Ambivalenzen: Jüdisches Leben während der Weimarer Republik

Ein Satz hallte nach in meinem Kopf, gesprochen auf einer Buchvorstellung am 29. August 2021 im niedersächsischen Lauenförde: „Als es dann 1930 mit dem Antisemitismus so richtig los ging“. Keine Frage, der massive Bedeutungsgewinn der NSDAP nach Beginn der Weltwirtschaftskrise, nach dem Zerbrechen der Großen Koalition und nach der Etablierung einer Präsidialdiktatur ging einher mit wachsendem Druck auf die jüdische Minderheit. Doch der irritierende Widerhall kam aus dem Subtext des Satzes, der Vorstellung einer Zeit des guten gedeihlichen Miteinanders zwischen einer zumeist christlich getauften Mehrheitsgesellschaft und den Angehörigen einer religiösen Minderheit. Auch das hat einen wahren Kern, fiel der Satz doch im Lauenförder Bürger- und Kulturzentrum, einem mit viel Eigeninitiative restaurierten Gebäude, 1913 als evangelisches Gemeindehaus eingeweiht, finanziert durch eine Spende des jüdischen Möbelproduzenten Hermann Löwenherz (1854-1916) (Detlev Herbst, Von der Holzwarenfabrik zur Herlag – Die Kaufmannsfamilie Löwenherz aus Lauenförde, Holzminden 2021, 54-56). Und doch, die Ambivalenzen jüdischen Lebens während des Kaiserreichs und insbesondere während der Weimarer Republik schienen mir in den Hintergrund gedrängt. Wie also war die Stellung der Juden als Minderheit im Jahrzehnt vor 1930? Wie stellte sie sich zur Mehrheit, passte sie sich an, verlor sie ihre Identität? Und wie definierte sich die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft im Angesicht der Herausforderung, die jede Andersartigkeit mit sich bringt?

Die jüdische Minorität im Spiegel der Statistik

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Die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich (jeweilige Grenzen) 1890-1935 (Monika Richarz (Hg.), Jüdisches Leben in Deutschland, Bd. 3, Stuttgart 1982, 14)

Die Zahl der Juden nahm im Deutschen Reich seit dem späten 19. Jahrhundert erst relativ, seit 1910 auch absolut ab. Gab es kurz vor dem 1. Weltkrieg noch mehr als 600.000 Juden in Deutschland so waren es am Ende der Weimarer Republik nur noch ca. 550.000. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung lag damals bei etwa 0,8% – 1871, bei der Gründung des Deutschen Kaiserreiches hatte dieser Anteil noch 1,25% betragen. Dieser beträchtliche Rückgang wäre zudem ohne eine nennenswerte Zuwanderung noch deutlich stärker gewesen. Während der Weimarer Zeit war ungefähr ein Fünftel der Juden Ausländer. Diese stammten größtenteils aus den durch den Versailler Vertrag abgetretenen Gebieten im Osten des Reiches, zudem aber aus Polen und der Sowjetunion.

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Orthodoxe Zuwanderer in Berlin (Der Arbeiter-Fotograf 4, 1930, 237)

Die Statistik spiegelt die Wanderungsbewegungen nicht angemessen wieder. Das „russische“ Berlin, „Charlottengrad“, war Anfang der 1920er Jahre auch von zahlreichen jüdischen Emigranten geprägt. Mehr als 70.000 Menschen wanderten nach 1918 großenteils als Deutsche ins kleinere Deutsche Reich zurück – doch dies geben die reinen Bevölkerungsdaten nicht wieder. Die Zahlen spiegeln auch nicht die 35.000 jüdischen Zwangsarbeiter, die während des Krieges von der deutschen Armee rekrutiert und zur Arbeit ins Deutsche Reich gebracht wurden. Diese Maßregeln deuten schon darauf hin, dass die Zuwanderer aus anderen Schichten als die einheimischen Juden kamen. Sie gehörten meist der sozialen Unterschicht an, waren vielfach Fabrikarbeiter und noch häufiger Händler. Der hohe Ausländeranteil war schließlich auch Ausdruck der strikten deutschen Einwanderungsgesetze. Das Staatsbürgerschaftsgesetz von 1913 hatte Naturalisationen erschwert: 40% der 1933 in Deutschland lebenden ausländischen Juden waren in Deutschland geboren, nicht aber Staatsbürger.

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Demographische Entwicklung der Juden und der deutschen Gesamtbevölkerung 1880-1884, 1910-1913, 1930-1933 (Avraham Barkai, Die Juden als sozio-ökonomische Minderheitengruppe in der Weimarer Republik, in: Walter Grab und Julius Schoeps (Hg.), Juden in der Weimarer Republik, Stuttgart 1986, 330-346, hier 333)

Der Rückgang der Zahl der Juden hatte verschiedene Ursachen: Während der Weimarer Republik lag die Zahl der Austritte mit ca. 500 pro Jahr deutlich unter den Werten des Kaiserreichs. Wichtiger war die wachsende Zahl von gemischt-konfessionellen Ehen. In den 1920er Jahren wählte rund ein Drittel aller heiratenden Juden eine nichtjüdische Braut oder einen Bräutigam. Die meisten Kinder dieser sog. „Mischehen“ wurden nicht mehr jüdisch erzogen. Der Rückgang der Zahl war offenkundig auch Ausdruck einer beträchtlichen Integration der jüdischen Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft. Gleichwohl: Der wichtigste Grund für die schwindende Zahl war die geringe Reproduktion, die geringe durchschnittliche Kinderzahl in jüdischen Familien. Die Geburten reichten durchweg nicht mehr aus, um die Toten zu ersetzen. Diese Entwicklung prägte zeitversetzt auch die Mehrheitsgesellschaft. Dass die Deutschen „aussterben“ würden, war eine weit verbreitete Angst in den 1920er Jahren – für die Juden schien diese jedoch begründeter. Die demographische Folge war ein immer geringerer Anteil von Kindern und ein wachsendes Durchschnittsalter. 1925 war der durchschnittliche Jude knapp 35 Jahre alt, der nichtjüdische Deutsche dagegen 27 Jahre. All dies sorgte innerhalb der Minorität für tiefe Besorgnis, galt als Bedrohung jüdischen Lebens in Deutschland.

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Die zehn größten jüdischen Gemeinden Mitteleuropas 1925 (Avraham Barkai, Jüdisches Leben in seiner Umwelt, in: Ders. u. Paul Mendes-Flohr, Deutsche-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd. IV, München 1997, 50-73, hier 60)

Parallel setzte sich die Binnenwanderung vom Land in die Städte, genauer die Großstädte, fort. War jüdisches Leben in deutschen Landen im 19. Jahrhundert noch stark von „Landjuden“, von kleinen Gemeinden in Klein- und Mittelstädten geprägt, so lebten 1910 schon 60% in Großstädten, 1933 waren dann 70%. Landjuden gab es noch, doch deren Gemeinden konzentrierten sich vornehmlich auf Südwestdeutschland, Hessen und Thüringen. Diese Bevölkerungsverteilung unterschied die Juden signifikant von der Bevölkerungsmehrzahl. Sie waren Trendsetter der Urbanisierung, Trendsetter der Metropolenbildung. Die Hälfte der jüdischen Minderheit lebte in den sieben Hauptgemeinden in Berlin, Breslau, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Frankfurt am Main. Dort war ihr Anteil an der Wohnbevölkerung mit 1925 über 6% am relativ höchsten. Unbestrittener Mittelpunkt jüdischen Lebens war und wurde jedoch Berlin, wo schließlich mehr als ein Drittel der Minderheit lebte.

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Jüdische Einwohner in ausgewählten Verwaltungsbezirken Berlins im Juni 1933 (Martin Liepach, Das Wahlverhalten der jüdischen Bevölkerung, Tübingen 1996, 73)

Aber auch innerhalb dieser Metropolen gab es eine Konzentration der jüdischen Wohnbevölkerung. In den fünf in der Tabelle aufgeführten Berliner Bezirken – es gab insgesamt 20 – lebten 70% aller Berliner Juden. Dadurch war es möglich, relativ starke Gemeinden zu bilden und zu bewahren.

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Beschäftigungsstruktur deutscher Juden 1907, 1925 und 1933 (Barkai, 1986, 333)

Zugleich unterschied sich die Berufs- und Sozialstruktur der jüdischen Minorität deutlich von der Bevölkerungsmehrheit. Sie entsprach vornehmlich denen des späten 19. Jahrhunderts. Der Anteil der Bauern war marginal, besondere Bedeutung besaß dagegen die Erwerbstätigkeit in Handwerk und Industrie, vornehmlich aber die im Handel. Mit dieser Schwerpunktsetzung reagierten die Juden nicht nur auf die zahlreichen beruflichen Restriktionen, sondern waren zugleich Trendsetter der mit der Industrialisierung einhergehenden Bildung einer modernen Konsumgesellschaft. So lag die Quote der Selbständigen mit 46% dreimal höher als in der Gesamtbevölkerung. Die Mehrzahl der nicht selbständigen Juden arbeitete in eben diesen Betrieben und Geschäften. Die jüdische Minderheit war vornehmlich im Handel tätig, im gewerblichen Bereich dominierte die Bekleidungsbranche. Dies führte zu einer beachtlichen und auch sichtbaren Stellung im Einzelhandel. Bekannte Namen, wie etwa die Warenhausfirmen Tietz, Wertheim, Israel, Schocken oder Jandorf waren reichsweit bekannt; doch diese Großbetriebe waren eher Ausnahmen. Die Mehrzahl der jüdischen Handelsgeschäfte bestand aus mittelständischen Fachgeschäften und kleineren Kaufhäusern. Agrar- und Metallhandel bildeten wichtige Nischenbranchen. Die jüdische Minderheit wies außerdem überdurchschnittlich viele Angestellte auf, vornehmlich Reisende, Verkäufer und Buchhalter. Im Bankwesen konnte sie ihre herausragende Stellung bei den Privatbanken (45% 1920) behaupten, doch bei den wesentlich wichtigeren Aktienbanken lag ihr Anteil bei lediglich ein Prozent. Das Berufsspektrum umgriff ferner eine wachsende Zahl von Freiberuflern, vornehmlich Ärzten und Rechtsanwälten (11 bzw. 16%).

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Erwerbstätigkeit bei Juden und Nichtjuden in Preußen 1925 (Liepach, 1996, 75)

Die Unterschiede zur Mehrheitsgesellschaft waren also beträchtlich – vor dem Hintergrund der beruflichen Restriktionen und der auch während des Kaiserreichs weiter bestehenden Diskriminierung etwa bei der Besetzung von Beamten- und Offiziersstellen war das jedoch nicht wirklich verwunderlich. Entsprechende Spezialisierungen sind typisches Kennzeichen ethnischer und religiöser Minoritäten. Verwunderlich ist jedoch die beträchtliche Konstanz dieser Strukturen auch während der Weimarer Zeit. Die zahlenmäßig schwindende Gruppe der Juden meisterte den wirtschaftlichen Wandel nur teilweise. Bei der Konzern- und Trustbildung, im Genossenschaftswesen und im Felde der öffentlichen Wirtschaft – also in den eigentlichen Wachstumsbranchen der 1920er Jahre – fehlten jüdische Unternehmer zumeist. Ihre Stellung mochte in einzelnen Bereichen – etwa dem Pressewesen – durchaus beträchtlich gewesen sein, doch als Gruppe hatten sie, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, ihre noch im Kaiserreich hervorstechende Innovationskraft vielfach verloren. Sie blieben vielfach bei den Berufen ihrer Väter, strebten auf Bewahrung ihrer Stellung. Entsprechend verwundert es nicht, dass in den späten 1920er Jahren keines der zehn größten Vermögen in jüdischer Hand war. Sie standen mehrheitlich für ältere Formen der Ehrsamkeit; und wandten sich entsprechend mit Entschiedenheit gegen Korruption und Bestechung. Die wenigen Fälle, etwa der Skandal um die Bestechungen der Gebrüder Sklarek in Berlin 1929, wurden gleichwohl als antisemitisches Stereotyp verwandt; und das bis weit hinein ins Bürgertum. Dieses relative Zurückfallen der jüdischen Gewerbe zeigt sich auch in ihrem während der 1920er Jahre langsam wachsenden Beamtenanteil.

Die Beschäftigungsstruktur mündete in eine von der Mehrheitsbevölkerung deutlich abweichende Sozialstruktur. Die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung war Teil des bürgerlichen Mittelstandes, wobei Wirtschafts- und Kleinbürgertum vor dem Bildungsbürgertum rangierten. Entsprechend lag die Frauenerwerbsquote deutlich unterhalb des Bevölkerungsdurchschnitts. Die Oberschicht war relativ klein, während sich die Unterschicht vornehmlich aus den Zuwanderern Osteuropas rekrutierte. Das Steueraufkommen der Minorität lag entsprechend drei- bis viermal höher als das der Gesamtbevölkerung. In Berlin stellten sie Mitte der 1920er Jahre 15% aller Steuerzahler und trugen nicht weniger als 30% aller direkten Steuern der Reichshauptstadt.

 Die jüdischen Gemeinden – Strukturen und Binnenprobleme

Dieser statistische Blick von außen ist zu ergänzen durch einen notwendigerweise groben auf die Binnenstruktur der jüdischen Minderheit. Sie fühlte sich durch die neue Verfassung, im Wesentlichen geschrieben vom jüdischen Juristen Hugo Preuß (1860-1925), erstmals in der deutschen Geschichte wirklich anerkannt. Alle Staatsbürger besaßen demnach „ohne Unterschied“ gleiche Rechte, Art. 135 garantierte ferner volle Glaubensfreiheit und eine ungestörte Religionsausübung. Damit waren nicht nur der Sabbat und die Sabbatruhe anerkannt, sondern fanden auch langwierige Debatten, etwa über die Schechita, also das religionskonforme Schlachten, ein vorläufiges Ende. Zudem wurde die jüdische Religion offiziell anerkannt, konnte also wie die christlichen Glaubensgemeinschaften Körperschaften des öffentlichen Rechtes bilden und dadurch staatliche Zuschüsse erhalten. Die Folge war eine institutionelle Neustrukturierung der jüdischen Gemeinden, etablierten sich doch nun Landesverbände als Zusammenschlüsse der lokalen Gemeinden.

Daneben organisierten sich die Juden in sehr unterschiedlichen, sich teils erbittert bekämpfenden Interessenvertretungen. Die wichtigste Organisation war der schon 1893 zur Abwehr des Antisemitismus gegründeten CV, genauer der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Er vertrat die große Mehrheit der Minderheit, insgesamt ca. 300.000 Personen. Seine Ziele bestanden im Dialog mit der Mehrheitsgesellschaft, sei es durch Aufklärungsarbeit über jüdische Religion und Tradition, sei es durch eigene Publikationen, sei es durch Rechtsbestand. Während der Weimarer Republik unterstützte er zudem finanziell und publizistisch demokratische Parteien, vorrangig die linksliberale DDP, seltener die wirtschaftsliberale DVP. Er stand für die deutschen Juden, genauer für eine deutsch-jüdische Synthese.

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Heimkehr nach Erez Israel: Zionistische Werbefilm (Jüdische Rundschau 34, 1929, 56)

Das erschien den seit 1912 in der Zionistischen Vereinigung für Deutschland organisierten Zionisten als Verrat an der jüdischen Sache. Sie forderten eine Rückbesinnung auf die Religion ihrer Vorväter und eine Rückkehr des Volkes Israel nach Palästina. Das jüdische Heimatland stand seit 1920 unter einem von britischen Militärs getragenen Völkerbundmandat – und lud die Juden seit 1922 explizit zur Gründung einer neuen Heimstatt, eines neuen Staates Israel ein. Diese Optionen nahmen – trotz der arabischen Bevölkerungsmehrheit und einer sehr schlechten Erschließung des Landes – in den 1920er Jahren mehr als 2.000 deutsche Juden war, doch die Hälfte davon kam wieder nach Deutschland zurück. Insgesamt repräsentierten die Zionisten nur etwa 10% der Juden in Deutschland, doch deren Jugendlichkeit, ein breites Publikationswesen und die Kooperation mit den ausländischen Juden in Deutschland sicherten ihnen beträchtliche Aufmerksamkeit.

CV und Zionisten waren die publizistisch aktivsten Vertreter der jüdischen Minderheit. Daneben war das Alltagsleben durch ein sehr ausgeprägtes Vereinsleben gekennzeichnet. Ein Großteil der Männer war im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten organisiert, hatten doch schließlich 90.000 Juden in der deutschen Armee gedient, deren Verluste mit 12.000 Toten überdurchschnittlich waren.

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Anzeige des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten 1922 (C.V.-Zeitung 1, 1922, 371)

Sie verkörperten das deutsch-nationale Element innerhalb der Minderheit, waren aber strikt republikanisch ausgerichtet, arbeiteten beispielsweise mit dem sozialdemokratischen Reichsbanner zusammen. Ein Viertel der jüdischen Frauen war im Jüdischen Frauenbund organisiert, der soziale Aufgaben in den jüdischen Gemeinden und den jeweiligen Städten übernahm, für eine breitere Berufstätigkeit der Frauen warb und vehement für das Frauenwahlrecht innerhalb der jüdischen Gemeinden eintrat, das insgesamt nur der Hälfte zustand. Das jüdische Vereinswesen etablierte und stützte ihr Milieu, so wie bei anderen gesellschaftlichen Großlagern.

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Sportfest der zionistischen Makkabi-Vereine in Berlin 1929 (Das jüdische Magazin 1, 1929, H. 3, 48)

Es gab jüdische Sportvereine, Bibliotheken, zehn jüdische Gymnasien, 1919 wurde die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin gegründet, jüdische Volksschulen, Krankenhäuser, Bibliotheken runden das Bild ab. In Berlin waren Ende der 1920er Jahren 1.500 Personen innerhalb der Gemeinde beschäftigt.

Der Auf- und Ausbau dieser Einrichtungen und Vereine war jedoch zumeist umstritten. Die Konturen und Aufgaben der jüdischen Gemeinden wurden von einzelnen Fraktionen sehr unterschiedlich definiert. CV und liberale Juden verstanden ihre Gemeinden als Religionsgemeinde. Sie hatte sich vor allem um den Gottesdienst und die Weitergabe des Glaubens zu kümmern. Dagegen verlangten die Zionisten eine Fortentwicklung zu Volksgemeinden. Neben die Religionsausübung trat ein strukturell der Arbeiterkultur entlehntes Netzwerk von Selbsthilfevereinen, die für alle Belange des Lebens zuständig waren. Dieser Gegensatz von Religions- und Volksgemeinden basierte auf grundsätzlich unterschiedlichen Vorstellungen vom Judentum. Auf der einen Seite standen die Zionisten und die orthodoxen Juden. Sie verstanden sich selbst als Teil des Volkes Israel, dessen Selbstbehauptung in den jeweiligen Gastländern zentral für die Bewahrung jüdischer Identität war. Auf der anderen Seite stand die Mehrzahl liberaler Juden, für die Judentum eine Religion war, die auf einer gemeinsamen Geschichte basierte. Ihre Identität lag in der religiösen Praxis und ihrer Herkunft, doch parallel war eine enge Anlehnung an die deutsche Kultur und Nation sehr wohl möglich. Gegen diese Idee von Deutschen jüdischen Glaubens setzten die Zionisten eine gemeinsam zu erringende Zukunft, auf die Erfüllung der Verheißungen der Propheten.

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Innerreligiöse Demokratie: Wahlergebnisse in Preußen 1925 (C.V.-Zeitung 9, 1930, 626)

Um diese und andere Fragen wurde intensiv gerungen, Mitte der 1920er Jahre konnten die Zionisten in Kooperation mit den Orthodoxen gar die Gemeindewahlen in Berlin gewinnen. Andere Streitpunkte bildeten das Frauenwahlrecht innerhalb der Gemeinden, wobei Anfang der 1920er Jahre um das aktive, am Ende dagegen um das passive Wahlrecht gerungen wurde. Die Bemühungen fanden ihren Widerhall in der 1935 erfolgten Bestellung von Regina Jonas (1902-1944) als erster Rabbinerin. Erst 2010 folgte mit Alina Treiger eine zweite.

Intensive innerjüdische Debatten gab es auch um die Stellung der ausländischen Juden, auch intern vielfach Ostjuden genannt, die gemeinhin mit Bildern aus dem Berliner Scheunenviertel verbunden werden. Auch hier prallten die Gegensätze strikt aufeinander. Während der CV die traditionelle jüdische Kleidung und Haartracht in der Öffentlichkeit in Frage stellte und die Ostjuden vielfach als fremdländisch wahrnahm, urteilten Orthodoxe und Zionisten deutlich anders. Für sie verkörperten die Zugewanderten noch einen Abglanz des alten Volkes Israel mit seiner Sittenstrenge, seinem Mystizismus, seiner klaren Abgrenzung.

Bündelt man all dies, so erscheint die Binnenwelt des Judentums von all den Konfliktlinien durchfurcht, in denen um Ausmaß und Richtung der Moderne gerungen wurde. Politisch aber engagierten sich in den 1920er Jahren alle Fraktionen für die republikanischen Parteien – und hier vornehmlich für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei, seltener die DVP. Die wenigen jüdischen Politiker gehörten entweder der DDP oder aber der SPD an.

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Unterminierung der politischen Repräsentanz der meisten Juden (Kladderadatsch 83, 1930, 32)

Letztere wurde nach dem Niedergang des Linksliberalismus – 1930 fusionierten DDP und der teils antisemitische Jungdeutsche Orden zur Deutschen Staatspartei – zu einer wichtigem Auffangbecken jüdischer Wähler. Diese zogen sich eben nicht in die Wahlenthaltung zurück, sondern unterstützten bewusst sogar das Zentrum, da dieses für die freie Religionsausübung stritt. Das „katholische“ Münster war dafür ein gutes Beispiel.

Erfahrung und Umgang mit dem Antisemitismus

Damit komme ich zum letzten Punkt, zur Erfahrung und zum Umgang mit dem Antisemitismus während der 1920er Jahre. Der gut gemeinte Satz „Als es dann 1930 mit dem Antisemitismus so richtig los ging“ impliziert schon, dass es ihn gab. Er unterschätzt aber, dass dieser sowohl während des Kaiserreichs als auch während der Weimarer Republik allgemein verbreitet war. Er betraf nicht nur das völkische bzw. das konservativ-nationale Milieu. Im katholischen Milieu gab es beträchtliche antijudaistische Vorbehalte, auch in den sozialdemokratischen und kommunistischen Milieus trugen die Zerrbilder des Schiebers und des Kapitalisten jüdische Züge. Im bürgerlichen Lager bestanden beträchtliche antisemitische Ressentiments, die sich etwa in Karikaturen niederschlugen, in denen das Stereotyp der vermeintlich jüdischen Nase fleißig-fröhliche Urstände feierte.

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Alltägliche Diskriminierung (Fliegende Blätter 157, 1922, 145)

Die nationale Opposition denunzierte die Weimarer Republik von Beginn an als „Judenrepublik“, wobei sie sich vor allem auf München und die dortige Räterepublik konzentrierte. Die Gewaltwelle der Jahre 1918/19 hatte immer wieder antisemitische Antriebe. In vielen Tumulten, Hungerkrawallen und Plünderungen waren jüdische Ladenbesitzer Ziele direkter Gewalt. Eine Höhepunkt fanden diese Krawalle des Anfangs mit den Pogromen im Berliner Scheunenviertel im November 1923. Die Versatzstücke des Antisemitismus wurden zu einem Dispositiv, mit dem zugleich Repräsentanten republikanischer Parteien denunziert wurden.

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Denunziation Weimars als „Judenrepublik“ (Kladderadatsch 72, 1919, Nr. 29)

Hier erscheint etwa der frühere katholische Volksschullehrer und damalige Finanzminister Matthias Erzberger (1875-1921) als Rabbi, wobei Antikapitalismus und krude Vorstellungen von Opferlamm und Blutritual eine logikarme, aber offenbar wirkungsmächtige Mixtur eingingen. Erzberger, der auch den Mut hatte, als Leiter der Waffenstillstandskommission am 7. November 1918 die notwendige Unterschrift zu leisten, wurde von völkischen Kreisen ermordet.

Wie aber gingen die jüdischen Organisationen mit dieser andauernden Herausforderung um? Während die Zionisten Antisemitismus als Argument gegen eine mögliche deutsch-jüdische Symbiose verstanden, setzte der CV auf Gegenargumente und eine positive Selbstdarstellung. Typisch hierfür waren Aufklärungsbroschüren, Hinweise auf die von Juden für ihr Vaterland Deutschland erbrachten Opfer oder aber Listen mit den Namen führender jüdischer Kulturschaffender, Wissenschaftler und Unternehmer.

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Broschüre gegen die Blutrituallüge bzw. Gedenkstein für gefallene jüdische Soldaten in Laupheim 1929 (C.V.-Zeitung (Monatsausgabe) 1929, Nr. 6, 45 (l.), ebd., Nr. 10, 70)

Diese Gegenmaßnahmen bewirkten wenig. Im Gegenteil: Auch während der sog. Stabilisierungszeit war Gewalt gegen Symbole jüdischen Lebens und jüdischen Glaubens ein dauerhafter Begleiter im Alltag. Ein Beispiel hierfür sind die zahlreichen Friedhofsschändungen völkischer „Aktivisten“. Der CV brandmarkte dies als kulturlose Schandtat, appellierte wieder und wieder an die Landes- und Reichsregierungen, gab eigene Broschüren heraus. Die Gewalt aber ging weiter.

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Verwüsteter jüdischer Friedhof in Erfurt 1926 und Statistik der Friedhofsschändungen im Deutschen  Reich 1923-1932 (C.V.-Zeitung (Monatsausgabe) 1926, Nr. 3, 21 (l.), ebd. 1932, Nr. 7, 40)

Ende der 1920er Jahre vermehrte sich zudem der wirtschaftlicher Druck auf die jüdische Minderheit, wobei die mittelständische Agitation des späten Kaiserreichs die Blaupause bot. Typisch waren etwa Flugblätter, in denen deutsche und jüdische Geschäfte gegenüber gestellt wurden, um so den Volksgenossen Handlungsanleitungen an den Tag zu legen. Seit der Weltwirtschaftskrise intensivierte sich die Propaganda für deutsche – und das hieß stets auch nichtjüdische Geschäfte und Waren. 1930 gab es allen deutschen Großstädten sog. Deutsche Wochen. Braune Wochen schlossen sich dann an.

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Wirtschaftliche Agitation mittelständischer Kaufleute gegen ihre jüdische Konkurrenz in Osnabrück 1928 und Spott über derartige Umtriebe 1930 (Martina Krause und Michael Gander, „Arisierung“ des jüdischen Handels und Handel mit jüdischem Besitz im Regierungsbezirk Osnabrück, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Bramsche 2000, 226-243, hier 228 (l.); Der Wahre Jacob 51, 1930, Nr. 25)

Ein kurzer Blick noch auf die Reaktionen der meisten Juden auf diese Formen direkten Antisemitismus. Die generationsübergreifenden Erfahrung von Diskriminierung erklärten während der 1920er Jahre die meisten Juden mit Vorurteilen und mangelhaften Kenntnissen über ihre Religion. „Der Erbfeind des Judentums ist die Halbbildung“ hieß es entsprechend. Auch die innere Fraktionierung des Judentums hatte hieran ihren Anteil, entsprechend sah man vor allem die sog. Ostjuden im Fokus des Antisemitismus, der den etablierten steuerzahlenden Juden nicht galt. Teilweise wurden gar Teile der antisemitischen Propaganda bejaht, etwa die Kritik an der Börsenspekulation oder aber an einem überbordenden Materialismus.

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Antisemitische Tropen links und rechts: Kampf gegen Börse und Großkapital (Kladderadatsch 84, 1931, Nr. 5 (l.); Der Rote Stern 1929, Nr. 171 v. 5. September, 4)

Generell übernahmen und praktizierten deutsche Juden vermeintlich deutsche Tugenden in besonderem Maße. Die Dumpfheit des plärrenden Antisemitismus führte zur kulturellen Verachtung seiner Propagandisten, die mit einer Geringschätzung ihrer Negativmission einherging. Im Alltagsleben entwickelte man Strategien, um mit Antisemiten und Antisemitismus nicht direkt in Kontakt treten zu müssen. Dieser traf weniger die Erwachsenen, sondern häufiger qua Schule die Kinder. Die lange Erfahrung von Antisemitismus machte es außerdem möglich, seine Erscheinungsformen als zeitlich vorübergehend zu verstehen – die Krawalle des Anfangs 1918/19 hatten sich in dieser Intensität nicht wiederholt, die damalige völkische Mobilisierung hatte man überstanden. Außerdem setzte man auf die persönlichen Alltagserfahrungen mit vielen nicht antisemitisch gesinnten Deutschen. Dies umgriff zu Beginn der Republik auch zahlreiche Vertreter linker und liberaler Parteien sowie kleiner Teile des Zentrums. Die Zeitgenossen haben die Verschärfungen, die der Terror der NSDAP ab 1930 mit sich brachte, nicht als existenzielle Bedrohung gesehen. Wegsehen und Bildungsdünkel, das Vertrauen auf Recht und Logik, verfehlte historische Deutungen und das Setzen auf die deutschen Freunde waren dafür ursächlich.

Bevor „es dann 1930 mit dem Antisemitismus so richtig los ging“…

Vielleicht verstehen Sie nun, warum mich der Ausgangssatz irritierte. Gut gemeint, schielte er doch, blendete die Alltagsrealität jüdischen Lebens in der Weimarer Republik vielfach aus, blieb in der Wunschwelt einer gelungenen deutsch-jüdischen Symbiose stecken. Fassen wir die Aussagen zusammen, so zeigt sich ein differenziertes Bild: Die jüdische Minorität war erstens gewiss einzigartig, blickt man auf ihren speziellen Beitrag zur Kultur und Wirtschaft der Weimarer Republik. Sie war zugleich aber gekennzeichnet durch tiefgreifende innere Kämpfe, in denen Fundamentalisten gegen Vertreter des Pluralismus, Pragmatiker gegen Visionäre, Ostjuden gegen Deutschnationale standen. Die Lebenswelten waren abseits der Kerngruppe des mittleren Bürgertums äußerst unterschiedlich – und in vielem erinnert die Zerrissenheit der Minorität an die Zerrissenheit der gesamten Weimarer Gesellschaft. Und doch, im Angesicht der gemeinsamen Bedrohung war sie gleichwohl, wenngleich defensiv in der Grundhaltung, zu gemeinsamen Handeln auch über die Kampflinien des Alltags hinaus fähig. Damit legte sie im Angesicht der Bedrohung eine relative Einigkeit an den Tag, an der es der deutschen Mehrheitsbevölkerung mangelte.

Zweitens war die jüdische Minderheit die prononcierteste Verfechterin der Weimarer Republik und ihrer liberalen Verfassung. Sie wählte demokratisch, war im Angesicht der Bedrohung durch den Nationalsozialismus aber auch willens, Parteien zu wählen, die ihren wirtschaftlichen und religiösen Interessen kaum entsprachen, also die SPD und teils das katholische Zentrum. Dies verdeutlicht Lernprozesse und einen pragmatischen Realismus, der wiederum der Mehrzahl der Bevölkerung nicht zu eigen war.

Damit war die jüdische Minderheit, drittens, von einem Dualismus geprägt, wie er in modernen Gesellschaften erforderlich ist, um Einheit und Kontroverse zugleich zu gewährleisten. Innerjüdische Dispute gingen einher mit dem gemeinsamen Eintreten für die Republik. Dies ist wichtig für das Verständnis der eigenartigen deutsch-jüdischen Lebenswelt. Die jüdische Minderheit reproduzierte in ihren inneren Kontroversen die gängigen Ängste und Hoffnungen der Mehrheitsgesellschaft. In ihrem Wahlverhalten und der gemeinsamen Abwehr des Antisemitismus manifestierten sich dagegen die spezifisch jüdischen Ängste der Minderheit selbst. Sie spiegelt daher die Verwerfungen der Republik, doch zugleich steht ihr Handeln konträr zu der fehlenden Fähigkeit der meisten Nichtjuden diese Verwerfungen innerhalb eines pluralistischen demokratischen Systems zu überbrücken.

Uwe Spiekermann, 31. August 2021

 

PS Wer über die hier entwickelten Grundkonturen hinaus weiterlesen möchte, dem empfehle ich Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1913, Frankfurt a.M. 2011; Michael Brenner, Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, München 2000; Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, Bonn 2003 und Bernard Wasserstein, On the Eve. The Jews of Europe Before the Second World War, New York 2012.