Alltagsdoping – Eine Skizze zu Kola-Dallmann

Konsumgesellschaften basieren auf dem andauernden Vergessen und dem damit immer wieder möglichen Neubeginn. Entsprechende Innovationsillusionen nähren und schaffen Märkte. Ein gutes Beispiel hierfür ist das breite und heterogene Feld von Produkten zur Leistungssteigerung von Gehirn und Körper. Das klingt technisch, nicht einnehmend. Seit den 1990er Jahren werden sie daher trendig-anglophil als „Performance Food“ vermarktet. Hohe Gewinnmargen sind bei den vornehmlich mit Versprechungen angereicherten Waren üblich, auch wenn Umsätze und Erträge weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, die Marketingexperten, Ernährungswissenschaftler und Journalisten während des Hypes um „Functional Food“ in den 1990er Jahren hegten.

Kolaprodukte sind ein wichtiges Segment dieses „Performance Food“. Einschlägige Getränke sind Alltagsbegleiter, etwa die 1886 eingeführte Coca-Cola, ihr Konkurrent Pepsi-Cola (1893), die deutsche afri cola (1931), die Schweizer Variante Vivi Kola (1938) oder aber zahlreiche spätere Adaptionen aus deutschen Landen (fritz-kola, 2002; Red Bull Cola, 2008). Auch andere Flüssigperformer enthalten Kola, etwa die vermeintlich akademisch-hippen Mate-Getränke Club Mate oder Mio-Mio Mate, ihrerseits Nachfolger einschlägiger, seit mehr als einhundert Jahren verfügbarer Markenartikel. Kola findet sich zudem in zahlreichen Snacks, namentlich in Kombination mit Schokolade. Die 1935 eingeführte Schokakola diente als Sport- und Fliegernahrung, gab Soldaten den Kick im harten Kampfe, half bei Prüfungsvorbereitungen und Alltagsproblemen. Doch schon Anfang der 1890er Jahre offerierten Schokoladeproduzenten, etwas Sarotti, Kola-Kakao, -Schokolade, -Bonbons und mehr (Der Bazar 39, 1893, 195).

Kolaprodukte enthalten in der Regel Teile der bis heute vornehmlich in West- und Zentralafrika angebauten Kolanuss, insbesondere aber deren Wirkstoffe Koffein und Theobromin. Als Kolonialprodukte wurden sie in Deutschland seit Mitte der 1880er Jahre verarbeitet und vermarktet. Sie waren zugleich Wissensprodukte, Materialisierungen eines stofflich-reduzierten und gerade deshalb erfolgreichen Denkens und Handelns in Wissenschaft und Wirtschaft (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018). Paradigmatisch hierfür standen die seit 1888 beworbenen Kola-Pastillen des Apothekers und Pharmazeuten Georg Dallmann (1858-1940), als Kola-Dallmann bzw. Dallkolat ein prominenter und breit beworbener Markenartikel bis weit in die 1960er Jahre. Sie waren bis zur Produktionseinstellung 1998 „Performance Food“ pur, dienten dem Alltagsdoping derer, die bei Geselligkeit, Sport und Wettbewerb Vergnügen und Herausforderungen fanden oder einfach nur müde und abgespannt waren. Der kleine Helfer für den Alltag in dem sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden kapitalistischen System wurde jedoch nicht einfach erfunden, setzte sich eben nicht als fertiges Angebot durch. Kola-Dallmann war Resultat wechselnder Marktpositionierungen, musste das neuartige Kolaprodukt doch erst einmal Anwendungsfelder finden. Kola-Dallmann begann als Medikament, als Adaption afrikanischer Alltagskultur in einem europäisch-„zivilisierten“ Rahmen. Es mutierte zu einem Angebot für besonders geforderte Gruppen, dann einem Standardbegleiter der bürgerlichen „leisure classes“, ehe es in der Zwischenkriegszeit zu einem Alltagsgut der urbanen Mittelschicht wurde.

Dallmann & Co. – Unternehmen und Produktpalette

Während Produktinnovationen heutzutage meist den Blaupausen vorheriger Produkte folgen, war dies im späten 19. Jahrhundert nicht ganz so einfach. Dallmanns Kola-Pastillen waren kein „Performance Food“, sie wurden es erst. Blicken wir erst einmal auf den Unternehmer Georg Dallmann, seine Fabrik und deren doch deutlich breitere Produktionspalette.

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Georg Dallmann als erfolgreicher Unternehmer (Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 15. Januar, 3)

Georg Jacob Friedrich Dallmann wurde am 17. Januar 1858 in der pommerschen Kreisstadt Cöslin geboren. Er besuchte das Gymnasium in Stollberg und lernte 1875 bis 1878 das Apothekerhandwerk zuerst im thüringischen Großbreitenbach, dann im oberpfälzischen Oberviechtach, ehe er schließlich eine eigene Apotheke in Gummersbach eröffnete (Deutsche Apotheker-Biographie, Ergänzungsbd. 1, Stuttgart 1986, 71). Über die Person ist relativ wenig bekannt (Georg Dallmann zum 125. Geburtstag, Deutsche Apotheker-Zeitung 123, 1983, 66-67), doch scheint in diesem Fall eine Binnensicht auf unternehmerische Entscheidungen auch nicht zwingend erforderlich. Person und Firma waren nämlich typisch für die Markt- und Markenpositionierungen, die sich nach der Etablierung des deutschen Produktionsregimes 1879/80 in vielen Branchen vollzogen und die bis in unsere Zeit reichen. Die Firma wurde im November 1901 in größere Produktionsstätten nach Schierstein verlegt, heute ein Stadtteil von Wiesbaden (Wilhelm Vershofen, Die Anfänge der chemisch-pharmazeutischen Industrie, Bd. 3: 1870-1914, Berlin et al. 1958, 58). Georg Dallmann war reichsweit bekannt, agierte als Vertreter des Vereins für pharmazeutische Großindustrie (Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 101). Er gehörte zu den führenden selbständigen pharmazeutischen Unternehmern in einer ansonsten durch Aktiengesellschaften und Manager geprägten Branche. Obwohl selbst approbierter Apotheker, lieferte er sich mit deren Standesvertretern harte, teils überharte Händel (Deutsche Apotheker-Zeitung 18, 1903, 115). Dabei ging es um die für Dallmanns Firma zentrale Frage, ob Apotheken oder die Industrie die Standards im Arzneimittelmarkt setzen sollten (Jan Weckerth, Zwischen Arbeitsmarkt und Ausbildung: der Einfluss der Verbände, in: Volker Müller-Benedict (Hg.), Der Prozess der fachlichen Differenzierung an Hochschulen. Die Entwicklung am Beispiel von Chemie, Pharmazie und Biologie 1890-2000, Wiesbaden 2014, 87-178, insb. 102-103). Notizen zu seinem 70. Geburtstag finden sich in der überregionalen Presse, doch handelte es sich lediglich um karge Notate (Illustrirte Zeitung 1928, 156). Ähnliches gilt für seinen 75. Geburtstag, gefeiert in „geistiger und körperlicher Frische“ (Georg Dallmann, 75 Jahre, Badische Presse 1933, Nr. 5. v. 4. Januar, 5). Sein Tod wurde vermeldet, Nachrufe in überregionalen Zeitungen konnte ich jedoch nicht finden (Deutsche Apotheker-Zeitung 55, 1940, 370). Die Firma wurde länger vor und nach dem Tod des Patriarchen in einem recht typischen Familienverbund geführt, häutete sich jedoch. Es blieben die 1959 eingeführten Salbei-Bonbons, nicht aber eine selbständig geführte Firma.

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Werbung für pharmazeutische Handverkaufsartikel 1891 (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 32, 1891, 246)

Die Fabrik chemisch-pharmaceutischer Präparate Dallmann & Co. wurde 1889 als offene Handelsgesellschaft gegründet. In den Werbeanzeigen trat sie erst ab 1890 hervor. Festzuhalten ist, dass es sich bei der Neugründung nicht um eine der im Geheimmittelmarkt vielfach üblichen Firmen für den Absatz des einen, des vermeintlichen heilbringenden Produktes handelte. Die später so zentralen Kola-Pastillen waren von Beginn an ein wichtiger Umsatzträger der Fabrik, in der pharmazeutischen Werbung traten sie jedoch gegenüber anderen Präparaten zurück.

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Zentrum der pharmazeutischen Werbung: Dallmanns Tamarindenessenz (Rundschau für die Interessen der Pharmazie, Chemie, Hygiene und der verwandten Fächer 20, 1894, 163)

Im Vordergrund stand stattdessen Dallmanns Tamarindenessenz, ein Abführmittel aus verarbeiteter Tamarinde, der indischen Dattel. Dieses Kolonialprodukt wurde vergoren, lange in großen Gebinden gelagert und häufig abgezogen (G[eorg] Arends, Neue Arzneimittel und Pharmazeutische Spezialitäten, 2. verm. u. verb. Aufl., Berlin 1905, 518). Das Produkt unterschied sich deutlich von den gängigen, in Apotheken zubereiteten Tamarindenessenzen. Konkurrierende Produzenten hatten jedoch schon zuvor ähnliche Zubereitungen auf den Markt gebracht, etwa das Kanoldtsche Tamar Indien aus Gotha (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 29, 1889, 87). Dallmann bewarb sein Produkt relativ aggressiv, setzte auf Anzeigen in Tageszeitungen und Fachzeitschriften, Werbezettel, die Präsenz bei Ausstellungen und Fachkongressen, eine feste 30-prozentige Handelsspanne sowie redaktionelle Werbung: „Das Dallmann’sche Präparat besitzt einen angenehmen, erfrischenden Geschmack, der Jedem behagt und durch den es sich neben seiner prompten Wirkung vor anderen Purgirmitteln auszeichnet“ (Pharmaceutische Post 27, 1894, 83). Die Essenz wurde insbesondere für Kinder und Wöchnerinnen empfohlen, da die Wirkung sanft, ohne Schmerzen erfolgte und zudem von „lieblichem Wohlgeschmack“ (Wiener Medizinische Wochenschrift 46, 1896, 39) sei. Die Werbezettel präsentierten auf Ausstellungen gewonnene Medaillen und listeten Empfehlungsschreiben auf (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, n. 458; Süddeutsche Apotheker-Zeitung 35, 1895, Nr. 98 v. 6. Dezember, Beilage). Das war eigentlich der Tenor der Geheimmittelwerbung der „Kurpfuscher“, gegen die promovierte Mediziner und Apotheker seit den späten 1860er Jahren relativ erfolglos agitierten. Dallmann erntete mit einigen seiner Anzeigen schlicht Spott, manchen schien dessen zornige Verdammung von Konkurrenzprodukten einzig „hochkomisch“ (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreiche Sachsen 55, 1893, 55). Gleichwohl etablierte sich die Tamarindenessenz relativ rasch und blieb ein langfristig erfolgreiches Produkt.

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Neuheiten im Umfeld des Apothekerhandwerks: Werbung für Dallmanns Pepsinsaft nach ersten kritischen Stellungnahmen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 34, 1894, 48)

Mit ähnlichen Mitteln verlief 1893 die Markteinführung eines konzentriertes Pepsin-Saftes, der als Mittel gegen Verdauungsbeschwerden vermarktet wurde. Auch hier gab es zahlreiche Vorgänger, die in diesem Falle ihre Marktstellung allerdings behaupten konnten. Der Dallmannsche Pepsin-Saft war kein wirklicher Erfolg, seine Produktion wurde nach einigen Jahren wieder aufgegeben. Das Beispiel hilft jedoch, die unternehmerische Logik hinter diesen Heilmitteln zu verstehen. Pharmazeutische Firmen entwickelten Spezialitäten, pumpten sie mittels massiver Werbung in einen grundsätzlich aufnahmefähigen und strukturell wachsenden Markt – und warteten dann auf die Marktresonanz. Misserfolge wurden rasch zurückgezogen, sich gut verkaufende Waren dagegen weiter offensiv beworben. Der Markt war der Richtplatz für Innovationen.

Entsprechend war und blieb Dallmann & Co. eine Präparateschmiede. Nur geringen Erfolg hatte beispielsweise der 1897 eingeführte Dr. Schmeysche Peru-Cognac, eine scharf schmeckende, durch Zimtsäure abgerundete Mixtur von Perubalsam mit Kognak. Als „Perco“ stand sie für den Wandel hin zum individuellen Markenprodukt, doch die als Mittel gegen Lungentuberkulose positionierte Spirituose konnte die medizinischen Erwartungen nicht erfüllen (Zeitschrift des allgem. oesterreich. Apotheker-Vereines 52, 1898, 57; Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 40, 1899, 61, 140; Ebd. 42, 1901, 4-5). Erfolgreich waren später dagegen das 1925 eingeführte Vitamin- und Mineralstoffpräparate Eligol (Jahresbericht der Pharmazie 60, 1925, 290; Chemisches Zentralblatt 96, 1925, 213), der kosmetische Artikel Pergo oder aber das seit 1933 angebotene Munddesinfektionsmittel Ringulein, ein in Ringform angebotenes Antiseptikum mit Pfefferminz- bzw. Fenchelgeschmack (Pharmazeutische Monatshefte 15, 1934, 245), das nicht zuletzt gegen Grippe helfen sollte.

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Kontinuierliche Produktion marktgängiger Präparate: Ringulein-Tabletten 1933 (Deutsche Apotheker-Zeitung 48, 1933, Nr. 82)

Die Forschungsintensität der zu Unrecht auf die Kola-Pastillen reduzierten Firma Dallmann unterstrich auch die Vermarktung des chinasauren Harnstoffes Urol (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 42, 1901, 651; Ueber Urol, Ebd., 688-689). Dieses Mittel gegen Gicht, Harn- und Nierengries wurde nicht allein in europäischen Staaten, sondern auch in den USA angeboten. Für die Vermarktung des Ende 1901 in den USA patentierten Präparats gründete Dallmann gemeinsam mit dem Pharmazeuten Otto Schütz eine eigene Gesellschaft (Journal of the Society of Chemical Industry 23, 1904, 100).

Bevor wir zum späteren Kernprodukt der Firma, Kola-Dallmann, übergehen, noch einige Hinweise zum Geschäftsgebaren Dallmanns. Während die angebotenen pharmazeutischen Präparate über den engen Raum der Einzelapotheke hinauswiesen und die Werbung eine der Ehrsamkeit der tradierten Apothekerschaft kaum entsprechende Rührigkeit entfaltete, blieb die Absatzgestaltung überraschend traditionell. Die Präparate waren preisgebunden, gewährten Produzent und Händlern einen soliden, tendenziell über dem Marktdurchschnitt liegenden Nutzen. Dallmann reihte sich in die tradierte Absatzkette Produzent, Großhandel und Apotheke (ab 1897 auch Drogerie) verlässlich ein, versuchte kaum, die Absatzwege zu verkürzen. Bestellungen von Letztkonsumenten wurden angenommen, doch der Absatz durch Apotheken und Drogerien dominierte klar. Noch während der Weltwirtschaftskrise 1932 betonte die Firma, dass Geschäftskunden nicht befürchten müssten, auf den Firmenpräparaten sitzen zu bleiben, da man einerseits dauernd Reklame machen, anderseits „nur den Fachhandel“ (Deutsche Apotheker-Zeitung 47, 1932, 694) beliefern würde. Der direkte Absatz an Konsumenten entsprach nicht dem Wirtschaftsmodell des Georg Dallmann, obwohl die Zahl der Versandapotheken seit den späten 1890er Jahren rasch zunahm.

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Die erste Schutzmarke der Firma Dallmann (Wiener Medizinische Wochenschrift 45, 1895, n. 458)

Wenig innovativ, ja halbherzig, blieb auch der Warenschutz. Die ersten Präparate wurden noch als individuelle Artikel Georg Dallmanns angepriesen. Doch Dallmanns Präparate waren weder als eigene Wortmarken eingetragen, noch gab es eine spezielle Schutzmarke. Das änderte sich nach dem Warenzeichengesetz vom Mai 1894, das zur Eintragung einer allgemeinen Schutzmarke für alle Präparate führte. Es folgten die damals üblichen öffentlichen Warnungen, Anzeigen also, die Konkurrenten vor Nachahmungen abschrecken und Konsumenten auf die besondere Qualität der Produkte hinweisen sollten (für die Tamarindenessenz s. Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, 84). Es überrascht allerdings, dass Warenzeichen für einzelne Produkte erst ab 1912 eingetragen wurden. Das betraf Tamess, die umbenannte Dallmansche Tamarinden-Essenz, vor allem aber Kola-Dallmann (Deutsche Apotheker-Zeitung 27, 1912, 560). Wohl als Folge des intensivierten Wettbewerbs bei Anregungsmitteln, zumal der beträchtlichen werblichen Präsenz des in Berlin produzierten Kola-Dultz, ließ Dallmann die Warenzeichen Dallkolat, Kola-Dallmann und Dallmanns Kola-Pastillen schützen (Zentralblatt der gesamten Arzneimittelkunde 1, 1912/13, 203). Die Stärke des noch nicht geschützten, gleichwohl aber schon zuvor verwendeten Begriffs Kola-Dallmann führte jedoch dazu, dass die Versuche des Markentransfers von Kola-Dallmann auf Dallkolat letztlich scheiterten. Bis Mitte der 1920er Jahre wurden die Kola-Pastillen doppelt bezeichnet, Kola-Dallmann und Dallkolat erschienen in den Anzeigen Seit an Seit. Kola-Dallmann war jedenfalls schon vor dem Ersten Weltkrieg ein etablierter Alltagsbegriff geworden, Wegbegleiter und Wegbereiter des Alltagsdopings.

Von den Kola-Pastillen zum Markenartikel Kola-Dallmann

Dallmanns Kola-Pastillen waren eine marktkonforme Materialisierung des deutschen Kolonialismus. Konkret: Einerseits handelte es sich dabei um ein „veredeltes“, gleichsam zivilisiertes Produkt der deutschen Herrschaft in Kamerun (allgemein hierzu Albert Gouaffo, Wissens- und Kulturtransfer im kolonialen Kontext. Das Beispiel Kamerun – Deutschland (1884-1919), Würzburg 2007). Anderseits stand die alltägliche Nutzung von Kola-Produkten in den Ländern der Kolonialmächte für deren massiven Ausgriff auf die naturalen Ressourcen der unterworfenen Länder. Bevor wir uns mit den Dallmannschen Kola-Pastillen direkt befassen, müssen wir daher die Kolanuss etwas genauer in den Blick nehmen.

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Naturkundliche Erfassung der kolonialen Kolanuss (Prometheus 9, 1898, 483)

Bei der Kolanuss handelte es sich um ein in Zentralafrika für westliche Märkte erst gesammeltes, dann auch gezielt angebautes Kolonialprodukt. Der Samenkern war kastaniengroß und bildete getrocknet eine harte Masse, außen braun, innen weiß bis rosenrot. Die Kolanuss gewann ihren Wert für die Kolonialherren durch ihren Stoffgehalt: Etwa 2 bis 2,5 % Koffein, Gerbsäure, den Kakaowirkstoff Theobromin sowie den Farbstoff Kolarot (Paul Zipperer, Kakao und Schokolade, in: Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, Bd. 4, 9. Aufl., Leipzig 1897, 699-708, hier 707). Die Nuss schmeckte sehr bitter, musste also bearbeitet werden, um Konsumgut zu werden. Üblich wurden verschiedene Röstverfahren, ebenso die Behandlung mit Alkalien bzw. schwachen Säuren, etwa dem als Haarbleichmittel schon damals bekannten Wasserstoffperoxid. Die fertige Masse mischte man dann zumeist mit Kakao, Zucker und „Korrigenzien“, um Wirkung, Nährwert und insbesondere den Geschmack zu heben. Sie wurde seit den 1880er Jahren zuerst in Apotheken zu diversen Tinkturen, Extrakten und Essenzen weiterverarbeitet, häufig auch mit Alkohol vermengt. Am Ende stand ein Heilmittel gegen Herzbeschwerden, Nervenstörungen oder aber die Seekrankheit.

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Kurzlebiges Konkurrenzprodukt: J. Henschels Kola-Bitter (Berliner Volksblatt 1890, Nr. 197 v. 26. August, 4)

Doch die Kolanuss bot mehr: „Der Kolagenuss, der mit geringen Mengen – man rechnet 40 g auf Person und Tag – zu befriedigen ist, gestattet den Negern überdies, im Nothfall mit sehr geringen Mengen an Nahrungsmitteln auszukommen und Perioden des Hungers ohne augenblickliche Erschöpfung zu überwinden. Aber er macht die Leute ausserdem heiter, wander- und arbeitslustig“ (Carus Sterne, Die Kolanuss, Prometheus 9, 1898, 465-467, 481-485, hier 466). Kola stand damit in einer Reihe mit anderen, öffentlich diskutierten „Volksnahrungsmitteln“, etwa der lateinamerikanischen Koka bzw. Mate. Deren Einfuhr und Konsum schien bürgerlichen Reformer ein möglicher Beitrag zur Lösung der sozialen Frage, also der Integration der städtischen und ländlichen Arbeiter in die bürgerliche Gesellschaft. Hoffnungsfroh hieß es beispielsweise in Bayern: „Kola-Chokolade ist so stark, daß ein Arbeiter mit einer als Frühstück genossenen Tasse voll ohne alles andere den ganzen Tag arbeiten kann, ohne zu ermüden“ (Die Kolanuß, Rosenheimer Anzeiger 1888, Nr. 49 v. 29. Februar, 4). Wichtig war zudem die vor allem von französischen Entdeckungsreisenden und Medizinern propagierte Verbesserung von Marschleistungen (Edouard Heckel, Les Kolas Africains, Paris 1893). Kola schien eine Alternative zum beim Militär noch gängigen Alkohol bzw. dem Tabak zu sein, eine sanftere Droge für das gemeine Volk (B[ernhard] Schuchardt, Die Kola-Nuss, Correspondenz-Blätter des Allgemeinen ärztlichen Vereins von Thüringen 19, 1890, 293-317; F.E. Steward (Hg.), An Illustrated Monograph of Kola, Detroit 1894). Kola war preiswerter als Kaffee, reizte nicht auf, überdeckte die Müdigkeit. Es war damit ein perfekter Grundstoff für Produktentwicklungen. Während sich Kola in den USA und dann auch anderen westlichen Ländern über Getränke einbürgerte, gab es jedoch einen deutschen Sonderweg: Hier verschwanden die frühen Kolagetränke wieder rasch, während Pastillen, seltener auch Schokoladen, den Markt prägten. Was Coca-Cola für die USA, waren Kola-Pastillen für den deutschsprachigen Raum.

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Angebote des Hauptkonkurrenten Dallmanns, der Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft (Über Land und Meer 81, 1898-99, Nr. 5 (l.); Gordian 3, 1897/98, 1091)

Die medizinische und pharmazeutische Forschung konnte gewiss kein verlässliches Stoff- und Wirkungsprofil der Kolanuss erstellen, vielfach auch aufgrund der steten Vermischung wissenschaftlicher und kommerzieller Interessen. Der Schöneberger Nervenarzt Kurt Ollendorf resümierte kurz vor dem Ersten Weltkrieg jedoch vier allgemein akzeptierte Wirkungen: „1. auf das Zentralnervensystem. Die geistigen Fähigkeiten werden angeregt, das Ermüdungsgefühl verscheucht. Die Respiration wird ausgiebiger und vertieft. 2. auf das Zirkulationssystem. Die Herztätigkeit wird angeregt, der Blutdruck und die Diurese wird gesteigert […]. 3. auf die Muskeln. Die Muskelermüdbarkeit wird teilweise aufgehoben, die Arbeitsleistung gesteigert, ein Faktum, welches Bergsteigern und Sportsleuten seit langem bekannt ist. 4. auf die allgemeine Ernährung. Kola ist ein eminentes Sparmittel, indem es den Stoffwechsel des Körpers verlangsamt. Die Stickstoffausscheidung wird verzögert“ (Kola als Heilmittel, Allgemeine Medizinische Central-Zeitung 81, 1912, 446-447, hier 447). Kola besaß damit ein für unterschiedliche Zielgruppen attraktives Wirkstoffspektrum, war offen für Neupositionierungen. Georg Dallmann bewarb seine Kolapräparate anfangs allerdings als Medikamente.

Seine Fabrik chemisch-pharmazeutischer Präparate Dallmann & Co. wurde 1889 im oberbergischen Gummersbach gegründet. Sie diente der Vermarktung schon zuvor bestehender Produkte der Apothekenpraxis, darunter auch die schon 1888 beworbenen Kola-Pastillen und ein wohl ebenfalls zuvor angebotener Kola-Wein.

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Vermarktung vor der Firmengründung (Allgemeine Zeitung 1888, Nr. 335 v. 2. Dezember, 4944)

Diese Anzeige in der Münchener Allgemeinen Zeitung verweist auf eine damals gängige, sich aus dem lokalen Apothekengeschäft entwickelnde Absatzstruktur: Größere Apotheken wurden für den Handverkauf beliefert, Großhandelsdepots für die Versorgung von weiteren Apotheken und auch Drogenhandlungen eingerichtet. Die Firmengründung bot ab 1889 einen industrielleren Rahmen für die Vermarktung – damals Ausdruck von Fortschritt und Professionalität. Sie erfolgte einerseits in den bewährten Formen des Spezialitätenabsatzes der Apotheken. Das bedeutete Anzeigen in einschlägigen pharmazeutischen Fachzeitschriften, umfasste aber auch ausführlichere Produktprospekte. Sie wurden beigelegt, bei späteren Bindungen meist entfernt. Für die Dallmannschen Kola-Pastillen ist ein doppelseitig bedruckter Werbezettel allerdings erhalten geblieben (Altonaer Nachrichten 1890, Nr. 181 v. 5. August, nach 6). Das Produkt erschien darin als Resultat europäischen Entdecker- und Forschungsfreude: Es stammte aus den westafrikanischen Kolonien des Deutschen Reiches, griff die Alltagsverwendung der einheimischen Bevölkerung auf, transferierte sie in handhabbare und standardisierte Pastillen, wendete sie jedoch auf europäische Problemlagen an. Es folgten die obligaten Empfehlungsschreiben renommierter Doktoren und begeisterter Kunden. Dallmanns Präparate standen im breiten Grenzfeld von Geheim- und Arzneimittel, von Nahrungsergänzung und Pharmakon. Im pharmazeutischen Werbekontext wurden die Kola-Pastillen allerdings nicht nur einzeln, sondern zumeist als Teil des Dallmannschen Gesamtangebotes vermarktet.

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Ein Kolonialprodukt leistet Hilfe im Alltag (Dresdner Nachrichten 1889, Nr. 75 v. 16. März, 4)

Auch in den Publikumszeitungen wurden die Kola-Pastillen als Arzneimittel präsentiert, dienten also noch keinem Alltagsdoping. Das Werbeversprechen war konkreter: Hilfe gegen Kopfschmerzen und Migräne, bei überbürdender Zecherei und allgemeiner Überarbeitung. Dallmann entsprach damit Nutzenerwartungen, mit der Kolanüsse schon Mitte der 1880er Jahren einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurden (Neues Mittel gegen den Katzenjammer, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 296 v. 18. Dezember, 3). Nicht einzelne Gruppen, sondern potenziell alle Konsumenten wurden mit derartigen Anzeigen angesprochen; vorausgesetzt, sie konnten die eine Mark für die Schachtel bezahlen. Ein Facharbeiter verdiente damals ca. 1.000 bis 1.200 Mark – pro Jahr. Die Kundschaft war daher sozial eng begrenzt, doch das galt für die Mehrzahl der damaligen Medikamente.

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Kola gegen Migräne, Kopfschmerzen und Kater (Allgemeine Zeitung 1891, Nr. 149 v. 31. Mai, 4)

Dallmann nutzte von Beginn an neben der Fachpresse auch Tageszeitungen für die Werbung. Er war von Beginn an exportorientiert, einschlägige Anzeigen erschienen seit 1889 im europäischen Ausland. Die deutsche pharmazeutische Industrie hatte zu dieser Zeit bereits eine weltweit führende Stellung, die durch die fast durchweg exportorientierten Unternehmen systematisch weiter ausgebaut wurde (Otto N. Witt, Die chemische Industrie des Deutschen Reiches im Beginne des 20. Jahrhunderts, Berlin 1902, 155-160).

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Konstitutive Exportorientierung (La Suisse Liberale 1889, Nr. 133 v. 8. Juni, 4 (l.); Prager Tagblatt 1889, Nr. 293 v. 23. Oktober, 20)

Das Produkt war für nationale und internationale Märkte bestens geeignet: Eine Spezialität für solvente Bürger, in „Schachteln“, Blechdosen verstaut, gut zu versenden, lange zu lagern. Ein standardisiertes Präparat, gewerblich hergestellt, wohl unter Einsatz der damals üblichen Tablettenformmaschinen. Diese aber dürften noch manuell bedient worden sein, hinzu kamen die arbeitsaufwendige Verpackung und der Versand. Die Kola-Pastillen waren keine Frischware, sondern eine abstrakte Ware für einen abstrakten Markt. Ihr Nutzen war anfangs recht klar umschrieben, zielte auf die Beseitigung einfacher gesundheitlicher Beeinträchtigungen.

Gleichwohl waren die Resultate all dieser Bemühungen überschaubar. Es gelang, die Kola-Pastillen einzuführen, während der seit 1892 beworbene Kola-Nusslikör offenbar den Erwartungen nicht entsprach und rasch zurückgezogen wurde (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 33, 1893, 19). Der Kola-Wein blieb länger im Angebot, verschwand jedoch Mitte der 1890er Jahre. Hinzu kam der Verlust von Auslandsmärkten. In der Schweiz konnten sich die Kola-Pastillen schon in den späten 1880er Jahren nicht durchsetzen, der russische Markt wurde für das „Geheimmittel“ 1898 gesperrt (Archiv für Gesetzgebung und Statistik 50, 1898, 507).

Führt man sich dies vor Augen, so lösen sich spätere PR-Legenden von Georg Dallmann und „seinem“ Präparat in Luft auf (50 Jahre Kola-Dallmann, Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, 412). Dallmanns Kolapräparate waren einige unter vielen. Sie entsprachen den Erwartungen einer international wie national geführten Diskussion in Wissenschaft und Öffentlichkeit und wurden mit einer durchaus konventionellen Produktionstechnik hergestellt. Dallmanns Werbung war breit angelegt, doch die des Marktführers, der Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft, konnte sich damit sicherlich messen. Sie produzierte ihre Kolaprodukte zudem in Lizenz des wesentlich bekannteren Ludwig Bernegaus (1860-1923), eines in Wissenschaft, Militär und Kolonialverwaltung bestens vernetzten Pharmazeuten, der später auch das Monopol für den Kolaimport aus Kamerun erhielt (André Schön und Christoph Friedrich, Zu Leben und Wirken des Apothekers und Nahrungsmittelchemikers Ludwig Bernegau, Geschichte der Pharmazie 67, 2015, hier 32-34). Der Kolonialpropagandist erprobte Mitte der 1890er Jahre zahllose Verwendungsmöglichkeiten der Kolanuss, bis hin zum Futtermittel (L[udwig] Bernegau, Die Bedeutung der Kola-Nuss als Beifutterstoff, Altona 1897). Die Hamburg-Altonaer Nährmittel-Gesellschaft machte zudem deutliche Schritte hin zu einer Neupositionierung der Kolapräparate, wurden sie doch nicht nur allgemein beworben, sondern auch gezielt für die „Sport-, Reise-, Bade- und Manöver-Saison“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, Nr. 14, VI). Dallmann ging diesen Weg mit – und überholte schließlich die Konkurrenz.

Der lange Weg zur Zielgruppensegmentierung

Zielgruppensegmentierung war Bestandteil unternehmerischer Praxis lange bevor die damals entstehende Betriebswirtschaftslehre das Konzept ausformulierte und zu einer universell anwendbaren Technik verdichtete. Ihrer Etablierung ging ein doppelter Lernprozess voraus: Auf Seiten der Konsumenten galt es Gruppenzusammenhänge und damit verbundene Konsumbedürfnisse zu realisieren, die abseits tradierter Modelle von nach Ständen oder Klassen unterscheidbarer Personen bestanden. Auf Seiten der Unternehmer mussten diese Veränderungen ebenfalls wahrgenommen und dann hervorgehoben und verstärkt werden. Zielgruppendefinitionen erlaubten passgenaue Ansprache, passgenaue Produkte und damit letztlich höhere Wertschöpfung. Gesamtgesellschaftlich bedeutete dies soziale Schließung und Mobilitätschance zugleich. Konsumgüter hatten nicht mehr primär einen direkten Nutzen – etwa die Wirksamkeit eines Medikamentes –, sondern vermehrt auch einen Zusatznutzen, den der sozialen Zugehörigkeit und der Abgrenzung von Nichtkonsumenten. Das konnte wirtschaftlich genutzt werden.

Blicken wir dazu auf einige Anzeigen der Dallmannschen Kola-Pastillen, bevor diese zum Markenartikel Kola-Dallmann resp. Dallkolat mutierten. In einer redaktionellen Werbung hatte es 1889 etwa geheißen: „Das Gefühl von Müdigkeit, Schlappheit, welches sich besonders nach körperlicher Ueberanstrengung, wie z.B. auf Märschen, beim Bergklettern u.s.w. einzustellen pflegt, wird durch den Gebrauch einiger Cola-Pastillen beseitigt. Dem durch den Genuss geistiger Getränke, Aufenthalt in Rauchluft etc. entstehenden Kopfschmerz beugt man durch eine Dosis von 3-6 Pastillen (am besten vor dem Schlafengehen genommen) vor“ (Kola, Der Fortschritt 5, 1889, 119). Dieses Angebot entsprach noch einem direkten Nutzen der Pastillen in einer bestimmten Situation des nicht näher beschriebenen Konsumenten.

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Übergang zum Anregungsmittel für klar abzugrenzende Gruppen (Süddeutsche Apotheker-Zeitung 37, 1897, Nr. 59 v. 23. Juli, 562)

Acht Jahre später war die Anzeige der Kola-Pastillen formal und zielgruppenbezogen deutlich verändert. Die Verpackung des Produkts diente als Blickfang, verband Werbebotschaft und den Kaufakt in der Apotheke. Die Schutzmarke des gewerblichen Produktes wurde integriert, auch wenn noch die Verbindung zum Apotheker Georg Dallmann handwerkliche Traditionen imaginierte. Festpreise für Deutschland, Frankreich, Österreich-Ungarn und Italien suggerierten internationales Renommee der Pastillen. Doch ihr sozialer Nutzen wurde nur ansatzweise klar. Reisen und Radtouren bildeten den denkbaren Anlass für den Kauf, die Zugehörigkeit zur Gruppe der Touristen bzw. Radfahrer wurde eigens hervorgehoben. Die Annonce quoll über von teils widersprüchlichen Elementen unterschiedlicher Marketingkonzepte. Freizeit und militärischer Dienst wurden vermengt, Offiziere und Touristen parallel angesprochen. Mann, Mann, Mann! Eine gewisse gesellschaftliche Exklusivität war offenkundig, denn nur wenige hatten damals Zeit und Geld für Reisen. Radfahren war jedoch ein nie exklusives bürgerliches Vergnügen, das durch die damals schon übliche Massenfabrikation von Fahrrädern zunehmend günstiger wurde, dem Angestellte und auch Facharbeiter frönen konnten. Die Werbung wurde verändert, blieb aber unausgegoren, halbherzig.

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Die Verbindung von Pastillen und sozialer Situation (Kladderadatsch 56, 1903, Nr. 39 v. 27. September, Beibl. 2, 1)

Sechs Jahre später finden wir in der Karikaturzeitschrift Kladderadatsch eine Reihe unterschiedlicher Werbeanzeigen, die im Folgejahr auch in Danzer’s Armee-Zeitung geschaltet wurde. Das erlaubte Variationen bei dennoch einheitlicher Werbebotschaft. Hierin war erstmals von der „Marke Dallmann“ die Rede (Kladderadatsch 56, 1903, Nr. 47 v. 22. November, Beibl. 2, 2), doch die meisten Annoncen vermengten nach wie vor unterschiedliche Nutzenprofile und Zielgruppen, verwandten dazu gar Sätze und Begrifflichkeiten aus Anzeigen und Werbezetteln der mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Einführungsphase. Offenkundig kombinierte die Reklameabteilung der Firma Wortelemente im sinnarmen Baukastenstil, reflektierte ihre Bedeutung nur ansatzweise. Auch wenn das heute noch die Antwortpraxis vieler „Servicecenter“ sein mag, so war dies doch bereits vor mehr einem Jahrhundert nicht mehr Stand erfolgreicher Reklamepraxis. Die obige Anzeige war allerdings anderer Art. Als Blickfang diente nun die konturenscharf dargestellte Verkaufsverpackung. An die Stelle des Apothekers Georg Dallmann war die Firma Dallmann & Co. getreten, die gewerbliche Herkunft wurde klar und selbstbewusst benannt. Recht klar war zudem die Fokussierung der Anzeige auf eine soziale Situation, auf bürgerliche Geselligkeit. Auch hier vermengte man abermals Freizeit und Arbeit. Doch eine gewisse Richtung wurde erkennbar.

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Markenbildung und situative Produktpräsentation (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3413, Beibl.)

Es dauerte allerdings nochmals sieben Jahre, bis die Firma sich auf der Höhe der „Werbekunst“ der damaligen Zeit befand. Zum einen wurde die Marke als solche betont. Rechtlich korrekt verwies man auf die Schutzmarke Dallmann & Co., doch verband man diesen Namen nun deutlich mit dem in Großbuchstaben gehaltenen Begriff KOLA (noch deutlicher in Fliegende Blätter 133, 1909, Nr. 3409, Beibl.). Als Blickfang diente nun aber eine soziale Situation, in der ein vorheriger Konsum der Pastillen angeraten sinnvoll erschien. Der Blick wurde auf die Breite menschlicher Strapazen gelenkt, der medizinische Hintergrund war demnach noch präsent. Der Mensch war Mängelwesen, doch Abhilfe durch die Ware möglich. Mit dem Rückbezug auf körperliche Anstrengungen koppelte der unbekannte Werbetexter Lebensbezüge, löste diese mit dem Bild der jungen Skifahrerin jedoch sportlich-dynamisch auf. Der Mensch bewährte sich in den angezeigten Situation, er konnte sich behaupten, konnte dazu zur Pastille greifen. Noch aber handelte es sich nicht wirklich um Alltagsdoping, denn Strapazen standen nicht im Mittelpunkt der Lebenswelt der konsumtiven Klassen. Dazu wurde die hier angedeutete Werbekampagne 1911 ausgeweitet und dann 1912 in eine neue Werbeform überführt. Dies war jedoch keineswegs Ausfluss einsamer Ratschlüsse in Schierstein, sondern Ausdruck veränderter Marktverhältnisse einerseits, der steten öffentlich Diskussion über Doping anderseits.

Alltagsdoping und Sportdoping

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Die Werbeaufgabe vor Augen geführt: Präsentiere ein Massenprodukt, als wäre es für individuelle Käufer gemacht (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 8, 1912, Nr. 46 v. 9. November, 15)

Alltagsdoping ist der Schlüsselbegriff, um den Erfolg der Dallmannschen Kola-Pastillen zu verstehen. Dies gilt nicht metaphorisch, denn dieses Alltagsdoping gründete auf dem Umgang mit dem sich um 1900 rasch etablierenden Sportdoping. Der Begriff Doping ist ein Lehnwort aus dem US-Amerikanischen, fand sich in Kontinentaleuropa als Beipack der frühen Erfolge amerikanischer Reitställe, Jockeys und Trainer. Gerüchte machten um 1900 die Runde, vor Augen standen mit Kokain und Strychnin vollgepumpte Pferde. In Österreich, dann auch in Ungarn erließen die Jockeyclubs daraufhin Maßregeln gegen die „Anwendung von Droguen, subcutanen Einspritzungen oder Geheimmitteln irgend welcher Art“. Doping war damals „die aus Amerika importirte Anwendung von stimulirenden oder niederschlagenden Mitteln bei Rennpferden“ (Das Doping, Illustrierte Sport-Zeitung 9, 1902, Nr. v. 2. Dezember, 1310). Beim Austria-Preis 1901 wurden die damit verbundenen Probleme deutlich. Rennpferd Edgardo wurde disqualifiziert, doch der Dopingnachweis konnte nicht geführt werden (Die Edgardo-Affaire, Illustrierte Sport-Zeitung 8, 1901, Nr. 44, 2-4). Die Verabreichung leistungssteigernder Mittel bedurfte eines Kontrollregimes und veterinärmedizinischer Expertise – und diese fehlten. Entsprechend änderte sich mit der raschen Ausweitung einschlägiger Maßregeln in den USA (Doping, Pester Lloyd 1902, Nr. 306 v. 24. Dezember, 9), dann auch in Frankreich, Russland, England und Deutschland (Gegen das Doping, Allgemeine Sport-Zeitung 24, 1903, Nr. 88 v. 4. Oktober, 1281) wenig; zumal weiterhin behauptet wurde, dass die gängigen Stimulantien nicht wirksam seien (Das „Doping“ des Rennpferdes, Illustrierte Sport-Zeitung 11, 1902, Nr. 1 v. 5. Januar, 2-3).

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Wettkampf der Radrennfahrer im Berliner Olympia-Park – ein Zuschauer- und Dopingspektakel (Sport im Bild 19, 1913, 514)

Die Diskussionen am Turf führten zu ähnlichen Diskussionen über Doping bei Menschen. Der Tod des walisischen Radrennfahrers Arthur Linton (1868-1896) markierte einen gewissen Startpunkt. Stimulantien waren zur Jahrhundertwende vor allem im professionellen Kraft- und im Radsport weit verbreitet: „Die bekanntesten dieser Mittel sind (abgesehen von den Alkoholika, wie Sherry, Cognac, Champagner etc.) Kolawein, Arsenik, Strychnin, Coffein, Blaustift u.s.w.“ (Maxime Lurion, Das Doping des Radfahrers, Neues Wiener Tagblatt 1900, Nr. 333 v. 4. Dezember, 39-40, hier 39). Kola war dabei ein wichtiges Stichwort. Denn bei aller Verdammung der fast durchweg gesundheitsgefährdenden Stimulantien durch Ärzte galt damals: „Das einzige Mittel, welches vom ärztlichen und praktischen Standpunkt aus empfohlen werden könnte, ist Kola“ (Ernst Schultze, Über Doping, Radfahrer-Rundschau 5, 1901, Nr. 23 v. 1. Dezember, 5). Kola wurde zwar als Dopingmittel benannt, profitierte davon aber als ein zur Wettkampfvorbereitung durchaus empfehlenswertes Mittel.

In Danzer’s Armee-Zeitung, in der Dallmann seit 1900 sein Kola-Pastillen bewarb, hieß es über Kolapräparate: „Ihr Werth besteht darin, daß sie bei Ermüdung oder Erschöpfung oder ähnlichen auf Abnahme der Muskel- oder Herzkraft beruhenden Verhältnissen anregend wirken. Zu dem Zweck aber, sie zu einer bevorstehenden schwereren Körperleistung zu gebrauchen, möchte ich sie nicht empfehlen. Es sind Erholungsmittel – unter gewissen Umständen – aber keine Stärkungsmittel“ (Wilhelm Mitlacher, Das Wesen des „Doping“ im Sport, Danzer’s Armee-Zeitung 6, 1901, Nr. 3 v. 17. Januar, 15-16, Nr. 4 v. 24. Januar, 15-16, hier Nr. 4 15-16). Dies führte zu einer gespaltenen Diskussion: Während Kokain, Arsen und Strychnin durchweg abgelehnt wurden, schien Kola akzeptabel zu sein (Ueber das Doping, Neues Wiener Tagblatt 1901, Nr. 235 v. 28. August, 28). Das galt zumal in den Folgejahren, als sich die moralische Empörung zunehmend legte: „Heute denkt man über das Doping anders, anerkennt seinen Wert innerhalb gewisser Grenzen und nimmt bloß Stellung gegen die übertriebene Anwendung“ (Doping, Neues Wiener Tagblatt 1905, Nr. 355 v. 24. Dezember, 42-43, hier 42). Das galt auch für den immer größere Kreise ziehenden Motorsport sowie den sich nun institutionalisierenden Fußball. Dallmann griff diese Debatten unmittelbar auf, etwa in einer redaktionellen Werbung: „Eine animierte, heitere Gesellschaft wird sich auch für die Zukunft nicht gut ohne ein Glas Wein oder Bier denken lassen, aber bei dem Sport, dem ernsten Sportbetrieb, wo es darauf ankommt, eine lange Zeit hindurch, vielleicht den ganzen Tag, leistungsfähig zu bleiben und den heranstürmenden Ereignissen ruhig und mit klarem Kopf entgegenzutreten, da greift der moderne Sportsmann nicht mehr zu dem Alkohol, sondern zu einem anderen Anregungsmittel, das zwar nicht so augenblicklich wie das erstere das Kraftgefühl, die Stimmung und den Wagemut (bis zur Verwegenheit) aufstachelt, sondern, langsam beginnend, dann aber anhaltend und ohne darauffolgende Erschlaffung, dem Körper eine zähe Ausdauer und Energie verleiht, die Lebensfreude und Genussfähigkeit wach erhält und ihn in den Stand setzt, große Strapazen mit Leichtigkeit zu ertragen“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 34, 9-10).

Hinzu kam, dass das Kokettieren mit dem Unerlaubten, das Unterlaufen von Kontrollen vielfach als eine eigene Art des Sports verstanden wurde. Die Bedenkenträger wurden verspottet: Paradigmatisch dafür war das medizinische Präparat „Doping“, eine Mischung aus Strychnin, Koffein und Kokain, das Pferden 40 Minuten vor dem Rennen in einer ausgehöhlten Rübe verabreicht werden sollte, um bessere Leistungen zu erzielen (Pharmazeutische Praxis 3, 1904, 420). Dopingfälle und damit verbundene Skandale gab es viele, doch vor Gericht konnten die Vergehen mangels eindeutiger Nachweise zumeist nicht eindeutig nachgewiesen werden. Die Folge war ein gewisser Überdruss am „Doping-Rummel“ (Freudenauer Oktobermeeting, Neues Wiener Tagblatt 1911, Nr. 292 v. 23. Oktober, 12). Ein bisschen Nachhelfen, das war doch normal…

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Aufschwung der Sportmedizin und der Psychotechnik: Ein Ergograph zur Messung der Muskelkraft (Max Willner, Sportwissenschaftliche Messungen beim Training, Sport im Bild 20, 1914, 326-328, 330, hier 328)

Die Dopingdebatte wies weit über die allgemeine Akzeptanz von Kolapräparaten als relativ unschädliches Stimulanzmittel hinaus. Sie war Schrittmacher für die Professionalisierung der Sportmedizin, deren Messtechniken wirksame Kontrollen etwa bei den geplanten olympischen Spielen in Berlin 1916 ermöglichen sollten. Sie war Teil einer in immer mehr Lebensbereiche eindringenden Biopolitik, bei der es um die Kontrolle und die Leistungssteigerung der Arbeit ging. Der Wettbewerb zwischen Firmen und Menschen, ebenso der seit den 1890er Jahren massiv aufkommende professionelle Sport führten zu einer ebenso massiven Nachfrage nach Ratgebern, Coaching- und Trainingsverfahren, um sich in Alltag und Freizeit erfolgreich behaupten zu können. Kola-Dallmann griff all diese Entwicklungen auf – und wurde zu einem hierfür passgenauen Angebot, zur Grundlage erlaubten und gesundheitlich unschädlichen Alltagsdopings.

Auf dem Weg zum Alltagsbegleiter

Die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg war in vielem der unseren ähnlich. Die rechtlichen Liberalisierungen im langen 20. Jahrhundert führten zu neuen Freiräumen im Leben der Mehrzahl, vor allem aber im Bürgertum und der neuen urbanen Mittelschicht. Die Arbeitszeiten waren noch lang, die Durchschnittseinkommen deutlich niedriger als heute. Doch neben den freien Sonntag traten Teile des Samstags, die Reallöhne stiegen. Das waren die Wohltaten eines kapitalistischen Systems, das zwar massive soziale Ungleichheiten produzierte, das aber die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten verbessern half. Der Preis hierfür war jedoch ein vermehrter Alltagsdruck im allseits präsenten und diskutierten Kampf um das Dasein, im Wettbewerb mit Unbekannten und seinem beruflich-sozialen Umfeld. Freizeit entstand, war jedoch von der Arbeitswelt nicht geschieden, war vielfach Repräsentationskultur. Nervosität und Angespanntheit wurden beklagt, Ruhe und Erholung ersehnt. Lebensreform und Wanderbewegung profitierten hiervon.

All dies waren Treibsätze für die dynamischen Fortentwicklung der Konsumgesellschaft, denn alle diese Herausforderungen führten zu neuen Konsumpraktiken, zu neuen Konsumgütern. Produkte und Dienstleistungen erlaubten den Einstieg in all das Neue, zugleich aber den temporären Ausstieg. Kola-Dallmann bot Hilfe und Unterstützung, war eine diskrete Alltagswaffe. Die Pastillen demokratisierten den Gebrauch von subtilen Stimulantien, bürgerlich eingebettet, Teil eines teils auch rauschenden Lebens. Das Leben der Jahrhundertwende bot vielfältige neue Chancen, die man ergreifen konnte, wenn man die dafür nötige Kondition und Konstitution hatte. Kola-Dallmann half diskret, ja, erschien als Bedingung für Freude und Erfolg.

Um derartig allgemeine Veränderungen genauer zu verstehen, ist eine Analyse der werblichen Umsetzung derart abstrakter Aussagen erforderlich. Georg Dallmann intensivierte seine Reklame ab 1910 quantitativ und qualitativ. In einer ersten Serie trat 1910 bis 1912 die Marke Kola-Dallmann vollends in den Mittelpunkt. Sie wurde umkränzt von neuartigen Bildelementen, Fettungen bestimmten die Aufmerksamkeit mit, ebenso Variationen der Verpackung.

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Die Beschwörung des medizinischen Nutzens: Ein Auslaufmodell der Dallmannschen Werbung (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3411, Beibl.)

Die damals einsetzende Anzeigenlawine dürfte nicht zuletzt mit der Herausforderung des 1909 eingeführten Präparates Kola-Dultz zusammengehängt haben, einer Kautablette aus Kola, phosphorsaurem Kalzium und Vanillin (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 50, 1909, 839). Zugleich reagierte Dallmann damit auf die immense Ausweitung der Markenartikelwerbung seit der Jahrhundertwende. Damals hatte die Werbeplakatkunst – viele meinten ein Widerspruch in sich, faktisch handelte es sich aber um eine Facette der umfassenden Kommerzialisierung der Kunst – ihren Höhepunkt bereits überschritten. So elegant und eingängig die vielfach nur auf ein Produkt und dessen Namen reduzierten Anzeigen auch waren, so vernachlässigten sie doch eine Kernaufgabe moderner Werbung: Die Brückenbildung hin zum Konsumenten, zu seinen Ideen und Wünschen. Bei Dallmann führte dies ab 1912 zu vielen Dutzend Wortanzeigen, die durch große handschriftliche Kickwörter eingeführt wurden. Während die gängige Werbekunst noch vielfach ihr Produkt als das Produkt präsentierte, wurde Kola-Dallmann in eine Vielzahl von Alltags- und Freizeitsituationen eingebettet, spielte regelmäßig mit der vermeintlichen Natur des Menschen. Es zielte auf ein bürgerliches Publikum, nicht auf Facharbeiter oder gar weniger. Eine Anzeige im sozialdemokratischen Vorwärts hat es bis zu dessen Verbot 1933 nicht gegeben, ebenso fehlten Aufträge für die sozialdemokratische Karikaturzeitschrift Der Wahre Jacob. Das war Ausdruck einer patriarchalischen Unternehmerkultur, zugleich aber der Versuch, ein standardisiertes Massenprodukt sozial klar zu verorten. Die Gewinnspannen für die Firma und ihre Abnehmer blieben hoch, der Preis von einer Mark pro Packung konstant. Beispiele müssen ausreichen, geordnet nach Themen und Inhalten der Werbung.

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Die Ausgeglichenheit der Frau – stofflich unterstützt (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3478, Beibl.)

Beginnen wir mit der Geschlechterfrage, eine der Schlüsseldebatten des neuen Jahrhunderts. Der Zugang der Frauen zu den Universitäten hatte begonnen, selbst in Preußen. Um das Frauenwahlrecht wurde gerungen, die Sozialdemokratie sollte es 1918 dann verankern. Weibliche Autonomie wurde gefordert, freie Sexualität, ein Vorgehen gegen die Prostitution, außerhalb und im bürgerlichen Haushalt. Noch aber ging auch frau von einem gewissen Wesensunterschied von Mann und Frau aus, real, nicht diskursiv geformt. Die Werbung für Kola-Dallmann griff all dies auf, stellte Frauen als aktiv und selbstbewusst dar, nicht jedoch im Kontext tradierter Arbeit. Die Frau hatte ein Heim auszugestalten, war aktiver Part bei Feiern, im Theater, in der Konversation mit anderen ihres oder ihres Mannes Umfelds. Kola-Dallmann sorgte für „beste Laune, köstlichen Humor und feinsten Esprit“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3472, Beibl.). Die Pastillen erst gaben ihr wahre Empfindungen, stützten sie als „Sonne im Haus“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 9. Januar, 8). Der unter Migräne, Menstruationsbeschwerden und Nervenanspannung leidenden Frau erschienen sie unverzichtbar (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3481, Beibl.). Auch in den tristeren Alltag zauberte das Kolapräparat Frohsinn, kitzelte die „Frohnatur“ aus dem „Mütterchen“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 9, 1913, Nr. 18, 12). Sport und auch Wandertouren gehörten zum freudigen Damendasein (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 38, 12). Frauen konnte Großes vollbringen, so die US-amerikanische Frauenrechtlerin und Bergsteigerin Fanny Bullock Workman (1859-1929), deren Himalaja-Tour 1906 werblich gewürdigt wurde (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 19. Juni, 5). Dallmann griff die sich wandelnde Stellung der Frauen werblich auf, sprach sie explizit an, wies dem „zarten Geschlecht“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3647, Beibl.) aber noch eine gewisse Zurückhaltung zu.

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Alles herausholen, Leben ist fordernd (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3482, Beibl.)

In der Kola-Dallmann-Werbung waren auch Frauen Teil der modernen Wanderkultur, wenngleich der Ton härter, männlicher war. Freie Männer und Jünglinge standen im Konsumreigen Seit an Seit mit hochgemuten Frauen (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 12. Juni, 12). Übermüdung und Erschlaffung waren zu überwinden, auch vom fröhlichen Wandersmann, der jubelnd in die „schöne Natur“ hinauszog (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3540, Beibl., 29). Natur war für den Menschen da, Konsumgut, zu erobern, zu nutzen, zu genießen. Zurückhaltung war keine Tugend, die (imaginierten) vielen leeren Dallkolat-Schachteln der Münchener Bergsteiger an der Zugspitze galten als Ausdruck der „hellen Freude“ dieser Sportsleute, nicht als solche des ökologischen Raubbaus (Fliegende Blätter 141, 1914, Nr. 3599, Beibl., 12).

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Freie Bahn dem Konsumenten (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3536, Beibl., 3)

Sport erschien in der Dallmann-Werbung als eine Essenz des Lebens, als elementarer Wettbewerb: „Heute triumphiert König Sport über all seine Gegner“ (Sport im Bild 19, 1913, 510). Niemand konnte sich dem entziehen. Körperliche Schwäche und auch Faulheit bei der sportlichen Arbeit waren durch Kolazufuhr vermeidbar (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3483, Beibl.). Sport war Vergnügen, gewiss. Doch dank Kola-Dallmann galt: „Niemals zurück!!“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3486, Beibl.). Dessen Konsum schien sogar „Social ausgleichend“ Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3490, Beibl.), denn anstelle von Stand und Herkommen trat nunmehr individuelle Leistungsfähigkeit. Wahres Menschentum, in „Freude und Schönheit“, gründete nicht nur auf körperlichen und geistigen Fähigkeiten, sondern entstand erst durch deren volle Aktivierung mittels Kolakraft (Die Muskete 14, 1912, Nr. 355, 13). Sport war nicht kontemplativ, sondern ein Messen mit und ein Besiegen von anderen.

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Siege dank (nicht verbotenem) Doping (Badische Presse 1914, Nr. 165 v. 8. April, 8)

Die Firma Dallmann propagierte ihre Kola-Pastillen offensiv als probates Dopingmittel. Explizit nannte sie in redaktionellen Werbungen zahlreiche Radrennfahrer, die ihre Siege dank des Schiersteiner Mittelchens errungen hätten (Glänzende Siege, Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 30, 10). Der Leipziger Straßenrennfahrer Friedrich Franke gewann nach eigenem Zeugnis so den Gepäckmarsch „Rund um Glauchau“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 36, 9), ähnliches schrieben der Radrennfahrer Gustav Janke und andere „Sieger“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 8, 1912, Nr. 30, 19). Einschlägige Rekorde schienen „fast durchweg mit Hilfe der Echten KOLA-Pastillen Marke: Dallmann aufgestellt. Ohne sie sind sportliche Höchstleistungen selten oder gar nicht mehr denkbar“ (Illustriertes Österreichisches Sportblatt 7, 1911, Nr. 30, 12). Der Siegerkick wurde auch dem Amateursportler anempfohlen: „Wer nicht nach dem Ruhme strebt, in seinem Sport das Höchste zu leisten, sondern ihn als Mittel betrachtet, neben ebenmässiger Körperausbildung sich Geist und Körper elastisch und frisch zu unterhalten, der wird doch manchmal, wenn er nicht besonders disponiert ist, gern zu einem Anregungsmittel greifen, das ihm […] schnell über Indispositionen, Ermüdung und Abspannung aushilft“ (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3445, Beibl., 1). Die Werbung war nicht zweideutig verdruckst, sondern enthielt explizite Aufforderungen zum Konsum der leistungsfördernden Kolapräparate während sportlicher Veranstaltungen (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3450, Beibl.), Tourenfahrten (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3455, Beibl.) oder auch bei Weltrekorden im Flugsport (Kladderadatsch 66, 1913, Nr. 45, Beibl. 3, 3). Die Firma Dallmann förderte und profitierte von Doping, damals noch erlaubt und allgemein praktiziert – und übertrug diese Mechanismen in den Alltag.

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Lebensfreude durch Alltagsdoping (Fliegende Blätter 133, 1910, Nr. 3414, Beibl.)

Doping war nicht auf den Sport- und Freizeitbereich zu begrenzen. Die Dallmann-Werbung quoll über von Verweisen auf Lebensfreude, auf eine „fröhliche aufjauchzende Lebensbejahung“, die „bei dem hastigen geschäftlichen Streben und bei der gesellschaftlichen Ueberbürdung und Ueberreizung fast verlorengegangen“ sei (Sport im Bild 19, 1913, 338). Die kleine Pastille gab den Alltagskick, um gut drauf zu sein, um nicht in Depressionen zu verfallen. Konsumiere und der „Frohsinn ist Dein Gefährte!“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 17. Juli, 6). Die Wirkungen des Alltagsdopings waren mentaler, psychologischer Art: „Ich fühle freudig meinen Mut wachsen und meine Kräfte machtvoll herausquellen“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 1. Januar, 7). Lebensfreude auf Präparatebasis ging allerdings mit einem hierarchischen Menschenbild einher. Der Kolakonsument war eine „Herrennatur“ (Sport im Bild 20, 1914, 304), die sich über andere erhob, sich vom „Philister“ und „den grossen Haufen“ abgrenzte. Das propagierte Selbstbild dieses Konsumenten war „der geistig rege, intelligente Mensch“ (Fliegende Blätter 136, 1913, Nr. 3524, Beibl., 12), waren frohe „Menschen die dankbar geniessen, was ihnen der Tag bietet“ (Fliegende Blätter 138, 1913, Nr. 3517, Beibl., 3).

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Germanenkult in der Kolawerbung (Die Muskete 14, 1912, Nr. 356, 11)

Die Firma Dallmann propagierte in ihrer Werbung ein hierarchisches Menschenbild und das Recht des Stärkeren – und dieses schien mit Nationalismus und Deutschtum einher zu gehen. Einseitige gedeutete Wagner- und Nietzschefetzen standen bei den Texten vielfach Pate, begründeten eine Sonderstellung der „Germanen“ (hier zu den Analogien beim deutschen Eichelkult). Schon 1908 hatte die Firma Wasser auf die Mühlen des Nationalismus gespült, als sie ihre österreichisch-ungarischen Preislisten anlässlich der tschechisch-deutschen Nationalitätenkonflikte um folgende Notiz ergänzte: „‚Außer in den Hauptsprachen kann man die Ausstattung der Kola-Pastillen auch in den minder verbreiteten Mundarten, wie holländisch, ungarisch, schwedisch, finnisch, malayisch und mehreren anderen, erhalten. Die Lieferung in tschechischer Sprache ist jedoch ganz ausgeschlossen‘“ (Znaimer Tagblatt 1908, Nr. 267 v. 18. November, 3). Derartiger Antislawismus fand nicht nur in Österreich zahlreiche Fürsprecher, die das „stramme Vorgehen einer deutschen Geschäftsunternehmung“ begrüßten (Freie Stimmen 1908, Nr. 130 v. 8. November, 11). In den Anzeigen fand man öfters Verweise auf die germanische Sagenwelt: „Wie ein Siegfried“ sollte man das Land durchwandern, natürlich nicht ohne die den Germanen doch recht fremde Kola-Pastille (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3484, Beibl.). Das Siegfriedmotiv fand sich in einer weiteren Werbung (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3488, Beibl.), doch auch „Wotan der Wanderer“ trat vor das Lesepublikum (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3491, Beibl.), also die Odin-Schrumpfgestalt aus Wagners Siegfried-Oper. All das entsprach dem Dünkel und den Bildungsversatzstücken breiter Teile des damaligen Bürgertums, nicht unbedingt aber einem aggressiven völkischen Nationalismus. Dazu war in der Dallmannschen Werbewelt viel zu viel von Freude, Schönheit und Jauchzen die Rede. Graf zu Eulenburg hätte daran seine Freude gehabt.

27_Fliegende Blätter_136_1912_Nr3471_Beibl_Kola-Dallmann_Geselligkeit_Repräsentationskultur

Herausforderung Kulturleben (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3471, Beibl.)

Entsprechend ambivalent erschien auch die Welt der bürgerlichen Kultur, also Konzerte, Theateraufführungen, Empfänge und Ballveranstaltungen: „Ich bin gänzlich indisponirt meine gesellschaftlichen u. geschäftlichen Talente zur Geltung zu bringen, anregende Konversation zu machen und grosszügig zu disponieren, weil ich übermüdet und abgespannt bin. UND ES GEHT DOCH!“ (Sport im Bild 19, 1913, 416). Der sportliche Natur- und Freizeitmensch litt unter dem plätschernd-unverfänglichen Palavern, das für ihn nur Fortsetzung der Arbeitsanstrengungen war. Er brauchte eine Partydroge, um „ganz passabel“ seinen Mann zu stellen „und mit neuerwachter Genussfreudigkeit gute Konversation“ zu machen (Muskete 16, 1913, Nr. 388, 13). Ähnliches galt für Frauen. Erst Kola-Dallmann transformierte „die junge Frau B.“ zum munteren und geistreichen Herrenfang (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3475).

28_Fliegende Blätter_136_1912_Nr3474_Beibl_Kola-Dallmann_Examen_Alltagsdoping

Herausforderungen im Alltag, gemeistert dank moderner Stimulanzien (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3474, Beibl.)

Ein Großteil der Dallmannschen Anzeigen kurz vor dem Ersten Weltkrieg kokettierte mit Freizeit und Geselligkeit, entsprang nicht dem Arbeitsleben. Doch auch dort vermochte das Produkt der Kolanuss zu helfen, galt es doch in „verantwortungsreicher Stellung“ klar zu denken und im rechten Moment richtig zu handeln (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3468, Beibl.). Auch das Arbeitsleben war eines unter Konkurrenten, es galt, „im ernsten Lebenskampfe wie im heiteren Spiel und Sport siegesfreudig“ seinen Mann zu stellen (Sport im Bild 19, 1913, 478). Die Dallmann-Werbung spielte mit der Vorstellung von Entscheidungssituationen, etwa von mit „vieler Ueberlegung und grossem Bedacht“ geführten Konferenzen (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3466, Beibl.). Auch Redner konnten mit Kolahilfe „klare Gedanken“ großzügig entwickeln sowie „ein geschärftes Gedächtnis und sicheres Selbstvertrauen“ erlangen (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3467, Beibl.). Juristen wurden angesprochen, benötigten sie doch offenkundig Kola-Dallmann um „bei anstrengenden Sitzungen und Verhandlungen einen klaren Kopf zu erhalten“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 27. Februar, 6). Die Arbeitswelt erlaubte Macht und Aufstieg. Beides aber verlangte Kraft und stete Präsenz, erforderte einen Ausbruch aus der Mittelmäßigkeit. „Ohne besondere Hilfsmittel geht das heute nicht mehr“ (Fliegende Blätter 136, 1912, Nr. 3470, Beibl.). Erfolg hing demnach „nicht zum wenigsten davon ab, ob Du körperlich vollmobil bist und geistig jederzeit Dein ganzes Können in die Wagschale zu werfen verstehst“ (Der Welt-Spiegel 1913, Ausg. v. 20. Januar, 6). Kola-Dallmann war Hilfe und Tröster zugleich in einer Arbeitswelt voller Konkurrenz und ohne rechte Kooperation.

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Werbliches Zwischenfazit nach vier Jahren, zugleich Aufbau einer Firmenlegende (Badische Presse 1914, Nr. 243 v. 27. Mai, 8)

1914, zum 25-jährigen Bestehen von Dallmann & Co., veröffentliche die Firma nicht nur ein kleine vierseitige Werbebroschüre (25 Jahre Dallkolat, Trier 1914), sondern zog in redaktionellen Werbetexten auch ein geschöntes Resümee ihrer Geschichte (Ein 25 jähriges Jubiläum, Badische Presse 1914, Nr. 265 v. 10. Juni, 7; Danzer’s Armee-Zeitung 19, 1914, Nr. 26, 8). Kola-Pastillen Marke Dallmann erschienen darin als das zentrale Produkt der Firma – zwei Jahre nach Eintragung der Warenzeichen, mindestens 26 Jahre nach den ersten Anzeigen. Angesichts des offensichtlichen Verkaufserfolges mochte dies dem damaligen Stand der Geschäfte entsprechen, doch es galt sicher nicht für die Gesamtgeschichte der Firma. Schon zwei Jahre später musste der Verkauf der Pastillen aufgrund mangelnder Rohstoffzufuhren eingestellt werden. Dallmann & Co. überstand die Kriegs- und Nachkriegszeit, da es breiter aufgestellt war als seine eigene Werbung suggerierte.

Liebesgaben, neuartige Werbung und Produktionsende während des Ersten Weltkrieges

Dennoch, der Erste Weltkrieg schien zu Beginn durchaus absatzsteigernd. Die Firma brachte neue Anzeigen im alten Stil, verstand den Weltenbrand als Fortsetzung der Freizeitkultur mit anderen Mitteln. Abermals Strapazen, abermals Zwang zur Wachsamkeit, zum kühlen Kopf. Um die Bande zur Front zu bewahren, ließ die Firma Dallmann vorgefertigte Feldpostbriefe in Apotheken und Drogerien auslegen, startete zudem eine Direktverbindung ins Feld. Adresse und 4,20 Mark genügten, ein kleiner Aufpreis also für den Aufwand.

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Der Krieg als Marktchance (Berliner Tageblatt 1914, Nr. 484 v. 23. September, 8)

„Kola-Dallmann“ schien ideal, um allen Herausforderungen gegenüber gewappnet zu sein: „Die Feldgrauen besonders die, welche früher Sport getrieben hatten, kennen ein kleines Hilfsmittel, um den strapaziösesten Anstrengungen des Dienstes gewachsen zu sein, die Nerven zu beruhigen und die Gemütsruhe zu bewahren“ (Fliegende Blätter 141, 1914, Nr. 36177, Beibl., 4). Kola-Pastillen sollten, „im Lager und Quartier eine zufriedene, frohe Gemütsverfassung“ (Berliner Tageblatt 1914, Nr. 527 v. 17. Oktober, 6) verschaffen. Sorgen bereitete der Firma weniger der Krieg, sondern minderwertige Nachahmungen des Markenartikels. Sie forderte die Frauen an der Heimatfront auf, nur das echte Produkt zu verschicken: „Die Krieger danken es Euch“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3638, Beibl., 4). Die Werbetexter imaginierten Soldaten, die sich nach „Sturm und Kampf“ nach dem echten Kola-Dallmann sehnten, um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass ihre Lieben ihnen „irgend eine der vielen neu auftauchenden unbewährten Kola-Marken“ zugesandt hatten, „welche von ihren Herstellern in der Eile nur zusammengebraut sind, um die Konjunktur für ein gutes Geschäft auszunutzen“ (Die Woche 17, 1915, nach 576). Eigene Anzeigen mahnten neuerlich: „Schickt keine minderwertigen Liebesgaben ins Feld!“ (Die Muskete 20, 1915, Nr. 502, 9). Sollten es aber die echten gewesen sein, dann gingen sie „im Schützengraben“ „von Hand zu Hand“ (Die Woche 17, 1915, nach 540).

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Werbefigur Kola-Dallmann-Mann (Lustige Blätter 31, 1916, Nr. 31, 15)

Das meinte auch der neu entworfene Kola-Dallmann-Mann, Beleg für Investitionen in die Marke auch nach Ausbruch des Krieges (Fliegende Blätter 143, 1915, Nr. 3659, Beibl., 2). Nicht wirklich feldmäßig gekleidet, reichte er den zumindest an der Ostfront noch vorwärts marschierenden Soldaten die Kola-Pastille, die nunmehr für einen etwas günstigeren Preis auch als Großpackung verkauft wurde. Der Markenauftritt wird nicht billig gewesen sein, denn Werbegraphiker Ivo Puhonny (1876-1940) gehörte damals zu den erfolgreichsten seiner Profession. Von seinen zahlreichen Kampagnen für reichsweit führende Markenartikel sind die Arbeiten für den Mannheimer Fettproduzenten Heinrich Schlinck (Palmin), die Baden-Badener Zigarettenfabrik A. Batschari und des Ersatzkaffees Quieta besonders hervorzuheben.

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Der Kola-Dallmann-Mann sorgt würgend für gute Stimmung (Fliegende Blätter 143, 1915, Nr. 3650, Beibl., 3)

Der Kola-Dallmann-Mann bezirzte die Damen „mit vielen häuslichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen“ (Fliegende Blätter 142, 1915, Nr. 3647, Beibl.), kämpfte mit allerhand Fabelgestalten, nicht nur dem Griesgram (Ebd., Nr. 3652, Beibl.), las die große, große Zahl von Anerkennungsschreiben aus dem Felde (Ebd., Nr. 3646, Beibl., 7). 1916 bereiste er dann noch verschiedene Frontabschnitte, berichtete aus Österreich, von der Isonzofront und dem neuen Fliegerfrühstück, bestehend aus – nein wahrlich – Kola-Dallmann (Fliegende Blätter 144, 1916, Nr. 3701, Beibl., 2; Ebd., Ebd., Nr. 3683, Beibl., 2; Ebd., Nr. 3689, Beibl., 8). Erfreut nahm er seine Ausstellung durch die Typographische Vereinigung zur Kenntnis (Typographische Mitteilungen 13, 1916, 84), weniger erfreut dagegen die kritische Debatte angesichts angeblicher Phantasiepreise des Markenartikels in Österreich (Pharmazeutische Post 49, 1916, 564, 604, 657-658). Dann aber hieß es Abschied zu nehmen, denn mit der abgeschnittenen Kolazufuhr verebbten Werbung und Absatz. Der Kola-Dallmann-Mann wurde 1924 nochmals kurz aktiviert (Jugend 29, 1924, 783), anschließend jedoch durch neue Motive ersetzt.

Ein Lebensstilprodukt für Angestellte und mehr

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Wie früher: Sportgebot Vorteilsnahme (Jugend 29, 1924, 622)

Nach Ende von Blockade, Zwangswirtschaft und Hyperinflation erschien Kola-Dallmann ab 1924 wieder in altem Gewande, galt es neuerlich „Riesenerfolge“ in Freizeit und Alltag einzufahren. Die Firma Dallmann knüpfte erst einmal an die Formensprache der Vorkriegszeit an, werbliche Restauration parallel zur geschäftlichen. Allerdings wurde der Markenauftritt Mitte der 1920er Jahre neuerlich verändert, deutlich ästhetisiert. Marker hierfür war etwa eine von Ludwig Hohlwein (1874-1949) gestaltete Anzeige (Sport im Bild 31, 1925, 513 (schwarz-weiß) resp. 1019 (farbig)). Dieser war führender Werbegraphiker seiner Zeit – etwa für den Bohnerwachs Wichsmädel –, seit 1933 dann auch führender Plakatkünstler des NS-Regimes. Hohlwein positionierte Kola-Dallmann nobel für Sportsleute, Geistesarbeiter und Damen. Parallel erschienen neue Motive Ivo Puhonnys mit den für ihn typischen Mischungen von Zeichnungen und Werbegedichten: „Auf! Bringt den Wagen mit heraus, / Heut führ das Steuer ich / Und fahr mit Kola-Dallmann aus! / Nun Gegner wehre dich!“ (Sport im Bild 31, 1925, 56).

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Fritz und Lola als dynamisches Werbeduo (Jugend 29, 1924, 954)

Ähnlich poetisch ging es in anderen Werbeserien 1924 und 1925 zu. Die von unterschiedlichen Werbegraphikern erstellten Motive präsentierten im damals modischen Scherenschnittstil einerseits Motive aus dem Leben des Werbepaares Fritz und Lola, anderseits aus der Welt des Sportes oder der Jagd („Auf leichter Sohl, die Sinne all / Geschärft durch zwei Kola Dall-/ mann zieh ich fröhlich aus zur Pirsch / auf Bock und Sau und auf den Hirsch“ (Sport im Bild 30, 1924, 1136). Viele davon erscheinen heute unfreiwillig komisch, doch handelte es sich durchweg um Variationen der schon vor dem Ersten Weltkrieg behandelten Themen und Inhalte. Nun aber, während der demokratischen Weimarer Republik, fehlten die Reminiszenzen an Wagner und Nietzsche, denn mit Humor schien alles besser zu gehen.

Kola-Dallmann gewann seine Vorkriegsstellung im Markt rasch zurück. Die Werbung war Teil des Alltags geworden, Teil des vom Markenartikelkonsum zunehmend stärker geprägten Alltagslebens. Bezeichnend hierfür war etwa ein Gedicht des Werbegraphikers Wigo Weigand: „Zederström in Bettes Pfühlen / Liegt und träumt mit Mischgefühlen. / Auf dem hellen runden Monde, / Schwant dem Schläfer, chlorodonte / Sich das Schaf die weißen Zähne; / Schaumponierte sich die Mähne; / Spritzt Divinia, weils es hat, / Und dann nähm es Dallkolat; / Rauchte mit dem Wikingbilde / Eine Reemtsma, eine milde; / Und zum ersten Frühstück schmausend / Setzt sichs nieder, winkelhausend“ (Zederström in Bettes Pfühlen, Die Jugend 31, 1926, 276). Margarine, Mundwasser, Haarshampoo, Parfüm, Kola-Pastillen, Zigaretten, Weinbrand – Kola-Dallmann inmitten alltäglicher Konsumgüter.

Zugleich aber passte sich Dallmann der immer stärker visuellen Werbewelt an, reagierte auf die sozialen und ökonomischen Veränderungen. Beleg hierfür sind die 1926 einsetzenden, von dem Hannoveraner Maler August Weber-Brauns (1887-1956) gestalteten Werbemotive. Der dienstbare Kreative, der auch für Schwarzkopf tätig war, stellte sich ab 1933 in den Dienst des NS-Regimes und illustrierte beispielsweise linientreue Kinderbücher. Für Dallmann modernisierte und vereinheitlichte er den Werbeauftritt bis Anfang der 1930er Jahre. Kola-Dallmann blieb damit einerseits gleich, ging anderseits aber mit der Zeit. Alltagsdoping war weiterhin erforderlich, doch nicht mehr länger beim Wandern, seltener bei geselligen Ereignissen. Die Werbesprache veränderte sich, wurde entjauchzt, war weniger durchtränkt von Freude und Frohsinn. Sie wurde klarer, prononcierter, war Ausdruck neuer Abgeklärtkeit, modernen Problembewusstseins. Die Motorisierung des Straßenverkehrs führte zu neuartigen Einsatzfeldern, die Werbung öffnete sich verstärkt der Lebenswelt der mittleren Angestellten, und schließlich positionierte man Kola-Dallmann verstärkt als Problemlöser im Alltag.

35_Hamburger Nachrichten_1931_06_26_Nr291_p4_Kola-Dallmann_Urlaub_Bahnreise_Welt-Spiegel_1928_05_13_p10_Straßenverkehr_Unfall_Selbstdisziplin

Herausforderung Mobilität (Hamburger Nachrichten 1931, Nr. 291 v. 26. Juni, 4 (l.); Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 13. Mai, 10)

Die Mobilität veränderte sich während der 1920er Jahre, die Massenmotorisierung verstärkte sich, vornehmlich durch Motorräder, weniger durch Automobile. Mobilität wurde nicht mehr länger als rasches Eintauchen in die Natur verstanden, sondern war mit neuen Herausforderungen verbunden, wurde Teil eines modernen Gefahrenreservoirs (Helen Barr, „Das Gesicht unserer Zeit!“ Anmerkungen zum Menschenbild in der Reklame illustrierter Zeitschriften der 1920er Jahre, in: Jens Eder, Joseph Imorde und Maike Rainerth (Hg.), Medialität und Menschenbild, Berlin und Boston 2013, 237-251, hier 247). Der intensivere, schnellere Verkehr auf Schiene und Straße verlangte stete Aufmerksamkeit, einen klaren Kopf und rasche Reaktionen. Die Kola-Dallmann-Werbung forderte all dies ein, pries das eigene Produkt als Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr und im Alltag. Die heiteren Zeiten des frohen Wanderns waren vorbei, doch Kola-Pastillen blieben weiter erforderlich.

36_Karlsruher Tagblatt_1929_06_18_Nr167_p8_Kola-Dallmann_Angestellte_Welt-Spiegel_1928_04_29_p8_Büro_Müdigkeit

Herausforderungen der verwalteten Welt (Karlsruher Tagblatt 1929, Nr. 167 v. 18. Juni, 10 (l.); Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 29. April, 8)

Die gesellschaftlichen Umbrüche nach der Revolution und die Veränderungen im Arbeitsleben führten zu neuen gesellschaftlichen Leitfiguren und einer wachsenden Berücksichtigung der Bedürfnisse des neuen urbanen Mittelstandes. An die Stelle der zuvor beschworenen Herrennatur traten vermehrt Alltagsprobleme der Angestellten. Schreibtischarbeit wurde als monoton und fordernd präsentiert, überforderte und ermüdete. Klar, die Pastille half – doch dahinter stand eine soziale Neupositionierung des Produktes. Die Welt der Reitrennbahnen und der Ballsäle wurde kaum mehr bedient, das deutlich ernüchternde Leben der Angestellten trat in den Vordergrund. Geadelt wurde dies mit dem häufig verwendeten Begriff des Geistesarbeiters. Die schwindende soziale Exklusivität des Produktes ging allerdings einher mit potenziell wachsenden Konsumentenzahlen.

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Alltagprobleme bewältigt man mit Kola-Dallmann (Berliner Tageblatt 1926, Nr. 106 v. 4. März, 7 (l.); Sport im Bild 33, 1927, 1348)

Neben die Arbeitswelt der kleinen, pardon mittleren Leute trat eine zunehmend allgemeinere Nutzenkommunikation. Während die Kola-Pastillen in der Vorkriegszeit häufig in konkreten Situationen und Stimmungen empfohlen wurden, wurde das Anwendungsprofil nun breiter und zugleich alltäglich. Überlastung schien das Schicksal der modernen Frau zu sein, Müdigkeit das des modernen Menschen. Damit war Kola-Dallmann ein undifferenzierter Alltagsbegleiter geworden, dauerhaft von jedem und jeder konsumierbar, unverzichtbar, Alltagsdoping pur.

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Wer nicht dopt, ist selber schuld (BZ am Mittag 1929, Nr. 161 v. 16. Juni, 7)

Und doch blieb ein wichtiger Residualbereich übrig, der moderne Massensport, die Spielwiese moderner „Kraftmenschen“ (Sport im Bild 32, 1926, 588). Kola-Dallmann wurde auch weiterhin als Dopingmittel für den Sport propagiert; und das, obwohl Mediziner dem Doping zunehmend ablehnend gegenüberstanden. Pointiert hieß es: „Wir wollen bei Wettkämpfen körperliche Leistungen messen und nicht die Wirkung von Arzneistoffen erproben“ (Worringen). 1927 erklären die deutschen Sportärzte, dass Doping „verwerflich und gesundheitsgefährlich“ sei (beide Zitate n. Doping im Sport, Sport-Tagblatt 1927, Nr. 134 v. 16. Mai, 7). Doch auch in den 1920er Jahren blieb die Vorstellung „vom harmlosen Kola“ (André Reuze, Gedanken der Landstraße, Vorwärts 1928, Nr. 518 v. 11. Januar, 6) bestehen, mochten Sportler auch verstärkt auf vitamin- und eiweißreiche Kost setzen. Auf Basis komplexerer Wirkungsmodelle setzen Sportärzte in den 1930er Jahren verstärkt auf rasch verfügbare Kohlehydrate, etwa Traubenzucker, Malz- oder Bierhefeextrakte, während die „Nervenreizmittel“, darunter auch Kola, zunehmend kritischer gesehen wurden (Anregungs- und Reizmittel zur Leistungssteigerung im Sport, Zeitschrift für Volksernährung 11, 1936, 69).

39_Berliner Tageblatt_1928_08_28_Nr396_p11_Kola-Dallmann_Sport_Leichtathletik_Ebd_1928_07_10_Nr321_p15_Fußball_Doping

Sportlicher Erfolg durch Stimulantien (Berliner Tageblatt 1928, Nr. 396 v. 28. August, 11 (l.), Berliner Tageblatt 1928, Nr. 321 v. 10. Juli, 15)

Die medizinische Dopingdebatte hinterließ jedoch keine Bremsspuren in der Kola-Dallmann-Werbung. Sportler/innen ließen sich dadurch kaum erreichen. Kommerzieller Sport basiert schließlich bis heute nicht allein auf der Nutzung aller rechtlich erlaubten Hilfsmittel, denn die Tugend der Fairness geht meist einher mit ökonomisch fatalen Niederlagen. Die Sportmedizin hat zudem nicht nur die Grundlagen für Dopingkontrollen und Gefährdungsanalysen gelegt, sondern war und ist stets integraler Teil der Dopingszene. Das zeigte sich auf allen Olympiaden dieser Zeit. Die Werbeansprache blieb direkt, setzte moralischen Bedenken gegen Betrug und mangelnder Fairness klare Nutzenerwägungen entgegen: „Töricht, wer diesen bescheidenen, leistungsfähigen Helfer nicht in seine Dienste stellt.“ (Uhu 8, 1931/32, H. 12, 3). Alle dopen sich für und im Alltag, tu es also auch.

Abkehr vom Sportdoping, Dominanz der Alltagsdroge

Die Firma Dallmann kokettierte auch während der NS-Zeit mit Sportdoping, doch einschlägige Motive traten zunehmend in den Hintergrund. Das scheint erst einmal überraschend zu sein, denn der Kampf um das Dasein, die strikte Unterscheidung von Siegern und Verlierern, das Aufputschen im Wettkampf und Krieg waren Kernpunkte nationalsozialistischen Denkens. Demgegenüber standen allerdings eugenische und sozialhygienische Bedenken, die sich gegen jegliche „Keimgifte“ wandten, gegen Alkohol, Tabak, Kaffee und auch Kola. Koffein war im Denken von NS-Medizinern ein gefährliches Reizmittel, das die Zeugungs- und Gebärfähigkeit der Jugend gefährden konnte, das es deshalb grundsätzlich zu ersetzen galt. Kaffee, aber auch Kola, waren zudem devisenträchtige Importgüter, die die deutsche Handelsbilanz belasteten. Begleitet wurden derartige Debatten von zunehmend strikteren Einschränkungen der Werbung allgemein, der Heilmittelwerbung speziell (Matthias Rücker, Wirtschaftswerbung unter dem Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. et al. 2001, insb. 257-261). Vor diesem Hintergrund schien es ratsam, den bereits beschrittenen Weg hin zur Positionierung von Kola Dallmann als eines Alltagsbegleiters für Alltagsprobleme weiter zu forcieren. Konkrete Wirkungsaussagen waren inopportun bzw. untersagt, die Pastillen erschienen zunehmend als ein allgemeines Stärkungs- und Lebensstilprodukt.

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Belobigt als überzeugende Werbung auf kleinem Raum (Seidels Reklame 21, 1937, 356)

Das wurde unterstützt durch einen neuen, wohl seit 1936 eingesetzten Slogan: „Kola Dallmann macht Müde mobil.“ Parallel wurde die alte Schutzmarke der Firma verändert, das Dreieck zierte im Inneren nun ein in voller Fahrt befindlicher Streitwagen. Zudem begann 1934 die Ausdifferenzierung des Pastillenangebotes.

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Übergang zu einer Dachmarkenstrategie: Kola-Dallmann-Variante aus frischen Kola-Nüssen (Deutsche Apotheker-Zeitung 49, 1934, Nr. 29, III)

Im Massenmarkt angekommen, schien der Firma Dallmann ab 1934 eine Dachmarkenstrategie angemessen, um weiterhin spezielle Zielgruppen ansprechen und Wertschöpfung erhöhen zu können. Neben die alten Kola-Pastillen traten nun solche aus frischen Kolanüssen. Es folgten später Kola-Pastillen für Diabetiker, mit Lecithin und Dallmanns Kola-Traubenzucker (Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, 4. Neuausg. hg. v. P.H. List und L. Hörhammer, Bd. 4, Berlin, Heidelberg und New York 1973, 235). Dies war wiederum nur ein Ausschnitt aus der Arbeit der Schiersteiner Präparateschmiede.

Die Kola-Dallmann-Werbung setzte während der NS-Zeit weiterhin auf die bewährten Themen – unter Verzicht auf das explizite Sportdoping. Als Alltagsprodukt war es gleichsam weichgewaschen, konturenarm und gefühlsstark. Beispiel hierfür war eine Anzeige mit dem Blickfang eines im Cutaway gewandeten Violinisten: „Auch die Saiten Ihrer Seele bedürfen der richtigen Spannung, damit Leistungen zustande kommen, die Sie und andere erfreuen. Der Geiger stimmt die Saiten von neuem, wenn ihre Spannkraft nachläßt. Was tun Sie, wenn die ‚Stimmung‘ sinkt?“ (Illustrierter Beobachter 11, 1936, 900). Sie kennen, gewiss, die marktgängige Antwort.

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Marketingillusionen: Die Zeiten verändern sich – Kola Dallmann bleibt (Wiener Pharmazeutische Wochenschrift 72, 1939, Nr. 48, 8)

Die Firma Dallmann war während der NS-Zeit ein systemtreues, fest etabliertes Pharmazieunternehmen, auf dessen Fabrikgebäude nicht nur der riesige Schriftzug „Kola-Dallmann“ prangte, sondern auch die Hakenkreuzfahne. Doch das ist eine andere Geschichte. Die Kola-Pastillen konnten während des Zweiten Weltkrieges anfangs weiter produziert werden, doch abermals waren die Kolanussvorräte bald aufgebraucht, versiegte der Nachschub, musste die Produktion eingestellt werden.

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Erinnerungswerbung nach Produktionseinstellung (Völkischer Beobachter 1944, Nr. 118 v. 7. April, 7)

Nach Krieg und Besatzungszeit wurde die Produktion neuerlich aufgenommen. Die Werbung griff auf die Bildmotive der 1920er Jahre zurück, der gähnenden Mann war eine Werbeikone auch der Wirtschaftswunderzeit (Simpl 4, 1949, 236). Inhaltlich führte die Firma die allgemein gehaltenen Themen der NS-Zeit weiter, verstärkte allerdings die Verkehrswerbung, bewarb Kola-Dallmann als Wachmacher und Wachhalter. Das Präparat blieb während der 1950er Jahre ein Alltagsprodukt, doch wirklich neue Akzente vermochte die Firma dem Produkt nicht mehr zu geben. Die Endphase im Lebenszyklus des Markenartikels war erreicht.

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Langwieriger Abschied: Defensivwerbung (Kristall 14, 1959, 464)

Epilog

Die Geschichte von Kola-Dallmann dokumentierte die für starke Markenartikel recht typische Neupositionierung. Aus der Apothekerware mit kolonialem Hintergrund wurde ein zunehmend industriell hergestelltes Massenprodukt, aus dem medizinische Präparat ein Hilfsmittel für bestimmte Einzelgruppen, ein im Bürgertum verankertes Spezialpräparat für Sport- und Alltagsdoping, schließlich ein Alltagsbegleiter des kleinen und mittleren Mannes, der kleinen und mittleren Frau. Die Marke wurde erst spät geschützt und etabliert, die Markenpflege changierte zwischen verschiedenen Begriffen, einheitliche Markenführung gab es erst seit Mitte der 1920er Jahre. Die Firma Dallmann blieb während des gesamten Zeitraumes eine Präparateschmiede, die das zweimalige komplette Wegbrechen ihres Hauptverkaufsartikels just aufgrund ihrer breiteren Angebotspalette überstehen konnte.

Die Geschichte von Kola-Dallmann erlaubte profunde Einblicke in die Geschichte des Sportdopings, seiner Leugnung und Beschwichtigung. Wichtiger aber war Kola-Dallmann als frühes, vor mehr als einhundertdreißig Jahren entstandenes „Performance Food“. Es erlaubte Alltagsdoping im tagtäglichen Wettbewerb, im Ringen um berufliche und soziale Anerkennung, um Fortkommen und Erfolg. Die Geschichte des Präparates macht deutlich, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit erst im Bürgertum, dann im neuen Mittelstand fließend verliefen. Arbeit und Freizeit wurden konsumtiv durchdrungen, waren Einsatzfeld einer Alltagsdroge, die Wirkung ohne Reue versprach. Es ist daher verfehlt und verfälschend, „Performance Food“ als Ausdruck gesellschaftlicher und sozialer Veränderungen allein der letzten Jahrzehnte zu deuten, als Ausfluss von Deutungskonzepten wie Wertewandel und Individualisierung, von Neoliberalismus und einem außer Takt laufenden globalen Kapitalismus.

Das Beispiel Kola-Dallmanns führt uns über die vermeintlich tiefen Brüche um 1970, nach dem Ende der goldenen Ära des Kapitalismus, zurück zu den Anfängen des modernen Kapitalismus in Deutschland. Kola-Dallmann steht für den Ausgriff auf die Ressourcen der Welt, ihre Hege und Verarbeitung im westlichen Rahmen, für die stete Präsenz von pharmazeutisch wirksamen Stoffen zur Verhaltensregulierung, zur psychischen Stärkung und Stabilisierung. Alltagsdoping war eine Begleiterscheinung der Etablierung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, Kola-Dallmann war eine der vielen vermarktbaren Ausprägungen dieses Phänomens. Es steht beispielhaft für die Dynamik und den raschen Wandel moderner Konsumgesellschaften, für ihre Fähigkeiten aus den Rangkämpfen Nutzen zu ziehen und damit das Rad der Wertschöpfung weiterzudrehen. Kola-Dallmann steht zugleich für die moralische Indifferenz gegenüber den negativen Folgen des Wettbewerbs im Sport, in der Arbeitswelt und im vielbeschworenen Leben. Die Geschichte von Kola-Dallmann hält dieser Gesellschaft einen Spiegel vor – und jeder mag selbst beurteilen, ob ihn heiter, froh und jauchzend stimmt, was er darin erblickt.

Uwe Spiekermann, 30. Mai 2020

„Was hat das 19. Jahrhundert gebracht?“ – Gedicht, Bilder und Kommentare

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Fortschritt und Emanzipation als Ziele des neuen Jahrhunderts (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 1, 1)

Anfang Januar 1900 war durchaus vergnüglich. Natürlich nicht im offiziellen Berlin. Die Neujahrsansprache Kaiser Wilhelm II. an die Offiziere der Garnison kritisierte den „Gamaschendienst“ der preußischen Armee um 1800, das ehedem „in Luxus und Wohlleben und thörichter Selbsterhebung“ verkommene Offizierskorps. Die Reorganisation des Landheeres sei Grundlage der vom Heer errungenen deutschen Einheit gewesen, nun werde er ähnliches mit der Marine vornehmen (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 1 v. 2. Januar, 1). In Berlin hatte es zuvor eine von Hunderttausenden frequentierte Silvesterfeier gegeben: „Nach elf Uhr strömten aus den Theatern, Tingeltangels und Kaffeehäusern neue Schaaren auf die Straßen, und das Wetter war auch wie geschaffen zum Lustwandeln; denn infolge der Dunkelheit und des unerhörten Gedränges bemerkte man nicht, wie wenig erfreulich die unteren Partien der Kleidung sich rasch infolge des centimeterhoch auf den Straßen liegenden Schmutzes gestalteten, sondern man erfreute sich an der milden Luft und an dem prachtvollen Sternenhimmel“ (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 1 v. 2. Januar, 1). Es folgten Schüsse der Gardeartillerie. Fanfarenklänge der festlich geschmückten Stadtkapelle begrüßten das neue Jahr, das neue Jahrhundert. All das war begleitetet vom rituellen Kampf gegen die Zylinder – Wichskopp! Wichskopp! –, doch die in kolossaler Stärke angerückte Polizei hielt den Schabernack im Rahmen.

Neujahr kam, der Kater, der Alltag. Und doch, es gab ein nettes Aperçu: Zuerst in der Hauptstadtpresse, dann auch in den Provinzen, zuerst in Zeitungen, dann auch in den Zeitschriften konnte man einen Abschiedsgesang auf das 19. Jahrhundert lesen, eine Art Leistungsbilanz. Was hat das 19. Jahrhundert gebracht? – So fragte ein rhythmisch-stakkatohaftes Gedicht. Darin dominierten Errungenschaften, die das Deutsche Reich zu einem Machtstaat, zugleich aber zu einer Konsumgesellschaft gemacht hatten, beides präsent bei der Feier der Jahrhundertwende. Es war mit einem Lächeln geschrieben, mit Sinn für die Eitelkeiten der Zeit, für die Abwege des Alltags. Anders als seine Majestät widmete es sich aber nicht den ach so großen Themen der Zeit, sondern ihrer Dynamik, dem immer voran Drängenden – und schlug damit durchaus einen Bogen bis heute. Die Nervosität der Zeit wurde deutlich, doch es waren Vibrationen der bürgerlichen Zivilgesellschaft, der ungestüm vorandrängenden urbanen Marktgesellschaft, die so in Reime gegossen wurden (mehr hierzu bietet Das Neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsentwürfe um 1900, hg. v. Ute Frevert, Göttingen 2000; Visionen der Zukunft um 1900. Deutschland, Österreich, Russland, hg. v. Sergej Taskenov und Dirk Kemper, Paderborn 2014).

Das 19. Jahrhundert hat die Grundlagen unseres Wohlstandes, unserer Art des Lebens geschaffen – doch in der Öffentlichkeit spielt es kaum mehr eine Rolle, ist im Großen und Ganzen vergessen. Daher folgt dem Gedicht ein zweiter Reigen, einer mit Abbildungen aus dieser Zeit. Das kommt nicht so eingängig-nett daher wie diese Alltagspoetik, kann Ihnen aber vielleicht diese Zeit plastischer vor Augen führen und eventuell auch Lehrer ermutigen, dem 19. Jahrhundert abseits der Gründung des kleindeutschen Reiches und der Industrialisierung Konturen zu verleihen und auf Geschichte neugierig zu machen. Doch nun erst einmal Platz für den unbekannten Autor und seinen Betrag zur Jahrhundertwende 1900:

„Was hat das neunzehnte Jahrhundert gebracht?

Was wir sahn in hundert Jahren,
sollt prägnant ihr hier erfahren:
Neue Reiche, neue Staaten,
Gasbeleuchtung, Automaten,
Emancipation der Neger,
Wollregime von Dr. Jäger,
Seuchen, Revolutionen,
Kaffee ohne Kaffeebohnen,
Ansichtskartensammelwuth,
Weine ohne Traubenblut,
Biere ohne Malz und Hopfen,
Magenpumpe, Hoffmannstropfen,
Dichtungen von Schiller, Goethe,
Kriege, Krisen, Hungersnöthe,
Deutsche Zollvereinigung,
Dampflatrinenreinigung,
Impfzwang, Repetirgewehre,
Amateure und Masseure,
Vielerlei Assecuranzler,
Deutschen Kaiser, Deutschen Kanzler,
Deutsches Heer und Deutsche Flotte,
Anarchistische Complotte,
Pulver ohne Knall und Rauch,
Deutsche Colonien auch,
Nihilistenattentate,
Rothes Kreuz, Brutapparate,
Brod- und Wurst- und Weinfabriken,
Oertel-Curen für die Dicken,
Streichhölzer und Eisenbahnen,
Heines Lieder, Freytags „Ahnen“,
Telegraphen mit und ohne
Leitungsdrähte, Telephone,
Auch Torpedos, rasch versenkbar,
Flugmaschinen, beinah lenkbar,
Reblaus-, Schildlausinvasion,
Rotationsdruck, Secession,
Bahnhofsperre (läst‘ge Fessel!),
„Fuhrmann Henschel“, „Weißes Rössel“,
Chloroform, Antipyrin,
Morphium, Phenacetin,
Vegetarierkost — o jerum!
Diphtherie-, Pest-, Hundswuthserum,
Erbswurst, Marlitt, Sanatorien,
Panzerzüge, Crematorien,
Phonographen, Mauserflinten,
Röntgen-Strahlen,
Schnurrbartbinden,
Fahrrad-, Ski- und Kraxelsport,
Tennis, Fußball und so fort,
Sonnenbäder, Wasser-Curen,
Hygiene-Professuren,
Auerlicht, Acetylen,
Straßenbahn, Sanatogen,
Klapphornverse, Streichholzscherze,
Caviar aus Druckerschwärze,
Feuerwehren, stets bereit,
Europäische Einheitszeit,
Motordroschken, Interviews,
Bestdressirte Känguruhs,
Waarenhäuser und Basare,
Färbemittel für die Haare,
Zähne-, Waden-Surrogate,
Maggi, Soxleth-Apparate,
Lyddit-Bomben, Gasmotoren,
Fango, weibliche Doctoren,
Influenza, Heilsarmee,
Ethische Culturidee,
Bogenlampen, Glühlichtstrümpfe,
Börsenkrachs, Parteigeschimpfe,
„Hurrah“- Ruf statt „Hoch“ Geschrei,
Dr. Schenks Austüftelei,
Robert Mayers Theorie,
Falb-Prognose (stimmt fast nie!),
Dreyfus-Sache, Zola-Briefe,
Richard Wagners Leitmotive,
Nordpolfahrten, Schweizerpillen,
Reinculturen von Bacillen,
Wasmuths Hühneraugenringe
und noch tausend andere Dinge.
Dies des Säculums Bedeutung,
nach der „Magdeburger Zeitung“
(Berliner Börsen-Zeitung 1900, Nr. 4 v. 4. Januar, 9-10).

Diese Fassung stammt aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 4. Januar 1900 – und erschien parallel in weiteren führenden Hauptzeitungen (Berliner Tageblatt, Nr. 4 v. 3. Januar, 3, Volks-Zeitung 1900, Nr. 4 v. 4. Januar, 5). Die Quelle zur „Magdeburger Zeitung“ zurückverfolgen konnte ich nicht, denn ein solcher Titel ist in der Zeitschriftendatenbank für dieses Jahr nicht nachgewiesen. Doch es gibt einen Grund für die Verwischung der Spuren. „Was hat das 19. Jahrhundert gebracht“ ist nämlich die deutlich gekürzte, umgestellte und teils auch ergänzte Fassung des Gedichtes „Ein halbes Säkulum“, erschienen mehr als anderthalb Jahre zuvor in der Münchener Kunst- und Satirezeitschrift „Jugend“ (3, 1898, Nr. 19 v. 7. Mai, n. 325). Autor war Biedermeier mit ei, ein Pseudonym des Schriftleiters Fritz von Ostini (1861-1927). Das Gedicht war eine fröhliche Selbstreflektion anlässlich eines fiktiven fünfzigsten Geburtstag, Teil eines Heftes im Andenken an das tolle Jahr 1848. Es war ein Dankesgruß dem „Wohl der Wissenschaft / Und des Menschengeistes Schläue“, eine atemlose Beschwörung der Errungenschaften und Erfindungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch der Erfolg war begrenzt, Nachdrucke gab es jedenfalls nur vereinzelt (Wochenblatt für Zschopau 1898, Nr. 61 v. 24. Mai, 6).

Angesichts der nach wie vor auf dem Stand eines Entwicklungslandes verharrenden Digitalisierung deutscher Tageszeitungen und Wochenzeitschriften kann man die Verbreitung von „Was hat das 19. Jahrhundert gebracht“ leider nicht genau nachzeichnen. Doch angesichts des breit gestreuten Abdrucks in der dank der vorzüglichen Arbeit der Österreichischen Nationalbibliothek einfach zu erschließenden deutschsprachigen Presse Österreich-Ungarns ist es recht sicher, dass das Gedicht Millionen Leser fand (Neue Freie Presse 1900, Nr. 12704 v. 5. Januar, 1, Neues Wiener Journal 1900, Nr. 227 v. 5. Januar, 5, Das Vaterland 1900, Nr. 5 v. 6. Januar, 7-8, Innsbrucker Nachrichten 1900, Nr. 5 v. 8. Januar, 10, Arbeiter-Zeitung 1900, Nr. 7 v. 9. Januar, 4, Tages-Post [Linz] 1900, Nr. 5 v. 9. Januar 3, Grazer Tagblatt 1900, Nr. 10 v. 10. Januar, 7, Leitmeritzer Zeitung 1900, Nr. 3 v. 10. Januar, 47, Volksblatt für Stadt und Land [Wien] 1900, Nr. 2 v. 11. Januar, 3; Freie Stimmen 1900, Nr. 9 v. 31. Januar, Roman-Beil., 280, Signale für die musikalische Welt 58, 1900, 122, Drogisten-Zeitung 1900, Nr. 7 v. 8. April, 154, Pharmaceutische Post 15, 1900, Nr. 33 v. 15. April, 218). Auch in der Schweiz ward es abgedruckt, etwas später, gewiss (Schweizer Sportblatt 3, 1900, Nr. 3, 3). Und selbstverständlich ergötzten sich auch Auslandsdeutsche an dem Gedicht (Der Deutsche Correspondent 1900, Nr. 21 v. 20. Januar, 9). Die rasche Verbreitung dürfte Wolffs Telegraphisches Bureau ermöglicht haben, die 1850 in Berlin gegründete führende deutsche Nachrichtenagentur. Das Gedicht tauchte auch später noch ab und an auf (Vorarlberger Tagblatt 1903, Nr. 5100 v. 2. Januar, 1, Neuigkeits-Welt-Blatt 1900, Nr. 215 v. 21. September, 10), schließlich müssen Zeitungen ja gefüllt werden.

002_Prager Tagblatt_1900_01_05_Nr004_p01_19.-Jahrhundert_Gedicht

Ein gut lesbarer Dreispalter. Die Mehrzahl der Abdrucke erfolgte im Fließtext (Prager Tagblatt 1900, Nr. 4 v. 5. Januar, 1)

Damit könnten wir es eigentlich belassen. Doch Sie haben nun die Chance, sich das Gedicht abermals zu Gemüte zu führen; dieses Mal aber mit einschlägigen Abbildungen und Werbeanzeigen dieser für uns so vergangenen Zeit. Zur Vertiefung des Zeitpanoramas habe ich die bibliographischen Fundstellen angegeben und kurze Anmerkungen hinzugefügt. Sollten Sie mehr wissen wollen, graben Sie einfach eigenständig weiter. Das 19. Jahrhundert, zumal die unmittelbare Jahrhundertwende, war die Entstehungszeit der vielfach beschworenen Moderne, in der viele der heutigen Problemlagen, gewiss modifiziert, entstanden und kontrovers diskutiert wurden (vertiefende Lektüre bietet – trotz einer Reihe von Fehlern und Fehldeutungen – Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914, München 2011).

Neue Reiche, neue Staaten,

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Karte von Europa 1871 (Asher & Adams new topographical atlas and gazetteer of New York—Europe, New York 1871, s.p., Library of Congress, https://lccn.loc.gov/2012590219)

1871 entstand das Deutsche Reich als eine kleindeutsche Lösung der deutschen Frage. Schon der Wiener Kongress hatte 1815 zahlreiche deutsche Staaten bestätigt, verschoben und neu arrondiert, die sog. “Einigungskriege” 1864, 1866 und 1871 weitere Grenzen verschoben. In Italien endete 1870 das Risorgimento, das Habsburger Reich etablierte sich nach der Niederlage 1866 als Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Das Osmanische Reich verlor Einfluss und auch Gebiete, Russland expandierte, in Skandinavien dominierte noch Schweden. Die westlichen Staaten vergrößerten ihre Kolonialreiche in Afrika und Asien, Spanien und Portugal verloren dagegen große Teile in Nord- und Südamerika. Nationale Bewegungen agitierten für neue Staaten. Die vom monarchischen Prinzip zusammengehaltenen Reiche dominierten noch, verloren jedoch an Legitimität.

Gasbeleuchtung, Automaten,

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Gasbeleuchtung im Kaufhaus Rudolph Hertzog (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 269)

Das Verbrennen von Gas zur Beleuchtung setzte Anfang des 19. Jahrhunderts in Westeuropa, namentlich in Großbritannien ein. In deutschen Landen begann Hannover 1826 mit der Gasbeleuchtung, kurz darauf folgte Berlin. Seit den 1870er Jahren gab es in allen größeren Städten Gasnetze. Sie ermöglichten neuartiges Heizen und Kochen, ebenso den Betrieb gewerblicher Maschinen. In den Haushalten verbreitete sich parallel das Gaslicht, auch wenn es vor Einführung des Gasglühlichtes recht schwach schimmerte und die Luft belastete.

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Rationalisierung im Alltag: Automatischer Kognak-Ausschenker (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 6, 13)

Maschinen waren ein Treibsatz des 19. Jahrhunderts, sie arbeiteten automatisch, mit Dampf, später auch mit Elektrizität, teils auch Gas. Verkaufsautomaten funktionierten dagegen mechanisch, setzten aber ebenfalls präzise Metallverarbeitung voraus. Erste automatische „Verkaufsbehälter für Cigarren“ gab es ab 1883. Einfache Schachtapparate für Süßwaren vertrieb seit den späten 1880er Jahren die Kölner Firma Stollwerck, die Vorbilder aus den USA aufgriff. Automaten verbreiteten sich im späten 19. Jahrhundert rasch, weiteten sich auf Dienstleistungen aus (Fahrkarten), die Automatenrestaurants der 1890er Jahre boten bereits „Fastfood“ in Form belegter Brote und Brötchen. Die neue Form des Verkaufs wurde allerdings durch polizeiliche Maßnahmen, durch strikt durchgehaltene Sonntagsruhe- und Landschlussgesetze sowie die geringe Bereitschaft des Einzelhandels begrenzt, Automaten kundengerecht aufzustellen.

Emancipation der Neger,

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Eigenartige und anheimelnde Sklavenlieder in Berlin – nach der Sklavenemanzipation in den USA (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 29. Oktober, 6)

Die Sklavenbefreiung in den USA durch die Emancipation Proclamation vom 1. Januar 1863 dient heute als wichtigste Wegmarke für die Geltung universeller Menschenrechte im „Westen“, zumal sie zum zentralen Kriegsgrund des amerikanischen Bürgerkriegs mutierte. Die Sklavenemanzipation geht jedoch bis weit in das 17. Jahrhundert zurück: Portugal verbot die Sklaverei in seinem Kolonialreich bereits 1761, und der britische Slavery Abolition Act von 1833 brachte für deutlich mehr Sklaven die Freiheit. Der Abolitionismus war vor allem christlich geprägt, Quäker und Katholiken waren wichtige Wegbereiter. Im Deutschen Reich gab es im späten 19. Jahrhundert öffentlich vernehmbare Abolitionistengruppen, deutsche US-Emigranten wirkten vorher schon in den USA. Grassierender Rassismus aber war mit der Sklavenemanzipation nicht beseitigt, ebenso die massive Armut und rudimentäre Bildung.

Wollregime von Dr. Jäger,

007_Berliner Tageblatt_1886_01_31_Nr055_p21_Reformwaren_Wolle_Gustav-Jaeger_Gustav-Steidel

Wollkleidung als Gesundheitsgarant (Berliner Tageblatt 1886, Nr. 55 v. 31. Januar, 21)

Das 19. Jahrhundert war voller inspirierender Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Der österreichische, später württembergische Naturkundler Gustav Jäger (1832-1917) legte zahlreiche Überblicksdarstellungen der modernen Biologie und Physik vor, betätigte sich auch naturphilosophisch. Bekannt aber wurde er als Propagandist des Wollregimes, das er erst in Zeitschriften, dann auch in seinem weit verbreiteten Buch „Die Normalkleidung als Gesundheitsschutz“ 1881 popularisierte. Jäger lizensierte sein System seit 1879 an den Stuttgarter Textilproduzenten Wilhelm Benger, weitere Kooperationen folgten, seit 1884 auch in Großbritannien. Für Jäger war der Mensch eine Maschine, die Düfte produzierte und absonderte. Eng anliegende Wollkleidung erschien ihm gesund und artgemäß. Jägers Wollregime führte zu erbitterten Fehden, die etablierte Wissenschaft lehnte es strikt ab. Doch auch die Naturheilkunde zerfaserte im Kleiderstreit: Heinrich Lahmann (1860-1905) stritt für reine Baumwolle, die Naunhofer Excelsior-Werke für Merino-Kammgarn, etc., etc.

Seuchen, Revolutionen,

008_Kladderadatsch_045_1892_Nr18_p09_Seuchen_Cholera_Typhus_Mars_Hamburg_Infektionskrankheiten

Seuchenvorstellungen angesichts der Hamburger Choleraepidemie 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 18, 9)

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein traten Seuchen regelmäßig auf, konnten nur eingedämmt, nicht aber wirksam bekämpft werden. Cholera, Typhus, Diphterie, Ruhr und viele weitere Infektionskrankheiten forderten gerade in den großen Städten regelmäßig hunderte, ja tausende Tote und Versehrte. Die Bakteriologie erlaubte zunehmend Impfungen, doch es war nicht zuletzt die moderne Daseinsvorsorge (Wasserversorgung, Müllentsorgung, Nahrungsmittelüberwachung), die vor der Entdeckung von Impfstoffen und Antibiotika halfen, die Seuchen einzuschränken. Sie zu besiegen ist jedoch nichts anders als ein frommer Wunsch.

009_Duesseldorfer Monatshefte_01_1847-48_p341_Revolution_Bürgertum_Bürgerwehr

Bündnis von Bürgertum und Monarchie 1848 (Düsseldorfer Monatshefte 1, 1847/48, 341)

Revolutionen waren seit dem späten 18. Jahrhundert (USA, Frankreich) Wegbereiter der Emanzipation und Machtteilhabe des Bürgertums, der Verrechtlichung und des Parlamentarismus. In deutschen Landen blieben Revolutionen lange Zeit aus, oktroyierte Verfassungen und Verfassungsversprechungen traten an deren Stelle. Erst 1830/31 gab es massiven Aufruhr vornehmlich in Nord- und Mitteldeutschland, doch noch blieb die monarchische Ordnung dominant. Das änderte sich durch die bürgerliche Revolution 1848/49, die zu vielfältigen Änderungen in den Staaten des Deutschen Bundes führte, die zugleich aber ihr ehrgeiziges Ziel eines deutschen Verfassungsstaates nicht erreichte. Die Dynamik der Revolution führte zu einer Spaltung der bürgerlichen Kräfte in demokratisch-republikanische und monarchistisch-repräsentative Kräfte. Gleichwohl blieb der Liberalismus eine zentrale Kraft während der Jahrhundertmitte, die auch ohne neuerliche Revolution breitgefächerte Reformen anstieß und umsetzte.

Kaffee ohne Kaffeebohnen,

010_Kladderadatsch_042_1889_Nr02_Beibl1_p4_Nahrungsmittelfälschung_Kaffee_Jean-Heckhausen-Weies_Köln

Die Form stimmt, der Gehalt wohl weniger (Kladderadatsch 42, 1889, Nr. 2, Beibl. 1, 4)

Aufgrund seines Preises und der vielfach nicht ausgeprägten Kenntnisse der Verbraucher wurde Kolonialkaffee häufig verfälscht. Mischungen mit allerhand Kaffeesubstituten waren recht üblich. Zugleich entstand im späten 19. Jahrhundert mit dem Malzkaffee ein neuer industriell gefertigter Ersatzkaffee auf Gerstebasis. Gemeinsam mit dem im frühen 19. Jahrhundert popularisierten Zichorienkaffee war er bis in die 1950er Jahre hinein das wichtigste Heißgetränk in Deutschland, während andere Kaffeesubstitute, etwa der Eichelkaffee, im 19. Jahrhundert stark an Bedeutung verloren.

Ansichtskartensammelwuth,

011_Lustige Blaetter_15_1900_Nr01_p16_Jahrhundertwende_Ansichtskarten_Postkarte_Fortschritt

Da ist sie schon, die erste Ansichtskarte des neuen Jahrhunderts (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 1, 16)

Ansichtskarten waren ein Resultat von Postreformen und veränderter Drucktechnik. Briefmarken entstanden um die Jahrhundertmitte, ein einigermaßen einheitliches deutsches Postgebiet erst nach der Reichsgründung 1871. Damals gab es erste Postkarten, ab dem 1. Juli 1872 durften sie auch Abbildungen enthalten; und der Nürnberger Graphiker Frank Rorich (1851-1912) präsentierte erste ansprechende Entwürfe. Die Farblithographie führte seit den 1880er Jahren zu einer rasch wachsenden Zahl von Ansichtskarten, die ab den 1890er Jahre durch reproduzierte Fotografien ergänzt wurden. Illustrierte Postkarten wurden nun zum Massenphänomen, getragen von einer wachsenden Zahl von touristisch erschlossen Gebieten und von Urlaubern. Und rasch reihten sich die Ansichtskarten in Sammelalben ein – so wie schon Briefmarken, Poesie und erste Photos. 1894 entstand in Hamburg ein erster „Sammelverein für illustrierte Postkarten“, und seit 1895 bot die „Monatsschrift für Ansichtskarten-Sammler“ vertiefende Informationen über die sich rasch verbreitende Alltagspassion.

Weine ohne Traubenblut,

012_Berliner Tageblatt_1891_08_04_Nr175_p04_Wein_Kunstwein_Essenzen_Nahrungsmittelfälschung_Weinextrakt_Karl-Pollak_Prag

Weinessenz als Grundstoff eines ansprechenden Kunstweines (Berliner Tageblatt 1891, Nr. 175 v. 4. August, 4)

Im 19. Jahrhundert war Wein häufig eine Mischung, ein Cuvée verschiedener Einzelweine. Der Handel wurde von schweren Dessertweinen dominiert, etwa Sherry oder Portwein. Höhere Qualitäten verkaufte man nach Herkunftsgebieten und Lagen, dafür garantierten spezialisierte Händler, die Groß- und Einzelhandel meist verbanden. Wein wurde (wie heute auch) in der Regel gezuckert, die Verfahren von Jean-Antoine Chaptal (1756-1832), Ludwig Gall (1791-1863) und Abel Petiot (1847-1878) unterstrichen den praktischen Wert der modernen Chemie. Weinextrakte erlaubten „Kunstwein“ gar ohne Weinbau, handelte es sich doch um Aromastoffe und getrocknete Weinreste, die mit Alkohol, Wasser und Zucker dann zu einem süffigen Getränk vermengt wurden. Gegen derartige Kunstprodukte wandten sich Winzer, Händler und Gastronomen, die „naturreinen“ Wein anboten. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879, das Weingesetz von 1892, insbesondere aber dessen Novelle von 1901 schufen notwendige Rahmenbedingungen für Qualitätswein auch in Deutschland.

Biere ohne Malz und Hopfen,

013_Industrie-Blaetter_03_1866_Nr01_p01_Nahrungsmittelkontrolle_Nahrungsmittelfälschung_Wiissenschaft

Titelblatt der 1864 gegründeten „Industrie-Blätter“, die in den Folgejahrzehnten chemisch-pharmazeutische Expertise gegen Nahrungsmittelfälschungen und „Geheimmittel“ setzte (Industrie-Blätter 3, 1866, Nr. 1, 1)

Entgegen vielfältiger Klagen über „wässeriges“ Bier wurde dieses nicht vollständige vergorene, aus den löslichen Bestandteilen des Hopfens unter Zugabe von Malz hergestellte Getränk eher selten verfälscht. Das war auch Folge des Siegeszuges des industriell produzierten hellen „bayerischen“ Lagerbiers, das weltweit die zuvor dominanten dunkleren englischen Biere verdrängte. Getrickst wurde vor allem bei der Qualität des Malzes, das trotz des eben noch nicht reichsweit geltenden Reinheitsgebotes teils nicht aus Gerste, sondern aus billigeren stärkehaltigen Ersatzmitteln bestand, etwa Reis, Mais, Kartoffelsirup oder Süßholz. Hopfensurrogate kamen noch seltener zum Einsatz. Bier ohne Hopfen und Malz war technisch möglich, war aber eher Horrorvorstellung denn reales Angebot. Qualitative Mindeststandards wurden jedoch nicht nur durch die praktische Sinneskontrolle der Zecher festgelegt, sondern seit den 1860er Jahren auch durch Pharmazeuten, seit den späten 1870er Jahren durch die sich rasch professionalisierenden Nahrungsmittelchemiker. Selbstverpflichtungen des Braugewerbes unter dem Banner des Reinheitsgebotes galten reichsweit jedoch erst ab 1906.

Magenpumpe, Hoffmannstropfen,

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Medizinische Handwerkskunst (Medizinische Klinik 21, 1925, 394)

Die 1825 von John Weiß (1773-1843), einem deutsch-englischen Einwandererunternehmer, konstruierte Magensonde erweiterte das Arsenal der noch recht kleinen Zahl der Ärzte. Das erst in den 1870er Jahren allgemein eingesetzte Instrument diente dem Auspumpen des Magens und war insbesondere bei Vergiftungen eine wirksame Hilfe. Die Magenpumpe ergänzte die schon gängigen chirurgischen Geräte und ist ein frühes Beispiel für die im späten 19. Jahrhundert rasch anschwellende Zahl medizinischer Apparate.

015_Memminger Zeitung_1875_10_27_Nr275_p3_Heilmittel_Hoffmannstropfen_Drogerieartikel_Wilhelm-Fichtner

Das breite Angebot einer Drogerie – inklusive Hoffmannstropfen (Memminger Zeitung 1875, Nr. 275 v. 27. Oktober, 3)

Hoffmannstropfen passen nicht recht in den zeitlichen Reigen des Gedichtes, war doch der „Erfinder“ Friedrich Hoffmann (1660-1742) ein Hallenser Frühaufklärer. Das stark alkoholhaltige Kräftigungsmittel bestand vornehmlich aus Ätherweingeist und war insbesondere in der Jahrhundertmitte im Bürgertum weit verbreitet. Es erweiterte die Gefäße und senkte den Blutdruck, half daher bei Schwächezuständen aller Art.

Dichtungen von Schiller, Goethe,

016_Das interessante Blatt_24_1905_04_17_Nr14_p17_Konversationslexikon_Brockhaus_Goethe_Schiller_Globus

Der käufliche Horizont des deutschen Bürgerhaushalts: Schiller, Globus, Goethe und Brockhaus (Das interessante Blatt 24, 1905, Nr. 17 v. 27. April, 17)

Klassikerausgaben wurden seit dem späten 18. Jahrhundert Zierrat bürgerlicher Haushalte. Die Werke von Friedrich Schiller (1759-1805) und Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ragten dabei hervor. Beide waren deutsche „Dichter und Denker“, verkörperten deutsche Bildung, führten die Denkmalsmanie des 19. Jahrhunderts an. Die Hundertjahrfeiern ihrer Geburtstage waren wichtige Wegmarken der liberalen Nationalbewegung. Goethes und Schillers Werke wurden im Schulunterricht gelesen, ihre Dramen blieben Eckpunkte des bürgerlichen Theaters während des gesamten 19. Jahrhundert. All dies sollte allerdings nicht zu dem Fehlschluss führen, ihre Werke seien abseits des veröffentlichten Lebens alltagsrelevant gewesen. Dort dominierten zeitgenössische Dichter und Schriftsteller, vor allem aber die heute vielfach vergessene Kolportageliteratur. Die Werke von Schiller und Goethe dienten dagegen bevorzugt als Steinbruch, in dem jede Zeit, nicht nur das 19. Jahrhundert, fündig wurde.

Kriege, Krisen, Hungersnöthe,

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Hunger, Seuche und Geldnot – gezeichnet anlässlich der Hungersnöte in Russland 1892 (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 41, 3)

Im 19. Jahrhundert wurden Kriege noch als legitime Fortsetzung der Politik verstanden, entsprechend populär waren die nationalen Einigungskriege. Das änderte sich langsam um die Jahrhundertwende, zumal durch brutale Kolonialkriege, etwa der Briten gegen die Buren 1899-1902. 1899 kam es zu einer ersten internationalen Verrechtlichung militärischer Konflikte durch die Haager Landkriegsordnung, eine Folge auch des Drängens einer zahlenmäßig schwachen, jedoch medial recht präsenten Friedensbewegung. Auch Hunger wurde im späten 19. Jahrhundert nicht mehr länger als Schicksal akzeptiert. Insbesondere die Hungersnöte in Russland (1891/92) und Indien (1896/97) führten zu internationalen Hilfsaktionen, teils mit Geld, vor allem aber mit Nahrungsmittellieferungen.

Deutsche Zollvereinigung,

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Die Schaffung eines kleindeutschen Binnenmarktes: Entwicklung des Deutschen Zollvereins seit 1834 (Wikimedia)

Der deutsche Zollverein war wichtig für die Schaffung eines einheitlichen, durch Binnengrenzen möglichst unbeschränkten Warenverkehr. Anders als die spätere borussische Geschichtsschreibung, die in dem von Preußen geführten kleindeutschen Reich das eigentliche Ziel des Zollvereins sah, sollte man die zeitgenössischen wirtschaftlichen Vorteile der Handelsliberalisierung betonen. Der Staat verlor zwar für den Staatshaushalt noch sehr wichtige Zolleinnahmen, doch diese wurden durch wachsende Erträge aus Gewerbe- und Grundsteuern vielfach übertroffen. Zugleich erlaubte der Zollverein einheitliche Außenzölle, die für das Wachstum vieler in den 1830er bis 1870er Jahren noch nicht wettbewerbsfähigen Industriezweige notwendig erschienen. Der Zollverein war ein zukunftsweisendes Vertragswerk zwischen souveränen Staaten, eine Blaupause für die umfangreichen vornehmlich bilateralen Handelsverträge des späteren Deutschen Reiches mit anderen Staaten.

Dampflatrinenreinigung,

019_Die Staedtereinigung_1909_Nr06_sp_Müllabfuhr_Bedaurfnisanstalten_Stadthygiene_Latrinen

Hygiene durch Maschineneinsatz: Angebote nach der Jahrhundertwende (Die Städtereinigung 1909, Nr. 6, s.a.)

Im 19. Jahrhundert gab es eine umfassende Verhäuslichung körperlicher Verrichtungen. Aborte und Latrinen wurden erst am, dann im bürgerlichen Hause geplant, um Gestank zu minimieren und die Sittlichkeit zu heben. Um den öffentlichen Raum sauber zu halten, wurden zudem städtische Bedürfnisanstalten eingerichtet, damit auch Seuchenprävention betrieben. Sie waren vielfach an das öffentliche Abwassersystem angebunden, doch zumeist fehlten Spülanlagen. Ihre Reinigung wurde im späten 19. Jahrhundert breit diskutiert. Maschinenbetriebene Pumpen und Tankabfuhrwagen verringerten hygienische Probleme, schufen ein von strengen Gerüchen unbeeinträchtigtes Einkaufsumfeld. Schon im frühen 20. Jahrhundert begann jedoch ein langsamer Abbau dieser Form moderner Daseinsfürsorge, deren Betriebskosten angesichts der weiteren Verbreitung von häuslichen Aborten nicht mehr tragbar erschienen.

Impfzwang, Repetirgewehre,

020_Löhnert_1876_p06_Impfung_Pocken_Statistik_Schaubild

Kampf gegen den Impfzwang mit statistischen Daten (Carl Löhnert, Graphisches ABC-Buch für Impffreunde, Chemnitz 1876, 6)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Blattern resp. Pocken eine weit verbreitete Infektionskrankheit, deren Narben auch die Überlebenden zeichneten. Die Pockenschutzimpfung des britischen Arztes Edward Jenner (1749-1823) bot seit 1796 eine einfache Möglichkeit, diese Krankheit einzudämmen. Sie verbreitete sich rasch auf dem europäischen Kontinent. Bayern und Baden machten diese Impfung 1807 verpflichtend, während die Mehrzahl der deutschen Staaten lediglich Empfehlungen aussprach. Das änderte sich nach der Pockenepidemie 1869-1871, der im Gebiet des dann gegründeten Deutschen Reich ca. 180.000 Menschen zum Opfer fielen. Das Reichsimpfgesetz von 1874 erließ einen Impfzwang für Kinder von ein bis zwölf Jahren. Das Gesetz wurde jedoch nicht durchweg begrüßt, sondern zum Anlass für eine breite Gegenbewegung von Impfgegnern. Sie plädierten für das Recht auf körperliche Unversehrtheit, wiesen auch auf Mängel der vielfach nicht hygienischen Impfung hin. Die Impfgegner waren Teil einer Opposition gegen das Vordringen angewandter Naturwissenschaften und statistischer, vom Einzelfall absehender Verfahren, die in der kulturkritischen Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende ihren ersten Höhepunkt hatte.

021_Volks-Blatt_1903_01_20_Nr031_p05_Waffen_Gewehr_Mauser_Modell-98_Repetiergewehr

Das deutsche Infanteriegewehr „Modell 98“ (Volks-Blatt 1903, Nr. 31 v. 20. Januar, 5)

Der technische Fortschritt, insbesondere eine präzisere Metallverarbeitung, die Entwicklung widerstandsfähiger Stahlsorten und die Produktion von zündsicheren Patronen erlaubte seit Mitte des 19. Jahrhunderts massive Verbesserungen der Distanzwaffen, insbesondere von Gewehren und Artillerie. Repetiergewehre ermöglichten über mechanische Zieh- und Verschlusssysteme das rasche Nachladen der Waffe aus einem Patronenlager. Sie verdrängten Hinterladergewehre, wurden ihrerseits dann durch automatische Selbstladewaffen verdrängt. Seit 1898 etablierte sich im Deutschen Reich das von der württembergischen Firma Mauser produzierte „Modell 98“ als Standardgewehr, das auch viele andere Armeen übernahmen.

Amateure und Masseure,

022_Fliegende Blaetter_090_1889_Nr2274_Beibl_p08_Photoapparat_Amateurphotographie_C-P-Goerz

Jedermann kann photographieren (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2274, Beibl., 8)

Die vor allem durch die 1837 eingeführte Daguerreotypie geprägte Photobranche war ein halbes Jahrhundert ein Expertenhandwerk. In den seit 1840 auch in deutschen Landen entstehenden Photostudios hantierten Fachleute nicht nur mit schwierig zu handhabenden optischen Instrumenten, sondern auch mit giftigen und leicht entzündlichen Chemikalien. Bis weit ins 19. Jahrhundert prägten Lithographien und Holzstiche die zahlreichen illustrierten Blätter, das Photo blieb ein Prestigeprodukt für den eigenen Haushalt. Das änderte sich in den späten 1890er Jahren. Einfachere und preiswertere Kistenkameras, standardisierte Fixierflüssigkeiten und leichter handhabbare Photoplatten erlaubten nun auch bürgerlichen Enthusiasten das Photographieren. 1900 brachte der amerikanische Marktführer mit der Kodak Brownie eine tragbare Kamera auf den Markt, der die Amateurphotographie sowohl in den USA als auch im Deutschen Reich zu einem gängigen Hobby im bürgerlichen Milieu machte.

023_Schilling_1897_p242_Massage_Therapie

Die helfende Hand des Masseurs bei der Einleitungsmassage (F[riedrich] Schilling, Kompendium der Ärztlichen Technik, Leipzig 1897, 242)

Während des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Massage als Teil der physikalischen Therapie bzw. Mechanotherapie als eine etablierte ärztliche Technik. Streichen, Reiben, Kneten und Hacken wurden auf Grundlage zunehmend genauerer anatomischer Kenntnisse gezielt eingesetzt. Gegen Ende des Jahrhunderts ergänzten mechanische Instrumente die etablierten Handtechniken, während Maschinen noch außen vor blieben. Die Massage ist zugleich ein gutes Beispiel für den internationalen Transfer von Therapien. Viele stammten aus Schweden (Per Henrik Ling (1776-1839)), etablierten sich durch schwedische Auswanderer in den USA und wurden von dort auch ins Deutsche Reich übertragen (Albert Hoffa (1859-1907)). Die Naturheilkunde setzte ebenfalls stark auf Massagetechniken und popularisierte sie um die Jahrhundertwende in zahlreichen, teils in Millionenauflagen vertriebenen Gesundheitslehren.

Vielerlei Assecuranzler,

024_Ueber Land und Meer_081_1898-99_Nr05_sp_Versicherungen_Lebensversicherung_Stuttgart

Popularisierung der Sorge: Werbung für eine Lebensversicherung (Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 5, s.p.)

Versicherungen sind Institutionen zur gemeinsamen Risikoübernahme. Sie konzentrierten sich seit der frühen Neuzeit auf elementare Risiken, etwa die in Städten weit verbreiteten Feuer oder aber Hagelschlag und Ernteverluste. Transportversicherungen entstanden parallel zur europäischen kolonialen Expansion. Die Versicherung von Besitz und Leben begleitete in deutschen Landen den Aufschwung des Bürgertums seit dem frühen 19. Jahrhundert. Die Assekuranzen benötigten beträchtliches Kapital, waren daher Pioniere der Aktiengesellschaften. Um ihr betriebliches Risiko abschätzen zu können, bedienten sie sich schon seit dem späten 18. Jahrhundert mathematischer Verfahren. Für die Mehrzahl der Deutschen hatten Assekuranzen nur geringe Bedeutung, sie zahlten eher für lokale Begräbnisvereine und Sterbekassen, während elementare Lebensrisiken (Krankheit, Unfall, Alter) von den in den 1880er Jahre eingeführten Sozialversicherungen peu a peu gemildert wurden.

Deutschen Kaiser, Deutschen Kanzler,

025_Lustige Blaetter_14_1899_Nr29_p10_WilhelmI_Otto-von-Bismarck

Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto v. Bismarck grüßen vom Himmel (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 29, 10)

Das 1871 gegründete kleindeutsche Reich wurde als Ende der fehlenden deutschen Staatlichkeit gefeiert, als nationaler Machtstaat – obwohl es Abermillionen von Deutschen ausschloss, Abermillionen nationale Minderheiten umgriff. Die Kaiserwürde knüpfte an die mittelalterliche Geschichte an, ebenso wie schon 1849, beim vergeblichen Versuch des demokratisch gewählten Paulskirchenparlaments, dem preußischen König die Krone anzudienen. Auch 1871 hatte der spätere Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) gewichtige Bedenken, war Preußens und Hohenzollerns Mission doch nicht Deutschland. Das neue Reich war eine Monarchie eigenen Typs, die Herrschaft von Monarch, Militär und Obrigkeit war durch Verfassung und Parlament eingeschränkt. Der Kaiser regierte durch den Reichskanzler, der vom ihm ernannt und entlassen wurde, der zugleich aber beträchtliche Rechte hatte, die eine starke Persönlichkeit nutzen konnte. Der erste Kanzler, Otto von Bismarck (1815-1898), dominierte die Politik bis 1890, ohne dass diese in eine „Kanzlerdiktatur“ abglitt. Es folgte das „persönliche Regiment“ des irisierenden Wilhelm II. (1859-1941), dessen Reichskanzlern es nur selten gelang, „seine Majestät“ im Zaum und auf Kurs zu halten.

Deutsches Heer und Deutsche Flotte,

026_Illustrirte Zeitung_113_1899_p211_Militär_Artillerie_Haubitze_Fetthenne

Haubitzenbatterie während eines Manövers bei Fettehenne, heute Wuppertal (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 211)

Die Siege in den sogenannten Einigungskriegen 1864, 1866 und vor allem 1870/71 stärkten die Stellung der Armee in der Bevölkerung, verdrängten teilweise ihre Funktion als Machtmittel der Fürsten. Die „deutsche“ Armee blieb rechtlich eine Chimäre, denn sie bestand aus Kontingenten der Einzelstaaten unter dem Oberbefehl des Kaisers. Eine parlamentarische Kontrolle erfolgte allein über die notwendige Zustimmung des Reichstags zum Militärbudget, die jedoch für immer längere Zeiträume gewährt wurde. Das Heer blieb fest in adeliger Hand, und eine gesonderte Militärgerichtsbarkeit ermöglichte die Aufrechterhaltung ständischer Formen von Ehrsamkeit und Unterordnung. Militärisch blieben die deutschen Truppen eher konventionell, besaßen keine strukturellen Vorteile gegenüber denen anderer Großmächte. Die Truppenführung mit ihrem Fokus auf Offensive und Entscheidungsschlacht sowie die – abseits der Artillerie und der Telegraphie – häufig zögerliche Einführung moderner Technik sollten sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als schwere Belastung erweisen.

027_Gartenlaube_1898_p045_Marine_Kreuzer_Ostasien_Imperialismus

Ein deutsches Kreuzergeschwader in Ostasien (Gartenlaube 1898, 45)

Eine deutsche Flotte war schon ein Ziel der liberalen Mehrheit des Paulskirchenparlaments 1848/49. Ab 1871 wurden die nicht allzu zahlreichen Einheiten des Deutschen Bundes einem einheitlichen kaiserlichen Kommando unterstellt. Sie dienten der Küstenverteidigung und dem Schutz deutscher Handelsinteressen – zumal nach Erwerb erster Kolonien. Unter dem Druck von Wilhelm II. und des Staatssekretärs im Reichsmarineamt, Alfred von Tirpitz (1849-1930), begann das Deutsche Reich jedoch 1897 mit dem Aufbau einer Schlachtflotte. Sie wurde von der bürgerlichen Öffentlichkeit enthusiastisch begrüßt, die außenpolitischen Risiken dieser gegen die Dominanz Großbritanniens gerichteten Maßnahme billigend in Kauf genommen. Neben den Militarismus trat der Navalismus. Dennoch war schon um die Jahrhundertwende absehbar, dass die „schwimmende Wehr“ ein finanzpolitisches und strategisches Desaster sein würde.

Anarchistische Complotte,

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Anarchismus als Konsequenz der Heuchelei der herrschenden Klassen (Der Wahre Jacob 18, 1901, 3620)

Der Anarchismus ist eine philosophisch-politische Lehre, die unter Flaggenwörtern wie Freiheit und Selbstbestimmung den dezentralen Aufbau der Gesellschaft in Kommunen und Syndikaten anstrebt und zugleich hierarchische staatliche Strukturen bekämpft. Entstanden vor allem in den 1840er Jahren, waren Anarchisten vielfach Teil demokratischer und dann sozialdemokratischer Bewegungen, wurden seit den 1870er Jahre jedoch zunehmend ausgegrenzt. Grund war die viel und kontrovers diskutierte „Propaganda der Tat“, also die gezielte Gewaltanwendung gegen Repräsentanten der staatlichen und wirtschaftlichen Ordnung. Die zahlreichen Attentate in Russland, Frankreich, Spanien und auch Deutschland führten zur massiven Bekämpfung der Anarchisten. Ihre Aktionen waren zugleich ein dankbar aufgegriffener Vorwand für staatliches Vorgehen gegen Sozialdemokraten und Liberale.

Pulver ohne Knall und Rauch,

029_Kladderadatsch_045_1892_Nr29_p08_Munition_Pulver_Versandgeschäft_W-Güttler_Reichenstein

Rauchloses Pulver und Patronen für die Jagd (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 29, 8)

Bis in die 1880er Jahre wurde für Schusswaffen vor allem Schwarzpulver verwandt, eine Mischung aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle. Es verbrannte recht schnell, so schnell, dass bei größeren Kalibern der Geschosslauf beeinträchtigt wurde. Langsamer explodierende, ihre Energie recht vollständig auf die Projektile übertragende Sprengstoffe veränderten dies. Zahlreiche Forscher und Unternehmer knüpften dabei an die 1867 erfolgte Erfindung des Dynamits durch den schwedischen Chemiker Alfred Nobel (1833-1896) und dessen Weiterentwicklung des Nitroglycerins an. Der französische Chemiker Paul Vieille (1854-1934) stellte 1882 mit dem „Poudre B“ ein erstes rauchschwaches Pulver vor, zahlreiche weitere Sprengstoffe folgten binnen weniger Jahre. Doch auch diese explodierten nach wie vor mit einem recht lauten Knall.

Deutsche Colonien auch,

030_Der Wahre Jacob_11_1894_p1784_Kolonialismus_Zivilisation_Menschenwürde_Rassismus

Die Peitsche als Herrschaftsinstrument des „Weißen Mannes“ (Der Wahre Jacob 11, 1894, 1784)

Das Deutsche Reich trat kurz nach seiner Gründung in den Kreis der Kolonialmächte ein. Dies wurde von einer einflussreichen bürgerlichen Kolonialbewegung gefördert und begrüßt (1882 Gründung des Deutschen Kolonialvereins), ebenso von den christlichen Kirchen. Wie schon bei der Debatte um die Sklavenhaltung gab es allerdings auch antikoloniale Vereine, deren Bedeutung aber gering blieb. Ab 1884 folgte die Fahne dem Handel, wurden doch Gebiete mit starken deutschen Handelsgesellschaften unter den Schutz des Deutschen Reichs gestellt. 1884/85 galt dies für Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika sowie die Pazifikregionen Neuguinea und die Marshallinseln. Die Kolonien waren ein ökonomisches Verlustgeschäft, verschlangen doch der Aufbau der rudimentären Infrastruktur und die Besatzungsherrschaft beträchtliche Summen. Politisch stieg die Chance für Konflikte mit den anderen Kolonialmächten beträchtlich. Moralisch wurde zwar immer wieder auf die zivilisierende Aufgabe der Deutschen verwiesen, doch die häufig militärische Brechung lokalen Widerstandes wurde schon vor den brutalen Kolonialkriegen in Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika als Verletzung elementarer Menschenrechte gebrandmarkt.

Nihilistenattentate,

031_Ueber Land und Meer_040_1878_p749_Attentat_Terror_WilhelmI_Karl-Nobiling_Unter-den-Linden

Attentat von Dr. Karl Eduard Nobiling (1848-1878) auf Kaiser Wilhelm I. am 2. Juni 1878 in Berlin, Unter den Linden (Über Land und Meer 40, 1878, 749)

Wie beim Anarchismus handelte es sich auch beim Nihilismus um eine breite philosophische Bewegung, die teils die Möglichkeit der Erkenntnis, teils die Existenz des Seins negierte. Die Konsequenz war eine strikte Fokussierung auf das Individuum, seine Bedürfnisse und Triebe. Der Begriff wurde seit den 1860er Jahren von russischen Sozialrevolutionären aufgegriffen, die einen gewaltsamen Umsturz der bestehenden Ordnung anstrebten. Nihilismus und Anarchismus wurden daraufhin vermengt und gerade in der politischen Debatte austauschbar. Das konnte man deutlich an den beiden Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. 1878 sehen. Obwohl beide Attentäter erklärte Gegner der Sozialdemokraten waren, dienten die Gewaltakte als Vorwand für das bis 1890 währende Sozialistengesetz, durch das sozialdemokratische Vereine, Zeitungen und Verlage verboten und tausende Anhänger von ihren Wohnorten vertrieben wurden.

Rothes Kreuz, Brutapparate,

032_Fliegende Blaetter_90_1889_Nr2881_Beibl_p11_Lotterie_Rotes-Kreuz_München

Lotterie zugunsten des Roten Kreuzes in Bayern 1889 (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2281, Beibl., 11)

Selten hatte das Engagement eines Einzelnen einen größeren Effekt: Der schweizerisch-französische Geschäftsmann Henri Dunant (1828-1910) bemühte sich 1859 um ein Gespräch mit dem französischen Kaiser Napoleon III. (1808-1873), um ihm seine Kolonisierungsideen in Algerien vorzustellen. Geplant war ein Treffen im oberitalienischen Solferino, wo am 24. Juli mehr als 150.000 französisch-italienische Soldaten die Truppen Österreichs vernichtend schlugen und so den Weg zur nationalen Einigung Italiens ebneten. Dunant sah das Elend auf den Schlachtfeldern, organisierte vor Ort Hilfe und veröffentlichte 1862 „Eine Erinnerung an Solferino“ im Eigenverlag. Darin schlug er die Gründung einer neutralen Organisation freiwilliger Helfer vor, gut ausgebildet und in Kriegs- und Krisenzeiten einsetzbar. Er sprach gezielt Staatsoberhäupter an, warb in ganz Europa für seine Idee. Das spätere Rote Kreuz entstand 1863 als „Internationales Komitee der Hilfsgesellschaft für Verwundetenpflege“ in Genf, ein Jahr später regelten in der 1. Genfer Konvention zwölf Staaten die Rechte der seit 1876 „Internationales Komitee vom Rothen Kreuz“ genannten Hilfsorganisation. Es stand unter dem Banner des roten Kreuzes auf weißem Grunde (eine Spiegelung der Schweizer Flagge), 1876 ergänzt durch den roten Halbmond in der islamischen Welt. Im Deutschen Reich war die supranationale Organisation anfangs regional organisiert, seit 1879 bestand ein Zentralkomitee. Die Finanzierung erfolgte durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Lotterien und staatliche Zuschüsse.

033_Flügge_Hg_1896_p560_Bakteriologie_Medizinaltechnik_Brutapparat_Lautenschläger_Thermoregulator

Brutapparat für Bakterienkulturen (C[arl] Flügge (Hg.), Die Mikroorganismen, 3. völlig umgearb. Aufl, T. 1, Leipzig 1896, 560)

Am Anfang war das Ei, denn Brutapparate entstanden schon in der frühen Neuzeit, um Küken für die Hühnerzucht auszubrüten. Diese einfache Aufgabe setzte zwei für die modernen Naturwissenschaften, aber auch viele Gewerbe entscheidende Techniken voraus: Temperaturmessung und Hitzeregulierung. Brutapparate für die Hühnerzucht wurden im 19. Jahrhundert immer wieder verändert und verbessert, doch der eigentliche Durchbruch zum „Inkubator“ erfolgte parallel mit dem Aufschwung der Bakteriologie. Sie setzte kontrollierte Laborbedingungen voraus, um Bakterienkulturen gezielt vermehren und auch untersuchen zu können. Typisch für die enge Verbindung von Forschung und Gerätetechnik waren in den 1880er Jahren zahlreiche im Umfeld universitärer Institute entwickelte Brutkästen, von denen der hier gezeigte „Thermoregulartor“ der 1888 gegründeten Berliner Firma F. & M. Lautenschläger die auch international weiteste Verbreitung hatte.

Brod- und Wurst- und Weinfabriken,

034_Der Bazar_43_1897_p082_Nahrungsmittelindustrie_Fleischwaren_Wurst_Schinken_Produktionsstätte_Vogt-Wolf_Gütersloh_Versandgeschäft

Einkauf per Versandgeschäft in Deutschlands größter Wurst- und Schinkenfabrik (Der Bazar 43, 1897, 82)

Der Aufstieg der Ernährungsindustrie begann in deutschen Landen in den 1830er Jahren, indem Pflanzen verarbeitet wurden, die in Haushalten kaum bearbeitet werden konnten. Im Vordergrund standen Rübenzuckerraffinerien, Getreide- und Ölmühlen, die Tabak- und Zichorienverarbeitung. Brot, Backwaren, Fleisch und auch Wein wurden dagegen kleingewerblich und verbrauchernah, vielfach auch noch zuhause hergestellt. In der Mitte des Jahrhunderts begann die Mechanisierung weiterer Nahrungsmittelbranchen, insbesondere von Bierbrauereien und dann Margarinefabriken. Maschinen wurden jedoch auch im Nahrungsmittelhandwerk eingesetzt, das seine Stellung durch direkten Verkauf gar ausbauen konnte. Die Brot- und Weinproduktion blieb daher von kleinen und mittleren Betrieben geprägt, anders als etwa in Großbritannien. Wurstfabriken gewannen im späten 19. Jahrhundert etwas größere Bedeutung. Fleischwaren waren länger haltbar, die Rohwaren durch den 1881 in Preußen erlassenen Schlachthauszwang in größeren Mengen konzentriert, und die teils von deutschen Einwandererunternehmern gegründeten US-Mammutunternehmen in Cincinnati und Chicago boten technische und kommerzielle Vorbilder für die Großproduktion. Dennoch gab es in Deutschland 1895 erst drei Fleischerbetriebe mit mehr als 100 Beschäftigten.

Oertel-Curen für die Dicken,

035_Fliegende Blaetter_090_1889_Nr2285_Beibl_p4_Kurort_Bad-Reichenhall_Oertel

Werbung für eine Kur in Bad Reichenhall – inklusive einer Oertel-Kur (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2285, Beibl., 4)

Die meisten der heutigen Diäten sind Wiedergänger einschlägiger Kuren und Ratschläge des 19. Jahrhunderts. Sie entstanden vor dem Hintergrund der Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten Stoffwechsellehre, die im Körper eine Maschine, in Bewegung Energieverlust und in den Nahrungsstoffen Betriebsmittel sah. Die richtige Mischung schien im Kampf gegen die Fettsucht und die Pfunde entscheidend zu sein: Seit den 1860er Jahren propagierte die aus England stammende Banting-Diät den Verzehr vornehmlich eiweißhaltiger Nahrung, während die Ebstein-Diät der 1880er Jahre fettreich und kohlehydratarm war. Die nach dem Münchner Hals-, Nasen-, Ohrenarzt Max Joseph Oertel (1835-1897) benannte Diät verbot dagegen Fette, setzte zudem auf die Reduktion von Getränken. Nur leicht modifiziert war die Schweninger-Diät, die jedoch dank der PR seines Propagandisten – Ernst Schweninger (1850-1924) war unter anderem Leibarzt Otto von Bismarcks – große Resonanz hervorrief. Während heute Diäten individualisiert sind, der Kampf gegen das Übergewicht privat geführt wird, war es für bürgerliche Kreise im 19. Jahrhundert allerdings noch üblich, sich einer Kur in einer Privatklinik zu unterziehen.

Streichhölzer und Eisenbahnen,

036_Deutsches Montags-Blatt_1877_10_29_p08_Streichhölzer_Norrköpings Tändsticksfabriks_Kleinau-Borchardt

Schwedische Importwaren in deutschen Landen (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 29.10., 8)

Die Nutzung des Feuers stand nicht nur am Beginn menschlicher Zivilisation, sondern auch für die industrielle Welt voll Kohle und Eisen. Feuer wurde bis weit in das 19. Jahrhundert hinein im Herd gehegt, leicht entzündlicher Zunder war erforderlich, um es durch Funkenschlag wieder zu entfachen. Streichhölzer haben dies wesentlich vereinfacht. Sie waren Anwendungen chemischer Forschung, Resultat steten und nicht ungefährlichen Experimentierens. Weißer Phosphor brannte hell, konnte um sich greifen und war giftig, auch Kaliumchlorat nicht ungefährlich. Reibbare Streichhölzer gab es seit den 1830er Jahren – und der Markt für Zündstoffe entwickelte sich rasch, nachdem auch roter Phosphor genutzt wurde. Wichtiger noch war die Verlagerung der gefährlicheren Chemikalien in eine Reibfläche, durch die allein das imprägnierte Holz entzündet werden konnte. Der Frankfurter Chemiker Rudolf Christian Boettger (1806-1881) entwickelte das wohl wirkmächtigste Verfahren. Er verkaufte sein Patent an schwedische Investoren, deren Sicherheitshölzer den Markt in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts dominieren sollten.

037_Illustrierte Technik für Jedermann_04_1926_p043_Eisenbahn_Adler_Nürnberg_Bahnhof

Der „Dampfwagen“ Adler startet in ein neues Zeitalter des Verkehrs (Illustrierte Technik für Jedermann 4, 1926, 43)

Die Eisenbahn war die wichtigste Innovation des 19. Jahrhunderts. Sie war Leitsektor der Industrialisierung, zumal des Maschinenbaus, der Metallverarbeitung und des Bergbaus. Ihre Finanzierung mündete in ein modernes Bankensystem, etablierte die Rechtsform der Aktiengesellschaft, förderte das Börsenwesen. Die Eisenbahn veränderte die Landschaft, das Empfinden von Entfernungen, war zentral für die Bildung regionaler und nationaler Märkte. Sie erlaubte rasche Bewegungen von Truppen und Ausrüstung. Das Eisenbahnnetz erforderte überregionale Koordinierung, Fahrpläne, möglichst einheitliche Zeiten, einheitliche Spurbreiten und Standards. Sein Aufbau und seine Aufrechterhaltung benötigte eine immense Zahl von Arbeitern, un- und angelernte für die Gleisarbeiten, Facharbeiter für Lokomotiven, Waggons, Signaltechnik, Verkehrsregulierung, Gebäudebau und vieles mehr. Die anfangs vielfach privat betriebenen Eisenbahnen wurden zunehmend verstaatlicht, blieben im Deutschen Reich jedoch unter der Hoheit der Länder. Damit wurde nicht nur der Staat zu einem zentralen wirtschaftlichen Akteur, sondern es entwickelte sich eine für das Deutsche Reich typische enge Verzahnung von Banken, Unternehmern, Investoren und dem Staat.

Heines Lieder, Freytags „Ahnen“,

038_Kikeriki_33_1893_02_05_Nr11_p02_Heinrich-Heine_Illustrirte Frauen-Zeitung_22_1895_p089_Gustav-Freytag

Porträts von Heinrich Heine und Gustav Freytag (Kikeriki 33, 1893, Nr. 11 v. 5. Februar, 2; Illustrirte Frauen-Zeitung 22, 1895, 89)

Heinrich Heines (1797-1856) 1827 erschienener Gedichtband „Buch der Lieder“ bündelte die große Mehrzahl der frühen Gedichte des heutzutage vor allem als scharfsinnigen Satiriker, Zeitkritiker und demokratischen Feuilletonisten geschätzten Dichters. Er bestand vor allem aus Liebesgedichten und Landschaftsbeschreibungen und war ein Schlüsselwerk der Romantik. Dennoch blieb der seit 1831 im Pariser Exil lebende und 1835 mit Publikationsverbot im Deutschen Bunde belegte Heine eine Persona non grata für Nationalisten und engstirnige Christen, für Antisemiten und Duckmäuser. Wer jedoch die deutsche Sprache klingen hören, wer ihre utopisch-grimmige Kraft spüren möchte, der lese Heine. Gustav Freytag (1816-1895) war ein anderes Kaliber, Journalist und liberaler Politiker, Theater- und Romanschriftsteller, ein Lehrer der Künste, Biograph und populärer Geschichtsschreiber. All dies bündelte sich in seinem sechsbändigen, von 1872 bis 1880 erschienenen Romanzyklus „Die Ahnen“. Darin verfolgte er Werdegang und Wandlung der fiktiven Familie König über wahrlich stattliche 1500 Jahre. Der gefeierte „Hausdichter des deutschen Bürgertums“ verstand den Roman als Baustein eines dringend erforderlichen historischen Bewusstseins der Deutschen.

Telegraphen mit und ohne

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Damen und Herren der Morseabteilung eines Telegraphenamtes (Über Land und Meer 88, 1902, 946)

Im 19. Jahrhundert entstanden parallel zu massiven Veränderungen des Verkehrswesens neuartige Kommunikationsnetze, ohne die nationale Märkte und globale Arbeitsteilung kaum möglich gewesen wären. Telegraphie erfolgte anfangs optisch, mit Flügeltelegraphen, war damit wetterabhängig und störungsanfällig. Die elektrische Telegraphie entwickelte sich seit den 1840er Jahren dagegen parallel zur Eisenbahn, nutzte vielfach deren Trassen. Sie diente weniger strategisch-militärischen, sondern vorrangig kommerziellen Interessen, etwa der Übermittlung von Preisen und Schiffsankünften. Die Nachrichten wurden codiert, auf ihren Kern reduziert. Seit Mitte des Jahrhunderts dominierte das einfache System des US-Katholikenfeindes und Malers Samuel Morse (1791-1872), bei dem Striche und Punkte per Signalgeber auf Papier gestanzt wurden. Die elektrische Telegraphie erforderte internationale Kooperation und Zusammenarbeit, die Ausweitung europaweiter Landnetze durch internationale Unterwasserkabel ließ die Welt beträchtlich zusammenwachsen. Zunehmend wurden Informationen auch durch „Telegraphenbüros“ gebündelt und vertrieben. Diese Nachrichtenagenturen bildeten die Grundlage für ein sich rasch ausdifferenzierendes Pressewesen, das neue Möglichkeiten überregionaler Produktwerbung schuf.

Leitungsdrähte, Telephone,

040_Katalog_1883_Annoncen_p119_Telephon_G-Wehr

Werbung für Telefonanlagen 1883 (Officieller Katalog der allgemeinen deutschen Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens, Berlin 1883, Annoncen, 119)

Auch wenn hierzulande der Lehrer Johann Philipp Reis (1834-1874) als Erfinder des Telefons gilt – von ihm stammt ein Apparat zur Umwandlung elektrischer Impulse in mechanische und dann akustische Schwingungen sowie die Bezeichnung (1861) –, so wurden die Grundlagen des modernen Kommunikationssystems doch in den USA gelegt. Alexander Graham Bell (1847-1922) entwickelte nicht nur einen Apparat, mit dem man zwei Teilnehmer miteinander verbinden konnte, sondern schuf mittels der American Telephone & Telegraph Company auch einen der ersten elektrotechnischen Großkonzerne. In Deutschland wurde das 1876 patentierte Verfahren 1877 durch die staatliche Reichspost aufgegriffen und mittels der telegraphischen Infrastruktur auch eingeführt. Umfang und Leistungsfähigkeit des vorerst lokal begrenzten Telefonnetzes wurde durch Vermittlungsbüros deutlich erhöht. Bis zur Jahrhundertwende blieb das Telefon jedoch ein relativ teures, vornehmlich geschäftlich genutztes Gerät.

Auch Torpedos, rasch versenkbar,

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Stolz der Kriegsmarine: Hauptwaffe eines Torpedobootes (Illustrierte Weltschau 1914, Nr. 6, 2)

Die globale Vorherrschaft der europäischen Nationalstaaten gründete vor allem auf ihrer überlegenen Militärtechnik. Torpedos, also zigarrenförmige, selbst angetriebene und mit einer Sprengladung versehene Unterwasserwaffen, entstanden in den 1860er Jahren, Wegbereiter waren österreichische und englische Militärs und Ingenieure. In Großbritannien wurden Anfang der 1870er Jahre dann gesonderte Torpedoboote entwickelt, gering gepanzerte schnelle Schiffe, die gegen Handelsschiffe eingesetzt, aber auch Großkampfschiffen gefährlich werden konnten. Torpedoboote galten rasch als Kernelement kleinerer, eher auf Küstenverteidigung setzende Marinen. Im Deutschen Reich begann ihr Bau 1882. Seit 1898 entwickelte die Kaiserliche Marine dann auch Große Torpedoboote, die mit stärkeren Geschützen ausgerüstet und hochseetauglich waren. U-Boote sollten erst im 20. Jahrhundert folgen.

Flugmaschinen, beinah lenkbar,

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Ikarus als Vorbild: Beispiel einer nur ansatzweise flugfähigen Maschine (Berliner Börsen-Zeitung 1894, Nr. 564 v. 2. Dezember, 17)

Der Welt zu entfliegen, das gelang erst im frühen 20. Jahrhundert. Doch im 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Ingenieure und Praktiker, die mittels Maschinen in die Lüfte und gar in den Weltraum aufsteigen wollten. Freiluft- und Fesselballons beflügelten seit dem späten 18. Jahrhundert die Phantasie, ein wirklicher Flug, mit Muskel- oder aber Motorkraft, gelang jedoch noch nicht. Bis heute bekannt sind die Versuche des Drachenfliegers Wilhelm Kress (1836-1913), des gescheiterten Motorfliegers Alexander Moschaiskis (1825-1890), des Gleitfliegers Otto Lilienthal (1848-1896), des Maschinengewehrentwicklers Hiram Maxim (1840-1916) und des Luftschiffers Hermann Ganswindt (1856-1934). Der Traum vom Fliegen mit lenkbaren Maschinen wurde erst im frühen 20. Jahrhundert erfüllt.

Reblaus-, Schildlausinvasion,

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Verschiedene Entwicklungsstufen der Reblaus (D-F) sowie Schädigungen der Rebwurzel (A-C) (Hermann Eulenburg (Hg.), Handbuch des öffentlichen Gesundheitswesens, Bd. 2, Berlin 1882, 616)

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit wachsender Naturkenntnisse, so dass die engen Grenzen der erweiterten Subsistenzwirtschaft der frühen Neuzeit zunehmend durchbrochen werden konnten. Gleichwohl blieb man abhängig von den Unbilden der Natur, von Missernten. Das zeigte sich besonders deutlich an der Reblausinvasion der 1860er Jahre, die große Teile der europäischen Weinstöcke vernichtete. Das unscheinbare, lediglich anderthalb Millimeter große Insekt stammte aus den USA und gelangte im Wurzelwerk von Setzlingen nach 1860 über Großbritannien nach Südfrankreich, verbreitete sich dann auf dem Kontinent. Die befallenen Pflanzen wuchsen nicht mehr, die Blätter wurden gelb, verwelkten, die Trauben kamen nicht mehr zur Reife, schließlich starben die Rebstöcke ab. Es dauerte jedoch mehrere Jahre, ehe 1868 „Phylloxera rastatrix“ im Wurzelwerk der Pflanzen als Ursache erkannt wurde. Dennoch wurden die Verheerungen größer, bis 1885 waren schließlich mehr als drei Viertel der französischen Anbaufläche betroffen. Am Ende blieb nur die Kultivierung neuer, aus den USA importierter resistenter Rebstöcke. Auch in deutschen Landen waren die Schäden beträchtlich, zumal man bis Mitte der 1870er Jahre über angemessene Gegenmaßnahmen stritt.

Rotationsdruck, Secession,

044_Deutsches Montags-Blatt_1877_08_13_p08_Druckerei_Rotationsdruck_Rudolf-Mosse_Stereotypie

Neue Drucktechnik im Einsatz (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 13. August, 8)

Maschinen veränderten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die Grundlagen von Presse und Buchhandel. Lumpen und ab den 1860er Jahren auch Holz wurden erst manuell, dann maschinell zu Papier in immer spezialisierter Form verarbeitet. Die Drucktechnik erreichte durch den Einsatz rotierender Walzen einen neuen Aggregatzustand. Erste brauchbare Rotationsdruckmaschinen wurden in den USA und Frankreich entwickelt, doch schließlich setzten in den 1860er und 1870er Jahren britische und deutsche Anbieter die Standards. Die Folgen waren nuanciertere Illustrationen in Zeitschriften, höhere Auflagen von Büchern und das teils mehrfach tägliche Erscheinen einer Reihe meinungsbildender Tageszeitungen.

045_Lustige Blaetter_14_1899_Nr18_p03_Kunst_Ausstellung_Sezession

Neue Märkte durch neuartige Kunst (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 18, 3)

Die bildenden Künste emanzipierten sich im 19. Jahrhundert langsam von ihrer engen Bindung an Adel und Kirche, zielten zunehmend auf das kaufkräftige Bürgertum und auch den Massenmarkt. Gleichwohl blieb der Einfluss zumal der expandierenden Höfe der Hohenzollern, Wittelsbacher und auch Wettiner hoch. Die lokalen Künstlervereine wurden Anfang der 1890er Jahre noch von konservativen Historien- und Porträtmalern, wie etwa Anton von Werner (1843-1915) oder Franz Lenbach (1836-1904) angeführt. Sie hatten zudem großen Einfluss an den Kunsthochschulen, dominierten den Kunsthandel und die regelmäßigen Verkaufsausstellungen. Trotz dieser Machtstellung kam es 1892 zu einer ersten Sezession in München, also der Abspaltung einer Künstlergruppe und dem Aufbau eines konkurrierenden Ausstellungs- und Verkaufsbetriebes. In München erfolgte dies unter dem Banner der Moderne, dann des Jugendstils. 1891/92 zerbrach am Fall Munch auch die Berliner Künstlerszene, wenngleich die Berliner Sezession erst 1898 erfolgte. Ausschluss und Denunziation der Werke des norwegischen Malers Edvard Munch (1863-1944) durch Werner sowie konservative Kreise waren der Anlass insbesondere impressionistischer Künstler für die Gründung eigener sezessionistischer Strukturen. In Wien zerbrach die Künstlerszene 1897, dort allerdings unter dem klaren Banner des Jugendstils.

Bahnhofsperre (läst‘ge Fessel!),

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Ordnung hat seinen Preis: Fahrkartenhalter für das raschere Durchqueren der Bahnsteigsperre (Fliegende Blätter 104, 1896, Nr. 2240, Beibl. 1, 2)

Die Bahnhofsperre war Ordnungsfaktor und Sieb zugleich. Es handelt sich um eine kontrollierte Absperrung, meist ein Gatter oder Zaun, die eine Kontrolle der Bahnhöfe und insbesondere der Bahnsteige ermöglichte – und damit auch den Ausschluss missliebiger Besucher. Bahnhöfe waren nämlich auch öffentliche Treffpunkte, zumal am freien Sonntag. Bahnsteigsperren waren zugleich notwendiger Arbeitsschutz für Bahnschaffner. Die frühen Reisewaggons entstanden nach dem Vorbild der Kutschen, besaßen demnach klar voneinander geschiedene Abteile, die durch eine Tür zum Bahnsteig hin geöffnet werden konnten. Das nutzte den vorhandenen Raum gut aus, erlaubte einen geordneten Ein- und Ausstieg, brachte jedoch Probleme beim Kontrollieren der Fahrscheine mit sich. Schaffner mussten sich entweder von außen von Abteil zu Abteil entlanghangeln oder bei jedem Halt alle Zusteigenden kontrollieren. Die Bahnhofsperre ermöglichte demnach Zeitgewinn, konnte die Fahrkartenkontrolle doch vorverlagert werden. Sie wurde in Preußen und Sachsen ab dem 1. Oktober 1893 eingeführt, nicht aber in Bundesstaaten, die wie etwa Württemberg mit Durchgangswaggons fuhren. Die von Beginn an umstrittenen Bahnsteigsperren wurden durch die vermehrte Indienstnahme dieser in Preußen anfangs den D-Zügen vorbehaltenen Waggons mit Seitengang und Faltenbalgübergängen in der Zwischenkriegszeit peu a peu abgebaut.

„Fuhrmann Henschel“, „Weißes Rössel“,

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Schauspieler der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Drama „Fuhrmann Henschel“ am Deutschen Theater in Berlin (Rittner als Fuhrmann Henschel, Lehmann als Hanne, Sauer als Hauswirt) (Berliner Leben 1, 1898, 156)

Im späten 19. Jahrhundert war Gerhart Hauptmann (1862-1946) Bahnbrecher des Naturalismus, ab 1933 kroch er vor den Nationalsozialisten. Der schlesische Dramatiker begann seine Laufbahn furios und mutig, „Die Weber“ (1892) werden nicht nur wegen ihres Sozialrealismus bis heute gelesen. „Fuhrmann Henschel“, 1898 uraufgeführt, kreist um die Frage nach den Konsequenzen eines gegebenen Versprechens, um das Scheitern an eigenen Ansprüchen, um ein Leben in Schuld und den Selbstmord als Konsequenz. Auf sich selbst angewandt hat es der eitle Großdichter jedoch nie.

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Ein Lustspiel aus der „Stückefabrik“: Kritik am „Weissen Rössl“ im schönen Wien (Österreichische Musik- und Theaterzeitung 11, 1898/99, Nr. 5, 2-3)

Die wahrlich große Zahl literarisch bedeutender Theater- und Opernwerke des späten 19. Jahrhunderts sollte nicht verdecken, dass die Mehrzahl der Angebote primär kurzweiliger Unterhaltung und der Abkehr vom Arbeitsalltag diente. Gemeinsam mit dem Wiener Schauspieler und Dramatiker Gustav Kadelburg (1851-1951) bediente Oskar Blumenthal (1852-1917), Kritiker, Theaterdirektor und Schachkomponist den Markt der leichten Possen virtuos: Mann und Frau, Irrungen und Wirrungen, Intrigen und Ränkespiele, Düsternis und Sonnenaufgang – und am Ende ein Happy End, lange vor dem Aufstieg Hollywoods. Als Operette wurde „Im weißen Rössl“ seit 1930 zum neuerlichen Kassenschlager, Musikfilme folgten, rätselte das Publikum in dieser himmelblauen Walzerwelt doch immer wieder von neuem, warum der Sigismund so schön war.

Chloroform, Antipyrin,

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Eine Arznei mit strikter Wirkung (Leipziger Zeitung 1847, Nr. 253 v. 6. Oktober, 6517)

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte der anfangs von französischen Forschern geprägte Aufschwung der organischen Chemie zur Entdeckung und Darstellung zahlreicher Stoffe, deren medizinisches Wirkungsprofil anfangs nicht sonderlich interessierte. Der „Chlorkohlenstoff“, so nannte ihn sein deutscher Entdecker (es gab 1831 noch einen französisches und einen US-amerikanischen), der Gießener Apotheker und Chemiker Justus Liebig (1803-1873), dieser Chlorkohlenstoff sollte erst nach vielen Versuchen ab 1848 in Großbritannien zu einem Narkosemittel bei Kindergeburten werden. Nach dem kurz zuvor erstmals eingesetzten Äther gab es damit ein zweites stärker wirkendes Pharmazeutikum, mit dem Patienten betäubt werden konnten, das sie schmerzunempfindlicher machte und ihre Bewegungen einschränkte. Dies erlaubte gezielte chirurgische Eingriffe. Chloroform war gleichwohl nicht ungefährlich, die Dosierung musste auf den Patienten genau abgestimmt sein, ansonsten bestand die Gefahr von massiven Blutdruckschwankungen und Herzstillstand. „Nebenwirkungen“ waren steter Begleiter des Siegeszuges wirksamer Pharmazeutika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

050_Fliegende Blaetter_090_1889_Nr2273_Beibl_p19_Pharmazeutika_Antipyrin_Dr-Knorr_Schmerzmittel

Ein wirksames Schmerzmittel mit gewissen Nebenwirkungen (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2273, Beibl., 19)

Im späten 19. Jahrhundert nahm die Zahl wirksamer Pharmazeutika beträchtlich zu. Schon Jahrzehnte zuvor waren Naturwissenschaftler auf Distanz zu Vorstellungen von ganzheitlich wirkenden Substanzen gegangen, konzentrierte sich stattdessen zunehmend auf chemisch nachweisbare, reproduzierbare und gar synthetisierbare Wirkstoffe. Entscheidend aber wurde der Aufschwung der chemischen Industrie, die nicht nur neue Grundstoffe, sondern insbesondere neue synthetische Farben erforschte und entwickelte. In den 1880er Jahren weiteten Großproduzenten wie Hoechst und Bayer ihr Interesse auch auf Heilmittel aus, waren doch Laborkapazitäten und Grundstoffe vorhanden. Eines der neu synthetisierten Stoffe war 1883 das Antipyrin. Synthetisiert vom Chemiker Ludwig Knorr (1859-1921) wurde es im gleichen Jahr von Hoechst auf den Markt gebracht, nachdem es sich sowohl als schmerzlindernd als auch als fiebersenkend erwiesen hatte. Anfangs im Handverkauf über Apotheken vertrieben, wurde das neue Medikament jedoch schon 1891 in die Verordnung über stark wirkende Arzneimittel aufgenommen, nachdem nicht zuletzt während der Influenza 1889/90 beträchtliche Nebenwirkungen auftraten. Hoechst entwickelte das Antipyrin weiter und präsentierte 1896 das Schmerzmittel Pyramidon, das bis zum Zulassungsstopp 1978 ein Standardmedikament blieb.

Morphium, Phenacetin,

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Entziehungskuren „ohne Qualen“ (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 2, 6)

Morphium ist bis heute ein unverzichtbares Schmerzmittel, nicht zuletzt in der Palliativmedizin. Seine Anfänge reichen zurück bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Paderborner Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner (1783-1841) den Wirkstoff aus dem getrockneten Naturprodukt Opium isolierte und seine Ergebnisse 1806 veröffentlichte. Dieser Wirkstoff konnte exakt dosiert werden – doch es dauerte Jahrzehnte bis zur breiteren Anwendung. Das lag nicht nur an eitlen Wissenschaftlerfehden, sondern auch am schlechten Geschmack des Morphiums. Erst die Einführung der Infektionsspritze Anfang der 1840er Jahre ermöglichte die vermehrte Anwendung. Morphium war jedoch eine Arznei mit einem Janusgesicht. Fehldosierungen konnten zu Atemstillstand führen, ein längerer Gebrauch zu Abhängigkeit. Bürgerliche Morphinisten kurierten ihre Sucht seit den späten 1870er zumeist in spezialisierten Sanatorien. Deren Inhaber setzten vorrangig auf einen strikten schnellen Entzug, wenngleich es auch Entziehungskuren mit immer kleineren Dosen gab. Ohne Qualen verliefen beide Formen aber sicher nicht.

052_Zeitschrift des allg. österreich. Apotheker-Vereines_43_1889_01_01_Nr01_Anzeigen_p01_Pharmazeutika_Phenacetin_Sulfonal_Grippe_Bayer_Elberfeld

Innovationen von Bayer (Zeitschrift des allg. österreich. Apotheker-Vereines 43, 1889, Nr. 1 v. 1. Januar, Anzeigen, 1)

Die enge Verbindung von chemischer und pharmazeutischer Industrie unterstrich das erste Medikament der 1866 gegründeten Elberfelder Farbenfabriken Friedrich Bayer, die vor allem durch Produktion synthetischer roter und blauer Fuchsinfarben erfolgreich war. Phenacetin wurde aus einem Beiprodukt der Synthese des blauen Farbstoffes Benzoazurin G gewonnen und ab 1888 wegen seiner schmerzlindernden, vor allem aber der fiebersenkenden Wirkung vertrieben. Es diente auch als leistungssteigernde Droge. Seine Marktstellung – und damit die der 1887 neu gegründeten Arzneisparte von Bayer – wurde während der folgenden schweren Grippewellen gefestigt. Phenacetin konnte allerdings zu Nierenschädigungen führen. Ähnlich wie Antipyrin wurde es durch eine Weiterentwicklung ergänzt, nämlich das 1955 eingeführte und bis heute unverzichtbare Schmerzmittel Paracetamol.

Vegetarierkost — o jerum!

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Eine neue vegetarische Gaststätte in Berlin (Vereins-Blatt für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer) 17, 1884, 2658)

Vegetarismus ist Alltagsernährung ohne fleischliche Lust. Der bewusste Verzicht auf Haupteiweiß- und Geschmacksträger war seit den 1860er Jahren ein öffentliches Skandalon. Die „Vegetarianer“ führten für ihre Ablehnung ethische Gründe an, stand Fleisch doch für Blut und Gewalt, für das Rohe, das Unkultivierte. Passender für den Aufschwung der Wissenschaften waren gesundheitliche Gründe, schienen doch zu viel Eiweiß und zu wenig Nährsalze krankmachend. Die wenigen tausend Überzeugten schlossen sich zu Gegenwelten zusammen, Vereinen mit teils unterschiedlichen Ausprägungen der Lehre vom reflektierten Verzicht. Zugleich etablierten sie zahllose Unternehmen und Dienstleistungen, Siedlungskolonien und diätetische Sanatorien, die weit in die feiste Mehrheitsgesellschaft hineinwirkten. Vollkornbrot wurde erfunden, Traubensaft gekeltert, Datteln und Soja importiert, Nussbutter oder Reformstiefel gefertigt. Um die Jahrhundertwende gab es fast 30 vegetarische Unternehmen, ein wachsendes Netzwerk von Reformhäusern und vegetarische Restaurants, die häufig Begegnungszentren der widerständigen Minderheit waren.

Diphtherie-, Pest-, Hundswuthserum,

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Heroische Forscher mit Meerschweinchen – Emil Behring und Erich Wernicke bei der Arbeit am Diphtherieserum, wohl 1890 (Illustrirte Frauen-Zeitung 22, 1895, 8)

Diphtherie, früher Rachenbräune oder Krupp genannt, war eine der vielen tödlichen Infektionskrankheiten, gegen die es im 19. Jahrhundert keine wirklichen Hilfsmittel gab. Diphtherie tötete Kinder, in den 1880er Jahren ungefähr 25.000 ein- bis dreijährige pro Jahr. Im Gefolge des raschen Aufschwungs der Bakteriologie gelang es dem Mediziner Friedrich Löffler (1852–1915) zwar 1884 den Auslöser zu benennen, doch ein Impfstoff fehlte weiterhin. Das änderte sich von 1890 bis 1894 auf spektakuläre Art. 1890 entwickelten die Bakteriologen Emil von Behring (1854-1917) und Kitasato Shibasaburō (1853-1931) in Berlin ein neues Verfahren zur Bekämpfung von Diphtherie und von Wundstarrkrampf. Im Blut infizierter Versuchstiere fanden sie ein körpereigenes Antitoxin, also Antikörper, die die Bakterien bekämpfen konnten. Es dauerte vier Jahre, bis Behring und andere prominente Bakteriologen ein Heil-Serum aus dem Blut von Pferden entwickeln und zur Marktreife bringen konnten. Dies war eine Wegmarke für die Immunologie und ein lukrativer Markt für die aufstrebende deutsche pharmazeutische Industrie, – so auch Seren gegen die Tollwut (ab 1885) und die Pest (ab 1890).

Erbswurst, Marlitt, Sanatorien,

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Eine schnelle Suppe für Jeden: Louis Lejeune bewirbt seine Erbswurst (Kladderadatsch 24, 1871, Nr. 51 v. 5. November, Beibl. 1, 2; Eugenie Marlitt, Bestsellerautorin (Der Bazar 33, 1887, 289))

Wer mehr zur Erbswurst, einem frühen Suppengrundstoff und Convenienceprodukt erfahren möchte, der lese „Die wahre Geschichte der Erbswurst“. Die Erbswurst schmeckte mit der Zeit allerdings etwas fad, und ähnliches galt für die Ergüsse der Königin des Kolportageromans, Eugenie Marlitt. Hinter dem Pseudonym verbarg sich die thüringische Sängerin und Gesellschaftsdame Eugenie John (1825-1887), die seit 1865 in und dann auch abseits der Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ eine riesige Leserinnenschar unterhielt. Ihre Spezialität waren Romane, Liebesromane. Mehr als 200 erschienen, erreichten eine Auflage von über 30 Millionen Exemplaren, literarische Massenproduktion lange vor der Einführung des Fließbandes. Marlitts Heldinnen waren gebildete, sittsame und aufstiegsorientierte Frauen, die Männer demgegenüber furchtlos, tapfer, ehrbar. Manche Feminist*innen sahen in den Bürgersfrauen auch emanzipatorisches Potenzial: „O wunderliches Frauenherz! Unter den furchtbarsten Schicksalsschlägen ausdauernd und mit unerschöpflicher eigner Kraft sich immer wieder stählend, bäumte es sich gegen die Nadelstiche einer boshaften Zunge und fühlte den Mut erlahmen!“ Wer will, angesichts dieses Geheimnisses der alten Mansell, da nicht zustimmen und voll Andacht schweigen.

056_Kladderadatsch_045_1892_Nr07_p6_Sanatorium_Psychiatrie_Paul-Landerer_Kennenburg

Heil finden im Sanatorium (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 7, 6)

Der Psychiater Paul Landerer (1843-1915) war einer von zahlreichen Ärzten, die es bei einer gehobenen Privatpraxis nicht belassen wollten, sondern sich ihr eigenes Reich, ein Sanatorium, errichteten. In diesem Falle handelte es sich um eine 1875 erworbene Anstalt, die gezielt Kranke, ab 1892 dann nur Patientinnen aus gehobenen Kreisen versorgte und beherbergte. Sanatorien boten ein bürgerliches Gegenbild zur wachsenden Zahl von Irrenanstalten und Krankenhäusern dieser Zeit, die Kranken teils aufbewahrten, teils rasch durchschleusten. Die in der Literatur der Jahrhundertwende eloquent beschriebenen Häuser zielten auf die Heilung von realen und imaginierten Krankheiten, dienten dem modischen Ausprobieren alternativer naturheilkundlicher Verfahren, der gehobenen Geselligkeit, dem Rückzug zur Suchtbekämpfung oder nach Nervenzusammenbrüchen. Ihre rasch wachsende Zahl spiegelte auch die Ausdifferenzierung der Medizin in immer neue Spezialgebiete. Die Gewerbeordnungsnovelle von 1896 setzte den „Privatkrankenanstalten“ allerdings engere Grenzen, parallel dienten die öffentlichen Krankenhäuser zunehmend selbst der Heilung.

Panzerzüge, Crematorien,

057_Illustrirte Zeitung_113_1899_p642_Kolonialkrieg_Burenkrieg_Panzerzug_Artillerie

Britischer Panzerzug auf der Bahnstrecke Kimberley-Mafeking während des Burenkrieges (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 642)

Die militärstrategische Bedeutung der Eisenbahn lag vor allem in der raschen Bewegung von Soldaten, Material und Nachschub. Gleichwohl wurde schon während des amerikanischen Bürgerkrieges versucht, Züge mit Artillerie zu armieren, um gegnerische Truppen aus der Distanz attackieren zu können. Die deutsche Öffentlichkeit nahm Panzerzüge jedoch vor allem während des asynchronen Kolonialkrieges britischer Truppen gegen die Buren in Südafrika 1899 zur Kenntnis. Sie dienten vornehmlich dem Truppentransport, konnten durch ihre Artillerie jedoch auch strategische Ziele, etwa Brücken und Befestigungen angreifen. Ihr Erfolg war begrenzt, denn Panzerzüge boten ihrerseits einfache Ziele, konnten durch die Zerstörung von Gleisen auch indirekt leicht bekämpft werden. Dennoch wurden sie von vielen europäischen, vor allem aber osteuropäischen Nationen bis in den Zweiten Weltkrieg hinein eingesetzt.

058_Architektonische Rundschau_14_1898_Taf68_Feuerbestattung_Kolumbarium_Krematorium_Dresden_Richard-Michel

Entwurf zu einem Kolumbarium mit Krematorium des Dresdener Vereins „Urne“ von Richard Michel (Architektonische Rundschau 14, 1898, Tafel 68)

Krematorien waren die Essenz bürgerlich-säkularen Denkens, Ziel einer sich seit den 1870er Jahren laut und breit entwickelnden europäischen Feuerbestattungsbewegung, Ausdruck eines vordrängenden ökonomischen und hygienischen Denkens. In Deutschland bediente man sich in den Krematorien vornehmlich des Siemenschen Regenerativofens, der ab 1864 in der Stahl- und dann in der Glasproduktion eingesetzt und für die Zwecke der Einäscherung menschlicher und tierischer Leichen modifiziert wurde. Er wurde ab 1874 für Tiere, ab 1876 auch für Menschen genutzt, zierte dann ab 1878 das erste architektonisch ansprechend ausgelegte Krematorium in Gotha, das Zielpunkt eines beträchtlichen Leichentourismus wurde. Die Feuerbestattungsvereine reagierten auf zentrale Probleme der Urbanisierung, insbesondere den wachsenden Wohnungsbedarf und die Seuchenbekämpfung. Religiöse Gegenargumente wiesen sie als überholt zurück, ebenso juristische Probleme bei möglichen Mordfällen. Krematorien wurden im 19. Jahrhundert in Deutschland dennoch kaum gebaut. Dies änderte sich erst, nachdem 1911 Preußen und 1920 Bayern die Feuerbestattung erlaubten.

Phonographen, Mauserflinten,

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Ängste vor Arbeitsplatzabbau durch Phongraphen auf deutschen Bühnen (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 23, 6)

Der Phonograph war ein Pionierprodukt sowohl der Unterhaltungselektronik als auch der Büromaschinen. Das mechanische Gerät war das Resultat von Fortschritten in der Akustik und der Werkstoffentwicklung. Patentiert wurde die „Sprechmaschine“ 1877 von dem US-amerikanischen Erfinder und Unternehmer Thomas Alva Edison (1847-1931), der auch eine deutsche Niederlassung gründete. Der Phonograph erlaubte die Aufnahme und Wiedergabe von Tönen auf Stanniol-, ab 1887 dann auf Wachswalzen. Obwohl die Qualität der Aufnahmen eher gering war, war die öffentliche Resonanz anfangs groß – der österreichische Possenspezialist Eduard J. Richter (1846-1893) verfasste schon 1879 einen ersten Schwank „Der Phonograph“. Gleichwohl blieb die Verbreitung begrenzt, denn die Walzen nutzten sich rasch ab und die Betriebskosten waren entsprechend hoch. In den 1890er Jahren gab es zwar vermehrt kopierte Walzen mit Musikaufnahmen, doch als Tonträger setzten sich kurz vor der Jahrhundertwende die haltbareren, einfacher herzustellenden und zu kopierenden Schellackplatten für Grammophone durch.

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Mauser-Gewehr in geöffnetem Zustand (Das Buch für Alle 9, 1874, 164)

Die Württembergische Waffenfabrik Mauser ist ein gutes Beispiel für das langsame Herauswachsen hochspezialisierter Firmen aus dem Handwerk und die Gründung von familiengeführten Weltmarktführern in der vielbeschworenen Provinz – hier in Oberndorf. Die 1872 gegründeten Mauserwerke konzentrierten sich anfangs auf die Produktion eines neuartigen Gewehrs mit einem deutlich verbesserten Verschluss. Als Standardgewehr M 71 in den deutschen Armeen eingeführt, half diese manuell und von hinten zu ladende Schusswaffe, den relativen technischen Rückstand gegenüber dem französischen Heer wettzumachen. Der Erfolg ermöglichte den beiden Brüdern Wilhelm (1834-1882) und Peter-Paul Mauser (1838-1914) nicht nur das Erbe ihres Vaters, des Büchsenmachers Franz-Andreas Mauser (1792-1861), fortzusetzen, sondern auch die vor Ort gelegene Königlich Württembergische Gewehrfabrik 1874 aufzukaufen. Mauser-Gewehre wurden nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Staaten eingesetzt – ähnlich wie etwa die Gewehre der Österreichisches Waffenfabriksgesellschaft in Steyr.

Röntgen-Strahlen,

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Röntgenstrahlen in der Populärkultur (Kladderadatsch 49, 1896, Nr. 4, 3)

Röntgenstrahlen sind unsichtbare elektromagnetische Wellen, haben eine hohe Energie und hinterlassen Linien, wenn sie abgebremst werden. Namensgeber war der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen (1845-1923), der sie Ende 1895 eher zufällig entdeckte. Röntgen verstand unmittelbar die Bedeutung seiner Entdeckung, ein Röntgenbild von Hand nebst Ehering seiner Gattin führte sie allseits vor Augen. Schon im Januar 1896 durfte er sie Wilhelm II. vorstellen, kurz darauf erfolgte die Umbenennung der „X-Strahlen“ in Röntgenstrahlen. Röntgen verzichtete auf die Patentrechte, bereitete so einer raschen Verbreitung der Strahlen in der Medizintechnik den Weg. Röntgenapparate veränderten die Diagnostik tiefgreifend, konnten Knochenbrüche oder Schießverletzungen doch zunehmend genauer eingeschätzt werden. Wichtiger noch waren die zahlreichen Anwendungen der Röntgenstrahlung in der naturwissenschaftlichen Forschung, zumal der Radioaktivität. Nicht vergessen werden sollte, dass die Dosierungen der Strahlen anfangs viel zu hoch waren und Folgeerkrankungen des Röntgens erst mit einigem Abstand erkannt und eingedämmt wurden.

Schnurrbartbinden,

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Kaisertreu und geschäftstüchtig: Ausschnitt aus der Produktpalette von François Haby (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 1, 12)

Im 19. Jahrhundert trug der Mann Bart – auch wenn dieser schon schrumpfte, vom Vollbart über den Kotelettenbart bis hin zum ausgezogenen Schnurrbart Kaiser Wilhelm II. Bartpflege erfolgte meist häuslich, doch zu schneiden war vielfach Aufgabe des Barbiers, des Friseurs. Dieser kam bis ins späte 19. Jahrhundert noch nach Hause, erst dann wurden eigene Salons üblich. Einer dieser aufstrebenden Haarspezialisten war François Haby (1861-1938), Nachfahre hugenottischer Zuwanderer, der aus West- und Ostpreußen stammte und dann zum Inbegriff des wilhelminischen Berliners wurde. Geschäftstüchtig, die Kundschaft umschmeichelnd, mit devot-jovialen Umgangsformen wurde er Ende 1894 königlicher Hof-Friseur, baute darauf eine überaus erfolgreiche unternehmerischer Karriere auf. Er propagierte den an den Spitzen hochgezogenen und mit Pomade in Form gebrachten Bart als Mode für den kaisertreuen Patrioten, kreierte ein Panoptikum von Pflegeprodukten, bewarb dieses mit dröhnender Reklame und markanten Figuren. Seine Kreationen hatte einprägsame Namen, wurden Alltagsbegriffe: „Donnerwetter – tadellos“, die Pomade, „Wach auf“, die Rasiercreme, vor allem aber die Schnurrbartwichse „Es ist erreicht“, die ohne nächtlich zu tragender Bartbinde – pardon, Kaiser-Binde – nicht denkbar war.

Fahrrad-, Ski- und Kraxelsport,

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Fahrradrennen im Sportpark Friedenau (Berliner Leben 1, 1898, 64)

Das Fahrrad wurde im späten 19. Jahrhundert zu einem weit verbreiteten Alltagsgegenstand – als Lieferfahrrad, als Freizeit- und Sportgerät, erst selten für den Weg zur Arbeit. All das war möglich, weil sich das „Fahrrad“ deutlich änderte: Die 1817 vorgestellte Draisine musste noch direkt mit den eigenen Füßen bewegt werden. Pedale wurden seit den 1860er Jahren eingeführt, das Hochrad war die Folge. Dieses war unsicher und schwer zu lenken, doch in den 1870er Jahren gab es schon erste Amateurrennen in Frankreich, den USA und Großbritannien. Der eigentliche Fahrradsport, dann auch von ersten Profis betrieben, entstand jedoch erst mit dem seit den späten 1880er Jahren eingeführten Niedrigrad. Dieses war wendiger, erreichte deutlich höhere Geschwindigkeiten und war wesentlich sicherer als das Hochrad. Als Konsumgut war es deutlich billiger, wurde nicht nur von Bürgern, sondern auch von Damen und Arbeitern gefahren. Sein großer Erfolg schuf nicht nur eine neue Branche der Feinmechanik, sondern war begleitet von wegweisenden Innovationen, etwa dem Luftreifen, verbesserten Bremsen, dann der Rücktrittsbremse und auch ersten Nabenschaltungen. Der Radsport wurde in Deutschland von einer breiten Vereinskultur getragen, die auch erste Radrennbahnen ermöglichte, etwa die oben abgebildete 1897 eröffnete Bahn in Friedenau. Sprints, Mannschafts- und vor allem Steherrennen über lange Strecken lockten viele Zuschauer an, reizten auch zu Sportwetten. Aufgrund der Wettereinwirkungen verlagerte sich der Radsport teils auch in Hallen, wenngleich das erste Sechstagerennen in Deutschland erst 1909 stattfand. Vorher setzten Langstreckenfahrten im Freien ein, am bedeutendsten gewiss die 1903 erstmals durchgeführte Tour de France.

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Die Gründer des Oberharzer Skiklubs 1896 auf dem Brocken (Sport im Bild 27, 1921, 358)

Skifahren wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem bürgerlichen Freizeitvergnügen. Die Sitte, sich auf Brettern schwungvoll durch den Schnee zu bewegen, stammte aus Norwegen, von dort kamen auch die ersten Skier nach Deutschland. Die in den frühen 1890er Jahren gegründeten Skivereine dienten erst einmal dem geselligen Miteinander, organisierten gemeinsame Ausflüge in die deutschen Mittelgebirge, etwa den Harz, den Thüringer Wald oder aber das Hochsauerland. Von den Einheimischen kritisch beäugt, entwickelten sich dort Grundformen touristischer Infrastruktur, Schutzhütten, Pisten, Gasthöfe und Skibedarfsgeschäfte. Ähnliches erfolgte auch in den Alpen, doch dort gab es schon früh eine Spreizung zwischen einem mondänen Wintersporttreiben, das sich nun auch auf das Skifahren erstreckte, und einem langsam wachsenden bürgerlichen Tourismus, der sich an die schon früher entstandenen Bergsteigervereine anschloss.

Tennis, Fußball und so fort,

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Schickliche Sportkleidung – Tennismode 1893 (Der Bazar 39, 1893, 205)

Großbritannien, die führende und mit Abstand reichste Nation des späten 19. Jahrhundert, setzte auch die Trends bei dem anfangs „Lawn Tennis“ genannten Freizeitvergnügen. Es war dort Mitte der 1870er Jahre aufgekommen – und hatte mit dem Luftreifen des Niedrigrades gemein, dass es ohne vulkanisierten, also flexiblen Kautschuk kaum möglich gewesen wäre, gehörte doch der Ball zum Tennis wie der Schläger. Tennis war ein Gentleman-Sport, hatte klare Regeln, sollte Körperbeherrschung und Eleganz demonstrieren, ein edler, fairer Wettbewerb sein. Mode begleitete seinen Aufstieg, zumal für das schickliche Spiel der Damen. 1877 fand das erste Turnier in Wimbledon statt, weitere folgten. Auch in Deutschland wurde dieses eigenartige Treiben beobachtet und dann ausprobiert. In deutschen Kurorten, den Treffpunkten von Adel, Offizieren, Unternehmern und Besitzenden, entstanden die ersten Tennisplätze, Vereine und erste Turniere im anglophilen Hamburg folgten. In den 1890er Jahre entstanden in Deutschland immer mehr Vereine, Meisterschaften wurden gespielt. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten blieb der „weiße Sport“ sozial begrenzt, bot lange noch einen Ort für Repräsentation und das Serve und Volley der Sportsmen and -women.

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Schickliche Sportkleidung – Fußballmode 1893 (Der Bazar 39, 1893, 362)

Auch der Fußball war Teil der englischen Sportinvasion des europäischen Kontinents im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. In Deutschland hatte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine sehr aktive Turnbewegung etabliert, die anfangs national und demokratisch war, später jedoch zunehmend nationalistisch tönte. In England wurde „Leibesertüchtigung“ anders betrieben, zumal an den Ausbildungsstätten der gesellschaftlichen Eliten. Fußball entwickelte sich seit den 1840er Jahren aus dem Rugby, war dessen feinere, kultiviertere Form. Verbindliche Regeln entstanden erst in den 1870er Jahren, wurden dann auf dem Kontinent rasch rezipiert und leicht verändert. Auch dieser Sport entwickelte sich erst im Norden, 1874 fand ein erstes Spiel in Braunschweig statt. Fußball blieb im 19. Jahrhundert ein bürgerlicher Sport, ein Spiel von Akademikern und Burschenschaftern – anders als in England, wo die Arbeiterbewegung in den 1890er Jahre eine Fußballgegenkultur entwickelte. Gleichwohl änderte sich die soziale Exklusivität kurz vor der Jahrhundertwende. 1899 berichtete der sozialdemokratische „Vorwärts“ über allgemeine Klagen über die Behelligung von Passanten durch fußballspielende Jungen, „aber wem’s nicht paßt, der möge mit darauf hinzuwirken suchen, daß dem Spielplatzmangel in Berlin abgeholfen wird“ (Vorwärts 1899, Nr. 87 v. 14. April, 8). 1900 wurde der Deutsche Fußball-Bund gegründet und kurz darauf begann mit der Gründung von Vereinen wie Westfalia Schalke der Aufstieg auch von Arbeiterfußballvereinen, die denen der Bürgersöhnchen schon bald den Schneid abkaufen sollten.

Sonnenbäder, Wasser-Curen,

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Therapie für alle: Sonnenbad im Familienbad Wannsee 1907 (Der Welt-Spiegel 1932, Ausg. v. 5. Juni, 12)

Sonnenbäder waren im 19. Jahrhundert selten: Die Kleidung bedeckte und wärmte, Entäußerungen waren nicht schicklich. Auch wenn die Säkularisierung schon seit dem späten 18. Jahrhundert rasch voranschritt, war die schwarze, abdeckende Grundkleidung der Priester und Ordensleute doch ein wichtiger Referenzpunkt, ältere Frauen richteten sich meist danach. Eine „gesunde Bräune“ gab es noch nicht, an Stränden legte man sich voll bekleidet in die Sonne. Doch gegen Ende des Jahrhunderts änderte sich langsam die Haltung zum Licht. Ultra-violette Strahlung war schon länger bekannt, doch sie bewirkte eben nicht nur Sonnenbrand, sondern tötete auch Bakterien ab. Der dänische Mediziner Niels Ryberg Finsen (1860-1904) entwickelte das Finsenlicht, eine Vorform der Höhensonne, um Hauttuberkulose zu bekämpfen. Lauter tönten Naturheilkundler, etwa der US-Arzt John Harvey Kellogg (1852-1943), der in seinem Battle Creek-Sanitarium mit elektrischen Glühlampen therapierte. Breitere Wirkung noch entfaltete in Europa der Schweizer „Sonnendoktor“ Arnold Rikli (1823-1906), der die Heliotherapie, also intensive Sonnenbäder, mit viel Bewegung, Wasseranwendungen und Heilkost kombinierte. All dies waren Frühformen einer deutlich anderen Bewertung des Lichtes, seiner Wärme und der Wonnen des Sonnenbades im 20. Jahrhundert, die weniger von der Medizin und der Hygiene als von anderen Freizeit-, Urlaubs- und Körpervorstellungen getragen wurden.

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Patient bei einem Kastendampfbad (F[erdinand] Runge, Die Wasserkur, Leipzig 1879, 117)

Wasserkuren etablierten sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als eine ärztliche Therapie, die sowohl auf antike Vorbilder als auch auf Bäderärzte des 18. Jahrhunderts verweisen konnte. Sie wurde zunächst vor allem in den seit dem frühen 19. Jahrhundert rasch entstehenden Heilbädern angeboten, boten doch Bäder, Trinkkuren und Inhalationen von mineralstoffhaltigen Wässern Hilfe bei Rheuma und Gliederschmerzen, stärkten das Immunsystem, milderten Herz- und Kreislauferkrankungen. Die Balneologie professionalisierte sich als eine medizinische Spezialdisziplin für ein zahlungskräftiges adeliges und bürgerliches Klientel. Anders dagegen die Hydrokultur, die auf die Anwendung von Wasser selbst abzielte. Bekannt sind etwa die abhärtenden Kuren von Vincenz Prießnitz (1799-1851) oder seine kalten Kompressen gegen innere Krankheiten. Der Nassauer Hydrotherapeut Ferdinand Runge (1835-1882) schlug die Brücke hin zur empirisch arbeitenden Medizin, nicht jedoch der Bad Wörishofer Priester, Bienenzüchter und Naturheilkundler Sebastian Kneipp (1821-1897), der Wasserkuren und das Wassertreten resp. Kneippen zum Mittelpunkt einer seit den 1890er Jahren europaweit erfolgreichen Laienbewegung machte.

Hygiene-Professuren,

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Max von Pettenkofer, ab 1865 erster Hygieneprofessor in München (Gartenlaube 1898, 855)

Die Hygiene entstand Mitte des 19. Jahrhunderts als eine naturwissenschaftliche Gesundheitslehre, deren Ziel die „Herstellung von optimalen Bedingungen für das Leben“ (Max v. Gruber, 1911) war. Sie war eine Schnittpunktwissenschaft, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Formen der Kranken- und Seuchenbekämpfung mit neuen Aufgaben, etwa der städtischen Wasserver- und Müllentsorgung, mit Stadtplanung und Wohnungsbau verband. Die Hygiene institutionalisierte das Aufbegehren des Menschen gegen den scheinbar gottgewollten Tod, konzentrierte sich aber nicht auf Individuen, sondern auf das Glück der großen Zahl. Vor dem Hintergrund des Darwinismus entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert eine facettenreiche „soziale Hygiene“, deren eugenisches Gedankengut zur Jahrhundertwende Allgemeingut war.

Auerlicht, Acetylen,

070_Vossische Zeitung_1897_10_01_Nr460_p17_Gaslicht_Auerlicht_Berliner Leben_05_1902_Nr05_sp_Fahrradartikel_Fahrradlampe_Acetylen

Aktive Anpreisungen des Neuen (Vossische Zeitung 1897, Nr. 460 v. 1. Oktober, 17; Berliner Leben 5, 1902, Nr. 5, s.p.)

Der Autor des Gedichts war von der Helligkeit des neuen Auer-Gas-Lichtes wohl derart überwältigt, dass er dieses gleich zweimal erwähnte. Fünfmal so hell wie im zuvor üblichen Schnittbrenner, war das Auerlicht auch weniger schädlich, da das Gas deutlich besser verbrannte. Sie erfahren unten mehr, wenn es denn um den Glühlichtstrumpf geht. Auch Acetylen wurde als Leuchtmittel genutzt. Diese Karbidlampen enthielten Gas in gebundener Form, so dass sie mobil nutzbar wurden. Seit 1894 veränderten sie erst die Beleuchtung von Fahrrädern, Motorrädern und Automobilen, wurden dann auch als Grubenlampen im Bergbau eingesetzt. Ebenso wichtig war die Verwendung des Ethins – so der chemische Name des Acetylens – in der Metallverarbeitung. Mit Sauerstoff gemischt ermöglichte das in speziellen Flaschen gelöst gelieferte Gas autogenes Schweißen. Das Verfahren erlaubte die einfache Verbindung dünner Bleche, konnte außerdem dezentral genutzt werden, so dass Reparaturen und Einsätze außerhalb von Schmieden deutlich einfacher wurden.

Straßenbahn, Sanatogen,

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Trassenbau für die Straßenbahn am Berlin-Köllnischen Fischmarkt 1886 (Berliner Leben 12, 1909, Nr. 2, 16)

Die Straßenbahn war Folge der Urbanisierung, prägte sie zugleich aber. Sie war Kern der Nahverkehrssysteme des späten 19. Jahrhunderts, definierte die Hauptverkehrsachsen, erforderte zugleich deutlich breitere Straßen. Pferdestraßenbahnen gab es in den USA und vielen europäischen Staaten seit den 1830er Jahren. Doch sie waren teuer und unhygienisch, ferner verunglückten die Tiere relativ häufig. Das eigentliche Zeitalter der Straßenbahn begann 1880 mit ihrer Elektrifizierung, wenngleich beide Systeme noch Jahrzehnte parallel bestanden. In Berlin konstruierte Werner Siemens (1816-1892) eine erste Elektrische, die 1881 den Betrieb aufnahm. Kurz darauf errichtete Siemens & Halske in Paris die erste Strecke mit elektrischer Oberleitung. Probleme mit dem Netzausbau und dem Wegerecht standen einem rasanten Wachstum jedoch entgegen; zudem wurde lange darum gerungen, ob Straßenbahnen privat oder in städtischer Regie betrieben werden sollten. Dadurch wurden die USA, in Europa auch Frankreich zu den eigentlichen Bahnbrechern des neuen Verkehrsmittels. In Deutschland nahm die Entwicklung seit der Jahrhundertwende Geschwindigkeit auf. Die Großstädte konnten nun noch rascher wachsen, Innenstadt und Vorstädte rückten auseinander, ebenso Stätten der Arbeit, der Freizeit und der Kultur.

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Werbung für Sanatogen als Kräftigungsmittel (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 487)

Das 1898 von der Berliner chemischen Firma Bauer auf den Markt gebrachte Milcheiweißpräparat Sanatogen steht für Versuche von Medizinern, Chemikern und Unternehmern, die Alltagsernährung durch konzentrierte Nahrungsstoffe billiger und effizienter zu machen. Anders als Hunderte ähnlicher Präparate konnte sich Sanatogen jedoch langfristig behaupten, da es nicht nur als Nähr-, sondern auch als Nervenpräparat vermarktet wurde. Zum Hauptmarkt des global vertriebenen Markenartikels entwickelte sich rasch die USA, wo es als Prototyp der leistungsfähigen deutschen pharmazeutischen Industrie galt.

Klapphornverse, Streichholzscherze,

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Der erste Klapphornvers (Fliegende Blätter 69, 1878, 15)

Im vermeintlichen Land der Dichter und Denker – die Sentenz wurde von der Schriftstellerin Germaine de Stael (1766-1817) in ihrem Reisebuch „De l’Allemagne“ (1813) popularisiert – hatte die Poesie einen hohen Stellenwert. Zeitschriften und Zeitungen waren während des 19. Jahrhunderts voller Gedichte, Sprachkunst war Kern der Bildung. Doch nicht nur die hohe Kunst erfreute. Parodien und Possengesang, Spottgedichte und Persiflagen, Ironie und Satire, sie alle fanden ein breites Publikum, waren zugleich Trösterchen für die fehlende Macht der Demokraten, der unteren Stände, der Arbeiterbewegung. Der Scherz wollte jedoch immer auch Ernst sein, kein simpler Schabernack, kein spaßiges Späßchen. Nonsens war undeutsch, war britisch, wie Edward Lear (1812-1883) nicht nur in seinen Limericks immer wieder trefflich unterstrich. Und doch, es gab zumindest eine wichtige Ausnahme, einen Abglanz des Lachen Gottes auf deutscher Erde: Es handelt sich um Klapphornverse, ein Freiraum für jene, die einfach einmal blödeln wollten. Er entstand anlässlich der Gedicht-Zusendung eines hier verschämt nicht genannten Bildungsbürgers an die Redaktion der Karikaturzeitschrift „Fliegende Blätter“ im Jahre 1878. Das Gedicht „Idylle“ war misslungen. Doch dank einer schönen Zeichnung und einer (s. unten) rasch folgenden Ergänzung entstand ein neues Genre des Frohsinns und der Heiterkeit, das Schwächen adelte und dem Scheitern eine Chance gab. Vier Zeilen, drei- bis vierhebig, unreine Paar-, selten Kreuzreime, ein wenig Phantasie und – ganz wichtig! – keine Pointe: In diesem Rahmen konnten sich auch Deutsche tänzelnd bewegen, schwungvoll und unernst.

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Der Nachfolger – und damit der eigentliche Beginn der Klapphornverse (Fliegende Blätter 69, 1878, 43)

Wenn Sie mehr wissen wollen: „In Göttingen an der Alma mater, da wirkte der geistige Vater, der lieblichen Knaben, die ‘n Klappenhorn haben“ (Der Sprachdienst 22, 1978, 111).

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Weit mehr als Streichholzscherze (Volks-Zeitung 1896, Ausg. v. 11. Mai)

Während sich Klapphornverse der Pointe verweigerten, waren Scherzartikel kommerzielle Garanten für Stimmung. Das schwierig abzugrenzende Feld entstammte wohl dem Karneval, dessen Scherz in der Umkehrung der bestehenden Verhältnisse lag. Fidele Masken und originelle Mützchen fanden sich dort, ebenso Verkleidungen und Lärmartikel. Scherzartikel wurden zumal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil von Festen, seien es Bälle, Geburtstage oder aber die so beliebten Cotillons, Tanzveranstaltungen mit immer wieder wechselnden Partnern, neckischen Spielen und manchem Knalleffekt. Wichtig für die sich im späten 19. Jahrhundert etablierenden Fach- und Versandgeschäften war auch der Aprilscherz. Beliebt waren Zaubertinte, Wasserspritzen, Gummigetier, allerhand Prothesen und Körperteile. Während Streichholzscherze mit dem nie vollends zu beherrschendem Feuer spielten, kokettierten die Scherzartikel mit dem Peinlichen, Grotesken, Frivolen und Unreinen. Eingehegte Grenzüberschreitungen waren beliebt, boten sie doch neue Marktchancen und einen kleinen Freiraum innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung und der bestehenden Moral.

Caviar aus Druckerschwärze,

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Chemische Analysen verschiedener Kaviarsorten in Berlin 1893 (Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 4, 1893/94, 22)

Grobe Fälschungen, wie etwa die Schwärzung von Fischlaich durch neuartige Teerfarben, waren um 1900 sehr selten, zu einfach war deren Nachweis. Die Kontrolle des zumeist aus Russland, teils aber auch aus Pillau, vom Elbeunterlauf, aus Oregon oder Alaska stammenden Rogens der großen Störarten orientierte sich allerdings noch stark an menschlichen Sinneserfahrungen. Zur Objektivierung wurden zunehmend chemisch definierte Kenngrößen entwickelt, mit denen man die Qualität und mögliche Verfälschungen von Nahrungsmitteln einfach bestimmen konnte. Die hier gezeigten Kochsalz- und Fettsäurengehalte markierten den Beginn schnellerer und einfachere Kontrollen, die angesichts der im frühen 20. Jahrhundert einsetzten Standardisierung der Kaviarsorten dann nur noch stichprobenhaft durchgeführt wurden.

Feuerwehren, stets bereit,

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Alarmsignal durch einen Feuerwehrmann mit zeittypischer Ausrüstung (Feuerwehrsignale 1, 1883, Nr. 2, 1)

Feuerwehren gehörten seit der frühen Neuzeit zum Standardarsenal der meisten Städte, waren Brände in den verdichteten und von Mauern geschützten Orten doch besonders gefährlich. Auch Feuerspritzen wurden schon im 18. Jahrhundert eingeführt, mochten die handbetriebenen Geräte auch eher für kleine Feuer geeignet sein. Dennoch wurden die Feuerwehren im 19. Jahrhundert deutlich löschkräftiger. Erstens zogen die größeren Städte nicht mehr alle Bürger zum Löschdienst heran, sondern vermehrt leistungsfähigere Männer, vielfach aus Vereinen oder Fraternitäten. Zweitens erlaubte die ausgefeiltere Wasserversorgung eine deutliche bessere Versorgung der Feuerwehren, die über Hydranten schneller und einfacher auf Löschmittel zurückgreifen konnten. Drittens entstanden im Gefolge der allgemeinen Professionalisierung der städtischen Verwaltung und der Daseinsfürsorge zunehmend professionelle Berufsfeuerwehren, deren Qualifikation und Ausstattung die der freiwilligen Feuerwehren und vor allem der Bürgerwehren deutlich übertraf. Berlin machte 1851 den Anfang, doch es dauerte noch Jahrzehnte, bis andere Großstädte folgen sollten – Hannover etwa erst 1880. Sie waren zugleich Antworten auf das rasche Wachstum der Städte nach dem Schleifen der Stadtmauern sowie die immer größeren Gebäude: Theater- und kurz vor Jahrhundertwende Warenhausbrände erforderten deutlich leistungsfähige Brandbekämpfung, auch striktere Vorgaben für den Brandschutz der Gebäude.

Europäische Einheitszeit,

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Zeitunterschiede in Mitteleuropa (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 166 v. 31. März, 1)

Das 19. Jahrhundert war nicht nur durch den Aufstieg von Nationalstaaten geprägt, sondern auch von intensiven Bestrebungen zwischenstaatlicher Kooperationen. Ein gutes Beispiel waren Maßeinheiten oder aber Spurbreiten für Eisenbahnen. Die Zeitmessung und -koordinierung war schwieriger, standen der wissenschaftlichen Erfassung einer dem vermeintlich natürlichen Sonnenlauf folgenden Zeiterfassung doch politische Bedenken entgegen. In deutschen Landen machte sich dies insbesondere im Eisenbahnverkehr bemerkbar, denn bis Anfang der 1890er Jahre gab Berlin die Zeit für die preußischen und elsässisch-lothringischen Bahnen vor, München für die bayerischen, Frankfurt für die hessischen, etc. Den Ausweg boten Zonenzeiten, die insbesondere von den USA vorgeschlagen wurden, um das dort bestehende Wirrwarr von mehr als siebzig Zeitzonen einzuhegen. 1884 einigten sich die führenden Staaten auf die mittlere Greenwich-Zeit als Grundlage einer auch für die Schifffahrt wichtigen Zeitbezeichnung, 1889 folgte auf einer internationalen Konferenz in Washington der Vorschlag einer verbindlichen Zonenzeit. Dies verursachte kontroverse Debatten, nicht nur im Deutschen Reich, in dem die „natürliche“ Zeitdifferenz von Ost und West siebenundsechzig Minuten betrug. Am 1. April 1893 wurde schließlich die Mitteleuropäische Zeit als gesetzliche Norm für das gesamte Reichsgebiet eingeführt: Ein Reich, eine Zeit. Das war eine große Vereinfachung für den Eisenbahn-, Post- und Telegrafenverkehr, die schwerer wog als die dadurch verursachten Probleme in den Grenzgebieten der unterschiedlichen einstündigen Zeitzonen.

Motordroschken, Interviews,

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Heute Zukunft, doch schon im späten 19. Jahrhundert im Einsatz: Eine elektrische Motordroschke (Der Bazar 43, 1897, 41)

Im späten 19. Jahrhundert begann der motorisierte Individualverkehr – doch das „Töff-Töff“ war damals eher ein repräsentatives Vorzeigeobjekt der Reichen, ein Sportvehikel und ein Transportmittel. Automobile entstanden, trotz zahlreicher bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreichender Versuche, in den 1880er Jahre durch Fortentwicklungen des Ottomotors. Wilhelm Maybach (1846-1929) und Gottlieb Daimler (1834-1900) waren beide Ingenieure in der Gasmotoren-Fabrik Deutz, gingen ab 1882 aber eigene Wege. Sie verbesserten den Motor, ermöglichten durch einen neuartigen Vergaser zugleich die Nutzung von Benzin. Der Ingenieur Carl Benz (1884-1929) konstruierte ebenfalls einen Viertaktmotor, doch zielte er zudem auf einen damit angetriebenen Wagen. Der dreiräderige Benz Patent-Motorwagen wurde 1886 patentiert und knatterte an erstaunten Mannheimer Bürgern vorbei. Und doch – der Markterfolg ließ auf sich warten. Der Nutzen des teuren, störungsanfälligen und recht langsamen Gefährts war nicht unmittelbar einsichtig, die Anbieter suchten nach Anwendungen. Das gelang erst in Frankreich, dann in den USA – während es in Deutschland Jahrzehnte dauern sollte, bis das Automobil zu einem Konsumgut für breitere Kreise wurde. Auch Motordroschken blieben derweil eine Ausnahme.

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Bismarck und die Presse nach einem fingierten Interview in den Hamburger Nachrichten (Kladderadatsch 43, 1890, Nr. 19, Beibl. 2, 1)

Das Interview, also eine themenbezogene Wechselrede mit dem Ziel, Informationen und Neuigkeiten zu gewinnen und zu verbreiten, entstand in Großbritannien und entwickelte sich dann vor allem in den USA, ehe es im späten 19. Jahrhundert auch im Deutschen Reich üblicher wurde. Am Beginn standen teils Nacherzählungen von Gesprächen, die dann auch die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelnde qualitative Sozialforschung prägen sollten. Interviews galten als authentisch, Augenzeugenbefragungen fanden sich daher insbesondere in der frühen Boulevardpresse, während die Regierung nicht der Presse, sondern dem Parlament Rede und Antwort stehen sollte. In deutschen Landen begrenzte die Zensur eine allzu freie Pressearbeit, nicht umsonst war die Pressefreiheit ein Kernforderung der Revolution von 1848/49. Auch das 1874 erlassene Reichspressgesetz besaß zahlreiche Vorbehaltsrechte des Staates. Es wundert daher nicht, dass Interviews anfangs eher ein Herrschaftsinstrument waren: Vor allem Reichskanzler Otto von Bismarck etablierte ein System gezielter Meinungsäußerungen, das er insbesondere nach seiner Entlassung 1890 virtuos handhabte, um weiteren Einfluss auf Öffentlichkeit und Politik auszuüben. Mit Hilfe willfähriger Journalisten, insbesondere von den Hamburger Nachrichten, lancierte er Stellungnahmen und Gehässigkeiten. Die nicht autorisierten Interviews und Artikel wurden breit rezipiert, hatten jedoch den Charme, jederzeit dementiert werden zu können.

Bestdressirte Känguruhs,

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Sensation der Schaustellerei, ein frei und ohne Netz boxendes Känguru (Berliner Börsen-Zeitung 1893, Nr. 137 v. 22. März, 20)

Die ach so trendigen „Känguru-Chroniken“ haben reale Vorgänger. Denn Anfang der 1890er Jahre waren boxende Känguruhs eine der vielen Attraktionen des Kabaretts, zu diesem Zeitpunkt bereits Teil einer europäischen Unterhaltungsindustrie. In Berlin verwies etwa die „Goldene 110“, die für Werbung in Versen bekannte „billigste und reellste Einkaufsquelle Berlins“, der großen Boxerei ein Kleinkunstwerk: „Alles boxt in heut’gen Zeiten / Boxer-Karl und Känguruh“ (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 164 v. 30. März, 13). Doch in der Manege war manches anders: In Wien hieß es zeitgleich über den angekündigten Boxkampf zwischen Tier und „Neger“, „das Känguruh war jedoch nicht im geringsten zum Boxen aufgelegt und zog es vor, bei jeder ‚Anregung‘, die ihm der Neger mit seinen Boxhandschuhen gab, sich zu seinem Herrn und Manager zu flüchten. In Berlin kam es bei einer ähnlichen misslungenen Känguruh-Boxerei zu einem artigen Theaterscandälchen; das liebenswürdige und gut-gesittete Wiener Publicum begnügte sich, als die Sache langweilig zu werden drohte, mit einigen nicht misszuverstehenden Schlussrufen, worauf das Känguruh, sichtlich vergnügt, eiligst von der Bühne verschwand“ (Tages-Post [Linz] 1893, Nr. 72 v. 29. März, 4). Ein kluges Tier…

Waarenhäuser und Basare,

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Das erste deutsche Warenhaus: Der Berliner Kaiser-Bazar (Der Bazar 37, 1891, 152)

Ein Warenhaus kennt jeder? Falsch! Denn das Warenhaus war im Deutschen Reich etwas anderes als im europäischen Ausland, bot es doch auch Lebensmittel an. In Frankreich, Großbritannien oder den USA wäre das undenkbar gewesen, die dortigen Großgeschäfte waren also Kaufhäuser. Diese gab es in deutschen Landen seit Mitte des Jahrhunderts, von einem verspäteten Einstieg in die Konsumgesellschaft kann nicht die Rede sein. Kaufhäuser entstanden aus Magazinen, Handwerks- und Gewerbebetrieben mit einem dann stetig wachsenden Warenverkauf. Die Eigenproduktion streiften die in den späten 1860er Jahren aufkommenden Basare ab, denn sie konzentrierten sich auf das reine Verkaufsgeschäft von industriell gefertigter Massenware, meist Konfektionsware, zunehmend aber auch Gebrauchsgüter. Die Warenhäuser übernahmen diese Fokussierung auf den Verkauf, verbreiterten das Massenangebot nochmals, fabrizierten aber viele Waren weiterhin selbst. Die Trennung zwischen Kaufhaus, Basar und Warenhaus war im späten 19. Jahrhundert fließend, erst die teils massiven Warenhaussteuern gegen die von der mittelständischen Konkurrenz strikt bekämpfte „unerwünschte Betriebsform“ führte zu einer formaljuristischen Unterscheidung. Das erste dieser „Warenhäuser“ war der 1891 in Berlin eröffnete Kaiser-Bazar, der allerdings schon 1893 nach zahlreichen rechtlich höchst fraglichen Manövern Konkurs anmelden musste.

Färbemittel für die Haare,

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Der trügerische Reiz der Blondinen (Officieller Katalog für die Allgemeine Deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene, Gesundheitspflege und Gesundheitstechnik und des Rettungswesens, Berlin 1882, Berlin o.J., Annoncenanhang, 80)

„Das Färben der Haare gehört gleich dem Schminken zu denjenigen Verschönerungsversuchen, welche nicht ohne Gefahr für die Gesundheit sind“ (G[ustav] A[dolf] Buchheister, Handbuch der Drogisten-Praxis, T. 2, 3. verm. Aufl., Berlin 1898, 176). Wie bei den Farbstoffen, traten im späten 19. Jahrhundert chemische Substitute an die Seite natürlicher Farbstoffe. Sie bestanden vorrangig aus anorganischen Silbernitratlösungen, die mit dem Haar reagierten. Blond wurde damit möglich, auch ein Ende der grauen Haare. Ab Anfang der 1880er Jahre stieg zudem das Angebot synthetischer Farbstoffe aus der Azogruppe. Die zeitgleich beworbenen US-amerikanischen „Hair Restorer“ basierten dagegen auf kleinen Mengen von Blei, das mit dem Schwefel der Haare zu einem kräftigen Schwarz reagierte. Ähnlich funktionierten Wismut-, Kupfer- und Eisenpräparate. Diese neuen Haarfärbemittel waren gesundheitsgefährdend, hinterließen teils schwer zu reinigende Flecken auf der Kleidung, wurden teils auch verboten – doch sie besaßen den Charme der satten Farbe. Die Anbieter nutzten dies, grenzten ihre Präparate gezielt von Mitteln ab, „welche wohl unschädlich sind, aber keine Wirkung haben“ (Fliegende Blätter 90, 1889, Nr. 2269, Beibl., 7). Alternativen boten vor allem Naturfarbstoffe, die jedoch nach drei bis vier Wochen wieder erneuert werden mussten. Wallnussextrakte, Henna, aber auch Torf- und Kohleextrakte waren vor 1900 weit verbreitet. Für Möchtegernblondinen gab es aber noch eine weitere Option: Wasserstoffperoxid, seit 1894 in erstklassiger Qualität verfügbar, bleichte wirksam und betörend. Was zählten dagegen schon mögliche Zell- und Gewebeschäden?

Zähne-, Waden-Surrogate,

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Werbung für Zahnersatz, leicht missverständlich (Fliegende Blätter 88, 1888, 152)

Zahnlosigkeit war im 19. Jahrhundert weit verbreitet, doch durch die langsame Etablierung von Zahnärzten und spezialisierten -technikern setzte zumindest eine umfassende Forschung für Zahnprothesen ein. Erst einmal bestand das Problem des individuellen Zahnersatzes. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden menschliche Zähne prothetisch weiterverwendet, ebenso bearbeitete tierische Zähne. Diese verschlissen jedoch recht schnell. Als Substitut entstanden seit dem späten 18. Jahrhundert Alternativen aus Porzellan. In Frankreich entwickelt, wurden sie seit Mitte des Jahrhunderts vor allem in Großbritannien und den USA eingesetzt. Die Befestigung einzelner Zähne sowie von Teilprothesen blieb ein Kernproblem, das auch durch die Vulkanisation des Kautschuks nicht gemildert werden konnte. Damit war es zwar ab der Mitte des 19. Jahrhunderts möglich, relativ passgenaue Gebisse zu erstellen, doch im feuchten Milieu der Mundhöhle war präziser Halt sowohl der Einzelzähne als auch der Zahnprothesen kaum möglich. Saugnäpfe waren weit verbreitet, führten jedoch häufig zu Deformationen in der Mundhöhle. Obwohl im späten 19. Jahrhundert zunehmend spezielle Kautschukmischungen eingesetzt wurden und auch die farbliche Variation der Kunstzähne zunahm, blieb Zahnlosigkeit eine Beschwernis im Alltag insbesondere der nicht begüterten Bevölkerung.

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Hilfe für ein normales Leben: Werbung für Beinprothesen (Officieller Katalog für die Allgemeine Deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene, Gesundheitspflege und Gesundheitstechnik und des Rettungswesens, Berlin 1882, Berlin o.J., Annoncenanhang, 216)

Kriege, aber auch Maschinenarbeit führten immer wieder zum Verlust einzelner Gliedmaßen – und dank Verbesserungen im ärztlichen Handwerk und einer einfachen Narkose mit Chloroform nahm die Zahl derer zu, die diesen überlebten. Die meisten Versehrten erhielten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein einfaches, von Tischlern gefertigtes Holzbein. Ausnahmen gab es vor allem für zahlungskräftigere Kunden. Im späten 18. Jahrhundert entstanden mechanische Beinprothesen, die mit Saiten, Federn und Fäden ansatzweise steuerbar waren. Im 19. Jahrhundert gab es deutliche Fortschritte, für die in Preußen nicht zuletzt eine Außenseiterin stand: Margarethe Caroline Eichler (1808/09-1843) erhielt 1833 für ihre Beinprothese mit künstlichem Kniegelenk als erste Frau in Preußen ein Patent. Wichtiger noch war Eichlers künstliche Hand von 1836. Waren Prothesenbewegungen zuvor von der Unterstützung der heilen Hand, des heilen Fußes abhängig, so ermöglichte nun eine ausgefeilte Mechanik eine direkte willkürliche Bewegung des aus Neusilber gefertigten, teilbeweglichen Handersatzes. Die Kriege der 1860er Jahre, erst der amerikanische Bürgerkrieg, dann die sog. deutschen Einigungskriege, und die Bismarcksche Unfallversicherung von 1884 führten schließlich zu einer staatlichen Übernahme der nach wie vor hohen Kosten passgenauer Prothesen. Der eigentliche technische Durchbruch der Prothetik erfolgte jedoch erst während des Ersten Weltkrieges.

Maggi, Soxleth-Apparate,

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Neue Suppen, neue Würzen: Werbung für Maggis Suppenmehle und Bouillon-Extrakte (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2224, 11)

Der Schweizer Müller und Erfinderunternehmer Julius Maggi (1846-1912) steht bis heute für ein Würzpräparat, verlässlicher Geschmacksträger für ein einfaches, nährendes Mahl. Als Müller geriet er Anfang der 1880er Jahre unter Wettbewerbsdruck, veränderte doch die Walzentechnik und neue Billigkonkurrenz aus den USA und Russland das altehrwürdige Geschäft. Er diversifizierte, begann auf Anregung bürgerlicher Reformer 1883 an einem preiswerten Nahrungsmittel für Arbeiter zu experimentieren. Verbesserte Leguminosenmehle waren die Folge, leicht zu verkochende Suppengrundstoffe, die allerdings vorwiegend von Kleinbürgern gekauft wurden. Maggi verkaufte sein Müllereigeschäft, konzentrierte sich auf neue Suppenmehle, bemühte sich vor allem um einen besseren Geschmack. Mitte der 1880er Jahre experimentierte er mit Fleischextrakten, nicht zuletzt in der Nachfolge der Suppenkräuteressenz des Hildburghausener Unternehmers Rudolf Scheller (1822-1900). Das Ergebnis war ein Bouillon-Extrakt, der 1887 zwar als Fleischextrakt durchfiel, dessen Geschmack aber einfache Suppen wohl zu heben im Stande war. Ab 1894 als Markenartikel geschützt, war die Maggi-Würze ein Leitprodukt für ein rasch im deutschsprachigen Raum, aber auch international expandierendes multinationales Unternehmen.

087_Der Bazar_37_1891_p140_Säuglingsernährung_Milch_Soxhlet-Apparat_Pasteurisierung

Redaktionelle Reklame für den Soxhlet Milchkocher (Der Bazar 37, 1891, 140)

Die Naturwissenschaften wurden im späten 19. Jahrhundert gefeiert – und der Soxhletsche Apparat schien eine praktische Antwort auf die massive Kindersterblichkeit zu sein. Er war eine Quintessenz angewandter Bakteriologie, ähnliche Apparate gab es seit den 1880er Jahren. Ziel war die Keimtötung in der Milch durch Aufkochen, anschließende Kühlung und strikte Sauberkeit. Der Tierphysiologe Franz Soxhlet (1848-1926) entwickelte 1886 ein scheinbar wirksames Gesamtpaket und vermarktete dieses im Deutschen Reich, aber auch international. Das sollte die relativ hohen Anschaffungskosten drücken, den Apparat von dem Odium befreien, „Vorrecht der Reichen“ (Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 36, 1925/26, 323) zu sein. Doch die Innovation hatte einen Pferdefuß: Das Abkochen der Milch, die Pasteurisierung, zerstörte auch die darin enthaltenen, damals jedoch noch nicht bekannten Vitamine. Die Säuglinge und Kinder erkrankten nun vielfach an der sog. Möller-Barlowschen Krankheit, einer Vitaminmangelkrankheit, die an Skorbut erinnerte. Im Deutschen Reich gab es viele Erkrankungen, aber nur relativ wenige Todesfälle, handelte es sich doch um die Kinder von Begüterten, wurde die Milchgabe im Krankheitsfalle auch rasch durch frische Beikost ersetzt. Der Soxhlet-Apparat verkörperte schon früh das Janusgesicht der Interventionen moderner Naturwissenschaften.

Lyddit-Bomben, Gasmotoren,

088_Lustige Blaetter_15_1900_Nr08_p02_Kolonialkrieg_Burenkrieg_Großbritannien_Waffen_Lyddit_Dum-Dum_Maschinengewehr

Der britische Kolonialkrieg gegen die Buren als Einsatzfeld moderner Kriegstechnik (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 8, 2)

Lyddit-Granaten wurden in der deutschen Öffentlichkeit während des Burenkrieges, ähnlich wie die Dum-Dum-Geschosse, als Ausdruck der Verrohung des Kriegshandwerkes kritisiert. Lyddit, benannt nach der einschlägigen Sprengstofffabrik im englischen Kent, bestand vor allem aus Pikrinsäure und übertraf die zuvor übliche Sprengkraft. Seine Einführung erfolgte europaweit nach Patentierung des Melinit durch den französischen Chemiker Eugène Turpin (1828-1927) im Jahre 1886. Im Deutschen Reich wurde der Sprengstoff als „Granatfüllung 88“ getestet, doch ihr Einsatz blieb aufgrund der hohen Gefahr von Selbstentzündungen begrenzt.

089_Berliner Tageblatt_1886_01_31_Nr055_p22_Maschinenbau_Gasmotor_Benz_Mannheim

Neue Beweglichkeit, neue Betriebskraft (Berliner Tageblatt 1886, Nr. 55 v. 31. Januar, 22)

Im 19. Jahrhundert wurden die technischen Grundlagen für die Motorisierung und die Fließfertigung des 20. Jahrhunderts gelegt. Die Dampfmaschine dominierte, doch geringerer Wirkungsgrad und mangelnde Mobilität begrenzten ihre Einsatzmöglichkeiten. Aus Kohle gewonnenes Gas war seit den 1820er Jahren verfügbar, doch dauerte es viele Jahrzehnte, ehe der luxemburgisch-französische Erfinderunternehmer Étienne Lenoir (1822-1900) im Jahre 1860 einen ersten brauchbaren Gasmotor vorstellte, der trotz hoher Betriebskosten eine Alternative für Maschinen mit geringer Leistung bot. Der 1867 von dem Unternehmer Nicolaus Otto (1831-1891) und dem Ingenieur Eugen Langen (1833-1895) vorgestellte Flugkolbenmotor war deutlich effizienter und etablierte die 1872 als Aktiengesellschaft gegründete Gasmotoren-Fabrik Deutz als weltweit führenden Anbieter. Die beträchtlichen Defizite dieses Motors – hoher Lärmpegel und geringe PS-Leistung – wurden 1877 dann durch den Viertaktmotor, den Otto-Motor, großenteils behoben. Die mechanische Belastung war deutlich geringer, das Gas-Luft-Gemisch erreichte einen höheren Wirkungsgrad, die Lärmentwicklung schien erträglich und die Bedienung war einfacher. Bis 1886 wurde der Motor mit beträchtlichem Erfolg weltweit verkauft bzw. in Lizenz produziert. Das in diesem Jahr verlorene Patentrecht erlaubte dann wachsende Konkurrenz, deutlich niedrigere Preise, Neukonstruktionen mit höherer Leistung und schließlich auch den Einsatz im Motorfahrzeug mit Benzin als Treibstoff.

Fango, weibliche Doctoren,

090_Berliner Tageblatt_1899_01_01_Nr001_p14_Heilmittel_Fango_Sanatorium_Rheuma_Gicht

Fangokuren inmitten der Großstadt (Berliner Tageblatt 1899, Nr. 1 v. 1. Januar, 14)

Fango, also vulkanischer Schlamm, hat eine lange, bis weit in römische Antike zurückreichende Tradition. Einschlägige Kuren halfen vor allem bei Rheuma, Ischias und Gelenkentzündungen, hatten jedoch den Nachteil, dass Reisen in die Toskana oder aber Emilia-Romagna aufwändig und teuer waren. Fango war besonders fein, schmiegte sich dem Körper eng an und leitete zudem kaum Wärme. Analog den Heilwässern einzelner Bäder, die als Mineralwasser oder in Form konzentrierter Mineralsalze im letzten Drittel des 19. Jahrhundert auch zuhause anwendbar wurden, nahmen im späten 19. Jahrhundert Fangoimporte aus Italien rasch zu. Die im April 1897 gegründete Berliner Fango-Kuranstalt sowie die Fango-Importgesellschaft Walter & Co waren die Schrittmacher einer raschen Eingliederung der schweißtreibenden Fango-Behandlungen in den gängigen Kanon der Heilkunde.

091_Der Bazar_39_1893_p384_Frauenemanzipation_Frauenstudium_Medizin_Agnes-Bluhm_Franziska-Tiburtius_Emilie-Lehmus

Im Ausland promovierte, im Deutschen Reich praktizierende Doktorinnen (Der Bazar 39, 1893, 384)

Das 19. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Männer. Sie dominierten Politik und Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst. Frauen wurden als nicht gleichberechtigt angesehen, ein mögliches Wahlrecht schien undenkbar, war doch das Reich der Frau der Haushalt, die Kinderzucht, die liebende Sorge für den Mann. Die große Mehrzahl der bürgerlichen Frauen verteidigte strikt unterschiedliche Geschlechtscharaktere, die Mehrzahl der bäuerlichen und unterbürgerlichen Frauen litt dagegen unter Feld- und Fabrik- plus Hausarbeit. Ausnahmen gab es jedoch, zumal im späten 19. Jahrhundert. Die Bildungsfrage war ein wichtiges Feld der Emanzipation, erst in Volks- und Hauswirtschaftsschulen, dann in Fachschulen etwa für Krankenschwestern. Das Universitätsstudium blieb Frauen jedoch auch im späten 19. Jahrhundert noch verschlossen. Der Kampf der bürgerlichen und dann auch sozialdemokratischen Frauenbewegung um die schon im 18. Jahrhundert in Einzelfällen gewährte Zulassung zum Medizinstudium begann zwar mit zahlreichen Niederlagen, doch vereinzelt wurden Ausnahmen gewährt, kamen die jungen Damen doch oft aus gutem Hause, reüssierten lediglich als Gasthörerinnen. Rechtlich abgesichert wurde das Frauenstudium erst nach der Jahrhundertwende. Schon zuvor hatten jedoch eine kleine Zahl von Frauen im Ausland Medizin studiert, zumal in der deutlich liberaleren Schweiz. Die wenigen dann in Deutschland praktizierenden Doktorinnen dienten jedoch auch in eher konservativen Frauenzeitschriften als Rollenmodelle, widerlegten sie doch schlagend gängige Urteile über die vermeintliche Natur der Frauen.

Influenza, Heilsarmee,

092_Kladderadatsch_045_1892_Nr03_p05_Infektionskrankheiten_Influenza_Studenten_Alltagssexualität

Influenza als Entschuldigung im Alltagsleben, sei es für übergriffige Sänger oder faule Studenten (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 3, 5)

Während eine große Zahl von bakteriologischen Infektionskrankheiten im 19. Jahrhundert deutlich eingedämmt werden konnten, gab es gegen die Influenza nur passive Begrenzungsmöglichkeiten: Die Immunität durch überstandene Infektionen, die Separierung von anderen und eine möglichst breit angelegte Desinfektion des eigenen Umfeldes und des öffentlichen Raumes. Influenza und Grippe waren englische resp. französische Lehnwörter aus dem 18. Jahrhundert, die auf recht regelmäßige und grenzüberschreitende Epidemien verwiesen. Die Krankheit besaß ein Janusgesicht, erfolgte doch entweder rasche Heilung oder aber der Tod. Im 19. Jahrhundert gab es mindestens drei Influenza-Pandemien: 1830-1833 begann die Krankheit in China und führte vor allem in Spanien und den USA zu einer großen Zahl von Opfern. 1847-1848 startete die Pandemie wohl in Russland, traf anschließend fast den gesamten Mittelmeerraum und schließlich Westeuropa. Die gewiss folgenreichste Influenza-Pandemie des 19. Jahrhunderts war die sog. Russische Grippe, die 1889 einsetzte und erst nach verschiedenen Nachwellen 1895 endete. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1890, als in Europa etwa 270.000-300.000 Menschen starben, darunter etwa 66.000 Deutsche. Während die Bevölkerung eine große Zahl von Geheimmitteln und den kurz zuvor auf den Markt gekommenen Fiebersenker Antipyrin schutzsuchend kaufte, koppelte der Bakteriologe Richard Pfeiffer (1858-1945) seine Entdeckung eines neuen Bakterienstammes 1892 mit der Krankheit, so dass Influenza über Jahrzehnte als bakteriologische, nicht aber virologische Infektionskrankheit galt. Nach dem Tuberkulin-Skandal 1890 war dies ein zweites krasses Fehlurteil der ansonsten so segensreichen Arbeit der bakteriologischen Schule um Robert Koch (1843-1910).

093_Das Buch für Alle_22_1887_p516-7_Protestantismus_Heilsarmee_Wohlfahrtspflege_Paris_Katie-Booth_Gaststätte_Sozialarbeit

Hilfe, Temperenz und Mission: Katie Booth als Schwester der Heilsarmee in einer Pariser Gaststätte (Das Buch für Alle 22, 1887, 516-517)

Die Heilsarmee ist eine protestantische Kirche, die den Kern der biblischen Botschaft nicht im Gottesdienst, sondern in praktischer sozialer Arbeit sieht. Die „Salvation Armee“ stammt aus London und war seit 1865 die Antwort von William und Catherine Booth (1829-1912 resp. 1829-1890) auf die Not der Unterschichten in London. Den Krieg gegen das Elend führten sie mit einer militärischen Organisation, die Armenspeisungen, Obdachlosenbetreuung, Hilfe für Prostituierte und alleinerziehende Frauen mit der Verkündigung des Evangeliums, Antialkoholismus und einem strikten Tugendkatalog verband. Bemerkenswert: Männer und Frauen hatten von Anbeginn gleiche Rechte und Pflichten. Die Heilarmee finanzierte sich vorrangig durch Spenden, setzte dafür Musik, Gesang und Präsenz in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft ein. Die uniformierten Mitglieder, teils haupt-, meist ehrenamtlich tätig, waren seit 1886 auch im Deutschen Reich aktiv, wenngleich ihr martialisch-soziales Auftreten hier weniger Anhänger fand als in der englischsprachigen protestantischen Welt: „Die Heilsarmee steht an der Spree! Gar tückisch überfallen Hat sie die Reichshauptstadt und läßt ihr Kampfgeschrei erschallen“ (Kladderadatsch 43, 1890, 165).

Ethische Culturidee,

094_Fliegende Blaetter_190_1939_p044_Fragezeichen

Auf der Suche nach der Essenz vorhandener oder anzustrebender Kulturideen (Fliegende Blätter 190, 1939, 44)

Der immense Bedeutungsgewinn der Naturwissenschaften mündete in einen weit verbreiteten Empirismus und Materialismus, den nicht nur die Religionen kritisch sahen und im Materialismusstreit der Mitte des 19. Jahrhunderts strikt bekämpften. Innerhalb der Wissenschaften entwickelte sich seit den 1860er Jahren eine theoretisch reflektierte Geisteswissenschaft. Wirkmächtig war etwa Wilhelm Diltheys (1833-1911) strikte Trennung von erklärenden und verstehenden Wissenschaften. Die Vertreter des buntscheckigen Neukantianismus zielten seit dem späten 19. Jahrhundert auf eine breiter angelegte Erkenntnistheorie im kritischen Gefolge der Philosophie Immanuel Kants (1724-1804). Kultur wurde als Grundbegriff ernstgenommen und ausdifferenziert, Bildung, Vernunft und Kritikfähigkeit schienen zum vollen Menschen zu gehören und für eine ethischen Kultur unabdingbar zu sein.

Bogenlampen, Glühlichtstrümpfe,

095_Vossische Zeitung_1891_04_15_Nr173_p17_Beleuchtungsartikel_Gasglühlicht_Gaslampe_Bogenlampe

Lampen für drinnen und draußen (Vossische Zeitung 1891, Nr. 173 v. 15. April, 17)

Im frühen 19. Jahrhundert wurden die Städte heller: Tran, vor allem aber Gas ersetzten die bisher verwandten Brennstoffe Talg und Öl. Dennoch war die öffentliche Beleuchtung aus heutiger Sicht dunkel, flackernd und betreuungsintensiv. Physiker erprobten weitere Verbesserungen: Zog man zwei gegenüberliegende Kohlestäbe auseinander, so bahnte sich die Elektrizität einen Weg durch die Luft, wurde teils in Wärme umgesetzt und bewirkte so einen verbindenden Lichtbogen. Doch an der praktischen Umsetzung dieses Phänomens scheiterten lange Zeit Theoretiker und Praktiker, galt es doch für eine regelmäßige Energiezufuhr und ein geregeltes Abbrennen der Stäbe zu sorgen. Das gelang erst mit der Kombination von Generatoren und automatisch nachregulierenden Differential-Bogenlagen, die der Erfinderunternehmer Werner Siemens 1879 in Berlin präsentierte. Das Ergebnis war gleißendes, taghelles Licht, zuerst nur für öffentliche Plätze und Straßen, für Fabrikhallen und Leuchttürme. Auch wenn sich die Straßenbeleuchtung mit Gas noch Jahrzehnte behaupten konnte, setzte sich das anfangs deutlich teurere Elektrolicht mittelfristig durch.

096_Berliner Tageblatt_1893_11_05_Nr565_p11_Beleuchtungsartikel_Gaslicht_Gasglühlicht_Auerlicht

Der Kauf als Rechenexempel oder Auf dem Weg zur Massenverbreitung des Gaslichtes (Berliner Tageblatt 1893, Nr. 565 v. 5. November, 11)

Die Gasbeleuchtung wurde Ende des 19. Jahrhunderts ganz wesentlich verbessert, wurde heller, sicherer und preiswerter. Der Grund lag in der Transformation von Wärme in Licht durch ein Medium, den sog. Glühstrumpf. Der Wiener Chemiker Carl Auer von Welsbach (1858-1929) hatte 1885 ein erstes Verfahren patentieren lassen, für das er ein Baumwollgewebe mit seltenen Erden so präparierte, dass es durch die Gasflamme zur Weißglut gebracht wurde. Es dauerte einige Jahre, bis die Lichtstärke und die Haltbarkeit des Glühstrumpfes wirklich überzeugen konnten, doch ein 1891 verbessertes Patent brachte dann den Durchbruch zu einer auch kommerziell erfolgreichen Verbreitung des Gasglühlichtes durch die 1892 gegründete Deutsche Gasglühlicht-Gesellschaft (Auer-Gesellschaft). Damit endete langsam die Zeit offenen, flackernden Lichtes.

Börsenkrachs, Parteigeschimpfe,

097_Illustrirte Zeitung_060_1873_p472_Wirtschaftskrisen_Gründerkrach_Börse_Wien_Börsenkrach

Die „Börsenkatastrophe“ in Wien am 9. Mai 1873 (Illustrirte Zeitung 60, 1873, 472)

Wirtschaftliche Rhythmen traten im langen 19. Jahrhundert an die Seite tradierter Ernterhythmen. Das neue kapitalistische System wurde geprägt von Boom und Hausse, von zyklischen Krisen und Aufschwüngen. Die Weltwirtschaftskrise von 1857 zeigte erstmals die möglichen globalen Verwerfungen von Zahlungseinstellungen lokaler Banken (damals in New York). Die Mutter aller Börsenkrachs war jedoch der der Wiener Börse 1873. Sie war die Folge einer rasch wachsenden Zahl von Aktiengesellschaften, einer geringen Regulierung, massiver Investition in Immobilien und eines durch die geplante Wiener Weltausstellung und den raschen Wirtschaftsaufschwung im benachbarten Deutschen Reich gespeisten Fortschrittsoptimismus. Die Spekulationsblase platzte Anfang Mai 1873 aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten einzelner Banken und den davon in Gang gesetzten Kaskadeneffekten. Nun purzelten die Kurse. Am 9. Mai, dem „schwarzen Freitag“ gingen zahllose Firmen insolvent, da eingegangene Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllt werden konnten. Dies war der Beginn eines globalen „Gründerkrachs“, der eine längere Phase geringeren Wachstums einleitete. Börsenkrachs kamen auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder vor, wurden jedoch – ähnlich wie Missernten – als gleichsam natürliche Reinigungsprozesse eines dynamischen Wirtschaftssystems verstanden.

098_Der Wahre Jacob_01_1884_p08_Sozialpolitik_Sozialversicherung_Unfallversicherung_Parteien_Bismarck

Parteienstreit um die Sozialversicherung 1884 anlässlich der Etablierung der Unfallversicherung (Der Wahre Jacob 1, 1884, 8)

Parteiengeschimpfe ist ein abschätziger Begriff für die Essenz politischer Parteien: Meinungen zu bilden und zu filtern, Regierungsmaßnahmen in Frage zu stellen, Alternativen zu Gesetzesvorhaben und Verwaltungshandeln aufzuzeigen. Das geschah schon durch die Fraktionen des Paulskirchenparlaments 1848/49. Nur langsam bildeten sich daraus politische Parteien, waren die damals dominierenden liberalen Kräfte doch keineswegs straff organisiert. Das galt eher für die Repräsentanten staatlich verfolgter Minderheiten, also der Sozialdemokraten und der Katholiken. Zentrum und SPD standen in Opposition zur Regierung, bekämpften die Reichspolitik unter Bismarck. Ihr „Geschimpfe“ – ebenso wie das der Linksliberalen – hatte jedoch einen wachsenden Einfluss auf die Politik und insbesondere die Öffentlichkeit.

„Hurrah“- Ruf statt „Hoch“ Geschrei,

099_Kladderadatsch_061_1908_Nr48_p190_Automat_Hurra_Bürgertum_Nationalismus

Verordneter Hurra-Patriotismus modern – Ein Hurra-Automat anlässlich des neuen Hurra-Exerzier-Reglements von 1908 (Kladderadatsch 61, 1908, Nr. 48, 190)

Als 1899 eine Reihe alldeutscher Reichstagsabgeordneter den Lobgesang auf Kolonialerwerb und Zollkrieg gesungen hatten, kommentierte der sozialdemokratische Vorwärts lapidar: „Mit solchen Hurra-Komödien ist im deutschen Reichstag nichts zu machen“ (Vorwärts 1899, Nr. 88 v. 15. April, 1). Hurra – das war ein Schlachtruf, aufgekommen während der sog. Befreiungskriege gegen Napoleons Hegemonie. Theodor Körners (1791-1813) „Lützows wilde verwegene Jagd“ fasste ihn in Reime: „Das Hurrah jauchzet. Die Büchse knallt. Es stürzen die fränkischen Schergen“. Als solcher blieb der Hurra-Ruf das ganze 19. Jahrhundert Ausdruck des Patriotismus, der Pflichterfüllung im Angesicht des Feindes – und mit Hurra gingen deutsche Kavalleristen noch im Ersten Weltkrieg zum Angriff über. Das Hoch war weniger martialisch, stärker monarchistisch, insgesamt ziviler. Den König, den Schützenkönig, den ließ man hochleben. Selbst auf die Sozialdemokratie konnte man ein dreifaches Hoch ausbringen (Der Sozialdemokrat 1887, Nr. 48 v. 25. November, 4). Allseits gebräuchlich, polarisierte diese Injektion weniger. Anders das Hurra: Inbrünstig gerufen vom kaisertreuen Wilhelminer, strikt verdammt als Hurra-Patriotismus durch Linke und Linksliberale: „Ohne Schadenfreude, aber mit der Bitterkeit einer unerbittlichen Kritik muß man sich mit der Thatsache abfinden, daß der Hurrahpatriotismus die deutsche Bourgeoise in allen Gliedern verseucht“ hat (Vom Hurrahpatriotismus, Neue Zeit 18, 1900, 161-164, hier 163). Ein Hoch diesem Schreiberling!

Dr. Schenks Austüftelei,

100_Börsenblatt fuer den Deutschen Buchhandel_065_1898_03_22_Nr066_p2220_Bücher_Embryologie_Leopold-Schenk_Geschlecht_Schallehn-Wallbrück

Ankündigung einer wissenschaftlichen Sensation (Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 65, 1898, Nr. 66 v. 22. März, 2220)

1898 wurde das Buch „Einfluß auf das Geschlechtsverhältniß“ mit „ungewöhnlicher Spannung“ (General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend 1898, Nr. 98 v. 4. März, 2) erwartet. Der Wiener Embryologe Leopold Schenk (1840-1902) legte darin die Quintessenz seiner langjährigen Forschungen vor. Er suggerierte, das Geschlecht Neugeborener bestimmen und beeinflussen zu können. Entscheidend sei die Ernährung der Mutter. Der Harnzucker müsse verschwinden, der Eiweißkonsum steigen, dann sei die Chance sehr hoch, einen Knaben zur Welt zu bringen. Schenk argumentierte differenziert, forderte Einzeluntersuchungen, wandte sich gegen schematische allgemeingültige Ratschläge. Just das aber erfolgte in der Öffentlichkeit, dann auch in den Karikaturzeitschriften nicht nur der österreichischen Metropole. Die folgende wissenschaftliche Kritik war verheerend, führende Mediziner verdammten Schenks Theorie in Bausch und Bogen. Der bewährte und fachlich versierte außerordentliche Professor, der kurz vor der Veröffentlichung vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertiert war und seinen Vornamen von Samuel in Leopold geändert hatte, geriet nun unter massive Kritik an der Wiener medizinische Fakultät (Christine Schreiber, Natürlich künstliche Befruchtung? Eine Geschichte der In-vitro-Fertilisation von 1878 bis 1950, Göttingen 2007, 56-64). Schenk wurde vorgeworfen, halbgare Theorien um des eigenen Vorteils willen mittels ungebührlicher Reklame verbreitet zu haben. Die fast durchweg katholischen Kollegen forderten den Verweis von der Universität, dem Schenk unter Gejohle antisemitischer Presseorgane durch einen Antrag auf vorzeitige Pensionierung 1900 zuvor kam. Er starb kurz darauf an einem Herzschlag.

Robert Mayers Theorie,

101_Ueber Land und Meer_049_1878_p685_Physiker_Robert-Mayer_Thermodynamik

Robert Mayer, Grundlagenforscher (Über Land und Meer 49, 1878, 685)

Energie kann nicht verschwinden oder aber aus dem Nichts entstehen. In einem geschlossenen System entweicht sie nicht, kann einzig in andere Energieformen überführt werden. Dieser erste Hauptsatz der Thermodynamik stammt von dem Heilbronner Arzt Robert Mayer (1814-1878). Er bildete Grundlage für die pointiertere Formulierung des Energieerhaltungssatzes durch den Naturforscher Hermann Helmholtz (1821-1894) im Jahre 1847. Mayer war kein Universitätsgelehrter, sondern zog Schlüsse aus empirischen Beobachtungen seiner Umwelt. Wärme und Bewegung seien komplementäre Phänomene, die wechselseitig umwandelbar seien: Wasser erhitzt sich also, wenn es geschüttelt wird, Körper geben bei hohen Geschwindigkeiten weniger Wärme ab als bei niedrigen. Mayer war nicht recht in der Lage, diese Erkenntnis in eine naturwissenschaftlich akzeptable Sprache zu übersetzen. Doch seine Theorie war eine der wichtigsten Grundlagen für den Maschinenbau ab Mitte des Jahrhunderts.

Falb-Prognose (stimmt fast nie!),

102_Oesterreichisch-ungarische Buchhaendler-Correspondenz_36_1896_p116_Bücher_Sachbücher_Erdbeben_Rudolf-Falb_Wetterprognose

Rudolf Falb als populärer Sachbuchautor (Österreichisch-ungarische Buchhändler-Correspondenz 36, 1896, 116)

„Nur eine Kategorie der Wahrsagerei blüht heute noch öffentlich, hat öffentlich ihre Propheten und öffentlich auch unter den Bestgebildeten ihre Gläubigen: die Wahrsagung des Wetters“ (Ed[uard] Brückner, Wetterpropheten, Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft von Bern 19, 1903/04, 101-115, hier 101). Dieses Verdikt zielte nicht zuletzt auf Rudolf Falb (1838-1903), einem der vielen Wissenschaftspopularisier des späten 19. Jahrhunderts. Sein Leben war bewegt: Geboren in Österreich wurde er zum katholischen Priester geweiht, geriet wegen seiner naturkundlichen Forschungen in Konflikt mit der Kirche, trat aus und 1872 zum Protestantismus über, verließ seiner Frau halber auch Österreich, wurde 1887 Sachse, starb in Schöneberg. Dazwischen lag ein kontroverses Publizisten- und Forscherleben. Falb bereiste mehrere Jahre den amerikanischen Kontinent, entwickelte danach eine Theorie der Erdbeben, die er auf Konstellationen von Sonne, Mond und Erde und den daraus resultierenden Springfluten im Magma zurückführte. Mehrere seiner Prognosen traten denn auch ein. Für Falb war dies Anlass, nach mehr zu greifen, nach einer langfristigen Vorhersage des Wetters auf Grundlage „kritischer Tage“. Diese Prognosen wurden vielfach gedruckt, trafen mal zu, mal nicht. Falb war zumal in den 1870er Jahren ein populärer Wanderredner, danach ein erfolgreicher Sachbuchautor und schrieb auch frühe Science-Fiction. Er, der immer den großen Wurf gewagt hatte, wurde 1897 durch einen Schlaganfall gelähmt und zahlungsunfähig, doch eine im deutschen Sprachraum durchgeführte Falb-Spende ergab genügend Resonanz, um ihm einen würdevollen Ausklang seines Lebens zu erlauben.

Dreyfus-Sache, Zola-Briefe,

103_Illustrirte Zeitung_113_1899_p210_Frankreich_Militärgericht_Dreyfus-Affäre_Alfred-Dreyfus

Militärverfahren gegen Hauptmann Dreyfus in Rennes 1899 (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 210)

Kaum ein Ereignis hat Frankreich und auch die europäischen Nachbarn im späten 19. Jahrhundert stärker bewegt als die Dreyfus-Sache. Der aus dem elsässischen Mühlhausen stammende jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus (1859-1935) war 1894 von einem Kriegsgericht wegen Landesverrats zu lebenslanger Haft und dann zur Verbannung auf die Teufelsinsel verurteilt worden. Er wurde öffentlich degradiert. Die Indizien waren dürftig, Dreyfus beteuerte seine Unschuld. Freunde, Verwandte und seine Frau hielten den Fall in der Öffentlichkeit, 1896 wurden entlastende Indizien gefunden. Doch nun begann der eigentliche Skandal, der in seiner Perfidie nur mit einer tiefgreifenden Staatsgläubigkeit und dem Antisemitismus führender französischer Militärs und Politiker erklärt werden konnte. Der eigentliche Verräter wurde 1898 freigesprochen, der Aufklärer in der Verbannung geschickt. Als 1899 der Prozess gegen Dreyfus neuerlich aufgerollt wurde, endete er mit einem neuerlichen Schuldspruch. Die französische Öffentlichkeit war darüber strikt gespalten, gerade der katholische Klerus argumentierte mit antijudaistischen Klischees und der Autorität des Staates (statt auf den ungerechtfertigt angeklagten und verurteilten Christus zu verweisen). An den wichtigsten Fakten aber war kaum mehr zu rütteln. Dreyfus wurde 1899 begnadigt, ein Amnestiegesetz erlassen. Die eigentliche Rehabilitation zog sich jedoch bis 1906 hin. Die Dreyfus-Affäre unterstrich die immensen Probleme einer eigenständigen Militärgerichtsbarkeit, einer Politik der Gefälligkeiten und des Postentausches, einer mit dem Staat eng verwobenen Kirche. Doch es gab auch eine letztlich obsiegende kritische Gegenöffentlichkeit. Im Deutschen Reich wurde die Affäre umfassend verfolgt, denn auch dort gab es eine konservativ-reaktionäre Offizierskaste mit eigener Militärgerichtsbarkeit, eine Hofkamarilla, weit verbreiteten Antisemitismus sowie eine großenteils antisemitische protestantische Kirche, deren Oberhaupt der Monarch war.

104_Lustige Blaetter_14_1899_Nr26_p03_Schriftsteller_Emile-Zola_Dreyfus-Affäre

Der Erfolgsschriftsteller Emile Zola als Prototyp des kritischen Intellektuellen (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 26, 3)

J’Accuse…! Kaum ein Pamphlet ist bekannter als Emile Zolas (1840-1902) 1898 veröffentlichter offener Brief an den französischen Präsidenten Felix Faure (1841-1899). Anlass war der Freispruch des für deutsche Quellen spionierenden Ferdinand Walsin-Esterházy (1847-1923) durch ein Militärgericht – in offenkundiger Missachtung der Fakten. Militärs, Politiker und Klerikale hielten dagegen an der Schuld des jüdischen Hauptmannes Alfred Dreyfus fest. Vor Zola hatten mehrere Journalisten den Fall aufgerollt, doch nun klagte einer der erfolgreichsten Schriftsteller Frankreichs an. Sein 1871 bis 1893 erschienener, zwanzig Romane starker Zyklus „Die Rougon-Macquart“ war ein naturalistisches Sittengemälde Frankreichs, schilderte die Konsumgesellschaft von Paris (Der Bauch von Paris (1873), Das Paradies der Damen (1883)), aber auch die Not der Unterschichten (Germinal (1885)). J’Accuse…! war der Höhepunkt zahlreicher Artikel Zolas, die erst in „Le Figaro“ erschienen. Die Zeitschrift weigerte sich, mehr zu drucken, es folgten zwei Broschüren, dann schließlich das Pamphlet in der Literaturzeitschrift „L’Aurore“. Antijüdische Pogrome folgten, Zola wurde angeklagt. Nun aber antwortete auch das laizistisch-liberale Frankreich und die Sozialisten, stellten sich hinter Zola, forderten die Revision der Willkürurteile. Der Prozess erfolgte in aufgeheizter Stimmung, geriet trotz eines Schuldspruches zum Desaster für die Militärs. Das Urteil wurde aufgehoben, doch Zola abermals mit einer Geldstrafe und einer einjährigen Haftstrafe belegt, der er sich durch Flucht in das britische Exil entzog. Kurz danach wurde er rehabilitiert. Er kehrte zurück als Prototyp einer neuen moralischen Instanz, des unerschrockenen Intellektuellen. Als Zola 1902 starb, hielt auch der inzwischen freigelassene Alfred Dreyfus Totenwache an seinem Sarg.

Richard Wagners Leitmotive,

105_Kikeriki_23_1883_03_01_Nr17_p03_Komponist_Richard-Wagner_Denkmal

Ein deutsches Leitmotiv: Richard Wagner-Denkmäler (Kikeriki 23, 1883, Nr. 17 v. 1. März, 3)

Richard Wagner (1813-1883) war ein egozentrischer Neuerer, ehrsüchtig, samt- und seidenabhängig, neidisch auf alles, was sich seinem Primat nicht fügte. Sein schillerndes Wesen kreiste um ihn selbst, auch als demokratischer Revolutionär, als Alter Ego des bayerischen Kinis, als ein notorischer Antisemit, als Mythenbilder aus Versatzstücken der nordisch-germanischen Epen. Als Komponist begann er grandios konventionell, „Rienzi“ (1842) und „Der Fliegende Holländer“ (1843) begründeten seine Stellung. Wagner war Dirigent und Musiktheoretiker, verstand sich auf kleine Formen, auch Lieder. Er wollte alles, Musik, Drama, Volkserziehung, eine neue Ästhetik. Dies mündete in der Idee des „Gesamtkunstwerks“, das 1876 eröffnete Festspielhaus in Bayreuth wurde zu dessen Tempel. Wagners Opern, zumal „Der Ring des Nibelungen“, zielten auf Entwicklung, auf Handlung, legten etwas dar, folgten schicksalsträchtigen Geschichten. Die Komposition begleitete und leitete dies, verband Personen und Themen mit wiederkehrenden Leitmotiven. Kein anderer Komponist des späten 19. Jahrhunderts war derart wirkmächtig, der Neutöner revolutionierte die Musik weltweit. Die Schönheit der Parzival-Ouvertüre, die traurige Wuchtigkeit von Siegfrieds Todesmarsch und die Innerlichkeit der Rheingold-Ouvertüre faszinieren bis heute – doch ebenso zieht sich der Antisemitismus und Rassismus von Wagner und seinem Familienclan wie ein Leitmotiv durch die Geschichte des späten 19. und des 20. Jahrhunderts.

Nordpolfahrten, Schweizerpillen,

106_Illustrirte Zeitung_078_1882_p516_Polarforschung_Nordpol_Polarstationen_Karte

Einkreisung des Ziels: Polarstationen 1882 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 516)

Der Mensch erforscht und entdeckt die weißen Flecken auf der Landkarte – dies war ein Leitmotiv des 19. Jahrhunderts, seiner von Abenteurerromantik und Draufgängertum gekennzeichneten geographischen Expeditionen. Das Rennen zu den Polen war Thema der Gazetten, auch wenn aus heutiger Sicht der Nordpol 1909 weder durch den US-Ingenieur Robert E. Peary (1856-1920), noch durch den US-Arzt Frederick A. Cook (1865-1940) erreicht worden ist. Der Wettlauf zum Nordpol begann allerdings deutlich früher, ging einher mit verbesserten Schiffen und leistungsfähigerer Ausrüstung. Er war ein Prestigekampf zwischen Nationen, nicht umsonst stachen bei der ersten deutschen Arktisexpedition 1869 die Germania und die Hansa in See. Weitere folgten. Dennoch war die Polarforschung nicht nur nationales, sondern auch internationales Streben, das erste internationale Polarjahr 1882/83 zeugte davon. Die Karte dokumentiert die Lage der zwölf nördlichen Stationen, allesamt von einzelnen Staaten betrieben, allesamt Ausgangspunkte für das Erreichen des Nordpols. In den 1890er Jahren gab es drei nennenswerte Versuche, die sämtlich scheiterten. Der Norweger Fritjof Nansen (1861-1930) ließ sich mit der Fram vom Packeis einschließen und schaffte es nicht, mit der Drift zum Ziel zu kommen. Der Schwede Salomon Andrée (1854-1897) starb mit zwei Kollegen beim Versuch, mittels eines Wasserballons den nördlichsten Punkt der Erde zu erreichen. Die Expedition des Italieners Luigi Amedeo von Savoyen (1873-1933) scheiterte 1899 mit der Stella Polare nur knapp. Zur Jahrhundertwende schien der Sieg über Kälte und Packeis unmittelbar bevorzustehen. Karikaturzeitschriften veröffentlichten derweil Totentänze, präsentierten hungrige Eisbären als die eigentlichen Sieger des menschlichen Strebens. Und doch war klar, es würde gelingen.

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Ein unübertroffenes Geheimmittel (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2222, 3)

Die Schweizerpillen des Apothekers Richard Brandt waren ein typisches Geheimmittel, Ausdruck einerseits der Unzulänglichkeit der vorhandenen Pharmazeutika, anderseits des nicht still zu stellenden menschlichen Glaubens an lebensrettende und leidensverringernde Hilfsmittel. Ersonnen hatte dieses aus Enzian, Aloe, Moschusgarbe, Wermut, Bitterklee und Silge bestehende „blutreinigende“ und abführend wirkende Präparat der Frankfurter Kaufmann Gottfried Leonhard Daube (1842-1917) 1876 – nicht im Detail, wohl aber im Grundsatz. Der Inhaber einer Annoncenexpedition hatte schon 1874 die Handelsgesellschaft Elnain & Co. für den Vertrieb von Heilmitteln und Kosmetika gegründet. Sie verkaufte auch Produkte des Paderborner Apothekers Richard Brandt (1829-1893), der nun als seriöser Markenkopf auserwählt wurde. Dieser war im Zahlungsverzug, ging daher bereitwillig auf den Vorschlag Daubes ein, ins Schweizer Schaffhausen überzusiedeln und dort ein Kräuterpräparat zu schaffen, dass dann mit Hilfe der von Daube 1876 mitbegründeten Firma Morgenstern & Co. massiv beworben wurde. Der Erfolg gab ihm Recht, denn nach kurzer Zeit waren vierzig Beschäftigte in der Schweiz tätig, die Schweizerpillen herzustellen, zu verpacken und zu verschicken. Die Werbung schuf Nachfrage, Apotheken schien es daher ratsam, das Geheimmittel zu führen, auch wenn sie weder dessen genaue Zusammensetzung kannten und die Hauptbestandteile deutlich billiger hätten zusammenmengen können (vgl. Rudolf Schmitz und Elmar Ernst, G.L. Daube und die „Schweizerpillen“, Beiträge zur Geschichte der Pharmazie 23, 1971, 19-22). Das Markenprodukt etablierte sich rasch, wurde seinerseits verfälscht, scheinbarer Garant seiner unvergleichlichen Wirkung.

Reinculturen von Bacillen,

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Die Reinkultur des Tuberkelbazillus, mit Fuchsin gefärbt, 700-fache Vergrößerung (Emile van Ermengem, Neue Untersuchungen über die Cholera-Mikroben, Wien 1886, Tafel II)

Das 19. Jahrhundert ist geprägt durch ein Eindringen in organische und anorganische Sphären – die anders als im ordnenden und kategorisierenden späten 18. Jahrhundert zunehmend auch den nicht sichtbaren Bereich umfassten. Das 1869 vorgestellte Periodensystem der Elemente ist dafür ein gutes Beispiel. Die Erkundung der „Natur“ der Stoffe machte deutlich, dass Leben Mischung war. Dies zeigte sich in chemischen Reaktionen, aber auch an den symbiotischen Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen, etwa innerhalb der menschlichen Darmflora. Für analytische Zwecke und praktische Forschung war es jedoch unabdingbar, den Stoffen selbst auf den Grund zu gehen, sie zu isolieren und dann rein in den Blick zu nehmen. Dies setzte eine apparative Ausstattung voraus, zumal leistungsfähige Mikroskope (und damit die Kombination von optischer und feinmechanischer Industrie). Das galt insbesondere für Bakterien, also einzelligen Lebewesen. Sie wurden von dem Botaniker Ferdinand Cohn (1828-1898) in den frühen 1870er Jahren präzise beschrieben und kategorisiert. Nicht zuletzt auf dieser Grundlage konnte Robert Koch 1876 den Milzbranderreger sehen. Wichtig aber war, dass er dann aus dem Blut infizierter Tiere herausgezogen und in großen Mengen reproduziert werden konnte. Dazu bedurfte es neuer Nährmedien. Koch experimentierte, vermischte dann das Untersuchungsmaterial mit zuvor verflüssigter Nährgelatine und goss diese auf sterilisierte Glasplatten. Die abgekühlte Gelatine trennte die verschiedenen Bakterienstämme voneinander, bot ihnen aber zugleich Nährstoffe. Die einzelnen Bakterienkulturen konnten dann voneinander getrennt und gesondert analysiert werden. Auch Robert Kochs weitere Forschungen gründeten auf entsprechenden Fortschritten bei der Entwicklung von Reinkulturen. Bis heute bekannt ist etwa die von Julius Petri (1852-1921) 1887 entwickelte Petrischale.

Wasmuths Hühneraugenringe

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Werbung für Wasmuths Hühneraugenringe in der Uhr (Fliegende Blätter 103, 1895, Nr. 2629, Beibl. 4, 1)

Diese Anzeige ist altbacken konventionell, doch die 1892 mit der Markteinführung des Produktes – in origineller Blechverpackung verkaufte Hühneraugenpflaster – einsetzende Werbekampagne setzte Maßstäbe für großformatige illustrierte Anzeigen, die sowohl die „Plakatkunst“ der Jahrhundertwende (erst jugendstilartig, dann Prototypen der Neuen Sachlichkeit) vorwegnahmen, als auch die Werbung vom beworbenen Produkt trennten. Sie steht für die allgemeine Kommerzialisierung am Beginn der Massenkonsumgesellschaft.

und noch tausend andere Dinge

Nun, diesen müssen wir uns nicht widmen. Das dergestalt illustrierte und kommentierte Gedicht riss in der Tat zentrale Errungenschaften an, die das Leben um 1900 zu einem im Vergleich zu 1800 deutlich besseren gemacht haben. Es strahlt, trotz steten Augenzwinkerns, den Fortschrittsoptimismus dieser Zeit aus, nicht aber die Zweifeleien, die ansonsten den Fin de Siècle kennzeichneten. Der Autor blickte nach vorn, voll Stolz auf das Errungene, voll Hoffnung gegenüber der Zukunft. Er tat dies ohne Häme, verzichtete auf Verdammungen und Ausgrenzungen, verbreitete Optimismus nach dem Neujahrstag. Vieles, vieles fehlt, gewiss. Doch mir scheint, wir, die wir so viel reicher, so viel abgepufferter, so viel klüger sind als der Autor, könnten zumindest von dessen Grundhaltung lernen, uns erfreuen an der so faszinierenden Welt, die uns umgibt und deren Teil wir im frühen 21. Jahrhundert sind.

Uwe Spiekermann, 9. Mai 2020

PS Forschung ist mühsam, Überraschungen sind immer möglich. Und so fand ich just die Ursprungsfassung des oben recht ausführlich vorgestellten Gedichtes über die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. „Rückblicke und Wünsche des Stuttgarter Spaziergängers“ übertitelt, erscheint es im Neuen Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg 1899, Nr. 305 v. 30. Dezember 1899, 1-2 (https://digital.wlb-stuttgart.de/index.php?id=6&tx_dlf%5Bid%5D=110803&tx_dlf%5Bpage%5D=1). Hinter dem Stuttgarter Spaziergänger verbarg sich der 1857 in Bamberg geborene Journalist, Theaterkritiker und Schriftsteller Wilhelm Widmann, der 1925 in Stuttgart verstarb. Sein Gedicht war, kaum zu glauben, noch umfangreicher. Hinzu kam zudem ein zweiter Teil, Widmanns Wünsche an das neue, das 20. Jahrhundert: Es ist ein liberales Plädoyer für Selbstbewusstein, Toleranz und Humanität – und steht auch damit quer zum trägen Krisengejammer unserer Tage.

Uwe Spiekermann, 18. Februar 2025

Der Corona-Shutdown der Läden und Geschäfte – Die „Lockerungen“ in Hannover am 20. April 2020

Der Corona-Shutdown bestimmt und belastet das Land – Grundrechte sind suspendiert, die Debattenkultur in den führenden Zeitungen orientiert sich an den Vorgaben der Regierungen. Kritisch berichten die vielen im „Home-Office“ sitzenden und von Kurzarbeit gebeutelten Journalisten lieber über die dramatische Lage im Ausland, wo immer wieder die „Hölle“ aufscheint. Hierzulande aber macht sich öffentlich ein schwer erträglicher Stolz breit, denn die absoluten und relativen Sterbeziffern liegen niedriger als in vergleichbaren europäischen Staaten – auch wenn am Beispiel von Schweden zu diskutieren sein wird, ob der am 17. März einsetzende „Shutdown“ in diesem Umfang und mit diesen ökonomischen und gesellschaftlichen Verwerfungen nötig gewesen wäre. Deutsche Selbstzufriedenheit auch in der Corona-Krise.

Doch der Blick richtet sich zugleich auch nach vorne, denn mit dem heutigen Datum, dem 20. April, sind weitere „Lockerungen“ in Kraft getreten, nachdem Anfang letzter Woche erste Geschäfte den Anfang machen durften. Sie erfolgen homöopathisch, bleiben deutlich hinter denen etwa in Österreich zurück; doch der gemeine Mann, die gemeine Frau freuen sich auch über ein bisschen mehr Freiraum, über vielleicht weniger brachiale ökonomische Folgen des „Shutdowns“. Die „Lockerungen“ wurden in Niedersachsen per Verordnung – also ohne Einbezug des Niedersächsischen Landtages – am 17. April verkündet: Entscheidend in dieser gegenüber dem 17. März novellierten Verordnung zum Schutz vor Neuinfektionen mit dem Corona-Virus waren die Paragraphen 3, Abs. 7 sowie der Paragraph 8. Demnach war es ab dem 20. April 2020 wieder zulässig, eine Reihe Verkaufsstellen und Geschäfte zu öffnen, wenn sie einerseits nicht mehr als 800 m² Verkaufsfläche tatsächlich nutzten, Mindestabstände von 1,5 m zwischen den Kunden sicherstellten und einige weitere Grundbedingungen gewährleisteten, um zu dichte Menschenansammlungen zu vermeiden (Niedersächsisches Gesetz- und Verordnungsblatt 74, 2020, Nr. 10 v. 17. April, 74-78, hier 76, 77).

Nachdem ich vor einem Monat die unmittelbaren Auswirkungen des „Shutdowns“ in den Läden und Geschäften eines Abschnittes von Hannovers Podbielskistraße näher in den Blick genommen hatte, interessierte mich nun, wie diese moderaten Maßnahmen umgesetzt und kommuniziert wurden, ob und, wenn ja, wie sich die Szenerie verändert hat. Aus diesem Grunde habe ich dort neuerlich eingekauft, bin dabei die gleiche Strecke abgegangen und habe knapp sechzig Photos erstellt, um mir einen Reim auf die Veränderungen vor Ort zu machen.

Fehlende Alltagssensibilität

Am Anfang einige Eindrücke: Die Zahl der Passanten in der Podbielskistraße lag nur geringfügig unter denen vor Beginn der Corona-Krise. Die Mehrzahl ging ihrer Arbeit nach, nutzte den öffentlichen Nahverkehr, machte Grundbesorgungen. Die Menschen waren diszipliniert, hielten Abstand, teils wurde auf Dritte gewartet, um diese passieren zu lassen. Gleichwohl war es nicht unüblich, dass auch auf den nicht allzu breiten Bürgersteigen Paare nebeneinander gingen und sich davon auch durch andere nicht abbringen ließen. Dies galt noch mehr für Familien mit kleinen Kindern, die sich offenbar auf die veränderte Situation immer noch nicht eingestellt hatten.

Verwunderlicher noch war, dass Masken kaum getragen wurden – dies ist in den benachbarten Großstädten Wolfsburg und Braunschweig seit kurzem Pflicht. Der Anteil lag bei deutlich unter zehn Prozent. Besondere Muster konnte ich nicht erkennen – einzig Ältere verzichteten durchgängig auf derartige Kleidungsstücke. Die umfangreichen Diskussionen in den Medien sind offenbar am Alltag der Mehrzahl vorbeigegangen. Jeder, der diese verfolgt oder sich gar vertiefend informiert hat, weiß gewiss um den nur begrenzten gesundheitlichen Nutzen einfacher Gesichtsmasken. Jeder könnte aber auch verstanden haben, dass sie andere ansatzweise schützen, dass sie vor allem aber ein Zeichen der Rücksichtnahme sind, ein Symbol gemeinsamen Bemühens um Krisenminimierung. Dieses Land, in weiten Teilen so stolz darauf, sensibel auf ethnische, kulturelle oder aber geschlechtliche Unterschiede einzugehen, zeigt in der Corona-Krise ein anderes Gesicht: Es fehlt an Sensibilität für die möglichen Gefährdungen von anderen (am deutlichsten natürlich in der sträflichen Vernachlässigung der Altenheime und des Pflegesektors). Die Zivilgesellschaft bedarf offenbar des Befehls.

Der Alltag war, so mein Eindruck, von Sorge um die eigene Befindlichkeit geprägt. Die Passanten wichen aus, weil sie selbst einem Kontakt ausweichen wollten, nicht aus Sorge um andere. Entsprechend ernst waren sie, von Freude über die leichten „Lockerungen“ zeigte sich keine Spur. Ihr Alltag war offenkundig von Abstrichen und Entbehrungen gekennzeichnet, vom Willen zum Durchkommen und abstrakten Pflichterfüllungen. Lachen fehlte – und bei mehr als 90 Prozent derer, die mit blankem Antlitz und vielfach nicht allein durch die Straßen gingen, wäre dies anders zu erwarten gewesen.

Kontinuität des „Shutdown“

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Keine Änderung seit dem „Shutdown“ am 17. März

Doch mein Blick galt stärker den Verkaufsstätten: Bemerkenswert war erst einmal, dass eine beträchtliche Zahl von Läden und Geschäften ihre Informationen nicht geändert hatte. Mehr als ein Drittel konnte ich schon vor einem Monat exakt so einfangen, sieht man einmal vom langsamen Verbleichen des Papiers ab. Die Kundenansprache blieb gleich rudimentär, mochte die Krise auch weitergehen.

Krisennachrichten

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Quarantäne erforderlich? Dank und unbestimmter Abschied

Doch es gab Ausnahmen. In einem Laden erläuterte ein Blatt die zwischenzeitlich erforderliche temporäre Schließung mit einem „Corona-Fall“. Man spürt zwischen den Zeilen die Verbundenheit mit den lieben Kunden, das Bedauern um dieses Geschehen, die kopfschüttelnd wahrgenommene neue Situation.

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Nun ohne zeitliche Begrenzung. Aktualisierte Notiz eines Gastronomen

Andere Veränderungen kamen klein daher, mit einfachem Ausstreichen. Auf der obigen Notiz wurde „erstmal bis zum 15.04.2020“ getilgt. So zerstoben Hoffnungen auf Kontinuität, auf Arbeit, auf Gastlichkeit eines etablierten „China-Restaurants“. Man kann die Geschichten dahinter kaum erahnen, das Warten, den Wunsch nach einer Änderung, all die damit verbundenen Fragen nach der Zukunft des Betriebes, der eigenen Existenz. Ist wirklich genug Geld dar? Reicht Geld allein?

Neue Angebote

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Einst Ausdruck „asiatischer Hysterie“, heute einen Marktchance

Doch derartige Rückfragen sind nicht erwünscht in einem Lande, in dem sie als „Öffnungsdiskussionsorgien“ denunziert werden, in dem diese Nöte keine Foren haben, keine Öffentlichkeit. Wahrlich, auf diese irrlichternde Politik, die ihre Ziele selbstgerecht setzt und verändert, kann man nicht setzen. Stattdessen dokumentierten die Inhaber kleiner Geschäfte ihren Fleiß, ihre „Flexibilität“ abseits des nicht möglichen „Home-Office“. Insgesamt drei Aushänge wiesen Kunden auf Masken hin, selbst genäht und bunt. Werden Sie gekauft und getragen werden? Oder war auch dies nur wieder eine der gängigen öffentlichen Debatten, Palaver ohne Widerhall?

Masken wurden von Änderungsschneidereien angeboten, nun systemrelevant. Andere Aushänge präsentierten Telefonnummern, wo sie geordert werden konnten. Die große Mehrzahl der Geschäfte aber blieb bei ihren tradierten Angeboten. Bringdienste, zuvor eine Hilfe in der Krise, wurden beibehalten, traten aber nun, angesichts frischer Blumen oder erster Speisen, wieder in den Hintergrund.

Professionalisierte Umsetzung der Sicherheitsvorgaben

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Eine vorbildlich geführte Apotheke – außen wie innen

Die deutlichste Veränderung im öffentlichen Raum war die präzise Umsetzung der in § 8 der Verordnung vom 17. April festgelegten Mindestsicherheitsvorgaben. Kaum Änderungen gab es in der unten abgebildeten Apotheke, die schon vor dem „Shutdown“ professionell agiert hatte. Außen klare Verhaltensvorschriften, Ein- und Ausgang voneinander getrennt. Innen die nun üblichen Plexiglasabdeckungen, Bedienstete mit Gesichtsmasken und Hygienehandschuhen. Einzig der kleine Stand mit Handseife wurde abgebaut, war er vielleicht doch etwas zu viel des Guten. Diese Apotheke belegte, dass man auch auf kleiner Grundfläche gut auskommen kann.

Die professionalisierte Umsetzung zeigte sich vorrangig – aber nicht durchgehend – bei kapitalkräftigeren Unternehmen, zumal bei Bäckerei- oder Lebensmittelketten. Üblich waren vor allem Hinweise auf das Abstandhalten und Leitsysteme für Ein- und Ausgänge. Innen gab es meist Plexiglasabdeckungen. All dies war vom guten Wetter und der nicht sonderlich hohen Kauffrequenz geprägt. Stärkerer Andrang und Regen würden die Szenerie gewiss ändern. Festzuhalten aber ist, dass die Vorgaben auch durch wieder geöffnete kleinere Geschäfte umgesetzt werden. Die teils etwas ungelenken Skizzen, Appelle und Hinweise waren klar nachvollziehbar, zeigten zugleich, dass es den Inhabern Ernst war mit der Sorge für ihre Kunden und dem Gedeihen ihres Geschäftes.

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Transformation von Ein- und Ausgängen

Das galt auch für die einzige Ergänzung gegenüber der Zeit des „Shutdowns“. Ein für die Stadt im Frühjahr unverzichtbarer Verkaufsstand eines Spargel- und Obstbauerns lockte wie in vergangenen Jahren, fügte aromatisches Rot und Grün, die Farbe der Frische, in die ansonsten eher farbarme Umgebung. Neu aber war die große transparente PVC-Scheibe. Man sah, was es gab, orderte, was man mochte, nahm die Bestellung dann vom Tresen links und rechts.

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Dank Erntehelfern wieder frisch auf den Tisch: Saisonaler Spargel- und Erdbeerstand

Security oder Sicherstellung der Ordnung

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Sicherheitspersonal im Eingangsbereich eines Lebensmitteldiscounters

Die Ordnung erfolgte jedoch nicht nur passiv, sie wurde auch durchgesetzt. In mindestens vier Läden patrouillierten ein bis zwei Sicherheitsbedienstete, darunter auch in einem heute neu eröffneten Fahrradladen. Ordnungskräfte kennzeichneten vor allem Filialisten. Sie sind Substitut für die seit Beginn der Corona-Krise zumindest in den Wohnvierteln großenteils abgetauchten Polizei. Ihr ermahnendes Vorbild wäre gewiss noch überzeugender gewesen, hätten sie auch Masken getragen. Die „Security“ erinnerte zugleich aber an die autoritären Grundlagen der Corona-Krise, denn auch wohlmeinender Zwang war und ist Zwang.

Kunden als Steuerungsmasse

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Ein Text, drei Rechtschreibungs- und Zeichensetzungsfehler, elf Ausrufezeichen

Derartig wohlmeinend-autoritäres Gehabe findet sich aber auch rein verbal. Recht typisch für ruppig-anmaßenden Ton ist etwa der obige Aushang an einer Arztpraxis. Der Patient stört, ist Gefährder, Blockierer, ein potenzieller Gefahrenherd. Hier lebt sie noch, die überwunden geglaubte Blickrichtung auf das „Menschenmaterial“. Rühren, Dr. Stolle!!!

Die Angst vor neuerlichen Einschränkungen

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Ordnung, sonst drohen Schließungen

Der autoritäre Zug der Sicherheitsregeln und der dekretierten Verordnungen materialisierte sich in weiteren vermeintlich „sachlichen“ Hinweisen. Gleich in vier Geschäften wurden Abstandsgebote mit dem Verweis „Sonst drohen Schließungen!“ verbunden. Das Volk, der „große Lümmel“, wurde ermahnt, denn sein Fehlverhalten kann neuerliche Sanktionen mit sich bringen, Einschränkungen der just erfolgten „Lockerungen“. Die Rückkehr zur „Normalität“ erfolgte unter Vorbehalt, verkauft wird unter dem Damoklesschwert des starken Staates. Es sagt viel über unser Land aus, dass ein Appell an den aufgeklärten selbstbestimmten Kunden unterbleibt. Das gilt auch für die vielfältigen Formen des „Nudging“, also des strikten Lenkens der Kunden. Es reicht offenbar nicht, Abstände klar zu kommunizieren, eine Höchstzahl von Kunden im Geschäft festzulegen. Nein, es bedarf auch markierter Haltelinien, fixierter Haltepunkte, farbiger Fußaufkleber vor dem Geschäft. Diese Händler kennen ihre Kunden.

Das Verschwinden einfacher Hinweise

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Alternativen für den Kunden vor der geschlossenen Filiale

Auffallend beim Vergleich der heutigen Situation mit der zu Beginn des „Shutdowns“ war ferner das Verschwinden vieler einfacher, meist handschriftlicher Notizen. Vielfach verschwanden diese ganz, konnte die „Situation“ doch als bekannt vorausgesetzt werden. Teilweise wurden die Hinweise zwar beibehalten, doch ansprechender gestaltet. Ausdrucke ersetzten sie, Rechtschreibungs- und Zeichensetzungsfehler wurden vielfach korrigiert. Ergänzt aber wurde weiterhin, etwa bei den schon erwähnten Krisennachrichten oder auch bei Korrekturen der gleichsam offiziellen Verlautbarungen von Filialleitungen. Eine Filialschließung, etwa, vor Ort ergänzt durch ein „vorübergehend“. Teamarbeit in der Krise.

Fehlende Kundenansprache

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Abtauchen eines Luxusanbieters

Die „Lockerungen“ – und das ist aus meiner Sicht bemerkenswert – wurden fast durchweg nicht erwähnt, wurden den Kunden nicht direkt angekündigt. Man war froh, dass man wieder hat öffnen können, man war offenbar sicher, dass dies dem Kunden bekannt war. Angesprochen aber wurde er nicht, es fehlte ein fröhliches Willkommen oder aber ein Hinweis auf die veränderte rechtliche und/oder epidemiologische Lage. Bei einigen Geschäften waren auch am Tag der Öffnung noch verblichene Hinweiszettel alter Tage zu sehen. Mehrfach wurden noch verringerte Öffnungszeiten der letzten Wochen nach außen getragen, mochten deren zeitliche Befristungen auch längst abgelaufen sein. Sorge für das eigene Geschäft, basaler Kundendienst; das ist eben nicht üblich, sondern abhängig vom Einzelfall. Der Kunde wird halt schon kommen.

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Einstellen auf eine neue Situation

Unter den knapp fünfzig näher betrachteten Geschäften fand ich nur eines, das die Neueröffnung mit Willkommensgruß und Service verband (nur sieben waren von der Verordnung direkt betroffen, öffneten also erstmals wieder). In einem Photoartikelgeschäft waren Sicherheitsregeln gepaart mit zwei simplen Stühlen, Einladung zum wartenden Verweilen, eher noch zum Eintreten. So einfach kann ein Hallo sein, ein wir sind wieder für Sie (und uns) da. Der Bürgersteig diente wieder der Zivilgesellschaft, war nicht allein Hoheitsgebiet des stark tuenden Staates.

Krise ohne Sprache

Die Krise hat viele Gesichter – und die Ladeninhaber, die Beschäftigten gehen auch viele Wochen nach dem „Shutdown“ damit recht unterschiedlich um. Kennzeichnend scheint mir jedoch abermals das Fehlen einer wie immer gearteten Sprache im Umgang mit den so einschneidenden Geschehnissen zu sein. Die Krise ist weder begriffen, nach ansatzweise bearbeitet, sie kann nicht in bestehende Erfahrungen eingebettet werden, lässt ob ihrer Einzigartigkeit verstummen. Dies ist gewiss Reflex auf eine Politiker- und PR-Sprache der Vermeidung, der Umschreibung, des Unkonkreten. Doch diese „neue Normalität“ ist nicht neu, denn fehlende Präzision ist keineswegs begrenzt auf diese sich in der Krise großenteils zuhause befindlichen Funktionseliten. Sie entspricht der fehlenden Präzision der Sprache einer ubiquitären Konsumgesellschaft, in der Ästhetisierung und Anpreisung dominieren. Das Leid der Sterbenden, der Kranken, der Isolierten und Abgegrenzten hat darin keinen Platz mehr. Wegbrechende Existenzen werden nicht vor Augen geführt, gehen im Großsingular auf, dem Mittelstand, der Frisörbranche, dem Hotel- und Gaststättengewerbe. Die staatlichen Maßnahmen werden dekretiert, nicht erläutert, ihre Folgen nur ansatzweise verstanden. „Hilfspakete“ werden geschnürt, so als seien nicht auch die staatlichen Setzungsinstanzen für diese Situation mitverantwortlich. „Rettungsschirm“ folgt auf „Rettungsschirm“, allesamt Hilfsmittel, um den Bürger stillzustellen, zu Antrags- und Bittstellern gegenüber diesem, nur scheinbar „unserem“ Staat zu machen: „Das Ohnmachtsgefühl aufrechtzuerhalten, ist der erste Paragraph einer geschickten Politik der Herren“ (Simone Weil, Meditation über Gehorsam und Freiheit, in: Dies., Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften, München 1987, 258-264, hier 261).

Uwe Spiekermann, 20. April 2020

Einkaufsregulierung und Versorgungspflicht – Ladenschluss während des Nationalsozialismus

Moderne Ladenschlussregelungen bilden einen Kompromiss zwischen sozialpolitischen Ansprüchen, unternehmerischer Verwertungsimperativen, den kaum begrenzten Konsumwünschen der Verbraucher und dem Ordnungsanspruch des Staates. Die 1891 einsetzende Gesetzgebung hatte unter eindeutig sozialpolitischen Gesichtspunkten zu einer begrenzten Sonntagsruhe und verbindlichen werktäglichen Öffnungszeiten geführt. Diese wurden während des Ersten Weltkrieges weiter verringert. Die temporäre Einführung des Acht-Stundentages und zahlreiche Tarifverträge trennten zu Beginn der Weimarer Republik dann Arbeitszeiten und Ladenöffnungszeiten. Die Verordnung vom 5. Februar 1919 legte einen werktäglichen Ladenschluss in der Zeit von 19 bis 7 Uhr fest, deklarierte ferner den Sonntag grundsätzlich als Ruhetag. Es gab zahllose Ausnahmen, wobei insbesondere Lebensmittel und andere Güter der Grundversorgung auch früher, später oder aber am Sonntag eingekauft werden konnten. Größere Betriebe konnten darauf mit Schichtsystemen reagieren, während kleinere Einzelhändler überdurchschnittliche Arbeitszeiten in Kauf nehmen mussten, wollten sie die Läden so lange offenhalten wie die Konkurrenz. Diese Struktur galt auch noch 1933, nach der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer konservativen Koalitionspartner (Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

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Grenzen der Regulierung: Einkauf in kleinen Läden „zu verbotener Zeit“ (Illustrierter Sonntag 1, 1929, Nr. 21 v. 18. August, 4)

Sozialpolitische Fortschritte während des Nationalsozialismus?

Während der Weimarer Republik hatten die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels und viele Handelskammern immer wieder deutlich flexiblere Regeln gefordert, um insbesondere vor umsatzstarken Hochfesten, zu bestimmten Jahreszeiten oder aber in bestimmten Regionen weitere Ausnahmen zu erreichen. Grund hierfür war auch das in Stadt und Land übliche Anklopfen nach und vor Ladenschluss vorrangig bei Lebensmittelgeschäften. Die aufstrebenden Angestelltengewerkschaften hielten dagegen, versuchten Arbeitszeiten und Sonderschichten ihrer Mitglieder zu verringern. Während der Weltwirtschaftskrise blieben entsprechende Forderungen der Tarifparteien bestehen, doch sie traten aufgrund der massiven Absatzprobleme in den Hintergrund. Für die neuen nationalsozialistischen Machthaber bestand unmittelbar nach der Machtzulassung demnach kein Regelungsbedarf. Gleichwohl gab es 1933/34 innerhalb der neu gegründeten Deutschen Arbeitsfront weiterhin Bestrebungen der Vertreter der Handlungsgehilfen, für bestimmte Branchen und Regionen einen früheren Ladenschluss einzuführen. Die Folge war eine „erhebliche Beunruhigung bei den Inhabern der Ladengeschäfte“ (Edeka. Deutsche Handels-Rundschau 27, 1934, 569 – auch für das folgende Zitat). Reichsarbeitsminister Franz Seldte (1882-1947) beruhigte, sah in den lokalen Initiativen lediglich unverbindliche Versuchsballons. Die geltenden Ladenschlussregelungen schienen ihm ein tragbarer Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Interessen zu sein, denn „die Ladenzeiten des Einzelhandels bedeuten nicht nur ein gesetzlich festgelegtes Recht des Kaufmanns, sondern auch die Pflicht, allen Bevölkerungskreisen eine möglichst gute Gelegenheit zur Bedarfsdeckung zu sichern“.

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Einkaufsdisziplin als deutsche Pflicht (Kladderadatsch 87, 1934, Nr. 35)

Probleme bestanden, etwa der recht hektische Einkauf zwischen Arbeits- und Ladenschluss. Vor der Einführung von Selbstbedienung mussten Konsumenten schließlich darauf warten, bedient zu werden. Doch derartige Engpässe regelte man nicht staatlich, sondern richtete moralische Appelle an die Konsumenten, ihre Verkäufe über den ganzen Tag zu verteilen. Vorgeschlagen wurde beispielsweise, die Zeit von 18 bis 19 Uhr möglichst den Berufstätigen zu überlassen. Doch selbst dann hätte ein Kernproblem des Ladenschlusses weiter bestanden: Er benannte schlicht den spätest erlaubten Zeitpunkt für das Betreten eines Geschäftes. Die Kunden mussten dann aber noch bedient werden, Aufräumen und auch Putzarbeiten folgten. Offizielle Appelle schienen den meist weiblichen Verkäufern wenig sinnvoll, „da Vernunftgründe beim Publikum wenig Anklang finden“ (Leo Hilberth und Annemarie Wissdorff, Berufs- und Arbeitsschicksal der Verkäuferin im Lebensmittelhandel, Köln 1934, 71).

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Einkaufen abseits der Ladenschlusszeiten. Verkaufsautomat in Wien 1939 (Das kleine Blatt 1939, Nr. 110 v. 22. April, 6)

Die Einkaufsmöglichkeiten wurden allerdings durch das von den Einzelhändlern und Angestellten geforderte Automatengesetz vom 6. Juli 1934 erweitert – hier kam der NS-Staat aus arbeitsmarktpolitischen Gründen der metallverarbeitenden Industrie entgegen (F. v. Poll, Anmerkungen zum neuen Automatengesetz, Soziale Praxis 43, 1934, Sp. 1200-1203; Elis-M. Puritz, Was wir Hausfrauen vom Automaten halten, Der Automat 8, 1934, 315-317). Insbesondere Tabakhändler nutzen die Chance, Waren auch nach Ladenschluss mittels an ihren Läden angebrachten Schachtautomaten verkaufen zu können. Schon 1938 übertraf die Zahl der „Außenautomaten“ die der zuvor üblichen Automaten im Inneren der Läden (Ca. 52.000 versus ca. 45.000 (Franz Weyer, Entwicklung und Struktur des deutschen Tabakwareneinzelhandels, Stuttgart 1940, 187)). Die Arbeitszeitverordnung von 16. Juli 1934 sicherte kurz danach den Achtstundentag rechtlich ab, sodass das gängige überpünktliche Öffnen bzw. das Bedienen über den Ladenschluss hinaus zu arbeitsrechtlichen Konflikten führen konnte. Der Ladenschluss selbst wurde bestätigt und von 19 bis 7 Uhr festgeschrieben. Doch es gab beträchtliche Ausnahmen. Der werktägliche Ladenschluss konnte an zwanzig Tagen pro Jahr abends bis 21 Uhr ausgedehnt werden, ähnliches galt für die morgendliche Öffnung im Lebensmittelhandel, die dann schon ab 5 Uhr erfolgen durfte. Formal waren dabei die arbeitsrechtlichen Bestimmungen zu beachten, doch angesichts hoher Arbeitslosigkeit standen diese meist nur auf dem Papier.

Der beträchtliche Abbau der Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende verbesserte Verhandlungsposition der Beschäftigten im Einzelhandel veränderte jedoch die Machtverhältnisse im Arbeitsmarkt. Seit spätestens 1936 kam es auch daher zu neuerlichen Debatten über eingeschränkte Ladenöffnungszeiten (Uwe Spiekermann, L’approvisionnement dans la Communauté du peuple. Approches du commerce »allemand« pendant la période national-socialiste, Le Mouvement Social 206, 2004, 79-114, hier 104-107). Während der Woche sollten die Läden beispielsweise einen Nachmittag geschlossen bleiben, so die Reichsbetriebsgemeinschaft Handel. Alternativ propagierten ihre Vertreter einen „Sonnabendfrühschluß“. Dieser könne reichseinheitlich erfolgen und diene der „Erziehung des Kunden, insbesondere der Hausfrau, zu einer zweckentsprechenden Neueinteilung der Einkaufszeit“ (Heinrich Siebert, Freizeit für den Handel, Monatshefte für NS.-Sozialpolitik 4, 1937, 130-133). Konkret bedeutete dies, die Läden am Samstag schon um 16 Uhr zu schließen, da nur so eine „wirkliche Erholung in Form des Wochenendes“ (Hanns Stürmer, Sonnabend-Frühschluß im Einzelhandel, Deutsche Handelswarte (DHW) 25, 1937, 183-184, hier 183) möglich sei. Eine gesetzliche Neuregelung wurde jedoch abgelehnt, stattdessen abermals eine umfassende Erziehung des Verbrauchers zum rücksichtsvollen Einkauf gefordert (Sonnabend-Frühschluß ein vordringliches Problem, DHW 25, 1937, 203). Das entsprach nationalsozialistischer Moral, kostete zudem nichts. Entsprechende Kampagnen drangen bis in die Läden vor, etwa die „Feierabendschallplatte“ der Deutschen Arbeitsfront, mit der die Verbraucher um 18.45 Uhr zum Verlassen des Geschäftes aufgefordert wurden (Die Geschäftszeit ist beendet! Schallplatte der DAF. mahnt die Käufer, Deutsche Handels-Rundschau (DHR) 31, 1938, 707).

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Der Ladenschluss als limitierender Faktor des Verkaufs (Deutsche Handels-Rundschau 31, 1938, Nr. 29)

Andere Gesetzesinitiativen schlugen jedoch durch, so insbesondere die neuen sozialpolitisch und volksbiologisch begründeten Gesetze über Kinderarbeit bzw. die Arbeitszeit der Jugendlichen. Die damit einhergehenden Arbeitszeitverkürzungen führten zu wachsenden Problemen, die Läden während der gesamten Öffnungszeiten durchgehend offenhalten zu können (G. v. Hake, Die Neufassung der Arbeitszeitordnung, DHW 26, 1938, 282-284; Ders., Was bringt die Neufassung der Arbeitszeitordnung, DHR 31, 1938, 413). Entsprechend begannen 1938 breite Diskussionen über den Mittagsladenschluss, denn viele Händler weiteten ihn aus, um den gesetzlichen Höchstarbeitszeiten ihrer Lehrlinge zu genügen (Zur Frage des Mittagsladenschlusses im Einzelhandel, DHR 32, 1939, 146; Einzelhandel und Mittags-Ladenschluß, Leipziger Fachzeitung für Bäcker und Konditoren 51, 1939, 250; Kein Mittagsladenschluß, Die Rundschau 36, 1939, 258). Parallel nahm die Zahl der Betriebsurlaube zu, während der Geschäfte geschlossen wurden (E.M. Waldenburg, Urlaubsvertretung für den Einzelhändler, DHR 31, 1938, 96; Th. Klockemeyer, Mittags- und Freizeit für den Einzelhändler, DHR 31, 1938, 212). Die wachsende Heterogenität der an sich einheitlich geregelten Ladenöffnungszeiten nahm noch zu, als 1938/39 die Händler einzelner Orte bzw. Einzelgeschäfte freiwillig früher schlossen (Sechsuhrladenschluß in Güstrow im Sommer, Die Rundschau 35, 1938, 426).

Das Ende der sozialpolitischer Debatten: Einzelhandel im Dienst für den arbeitenden Volksgenossen 1938-1939

Diese Eigeninitiativen nahm das Reichswirtschaftsministerium zum Anlass für eine strikte Grenzziehung. Am 31. Mai 1939 erging die Anordnung zur Verhinderung von Ladenzeitverkürzungen, deren Durchführungsverordnung die Prioritäten der NS-Politik deutlich machte: „Bei der Handhabung der Anordnung ist besonders zu berücksichtigen, daß der Vierjahresplan von weiten Volkskreisen verlängerte Arbeitszeiten und äußersten Einsatz verlangt; es muß deshalb unter allen Umständen dafür Sorge getragen werden, daß gerade auch den bis zum späten Nachmittag arbeitenden Volksgenossen die notwendigen Einkäufe nicht erschwert oder überhaupt unmöglich gemacht werden“ (Die Anordnung des Reichswirtschaftsministers zur Verhinderung von Ladenzeitverkürzungen. Vom 31. Mai 1939, Mehl und Brot 39, 1939, 384). Die Ruhe an der Käuferfront und einheitliche Regelungen waren wichtiger als sozialpolitisch wünschenswerte Arbeitszeitverkürzungen der Händler und Angestellten (Nähere Anweisungen zur Verhinderung der Ladenzeitverkürzungen, Mehl und Brot 39, 1939, 400; Ladenzeiten ohne Verkürzung, Der deutsche Volkswirt 13, 1939, 1665-1666). Im Hintergrund stand aber auch eine veränderte Stellung des Handels und des Kunden in der gebundenen Wirtschaft des NS-Staates: „Früher erblickte die Wirtschaft ihre große Lebensaufgabe darin, die Wünsche des Publikums zu erfüllen, seinen Anregungen nachzugehen. Sie war seine treue Dienerin. Wille und Befehl der Käufer waren ihr Lebensinhalt. Dem Winke ihrer Auftraggeber, von denen sie lebte, folgte sie blindlings. So wurde der Kunde zum allesbeherrschenden König! Heute lenkt bei uns ein anderer Wille die Wirtschaft: der Wille des Staates“ (Viktor Vogt, Die Entthronung des Käufers, Verkaufspraxis 14, 1939, 495-499, hier 496).

5_Deutsche Handels-Rundschau_32_1939_p314_Einzelhandel_Buchführung_Ladenschluss_Buerokratie_Statistik_Alfred-Schröter

Wachsende Aufgaben auch nach Ladenschluss: Hilfsmittel zur Buchführung (Deutsche Handels-Rundschau 32, 1939, 314)

Die 1934 von Seldte betonte Versorgungspflicht der Läden wurde aber schon vorher festgeschrieben: Bereits 1938 waren die Öffnungszeiten im ländlichen Raum im Sommer auf 21 Uhr erweitert bzw. die Ladenöffnungszeiten an den verkaufsoffenen Sonntagen von 18 auf 19 Uhr erweitert worden (Die Geschäftszeit an Verkaufssonntagen, DHR 31, 1938, 1008; [Erlass] Betr.: Ladenschluß in ländlichen Gebieten, Reichsarbeitsblatt 1939, T. I, I109-I110; Ladenschluß in ländlichen Gemeinden, Leipziger Fachzeitung für Bäcker und Konditoreien 51, 1939, 174; Der Ladenschluß in ländlichen Gebieten, DHR 31, 1938, 630). 1941 wurde diese Grenze gar auf 22 Uhr erhöht ([Erlass] Betr. Ladenschluß in ländlichen Gebieten, Reicharbeitsblatt 1941, T. I, I267). Der NS-Staat forderte vermehrte Arbeit von den Händlern und Angestellten, denn nur so konnten die nicht zuletzt für die Aufrüstung des deutschen Reiches arbeitenden Volksgenossen ihre Einkäufe tätigen. Hinzu kam, dass die Kontrolldichte der Aufsichtsbehörden gering war, dass Vergehen gegen Sonntagsruhe und Ladenschluss also nur selten geahndet wurden (Die Geschäftszeit an Verkaufssonntagen, DHR 31, 1938, 1008). Sozialpolitik wurde beschworen und auch öffentlich diskutiert, angesichts anderer aktueller Prioritäten jedoch zurückgestellt. Der Einzelhandel hatte zu dienen, wollte er verdienen.

Kriegsdienst: Der Zwang zur Offenhaltung während des Zweiten Weltkrieges

Der Primat der Versorgungspflicht zeigte sich dann in reiner Ausprägung während des Zweiten Weltkrieges. Die Verordnung über den Ladenschluss vom 21. Dezember 1939 (Der Vierjahresplan 4, 1940, 68) gründete bewusst auf Kriegssonderrecht, denn sie kehrte den Ladenschlussgedanken um: Die Läden mussten nun nicht mehr zu bestimmten Zeiten geschlossen, sondern vielmehr bis 18 Uhr (Gebrauchsgüterhandel ohne Mittagspause) respektive 19 Uhr (Lebensmittelhandel mit Mittagspause) offengehalten werden: „Wenn heute die Verbraucherversorgung als Aufgabe und volkswirtschaftliche Pflicht des Einzelhandels angesehen wird, so kann es nicht mehr vollständig in das Belieben des einzelnen Betriebes gestellt sein, ob und in welchem Umfange er dieser Verpflichtung nachkommen will“ (G. v. Hake, Das neue Ladenzeit-Recht / Offenhaltungspflicht der Einzelhandelsgeschäfte, DHR 33, 1940, 14). Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung des Ersten Weltkrieges, als die katastrophale Versorgungslage die organisatorische Unfähigkeit der Obrigkeit verdeutlicht hatte, hatte die regelmäßige und sichere Versorgung der Verbraucher nun Vorrang vor unternehmerischer Selbstbestimmung oder dem Wunsch nach Freizeit. Es galt der imaginären Volksgemeinschaft bzw. dem Abstraktum Deutschland Opfer zu bringen: „Dazu ist vor allem auch die innere Bereitschaft des Einzelhandels, sich seiner schwierigen und oft undankbaren Kriegsaufgabe mit Hingebung und Geduld zu widmen, ebenso notwendig wie Verständnis, Selbstbeherrschung und Selbsterziehung auf der Seite der Käufer. Diese mit dem Verzicht auf persönliche Wünsche, Gewohnheiten und Bequemlichkeiten verbundene Haltung und Unterordnung unter die Notwendigkeiten der Gesamtheit muß im Kriege auch von jedem Deutschen in der Heimat erwartet werden“ (Deutschbein, Neuregelung des Ladenschlusses, Reichsarbeitsblatt 1940, T. V, V11-V14).

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Dienst für Führer und Volksgemeinschaft: Aufruf an den Edeka-Handel anlässlich des Kriegsbeginns (DHR 32, 1939, Nr. 36, 1)

Der NS-Staat hob zugleich hervor, dass dieser Eingriff auch Folge der mangelnden Disziplin innerhalb des Handels sei: „Ein derartiger Zwang war notwendig geworden, um der Regellosigkeit und Willkür der Ladeninhaber bei Ausbruch des Krieges Einhalt zu gebieten und die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern sicherzustellen“ (Ausdehnung der Verordnung über den Ladenschluß auf Handwerksbetriebe, Reichsarbeitsblatt 1942, p. V, V68-V69, hier V69). Ein rascher Blick auf die veränderte Szenerie nach Beginn des Krieges zeigte die Händler allerdings als durchaus rational kalkulierende Unternehmer: Die unmittelbar einsetzende Rationierung, Kundenlisten, Verdunkelungsvorschriften, Umsatzrückgange, Einberufungen, stockende Großhandelsversorgung und Warenknappheit insbesondere von Importgütern – das sind nur einige Stichworte, die den bisherigen Arbeitsalltag deutlich erschwerten (Uwe Spiekermann, Rationalisierung, Leistungssteigerung und „Gesundung“: Der Handel in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Von der Winkelkrämerei zum E-Commerce, Bramsche 2000, 191-210, hier 209-210). Verringerte Öffnungszeiten hätte diesen Druck reduzieren können. Der NS-Staat nahm diesen Druck auf, kehrte ihn jedoch moralisch aufgeladen um: „Das erste Ziel jeder Kriegsregelung des Ladenschlusses und der Verkaufszeit im Einzelhandel muß deshalb die Sicherstellung der Bedarfsdeckung der Bevölkerung sein. Vor allem gilt es, der Hausfrau und Mutter, die im Kriege durch die unvermeidlichen Erschwerungen in der Führung des Haushalts und in der Betreuung der Kinder ohnehin stark belastet ist, die Erledigung der Einkäufe soweit als irgend möglich zu erleichtern“ (Deutschbein, 1940, V12). Diese Schwerpunktsetzung diente den rassenpolitischen Zielsetzungen des Regimes, war zugleich aber eine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg. Die Heimatfront musste möglichst entlastet werden, die damit verbundenen Bürden konnte man am ehesten tendenziell NS-treuen Gruppen übertragen.

Daran zeigte sich aber auch, dass Konsum während des Nationalsozialismus eben nicht mehr auf individuelle Kauf-/Verkaufsakte reduziert werden konnte, sondern stattdessen als bewusstes Kauf-/Verkaufshandeln im Dienst des Ganzen galt (Uwe Spiekermann, German-Style Consumer Engineering: Victor Vogt‘s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann et al. (Hg.), Consumer Engineering 1920s-1970s, Houndsmill/New York 2019, 117-145, hier 128-130). Staatlicherseits galt es Käuferströme zu lenken und zu bestimmten Zeiten Verkaufsmöglichkeiten zu schaffen. Entsprechend versuchte man, die Mittagspausen von Käufern und Verkäufern zu koordinieren, beschränkte Betriebsferien und eigenmächtige Ladenschließungen (F.H. Schmidt, Die Ladenschlußregelung während der Sommerzeit, Reichsarbeitsblatt 1940, T. V, V166-V167; Einheitliche Ladenzeiten, Der deutsche Volkswirt 17, 1942/43, 506; Ladenschluß, Reichsarbeitsblatt 1942, T. V, V557; Keine Schließungen von Lebensmittelgeschäften in der Weihnachtszeit, Reichsarbeitsblatt 1942, V641). Berufstätige, zumal in kriegswichtigen Branchen, wurden bevorzugt bedient, gerade kurz vor Geschäftsschluss (Die werktätigen Frauen von Niederdonau, Das kleine Volksblatt 1942, Nr. 303 v. 2. November, 4). Denn auch der Krieg hatte kaum etwas an der Einkaufsspitze kurz vor Ladenschluss geändert – nicht gewerblich beschäftigte Kunden kauften just dann (Meldungen aus dem Reich 1938-1945, Bd. 6, Herrsching 1983, 1821). Systemrelevante Beschäftigte wurden insbesondere gegen Kriegsende bevorzugt bedient, da ihr Einkauf durch die dekretierten 60-stündigen Arbeitszeiten anders kaum mehr hätte sichergestellt werden können. Mangelwaren wurden kontingentiert und für diese Gruppen zurückgehalten, Beschäftigungsnachweise regelten den Zugang (Neue Warte am Inn 1944, Nr. 49 v. 6. Dezember, 4). Sichere Einkaufsmöglichkeiten waren auch eine Art Abschlagzahlung an gewerbliche Arbeiterinnen, die nach den nationalsozialistischen Geschlechtsstereotypen ihre Funktion eher im Haushalt hatten: „Durch die neuen Ladenschlußzeiten kann die arbeitende Frau auf jeden Fall noch ihre Einkäufe besorgen“ (Sie helfen der Front, Salzburger Zeitung 1943, Nr. 134 v. 17. Mai, 3). Um dies zu gewährleisten, wurde die Entscheidung über den Ladenschluss dezentralisiert, so dass die Behörden vor Ort flexibel agieren konnten (Optimale Ausnutzung im Einzelhandel, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 927-928; Schulte Overberg, Drei Jahre Ladenschlußverordnung, Reichsarbeitsblatt 1942, T. V, V654-658). In den Städten endete der Verkauf häufig um 18 Uhr resp. mit Einbruch der Dämmerung bzw. der Verdunkelung, während in ländlichen Gebieten während der Erntezeit Läden teils bis 22 Uhr offengehalten werden mussten (Ladenschluß in ländlichen Gebieten, Neues Wiener Tagblatt, Nr. 111 v. 22. April, 5).

7_Deutsche Handels-Rundschau_34_1941_Nr13_Flaschen_Recycling_Kreislaufwirtschaft_Sekt_Glas

Zusatzaufgaben für den Handel: Leergutsammelpflicht 1941 (Deutsche Handels-Rundschau 34, 1941, Nr. 13)

Parallel dazu baute der NS-Staat systematisch die Handelsbereiche ab, die nicht der Grundversorgung dienten. Es galt, eine Balance zwischen Menschen- und Warenknappheit finden (Hans W. Aust, Handel zwischen Menschen- und Warenknappheit, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 589-590). Ladenschluss und Betriebsstillegungen dienten gleichermaßen dazu, Soldaten und Arbeiter für einen Vernichtungskrieg zu rekrutieren. Strikt technokratische Überlegungen, „Einzelhandelsbetriebe eines Faches abwechselnd zu schließen, um die Verkaufskräfte vorübergehend in anderen Handelsgeschäften einzusetzen“ wurden jedoch skeptisch beurteilt: „Der Verbraucher könne nicht wissen, welcher Betrieb gerade geschlossen sei, und habe dadurch vergebliche Wege“ (Beide Zitate n. Optimale Arbeitskraftnutzung im Einzelhandel, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 927-928). Ebenso bemühte man sich, auch kleine Läden zu erhalten, um Einkäufe in unmittelbarer Nachbarschaft zu ermöglichen (Gegen übermäßige Ladenschließungen, Neues Wiener Tagblatt 1942, Nr. 290 v. 20. Oktober, 3). Entsprechend wurden die Ladenschlussregelungen zwar dezentralisiert, am jeweiligen Ort, vielfach auch in der jeweiligen Region galten dann jedoch einheitliche Regelungen, um den Informations- und Einkaufsaufwand der Bevölkerung zu minimieren (vgl. etwa Ladensperre in Wien verallgemeinert, Neues Wiener Tagblatt 1940, Nr. 175 v. 27. Juni, 10; Ladenschluß im Kleinhandel, ebd. 1941, Nr. 223 v. 13. August, 5). Damit konnte man nicht zuletzt auf die ab 1943 regelmäßige Bombardierung fast aller deutschen Großstädte reagieren: Den verbleibenden Betrieben der Lebensmittels- und Bekleidungsbranche wurden teils deutlich längere und flexibel vor Ort festgelegte Öffnungszeiten angewiesen (Der Ladenschluß, Mehl und Brot 43, 1943, 237). Zugleich wurde stichprobenartig überprüft, ob die Läden pünktlich öffneten und nicht vorzeitig schlossen (Neuordnung zum Ladenschluß, Kleine Wiener Kriegszeitung 1944, Nr. 12 v. 14. September, 4). Gegen Kriegsende häuften sich zugleich die Strafandrohungen, galt es doch „Zuwiderhandlungen unnachsichtlich“ (Einhaltung der Pflichtgeschäftszeiten, Neues Wiener Tagblatt 1944, Nr. 275 v. 8. Oktober, 4) zu ahnden.

Die Ladenschlussregelung verdeutlicht den funktionalen Stellenwert von Handel und Konsum. Die „schnelle und reibungslose Abwicklung des Warenverkaufs“ (Schmidt, 1940, V167) war keine volkswirtschaftliche Aufgabe an sich, sondern Grundlage eines machtvollen, expansiven und rassistischen Reiches. Arbeitszeitverkürzungen waren erst nach dessen Sicherung denkbar. Sozialpolitische Wohltaten gab es, doch sie erfolgten an anderer Stelle (Götz Aly, Hitlers Volksstaat – Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt a.M. 2005). Demgegenüber galten die eigenständigen Maßnahmen des Handels und der Angestellten erkennbar wenig, wurden sie doch in ein zunehmend strikteres Korsett gepackt, wie die alljährlichen Sonderregeln für die Ladenöffnung vor Weihnachten oder Ostern deutlich unterstrichen. Konsum und Handel waren Teil eines umfassenden Kriegsdienstes. Den Händlern und Angestellten wurde eine Friedensdividende versprochen, die jedoch – ähnlich wie die Konsumverheißungen des NS-Systems – nie gezahlt wurde. Stattdessen bestand am Kriegsende trotz reichseinheitlicher Rahmenregelungen ein Flickenteppich dezentraler Vorgaben. Die DDR behielt diesen bei, zielte mit Früh- und Spätverkaufsläden insbesondere auf die Versorgung der Werktätigen, erlaubte auch weiterhin regionale Sonderregelungen. In Westdeutschland schufen dagegen die Ladenschlussgesetze von 1956 und 1957 Ordnung im Konsumsektor, blieben aber für Jahrzehnte Stein des Anstoßes.

Uwe Spiekermann, 18. April 2020

Frische – Geschichte eines Mythos

Die gegenwärtige Corona-Pandemie entsprang einer weit verbreiteten Gier nach Frische. Die Zoonose entstand wohl auf einem Lebendtiermarkt im chinesischen Wuhan, auf dem teure Exotika gehandelt, lebendig gehalten und frisch geschlachtet wurden. Frisches Blut, frisches Fleisch standen demnach am Beginn der Covid-19-Pandemie. Frische ist etwas, dem wir offenkundig nicht entfliehen können. Es handelt sich um einen Alltagsbegriff, eine einfache Google-Suche ergibt mehr als fünfzig Millionen Nachweise. Frische hat zumeist etwas Lockendes, zeugt von der direkten Verfügbarkeit der Schätze der Natur. Bildanzeigen, zumal von Früchten und Gemüse, verweisen uns auf paradiesische Zustände, auf den Apfel am Baume, auf frische Aprikosen, auf farbstarke Tomaten und Gurken (z.B. Fine 2019, H. 2, 1 und 14). Das gilt, auch wenn wir wissen, dass jede Warenpräsentation ein kleines Theaterspiel für uns ist, eine Inszenierung für unser Gemüt, für eine offene Geldbörse.

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Frischeangebote auf dem Flughafen San Francisco, November 2019

Doch Frische steht heute auch für ganz anderes. Treten Sie ein in die Frischeabteilung eines Kiosks auf dem Flughafen San Francisco. Chips und Bretzel, Nüsse und Trockenfrüchte, allesamt verpackt, sortiert, geformt, Ausdruck menschlicher Herrschaft über die Rohwaren des Planeten.

Was also besagt „Frische“, wenn offenbar sehr gegensätzliche Lebensmittel damit beworben werden können? Ist Frische ein Attribut, das allem anhaftet, so wie alles seinen Preis hat, alles seinen Wert? Ist es ein Beliebigkeitscontainer, so wie die meisten Worte in unserer an Sprachblasen so reichen Kommunikationsgesellschaft? Beides trifft zu, doch „Frische“ steht für mehr. Es handelt sich um einen Mythos, um eine Aussage über uns und unser Verhältnis zur Welt (vgl. Roland Barthes, Mythen des Alltags, 6. Aufl., Frankfurt/M. 1982, 85-151). „Frische“ bündelt Wünsche und formuliert Ansprüche, setzt uns in ein Verhältnis zu dieser Welt und seinen käuflichen Dingen.

Uff, werden Sie nun denken, geht es nicht etwas weniger abstrakt, etwas griffiger? Gemach: Als Historiker will ich mich nicht an Sprachgirlanden ergötzen, sondern bin ein einfacher Arbeiter im großen Garten der Empirie. Entsprechend werde ich das Thema „Frische“ in sechs verschiedenen Schritten aufbereiten, um am Ende nicht nur das Feld der „Frische“ ordentlich beackert, sondern vielleicht auch einen Hebel zu haben, uns und unsere Welt besser zu verstehen.

„Frische“ – Zur Begriffsgeschichte

Beginnen wir mit der Begriffsgeschichte von „Frische“.

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„Frische“ – Nennungen in Literatur und Publizistik 1600-1999 (erstellt auf Basis von https://www.dwds.de/wb)

Die Graphik unterstreicht: Der Begriff „Frische“ machte im 19. Jahrhundert rasch Karriere. Sein Anteil an der deutschen Schriftsprache war von 1850 bis zur Jahrhundertwende am größten, danach begann ein relativer Bedeutungsverlust. „Frische“ ist also ein moderner Begriff, zugleich ein Flaggenbegriff des aufstrebenden Bürgertums des 19. Jahrhunderts. Mehr kann man aufgrund der Datengrundlagen nicht sagen, da Worthäufigkeiten nichts über deren Bedeutung aussagen. Die generelle Verbreiterung unseres Wortschatzes sowie zahllose neue Fachsprachen verweisen auf den begrenzten Aussagewert reiner Auszählungen. Schauen wir also genauer hin.

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Das Wortfeld „Frische“ (https://www.dwds.de/wb/Frische)

Sie sehen hier die mit „Frische“ verbundenen Assoziationen. Je größer die Worte, umso stärker die Verbindung. Während die gängigen Bilder den Zustand von Waren beschreiben, ihre Natürlichkeit und Reinheit, ihre Ursprünglichkeit und ihr Unverbrauchtsein hervorheben, war und ist Frische in der Schriftsprache häufiger noch ein Begriff der Dynamik und der Bewegung. „Frische“ stand und steht für Lebendigkeit, Jugendlichkeit, drückt unmittelbare und unbekümmerte Beziehungen aus, wurde und wird verbunden mit Spontanität, Spritzigkeit und Lebhaftigkeit. „Frische“ besitzt also einen Überschuss, beschreibt nicht nur einen Zustand, sondern verweist auf dessen Änderung, den raschen Wandel aller Dinge.

Breite und Entstehung des Wortfeldes werden deutlicher, schaut man in die großen Enzyklopädien des 18. und 19. Jahrhunderts. In Zedlers Universallexikon von 1735 findet man „Frische“ noch nicht (Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universallexikon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 9, Halle/S. und Leipzig 1735, Sp. 2133-2134), sondern lediglich Artikel zu frischem Wind, frischer Milch oder aber dem Frischen von Metall. Anders dagegen im Krünitz von 1778 (Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie, Bd. 15, Berlin 1778, 124-130), der bereits einen Großteil des heutigen Bedeutungsspektrums abdeckt: Frisch, das war einerseits „kühl, ein wenig kalt“, bezog sich also auf die Temperatur und das Wetter. Zugleich aber finden wir dort die Brücke zu Nahrungsmitteln: „Frisch“ ist etwas noch unverdorbenes, „was noch seine völlige Güte hat.“ Das galt für Rinde, Äste und Wasser, doch auch für Austern, Heringe, Fleisch, Eier, „im Gegensatze dessen was verdorben, riechend, faul ist.“ Frisch war aber auch etwas, was „erst vor kurzem entstanden oder geschehen ist,“ etwa frisch geschnittene Zweige, eine frische Wunde, ein frisches Bett, aber auch frisch gekochte Speisen, frisches Brot, frischer Käse. Frische Waren waren ebenfalls solche, die „erst vor kurzem angekommen sind.“ Auch Dinge, die noch nicht gebraucht wurden, etwa frische Hunde, Pferde, eine frische Mannschaft, ein frisches Fass. Ende des 18. Jahrhunderts gab es schließlich bereits Bedeutungsnuancen von „munter, muthig, im gem[einen] Leben“, also Abstrakta wie frischer Mut, frische Farben, aber auch einfach jung.

Der Krünitz setzte die Standards auch für das gesamte 19. Jahrhundert. Im Adelung wurde Frische Ende des 18. Jahrhunderts nur kurz gestreift (Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. 2, Leipzig 1796, 311), ebenso im Pierer (Pierer’s Universal-Lexikon, Band 6, Altenburg 1858, 750), im Grimmschen Wörterbuch (Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 4, Abt. 1, Leipzig 1878, Sp. 212) und im Meyer (Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 7, Leipzig 1907, S. 156).

Frische entstand demnach im späten 18. Jahrhundert als buntscheckiger Begriff mit vielfältigen Bedeutungen. Dies geschah während der sogenannten Sattelzeit der Moderne, mag man sie am damaligen Sprachwandel, der folgenden Industrialisierung, dem Bedeutungsgewinn von Bürgertum und Republikanismus, der Verankerung eines Rechtsstaates oder einer vernehmbaren Liberalisierung erst der Wirtschaft, dann auch der Gesellschaft festmachen. Doch es war keineswegs ausgemacht, dass Frische heutzutage vor allem ein Attribut für Lebensmittel und Lebenslagen ist. Wollen wir das verstehen, so sind historische Fallstudien erforderlich. Herab also von den Höhen der Begriffsgeschichte und hinein in die Küche.

Frischhaltung“ – Haushaltskonservierung im Wandel

In der Hauswirtschaft stand „Frische“ für direkt bezogene, teils selbst gezogene Nahrungsmittel. Kamen sie unverarbeitet oder aber handwerklich zubereitet in die Küche, so waren sie „frisch“. Es handelte sich also noch nicht um ein Attribut von Waren, sondern um eine Aussage über deren Herkunft. In den Kochbüchern der Mitte des 19. Jahrhunderts finden sich entsprechend nur selten explizit „frische“ Nahrungsmittel, denn deren Mehrzahl wurde ohnehin „frisch“ bezogen, stammte also vom Marktstand, dem Höker, dem Laden oder aus dem eigenen Garten (Henriette Davidis, Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche, Osnabrück 1845, mit Verweis etwa auf frischen Kabeljau (S. 57), frische Heringen (60) oder frische Champignons (75). Analog schon deutlich früher Die Cölner Köchinn, 2. verb. u. viel verm. Aufl., Cöln 1806, 46 (frische Ochsenzunge), 98 (gesottener Hecht), 104 (gesottene Neunaugen), 109 (Lachs)).

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„Frische“ Nahrungsmittel im Laden und in Gaststätten (Münchner Tageblatt 1832, Ausg. v. 5. Dezember, 1363 (l.); Neustadter Zeitung 1866, Nr. 264 v. 9. November, 2)

Frische war zugleich Ideal und Normalität. „Frisch“ eingegangene Waren wurden beworben, ohne damit ein spezielles Alter zu meinen. „Frisches“ Kesselfleisch wurde angepriesen, denn so sollte sie sein, die gute Speise, jeden Tag. Frische war aber auch und gerade Ausgangspunkt und Grundgarant der Alltagsküche. Dies bedeutet nicht, dass die Nahrungsmittel nach heutigem Verständnis frisch waren, denn das waren sie großenteils nicht. Frische hieß, dass alles damals mögliche getan wurde, um die von der Natur stammende Normalität zu gewährleisten, um das Naturwesen Mensch mit den Schätzen der Natur möglichst direkt zu versorgen.

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Schutz vor Umwelteinflüssen: Verschlussglocke (Der Bazar 43, 1897, 603)

Für den Haushalt bedeutete dies erst einmal die rasche Verarbeitung der gekauften Nahrungsmittel. Der Kampf gegen die Alterung, gegen die Verderbnis der Nahrungsmittel war ein wichtiges Arbeitsfeld der Hausfrauen. Vorratsschränke schützten vor Sonnenlicht, kühle Vorratskeller reduzierten die Keimbildung, ebenso die hier gezeigte Verschlussglocke. Derartige Küchenhelfer waren praktische Antworten auf die erst Mitte des 19. Jahrhunderts genauer erkundeten naturwissenschaftlichen Ursachen für die teils rasche Verrottung der Nahrungsmittel. Damals erst entstanden uns heute scheinbar alternativlose Ideen von Nahrungsmitteln als Stoffkonglomerate, bedroht von Licht und Hitze, Trockenheit und Feuchtigkeit, aber auch von Pilzen und Bakterien. Frische stand für den Zustand vor Beginn des ewigen Ringens mit der feindlichen Umwelt. Die Natur besaß ein Janusgesicht, schenkte, aber nahm auch. Kochbücher waren, noch vor Schulbüchern und Frauenzeitschriften, zentrale Medien für die Vermittlung derartiger Kenntnisse. Die Autorinnen und die wenigen Autoren übersetzten dieses Ringen in einfache Sprache. Dadurch veränderte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts langsam die Bedeutung von „Frische“.

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Der Gegensatz von Frische und Eingemachtem (Das häusliche Glück, hg. v. e. Kommission des Verbandes „Arbeiterwohl“, 11. verb. Aufl., M. Gladbach und Leipzig 1882, 209-210)

„Frisches“ Gemüse wurde nun als besonderer Wert hervorgehoben, verwies auf die damit verbundene Verteidigungsarbeit im Haushalt. Zugleich aber stand es mehr und mehr im Gegensatz zu den tradierten Techniken der Haushaltskonservierung, des Einmachens. Doch dies war nicht mehr nur Sicherung des natürlichen Ideals. Immer stärker wurde damals die Gestaltungsarbeit der Hausfrau betont. Im Zeitalter des Liberalismus und der Industrie musste und konnte der natürliche Stoffgehalt eines Lebensmittels durch Fleiß und Technik bewahrt werden – und Rezepte wiesen den Weg dahin.

Die damals üblichen Konservierungstechniken waren Trocknen und Einsalzen, Räuchern und Einkellern. Sie waren allesamt aufwändig, veränderten den Geschmack, nicht immer zum Guten. Doch sie halfen über den Winter, den Frühling, bis hin zur nächsten Ernte. Neue Hilfsmittel nahten: Parallel zum Aufschwung der organischen Chemie und der Chemieindustrie stieg seit den 1870er Jahren die Zahl chemischer Konservierungsmittel rasch an. Sie wirkten, beeinträchtigten jedoch den Geschmack, stießen zudem neuartige Debatten über Gesundheitsgefahren an. Gleichwohl fanden sie ihren Markt, wurden teils gar weit verbreitete Markenartikel.

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Chemisierung des Haushaltes: Werbung für Dr. Oetkers Salicyl (Fliegende Blätter 125, 1906, Nr. 3188, Beibl., s.p.)

Die für Deutschland wichtigste Innovation war jedoch die Hitzesterilisierung (Uwe Spiekermann, Zeitensprünge: Lebensmittelkonservierung zwischen Industrie und Haushalt 1880-1940, in: Ernährungskultur im Wandel der Zeiten, Köln 1997, 31-43). Sie entstand am Anfang des 19. Jahrhunderts, wenngleich preiswerte Konserven erst ab den späten 1870er Jahren technisch möglich waren (Einführung des Autoklaven 1873, automatische Dosenverschlussmaschinen 1889). Blechkonserven wurden auch privat genutzt, vornehmlich in ländlichen Haushalten. Glas folgte, doch dessen Brüchigkeit und relativ hoher Preis begrenzten seine Nutzung. Die seit 1804 grundsätzlich bekannte Hitzesterilisierung blieb zuvor lediglich Möglichkeit, da das von Nicolas Appert (1749-1841) entwickelte Verfahren für die Küchenanwendung viel zu teuer war (Die Kunst, alle animalischen und vegetabilischen Nahrungs-Substanzen durch viele Jahre aufzubewahren, und sie in vollkommener Frische und Schmackhaftigkeit zu erhalten, Prag 1844 [Erstauflage 1832]). Es fehlte an preiswerten Geräten und Behältnissen, um physikalisches Wissen in die Haushaltspraxis umzusetzen. Dies war seit den 1870er Jahren die Spielwiese für zahlreiche Tüftler, die Konservenbüchsen und -gläser entwickelten, die luftdicht waren und den zerstörenden Bakterieneinfall begrenzten. Es war der Gelsenkirchener Chemiker Rudolf Rempel (1859-1893), der 1892 das Patent für einen Apparat zum selbständigen Schließen und Entlüften von Sterilisiergefäßen erhielt. Dieses wurde 1895 von einem weiteren Tüftler, Johann Carl Weck (1841-1914), aufgekauft. Der überzeugte Vegetarier und Abstinenzler wollte damit die Alltagsernährung verändern. Er baute reichsweit ein Netzwerk von Agenturen auf und verband seinen Namen mit dem Apparat und der dadurch möglichen „Frischhaltung“ fast aller Nahrungsmittel.

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Weck Schutzmarke 1900 („Tischlein deck dich“ kein Märchen mehr, hg. v. d. J. Weck GmbH, Hanau und Frankfurt/M. 1900, 12)

Schon 1901 schied Weck aus dem Unternehmen aus. Das eigentliche Geschäft führte und machte nun Georg von Eyck (1869-1951), ein erfahrener Groß- und Einzelhändler aus Emmerich, der die J. Weck GmbH als deutschen, später dann europäischen Marktführer etablierte. Er warb intensiv mittels Broschüren und Plakaten, weniger über kleine Anzeigen wie die Konkurrenz (Abbildungen enthält Astrid Bergmeister, Mindestens haltbar bis… Konservieren und Bevorraten in Glasgefäßen, Essen 1998). „Frischhaltung“ wurde darin als Verheißung eines besseren Lebens gepriesen, Vorschein einer Gesellschaft, in der der Mensch die Natur beherrscht und sie zugleich befriedet. Möglich war dies durch Technik, Glas- und Apparatetechnik in den Haushalten.

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Komplettpaket für die „Frischhaltung aller Nahrungsmittel“: Wecks Gläser und Geräte (Tischlein, 1900, 7)

Das Credo der Hitzesterilisierung war: Frische ist machbar. Frische war damit auch angewandte Haushaltstechnik. Einkochen erlaubte die Abkoppelung des „Frischen“ von der Natur, legte sie in die bewahrenden Hände der Hausfrau; erst im Bürgertum, in der Zwischenkriegszeit aber auch in der Arbeiterschaft.

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Rezepte und mehr für eine treue Gemeinde: Die Wecksche Zeitschrift „Die Frischhaltung“ (1901-1977)

Der große Erfolg wurde unterstützt durch eine Kerngruppe überzeugter Anwenderinnen, denen über zahlreiche Broschüren, Kochbücher, durch Beratungsstellen und Wanderlehrerinnen Apparate und Konservierungsgläser vorgestellt und vorgeführt wurden. Die kostenpflichte Kundenzeitschrift „Die Frischhaltung“ präsentierte immer wieder neue Rezepte und Anregungen, verbreitete grundlegende naturwissenschaftliche und hygienische Kenntnisse. In den 1930er Jahren erreichte der damalige NS-Vorzeigebetrieb seine größte Ausdehnung, unterstützte staatliche Kampagnen gegen Lebensmittelverschwendung und für heimische Angebote, beschäftigte weltweit etwa 4000 Personen – und es gab zahlreiche andere, nicht unbedeutende Anbieter ähnlicher Systeme.

Die Hitzesterilisierung gab den Haushalten, den Hausfrauen, ein zunehmend erschwinglicheres Verfahren an die Hand, um die saisonale Fülle von Obst, Gemüse, aber auch Fleisch „frisch“ in Gläser zu füllen, also den Alterungsprozess der Nahrungsmittel relativ verlässlich über längere Zeiträume zu stoppen. Der Begriff „Frische“ wurde breit verwandt, allerdings nicht definiert. Er verkörperte einen idealen Ausgangspunkt, etwas zu Bewahrendes. Frischhaltung war Kampf gegen die Vergänglichkeit. Haushaltsarbeit konnte seither quasifrische Lebensmittel und Speisen garantieren. Bedenken Sie bitte, dass in den 1930er Jahren etwa 30 Prozent des deutschen Gemüses in Haus- und Kleingärten gezogen wurden. 1941 nutzten knapp 90 Prozent der deutschen Haushalte „Frischhaltung“ für Gemüse, drei Viertel für Obst und Fleisch, zwei Drittel für Wurst (Ergebnisse einer Untersuchung über die häusliche Vorratshaltung, Markt und Verbrauch 14, 1942, 49-87, hier 81). Die Volksgemeinschaft war auch eine Frischhaltegesellschaft.

„Frische Waren“ – Das Beispiel des „Deutschen Frischeies“

Die Hausfrau wurde Garantin der „Frische“, dergestalt geadelt in ihrer Rolle als Sachwalterin der Familie, des Volkes. Ähnliches galt dann aber auch für „die Märkte“. Während Hausfrauen jedoch – trotz fürsorglicher Belagerung durch Weck, Rex und viele andere Mittlerinstanzen – immer auch ihre eigenen Vorstellungen von „Frischhaltung“ hatten, war dies für Märkte komplizierter. Auch „freie“ Märkte sind keineswegs frei, sondern Koordinierungsinstanzen, in denen Preise, aber auch Werte und Vorstellungen vom Rechten, vom Lauteren verhandelt werden. Ohne wechselseitiges Vertrauen gibt es keinen Markt. Entsprechend finden wir garantiert „frische“ Ware erst einmal im direkten Angebot einzelner Händler, als Garantie für einen klar umrissenen und persönlich bekannten Käuferkreis. Doch derartig regelmäßige Kontakte nahmen schon im 19. Jahrhundert relativ ab. Wochenmärkte verloren massiv an Bedeutung, für die Läden wurde Laufkundschaft wichtiger. Das galt zumal angesichts immer weiter ausgreifender Warenketten, im Großhandel und angesichts einer zunehmenden Internationalisierung der Nahrungsmittelversorgung.

Das klingt wieder abstrakt; und so will Ihnen die Folgen an einem Beispiel näher vorstellen: Es handelt sich um das „Deutsche Frischei“, 1926 konzipiert, 1928 als Warenzeichen eingetragen, 1930 offiziell eingeführt und schon 1932 im Rahmen der allgemeinen Eierstandardisierung durch die neue Dualität von „frischen“ und „vollfrischen“ Eiern abgelöst.

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Warenzeichen und Logo des „Deutschen Frischeies“ 1928 und 1929 (A[lex] Walter und [Gerhard] Lichter, Die deutsche Eierstandardisierung, Berlin 1932, 40 (l.), 41)

Zur Vorgeschichte nur vier Sätze: Eier stammten zu dieser Zeit noch zu 85 Prozent von kleinbäuerlichen, nur 15 Prozent von spezialisierten Betrieben, sog. „Hühnerfarmen“, mit einigen hundert, selten wenigen tausend Hennen. Der Absatz erfolgte zumeist direkt, über Wochenmärkte, per Aufkauf durch Hausierer und kleine Händler, regionale Absatzgenossenschaften entstanden erst um die Jahrhundertwende. Letztere zielten auf mehr Marktmacht, auf höhere Preise, mussten dazu jedoch sortierte Größen und eine möglichst einheitliche Qualität garantieren. Diese lieferten vor allem ausländische Anbieter, die zudem ermöglichten, die saisonalen Täler der Eierproduktion abzupuffern.

Eier waren abseits der Hauptsaison von März bis Juni, in der 60 Prozent der Jahresmenge gelegt wurden, teuer und häufig nicht frisch. Je länger die Anbieter abseits der Saison mit dem Verkauf warteten, desto knapper war das Angebot und desto höher die Preise. Die überlegene genossenschaftliche Organisation in den Niederlanden, in Belgien und Dänemark war dagegen in der Lage, größere Mengen von Eiern auch im Herbst und Winter zu liefern. Konservierungstechniken konnten helfen, gewiss. Doch Ende der 1920er Jahre wurde nur drei bis vier Prozent der deutschen Eier in Kühlhäusern gelagert, elektrische Haushaltskühlschränke kamen erst auf.

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Zeitsprünge dank Garantol (Vobachs Frauen- und Moden-Zeitung 1914/15, H. 3, Hauswirtschaft, 3 (l.); Meggendorfer Blätter 148, 1927, Nr. 1888, 144)

Üblicher war der Einsatz von chemischen Konservierungsmitteln, meist aus Kalkmilch oder Wasserglas (aus Kieselsäure und Natriumoxyd). Das Problem dieser Eier war ihr schlechter, etwa muffiger Geschmack und auch ihre verminderte Verwendbarkeit in der Küche. Das „Deutsche Frischei“ war der Versuch, hier gegenzusteuern, ein Qualitätsprodukt zu liefern, mit dem man den großenteils an Importeure verlorenen höherwertigen Markt zumindest teilweise wiedergewinnen und zugleich höhere Preise erzielen wollte.

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Werbung für das „Deutsche Frischei“ 1930 (Berliner Volks-Zeitung 1930, Ausg. v. 17. April)

Dazu begann man ein reichsweit einheitliches Netzwerk von Genossenschaften aufzubauen, die allesamt nicht nur nach Größen sortierten, sondern auch garantiert „frische“ Eier liefern sollten. Das gelang nur in Ansätzen, gab es doch mehr als drei Millionen landwirtschaftliche Betriebe, ging es um jährlich mehr als acht Milliarden Eier. Doch immerhin konnte 1932 eine reichsweite Eierkennzeichnung eingeführt werden, die im Grundsatz bis heute gilt. Für unsere Fragestellung wichtiger ist jedoch, welche Kriterien für die offensiv beworbene „Frische“ des “Deutschen Frischeies“ galten.

Die an sich umfänglichen Richtlinien gaben darauf keine wirkliche Antwort. Doch die Verantwortlichen verwiesen immer wieder auf das Aussehen und das Alter der Eier. Das Ei sollte unbeschädigt sein, die sichernde Fettschicht noch matt glänzen. Das war eine Referenz an Mutter Natur, die doch alles gut gerichtet habe, mochte der Mensch die Eier auch für selbstsüchtige Zwecke verwenden. Entscheidend aber war das Alter, denn dieses konnte man besser kontrollieren. Eier trocknen nach dem Legen bekanntermaßen langsam aus, so dass die innen bestehende Luftblase stetig wächst. Im Haushalt kann man die relative Frische einfach überprüfen, indem man Eier in ein Wasserglas legt. Alte schwimmen oben, frische sinken an den Grund. Doch Wasser zerstört die natürliche Fettschicht, so dass man sie rasch verbrauchen muss.

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Techniken der Frischesicherung: Beleuchtungstisch in Coppenbrügge (Landfrau 1929, Nr. 18, 4)

Die neuen Absatzgenossenschaften bedienten sich daher anderer Wahrheitstechniken, nämlich der Durchleuchtungstische. Um Frische zu gewährleisten, mussten Eier spätestens sieben Tage nach dem Legen einer Kontrollstelle zugesandt werden, die dann das „Deutsche Frischei“ über den Großhandel verkaufte. Die Verbraucher konnten also sicher sein, dass neu gelieferte Eier ein bis anderthalb Wochen alt waren. Sie galten dann als „frisch“, wenn sie beim Verkauf nicht älter als drei Wochen waren. Anders als heute konnten Verbraucher dieses nicht direkt kontrollieren, denn das Legedatum war für sie nicht erkennbar. Sie hatten auf die Ehrlichkeit des Händlers und das Funktionieren des Kontrollsystems zu vertrauen. Festzuhalten ist, dass Frischedefinitionen damit zunehmend auf den Markt und dessen Kontrollsysteme delegiert wurden. Es war zwar möglich, die Eier zu prüfen und gezielt zu kaufen, doch Skepsis blieb. Noch Mitte der 1950er Jahre hieß es: „Die Qualität der in Westdeutschland angebotenen Eier und des Geflügels ist außerordentlich schwankend. Der Käufer hat beim Einkauf nicht die Gewißheit, daß er wirklich frische Eier erhält. Der Käufer zieht die ungestempelten den gestempelten Eiern vor, weil er das Gefühl hat, daß die ungestempelten Eier auf einem kürzeren Wege zu ihm gelangen und deshalb frischer sind“ (I[rmgard] Landgrebe-Wolff u.a., Mehr Käuferbewußtsein! Verbrauchererziehung und Ernährungsberatung in den USA mit Anregungen für Deutschland, Frankfurt a.M. 1957, 112).

Halten wir aber nochmals kurz inne, um zwei entscheidende Punkte festzuhalten. Erstens: „Frische“ wurde spätestens in der Zwischenkriegszeit zu einer werblich relevanten Größe, zu einem Wert an sich. Sie wurde von Absatzketten und ihrer Kontrolltätigkeit garantiert, Marken visualisierten diesen Anspruch. Obwohl es keine allseits akzeptierten naturwissenschaftliche Definitionen von „Frische“ gab, diese vielmehr von Produkt zu Produkt spezifisch festgelegt werden mussten (vgl. etwa Rudolf Heiss, Anleitung zum Frischhalten der Lebensmittel, 2. verb. u. erw. Aufl., Berlin 1945), etablierten sie sich als ein Marker für den Wert eines Lebensmittels. Das galt damals – von wenigen Ausnahmen abgesehen – noch nicht für Begriffe wie „Reife“ oder „Alterung“, obwohl auch Eier eigentlich nicht ganz frisch gegessen werden sollen, sondern ihren vollen Geschmack erst nach vier Tagen Lagerung entfalten. „Frische“ grenzt aus, dass Reifung für einen besseren Geschmack vielfach erforderlich ist. Denken Sie nur an das Altern des Weines, die Mürbigkeit abgehangenen Fleisches oder die Aromabildung bei Butter. Auch bakterielle Veränderungen brauchen ihre Zeit, etwa Gärungen bei Bier und Branntwein, beim Herstellen von Käse, bei Essig, Sauermilch, Sauerkraut, Sauerteig, etc.

Zweitens unterstrich die mit der Etablierung des „Deutschen Frischeies“ beginnende Strukturreform der deutschen Eierproduktion die Kraft derartiger Markenversprechungen. Es galt nicht nur, die Produktion so umzugestalten, dass „Frische“ garantiert war. Es galt vielmehr die vermeintliche „Natur“ selbst marktgerecht, frischegerecht umzugestalten (vgl. hierzu insbesondere Susanne Freidberg, Fresh. A perishable History, Cambridge und London 2009). Hühnerhaltung wurde immer stärker zum Hauptgeschäft, die Absatzketten weiter verschlankt. Die Hennen wurden auf raschere und längere Legezeiten gezüchtet, dann durch die heutigen Hybridhühner ersetzt. 40 Prozent der deutschen Eier stammen heute aus Betrieben mit mehr als 100.000 Tieren, auch Bioanbieter beherbergen zumeist zehntausende. Und – putt, putt, putt – die properen Biohühner produzieren mehr als doppelt so viele Eier wie noch um 1930 (https://www.praxis-agrar.de/tier/gefluegel/legehennenhaltung-in-deutschland/ [18.02.2020]). Große Ställe erlauben durch Lichtführung eine fast saisonunabhängige Eierproduktion, ebenso den Einsatz optimierter Futtermittel und von Antibiotika. Doch es war zudem die stete Kühlung der Eier, die heute „frische“ Eier garantiert.

„Frisch halten“ – Kühlung als volks- und hauswirtschaftliche Leittechnik

Während man im Deutschen Reich noch um das „Deutsche Frischei“ rang, waren die USA offenbar weiter vorangeschritten. 1931 hieß es: „In Amerika bekommt man heute schon in den Läden Fleisch, Fische, Gemüse und viele andere Lebensmittel in hartgefrorenem Zustande in durchsichtiger Verpackung zu kaufen. Diese Lebensmittel sind in aufgetautem Zustande von frischer Ware in keiner Weise zu unterscheiden. […] Man wird also in der Lage sein, in Zukunft zu jeder Jahreszeit frische Lebensmittel zu verwenden, die wie Gemüse normalerweise nur zu einer bestimmten Jahreszeit zu bekommen sind“ (V[italis] Pantenburg, Eine umwälzende Neuerung in der Kühltechnik, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 6, 1931, 227-228, hier 228). Dies war die Folge des 1929 patentierten Plattengefrierverfahrens des US-Meeresbiologen Clarence Birdseye (1886-1956) (Mark Kurlansky, Birdseye. The Adventures of a curious Man, New York/Toronto 2012). Es war der Durchbruch jahrzehntelanger internationaler Forschung, die anfangs von deutschen Forschern dominiert worden war.

Kühlen und Gefrieren verzögern Stoffwechselprozesse. Nahrungsmittel können dadurch ihren ursprünglichen Zustand länger behaupten, „frisch“ bleiben. Kühltechnik verband die Bedeutungsnuancen von Kühle und Wetter mit dem der Unverdorbenheit. Doch es gab Grenzen, denn zu tiefe Temperaturen konnten die Zellstrukturen zerstören und damit deren Textur und den Geschmack. Entsprechend dominierte lange Zeit das Kühlen, nicht das Gefrieren.

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Kühlung durch „Natureis“ aus Flüssen und Seen (Dresdner Kalender 1914, Dresden 1913, s.p.)

Dazu nutzte man in Haushalten, aber auch dem Handel vielfach „natürliche“ Kühlmittel, nämlich geschnittenen Eises aus Flüssen und Seen. Dieses „Natureis“ war hygienisch heikel, wurde aufgrund seines niedrigeren Preises jedoch nur langsam durch maschinell hergestelltes „Kunsteis“ verdrängt.

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Eisschränke: Kühlung für bürgerliche Haushalte (Über Land und Meer 40, 1878, 644 (l.); Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 369 v. 31. Dezember, 4)

Technisch veränderte sich dadurch wenig, denn mit Eis bestückte Eisschränke erlaubten gleichermaßen die Kühlung von Speisen und Nahrung im bürgerlichen Haushalt (vgl. Ullrich Hellmann, Künstliche Kälte. Die Geschichte der Kühlung im Haushalt, Gießen 1990).

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Frische Speisen aus dem Kühlschrank seit Mitte der 1920er Jahre (BZ am Mittag 1929, Ausg. v. 4. Mai, 7 (l.); Berliner Börsen-Zeitung 1927, Nr. 201 v. 1. Mai, 10)

Dies veränderte sich Mitte der 1920er Jahre, als in Deutschland elektrische Kühlschränke für das gehobene Bürgertum erschwinglich wurden. Die Werbung des führenden amerikanischen Herstellers Frigidaire lockte mit „frischen“ Speisen und Lebensmitteln, doch dies bezog sich noch nicht auf tiefgekühlte Produkte. Der Kühlschrank diente damals, wie die nach wie vor marktbeherrschenden Eisschränke, der Aufbewahrung verderblicher Lebensmittel und der Kühlung just hergestellter Speisen. Leistungsfähigere Kühlschränke folgten, doch die 1939 etwa eine viertel Million Geräte besaßen weder ein Tiefkühlfach noch Türfächer für kühle Getränke. Auch die Zahl elektrisch gekühlter Verkaufstheken stieg langsam an, blieb aber im niedrigen vierstelligen Bereich. Dennoch gelang die Einführung von Tiefkühlkost.

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Tiefgefrieren von Gemüse 1940 (Der Aufbau der deutschen Gefrierindustrie. Handbuch der Tiefkühlwirtschaft, hg. v. Hans Mosolff, Hamburg o.J., 18-19)

Die neue, aus den USA lizensierte Technologie diente vorrangig der Versorgung der Wehrmacht. Ohne vitaminhaltige Verpflegung schien die Eroberung Europas nicht möglich. Mit beträchtlichen Investitionen wurden Seefisch, Fleisch, Obst und Gemüse tiefgekühlt und hinter den Fronten zu „frischen“ Speisen zubereitet. Darüber wurde prominent berichtet, auch die Konsumenten erhielten einen Vorgeschmack von „frischer“ und „gesunder“ Feinfrostware. Deren Gesamtabsatz 1941 sollte erst zwei Jahrzehnte später wieder erreicht werden. Wichtig aber war, dass die deutschen Volksgenossen damit einen virtuellen Vorgeschmack auf die nationalsozialistische Konsumwelt nach dem gewonnenen Krieg erhielten.

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Frischegemeinschaft in der Kantine (Der Vierjahresplan 5, 1941, 905)

„Frische“ konnte, so die Botschaft, durch die Kühlkette, durch moderne Technik außerhalb und innerhalb des Haushaltes zunehmend garantiert werden. Eine gesunde und vitaminreiche Kost schien rassisch unabdingbar. Berichte über die neue Frischewelt waren eine Art vorweggenommener Konsum, für den man zuvor allerdings zu kämpfen hatte. Während des sog. Wirtschaftswunders knüpfte die Werbung daran an, kombinierte die neue, gegen Ende der 1950er Jahre nun auch Millionen zugängliche Kühl- und Gefriertechnik mit der Idylle arkadischer Landschaften (vgl. etwa Kristall 14, 1959, 617). Frische für Alle. Diese Ästhetisierung der frischen, kühlen Kost stand jedoch im Schlagschatten des NS-Regimes.

„Frischware“ – Die Selbstbedienung und die Folgen

Das galt weniger für die Selbstbedienung, die seit den späten 1950er Jahren das Einkaufen in West- und auch Ostdeutschland umgestaltete und neue Räume für „frische“ Waren erlaubte.

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Der Konsum als Tor zur Welt, zur Frischware nicht nur in den Schaufenstern (Der Verbraucher 13, 1959, Nr. 25)

Auch hier gab es US-amerikanische und europäische Vorbilder, auch der NS-Staat unterstützte während des Krieges sog. Einmannläden oder aber das Ratio-System der Edeka. Doch deren Ziel war primär eine Rationalisierung des Absatzes, waren Kostensenkungen und billigere Waren.

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Selbstbedienung, der direkte Weg zur Ware (Henry Meier (Hg.), Biographien neuzeitlichen Bauschaffens. „So baut man heute“ an der RUHR, Rheydt/Düsseldorf-Rath 1960, s.p.)

Die Selbstbedienung ging darüber jedoch weit hinaus, denn sie mündete in eine neuartige ästhetische Präsentation der Waren. Das übliche Warten auf Bedienung verschwand, ebenso die kontrollierende und lenkende Beratung durch das Verkaufspersonal. Das Verhältnis von Kunden und Waren wandelte sich grundlegend. „An die Stelle der Verkaufskräfte und ihrer Expertise traten die Warenkunde des Käufers, die Grundinformationen der Kennzeichnung und das Image des Produktes. Der Ort dieser Begegnung wurde neu gestaltet und wissenschaftlich optimiert. Offene Warenregale, Verkaufsgondeln und zunehmend Kühltruhen bzw. -möbel prägten den Laden, an die Stelle der Bedienungstheke traten Kassentisch bzw. Registrierkassen am Ausgang“ (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 663). Der Wandel war rasant, 1968 gab es bereits mehr Selbstbedienungs- als Bedienungsläden.

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Der direkte Appell ästhetisch präsentierter Ware (Neue Verpackung 9, 1956, 445)

Dadurch veränderten sich die Waren und ihre Verpackungen. Sie mussten für sich selbst sprechen, mussten sich nach den Kundenwünschen richten, so wie hier das glasverpackte Obst und Gemüse. „Frische“ gewann dadurch an Bedeutung. Es war eine käufliche Frische, garantiert von Technik, ermöglicht durch naturwissenschaftliche Grundlagenforschung und angepriesen gemäß den jeweils neuesten Erkenntnissen der Absatzwissenschaften. Vier Punkte möchte ich besonders hervorheben: Erstens wurden die nun rasch größer werdenden Selbstbedienungsläden mit Frischwaren aufgepeppt. Der in den 1960er Jahren entstehende Selbstbedienungssupermarkt bündelte die früher getrennten Sortimente von Kolonialwarenhändlern und Spezialgeschäften für Obst und Gemüse, Milchprodukte, Back- und Fleischwaren.

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Kühlmöbel für Frische und Verfügbarkeit in einer Filiale der Konsumgenossenschaften (Meier (Hg.), 1960, s.p.)

Zweitens wurde Ende der 1950er Jahre die Kühlkette neuerlich geschlossen, so dass tiefgekühlte „frische“ Waren nun gekauft und im Kühlschrank bis zum Gebrauch gelagert werden konnten. Ohne Selbstbedienung keine kalte Frische. Wachstumstreiber waren vor allem Milchprodukte, gefolgt von Tiefkühlgemüse und -geflügel. Die Zahl der Kühlgondeln stieg von 5.000 1956 auf 40.000 Ende 1960, lag ab Ende der 1960er Jahre über der Zahl der Läden. Vitaminreiche Frischkost war dadurch preiswert möglich. Die Kühle des neuen Umfeldes lässt aber noch ein anderes Element von Frische hervortreten. „Frische“ Lebensmittel haben eben keinen ausgeprägten, gar intensiven Geruch oder Geschmack (Vera Kalkhoff, Frische – ein kulinarisches Leitkonzept der Moderne, in: Ruth-E. Mohrmann (Hg.), Essen und Trinken in der Moderne, Münster 2006, 63-83, hier 70). Kühle „Frische“ stand für Reinheit und Sauberkeit, für Ordnung und Sicherheit, neutralisierte die Extreme – und all dies leisteten die neuen Orte kühler Angebote.

Die Assoziationen deckten sich mit dieser Realität jedoch nur bedingt. Eine bunte Werbebroschüre der Firma Electrolux präsentierte Mitte der 1950er Jahre farbig-frische Lebensmittel im Eisblock (Susanne Breuss (Hg.), Die Sinalco-Epoche. Essen, Trinken, Konsumieren nach 1945, Wien 2005, 221). Nicht nur Fülle und Vielfalt wurden hier verhandelt, sondern die positiven Bilder in Kopf potenzieller Käufer aktiviert. Das Eis half, den vollen Wert der Lebensmittel zu bewahren, sie dadurch direkt vorrätig und verfügbar zu halten. Weitergehende Ansprüche und Wünsche konnten daran angedockt werden: Die saure Süße der Südfrüchte, die kühle Nährkraft der Milch, die würzige Nachgiebigkeit der Fleischwurst. Derartigen Werbebildern gelang es, die gängigen mit gewerblich herstellten Nahrungsmitteln verbundenen Assoziationen zu beseitigen (Helene Karmasin, Die geheime Botschaft unserer Speisen. Was Essen über uns aussagt, München 1999, 37). Die neutrale Indifferenz von Handel und Gewerbe traten zurück, im Mittelpunkt stand ein just für uns, für mich bereitetes Frischepotpouri.

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Frischeabteilung im SB-Supermarkt in den 1980er Jahren (50 Jahre Selbstbedienung. Sonderausgabe „Dynamik im Handel“, o.O. 1998, 152)

Drittens entstanden seit den 1960er Jahren erst neue Frischeinseln, dann ganze Frischeabteilungen. Hier konnte man „frisches“ Obst und Gemüse kaufen. Wenn sie einmal genauer nachfassen, so handelt es sich meist ebenfalls um gekühlte Bereiche, teils direkt, teils indirekt dank gekühlter Lagerräume. Sie sind Kunsträume des Verkaufs, gestaltet nach den sich nun stärker ausbildenden Farbassoziationen von Frische. Umfragen ergaben, dass diese „zu 34% mit Grün, 27 % mit Blau, 20 % mit Weiß, 11 % mit Gelb und 5% mit Rosa assoziiert“ (Herbert J. Buckenhüskes, Aktuelles und Historisches zur Bewertung der Frische von Lebensmitteln, Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung des Essens. Mitteilungen 2003, H. 10, 2-9, hier 4. Für das Folgende Ebd., 5) wurde. Grün steht auch sprachlich für Frische, denken Sie etwa grüne Klöße – aus rohen Kartoffeln, oder aber grünes Holz. Grün symbolisiert zugleich Gesundheit und Natur. Das Unreife, noch nicht fertige grüner Lebensmittel mutiert zum Beleg für die Frische der Ware.

In derartigen Frischeinseln verbinden sich gleich mehrere der ehedem im Krünitz erwähnten Bedeutungsnuancen von Frische: Sie sind kühl, präsentieren unverdorbene Waren mit noch voller Güte, die scheinbar erst vor kurzem entstanden sind und noch nicht gebraucht wurden. Die Inszenierung von „Frische“ geht aber noch weiter: „Ein guter Supermarkt bemüht sich also, makellose und ästhetisch schöne Reihen von Obst zu präsentieren, glänzend, taufrisch, ein Stück so schön wie das andere, strahlend ausgeleuchtet und von Spiegeln im Hintergrund oder verführerischen Naturbildern optisch verstärkt. Diese Wirkung erzielt man durch das Polieren des Obstes, durch Aussortieren aller nur minimal fehlerhaften Stücke, durch Berieseln und Besprühen mit Wasser, durch ein besonderes Licht“ (Karmasin, 1999, 57-58). Die Marktforscherin Helene Karmasin sah darin zurecht eine neue Art von Natur: Die frischen Produkte erscheinen ebenmäßig, nicht wie die immer unterschiedlichen Pflanzen auf Bäumen, Sträuchern oder dem Felde. Sie sind fehlerlos, sortiert, so wie schon die Frischeier. Sie sind poliert und gleichartig, Resultat der Inszenierung, die zuvor alles Abweichende auf der Warenrampe ausgemerzt hat, Resultat aber auch einer Umgestaltung der Natur und ihrer Produkte. Derartig inszenierte Frische ist ästhetisch optimiert, gleichsam designt. Das Äußere zählt, der inszenatorische Eindruck, so wie bei seriellen Industrieprodukten. Gleichwohl sind derartige Angebote nicht nur mit Frische, sondern auch mit Natürlichkeit verbunden. Wir sehen, was wir sehen wollen, weil auch wir vergessen wollen, was wir wirklich kaufen.

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Frische transparent: PVC-Folien für den Direktverkauf (Neue Verpackung 18, 1965, 172)

Viertens erlaubten transparente Verpackungen aus Kunststoffen und Glas neuartige Inszenierungen des Frischen, zumal der bisher vorrangig von spezialisierten Metzgereien angebotenen Fleischwaren. Das tote Tier direkt greifbar, kleingeschnitten, filetiert, unkenntlich gemacht und in einen bequemen Haushaltshappen transformiert. Das geht einher mit einem von Vera Kalkhoff vermerkten Wechselspiel zwischen Frischem und Rohem in der Kochbuchliteratur dieser Zeit. In den 1970er Jahren waren „rohe“ Lebensmittel daraus weitgehend verschwunden, wurden ersetzt durch „frische“ Produkte (Kalkhoff, 2006, 68-69). Frische zähmt, puffert ab, kühle Frische dämpft, kühlt herunter. Extreme entschwinden so dem Blickfeld. Das damals weiße, nach Hormonskandalen nun rosafarbige Kalbschnitzel sieht appetitlich seriell aus, kann frisch in die Pfanne. Was es war, ist unwichtig, Hauptsache schön, essbar und frisch. Frische ist eine Art Entschuldigung, ein Freifahrtschein für Interventionen fast jeder Art.

„Frische Zeiten“ – Selbststilisierungen und Fremdbeschreibungen

Bevor ich zusammenfasse, muss ich noch auf einen sehr wichtigen sechsten typischen Aspekt des Mythos Frische eingehen. Er lässt sich nämlich nicht auf Lebensmittel begrenzen, sondern wurde verstärkt Marker für zahlreiche Lebenslagen.

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Erfrischung: Frische als Begleiter und Möglichkeit (Vorwärts 1928, Nr. 578 v. 7. Dezember, 10 (l.); Kristall 9, 1954, 150)

Hitze und Mühen verlangen nach kleinen Pausen, begleitet von Erfrischungen. Die Erfrischungsräume des Kaufhauses Rudolph Hertzog oder des Kaiser-Bazars boten im späten 19. Jahrhundert vornehmlich Heißgetränke, Mineralwasser, im Sommer auch Gefrorenes. Seit der Jahrhundertwende kamen vermehrt Limonaden, dann auch Fruchtsäfte hinzu. Sie emanzipierten Erfrischungen von Orten und der Mühsal der Zubereitung, erlaubten Pausen, verbanden das Frische zunehmend mit Kühle. Coca-Cola steht beispielhaft für die Verbreitung gekühlter Erfrischungsgetränke, die ihrerseits wieder neue Gemeinschaften schufen.

Angesichts derartiger Erfolge ist es nicht verwunderlich, dass auch andere Alltagsbegleiter, etwa die früher übliche Zigarette, als „frisch“ präsentiert wurden (Bergmann Privat „so appetitlich frisch“, s. Werben und Verkaufen 26, 1942, 3 u. 141). Das Lebensumfeld der Käufer wurde und wird durch „frische“ Produkte „frischer“.

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Frische Luft aus dem Frischluft-Automaten (Kristall 14, 1959, 63)

War zu viel Rauch verblieben, so war es ein leichtes mit den in den späten 1950er Jahren aufkommenden Aerosolsprays für die vielbeschworene frische Luft zu sorgen. Die Widersprüchlichkeit verschiedener Bedeutungsnuancen der Frische wird hieran doppelt deutlich, führt Frisches doch zu dichter, stickiger Luft, wird diese dann durch ein zerstäubtes Parfüm überdeckt.

Frische, das unterstreichen derartige Waren, ist sinnesnah, wird sinnesnah vermarktet. Das gilt in noch stärkerem Maße für Parfüms und Kosmetika. Werbeslogans – etwa „Der Duft nach Sauberkeit und Frische“ für Lohses Uralt Lavendel (Der Silberspiegel 4, 1938, 393 (l.); Kristall 9, 1954, s.p.) – verbanden erfrischende und desinfizierende Wirkungen dieser Mischungen aus Alkohol und ätherischen Ölen.

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Frischer Atem durch Mundwasser und Zahncreme (Das Magazin 4, 1927/28, 1845 (l.); Kristall 14, 1959, 130)

Frische aber wurde auch Ausdruck des Menschen selbst. Frische Wäsche ließ sich mit Waschmitteln gezielt herbeischrubben. Frischer Atem war dagegen körperimmanent, konnte jedoch mit antiseptischem Mundwasser oder aber Zahnpasta partnergefällig beseitigt werden. Ängste werden aufgegriffen und geschürt, eine Ware als Lösung angeboten. Damit wird Frische inkorporiert, wird spätestens in den 1950er Jahren zu einem Attribut des Menschen selbst. „Frische“ erschien hier im Sinne der Jugendlichkeit, des Auftretens, des noch Unverbrauchten – all dies herzustellen durch die stete Anwendung von Frischeprodukten, wie Seife oder Deodorants.

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Frische als Alltagsgefühl (Kristall 9, 1954, 709 (l.); Westermanns Monatshefte 96, 1955, H. 5, 119)

„Frische“ wurde zu einer möglichen menschlichen Eigenschaft, teils natürlich gegeben, teils nachdem man sich frisch gemacht hatte. Was wir an derartigen Anzeigen der 1950er Jahre sehen, ist eine Übertragung des Warenprinzips auf den Menschen. „Frische“ Menschen wurden machbar, wurden teils auch erwartet. Denn natürlich blieb es nicht beim Konsum von Schönheitsprodukten. Frisch musste auch und gerade der Körper selbst sein (Kalkhoff, 2006, 74). Durch Verzehr frischer und leichter Lebensmittel wie Obst, Salaten, Joghurt und neuen Lightprodukten konnte er bewahrt werden – so wie zuvor frischer Kohl in den Weck-Apparaturen. Offenkundig, dass „Frische“ bis heute eher weiblich erscheint, Gendersternchen zum Trotz.

Diese leibhaftige Aufladung des Frische-Begriffs führte aber auch zu einer zunehmend breiteren und dann auch beliebigeren Ausweitung des Begriffs, gegen die vor allem in den 1970er Jahren von Staat, Gerichten und Wettbewerbern vermehrt vorgegangen wurde (vgl. S[tefanie] Hartwig und S[onja] Schulz, Alternativen zu Gesundheits- und Nährwertclaims. Werbung mit Frische, Natur, Bio und „ohne“-Angaben, Hamburg 2009, T. 1). Beispiele mögen genügen.

So wurde das Modeprodukt der 1950er Jahre, die süße, eingedickte Kondensmilch, durch den steten Verweis aufgefrischt, dass sie aus „naturfrischer Vollmilch“ produziert worden sei (Der Verbraucher 16, 1962, 201). In ähnliche Richtung ging der Hinweis, dass Gurken „gartenfrisch“ eingedost worden seien (Kristall 9, 1954, 706).

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Von fernen Ländern erntefrisch auf den Tisch (Der Verbraucher 29, 1975, Nr. 6, 7)

Glaubte man der Werbung, so war die „frische“ Rohware entscheidend für Bewertung und Kauf einer Ware, während die vielfältigen notwendigen Eingriffe innerhalb der Wertschöpfungskette durch Begriffe wie „erntefrisch“ vergessen gemacht werden konnten. Natürlich findet man derartige Adjektive auch abseits der Lebensmittel. Schön etwa die Annonce für einen Wäschepfahl, durch den die Wäsche rasch „luftfrisch“ sein würde (Kristall 14, 1959, 509). Beenden möchte ich diesen kurzen Reigen inhaltsarmer, aber assoziationsstarker Frischekomposita natürlich mit dem heutzutage unabdingbaren Verweis auf biofrische Würste der von mit wohl geschätzten Göttinger Firma Börner-Eisenacher. Dessen Werbetexter brachten das intellektuelle Kunststück zuwege, Frische mit langer Reifung zu verbinden (Lebensmittelzeitung 2006, Nr. 36, 9). Als Konsument, der alles gleichzeitig haben möchte, danke ich dafür sehr.

Und doch: All diese Anzeigen sind Simulationen von Frische. Sie locken mit Vorstellungen von Natürlichkeit, Ursprünglichkeit, Unverbrauchtheit. Doch an die Stelle dieser imaginierten Frische setzen sie Produkte und Körperbilder, eine inszenierte Welt käuflicher Frische (Kalkhoff, 2006, 74). Das Versprechen wird nicht eingelöst, doch die Sehnsucht bleibt. Um welche Produkte es dann im Detail geht, ist eigentlich unerheblich.

Frische – Mythos einer Konsumgesellschaft

Nahrungsmittel sind flüchtige Güter. Ihre „Natur“ ist es, zu verwesen, auszulaugen, zu verderben, ungenießbar, ja giftig zu werden. Frische beschreibt dagegen einen Zustand, der für uns da ist, wo wir zulangen können. Sie war eingebunden in Ernterhythmen und Jahreszeiten, war abhängig von der Verfügbarkeit, von der immer nur temporären Fülle. Agrarreformen, industrielle Lebensmittelproduktion und weit ausgreifende Handelsnetze veränderten die tägliche Kost seit der Industrialisierung grundlegend. Sie sicherten die Versorgung einer rasch wachsenden Zahl von Menschen, ließen den Ursprung und die Qualität der Lebensmittel aber zugleich zum Problem werden. „Frische“ bedeutete zuerst Bewahrung, Sicherung von Nährwert und Bekömmlichkeit. Dazu dienten – wie wir am Beispiel des Weckschen Einkochens gesehen haben – zuerst häusliche Verfahren der Konservierung und „Frischhaltung“. Sie wurden ergänzt durch den gewerblichen Einsatz von Konservierungsmitteln, von Hitze- und Kältetechnik, von Zwischenlagern und Verpackungen. Technik und angewandte Naturwissenschaften drängten auf neue Absatzketten, die den langen Weg von Feld und Weide hin zum Küchentisch ohne allzu große Einbußen überbrücken und beschirmen konnten. „Frische“, ein moderner Begriff, war ohne Wissenschaft nicht denkbar, sie war ihr Garant, mochte sie auch im Hintergrund stehen. „Frische“ war zugleich ein umkämpfter und marktrelevanter Begriff, Normalität und Ideal zugleich, umsetzbar in klingende Münze.

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Frische auf allen Ebenen der Absatzkette (Times 1947, Nr. 12, 43)

Umfassende Frischversorgung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht möglich. Doch wie das Beispiel des „Deutschen Frischeies“ zeigte, begannen im ersten Drittel des Jahrhunderts einzelne Branchen „Frische“ zu definieren und auch zu garantieren. Diese Definitionen waren ähnlich, doch verbindliche Definitionen gab es nur für einzelne Waren und Warengruppen. All dies sicherte die Grundversorgung, erhöhte zugleich die Ansprüche an frische Lebensmittel. „Natur“ wurde umgestellt, der Nachfrage fremdversorgter Menschen angepasst. Technischer Fortschritt orientierte sich am Ideal ganzjährig frischer und stets verfügbarer Lebensmittel, veränderte so unsere Umwelt. Den wichtigsten Beitrag zur Versorgung mit frischen Lebensmitteln in der Zwischenkriegszeit bildete die Kühlung und Tiefkühlung von Lebensmitteln. Der massive Eingriff war kurz, ultra-kurz, nicht zerstörerisch, stabilisierte scheinbar etwas Gegebenes.

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Frische unter Folie 2019 (© Stefanie Waske)

Der Aufstieg der kühlen Frische ging einher mit der Durchsetzung stofflichen Wissens in der Bevölkerung, ein hoher Vitamingehalt galt als Garant für „Frische“. Ihr Durchbruch gelang erst seit den späten 1950er Jahren, parallel mit dem Aufstieg der Selbstbedienung, parallel auch mit dem langsamen Ende einer gesellschaftlich relevanten Haushaltskonservierung und einer massiven Abkehr vom Ländlichen. Doch der Handel war nicht nur Spielwiese technischer Innovationen, sondern schuf mit der Selbstbedienung auch neue Kunsträume, in denen „Frische“ präsentiert und inszeniert wurden. Frische wurde zum Wert an sich, ein positiv stimmender kühl-freudiger Breitbandbegriff. „Frisch“ sollten die Waren sein, „frisch“ aber auch das Leben, ja der Mensch selbst. Frische steht demnach für weit mehr als die Güte einzelner Lebensmittel, ihrer Entfernung von Entstehungsorten und -zeiten. Sie ist ein Mythos, dem wir uns zunehmend selbst unterordnen, der Aussagen über uns und unser Verhältnis zur Welt erlaubt. Er hilft uns, Altern mit der Illusion von dauernder Jugend zu verbinden, Leistungsfähigkeit und stete Präsenz sicherzustellen und zugleich die zahllosen unabdingbaren Eingriffe in unsere Lebensmittel und zahlreiche andere Güter vergessen zu machen.

„Frische“ ist damit ein keineswegs unschuldiger Begriff. Er führt zu überbordenden und teuren Anforderungen an Lebensmittel, unser Umfeld und uns selbst, deren Erfüllung enorme Folgekosten mit sich bringt. „Frische“ ist ein Selektionsmodus der Moderne, ein Bedeutungsfresser, der andere Bewertungen verdrängt hat und damit unser Leben und unsere Lebensmittel prägt und beengt. „Frische“ steht in Reih und Glied mit anderen Begriffen, die ähnliche Funktionen haben. Denken Sie an „Natur“, „Geschmack“ oder „Genuss“ – allesamt positiv, allesamt inhaltsleer, allesamt recht beliebig zu füllen und kommerziell zu verwenden. „Frische“ ist ein Mythos, eine Ursprungssehnsucht, Heimatersatz in einer heimatlosen Welt voller semantischer Illusionen. Er kündet von Wünschen und Sehnsüchten, die weit über unsere wissenschaftlich-kommerzielle Welt hinausweisen. Darin liegt sein Wert, sein Stachel.

Uwe Spiekermann, 11. April 2020

Der Corona-Shutdown der Läden und Geschäfte – Impressionen aus Hannover

Der Corona-Virus hat die westliche Welt fest im Griff. Die Einschnitte sind umfassend – und der starke Staat hat Probleme, die eigenen Bürger an ihre Pflichten gegenüber Alten und Kranken zu erinnern. Ausgangsbeschränkungen und mehr werden die Folge sein, die immer wieder beschworene Zivilgesellschaft ist weniger rücksichtsvoll und sensibel als Lichterketten und Gendersterne suggerieren. Über die zu spät begonnenen Krisenmaßnahmen kann man wortreich spekulieren, doch insbesondere das Ende der begründeten Begrenzungen des Schuldenstaates wird tiefgreifende Folgen haben. Nachtragshaushalte, Bazooka-Reden, Kraftmeierei stehen auf der Tagesordnung, sind die Auswirkungen der Krise doch unabsehbar. Die lange zurecht verdammten Eurobonds werden als Coronabonds plötzlich akzeptiert, die Haushaltskonsolidierung der vergangenen Jahre ist Makulatur. Die Krise nährt die Krise, die Abwehr schafft neue Verwerfungen.

Wie aber sieht die Lage vor Ort aus? Nachdem ich einige Zeit mit der historischen Analyse des Hamsterns verbracht habe, um die aus meiner Sicht eher unangemessenen, ja unverantwortlichen Denunziationen dieser Frühbevorrater in einen breiteren Kontext einzubetten, schien es mir sinnvoll, mich ein wenig umzuschauen. In Niedersachsen wurde am 16. März 2020 mit Wirkung vom 17. März auf Basis von § 28, Abs. 1 Infektionsschutzgesetz die Schließung eines Großteils der Einzelhandelsläden und Dienstleister verordnet. Die Lebensmittelversorgung ist davon nicht betroffen, auch wenn kurz darauf Restaurants und Cafés ebenfalls geschlossen wurden. Weisungen dieser Art erfolgen befehlsartig. Die Begründung ist kurz und knapp: „Vor dem Hintergrund der sehr dynamischen Verbreitung von Infektionen mit dem SARS-CoV-2 Virus und Erkrankungen an COVID-19 müssen unverzüglich weitere umfänglich wirksame Maßnahmen zur Verzögerung der Ausbreitungsdynamik und zur Unterbrechung von Infektionseffekten ergriffen werden. Weitreichende effektive Maßnahmen sind dazu dringend notwendig, um im Interesse der Bevölkerung und des Gesundheitsschutzes die dauerhafte Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems in Niedersachsen sicherzustellen. Die großflächige Unterbrechung und Eindämmung eines Großteils der sozialen Kontakte stellt – über die bereits ergriffenen Maßnahmen hinaus – [sic!] das einzig wirksame Vorgehen dar, um das Ziel einer Entschleunigung und Unterbrechung der Infektionsketten zu erreichen“ (Fachaufsichtliche Weisung des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung an die Niedersächsischen Landkreise, Kreisfreie Städte, Region Hannover v. 16. März 2020, 4). Die kontroversen Diskussionen der zurückliegenden Wochen wurden damit planiert, der Shutdown allein schien angemessen und notwendig.

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Verlautbarungen aus einer vergangenen Zeit: Mülleimeraufkleber

Der Maßnahmenstaat dekretierte, wohl begründet. Doch wie wurden die damit in Gang gesetzten Informationen weitergegeben und an die Kunden vermittelt? Um dies zu beantworten, habe ich mich in Hannovers Podbielskistraße begeben, habe dort die ersten fünfzig einschlägigen Verweise auf Schließungen und die Corona-Krise fotografiert. Victor von Podbielski (1844-1916) war ein kontrovers bewerteter und affärenbeladener konservativer Spitzenpolitiker des Kaiserreichs, Leiter der Reichspost, preußischer Landwirtschaftsminister, führender Sportfunktionär. Die nach ihm benannte mehr als fünf Kilometer lange Straße bietet Industriegeschichte pur, hier lagen die Firmensitze von Bahlsen, den Pelikan-Werken, der Deutschen Grammophon, der Geha-Werke und der Karosseriefabrik Emmelmann (Elke Kümmel, Dieter Sagolla und Jörg Maaß, Podbielskistraße. Eine Straße verändert ihr Gesicht, hg. v. Baudezernat Hannover, Hannover 2007). Sie ist gesäumt von zahllosen Genossenschaftswohnungen aus der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und den 1950er Jahren. Ihr relativer Niedergang wurde durch hohe Investitionen anlässlich der Weltausstellung 2000 gebremst. Das von mir besuchte Teilstück beherbergt vornehmlich Bürger der unteren Mittelschicht, doch am benachbarten Stadtwald, der Eilenriede, liegen auch zahlreiche Villen des wohlsituierten Bürgertums.

Wir sind dann mal weg

Viele Geschäfte informierten ihre Kunden über die Geschäftsschließungen, beließen es aber dabei. Die Situation wurde als bekannt vorausgesetzt, der Blick richtete sich nach vorn, auf den anvisierten Termin der Wiedereröffnung. Während einzelne Anbieter schlicht dichtmachten, offerierten die meisten Geschäftsleute zusätzliche Kontaktdaten. Sie wurden von der raschen Entwicklung offenkundig überrascht, machten irritiert dicht.

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Herzlich geschlossen – Liebe Grüße einer Änderungsschneiderei

Shutdown mit Alternativen

Die Mehrzahl der geschlossenen Geschäfte versucht gegenwärtig noch, den Betrieb auch nach dem Schließen des Verkaufsladens ansatzweise aufrechtzuerhalten: Aus Händlern werden Dienstleister, Bringdienste ohne direkten Kundenkontakt treten an die Stelle des persönlichen Services.

04_Corona-Krise_Lieferservice_BringdiensteAndere Anbieter konzentrieren ihre Angebote. Ein Schlüsseldienst und Eisenwarengeschäft hält den Notfallbetrieb aufrecht, ein Uhren- und Schmuckgeschäft den Reparaturbetrieb, bietet zudem Auftragsproduktion in der Werkstätte an. Ebenso ein Fahrradladen. Der Stillstand ist nie vollkommen, die Kompetenz der Geschäftsinhaber kann weiter abgerufen werden.

05_Corona-Krise_Notdienste_ReparaturdienstDies gilt ebenso für weiterhin geöffnete Geschäfte. Sie fühlen sich teils genötigt, ihre kontinuierliche Dienstbereitschaft eigens hervorzuheben, so etwa ein Copy-Shop mit krisenwichtigem Zusatzspektrum. Angesichts der massiven Umsatzeinbrüche des Nahrungsmittelhandwerks, die der gestrige Notruf des Bäckereifilialistenchefs Gerhard Bosselmann eindringlich in Erinnerung rief, steht der Dank an die weiterhin kaufenden Kunden vielfach an erster Stelle – gerade, wenn der Café-Betrieb häufig größere Umsätze machte als das nun allein noch geöffnete Verkaufsgeschäft.

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Zehrende Unsicherheit

Obwohl sachlich und freundlich gehalten, schwingt bei fast allen Kundeninformationen eine beträchtliche Unsicherheit über die Zukunft des eigenen Geschäftsbetriebes mit. Der starke Staat konzentriert sich auf die Kernaufgabe des Shutdowns. Doch es ist unklar, was nun wird. Tönende Ansagen aus Berlin sind in Hannover nicht angekommen, ähnliches gilt für die maßvolleren Programme der Landesregierung. Gerade kleinere Geschäfte hängen in der Luft. Die Krisenkommunikation ist vorrangig repressiv-eindämmend, ein Silberstreif ist noch nicht sichtbar. Das mag die Lage widerspiegeln, doch dies zehrt an den Betroffenen.

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Denn wir wissen nicht, was kommt. Handschriftliche Ergänzungen in der Krise

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Schauen wir erst mal – mehr wird die Zukunft bringen

Die Zentrale übernimmt – zum Teil

Die Kundeninforationen größerer Firmen unterscheiden sich deutlich von denen lokaler Einzelunternehmer. Handbücher der Krisenkommunikation und interne Pressestellen werden offenkundig herangezogen, entsprechende Aushänge dann zumindest regional verteilt. Dies zielt vor allem auf Verhaltensregulierungen, also die Regeln für einen seuchengerechten Einkauf. Zugleich helfen Aushänge leidige Diskussionen über Engpassgüter zu vermeiden. Dennoch ist es erstaunlich, dass bei fast allen Niederlassungen die Aushänge der Zentralen durch eigengestrickte, teils gar handschriftlich Informationen ergänzt wurden. Schön, derartige Eigeninitiative zu sehen, denn vor Ort sieht man viele Probleme früher als in den Zentralen.

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Warum wir schließen

Die meisten Geschäften begründen ihre Geschäftsschließung entweder gar nicht oder aber mit nur einigen allgemeinen Verweisen. Die Verwaltungsstelle einer Wohnungsgenossenschaft schließt etwa „zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“, benennt die Situation also nicht konkret. Maßnahmen werden zum „Schutz der Allgemeinheit“ getroffen, „zum Schutz aller“, der Sachverhalt aber wird als solcher bekannt vorausgesetzt. Da ist wiederholt von der „aktuellen Lage“ die Rede, von den aktuellen „Umständen“, der „aktuellen Entwicklung“, der „gegenwärtigen Situation“. Die Hinweise auf die Corona-Pandemie bleiben spärlich, der Begriff wird meist ausgespart, stattdessen über eine „Sondersituation“ berichtet. Empathie klingt in der „bedauerlichen Situation“ selten an, trotz vielfacher Wünsche, gesund zu bleiben. Andere Geschäfte verweisen auf höhere Mächte, nicht auf Gott, wohl aber auf die niedersächsische Landesregierung als Verfügungsinstanz, auch auf die „erwünschten Vorschriften des Gesundheitsamtes“.

Diese sprachliche Hilflosigkeit war für mich überraschend. Sie geht einher mit den üblichen Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern unserer „Wissensgesellschaft“ – in mehr als der Hälfte der Aushänge. Offenbar ist eine dunkle, unbenennbare Macht über die Podbielskistraße gekommen, über die man nicht recht reden kann, die aber all das bewirkt. Das Virus betrifft alle, wird schwere Gesundheitsfolgen und Tote nach sich ziehen, doch benannt wird dies nicht. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung, Frankfurt a.M. 1963, 89).

Verhaltensregulierung vor Ort

Dennoch war ich positiv erstaunt, dass die meisten Kunden diszipliniert einkauften, Abstand hielten, sich aus dem Weg gingen, vor den Läden warteten. Das ist Folge auch einer fast durchweg klaren und nachvollziehbaren Ansprache über das erforderliche Tun, über persönliche Hygiene.

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Umfängliches Maßnahmenpaket in einer Apotheke – doch wer kennt schon die Nießetikette?

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Fehlende Empathie und bürokratischer Ungeist

Dennoch, es gab auch eigenartige Aushänge, sachlich gerechtfertigt, doch ohne jedes Mitgefühl, ohne ein Mitdenken der Betroffenen. Eine Arztpraxis verlautbarte auf mehreren Aushängen, dass eventuell Infizierte sich möglichst wegtrollen sollten, da für sie nur der ärztliche Bereitschaftsdienst zuständig sei. Hinweise auf das Warum fehlten. Ein beredtes Beispiel hiesiger Servicekultur war auch der Aushang eines Bestattungsunternehmens, der Hygienehinweise und telefonische Alternativen anbot, eine persönliche Beratung jedoch an einen „eingetretenen Sterbefall“ knüpfte. Da ist es fast beruhigend zu wissen, dass ein beträchtlicher Teil der italienischen Toten derartige Dienstleistungen gar nicht in Anspruch hat nehmen müssen, da die Leichen in Einfachsärgen in Krematorien gebracht wurden, wo sie ohne Anteilnahme ihrer Angehörigen hygienisch verbrannt wurden.

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Fasst man zusammen, so erfolgte der Shutdown offenkundig plötzlich, ließ kaum Zeit für einen geordneten Rückzug, für eine reflektierte Kundenansprache. Überwältigt von der Situation beschäftigte man sich mit deren unmittelbarer Bewältigung, mit Alternativen zum bisherigen Betrieb, mit dem erzwungenen Rückzug. Obwohl die letztlich getroffenen Maßnahmen seit Wochen diskutiert wurden, haben die meisten Geschäftsleute diese Debatten nicht recht auf sich bezogen. Es fehlen Gemeinsamkeiten in der Krise, jeder schließt für sich allein.

Diese Impressionen geben Eindrücke wieder, rasch niedergeschrieben. Sie sind kaum repräsentativ. Zugleich hoffe ich, dass viele andere ihr Umfeld ebenfalls erkunden – mit gebotenem Abstand und so lange es noch erlaubt ist. Texte und Fotos abseits der öffentlichen Stellen sind wichtige und notwendige Quellen für diesen, wie immer, „historischen“ Einschnitt. Sie wissen doch, „Democracy dies in Darkness“.

Uwe Spiekermann, 21. März 2020

Hamstern zwischen individueller Selbstbehauptung und sozialem Vergehen

Die Corona-Krise ist ein Test der Effizienz, aber auch der Wertegrundlagen moderner individualisierter Gesellschaften. Angesichts einer nach Alter, Vorerkrankungen und Geschlecht gestaffelten Risikoverteilung ist es für die nicht an Leib und Leben bedrohte Mehrzahl der Bevölkerung schwer, ihrer Verantwortung gerade für Ältere und Kranke gerecht zu werden. Selbstreflektierte Menschen haben ihr Leben schon seit mehreren Wochen zurückgefahren. Für die große Mehrzahl war allerdings der starke Staat erforderlich, der Handlungsänderungen durch Verordnungen und Verbote nicht nur von notorischen Partygängern, Fußballfans und Flaneuren erzwang. Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatten steht gegenwärtig der Maßnahmenstaat – doch der Stillstand ist auch die Folge mangelnder Lernfähigkeit und fehlenden Mitgefühls der immer wieder beschworenen Zivilgesellschaft. Der starke Staat ist die notwendige Konsequenz schwacher, um sich selbst kreisender Bürger*innen und ihres strukturellen Weiter-So.

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Leergeräumte H-Milch-Regale in einem Edeka-Markt in Hannover, 29. Februar 2020

Schon Wochen vor den jetzigen drakonischen Maßnahmen handelten Bürger auf ihre Art. Seit Ende Februar 2020 änderte sich die Situation im Lebensmittelhandel. H-Milch, Nudeln, Mehl, Konserven, Desinfektionsmittel und Toilettenpapier wurden in rauen Mengen gekauft, vielfach verdoppelten sich die Umsätze. Rasch fehlten vor allem die billigeren Produkte, während Bio-Produkte und teurere Chargen weiter verfügbar waren. Diese Einkäufe waren ein Misstrauensvotum der mittleren und unteren Einkommensschichten gegen Beschwichtigungen durch Politik und Massenmedien. Allerdings verkannten die Käufer, dass die über den Lebensmittelhandel abgesetzten Mengen nur sehr kleine, teils nur zwischen fünf und zehn Prozent liegende Anteile am Gesamtumsatz haben. Die Masse etwa des Zuckers und des Mehls wird von verarbeitenden Betrieben gekauft. Aktuelle Lieferprobleme sind eher Folge mangelnder Verpackungsmaschinen und fehlenden Personals, denn Ausdruck unzureichender Lagerbestände.

Der Zugriff der Frühkäufer auf direkt verfügbare Ware kombinierte ein rudimentäres Wissen über die Brüchigkeit moderner Versorgungsketten (zumal im Winter) mit einer generellen Skepsis gegenüber der Fairness und Gerechtigkeit etwaiger Maßnahmen der politischen und medialen Eliten. Derart erfahrungsgesättigtes Handeln ist erst einmal vernünftig, entspricht auch dem Ideal eines selbstbewussten, nach eigenen Interessen handelnden Konsumenten. Die öffentliche Resonanz war jedoch anders, erst verwundert, dann denunziatorisch. „Hamstern“ galt rasch als unsolidarischer Einkaufsakt, als Ausfluss atavistischer und egozentrischer Gesinnung. In einer gemeinhin von Individualität und Selbstverwirklichung geprägten Gesellschaft wurde in der sich anbahnenden Krise stattdessen das hohe Lied der Solidarität gesungen. Doch die Schelte gegenüber dem „kleinen Mann“ verfing nicht recht, denn in den zwei folgenden Wochen blieben die Umsätze einschlägig haltbarer Artikel hoch. Immer mehr Bürger, nun auch vermehrt aus der gesetzten Mitte, ahnten, was kommen würde und handelten im Sinne tradierter Empfehlungen: Denk daran, schaff Vorrat an!

Im Folgenden möchte ich nicht über die offenkundigen inneren Bruchlinien unserer Gesellschaft sinnieren. Es geht mir vielmehr um die seit kurzem wieder aktualisierte Figur des Hamsters und des Hamsterns. Während die neuen „Hamster“ wie in alten Zeiten das Verfügbare zu kauften, erinnerten sich nämlich auch zahlreiche Politiker und Journalisten an die lang zurückreichende Tradition, derart eigensinnig agierende Konsumenten in Krisen zu benennen, auszugrenzen und ihr Tun zu bekämpfen. Der schon vor Wochen einsetzende Gebrauch von Begriffen wie „Hamstern“ oder „Hamsterkäufe“ mag seine Berechtigung haben, denkt man etwa an die früh ausverkauften Schutzmasken und Desinfektionsmittel. Er ist jedoch primär ein Rückgriff auf tradierte Kriegs- und Krisenreflexe. Worte gingen den anfangs nur zaghaften Maßnahmen voraus, appellierten an die Ruhe als erste Bürger*innenpflicht, bevor man diese letztlich erzwang, ja, erzwingen musste. Dabei half auch der Handel, der die Abgabe der begehrten Artikel seit Ende der letzten Woche auf haushaltsübliche Mengen begrenzte. In der Krise gibt es keinen freien Konsumenten mehr. König Kunde dankt ab, hat sich dem Gemeinwohl zu fügen.

Der Hamster – Tier, Schädling, Mensch und Schlagwort

Der Hamster, genauer der Feldhamster, war zu Beginn der Moderne nicht nur ein possierliches Kerlchen, sondern lebte gemäß aufgeklärter Beobachter gar in einer „Art von bürgerlichen Gesellschaft“ (Fortsetzung der Abhandlung, daß sich der Flor und das Wachsthum eines gemeinen Wesens auf die Aufnahme der Wissenschaften gründe, Der Apothecker 1763, Nr. 28, 435-439, hier 436). Ordnungssinn und Voraussicht zeichneten ihn aus, ähnlich wie die Bienen und Ameisen. In der nationalökonomischen Literatur galt der Hamster noch im späten 19. Jahrhundert als ein Vorbild für den strebsamen Bürger. Er lebte nicht im Hier und Jetzt, sondern sorgte sich um die Zukunft, betrieb Vorratswirtschaft, quasi Kapitalakkumulation (Der Volksstaat 1875, Nr. 94 v. 18. August, 8). Der Hamster war ausdauernd und zielstrebig, seine Vorräte waren auskömmlich, konnten gar von Menschen genutzt werden (Wilhelm Roscher, System der Volkswirthschaft, T. 2, 7. stark verb. u. verm. Aufl., Stuttgart 1873, 17). Von Agrarwissenschaftlern und praktischen Landwirten wurde er dagegen immer auch als Schädling angesehen. Ihn zu vernichten, zum Schutz höherer, menschlicher Güter zu beseitigen, galt als opportun, zumal es Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts noch Abermillionen Feldhamster gab. Auf ihren Tod wurden insbesondere im Elsass und in Thüringen Prämien ausgesetzt. Die Hamsterjäger verkauften zudem das Fell und das wohlschmeckende Fleisch der Nagetiere. Ertragreich waren ebenso die erbeuteten Vorräte der Hamster: „Die Leute waschen die Körner einfach ab, trocknen sie wieder und vermahlen sie dann wie anderes Getreide“ (A[lfred] E[dmund] Brehm, Illustrirtes Thierleben, Bd. 2, Hildburghausen 1865, 147).

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Der Feldhamster (A[lfred] E[dmund] Brehm, Illustrirtes Thierleben, Bd. 2, Hildburghausen 1865, 141)

Übertragungen auf Menschen gab es schon im frühen 19. Jahrhundert. In einer der meistgelesenen damaligen bayerischen Zeitschriften findet sich etwa die Figur eines jüdischen Hamsters, eines Pfandleihers, dessen Besitz und Geschäftssinn ihn zu einer wichtigen untergründigen Figur der bürgerlichen Gesellschaft machte: „Da sah ich Leute zu Hamstern hereinschleichen, daß ich’s in meinem Leben nicht geglaubt hätte, daß sie ihn oder sein Haus je ansehen würden. […] ‚Lieber Hamster, guter Hamster, – Ehrenmann!‘ wurde er geheissen, obwohl sie ihm alle den Hals an den Galgen wünschten, – von diesen wurde er auf Monatscheine angewiesen, andere brachten Betten, Weißzeug, Kleider, Meubels u. dgl., daß er kaum Raum hatte zum Aufbewahren; dafür nahm er 30 Prozent, und war dabei so brutal, als ein Türke“ (Tages-Unterhaltungen in Freudenfeld. Tagesfahrt vom 13. und 14. Oktober, Sonntags-Blatt [des Bayerischen Volksfreundes] 1827, Nr. 47 v. 25. 11., 185-187, hier 186). Besitz wurde hier vermeintlich unlauter verwendet, der Hamster eingebunden in antisemitische Imaginationen von Wucher und Ausbeutung. Zeitgleich findet sich „hamstern“ als Tätigkeitswort, als Umschreibung individueller Sammelaktivität (Münchener-Conversations-Blatt 1833, Nr. 127 v. 7. Mai, 507). Die damalige populärwissenschaftliche Biologie vermenschlichte Tiere, charakterisierte den Hamster als Geizhals, so etwa in Heinrich Rebaus (d. i. Christian August Gebauer (1792-1852)) weit verbreiteter Naturgeschichte für Schule und Haus: „Er ist ernst und träge, doch muthig und tapfer, zornig, beißig, auch in seinem Hause streng und eigensinnig, in der Gefangenschaft immer tückisch und gefährlich, selbst wenn man ihm die Zähne ausgebrochen hat“ (Heinrich Rebau’s Naturgeschichte für Schule und Haus, 6. Aufl., neu bearb. v. Gust[av] Jäger, Hermann Wagner und O. Fraas, Stuttgart 1871, 202). Kinder sollten keinesfalls der Habsucht und dem Geiz des Hamsters nachzueifern (Der Hamster, Sonntags-Blatt [des bayerischen Volksfreundes] 1837, Nr. 16, Sp. 125-126, hier 126).

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Der (vermenschlichte) Hamster in der Karikatur (Fliegende Blätter 63, 1875, 167)

Derart negative Eigenschaften wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erst von Liberalen, dann von Sozialdemokraten auch in die politische Debatte eingeführt. Letztere kritisierten etwa Otto von Bismarcks (1815-1898) nahe an Vorteilsnahme grenzendes Finanzgebaren, indem sie vom hamsterartigen Aufspeichern staatlicher Gelder in seinem Gut in Schönhausen berichten (Der Sozialdemokrat 1885, Nr. 36 v. 3. September, 3. Der Begriff ist deutlich älter, vgl. Fliegende Blätter 19, 1866, 177) oder auf die von Arbeitergroschen strotzende „Hamstertasche“ (Der Sozialdemokrat 1887, Nr. 37 v. 10. September, 2) des Reichskanzlers verwiesen. Für die frühe Sozialdemokratie waren die Besitzenden tendenziell allesamt Hamster, heimsten sie sich doch das Geld des arbeitenden Volkes ein (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 236 v. 9. Oktober, 1): „Seht dort einen Hamster, sein Hoffen und Harren Und Trachten ist, Geld zusammen zu scharren. Trotz Menschenantlitz und fehlendem Schwanz, Verhamstert ist seine Seele ganz“ (Die Menagerie des Kapitalismus, Der wahre Jacob 7, 1890, 908). Von diesem bourgeoisen Menschentypus grenzte man sich ab: „Menschen ohne Erziehung, ohne Bildung, ohne Feinheit des Gefühls […], Menschen, die keine künstlerischen oder wissenschaftlichen Bedürfnisse haben – – kurz rohe, gemeine Naturen. Ihr ganzes Leben konzentrirt sich in der Pflege ihrer gemeinen, hamsterartigen Erwerbsmuth“ (Die Ritter der Arbeit [übersetzt von Nathalie Liebknecht], Berliner Volksblatt 1888, Nr. 239 v. 11. Oktober, 1-2, hier 1). Diese Abgrenzung war jedoch nicht nur antikapitalistisch, sondern häufig auch antisemitisch: „Und wie die Hamster schleppen sie zu Nest, im Börsentempel feiern Fest auf Fest Die arischen und die semit’schen Juden“ (Der wahre Jacob 8, 1891, 1091).

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Bankier Hamster als Prototyp von Geiz und Raffertum (Fliegende Blätter 51, 1869, 133)

Diese wenigen Zitate verweisen auf ein zunehmend breiteres Wortfeld im späten 19. Jahrhundert: Da ist von der Bismarckschen „Hamsterpolitik“ (Berliner Volks-Tribüne 1891, Nr. 19 v. 9. Mai, 7) die Rede, eine Umschreibung der agrarischen Schutzzollpolitik. Von „Hamstertaschen“ kann man wiederholt lesen, ebenso von „Hamsterhöhlen“ (Vorwärts 1894, Nr. 108 v. 12. Mai, 2; Vorwärts 1895, Nr. 161 v. 13. Juli, 2). Nicht die ungebührliche Selbstsorge des Einzelnen trat hierbei hervor, sondern die Akkumulation von Kapital und Positionen durch die oligarchischen Eliten resp. den politischen Gegner. Die straffe Haushaltsführung des preußischen Finanzminister Johannes von Miquel (1829-1901) erschien als „Hamstermanier“ (Vorwärts 1896, Nr. 277 v. 26. November, 2; ähnlich schon Kladderadatsch 45, 1892, 14) sowie im „Hamstergespann“ (Kladderadatsch 52, 1899, 151). Der liberale Kladderadatsch widmete dem wichtigsten deutschen Finanzpolitiker vor Matthias Erzberger (1875-1921) gar ein Spottgedicht über „Minister Hamster“ (Kladderadatsch 44, 1896, 57). Auch die konservativen Kandidaten „hamstern“ dank des Dreiklassenwahlrechts Mandate im preußischen Abgeordnetenhaus (Vorwärts 1901, Nr. 173 v. 27. Juli, 3). Das Wortfeld „Hamster/n“ stand damals für zu Unrecht Erworbenes, für ein Fehlverhalten gegenüber der Allgemeinheit. Um die Jahrhundertwende wurde es kritisch genutzt, forderte die Regierung und die herrschenden Klassen heraus: „Der Marder hat sein sich’res Haus, Der Hamster hat sein Essen; Nur euch verfolgt und stößt man aus, Nur ihr seid ganz vergessen“ (Hermann Lingg, Nachtstille, Vorwärts 1905, Nr. 141 v. 20. Juni, Unterhaltungsbeilage, 466). Das aber änderte sich langsam nach Beginn des Ersten Weltkrieges.

Brüche in der Rationierungsgesellschaft – Hamstern 1914 bis 1923

Das Wortfeld Hamster/n geriet während des Ersten Weltkrieges rasch in Fluss, erhielt zahlreiche neue, bis in die heutige Corona-Krise reichende Bedeutungsnuancen. Dabei überholte das Tätigkeitswort „Hamstern“ den Hamster.
Das Wortfeld wurde erstens auf den Lebensmittel- und Gütersektor verengt. Das geschah von 1914 bis 1916, zu Zeiten also, als Hamstern noch kein allgemein genutzter Alltagsbegriff war. Das Deutsche Kaiserreich mochte für den Ausbruch des Weltenbrandes ein gerütteltes Maß an Verantwortung tragen, doch vorbereitet war es für dieses Vabanquespiel nicht. Die frühen Maßnahmen zur Lebensmittelversorgung blieben allesamt moderat, noch bestand Siegeserwartung. Das Militär etablierte gesonderte Strukturen, das Land versorgte sich aus eigenen Beständen, während die urbanen Konsumenten nur langsam mit den strukturellen Problemen konfrontiert wurden, denn man besaß ja noch beträchtliche Vorräte in Lagern, Depots, Läden und den Haushalten. Die auch für das Zivilleben verantwortlichen Militärbefehlshaber etablierten ab August 1914 Höchstpreise für wichtige Güter. Eine allgemeine Rationierung gab es nicht, erst im Januar 1915 begann die Beschlagnahme und Verteilung von Getreide und Mehl, dann die Streckung des Brotes (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 239-251).

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Ungebührlicher Einkauf der Hamsterin im Ersten Weltkrieg (Ulk 45, 1916, Nr. 16, 5)

Angesichts der zu den Waffen gerufenen Männer standen insbesondere Konsumgüterproduzenten und -händler unter Druck, so dass zu Kriegsbeginn Konsum durchaus erwünscht war. Das Deutsche Reich war eine Konsumgesellschaft, Einkauf schon damals Bürgerpflicht. Das galt auch für die Arbeiter, die nun, wo das Vaterland in Gefahr war, endlich als „Deutsche“ anerkannt wurden. Gleichheit sollte auch im Konsumbereich herrschen, jeder auskömmlich versorgt werden. Der Ausrufung des Kriegszustandes folgte daher kein allgemeines „Hamstern“. Es waren vor allem bürgerliche Hausfrauen, die aus „Angstmeierei“ „ein Rennen in die Lebensmittelgeschäfte, ein planloses Einkaufen“ begannen (Luise Zietz, Können Hausfrauenvereine den Arbeiterfrauen nützlich sein?, Vorwärts 1915, Nr. 205 v. 27. Juli, 7). Der Hamster, genauer die Hamsterin, lebte in gesicherten Verhältnissen, wollte Vorsorge treffen, hatte dazu auch die Mittel. Haltbare und höherwertige Waren standen auf ihrer Einkaufsliste, Kaffee, Zucker, Mehl, Reis, auch Butter und Käse, nicht jedoch das seit dem späten 19. Jahrhundert verfügbare perforierte Toilettenpapier. Kritik kam insbesondere aus der arbeitenden unteren Mitte der Gesellschaft, durchaus noch im Einklang mit tradierten Vorstellungen von besitzenden Hamstern (Hamster, Mitteilungsblatt der Großeinkaufs-Gesellschaft 2, 1914, 38). Sie wurden denunziert, gewünscht, dass sie an ihren Vorräten ersticken – doch es schien sich anfangs um eine ärgerliche Petitesse zu handeln, nicht um ein dauerhaftes Massenphänomen. Die zugreifenden Bürgerinnen taten zudem ja nur das, was sie schon zuvor getan hatten: „Es wird viel über das ‚Hamstern‘ einzelner geschrieben, und die moralische Entrüstung darüber gehört zu den stehenden Klischees in den Zeitungen. Indessen will uns scheinen, daß moralische Entrüstung über den wirtschaftlichen Eigennutz des einzelnen in einer Gesellschaft sehr unangebracht ist, in der dieser Eigennutz die Haupttriebkraft bei jeder wirtschaftlichen Betätigung bildet“ (Die Zuckerfrage, Die Gleichheit 26, 1916, Nr. 17, 125-126, hier 126). Die Vertreter der Arbeiterbewegung forderten stattdessen seit 1915 eine möglichst umfassende und gerechte Rationierung, ihre Konsumgenossenschaften boten dafür eine organisatorische Blaupause.

In der Übergangszeit 1914-1916 finden sich weitere ausdifferenzierte Einschätzungen, wurde die Logik der „Vorversorgung“ (Josef Rieder, Die Hamsternatur des Menschen, Prometheus 17, 1916, 554-557, hier 555) durchaus anerkannt. Hamstern sei zwar moralisch grenzwertig, doch handele es sich eigentlich um ein sinnvolles Erbe vorindustrieller Mangelgesellschaften. Veränderte globale und nationale Handelsnetze, eine moderne Nahrungsmittelindustrie, ein leistungsfähiges Handelssystem und anders strukturierte, nicht mehr auf Vorratshaltung eingerichtete Häuser und Wohnungen hätten dies jedoch geändert. Dennoch sei Hamstern unklug, da moderne Zeiten durch Preismechanismen gekennzeichnet seien, ungebührliches Kaufen zu allgemeinen Preissteigerungen führe, der Markt also den Hamster bestrafen würde. Die Krise wurde damals auch als Chance für vermehrte Vorsorge verstanden: „Man wird nicht mehr sagen: man bekommt ja doch alles beim Kaufmann, sondern lieber vorbauen, denken: man kann nie wissen, wie es kommt.“ (Rieder, 1916, 557)

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Vorratskammer eines gutbürgerlichen Hamsters (Der wahre Jacob 33, 1916, 9008)

Hamstern, bis 1917 vielfach noch in Anführungszeichen geschrieben, wurde zweitens seit 1916 zum von bürgerlichen Konsumenten getragenen Massenphänomen. Grund hierfür war der wachsende Nahrungsmangel und die Etablierung eines allerdings lückenhaften Rationierungssystems. Im Mai 1916 wurden das Kriegsernährungsamt gegründet, Fleischkarten eingeführt, zugleich aber Höchstmengen für den häuslichen Vorrat beschlossen. Pro Kopf durften damals bis zu 2 kg Fleisch und Fleischwaren, 1 kg Schmalz und Speisefette, 1 kg Kaffee, 1 Pfd. Kakao, ein halbes Pfd. Tee, 2,5 kg Zucker, 1,5 kg Teigwaren, 10 frische und 100 konservierte Eier vorhanden sein (Gegen das Hamstern, Vorwärts 1916, Nr. 110 v. 20. April, 5). Derartige Maßregeln reagierten auf die seit Frühjahr 1916 immer stärkere Vorratshaltung städtischer bürgerlicher Konsumenten, die dem Rationierungssystem Nahrungsmittel entzog und inflationären Druck schuf. Schon 1915 begannen viele Städter, erst auf Wochenmärkten, dann auch in vielen ländlichen Geschäften frei verkäufliche Waren aufzukaufen: „Von früh an stand der Hamster Schar In meilenlanger Chaine Vor jedem Milch- und Wurstgeschäft Sich in den Bauch die Beene“ (Der wahre Jacob 33, 1916, 9139). Sie zahlten mehr als die Höchstpreise, veranlassten so viele Selbstversorger derartig profitable Geschäfte abzuschließen. Dagegen wurde anfangs moralisch argumentiert, etwa in einem Erlass des sächsischen Innenministeriums gegen die „Torheit des ‚Hamsterns‘, deren sich jeder denkende Staatsbürger schämen sollte, […]“ (Gegen die Lebensmittelhamsterei, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 9, 1916, 62). Gegenüber dem Bürgertum schien Repression anfangs jedoch nicht recht angemessen (Strünckmann, Die Furcht vor Unterernährung, Die Lebenskunst 11, 1916, 167-168; Das Hamstern, Vorwärts 1916, Nr. 105 v. 16. April, 6).

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Besitz als Zweck des vermenschlichten Tiers, sei er Hamster, sei er Frosch (Meggendorfer Blätter 105, 1916, 111)

Die moralische Diskreditierung wurde dennoch zunehmend von Strafandrohungen begleitet, Verstöße gegen die heimischen Vorratsbeschränkungen konnten mit Geld- und gar Gefängnisstrafen geahndet werden. Ab September 1916 mussten dann Betriebe, Institutionen, aber auch Haushalte ihre Vorräte offiziell angeben, falsche Angaben konnten strikt bestraft werden. Allerdings war der Kontrolldruck gering, entsprechend verpufften die Maßnahmen. Angesichts des nahenden „Steckrübenwinters“ intensivierte sich das Hamstern: „Der Städter begnügte sich nicht mehr damit, in seinen unmittelbaren Kaufbereich gelangte Ware aufzukaufen, er ging selbst auf die Dörfer, um den Erzeuger unmittelbar »anzugreifen«. Der übliche Sonntagsausflug wurde dazu benutzt. Doch ging man nicht nur selbst aufs Land, um für die eigene Familie einzukaufen. Nach allen Richtungen wurden Aufkäufer ausgeschickt. So entwickelte sich ein regelrechter »Hamsterhandel«. Man überbot sich gegenseitig und trieb die Preise in die Höhe. Bei der Jagd um die Ware kam es nicht selten zu häßlichen Auftritten, deren Folgen (Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Beamtenbeleidigungen) nachher die Strafgerichte beschäftigten“ (August Skalweit, Die deutsche Kriegsernährungswirtschaft, Stuttgart et al. 1927, 219). Bis Ende 1916 wurden behördliche Maßnahmen gegen das Hamstern von Sozialdemokraten unterstützt, denn dies entsprach ihrer tradierten Kritik der bourgeoisen Hamster. Noch 1922 galt ihnen der Hamster als „der Retter und Erhalter des Bürgertums in den Tagen der Rationierung“ (Der wahre Jacob 39, 1922, 10598). Sie begrüßten daher auch die ab Herbst 1916 intensivierten Kontrollen an Bahnhöfen oder Kontrollstellen, die zu Strafen und zur Konfiszierung des Hamstergutes führten (Eine recht fatale Ueberraschung, Vorwärts 1916, Nr. 31 v. 13. November, 4). Sie waren vorrangig Folge einer veränderten Lage auf dem Lande. Während die zahlungskräftigen Städter anfangs gern gesehene Käufer waren, wurde ihr immer massenhafteres und drängenderes Auftreten zunehmend zur Plage. Es blieb nämlich nicht nur bei illegalen Einkäufen, sondern auch die Zahl der Diebstähle auf Feldern und Höfen nahm massiv zu.

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Die Wehrhaftmachung des Landes gegen die Hamster (Fliegende Blätter 149, 1918, 9)

Die verstärkte Kontrolle des Hamsters wurde in den unter Zensur stehenden Zeitschriften zumeist begrüßt. Doch angesichts der Hungerkrise des Frühjahrs 1917 weitete sich das Hamstern massiv aus, da nun auch weite Teile der Arbeiterschaft aktiv wurden. Das führte drittens zu einem wachsenden Verständnis für das Hamstern: Not kennt kein Gebot – und angesichts elementaren Hungers und eines ineffizienten Rationierungssystems handelte es sich um Selbsthilfe, um eine Art von Mundraub (Anne Roerkohl, Hungerblockade und Heimatfront. Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkrieges, Stuttgart 1991, 261-286). Hamstern galt zunehmend als eine große „Zeitsünde“ (Meggendorfer Blätter 107, 1916, 150), die zu beichten sei, von der man in „diesen Tagen, da selbst die innerlich Gefestigten der Hamsterei verfallen“ (Zeichen der Zeit, Der wahre Jacob 34, 1917, 9207) jedoch nicht recht lassen konnte.

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Heuchelei als Alltagsphänomen (Fliegende Blätter 147, 1917, 162)

Die Appelle an das Gemeinwohl der eisernen Nation ertönten weiterhin: „Auch der Verbraucher stellt sein eigenes persönliches Wohlergehen hinter das Gesamtwohl; mehr als bisher ist ihm im dritten Kriegsjahr bewußt, daß es sich nicht allein um sein kleines Ich, sondern um die Gesamtheit handelt“ (Die Kriegsernährungs-Wirtschaft 1917, hg. v. Kriegsernährungsamt, Berlin 1917, 72). Die Geltung der Verordnungen wurde propagiert, doch auch amtlich ein gewisser lebenspraktischer Pragmatismus empfohlen: Im Heim „muß der gesunde Menschenverstand die Verordnungen ersetzen, der Verbraucher muß, soweit die Regelung der Behörde fehlt, sein eigener Gesetzgeber sein. Sparsamkeit ist eine der Hauptpflichten der Verbraucher, aber nicht die falsche ‚Sparsamkeit‘, für die man im Kriege den Ausdruck: ‚Hamstern‘ geprägt hat. Es ist freilich unmöglich, diese Kriegserscheinung mit Strafen und Verboten auszurotten. Um so mehr muß der Einzelne sein Gewissen schärfen und sich selbst sagen, wo die in der Kriegszeit angemessene Versorgung mit Vorräten aufhört und wo das Hamstern beginnt“ (Kriegsernährungs-Wirtschaft, 1917, 73). Die Handlungsfähigkeit der Heimatfront war zentral, Ehrlichkeit und moralische Integrität würden das Hamstern schon in engen Bahnen halten. Zahlreiche Broschüren unterfütterten derartigen Pragmatismus ([Ernst] Bräuer, Wie esse ich mich satt trotz der Kriegszeit und ohne Hamsterei? Ein Ratschlag für den Großstädter, wie er mit den gebotenen Lebensmitteln auskommen kann, Berlin 1917). Dies ging einher mit einer zunehmend breiteren Definition des Hamsters. Es gab nicht nur den bürgerlichen Angst- und Vielfraßhamster sowie den allseits anzutreffenden Heuchelhamster. Händler wurden zu Reisehamstern, Bauern zu Landhamstern, Offizielle zu Gemeinde- und Reichshamstern. In der Not rafften alle zusammen, waren auf ihren Vorteil bedacht (Kategorien nach Der Kriegshamster, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 10, 1917, 4). Das führte zu wechselseitiger augenzwinkender Nachsicht, denn irgendwie schien jeder zu hamstern.

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Hamsterinnen bei der Rückkehr (Die Woche 21, 1919, 636)

Besondere Bedeutung gewannen ab 1917 die Hungernden in Städten und Industriebezirken: „Aber was sollen sie denn machen? Mit ein paar Gramm Butter und den paar Pfund Kartoffeln, die sie als Wochenration beziehen, damit können sie beim besten Willen nicht auskommen. Also zieht man aus, allein oder in geschlossenen Familientrupps, mit Ruck- und andern Säcken, mit Taschen jeder Art und Größe bewaffnet. Das Eisenbahnabteil gleicht zwar einer vollgepfropften Sardinenbüchse, doch das schreckt nicht ab, locken doch die wunderbarsten eßbaren Dinge nach überstandener Schreckensfahrt. Das Auge sieht im Geiste Speck und Schinken, Butter, Eier und Kartoffeln gleich der lieblichsten Fata Morgana vorüberziehen“ (Hamsters Freuden und Leiden, Hannoversche Hausfrau 14, 1917, Nr. 38, 7). Angesichts von Not und Hunger schienen kriminelle Handlungen durchaus gerechtfertigt, etwa die viel beklagten Felddiebstähle. Ruth von der Leyen (1888-1935), damals Leiterin der Berliner Jugendgerichtshilfe und später Propagandistin der Psychopathenfürsorge, schrieb mitfühlend: „Man rückt aus der Stadt aus, weil man hungern muß und geht aufs Feld und nimmt sich, was man findet. Die Mutter schickt ihren Jungen ‚hamstern‘, weil sie das Hungern der Kinder nicht mehr mit ansehen kann und weil Kartoffeln doch wenigstens satt machen. Was soll die Mutter auch zu Sommers Anfang tun, wenn es weder Brot noch Kartoffeln noch Gemüse in einigermaßen ausreichender Menge gibt? Kann man es einer Mutter verargen, wenn es ihr dann gleichgültig ist, wo Gemüse und Kartoffeln herkommen, wenn sie nur etwas hat, um sich und die Familie satt zu machen?“ (Die englische Hungerblockade in ihren Wirkungen auf Kriminalität und Verwahrlosung Jugendlicher, in: Max Rubmann (Hg.), Hunger! Wirkungen moderner Kriegsmethoden, Berlin 1919, 37-47, hier 40). Generell nahm gegen Kriegsende der Kontrolldruck auf die kleinen Hamster wieder ab, machten Gerüchte die Runde, dass sie nicht mehr scharf belangt werden würden („Schutz der kleinen Hamsterer.“, Metallarbeiter-Zeitung 36, 1918, 104). Offiziell handelten die Behörden anders, verwiesen auf die immer wieder verschärften Strafandrohungen. Informell aber handelten sie pragmatisch, auch, weil die Bediensteten selbst Hunger hatten.

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Kontrolle von Hamstern an einer Bahnsperre (Die Woche 21, 1919, 636)

Diese relative Lockerung hatte jedoch noch eine andere Ursache. Viertens begannen kriegswichtige Industriebetriebe und auch viele Kommunen spätestens 1916/17 mit dem Hamstern (Skalweit, 1927, 220). Zur Versorgung ihrer Belegschaften und ihrer Bürger kauften sie nicht nur in großem Maße Nahrungsmittel und Brennmaterial ein, sondern überboten die Höchstpreise und trieben damit die Preise weiter in die Höhe. Damit unterminierten sie das unzureichende Rationierungssystem, zumal individuelle Hamsterfahrten geduldet und unterstützt wurden, um Streiks, Krankfeiern und Bummeln zu minimieren. Dem rigiden Hilfsdienstgesetz von 1916 zum Trotz legten zahlreiche Betriebe gar Feierschichten ein, um Landpartien zu ermöglichen, gewährten ihren Beschäftigten teilweise Geldzuschüsse zum Hamstern (Bekämpfung der Schleichversorgung, Beiträge zur Kommunalen Kriegswirtschaft 3, 1918, 7). Sarkastisch hieß es: „Wie schön sich alles entwickelt doch! Das Hamstern, das wird zur Tugend noch!“ (Der wahre Jacob 34, 1917, 9379).

Der rasche Siegeszug des Hamsterns geriet in einer Konkurrenzwirtschaft dadurch an Grenzen. Denn zwischen die kleinen und die großen Hamster etablierte sich seit 1916 der sog. Schleichhandel. Aufkaufspezialisten professionalisierten die Beschaffungsarbeit der Einzelnen, waren zugleich flexibler als die Großbetriebe und Kommunen. Sie waren illegal und zugleich doch eine vielfach notwendige und anfangs auch informell geduldete Antwort auf Unterernährung und Hunger. Spätestens 1917 besaßen Schleichhändler beträchtliche Marktanteile, wurden öffentlich aber immer stärker zum Synonym für „verbrecherische Umtriebe“ und die „furchtbare Lebensmittelnot“ (Der Schleichhandel – die Volksgefahr!, Vorwärts 1917, Nr. 344 v. 16. Dezember, 1-2, hier 1). Hamstern, Schleichhandel, Kettenhandel und Wucher wurden vermengt (Hamsterkongreß 1917, Kladderadatsch 70, 1917, 612), galten fünftens als Ausdruck einer sich im Inneren auflösenden Heimatfront. Während gegen Kriegsende das Hamstern der Vielen begrenzt geduldet, das Hamstern der Großen deutlich zurückgeführt wurde, geriet der Schleichhandel ins Zentrum der Strafverfolgung – obwohl er objektiv eine professionellere und effizientere Form des Hamsterns war.

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Tötungsfantasien: Hamsterjagd 1916 (Der wahre Jacob 33, 1916, 9029)

Die Folge war eine bis 1924 reichende in sich widersprüchliche Debatte. Während informelle Nahrungsbeschaffung während der Rationierung, der Zwangswirtschaft und auch der Hyperinflation für breite Bevölkerungskreise notwendig und für viele „Schieber“, „Schleichhändler“ und „Wucherer“ profitabel war, wurde der gesamte informelle Sektor zunehmend verdammt und galt insbesondere bei rechts- und linksextremen Gruppen sechstens als Ausdruck einer verrotteten Republik: „Wie ein fressendes Gift, das sich tiefer und tiefer einätzt, haben sich Schleichhandel und Hamsterei leider auch in unserer Stadt und Provinz, die ja immer als eine wohlhabende gilt, eingenistet, und wie ein Krebsgeschwür nagt beides an unserer Volksernährung“ (Die leidige Hamsterfrage in Hannover, Hannoversche Hausfrau 15, 1918, Nr. 21, 1). Obwohl in diesem Artikel beherzt für die kleinen, nur ihren Grundbedarf deckenden Hamster eingetreten wurde, waren in ihm doch wesentliche Zerrbilder angelegt, die den Hamster als zersetzende Kraft deuteten: „Freimaurern gleich ist unter dem Hamstervolke das Wissen und die Kenntnis verbreitet, wo es etwas zu holen gibt, wo die ländlichen Verkäufer sich den Lockungen der ihnen verführerisch vor die Augen gehaltenen Kassenscheine gegenüber widerstandsfähig zeigen oder nicht; wo eine Hamsterfahrt sich lohnt, und wo man vergebens fährt“ (Hamsterfrage, 1918).

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Hamster, Schieber, Schleichhändler in einer Person (Fliegende Blätter 154, 1921, 71)

Der Hamster, so schien es, wirke untergründig, sei verschlagen, nur auf seinen Vorteil versessen, sein Treiben streue „das Gift der Heimlichkeiten, des Mißtrauens und des Argwohns“ zwischen die Menschen (Auf Schleichwegen, Hannoversche Hausfrau 15, 1918, Nr. 28, 1). Gerade während des Abwehrkampfes um die Republik 1919/20 knüpften Spartakisten und Kommunisten wieder an die antikapitalistischen Vorkriegsdeutungen des Hamsters an, während auf der nationalistischen und völkischen Seite der Republikfeinde Hamster, Schieber und Wucherer zu Negativfiguren antisemitischen Denkens mutierten (Auf der Höhe der Zeit, Kladderadatsch 73, 1920, 174). Derweil wurde weiter gehamstert. Die Nennungen erreichten 1919 einen Höhepunkt, nahmen mit der Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung dann jedoch ab. Während der Inflation verlagerte sich die Debatte zuerst auf das Hamstern von Sachwerten (Der wahre Jacob 38, 1921, 10238), doch im Krisen- und Hungerjahr 1923 führte das Nahrungs- und Kohlehamstern von Händlern und Institutionen zu massiven öffentlichen Protesten und zahlreichen gewalttätigen Krawallen (Die rücksichtslose Brothamsterei 1923, Vossische Zeitung 1923, Nr. 501 v. 23. Oktober). Individuelles Hamstern war zwar rechtlich inkriminiert, wurde aber vielfach geduldet.

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Positive Verwendung des Hamsters in der Sekt-Werbung (Lustige Blätter 33, 1918, Nr. 28, s.p.)

Fasst man die Wandlungen des Wortfeldes Hamster/Hamstern während des Jahrzehnts der Ernährungskrise 1914-1923 zusammen, so verbreitete sich dieses beträchtlich, obwohl es sich auf den Lebensmittel- und Gütersektor verengte. Der Hamster war eine denunziatorische Figur, zugleich ein um sein Überleben ringendes Wesen. Er erschien bürgerlich schaffend, auf Ordnung zielend, zugleich aber als asozial und egomanisch. Der Nager diente als antibürgerliche Antigeneralisierung der Schwachen gegen eine ungerechte und inkompetente Herrschaft. Er erlaubte die Vertierung von Verteilungskonflikten zwischen Menschen, stand als Schädling außerhalb gängiger Rechtsnormen. Entsprechend bündelte der Begriff Tötungs- und Vernichtungsfantasien, legitimierte brutale Gewalt. Er entgrenzte den wirtschaftlichen, aber auch politischen Kampf, konnte doch sein „Bau“, sein Heim, nicht unbehelligt bleiben. Beliebig füllbar war das Wortfeld projektionsoffen. Der Hamster stand für Selbstbehauptung gegen den Maßnahmenstaat, bot diesem aber auch eine perfekte Angriffsfläche. Wenn alle hamsterten, war jeder angreifbar.

Der Hamster als Volksschädling während der NS-Herrschaft

Übergehen wir in diesem gegenwartsgetriebenen kurzen Rückblick die stete Kritik an Schiebern, Raffkes und Hamstern, die seit den späten 1920er Jahre vor allem die Agitation der KPD und NSDAP prägte und auch zu gewalttätigen Übergriffen führte. Die antisemitische Aufladung nahm deutlich zu, die positiven Aspekte des Hamsterdaseins fielen dagegen kaum noch ins Gewicht. Besitz und Wohlleben konnten doch keine veritablen Ziele sein, wenn man für Rasse und Klasse marschieren, skandieren und schlagen konnte (Der wahre Jacob 49, 1928, Nr. 6, 14).

Der Hamster verschwand daher nicht nach der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer deutschnationalen Bundesgenossen. Dazu war er als Agitationsbegriff gegen besitzende Minderheiten und vermeint Asoziale viel zu nützlich. Zudem änderten sich mit dem schon während der Zeit der Präsidialkabinette begonnenen Umbau der Landwirtschaft, des Güterabsatzes und der Außenwirtschaft die Regeln für wirtschaftliches Handeln und auch den Einkauf tiefgreifend. Im September 1933 wurde der Reichsnährstand etabliert, im Februar 1934 seine Aufgaben präzisiert (Spiekermann, 2018, 366-369). Es folgten festgesetzte Preise, vermeintlich „gerechte“ Handelsspannen, strikte Regulierungen von Erzeugung und Absatz. Marktmechanismen wurden damit auf breiter Front außer Kraft gesetzt. Graue und schwarze Märkte entstanden, getragen von vielen „Schiebern“, „Wucherern“, „Schleichhändlern“ und „Hamstern“.

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Der Hamster als Volksschädling (Kladderadatsch 90, 1937, 23)

Trotz des vermeintlichen nationalen Aufbruchs gab es nämlich beträchtliche Versorgungsprobleme, insbesondere im von Devisenzahlungen stark abhängigen Fettsektor. Die Versorgung mit Butter und Margarine war prekär, schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Kundenlisten und Bezugsscheine. Die Volksgenossen sorgten sich: „So gings im Kriege los; bald kommen die Brotkarten“ (Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 4, 1937, ND Salzhausen und Frankfurt a.M. 1980, 47). Doch die Propaganda des Regimes und eine unter Zensur stehende und zugleich willfährige Presse hielten mit Beruhigungen, Zwangsmaßnahmen und Antigeneralisierungen gegen. Der Hamster erschien immer wieder als „Volksschädling“, der die Aufbauarbeit des Regimes untergrub (Hamsterbekämpfung, Kladderadatsch 87, 1934, 741): „Fragt dich ein Hamsterer erschreckt: ‚Hast du dich auch schon eingedeckt?‘, Wirf ihn hinaus, den blöden Schuft; ‚Eindecker‘ setzt man an die Luft!“ (Zeitgemäßer Rat, Kladderadatsch 87, 1934, 751).

Der Hamster hatte bedrohliche Züge, war zugleich aber ein nützliches Element in der Brechung von Widerstand im Versorgungssektor. Er wurde antisemitisch, aber auch antikapitalistisch aufgeladen. Die Nationalsozialisten führten also nicht nur ihre eigene Agitation der Weimarer Zeit und der Präsidialkabinette fort. Sie koppelten sie vielmehr mit tradierten Bedeutungsebenen, die sich gegen den raffenden Kapitalisten und den vom Volk sich absentierenden Bürger richteten. Reih Dich ein in des Volkes Einheitsfront, weil Du selbst ein Deutscher bist. Das war wichtig zur Durchsetzung der NS-Herrschaft gegenüber konservativ-besitzbürgerlichen Schichten, ebnete aber auch den Weg für Maßnahmen gegen Juden und vermeintlich Asoziale. Der Hamster wirkte gemeinschaftsbildend, war selbst jedoch gemeinschaftsfremd, war entsprechend auszustoßen und zu bekämpfen (Hier spricht Frau Raffke (Eine kleine Hamster-Biesterei), Kladderadatsch 88, 1935, 640). Bemerkenswert ist auch die vermehrte Verwendung von antisemitisch aufgeladenen Hamsterbildern nach der Reichspogromnacht 1938, die zur Rechtfertigung der offen rechtswidrigen Aktionen des NS-Staates dienten (Die Träne quillt, Kladderadatsch 91, 1938, 338; Kladderadatsch 92, 1939, 724). Schließlich aber diente die Figur des Hamsters zur Stärkung einer spezifisch deutschen Moral, einer rassistisch begründeten Ehre. Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink (1902-1999) forderte von den haushaltführenden Frauen Unterstützung für die Konsumpolitik des NS-Regimes und fuhr fort: „Ebensowenig werden wir das Schauspiel mangelnder Volksgemeinschaft bieten, indem wir durch Hamstern und Angstkäufe eine vorübergehende und geringe Knappheit zu einer krisenmäßigen Erscheinung werden lassen, bei der immer die ärmeren Volksgenossen die Hauptleidtragenden sein würden“ (Ernährungs-Dienst, Folge 8, 1935, 1). Nicht zu Hamstern wurde zur sozialen Tat, war Sorge der Besitzenden für die Besitzlosen, der Starken für die Schwächeren.

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Tod dem Hamster – zumindest offiziell (Fliegende Blätter 197, 1942, 195)

Derartige Appelle an Integrität und Ehrbarkeit wurden vor und während des Krieges jedoch häufig mit strikten Strafandrohungen sowie Vernichtungsfantasien gekoppelt. Nachrichten über die massenhafte Tötung von Feldhamstern wurden beifällig kommentiert: „Bravo, ihr Bauern und Landwirte! Macht auch künftig alle Hamsterer rücksichtlos dingfest!“ (Kladderadatsch 95, 1942, 943). Der Hamster, so in einer der zeittypischen „humoristischen“ Glossen, sollte eigentlich in „Zuchthäusler“ umbenannt werden (Kladderadatsch 95, 1942, 324). Doch dies war auch Reaktion auf die nach Kriegsbeginn rasch zunehmenden Hamsterfahrten, teils individuell, teils durch Zwischenhändler. Eier, Geflügel, Fleisch und Butter standen auf der Liste der Begehrlichkeiten, bezahlt aber wurde vielfach nicht mit Geld, sondern mit Sachwerten, etwa Seife oder aber Benzin (Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, hg. v. Heinz Boberach, Bd. 3, Herrsching 1984, 462). Anders als während des Ersten Weltkrieges begann der NS-Staat seit Kriegsbeginn, Hamstern und Schleichhandel systematisch zu diskreditieren, ihre Träger als „Lumpen“, als Gemeinschaftsfremde auszugrenzen: „Es geht nicht an, daß einzelne Volkskreise ohne sachlichen Grund lediglich dank verwandtschaftlicher Beziehungen oder vielleicht auch eines besonders leistungsfähigen Geldbeutels besser gestellt werden und dadurch die Ablieferungsmengen der landwirtschaftlichen Betriebe der Gesamtversorgung entzogen werden. Im Weltkrieg hat die hemmungslose Ausdehnung dieses Hamsterbetriebes neben der falschen Erzeugungspolitik mit dazu geführt, daß die ordnungsgemäßen Zuteilungen immer geringer wurden und eine auskömmliche Ernährung nicht mehr zuließen“ (Gustav Behrens, Erzeugungsschlacht 1940, Der Vierjahresplan 4, 1940, 8-10, hier 8). Die vom Herbst 1941 bis Frühjahr 1942 durchgeführte Kampagne um „Herrn Bramsig und Frau Knöterich“ zielte entsprechend auf wohlsituierte Spießer, die sich nicht in die Volksgemeinschaft eingliedern wollten. Neid auf andere, mit besseren Kontakten, mit mehr Möglichkeiten, war und ist ein wichtiger Grund für die Wirksamkeit einschlägiger Hamsterimaginationen.

Und doch, die NS-Verantwortlichen hatten aus dem Versorgungsdesaster des Ersten Weltkrieges gelernt. Schon vor Kriegsbeginn startete eine umfassende Rationierung, die die Grundbedürfnisse im Wesentlichen sicherte und durch die massiven Entnahmen aus eroberten Staaten während des Krieges weiter stabilisiert wurde. Wichtig war vor allem die Einbindung der Bauern und Selbstversorger in das Rationierungssystem. Diese hatten strikte Ablieferungspflichten und verfügten über deutlich weniger Handelsgüter als im Ersten Weltkrieg. Während offiziell das Hamstern strikt untersagt war und harte Strafen galten, war eine gewisse Selbstversorgung der Konsumenten durchaus möglich. Ein von Adolf Hitler (1889-1945) autorisiertes Rundschreiben des Leiters der Parteikanzlei, Martin Bormann (1900-1945), betonte 1943: „Volksgenossen, die sich in begrenztem Umfange Lebensmittel, die nicht der Bewirtschaftung unterliegen, verschaffen, seien nicht durch kleinliche Polizeikontrolle zu ärgern“ (zit. n. Gustavo Corni und Horst Gies, Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 571).

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Das viele wenig: Hamstern von Futtermitteln humoristisch-didaktisch (Fliegende Blätter 200, 1944, 135)

All dies stabilisierte die Lebensmittelversorgung. Man sollte allerdings nicht aus dem Blick verlieren, dass Hamstern während der 1936 massiv einsetzenden kriegsvorbereitenden Vorratswirtschaft eine staatliche Tugend war und die vielfach korrupten Eliten des NS-Staates ihren Lebensstandard während des Krieges auch illegal bewahrten (Lothar Gruchmann, Korruption im Dritten Reich. Die „Lebensmittelversorgung“ der NS-Führerschaft, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 42, 1994, 571-593). Graue und schwarze Märkte – im kollektiven Gedächtnis meist der Nachkriegszeit zugeordnet – nahmen während des Krieges deutlich zu. Neue Formen des Tauschhandels entwickelten sich, halfen Beschaffungsprobleme in einer Befehlswirtschaft zu mindern. Derartige Koppelungskäufe konnten durch drakonische Strafen und eine eigens eingerichtete Ehrengerichtsbarkeit nicht verhindert werden (Ehrrühriger Tauschhandel, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 526-527), denn auch urbane Verbraucher tauschten in ihrem Umfeld vielfach Waren, hamsterten sie zur Notbevorratung. Die Bäume und Mauern vieler Städte waren Ende 1942 trotz Verboten derartig mit Tauschzetteln beklebt, dass dies als Verschandelung gewertet wurde (Gebrauchtwarentauschstellen, Die Deutsche Volkswirtschaft 12, 1943, 668). Doch auch hier regierte das NS-System flexibel, erlaubte offizielle Gebrauchtwarentauschstellen zur „Mobilisierung ungenutzter Werte“ (Tauschstellen des Handels, Die Deutsche Volkswirtschaft 12, 1943, 1054-1055, hier 1054).

Das „Hamstern“ vieler Privatpersonen blieb ein zentrales Problem der Heimatfront, lockten angesichts der geltenden Festpreise doch hohe Gewinne (Blick in den Keller, Frankfurter Zeitung 87, 1943, Nr. 385/386 v. 31.07., 3). Bezeichnend war etwa der inkriminierte Fall eines Schuhwarengeschäftes im niedersächsischen Landkreis Bersenbrück, dessen Bearbeitung sich über mehr als ein halbes Jahr hinzog, da die beschlagnahmten Güter von lokalen Handlungsträgern eigenmächtig weiterverteilt worden waren (Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 430, Dez. 106, acc. 15/65, Nr. 319, Bd. 1 und Bd. 2). Allein die relative Effizienz der Grundversorgung und die zunehmend härtere, letztlich aber nur punktuell umgesetzte Bestrafung bei Preisvergehen und Schwarzhandel hielt die Schattenwirtschaft während Krieges in systemstabilen, teils auch systemstabilisierenden Grenzen (Die neue Verbrauchsregelungs-Strafverordnung, DHR 35, 1942, 34-35). Zudem garantierte bis zur totalen Niederlage 1945 der „deutsche“ Handel bis zur Selbstaufgabe die Versorgung in der Volksgemeinschaft (Uwe Spiekermann, L’approvisionnement dans la Communauté du peuple. Approches du commerce »allemand« pendant la période national-socialiste, Le Mouvement Social 206, 2004, 79–114). Grauen und schwarzen Märkten zum Trotz, und entgegen dem vielfach üblichen Tauschhandel und Hamstern, sicherte er den Absatz der rationierten Waren. Das galt auch während der folgenden Besatzungszeit, die zu einer massiven Ausweitung des Hamsterns unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen führte.

Hamstern als unwillig geduldete Selbsthilfe nach dem Zweiten Weltkrieg

Hamstern ist in der heutigen Öffentlichkeit wohl am stärksten mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Das hat vor allem mit gängigen Geschichtsnarrativen zu tun, die die Selbstbehauptung von Abermillionen von Deutschen als Teil des Neubeginns, als Bruch mit dem NS-Regime und als Beginn des doppelten Wirtschaftswunders in West- und Ostdeutschland interpretieren. Damit verbunden ist eine grundsätzlich positive Deutung des Hamsterns, symbolisiert etwa im Begriff des „Fringsens“, also der vermeintlichen Billigung des Diebstahls von Kohle und Lebensmitteln für den Eigenbedarf durch den Kölner Kardinal Josef Frings (1887-1976). Frings hatte in seiner Silvesterpredigt 1946 zwar anderes gesagt, doch das kümmerte weder damals noch heute.

Faktisch war das Hamstern nach 1945 eine Wiederkehr der Situation von 1916 bis 1919. Angesichts einer von den Besatzungsmächten nur mit großen Mühen und Opfern gerade für ihre eigene Bevölkerung aufrechterhaltenen, jedoch gänzlich unzureichenden Grundversorgung war Selbsthilfe erforderlich, wollte man nicht ehrlich sterben. Insbesondere während des Hungerwinters 1946/47 lagen die Rationen mit teils unter 1.000 Kilokalorien pro Tag und Kopf weiter unterhalb der lebensnotwendigen Margen – und hinzu kam ein massiver Mangel an Kohle: „‚Hamstern‘ auf dem Land wurde zur Überlebensfrage. Dies war vor allem die Aufgabe von Frauen, die auf kilometerlangen Märschen nicht selten ihr letztes Hab und Gut gegen Lebensmittel eintauschten“ (Das Neue Köln 1945-1995, hg. v. Werner Schäfke und Rita Wagner, 2. Aufl., Köln 1995, 496).

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Grenzen des Hamsterns für die städtische Bevölkerung (Der Simpl 2, 1947, 236)

Derartige Aussagen sind richtig und falsch zugleich. Der Schwerpunkt des Wareneinkaufs und auch der informellen Wirtschaft fand in den Städten statt, bei offiziellen Händlern, auf grauen und vor allem schwarzen Märkten (Malte Zierenberg, Berlin‘s Black Market, 1939-1950, Houndmills und Basingstoke 2015). Der viel geschmähte Schleichhandel war ein wichtiges und unverzichtbares Brückenelement. Frauen dominierten, wie im Ersten Weltkrieg, das Hamstern, doch dies war notwendig angesichts der massiven Zahlen gefallener Soldaten und millionenfacher Kriegsgefangenschaft. Wie im Ersten Weltkrieg wurde von den Behörden der Mangel mit einer immensen Zahl von Verordnungen reguliert, zumal die Strukturen des Reichsnährstandes erst einmal weiterbestanden. Angesichts des realen Mangels verpufften diese jedoch. Die moralische Diskreditierung blieb bestehen, wiederum stärker bei Schleichhändlern, Schiebern und Wucherern. Die neuen Machthaber setzen dabei die Kommunikation der alten im Wesentlichen fort. In der Sowjetischen Besatzungszone wurde beispielsweise festgestellt, „daß in den ländlichen Gegenden eine große Anzahl von Käufern erscheinen, die landwirtschaftliche Produkte auf den Höfen der Bauern zu Spekulationszwecken einkaufen. Die Spekulanten nutzen das Fehlen einer Kontrolle seitens der örtlichen behördlichen Organe aus und kaufen Getreide, Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, Milch, Eier bei Bauern ein, die ihre Pflichtablieferung nicht erfüllt haben; dies trifft insbesondere auf Milch zu. Diese Tatsache führt zu einer Nichterfüllung der Pflichtablieferung und zum Ankauf von Milch, Gemüse und anderen Produkten durch Spekulanten, die sich dabei bereichern“ (Verbot des Ankaufs landwirtschaftlicher Produkte vom Hof des Bauern, Die Versorgung 1, 1946/47, 60). Nachfolgende Enteignungen und die Verstaatlichung vieler Bauernhöfe schlossen sich an, nutzten die Lage ideologiekonform. Dennoch gab es einen wichtigen Unterschied zu den Jahren 1916 bis 1919: Die Besatzungsbehörden waren Vertreter der früheren Feinde, denen die Mehrzahl der Bevölkerung als vermeintliches Opfer von Willkür und imaginiertem Vernichtungswillen gegenüberstand. Hamstern wurde daher deutlich rascher als zuvor zum Alltagsphänomen, stand man doch anfangs keiner deutschen Obrigkeit gegenüber.

Die Mehrzahl der Deutschen knüpfte zugleich an die an sich berechtigten Argumente an, die schon im Ersten Weltkrieg genutzt wurden: „Man sollte vorsichtig verfahren bei jeglicher moralischer Diffamierung. Sie hat sonst nur Heuchelei zur Folge und vermehrt das Maß an Unaufrichtigkeit, an dem das soziale und wirtschaftliche Dasein ohnehin krankt. […] Die stirnrunzelnde Mißbilligung des Tuns von Menschen, die sich innerhalb der bescheidenen Grenzen der heutigen Rationen ein wenig satter essen möchten, ist auch wirkungslos und vermindert die Autorität. Man begnüge sich mit der lapidaren Sprache des Gesetzes und unterlasse es zu moralisieren.“ (Hamsterfahren, Wirtschaftszeitung 1947, Nr. 20 v. 16. Mai, 3). Eine weitere Besonderheit dieser Zeit war, dass die gehamsterten Waren angesichts der deutlich wichtigeren Schwarzmärkte nicht nur konsumiert wurden, sondern als Tauschgüter dienten (Antonia Humm, Die Ernährungskrise in Berlin zwischen 1945 und 1949, in: Vom Berliner Stadtgut zum Freilichtmuseum, Berlin 1997, 109-129, insb. 122-123).

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Glück und Leid eines Hamsters (Der Simpl 1, 1946, Nr. 7, 88)

Das Hamstern wurde bekämpft, mit gewissem Augenmaß jedoch auch geduldet. Informelle Märkte etablierten sich, waren funktional zur Überwindung einer existenziell bedrohlichen Versorgungslage. Sie war verbunden mit massiven gesellschaftlichen Verwerfungen, denn Zurückhaltung und Rücksicht auf Alte, Kranke und Schwache war nicht üblich. Mit der Verbesserung der Versorgungslage wurde das Hamstern weiter entkriminalisiert, erschien gar folkloristisch-fröhlich. Festzuhalten ist, dass es bis weit in die frühen 1950er Jahre in abebbendem Umfang weiterbestand. Auch die „Wirtschaftswunderzeit“ war ja bis weit in die 1960er Jahre durch umfangreiche graue Märkte gekennzeichnet. Der Hamster stand im Westen für einen Neubeginn aus eigener Kraft, auch wenn Millionen nur dank der beherzten Hilfe der früheren Feinde überlebten. Er ist Teil des Mythos vom Bruch mit dem Nationalsozialismus, ähnlich wie bei vielen „Trümmerfrauen“. Doch hier geht es nicht um Dekonstruktion bestehender Geschichtsbilder, sondern um die Figur des Hamsters. Sie wurde in dieser Nachkriegszeit zu etwas anderem, etwas Eigenem, etwas durchaus Positivem.

Das Fortleben des Hamsters in der DDR

Das galt allerdings vorwiegend im Westen Deutschlands. In der DDR blieb der Hamster bis weit in die 1960er Jahre hinein eine Alltagsfigur. Die kommunistischen Machthaber knüpften unmittelbar an die Narrative der Sozialdemokraten des späten 19. Jahrhunderts und der KPD während der Weimarer Republik an. Der Hamster war nicht Teil des Volkes, des Kollektivs der Bauern und Werktätigen. Er war vielmehr ein kapitalistischer Egomane, ein Spekulant, der das Aufbauwerk des Sozialismus unterminierte.

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Die Hamsterin als Negativfigur in der DDR (Der Handel 5, 1955, Nr. 7, 8)

Die Bildsprache einschlägiger Karikaturen knüpfte an die des NS-Staates an, diente der moralischen Diskreditierung des Hamsters als Agenten des Westens, als Kollektivfremden. Harte Strafen galten, wurden symbolisch auch ausgesprochen. Wie zuvor dominierte jedoch eher das Horten und Tauschen von Waren – zumal es der DDR ja rasch gelang, die Grundversorgung zu sichern. Die sozialistische Planwirtschaft mit ihrer massiven Begrenzung des Preismechanismus gelang es jedoch nicht, das kleine und vor allem das große Hamstern der Betriebe zu beenden, verstärkte es gar. Die DDR-Mangelgesellschaft blieb eine Hamstergesellschaft – und das war eine Ursache für ihren wirtschaftlichen Kollaps.

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Folgen des Hamsterns in der Karikatur (Handelswoche 6, 1961, Nr. 34, 5)

Öffentlich wurde mit den Mängeln des Plans und der daher erforderlichen Findigkeit und Flexibilität der Bürger immer wieder kokettiert. Doch angesichts regelmäßiger Versorgungsprobleme bei den tausend kleinen Dingen blieben Hamsterkäufe und Tauschwirtschaft üblich, prägten den Alltag.

Im Westen war dies anders, denn dort übernahm der Handel zunehmend die Rolle der Vorratswirtschaft – und darauf vertrauten die meisten Westdeutschen. Hamstern erschien als eine Reminiszenz an vergangene und überwundene Zeiten. Das gilt, trotz vermehrter Vorratskäufe etwa während der Ölkrise 1973/74. Die Westdeutschen wurden zwar von Haushaltswissenschaftlern und der Zivilverteidigung immer wieder angehalten, zumindest einen Notvorrat anzulegen: „Vorratshaltung, klug zusammengestellt, sorgsam gepflegt und ständig rotierend, kann nicht nur nicht schaden. Sie ist notwendig, sie beruhigt und ist daher nach wie vor notwendig“ (Elisabeth v. Oertzen, Vorsorge ist Fürsorge und keine Hamsterei, Das Reich der Landfrau 77, 1962, 398). Entsprechende staatliche Bestrebungen, etwa im Rahmen der 1961 gestarteten Aktion Eichhörnchen, verpufften jedoch ohne wirkliche Breitenwirkung (Krisenvorräte in jedem vierten Haushalt, Die Ernährungswirtschaft 8, 1961, 789; Von Welck, Überlegungen zur Frage der Haushaltsbevorratung, ebd. 9, 1962, 104-105). Vorratswirtschaft wurde auf den Staat und den Handel delegiert, Selbstvorsorge schien nicht wirklich notwendig zu sein.

Hamstern heute – ein vorläufiges Fazit

Die Corona-Krise änderte dies. Die Anlage von Grundvorräten ist richtig und krisenadäquat. Sie reduziert die Zahl der Kontakte und damit das Infektionsrisiko. Die seit Ende Februar hierzulande stark steigenden Verkaufsziffern elementarer Güter dienten vornehmlich der Selbstvorsorge, waren aktive und zielgerichtete Maßnahmen angesichts der massiven Quarantänemaßnahmen in China und der sie begleitenden Beschwichtigungen in Politik und Qualitätsmedien.

Die als irreal und überzogen verlachten Hamstereinkäufe dokumentierten selbstbewusstes Handeln abseits einer sich noch im Gleichschritt bewegenden Gesellschaft des Weiter-So. Es ging den Hamstern um den Aufbau fehlender Notvorräte, um eine Selbstvergewisserung durch eigenes Tun. Die Kaufenden dokumentierten damit zugleich ihr Misstrauen angesichts ausbleibender öffentlicher Vorsichtsmaßregeln. Sie waren Augenöffner einer sich anfangs nur verwundert die Augen reibenden Wohlstandsgesellschaft. Doch große Teile der politischen und medialen Eliten reagierten mit typischen Reflexen: Hybris angesichts des leistungsfähigen deutschen Gesundheitssystems, Hochmut gegenüber den scheinbar ungebildeten Mehl- und Nudelhamstern, Denunziation ihrer ungebührlichen, weil egozentrischen Handlungen. Der andauernde mediale Hype um das massiv gehortete Toilettenpapier unterstreicht, dass all dies nicht recht ernst genommen wurde, dass es sich um Unterschichtenprobleme handelte, zu denen die Mehrzahl keinen direkten Bezug hatte und hat. Das gilt, auch wenn die Mitte der Gesellschaft rasch ebenfalls gezielt nachfolgte.

Die Hamster haben richtige Schlüsse aus der Krankheit im fernen China gezogen. Sie handelten durch Kauf, also im Sinne unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Sie erfassten die herannahende Krise und wurden darob gebrandmarkt. Die Thematisierung durch Politik und vielen Medien nahm die im übergebührlichen Kauf liegende Aussagen nicht ernst, sondern grenzte sich ab: Sie vertierten ihre handelnden Mitbürger, denunzierten deren Egoismus, deren vermeintliche Irrationalität. Sie verwandten dazu Begriffe, deren Bedeutungsgehalte sie wahrscheinlich selbst kaum kannten. Der Hamster war weit weg, keine Figur unserer Zeit und der sie prägenden Versorgungssicherheit. Politiker und Journalisten verwiesen nicht auf die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Aufbruch einer hungernden, sich an Neuem orientierenden Gesellschaft, einem von den politischen Rahmenbedingungen unabhängigen Überlebenswillen. Sie öffneten vielmehr die Büchse der Pandora zu den Begriffsnuancen des Wilhelminismus – egoistischer Güterraffer –, des Nationalsozialismus – Volksschädling – oder den vielfältigen Spaltungen und Ausgrenzungen, die das Wortfeld während und nach dem Ersten Weltkrieg prägten. Das Wortfeld Hamster/n ist gefährlich, da inhaltlich beliebig füllbar, spaltend und voller antikapitalistischer und antisemitischer Gehalte. Hamster und Hamstern sind Flaggenworte zur Vergemeinschaftung, doch auch zur Bekämpfung und Beseitigung der anderen. Wer derart gefährliche Begriff nutzt(e), handelt unbedacht, gar unverantwortlich.

Das gilt besonders, weil sich parallel zur öffentlichen Abgrenzung von Hamstern die gleichen Mechanismen beobachten lassen, die es schon im Ersten Weltkrieg und während des NS-Systems gegeben hat. Die kleinen Hamster werden benannt, die großen aber darüber vergessen. Während einzelne Vorräte kauften, um in der Krise gewappnet zu sein, setzte das große Hamstern der einschlägig erforderlichen Güter des Gesundheitssystems ein. Nachdem die kleinen Hamster erste Apotheken und Drogeriemärkte leergekauft hatten, begannen auch Krankenhäuser Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel zu horten, wurden diese vom Staat massenhaft geordert. Die steten Propagandisten des offenen und freien Europas schlossen gar die Grenzen, um sich Vorräte zu sichern, Masken, Schutzkleidung, intensivmedizinische Geräte, zunehmend auch Personal. Als in Italien die ersten Alten röchelnd und ohne eine helfende Hand verreckten, priesen die Offiziellen „unsere“ Vorbereitungen, boten den Kranken kein Bett, den Ärzten und Pflegern keine Masken. Diese Hartherzigkeit und dieser Geiz entsprachen der vermeintlichen Hamsternatur, die man beredt kritisierte und zugleich unreflektiert praktizierte. In Krisen sollte auf derartige Heuchelei verzichtet werden, sondern zielgerichtetes Krisenmanagement ohne Schuldzuweisungen dominieren.

In Krisen ist die reale Gefahr vielfach geringer als die durch die Krise selbst hervorgerufenen Dynamiken. Der Rückfall in überwunden geglaubten Nationalismus ist atemberaubend, ebenso die kraftmeiernde Vollkaskopolitik voller ungedeckter Schecks und Versprechungen. Maßnahmen werden erlassen, kaum erklärt, Empathie und „Mitnehmen“ fehlen. Harte Einschnitte sind erfolgt, weitere werden folgen. Der Erfolg aller Anordnungen hängt nun entscheidend vom Handeln der „kleinen Leute“ ab, ihrer Einsicht, ihrem Mitgefühl, ihrer Selbstverantwortung. Das sollte vielleicht denen zu denken geben, die Mitbürger als „Hamster“ denunzieren, obwohl diese schon vor Wochen ohne Anordnungen richtige Schlüsse am Beginn einer Krise gezogen haben.

Uwe Spiekermann, 19. März 2020

Das „Deutsche Frischei“ – Ein Flop mit Zukunft

Wann haben Sie das letzte Mal Eier geprüft? Falls das schon länger zurückliegt, so haben Sie offenbar Vertrauen in die Qualitätskontrollen von Herstellern und Handel, glauben den auf das Ei gestempelten Informationen und den Angaben auf der Verpackung. Sie essen Eier, Sie kochen und verarbeiten sie, doch deren Qualität und deren Frische haben Sie anderen übertragen. Lassen Sie es sich schmecken…

Falls Sie allerdings wissen wollen, warum Sie selbst beruhigt untätig sein können, so lesen Sie weiter. Dann werden Sie mehr darüber erfahren, wie vor mehr als 90 Jahren Grundstrukturen etabliert wurden, die nach vielen Häutungen schließlich dazu geführt haben, dass Sie sich um diesen Teil ihres Essalltags kaum mehr kümmern müssen. Es wird um die Einführung des „Deutschen Frischeies“ gehen, 1926 bis 1928 konzipiert, ab 1930 allseits beworben, doch schon 1932 in ein anderes System des Absatzes und der Produktion überführt. Eigentlich ein Flop. Doch das „Deutsche Frischei“ machte Schule, seine Produktion, Kontrolle und Vermarktung setzten Standards für eine gesicherte Mindestqualität – und damit auch für Ihr Grundvertrauen.

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Der Traum von einer dressierten Natur – Karikatur 1913 (Fliegende Blätter 139, 1913, 236)

Die deutsche Eierwirtschaft in den 1920er Jahren – nicht konkurrenzfähig

Die Gründe für eine neue Ordnung der Eierwirtschaft lagen im relativen Niedergang der deutschen Landwirtschaft während und nach dem verlorenen Weltkrieg. Schon zuvor hatte sie an Wettbewerbsfähigkeit verloren, wurde jedoch durch die seit 1906 geltenden hohen Zölle der Bülow-Tarife auf Kosten der Verbraucher geschützt. Just diesen verloren breite Teile der Agrarwirtschaft immer stärker aus dem Blick, passten sie ihre Produktion doch nur zögerlich den sich rasch wandelnden Ansprüchen zumal der städtischen Bevölkerung an. Die Produktion konzentrierte sich auf Massengüter, wie Getreide oder Kartoffeln, und setzte nur unzureichend auf veredelte, marktnahe Produkte, etwa Obst und Gemüse oder aber Käse und Butter. Die Folge war eine wachsende Einfuhr ausländischer Güter, die vielfach qualitativ besser, teils preiswerter, fast durchweg jedoch einheitlicher und leichter vermarktbar waren.

Eier stammten vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend aus Russland sowie Österreich-Ungarn. Während des Krieges blieben sie anfangs noch frei verkäuflich, doch 1916 begann die Zwangsbewirtschaftung. Diese endete formal zwar 1919, dann aber dominierten Richtpreise den Absatz. Mochte die Selbstversorgung mit Eiern im Jahrzehnt der Ernährungskrise 1914 bis 1923 auch manche Vorteile bieten, so gaben die ökonomischen Rahmenbedingungen sicher kaum Anreize für den Ausbau der Geflügelwirtschaft. Der Versailler Vertrag hatte den Zollschutz der Landwirtschaft für mehrere Jahre beseitigt und auch die 1925 erfolgte Rückkehr zu den Bülow-Tarifen konnte aufgrund von Meistbegünstigungsklauseln nicht den gewünschten „Schutz“ bewirkten. Die überlegene ausländische Konferenz nutzte die sich bietenden Chancen im Eiermarkt. Billigimporte kamen weiterhin vor allem aus dem Osten und Südosten Europas, etwa aus dem Baltikum, Polen, Ungarn und Rumänien. Wichtiger aber wurden die Angebote aus den Niederlanden, Belgien und Dänemark, Länder, die vor dem Krieg nur einen Importanteil von 5 % hatten. Deren hochwertige und frische Eier machten ab Mitte der 1920er Jahre etwa zwei Fünftel der Einfuhren aus. Sie belieferten vor allem die Konsumzentren des Ruhrgebietes, des Rheinlands und Berlins. Offenkundig hatte die deutsche Eierwirtschaft ihren eigentlichen Vorteil, die Nähe zum Konsumenten, verspielt (Norwich Rüße, Absatzkrisen und Marketingkonzepte der deutschen Landwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1996/I, 129-162, hier 134).

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Imaginierte Bedrohung: Importeier auf dem deutschen Markt 1929 (Der junge Landwirt 3, 1930, 95)

Ja, „Der Markt ist ein unbarmherziger Richter!“ (Kurt Ritter, Absatz und Standardisierung landwirtschaftlicher Produkte, 2. Aufl., Berlin 1926, 25) Die deutschen Konsumenten griffen in den 1920er Jahren zu ausländischen Eiern, da deren Hersteller ihre Ware frisch und in standardisierter Qualität lieferten, da sie ferner eine an sich stark saisonale Ware ganzjährig zu akzeptablen Preisen anboten. Um zu verstehen, warum diese heutige Selbstverständlichkeit für die deutsche Landwirtschaft eine Herausforderung war, müssen wir uns kurz in eine Zeit zurückversetzen, in denen „natürliche“ Rhythmen die Eierproduktion noch dominierten und die Legeleistung der Hühner bei 80 bis 90 Eier jährlich lag – im Gegensatz zu heutigen Hybridhühnern, die in klimatisierten und beleuchteten Ställen ca. 300 Stück liefern.

Vor dem ersten Weltkrieg war Hühnerhaltung auf den meisten Bauernhöfen üblich, doch sie diente erst einmal der Selbstversorgung. Überschüsse wurden zumeist an Aufkäufer, Hausierer oder Ladenhändler verkauft, teils noch im Tauschhandel gegen Waren. Hühnerhaltung war Frauenarbeit. Eierverkauf ergab Zusatzeinkommen: „Die Bauersfrau zog mit ihrem Korb Eier wöchentlich ein- bis zweimal zur Stadt auf den Markt, bekam für das Dutzend Eier 30, im besten Falle 50-70 Pfg. und konnte mit diesem Erlös kaum die abgelaufenen Stiefelsohlen, geschweige denn das Futter für ihre Hühner bezahlen“ (Hans Brenning, Genossenschaftliche Eierverwertung, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (MDLG) 41, 1926, 658-661, hier 659). Sie hatte also kaum Marktmacht, konnte ihre Preisvorstellungen nur selten gegen Händler und auch Konsumenten durchzusetzen. So spielte die Größe der Eier damals keine Rolle: „Ei ist eben Ei“ (Nutzen der Geflügelzucht, Das Land 4, 1895/96, 362). Auch die Frische der Eier konnte per Augenschein kaum ermittelt werden. Durch Eintauchen in Wasser kann man das Alter zwar grob abschätzen, doch durch die damit verbundene Zerstörung der schützenden Fettschicht muss das Ei danach rasch verbraucht werden. Mangels Kennzeichnung und präziser Lagerung konnten Eier im Laden durchaus mehrere Wochen alt sein, so dass immer die Gefahr fauler, penetrant stinkender Eier bestand. Die Eieranbieter konterten die Preismacht der Händler und Konsumenten nämlich mit ihrer Zeitmacht, ihrem Wissen über das wahre Alter der Eier.

Das Ei – eine saisonale Ware

Hier gilt es innezuhalten. Denn anders als heute waren Eier noch in den 1920er Jahren eine stark saisonale Ware. Ware? Für ein Huhn ist ein Ei etwas anderes, nämlich Garant für Nachkommen, für neue Küken. Um nationale Zuschreibungen schert es sich nicht. Seine „natürliche“ Legetätigkeit endet im Herbst. Im September und Oktober waren frische Eier daher selten, im November und Dezember sehr selten. Anfang des Jahres nahm dann die Legetätigkeit der Hühner langsam wieder zu, um von März bis Mai in eine „Eierschwemme“ überzugehen. Fast 60 Prozent der einheimischen Eier wurden in nur vier Monaten, von März bis Juni, gelegt (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 25). Es sind derartig profane Rhythmen, die unsere eigenartige Verbindung von Ostern mit Eiern mit erklären können.

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Auszug aus einer Werbung des Filialisten Wilhelm Goebel für frische Eier im Frühjahr 1905 (Vorwärts 1905, Nr. 65 v. 17. März, 12)

Saisonale Güter führen in Marktwirtschaften zu Preisschwankungen: „Während im Herbst und im Winter die Eier ganz besonders von den kleinen Erzeugern und von kleinen Bauern möglichst lange zurückgehalten werden, um von dem späteren höheren Preisen Nutzen zu ziehen, der mit vermindertem Angebot regelmäßig eintritt, geschieht im Frühjahr genau das Gegenteil“ (Heinrich Kleinböhl, Das Alter der Eier, Die Volksernährung 5, 1930, 322-323, hier 322). Angesichts eines raschen Preisverfalls wurden Eier nun möglichst rasch verkauft. So waren Eier im Herbst und Winter teuer und selten frisch, im Frühjahr und auch noch im Sommer kehrte sich dieses Verhältnis um. Städtische Konsumenten wollten sich derartigen Rhythmen jedoch entziehen: Sie wollten ganzjährig Eier essen, relativ billig, relativ frisch.

Die geforderten Zeitensprünge hatten jedoch ihre Tücken. Das galt erst einmal für die häusliche Konservierung der Eier, die auch von Großhändlern praktiziert wurde. Frisch gelegte Eier wurden dazu vor Lufteintritt geschützt. Man bestrich Eier mit Fett oder Vaseline, legte sie in Sand, in Holzasche oder Häcksel. Kühlung im Keller oder in Erdmulden konnte ebenfalls helfen (Max Grünwald, Der Nährwert des Hühnereis und die Eierverordnung vom 17. März 1932, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 158-160, hier 158). Mit derartigen Mitteln konnten Eier viele Wochen, ja mehrere Monate aufbewahrt werden. Die Verkaufserlöse konnten dadurch durchaus verdoppelt werden, doch die Maßnahmen hatten ihren Preis: Die Zahl der faulen Eier war nicht gering, der Geschmack häufig muffig. Angesichts fehlender Kennzeichnungspflichten war dies Reiz und Gefahr zugleich. Daher gingen viele, auch städtische Hausfrauen dazu über, günstig gekaufte Eier schon während der „Eischwemme“ zu konservieren. Dazu aber musste man sie in Flüssigkeiten aufbewahren, die die Schutzfunktion der Schale langfristig stabilisierten. Man verwandte meist Kalkmilch oder Wasserglas. Letzteres ist eine Mischung aus Kieselsäure und Natriumoxyd, während Kalkpräparate vor allem aus Ätzkalkpulver, Sand, Gips und Eisenoxyd bestanden. Diese Mittel konnte man in der Drogerie oder auch der Apotheke kaufen, doch es gab – wie beim Backpulver oder der Maisstärke – auch Fertigmischungen. Eikonservierungsmittel, etwa „Garantol“, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gängige Haushaltsnamen (vgl. W[endelin] A[lban] Schwalbe, Warenkunde des Lebensmittel-Einzelhandels, 8. verb. Aufl. v. H[erbert] Leiser und E[berhard] Oelfke, Leipzig 1939, 184).

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Paradoxe Frische: Werbung für das Eierkonservierungsmittel Garantol (Meggendorfer Blätter 140, 1925, 208)

Das Problem dieser Eierkonserven war jedoch ihr Geschmack. Er war kalkig-kratzend. Als Frühstücksei waren sie also weniger brauchbar, und auch in der Küche nur bedingt verwendbar. Eischnee konnte mit Kalkeiern eben nicht mehr geschlagen werden (Grünwald, 1932, 158). Die Bedeutung von Eierkonserven im Absatz blieb daher gering und auf den Haushalt beschränkt. Nun, werden Sie fragen, warum wurden die Eier nicht gekühlt? In der Tat, technisch waren deutsche Anbieter spitze, ihre Kühlmaschinen wurden weltweit verkauft. Doch Kühlhäuser hatten im Deutschen Reich – anders als etwa in den USA oder in Großbritannien – nur geringe Kapazitäten. Es fehlte einerseits an einer Kühlkette, die bis in die Läden reichte. Anderseits gab es noch keine elektrische Kühlung, sondern lediglich relativ teure mit „Natureis“ bestückte Eisschränke im bürgerlichen Milieu. Kühlhäuser wurden daher vornehmlich in Hafenstädten und den Hauptabsatzzentren gegründet. Hinzu kamen beträchtliche Probleme mit der Temperaturführung in den keineswegs normierten, sondern kleinteilig ausgebauten Kühlhäusern. Die teils sehr unterschiedlich verpackten Eier konnten vielfach nicht sachgemäß untergebracht werden, auch waren die Auswirkungen der Kühlung auf die Eier nur ansatzweise erforscht. Ende der 1920er Jahre lag der Anteil der Kühlhauseier am deutschen Gesamtverbrauch bei lediglich drei bis vier Prozent. Das waren 1928 ca. 420 Millionen Eier, 1929 400 Mio. und 1930 dann nur noch 282 Mio. (Einlagerung von Eiern in deutsche Kühlhäuser, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/31, 135). Während in den USA intensiv über Kühlhauseier versus Frischware gerungen wurde, ging der Streit in Deutschland um Auslandseier oder deutsche Ware (zu den USA s. Susanne Freidberg, Fresh. A Perishable History, Cambridge/Mass. 2009, 86-121).

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Saisonale Schwankungen des Eierangebots im Deutschen Reich 1927/28 (Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/32, 311)

Ein Blick auf das Angebot 1927/28 zeigt eindringlich, dass auf dem Eiermarkt zwei unterschiedliche Agrarwirtschaften aufeinandertrafen. Die deutschen Anbieter waren noch massiv an „natürliche“ Legerhythmen rückgebunden, während die ausländischen Lieferanten recht kontinuierlich lieferten und insbesondere im Winter das Angebot dominierten. Überspitzt formuliert: Im Deutschen Reich bestimmten die Hühner die Marktzufuhr. Im Ausland, zumal in den Niederlanden, Belgien und Dänemark, gab es dagegen bereits Haltungsformen, Produktionsstandards und Transportkapazitäten, die das vorwegnahmen, was dann in Deutschland in den späten 1920er und 1930er Jahren begonnen und in den 1950er und 1960er Jahren vollends nachgeahmt wurde. Das Problem war also klar: „Solange die deutschen Geflügelhalter es nicht fertig bekommen, die deutsche Verbraucherschaft während des ganzen Jahres mit frischen Eiern zu versorgen, wird der deutsche Kaufmann die ausländischen Eier nicht entbehren können“ (Groß, Unser Ziel, Hannoversche Land- und Forstwirtschaftliche Zeitung (HLFZ) 83, 1930, 137-140, hier 138-139).

Standardisierung als Kernaufgabe

Wie nun auf die Herausforderung der Massenmärkte und der Konkurrenz der überlegenen ausländischen Konkurrenz reagieren? In den späten 1920er Jahren wurde zwar schon intensiv um neuartige Haltungsformen in spezialisierten Hühnerfarmen gerungen, doch der Anteil der vor allem im 1896 gegründeten Clubs Deutscher Geflügelzüchter (Görges, Die Ziele des „Klubs Deutscher Geflügelzüchter“, HLFZ 83, 1930, 151-152) organisierten größeren Eierproduzenten lag 1928 bei lediglich 15 Prozent. Der Großteil der deutschen Produktion, 85 Prozent, stammte aus bäuerlicher Hühnerhaltung – mehr als 80 Prozent davon aus Betrieben mit unter 20 ha Betriebsfläche (Karl Wagner, Neue Einrichtungen der Eierverwertung, MDLG 45, 1930, 852-854, hier 852).

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Hühnerfarm in Scharnebeck (HLFZ 83, 1930, 155)

Auch die Hühnerfarmen waren nach heutigem Verständnis klein. Abgesehen von Ausnahmen, wie etwa der Eberswalder Finow Farm, produzierten sie täglich mehrere hundert Eier, während die größten Betriebe heute hunderttausende auf den Markt werfen. Das war damals undenkbar, schon aufgrund fehlender Antibiotika. Die Hühnerzucht stand zwar schon seit langem im Blickpunkt spezialisierter Zuchtvereine und der Agrarwissenschaft, Küken wurden häufig von spezialisierten Brutanstalten zugekauft. Doch auf Eierproduktion spezialisierte Hybridhühner wurden erst seit 1940 eingesetzt, zuerst in den USA. Die Futterlehre hatte beträchtliche Fortschritte gemacht, doch die Kosten der eiweiß- und mineralstoffhaltigen Futtermittel waren für kleinere Halter zu hoch. Auch die wichtigsten Stellschrauben der immensen Produktionssteigerungen seit den späten 1950er Jahren wurden in den 1920er Jahren erprobt (und bereits kontrovers diskutiert): Die Klimatisierung und die Lichtführung in den Hühnerfarmen. Die deutsche Eierwirtschaft entwickelte sich also, der Geflügelbestand nahm zu. 1912 gab es knapp 72 Millionen Hühner (inklusive von Enten und Gänsen), 1921 trotz der Gebiets- und Bevölkerungsverluste fast 68 Millionen. Bis 1924 kamen vier Millionen hinzu, zwei Jahre später lag die Zahl bei knapp 76 Millionen und 1928 schließlich bei 84,5 Millionen Tieren ([Wilhelm] Müller-Lenhartz, Kann Deutschland seinen Eierbedarf selbst erzeugen?, MDLG 45, 1930, 386-387, hier 386) – bemerkenswertes Wachstum, wenngleich noch nicht annähernd die 174 Millionen Hühner im Jahre 2016. Auch die Legeleistung der Hennen stieg, in bäuerlichen Wirtschaften von ca. 80 auf 90 Eier pro Huhn und Jahr, in Hühnerfarmen wurden auch 150 Eier erreicht. Doch all dies reichte nicht, um den wachsenden Appetit auf Eier zu decken. 1924 aß der Durchschnittsbürger 98 Eier, 1926 121 und 1928 141 (Wagner, 1930, 852). Der Markt wuchs, doch der Ertrag floss ausländischen Wettbewerbern überdurchschnittlich zu: Lag der Einfuhrüberschuss 1912 noch bei 192 Millionen M, so stieg er seit der Mitte der 1920er Jahre rasch an: 1926 erreichte er 234 Mio. RM, 1927 263 Mio. und 1928 dann 294 Mio. RM (Müller-Lenhartz, 1930, 386). Veränderungen schienen unabdingbar.

Wo aber ansetzen? Die Landwirtschaft, genauer der die Landwirtschaftskammern repräsentierende Deutsche Landwirtschaftsrat, setzte auf die Standardisierung der Eier, um damit Vertrauen im Markt zurückzugewinnen. Das Programm der Reichsregierung resp. des Reichslandwirtschaftsministeriums war dagegen deutlich ambitionierter. Angesichts der seit Mitte der 1920er Jahre drängender werdenden internationalen Agrarkrise – Preisverfall durch Überproduktion und Überschuldung durch zu ambitionierte Investitionen – startete sie 1928 ein landwirtschaftliches Notprogramm, das auf eine „zweckmäßige Organisation des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse und zum anderen [auf, US] die Belieferung des Marktes mit einheitlicher, guter Ware auf Grund einer eingehenden Marktbeobachtung“ zielte ([Ewald] Rosenbrock, Handelspolitik, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 47, 1929, 273-315, hier 291). Die vielbeschworene „Not der Landwirtschaft“ sollte durch Lernen von den ausländischen Wettbewerbern gewendet werden. Damit nahm man die Herausforderung der überlegenden Konkurrenz an und zielte auf eine rasche Umgestaltung der Geflügelwirtschaft.

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Nationalistische Karikatur gegen Importe (Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 44)

Beide Strategien hatten unterschiedliche Zeithorizonte, gründeten jedoch auf dem genossenschaftlichen Zusammenschluss der gewerblichen Hühnerhalter. Dieser startete 1880, als in Hamburg-Uhlenhorst eine erste Eierverkaufsgenossenschaft gegründet wurde (Nis Petersen, Die mustergültige Geschäftsentwicklung einer Eierverkaufsgenossenschaft, MDLG 34, 1919, 21-24, hier 21). Bedeutung aber gewann er erst um die Jahrhundertwende, nachdem 1895/96 Geflügelzuchtvereine im niedersächsischen Soltau und Visselhövede den Eierabsatz in eigene Regie übernahmen, um höhere Preise zu erzielen (Zollikofer, Zur Entstehung und Entwicklung des genossenschaftlichen Eierverkaufs, Landwirtschaftliches Genossenschaftsblatt 45, 1923, 139-142, 155-157, hier 139). Dazu lieferten sie einheitliche Ware und kooperierten mit dem Großhandel. Weitere Genossenschaften entstanden, zuerst in der preußischen Provinz Hannover, dann auch in Oldenburg, in Schleswig-Holstein, vereinzelt gar in Bayern. 1899 ließ die Landwirtschaftskammer Hannover ein erstes Warenzeichen eintragen – ein springendes Sachsenross, der Identitätsanker der 1866 von Preußen annektierten Provinz. Eier bester Güte wurden damit gestempelt, hoben sich so vom anonymen Angebot ab. Weitere Landwirtschaftskammern übernahmen dieses Verfahren, eine reichsweite Dachorganisation aber fehlte. Die neuen Genossenschaften ließen Fortschrittsträume keimen, doch die anvisierte Marktbeschickung durch Kühlhauseier aus genossenschaftlichen Kühlhäusern blieb auf niedrigem Niveau stecken (Die Organisation des genossenschaftlichen Eierabsatzes, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 1, 1904, 919-920). 1914 bestanden in der Provinz Hannover allerdings schon 140 Eierverkaufsorganisationen, die ca. 28 Millionen Eier verkauften. Die Genossenschaftsbewegung stagnierte während des Weltkrieges, Rationierung und Zwangswirtschaft ließen die Zahl der Genossenschaften bis Mitte der 1920er Jahre auf unter die Hälfte sinken (Gerhard Lichter und Helmut Kobligk, Neue Wege in der Geflügelzucht und Eierverwertung, Berichte über Landwirtschaft NF 10, 1929, 611-672, insb. 624-625). Doch die bestehenden Strukturen boten einen Gestaltungssockel. Ähnliches galt für den „Trinkei“-Stempel des Clubs Deutscher Geflügelzüchter (Der Tanz auf den Eiern, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1028-1030).

Das Genossenschaftswesen hatte sich seit dem 1860er und 1870er Jahre vor allem in Form von Einkaufsgenossenschaften gegründet. Es ging um billigeres Saatgut und Maschinen, dann auch um Kredit. Absatzgenossenschaften entwickelten sich dagegen nur zögerlich, meist im Umfeld urbaner Konsumzentren. Regionale Regelungen dominierten, etablierten aber auch Formen föderalen Wettbewerbs. Anfang der 1920er Jahre begann jedoch, vorrangig in Norddeutschland, eine Neuausrichtung des genossenschaftlichen Arbeitens. Gruppiert um einzelne Produkte, etwa Milch, Butter, Gemüse, Obst oder Kartoffeln, entwickelten die Landwirte mit Unterstützung staatlicher Institutionen regionale Markenprodukte und legte Qualitätsnormen fest, die ihre Mitglieder einzuhalten hatten (Otto Jüngst, Maßnahmen zur Absatzsteigerung bei Obst, Gemüse, Eiern und Geflügel, MDLG 42, 1927, 1194-1198; Hans Asmis, Die Stellung der deutschen Landwirtschaft auf dem Binnenmarkt, MDLG 43, 1928, 859-863). All das erschien notwendig, war aber auch ambivalent: Im Marktwesen „erleben wir den Untergang des einzelnen und den Aufstieg von hundert und tausenden Leuten in den Genossenschaften. Aber es bedarf noch vieler Mühe, vieler Zeit und vielen Zuredens, ehe wir den Landwirt, der auf der einen Seite technisch zur Spitzenleistung erzogen wird und zur Spitzenleistung streben muß, soweit haben, daß er auf der anderen Seite seine persönlichen Neigungen vergißt und sich anschickt, die allgemeinen Formen des Absatzes, die nur in der Masse errichtet werden können, mitzumachen“ (Friedrich Beckmann, Markt und Landwirtschaft, MDLG 45, 1930, 520-522, hier 522). Schrillere Stimmen wandten sich gegen den vermeintlichen „Kollektivismus“ dieser Maßnahmen, forderten stattdessen massive staatliche Interventionen, wie sie dann im Reichsnährstand 1933 Gestalt annahm (Replik, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1100).

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Abstraktion als Grundlage der Standardisierung: Das Huhn als Eierfabrik (Illustrierter Sonntag 1930, Nr. 50 v. 14. Dezember, 8)

Bevor wir uns der Konzeptionierung des „Deutschen Frischeies“ zuwenden, sollten wir uns aber noch kurz mit den Erwartungen auseinandersetzen, die mit der Standardisierung verbunden waren. Sie setzte anonyme Märkte und die umfassende Geltung von Marktmechanismen voraus, zielte implizit auf mittlere und größere Betriebe. Ihr Hauptziel war Kostenreduktion. Einheitliche Ware führte zu geringeren Verpackungs-, Transport-, Lager- und Verkaufskosten. Sie reduzierte Kontrollkosten, wusste man doch, welche Ware man erhielt. Dies erleichterte die Bestellung, ermöglichte zugleich raschere Kaufentscheidungen bis hin zum Termingeschäft. Zugleich wurde die Ware beleihbar, war also schon vor dem Kauf Geld wert. Standardisierte Ware reduzierte das Risiko bei Käufer und auch Verkäufer, erleichterte eventuell auftretende Mängelrügen. Schließlich erlaubte sie eine einfachere Marktbeobachtung und bot eine gute Grundlage für passgenaue Werbung (Kurt Schneider, Die Standardisierung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse als Grundlage einer rationellen agraren Absatzwirtschaft, MDLG 45, 1930, 741-743, hier 742). All dem standen Nachteile gegenüber: Standardisierte Ware war Massenware, konzentrierte sich auf Mindestqualitäten. Dies begrenzte die Dispositionsfreiheit der Produzenten, reduzierte tendenziell die Auswahl der Konsumenten. Über dem Standard liegende Produzenten wurden benachteiligt, und der Einkauf glich dem Abarbeiten einer Liste, nicht dem Entdecken der Vielfalt eines Gutes. Wichtiger aber schien den Befürwortern die Ausweitung des Marktes, die Konzentration auf höhere Produktionsziffern, das Bekenntnis zu einer möglichst kontinuierlichen Marktbeschickung und das Wegfallen der Handelsspannen für Mittelsleute. Kostensenkungen und erhöhter Absatz würden zu höheren Preisen und damit auch Gewinnen führen – und zugleich die nach gleichen Prinzipien arbeitenden Auslandsanbieter aus dem Markt drängen. Der denkende und rechnende Konsument würde schon entsprechend handeln.

Standardisierung zielte auf einzelne Waren, bliebt dabei aber nicht stehen. Um standardisierte Waren liefern zu können, waren nämlich umfassende Änderungen in der Produktion und dem direkten Vertrieb erforderlich. Standardisierung war damit Teil einer breiter gefassten Rationalisierung von Produktion und Absatz (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland 1840 bis heute, Göttingen 2018, 306-311). Es ging nicht allein um marktgängige Waren, sondern immer auch um eine marktfähige Produktion. Dies bedeutete allerdings auch eine gewisse Abkehr vom Konsumenten, mochten dessen Wüsche in der damaligen Fachliteratur auch stetig beschworen werden: „Das Problem der Absatzkrise ist nicht nur vom landwirtschaftlichen Betrieb her zu betrachten, wie das die alte Landwirtschaftslehre tat, sondern von der Absatzseite her, vom Markte mit seinen Forderungen. Eingehendes Studium der Absatzverhältnisse, Anpassung an die Wünsche der Verbraucher durch Verbesserung und Normung der Qualität ist eine Notwendigkeit für die Landwirtschaft“ (Alfred Funccius, Normung und Wirtschaft, Wiso. Diss. Köln 1930, 34). Diese Marktbeobachtung erfolgte nicht mehr im privaten Austausch zwischen Bäuerin und Wochenmarktkundschaft, sondern durch Agrarökonomen, Statistiker und Marketingexperten, die zunehmend auf Grundlage von Marktdaten urteilten. Standardisierung war daher ein folgenreiches Erziehungsprojekt, „eine Frage der Menschenerziehung und Menschenbehandlung. Aufklärung und Interessierung aller beteiligten Kreise tut not. Die Konsumenten müssen dazu gebracht werden, Qualitätsunterschiede überhaupt zu bewerten und zu bezahlen. Die Produzenten und Händler sind über die zweckmäßigsten Arbeitsmethoden zu unterrichten. Ihr Verantwortungsgefühl ist zu stärken“ (Geert Koch-Weser, Die Standardisierung in der Milchwirtschaft, Agrarw. Diss. Berlin, Langensalza 1931, 112).

Die Entwicklung des „Deutschen Frischeies“

Das „Deutsche Frischei“ war die Quintessenz all dieser Vorüberlegungen, all dieser Marktveränderungen. Ewald Rosenbrock (1898-1983), Geschäftsführer des Deutschen Landwirtschaftsrates und ein guter Repräsentant für die Kontinuität der damaligen Agrarpolitik über den NS-Staat bis hin zur Bundesrepublik, pries es in seinem Jahresüberblick 1929 als Selbsthilfe der Landwirtschaft, als das erste nach einheitlichen Bewertungsgrundsätzen im ganzen Deutschen Reich geltendes „Wertzeichen für ein landwirtschaftliches Erzeugnis“ (Rosenbrock, 1929, 300, 301). Der Deutsche Landwirtschaftrat sei organisch vorgegangen, habe seit Mitte der 1920er Jahre lokale und regionale Eierverwertungsgenossenschaften gefördert, „die sich die Erfassung der bäuerlichen Geflügelhaltungen, die einwandfreie Qualitätskontrolle und Marktherrichtung der so gesammelten Eier und ihren Vertrieb zum Ziel setzte“ (Rosenbrock, 1929, 303). Hannover und Oldenburg, Rheinland und Westfalen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Pommern waren führend, auch bei der Etablierung regionaler Standardmarken. Diese regionalen Vorreiter repräsentierten fünf bis sieben Prozent der deutschen Eierproduktion. Auf ihren Wunsch sei man ab 1926 in Verhandlungen getreten, um auch ein reichsweites Einheitszeichen zu schaffen – die Markenbutterbewegung war hierfür das Vorbild; und deutsche Markenbutter können Sie bis heute kaufen. Die langwierigen, von regionalen Partikularinteressen stark geprägten Debatten stagnierten lange Zeit, blieben die Anforderungen an Ei und Eiproduzent doch hochgradig umstritten. Gleichwohl, am 2. Juni 1928 wurde das „Deutsche Frischei“ als Warenzeichen eingetragen. Die Anforderungen waren moderat, bedeuteten gleichwohl eine Neuorganisation der Eierproduktion: „Die Eier müssen einheitlich nach Größe bzw. Gewicht sortiert und durchleuchtet sein“ (Rosenbrock, 1929, 304). Dies sollte durch Kontrollstellen der Landwirtschaftskammern erfolgen. „Die Eier müssen sauber und ungewaschen sein. Die vom Erzeuger abzuliefernden Eier müssen mindestens einmal wöchentlich an die Sammelstelle bzw. Genossenschaft ausgehändigt und dürfen nicht länger als 7 Tage beim Erzeuger belassen werden.“ Die Verpackung wurde vereinheitlicht, und drei Größen festgeschrieben (a > 60 g, b 55-60 g, c 50-55 g). Rosenbrock schien zufrieden: „Diese Beschaffenheitsanforderungen für das ‚Deutsche Frischei‘ sind einerseits so streng, daß die mit dem neuen Einheitszeichen versehenen Eier tatsächlich den Anspruch erheben können, Qualitätseier zu sein, andererseits aber sind die Anforderungen, besonders was die Größensortierung und die Zeit der Ablieferung betrifft, so gehalten, daß bei geeigneter genossenschaftlicher Organisation tatsächlich die große Masse der deutschen Bauerneier ihnen Genüge tun kann“ (Rosenbrock, 1929, 305, auch für das vorherige Zitat).

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Der deutsche Frischei-Stempel 1928 (Landfrau 1928, Nr. 26, 5)

Doch nicht alle waren mit diesem langsamen Aufbau einer Qualitätsproduktion zufrieden. Jeder, der bürokratische Verfahren kennt, kann nachvollziehen, dass nach der Einigung auf das Warenzeichen weitere technische und organisatorische Aufgaben zu erledigen waren, so etwa das Recht der Stempelung oder die Art der zu verwendenden Stempel. Aus diesem Grund, sicher aber auch zur Stärkung der Reichsinteressen gegenüber den Ländern, intervenierte ab 1928 das Reichslandwirtschaftsministerium. Es lockte mit drei Millionen RM aus dem landwirtschaftlichen Notprogramm, die jedoch nur fließen sollten, wenn die bestehenden Richtlinien für die Eierproduktion und deren Kontrolle akzeptiert werden würden ([Helmuth] Kobligk, Getrennt marschieren – vereint schlagen!, Genossenschaftsblatt des Verbandes hannoverscher landwirtschaftlicher Genossenschaften 18, 1929, Nr. 18, (1)-(3); zur Mittelverwendung s. Otto Heine, Das „deutsche Frischei“, ebd., Nr. 16, (2)-(4)).

Angesichts der „Not der Landwirtschaft“ galt es größer zu denken, umfassender zu agieren. Die Finanzhilfen sollten die Grundausstattung der bestehenden, aber auch zahlreicher neu zu gründenden Absatzgenossenschaften sichern. Dies bedeutete Personalmittel, Transportmittel, Beleuchtungs- und Sortiermaschinen sowie Finanzhilfen. Zudem wurde am 12. Juli 1929 der Reichsausschuß für Geflügel- und Eierverwertung gegründet, der nicht nur die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Kreise koordinieren und miteinander in Einklang bringen sollte, sondern zugleich für die Marktbeobachtung sowie die reichsweite Werbung und Vermarktung zuständig war (Planmäßige Marktbeobachtung für Geflügel und Eier, Schaffung von Standard-Eiern, Die Volksernährung 4, 1929, 331-332, hier 331). Das entsprach dem Vorgehen in anderen Branchen, wurden damals doch jährlich 31 Millionen RM für zahlreiche Werbeausschüsse aufgewendet, die nun für „Mehr Milch“, „Mehr Obst“, „Deutschen Wein“, etc. warben. Dies war durchaus innovativ, der angewandte Marketingmix teils moderner als analoge Versuche der industriellen Markenartikelhersteller (Uwe Spiekermann, „Der Konsument muß erobert werden!“ Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt a.M. 2007, 123-147, hier 125-135). Ziel war, eine rasch wachsende Zahl von Anbietern in die Absatzgenossenschaften zu lenken, da die Werbung für das „Deutsche Frischei“ immer auch eine Nichtwerbung für die große Menge der sonstigen deutscher Eierproduktion war. Die neue Eiermarke würde zu einer Marktspreizung führen: Die Verbraucher würden die höhere Qualität mit höheren Preisen goutieren – und das bedeutete im Kern, dass sie bereit waren, „Deutsche Frischeier“ zu den Preisen der westlichen Importware zu kaufen. Parallel aber würden die Preise für die restlichen, nicht gekennzeichneten deutschen Eier tendenziell sinken. Entsprechend groß war der Anreiz, bedingt auch der Zwang, den neuen Genossenschaften beizutreten, die Eier gemäß den bestehenden Richtlinien abzuliefern und sie an keiner anderen Stelle abzusetzen: „Es ist Pflicht aller Geflügelhalter und -züchter, sich dieserhalb mit ihren Kammern oder dem Klub der deutschen Geflügelzüchter in Verbindung zu setzen, damit die Gewähr für ein einheitliches Vorgehen gegeben wird. Trotzdem kann außer dieser Bezeichnung […] ein privates zugesetzt werden, um zu zeigen, woher das Ei stammt. Dem Verbraucher wird das nur angenehm und für den Verbraucher eine gute Erziehung sein. Falsch ist es aber, sich in Erzeugerkreisen gegen die Einführung des deutschen Frischeies zu wehren und ein neues Zeichen einführen zu wollen. Solche Eigenbrötelei würde nur nachteilig für die deutsche Geflügelzucht- und -haltung sein“ (Deutsches Frischei, Landfrau 1929, Nr. 18, 7).

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Neue Ordnung der Erzeugungs- und Absatzräume der genossenschaftlichen Eierwirtschaft (Genossenschaftsblatt 1929, Nr. 13, 2)

Die neue Ordnung war reichsweit angelegt und kombinierte monetäre Anreize mit rigidem Zwang. Das Deutsche Reich wurde in 17 Erzeugergebiete untergliedert und die Genossen waren verpflichtet, ihre Eier ausschließlich der jeweiligen Zentralstelle zu liefern, die dann die Ware kontrollierte, sortierte, verkaufte und bezahlte. Die Gebiete waren bestimmten Absatzregionen zugeordnet, um die Belieferung der Konsumzentren sicherzustellen, um zugleich aber den Transport- und Vermarktungsaufwand gering zu halten. Das Reichslandwirtschaftsministerium zielte damit auch auf die Rationalisierung der bestehender Absatzketten, zumal die trotz Rechtsrahmen schwer zu kontrollierenden Wochenmärkte. Strukturen, bei denen der Hersteller entschied, an wen er seine Eier verkaufen wollte, wurden als „nicht zweckmäßig“ bewertet, ihr Marktwissen damit entwertet. Zugleich hoffte man mit der Förderung der Absatzgenossenschaften Einfluss auf den Groß- und Einzelhandel zu nehmen, um auch diese zu ordnen (Gerh[ard] Rudolph, Der Weg des Eies zum Verbraucher, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 153-156). Deutlich wird, wie von Experten implementierte Arrangements das Agrarische nach den Erfordernissen moderner Marktgesellschaften ordnen sollten und letztlich ordneten.

Kritik an diesen Maßnahmen ließ nicht auf sich warten. Sie kam einerseits von den schon etablierten Hühnerfarmen, die mit ihren Eiern überdurchschnittliche Preise erzielten, da sie marktgängige Waren in größeren Mengen liefern konnten. Sie kritisierten die einseitige Staatsintervention, brachten die Standardisierung von vornherein „in Mißkredit“ (L[u]dw[ig] Brand, Der Kampf um das deutsche Frischei, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1098-1099, hier 1099). Zugleich verwiesen sie auf den eher verhaltenen Erfolg der bereits bestehenden und mit dem Frischeistempel werbenden Genossenschaften. Diese hatten 1929 ca. 100 Millionen Eier verkauft – nicht viel angesichts eines Gesamtabsatzes von deutlich mehr als 8 Milliarden Stück. Die Folge war ein erstes Nachjustieren, das vor allem die Werbung betraf. Es wurde Anfang 1929 ein neues Markenzeichen, das sog. „Adlerei“, entwickelt. Dieses lehnte sich eng an die Werbung für andere einheimische Güter an, insbesondere der Ikonographie des Reichsmilchausschusses.

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Ein neues Markenzeichen: Banderole und Stempel des „Deutschen Frischeis“ ab 1929 (Landfrau 1930, Nr. 11, 5)

Die umfassenden Bemühungen der Standardisierung und des Ausbaues der genossenschaftlichen Absatzstruktur liefen derweil weiter. Der reichsweite Markteinstieg hatte noch nicht begonnen, er sollte erst am 1. April 1930 erfolgen. Dadurch blieb grundsätzlich Zeit, sich einer weiteren sehr grundsätzlichen Kritik an der „Frische“ der deutschen Standardware zu stellen.

Wie „frisch“ war das Frischei?

Frische ist ein inhaltsleerer Begriff, doch er markiert Anspruchshaltungen und Versprechen. Er steht für makellose, naturbelassene Güter, neu noch, nicht abgestanden und verdorben. Frische Lebensmittel sind sicher und ungefährlich, haben keinen typischen Geschmack, ihre Kühle ist unspezifisch, zielt auf Verfügbarkeit. Sie zeigen uns eine ideale Natur: Ebenmäßig und schön, ansprechend und ohne Schadstellen. Frische bedeutet Bewahrung, Sicherung von Nährwert und Bekömmlichkeit. Genauer bedacht, steht der Begriff nicht für Verzehrsfähigkeit und guten Geschmack, sondern für die noch mögliche optimale Nutzung: Wein und Weinbrand müssen reifen, Fleisch abgehangen sein, auch das Ei schmeckt vier Tage nach dem Legegeschäft am besten.

Frische ist daher von Kriterien abhängig, die je nach Lebensmittel anders sind. Der Begriff verweist auf Vergänglichkeit, setzt dagegen Techniken. Das mögen häusliche Verfahren der Konservierung und „Frischhaltung“ sein, doch auch der gewerbliche Einsatz von Konservierungsmitteln, von Hitze- und Kältetechnik, von Zwischenlagern und Verpackungen. Frische ist ohne Wissenschaft nicht denkbar, mag diese auch hintergründig wirken. Sie steht demnach für weit mehr als die Qualität eines Lebensmittels, seiner Entfernung von Entstehungsort und -zeit. Frische ist ein Mythos, dem sich Menschen zunehmend selbst unterordnen. Er kann helfen, Altern mit der Illusion von dauernder Jugend zu verbinden, Leistungsfähigkeit und stete Präsenz sicherzustellen und zugleich die zahllosen unabdingbaren Eingriffe in unsere Lebensmittel und zahlreiche andere Güter vergessen zu machen. Und doch, die Kriterien der Frische sind immer fraglich, immer Aushandlungssache.

Das galt auch für das „Deutsche Frischei“. Kritiker monierten harsch: „Man behauptete nach der berühmten Formel Ei ist Ei, die deutschen Eier brauchten nur einheitlich abgestempelt zu werden, um Qualitätsware zu sein! Man mutete also dem Verbraucher zu, zu glauben, daß die staatliche gestempelten Eier erste Qualität seien, obwohl die Methoden und Wege ihrer Sammlung aus Millionen kleiner Kanäle über Sammelstellen, Untergenossenschaften, Zentrale, Großverkaufsstelle zum Markt ihnen nicht einmal die Frische garantieren, die sie früher hatten, zu schweigen davon, daß man mit einem Stempel keine Qualität verbessert“ (Der Tanz auf den Eiern, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1028-1030, hier 1029). Diese Kritik war nicht unbegründet. „Frische“ wurde in keiner der Richtlinien präzise definiert. Immer wieder genannt wurden zwei miteinander verbundene, gleichwohl zu unterscheidende Kriterien, nämlich Alter und Aussehen: „Das Frischei muß an der ganzen Oberfläche die natürliche Fettschicht und den natürlichen Glanz vollkommen unverändert aufweisen. Bei der Durchsicht soll das Frischei eine kleine Luftblase zeigen, die nicht größer sein sollte als ein Groschenstück. Der Dotter des Frischeis darf in der Durchsicht nicht oder nur als ganz schwacher Schatten zu erkennen sei“ (Welche Forderungen stellt man an ein Frischei?, Das Kleine Blatt 1929, Nr. 214 v. 5. August, 5). Alle abgegebenen Eier wurden daher auf einem Durchleuchtungstisch kontrolliert. So konnten auch eventuell um den Dotter verbliebene Blutreste erkannt und, wie auch Knickeier, ausgesondert werden. Verantwortlich für die Frische und Güte der Eier war der Lieferant, dem bei Verstößen hohe Strafen drohten, eine ganze Reichsmark pro „minderwertiges“ Ei ([Alex] Schindler, Qualitätserzeugnisse in der deutschen Landwirtschaft, MDLG 44, 1929, 972-975, hier 974). Hier hallte gewiss die Warnung des Agrarökonomen und Vorreiters der landwirtschaftlichen Standardisierung Kurt Ritter (1894-1984) nach, der stetig an den immer prekären Genossenschaftsgeist appellierte: „Die deutschen Landwirte dürfen nicht, wie das bisher vielfach geschieht, die Genossenschaft als eine Einrichtung ansehen, die gut genug ist, ihnen ihren Kram und Schund abzunehmen, den der Händler nicht haben will!“ (Ritter, 1926, 26) Die Möchtegernfrischeier wurden auch deshalb bei der Ablieferung von Kontrolleuren grob gesichtet, um stark verschmutzte und beschädigte Ware auszuschließen. Nach der eigentlichen Kontrolle wurden sie dann nach Größe sortiert und in normierte Kisten verpackt. Bei der Zentralstelle schlossen sich stichprobenartige Kontrollen an.

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Veränderungen des Eies bei Alterung: Grundlage für die Durchleuchtung aller „Deutschen Frischeier“ (Die Landfrau 1929, Nr. 18, 7)

Kommen wir zum Alter als Kriterium für Frische: Alle Mechanismen dienten der Exekution der 7-Tage-Regel. Demnach durften Eier bei der Abgabe im Zeitraum Oktober bis Januar nicht älter als eine Woche sein. In der übrigen Zeit relativer „Eierschwemme“ sahen die Richtlinien gar eine zweimalige Ablieferung pro Woche vor. Die Genossenschaften wurden zudem mit kleinen Lastkraftwagen ausgestattet, um die Verweildauer der Eier in der Absatzkette möglichst zu minimieren. Optimistische Stimmen sprachen von Lieferfristen von nur wenigen Tagen: „Wenn die Sammelstellen richtig verteilt sind, wird man für die Zeit vom Erzeuger bis zu ihr nicht mehr als einen Tag rechnen brauchen. Veranschlagt man für die Zeit von der Sammelstelle bis zur Verkaufsstelle 2 Tage und bei dieser nochmals 1 Tag, dann kann das Ei bereits nach 4 Tagen in den Händen des Detailhandels sein“ (Deutschlands Eiereinfuhr und das „Deutsche Frischei“, Ernährungswirtschaft 3, 1929, 244-246, hier 246). Um das Alter der Eier abschätzen zu können, wurden die Eiern anfangs nicht nur gestempelt, sondern auch mit Kürzeln versehen, deren Nummern und Buchstaben den Legezeitraum benannten. Der Verbraucher konnte diese Angaben allerdings nicht deuten, das genaue Alter der Eier blieb Expertenwissen.

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Der Hahn als Exekutor der neuen Stempelfreude – Karikatur 1930 (Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 13)

„Deutsche Frischeier“ dürften demnach ein bis anderthalb Wochen nach dem Legen in die Läden gekommen sein. Sie galten als frisch, wenn sie nicht älter als drei Wochen waren. Diese Obergrenze entsprach Handelsbräuchen und einem Urteil des Landgerichtes Trier von 1912, durch das der Begriff „Frische Landeier“ genauer definiert worden war. Doch insbesondere die Kühltechnik stellte diese Zeitspannen infrage. Waren Eier noch frisch, wenn der Händler „Deutsche Frischeier“ gekauft und dann für drei bis sechs Monate in ein Kühlhaus eingelagert hatte? Sie waren es nicht; doch für dieses Verdikt bedurfte es eines längeren Gerichtsverfahrens, da chemische Prüfverfahren Kühlhauseier und frische Eier nicht voneinander unterscheiden konnten (A[ugust] Schrempf, Über den Rechtsschutz des Deutschen Frischeies, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1932, 10-12). Insgesamt blieben die Kontrollmechanismen im Handel unterentwickelt, so dass es durchaus möglich war, dass auch ältere Eier als „Deutsche Frischeier“ zu verkaufen.

Verpatzte Markteinführung und begrenzte Rationalitäten

Das „Deutsche Frischei“ wurde am 1. April 1930 nach vierjährigen Planungen und einer 1928 einsetzenden regionalen Vermarktung reichsweit eingeführt. Mitte März begann die Presseberichterstattung, die den Verbraucher in die Pflicht nahm: „Von ausschlaggebender Bedeutung für die erfolgreiche Durchführung der Bestrebungen ist neben der energischen Selbsthilfe der Landwirtschaft die treue und nachhaltige Mitwirkung der Verbraucherkreise, vor allem der städtischen Hausfrauen. Sie müssen sich in erster Linie darüber klar sein, daß nur ein wirklich frisches Ei ein vollwertiges Ei ist und daß Eier, die vom Auslande kommen und zum großen Teile wochen- und monatelang unterwegs sind, bevor sie in die Hand des Verbrauchers gelangen, trotz des scheinbar billigen Preises viel zu teuer bezahlt sind“ (Das deutsche Frischei, Badische Presse 1930, Nr. 164 v. 7. April, 5). Doch schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass die geschaffenen Strukturen nicht ausreichten, die Nachfrage zu decken: „Leider haben bei den großen Anforderungen, namentlich zum Osterfest, die deutschen Eierproduzenten bzw. Genossenschaften absolut versagt. Die ungenügend kaufmännisch geschulten Verkaufsorganisationen haben ihre Lieferverpflichtungen nicht gehalten, da sie an anderer Stelle geringe Preiserhöhungen wahrnehmen konnten. Dadurch ist das Vertrauen des Handels zur deutschen Landwirtschaft stark erschüttert worden“ (M. Weiler, Die Erfolge der Qualitätssteigerung der deutschen landwirtschaftlichen Erzeugnisse […], Ruhr und Rhein 11, 1930, Sdrh., 6-8, hier 8). Am Ende des Jahres 1930 zählte man 214 Millionen verkaufte „Deutsche Frischeier“, 1931 waren es 507 Millionen. 1932 sank der Absatz gar auf 439 Millionen Eier (Werner Kruse, Die deutsche Landwirtschaft und die Handelsklassengesetzgebung, Phil. Diss. Berlin 1934, 69). Das war eine beträchtliche Steigerung, die für beteiligte Eierproduzenten auch profitabel war, denn die Preise stiegen um ca. 1,5 Pfennig pro Ei, lagen damit auf der Höhe importierter Qualitätseier. Angesichts der weitaus ambitionierteren Zielsetzungen war das „Deutsche Frischei“ mit einem Marktanteil von etwa fünf Prozent jedoch ein Flop.

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Appell an das volkswirtschaftliche Gewissen der Nation: Werbung 1930 (Berliner Tageblatt 1930, Ausg. v. 17. April)

Stellen wir nun die deutsche Lieblingsfrage: Wer war daran schuld? Eine eindeutige Antwort ist schwierig, doch die begrenzten Rationalitäten der Akteure kommen so in den Blick. Die Werbung hatte gewiss ihren Anteil, trotz Aufwendungen, wie sie die Eierwirtschaft zuvor noch nie gesehen hatte. Bisher wurden Eier vor allem durch Groß- und Einzelhändler beworben, einzig der Club Deutscher Geflügelzüchter machte eine Ausnahme. Die Anzeigen des zuständigen Reichsausschußes für Geflügel- und Eierverwertung – hervorgegangen aus dem Reichsausschuß für Wirtschaftsgeflügel – präsentierten das gestempelte Adlerei 1930 als Maßnahme gegen den vermeintlich überbürdenden Eierimport des Auslandes. Zugleich forderten sie die Verbraucher zu aktiver Tat auf, wohl wissend, dass das „Deutsche Frischei“ in Köln, dem Ruhrgebiet, Hannover und Oldenburg gängige Handelsware war, nicht aber in Berlin, dem Süden oder Mitteldeutschland. Darüber konnten auch interessengeleitete Fehlinformationen nicht hinwegtäuschen, die allen Ernstes behaupteten: „Heute beherrscht in allen Eierhandlungen das ‚deutsche Frischei‘ nicht zuletzt dank der Nachfrage der Hausfrauen unbestritten das Feld“ (Cornelius Schmidt, Das deutsche Frischei erobert den Markt, Die Volksernährung 5, 1930, 274). Die Werbung orientierte sich einerseits an den Maßnahmen der zahlreichen anderen Werbeausschüsse für landwirtschaftliche Produkte, anderseits an den Vorarbeiten des Clubs Deutscher Geflügelzüchter. Anzeigenwerbung hatte daher nur einen eher geringen Anteil an den Werbemaßnahmen. Wichtiger waren appellative und informierende Plakate und Flugschriften. Gerade in Berlin hatten Hühnerfarmen diese spätestens seit 1927 in Milch- und Lebensmittelgeschäften schon eingesetzt: „Das Frischei ist das vollkommenste, wertvollste und dabei billigste Nahrungs- und Heilmittel!“ Auch Kleingartenbesitzern sollten schon seit längerem intensivere Geflügelzucht betreiben, um den Geldabfluss ins Ausland begrenzen zu helfen (Höhne, Kleinsiedler und „Die Ernährung“, Berliner Volks-Zeitung 1928, Ausg. v. 11. Mai). Insofern wandelte die Werbung für das „Deutsche Frischei“ auf bereits beschrittenen Bahnen – und war daher nicht differenzierungsstark.

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Informationsstand der Hannoverschen Frischei Genossenschaft während der DLG-Ausstellung in Hannover 1931 (Genossenschaftsblatt 20, 1931, Nr. 13, (2))

Das war anders bei den zahlreichen Formen direkter Werbung, wie sie zuvor vor allem der Reichsmilchausschuss genutzt hatte. Hervorzuheben ist die umfassende Präsenz auf land- und hauswirtschaftlichen Ausstellungen. Sie schuf Transparenz über das Kontrollverfahren und die Qualitätskriterien des neu bezeichneten Eies. Die Werbung zielte also keineswegs nur auf Verbraucher, sondern ebenfalls auf die große Zahl genossenschaftlich nicht organisierter Hühnerhalter. Das war ein strukturelles Problem: Die Werbung für eine nationale Dachmarke musste notgedrungen allgemein sein, doch dadurch wurde es schwieriger, zielgruppengenaue Ansprachen zu machen. Zugleich war die  Werbung für das „Deutsche Frischei“ nicht so einheitlich, wie dies Advokaten propagandistischer Massenansprache forderten; sie gingen, wie auch etwa die meisten politischen Parteien, von schwachen, leicht zu überzeugenden Konsumenten aus. Die unterschiedlichen landwirtschaftlichen Institutionen agierten durchaus eigenständig. Der Deutsche Landwirtschaftsrat schuf eigene Werbeplakate, ebenso einen für Kinos geeigneten Werbefilm. Regionale Landwirtschaftskammern steuerten weitere Werbematerialien bei, ebenso die Zentralen der Absatzgenossenschaften (Heine, 1929, (3)). Die Breite der Anstrenungen unterstreicht schließlich ein Reklameglasei der bei Spremberg gelegenen und für ihre Vorratsgläser und Messbecher bekannten Glashüttenwerke Poncet (Rosenbrock, 1929, 310).

Die Werbung für das „Deutsche Frischei“ blieb umstritten, nicht nur aufgrund der hinter den Erwartungen zurückbleibenden Absatzzahlen. Das lag aber nicht nur an dem strukturellen Defizit fehlender Preispolitik. Das Gemeinschaftsprodukt durfte nicht „billig“ sein, sollte eben höhere Preise erzielen. Es lag auch an grundsätzlicher Kritik, nach der Werbung „unproduktive Arbeit“ sei, ein zusätzlicher Kostenfaktor, der vor allem dazu diente, eine urbane Elite von Reklamefachleuten zu ernähren (Landwirtschaft und Reklame, HLFZ 83, 1930, 852, auch für da folgende Zitat). Sie setzten stattdessen auf einfache und sachliche Werbung, nicht sinnbetäubend, sondern im wohlverstandenen Sinne belehrend. Für diese Kritiker war „marktschreierische“ Werbung „undeutsch“. Diese im Mittelstand weitverbreitete Haltung verstand Wirtschaft noch als eine verpflichtende Handlung, gekennzeichnet durch wechselseitige Rücksichtnahme der unterschiedlichen wirtschaftlichen Akteure und einem von Pflicht geprägtem Konsumverhalten (Landwirtschaft und Deutsche Woche, HLFZ 84, 1931, 988-989, hier 989). Genauere Kenntnis des „Deutschen Frischeies“ hätte demnach klare Folgen: „Die Hausfrau ist ein Wirtschaftsdiktator im kleinen! Sie wird sicher ihre Pflicht in der einzig möglichen Weise zu handhaben wissen!“ (Steigende Nachfrage nach deutschen Qualitätserzeugnissen, Landfrau 1931, 93-94, hier 94)

In solchen Stellungnahmen spiegelt sich die strikt nationale Ausrichtung der Agrarwerbung, die angesichts der massiven Preis- und auch Konsumrückgänge während der Weltwirtschaftskrise nochmals intensiviert wurde. Seit 1928 wurden von der grünen Lobby „Deutsche Wochen“ gefordert, seit 1930 dann durchgeführt (K. Schumann, Die „Deutsche Woche“. Ein Weg für die landwirtschaftliche Gemeinschaftswerbung, MDLG 45, 1930, 1047-1048). Eine möglichst umfassende Autarkie wurden öffentlich intensiv diskutiert. Sie bildete die Quintessenz der neomerkantilistischen Wendung gegen die Eierimporte. Der 1930 gegründete Volkswirtschaftliche Aufklärungsdienst flankierte diese Maßnahmen mit Ausstellungen und reich bebilderten Broschüren. Die Werbung für das „Deutsche Frischei“ gliederte sich hierin ein: „Ein Volk mit 5 Millionen Arbeitslosen kann es sich nicht leisten, alljährlich Hunderte von Millionen für fremde Eier ins Ausland fließen zu lassen. Tätige Mithilfe eines jeden wird dem deutschen Eierfeldzug zum endlichen Siege verhelfen können“ (Das deutsche Ei marschiert!, Landfrau 1931, Nr. 14, 63-64, hier 63). Imagination eines einheitlichen Volkes ging einher mit imaginierten Verpflichtungen in einer Konsumgesellschaft.

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Nationalisierung der Werbung: Aktive Kennzeichnung deutscher Waren 1931 (l.) und Werbeplakat für Deutschen Wochen 1931 (HLFZ 85, 1931, 1096; Landfrau 1931, 176)

Nationales Wollen ersetzt jedoch keine Wirtschaftskompetenz. Das Fazit war 1931 eindeutig: „Allgemeine Propaganda für das deutsche Erzeugnis hat sich als völlig wirkungslos erwiesen“ (Mann, Erst Qualität, dann Propaganda!, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 49-50, hier 50). Die nach der NS-Machtzulassung nach Großbritannien emigrierte Agrarökonomin Hedwig Auspitz resümierte pointiert die Marktdaten des 1929 gegründeten Berliner Instituts für Marktforschung: “Die Propaganda für das ‚Deutsche Frischei‘ hat gezeigt, wie Propaganda nicht gemacht werden soll und welche Voraussetzungen für zweckmäßige, erfolgreiche Propaganda gegeben sein müssen – das in Qualität und Preis einwandfreie Produkt – Schwindel in der Reklame ist das Dümmste, was gemacht werden kann; besser ist es, gar keine Reklame zu machen, als schlechte Reklame. […] Durch die Reklame für ein nicht einwandfreies Produkt wird höchstens erreicht, daß die Verbraucher auf den Unwert des Produktes hingewiesen werden“ (Das Durcheinander im Nationalwirtschaftlichen Aufklärungsdienst, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 19-21, hier 20). Werbung konnte nicht die strukturellen Organisationsdefizite einer nationalen Dachmarke überdecken, die dem Werbeversprechen umfassender Verfügbarkeit nicht gerecht wurde. All dies führte zu einer neuerlichen Reorganisation der Werbung für das „Deutsche Frischei“, die ab 1932 von der neu gegründeten Berliner Eierstelle des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen – e.V. koordiniert wurde.

Auch ein zweiter, an sich moderner Aspekt der Eierwerbung hatte keine größeren Effekte: Die Anpreisung des „Deutschen Frischeies“ als gesund. Es galt als „vollwertiges Nahrungsmittel“, leicht verdaulich, klein, aber voller Energie, zudem reich an Vitamin A und an B-Vitaminen. „Das Vollfrischei jedoch besitzt außerdem noch wertvolle Stoffe wie: Lecithin und Cholesterin, wovon Wissenschaftler behaupten wollen, daß ohne dasselbe ein Fortleben in der Jugend nicht denkbar sei, nachdem diese Substanzen in den Gewebezellen, Nerven im Gehirn und im Samen enthalten sein soll“ (J. Rusch, Vom Wert des Frisch-Eies und seine Bedeutung als Volksnahrungsmittel, Bludenzer Anzeiger 1930, Nr. 20 v. 17. Mai, 3). Weitere Inhaltsstoffe wurde ausgelobt, etwa die Aminosäuren. Dazu kamen küchentechnische Vorteile: „Ohne das Ei ist die Ernährung kaum noch vorstellbar“ (Ei, 1931, 63). Das Ei, das frische, deutsche, es wurde gepriesen als „Vorbeugungsmittel“ gegen Arterienverkalkung, Harnvergiftung, Nierenkrankheiten und vieles mehr ([Josef Schießler], Der Wert vom Frischei und dem Trinkei!, Bludenzer Anzeiger 1932, Nr. 7 v. 13. Februar, 1-2, hier 2). Kurzum, die Ware „Deutsches Frischei“ wurde mit den üblichen verkürzenden Stoffprofilen beworben, wie bis heute die meisten Lebensmittel, wurde mit Attributen geschmückt, die selbst einen Pfingstochsen hätten neidisch machen können. Und doch, angesichts der während der späten 1920er Jahre massiv anwachsenden Gesundheitswerbung zerstoben spezielle Vorteile, war „Gesundheit“ doch kein eindeutiger Kaufgrund. Das galt zumal in einer Zeit, in der die Mehrzahl der Bevölkerung den Gürtel enger schnallen musste.

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Frische und Qualität als Werbeargumente 1931 (Vossische Zeitung 1931, Nr. 150 v. 29. März, 28)

Blicken wir nun auf einem weiteren potenziellen Schuldigem, den Verbraucher. Er war Fluchtpunkt vieler Wünsche, zumal nationaler: „Du aber, deutsche Frau und deutscher Mann, bedenke nicht nur, daß du ein Deutscher bist, sondern kaufe auch deutsch!“ (E. Rud[olf] Jungclaus, Schutzzoll oder Freihandel. – Deutsche, kauft deutsche Waren!, HLFZ 84, 1931, 1095-1096, hier 1096) Er galt als notorisch uninformiert über die Schäden der Eierimporte, jedoch als grundsätzlich gutwillig, wenn die Werbung ihn nur lenke (Elli Heese, Landfrau, Absatznot und Marktwerbung, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 200-202, hier 202). Diese „Fachleute“ hätten in der Fachliteratur genauer nachlesen sollen: „Die Einstellung der Landwirtschaft auf den Absatz setzt zunächst eine intime Kenntnis der Wünsche des Marktes voraus; eingehende Marktbeobachtung ist also unerläßlich. Nur wenn man die Forderungen der Käufer genau kennt, kann man sie erfüllen“ (Kurt Ritter, Rationalisierung in der Landwirtschaft, in: Ludwig Elster und Adolf Weber (Hg.), Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. gänzl. umgearb. Aufl., Erg.-Bd., Jena 1929, 765-795, hier 771). Preis, Geschmack und Frische, von dieser Trias abstrahierten die Frischeierpropagandisten, und mangels vorheriger Analyse hätten sie über den Flop nicht überrascht sein dürfen. Die Massenpresse brachte das Problem auf den Punkt: „Denn der übergrosse Teil der Konsumenten ist gezwungen, mit dem Pfennig zu rechnen, so dass er sich nicht den Luxus leisten kann, immer deutsche Waren zu kaufen! […] Was nützt das schönste Adlerei, wenn es der arme Schlucker sich nicht kaufen kann! Und dann: die ‚nationalen Belange‘, mit denen die berühmtem Plakate ‚Deutsche, trinkt deutschen Wein, esst deutsche Aepfel!‘ usw. stets drapiert werden, entpuppen sich bei genauen Untersuchungen immer wieder als geldliche Interessenten-‚Belange‘!“ (Das Adler-Ei!, Berliner Volks-Zeitung 1930, Ausg. v. 7. März)

Der Verbraucher handelte erwartbar, „rational“. Er schaute auf den Preis und die Qualität der Eier. Gerade während der Anlaufphase war die Zahl fauler Eier nicht zurückgegangen (Rationalisierte Eier, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 626-627, hier 626), konnte die namensgebende „Frische“ nicht durchweg gewährleistet werden. Auch später gab es immer wieder Beanstandungen (kritisch hierzu Breitfeld, Unfug mit dem deutschen Frischei, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 106-107). Die „Deutschen Frischeier“ standen für den Konsumenten zudem in einer längeren Reihe gestempelter Frischeier, teils der Hühnerfarmen, teils regionaler Produzenten, teils der Auslandsanbieter. Schwerwiegender aber war, dass er die neuartigen Eier vielfach schlicht nicht kaufen konnte (Thoering, Die Eier-Verordnung, MDLG 47, 1932, 323-324, hier 323). Es gelang den Genossenschaften nicht, genügend Ware anzubieten, so dass die Konsumenten vielfach nicht zwischen verschiedenen Angeboten wählen konnten.

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Kontrollzeichen niederländischer Exporteier (Lichter und Kobligk, 1929, 653)

Auch der Handel, insbesondere der Großhandel, zeigte sich gegenüber dem „Deutschen Frischei“ eher reserviert (Rudolph, 1932, 152): „Soweit er es überhaupt erhielt, hatte er allzu häufig Ursache zu Beanstandungen; er fand jedenfalls nicht das, was er dank der vielversprechenden Propaganda billigerweise erwarten mußte“ (Tanz, 1930, 1029). Doch es ging hier um Grundsätzlicheres: Auch wenn die Absatzgenossenschaften immer wieder ihr Interesse an fairen Beziehungen hervorhoben, konnten die Kostenreduktionen ohne Verdrängung von Händlern nicht realisiert werden. Schon das Kontrollsystem übernahm wichtige Funktionen, die damals vom Handel übernommen wurden. Diese Konkurrenz wurde durch zahlreiche Vorwürfe seitens der Landwirtschaft unterstrichen. Der Handel wurde immer angeklagt, keine Rücksicht auf die unter großen Schwierigkeiten produzierenden deutschen Bauern zu nehmen und sich für wenige Pfennige Differenz mit ausländischen Anbietern einzulassen, die ihm sicheren Gewinn für einfache Vermittlungstätigkeiten versprechen konnten (Das deutsche Frischei marschiert, Landfrau 1931, 149-150, hier 149). Auch der Handel rechnete jedoch mit Preisen und Preisdifferenzen, handelte ökonomisch „rational“, nicht national.

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Trittbrettfahrer: Werbung für einen elektrischen Eierkocher anlässlich der Einführung der „Deutschen Frischeis“ (Badische Presse 1930, Nr. 162 v. 5. April, 11)

Der Widerstreit der verschiedenen Akteure blieb nicht verborgen: „Der Kampf um das deutsche Frischei tobt in aller Heftigkeit weiter“ (Rusch, 1930, 3) – und die Eierabsatzgenossenschaften und die sie unterstützenden landwirtschaftlichen Organisationen hatten daran regen Anteil. Sie nahmen die theoretische Herausforderung dieser Zeit ernst: „Der deutsche Landwirt produziert in erster Linie für den Markt. Deshalb muß er sich dem Markt willig fügen, sich ihm anpassen und nicht seine ganzen Hoffnungen auf den Staat setzen oder darauf, daß der Markt sich ihm anpaßt“ (Ritter, 1926, 35). Es ging dabei erst einmal um ein Ringen um die Sache, also die Ausgestaltung der Produktion und der Kontrollsysteme. Die Marktbeobachtung kam anfangs nicht voran, da die elementare und an sich einfache Größensortierung nicht überall gleich erfolgte (Heine, 1929, (3)). Wichtiger aber war die Konkurrenz der Genossenschaften untereinander. Gerade bei der Belieferung der Konsumzentren, zumal Berlins, standen die Zentralgenossenschaften im direkten Wettbewerb. Ihr Marktanteil war zu gering, um die gewünschten Preise durchzusetzen und den privaten Eierhandel zu verdrängen. Zugleich war die Kostenbelastung hoch, waren die Strukturen eines reichsweiten Absatzsystems ja geschaffen worden (Rüße, 1996, 147). Das Reichslandwirtschaftsministerium richtete deshalb zusätzliche Ausgleichstellen ein, außerdem bemühte man sich um Einigungen innerhalb der sechs den siebzehn Erzeugergebieten übergeordneten Hauptabsatzgebiete.

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Werbung für neue Organisationsformen des Eierabsatzes 1930 (Genossenschaftsblatt 19, 1930, Nr. 13, 4)

Derartige interne Querelen waren ein Grund für die zu geringe Bindungskraft der Absatzgenossenschaften. Zeitgenossen unkten, bisher war „der Erfolg der gesamten Unternehmung sehr begrenzt […]. Der Grund hierfür ist letzten Endes in der Preisgestaltung zu suchen“ (Thoering, 1932, 324). Es gelang den Eierverkaufsgenossenschaften nur unzureichend, Hühnerfarmen als Mitglieder zu gewinnen. Auch die große Mehrheit der kleinen und auch mittleren Bauernwirtschaften blieb den Genossenschaften fern. Für kleine Nebenerwerbswirtschaften schien der Aufwand zu groß, während die leistungsfähigeren Spezialanbieter deutlich sinkende Einkommen befürchteten. Insgesamt erhöhten die Absatzsatzgenossenschaften die Anforderungen an die Geflügelwirtschaft, die nun dem Druck ausgesetzt war, die Hühnerzucht und die Fütterung zu verbessern (Die deutsche Geflügelzucht, Vorwärts 1931, Nr. 25 v. 16. Januar, 9). Kritiker monierten, dass dieses am Anfang hätte stehen müssen, nicht nach der Implementierung des „Deutschen Frischeis“. Auch die Werbung habe zu früh eingesetzt, habe dadurch die Konsumenten verwirrt. Die landwirtschaftlichen Organisationen hätten mindestens 20-25 Prozent der Inlandsproduktion genossenschaftlich organisieren, sich zuvor den monetären Lockungen des Reichslandwirtschaftsministeriums verweigern müssen (Kruse, 1934, 32-33). Erst Standardisierung, Qualitätsverbesserung, ein Ende des „Sortenwirrwarrs“ – und anschließend der Absatz unter einer nationalen Marke; das sei die Lehre aus der verfrühten Einführung des „Deutschen Frischeies“.

Aus dieser Sicht war der Schuldige vor allem „der Staat“, also das Reichslandwirtschaftsministerium. Dieses hatte die Federführung der Eierstandardisierung vom Deutschen Landwirtschaftsrat übernommen, sie dann mit einer umfassenden Neuorganisation des Eiermarktes verbunden und massiv auf eine schnelle Markteinführung des „Deutschen Frischeies“ gedrängt. Angesichts wachsender Einkommenseinbußen und einer nicht nur im Osten rasch zunehmenden Verschuldung der Landwirtschaft gab es jedoch gute Gründe, die Einführung zu wagen. Zu beachten ist auch die politische Konstellation. Seit 1928 leitete der liberale DDP-Politiker Hermann Dietrich (1879-1954) das Ministerium. Selbsthilfe ersetzte tendenziell Staatshilfe, die zahlreichen Absatzgenossenschaften waren die Konsequenz. 1930, mit dem nahenden Ende der großen Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller (1876-1931), endete dieses Intermezzo. Ein Tag vor der Markteinführung des „Deutschen Frischeies“ begann mit der Kanzlerschaft des Zentrums-Politikers Heinrich Brüning (1885-1970) die kurze Periode der Präsidialkabinette. Landwirtschaftsminister wurde nun, wie schon 1927 bis 1928, der deutschnationale Agrarier und Präsident des Reichslandbundes Martin Schiele (1870-1939). Dies bedeutete verstärkte Staatsintervention, Preisstützungen, mehr Zollschutz und eine Reorganisation der Eierwirtschaft auf deutlich breiterer Grundlage. Devisenbewirtschaftung, massive Kaufkraftverluste und ein Preisverfall von einem Drittel bewirkten derweil eine Umkehr des Aufwärtstrends bei den Eierimporten. Die Zahl der importierten Eier sank von 3,13 Milliarden Stück 1928, über 2,99 und 2,89 auf 2,49 Milliarden Eier 1931. Der Inlandanteil am Verbrauch stieg parallel von 60 Prozent (1928) über 63 und 66 auf 68 Prozent 1931 (A[lex] Walter und [Gerhard] Lichter, Die deutsche Eierstandardisierung, Berlin 1932, 15).

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Smileys für die Neuordnung: Rechts Verkaufskisten mit „Deutschen Frischeiern“ (Der junge Landwirt 5, 1932, 40)

Das Reichslandwirtschaftsministeriums begrüßte diese Trendwende, sah sich aufgrund des drohenden Verfalls der Investitionen in die Eierwirtschaft und dem möglichen Bedeutungsverlust der genossenschaftlichen Organisation jedoch zu weiteren aktiven Maßnahmen gezwungen. Die Marktimplementierung des „Deutschen Frischeies“ galt nun lediglich als „Vorarbeit“ (Binnenhandelspolitische Maßnahmen, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 49, 1931, 170-186, hier 185) für eine umfassende Neuregelung. Dazu zielte „der Staat“ – also eine kleine Gruppe landwirtschaftlicher Interessenvertreter, Ministerialbeamter und Agrarwissenschaftler – auf eine möglichst umfassende Kennzeichnung der Eier. Aus einer Markenbewegung für eine hohe gesicherte Standardqualität wurde nun eine Standardisierung tendenziell aller im Deutschen Reich verkauften Eier, auch der Auslandseier. Kritik an einem drohenden „Eier-Diktator“ (Eier, 1931, 627) wurde zwar laut, hatte aber politisch keine Chance mehr.

Detailliertere Kennzeichnungsvorschriften des Reichsausschußes für Geflügel- und Eierverwertung machten 1930 den Anfang. Eine weitere Größenklasse wurde eingeführt, diese farbig voneinander geschieden: Größe S (über 65 g) erhielt einen schwarzen Adlerstempel, A (60-65 g) einen roten, B (55-59,9 g) prangte blau und C (50-54,9 g) abermals schwarz. Pflichtschuldig hieß es in der Fachpressen: „Wir wollen hoffen, daß es gelingen wird, sowohl die Auslandsware als auch die Kühleier in einer Weise zu stempeln, daß es nicht mehr möglich sein kann, daß Manipulationen vorkommen, denen der reelle Handel vollkommen fernsteht, durch die das Publikum aber getäuscht wird, was wiederum zur Folge hat, daß durch gemachte schlechte Erfahrungen der Eierverbrauch zurückgeht“ (Wagner, 1930, 854). Die Absatzsteigerung auf 507 Millionen „Deutsche Frischeier“ 1931 wurde auch auf diese Maßnahme zurückgeführt (Kruse, 1934, 70). Sie war jedoch zugleich Folge strikt eingesetzter Agrarsubventionen. Ab dem 1. August 1930 wurde Futtermais verbilligt abgegeben, um die Auswirkungen der erhöhten Getreidezölle abzufedern. Eierproduzenten erhielten verbilligten Mais jedoch nur, wenn sie ihre Ware über Genossenschaften absetzten (Walter und Lichter, 1932, 11). Diese Maßnahme richtete sich vor allem gegen die Hühnerfarmen. Der Erfolg war gering, obwohl die Kostensenkung bis zu zwei Pfennig pro Ei betrug.

Ein Mitte des Jahres an die Interessenverbände versandter Entwurf einer Kennzeichnungsverordnung für Eier sah eine weitere Stärkung vor. Jede Qualitätskennzeichnung abseits des „Deutschen Frischeies“ sollte verboten werden (Das „politische Ei“, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 255-257, hier 256). Dies sollte, so die offiziöse Version, den Markt für den Verbraucher ordnen. Faktisch aber wollte man die etablierten Qualitätsmarken der Hühnerfarmen und Auslandseier verbannen. Der Antrag wurde Ende des Jahres wieder zurückgezogen, als ein Maßnahmenpaket zur „Verbesserung der Marktverhältnisse für deutsche landwirtschaftliche Erzeugnisse“ ohne parlamentarische Beratung als Teil der am 1. Dezember 1930 erlassenen „Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen“ Gesetzeskraft erhielt. Durch dieses „Handelsklassengesetz“ erhielt das Reichsministerium umfangreiche Rechte, um die rückwärtigen Sektoren der Versorgungsketten neu zu gestalten. Während zwei Jahre zuvor der Absatz im Mittelpunkt stand, konzentrierte man sich nun wieder auf die Ordnung der Produktion. Sie erfolgte im 1932.

Umfassende Kennzeichnung: Die Eierverordnung vom 17. März 1932

Die Eierverordnung vom 17. März 1932 bedeutete ein Ende des gestempelten „Deutschen Frischeies“. Der einmal etablierte Begriff blieb bestehen, rechtlich verbindliche Qualitätskriterien gab es jedoch nicht mehr. Die Verordnung setzte an deren Stelle neue Handelsklassen, die weiterhin von Kontrollstellen an den Landwirtschaftskammern überprüft wurden (Reichsgesetzblatt 1932, T. 1, Berlin 1932, 146-152). Da Sie als aufgeklärter Eieresser ja wissen, was sich hinter den 2008 erlassenen Kategorien der EU-Vermarktungsnormen für Eier verbirgt – vier verschiedene Haltungsformen (0-3), vier Größenklassen (XL. L, M und S), zwei Güteklassen (A und B) sowie Codes für die Herkunftsländer resp. die deutschen Bundesländer, schließlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum, aus dem Sie indirekt das Alter der Eier ermitteln können – werden Sie sich in das achtundachtzig Jahre alte System leicht einfinden können; es ist recht ähnlich.

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Neue Kennzeichnungen der Eier (Landfrau 1932, Nr. 25, 1)

Handelsklasseneier waren in fünf Gewichtsgruppen unterteilt, um so große (A), mittelgroße (B), gewöhnliche (C) und kleine (D) Eier von der wuchtigen Sonderklasse (S) unterscheiden zu können. Zwei Gütegruppen orientierten sich am Alter der Eier, schieden vollfrische (G1) von frischen (G2) Eiern. Für den Kampf um die Marktstellung des deutschen Eies zentral war eine zusätzliche Kennzeichnung der Herkunftsländer. Damit wurden Auslandseier als solche kenntlich. Doch damit nicht genug. Um vollfrische/frische Eier hervorzuheben, mussten Kühlhauseier (K) und konservierte Eier (Konserviert) ebenfalls gekennzeichnet werden. Farbliche Akzente blieben bestehen, denn die Stempel sollten von September bis Mitte März rot, den Rest des Jahres schwarz sein.

Das war Markttransparenz, doch diese Kennzeichnung betraf vornehmlich die urbanen Konsumzentren. Die Mehrzahl der deutschen Eier, der Vorwärts sprach von 3,5 der über 6 Milliarden Inlandseier, wurde von der Landbevölkerung verbraucht, und auch ein Großteil der in Klein- und Mittelstädten verkauften Eier war wohl nicht gekennzeichnet (Der Wettkampf der Hühnereier, Vorwärts 1932, Nr. 237 v. 22. Mai, 4). Zugleich monierte man die unverständlichen „Hieroglyphen“ auf den Eiern (Hühnerstall und Eierladen, Vorwärts 1932, Nr. 214 v. 8. Mai, 5). Doch lehnen wir uns etwas zurück, um den Sinn dieser Maßnahmen zu verstehen. Es ging darum, die „unübersichtliche Verwirrung im deutschen Eierhandel“ (Rudolph, 1932, 155) zu beenden, also um Marktbereinigung. Denn mit den Handelsklasseneiern verschwand nicht nur das „Deutsche Frischei“, sondern auch die vielen anderen Kennzeichnungen in- und ausländischer Anbieter. Landläufige Bezeichnungen, wie Landei oder Frühstücksei, waren ebenfalls verboten. Die Verordnung ermöglichte dem Konsumenten daher eine einfache Unterscheidung nach nationaler Herkunft und, sofern dies nicht Teil der Alltagskompetenz war, nach Größe. Die Frische der Eier wurde an sich transparenter gemacht, zumal durch die Kennzeichnung der Kühlhaus- und der konservierten, also mit chemischen Mitteln behandelten Eier. Zugleich aber wurde der Begriff der „Frische“ neu definiert – und damit zugleich auf das Alter, genauer auf die Größe der im Ei befindlichen Luftblase reduziert. War sie nicht über 5 Millimeter hoch, so handelte es sich um vollfrische Eier, während frische Eier eine doppelt so hohe haben durften. Frische Eier wären also zuvor nicht unter die Kriterien des „Deutschen Frischeies“ gefallen.

Die Eierverordnung beendete zwar das Marktpräsenz des „Deutsche Frischei“, sie zielte jedoch weiterhin auf die Stärkung der genossenschaftlichen Absatzorganisation. Wie zuvor setzte sie auf deren kontinuierliches Wachstum („Bereinigung des Eiermarktes.“, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 21-22, hier 21). Wer Eier vermarkten wollte, konnte dies abseits lokaler, bestenfalls regionaler Märkte nur unter den Kategorien des Handelsklasseneies, nur in diesem Rahmen erhielt er verbilligten Mais (kritisch hierzu Die Polizei im Eierladen, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 164). Die Verordnung bot verlässliche Rahmenbedingungen und angesichts der dann wenig später erlassenen Festpreise waren Sonderwege, etwa der Hühnerfarmen, wenig sinnvoll. Der abnehmende Druck ausländischer Eierimporte erschien als Zeitgewinn, der erlaubte, die zuerst auf die Produktion zielende Standardisierung vollenden zu wollen. Erst anschließend konnte dann, wie auch immer, der Absatzmarkt neu geordnet werden. Von einer intimen Kenntnis der Verbraucherwünsche war daher nicht mehr die Rede, auch wenn die Handelsklassen die Markttransparenz deutlich verbesserten. Der Begriff der „Frische“ wurde durch die Neuregelungen nochmals inhaltsleerer, entfernte sich jedenfalls weiter von den schon im Kaiserreich illusionären Vorstellungen nestwarmer Eier. Alte Eier waren nun „frisch“, frische Eier dagegen „vollfrisch“. Auch das deutsche Frischei wurde weiterhin beworben, damit allerdings kein Markenprodukt mehr verbunden (vgl. Badische Presse 1933, Nr. 126 v. 15. März, 6).

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Das neue, vor allem deutsche Frischei (Der Bazar 79, 1933, Nr. 13, 21)

Während der NS-Zeit blieb die Eierverordnung, von wenigen kleineren Änderungen abgesehen, bestehen. Der Reichsnährstand schuf Zwangsorganisationen der Eierwirtschaft. Die Rahmenbedingungen änderten sich in Richtung der seit 1930 beschrittenen Wege. Der Import wurde erschwert – und anderes als etwa bei Kaffee oder Südfrüchten gelang eine Konsumlenkung auf deutsche Eier und eine Rückführung des Eierkonsums auf den Vorkriegsstand. Während 1932 noch 161 Eier pro „Vollperson“ verzehrt wurden, verringerte sich dieser Wert 1934 auf 139 und lag 1938 mit 144 Stück nicht wesentlich höher (Wilhelm Ziegelmayer, Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung, 4. verb. u. erw. Aufl., Dresden/Leipzig 1941, 42).

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Wie in der „guten alten“ Zeit: Frischeier für die Haushaltskonservierung (Badischer Beobachter 1934, Nr. 111 v, 25. April, 10)

Die Saisonalität des Eieraufkommens blieb in den 1930er Jahren grundsätzlich bestehen, da der Ausbau der Kühlhäuser aufgrund wachsender Investitionen in die Grundstoff- und Rüstungsindustrie nicht wie geplant vorankam. Die im Rahmen des Reichsnährstandes neu eingerichtete Reichsstelle für Eier lagerte zwar im Frühjahr Eier ein, doch die saisonalen Preisschwankungen und Versorgungsengpässe konnten damit bestenfalls gemildert werden (Billigere Kühlhauseier, Badischer Beobachter 1934, Nr. 336 v. 9. Dezember, 7). Die reduzierten Importe sollten durch die deutsche Hausfrau abgefedert werden: „Gibt es keine Frischeier, dann werden Kühlhauseier verwendet“. Bestehende Feindbilder wurden dazu genutzt, die Verknappung der Eier nicht der Organisation der Eierwirtschaft oder dem ordinären Huhn zuzurechnen, sondern „jüdische[n] Spekulanten“. Wer dagegen aufbegehrte – und derer gab es viele – der machte sich zum „Feind der Nation. Als solcher aber wird er […] gebrandmarkt und rücksichtslos unschädlich gemacht“ (Preissenkung und Einkaufsdisziplin, Der Führer 1935, Nr. 251 v. 12. September, 9). Parallel wurde die Werbung für häusliche Konservierungsmittel, für Garantol, aber auch für Eifrischhalter wie Imo und Eifri, deutlich intensiviert.

Das „Deutsche Frischei“ war eine folgenreiche Episode. Obwohl ein Flop, setzte sie Dynamiken in Gang, die zu einer steten Rationalisierung der Eierwirtschaft, zu einer zuvor unbekannten Standardisierung und zum Vordringen von Expertenwissen und Kontrollverfahren führten. Dies war die Konsequenz einer sich schon im späten 19. Jahrhundert etablierenden Konsumgesellschaft, die das Agrarische letztlich nach ihren Werten umstellte. Die Bauern folgten langsam, aber doch stetig, da sich ihre Arbeit rechnen musste. Der lange Schatten der Diskussionen über das „Deutsche Frischei“ reicht bis in die Gegenwart. Dies nicht nur, weil wesentliche Elemente dessen, was Verbraucher heute über Eier wissen (und wissen wollen) spätestens mit der Eierverordnung von 1932 – und ähnlichen Regelungen im europäischen Ausland – festgezurrt wurden. Wichtiger noch: Frische etablierte sich als gängige Anspruchshaltung, mochte sie auch meist inhaltsleer sein. Die Geschichte des „Deutsche Frischeies“ erlaubt daher auch einen Blick hinter die Mythen, die wir so gerne pflegen, wenn wir uns ein „frisches“ Ei heute schmecken lassen.

Uwe Spiekermann, 29. Februar 2020

„Mock Food“ – Eine kurze historische Horizonterweiterung

„Mock Food“? So bezeichnet man in den USA Lebensmittel und Speisen, die ihre eigentliche Beschaffenheit verdecken, die den Konsumenten augenzwinkernd täuschen. Denn natürlich ist ihre andere Zusammensetzung bekannt, wird teils stolz kommuniziert, gründet bei Produkten darauf doch der Markterfolg. Bei meinem letzten Aufenthalt in Kalifornien hatte ich wissensbegierig ein neues Leitprodukt dieser Marktsegmentes geordert: $8,99 kostete der Beyond Meat Burger im kargen Ambiente eines Jack’s Jr. Fast-Food-Restaurants. Dieser Burger ist ein Burger, doch er ist kein Burger.

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Ein wohlverpackter Burger „Beyond Meat“

Die Debatten in Deutschland über den neuen vegetarischen Wunderklops hatte ich natürlich im Hinterkopf: „Beyond Meat steht für fleischlose die [sic!] Alternative zum klassischen Burger-Patty und ist der Hype des Jahres – ohne Gentechnik, ohne Soja und vegan!“ Obwohl schon zuvor erhältlich, etwa beim Hildesheimer Systemgastronomen Café del Sol, begann der Medienhype im Mai 2019. Lidl lud Burger-Patties in seine Regale, die burgeraffine Kundschaft kaufte diese leer. Das lockte noch mehr Käufer, vermeintliche Knappheit hat in Zeiten des Überflusses Signalwirkung. Die Lieferschwierigkeiten blieben allerdings bestehen, ein „Shit-Storm“ folgte. Netto und Real versorgten die darbenden „Mock-Food“-Willigen dennoch mit dem aus Erbsenprotein, Pflanzenölen und Gewürzen bestehenden Ersatzburger (Stern 2019, Ausg. v. 16. Juni; Merkur 2019, Ausg. v. 19. September). Andere folgten: Next Level Burger bei Lidl, Wonder Burger bei Aldi, mehr wären zu erwähnen. Die Medienresonanz war ausgezeichnet, die Produkteinführung lehrbuchgerecht erfolgt. Schade nur, dass spätere Tests Qualitätsmängel monierten: Öko-Test gab dem „Beyond Meat“ Burgersubstitut nur ein „ausreichend“, monierte einen stark erhöhten Gehalt an Mineralölbestandteilen sowie den Einsatz eines geschmacksverstärkenden Hefeextraktes (Öko-Test 2019, Ausg. v. 24. Oktober). Auch der Spiegel ließ testen, und das Kreuznacher Labor Dr. Haase-Aschoff fand das Rauch-Aroma Grillin, einen nicht unproblematischen Stoff, zuvor nur Experten bekannt (Der Spiegel 2019, Ausg. v. 28. Dezember). Beyond Meat antwortete gemäß Krisenmanagement-Handbuch: Das Unternehmen gelobte Besserung, verwies ansonsten auf Probleme in der Lieferkette. Hätte ich dies alles zuvor gewusst, hätte ich dennoch probiert. Einverleiben ist Forschungsarbeit.

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Der im Oktober 2019 bei Jack’s Jr. eingeführte Beyond BBQ Cheeseburger lockt

Den Hype in Deutschland hatte ich mitverfolgt, konnte ihn aber nicht recht nachvollziehen. Fleischersatz hat schließlich eine lange, weit über ein Jahrhundert zurückreichende gewerbliche Geschichte. Allerdings ist Beyond Meat kein tradierter Ökoanbieter. Das Unternehmen wurde 2009 nahe von Los Angeles mit Startkapital aus sehr unterschiedlichen Quellen gegründet, die von Tierrechtsaktivisten bis hin zum größten US-Fleischproduzenten Tyson Food reichten. Am Anfang standen Geflügelsubstitute (Beyond Chicken), ab 2013 auch über die größte, mittlerweile in Besitz von Amazon stehende US-Bio-Supermarktkette Whole Foods abgesetzt. Trotz raschen Wachstums (auf knapp unter 90 Mio. $ 2018) und der Gründung einer zweiten Produktionsstätte in Missouri waren Mitte 2019 erst 400 Mitarbeiter beschäftigt – wenig angesichts einer Marktkapitalisierung von damals deutlich über 11 Mrd. $. Die Investoren setzen auf eine rosige Zukunft der Substitution von Geflügel, Rind- und Schweinefleisch durch pflanzliche Produkte.

Beyond Meat steht für heutiges „Mock Food“ – ein Neologismus, der gegenwärtig vorwiegend aus den USA in die an Food-Komposita nicht arme deutsche Gegenwartssprache schwappt. Und doch: „Mock Food“ deckt ein breiteres Spektrum ab, breiter jedenfalls als vegetarische resp. vegane Fleischersatzprodukte. Im Deutschen fehlt ein überzeugender Dachbegriff, ein Sprachsubstitut. Stattdessen verwendet(e) man Begriffe wie Surrogate und Ersatzstoffe (vor allem bis in die 1930er Jahre), Austauschstoffe (nationalsozialistische Sprachpflege) oder das bis heute weit verbreitete Plastikwort Substitute. Sie stehen sämlich für Produkte im öffentlich-kommerziellen Raum. Im hauswirtschaftlichen Bereich sprach man dagegen seit langem von Resteküche, benutzte ansonsten die tradierten Speisenbezeichnungen, wohl wissend, dass der falsche Hase nie gehoppelt hat.

„Mock Food“ aus gastronomischer Sicht

Will man der Breite von „Mock Food“ gerecht werden, gilt es also den Blick zu weiten. Tut man dies, befindet man sich allerdings erst einmal im Feld der Alltagsküche. Denn marktgängige Substitute wie „mein“ Burger verweisen zurück auf häusliche Speisen (vgl. zur Strukturierung Lynne N. Olver, Mock Foods, in: Andrew F. Smith (Hg.), The Oxford Companion to American Food and Drink, Oxford 2003, 391-392). Setzen wir uns, entfalten das gastronomische Panorama: Bei „Mock Food“ wird erstens eine Hauptzutat ausgetauscht. Ein gutes Beispiel ist Schildkrötensuppe, hierzulande lange Zeit erfolgreich vom Frankfurter Feinkostanbieter Lacroix in Dosen gefüllt und als Edelsuppenpräparat an Restaurants und Haushalte verkauft wurde. Seit 2002 ist sie in Deutschland verboten, eine Referenz an Tier- und Artenschutz. Doch schon lange zuvor gab es Mockturtlesuppe, bei der das Fleisch der majestätischen Kriechtiere durch das der auf raschen Tod gezüchteten und ungeschützten Kälber ersetzt wurde. Will man es heimeliger haben, so sei an Kinder- oder Damenpunsch erinnert. Alkohol wird darin durch Saft, gar fruchtigen, ersetzt. Zweitens bietet „Mock Food“ ein Geschmacksäquivalent. Ähnlich sind etwa Persipan (aus Pfirsich- oder Orangenkernen) und Marzipan (aus Mandeln), Kuvertüre und Tafelschokolade oder aber der vor einigen Jahren breit diskutierte Analogkäse auf Tiefkühlpizzen und anderen Köstlichkeiten. Wer es süffiger haben möchte, sei auf Knickebein hingewiesen, ein Liköranalogon mit Eidotter. Weiter zurück noch reicht drittens die Substitution der Form. Die prächtigen Tischdekorationen des französischen Konditors und Chefkochs Marie-Antoine Carême (1784-1833) bestachen das diplomatische Europa und setzten Maßstäbe für den Einsatz von Lebensmitteln für Tafelaufbauten. Das diente dem Pläsier des Adels, sorgte für Erstaunen und Kritik in bürgerlichen Kreisen. Doch es waren dann die US-amerikanischen „Robber Barons“ und Multimillionäre, die vor dem Ersten Weltkrieg, teils auch danach, neue opulente Maßstäbe setzten. Auch hier gab es deutlich preiswertere Varianten, etwa die zahlreichen vegetarischen Frikadellen oder Braten, die der Ceres huldigten. In den USA gibt es seit 2006 das viel diskutierte Tofurkey, ein gewürztes Soja- oder Weizenkomprimat, das während des Erntedankfestes die weltoffene Welt der Nicht-Fleischesser materialisierte. Wer es kleiner deutsch möchte, erinnere sich an Deutsches Beefsteak, das nicht aus der Oberschale stammt, sondern aus Tatar besteht.

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Tomatenbraten: „Mock Food“ substitutiert die tradierte Form des Sonntagsbratens (Kurt Klein, Die fleischlose Küche für Gesunde und Kranke, 10. Aufl., Hamburg s.a. [1940], Taf. V)

Eine vierte Variante von „Mock Food“ orientiert sich ebenfalls am Preis, steht für billigere Produkte und Speisen mit gleicher Funktion. Ein gutes Beispiel hierfür ist das ehedem Kunstbutter genannte Fett, heute als Margarine voll etabliert. In Kochbüchern findet man das sog. blinde Huhn, ein deftiges Eintopfgericht, bei dem das Geflügel allerdings durch Kochwurst oder Bratenreste ersetzt wird (Davidis-Schulze, Das neue Kochbuch für die deutsche Küche, hg. v. Ida Schulze, 11. erw. Aufl., Bielefeld/Leipzig s.a. [1941], 84). Einfaches „Mock Food“ sind fünftes Speisen und Produkte, bei denen teure Zutaten reduziert werden. Welfenspeise kann man auch mit weniger als einem Dutzend Eiern schmackhaft kredenzen und nicht jeder merkt, ob die Waffeln aus ein, zwei oder drei Eier zubereitet wurden. Kuchen und Torten mit weniger Butter werden heute gar bevorzugt, die Linie, sicher. Am Ende dieser ersten Annäherung stehen sechstens dann die vegetarische Substitute. Gewiss, hinweg mit dem Fleisch! Doch auch Eier müssen ersetzt werden. Und viele überzeugte Vegetarier atmeten auf, als der aus „Leichen“ hergestellte Fleischextrakt endlich durch Gemüse- oder Hefeextrakt ersetzt werden konnte.

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Fleischextrakt ohne Fleisch (Vegetarische Warte 62, 1929, 109)

„Mock Food“ im gesellschaftlichen Kontext

„Mock Food“ fand und findet also einen vielgestaltigen Platz in der Küche und auch in den Produktwelten. Doch dies ist immer noch ein eng gefasstes Bild. Angemessener wird es, wenden wir uns den gesellschaftlichen und kulturellen Funktionen dieses Nahrungssegmentes zu (vgl. auch Patricia Roberts, In Praise of Mock Food, Gastronomica 3, 2003, Nr. 2, 17-21; Trends: Why in the world do we need fake food, Pioneer Press 2015, Ausg. v. 14. November). Beginnen wir erstens mit dem Vegetarismus, heute – noch engagierter – dem Veganismus. „Mood Food“ dient der Abgrenzung vom tradiertem Essen, ist dann primär ein Fleischersatzstoff. Solche begleiten die vegetarische Bewegung von Anbeginn. Nun, ich will Sie nicht in die Antike entführen, sondern beginne mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Beyond Meat ist nämlich ein Wiedergänger, Nachklang der schon damals weit verbreiteten Fleischsubstitute. Vor dem ersten Weltkrieg hatte sich bereits eine kleine, nur mehrere Tausend zählende Gemeinschaft organisierter „Vegetarianer“ zusammengefunden, die Grundlage einer nicht unbeträchtlichen Nischenökonomie von Gewerbebetrieben, Reformhäusern, vegetarischen Gaststätten und Verlagen war. Überzeugt von ihrer Mission der Weltverbesserung durch Verzicht, versuchte sie die Mehrheitsgesellschaft für ihr heilbringendes Anliegen zu gewinnen. Ausstellungen waren dafür ein probates Mittel. Auf der Ausstellung für fleischlose Ernährung in Frankfurt/M. wurde 1911 – ähnlich wie heute – argumentiert, dass fleischlose Ernährung nicht teuer sei, „wenn sie richtig zubereitet wird, und die Zutaten mit Überlegung gewählt werden.“ Braten aus Hülsenfrüchten kosteten demnach nur ein Viertel der üblichen Fleischbraten. Dort konnte man aber auch Pflanzenwurst kosten, „die nicht nur der Leberwust ähnlich sieht, sondern auch gut schmeckt“ (Vegetarische Warte 44, 1911, 108). Entsprechende Köstlichkeiten alternativer Küche wurden zumeist aus Nüssen bzw. Leguminosen produziert. Soja war bekannt, seit 1908 als Importöl auch Massenware, war jedoch noch kein Grundstoff für „Mock Food“.

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Fleischalternativen der Nuxo-Werke 1913 (Vegetarische Warte 46, 1913, H. 8, 3. S. vor 73)

Dennoch gab es vor dem Ersten Weltkrieg deutliche Kritik an den nicht nur in der Nischenpresse beworbenen Fleischersatzprodukten. Wilhelm Kiefer, ein überzeugter Vegetarier aus Freiburg im Breisgau, ereiferte sich Anfang 1913: „Ohne lange Einleitung will ich eine der Dummheiten herausgreifen: Fleischersatz! Nicht, als ob ich ein Gegner dieser Speise an sich wäre; aber ich bin ein Gegner schwächlicher oder allzu höflicher Zugeständnisse. Warum sagt man denn nicht einfach: Getreide-Bratenmasse? Warum denn Fleisch, Fleisch und noch einmal Fleischersatz? Muß uns die Höflichkeit der Herren Fabrikanten denn täglich mit dem Worte ‚Fleisch‘ an die Banalitäten des spießbürgerlicher Ernährungsrummels erinnern!“ Doch damit nicht genug, entsprechende Dummheiten fanden sich auch auf den Menükarten vegetarischer Restaurants: „Da lesen wir: Vegetarische Schnitzel, falscher Hase, Nußsteak, vegetarische Cotellets usf. – Ich habe mich schon gewundert, daß die Eifrigsten noch nicht zum vegetarischen Schweinebraten, oder zur vegetarischen Metzelsuppe mit vegetarischer Blut- und Leberwurst übergegangen sind“ (Vegetarische – Dummheiten, Vegetarische Warte 46, 1913, 15-16, hier 15). Die Reaktionen waren harsch, warben gleichzeitig aber um Verständnis für das vegetarische „Mock Food“. Karl Zech, Inhaber des Düsseldorfer Gesundheitsbasars „Lebensquell“, meinte erläuternd: „Wir haben es hier mit der Auswirkung des Gesetzes von Nachfrage und Angebot zu tun. Die Fabrikanten, meist keine Vegetarier, dafür umso mehr Kaufleute, wissen, da der bisherige Fleischesser nichts von ‚Getreide-Bratenmasse‘ und ähnlichen Sachen wissen will, auf Fleisch schwört, nach Fleisch verlangt und sich schließlich mit einem Ersatz begnügt, wenn ihm das Fleisch wegen Krankheit vorenthalten werden soll, oder wenn es ihm zu teuer ist.“ Auch taktisch sei es richtig, der Mehrheit entgegenzukommen: „Das mit Fleisch- und Alkoholgiften überladene Gehirn eines Fleischessers begreift nicht immer so leicht die einfache Logik des vegetarischen Gedankens. Es ist schon genug gewonnen, wenn der bisherige Fleischesser diese Gifte nicht mehr zu sich nimmt, und die Folge wird dann sein, daß er sich allmählich mehr und mehr mit der fleischlosen Ernährung befreundet“ („Vegetarische Dummheiten“, Vegetarische Warte 46, 1913, 39). Dem Idealisten Wilhelm Kiefer reichte das nicht, ging es ihm doch um die Reinheit der Bewegung, war ihm wichtig, „daß die vegetarische Bewegung kein Deckmantel für kapitalistische Uebereiferungen und Ueberschwänglichkeiten sein will. […] Denn es würde schlecht um dem Fortschritt unserer Bewegung bestellt sein, setzte man allzuviele Hoffnungen auf die Werbekraft von Ersatz-Nahrungsmitteln“ (Vegetarische Dummheiten in zweiter Auflage, Vegetarische Warte 46, 1913, 66-67, hier 66). Es gab viele Vorläufer der Beyond Meat-Produkte, allesamt begleitet von kritischen Rückfragen innerhalb und außerhalb der vegetarischen Nische.

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Pflanzenfleisch statt Tierfleisch – Werbung für Obodo (Vegetarische Warte 41, 1908, Anzeigenanhang)

Es blieb nicht bei vegetarischen Würsten aus Leguminosen oder aber dem Edener Erfolgsprodukt „Gesunde Kraft“. In den 1920er, vor allem aber in den 1930er Jahren kamen zahlreiche Sojaprodukte auf (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 512-521). Während das vegetarische „Mock Food“ während des Kaiserreichs nie größere Bedeutung gewinnen, prägten Sojabohnen als Lebensmittelinhaltsstoffe eine beträchtliche Zahl von Alltagsspeisen. Etwa fünfzig Komponenten der Wehrmachtsverpflegungen enthielten Soja, die Fleischersparnis lag bei etwa sechs Prozent des Gesamtbedarfs. Ohne Sojamampf kein Kampf. Fleischersatz blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Nischenprodukt, auch wenn die 1968 erfolgte Markteinführung des Sojamehlproduktes TVP an den Hype um den Beyond Meat-Burger erinnert. Die Zeitungen berichteten damals voller Zukunftslust über das mit Schweine- und Rindfleischgeschmack angebotene „Mock Food“, erste Chargen waren rasch ausverkauft. Doch die hehre Rede über vermeintliche Lebensmittel an der Schwelle zum Morgen blieb inhaltsleer, stattdessen machte sich rasch Ernüchterung über das Kunstfleisch Platz (Spiekermann, 2018, 730-731). Heutzutage besteht Fleischersatz weniger aus Soja, eher aus Weizen, Dinkel, Lupinen und Leguminosen. Ein Blick in die jeweils neueste „Schrot und Korn“, einer Kundenzeitschrift von Bioläden, gibt reichhaltige Einblicke. Wilhelm Kiefer wäre wahrlich überrascht gewesen.

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Nährkraft und Kaffeegenuss: Werbung für Kathreiners Kneipp’s Malz-Caffee 1891 (Berliner Tageblatt 1891, Nr. 578 v. 14. November, 9)

Gesellschaftlich und auch ökonomisch wesentlich wichtiger war zweitens „Mock Food“ aus sozialen Gründen. Damit betreten wir das weite Feld der Nahrungssurrogate. Rübenzucker ersetzte Rohrzucker, Zichorien- und Malzkaffee erlaubten billigen Kaffeegenuss, die Kunstbutter trat an die Seite der „guten“ Butter und wurde 1887 schließlich „Margarine“ benannt, erhielt so eine eigene Produktidentität. Das Wortfeld „Kunst“ gewann dadurch gänzlich neue Aspekte, mögen Kunsthonig, Kunstlimonaden oder Kunsteis auch heute kaum mehr bekannt sein. Festzuhalten aber ist, dass „Mock Food“ aus der Nische durchaus heraustreten konnte, wenn der Preis und die soziale Akzeptanz stimmten.

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Fast nikotinfrei: Werbung für ärztlich überall empfohlene Fastzigarren (Lustige Blätter 29, 1914, Nr. 2, 18)

Zukunftsgewandtes „Mock Food“ entstand drittens aus gesundheitlichen Gründen. Hierfür steht die breite Palette der Light-Produkte, auch sie ein Kind des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, auch sie seither immer wieder verfeinert, teils gar an die Seite des Ausgangsproduktes tretend. Das galt insbesondere für die zahlreichen „entgifteten“ Genussmittel: Zigarren und Zigaretten wurden nikotinarm, dann gar „nikotinfrei“. Der Alkoholgehalt des Bieres konnte mit moderaten Geschmackseinbußen auf ein bis anderthalb Prozent reduziert werden. Entkoffeinierter Kaffee folgte. Der weltweit erfolgreiche Kaffee HAG demonstrierte, dass „Mock Food“ durchaus munden, das Ausgangsprodukt durchaus substituieren kann. Während es bei diesen Lightprodukten um die Reduktion gesundheitsgefährdender Wirkstoffe ging, begannen Wissenschaftler und Unternehmer zudem, Makronährstoffe auszutauschen. Früh erfolgreich war dies bei den kohlehydratfreien Zuckeraustauschstoffen. Saccharin kam 1884 auf den Markt – und die Liste der Süßstoffe bis hin zu Stevia ist lang. Deutlich mehr Angebote und auch Rückschläge gab es bei der Substitution der Makronährstoffe Fett und Eiweiß. Diabetikernahrung war ein frühes und recht breites Marktsegment, ebenso fettreduzierte Produkte. Hier stießen die Produzenten jedoch immer wieder auf die Grenzen der technologischen Handhabung der Nahrung und ihrer Inhaltsstoffe.

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Die Nöte der Kriege kaschiert: Deutsche Zigarre und Deutscher Familientee aus heimischem Anbau (Lustige Blätter 33, 1918, Nr. 27 (l.); Wiener Illustrierte 61, 1942, Nr. 24 v. 17. Juni, 8)

Viertens schufen Wirtschaftskrisen und vor allem Kriege ihr stets eigenes „Mock Food“. Diese Notnahrung diente der Aufrechterhaltung des nutritiven Scheins angesichts von Versorgungsschwierigkeiten und Rationierung. Sprachpflege war ein wichtiges Element von Unternehmern und Bürokraten: Deutscher Tabak entstammte vielfach deutschem Anbau, wurde jedoch, je länger, je mehr, mit Blättern aller verfügbaren Pflanzen gestreckt. Ähnliches galt für Deutschen Tee. Deutscher Pfeffer bestand häufig aus Mischungen von Seidelbast und Basilikum. Wichtiger noch war der im Ersten Weltkrieg erst spät regulierte Markt der Ersatzmittel. Wer aber konnte schon ahnen, dass „Kamerad Henkel, der Feuerpunsch!“ lediglich aus gefärbtem und gewürztem Kirschsaft bestand. Bis Ende 1919 wurden mehr als 12.000 Ersatzmittel genehmigt, mehr als die Hälfte Getränkeimitate, doch auch über 800 Wurstersatzmittel.

Abseits dieser vier Hauptfelder von „Mock Food“ gibt es noch zahlreiche weitere Erscheinungsformen, die hier nur angerissen werden können. Die Gastronomie hat seit ihrem Entstehen im späten 18. Jahrhundert immer wieder versucht, ihre Gäste zu überraschen. Wer weiß schon, was im Omelette Surprise enthalten ist? Kunstvolles „Mock Food“ kreierte gewiss die in den 2000er Jahren breit diskutierte Molekularküche, ein ansprechendes Amalgam von Lebensmitteltechnologie und Spitzengastronomie (Toni Tarver, Science + Food = Fine Cuisine, Food Technology 64, 2010, Nr. 2, 38-40, 42-43, 45; Christiane Pakula nebst „Ko-Autor“ Rainer Stamminger, Molekulare Gastronomie – Gastrotrend und Wissenschaft, Ernährung im Fokus 9, 2009, 8-12). Neue Texturen, Farben und Formen täuschten sinnesfroh die Sinne, auch wenn die erhoffte Breitenwirkung ausblieb. Derartige Täuschungen muss man sich allerdings leisten können.

„Mock Food“ kann zudem Ausdruck von Emotionen sein, Soul Food im wohlverstandenen Sinne. Migrantenküchen entstehen nicht nur aus Geschäftssinn, sondern bilden eine Brücke zur imaginären Heimat, mögen die zubereiteten Gerichte auch nicht dem entsprechen, was man kannte, was man schätzte. Weiter geht es: „Mock Food“ war historisch auch eine Folge der wesentlich ausgeprägteren Saisonalität der Alltagskost. Sie führten zu einer breiten Palette von saisonalen Speisen, die den Fährnissen der kalten Jahreszeit zumindest verbal trotzten. Ähnliche Funktionen erfüllten religiöse Vorschriften, zumal während der ehedem zahlreichen Fastenzeiten. Kommerzieller aufgeladen waren und sind dagegen die Camouflagetechniken der modernen Lebensmitteltechnologie, die halfen, Fischreste zu Fischwurst zu verdichten, Filets zu Fischstäbchen, Geflügelfleisch zu Chicken Nuggets. „Mock Food“ demonstriert Gestaltungsmacht, ist Ausdruck der Herrschaft über die Natur, mag Formfleisch auch wenig heroisch erscheinen. Für unsere Zeit mindestens ebenso prägend ist gewiss das Recht, zumal das internationale Marken- und Wirtschaftsrecht. Denken Sie etwa an ein „Pilsner“ Bier, an Kognak, Cognac, Weinbrand und Deutschen Weinbrand. Substitute rundum, etwa bei Sekt und Champagner, Schaumwein und Cava. Damit gerät eine weitere, kaum beachtete Dimension von „Mock Food“ in den Blick, nämlich die übliche Qualitätsspreizung aller Angebote. Die Dachbegriffe, etwa „Eis“ oder „Eier“, informieren die Kunden nur rudimentär, denn ohne Zusatzinformationen oder eine praktische Prüfung ist unklar, was man erhält.

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Ein Rest bleibt noch

„Mock Food“ und semantische Illusionen

Wer über „Mock Food“ nachdenkt, kann nicht beim Beyond Meat Burger stehenbleiben. Lockreiz, Schein und Sinnestäuschung sind konstitutiv für moderne Lebensmittel und Speisen, für „künstliche Kost“. Der Unterschied zwischen dem Produkt im Warenkorb und den Produkten in unseren Köpfen prägt den Ernährungsalltag. „Mock Food“ auf eine kleine Gruppe etwa von Imitaten und Substituten zu begrenzen, wäre eine gar künstliche Isolierung eines Segmentes mit wabernden Grenzen. Die Weiten der käuflichen Dinge locken, noch stärker ihr imaginierter Nutzen.

„Mock Food“ steht daher nicht nur für einschlägig bezeichnete Produkte und Speisen. Der Begriff verweist vielmehr auf ein Grundelement von Konsumgesellschaften, nämlich semantischen Illusionen (vgl. Uwe Spiekermann, Abkehr vom Selbstverständlichen. Entwicklungslinien der Ernährung in Deutschland seit der Hochindustrialisierung, Bioskop 10, 2007, 15-22, hier 20-21). Gewiss, dieser Begriff ist nicht so knackig-eingängig wie „Mock Food“. Doch er hilft einzufangen, was durch ein Abarbeiten allein am Beyond Meat Burger übersehen würde: Konsumgesellschaften bestehen nicht nur aus Produkten und Dienstleistungen. Sie formen und prägen vielmehr Sprache, unseren eigentlichen Schlüssel zur Welt. Um die Fachsprache, die der Wissenschaftler, Ingenieure und Rechtsanwälte, muss es hier nicht gehen, mag sie auch die Absatzketten prägen.

Die grundlegenden Veränderungen der Alltagskost seit der Mitte des 19. Jahrhunderts haben dazu geführt, dass die häufig konkreten Bezeichnungen und Kenntnisse von Küche und Markt durch immer abstraktere Begriffe abgelöst wurden. Wer sein Dorf, seine Region kaum verließ, der verstand seine enge Welt. Markterweiterungen und Verwissenschaftlichung bedurften aber breiterer Begriffe, um aus konkreten Rindern alle Rinder machen zu können, um Absatzketten zu organisieren, um eine zumindest ungefähre Vorstellung einer wesentlich weiteren Welt zu vermitteln und zu ermöglichen. Dieser Prozess ging weiter, war und ist nicht still zu stellen. Er umgriff nicht nur Produkte und Nahrungsgruppen, sondern auch die uns anregenden und leitenden Großbegriffe. Was bedeutet Genuss, Gesundheit, Qualität, Frische, Geschmack, gar Natur? Unsere Sprache suggeriert Kontinuität, obwohl die Inhalte sich teils rasant änderten. Sie wurden und werden aufgeladen vom Wissen der angewandten Naturwissenschaften und marktnah agierender Werbespezialisten, von politischen und gesellschaftlichen Akteuren. Die Folgen sind enorm: Auf der einen Seite haben wir sehr konkrete, meist rechtlich begründete Definitionen, die der Logik der Wertschöpfungsketten angepasst sind. Auf der anderen Seite aber wachsen die Projektionen, erscheinen Produkte und Dienstleistungen in anderem, gar güldenem Licht. Überbürdungen sind die stete Folge, Täuschungen und Enttäuschungen dominieren. „Mock Food“ kann helfen, diese Mechanismen in den Blick zu nehmen – just um mit mehr Realismus Tagwerk und Tagträume miteinander in Einklang zu bringen.

Uwe Spiekermann, 6. Februar 2020

Die begrenzte Rationalisierung der Produktions- und Absatzketten im späten Kaiserreich: Das Beispiel Obst und Gemüse

Anders als Fleisch oder Milch, Brot und Getreide standen Obst und Gemüse vor dem Ersten Weltkrieg nicht im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Sie erschienen als schwache Lebensmittel, mit nur wenig Eiweiß und wenigen Kalorien; Vitamine waren noch nicht bekannt. Obwohl Teil der täglichen Kost, rangierten sie deutlich hinter den Kernelementen bürgerlicher und auch unterbürgerlicher Kost, nämlich Fleisch, Brot und Kartoffeln. Ihre Alltagsbedeutung war weit gefächert. Obst und Gemüse waren erstens saisonale Lebensmittel, deren Konsumspitzen sich an die Erntezeiten anschlossen. Zweitens boten sie Beikost zur Variation der relativ gleichförmigen, vorrangig auf Getreide, Getreideprodukten und später auch Kartoffeln basierenden Mahlzeiten. Obst und Gemüse waren drittens soziale Marker [1] und dienten viertens als Gesundheitskost [2]. Trotz eingeschränkter saisonaler Verfügbarkeit und hoher Preise war die gesellschaftliche Bewertung beider Lebensmittelgruppen durchaus positiv, boten sie doch schmackhafte und auch süße Ergänzungen im Alltag.

Angesichts ihres relativ geringen Nährwertes ist ihr Bedeutungsgewinn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemerkenswert. Der Gemüsekonsum stieg bis zum Ersten Weltkrieg relativ konstant an [3]. Zwischen 1850 und 1913 verdreifachte sich der Anbau, während der jährliche Pro-Kopf-Konsum von 37 kg auf über 60 kg wuchs. Das Angebot war regional geprägt, generell dominierten im Deutschen Reich verschiedene Kohl- und Wurzelgemüse, Mohrrüben, Zwiebeln und Gurken. [4] Der Obstkonsum lag deutlich niedriger, doch verdoppelte er sich zwischen 1850 und 1913. Äpfel, Pflaumen, Birnen und Kirschen bestimmten das Angebot. Südfrüchte besaßen dagegen nur eine geringe absolute Bedeutung, auch wenn Natureis und Kühlmaschinen den Eisenbahn- und Schiffstransport insbesondere seit den 1890er Jahren wesentlich vereinfachten. Zitrusfrüchte, Ananas, Bananen, sowie getrocknete Feigen und Korinthen waren relativ teuer, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg allgemein verbreitet [5].

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Verkauf von Messina-Apfelsinen in Berlin 1907 [6]

Die veränderten Konsummuster lassen sich auf drei vornehmlich angebotsbezogene Faktoren zurückführen, die ihrerseits wiederum auf Nachfrageimpulsen gründeten. Erstens ist die verbesserte Transportinfrastruktur zu nennen, ohne die neue leistungsfähige Versorgungsinstitutionen, etwa die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, neue Großhandelsformen und insbesondere ein sich dynamisch entwickelnder Facheinzelhandel nicht denkbar gewesen wären. Zweitens setzte schon früh eine Rationalisierung und Intensivierung des Gartenbaus ein. Es waren vor allem kleine und mittlere Produzenten, vorrangig Pomologen, die lokale und regionale, meist genossenschaftlich organisierte Netzwerke einrichteten, um die Qualität, insbesondere aber den Ertrag des angebauten Obstes und Gemüses zu erhöhen.

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Professionalisierung der landwirtschaftlichen Forschung: Landwirtschaft­li­che Experimentalstationen für Gartenbau in Deutschland im 19. Jahr­hundert [7]

Die dort, aber auch an Universitäten und in landwirtschaftlichen Betrieben arbeitenden Experten etablierten ein chemisch-physiologisches und stoffbasiertes Verständnis von Pflanzen und Agrarproduktion, auch wenn es noch lange von den empirischen Kenntnissen der Praktiker in Frage gestellt wurde. Die Zusammensetzung von Böden und Pflanzen wurde analysiert, neues Saatgut gezüchtet und verbreitet, ferner Grundzüge der Düngelehre und dann auch des Pflanzenschutzes etabliert [8]. Gleichwohl produzierte man Obst und Gemüse vorrangig im Nebengewerbe, lediglich ein Achtel des Angebotes stammte vor dem Ersten Weltkrieg von spezialisierten Betrieben. Das lag an der gegenüber Hackfrucht- und Getreideanbau wesentlich höheren Abhängigkeit vom Wetter und den nicht unerheblichen Problemen, die nach der Ernte teils schnell verderblichen Waren verkaufen zu können.

Neben den traditionellen Lager- und Verarbeitungstechniken entwickelte sich drittens die Konservierungstechnik rasch, nahm jedoch eine außergewöhnliche Entwicklung. Gewiss, die gewerbliche Dosenkonservierung gerade von Gemüse nahm zwar deutlich zu, doch die Konsummengen blieben zumal im Vergleich zu Großbritannien und den USA recht gering: 1913 wurden im Deutschen Reich ca. 80 Mio. Dosen Gemüse- und 30 Mio. Dosen Obstkonserven produziert, also etwa zwei Kilogramm pro Kopf und Jahr. [9] Von einem „Konservenzeitalter“ kann wahrlich nicht die Rede sein. Wesentlich bedeutsamer als die Konservenindustrie war die häusliche Konservierung. Die anfallenden Ernten von Gärten und Feldern wurden dezentral verarbeitet, wobei der Anteil der zugekauften Ware stetig wuchs. Dabei handelte es sich nicht um Beibehaltung tradierter Techniken des Einmachens, sondern um eine bewusste Verhäuslichung, um die Nutzung neuer Techniken in der Hauswirtschaft. Seit den 1870er Jahren gewann insbesondere im landwirtschaftlichen Milieu die heimische Dosenkonservierung an Bedeutung. Entscheidend aber wurde die Einführung von Einkochverfahren auf Grundlage der neu entwickelten Hitzesterilisierung, namentlich des Weck-Verfahrens in den späten 1890er Jahren [10]. Aufgrund des relativ hohen Preises der Konservierungsgefäße und -geräte blieb ihre Verwendung während des Kaiserreiches jedoch noch auf bürgerliche und bäuerliche Haushalte begrenzt.

Während die Fleisch- und Milchproduzenten, teils durch Zollschutz und veterinärmedizinische Vorkehrungen, teils durch die rasche Verderblichkeit der Waren, nur relativ geringer Konkurrenz ausgesetzt waren, gab es im Obst- und Gemüsesektor nicht nur vermehrte Nachfrage, sondern zugleich einen wachsenden Importdruck qualitativ höherwertiger Angebote. Der durchaus bestehende Zollschutz wurde dadurch unterminiert. Selbstbewusst hieß es etwa auf einem Eisenbahnwaggon mit Importware: „Einst waren sie im Reichstag toll, Schickten uns darum Eingangszoll, Und hofften Hollands Kohl zu wehren, Doch Deutschland kann sie nicht entbehren. Schon 1000 Wagen sandte dies Jahr Hinüber Kaufmann K. Wagenaar. Klaas Wagenaar aus Broek und Langendeich. Sandte immer beste Waren, Berliner Händler, bestellt darum sogleich. So werdet ihr viel ersparen“ [11].

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Marktorientierte Gemüseproduktion in den Niederlanden 1911: Gurkenproduktion im beheizten Glashaus (l.) und Gemüsetransport zur Auktion (r.) [12]

Ähnlich urteilten deutsche Marktbeobachter über die Fruchtimporte: „Das [ausländische, US] Obst kommt unter bestimmten bekannten Marken in den Handel und befindet sich in den Verpackungsgefäßen in so tadelloser, gleichmäßiger Qualität, daß der Großhandel die Ware sowohl einkaufen wie verkaufen kann, ohne sie vorher in Augenschein nehmen zu müssen, und ohne ein nennenswertes Risiko zu laufen, welches bei der Versendung durch Verderben der Früchte sonst zu befürchten wäre. Der Zustand des ausländischen Obstes befähigt den Großhandel, dasselbe von den großen Handelszentren bis in die entferntesten und kleinsten Konsumplätze dem Kleinhandel zu liefern. An diesen Plätzen wird hierdurch das deutsche Obst ersetzt bezw. verdrängt.“ [13] Die wachsenden Erfolge auswärtiger Anbieter, die vor dem Ersten Weltkrieg mehr als ein Fünftel des Absatzes bestritten, führten spätestens Mitte der 1890er Jahre zu einer intensivierten Expertendiskussion. Es galt, vom Ausland zu lernen, vorrangig von den USA und den Niederlanden [14].

Die Qualitätsdefizite des eigenen Angebotes waren offenkundig: „Geht man durch die Marktstände in den Städten oder wirft einen Blick in die Schaufenster und Läden der Fruchthandlungen, so kann man sich eines Erstaunens über das Aussehen der Früchte nicht erwehren und muß sich wundern, daß derartig fleckiges, angestoßenes oder krüppeliges Obst Abnehmer findet, und zwar zu einem Preise, den der produzierende Landwirt kaum für seine allerbesten Früchte erzielt.“ [15] Abseits des Augenscheins wurden vorrangig zu geringe Anbauflächen, zu schlechte Pflege der Pflanzen, mangelnde Konservierungstechniken, zu hohe Warenverluste, zu viele Sorten, zu geringe Liefermengen und schlechte Sortierung kritisiert. [16] Das Kleinklein der Produktion galt als besonderes Problem, verlangte „der wirklich intensive Obstbau [doch, US] große Kapitalien, viel Zeit und ungeteilte Arbeitskraft […]. Er muß zu einer förmlichen ländlichen Industrie ausgestaltet werden, wenn er nennenswerte Erträgnisse liefern und volkswirtschaftliche Bedeutung erlangen soll.“ [17]

Die Antwort zahlreicher Agrarökonomen, Pomologen und Praktiker zielte auf eine Qualitätsoffensive zur Rückgewinnung der deutschen Konsumenten. Sie ging jedoch nicht von den Bedürfnissen und Erwartungen der Verbraucher aus, sondern zielte auf hochwertigere und vor allem effizienter produzierte und vermarktete Waren. Diese würden – gemäß dem Sayschen Theorem – ihren Absatz finden, da Produktqualität das beste Verkaufsargument sei. Das mag aus heutiger Sicht verwundern, spiegelte jedoch die zeitgenössischen Vorstellungen der nationalökonomischen Theorie, in denen der Konsument erst einmal als Widerpart des Produzenten verstanden wurde. [18] Er erzwang „die Waren resp. Leistungen nach Bedarf und möglichst bequem, mannigfaltig, brauchbar und preiswert zu erhalten“ – doch damit waren die Problemlagen einer Konsumentenorientierung klar benannt, biete sie denn „keine Garantie mehr für die Güte, die Qualität, die Preiswürdigkeit der Waren. Der Konsument muß selbst prüfen und ist, wenn er dies nicht thut oder nicht kann, der Gefahr der Benachteiligung ausgesetzt.“ [19] Der rational gedachte Konsument zielte auf die maximale Befriedigung seiner Bedürfnisse. Er war Auslöser ökonomischen Dynamik, die zu Qualitätsverschlechterung und überbürdenden Ansprüche führen mussten, wenn nicht andere Instanzen helfend einsprangen. Entsprechend diente er vielfach als „Prügelknabe“ [20] von Wissenschaft und Öffentlichkeit, als Projektionsfläche der inneren Debatten über die liberale Wirtschaftsordnung und den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Der „Konsument“ war meist eingebettet in moralische Debatten über Luxus und Sparsamkeit, war Gegenstand stetiger Aufklärungs- und Erziehungsbestrebungen. Sie zielten nicht zuletzt darauf, ihm einen Begriff von Qualität zu vermitteln: Es galt, „daß die sittliche Erziehung des Konsumenten darauf ausgehen muß, ihn mit den Herstellungskosten der Gegenstände vertraut zu machen, ihm einen Begriff von den Kosten volkswirtschaftlicher Produktion beizubringen, damit er nicht einfach planlos nach dem Billigsten greift.“ [21] Gegenüber diesem Hauptstrang traten andere Versuche von Ökonomen und Sozialwissenschaftler zurück, die den Begriff des „Konsumenten“ nutzten, um Kritik an der korporatistischen Wirtschaftsstruktur und seiner „Bevormundungstendenz“ [22] im Konsumgütermarkt zu üben, oder aber gar auf seinem Wollen und Streben die Grundlagen einer genossenschaftlich organisierten „sozialen Tauschgemeinschaft“ [23] zu gründen.

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Idealbild Massenproduktion – Obstzüchterei Karolinenhof in der Steiermark 1902 [24]

Der Konsument war also Billigheimer und Qualitätsverschlechterer. Sein Griff nach der schönen Auslandsware lag denn nicht an deren höherer Qualität, sondern am blendenden schönen und standardisierten Äußeren holländischer Gurken und kalifornischer Äpfel. „Gute“ deutsche Ware würde sich dagegen durchsetzen, wenn sie denn nur in größeren Chargen angeboten würde. Ziel war daher „Massenerzeugung“ [25], auch, um die Kosten zu reduzieren. Verbraucher und Marktentwicklung wurden damals nicht analysiert, sondern antizipiert: „Es ist mit erhöhten Ansprüchen der Verbraucher, mit der Einfuhr ausländischer Früchte und auch mit der räumlichen Ausdehnung der Städte zu rechnen.“ Eine präzise Marktanalyse unterblieb, entwickelte sich erst in den 1920er Jahren. [26] Die deutschen Anbieter von Obst und Gemüse blieben vor dem Ersten Weltkrieg produktorientiert, die einschlägigen Fachbücher konzentrierten sich auf Garten und Feld, nicht auf Absatz und Verkauf. [27]

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Sortenreduktion – Differenzierte Empfehlungen für den Handelsobstbau 1903 [28]

Dies bedeutete erst einmal eine Sortenreduktion, wie sie in den badischen Obstbaugebieten schon seit Ende der 1880er Jahre umgesetzt wurde. [29] Die Pomologen hatten die heimischen Sorten detailliert beschrieben, sahen darin einen Widerhall von Gottes Ordnung und nationalem Reichtum. [30] Nun aber ging es um Quasimarkenbildung, insbesondere „wenige, marktgängige Sorten. Die Obstbautechnik muß sich des bestehenden Vielerleis annehmen und hierin Wandel schaffen.“ [31] Dies betraf einerseits marktgängige Sorten, etwa die heute noch gängigen Boskop- oder Reinette-Äpfel. Anderseits sollten Markenartikel als Herstellermarken durch einzelne Obstbaugenossenschaften etabliert werden. [32] Dazu bedurfte es neuartiger Verpackungen, denn die Züchtungsprodukte mochten ähnlich aussehen und auch einheitlich sortiert worden sein, doch sie blieben eine heterogene Ware.

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Einhegung bestehender Variabilität: Williams-Äpfel vom selben Saatgut [33]

Es ging vor dem Ersten Weltkrieg also nicht allein um eine höhere Produktion von marktgängigem Obst und Gemüse zu akzeptablen Preisen. Es ging zuerst einmal um den Aufbau umfassender Produktions- und Lieferketten, um die Waren in möglichst unversehrter Form an den Konsumenten bringen zu können. Angesichts des zersplitterten Angebotes war dieses Ziel nicht passgenau zu erreichen, sondern nur annäherungsweise. Die Vielfalt und die Variabilität der Obst- und Gemüsesorten bildeten zentrale Probleme, denn die Kosten für ein derart breites und qualitativ heterogenes Angebote waren für einen profitablen Absatz schlicht zu hoch. Entsprechend gab es vor dem Ersten Weltkrieg eine Vielzahl lokaler und regionaler Initiativen, um jeweils Teile der Produktions- und Lieferketten zu verbessern. Der Konsument blieb in Deutschland dabei jedoch eine Chimäre, denn Anbieter und Händler waren überzeugt, dass „gute“ Ware ihn überzeugen würde. Sie handelten fast lehrbuchmäßig, mit einem rational agierenden homo oeconomicus als Absatzziel. Doch sie verkannten, dass auch eine in ihren Augen „gute“ Ware nicht ausgereicht hätte, die Konsumenten dem vermeintlich unter kalifornischer Sonne gereiften Obst und dem frischen Gemüse aus Holland zu entwöhnen. Zudem blieben die Initiativen im Inland häufig Stückwerk. Standardisierungsbemühungen gab es, doch die letztlich steckengebliebene Vereinheitlichung der Verpackungen unterstrich die immensen Probleme, das Angebot gefällig, transportfest und preisgünstig zu bewegen. Wo immer Produzenten und Händler begannen, trafen sie rasch auf neue Flaschenhälse, die kleinteilige Verbesserungen entwerteten.

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Einheitsverpackungen des Deutschen Pomologen-Vereins 1907 [34]

Um ein homogenes markt- und konkurrenzfähiges Produkt anbieten zu können, wurde beispielsweise von regionalen und nationalen Spitzenverbänden versucht, Transport- und Verkaufspackungen miteinander zu koppeln. Doch der jeweilige Materialaufwand sollte sich an der Qualität der Ware orientieren. Es ging also noch nicht um eine für alle Sorten gültige Einheitslösung – der Deutsche Normenausschuss entstand erst 1917 mit Fokus auf Rüstungsgüter und die Maschinenindustrie – sondern um Verpackungen für Einzelgüter. Diese konnten Transportkosten reduzieren, zumal die Tarif- und Portosätze von Reichsbahn und Reichspost einen Referenzrahmen boten. Doch zugleich stellten die vermeintlich passgenauen Verpackungen neue Aufgaben, erforderten insbesondere eine bessere Sortierung der Waren: „Je geschmackvoller und sauberer die Verpackung nun ist, ein um so höherer Preis wird gezahlt. Präsentiert sich doch gut verpacktes Obst dem Auge des Käufers viel besser als lose in Körbe geschüttete Früchte.“ [35]

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5-Kilogramm-Versandpackungen für Berliner Delikatessenläden 1904 [36]

Standardisierte Füllmengen und gestufte, meist am Gewicht und der äußeren Erscheinung der Waren orientierte Qualitätsspreizungen beschleunigten und verbilligten zugleich den Groß- und Einzelhandel – so die Schlussfolgerung der Experten. Üblich wurden vielfach 25 kg-Kisten bzw. 5 kg-Pappkartons. Die erste Qualität wurde mit Seidenpapier, Holzwolle und Papierlagen ausgelegt, bei der zweiten fehlte Seidenpapier, während es bei dritter Qualität nur eine lockere Aufhäufung gab. Die Qualitätsspreizung erfolgte jedoch auch anhand der Ware selbst: „Erste Qualität nennt man tadellos entwickelte, gleichgroße und fleckenlose Früchte, welche weder angestoßen, noch wurmstichig sein dürfen. Früchte zweiter Qualität sind auch eine gute Verkaufsware, die den obigen Ansprüchen in bezug auf Güte entsprechen, doch können sie zweiter Größe sein. Unter dritter Qualität versteht man nun den Rest des Ernteertrages, jedoch dürfen keine faulenden Früchte dabei sind“ [37].

Der hochwertige Augenschein erforderte Rationalisierungen auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette. Diese bedeutete einerseits Kooperation in Form spezialisierter Obst- und Gemüsebaugenossenschaften. [38] Damit konnten nicht nur die noch wenigen Saat-, Kultivierungs-, Reinigungs- und Sortierungsmaschinen effizienter eingesetzt, sondern auch Betriebsmittel zu geringeren Preisen eingekauft werden.

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Ertragssicherung durch Chemisierung – Baumspritze „für den Großbetrieb“ 1903 [39]

Die Genossenschaften förderten zudem eine systematischere Produktpflege, eine intensivierte Schädlingsbekämpfung und eine verbesserte Düngung: „Um Qualitätsfrüchte zu erreichen, darf man mit der Düngung von Phosphorsäure nicht sparen.“ [40] Gemeinsam mit landwirtschaftlichen Vereinen erleichterten Produktionsgenossenschaften ferner eine lokale Wissensdiffusion, die nicht nur auf Broschüren und Bücher gründete. Landwirtschaftliche Ausstellungen waren tendenziell wichtiger. [41]

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Rationalisierung der Marktbeschickung – Ausladevorkehrungen und Marktpritschen in Stuttgart 1904 [42]

Anderseits etablierten sich leistungsfähigere Großhandelsbetriebe, die sich insbesondere auf den raschen Absatz in urbanen Massenmärkten konzentrierten. Gemeinsam verbesserte man langsam auch die Lagerhaltung, um die saisonalen Angebotsspitzen abzuflachen und höhere Preise zu erzielen. Die deutschen Anstrengungen blieben jedoch weit hinter denen der europäischen und insbesondere der US-amerikanischen Anbieter zurück. Grund hierfür war auch, dass die Veränderungen des Kühlgutes während der Lagerung damals noch kaum erforscht waren. Die Forschung hatte sich im späten 19. Jahrhundert zuerst auf Fleisch und Fette, dann auch auf Fisch konzentriert, nur langsam folgten lagerfähige Gemüse und Südfrüchte wie Ananas und insbesondere Bananen. [43] Zur Verbindung von Produktion und Absatzmärkten nutzte man zudem mit Natureis gekühlte Transportmittel.

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Kühltechnik im Dienst der Obstvermarktung in den USA: Waggon mit Eiskühlung [44]

Das betraf insbesondere Eisenbahnwaggons mit Eiskühlung sowie spezialisierte Frachtschiffe. Sie halfen nicht nur Distanzen zu überwinden, sondern erforderten auch neue Absatzinfrastrukturen in den Zielorten. Lagerhäuser mutierten peu a peu zu Kühlhäusern. Hier konnte zudem „künstliche“ Kühlung eingesetzt werden, die seit den 1870er Jahren schon die Produktion von Bier grundlegend umgestaltet hatte.

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Maschinengekühlter Lagerraum mit Obstfässern und -kisten [45]

Die kleinteiligen Lagerräume erlaubten lediglich Kühlung, nicht aber das damals kaum erforschte Gefrieren von Obst und Gemüse. Kernproblem blieb die genaue Temperaturführung, gab es in den Räumen doch nicht unbeträchtliche Unterschiede von einigen Grad. Das aber gefährdete die Qualität des Kühlgutes, zumal bei kleineren Chargen. Die unterschiedlichen Verpackungen und die Lagertechnik erschwerten zudem das dadurch eigentlich erforderliche regelmäßige Umpacken.

Technische Probleme dieser Art wurden angegangen und in langwieriger Arbeit auch abgemildert. Das aber galt nicht für das eigentliche Ziel all dieser Bemühungen, den Absatz an den Konsumenten. Die Mitte der 1890er Jahre vielfach ins Leben gerufenen Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte hatten beispielsweise kaum Erfolg [46]. Die Direktvermarktung der Produzenten konnte sich gegen die schnell wachsende und hochgradig fluktuierende Zahl der Straßenhändler und Ladengeschäfte nicht durchsetzen [47]. Schon vorher waren Versuche gescheitert, den Obst- und Gemüseverkauf in Kleinhandelsmarkthallen zu konzentrieren. Dieses hätte zwar einen hygienischen und staatlich einfacher zu überwachenden Absatz erlaubt, doch angesichts der Zeitaufwendungen derartiger zentralisierter Strukturen fanden sie beim Publikum kaum Widerhall.

Großhandelsmarkthallen etablierten sich dagegen im späten 19. Jahrhundert als die eigentlichen Drehscheiben des Absatzes von Obst und Gemüse. Daneben behaupteten sich die im späten 19. Jahrhundert vielfach totgesagten Wochenmärkte insbesondere in Mittelstädten. Allerdings nahm die Zahl der vom Umland in die Stadt fahrenden Produzenten zugunsten spezialisierter Markthändler ab.

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Wochenmarkt in Würzburg im späten 19. Jahrhundert [48]

Der Ladenhandel mit Obst- und Gemüse wurde von kapitalarmen Kleinhändlern dominiert, auch wenn sich parallel spezialisierte Frucht- und Feinkosthandlungen für den gehobenen Bedarf etablieren konnten. 1907 gab es im Handel mit anderen landwirtschaftlichen Waren – Tiere, Getreide, Samen und Blumen waren ausgeschlossen – 102.607 Betriebe, doch weniger als fünf Prozent davon beschäftigten vier oder mehr Personen [49]. Parallel etablierten sich gerade in den Großstädten zahllose Straßenhändler, die Großhandelsware rasch abverkauften. Sie waren eine institutionelle Antwort auf das saisonal sehr unterschiedliche Aufkommen von Gemüse und insbesondere Obst. Obwohl innovative Absatzformen, wie etwa Verkaufsautomaten, durchaus bestanden, veränderte sich der Letztverkauf von Obst und Gemüse nur wenig [50].

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Gesunde Snacks in 31 Fächern. Obst-Automat der Berliner Firma P. de la Vari [51]

Wichtige Veränderungen gab es jedoch im Wechselspiel zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Verarbeitungsindustrie. Parallel zum Bedeutungsgewinn der häuslichen Verarbeitung von Obst und Gemüse zu Dauerwaren etablierte sich ein rasch wachsender gewerblicher Markt. Marmeladen, Fruchtsäfte und Obstweine sowie Dosengemüse gewannen an Bedeutung, waren im Kaiserreich aber nie mehr als Nischenprodukte. [52] Das sollte sich angesichts der Versorgungsprobleme während des Ersten Weltkrieg, vor allem aber durch technische Verbesserungen während der Weimarer Republik ändern, als zudem die Vitaminforschung die Wertigkeit pflanzlicher Produkte deutlich verbesserte.

Vor dem Ersten Weltkrieg erfolgten all diese kleinteiligen Veränderungen nur langsam, blieben teils regional begrenzt, griffen nicht reichsweit. Dies war paradoxerweise aber auch Resultat eines überbordenden Nationalismus: Die begrenzten Rationalisierungsbestrebungen spiegelten nämlich immer auch Vorstellungen einer spezifisch deutschen Qualität insbesondere des Obstes. Die ausländische Konkurrenz mochte gefällige Massenware liefern, doch das eigentliche Alleinstellungsmerkmal deutscher Produkte lag nicht in der Form, sondern in ihrem Geschmack [54]. In den Quellen findet sich wieder und wieder Klagen über die Ignoranz der Konsumenten, die beispielsweise die zahllosen Nuancen einheimischer säuerlicher Äpfel oder regionaler Kohlsorten nicht würdigen würden. Es war also nicht allein Marktignoranz, sondern auch der nationale Stolz vieler Anbieter auf ihre Spezialitäten, der Rationalisierungsbestrebungen ins Leere laufen ließ [55]. Gut und reell zu liefern und das eigene Angebot zu pflegen – das mochte angehen. Doch die breiter gelagerten Qualitätsvorstellungen der Konsumenten in den Blick zu nehmen war vor dem Ersten Weltkrieg kaum verbreitet. Nicht freier Konsum nach eigenem Gustus stand im Mittelpunkt, sondern eine Einreihung in eine spezifisch deutsche Rollenerwartung, in der die Verpflichtung für das abstrakte Gemeinwohl stets bedeutsam blieb.

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Produktdifferenzierung durch Verarbeitung – Anzeigen 1914 [53]

Entsprechend wurde immer wieder versucht, den Konsumenten von den relativen Vorzügen des bestehenden deutschen Angebotes zu überzeugen, sie also zu erziehen. Die meisten bäuerlichen Produzenten sahen sich selbst in einer geordneten, ständisch differenzierten Gesellschaftsstruktur, in der sie möglichst „gute“ Ware liefern sollten, in der die Konsumenten dann aber auch verpflichtet waren, diese abzunehmen. [56] Die von zahlreichen Agrarwissenschaftlern vorgeschlagenen Rationalisierungsbestrebungen, insbesondere die intensiv diskutierte „Industrialisierung der Landwirtschaft“ [57] schien nur wenigen erstrebenswert, da sie Lebenszuschnitte unterminierte und die Gesellschaft zu zersetzen schien – fast so wie eine faule Frucht die sie umgebenden Früchte. [58]

Standardisierungsbestrebungen, Qualitätsfestlegungen und eine Orientierung auf die mit dem Produktionsumfeld und seinen Besonderheiten nicht mehr vertrauten Konsumenten hatten daher im späten Kaiserreich nur begrenzte Erfolge. Es fehlten nicht nur ihrer selbst bewusste Konsumenten, die ihre Forderungen aktiv artikulierten, sondern es fehlte zugleich seitens der Mehrzahl der Produzenten an der Bereitschaft, deren Erwartungen ernst zu nehmen, und ihnen eine Ware zu liefern, die mit großem Aufwand verbunden war. [59] Trotz ihres Kultes des Objektiven ging es den Akteuren nie nur um Richtiges, sondern immer auch um Rechtes. Die Malaise der Qualität von Obst und Gemüse lag nicht nur darin, dass die Konsumenten an deren Definition nur indirekt und virtuell beteiligt waren, sondern dass Wissenschaftler und Produzenten stets Qualitätsideale verfochten, die auf eine kleingewerblich organisierte Bürgerwelt zugeschnitten war, nicht aber auf die Herausforderungen anonymisierter Massenmärkte und damit moderner Konsumgesellschaften. Für die ausländische Konkurrenz, die schon vor dem Ersten Weltkrieg begann, Marktforschung und Marketing zu betreiben, war und blieb dies ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Uwe Spiekermann, 31. Januar 2020

 

Quellen- und Literaturnachweise

[1] Gustav Klemm, Allgemeine Culturwissenschaft, Leipzig 1855, 304-308.
[2] Ulrike Thoms, Anstaltskost im Rationalisierungsprozeß. Die Ernährung in Krankenhäusern und Gefängnissen im 18. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 2005, 110-119.
[3] Hans J. Teuteberg, Der Verzehr von Nahrungsmitteln in Deutschland pro Kopf und Jahr seit Beginn der Industrialisierung (1850-1975). Versuch einer quantitativen Langzeitanalyse, in: Ders. und Günter Wiegelmann, Unsere tägliche Kost. Geschichte und regionale Prägung, Münster 1986, 225-289, hier 245. Teutebergs Sekundärzahlen basieren allerdings auf sehr unpräzisen Grundangaben. Eine Neuberechnung und Präzisierung ist ein wichtiges Forschungsdesiderat.
[4] Georg v. Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands, T. 2, Berlin 1862; Elisabeth Paetzmann-Dulon, Richard Heineke und Hermann Henke, Der Verbrauch von Obst und Gemüse in Nordwesteuropa und seine Bedeutung für die Absatzmöglichkeiten der Mittelmeerländer, Kiel 1961; Paul Seitz, Der Gemüse- und Kräuteranbau und die Speisepilzerzeugung seit dem 18. Jahrhundert, in: Günther Franz (Hg.), Geschichte des deutschen Gartenbaues, Stuttgart 1984, 365-454.
[5] Helmut Eisig, Der Verbrauch von Nahrungsmitteln in Deutschland vor und nach dem Krieg, Phil. Diss. Basel 1933, 19, 28-30.
[6] Berliner Leben 10, 1907, Nr. 1, 10.
[7] Karte erstellt anhand der Angaben von Günther Liebster, Der deutsche Obstbau seit dem 18. Jahrhundert, in: Franz (Hg.), 1984, 143-205, hier 193. Während des 20. Jahrhunderts wurden weitere Experimentalstationen in Schlachter (1903), Pillnitz (1922), Fünfhausen (1938), Osnabrück (1949) and Nürtingen (1952) errichtet. Einen guten Einblick in die Arbeitsschwerpunkte vermittelt Th[eodor] Remy, [Bernhard] Hunger und [P.] Lange, Der neue Versuchsbetrieb für Gemüse- und Obstbau an der Königl. landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf, Berlin 1916.
[8] Frank Uekötter, Die Wahrheit ist auf dem Feld. Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft, Göttingen 2010.
[9] [Bernhard Heinrich] Barg, Konservierte Nahrungsmittel, Zeitschrift für Volksernährung 13, 1938, 56-57, hier 57.
[10] Uwe Spiekermann, Zeitensprünge: Lebensmittelkonservierung zwischen Haushalt und Industrie 1880-1940, in: Ernährungskultur im Wandel der Zeiten, hg. v. KATALYSE e.V. und BUNTSTIFT e.V., Köln 1997, 30-42. Zu den zuvor verwandten Haushaltstechniken s. A. Gebhardt, Das Obst als Nahrungsmittel, Leipzig 1894.
[11] Zit. n. Hayunga, Die Versorgung des deutschen Marktes mit Gemüse aus dem Auslande und Erfahrungen über Organisation im Anbau und Verkauf von Gemüse in Holland, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 25, 1910, 391-396, 420-421, hier 393.
[12] Udo Dammer, Moderne Gemüsekultur in Holland, Die Woche 13, 1911, 847-851, 848 (l.) und 849 (r).
[13] D. Sandmann, Wie kann der Absatz der deutschen Obstproduktion auf genossenschaftlichem Wege gefördert werden?, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 4, 1906, 138-140, 146-148, hier 138.
[14] Reiseberichte förderten den Informationstransfer, vgl. etwa umfassend Fr[iedrich] Oetken, Die Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sowie die allgemein-wirthschaftlichen, sozialen und Kultur-Verhältnisse dieses Landes zur Zeit des Eintritts Amerikas in das fünfte Jahrhundert nach seiner Entdeckung, Berlin 1892; A.G. Grant, Internationaler Obstbau und der Weltmarkt. Was der rationelle Obstbau der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika den deutschen Obstzüchtern lehrt. Eine Skizze, o.O. 1905. Beispiele für unmittelbare Adaptionsvorschläge sind M. Heller, Obst-Industrie. Ein Anregung nach amerikanischem Muster, Das Land 14, 1905/06, 59-62; B[runo] Hempel, Deutschlands Gemüseeinfuhr und ihre Lehren für den heimischen Anbau, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 1913, 377-381; Hans Tenhaeff, Gemüseproduktion und -Absatz nach holländischen Vorbild in Deutschland, ebd. 30, 1915, 283-286, 300-304, 322-325, 340-342. Die Veränderungen begannen zuerst im Obstsektor, griffen dann aber auch auf die Gemüseproduktion über, vgl. [Fridolin] Rebholz, Förderung des Gemüsebaus, Landwirtschaftliches Jahrbuch für Bayern 2, 1912, 1-13.
[15] O[tto] Wauer, Ernte, Aufbewahrung und Verwertung des Obstes, Landwirtschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 68, 1911, 384-386, hier 384.
[16] Udo Dammer, Obstbau in Deutschland, Die Woche 1, 1899, 953-955. Zum relativer Rückstand gegenüber anderen Sektoren der Landwirtschaft, vgl. A. Hupertz, Landwirtschaftlicher Obstbau. Vorschläge zur Reorganisation, Würzburg 1902.
[17] Heller, 1905/06, 59.
[18] Vgl. etwa Karl Marlo [d.i. Karl Georg Winkelblech], Untersuchungen über die Organisation der Arbeit oder System der Weltökonomie, 2. vollst. Aufl., Bd. 3, Tübingen 1885, insb. 294-295.
[19] G[ustav] v. Schönberg (Hg.), Handbuch der Politischen Oekonomie, 4. Aufl., Bd. 2, Halbbd. 1, Tübingen 1898, 662 (auch für das vorherige Zitat).
[20] Begriff nach Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte, Ergänzungsbd. 2: Zur jüngsten deutschen Vergangenheit, Freiburg i.Br. 1903, 497.
[21] G[ottfried] Traub, Ethik und Kapitalismus. Grundzüge einer Sozialethik, 2. verb. u. verm. Aufl., Heilbronn 1909, 138.
[22] Karl Oldenberg, Die Konsumtion, in: Grundriss der Sozialökonomik, Abt. II, Tübingen 1914, 103-164, hier 120.
[23] Vgl. etwa Franz Staudinger, Die Konsumgenossenschaft, Leipzig 1908, v. a. 31-40; Ders., Die geregelte Tauschgemeinschaft als soziales Ziel, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 14, 1917, 173-175.
[24] Obstzüchterei Karolinenhof, Der Obstzüchter 1, 1903, 102-104, hier 102.
[25] M. Lindner, Ueber die Auswahl der Obstarten und -sorten bei Obstpflanzungen, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 193, 120-121, hier 121 (auch für das folgende Zitat).
[26] Vgl. hierzu Uwe Spiekermann, »Der Konsument muß erobert werden!« Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt/M. und New York 2007, 123-147, hier 126-129.
[27] Beispiele wären Johannes Böttner, Praktische Gemüsegärtnerei, 7. verb. u. verm. Aufl., Frankfurt/O. 1913; F[lorian] Stoffert, Das Obst- und Gemüsegut der Neuzeit, 2. Aufl., Frankfurt/O. 1920.
[28] Der Obstzüchter 1, 1903, 16.
[29] Huber, Etwas über Obstkunde (Pomologie), Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1899, 369-371, hier 370.
[30] Vgl. etwa Theodor Engelbrecht, Deutschlands Apfelsorten, Braunschweig 1889.
[31] Hans Pfeiffer, Einheitliche Maßnahmen zur Hebung des Obstbaues, des Obsthandels und der Obstverwertungs-Industrie, Zeitschrift für Agrarpolitik 7, 1909, Sp. 17-20, hier 17.
[32] Sandmann, 1906, 139.
[33] The Century 69, 1904/05, 833.
[34] Einheitsverpackung in Deutschland, Der Obstzüchter 5, 1907, 146-147, hier 147.
[35] Wauer, 1911, 386. Vgl. demgegenüber die Erfahrungen von Grant, 1905, 5: „In der alten urgroßväterlichen Weise reißt und schüttelt man die Kernobstfrüchte von den Bäumen, verpackt sie wie Kartoffeln in große Körbe und schickt sie auf den lokalen Markt. Ist derselbe überfüllt und lohnt sich nicht der hohen Transportkosten wegen, das solcherweise gesammelte Obst nach Frankfurt a.M. auf die Obstbörse zu senden, so verfaulen nicht selten unsere schönsten heimischen Früchte tonnenweise.“
[36] Verkehrtes Packen, Der Obstzüchter 2, 1904, 125.
[37] Wauer, 1911, 385-386.
[38] Vgl. als Beispiel Die Obstbaugenossenschaft Höbeck, Das Land 4, 1895/96, 53-54 bzw. mit idealistischem Aufbruchston Vorwärts, Genossenschaften! (Obstverwertung.), ebd., 231-232.
[39] J[osef] Löschnig, Blattkrankheiten unserer Obstbäume und ihre Bekämpfung, Der Obstzüchter 1, 1903, 65-71, 81-84, 113-115, hier 69.
[40] Hayunga, 1910, 395.
[41] Vgl. O. Bossert, Wie kann der Landmann seine Lage verbessern?, Wochenblatt des landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1896, 494-497. Auch hier waren ausländische Vorbilder maßgebend, vgl. A. Gradenwitz, Californische Ausstellungszüge, Prometheus 22, 1911, 586-588.
[42] Der Handel mit Obst in und nach Stuttgart, Der Obstzüchter 1, 1903,164 (o.) und 165 (u.).
[43] Vgl. hierzu James Troubridge Critchell und Joseph Raymond, A History of the Frozen Meat Trade, London 1912 (Nachdruck 1969); Richard Perren, Taste, Trade and Technology. The Development of the International Meat Industry since 1840, Aldershot 2006; Boris Loheide, Beef around the World – Die Globalisierung des Rindfleischhandels bis 1914, Comparativ 17, 2007, 46-67.
[44] Rich[ard] Stetefeld, Die Kälte-Industrie im Dienste des Obst- und Gartenbaus, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 12, 1905, 40-56, hier 54. Zur technischen Entwicklung vgl. auch Karl Sajó, Fortschritte im Obstverkehre, Prometheus 17, 1906, 705-709, 724-727 und [Richard] Stetefeld, Neuerungen in Obstkühlanlagen, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 13, 1906, 1-4.
[45] Stetefeld, 1905, 53.
[46] Vgl. Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte, Das Land 4, 1895/96, 265; Städtische Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte, ebd., 331; Hupertz, 1902, 52-55; Rebholz, 1912, 1.
[47] Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999.
[48] Illustrirte Zeitung 113, 1899, 435.
[49] Spiekermann, 1999, 708-709.
[50] Walther Schubring, Entwicklung und heutige Form des Handels mit Obst und Gemüse, Agrarwiss. Diss. Berlin, Düsseldorf 1933, 5-9.
[51] Der Obstzüchter 5, 1907, 175. Vgl. auch Ueber Obstverkaufsautomaten, Gartenflora 56, 1907, 503.
[52] Gleichwohl sind insbesondere die Rationalisierungseffekte der schon in den 1880er Jahren einsetzenden Vertragslieferungen an die Konservenindustrie nicht zu unterschätzen. Vgl. G. Brandau, Gemüsedauerwaren von den Anbauversuchen des Sonderausschusses für Feldgemüsebau, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 1913, 520-521.
[53] Der Materialist 35, 1914, Nr. 2, 12.
[54] Vgl. etwa Lindner, 1913, 121.
[55] Dies galt insbesondere auf die Produktionsprofile der regionalen Anbieter: „Der Anbau im Großen von reich und regelmäßig tragenden Obstsorten und dieser in Gebieten, wo manche Obstarten besonders gut gedeihen, spezialisiert, wie am Mittelrhein, in den Bodenseegebieten, Württemberg und den Ostseeprovinzen der Apfel, an der badischen und hessischen Bergstraße, Rheingau, Rheinpfalz, die badischen Schwarzwaldtäler, am Kaiserstuhl, einige Gebiete in Thüringen die Kirschen, Pfirsiche, feine Zwetschen, in der Rheinpfalz, im Maingebiet, die Birnen vorherrschend sind, wird es in den Jahren möglich sein, in dem Konkurrenzkampf erfolgreich vorzugehen. Dazu muß aber auch der deutsche Obstzüchter lernen, kaufmännischer zu handeln, das schmackhafte deutsche Obst sorgfältiger zu ernten, sortieren und zu verpacken. Frachtermäßigungen, schneller Bahntransport, gute Wasserstraßen, zweckmäßig eingerichtete Spezialwagen für Obst, werden bessere und schnellere Absatzmöglichkeiten schaffen“ (Georg Thiem, Der Handelsobstbau, Stuttgart 1913, 2).
[56] J. Joachim, Was fehlt zur Zeit unserm Obstbau am meisten?, Das Land 3, 1894/95, 323-324, hier 323.
[57] E[milé] Vandervelde, Der Sozialismus und die kapitalistische Umwandlung der Landwirtschaft, Die Neue Zeit 18,2, 1900,260-266, 292-301, hier 297.
[58] Gleichwohl erfolgte sie, vgl. etwa F. Kunert, Die moderne Glashauskultur der Tafeltrauben, Die Umschau 14, 1910, 64-67.
[59] Zur Diskussion etwa im Bereich des Gartenbaus vgl. [Ernst] Lesser u.a., Wodurch können wir den Obstbauern gesicherte, bessere Absatzverhältnisse schaffen?, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 17, 1902, 149-151; C. Beckenhaupt, Die Qualitätsfrage und die Landwirtschaft, ebd. 18, 1903, 215-218; Müller-Diemitz, Die Ansprüche des Handels und der Industrie an den obstbauenden Landwirt, ebd. 19, 1904, 54-55; Lorgus, Maßnahmen zur Regelung und Förderung des Absatzes von deutschem Obst und Gemüse, ebd. 28, 1913, 208-212.