-1790), Vater des modernen Wirtschaftsliberalismus, formulierte eindeutig: „Rum ist ein sehr wichtiger Artikel bey dem Handel, den die Amerikaner nach der afrikanischen Küste betreiben, von da sie Negersklaven zurück bringen“ (Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Nationalreichthums, 2. verb. Ausg., Bd. 2, Breslau und Leipzig 1799, 503).

Rum war jedoch auch ein Importgut des Ausschlusses: Die deutschen Lande mochten um 1800 bedeutende Dichter und Denker hervorbringen, sich langsam zu einer Großmacht der Wissenschaft und des Gewerbefleißes wandeln. Doch im Blick auf die beherrschte Welt der Ferne, auf die vom Westen okkupierten kolonialen Peripherien, sah man kränkende Defekte der eigenen Lebenswelten. Die Kolonialwaren waren nicht nur begehrte Ergänzungen. Sie verwiesen immer auch zurück auf die Enge des Eigenen – und seit dem späten 18. Jahrhundert setzte dies neue wissenschaftlich-industrielle Kräfte frei, um Importwaren durch Surrogate zu ersetzen.

Man begann mit der Kultivierung der Zichorie und anderer Pflanzen als Kaffeeersatz, verstärkte den heimischen Tabakanbau. Wichtiger noch war die Nutzung der gemeinen Rübe zur Zuckerproduktion. Die Extraktion war aufwändig und teuer, doch insbesondere die Kontinentalsperre 1806 – also die Wirtschaftsblockade Großbritanniens und seiner Kolonien durch die unter napoleonischer Herrschaft stehenden europäischen Staaten – intensivierte die staatliche Förderung des Rübenzuckers. Das „heimische“ Gewerbe bot eine Alternative zum britisch dominierten globalen Rohrzuckerhandel. Rübenzucker etablierte eine der ersten Industrien auf dem Lande: Die „rationale“ Landwirtschaft nutzte Wissenschaft und Technik. Geist, angewandtes Wissen über die Natur, erlaubte die Produktion moderner Süße auf eigener Scholle. Rübenzucker galt als Triumph des Menschen über die Natur, als Sieg der Agrarwissenschaft und des Maschinenbaus über die Widrigkeiten von Boden und Klima. Die Globalisierung führte eben nicht nur zur wirtschaftlichen Durchdringung und Ausbeutung kolonialer Regionen, sondern löste vielfältige Gegenreaktionen in den Zentren der westlichen Welt aus. Der Rübenzucker unterstrich, dass die klimatisch gemäßigten Länder die brutale und teure Kolonialherrschaft eigentlich nicht benötigten, dass es zumindest möglich war, viele der dortig kultivierten Produkte zu substituieren.

Rum aus Rübenzucker?

Rum war zu Beginn des 19. Jahrhunderts in deutschen Landen nicht weit verbreitet. Er war teuer, passte nicht recht in eine Trinkkultur, in der das Bier dominierte, im Südwesten und der Mitte auch der Wein. Doch der für die Ernährungssicherheit so wichtige, im späten 18. Jahrhundert einsetzende Kartoffelanbau veränderte das Spirituosenangebot (Uwe Spiekermann, Grundlagen der modernen Getränkekultur, Aktuelle Ernährungs-Medizin 21, 1996, 29-39, hier 31-32). Am Ende der napoleonischen Zeit ging wachsende Ernährungssicherheit einher mit billigem „Branntwein“ aus Kartoffeln. Wegbereiter der rasch beklagten „Branntweinpest“ war der 1817 patentierte Pistoriussche Brennapparat (F[riedrich] Knapp, Lehrbuch der chemischen Technologie […], Bd. 2, Braunschweig 1847, 436-437). Billiger Kartoffelschnaps ermöglichte nicht nur einen massiv steigenden Alkoholkonsum, der sogar die heutigen Mengen übertraf. Hochprozentige Destillate wurden nun auch Kennzeichen und Kernproblem der deutschen Trinkkultur bis zum späten 19. Jahrhundert. Hochwertige und teure Trinkbranntweine wie der heimische Weinbrand/Kognak und die Importwaren Rum und Arrak profitierten von dieser Entwicklung indirekt, wurde ein „wärmender“ Trank doch allgemein üblich, waren die besseren Sorten bürgerliche Alternativen zum billigen Fusel der unteren Klassen.

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„Deutscher Rum“ für deutsche Bürger (Allgemeiner Anzeiger [Gotha] 1812, Nr. 117 v. 2. Mai, Sp. 1216)

„Deutscher Rum“, ein rumartiger Trinkbranntwein hergestellt aus heimischen Rohstoffen, entstand zur Zeit der Kontinentalsperre. Rumfabriken wurden schon vorher beantragt, bekannt die ablehnende Haltung Friedrich II. gegenüber dem Gesuch der Berliner Firma Krüger & Co. 1775: „Ich wünsche, daß das giftig garstigs Zeug gar nicht da wäre und getrunken würde“ (Friedrich der Große. Denkwürdigkeiten seines Lebens, Bd. 2, Leipzig 1886, 247). Doch was damals unter „Rum“ verstanden wurde, ist unklar. Das galt auch für die 1808 in Jena gegründete Deutsche Rum-Fabrik. Ziel „vaterländischen Kunstfleißes“ war jedoch, einheimische Rohstoffe so zu nutzen, dass am Ende ein dem westindischen Rum vergleichbares Getränk produziert werden konnte. Entsprechende Angebote gab es in „mehreren Gegenden Deutschlands“, doch es fehlte ihnen der charakteristische Geruch. Anders bei einem damals in Wiesbaden produzierten Trank: „Die mir zugeschickte Probe habe ich, zur Bereitung des Punsches verwendet, in Gesellschaft einiger Freunde versucht, und unser Urtheil fällt dahin aus, daß dieser vaterländische Rum dem westindischen sowohl pur, als im Punsch, an Stärke, Geschmack und Geruch ganz gleichkommt und keine Betäubung des Kopfes veranlaßt“ (J.S. Hennicke, Deutscher Rum, Allgemeiner Anzeiger (Gotha) 1813, Nr. 75 v. 17. März, Sp. 745-746). Für diesen deutschen Rum stand der Frankfurter Destillateur Johann Heinrich Rauch Pate: „Nach einer langen Reihe von Versuchen, die er mit großem Kostenaufwand viele Jahre hindurch angestellt hatte, gelang es ihm endlich, ein Verfahren zu entdecken, einen vollkommen guten Rum und Arac, welche dem Beyfall der Kenner erhalten haben, zu fabriciren“ (Berichtigungen und Streitigkeiten, Ebd., Nr. 191 v. 20. Juli, Sp. 1782). Sein Sohn Johann Carl Rauch betrieb erst mit einem Kompagnon in Wiesbaden, ab 1812 dann auf eigene Rechnung in Frankfurt a.M. die Herstellung und den Vertrieb dieses Kolonialwarensurrogats. Kontinuierlicher Erfolg blieb ihm jedoch versagt.

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Bezeichnung ohne Präzision (Mittheilungen des Gewerbevereins für das Königsreich Hannover 1834/35, Sp. 504)

„Deutscher Rum“ wurde auch in der Folgezeit aus Rübenzuckerbestandteilen hergestellt. Die seit 1828 rasch wachsende Zahl bilateraler Zollverbünde, die 1834 in den Deutschen Zollverein mündete, führte zu deutlichen Zollerhöhungen und entsprechenden Preissteigerungen des Importrums: „Seitdem man in Deutschland bemühet war, die einheimischen zuckerhaltigen Pflanzen auf Gewinnung des festen Zuckers zu behandeln, um den früherhin so hoch im Preise stehenden ausländischen zu entbehren, und in der weißen Runkelrübe ein vorzügliches Material dazu fand, war man bemüht, auch die Abgänge derselben auf Branntwein, Rum und Essig zu benutzen, und bereitete eine, wenngleich nicht dem Jamaika-Rum ganz gleichkommende, jedoch sehr ähnliche geistige Flüssigkeit“ (Albert Franz Jöcher, Vollständiges Lexikon der Waarenkunde in allen ihren Zweigen, 3. verb. u. verm. Aufl., Bd. 2, Quedlinburg und Leipzig 1840, 718-719). Derartiger „Rum“ wurde teils auch aus Rübenzucker hergestellt. Dieser wurde in Wasser aufgelöst, erhitzt, mit Hefe in Gärung versetzt. Die so hergestellte Zuckermaische destillierte man, gab reinen Alkohol hinzu, erhielt dadurch einen Branntwein. Doch nicht nur Fachleute warnten: „Dieser aus Zucker gewonnene Weingeist darf aber nicht mit dem Rum verwechselt werden“ (Wilhelm Keller, Die Branntwein-Brennerei nach ihrem gegenwärtigen Standpunkte, T. 2, Leipzig 1841, 93). Der Geschmack war deutlich anders, gehaltvoll, aber fade. „Rumfabriken“ variierten daher seit den 1830er Jahren die Grundstoffe: Teils nutzte man importierte Rohrzuckermelasse, teils Abfallprodukte der Rübenzuckerraffination. Deutsche Firmen übernahmen entsprechende Verfahren meist von Vorbildern in Großbritannien und den Niederlanden. Der in Frankreich propagierte Import von Zuckerrohr fand in deutschen Landen dagegen keinen Widerhall (Ueber die Errichtung von Baumwoll-, Kaffee- und Zukerpflanzungen in Frankreich, Polytechnisches Journal 42, 1832, 220-221, hier 221).

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Rumfabrikation aus Weingeist und mehr (Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Stralsund 1843, Nr. 31 v. 3. August, Oeffentlicher Anzeiger, 173)

Niedrige Preise waren zentral für die Vermarktung derartiger Alkoholika – und seit den 1830er Jahren nahm die Zahl sog. „Rumfabriken“ zu. Anfangs verschnitten sie importierten Rum mit Weingeist, koppelten also Rohrzucker- und Kartoffelprodukte (C[arl] F. W. Dieterici, Statistische Uebersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs und Verbrauchs im Preußischen Staate […] 1831 bis 1836, Berlin, Posen und Bromberg 1838, 307). Doch seit den 1840er Jahren verzichteten sie zunehmend auf „echten“ Rum, setzten vielmehr auf aromatisierten und gefärbten Kartoffelsprit. Das Resultat war billiger als „Deutscher Rum“ aus Zucker, doch trotz aller Tricks und Zusätze „immer noch sehr schlecht“ (Rum, in: Allgemeine Encyclopädie für Kaufleute und Fabrikanten […], 3. Aufl., Leipzig 1838, 672-673, hier 673). Derartige „Rumfabriken“ entstanden zumeist im Osten Preußens, in der Nähe zur Kartoffelspritproduktion (Gewerbe-Tabelle der Fabrikations-Anstalten und Fabrik-Unternehmungen aller Art […], Beil. IV, Berlin 1847, 44). Sie nutzten die Bezeichnung „Deutscher Rum“ also nicht nur für Rübenzucker-, sondern auch für Kartoffelprodukte. Selten gebraucht, bezeichnete er in der zweiten Jahrhunderthälfte ein Kunstprodukt, ein Billigangebot.

04_Saechsischer Landes-Anzeiger_1891_12_24_Nr299_p4_Dresdner Nachrichten_1885_01_25_Nr026_p5_Punsch_Rum_Deutscher-Rum_Kunstrum

Deutscher Rum als Chiffre für Kunstrum (Sächsischer Landes-Anzeiger 1891, Nr. 299 v. 24. Dezember, 4 (l.); Dresdner Nachrichten 1885, Nr. 26 v. 25. Januar, 5)

Dadurch geriet der teurere „Deutsche Rum“ aus Rübenzucker ins Hintertreffen, verschwand gar vom Markte. Gleichwohl gab es ab und an weitere Versuche, Rum aus anderen heimischen Rohstoffen herzustellen. Während für Destillateure und Chemiker um die Jahrhundertmitte klar war, dass Importrum mit den vorhandenen Mitteln nicht herzustellen war, waberten die Hoffnungen auf ein mittels neuer Technik hergestelltes Rumsurrogat in der bürgerlichen Öffentlichkeit weiter. Der Aufstieg der organischen Chemie nährte solche Vorstellungen: Die Agrikulturchemie führte bereits zu höheren Erträgen, das 1856 entdeckte Mauvein öffnete die Tür zu einer neuartigen Welt künstlicher Farbstoffe, die mittelfristig auch koloniale Naturfarbstoffe ersetzen sollten. Dennoch verwundert die Geschichte der im Januar 1860 in Dresden gegründeten Sächsischen Rum-Fabrik.

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Rum aus Biertrebern: Anzeige für die Sächsische Rumfabrik (Leipziger Zeitung 1859, Nr. 252 v. 23. Oktober, 5171)

Der aus dem Landkreis Bautzen stammende Braumeister Peter Noack hatte Anfang 1859 ein Verfahren zur Herstellung von Porterbier, Arrak und insbesondere Rum vorgestellt. Ausgangsmaterial sollte Biertreber sein, ein Malzrückstand der Brauerei, die Gewinne alles Vorherige in den Schatten stellen (Dresdner Journal 1859, Nr. 32 v. 9. Februar, 127). Die anfangs für die neu zu gründende Aktiengesellschaft anvisierten 250.000 Taler ließen sich nicht realisieren, doch mit beträchtlicher Werbung und immensen Renditeversprechungen kamen stattliche 50.000 Taler zusammen. Dabei hatte es an Warnungen nicht gefehlt, „echter Jamaika-Rum werde eher aus der Erde hervorsprudeln, bevor eine Actie der besagten Rumfabrik die in Aussicht gestellten mir fabelhaften Procente bringt“ (H. Hollnack, Noch einen Nachricht wegen einer zu begründenden Rumfabrik, Ebd., Nr. 259 v. 9. November, 1044). Und so kam es: Die Produktion erbrachte gar klägliche Erträge, das Unternehmen wurde bereits Mitte März 1860 aufgelöst. Die Einlagen waren verloren, Maßregeln gegen den Patentinhaber verliefen im Sande (Dresdner Nachrichten 1860, Nr. 60 v. 29. Februar, 3; ebd., Nr. 71 v. 11. März, 2). Noack führte die Firma weiter, offerierte auch vermeintlichen Treberrum, doch dieser war wenig ansprechend (Ebd. 1860, Nr. 147 v. 26. Mai, 8). Die Regionalposse diente als Beleg für die auch nach der Weltwirtschaftskrise 1857/58 weiter bestehenden Gefahren unregulierter Aktiengesellschaften und einer zu starken Wirtschaftsliberalisierung (Th[eodor] Günther, Die Reform des Real-Credits, Dresden 1863, 69). Doch sie spiegelte zugleich eine weit verbreitete Gläubigkeit an die mythenlastigen Mächte von „Wissenschaft“ und „Technik“. An die Stelle der Alchimisten waren scheinbar großsprecherische Unternehmer getreten.

Ernüchternde Realität: Rumkonsum und Rummarkt in Deutschland im 19. Jahrhundert

Das Scheitern von Substituten des Importrums darf nun aber nicht zur Annahme verführen, dass sich im Alltag die bessere, echte Ware gegenüber den Surrogaten durchgesetzt hätte. Das Gegenteil war der Fall. Gewiss, Rum wurde importiert, es gab durchaus „echten“ Rum zu kaufen. Doch er blieb eine seltene Ausnahme. Sein hoher Alkoholgehalt, ca. 72-75 % für den am höchsten geschätzten Jamaika-Rum, machte ihn zu scharf für den direkten Konsum. Echter Rum, original Rum – bei alldem handelte es sich fast durchweg um Verschnitte. Präzise Analysen fehlen, doch kann man bei den besten Sorten Trinkrum von einem Alkoholgehalt von ca. 52 bis 55 % ausgehen. Einstellen für den Verkauf hieß dann Zugabe von (destilliertem) Wasser. Das erfolgte vielfach schon in den Londoner Docks, teils in den deutschen Importhäfen, teils bei den Großhändlern, selten auch bei Gastwirten und Kolonialwarenhändlern. Was bei der Milch dank zahlloser Milchregulative im späten 19. Jahrhundert als Verfälschung galt, war bei Rum Handelsbrauch.

06_Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik_1875_12_01_Nr335_p6_Augsburger Neueste Nachrichten_1875_12_12_Nr295_p3424_Spirituosen_Delikatessenhandlung_Punsch_Rum_Likoer

Angebotspalette für den festlich-kalten Dezember (Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik 1875, Nr. 335 v. 1. Dezember, 6 (l.); Augsburger Neueste Nachrichten 1875, Nr. 295 v. 12. Dezember, 3424)

Rum wurde allerdings nur sehr selten pur getrunken. Er war vielmehr ein typisches Mischgetränk. Hierbei handelte es sich jedoch nicht um die heute so modischen Cocktails. Diese kamen erst in den 1920er Jahren auf. Rum wurde ab dem 2. Drittel des 19. Jahrhunderts vielmehr erstens mit Essenzen und Wasser versetzt, war Alkohol- und Geschmacksträger zugleich. Obwohl ein „wärmendes“ Getränk, trank man ihn zumeist mit heißem Wasser, verdoppelte so den Energiewert. Neben der Verwendung in aromatisierten Punschen und Bowlen trat zweitens aber das für Deutschland typische Rumgetränk, der aus England übernommene Grog. Dabei handelte es sich um heißes Wasser, einen ordentlichen Schuss Rum und etwas Zucker. Verdünnter Rum verliert sein Aroma nur in Ansätzen, Hitze bringt die süßlichen, teils aber auch erfrischenden Geschmacksnuancen gar stärker zur Geltung. Grog wurde vor allem in Nord- und Ostdeutschland getrunken, doch Satirezeitschriften wie der „Münchener Grog“ belegen seine Präsenz auch im übrigen Deutschland. Grog stand dabei für den Übergang vom häufig privaten, häuslichen Verzehr aromatisierter Rumgetränke zum vermehrt öffentlichen und geselligen Konsum. Das traf auch für eine dritte Konsumart zu, die heute kaum mehr bekannt ist. „Korn mit Rum“ begann seinen zeitweiligen Siegeszug in den 1880er Jahren, war paradoxe Begleiterscheinung der Temperenzbewegung und der massiv erhöhten Branntweinsteuer 1887. Es handelte sich vornehmlich um verdünnten und aromatisierten Weingeist aus Kartoffelspiritus. Rum war Aromaträger, zumeist aber nur aufgrund zugefügter Rumessenzen (A[braham] Baer, Die Verunreinigungen des Trinkbranntweins insbesondere in hygienischer Beziehung, Bonn 1885, 71-72). Für die Präsenz von „Rum“ in der Öffentlichkeit war Korn mit Rum gleichwohl wichtig, denn es handelte sich um ein Billiggetränk für die breite Bevölkerung. Weitere modische Mischgetränke folgten, etwa die „Granate mit dem Schnellfeuer“ – eine Mixtur von Nordhäuser Korn mit Rum – oder der „Husarenkaffee“, ein Amalgam von Kümmel mit Rum (Berliner Schnäpse, Mäßigkeits-Blätter 15, 1898, 47), doch sie gewannen nur regionale Bedeutung. Viertens schließlich ging Rum auch eine Melange mit dem kolonialen Tee ein. Tee mit Schuss erlaubte auch Frauen eine kleine, doch merkliche Alkoholzufuhr im häuslichen Rahmen, aber auch in Teestuben und Cafés. Der für das späte Kaiserreich charakteristische Five-o-clock-Tea wäre ohne derartig unsichtbar-beschwingende Zusätze gewiss weniger beliebt gewesen.

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Grog als wärmendes Wintergetränk (Der Wahre Jacob 29, 1912, 7717)

Der Rumkonsum war stark saisonal geprägt. Man trank ihn vornehmlich in der kalten Jahreszeit, die meisten Annoncen erschienen im Dezember. Dieser Saisonalität entzogen sich weitere haushaltsnahe Verwendungsformen ansatzweise. Rum wurde im 19. Jahrhundert nämlich erstens auch als Stärkungs- und Kräftigungsmittel, ja, als Heilmittel gereicht und getrunken (J[osef] Ruff, Schutz der Gesundheit für Jedermann, Straßburg i.E. 1893, 253-254). Schon die in der britischen Marine lang und intensiv geführten Debatten, ob Skorbut eher durch Zitronensaft oder aber durch Rum bekämpft werden könne, verwiesen in diese Richtung. Rum sollte beleben, gegen Bleichsucht und Schwäche helfen, einen ruhigen Schlaf einläuten. Zweitens war Rum aufgrund seines kräftigen Aromas ein gängiges Würzmittel in bürgerlichen Haushalten. Rumaromen gewannen seit dem späten 19. Jahrhundert zwar an Bedeutung, zumal beim Backen und bei Nachtischen, doch ihnen fehlte die beim Kochen und Backen immer auch wichtige Masse. Drittens schließlich diente Rum, wie auch andere Trinkbranntweine, dem Einmachen. Der Rumtopf rettete Obst vor dem Verderb, war ein Trank für eine gesellige Runde, diente als Kompott, für Nachtische, Mehlspeisen und süße Saucen.

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Rum als bewährte Einmachhilfe (Mayener Volkszeitung 1902, Nr. 156 v. 10. Juli, 3)

Rum war in deutschen Landen im 19. Jahrhundert demnach mehr Ahnung als Realität, mehr Geschmacksnuance denn pures Getränk. Rum war vielgestaltig, fluid, auch als „echtes“ Kolonialprodukt kaum zu fassen, zumal die westindischen oder (selten auch) ostindischen Produkte höchst unterschiedlich waren, abhängig von heterogenen Verfahren, Rohwaren, klimatischen Einflüssen und auch Lager- und Transportbedingungen. In deutschen Landen kannte man das importierte und bearbeitete Endprodukt, während das Wissen über die überseeische Herstellungstechnik vage blieb, lange Zeit nur auf allgemein gehaltenen Reiseberichten und Beschreibungen kolonialer Wirtschaftspraktiken gründete. Die Umwandlung des kolonialen Importrums in eine in Deutschland absetzbare alkoholische Ware setzte auch daher vor allem beim Getränk selbst an. Die Produktion von „Deutschem Rum“ aus Rübenzucker vermochte den charakteristischen Geschmack des Rums nicht nachzubilden. Daher ging man ab dem 2. Drittel des 19. Jahrhunderts zu direkten Produktmanipulationen über. Getragen von der Imagination eines „echten“ Importrums schuf und vermarktete man Produkte, die sich von Zeit und Raum der Herstellung emanzipiert hatten. „Rum“ war künstliche Kost, die mit dem „echten“ Importrum kaum mehr gemein hatte als den Namen. Und dieser half die vielfältigen Eingriffe und Veränderungen der Produktion zu überdecken, ja, vergessen zu machen.

Was genau aber war „Rum“ im langen 19. Jahrhundert? Vier nicht immer klar voneinander abgrenzbare Arten sind zu unterscheiden. Erstens gab es den „echten“ Rum. Dabei handelte es sich um nicht veränderten Importrum bzw. dessen Verschnitt auf einen Alkoholgehalt von ca. 50-55 %. Dieses obere Ende des Marktes war klein und erschien Zeitgenossen als Ausnahme.

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Grundstoffe für Kunstbranntweine, inklusive Kunstrum (Illustrierte Zeitung 1857, Nr. 743 v. 26. September, 216)

Mengenmäßig dominant dürfte stattdessen der Kunstrum gewesen sein: Rum wurde als ein stark alkoholhaltiges Getränk mit einem charakteristischen Geschmack verstanden; und dieses baute man durch Kartoffelsprit und aromatische Zusätze nach. Kunstrum war „deutscher Rum“ in charakteristischer Brechung. Es ging um ein als „Rum“ vermarktbares Getränk, nicht aber mehr um den Ersatz von Rohrzucker durch Rübenzucker. Kunstrum war ein Billigprodukt, mit Augenzwinkern als „Rum“, selten auch als „Deutscher Rum“ angeboten. Lässt man das Odium des Ersatzmittels aber beiseite, so handelte es sich bei ihm um eine preiswerte und massenkompatible heimische Alternative. Karibiksonne hatte ihn nie beschienen, doch er war Abglanz eines Zeitalters wissenschaftlicher Entdeckungen in der organischen Chemie. Der Liebig-Schüler Friedrich Knapp (1814-1903) präzisierte: „Der feine, dem Aroma des Rums sehr nahe kommende Geruch des Buttersäureäthers […] hat die Veranlassung gegeben, daß diese Verbindung gegenwärtig sehr häufig zur Nachahmung des Rums mittelst gewöhnlichen Branntweins benutzt wird“ (Knapp, 1847, 411). Und Hermann Klencke (1813-1881), der wohl auflagenstärkste Wissenschaftspopularisator der Jahrhundertmitte, benannte die Folgen dieser chemischen Entdeckung: „Der meiste Rum, der in Deutschland verkauft wird, ist künstlich fabricirt, indem man eine Portion echten Rum mit fuselfreiem Spiritus versetzt und durch gebrannten Zucker und Buttersäure-Aether Geruch, Geschmack und Farbe imitirt“ (Die Verfälschung der Nahrungsmittel und Getränke […], Leipzig 1858, 297-298). Buttersäureäther war Großchemie im Kleinen, entstand durch den Einsatz von Kalilauge und Schwefelsäure, erforderte eine Destillation. Während es der Grundlagenforschung vorrangig um die Erkundung der Materie ging, nutzen Unternehmer diese Kenntnisse für neue und preiswertere Produkte, angeleitet durch einen wachsenden Markt von Ratgebern. Seit den 1840er Jahren nahm die Zahl von Halbfertigäthern zu. Sie ermöglichten schon lange vor der Isolation natürlicher und der Synthese künstlicher Aromen die Kreation von Geschmacksprofilen.

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Deutscher Rum als billiger Kunstrum (Bensberg-Gladbacher Anzeiger 1887, Nr. 7 v. 22. Januar, 3 (l.); Märkisches Tageblatt 1888, Nr. 305 v. 29. Dezember, 4)

Die Entwicklung ging von Hautgeschmacksträgern zu nuancenreicheren Zusätzen: An der Seite des Buttersäuresäthers standen rasch Coccinsäure- oder Ameisensäureäther. Damit komponierter Kunstrum wurde mit Zuckercouleur, Sirup und/oder Eichenrinde abgerundet und braun gefärbt: “Die Leichtgläubigkeit des Publikums geht manchmal so weit, daß es einen gefärbten und mit etwas Essigsäure- oder Buttersäureäther versetzten fuselhaltigen Branntwein auch für Rum nimmt“ (Ferdinand Artmann, Die Lehre von den Nahrungsmitteln, ihrer Verfälschung und Conservirung […], Prag 1859, 456). In den Folgejahren wuchs die Zahl einsatzfähiger und fertig käuflicher Komponenten rasch an. Die Sprache der Zusätze mag uns fremd vorkommen, da wir uns vielfach kein Bild davon machen, welche (durchaus harmlosen) Chemikalien in gängigen Lebens- und Genussmitteln enthalten sind. Doch Essig- und Salpeteräther, auch Birkenöl, Glanzruss, Zimt, Veilchenwurz, Perubalsam oder Vanilleessenz, erlaubten die Produktion von durchaus ansprechendem Kunstrum (Wiederhold, Unterscheidung des echten Colonial-Rums vom unechten, sogenannten Facon-Rum, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 5, 1864, 11-12; Louis Pappenheim, Handbuch der Sanitäts-Polizei, Bd. 1, 2. neu bearb. Aufl., Berlin 1868, 360). Der Erfolg des Kunstrums basierte daher nicht nur auf dem niedrigen Preis, sondern auch auf einer dem Geschmack zusagenden und ansatzweise berechenbaren Aromatisierung mit Chemikalien und natürlichen Aromastoffen, deren Rohwaren teils aus kolonialen Kontexten stammen. In Österreich gilt entsprechender Inländerrum bis heute als geschützte Spezialität – mit Stroh-Rum als bekanntester Marke. Anders als die Parfümindustrie, deren Aufschwung seit den 1870er Jahren eng mit synthetischen Duftstoffen verbunden war, blieb die Kunstrumproduktion noch über Jahrzehnte den tradierten Zusätzen der Jahrhundertmitte verbunden. Deren allgemeine Verfügbarkeit über Apotheken und Drogerien ließ Kunstrum auch zu einem häuslich hergestellten Produkt werden. An die Seite der Fabrikanten, Destillateure und Budiker traten auch Hausfrauen, um dem Mann zu frommen oder Silvester punschig zu feiern.

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Verhäuslichung der Kunstrumproduktion (Wiener Hausfrauen-Zeitung 20, 1894, Nr. 5, 43)

Aromatisierter Kunstrum war ein künstliches Getränk eigenen Rechts, doch die Annäherung an das koloniale Referenzprodukt gelang nur unzureichend. Je nach Zusätzen dominierten einzelne Geschmackskomponenten, während andere fehlten. Kunstrum erlaubte aufgrund seines niedrigen Preises zudem keine hohe Wertschöpfung, stand unter dem Verdikt der Nahrungsmittelfälschung. Entsprechend entstand drittens mit dem Faconrum eine dritte Rumart, eine Mischung aus Verschnitt- und Kunstrum. Aromatisierung und der Einsatz von Kartoffelsprit wurden beibehalten, doch um einen mehr oder minder großen Anteil von Kolonialrum ergänzt. Gerade bei rumhaltigen Heißgetränken konnte mit überschaubarem Einsatz von fünf oder zehn Prozent „echtem“ Rum ein besseres Aroma erzielt, höhere Preise verlangt werden. Faconrum dokumentiert typische Pendelschläge bei der Entwicklung künstlicher Kost. Das teure Original wurde zuerst mittels heimischer Rohwaren versucht zu substituieren. Falls dies, wie im Falle des Rübenzuckerrums, zu keinem wettbewerbsfähigen Produkt führte, traten Kunstprodukte aus andersartigen Bestandteilen an dessen Stelle. Die offenkundigen Defizite wurden anschließend versucht abzubauen – zuerst durch verbesserte Aromatisierung mit chemischen oder natürlichen Geschmacksstoffen, dann mit einem nur begrenzten Einsatz des Originalproduktes. Lernprozesse dieser Art finden sich auch in anderen Konsumgüterindustrien dieser Zeit, etwa Fleischpulver, Kräftigungsmittel oder vegetarischer Fleischsubstitute. Sie prägen heute unser gesamtes Lebensmittelangebot, mögen uns Produktbezeichnungen und die allgemeine Ästhetisierung beworbener Nahrung auch anderes suggerieren.

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Preisdifferenzen beim Faconrum – je nach „Rum“-Gehalt (Vorwärts 1893, Nr. 214 v. 12. September, 8)

Faconrum und Kunstrum nutzten viertens vermehrt auch Rumessenzen, also Fertigprodukte der parallel zur pharmazeutischen und kosmetischen Industrie entstehenden Essenzenindustrie. Deren industriell gefertigte Angebote unterschieden sich deutlich von den Chemikalien der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie waren teils synthetisiert (wie Vanillin), vor allem aber stofflich standardisiert, waren also nicht nur in großer Menge (und damit billiger) herzustellen, sondern konnten gezielt als Vor- und Zwischenprodukte eingesetzt werden (August Gaber, Die Likör-Fabrikation, 9. verb. u. sehr verm. Aufl., Wien und Berlin 1913, 195-226, 290-324). Mit ihnen glaubte man damals, das „Reservatrecht der Natur“ (Emil Fischer, Die Chemie der Kohlenhydrate und ihre Bedeutung für die Physiologie, Berlin 1894, 23) durch Synthese durchbrechen und so zu einer neuen, vom Menschen gestalteten Welt gelangen zu können (Uwe Spiekermann, Die gescheitere Neugestaltung der Alltagskost. Nähr- und Eiweißpräparate im späten Kaiserreich, Technikgeschichte 78, 2011, 187-209).

Als Stoffkomposita hatten Rumessenzen zwar machen Makel – ihr Einsatz als Teerum und Grog scheiterte aufgrund der Hitze des Ausgusses, auch konnten sie analytisch erkannt werden (Theodor Koller, Die Ersatzstoffe der chemischen Industrie, Frankfurt a.M. 1894, 82-83). Doch sie erlaubten den Übergang von der gewerblichen in die häusliche Sphäre. Seit den 1890er Jahren ersparten sie den Käufern die lange Tüftlerphase der Produzenten, denn durch die Mischung von Wasser, Weingeist (also Kartoffelsprit) und Rumessenz konnte jeder „Rum“ zu Hause herstellten. Pointiert formuliert finden wir seither im Deutschen Reich strukturelle Analogien zur kolonialen Plantagenwirtschaft: Einerseits zahlreiche größere Produzenten, die für regionale, nationale und auch internationale Märkte produzierten, anderseits aber auch viele Kleinproduzenten, die auf Zuckerplantagen resp. in den heimischen Wänden Rum selbst bereiteten.

13_Vorwaerts_1899_10_01_Nr230_p07_Ebd_1900_12_30_Nr303_p11_Spirituosen_Rum_Essenzen_DIY_Albert-Marquardt_Otto-Reichel

Selbstbereiteter „Rum“ dank Rumessenzen (Vorwärts 1899, Nr. 230 v. 1. Oktober, 7 (l.), ebd. 1900, Nr. 303 v. 30. Dezember, 11)

Verschnitte, Kunstrum, Faconrum und Rumessenzen sind typisierende Abstraktionen, die unter diesen Begriffen im Rummarkt seit Mitte des 19. Jahrhundert vielfach nicht aufzufinden waren. Dort dominierte meist allein der lockende „Rum“, vielfach verbunden mit einer Herkunftsbezeichnung. Doch ohne derartige Ordnungsbegriffe wird man sich nicht zurechtfinden in einem Markt ohne Kennzeichnungspflichten, ohne klar definierte Produktbezeichnungen und Markenartikel. Wie bei vielen anderen Konsumgütern dieser Zeit wurde die allgemeine Marktunsicherheit vorrangig durch Händlervertrauen vermindert. Nicht umsonst stammen die meisten Anzeigen für Rum von Kolonialwaren- und Feinkosthändlern. Dies veränderte sich erst in den 1890er Jahren, mit den Herstellern von Rumextrakten als Trendsetter.

Zwei Punkte gilt es noch festzuhalten: Erstens war der deutsche Rummarkt im 19. Jahrhundert auch deshalb so vielgestaltig, weil eine leistungsfähige marktordnende Überwachung fehlte. Die damaligen Kontrollbehörden konnten einen gut gemachten Kunstrum kaum von einem Verschnitt oder einem Faconrum unterschieden. Marktvielfalt setzte den Käufer in sein Recht, barg aber immer die Gefahr der Übervorteilung. Zweitens wäre es verkürzt, würde man die unterschiedlichen Rumarten mit wertenden Kategorien belegen. Während der Importrum nicht zuletzt seit der Zollerhöhung 1889 kein Alltagsprodukt mehr sein konnte, erlaubten die billigeren Angebote den Konsum rumartiger Getränke in allen Teilen der Bevölkerung. Die Palette der Rumarten erlaubte konsumtive Teilhabe – durchaus in Analogie zum Wechselspiel von echtem Kaffee und den mengenmäßig dominierenden Surrogaten. Doch ebenso wenig wie ein Malzkaffee per se geringwertiger war als importierter Kolonialkaffee, so handelte es sich auch bei den verschiedenen Rumarten um Produkte eigenen Rechts. Surrogate hatten ihren Eigenwert: Rübenzucker war ein Ersatzmittel, setzte aber einen neuen Standard für Süße. Kolonialprodukte führten zu lokalen Aneignungsprozessen, die neue Realitäten schufen, die weit über das Ursprungsprodukt hinaus wiesen. Auch abseits der noch nicht möglichen chemischen Analyse und der Aufdeckung von Fälschung und Betrug wurde die Scheidung zwischen vermeintlich Echtem und vermeintlich Nachgemachten dadurch erschwert. Das Referenzgut Importrum konnte dafür kaum Ausgangsprodukt sein, sondern eher die Realitäten von Vermarktung und Konsumpraktiken in Deutschland selbst. Vor diesem Hintergrund war die ab 1890 wieder neu anlaufende Schaffung eines „Deutschen Rums“ aus heimischen Rübenzuckerprodukten eigentlich höchst traditionell, nicht mehr auf der Höhe des Marktgeschehens. Sie war eine typische Gestaltungsutopie von Ingenieuren und Chemikern, die auch um die Jahrhundertwende noch auf die Substitution eines „echten“ Ausgangsproduktes drängten, obwohl dieses im deutschen Rummarkt nicht dominierte und in den Importländern, ausgehend von den Standardisierungsbestrebungen in Jamaica, erst seit der Jahrhundertwende ansatzweise geschaffen wurde.

Auf der Suche nach Ordnung: Der deutsche Rummarkt um die Jahrhundertwende

Die wachsende Bedeutung von Kunst- und Faconrum im Deutschen Reich ging in den 1880er Jahren mit verstärkten Bestrebungen einher, die „normale“ Beschaffenheit aller Nahrungs- und Genussmittel zu bestimmen und quantitative Methoden ihrer Analyse zu entwickeln (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 43). Die aufstrebende Nahrungsmittelchemie zielte auf „objektives“ Wissen, grenzte sich strikt ab von regional heterogenen Handelsbräuchen und tradierten Sinnesproben. Und im Umfeld des 1879 erlassenen Nahrungsmittelgesetzes gab es zunehmend staatlichen Rückenwind, Verfälschungen systematisch zu bekämpfen und die Vielfalt der Angebote zu ordnen. Der Kunstbuttermarkt bot hierfür ein gutes Beispiel. Eine erste breit gefächerte Analyse aller Rumarten ergab allerdings, dass man mittels der gängigen Verfahren „nicht entscheiden [könne, US], ob ein Rum unverfälscht ist oder nicht“ (H[einrich] Beckurts, Mittheilungen über Untersuchungen von Rum, Monatsblatt für öffentliche Gesundheitspflege 1, 1878, 178-180, hier 180). Weitere Analysen benannten das grundsätzliche Dilemma: „Ob ein Rum eine ganz echte oder verschnittene Waare, oder gar ein reines Kunstproduct darstellt, darüber wird die Chemie heut zu Tage schwerlich Auskunft geben können, da dieselbe über wirklich brauchbare Methoden zur Erkennung solcher Zusätze oder Verfälschungen bislang nicht gebietet, ganz abgesehen davon, dass nicht einmal die Bestandtheile des echten Rums zur Zeit sammt und sonders definirbar sind“ (Heinrich Beckurts, Zur Zusammensetzung und Prüfung des Rums, Archiv der Pharmacie 60, 1881, 342-346, hier 344).

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Unerfüllte Versprechungen der chemischen Analyse (Kikeriki 23, 1883, Nr. 30 v. 15. April, 2)

Fachleute wussten, dass sich die Analytik aller Trinkbranntweine „nur in beschränktem Maaße brauchbar erwiesen“ hat (Carl Windisch, Ueber Methoden zum Nachweis und zur Bestimmung des Fuselöls in Trinkbranntweinen, Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamt 5, 1889, 373-393, hier 373). Das lag auch daran, dass über die Rumproduktion in Westindien und über die Zusammensetzung des Importrums keine verlässlichen Daten vorlagen (Alexander Herzfeld, Bericht über die Versuche zur Darstellung Rum-artiger Produkte aus Rübensaft, Melasse und Rohzucker, Zeitschrift des Vereins der Deutschen Rübenzucker-Industrie 40, 1890, 645-680, hier 645). Kein geringerer als Theodor Wilhelm Fresenius (1856-1936), Leiter des wichtigsten pharmazeutischen Laboratoriums im Deutschen Reich, zog daraus den drastischen und gut belegten Schluss, dass die Kontrolle des Rums „praktisch nicht durchführbar“ sei (Beiträge zur Untersuchung und Beurtheilung der Spirituosen, Zeitschrift für analytische Chemie 29, 1890, 283-317, hier 307). Die tradierte Sinnesprobe, also das Rumschnüffeln, -schmecken und -schauen, sei nach wie vor nicht zu ersetzen. Auch eine umfassende Studie des Reichsgesundheitsamtes über das Rumwissen und die einschlägigen Kontrollmethoden bestätigte, dass es unmöglich sei, „echte Waare von unechter auf chemischem Wege zu unterscheiden, […]. Auch hier wird solchen Sachverständigen der Vorzug zu geben sein, welche ihr Urtheil auf Grund der Geschmacks – und Geruchsprobe abgeben“ (Eugen Sell, Ueber Cognak, Rum und Arrak. 2. Mittheilung. Ueber Rum, das Material zu seiner Herstellung, seine Bereitung und nachherige Behandlung unter Berücksichtigung der im Handel üblichen Gebräuche sowie seiner Ersatzmittel und Nachahmungen, Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 7, 1891, 210-252, hier 240).

Für die Produktion von Kunst- und Faconrum sowie von Rumextrakten war dies zeitweilig eine Art Freifahrtschein. Dennoch begann damals ein zwei Jahrzehnte währender lokaler Kampf gegen „Rumverfälschungen“, der hier nicht nachzuzeichnen ist. Er wurde als gerichtlicher Nahkampf ausgefochten, bei dem immer wieder zur Debatte stand, was als „normaler“, als „handelsüblicher“ Rum zu verstehen war. Nicht Kunst- und Faconrum standen dabei im Mittelpunkt, sondern Verschnitte des echten Importrums. Er galt als Referenzobjekt, ein heterogenes Produkt wurde gleichsam naturalisiert. Das Hinzufügen von Wasser auch bei Premiumsorten – Original Jamaica-Rum – war schließlich einfach nachzuweisen. Doch als Gegenargument führten Händler immer wieder den Wunsch der Konsumenten nach handelsüblichen trinkbaren Rumsorten von mal 38, mal 45, mal 50, mal 55 % Alkohol an. Konsumentensouveränität wurde gegen das Ordnungsbestreben der Nahrungsmittelchemie ausgespielt. Die wiederholten Niederlagen von Nahrungsmittelchemikern vor Gericht galten nach der Jahrhundertwende zunehmend als Frage der Ehre, des Renommees und der Durchschlagskraft der akademischen Zunft.

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Handelsmarken für Jamaika-Rum (Deutscher Reichsanzeiger 1896, Nr. 8 v. 10. Januar, 8 (l.); Fliegende Blätter 119, 1903, Nr. 3046, Beibl. 10, 7)

Die erbitterten Debatten boten eigentlich Markenrum große Marktchancen. Er war im Deutschen Reich lange Zeit unüblich, teils wegen des erst seit 1894 verlässlichen Markenschutzes, teils wegen der fehlenden inländischen Produktion abseits der Verschnitte. Den kleinen, aber wachsenden Markenartikelmarkt dominierten einheimische Handelsfirmen, meist Anbieter von Verschnittware. Hinzu kamen internationale Handelsfirmen, die Importrum abfüllten und vermarkteten. Während die deutschen Handelsfirmen ab und an brasilianischen und kubanischen, zumeist aber westindischen, „englischen“ Rum anboten, mehrere in Flensburg ansässige Firmen auch dänischen Importrum, wurde der Rum französischer Kolonien zumeist von französischen Handelsfirmen vermarktet. Durchweg dominierten die kolonialen Mutterländer und ihre europäischen Handelspartner, nicht aber die Rumproduzenten der kolonialen Periphere. Trotz dutzender Rumsorten mit Warenzeichen dominierte anonymer Kunst- und Faconrum weiterhin den deutschen Markt. Ähnliches galt beim Arrak. Innerhalb der Spirituosenbranche gab es eine Scherenbewegung: Während heimisch produzierte Liköre und Weinbrände seit den 1890er Jahren zunehmend als starke Marken mit ansprechender Werbung erschienen, fehlten diese bei Importrum und Rumverschnitten. Das sollte sich erst in den 1950er Jahren ändern.

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Rum als Angebot von Großhandelsfirmen: Warenzeichen der Bergedorfer Firma Heinrich von Have (Deutscher Reichsanzeiger 1912, Nr. 25 v. 26. Januar, 18)

Markenartikel besaßen den Vorteil einer gewissen Berechenbarkeit von Preis und Zusammensetzung. Markenartikelproduzenten und Großhändler sicherten die Qualität ihrer Produkte zunehmend mit Betriebslaboratorien und freiwilligen Kontrollen durch Handelschemiker. Beim Rum war dies aber kaum möglich. Umso wichtiger waren Bemühungen um verbesserte Methoden der Trinkbranntweinanalyse, die Nahrungsmittelchemiker und die in schlagkräftigen Verbänden organisierten Spirituosenhersteller durchaus kooperativ betrieben. Marktordnung mittels verbindlicher Referenzwerte war im Sinne der größeren Unternehmen, da verlässliche Mindestanforderungen der gerade im Rummarkt dominierenden Billigkonkurrenz das Wasser abgraben konnten.

Die ersten rechtsverbindlichen Vereinbarungen über die Zusammensetzung von Spirituosen zielten mangels präziser Analysen Ende der 1890er Jahre auf die Gefahrenabwehr. Festgeschrieben wurde einerseits, welche gesundheitsgefährdenden Zusätze und Rückstände im Endprodukt nicht mehr enthalten sein durften, andererseits schuf man erste Obergrenzen für unerwünschte Stoffe, etwa die gängigen Fuselöle (W[ilhelm] Fresenius und K[arl] Windisch, Branntweine und Liköre, Vereinbarungen zur einheitlichen Untersuchung und Beurtheilung von Nahrungs- und Genussmittel sowie Gebrauchsgegenständen für das Deutsche Reich. Ein Entwurf, H. II, Berlin 1899, 123-133). Parallel bemühte sich insbesondere das Reichsgesundheitsamt um ein positives Wissen über Trinkbranntweine, darunter auch Rum. Da die kolonialen Produktionsverfahren zwar zumeist als „primitiv“ abgewertet wurden, im Detail aber unbekannt waren, analysierte man weiterhin Rumproben gängiger Importware, erhielt aufgrund der Variabilität dieser Angebote jedoch nur recht allgemeine Referenzdaten (Karl Windisch, Beiträge zur Kenntnis der Edelbranntweine, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 8, 1904, 465-505, hier 482-483). Die langsam beginnende Rationalisierung der Rumproduktion in Übersee mittels westlicher Maschinen begrüßte man, hoffte man doch auf stärker standardisierte Waren. Doch man ging nicht dazu über, Erkundigungen vor Ort einzuholen, etwa bei der 1862 gegründeten kubanischen Firma Bacardi oder der in Barbados seit 1892 mit deutschen Maschinen produzierenden West India Rum Refinery der aus Peine stammenden Brüder Hermann (1856-1916) und Georg Stade (1863-1922).

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Mechanisierung der kolonialen Rumproduktion durch deutsche Maschinen (Louisiana Planter and Sugar Manufactor 11, 1893, Nr. 6, XVII)

Der auf die angebotenen Waren gerichtete Fokus führte allerdings zur raschen Übernahme französischer Analysemethoden, die seit den 1890er Jahren das Aromenspektrum der Alkoholika genauer fassten; eine Konsequenz wachsender chemischer Kenntnisse über Ester, flüchtige Säuren, Aldehyde und natürlich höhere Alkoholverbindungen. Ebenso wichtig wurden Hefeanalysen, die vornehmlich von dänischen Spezialisten vorangetrieben wurden. Die wohl wichtigste methodische Innovation war jedoch die 1908 von dem Grazer Chemiker Karl Micko (1867-1948) entwickelte fraktionierte Destillation. Der Rum wurde in acht Fraktionen eingeteilt, die dann einzeln untersucht wurden. Insbesondere die höheren Fraktionen erlaubten, das Aromenspektrum recht genau zu erfassen (Karl Micko, Über die Untersuchung des Jamaika- und Kunst-Rums und zur Kenntnis des typischen Riechstoffes des Jamaika-Rums, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 16, 1908, 433-451, insb. 434-435). Damit waren quantitativ erfassbare Referenzdaten abseits von Alkohol- und Wassergehalt möglich, ergänzende Geruchsproben erlaubten eine Feinjustierung. Mickos Methode war ausgefeilt, praktikabel, schied gut zwischen Kunst-, Facon- und Importrum – und wurde rasch auch in der englischsprachigen Welt rezipiert (Karl Micko, Researches on Jamaica and Artificial Rum, International Sugar Journal 11, 1909, 225-232, 410-414, 446-451). Die Folge war, dass schon vor dem Ersten Weltkrieg sensorische Verfahren durch quantitative Verfahren ergänzt wurden und Nahrungsmittelchemiker ihre Kontrollaufgaben besser versehen konnten (A[lbert] Jonscher, Zur Kenntnis und Beurteilung von Rum, Rumverschnitten und Kunstrum, Zeitschrift für öffentliche Chemie 20, 1914, 329-336, 345-349, insb. 333, 346). Mickos Methode erlaubte aber zugleich eine Feineinstellung bei der Entwicklung neuer Produkte, so auch des „Deutschen Rums“.

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Neue Begrifflichkeiten: Rum-Verschnitt (Deutscher Reichsanzeiger 1921, Nr. 68 v. 21. März, 16)

Parallel veränderten sich die amtlichen resp. von den Interessenten akzeptierten Bewertungsmaßstäbe des Rums. Die Nahrungsmittelchemiker mussten dabei eine bittere Niederlage einstecken: Verschnittrum (heute als „Echter Rum“ bezeichnet) wurde in festgesetzten Grenzen vom Odium der Verfälschung befreit (W[ilhelm] Bremer, Trinkbranntweine und Liköre, in: K[arl] v. Buchka, Das Lebensmittelgewerbe, Bd. I, Leipzig 1914, 701-901, hier 799). Grund hierfür waren auch die Debatten und Festsetzungen im Rahmen der Branntweinsteuergesetzesnovelle 1909. Für Kognak wurde damals ein Mindestalkoholgehalt von 38 % festgelegt – und an diesem Wert orientierten sich auch Rumanbieter und Gerichte (Gerichtsentscheidung über die Alkoholstärke von Jamaika-Rum, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 7, 1909, 196-197). Während des Ersten Weltkrieges sank der noch nicht rechtsverbindliche Alkoholgehalt jedoch auf deutlich niedrigere Werte (Alkoholgehalt von Rum u. Arrak im Krieg, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 16, 1918, 62). Das Branntweinmonopolgesetz fixierte daraufhin 1918 den Mindestalkoholgehalt für Rum und Arrak verbindlich auf 38 % (heute 37,5 %). Das war der Auftakt für eine weitergehende Regulierung durch das 1927 erlassene Lebensmittelgesetz (Bund Deutscher Nahrungsmittel-Fabrikanten und Händler, Zeitschrift für angewandte Chemie 40, 1927, 628-630, hier 628). Festgeschrieben wurden neben dem Alkoholgehalt auch Herkunftsbezeichnungen und Kennzeichnungspflichten, entstanden zudem neue Begriffsdefinitionen für die unterschiedlichen Rumarten (Begriffsbestimmungen für Branntwein und Spirituosen, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1928, 143-145, 163-165, 173-174, hier 164; G[eorg] Büttner, Über die Bezeichnung von Trinkbranntweinen, ebd. 1931, 15-16, hier 16).

Die Regulierungsbemühungen schufen recht verlässliche Rahmenbedingungen im Rummarkt just weil sie sich an der deutschen Marktrealität orientierten. Der „echte“ Importrum galt als Referenz, auch wenn er im Absatz nach wie vor eine seltene Ausnahme war. Facon- und Kunstrum prägten weiter den Markt, mochte ersterer nun auch als Rum-Verschnitt bezeichnet werden. Die Sprachspiele der Chemiker und Regulierungsbehörden erlaubten aber zugleich die Neubelebung und Umsetzung der alten Idee vom „Deutschen Rum“ aus heimischen Rohstoffen, vorrangig aus Rübenzuckermaterialien.

Neue Anläufe: „Deutscher Rum“ aus Zuckerprodukten vor dem Ersten Weltkrieg

Allerdings stellte sich im späten 19. Jahrhundert zuvor die Frage, ob „Deutscher Rum“ nicht in den deutschen Kolonien produziert werden konnte. Das wurde in der Tat versucht, scheiterte aber wie so viele Kolonialunternehmungen. Das lag teils an den klimatischen Bedingungen, teils an anderen Zielsetzungen der überraschend wenigen Kolonialgesellschaften. In Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, wurde Zucker schon vor 1885, der deutschen Inbesitznahme der Kolonie, von arabischen Geschäftsleuten mit Hilfe von Sklaven und Kontraktarbeitern angebaut. Die Plantagenwirtschaft diente ebenso wie die Rumproduktion vornehmlich dem Eigenbedarf. Das wollten die deutschen Machthaber ändern, gelang aber nur ansatzweise: „Very little is exported; but a refinery has been built at Pangani, where rum is made for export. Plantations have been started in the Wilhelmstal and Kondon Irangi Districts“ (Handbook of German East Africa, hg. v. d. Admirality War Staff. Intelligence Division, London 1916, 237).

Die 1897 aus dem Zuckersyndikat für Deutsch-Ostafrika hervorgegangene Pangani-Gesellschaft zielte darauf, in die Fußstapfen der Araber Deutsch-Ostafrikas zu treten, Sirup und Zucker für die Kolonie und ihre Nachbarn zu produzieren (Ein neuer Kolonisationsplan für Deutsch-Ostafrika, Wochenblatt für Wilsdruff […] 1897, Nr. 104 v. 4. September, 5). Aus dem Rohrzucker sollte zudem Rum für den deutschen Markt produziert werden. Die von hochrangigen Publizisten, Staatsbeamten und Unternehmern getragene und mit einem Kapital von 500.000 M ausgestattete Gesellschaft konnte sich ein fünfzehnjähriges Produktionsmonopol sichern, zudem Zoll- und Steuerfreiheit für den deutschen Kolonialrum. Die Zielsetzung war ambitioniert: „Es bietet sich hier den deutschen Rum-Importeuren, welche schon lange von London, welches das Monopol für den kolonialen Rum hat, loskommen möchten, später eine günstige Gelegenheit für direkten Bezug“ (Die Pangani-Gesellschaft, Deutsche Kolonialzeitung 14, 1897, 214). Von Beginn an gab es Kritik an dem Unterfangen, mache es doch deutschen Rübenzuckerexporteuren unnötige Konkurrenz, nur um „feine Preise von den deutschen Konsumenten zu holen“ (Pangani-Cacao, Gordian 3, 1897/98, 1101-1102, hier 1101). Doch da die Zucker- und Rumfabrik von der renommierten Firma F. Hallström aus Nienburg a.d. Saale ausgestattet wurde, setzte man auf deren Expertise, auf die Qualität ihrer Maschinen (Leipziger Tageblatt 1898, Nr. 548 v. 28. Oktober, 8073).

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Gärstoffe für die koloniale Rumproduktion in Deutsch-Ostafrika: Die Rohrzuckerfabrik der Pangani-Gesellschaft im Bau (Deutsche Kolonialzeitung 16, 1899, 539)

Es gab allerdings unvorhergesehene Probleme, denn der Rohbau verzögerte sich aufgrund von Dürre und Hunger, so dass der Dampfer mit dem Maschinenpark nicht wie geplant entladen werden konnte. Rum, „welcher ja hochwillkommen zur Versorgung des Vaterlandes ist“ (Afrika 6, 1899, 128), konnte noch nicht produziert werden. Finanzierungsprobleme kamen hinzu, konnten aber überwunden werden (Frankenberger Tageblatt 1901, Nr. 12 v. 15. Januar, 3). Die britischen Kolonialkonkurrenten rechneten mit einem Produktionsbeginn 1901 (Germany. Report for the year 1900 on German East Africa, London 1901, 29). Doch es gab weitere Verzögerungen, so dass der frühere Siedler und Kolonialpropagandist August Seidel schließlich vermelden musste, die Pangani-Gesellschaft „fabrizierte Zucker und Rum, beide von guter Qualität, konnte sich aber nicht halten, da sie zu teuer gebaut und daher Mangel an Betriebskapital hatte“ (Unsere Kolonien, was sind sie wert, und wie können wir sie erschliessen?, 2. Ausg., Leipzig 1905, 53). Mitte 1903 trat sie in Liquidation. Deutscher Kolonialrum wurde in Deutsch-Ostafrika zwar produziert, doch gelangte er nicht nach Deutschland. Er wurde lokal verkauft, diente auch als Brennmaterial für Spirituskocher deutscher Naturforscher (A. Zimmermann, Zweiter Jahresbericht des Kaiserl. Biologisch-Landwirtschaftlichen Instituts Amani für das Jahr 1903/04, in: Berichte über Land- und Forstwirtschaft vom Kaiserlichen Gouvernement von Deutsch-Ostafrika […], Bd. 2, Heidelberg 1904-1906, 204-263, hier 253).

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Die Zucker- und Rumfabrik am Pangani-Fluss kurz vor der Fertigstellung (Deutsche Kolonialzeitung 16, 1899, 539)

Gleichwohl war die Rumfabrik am Pangani-Fluss auch nach dem Konkurs ein Experimentierort für deutsche Zuckerexperten, wurde sie doch weniger ambitioniert fortgeführt (V[iktor] v. Lignitz (Hg.), Die deutschen Kolonien ein Teil des deutschen Vaterlandes, Berlin 1908, 35). Anfang der 1920er Jahre berichtete der Frankfurter Chemiker Georg Popp (1861-1943) über die schwierigen Versuche in der kolonialen Peripherie: „Wahrscheinlich waren die Gärungsorganismen nicht die gleichen“ ([Hugo] Haupt, Ueber Deutschen Rum, Zeitschrift für öffentliche Chemie 27, 1921, 253-261 (inkl. Disk.), hier 260). Die klimatischen Unterschiede zur Karibik versuchte man aber durch den Einsatz von kubanischer Reinzuchthefe wettzumachen. Der Frankfurter Chemiker Heinrich Becker (1861-1931) berichtete später jedenfalls stolz, dass es dadurch vor Ort gelungen sei “die Herstellung eines vorzüglichen Rums zu ermöglichen“ (Gutachten v. Heinrich Becker v. 11. März 1921, Bundesarchiv (= BA) R 86, Nr. 5340). Obwohl die Zucker- und Rumfabrik am Pangani-Fluss ökonomisch scheiterte, gewannen deutsche Experten hier Wissen, das später helfen sollte, „Deutschen Rum“ aus heimischen Zuckerprodukten herzustellen.

Das Scheitern des deutschen Kolonialrums bedeutete zudem nicht, dass „Deutscher Rum“ nicht schon im späten 19. Jahrhundert ein Handelsprodukt war – allerdings nicht im Sinne eines rumgleichen heimischen Trinkbranntweins. Das Gegenteil war der Fall. Zum einen war „Deutscher Rum“ eine global recht erfolgreiche Handelsware. Dabei aber handelte es sich aber nicht um edle Tropfen, sondern um preiswerten Kunstrum. Hamburg allein exportierte Anfang der 1890er Jahre jährlich ca. 10.000 hl Kunstrum nach Westafrika, eine Zahl, die man ins Verhältnis zum gesamte Rumimport Deutschlands setzten muss. Dieser betrug 33.000 hl (inklusive Transfer) (Rum, in: Brockhaus‘ Konversations-Lexikon, 14. vollständig neu bearb. Aufl., Bd. 14, Leipzig 1895, 13). Deutsche, aber auch französische Produzenten dominierten mit ihren Rumimitaten koloniale Peripherien, setzten dabei auf aromatische Zusätze und billigen Kartoffelspiritus, mochte die Qualität der Ware auch „of the worst description“ sein (Liberia 1896, Nr. 8, 54).

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Destillationsblase und Retorten zur Rumproduktion in einer Zuckerplantage in Jamaika 1904 (Library of Congress, LC-DIG-stereo-1s30276)

In derartigen Exporten waren auch beträchtliche Mengen „German Rum“ enthalten. Darunter verstand man eine vornehmlich von kleineren Anbietern in Jamaika hergestellte Rumvariante, die einen besonders hohen Gehalt an Aromastoffen besaß und daher hohe Preise erzielte. Die Bezeichnung spiegelte die Handelsströme – „‚German Rum’—because it all goes to Germany“ (The Sugar Cane 19, 1887, 262-263, hier 262). Diese Rumart war praktisch nicht trinkbar, sondern diente der massenhaften Produktion von Fassonrum in Deutschland (Percival H. Greg, Contribution to the Study of the Production of the Aroma in Rum. III., The Sugar Cane 28, 1896, 397-404, hier 402; Commercial Relations of the United States with Foreign Countries during the Years 1896 and 1897, Bd. 1, Washington 1898, 646-647). In der britischen Kolonie versuchte man die Produktion von „German Rum” einzudämmen, denn er wurde in traditioneller Weise gefertigt und beschädigte das Renommee des Jamaikanischen Rums: „‚German rum’ has prejudiced the sale-value and public estimation of Jamaica rum. It also makes it impossible to protect the valuable asset of the name possessed by Jamaica rum, since certain Jamaica rums are undrinkable as such and serve solely to flavour multiple puncheons of continental potato spirit” (West India Bulletin 8, 1902, 50). Auch auf deutscher Seite war Kritik am Export derartigen Faconrums zu vernehmen, entsprachen sie doch lang gehegten Vorurteilen von deutscher Imitations- und gewerblicher Epigonenkunst (Commercial Travelers in Foreign Countries […], T. 1, Salesmanship 2, 1904, 127-135, hier 127). Der jamaikanische „Imitation rum“ (British Medical Journal 1909, T. 2, 399-404, hier 403) war zugleich aber Anlass für jamaikanische Bemühungen um die Maschinisierung und Verwissenschaftlichung der Rumproduktion im wichtigsten Rumproduktionsland des Britischen Reiches (H.H. Cousins, Jamaica Rum, in: Minutes of Evidence taken by the Royal Commission on Whiskey and other potable Spirits with Appendices, Bd. 2, London 1909, 210-212, hier 211).

Deutscher Kolonialrum scheiterte, der „German Rum“ war Steigbügelhalter vermeintlicher deutscher Billigangebote und renommeeschädigend. Doch drittens setzten 1890 neuerliche Versuche ein, „Deutschen Rum“ aus heimischem Rübenzucker herzustellen – nicht als Abklatsch einer Kolonialware, sondern als gleichwertige Alternative. Der (Wieder-)Beginn entsprechender Forschung gründete auf zwei wichtigen Veränderungen: Zum einen setzte die US-Regierung 1890 mit dem McKinley-Zolltarif auf einen noch stärkeren Schutzzoll, verteuerte dadurch die deutschen Rübenzuckerimporte, gab zugleich den Startschuss für den Aufbau einer eigenen US-Rübenzuckerindustrie. Die hochsubventionierte deutsche Exportindustrie musste nach neuen Absatzmöglichkeiten Ausschau halten. Zum anderen hatten sich die wissenschaftlich-technischen Rahmenbedingungen deutlich gewandelt. Deutsche Zuckerexperten hatten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ihren französischen Kollegen den Rang abgelaufen, die deutsche Maschinenbauindustrie war innovationsstark, überholte auf den Weltmärkten die böhmische, belgische und französische Konkurrenz. Die Produktion höchst heterogener Rumarten mittels Zusätzen und Essenzen hatte das Wissen um die Vorgänge bei der Gärung und der Destillation deutlich erweitert. Man wusste auch – zumindest theoretisch – warum der „Deutsche Rum“ aus Rübenzucker die Qualität des westindischen Kolonialrums nicht erreicht hatte (so schon Johannes Rudolf Wagner, Die chemische Technologie, 4. umgearb. u. verm. Aufl., Leipzig 1859, 459).

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Alexander Herzfeld und die frühere Spritbrennerei in Alt-Ranft (Universitätsarchiv TU Berlin 601, Nr. 272: Wikipedia)

Alexander Herzfeld (1854-1928), Leiter des Laboratoriums des Vereins der deutschen Zuckerindustrie und späterer Professor an der TH Charlottenburg, versuchte 1889/90, konkrete Verfahren für die Produktion von „Deutschem Rum“ zu entwickeln. Anders als die Produzenten im frühen 19. Jahrhundert wusste er mehr über die alkoholische Gärung und die dabei entstehenden Geschmackstoffe. Obwohl die koloniale Produktion für ihn hoffnungslos überholt war, nutzte er doch deren Grundstruktur, zumal der in Jamaika. Dies bedeutete neben der Rohware den Einsatz von weiteren Gärmaterialien, des sog. Dunders, um dem Rum einen charakteristischen Geschmack zu geben. Dessen genaue Zusammensetzung war unklar, doch über die Vergärung der eingesetzten Abfallstoffe und des Abschaums der Zuckerproduktion wusste man einiges. Die Gärungstechnologie dieser Zeit hatte durch den Einsatz von (vornehmlich dänischer) Reinhefe bemerkenswerte Erfolge beim Bierbrauen und in der Milchwirtschaft erzielt. Das Scheitern des Liebig-Horsfordschen Backpulvers hatte zuvor gezeigt, dass im unspezifischen Sauerteig sich Stoffe befanden, die einem daraus bereiteten Brot ein wesentlich breiteres Aroma verliehen als chemisch berechenbare Treibstoffe.

Herzfeld initiierte drei Versuchsreihen mit unterschiedlichen Rohmaterialen. In der Weender Brennerei des Gutsbesitzers Georg Werner nutzte man Rübensaft aus der Zuckerfabrik Nörten. Diese Versuche erfolgten in enger Kooperation mit der Landwirtschaftlichen Versuchsstation Weende (einem Vorort von Göttingen), die sich seit ihrer Gründung 1857 zu einem Wissens- und Technologiezentrum in Norddeutschland entwickelt hatte. Lange geprägt von dem chemischen Technologen und Zuckerexperten Friedrich Stohmann (1832-1897), erweiterte der Agrarwissenschaftler Wilhelm Henneberg (1825-1890) dessen Forschungsfeld auch auf die Tierernährung – also einem wichtigen Feld der Reststoffverwertung von Zuckerschnitzeln, Rübenschlempe und Rübenblättern. Im brandenburgischen Alt-Reft stand dagegen Zuckermelasse im Mittelpunkt. In dem nahe von Bad Freienwalde gelegenen Örtchen bestand seit Anfang der 1860er Jahre eine Brennerei und eine Zuckerfabrik im Besitz von Graf Edwin von Hacke (1821-1890), einem nationalliberalen Reichstagsabgeordneten. Drittens ließ Herzfeld auch den Einsatz von Rohzucker testen. Die Versuche waren nicht wirklich erfolgreich, doch sie eröffneten einen klaren Blick auf die notwendigen Bedingungen der Produktion „Deutschen Rums“. Rübensaft und Melasse schieden aus Herzfelds Sicht als Grundstoffe aus, da ihre Gärung eine zu breite Palette von nicht kontrollierbaren Aromastoffen hervorrief. Rübenzucker aber schien eine vielversprechende Ausgangsbasis zu bilden, allerdings in deutlich reinerer Form als üblich. Dann aber könne man hoffen, „dass durch Anwendung geeigneten Dunders, der unter Zusatz ähnlicher Stoffe wie in Indien gebräuchlich sind […], sich durchaus ein Rum von guter Qualität wird erzielen lassen“ (Herzfeld, 1890, 679).

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Lernen von fernen Vorbildern: Die Karibik Anfang der 1880er Jahre (Petermanns Mitteilungen 27, 1881, 311)

Die Resonanz auf diese Versuche war nicht unbeträchtlich: Auf der einen Seite war klar, „daß auf dem eingeschlagenen Wege die Erreichung des vorgesteckten Zieles wohl möglich sei, wenn schon im Einzelnen noch viel zu thun übrig bleibt und manche Hindernisse zu überwinden seien“ (Sell, 1891, 227). Deutsche Wissenschaft wäre handlungsfähig, könne einen „Deutschen Rum“ in akzeptabler Qualität herstellen: „Würde auch dieser R[um] dem echten nicht gleichwertig sein, so spricht doch alles dafür, daß er die außerordentlich minderwertigen Nachahmungen des Rums, die sich bei uns im Verkehr befinden, leicht verdrängen würde“ (Rum, in: Meyers Konversations-Lexikon, 4. gänzl. umgearb. Aufl., Bd. 19, Jahres-Supplement 1891-1892, Leipzig und Wien, Leipzig und Wien 1891, 789-790, hier 790). „Deutscher Rum“ war aus dieser Perspektive eine Art materialisierte Sozialtechnologie, war ein typisches Besserungsangebot bürgerlicher Wissenschaftler an die unwissende und irrational agierende Bevölkerungsmehrheit. Ferner wusste man, dass „Deutscher Rum“ einen Markt nur dann finden würde, wenn das Produkt mit Billigangeboten konkurrieren konnte.

Angesichts der noch erforderlichen hohen Investitionen war es nicht verwunderlich, dass sich abseits der Laboratorien und Versuchsstätten keine Unternehmer fanden, die erforderliche Investitionen wagen wollten. Es gab auch keine weiteren Versuchsreihen durch die Zuckerindustrie oder im breiten Netzwerk der landwirtschaftlichen Versuchsstationen – ein Widerhall der gerade bei Nahrungsmittelchemikern verbreiteten Skepsis, ob Herzfelds Ideen wirklich umsetzbar waren (Paul Lohmann, Lebensmittelpolizei, Leipzig 1894, 146; Fritz Elsner, Die Praxis des Chemikers […], 7. durchaus umgearb. u. wesentl. verm. Aufl., Hamburg und Leipzig 1900, 444). Sie litten unter dem Makel von „nicht zum erfolgreichen Abschluß gebrachten Experimente[n]“ (Franz Lafar, Handbuch der Technischen Mykologie, Bd. 5, 2. wesentl. erw. Jena 1905-1914, 340). Hinzu kamen zwei allgemeinere Veränderungen: Einerseits war es derweil gelungen, die Nebenprodukte der Rübenzuckerindustrie als Teil von melassehaltigen Futtergemischen erfolgreich zu vermarkten (Chr[istian] Grotewold, Die Zuckerindustrie, Stuttgart 1907, 98-100). Zum anderen schloss sich die Spiritusbranche Ende der 1890er Jahre zu einem Syndikat zusammen, so dass von einem freien Marktgeschehen nicht mehr die Rede sein konnte. Um die stetig wachsenden Mengen von Weingeist abzusetzen, wurden immer größere Mengen des Alkohols technisch verwertet. Neue Trinkbranntweine waren in diesem Umfeld kaum erwünscht – und sie wären durch die hohe steuerlich Belastung gegenüber Kunst-, Facon- und Rumessenzrum ohne Sonderregelungen auch nicht wettbewerbsfähig gewesen. „Deutscher Rum“ aus Rübenzucker blieb denkbar, doch auch angesichts des allgemein steigenden Lebensstandards schien ein solches Substitut nicht mehr zeitgemäß. In Satirebeilagen wurde er gar als Ausdruck überbürdenden Nationalismus verspottet: „Fahre hin, du stolzes Schiff, und trage deutschen Fleiß, deutsches Wesen und deutschen Rum an die fernen Gestade!“ (Aus dem Aufsatzhefte eines Schülers, Neues Wiener Journal 1900, Beilage Humor, Nr. 73, 9).

Spirituosen als überflüssiger Luxus

Der Erste Weltkrieg führte zu einem weiteren massiven Rückgang des Trinkalkoholkonsums. Alkohol diente nun vorrangig technischen Zwecken, war Teil der Sprengstoffproduktion und der chemischen Industrie, diente als Heiz- und Beleuchtungsmittel, zur Essigbereitung und für pharmazeutische Zwecke. Neue Verfahren, etwa Alkoholproduktion aus Holzabfällen oder Sulfitcellulose, schienen noch eine längere Anlaufphase zu benötigen (Protokoll einer Besprechung im Kriegsernährungsamt v. 7. Oktober 1916, BA R 86, Nr. 5339, I 2554). Trinkbranntweine wurden zwar weiter produziert, dienten aber vorrangig für Heereszwecke. Ersatzmittel drangen vor, auch für Rum, dessen Import größtenteils zum Erliegen kam.

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Liebesgabe aus „feinstem Rum“ – eine typische Irreführung im Jahre 1916 (BA R 86, Nr. 5539)

Damit versiegte erst der Nachschub für Verschnitt- und Faconrum, dann aber auch für den so weit verbreiteten Kunstrum. 1916 verbot man die Spiritusnutzung für die Trinkbranntweinversorgung der Zivilbevölkerung. Übrig blieben allein Essenzen und synthetische Aromen. In einem auf die Grundversorgung reduzierten Versorgungsalltag boten sie – zu weit überhöhten Preisen – noch ein wenig geschmackliche Abwechslung. Doch Rumersatz enthielt vielfach nicht nur keinen Rum, sondern mutierte zu dem „Surrogat eines Ersatzmittels“: „Der angebliche Rum bestand aus einer mit Saccharin versüßten Flüssigkeit, der ein wenig parfümierte Essenz beigemengt war“ (beide in Die Zeit 1918, Nr. 5681 v. 23. Juli, 5). Derartige Alkoholsubstitute waren alkoholfrei, dienten als eine überteuerte Würze für Tee, für einen virtuellen Grog (Arbeiterwille 1918, Nr. 1 v. 1. Januar, 7). Diese bedrückende Situation änderte sich auch 1919 nicht, 1920 nur langsam. Die Ersatzmittel waren Teil der Krisensituation der unmittelbaren Nachkriegszeit, zu dem auch der wachsende Hass auf die Gegenwelt der Krisengewinnler gehörte: „Die wässerigen Käse, den Eiersatz, den Teeersatz, den Rumersatz, und all das andere Gemisch und Gepantsch, das unter Fluchen und Würgen als Nahrung betrachtet werden mußte, sollte jetzt ausschließlich zur Verpflegung der Schieber verwendet werden“ (Das interessante Blatt 39, 1920, Nr. 32 v. 5. August, 5). In der unmittelbaren Nachkriegszeit war Importrum ein Getränk des Feindes, des inneren und äußeren. Auf der einen Seiten die Kolonialmächte der Entente, auf der anderen die vielbeschworenen Kriegsgewinnler und Schieber, die damit Geschäfte machte, ihn sich auch leisten konnten.

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Fehlender Trank bei der Truppe: Von der Liebesgabe zum Rauschersatz durch Rumersatz (BA R 86, Nr. 5539; Kriegszeitung der 1. Armee 1918, Nr. 153 v. 28. April, 7)

Die unmittelbare Nachkriegszeit bot der heimischen Spirituosenindustrie eigentlich ideale Rahmenbedingungen, gab es doch nach der faktischen Prohibition einen beträchtlichen Nachholbedarf. Zudem hatte die Kriegspropaganda immer wieder die Vorrangstellung der deutschen Wissenschaft, insbesondere der deutschen Chemie hervorgehoben: „Die Chemie ist die Wissenschaft der unbegrenzten Möglichkeiten; sie kann alles, man muß ihr nur Zeit lassen“ (Alfred Hasterlik, Von der Suppe in der Westentasche, Kosmos 10, 1913, 330-332, hier 332). Beides bot Marktchancen für eine Alternative zum kaum erschwinglichen Importrum, zum vielfach nicht verfügbaren und zudem deutlich verteuerten Kunstrum. Hinzu kam, dass im Jahrzehnt der Ernährungskrise die Anspruchshaltungen deutscher Konsumenten sanken, dass es um eine auskömmliche Grundversorgung ging und man der „Phrase von individuellem Geschmack“ (K[arl] B[ornstein], Hygienische Plauderei! Helfer der Hausfrau, Blätter für Volksgesundheitspflege 23, 1924, 84-86, hier 85) vielfach skeptisch gegenüberstand.

Nach dem Einschnitt des Ersten Weltkriegs verbesserte sich die wirtschaftliche Lage der deutschen Spirituosenindustrie. Trotz hoher Abschöpfung schuf die mit dem Branntweinmonopol 1918 resp. 1922 einhergehende Regulierungsbehörde eine gewisse Rechtssicherheit. Parallel gewann der Außenhandel neue Bedeutung. Die begrenzten, durch die Auflösung der Heeresbestände noch unterstützten inländischen Spritbestände wurden durch Importe ergänzt. Zugleich konnten Markenprodukte insbesondere in neutralen Staaten zu attraktiven Preisen verkauft werden. Neuartige Produkte hatten daher beträchtliche Marktchancen (Die Lage der deutschen Spirituosenindustrie, Vorwärts 1920, Nr. 390 v. 6. August, 5). Die schon lange vor der Hyperinflation 1923 rasch steigenden Preise schränkten die Konsummöglichkeiten jedoch immer noch ein. Ende 1920 verzichtete man daher auf den vor Kriegsbeginn üblichen Silvesterpunsch. Verzicht blieb Bürgertugend: „So kroch mancher vorzeitig in die Federn und verschlief den Neujahrsbeginn recht gründlich“ (Amtliches Wittgensteiner Kreisblatt 1921, Nr. 1 v. 4. Januar, 3).

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Branntweinproduktion und -konsum im Deutschen Reich 1898-1918 (Goetz Briefs, Spiritusindustrie, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 7, 4. gänzl. umgearb. Aufl., hg. v. Ludwig Elster, Adolf Weber und Friedrich Wieser, Jena 1926, 713-724, hier 718)

Die Rahmenbedingungen für „Deutscher Rum“ verbesserten sich aber auch durch strikte öffentliche Kritik an unangemessenem Luxus zugunsten der siegreichen Kolonialmächte des Westens. Georg Heim (1865-1938), populistischer BVP-Politiker, wetterte in der Nationalversammlung gegen den „Aberwitz“ des Rum- und Arrakimportes: „Es ist doch heller Wahnsinn, wenn wir heute noch Luxuseinfuhr gestatten“ (Verhandlungen des Reichstages, Bd. 331, Berlin 1920, Debatte v. 6. Dezember 1919, 3921). Angesichts von Zuckerimporten zur Weinstreckung und Schnapsbereitung und von weiteren Rum- und Arrakimporten in Höhe von 25 Millionen M forderte auch der SPD-Abgeordnete Lorenz Riedmiller (1880-1960): „diese Dinge müssen aufhören!“ (Ebd., Bd. 346, Berlin 1921, Debatte v. 10. Dezember 1920, 1611). Der Reichskommissar für Aus- und Einfuhrbewilligung – die Rationierung dauerte fort – verwies entschuldigend darauf, dass das Importkontingent von 500.000 Litern Rum und Arrak vorrangig „für medizinische Zwecke“ diene, dass weitere Importe für die Versorgung der Handelsschiffe und der Exporthäuser der Hansestädte erforderlich seien (Ebd., Bd. 341, Berlin 1920, Nr. 2147, 3347; ebd., Bd. 365, Berlin 1920, Nr. 1268, 868). Doch die öffentliche Meinung repräsentierte eher der SPD-Abgeordnete Wilhelm Sollmann (1881-1951), Abstinenzler und Mitglied der deutschen Friedensdelegation in Versailles, der den Import „solcher gänzlich überflüssigen Luxusgenußmittel“ für nicht mehr zeitgemäß hielt (Ebd., Bd. 364, Berlin 1920, Nr. 809, 575). Ein „Deutscher Rum“ entsprach also den Möglichkeiten und Erfordernissen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Und in der Tat präsentierte einer der führenden Spirituosenproduzenten Deutschlands, die Magdeburger und Stargarder Firma H.A. Winkelhausen, auf der Hannoveraner Anuga 1921 einen „Deutschen Rum“, hergestellt aus deutschen Rohstoffen. Das erschien als Durchbruch, als weitere Glanzleistung deutscher Wissenschaft und Technik.

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Zurückhaltende Werbung für „Deutschen Rum“ aus dem Hause Winkelhausen (Dortmunder Zeitung 1921, Nr. 288 v. 24. Juni, 6)

Wissenschaftliche Präsentation eines vermeintlichen Durchbruchserfolges

Abseits dieser in zahlreichen Illustrierten und Zeitungen geschalteten redaktionellen Werbung (Jugend 26, 1921, 574; Illustrierte Zeitung 157, 1921, Nr. 4052 v. 14. Juli, 10; Münchner Neueste Nachrichten 1921, Nr. 394 v. 17. September, 21) erfuhr die Öffentlichkeit vom neuen „Deutschen Rum“ aus Rübenzucker seit Oktober 1921: „Zwei deutschen Firmen ist es gleichzeitig gelungen, nach langjährigen Versuchen unter Anwendung aller modernen Hilfsmittel und durch genauer Anpassung an die tropischen Verhältnisse in Jamaica, aus heimischen Zuckerrübenabfällen einen deutschen Rum herzustellen, der echten Auslandsrum an Güte mindestens gleichkommt, viele Importware sogar wesentlich übertrifft. Diesem Erfolg kommt eine hohe wirtschaftl. Bedeutung zu, denn die großen Vermögenswerte, die früher dem Ausland zuströmten, werden jetzt dem heimischen Gewerbe verbleiben“ (Deutscher Rum, Durlacher Tageblatt 1921, Nr. 247 v. 23. November, 4; zuvor schon Deutscher Rum, Kölnische Zeitung 1921, Nr. 737 v. 31. Oktober, 10). Derartige Artikel fassten die Ergebnisse erster nunmehr in der Fachöffentlichkeit publik werdender Informationen zusammen. Der Verband selbständiger öffentlicher Chemiker Deutschlands beschäftigte sich Mitte September mit dem Thema, präsentierte dabei die Wilthener C.T. Hünlich AG als Motor der Innovation. Diese habe bereits 1909, zwölf Jahre zuvor, mit entsprechenden Forschungen begonnen (Haupt, 1921, 253). Im Dezember 1921 wurde dies durch ein ausführliches Gutachten (O[tto] Mezger und H[ugo] Jesser, Deutscher Rum, Zeitschrift für angewandte Chemie 34, 1921, 621-623, 629-634) nochmals unterstrichen. Die Forschungen der mit Hünlich eng kooperierenden Winkelhausen-Werke wurden kurz danach veröffentlicht (Kurt Brauer, Deutscher Rum, Chemiker-Zeitung 46, 1922, 161-163, 185-186). Es folgten eine Reihe einschlägiger Berichte in Zeitungen im In- und Ausland (Deutscher Rum – eine neue Tat deutscher Technik, Meraner Tagblatt 1922, Nr. 8 v. 11. Januar, 4; Deutscher „Jamaika“-Rum, Niederrheinisches Tageblatt 1922, Nr. 123 v. 27. Mai, 6). Doch die Zahl enthusiastischer, preisender Artikel blieb gering. Stattdessen dominierten sachliche Wiedergaben einschlägiger Fachartikel (Jahresbericht für Agrikultur-Chemie 65, 1922, 365; Chemiker-Zeitung 46, 1922, 934, Zentralblatt für die gesamte Hygiene und ihre Grenzgebiete 3, 1923, 370). Immerhin war „Deutscher Rum“ zumindest bis 1923 ein von unterschiedlichen Experten diskutiertes Thema (O[tto] Mezger und H[ugo] Jesser, Deutscher Rum, Süddeutsche Apotheken-Zeitung 63, 1923, 329-330, 351-353).

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Produktionsstätten der C.T. Hünlich AG Anfang der 1920er Jahre (BA R 86, Nr. 5340)

Dabei ging es einerseits um die Produktionstechnik, also die eigentliche Innovation. Die C.T. Hünlich AG stand dabei im Mittelpunkt der Berichterstattung. Nähere Angaben zur Firmengeschichte übergehe ich, doch Hünlich war einer der führenden deutschen Weinbrandproduzenten des Deutschen Reiches, Carl-Albert Hünlich (1853-1916) von 1896 bis 1914 Vorsitzender des Verbandes der deutschen Cognac-Brennereien (Detaillierte Angaben enthält BA R 8127, Nr. 10823, Hünlich 1917-1930). Die Firma hatte ein breites Angebot, das weitere Spirituosen, eine Spritfabrik, aber auch Nichtalkoholika mit einschloss. Hünlich war kein Markenartikler. Tochterfirmen, wie die 1911 gegründete Oppauer E.L. Kempe & Co. bedienten diesen Markt. Im Zentrum stand die Belieferung des Großhandels mit Destillaten, die dann umgefüllt, weiterverarbeitet und unter anderen Namen vertreiben wurden. Das passte zur Struktur des Rummarktes. Versuche mit „Deutschem Rum“ begannen 1909, Fritz Hünlich (1885-1931) zeichnete hierfür verantwortlich. Auch sein Bruder Rudolf Hünlich (1883-1924), der ab 1916 die Geschicke der 1917 zur Aktiengesellschaft umgewandelten Firma leitete, unterstützte diese Forschungsarbeiten. C.T. Hünlich richtete schon vor dem Krieg eine Versuchs-Rumbrennerei ein (Erster Geschäfts-Bericht der Cognac-Brennerei C.T. Hünlich Aktiengesellschaft in Wilthen i. Sa. für das Geschäftsjahr 1916-1917, s.p., BA R 8127, Nr. 10823), diskutierte die Pläne eines „Deutschen Rums“ auch mit dem Reichsschatzamt. Auch innerhalb der Nahrungsmittelchemie war dies bekannt, die Begriffsbestimmungen definierten „Rum“ daher im Gegensatz zu den britischen Regeln 1912 als ein „zur Zeit“ aus Zuckerrohrmelasse hergestellten Trinkbranntwein (Bericht v. Alfred Heiduschka v. 7. März 1921, BA R 86, Nr. 5340). Anfangs gab es Misserfolge, doch schon 1914 gab es einen „echten“ Rum „nach den auf Jamaika üblichen Gärverfahren reell aus deutschen Gärmaterialien hergestellt“ (Mezger und Jessen, 1921, 623; Deutscher Rum, Die Glocke 1921, Nr. 268 v. 19. November, 3).

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Pröbeln und Testen: Laboratorium der C.T. Hünlich AG 1925 (SLUB Dresden und Deutsche Fotothek Nr. 33129766)

C.T. Hünlich bildeten die Karibik im Kunstrum der Brennerei nach: „Die Vergärung erfolgt in temperierten Räumen, bei den hohen in den Tropen üblichen Temperaturen mit spezifischen Gärungserregern in mehreren getrennten Gängen. Die Zuckerrübenmelasse wird für sich vergoren und aus den bei der Destillation vorbleibenden Schlempen unter Zusatz von Rohzucker, stickstoffhaltigen Rückständen und Früchten ein Dunder bereitet, indem man diese Mischung einer Bakteriengärung in hoch beheizten Räumen unterwirft. Hierbei bilden sich neben wohlriechenden aromatischen Substanzen auch unerwünschte Körper, deren Abtrennung nach einem besonderen Vorfahren vorgenommen wird. Dieser fertig präparierte Dunder wird nun in einem bestimmten Verhältnis der gärenden Melassemaische vor der Destillation zugesetzt. Es ist klar, daß die Art der Gärungsorganismen bei der Entwickelung des Rumaromas die grösste Rolle spielt, und es liegt nahe, dass man versucht hat, die Gärungserreger in Reinkulturen zu züchten und überzuimpfen, ähnlich wie es H. Becker s. Z. gelang, durch Einführung von Cubarumhefe in Deutsch-Ostafrika einen guten Rum zu erzeugen“ (Haupt, 1921, 253-254). Damit knüpfte Hünlich unmittelbar an die Vorarbeiten Alexander Herzfelds an ([Gustav] Dorfmüller, Ref. v. Hugo Haupt, Ueber deutschen Rum, 1921, Zeitschrift des Vereins der Deutschen Zucker-Industrie 71, 1921, 813), legte aber deutlich größeren Wert auf die Gärungsmaterialien, die Prozessführung und die Koordination der Grundgärung, der Dunderproduktion und der Aromatisierung des Brenngutes.

30_Winkelhausen_Magdeburg_Produktionsstaetten_Spirituosenindustrie_Weinbrand

Die Magdeburger Betriebsstätten der H.A. Winkelhausen AG 1926

Parallele Entwicklungsarbeit gab es kurz vor dem Ersten Weltkrieg auch bei H.A. Winkelhausen, 1846 als Kolonialwaren- und Destillationsgeschäft in Preußisch-Stargard gegründet und während des Kaiserreichs ebenfalls eine führende Weinbrennerei. Standorte gab es im In- und Ausland, Anfang der 1920er Jahre beschäftigte die mittlerweile nach Magdeburg verlagerte Firma ca. 1200 Beschäftige (Westfälische Zeitung 1921, Nr. 208 v. 31. August, 6). Winkelhausen produzierte erfolgreiche und breit beworbene Markenartikel, auch sie wurde Anfang der 1920er Jahre eine Aktiengesellschaft. Seither kooperierten Winkelhausen und Hünlich eng, 1930 übernahm sie dann Hünlich und siedelte nach Wilthen um, ehe die Firmen 1931 wieder getrennte Wege gingen; wobei Winkelhausen Teil der Stettiner Rückforth AG wurde (nähere Informationen finden sich in BA R 907, Nr. 4758 resp. BA R 907, Nr. 9119).

Auch bei Winkelhausen folgte man Herzfelds Anregungen. Der Direktor besuchte vor dem Weltkrieg Jamaika, um die dortigen Verfahren genauer zu studieren. Anders als Hünlich versuchte man mit Unterstützung des Reichsschatzamtes zunächst eine Rumproduktion aus importierten Rohmaterialien Westindiens, verfolgte also Ideen weiter, die in den 1820er und 1830er Jahren diskutiert und verworfen wurden. Parallele Versuche mit deutscher Rübenzuckermelasse ergaben vorzeigbare Resultate, doch mit einen unangenehmen Geruch und Beigeschmack (Kurt Brauer, Deutscher Rum, Chemiker-Zeitung 46, 1922, 161-163, hier 161). Der 1915 den staatlichen Behörden präsentierte Rum aus Rohrzucker überzeugte geschmacklich, konnte während des Weltkrieges aber nicht weiter hergestellt werden. Stattdessen konzentrierte man sich auf den Rum aus Rübenzuckermaterialien, verbesserte diesen, setzte nach Kriegsende allein auf dieses Verfahren, auch wenn er weiterhin einen „nicht angenehmen Beigeschmack“ (Ebd., 162) besaß. Vergleichende Verkostungen des „Deutschen Rums“ beider Produzenten ergaben jedoch bessere Werte für das Produkt des Hauses Winkelhausen (Kurt Brauer, Deutscher Rum. (Schluß.), Chemiker-Zeitung 46, 1922, 185-186, hier 186). Gleichwohl waren deutsche Experten zuversichtlich, dass das Destillat weiter zu verbessern sei; zumal durch eine längere Lagerung. Der Tenor war klar: „Sollte sich die neue Erfindung bewähren und sich deutscher Rum als Qualitätsmarke einbürgern, dann wäre unserer Volkswirtschaft wieder ein guter Dienst erwiesen“ (Deutscher Jamaika-Rum, Der Drogenhändler 1922, Nr. 6, 64, BA R 86, Nr. 5430).

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Deutscher Rum als Handelsmarke 1914 (Volksstimme 1914, Nr. 303 v. 30 .Dezember, 4 (l.); Rheingauer Bürgerfreund 1914, Nr. 153 v. 22. Dezember, 3)

„Deutscher Rum“ als Teil deutschen Wiederaufstiegs nach dem Ersten Weltkrieg

„Deutscher Rum“ war ein wahrgewordener Wissenschaftstraum, Ausdruck beharrlicher Entwicklungsarbeit, Beleg für die Leistungsfähigkeit der deutschen Spirituosenindustrie. Das war Labsal für die durch die Niederlage gebeutelte deutsche Seele. Doch abseits schwer zu fassender Gefühle schien „Deutscher Rum“ ein volkswirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Fortschritt zu sein. Mochten bisher auch vorwiegend Proben vorliegen, so war man doch schon sicher, dass „die beträchtlichen Vermögenswerte, die früher dem Ausland für Importware zugeströmt sind, […] künftig zum großen Teile im Land verbleiben, ja es steht sogar zu erwarten, daß Deutschland seine guten deutschen Rume in die benachbarten Oststaaten exportieren wird“ (Stadlinger, „Deutscher Rum“, Dortmunder Zeitung 1921, Nr. 516 v. 4. November, 9). Stolzes Schulterklopfen war vernehmbar, der morgige Tag schien wieder der Deutschlands zu sein: „Wir stehen vor einer Glanzleistung der deutschen Industrie, einer Leistung, die besonders gerade in der Gegenwart allseitige Beachtung finden sollte. Es ist unbedenklich zuzugeben, daß die besten Sorten echten tropischen Rums besser sind als der deutsche Rum, aber die Industrie des deutschen Rums ist heute erst in ihren Anfängen und arbeitet, ermutigt durch den großen Erfolg, den sie errungen hat, unermüdlich an der Verbesserung ihres Erzeugnisses, und dann, wer kann heute noch die besseren Qualitäten echten Tropenrums bezahlen?“ (Werner Mecklenburg, Deutscher Rum, Berliner Tageblatt 1922, Nr. 3 v. 3. Januar, 5).

Die öffentliche Präsentation der Herstellungsverfahren sollte vor allem die in der technischen Simulation liegende Eigenleistung hervorheben. Nein, „Deutscher Rum“ sei kein Ersatzmittel, sondern ein deutsches Analogon, ähnlich, doch aus deutschen Rohmaterialien. Diese seien, das habe der Rübenzucker gezeigt, gleichwertig, doch angepasst an das so andere deutsche Klima. „Deutscher Rum“ erlaube zugleich die Reinigung des deutschen Marktes vom Kunstrum, denn das neue Produkt würde preiswert sein, zweieinhalb mal preiswerter als der Importrum. Mit Kunstrum sei es damit wettbewerbsfähig, zugleich aber aromatischer, abgerundeter. Es handele sich um „vollständige Wesensgleichheit“ (Mezger und Jesser, 1921, 634) mit Importrum, entsprechend wäre die Wahl für deutsche Konsumenten einfach. Im Reichsinnenministerium rechnete man mit verminderten Rumimporten, hoffte auf neue Exportchancen abseits des Kunstrums (Schreiben des Reichsministerium des Innern an das Reichsgesundheitsamtes v. 4. Juli 1923, BA R 86, Nr. 5430).

Begriffs- und Regulierungsprobleme

All das war aber immer noch eine Als-Ob-Diskussion. Nicht nur hatte die Massenproduktion noch nicht begonnen, sondern 1920 bis 1922 blieb offen, ob der Begriff „Deutscher Rum“ auch genehmigungsfähig war und wie er in das komplexe Rechtswerk der Branntweinregulierung zu integrieren sei. Die Debatte kann hier nicht ausgebreitet werden, obwohl sie bei vielen Bürokraten gewiss Zungenschnalzen auch abseits der Zungenprobe hervorrufen dürfte. „Deutscher Rum“ war umstritten, denn diesen konnte es eigentlich nicht geben in einer Welt, in der Rum aus der Ferne stammte, als Erzeugnis aus vergorenen Rohrzuckermaterialien galt. Hinzu kam der ausgeprägte Drang nach begrifflicher Präzision. In der ersten öffentlichen Diskussion sprach sich der langjährige Vorsitzende des Bund Deutscher Nahrungsmittelfabriken und -Händler August Ertheiler (1863-1959) dafür aus, einen Kunstbegriff (wie Weinbrand statt Kognak oder Sekt statt Champagner) zu entwickeln, parallel das Produkt zu verbessern, um dann erfolgreich zu sein (Haupt, 1921, 260-261). Albert Jonscher plädierte in einem Gutachten für „Echter Rum von C.T. Hünlich, Wilthen nach dem auf Jamaika üblichen Gärverfahren reell aus deutschem Gärmaterial hergestellt“ (Gutachten von A. Jonscher v. 2. März 1921, BA R 86, Nr. 5340), Heinrich Becker für „Deutscher Rum nach den für echten Jamaika-Rum üblichen Arbeitsverfahren aus Deutschem Rohstoff hergestellt von C.T. Hünlich, Aktiengesellschaft, Wilthen“ (Gutachten v. Heinrich Becker v. 11. März 1921, Ebd.).

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Großhandel mit „echtem“ Deutschem Rum und Deutschem Arrak (Dresdner Nachrichten 1923, Nr. 347 v. 16. Dezember, 21)

Die C.T. Hünlich AG beharrte dagegen auf der eigenen Bezeichnung „Deutscher Rum“ (Aktennotiz v. 9. Mai 1921 betr. Deutschen Rum, Ebd.; Beschreibung der Fabrikation des Deutschen Rums, ebd.) und konnte damit die Mehrzahl der Experten für sich einnehmen. Dem Reichsgesundheitsamt wurden eine Reihe befürwortender Gutachten zugesandt, führende Gärungschemiker und Nahrungsmittelchemiker wie Karl Lintner (1855-1926) oder Alfred Heiduschka (1875-1957) leistenden Flankenschutz. Die Bezeichnung Rum war für den Hersteller als Kaufargument natürlich entscheidend, zudem wollte man nicht schlechter gestellt werden als Kunstrumhersteller. Den Ausweg bot die Vorstellung der Wesensgleichheit von Produkten, wie sie etwa bei Rohr- und Rübenzucker bestand, die chemisch beide Saccharose waren. Rum sollte auf zuckerhaltige Ausgangsprodukte begrenzt werden. Das aber bedeutete nicht zwingend Zuckerrohr, denn dies wäre „gleichbedeutend mit einer parteilichen Stellungnahme zu Gunsten der Auslandserzeugnisse, zum Nachteile jeder fortschrittlichen Arbeit in der deutschen Gärungsindustrie. Eine solche Einseitigkeit müßte für die Dauer dazu führen, daß die allergeringwertigsten, aus rohen Abfällen des Zuckerrohrs in primitiver Weise erzeugten, kaum trinkbaren Auslandsrums bei der Beurteilung besser gestellt werden, wie das einheimische, mit modernen gärungstechnischen Hilfsmitteln gewonnene, wohlschmeckende Erzeugnis aus deutschen zuckerhaltigen Pflanzenstoffen. Der deutsche Verbraucher und der deutsche Nahrungsmittelchemiker sollte sich dabei namentlich nicht zuletzt auch die hohe volkswirtschaftliche Bedeutung einer solchen heimatlichen Rumerzeugung vor Augen halten und nicht sklavisch am altherkömmlichen Buchstaben des Schrifttums festkleben!“ (Laboratorium Dr. Huggenberg & Dr. Stadlinger über „Deutschen Rum“ v. 14. März 1921, BA R 86, Nr. 5340) Ohne begriffliche Flexibilität sei fortschrittliche deutsche Forschung durchweg benachteiligt. Die Experten des Reichsgesundheitsamtes pflichteten der Bezeichnung intern grundsätzlich bei, doch angesichts laufender Rechtsstreitigkeiten hielten sie sich öffentlich zurück. Ihre Analyse des „Deutschen Rums“ ergab jedoch, dass dessen Geruch und Geschmack dem guter Importrumwaren „sehr nahe“ kam (Bericht des Reichsgesundheitsamtes v. 5. Juli 1921, Ebd.).

Das Gewicht der Firmen Hünlich und Winkelhausen, die Wortmacht ihrer Gutachter und Fürsprecher und die mit dem neuen Produkt verbundenen volkswirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Überlegungen führten dazu, dass „Deutscher Rum“ schon vor Ende der Rechtsstreitigkeiten von Regierungen und Parlamenten in geltendes Recht integriert wurde. Bei der Novelle des Branntweinmonopolgesetzes wurde eigens ein neuer § 27, Abs. 2 eingefügt, um ein Abbrennen auch aus Rübenzuckermaterialien erlauben zu können. Die Produktion des „Deutschen Rums“ aus Rüben- und auch Apfelschnitzen könne „die Einfuhr ausländischen Rums“ begrenzen. Man müsse begrifflich flexibel sein, wolle man „den Fortschritt nicht hindern“ (Verhandlungen des Reichstages, Bd. 371, Berlin 1922, Nr. 3616, 3619). Im 1927 erlassenen Lebensmittelgesetz weitergehende finden sich weitere Begriffsbildungen, insbesondere „Deutscher Rum-Verschnitt“ (Bund, 1927, 628). Neben dem Importrum eröffnete sich eine deutsche Parallelwelt.

Juristische Fehden um „Deutschen Rum“

„Deutscher Rum“ scheint damit auch ein Beispiel für die hohe Bedeutung wirtschaftlicher Interessen in der Gesetzgebung der Weimarer Republik zu sein. Doch das wäre zu einfach, denn die wirksamste Kritik an dem Begriff kam aus der Wirtschaft selbst. Dem Verband Deutscher Spiritus- und Spirituosen-Interessenten ging es dabei vorrangig um die Verteidigung vorher allgemein akzeptierter Begrifflichkeiten – und entsprechend warnte er seine Mitglieder vor dem Kauf des neuen Produktes, eines „Kunstrums“. Hünlich verklagte daraufhin den Verband wegen Rufschädigung. Eine einstweilige Verfügung erging, wurde in Frage gestellt, vom Berliner Kammergericht dann aber bestätigt. Eine Entscheidung aber blieb weiter vakant – und sollte sich bis 1923 hinziehen. Für C.T. Hünlich ging es dabei um erhebliche Risiken. Der Spezialreservefonds wurde um 700.000 M aufgestockt, die Investitionen in Maschinen und Umbauten bezifferte die Firma auf 8 Mio. M (Geschäftsbericht der C.T. Hünlich Aktiengesellschaft in Wilthen i. Sa. für das 6. Geschäftsjahr 1921-1922, s.p., BA R 8127, Nr. 10823). Damals erwarb C.T. Hünlich unter anderem die aufgrund des Versailler Vertrages nicht mehr benötigte Zeppelin-Luftschiffhalle aus Dresden-Kaditz.

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Produktionsstätten von C.T. Hünlich Mitte der 1920er Jahre – links oben die neue Lagerhalle (Werbezettel 1928, Sächsisches Wirtschaftsarchiv BK 703)

Beide Kombattanten reüssierten in Ministerien und Reichsgesundheitsamt. Der Verband Deutscher Spiritus- und Spirituosen-Interessenten vertrat die Ansicht, „dass die Bezeichnung ‚Rum‘ ausschliesslich für einen aus Zuckerrohrmelasse gewonnenen Branntwein verwendet werden darf“ (Schreiben des Verbandes Deutscher Spiritus- und Spirituosen-Interessenten an Dr. Günther v. 3. Juni 1921, BA R 86, Nr. 5340). Man bestritt nicht die Güte des neuen Getränks, doch müsse es präzise benannt werden, etwa als „Rum aus Rübenschnitzeln“. Es habe den Verband viel Überzeugungskraft gekostet, die vor dem Weltkrieg festgelegten Begriffe und Definitionen umzusetzen; nicht zuletzt gegen den Widerstand vieler Fasson- und Kunstrumproduzenten. „Deutscher Rum“ verkenne zudem die Macht des Auslandes, zumal der Franzosen und der Briten, die aufgrund des Versailler Vertrages erhebliche Vorbehaltsrechte besäßen. Im Reichsgesundheitsamt verteidigte man den Begriff „Deutscher Rum“ als einen Herkunftsbegriff – wie etwa Gouda oder Pilsener –, umging so die strittige Frage der Wesensgleichheit (Bericht über eine Besprechung von Reichsgesundheitsamt und Verband Deutscher Spiritus- und Spirituosen-Interessenten v. 18. Juli 1921, Ebd.)

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Deutscher Rum unklarer Herkunft und Zusammensetzung (Frankenberger Tageblatt 1922, Nr. 11 v. 3. Januar, 4)

Der Rechtsstreit gärte weiter, beschäftigte die Ministerialbürokratie. Doch die Frage wurde in der Schwebe gehalten (Aktennotiz v. 3. August 1921 Ebd.; Stellungnahme zur Frage „Deutschen Rums“ v. August 1921, BA R 86, Nr. 5340). Stattdessen verweis man auf das vom Kammergericht angeforderte Gutachten des Berliner Nahrungsmittelchemikers Adolf Juckenack (1870-1939). Er besichtigte im Oktober 1921 die Produktionsstätten in Wilthen, entnahm Proben und versprach ein Resultat bis Ende 1921 – und dann folgte eine Kaskade von Rückfragen, Ankündigungen und Vertröstungen, die bis Weihnachten 1922 währte.

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Der Nahrungsmittelchemiker Adolf Juckenack (Illustrierte Technik für Jedermann 6, 1928, H. 28, XVI)

Juckenack betonte, dass die karibische Rumproduktion höchst heterogen sein, auch Zutaten abseits der Rohrzuckerproduktion verwende. Entscheidend sei daher nicht das Gärungsmaterial, sondern das Aroma des Rums. Dieses nachzubilden sei Ziel der langjährigen wissenschaftlichen Versuche Hünlichs gewesen. Man habe sich an die karibische Produktionsweise angelehnt, diese aber nicht nachgemacht. Hünlichs Komposition aus einem gefilterten Rauhbrand aus Rübenzuckermelasse, einem Dunders als Rübenzuckernebenprodukten und einer späteren Aromatisierung durch besondere Zusätze, Skimmings, sei eine eigenständige Leistung. Das Ergebnis stehe dem Jamaika-Rum „noch recht erheblich“ nach, doch Verbesserungen seien möglich. Juckenack konstatierte „eine weitgehende Rumähnlichkeit“, schrieb Wesensähnlichkeit fest (Adolf Juckenack, Gutachten v. 25. Dezember 1922, BA R 86, Nr. 5430). Obwohl er sich damit nicht zur strittigen Frage des in der Reichsgesetzgebung bereits verwandten Begriff „Deutscher Rum“ äußerte, stärkte er doch die Position der Firma Hünlich so sehr, dass ein Vergleich geschlossen werden konnte (Deutscher Rum anerkannt, Pharmazeutische Zentralhalle 1923, Nr. 25, 299, BA R 86, Nr. 5430). Der Verband Deutscher Spiritus- und Spirituosen-Interessenten erkannte den Begriff „Deutscher Rum“ an und zog den Vorwurf eines „Kunstrums“ zurück. Hünlich verzichtete dafür auf Schadenersatz (Schreiben der Hünlich-Winkelhausen-Generaldirektion Ak. Ges. an das Reichsfinanzministerium v. 23. Mai 1923, BA R 86, Nr. 5430). „Deutscher Rum“ war im Deutsche Reiche anerkannt.

Eine neue Konkurrenz? Internationale Reaktionen auf „Deutschen Rum“

Während im Deutschen Reich die Rahmenbedingungen für die Marktpräsenz „Deutschen Rums“ geschaffen wurden und schließlich auch die internen juristischen Fehden überwunden worden waren, fehlte im Ausland eine breit gefächerte Reaktion auf das neue deutsche Produkt. Sie war vielmehr sachbezogen, konzentrierte sich auf die von den deutschen Experten präsentierten Grundinformationen: „A German firm is producing a beverage similar to rum in composition and flavour from the products of beet sugar manufacture, without any addition of flavouring essences or esters. It is made by the fermentation of beet juice, molasses, raw sugars, and beet-factory-by-products. Undesirable aromatic substances produced at a certain stage in the manufacture are removed by a special process, and there is an addition of sugar, nitrogenous matter, and fruits. […] The analytical figures are within the limits found in the analysis of colonial rums. The flavour of the German product has been judged by various experts to be only slightly inferior to that of first-quality Jamaica rum” (German Rum, The Pharmaceutical Journal and Pharmacists 108, 1922, 117).

Das Interesse war gleichwohl groß, einzelne Arbeiten wurden zumindest teilweise übersetzt (Hugo Haupt, Manufacture of Rum from Beet Juice, International Sugar Journal 24, 1922, 33-35). Dabei traten insbesondere die in der deutschen Diskussion kaum erörterten internationalen Harmonisierungsprobleme in den Vordergrund. Westindische Repräsentanten unterstrichen, dass aus ihrer Sicht „Rum“ ein „spirit destilled direct from sugar-cane products in sugar-cane growing countries“ sei – so wie dies 1909 bereits festgeschrieben wurde. Aus ihrer Sicht war „Deutscher Rum“ ein jamaikanisches Ersatzmittel, „imitation rum“ (“Rum” from Beet Juice, Chronicle of the West India Committee 37, 1922, 93). Anderseits goutierte man sehr wohl das Bestreben der Deutschen, ein dem Vorbild Westindiens entsprechendes Produkt zu entwickeln. Und man bestätigte durchaus die Ähnlichkeit des „Deutschen Rums“ mit dem kolonialen Vorbild (Journal of the Society of Chemical Industry 41, 1922, 73A). Zugleich aber hoben einzelne Wissenschaftler die Unterschiede des Aromas hervor, setzten das neue Produkt dadurch an die Seite einschlägigen Kunstrums (Ebd., 912A). Annäherung war eben relativ. Entsprechend präsentierte man dem Fachpublikum auch die durchaus unterschiedlichen Einschätzungen deutscher Forscher zum Begriff „Deutscher Rum“. Zugleich hielt man es für durchaus möglich, dass die klimatischen Besonderheiten der Tropen chemisch und technisch simuliert werden konnten, so dass negative Auswirkungen auf den britischen und kubanischen Export nicht ausgeschlossen wurden (Germany Investigating Rum Manufacture, Louisiana Planter and Sugar Manufacturer 68, 1922, 294-295). Letztlich aber waren die karibischen Rumproduzenten recht sicher, dass die deutsche Herausforderung nur begrenzte Folgen haben werde. Eine erste Degustation ergab jedenfalls ein für „Deutschen Rum“ enttäuschendes Resultat, hieß es doch „that these samples represented an inferior grade of rum; that they appeared to be highly flavoured (the odour of amyl acetate being particularly pronounced); and that they could not really be regarded as even equal to the lower grades of Jamaica or Demerara rum” (International Sugar Journal 24, 1922, 211).

Marktpräsenz ohne Werbung und offizielle Genehmigung

Welch ein Aufwand! Und nur wenige Jahre später hieß es, leider „haben die Resultate der deutschen Rumbrennerei den Erwartungen bisher nicht entsprochen“ (Georg Lebbin, Nahrungsmittelgesetze, Bd. 2: Getränkegesetze und Getränkesteuergesetze, Berlin und Leipzig 1926, 233). Um das zu verstehen, müssen wir in die Akten blicken: Der eigentliche Anstoß für die Intensivierung der Forschungen zu „Deutschem Rum“ lag 1920 demnach in zuvor unbekannten Marktchancen. Damals hatte die Brauerei zum Felsenkeller in Dresden-Plauen den Braubetrieb wieder aufgenommen, konnte ihre Kapazitäten aufgrund von Gerstenmangel auch nicht ansatzweise nutzen. Sie kaufte daher Zuckerrübenschnitzel auf, röstete diese, stellte daraus dann Substitute von Porter und Ale dar, zudem massenhaft sog. Paheiowein. Da dieser kaum Käufer fand, griffen Hünlich und Winkelhausen zu, kauften den „Wein“ auf, ließen die noch nicht verarbeiteten Schnitzel zusätzlich von anderen Brauereien verarbeiten – all das mit Sondergenehmigungen, da die Brauerei zum Felsenkeller ohne den Verkauf in Existenznot gekommen wäre. Aus den heimischen Vorprodukten brannten sie „Deutschen Rum“, Hünlich 1,17 Million Liter Weingeist, Winkelhausen 0,97 Million, insgesamt 2,14 Million Liter Weingeist. Das war die vielfache Menge des damaligen Importkontingents für Rum (Schreiben des Reichsmonopolamtes für Branntwein an das Reichsfinanzministerium v. 22. Februar 1923, BA R 86, Nr. 5430). Es ist unklar, wie viel hiervon abgesetzt wurde, Hünlich sprach lediglich von einer „ständig steigende[n] Nachfrage nach deutschem Rum im Kreise der Konsumenten“ (Eingabe der C.T. Hünlich Aktiengesellschaft v. 28. Oktober 1922, BA R 86, Nr. 5430).

1923 beantragte sie die Genehmigung für die Herstellung „Deutschen Rums“ aus 500.000 Liter Weingeist aus Zuckerrübenrohware, zog diesen Antrag aber zurück, als die Branntweinmonopolverwaltung darauf beharrte, dass das Brenngut ablieferungspflichtig sei (Schreiben von C.T. Hünlich an das Reichsfinanzministerium v. 16. April 1923, Ebd.; Schreiben des Reichsmonopolamtes für Branntwein an das Reichsfinanzministerium v. 22. Februar 1923, ebd.; Aktennotiz von Förster v. 12. Januar 1925, ebd.). In den hier nicht in den Details auszuführenden Auseinandersetzungen ging es letztlich um die Höhe der Abgaben und Steuern für den „Deutschen Rum“. Während die Republik vor dem Kollaps stand, brachte das Reichsfinanzministerium am 30. Oktober 1923 noch eine Sonderverordnung über die Behandlung von Rummaische als Obststoff auf den Weg, doch C.T. Hünlich beschritt diesen eigens eröffneten Weg nicht mehr (Aktennotiz vom 13. Dezember 1923, Ebd.). Die Produktion weiteren „Deutschen Rums“ scheiterte zeitweilig an der Höhe der Abgaben und Steuern. Die Zerrüttung der Geldwirtschaft und die damit zwingend einher gehende Warenzurückhaltung waren weitere Gründe für den Produktionsstopp.

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Warenzeichen von C.T. Hünlich (Geschäfts-Bericht 1927/28, IV (l.); ebd. 1928/29, IV)

C.T. Hünlich beantragte nach der Konsolidierung neuerlich Brennrechte für „Deutschen Rum“ aus der nun so bezeichneten „Rummaische“, konnte aus Sicht der Reichsmonopolverwaltung aber den Beweis nicht erbringen, „dass sie in der Lage ist, Erzeugnisse herzustellen, die den Anforderungen der Verordnung“ vom 30. Oktober 1923 entsprachen. Während der aus Paheiowein gefertigte „Deutsche Rum“ seine Abnehmer fand, gab es nun „erhebliche Zweifel darüber […], ob die bisher von der Firma hergestellten, von ihr als Deutscher Rum bezeichneten Erzeugnisse nach dem bei der Herstellung angewendeten Verfahren als ein dem echten Rum wesensähnliches Erzeugnis anzusehen ist“ (Schreiben des Reichsmonopolverwaltung für Branntwein an den Präsidenten des Reichsgesundheitsamtes v. 6. Januar 1925, Ebd.). Offenbar war das von so vielen Gutachtern bewertete Verfahren doch nicht wirklich ausgereift. Es ist unklar, wie diese Debatte endete, denn die Akte des Reichsgesundheitsamtes über „Kognak, Rum und Arrak“ von 1926 bis 1929 ist nicht mehr auffindbar. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass es zu keiner neuerlichen Massenfabrikation „Deutschen Rums“ bei C.T. Hünlich und auch bei den Winkelhausen-Werken gekommen ist. In den Geschäftsbericht 1922/23 berichtete Hünlich noch über „weitere Fortschritte“ beim Vertrieb und großen Fortschritten in der Fabrikation, „die allerdings die Festlegung beträchtlicher Kapitalien erfordern, teils für den weiteren Aufbau von Apparaten, teils für Umbauten in unserem Betriebe und für Versuche im Großen“ (Geschäftsbericht der C.T. Hünlich Aktiengesellschaft in Wilthen i. Sa. für das 7. Geschäftsjahr 1922-1923, s.p., BA R 8127, Nr. 10823). Spätere Geschäftsberichte sparten „Deutschen Rum“ aus. Das galt auch für die Winkelhausen-Werke. Weitere Firmen suchten um Brennrechte nach, einzelnen wurde die Genehmigung nicht erteilt (Schreiben des Reichsgesundheitsamtes an die Reichsmonopolverwaltung für Branntwein v. 24. November 1924, BA R 86, Nr. 5430; Schreiben der Reichsmonopolverwaltung für Branntwein an die Graubrüderhaus AG für Brennereierzeugnisse Dresden v. 6. Januar 1925, ebd.).

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Auktion von deutschem Weinbrand und deutschem Rum Winkelhausen (Hamburgische Börsen-Halle 1924, Nr. 239 v. 23. Mai, 3)

Weitergehende Aussagen über die Marktpräsenz „Deutschen Rums“ haben nur begrenzten Aussagewert. „Deutscher Rum“ der Winkelhausen-Werte erschienen Mitte der 1920er Jahre regelmäßig bei Auktionen, insbesondere aber in Werbeanzeigen. Die Preise lagen deutlich unter dem echten Importrums bzw. gängiger Verschnitte.

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Winkelhausens Deutscher Rum: Teurer als Verschnitt, preiswerter als echter Jamaika-Rum (Badischer Beobachter 1925, Nr. 358 v. 30. Dezember 1925, 10)

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Deutscher Rum als Basis von Rumverschnitt (Dresdner Neueste Nachrichten 1925, Nr. 291 v. 13. Dezember, 19)

Auch „Deutscher Rum-Verschnitt“ findet sich in Anzeigen insbesondere in Sachsen. Die Preise lagen unter den Angeboten mit Jamaika-Rum, so dass es nicht ausgeschlossen ist, dass er half, die Dominanz des nunmehr explizit kennzeichnungspflichten Kunstrums im deutschen Markt zu brechen.

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Deutscher Rum im Kücheneinsatz (Arbeiterstimme 1926, Nr. 266 v. 29. November, 5)

Beachtenswert ist jedoch, dass am Ende 1920er Jahre „Deutscher Rum“ bestimmten Herstellern nicht mehr zuzurechnen war. Mochte der Rechtsrahmen auch anderes vorsehen, so ist doch ebenfalls nicht ausgeschlossen, dass es sich dabei doch um Kunstrum gehandelt hat.

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Deutscher Rum im Angebotskranz feinster Spirituosen (Karlsruher Tagblatt 1926, Nr. 131 v. 1. April, 16)

Scheitern auch im zweiten Anlauf: Qualitätsprobleme des „Deutschen Rums“ bei Winkelhausen

Anhand der vorliegenden Informationen ist es demnach kaum möglich, die Marktstellung von „Deutschem Rum“ in den 1920er Jahren genauer auszuloten. Die Spirituosenindustrie erholte sich in der Zwischenkriegszeit zwar von den Tiefständen des Weltkrieges, doch während der Nachkriegszeit gab es eine nur begrenzte Erholung, erreichte der Konsum von Spirituosen nur mehr 1,5 Liter pro Kopf und Jahr (in reinem Alkohol), während er um 1900 noch bei ca. vier Litern gelegen hatte. Die hochprozentigen Getränke, die im 19. Jahrhundert im Mittelpunkt der Temperenzbestrebungen standen, verloren ihre frühere Dominanz im Alkoholkonsum – auch aufgrund eines gegenüber der Vorkriegszeit etwa dreimal höheren Preises (Karner, Destillateuer-Gewerbe und Branntweinmonopol, Münchner Neueste Nachrichten 1926, Nr. 102 v. 13. April, 9). Mit vier bis fünf Liter reinem Alkohol wurde zugleich ein säkularer Tiefpunkt des Konsums erreicht. Zur Einordnung: 2019 trank jeder über 15 Jahre alte Bundesbürger ca. 10,6 Liter pro Jahr (Alkoholatlas Deutschland 2022, Heidelberg 2022, 46).

Die letztlich unterbliebene massive Markteinführung des „Deutschen Rum“ durch die C.T. Hünlich AG war Resultat längerer regulativer Debatten, der Warenzurückhaltung während der Hyperinflation und der offenkundigen Probleme, einheitliche Qualitätsstandards garantieren zu können. Das galt ähnlich für die Winkelhausen-Werke. Auch sie hatte die mögliche Genehmigung seitens der Reichsmonopolverwaltung 1922/23 nicht eingeholt. Doch Winkelhausen nahm seit 1929 einen zweiten Anlauf, bemühte sich um eine bessere Qualität seines „Deutschen Rum“, bat die Behörden um fachlichen Rat. Wiederholt sandte sie der Reichsmonopolverwaltung Proben ihres „Deutschen Rum“. Diese Behörde untersuchte die Branntweine, sandte sie anschließend zur unabhängigen Begutachtung auch an das Reichsgesundheitsamt, denn die Genehmigung war von beiden einmütig zu befürworten. Die staatlichen Instanzen walteten ihres Amtes und zeigten der Firma gegenüber ein beträchtliches Wohlwollen. Die Untersuchungen betonten die an sich geringe Qualität der Rumproben, kamen dann aber dennoch zu einer positiven Gesamtwertung: „Zusammenfassend ließe sich daher sagen, daß die beiden übersandten Proben rumartige Eigenschaften in zwar geringen, jedoch auch in solchem Maße besitzen, daß sie als ein dem Rum wesensähnlicher Branntwein und daher als deutscher Rum […] angesehen werden können“ (Schreiben des Reichsgesundheitsamtes an die Reichsmonopolverwaltung für Branntwein v. 10. Dezember 1929, BA R 86, Nr. 5341).

Die Winkelhausen-Werke erhielten dadurch wichtige Hinweise für mögliche Verbesserungen (Schreiben des Reichsgesundheitsamtes an die Reichsmonopolverwaltung für Branntwein v. 5. Februar 1930, Ebd.). Doch sie nutzten sie offenkundig nicht. Im Mai 1930 war die Geduld beider Behörden schließlich erschöpft – auch wenn insbesondere die Reichsmonopolverwaltung die wirtschaftlichen Konsequenzen möglichen Scheiterns wiederholt hervorhob (Schreiben der Reichsmonopolverwaltung für Branntwein an das Reichsgesundheitsamt v. 8. Mai 1930, Ebd.). Dennoch stelle auch sie fest, dass sich der Geschmack und Geruch der Rumproben nicht mehr gebessert habe, das von einem typischen Rumaroma nicht zu reden war. Vernichtend dann das immer noch wohlwollend formulierte abschließende Gutachten des Reichsgesundheitsamtes: „Der für echten Rum typische, juchtenlederartige Geruch konnte in keinem Destillat wahrgenommen werden. Wenn auch die beiden Proben noch als einem echten Rum wesensähnlich angesehen werden können, so muß doch festgehalten werden, daß ihre Güte im Vergleich zu derjenigen der mit dem Schreiben vom 15. Januar 1930 […] übersandten Proben nicht nur keinen Fortschritt aufweist, sondern sich solcher als etwas minderwertiger darstellt“ (Schreiben des Reichsgesundheitsamtes an die Reichsmonopolverwaltung für Branntwein v. 21. Mai 1930, BA R 86, Nr. 5341). Weitere Proben unterblieben.

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Deutscher Rum als neuerliches Billigangebot (Arbeiterstimme 1931, Nr. 201 v. 9. Dezember, 4)

Während der Weltwirtschaftskrise gewannen derweil Autarkieforderungen zunehmend Gewicht (Spiekermann, 2018, 359-365). Schon seit 1925 hatten die neuerlichen Zollerhöhungen Importe verteuert, das Agrarmarketing rief mit amerikanischen Werbemethoden für den Kauf einheimischer Waren auf. Seit 1925 propagierten DNVP und Reichslandbund „Nahrungsfreiheit“, forderten ein Ende von Luxusimporten, zu denen immer auch Rum gehörte. Das war nicht mehrheitsfähig, vor allem nicht realistisch. Doch Maßnahmen zur Steigerung der Selbstversorgung wurden von (fast) allen Parteien geteilt. Die Weltwirtschaftskrise ließ haushälterische Vernunft auch abseits der krisenverschärfenden Deflationspolitik der Brüning-Kabinette um sich greifen, das nicht-über-seine-Verhältnisse-leben. „Deutscher Rum“ gehörte hierzu, war Ausdruck rationaler Selbstbeschränkung – mochte das Angebot auch fehlen.

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Der Traum von Kolonialprodukten von deutscher Scholle – kritisch gewendet (Uhu 9, 1932/33, H. 3, 73)

Liberale und sozialdemokratische Ökonomen hielten dagegen, in der linken Publizistik verspottete man all die vielfältigen Bemühungen um heimische Ersatzstoffe – nicht nur deutschen Rum, sondern auch Buna, synthetischen Treibstoff oder Holzzucker. Sie sollten, wie auch viele Lebensmittel aus Molke oder Magermilch während des Vierjahresplans massiv gefördert werden. Doch es gab durchaus Gründe für diese deutsche „Flucht in den Käfig“ (Ulrich Wengenroth, Die Flucht in den Käfig: Deutsche Wissenschafts- und Innovationskultur 1900-1960, in: Rüdiger vom Bruch und Brigitte Kaderas (Hg.), Wissenschaften und Wissenschafts­politik, Stuttgart 2002, 52-59). Die lang zurückreichende Kritik am Luxus, die Bereitschaft für ein Zurückstecken zugunsten vermeintlich höherer, zumal nationaler Ziele sind hier zu nennen, vor allem aber eine von Wissenschaftlern, Unternehmern und vielen Staatsbediensteten getragene Kultur der Neugestaltung des scheinbar Gegebenen. Kurt Tucholsky hat darüber gespottet: „Andere Nationen machen das so: Was sie besonders gut herstellen, das exportieren sie, und was ihnen fehlt, das importieren sie. Wenn den Deutschen etwas fehlt, dann machen sie es nach. Sie haben deutsches Pilsener und deutschen Whisky und deutschen Schippendehl und Germanika-Rum […] – sie haben überhaupt alles, weil eine Zollfestung ihr Ideal darin sieht, ‚vom Ausland unabhängig zu sein‘. Der nationalistische Wahnsinn verdirbt die Warenqualität“ (Ignaz Wrobel [d.i. Kurt Tucholsky], Deutscher Whisky, Die Weltbühne 26, 1930, 330-331). Doch dies verkannte, dass Substitute wie der „Deutsche Rum“ (und auch der seit der Vorkriegszeit immer wieder angegangene „Deutsche Whisky“) aus Sicht der Gestaltungsaktivisten eben kein Schielen nach dem Fremden war, sondern eine Selbstbesinnung auf die eigenen Fertigkeiten.

„Deutscher Rum“ war Ausdruck einer aus dem 19. Jahrhundert stammenden, in der Zwischenkriegszeit aber noch immer wirkmächtigen Gestaltungsutopie von Unternehmern und Wissenschaftlern. Der Pathos des Machbaren, der Wunsch an die Stelle einer nicht kontrollierbaren Realität der Halb- und Kunstprodukte etwas Neues, etwas Eigenes  zu setzten, führte ab 1890 zu neuen Anläufen auf alter Strecke, nicht zum Innehalten, zu einer pragmatischen Gegenwartsanalyse, die zu Kompromissen und dem Arrangement mit den Lieferungen der Anderen hätte führen können, vielleicht gar müssen. Die Desillusionierung, die am Ende der Utopie des „Deutschen Rums“ um 1930 stand, führte eben nicht zur rationalen Reflektion über die Aufgaben und die Grenzen von Wissenschaft und Wirtschaft. Stattdessen begannen parallel mit der scheiternden Utopie des „Deutschen Rums“ andere, durchaus nachvollziehbare Heilslehren ihren zeitweiligen Siegeslauf, die Naturheilkunde, die Vitaminlehre, der Kampf gegen Krebs, die Schaffung von Zucker aus Holz, von Kautschuk und Benzin aus Kohle. Bis heute kann man ihren kalten emphatischen Atem verspüren, in den zahllosen Verbesserungen der künstlichen Kost, in Hafermilch, veganen Würstchen oder anderen unseren Alltag prägenden Illusionsangeboten, die völlig zurecht darauf setzen, dass die Investitionskosten von Gläubigen schon wieder eingebracht werden.

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Selbstüberschätzung aus Tradition: Schlagzeile für Deutschen Rum (Playboy 2018, Nr. 5, 24)

Und natürlich gibt es weiterhin „Deutschen Rum“. Heute nicht mehr aus Rübenzucker hergestellt, nicht mehr Mittel zur Aromatisierung von Kartoffelsprit. Heute handelt es sich bei „Deutschem Rum“ um hierzulande destillierte Getränke aus Rohrzucker, also letztlich um Verfahren, die in den 1820er und 1830er Jahren diskutiert wurden, die man damals angesichts bestehender Transportprobleme und fehlender Technik nicht genutzt hat. Heute scheint die Wertschöpfung zu stimmen, auch wenn dieser so alte und sehnende Begriff einzig die Irrationalität heutiger Herkunftsangaben unterstreicht (Uwe Spiekermann, Traditionsmythen: »Deutsche Küche« zwischen Nation, Region und Internationalisierung, in: Gunther Hirschfelder (Hg.), Wer bestimmt, was wir essen? Ernährung zwischen Tradition und Utopie, Markt und Moral, Stuttgart 2022, 24-49). Wohl bekomm’s!

Uwe Spiekermann, 11. Januar 2023

Heinzelmännchen in der Küche – Geschichte einer Kochkiste

Wer kennt sie nicht, die Heinzelmännchen? Diese freundlichen Hausgeister stehen in einer langen, bis in die Antike zurückreichenden Tradition. In deutschen Landen wurden sie aber erst durch den Berliner Maler und Schriftsteller August Kopisch (1799-1853) populär – und zugleich nach Köln verfrachtet (Gedichte, Berlin 1836, 98-102). Die Heinzelmännchen kamen des Nachts, vollbrachten der Menschen Tagwerk. Sie zimmerten, buken Brot, schlachteten und verwursteten Schweine, schönten den Wein, übernahmen die Schneiderarbeiten; kurzum, sie sorgen sich um die wichtigsten Konsumgüter dieser Zeit. Und man sah allein ihre Werke, nicht sie selbst. Doch dann kam des Schneiders neugieriges Weib, wollte die Heinzelmännchen sehen, sie necken. Sie streute Erbsen auf die Treppen ihres Hauses, die freundlichen Helfer kamen, doch sie stolperten, stürzten, fluchten, verschwanden – und kamen ob dieses Undankes nie wieder: „O weh nun sind sie alle fort / Und keines ist mehr hier am Ort! / Man kann nicht mehr wie sonsten ruh’n / Man muß nun Alles selber thun!“ (Kopisch, 1836, 101)

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Eine populäre Geschichte – nicht nur für Kinder (Illustrierte Welt 18, 1870, 24)

Kopischs Gedicht hatte beträchtlichen Erfolg, wurde ein fester Bestandteil der Kinderliteratur, fand Eingang in Schule und Theologie. Die Heinzelmännchengeschichte wurde vertont, Teil der Kunstmusik des Biedermeiers, eroberte in immer neuen Fassungen den Chorgesang, Konzertsäle und Bühnen, fand gleichermaßen Beifall bei Kindern und gesetzten Bürgern. Anders ausgedrückt: Die Heinzelmännchen wurden ein Konsumgut, mit ihnen wurden Märkte geschaffen, Verlage befördert, Musikalienhandlungen, Musiker und Sänger. Es gab weitere wachstumsfördernde Koppeleffekte, beispielsweise wurde Zwergwuchs marktgängig, Liliputaner Teil des Schaugeschäftes. Und schließlich nährten die kleinen Helfer auch Wissenschaftler, zumal Germanisten und Volkskundler, die Forschungen anstellten, eine frohe Erbsenzählerei auch abseits der angewandten Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (Ute Dettmar, Arbeit im Mythos. Heinzelmännchen-Figurationen in Märchen und Medien, in: Caroline Roeder und Christine Lötscher (Hg.), Das ganze Leben. Repräsentationen von Arbeit in Texten über Kindheit und Jugend, Berlin und Heidelberg 2022, 81-96; Werner Schäfke und Beatrix Alexander (Hg.), Heinzelmännchen. Beiträge zu einer Kölner Sage, Köln 2011; Marianne Rumpf, Wie war zu Cölln es doch vordem mit Heinzelmännchen so bequem, Fabula 17, 1976, 45-76; Lutz Mackensen, Heinzelmännchen (Name, Wesen, Herkunft), Niederdeutsche Zeitschrift für Volkskunde 2, 1924, 158-173).

Bei diesem emsigen und kaum beachteten Treiben fehlen wichtige Aspekte. Die Heinzelmännchen stehen eben nicht nur für eine wohlige Legende über den Zwang zur Arbeit, sind mehr als eine Mahnung angesichts gängigen Undanks. Die Heinzelmännchen markierten und symbolisierten eine Zeitenwende, eine wirkliche. Die idealisierte Welt der alten Stadt endete, das selbst begrenzte Handwerkshandeln wich langsam der Industrie und dem dynamischeren Handel. Die Gemächlichkeit der alten Zeit wurde zunehmend verdrängt durch eine neue Arbeitsethik, nicht nur der protestantischen. Das lässt sich an drei Beispielen einfach aufzeigen: Erstens der Schattenwelt der angewandten Naturwissenschaften, zweitens der Technisierung von Produktion und Haushalt sowie drittens dem Aufkommen neuer Bequemlichkeitsprodukte, propagiert als Helfer der Hausfrau.

Die seit den 1840er Jahre beschleunigte Erkundung der organischen Materie ergab ein bisher nur erahntes Binnenreich der Stoffe und stofflicher Reaktionen. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis diese in Ansätzen erforscht waren. Parallel begann die Erkundung der Kleinwelten der Bakterien, die mit dem Menschen eng verbunden waren, den Darm bevölkerten, der Verdauung halfen, doch auch Krankheiten verursachen konnten. Ähnliches galt für Pilze, insbesondere die zum Backen unabdingbare Hefe. Neue Industrien bauten auf diesen Erkenntnissen auf, die Bierbrauerei, die Brennerei, die Konservierung von Gurken. Dadurch entwickelte sich ein neues Verhältnis zur Natur, die nicht mehr vorrangig als Bedrohung, sondern zunehmend auch als Helfer verstanden wurde. Dankbar hieß es: „Die Heinzelmännchen der Gährungsgewerbe sind die Hefenpilze, welche für uns die Spaltung des Zuckers in Alkohol und Kohlensäure besorgen, für eine zahlreiche Nachkommenschaft thätig sind, damit wir Preßhefe verkaufen können, und ihr Geschäft in staunenswerther Großartigkeit betreiben, wenn auch die Arbeitsleistung jedes Einzelnen nur eine sehr winzige ist“ (Unsere Heinzelmännchen, Brennerei-Zeitung 10, 1893, 1194). Ähnliches galt für neu entdeckte Stoffgruppen, wie etwa die Fermente resp. Enzyme, die Heinzelmännchen gleich die chemischen Stoffe aufspalteten, so wie einst in Köln die holzspaltenden Gnome (Bayerisches Brauer-Journal 22, 1912, 200). Wissenschaft erkundete die materielle Welt, machte sie nachvollziehbar und gestaltbar. Doch dazu bediente man sich weiterhin eines mythischen und mythologischen Überbaus. Die Heinzelmännchen waren eine Metapher für ablaufende Hintergrundprozesse, imaginierten eine Natur voller nützlicher Helfer. Gleich den nicht arbeitenden Lilien auf dem Felde wurde menschliches Leben von unsichtbaren Kräften und Abläufen bestimmt. Wissenschaftliche Forschung, sich ihres Stückwerkcharakters bewusst, mochte Gott nicht mehr beschwören, nutzte aber Zwischenfiguren wie die Heinzelmännchen. Das galt selbst für die belebte Natur, mutierten doch etwa die heute wieder zu Recht geschätzten Bienen zu Heinzelmännchen des Landmanns (Ferdinand Gerstung, Immenleben – Imkerlust, Bremen 1890, 5).

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Heinzelmännchen helfen der erschöpften Hausfrau nähen (Über Land und Meer 103, 1910, 34)

Auch die für das Maschinenzeitalter so zentrale Technik bediente sich analoger Vorstellungen, nutzte diese auch für die Vermarktung. Das galt vor allem für die wichtigste Haushaltsmaschine des 19. Jahrhunderts, für die Nähmaschine. Sie war noch per Fuß und Hand zu betreiben, erforderte stete Aufmerksamkeit und Kraft. Doch sie beschleunigte zugleich die noch mühseligere Näherei zumal im Hause. Die Nähmaschine war ein Helfer, ähnlich wie viele der Haushaltsmaschinen des späten 19. Jahrhunderts, wie Waschmaschinen und Herde, Petroleumkocher und Backöfen. Die Heinzelmännchen erschienen in neuen Formen, „als Scheuerteufelchen, als Backdämonen, sie tanzen zum Surren der rasselnden Nähmaschine und kümmern sich nicht groß um die bunte Blütenpracht, die sich draußen mit jedem werdenden Tage liebreizender entfaltet“ (An der Schwelle des Pfingstfestes, Wendelstein 1912, Nr. 118 v. 25. Mai, 2). Die Technik mochte nicht den Charme der kleinen Gesellen haben, doch die Idee des technisierten Haushalts entsprach immer auch einer Rückkehr zu den guten alten Zeiten: „Was man in Köln einst so geschätzt, / Wird durch die Technik uns ersetzt, / Als Heinzelmännchen dienen / Uns heute die Maschinen!“ (Ernst Heiter, „Moderne Heinzelmännchen!“, Bielefelder Volks-Zeitung 1907, Nr. 213 v. 14. September, 3).

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Heinzelmännchen als Alltagshelfer (Kladderadatsch 61, 1908, Nr. 34, Beibl. 2, 4)

Seit der Jahrhundertwende wurden derartige Vorstellungen auch auf andere Konsummaschinen verbreitet, drangen Heinzelmännchen dadurch in nicht häusliche Sphären vor: Fahrräder erlaubten geschwinde Fahrten, ermöglichten ohne großen Eigenaufwand den grauen Wohnungen und Städten zu entfliehen. Schreibmaschinen eroberten die Büros und Verwaltungen, mochten private Briefe auch immer noch per Hand geschrieben werden. Die Heinzelmännchenmetapher ergriff gar Infrastrukturbeschreibungen der modernen Stadtmaschinen. Wasser wurde fließend, Heizung schon zentral, die Straßen waren nachts erleuchtet und morgens von Besenmännern gereinigt: „Wie die Heinzelmännchen machen sie sich unverzüglich an die Erledigung ihrer Arbeit, während der müde Bürger behaglich in seinen vier Wänden schlummert“ (Walpurgisnacht in Berlin 1907, Nr. 102 v. 2. Mai, 5). Auch die neue Welt war voller Wunder.

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Convenienceprodukte als Heinzelmännchen – Angebotspalette von Adolf Vogeley (Die Woche 3, 1901, 604)

Und doch, seit den 1890er Jahren wurden auch die Heinzelmännchen zunehmend käuflich, vorausgesetzt, man kaufte die richtigen Waren. Backpulver und Puddingpulver beschleunigten die Küchenarbeit, vermeintlich gelingsicher. Reisstärke half beim Bügeln, Maisstärke beim Verdicken der Saucen, Suppenpräparate erlaubten warme, nährende Speisen. Heinzelmännchen bevölkerten viele einschlägige Werbeanzeigen, wurden von Anbietern wie Maggi auch als Markenzeichen benutzt. Die Heinzelmännchen mochten verschwunden sein, doch moderne Produkte traten ihr Erbe an: „Wer hätte nicht schon tausendmal / Von Heinzelmännchen schon vernommen, / Wie diese Knirpse ohne Zahl / Dem Menschen einst zu Hilf‘ gekommen? / Wie sie, wenn sich die Müden legten, / Allüberall sich tüchtig regten? / Längst sind die Heinzelmännchen fort / Und keines ist mehr hier am Ort, / Doch eh‘ sie giengen [sic!], brauten sie, / Zu mildern der Hausfrau Plag‘ und Müh‘, / Die Wundertropfen, die heut‘ im Land / Als Maggiwürze sind bekannt“ (Bote für Tirol und Vorarlberg 1902, Nr. 1 v. 2. Januar, 5).

Die Kochkiste „Heinzelmännchen“

Die 1905 eingeführte Kochkiste „Heinzelmännchen“ verband diese drei Entwicklungslinien zu einem Angebot: Sie nutzte Grundkenntnisse der Naturwissenschaften, in diesem Falle einerseits der Physik, der Wärmeleitung, anderseits der chemischen Transformation der Nahrungsstoffe. Sie war eine Kochmaschine, auf externe Energie angewiesen, doch stetig den vorgesehenen Zweck erfüllend. Und sie war anscheinend Bequemlichkeit pur, befreite die Hausfrau von der Fron des langen Kochens auf dem stets zu beaufsichtigenden Herd: Ankochen, den Rest erledigte die Kochkiste, kochte durch, hielt warm, war anders als der Herd einfach zu transportieren.

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Neu und besser: Die Kochkiste Heinzelmännchen (Daheim Kalender für das Deutsche Reich 1907, Bielefeld und Leipzig 1906, Anzeiger, 61)

Doch was war eine Kochkiste? Und warum entstand das Heinzelmännchen just um diese Zeit? Dazu müssen wir uns die andere Art des Kochens um die Jahrhundertwende ins Gedächtnis rufen: Der Herd, meist Teil einer Wohnküche, zumeist mit Kohle, teils mit Holz, zunehmend aber auch mit Gas beheizt, lieferte Hitze zum Ankochen, doch dann köchelte, brutzelte, buk das Essen noch lange vor sich hin, ehe es schließlich verzehrs- und servierfertig war. Das war doppelt aufwändig, denn einerseits erforderte dies eine kontinuierliche Grundhitze, anderseits musste all das überwacht werden, denn eine präzise Hitzeführung gab es nicht, war der Augenschein am Herde daher zentral für ein gelungenes Mahl. Hinzu kam, dass in Deutschland das warme Mittagessen weiter hochgehalten wurde, während sich in England und anderen westlichen Staaten das Abendessen zunehmend als warmes Hauptmahl etablierte. Kochkisten, damals vielfach auch Selbstkocher genannt, waren gleichermaßen Garkocher und Wärmehalter. Kochkisten nutzten die Grundwärme des Herdes, boten Platz für die Töpfe mit dem angekochten Essen, schufen zugleich aber einen mit schlechten Wärmeleitern umgebenen Kunstraum, in dem die Wärmeverluste weitaus geringer waren als in dem ja vielfach auch zu Heizzwecken dienenden Herd. Die Eigenwärme von Topf und Speise wirkte so weiter, verlängerte die begonnene Tat am Herd – so lange, bis am Ende gargekochtes Essen stand, das in der Kiste zudem lange warm blieb.

Die Kochkiste hatte eine lange Vorgeschichte: Es gab sie bereits in der Antike (Die Kochkiste jüdischen Ursprungs, Jüdisches Volksblatt 7, 1905, Nr. 40, 5). Justus Liebig (1801-1873) hatte das Prinzip der Wärmeleitung in seinen Chemischen Briefen Mitte des 19. Jahrhunderts neuerlich popularisiert, selbstgebastelte „Heukisten“ wendeten es an (Wie wir zur Kochkiste kamen, Prometheus 24, 1912/13, 411-414). All das gründete auf Erfahrungswissen, doch die auf der Pariser Weltausstellung 1867 vorgestellte „Cuisine automatique norwégienne“ gab selbstbewusst vor, auf wissenschaftlichen Prinzipien zu beruhen. Sie wurde weltweit vertrieben, in Deutschland folgten genauere Untersuchungen, auch neu konstruierte Kisten ([Johann Heinrich] Meidinger, Kochkiste, Badische Gewerbezeitung 1902, 408-410). Wie bei so vielen anderen Innovationen war die Begeisterung anfangs beträchtlich, der große Erfolg aber blieb aus. Die Kochkisten waren teuer, sperrig, stellten zugleich auch das übliche routinierte Kochen in Frage. Technische und hygienische Probleme kamen hinzu. In den folgenden Jahrzehnten gab es vielfache Wiederentdeckungen, stets verbunden mit enthusiastischen Anpreisungen der vermeintlichen Wunderkisten. Die Wirkung schien unerklärlich, erinnerte an die Heinzelmännchen der guten alten Zeit.

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Hauswirtschaftliche und soziale Reform durch die Kochkiste (Karlsruher Tagblatt 1903, Nr. 242 v. 2. September, 5286 (l.); Badische Presse 1903, Nr. 286 v. 6. Dezember, 7)

Eine der vielen Revitalisierungen startete 1901 in Baden. Dort ging es bürgerlichen Sozialreformern mal wieder um die Verbesserung der Lage der Arbeiter in Stadt und Land, auch um die Entlastung der von Haus-, Erziehungs- und Erwerbsarbeit arg gebeutelten Frauen (Uwe Spiekermann, Die Ernährung städtischer Arbeiter in Baden an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Monotone Einheit oder integrative Vielheit?, Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 32, 1996, 453-483). Es ging um ein ordentliches Mittagessen – und dabei kamen auch Reminiszenzen an die alten Heukisten auf. Der konservative Badische Frauenverein gewann Großherzogin Luise (1838-1923), die Tochter des früheren Kaisers Wilhelm I. (1797-1888), als Schirmherrin für diese Idee. Parallel konstruierten die Frauen eine hölzerne viereckige Kiste, die für 9 M verkauft wurde, die frau aber auch günstiger zu Hause herstellen und mit Papier, Holzwolle oder auch Lumpen füllen konnte. Sie war billig und transportabel, verringerte die Kochdauer und ermöglichte die Mitnahme oder den Transport an die Arbeitsstätte vor allem der Männer. All das wurde 1902/1903 durch reichsweite Kampagnen in Frauenvereinen und bürgerlichen Reformvereinigungen popularisiert, die nicht unbeträchtliche Resonanz erzielten ([Karl] Bittmann, Die Badische Kochkiste, Concordia 10, 1903, 15-17).

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Wettbewerb um verbesserte Kochkisten (Münchner Neueste Nachrichten 1904, Nr. 543 v. 20. November, 8)

Die neuen Kochkisten hatten die schon in den Jahrzehnten zuvor immer wieder kritisierten Probleme, doch angesichts des hehren Ziels einer einschneidenden Verbesserung der Volksernährung begann dieses Mal ein überraschend breiter Wettbewerb der Frauenvereine, Tischler und Tüftler, um durch verbesserte Kochleistungen, einfachere Handhabung und auch erschwingliche Preise die Kochkiste endlich zu etablieren. Unter diesen befand sich auch der zwischen Bad Nauheim und Berlin pendelnde Wilhelm Aletter (1867-1934). Er hatte sich vor allem als Musiker und Komponist der leichten Muse einen Namen gemacht und ging nun mit leichter Hand ans Werk. Ihm ging es um eine längere und sicherere Weise der Wärmeübertragung. Zwischen Herd, Topf und Kiste integrierte er, wie auch andere zuvor, zusätzliche Wärmespeicher. Aletter beantragte im April 1904 ein Patent für seine „Vorrichtung zum Schnellkochen mittels erhitzten Steines“, das ihm im November zugeteilt wurde (Deutscher Reichsanzeiger (= DRA) 1904, Nr. 263 v. 7. November, 24).

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Innenansicht der Kochkiste Heinzelmännchen (Witt, 1908, 567 (l.); Auszüge aus den Patentschriften 29, 1908, 984)

Aletters Verfahren brachte Bewegung in den Markt für Kochkisten. Ihm ging es nicht mehr um den alleinigen Wärmeschutz, sondern um einen lang währenden und mit hohen Temperaturen verbundenen Kochprozess. Er griff dabei auf Materialien zurück, die seit den 1860er Jahren die Feuerarbeit der Metall-, Stahl- und Glasindustrie verändert hatten. Schamottesteine waren feuerfest, bestanden aus einer Mischung von Ton, Steinscherben und Aluminiumoxid. Sie nahmen Hitze auf, strahlten diese lange Zeit ab, waren allerdings recht brüchig. Entsprechend sah Aletters Verfahren eine strikte Architektur innerhalb der Kochkiste vor: Die der Topfform angepassten Steine wurden unterhalb und oberhalb des Kochgutes fest eingefügt, eine Bodenplatte und die Fixierung durch Eisenstangen und einen Deckel garantierten Halt und sichere Wirkung (Auszüge aus den Patentschriften 29, 1908, 984). Die Anordnung ermöglichte höhere Temperaturen, so dass nicht nur Kochen, sondern auch Backen und Braten grundsätzlich möglich waren (G.A. Witt, „Kochkiste“ und „Thermophor“, Österreichische Wochenschrift für den öffentlichen Baudienst 14, 1908, 561-567, hier 567).

Der Weg vom Verfahren zum fertigen Produkt war allerdings lang. Die Kochkiste „Heinzelmännchen“ verband das Alettersche Verfahren mit einer passgenauen Kisten- und auch Topffunktion. Die viereckige, aus Buchenholz gefertigte Kiste war im Inneren mit Weißblech ausgestaltet, das einerseits die Dämmstoffe in Form hielt, anderseits aber auch als Brandschutz diente (Berliner Briefe. II. Die hauswirtschaftliche Ausstellung!, General-Anzeiger für Dortmund die Provinz Westfalen 1907, Nr. 59 v. 28. Februar, Unterhaltungsblatt, 4). Die aus Emaille gefertigten Töpfe besaßen keine Seitengriffe, so dass der Zwischenraum möglichst gering blieb. Die mit einem Griff versehenen Schamottesteine wurden im Herdfeuer oder auf den Herdplatten „bis zur Glut erhitzt“ (Verein Frauenbildung—Frauenerwerb, Dortmunder Zeitung 1908, Nr. 91 v. 19. Februar, 2), anschließend der Bodenstein versenkt, der Topf daraufgesetzt, dann folgte der zweite Stein, der Topfdeckel und schließlich der Deckel der Kochkiste. Das Heinzelmännchen wurde etwa ein Jahr nach der Patenterteilung als Kochkiste durch das Berliner Haushaltswarengeschäft P. Raddatz & Co. angeboten (Berliner Volks-Zeitung 1905, Nr. 561 v. 30. November, 8). Zuvor dürfte man mit einschlägigen Frauenvereinen zusammengearbeitet haben, denn schon im Dezember wurde die neue Kochkiste auch über den Vaterländischen Frauenverein vorgestellt (Dürener Zeitung 1905, Nr. 276 v. 4. Dezember, 2).

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Einführung durch das Haushaltswarengeschäft P. Raddatz Ende 1905 (Kölnische Zeitung 1905, Nr. 128 v. 28. November, 3)

Ausgliederung bei P. Raddatz & Co.: Der Weg zur Heinzelmännchen Compagnie

Das seit 1868 in Berlin tätige Manufakturwarengeschäft P. Raddatz wurde am 1. September 1873 von den Kaufleuten Peter Raddatz und Fritz Müntzel als Kommanditgesellschaft gegründet, 1891 dann in eine offene Handelsgesellschaft überführt (DRA 1873, Nr. 244 v. 16. Oktober, 5; Berliner Börsenzeitung 1883, Nr. 600 v. 22. Dezember, 6; DRA 1891, Nr. 8 v. 9. Januar, 6). Das Geschäft residierte zuerst in der Leipziger Straße 101, ehe es 1897 in ein Fritz Müntzel gehörendes Anwesen in der Leipziger Straße 123 zog. Das seit den 1880er Jahren zu den Vorzeigegeschäften der wilhelminischen Hauptstadt zählende Unternehmen konzentrierte sich von Beginn an auf den Handel mit Glas, Porzellan, Haus- und Küchengeräten, die es auch reichsweit bewarb und versandte. Erst 1903 gliederte P. Raddatz eine Produktionsstätte in der Alten Jakobsstraße 5 an, während das Verkaufsgeschäft dann auch auf die Leipziger Straße 122 ausgedehnt wurde (https://www.steinmarks.co.uk/page?id=564). Die Firma wurde 1906 in eine GmbH mit einem Stammkapital von 900.0000 M überführt. Der zuvor in das Geschäft eingestiegene Bankier Otto Ritter hatte im Vorgriff Firma und das neue Grundstück erworben. Mit einer Einlage von 540.000 M wurde er Haupteigner und allein vertretungsberechtigt, Fritz Müntzel brachte 160.000 M ein (DRA 1906, Nr. 210 v. 5. September, 7).

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Das Haushaltswarengeschäft P. Raddatz in den späten 1890er Jahren und dessen Vorläufer des „Heinzelmännchens“ (Postkarte; Die Woche 7, 1905, Nr. 14, VII)

P. Raddatz war ein Ausstattungs-Magazin, welches Haushaltsgeräte wie Eisschränke oder aber Küchenmöbel in Eigenregie fabrizierte, welches zudem eine Reihe eigener Patente hielt (Berliner Adreßbuch 1907, T. I, 1895). Die Firma war zugleich aber eine zentrale Bühne für neue Apparate, für alle Novitäten der Küche und des Haushaltes. An diesem Geschäft zeigt sich deutlich, dass der auf Kochbuchautorinnen, Frauenvereine und die meist auf die 1920er Jahre datierte Haushaltsrationalisierung fokussierte Blick der Küchenmodernisierung einseitig und zu eng ist. Der Handel machte vielfach den Unterschied. Raddatz war ein Innovationsensemble, dessen Anzeigen von den Verlockungen neuer Helfer kündeten (Berliner Tageblatt (= BT) 1906, Nr. 243 v. 17. Oktober, 17). Hier wurde nicht allein verkauft, hier war stets etwas los, wenngleich eher mit Blick auf solvente bürgerliche Kundinnen: „Der Koch-Apparat ‚Heinzelmännchen‘, die Waschmaschine ‚Weltwunder‘, Weck’s Konserven-Apparate, Eismaschinen usw. sollen in vollem Betriebe dem Publikum gezeigt werden“ (BT 1906, Nr. 530 v. 18. Oktober, 19).

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Das Spezialgeschäft als Erfahrungsort neuer Haushaltstechnik (Berliner Tageblatt 1913, Nr. 513 v. 9. Oktober, 16)

P. Raddatz & Co. hatte den Trend hin zur Kochkiste schon früh aufgegriffen. Seit Frühjahr 1905 präsentierte man einen eigenen „Selbstkocher“, der bereits einen Hitzestein oberhalb des seitengrifflosen Topfes aufwies. Es ist recht wahrscheinlich, dass zu dieser Zeit Wilhelm Aletter und Otto Richter bereits in geschäftlicher Verbindung standen, auch wenn es nicht klar ist, wann letzterer die Patentrechte gekauft hat. Raddatz bot jedenfalls für den in Berlin fest verankerten Komponisten und Musikverleger Aletter eine ideale und finanziell lukrative Multiplikationsdrehscheibe. Die Inhaber waren zudem gesellschaftlich wohl etabliert, Fritz Müntzel jr. hatte sich 1905 mit Clara Rosenthal verlobt, der Tochter des Selber Porzellanfabrikanten Philipp Rosenthal (1855-1937) (Kölnische Zeitung 1905, Nr. 281 v. 17. März, 3). Ritter griff zu, auch um sein neues Geschäft an der Berliner Spitze zu halten – die Konkurrenz der großen Warenhäuser in der Nachbarschaft war spürbar. Der Selbstkocher wurde fortentwickelt, wurde Teil eines Gesamtpaketes von Kisten, Töpfen und Steinen, das mit seinem soliden Äußeren und seiner hygienischen Metallauskleidung den Anspruch von Raddatz als führendes Haus und des neuen „Heinzelmännchens“ als führende Kochkiste des Deutschen Reiches auch visuell verkörperte.

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Eine entzückende Kochkiste (Münchner Neueste Nachrichten 1908, Nr. 577 v. 9. Dezember, General-Anzeiger, 4)

Die Berliner Heinzelmännchen GmbH

Der Anspruch zeigte sich aber nicht nur an der neuen Haushaltsmaschine selbst. Denn die seit Ende 1905 gemachten Erfahrungen mündeten in ein neues Unternehmen. Die Heinzelmännchen-Compagnie, Vertrieb selbsttätiger Koch- und Backapparate GmbH wurde am 17. April 1906 in das Handelsregister eingetragen, der Gesellschaftervertrag war bereits am 1. März unterzeichnet worden. Otto Ritter hatte in der Zwischenzeit Aletters Patent und das Gebrauchsmuster Heinzelmännchen erworben – und brachte diese in die neue GmbH mit ein (Patentblatt 20, 1906, 1055; DRA 1906, Nr. 94 v. 21. April, 11). Seine Stammeinlage betrug 15.000 M des Stammkapitals von 25.000 M (resp. 20.000 M n. BT 1906, Nr. 197 v. 19. April, 5), er agierte zugleich als Geschäftsführer (Berliner Adreßbuch 1907, T. I, 848). Der erste Firmensitz lag in der Berliner Krausenstraße 35/36, just unterhalb der Leipziger Straße, 500 Meter von Raddatz entfernt (Berliner Adreßbuch 1907, T. IV, 191). Seit 1908 residierte die Heinzelmännchen Compagnie dann in der Moabiter Heidestraße 52, gegenüber dem Invalidenfriedhof.

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Heinzelmännchen voran: Markenrechte und erste Anzeigen (Warenzeichenblatt 13, 1906, 1645 (l.); Berliner Tageblatt 1906, Nr. 385 v. 1. August, 12)

Bereits bestehende Auslandspatente wurden auf die neue GmbH übertragen, weitere in Frankreich (1906), Großbritannien (1906), USA (1906) und Österreich (1907) eingetragen (Witt, 1908, 567). Die Auslandsrepräsentation übernahmen die auch für Raddatz tätigen Gebrüder Riedel, Spezialisten in der Haushaltswarenbranche (Blom’s Engros- und Export-Adressbuch von Berlin und Vororten 3, 1907/08, 38). Die neue Firma hatte zudem schon kurz vor der Eintragung ein neues Warenzeichen beantragt – zwei Heinzelmännchen um eine heiße Kochkiste Heinzelmännchen –, das ab August auch genutzt werden konnte (DRA 1906, Nr. 209 v. 4. September, 8). „Heinzelmännchen“ wurde auch als Wortzeichen geschützt, allerdings nur für Haus- und Küchengeräte, Koch- und Back-Kisten (Warenzeichenblatt 13, 1906, 1645). Die operative Arbeit übertrug Ritter erst Wilhelm Moch, dann dem langjährigen Geschäftsführer Karl Holz (Berliner Adreßbuch 1908, T. I, 913; Berliner Börsen-Zeitung 1909, Nr. 106 v. 4. März, 30). Die Arbeit konnte beginnen, lediglich das Wortzeichen wurde nach kurzer Zeit noch erweitert (DRA 1909, Nr. 279 v. 26. November, 15).

Vermarktung eines Küchenwunders

Wie vermarktet man ein neues Haushaltsprodukt? Der Name Heinzelmännchen ließ träumen, doch vor dem Verkauf war Überzeugungsarbeit zu leisten. Es galt dabei rationale Argumente und eine gleichsam wundersame Arbeitserleichterung zu verbinden. Die Heinzelmännchen GmbH konnte auf der breiten, seit 1901 laufenden Kochkistenpropagierung aufbauen. Doch ihr Heinzelmännchen konnte mehr als eine simple Heukiste, erreichte es durch die integrierten Steine doch weit höhere Temperaturen. Kochen, aber auch Backen und Braten waren so möglich. Die neue Kochkiste ersparte Zubereitungs- und Aufsichtszeit, ebenso Brennmaterial. Sie war zudem mobil, konnte gefüllt mit zur Arbeit genommen werden, ersparte der Hausfrau eventuell den mittäglichen Gang zur Arbeitsstätte des Mannes, um diesen mit einem warmen Mahl zu versorgen. Angesichts des recht hohen Grundpreises von mehr als zehn Mark – Arbeiter besaßen damals ein Familienjahreseinkommen von ca. 1.200 bis 1.600 M – war die Mobilität der Kiste eher für die Freizeitkultur gedacht: „‚Heinzelmännchen‘ ist auch bei Ausflügen unentbehrlich und bietet den Beteiligten an besonders reizend gelegenen Raststellen im Walde ein erwünschtes ‚Tischlein deck‘ dich!“ Ebenso unersetzlich ist ‚Heinzelmännchen‘ auf der Jagd, im Manöver und auf Badereisen“ (H[ermann] Aurich, Die Industrie am Finowkanal, Bd. II, Eberswalde 1906, 60).

Rationale Nutzenargumente führen jedoch nicht zwingend zum Kauf oder gar zu einer anderen Küchenpraxis. Das war die Quintessenz der schon im späten 19. Jahrhundert immer wieder gescheiterten Belehrung der Arbeiter und ihrer Frauen durch bürgerliche Sozialreformer. Neue Produkte, neue Verfahren mussten nicht nur verstanden, sondern auch erfahrbar gemacht werden. Frauenvereine boten daher seit Jahrzehnten Kochkurse an, ländliche Wanderhaushaltungsschulen wurden um die Jahrhundertwende vermehrt gegründet. Wichtiger noch war der Direktverkauf durch Vertreter und speziell geschulte Kräfte: Suppen- und Backpräparate wurden dadurch popularisiert, ebenso das Einwecken. Am Ende stand meist die Probe, die gemeinsame Verkostung; nicht immer erfolgreich, wie etwa bei dem in den 1880er Jahren propagierten Carne pura-Fleischpulver. Doch vielfach war sie Auslöser für den Kauf und den Einsatz im eigenen Haushalt. Die Heinzelmännchen GmbH nutzte und unterstützte zwei unterschiedliche Formen derartigen Direktabsatzes: Erstens die Präsentation durch Kochschulen und Hausfrauenvereine, teils auch auf lokalen hauswirtschaftlichen Ausstellungen, zweitens Vorführungen in größeren Fachgeschäften. Daneben trat drittens die übliche Anzeigenwerbung.

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Praktische Angebote: Kochschule für das Heinzelmännchen (Münchner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 199 v. 28. April, General-Anzeiger, 10)

Die lokalen Kochschulen, ein früher Ort auch selbständiger Frauenarbeit, wandten sich in der Regel an ein kochkundiges Publikum, vielfach an Köchinnen. Die Ankündigungen waren knapp und präzise gehalten, wie etwa die folgenden Münchener Beispiele: „Fast ohne Feuer kann gekocht, gebraten u. gebacken werden. In dieser Kochart wird Unterricht erteilt“ (Münchner Neueste Nachrichten (= MNN) 1907, Nr. 485 v. 14. Oktober, General-Anzeiger, 3). So wurde Neugier erweckt, zugleich aber auf verwertbare praktische Kenntnisse verwiesen: „Es wird gelehrt, wie Suppenfleisch, Geräuchertes mit Erbsen, Reis, Dürrobst und Knödel in der Kochkiste gekocht, wie Kalbsschnitzerl und Irishstew gedünstet werden, wie Kuchen gebacken und Braten im Heinzelmännchen ohne Feuerung gebraten werden“ (MNN 1907, Nr. 60 v. 5. Februar, General-Anzeiger, 10). Denn schließlich kostete dieses Angebot Geld, 1,25 M für vier Nachmittagstermine. In München wurden solche Kurse von sozial motivierten bürgerlichen Frauenvereinen getragen, doch auch von selbstständigen Hauswirtschaftlerinnen. Besonders rührig war dabei Katharina Micheler, die zuvor für die Heinzelmännchen GmbH ein „Heinzelmännchen-Kochbuch“ zusammengestellt und sich auch durch weitere Arbeiten zur schnellen Küche einen Namen gemacht hatte. Die Kochkistenkochkurse waren 1906/07 offenbar gut besucht, „wegen des großen Andrangs“ gab es zusätzliche Angebote (MNN 1907, Nr. 87 v. 20. Februar, General-Anzeiger, 1; ebd., Nr. 465 v. 4. Oktober, General-Anzeiger, 8). Auch in den Folgejahren wurden sie weiter angeboten (Ebd. 1909, Nr. 32 v. 21. Januar, 4). Ausstellungen ergänzten sie, in München etwa die des Frauenvereins Arbeiterinnenheim. Sie waren häufig bürgerliches Ausflugsziel, bei denen auch „der Selbst-Koch-, Brat- und Backapparat ‚Heinzelmännchen‘ […] ‚in Tätigkeit‘ vorgeführt wurde“ (Münchner Neuste Nachrichten 1906, Nr. 580 v. 12. Dezember, General-Anzeiger, 10).

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Vorführung des Neuen: Der Handel übernimmt (Münchner Neueste Nachrichten 1907, Nr. 120 v. 12. März, 9)

Ausstellungen und Kochkurse konzentrierten sich auf das jeweils Neue, ihr Angebot variierte stärker als das des Fachhandels: In München wurden auch fünf Jahre nach der Markteinführung des Heinzelmännchens weiterhin Kurse angeboten, nun aber auch die Konkurrenzkisten „Oekonom“ und „Sanogrés“ vorgestellt (MNN 1911, Nr. 173 v. 12. April, General-Anzeiger, 1). Neben den Kochkursen standen aber von Beginn an praktische Vorführungen im Fachhandel. In München fanden sie in regional bedeutsamen Geschäften wie Eduard Rau, Albert & Lindner, J.B. Däntl oder F. & R. Ehrlicher statt. Sie waren häufig mit Verkostungen verbunden. Blicken wir etwa nach Dortmund, wo sich „ca. 200 Hausfrauen aus allen Kreisen“ im Hause A.E. Decker eingefunden hatten: „Der erste Triumph war ein Kuchen. Vor den Augen der Zuschauer angerührt, dann kalt in die Backkiste gestellt, präsentierte sich derselbe pünktlich nach einer Stunde den Zuschauern fix und fertig als wohlschmeckende. Als zweites wurde ein 2 Pfund Schweinebraten in 1½ Stunden zart und gar gebraten und bot in seiner frischen braunen Farbe einen prächtigen Anblick. Dann brachte man noch eine Portion Reis zum kochen und wurde auch dieser wohlschmeckend zum Schluß verzehrt. Infolge dieses großen Erfolges waren sämtliche Damen enthusiasmiert und hielten es für kaum glaublich, daß die Heinzelmännchen-Kiste so etwas fertig brächte“ (Westfälische Zeitung 1907, Nr. 95 v. 24. April, 9). Das war natürlich Werbeberichterstattung, zeigte aber doch den Lockreiz des Neuen, den Erlebnischarakter des Einkaufs. „Zutritt frei!“ hieß es in einzelne Annoncen, die Nähe von Schaustellerei und Verkauf war offenkundig (Hamburger Nachrichten 1907, Nr. 262 v. 16. April, 4).

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Präsentation des Heinzelmännchens in Berlins führendem Haushaltswarengeschäft P. Raddatz (Berliner Tageblatt 1906, Nr. 502 v. 3. Oktober, 22)

Zentrum des Absatzes blieb allerdings Berlin, wo P. Raddatz & Co. regelmäßig und über einen Zeitraum von zwanzig Jahren Heinzelmännchen präsentierte. Auch in Berlin fanden die Präsentationen anfangs vornehmlich im Fachhandel statt, in zentral gelegenen Haushaltswarengeschäften wie F.A. Schumann, C.F.W. Lademann (BT 1906, Nr. 593, v. 12. November, 34; ebd. 1907, Nr. 48 v. 27. Januar, 12), aber auch in den Vororten (Friedenauer Lokal-Anzeiger 1907, Nr. 292 v. 12. Dezember, 2). Nach einigen Jahren wurde die Kochkiste Heinzelmännchen dann auch regelmäßig in den großen Warenhäusern vorgeführt, etwa bei Hermann Tietz, Wertheim oder dem kurzlebigen Passage-Kaufhaus. Entsprechende Absatzstrukturen bestanden in den Großstädten des gesamten Deutschen Reiches (Badische Presse 1907, Nr. 103 v. 2. März, 3; Dresdner Nachrichten 1907, Nr. 112 v. 28. April, 18; Hamburger Nachrichten 1907, Nr. 262 v. 16. April, 4), wenngleich mit geringerer Werbepräsenz. Hinzu trat der Versandhandel. Die Heinzelmännchen GmbH stellte ihr Angebot in kostenlos versandten Preislisten vor, lieferte die gewünschten Kochkisten dann per Nachnahme.

Kochkurse und Ausstellungen sowie Produktvorführungen und Probeessen wurden umkränzt von direkt geschalteter Anzeigenwerbung. Sie erfolgte vor allen in Tageszeitungen, weniger in den bei Markenartikeln sonst üblichen Illustrierten und Zeitschriften. Die Heinzelmännchen GmbH setzte bei den seit Sommer 1906 geschalteten Anzeigen erst einmal auf das eigene Warenzeichen. Die kleinen Helfer sorgen für Aufmerksamkeit, wurden ergänzt durch groß tönende Anpreisungen. Abnehmer konnten das Motiv auch als Klischee in ihre eigenen Annoncen einbinden.

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Das Warenzeichen in eigenen Anzeigen und als Klischeewerbung eines Fachgeschäftes (Münchner Neueste Nachrichten 1906, Nr. 551 v. 25. November, 10 (l.); Berliner Tageblatt 1908, Nr. 168 v. 1. April, 11)

Das Heinzelmännchenmotiv trat jedoch nach ein, zwei Jahren zunehmend zurück. Als Erkennungszeichen war es weiterhin wichtig, doch die wundersame Wirkung lag in der Kiste selbst. Die Modernität der Kochmaschine und die traditionelle Figur des Küchenkobolds standen in gewisser Spannung zueinander.

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Das Produkt rückt in den Mittelpunkt der Werbung (Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1907, Nr. 41 v. 17. Februar, 4 (l.); Altonaer Nachrichten 1909, Nr. 481 v. 14. Oktober, 4)

Die Heinzelmännchen GmbH versorgte ihre Abnehmer daher mit Vorlagen für einfache resp. doppelte Kochkisten, die dann von den Händlern in Eigenregie verwandt wurden. In der eigenen Werbung aber wurde nicht allein der Nutzen der Kochkiste hervorgehoben. Im Markt etabliert, sehr wahrscheinlich die erfolgreichste Markenkochkiste dieser Zeit, wurde das Heinzelmännchen nun auch mit Beziehungsaspekten aufgeladen. Es erschien als ein großzügiges Geschenk des Bürgers an seine Frau. Deren haushälterische Sorge war immer auch Ausdruck ihrer Liebe, nun konnte sich der Ehemann mit einem praktischen Präsent revanchieren.

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Freude für die Hausfrau, Absolution für den Mann (Berliner Tageblatt 1910, Nr. 642 v. 19. Dezember, 12)

Hinzu traten vermehrt saisonale Anzeigen. Zu Weihnachten bewarb man die Kochkisten intensiv, die Pflicht zum Geschenk und der Liebeserweis durch das Geschenk bildeten eine kommerziell einfach nutzbare Beziehung (MNN 1907, Nr. 565 v. 3. Dezember, General-Anzeiger, 12; ebd. 1912, Nr. 644 v. 18. Dezember, 12). Auch Ostern geriet in diesen Fokus, die Backmöglichkeit erlaubte dies (BT 1907, Nr. 145a v. 21. März, 6). Schließlich wurden auch Anzeigen mit saisonalem Bezug geschaltet; im Sommer nahm man etwa die Hitze als Anlass, um die Hausfrauen dank der Kiste nicht der zusätzlichen Hitze am Herd auszusetzen (BT 1908, Nr. 279 v. 3. Juni, 16). Anders als in der Geheimmittelwerbung nutzte man keine Empfehlungsschreiben, verwies einzig auf bestehende Anerkennungen. Man glaubte offenbar an das eigene Produkt.

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Nützliche Weihnachtsgeschenke: Weihnachtsgeschenk Kochkiste (Berliner Tageblatt 1912, Nr. 644 v. 18. Dezember, 12)

All dies dokumentiert eine stete Interaktion mit dem im Absatz sichtbaren „Markt“. Die Heinzelmännchen GmbH ging auf Kundenwünsche ansatzweise ein, Beispiel hierfür war eine abgespeckte, aber besser transportable Variante, die als Reiseutensil für nur 8 M verkauft wurde (BT 1908, Nr. 320 v. 26. Juni, 17). Auch Schnäppchen waren möglich, die an sich preisgebundene Kochkiste gab es bei Ausverkäufen mit Rabatt (BT 1910, Nr. 8 v. 6. Januar, 24).

Die Kochkiste Heinzelmännchen im Wettbewerb

Der analytische Blick auf die Kochkiste liefert natürlich nur einen Teil der Unternehmensgeschichte der Heinzelmännchen Compagnie. Verlässliche Angaben über Umsätze und Beschäftigte der Heinzelmännchen GmbH fehlen. Indirekte Schlüsse sind jedoch durch den Vergleich der in den Anzeigen gemachten Angaben möglich. Demnach waren Ende 1909 über 25.000 Apparate im Gebrauch (General-Anzeiger für Bonn und Umgegend 1909, Nr. 7076 v. 12. Dezember, 9; BT 1909, Nr. 644 v. 20. Dezember, 12). Diese Zahl stieg binnen Jahresfrist auf über 30.000 Ende 1910 und über 40.000 Ende 1911 (BT 1910, Nr. 642 v. 19. Dezember, 12; MNN 1911, Nr. 556 v. 28. November, 8). In den nächsten zwei Jahren wurden weitere 10.000 Kochkisten Heinzelmännchen abgesetzt (MNN 1913, Nr. 565 v. 5. November, 7). Diese recht stete Absatzbewegung von ca. 5.000 Geräten pro Jahr beschleunigte sich während und durch den Weltkrieg. Im Frühjahr 1915 waren nach Firmenangaben über 80.000 Apparate im Gebrauch, Mitte des Jahres dürfte die Marge von 100.000 verkauften Geräten überschritten worden sein (MNN 1915, Nr. 136 v. 16. März, 6; BT 1915, Nr. 312 v. 21. Mai, 6).

Markenartikel besaßen während des Kaiserreichs vielfach konstante Preise, doch beim Heinzelmännchen galt dies nicht. Die einfache Grundkiste kostete Ende 1905 10,50 M, 1910 dagegen 14 M, 1912 gar 16 M (BT 1910, Nr. 642 v. 19. Dezember, 12; ebd. 1912, Nr. 644 v. 18. Dezember, 12; ebd. 1913, Nr. 252 v. 21. Mai, 12). Diese Preissteigerung setzte sich zu Beginn des Krieges recht kontinuierlich fort: 1915 lag der Grundpreis bei 18,50 M, Anfang 1916 bei 19,50 M, am Ende dann bei 22 M (BT 1915, Nr. 136 v. 15. März, 8; ebd. 1916, Nr. 142 v. 17. März, 6; ebd. Nr. 637 v. 14. Dezember, 6). Zu beachten ist, dass parallel auch die Preisspreizung zunahm. In München gab es 1907 Heinzelmännchen Kochkisten in sechs Ausführungen zu 14, 16, 18, 24, 27 und 30 M (BT 1907, Nr. 163 v. 31. März, 33), die Palette des Passage-Kaufhauses rangierte 1909 von 7,25 und 8,50 für die Sondervariante über 14, 18, 20 bis hin zu 28 und 31 M (BT 1909, Nr. 346 v. 11. Juli, 48). Im Sommer 1915 variierten die nur noch drei Einzelkistentypen zwischen 18,50 und 23,50 M, die Doppelkisten kosteten dagegen 36,75 resp. 40,50 M (BT 1915, Nr. 427 v. 22. August, 7). Die Einnahmen der Heinzelmännchen GmbH dürften daher tendenziell gestiegen sein, vielleicht auch die Gewinne. Durch diese für einen Qualitätsführer nicht unübliche Preispolitik verschloss man sich jedoch Märkte abseits des bürgerlichen Publikums. In der wichtigsten Frauenzeitschrift der SPD hieß es entsprechend: „Die sogenannten Heinzelmännchen-Kochkisten gehören bekanntlich zu den besten Selbstkochern, die zurzeit im Handel sind. Leider sind sie zu teuer, als daß ihre Anschaffung im bescheidenen proletarischen Haushalt allgemein möglich wäre“ (Die Gleichheit 1915, Für unsere Mütter und Hausfrauen, Nr. 2, 7). Stattdessen empfahl man Selbstzimmerei und den Kauf gängiger, 1,10 bis 1,60 M teurer Schamotteplatten.

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Qualitätsführerschaft in der Werbung (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens 13, 1913, III)

Diese Preispolitik erfolgte angesichts eines enorm heterogenen Marktes mit zahllosen Markenkochkisten, deren hohe Preise durch selbstgezimmerte Kisten unterboten wurden (vgl. den Überblick bei Witt, 1908). In einem der vielen Spezialkochbücher hieß es kurz vor dem Weltkrieg: „In allen Preislagen gibt es die verschiedensten Arten von ein- und mehrteiligen Kisten: leer, ausgepolstert, mit Isolierschicht und Blech ausgeschlagen, Selbstkocher in zylindrischer Form für 1-3 verschieden große Töpfe, Hartpapierkochkisten u.a.m. Namen wie: Küchenfee, Hausfreund, Phänomenal, Ideal u.a.m. reizen zum Kaufe an. Verschiedene Apparate sind auch für Backen eingerichtet. So das Heinzelmännchen der Firma Raddatz und Co., Berlin [sic!], der Freiburger zylindrische Apparat Ökonom u.a.“ (Marta Back, Die Kochkiste. Anleitung zur Herstellung und Verwertung nebst Kochvorschriften und einer Zusammenstellung von Gerichten, Leipzig o.J. [1913], 12).

Die meisten Anbieter scheiterten daran, überregionale Vertriebsnetze aufzubauen, kompensierten dies mit dem immer möglichen Versand gegen Nachnahme. Das Heinzelmännchen war anfangs technologischer Pionier, doch kurz vor dem Ersten Weltkrieg gab es zahlreiche ähnliche, vielfach preiswertere Angebote. Auch neue Technik wurden eingesetzt, anstelle der Schamottesteine verwandte die Kochkiste Oekonom Eisenplatten, die höhere Temperaturen ermöglichten, die Wärme allerdings auch früher abgaben (Wärme und Licht im Kriegswinter. II., MNN 1915, Nr. 607 v. 27. November, General-Anzeiger, 1; Franz Schacht, Die beste Kochkiste, Praktische Ratschläge für Haus und Hof 19, 1920, H. 3, 9-10).

Die Heinzelmännchen GmbH reagierte darauf einerseits mit Innovationen. Sie entwickelte eine Kochkiste mit elektrischer Heizung, die zwar „großes Interesse“ (Die erste Ausstellung der Geschäftsstelle für Elektrizitätsverwertung, Elektrotechnische Zeitschrift 32, 1911, 372) weckte, sich jedoch nicht etablieren konnte. Parallel verbesserte man die innere Struktur der Kochkiste. 1913 erhielt sie gleich vier neue Patente, für einen neuen Herdeinsatz der Steine, neue Anordnungen im Inneren der Kiste, neue Formen der Wärmeübertragung sowie neue Wärmespeicher (DRA 1913, Nr. 194 v. 18. August, 10; ebd. Nr. 218 v. 15. September, 13). Kritik am Durchrosten der Weißbleche griff man auf, verwandte Aluminiumeinsätze und bot Umrüstungen älterer Kisten an. Das Produkt wurde also verändert, auch wenn der Name gleich blieb.

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Blech versus Aluminium: Kochkistenverbesserung durch Reparatur (Berliner Tageblatt 1911, Nr. 334 v. 7. Juli, 30)

Das lag auch an den Tücken der eigenen Werbung. Die Qualitätsführerschaft wurde mit Begriffen wie dem einer „bewährten Kochkiste“ (BT 1914, Nr. 129 v. 12. März, 30) unterstrichen, bewarb das Heinzelmännchen als die „Uridee aller ähnlichen Apparate“ (Westfälische Zeitung 1907, Nr. 120 v. 25. Mai, 7). Das erschwerte eine auf technische Innovation ausgerichtete Werbesprache. Anderseits änderte die Firma kurz vor dem Ersten Weltkrieg ihre Kundinnenansprache. Die Kochkiste wurde nun als „vollständigen Ersatz für den bisher üblichen Kochherd“ angepriesen, ferner behauptet, dass die Speisen aufgrund der kompakten indirekten Heizung einen besonders hohen Nährwert und Wohlgeschmack besäßen (Rosenheimer Anzeiger 1913, Nr. 292 v. 18. Dezember, 4). Während der Herd russig und klobig war, stand das Heinzelmännchen bereits für die weiße, reine Küche, die in der Zwischenkriegszeit zum Ideal werden sollte: „Nicht nur von außen elegant und einladend, auch von innen sieht er sich blitzblank an“ (Echo der Gegenwart 1914, Nr. 121 v. 25. Mai, 3). Die Kochkiste war nützlich, gewiss, ersparte Brennmaterial und Zeit. Doch zugleich erlaubte sie die „Befreiung der Frau von den Mühsalen des täglichen Kochens“, ermöglichte nicht nur emsiges Weiterschaffen, sondern auch geistige und körperliche Erholung (Echo der Gegenwart 1914, Nr. 122 v. 26. Mai, 6). Auch wenn der provokante Slogan „Die moderne Frau kocht nicht mehr“ in der Anzeige unterbrochen und umgebogen wurde, so verkörperte die Kochkiste schon vor dem Ersten Weltkrieg Rationalisierungs- und Emanzipationsideale, die erst in den 1920er Jahren allseitigen Widerhall fanden.

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Neudefinition der Hausarbeit (Echo der Gegenwart 1914, Nr. 122 v. 26. Mai, 8)

Der Heinzelmännchen GmbH konsolidierte dadurch ihre Marktstellung, behauptete zugleich ihre Qualitätsführerschaft. Das war ein beträchtlicher Erfolg, denn die 1901 einsetzende Euphorie über die Kochkisten war ein Jahrzehnt später längst abgeebbt. Man „hat kein rechtes Vertrauen in die Sache gehabt“, hieß es selbstkritisch (R. Fabri de Fabris, Kleine Bilder aus großer Zeit. Die Kochkiste und anderes, Aachener Anzeiger 1915, Nr. 125 v. 30. Mai, 14): „Verlockend in ihrer blanken Frische und Neuheit schaut sie uns aus den Schaufenstern an; und in manchen Häusern begegnet man ihr und ihren billigeren Nachahmungen. In den Beratungsstellen des Nationalen Frauendienstes wurde sie unzählige Male vorgeführt; jede Frau interessierte sich für sie, jede lauschte aufmerksam, wenn man ihre Vorzüge pries, aber so recht durchzusetzen hat sie sich trotz ihrer unleugbaren Vorteile bei uns nicht vermocht“ (Die vier Heinzelmännchen in Hannoverschen Küchen, Hannoversche Hausfrau 13, 1915/16, Nr. 6, 1).

Parallel gelang es der Heinzelmännchen GmbH auch nicht, ihren Markenbegriff so zu etablieren, dass seine Nennung eindeutige Produktassoziationen mit sich brachte. Mercedes ist das um diese Zeit gelungen, denn darunter verstand man immer mehr ein Vorzeigeauto, einen kräftigen Lastwagen – während die gleichnamigen Schreibmaschinen, Schuhe, Zigaretten oder Rechenmaschinen in Nischen zurückgedrängt wurden. Dem Mercedes der Kochkisten gelang dies nicht. Die Legende der Kölner Heinzelmännchen blieb zu stark. Doch zugleich nutzten weiterhin andere Anbieter den Mythos der kleinen Helfer. Der Fensterfeststeller „Heinzelmännchen“ kam 1907 auf den Markt, gefolgt von einer gleichnamigen Möbelpolitur, einem Rasenmäher oder einem Sohlenschoner (DRA 1907, Nr. 144 v. 18. Juni, 12; 1912, Nr. 37, 14; ebd., Nr. 122 v. 22. Mai, 1; ebd. 1914, Nr. 30 v. 4. Februar, 13). Die Kochkiste Heinzelmännchen mochte zwar verbessert worden sein und sich im Markte weiter gut behaupten, doch die Unternehmensleitung vermochte ihrem Produkt kein Alleinstellungsmerkmal zu verleihen. Heinzelmännchen entwickelte sich im Gegenteil eher zu einem kaum definierbaren Gattungsbegriff.

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Heinzelmännchen als Gattungsbegriff für moderne Küchengeräte (Daheim 48, 1912, Nr. 26, 31)

Der Weltkrieg als neue Chance sparsamen Wirtschaftens

Der Weltkrieg veränderte derartige Überlegungen tiefgreifend. Einerseits führte er die Debatte um die Kochkiste wieder auf die Anfangszeit von 1901 zurück, denn nun wurden gerade einfachere Geräte wieder breit propagiert: „Nun kann man in der mit Heu oder Holzwolle gefüllten Kochkiste fast ebenso gut und schnell kochen wie in dem teuren Heinzelmännchen-Apparat“ (Die verbesserte Kochkiste, Die Gleichheit 1915/16, Für unsere Mütter und Hausfrauen, 7). Anderseits aber war Sparsamkeit seither mehr als eine Tugend, wurde mit fortschreitender Kriegsdauer ein Zwang auch für bürgerliche Haushalte.

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Das Heinzelmännchen als Hilfsmittel der sparsamen Hausfrau (Die Deutsche Frau 1, 1911, Nr. 47, 11)

Sparsames Wirtschaften war bereits vor dem Krieg ein zentrales Element der Werbung für das Heinzelmännchen (BT 1913, Nr. 550 v. 19. Oktober, 27). Dieses Mantra wurde weiter genutzt: „Unerreicht praktisch ist die Heinzelmännchen-Kochkiste durch bedeutende Ersparnis an Feuerungsmaterial und an Zeit“ (Ebd. 1914, Nr. 644 v. 19. Dezember, 12). Damit lag man im Trend, denn all das geschah nun für das Vaterland, für die Selbstbehauptung der kämpfenden, sich von einer Welt von Feinden eingekreist fühlenden Nation. Und in der Tat schnitt die völkerrechtswidrige britische Seeblockade die Deutschen von kaum ersetzbaren Nahrungs- und Futtermittelimporten ab. Die Frauenvereine und Militärbefehlshaber intensivierten die Haushaltsberatung, Kochkisten bildeten eine wichtige Waffe der Heimatfront. Im nationalen Überschwang führte dies auch zu vielfältig irrationalem Verhalten, wie man etwa an der Propagierung des vermeintlich nährstoffsparenden Fletscherns gut studieren kann. Auch die Heinzelmännchen GmbH behauptete verkaufsfördernd und wahrheitswidrig: „Die Speisen sind weit nahrhafter und ergiebiger, wie auf dem Herde zubereitete Gerichte“ (Militär-Wochenblatt 100, 1915, Anzeiger, 77). Doch die Kernargumente ihrer Werbung trafen zu, denn Brennmaterial konnte mit Hilfe des Heinzelmännchens durchaus gespart werden – im Herbst und Winter allerdings auf Kosten der Heizungswärme. Die Werbung hob zudem hervor, dass aufgrund des kaum möglichen Anbrennens der Speisen die Nahrung fast vollständig genutzt werden konnte (MNN 1915, Nr. 240 v. 12. Mai, 5).

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Hervorhebung der Vorteile, kontinuierliche Erhöhung der Preise (Haus Hof Garten 37, 1915, 231 (l.), Münchner Neueste Nachrichten 1916, Nr. 170 v. 2. April, 10)

Die Kochkiste Heinzelmännchen galt als „ein Spargeist“ (General-Anzeiger für Hamburg-Altona 1915, Nr. 105 v. 6. Mai, 13). Ihr Kauf war Dienst an der Nation und würde sich angesichts der rasch steigenden Preise für Nahrung und Brennmaterialien gewiss ebenso rasch amortisieren. Das Heinzelmännchen war deutsche Wertarbeit, sein Geld wert, nicht „zu verwechseln mit wertlosen Nachahmungen“ (MNN 1917, Nr. 579 v. 15. November, 4). Entsprechend war es steter Bestandteil von Fachgeschäften und insbesondere den führenden Warenhäusern (Berliner Volks-Zeitung 1915, Nr. 177 v. 8. April, 9; BT 1916, Nr. 493 v. 26. September).

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Die Kochkiste Heinzelmännchen als Kriegshelfer (Münchner Neueste Nachrichten 1916, Nr. 514 v. 9. Oktober, 3)

Die gerade zu Beginn des Krieges beträchtlich wachsende Nachfrage führte aber auch zu massiven Preissteigerungen. Der Preisabstand zwischen gängiger Tischlerware und dem Premiumprodukt stieg massiv an: Im Warenhaus Tietz wurden im Frühjahr 1918 einfache Kochkisten für 12,50 oder 20 M angeboten, dagegen kostete die Kochkiste Heinzelmännchen zwischen 53 und 111 M (Vorwärts 1918, Nr. 142 v. 26. Mai, 7). Die Heinzelmännchen GmbH verwies auf imaginäre Einsparungen von 70 bis 80 % Gas, sprach von der „altbewährten Heinzelmännchen-Kochkiste“ (Leipziger Tageblatt 1918, Nr. 113 v. 3. März, 24) als „Köchin ohne Lohn und Kost“ (MNN 1918, Nr. 94 v. 21. Februar, 4). Doch ist fraglich ob dies bei der Mehrzahl auch der bürgerlichen Kunden weiter verfing, zumal das Braten und Backen mangels Fett und Fleisch zunehmend in den Hintergrund trat. Viele Angehörige der Mittelschichten, insbesondere Rentner, wurden spätestens seit dem Hungerwinter 1916/17 in Mittelstandsküchen beköstigt, fielen als Käufer damit aus. Parallel gewannen sog. Kriegskochkisten an Bedeutung, „die, teils aus dem billigsten Material hergestellt, nur während der Kriegsdauer aushalten sollten, teils deswegen billig sein mußten, um bei kleinen Leuten Verwendung zu finden. Man ging sogar auf die Selbstanfertigung der Kochkiste und die Unterrichtung hierin zurück“ (Schacht, 1920, 9). Parallel aber entstand eine wachsende Palette weniger aufwändiger Kochhauben, -beutel und -glocken. Sie nutzten die gleichen physikalischen Grundprinzipien, waren aber deutlich preiswerter.

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Kriegsbedingte Alternative zur Kochkiste: Beispiel einer Kochglocke (Berliner Volks-Zeitung 1917, Nr. 541 v. 23. Oktober, 4)

Trotz dieser sich verschlechternden Rahmenbedingungen war die Heinzelmännchen GmbH zu dieser Zeit hochprofitabel. Dennoch entschieden sich die Verantwortlichem zu einer Umwandlung in eine andere Rechtsform. Anfang Januar 1916 wurde die Heinzelmännchen GmbH aufgelöst und binnen weniger Monate liquidiert (DRA 1916, Nr. 20 v. 25. Januar, 8; Berliner Börsen-Zeitung 1917, Nr. 116 v. 9. März, 21). Parallel gründete man im Januar 1916 die Heinzelmännchen Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 100.000 M (BT 1916, Nr. 27 v. 15. Januar, 8). Die Patente und Warenzeichen wurden übertragen, doch bei der im Oktober erfolgten Erhöhung des Grundkapitals auf 300.000 M knirschte es gewaltig. Otto Ritter trat kurzfristig zurück, konnte sich dann aber durchsetzen (Details in DRA 1917, Nr. 151 v. 28. Juni, 10; ebd., Nr. 238 v. 6. Oktober, 6; ebd., Nr. 260 v. 1. November, 4; ebd., Nr. 272 v. 15. November, 9; ebd., Nr. 290 v. 7. Dezember, 7).

29_Deutscher Reichsanzeiger_1918_01_31_Nr027_p19_Heinzelmaennchen_Kochkiste_Warenzeichen_Zwerge_Berlin_b

Ein altes neues Warenzeichen (Deutscher Reichsanzeiger 1918, Nr. 27 v. 31. Januar, 19)

Die Umstellung stärkte die Kapitalbasis des Unternehmens, wappnete es dadurch für neue Investitionen und die offenkundigen Marktprobleme. In der Bilanz war davon jedoch kaum etwas zu verspüren: 1916 schüttete die neue Aktiengesellschaft eine Dividende von 25 Prozent aus, 1917 waren es 15 Prozent. Der Gewinn lag 1916 bei 48.672 M und konnte 1917 auf 78.713 M gesteigert werden. Das Kassa- und Bankkonto war 1917 mit 157.924 M gut gefüllt (DRA 1918, Nr. 156 v. 5. Juli, 6; Berliner Börsen-Zeitung 1918, Nr. 311 v. 6. Juli, 10).

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Ausdifferenzierung des Angebotes: Preiswertere Heinzelmännchen Kochglocke (Berliner Tageblatt 1916, Nr. 90 v. 18. Februar, 6 (l.); ebd. 1916, Nr. 154 v. 24. März, 8)

Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft begünstigte die Einführung und Vermarktung einer neuen Heinzelmännchen Kochglocke, die auch als „Wunderglocke“ vermarktet wurde. Sie wurde bereits Ende 1915 von der Heinzelmännchen GmbH eingeführt und kostete je nach Ausstattung 4, 5 resp. 6 M (BT 1915, Nr. 626 v. 8. Dezember, 12; ebd. 1916, Nr. 43 v. 24. Januar, 6; ebd. 1916, Nr. 281 v. 8. April, 11). Die Werbung gründete auf dem Qualitätsimage der Heinzelmännchen Kochkisten, hob daneben aber Preis und Sparsamkeit hervor: „Original-Heinzelmännchen-Kochglocken bedeutend billiger als Heinzelmännchen-Kochkisten, glänzend begutachtet, Gas und Kohlen ersparend“ (MNN 1917, Nr. 214 v. 29. April, 9).

Die Kochglocke war eine von vielen neuen Hilfs- und Ersatzmitteln, mit denen Fett und Brennmaterial gespart werden sollte. Parallel kamen Grillpfannen mit Drahtaufsätzen auf, die von P. Raddatz, F.A. Schumann oder auch Warenhäusern angeboten wurden. Typisch war etwa eine kurzfristig intensiv beworbene Heissluftpfanne, die nur 1,60 M kostete und mit der man fettlos braten können sollte (BT 1916, Nr. 266 v. 25. Mai, 11). Auch Wilhelm Aletter, der „Erfinder“ der Kochkiste Heinzelmännchen, hatte im Dezember 1915 Pfannen-Patente erhalten (DRA 1915, Nr. 287 v. 6. Dezember, 10), die dann als OBU-Rostpfanne (Abkürzung für ohne Butter) vermarktet wurden (Eine neue Rostpfanne, Die Umschau 20, 1916, 580). Beide Produkte wurden jedoch nicht von der Heinzelmännchen GmbH resp. AG vertrieben. Aletters Vorwort für Hedwig Heyls (1850-1934) Werbebroschüre erinnerte zwar an seine „Erfindung“ der Kochkiste (Bratbüchlein für Rost- und Pfannengerichte zum Braten auf der ges. gesch. Rostpfanne „OBU“, Berlin 1917), doch OBU wurde von anderen Produzenten hergestellt. Karl Kraus (1874-1936) hat diese Vermengung anschließend allerdings sprachgewaltig in die Welt getragen (Es ist alles da, Die Fackel 18, 1917, Nr. 445-453, 54-56).

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Lieferschwierigkeiten und ein Blick auf die unterschiedlichen Topfgrößen (Münchner Neueste Nachrichten 1918, Nr. 165 v. 2. April, 6)

Zurück zu den Kochglocken. Sie waren offenkundig kein Erfolg. Sie verschwanden rasch vom Markte, ohne dass dafür belastbare Gründe bekannt wären. Für die Heinzelmännchen AG wohl noch gravierender waren massive Lieferschwierigkeiten. Aluminium wurde schon länger nicht mehr verbaut, Weißblech war kaum noch vorhanden, Buchenholz strikt kontingentiert. Dies dürfte den Absatz zur Jahreswende 1917/18 deutlich verringert haben. Erst ab März konnten Fachgeschäfte und Versandhändler wieder liefern (MNN 1918, Nr. 111 v. 3. März, General-Anzeiger, 8; ebd., Nr., 121 v. 7. März, 4). Auch danach blieben Lieferschwierigkeiten üblich (Ebd. 1919, Nr. 56 v. 2. Februar, 6).

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Friedenssehnsucht und Heinzelmännchen-Verkauf (Vorwärts 1918, Nr. 105 v. 17. April, 7)

Dennoch hatte die Heinzelmännchen AG genügend Finanzkraft, um eine Reihe neugestalteter Werbeanzeigen in Auftrag zu geben (Reclams Universum 1918/19, Nr. 11, s.p.). Hatten zuvor reine Textannoncen dominiert, so wurde nun wieder mit Heinzelmännchen und dem Hauptprodukt gespielt. Dies knüpfte an die Vorkriegszeit an – und es ist nicht verwunderlich, dass die Firma 1918 auch die Friedensehnsucht der Zivilbevölkerung zumindest verbal aufgriff.

Gas- und Kohlennot als Absatzchancen

Die Mangelsituation nach 1914 war für die Heinzelmännchen AG eine unternehmerische Chance. Das galt aber weniger wegen des nun anbrechenden Jahrzehntes der Ernährungskrise, als aufgrund des Brennstoffmangels. Erst fehlte Kohle, dann zunehmend auch das daraus hergestellten Gas. Brennstoffe verteuerten sich erheblich, wurden rationiert, waren teils nicht mehr erhältlich, Sperrstunden für Gas folgten. Holzdiebstahl wurde üblich, teils unausgesprochen geduldet. Die Kochkiste, nicht nur das Heinzelmännchen, wurden ab spätestens 1916 in lauten Tönen gepriesen: „Die Tugenden der Kochkiste sind noch niemals so ins helle Licht getreten wie heute. Wie man den wahren Freund erst in der Not erkennt, hat die Hausfrau sie jetzt als Helferin in allen Verengungen und Nöten einzuschätzen gelernt und die Kochkiste hat sich heute in den meisten Haushaltungen Hausrecht erworben oder erwirbt es sich“ (Wirtschaftsprobleme, Rhein- und Ruhrzeitung 1916, Nr. 432 v. 25. August, 3).

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Energiesparen aus Vaterlandsliebe und Eigeninteresse (Reclams Universum 34, 1917/18, Nr. 7, s.p.)

Es dauerte noch geraume Zeit, ehe sich die Haushalte auf die neue Lage einstellten: „Eine mit Beginn des Krieges einsetzende Werbetätigkeit für den Feuerung sparenden Gebrauch von Kochhilfsmitteln, wie Kochkiste, Kochbeutel, Heinzelmännchen usw., denen sich die fettsparende Bratpfanne und die Kochtüte anschlossen – Einrichtungen, die Trotz der Teuerung immer neue Anschaffungen erforderlich machten – wurde erst von Erfolg gekrönt, als der eherne Zwang der Not dahinterstand“ (Martha Voß-Zietz, Praktische Hauswirtschaft im Kriege, in: Goetz Briefs, dies. und Maria Stegemann-Runk, Die Hauswirtschaft im Kriege, Berlin 1917, 39-64, hier 59-60).

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Heinzelmännchen für die Energiekrise (Münchner Neueste Nachrichten 1918, Nr. 435 v. 29. August, 5)

Die Werbung griff diese Notlage immer wieder auf, appellierte sowohl an den Patriotismus der Kundschaft als auch an simple Nutzenerwägungen. Zugleich aber versuchte die Heinzelmännchen AG ihre Kochkisten vom Odium des Notbehelfs zu befreien, handele es sich dabei doch auch um „in Friedenszeiten nützliche Wirtschaftsgegenstände“ (Haus Hof Garten 39, 1917, 265). Nach Kriegsende war Gas in vielen Städten nur zu vorher festgesetzten Zeiten am Morgen und zu Mittag verfügbar. Langes Kochen war nicht mehr möglich: „Ohne Kochkiste gibt es kein gutes Mittagessen mehr und mit ihr werden die Hausfrauen die Gas- und Kohlenknappheit in der Küche nicht so schmerzlich empfinden“ (Gassperre und Kochstunden, Badische Post 1919, Nr. 246 v. 22. Oktober, 7). Es ist anzunehmen, dass dies den Absatz der Heinzelmännchen beförderte, doch weiterhin waren diese für viele Kunden zu teuer. Die Gas- und Kohlennot mündete zwar in eine breite Nutzung der Brennstoffsparer, doch davon profitierten vor allem billige, vielfach selbst gezimmerte Kisten.

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Heinzelmännchen als Universalpaket gegen Teuerung und Energieknappheit (Reclams Universum 36, 1920, H. 36, V (l.); Illustrirte Zeitung 157, 1921, Nr. 4057 v. 22. September, 249)

Die Brennstoffversorgung normalisierte sich erst 1921 wieder. Auch die Werbeaktivitäten der Heinzelmännchen AG verliefen nun wieder in Vorkriegsbahnen. Nicht nur bei P. Raddatz gab es neuerlich regelmäßige Präsentationen des Heinzelmännchens (BT 1921, Nr. 74 v. 14. Februar, 7; ebd., Nr. 121 v. 14. März, 8). Brennstoff sollte weiter gespart werden, doch neue alte Argumente tragen wieder hervor: „Den Haushalt vereinfachen, das Kochen einschränken. Das Heinzelmännchen, die Kochkiste, muß heran. Am Morgen setzt man den kochenden Topf hinein, am Abend nimmt man das fertige Gericht heraus. Die Hauptmahlzeit ist auf den Abend zu verlegen“ (Anna Plothow, Die zu Hause bleiben, Berliner Volks-Zeitung 1920, Nr. 298 v. 27. Juni, 5). Durchgesetzt hat sich das nicht. Und es ist ebenso unwahrscheinlich, dass die vermehrten Exportbestrebungen dieser Zeit (Das Echo 40, 1921, 3375) devisenträchtigen Erfolg hatten. Die vor dem Weltkrieg noch belieferten Kolonien – die Familie Raddatz besaß enge Verbindungen zu Deutsch-Ostafrika – waren schon längst weggebrochen (Briefe aus Damuka, Friedenauer Lokal-Anzeiger 1907, Nr. 133 v. 9. Juni, 5).

Niedergang während der Hyperinflation

1921 und 1922 waren für die Heinzelmännchen AG dennoch wirtschaftlich erfolgreiche Jahre. Die Dividende betrug 1921 8 Prozent, stieg aufgrund der galoppierenden Inflation 1922 gar auf 100 Prozent. Der Gewinn lag bei 61.918 resp. inflationsbedingten 818.188 M. Auch die Kassa- und Bankbestände explodierten von 176.678 auf 1,675 Mio. M (DRA 1922, Nr. 159 v. 21. Juli, 10; ebd. 1923, Nr. 255 v. 2. November, 4). Geld verlor langsam seine Ordnungs-, insbesondere aber seine Wertaufbewahrungsfunktion.

Die Heinzelmännchen AG war an sich für die Härten der Hyperinflation finanziell gut gewappnet. Otto Ritter und die Familie Müntzel waren weiterhin die bestimmenden Kräfte bei P. Raddatz. Nach dem Ausscheiden Fritz Müntzels übernahmen seine Nachfahren 1927 dessen Anteile (DRA 1927, Nr. 278 v. 29. November, 5). Ritter schied erst 1937 aus der Gesellschaft aus (Ebd. 1937, Nr. 5 v. 8. Januar, 7). Er hatte in der Zwischenzeit weitere unternehmerische Aktivitäten begonnen, etwa als Geschäftsführer der 1919 gegründeten Gesellschaft für Zellstoffveredelung oder als Miteigentümer der Max Kray & Co. Glasindustrie Schreiber AG (Berliner Handels-Register 57, 1921, Abt. B, 803; ebd. 67, 1931, Abt. B, 838). Dennoch brach während der Hyperinflation das Geschäft der Heinzelmännchen AG zusammen, wenngleich der Bankrott noch vermieden werden konnte. Nach der Währungskonsolidierung schrieb das Unternehmen 9.542 RM Verlust, weitete diesen 1925 auf 10.490 RM aus. Dividenden wurden keine mehr gezahlt, die Kassa- und Bankbestände lagen Ende 1925 bei ganzen 156 RM (DRA 1925, Nr. 248 v. 22. Oktober, 7; ebd. 1926, Nr. 171 v, 26. Juli, 10). Ende September gelang noch die Umstellung des Grundkapitals auf nunmehr 40.000 RM (Ebd. 1925, Nr. 262 v. 7. November, 10).

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Die Kochkiste Heinzelmännchen als Teil der modernen Küche (C.V.-Zeitung 3, 1924, 271)

Eine Geschäftsbelebung aber misslang. Die Heinzelmännchen AG musste ihre Werbeausgaben von 10.820 M 1921 über 24.489 M 1922 auf ganze 925 RM im Jahre 1924 reduzieren. Kochkisten wurden zwar weiterhin als Haushaltsmaschinen verwandt und empfohlen, waren Küchenbestandteil vieler Siedlungen des Neuen Bauens und auch der vor allem heute berühmten Frankfurter Küche. Doch ihre Defizite wurden von der nunmehr Bahn greifenden Vitaminforschung pointiert benannt. Das lange Kochen bei hohen Temperaturen zerstörte B- und C-Vitamine sicher. Für den Misserfolg entscheidend aber war der zu hohe Preis. Die Heinzelmännchen AG war anders als vor dem Weltkrieg nicht mehr in der Lage ihre Kochkisten zu verbessern. Andere Anbieter boten analoge Geräte zu günstigeren Preisen. Oder, um der mir unbekannten Hilde Koslowski das Wort zu erteilen: „Also: solche Kochkiste mußte ich haben. Nun mir etwa eine ‚Heinzelmännchen‘ einfach kaufen? Das litt mein Sinn für Sparsamkeit denn doch nicht“ (Wie ich statt zu einer Kochkiste zu einem Kochkorbe kam, Thüringer Imkerbote 7, 1927, 15).

Es folgte eine längere Abwicklung. Seit 1927 residierte das Einkaufsbüro der Heinzelmännchen AG in der Leipzigerstr. 122/123, am Stammsitz von P. Raddatz (Berliner Adreßbuch 1927, TI, 1208), wurde also nebenher betrieben, mochte der Firmensitz in Moabit auch weiterhin bestehen (Ebd., T. IV, 419). Zuvor konnten die Verluste auf 1926 1504 RM und 1927 201 RM verringert werden, doch 1928 steigen sie wieder auf 6574, 1929 auf 13.683 RM (DRA 1927, Nr. 115 v. 18. Mai., 4; ebd. 1928, Nr. 144 v. 22 Juni, 9; ebd. 1929, Nr. 225 v. 26. September, 11; ebd. 1930, Nr. 208 v. 6. September, 4). Zwar hatte man in der Zwischenzeit weiterhin Kochkisten verkauft, doch Gewinne waren nicht mehr zu erwarten. Die Heinzelmännchen AG wurde am 12. September 1929 aufgelöst, Otto Ritter betrieb die sich bis 1931 hinziehende Liquidation (DRA 1929, Nr. 226 v. 27. September, 5; ebd. 1929, Nr. 231 v. 3. Oktober, 7; Berliner Handels-Register 67, 1931, Abt. B, 780).

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Weiternutzung als Gebrauchtware (MNN 1925, Nr. 214 v. 4. August, , General-Anzeiger, 2 (l. oben), ebd. 1928, Nr. 102 v. 14. April, General-Anzeiger, 4 (l. unten); Westfälische Neueste Nachrichten 1933, Nr. 59 v. 10. März, 13 (Mitte unten); Westfälische Zeitung 1933, Nr. 124 v. 18. September, 8 (r. oben); Annener Zeitung 1941, Nr. 298 v. 19. Dezember 4)

Heinzelmännchen-Kochkisten wurden auch danach noch weiter gehandelt. Sie waren jetzt aber nur noch Teil des seit langem bestehenden Gebrauchtwarenhandels. Der Mercedes unter den Kochkisten bewahrte seinen Wiederverkaufswert bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein. Aus dem Alltag der vielen war das Heinzelmännchen damals aber schon längst verschwunden; allerdings nicht so jäh wie einst die Heinzelmännchen aus Köln.

Entkoppelung: Heinzelmännchens Emanzipation von der Kochkiste

Das lange Ende der Kochkiste Heinzelmännchen bedeutete das Ende einer aus der Mode gekommenen Haushaltsmaschine, die das Odium der Kriegsnot nicht abstreifen konnte, die mit neuen Narrativen wie Frisch– und Rohkost nur schwer zu verbinden war. Auch für die Heinzelmännchen war die Kochkiste nur eine Episode. Als imaginäre Helfer konnten sie sich nicht nur in der Musik und Literatur behaupten, sie gewannen in der Konsumsphäre sogar neue Bedeutung – wenngleich die neue Sachlichkeit eigentlich eine neue Produktsprache verlangte, etwa bei der 1927 erfolgten Umbenennung des von Dr. Thompson produzierten Waschmittels Heinzelmännchen in Ozonil (Dresdner Nachrichten 1927, Nr. 214 v. 8. Mai, 19; Arbeit, die sich von selbst erledigt!, Coburger Zeitung 1929, Nr. 204 v. 31. August, 4).

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Dr. Oetker-Werbung mit Heinzelmännchen (Münchner Neueste Nachrichten 1926, Nr. 340 v. 9. Dezember, 6)

Doch die Idee von Produkten, die wie die Kölner Helfer still und bedächtig im Hintergrund arbeiteten, blieb eine werbeträchtige Verheißung auch der vermeintlich goldenen 1920er Jahre. Schuhkrem (mit deutschem k) Heinzelmännchen versah noch bei Kriegsende seinen Ersatzdienst (BT 1918, Nr. 383 v. 29. Juli, 6), während das altbewährte US-Stärkeprodukt Mondamin nach der Überwindung der Hyperinflation zum „Heinzelmännchen im Teige“ agierte: „Es arbeitet verborgen und bringt den Teig zum Treiben, bis sich ein guter Kuchen ergibt“ (Berliner Volks-Zeitung 1924, Nr. 575 v. 4. Dezember, 8). Das ließ den Konkurrenten Dr. Oetker nicht ruhen. Das stets übernahmefreundliche Bielefelder Unternehmen pries die in „ihren“ Rezepten kondensierten Erfahrungen von Kochschule und Hausfrauen, mit deren Hilfe das Backen flugs von der Hand ging. Während in Anzeigen Dr. Oetkers die Heinzelmännchen speisenbewehrt aufmarschierten, nutzte man andernorts die traute Kölner Geschichte offensiv in der Backin-Werbung (Annener Zeitung 1929, Nr. 154 v. 8. November, 6).

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Heinzelmännchen im Haushalt (Münchner Neueste Nachrichten 1926, Nr. 318 v. 17. November, 6)

Abseits des schon um 1900 besetzten Terrains gewannen die immer wieder neu, immer wieder gleich gezeichneten Hausgeister weiter Terrain: Die seitdem rasch gestiegene Zahl der Putz- und Reinigungsmittel bildete eine Armee von Helfern, gewiss größer als die auf 115.000 Soldaten gedeckelte Reichswehr. In Berlin entstand die Steglitzer Teppichreinigung Heinzelmännchen, gleichnamige Putztücher, ein in München produzierter Metallreiniger oder ein entsprechendes Berliner Metallputztuch bildeten nur Vortrupps hygienisch agierender Saubermännchen (Friedenauer Lokal-Anzeiger 1918 v. 6. September, 4; Berliner Adreßbuch 1932, T. II, 457; MNN 1926, Nr. 238 v. 28. August, 12; Berliner Volks-Zeitung 1929, Nr. 424 v. 8. September, 8).

Auch Dienstleistungen wurden im Vergleich mit 1900 nun häufiger mit Heinzelmännchenattributen versehen, zumal wenn sie Teil der surrenden Verkaufsmaschine Stadt waren. Bäcker konnten nach dem verlorenen Weltkrieg endlich wieder normal werkeln, „wieder waren freundliche Heinzelmännchen früh geschäftig, die leckeren Brötlein zu verfertigen, auf daß sie sich rechtzeitig auf dem Frühstückstisch einfänden.“ Doch die Rolle der boshaften Schneidersgattin übernahm nun die Obrigkeiten mit ihren restriktiven Vorgaben für das nächtliche Backen. Brötchen würden nicht verschwinden, doch müssten die Bäcker selbst die „freudig schaffenden Heinzelmännchen arbeitslos auf die Straße“ werfen (Das Rundstück. Ein Märchen aus verklungenen und aus neuen Tagen, Altonaer Nachrichten 1925, Nr. 253 v. 28. Oktober, 5). Derartige Schilderungen zeugten vom sich verändernden Arbeitsethos einer rationalisierten Arbeitsgesellschaft, in der man Heinzelmännchen nicht nur ahnend beschrieb, sondern sie zur Eigenbeschreibung nutzte, sich selbst also verzwergte. Das galt auch für andere Bereiche des Handwerks, dessen Technisierung zentrale Fertigkeiten an Maschinen delegierte, denn „die Maschinen, die Heinzelmännchen unserer Zeit, erwachen aus dem Schlaf und sie rühren und schlagen, kneten und schaffen“ (Beim Weihnachtsbäcker, Westfälische Zeitung 1927, Nr. 283 v. 3. Dezember, 5). Wichtiger noch wurde der Konsumentenblick: Heinzelmännchen praktizierten Dienst am Kunden, in den Kaufhäusern surrte es tagsüber wie einst im nächtlichen Köln: „Die Menschen brauchen überhaupt nichts zu tun. Die Heinzelmännchen bei Friedmann können sich richtig bewegen, sie backen das Brot in einer Backstube, sie nähen und bügeln beim Schneider, sie zapfen die Weinflaschen voll Wein beim Küfer, sie hauen die Kohlen im Bergwerk“ (Weihnachten in der Stadt, Volkswacht 1928, Nr. 293 v. 14. Dezember, 3). Die Kunden mussten nur zahlen.

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Bedeutungstransfer: Gas als Heinzelmännchen (Coburger Zeitung 1925, Nr. 58 v. 10. März, 4)

Das galt auch für neue technische Möglichkeiten, die eine zunehmend selbstverständliche Gas- und Elektrizitätsversorgung in der Zwischenkriegszeit eröffnete. Gasherde und Elektrogeräte erschienen als Heinzelmännchen. Sie würden die Fron der Alltagsarbeit durchbrechen, manches automatisieren, vieles leichter machen, Neuland erschließen. Das galt etwa für die Höhensonne Heinzelmännchen der Münchener Firma von Georg Heinzelmann, den gleichnamigen Berliner Staubsaugerverleih oder den in Bochum entwickelten und ebenso benannten elektrischen Waschkessel (MNN 1922, Nr. 454 v. 12. November, 9; BT 1924, Nr. 544 v. 15. November, 15; MNN 1924, Nr. 210 v. 4. August, 12). Abseits derartiger Einzelprodukte wurden in den späten 1920er Jahren Elektrogeräte zu Wiedergängern der alten Heinzelmännchen. In Amerika war ihr Wirken schon Alltag, Deutschland aber würde folgen (Die Heinzelmännchen der amerikanischen Hausfrau, Berliner Börsen-Zeitung 1926, Nr. 563 v. 3. Dezember, 14; C. Hermann, Elektrische Heinzelmännchen, Hannoversche Heinzelmännchen 23, 1925/26, Nr. 45, 3-4; Heinzelmännchen im Haushalt, ebd. 29, 1931-32, Nr. 8, (9)). Eine neue Zeit schien bevorzustehen: „Sie erwacht am Morgen, erwacht in einen scheinbar so nüchternen Alltag, und empfindet, verwöhnt von den neuen Errungenschaften, vielleicht gar nicht, daß die Märchen früherer Zeit – geradezu ‚über Nacht‘ – Wirklichkeit geworden sind. Heinzelmännchen, die wirken, während der Mensch schläft? Die elektrischen Stromgeister sind unsere Heinzelmännchen“ (Richard Rieß, Die elektrische Hausfrau, Berliner Börsen-Zeitung 1930, Nr. 349 v. 28. Juli, 6). Dieses Bild hielt sich bis zur Wirtschaftswunderzeit – und den Rest können Sie vielleicht aus eigenem Erleben ergänzen.

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Kontinuierliche Träume: Haushaltsgeräte als Heinzelmännchen (Hamburger Abendblatt 1968, Nr. 103 v. 3. Mai, 19)

Lässt man sich auf diese lange Perspektive ein, so wird aus der hier genauer untersuchten Kochkiste Heinzelmännchen ein recht typisches Produkt in einer langen und seit Beginn moderner Konsumgesellschaften nie wieder abgebrochenen Reihe von Konsummythen. Sie vermengten Kindheitsträume, Vorstellungen von Muße und freiem Leben mit Glück, Lebenssinn und Wohlstand. Sie nutzen diese aber zugleich für den Absatz immer neuer, strukturell ähnlicher Produkte. Sie mochten alle ihren Wert haben, Aufgaben erfüllen, Not wehren, den Einzelnen anderen gegenüber darstellen, ihm bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben helfen. Doch sie waren und sind immer auch Teil einer imaginären Traumwelt, mit der wir uns gerne umgeben, auch wenn wir wissen, dass sie letztlich nichts anderes als eine fromme Legende ist. Bleibt uns aber anderes?

Uwe Spiekermann, 10. Dezember 2022

 

PS: Die Kochkiste „Heinzelmännchen“ im Haushalt des Architekten Otto Haesler

Museumsbesuche bilden. Das Otto-Haesler-Museum ist dafür ein Musterbeispiel. Wer sich für die Geschichte des Neuen Bauens interessiert, wird es gewiss kennen, denn dieses Celler Kleinod präsentiert nicht nur das bauliche Schaffen des namensgebenden Vordenkers eines preiswerten Siedlungsbaus Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre. Es erlaubt am Ort der Celler Arbeitersiedlung „Blumläger Feld“ auch direkte Einblicke in das Wohnen dieser Zeit. Haesler (1880-1962) wird in der Öffentlichkeit bis heute nicht in eine Reihe mit den bürgerlichen Säulenheiligen des Neuen Bauens und des Bauhauses gestellt – obwohl er nach der Entlassung von Hannes Mayer (1889-1954) 1930 vor Mies van der Rohe (1886-1969) die ehrende Einladung erhielt, das Bauhaus zu leiten. Otto Haesler lehnte damals ab, die vielen eigenen Bauvorhaben verpflichteten. In Celle, seiner Hauptwirkungsstätte, ist das jedoch anders. Rudolf Becker, just mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet, setzt andere, historisch präzisere Akzente. Er war und ist die treibende Kraft dieses Museums – und wenn Sie mal wieder nicht wissen, was Sie mit Ihrer Zeit anfangen sollen, dann reisen Sie doch nach Celle und nehmen an einer seiner Führungen teil. Es wird sich lohnen.

Das gilt auch abseits des sozialen Wohnungsbaus – und das erlaubt mir eine kleine Ergänzung zur oben ausgebreiteten Geschichte der Kochkiste „Heinzelmännchen“. Denn dort, im Otto-Haesler-Museum stand, nein thronte sie: Sie war Teil der gutbürgerlichen Küche Haeslers. Und Herr Becker erlaubte Stefanie Waske und mir das Zücken der Fotoapparate, um genauer festzuhalten, was zuvor nur mittels Anzeigen und Beschreibungen vor Augen geführt werden konnte.

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Die Kochkiste ist gut erhalten, trotz ihres Alters von wohl 114 Jahren. Es handelt sich um eine der frühen einfacheren Varianten – Haesler errichtete sein Wohnhaus in der Celler Wittinger Straße 4 von 1909 bis 1910. Das Schloss ist rostfrei und gut gepflegt, die Farbigkeit des Heinzelmännchen-Warenzeichens besticht und zeugt von solider Verarbeitung.

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Öffnet man die Kochkiste, so sieht man den runden, sich an den Topf anschmiegenden Einsatzschacht, die seitliche Dämmung, den Heizstein am Grunde und den wärmehaltenden Schutz im Deckel. Der aus Schamotte bestehende Heizstein hat einen integrierten, nicht überstehenden Griff und eine Werbeinschrift, die ihn als Teil des Originalangebotes ausweist.

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Die beiden Warenzeichen unterstreichen den Anspruch der Berliner Heinzelmännchen GmbH, ein hochwertiges Markenprodukt anzubieten, den Qualitätsmarktführer seiner Zeit. Das Motiv auf dem Heizstein weicht von dem 1906 geschützten Warenzeichen allerdings leicht ab; und es ist unklar, ob es sich um einen später ergänzten Einsatz handelte (die Steine konnten durch Druck und Hitze reißen) – oder ob diese generell leicht variierten.

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Auf dem Deckel prangte jedenfalls das Original-Warenzeichen und gibt heute noch einen Abglanz von der farbigen Produktwelt des Kaiserreichs, von der Strahlkraft der neuen Teerfarben auf Plakaten, Verpackungen und Gebrauchsgütern.

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Die letzten beiden Fotos geben Ihnen einen noch genaueren Eindruck von der Größe der kleinen Kochkiste „Heinzelmännchen“. Eine einfachere, aber ebenso große Kochkiste war in den späten 1920er Jahren nicht nur Teil vieler „Frankfurter Küchen“, sondern auch Bestandteil der Haeslerschen Arbeiterküchen. Wenn Sie sich davon ein eigenes Bild machen wollen, so gehen Sie ins Museum, ins Otto-Haesler-Museum oder eines in Ihrer Nähe. Denn Museumsbesuche bilden nicht nur. Sie weiten unseren Horizont und sind voller Überraschungen.

Uwe Spiekermann, 26. August 2024

Eine zerbrochene Heimat: Ruth Gröne auf den Spuren ihrer Kindheit in Boffzen

Anlässlich des 90. Geburtstages von Ruth Gröne haben Stefanie Waske und ich aus dem folgenden Text und weiteren Bildern ein Video zusammengestellt, so dass Sie nicht allein lesen, sondern auch hören und sehen können:

„Hüte Dich – Und bewahre Deine Seele gut, dass Du die Geschichte nicht vergisst, die Deine Augen gesehen haben. Und dass sie nicht aus Deinem Herzen komme, Dein Leben lang – und tue sie Deinen Kindern kund“ (Lesung: Sachor! – Erinnere Dich! Aus dem Leben der jüdischen Hannoveranerin Ruth Gröne – YouTube). Diese jüdische Weisheit stand am Ende eines Grußwortes der am 5. Juli 1933 in Hannover geborenen Ruth Ester Julie Gröne, geb. Kleeberg, anlässlich einer Lesung ihrer von Anja Schade verfassten Biographie „Sachor! – Erinnere Dich!“. Diese Erinnerung kreiste ihr Leben lang um den Ort der heutigen Gedenkstätte Ahlem, um die Erinnerung an ihren 1944 verhafteten und 1945 nach Internierung in Ahlem, Neuengamme und Sandbostel an Torturen und Typhus gestorbenen Vater Erich Kleeberg. Ruth Gröne lebte in der zu einem „Judenhaus“ umgewandelten früheren Israelitischen Gartenbauschule Ahlem seit der Ausbombung 1943 zuerst mit ihren Eltern, dann allein mit ihrer protestantischen Mutter Maria. Für ihr beherztes Engagement, ihre beharrlichen, bohrenden und vielfach erfolgreichen Rückfragen an Verwaltungen, Parlamente, Regierende und Firmen wie die Continental AG hat sie in den letzten Jahren zahlreiche Ehrungen erhalten, darunter 2017 den Theodor-Lessing-Preis. Dessen 1919 erschienenes Hauptwerk „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ beinhaltet bis heute dringliche Rückfragen an unseren Umgang mit Vergangenheit, warnt vor der menschlichen Grundneigung des Umbiegens der eigenen Geschichte. Ruth Gröne hat ihre Geschichte immer wieder erzählt, mochte sie auch nicht kommod sein, gegen bequemes Vergessen stehen.

Ruth Grönes Erinnerung war immer eine des Verlustes, des unbegreiflichen und sinnlosen Verlustes ihres Vaters, ihrer in Riga ermordeten Großeltern Frieda und Hermann Kleeberg, ihrer Tante Martha Kleeberg, geb. Heimbach. Sie war immer auch die Geschichte einer zerbrochenen Kindheit, durchfurcht von nicht zu kontrollierenden, nicht einzuhegenden Mächten. Diese Kindheit ist eng mit dem kleinen Weserort Boffzen verbunden, bekannt durch Wilhelm Raabes Beschreibungen, bis heute geprägt von der dortigen Glasindustrie. In Boffzen wurde Erich Kleeberg geboren, hier stand das Haus der Großeltern, die dort eine Schlachterei, eine Viehhandlung betrieben. Dort traf sich die Verwandtschaft, dort erkundete auch die kleine Ruth das Haus, den Innenhof, die Nachbarschaft.

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Die kleine Ruth auf dem Schoß ihrer Großmutter, im Kreise der Familie Kleeberg, Boffzen 1934 (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

Boffzen war und blieb ein wichtiger Teil der Erinnerung Ruth Grönes. Sie war geprägt von kindlichem Entdecken und Erkunden, von dem Grundvertrauen, dass die Welt gut sei, voller Wunder. Doch Boffzen stand auch für die Vertreibung dieser und anderer Familien, für den erzwungenen Verlust einer bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden jüdischen Gemeinschaft. 1939 kamen die Großeltern nach Hannover, fanden Herberge bei ihrem Sohn Erich, seiner Frau Maria und ihrer Tochter Ruth. Sie hatten zuvor ihr Geschäft in Boffzen schließen, Haus und Grundstück verkaufen müssen. Zu fünft lebten sie in einer 2-Zimmer-Wohnung, dann ab 1941 in einem „Judenhaus“, wurden dann getrennt, die Großeltern vor Weihnachten deportiert.

Ruth Gröne ist seit 1966 mehrfach nach Boffzen gefahren, an den Ort ihrer Kindheit, hat dort Kontakte geknüpft, sich entwickelnde Freundschaften gepflegt. 1988/89 wurde sie, aber auch ihre ins britische und US-amerikanische Exil gezwungenen Verwandten, Onkel Walter (Clay, geb. Kleeberg) und Tante Ruth (Kolb, geb. Kleeberg) von der Gemeinde Boffzen eingeladen, 2006 auf Ruth Grönes beharrliches Drängen hin ein Gedenkstein vor der Gemeindeverwaltung errichtet. Weitere Besuche folgten – und bei dem letzten fühlte sich die Hannoveranerin nicht mehr willkommen geheißen. Der Bürgermeister hatte für sie keine Zeit, der Verwaltungsvertreter war auf den Besuch nicht vorbereitet, nicht einmal auf den jüdischen Friedhof begleitete man den Gast.

Anja Schades Biographie „Sachor! – Erinnere Dich!“ veränderte dies. Ruth Gröne war häufiger Gast im Niedersächsischen Landtag, bei Landtagspräsidentin Gabriele Andretta. Deren persönliche Referentin, Stefanie Waske, stammte aus Boffzen, hatte das Buch gelesen, sprach nicht nur mit der Zeitzeugin, sondern auch mit ihrem Vater Walter Waske, früherer Landrat des Landkreises Holzminden, in Boffzen weiter kommunalpolitisch aktiv. Er nahm den Kontakt auf, Besuche folgten, Überzeugungsarbeit in Boffzen, schließlich erfolgte eine von allen Gemeindevertretern getragene Einladung. „Der erzwungene Verlust 1931-1938. Boffzen erinnert sich seiner jüdischen Nachbarn“ war der Titel einer am 19. November 2022 durchgeführten Gedenkveranstaltung. Sie war wichtig, zumal für die Bürger Boffzens. Doch für Ruth Gröne war sie nur Teil einer neuerlichen Rückkehr an den Ort ihrer zerbrochenen Kindheit.

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Besuch im Jacob Pins Forum Höxter: Fritz Ostkämper erzählt von der Geschichte dieses Erinnerungsortes an die vertriebenen und ermordeten Höxteraner Juden (Foto: Uwe Spiekermann)

Die Reise nach Boffzen und in die eigene Vergangenheit begann in Höxter. Dort besteht seit 2008 das Jacob Pins Forum, ein Ort der Erinnerung an den gleichnamigen, aus Höxter stammenden jüdischen Künstler. Das in einem alten umgestalteten Adelshof liegende Forum ist heute Veranstaltungsort für Konzerte, für Ausstellungen, dort kann man wichtige Werke von Pins sehen. Doch im Obergeschoss gibt es auch zwei kleine, erst jüngst umgestaltete Räume, die an die jüdische Geschichte in Höxter erinnern. Der langjährige Vorsitzende der Jacob Pins Gesellschaft, Fritz Ostkämper, der sich auch als Forscher zur jüdischen Geschichte Höxters und der Region einen Namen gemacht hat, präsentierte Ort und Ausstellungen, erzählte auch über Familien im Umfeld der Kleebergs.

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Letzter Testlauf: Walter Waske in der bereits von den Helferinnen der Arbeiterwohlfahrt und den Landfrauen eingedeckten Mehrzweckhalle (Foto: Uwe Spiekermann)

In Boffzen waren derweil die Vorbereitungen abgeschlossen. Die Mehrzweckhalle war geputzt, von Gemeindearbeitern bestuhlt worden, einhundert Bürger hatten sich zur Gedenkveranstaltung angemeldet. Die „üblichen Verdächtigen“, die verlässlichen Frauen der Arbeiterwohlfahrt und auch der Landfrauen, hatten dem Raum ein freundlicheres Ambiente gegeben, die Technik war aufgebaut und wurde nochmals überprüft. Boffzen war bereit für seine Gäste, Ruth Gröne übernachtete im Hotel „Alte Post“ in Boffzen – Anfang der 1930er Jahre ein Treffpunkt der lokalen NSDAP, heute von der Familie Winnefeld mit frischem Engagement betrieben. Angesprochen auf diese Geschichte, antwortete Ruth Gröne mit lapidar-ernstem Mutterwitz: „Die sind ja schon tot.“

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Aufbruch im Hotel „Alte Post“: Ruth Gröne mit Boffzens Bürgermeisterin Gudrun Raßmann (Foto: Stefanie Waske)

Der Rundgang durch Boffzen begann am Samstagmorgen. Dieses Mal nicht allein, sondern in einer großen Gruppe. Anja Schade war dabei, Bürgermeisterin Gudrun Raßmann begrüßte im Namen der Gemeinde Boffzen, ebenso als Gemeinderatsmitglieder Manfred Bues, Manuela Püttcher und Walter Waske. Nachbarn und alte Bekannte, wie Karl-Heinz Göhmann, waren zugegen, vertieften auch ihre Erinnerungen an Boffzen, an die bis heute bedrückende Verfolgungsgeschichte. Der Weg führte durch die U-förmige Straße „Im Winkel“, in deren Mitte einst die Gemeindeverwaltung und die Polizei lag. Im Ortsmund hieß sie nach dem Krieg „Judengasse“, denn hier hatte eine Reihe jüdischer Familien gelebt, nicht nur die dann während der NS-Zeit ins Exil vertriebene Familie Lebenbaum.

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Gang durch das Dorf: Walter Waske erzählt von der Ortsgeschichte (Foto: Stefanie Waske)

„Im Winkel“ lag auch das kleine Gebetshaus der jüdischen Gemeinschaft. Ruth Gröne hat dieses nicht mehr besucht. Doch die Runde stimmte ein auf das erste Ziel, das Haus ihrer Großeltern in der Oberen Dorfstraße, Teil der Hauptachse Boffzens. Ruth Gröne hatte frühere Fotos mitgebracht, Haus und Straße immer wieder festgehalten. Ihr 2016 verstorbener Mann Ludwig war Schmied, von ihm stammt das schiedeeiserne Geländer des Hauseingangs. Die Grönes standen auf guten Fuß mit den Kues, trotz all der Fährnisse um den Kauf des Hauses zu gedrücktem Preis 1939, trotz der Entschädigung in der Nachkriegszeit. Helmut Kues war für die Kleebergs einkaufen gegangen, als ihnen dies 1939 in Boffzen verboten war, ihnen, einer seit vielen Generationen in Boffzen ansässigen und geachteten Familie, tief verwurzelt in den lokalen Vereinen, deren Männer in den deutschen Einigungskriegen und im Ersten Weltkrieg gedient hatten.

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Abgleich mit alten Fotos: Ruth Gröne mit Bildern früherer Besuche (links Holger Kues, rechts Stefanie Waske) (Foto: Uwe Spiekermann)

Holger Kues öffnete der Gruppe das große Tor zum Innenhof, Ruth Gröne stand nun wieder an einem Kindheitsort: Dort war der Stall der Ziege, dort der knurrende Hund, vor dem sie immer ein wenig Angst gehabt habe. Erinnerung ist schwer zu teilen, doch man sah im Antlitz der alten Frau einen Widerschein einer immer wieder erinnerten und daher nicht vergessenen Zeit. Gewiss, der Hinterhof hatte sich in achtzig Jahren vielfach verändert, die alten Bodenplatten waren nicht mehr da, die Stallungen, das Plumpsklo, die Abwassergräben, der Brunnen lief nicht mehr. Das Haus hatte neue Türen, neue Fenster, doch sie waren immer noch am gleichen Platz, die alten Formen bewahrend.

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Geteilte Kindheiten: Ruth Gröne im Gespräch mit Bernd Kaussow, der in diesem Haus längere Zeit gelebt hat (Foto: Uwe Spiekermann)

Gesprochen wurde viel, über die Veränderungen, die mehr als achtzig Jahre seit der Vertreibung der Familie Kleeberg. Bernd Kaussow lebte später im Hause, doch seine Erinnerungen waren die der 1960er Jahre, einer Jugend im allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung.

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Hier gingen wir ein und aus: Ruth Gröne an der Tür zwischen Küche und Hof (Foto: Uwe Spiekermann)

Ruth Gröne leihte all dem ihr Ohr, doch ihr Eindruck war ein anderer. Sie war ergriffen. Doch nicht Trauer über den Verlust trat hervor, sondern Dankbarkeit ob der schönen Stunden im Kreise ihrer Großeltern. Hier im Innenhof hatte sie gespielt, durch diese Tür war sie ein und aus gegangen. Die Gruppe trat zurück, mochte mancher davon auch von Erinnerungen an die eigene Kindheit berührt worden sein.

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Ruth Gröne mit Anja Schade im Garten ihrer aus Boffzen vertriebenen Großeltern (Foto: Stefanie Waske)

Im Garten war alles verändert, eine neue Birke war gepflanzt worden. Doch Altes war noch da: Die Trittplatten hatten mehr als hundert Jahre überdauert. Die Futter- und Wassertröge der Stallungen bargen nun Blumen. Ruth Gröne schaute, sah, berührte Wände und Türen, greifbare Reste einer zerbrochenen Heimat. Berühren, Festhalten, wieder Loslassen, doch den Moment bewahren.

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Die Heimat der Kindheit: Ruth Gröne im Innenhof ihrer Großeltern, einem Jugendort ihres Vaters (Foto: Uwe Spiekermann)

Holger Kues verstand das, öffnete dann auch das Haus. Der Aufgang war beschwerlich, doch für Ruth Gröne ging das Festhalten am Geländer und manch stützender Hand über in das Umhergehen, in das Betasten von Wänden und Türrahmen. Das Haus war noch stärker verändert worden als der Innenhof, neue Wände waren eingezogen worden, die modernen Annehmlichkeiten von Wasserversorgung, Zentralheizung und Einbauküche.

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Holger Kues öffnet die Tür seines Hauses für Ruth Gröne und Anja Schade (Foto: Uwe Spiekermann)

Das alte Mobiliar fehlte, einiges war in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Unbekannten zerschlagen, einiges vor dem erzwungenen Wegzug verkauft und verschenkt worden, größere Möbel wurden nach Hannover mitgenommen. Kein Klavier zierte die gute Stube. Eine Küche gab es, nicht wie ehedem zwei, die milchige und fleischige, wie in einem koscheren jüdischen Haushalt üblich. Doch Ruth Gröne hatte die alten Bilder in sich bewahrt, im Kopfe und im Herzen, sah hinter Verputz und Verkleidungen, wusste um den Ort der Spüle, um Tische, Schränke und Stühle.

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Erinnerungen an die alte(n) Küche(n) (Anja Schade, Ruth Gröne, Holger Kues, Uwe Spiekermann) (Foto: Stefanie Waske)

Man verließ diesen bitter-freudigen Ort, der Zeitplan war schon längst gesprengt, Erinnerung brach Ordnung. Noch aber gab es einen unverzichtbaren historischen Ort, den kleinen jüdischen Friedhof am nördlichen Ortsausgang. Er wurde „später“ wieder hergerichtet, doch alte Grabplatten fehlten, waren „damals“ von unheiligen Horden zum Straßenbau verwandt worden. Vierzehn Grabstätten gibt es noch, darunter die der Familie Kleeberg. Ruth Gröne war vorbereitet, natürlich. Sie hatte Steine mitgebracht, ein guter jüdischer Brauch, um die Gräber zu markieren, den Ahnen Ehre zu erweisen, um etwas von sich zurückzulassen. Und sie stellte sich selbstbewusst in die Reihe ihrer Vorfahren, beginnend mit Abraham Kleeberg, ihrem Ur-Urgroßvater, endend mit ihrer Großtante Helene Seligmann. Auch hier das Handauflegen, auch hier der handgreifliche Bezug zu den Verstorbenen, zu den Erinnerten. Berührend in einem Umfeld der Grabeinebnungen und Urnenfelder auf „christlichen“ Friedhöfen. Das Vergessen religiöser Traditionen zeigte sich auch in der Gruppe, denn nur zwei der Männer (darunter nicht der Autor, ein guter Katholik) trugen eine Kopfbedeckung, so wie es sich für einen jüdischen Friedhof geziemt.

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In der Reihe ihrer Vorfahren: Ruth Gröne am Grabstein ihres Ur-Urgroßvaters Abraham Kleeberg (1799-1856), dahinter die Gräber ihrer Urgroßeltern Moses (1829-1916) und Julie Kleeberg (1839-1918) sowie ihrer Großtante Helene Seligmann, geb. Kleeberg (1875-1932) (Foto: Uwe Spiekermann)

Die Momente der Ruhe, des Eingedenkens währten nicht allzu lang. Denn es gab noch einen offiziellen Termin, den Eintrag in das „Goldene Buch“ der Samtgemeinde Boffzen. Deren Bürgermeister Tino Wenkel und der stellvertretende Gemeindedirektor Philip Becker begrüßten Ruth Gröne und die Gruppe. Schnittchen und Kaffee folgten.

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Eintragung in das „Goldene Buch“ der Samtgemeinde Boffzen (Foto: Uwe Spiekermann)

Der Rahmen war gesteckt, doch unbefangen war das Zusammensein nicht, die rechte Sprache fehlte. Holger Kues durchbrach die wortreiche Stille, indem er unbefangen fragte, warum denn die Juden so verhasst gewesen seien. Ruth Gröne verwies auf die bis weit in die Antike zurückreichende Judenfeindschaft, auf eine kleine Gruppe, die sich schlecht wehren konnte. Uwe Spiekermann ergänzte, verwies auf pseudowissenschaftliche Argumente der Andersartigkeit, auf Unsicherheit und Neid als Untugenden der Mehrheitsgesellschaft. Der Umgang mit Minderheiten, Vorstellungen von Fremdheit, sie standen im Raum, wurden besprochen, ein „Nie wieder“ beschworen.

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„Was Dir verhaßt ist – das tue Deinen Nachbarn nicht an“ (Foto: Uwe Spiekermann)

Der offizielle Termin ebbte ab. Zwei Nicht-Boffzener hatten vor dem Gedenkstein vor der Gemeindeverwaltung zuvor einen Blumenstrauß und eine Kerze gestellt – und Ruth Gröne ließ es sich nicht nehmen, ein Licht anzuzünden, ein Seelenlicht als Ausdruck der Verbundenheit mit den Toten, mit ihren ermordeten Großeltern, ihrer ermordeten Tante, ihrem ermordeten Vater.

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Stilles Gedenken vor der Gemeindeverwaltung: Der Gedenkstein für die vertriebenen jüdischen Nachbarn Boffzens, für die Ermordeten der Familie Kleeberg (Foto: Uwe Spiekermann)

Die Gedenkveranstaltung schloss sich an. Die Mehrzweckhalle füllte sich, der Landrat traf ein, die Landtagsabgeordnete, der Bundestagsabgeordnete, Vertreter der Boffzener Vereine, der Kirchen, von Feuerwehr und Polizei. Hinzu kamen viele Boffzener, nicht nur ältere. Auch Freunde und Weggefährten Ruth Grönes waren gekommen, darunter Klaus Kieckbusch, der die jüdische Ortsgeschichte einst akribisch erforscht hatte.

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Alte Freunde: Ruth Gröne mit Klaus Kieckbusch, der die Geschichte der Juden in Boffzen umfassend aufgearbeitet hat (Foto: Stefanie Waske)

Nach jüdischen Weisen von Jean Goldenbaum folgten Ansprachen der Bürgermeisterin, dann ein langer Vortrag des Autors über „Boffzen und die NS-Zeit“, der durch begleitende zehn Quellentexte nochmals länger wurde. Und doch: Achtzig Minuten vergingen voller Konzentration, aufmerksam, ja gebannt verfolgten die hundert Gäste die Geschichte der jüdischen Nachbarn Boffzens, ihrer Verfolgung und Vertreibung; aber auch die der gelungener Nachbarschaft (bis 1930/33) und des langen abduckenden Schweigens nach 1939/45. Erinnerung braucht Ruhe, Abgeklärtheit, auch Zeit.

Danach trat Ruth Gröne ans Rednerpult. Sie begann stockend, begrüßte die vielen Würdenträger, bedankte sich bei denen, die diese Tage vorbereitet und mitgestaltet hatten. Sie schilderte ihre angesichts Boffzens ambivalenten Gefühle, die unterschiedlichen Erfahrungen, die sie vor Ort gemacht hatte. Neben Hannover habe ihr Boffzen jedoch stets am Herzen gelegen – und nun fahre sie mit einem guten Gefühl zurück in ihre erste Heimatstadt. Walter Waske dankte dafür, sichtlich bewegt, hob aber auch hervor, dass es just nach diesem Besuch darum gehen müsste, die Erinnerung vor Ort weiter zu bewahren. Erinnerung sei kein Konsumgut, sondern eine stets auszugestaltende Aufgabe. So, wie sich der fliegende Vogel über das am Boden gefesselte Schlachtkalb erhebt. So wie die Erinnerung an die eigene Kindheit den Funken eines Grundvertrauens birgt, der trotz aller Gewalt und aller Schlechtigkeit doch daran festhalten lässt, dass die Welt gut ist und voller Wunder. Ruth Grönes Rückkehr nach Boffzen hob dies allen ins Gedächtnis.

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Ruth Gröne mit Fritz Ostkämper beim Rundgang in Boffzen (Foto: Stefanie Waske)

Uwe Spiekermann, 21. November 2022

Boffzen und die NS-Zeit

„Der erzwungene Verlust 1931-1938. Boffzen erinnert sich an seine jüdischen Nachbarn“ – so lautet der Titel der heutigen Gedenkveranstaltung. Ist das mehr als eine der üblichen Phrasen in guter Absicht? Erinnern ist Vergegenwärtigung, ein Akt direkter Auswahl. Sich erinnern heißt, etwas dem Vergessen zu entreißen, seine Bedeutsamkeit hervorzuheben. [1] Wenn wir uns heute an die jüdischen Nachbarn in Boffzen erinnern, so erst einmal aufgrund der Erinnerungen von Ruth Gröne, die Anja Schade in einem vor kurzem erschienenen Buch eindringlich festgehalten hat. [2] Sachor! – Erinnere Dich! ist der Titel; eine Selbstverpflichtung, eine Aufforderung, auch eine Bitte.

Eine bittende Aufforderung Ruth Grönes an die Bürger und Bürgerinnen Boffzens, des Geburtsortes ihres Vaters und ihrer Großeltern, ihre Erinnerung wahrzunehmen. 1933, in ihrem Geburtsjahr, lebten kaum mehr als hundert Meter von dieser Halle entfernt drei Familien jüdischen Glaubens, die Lebenbaums, die Seligmanns, die Kleebergs. Am 31. Oktober 1939 meldete Boffzens Bürgermeister Wilhelm Korte stolz, „dass die Gemeinde Boffzen […] frei von Juden ist.“ [3] Das war das Ende einer langen Geschichte jüdischen Lebens in Boffzen – bis heute. Die insgesamt vierzehn jüdischen Nachbarn wanderten aus, nach Palästina, den USA, Shanghai, Großbritannien. Und sie wurden ermordet, starben aufgrund von Verfolgung, wohl in Riga, in Sandbostel, anderswo, fernab. „Und der Kummer von einem ist der Kummer der Welt“ [4] schrieb einst die Sängerin Bettina Wegner. So wollen wir es halten, uns erinnern, gemeinsam, unfeindlich, wenigstens heute.

In Boffzen, einem Ort der Vertreibung der eigenen Nachbarn, kann sich Erinnerung aber nicht allein auf die Opfer konzentrieren. Neben die Opfer treten Täter, treten zugleich all die „Bystanders“, die Zuschauer und scheinbar nicht Beteiligten. Die gelungene deutsch-jüdische Symbiose im langen 19. Jahrhundert ist Teil dieser Erinnerung, die rasche Nazifizierung des Ortes, aber auch die judenfreie Zeit nach 1939, geprägt durch Schweigen, fehlendes Schuldbewusstsein und von außen anzustoßende Erkundigungen. Erinnerung dieser Art bündelt Vorarbeiten auch aus der Gemeinde und der Region, ist verbunden mit Namen wie Ulrich Ammermann und Marlies Loges, Matthias Seeliger, Detlev Creydt und Fritz Ostkämper, und insbesondere mit Klaus Kieckbusch, von dessen Arbeit wir alle zehren. [5]

Boffzen vor der NS-Zeit

Jüdisches Leben in Boffzen lässt sich bis 1620 zurückverfolgen, ein Gemeindeleben begann jedoch erst im frühen 18. Jahrhundert mit der Ansiedlung braunschweigischer „Schutzjuden“. [6] Juden waren damals auf herrschaftliche Sonderrechte angewiesen. Das änderte sich erst im Königreich Westfalen, einem französischen Kunststaat, der den Juden Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Boffzen kurzzeitig die „Emanzipation“, also gleiche Rechte brachte. Als Bürger hatten sie ihre alten Namen abzulegen, neue anzunehmen. Lebenbaum ist eine Eindeutschung des alttestamentarischen „ez hachajim“ (Genesis 2, 9), Kleeberg ist einer lokalen Flurbezeichnung nachempfunden. [7] Mit der napoleonischen Herrschaft endete auch die Emanzipation. [8] Doch sie blieb Programm liberaler Reformer; und die Verfassungen des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Reiches brachten seit 1867 eine fast vollständige Gleichberechtigung der Juden. Antisemiten bekämpften sie seither, wollten sie rückgängig machen. Das war zentral für die dann 1935 erlassenen Nürnberger Gesetze.

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Moses Kleeberg als Vorsteher einer kleinen jüdischen Gemeinschaft in Boffzen (Statistisches Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes 4, 1889, 60)

In Boffzen gab es eine kleine jüdische Gemeinschaft, 1872 offiziell anerkannt. Das 1882 eingerichtete Gebetshaus stand aber schon für die schwindende Zahl der Boffzener Juden. [9] Die Entleerung des ländlichen Raumes kennzeichnete jüdisches Leben im 19. Jahrhundert. Die Zahl der „Landjuden“ verminderte sich einerseits durch Wegzug in größere Städte, anderseits durch die Auswanderung in die USA. Die Zahl der Boffzener Juden sank, ihre wirtschaftliche Lage verbesserte sich aber schneller als die ihrer Mitbürger. Die Gründe lagen in der ausgeprägten Schriftlichkeit der jüdischen Religion, einem weit stärkerem Bildungsdrang, ausgeprägterem Fleiß und der Spezialisierung auf wenige Boombranchen der entstehenden Industrie- und Konsumgesellschaft. [10] In Boffzen investierten Seligmanns, Lebenbaums und Kleebergs gezielt in die Bildung ihrer Kinder. Sie konzentrieren sich auf Handel und Verkauf. Sie erzielten gute, überdurchschnittliche Einkommen.

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Boffzen: Das Dorf und die industriellen Vororte mit den beiden Glashütten 1898 (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

Boffzen war zu dieser Zeit ein gespaltener Ort. Im alten an der Weser gelegenen Ortskern dominierten Bauern und Handwerker, auch wenn etwa die Baufirma Knop die Chancen der wirtschaftsliberalen Reformen des Kaiserreichs nutzte. [11] Eisenbahnbau und Industrialisierung veränderten den Ort seit Mitte der 1860er Jahre. Boffzen wurde an das nationale Verkehrsnetz angeschlossen, zwei Glashütten und die Ziegelei Brückfeld entstanden. [12] Die Karte zeigt die Gleise mitten durch den Ort, die abgetrennten Unternehmen und Arbeiterwohnungen im Brückfeld. Sie zeigt nicht die Unterschiede zwischen den Menschen in beiden Teilen des Ortes: Einerseits den Alteingesessenen an der Weser, anderseits die erst aus dem Solling, dann vor allem aus dem Siegerland angeworbenen und zugewanderten Glasmacher sowie die aus dem Solling und aus Lüdenscheid zugezogenen Kapitalisten. Arbeiter und Unternehmer im Brückfeld arbeiteten anders, lebten anders, erhielten regelmäßiger Geld, wählten sozialdemokratisch und liberal. Die jüdischen Mitbürger waren in Boffzen Alteingesessene. Ihre Handelsgeschäfte überbrückten, verkauften an beide Gruppen und darüber hinaus.

Eine deutsch-jüdische Symbiose

Die jüdischen Nachbarn unterschieden sich kaum von ihrem Umfeld. Ihre Religionspraxis war nach innen gewandt, stand zwischen konservativem und Reformjudentum. Sie kochten koscher, feierten die Feste des jüdischen Jahres gemeinsam mit den Glaubensbrüdern und -schwestern in Höxter, zu denen enge verwandtschaftliche Verbindungen bestanden. Hochzeiten erfolgten zumeist innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft. Ruth Grönes Eltern Erich und Maria Kleeberg – letztere war getaufte Protestantin – erhielten daher nicht den Hochzeitssegen ihrer Großeltern, heirateten 1931 standesamtlich. [13]

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Die drei Familien führten in der Tradition ihrer Vorfahren kleine Handelsunternehmen: Kleebergs seit 1899 eine Schlachterei und Viehhandlung, Lebenbaums seit den 1890er Jahren eine Kolonialwaren- und Getreidehandlung, Seligmanns eine von Moses Kleeberg übernommene Kolonialwaren- und Fellhandlung. Das entsprach den Bedürfnissen der meisten Boffzener, die in der Regel eigenes Garten- oder Ackerland bewirtschafteten, Eigenversorgung und Hausschlachtung betrieben, in den Läden eher ein Ergänzungssortiment kauften. Doch es gab vor Ort auch andere Einkaufsmöglichkeiten: Das Adressbuch nannte 1929/30 einen weiteren Schlachter, drei weitere Kolonialwarenhandlungen, zwei Bäckereien und den Konsumverein im Brückfeld. [14]

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Das Haus mit dem Laden der Familie Seligmann kurz vor dem Abriss 1988 (l.) und das heute noch bestehende Haus der Schlachterei Kleeberg, beide in der Oberen Dorfstraße (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

Diesen Läden waren allesamt klein, ohne größere Reklame. Ruth Gröne hat den der Seligmanns anschaulich beschrieben: Hier „hat es eigentümlich gerochen. Und wenn ich darüber spreche, dann rieche ich das noch. Ja, da gab es also allerhand. Erstmal war das ein kleiner Laden. Da kam vielleicht alle halbe Stunde jemand. Wenn man die Tür aufmachte, dann klingelten mehrere Schellen. Dann kam die Tante, die sich in der Wohnung oder in der Nähe des Ladens aufhielt. Sie hat zwischendurch etwas anderes gemacht. Und da standen Säcke mit Bohnen und Erbsen – das wurde alles nicht verpackt. Dann gab es noch Zucker und Salz und Haferflocken und Gries. Das war alles in Schubladen und wurde mit der Schaufel in die Tüte getan. Ich war unwahrscheinlich fasziniert, wenn das abgewogen und dann auf dem Zettel die Preise zusammengezogen wurden. Das fand ich toll. Das war ein Gemischtwarenladen. Dort konnte man alles kaufen. Harken und Spaten, Nähzeug und Knöpfe und Garn und Wolle zum Stricken, Bindfaden und … , also alles. Die Frauen, die in dem Dorf wohnten, die konnten ja nicht eben mal mit der Straßenbahn in die Stadt fahren, nach Holzminden.“ [15]

Die jüdischen Geschäfte ermöglichten bürgerliches Leben. Familie Lebenbaum dürfte um 1930 ein Jahreseinkommen von brutto etwa 6.000 RM gehabt haben. [16] Die Schlachterei von Hermann Kleeberg war deutlich größer, im Schlachthof wurden wöchentlich zwei bis drei Schweine und zwei Rinder geschlachtet.

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Wohnhaus und Wirtschaftsanbauten der Familie Kleeberg 1903 (Stadtarchiv Holzminden, Bauakten Boffzen)

Hinzu kam ein überschaubarer Viehhandel, vornehmlich Ferkel für die Glasmacher, zudem Rinder und einige Schlachtschweine für die nichtjüdische Kundschaft. Die Tiere wurden auf einer Wirtschaftsweide gehalten. Kleebergs verkauften nicht nur in Boffzen, sondern lieferten ihre Ware per Kutsche, dann per Automobil auch an Kundschaft außerhalb. [17]

Eine jüdische Vereinskultur fehlte, entsprechend waren die Boffzener Juden in praktisch allen Vereinen aktiv, als Mitglieder, Vorstände, als Spendengeber. Das galt für den 1876 gegründeten „Sängerbund der vereinigten Glashütten“, der spätere Männergesangsverein „Brunonia“, zu dessen Mitbegründern der später in Ameluxen wohnende David Kleeberg gehörte, später Schriftführer und auch 1. Vorsitzender. [18] Mehrere Kleebergs folgten. Herrmann Kleeberg pflegte beim 1879 gegründeten Männergesangsverein „Germania“ Volkslieder und Geselligkeit. [19] Das galt auch für den 1892 gegründeten Männerturnverein, bei denen er von Beginn an aktiv war. Walter Kleeberg kickte in den 1920er Jahren für den FC 08 Boffzen.

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Die Mannschaft des FC 08 Boffzen mit Walter Kleeberg (obere Reihe, 2. v. r.) (Foto: Ruth Gröne)

Auch die Frauen trafen sich. Frieda Kleeberg war Mitglied der dörflichen Frauengemeinschaft, Ruth Kleeberg turnte Seit an Seit mit ihren Kameradinnen auf dem Gauturnfest 1931.

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Ruth Kleeberg beim Gauturnfest 1931 (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

Vielleicht wichtiger noch war der Kriegerverein. Hier ging es um nationale Belange, den Kampf für das gemeinsame Vaterland, die Erinnerung an Kriege und eigene Opfer, teils auch um Respekt vor dem Gegner. Der Kriegerverein, später Teil des Kyffhäuser-Bundes, wurde nach den deutschen Einigungskriegen gegründet, an denen etwa vierzig Boffzener teilnahmen. Seligmann Lebenbaum, Guidos Vater, wurde Vorstandsmitglied, ab 1904 Ehrenmitglied. [20] Im Ersten Weltkrieg starben fast hundert Boffzener Männer für „Kaiser und Vaterland“. Darunter als einer der ersten in der Schlacht an der Sambre im August 1914 Albert Kleeberg, Viehhändler und Schlachter, 1912 Großer König der Schützengemeinschaft Boffzen. Er war einer von 90.000 jüdischen Soldaten, einer der 12.000 jüdischen Gefallenen. Auch Hermann Kleeberg, Guido Lebenbaum und Robert Seligmann waren Mitglieder des Kriegervereins, letzterer erst Kassenprüfer, dann zwölf Jahre Schriftführer. [21]

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Unter Adler und Eichenlaub: Gedenken an Albert Kleeberg auf dem Kriegerdenkmal in Boffzen (Foto: Uwe Spiekermann)

Die jüdischen Familien waren integriert. Und doch war Boffzen keine Idylle. Ruth Gröne berichtete von mehreren „Streichen“. [22] Die Hochzeit von Helene Kleeberg und Robert Seligmann wurde 1904 von Bauern gestört, die den Eingang zur Feststätte mit Jauche drapierten. Hermann Kleebergs Vater Moses wurde in hohem Alter in dem Außenabort seines Hofes eingesperrt und öffentlich zur Schau gestellt. Man mag dies auf Dummheit und Grobheit zurückführen. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens betonte stets, dass der Erbfeind des Judentums die Halbbildung sei. Er setzte dabei auf den Schutz des Rechtsstaates. Es ist eine Paradoxie der auch in Boffzen gelebten deutschen-jüdischen Symbiose, dass deutsche Juden vermeintlich deutsche Tugenden gegenüber Extremisten von rechts und links hochhielten. Den plärrenden Antisemitismus konnten Gebildete nur verachten. Ihren Vertretern ging man möglichst aus dem Weg, hielt die Kinder davon fern. Antisemitische Krawalle gab es immer wieder, sie begleiteten Revolution und Inflation. Doch das legte sich. Da waren schließlich die Deutschen, die vielen anständigen, die Politiker in linken und liberalen Parteien, in Teilen des Zentrums. Und da waren die Nachbarn, von denen man geachtet wurde, mit denen man respektvoll umging. All das änderte sich ab 1930, zerbrach dann 1933.

Machtzulassung, Machtergreifung und Selbstgleichschaltung

Die deutsche Erinnerungskultur an die NS-Zeit hat eigenartige Blindstellen. Sie konzentriert sich vor allem auf die Verfolgung der deutschen Juden ab Mitte der 1930er Jahre und die Ermordung der europäischen Juden im Holocaust ab 1941. Die Bedrängung der jüdischen Mitbürger schon seit Beginn der Präsidialdiktatur 1930, dem faktischen Bürgerkrieg 1931/32 und insbesondere die massiven Verbrechen nach der Machtübergabe 1933 werden öffentlich wenig diskutiert, denn es kam ja Schlimmeres. Zwei Punkte werden so ausgeblendet: Der erfolgreiche Kampf gegen die jüdische Emanzipation war erstens nur möglich durch den erfolgreichen Kampf gegen die Vertreter von Rechtsstaatlichkeit. Zweitens setzten die NSDAP und ihre konservativen Unterstützer nach der Reichstagswahl im März 1933 auf gewaltsame Verfolgung und öffentliche Diskriminierung. Das Stummprügeln der Verteidiger von Rechtsstaatlichkeit ging einher mit kaum gebremsten Übergriffen gegen jüdisches Eigentum in aller Öffentlichkeit.

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Demütigung des SPD-Reichstagsabgeordneten und früheren Präsidenden Oldenburgs Bernhardt Kuhnt (1876-1946) in Chemnitz am 9. März 1933 – parallel zu „wilden Boykotten“ gegen die jüdische und „marxistische“ Geschäftswelt (The Indianapolis Times 1933, Nr. 292 v. 17. April, 3)

Am Anfang stand der Kampf gegen die Vertreter erst der KPD, dann, nach dem Reichstagsbrand Ende Februar, auch der SPD. Landes- und dann Stadtregierungen fielen, implodierten, die Zinnen noch vorhandener Rechtsstaatlichkeit wurden mit Zwang geschliffen, vielfach aber auch willig geräumt. Das weltweit verbreitete Bild des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Bernhardt Kuhnt ließ die Richtung erahnen.

Analog in Boffzen: Am 10. März 1933 führten die Boffzener und die Holzmindener Hilfspolizei, größtenteils die lokalen SA-Trupps, eine Razzia bei „fast allen Angehörigen der KPD und einem Teil der SPD“ [23] durch. Sie erbeuteten vermeintliche Schußwaffen, Messer, Munition und auch „verbotene Druckschriften“, verhafteten mehrere Personen, zwei davon wurden nach Holzminden gebracht. Auch die Häuser der Boffzener Juden wurden durchsucht. Bei Guido Lebenbaum und Robert Seligmann fand man Erinnerungsstücke an ihren Militärdienst, die sie nicht mehr länger behalten durften. [24] Den rechtswidrigen Hausdurchsuchungen folgten in Boffzen weitere Streiche: Die Hochzeit von Irmgard Kleeberg wurde im März 1933 von Nationalsozialisten gestört. Rechtsfolgen hatte dies nicht, denn die Polizei war nicht mehr Vertreter des Normen-, sondern des Maßnahmenstaates.

Diese Orgie der Gewalt und des Rechtsbruchs erreichte am 1. April 1933 einen neuerlichen Höhepunkt. Der Tägliche Anzeiger gab in seiner propagandistisch-verlogenen Einseitigkeit einen schlagenden Eindruck des Geschehens in Holzminden: „Der Boykott der jüdischen Geschäfte, der am heutigen Sonnabend ab 10 Uhr im ganzen Reiche als Abwehrkampf gegen die jüdische Greuelpropaganda einsetzt, wurde in Holzminden bereits am gestrigen Tage durchgeführt. Morgens kurz nach 10 Uhr zog eine Kolonne von SS-Leuten im Gänsemarsch durch die Geschäftsstraßen unserer Stadt und verteilte sich zu Doppelposten vor den jüdischen Geschäftshäusern. Die Posten trugen ein weißes Schild umgehängt mit der Aufschrift: ‚Wer beim Juden kauft, kommt an den Pranger!‘ Schon die Aufstellung der Posten wurde von der Bevölkerung mit lebhafter Anteilnahme verfolgt. Später wurden die Schaufenster der jüdischen Geschäftshäuser mit Plakaten beklebt, die die Aufschrift trugen: ‚Deutscher, das Weltjudentum hat Dir den Krieg erklärt – wehr Dich! Kauf‘ nichts beim Juden!‘ Im Verlaufe des Mittags haben dann fast sämtliche jüdischen Geschäfte geschlossen, da die Inhaber wohl einsahen, daß bei derartigen Maßnahmen ‚kein Geschäft mehr zu machen‘ war. […] Die Aufstellung der Posten erfolgte nicht nur vor den Geschäftshäusern, sondern auch vor den Büros und Wohnungen jüdischer Aerzte und Rechtsanwälte. […] Die streng und mit größter Disziplin durchgeführte Boykottaktion hatte viele Menschen auf die Straßen gelockt. Das verschärfte sich noch mehr, als in den Abendstunden vom Martinsplatz aus der angekündigte Demonstrationszug veranstaltet werden sollte. Eine SA-Kapelle spielte einleitend das Horst-Wessel-Lied und danach Militärmärsche. Danach stellten sich die nationalsozialistischen Formationen zum Zuge durch die Straßen der Stadt auf. […] Ueberall in den Straßen stand die Bevölkerung Spalier, während der Zug unter Marschweisen und Gesang vorüberzog. Ueberall wurde ganz augenscheinlich, daß auch die hiesigen Maßnahmen zur Abwehr der ekelhaften Greuel- und Boykottpropaganda der ausländischen Juden begrüßt werden.“ [25]

Auch in Boffzen gab es entsprechende Übergriffe, das Schaufenster der Schlachterei Kleeberg wurde bereits am 27. März 1933 „von Unbekannten“ eingeworfen – ein Fanal, sichtbar für jeden. In einem Ort wie Boffzen gab es keine Anonymität. Anders als in Städten, wo die Schergen Schaufenster, Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien markierten, um den Mitbürger und sein Geschäft als jüdisch zu kennzeichnen, gab es hier kein Rückzugsfeld. Die Gewaltdrohung durchdrang den Alltag, gegen sie schützte keine Polizei.

Das zeigte sich auch in den ersten Beschlüssen des seit April 1933 nationalsozialistisch dominierten Gemeinderates. Er erließ einen Bann gegen den vermeintlich sozialdemokratischen Konsumverein, gegen die vermeintlich jüdischen Warenhäuser, gegen die Geschäfte der Familien Seligmann, Lebenbaum und Kleeberg. Die Gemeinderatsprotokolle lauten:

22. April 1933: „Antrag des Gemeindevorstehers Tappe: Der Gemeinderat wolle beschließen, daß die Gemeinde Boffzen in Zukunft mit dem Konsumverein und mit jüdischen Geschäften keinerlei Geschäfte mehr tätigt. Es wird dem Antrag gemäß beschlossen.“

15. Mai 1933: „Antrag des Kampfbundleiters für Mittelstand und Gewerbe Korte: Der Gemeinderat wolle beschließen, daß der Gemeindevorsteher die ev[entuelle] Genehmigung zur Neueinrichtung eines Gewerbes nur nach vorheriger Rücksprache mit dem Kampfbundleiter für M[ittelstand] und G[ewerbe] erteilen darf. Es wird dem Antrag gemäß beschlossen.

Antrag des Kampfbundleiters Korte: Sämtliche von hiesiger Gemeinde besoldeten Angestellte wie Gemeindevorsteher, Steuereinnehmer, Dorfdiener, Standesbeamte, Trichinenschauer u[nd] a[ndere] mehr werden dringlichst ersucht, bei Konsumvereinen und Warenhäusern ihre Einkäufe zu unterlassen, einschl[ießlich] jüdische Geschäfte. Es wird dem Antrag gemäß beschlossen; die Betreffenden sollen von dem Beschluß in Kenntnis gesetzt werden.“ [26]

Auch andere, an sich autonome Institutionen des Alltags schalteten sich selbst gleich. In Boffzen etwa die Schule: Lehrer Walter Neumann war ab 1933 SA-Mitglied, Führer des SA-Sturms, NSDAP-Ortsgruppenpropagandaleiter und Gemeinderatsmitglied. [27] Robert Lages, früheres DDP-Mitglied, trat 1933 in die NSDAP und dann in viele Parteiorganisationen ein. [28] Die lokale Volksschule unterrichtete die mehr als zweihundert Kinder seither strikt im Sinne des NS-Regimes. [29]

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Wahlwerbung der Deutschen Christen in Berlin anlässlich der Kirchenwahlen vom 24. Juli 1933 (Bundesarchiv, Bild 183-1985-0109-502)

In Boffzen galt das auch für die evangelisch-lutherische Kirche [30]: Pastor Julius Kellner verkündete hymnisch: „Die Gemeindechronik des Schicksalsjahres 1933 muß als Überschrift den Dank gegen Gott tragen für die wunderbare Errettung und Erneuerung unseres Volkes.“ [31] Die Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 ergaben in Boffzen für die Liste 2 „Deutsche Christen“ 320 Stimmen oder 96 %. [32] Diese „SA-Christi“ war strikt antisemitisch, schwärmte für die „Reinhaltung der deutschen Rasse“ und die Ausrottung des Marxismus. Die lutherischen Jungmänner- und Jungmädchenvereine wurden 1934 in die HJ bzw. BDM eingegliedert. [33] Von dieser Kirche hatten jüdische Familien keine Unterstützung zu erwarten. Aus alledem zog die Familie Lebenbaum als erste für sie schmerzliche Konsequenzen und wanderte im September 1934 nach Palästina aus.

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Die Belegschaft der Georgshütte am 1. Mai 1934 (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

Gegen die Dynamik der „nationalen Erhebung“, des Vormarsches von Unrecht und Willkür gab es in Boffzen keinen direkten Widerstand. Sozialdemokratie und Gewerkschaften kapitulierten und paktierten. Gewalt und Neuheidentum drangen vor, umzuckert von einer dörflichen Festkultur, bei der fast alle mitmachten. [34] Mai- und Sonnenwendfeiern brachten „Sang und Klang“ in den Ort – doch die Gemeinschaft war brüchig, mochten sich nun auch viele Kommunisten und Sozialdemokraten unwillig und teils auch willig einreihen. Blicken wir auf die Vereine: Walter Kleeberg verließ Ende 1932 aus unbekannten Gründen den Gesangsverein „Brunonia“. 1933 schloss der MTV Boffzen seinen Mitbegründer Hermann Kleeberg aus. Auch der Boffzener Kriegerverein schritt willig mit: 1930 wurden Hermann Kleeberg und Guido Lebenbaum als Mitglied des Boffzener Kriegervereins erwähnt. Robert Seligmann war bereits am 22. Januar 1908 aufgenommen worden, war 1909 bis 1911 und 1913 bis 1916 Kassenführer. Als Schriftführer diente er dem Kriegerverein vom 2. Januar 1919 bis zum 6. Mai 1933. Am 6. Mai 1933 vermerkte das Protokollbuch: „Für den Schriftführer Robert Seligmann wurde der Kamerad Karl Grebe gewählt.“ Am 4. November folgte: „Es wurden vom Kyffhäuserbund bekannt gegeben, daß Juden den Kriegervereinen nicht beitreten dürfen. […] Die Bundesflagge soll in aller Kürze beschafft werden, auch Hakenkreuze.“ [35]

Die Vereine blieben ein wichtiger Bestandteil des geselligen Lebens, des Sports und der Feste Boffzens. Doch sie verloren ihre Autonomie, Vereinskultur und NSDAP-Herrschaft überlappten sich. Hierzu ein Auszug aus dem Täglichen Anzeiger: „Boffzen. Der Heldengedenktag wurde auch in unserer Gemeinde würdig begangen. SA, Hitler-Jugend und Kriegervereine beteiligten sich geschlossen am Gottesdienst. Anschließend fand dann eine Heldengedächtnisfeier am Gefallenendenkmal statt. Der ‚Gemischte Chor‘ und der Gesangverein ‚Germania‘ sangen einleitend ein Lied und dann gedachte Sturmführer Dr. Becker der gefallenen Helden des Krieges und der nationalen Befreiung. SA und Kriegerverein legten einen Kranz nieder. Das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied schlossen die Feierstunde.“ [36]

Die Durchdringung des Boffzener Alltags ging jedoch tiefer. Die Beflaggung der Häuser, die Teilnahme an Sammlungen und Eintopfessen, die Übernahme der vielgestaltigen NS-Parolen geschah aktiv. Man wollte dabei sein, gewöhnte sich an einen Alltag voller Zwang und Gängelung, denn in der Notstandsgemeinde Boffzen hoffte man auf den versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung.

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„Bauernnot ist Volkstod“ als Parole beim Boffzener Fest Mitte der 1930er Jahre (v.l. Karl Dietz, Rudi Sporleder, Heinrich Göbel, Willi Meier, Ernst Volger) (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

Täter ohne Konturen

Unsere Erinnerungskultur blickt vorrangig auf die Opfer. Sie gilt den Ausgegrenzten, den Verfolgten. Nachträglich weiß man, auf wessen Seite man „damals“ hätte stehen müssen. Erinnerung setzt jedoch ein breiteres Bild voraus, eines in dem auch Zuschauer und insbesondere Täter ihren Platz haben. Über die genauen Täter-Verhältnisse vor Ort, im „normalen“ Leben, wissen wir allerdings wenig. Insbesondere wenn es sich um Täter in der Verwaltung oder aber der Wirtschaft handelt. Der Landkreis Holzminden lag während der Weltwirtschaftskrise am Boden, profitierte aber vom NS-System, von Aufrüstung und Kriegswirtschaft. Aromen wurden in Großküchen und Wehrmacht benötigt, die Glasindustrie nahm einen neuerlichen Aufschwung, eine Holzzuckerfabrik wurde aus dem Boden gestampft. Das prägte den Alltag, gab der Mehrzahl Zuversicht, förderte das Vertrauen in das Regime.

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Führender NSDAP-Funktionär des Weserberglandes seit 1925 – August Knop (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Nds. 180 Hildesheim, Nr. 46631)

Der wichtigste Funktionär der NSDAP im Landkreis Holzminden war der 1903 in Boffzen geborene August Knop. Sohn des wichtigsten Bauunternehmers, studiert, seit 1924 in der völkischen Bewegung aktiv, seit 1925 NSDAP-Mitglied, Agitator und Organisator, anfangs eher von Höxter aus, dann mit Macht von Holzminden. [37] In Boffzen verbindet man seinen Namen mit der Neugründung der Glashütte Noelle & von Campe 1933/34, doch er war auch Teil der Porzellanfabrik in Fürstenberg, brachte in der Holzzuckerfabrik Braunschweiger und Berliner Kapital nach Holzminden, war an vielen Infrastrukturprojekten beteiligt. [38]

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Hundestaffel der Holzmindener NSDAP beim Appell des SA-Sturmbanns III/164 in Holzminden 1932 (Illustrierter Beobachter 7, 1932, 759)

Holzminden entwickelte sich schon früh zu einem Kraftzentrum der NSDAP und der SA. Die Landespolizeischule war früh auf Linie, im November 1932 errang die NSDAP 44 % der Stimmen. [39] Die SPD, der Reichsbanner, sie waren lange Zeit führend, doch ihre Bedeutung schwand während der Weltwirtschaftskrise, wurde zermahlen im faktischen Bürgerkrieg Anfang der 1930er Jahre, gegen Kommunisten und Nazis.

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Ein ganz normaler Schuhmacher: Willi Hansmann, NSDAP-Mitglied seit 1929 (Giel‘s Militaria, Nr. 165040)

In Boffzen entstand eine gesonderte NSDAP-Ortsgruppe im Oktober 1931. Boffzener waren schon früher Mitglied der NSDAP, August Knop natürlich, sein Bruder Walter Knop, später Reichstagsabgeordneter und Oberlandesgerichtsrat, aber auch der spätere Bürgermeister Wilhelm Korte oder das spätere Gemeinderatsmitglied August Dierkes. [40] Anfangs prägten vor allem Bauern und Handwerker die von Hans Bohnes, dann von Willi Tappe geleitete Ortsgruppe. Doch auch die zwei Söhne des Fabrikbesitzers der Georgshütte, des wichtigsten Arbeitgebers des Ortes, stießen hinzu. Sie machten die NSDAP vor Ort salonfähig.

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Wegbereiter der NS-Zeit: Karl August Becker, NSDAP-Mitglied seit 1. November 1931 (l.); Dr. Georg Wilhelm Becker, NSDAP-Mitglied seit 1. Oktober 1931 (Bundesarchiv Lichterfelde, NSDAP-Zentralkartei R 9361-VIII Kartei / 1450953 (l.); ebd. R 9361-II-31088)

Der Kernort Boffzens, das unmittelbare Umfeld der jüdischen Familien, war ab 1932 nationalsozialistisch geprägt. Im Brückfeld sah das noch anders aus, hier dominierten SPD und nun auch die KPD. Bei den Reichstagswahlen am 6. November 1932 erreichte die NSDAP in Boffzen 513 (43,1 %), am 5. März dann 592 Stimmen (49,9%). [41] Das reichte für die vielbeschworene „Macht“, für die Entrechtung aller Gegner, aller Minderheiten.

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Boffzener NSDAP-Mitglieder Mitte der 1930er Jahre (Von l. nach r.: NN, Karl Thiemann, Friedrich Korte, Willi Tappe, Marie Grebe, NN, Guste Henke, Heini Henke; untere Reihe: Otto Kleine, Willi Hansmann) (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

In Boffzen gaben nun Täter wie Bürgermeister Wilhelm Korte den Takt an: Kriegsteilnehmer, Stahlhelmmitglied, dann seit 1928 SA- und NSDAP-Mitglied, ein Tischler mit einem Monatseinkommen von ganzen 100 RM. [42] Wie an anderen Orten auch, wissen wir wenig über diese Menschen. Wir kennen die Namen der führenden NSDAP-Funktionäre in Boffzen, Korte, Willi Tappe, Karl Mener, Heinrich Stapel, Fritz Tofaute, Karl Kempe, Georg Scheerer, Otto Wulf, viele mehr. [43] Wenn wir nachforschen, finden wir einige Personalbögen, ab und an Entnazifizierungsakten, Erinnerungsfetzen. Doch wie soll Erinnerung, eine breite, ehrliche und wohl auch schmerzende Erinnerung möglich sein, wenn man die Täter nur schemenhaft kennt?

Vom sichtbaren zum stillen Boykott

Womit wir zu den „Bystandern“, den Zuschauern, der großen Mehrzahl der Boffzener kommen. Es sind die, die später von Verführung redeten, von den Nöten und Härten der Zeit, von den zerbrochenen Hoffnungen. Die Gründe fanden, dass sie mitmachten, nur ein bisschen, die auf ihr eigenes Leid verwiesen. Zuschauer, die nun zu einem anderen Händler, einem anderen Schlachter wechselten, nicht mehr beim jüdischen Händler kauften. Dieser Kauf hätte mehr als Geld gekostet. Er hätte Konsequenzen haben können – für sie selbst.

Dabei gab es Widerstand in Boffzen. Neun Sektenangehörige, Zeugen Jehovas, ließen sich durch Gewalt in ihrem Umfeld nicht beirren [44] – trotz Verboten und Hausdurchsuchungen. [45] Am 7. Oktober 1934 verfasste die „Gruppe der Zeugen [Jehovas] in B[offzen]“ ein Schreiben an den „Führer“ Adolf Hitler. Der wohl von dem Glasmacher August Pöppe entworfene Brief wertete den Dienst gegenüber Gott höher als den gegenüber dem Staat: „Wir unterbreiten Ihnen folgendes: Daß wir um jeden Preis Gottes Geboten folgen werden, daß wir uns versammeln werden, um sein Wort zu erforschen, daß wir ihn anbeten und ihm dienen werden, wie er geboten hat. Wenn Ihre Regierung oder Regierungsbeamte uns Gewalt antun, weil wir Gott gehorchen, dann wird unser Blut auf Ihrem Haupte sein und Sie werden Gott, dem Allmächtigen Rechenschaft geben müssen.“ [46]

Welch ein Zeugnis von Gottvertrauen, von Bekennermut! Sein eigen Ding machen, den anderen in Frieden leben lassen – das war ein Verbrechen: Die vorrangig aus Glasarbeitern von Noelle & von Campe bestehende Gruppe wurde Anfang Februar 1935 verhaftet, in einem Schnellverfahren in Holzminden zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen in Braunschweig verurteilt, auch die Revision verworfen. Sie kehrten Ende 1935 und Anfang 1936 nach Boffzen zurück, mehrere davon gesundheitlich schwer gezeichnet. Solidarität abseits ihrer Gruppe erfuhren sie damals nicht.

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Familiennachrichten als Normalitätsanker (Israelitisches Familienblatt 34, 1932, Nr. 44, 6; ebd. 35, 1933, Nr. 18, 6; Der Israelit 76, 1935, Nr. 34, 11)

Auch die drei jüdischen Familien praktizieren ihren Glauben weiter, zunehmend privat. Diese kleinen Familienanzeigen zeugen davon. Doch ihr Alltag wurde enger, die Straße gehörte anderen, die Kontaktzonen bröckelten.

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Eindrücke vom „Judenboykott“ in Berlin am 1. April 1933 (Der Kuckuck 5, 1933, Nr. 15, 7)

Den „Judenboykott“ verbindet man gemeinhin mit Aktionen in Großstädten, mit dem 1. April 1933. Dabei vergisst man die am 9. März 1933 beginnende Fülle gewaltsamer Übergriffe nationalsozialistischer Aktivisten. [47] In Braunschweig erfolgte ein „Warenhaussturm“ am 11. März 1933. Die Boykotte sollten weitergehen, die Existenz jüdischer Geschäfte unterminieren. [48]

Boykotte sind ein vielgestaltiges Kampfmittel, sind auch heute beliebt bei Konsumenten mit Haltung. Sie entstanden als Kampfmittel der Land- und Fabrikarbeiter, wurden aber rasch von Antisemiten und Mittelstandsaktivisten übernommen. [49] Während der Weimarer Republik konnte man sich gegen Boykottaufrufe und damit verbundene Schmähungen allerdings wehren. [50] Das änderte sich seit Anfang März 1933 massiv.

In Boffzen betraf das nicht allein die drei jüdischen Geschäfte, von denen die Gemeinde nichts mehr kaufte, von denen die Gemeindebediensteten nichts mehr kaufen sollten. Es galt auch für die lokalen Glashütten – und man möchte fast sagen, ausgerechnet. Die Weltwirtschaftskrise traf die Boffzener Glasindustrie hart. Noelle & von Campe entließ 1931 seine Beschäftigten, der Glasoffen wurde kalt gelegt, die Gesellschaft im Februar 1933 aufgelöst. Die Georgshütte fuhr ihren Betrieb massiv herunter, beschäftigte zeitweilig nur noch 40 Personen. 1931/1932 war man froh, auch an das Warenhaus Hermann Tietz oder aber den Konsumverein München-Sendling liefern zu können. [51] Ihr wichtigster Kunde 1932/33 war die Mannheimer Glasgroßhandlung Hermann Gerngross. [52] Die beiden Söhne des Firmenchefs August Becker hätten sie wohl als „jüdisch“ bezeichnet. Diese Aufträge waren für den Geschäftsbetrieb in der Krise kaum verzichtbar. Doch nach Juni 1933 lieferte die Firma Becker kaum mehr. [53] Sie wusste, was sie tat. Im Entnazifizierungsverfahren betonten Karl August Beckers Rechtsanwälte, „dass der Beschwerdeführer bis zum Jahre 1938 ständig jüdische Geschäfte noch mit Glas beliefert hat“ [54]. Die Analyse ergab für die zweite Hälfte 1938, dass es damals just eine knapp 400 RM teure Lieferung an das noch vom jüdischen Besitzer geführte Münchner Kaufhaus Heinrich Uhlfelder gegeben hatte. [55] Man verkaufte, doch jeder Kauf und Verkauf war rassistisch unterlegt.

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Boykottaufrufe 1932 – umgesetzt auch in Boffzen (Illustrierter Beobachter 7, 1932, 9 (links oben), 282 (links unten), 328)

Auch die Boffzener Bevölkerung wusste was sie tat: Seit 1933 gab es einen stillen Boykott der jüdischen Händler. 1960 hieß es anlässlich des Entschädigungsverfahrens von Guido Lebenbaum: „Es soll nicht bestritten werden, daß das Kolonialwarengeschäft in früheren Jahren einigen Gewinn abgeworfen hat, und daß es in den letzten Jahren vor und zu Beginn der Verfolgung durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen völlig eingestellt werden mußte, weil keine Käufer mehr kamen.“ [56] Es kamen keine Käufer mehr. Das galt für 1933/34: Die Boffzener kauften zunehmend weniger, dann nur noch in Ausnahmefällen bei ihren früher hochgeschätzten jüdischen Händlern. Das galt auch, wenngleich mit Zeitverzögerung, für die Schlachterei von Hermann Kleeberg. Zu dem stillen Boykott, dem Nicht-mehr-kaufen, trat zudem ein passiver Boykott, also das Nicht-mehr-Verkaufen. Ab 1939 durften Kleebergs beispielsweise nicht mehr selbst einkaufen, dankenswerterweise erledigte das ein Junge für sie, wohl Helmut Kues.

Der stille Boykott unterminierte jüdisches Leben im Deutschen Reich und in Boffzen. Er war Teil immer weiterer Diskriminierungen und gewalttätiger Übergriffe nach dem Ende der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung 1935. Er stand im Einklang mit einer europaweiten antisemitischen Politik insbesondere in Osteuropa. [57] Doch dieser diskriminierende Gleichklang sollte 1938 enden: Die Verfolgung der österreichischen Juden gab den Takt vor, die Vertreibung der im Deutschen Reich lebenden staatenlosen Juden nach Polen die Richtung. Die Gewaltorgie der Novemberpogrome machte dann weltweit deutlich, dass Juden in Deutschland Freiwild waren. Ruth Kleeberg, die zwischenzeitlich in Peine gearbeitet hatte, emigrierte bereits im März 1938 in die USA. [58]

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Verhaftete Juden in Baden-Baden am 9. November 1938 (Yad Vashem, 102G01)

Der Bruch 1938/39

Die Novemberpogrome 1938 währten mehrere Tage, entstanden vor dem 9. November dezentral, wurden erst an diesem Tage zu einem nationalen Pogrom kanalisiert. Man denkt an SA und SS, doch vergisst man die vielen normalen Täter, insbesondere die vielen Jugendlichen. Das lange gängige Bild der „Kristallnacht“ war von den Zerstörungen zahlloser Geschäften und von mehr als 1400 Synagogen geprägt, doch daneben dominierten Plünderungen und Diebstahl, Vergewaltigungen und Morde. 31.000 jüdische Männer wurden bis zum 16. November inhaftiert und in Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen interniert. 300 Juden wurden in den Selbstmord gedrängt, etwa 400 erschlagen, erschossen, kamen in den Konzentrationslagern ums Leben. [59] Die drangsalierten Juden mussten die Schäden auf eigene Kosten beseitigen, hatten ein Fünftel ihres Vermögens abzugeben, mussten ab Jahresende ihre Geschäfte und ihren Grundbesitz verkaufen, konnten über Wertpapiere und auch private Wertgegenstände nicht mehr frei verfügen. Den deutschen Juden blieb nur noch die Wahl zwischen Auswanderung und perspektivloser Armut.

Der folgende Bericht über das Judenpogrom in Holzminden ist Teil der propagandistischen Untertreibung der NS-Propaganda: „Die von den Juden immer wieder genährte, in dem Hetzfeldzug der letzten Jahre gegen alle Deutsche gesteigerte Empörung des gesamten deutschen Volkes gegen das Judentum ist nach der verabscheuungswürdigen Mordtat des Juden Grünspan zum Ausbruch gekommen. Wir berichteten bereits gestern, daß sich in Holzminden diese wohlmotivierte Entrüstung in einem spontanen Ausbruch im Anschluß an die Kundgebung des 9. November in der Feierabendhalle Luft gemacht hat. Aehnlich wie im Reich sind dabei die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte in Trümmer gegangen, ebenso wie der Krimskrams in dem Judentempel auf dem Marktplatz in Flammen aufgegangen ist. Wie im ganzen Reich ist hierbei übrigens keinem einzigen Juden ein Haar gekrümmt worden. Wir haben bereits gestern berichtet, daß bei der Inhaftierung von Juden in ihren Wohnungen zwecks Schutzes gegen die berechtigte demonstrativ bewiesene Abscheu der Bevölkerung vor den Juden Beweise für das illegale Verhalten des Judentums gefunden wurden, u.a. Waffen in Holzminden und Boffzen (Gewehre) und Abtreibungsgeräte, wie auch Propaganda- und Aufklärungsmaterial für die Abtreibung im Kreis gefunden sein soll. In der Kreisstadt wie im Kreis sind bei diesen Zwischenfällen, die diszipliniert verliefen, Inneneinrichtungen jüdischer Geschäfte, Fensterscheiben zerstört worden. Das Judentum hat damit eine Warnung erhalten. Das deutsche Volk wird sich in Zukunft die fortgesetzte verbrecherische Tätigkeit Judas keinesfalls mehr gefallen lassen.“ [60]

In Boffzen hatte man Hermann Kleeberg und seinem Sohn bereits im Frühjahr 1938 nicht entrichtete Steuerrückstände von etwa 200 RM vorgeworfen, Walter Kleeberg wurde deswegen in Holzminden zwei Monate in Untersuchungshaft genommen. Der NS-Staat begnügte sich schließlich mit einer außergerichtlichen Einigung, mit einer Strafe von 5.100 RM. [61]

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Nächtlicher Überfall auf jüdische Bewohner in Nürnberg oder Fürth am 9. November 1938 (https://twitter.com/ElishevaAvital/status/1060914919258947584/photo/3)

Den Rest erledigte staatliche und private Gewalt: Am frühen Morgen des 10. November wurden Hermann und Walter Kleeberg sowie Robert und Arnold Seligmann verhaftet und am nächsten Tag nach Buchenwald gebracht. In Boffzen zertrümmerte ein unbenannter Mob die Schlachterei, das Kolonialwarengeschäft, auch Teile der Wohnungen. Kleebergs hatten ihr Geschäft schon im Juni 1938 eingestellt, Seligmanns folgten nun. Hören Sie seinen Bericht an Landrat August Knop vom 11. Januar 1939: „Auf Ihr Schreiben vom 9. Januar 1939 teile ich Ihnen er[gebends] mit, daß mein Fellhandel und Kolonialwarengeschäft seit dem 12. November 1938 durch den Herrn Bürgermeister (Boffzen) geschlossen und gleichzeitig von meiner Schwiegertochter abgemeldet worden ist. Derselben sind für die Felle RM 22,– ausgezahlt worden. Dieselben sind bereits am 10. November 1938 abgeholt worden. Betr. Kolonialwaren kann ich nur melden, daß mir alle Waren am 10. November 1938 beschlagnahmt und mitgenommen sind, ebenso meine Bücher. In meinem Laden befindet sich nichts mehr. Ich bemerke noch, daß ich ohne Verdienst bin und irgendwelche Kosten für einen Treuhändler nicht aufbringen kann.“ [62]

Die beiden Alten waren aufgrund ihres Kriegsdienstes Ende 1938 aus dem Konzentrationslager entlassen worden, die beiden Söhne folgten nach sechsmonatiger Haft im April 1939. Sie standen vor dem wirtschaftlichen Ruin. Kleebergs verkauften erst ihre Viehweide, dann ihr Haus. [63] Durch Intervention des Bürgermeisters Wilhelm Korte und des Finanzamtes Holzminden wurden die Preise gedrückt, der Ertrag diente nicht zuletzt zur Erstattung der Geldstrafe wegen vermeintlicher Steuerhinterziehung und der den Juden auferlegten Sondersteuer. Der geringe Restwert kam auf ein Sperrkonto, war nur noch begrenzt verfügbar. Ab August hatten Frieda und Hermann Kleeberg Miete zu zahlen, im Dezember wäre ihr Bleiberecht abgelaufen. In dieser Drangsal holte sie ihr Sohn Erich im Oktober 1939 in seine 2-Zimmer-Wohnung nach Hannover. Sie verkauften Wagen und Pferde, einige Möbel und Reste des Schlachtereiinventars in Boffzen, verließen das Dorf mit Schlafzimmer, Eßzimmer, Küche und Kleidung. [64] Beim Abtransport erhielt Erich noch Hilfe von Dorfbewohnern, wohl der Familie Hinze, die Teile des Mobiliars zeitweilig bei sich unterstellten. Es war eine Geste der Menschlichkeit, doch sie blieb eine Ausnahme.

Hier könnten wir enden, denn 1939 endete jüdisches Leben in Boffzen. Doch so einfach können wir es uns nicht machen. Martha und Walter Kleeberg zogen nach seiner KZ-Entlassung in ihren Geburtsort Laer. Dort trennte sich das Ehepaar, Walter gelang die Emigration nach Großbritannien. Seligmanns erreichten, wie 20.000 weitere deutsche Juden, das international verwaltete Shanghai, überlebten die japanische Besetzung, fanden schließlich eine neue Heimat in den USA, die 1938/39 nicht bereit gewesen waren, ihre Zuwanderungskontingente zu erhöhen. Ihren Boffzener Besitz hatten sie zuvor deutlich unter Wert verkaufen müssen. [65]

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Deportation von Martha Kleeberg am 13. Dezember 1941 von Münster nach Riga (Stadtarchiv Münster, Stadtregistratur, Fach 36, Nr. 18f)

Martha Kleeberg, Walters Frau, wurde am 13. Dezember 1941 von Münster aus über Osnabrück und Bielefeld nach Riga deportiert. [66] Frieda und Hermann Kleeberg folgten in einem weiteren der jeweils etwa eintausend Menschen umfassenden Deportationszüge am 15. Dezember 1941 in ungeheizten Transportwaggons nach Riga. Zuvor waren sie in ein Hannoveraner „Judenhaus“ verfrachtet worden. Ihre Emigration in die USA stand bevor, doch am 23. Oktober wurde die Ausreise von Juden aus dem Deutschen Reich untersagt. [67]

24_NLA Hannover Hann. 210 Acc. 160-98, Nr7_Frieda-Kleeberg_Hermann-Kleeberg_Deportationsliste_Riga

Deportation von Frieda und Hermann Kleeberg am 15. Dezember 1941 von Hannover nach Riga (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover Hann. 210 Acc. 160/98, Nr. 7)

Erich Kleeberg war an diesem Vorweihnachtstag am Hannoveraner Fischerbahnhof, geleitete Mitglieder der jüdischen Gemeinde in die Deportationszüge. Er ahnte den folgenden Mord an seinen Eltern, seiner Schwägerin. Kein Grab birgt ihre Körper, kein Todesdatum ist erhalten. Erich Kleeberg blieb durch seine Ehe mit einer „christlichen“ Frau von einer unmittelbaren Deportation ausgenommen. Er wurde im November 1944 von der Gestapo verhaftet, in Ahlem und Neuengamme interniert, gelangte bei einem der vielen Todestransporte schließlich nach Sandbostel. Er erlebte die Befreiung dieses Lagers, verstarb jedoch Anfang Mai 1945 an den Folgen von Typhus und Torturen. Im Januar hatte er seiner Frau und seiner Tochter noch eine in der Schmutzwäsche herausgeschmuggelte Nachricht geschrieben: „Die Sorge für euch jetzt und wer weiß, wie das Schicksal will, die Sorge für Euch in Zukunft vielleicht nicht mehr sorgen zu dürfen, oder gar nicht mehr zu können, ist meine größte Sorge. Was wird aus Euch, meine l[ie]b[en] beiden Kleinen werden wenn ich nicht mehr bin? Zu oft quälen mich die Gedanken. Zu gern möchte ich für Euch sorgen und Eure Lasten tragen. Oft sitze ich am Tag und in der Nacht an diesen Gedanken.“ [68]

Nach dem erzwungenen Verlust: Kriegs- und Nachkriegszeit

In Boffzen dürfte all das kaum jemanden mehr interessiert haben. Die Juden waren fort aus Boffzen, ihr Besitz verkauft und teils im Dorfe aufgeteilt. Die NSDAP-Ortsgruppe Boffzen sollte bald 450 Mitglieder betragen. [69] Hunderte Boffzener wurden seit 1939 zu den Waffen gerufen, folgten willig, waren Teil eines europäischen und globalen Hegemonial- und Vernichtungskrieges. Über ihre Taten ist wenig bekannt. Mehr als hundert von ihnen starben für „Führer und Vaterland“, für nichts und wieder nichts. Nein, falsch! Denn die Wehrmacht eroberte den Raum, in dem kein anderes Gesetz galt als das des Stärkeren. Auch Soldaten ermöglichten den Holocaust, bei dem der Anteil nicht-deutscher jüdischer Opfer bei 97 % lag. [70]

25_Postkarte_Boffzen_Landjahrlager_Gemeindeverwaltung

Das 1938 erbaute Landjahrlager Boffzen – heute Gemeindeverwaltung, Polizei und Archiv (Postkarte, Privatbesitz)

Wirtschaftlich war auch die Kriegszeit eine des wirtschaftlichen Aufschwunges. Beide Boffzener Glashütten profitierten von Aufrüstung und Kriegsproduktion, wurden vor und während des Krieges beträchtlich modernisiert. Die hohe Wettbewerbsfähigkeit in den 1950er Jahren gründete auf diesen Investitionen. Die Menschenlücken des Krieges wurden teils durch Zwangsarbeiter geschlossen. In Boffzen waren es 1943 mehr als einhundert [71], die Zahl stieg dann weiter an. [72] Insgesamt profitierten in Boffzen mehrere Dutzend Betriebe, Bauernhöfe und Haushalte von zwangspflichteten Arbeitskräften aus West- und Osteuropa. Im Landkreis Holzminden waren es über zehntausend.

Es ist fast ausgeschlossen, dass damals selbstkritische Rückfragen die Runde machten, wie sie etwa der 1945 ermordete Theologe Dietrich Bonhoeffer in seinem im Gefängnis Tegel verfassten Gedicht „Nächtliche Stimmen“ 1944 niedergeschrieben hat. Doch sie bringen vieles nicht Gesagtes an unsere Ohren: „Von Menschen gehetzt und gejagt, / wehrlos gemacht und verklagt, / unerträglicher Lasten Träger, / sind wir doch die Verkläger. / Wir verklagen, die uns in Sünde stießen, / die uns mitschuldig werden ließen, / die uns zu Zeugen des Unrechts machten, / um den Mitschuldigen zu verachten. / Unser Auge musste Frevel erblicken, / um uns in tiefe Schuld zu verstricken; / dann verschlossen sie uns den Mund, / wir wurden zum stummen Hund. / Wir lernten es, billig zu lügen, / Dem offenen Unrecht uns zu fügen. / Geschah dem Wehrlosen Gewalt / so blieb unser Auge kalt. / Und was uns im Herzen gebrannt, / blieb verschwiegen und ungenannt. / Wir dämpften das hitzige Blut / und zertraten die innere Glut. / Was Menschen einst heilig gebunden / das wurde zerfetzt und geschunden, / verraten Freundschaft und Treue, / verlacht waren Tränen und Reue. / Wir Söhne frommer Geschlechter, / einst des Rechts und der Wahrheit Verfechter, / wurden Gottes- und Menschenverächter / unter der Hölle Gelächter.“ [73]

Während des Krieges wandelte sich der Ort beträchtlich. 1946 hatte Boffzen 3500 Einwohner, 1500 mehr als 1939, stabilisierte sich dann bei etwa 3000. Kriegs- und Nachkriegszeit waren – Juden und andere Missliebige ausgenommen – Zeiten der Volks- und Notgemeinschaft. Das zu Beginn der NS-Zeit noch politisch und räumlich polarisierte Boffzen wuchs nun zusammen. War das „Dorf“ während der NS-Zeit immer auch Kulisse für die Ausgrenzung und Verfolgung, immer auch Tat- und Zuschauergemeinschaft, so mutierte das „Dorf“ nach 1945 auch zu einer Schweigegemeinschaft. Das schloss paradoxerweise auch die politisch zumeist dominierenden Sozialdemokraten mit ein, bei denen, wie bei anderen Parteien, auch ehemalige NS-Anhänger eine neue Heimstatt fanden.

26_Postkarte_Boffzen_Dorffest_Festkultur_Noelle-von-Campe_Erinnerungskultur_Galsarbeiter_Parolen

Unbedachte Wortwahl: Festwagen der Glashütte Noelle & von Campe beim Ortsjubiläum 1956 in Fortführung der NS-Parolen „Ehre die Arbeit und achte den Arbeiter“ (Maifeiertag 1933) resp. „Ehre die Arbeit – achte das Brot“ (Erntedank 1937) (Postkarte, Privatbesitz)

Die Verbrechen der NS-Zeit, des Krieges, sie wurden öffentlich nicht benannt, nicht erinnert. [74] In der Chronik von 1100 Jahren Boffzen wurde die NS-Zeit ausgeblendet, die jüdische Ortsgeschichte ignoriert. Bürgermeister Friedrich Knop und Gemeindedirektor Friedrich Böker beschworen im Vorwort „den alten Geist unseres Dorfes“ [75]. Verfasser dieser öffentlichen Erinnerungsschrift war der Lehrer Otto Ahrens, zuvor ein treuer Diener des NS-Regimes, 1945 von der Militärregierung entlassen, 1946 vom sozialdemokratisch dominierten Gemeinderat mit einer politisch tragbaren Bescheinigung versehen. [76]

Das galt in noch größerem Maße für die vielen, das Dorfgeschehen prägenden Nationalsozialisten. Die Militär-Regierung hatte anfangs zumindest einige Maßregeln erlassen, etwa gegen den Glashüttenbesitzer Karl August Becker. Sie endeten rasch. Die Entschädigungen der Verfolgten nach dem 1953 erlassenen Bundesentschädigungsgesetz kamen dagegen kaum voran. [77] Die Verfahren erst der Familie Lebenbaum, dann der Erbengemeinschaft Kleeberg zogen sich über viele Jahre hin, kamen erst Mitte der 1960er Jahre zu einem Abschluss. [78] Alle Angaben, alle Ansprüche wurden vor Ort penibel kontrolliert, vor allem aber nur schleppend bearbeitet. Im Entschädigungsfall Lebenbaum erfolgte auf ein Schreiben im Dezember 1959 fast vier Monate keine Antwort. [79]

27_Archiv der Samtgemeinde Boffzen_Entschaedigungsverfahren_Guido-Lebenbaum_Mahnung

Schreiben des Regierungspräsidenten an die Gemeinde Boffzen vom 8. März 1960 zum Entschädigungsantrag des 89-jährigen Guido Lebenbaum (Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“)

All dies erfolgte nach den Ulmer Einsatzgruppen-Prozess 1958, im Umfeld des Eichmann-Prozesses 1961, der 1963 einsetzenden Frankfurter Auschwitzprozesse. Selbst eine einfache Anfrage der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem über die Abmeldedaten wurde von der Gemeinde 1961 zuerst einmal nicht beantwortet. [80]

28_Archiv der Samtgemeinde Boffzen_Juden_Boffzen_Liste_Abmeldungen_Melderegister

1963 erstellte Liste der „Juden in der Gemeinde Boffzen“ – mit realen und später ergänzten Umzugsorten/-ländern (Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“)

Für die Gemeindeverwaltung war der erzwungene Verlust Anlass für Arbeit und komplizierte Nachforschungen. In einem Schreiben an das Hannoveraner Landesrabbinat vom 13. Februar 1967 brachte Gemeindedirektor Friedrich Hansmann das Geschehen lapidar und grußlos auf den Punkt: „In der hiesigen Gemeinde waren bis zur Vertreibung der Juden 3 jüdische Familien ansässig. Der Judenfriedhof wurde nach dem Krieg aufgeräumt und wieder in Ordnung gebracht. Zur Zeit leben keine Juden in der Gemeinde Boffzen.“ [81] Erst auf nochmalige Rückfrage gab er weitere Informationen heraus, weniger aber als in obiger Liste. [82] Juden und ihre Rückfragen waren lästig, störten die Stille der Schweigegemeinschaft.

Zu dieser Zeit gab es allerdings schon private Kontakte: Ruth Gröne besuchte 1966 erstmals wieder das Haus ihrer Großeltern. [83] Doch erst unter Gemeindedirektor Ulrich Ammermann und Bürgermeisterin Marlis Loges begann in den 1980er Jahren ein auch öffentliches Interesse an der NS-Geschichte der Gemeinde, an dem erzwungenen Verlust der jüdischen Nachbarn.

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Frieda Volger (l.) trifft ihre frühere Mitschülerin Ruth Kolb, geb. Kleeberg, 1989 in Boffzen (Foto: Ruth Gröne)

Weitere Aufwendungen für den jüdischen Friedhof, offizielle Besuche von Walter Clay, geb. Kleeberg und Ruth Kolb, geb. Kleeberg, auch ein Gedenkstein folgten. Die lokalen Vereine, insbesondere der MTV und der Gesangsverein Brunonia, waren Teil all dessen. Auch die heutige Gedenkveranstaltung steht in dieser Tradition – und ich danke hierfür ausdrücklich.

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Gedenkstein der Gemeinde Boffzen von 2006 vor dem ehemaligen Landjahrlager, umrahmt mit Platten aus dem Toreingang zu Hermann Kleebergs Innenhof (Foto: Uwe Spiekermann)

Warum sich erinnern?

Können wir aus alledem etwas lernen? Als Historiker bin ich notorisch skeptisch. Krieg folgt auf Krieg, die Reden vom „Nie wieder“ ebben ab. Sieg tönt es, Kompromisse werden abgelehnt. Westliche gegen östliche Werte heißt es, wo doch mehr als die Hälfte der deutschen Juden Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion sind. Die Geschichte des Antisemitismus ist eine der steten Wiederkehr, der andauernden Gewalt und Vernichtungsdrohung. „Nie wieder“ tönt es, doch angesichts der Relativierungen antisemitischer Kunstwerke auf der diesjährigen Documenta, angesichts vielfach folgenloser Übergriffe auf Menschen mit Kippa und Davidstern, angesichts einer in breiten Bevölkerungsteilen hippen Israelkritik inklusive Boykottaufrufen reichen einfache Rückfragen nicht aus. Große Teile der Erinnerungskultur an den Holocaust dienen nicht der schmerzenden, der selbstkritischen Erinnerung, sondern dem wohligen Bewusstsein, nun endlich auf der richtigen Seite zu stehen. [84] Und ich kann Ihnen meine Erfahrungen hier in Boffzen nicht ersparen, wo die beiden Geschäftsführer des wichtigsten Arbeitgebers Noelle + von Campe eine an sich verbindliche Zusage an den Freundeskreis Glas schnöde brachen, als es um die Nennung der Herkunftsländer der von der Firma beschäftigten Zwangsarbeiter auf erinnernden Glasstelen vor ihrem Haupthaus ging – und zwar mit dem abstrusen Verweis auf die Befindlichkeiten möglicher Kunden aus Israel. Er wurde just in diesem Raum später nochmals wiederholt.

Skepsis ist angebracht, doch im Alltag geht es um praktisches Tun, um kleine Verbesserungen im überschaubaren Rahmen. Jean Goldenbaum, der diese Veranstaltung mit seiner Musik bereichert, bemüht sich von Neuhaus aus um die Revitalisierung jüdischen Lebens im Solling, im Landkreis Holzminden. Er kann sicher noch Unterstützung gebrauchen. Ruth Gröne hat immer wieder deutlich gemacht, dass Erinnern etwas anderes ist als folgenloses historisches Wissen. Es geht um die Aufgaben des Tages, des bürgerschaftlichen Miteinanders. Es geht – unausgesprochen und doch klar – um den heutigen Umgang mit Nachbarn, mit Menschen, die anders sind, nicht Teil der Mehrzahl, des konturenlosen „Dorfes“ oder gar des immer auch ausgrenzenden wohligen „Wir“.

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Familie Kleeberg, Boffzen 1934 (Archiv der Samtgemeinde Boffzen)

Persönlich blicke ich abermals auf das Bild der Familie Kleeberg in ihrem Boffzener Innenhof: Ein kleines Kind im Kreis seiner Familie. Es ist Ruth Gröne, gewiss. Doch ich habe ähnliche Bilder vor Augen. Schauen Sie auf dieses Bild – und blicken Sie auf Sandra und Christian, auf Anna und Jan, auf Mia und Noah, auf die Lieben, für die Sie Sorge tragen. Und denken Sie vielleicht auch an Mohammed und Mara, an Wolodymyr und Wladimir. Ja, Träumen ist erlaubt, ist wichtig.

Erinnern aber erfordert mehr als Empathie mit den Opfern, als den Schutz des Eigenen. Die Boffzener haben die Last der Täter zu tragen, auch die der Zuschauer. Es gab viele nachvollziehbare Gründe, hier in Boffzen während der NS-Zeit mitzumachen, den jüdischen Nachbarn nicht beizustehen, sich abzuwenden, sich um seine eigenen Dinge zu kümmern. Zweifeln Sie bitte an derartigen Gründen, beharrlich und aus Prinzip. Und tragen sie diese Zweifel nicht nur im Herzen, sondern hinaus in ihren Alltag. Dann kann Erinnerung an einen erzwungenen Verlust vielleicht doch Frucht tragen.

Uwe Spiekermann, 19. November 2022

Dieser in der Manuskriptfassung belassene Vortrag wurde am 19. November 2022 bei einer von der Gemeinde Boffzen veranstalteten Gedenkveranstaltung gehalten. Mehrere Fotos wurden mir von Ruth Gröne zur Verfügung gestellt, wofür ich herzlich danke. Stefanie Waske und Hans Weike unterstützten dankenswerterweise die Sichtung der Quellen, Hilko Linnemann, Stefanie Waske, Walter Waske, Anja Schade und Ruth Gröne lasen den Text gegen und halfen Fehler zu tilgen. Die im Vortragstext enthaltenen Zeitdokumente wurden während der Veranstaltung von Manfred Bues, Hilko Linnemann, Marlies Linnemann, Manuela Püttcher und Stefanie Waske vorgetragen. Besonderer Dank für die Planung und Durchführung gilt Walter Waske.

Quellen- und Literaturhinweise

[1] Instruktiv hierzu Zygmunt Bauman, The Duty to Remember – But What? Afterword to the 2000 Edition, in: Ders., Modernity and the Holocaust, Ithaca und New York 2000, 222-250, 266-267; Sebastian Conrad, Erinnerung im globalen Zeitalter. Warum die Vergangenheitsdebatte gerade explodiert, Merkur 75, 2021, 5-17.
[2] Anja Schade, Sachor! – Erinnere Dich! Aus dem Leben der jüdischen Hannoveranerin Ruth Gröne, Hannover 2021.
[3] Landkreis Holzminden, Kreisarchiv, Bestand 1010, Nr. 232, Namentliches Verzeichnis der Juden.
[4] Bettina Wegner, Traurig bin ich sowieso. Lieder und Gedichte, Reinbek b. Hamburg 1982, 66.
[5] Ulrich Angermann (Hg.), Chronik der Gemeinde Boffzen, o.O. 2006; Fritz Ostkämper, Die Familien Kleeberg in Boffzen und Ameluxen (2017).
[6] Hierzu – und auch für viele weitere Aussagen – die grundlegende Arbeit von Klaus Kieckbusch, Jüdisches Leben in Boffzen von 1620 bis 1945, Jahrbuch für den Landkreis Holzminden 24, 2006, 45-140.
[7] Gustav Samuel, Die Namensgebung der westfälischen Landjudenschaft von 1808, Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland 6, 1936, 47-51, hier 49-50.
[8] Hans-Heinrich Ebeling, Die Juden in Braunschweig. Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von den Anfängen der Jüdischen Gemeinde bis zur Emanzipation (1282-1848), Braunschweig 1987.
[9] Zu den Schwierigkeiten der Gemeindebildung und des Betraumes s. Kieckbusch, 2006, 89-94.
[10] Vgl. hierzu die allerdings nicht unumstrittenen Argumente in Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933, Frankfurt a.M. 2012, insb., 37-54, 93-96.
[11] Die in Boffzen und Höxter ansässige Firma beschäftigte 1928 80 bis 100 Personen (Volkswacht 1928, Nr. 168 v. 20. Juli, 8; Großfeuer in Boffzen, Westfälische Neueste Nachrichten 1928, Nr. 166 v. 18. Juli, 7). Zum Ortsbild s. Matthias Seeliger, Boffzen. Alte Häuser erzählen, Horb a.N. 1990.
[12] Uwe Spiekermann und Stefanie Waske, Wagemut und Kapital – Die Anfänge der Boffzener Glasindustrie 1866-1874 (2020), Uwe Spiekermann, Die Boffzener Glasindustrie offiziell – Auszüge aus dem Deutschen Reichsanzeiger 1874-1944 (2021).
[13] Schade, 2021, 28-29.
[14] Einwohner-Adreßbuch des Kreises und der Stadt Holzminden, Ausgabe 1929/30, Stadtarchiv Holzminden, 4/E/1822.
[15] Schade, 2021, 17.
[16] Regierungspräsidenten Hannover an die Gemeinde Boffzen v. 14. Dezember 1959, Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“.
[17] Schreiben des Gemeindedirektors Friedrich Böker an das Landgericht Hannover, Entschädigungskammer v. 6. Juli 1963, Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“. Vgl. auch Schreiben von Detlev Bronisch-Holtze an die Entschädigungskammer des Landgerichts Hannover v. 25. April 1963, Ebd.
[18] Chronik des Gemischten Chors Brunonia, Archiv der Samtgemeinde Boffzen.
[19] Schade, 2021, 23.
[20] Fritz Ostkämper, Die Häute- und Fellhändler Lebenbaum in Höxter und die Familie Lebenbaum in Boffzen (2017).
[21] Protokollbuch des Kriegervereins, 1900-1954.
[22] Schade, 2021, 18. Derartige Umgangsformen wurden reichsweit üblich, waren Teil eines seit dem Kaiserreich akuten antisemitisch grundierten Umgangs zwischen bäuerlicher Bevölkerung und jüdischen Viehhändlern, vgl. Stefanie Fischer, Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt. Jüdische Viehhändler in Mittelfranken 1919-1939, Göttingen 2014; Werner Teuber, Jüdische Viehhändler in Ostfriesland und im nördlichen Emsland 1871-1942, Cloppenburg 1995.
[23] Täglicher Anzeiger Holzminden 1933, Ausgabe v. 13. März (auch für das folgende Zitat).
[24] Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, 130 Neu 3 Nr. 377.
[25] Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, 30 Slg 2 Nr. 45.
[26] Archiv der Gemeinde Boffzen, Bestand A, Nr. 19 (alle drei Zitate).
[27] Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 4 Nds. Zg. 2019/85 Nr. 75.
[28] Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, 180 Hildesheim Nr. 13011.
[29] Davon findet sich nichts in Christina Becker, Die Boffzener Schule, in: Ammermann (Hg.), 2006, 180-186.
[30] Ein Aufarbeitung der in Boffzen zumindest bis 1937 im Gleichschritt mit der NSDAP agierenden evangelisch-lutherischen Gemeinde fehlt. In Christina Nadjé-Wirth, Geschichte der Religionsgemeinschaften, in: Ammermann (Hg.), 2006, 137-153, hier 137-146 findet sich hierzu leider nichts.
[31] Evangelische Kirchengemeinde Boffzen, Chronik.
[32] Täglicher Anzeiger Holzminden 1933, Ausg. v. 24. Juli. Zum Hintergrund s. Dietrich Kuessner (Hg.), Kirche und Nationalsozialismus in Braunschweig, Braunschweig 1980.
[33] https://kirchengemeindelexikon.de/einzelgemeinde/boffzen/.
[34] Täglicher Anzeiger Holzminden 1933, Ausg. v. 4. Mai; ebd., Ausg. v. 25. Juni (Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 30 Slg 2 Nr. 45).
[35] Protokollbuch des Kriegervereins, 1900-1954.
[36] Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, 30 Slg 2 Nr. 45.
[37] Volkswacht 1924, Nr. 118 v. 21. Mai, 8; zur Karriere vgl. Gauleiterstellvertreter Knop im Amt, Sollinger Nachrichten 1941, Nr. 109 v. 12. Mai, 5.
[38] Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, 12 Neu 13 Nr. 3930.
[39] Vgl. Christoph Reichardt und Wolfgang Schäfer, Nationalsozialismus im Weserbergland. Aufstieg und Herrschaft 1921 bis 1936, Holzminden 2016; Klaus Kieckbusch, Von Juden und Christen in Holzminden 1557-1945. Ein Geschichts- und Gedenkbuch, Holzminden 1998. Zum benachbarten Höxter s. Ernst Würzburger, Höxter: Verdrängte Geschichte. Zur Geschichte des Nationalsozialismus einer ostwestfälischen Kreisstadt, durchgesehene u. aktualisierte Neuausgabe, Holzminden 2014, 35-42.
[40] Stadtarchiv Hannover, 310 I A 61 I (auch für die folgenden Angaben).
[41] Täglicher Anzeiger Holzminden 1933, Ausgabe v. 6. März. SPD (41,9 %) , KPD (12,9 %), Sonstige (2,0 %) (November 1932); SPD (36,1 %), KPD (11,0 %), Sonstige (3,0 %) (1933).
[42] Niedersächsisches Landesarchiv Hannover R 9361 R 9361-III-568378.
[43] Adreßbuch der Gemeinden des Landes Braunschweig, 7. Auflage, 1938, V/9.
[44] Klaus Kieckbusch, Außerhalb der „Volksgemeinschaft“. Formen der Verfolgung während des Nationalsozialismus im Kreis Holzminden, Holzminden 2020, 163-168.
[45] Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Nds. 110 W Acc, 31/99 Nr. 200866; ebd., Nds. 110 W Acc, 31/99 Nr. 204185.
[46] Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Nds. 110 W Acc, 31/99 Nr. 204185.
[47] Hierzu detailliert Bundesarchiv Lichterfelde DAF NS 5-16398, Bd. 4 (Warenhäuser-Einheitspreisgeschäfte 1933); ebd., Reichswirtschaftministerium R 3101 13860 (Judenboykott, Tumultschäden 1933).
[48] Hannah Ahlheim, „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Antisemitismus und politischer Boykott in Deutschland 1924 bis 1935, 2. Aufl., Göttingen 2012; zur internationalen Diskussion vgl. Tomás Jiránek, Zbynek Bydra und Blanka Zubáková, Zidovsky bojkot nacistického Nemeck 1933-1941 [Der jüdische Boykott Nazi-Deutschlands 1933-1941], Pardubice 2020.
[49] Umfassend hierzu Peter Longerich, Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte, Bonn 2021, insb. 205-266.
[50] Vgl. etwa Hans Lazarus, In erfolgreichem Kampf gegen den Boykott, C.V.-Zeitung 10, 1931, 396.
[51] Archiv Samtgemeinde Boffzen, G. Becker & Co., Lieferbuch 1931-1935, 3, 50, 55, 86.
[52] Die 1886 gegründete, später in eine GmbH überführte Firma Hermann Gerngross wurde im Gefolge der Reichspogromnacht aufgelöst (Deutscher Reichsanzeiger 1886, Nr. 299 v. 20. Dezember, 9; ebd. 1939, Nr. 12 v. 14. Januar, 8).
[53] Archiv Samtgemeinde Boffzen, G. Becker & Co., Lieferbuch 1931-1935, 100, 118, 144, 165, 167, 168, 183, 220, 312, 341.
[54] Schreiben von Hattenhauer und Botterbusch an den Entnazifizierungsausschuss Holzminden v. 18. August 1947, Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Nds. 171 Hildesheim, Nr. 44787.
[55] Die Lieferung am 1. Juli 1938 umfasste Becher im Wert von 392,98 RM (Archiv der Samtgemeinde Boffzen, G. Becker & Co., Lieferbuch 1938-1950, 3). Uhlfelder wurde kurz darauf „arisiert“, die Firma 1939 dann aufgelöst (Julia Schmideder, Das Kaufhaus Uhlfelder, in: Angelika Baumann und Andreas Heusler (Hg.), München arisiert. Entrechtung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit, München 2004, 127-175).
[56] Schreiben des Gemeindedirektors Friedrich Böker v. 15. März 1960 an den Regierungspräsidenten in Hannover, Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“.
[57] Bernard Wasserstein, On the Eve. The Jews of Europe Before the Second World War, New York 2012.
[58] Kieckbusch, 2006, 125.
[59] Alan E. Steinweis, Kristallnacht 1938. Ein deutscher Pogrom, Stuttgart 2011, insb. 12-16.
[60] Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel, 30 Slg 2 Nr. 45.
[61] Kieckbusch, 2006, 117-118.
[62] Landkreis Holzminden: „Abwicklung der jüdischen Einzelhandelsgeschäfte und Handwerksbetriebe“.
[63] Das Folgende nach Kieckbusch, 2006, 122-124.
[64] Schreiben des Regierungspräsidenten Hannover an die Gemeinde Boffzen vom 31. Mai 1961, Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“.
[65] Kreisarchiv Holzminden, Bestand 1010, Nr. 199.
[66] Vgl. zu den Deportationen Riga. Deportationen, Tatorte, Erinnerungskultur, o.O. o.J. (2020).
[67] Schade, 2021, 57. Vgl. zur Situation in Hannover Ruth Herskovits-Gutmann, Auswanderung vorläufig nicht möglich. Die Geschichte der Familie Herskovits aus Hannover, Göttingen 2002, insb. 93-104 sowie zu den Schwierigkeiten der Emigration Armin Schmidt und Renate Schmidt, Im Labyrinth der Paragraphen. Die Geschichte einer gescheiterten Emigration, durchges. Neuausgabe Frankfurt a.M. 2002.
[68] Schade, 2021, 84.
[69] Notiz von H. Riefkuhle an Bürgermeister Ernst Bues v. 27. Mai 1945 (Landkreis Holzminden, Kassenverwalter Boffzen). Die Ortsgruppe Boffzen bestand aus den Zellen Boffzen, Fürstenberg, Derental, Meinbrexen und Neuhaus Fohlenplacken.
[70] Timothy Snyder, Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, Frankfurt a.M. 2017.
[71] ITS Arolsen, Nr. 117.
[72] Betriebsüberprüfung der Firma G. Becker & Co. v. 10. Juni 1943, Erfüllungsmeldung v. 7. Juni 1944, Erfüllungsmeldung v. 6. Februar 1945; Betriebsüberprüfung der Firma Noelle & von Campe v. 10. Juni 1943, Erfüllungsmeldung v. 8. Februar 1945 (alle Bundesarchiv Lichterfelde, R 13-X-193).
[73] Dietrich Bonhoeffer, Nächtliche Stimmen in Tegel, in: Ders. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. v. Eberhard Bethge, 2. Aufl., München 1977, 383-389, hier 386-387.
[74] Michael Wildt, NS-Eliten in der Bundesrepublik, in: Ders., Wer waren die Nationalsozialisten?, Bonn 2021, 241-261.
[75] Otto Ahrens, 1100 Jahre Boffzen, o.O. 1956.
[76] Gemeindebeirats-Sitzung am 5. April 1946, Archiv des Samtgemeinde Boffzen, Gemeinderatsprotokolle.
[77] Constantin Goschler, Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945, Göttingen 2005.
{78] Vgl. etwa Schreiben der Entschädigungsbehörde Hannover an die Gemeinde Boffzen v. 7. Februar 1962, Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“.
[79] Schreiben des Regierungspräsidenten Hannover an die Gemeinde Boffzen v. 14. Dezember 1959, Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“.
[80] Schreiben von Yad Washem [sic!] an die Gemeinde Boffzen v. 12. September 1960; Schreiben von Yad Washem an die Gemeinde Boffzen v. 8. März 1961, Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“.
[81] Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“.
[82] Schreiben des Gemeindedirektors Friedrich Hansmann an das Landesrabbinat vom 14. April und 10. Juni 1967, Archiv der Samtgemeinde Boffzen, Vorläufiger Bestand „Juden“.
[83] Neue Westfälische 1988, Nr. 144.
[84] Ulrike Jureit, Womit wir alle nicht fertig werden. Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust, in: Magnus Brechtgen (Hg.), Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ein Kompendium, Bonn 2021, 171-190.

Familie Pfundig meistert den Krieg – Alltagshilfe und NS-Propaganda

1940, zu Beginn der „Luftschlacht um England“, dem Angriff des Deutschen Reiches auf die britische Hauptinsel. Kriegsberichterstatter Hans-Herbert Basdorf berichtete begeistert von einem Fliegerhorst: „Immer wieder, wenn er dazu ansetzen will, wird die Tür seiner Stube aufgerissen. Ein braungebrannten Kopf guckt durch den Türspalt und ruft ihm das Wort ‚pfundig‘ zu. Was ist denn pfundig, erkundigt er sich verärgert. Na, hast Du es nicht gehört. Nein! Nun, wir fliegen nach London“ (Metropolis auf einem Vulkan. Londons Feuerschein über dem Kanal, Haaner Zeitung 1940, Nr. 217 v. 14. September, 6). Der Krieg, eine offenbar pfundige Sache. Nun ja, Kriege heißen heute militärische Spezialoperationen, Interventionen oder Friedensmissionen, Kriegsbeteiligungen gelten als Sanktionen oder Waffenlieferungen. Doch pfundig?

Fündig wird man doppelt: Zum einen sprachlich, im Worte „pfundig“ selbst. Zum anderen aber sachlich, denn nur wenige Monate vor dem Abnutzungskrieg der deutschen und britischen Luftwaffen hatte „Familie Pfundig“ vielen Deutschen freundliche Ratschläge für einen gedeihlichen Umgang mit den Problemen im Kriegsalltag gegeben. Die Anfang 1940 laufende Kampagne ist offenkundig nicht mehr bekannt, in der Fachliteratur fehlt sie in der langen Reihe der gern gestriffenen, selten näher behandelten NS-Propagandaaktionen. Nicht nur angesichts unserer heutigen Bemühungen um die Bewältigung von Kriegsfolgen scheint ein Blick in die Vergangenheit daher sinnvoll zu sein.

Der Weltkrieg verändert den Alltag

Als am 1. September 1939 deutsche Truppen Polen angriffen, waren die wichtigsten Maßregeln für eine weiter leistungsfähige Heimatfront schon in Gang gesetzt worden. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg hatte zu vielfältigen Planungen geführt, um die damaligen Fehler insbesondere bei der Rationierung zu vermeiden. Dazu gehörten nicht nur eine umfassende Vorratswirtschaft und die Entwicklung zahlreicher als „Austauschstoffe“ bezeichneter Ersatzmittel im Rahmen des seit 1936 laufenden Vierjahresplanes. Dazu gehörte insbesondere eine schon am 27. August 1939 beginnende Rationierung der meisten Lebensmittel und vieler Gebrauchsgüter. Der kriegerische Staat gab sich sorgend: „Um eine gerechte Verteilung lebenswichtiger Verbrauchsgüter an alle Verbraucher sicherzustellen, ist für gewisse Lebensmittel, ferner für Seife und Hausbrandkohle sowie lebenswichtige Spinnstoffwaren und Schuhwaren eine allgemeine Bezugsscheinpflicht eingeführt worden“ (Bezugsscheine garantieren Bedarfsdeckung für jedermann, Völkischer Beobachter 1939, Nr. 240 v. 28. August, 7). Textil- und Schuhgeschäfte wurden zeitweilig „wegen Inventur“ geschlossen, Brot, Kartoffeln und Mehl waren dagegen noch frei käuflich. Obwohl Polen (im Einklang mit der UdSSR) rasch geschlagen werden konnte, stand der offenkundig verlustreichere Waffengang mit den Westmächten noch bevor. Diese hatten ihre anfangs massive Überlegenheit nicht genutzt, stattdessen gab es einen vielmonatigen „Sitzkrieg“ mit relativ begrenzten Kampfhandlungen vornehmlich von Marine und Luftwaffe. Er war begleitet von intensiven Luftschutzmaßnahmen, von Verdunkelung gemäß der schon im Mai 1939 erlassenen Verordnung. Allen Vorbereitungen zum Trotz veränderte sich der Alltagskonsum nicht unerheblich, denn die für den Kampf um die „Sicherheit des Reiches und seine Rechte“ (Völkischer Beobachter 1939, Nr. 245 v. 2. September, 3) mobilisierten Männer fehlten: Die Werbung wurde langsam zurückgefahren, es mangelte an Gebrauchsgütern, auch die Qualität vieler Angebote ließ zu wünschen übrig. All das, so wurde versichert, wäre nur vorläufig – und wurde begleitet vom gängigen Arsenal der Kriegspropaganda: Wir wollen den Krieg nicht, die Gegner tragen dafür die Verantwortung, unsere Sache ist gerecht, die Mission heilig, unsere Berichterstattung ehrlich und nicht in Zweifel zu ziehen (Anne Morelli, Die Prinzipien der Kriegspropaganda, Springe 2004; Arthur Ponsonby, Falsehood in War-Time, London 1928). Zweifel und etwaige Kritik waren zu zerstreuen, Mut angesichts der kleinen Hürden des Alltags zu machen: Das war auch die Aufgabe der Pfundigs: „Die Familie Karl Pfundig / Ist fürwahr des Lebens kundig, / Weil sie innerlich begeistert, / Alle kleinen Sorgen meistert! Wie die Pfundig’s stets zufrieden, / Stolz an ihrem Glücke schmieden, / Ungestört von kleinen Dingen, / Wollen wir in Bildern bringen. Was die Pfundig’s noch erleben, / Gilt auch für dein eignes Streben!“ (Hamburger Neueste Zeitung 1940, Nr. 8 v. 6. Januar, 5). Der Tenor klang bekannt: Krisen seien Bewährungsproben, vielleicht gar Chancen. So nur zwei Jahre später auch der US-Schriftsteller Thornton Wilder (1897-1975) in seinem Drama „Wir sind noch einmal davongekommen“, hierzulande eines der wichtigsten Stücke nach der totalen Niederlage 1945.

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Die biedere Familie Pfundig (St. Pöltner Zeitung 1940, Nr. 1 v. 5. Januar, 5)

Das Wortfeld „pfundig“

Familie Pfundig kam bieder daher, entsprach schon dadurch nicht der vermeintlichen Freude und Hochspannung von Kampffliegern vor dem Einsatz. Bei den fünf Familienmitgliedern – Vater Karl, den Kindern Inge, Fritz und Max sowie Mutter Emma – handelte es sich offenbar um ganz normale Deutsche, um den idealisierten Bevölkerungsdurchschnitt. Mit ihnen konnte man sich identifizieren, in ihnen sich wiederfinden. Was aber besagte der Name „Pfundig“?

Das Wort ist süddeutschen, vorrangig südwestdeutschen Ursprungs, bedeutet „großartig, außergewöhnlich, außerordentlich“ (Bayerisches Wörterbuch, Bd. II, hg. v. d. Kommission für Mundartforschung, München 2021, 706). Es entstand aus der bis heute bekannten Gewichtsbezeichnung, die präzise daherkam, etwa beim 5-pfündigen Brot. Doch pfündig war auch ein auf schweres, auf ansprechendes hinweisendes Eigenschaftswort, etwa bei pfündigen Forellen oder – und hieran sehen wir die einfache Verschiebung des einen Vokals – bei pfundigen Karpfen. Derartige Teichfische waren gewichtig, man freute sich sprachlich vorab schon auf ein gutes, weil mehr als auskömmliches Essen. Pfündig war lange auch Teil der Militärsprache, bezeichnete die Geschossgröße von Mörsern und Kanonen. Angesichts immer schwererer Munition lief diese Verwendung aber spätestens im Ersten Weltkrieg aus.

Pfündig wurde in der folgenden Zwischenkriegszeit inhaltlich neu aufgeladen und die Schwierigkeiten in Deutschland mit dem ü und dem u (Benutzer vs. Benützer…) ließen das Pfundige im Süden aufkommen, ehe es sich dann auch im Norden und Osten etablierte. Entsprechend habe ich vorrangig badische Zeitungen analysiert, in deren Verbreitungsraum das Wort Teil der Alltagssprache war: Pfündig wurde schon vor der NS-Zeit ein Begriff des Außeralltäglichen, des Ausfluges, des Erlebnisses: Natürlich durfte das Münchener Oktoberfest nicht fehlen, denn hier gab es auch mitten in der Weltwirtschaftskrise „eine wirkliche und ‚pfundige‘ Gaudi!“ (Badischer Beobachter 1932, Nr. 265 v. 25. September, 3). Ein alpines Studentenheim lud meist gutbürgerliche Skifahrer ein, die sich auf eine pfundige Abfahrt freuten (Badische Presse 1931, Nr. 112 v. 7. März, 7). Auch im Trendsport Kanufahren hoffte man auf eine „pfundige Strömung, heftiger Wellengang, ab und an einen annehmbaren Schwall, prächtige Floßgassen mit mehr oder weniger heimtückischen Widerwellen“, denn so „war immer etwas los“ (Badische Presse 1931, Nr. 270 v. 13. Juni, 6). Die von den Bergfilmen der späten 1920er Jahre näher gebrachten Gipfel wollten erklommen werden, Kletterer erzielten entsprechend pfundige Leistungen im Fels (Badische Presse 1933, Nr. 225 v. 16. Mai, 5).

Hier war das Beiwort aber noch abhängig von Äußerem, von einem besonderen Umfeld. Auch das legte sich in den frühen 1930er Jahren, denn pfundig mutierte zu einem zunehmend beliebigen Beiwort, mit dem man Schwere, Größe und Bedeutung von fast allem wabernd bezeichnen konnte. Es gab plötzlich pfundige Regierungskrisen, pfundigen Applaus, eine pfundige Überschrift (Der Führer 1931, Nr. 136 v. 20. Juni, 1; Karlsruher Zeitung 1931, Nr. 164 v. 17. Juli, 3; Der Führer 1931, Nr. 200 v. 20. September, 5). Der mächtig aufkommende Fußball kam ohne das Attribut kaum mehr aus, Schüsse, Lattentreffer, selbst Niederlagen waren nun „pfundig“ (Badischer Beobachter 1933, Nr. 78 v. 20. März, 7). Sollte aber die Verteidigung pfundig gestanden haben, so war auch eine „pfundige Ueberraschung“ (Badischer Beobachter 1933, Nr. 112 v. 2. Mai, 7; Badische Presse 1934, Nr. 341 v. 23. August, 7) möglich.

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Pfundiges Training, pfundige Cliquen (Badische Presse 1934, Nr. 403 v. 3. November (l.); ebd., Nr. 6 v. 8. Januar, 8)

Was sich freundlich, spielerisch anhörte hatte jedoch auch strikt politische Seiten. Pfundig wurde nämlich auch zu einem anklagenden Wort, das von der NSDAP Anfang der 1930er Jahre vielfach zur Denunziation des vermeintlich korrupten demokratischen „Systems“ genutzt wurde. Subventionsnehmer hatten ein vermeintlich „pfundiges“ Gehalt, lokale Politiker einen entsprechenden Vertrag, die Oberen nahmen sich einen pfundigen Happen aus den öffentlichen Kassen (Der Führer 1931, Nr. 284 v. 17. Dezember, 5; ebd., Nr. 293 v. 29. Dezember, 6; ebd. 1932, Nr. 61 v. 2. März, 6).

Nach der Machtzulassung wurden die öffentlichen Kassen noch stärker geplündert; und so verschwand das Adjektiv aus diesem Felde. Es wurde nun vermehrt mit Gemeinschaftshandeln im NS-Verbund verbunden, zumal in der Hitler-Jugend. Bei den Pimpfen war eine Keilerei Spaß, eine pfundige Angelegenheit, im Zeltlager herrschte pfundige Stimmung, selbst der Schlafsack wurde pfundig inmitten des Rudels (Badische Presse 1934, Nr. 301 v. 7. Juli, 13; Durlacher Wochenblatt 1934, Nr. 187 v. 13. August, 5; Der Führer 1934, Nr. 230 v. 22. August, 6). War pfundig zuvor ein Wort junger Erwachsener, so entwickelte es sich Mitte der 1930er Jahre auch zu einem der Jugend, der Bewegung. Die Jungen nahmen Elemente der bürgerlichen Freizeitkultur der späten 1920er Jahre auf, im Rahmen der zunehmend von der NSDAP dominierten Jugendverbände waren Sport und Reisen angesagt: Am Obersalzberg gab es nicht nur Hitlerplausch und Almenrausch, sondern man traf auch pfundige Mitstreiter (Ebd. 1933, Nr. 195 v. 17. Juli, 7). Eine pfundige Abfahrt lockte, den entsprechenden Sturz steckte man lachend weg (Mittelbadischer Kurier 1933, Nr. 288 v. 11. Dezember, 3; Badische Presse 1934, Nr. 19 v. 12. Januar, 7).

Pfundig war jugendbewegt, das Wort bezeichnete impulsives Leben ohne Intellekt, ohne größeren geistigen Überbau. Es stand für ein einfaches, simples Leben, ohne großes Nachdenken. Pfundig war kein Leben im Wallgraben seines Selbst, es war offen, dynamisch, stand für Teilhabe und Teilnahme, für ein Leben in Gemeinschaft, im völkischen Umfeld. So sollte das Leben sein, instinktiv. Leben als Wollen, Schaffen und Tun. Von Pfundskerlen umgeben glich das Leben einem Rausch, einem Wirbelwind: Im Augenblick leben, nur den nächsten Tag im Blick, die Vergangenheit vergessen, die Zukunft im Vertrauen auf sein Umfeld angehen. So machen das viele bis heute, das Bungeespringen steht dafür.

Der 1939 losgebrochene Krieg schien all dies zu beenden. Und doch dürften viele den Kampf als ultimativen Kick verstanden haben, mochte es einer großen Zahl Deutscher bei Kriegsbeginn auch mulmig gewesen sein. Mehr als zwei Millionen tote deutsche Soldaten waren nicht vergessen, amputierte Beine und Arme markierten Verletzungen, eine halbe Million Kriegsversehrte wurden anerkannt. Noch wusste man um die Nöte und Härten der „Heimatfront“, um die Abmagerung aller. Doch das innere Feuer löschen, die Träume vom pfundigen Leben stillstellen? Just hier setzte „Familie Pfundig“ an, denn sie bot ein anständiges Vorbild im Einklang mit den Erfordernissen der Zeit. Das innere Feuer konnte weiter brennen, die Träume der eigenen Jugend. Doch Krieg war keine Zeit der Ekstase, sondern des ruhigen, beharrlichen Handelns. Der Feind würde jede Unbedachtheit nutzen, es galt ihm zuvorzukommen – nicht in der Ferne, sondern auf dem Bewährungsgrund Heimat. Die Landser mochten in die Ferne ausschwärmen, bei Widerstand pfundig schimpfen (Der Führer 1939, Nr. 294 v. 24. Oktober, 3). Doch mit pfundiger Kameradschaft und ebensolchen Weisen auf den Lippen würde es schon gehen (Ebd., Nr. 320 v. 19. November, 5; ebd. 1940, Nr. 44 v. 14. Februar, 4). Der nationalsozialistische Reichsfußballtrainer Sepp Herberger (1897-1977) schrieb entsprechend an einen seiner Nationalspieler: „Sie haben ja eine schöne Irrfahrt durch ganz Frankreich gemacht. Aber pfundig muss die Sache gewesen sein“ (Gregor Hoffmann, Mitspieler der »Volksgemeinschaft«. Der FC Bayern und der Nationalsozialismus, Göttingen 2022, 246). Der Krieg war ein Spiel, mit manch pfundigem Schuss.

Anregungen und Vorbilder

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Herr Hase: Werbekampagnen für Zeitungsabonnements 1936/37 (Westfälische Neueste Nachrichten 1936, Nr. 235 v. 7. Oktober, 6 (l.); Schwerter Zeitung 1937, Nr. 73 v. 30. März, 3)

Die Anfang Januar 1940 einsetzende Kampagne mit „Familie Pfundig“ wurde vom Reichsverband der deutschen Zeitungsverlage in Kooperation mit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda durchgeführt. Bezugspunkt und bedingt Vorbild war eine frühere Kampagne der Zeitungsverleger, die ebenfalls kaum mehr bekannte Herr Hase-Kampagne von 1936/37 (Herr Hase als Anzeigenwerber, Zeitungs-Verlag 37, 1936, 720; Herr Hase auf der Anklagebank, ebd. 36, 1937, 135). Dieser Herr, der von nichts wusste, weil er keine Zeitung las, wurde als Negativfigur des unbedarften, am Gemeinschaftsleben nicht teilnehmenden Sonderlings präsentiert, der am Ende zwingend mit dem Gesetz und der Gemeinschaft in Konflikt geriet und seine wirtschaftliche Existenz verlor (Gustav Lange, Schöne Grüße vom Schaefer-Ast (1890-1951). Postkarten und Geschichten für Werbekampagnen im Dritten Reich, Romerike Berge 72, 2022, H. 2, 12-31; unkritisch Werner Greiling, Werbegraphiker und Kunstprofessor in Weimar – Albert Schaefer-Ast (1890-1951), Das kulturhistorische Archiv von Weimar-Jena 1, 2008, 110-138, hier 120-125). Die Auftraggeber reagieren damit auf den massiven Auflagenrückgang der Tagespresse, einerseits Folge der Verbote der SPD- und KPD-Zeitungen und dem Ende auch liberaler Zeitungen, etwa der Vossischen Zeitung 1934. Sie war anderseits aber eine rationale Entscheidung der Leser, die ein zunehmend uniformes Nachrichten- und Propagandaangebot nicht auch noch finanzieren wollten, die sich fern hielten vom betreuten Denken in der vermeintlichen Volksgemeinschaft. Gleichwohl bemühten sich Verleger und Machthaber um höhere Abonnementzahlen, denn darauf gründete nicht nur eine einigermaßen erfolgreiche Verhaltens- und Verbrauchslenkung, sondern auch der Vertrieb zahlloser Angebote und Anzeigen (Norbert Frei und Johannes Schmitz, Journalismus im Dritten Reich, München 1989, 36-38).

Herr Hase tauchte in zwei längeren Serien Ende 1936 und Anfang 1937 in deutschen Zeitungen auf, wurde nach der halbwilligen Besetzung Österreichs dann 1939 in der „Ostmark“ abermals aufgelegt, dabei mit neuen Motiven ergänzt. Künstlerisch war sie wenig ansprechend, inhaltlich teils peinlich. Die Gründe für das Zeitungslesen waren teils hanebüchen, konnten die strukturellen Defizite einer fast gänzlich gleichgeschalteten und von Presseanweisungen recht genau gesteuerten Zeitungslandschaft ja nicht angesprochen werden (Konrad Dussel, Wie erfolgreich war die nationalsozialistische Presselenkung?, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 58, 2010, 543-561). Hinzu kam, dass der 1939 begonnene Krieg für die Presse fast wie ein Konjunkturprogramm wirkte, stiegen die Auflagen doch rasch an, war man durch die Rationierung und die Zivilverteidigung doch von behördlichen Informationen zunehmend abhängig. „Familie Pfundig“ knüpfte daran an. Hans Fritzsche (1900-1953), Leiter der Abteilung „Deutsche Presse“ im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, betonte, diese Serie, ähnlich wie zuvor die Serien über Herrn Hase, solle „generell von allen deutschen Zeitungen gebracht werden“ (Jürgen Hagemann, Die Presselenkung im Dritten Reich, Bonn 1970, 309). Doch sie würde positiv sein, keine Negativfiguren enthalten, Willigkeit hervorrufen. Und so geschah es…

Naja, nicht ganz. Offen bleibt die Frage, warum man den Namen „Familie Pfundig“ wählte. Die Antwort liegt wohl in der Person des Zeichners Emmerich Huber (1903-1979). Dieser, wir kommen darauf zurück, hatte sich seit Mitte der 1920er Jahren als Zeichner, Illustrator und Werbegraphiker einen Namen gemacht, versah er doch gleichermaßen Güter und Gebote mit dem Charme des Freundlichen. Seine Arbeit kombinierte – wie schon Paul Simmel (1887-1933) und Walter Trier (1890-1951) – unmittelbar eingängige Zeichnungen mit humorvollen, selten auch bissigen Kommentaren. Huber arbeitete allerdings stärker seriell, erzählte kleine Geschichten, versah sie oft mit Sprachblasen, eingefügten Textzeilen und gereimten Unterzeilen. Huber war populär und daher gleichermaßen wertvoll für das Regime und die Konsumgüterindustrie.

Einer seiner vielen Auftraggeber in den späten 1930er Jahren war der niederländische Handelskonzern C&A. Als Filialbetrieb anfangs nicht wohl gelitten, gar Boykotten ausgesetzt, passten sich die offiziell gut katholischen Besitzer dem NS-Regime rasch an, entließen 1933 jüdische Mitarbeiter, übernahmen in der Folge jüdische Konkurrenten (Kai Bosecker, Vom ‚unerwünschten Betrieb‘ zum Nutznießer des NS-Regimes […], in: C&A zieht an! Impressionen einer 100-jährigen Unternehmensgeschichte, Mettingen 2011, 94-105; Mark Spoerer, C&A. Ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien 1911-1961, München 2016, insb. 132-175). Emmerich Huber war 1938 Teil einer breit gefächerten Werbekampagne für Konfektionsware und Barkauf (Dortmunder Zeitung 1938, Nr. 499 v. 26. Oktober, 9). Dabei wurde auch ein Herr Pfundig eingeführt. Den Kundinnen dürfte dies kaum im Gedächtnis haften geblieben sein, doch ein Graphiker erinnert sich solcher Namen, anregender und weiter verwertbarer Figuren.

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Ein Herr Pfundig taucht auf: rechts, sechste Zeile (Hamburger Neueste Nachrichten 1938, Nr. 298 v. 17. Dezember, 3)

Alltags- und Versorgungsprobleme zu Kriegsbeginn – Die Motive der Serie

Die NS-Propaganda hatte anfangs auf eindimensionale Identifikationsfiguren gesetzt, brachiale, biestige Figuren, kraftstrotzend und gesinnungsstark. Derart leblose Vorkämpfer waren nach der Konsolidierung der NS-Herrschaft zwar noch immer weit verbreitet, kamen im öffentlichen Raum als martialische Symbole von Sieg und Zukunft auch stetig vor. Doch in den Zeitungen dominierten eher freundliche Durchschnittspersonen, in der Werbung die schürzenbewerte Hausfrau. Gezeichnete Werbefiguren kamen schon lange vor dem Ersten Weltkrieg auf und etablierten sich seit den frühen 1920er Jahren. Das NS-Regime nutzte sie seit Mitte der 1930er Jahre. Dabei lernte man durchaus von angelsächsischen Werbegraphikern und den zahlreichen in Deutschland vertretenen US-Werbeagenturen. Doch diese waren dem deutschen Markt nicht wirklich angepasst, zudem meinte man Besseres bieten zu können. Die immer wichtigere Verbrauchslenkung nutzte vielfältige Graphiken, Schaubilder, zunehmend auch kampagnenfähige Zeichenfiguren. Im Rahmen der „Kampf dem Verderb“-Propaganda symbolisierten „Groschengrab“ und „Roderich das Leckermaul“ Gefahren und Fehlverhalten. Doch die Machthaber, die noch an die starke Wirkung von Medien glaubten, wussten, dass der erhobene Zeigefinger allein nicht ausreichte. Positive, durchaus alltägliche Gegenfiguren kamen auf, Vorbilder für ein Alltagsnudging. Auf Groschengrab folgte der allerdings wenig erfolgreiche „Übeltöter“, Roderich fand in seiner Gemahlin Garnichtfaul einen im Sinne des Volksganzen denkenden Gegenpol. Dadurch war Verhaltenslenkung möglich, ohne den Einzelnen direkt zu attackieren. „Familie Pfundig“ stand in dieser Linie hin zum zivilen Vorbild. Innerhalb der fünfköpfigen Familien konnte Fehlverhalten verdeutlicht und zugleich korrigiert werden. Durchaus konsequent folgte auf „Familie Pfundig“ Ende 1940 das ebenfalls positive „Flämmchen“, ein Helfer beim Energiesparen.

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Kiebitz: Pfundig als Modewort auch im Norden; Ankündigung einer Serie über die Familie Pfundig (Altonaer Nachrichten 1936, Nr. 53 v. 3. März, 5 (l.); Hamburger Neueste Zeitung 1940, Nr. 4 v. 5. Januar, 3)

All dieser Aufwand wurde betrieben, um letztlich den Einzelnen dazu zu bringen, seine Interessen zu Gunsten des kriegsführenden Staates zurückzustecken. Die Pfundigs machten das vor, machten voller Glauben mit, erfüllten alle an sie gestellten Anforderungen. „Familie Pfundig“ war personifizierte nationalsozialistische Moral (Lothar Fritze, Die Moral der Nationalsozialisten, Reinbek 2019; Wolfgang Bialas, Moralische Ordnungen des Nationalsozialismus, Göttingen 2014; Raphael Gross, Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, Frankfurt a.M. 2010). Während die Wehrmacht den Krieg gegen Frankreich und Großbritannien führte und vorbereitete, ging es an der Heimatfront um Zusammenhalt, Zurückstecken und Opferbereitschaft. Wie dies in kleiner Alltagsmünze möglich war, das zeigte „Familie Pfundig“.

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Pfundigs „verkohlen“ sich selbst (Murtaler Zeitung 1940, Nr. 2 v. 13. Januar, 5)

Blicken wir dazu auf die Einzelmotive der Serie. Sie bündelten drängende Alltagsprobleme der frühen Kriegszeit, gaben einen Widerschein der von Beginn an bestehenden Probleme in der Konsumgüterversorgung (Christoph Buchheim, Der Mythos vom „Wohlleben“. Der Lebensstandard der deutschen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 58, 2010, 299-328). Nach der reichsweiten Vorstellung der Familie Pfundig am 5./6. Januar 1940 erschienen im Halbwochentakt – in manchen Fällen auch in längeren Intervallen, in Österreich später als im Norden – thematische Kleincomics. Huber verwandte in den Bildern nur selten Sprachzeilen, eigentlich sein Markenzeichen, stattdessen dominierten Unterzeilen. Die jeweils drei Bilder wurden durch eine zusammenfassende Merkspalte ergänzt, in der die Botschaft nochmals verdichtet gebündelt wurde.

Dass als erstes die Probleme des Transportwesens und der Heizstoffversorgung thematisiert wurden, war naheliegend, denn die Requirierungen für Wehrmachtszwecke hatten tiefe Lücken nicht nur bei Automobilen und Lastkraftwagen hinterlassen, sondern auch bei den nach wie vor dominierenden Pferden und Fuhrwerken. Zudem war der Winter 1939/40 besonders kalt, betrug die Durchschnittstemperatur im Januar 1940 -9 °C. Der durch die Kriegsanstrengungen und wachsende Lieferverpflichtungen an neutrale Staaten ohnehin gebeutelte Wasser- und Bahntransport der heimischen Kohle stockte. Die Antwort hierauf war Eigeninitiative, waren Aushilfen mit privaten Karren, war vor allem Verständnis für Lieferprobleme.

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„Reste-Tag“ bei Pfundig’s! (Salzburger Volksblatt 1940, Nr. 11 v. 13. Januar, 4)

Ähnlich drängend waren offenkundige, durch Transportprobleme ebenfalls verschärfte Versorgungsprobleme mit Lebensmitteln. Die Planer waren ohnehin von einem leichten Gewichtsverlust der Deutschen aufgrund der Rationierung ausgegangen. Nun aber griffen schon lange laufende Kampagnen für sparsame Haushaltsführung, praktische neue Convenienceprodukte und die vielbeschworene Resteküche (W. Plaetke, Lebensmitteleinkauf und Resteverwertung, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 92, 104-105, 119-121; Der durchdachte Haushalt. Kochplanung und Resteverwertung, Die Genossenschaftsfamilie 31, 1938, Nr. 1, 11; dass derartige Bestrebungen im letzten Jahrzehnt eine bemerkenswerte Renaissance erfuhren, sei nur am Rande vermerkt). Familie Pfundig beging nicht nur den zunehmend gängigen Reste-Tag, sondern fand das ungewohnte Essen so fabelhaft, dass sie das Rezept gleich mit den Volksgenossen teilte.

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Pfundigs „alltägliche“ Feldpostsendung (St. Pöltner Zeitung 1940, Nr. 3 v. 18. Januar, 4)

Es folgte eine Reminiszenz Familie Pfundigs an die Herrn-Hase-Kampagne und die Interessen der auftragsgebenden Zeitungsverleger. Trotz wachsender Auflage warb man für die Tageszeitung im Felde. Wirtschaftliche Werbung und Kriegspropaganda gingen hierbei Hand in Hand, denn es ging hier nicht nur um Einnahmen, sondern auch um ein enges Band zwischen Front und Heimat. Anders als im Ersten Weltkrieg waren Liebesgaben 1939/40 zur Soldatenversorgung nicht wirklich erforderlich, wurde das enge Band zwischen Soldaten und den Zurückgeblieben vornehmlich durch einfache Feldpostbriefe gestärkt. Dass hierbei Inge Pfundig von einem wackeren Soldaten träumte, wird Uniformträger ebenso gefreut haben wie Vertreter einer pronatalistischen Politik, die immer auch an die demographischen Konsequenzen der Trennung gebärfreudiger Erwachsener dachten.

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Begleitkampagnen zu pfundigen Anregungen (Bochumer Anzeiger 1940, Nr. 49 v. 27. Februar, 6)

„Familie Pfundig“ wurde von zahlreichen dezentralen Initiativen unterstützt, die die allgemeinen Zielsetzungen der Kampagne konkreter ummünzten. Das war bei der Werbung für zusätzliche Feldabonnements offenkundig, doch in den Folgewochen gab es zahlreiche ergänzende Hinweise und Angebote für fast alle Motive der Kampagne.

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Vater Pfundig wird im dunklen „Helle“! (St. Pöltner Zeitung 1940, Nr. 4 v. 25. Januar, 5)

Moderne Kriege gründen auf einer leistungsfähigen Industrieproduktion, sind deshalb vielfach umkränzt von Sorge um Arbeiter und Angestellte. Es gilt Unfälle zu vermeiden, Vorsorge zu treffen, das Humankapital möglichst lange intakt zu halten. Nicht umsonst gewannen zu dieser Zeit Anzeigen für Heft- und Wundpflaster stark an Gewicht. Parallel aber schuf die mit Kriegsbeginn zwingend einsetzende Verdunkelung neue, bisher unbekannte Gefahren. Das betraf nicht ausgeleuchtete Gehwege, abgedunkelte Fahrrad- und Autoscheinwerfer. Herr Pfundig erlitt fast folgerichtig eine Beule als er mit jemand anderen zusammenstieß – was die Jungen gleich zu Spott veranlasste. Sie wussten nämlich um die neuen, auch in der Schule behandelten Alltagsregeln für Fußgänger. Hier galt es zu lernen, ansonsten würden die pfundigen Jungs die gebeutelten Älteren abhängen. Die Fußgänger wurden zwar faktisch belehrt und mit zehn Regeln vertraut gemacht. Doch es handelte sich um „Anregungen“, nicht um die zuvor stets tönenden „Gebote“ oder um die sprachlich schon weniger rigiden „Ratschläge“. Hier sprachen Volksgenossen miteinander, war Respekt und Freundlichkeit gewährleistet, mochte schadenfreudiges Schmunzeln über den hölzern-gutwilligen Karl Pfundig auch erlaubt sein.

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Vater Pfundig und „Minna von Barnhelm“: Auch mal im Hochformat (Die Heimat am Mittag 1940, Nr. 17 v. 20. Januar, 4 (l.); spiegelverkehrt: Bochumer Anzeiger 1940, Nr. 18 v. 22. Januar, 4)

Diese nach innen gewandte Kameradschaftlichkeit war immer auch Ausdruck deutscher Bildung und deutscher Kultur (natürlich nur im „arteigenen“ Sinne). Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Schöpfer von „Nathan der Weise“, einem bis heute beeindruckenden Plädoyer für Toleranz und friedliches Miteinander, wäre gewiss vergrätzt gewesen, hätte er von der Aufnahme seines 1767 erschienenen Lustspiels „Minna von Barnhelm“ in die Familie-Pfundig-Kampagne erfahren. Dieses war ein Bühnenklassiker, blieb es auch während der NS-Zeit, wurde bis März 1945 wieder und wieder gespielt. Warum? Gewiss, weil es leicht und leidenschaftlich war, zu Herzen ging, einem dem Alltag entzog. Für die Kampagne aber wichtiger dürfte das Spiel gegen „den überspitzten Ehrbegriff“ gewesen sein, mit dem Ziel, „das lockende, reizende Werben aufgeschlossener Fröhlichkeit, den finsteren, verschlossenen, in Dogmen und Maximen erstarrten Ernst zu besiegen“ (Wilhelm Antropp, Akademietheater, Völkischer Beobachter 1939, Nr. 287 v. 14. Oktober 1939, 4). Minna von Barnhelm war pfundig im Sinne des Begriffs; und Pfundigs zielten durch den Theaterbesuch nicht nur auf eine kriegsgemäße Work-Life-Balance, sondern sie nährten auch das pfundige Grundgefühl ihrer Jugend, das sich nun geläutert zu bewähren hatte.

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Pfundigs Kameradschaft immer guten Rat schafft! (Mittelrheinische Landes-Zeitung 1940, Nr. 23 v. 27. Januar, 4)

Wir könnten so fortfahren, Motiv für Motiv. Denn Entspannung war für die Pfundigs nicht nur selbstbezüglich, sondern war Nährboden für die organische Gemeinschaft, für Familie, Haus- und Volksgemeinschaft. Nachbarschaftshilfe war für sie selbstverständlich, die Sorge für den Nachwuchs weckte mütterliche Gefühle, ließ den Mann wieder zum Kinde, zum Spielkameraden werden. Dass dies die innere Seite der Hege eines nach außen aggressiven Regimes war, ist offenkundig.

Doch ebenso ermüdend wie das beigefügte Lob der Hilfsbereitschaft sein konnte – im Sommer 1942 folgte gar eine breit gefasste Kampagne des Reichspropagandaministeriums für Höflichkeit – ist eine Auflistung ohne wirklich fundiertes Eingehen auf den Inhalt der einzelnen Motive. Sie finden sie gleichwohl hier abgedruckt, denn sie spiegeln die Probleme des Deutschen Reichs schon zu Kriegsbeginn. Leder war knapp, musste geschont und gepflegt werden – entsprechend wurde für Schuhpflegemittel bis Kriegsende immer schlechterer Qualität zum Trotz geworben. Wie mit Humankapital war auch mit Sachkapital sorgfältig, achtsam umzugehen.

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Fritzen’s Schuhe stören Pfundigs Ruhe! (Jeversches Wochenblatt 1940, Nr. 26 v. 31. Januar, 6)

Auch die Textilproduktion diente immer stärker dem Militär, doch auch sie konnte dessen Bedarf nicht annähernd decken, wurde der Krieg gegen die UdSSR mit unzureichender Ausrüstung geführt. Während „Deutsche Mode“ zu einem devisenträchtigen Exportartikel wurde – Berlin überholte in der Folgezeit kurzfristig Paris als europäische Modehauptstadt – glich der Umgang mit Altkleidern denen mit Lebensmittelresten. Damit galt es hauszuhalten, daraus konnte aber auch Neues geschaffen werden – wenn denn die Frauen, wie Tochter Inge Pfundig, neben ihrer gewerblichen Arbeit noch Zeit fanden, selbst zu schneidern.

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Auch „alte“ Kleider machen Leute! (Briesetal-Bote 1940, Nr. 29 v. 3. Februar, 3)

Angesichts der zu Kriegsbeginn nur sporadischen Luftangriffe auf Reichsziele ließ die Neigung zur steten Verdunkelung nach, beträchtlicher Kontrollen zum Trotz. Selbst Karl Pfundig wurde nachlässig, konnte aber wiederum mit Hilfe seines Jungen (und der ausgedünnten Polizei) auf den Pfad der Kriegsgemeinschaft zurückgebracht werden. Dass nun „Ratschläge“ erteilt wurden, verweist auf eine gewisse Renitenz zumal im ländlichen Bereich.

15_General-Anzeiger für Bonn und Umgegend_1940_02_07_Nr16673_p4_Familie-Pfundig_Heimatfront_Polizei_Verdunkelung

Die Polizei kommt zu Pfundigs! (General-Anzeiger für Bonn und Umgegend 1940, Nr. 16673 v. 7. Februar, 4)

Dieses Motiv war für viele Zeitungen in der Tat das letzte Motiv ihrer Familie-Pfundig-Kampagne; bereits die Streifen zur Schuhpflege und zum Kleiderschneiden waren nur noch selten gedruckt worden. Die folgenden drei Motive fanden sich nur selten – wobei immer zu berücksichtigen ist, dass die Zeitungsdigitalisierung in diesem Staate, trotz erfreulicher Fortschritte in NRW, auf dem Stand eines rückschrittlichen Landes liegt.

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Pfundigs Idee für’s Winterhilfswerk! (Baruther Anzeiger 1940, Nr. 18 v. 9. Februar, 2)

Dieses Abebben und Ausfransen der Kampagne mochte auch daran liegen, dass die nun folgende Propaganda für das Winterhilfswerk und das Papiersparen ohnehin weit verbreitet war. Sammlungen waren längst der Freiwilligkeit enthoben, die aufgrund fehlenden devisenträchtigen Holzes akute Papiernot wurde durch staatliche Maßnahmen bereits zu mildern versucht (etwa die Reduktion des Zeitungsumfanges und der Größe und Ausstattung der Werbeanzeigen).

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Beim Papier sind Pfundigs „eisern“! (Fehrbelliner Zeitung 1940, Nr. 16 v. 16. Februar, 3)

Die Motive knüpften an die den NS-Alltag schon seit langem prägenden Sparsamkeitsappelle an – und der wachsende Zwang von Partei und Staat verwies schon auf die sich seither immer wieder verschärfende, nur selten sich wieder entspannende Versorgungssituation. Von einer „Wohlfühldiktatur“ kann man kaum sprechen. Obwohl sich Familie Pfundig durch die Themensetzung auch inhaltlich in die allgemeine NS-Kriegspropaganda einreihte, endete die Serie mit einem sowohl untypischen wie charakteristischen Motiv. Fritz hatte durch Unachtsamkeit seinen Anzug zerrissen, seine Mutter drängte auf eine tüchtige Tracht Prügel. Doch sein Vater beließ es bei einem eindringlichen Appell, künftig anders zu handeln. Leben war eben pfundig, nicht immer zu zügeln. Das drängende Dasein, es war durch Gewalt nicht zu einzudämmen. Ihm eine Richtung zu geben, Karl Pfundig hatte dies durch Selbstzucht erreicht. Sein Sohn würde auch ohne Prügel in seine Fußstapfen treten.

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Wie sagt’s Pfundig seinem Kinde? (Sauerländisches Volksblatt 1940, Nr. 53 v. 2. März, 4)

Die Familie-Pfundig-Kampagne ist aber – wie jede Kriegspropaganda – nicht nur spannend durch die darin enthaltenen Aussagen und Ratschläge. Historisch ebenso wichtig war, was in ihr nicht thematisiert wurde. Indem die kleinen handhabbaren Probleme des Alltags humoristisch angegangen wurden, konnte die große Frage nach dem Krieg als solchen, nach dessen Ursachen und dessen Sinn überdeckt werden. Die Einreihung in Familie, Haus- und Volksgemeinschaft, die kleinen Problembewältigungen, sie waren schon Bejahung, ein Nachjustieren, Teil der Kriegsanstrengung. Der gute Menschenverstand kam scheinbar zum Durchbruch, der Pragmatismus des Alltags; doch die Kampagne zielte zugleich auf dessen Ausschaltung zugunsten des Regimes, zugunsten eines möglichst reibungslosen Kriegsgeschehens. Bestehende Probleme des Kriegsalltages wurden in der Kampagne angerissen, doch die strukturellen Probleme der Rationierung, weiterhin bestehender Devianz, weit verbreiteter Korruption und Bereicherung, sie wurden bestenfalls angedeutet, nicht aber rückfragend aufgegriffen. Dafür gab es andernorts eine offiziöse NS-Härte, die Inklusion und Exklusion aus der Volks- und Kriegsgemeinschaft. Sie schwang immer mit: „Familie Pfundig“ stand in der Mitte, weil sie mitschwamm. Doch irgendwann wäre die Grenze überschritten gewesen, wäre eine ordentliche Tracht Prügel und mehr die Folge gewesen. Dem konnte jeder Vorbeugen, durch Handeln im Sinne des Regimes. Die unterschiedlichen Motive der Kampagne spiegeln begrenzte Sprach- und Handlungsräume innerhalb der NS-Diktatur, innerhalb der NS-Kriegspropaganda. Sie spiegeln zugleich auch die sich verengenden Sprach- und Handlungsräume innerhalb jeder Kriegssituation. „Familie Pfundig“ adelte das biedere Mitmachen, das Zähne-Zusammenbeißen, das bereitwillige Durchhalten. Aktives, freudiges, aufheiterndes und begeisterndes Handeln war weiter von Nöten – nun aber für die Volksgemeinschaft, unter Vernachlässigung der eigenen Interessen. So konnte auch der Krieg zu einer pfundigen Sache werden.

Emmerich Huber, NS-Humorist

Die NS-Propagandaserie „Familie Pfundig“ wurde ersonnen und umgesetzt vom wohl wichtigsten NS-Humoristen, von Emmerich Huber. Er ist heute nur noch wenigen bekannt, auch wenn er bis in die 1960er Jahre gut beschäftigt war (Eckart Sackmann, Emmerich Huber, Deutsche Comicforschung 2005, 56-71; Ders., Emmerich Huber – zum Zweiten, Deutsche Comicforschung 2010, 87-92). Er zog sein Ding durch, doch anders als in derart oberflächlicher Forschung suggeriert, war er während der NS-Zeit nicht allein der nette Zeichner von Nebenan, dessen kleine Episoden und Figuren kurze Freude in den tristen (Kriegs-)Alltag zeichneten, der sich nur ein wenig anpasste. Huber war ein Pendant zum Filmstar und Biedermann Heinz Rühmann (1902-1994), lieferte wie dieser bräsigen, massenkompatiblen Humor, der sich in jedem politischen System findet (Torsten Körner, Ein guter Freund Heinz Rühmann, Berlin 2003; eingängig populär: Hans Sarkowicz (Hg.), Hitlers Künstler. Die Kultur im Dienst des Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 2004; nicht überzeugend, ja vielfach peinlich: Michael H. Kater, Kultur unterm Hakenkreuz, Darmstadt 2021). Täter wie Huber und Rühmann tönten vom Miteinander, vom Freund, dem guten Freund. Doch mit mehr Distanz erscheinen sie als Personen, denen es sich vorrangig um sich ging, um ihr Einkommen, ihre Sicherheit, ihre Uk-Stellung.

Huber wurde in den 1920er Jahren bekannt als Zeichner von Kindergeschichten, kleinen Comics in der Kundenzeitschrift Blauband-Woche, für die er neue Figuren schuf: „Das Neueste von Onkel Jup“ und „Hans und Lottchen“ waren nicht nur bei Kindern beliebt (einschlägige Digitalisate finden Sie unter Archive.org). Parallel arbeitete er schon früh für Werbekunden, etwa die Berliner Firma L.M. Baginski mit ihren Fitnessartikeln (Der Welt-Spiegel 1926, Nr. 50 v. 12. Dezember, 10). Man findet Hubers Zeichnungen in so herausragenden Zeitschriften wie „Sport im Bild“, vor allem aber in der Karikaturzeitschrift „Ulk“, dank der bissigen politischen Karikaturen von Rudolf Herrmann Anfang der 1930er Jahre ein wichtiges Kampfblatt für die Weimarer Republik, gegen die „Reaktion“ und die NSDAP. Huber selbst witzelte über die Enttäuschungen der Woche, zeichnete optimistisch (Ulk 61, 1932, Nr. 1, 1), half dem Ulk zu einer stärken Balance zwischen Unterhaltung und republikanischer Agitation. Auch durch Buchillustrationen gewann er den Ruf eines lustigen Zeichners, der für alles und jedes gut zu verwenden war (H[ermann] K[arl] Frenzel, Emmerich Huber. Ein lustiger Zeichner, Gebrauchsgraphik 9, 1932, Nr. 4, 4-11).

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Beispiel für Hubers Werbezeichnungen für Wybert (Illustrierter Beobachter 13, 1938, 1837)

Die Machtzulassung der NSDAP war für Huber kein wirklicher Bruch. Er arrangierte sich mit der neuen Lage, zeichnete Werbung etwa für die Radios von Saba (Sport im Bild 40, 1934, 1117), oder eine umfangreiche, bis 1941 fortgeführte Serie für Wyberts Pastillen. Einzelzeichnungen und Buchillustrationen festigten den Ruf, dass er „immer wieder mit seinen köstlichen Figuren die Schwächen der Menschen festzuhalten“ (Der Sächsische Erzähler 1936, Nr. 264 v. 11. November, 9) wisse. Huber prägte das, was Deutsche unter lustig verstanden, voller Schenkelklatschen, mittels strikter Geschlechtscharaktere, draller Damen und gutmütiger Kleinbürger. Heroisch war das alles nicht, ein Gegenbild zu Marschkolonnen und Arierertypen. Doch diese waren in der deutschen Unterhaltungskultur keineswegs so dominant, wie dies im Blick auf strikte NS-Propaganda erscheinen mochte. Hubers „lustigen Karikaturen“, seine Seiten „lustiger Zeichnungen“ (Wilsdruffer Tageblatt 1939, Nr. 155 v. 7. Juli, 5; Der Sächsische Erzähler 1938, Nr. 39 v. 16. Februar, 10) waren zeichnerisch gut gemacht, machten aus ihm eine Marke. Ab Mitte der 1930er Jahre etablierte er sich als einer im Graphikbereich wichtigsten, schließlich im Krieg zum wichtigsten NS-Humoristen. Er gestaltete anfangs ganze Seiten für die hochwertig gedruckte „Neue Illustrierte Zeitung“, die seine Werke in der Werbung stetig pries (Zschopauer Tageblatt und Anzeiger 1936, Nr. 302 v. 19. Dezember, 2; Bergische Landes-Zeitung 1937, Nr. 228 v. 30. September, 3; Bergische Landes-Zeitung 1938, Nr. 35 v. 2. November, 3). Seine Zeichnungen brachen die offenkundigen Härten des NS-Regimes, der ubiquitären Verfolgung und Denunziation nicht nur von Minderheiten.

20_Die Kunst fuer alle_56_1940-41_H10_Anhang_p14_ebd_H03_Anhang_p27_Briefpapier_Papier_Sparsamkeit_Max-Krause_Emmerich-Huber

Sparsamkeit und Zurückhaltung: Werbekampagne für Max Krause 1940 (Die Kunst für alle 56, 1940/41, H. 10, Anhang, 14 (l.); ebd. H. 3, Anhang, 27)

Die zunehmenden Werbeeinschränkungen seit Beginn des Zweiten Weltkrieges ließen Werbekunden seltener werden. Emmerich Huber konnte dies kompensieren, zeichnete und textete bis 1945 für führende NS-Illustrierten, für den parteieigenen „Illustrierten Beobachter“, die „Münchener Illustrierte“, für das Magazin der Deutschen Arbeitsfront „Arbeitertum“. Der Umfang der Zeitschriften schwand, doch Emmerichs letzte Seite blieb stehen, war kriegswichtig, nicht nur für die Stimmung an der Heimatfront und im Betrieb. Die „Emmerich-Huber-Seite“ (Völkischer Beobachter 1943, Nr. 6 v. 6. Januar, 5) spornte freundlich an, zielte auf ein Es-geht-noch-was, auf ein stetes in-die-Hände-Spucken, zielte ohne Knute auf beschwingtes, pfundiges Handeln der Volksgemeinschaft. Emmerich Huber war ein Meister des Selbst- und Fremdbetruges, der auch dem Leben im Bombenkrieg manch heitere Seite abgewinnen konnte.

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Die Juden als gewissenlose Geschäftemacher, als Ausdruck des jüdischen Bolschewismus – Hubers Benennung der deutschen Hauptfeinde nach dem Beginn des Krieges gegen die UdSSR (Illustrierter Beobachter 16, 1941, Nr. 38)

Der biedere Emmerich Huber war jedoch mehr als ein humoristischer Sorgenbrecher des Großdeutschen Reiches. Er war auch ein antisemitischer Hetzzeichner. Das betraf etwa eine antibritische und antisemitische Propaganda-Broschüre, die er 1941 zusammen mit dem geschätzten Kollegen Hans Herbert Schweitzer (1901-1980) verfasste (Die Plutokraten-Presse. Wie sie lebt und lügt, wer sie macht, wer sie bezahlt, Berlin 1941). Unter dem Pseudonym Mjölnir, dem Namen des durch Marvel-Comics ja allseits bekanntem Hammers des nordischen Donnergottes Thor, war letzterer nicht nur seit 1926 für die NSDAP agitatorisch tätig, sondern wurde 1933 auch zum „Zeichner der Bewegung“ ernannt (Carl-Eric Linsler, Mjölnir – Zeichner des Nationalsozialismus, in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus, Bd. 7, Berlin 2015, 313-316).

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Der „ewige Jude“ im ausgebombten London – Zeichnung von Emmerich Huber (Illustrierter Beobachter 16, 1941, 248)

Doch Huber hat auch in seinen wöchentlichen „heiteren“ Serien wiederholt Ideen einer jüdisch-bolschewistischen Weltherrschaft in Szene gesetzt, hat zugleich den „ewigen Juden“ gezeichnet, dessen vermeintlich zerstörerische Natur immer wieder zum Ausdruck kam. Fast pfundig ist, dass dies im Gefolge der „Luftschlacht um England“ erfolgte, die mit einer empfindlichen Niederlage der deutschen Luftwaffe endete, die ihrem britischen Gegner in fast allen Belangen unterlegen war. Huber zeichnete das Hauptquartier der siegreichen Royal Air Force als Stelldichein exzentrischer Dummköpfe, regiert von Juda. Dem Mannheimer Medienwissenschaftler Konrad Dussel, der vorgab, die Huberschen Zeichnungen im Illustrierten Beobachter durchgesehen zu haben, sind diese Karikaturen offenbar entgangen (Bilder als Botschaft, Köln 2019, 239-241) – entsprechend freundlich seine Einschätzung des biederen Herrn Huber und seines NS-Werkes.

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Juda regiert – Hubers Einblicke in das Hauptquartier der Royal Air Force (Illustrierter Beobachter 16, 1941, Nr. 45)

Familie Pfundig verschwindet

Familie Pfundig verschwand Anfang März 1940 ohne viel Aufhebens, wurde vergessen. Sie war Teil der nationalsozialistischen Kriegspropaganda, zeigte deren scheinbar freundliche, verständnisvolle, pfundige Seite. Sie handelte von den Sorgen und Aufgaben des Kriegsalltags, zielte auf das für jeden Krieg erforderliche Einvernehmen, Mitmachen und Dulden der Zivilbevölkerung. „Familie Pfundig“ personifizierte nationalsozialistische Moral, deutsche Zuversicht und deutschen Optimismus. Serien wie „Familie Pfundig“ appellierten an deutsche Werte, solche der Selbstleugnung und der Pflichterfüllung. Besser als repressive und warnende Propaganda, besser als die Kampagnen gegen Hamsterei und Wucher, besser als direkte Denunziationen der „plutokratischen“, der „jüdisch-bolschewistischen“ Feinde vermochte sie Zusammenhalt zu schaffen, Verständnis für die Härten der Zeit. Sie war typisch für die frühe Phase des Krieges, in dem die Fährnisse des Alltages noch überschaubar waren, in der noch nicht täglich zehntausend deutsche Soldaten verreckten, wie in der Endphase des Höllensturzes.

„Familie Pfundig“ knüpfte an die Werte einer antiintellektuellen Erwachsenen- und Jugendkultur an, geprägt von realem, vor allem aber virtuellem Leben und Abenteuer. Die Form der Comic-Zeichnung zielte auf die große Mehrzahl, auf einfache Problem-Lösung-Strukturen, auf Aufgabe und Erfüllung. Ihr Gestalter Emmerich Huber bettete all dies in humoristische Watte, doch andere seiner Zeichnungen präsentierten auch den rassistischen Grundtenor des Nationalsozialismus. Angesichts der breiten Klaviatur der NS-Propaganda war dies all denen klar, die lesen und sehen konnten und wollten.

„Familie Pfundig“ ist eine abgeschlossene, nicht wirklich bedeutsame Episode im breiten Kranz der NS-Kriegspropaganda – mochte sie auch abermillionenfach gedruckt und verbreitet worden sein. Sie steht für die Wandlungsfähigkeit und Vielgestaltigkeit der Kriegspropaganda. Die steten Einseitigkeiten, Halbwahrheiten und offenen Irreführungen in der staatsnahen, vielfach staatsgleichen Presse waren einfacher zu erkennen als die nette Umrahmung, die freundliche Bitte zum Mitmachen, die Alltagshilfe. Und vielleicht kann der Blick auf „Familie Pfundig“ das Verständnis dafür schärfen, auf welch samten Pfoten sie uns bis heute umschleicht.

Uwe Spiekermann, 5. November 2022

Flämmchen hilft – Nationalsozialistische Propaganda für sparsames Heizen

Galoppierende Inflation, einbrechende Wachstumsprognosen, zunehmende Insolvenzen und wachsende Deindustrialisierung auch abseits der Automobilindustrie – zu alledem steht die Bundesrepublik Deutschland vor einer weit über den kommenden Winter hinausreichenden Energiekrise, genauer einer Energiepreiskrise. Sie ist vorrangig Ergebnis einer unausgegorenen, ökonomische Grundregeln verletzenden Energiewende und einer westlichen Sanktionspolitik gegen die russische Föderation, die deutsche Interessen schlicht hintanstellt – und damit zugleich eine vernünftige Klimaschutzpolitik unterminiert. Die wirtschaftlichen, sozialen und zunehmend auch politischen Folgen dieser Maßnahmen werden durch eine massive Verschuldung nur zeitweilig überdeckt. Der nicht nur für Marktwirtschaften essenzielle Preismechanismus kann langfristig nicht suspendiert werden. Es scheint, dass das politische Führungspersonal sich dieser Probleme nicht einmal ansatzweise bewusst ist.

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Kriege, Krisen und die Naturalisierung der Not (Zeitbilder 1919, Nr. 42 v. 16. November, 8 (l.); Lachen Links 1, 1924, 51)

Historisch ist diese von den üblichen Empörungs- und Erregungswellen begleitete Lage allerdings keineswegs außergewöhnlich. Die Kohle- und Gasnot von 1916 bis 1923 hat zahllose Erkrankungen und Todesfälle nach sich gezogen, trotz alledem entwickelte sich die Weimarer Republik zu einem funktionierenden demokratischen Gemeinwesen. Auch während der ersten Jahre des NS-Systems gab es wachsende Probleme bei der Energieversorgung der Bevölkerung und des Gewerbes. Sie intensivierten sich während des Zweiten Weltkrieges und kumulierten in der unmittelbaren Nachkriegszeit als wegbrechende Fördermengen, die Bildung der Besatzungszonen und ein zusammenbrechendes Transportsystem die Versorgungsprobleme nochmals massiv verschärften. Demgegenüber war die Ölkrise weniger ein wirtschaftlicher als vielmehr ein gesellschaftshistorischer Bruch. Anders in der DDR, wo die auf Braunkohle und importiertem Erdöl basierende Energiepolitik zu einem gleichermaßen ökologischen und ökonomischen Bankrott führte; nicht zuletzt aufgrund des stetig ausgesetzten Preismechanismus.

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Selbsthilfe angesichts der Kohlennot (Simpl 1, 1946, Nr. 2, 2)

Bei all diesen Energiekrisen zielten staatliche und halbstaatliche Akteure darauf Mangellagen abzufedern, Unternehmen und Bevölkerung zu beschwichtigen und ihnen zugleich Handreichungen zur Krisenbewältigung zu geben. Die NS-Zeit ist dabei von besonderem Interesse, denn damals kam die Energiekrise überraschend: Einheimische Stein- und Braunkohle war im Deutschen Reich nämlich in großen Mengen und zu erschwinglichen Preisen verfügbar. Sie bildete die Basis nicht nur der Chemieindustrie, der Feuerarbeit und der Eisenbahn, sondern auch der Strom- und Gasproduktion sowie des Hausbrandes. Der Vorrat schien praktisch „unbegrenzt“ (Steinkohle, in: Otto Ernst Paul und Wilhelm Claussen, Grossdeutschland und die Welt. Ein Wirtschafts-ABC in Zahlen, Berlin 1938, 399-402, hier 400; zur Einordnung Dariya Manova, »Sterbende Kohle« und »flüssiges Gold«. Rohstoffnarrative der Zwischenkriegszeit, Göttingen 2021). Schwachpunkte bildeten lediglich die deutlich seltener verfeuerten Ressourcen Holz und Erdöl, denn beträchtliche Mengen mussten devisenträchtig eingeführt werden – trotz einer intensivierten Erdölförderung vorrangig in Niedersachen und Aufforstungsprojekten in großen Teilen des Deutschen Reiches.

Winternot und Versorgungsprobleme

Kohle bildete Mitte der 1930er Jahre die Rohstoffgrundlage für Zivilgesellschaft, Gewerbe und die nun vermehrt einsetzende Aufrüstung. Die Bergbaukapazitäten waren noch nicht ansatzweise ausgenutzt, die Saarkohle erweiterte sie nochmals. Die beträchtlichen Rationalisierungen in der Schwerindustrie, der Stromproduktion und der Reichsbahn reduzierten inländische Nachfrage. Stärker noch schlugen die wegbrechenden Auslandsmärkte zu Buche, Frankreich, Belgien, die Niederlande und die UdSSR (Reinhold Reith, Kohle, Strom und Propaganda im Nationalsozialismus: Die Aktion „Kohlenklau“, in: Theo Horstmann und Regina Weber (Hg.), „Hier wirkt Elektrizität“ Werbung für Strom 1890-2010, Essen 2010, 142-157, hier 145). Der zu vier Fünfteln aus Kohle gewonnene Strom sowie die in der Zwischenkriegszeit stark verbesserte Kohlevergasung bildeten dagegen Wachstumsmärkte. Auch der Vierjahresplan erforderte seit 1936 rasch wachsende Kohlemengen, weit mehr noch die Auswirkungen des Krieges. Das galt für die Reichsbahn, für neue Lieferverpflichtungen des europäischen Hegemons gegenüber besetzten, verbündeten und neutralen Staaten. Die zunehmende Stromnutzung städtischer Haushalte führte zu Belastungsspitzen, die bereits im Winter 1938/39, dann insbesondere im Kriegswinter 1939/40 nicht mehr bedient werden konnten (Reith, 2010, 146-147). Institutionelle Umgestaltungen waren die Folge (Vereinfachung der Organisation der Kohlenwirtschaft, Rhein- und Ruhrzeitung 1939, Nr. 345 v. 17. Dezember, 7), doch die Probleme blieben bestehen. Im Herbst 1940 wurde auch in der gleichgeschalteten Presse zunehmend „Sorge“ über die Kohleversorgung laut (Stand der Kohlenwirtschaft, Volksblatt (Hörde) 1940, Nr. 251 v. 24. Oktober, 1). Die offiziellen Stellen, etwa der Reichskohlekommissar Paul Walter, beruhigten, doch es war klar, dass neben die schon seit längerem bestehenden Appelle, etwa die Reichsbahn zugunsten der Wehrmacht weniger zu nutzen, striktere Sparvorgaben rücken würden, die durch das Rationierungs- und Bewirtschaftungssystem auch erzwungen konnten. Eine von November 1940 bis etwa Februar 1941 laufende Sparkampagne des Reichsausschusses für Volkswirtschaftliche Aufklärung (RVA) hielt die Bevölkerung dann zu „richtigem“ Heizen an – also zu verstärkten Sparanstrengungen. Die Zeichentrickfigur „Flämmchen“ wurde ihr freundliches Gesicht.

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Propagandafeldzüge gegen Hunger und Kälte (Illustrierte Technik 11, 1933, H. 35, XXIV (l.); Die Bewegung 4, 1936, Nr. 1, 12)

Die Brisanz der stockenden Kohlenversorgung resultierte teils aus der hämmernden und durchaus erfolgreichen Parolenwelt der frühen NS-Propaganda (Birgit Witamwas, Geklebte NS-Propaganda. Verführung und Manipulation durch das Plakat, Berlin und Boston 2016, insb. 154-159). Nach der Machtzulassung der NSDAP setzte – nach der Zerschlagung der Arbeiterbewegung – nicht nur eine „Arbeitsschlacht“ unter Parolen von „Arbeit und Brot“ ein. Der Kampf um ein auskömmliches Leben und ordentliches Essen und Wohnen griff weiter, sollte Teilhabe in der Diktatur suggerieren, eine sorgende Obrigkeit, eine gegenüber Not sensible Volksgemeinschaft. Die Sozialpolitik der verschiedenen staatlichen und NS-Wohlfahrtsorganisationen zielte daher immer auch auf die Bekämpfung der Kälte, des Frierens. Typisch hier war insbesondere die Propaganda des 1933 anlaufenden Winterhilfswerks. Eintopfessen suggerierten seit Herbst 1933 nicht nur Teilhabe, sondern boten auch etwas Warmes. Die (recht begrenzten) Hilfsleistungen der NS-Volkswohlfahrt und des Winterhilfswerkes umfassten nicht nur Geld, sondern auch und gerade warme Kleidung sowie Kohle- und Holzlieferungen (vorrangig institutionell Peter Hammerschmidt, Die NS-Wohlfahrtsverbände im NS-Staat, Wiesbaden 1999; Herwart Vorländer, NS-Volkswohlfahrt und Winterhilfswerk des Deutschen Volkes, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 34, 1986, 341-380).

04_Baruther Anzeiger_1936_01_13_Nr014_Beil._p2_Die Bewegung_04_1936_Nr06_p02_Winter_Kaelte_Not_Winterhilfswerk_Frieren

Mobilisierung im Kampf gegen die Not des Winters (Baruther Anzeiger 1936, Nr. 14 v. 31. Januar, Beil., 2 (l.); Die Bewegung 4, 1936, Nr. 6, 2)

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre musste die Mehrzahl der Deutschen nicht frieren – trotz räumlich und zeitlich begrenzter Versorgungsprobleme. Die Preise waren von der kartellierten Industrie und dem Staat festgelegt, eine Mengenkrise dann mit der Rationierung des Hausbrands eingehegt. Sie begann parallel zur Lebensmittelbewirtschaftung unmittelbar vor der Kriegserklärung an Polen am 1. September 1939. Allen Vorbereitungen zum Trotz brach die Kohleversorgung im Extremwinter 1939/40 jedoch ein. Die Temperaturen lagen im Deutschen Reich zwischen fünf und zehn Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt der 1881 begonnenen Wetteraufzeichnungen, in Europa war es kaum anders (The Severe Winter of 1939-40, Nature 145, 1940, 376-377). Der erste Kriegswinter war der kälteste seit mehr als einhundert Jahren, im Januar 1940 lag die Durchschnittstemperatur bei -9°C (https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitreihe_der_Lufttemperatur_in_Deutschland). 1940/41 und 1941/42 sollten noch zwei weitere äußerst kalte Winter folgen.

Das wusste man im Sommer 1940 noch nicht, doch vorsorgende Kampagnen schienen angesichts des Drucks auf den Kohlebergbau und das Transportsystem unabdingbar. Die beträchtlichen Auswirkungen der Witterungseinflüsse schlugen nicht allein auf die vielbeschworene „Stimmung“ durch, sondern wurden immer auch dem Regime zugerechnet. Der kleine Helfer „Flämmchen“ zielte ab Herbst 1940 auf die Mehrzahl der Haushalte. Doch schon zuvor gab es Betriebsamkeit an der Heimatfront. Die Deutsche Arbeitsfront, eine Zwangsgemeinschaft in der Nachfolge der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände, begann im Sommer 1940 mit einer reichsweiten Kampagne „Heize richtig“. Sie zielte auf Fachleute, die durch Kurse und Lehrgemeinschaften dazu befähigt werden sollten, „daß das Heizen im Herbst und Winter unter sparsamster Verwendung des Heizstoffes erfolgt“ (Neue Wege zur Kohlenersparnis, Der Führer 1940, Nr. 260 v. 30. September, 4). Hauswarte und die Heizer von Zentralheizungs- und Warmwasseranlagen wurden aufgerufen, nach der Arbeit an fünftägigen, insgesamt fünfzehnstündigen Lehrgängen teilzunehmen. Die Adressaten wurden durch die Deutsche Arbeitsfront und die Reichsstelle für Kohle im Vorfeld erfasst, diesen dann Übungsleiter zugewiesen. Nach regelmäßigem Besuch erhielt jeder Teilnehmer eine Besuchsbestätigung (Richtig heizen!, Illustrierte Kronen-Zeitung 1940, Nr. 14611 v. 20. September, 6). Man gab vor, bei privaten Hausbesitzes und Gebäuden mit nebenamtlichen Heizern dadurch Wärmeverluste von bis zu 25-30 Prozent vermeiden zu können.

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Qualifizierung zum richtigen Heizen: Lehrgänge und Lehrgemeinschaften (Jeversches Wochenblatt 1940, Nr. 190 v. 5. August, 3 (l.); Dresdner Neueste Nachrichten 1940, Nr. 216 v. 14. September, 12)

Obwohl die Kampagne „Richtig heizen“ nicht auf die insgesamt klar dominierenden Öfen und Heizungen in den Privathaushalten zielte, stimmte sie dennoch auf die Herausforderungen eines möglichen kalten Winters ein. Die Zeitschriften enthielten vermehrt praktische Hinweise: „Vorsicht! Die Oefen immer sauber halten; wenn der Ofen raucht, den Kaminkehrer lieber zu früh holen als zu spät; die Oefen nicht überlasten: es ist nichts damit getan, daß es im Ofen ‚bullert‘, davon wird das Zimmer nicht warm. Wer richtig heizt, der heizt sparsam und zugleich gut! Und – das sei nochmals betont! – man verlasse sich nicht darauf, daß ‚schon alles in Ordnung‘ ist! Im vergangenen Winter sind unsre Oefen infolge der langen und strengen Kälteperiode stark in Anspruch genommen worden; sie müssen unbedingt nachgesehen werden, und hier sparen zu wollen, wäre sehr ungeschickt und unter Umständen sehr teuer“ (Richtig heizen – sparsam heizen – gut heizen!, Neues Wiener Tagblatt 1940, Nr. 245 v, 5. September, 9). All das war noch Teil einer ständisch-patriarchalen Gesellschaftsordnung: Die männlichen Fachleute wurden geschult, die Großtechnik ihnen vorbehalten, die Leitung der lehrenden Ingenieure und Techniker gegenüber Handwerkern und Praktikern festgeschrieben. Die Hausfrauen (und auch ihre Männer) sollten den Ofen pfleglich behandeln, im Falle von Problemen aber die geschulten Fachleute an die Öfen rufen (Richtig heizen will gelernt sein, Kleine Volks-Zeitung 1940, Nr. 265 v. 25. September, 5).

Flämmchen – Eckpunkte einer Massenkampagne

Die Flämmchen-Kampagne lief Ende Oktober an – parallel zum damaligen Beginn der Heizperiode. Sie war seit Mai 1940 geplant worden. Die Federführung lag beim Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung, der der breiten Öffentlichkeit vor allem durch die seit 1936 laufenden „Kampf-dem-Verderb“-Kampagnen bekannt war (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 388-390). In der Forschung hat sie bisher kaum Widerhall gefunden – obwohl die gesamte Bevölkerung des Großdeutschen Reiches dadurch zu einem regime- und kriegskonformem Heizen gebracht werden sollte. Gewiss, man kann den Zweck auch enger fassen, gemäß dem Motto: „Schränke den Verbrauch ein, wo und wie du nur immer kannst!“ (Sparsamkeit im Hausbrand!, Badische Presse 1940, Nr. 268 v. 4. November, 4) Doch die Kampagnenfigur Flämmchen entsprach erst einmal so gar nicht dem strikten Raster der durch die Rationierung strikt gesteuerten Hausbrandversorgung.

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Flämmchen als Helfer beim Heizen (Solinger Tageblatt 1940, Nr. 262 v. 5. November, 8 (l.); Die Heimat am Mittag 1940, Nr. 264 v. 8. November, 5)

Flämmchen war eine Zeichentrickfigur, zugleich ein sympathisches Kerlchen. Die Anfang November 1940 geschalteten Anzeigenmotive erneuerten einerseits die früheren Versprechungen des NS-Regimes, dass in der vermeintlichen Volksgemeinschaft keiner werde frieren müssen (sieht man von den zahlreichen „Gemeinschaftsfremden“ einmal ab). Anderseits aber forderte Flämmchen aktives Handeln ein, richtiges Heizen. Auch wenn der Sommer 1940 deutlich wärmer war als der des vorherigen Jahres, war angesichts der recht kühlen August- und Septembertemperaturen doch neuerlich mit Versorgungsengpässen in einem kalten Winter zu rechnen: „Wir wollen zwar nicht hoffen, daß der kommende Winter wieder so bitterkalt wird wie der letzte. Aber vorsorgen wollen wir trotzdem, daß wir unsere Räume möglichst warm haben, auch wenn wir nicht beliebig viel Heizmaterial verfeuern können“ (J. Jahn, Wie halte ich die Zimmer warm?, St. Pöltener Bote 1940, Nr. 40 v. 3. Oktober, 8).

Flämmchen war ein Sympathieträger, positiv gesinnt, häuslich begrenzt, mit Blick für an der Heimatfront anstehende Aufgaben. Der Aufruf des RVA zeichnete bei Kampagnenbeginn gleichwohl ein einigermaßen realistisches Bild der Versorgungslage: „Zwar birgt der deutsche Boden genügend Vorräte an Kohlen. In den deutschen Wäldern wächst das Holz ständig nach. Und trotzdem heißt das Gebot der Stunde: Schränke den Verbrauch ein, wo und wie du nur immer kannst! Unsere Vorräte an Kohle und Holz müssen nämlich nicht nur für uns ausreichen, sie werden heute auch benötigt, um die Staaten, die mit uns in Handelsbeziehungen stehen, damit zu versorgen und andere für uns wichtige Güter dafür einzutauschen“ (Sparsamkeit im Hausbrand, Derner Lokal-Anzeiger 1940, Nr. 260 v. 2. November, 4). Doch dies hieß nicht Frieren für ein vom Deutschen Reich wohlig versorgtes Ausland. Es bedeutete das Zurückstellen eigener Interessen, um den Kriegserfolg und die europäische Vormachtstellung der Nation zu unterstützen.

Flämmchen wurde der Öffentlichkeit erst einmal mittels Anzeigen und auch einschlägigen Plakaten vorgestellt. Die Figur war ein appellativer Hingucker, verpackte die Botschaft des Sparens in eine des richtigen Umgangs mit Brennmaterial, Öfen und Wohnung. Bilder lockten, doch schriftliche Informationen dominierten, ein Wissenstransfer von Experten zu Laien. Die Anzeigen verwiesen auf ergänzende Informationen, im Rundfunk, in einer gesonderten Broschüre, in den Tageszeitungen selbst. Das entsprach dem damals geltenden Paradigmen der öffentlichen Beeinflussung, die von einem schwachen Rezipienten ausgingen, von starken Wirkungen einer breit gestreuten Botschaft. Flämmchen und daran anknüpfende Aufklärungsaktionen spiegelten sich entsprechend im Masseneinsatz der Werbemaßnahmen 1940 und 1941: „24 Millionen Faltblätter mit Anweisungen und Hilfen für richtiges Heizen an Stelle von 12 Millionen des Vorjahres, 4500 Diapositive, die in mehrmaliger Folge in allen Lichtspieltheatern mit mindestens 200 Sitzplätzen und mindestens zwei Spieltagen in der Woche vorgeführt wurden, ein Vorspann für die Kinowochenschau, Rundfunkhinweise bei den Tageszeitungen, Merkblätter mit ausführlichen Anweisungen in einer Auflage von mehreren Millionen, die von den Kohlensyndikaten bearbeitet und herausgegeben und vom Deutschen Frauenwerk verteilt und in aufklärenden Vorträgen als Unterlage benutzt wurden, eine Artikelserie im volkswirtschaftlichen Aufklärungsdienst, eine Auflage von Artikeln in der gesamten deutschen Presse, veranlaßt vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, und Anschläge an den Haustafeln der NSDAP“ (Hans Ruban, Volkswirtschaftliche Aufklärung im Kriege, Wirtschaftswerbung 9, 1942, 33-34, hier 34). Hinzu kamen zahlreiche praktische Schulungen. Während diese in den Städten teils von Heizungsfachleuten und der Deutschen Frauenschaft organisiert wurden, präsentierten auf dem Lande auch Landwirtschaftslehrerinnen die Kernbotschaften des richtigen Heizens (Kärntner Volkszeitung 1941, Nr. 26 v. 3. März, Nr. 26, 6).

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Regeln für „richtiges“ Heizen (Illustriertes Tageblatt (Ausgabe E) 1940, Nr. 260 v. 5. November 1940, 3)

Flämmchen half erst einmal, einfache Regeln zu verbreiten, beherzigenswerte und handhabbare Vorgaben. Sie standen in der Tradition der im Ersten Weltkrieg vermehrt aufkommenden, in der Zwischenkriegszeit dann ihren Höhepunkt erreichenden „Gebote“ (Zwanzig Gebote der deutschen Hausfrau, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 8, 1915, 44; Gerhard Hahn, Die 10 Gebote der Gesundheit, Blätter für Volksgesundheitspflege 21, 1921, 62-63; Zwölf Gebote für die Hausfrau, Hannoversche Hausfrau 25, 1927/28, Nr. 19, 4; Max Winckel, Die 10 Gebote der Ernährung, Die Volksernährung 3, 1928, 95-96; 10 Gebote der Sparsamkeit, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 6, 1931, 243). Während der NS-Zeit prägten zahlreiche „Gebote“ die Ernährungs- und Gesundheitspolitik, doch sie standen trotz ihres vielfach ideologischen Gehaltes in der Tradition einer bürgerlichen Gebotskultur, die auf die Belehrung der breiten Mehrzahl durch Experten zielte (10 Gebote Kampf dem Verderb, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 382; Zwölf Gebote zweckmäßiger und sparsamer Ernährung 12, 1937, 369-370; 12 Gebote der Gesundheit, Volksgesundheitswacht 1939, 104).

Regeln, darunter auch die durch die Flämmchen-Kampagne propagierten acht Grundregeln für richtiges Heizen waren dagegen enger gefasst, verbindlicher. Gebote gaben eine Richtung vor, Regeln dagegen Handlungsanweisungen. In den späten 1930er Jahren waren sie noch eng an technische Abläufe und damit vermeintliche Sachgesetzmäßigkeiten angelehnt (Regeln für die Benutzung des elektrischen Herdes, Zeitschrift für Volksernährung 12, 1937, 43; Zwölf wichtige Regeln für deine Ernährung, Reichs-Gesundheitsblatt 12, 1937, 50). Während des Krieges machten sie auch begrifflich den wachsenden Ernst der Lage deutlich, artikulierten zugleich eine andere Erwartungshaltung an die Adressaten. Sie nicht zu beachten würde Konsequenzen nach sich ziehen. Im Falle des Heizens waren das erhöhte Kosten, geringe Wärmeffizienz, der Ausschluss aus der Gemeinschaft der Wissenden und Handelnden.

Der Wertekanon der mittels Flämmchen propagierten Regeln war dabei erwartbar: Sauberkeit, Effizienz, Verlässlichkeit, Stetigkeit, Achtsamkeit, Vorsorgeorientierung und einen klaren Blick auf die Grenzen der eigenen Fähigkeiten. Heizen war 1940 eine aufwändige Angelegenheit, das Holen des Brenngutes, das Anzünden und Schüren des Feuers, das manuelle Nachlegen und die beträchtlichen Reinigungsaufgaben sind heute kaum mehr bekannt. Flämmchen lehrte Kniffe, um mit all dem effizient umzugehen, um so Ressourcen zu sparen. Doch die Regeln dienten immer auch der Stärkung und Unterstützung eines Wertekanons, der als deutsch verstanden und propagiert wurde (Grundregeln für richtiges Heizen, Neues Wiener Tagblatt 1940, Nr. 304 v. 3. November, 7; sowie beispielsweise Wie heize ich richtig?, Durlacher Tageblatt 1940, Nr. 257 v. 31. Oktober, 5; Wie heize ich richtig?, Illustriertes Tageblatt (Ausgabe E) 1940, Nr. 260 v. 5. November, 3; Acht Grundregeln für richtiges Heizen, Jeversches Wochenblatt 1940, Nr. 264 v. 9. November, 5).

Flämmchen nahm diesen Regeln viel von ihrer Striktheit. Die Sanftheit und Freundlichkeit der Figur war etwas anderes als der schnarrende Ton der NS-Granden, die bürokratische Sprache der Rationierungsverordnungen. Man wusste um die Härte der Regeln, doch Flämmchen baute eine Brücke, um sie zu befolgen. Neben der steten Arbeit stand aber auch eine andere Vorstellung von Frieren, von Wärme: „Unter normalen Umständen soll das Thermometer im Raum 18 Grad anzeigen. Für ältere und kranke Personen können es auch 20 Grad Celsius sein. Friert einer dennoch bei diesen Temperaturen, so möge er sich etwas wärmer anziehen“ (Heizen im Vorwinter, Rheinisches Volksblatt 1940, Nr. 274 v. 20. November, 5).

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Gemeinschaftsaufgabe Heizen (Aachener Anzeiger 1940, Nr. 281 v. 27. November, 6)

Die Kunstfigur Flämmchen präsentierte das Heizen zugleich als eine Gemeinschaftsaufgabe. Federführend war der RVA, doch die Kampagne verkörperte die enge, ja verschworene Kooperation einer Tatgemeinschaft: „Die gesamte Aufklärungsaktion, an der der Herr Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, der Reichskohlenkommissar, der Werberat der deutschen Wirtschaft, die Reichsarbeitsgemeinschaft Holz und die Reichsarbeitsgemeinschaft Schadenverhütung mitarbeiten, ist ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit der behördlichen Wirtschaftsführung mit der Praxis. Alle stehen im Dienst der Aufklärung“ (Sparsamkeit, 1940). Als Akteure, als Anreger wurden der Staat, die NSDAP und die Wirtschaft präsentiert – auch wenn die eigentliche Arbeit just bei der Bevölkerung lag. Selbst eine fachlich nicht sonderlich geeignete Person wie der Reichskohlenkommissar Walter konnte sich, als Repräsentant einer dienenden Branche, als Teil der Volksgemeinschaft präsentieren: „In ‚Flämmchen‘, dem guten Hausgeist, ist den Hausfrauen, den Hausangestellten – kurz allen Personen, die häusliche Feuerstätten bedienen, ein Helfer entstanden, der sie bei der sparsamen Verwendung der festen Brennstoffe unterstützt. Fort mit Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit! Her mit guten Ratschlägen für die beste Möglichkeit der Ausnutzung der in den Brennstoffen enthaltenen Werte! […] Der deutsche Kohlenhandel und die Schornsteinfeger werden sich mit allen verfügbaren Kräften in den Dienst der notwendigen Aufklärung stellen und ihren Kunden mit Rat und Tat zur Seite stehen“ (Ebd.). Flämmchen verwies auf eine gemeinsame Herausforderung, nicht auf einen Feind. Der gezeichnete Helfer verwies zugleich aber auf eine Gemeinschaft von Helfern, in die man sich auch aus Eigeninteresse einreihen sollte.

Flämmchen war trotz seiner freundlichen Erscheinung zugleich fordernd. Sanft, doch verbindlich. Richtiges Heizen war Teil eines Verpflichtungsdiskurses, das den Einzelnen als Teil einer gemeinsamen Anstrengung auch einband. Dazu grenzte man sich einerseits von einem angesichts der Rationierung nur selten möglichen Luxus ab: Hausbrand sei verfügbar, die Lager voll, doch das „darf uns […] nicht dazu verleiten, angesichts des ‚schwarzen Segens‘ nun drauflos zu wirtschaften und etwa so einzuheizen, daß man sich in einem Treibhaus wähnt. Mit Ueberlegung und etwas Einsicht läßt sich wenigstens ein Raum jeder Wohnung ständig warmhalten, wenn man einige kleine Kniffe kennt, die das Haushalten mit den Rohstoffen ‚Kohle‘ und ‚Holz‘ erleichtern“ (Richtiges Heizen hilft Brennstoff sparen. „Flämmchen“ – der gute Geist von Herd und Ofen, General-Anzeiger. GDA 1940, Nr. 309 v. 8. November, 5). Anderseits wurde der sparsame Umgang mit Brennmaterial vornehmlich volks- und kriegswirtschaftlich begründet. Der Einzelne müsse nicht frieren, wenn er denn richtig heize. Doch durch dessen bescheidenes Opfer, dessen vermehrte Arbeit, könne der Staat seine schützend gedeutete Macht ausbauen und festigen. Richtig heizen war Kriegsdienst an der Heimatfront, war zugleich ein Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung der gesamten Wirtschaft. Mittelfristig würde sich dies verzinst auszahlen, denn nur ein mächtiges Reich könne den anvisierten hohen Lebensstandard nach Ende des Krieges auch garantieren. Versagen im Hier und Jetzt würde diese Chancen jedoch unterminieren.

Die Flämmchen-Kampagne zielte auf willige Umsetzung, präsentierte zugleich aber nachvollziehbare Begründungen für sparsames, richtiges Heizen. Das Deutsche Reich wurde nicht nur als Land der Kohle präsentiert, sondern es stand auch für eine mit dem Rohstoff verbundene Zivilisationsmission. Deutsche Forscher würden das schwarze Gold zu vielfältigen neuen Produkten umformen. Kohle war wertvoll, stand in einer Reihe mit einer wachsenden Zahl ansprechender Austauschprodukte, wie synthetischen Treibstoff, Buna, Kunstseide oder Milei. Ähnliches ließ sich für Holz sagen, für den neuen Werkstoff Holzzucker. Sparsamkeit erhielte und erweiterte diese Möglichkeiten auch während des Krieges. Doch nicht nur Technik und Erfindergeist wurden angeführt. Als Kulturvolk seien die Deutschen Lernende, die an einem Katastrophenwinter wie 1939/40 nicht zerbrechen würden, sondern die lernend derartige Unbilden wenden könnten. Jeder war davon betroffen, jeder müsse als Deutscher nun daraus Konsequenzen ziehen. Industrie und Gewerbe seien vorangegangen, die Haushalte müssten nun folgen: „Die Hausfrau hat noch nicht begriffen, ein wie wichtiger Devisenbringer die Kohle ist, wie kriegsnotwendig unsere großen Ausfuhren nach Italien sind, wie bedeutungsvoll sich die beherrschende Stellung des Reiches gerade auf dem Kohlenmarkt bei der künftigen wirtschaftlichen Neugestaltung Europas auswirken wird. Die Hausfrau heizt teilweise noch nach Regeln, die vielleicht für Urväter Zeiten einmal tragbar gewesen sein mögen. Heutzutage muß sie sich im Interesse des großen Ganzen einmal danach umsehen, wie man richtig, das heißt, wie man so sparsam wie irgend möglich heizt. […] Lohnt sich für solchen Einsatz nicht ein wenig Umsicht?“ (Wie heize ich richtig? Riesaer Tageblatt 1940, Nr. 252 v. 25. Oktober, 2). Richtig Heizen war ein Modernisierungsschub für die Gemeinschaft, lenkte auch die Hausfrau hin auf die Erfordernisse der wirtschaftlich und wissenschaftlich führenden Nation.

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Flämmchen vermittelt Ziele und Mittel der Kampagne (Der Patriot 1940, Nr. 286 v. 4. Dezember, 7 (l.); Die Heimat am Mittag 1940, Nr. 292 v. 11. Dezember, 8)

Derartige Kritik an den seit jeher vermeintlich rückständigen Hausfrauen war jedoch unüblich. Flämmchen schuf nämlich einen Puffer, einen Zwischenraum, in dem Kritik artikuliert werden konnte, ohne die vermeintlichen Verursacherinnen direkt anzugehen. Die Zeichentrickfigur erlaubte ein virtuelles Gespräch, eine indirekte Lenkung, denn seine Ratschläge wurden in die Welt des Haushalts eingebettet. „Was Flämmchen dir rät, / das nützt früh und spät. / Beim Kochen, Waschen, Baden und Heizen / Sollst stets du mit dem Brennstoff geizen!“ (Hier spricht „Flämmchen“, Znaimer Tagblatt 1940, Nr. 271 v. 16. November, 11). Die richtige Wahl des einen im Winter beheizten Raumes wurde erörtert, die Abdichtung der Fenster, der Türen, der Ofenritzen im Detail besprochen. Auch die Auswahl der Dichtungsstoffe wollte bedacht sein, die Verzahnung von Verdunkelung und Dämmung. Die Ratschläge reichten über den Ofen hinaus: Sollte man nicht die Heizplatte mit mehreren Töpfen besetzen, beim Waschen mehrere Kessel hintereinander nutzen oder aber den Badetag so organisieren, das alle Familienmitglieder nacheinander vom heißen Wasser profitieren konnten? („Flämmchen“ spricht: Mach’s so wie ich!, Riesaer Tageblatt 1940, Nr. 259 v. 2. November) Flämmchen erlaubte es der Hausfrau, mit dem Familienvorstand solche Fragen auch innerfamiliär anzugehen, sie mit Verweis auf Regeln und Rationalität durchzusetzen.

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Richtiges Heizen als Thema im Rundfunk (Rundfunkwoche Wien 3, 1940, Nr. 50 v. 7. Dezember, 10)

Schließlich zielte die auf Flämmchen gerichtete Aufmerksamkeit stetig auf die Broschüre „Wie heize ich richtig“. Diese wurde Anfang November durch die NS-Volkswohlfahrt an jeden zweiten Haushalt verteilt (auch um einen Austausch zwischen Nachbarn anzuregen) („Flämmchen“ spricht: „Mach’s so wie ich!“, Sächsische Volkszeitung 1940, Nr. 258 v. 2. November, 4). Für die ab und an angeführte Auflage von zwölf Millionen (etwa Reith, 2010, 66) habe ich zwar keine sicheren Nachweise finden können. Dennoch zielte Flämmchen, zielte die gesamte Kampagne auf häusliche Lektüre, auf den konkreten Vollzug des immer wieder angesprochenen richtigen Heizens: Das betraf etwa hinleitende Rundfunkvorträge und -interviews, Hörspiele und Einspieler, vereinzelte Fernsehsendungen, Diapositive in den Kinos, populäre Kurzfilmserien wie „Tran und Helle“ und auch Klischees und Matern für Zeitungen und Zeitschriften (Ruban, 1942, 33).

Bei Analyse der Eckpunkte der Flämmchen-Kampagne dürfen zwei Punkte allerdings nicht vergessen werden – und das teilt sie mit praktisch allen Kampagnen für Energiesparen. Erstens sind die Expertenratschläge keineswegs so sakrosankt, wie sie durch autorative Kampagnen erscheinen. Aus heutiger Sicht erscheinen insbesondere die damaligen Regeln für das Lüften recht fraglich. Experten haben eigene Wahrheiten, eigene Interessen. Ihnen blindlings zu folgen mag vielfach Sinn machen, doch kritische Distanz ist stets erforderlich, gibt es vielfach doch nicht den nur einen richtigen Weg. Zweitens sind Kampagnen dieser Art immer auch Umlenkungen, verzerren Kausalitäten, die Ursachen für die scheinbar erforderliche Sparsamkeit. Folgte man Flämmchen, so waren nicht der NS-Staat, die kartellierte Kohlenindustrie, die Rationierungspolitik und die Folgen der Angriffskriege Anlass für die Kohlenkalamität, sondern der unangemessene Umgang mit den Brennstoffen in Haushalt (und Gewerbe). Grundsätzlich sinnvolle Ratschläge haben daher immer auch eine ideologische Komponente.

Flämmchen im Kontext der nationalsozialistischen Konsumpolitik

Derartig bewusste Verengungen der Blicke gelten jedoch nicht nur für die Konsumlenkung oder die Werbung. Sie gelten auch für wissenschaftliche Beiträge. Die Darstellung der Kampagne allein ist eben unterkomplex. Daher will ich drei zusätzliche Aspekte näher beleuchten, ohne die die Flämmchen-Kampagne nicht recht zu verstehen ist. Sie ist erstens in die NS-Konsumpolitik einzubetten, zweitens in die Arbeit des RVA zu integrieren und drittens gilt es sich vertieft mit der Figur des Flämmchens auseinanderzusetzen. Wenn sie eine engere Perspektive bevorzugen, so können Sie auch direkt mit der Analyse der Flämmchen-Broschüre fortfahren.

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Konsumtraum Auto – über den Volkswagen hinaus (Völkischer Beobachter 1939, Nr. 204 v. 23. Juli, 12)

Die NS-Zeit erscheint im Nachhinein zu Recht als eine Periode zunehmender materieller Not, zunehmender Gängelung im Konsumsektor. Doch sie war zugleich auch eine der überwundenen Not der Weltwirtschaftskrise, einer wachsender Prosperität. Radios wurden Alltagsgegenstände, Urlaub weitete die Horizonte, das Kino zeigte Unterhaltung und die Welt, neben Motorräder traten Automobile (so schon Hans-Ulrich Thamer, Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Berlin-West 1986, 498-514). Es gab das Ideal eines Lebens in Fülle, einer prosperierenden Konsumgesellschaft. Das Alltagsleben würde einfacher werden, die Arbeit belohnt, man würde die USA einholen, zugleich aber würden alle willig Arbeitenden am Wohlstand teilhaben.

In der Forschung wurde immer wieder auf das ambivalente Vorbild der USA verwiesen, zugleich auf die Brüchigkeit der konsumtiven Versprechungen angesichts der von Beginn an laufenden Kampagnen zur Regulierung des Konsums, etwa bei Tabak und Alkohol, beim Weißbrot und bei Auslandsware. Das mag eine gewisse Berechtigung haben: Doch einerseits sind moralische Regulierungen integraler Bestandteil jeder Konsumgesellschaft, und zum anderen war das konsumtive Vorbild der USA angesichts der Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise für die meisten Deutschen kaum mehr ein Vorbild. US-Firmen und amerikanische Werbeformen scheiterten im Deutschen Reich seit den späten 1920er Jahren vielfach, waren doch die Absatzmärkte anders strukturiert, waren die Vorstellungen guter Ware, preiswerter und gefälliger Produkte deutlich andere, folgten vor allem Händler und Produzenten anderen Idealen als in den vielfach fordistischen USA (vgl. hierzu Uwe Spiekermann, German-Style Consumer Engineering: Victor Vogt’s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann, Gary Cross und Ingo Köhler (Hg.), Consumer Engineering 1920s-1970s, Houndsmill und New York 2019, 117-145, insb. 128-132 sowie Versorgung in der Volksgemeinschaft). Das bedeutet nicht, die Attraktivität des US-Vorbildes zu negieren – man denke nur an das Blondieren vermeintlich arischer Frauen im Stile Hollywoods. Das bedeutet aber Abstand zu nehmen von unkundigen Aussagen über deutsche Konsumideale als treibende Kraft für Rassenkrieg und Holocaust. „Hinter jedem imaginären deutschen Rassenkrieger stand“ eben nicht! „eine imaginäre deutsche Hausfrau, die immer mehr wollte“ (Timothy Snyder, Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, Frankfurt a.M. 2017, 29). Die Konsumwünsche der Bevölkerung waren realistischer als die öffentlich immer wieder artikulierten Ideale.

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Konsumwünsche auch während des Krieges (Generalanzeiger für Bonn und Umgegend 1941, Nr. 16950 v. 2. Januar, 5)

Auch die Flämmchen-Kampagne war Teil einer die NS-Zeit prägenden Auseinandersetzung zwischen Staat, Wirtschaft und Konsumenten über Konsumverhalten und Konsumziele – selbst unter den restriktiven Bedingungen der Rationierungen, selbst in der von der konsumhistorischen Forschung zumeist ignorierten Energiewirtschaft (Wolfgang König, Geschichte der Konsumgesellschaft, Stuttgart 2000; Tim Schanetzky, Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich, München 2015). Konsum waren während der NS-Zeit immer auch mit Lenkungsabsichten gekoppelt (Claudius Torp, Wachstum, Sicherheit, Moral. Politische Legitimationen des Konsums im 20. Jahrhundert, Göttingen 2012, 65).

Das nationalsozialistische Konsummodell oszillierte eben nicht zwischen utopischer Fülle und den Härten eines regulierten Alltagskonsums, sondern war vom Eigensinn der Menschen im Rahmen immer restriktiver kapitalistischer Konsumgütermärkte geprägt. Sie wussten mit den Maßnahmen und Vorgaben der Regierung umzugehen, denn seit dem Ersten Weltkrieg hatten sie gelernt, dass Kampagnen zumeist inkonsequent durchgeführt wurden, dass der Lenkungseifer seine Grenzen hatte (Ebd., 68-69). Selbst der ideologische Überbau eines Völkerringens war aus den Debatten der Weltwirtschaftskrise wohlbekannt – doch er erhielt während des Zweiten Weltkrieges höhere Glaubwürdigkeit, denn nun ging es nicht mehr um Auslandsmärkte und Arbeitsplätze, sondern um Lebensraum und Träume von einem reichen, hegemonialen Herrenvolk. Sparsamkeitskampagnen wurden entsprechend akzeptiert und auch teils murrend befolgt, waren aber kein Bruch mit bestehenden Konsumidealen.

Dabei ging es, wie die Flämmchen-Kampagne unterstreicht, aber nicht allein um Expansion und Raub, sondern immer auch um die Nutzung von Möglichkeiten der deutschen Technik, der deutschen Volkswirtschaft: Holz und Kohle schienen konsumtiv zu wertvoll, um sie zu verbrennen: „Der wirtschaftliche Nutzen, der beim Heizen von Wohnungen, beim Kochen, Waschen und Baden erreicht wird, entspricht nicht dem wirklichen wirtschaftlichen Wert der beiden Güter, der auf anderem Wege der Gesamtwirtschaft des Volkes weit besser nutzbar gemacht werden kann“ (Sparsamkeit im Hausbrand, Derner Lokal-Anzeiger 1940, Nr. 260 v. 2. November, 4). Derartige Visionen alternativer konsumtiver Nutzungen der Brennstoffe finden sich später auch bei Erdöl und Erdgas, im Rahmen globaler Energiedebatten. Die national begrenzte Flämmchen-Kampagne entwickelte und propagierte stattdessen Vorstellungen einer Konsumgesellschaft aus deutschen Werkstoffen und deutscher Kraft. Kohle diente „zur Herstellung wichtiger Erzeugnisse der Industrie, wie von Benzin, Buna, Fetten, Arzneimitteln, Farben und verschiedenen Kunststoffen. Ebenso wertvoll ist natürlich auch das Holz, aus dem u. a. Kunstseide und Zellwolle, Papier, Zucker und sogar Alkohol hergestellt werden“ (Richtiges Heizen hilft Brennstoff sparen. „Flämmchen“ – der gute Geist von Herd und Ofen, General-Anzeiger. GDA 1940, Nr. 309 v. 8. November, 5). Einsparen bedeutete demnach größere Konsummöglichkeiten im Deutschen Reich just während des Krieges, nicht erst in einer lichten aber fernen Nachkriegszeit.

Der Flämmchen-Kampagne fehlte konsumtive Großsprecherei. Es ging um die Herstellung einer völkischen Effizienzgemeinschaft, die sich im Angesicht der Krise bewährte, die individuelle Bedürfnisse zurücknahm, um den Rüstungs- und Kriegsanstrengungen zu genügen. Das diente einer europäischen Vorrangstellung, doch es griff stärker noch real bestehende Sorgen vor dem kommenden Winter auf. Entsprechend verwies das imaginäre Flämmchen immer wieder auf Nachbarn, auf die helfenden Fachleute. Sie wurden als Leistungs- und Schicksalsgemeinschaft verstanden. Flämmchen wurde durch die ebenfalls imaginäre „kluge Nachbarin“ unterstützt, die dessen Heiz-Ratschläge schon seit langem praktizierte (Wir helfen alle zusammen, Kleine Volks-Zeitung 1941, Nr.. 19 v. 19. Januar, 13).

Im Rahmen der NS-Konsumpolitik war die Kampagne aber nicht nur ein Appell für Selbsthilfe, für Nachbarschaftshandeln. Sie war auch ein Beitrag zur Fortexistenz der Werbung während des Krieges. Diese war durchaus umstritten, unterminierten doch das Rationierungssystem, die Mangelversorgung und auch wachsende Papierknappheit (Holz!) das zuvor übliche Werben um den Käufer. Die zunehmende, schon vor dem Weltkrieg einsetzende Beschränkung der privatwirtschaftlichen Werbung würde jedoch Mangellagen nicht verdecken können, gäbe es doch eine staatlich nicht stillzustellende konsumtive Alltagswahrnehmung. Um den Käufer dann nicht zum „Meckerer“ und „Miesepeter“ mutieren zu lassen, sei es erforderlich „offen und ehrlich“ (Reinhold Krause, Die Wirtschaftswerbung im Kriege mit einem Ausblick auf die zukünftigen Werbeaufgaben, Wirtschaftswerbung 8, 1941, 392-394) über Engpässe und Einschränkungen zu kommunizieren. Das blieb Aufgabe der Privatwirtschaft, führte zugleich zum Bedeutungsgewinn von Kampagnen des RVA. Staatliche Rationierung erforderte Kommunikation nicht nur über das „Warum“ bestimmter Maßnahmen, sondern zugleich auch über Regeln für gemeinschaftskonformes Handeln (F.W. Schulze, Grundsätzliches zur Werbung im Kriege, Deutsche Handels-Rundschau 33, 1940, 493-494, hier 493).

Verbrauchslenkung während des Nationalsozialismus: Der Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung

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Emblem und Namenszug des RVA (Uwe Spiekermann)

Die Flämmchen-Kampagne wurde vom Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung durchgeführt, dem zentralem Akteur der nationalsozialistischen Verbrauchslenkung. Er ging aus dem Kuratorium deutscher Volkswirtschaftsdienst und dem Volkswirtschaftlichen Aufklärungsdienst im Reichsausschuß für volkswirtschaftliche Aufklärung GmbH hervor. Gegründet wurde er im März 1934 als GmbH mit einem Stammkapital von 21.000 RM in Berlin-Charlottenburg. Sein Zweck war anfangs die gemeinnützige „Förderung des Absatzes Deutscher Erzeugnisse und Leistungen, vor allem unter Berücksichtigung der deutschen Wertarbeit“ (Deutscher Reichsanzeiger 1934, Nr. 55 v. 6. März, 8). Als Geschäftsführer agierte Kurt Melcher (1881-1970), während der Weimarer Republik Polizeipräsident in Essen, nach dem „Preußenschlag“ bis Februar 1933 dann Polizeipräsident in Berlin. Während der NS-Zeit zeitweilig Oberpräsident und Mitglied des Preußischen Staatsrates war er politisch bestens vernetzt und nahm vielfältige Verwaltungsaufgaben im Rahmen der Zentralisierung von Staat und Wohlfahrtsverbänden wahr. Als Geschäftsführer wurde Melcher im Juni 1938 durch den früheren Kriegshelden und U-Boot-Kommandanten Heinrich Metzger ersetzt (Ebd., Nr. 146 v. 27. Juni, 13). Der dem Werberat der deutschen Wirtschaft und damit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellte RVA hatte zu dieser Zeit den Wirtschaftswerbedienst GmbH übernommen, ebenso die Aufgaben des Instituts für Deutsche Wirtschaftspropaganda. Heinrich Hunke (1902-2000), Präsident des Werberates, sah in ihm „eine schlagkräftige Einrichtung, die in der Überwindung von Mangellagen und bei der Einführung der neuen Werkstoffe eine rühmenswerte Leistung vollbrachte“ (Heinrich Hunke, Wandel und Gestalt der deutschen Wirtschaftswerbung in den letzten 70 Jahren, o.O. 1970 (Ms.), 19). Der RVA organisierte darüber hinaus zahlreiche Messen und Ausstellungen und unterstützte Firmen bei ihrer Exportwerbung. Bei alledem war er ein wichtiges Scharnier zwischen dem NS-Staat, der Wirtschaft, der Landwirtschaft und den Konsumenten. Typisch war die Kooperation, die „Gemeinschaftsarbeit“ mit zahllosen institutionalisierten Akteuren der NS-Zeit und die Nutzung praktisch aller existierenden Werbemittel (Alfred Heizel, Die volkswirtschaftliche Aufklärung als Staatsaufgabe. Der Reichsausschuß für volkswirtschaftliche Aufklärung, Werben und Verkaufen 26, 1942, 297-298; Matthias Rücker, Wirtschaftswerbung unter dem Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. et al. 2001, 266-272). Bis heute bekannt sind seine in teils siebenstelliger Zahl aufgelegten und ehedem für ein, zwei Groschen verkauften Broschüren zu allen Fragen der Ernährung und der Haushaltsführung (Nancy Reagin, Tischkultur: Food Choices, Cooking and Diet in Nazi Germany, in: Lisa Pine (Hg.), Life and Times in Nazi Germany, London et al. 2016, 21-47; Hans Ruban, Volkswirtschaftliche Aufklärung im Kriege, Wirtschaftswerbung 9, 1942, 33-34, hier 33).

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Eine bunte Palette: Schriftenreihe des RVA für die praktische Hausfrau, Hefte 1 bis 10, 1939-1940 (Uwe Spiekermann)

Der RVA verkörperte eine ständisch strukturierte Wirtschaft (Industrie, Handwerk, Großhandel, Einzelhandel, Konsumenten) mit klaren Aufgaben für alle Beteiligten. Dennoch war er keine typisch nationalsozialistische Institution. Reichsausschüsse entwickelten sich vielmehr im Gefolge der Rationalisierungsdebatten der 1920er Jahre. Wegweisend waren etwa der 1921 gegründete Reichsausschuß für Ernährungsforschung oder der 1926 eingerichtete Reichsausschuß zur Förderung des Milchverbrauchs, der spätere Reichsmilchausschuß. Die Palette entsprechender Institutionen war breit, man denke nur an die Reichsausschüsse für Technik und Landwirtschaft, für Hygienische Volksbelehrung, für Volksgesundheitsdienst, für Hauswirtschaft, für Leistungssteigerung, etc. Gemeinsam war ihnen die enge Kooperation von Experten mit Staat und Wirtschaft. Damit gewannen sie gesellschaftliche Leitfunktionen, konnte das Wissen der Experten hierarchisiert und den Laien, Patienten, Hausfrauen und Verbrauchern übergeordnet werden. Es ist kein Zufall, dass der RVA ohne größere Häutungen in den Bundesausschuß für volkswirtschaftliche Aufklärung überführt werden konnte.

Der Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung sah sich durchaus als Sachwalter des Konsumenten. Angesichts des auch in breiten Teilen der Wirtschaft akzeptierten Primates des Staates in der Volkswirtschaft bot er Hilfestellungen an, verdeutlichte die Zielsetzungen des NS-Staates, falls diese nicht bereits willig aufgegriffen wurden. Flämmchen und die dahinterstehende Kampagne standen in dieser Linie, denn sie versuchte nicht nur das Verhalten zu lenken, sondern auch die (geringen) Handlungsoptionen der Verbraucher zu optimieren.

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Populäre Comicfiguren für nationalsozialistisches Nudging: Groschengrab und Übeltöter (Zeitschrift für Gemeinschaftsverpflegung 10, 1939, 248 (l.); Der Erft-Bote 1940, Nr. 61 v. 26. März, 5)

Flämmchen stand in einer Reihe ähnlicher Kunstfiguren, ähnlicher Kampagnen, aus denen der „Kampf dem Verderb“ gewiss herausragte (Der Werberat der Deutschen Wirtschaft im Jahre 1940, Der Markenartikel 8, 1941, 185-186, 188-190, hier 185-186). Es handelte sich um mehrere durch die Hauptparole verbundene „Werbefeldzüge“, um die Hauswirtschaft zu rationalisieren, um Einkaufen, Zubereiten, Konservieren und Entsorgen zu verändern. Werte sollten erhalten, Wohlstand dadurch vermehrt werden. Die Maßnahmen wurden evaluiert, die Werbesprache und die eingesetzten Werbemittel entsprechend angepasst. All das war „modern“, mochte es auch auf Kriegsbefähigung und -vorbereitung zielen. Das galt auch für die verschiedenen Werbefiguren. Das im Juni 1938 eingeführte „Groschengrab“ machte die vielfältigen Gefahren sichtbar, die unbedachte Vorratswirtschaft mit sich brachte. Groschengrab nutzte sie mit kindlicher Wonne, war ein Raffer ohne Selbstdisziplin. Er verkörperte, wenngleich in drastisch überzeichneter Weise, die bösen Folgen der unterlassenen Tat. Richtig böse aber war das Ungeheuer nicht, bot gar manchem Gourmand unausgesprochene Identifikationschancen. Entsprechend wurden die ausklingenden Feldzüge von Kampf dem Verderb zudem mit einer anderen, prototypisch positiven Identifikationsfigur verbunden. Der Übeltöter war ein Macher, besiegte schuppdiwupp die zahllosen Fraßschädlinge, die Ernten vernichteten, Vorräte verschlangen, Wertgegenstände zerstörten (Kampf gegen die Schädlingsbande, Der Erft-Bote 1940, Nr. 82 v. 23. April, 6). Die Figur war jedoch nicht besonders ansprechend, auch ihr Name war nicht glücklich gewählt. Flämmchen war eine Fortentwicklung, war jedoch weder Raffer oder Macher, sondern ein Helfer.

Groschengrab, Übeltöter und Flämmchen sind allesamt Beispiele für die hohe Bedeutung von Zeichenfiguren und Bildgeschichten/Comics im Alltag der NS-Zeit – auch wenn die Forschung sich zumeist lieber auf die Adaption amerikanischer Vorbilder nach 1945 beschränkt (Bernd Dolle-Weinkauff, Brita Eckert und Sylvia Asmus, Comics made in Germany. 60 Jahre Comics aus Deutschland, 1947-2007, 2. durchges. Aufl., Wiesbaden 2008; ahistorisch: Oliver Näpel und Thomas Dahms, Comics, in: Felix Hinz und Andreas Körper (Hg.), Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte, Göttingen 2020, 138-166). Flämmen steht im Zusammenhang mit populären Serien wie E.O. Plauens „Vater und Sohn“ sowie zahlreichen dann auch zu Trickfilmen ausgeweiteten Geschichten, viele davon just im Felde der Werbung und der Verbrauchslenkung (Rolf Giesen und J. P. Storm, Animation Under the Swastika. A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945, Jefferson 2012). Das Genre reichte nicht nur in die Weimarer Republik zurück, vielmehr finden sich zahlreiche Comics und Zeichentrickfiguren in den Karikaturzeitschriften des Kaiserreichs. Gängige Werbefiguren der Markenartikelindustrie eiferten ihnen nach. Denken Sie nur an Salamanders Lurchi, den kleinen Coco oder den lustigen Fips von van den Bergh – oder mehrere Anzeigenserien von Wybert oder Schwarzkopf in den späten 1930er Jahren. Flämmchen war ein kurzfristig genutztes Kunstprodukt, doch es stand in einer langen Reihe moderner Werbemittel. Es diente kostenbewusstem und sparsamem Heizen, war nicht nur Ausdruck einer Reichsspargemeinschaft, sondern Bestandteil einer Konsumgesellschaft des reflektierten Verzichts, der situationsbedingten Konsumzurückhaltung.

Das Flämmchen: Mehr als ein netter Kobold

Flämmchen war zugleich nicht eine beliebig hingeworfene Comicfigur, sondern verkörperte einen lang zurückreichenden und alltagsbegleitenden Mythos, verkoppelte die Naturkraft der Sonne mit der des menschlich gestalteten Feuers. Die Faszination des Kunstlichtes spiegelte sich seit dem späten 19. Jahrhundert in den zahllosen Darstellungen der Elektrizität, seine gleißende Helligkeit den Fortschritt der Menschheit. Licht wurde bei öffentlichen Veranstaltungen und zunehmend auch in der politischen Selbstdarstellung genutzt. Die Machtzulassung der NSDAP wurde mit einem Fackelzug gefeiert, die Lichtdome der Reichsparteitage verkörperten Größe und Machtanspruch. Nicht vergessen werden sollte allerdings, dass entsprechende Lichtinszenierungen nicht nur in der Schaufenstergestaltung oder der Städtewerbung (Berlin im Licht 1928) vorweggenommen wurden, sondern auch die Verfassungstage der Weimarer Republik prägten.

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Fackelzug auf dem NSDAP-Reichsparteitag 1935 – Lichtdom beim NSDAP-Reichsparteitag 1937 (Duisburger General-Anzeiger 1935, Nr. 251 v. 14. September, 1 (l.); Das Deutsche Mädel 1937, Nr. 10, 6)

Licht stand für Modernität und die Herrschaft über die Natur, band den Menschen aber zugleich eng an die Kräfte der Natur. Feuer war ein Grundelement der Humoralpathologie. Feuergeister erschienen nicht nur im Märchen, sondern verkörperten bis in die frühe Neuzeit im Element Feuer lebende Elementargeister. Feuer und Licht wurden im 19. Jahrhundert materialisiert, doch ein überschüssiger Bedeutungsgehalt blieb weiter präsent. Bis heute brennen wir für etwas, stehen unter Feuer, sind Feuer und Flamme für bestimmte Ziele.

Während der NS-Zeit kam es zu einer bewussten Revitalisierung dieser mythischen Grundlagen von Feuer und Licht. Das entsprach den überindividuellen und deterministischen Elementen der NS-Ideologie. Ewige Gesetze der Natur walteten hier, die Menschen waren deren Vollstrecker. Immer wieder beschworen wurde die Vorsehung, ebenso die „Eigengesetzlichkeit“ von Entwicklungen (P[aul] Kecskemeti und N[athan] Leites, Some Psychological Hypotheses in Nazi Germany, Washington 1945, insb. Kapitel 2). Krieg war demnach Schicksal, die Deutschen Teil einer Schicksalsgemeinschaft.

Derartiges Denken war nicht geduldete Esoterik, sondern Teil des Alltagslebens. Der Einzelne war eingebettet in das Walten der Zeiten, in Werden und Vergehen, die Stoffwechselmodelle der organischen Chemie des 19. Jahrhunderts entfalteten dabei paradox-sinngebende Deutungsmacht. Hans von Hülsens (1890-1968) Gedicht „Ewig Silvester!“ gibt davon eine Idee: „Das Alte / geht und das Neue beginnt. / Während ich mählich erkalte, / Reckt sich zur Flamme mein Kind. / Wachse, Flämmchen, und glühe! / Einst, wenn mein Tag mir verschwelt, / Weckt mich zu neuer Frühe / Seele, die dich beseelt. / Sei das Alte geleugnet, / Wo es im Kreislauf verfließt! / Da uns das Neue begegnet, / Sei es in Ehrfurcht begrüßt!“ (Das Kleine Volksblatt 1940, Nr. 361 v. 29. Dezember, 11)

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Feuergeister in einer Kindergeschichte (Der kleine Coco 9, 1926, 131)

Das Flämmchen verkörperte einen Bezug zum ewigen Walten der Natur, dem sich der Mensch anzupassen hatte, gegen den Revolte unsinnig zu sein schien. Flämmchen waren gleichwohl menschlich eingehegt, seine rot-gelbe Zeichnung spiegelte die gebende Natur, die Transformation von Sonne und Feuer in Wärme und Behaglichkeit. Die Flämmchen-Kampagne spielte mit derart mythischen Elementen. Der Ofen, die Heizung, sie waren „Feuerstätten“. Kohle und Holz enthielten mehr als einfache Kohlenstoffverbindungen mit Heizwert: „Die alte Generation der Steinkohle ist aus versunkenen Urwäldern grauer Vorzeit entstanden. Druck und Hitze im Erdinneren verwandelten sie in Kohle.“ „Deutschlands Wälder“ standen ohnehin für sich, Eichenhaine verwiesen zurück in vermeintlich germanische Zeiten (Heute etwas für jede Leserin!, Der Landbote 1940, Nr. 300 v. 7. Dezember, 17). Die freundliche Farbigkeit des Flämmchens war aber nicht nur anheimelnd, sondern auch Aufgabe. Richtiges Heizen verhinderte den Übergang zur bläulich-fahlen Flamme, zum absterbenden Flämmchen, zu Kälte und Tod.

Die Kunstfigur des Flämmchens entsprach zugleich einem modernen Denken, das politischen und wirtschaftlichen Kampf visualisierte, mit Bildern eng verband. Wie Flämmchen mussten sie ansprechend, aber nicht gar zu konkret sein. Sie mussten für etwas Allgemeineres, Größeres stehen, diesem Kontur verleihen. Ihre fehlende Klarheit gab zugleich Raum für die erforderliche Eigeninitiative, um so nicht unbedingt „dem Führer“ entgegenzuarbeiten, wohl aber die Zielsetzungen des Regimes mit den eigenen zu verschmelzen. Flämmchen war damit eine freundlich-possierliche Variante eines ideologischen Denkens, das den Krieg der Rassen, Völker und Individuen naturalisierte und damit legitimierte.

Flämmchen blieb dennoch eine ambivalente Figur. Goethes Deutung der Flämmchen als Sinnbilder genial-überirdischer Kräfte erinnerte nicht nur an stetes Werden, sondern an die Ausbildung genialischer Kräfte in jedem Menschen. Bei Friedrich Hölderlin (1770-1843) stand das „Flämmchen des Lebens“ für Achtung, Wertschätzung und Muße. Das Flämmchen umgriff den Funkensprung zwischen Menschen, verkörperte Sehnsucht und Begehren. Friedrich Nietzsche (1844-1900) dichtete bacchantisch: „Ueberallhin, wo ein Flämmchen / Für mich glüht, lauf ich, ein Lämmchen, / Meinen Weg Sehnsüchtiglich“ (Idyllen aus Messina, Internationale Monatsschrift 1, 1882, 269-275, hier 270). Das Flämmchen entwickelte sich angesichts der wachsenden Profanisierung des Weihnachtsfestes aber auch als Symbol für Geborgenheit und Frieden. Joachim Ringelnatz (1883-1934) hat dies in „Vorfreude auf Weihnachten“ berührend festgehalten: „Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht, / Dann blüht er Flämmchen. Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt / uns milde. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. – / Wer nicht mehr Flämmchen hat, dem nur noch Fünkchen glimmt, / Wird dann doch gütig lächeln. / Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes / Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! – / Uns alle Kinder fühlen eines Baumes. / Wie es sein soll, wie’s allen einmal war“ (Kunst und Wissen 1943, Dezember-Nr., 9).

Wie heize ich richtig? Eine Broschüre für Millionen

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Flämmchen-Werbung als Einstieg zur vertiefenden Lektüre (Sächsische Volkszeitung 1940, Nr. 257 v. 1. November, 4)

Flämmchen wurde – ein valider Beleg fehlt – in ca. 10.000 Anzeigen beworben (Uwe Westphal, Werbung im Dritten Reich, Berlin 1989, 144). Objektiv wohl wichtiger war die darin immer wieder angepriesene kleine, farbig-illustrierte 16-seitige Broschüre „‚Flämmchen‘ antwortet auf die Frage: Wie heize ich richtig?“. Bis zu 12 Millionen Exemplare wurden davon kostenlos verteilt, gedruckt vom Hausverlag des RVA, dem Verlag für Volkswirtschaftliche Aufklärung – Dr. Tautenhahn KG, Berlin. Diese Zahl ist nicht gesichert. Selbst in Metropolen wie Wien gelang keine flächendeckende Verbreitung. Noch im Februar hieß es: „Alle Hausfrauen und alle mit dem Heizen beschäftigten Personen sollten sich rasch das Heft ‚Wie heize ich richtig?‘ zu ihrem eigenen Nutzen beschaffen“ (Die Muskete 36, 1941, Nr. 2, 36).

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Richtig Heizen mit Flämmchen (Wie heize ich richtig?, hg. v. Reichsausschuß für Volkswirtschaftliche Aufklärung in Zusammenarbeit mit dem Reichskohlekommissar, der Reichsarbeitsgemeinschaft Holz E.V. und der Reichsarbeitsgemeinschaft Schadenverhütung, Berlin 1940, 1)

Die Broschüre zielte erst einmal darauf, zwischen Flämmchen und der als Hausfrau erscheinenden Adressatin eine quasi-persönliche Beziehung herzustellen. Flämmchen klopfte an der Tür, sagte brav bitte, das vertrauliche Du wurde groß geschrieben: „Ich bin ein guter Hausgeist und will Dir zeigen, wie Du mit Deinem Hausbrand so sparsam und wirtschaftlich umgehen kannst, daß Du mit dem zugeteilten Vorrat sicher ausreichen wirst.“ Es folgten Informationen zu den Brennstoffen, der Bezug zum Bergmann unter Tage und deutscher Großtechnik im Tagebau wurde ebenso geknüpft wie der zum emsigen Torfstecher und den mit Axt und Säge ausgerüsteten Holzfällern. So wurde die Arbeit geadelt, dann aber deren Ertrag vorgestellt. Eine ganze Brennstoff-Familie erschien, die Segnungen des deutschen Bodens, die Hinterlassenschaften der Jahrmillionen, der Jahrtausende. Derart eingestimmt ging es dann an die oben schon angerissenen acht Grundregeln für richtiges Heizen. Sie wurden doppelt vorgestellt, einerseits in klarer, einfacher Sprache, anderseits in mehr oder minder eingängigen Reimen. Lauschen wir des Flämmchens Poesie: „1. Kannst mit Brennstoff sparsam sein, / Hältst Du Herd und Ofen rein. 2. Zum Feuermachen nimm Holz und Papier, / Auch gute Zündmittel helfen dir! 3. Gib richtig Luft mit Maß und Ziel, / Du sparst damit an Brennstoff viel! 4. Die freie Stelle auf dem Rost / Dich eine Menge Brennstoff kost‘. 5. Die Kohle brennt oft nicht ganz aus, / Drum such sie aus der Asche raus! 6. Hör auf mit Feuern früh genug, / Du merkst es bald im Wirtschaftsbuch! 7. Ein stumpfes Messer taugt nicht recht. / Kranke Öfen heizen schlecht! 8. Abfälle gib der Schweinemast, / Dem Ofen sind sie nur zur Last!“ (Heute etwas für jede Leserin!, Der Landbote 1940, Nr. 300 v. 7. Dezember, 17).

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In Zwiesprache mit dem kundig-prüfenden Hausgeist (Wie heize ich richtig?, 7, 10)

Während diese Regeln im Mittelpunkt auch der Presseartikel standen, blieb der folgende Teil über „Herd und Ofen“ fast gänzlich der Broschüre vorbehalten. Er enthielt sachlich-ansprechende Zeichnungen von Küchenherden, Kachelöfen und gängigen Brennöfen, ging auch auf andere Wärmequellen ein, auf Waschkessel, Futterdämpfer und Boiler. Während die Regeln auf die Praxis des Heizens, vor allem auf die Belegung und Handhabung der Roste verwiesen, erlaubten die herausgehobenen Kontrollpunkte eine gezielte Kontrolle der heimischer Heizinfrastruktur.

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Kontrollpunkte für die optimale Funktion gängiger Öfen (Wie heize ich richtig, 13)

Die Broschüre endete mit groben Anregungen für die Abdichtung des Hauses, also für eine den jeweiligen Wohnverhältnissen angepasste Prävention. Die Broschüre war positiv gehalten, enthielt keine Drohungen oder Warnungen. Flämmchen kam freundlich daher, wollte erst einmal helfen. Dass dahinter aber Nachdruck stand, wusste jeder Adressat selbst, denn es waren Durchschnittsmengen für das täglich vorhandene Heizmaterial enthalten, und der Verweis auf die zugewiesenen Mengen machte aus der Anregung faktisch eine Verpflichtung. Flämmchen riet, doch wer nicht auskam, der musste etwas falsch gemacht haben, konnte nicht auf zusätzliche Lieferungen rechnen. Auch der Winter 1939/40 war unausgesprochen präsent, wurde doch von einer sechs bis siebenmonatige Winterperiode ausgegangen.

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Das Haus als Wärmefestung: Lage der beheizten Zimmer und Abdichtung der Fenster (Wie heize ich richtig, 14, 15)

Am Ende stand der kurze, aber wichtige Verweis auf weitere Helfer, abseits von Flämmchen, den Nachbarn und der eigenen Willigkeit und Arbeit. Freunde und Helfer gab es auch abseits der Polizei, nämlich beim Reichsnährstand und dem Deutschen Frauenwerk, dem Kohlensyndikat und den Kohlenhändlern. Den Reigen ergänzten Schornsteinfeger, Töpfer und Ofensetzer, schließlich die Reichsarbeitsgemeinschaft Holz, der Ausschuß für Technik der Forstwirtschaft und der Technische Beirat des Reichsforstmeisters: You’ll never walk alone…

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Flämmchen als vermeintliches Überich der Volksgemeinschaft (Wie heize ich richtig?, 16)

Am Ende verabschiedete sich der freundliche Hausgeist von seiner Gastgeberin, dankte für die Aufmerksamkeit, unterstrich nochmals die Nützlichkeit seiner Ausführungen und bat um Verbreitung seiner Botschaft auch bei Bekannten und Freunden. Das taten auch die Tageszeitungen, die immer wieder Auszüge verbreiteten (Heizen im Vorwinter, Rheinisches Volksblatt 1940, Nr. 274 v. 20. November, 5).

Die Broschüre blieb auch in den Folgemonaten des Winters ein steter Bezugspunkt, zumal sie erlaubte, Kritik an vermeintlich unzureichender Brennstoffversorgung abzuwehren: „Wie richtig gefeuert und geheizt wird, das kann jede Hausfrau in dem aufschlußreichen Heft, in dem das ‚Flämmchen‘ seine Ratschläge gibt, nachlesen“ (Dresdner Neueste Nachrichten 1941, Nr. 23 v. 28. Januar, 4). Das galt ebenfalls für die damit verbundenen Härten, etwa die verpflichtenden Reduktion der Raumtemperaturen auf 18 °C in behördlichen Diensträumen. Dies war zu ertragen und ansonsten galt: „Im Rahmen der Maßnahmen zur Kohlenersparnis sollen die mit der Bedienung der Öfen betrauten Personen an Hand der Schrift ‚Wie heize ich richtig‘ aufgeklärt werden“ (Salzburger Volksblatt 1941, Nr. 35 v. 11. Februar, 5).

Nur ein Auftakt: Energiesparen mit Kohlenklau & Co.

Die Flämmchen-Kampagne erlaubte eine recht konfliktfreie Bewältigung des Winters 1940/41. Sie etablierte Routinen häuslicher Pflichten und eine Kultur der Sparsamkeit unter Kriegsbedingungen. Die Härten der überdurchschnittlich kühlen Winter erlaubten zudem – ebenso wie etwa beim Scheitern des völlig unzureichend ausgestatteten Angriffs der Wehrmacht auf Moskau – eine Naturalisierung des Geschehens. Gegen General Winter kämpften selbst Heroen vergeblich. Heroisch aber sollte man auch 1941/42 an der Heimatfront gegen die Kälte ankämpfen – langsam verringerten Brennstoffzuweisungen zum Trotz.

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Der Kampf am Herd – gewonnen von der aufmerksamen Hausfrau und der wieder hervorgeholten Kochkiste (Kleine Volks-Zeitung 1941, Nr. 19 v. 19. Januar, 13 (l.); Ernährungs-Dienst 26, 1940, 21)

In der Zwischenzeit liefen die DAF-Schulungen „Heize richtig“ weiter, bis Ende 1942 betrug ihre Zahl offiziell 150.000 (Heize mit Kohlen und – mit Hirn, Straßburger Neueste Nachrichten 1942, Nr. 346 v. 15. Dezember, 5). In den Haushalten setzte man weiter auf die bewährten Flämmchen-Ratschläge, auch die im Ersten Weltkrieg hochgelobte Kochkiste kam wieder zu Ehren. Letztlich aber konnte die Kälte nur gemildert werden, entwickelte sich ein duldender, zunehmend auch sarkastischer Umgang mit dem saisonal vorhersehbaren Geschehen. Die öffentlichen Appelle wurden zugleich strikter: „Kohle ist der Schlüssel zum Sieg, ein jeder denke daran!“ (Der Führer 1942, Nr. 318 v. 17. November, 4)

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Schlüpfrige Träume im kalten Winter: Heizbare Unterwäsche als Alltagstraum (Illustrierter Beobachter 16, 1941, Nr. 44, s.p.)

Ende 1942, angesichts zunehmender Versorgungsprobleme und der absehbaren militärischen Katastrophe in Stalingrad, lancierte der RVA dann mit Kohlenklau eine ganz andere Zeichentrickfigur, mit der Sparsamkeit bei Energie und allen kriegswichtigen Ressourcen eingefordert und deren ubiquitäre Präsenz mit zweistelligen Millionensummen gefördert wurde. Dieses „Ungeheuer mit dem zugekniffenen Auge, dem gewaltigen Schnauzbart, großem Sack und bedrohlichen Krallen“ (Straßburger Neueste Nachrichten. Kreis Schlettstedt 1943, Nr. 94 v. 18. Juni, 6) war kein Helfer, sondern visualisierte einen Feind. Sein später eingeführtes positives Pendant, der rührige Knobelmann, blieb dagegen unbeachtet, so wie viele weitere gegen Kriegsende entwickelte Kunstfiguren. Auch an Flämmchen erinnerte man sich nach Ende des NS-Regimes kaum mehr, mochten weiter zahlreiche Ratgeber für richtiges Heizen auch an die Ratschläge von 1940 anknüpfen (Walter Schulze und Heinz Weidmann, Wie heize ich richtig?, Leipzig 1962). Kohlenklau ist dagegen bis heute begrifflich bekannt – auch aufgrund der teilweisen Umdeutung der Figur in der Energiekrise der unmittelbaren Nachkriegszeit, als das Klauen von Kohle und Holz allseits gebilligt, allseits praktiziert wurde.

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Kurz vor Kriegsende: Kohlenklau trifft ein anderes Flämmchen – und richtig Heizen wird zur Pflicht (Pforzheimer Anzeiger 1945, Nr. 21 v. 25. Januar, 4 (l.); Der Führer 1944, Nr. 176 v. 28. Juni, 3)

Sie werden, verehrter Leser, verehrte Leserin, sich gewiss ihren eigenen Reim auf diese scheinbar harmlose Episode nationalsozialistischer Propaganda machen können. Das gilt für ihre analytische Einbettung in die Zeit, gilt aber auch für vergleichende Analysen bis in die Gegenwart. Die in der Flämmchen-Kampagne nicht unmittelbar angesprochenen nationalsozialistischen Imperative von Kriegsführung, Hegemonialstreben und damit verbundenen Wirtschaftsinteressen sind letztlich am britischen, US-amerikanischen und in erster Linie sowjetischen Widerstand zerbrochen. Wer im Rahmen des laufenden Krieges zwischen der angegriffenen Ukraine, ihren westlichen Unterstützern und dem keineswegs isolierten Russland „siegen“ wird, ist gegenwärtig unklar. Sicher aber ist, dass die breite Mehrzahl aller Bevölkerungen zu den Verlierern gehören wird, wenn allseits Kriegsbegeisterung herrscht und die Unfähigkeit zum Frieden dominiert.

Uwe Spiekermann, 15. Oktober 2022

Schaufenster und Schaufensterwerbung im langen 19. Jahrhundert

Werbung ist in den letzten Jahrzehnten zu einem bedeutenden Thema der internationalen Sozial­ und Wirtschaftsgeschichte geworden. [1] Neue, publikumswirksame Themen konnten so erschlossen werden und zugleich begann man, sich mit den Konturen der modernen Konsumgesellschaft auseinanderzusetzen. Doch die wachsende Zahl einschlägiger Publikationen kann nicht verdecken, dass es gerade in Deutschland an Grundlagenforschung mangelt. Werbung kann angemessen nur im Kontext von Konsum, Kleinhandel und Konsumgüterproduktion verstanden werden – und hier sind valide Studien dünn gesät. [2] Noch weniger wissen wir über die neu entstehende Objektwelt des 19. Jahrhunderts. Welche Waren beworben und gekauft wurden, an welchen Orten man sie erstand und in welchem Rahmen man sie sah – solche einfachen Fragen sind für die deutschen Lande kaum zu beantworten. Wir sollten sie uns jedoch stellen, hat doch nicht nur der Pariser Anthropologe Bruno Latour auf die grundlegende Bedeutung solcher Objekte für das Verständnis der Moderne hingewiesen. [3]

Eine der zentralen Innovationen der frühen Konsumgesellschaft war das Schaufenster. Dahinter wurden die Waren präsentiert und so ein Kunstraum des Käuflichen geschaffen. Doch wie so viele andere Objekte wirkte es erst in einem Gesamtensemble: „Schaufenster wurden zu den urbanen Attraktionen, sie bildeten die Anziehungspunkte der Straße, wirkten wie Magneten, die die Menschenströme in ihren Bann zogen.“ Die Schaulust des Publikums und der Zeigestolz der Händler und Produzenten trafen sich an einem gemeinsamen Ort. Hier fand die Ware zu sich selbst: „Losgelöst aus der Sphäre unmittelbaren Konsums, erschien die Ware dort im verglasten Kunstraum als Objekt, das nicht mehr wegen seines Gebrauchs- und Tauschwertes, sondern scheinbar nur um seiner selbst willen interessierte: Das Objekt will nicht benutzt und nicht gekauft, sondern betrachtet und bestaunt werden. Das Schaufenster ermöglicht die ästhetische Epiphanie der Ware.“ [4] Das Schaufenster verwandelte die schnell wachsenden Städte in Stätten von Zeichen und Bedeutungen und stand damit am Beginn eines modernen Lebensstils, unseres Lebensstils.

Derartig allgemeine Charakterisierungen findet man häufig, selten aber klare Entwicklungslinien, Periodisierungen oder gar Versuche, diese empirisch zu belegen. [5] Darum wird es im Folgenden gehen. Grundsätzlich lassen sich vier Entwicklungsstadien des Schaufensters und der Schaufensterwerbung in deutschen Städten des 19. Jahrhunderts nachzeichnen, die auch den folgenden Beitrag untergliedern: War das Schaufenster erstens bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts lediglich Repräsentationsmittel weniger Luxuswarengeschäfte, so setzte es sich zweitens bis in die 1870er Jahre in den Großstädten des Deutschen Reiches allgemein durch. Danach veränderten sich drittens sowohl das Schaufenster als auch die Dekorationsweise grundlegend. „Glaspaläste“ und „Schaufensterkunst“ fanden um die Jahrhundertwende ihren Höhe- und Wendepunkt. Denn seitdem weitete sich viertens die Werbesphäre in den Laden hinein und wurde zum Vorbild der allgemeinen Warenpräsentation. All dies hatte eine hohe Bedeutung nicht nur für die Geschichte von Werbung, sondern auch für Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschen Reiches.

Das Schaufenster vor dem Durchbruch zur Konsumgesellschaft

Das Schaufenster ist ohne einen Laden nicht denkbar. Doch der Laden, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht, hatte anfangs keine Schaufenster. [6] Seine Vorform bildete die Bude, ein fester Marktstand, der Verkäufer und Waren vor den Unbilden der Witterung schützte. Die Vorderseite bestand zumeist aus zwei hölzernen Läden, von denen der eine hoch­ und der andere heruntergeklappt wurde: Zwei Läden machten einen Laden. Dergestalt besaßen die Budenhändler einen Verkaufstisch, auf dem ein Teil der Ware ausgelegt werden konnte, sowie Käufer und Verkäufer einen begrenzten Schutz gegen Sonne und vor allem Regen. Der einfache Holzladen verband den freien Zugang zur Ware am Tage und angemessene Sicherheit des Nachts.

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Kaufladen in der frühen Neuzeit (Vorwärts! Magazin für Kaufleute NF 3, 1862, 87)

Sein Prinzip wurde auch beibehalten, als sich der Verkauf mehr und mehr in Häuser verlagerte. Hier konnten die Händler größere Warenmengen lagern, konnten Handwerker Produktion und Verkauf miteinander verbinden. Der Käufer aber blieb noch außerhalb, er betrachtete das Angebot vom öffentlichen Raum der Straße. Dieses Prinzip blieb in deutschen Landen – anders als in Frankreich, Großbritannien und Österreich – bis ins späte 18. Jahrhundert bestehen. Die seit dem 16. Jahrhundert grundsätzlich vorhandenen Butzenscheibenfenster dienten der Beleuchtung des Innenraums, nicht der Schaustellung der Ware. [7] Für kommerzielle Zwecke waren sie zu klein und ermöglichten nur einen verzerrten Blick auch auf dicht hinter der Scheibe aufgestellte Produkte. Das galt ebenso für Schiebefenster und aushängbare Fenster. Auch als 1688 vom Franzosen Louis Lucas de Néhou (?-1728) entwickelte Verfahren für die Herstellung gewalzten Gussglases blieb für den Kleinhandel im deutschen Sprachraum recht folgenlos. Allerdings erlaubten die bis zu 2 x 1,20 Meter großen Coulage-­Scheiben, anders als die mundgeblasenen und stets auch welligen Fensterscheiben, einen ziemlich klaren und kaum verzerrten Blick auf die Waren.

Die lange Dauer zwischen der Erfindung und der allgemeinen Verwendung dieser ersten Schaufensterscheiben resultierte denn auch nicht allein aus dem hohen Preis, schließlich wurden Spiegelscheiben schnell ein markantes Kennzeichen adeliger Repräsentationsarchitektur. Vielmehr benötigten die gehobenen Verkaufsläden des späten 17. Jahrhunderts, die Schaufenster durchaus hätten bezahlen können, noch keine öffentliche Warenschaustellung. Die Ansprüche des Adels waren exklusiv, sie wurden direkt geäußert und direkt befriedigt. Die Situation änderte sich erst mit dem Aufkommen einer zahlungskräftigen bürgerlichen Klientel. Sie schuf eine neue politische, zugleich aber auch kommerzielle Öffentlichkeit. Entsprechend waren es britische und französische Luxuswarengeschäfte, die zuerst Gussglasscheiben einsetzen. In Deutschland lassen sich entsprechende Läden zwar 1725 in Würzburg oder auch 1740 in Augsburg nachweisen, doch blieben diese seltene Ausnahmen. [8] Allgemeinere Verbreitung fanden Gussglasscheiben erst im frühen 19. Jahrhundert. [9]

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Verglaste Außenwände einer Kunst- und Musikalienhandlung in Hamburg um 1835 (W[ilhelm] Melhop, Alt-Hamburgische Bauweise, 2. neubearb. Aufl., Hamburg 1925, 322)

Dennoch machte die Schaustellung der Ware in deutschen Städten auch im 18. Jahrhundert Fortschritte. Innerhalb des Ladens kamen Schautische auf, die im Verkaufsraum standen. Besonders größere Läden mit Flügeltüren lockten so die Käufer in die Läden. Die Tische, auf denen stets wertvollere Waren ausgelegt wurden, übernahmen die Funktion des unteren Klappladens. Sie standen meist inmitten des Raumes, wiesen so zurück auf ihre präsentistische Funktion. Die Kunst der Warendarbietung entstand innerhalb des Verkaufsraumes. Die Ladenfassaden wurden dagegen noch durch Firmenschilder beherrscht, auf deren Reiz- und Informationskraft die meisten Händler vertrauten. [10] Die Ware lockte erst im Inneren des Ladens. Die Luxuswarengeschäfte schufen zwar Räume für den Konsum bürgerlicher Schichten, doch grenzten sie zugleich die kaum zahlungsfähige Mehrheit der Bevölkerung aus. Die Verkaufsräume betrat nur derjenige, der sich die teuren Textilien, Einrichtungsgegenstande und Apparate leisten konnte. Dem entsprach ein informeller Kaufzwang.

Die Durchsetzung des Schaufensters in deutschen Städten (ca. 1835 bis 1870)

Entscheidend für die wachsende Bedeutung des Schaufensters sollte der quantitative Aufschwung des Kleinhandels werden. Dieser lag in den 1830er Jahren, steht in seiner Bedeutung kam hinter der so einseitig gedeuteten „Industrialisierung“. [11] Diese wird fast durchweg verengt auf die Veränderungen im Produktionssektor. Die vielfaltigen Überlappungen zwischen Produktion und Absatz, die damals überproportional wachsende Zahl leistungsfähiger Handelsbetriebe und der Zwang, die im Produktionssektor arbeitenden Personen auch versorgen zu müssen, werden von bequem zusammengeschriebenen Handbüchern in der Regel nicht beachtet. Angesichts eines vielerorts noch gebundenen Gewerberechtes verortet man den nachhaltigen Aufschwung des Kleinhandels – und damit eine Konsumgesellschaft – erst in die 1870er, teils gar erst in die 1890er Jahre. [12] Das hängt eng mit der irreführenden Vorstellung einer „Warenhausgesellschaft“ zusammen. Erst diese scheinbar neuartigen Läden hätten, so die gängige These, die für Absatz, Werbung und Schaufenstergestaltung entscheidenden Maßstäbe gesetzt. [13] Blickt man jedoch auf lange vorher einsetzenden Veränderungen im Kleinhandel, so muss man dies revidieren: „Sollte je der Handel besser in der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung aufgearbeitet werden, wird wohl auch die Geschichte der Werbung in ihrer Anlaufphase neu periodisiert werden müssen.“ [14] Und zugleich erscheint die deutsche Stadt schon deutlich früher als Ort der Warenpräsentation und des demonstrativen Einkaufens.

Seit den späten 1830er Jahren nahm der Absatz von Konsumgütern in Läden mittlerer und kleinerer Händler in deutschen Landen stark zu. Wurden in Preußen beispielsweise 1837 21.782 Kaufleute mit offenen Verkaufsstellen gezählt, so hatte sich deren Zahl bis 1858 auf 48.625 erhöht. Relativ zum Bevölkerungswachstum nahm die Zahl dieser Gruppe binnen 21 Jahren um 76,4 % zu, während die Bedeutung der größtenteils ohne Läden agierenden Krämer, Höker und Trödler relativ schwand und absolut nur um 10,1 % (von 89.149 auf 98.158) zunahm. [15] Die Ladenhändler arbeiteten vorwiegend in Städten. Trotz gewerberechtlicher Beschränkungen ergänzten sie mehr und mehr das traditionelle, durch Wochen- und Jahrmärkte, Hausierer und Höker, den Handwerkshandel und Krämer geprägte Versorgungssystem, und an immer mehr Orten entwickelte sich der Laden zur dominanten Form des Kleinhandels. Die neuen Läden waren seit dem 2. Drittel des 19. Jahrhunderts immer häufiger mit Schaufenstern versehen. Diese entwickelte sich denn auch bis zur Reichsgründung zum wichtigsten Werbemittel eines zunehmend wettbewerbsorientierten Kleinhandels.

Wegweisend – gleichermaßen für die Produktion wie für den Absatz – war dabei das Textilgewerbe. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es beispielsweise in Berlin üblich, Kleidung entweder selbst zu nähen oder aber als Maßanfertigung vom Schneider anfertigen zu lassen. Zwar gab es seit Beginn des 18. Jahrhunderts Schneider, Händler und Verleger, die auch fertige Kleidung verkauften, doch trotz deren wachsender Bedeutung war der Handel mit gebrauchten Kleidern noch lange bedeutender. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich dies folgenreich. Die zunehmende Zahl alleinstehender (und kaufkräftiger) Männer, der wachsende Fremdenverkehr Berlins und die steigende Bedeutung der Mode, die einen schnelleren Wechsel der Garderobe erforderte, waren Grundlagen für den Aufstieg des Magazins. Hierunter ist ein Kleinhandelsgeschäft zu verstehen, welches Waren von Heimarbeitern, Handwerkern oder auch in eigenen Werkstätten produzieren ließ, dessen Hauptgeschäft aber der Verkauf bildete. Wurden anfangs vor allem Hosen, Westen und Röcke angeboten, so wurde das Sortiment seit den 1820er Jahren auch um Schlafröcke, dann um Joppen und Mäntel, Hemden und Kragen erweitert.

Das wachsende Angebot führte zu wachsender Spezialisierung: Neben Wäsche- und Leinwandhandlungen traten seit den 1830er Jahren gesonderte Herrengarderobemagazine. Adressbuchdaten verdeutlichen den tiefgreifenden Wandel: Gab es in Berlin 1830 erst 54 Wäsche- und Leinwandhandlungen, so waren es 1838 schon 116, 1847 dann 158. 1838 wurden erstmals auch zwanzig Herrengarderobemagazine aufgelistet, deren Zahl bis 1847 auf 66 stieg. [16] Berlin war Vorreiter, keine Ausnahme: In Hamburg stieg die Zahl der Kleiderhandlungen zwischen 1800 und 1822 von zehn auf 39, die der Modewarenhandlungen von 19 auf 31, und die der Manufakturwarengeschäfte gar von zehn auf 91. [17] In den wenigen Großstädten machten diese Geschäfte Schaufenster zum Alltagsphänomen. Schon 1830 glaubte die Hamburger Polizeibehörde gegen die Unsitte einschreiten zu müssen, die ausgestellte Ware mit tiefgezogenen Markisen gegen die Sonnenstrahlung zu schützen. [18]

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Schaufenster in Hamburg (Alter Jungfernstieg) 1846/47 (Hamburgs Neubau. Sammlung sämmtlicher Façaden der Gebäude an den neubebauten Strassen, Charles Fuchs, Hamburg 1846/47 (ND Hannover 1985), Bl. 39)

Die Magazine standen nicht allein für eine neue Betriebsform des Kleinhandels. Sie zeichneten sich auch durch neuartige Werbung aus. Die Hamburger Innenstadt war 1842 durch einen Brand fast vollständig zerstört worden, und die wieder aufgebauten Straßenzüge wurden 1846/47 in einer umfangreichen Lithographieserie festgehalten. Die obige Abbildung zeigt Fassaden gleich zweier Magazine. Beide verfügten über Schaufenster, in beiden fand sich wohldrapierte Ware. Diese Magazine bilden keine Ausnahmen im Straßenbild. Sie waren umrahmt von den Schaufenstern anderer Fachgeschäfte, die allesamt gewerblich gefertigte Waren anboten. Ähnliches galt auch für die Nebenstraßen der Innenstadt.

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Schaufenster in Hamburg (Bohnenstraße) 1846/47 (Hamburgs Neubau, Bl. 17)

Läden mit Schaufenstern dominierten. Gewiss, sie waren fast durchweg kleiner als in den Hauptstraßen, zudem handelte es sich zumeist um preiswertere Sprossenfenster. Die vor 1842 vielfach genutzten Erkerfenster, die sog. „Ausbauer“, fehlten hier; ihr Bau war nach dem Großen Brand verboten worden. [19] Doch nicht allein Textilwarengeschäfte stellten ihre Waren sinnfällig aus. Schuhe, Lederwaren und sogar Fleischwaren wurden in Hamburg schon vor der Jahrhundertmitte im gläsernen Ambiente präsentiert. Bemerkenswert war zudem die Kombination gewerblicher Tätigkeiten (Schuhmacher, Handschuhfabrik) mit einem schaufensterbewehrten Ladengeschäft. Auch in der Frühindustrialisierung war Güterproduktion kein Wert an sich, sondern bekam ihren Sinn erst durch den Absatz. Die Hamburger Lithographieserie enthielt Abbildungen von insgesamt 218 Läden der Innenstadt. Schaufenster fehlten fast nirgends, einzelne Läden präsentierten ihre Waren gar hinter vier großen Spiegelscheiben. Vereinzelt fanden sich schon Beleuchtungseinrichtungen; flackerndes Licht lud in Hamburg schon vor der Jahrhundertmitte zum abendlichen Schaufensterbummel. [20]

In der preußischen Hauptstadt Berlin entstanden seit den späten 1830er Jahren nicht allein deutlich mehr Magazine als in der Hansestadt Hamburg. Hier entstanden auch erste Großbetriebe des Kleinhandels, auch wenn deren Schaufenster noch nicht besonders hervorragten. Das 1836 gegründete „Modewaaren-Lager“ von Herrmann Gerson beschäftigte 1852 schon acht Aufseher/innen und 120-140 Arbeiterinnen in zwei Geschäftshäusern, 150 Meister mit ca. 1.500 Gesellen als Zulieferer und ca. 100 Personen im zweistöckigen Verkaufslokal. Doch das von 120 Gasflammen beleuchtete Magazin lockte seine Kundschaft mit nur zwei jeweils fünf Fuß breiten Spiegelscheiben. Hier zeigte sich noch deutlich die Tradition des Luxuswarengeschäftes, welches für eine feste und wohlsituierte Klientel Ware anbot. [21] Auch das 1839 entstandene Manufakturwarengeschäft Rudolph Hertzog, später größtes deutsches Kaufhaus und als Versandgeschäft in Europa führend, verfügte nur über durchschnittliche Schauflächen und konzentrierte sich stattdessen auf eine großzügige Annoncenreklame.

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Landsbergers Magazin in Berlin 1860 (Robert Springer, Berlin. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen, Leipzig 1861, 336)

Andere Magazine aber nutzen das neue Werbemedium des Schaufensters konsequent. Eindringlicher Beleg hierfür war das Garderobe-Magazin von Louis Landsberger. Nicht mehr zwei, nicht mehr vier, sondern zehn großformatige Spiegelscheiben schmückten den Geschäftsbau mit seinen zwei Verkaufsetagen. Die Schaufenster umrundeten den Laden, dokumentieren in ihrer Massiertheit Größe und Umfang des Angebotes. Wachsende Verkaufsflächen gingen einher mit wachsenden Schaufensterfronten. Als Kundenmagnet wirkte zusätzlich die Beleuchtung mit 316 Gasflammen, die das Magazin abends zum Blickfang werden ließ. Doch auch Landsberger bildete nur die Spitze eines breiten Ensembles. [22] Folgen wir doch einmal einem Stadtführer des Jahres 1861: „Unsere wohlgenährten Altvordern, die nur für den realen Genuß waren, kannten nicht den Schimmer der Spiegelscheiben und der Bronze, nicht die Farbenpracht, nicht den Zauber des Luxus und den Reiz der Künste. Desto besser verstehen wir uns auf solche Vorzüge. Den Unterschied zwischen Sonst und Jetzt sieht man nirgend auffälliger als an den Verkaufsläden. […] Betrachten wir jetzt jene Läden, […] wo die Waaren, von hübschen Händen geordnet, das Auge bezaubern! […] Sehen Sie dort, meine Damen, die strahlenden Fenster, die man mit Jakona und Organdis drapirt hat, mit Long-Shawls, wofür Sie ihr Lächeln verkaufen, mit venetianischen Spitzen, die Sie um ihre Liebe eintauschen! Sehen Sie hier, Dandies aus der Provinz, die prächtigen Piquéwesten! Steigen Sie hinunter in jene unterirdische Behausung: der Bärenschinken ist servirt und der Cliquot auf Eis gestellt. Hier die glänzenden Hüte à ressort, die zierlichen Ancreuhren, die Velourdecken, die riesigen Spiegel in Goldrahmen; dort kunstvolle Bronzewaaren, werthvolle Oelgemälde, Buffets mit Marmorplatten, prachtvolle Tafelservice; Blumenbouquets in schöneren Farben als die Gaben der Flora Cypris; hier die schönen wissenschaftlichen Sammelwerke in Prachtbänden, Zahn‘s Ornamente aus Pompeji, der Reliquienschein von Brügge in wundervollen Photographien. Welche Fülle von Pracht, Annehmlichkeit und Schönheit für den bevorzugten Sterblichen, der mit Sinn für die Genüsse des Lebens und mit reichlicher Rente gesegnet ist!“ [23]

Ein Schaufensterbummel war in Berlin also schon lange vor der Reichsgründung möglich und reizvoll. Der Reiseführer konzentrierte sich allerdings auf teurere, exklusive Produkte, die innerhalb der Klassengesellschaft der Hauptstadt für die meisten Bewohner unerschwinglich blieben. Und doch begannen in den 1860er Jahren auch Geschäfte mit einfacherem Angebot, vielfach auch Kolonialwaren- und Feinkostläden, mit der Um- und Neugestaltung ihrer Fassaden. Dabei gingen viele Kleinhandler Kompromisse ein: „Sehr oft werden gewöhnliche Fenster zur Schaustellung benutzt und wäre dann der einzige Unterschied, dass größere Scheiben in Anwendung kommen. Dass solche Anlage nur den einfachsten Forderungen entspricht, liegt auf der Hand; die Schaustellung ist hierbei sehr beeinträchtigt und ist gewöhnlich die zu hohe Lage der Fenster störend. Große Ausbreitung der Waren gestattet aber ein Fenster nicht und daher dürfte ein solches nur in Anwendung kommen, wo es darauf ankommt anzuzeigen, was für ein Geschäft sich an dem betreffenden Ort befindet.“ [24]

Die Schaufenster derartiger kleiner und mittlerer Geschäfte sind natürlich kaum mit denen der Großbetriebe zu vergleichen. Doch festzuhalten ist, dass auch etablierte Läden sich um An- und Umbauten zumindest bemühten. Zugleich wurde es in den 1860er Jahren üblich, neue Läden bereits beim Bau mit Schaufenstern auszustatten. Schaufenster wurden integraler Bestandteil des Kaufladens: „Die Schaufenster zum Ausstellen der Waaren müssen möglichst breit angelegt sein, und bedient man sich jetzt allgemein zur Unterstützung der oberen Geschosse der eisernen Säulen und Träger statt der in Stein ausgeführten Pfeiler und Bogen, weil dadurch an Raum gewonnen wird. Man ordnet dann recht oft die oberen Geschosse ganz unbekümmert von den unteren mit anderen Axen an, weil man die Axentheilung der unteren Geschosse doch kaum erkennt, indem bei der geringen Dimension des Eisens letzteres fast verschwindet und nur eine Glasflache sichtbar ist.“ [25]

Die hier schon diskutierte Verwendung von Stahl und Glas schuf ganz neue Möglichkeiten der Fassadengestaltung. Seit Anfang der 1870er Jahre wurden zunehmend auch zweigeschossige Schaufensteranlagen gebaut. [26] Ladenlokale mit Schaufenstern, die von der Mehrzahl der kleineren und mittleren Händler ja gemietet wurden, gehörten seitdem mehr und mehr zur üblichen Ausstattung größerer Geschäfts- und Wohnhäuser. Verlässliche Zahlen fehlen, so dass nicht überprüft werden kann, ob es 1880 in Berlin wirklich „3000 wirkungsvolle Schaufenster“ [27] gegeben hat, wie ein Zeitgenosse behauptete. Zweifellos aber waren in Berlin Schaufenster im Handel mit Gütern des gehobenen und periodischen Bedarfs schon vor der Reichsgründung 1871 üblich. Zwar hinkte der Kleinhandel mit Lebensmitteln dieser Entwicklung noch hinterher, doch der Delikatessen- und Kolonialwarenvertrieb erfolgte schon vielfach in Läden mit gläsernen Fronten. [28]

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Fassade des Karlshofes in Aachen 1869 (Deutsche Bauzeitung 3, 1869, 496)

Das neue Objekt des Schaufensters hatte sich zu dieser Zeit auch schon in der Provinz des Reichs fest etabliert. Die Abbildung zeigt ein „charakteristisches Beispiel der Facadenbildung von Privatbauten“ im Rheinland: Vier großformatige Schaufenster sprechen dagegen, die Durchsetzung eindringlicher Schaufenster erst in die 1890er Jahre zu datieren und mit der Entstehung der Warenhäuser zu verknüpfen. Im Gegenteil begann in Deutschland nach der allgemeinen Etablierung bereits in den 1870er Jahren eine Differenzierung der Schaufenster nach Größe, Anzahl und immer stärker nach der Dekoration. Sie entsprach nicht allein dem herrschenden Geschmack und Baustil, sondern war auch ein wichtiges Unterscheidungselement in einer gleichermaßen von Produktion und Distribution geprägten Wettbewerbsgesellschaft. Die deutschen Großstädte waren schon vor der Jahrhundertwende Stätten bürgerlichen Konsums geworden, und in den Schaufenstern lockten die Verheißungen einer Welt zunehmenden Wohlstands und allgemeinen Fortschritts.

Universalisierung und Differenzierung des Schaufensters in der Wettbewerbsgesellschaft (ca. 1870 bis 1900)

Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 war nicht allein eine politische Zäsur. Sie führte auch im Felde des Gewerberechts zu einer umfassenden Liberalisierung. Freizügigkeit und Gewerbefreiheit gab es in den meisten deutschen Ländern zwar schon zuvor, doch nun setzten sich diese Prinzipien endgültig durch. Die Verstädterung nahm zu, mündete in den qualitativen Prozess umfassender Urbanisierung. Die Zusammenballung großer Menschenmassen und hoher Kaufkraft ermöglichte dem Kleinhandel ein sich beschleunigendes Wachstum. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung wurde strikter, und schon während der 1873 einsetzenden Depression zeigte sich, dass eine wachsende Güterproduktion von liquidem Kapital, vor allem aber von gesichertem Absatz abhängig war. Absatz konnte jedoch nur durch ein leistungsfähiges Kleinhandelssystem gewährleistet werden, welches um die Käufer warb, welches etablierte und neue Waren an die Kunden verkaufte. Der Aufbruch in den Wettbewerb forderte vom Kleinhandel neue Lösungen nicht allein für die grundlegende Versorgungsaufgabe, sondern insbesondere für den Vertrieb der wachsenden Zahl bisher unbekannter gewerblich produzierter Produkte. Dazu bedurfte es einer Modernisierung des Betriebes, neuer Betriebsformen und einer veränderten Außendarstellung. Dem Kunden musste die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Ladens sinnenträchtig vor Augen geführt werden. [29]

Der Wettbewerb im Kleinhandel war nicht allein ein Wettbewerb der Waren, sondern auch ein Wettbewerb um das knappe Gut öffentlicher Aufmerksamkeit. Das Schaufenster nahm gerade angesichts der schnell wachsenden Bedeutung reiner Laufkundschaft einen zentralen Platz für eine erfolgreiche Arbeit vor allem im Gebrauchsgüterhandel ein. Und es war zugleich angemessenes Werbemedium einer Gesellschaft, in der die Präsentation von Warenqualität wichtiger war als die Qualität selbst. Um die Gesamtentwicklung angemessen beurteilen zu können, gilt es verschiedene, gleichwohl miteinander vernetzte Einzelentwicklungen voneinander zu scheiden:

Die Variationsbreite der Schaufensterwerbung nahm insgesamt zu. Neben die gediegene und warenzentrierte Werbung der Mehrzahl der Fachgeschäfte trat eine grelle, lärmende Reklame auch der Fassadenfronten. Das zeigt sich besonders am Beispiel der neuen Betriebsform der Bazare, die sich seit den späten 1860er Jahre aus den Magazinen entwickelten. Auch die Bazare bildeten anfangs prächtige, mit großem Prunk ausgestattete Geschäfte, doch verzichteten sie in der Regel auf eigene Güterproduktion. Sie waren durchweg mit ausladenden Schaufenstern versehen. Während der Depressionszeit entstand unter gleichem Namen jedoch auch eine Gruppe sogenannter Pfennigbazare (zumeist 50-Pfennig-Bazare), die geringerwertige Waren zu niedrigen fest umrissenen Preisen verkaufte und zugleich hohem Reklameaufwand betrieb. Der Begriff des „Bazars“ bekam dadurch einen negativen Grundton, der im seit den späten 1870er Jahren verwandten und vielfach antisemitisch grundierten Begriff der „Ramschbazare“ gespiegelt wurde. Diese in der Regel nicht allzu großen Läden nutzten Schaufenster und Gesamtfassade zu teils greller Anpreisung. Auch die ebenfalls in den 1860er Jahren aufkommenden Wanderlager sowie die Ende der 1870er Jahre entstandenen Abzahlungsbazare setzten auf eine vielfach als marktschreierisch gedeutete Reklame und provozierten damit schon früh Diskussionen über die kommerzielle „Verunstaltung“ der Innenstädte. [30]

Während sich die Bazare in der klassenspezifisch gegliederten Kleinhandelswelt des Kaiserreichs eher an Käufer aus der Mittel- und oberen Unterschicht wendeten, konzentrierten sich die aus den Magazinen entstehenden Kaufhäuser tendenziell auf die mittleren und oberen Klassen der Gesellschaft. Auch sie verzichteten zumeist auf eigene Güterproduktion, konzentrierten sich auf den Vertrieb von Waren. Doch schon aufgrund ihrer Größe besaßen sie meist eine nicht unbeträchtliche Nachfragemacht, die ihnen indirekten Einfluss auf die Lieferanten sicherte. Ihre Schaufenstergestaltung war zumeist gediegen, zurückhaltend und sachlich. Die Kaufhäuser waren jedoch zugleich Vorreiter einer allgemeinen Vergrößerung der Schaufensterflächen. Grundlage dafür boten zum einen Verbesserungen der Glasgusstechnik. Das Spiegelglas wurde glatter und durchsichtiger. Zugleich wurde es technisch möglich, größere Einzelscheiben zu produzieren. Wichtiger aber war, dass die Kaufhäuser schon in den 1870er und 1880er Jahren die neuen Möglichkeiten der Baustoffe Eisen und Stahl für eine immer prächtigere Schaufensterfront nutzten. [31] Nun entstanden rein funktionale Geschäftsbauten, die nur noch in Ausnahmefällen zu Wohnzwecken genutzt wurden. Citybildung und Schaufensterentwicklung waren eng miteinander verzahnt.

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Fassade des Geschäftshauses Rosipal in München 1884 (Zeitschrift für Baukunde 7, 1884, Bl. 9)

Die Abbildung zeigt eine 1884 neugestaltete Fassade des Münchener Kaufhauses Rosipal. Innerhalb des Geschäftes wurden rund um einen Lichthof auf drei Etagen Manufaktur-, Mode- und Schnittwaren verkauft, während sich die Verwaltung im dritten Stock befand. Dekorierte Schaufenster gab es in den ersten beiden Stockwerken, doch auch die großen Fenster im zweiten und dritten Stock dienten zu Werbezwecken.

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Obergeschosse des Berliner Kaufhauses Ascher & Münchow (1886/87) (Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 4, 1891, Tafel 27)

Das 1887 fertiggestellte Berliner Kaufhaus Ascher & Münchow zählte in den beiden Untergeschossen elf großformatige und aufwändig dekorierte Schaufenster. Dies allein genügte nicht, denn auch im zweiten Stock nutzte man insgesamt zwölf der schmaleren Fenster zur Präsentation damals moderner Einrichtungsgegenstände (die Abbildung zeigt davon nur vier). Die Fenster im dritten und vierten Stock wurden schließlich für Reklamebeschriftungen genutzt, um dadurch die Käufer in der Leipziger Straße schon von weitem auf das Angebot aufmerksam zu machen. Die Glasflächen der Kaufhäuser wuchsen schon in den 1880er Jahren bis an die Spitze der Geschäftsgebäude, folgten dabei auch der wachsenden Monumentalität damaliger Geschäftsstraßen und Prachtboulevards. Das Prinzip gläserner Fronten wurde dann in den späten 1890er Jahren von den neu entstehenden Warenhäusern auf die Spitze getrieben. [32] Von den Kaufhäusern unterschieden sie sich durch ihr breites Angebot vermeintlich nicht zusammengehöriger Waren. Ihre Architektur war durch neue Innenraumkonzepte, die konsequente Nutzung von Lichthöfen und eine stark auf vertikale Pfeilerkonstruktionen ausgerichtete Fassadengestaltung originell und innovativ, doch in der Gestaltung der Schaufensterpartien befanden sie sich sowohl in der Tradition deutscher Kaufhäuser als auch der wesentlich prächtigeren französischen Grands magasins. [33] Das 1897 von Alfred Messel (1853-1909) erbaute Warenhaus Wertheim und das 1899/1900 errichtete, ebenfalls in Berlins Leipziger Straße gelegene Warenhaus Hermann Tietz mit seinen zwei riesigen, jeweils 460 m2 umfassenden Schaufenstern, waren gewiss die bekanntesten Vertreter dieses Typus.

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Der Kaiser-Bazar als Schaufenster (Das Buch für Alle 27, 1892, 221)

Noch konsequenter allerdings war das um 1900 entstandene Mannheimer Warenhaus Kander: Stärker als bei seinen Berliner Vorbildern verzichtete man bei diesem Glaspalast auf eine schmückende Fassadengestaltung oder auch nur auf eine abrundende Dachkonstruktion. Die Eisen-Glas-Architektur hatte hier einen seltenen Höhepunkt erreicht, das Warenhaus erschien transparent, öffnete sich allseitig den neugierigen Blicken der Kundschaft. Ästhetische, architektonische und brandschutztechnische Erwägungen führten jedoch dazu, dass diese nur noch an Monumentalität zu überbietende Steigerung der Schaufensterfronten an einen Wendepunkt geriet. [34] In der Fabrikarchitektur wurde diese Bauweise allerdings – gemäß den Fabrikbauten von Steiff (Giengen, 1903) oder Fagus (Alfeld, 1911) – zum Vorreiter des Neuen Bauens.

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Das Warenhaus Kander in Mannheim 1900 (Kilian, 1994, 336)

Doch bevor wir auf die hieraus resultierenden Konsequenzen eingehen, müssen wir uns fragen, ob sich das Schaufenster auch abseits herausragender Einzelbetriebe universell durchsetzte. Im zweiten Teil wurde betont, dass in den 1860er Jahren im Gebrauchsgüterhandel auch mittlere und kleinere Betriebe Schaufenster neu einrichteten oder sich Verkaufslokale mieteten, die üblicherweise mit Glasfronten versehen waren. Auch im Handel mit Kolonialwaren und Delikatessen war dies nachweisbar. Doch es ist nicht möglich, diese Entwicklung präzise zu quantifizieren. Allerdings betonte der liberale Politiker und Genossenschafter Eugen Richter (1838-1906) schon 1867 eindringlich, dass Konsumgenossenschaftsläden eine ähnlich hochwertige Ausstattung wie konkurrierende Kolonialwarenläden haben sollten, um zugleich aber festzuschreiben: „Der Ausstellung von Waaren in den Schaufenstern zur Anlockung der Kunden enthalten sich dagegen alle Konsumvereine nach dem Muster der englischen Vereine grundsätzlich.“ [35] Auf Fotografien des letzten Jahrhunderts findet man seit den 1860er Jahren vielfach geschlossene Schaufensterfronten, die spätestens seit den 1880er Jahren stets auch die sesshaften Lebensmittelhändler umgriffen. [36] Lediglich die Konsumgenossenschaften grenzten sich zumindest bis zur Jahrhundertwende selbstbewusst aus, verfügten sie doch über einen festen Stamm eingetragener Mitglieder. [37]

Doch zugleich muss an ihr privatwirtschaftliches Pendant erinnert werden. Massenfilialbetriebe entstanden im Genuss- und Lebensmittelsektor vornehmlich seit den 1870er Jahren. Ihr Erfolgsrezept gründete nicht allein auf zentralem Einkauf und zentraler Verwaltung. Die Einzelfilialen besaßen vielmehr zunehmend einheitliche Außenfronten, deren Blickfang immer ein oder mehrere große Schaufenster bildeten. Zwar lag der eigentliche Aufschwung dieser neuen Betriebsform in den 1890er Jahren, doch entstanden die großen Ketten – Kaiser‘s Kaffeegeschäft verfügte 1900 schon über 667 Filialen – meist aus einfachen Kleinhandelsbetrieben. [38] Es scheint daher mehr als plausibel, dass das Wissen um die Werbekraft eines anziehenden Schaufensters auch im Kolonialwarenkleinhandel schon lange vor der Jahrhundertwende fest verankert war und allgemein praktiziert wurde.

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Filiale von Kaiser’s Kaffee-Geschäft 1904/05 (1880-1980. 100 Jahre Kaiser’s, hg. v. Kaiser’s Kaffee-Geschäft AG, Viersen 1980, s.p.)

Diese Universalisierung des Schaufensters zum zentralen Werbemittel des gesamten ladengebundenen Kleinhandels ging einher mit veränderten Präsentationsformen der Ware selbst. Schon in den Hamburger Schaufenstern wurde möglichst viel Ware gestapelt. Hiermit, so die allgemeine Überzeugung, könne die Leistungsfähigkeit des Geschäftes am besten dokumentiert werden. Doch massierte Warenpräsenz hatte nur begrenzte Lockkraft. Daher begann man spätestens seit den frühen 1870er Jahren damit, ungewöhnliche und spektakuläre Phantasiefenster einzurichten. [39]

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Phantasiefenster eines Fleischwarengeschäftes (Fliegende Blätter 115, 1901, Nr. 2927, 7)

Doch die Kritik an überladenen und ohne Sachbezug eingerichteten Schaufenstern ließ nicht lange auf sich warten, zumal in den Manufaktur-, Konditorei- oder Fleischwarenbranchen. Besonders die Dekoration toten Fleisches erregte Anstoß, auch wenn sie offenbar noch um die Jahrhundertwende weit verbreitet war [40].

Die schon in den 1870er Jahren offenbare Kritik deckte sich kaum mit dem in der bisherigen Forschung gezeichneten Bild der Schaufensterwerbung. [41] Der Übergang vom Phantasiefenster zu sachlichen Stapelfenstern wird gemeinhin mit den Elitendiskursen der Jahrhundertwende verbunden. Doch lange vor programmatischen Aussagen wie „Das neue Fenster will sachlich sein“ [42] war ein Großteil der Schaufenster schon „sachlich“ gestaltet. Städtische Schaufensterfronten wurden zum allgemeinen Präsentationsort moderner Waren. Die zunehmende Spezialisierung des Kleinhandels ließ die Schaufenster zugleich Ausdruck und Träger eines warenzentrierten Angebotes werden: „Beredter als Zeitungsannoncen ladet es zum Kauf ein, denn es zeigt die Waare selbst und erinnert dadurch den Kauflustigen nicht selten erst an Bedürfnisse, deren er ohne die Mahnung des Schaufensters nicht gedacht hatte“ [43].

Die städtischen Schaufenster präsentierten die Errungenschaften des technischen Fortschritts einfach und kaum verschnörkelt: „Durch riesengrosse Spiegelscheiben, […] fällt jetzt das Auge allenthalben auf bunteste Pracht und Fülle und ein Weg besonders durch die Hauptgeschäftsstrassen Berlins gleicht einem Spaziergang durch eine kleine internationale Ausstellung. Da giebt jeder Kaufmann mit grösstem Aufwand ein möglichst charakteristisches Bild seiner Branche und taucht es zum Ueberfluss noch in ein ganzes Meer hellfluthenden Lichtes.“ [44] Die Schaufensterdekoration wurde schon früh als kommerzielle Kunst verstanden, die der Unterhaltung einer wachsenden Zahl shoppender Käufer und Käuferinnen diente: „Die Perspective eine Ladens bei Abendbeleuchtung durch die Fenster betrachtet ist eins der herrlichsten Schauspiele, welches die große Stadt bietet, und wenn das Marmorlager, wo Werke der Sculptur aufgestellt sind, den höheren Kunstsinn noch starker anzieht und inniger erfreut, als die den Werken der Manufacturisten gewidmeten Verkaufshallen, so sind diese Werke doch der Mehrzahl nach, der Kunstsphäre nahe gehoben durch den Geist, welcher heutigen Tages auch im Handwerk sich regt, und die Betrachtung derselben ist folglich ein Genuß, der durch den Namen: Kunstgenuß nicht zu schmeichelhaft benannt ist.“ [45]

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Abendbeleuchtung vor einem Eingang des Kaufhauses Rudolph Hertzog (Der Bär 20, 1894, 441)

Vor diesem Hintergrund scheint es nicht nur angesichts mangelnder Detailforschung unangemessen, dem Kleinhandel vor der Jahrhundertwende Unmaß und mangelnden Kunstsinn zuzuschreiben. Symmetrisch aufgebaute Stapelfenster waren jedenfalls schon lange vor der Jahrhundertwende Gemeingut des Kleinhandels. Warenzentrierung war innerhalb der Schaufenster üblich und keine Ausnahme. Diese Entwicklung fand ihr Pendant in einer wachsenden Zahl von Waren, die im Schaufenster mit Preisauszeichnungen versehen wurden. Schon die Schaufenster der Magazine besaßen dadurch hohen Informationswert. [46] Diese Preistransparenz war aber nicht nur Ausdruck lauterer Geschäftspraxis. Vielmehr waren es gerade die neuen Betriebsformen des Pfennig-Bazars und des Wanderlagers, die geringe Preise seit den 1870er Jahren bewusst als Werbe- und Wettbewerbsmittel einsetzten. Sie schufen Preisdruck für die Konkurrenz, der in den 1890er Jahren durch Warenhäuser und Partiewarengeschäfte nochmals verstärkt wurde. Die Rechenhaftigkeit des Kunden wurde durch die immer häufigere Preisauszeichnung gerade in mittleren und kleineren Läden unterstützt: „Wenn wir in Berlin durch die Strassen gehen und vor einem Schaufenster eine ausserordentliche grosse Fülle sehen, so will ich darauf wetten, dass in dieser Auslage die Waaren mit Preisen versehen sind. Die Preisbezeichnung veranlasst eine Menge Leute, des Studiums halber stehen zu bleiben, auch solche, die im Augenblick gar nicht auf einem Kaufwege sind. Dieses Studium kostet dem Kaufmann nichts, aber es bringt ihm Vortheil; denn nachher heisst es zu Haus: ‚Da und da habe ich das und das zu dem Preise gesehen!‘ womit sich eine neue Kundschaft anbahnt. Um die misstrauischen und ängstlichen Käufer zu beruhigen, giebt es aber kein Mittel, als ihnen an allen Waaren, drinnen wie draussen, die lesbare Preisbezeichnung entgegenzuleuchten zu lassen. Das giebt auch demjenigen, der sich wegen Mangels an Sachkenntnis schwach fühlt, die angenehme Gewissheit, dass man ihm nicht mehr abnimmt, als den getriebenen Kunden.“ [47]

Die nachhaltigen Veränderungen der Dekoration der Schaufenster spiegelten sich aber auch im Entstehen eines neuen Berufszweiges – des teils noch semiprofessionellen Dekorateurs [48] – und einem immer bedeutenderen Angebot von Dekorationsmitteln. Gestelle, Ständer, Etageren, Attrappen, Borde, Spiegel, Plakate und vieles mehr wurde speziell für die Ausstattung von Schaufenstern gefertigt. Ein Lehrbuch listete 1895 allein 103 deutsche Firmen auf, die sich auf diese Produkte spezialisiert hatten. [49] Dazu kamen Anfang der 1890er Jahre mechanische Figuren, die jedoch ebenso wie der Automatenhandel nur geringe Bedeutung gewannen. [50] Auch die Verwendung mechanischer Klopfer, die an der Ladenfassade angebracht wurden, war eine Modeerscheinung, die sich nicht durchsetzen konnte. Wesentlich wichtiger waren dagegen Rollständer und Büstenfiguren, die eine lebensnahe Präsentation von Textilien ermöglichten. Wachspuppen kamen erst nach der Jahrhundertwende auf, hatten dann jedoch durchschlagenden Erfolg bei der Dekoration der größeren Geschäfte. [51] Alle diese Mittel halfen, die Schaufenster insgesamt attraktiver zu machen. Die hohen Kosten ließen die Unterschiede zwischen den Ladenfronten zugleich aber augenfälliger werden.

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Hilfsmittel zur Schaufensterdekoration (Kölner Local-Anzeiger 1904, Nr. 332 v. 1. Dezember, 6)

Auch wenn schon vor der Jahrhundertwende das Schaufenster in deutschen Groß- und Mittelstädten Allgemeingut war, so darf nicht vergessen werden, dass die Warenpräsentation technisch keineswegs ausgefeilt war. Für die Kleinhändler bedurfte es großer Anstrengungen, um den Kunden das Erlebnis eines gelungenen Schaufensterbummels zu ermöglichen. Die Glitzerwelt der Waren musste schließlich von der Straße aus betrachtet werden. Daher galt es Vorkehrungen zu treffen, um das Schaufenster bei allen Witterungsverhältnissen attraktiv zu machen.

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Wachstumsgewerbe Ladenbau (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 19, Beibl. 1, 1; ebd., Nr. 22/23, Beibl. 2, 2)

Augenfälligstes Hilfsmittel der meisten Läden war die Markise. Sie bestand in der Regel aus Leinwand und war meist mit Seitenblenden versehen. [52] Die Markise bot im Sommer Schutz vor Hitze, verringerte die Sonnenblendung und schützte zumindest vor leichtem Regen. Sie diente außerdem der Temperaturregulierung innerhalb des Ladens, denn gerade während des Sommers war Lüftung ein wichtiges Problem. Markisen nötigten zugleich dazu, nahe an das Geschäft heranzutreten, da sie den Blick von weitem beeinträchtigten. [53] Auch Rollläden behinderten insbesondere an Sonn- und Feiertagen den freien Blick auf Schaufenster und Waren. Doch die in Deutschland gebräuchlichen Holz-, später dann Stahlrollläden markierten zumeist mittlere und kleinere Geschäfte. Größere ließen dagegen ihre Schaufenster durchweg offen, da hochwertige Scheiben auch gegen Einbruch guten Schutz boten. Lediglich Kunsthändler und Juweliere griffen zu zusätzlichen beweglichen Gittern, so dass die Ware immerhin noch zu betrachten war. [54] Zu beachten ist allerdings, dass die Schaufenster bis zur Jahrhundertwende in den meisten Städten während der Hauptgottesdienstzeiten verhängt bzw. verschlossen werden mussten. Lokal blieben entsprechende Regelungen teilweise bis zum Ende des Kaiserreiches bestehen. [55]

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Eisverhangene Schaufenster selbst im Frühling (Fliegende Blätter 88, 1888, Beibl., 5)

Ein besonderes Problem bildeten außerdem Hitze und Kälte. Die Schaufenster bestanden in der Regel aus festen, schwer zu lüftenden Holzkästen. Kleine Lüftungslöcher halfen da wenig. Regelmäßig entstand Schwitzwasser, so dass ohne Gegenmaßnahmen die Fenster im Sommer beschlagen, im Winter dagegen gefroren waren. Im Laufe der Jahrzehnte wurden immer neue Hilfsmittel ersonnen, doch keines hatte einen nachhaltigen Effekt. Da offene Gasflammen im Fensterkasten eine hohe Brandgefahr bargen, wurden die Glasscheiben in der Regel alle paar Tage mit Glyzerin oder starken Chemikalien bestrichen. Trotzdem aber stand der Kunde häufig vor Schaufenstern, die nur teilweise einzusehen waren. [56]

Ein weiteres Naturhindernis bildete die Dunkelheit. Schaufenster mussten beleuchtet werden, um auch abends zu gefallen. Aufgrund der bis in die 1890er Jahre kaum beschränkten Ladenöffnungszeiten wurden viele Schaufenster anfangs von innen mit Kerzen und Petroleumleuchten, später dann mit Gasbrennern beleuchtet. Brandgefahr bestand stets, außerdem ließ das offene Feuer die Scheiben beschlagen. Gerade leistungsfähigere Geschäfte setzten daher schon frühzeitig auf die Außenbeleuchtung der Schaufenster. Dadurch konnten die Schaufenster jedoch schlechter ausgeleuchtet werden, außerdem blendeten die Lichter häufig. Gas- und Petroleumlicht schien gelblich, so dass sich die Farben der ausgestellten Waren grundlegend änderten. Seit den späten 1880er Jahren kamen dann elektrische Bogenlampen auf, in den späten 1890er Jahren auch das Gasglühlicht. Beide leuchteten weiß, doch verliehen sie den Waren einen kreidigen Charakter. Schon aus diesem Grunde waren kräftige Farben notwendig, erschien die Farbgestaltung der Schaufenster teilweise unnatürlich. [57] So bedeutsam die mit dem Schaufenster verbundenen Innovationen waren, so muss das Einkaufserlebnis der damaligen Zeit doch auch unter diesen Aspekten betrachtet werden, um nicht voreilig Vorstellungen unserer Zeit in die Vergangenheit zu projizieren. Kommerzielle Traumwelten stießen auch damals immer an die Grenzen natürlicher Gegebenheiten.

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Das Warenhaus Hermann Tietz (Berlin, Leipziger Straße) in nächtlichem Glanz (Die Woche 12, 1910, 373)

Diese Einschränkungen sind wichtig, um nicht der Apologie der urbanen Konsumgesellschaft zu verfallen. Die gläsernen Schaufenster zogen gewiss immer größere Kreise der Bevölkerung in ihren Bann. Doch trotz der steigenden Realeinkünfte waren die Barrieren von Klasse und Einkommen weniger durchlässig als die transparenten Scheiben der Läden.

Schaufenster und Läden als kommerzielle Ensembles (seit ca. 1900)

Die Entwicklung des Schaufensters war um die Jahrhundertwende an einer quantitativen Grenze angelangt. Neue Impulse, wie sie seit der Reichsgründung stets von neuen Betriebsformen des Kleinhandels erfolgt waren, blieben aus. Gewiss, spätestens seit den 1890er Jahren verbreiteten sich Schaufenster nicht nur in Mittelstädten, sondern waren auch immer häufiger in Kleinstädten anzutreffen. [58] Auch die kleineren Geschäfte der urbanen Außenbezirke glaubten nicht mehr auf gläserne Fronten verzichten zu können. Dennoch schritt die Entwicklung des Schaufensters weiter voran. Denn die Universalisierung des Schaufensters in den deutschen Großstädten um die Jahrhundertwende bewirkte einen qualitativen Sprung: Die Prinzipien der Schaufenstergestaltung griffen seither über in den Verkaufsraum, die „Schaufenster-Qualität der Dinge“ [59] erfüllte den gesamten Laden, prägte Ausstattung und Personal.

Den Hintergrund dieses Umschwungs bildete ein generelles qualitatives Wachstum des deutschen Kleinhandels, das spätestens zu Beginn der 1890er Jahre bestimmend wurde. Der intensivierte Wettbewerb führte zu geringeren Handelsspannen, steigerte zugleich aber die allgemeinen Kosten des Geschäftes. Daran hatte das Schaufenster einen wichtigen Anteil: „Enorme Summen verschlingt das moderne Schaufenster. Man macht sich im allgemeinen gar keine Vorstellung davon, wieviel verschiedene Dinge, von der riesigen Spiegelscheibe bis hin zu den kaum beachteten Warenständern benötigt werden, und wieviel Hände sich regen müssen, damit ein leidliches Schaufenster zustande kommt. Bloß die Einrichtung eines solchen kommt durchschnittlich für kleinere Maßstäbe von 150 Mk. bis auf 200 Mk. und für größere auf 1000 Mk., ja mehr zu stehen. Dazu kommen die Löhne für die Arrangeure.“ [60]

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Markenartikelwerbung als Alternative zur Eigendekoration (Über Land und Meer 103, 1910, 96)

Da schon zu Beginn der 1890er Jahre die Schaufensterdekoration auch in mittleren Geschäften durchschnittlich alle zwei Wochen neu gestaltet wurde [61], erhöhten sich die Fixkosten. Umsatzsteigerungen wurden betriebswirtschaftlich notwendig, um diese Kosten degressiv gestalten zu können. Parallel erhöhten sich die fachlichen Anforderungen an die Schaufenstergestaltung. Moden traten an die Stelle von Jahreszeiten und die Dekorationswarenindustrie bot immer neue, stets aber kostspielige Produkte an. Markenartikelanbieter nutzten dies, machten sich dadurch zumal bei Drogerieartikeln und Lebensmitteln unentbehrlich. Größere Betriebe konnten für die Dekoration eigenes Personal einstellen, der Dekorateur trat hier an die Stelle des dekorierenden Kleinhändlers bzw. Handlungsgehilfen. Lehrbücher und die Fachpresse des Kleinhandels boten zugleich einen immer größeren Wissensfundus, um Schaufenster ansprechend und im Einklang mit dem herrschenden Geschmack zu gestalten. [62] Doch diese Aufgaben ließen sich nicht einfach beschränken. Der Kunde sollte ja nicht allein zum Geschäft gelockt werden, um dort die gefällige Auslage zu betrachten. Er sollte den Laden betreten und dort kaufen. Dazu aber musste ihm mit fortschreitender Dekorationstechnik auch im Inneren des Geschäftes ein Ambiente geboten werden, welches gegenüber dem des Schaufensters zumindest nicht abfiel. Das Äußere des Ladens wurde zum Modell für die Neugestaltung des Inneren. Grundlage hierfür waren abermals neue Bautechniken. Die Kaufhäuser besaßen zwar schon frühzeitig große Verkaufsflächen; Rudolph Hertzog offerierte 1878 schon auf 3.710 m2 und das Berliner Kaufhaus Heinrich Jordan brachte es 1893 auf stolze 8.000 m2. [63] Doch erst die Verwendung von Stahlbeton ermöglichte den Bau weiter Verkaufshallen.

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Heizanlage inmitten des Ladens der Bremer Firma Oehlckers & Rabe (Der Manufacturist 24, 1901, s.p.)

Zwischenwände konnten nun beseitigt, die Zahl der Pfeiler wesentlich verringert werden. Bildeten bisher Laden- und Kassiertisch, Stellagen und Regale die Hauptmöbel auch größerer Geschäfte, so kamen nun große Verkaufs- und Präsentationstische auf, die inmitten der Räume platziert wurden. Parallel ersetzten Zentralheizungen die Öfen im Laden, wurden große Treppenhäuser, Galerien und Balkons gebaut. So konnte nicht nur die Ware von Ferne betrachtet werden, sondern auch der Kauf der Anderen geriet ins Blickfeld. [64] Für den Innenraum und die Warendarbietung stellten sich dadurch völlig neue Aufgaben, die in Rückgriff auf die bewährte Schaufenstergestaltung gelöst wurden. Bei den Warenhäusern war dieser Prozess offenkundig. [65] Doch auch und gerade mittlere und größere Kaufhäuser folgten diesem Trend und hoben damit die Schaufensterwerbung auf eine neue, umfassendere Ebene.

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Verkaufsräume der Berliner Firma H. Esders & Dyckhoff 1901 (Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 23, 9)

Die Verkaufsräume der Berliner Firma Esders & Dyckhoff waren nicht nur deutlich größer und besser beleuchtet als frühere Läden. Sie enthielten auch neue Möbel, Verkaufsschränke, teils mit Glas versehen, die mitten im Raume standen. Das Regalprinzip war für größere Raume allein ungeeignet und Schautische boten nur wenigen Waren Platz. Der Laden wurde daher neu möbliert, mit Spiegeln bekränzt, dem Kunden die Ware sichtbar gemacht. Selbstbedienung aber gab es nicht. Analog zum Schaufenster konnte man die Ware zwar betrachten, doch durfte man sie nicht ohne Beisein eines Verkäufers, einer Verkäuferin berühren.

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Verkaufsräume der Berliner Firma Kersten & Tuteur 1914 (Berliner Architekturwelt 16, 1914, 148)

Auch das stetig wachsende Sortiment industriell hergestellter Produkte begünstigte die Warenpräsentation innerhalb des Ladens. Die Ausstellung neuer Hüte und Blusen in den Verkaufsräumen der Berliner Firma Kersten & Tuteur verwies nicht nur durch die Präsenz von Warenständern und Büsten auf die direkte Nähe zur Schaufensterwerbung. Schautische und Glasauslagen erlaubten vielmehr ein Art Schaufensterbummel im Laden.

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Verkaufsräume der Hallenser Firma H.C. Weddy-Pönicke 1901 (Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 25, 13)

Umfassendere Möglichkeiten der neuen Innendekoration zeigt eine Bettenpräsentation des Kaufhauses Weddy-Pönicke. Die dekorierte Ware konnte nicht nur besehen werden, sondern gewann ihre spätere räumliche Qualität zurück, wurde begehbar, erfahrbar. Wunschwelten konnten nun abseits des engen Gevierts des Schaufensters aufgebaut, deren „Natürlichkeit“ somit erhöht werden.

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Innenansicht der Kölner Firma A. Böheimer (Der Manufacturist 24, 1901, s.p.)

Diese Entwicklung der Innendekoration wurde durch Verbesserungen der Lichttechnik unterstützt. Nicht mehr Petroleumleuchten oder einfaches Gaslicht wurden verwandt, sondern die hellen elektrischen Bogenlichter, vorrangig aber das neue Gasglühlicht. Der Laden konnte so gänzlich ausgeleuchtet werden, Waren und Dekoration dadurch ihre Pracht entfalten. Zugleich verschwanden die großen Öfen aus vielen Läden. Sie wurden durch Zentralheizungen ersetzt. Damit wurde weiterer Präsentationsraum gewonnen, das Verkaufsambiente angenehmer gestaltet. Weiterhin störend waren die bautechnisch notwendigen Pfeiler, doch bei Neubauten traten an die Stelle gemauerter Stützpfeiler mehr und mehr gusseiserne Säulen oder eiserne Träger, durch die auch mittlere Geschäfte größere Freiräume gewannen. [66] Die geschmackvolle Inneneinrichtung wurde mit Farbe abgerundet. Manche Ladenbesitzer stimmten Decken, Wände und getöntes Glas farblich aufeinander ab, ließen sie teils mit einfachen Mitteln ausmalen. Der Jugendstil drang gerade in gehobenen Gebrauchsgüterläden vor. [67] Der Laden entwickelte sich nach der Jahrhundertwende zumindest im Gebrauchsgüterhandel zu einer für den Zweck des Verkaufs gestalteten Kunstwelt. Auch wenn die Mehrzahl der kleinen Läden den bedeutenden Vorbildern gerade der Warenhäuser nicht das Wasser reichen konnte, so muss man doch auch deren Veränderungen – die auf niedrigerem Niveau auch den Lebensmittelkleinhandel prägten – in ihrer Gesamtheit würdigen. Analog zum Schaufenster wurde der Laden wurde immer mehr zum reflexiv-kalkulierten Mittel des Absatzes und glich sich diesem dekorativ an.

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Innere Glasfronten des Berliner Spezialgeschäftes Kopp & Joseph (Der Welt-Spiegel 1910, Nr. 101 v. 18. Dezember, 8)

Erst dadurch wurde der urbane Schaufensterbummel zum eigentlichen Einkaufserlebnis. Bewusst wurden dabei Klassengrenzen durchbrochen, um so auch Kundenkreise anzusprechen, für die die dargebotenen Waren meist unerschwinglich waren. Neue kommerzielle Sinnhorizonte entstanden, der nun rasch um sich greifende Ladendiebstahl spiegelte dies. [68] Eine „Demokratisierung des Konsums“ war mit diesen Laden allerdings kaum verbunden, denn die Möglichkeit des Kaufs höherwertiger Gebrauchsgegenstande war für die Mehrheit der Bevölkerung trotz steigender Reallöhne, trotz Abzahlungsgeschäften und Teilzahlung nur ansatzweise gegeben. Gleichwohl bildete sich insbesondere im gehobenen Mittelstand eine neue urbane Konsumkultur aus, in der die Schaufenster gewiss noch lockten, in der jedoch der seinem Vorbild gemäß gestaltete Verkaufsraum das Ziel bildete: „Was hat ein trüber unausstehlicher Wintertag in den lichterfüllten Geschäftsstraßen der Großstadt mit den lockenden Auslagen, den tausend schönen und kostbaren Dingen noch für Schrecken? Ein Hagelschauer, nasse Füße? Man tritt in den erstbesten Laden, wohlige Wärme, helles unaufdringliches Licht, angenehme Eindrücke überall! Man fühlt sich als Besitzer weicher Teppiche, prächtiger Spiegel, schöner und komfortabler Möbel, man weiß, die geschmackvolle Anordnung der Waren ist lediglich für den Käufer da. Alle vorhandenen Annehmlichkeiten stehen zu seiner unbeschränkten Verfügung. Warum soll man da nicht eine Kleinigkeit kaufen? Man braucht vielleicht nichts. Aber was soll man schon an solchem Tage daheim, wo es nicht halb so hübsch und modern ist, wo es nichts Neues mehr zu sehen gibt; was tut man bei dem unfreundlichen Wetter auf der Straße?“ [69]

Die Ausbreitung des Schaufensterprinzips in das Innere des Ladens ermöglichte zugleich, die Front des Ladens unter stärker qualitativen Aspekten zu sehen. Dadurch begann ein Prozess wechselseitiger Abstimmung, der die Einheitlichkeit der Werbung einzelner Geschäfte wesentlich vorantrieb – neudeutsch würde man vom Corporate Design sprechen. Die Zeit der Glaspaläste endete, an ihre Stelle traten Geschäfte mit kleineren Schaufensterfronten. Mehrere Warenhausbrände verdeutlichten die geringe Hitzestabilität reiner Stahl-Eisen-Konstruktionen, so dass nun die vertikalen Pfeiler fast durchgehend mit Stein verblendet wurden. Die Zahl zwei-, insbesondere aber dreigeschossiger Schaufensteranlagen sank rasch, da derart hoch gelegene Fenster kaum beachtet wurden. [70]

Neue Möglichkeiten eröffneten sich seit der Jahrhundertwende aber auch durch die Verwendung stark gebogener Spiegelscheiben. Dadurch konnte der Weg von der Straße hinein in den Laden durch Schaufenster umrahmt werden, wobei gerade gehobene Fachgeschäfte diese Möglichkeit nutzten. [71] Zugleich aber passten sich die Schaufenster stärker den ausgestellten Waren an: „Die Art der Ware wird entscheiden, ob ein großdimensioniertes Schaufenster passend sei oder ein kleiner Ausschnitt genügt. Die Schaufenstergestaltung erfordert beim Modenhaus andere Ueberlegung bei der Warenauslage als beim Juwelierladen, wo der Wert des Stückes in der Einzigkeit besteht. Und indem man der Theorie von der bildlichen Einheit der Warenauslage zuneigte, kam man auf die Idee der Konzentration, der Isolation, der Rahmenbildung für das Schaufensterstilleben. Die Fassung des Fensters wurde zugleich die Fassung der Ware.“ [72]

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Zurückgenommene Schaufensterzeile beim Seidenhaus Maassen 1912 (Berliner Leben 16, 1913, Nr. 2, III)

Auch die Verwendung des Lichtes erlaubte neue Formen der Schaufensterwerbung. Die gleißenden Fassaden der großen Häuser führten zu vermehrter Kritik am „Helligkeitswahn“. Diesem galt es mit schwächerer, aber gezielter eingesetzter Beleuchtung zu begegnen. [73] Die Außenbeleuchtung wurde immer mehr von einer indirekten Innenbeleuchtung abgelöst. Hinter Blindglas angebracht verursachten die elektrischen Bogenlampen kaum noch Schwitzwasser, tauchten die Waren zugleich aber in einen „mystischen Zauber“ [74].

Schließlich änderte sich die Stellung der Ware innerhalb der Dekoration. Die herausragende Rolle der Einzelware, die massierte Warenstapel noch verstärken sollten, schwand angesichts eines Verkaufsambientes, das generell zum Kauf animieren wollte und nur den Rahmen für den Kauf des Einzelproduktes abgab. Während beachtliche Teile der Unterschichten an Mangelernährung litten und der Lebensstandard der großen Mehrzahl der Konsumenten durch Lebensmittelteuerungen immer wieder beeinträchtigt wurde, setzte sich in den Auslagen der großen Geschäfte die Abstraktionskraft der Reklame immer stärker durch: „Die heutige Auslage ist Reklame geworden, Reklame so sehr, daß viele Geschäfte darauf verzichten, verkäufliche Ware zu zeigen.“ [75] Das Schaufenster hatte in diesem Rahmen nur noch appellativen Charakter, war Teil einer größeren Werbemaschinerie geworden.

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Blusen in der sie adelnden Abteilung des Seidenhauses Maassen (Berliner Leben 16, 1903, Nr. 2, III)

Am Ende unseres Rückblicks steht daher nicht mehr die einzelne Ware, deren Lockkraft das Schaufenster einst einen visuellen Rahmen bot. Am Ende steht der kommerzielle Kult um die Ware selbst. Die großen Geschäfte mutierten zu Kathedralen des Konsums, die Dekorateure zu Priestern des neuen Mysteriums und die Auslagen waren ihre Altäre: „Dem Kaufmann, der seine Ware verkaufen will, kann es nicht gleichgültig sein, ob der defilierende Menschenstrom sich nur an der Atmosphäre von Glanz und Licht berauscht. Er will ihn fesseln, locken, in Hemmung versetzen; die Ware soll für ihn Bedeutung gewinnen, soll sich durchsetzen, den ganzen berauschenden Glanz vergessen machen und allein sein mit Jedermann. So allein, dass die magische Suggestion ihre Faden spinnt und der Gebannte nicht loskommt von dem Gedanken: Dich muß ich besitzen. Aber dies Mysterium der Vermählung des Käufers mit der Ware verlangt Konzentration. Es müssen alle Mittel spielen, um die Ware zu isolieren. Vor allem braucht das Fenster einen Rahmen. Endell, der größte Magier unter den Schaufensterkünstlern Berlins, hat dies Erfordernis am besten begriffen. Wo er die Möglichkeit hatte, die Fassaden seiner Läden zu gestalten, hat er breite Pfeilerflächen zwischen die Fenster gelegt und den Einbau des Fensters selbst mit so kostbarer Fassung geschmückt, daß wir die Empfindung eines Wunders haben, schon ehe wir an die Scheiben herantreten. Endell war es auch, der der Beleuchtung ihre beste Lösung gab. In der Beseitigung der äußeren Bogenlampen, die blenden statt zu bestrahlen, hatten ihm andere vorgegriffen. Die verdeckte Beleuchtung, die dem Beschauer die Lichtquelle verbirgt, um die Ware um so heller hervortreten zu lassen, war als Vermächtnis der Bühne schon in die Auslagen eingetreten. In Endells Händen aber gewann das Licht erst seinen mystischen Zauber. Mit funkelnden Flächen tieffarbiger Gläser verschloss es die Beleuchtungskasten gegen die Straße, aus denen das Licht von oben über die Ware herabrieselt. Warenzeichen gleißen, zu magischen Zeichen gewandelt, mit heißen Zügen daraus hervor. Das Ganze atmet jene Stimmung, die das Kind vor dem Vorhange empfindet, der ihm zum ersten Male die Welt der Träume erschließen soll. Was in diesem Zauberschrein dargeboten wird, ist allemal etwas Kostbares, und wären es nur Stiefel aus schwarzem Leder.“ [76]

Zur Stellung von Schaufenstern und Schaufensterwerbung im 19. Jahrhundert

Die empirische Analyse der Entwicklung von Schaufenstern und Schaufensterwerbung im 19. Jahrhundert scheint zwar eindeutig, doch ist sie je nach Perspektive unterschiedlich zu deuten. Schaufenster und Schaufensterwerbung sind in der Tat Hilfsmittel allgemeinerer Fragen: Denken wir an die kulturkritische Variante, die kritisch wendet, was eben im Zitat noch positiv klang: Erhaben stand der moderne Konsument dann vor der leistungsfähigen Schau der scheinbar nur für ihn produzierten Guter. Waren wurden göttergleich, schufen erst im Rahmen der Schaufenster, dann im Rahmen des Ladens, schließlich als symbolische Lebensbegleiter ein neues Mysterium allgegenwärtigen transzendenten Wirkens. Die Rationalität moderner Warenpräsentation kreierte demnach das irrational Rationale des modernen Konsums. Die Entzauberung der Welt fand ihr paradoxes Pendant in allgemeiner Verzauberung durch die Schaufenster, Läden und Waren.

Doch Werbung und Konsum als Ersatzreligion einer kapitalistischen Gesellschaft werden der lustvollen Seite von Kauf und Kaufen, von Schauen und Entdecken sicher nicht gerecht. In der Entwicklung des Schaufensters zeigte sich aber nicht nur Entfremdung, sondern auch das Bemühen einer Vielzahl von Menschen, die Naturkräfte zu beherrschen und in einem kleinen gläsernen Geviert eine eigene, eine menschliche Kunstwelt zu schaffen. Konsum, gar Massenkonsum war im 19. Jahrhundert vielfach auch Ausdruck der Fortschrittsfähigkeit des Menschen. Das Kaufen, Besitznehmen und Einverleiben bestätigte ihn als Herren der Welt, zumal auch der kolonalisierten. Im Schaufenster sahen selbst der Mann, die Frau mit geringem Einkommen, dass die Welt ihm doch zu Füßen liegen konnte. Das hierauf gründende Selbstbewusstsein ist uns heute abhanden gekommen, war jedoch Teil der Faszination des Schaufensters im langen 19. Jahrhundert.

Vielleicht aber sollten wir auch der Leistung der Kleinhändler gedenken, die in der historischen Forschung so häufig übergangen werden. Sie waren es schließlich, die mit viel Energie und Liebe zum Detail kommerzielle Traumwelten schufen und damit wichtige Elemente der modernen Stadt prägten. Durch eine einfache, durchsichtige Scheibe trennten sie Käufer und Ware, schufen so Ungewissheit, versahen die Produkte mit einem unbestimmten Geheimnis. Ob sie aber über sich, über ihre Repräsentationskraft Rechenschaft gegeben haben?

Wir könnten weitere Rollen einnehmen: Historiker sind vielleicht überrascht von der neuartigen Periodisierung in dieser Arbeit. Stimmt sie, dürfte eine große Zahl bisheriger Forschungen falsch fokussiert worden sein. Nicht am Ende, sondern in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es demgemäß entscheidende Veränderungen von Kleinhandel, Schaufensterwerbung und Konsum. Damit wird das weithin akzeptierte Bild einer erst in den 1890er Jahren entstehenden Konsumgesellschaft fraglich, denn in deutschen Städten setzte sich zumindest ein bürgerlicher Konsumstil schon wesentlich früher durch. Auch die vielfach kolportierte Vorstellung einer neuen visuellen Kultur der Jahrhundertwende wäre zumindest falsch datiert. Vermehrt müsste dann nach den Trägern dieser Veränderungen gefragt werden – unabhängig davon, ob es sich um Produzenten, Händler oder Konsumenten oder aber um Läden, Schaufenster oder Produkte handelt. Menschen und Dinge gehören trotz Eigenleben zusammen. Vielleicht geriete schließlich auch das einseitig von der Produktion beherrschte Bild der „Industrialisierung“ in den Blick, nicht zuletzt um so den Städten als Handels- und Konsumzentren gerecht zu werden. Und auch für die Verortung des Deutschen Reiches als europäische Wirtschaftsmacht ergäben sich möglicherweise überraschende Perspektiven. Viele denkbare Folgerungen, die Sie weiterspinnen, denen Sie gewiss noch weitere hinzufügen können.

Uwe Spiekermann, 25. September 2022

Anmerkungen, Literatur und Quellen

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und mit weiteren Abbildungen versehene Fassung des in englischer Sprache erschienenen Artikels Display Windows and Window Displays in German Cities of the Nineteenth Century: Towards the History of a Commercial Breakthrough, in: Clemens Wischermann und Elliott Shore (Hg.), Advertising and the European City. Historical Perspectives, Aldershot et al. 2000, 139-171.

[1] Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags. Werbung in der Konsumgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1995; David Ciarlo, Advertising Empire. Race and Visual Culture in Imperial Germany, Cambridge und London 2011; Pamela E. Swett (Hg.), Selling under the Swastika. Advertising and Commercial Culture in Nazi Germany, Stanford 2014; Alexander Schug, Braune Verführer. Wie sich die deutsche Werbebranche den Nationalsozialisten andiente, Berlin 2015.
[2] Dirk Reinhardt, Von der Reklame zum Marketing. Geschichte der Wirtschaftswerbung in Deutschland, Berlin 1993; Hannes Siegrist, Hartmut Kaelble und Jürgen Kocka (Hg.), Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums (18.-20. Jahrhundert), Frankfurt a.M. und New York, 1997; Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999; Heinz-Gerhard Haupt und Claudius Torp (Hg.), Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990, Frankfurt/Main und New York 2009; Gudrun M. König, Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900, Wien, Köln und Weimar 2009; Hartmut Berghoff und Uwe Spiekermann (Hg.), Decoding Modern Consumer Societes, New York 2012; Frank Trentmann, Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute, München 2017; Christian Kleinschmidt und Jan Logemann (Hg.), Konsum im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 2021.
[3] Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Berlin 1995.
[4] Dieses und das voranstehende Zitat aus Hans-Walter Schmidt, Schaufenster des Ostens. Anmerkungen zur Konsumkultur der DDR, Deutschland-Archiv 27, 1994, 364-372, hier 364.
[5] Dieser fehlt bei Schaufenster. Die Kulturgeschichte eines Massenmediums, hg. v. Württembergischen Kunstverein, Stuttgart 1974 bzw. Heidrun Großjohann, Die Karriere des stummen Spektakels. Zur Geschichte des Schaufensters, in: Christel Köhle-Hezinger und Gabriele Mentges (Hg.), Der neuen Welt ein neuer Rock, Stuttgart 1993, 252-256.
[6] Vgl. hierzu Johann Georg Krünitz, Kauf-Laden, in: Ders., Oekonomisch-technologische Encyklopädie, Bd. 36, Berlin 1786, 482-486; Margot Aschenbrenner, Buden und Läden, Biberach/Riss 1951; Gerhard Kaufmann, Alte Läden, in: Max Galli (Hg.), Vom Charme der alten Warenwelt, Dortmund 1992, 115-153.
[7] Vgl. Heinrich Sasse, Das bremische Krameramt, Bremisches Jahrbuch 33, 1931, 108-157, hier 135, Anm. 1. Zur Gesamtentwicklung vgl. H.W. Bahn, Studienbeitrag zur Entwicklungsgeschichte des Schaufensters in Deutschland, Ing. Diss. Braunschweig 1923 (Ms.).
[8] Vgl. Bahn, 1923, s.p.; Hermann Weidemann, Skizze zur Geschichte des Glases, Prometheus 24, 1913, 340-342, 358-361, 378-381, 394-395, hier 341.
[9] Vgl. [Josef Kirchner], Münchener Kaufläden von einst und jetzt, Münchener Rundschau 4, 1907, 1-5, hier 1. Die Malerische Topographie des Königreichs Bayern, München 1830, enthält allerdings schon mehrere Zeichnungen von Münchener Läden mit Schaufenstern.
[10] Vgl. Boris Röhrl, Ladenbeschriftungen des 19. Jahrhunderts. Versuch einer Systematisierung, Volkskunst 13, 1990, H. 3, 39-43.
[11] Umfassende Belege hierfür enthält Spiekermann, 1999.
[12] Vgl. demgegenüber Ulrich Lange, Krämer, Höker und Hausierer. Die Anfänge des Massenkonsums in Schleswig-Holstein, in: Werner Paravicini (Hg.), Mare Balticum, Sigmaringen 1992, 315-327 sowie (trotz anderer Fragestellung) Heidrun Homburg, Heidrun, Werbung – „eine Kunst, die gelernt sein will“. Aufbrüche in eine neue Warenwelt 1750-1850, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1997/I, 11-52.
[13] Reinhardt, 1993, 271 betonte: „Bis zu den 1890er Jahren blieben die modernen, großflächigen Schaufenster jedoch vereinzelte Farbtupfer in den deutschen Städten“, während er an anderer Stelle (Dirk Reinhardt, Vom Intelligenzblatt zum Satellitenfernsehen. Stufen der Werbung als Stufen der Gesellschaft, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 44-63, hier 46) schrieb: „Die Gründerzeit hatte bereits in den 1870er Jahren durch die beginnende Umwandlung der Geschäftsfronten für eine Wandlung des großstädtischen Straßenbildes gesorgt.“ Zu beachten ist, dass diese Periodisierung nur dann sinnvoll ist, wenn das Warenhaus sehr eng als „eine großbetriebliche, kapitalistische Unternehmung für den Kleinhandel mit Waren verschiedenster, innerlich nicht zusammenhängender Art in einheitlichen Verkaufsraumen/-häusern“ definiert wird (Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland. Mittelstandsbewegung, Kapitalismus und Rechtsstaat im spaten Kaiserreich, Frankfurt a.M. et al. 1994, 29). Eine allgemeiner gehaltene Definition – etwa analog zu den französischen Grands magasins – hätte dagegen zur Folge, dass die deutsche Warenhausgeschichte schon während der Frühindustrialisierung einsetzen würde.
[14] Wilfried Reininghaus, Rez. v. Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 83, 1996, 239-240, hier 239.
[15] Zahlen nach C[arl] F[riedrich] W[ilhelm] Dieterici, Statistische Uebersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs und Verbrauchs im Preußischen Staate und im deutschen Zollvereine in dem Zeitraume von 1837 bis 1839, Berlin, Posen und Bromberg 1842, 399-400; Tabellen und amtliche Nachrichten über den Preussischen Staat für Jahr 1858, hg. v.d. statistischen Bureau zu Berlin, Berlin, 1860, S. 322-323.
[16] Zahlen nach H[ans] Grandtke, Die Entstehung der Berliner Wäsche-Industrie im 19. Jahrhundert, Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich NF 20, 1896, 587-607, hier 596.
[17] Eigene Auswertung von Hamburgisches Adress-Buch auf das Jahr 1800, Hamburg o.J.; Hamburgisches Adreßbuch für das Jahr 1822, Hamburg o.J.
[18] Polizey-Bekanntmachung, die bequemere Passage der Stra6en betreffend v. 15.05.1830, in: J[ohann] M[artin] Lappenberg (Hg.), Sammlung der Verordnungen der freyen Hanse-Stadt Hamburg seit 1814, Bd. 11, Hamburg 1832, 170-171, hier 170.
[19] Melhop, 1925, 326. Darin auch eine Reihe weiterer Abbildungen sowie Fotographien aus den 1870er Jahren.
[20] Allerdings war in Hamburg eine einfache, vergleichsweise sachliche Ausgestaltung der Schaufenster allgemein üblich, vgl. Robert Geissler, Hamburg. Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen, Leipzig 1861, v.a. 53.
[21] Das Gerson’sche Modewaaren-Lager zu Berlin, Werderscher Markt No. 5, Zeitschrift für Bauwesen 1, 1851, Sp. 131-137; Gustav Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert. Halle/S. 1870, 646.
[22] Entsprechend betonte Elisabeth v. Stephani-Hahn, Schaufenster-Kunst, 3. verb. Aufl., Berlin 1926, 9-10, dass die ersten spezialisierten Schaufensterdekorateure schon Mitte des 19. Jahrhunderts antraten.
[23] Springer, 1861, S. 330, 332-333.
[24] Stock, Ueber Schaufenster-Anlagen, Zeitschrift für Praktische Baukunst 24, 1864, Sp. 9-20, hier 9.
[25] Ueber Kaufläden, Zeitschrift für Bauhandwerker 7, 1863, 132-136, Bl. 17, hier 133.
[26] Vgl. Geschäftshaus in Berlin, Unter den Linden Nr. 13, für den Kaufmann Kohn, Zeitschrift für praktische Baukunde 31, 1871, Sp. 151-152, Taf. 17-20.
[27] Weidemann, 1913, 341. In London wurden dagegen nur 2.000, in Paris 1.500 und in Wien 1.000 entsprechende Schaufenster gezählt.
[28] Das belegen nicht zuletzt vielfaltige Karikaturen, etwa Fliegende Blatter 37, 1862, 40.
[29] Vgl. Bischoff et al., Das Manufakturwaarengeschäft. Fabrikation und Vertrieb, 2. wohlfeile Ausgabe, Leipzig 1869, 479.
[30] Vgl. allgemein Uwe Spiekermann, Elitenkampf um die Werbung. Staat, Heimatschutz und Reklameindustrie im frühen 20. Jahrhundert, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 126-149, v.a. 127-129.
[31] Zum technischen Hintergrund vgl. J. Schuh, Der moderne Ladenbau, Süddeutsche Bauzeitung 2, 1892, 222-224, 234-235, v.a. 222.
[32] Schon das erste Warenhaus, der 1891 gegründete Kaiser-Bazar, besaß 130 Schaufenster (Vom Kaiser­Bazar in Berlin, Wiener Bauindustrie-Zeitung 8, 1891, 323-324, hier 323).
[33] Ähnlich schon A.L. Plehn, Zur Entwicklung der Warenhausfassade, Deutsche Bauhütte 8, 1917, 113-114, 125-127, 129, hier 113. Zum französischen Vorbild vgl. Christian Schramm, Deutsche Warenhausbauten. Ursprung, Typologie und Entwicklungstendenzen, Aachen 1995, S. 28-41; Siegfried Gerlach und Dieter Sawatzki, Grands magasins oder Die Geburt des Warenhauses im Paris des 19. Jahrhunderts, Dortmund 1989, v.a. 5-38.
[34] Vgl. die vorgreifende Kritik von Hugo Koch, Schaufenster und Ladenverschlüsse, in: Handbuch der Architektur, T. 3, Bd. 3, H. 1, Darmstadt 1896, 356-382, hier 357-358. Ferner Hans Schliepmann, Das moderne Geschäftshaus, Berliner Architekturwelt 3, 1901, 423-425. Positiv dagegen Leo Nacht, Moderne Schaufensteranlagen, Berliner Architekturwelt 6, 1904, 336-340, hier 337.
[35] Eugen Richter, Die Consumvereine, Berlin 1867, 95.
[36] Vgl. etwa Richard Bauer, Das alte München. Photographien 1855-1912. Gesammelt von Karl Valentin, o.O.o.J.
[37] Zu den Gründen vgl. Uwe Spiekermann, Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften 1903-1933, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 150-189, v.a. 151- 156; Michael Prinz, Brot und Dividende. Konsumvereine in Deutschland und England vor 1914, Göttingen 1996, 263-264.
[38] Den besten Überblick vermittelt Julius Hirsch, Die Filialbetriebe im Detailhandel, Bonn 1913.
[39] Uli Huber, Die Geschichte des Schaufensters, in: Eugen Johannes Maecker (Hg.), Werbende Fenster, Bd. 1, Berlin o.J., 5-20, hier 15.
[40] Hermann Kind, Die Fleischerei in Leipzig, in: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland, Bd. 6, Leipzig 1897, 1-178, hier 55-56. Vgl. auch die „künstlerische“ Dekoration von Schweinehälften bei Stephani-Hahn, 1926, 28 bzw. die Abbildung bei S. Thron, Der Weihnachtsmann in der Grossstadt, Die Woche 6, 1908, 2237-2242, hier 2241.
[41] So noch – aufgrund sehr einseitiger Quellennutzung – Christiane Lamberty, ‚Die Kunst im Leben des Buttergeschäfts‘. Geschmacksbildung und Reklame in Deutschland vor 1914, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1997/I, 53-78.
[42] Karl Ernst Osthaus, Das Schaufenster, Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1913, 59-69, hier 61.
[43] Bischoff et al., 1869, 472.
[44] Schaufenster-Decorationen einst und jetzt, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 16, 7.
[45] Bischoff et al., 1869, 476-477.
[46] Geissler, 1861, 53.
[47] Soll man an den Waaren die Preise deutlich mit Ziffern bezeichnen, so dass Jedermann sofort weiss, was das betreffende Stück kostet?, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 10, 5.
[48] Entsprechende Lehrinstitute entstanden allerdings schon vor der Jahrhundertwende, vgl. Decorationsschule für Frauen, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 4, 9.
[49] J. Erhart, Der Schaufenster-Dekorateur, Frankfurt a.M. 1895, 215-220.
[50] Vgl. den Ratschlag in Wie mache ich Reklame, Der Materialist 21, 1900, Nr. 40, 2. S. n. 12.
[51] Vgl. Die Anziehungskraft des Schaufensters, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 5, 40; Stephani­ Hahn, 1926, 17.
[52] R. Goldschmidt, Kauf-, Waaren- u. Geschäftshäuser, in: Baukunde des Architekten (Deutsches Bauhandbuch.), Bd. 2, T. 5, 2. vollst. neu bearb. Aufl., Berlin 1902, 49-192, hier 71.
[53] Vgl. etwa die Abbildungen der Friedrich- bzw. Leipzigerstraße, Berliner Architekturwelt 16, 1914, 193-194.
[54] Vgl. hierzu Koch, 1896, 364, 370-376; Neue Schaufenster-Rouleaux, Der Materialist 20, 1899, Nr. 40, 2; Goldschmidt, 1902, 69-71; Franz Woas, Praktische Neuerungen im Ladenbau, Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen und Elsass-Lothringen 11, 1914, 162-164, 169-170, hier 170.
[55] Vgl. hierzu Dirk Reinhardt, Dirk, Beten oder Bummeln? Der Kampf um die Schaufensterfreiheit, in: Borscheid und Wischermann (Hg.), 1995, 116-125.
[56] Aus der Fülle der Ratgeberliteratur nur folgende Titel: Gefrieren der Schaufenster, Der Manufacturist 16, 1893, Nr. 3, 9; Gefrorene Schaufenster, ebd., Nr. 44, 8; Koch, 1896, 362; Das Beschlagen der Schaufenster, Der Materialist, Bd. 21, 1900, Nr. 1, S. 2; Das Beschlagen und Gefrieren der Schaufenster, Der Manufacturist 24, 1901, Nr. 46, 12.
[57] Vgl. Ueber Schaufenster-Beleuchtung, Ebd. 16, 1893, Nr. 17, 3; Schaufenster-Beleuchtung, Der Materialist 21, 1900, Nr. 16, 2. S. n. 12; Carl Zaar und August Leo Zaar, Geschäfts-, Kauf- und Warenhäuser, in: Handbuch der Architektur, T. 4, Halbbd. 2, H. 2, Stuttgart 1902, 2-138, hier 20-24.
[58] Vgl. hierzu Max Schröder, Das Geschäftshaus der Kleinstadt, Strelitz o.J. (1911).
[59] Georg Simmel, Berliner Gewerbe-Ausstellung, Ästhetik und Kommunikation 18, 1987/89, H. 67/68, 101-105, hier 105 (Original von 1896).
[60] Dora Feigenbaum, Die Reklame, Deutschland 7, 1905/06, 427-436, 589-602, hier 595-596.
[61] Felix Steinl, Die Reklame des kleinstädtischen Manufakturwaarenhändlers, in: Robert Exner, (Hg.), Moderne Reklame, 4. Tausend, Zittau 1892, 7-10, hier 8.
[62] Gute Beispiele aus dem Lebensmittelhandel sind Fritz Grossmann, Schmücke Dein Schaufenster, Magdeburg o.J. (1901) bzw. Gustav Teller, Die Schaufenster-Dekoration für Kolonialwaren-Handlungen und verwandte Geschäftszweige, Leipzig 1909. Zur Einordnung vgl. Spiekermann, 1999, 573-585.
[63] Angaben nach Neu- und Umbau des Geschäftshauses Heinrich Jordan, Markgrafenstrasse 105-107, Deutsche Bauzeitung 27, 1893, 317-321, hier 317; Paul Lindenberg, Berlin und das Haus Rudolph Hertzog seit 1839, in: Agenda Rudolph Hertzog Berlin 1914, Berlin o.J. (1913), 3-96, hier 95.
[64] Vgl. Erwin Paneth, Entwicklung der Reklame vom Altertum bis zur Gegenwart, München und Leipzig 1926, 161.
[65] Vgl. etwa Alfred Wiener, Das Warenhaus, Berlin 1912.
[66] Karl Ross, Neubau und Umbau von Geschäftshäusern und Kaufläden, Der Manufacturist 24, 1901, passim, hier Nr. 29, 5.
[67] Vgl. ebd., Nr. 40, 5. Zur Deckenausgestaltung s. August Endell, Ladeneinrichtungen, Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1913, 55-58, hier 58.
[68] Näheres bei Uwe Spiekermann, Theft and Thieves in German Department Stores, 1895-1930. A Discourse about Morality, Crime and Gender, in: Geoffrey Crossick und Serge Jaumain (Hg.), Cathedrals of Consumption, London und New York 1998, 139-171.
[69] Die innere Ausstattung. Vom Werke der Raumkunst für das offene Ladengeschäft, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 8, 36.
[70] B. Haas, Das Schaufenster in ästhetischer und betriebstechnischer Beziehung (Schluss.), Deutsche Bauhütte 10, 1906, 221-223. Vgl. auch die Kritik von Hans Schliepmann, Das moderne Geschäftshaus (Schluss.), Berliner Architekturwelt 4, 1902, 52-55, 57-59, v.a. 59.
[71] Vgl. Ein schmales Bremer Geschäftshaus, Deutscher Bauhütte 5, 1901, 266-267; Goldschmidt, 1902, 60; Berliner Architekturwelt 16, 1914, 68 (Anbau bei Herrmann Gerson); Woas, 1914.
[72] Kurt Pallmann, Künstlerische Ladengestaltung als Aufgabe des Architekten, Deutsche Bauhütte 18, 1914, 108-110, 113, 122-123, hier 108.
[73] Neue Wege, Der Manufacturist 36, 1913, Nr. 5, 15, 17, hier 15.
[74] Pallmann, 1914, 108.
[75] Osthaus, 1913, 60. Vgl. auch Stephani-Hahn, 1926, 10-11.
[76] Osthaus, 1913, 62-63.

Backpulver vor Dr. Oetker – Ein Ausflug in das späte 19. Jahrhundert

Backpulver? Das stammt von Dr. Oetker! So dürfte der allgemeine Tenor lauten, gebunden an Bilder traditioneller glücksstrahlender Familien, versammelt am Kaffeetisch, den Kuchen freudig im Blick. Dr. Oetkers Backpulver zeugt von der Stärke stetig geschalteter und stetig umgestalteter Werbung, von der Stärke eines Markenartikels. In der Tat füllten sich um 1900 die Anzeigenspalten von Zeitungen und Zeitschriften, priesen das Backpulver eines Dr. Oetkers, machten aus der langweilig- betriebsamen Fahrräder- und Nähmaschinenstadt Bielefeld eine Nährmaschine der besonderen Art, einen Produktionsort vermeintlich billiger Backhilfsmittel und Convenienceprodukte – allesamt nährend, allesamt gelingend. Dafür bürgte der Hellkopf, der Titel des Herrn Doktor. Markenartikel wie das 1902 für Dr. A. Oetker eingetragene Backpulver „Backin“ (Deutscher Reichsanzeiger 1902, Nr. 292 v. 12. Dezember, 14) drängten jedoch nicht nur ein bestimmtes Produkt in den Vordergrund, sondern sie tilgten zugleich die Erinnerung an die Vorläufer und Wettbewerber. Das galt einerseits unmittelbar, im Falle Oetkers also im Übertrumpfen der damaligen Konkurrenten, von größeren Firmen wie Reese und Sinner, Vogeley und Dr. Crato, von Marken wie Hansa und Nissan. Das galt aber auch in der Erinnerungskultur, dem Tilgen der Branchenpioniere. Gewiss, selbst das mit Firmenauskünften und Archiveinblicken notorisch geizende Familienunternehmen hat stets konzediert, dass August Oetker (1862-1918) nicht der Erfinder des Backpulvers war. Doch die Außen- und Selbstdarstellung hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihr Produkt eine neue Ära einleitete, dass Dr. Oetkers Backpulver das beste, sicherste, zielführendste war. Also denn, erweitern wir unseren Horizont, blicken wir auf die Zeit vor Dr. Oetker, fragen nach den damals angebotenen und genutzten Backpulvern.

Wie kam das Backpulver nach Deutschland?

Backpulver – dieser Begriff war ein Lehnwort, eine deutsche Übersetzung des englischen „Baking Powder“ (F.C. Calvert, Die Schwefelsäurefabrikazion [sic!], Deutsche Gewerbezeitung und Sächsisches Gewerbeblatt 14, 1849, 381-382, hier 382). Erste derartige Patente und Produkte kamen in den 1830er und 1840er Jahren auf und stammten aus England, dem Zentrum der damaligen Welt. Wie bei den meisten alltäglichen Verbesserungen fehlt es an präziser historischer Forschung (Schemenhaft: Emma Kay, A History of British Baking […], Barnsley 2020, 134). Hierzulande galt das 1837 an Whiting verliehene Patent für die Erzeugung von Brot mittels Salzsäure und kohlensaurem Natron eher als Kuriosität, denn als Beginn einer langsamen Veränderung des häuslichen Backens (Ferdinand Artmann, Die Lehre von den Nahrungsmitteln, ihrer Verfälschung und Conservirung […], Prag 1859, 301). Die Beschreibung entsprach Anleitungen zu den im späten 19. Jahrhundert so beliebten Chemiebaukästen: „Wenn man aber Salzsäure und Kohlensäure vermischt, so entwickelt sich kohlensaures Gas; wenn man daher etwas Salzsäure mit etwas Teig vermischt und mit einem andern Theile Teig etwas Kohlensäure, so versucht das kohlensaure Gas zu entweichen, wodurch das Brot locker wird“ (Weizenbrot ohne Hefen, Allgemeine Landwirthschaftliche Zeitung 1838, 108). Das war offensichtlich für die Bäckerei, gar für frühe Brotfabriken gedacht, doch die Gasentwicklung verlief zu schnell, gesundheitliche Schäden waren nicht auszuschließen ([Friedrich Ludwig] Knapp, Brod und Brodbereitung, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 10, 1878, 288-295, hier 293). Erst in den Folgejahren entstanden in England auch häuslich praktikable Angebote, ab 1842 durch George Borwick (1807-1889), ab 1843 durch Alfred Bird (1811-1878). Sie mischten andere Stoffe, Reagenz und Reaktant, zumeist Weinsteinsäure, doppelt kohlensaures Natron und Stärkeprodukte, um handhabbarere Triebmittel zu erhalten (Verschiedene Nahrungsmittel, welche in England im Handel vorkommen, Neuwieder Intelligenz- und Kreis-Blatt 1854, Nr. 35 v. 1. Mai, 3-4, hier 4). Doch es sollte noch einige Zeit dauern, bis sich Backpulver in englischen Küchen breitflächig einbürgerte.

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Backpulveranzeigen im England der späten 1840er Jahren (Leeds Mercury 1848, Nr. 6001 v. 9. Dezember, 3 (l. oben); Bristol Mercury 1846, Nr. 2937 v. 4. Juli, 1 (r. oben); Newcastle Courant 1848, Nr. 9068 v. 22. September, 1)

Nicht unbeträchtliche Resonanz verursachten in Deutschland auch entsprechende Innovationen in den USA. Dabei stand die Kuchenbäckerei im Mittelpunkt, gemischt wurde Weinstein und Kreide bzw. Kali oder Ammoniak. Dadurch sei es möglich, die „Zufälligkeiten“ des Backens mit Hefe auszuschalten (Amerikanisches Backpulver, Dinglers Polytechnisches Journal 1855, T. 3, 399-400, hier 400). Solche Vorschläge befanden die untersuchenden Männer als „sehr brauchbar“, (Amerikanisches Backpulver, Archiv für Natur, Kunst, Wissenschaft und Leben 3, 1855, 63), lobten derartige Backpulver als Garant „sehr lockerer Gebäcke“ (Allgemeine Medicinische Central-Zeitung 24, 1855, Sp. 439). Doch der Anwendungsbereich war eng, ging es doch um Konditorwaren mit viel Masse, insbesondere um Zuckerwerk (Amerikanisches Backpulver, Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer 3, 1855, 106; William Löbe (Hg.), Encyklopädie der gesammten Landwirthschaft […], Suppl.-Bd., Leipzig 1860, 62). Backpulver blieben ungebräuchlich, hingen ab vom chemischen Geschick weniger Fachleute, die sie als „Mittel um lockere Kuchen zu erhalten“ definierten (G[eorg] C[hristoph] Wittstein, Taschenbuch der Geheimmittellehre, Nördlingen 1867, 15). Derartige Pulver wurden meist selbst gemischt, die Zutaten stammten aus Apotheken und Drogerien (Illustrierte Zeitung 1863, Nr. 1019 v. 10. Januar, 38).

Leisten wir uns etwas Abstand, denn angesichts unserer heutigen Koch- und Backpraxis – nehmen Sie ein Päckchen Backpulver… – wissen Sie vielleicht nur ungefähr, was in dem Tütchen ist und was es letztlich bewirkt. Backen ist „eine Art Aufwallung“ (Weizenbrot, 1838), eine Kombination von recht vermischter Materie und Energie: Mehl, Wasser, Zutaten, ein Triebmittel und Hitze – zielgerichtet eingesetzt. Für das Gelingen unseres täglichen Brotes bemühen wir keine göttlichen Kräfte mehr, sondern erklären Backen aus chemischen Reaktionen einzelner Stoffe. Kohlensäure und das so verfemte Kohlendioxid (CO2) sind dabei zentral, sie bewirken ein Auftreiben und damit die Lockerung des Teigs, machen ihn bekömmlich und schmackhaft. Dieser Prozess wurde Mitte des Jahrhunderts jedoch nicht durch „Chemikalien“ in Gang gesetzt, sondern durch Sauerteig einerseits, Hefe anderseits. Backpulver – beachten Sie bitte den Plural! – traten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an deren Seite. Backpulver waren Mischungen chemischer Stoffe, die möglichst effizient eine chemische Reaktion auslösen sollten, die in der Küche, in der Bäckerei bereits zuvor erfolgte, nicht aufgrund des Kopfwissens der Experten, sondern des Handwissens von Hausfrau und Meister. Backpulver waren Ausdruck menschlicher Herrschaft über die Materie, waren unmittelbar abrufbare Abläufe, dem Menschen dienstbar, ihm frommend. Sauerteig und Hefe besaßen einen sicheren Platz im Alltag, in der Praxis von Haushalt und Backstube, nicht aber die Backpulver. Sie wirkten, gewiss. Doch über die optimale Zusammensetzung und die gesundheitlichen Folgen waren sich die Experten uneins. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es hierzulande zudem keine Produktions- und Absatzstrukturen. Sie mussten bedacht, erörtert, entwickelt und umgesetzt werden. Dr. Oetker stand ganz hinten in dieser Kette. Er war vorrangig Nutznießer, für all das andere aber unwichtig.

Ein anderer Blick auf den Alltag

Eigentlich müsste ich nun mit einem anderen großen Mann fortfahren, mit Justus Liebig (1803-1873), dem wohl wichtigsten Anreger der Naturforschung Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch seine 1868 formulierten Vorschläge für ein neues Backpulver werden nur verständlich, wenn man andere Entwicklungen dieser Zeit im Kopfe hält.

02_Habich_1867_p42_Schimper_1886_p13_Weizen_Mehl_Mikroskopie

Neue wissenschaftliche Blicke: Weizenmehl unterm Mikroskop (Habich, 1867, 42 (l.); Schimper, 1886, 13)

Erstens veränderte sich damals das Verständnis der Welt – wenngleich für die Mehrzahl nur schemenhaft. Hatten Entdecker und Astronomen die Größe der Welt und die Weiten des Firmaments erschlossen, so traten seit dem 18. Jahrhundert daneben neue Mikrowelten, teils sichtbar, teils nur mehr vorstellbar. Getreide und Mehl waren Grundbestandteile der Nahrung, das Korn Grundlage menschlicher Existenz. Doch mittels des Mikroskops veränderte sich dieser Blick, denn je genauer man blickte, desto wunderlichere Bestandteile fand man. Sie zu benennen, sie zu systematisieren, sie dann zu erklären – das waren Aufgaben der Naturforschung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Justus Liebig formulierte um 1840 ein Modell eines umfassenden Stoffwechsels, gründend auf den chemischen Stoffen, ihren Reaktionen und Umwandlungen. Ihnen war alles unterworfen, Organisches und Unorganisches, Pflanzen, Tiere und Menschen. Getreide und Mehl bestanden vornehmlich aus Stärke, wurden als solche vom Menschen aufgenommen und weiterverarbeitet, waren Teil eines ewigen Kreislaufes von Materie und in ihr erhaltener Energie (mehr in Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 32-37). Ihn galt es zu erkennen, ihm galt es sich anzupassen.

03_Backpulver-Kochbuch_1891_pI_ebd_p17_Hausfrau_Wage_Haushaltsgeräte_Mehlsieb_Backen

Die rational abwägende Hausfrau – und ein Mehlsieb für die rechte Vermengung (Backpulver-Kochbuch, 1891, I; ebd., 17)

Zweitens veränderte sich damit auch die Rolle der Hausfrau. Ihre Aufgabe schien damals nicht die Erkundung der Welt zu sein, wohl aber hatte sie die dafür notwendigen häuslichen und reproduktiven Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Hausfrau war Funktionsträgerin, war Spezialistin für den Alltagsbetrieb im Familiennukleus, Wiederherstellerin des durch Arbeit Verbrauchten, eine Art Katalysator im Betriebsstoffwechsel der bürgerlichen, der menschlichen Gesellschaft. Sie hatte das neue Wissen aufzunehmen, es „naturgesetzlich“ umzusetzen, damit den Haushalt effizient zu gestalten – und das Wirtschaftsgeld so zu verwenden, dass alle mit Maß genährt wurden, es zudem schmeckte. Sie musste wissen, was sich in den Nahrungsmitteln verbarg, welche Funktion das eiweißhaltige Fleisch, die brutzelnde Butter, das stärkehaltige Brot besaß. Sie war die Energetikerin am Herde, setzte Gewürze und Ingredienzien ein, um aus Einzelteilen mehr zu machen, eine mundende Speise, Handlungsenergie für die Arbeit. Dazu nutzte sie Hilfsmittel, die Wage wie der Apotheker, das Sieb wie der Landmann. Die Hausfrau war unverzichtbarer Teil einer allgemeinen Arbeit, in der alle ihre Funktion, ihre Aufgabe hatten.

04_Industrie-Blätter_04_1867_p081_Fortschritt_Wissenschaft_Aufklaerung

Neue Erkenntnisse – und eine neue Welt (Industrie-Blätter 4, 1867, 81)

Drittens charakterisierte diese Zeit, dieses bürgerliche Zeitalter, eine Funktionsgruppe der gewerblichen Macher und Umsetzer, der Leute von Bildung und Kapital, der Unternehmer. Sie mochten von unterschiedlicher Herkunft sein, eigensinnigen Interessen folgen. Doch sie verkörperten die List der Vernunft, waren Ausdruck des waltenden Weltgeistes: Effizienz und Betriebsamkeit, Berechenbarkeit und Beschleunigung, all das vereinigten sie in modernen Gewerben, in Maschinen und Fabriken. Letztere mochten stationär sein, doch sie waren zugleich miteinander verbunden, durch Eisenbahn und dann auch Dampfschiffe, Teil eines regionalen, nationalen und globalen Austausches, Ausdruck zeitweiligen Gleichgewichts und stetem Vorwärtsdrängens, hin zum Neuen, hin zu Besserem. Unternehmer waren Wissende und Wagende, vorwärtsschreitend Dienende, Propheten und Gestalter eines neuen Gleichgewichts. Diesem sich zu beugen war nicht Zwang, sondern Klugheit, Einsicht in die tiefgründiger verstandene Verfasstheit der Welt. Sauerteig und Hefe hatten ihren Wert, doch die neue Zeit würde an ihre Stelle Überlegenes setzen – Backpulver.

Liebig als Anreger im Konsumsektor

Justus von Liebig, geehrt und geadelt, war mehr als ein Naturforscher. Seine Weltdeutung veränderte die Agrikultur, führte zu neuen Formen des Kunstdüngers und der Tierfütterung. Liebig war Zeit seines Lebens Arbeiter im Laboratorium, doch sein Feld war auch die Welt, war deren Anpassung an seine Weltsicht. Zahlreiche Konsumgüter entstanden aufgrund seiner Anregungen. Am bekanntesten, gewiss, der Fleischextrakt. Doch seine Malzsuppe für Säuglinge zielte auf eine rationale Nährung der Jüngsten, nahm dafür deren Mütter in harte Pflicht (Spiekermann, 2018, 91-92). Neben Fleisch und Milch trat aber auch das wichtigste Nahrungsmittel, das Brot. Seit den späten 1840er Jahren hatte sich Liebig mehrfach mit dem Brotbacken beschäftigt. Für ihn war dies nicht nur eine wissenschaftliche Aufgabe, sondern eine Antwort auf die (nicht nur) damals brennende soziale Frage. Die Sauerteig- und Hefegärung führten zu Nährstoffverlusten, diese galt es zu vermeiden. Liebig empfahl daher schon in seinen vielgelesenen Chemischen Briefen eine Art Vollkornbrot, pries den zuvor verfemten westfälischen Pumpernickel, bei dem die Kleie mit verbacken wurde (Justus von Liebig, Chemische Briefe, Leipzig und Heidelberg 1878, 304). Doch entgegen der Mär, dass derartiges Brot typisch für die alten Deutschen gewesen sei – Vollkornbrot ist ein modernes, v.a. seit den 1890er Jahren entwickeltes Produkt –, blieb die Anregung großenteils folgenlos (sieht man einmal von der Gründung der Firma Sökeland und den zahlreichen unverdienten Späthuldigungen Liebigs zur Zeit der NS-Vollkornbrotpolitik ab). An der Mehrzahl der Essenden prallte derartig rational begründete Fremdbeglückung ab, auch die Bäcker stellten ihre Arbeit nicht um. Liebig aber versuchte seine Mission auf andere Art fortzusetzen, nämlich durch den nachträglichen Zusatz der durch das Mahlen entfernten Stoffe. Das war die zentrale Aufgabe des Backpulvers.

05_Mueller-, Baecker- und Conditoren-Zeitung_04_1874_Nr146_p1_Mueller_Baecker_Backstube

Idealisierte Darstellung des Müller- und Bäckerhandwerks (Müller-, Bäcker- und Conditoren-Zeitung 4, 1874, Nr. 146, 1)

Bevor wir darauf genauer eingehen, noch einige Hinweise zu der Situation in den 1860er Jahren. Erstens war Brot damals neben der Kartoffel das eigentliche Rückgrat der Alltagsversorgung. Es handelte sich zumeist um Roggen- oder Mischbrot, Weizenbrot war abseits des Südwesten und Bayerns selten, eher Vorrecht der Begüterteren. Idyllischen Bildern des alten Bäckergewerbes zum Trotz war die gewerbliche Brotproduktion in deutschen Landen gar nicht so bedeutend. Zwei Drittel des Brotes – so nicht unplausible Schätzungen für die 1860er Jahre – wurden häuslich gebacken, also im eigenen Herd, im eigenen Ofen oder im noch üblichen dörflichen Backofen (Georg von Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands, Bd. 3, Berlin 1868, 589). 1861 beschäftigte das preußische Backgewerbe ca. 47.000 Personen, darunter mehr als 26.000 Meister (Bundesrepublik Deutschland 2021: unter 10.000 Betriebe mit ca. 240.000 Beschäftigten, größtenteils im Verkauf). Bäckerbrot war gemeinhin besseres Brot – und bis zur Jahrhundertwende dürfte es mindestens zwei Drittel des Marktes ausgemacht haben. Die durchschnittliche Bäckerei wurde größer, Brotfabriken blieben im Deutschen Reich aber, anders als in Großbritannien, Ausnahmen.

Zweitens hatte sich Backpulver in den 1850er und 1860er Jahren zwar nicht eingebürgert, wurde aber auch abseits des Konditorgewerbes ab und an verwandt. Gekauft wurde allerdings kein Backpulver, sondern Hirschhornsalz, Pottasche oder kohlensaures Natron und Weinstein, die dann dem Backwerk nach eigener Façon zugemischt und zugemengt wurden. Im Tenor der Zeit hieß das: „Derartige Mittel sind in der Wärme des Backofens flüchtige, der Gesundheit nicht schädliche Stoffe, z.B. das doppelt kohlensaure Ammoniak und die Kohlensäure selbst, welche man, an Wasser gebunden, dem Teige beimischt. Man hat dem Mehle auch wohl doppelt kohlensaures Natron als Pulver zugesetzt und mit dem zur Bereitung des Teiges nothwendigen Wasser so viel Salzsäure hinzugefügt, daß beide Stoffe sich zu Kochsalz verbinden. Auch die Weinsteinsäure ist in Verbindung mit Soda, Kochsalz und Zucker angewendet worden. Weit zweckmäßiger und beliebt ist es jedoch, dem Teige solche wenige Stoffe beizumischen, welche geeignet sind, denselben in weinige Gährung zu versetzen, bei welcher durch die ganze Masse des Teiges Kohlensäure und Weingeist gebildet werden: sie erzeugen schon bei geringer Wärme in dem Teig eine Menge gleichförmig vertheilter Blasen, welche dem Backwerk eine schwammige Beschaffenheit ertheilen und dasselbe leicht verdaulich machen“ (Viebahn, 1868, 584). Beim Kuchen bediente man sich als Lockerungsmittel zudem häufig Alkoholika wie Branntwein, Rum und Arak: Beim Backen entwich der Alkohol, hob und trieb so den Teig. Auch Eischnee wurde nicht nur wegen des besseren Geschmacks genutzt (R[udolf] Palm, Die wichtigsten und gebräuchlichsten menschlichen Nahrungs-, Genussmittel und Getränke […], St. Petersburg 1882, 71).

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Moderne Wachstumsindustrie: Mautnersche Wiener Presshefe-Fabriken (Wiener Bäcker- und Müller-Zeitung 3, 1878, 7)

Drittens dominierten Sauerteig und Hefe weiterhin das Backen. Sauerteig war Teil steter Vorratswirtschaft, handelte es sich doch um einen getrocknet aufbewahrten Altteig, der dann in lauem Wasser aufgelöst und schließlich dem neuen Brotteig zugesetzt wurde. Damals noch nicht bekannte Milchsäurebakterien und auch Hefepilze bewirkten eine Gärung, ergaben zugleich einen leicht säuerlichen Geschmack. Sauerteig wurde vornehmlich für dunklere Brote verwandt. Hefe war zur damaligen Zeit zumeist Bierhefe, teils auch Branntwein- und Weinhefe, wurde nur selten gezielt als Backhefe gezüchtet. Der Wandel des Brauens durch Kühltechnik und Reinzuchthefen seit den 1870er Jahren stärkte die gesonderte Produktion von Preß- und Backhefe. Deren Wirkung war verlässlicher, berechenbarer. Allerdings musste ein Hefeteig über mehrere Stunden aufgehen, musste häufig am Abend vor dem Backen vorbereitet werden. Hefe wurde eher im Süden Deutschlands eingesetzt, für Kuchen und helleres Brot. Beide, Hefe und Sauerteig, führten zu Nährwertverlusten als Folge der Alkohol- und Kohlensäurebildung, gaben dem Backwerk zugleich einen charakteristischen Geschmack (I[sidor] Rosenthal, Vorlesungen über die öffentliche und private Gesundheitspflege, Erlangen 1887, 296).

07_Memoriam_1893_p02_Illustrierte Technik für Jedermann_03_1925_p098_Eben-Norton-Horsford_Justus-von-Liebig

Eben Norton Horsford (1818-1893) und die Büste Justus von Liebigs in der Bayerischen Walhalla (Memoriam, 1893, 2 (l.); Illustrierte Technik für Jedermann 3, 1925, 98)

Liebig hatte sich mit Brotzusätzen schon Mitte der 1850 Jahre beschäftigt: Anstelle der nicht nur in Belgien verbreiteten Sitte, dem Mehl gesundheitsschädliches Alaun und Kupfervitriol beizumengen, empfahl er Kalkwasser – 26 bis 27 Pfund pro 100 Pfund Mehl, dazu reines Wasser und zusätzliches Salz. So könne man das an sich fehlerhaft aufgebaute Getreide physiologisch verbessern, die Knochenbildung fördern, ein auch schmackhaftes Brot backen (Justus Liebig, Ein Mittel zur Verbesserung und Entsäuerung des Roggenbrodes (Hausbrod, Commisbrod), Annalen der Chemie und Pharmacie 91, 1854, 246-249). Anfang 1868 griff er – veranlasst auch durch die Getreidemissernte 1867 und ihre Auswirkungen namentlich in Ostpreußen – neuerlich zur Feder und empfahl den Zusatz von Natriumbikarbonat und Salzsäure. Die aus der Reaktion entstehende Kohlensäure würde den Teig locker machen, das neu gewonnene Salz den Geschmack befördern (Max Rubner, Physiologie der Nahrung und der Ernährung, in: E[rnst] von Leyden (Hg.), Handbuch der Ernährungstherapie und Diätetik, Bd. 1, Leipzig 1898, 20-155, hier 97). Chemisch war dies ausgeklügelt, „genial […] gedacht“, doch die „minutiöse Genauigkeit im Abwiegen der Substanzen“ (C. Raabe-Graf, Ueber Verwendbarkeit einiger Backpulver in der Bäckerei und Haushaltung, Die chemisch-technischen Mittheilungen der neuesten Zeit NF 7, 1879, 186-189, hier 187) verwies Liebigs Anregung von Beginn an in das enge Geviert eines Laboratoriums, in die Echolosigkeit der Unbedachtheit.

Doch der Münchner Chemiker ließ sich dadurch nicht beirren, sondern schlug Ende 1868 neue Verfahren vor, sorgte in der Zwischenzeit auch für deren praktische Erprobung (Justus v. Liebig, Eine neue Methode der Brodbereitung, Annalen der Chemie und Pharmacie 149, 1869, 49-61 – daraus die folgenden Zitate). Liebig war durch die Ablehnung gekränkt, polemisierte eingangs gegen die Fortschrittsresistenz der Bäcker, gegen die Indolenz der Masse, sei doch Fortschrittssinn und „ein gewisser Grad von Bildung“ erforderlich, um seinen Vorschlag aufzugreifen. Nun denn, es folgte ein neuerlicher Vorschlag, um „aus gewöhnlichem Mehle, ohne Kleie, ein schönes, schmackhaftes Brod zu bereiten von höherem Nährwerth, als dem Brode aus demselben Mehle nach jeder anderen Methode bereitet zukommt.“ Liebig verwies neuerlich auf den gesundheitlich bedenklichen Verlust wichtiger „Nährsalze“ durch das Mahlen. Der Nährwertverlust betrage etwa 12 bis 15 Prozent. Eine andere Art der Brotbereitung sei daher von immenser nationalökonomischer Bedeutung, „denn der Erfolg in der Praxis der Ernährung ist alsdann genau so, wie wenn alle Felder in einem Lande ⅟7 bis ⅛ mehr Korn geliefert hätten; mit derselben Menge Mehl wird durch diese Ergänzung eine größere Anzahl Menschen gesättigt und ernährt werden können.“ Just das leiste das Horsfordsche Backpulver, „die ich für eine der wichtigsten und segenreichsten Erfindungen halte, welche in dem letzten Jahrzehnt gemacht worden sind.“ Doch Liebig wäre nicht Liebig, hätte er nicht an einer Verbesserung des Produktionsverfahrens gearbeitet, einer Mischung von Phosphorsäure mit doppeltkohlensaurem Natron. Das sei an sich sinnvoll, doch doppeltkohlensaures Kali eigne sich besser zum Ausgleich der stofflichen Defizite des Getreidekorns, es munde zudem besser. Allein, es sei zu teuer. Stattdessen setzte Liebig auf das im anhaltinischen Staßfurt seit 1851 billig gewonnene Chlorkalium. Er errechnete nun das für die Reaktion und die Neutralisierung der zugesetzten Stoffe erforderliche Verhältnis – pro Pfund Mehl 14 Gramm Phosphorsäure und 9 Gramm Chlorkalium – und empfahl diese Stoffe als neue Backpulver, als Zusatz zum Mehl (nicht ohne ein noch besseres, letztlich aber kaum praktikables Verfahren darzulegen): „Das nach dieser Methode bereitete Brod ist von schönem Aussehen, aber schwerer wie das gewöhnliche Bäckerbrod; das letztere ist großblasig und fällt durch sein größeres Volumen mehr in die Augen.“ Gewiss, das neue Backpulver verursache Kosten von 15-18 Kreuzern [60-72 Pfennigen, US], doch nach seiner Berechnung ergäbe das Verfahren 10 bis 12 Prozent mehr Brot, sei dank der Zusätze auch deutlich nahrhafter. Liebig hatte sich auf die Brotbäckerei konzentriert, Küchengebäcke schloss er aus. Sein Ziel war nicht nur ein besseres und nahrhafteres Brot, sondern auch dessen großbetriebliche Herstellung: „Mit dem Ausschluß des Gährungsprocesses fällt das Haupthinderniß hinweg, welches dem industriellen Betriebe des Bäckergewerbes entgegenstand“. Das neue Backpulver diene der Allgemeinheit, sei für den Schiffsverkehr, das Militär, für Gefängnisse und Armenhäuser anzuraten. Die Produktion sei schon im Gange, zwei Fabrikanten damit betraut. Liebigs Artikel wurde Ende 1868 in den führenden Tageszeitungen des deutschen Sprachraums veröffentlicht (Kölnische Zeitung 1868, Nr. 355 v. 22. Dezember, 6; Der Bund 1869, Nr. 2 v. 3. Januar, Sonntagsblatt, 1-2), hinzu kamen zahllose Paraphrasen des Inhalts (etwa Zu den Brotstudien, Der Wächter 1869, Nr. 2 v. 4. Januar, 2-3).

Für die teils bis heute übliche Liebig-Hagiographie (einschlägig Jakob Volhard, Justus von Liebig, Bd. II, Leipzig 1909, 292-303) war dies ein neuerlicher Beleg für die Schaffenskraft und das soziale Engagement des hochgeehrten Innovators. Festzuhalten aber ist, dass dieser seit Mitte der 1850er Jahre in stetem Austausch mit seinem früheren amerikanischen Schüler Eben Norton Horsford (1818-1893) stand. Liebigs wusste um Horsfords Vorarbeiten, von seinem Backpulver-Patent (Nr. 14722), von dessen Übertragung in die industrielle Fertigung und seinem Bestreben, die Zusammensetzung zu optimieren (Paul R. Jones, Justus von Liebig, Eben Horsford and the development of the baking powder industry, Ambix 40, 1993, 65-74). Die zusammenfassende Broschüre (E[ben] N[orton] Horsford, The Theory and Art of Breadmaking, Cambridge 1861) hatte Horsford nach Erscheinen an Liebig gesandt. Auch danach tauschten sich beide über Backpulverfragen aus, auch 1868/69, als es darum ging, die veränderte Rezeptur Liebigs in ein verkaufsfähiges Produkt umzusetzen. Horsfords Backpulver war bereits eine Umsetzung der allgemeinen Prinzipien Liebigs, ermöglichte es doch einen rechnerisch höheren Nährwert und „scientific precision which successful bread-making requires” (Baking-Powders, The Manufacturer and Builder 2, 1870, 88). Horsfords Backpulver bestand aus zwei getrennt abgepackten Komponenten, Weinstein/doppeltkohlensaurem Natron und kalziumsaurem Phosphat/Phosphorsäure. Sie mussten ausgepackt und vermengt werden, die richtige Mischung erlaubte ein beigefügtes Zinngefäß mit zwei Kegelstümpfen unterschiedlichen Umfangs. Dieses wurde mit beiden Komponenten gefüllt, Wasser hinzugefügt, mit Mehl zum Teig verarbeitet und dann in den Ofen gegeben.

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Lange vor Horsford: Werbung für Durkee’s Baking Power (Kenosha Telegraph 1851, Nr. 50 v. 6. Juni, 3 (l. oben); Herald of the Times 1852, Nr. 1147 v. 2. September, 3 (l. unten); Wilmington Journal 1853, Nr. 51 v. 26. August, 3)

Eben Norton Horsford gilt als der Begründer der amerikanischen Backpulverindustrie, doch er war sicher nicht der erste industrielle Produzent oder gar der eigentliche „Erfinder“ des Backpulvers. Man wusste in der früheren Kolonie um die englischen Vorarbeiten. Bereits 1850 wurden erste weinsteinhaltige Backpulver von Preston & Merrill (Boston, MA) oder E.R. Durkee (New York City, NY) verkauft. 1853 folgte Vincent C. Price (Troy, NY) mit einer Mischung aus Weinstein und Natriumkarbonat (L.H. Bailey, Development and Use of Baking Powder and Baking Chemicals, Washington 1930, 2). Über den 1818 in Moscow, NY, in einer gutbürgerlichem Familie geborenen Eben Norton Horsford gäbe es viel, sehr viel zu erzählen: Eine zielstrebige Karriere im Feld von Technik und Chemie, der zweijährige Studienaufenthalt in Gießen als Schüler Liebigs, die nach der Rückkehr 1847 erfolgte Übernahme des neu geschaffenen Rumford Chair on the Application of the Useful Arts an der Harvard University, das Klonen von Liebigs Laboratorium und seiner Art des chemisch-technischen Studiums an der Lawrence Scientific School in Harvard (Charles L. Jackson, Eben Norton Horsford, Proceedings of the American Academy of Arts and Sciences 28, 1892/93, 340-346). Schweigen werde ich von seiner Förderung des Frauenstudiums, seine später von der Firma Borden genutzten Forschungen zur Kondensmilch und seinen höchst problematischen Beiträgen zur Siedlungsgeschichte Nordamerikas (Georg Schwedt, Liebig und seine Schüler, Berlin u.a. 2013, 213-214; William H. Brock, Justus von Liebig. The Chemical Gatekeeper, Cambridge und New York 2002, 239). Der nie promovierte Wissenschaftler hatte sich 1854 an einer von George Francis Wilson (1818-1883) initiierten chemischen Handelsfirma in Pleasant Valley, RI, beteiligt. Ging es anfangs um die Produktion des Bleichmittels Kalziumsulfat, so stand nach der Verlagerung der Firma nach Seekonk, MA, die Produktion von kalziumsaurem Phosphat im Mittelpunkt – einem Bestandteil des 1856 auf Horsford patentierten Backpulvers. Die Firma wurde in Anlehnung an seinen Lehrstuhl in Rumford Chemical Works umbenannt; in Erinnerung an den Loyalisten und naturwissenschaftlichen Forscher Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford (1753-1814), dessen zeitweiliges Wirken in München mit der Rumford-Suppe für Arme und dem Englischen Garten für Bürger nur unzureichend umrissen ist. Horsford jedenfalls verließ 1862 seinen Lehrstuhl, nachdem er langjährige Patentstreitigkeiten erfolgreich abgeschlossen hatte, und konzentrierte sich bis zu seinem Lebensende auf die Leitung seines höchst lukrativen Unternehmens, andere Geschäfte und die Archäologie (Linda Civitello, Baking Powder Wars. The Cuthtroat Food Fight that Revolutionized Cooking, Campaign 2017, insb. Kap. 3).

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Liebigadepten als Backpulverproduzenten: Ludwig Clamor Marquart und Werbung der Düngermittelfabrik von Georg Carl Zimmer (Wikimedia Commons (l.); Pfälzer Bote für Stadt und Land 1870, Nr. 29 v. 8. März, 116)

Der Reigen der Macher schloss ebenso die beiden Produzenten des Horsford-Liebigschen Backpulvers ein. Der Name würdigte die entscheidenden Vorarbeiten des Amerikaners, berücksichtige aber auch Liebigs neuartige Zusammensetzung und nutzte die immense Werbekraft seines Namens. Der in Frankfurt a.M. geborene und in Heidelberg lebende Georg Carl Zimmer (1839-1895) hatte Mitte der 1860er Jahre die Kunstdüngerfabrik Clemm-Lennig von seinem Onkel, dem Liebig-Schüler Carl Clemm-Lennig (1818-1887) übernommen. 1855 gegründet, produzierte sie auf Grundlage der Liebigschen Agrikulturchemie Düngemittel, erst Knochen, dann Superphosphat und weitere Mineraldünger, schließlich auch zahlreiche chemische Grundstoffe (Heinrich Caro, Über die Entwicklung der Chemischen Industrie von Mannheim-Ludwigshafen a. Rh, in: Ders., Gesammelte Reden und Vorträge, Berlin und Heidelberg 1913, 133-178, hier 143). Zimmer sollte später auch das Hauptdepot für den Verkauf von Liebigs Fleischmehl übernehmen, einem Futtermittel aus dem Resten der Fleischextraktproduktion im uruguayischen Fray-Bentos (Adressbuch und Waarenverzeichniss der chemischen Industrie des Deutschen Reiches 1, 1888, hg. v. Otto Wenzel, Berlin s.a., Abt. II, T. I, 361). Auch der gelernte Apotheker Ludwig Clamor Marquart (1804-1881) war mit Liebig gut bekannt. Seine Karriere chargierte zwischen Köln, Heidelberg und Bonn, zwischen Apotheke, einem eigenen pharmazeutischen Institut und der 1846 gegründeten Fabrik chemischer Produkte. Liebig kooperierte also mit zwei etablierten Unternehmen, um Backpulver in deutschen Landen allgemein einzubürgern. Sie begannen Anfang 1869 mit großzügiger Anzeigenwerbung.

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Anpreisung des Neuen (Bonner Zeitung 1869, Nr. 5 v. 6. Januar, 4)

Breit gefächerte Werbung

Bevor wir näher auf die Werbung für das Horsford-Liebigsche Backpulver eingehen, sollten wir uns nochmals die Motive für das neue Produkt vor Augen führen (wobei ich den Lockreiz des Geldes außen vor lasse). Erstens ging es um nicht weniger als um eine neue menschengemachte Ordnung im Ernährungssektor. Es galt ungeregelte „natürliche“ Prozesse, die Hefe- und Sauerteiggärung, durch eine planmäßig ablaufende Reaktion klar definierter Chemikalien zu ersetzen. Dadurch erst sei gezieltes und sparsames Backen möglich. Einerseits könne so der Nährstoffverlust durch die Zersetzung der Glukose minimiert, anderseits der Beginn der Gärung unmittelbar gesteuert werden (Viktor Gräfe, Über Backhilfsmittel, Drogisten-Zeitung 36, 1921, 327-329, hier 327). Zweitens ging es um eine neue Ökonomie im Ernährungsalltag. Die Experten rechneten die Verluste durch natürliche Prozesse hoch, verdampften allein bei der Hefegärung doch 40 bis 50 Millionen Liter Alkohol. Das war ein Wert von 20 bis 25 Millionen Gulden, Kapital, das Bäcker und Haushalte rationaler investieren konnten (Rudolf Wagner, Ueber das Hefenpulver der Nordamerikaner, Industrie-Blätter 5, 1868, 182-183, hier 182). Andere rechneten mit einem Minderverbrauch von 100 Tonnen Brot pro Tag, günstigeren Preisen, mehr Nahrung (F[riedrich] Strohmer, Die Ernährung des Menschen und seine Nahrungs- und Genussmittel, Wien 1887, 198). Drittens ging es um einen weiteren Industrialisierungsschub, nun aber im vermeintlich rückständigen Kleingewerbe. Dieser Mittelstand schien durch die Industrie bedroht, hatte sich zu modernisieren, um seine wichtige gesellschaftspolitische Mittlerposition weiter ausüben zu können. Nicht umsonst war das Backpulver auch Teil der Rezeptur des später führenden Nationalökonomen Gustav Schmoller (1838-1917) für eine „professionsmäßige Bäckerei“ (Gustav Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert […], Halle/S. 1870, 415). Es ging beim Backpulver also auch um die Zukunft der Monarchie und des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Seine Einführung war Teil des Einholens der führenden Wirtschaftsmacht, des Britischen Weltreiches. Viertens schließlich handelte es sich bei der Einführung des Backpulvers um einen Test der Mehrzahl. Es ging um eine Reifeprüfung für Gewerbe und gemeinem Mann. Das liberale Bürgertum war in dieser Zeit zwischen dem deutschen Bruderkrieg 1866 und der sich abzeichnenden Gründung eines kleindeutschen Reiches unter preußischer Führung unsicher, ob es der Macht folgen oder die demokratischen Ideale weiter spinnen wollte. Konnte man ein demokratisches System wagen, wenn die Mehrzahl rationale Angebote nicht wahrnahm? Die Einführung des Backpulvers reichte zu dieser Zeit weit über Küche und Backstube hinaus.

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Münchner Anzeige gemäß der Vorlage des Mannheimer Produzenten Zimmer (Bayerischer Kurier 1869, Nr. 44 v. 13. Februar, 410)

Das Horsford-Liebigsche Backpulver wurde in einer für damalige Verhältnisse überzeugenden Weise präsentiert und beworben. Drei Ebenen gilt es zu unterscheiden, mochten sie auch miteinander verwoben sein. Beginnen wir erstens mit der Arbeit der beiden Produzenten. Sie hatten mit den Vorbereitungen für die Produktion spätestens im Frühjahr 1868 begonnen. Obwohl Zimmer und Marquart Teilkomponenten des Backpulvers selbst herstellten, bereitete deren großbetriebliche Produktion beträchtliche Schwierigkeiten (Volhard, 1909, 298-300; Jones, 1993, 69-70). Backversuche ergaben fehlerhaftes Brot, einschlägig betraute Bäckermeister verwiesen auf fehlendes Volumen. Über all das tauschten sich Liebig, Horsford, Zimmer und Marquart brieflich aus, allesamt darauf vertrauend, dass am Ende die Idee über die Widrigkeiten triumphieren würde. Das schließlich angebotene Backpulver zielte auf Brotherstellung und Bäckereien. Entsprechend wurde es in ganzen und halben Kisten von 100 und 50 Pfund zu 17 Talern und 5 Silbergroschen für 100 Pfund verkauft. Ein Konsumvereinsvorsitzender schrieb: “Probepaquete und 5 Pfund Backpulver werden zu 1 Thlr. 5 Sgr. versandt und ausführliche Gebrauchsanweisungen daneben ertheilt“ und berichtete über „befriedigende Resultate“ (Otto Krüger, Zur Brodbereitungsfrage, Blätter für Genossenschaftswesen 16, 1869, 54-55, hier 55). Das Brot würde zwar teurer, doch der Arbeitszeitgewinn in einer kleinen Konsumvereinsbäckerei gleiche das aus, zumal man auf die Aussage vom höheren Nährwert des neu bereiteten Brotes vertraue.

Die Anzeigen wiederholten im Wesentlichen die Argumente Liebigs. Es handelte sich um Ankündigungen, ja Verlautbarungen. Das Backpulver wurde als überlegenes, revolutionäres Angebot präsentiert, dessen Verwendung scheinbar für sich sprach. Die Kunden erhielten mit der Kiste resp. dem Paket eine Gebrauchsanweisung. Die getrennt abgepackten Säure- und Basekomponenten mussten vom Anwender selbst vermischt werden. Die Gewichtsrelationen hatte man durch die Zumischung von Stärke einander angeglichen, so dass man nicht – wie noch beim amerikanischen Vorbild – unterschiedliche Mengen der Einzelbestandteile abmessen musste. Wichtig war und blieb die trockene Lagerung des Inhalts der schon angebrochenen Verpackungen.

12_Intelligenzblatt für die Stadt Bern_1869_02_18_Nr048_p2_Zuercherische Freitagszeitung_1869_02_26_Nr09_Backpulver_Horsford-Liebig_Schweiz

Angebote auch in der Schweiz (Intelligenzblatt für die Stadt Bern 1869, Nr. 48 v. 18. Februar, 2 (l.); Zürcherische Freitagszeitung 1869, Nr. 9 v. 26. Februar, 3)

Marquart versuchte allerdings in dem von ihm verantworteten norddeutschen Markt Backpulver auch für den Küchengebrauch zu empfehlen, verwies dabei auf die Praxis der amerikanischen Hausfrau (Hamburger Nachrichten 1869, Nr. 46 v. 23. Februar, 10). Beiden Anbietern gelang es, das neue Produkt im Zollverein und im Norddeutschen Bund anzubieten, zudem übernahmen sie auch Offerten aus dem Ausland. Über die Anzeigen hinaus beschickten sie Fachmessen und Ausstellungen, erhielten dabei auch Auszeichnungen (Karlsruher Zeitung 1869, Nr. 229 v. 30. September, 3). An den Ständen wurden Büchsen mit Backpulver präsentiert, sollten Brotproben die Besucher überzeugen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1869, Nr. 157 v. 6. Juni, 5229). Der Geschmack war weniger sauer, die Resonanz allerdings überschaubar: „ Auch Sachsen hat schon hier und da dieses Backpulver praktisch eingeführt […] und soll auch […] in Dresden Herr Bäckermeister Seidel […] sich der neuen Brodbereitungsmethode angeschlossen haben“ (Dresdner Nachrichten 1869, Nr. 164 v. 13. Juni, 1).

Diese Firmenwerbung sollte den Anstoß nicht nur für Käufe, sondern auch für eine öffentliche Debatte sorgen und Berichterstattungen über das neue Backpulver in Gang setzten. Die Werbung gründete zweitens also auf den Institutionen des gewerblichen und öffentlichen Lebens. Das entsprach dem bürgerlichen Ideal der Debatte und wechselseitigen Aufklärung. Das lokale Brotbacken sollte damit Ereignis werden, Bildungsinstitution. Und so fand sich im badischen Weinheim eben nicht nur ein backpulverbackwilliger Bäcker, sondern auch ein erfahrener Chemiker, der das neuartige Angebot um „eine volksthümliche Beleuchtung des Brotbackens“ bereicherte (Karlsruher Zeitung 1869, Nr. 64 v. 17. März, 3). In den Zeitschriften las man zudem Glossen über die Vorteile des Backpulver auch für die Hauswirtschaft, in denen Hausfrauen darauf verwiesen wurden, dass „man neben dem Kochen Brod backen kann, ohne durch langdauernde Vorbereitungen, Gährenlassen etc., Zeit zu verlieren“ (Mannheimer Abendzeitung 1869, Nr. 85 v. 11. April, 3). Entsprechender Flankenschutz kam auch von Wissenschaftlern. Der Bonner Chemiker und Liebig-Schüler August Kekulé (1829-1896) hob etwa im Sinne seines Meisters hervor, „daß nämlich bei der jetzigen verfeinerten Lebensweise ein künstlicher Zusatz von Mineral-Substanzen zur Nahrung – eine Art Mineral-Düngung – nothwendig oder wenigstens vielfach zweckmäßig sei“ (Kölnische Zeitung 1869, Nr. 113 v. 24. April, 10). Ein Ansturm Düngersüchtiger auf die Bäckereien unterblieb jedoch.

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Berichtete Brotvermehrung bei württembergischen Backversuchen (Ökonomische Fortschritte 3, 1869, 345)

Die wichtigsten Multiplikatoren waren allerdings Gewerbetreibende, organisiert in ganz Deutschland umspannenden Netzwerken von Gewerbe-, Industrie- oder polytechnischen Vereinen. Das waren die Wähler der 1. und 2. Klasse, die bestimmenden Kräfte in den Städten. Sie dachten praktisch, mit Sinn für den Nutzen. Die von Liebig angeführten Vorteile waren für sie überzeugend, doch sie diskutierten zugleich die noch bestehenden Probleme (Kerner, Ueber die Brodbereitung mit Horsford-Liebig’schem Backpulver, Gewerbeblatt aus Württemberg 1869, 83-85, hier 85). Blicken wir beispielhaft auf die Königlich Württembergische Centralstelle für Gewerbe und Handel. Sie kaufte eine große Charge Backpulver und versandte Proben an gleich 70 Adressen, bat um Prüfung und Stellungnahmen, wohl wissend, dass „die Vortheile, die es darbietet, auch mit Aufopferung gewöhnter Ansprüche erkauft werden müssen“ (Zur Horsford-Liebig’schen Brodbereitungsmethode, ebd., 101-102, hier 102). Die Rücklaufquote war hoch: Der Geschmack sei recht gut, doch das Brot durch den Zusatz auch teurer. Werte wie „Pünktlichkeit und Sorgfalt“ und „Wägen und Sieben“ seien nun gefragt, von den Bäckern eingefordert (Die Brodbereitung mittelst des Horsford-Liebig’schen Backpulvers, ebd., 120-121, hier 121). Allen Vorteilen zum Trotz war das Backpulverbrot aber weniger ansehnlich. Deshalb empfahl man es weniger den Bäckern als vielmehr den Privathaushalten, „wo man in Würdigung der erhöhten Schmackhaftigkeit und Nahrhaftigkeit auch mit einem minder ansehnlichen Aeußeren sich leichter versöhnt, während der Bäcker die Wünsche seiner Kunden zu berücksichtigen hat, sogar wenn sie auch nur auf einem Vorurtheil beruhen“ (Dass., ebd., 489-490, hier 490).

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Nährbrot und Backmehl auf Anregung des Gewerbevereins (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1869, Nr. 153 v. 2. Juni, 4917)

Andernorts regten die Notablen nicht nur Versuche an, sondern auch Startup-Unternehmen. Die mit Backversuchen beauftragte Dresdener Bäckerei Opel beließ es nicht beim Backpulverbrot, sondern entwickelte im Gefolge einen in den 1880er Jahren recht erfolgreichen Nährzwieback für Kinder. Dem Backpulver aber schwor Familie Opel ab: „Das damit erzielte Brod verdarb jedoch schon kurz nach dem Buck zu einer kleisterartig wässerigen Masse und wurde so, trotz seines bedeutenden Nährgehalts, ungenießbar. Alle Versuche, diesen Zersetzungsproceß zu verhindern, mißglückten“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1879, Nr. 16 v. 16. Januar, 286).

Fasst man die einschlägigen Berichte zusammen, so war der Grundtenor wohlwollend, wurde die Kritik in zarten Nuancen dargeboten: „Das Brod war wohlschmeckend aber noch etwas fest“ (Altonaer Nachrichten 1869, Nr. 32 v. 7. Februar, 1). Vielfach wurden auch nur Liebigs Ansichten paraphrasiert (Hamburger Nachrichten 1869, Nr. 60 v. 11. März, 2; Dresdner Nachrichten 1869, Nr. 98 v. 8. April, 1). In vielen Fällen wurde die Verwendung des Backpulvers allein für Brot in Frage gestellt, sollten stattdessen auch Kuchen oder Zwieback damit zubereitet werden (Das amerikanische Backpulver, Leipziger Tageblatt 1869, Nr. 143 v. 23. Mai, 4737; Hallesches Tageblatt 1869, Nr. 269 v. 18. Dezember, 1683). Immer wieder monierte man die fehlende Lockerheit des Brotes und die aus ungenügender Vermischung resultierenden braunen Stellen (Altonaer Nachrichten 1869, Nr. 107 v. 9. Mai, 1). Zusammengefasst boten diese Berichte viel Stoff zur Diskussion über das Horsford-Liebigsche Backpulver. Im Sinne der Macher aber war sie nicht, eher im Sinne einer Nachbesserung des Produktes.

Der bei weitem agilste Werbeträger war jedoch drittens das lokale werbetreibende Gewerbe. Bäcker, Apotheker, Drogisten und Kolonialwarenhändler begannen bereits Ende 1868 mit Anzeigen für neuartig gebackenes Brot, für das Backpulver und für Mehlmischungen, die der Hausfrau das Vermengen der Einzelkomponenten abzunehmen vorgaben. Sie erschlossen damit zugleich den häuslichen Markt abseits der Bäckereien.

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Marktpräsenz von Brot und Backpulver im Rheinland (Kölnische Zeitung 1869, Nr. 29 v. 29. Januar, 4 (unten); Bonner Zeitung 1869, Nr. 9 v. 10. Januar, 4 (l.); Der Wächter 1869, Nr. 14 v. 1. Februar, 3 (r. oben); Echo der Gegenwart 1868, Nr. 358 v. 31. Dezember, 3)

Die lokalen Gewerbetreibenden nutzten dabei die Argumente von Liebig, Zimmer und Marquart, nutzten fast durchweg das Renommee des Münchener Chemikers als Qualitätsgaranten. Zumeist aber beließ man es bei kurzen Aussagen zum Nutzen, insbesondere zur Substitution der für Backwerk gebräuchlichen Hefe.

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Vom Angebot zum Ratgeber – Werbeanstrengungen der Detaillisten (Bonner Zeitung 1869, Nr. 95 v. 8. April, 4 (l.); Jeversches Wochenblatt 1869, Nr. 121 v. 5. August, 5)

Die dezentrale Werbung war dynamisch, führte zu nicht vorherzusehenden Geschäftsinitiativen. Das galt etwa für neuartige Angebote von „American Cracker“, hergestellt mit Backpulver. Die Anfang 1869 gegründete Braunschweiger Firma hatte keinen langen Bestand, doch ihre Geschäftsidee trägt bis in unsere Tage (Kölnische Zeitung 1869, Nr. 77 v. 18. März, 4; Bonner Zeitung 1869, Nr. 91 v. 4. April, 2; Dresdner Nachrichten 1869, Nr. 136 v. 16. Mai, 9). Erfolgreiche Karrieren begleiteten sie: Der Dresdener Apotheker J. Paul Liebe übernahm nicht nur eine Generalagentur des Backpulvers (Dresdner Nachrichten 1869, Nr. 164 v. 13. Juni, 2), sondern baute in den Folgejahren sein breitgefächertes Angebot von Malzprodukten, Kindernähr- und Kräftigungsmitteln weiter aus, das er trotz des energischen Protests Liebigs unter dessen Namen vermarktete (J[ustus] v. Liebig, Erklärung, Annalen der Chemie und Pharmacie 158, 1871, 136).

Vor Ort wurden die Grundinformationen also weitergesponnen, auch umgewidmet. Mochte der Name Liebigs auch die Anzeigen dominieren, so wurde doch vielfach vom „Amerikanischen Backpulver“ gesprochen (Dresdner Nachrichten 1869, Nr. 210 v. 29. Juli, 3). Die Ferne zog – wir hatten dies im englischen Falle schon an Borwick’s German Baking Powder gesehen. Zugleich spiegelte die lokale Werbung aber auch das langsame Ende des Horsford-Liebigschen Backpulvers. Im oldenburgischen Jever hatte der Händler A.W. Deye seit Sommer 1869 die Vorteile des Backpulvers für das häusliche Backwerk öffentlich hervorgehoben. Er war erfolgreich, annoncierte mehrfach neu eingegangene Ware, schaltete auch Erinnerungswerbung zu den Hochfesten. Doch Ende 1870 endete diese kleine Kampagne vor Ort. Die Illusionen über die Reform der Brotbereitung verflogen, der Absatz endete.

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Beharrende und abebbende Werbung (Jeversches Wochenblatt 1869, Nr. 141 v. 9. September, 7; ebd., Nr. 147 v. 19. September, 3; ebd., Nr. 163 v. 17. Oktober, 3; ebd. 1870, Nr. 5 v. 9. Januar, 5; ebd., Nr. 111 v. 17. Juli, 3; ebd., Nr. 201 v. 22. Dezember, 3 (von oben n. unten, von l. n. r.))

Dieser Misserfolg lag kaum an der Werbung. Diese war großzügig, vielgestaltig, wandelte sich gar mit den vermeintlichen Ansprüchen der Käufer von der Bäckerei zum Haushalt. Backpulver war im ersten Halbjahr 1869, teils auch darüber hinaus, ein seriös diskutiertes Thema in der deutschen Öffentlichkeit. Doch anders als von den Machern erwartet, mündete das kritische Räsonnement eigensinniger Bürger in die Ablehnung des Horsford-Liebigschen Backpulvers.

Von der Kritik zum Fiasko: Das Scheitern des Horsford-Liebigschen Backpulvers

Das „gänzliche Fiasko des Liebigschen Backpulvers in Deutschland“ (Volhard, 1909, 303) spiegelte sich in den Absatzzahlen. Diese liegen indirekt vor, hatte die beiden Produzenten Liebig doch eine Provision von 10 Silbergroschen resp. 35 Kreuzern pro verkauftem Zentner Backpulver zu zahlen. Georg Carl Zimmer verkaufte 1868 und 1869 insgesamt 24.492 Pfund Backpulver, 1870 dann nochmals ca. 2.500 Pfund, insgesamt also ca. 27.000 Pfund oder 13,5 Tonnen. Er gab 1870 die Produktion auf, überließ seine Rechte L.C. Marquart. Dieser zahlte Liebig für 1868/69 26 Taler, 1870 31 und 1871 9 Taler (Angaben n. Volhard, 1909, 302; Jones, 1993, 72). Diese 66 Taler Provision entsprachen einer Menge von ca. 9,9 Tonnen. Auch wenn Marquart wohl bis mindestens 1874 Restbestände verkaufte (Der Bazar 20, 1874, Nr. 2, 20), bestand der Absatz schon 1871 vornehmlich aus Exportware gen Dänemark und Argentinien (ebd.). Der Gesamtabsatz des Horsford-Liebigschen Backpulvers im In- und Ausland betrug 1868 bis 1871 demnach 23,4 Tonnen – oder 468 volle Kisten. Ein Fiasko, zumal angesichts der immensen Erwartungen Liebigs. In einem Schreiben an Zimmer hatte er darüber fabuliert, dass bei einem Erfolg die deutsche Sodaproduktion verdoppelt werden würde (Volhard, 1909, 302). Diese lag 1869 im Deutschen Zollverein bei ca. 75.000 Tonnen (J[oseph] Goldstein, Deutsches Sodaindustrie in Vergangenheit und Gegenwart, Stuttgart 1896, 51).

Was waren die Gründe für dieses Scheitern – auch im Hinblick auf die langsame, aber gedeihliche Aufwärtsentwicklung in England und den USA? Sieben Gründen scheinen mir evident. Wobei ich mir bewusst bin, dass ich damit nicht auf die damalige Kritik aktiver Vegetarier an der „Verliebigung des Brodes“ eingehe, die sich vornehmlich an der Herkunft der Phosphorsäure aus gebleichten und vermahlenen Tierknochen rieben, also der Transformation eines pflanzlichen Nahrungsmittels in ein tierisches (Hugo Oelbermann, Das Knochenbrod, Bonner Zeitung 1868, Nr. 352 v. 29. Dezember, 3).

Erstens war der Markteintritt verfrüht und undurchdacht. Liebigs Vorschlag für eine neue, von Horsfords Verfahren abweichende Zusammensetzung war durch seinen Kaligehalt technisch schwierig und führte 1868 zu immer neuen Nachjustierungen (Volhard, 1909, 298). Die Gründe dafür lagen gewiss in den Kosten, lagen aber auch im starren Beharren auf Liebigs vermeintlich überlegenen Vorschlag. Die Backversuche unterstrichen, dass die Mischung nicht ausgereift war, nur dann erfolgreich, wenn alle Rahmenbedingungen präzise eingehalten wurden. Um dies zu gewährleisten hatte sich Liebig in seinem Privathaus einen eigenen Spezialofen erbauen lassen, doch derartiges Engagement war nicht verallgemeinerungsfähig. Auch das Abspringen des ursprünglich geplanten dritten Produzenten wurde nicht als Warnzeichen verstanden. In dem nahe Brückfeld im Landkreis Rosenheim gelegenen Örtchen Heufeld war unter Liebigs Mitarbeit 1857 die Bayerische Actien-Gesellschaft für chemische und landwirthschaftlich-chemische Fabrikate gegründet worden, die seit 1859 Superphosphat-Dünger produzierte, die letztlich aber kein Backpulver produzieren wollte. Marktforschung unterblieb.

Zweitens konzentrierte sich die Einführung auf die Brotbereitung und die Bäcker. Damit ignorierte man die Marktentwicklung in den USA, insbesondere aber in Großbritannien. Dort bildeten Haushalte und süßes Backwerk einen wachsenden Anteil am Absatz. Mit den gut organisierten Bäckern wurde im Vorfeld nicht gesprochen, sie wurden im Gegenteil als Fortschrittsfeinde denunziert. Der Verband deutscher Müller und Mühlen-Interessenten prüfte das Backpulver 1869, konnte jedoch kein „durchweg günstiges Resultat“ erblicken, da die Brotproduktion auf diese Art nicht wirklich verbessert werden konnte (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1869, Nr. 154 v. 3. Juni, 5125). Ignoriert wurde insbesondere die Marktstellung der Bäcker: „ Der Bäcker muß den Geschmack seiner Kunden befriedigen, und es gehört eine gewisse Freiheit von Vorurtheilen dazu, sich von einem bestimmten Geschmacke des täglich genossenen Brotes abzugewöhnen“ (K[arl] Birnbaum, Das Brotbacken, Braunschweig 1878, 108).

Drittens war das stakkatohaft vorgetragene Mantra des trotz Backpulvers letztlich billigeren Brotes weder für die Bäcker noch für die Hausfrauen glaubwürdig. Backpulverbrot war kleiner und weniger ansehnlich, die Vorstellung erhöhten Nährwertes und abstrakte nationalökonomische Kostenrechnungen verpufften. Stattdessen standen die Bäcker vor dem Problem, bei Einführung die Preise für ein Brot anheben zu müssen, das weniger hermachte (Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 3, 1871, 150). Eine raschere Produktion und der teilweise Verzicht auf Nachtarbeit waren gewiss nachvollziehbare Argumente, doch die meisten Bäckereien waren Einmannbetriebe, die für ein Auskommen arbeiteten, nicht für stetig zu mehrenden Gewinn. Die Kosten für das Backpulver hätten die Bäcker tragen müssen, doch dem stand kein Ertrag gegenüber (Preußisches Handels-Archiv 1871, Nr. 11 v. 17. März, 261).

Viertens unterschätzten die Macher die beträchtliche Zusatzarbeit in Bäckereien und Haushalten – letztlich also die deutlich höheren Opportunitätskosten durch das neue Produkt. Die Mischung und Zumengung war ungewohnt und fehleranfällig – trotz Gebrauchsanweisung. Dies ging einher mit einer vornehmlich im Haushalt bestehenden Abneigung gegen den laboratoriumsgemäßen Umgang mit Chemikalien. Sie wurde als etwas Fremdes verstanden, als schwarze Kunst. Objektiv mag dies unbegründet gewesen sein, doch mit derartigen Vorbehalten hätte insbesondere Liebig rechnen müssen, dessen Malzsuppe für Säuglinge zuvor an ihrer zeitaufwändigen und fehleranfälligen Zubereitung gescheitert war.

Fünftens scheiterte das neue Backpulver am zwar zusagenden, letztlich aber doch veränderten Geschmack des Brotes. Dieser war milder, hatte weniger Ecken und Kanten, doch es war just dieser leicht säuerliche Geschmack eines Sauerteigbrotes, den viele nicht einfach aufgeben wollten (Knapp, 1878, 295). Es ging eben um das „gewisse Angenehm-Säuerliche, welches sehr schwer in dem richtigen Maße, d.h. nicht zu viel und nicht zu wenig, durch Chemikalien herzustellen ist“ (Johannes Frentzel, Ernährung und Volksnahrungsmittel, Leipzig 1900, 104). Bei Hefegebäck mochte das anders sein, doch Liebigs Angebot zielte primär auf die Substitution des Sauerteigs bei der Roggen- und Mischbrotproduktion. Auch bei Kuchen wäre dies anders gewesen, denn Zucker überdeckt Geschmacksnuancen. Kritisch vermerkt wurde auch die Missachtung der Tradition durch „dieses künstliche Salzgemisch“ (Heinrich Vogel, Die Verfälschung und Verschlechterung der Lebensmittel, Erfurt 1872, 47). Für die immigrierte New Yorker Hausfrau mochte das Neue seinen Wert haben, nicht aber für eine noch von Sitte und Herkunft geprägte Gesellschaft wie die des frühen Kaiserreichs. Entsprechend urteilten Zeitgenossen skeptisch auch über die längerfristigen Perspektiven der Backpulver (Knapp, 1878, 125).

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Inkarnation ambivalenten Forschungsdrangs: Justus von Liebig (Illustrirte Zeitung 1869, Nr. 1361 v. 31. Juli, 85)

Sechstens erwiesen sich die naturwissenschaftlichen Annahmen Liebigs zunehmend als Schall und Rauch. Das wurde unmittelbar nach dem Scheitern auch öffentlich klar benannt: „Wie Liebig, dieser sonst so klare Kopf, zur Verwirrung der Begriffe über rationelle Ernährung durch Hervorheben des Nährwerthes der Salze im Vergleich mit dem der Eiweißstoffe so viel hat beitragen können, als er neuerlich so in der Lehre von der Brodbereitung durch Backpulver, wie in der über Herstellung von Fleischextract gethan hat, bleibt um so unverständlicher, als er selber früher und zwar gerade aus den hier von uns angeführten Gründen ein ganz anderes Fleischextrakt als das beste, ja als das allein zweckentsprechende, angegeben und empfohlen hat, […]“ (Bonner Zeitung 1871, Nr. 212 v. 2. August, 6). Das Liebigsche Konstrukt der „Nährsalze“ war irreführend und unphysiologisch. Auch seine im Kampf gegen Louis Pasteur halsstarrig hochgehaltene Interpretation der Hefegärung erwies sich als haltlos (Brotbereitungs-Prozeß, Kölner Nachrichten 1884, Nr. 43 v. 19. Februar, 2). Ebenso ergaben sorgfältige Resorptionsstudien an Hunden im Münchener Physiologischen Institut, dass die Liebigschen Summenformeln spekulative Rechnereien waren (Gustav Meyer, Ernährungsversuche mit Brod am Hund und Menschen, Zeitschrift für Biologie 7, 1871, 1-48; Birnbaum, 1878, 305-306). Der rechnerisch erhöhte Nährwert war in der Praxis fiktiv, denn die zusätzlichen Nährstoffe wurden vom Organismus schlicht nicht aufgenommen, sondern ausgeschieden. Der Chemiker Liebig ignorierte basale Erkenntnisse der aufstrebenden Physiologie (A[dam] Maurizio, Die Nahrungsmittel aus Getreide, Bd. 1, Berlin 1917, 350).

Siebtens schließlich gab es auch psychologisch-biographische Gründe für das Scheitern. Liebig war zu diesem Zeitpunkt ein alter, zunehmend unbelehrbarer Mann, der mit polemischem Furor und jugendlicher Energie seine Vorstellungen verfolgte, dagegen stehende Aspekte aber ignorierte. Bezeichnend war, dass er im Mai 1868 erst durch seinen Freund, den Göttinger Chemiker Friedrich Wöhler (1800-1882), auf Horsfords Backpulver-Patent hingewiesen wurde (Volhard, 1909, 297). Liebig hatte in der Freude am eigenen Experimentieren die gesamte Vorgeschichte offenbar verdrängt. Es war daher in gewisser Weise folgerichtig, dass Zimmer und Marquart das Backpulver nicht veränderten, die Werbung nicht umgestalteten, sondern die Produktion einfach abbrachen und auslaufen ließen. Für Liebigs war das Backpulver, sein Backpulver, ein sakrales Gut, dessen Veränderung einem Sakrileg gleichgekommen wäre, war es doch bereits chemisch optimiert. Liebig war letztlich nicht mehr in der Lage, die begründeten Rationalitäten anderer Menschen ernst zu nehmen und in Rechnung zu stellen. Der große Anreger verkörperte eben auch die Hybris einer Wissenschaft, die Modelldenken und eine gegenläufige empirisch wahrnehmbare Realität nicht mehr voneinander zu scheiden wusste.

Lernerfolge oder Neukonfiguration des Backpulvermarktes

Das Scheitern des Horsford-Liebigschen Backpulvers erfolgte nicht in einem jungfräulichen Markt, denn englische Offerten, etwa Borwicks Backpulver, wurden nicht nur im Norden angeboten (Altonaer Nachrichten 1869, Nr. 136 v. 13. Juni, 4). Backpulver blieben präsent, doch es waren wie zuvor eher Konditoren, die es für Zuckerwerk und Kuchen nutzten, Hausfrauen und Köchinnen, die sich Triebmittel kauften und selbstbereiteten, schließlich Bürger, die ausländische Präparate kauften. Doch zugleich wandelte sich der Markt, veränderte sich das Angebot. Paradoxerweise entsprechen moderne Wissens- und Konsumgesellschaften durchaus Kreislaufmodellen, denn gescheiterte Ansätze werden nicht einfach vergessen, sondern aus ihnen wird gemeinhin gelernt, um die Grundprinzipien für andere Angebote neuerlich anzuwenden und aus ihnen Gewinn zu ziehen. Dass dies nicht artikuliert, sondern in Narrative der Innovation und des Fortschritts eingewoben wird, sollte später auch Dr. Oetker zeigen. Doch als Trittbrettfahrer lernte er später nicht nur und nicht primär aus dem Scheitern des Horsford-Liebigschen Backpulvers. Er konnte auch auf die Erfahrungen dutzender Backpulverproduzenten zurückgreifen, die nach Liebigs Tod den Markt aus- und umgestalteten.

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Anonyme Angebote mit Verweis auf den Wissenschaftsheros Liebig (Deutsches Montags-Blatt 1877, Nr. 3 v. 16. Juli, 8)

Bevor wir einzelne Unternehmen genauer analysieren, sollten wir uns aber die Hauptveränderungen gebündelt vor Augen führen, allesamt Lehren aus dem Scheiteren des Horsford-Liebigschen Backpulvers. Erstens setzte sich der schon von Marquart und zahlreichen lokalen Anbietern eingeschlagene Weg fort, Backpulver nicht in der Bäckerei, nicht beim Brotbacken, sondern in der Küche, beim Kuchenbacken und auch der Speisenbereitung einzusetzen. Es galt nicht mehr Sauerteig zu ersetzen, sondern Hefe. Das ging einher mit einer wachsenden Trennung gewerblicher und häuslicher Angebote, also der Trennung zwischen dem Angebot von Backhilfsmitteln in Fachzeitschriften und dem von Küchenbedarf in Tageszeitungen und Publikumszeitschriften.

Zweitens wurde Backpulver von einem Chemikalienmix zu einem zunehmend einfacher zu handhabenden Convenienceprodukt. Das Angebot von getrennten Säure- und Basekomponenten fiel weg, stattdessen konnten die Käuferinnen ein schon vermischtes Produkt kaufen. Der Begriff Backpulver war immer weniger Plural, wandelte sich immer stärker zum Singular, zu einem direkt nutzbaren kompakten Hilfsmittel. Dies ging einher mit deutlich kleineren Haushaltspackungen, meist kleine Pappkästchen, teils auch schon Papierbeuteln.

Drittens trat neben die Gebrauchsanweisung zunehmend das Rezept. Nach wie vor wurde die Anwendung des Backpulvers in einigen Sätzen erklärt, in den Anzeigen kurz, auf der Packung etwas ausführlicher. Die Rezepte zeigten jedoch den konkreten Nutzen. Sie konzentrierten sich auf einfache Kuchen, auf Gemische des damals immer häufiger konsumierten Zuckers mit Mehl, Eiern, Butter (oder Kunstbutter) und Wasser oder Milch. Anders als Brot wurde häuslich bereiteter Kuchen auch nicht mit einem allseits bekannten Preis verbunden, entzog sich somit ansatzweise der ökonomischen Rationalität der frühen Backpulverdebatten.

Damit veränderte sich viertens auch die soziale Zielgruppe. Während Liebig auf alle Konsumenten zielte und diese über das Backpulverbrot erreichen wollte, konzentrieren sich die Unternehmen in den 1870er und 1880er Jahre vornehmlich auf bürgerliche Haushalte. In den frühen Arbeiterkonsumvereinen wurden Backpulver nicht geführt, das änderte sich erst um 1900 (Uwe Spiekermann und Dörthe Stockhaus, Konsumvereinsberichte – Ein neue Quelle der Ernährungsgeschichte, in: Dirk Reinhardt, Uwe Spiekermann und Ulrike Thoms (Hg.), Neue Wege zur Ernährungsgeschichte, Frankfurt a.M u.a. 1993, 86-112, hier 99-100). Während Liebig Backpulver als Teil der Lösung der sozialen Frage verstand, als Anrecht auf soziale Teilhabe und Ausdruck von Bildung – also als eine gemeinsame Aufgabe von Eliten und Volk, wirkte nun der Lockreiz des bürgerlichen (Sonntags-)Kuchen (ähnlich dem (Sonntags-)Braten). Es ging um Verbürgerlichung, um individuellen sozialen Aufstieg durch Akzeptanz bürgerlichen Daseins.

Fünftens wurde Backpulver der Alleinstellung entkleidet, die ihm Liebig zugedacht hatte. Es wurde nun Teil eines immer breiteren Sortiments küchennaher Angebote. An die Seite des Backpulvers traten nun vermehrt Puddingpulver (abstrus die Aussage von Insa Schlumbohm, Die Geschichte des Puddings und wie der Pudding ins Museum kam, in: Ruth-E. Mohrmann (Hg.), Essen und Trinken in der Moderne, Münster et al. 2006, 85-98, hier 89, dass Puddingpulver um 1900 „noch nicht allgemein bekannt war“), seit den späten 1870er Jahren auch Vanillinzucker, langsam auch Konservierungsmittel und Einmachhilfen. Peu à peu bildete sich ein Backsortiment aus, welches Backpulverangebote umkränzte, die Bedeutung des verbindenden Triebmittels allerdings nochmals unterstrich.

Sechstens schließlich entwickelte sich eine für die Anfangsjahrzehnte des Kaiserreichs recht typische Marktstruktur. Auf der einen Seite einige innovative, in den Städten reichsweit präsente Markenartikelanbieter. Auf der anderen Seite aber zahlreiche kleinere regionale Anbieter, darunter einige quirlige lokaler Anbieter, meistens Apotheker und Drogeristen, die bekannte und sehr unterschiedliche Rezepturen nutzten und verkauften.

Trendsetter und Marktführer: J. Gädicke, Berlin

Thesen sind leicht zu formulieren, doch sie empirisch zu fundieren ist gewiss ebenso wichtig. In den 1870er und 1880er Jahren gab es im deutschen Sprachraum ein knappes Dutzend relevanter Backpulveranbieter, von denen hier lediglich vier genauer analysiert werden: Ein erstes und zugleich zentrales Beispiel bietet die Berliner Firma J. Gädicke & Co. Meine erste virtuelle Begegnung mit Johannes Gädicke (1836-1916) bezieht sich auf das Jahr 1873, als er künstliche Topfgewächse annoncierte (Kladderadatsch 26, 1873, Nr. 54/55, 1. Beiblatt, 5), einen Klassiker der Heimsurrogate. Wohl wichtiger war seine Rolle als Pionier der Photographie. 1877 wurde ihm ein Patent „auf ein Ueberzugsmittel für Glasplatten, welche mittels des Sandgebläses radirt werden sollen“ erteilt (Amtsblatt für den Regierungsbezirk Arnsberg 1877, Nr. 29 v. 21. Juli, 251). Weit darüber hinaus ging die gemeinsam mit Adolf Miethe (1862-1927) 1887 erfolgte Erfindung und Patentierung des aus Magnesium, Kaliumchlorat und Schwefelantimon bestehenden Blitzlichtpulvers. Ganz andere Pulver vertrieb der Fotopionier seit 1874: „Das unter dem Namen Hefenmehl von J. Gädicke in Berlin, Sparwaldsbrücke 2, dargestellte Backpulver ist gut und wird zu wohlfeilen Preisen verkauft. Es gibt beim Einrühren sofort einen lockeren Teig, der beim Erhitzen stark aufgeht und eine sehr poröse Masse bildet […]. Den Pfundpacketen sind Recepte beigegeben“ (Der Bazar 20, 1874, 325). Dieses Angebot war lukrativ und gewinnträchtig, doch Gädicke verkaufte seine Firma 1878 an den Berliner Kaufmann Carl Gustav Göring (Deutscher Reichsanzeiger 1878, Nr. 237 v. 8. Oktober, 4). Dieser gewann mit Wilhelm Meienburg 1880 einen neuen Kompagnon, der kurz darauf das Geschäft übernahm (Ebd. 1880, Nr. 147 v. 25. Juni, 11; ebd., Nr. 156 v. 6. Juli, 7).

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Kuchen statt Brot: J. Gädickes Backpulver (Dortmunder Zeitung 1878, Nr. 151 v. 2. Juli, 6)

Im Gegensatz zu Horsford-Liebig zielte Gädickesche „Hefenmehl“ auf den Ersatz von Hefe, nicht den von Sauerteig. Nicht Brote sollten damit gebacken werden, es diente vielmehr der „leichten und sicheren Herstellung leicht verdaulicher Mehlspeisen und Gebäcke“ (Von der Bäckerei-Ausstellung zu Berlin 6, 1875, 445-447, hier 445). Hefe war langsam, das Hefenmehl, nach kurzer Zeit auch Backmehl, dann Backpulver genannt wurde, dagegen schnell. Das musste erklärt werden, man sprach von frei werdenden Gasen, nicht nur im Backofen, sondern schon nach Vermengung des neuen Produktes; doch man sprach kaum mehr von der chemischen Zusammensetzung des Präparates (S. Roureq, Ueber Gädicke’s Hefenmehl und Jensen’s Futterbrot, Polytechnisches Centralblatt NF 29, 1875, Sp. 653-654). Stattdessen ging es um Sicherheit im Haushalt, um Abkehr von „der so unsicher wirkenden und oft verfälschten Hefe des Handels“ (Von der Bäckereiausstellung zu Berlin, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 2, 1875, 248-250, hier 248). Das Hefenmehl wurde nicht mehr in unterschiedlichen Paketen geliefert, anfangs aber in zwei Varianten: Eine für geschmackneutrale Speisen, etwa Knödel, eine für süße und würzige Kuchen.

Der Übergang von Horsford-Liebig hin zu einem neuartigen Angebot ist offenkundig. Das Backpulver war ähnlich zusammengesetzt wie der Vorläufer, pro Kilo Mehl sollten 5,1 Gramm Phosphorsäure und 8,7 Gramm doppelt kohlensaures Natron zugesetzt werden (bei Horsford-Liebig 4,4 resp. 7,2 Gramm) (Gesundheit 4, 1878/79, 222). Gädicke bot ebenfalls Kisten von 50 Kilogramm an, allerdings mit 31 resp. 40 Mark deutlich billiger als zuvor 51,5 Mark für das reine Backpulver bei Horsford-Liebig. Doch zugleich offerierte er kleinere Pfundpakete für 1874 45 und 55 Pfennig, 1875 dann 40 und 50 Pfennig. Auch wenn man sich vor Augen führen muss, dass Umverpacken eine Kernaufgabe in Drogerien, Apotheken und Kolonialwarenhandlungen war, so näherte sich Gädicke doch der Haushaltspackung an, mochten die Preise auch noch hoch gewesen sein. Entsprechend zielte er anfangs auf ein gutbürgerliches Publikum mit Kaufkraft. Das schnellere Backen diente noch nicht der Hausherrin am Herde, wohl aber der Gastgeberin. War Besuch da, so rief die Hausfrau „ein Wort in die Küche und in 15 Minuten trägt die Köchin eine Schüssel mit frischen, sehr wohlschmeckenden Pfannkuchen auf den Tisch“ (Bäckerei-Ausstellung, 1875, 445).

Neuerlich diskutierten Experten über das neue Präparat – typisch für Wandel, typisch für langsame Akzeptanz. Gädicke setzte die fachliche Diskussion küchentechnisch um: „Ein im täglichen Leben zu verwendendes Backpulver darf nothwendig nur ein Pulver sein, welches die verschiedenen Bestandtheile in genau richtigem Verhältnis enthält“ (Raabe-Graf, 1879, 188). Statt abzumessen nahm die Köchin nun ein einfaches Maß, nämlich einen gehäuften Teelöffel Backpulver pro Pfund Mehl. Das war nicht mehr beckmesserisch-wägend, denn: „Das Mehr oder Weniger beruht auf Erfahrung“ (Backen ohne Hefe, Die Fundgrube 2, 1875, 51). Mehl und Backpulver wurden gemischt, das Gemenge zur Sicherheit durch ein grobes Sieb geschlagen. Die Zutaten kamen hinzu, der Teig wurde in die Form oder die Pfanne geschüttet und gebacken. Auch Fachleute waren überrascht, dass die trocken vermischte Säure-Basen-Komponenten auch nach vielen Monaten noch triebkräftig waren (Apotheker-Zeitung 14, 1879, 85). Dabei hatten das die englischen und amerikanischen Backpulver schon längst belegt.

22_Allgemeine Hausfrauen-Zeitung_01_1878-79_p011_Dresdner Nachrichten_1880_02_20_Nr033_p4_Backpulver_Puddingpulver_J-Gaedicke_Berlin

Herausstechende Anzeigen für Backpulver, Puddingpulver und mehr (Allgemeine Hausfrauen-Zeitung 1, 1878/79, 11 (l.); Dresdner Nachrichten 1880, Nr. 33 v. 20. Februar, 4)

Mit der Übernahme der Firma durch Göring und dann Meienburg begann eine markante Aufwärtsentwicklung. Anfangs auf den Berliner Raum konzentriert und mit dem Rest der Welt durch Versandhandel verbunden, etablierten sie ab 1878 offenbar Generaldepositairen „an allen Plätzen des In- und Auslandes“ (Kladderadatsch 32, 1879, Nr. 38, Beibl., 3). Das verbesserte Absatzsystem führte zur Vermarktung des nunmehr durchgehend Backpulver genannten Produktes im gesamten Deutschen Reich – zumindest in dessen urbanen Zentren. Die Ausbreitung im cisleithanischen Österreich blieb dagegen stecken, allein in Prag wurde ein Depot eröffnet (Prager Tagblatt 1880, Nr. 27 v. 27. Januar, 4; Prager Tagblatt 1880, Nr. 13 v. 13. Januar, 9).

Auffällig waren erstens überdurchschnittlich große Anzeigen, deren Größe fast an die Verlautbarungswerbung von Marquart und Zimmer erinnerte. Sie knüpften den Bezug zu Justus von Liebigs Vorarbeiten, präsentierten das Backpulver als Hefeersatz – der Begriff „pulverisirte Trockenhefe“ erinnerte daran. Sie hoben das Gädickesche Angebot zugleich aus den üblichen kleinen Anzeigen hervor, auch wenn sie noch keine Bilder verwandten.

Zweitens knüpfte die Werbung nun ein deutlich engeres Band zur Hausfrau – nicht nur zur bürgerlichen Köchin. Kleine Anzeigen fragten „Wer will schönen Kuchen backen“ (Echo der Gegenwart 1878, Nr. 258 v. 20. September, 3), offerierten scheinbar „Einen schönen lockeren Eierkuchen“ (ebd., Nr. 271 v. 3. Oktober, 4). Die Hausfrau sollte zur praktischen Küchentat schreiten: „Das Backen mit Backpulver ist viel einfacher als mit Hefe, Lockerheit und Gerathen des Gebäcks wird garantirt. – Dazu gehörige Küchenrecepte und Gebrauchs-Anweisung auf jedem Carton“ (Kölnische Zeitung 1878, Nr. 253 v. 11. September, 4). Nun redeten und predigten nicht mehr die Experten, sondern nun wurden die imaginierten praktischen Sorgen der bürgerlichen Hausfrau unmittelbar aufgegriffen: „Welche Hausfrau hätte nicht schon über schlechte Hefe geklagt und gejammert, sich nicht schon über ‚sitzen gebliebene‘ Sonn- und Festtagskuchen halb zu Tode geärgert? Milch und Mehl, Eier und Butter, Zucker, Rosinen und Mandeln, Mühe und Arbeit – Alles, Alles verdorben und verloren! Und dann kommt noch der Mann und lacht und spottet über den prächtigen Kuchen und die Kinder, die natürlich davon essen, weil er doch einmal da ist und auch Geld gekostet hat, verderben sich ebenso natürlich den Magen an dem unverdaulichen Zeuge. Was ist da zu thun? Man nehme statt der unzuverlässigen Hefe das Backpulver von J. Gädicke & Co. […], und statt der Klagen und des Aergers wird die Hausfrau Lust und Freude an dem Werke ihrer Hände haben, und der Mann wird nicht genug des Lobes finden und die Kinder werden immer gesunder und rothbackiger werden, je mehr sie davon essen“ (Kölner Sonntags-Anzeiger 1879, Nr. 149 v. 31. August, 3; analog Düsseldorfer Volksblatt 1879, Nr. 292 v. 28. Oktober, 3; Echo der Gegenwart 1880, Nr. 42 v. 12. Februar, 3). So klischeehaft die Szenerie auch sein mochte, sie zeigte doch die wachsende Bedeutung, die Konsumentinnen um diese Zeit gewannen. Sie wurden als Akteurinnen wahrgenommen und umzirzt. Zugleich aber verdichtete man die Vorteile des nunmehr in 50 Pfennig teuren Blechbüchsen angebotenen Backpulvers fast schon sloganartig: „Die Hauptvortheile, welche das Backpulver bietet, sind: Haltbarkeit, Schnelligkeit, Wohlgeschmack, sicheres Gerathen und Billigkeit“ (Volksblatt für den Kreis Mettmann 1878, Nr. 113 v. 24. September, 3). Das waren Ansätze einer direkten Werbesprache, die sich erst Jahrzehnte später einbürgern sollte.

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Eine breite Palette neuartiger Convenienceprodukte (Neueste Nachrichten 1880, Nr. 249/250 v. 5. September, 5)

Drittens bot J. Gädicke nun immer stärker ein Sortiment an, entweder plakativ mit fett gesetztem Puddingpulver oder aber ausgefächert auf „Flammeri, Eiscrème, Gelés, Kalt- und Warm-Puddings“ (Berliner Tageblatt 1880, Nr. 35 v 28. August, 11). Viertens griff man die schon bei Liebig vorhandenen Motive auf, dass es sich beim Backpulver um einen gesunden, ja gesundheitsfördernden Zusatz handelte. Phosphorsaurer Kalk und Magnesia, doppeltkohlensaures Natron, Kochsalz und Mehl: All das sollte die Knochenbildung und die Verdauung fördern. Die Anzeigen verwiesen plakativ auf die „von den ersten ärztlichen Autoritäten“ verordneten, mit Backpulver zubereiteten Mehl- und Milchsuppen, die die Knochenbildung fördern würden (Kölner Sonntags-Anzeiger 1879, Nr. 148 v. 24. August, 3). Auch Liebigs Traum einer nachträglichen Abmilderung der Folgen moderner Müllerei schien wieder auf: „Das Backpulver von J. Gädicke & Co. nun gibt in seiner Zusammenstellung einen vollständigen Ersatz für die mit der Kleie verlorenen, knochen- und zahnbildenden Phosphate, ist also ein ganz vorzüglicher Zusatz zu jeglicher Nahrung für Kinder, und erhöht zugleich die Verdaulichkeit und den Wohlgeschmack der Speisen“ (ebd., Nr. 149 v. 31. August, 3; ähnlich Bonner Zeitung 1879, Nr. 265 v. 27. September, 1069; Dresdner Nachrichten 1879, Nr. 316 v. 12. November, 2). Damit schwächte man zugleich immer wieder artikulierte Ängste, dass die Zufuhr von chemischen Stoffen „Störungen im Organismus hervorgerufen“ könnte (Max Weitz, Ueber Berliner Hefenmehl und Hefenmehle überhaupt, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 20, 1879, 81-84, hier 83). Wachsende Versorgungssicherheit war in zunehmend anonymen Nahrungsmittelmärkten immer janusgesichtig, schuf neue Ängste und wachsenden Beruhigungsbedarf.

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Schutzmarke und Generaldepot (Düsseldorfer Volksblatt 1879, Nr. 295 v. 31. Oktober, 4 (l.); Bonner Zeitung 1879, Nr. 270 v. 2. Oktober, 1090)

Doch J. Gädicke & Co. beließ es nicht bei der Beschwörung vermeintlich wissenschaftlich abgesicherter Gesundheitswirkungen. Man baute zugleich eine neue vertrauensbildende Markenidentität auf. Ab 1879 prangte auf den größeren Anzeigen eine grafisch einfach gestaltete Schutzmarke mit Wiedererkennungseffekt. Das war wahrscheinlich auch auf die Arbeit fähiger Repräsentanten zurückzuführen. Georg Geza von Indulfy und August Schleipen machten die rheinische Metropole Köln zu einem Vorzeigemarkt Gädickes.

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Dezentrale Vermarktung (Echo der Gegenwart 1880, Nr. 55 v. 25. Februar, 4 (l.); Der Wächter, Bielefelder Zeitung 1880, Nr. 184 v. 10. August, 4)

Im prosperierenden Rheinland fanden sich mehrfach neue Anzeigenmotive. Auch wenn sie die Kernbotschaften kaum variierten, symbolisierten sie zugleich Dynamik und – durch die Schutzmarke – Kontinuität und Berechenbarkeit (Kölner Sonntags-Zeitung 1880, Nr. 177 v. 14. März, 1; Rhein- und Ruhrzeitung 1880, Nr. 79 v. 5. April, 4; Dortmunder Zeitung 1880, Nr. 96 v. 8. April, 4; Bonner Zeitung 1880, Nr. 145 v. 30. Mai, 583). Neben der Firmenwerbung stand Händlerwerbung, bei der vorrangig die Marke genannt wurde (Karlsruher Zeitung 1880, Nr. 171 v. 24. Juni, 1480). Mangels fehlender Firmenunterlagen ist es nicht möglich, die Geschichte von J. Gädicke & Co. angemessen zu rekonstruieren. Doch auch in Sachsen lässt sich rasches Wachstum nachweisen. In Leipzig gab es immerhin vierzehn Verkaufsstellen, in denen man Gädickes Backpulver „zum Selbstmischen des sog. Liebig’schen selbstthätigen Backmehls“ kaufen konnte (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1880, Nr. 370 v. 10. Dezember, 7308).

26_Koelner Sonntags-Anzeiger_1881_05_29_Nr240_p3_Backpulver_Backen_J-Gaedicke_Prima_Selbsttaetig

Ausverkauf für einen Groschen (Kölner Sonntags-Anzeiger 1881, Nr. 240 v. 29. Mai, 3)

Anfang der 1880er Jahre erfolgten zwei weitere zukunftsweisende Neuerungen im Marketing des Gädickeschen Backpulvers: Einerseits präsentierte man das Produkt als einen allseits akzeptierten Grundstoff, der zunehmend weniger erklärt werden musste. Dazu bediente man sich nicht mehr nur des Verweises auf Justus von Liebig, sondern verwies auf höchste Kreise, den Hofbäcker von Kaiser Wilhelm, den Backmeister von Kronprinz Friedrich (Kölner Sonntags-Anzeiger 1881, Nr. 234 v. 17. April, 4; Volksblatt für den Kreis Mettmann 1881, Nr. 63 v. 28. Mai, 3). Backpulver war im kaiserlichen Deutschland anscheinend angekommen. Anderseits aber entstand 1880 eine neue, wenngleich nicht sonderlich herausragende Markenbezeichnung. Prima war das Gädickesche Backpulver, Prima wurde zu dessen Namen. Diese Abkehr von der simplen Kombination von Produzent und Produkt war ein wichtiger Schritt hin zu einer auch abstrakten Markenidentität. Parallel aber trat innerhalb der Werbung das Prima Backpulver langsam zurück, während die Puddingpulver an Bedeutung gewannen (Berliner Tageblatt 1880, Nr. 129 v. 17. März, 14). Neben Zusätze und Hilfsmittel traten Komplettangebote: „Einen delikaten Pudding binnen 5 Minuten ohne Eier und Butter für 25 Pf., ausreichend für 4 Personen“ (Berliner Tageblatt 1880, Nr. 1790 v. 17. April, 10).

J. Gädicke & Co. blieb weiter aktiv, auch wenn es nach dem Rückzug von Georg Geza von Indulfy und August Schleipen nur noch vereinzelte Anzeigen gab (Kölner Sonntags-Anzeiger 1881, Nr. 269 v. 18. Dezember, 2). Das Backpulver hatte sich etabliert, die Präsenz in vielen Kolonialwarenläden (Dürener Zeitung 1886, Nr. 33 v. 24. April, 7) und Drogerien wurde aber nicht mehr durch stetige Anzeigenwerbung unterstützt. Es blieb ein Alltagsprodukt, doch über seine Bedeutung sind verlässliche Aussagen nicht möglich (Woltering, Ueber Klebermehl und über ein neues sehr einfach herzustellendes Diabetiker-Brot, Der praktische Arzt 29, 1888, 173-178, hier 176). J. Gädicke produzierte mindestens bis in die 1930er Jahre weiter Prima-Backpulver, Puddingpulver und ähnliche Produkte, erschien während des Zweiten Weltkrieges noch als Mehlgroßhandlung. Für uns aber ist wichtig, dass die Firma zwanzig Jahre vor Dr. Oetker den Wandel des Backpulvers zu einem küchennah beworbenen Convenienceprodukt vorantrieb.

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Gädickes Backpulver kurz vor der Jahrhundertwende (Spezial-Katalog, 1896, Werbung, 16)

Regionale Cluster, nationaler Anspruch: Backpulver aus Hannover

Die Mehrzahl größerer Backpulverproduzenten etablierte sich in Nord- und Mitteldeutschland, oberhalb des Limes, dieser wirkmächtigen Trennlinie zwischen römischer und germanischer Welt. Hefe, das ist offenkundig, wurde und wird im Süden, nicht im globalen, wohl aber im südlichen deutschen Sprachraum, auch in Böhmen und Mähren, häufiger verwendet als im weiten Norden. Kuchen und Mehlspeisen haben dort ein größeres Gewicht, sind Teil einer auch katholisch zu nennenden Anfälligkeit für das gute Leben schon vor dem Paradies. Liebig und Horsford, Zimmer und Marquart, das nur am Rande, waren allesamt Protestanten. Auch Backpulver war prototypisch protestantisch, berechenbar und gelingend, anders als das wohlige Fläzen, das unproduktive Schwelgen in den stets „rückständigen“ katholischen Gegenden, wo man nie wusste, was nach dem Gottesdienst passierte. Nach dieser Abschweifung ist klar, wo wir enden werden: In Hannover, einer Zinne lutherischer Rechtschaffenheit. Hier lag ein frühes Zentrum der Backpulverproduktion. Und zwar schon zu Zeiten als der Lutheraner August Oetker noch seinen Vater in der Backstube wusste, während er sich langsam auf den Schliff am just umgebauten Bückeburger Adolfinum vorbereitete.

Apotheker Mühlhan & Jacobi, Hannover

Nachdem ich sie nun auf die auch in säkularen Zeiten bedenkenswerte Bedeutung von Religion verwiesen habe – damals wurden Katholiken im Deutschen Reich zudem verfolgt und diskriminiert – wollen wir wieder zur empirischen Analyse zurückkehren. Denn einer der Wettbewerber von J. Gädicke war der Hannoveraner Apotheker Louis Mühlhan. Er betrieb in den frühen 1870er Jahren zusammen mit dem Kaufmann Otto Kneist eine offene Handelsgesellschaft, die 1875 allerdings aufgelöst wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1875, Nr. 156 v. 7. Juni, 5). Mühlhan erschloss sich neue Arbeitsfelder, wandelte auf Liebigs Spuren, bot ab 1877 „Prof. Just. v. Liebig’s Backpulver“ an. Offenkundig nicht ohne Erfolg, denn er gründete 1878 zusammen mit dem Kaufmann Heinrich Jacobi in Hannover eine offenen Handelsgesellschaft mit dem Zweck der „Fabrikation von Backmitteln“ (Ebd. 1878, Nr. 11 v. 14. Januar, 6).

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Apothekerware Backpulver (Kölnische Zeitung 1877, Nr. 348 v. 15. Dezember, 4)

Mühlhan & Jacobi stehen – wie deutlich später Dr. Oetker – für den Geschäftssinn dieses kaum mehr ständisch geschützten Berufsstandes, der durch die in den späten 1860er Jahren eingeführte Gewerbefreiheit erhebliche Einbußen erlitt und sich auf neue Geschäftsmodelle einließ, ja einlassen musste. In diesem Fall aber folgte man bereits beschrittenen Pfaden, denn das neue Backpulver war nichts anderes als eine Wiederkehr des Horsford-Liebigschen Backpulvers. Derartige gewerbliche Resteverwertung war nicht unüblich. Wie zuvor stand die Brotproduktion im Mittelpunkt, wie zuvor wurden die Backpulver-Chemikalien weiterhin in zwei getrennten Packungen vertrieben – allerdings in haushaltsnahen Pfundverpackungen. Bemerkenswert war der bei lediglich einem Groschen pro Kilogramm Mehl liegende Preis. Das neue alte Backpulver war ein Preisbrecher, stand für die Verbilligung der Produktion, stand auch für die beträchtliche Überteuerung des Horsford-Liebigschen Backpulvers.

29_Wiener Baecker- und Mueller-Zeitung_03_1878_p054_Leipziger Tageblatt_1878_05_16_Nr136_p2616_Backpulver_Liebig_Muehlhau-Jacobi_Hannover

Präsentation des Alten als das Neue (Wiener Bäcker- und Müllerei-Zeitung 3, 1878, 54; Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1878, Nr. 136 v. 16. Mai, 2616)

Mit Pathos spielte Mühlhan & Jacobi damals bekannte Weisen: „Man prüfe und verschließe sich nicht dem Fortschritte!“ (Wiener Bäcker- und Müllerei-Zeitung 3, 1878, 54). Doch offenkundig wandelte sich nicht der Markt, sondern das Angebot der Hannoveraner Unternehmer. 1878 offerierten sie „echtes Justus von Liebig’s selbstthätiges Backmehl“, gingen also sprachlich auf neue Mischprodukte ein, ohne aber das Angebot zu verändern. Binnen weniger Monate änderte sich zudem der Fokus weg vom Brot, hin zum Gebäck, weg von der Bäckerei, hin zum Haushalt. Neben die Gebrauchsanweisung trat auch hier das „erprobte“ Rezept.

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Altes Produkt gegen Gädicke (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1878, Nr. 116 v. 26. April, 2155)

Mühlhan & Jacobi weiteten ihre Marktpräsenz auch nach Mitteldeutschland. Wie Gädicke setzten sie zunehmend auch auf Puddingpulver, vermarktet unter Horsfords Namen. Zugleich nahmen sie den Wettbewerb auf, polemisierten gegen Gädickes „unechtes“ Säure-Basen-Komplettpaket. Doch trotz deutlich niedrigerer Preise blieb ein nachhaltiger Erfolg aus. Bequemlichkeit wurde von den Käufern offenkundig goutiert.

Liebigs-Manufactory von Meine & Liebig, Hannover

Anders als die Apotheker erhielten die Drogisten mit der Gewerbefreiheit neue Geschäftschancen. Die 1872 von den Apothekern Albert Eduard Meine und Franz Sonnefeld in Hannover gegründete Drogenhandlung konzentrierte sich anfangs auf gängige Drogerie- und Heilartikel. Backpulver wurde erst vertrieben, nachdem die Firma Meine & Sonnenfeld 1877 unter dem Namen Meine & Liebig an Meine und Heinrich Ferdinand Georg Liebig überging, letzterer ein Neffe des verstorbenen Münchener Chemikers (Deutscher Reichsanzeiger 1877, Nr. 59 v. 9. März, 6). Sie wurde im April 1878 in Liebigs-Manufactury von Meine & Liebig umbenannt (ebd., 1878, Nr. 93 v. 18. April, 6). Schon im Mai 1877 hatten sie ein Warenzeichen für „Liebig’s selbstthätigem Backmehl“ erhalten, das sie seit April 1878 reichsweit nutzten (Intelligenz-Blatt 1878, Nr. 219 v. 26. Juni, 3; Bamberger Neueste Nachrichten 1878, Nr. 317 v. 18. November, 3).

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Backmehl und Puddingpulver durch Liebigs Neffen (Central-Volksblatt für den Regierungs-Bezirk Arnsberg 1878, Nr. 78 v. 6. Juli, 3)

Anders als der lokale Wettbewerber Mühlan & Jacobi bot Meine & Liebig, die offenbar große Backpulvermengen nach Großbritannien exportierten (Ludwig Hoerner, Agenten, Bader und Copisten. Hannoversches Gewerbe-ABC 1800-1900, Hannover 1995, 24), das Backpulver vermischt in nur einem Pfundpaket an. Im Mittelpunkt der anfangs breit gestreuten, aber nur selten variierten Anzeigen standen Kuchen, stand die Bequemlichkeit und Machbarkeit im Haushalt: „Jeder Kuchen ist in einer Stunde fix und fertig, angerührt und gebacken. Vorzügliche Recepte bei jedem Pakete“ (Kölnische Zeitung 1878, Nr. 350 v. 17. Dezember, 8). Liebigs Manufactury gab auch Einblick in den Produktionsbetrieb: „Der Hauptschwerpunkt, der alles zum Gelingen guter und lockerer Gebäcke bedingt, liegt in der innigen Mischung der phosphorsauren Salze etc. mit Mehl, und wird in der Liebig’s Manufactory diese Mischung durch Melangeure hergestellt, die ungarisches Weizenmehl mit den Salzen ineinandermahlend ein Hinderniß beseitigen, an welchem die meisten Backmehle leiden, und welches der Einführung der Backpulver (die von den Hausfrauen erst dem Mehle beigemengt werden sollen) entgegensteht“ (Bonner Zeitung 1879, Nr. 278 v. 10. Oktober, 1124). Dennoch war das Backmehl resp. Backpulver nur eines von vielen Produkten von Meine & Liebig. Puddingpulver gewann an Bedeutung, doch ebenso Drogerieartikel wie Amerikanische Gichtpomade und Eisen-Cakes, zudem chemische Produkte.

32_Rhein- und Ruhrzeitung_1883_03_21_Nr068_p4_Karlsruher Zeitung_1894_05_09_Nr126_p2278_Backpulver_Liebigs-Manufactury_Meine-Liebig_Backmehl_Selbsttaetig_Puddingpulver

Reiner Markenartikel: Liebigs selbsttätiges Backmehl als Backartikel (Rhein- und Ruhrzeitung 1883, Nr. 68 v. 21. März, 4 (l.); Karlsruher Zeitung 1894, Nr. 126 v. 9. Mai, 2278)

Anders als Mülhan & Jacobi etablierte sich Liebig’s Manufactury aber auch langfristig. Das Backmehl, das mit 8,4 Gramm doppeltkohlensaurem Natron und 18,8 Gramm Weinstein deutlich mehr Triebmittel als Horsford-Liebig oder Gädicke enthielt (Eduard Hahn und J[ohann] Holfert, Spezialitäten und Geheimmittel […], 5., völlig umgearb., verm. u. verb. Aufl., Berlin 1893, 274), wurde stetig und ab den 1880er Jahren auch mit Abbildungen beworben (Pfälzer Bote 1890, Nr. 175 v. 2. August, 4; Karlsruher Zeitung 1892, Nr. 79 v. 19. März, 4). Meine & Liebig begann Mitte der 1890er Jahre mit einer neuerlichen Häutung der eigenen Werbepräsenz, sicherte sich früher als Dr. Oetker Warenzeichen für Backpulver und Puddingpulver (Deutscher Reichsanzeiger 1895, Nr. 72 v. 22. März, 10; ebd., Nr. 173 v. v. 23. Juli, 7). In der Folgezeit war die Firma ein wichtiger Wettbewerber, mit starkem Auslandsmarkt und regionalem Schwerpunkt in Norddeutschland. Trotz eines Konkursverfahrens 1928/29 stellte das Unternehmen bis nach dem Zweiten Weltkrieg Puddingpulver- und Backpulver her.

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Ansprechender als seinerzeit Dr. Oetker: Warenzeichen von Meine & Liebig 1895 (Warenzeichenblatt 2, 1895, 327)

Mimikry der Herkunft: Das Wiener Backpulver von M. Gesz von Indulfy & Co., Hamburg

Bei den Hannoveraner Anbietern war die regionale Herkunft stets transparent. Die Imagination eines allerorts nutzbaren und stetig verfügbaren Produktes wurde hier mit Verweis auf Justus Liebig bzw. seinem Neffen geschaffen, ebenso durch eine langsam geformte Markenidentität bis zu ansprechenden Warenzeichen. Anders war dies beim „Wiener Backpulver“ aus Hamburg. Der Name verwies auf die Caféhaus- und Mehlspeisentradition der habsburgischen Metropole, brach also den begrenzten protestantischen Charme des Backpulvers mit Verweis auf andere Formen des Essens und Lebens. Das Produkt gewann damit zugleich eine eigene Identität, die abseits der Firmenwerbung von zahlreichen Einzelhändlern genutzt werden konnte.

Die Firma M. Gesz von Indulfy wurde im Juli 1880 von den Brüdern Miska und Georg Gesz von Indulfy gegründet (Deutscher Reichsanzeiger 1880, Nr. 166 v. 17. Juli, 6). Sie ging im Februar 1881 an den Kaufmann Gustav Adolph Vogelsang über, Georg Gesz von Indulfy besaß jedoch Prokura. Die Firma entwickelte sich nach dem Eintritt von Vogelsangs Sohn Friedrich Heinrich zum Familienunternehmen, blieb dies auch nach dem Tode Gustav Adolph Vogelsangs im September 1902 (Ebd. 1881, Nr. 42 v. 18. Februar, 8; ebd. 1888, Nr. 232 v. 11. September, 10; ebd. 1891, Nr. 6 v. 7. Januar, 9; ebd. 1903, Nr. 27 v. 31. Januar, 13).

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Deutsches Produkt: „Wiener“ Backpulver aus Hamburg offeriert in Leipzig und Harlem (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1881, Nr. 350 v. 16. Dezember, 5584; Haarlem’s Dagblad 1887, Nr. 1163 v 21. April, 4)

Die ursprünglichen Firmeninhaber hatten ihr Geschäft als Kölner Depotleiter von J. Gädicke gelernt, der Vertrieb eigener Waren erfolgte jedoch erst ab Mitte 1881. Die Werbung ließ die gängigen Themen der späten 1870er Jahre hinter sich, kein Wort wurde mehr auf das Brotbacken verschwendet: „Wiener Backpulver […] empf. sich zur leichten und billigen Herstellung aller Backwaren“ (Kölnische Zeitung 1884, Nr. 199 v. 19. Juli, 4). Die Werbung deckte das gesamte Deutsche Reich ab, Exportmärkte in Westeuropa wurden ebenfalls bespielt (Altonaer Nachrichten 1882, Nr. 163 v. 15. Juli, 4; Jeversches Wochenblatt 1882, Nr. 186 v. 25. November, 6; Iserlohner Anzeiger 1882, Nr. 150 v. 21. Dezember, 4; Bonner Zeitung 1883, Nr. 124 v. 6. Mai, 514).

35_Karlsruher Zeitung_1885_09_04_Nr242_p2768_Emscher-Zeitung_1888_01_12_Nr010_p4_Backpulver_Gesz-von-Indulfy_Hamburg_Wien_Puddingpulver_Convenienceprodukte

Standardsortiment aus Hamburg (Karlsruher Zeitung 1885, Nr. 242 v. 4. September, 2764 (l.); Emscher-Zeitung 1888, Nr. 10 v. 12. Januar, 4)

Festzuhalten ist zweierlei: Zum einen unterstrich die Angebotspalette M. Gesz von Indulfys nochmals den allgemeinen Trend zum Backsortiment: Backpulver, Mehle aus unterschiedlichen Getreiden und in unterschiedlichen Mischungen, Vanillinzucker sowie verschiedene Puddingpulver wurden gemeinsam angeboten, nur noch selten einzeln. Diese Produkte standen seither für einen häuslichen Zweck: „Die seit 22 Jahren von der Firma M. Gesz v. Indulfy & Co. hier fabricierten Mehl- und Zuckerpräparate […] dienen zur billigen und leichten Herstellung feiner Bäckereien“ (Israelitisches Familienblatt 4, 1901, Nr. 31, 4). Zum anderen nutzten zahlreiche Händler in der Tat die Chance, Wiener Backpulver, Wiener Backmehl, Wiener Puddingpulver auch ohne Nennung des Produzenten anzubieten (Altonaer Nachrichten 1884, Nr. 86 v. 10. April, 5; Der Zeitungs-Bote 1889, Nr. 70 v. 13. Juni, 4). Backpulver und Backartikel wurden so schon Mitte der 1880er Jahre geschätzte und weit verbreitete Alltagshilfsmittel.

Fasst man die wenigen Firmenporträts zusammen, so erweisen sich die eingangs entwickelten Thesen als empirisch valide. Das Fiasko des Horsford-Liebigschen Backpulvers mündete nicht in eine backpulverlose Zeit, die erst durch einen Dr. Oetker durchbrochen wurde. Im Gegenteil: Seit Mitte der 1870er Jahre nahm die Zahl der Backpulverproduzenten rasch zu. Die Firmen veränderten den Zuschnitt des Marktes, fokussierten ihn auf die Küchen- und Backpraxis, überwanden dadurch die Engführungen und Fehler Justus von Liebigs und seiner Mitstreiter. Gleichwohl muss man sich vor Augen führen, dass in den ersten Jahrzehnten des Kaiserreichs das häusliche Backen noch nicht die Bedeutung hatte wie kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Die hier nur beispielhaft vorgestellten Anbieter bedienten einen noch nicht entwickelten Markt – nicht wegen ihrer Angebote und ihrer fehlenden Leistungsfähigkeit, sondern aufgrund der noch überschaubaren Nachfrage der Haushalte. Dazu bedurfte es erst des vermehrten Angebots und des höheren Konsums von Zucker, Milch und Eiern, verbesserter Herde und Backröhren, des Vordringens einfach steuerbarer Gas- und Elektroherde- und -backöfen – und auch wachsenden Wohlstandes im Kleinbürgertum und der Facharbeiterschaft.

Dr. August Oetker nutzte diese veränderten Rahmenbedingungen, die Chancen seiner Zeit – langsam seit 1894, massiv seit der Jahrhundertwende. Er nutzte sie ohne Skrupel, mit Großsprecherei, Kommerzmythen und Werbungsstakkato. Er verkörperte wilhelminische Selbstbezüglichkeit, spiegelte im Kleinen das Poltern Seiner Majestät, führte dieses hinüber in eine visuell anders funktionierende Medienwelt. Historisch gesehen war er jedoch nur Teil einer langen Reihe von „Machern“. Die Wissenschaftler und Experten vor ihm waren aus kaum anderem Holz geschnitzt, wirkten aber unter anderen Zeitläuften. Der Blick hinter die bis heute wirksamen, von den Nachfolgern stets gepflegten Werbebilder kann uns aber wohl auch abseits dieses einen Produktes sensibilisieren, uns nicht mit dem erstbesten und schön scheinenden Eindruck zufrieden zu geben. Oder, wie es der Literaturnobelpreisträger von 1953 in einer Rede im März 1944 pathetisch fasste: „The longer you can look back, the farther you can look forward.“

Uwe Spiekermann, 4. September 2022

Eier auch im Winter – Das Konservierungsmittel Garantol

Die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg sind durch eine rasche Chemisierung des Alltags gekennzeichnet. Die aufstrebende chemische Industrie konzentrierte sich nicht mehr allein auf Grundstoffe, vielmehr fanden neu handhabbare chemische Stoffe zunehmend Platz im Haushalt – erst des Bürgertums, dann aber auch der Facharbeiterschaft. Das Essen veränderte sich durch neue Aromen (Vanillin, Maggis Würze), durch Backhilfsmittel (Backpulver, Puddingpulver), durch Stärkeprodukte (Reisstärke, Maizena), Nährpräparate und Essenzen, Konservierungsmittel (Salizylsäure, Benzoesäure) und vieles andere mehr. Haarpflegemittel erlaubten zunehmend Selbstgestaltung, sei es durch Färbemittel wie Wasserstoffperoxyd, sei es durch erste Haarshampoos, vielfach auf Teerbasis. Auch Körperpflege wurde mit verbesserten Seifen, neuartigen Cremes und mannigfachen Schlankheitspräparaten vielfältiger, scheinbar auch einfacher. Es folgten bisher unbekannte Putz- und Waschmittel, Polituren, Wachse, ganz zu schweigen von zahlreichen neuen Farben und Lacken, von Heilmitteln und durchaus wirksamen Pharmazeutika.

Neue chemische Stoffe wurden in Produkte umgeformt, die jedem einzelnen versprachen, sein Leben bequemer zu machen, den Alltag zu erleichtern. Die Zukunft würde bequem werden, Ruhe und Einkehr ermöglichen. Dank der neuen Convenienceprodukte würden Hast und Eile abgemildert, könne man die angespannten Nerven erholen, sich den Wonnen des gesicherten Daseins widmen. Im Haushalt stand Arbeitserleichterung im Mittelpunkt zahlloser Reklamen. Und wer wollte die offenkundigen Fortschritte bezweifeln? Ofenanzünder statt Feuermachen, Drehscheiben statt Lichtanzünden, Schalter für Warmwasser – manches bereits Alltagsluxus, vieles allerdings noch Zukunftsmusik.

01_Die Woche_10_1908_Nr01_pIV_Lustige Blaetter_14_1899_Nr23_p14_Convenienceprodukte_Backpulver_Dr-Crato_Tee_Otto-E-Weber_Wuerfeltee

Vorbereitet und vorportioniert: Convenienceprodukte der Jahrhundertwende (Die Woche 10, 1908, Nr. 1, IV (l.); Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 23, 14)

Und doch: Diese neuen Convenienceprodukte lassen sich auch anders deuten. Es handelte sich eben immer auch um Übergangstechniken, um Wegmarken hin zu den paradiesartigen Verhältnissen, in denen all die Versprechungen eingelöst würden, die in Begriffen wie Muße, Ruhe, Lebensfreude steck(t)en. Convenienceprodukte stehen dann nicht nur für mehr Bequemlichkeit, sondern überdecken die Härten und Fährnisse des Alltags, überspielen die mangelnde Leistungsfähigkeit der Absatz- und Versorgungsketten, die im Alltagstraum des gelingenden Lebens schon längst ausgemalt wurden. Convenienceprodukte hatten und haben den Charme der Verbesserung, doch sie lenken zugleich davon ab, dass der Alltag eben weiterhin unvollkommen und beschwerlich ist. Sie stehen dann für ein Arrangement mit dem Unausgegorenen, dem Halbgaren. Convenienceprodukte sind Zwischenlösungen – die teils viele, viele Jahrzehnte Bestand haben, teils als solche nicht mehr hinterfragt werden. So verstanden, stehen Convenienceprodukte strukturellen Veränderungen entgegen, erschweren diese gar.

Ein dafür recht typisches Beispiel war das heute nicht mehr angebotene Eierkonservierungsmittel Garantol. Seit der Jahrhundertwende verfügbar, wurde es im späten Kaiserreich ein billiger Alltagshelfer. Sein Zweck war der Zeitensprung, war eine möglichst stete Präsenz von Eiern im Haushalt, auch im Winter. Das war an sich naturwidrig, denn die vermaledeiten Hühner legten Eier eben vor allem im Frühjahr und Sommer. Heute, im Zeitalter saisonaler Glättung, von energieintensiver Kühl- und Transporttechnik sowie einer von tradierten Rhythmen weitgehend entkoppelten Geflügelmassenproduktion ist das kein wirkliches Thema mehr. Garantol erlaubte seinerzeit jedoch ein einfaches und recht sicheres Einlegen der Eier – gängiges Alltagshandeln bis in die späten 1950er, frühen 1960er Jahre, bis hin zur Technisierung und Rationalisierung des Groß- und Einzelhandels. Es federte damit einen – im Vergleich etwa zur USA, Großbritannien oder den Niederlanden – Zustand zunehmender Rückständigkeit ab, in dem frische Eier im Winter seltener, teuer und schlechter wurden, wogegen sich die Haushalte aber ansatzweise wappnen konnten.

Eier als saisonale Ware oder Der Zwang zur Eierkonservierung

Eier waren Ende des 19. Jahrhunderts gewiss kein „Naturprodukt“ mehr. Doch trotz langsamer Fortschritte bei der Geflügelzucht, der Futtertechnik und der Bruttechnologie waren Eierproduktion und -versorgung noch an die natürlichen Reproduktionsrhythmen der Hühner angelehnt. Das gackernd-scharrende Federvieh legte die Masse der Eier brutlüstig im Frühjahr, während der „Eierschwemme“ in der Oster- und Nachosterzeit. Noch in den 1930er Jahren wurden hierzulande 60 Prozent aller Eier zwischen März und Juni gelegt (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 25). Im Juli und August ebbte die Legetätigkeit ab, ebenso die nicht zu vernachlässigende Leistungsfähigkeit der Althähne. „Frische“ Eier wurden im September und Oktober rar, im November und Dezember waren sie Raritäten. Man behalf sich, gewiss. Eierimporte ermöglichten Zeitstreckungen, doch trotz ihrer Verfünffachung zwischen 1880 und 1900 handelte es sich bei diesen „Kisteneiern“ um deutlich teurere Ware, die vor allem Versorgungsengpässe im Winter abfederte.

02_Die Woche_08_1906_Nr15_pII_Eier_Eipulver_Eigelb_Eiweiß_Trocknungstechnik_L-Prenzlau_Hamburg_Convenienceprodukte

Praktisch, doch zu teuer: Eierpulver und Eipräparate (Die Woche 8, 1906, H. 15, p. II)

Die deutsche Eierwirtschaft arbeitete in den Handelszentren Berlin, Hamburg und Leipzig zwar effizient, doch in der Fläche sah das trotz einer leistungsfähigen Eisenbahn anders aus. In den noch dominierenden Mittel- und Kleinstädten sowie auf dem Lande war Selbst- und Nahversorgung üblich, war man den natürlichen saisonalen Rhythmen weit stärker als in den Städten ausgesetzt – auch weil die Kaufkraft hier niedriger lag. Zwar konservierten größere Geflügelwirtschaften, frühe Eierproduktionsgenossenschaften und auch Großhändler wachsende Teile ihres Angebotes, doch dies milderte lediglich das Auf und Ab des Angebotes, zumal in den urbanen Hauptmärkten.

Hinzu kam, dass die preismindernde Eierschwemme seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend von der Industrie genutzt wurde. Eier wurden eben nicht nur direkt verzehrt, sondern mündeten in chemische und kosmetische Produkte. Als Zwischenprodukt fand sich Eigelb etwa in Eiernudeln wieder, in Backhilfsmitteln, Margarine oder Eierkognak. Auch die wachsende Farbstoffindustrie nutzte Eier, ebenso die sich dynamisch entwickelnde Photographie (Albuminpapiere) (Emil Marian, Deutschlands Geflügelhaltung und sein Handel mit Geflügelprodukten, Phil. Diss. Leipzig, Borna-Leipzig 1906, 59-60). Die langsam präzisere Eiweißforschung erlaubte eben nicht nur Eiweißpräparate und Utopien einer synthetischen Kost, sondern schuf Eiern ganz neue Verwertungsmöglichkeiten.

Welche Verfahren der Eierkonservierung gab es nun, welche kamen neu auf? Um den Verderb möglichst lange zu verhindern, galt es die Poren der Schale gegen Lufteintritt, also gegen Schimmelpilze und bakterielle Zersetzung abzudichten. Noch herrschte die Vorstellung, das Ei gleichsam dicht machen zu können. Über die inneren Veränderungen des Eiweißes bei Lagerung wusste man kaum etwas (deutlich elaborierter schon Fr[iedrich] Prall, Über Eier-Konservierung, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 14, 1907, 445-481). Üblich und durchaus „bewährt“ war lange Zeit das Einlegen der Eier in Kalk. Der Fäulnisschutz erfolgte jedoch auf Kosten der an sich vielfältigen küchentechnischen Möglichkeiten der Eier: Das Kalkeiweiß ergab trotz emsigen Schlagens keinen rechten Schaum. Beim Kochen zerbrachen häufig die Schalen, so dass das Frühstücksei immer wieder zerbarst. Der Geschmack der Kalkeier war hässlich und dumpf (Erich Schmidt, Eier und Geflügel als Nahrungsmittel, 3. Aufl., Berlin 1913, 17). Andere Verfahren waren noch schlechter, noch ausfallbehafteter: Einlegen in Salz war verbreitet. Doch anders als die zuvor gekochten und dann mit Senf und Öl verspeisten Soleier entwickelten Salzeier nach längerer Zeit einen „widerlichen Geschmack“ (Josef Weil, Diätetisches Koch-Buch, 2. umgearb. u. verm. Aufl., Freiburg i. Br. 1873, 105). Weniger invasiv war das Überziehen mit Speiseölen, etwa Leinöl, oder der in den 1870er Jahren aufkommenden Vaseline. Das Ei schmeckte besser, aber die Haltbarkeit war geringer. Derart konservierte Eier waren anfällig, mussten allwöchentlich in den Horden oder im Stroh gedreht werden, um anfällige Druckstellen zu vermeiden. Zeitensprünge hatten also eine beträchtliche Fallhöhe – und die zu Beginn des Kaiserreichs üblichen Schutzmaterialien Kalk, Salz und Fett waren bereits elaborierter als die simple Einlagerung der Eier in schützendem Sand, in Holzasche oder Häcksel sowie die winterliche Kühlung in Kellerräumen bzw. Erdmulden.

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Wasserglas für den Hausgebrauch (Der Landbote 1886, Nr. 51 v. 1. Mai, 4 (l.); ebd. 1889, Nr. 56 v. 11. Mai, 4)

Diese Malaise der Eierkonservierung wurde seit den 1880er Jahren durch ein „neues“ Präparat gemildert, das Wasserglas (Hermann Mayer, Das Wasserglas, seine Eigenschaften, Fabrikation und Verwendung, Braunschweig 1925). Dabei handelte es sich um wasserlösliches kieselsaures Alkali, entstanden aus dem Verschmelzen von Quarzsand mit Kali und/oder Natron – sowie etwas Holzkohle. Wasserglas war pulverisiertes, in Wasser aufgelöstes Glas, eine gallertartige Flüssigkeit für die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer neue Verwendungen gefunden wurden: Sie half bei der Grundierung, bei Dachpappen, diente als Bleichmittel, zum Brandschutz, vermehrt auch als Kitt oder Waschmittel (H. Grothe, Ueber die Wasserglas-Industrie, Badische Gewerbezeitung 9, 1876, 169-179). Um Eier zu konservieren wurde das vom Apotheker oder Drogisten angebotene Wasserglas mit Wasser vermischt und leicht erhitzt. In diese warme Flüssigkeit legte man die Eier und imprägnierte sie ca. zehn Minuten. Dann herausnehmen und abtrocknen. Der Überzug schützte die Hühnerprodukte recht sicher, so dass man sie bis zur nächsten Eierschwemme nutzen konnte (Conservierung der Eier durch Wasserglas, Archiv der Pharmacie 179, 1867, 134). Der Wirkmechanismus war seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt, setzte sich aber erst seit den 1880er Jahren durch (Konserviren der Eier, Der Landbote 1858, Nr. 133 v. 9. November, 526). Der Wirkungsgrad war nämlich größer, legte man Eier dauerhaft in Wasserglas ein. Der Geschmack dergestalt konservierter Eier war nicht ideal, vielmehr recht kratzig. Doch verglichen mit Kalk gab es deutlich weniger Bruchfälle, zudem war das Eiweiß schlagfähig (Alfred Hasterlik, Wasserglas als Eierkonservierungs-Mittel, Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 58, 1917, 265-266, hier 266). Als Rührei, in Speisen oder Backwaren erfüllten die Eier verlässlich den zugedachten Zweck. Um die Jahrhundertwende galt Wasserglas als das beste Eierkonservierungsmittel (Die Konservirung von Eiern, Zeitschrift für Öffentliche Chemie 3, 1897, 301-302).

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Ausnahme: Eierkühlraum der Gesellschaft für Markt- und Kühlhallen in Berlin (Refrigeration, 1913, 82)

Die Kühlung von Eiern blieb dagegen unterentwickelt, anders als in den USA, anders als beim wichtigsten Eierlieferanten Russland. Dies galt, obwohl das Deutsche Reich die weltweit führende Kältemaschinenindustrie hatte (Hans-Liudger Dienel, Linde. History of a Technology Corporation, 1879-2004, Houndmills und New York 2004, 3-12, 28-35). Doch es fehlte abseits der Frachtzentren in Berlin, Hamburg, München und Köln an Kühlhauskapazitäten. Importe wurden rasch per Bahn weiterversandt. Am Ankunftsort aber endete die Kühlkette, insbesondere in den Läden und den Haushalten. Den Experten war bereits um die Jahrhundertwende klar, dass Eier durch Kühlung am besten „frisch“ bleiben würden, auch wenn die chemischen Abbauprozesse bei Kühllagerung noch recht unbekannt waren (Prall, 1907; L. Heyn, Konservierung der Eier durch künstliche Kälte, Die Kälte-Industrie 6, 1909, 50-51, 63-64). Doch trotz der während des Ersten Weltkriegs offen sichtbaren Versorgungsprobleme lag der Anteil der Kühlhauseier noch Ende der 1920er Jahre bei lediglich vier Prozent des Gesamtumsatzes (Einlagerung von Eiern in deutsche Kühlhäuser, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/31, 135). Eine leistungsfähige Kühlinfrastruktur war schlicht teuer. Und die preiswerte und vermeintlich bequeme Eierkonservierung durch Wasserglas und Garantol verminderte die für Wandel erforderlichen Gewinnaussichten. Mochten die Eikonserven gegenüber gekühlten Angeboten auch schlechter schmecken und höhere Bruchraten ausweisen, so waren diese doch nicht so bedeutsam, um massive Investitionen in die Kühltechnik in Gang zu setzen. Gerade in den Haushalten stand die preiswerte Eierkonservierung somit einer verbesserten Gesamtversorgung im Wege.

Die Hamburger Garantol-Fabrik

Garantol war eines der vielen neuen Eierkonservierungsmittel, die im Nachklang von Wasserglas dessen Markterfolg wiederholen, ja, übertreffen wollten (Alexander Kossowicz, Die Zersetzung und Haltbarmachung der Eier, Wiesbaden 1913, 55-68). Seine Geschichte ist – ebenso wie die der Garantol-Fabrik in Hamburg und der anfangs in Dresden, dann in Gommern resp. Heidenau ansässigen Garantol GmbH – nur indirekt nachzuzeichnen. Archivalien fehlen – ähnlich wie für die große, große Mehrzahl der Unternehmen, zumal der Konsumgüterindustrien. Staatliche Archive interessieren sich halt vorrangig für staatliches Handeln, Wirtschafts- und Firmenarchive konzentrieren sich auf größere Unternehmen. Umso wichtiger sind Rekonstruktionen wie diese, handelte es sich beim Garantol doch um ein von Abermillionen über Jahrzehnte genutztes Convenienceprodukt.

Den Beginn des Reigens machte der in Tangermünde tätige Konditor August Utescher. Sein am 5. April 1893 beantragtes und dann am 31. Mai 1894 patentiertes „Verfahren zur Conservirung von Nahrungs- und Genußmitteln von Eiern mittels eines Eisenoxydulsalzes und Calciumhydroxydes“ (Patentblatt 1894, 54) wurde von den einschlägigen Interessenten nicht nur breit rezipiert, sondern auch positiv bewertet (R. Strauch, Das Hühnerei als Nahrungsmittel und die Conservirung der Eier, Bremen 1896, 26, 28). Eier sollten demnach mittels beider Stoffe eine „künstliche Umhüllung“ erhalten, um so die Poren zu schließen und das Eindringen von Luft und Mikroorganismen zu verhindern (Chemiker-Zeitung 18, 1894, 1097-1098). Das war das anfänglich bei Wasserglas verwandte Verfahren. August Utescher regte aber auch dauerhaftes Einlegen der Eier in Garantol-Wassergemische an – und darauf konzentrierte sich das jahrelange Pröbeln seines in Hamburg ansässigen Bruders Ernst Utescher. Dieser war ein Mann vom Fach, Handelschemiker und seit 1901 Patentanwalt (Stahl und Eisen 21, 1901, 400), Gründer der noch heute bestehenden Kanzlei Harmsen Utescher. Er war zudem Herausgeber und Leiter von Uteschers Berichte, einer industrienahen Zeitschrift der Nahrungs- und Genussmittelindustrie (Jahresbericht der Pharmacie 33, 1898, 754).

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Warenzeichenschutz für ein Konservierungsmittel 1898 (Deutscher Reichsanzeiger 1898, Nr. 124 v. 27. Mai, 9)

Ernst Utescher versandte von Hamburg aus erste Packungen des Konservierungsmittels seines Bruders (Pharmaceutische Centralhalle 37, 1896, 308). Der Name Garantol wurde nach seinen Angaben seit Februar 1897 genutzt (Offizial Gazette of the United States Patent Office 100, 1902, 1106). Es handelte um einen Phantasiebegriff, der Vorstellungen sicheren Konservierens mit der zunehmend modischen Wortendung -ol koppelte.

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Kein Kassenschlager – Garantol aus Hamburg (Der Materialist 20, 1899, Nr. 16, 2. S. v. 1)

Die ersten Anzeigen wandten sich vor allem an Hühnerhalter, konzentrierten sich auf Packungen für tausend oder mehr Eier. Adressat war zugleich aber der Kolonialwarenhandel: „Im Handel fehlt bisher ein wirklich gutes Conservirungsmittel für Eier, und dieser Umstand hat für den Eierhandel und den Unterschied der Eierpreise im Sommer und Winter grossen Einfluss; gute Eier haben im Winter bekanntlich den doppelten Preis und sind oft genug selbst dafür nicht zu haben. Es ist deshalb gar kein Zweifel, dass das neue, bereits in der Praxis auf’s Beste bewährte Eierconservierungsmittel Garantol ein guter Verkaufsartikel werden wird.“ Ernst Utescher verwies auf seine langjährige Forschung, verbesserte und patentierte. Und er offerierte auch Haushaltspackungen: „Das Eierconservirungsmittel Garantol wird in kleinen Packungen von 15 Pf. an (für 15, 60 Pf. und 1 Mk.) in den Handel gebracht; […]. Der Absatz des Garantols wird durch angemessene Reklame in den gelesensten Zeitschriften, durch Prospecte etc. unterstützt“ (Garantol, Der Materialist 20, 1899, Nr. 16, 3. S. v. 1).

Garantol war zu diesem Zeitpunkt ein weißlich graues Pulver, das an „pulverisirten ungelöschten Aetzkalk“ erinnerte (Neumann, Die gemeinsame Eierverwerthung durch Vermittlung der Molkereigenossenschaften, Molkerei-Zeitung 9, 1897, 515-516, hier 516). Es musste in Wasser im Verhältnis 100 zu 1 aufgelöst werden. Gefäße aus Ton und Emaille schienen ratsam, in größeren Betrieben auch aus Zement. Anschließend musste man die frischen Eier überprüfen, denn diese mussten sauber und nicht eingeknickt sein, sollten im Idealfall auch durchleuchtet werden. Dann legte man sie vorsichtig in die Gefäße, Lage um Lage. Das Wasser musste die Eier komplett abdecken, ab 1897 enthielten die Packungen zudem ein getränktes Pergamentpapier, das die Wasseroberfläche abdecken sollte. Utescher versprach bis zu drei Jahre Haltbarkeit (Wiener Landwirthschaftliche Zeitung 50, 1900, 97).

Garantol war während der 1900er Jahre ein Dachbegriff für unterschiedlich zusammengesetzte Konservierungsmittel. Ernst Utescher ging – wie sein Bruder – stets von Kalkpräparaten aus, ergänzte diese jedoch um vorwiegend metallische Stoffe. Das sollte die geschmacklichen und küchentechnischen Probleme der gängigen Kalkmilch verringern. Auf die Details der Patente 86077, 98231 und 122388 muss hier nicht eingegangen werden. Kalkmilch wurde darin mit Aluminium resp. Magnesiumsulfaltlösungen vermengt oder aber Kalkwasser mit Fett resp. Paraffin imprägniert. Das wichtigste Ergebnis des Pröbelns war gewiss das im April 1901 gewährte Patent Nr. 119575, das Eisenvitriol, Kalkmilch und Paraffinöl kombinierte (Chemisches Centralblatt 71, 1900, Nr. 25, II; ebd. 72, 1901, 980). Das Einlegen funktionierte ähnlich, doch empfahl Utescher nun einerseits eine größere Wassermenge überstehen zu lassen und anderseits am Ende nochmals etwas Pulver aufzustreuen (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 5, 1902, 213). Die fachliche Resonanz war fast durchweg positiv – auch wenn man berücksichtigen muss, dass sehr viele Experten interessenbeladen werteten bzw. solche Wertungen reproduzierten (P. Welmans, Untersuchung von Eikonserven, Pharmaceutische Zeitung 58, 1903, 804; Max Müller, Ref. v. Welmans, 1903, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 8, 1904, 751-752, hier 752). Ernst Utescher, Inhaber eines chemischen Laboratoriums, sollte in den Folgejahren jedenfalls noch zahlreiche Innovationen entwickeln, insbesondere Verfahren der Margarine- und Fettproduktion sowie der Koffeinextraktion.

Verlagerung und Konkurs: Die erste Dresdener Garantol GmbH

Die Hamburger Garantol-Werke legten die Grundlagen für den späteren Erfolg; doch dieser stellte sich erst nach der Übersiedlung nach Dresden ein – und nach dem Konkurs einer ersten Gründung in der sächsischen Hauptstadt.

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Hauptgesellschafter Hermann Leonhardt (1850-1922) und frühe Produktionsstätten in Dresden, Huttenstraße 13 (Garantol, 1953, 5 (l.); ebd., 6)

Die Verlagerung nach Dresden ging mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Initiative des Geschäftsmannes Hermann Leonhardt zurück, 1900 Geschäftsführer der dann aufgelösten Dresdner Industrie GmbH (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 91 v. 14. April, 16), zugleich Eigentümer eines Hamburger Export- und Import-Geschäftes (Ebd. 1901, Nr. 304 v. 24. Dezember, 12). Er wurde 1850 in Bremen geboren (Stadtarchiv Dresden, Einäscherungsbücher 1911-1952, Rep. Nr. 9.1.24, Bd. 1923, Nr. 10016), emigrierte möglicherweise in die USA, wurde dort Farmer, gehörte aber zu dem Fünftel der deutschen Auswanderer, die wieder zurück ins Deutsche Reich kamen. Utescher verkaufte Anfang des Jahrhunderts seine Rechte peu a peu an Leonhardt, um dann gemeinsam mit ihm ein neues Unternehmen zu gründen. Die Waagschale pendelte immer stärker Richtung Leonhardt, zumal dieser im September 1902 das Warenzeichen Garantol als Sammelbegriff beantragte, was im April 1903 gewährt wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 111 v. 12. Mai, 12).

Zu diesem Zeitpunkt existierte die Garantol GmbH Dresden bereits. Der im Februar 1903 unterzeichnete Gesellschaftervertrag sah „die Verwertung der von dem Handelschemiker und Patentanwalt Ernst Utescher in Hamburg erfundenen Verfahren und Mittel zur Konservierung von Eiern […] durch Fabrikation und Vertrieb der Erfindungsrechte, durch Erteilung von Lizenzen im In- und Auslande und eventuell durch Verkauf der Auslandspatente“ (Ebd. 1903, Nr. 68 v. 20. März, 19). Das Stammkapital betrug 33.000 Mark, Leonhardt und Utescher erhielten für ihre Warenzeichen und Patente 16.000 resp. 8.000 Mark angerechnet. Leonhardt übernahm die Geschäftsführung, unterstrich damit seine dominante Stellung. Ernst Utescher übertrug 1904 weitere Patente an die Garantol GmbH (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 164 v. 14. Juli, 9; ebd., Nr. 177 v. 29. Juli, 10; ebd. Nr. 192 v. 16. August, 7).

Alles schien in Ordnung, doch am Mitte Januar 1905 wurde ein Konkursverfahren eröffnet, in dessen Folge die Garantol GmbH am 30. März 1905 gelöscht wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 12 v. 14. Januar, 16; ebd., Nr. 79 v. 1. April, 19). Was war geschehen? Quellen fehlen, doch zwei Szenarien sind plausibel. Erstens können schlechte Geschäfte ursächlich gewesen sein. In den Jahren 1903 bis 1905 finden sich kaum Werbeanzeigen, nur wenige Erwähnungen in der Fachpresse. Zweitens kann es sich um einen konsequent umgesetzten Machtkampf zwischen den Gesellschaftern gehandelt habe. Mir scheint letzteres wahrscheinlicher.

Das Konkursverfahren führte nämlich zur Umgründung, nicht zum wirklichen Ende der Garantol GmbH. Sie wurde am 4. April 1905 eingetragen, ihr Zweck war „der Erwerb der Vermögensmasse der im Konkurs befindlichen bisherigen Garantol-Gesellschaft mit beschränkter Haftung sowie die Fabrikation und der Vertrieb von Eierkonservierungsmitteln unter der Bezeichnung ‚Garantol‘, der Erwerb und Betrieb gleichartiger Unternehmungen“ (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 83 v. 6. April, 16). Das Stammkapital von 20.000 Mark bestand fast gänzlich aus der von Hermann Leonhardt aufgekauften Konkursmasse. Der Dresdener Kaufmann agierte neuerlich als Geschäftsführer, der Name konnte nach Aufhebung des Konkursverfahrens beibehalten werden (Ebd., Nr. 103 v. 2. Mai, 23). Ernst Utescher war nicht mehr mit an Bord. Mag sein, dass die Geschäftsaussichten zwischen den Gesellschaftern umstritten waren. Doch Utescher hätte sich dann auszahlen lassen und verabschieden können.

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Bild-Warenzeichen für Garantol (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 125 v. 29. Mai, 17)

Spätere Aussagen Uteschers von 1906, dass er keinerlei Beziehungen zur Garantol GmbH unterhalte (E[rnst] Utescher, Zu der Veröffentlichung von A. Beythien betr. Garantol, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 12, 1906, 660-661, hier 660), unterstreichen die These einer Art feindlichen Übernahme. Die Garantol GmbH nannte Utescher jedenfalls noch 1906 in ihrer Werbung (A[dolf] Beythien, Einige neuere Erfindungen der Nahrungsmittelindustrie, ebd. 12, 1906, 467-473, hier 468-470; Ders., Bemerkungen zu vorstehenden Ausführungen des Herrn E. Utescher-Hamburg, ebd., 661-662). Das am 16. April 1907 erteilte US-Patent seiner Eierkonservierungsmethode bezeichnete ihn als „Assignor“, also als Zessionar, als Gläubiger der Garantol GmbH (Official Gazette of the United States Patent Office 127, 1905, 2685-2686; US850693). Das deutet auf ein mögliches Zerwürfnis hin. Die bis Mai 1905 erfolgten Patentanmeldungen in Frankreich, Finnland, Dänemark und Österreich liefen allerdings allesamt noch auf die Garantol GmbH (FR343045A; DI2256A; DK7444C; AT19185B). Das im Warenzeichen enthaltene U erinnerte jedenfalls bis in die 1920er Jahre an die Erfindungen Ernst Uteschers.

Garantol mal anders

Eine kleine Abirrung sei erlaubt, inmitten des Patentzwistes, von Konkurs und Neubeginn. Denn die recht enge Warenzeichenanmeldung Uteschers erlaubte zwischen 1901 und 1902 dem gewiss streng seriösen Geheimmittelanbieter Ferdinand Kögler seinerseits Garantol anzubieten – doch es handelte sich um eines der nicht nur das Mannesantlitz, sondern insbesondere die Werbespalten des Kaiserreichs zierenden Bartwuchsmittel. Er trat damit in die Fußstapfen des berühmten Prof. Migargeés, einer weltbekannten Persönlichkeit, der dieser Branche seinerzeit ins Stammbuch schrieb: „Zweifle an der Sonne Klarheit, / Zweifle an der Sterne Licht, / Zweifl‘, ob lügen kann die Wahrheit, / Nur am Barterzeuger nicht!“ (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2220, 6). Ferdinand Kögler, pardon, sein alter ego Paul Koch, der Anbieter des Bartwuchsmittels Fixolins, versprachen „großartige Erfolge“ bei der wilhelminischen „Manneswürde“ (Lustige Blätter 16, 1901, Nr. 2, 15).

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Streng reell! Fixolin (Monika 32, 1900, 454)


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Kein Schwindel! Garantol (Badische Presse 1902, Nr. 75 v. 30. März, 8)

Das Bartwuchsmittel Garantol unterstrich jedenfalls, dass Markterfolg in einer Konsumgesellschaft auf sprachlichen Fiktionen beruhte – und ohne die Kunstwelt der Worte Unordnung und Irritation drohten. Was sollte denn der Garantol-Kunde denken, als der Vertrieb des Mittels zeitweilig aussetzte und er dann mit schmissig-bangem Schritt ab November 1902 zu Harasin greifen musste, um den zarten Erfolg der Anfangskuren zu verstetigen (Münsterische Zeitung 1902, Nr. 687 v. 16. November, 6; Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 75 v. 28. März, 22).

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Streng reell! Kein Schwindel! Harasin (Das interessante Blatt 22, 1903, Nr. 182 v. 5. Juli, 12)

Garantol hieß ehedem auch eine Dachmarke für Lacke und Farben der Firma Gottfried Grün, dann der Gebrüder Kob in Prag (Militär-Zeitung 65, 1910, 998; Färber-Zeitung 25, 1914, 67). Derartige Bedeutungsvielfalt gab es auch bei anderen bekannten Konsumgütern: Mercedes ist für uns Nachgeborene eindeutig ein Vehikel, doch vor dem Ersten Weltkrieg handelte es sich auch um eine erfolgreiche Schuhmarke, Mercedes-Zigaretten wurden mehr als ein halbes Jahrhundert angeboten, die Mercedes-Werke im thüringischen Mehlis offerierten einschlägige Büro- und Schreibmaschinen. Doch zurück zum Eierkonservierungsmittel Garantol.

Die zweite Dresdener Garantol GmbH

Unter Hermann Leonhardts alleiniger Führung konsolidierte sich die Garantol GmbH seit 1905. Sie übernahm neue, im Augst 1903 angemeldete „Verfahren zum Konservieren von Eiern“ (Deutscher Reichsanzeiger 1906, Nr. 132 v. 6. Juni, 10; ebd., Nr. 244 v. 15. Oktober, 10). Ein weiteres Warenzeichen wurde im Mai 1906 erteilt, das alte Uteschersche Warenzeichen 1908 gelöscht (Ebd., Nr. 125 v. 29. Mai, 17; ebd. 1908, Nr. 109 v. 8. Mai, 13). Garantol konnte nun seine Stellung als gleichwertige Alternative zum Wasserglas festigen.

Diese war 1906 von keinem geringeren als dem Dresdener Nahrungsmittelchemiker Adolf Beythien (1867-1949) in Frage gestellt worden. Er kritisierte die Zusammensetzung des Uteschers Patentes 119575, verwies auf das Ausfällen von Eisenoxydulsalz im Kontakt mit Wasser, deduzierte schließlich, dass es sich um nichts anderes „als ein mit etwas Gips, Eisenoxyd etc. verunreinigtes Ätzkalkpulver“ handele, dass Garantol letztlich nur Kalkeier zu erzeuge (Beythien, 1906, 470). Utescher versuchte diese Bedenken beiseite zu wischen, doch seine Ausführungen waren wenig überzeugend (Utescher, 1906). Ich halte es für wahrscheinlich – auch ohne Quellenbeleg –, dass Garantol daraufhin anders hergestellt wurde, nämlich aus Kalkmilch, Eisenbestandteilen (Ferrosulfat) und schließlich sehr fein vermahlene Eierschalen. Auch dieses Patent war bereits 1903 beantragt worden (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 13, 1907, 753). Die immer wieder erwähnte rötlich-graue Farbe des Eierkonservierungsmittels deutet jedenfalls in diese Richtung. Spätere Analysen bestätigten dies, hoben zugleich aber die durch den fast 70-prozentigen Kalkanteil herrührende „Verschiedenheit der Zusammensetzung“ hervor (Ed[uard] Dinslage, Garantol, Pharmazeutische Zeitung 55, 1910, 971; auch J[ohannes] Großfeld, Handbuch der Eierkunde, Berlin 1938, 297-298).

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Ludwig Grube (1885-1935), wohl in den 1930er Jahren (Garantol, 1953, 7)

Das veränderte Produktionsverfahren wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg noch durch eine Personalentscheidung ergänzt, die sich als Gewinn erweisen sollte. Im Mai 1913 erhielt Ludwig Grube Prokura (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 124 v. 28. Mai, 11). Glaubt man der wohl aus der Erinnerung geschriebenen, notorisch fehlerhaften, ja irreführenden Broschüre zum 50. Firmenjubiläum, so handelte es sich bei Ludwig Grube um einen strebsamen Vollwaisen, der seit einer Gärtnerlehre an Fortbildung und beruflichen Aufstieg arbeitete. Er war demnach in mehreren Industriebetrieben tätig, wurde nach Brüssel versetzt, besuchte dort die höhere Handelsschule und bewarb sich 1910 erfolgreich als Auslandskorrespondent der Garantol GmbH. Amtliche Quellen belegen, dass er 1885 als Sohn des Lehrers Heinrich Friedrich Ludwig Grube und seiner Ehefrau Juliane Maria, geb. Knolle im 100-Seelen-Örtchen Möllensen im niedersächsischen Kreis Gronau geboren worden war. Der auf die Namen August Albert Ludwig lutherisch getaufte Grube zog spätestens 1911 nach Dresden, wo er am 23. Dezember die zwei Jahre ältere Verlagsleiterin Ottilia Carolina Hedvica Siegl heiratete. Deren Eltern stammten aus dem böhmischen Dittersbach, ihr Vater war Holzhändler (alle Angaben n. Stadtarchiv Dresden, Eheaufgebote/Eheregister 1876-1927, 1911, Nr. 381). Ludwig Grube etablierte sich in der Folge in der Garantol GmbH und erhielt im Mai 1913 Prokura; wobei er im Dresdner Adressbuch erstmals 1914 und dann noch als Korrespondent zu finden war (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 124 v. 28. Mai, 11; Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1914, T. I, 288).

Propagierung von Zeitensprüngen: Die doppelte Garantol-Werbung in friedlichen Zeiten

Garantol wird gemeinhin mit einigen wenigen Werbeklischees aus den 1920er Jahren und dann der Zeit des Zweiten Weltkrieges verbunden. Dies spiegelt die vergleichsweise spät einsetzende aktive Werbung des Unternehmens, unterschätzt aber die beträchtliche Alltagspräsenz von Garantol bereits während des Kaiserreichs. Im Alltag der großen Mehrzahl dominierten Tageszeitungen – und darin war das neue Eierkonservierungsmittel stetig präsent. Allerdings waren es die Verkäufer selbst, vor allem Drogisten und Apotheker, seltener Konditoren und Kolonialwarenhändler, die regelmäßig im Frühjahr mit kleinen Erinnerungsanzeigen um Käufe warben.

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Kontinuierliche Werbung für ein Produkt – abseits der wechselhaften Firmenentwicklung (Westfälische Zeitung 1899, Nr. 91 v. 19. April, 4 (l.); Mülheimer Zeitung 1904, Nr. 78 v. 2. April, 4; Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung 1905, Nr. 118 v. 20. Mai, 12 (r.))

Die Verkäufer vor Ort präsentierten Garantol vorrangig einfach, präsentierten Namen, Zweck und Preis des Konservierungsmittels. Doch es wurde auch in ansprechenderer, appellativer Form beworben:

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Elaboriertere Werbung durch Eigeninitiative (Jeversches Wochenblatt 1907, Nr. 91 v. 19. April, 4 (l.); Münsterischer Anzeiger 1912, Nr. 272 v. 14. April, 3)

Die große Mehrzahl lokaler Anzeigen für Eierkonservierungsmittel konzentrierte sich jedoch auf den Verkauf an sich. Garantol und Wasserglas waren praktisch austauschbare Convenienceprodukte, sie waren nicht näher attributierte Angebote. Wichtig war, dass man irgendeines nutzte – welches, war auch den Verkäufern letztlich gleich, denn Preis und Handelsspannen waren ähnlich. Das spiegelte sich in der Werbung präzise wieder: Dort wurde die Illusion eines klar herausragenden Hilfsmittels aufgegeben, wurden Wasserglas und Garantol gleichwertig nebeneinander gestellt.

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Austauschbare Angebote (Westfälische Zeitung 1907, Nr. 96 v. 25. April, 6 (l.); Der Albtalbote 1911, Nr. 115 v. 11. Mai, 4; Durlacher Wochenblatt 1913, Nr. 78 v. 4. April, 3 (r.))

Die Garantol GmbH bot Flankenschutz für derartige lokale Werbungen. Dazu gehörten Reklamemarken, auch erste Werbeschilder. Doch diese dürften – abseits der Sammler- und Liebhaberforen – rare Ergänzungen gewesen sein. Wichtiger waren wahrscheinlich kleine Faltblätter, auch wenn diese erst in den 1930er Jahren größere Bedeutung gewannen.

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Fehlende Einheitlichkeit (Die Gartenlaube 1908, Nr. 11, Beilage, s.p. (l.); ebd., Nr. 19, Beilage s.p.; ebd. Nr. 10, Beilage, s.p. (r.))

Gleichwohl versuchte die Dresdener Firma, ihr Produkt unmittelbar anzupreisen. Dazu nutzte sie einzelne illustrierte Massenzeitschriften. Im Gegensatz zu anderen Markenartikeln dieser Zeit wurde Garantol aber nicht in der Breite beworben, stattdessen wurden jedes Jahr nur einige wenige Zeitschriften mit Anzeigen bedacht – die dann aber recht konsequent zwischen März und Juli geschaltet wurden. Die Garantol GmbH zielte dabei offenbar auf ein (klein-)bürgerliches, vielfach auch ländliches Publikum. Charakteristisch war anfangs zweierlei: Einerseits präsentierte man gerne redaktionelle Reklame, also kleine Werbetexte, die scheinbar Rat für das nun wieder notwendige, jedoch auch sparsame Einlegen der Eier boten. Anderseits aber gab es noch keine einheitliche Produktkommunikation. Garantol wurde mit sehr verschiedenen, allesamt nicht sonderlich elaborierten Motiven präsentiert, selbst der Namenszug erschien in immer wieder anderen Schrifttypen und Größen. Eier und Hühner boten visuelle Anreize, setzten sich ab von den Attraktionen der urbanen Moderne. Garantol war hilfreich, gewiss, stand zugleich aber für tradierte Lebenszuschnitte, für ruhiges, gedeihliches Leben ohne größeren Anspruch. Es ging darum, Zeit zu überbrücken, zugleich aber, sie stillzustellen. Garantol half, die natürlichen Rhythmen der Geflügelzucht mit den Anforderungen und Herausforderungen der Marktgesellschaft zu verbinden.

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Konservierte Eier – konservierter Lebenszuschnitt (Die Woche 14, 1912, H. 17, 21 (l.) und 20)

Das galt auch für die Firmenwerbung kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Sie blieb sachlich-preisend, erinnerte dabei an Geheimmittelwerbung dieser Zeit. Das eigentliche Markensignet – ein Ei mit einem U – wurde regelmäßig eingesetzt, Kosten-Nutzen-Abwägungen durch Preise unterstützt. Das zielte auf Großverbraucher und Einzelhaushalte. Neu war allerdings, dass man das Einlegen nicht nur in dem jeder Packung hinzugefügten Beipackzettel anschaulich beschrieb, sondern dass man das Vorgehen auch in Anzeigen visuell präsentierte. Dabei zeigte man jedoch kaum handelnde Personen, sondern begnügte sich mit den für den Konservierungsakt erforderlichen Gefäßen – wobei man nun vorrangig auf Glasgefäße setzte. Anleitungen zum Konservieren würden von den Käufern gewiss als Anlass zum Kauf verstanden werden. Die Nähe zum Kunden wurde nur indirekt gesucht, dieser als rationell Rechnender verstanden.

Die Stabilität des Oligopols

Derartige Formen rationaler Erinnerungswerbung sind üblich für Oligopole, also die Marktbeherrschung durch nur wenige, meist ähnlich große Anbieter. Und in der Tat konzentrierten sich hunderte kleiner und kleinster Ratgebertexte in den haus- und gartenwirtschaftlichen Zeitschriften und den Tageszeitungen zwischen 1910 und 1940 stets auf drei Verfahren: Kalk – für größere Betriebe, da etwas billiger –, Wasserglas und Garantol. Andere Anbieter versuchten immer wieder, dieses Oligopol aufzubrechen, doch sie scheiterten. Typisch hierfür war etwa Ovodura, dessen sprechender latinisierter Name schon auf die Verzehrsdauer des Eies verwies. Es handelte sich um eine fast 80-prozentige Kochsalzlösung mit etwa zwei Prozent Kaliumpermanganat (L. Heß, Die Eierkonservierungsmittel ‚Ovodura‘ und ‚Garantol‘, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 39, 1912, 456-458, hier 457). Die Eier wurden in die Salzlake gelegt, das Kaliumpermanganat zersetzte die Keime. Ovodura wurde in kleinen Packungen á zehn Gramm verkauft, 20 Pfennig sollten für 200 Eier reichen. Sie wurden 50 Minuten der Lösung ausgesetzt, konnten dann in Papier gewickelt in Körben oder Kisten aufbewahrt werden. Ovodura funktionierte, doch das Einlegen dauerte recht lang, auch der Geschmack der Eier dürfte gelitten haben. Es scheiterte. Ähnlich weitere Anbieter: Denn auch für Pun, Ovupur, Eikonservose, Antifabrolin und andere mehr galt, dass das Brechen eines bestehenden Oligopols ein klar besseres oder billigeres Produkt erforderte – oder aber neue Vertriebsformen. Andernfalls würden Großhändler und Verkäufer die mit erweiterten oder veränderten Sortimenten einhergehenden Kosten nicht tragen wollen. Die relative Marktstärke der Convenienceprodukte Wasserglas und Garantol gründete auf berechenbarer Bequemlichkeit dieser Marktakteure, die den Markt damit vor Veränderungen schützten. Der Weltenbrand des Krieges hätte einen solchen Bruch allerdings hervorrufen können.

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Scheiternde Konkurrenz (Deutscher Reichanzeiger 1913, Nr. 104 v. 3. Mai, 1 (l.); ebd. Nr. 189 v. 8. Dezember, 32 (oben r.); ebd. 1912, Nr. 110 v. 7. Mai, 18)

Nationale Pflicht und Eiermangel: Eierkonservierung im Ersten Weltkrieg

Die Eierversorgung im Deutschen Reich geriet von Beginn des Ersten Weltkrieges an unter Druck. Einerseits brach ein Großteil der Importe weg: Hauptlieferant Russland fiel als Kriegsgegner aus, Galizien war Kriegsgebiet und chinesische Ei(gelb)konserven wurden durch die völkerrechtswidrige Seeblockade der Alliierten unterbunden. 1915/16 dürften die Einfuhren bei etwa der Hälfte der Vorkriegswerte von ca. 167.000 Tonnen gelegen haben, 1917 bei nur mehr einem Viertel, 1918 ebbten sie dann weiter massiv ab (R[obert René] Kuczynski, Deutschlands Versorgung mit tierischen Nahrungs- und Futtermitteln, Berlin 1927, 138-140). Die einheimische Eierproduktion, über deren Höhe es nur unsichere Schätzungen gibt, nahm nicht zuletzt aufgrund der Rationierungsmaßnahmen mindestens ebenso schnell ab. Eine charakteristische Stimme vermerkte 1915: „Wir Geflügelliebhaber ziehen fast alle dieses Jahr keine Küken; der drohende Futtermangel und das stets wie ein Damoklesschwert über uns hängende Gerstefütterungsverbot der Staatsregierung rät uns dringend, unseren Bestand eher zu vermindern, als zu vermehren. Es ist ja auch ganz klar, daß zuerst versucht wird, das Großvieh durchzuhalten, die Hühner kommen erst in zweiter Linie. Die Kükenaufzucht wird erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht durch den Mangel an Kraftfuttermitteln und Reis, durch das Verbot der Verfütterung von Weizen und Hafer. Den Züchtern, die Brutapparate haben, mangelt das Petroleum“ (Eiereinlegen als Kriegsfürsorge, Daheim 51, 1914/15, Nr. 24, 26-27, hier 27). Während des Krieges sank die Geflügelhaltung um ein Drittel, die Zahl der Eier weit stärker. Die Preise stiegen massiv an, 1916 waren Eier zunehmend Hamsterware, wurden zum Vorrecht der „noch zahlungsfähigen, wohlhabenderen“ Kreise ([Ludwig] v. Bar, Die kriegswirtschaftliche Regelung der Eierversorgung im Deutschen Reich […], Berlin 1919, 2). Ab August 1916 wurde der Eierhandel strikt reguliert, eine Reichsverteilungsstelle für Nährmittel und Eier eingerichtet. Das Hamstern konnte so nicht eingedämmt werden, die Preise stiegen weiter, Eier wurden zunehmend als Tauschmittel genutzt. Nominell erhielt das versorgungsberechtigte Drittel der Bevölkerung im Jahr 1918 noch 25 Eier (Bar, 1919, 8).

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Im Tenor der Sparsamkeit (Sonntags-Zeitung fürs Deutsche Haus 19, 1915/16, H. 35, IV (l.); Deutsche Kraft 1916, Nr. 9, 6)

Dieser massive Einbruch führte allerdings nicht zu einem ebenso massiven Einbruch beim Absatz von Eierkonservierungsmitteln. Im Gegenteil: Der Eiermangel führte zu verstärkter Eierkonservierung. Auf der einen Seite wurde ein Großteil der begehrten Waren von den Militärbehörden beschlagnahmt – und zunehmend eingelegt. Dies betraf nicht nur Lazarette und die Sicherstellung des Prunks im Großen Hauptquartier und den Stäben, sondern diente auch einer gewissen Abwechslung in der vielfach eintönigen Militärverpflegung (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 251-263). Importeier wurden durch die bei Kriegsbeginn gegründete Reichseinkaufs-Gesellschaft (ab Dezember 1914 Zentral-Einkaufs-Gesellschaft) bewirtschaftet. Neben die Kühlung trat vermehrt die Konservierung. Verfügbare heimische Eier wurden in wachsendem Maße von den Kommunalverbänden aufgekauft, um die Verteilung saisonal zu strecken und etwa das symbolisch wichtige Weihnachtsbacken zu garantieren. Die Hühnerhalter waren angesichts steigender Preise darauf erpicht, ihre Eier zur gewinnträchtigsten Zeit anbieten zu können (Eiereinlegen als Kriegsfürsorge, Daheim 51, 1914/15, Nr. 24, 26-27, hier 27). Und schließlich wurden die Verbraucher zu vermehrter Sparsamkeit angehalten – und das bedeutete ebenfalls eine zeitliche Streckung des Eierkonsums. Garantol gewann an Alltagswert, sarkastisch festgehalten am Naturallohn für neu einzustellende Haushaltshilfen: „Puddingpulver, zuckersüße, / Eingelegte Schweinefüße, / Erbsen in Konservendosen, / Dauerwürste, die aus Posen, / Eier viel, in Garantol – / und dann massig Sauerkohl“ (Kladderadatsch 70, 1917, Nr. 46, s.p.). Doch diese, schon längst nicht mehr alltäglichen Dauerwaren reichten nicht, die Hilfe trat in die Dienste eines Haushaltes mit Trüffeln und echtem Kaffee.

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Werbung um die Eierproduzenten (Das Land 24, 1915/16, 206 (l.); ebd., 255; Haus Hof Garten 38, 1916, 76 (r.))

Die Garantol GmbH profierte trotz Eiermangels von der veränderten Versorgungslage, die Umsätze stiegen „schlagartig“ (Garantol, 1953, 6). Die Werbung in Zeitungen und Illustrierten wurde fast gänzlich zurückgefahren, geworben wurde einzig noch um Hühnerhalter und Großwirtschaften. Das Konservierungsmittel etablierte sich gleichsam offiziell, wurden Garantol- und Wasserglaseier doch definitorisch als „Eier“ anerkannt (Dresdner Nachrichten 1916, Nr. 179 v. 30. Juni, 11). Ebenso wurde Garantol seit 1916 zu den „Gegenständen des täglichen Bedarfs“ gezählt (Gesetze und Verordnungen sowie Gerichtsentscheidungen […] 9, 1917, 596-597). Die Firma exportierte weiterhin Teile der Produktion, insbesondere in die USA, die Schweiz und die Habsburger Monarchie. Als Konsequenz dieser wachsenden Nachfrage errichtete die Garantol GmbH 1915/16 eine neue vierstöckige und voll mechanisierte Fabrik im nahe Dresden gelegenen Gommern. Im Sommer 1917 verlegte sie dorthin den Firmensitz (Garantol, 1953, 8; Deutscher Reichsanzeiger 1917, Nr. 168 v. 17. Juli, 10; ebd., Nr. 186 v. 7. August, 6). Diese Kleinstadt fusionierte 1920 mit zwei benachbarten Orten zur Gemeinde Heidenau. Mit einer gewissen Verzögerung schlug sich dies auch in den Anzeigen der Garantol GmbH nieder; wenngleich man im Exportgeschäft weiterhin Dresden als Anlaufpunkt angab.

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Neubau während des Weltkrieges: Produktionsstätten in Gommern (Garantol, 1953, 8)

Die kommode Lage der Anbieter kriegswichtiger Ware rief allerdings neue Wettbewerber hervor. Ihre Produkte ergänzten, die Wirkmechanismen entsprachen grob denen von Wasserglas und Garantol. Die neuen, durchweg kleinen Produzenten reagierten dabei auf die nicht geringen Versorgungsprobleme mit Eierkonservierungsmitteln insbesondere während der zweiten Kriegshälfte und der Übergangswirtschaft. Zudem nährten verschiedene Skandale mit verdorbenen Eiern Skepsis gegenüber Wasserglas und der Kühltechnik. Der Erfolg von Eiwol und Dauer-Ei, von Eiolin und Ovumol blieb jedoch begrenzt (Deutscher Reichsanzeiger 1918, Nr. 76 v. 30. März, 25; ebd. 1917, Nr. 284 v. 30. November, 17). Sie waren gleichwertiger Ersatz, weder besser, noch billiger als Wasserglas, Garantol und natürlich Kalkmilch. Das reichte nicht.

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Temporäre Substitute für Wasserglas und Garantol (Deutscher Reichanzeiger 1917, Nr. 259 v. 31. Oktober, 11 (l.); ebd., Nr. 284 v. 30. November, 18)

Der Erste Weltkrieg stärkte also das bestehende Oligopol der Eierkonservierungsmittelanbieter. Es fehlten preiswerte und wirksame Alternativen, nicht dagegen einschlägige Forschung. Doch auch diese ergab kaum Neues, keine Innovationen. Teils wurde gar empfohlen, die von chinesischen Anbietern genutzte Borsäure einzusetzen (Über die Konservierung von Eiern, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 27, 1916/17, 381; Röhmer, Ueber Konservierung von Nahrungs- und Genussmitteln, Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen, III. F. 56, 1918, 167-220, insb. 195-202). Die führenden Mittel behaupteten sich also auch während der Kriegs- und Übergangszeit. Die Kühltechnik hatte sich parallel bewährt, war jedoch im verarmten Deutschland nach den 1920er Jahren nur mit Auslandskapital auszuweiten.

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Wachsendes Interesse am devisenträchtigen Exportgeschäft nach dem Waffenstillstand (Velhagen & Klasings Export-Anzeiger 8, 1918/19, Nr. 12, 17)

Ein gängiges Haushaltsmittel: Garantol in den 1920er Jahren

Garantol hatte sich während des Weltkrieges in einer Notsituation bewährt, sich damit als gängiges Haushaltsmittel vollends etabliert. Für das Unternehmen bedeuteten Frieden, das langsame Ende der Rationierung und der Übergangswirtschaft allerdings ein Ende einer langwierigen Sonderkonjunktur. Großkunden brachen weg, konnten durch die langsam wachsende Zahl leistungsfähiger Eierproduktionsgenossenschaften auch nicht annähernd wettgemacht werden. Aus diesem Grunde versuchte Hermann Leonhardt, das Produktportfolio zu erweitern.

Die Garantol GmbH hatte schon während ihrer ersten Dresdener Zeit ein breites Sortiment alltagsnaher Convenienceprodukte offeriert. Es handelte sich bei diesen Angeboten um typische Folgeinnovationen, also um kundennähere Ummodellierungen bereits bestehender Geräte und Alltagsprodukte. Den Anfang machte das 1903 eingetragene Promptin (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 262 v. 6. November, 11). Die Garantol GmbH vermarktete unter diesem Namen ab spätestens 1906 einerseits einen Tascheninhalator, gläsern, mit zwei birnenförmigen Stützen zum Einatmen durch die Nase, mit einer Öffnung am Boden zum Einsaugen. Der Apparat war mit Watte gefüllt, auf die Menthol oder anderes geträufelt werden konnte (Therapeutische Monatshefte 2, 1908, 423). Unter gleichen Namen produzierte sie auch ein Schnupfpulver, bestehend aus Borsäure, Menthol, ätherischen Ölen und Aromastoffen (Pharmazeutische Praxis 7, 1908, 62). Für beide galt der frühe Slogan „Promptin wirkt prompt!“ (Hamburgischer Correspondent 1907, Nr. 621 v. 7. Dezember, 4).

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Angebote abseits der Eierkonservierung (Das interessante Blatt 24, 1905, Nr. 46, 39)

Promptin wurde in Fachzeitschriften und Illustrierten beworben, der Erfolg blieb jedoch begrenzt (Die Gartenlaube 1908, Nr. 1-4, jeweils Beilage, s.p.). Das 1904 erworbene Patent belegt, dass die Garantol GmbH anfangs breiter angelegt worden war (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 268 v. 13. November, 10). Das Eierkonservierungsmittel sollte Teil eines breiteren Angebots von Drogerieartikeln sein. Doch gerade der Asthmamarkt war hart umkämpft, so dass Flops damals die Regel, nicht die Ausnahme waren. 1930 sollte die Garantol GmbH allerdings an diesen Ausflug in die Alltagsmedizin neuerlich anknüpfen. Promptin wurde der Name einer Hustenpastille mit Lecithin. Sie gewann regionale Bedeutung (Der sächsische Erzähler 1930, Nr. 290 v. 13. Dezember, 10; Dresdner Neueste Nachrichten 1936, Nr. 268 v. 15. November, 20).

Zurück zu den Anfängen: Das ebenfalls 1903 als Sammelbegriff eingetragene Garantin mutierte anfangs zu einem Desinfektionsmittel in der Milchverarbeitung (Deutscher Reichsanzeiger 1903, Nr. 262 v. 6. November, 10; Drogisten-Zeitung 22, 1907, 316). Es sollte während der Bundesrepublik als Trockenstärkesirup eine Neubelebung erfahren, als Zwischenprodukt der Lebensmittelindustrie (Hermann Koch, Die Fabrikation feiner Fleisch- und Wurstwaren, Frankfurt a.M. 1966, XXIV). Weitere Warenzeichen wurden nicht zu Produkten verdichtet: Das galt etwa für das ebenfalls 1903 beantragte Gerbholz Rosol sowie die eventuell für die Viehwirtschaft gedachten Warenzeichen Ossogen und Ossopol. Sie wurden allesamt 1913 gelöscht (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 187 v. 9. August, 1; ebd. Nr. 278 v. 25. November, 23).

Was 1903 begonnen und dann verworfen wurde, griff die Firma 1921 wieder auf: Im Juli weitete man den Geschäftsgegenstand auf „die Herstellung und den Vertrieb weiterer Erzeugnisse“ aus. Parallel verzehnfachte man, gewiss auch inflationsbedingt, das Stammkapital auf 200.000 Mark. Eingebracht wurde diese Summe von Hermann Leonhardt (51.000), seiner Frau Elise Leonhardt (69.000) sowie dem nun auch als Gesellschafter agierenden Prokuristen Ludwig Grube. Sie nutzten dazu bestehende Darlehensforderungen an die GmbH (Deutscher Reichsanzeiger 1921, Nr. 201 v. 29. August, 12). Kurz darauf veränderte sich die Geschäftsleitung. Herrmann Leonhardt starb im Dezember 1922, schon ein Monat vorher wurde Ludwig Grube Geschäftsführer. Seine Prokura wurde aufgehoben, er durfte die GmbH nun alleine vertreten (Deutscher Reichsanzeiger 1922, Nr. 274 v. 4. Dezember, 14; ebd. 1923, Nr. 40 v. 16. Februar, 14). Im Gefolge erwarb Grube zudem die Geschäftsanteile der Witwe Elise Leonhardt. Auch der Markenschutz für Garantol wurde verstärkt (Ebd., Nr. 78 v. 4. April, 1). Die Neuausrichtung und Konsolidierung der Firma endete mit der Umstellung des Stammkapitals auf 100.000 Goldmark im November 1924 (Ebd., 1924, Nr. 298 v. 18. Dezember, 16).

Grube behielt den 1921 eingeschlagenen Weg bei, mochte dieser auch auf Leonhardts Ideen zurückgehen. Dabei dürfte es auch um die Nutzung brachliegender Produktionskapazitäten handeln, stellte die Garantol GmbH bis mindestens 1924 doch auch Standardconvenienceprodukte her, etwa Vanillinzucker, Creme- und Puddingpulver (Das Leben 2, 1924/25, Nr. 15, IIb) sowie Likör- und Punschextrakte.

25_Illustrierte Familien-Zeitung_1922_Nr12_p48_Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau_37_1922_Nr18_Anzeigen_p6_Garantol_Antityphoid_Tiermedizin_Convenienceprodukte

Verbreiterte Angebote (Illustrierte Familien-Zeitung 1922, Nr. 12, 48 (l.); Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau 37, 1922, Nr. 18, Anzeigen, 6)

Langfristig folgenreicher sollte der Einstieg in den Tiermedizinmarkt werden. Ende 1920 hatte man „Lehrer Schaper’s Antityphoid“ eintragen lassen, das seit 1921 offenbar recht erfolgreich vermarktet wurde (Deutscher Reichsanzeiger 1921, Nr. 26 v. 1. Februar, 23). Es handelte sich dabei um ein Mittel gegen Durchfälle von Geflügel. Die Mischung von Eisenvitriol, Methylenblau und Salzsäure war apothekenpflichtig (Bericht über das Veterinärwesen im Freistaat Sachen für das Jahr 1921, Dresden 1922, 90). Es wurde anfangs nicht nur im Deutschen Reich, sondern insbesondere in den USA gegen Devisen vertrieben (Das Echo 41, 1922, 3207, 3701).

26_Haus Hof Garten_43_1923_p120_Deutscher Reichsanzeiger_1921_06_03_Nr127_p21_Tiermedizin_Garantol_Heidenau_Antityphoid_Essenzen_Klebstoff_Kitt_Sanril

Produkte, um die Dinge zusammenzuhalten (Haus Hof Garten 43, 1923, 120 (l.); Deutscher Reichsanzeiger 1921, Nr. 127 v. 3. Juni, 21)

Neue Geschäftsfelder sollten auch durch den Klebstoff Sanril erschlossen werden. Ein gleichlautendes Sammelzeichen hatte Hermann Leonhardt bereits zwanzig Jahre zuvor für seine Hamburger Handelsfirma beantragt (Deutscher Reichsanzeiger 1901, Nr. 304 v. 24. Dezember, 12). Nun wurde es durch ein Bildzeichen spezifiziert und auch für den devisenträchtigen Schweizer Markt eingetragen (Schweizerisches Handelsamtsblatt 39, 1921, 1652). Der Erfolg in dem durch Otto Rings Syndetikon dominierten Markt dürfte sich jedoch in engen Grenzen gehalten haben. Das gilt auch für die zur Schaufenster- und Messewerbung nutzbare Schokoladen- und Süßwaren-Imitationsmasse Katee, die dann unter dem Namen Garanta bis mindestens in die 1970er Jahre angeboten wurde (Deutsches Markenartikel-Adressbuch 1931, Leipzig s.a., 168; Fette, Seifen, Anstrichmittel 74, 1972, 252).

Garantol blieb das alles überragende Hauptprodukt. Angesichts des wieder steigenden Konsums – rechnerisch verbrauchte der Durchschnittsdeutsche 1900 102, 1912 111, 1925 108 und 1930 dann 139 Stück pro Jahr (Paul Gross, Der deutsche Eiermarkt, Berlin 1933, 9, 95) – hätten die Aussichten gut sein müssen. Doch die in der 2. Hälfte der 1920er Jahre engagierte geführte Debatte über qualitativ hochwertigere, vor allem auch verlässlich standardisierte Agrarprodukte verlief gegenläufig zur Haushaltskonservierung. „Frisch“ wurde zu einem immer wichtigeren Wert im Eiermarkt, die reichsweite Etablierung des „Deutschen Frischeis“ 1930 unterstrich dies. Importeier, vor dem Weltkrieg noch zu zwei Dritteln von Billiganbietern, stammten nun zu zwei Dritteln aus höherpreisigen Angeboten. Die Bedeutung der Kalkeier schwand – an sich eine Marktchance für Garantol. Doch angesichts eines qualitativ höherwertigen Gesamtangebotes sank der Stellenwert häuslich konservierter Eier.

Die Garantol-Werbung reagierte hierauf, wenngleich verhalten. Seit Mitte der 1920er Jahren wurde die Werbung einheitlicher, fokussierte sich verstärkt auf den Markenartikel als Qualitätsgarant. Das Heidenauer Unternehmen nutzte seine während des Krieges gewonnene Marktstellung, präsentierte Garantol als „bewährten“ Helfer der Hausfrau, anders als die vielen wertlosen Eiersatzmittel der „Hungerzeit“. Doch während viele der damaligen Konsumgüter nun mittels einer starken Werbefigur, eines Slogans oder aber in Alltagsituationen präsentiert wurden, warb man für Garantol öffentlich jährlich, teils mehrjährig mit nur einer, dann allerdings konsequent präsentierten Werbevorlage.

27_Velhagen & Klasings Monatshefte_40_1925-26_H1_p27_Meggendorfer Blaetter_148_1927_Nr1888_p144_Eier_Konservierungsmittel_Garantol

Markenartikelwerbung Mitte der 1920er Jahre (Velhagen & Klasings Monatshefte 40, 1925/26, H. 1, 27; Meggendorfer Blätter 148, 1927, Nr. 1888, 144)

Umsatzzahlen fehlen: Rechnet man jedoch die selbst annoncierte Zahl von 500 Millionen jährlich mit Garantol eingelegten Eiern hoch, so ergeben sich 4,2 Mio. Kleinpackungen und ein Umsatz von 1,7 Millionen Reichsmark. Angesichts von Handelsspannen von etwa 40 Prozent und dem wohl dominierenden Absatz in mittleren Packungen und Großgebinden dürfte der Inlandsumsatz jedoch bei etwa 800.000 Reichsmark gelegen haben. Garantol war angesichts der geringen Herstellungskosten gewiss eine „Cash Cow“, doch zugleich war der Absatzhorizont begrenzt. Hinzuzurechnen ist allerdings das nicht unbeträchtliche Auslandsgeschäft. Vergleicht man die Angabe mit dem Gesamtverbrauch von 1927 ca. 7,8 Milliarden Eiern (Gross, 1933, 97), ergibt sich ein Anteil von 6,4 Prozent aller Eier. Nimmt man als Bezugsrahmen jedoch allein die aus dem Deutschen Reich stammenden Eiern – 1927 ca. 44 Prozent – dann wurden mehr als 14 Prozent aller „deutschen“ Eier mit Garantol konserviert.

Auslandsmärkte: Ein Blick auf die USA und die Schweiz

Während die deutschen Eierproduzenten in den 1920er Jahren trotz beträchtlicher Rationalisierungsbestrebungen, steigender Legeleistungen und vermehrter Geflügelhaltung hinter die ausländischen Wettbewerber zurückfielen, war Garantol immer auch ein erfolgreicher Exportartikel – auch wenn es an Zahlen fehlt. Die Garantol GmbH war, wie ihr Hamburger Vorgänger, ein exportorientiertes Unternehmen. Das Vorgehen im Ausland war konventionell, doch wirksam: Patente und Warenzeichen wurden angemeldet, eine Agentur beauftragt, selten selbst eingerichtet, anschließend begann der Vertrieb, flankiert von mehr oder weniger aktiver Werbung.

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Preisende Benennung in den USA (R.B. Dunning & Co. Illustrated Catalog. Seeds 1908, 47)

Dabei orientierte man sich zumeist an den Spezifika der Auslandsmärkte. Blicken wir etwa in die USA, einen Zielmarkt, der nicht nur durch seine Größe lockte. Angesichts der im Großhandel und Transportwesen bereits weit verbreiteten Kühltechnik waren die Konsumenten zumindest in den Absatzzentren im Osten und mittleren Westen kaum mehr für häusliche Eierkonservierung zu gewinnen. Ernst Utescher hatte 1904 ein erstes Patent erhalten, ein weiteres folgte 1907 (Offizial Gazette of the United States Patent Office 127, 1907, 2686-2687). Als Warenzeichen wurde Garantol bereits 1902 eingetragen (Ebd. 100, 1902, 1106). Die Garantol GmbH nutzte diese Vorarbeiten, erhielt 1911 schließlich ihr Warenzeichen (Ebd. 168, 1911, 777). Der Vertrieb setzte spätestens 1907 ein, doch konzentrierte er sich auf die in den USA bereits recht großen Hühnerfarmen. Niedrige Preise und der gegenüber Kalkwasser bessere Geschmack waren Kaufargumente. Auch in den USA war Wasserglas der wichtigste unmittelbare Konkurrent (Special Bulletin of the Food Department of the Agricultural Experiment Station North Dakota 2, 1912, 260). Garantol wurde während des gesamten Weltkrieges angeboten (R.B. Dunning & Co. Illustrated Catalog. Seeds 1917, 58; ebd., 1918, 58; ebd., 1919, 58). Die Werbung war altbacken und selbstpreisend, präsentierte überholte Bewertungen, zielte auf Erinnerung, nicht auf Überzeugung (American Poultry World 4, 1913, 900; The Progressive Farmer 28, 1913, 665). Es ist wahrscheinlich, dass die Markterfolge seit den 1920er Jahren deutlich abnahmen, da Kühltechnik in den größeren Läden dieser Zeit bereits Standard war.

29_Am haeuslichen Herd_27_1923-24_Nr9_sp_ebd_28_1924-25_Nr8_ebd_31_1927-28_Nr13_sp_Eier_Konservierungsmittel_Garantol_Schweiz

Garantolwerbung in den 1920er Jahren in der Schweiz (Am häuslichen Herd 27, 1923/24, Nr. 9, s.p. (l.); ebd. 28, 1924/25, Nr. 8, s.p.; ebd. 31, 1927/28, Nr13, s.p. (r.))

Anfangs ähnlich, dann aber ganz anders war die Marktpräsenz in der Schweiz – und das trotz der technisch fortgerittenen Konsumgenossenschaften resp. der 1925 gegründeten Migros. Garantol wurde anfangs – sicher ab 1905, nach Eintrag des Warenzeichens (Schweizerisches Handelsamtsblatt 23, 1905, 862) – wie im Deutschen Reich vorrangig über Apotheken und Drogerien vertrieben (Hauswirtschaftlicher Ratgeber 12, 1905, 159). Eine zentrale Markenartikelwerbung fehlte mehr als ein Jahrzehnt, stattdessen pries man das Konservierungsmittel in vielen redaktionellen (Reklame-)Beiträgen und überließ es den Verkäufern vor Ort Werbung zu machen. Eine Ausnahme bildete das allerdings nachfragestarke Hotelgewerbe (Schweizer Hotel-Revue 23, 1914, Nr. 21). Während des Ersten Weltkrieges nahmen die Anzeigen von Wasserglas, Garantol und des Kalziumkarbonat-Präparates Eyoline deutlich zu. Ab den 1930er Jahren trat die Markenartikel-Werbung für Garantol dann stärker hervor und erreichte während des Zweiten Weltkrieges einen Höhepunkt. Dabei verwandte man zumeist die deutschen Werbeklischees, übersetzte deren Texte einfach ins Französische oder Italienische.

30_Le Confedere_1935_05_01_Nr51_p4_Bieler Tagblatt_1935_05_04_Nr103_p7_La Voce della Rezia_1935_05_11_Nr19_p6_Garantol_Eier_Konservierungsmittel_Schweiz

Gleiche Werbung in unterschiedlichen Sprachen (La Confédéré 1935, Nr. 51 v. 1. Mai, 4; Bieler Tagblatt 1935, Nr. 103 v. 4. Mai, 7; La Voce della Rezia 1935, Nr. 19 v. 11. Mai, 6 (r.))

Garantol wurde in der Schweiz während des gesamten Zweiten Weltkrieges beworben. Auch in der Nachkriegszeit findet man einschlägige Anzeigen, wohl von Angeboten aus der Sowjetischen Besatzungszone (La Gruyère 1947, Nr. 37 v. 20. März, 8). Es folgte eine kurzfristige Werbepause, dann aber setzte der Absatz wieder ein – nun aber von Ware aus dem badischen Grötzingen, nun wieder mit den dort verwandten Werbemotiven (Le Confédéré 1950, Nr. 39 v. 31. März, 4; Walliser Volksfreund 1950, Nr. 31 v. 18. April, 3; Neue Zürcher Nachrichten 1955, Nr. 91 v. 18. April, 5).

Ressourcenoptimierung: Garantol während des Nationalsozialismus

Nach Ende der Weimarer Republik (die ich mit den Präsidialdiktaturen 1930 ansetze) und der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer konservativen Bündnispartner änderte sich für die Garantol GmbH relativ wenig – trotz der Eierverordnung von 1932, die unter anderem eine Kennzeichnungspflicht für konservierte Eier vorsah. Die Verordnung wurde während der NS-Zeit modifiziert, galt im Grundsatz aber weiter. Der Eierkonsum ging während der Weltwirtschaftskrise beträchtlich zurück, sank durch die Beschränkungen der Importe bis 1934 weiter, lag auch 1938 noch unter den Werten der Weltwirtschaftskrise. Die NS-Zeit war eine Zeit der Eierknappheit – also schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein Umfeld, das einen sorgfältigen Umgang und damit ein Konservieren der begrenzt verfügbaren Hühnerprodukte nahelegte. Das begünstigte zwar auch die Kühltechnik, die ab 1939 in eine vor allem an Wehrmachtsinteressen ausgerichteten und bis 1942 zu einer europäischen Großraumwirtschaft erweiterten Kühlwirtschaft mündete; doch gerade die dabei offenkundige Vernachlässigung der Interessen von Handel und Konsumenten bestärkte den Zwang, Eier auf tradiertem Wege für den Winter zu konservieren.

Für die Garantol GmbH verlief das Geschäft in durchaus tradierten Bahnen – auch wenn sich die Geschäftsleitung beträchtlich veränderte. 1930 wurden gleich zwei Prokuristen benannt. Zum einen die Buchhalterin Elisabeth Menzel (1895-1990), die diese Position allerdings schon nach einem Jahr wieder verlor (Deutscher Reichsanzeiger 1930, Nr. 126 v. 2. Juni, 12-13; ebd. 1931, Nr. 151 v. 2. Juli, 10). Die Tochter eines Dresdener Maurers arbeitete anfangs als Verkäuferin, heiratete 1920 einen Handlungsgehilfen, 1924 einen Werkmeister, etablierte sich in der Garantol GmbH und arbeitete für diese wohl auch später – zumindest deutet ihr Sterbeort Stuttgart darauf hin, dass sie ab 1947 die Neugründung in Grötzingen mitgestaltet hat (Stadtarchiv Dresden, Geburtsregister/Geburtsanzeigen 1876-1907, Bd. 1895, Nr. 2623; ebd. Eheaufgebote/Eheregister 1876-1927, Bd. 1920, Nr. 1240; ebd., Bd. 1924, Nr. 672). Zum anderen der Kaufmann Arthur Irmer (1901-1945), Sohn eines Dresdener Produktenhändlers, der als Oberfunker kurz vor Kriegsende bei den Versuchen der Wehrmacht starb, die vordringenden US-Truppe nach dem Fall von Neuß zu stoppen (Stadtarchiv Dresden, Sterberegister/Sterbefallanzeigen 1876-1957, Bd. 1949, Nr. 2325). Er besaß ab 1931 Gesamtprokura.

31_Dresdner Nachrichten_1935_03_05_Nr108_p14_Unternehmer_Ludwig-Grube_Todesanzeigen_Garantol_Heidenau

Todesanzeigen von Ludwig Grube 1935 (Dresdner Nachrichten 1935, Nr. 108 v. 5. März, 14)

Gravierend war der Tod von Hauptgesellschafter und Geschäftsführer Ludwig Grube im Rudolf-Heß-Krankenhaus 1935 (Stadtarchiv Dresden, Sterberegister/Sterbefallanzeigen 1876-1957, Bd. 1935, Nr. 389). Otti Grube übernahm, die Auswirkungen auf das unmittelbare Geschäft waren begrenzt. Die Garantol GmbH wurde allerdings zwei Jahre später von einer Kapital- in eine Personalgesellschaft überführt: Sie firmierte nun als Grube & Co. Das folgte der nationalsozialistischen Idee des persönlich haftenden Kaufmannes, der Stärkung von Familienunternehmen. Derartige Übertragungen erfolgten damals massenhaft, denn die Durchführungsverordnungen des 1934 erlassenen Gesetzes über die Umwandlung von Kapitalgesellschaften lockten mit Steuererleichterungen, drängten mit einer erhöhten Körperschaftssteuer. Irmer führte weiterhin die Alltagsgeschäfte, zwei Kommanditen stärkten 1937 und 1938 die Finanzkraft der Firma (Deutscher Reichsanzeiger 1937, Nr. 124 v. 3. Juni, 18; ebd. 1938, Nr. 6 v. 8. Januar, 12).

Das Geschäft von Grube & Co. beruhte damals vorrangig auf Garantol, Promptin und Antityphoid bildeten Ergänzungen. Die Firma bemühte sich allerdings auch während der 1930er Jahre um weitere Produkte. 1935 wurde Bartsch-Tee eingetragen, ein offenbar dem erfolgreichen und massiv beworbenen Dr. Ernst Richters Frühstückstee der Münchener Hermes-Fabrik nachempfundenes Produkt (Warenzeichenblatt 42, 1935, 487). Wie Garantol wurde es 1941 mit ansprechend geschalteter Serienwerbung propagiert, nun allerdings als deutsches Austauschprodukt für den fehlenden Tee aus Asien.

32_Westfaelische Neueste Nachrichten_1938_03_28_Nr073_p6_Fliegende Blaetter_195_1941_p400_Schlankheitstee_Garantol_Bartsch-Tee_Koerper_Fruehstueck

Vom Nischenmarkt zum Kriegsprodukt (Westfälische Neueste Nachrichten 1938, Nr. 73 v. 28. März, 6 (l.); Fliegende Blätter 195, 1941, 400)

Die naheliegende Frage nach den Beziehungen zwischen dem NS-Regime und der Garantol GmbH resp. der Firma Grube & Co. ist nicht seriös zu beantworten. Man dürfte sich angepasst, zugleich auf eine gewisse Distanz geachtet haben. Die Todesanzeigen Ludwig Grubes erschienen nicht im lokalen NS-Parteiorgan Freiheitskampf, sondern in den traditionell konservativen und demokratieskeptischen Dresdner Nachrichten. Sein 1915 geborener Sohn Hans Grube promovierte 1939 an der Handelshochschule Leipzig bei dem Betriebswirt Erich Schäfer (1900-1984), seit 1940 NSDAP-Mitglied, zugleich einer der intellektuellen Köpfe der Gesellschaft für Konsumforschung. Diese Gruppe, der auch der spätere ordoliberale Heros Ludwig Erhard (1897-1977) angehörte, war integraler Bestandteil des NS-Regimes, stand der Kriegs- und Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus aber kritisch gegenüber (zu diesem Milieu vgl. Uwe Spiekermann, German-Syle Consumer Engineering: Victor Vogt’s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann, Gary Cross und Ingo Köhler (Hg.), Consumer Engineering, 1920s-1970s, Cham 2019, 117-145, insb. 128-132). Hans Grubes im Frühjahr 1939 geschriebene Dissertation (Werbung und Umsatzentwicklung bei Markenartikelunternehmungen, Leipzig 1941) ist eine solide, für damalige Verhältnisse weit überdurchschnittliche Arbeit, die dem gängigen NS-Jargon der Zeit keine Konzessionen machte. Anderseits kann man ab 1941 fast sicher von Zwangsarbeit bei Grube & Co. ausgehen, zumal sich in Heidenau viele kriegswichtige Unternehmen angesiedelt hatten und in Dohna-Heidenau ein Durchgangslager für Zwangsarbeiter bestand. Die spätere Enteignung erfolgte gemäß dem SMAD-Befehl Nr. 124/45 vom 30. Oktober 1945, der bei aller Willkür doch Maßnahmen gegen das Vermögen von „Amtspersonen der NSDAP, ihren führenden Mitgliedern und hervortretenden Anhängern“ vorsah (Bestimmungen der DDR zu Eigentumsfragen und Enteignungen, hg. v. Gesamtdeutschen Institut, Bonn 1971, 50-52, hier 50).

33_Illustrierter Beobachter_07_1932_p376_Die Frau und Mutter_23_1934_H4_p38_Konservierungsmittel_Eier_Garantol_Redaktionelle-Reklame

Appelle an die sparsame Hausfrau (Illustrierter Beobachter 7, 1932, 376 (l.); Die Frau und Mutter 23, 1934, H. 4, 38)

Für die Öffentlichkeit war die Werbepräsenz der Garantol GmbH jedoch vorrangig. Während der Weltwirtschaftskrise und den ersten Jahren der NS-Herrschaft nutzte sie verstärkt einfache Textanzeigen, die regelmäßig auch als redaktionelle Reklame geschaltet wurde. Im Mittelpunkt standen wirtschaftliche Argumente. Eierkonservierung galt als einfacher und bequemer Bestandteil sparsamer Haushaltsführung. Wichtig war, dass auf diese Weise trotz bedrückender Not ein wenig Abwechslung in der Küche beibehalten, den Lieben eine kleine Freude bereitet werden konnte.

34_Fliegende Blaetter_178_1933_p240_ebd_p272_ebd_p336_Garantol_Eier_Konservierungsmittel

Serienwerbung mit einfachen Mitteln (Fliegende Blätter 178, 1933, 240 (l.), 272, 336 (r.))

Die Werbung war weiterhin einfach, aufwändige Formen hätten die Kernbotschaften konterkariert. Allerdings finden sich Anfang der 1930er Jahre auch Ansätze von Werbeparolen, etwa „Garantol hält Eier über ein Jahr lang frisch“. Das klang hölzern, war nicht eingängig, war stattdessen sachbezogen und ernst. Mehr wurde versucht, etwa die Propagierung des Tätigkeitswortes „garantolen“. Das hatte beim Einwecken geklappt, ebenso beim Kukirolen, der Verwendung eines damals erfolgreichen Hühneraugenmittels. Doch beim Eiereinlegen scheiterten entsprechende Sprachspiele.

35_Israelitisches Familienblatt_36_1934_Nr11_p07_Illustrierte Nuetzliche Blaetter_1936_p99_Eier_Konservierungsmittel_Garantol

Die zufriedene Hausfrau mit ihrem Winterschatz (Israelitisches Familienblatt 36, 1934, Nr. 11, 7 (l.); Illustrierte Nützliche Blätter 1936, 99)

Die Garantol GmbH begann Anfang der 1930er Jahre zudem, ihre Markenartikelwerbung zu personalisieren. Dazu wählten sie einfach skizzierte Hausfrauen, deren Konterfei nach mehreren Jahren auch verändert wurde und bei denen durchaus zwischen urbanen und ländlichen Kundinnen unterschieden wurde. Allerdings baute die Firma keine produktspezifische Werbefigur auf, wie dies damals die Margarine- oder aber die Waschmittelindustrie vormachte. Parallel bemühte sich die Heidenauer Firma um Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit, nutzte dafür aber vorrangig Werbeblätter. Im Bereich der Haushaltskonservierung war dies schon seit langem üblich.

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Anschaulichkeit auch in der Werbung – Auszüge aus einem Werbeblatt ca. 1937 (Uwe Spiekermann)

Die NS-Zeit war für die Garantol-Werke eine neuerliche Zeit des Wachstums. Dazu mochte nicht zuletzt die Wehrmacht und die an Bedeutung rasch zunehmende Gemeinschaftsverpflegung beigetragen haben. 1937 wurde in Heidenau ein erster Erweiterungsbau errichtet, um den Versand zu beschleunigen und zu erweitern. Auf der einen Seite lag ein Eisenbahnanschluss, auf der anderen Verladerampen für Lastwagen (Garantol, 1953, 11). Zudem legte die Garantol GmbH vermehrt Wert auf eine verbesserte Ansprache der Verkäufer. Das galt insbesondere für die Drogisten und Apotheker. Es war kein Zufall, dass Ludwig Grube bis zu seinem Tode auch Vorsitzender der Velidro gewesen war, des Verbandes der Lieferanten im Drogenfach (Dresdner Nachrichten 1935, Nr. 108 v. 5. März, 14).

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Werbung für die Verkäufer (Deutsche Apotheker-Zeitung 50, 1935, 530)

Die Werbung war stets mit diesen Verkaufsmultiplikatoren koordiniert, auf sie nahm man besonders Rücksicht. Die Handelsspanne lag bei ordentlichen 40 Prozent und wurde auch während des Zweitens Weltkrieges nicht gesenkt, als die gebundenen Preise 1941 um etwa ein Achtel reduziert wurden (Drogisten-Zeitung 57, 1941, Nr. 10, 4). Das entsprach dem Ideal der gebunden Wirtschaft, dem ideologisierten „Leben und leben lassen“ des deutschen Kaufmanns.

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Die Krise nutzen – Werbung um Apotheker und Drogisten (Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 73, 1940, 125)

Überraschend war der recht eigenständige Charakter der Garantol-Werbung. Obwohl sie nah an zentralen NS-Kampagnen agierte, etwa den seit 1936 im Rahmen des Vierjahresplanes initiierten „Kampf dem Verderb“-Feldzügen, der Propagierung des häuslichen Einmachens, der Förderung von Kleinsiedlung und Kleingärten sowie einer verstärkten Wertschätzung heimischer Produkte, fanden diese höchstens indirekt Widerhall in der Garantol-Markenartikelwerbung. Referenzen etwa auf das Deutsche Frauenwerk oder die Verbrauchslenkung unterblieben. Auch während des Krieges war man nicht Teil der vielgestaltigen Kampagnen um Kohlenklau oder andere mehr oder minder populäre Figuren der Verhaltensregulierung, des völkischen Nudging.

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Visuelle Ankerpunkte für Sparsamkeit und Tradition (Kleine Volks-Zeitung 1940, Nr. 182 v. 4. Juli, 12 (l.); Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 73, 1940, Nr. 12, 1).

Bemerkenswert ist zudem die 1940, also während des Krieges, einsetzende Ausweitung der Werbung, die seither konsequent auf ansprechende Bildvorlagen und vor allem serielle Motive setzte. Die Motive knüpften an Huhn und Ei an, doch nun wurde der Alltag der Konsumenten systematisch mit einbezogen. Dieser veränderte Markenauftritt dürfte direkt auf Hans Grube zurückzuführen sein – und es ist wahrscheinlich, dass nun auch eine Werbeagentur engagiert wurde. Grubes Dissertation behandelte die Markenartikelwerbung, setzte sich insbesondere mit den auch für Garantol charakteristischen „Saisonschwankungen“ auseinander (Grube, 1941, 25). Während des Weltkrieges war er Soldat, doch das war mehr Potemkinsche Fassade als Aussage. Das Dresdner Adressbuch verortete ihn bis 1941 noch nahe beim Heidenauer Werk in der Pirnaer Straße 32, ab 1943 dann in der Dresdener Lockwitzerstraße 30 (Dresdner Adreßbuch 1941, Heidenau, 27; ebd. 1943/44, Niedersedlitz, 84). Bereits 1937 hatte er Geschäftsanteile übernommen, wenngleich er im Adreßbuch erst ab 1943 als Mitinhaber der Garantol-Gesellschaft Grube & Co. firmierte (Garantol, 1953, 12).

40_Illustrierter Beobachter_16_1941_p0052_ebd_p148_Konservierungmittel_Eier_Garantol

Verhaltensregulierung und Kaufappell (Illustrierter Beobachter 16, 1941, 52 (l.); ebd., 148)

Die neuen Werbeanzeigen setzten kaum neue Themen, banden die alten jedoch in die Kriegszeit, in die Eierrationierung ein. Der Eierkonsum sank damals reguliert, lag 1944/45 schließlich bei etwa der Hälfte der Vorkriegswerte: 1939/40 waren das durchschnittlich 140 Stück pro Kopf, 1941/42 87 und 1944/45 schließlich 68 (Kurt Häfner, Materialien zur Kriegsernährungswirtschaft 1939-1945, s.l. s.a. (Ms.)). Das war wenig, doch immer noch fast das Dreifache von 1918/19.

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Winke auch abseits der Saison (Die Umschau 46, 1942, 176 (l.); ebd., 400)

Die Werbemotive waren ansprechend gestaltet, führten auch erstmals konsequent über die Legesaison hinaus. 1941 begann im August eine neuerliche Kampagne – also just in dem Monat, in dem zuvor die Werbesaison faktisch endete: Haushälterische Winke – recht typisch für die damalige Werbewelt, doch mit jahrzehntealten Vorläufern bei Convenienceartikeln wie Backhilfsmitteln oder Suppenpräparaten – erläuterten nun den Umgang mit Garantol und gaben Ratschläge für die Werterhaltung der Eier im getränkten Glase. Damit emanzipierte sich das Konservierungsmittel auch von seinem Mitbewerber Wasserglas, für den als Markenartikel nie geworben wurde. Garantol wurde als bewährter Helfer, als Kriegskamerad positioniert, der um die Schwierigkeiten des Kriegsalltags wusste, der jedoch optimistisch die Engpässe und Probleme überwand.

42_Straßburger Neueste Nachrichten_1943_04_16_Nr106_p7_Erlaftal-Bote_1943_04_09_Nr36_p8_Konservierungsmittel_Eier_Garantol

Zuversicht im Kriege (Straßburger Neueste Nachrichten 1943, Nr. 106 v. 16. April, 7 (l.); Erlaftal-Bote 1943, Nr. 36 v. 9. April, 8)

Diese Grundhaltung und auch die stimmungs- und versorgungswirtschaftlich wichtigen Funktionen des Garantol führten denn auch dazu, dass das Konservierungsmittel noch 1943 und selbst 1944 mit recht großen Anzeigen mit visuellen Elementen beworben wurde. Dazu muss man wissen, dass Zeitungen und Zeitschriften Anfang und dann nochmals im Sommer 1942 die Werbemöglichkeiten deutlich reduzieren mussten, da die Anzeigengrößen gedeckelt wurden. Vielfach fanden sich nun ein Dutzend und mehr Motive auf einer Seite, die große Mehrzahl davon reine Werbetexte.

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Verpflichtungsdiskurse in der Volksgemeinschaft (Gemeinschaftsverpflegung 1944, H. 4, Beil., 5; ebd., H. 11, Beil., 5)

Das galt auch für Garantol – doch mit deutlichem zeitlichem Verzug. Entsprechend nahm die relative Präsenz des Eierkonservierungsmittels 1943/44 zu. Es stand nun Seit an Seit mit den führenden Markenartikeln weit größerer Unternehmen. Obwohl die Heidenauer Firma bis Kriegsende kontinuierlich produzierte – Dresden wurde als letzte deutsche Großstadt am 8. Mai 1945 besetzt, also am Tag der Kapitulation der Wehrmacht – spiegelten letztlich aber auch deren Anzeigen den nahenden Verlust des Krieges.

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Dem Endsieg entgegen – abebbende Werbeanstrengungen 1944 (Westfälische Zeitung 1944, Nr. 179 v. 2. August, 2 (l. oben); Badische Presse 1944, Nr. 165 v. 17. Juli, 4 (l. unten); Garten-Zeitschrift 1944, Nr. 7/8, 68 (r. oben); Grenzbote 1944, Nr. 16 v. 16. April, 8)

Doppelte Wege: Garantol in Heidenau und Grötzingen

Grube & Co. überstand den Zweiten Weltkrieg ohne Zerstörungen, inklusive den massiven Bombenangriff auf Heidenau am letzten Kriegstag. Dennoch kam der Betrieb 1945 kurzfristig zum Erliegen. Otti Grube wurde von der sowjetischen Militäradministration von der Geschäftsführung ausgeschlossen, ihr Sohn Hans Grube übernahm nach Ende der Kriegsgefangenschaft im Dezember die Leitung des Familienbetriebes. Die Garantol-Werke reüssierten rasch, 1947 übertrafen sie den Beschäftigungsstand der Vorkriegszeit (Garantol, 1953, 12). Der Betrieb wurde 1946 erstmals, 1948 neuerlich beschlagnahmt (Who’s who in Germany, 4. Aufl., Ottobrunn 1972, Bd. 1, 502). Hans Grube wurde verhaftet und für viele Monate inhaftiert, flüchtete Ende 1948, Anfang 1949 dann in den Westen. Die Gründe für diese Entwicklung sind unklar, können in der NS-Zeit liegen, an wahrscheinlicher Beschäftigung von Zwangsarbeitern, an den Interessen der Besatzungsmacht oder aber der kollektivistischen Politik der SED und der Blockparteien. Eine Sichtung der einschlägigen Archivalien im Staatsarchiv Dresden steht noch aus.

Während in Heidenau die Garantol-Werke verstaatlicht wurden, zum VVB (L) und dann VEB Garantol mutierten und weiterhin Garantol und Antityphoid produzierten, nahm die bereits am 18. Oktober 1947 gegründete Dr. Grube GmbH im nahe von Karlsruhe gelegenen Grötzingen den Betrieb auf (Badische Neueste Nachrichten 1949, Nr. 18 v. 27. Januar, 3). Hans Grube wurde am 8. Juni 1949 zum allein vertretungsberechtigten Geschäftsführer bestellt (Ebd., Nr. 119 v. 18. Juni, 10), der zwischenzeitliche Geschäftsführer Otto Lips im Januar 1950 als Geschäftsführer entlassen (Ebd. 1950, Nr. 25 v. 4. Februar, 9). Im April 1950 etablierten Hans Grube, seine Mutter Otti und zwei Kommanditen zudem die Grube & Co. KG, restaurierten also den Status von 1937 (Ebd., Nr. 109 v. 30. Mai, 8), auch wenn die Garantol GmbH parallel bestehen blieb (Ebd. 1951, Nr. 53 v. 3. März, 5). Zwischen den Heidenauer und den Grötzinger Garantol-Werken kam es zu Rechtshändeln (Süddeutsche Juristen-Zeitung 5, 1950, 277). Am Ende gab es zwei Produzenten des Eierkonservierungsmittels Garantol, je einen in beiden deutschen Staaten.

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Werbeplakate für Garantol in Österreich (Wienbibliothek AC10534260-4201 (ca. 1950, l.); ebd. AC10534101-4201 (1950))

Beide Firmen knüpften teils bruchlos an die NS-Zeit an, auch in der DDR warb man mit den alten Werbeklischees. Sie entwickelten sich auch in der Folgezeit ähnlich, wenngleich mit unterschiedlicher Dynamik. Die Grötzinger Firma intensivierte rasch ihre Exporttätigkeit, besaß damit eine angesichts der damaligen Dollar-Lücke strategisch wichtige Einnahmequelle. Beide Firmen erweiterten ihr Sortiment, wobei Grötzingen deutlich aktiver war; auch durch den Ankauf US-amerikanischer Patente. Dominierte Anfang, in der DDR auch noch Ende der 1950er Jahre der Umsatz des namensgebenden Eierkonservierungsmittels, so mutierten mit dem Rückgang der Nachfrage seit Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre beide Firmen zu Anbietern von Tiermedizin und Drogerieartikeln. Der Ausbau der Selbstbedienung, das Vordringen der Kühltechnik im Handel und dann auch den Haushalten, die „Massenproduktion“ von Geflügel und Eiern ließen „frische“ Eier zum Standard werden. Die Heidenauer Firma ging später in größere chemische Betriebe auf. Die Geschichte der Grube & Co. KG endete im Juni 1995, im Folgemonat auch die der Dr. Grube GmbH. Die 1985 gegründete Garantol GmbH wurde schließlich im Mai 1996 gelöscht. Wasserglas ist weiterhin verfügbar.

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Angebotspaletten der Grötzinger und der Heidenheimer Garantol-Werke (Garantol, 1953, 18 (l.); Werbezettel Garanta, s.a.)

Convenienceprodukte als Zwischenlösungen mit Beharrungsvermögen

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte es noch mit typisch wilhelminischem Optimismus geheißen: „Die Konservierung der Eier ist nur eine Frage der sich immer mehr und mehr entwickelnden Technik auf dem Gebiet“ (Kurt Woite, Kolonialgeflügel, Die Woche 14, 1912, 1109-1111, hier 1110). Die Geschichte des Konservierungsmittels Garantol belegt, dass die technische Verfügbarkeit einer überlegenen Konservierungstechnik – hier der Kühltechnik – für deren Durchsetzung nicht ausreichte. Wasserglas und Garantol ermöglichten Eier auch im Winter, mochten diese auch geschmacklich schlechter und küchentechnisch begrenzter als gekühlte oder gar frische Angebote gewesen sein. Diese Mängel aber waren überschaubar, an sie konnte man sich gewöhnen, ebenso an den saisonalen Rhythmus derartiger Verschlechterungen. Wasserglas und Garantol halfen Kriege und Krisen zu bewältigen, boten handhabbare Alternativen zum Verzicht, übertrafen zuvor übliche Konservierungsverfahren. Bequem waren diese Bequemlichkeitsprodukte aus heutiger Sicht vielleicht nicht, doch ihre Anwendung wurden seit der Jahrhundertwende zur üblichen Haushaltsroutine, so wie man auch das enorm aufwändige Waschen und Putzen lange, lange kaum hinterfragte, auch, weil dies unbezahlte Frauenarbeit war.

Garantol war Ausdruck begrenzter Anspruchshaltungen, eines Arrangements mit einem Leben, in dem das frische Ei kein Dauerangebot war. Man dachte im Jahresrhythmus, noch nicht mit der für uns geltenden Kurzlebigkeit der Ware. Convenienceprodukte stehen heute für die Beschleunigung des Marktes und des Konsums – einhundert Jahre zuvor standen sie für Stetigkeit und Verlässlichkeit. Heute, wo wir alte Waren nur als gereifte Edelprodukte schätzen, wo uns Frisches und Neues permanent umgibt, wo wir Waren wegwerfen, wenn sie ein zwar begründetes, aber doch auch imaginäres Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, heute können wir uns Convenienceprodukte als Entschleuniger, als Dynamikbremse kaum mehr vorstellen.

Garantol war just dies, war ein Grund für die nur verzögerte Einführung der Kühltechnik hierzulande. Garantol war eine Zwischenlösung in einer unvollkommenen Welt. Dieses scheinbar so nebensächliche Produkt kann uns aber vielleicht anregen darüber nachzudenken, dass wir uns auch mit vielen Zwischenlösungen begnügen, mögen diese uns auch anders präsentiert werden. Das gilt für unsere Ernährung, unsere Umwelt, unsere materielle Existenz. Vielleicht können wir im Kopfschütteln über die überwundene Zwischenlösung Garantol dann gar erkennen, wie wichtig es ist, sich möglichst mit Kernproblemen auseinanderzusetzen, um nicht Jahrzehnte zu verlieren.

Uwe Spiekermann, 14. August 2022

Wissens- und Technologietransfer auf das Land: Die Anfänge der Rübenzuckerindustrie in Kalifornien, 1850-1900

„Jemand muss beginnen – wer wird der Glückliche sein? Denn es ist sicher, dass der Tag nahe ist, an dem Tausende von Tonnen Rübenzucker in Kalifornien hergestellt werden.“ [1] Als diese Frage 1857 im amerikanischen Westen aufkam, war Rübenzucker in Kontinentaleuropa bereits ein Erfolg. [2] Der Zuckergehalt der gemeinen Rübe war im 18. Jahrhundert von deutschen Praktikern nachgewiesen worden, Extraktionstechniken folgten. Züchtungsforschung und verbesserte Maschinen führten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Gründung zahlreicher Fabriken. Die Rübenzuckerindustrie gründete auf staatlicher Förderung, namentlich in Frankreich, Belgien und den deutschen Staaten, nachdem die britische Seeblockade französischer Häfen die Zerbrechlichkeit globaler Versorgungsketten deutlich gemacht hatte. Das neue ländliche Gewerbe galt als „heimisch“, denn es ermöglichte wachsende Unabhängigkeit vom globalen Rohrzuckerhandel, der vom Vereinigten Königreich und seinem wachsenden Kolonialimperium dominiert wurde. Rübenzucker war eine der ersten Industrien auf dem Lande: Die „rationale“ Landwirtschaft nutzte Wissenschaft und Technik, durchaus im Sinne des großen Vorbildes Großbritannien. Geist, angewandtes Wissen über die Natur, erlaubte die Produktion moderner Süße auf eigener Scholle. Rübenzucker galt als Triumph des Menschen über die Natur, als Sieg der Agrarwissenschaft und des Maschinenbaus über die Widrigkeiten von Boden und Klima. Die frühe Globalisierung führte eben nicht nur zur wirtschaftlichen Durchdringung und Ausbeutung kolonialer Regionen, sondern löste vielfältige Gegenreaktionen in den Zentren der westlichen Welt aus. Die Aufwertung des Rübenzuckers war Teil einer breiteren Bewegung zum Ersatz von Kolonialwaren durch heimische Substitute. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren ein Nachzügler im Zuckergeschäft. Die allein nennenswerte Rohrzuckerindustrie in Louisiana war klein; fast der gesamte Zucker, den die US-Amerikaner – seit den 1860er Jahren die zweitgrößten Pro-Kopf-Verbraucher der Welt – konsumierten, stammte damals aus der Karibik, dem Pazifikraum und aus europäischen Rübenzuckerimporten. [3] Die junge Nation musste dafür hohe Beträge an Ausländer zahlen – und gemäß den vorherrschenden Narrativen in diesem Hochzollland war eine einheimische Zuckerproduktion erforderlich, um amerikanischen Wohlstand zu sichern, um weitere Agrarsektoren aufzubauen. Mitte des 19. Jahrhunderts verfügten die USA allerdings noch nicht über die technologischen und wissenschaftlichen Kapazitäten zum Aufbau einer solchen Industrie. Getreide und Baumwolle waren die Hauptexportgüter dieses aufstrebenden, aber immer noch rückständigen Preisbrechers im Westen. Wissensbasierte Produkte waren noch Ausnahmen.

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Zukunftsvisionen: Vom Zuckerimportland zum Selbstversorger (American Sugar Industry 12, 1910, 318)

US-amerikanische Fachleute und Politiker waren Mitte des 19. Jahrhundert jedoch zuversichtlich, dass sie eine eigene Zuckerindustrie aufbauen und die europäischen Mächte in naher Zukunft gar überholen könnten: Erste Versuche der Zuckerherstellung waren zwar gescheitert, etwa die 1838 vom Bostoner Journalisten David Lee Child betriebene technische Nutzung seiner belgischen Erfahrungen [4]. Doch die Eroberung und Erschließung der neuen westlichen Territorien Mitte des 19. Jahrhunderts schien neue Chancen zu eröffnen. Als 1856 in San José erstmals Rübenzucker präsentiert wurde [5], galt die Natur als wichtigster Verbündeten der Pioniere. Stolz hieß es über Kalifornien: „Das reichste Land der Welt! Von der Natur mit allem ausgestattet, was das Herz des Menschen begehrt! Reich an Bodenschätzen; unvergleichlich an fruchtbaren Böden“ [6]. Das kalifornische Klima schien für den Rübenanbau perfekt geeignet, zwei Rübenernten pro Jahr möglich. Mochten die Arbeitskosten im Westen auch hoch sein, so sei die Sonne doch Garant für kontinuierliche Ernten und erfolgreiche Produktion. [7] Erste Versuche, in San José eine Rübenzuckergesellschaft zu gründen, scheiterten 1857 allerdings am mangelnden Interesse der Farmer. [8] Der erträumte „Garten des Pazifiks“ [9] blieb erst einmal unbestellt.

„Eine Abfolge von Katastrophen“ – Die frühe Geschichte der kalifornischen Rübenzuckerindustrie

Liest man gängige Darstellungen der US-Geschichte, so wurde diese unbefriedigende Situation durch den Einfallsreichtum des amerikanischen Kapitals und amerikanischer Unternehmer geändert, die den Weg zum Erfolg ebneten und dabei schließlich von den lokalen, bundes- und nationalstaatlichen Regierungen unterstützt wurden. [10] Wahrlich, frühe Versuche, in den 1860er und 1870er Jahren eine Rübenzuckerindustrie zu etablieren, scheiterten, doch um 1900 hatte sich die Branche bereits etabliert und schien ein mehr als überlegener Konkurrent der Rohr- und Rübenzuckerimporteure werden zu können. Dieses Narrativ einer „amerikanischen“ Erfolgsgeschichte ist jedoch höchst fragwürdig. Die amerikanische Rübenzuckerindustrie war stattdessen das Ergebnis eines Wissens- und Technologietransfers aus Europa, namentlich aus Deutschland. Sie war zudem in erster Linie das Geschäft von eingewanderten Unternehmern, allen voran des deutsch-amerikanischen Einwanderers Claus Spreckels. Die Etablierung dieser „heimischen“ Industrie war zugleich integraler Teil einer breiteren Geschichte des Imperialismus und des amerikanischen Zugriff auf Protektorate und Kolonien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Um diese Thesen zu untermauern, müssen wir ins Detail gehen: Dieser Beitrag wird Ihnen zunächst einen kurzen Überblick über die Entwicklung der kalifornischen (und US-amerikanischen) Rübenzuckerindustrie vor Ende der 1880er Jahre geben, als Claus Spreckels seine erste große Rübenzuckerfabrik in Watsonville, Kalifornien, gründete. Zweitens werde ich die Gründe für dessen Erfolg erörtern und dann drittens sein Scheitern bei der Errichtung eines großen Netzwerkes dezentraler Rübenzuckerfabriken in den frühen 1890er Jahren. Dies führte viertens zur Etablierung eines stärker zentralisierten Konzepts der Zuckerproduktion um die Jahrhundertwende, materialisiert in der für viele Jahrzehnte größten Rübenzuckerfabrik im Salinas Valley. Sie wurde zur Blaupause des raschen Wachstums der ländlichen Industrie auch abseits des Vorreiterstaates Kalifornien.

Am Anfang stand das französische Beispiel. In Kalifornien gehörten französische Rübenzuckerexperten wie Eugene Delessert zu den ersten Förderern der neuen Süßpflanze, Rübenzucker galt damals als „französisches Unternehmen“ [11]. Nach dem Goldrausch und getrieben durch steten Kapital- und Arbeitskräftezufluss war es 1857 kein Problem, Kapital für die Gründung einer ersten Rübenzuckerfabrik in San José aufzubringen [12], die von der kalifornischen State Agricultural Society enthusiastisch gefördert wurde. [13] Deren Schatzmeister J.C. Cobb hatte bereits 1855 in San José mit Experimenten begonnen. Zuckerproduktion war eben nicht irgendeine neue Branche, sondern hatte massive Koppeleffekte zur Folge: Sie würde die Versorgungsbasis des neuen US-Bundesstaates verbreitern, den Agrarhandel intensivieren und Agrarwirtschaft enger mit der industriellen Entwicklung verzahnen: „Sie beschäftigt eine große Menge an Land und Arbeitskräften, erhöht die Bodenwerte, führt zu einer Verbesserung des Viehbestands, stimuliert die verarbeitende, mechanische und andere landwirtschaftliche Arbeit im Allgemeinen.“ [14] So war es in Frankreich und Deutschland geschehen, so würde es auch im amerikanischen Westen werden. Die ermutigenden Ergebnisse dieser ersten Versuche überzeugten die kalifornischen Farmer jedoch nicht davon, die neue arbeitsintensive Kulturpflanze anzubauen, die ständige Pflege und vorsichtige Behandlung erforderte. [15] Rübenzucker blieb ein Importgut aus Frankreich und Deutschland, denn die einheimischen Farmer bevorzugten den sicheren und weniger arbeitsintensiven Getreideanbau. Die State Agricultural Society „machte die Öffentlichkeit wiederholt auf die Rübenzuckerproduktion aufmerksam“ [16], doch derartige Appelle bleiben mehr als ein Jahrzehnt praktisch echolos.

Dies änderte sich nach dem Bürgerkrieg [17]. In den späten 1860er Jahren entbrannte eine ähnliche Diskussion wie im Jahrzehnt zuvor – nun aber mit explizitem Bezug auf das erstaunliche Wachstum der deutschen, insbesondere der preußischen Rübenzuckerindustrie. Drei Gruppen trieben die neue Industrie voran: Agrarwissenschaftler, Zuckerproduzenten und Risikokapitalgeber. Während die Produzenten vorrangig versuchten, die Rohstoffbasis möglicher Fabriken zu verbreitern und von den Ergebnissen ihrer Anbauversuche meist enttäuscht waren [18], wurden die Risikokapitalgeber in den späten 1860er Jahren zur dominierenden Kraft, als in Sacramento und Alvarado die ersten Rübenzuckerfabriken gebaut wurden. [19]

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Öffentliche Ankündigung der Gründung der Sacramento Valley Beet Sugar Company 1868 (Sacramento Daily Union 1868, 27. April, 5)

Wagniskapital war mehr als ausreichend vorhanden: Als die Sacramento Beet Sugar Company am 24. April 1868 gegründet wurde, war das Grundkapital von 100.000 Dollar deutlich überzeichnet. [20] Die meisten Kapitalisten hatten jedoch nicht die geringste Ahnung von der Zuckerproduktion. Wie also der gemeinen Rübe genügend Zucker extrahieren? Der fähigste der Direktoren, William Wadsworth, ehemals Redakteur einer landwirtschaftlichen Zeitschrift, reiste zunächst in die amerikanische Fabrik in Chatsworth, Illinois [21] und dann nach Frankreich und Deutschland, um die Rübenzuckerproduktion zu studieren, Maschinen und Saatgut zu kaufen und Fachleute einzustellen, die mit der Branche vertraut waren. [22] Man glaubte, dadurch die Probleme gelöst zu haben: Wadsworth kam begeistert zurück und lobte die gegenüber Rohrzucker vergleichsweise einfache und rentable Herstellung von Rübenzucker. [23] Sein Vorschlag, das 1865 von Julius Robert im mährischen Großseelowitz entwickelte Diffusionsverfahren anzuwenden, stieß jedoch auf Skepsis. Auf Anraten eines französischen Experten testete man die neue Methode in einer kleinen Versuchsanlage, so dass die Produktion erst 1871 aufgenommen wurde. [24] Unter der Leitung eines deutschen Superintendenten und Chefingenieurs war die erste fast ausschließlich auf deutschen Maschinen und deutschem Saatgut basierende Kampagne durchaus erfolgreich. Wie parallel die frühen kalifornischen Winzer – anfangs viele deutsche, später dann zunehmend italienische Einwanderer – zogen auch die Rübenbauern ihr Saatgut anschließend selbst heran. Die Rübenanbaufläche betrug 500 Hektar, die Investition von 225.000 Dollar ermöglichte eine Verarbeitungskapazität von täglich 75 Tonnen Rüben. [25] Die Zeitungen lobten den „vollen Erfolg“ [26] der Sacramento Beet Sugar Company und erwarteten weitere und noch größere Fabriken. 1871/72 pachtete die Firma 1.100 zusätzliche Hektar, doch die Ernte wurde durch den Heerwurm, einen in Europa unbekannten Schädling, nahezu vernichtet. Es folgten Umstrukturierungen und eine weitere Vergrößerung der gepachteten Rübenflächen – und in den beiden folgenden Jahren gab es geringe Gewinne. Dennoch: Eine kalifornische Rübenzuckerproduktion schien sich zu etablieren: Mehr als 650 Männer – 150 „Weiße“ in der Fabrik und 500 „Chinesen“ auf den Feldern – waren in dem Nachfolgeunternehmen Sacramento Valley Beet Sugar Factory beschäftigt. [27] Doch die Verantwortlichen bekamen die technischen Probleme nicht vollends in den Griff, scheiterten insbesondere an der Standardisierung der Produktion. Nicht weniger als sieben technische Leiter widmeten sich der Verbesserung des Rübenanbaus, des Transports und der Verarbeitungstechnik. Verbesserungen waren sichtbar, die Reinheit des Produkts nahm zu, die Farbe des raffinierten Zuckers änderte sich von Braun zu fast Weiß, und das Unternehmen konnte eine eigene Saatgutproduktion aufbauen. 1875 galt die Zuckerindustrie vielen Investoren daher als „ein sicheres Geschäft, in das sich das Kapital mit völligem Vertrauen einbringen kann“ [28] – auch wenn es immer noch schwierig war, qualifizierte Arbeiter zu finden. Doch eine Dürre veränderte die natürlichen Rahmenbedingungen, und ein heftiger Preiskampf zwischen den Rohrzuckerraffinerien in San Francisco, darunter auch der von Claus Spreckels, führte zu Preissenkungen. Außerdem wollten die meisten Direktoren und Investoren nach dem Tod von William Wadsworth im Jahr 1874 auch erste Dividenden für ihr eingezahltes Kapital sehen. Das führte zum raschen Ende: Fabrik und Gelände wurden 1875 für 74.000 Dollar verkauft; die Maschinen brachten 45.000 Dollar ein und wurden für eine neue Rübenzuckerfabrik in Soquel verwendet. [29] Die landwirtschaftliche Presse, die das Unternehmen jahrelang als kalifornischen Vorzeigebetrieb gepriesen hatte, klagte nun über den „Mangel an sorgfältiger Betriebsführung“ [30] und dass man den offenbar minderwertigen Boden im Vorfeld nicht geprüft hatte. Bis zum letzten Kampagne 1875 stockte die Produktion immer wieder, während zugleich lukrative Führungspositionen mit Investoren und Politikern besetzt wurden, denen es an der nötigen Erfahrung und Kompetenz fehlte. [31]

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Die gängige Melange von Korruption und Geschäftssinn: Rückfragende Karikatur 1876 (Wasp 1, 1876, 81)

Günstiger war die Entwicklung der Zuckerfabrik Alvarado, die gemeinhin als die erste erfolgreiche Rübenzuckerfabrik in der kalifornischen und amerikanischen Geschichte gilt. Sie wurde 1870 mit einem Investitionsvolumen von 130.000 Dollar errichtet und nahm noch im selben Jahr die Produktion auf. [32] Die Maschinen, einschließlich der bereits veralteten Zentrifugentechnologie, wurden von der gescheiterten Fond Du Lac-Fabrik in Wisconsin gekauft. Zwei deutsche Einwanderer, die Maschinenbauer Andreas Otto und Ewald Lineau, übernahmen die Leitung des neuen Unternehmens. [33] Die mit einer Tageskapazität von 50 Tonnen Rüben eher kleine Fabrik arbeitete in den ersten vier Jahren erfolgreich und konnte die Zuckerproduktion von 500.000 Pfund im Jahr 1870 auf mehr als 1.000.000 im Jahr 1872 verdoppeln. [34] Interne Probleme führten jedoch zum Rückzug der Investoren aus Wisconsin; damit verlor man zugleich Fachwissen, zumal parallel große Teile des Maschinenparks in ein neues Werk in Soquel transferiert wurden. Im Jahr 1876 vernichtete eine weitere Dürre die gesamte Ernte, und die Fabrik wurde geschlossen. Die Alvarado Company blieb allerdings formal bestehen. Der Neuengländer Ebenezer Dyer reorganisierte das Unternehmen 1879, organisierte neues Kapital und führte die Standard Sugar Manufacturing Co. mit Maschinen aus Sacramento zum Erfolg. Unterstützt von dem deutschen Einwanderer Ernst T. Gennert war das Unternehmen das einzige kalifornische und amerikanische Rübenzuckerunternehmen, das in den 1880er Jahren erfolgreich arbeitete. Dyer etablierte sich parallel als Propagandist für den Rübenzucker, doch angesichts regelmäßig scheiternder Firmen war das Interesse potenzieller Investoren gering. [35]

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Produktionsstätten der Beet Sugar Factory Alvarado (Pacific Rural Press 30, 1885, 57)

In den 1870er Jahren gab es allerdings weitere Unternehmungen. Am wichtigsten war die bereits erwähnte Fabrik in Soquel. Sie wurde oft mit dem Namen von Claus Spreckels in Verbindung gebracht, doch gibt es keine Belege für eine etwaige finanzielle Beteiligung. [36] Rübenzucker wurde in Soquel erstmals 1869 hergestellt. Aber auch nach der Umstrukturierung der Firma im Jahr 1874 war die Santa Cruz Beet Sugar Company mit 70 Arbeitern und einer Tageskapazität von 50 Tonnen Rüben ein noch recht kleines Unternehmen. [37] Allerdings gab es zwei wichtige Besonderheiten: Erstens war es das erste kalifornische Unternehmen, das ein Vertragssystem nutzte, um Farmer für den Rübenanbau zu gewinnen – man etablierte damit das europäische System, das schon lange vor der Ernte feste Lieferungen privatrechtlich festschrieb. Zweitens regten die bis 1880 ökonomisch recht erfolgreichen fünf Kampagnen den führenden Rohrzuckerproduzenten Claus Spreckels an. Seine große Aptos-Ranch lag in der Nähe, im nahe gelegenen Watsonville sollte er sein erstes Rübenzuckerunternehmen gründen.

Misserfolge dominierten jedoch – zum Beispiel in Isleton und Alameda [38]. Wichtiger als Details zu den dortigen Firmen ist es jedoch, die Hauptgründe für die enttäuschende Entwicklung der kalifornischen und amerikanischen Rübenzuckerindustrie in den 1870er und 1880er Jahren herauszuarbeiten. Obwohl Boden und Klima – und die wachsende Nachfrage nach Zucker – an sich ideale Rahmenbedingungen für ein schnelles Wachstum der Industrie boten, waren fünf Hindernisse entscheidend für stete Misserfolge und geringe Fortschritte der neuen Industrie:

Erstens besaßen die meisten Produzenten keine fundierten Fachkenntnisse über den komplexen Prozess des Anbaus, der Herstellung und der Raffination von Rübenzucker. Importierte Maschinen und Saatgut konnten nicht effizient eingesetzt werden, denn es mangelte am Know-how, an der unaufwändigen selbständigen Regelung an sich kleiner Herausforderungen. Die angeworbenen deutschen Experten waren nicht in der Lage, diese Lücke zu schließen, zumal einige von ihnen kein Englisch sprachen, so dass sie Arbeiter und Farmer kaum anleiten konnten. [39]

Noch gravierender war zweitens der Mangel an Rüben für die Verarbeitung. Den ersten Unternehmen fehlten durchweg Rohprodukte. Die Farmer scheuten das Risiko statt der dominanten Getreidearten eine neue arbeitsintensive Hackfrucht zu kultivieren, die viel Pflege erforderte und neue Schädlinge mit sich brachte. Die Rübenpreise mochten zwar etwas höher gelegen haben als bei den bisherigen Agrarprodukten – doch für eine Umstellung hätte es stärkerer Pull- und Pushfaktoren bedurft. Das lag nicht nur an den Farmern selbst, sondern auch an einer nur gering entwickelten Beratung durch die Unternehmen oder aber bundesstaatliche agrarwissenschaftliche Institute. Dadurch nutzte man bestehende Bewässerungsmöglichkeiten nur unzureichend, blieb der Pflanzenschutz in den Kinderschuhen stecken und stellten wechselnde Witterungsbedingungen die Farmer immer wieder vor große Probleme.

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Zuckerrüben vor der Zuckerrübenraffinerie in Alvarado (Pacific Rural Press 30, 1885, 57)

Drittens war die Rübe in den 1860er und 1870er Jahren nur eine von vielen Pflanzen, die als Rohstoffbasis für eine heimische Zuckerindustrie propagiert wurden. Sorghum wurde vom Federal Bureau of Agriculture intensiv gefördert. Auch Wassermelonen schienen in den südlichen Regionen eine gute Alternative zu sein. [40]

Im Gegensatz zu Europa, wo die Rübenzuckerproduktion ein integraler Bestandteil der privatwirtschaftlichen oder genossenschaftlichen Landwirtschaft war, waren die frühen Unternehmen viertens kaum mit der landwirtschaftlichen Wissensbasis in Kalifornien verbunden – dies gewiss eine Folge der hohen Bedeutung von Wagniskapital. Die Zeitungen und auch die landwirtschaftlichen Fachzeitschriften kommentierten die bestehenden Herausforderungen und Probleme mangels Fachkompetenz kaum. Sie waren stattdessen lediglich an einer weiteren großen einheimischen Industrie interessiert, zeichneten immer wieder Wunschwelten, versprachen Investoren irreale Geschäfte.

Fünftens schmälerte schließlich der damalige, durch die Preiskämpfe der Zuckerraffinerien und ein wachsendes Rohrzuckerangebot von den Sandwich-Inseln und den Philippinen verursachte Preisverfall die Gewinne der Rübenzuckerindustrie. Verbraucher und Erzeuger wichen auf preiswerten Rohzucker aus, sahen für sich kaum Vorteile einer „heimischen“ Industrie. [41]

Ein neuer Anfang: Claus Spreckels Western Beet Sugar Company

Allen Misserfolgen zum Trotz wurde Kalifornien in den 1880er Jahren weiterhin als „das Zuckerland schlechthin“ [42] angepriesen. Doch ein neuer Realismus beendete diese „Ära der Übertreibung“ [43], das naive Lob der Rübenzuckerproduktion. Die Kalifornier waren zwar immer noch stolz darauf, über die einzige Fabrik in den Vereinigten Staaten zu verfügen, doch es war offensichtlich, dass Breitenwachstum ein anderes Geschäftsmodell erforderte.

Es war der deutsche Einwanderer Claus Spreckels, der den Unterschied machte. Er wurde in dem kleinen norddeutschen Dorf Lamstedt als Sohn von Kleinbauern geboren. Bevor er 1846 in die USA kam, erhielt er eine Volksschulausbildung und arbeitete als Landarbeiter. In seinem neuen Vaterland betätigte er sich zunächst im Einzel- und Großhandel. Im Juni 1856 siedelte Spreckels nach Kalifornien über, wo er im Einzel- und Großhandel, im Brauereiwesen und ab 1863 in der Zuckerraffination Geld verdiente. In den 1870er Jahren gelang es ihm, zum führenden Rohrzuckerproduzenten des Westens aufzusteigen. Mit Hilfe moderner Maschinen, innovativer Technik und knallharter Geschäftsprinzipien entwickelte sich seine California Sugar Refinery zum führenden kalifornischen Unternehmen. Sie bildete die industrielle Grundlage zur Verarbeitung immer größerer Importe aus dem Königreich Hawaii. Der 1876 geschlossene Reziprozitätsvertrag förderte amerikanische Direktinvestitionen, und Spreckels etablierte Zuckerplantagen in bisher unbekannter Größe. Binnen weniger Jahre schuf er einen vertikal integrierten Zuckerkonzern, der die Produktion, den Transport, die Herstellung, die Finanzierung und den Großhandel mit Rohrzucker im amerikanischen Westen beherrschte. [44]

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Herzstück des Spreckelsschen Zuckerimperiums: Die California Sugar Refinery in San Francisco 1881 (Kirk, 2000, 17)

Als „Zuckerkönig des Westens“ hatte Spreckels eine ambivalente Stellung gegenüber der kalifornischen Rübenzuckerproduktion: Ein Netzwerk einheimischer Erzeuger konnte seine beherrschende Stellung in Frage stellen. [45] Doch der deutsche Einwanderer bekämpfte die lokalen Bestrebungen nicht. Stattdessen plädierte er stets für staatlichen Zollschutz [46] und senkte in den 1880er Jahren seine Zuckerpreise nicht so weit, dass dies der Fabrik in Alvarado den Garaus gemacht hätte. [47]

Dies war für die Öffentlichkeit überraschend, den Claus Spreckels galt nicht zu Unrecht als einer der vielen rücksichtslosen und gierigen Oligarchen, die mit billigen Arbeitskräften und Preisabsprachen rasch immense Vermögen anhäuften [48]. Doch Spreckels war schon früh an Rübenzucker interessiert. Zwischen 1865 und 1867 hatte er in Preußen dessen Anbau und Herstellung studiert. [49] Sein Bruder und Geschäftspartner Peter Spreckels, nach seiner Rückkehr ins Deutsche Reich ein erfolgreicher Bankier und Investor in Sachsen, war einer der ersten Direktoren der Rübenzuckerfabrik in Alvarado. [50] Claus Spreckels nutzte zudem seine 1872 erworbene Ranch in Aptos für den Anbau von Zuckerrüben und gründete dort gar eine kleine Zuckerfabrik – die California Sugar Beet Company in Capitola –, die von 1874 bis 1879 gleichsam im Testlauf geringe Mengen Rübenzucker produzierte. [51] Zu dieser Zeit war Spreckels jedoch nicht willens, in großem Umfang in die Rübenzuckerproduktion zu investieren. In Deutschland und Frankreich war die Rübenzuckerproduktion nicht zuletzt aufgrund billiger Landarbeiter und Pächter rentabel. In Kalifornien lagen die Lohnkosten für Landarbeiter und die Preise für die von Farmern gezogenen Rüben jedoch über der Rentabilitätsschwelle. [52] Das Scheitern fast aller frühen Unternehmungen bestätigte Spreckels Bewertung.

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Spreckels Landsitz in Aptos: Versuchsort für die Rübenzuckerproduktion (Santa Cruz, 1879, n. 64)

Mitte der 1880er Jahre änderten sich jedoch die Rahmenbedingungen. Fünf Gründe bewirkten den Wandel, kaum einer davon war auf die Lage in Kalifornien zurückzuführen:

Erstens konnten aufgrund des technischen Fortschritts in Europa die Produktionskosten erheblich gesenkt werden, wenn man denn Größenvorteile nutzen konnte. [53] Das belegte auch Spreckels großbetriebliche Plantagenwirtschaft auf den Sandwich-Inseln. Trotz stetig sinkender Zuckerpreise konnte er seine Gewinne in den 1880er Jahren steigern, konnte sich dadurch zugleich gegen Wettbewerber mit ungünstigeren Kostenstrukturen durchsetzen.

Zweitens hatte der Aufbau des hawaiianischen Rohrzuckergeschäftes Spreckels gelehrt, das erfolgreiche Zuckerproduktion politische Unterstützung bedurfte. Die Vereinigten Staaten zahlten US-Investoren seit dem Reziprozitätsvertrag von 1876 eine Prämie von zwei Cent pro Pfund für die Einfuhr von Rohrzucker nach Kalifornien. Trotz einer Vertragsverlängerung 1883 war es in den späten 1880er Jahren jedoch offensichtlich, dass diese hohe Subvention nicht länger Bestand haben würde. Mit dem McKinley-Tarif von 1890 wurden sie denn auch abgeschafft. Zugleich aber etablierte er neue Subventionen für „heimische“ Produzenten: Dank der engagierten Intervention kalifornischer Interessengruppen und von Vertretern der Republikanischen Partei – in der die Familie Spreckels ein wichtiger Faktor war – erhielten amerikanische Zuckerrübenproduzenten seither eine Prämie von zwei Cent pro Pfund heimischen Zuckers. [54] Zugleich erhöhte man die Zölle für Zuckerimporte. Das waren keine Petitessen: Vor 1913 stammten bis zu zehn Prozent des US-Bundeshaushalts aus Zuckerzöllen.

Drittens erodierte in den späten 1880er Jahren die ehemals dominante Stellung von Claus Spreckels auf Hawaii. Einerseits versuchten die lokalen Plantagenbesitzer neue Wege für den Verkauf und die Raffination ihres Rohrzuckers zu finden: Bisher waren sie fast gänzlich auf die Segelschiffe und Dampfer der Spreckelsschen Oceanic Steamship Company und seine Zuckerraffinerie in San Francisco angewiesen; nun begann man angesichts sinkender Schiffsfrachtraten mit Direktsendungen nach New York, intervenierte politisch gegen die hohen Eisenfrachtraten in Washington, plante zudem eigene Raffinerien in Kalifornien. Anderseits kündigte sich ein Ende des dominanten Spreckelsschen Einflusses auf Hawaii an. 1887 brach der kalifornische „Zuckerkönig“ mit König Kalakaua, und reduzierte sein Engagement in der hawaiianischen Rohrzuckerproduktion. Zusätzlicher Rübenzucker konnte die Ressourcenbasis der Zuckerraffinerie in San Francisco zugleich verbreitern und sichern.

Viertens befand sich Spreckels ab 1887 in einem heftigen Kampf mit der neu gegründeten American Sugar Refinery Company. Nachdem er sich geweigert hatte, diesem Zuckertrust beizutreten, begann ein langer „Krieg“ zwischen dem Monopolisten im Westen und dem Quasi-Monopolisten im weitaus lukrativeren Osten. Der deutsche Immigrantenunternehmer konnte sein westliches Territorium in einem harten Preiskampf verteidigen. Dazu errichtete er in Philadelphia die größte Zuckerraffinerie der USA, griff seine Konkurrenz also an der Ostküste an, in deren Territorium. 1891 garantierte der Zuckertrust das Monopol von Spreckels im amerikanischen Westen und kaufte die Fabrik in Philadelphia für einen weit über den Investitionskosten liegenden Preis. Während dieser Auseinandersetzung war die Diversifizierung der Rohzuckerversorgung von entscheidender Bedeutung, denn man versuchte wechselseitig, die Zuckerzufuhren zu kappen. [55]

Fünftens glaubte Spreckels in den späten 1880er Jahren, dass er angesichts der seit langem währenden Agrarkrise die kalifornischen Farmer mit Versprechungen auf neuen ländlichen Wohlstand überzeugen könne. Die Getreidepreise waren beträchtlich gesunken, während die Rübenproduktion auch dank der staatlichen Subventionen eine rentable Alternative zu sein schien. Der weiterhin akute Arbeitskräftemangel sollte mit einer Kombination aus hohen garantierten Preisen, dem Anwerben nichteuropäischer Landarbeiter und neuartigen Werbemethoden gemildert, vielleicht gar überwunden werden.

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Erkundung des Landes: Mögliche Anbauflächen für Rüben- und Rohrzucker nach Untersuchungen des US-Landwirtschaftsministeriums in den späten 1880er Jahren (The Review of Reviews 15, 1897, 673)

Das Ergebnis all dieser Überlegungen war die Gründung der Western Beet Sugar Corporation am 18. Oktober 1887 mit einem Grundkapital von 500.000 Dollar. [56] Im Gegensatz zu den meisten früheren Rübenzuckerfirmen war Spreckels Unternehmung das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitungen, einer fünfmonatigen Reise nach Deutschland, Böhmen, Belgien und Frankreich und moderner Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Spreckels Besuch in Europa diente vor allem den Zweck, „die Durchführbarkeit der Einführung des Zuckerrübenanbaus in großem Maßstab nach europäischen Methoden in den Vereinigten Staaten zu prüfen.“ [57] Er war überzeugt, dass eine amerikanische Rübenzuckerindustrie nur mittels europäischem Wissen, Maschinen und Patenten gedeihen konnte. Zu diesem Zweck gab er 250.000 Mark für Maschinen und Patente in Köln und Prag aus und kaufte zudem 25 Tonnen Rübensamen in Frankreich und Deutschland. [58] Ebenso wichtig wie diese Investitionen in moderne Technik und den Technologietransfer von Europa nach den Vereinigten Staaten war eine breit angelegte öffentliche Kampagne für die Rübenzuckerproduktion in der Neuen Welt. Der eingewanderte Unternehmer nutzte sowohl den amerikanischen Stolz als auch die offenkundige amerikanische Rückständigkeit, um Farmer, Politiker und die Öffentlichkeit für seine Ziele zu gewinnen. Claus Spreckels präsentierte sich als starke Führungspersönlichkeit, die die Zukunft der Branche und des Landes verändern könne. Als er im September 1887 aus Europa zurückkam, erklärte er: „Ich werde niemals ruhen, bis ich die Vereinigten Staaten zum größten Rübenzuckerproduzenten, -hersteller und -markt der Welt gemacht habe, noch vor Deutschland oder Frankreich.“ [59] Die Rübenzuckerindustrie würde dazu beitragen, Abermillionen Dollar im Lande zu behalten. [60] Ähnlich wie zuvor Dyer nutzte auch Spreckels nationale und nationalistische Argumente, um für sein Privatunternehmen zu werben. Pointiert benannte er Defizite der aufstrebenden Wirtschaftsmacht: Amerikanische Mechaniker könnten zwar zahlreiche Maschinen herstellen, doch sie seien „unwissend“ [61], könnten keine moderne Rübenzuckerfabrik ausrüsten. Folgerichtig warb Spreckels Agrarchemiker und erfahrene Praktiker aus Deutschland ab. Sie würden aber nicht in typisch deutscher Manier arbeiten, sondern sich in Kalifornien mit den örtlichen Bedingungen vertraut machen, um dann sein Unternehmen optimal zu betreiben. [62] Erst so könnten die natürlichen Vorteile des Landes genutzt werden. Für Spreckels waren die Vereinigten Staaten ein Land, das Wissen aus dem Ausland benötigte, um mit den führenden europäischen Nationen, insbesondere dem Technologieführer Deutschland konkurrieren zu können. Doch einmal in die Gleise gesetzt, würde man schon an Fahrt aufnehmen, aufschließen und überholen. Selbstverständlich hatten diese an die Öffentlichkeit und Politiker gerichteten Stellungnahmen auch den Zweck, die Zollpolitik in seinem Sinne zu beeinflussen. [63]

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Die Spreckelssche Zuckerrübenfabrik in Watsonville 1889 (Shaw, 1903, 317)

Für den praktischen Erfolg waren Spreckels lokale und regionale Kampagnen in Kalifornien gewiss ebenso wichtig. Zunächst wandte er sich an lokale Politiker und Geschäftsleute, warb bei ihnen für Unterstützung seines Investitionsvorhabens. Damit schürte er bewusst den Standortwettbewerb. [64] Spreckels betonte, dass er seine Fabrik nur an dem Ort mit den besten Bedingungen und einer Mindestanbaufläche von 2.500 Acres errichten werde. [65] In zahlreichen Interviews nannte er zahlreiche Investitionsstandorte, zumeist in Kalifornien, aber auch einige in Oregon oder im Staate Washington. Die letztliche Entscheidung für Watsonville, Santa Cruz County, war nicht nur eine Folge der zuvor bestehenden und nahe gelegenen Soquel-Fabrik, den dabei gewonnen Erfahrungen vieler Farmer und den Vorarbeiten in Aptos resp. Capitola. Die Entscheidung resultierte auch aus der kostenlosen Überschreibung des Fabrikgeländes durch einen am Ort ansässigen Geschäftsmann und der ausdrücklichen Bereitschaft vieler Farmer, Verträge über die Lieferung von Rüben zu unterzeichnen. Spreckels besuchte allerdings die meisten der möglichen Standorte, traf sich dort mit lokalen Repräsentanten, um die genaueren Bedingungen seines Engagements zu erörtern. [66] Für den Kapitalisten aus San Francisco war dabei die Menge des gelieferten Rübenzuckers und die Qualität der Zuckerrüben wichtiger als die an sich nicht hohen Kosten eines Grundstücks im ländlichen Kalifornien.

Spreckels traf sich aber auch stets mit Repräsentanten der lokalen Farmer. Um diese für die neue ländliche Industrie zu gewinnen, bediente er sich im Watsonville umgebenden Pajaro-Tal einer doppelten Strategie: Zum einen verwies er auf die natürlichen Besonderheiten Kaliforniens, die einen Erfolg begünstigen würden. Für den aus Norddeutschland stammenden Spreckels waren Boden und Klima im Westen „für den Zweck günstiger als selbst in Deutschland“. [67] Die früheren Unternehmen seien aufgrund unzureichender Maschinen und mangelnder Geschäftserfahrung gescheitert. Mit ihm hätten die Farmer eine zweite Chance auf Wohlstand und höhere Einkommen als mit dem Getreideanbau. Zum anderen aber war es für Spreckels klar, dass amerikanische Farmer und Arbeiter im Anbau und in der Pflege der neuen Nutzpflanze sorgfältig zu schulen waren. [68] Der frühere Landarbeiter unterstützte so die unabhängige, freie Existenz der Farmer, während er seine eigene Rolle zurücknahm: Er sei ein Kapitalist mit Ideen, aber letztlich nur unzureichenden Fähigkeiten: „Man hat es hier vor 18 Jahren versucht und ist gescheitert, selbst als der Zucker 12 Cents pro Pfund kostete. Jetzt kann ich es schaffen, und es wird kein Misserfolg sein. Ich bin nur einer von 65.000.000 und kann nicht alles alleine machen. Ich brauche die Unterstützung der Farmer.“ [69] Spreckels predigte sein Evangelium von Wohlstand und Reichtums jedem, der bereit war, ihn zu unterstützen. Seine Fabrik in Watsonville sollte vornehmlich die Rübenzufuhren unabhängiger Farmer verarbeiten, eigenes, durch Landarbeiter bearbeitetes Rübenland sollte lediglich ergänzen. Die Lieferverträge enthielten jedoch detaillierte Vorgaben, banden so die Vertragspartner an den reibungslosen Ablauf der Produktion. Spreckels kaufte das Saatgut, Chemiker und Manager gaben Hilfestellungen, ein Prämiensystem belohnte einen höheren Zuckergehalt der abgelieferten Rüben. Der Einwandererunternehmer importierte nicht nur europäische Maschinen und Patente, sondern auch neue Formen vertragsbasierter Geschäftsbeziehungen.

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Fabrik auf dem Lande: Rübenzuckerfabrik Watsonville 1889 (The Review of Reviews 15, 1897, 677)

Die Fabrik in Watsonville war von Anfang an ein Erfolg. Obwohl die Gewinne in der ersten Kampagne bei weniger als 3.000 Dollar lagen, produzierte Spreckels fast 1.500 Tonnen Rohzucker und beschäftigte 135 Mitarbeiter. [70] Zeitgenossen lobten seinen Mut und seinen Unternehmergeist: „Die Rübenzuckerfabrik in Watsonville war die Grundlage und der Startpunkt der Rübenzuckerindustrie der Vereinigten Staaten; und Claus Spreckels war ihr Gründer und Repräsentant.“ [71] In den folgenden Jahren steigerte die Fabrik ihre Produktion, die Beschäftigtenzahl und den Gewinn. Selbst in den von Dürre geprägten späten 1890er Jahren bestätigte sie ihren Ruf als „Cash Cow“, war ihre Kostenstruktur doch günstiger als die der dann aufkommenden Konkurrenz. [72] Das Narrativ, Claus Spreckels habe „den Grundstein für einen neuen Industriezweig in Kalifornien gelegt, der dem Obstanbau an Bedeutung in nichts nachsteht“ [73] war nicht falsch. Die Gebrüder Oxnard, die 1889 in Chino eine weitere Zuckerrübenfabrik auf dem Lande gründeten, waren unmittelbare und wichtige Nachahmer. [74] Claus Spreckels unternehmerische Idee wies allerdings deutlich über Watsonville hinaus. In den späten 1880er Jahren versuchte er, Kalifornien in ein Rübenzuckerland mit einem breiten Netz dezentraler Fabriken zu transformieren. Doch diese Idee sollte erst einmal scheitern.

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Gewichtiger Nachahmer: Die Zuckerraffinerie in Chino 1895 (Los Angeles Herald 1895, Nr. 31 v. 11. November, 11)

Scheiternde Massenproduktion – Spreckels Occidental Beet Sugar Company

Für Spreckels war die Fabrik in Watsonville nur der Ausgangspunkt für ein viel größeres Unternehmen. Er glaubte an die von ihm propagierte Idee einer neuen riesigen Agrarindustrie, die ihm und vielen Kaliforniern Reichtum bringen sollte. Im April 1888 gründeten Claus Spreckels, sein ältester Sohn John D. Spreckels und einige befreundete lokale Kapitalisten die Occidental Beet Sugar Company. [75] Das Grundkapital betrug 5.000.000 Dollar, die beiden Spreckels hielten die Hälfte dieser Summe. Die Grundidee war, die Fabrik in Watsonville zu kopieren und bis zu zehn Rübenzuckerfabriken an den Orten zu errichten, an denen die Landwirte die Produktion von ausreichend Rüben für den Betrieb der Fabrik garantierten. Die Kosten für diese neuen Fabriken sollten sich auf je 400.000 bis 500.000 Dollar belaufen. Insgesamt sollte das Netzwerk 50.000 Tonnen Rübenzucker pro Jahr produzieren, wofür 350.000 bis 500.000 Tonnen Rüben benötigt worden wären. [76] Mehr als 1.500 Menschen sollten in diesen Anlagen beschäftigt werden. [77] Dies wäre eine echte Massenproduktion gewesen: Die Kosten für die Maschinen hätten erheblich gesenkt werden können, ebenso wie die Patentkosten für das Steffen-Verfahren, das fünf Jahre nach der Erfindung des Wiener Ingenieurs Carl Steffen von der Fabrik in Watsonville in Amerika eingeführt wurde. Das Netzwerk hätte den Spreckels die Möglichkeit gegeben, eine große Zahl von Facharbeitern, Führungskräften und Landwirten einzustellen und auszubilden. Das Ziel der Familie Spreckels, und damit war nun immer mehr John D. Spreckels gemeint, war es, eine auf Wissens- und Technologietransfer basierende Industrie zu entwickeln – und parallel Fachpersonal auszubilden, industrielle Kapazitäten in der Werkzeugmaschinenindustrie, im Bauwesen sowie der Agrarchemie aufzubauen. [78] Unter dem Primat wirtschaftlicher Ziele setzten diese Ideen zugleich auf Unterstützung durch Kommunal-, Landes- und Bundespolitik.

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Claus Spreckels und John D. Spreckels (Wasp 38, 1897, 18. September, 20 (l.); Hall, 1896, 748)

Für das Scheitern der Occidental Beet Sugar Company gab es zwei Hauptgründe: Erstens enttäuschte der McKinley-Tarif Claus Spreckels. Sein Sohn verkündete – natürlich auf der Suche nach politischer Unterstützung – „dass sein Vater über die Haltung des Kongresses gegenüber dem Produkt etwas beunruhigt war und dass er sich zu diesem Zeitpunkt nicht berechtigt fühlte, irgendwelche Erweiterungen in seinem Werk vorzunehmen.“ [79] Die Spreckels argumentierten, dass eine Senkung des Zuckerzolls den Ruin der Zuckerrübenindustrie in Kalifornien bedeuten würde – und konnten zumindest die zuvor lange diskutierte Prämie für die heimische Industrie sichern. [80] Es gelang ihnen jedoch weder, ein den Kongress Beine machendes „Rübenzuckerfieber“ [81] zu entfachen, noch die Senkung des in Kraft tretenden Zuckerzolls für Ausländer zu verhindern. Claus Spreckels Vision von letztlich bis zu vierhundert Rübenfabriken in den USA galt als unrealistische Fata Morgana. [82] Entsprechend nahm man mehr Rücksicht auf die deutschen Exportinteressen als es Spreckels lieb war.

Zweitens und viel wichtiger war, dass es den Spreckels nicht gelang, genügend Farmer für ihr ehrgeiziges Ziel zu gewinnen. Obwohl der Rübenzuckeranbau faktisch überwiegend von billigen asiatischen Landarbeitern betrieben wurde, konnte die weiße Farmerelite – eben keine Bauern im deutschen Sinne – nicht davon überzeugt werden, dass der arbeitsintensive Rübenanbau eine echte Alternative zum Getreide- und dem immer wichtigeren Obstanbau darstellte. Dies war nicht nur für die Familie Spreckels enttäuschend, sondern auch für staatliche Agrarwissenschaftler, die in den späten 1880er Jahren in Kalifornien mindestens zwanzig erfolgversprechende Anbaugebiete erkundet und empfohlen hatten. [83] Diese Experten argumentierten volkswirtschaftlich, mit einem abstrakten, aggregierten Nutzen des Rübenzuckeranbaus für Kalifornien und die USA. Die Spreckels versuchten dagegen, den einzelnen Farmer anzusprechen, sein individuelles Streben nach Einkommen und Wohlstand herauszukitzeln. Als Unternehmer glaubten sie an die Überzeugungskraft von Zahlen, an eine überdurchschnittliche Rendite ihrer Investitionen. So versprach Claus Spreckels, wie schon im Wettbewerb um die erste Fabrik, weitere „in jeder Ortschaft zu errichten, in der die Farmer ihm 2.500 Acres Standardrüben garantieren“ [84]. Als Investoren arbeiteten die Spreckels eng mit den örtlichen Handelskammern zusammen, die ihrerseits Farmer ansprachen und Standorte erkundeten, deren Bodenqualität die geforderte Mindestmenge an Rüben liefern konnte. Um dies zu unterstützten und zu gewährleisten, entwickelten sie einen detaillierten Aktionsplan: Sie schickten Rübensamen an die Handelskammern, diese verteilten sie an die Farmer, ergänzten die von den Spreckels erarbeiteten „Anweisungen für die Anpflanzung und den Anbau von Zuckerrüben-Samen“ um lokale Details. Die Investoren boten den Farmern zugleich eine kostenlose chemische Untersuchung ihrer Rüben im Laboratorium der California Sugar Refinery in San Francisco an. [85]

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Die kalifornische Rübenzuckerindustrie als Absatzmarkt für deutsche Maschinen (Louisiana Planter and Sugar Manufacturer 7, 1891, Nr. 2, xx)

Alle diese Versuche scheiterten, mochten sie auch mit beträchtlichem Aufwand verbunden gewesen sein: San Diego war seit 1887 ein wichtiger Investitionsstandort der Spreckels geworden, erwarb man doch zahlreiche Immobilien in Coronado und der Stadt, investierte in den Hafen und die lokale Infrastruktur. An die dortige Handelskammer versandte man 800 Pakete Saatgut, die sämtlich verteilt und durch einen örtlichen Saatguthändler noch ergänzt wurden. [86] Die Spreckels lobten zudem attraktive Preise für die Rüben mit dem höchsten Saccharingehalt aus. [87] Doch das Ergebnis dieser kostenträchtigen Vorleistungen war enttäuschend: Am Ende erhielten die Spreckels nur zwei Dutzend Rübenproben zurück. Diese waren durchaus zufriedenstellend, doch es war offensichtlich, dass die Farmer des Bezirks San Diego nach anfänglichem Interesse nicht bereit waren, die neue ländliche Industrie zu unterstützen. [88] Einige Jahre später resümierte Claus Spreckels: „Ich habe versucht, Farmer in verschiedenen Teilen des Landes für Experimente mit dem Rübenanbau zu interessieren, aber es war unmöglich. Das Saatgut, das ich kostenlos verteilte, ging in den meisten Fällen verloren oder wurde als Schweinefutter verwendet, und wir hatten so gut wie keine Vorteile von unseren Anstrengungen.“ [89]

Claus und John D. Spreckels versuchten in der Tat, Farmer in ganz unterschiedlichen Regionen zu gewinnen: San Diego, Santa Cruz und Linn County, Ost-Oregon und Edmonton in Kanada waren einige der Regionen, die öffentlich diskutiert wurden. [90] In keinem dieser Orte war es möglich, eine Garantie der für den Fabrikbau erforderlichen Liefermenge zu erhalten. Obwohl aus Deutschland georderte Maschinen für mindestens eine der neuen Fabriken bereits in San Francisco lagerten [91], beschlossen die Spreckels daher, die Errichtung weiterer Rübenzuckerfabriken zu verschieben, ließen diesen Plan letztlich aber fallen. Die Occidental Beet Sugar Company wurde am 22. Dezember 1899 aufgelöst, scheiterte aber schon viel früher. [92] Claus Spreckels setzte sich dennoch weiterhin für die Rübenzuckerindustrie ein, änderte aber seine Strategie: Weihnachten 1895 warb er erneut für seine Idee: „Ich bin bereit, mich in diesem Staat durch die Errichtung von Rübenzuckerfabriken weiter zu engagieren. Ich hoffe dadurch die Kalifornier für dieses großen Thema sensibilisieren zu können, mache es aber auch zum persönlichen Vorteil.“ [93] Doch solche Appelle fruchteten nicht. Es bedurfte letztlich der Unterstützung des Staates, um Spreckels persönliche Investitionen, aber auch die kalifornische Rübenzuckerindustrie insgesamt voranzutreiben.

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Statistische Erfassung des Geschehens: Betriebsergebnisse der Spreckelsschen Western Beet Sugar Corporation 1888-1897 (Pacific Rural Press 56, 1898, 414)

„Die größte Rübenzuckerfabrik der Welt“ – Spreckels Sugar Company im Salinas Valley

In der Zwischenzeit hatte sich die Fabrik in Watsonville erfolgreich entwickelt. Von 1888 bis 1897 stieg die Menge der verarbeiteten Rüben von 15.000 auf mehr als 110.000 Tonnen, während die Menge des produzierten Rohzuckers gar auf fast 15.000 Tonnen Rohzucker verzehnfacht werden konnte. Das Unternehmen war während des gesamten Jahrzehnts rentabel, und davon profitierten nicht nur die Investoren: 1897 erhielten die Farmer 43 Dollar pro Acre mit Rüben, begonnen hatten sie 1888 mit 34 Dollar. [94] Dennoch stagnierte die kalifornische Rübenzuckerindustrie: Es gab nur drei Fabriken in Alvarado, Chino und Watsonville.

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Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft: Von Spreckels getestete Zuckerrübenvarietäten (Sacramento Daily Union 1897, Nr. 33 v. 23. September, 4)

Die Gründe hierfür spiegelten das Scheitern der Occidental Beet Sugar Company: Die Farmer zögerten und der politisch umstrittene Zollschutz machte jede Investition höchst spekulativ. Abermals preschte Claus Spreckels vor, trieb die Rübenzuckerindustrie mit neuen Investitionszusagen voran, stützte sich dabei aber nun auf eine erfolgreiche Öffentlichkeits- und politische Lobbyarbeit in Sacramento und Washington.

1896 begann er eine neue öffentliche Kampagne: Im Frühjahr gab er mehrere Interviews, in denen er seine Fähigkeit und Bereitschaft betonte, große Summen in die Rübenzuckerindustrie zu investieren. Dieses „stehende Angebot“ [95] stellte er als eine Art rational begründete Mission dar: „Ich bin bereit, meinen Glauben an den Rübenzucker mit allem Kapital zu untermauern, das erforderlich ist.“ [96] Parallel dazu erwarb Spreckels große Anbauflächen in verschiedenen Regionen des Landes. Von Mai bis Juni 1896 reiste er erneut nach Deutschland, Belgien und Frankreich, um die dortigen Technologien zu studieren und Saatgut, Patente und Maschinen zu bestellen – diesmal vor allem in Deutschland und Belgien. Anfang Juni 1896 startete er von Paris aus eine Pressekampagne und lockte in bekannter Weise kalifornische Investoren mit dem Versprechen, drei oder vier „immense Zuckerfabriken“ [97] mit einer Verarbeitungskapazität von täglich 3.000 Tonnen zu errichten. Abermals standen jedoch Farmer im Mittelpunkt seiner Vorhaben, denn ohne Rübenanbau ging nichts voran: Im Sommer startete er eine weitere Versandrunde von Saatgut an interessierte Farmer, dieses Mal allerdings gegen ein geringes Entgelt und mit einer ausführlichen Broschüre, die über den Wert der Rüben für den Boden, die Vorteile der Fruchtfolge und die wirtschaftlichen Vorteile informierte: „Je mehr sie anbauen, desto reicher werden sie sein. Ich kann alles verarbeiten, was sie anbauen können. Mein Plan wird die Rettung des Landes sein, aber es gibt viel zu tun, um dieses Ziel zu erreichen.“ [98]

Als er Ende Juli nach Kalifornien zurückkehrte, begann Claus Spreckels eine Werbetour zu mehreren Städten, die an der Errichtung derart großer Fabriken interessiert waren. Lokale Initiativen und der große Finanzier trafen sich, um eine blühende Zukunft auszumalen und von einem Leben im Überfluss zu träumen. Als Spreckels in Salinas ankam, seiner ersten Wahl, wurde er von einem Bürgerkomitee, einer großen Menschenmenge und einer Blaskapelle empfangen, die ihm den Weg zum Rathaus wies, das mit Zuckerrüben – echten und gemalten – und dem Schriftzug „Unsere Zukunftsindustrie“ [99] geschmückt war. Spreckels wurde mit einer Lobrede geehrt, in der man auf alle Erfolge des Multimillionärs verwies: „Er kennt keinen Misserfolg. […] Er ist aus einem armen Bauernjungen hervorgegangen und hat sich durch die Kraft seines eigenen unerschrockenen Geistes einen unübertroffenen Platz unter den industriellen Kräften der Welt erobert. Und doch ist er ein einfacher amerikanischer Bürger, dessen Sympathien den Arbeitern und Mechanikern gelten.“ Spreckels Pläne wurden als „der Anbruch einer neuen Ära in unserem eigenen schönen und fruchtbaren Tal“ angekündigt. In seiner Antwort präsentierte sich Spreckels als realistischer Visionär. Mantrahaft hieß es, seine Investition bräuchten Garantien für den Anbau großer Rübenmengen. Er bat um „einen gewissen Schutz“ für die aufstrebende Industrie. Er appellierte an den Stolz der Kalifornier, verwies auf deutschen Fleiß und Erfindergeist als Vorbild. Er appellierte an das Ehrgefühl der Geschäftsleute und Farmer, fragte er sie doch, ob sie in der Lage seien, mit Europäern zu konkurrieren. Ja, gewiss: Seiner Meinung nach könnten Amerikaner alles erreichen, was sie erreichen wollten. Die Rüben seien „die Rettung für die Farmer“. Spreckels beendete seine Rede mit dem Versprechen, „hier die größte Zuckerraffinerie zu errichten, die jemals auf der Erde gebaut werden wird.“ [100]

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Moderner Stahlskelettbau: Bauarbeiten im Salinas Valley 1898 (Breschini, Gudgel und Haversat, 2006, 17)

Claus Spreckels wäre nicht zur dominierenden Figur im Zuckergeschäft des Westens geworden, wenn er nur seinen eigenen Aussagen geglaubt hätte. Für Fachleute war klar, dass selbst eine Fabrik mit einer Tagesproduktion von 3.000 Tonnen Rüben kleiner sein würde als die Rübenzuckerfabriken im belgischen Wanze und im französischen Cambrai mit Kapazitäten von bis zu 4.200 Tonnen. [101] Spreckels nutzte die amerikanische Begeisterung für Superlative, um für sein neues Unternehmen zu werben, das in der Tat die mit Abstand größte amerikanische Rübenzuckerfabrik werden sollte. Parallel aber intensivierte er in den Kauf von Rübenzuckerland, denn er traute den Zusagen der regionalen Farmer nicht mehr. Als der Bau 1897 begann, besaß Spreckels 6.000 Acres Rübenzuckerland; 1919 besaß, pachtete oder betrieb das Unternehmen 66.000 Acres. [102] Die Fabrik in Watsonville wurde hauptsächlich von unabhängigen Farmern beliefert, doch zwei Drittel der Feldarbeit wurde von etwa 1000 chinesischen und japanischen Landarbeitern geleistet [103]. Das Unterfangen im Salinas Valley besaß dagegen einen eher paternalistischen Charakter. Das Unternehmen führte ein duales System ein: Zum einen ein Vertragssystem für unabhängige Farmer, zum anderen eine Art europäische Gutsstruktur, bei der Land an Kontraktnehmer verpachtet und dann von einer großen Zahl von (in diesem Fall meist asiatischen) ländlichen Vertragsarbeitern bewirtschaftet wurde. Typisch dafür war die Zusammenarbeit Spreckels mit der Heilsarmee, die im nicht fernen Fort Romie ihre erste ländliche Kolonie gründete, in der sie vor allem deutschen Einwanderern Siedlungsland zum Rübenanbau anbot. [104] Die paternalistische Haltung führte auch zur Errichtung der kleinen Stadt Spreckels unmittelbar neben der dominierenden Fabrik. Dort fanden Arbeiter, Angestellte und das Leitungspersonal ein neues Zuhause und eine Infrastruktur abseits der Firma. Diese kümmerte sich um fast alles, erwartete aber Loyalität und harte Arbeit.

Der Bau der Rübenzuckerfabrik war zugleich abhängig vom Flankenschutz durch die Bundesregierung. Der Dingley-Tarif erhöhte die Rübenzuckerzölle, schützte und förderte damit die heimische Industrie, mochten sie auch niedriger als vor 1890 liegen. [105] 1896, vor der Wahl des republikanischen Präsidenten William McKinley, setzten sich sowohl Claus Spreckels als auch John D. Spreckels – letzterer damals einer der führenden Repräsentanten der Republikanischen Partei in Kalifornien – für die Zolltariffrage ein und betrieben erfolgreich Lobbyarbeit zugunsten eines Schutzzolls. Dies erfolgte, zugleich aber wurde die Rübenzuckerindustrie indirekt unterstützt. James Wilson, der neue Landwirtschaftsminister, verstärkte die einschlägige Agrarforschung und intensivierte die Schulung und Beratung von Farmern und Investoren. Langfristig half dies, die Abhängigkeit von ausländischem Know-how, Saatgut und Maschinen zu verringern. [106] Spreckels gelang es zugleich, finanzstarke Geschäftspartner für die Finanzierung seines Vorhabens zu gewinnen. Ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr, übernahm der Zuckertrust die Hälfte der Investitionen. [107]

17_Myrick_1899_pVIII_Zuckerindustrie_Ruebenzucker_Salinas_Spreckels_Produktionsstaette

Die Zuckerfabrik und der neu erstellte Ort Spreckels 1899 (Myrick, 1899, VIII)

Mit lokaler, staatlicher und finanzieller Unterstützung begannen die Bauarbeiten im Jahr 1898. Es war eine Investition von 2.500.000 Dollar, die eine ganze Region veränderte. Die Spreckels Sugar Company wurde erst am 1. März 1899 mit einem Kapital von 5.000.000 $ gegründet. Damit reorganisierte Spreckels sein kalifornisches Zuckergeschäft. Die Western Beet Sugar Company wurde von ihr übernommen, dann auch die Raffinerie in San Francisco und die neue Fabrik im Salinas Valley. [108] Claus Spreckels gehörte nicht zu den Direktoren, da er den größten Teil seiner Zuckerinteressen bereits an seine Söhne John D. und Adolph B. Spreckels übertragen hatte, die Direktoren und Großaktionäre des neuen Unternehmens wurden. [109] Die neue Fabrik kombinierte moderne Bautechnologie, nämlich eine Stahlrahmenkonstruktion und die intensive Nutzung von Elektrizität mit modernen ausländischen Maschinen – mengenmäßig nicht weniger als 2.800 Tonnen. [110] Sie verfügte über ein großes Laboratorium, in dem nicht nur Rüben im Sinne der Qualitätssicherung untersucht wurden, sondern zunehmend auch die Böden und das Endprodukt. Die Fabrik war Zentrum eines riesigen Eisenbahnnetzes [111] und eines „verschlungenen Netzes von Straßen, […] Mülldeponien, Bewässerungskanälen, Brunnen und Pumpen sowie Rohrleitungen“. [112] Während der Kampagne beschäftigte das Werk fast 700 Arbeiter. Die tägliche Wasserversorgung betrug damals 13.000.000 Gallonen – die gleiche Menge wie San Francisco. Durch die konsequente Nutzung von Skaleneffekten konnten die Produktionskosten erheblich gesenkt werden. Während die Fabrik in Alvarado in den späten 1880er Jahren sechs Dollar pro Tonne Rüben aufwandte, waren es in Salinas nur noch zwei Dollar. [113] Die kontinuierliche voll mechanisierte Produktion gründete auf einem Bewässerungssystem, durch das selbst schwere Dürren wie in den späten 1890er Jahren überstanden werden konnten. Zudem hatte Spreckels dafür gesorgt, dass fast alle Nebenprodukte der Rübenzuckerproduktion verwertet wurden: Die Zuckerschnitzel boten Futter für 600 Kühe, damals noch unüblich. [114]

18_San Francisco Call_1899_09_01_Nr093_p03_Zuckerindustrie_Kalifornien_Salinas_Produktionsstaette_Claus-Spreckels_Ruebenzucker

Ikone des modernen Kaliforniens: Die Monsterfabrik im Salinas-Tal 1899 (San Francisco Call 1899, Nr. 93 v. 1. September, 3)

Spreckels Unternehmen in Salinas erwirtschaftete von Beginn an Gewinne – und blieb jahrzehntelang die größte amerikanische Rübenfabrik. Als eine Art siegreiche Festung in einem Umfeld langer relativer Stagnation wurde sie erst 1982 geschlossen. Wichtiger aber noch war, dass dieses „Mammut-Zuckerunternehmen“ [115] zu einem unerreichten Vorbild für die gesamte Rübenzuckerindustrie wurde – in Kalifornien und in den Vereinigten Staaten. Ab 1897 wurde eine Rübenzuckerfabrik nach der anderen gebaut: die American Beet Sugar Company, Oxnard in Ventura County, ein 500-Mann-Unternehmen, das von den Oxnards organisiert wurde, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Führung in der Branche übernehmen sollten [116]; die Los Alamitos Sugar Company, Los Angeles im Orange County; die California Beet Sugar & Refining Company, Crockett im Contra Costa County; und die Union Sugar Company in Santa Maria.

19_Out West_35_1912_p345_Zuckerindustrie_Kalifornien_Oxnard_American-Beet-Sugar-Factory_Produktionsstaette

Erfolgreiche Mitzügler: American Beet Sugar Factory, Oxnard (Out West 35, 1912, 345)

Von 1898 bis 1913 wurden in den Vereinigten Staaten insgesamt sechsundachtzig Rübenzuckerfabriken gebaut, die Hälfte davon bis 1903. [117] Kalifornien verlor seine führende Position an andere Staaten, insbesondere an Michigan und Nebraska. Die Spreckels Sugar Company blieb jedoch ein Wahrzeichen für die Pionierrolle Kaliforniens und des eingewanderten Unternehmers Claus Spreckels.

Schlussfolgerungen

Die Analyse der Entwicklung der frühen kalifornischen und amerikanischen Rübenzuckerindustrie steht nicht nur für sich allein. Sie mündet vielmehr in Thesen auch für breitere Themen:

Erstens machten Einwanderer den Unterschied. Obwohl das Kapital vielfach von amerikanischen Investoren kam, wurde die Rübenzuckerindustrie vor allem von französischen und deutschen Einwanderern vorangetrieben. Ihr Fachwissen und ihre persönlichen Netzwerke ebneten den Weg für neue Unternehmen in Kalifornien, für Arbeit und Wohlstand in der neuen Welt.

Zweitens basierte die Rübenzuckerindustrie auf einem intensiven Technologietransfer von Europa, insbesondere von Deutschland und Österreich-Ungarn nach Kalifornien. Der westliche Bundesstaat bot ein günstiges Klima und gute Böden, aber ohne moderne Maschinen, Patente und auch Saatgut hätte sich die neue Industrie auf dem Lande nicht entwickeln können. Europäisches Know-how war entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung des amerikanischen Westens.

Drittens waren die reichen Böden und das günstige Klima nicht nur ein Vorteil, sondern auch eine Belastung für die Entwicklung der kalifornischen Landwirtschaft. Die frühe Konzentration auf die Getreide- und dann auch Obstproduktion mündete in Zurückhaltung bei arbeitsintensiven Agrargütern, insbesondere bei Hackfrüchten. Die globale Wirtschaft des späten 19. Jahrhunderts führte daher nicht nur zur Spezialisierung und Nutzung naturaler Rahmenbedingungen, sondern auch zur Übernahme europäischer „Cash crops“ und entsprechender Anbauweisen.

Viertens machte die Fallstudie deutlich, dass „Amerika“ – ein Begriff ohne klar definierte Substanz – immer auch ein Mythos zur Durchsetzung von Partikularinteressen war. Das Paradoxon, dass es sich bei der „heimischen“ Industrie vorrangig um ein Geschäft erfolgreicher Einwanderer war, wurde nie reflektiert, weil der Begriff „Amerika“ der Sammlung diente und zumeist in Zukunftskontexten verwendet wurde. Ähnlich wie bei der Selbstdarstellung von Claus Spreckels als Mann ohne Fehl und Tadel, wurden Visionen einer zuckerexportierenden USA, von Wohlstand und Überfluss für alle Bürger genutzt, um Kapital, Arbeitskräfte, Subventionen, Prämien und Zölle zu mobilisieren. Der Mythos „Amerika“ (und gewiss auch „Kalifornien“) war eine dynamische Fiktion, die zur Entwicklung des Landes auch nach dem Ende der Frontier-Ära beitrug. Er wurde nicht nur von der/den Regierung(en) genutzt, um mit anderen Nationen zu konkurrieren, sondern auch von eingewanderten Unternehmern, um dadurch Ressourcen in ihrem Sinne zu erschließen.

Fünftens kann die Entwicklung der kalifornischen Rübenzuckerindustrie als Prisma für allgemeinere Themen der amerikanischen Geschichte genutzt werden: Die Erschließung und Ausbeutung des Westens, das Erstarken Amerikas im Zeitalter des Imperialismus, die Kommodifizierung von „Cash Crops“, die Nutzung (und der Missbrauch) der „Natur“, die Rassenfrage und die Idee der Vorherrschaft des weißen Mannes, die sich verändernden ethnischen Hierarchien in einer Einwanderungsgesellschaft, etc. Die erfolgreiche Entwicklung einer neuen Industrie auf dem Lande bietet damit einen Schlüssel zu all den bitteren und rückfragenden Geschichten, die für die Mehrheit der Kalifornier typischer waren als die süße Karriere des Zuckerkönigs Claus Spreckels.

Uwe Spiekermann, 14. Juli 2022

Quellen und Literatur

[1] Who will Pioneer the Manufacture of Beer Sugar?, California Farmer and Journal of Useful Sciences 8, 1857, Nr. 2.
[2] Vgl. Max-Ferdinand Krawinkel, Die Rübenzuckerwirtschaft im 19. Jahrhundert in Deutschland: Analyse und Bewertung der betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Entwicklung , Köln 1994; Herbert Pruns, Innovationen in der Rübenzuckerindustrie – Ein frühes Segment des Industrialisierungsprozesses, in Rolf Walter (Hg.), Innovationsgeschichte, Stuttgart 2007, 209-248.
[3] For details and data s. Roy A. Ballinger, A History of Sugar Marketing, Washington 1971.
[4] David Lee Child, The Culture of the Beet, Boston 1840.
[5] Beet Sugar in California, California Farmer and Journal of Useful Sciences 39, 1873, Nr. 2 v. 30. Januar.
[6] Letter from Rev. B. Corwin, Ebd. 8, 1857, Nr. 21.
[7] The Sugar Beet in California, Daily Alta California 1857, 29. August.
[8] Cultivation of the Sugar Beet Hemp and Castor Bean, California Farmer and Journal of Useful Sciences 22, 1864, Nr. 21 v. 16. Dezember.
[9] California Sugar Beet, Daily Alta California 1868, 24. Juni.
[10] Harry A. Austin, History and Development of the Beet Sugar Industry, Washington 1928, 16-21; Deborah Jean Warner, Sweet Stuff. An American History of Sweeteners from Sugar to Sucralose, Washington 2011, 85-108.
[11] Manufacture of Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 6, 1856, Nr. 11. Vgl. Beet Sugar, ebd. 7, 1857, Nr. 5.
[12] Beet Sugar Manufactory, Sacramento Daily Union 1857, 13. Februar.
[13] California State Agricultural Society, California Farmer and Journal of Useful Sciences 6, 1856, Nr. 19.
[14] Beet Sugar Profits, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 4 v. 28. Januar.
[15] Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 7, 1857, Nr. 4.
[16] State Agricultural Society, Sacramento Daily Union 1868, 31. Januar.
[17] Vgl. hierzu und zum Folgenden bereits Uwe Spiekermann, Labor as a Bottleneck, Entangled Commodity Chains in Sugar in Hawaii and California in the Late Nineteenth Century, in Andrea Komlosy und Goran Music (Hg.), Global Commodity Chains and Labor Relations, Leiden und Boston 2021, 177-201, hier 189-196.
[18] Sugar Beet, and Beet Sugar, California Farmer and Journal of Useful Sciences 31, 1869, Nr. 4 v. 11. Februar (George Gordon). Zu Spreckels Versuchen s. den dritten Abschnitt.
[19] Einen konzisen Überblick zu Kaliforniens Landwirtschaft und Agrarwirtschaft bietet Richard Walker, The Conquest of Bread: 150 Years of Agri-Business, New York 2004.
[20] Beet Sugar in California, Daily Alta California 1868, 8. Juni.
[21] In Chatsworth etablierten die beiden deutschstämmigen Einwanderer Gottlieb and Ernst T. Gennert 1865 (oder gar schon 1863) die Germania Sugar Company, die bis 1870 in Betrieb war (vgl. Andrew Taylor Call, Jacob Bunn: Legacy of an Illinois Industrial Pioneer, Lawrenceville 2005, 119-120; H[arvey] W. Wiley, The Beet-Sugar Industry: Culture of the Sugar-Beet and Manufacture of the Beet Sugar, Washington 1890, 37; The Chatsworth Experiment, Louisiana Planter and Sugar Manufacturer 30, 1903, 66).
[22] Industrial Condition of the State, Daily Alta California 1868, 28. Dezember.
[23] Industrial Condition of the State, Ebd. 1869, 9. März.
[24] Beet Sugar its Prospects—A New Process, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 1, 7. Januar.
[25] California Beet Sugar, Pacific Rural Press 4, 1872, Nr. 8 v. 24. August.
[26] The Sacramento Sugarie a Success, Pacific Rural Press 2, 1871, Nr. 22 v. 2. Dezember; ähnlich Progress in Beet sugar Interest, California Farmer and Journal of Useful Sciences 36, 1871, Nr. 16 v. 19. Oktober.
[27] Vgl. Richard Street, Beasts in the Field. A Narrative of California Farmworkers, 1789-1913, Stanford 2004.
[28] Beet Sugar, Pacific Rural Press 9, 1875, Nr. 12 v. 20. März.
[29] Sacramento Daily Union 1877, 13. März.
[30] Beet Sugar in California, Pacific Rural Press 13, 1877, Nr. 14 v. 7. April.
[31] Beet Sugar in California, Ebd. 17, 1879, Nr. 24 v. 14. Juni.
[32] The Alvarado Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1870, 22. November.
[33] The Beet Sugar Operations at Alvarado, Sacramento Daily Union 1870, 28. November.
[34] Industrial Condition of the Slope, Daily Alta California 1872, 11. November.
[35] 1887 wurde die Produktion aufgrund von Trockenheit, einem allgemeinen Preisverfall und einer großen Explosion unterbrochen, die Firma musste geschlossen werden. Dyer gelang es jedoch, das Unternehmen zu reorganisieren und zu vergrößern. 1888 wurde es als Pacific Coast Sugar Company neu gegründet und zugleich fortgeführt (Beet Sugar at Alvarado, Pacific Rural Press 35, 1888, Nr. 7 v. 18. Februar).
[36] Another Beet Sugarie, Ebd. 6, 1873, Nr. 21 v. 22. November.
[37] The Sugarie, Ebd. 14, 1877, 22. September.
[38] Beet Sugar in Isleton, Pacific Rural Press 19, 1880, 104; Sugar from Beets in California, Red Bluff Independent 1869, 20. Januar, 4; New Manufactures 1870, 27. Mai, 2 (Alvarado Beet Sugar Company).
[39] Ernst Th. Gennert, Beet sugar in California, Ebd. 17, 1879, Nr. 24 v. 14. Juni.
[40] San Francisco Market Review, Sacramento Daily Union 1868, 2. Mai; Cane-Sugar from Beets, Sacramento Daily Union 1868, 5. Mai. Vgl. William Lloyd Fox, Harvey W. Wiley’s Search for American Sugar Self-Sufficiency, Agricultural History 54, 1980, 516-26.
[41] L.D. Morse, The Beet Sugar Question, Pacific Rural Press 18, 1879, Nr. 21 v. 21. November.
[42] Ernst Th. Gennert, The Sugar Industry, Ebd., Nr. 8 v. 23. August.
[43] California Abroad, Ebd. 24, 1882, Nr. 16, 14. Oktober.
[44] Genauer hierzu Uwe Spiekermann, Claus Spreckels: A Biographical Case Study of Nineteenth-Century American Immigrant Entrepreneurship, Business and Economic History On-Line 8 (2010).
[45] Our Sugar Supply, Pacific Rural Press 1, 1871, Nr. 14 v. 8. April.
[46] Obwohl Claus Spreckels letztlich der größte Nutznießer des im Reziprozitätsvertrag festgeschriebenen Subventionssystems wurde, argumentierte er anfangs strikt gegen die neuen Regelungen. Eines seiner Argumente war, dass die kalifornische Rübenzuckerindustrie durch steigende Importe hawaiianischen Rohrzuckers stark in Mitleidenschaft gezogen werden würde: Hawaiian Reciprocity, Daily Alta California 1874, 10. Juli; The Hawaiian Treaty, Daily Alta California 1875, 2. März.
[47] Kill the New Industry, Pacific Rural Press 4, 1872, Nr. 24 v. 14. Dezember; California for Sugar, ebd. 29 1885, Nr. 2 v. 10. Januar.
[48] Uwe Spiekermann, Das gekaufte Königreich: Claus Spreckels, die Hawaiian Commercial Company und die Grenzen wirtschaftlicher Einflussnahme im Königtum Hawaii, 1875 bis 1898, in Hartmut Berghoff, Cornelia Rauh und Thomas Welskopp (Hg.), Tatort Unternehmen. Zur Geschichte der Wirtschaftskriminalität im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin und Boston 2016, 47-67.
[49] Allen Collins, Rio Del Mar: A sedate residential community, the depth of its character, 225 years of local history, o.O. 1995, 7.
[50] Beetroot Sugar in California, Australian Town and Country Journal 1871, 11. Februar, 13.
[51] The Coast Countries, Daily Alta California 1872, 16. Oktober 16, 1; Our Beet Sugar Interest, Pacific Rural Press 6, 1873, Nr. 11, 13. September.
[52] Claus Spreckels, in San Francisco: Its Builders Past and Present, Bd. I, Chicago und San Francisco 1913, 3-10, hier 6.
[53] Das war den Produzenten natürlich bekannt. Fehlende Kapital- und Maschinenzufuhr begrenzten in den 1880er Jahren allerdings Pläne für größere Betriebsanlagen. Vgl. John L. Beard, The Beet Sugar Industry, Pacific Rural Press 30, 1885, Nr. 4 v. 25. Juli.
[54] Recht typisch war die Argumentation der San Francisco Chamber of Commerce. S. Beet-Root Sugar, Daily Alta California 1888, 1. Februar bzw. die Gegenargumente in Beet Sugar Bounty, Daily Alta California 1888, 3. Februar.
[55] Fighting a Trust, Daily Alta California 1888, 3. September.
[56] Beet Sugar Company, Los Angeles Herald 1887, 18. Oktober, 2.
[57] Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1887, 24. September.
[58] Claus Spreckels’ Sugar Scheme, Chicago Daily Tribune 1887, 16. September, 5.
[59] Ebd.
[60] Great Enterprise in Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[61] Beet Sugar, Sacramento Daily Union 1887, Nr. 32 v. 27. September.
[62] Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[63] Entsprechend wurde der Bau der Zuckerfabrik durch eine große Zahl öffentlicher Feiern und Feste umkränzt, wobei die Grundsteinlegung im April 1888 herausragte. Vgl. A Great Enterprise, Daily Alta California 1888, 29. April; The Beet-Sugar Enterprise at Watsonville, Pacific Rural Press 35, 1888, Nr. 18, 5. Mai.
[64] Ventura County: Rival Localities Competing for the Sugar Factory, Los Angeles Times 1886, 3. Oktober, 13.
[65] A Beet Sugarie Established at Watsonville, Pacific Rural Press 34, 1887, 24. Dezember.
[66] Great Enterprise in Beet Sugar, Ebd. 34, 1887, Nr. 18 v. 29. Oktober.
[67] Claus Spreckels on Beet Sugar, Ebd. 35, 1888, Nr. 1 v. 7. Januar.
[68] Vgl. seinen Brief an die Farmer in Beet Sugar, Daily Alta California 1887, 23. Dezember und seine späteren Überlegungen in To Fight the Sugar Trust, New York Times 1889, 25. April.
[69] Claus Spreckels on Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 20, 12. November.
[70] The Beet Sugar Experiment, Australian Town and Country Journal 1889, 28. Februar, 29.
[71] W[illiam] W. Allen und R[ichard] B. Avery, California Gold Book, San Francisco und Chicago 1893, 367.
[72] Commercial, Los Angeles Times 1897, 22. April.
[73] The Bay of San Francisco. The Metropolis of the Pacific Coast and its Suburban Cities. A History, Bd. I, Chicago 1892, 351.
[74] Thomas J. Osborne, Claus Spreckels and The Oxnard Brothers: Pioneer Developers of California’s Beet Sugar Industry, 1890-1900, Southern California Quarterly 54, 1972, 117-125; Jeffrey Wayne Maulhardt, Oxnard Sugar Beets. Ventura County’s Lost Cash Crop, Mount Pleasant 2016. Analog zu Watsonville nutzte auch die Fabrik in Chino das Steffen-Verfahren, das ebenso von der deutschen Maschinenfabrik Grevenbroich geliefert wurde. Zum sozialhistorischen Hintergrund s. Carey McWilliams, Factories in the Field. The Story of Migratory Farm Labor in California, Berkeley, Los Angeles und London 2000.
[75] Beet Sugar Company Incorporated, Fitchburg Sentinel 1889, 17. April, 4; American Settler 1888, 11. Mai, 4.
[76] Thomas J. Vivian, The commercial, industrial, transportation, and other Interests of California, Washington 1891, 329.
[77] Sugar Refining, Daily Alta California 1889, 19. April.
[78] A Gigantic Project, Daily Alta California 1889, 19. Mai. Die Occidental Beet Sugar Company wird nicht erwähnt in Sandra E. Bonura, Empire Builder. John D. Spreckels and the Making of San Diego, Lincoln 2020.
[79] Beet Sugar, Los Angeles Herald 1889, 8. Oktober.
[80] The Beet-Sugar Industry, Daily Alta California 1890, 22. März.
[81] Agricultural and Pastoral, Queenslander 1888, 10. März, 390.
[82] Claus and the Farmers, Chicago Daily Tribune 1888, 8. März, 6. Claus Spreckels intervenierte sowohl in Kalifornien als auch in Washington. Im Untersuchungsausschuss über den Zuckertrust plädierte er offensiv für eine „heimische“ Industrie, die „unseren eigenen Zucker“ produzierten würde (Sugar Trust Investigation, Boston Daily Globe 1888, 24. März, 5).
[83] Beet Sugar, Pacific Rural Press 34, 1887, Nr. 19, 5. November.
[84] Sugar Beets, The Great Southwest 1, 1889, Nr. 5, 2.
[85] Ebd., Nr. 7, 5 und Nr. 8, 8.
[86] Ebd. 2, 1890, Nr. 2, 1.
[87] Sugar Beets: The Seed promised by Spreckels has been received, Ebd. 2, 1889, Nr. 2, 2-3, hier 2.
[88] More Beet Tests, Ebd. 2, 1890, Nr. 9, 4; National City Beets, ebd. Nr. 10, 13.
[89] Mr. Spreckels on the Sugar Beet Question, Pacific Rural Press 50, 1895, Nr. 24, 14. Dezember.
[90] Beet Sugar: An Interview With Mr. J.D. Spreckles [sic!], Los Angeles Herald 1889, 2. Januar; Sugar Beet Factories, Australian Town and Country Journal 1889, 14. September, 42; Colonies and India 1895, 3. August, 22.
[91] A Valuable Industry, Daily Alta California 1889, 14. September.
[92] San Francisco Call 1899, 24. November.
[93] Claus Spreckels, on the Sugar-Beet Industry, Northern Star 1896, 26. März, 4.
[94] Ten Years of Beet sugar at Watsonville, Pacific Rural Press 56, 1898, Nr. 26 v. 24. Dezember.
[95] The Sugar Industry, San Francisco Call 1896, 12. Mai.
[96] Beet Farming, Sausalito News 1896, 7. März.
[97] Refined Sugars Are Reduced, Boston Daily Globe 1896, 7. Juli, 9.
[98] Detailed Plans of the Sugar King, Chicago Daily Tribune 1896, 3. Juli, 1. Ähnlich Santa Claus Spreckels, Los Angeles Times 1896, 3. Juli, 1. Dieser lange Vorlauf von mehreren Jahren resultierte aus den Erfahrungen in Watsonville. Es erforderte gemeinhin zwei bis drei Jahre, um Farmer zu leistungsfähigen Rübenzuckerlieferanten umzuschulen und Fehler abzustellen.
[99] Dies und auch das Folgende nach Citizens of Salinas Unite in Honoring Claus Spreckels, San Francisco Call 1896, 2. August.
[100] Ergänzende Einblicke in dieses bemerkenswerte Treffen finden sich in Salinas Valley Citizens Applaud His Far-Reaching Enterprise, San Francisco Call 1896, 2. August.
[101] Beet Sugar Gazette 1, 1899/1900, Nr. 3, 20; Alfred Musy, The Largest Sugar Mill in the World, Beet Sugar Gazette 3, 1901/02, 135.
[102] Spreckels kaufte von Beginn an weiteres Land an. Ende 1897 gab er beispielsweise $275,000 für zusätzliche 12,000 Acres Zuckerland aus, s. News of the Big Cities, Chicago Daily Tribune 1897, 9. Dezember, 3.
[103] In Beet Fields, Pacific Commercial Advertiser 1897, 31. Juli, 2.
[104] Colony Homes, Los Angeles Herald 1897, 27. Mai; The All-Absorbing Topic, Sacramento Daily Union 1897, 17. Oktober.
[105] Senatorial Sugar, Los Angeles Herald 1897, 16. Mai.
[106] Beet Sugar, Ebd., 16. Mai. Nationalistische Slogans wie etwa „America for Americans“ waren Bestandteil dieses neuen Ansatzes.
[107] Entsprechende Gerüchte kamen 1897 auf, vgl. Commercial, Los Angeles Times 1897, 22. April; Sugar Trust Buys Up More Mills, Chicago Daily Tribune 1897, 21. April; One-Sided Hawaiian Reciprocity, Chicago Daily Tribune 1897, 24. April, 3. Eine Folge war ein Verleumdungsprozess zwischen Claus Spreckels und dem aufstrebenden Verleger William R. Hearst, den letzterer verlor.
[108] Weekly Statistical Sugar Trade Journal 23, 1899, Nr. 43, 26. Oktober, 6.
[109] Spreckels Company Organization, Chicago Daily Tribune 1897, 7. August, 7; Spreckels in Beet Field, Chicago Daily Tribune 1899, 2. März, 3.
[110] Washington Post 1898, 24. April, 22.
[111] Colossal Beet Sugar Exploitation, Chicago Daily Tribune 1896, 1. Juli, 1.
[112] Gary S. Breschini, Mona Gudgel und Trudy Haversat, Spreckels, Charleston 2006, 32.
[113] Local Benefits of the Beet Sugar Industry, Pacific Rural Press 53, 1897, Nr. 4, 23. Januar.
[114] To Produce Our Own Sugar, Beet Sugar Gazette 3, 1901/02, 120.
[115] Wheels of the Mammoth Sugar Factory at Spreckels Begin to Turn, San Francisco Call 1899, 1. September.
[116] A Visit to a Beet Sugar Factory, Pacific Rural Press 64, 1902, Nr. 7, 17. August.
[117] Leonhard J. Arrington, Science, Government, and Enterprise in Economic Development: The Western Beet Sugar Industry, Agricultural History 41, 1967, 1-18.