Einkaufsregulierung und Versorgungspflicht – Ladenschluss während des Nationalsozialismus

Moderne Ladenschlussregelungen bilden einen Kompromiss zwischen sozialpolitischen Ansprüchen, unternehmerischer Verwertungsimperativen, den kaum begrenzten Konsumwünschen der Verbraucher und dem Ordnungsanspruch des Staates. Die 1891 einsetzende Gesetzgebung hatte unter eindeutig sozialpolitischen Gesichtspunkten zu einer begrenzten Sonntagsruhe und verbindlichen werktäglichen Öffnungszeiten geführt. Diese wurden während des Ersten Weltkrieges weiter verringert. Die temporäre Einführung des Acht-Stundentages und zahlreiche Tarifverträge trennten zu Beginn der Weimarer Republik dann Arbeitszeiten und Ladenöffnungszeiten. Die Verordnung vom 5. Februar 1919 legte einen werktäglichen Ladenschluss in der Zeit von 19 bis 7 Uhr fest, deklarierte ferner den Sonntag grundsätzlich als Ruhetag. Es gab zahllose Ausnahmen, wobei insbesondere Lebensmittel und andere Güter der Grundversorgung auch früher, später oder aber am Sonntag eingekauft werden konnten. Größere Betriebe konnten darauf mit Schichtsystemen reagieren, während kleinere Einzelhändler überdurchschnittliche Arbeitszeiten in Kauf nehmen mussten, wollten sie die Läden so lange offenhalten wie die Konkurrenz. Diese Struktur galt auch noch 1933, nach der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer konservativen Koalitionspartner (Uwe Spiekermann, Freier Konsum und soziale Verantwortung. Zur Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 49, 2004, 26-44).

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Grenzen der Regulierung: Einkauf in kleinen Läden „zu verbotener Zeit“ (Illustrierter Sonntag 1, 1929, Nr. 21 v. 18. August, 4)

Sozialpolitische Fortschritte während des Nationalsozialismus?

Während der Weimarer Republik hatten die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels und viele Handelskammern immer wieder deutlich flexiblere Regeln gefordert, um insbesondere vor umsatzstarken Hochfesten, zu bestimmten Jahreszeiten oder aber in bestimmten Regionen weitere Ausnahmen zu erreichen. Grund hierfür war auch das in Stadt und Land übliche Anklopfen nach und vor Ladenschluss vorrangig bei Lebensmittelgeschäften. Die aufstrebenden Angestelltengewerkschaften hielten dagegen, versuchten Arbeitszeiten und Sonderschichten ihrer Mitglieder zu verringern. Während der Weltwirtschaftskrise blieben entsprechende Forderungen der Tarifparteien bestehen, doch sie traten aufgrund der massiven Absatzprobleme in den Hintergrund. Für die neuen nationalsozialistischen Machthaber bestand unmittelbar nach der Machtzulassung demnach kein Regelungsbedarf. Gleichwohl gab es 1933/34 innerhalb der neu gegründeten Deutschen Arbeitsfront weiterhin Bestrebungen der Vertreter der Handlungsgehilfen, für bestimmte Branchen und Regionen einen früheren Ladenschluss einzuführen. Die Folge war eine „erhebliche Beunruhigung bei den Inhabern der Ladengeschäfte“ (Edeka. Deutsche Handels-Rundschau 27, 1934, 569 – auch für das folgende Zitat). Reichsarbeitsminister Franz Seldte (1882-1947) beruhigte, sah in den lokalen Initiativen lediglich unverbindliche Versuchsballons. Die geltenden Ladenschlussregelungen schienen ihm ein tragbarer Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Interessen zu sein, denn „die Ladenzeiten des Einzelhandels bedeuten nicht nur ein gesetzlich festgelegtes Recht des Kaufmanns, sondern auch die Pflicht, allen Bevölkerungskreisen eine möglichst gute Gelegenheit zur Bedarfsdeckung zu sichern“.

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Einkaufsdisziplin als deutsche Pflicht (Kladderadatsch 87, 1934, Nr. 35)

Probleme bestanden, etwa der recht hektische Einkauf zwischen Arbeits- und Ladenschluss. Vor der Einführung von Selbstbedienung mussten Konsumenten schließlich darauf warten, bedient zu werden. Doch derartige Engpässe regelte man nicht staatlich, sondern richtete moralische Appelle an die Konsumenten, ihre Verkäufe über den ganzen Tag zu verteilen. Vorgeschlagen wurde beispielsweise, die Zeit von 18 bis 19 Uhr möglichst den Berufstätigen zu überlassen. Doch selbst dann hätte ein Kernproblem des Ladenschlusses weiter bestanden: Er benannte schlicht den spätest erlaubten Zeitpunkt für das Betreten eines Geschäftes. Die Kunden mussten dann aber noch bedient werden, Aufräumen und auch Putzarbeiten folgten. Offizielle Appelle schienen den meist weiblichen Verkäufern wenig sinnvoll, „da Vernunftgründe beim Publikum wenig Anklang finden“ (Leo Hilberth und Annemarie Wissdorff, Berufs- und Arbeitsschicksal der Verkäuferin im Lebensmittelhandel, Köln 1934, 71).

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Einkaufen abseits der Ladenschlusszeiten. Verkaufsautomat in Wien 1939 (Das kleine Blatt 1939, Nr. 110 v. 22. April, 6)

Die Einkaufsmöglichkeiten wurden allerdings durch das von den Einzelhändlern und Angestellten geforderte Automatengesetz vom 6. Juli 1934 erweitert – hier kam der NS-Staat aus arbeitsmarktpolitischen Gründen der metallverarbeitenden Industrie entgegen (F. v. Poll, Anmerkungen zum neuen Automatengesetz, Soziale Praxis 43, 1934, Sp. 1200-1203; Elis-M. Puritz, Was wir Hausfrauen vom Automaten halten, Der Automat 8, 1934, 315-317). Insbesondere Tabakhändler nutzen die Chance, Waren auch nach Ladenschluss mittels an ihren Läden angebrachten Schachtautomaten verkaufen zu können. Schon 1938 übertraf die Zahl der „Außenautomaten“ die der zuvor üblichen Automaten im Inneren der Läden (Ca. 52.000 versus ca. 45.000 (Franz Weyer, Entwicklung und Struktur des deutschen Tabakwareneinzelhandels, Stuttgart 1940, 187)). Die Arbeitszeitverordnung von 16. Juli 1934 sicherte kurz danach den Achtstundentag rechtlich ab, sodass das gängige überpünktliche Öffnen bzw. das Bedienen über den Ladenschluss hinaus zu arbeitsrechtlichen Konflikten führen konnte. Der Ladenschluss selbst wurde bestätigt und von 19 bis 7 Uhr festgeschrieben. Doch es gab beträchtliche Ausnahmen. Der werktägliche Ladenschluss konnte an zwanzig Tagen pro Jahr abends bis 21 Uhr ausgedehnt werden, ähnliches galt für die morgendliche Öffnung im Lebensmittelhandel, die dann schon ab 5 Uhr erfolgen durfte. Formal waren dabei die arbeitsrechtlichen Bestimmungen zu beachten, doch angesichts hoher Arbeitslosigkeit standen diese meist nur auf dem Papier.

Der beträchtliche Abbau der Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende verbesserte Verhandlungsposition der Beschäftigten im Einzelhandel veränderte jedoch die Machtverhältnisse im Arbeitsmarkt. Seit spätestens 1936 kam es auch daher zu neuerlichen Debatten über eingeschränkte Ladenöffnungszeiten (Uwe Spiekermann, L’approvisionnement dans la Communauté du peuple. Approches du commerce »allemand« pendant la période national-socialiste, Le Mouvement Social 206, 2004, 79-114, hier 104-107). Während der Woche sollten die Läden beispielsweise einen Nachmittag geschlossen bleiben, so die Reichsbetriebsgemeinschaft Handel. Alternativ propagierten ihre Vertreter einen „Sonnabendfrühschluß“. Dieser könne reichseinheitlich erfolgen und diene der „Erziehung des Kunden, insbesondere der Hausfrau, zu einer zweckentsprechenden Neueinteilung der Einkaufszeit“ (Heinrich Siebert, Freizeit für den Handel, Monatshefte für NS.-Sozialpolitik 4, 1937, 130-133). Konkret bedeutete dies, die Läden am Samstag schon um 16 Uhr zu schließen, da nur so eine „wirkliche Erholung in Form des Wochenendes“ (Hanns Stürmer, Sonnabend-Frühschluß im Einzelhandel, Deutsche Handelswarte (DHW) 25, 1937, 183-184, hier 183) möglich sei. Eine gesetzliche Neuregelung wurde jedoch abgelehnt, stattdessen abermals eine umfassende Erziehung des Verbrauchers zum rücksichtsvollen Einkauf gefordert (Sonnabend-Frühschluß ein vordringliches Problem, DHW 25, 1937, 203). Das entsprach nationalsozialistischer Moral, kostete zudem nichts. Entsprechende Kampagnen drangen bis in die Läden vor, etwa die „Feierabendschallplatte“ der Deutschen Arbeitsfront, mit der die Verbraucher um 18.45 Uhr zum Verlassen des Geschäftes aufgefordert wurden (Die Geschäftszeit ist beendet! Schallplatte der DAF. mahnt die Käufer, Deutsche Handels-Rundschau (DHR) 31, 1938, 707).

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Der Ladenschluss als limitierender Faktor des Verkaufs (Deutsche Handels-Rundschau 31, 1938, Nr. 29)

Andere Gesetzesinitiativen schlugen jedoch durch, so insbesondere die neuen sozialpolitisch und volksbiologisch begründeten Gesetze über Kinderarbeit bzw. die Arbeitszeit der Jugendlichen. Die damit einhergehenden Arbeitszeitverkürzungen führten zu wachsenden Problemen, die Läden während der gesamten Öffnungszeiten durchgehend offenhalten zu können (G. v. Hake, Die Neufassung der Arbeitszeitordnung, DHW 26, 1938, 282-284; Ders., Was bringt die Neufassung der Arbeitszeitordnung, DHR 31, 1938, 413). Entsprechend begannen 1938 breite Diskussionen über den Mittagsladenschluss, denn viele Händler weiteten ihn aus, um den gesetzlichen Höchstarbeitszeiten ihrer Lehrlinge zu genügen (Zur Frage des Mittagsladenschlusses im Einzelhandel, DHR 32, 1939, 146; Einzelhandel und Mittags-Ladenschluß, Leipziger Fachzeitung für Bäcker und Konditoren 51, 1939, 250; Kein Mittagsladenschluß, Die Rundschau 36, 1939, 258). Parallel nahm die Zahl der Betriebsurlaube zu, während der Geschäfte geschlossen wurden (E.M. Waldenburg, Urlaubsvertretung für den Einzelhändler, DHR 31, 1938, 96; Th. Klockemeyer, Mittags- und Freizeit für den Einzelhändler, DHR 31, 1938, 212). Die wachsende Heterogenität der an sich einheitlich geregelten Ladenöffnungszeiten nahm noch zu, als 1938/39 die Händler einzelner Orte bzw. Einzelgeschäfte freiwillig früher schlossen (Sechsuhrladenschluß in Güstrow im Sommer, Die Rundschau 35, 1938, 426).

Das Ende der sozialpolitischer Debatten: Einzelhandel im Dienst für den arbeitenden Volksgenossen 1938-1939

Diese Eigeninitiativen nahm das Reichswirtschaftsministerium zum Anlass für eine strikte Grenzziehung. Am 31. Mai 1939 erging die Anordnung zur Verhinderung von Ladenzeitverkürzungen, deren Durchführungsverordnung die Prioritäten der NS-Politik deutlich machte: „Bei der Handhabung der Anordnung ist besonders zu berücksichtigen, daß der Vierjahresplan von weiten Volkskreisen verlängerte Arbeitszeiten und äußersten Einsatz verlangt; es muß deshalb unter allen Umständen dafür Sorge getragen werden, daß gerade auch den bis zum späten Nachmittag arbeitenden Volksgenossen die notwendigen Einkäufe nicht erschwert oder überhaupt unmöglich gemacht werden“ (Die Anordnung des Reichswirtschaftsministers zur Verhinderung von Ladenzeitverkürzungen. Vom 31. Mai 1939, Mehl und Brot 39, 1939, 384). Die Ruhe an der Käuferfront und einheitliche Regelungen waren wichtiger als sozialpolitisch wünschenswerte Arbeitszeitverkürzungen der Händler und Angestellten (Nähere Anweisungen zur Verhinderung der Ladenzeitverkürzungen, Mehl und Brot 39, 1939, 400; Ladenzeiten ohne Verkürzung, Der deutsche Volkswirt 13, 1939, 1665-1666). Im Hintergrund stand aber auch eine veränderte Stellung des Handels und des Kunden in der gebundenen Wirtschaft des NS-Staates: „Früher erblickte die Wirtschaft ihre große Lebensaufgabe darin, die Wünsche des Publikums zu erfüllen, seinen Anregungen nachzugehen. Sie war seine treue Dienerin. Wille und Befehl der Käufer waren ihr Lebensinhalt. Dem Winke ihrer Auftraggeber, von denen sie lebte, folgte sie blindlings. So wurde der Kunde zum allesbeherrschenden König! Heute lenkt bei uns ein anderer Wille die Wirtschaft: der Wille des Staates“ (Viktor Vogt, Die Entthronung des Käufers, Verkaufspraxis 14, 1939, 495-499, hier 496).

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Wachsende Aufgaben auch nach Ladenschluss: Hilfsmittel zur Buchführung (Deutsche Handels-Rundschau 32, 1939, 314)

Die 1934 von Seldte betonte Versorgungspflicht der Läden wurde aber schon vorher festgeschrieben: Bereits 1938 waren die Öffnungszeiten im ländlichen Raum im Sommer auf 21 Uhr erweitert bzw. die Ladenöffnungszeiten an den verkaufsoffenen Sonntagen von 18 auf 19 Uhr erweitert worden (Die Geschäftszeit an Verkaufssonntagen, DHR 31, 1938, 1008; [Erlass] Betr.: Ladenschluß in ländlichen Gebieten, Reichsarbeitsblatt 1939, T. I, I109-I110; Ladenschluß in ländlichen Gemeinden, Leipziger Fachzeitung für Bäcker und Konditoreien 51, 1939, 174; Der Ladenschluß in ländlichen Gebieten, DHR 31, 1938, 630). 1941 wurde diese Grenze gar auf 22 Uhr erhöht ([Erlass] Betr. Ladenschluß in ländlichen Gebieten, Reicharbeitsblatt 1941, T. I, I267). Der NS-Staat forderte vermehrte Arbeit von den Händlern und Angestellten, denn nur so konnten die nicht zuletzt für die Aufrüstung des deutschen Reiches arbeitenden Volksgenossen ihre Einkäufe tätigen. Hinzu kam, dass die Kontrolldichte der Aufsichtsbehörden gering war, dass Vergehen gegen Sonntagsruhe und Ladenschluss also nur selten geahndet wurden (Die Geschäftszeit an Verkaufssonntagen, DHR 31, 1938, 1008). Sozialpolitik wurde beschworen und auch öffentlich diskutiert, angesichts anderer aktueller Prioritäten jedoch zurückgestellt. Der Einzelhandel hatte zu dienen, wollte er verdienen.

Kriegsdienst: Der Zwang zur Offenhaltung während des Zweiten Weltkrieges

Der Primat der Versorgungspflicht zeigte sich dann in reiner Ausprägung während des Zweiten Weltkrieges. Die Verordnung über den Ladenschluss vom 21. Dezember 1939 (Der Vierjahresplan 4, 1940, 68) gründete bewusst auf Kriegssonderrecht, denn sie kehrte den Ladenschlussgedanken um: Die Läden mussten nun nicht mehr zu bestimmten Zeiten geschlossen, sondern vielmehr bis 18 Uhr (Gebrauchsgüterhandel ohne Mittagspause) respektive 19 Uhr (Lebensmittelhandel mit Mittagspause) offengehalten werden: „Wenn heute die Verbraucherversorgung als Aufgabe und volkswirtschaftliche Pflicht des Einzelhandels angesehen wird, so kann es nicht mehr vollständig in das Belieben des einzelnen Betriebes gestellt sein, ob und in welchem Umfange er dieser Verpflichtung nachkommen will“ (G. v. Hake, Das neue Ladenzeit-Recht / Offenhaltungspflicht der Einzelhandelsgeschäfte, DHR 33, 1940, 14). Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung des Ersten Weltkrieges, als die katastrophale Versorgungslage die organisatorische Unfähigkeit der Obrigkeit verdeutlicht hatte, hatte die regelmäßige und sichere Versorgung der Verbraucher nun Vorrang vor unternehmerischer Selbstbestimmung oder dem Wunsch nach Freizeit. Es galt der imaginären Volksgemeinschaft bzw. dem Abstraktum Deutschland Opfer zu bringen: „Dazu ist vor allem auch die innere Bereitschaft des Einzelhandels, sich seiner schwierigen und oft undankbaren Kriegsaufgabe mit Hingebung und Geduld zu widmen, ebenso notwendig wie Verständnis, Selbstbeherrschung und Selbsterziehung auf der Seite der Käufer. Diese mit dem Verzicht auf persönliche Wünsche, Gewohnheiten und Bequemlichkeiten verbundene Haltung und Unterordnung unter die Notwendigkeiten der Gesamtheit muß im Kriege auch von jedem Deutschen in der Heimat erwartet werden“ (Deutschbein, Neuregelung des Ladenschlusses, Reichsarbeitsblatt 1940, T. V, V11-V14).

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Dienst für Führer und Volksgemeinschaft: Aufruf an den Edeka-Handel anlässlich des Kriegsbeginns (DHR 32, 1939, Nr. 36, 1)

Der NS-Staat hob zugleich hervor, dass dieser Eingriff auch Folge der mangelnden Disziplin innerhalb des Handels sei: „Ein derartiger Zwang war notwendig geworden, um der Regellosigkeit und Willkür der Ladeninhaber bei Ausbruch des Krieges Einhalt zu gebieten und die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern sicherzustellen“ (Ausdehnung der Verordnung über den Ladenschluß auf Handwerksbetriebe, Reichsarbeitsblatt 1942, p. V, V68-V69, hier V69). Ein rascher Blick auf die veränderte Szenerie nach Beginn des Krieges zeigte die Händler allerdings als durchaus rational kalkulierende Unternehmer: Die unmittelbar einsetzende Rationierung, Kundenlisten, Verdunkelungsvorschriften, Umsatzrückgange, Einberufungen, stockende Großhandelsversorgung und Warenknappheit insbesondere von Importgütern – das sind nur einige Stichworte, die den bisherigen Arbeitsalltag deutlich erschwerten (Uwe Spiekermann, Rationalisierung, Leistungssteigerung und „Gesundung“: Der Handel in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Von der Winkelkrämerei zum E-Commerce, Bramsche 2000, 191-210, hier 209-210). Verringerte Öffnungszeiten hätte diesen Druck reduzieren können. Der NS-Staat nahm diesen Druck auf, kehrte ihn jedoch moralisch aufgeladen um: „Das erste Ziel jeder Kriegsregelung des Ladenschlusses und der Verkaufszeit im Einzelhandel muß deshalb die Sicherstellung der Bedarfsdeckung der Bevölkerung sein. Vor allem gilt es, der Hausfrau und Mutter, die im Kriege durch die unvermeidlichen Erschwerungen in der Führung des Haushalts und in der Betreuung der Kinder ohnehin stark belastet ist, die Erledigung der Einkäufe soweit als irgend möglich zu erleichtern“ (Deutschbein, 1940, V12). Diese Schwerpunktsetzung diente den rassenpolitischen Zielsetzungen des Regimes, war zugleich aber eine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg. Die Heimatfront musste möglichst entlastet werden, die damit verbundenen Bürden konnte man am ehesten tendenziell NS-treuen Gruppen übertragen.

Daran zeigte sich aber auch, dass Konsum während des Nationalsozialismus eben nicht mehr auf individuelle Kauf-/Verkaufsakte reduziert werden konnte, sondern stattdessen als bewusstes Kauf-/Verkaufshandeln im Dienst des Ganzen galt (Uwe Spiekermann, German-Style Consumer Engineering: Victor Vogt‘s Verkaufspraxis, 1925-1950, in: Jan Logemann et al. (Hg.), Consumer Engineering 1920s-1970s, Houndsmill/New York 2019, 117-145, hier 128-130). Staatlicherseits galt es Käuferströme zu lenken und zu bestimmten Zeiten Verkaufsmöglichkeiten zu schaffen. Entsprechend versuchte man, die Mittagspausen von Käufern und Verkäufern zu koordinieren, beschränkte Betriebsferien und eigenmächtige Ladenschließungen (F.H. Schmidt, Die Ladenschlußregelung während der Sommerzeit, Reichsarbeitsblatt 1940, T. V, V166-V167; Einheitliche Ladenzeiten, Der deutsche Volkswirt 17, 1942/43, 506; Ladenschluß, Reichsarbeitsblatt 1942, T. V, V557; Keine Schließungen von Lebensmittelgeschäften in der Weihnachtszeit, Reichsarbeitsblatt 1942, V641). Berufstätige, zumal in kriegswichtigen Branchen, wurden bevorzugt bedient, gerade kurz vor Geschäftsschluss (Die werktätigen Frauen von Niederdonau, Das kleine Volksblatt 1942, Nr. 303 v. 2. November, 4). Denn auch der Krieg hatte kaum etwas an der Einkaufsspitze kurz vor Ladenschluss geändert – nicht gewerblich beschäftigte Kunden kauften just dann (Meldungen aus dem Reich 1938-1945, Bd. 6, Herrsching 1983, 1821). Systemrelevante Beschäftigte wurden insbesondere gegen Kriegsende bevorzugt bedient, da ihr Einkauf durch die dekretierten 60-stündigen Arbeitszeiten anders kaum mehr hätte sichergestellt werden können. Mangelwaren wurden kontingentiert und für diese Gruppen zurückgehalten, Beschäftigungsnachweise regelten den Zugang (Neue Warte am Inn 1944, Nr. 49 v. 6. Dezember, 4). Sichere Einkaufsmöglichkeiten waren auch eine Art Abschlagzahlung an gewerbliche Arbeiterinnen, die nach den nationalsozialistischen Geschlechtsstereotypen ihre Funktion eher im Haushalt hatten: „Durch die neuen Ladenschlußzeiten kann die arbeitende Frau auf jeden Fall noch ihre Einkäufe besorgen“ (Sie helfen der Front, Salzburger Zeitung 1943, Nr. 134 v. 17. Mai, 3). Um dies zu gewährleisten, wurde die Entscheidung über den Ladenschluss dezentralisiert, so dass die Behörden vor Ort flexibel agieren konnten (Optimale Ausnutzung im Einzelhandel, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 927-928; Schulte Overberg, Drei Jahre Ladenschlußverordnung, Reichsarbeitsblatt 1942, T. V, V654-658). In den Städten endete der Verkauf häufig um 18 Uhr resp. mit Einbruch der Dämmerung bzw. der Verdunkelung, während in ländlichen Gebieten während der Erntezeit Läden teils bis 22 Uhr offengehalten werden mussten (Ladenschluß in ländlichen Gebieten, Neues Wiener Tagblatt, Nr. 111 v. 22. April, 5).

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Zusatzaufgaben für den Handel: Leergutsammelpflicht 1941 (Deutsche Handels-Rundschau 34, 1941, Nr. 13)

Parallel dazu baute der NS-Staat systematisch die Handelsbereiche ab, die nicht der Grundversorgung dienten. Es galt, eine Balance zwischen Menschen- und Warenknappheit finden (Hans W. Aust, Handel zwischen Menschen- und Warenknappheit, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 589-590). Ladenschluss und Betriebsstillegungen dienten gleichermaßen dazu, Soldaten und Arbeiter für einen Vernichtungskrieg zu rekrutieren. Strikt technokratische Überlegungen, „Einzelhandelsbetriebe eines Faches abwechselnd zu schließen, um die Verkaufskräfte vorübergehend in anderen Handelsgeschäften einzusetzen“ wurden jedoch skeptisch beurteilt: „Der Verbraucher könne nicht wissen, welcher Betrieb gerade geschlossen sei, und habe dadurch vergebliche Wege“ (Beide Zitate n. Optimale Arbeitskraftnutzung im Einzelhandel, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 927-928). Ebenso bemühte man sich, auch kleine Läden zu erhalten, um Einkäufe in unmittelbarer Nachbarschaft zu ermöglichen (Gegen übermäßige Ladenschließungen, Neues Wiener Tagblatt 1942, Nr. 290 v. 20. Oktober, 3). Entsprechend wurden die Ladenschlussregelungen zwar dezentralisiert, am jeweiligen Ort, vielfach auch in der jeweiligen Region galten dann jedoch einheitliche Regelungen, um den Informations- und Einkaufsaufwand der Bevölkerung zu minimieren (vgl. etwa Ladensperre in Wien verallgemeinert, Neues Wiener Tagblatt 1940, Nr. 175 v. 27. Juni, 10; Ladenschluß im Kleinhandel, ebd. 1941, Nr. 223 v. 13. August, 5). Damit konnte man nicht zuletzt auf die ab 1943 regelmäßige Bombardierung fast aller deutschen Großstädte reagieren: Den verbleibenden Betrieben der Lebensmittels- und Bekleidungsbranche wurden teils deutlich längere und flexibel vor Ort festgelegte Öffnungszeiten angewiesen (Der Ladenschluß, Mehl und Brot 43, 1943, 237). Zugleich wurde stichprobenartig überprüft, ob die Läden pünktlich öffneten und nicht vorzeitig schlossen (Neuordnung zum Ladenschluß, Kleine Wiener Kriegszeitung 1944, Nr. 12 v. 14. September, 4). Gegen Kriegsende häuften sich zugleich die Strafandrohungen, galt es doch „Zuwiderhandlungen unnachsichtlich“ (Einhaltung der Pflichtgeschäftszeiten, Neues Wiener Tagblatt 1944, Nr. 275 v. 8. Oktober, 4) zu ahnden.

Die Ladenschlussregelung verdeutlicht den funktionalen Stellenwert von Handel und Konsum. Die „schnelle und reibungslose Abwicklung des Warenverkaufs“ (Schmidt, 1940, V167) war keine volkswirtschaftliche Aufgabe an sich, sondern Grundlage eines machtvollen, expansiven und rassistischen Reiches. Arbeitszeitverkürzungen waren erst nach dessen Sicherung denkbar. Sozialpolitische Wohltaten gab es, doch sie erfolgten an anderer Stelle (Götz Aly, Hitlers Volksstaat – Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt a.M. 2005). Demgegenüber galten die eigenständigen Maßnahmen des Handels und der Angestellten erkennbar wenig, wurden sie doch in ein zunehmend strikteres Korsett gepackt, wie die alljährlichen Sonderregeln für die Ladenöffnung vor Weihnachten oder Ostern deutlich unterstrichen. Konsum und Handel waren Teil eines umfassenden Kriegsdienstes. Den Händlern und Angestellten wurde eine Friedensdividende versprochen, die jedoch – ähnlich wie die Konsumverheißungen des NS-Systems – nie gezahlt wurde. Stattdessen bestand am Kriegsende trotz reichseinheitlicher Rahmenregelungen ein Flickenteppich dezentraler Vorgaben. Die DDR behielt diesen bei, zielte mit Früh- und Spätverkaufsläden insbesondere auf die Versorgung der Werktätigen, erlaubte auch weiterhin regionale Sonderregelungen. In Westdeutschland schufen dagegen die Ladenschlussgesetze von 1956 und 1957 Ordnung im Konsumsektor, blieben aber für Jahrzehnte Stein des Anstoßes.

Uwe Spiekermann, 18. April 2020

Frische – Geschichte eines Mythos

Die gegenwärtige Corona-Pandemie entsprang einer weit verbreiteten Gier nach Frische. Die Zoonose entstand wohl auf einem Lebendtiermarkt im chinesischen Wuhan, auf dem teure Exotika gehandelt, lebendig gehalten und frisch geschlachtet wurden. Frisches Blut, frisches Fleisch standen demnach am Beginn der Covid-19-Pandemie. Frische ist etwas, dem wir offenkundig nicht entfliehen können. Es handelt sich um einen Alltagsbegriff, eine einfache Google-Suche ergibt mehr als fünfzig Millionen Nachweise. Frische hat zumeist etwas Lockendes, zeugt von der direkten Verfügbarkeit der Schätze der Natur. Bildanzeigen, zumal von Früchten und Gemüse, verweisen uns auf paradiesische Zustände, auf den Apfel am Baume, auf frische Aprikosen, auf farbstarke Tomaten und Gurken (z.B. Fine 2019, H. 2, 1 und 14). Das gilt, auch wenn wir wissen, dass jede Warenpräsentation ein kleines Theaterspiel für uns ist, eine Inszenierung für unser Gemüt, für eine offene Geldbörse.

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Frischeangebote auf dem Flughafen San Francisco, November 2019

Doch Frische steht heute auch für ganz anderes. Treten Sie ein in die Frischeabteilung eines Kiosks auf dem Flughafen San Francisco. Chips und Bretzel, Nüsse und Trockenfrüchte, allesamt verpackt, sortiert, geformt, Ausdruck menschlicher Herrschaft über die Rohwaren des Planeten.

Was also besagt „Frische“, wenn offenbar sehr gegensätzliche Lebensmittel damit beworben werden können? Ist Frische ein Attribut, das allem anhaftet, so wie alles seinen Preis hat, alles seinen Wert? Ist es ein Beliebigkeitscontainer, so wie die meisten Worte in unserer an Sprachblasen so reichen Kommunikationsgesellschaft? Beides trifft zu, doch „Frische“ steht für mehr. Es handelt sich um einen Mythos, um eine Aussage über uns und unser Verhältnis zur Welt (vgl. Roland Barthes, Mythen des Alltags, 6. Aufl., Frankfurt/M. 1982, 85-151). „Frische“ bündelt Wünsche und formuliert Ansprüche, setzt uns in ein Verhältnis zu dieser Welt und seinen käuflichen Dingen.

Uff, werden Sie nun denken, geht es nicht etwas weniger abstrakt, etwas griffiger? Gemach: Als Historiker will ich mich nicht an Sprachgirlanden ergötzen, sondern bin ein einfacher Arbeiter im großen Garten der Empirie. Entsprechend werde ich das Thema „Frische“ in sechs verschiedenen Schritten aufbereiten, um am Ende nicht nur das Feld der „Frische“ ordentlich beackert, sondern vielleicht auch einen Hebel zu haben, uns und unsere Welt besser zu verstehen.

„Frische“ – Zur Begriffsgeschichte

Beginnen wir mit der Begriffsgeschichte von „Frische“.

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„Frische“ – Nennungen in Literatur und Publizistik 1600-1999 (erstellt auf Basis von https://www.dwds.de/wb)

Die Graphik unterstreicht: Der Begriff „Frische“ machte im 19. Jahrhundert rasch Karriere. Sein Anteil an der deutschen Schriftsprache war von 1850 bis zur Jahrhundertwende am größten, danach begann ein relativer Bedeutungsverlust. „Frische“ ist also ein moderner Begriff, zugleich ein Flaggenbegriff des aufstrebenden Bürgertums des 19. Jahrhunderts. Mehr kann man aufgrund der Datengrundlagen nicht sagen, da Worthäufigkeiten nichts über deren Bedeutung aussagen. Die generelle Verbreiterung unseres Wortschatzes sowie zahllose neue Fachsprachen verweisen auf den begrenzten Aussagewert reiner Auszählungen. Schauen wir also genauer hin.

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Das Wortfeld „Frische“ (https://www.dwds.de/wb/Frische)

Sie sehen hier die mit „Frische“ verbundenen Assoziationen. Je größer die Worte, umso stärker die Verbindung. Während die gängigen Bilder den Zustand von Waren beschreiben, ihre Natürlichkeit und Reinheit, ihre Ursprünglichkeit und ihr Unverbrauchtsein hervorheben, war und ist Frische in der Schriftsprache häufiger noch ein Begriff der Dynamik und der Bewegung. „Frische“ stand und steht für Lebendigkeit, Jugendlichkeit, drückt unmittelbare und unbekümmerte Beziehungen aus, wurde und wird verbunden mit Spontanität, Spritzigkeit und Lebhaftigkeit. „Frische“ besitzt also einen Überschuss, beschreibt nicht nur einen Zustand, sondern verweist auf dessen Änderung, den raschen Wandel aller Dinge.

Breite und Entstehung des Wortfeldes werden deutlicher, schaut man in die großen Enzyklopädien des 18. und 19. Jahrhunderts. In Zedlers Universallexikon von 1735 findet man „Frische“ noch nicht (Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universallexikon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 9, Halle/S. und Leipzig 1735, Sp. 2133-2134), sondern lediglich Artikel zu frischem Wind, frischer Milch oder aber dem Frischen von Metall. Anders dagegen im Krünitz von 1778 (Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie, Bd. 15, Berlin 1778, 124-130), der bereits einen Großteil des heutigen Bedeutungsspektrums abdeckt: Frisch, das war einerseits „kühl, ein wenig kalt“, bezog sich also auf die Temperatur und das Wetter. Zugleich aber finden wir dort die Brücke zu Nahrungsmitteln: „Frisch“ ist etwas noch unverdorbenes, „was noch seine völlige Güte hat.“ Das galt für Rinde, Äste und Wasser, doch auch für Austern, Heringe, Fleisch, Eier, „im Gegensatze dessen was verdorben, riechend, faul ist.“ Frisch war aber auch etwas, was „erst vor kurzem entstanden oder geschehen ist,“ etwa frisch geschnittene Zweige, eine frische Wunde, ein frisches Bett, aber auch frisch gekochte Speisen, frisches Brot, frischer Käse. Frische Waren waren ebenfalls solche, die „erst vor kurzem angekommen sind.“ Auch Dinge, die noch nicht gebraucht wurden, etwa frische Hunde, Pferde, eine frische Mannschaft, ein frisches Fass. Ende des 18. Jahrhunderts gab es schließlich bereits Bedeutungsnuancen von „munter, muthig, im gem[einen] Leben“, also Abstrakta wie frischer Mut, frische Farben, aber auch einfach jung.

Der Krünitz setzte die Standards auch für das gesamte 19. Jahrhundert. Im Adelung wurde Frische Ende des 18. Jahrhunderts nur kurz gestreift (Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. 2, Leipzig 1796, 311), ebenso im Pierer (Pierer’s Universal-Lexikon, Band 6, Altenburg 1858, 750), im Grimmschen Wörterbuch (Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 4, Abt. 1, Leipzig 1878, Sp. 212) und im Meyer (Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 7, Leipzig 1907, S. 156).

Frische entstand demnach im späten 18. Jahrhundert als buntscheckiger Begriff mit vielfältigen Bedeutungen. Dies geschah während der sogenannten Sattelzeit der Moderne, mag man sie am damaligen Sprachwandel, der folgenden Industrialisierung, dem Bedeutungsgewinn von Bürgertum und Republikanismus, der Verankerung eines Rechtsstaates oder einer vernehmbaren Liberalisierung erst der Wirtschaft, dann auch der Gesellschaft festmachen. Doch es war keineswegs ausgemacht, dass Frische heutzutage vor allem ein Attribut für Lebensmittel und Lebenslagen ist. Wollen wir das verstehen, so sind historische Fallstudien erforderlich. Herab also von den Höhen der Begriffsgeschichte und hinein in die Küche.

Frischhaltung“ – Haushaltskonservierung im Wandel

In der Hauswirtschaft stand „Frische“ für direkt bezogene, teils selbst gezogene Nahrungsmittel. Kamen sie unverarbeitet oder aber handwerklich zubereitet in die Küche, so waren sie „frisch“. Es handelte sich also noch nicht um ein Attribut von Waren, sondern um eine Aussage über deren Herkunft. In den Kochbüchern der Mitte des 19. Jahrhunderts finden sich entsprechend nur selten explizit „frische“ Nahrungsmittel, denn deren Mehrzahl wurde ohnehin „frisch“ bezogen, stammte also vom Marktstand, dem Höker, dem Laden oder aus dem eigenen Garten (Henriette Davidis, Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche, Osnabrück 1845, mit Verweis etwa auf frischen Kabeljau (S. 57), frische Heringen (60) oder frische Champignons (75). Analog schon deutlich früher Die Cölner Köchinn, 2. verb. u. viel verm. Aufl., Cöln 1806, 46 (frische Ochsenzunge), 98 (gesottener Hecht), 104 (gesottene Neunaugen), 109 (Lachs)).

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„Frische“ Nahrungsmittel im Laden und in Gaststätten (Münchner Tageblatt 1832, Ausg. v. 5. Dezember, 1363 (l.); Neustadter Zeitung 1866, Nr. 264 v. 9. November, 2)

Frische war zugleich Ideal und Normalität. „Frisch“ eingegangene Waren wurden beworben, ohne damit ein spezielles Alter zu meinen. „Frisches“ Kesselfleisch wurde angepriesen, denn so sollte sie sein, die gute Speise, jeden Tag. Frische war aber auch und gerade Ausgangspunkt und Grundgarant der Alltagsküche. Dies bedeutet nicht, dass die Nahrungsmittel nach heutigem Verständnis frisch waren, denn das waren sie großenteils nicht. Frische hieß, dass alles damals mögliche getan wurde, um die von der Natur stammende Normalität zu gewährleisten, um das Naturwesen Mensch mit den Schätzen der Natur möglichst direkt zu versorgen.

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Schutz vor Umwelteinflüssen: Verschlussglocke (Der Bazar 43, 1897, 603)

Für den Haushalt bedeutete dies erst einmal die rasche Verarbeitung der gekauften Nahrungsmittel. Der Kampf gegen die Alterung, gegen die Verderbnis der Nahrungsmittel war ein wichtiges Arbeitsfeld der Hausfrauen. Vorratsschränke schützten vor Sonnenlicht, kühle Vorratskeller reduzierten die Keimbildung, ebenso die hier gezeigte Verschlussglocke. Derartige Küchenhelfer waren praktische Antworten auf die erst Mitte des 19. Jahrhunderts genauer erkundeten naturwissenschaftlichen Ursachen für die teils rasche Verrottung der Nahrungsmittel. Damals erst entstanden uns heute scheinbar alternativlose Ideen von Nahrungsmitteln als Stoffkonglomerate, bedroht von Licht und Hitze, Trockenheit und Feuchtigkeit, aber auch von Pilzen und Bakterien. Frische stand für den Zustand vor Beginn des ewigen Ringens mit der feindlichen Umwelt. Die Natur besaß ein Janusgesicht, schenkte, aber nahm auch. Kochbücher waren, noch vor Schulbüchern und Frauenzeitschriften, zentrale Medien für die Vermittlung derartiger Kenntnisse. Die Autorinnen und die wenigen Autoren übersetzten dieses Ringen in einfache Sprache. Dadurch veränderte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts langsam die Bedeutung von „Frische“.

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Der Gegensatz von Frische und Eingemachtem (Das häusliche Glück, hg. v. e. Kommission des Verbandes „Arbeiterwohl“, 11. verb. Aufl., M. Gladbach und Leipzig 1882, 209-210)

„Frisches“ Gemüse wurde nun als besonderer Wert hervorgehoben, verwies auf die damit verbundene Verteidigungsarbeit im Haushalt. Zugleich aber stand es mehr und mehr im Gegensatz zu den tradierten Techniken der Haushaltskonservierung, des Einmachens. Doch dies war nicht mehr nur Sicherung des natürlichen Ideals. Immer stärker wurde damals die Gestaltungsarbeit der Hausfrau betont. Im Zeitalter des Liberalismus und der Industrie musste und konnte der natürliche Stoffgehalt eines Lebensmittels durch Fleiß und Technik bewahrt werden – und Rezepte wiesen den Weg dahin.

Die damals üblichen Konservierungstechniken waren Trocknen und Einsalzen, Räuchern und Einkellern. Sie waren allesamt aufwändig, veränderten den Geschmack, nicht immer zum Guten. Doch sie halfen über den Winter, den Frühling, bis hin zur nächsten Ernte. Neue Hilfsmittel nahten: Parallel zum Aufschwung der organischen Chemie und der Chemieindustrie stieg seit den 1870er Jahren die Zahl chemischer Konservierungsmittel rasch an. Sie wirkten, beeinträchtigten jedoch den Geschmack, stießen zudem neuartige Debatten über Gesundheitsgefahren an. Gleichwohl fanden sie ihren Markt, wurden teils gar weit verbreitete Markenartikel.

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Chemisierung des Haushaltes: Werbung für Dr. Oetkers Salicyl (Fliegende Blätter 125, 1906, Nr. 3188, Beibl., s.p.)

Die für Deutschland wichtigste Innovation war jedoch die Hitzesterilisierung (Uwe Spiekermann, Zeitensprünge: Lebensmittelkonservierung zwischen Industrie und Haushalt 1880-1940, in: Ernährungskultur im Wandel der Zeiten, Köln 1997, 31-43). Sie entstand am Anfang des 19. Jahrhunderts, wenngleich preiswerte Konserven erst ab den späten 1870er Jahren technisch möglich waren (Einführung des Autoklaven 1873, automatische Dosenverschlussmaschinen 1889). Blechkonserven wurden auch privat genutzt, vornehmlich in ländlichen Haushalten. Glas folgte, doch dessen Brüchigkeit und relativ hoher Preis begrenzten seine Nutzung. Die seit 1804 grundsätzlich bekannte Hitzesterilisierung blieb zuvor lediglich Möglichkeit, da das von Nicolas Appert (1749-1841) entwickelte Verfahren für die Küchenanwendung viel zu teuer war (Die Kunst, alle animalischen und vegetabilischen Nahrungs-Substanzen durch viele Jahre aufzubewahren, und sie in vollkommener Frische und Schmackhaftigkeit zu erhalten, Prag 1844 [Erstauflage 1832]). Es fehlte an preiswerten Geräten und Behältnissen, um physikalisches Wissen in die Haushaltspraxis umzusetzen. Dies war seit den 1870er Jahren die Spielwiese für zahlreiche Tüftler, die Konservenbüchsen und -gläser entwickelten, die luftdicht waren und den zerstörenden Bakterieneinfall begrenzten. Es war der Gelsenkirchener Chemiker Rudolf Rempel (1859-1893), der 1892 das Patent für einen Apparat zum selbständigen Schließen und Entlüften von Sterilisiergefäßen erhielt. Dieses wurde 1895 von einem weiteren Tüftler, Johann Carl Weck (1841-1914), aufgekauft. Der überzeugte Vegetarier und Abstinenzler wollte damit die Alltagsernährung verändern. Er baute reichsweit ein Netzwerk von Agenturen auf und verband seinen Namen mit dem Apparat und der dadurch möglichen „Frischhaltung“ fast aller Nahrungsmittel.

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Weck Schutzmarke 1900 („Tischlein deck dich“ kein Märchen mehr, hg. v. d. J. Weck GmbH, Hanau und Frankfurt/M. 1900, 12)

Schon 1901 schied Weck aus dem Unternehmen aus. Das eigentliche Geschäft führte und machte nun Georg von Eyck (1869-1951), ein erfahrener Groß- und Einzelhändler aus Emmerich, der die J. Weck GmbH als deutschen, später dann europäischen Marktführer etablierte. Er warb intensiv mittels Broschüren und Plakaten, weniger über kleine Anzeigen wie die Konkurrenz (Abbildungen enthält Astrid Bergmeister, Mindestens haltbar bis… Konservieren und Bevorraten in Glasgefäßen, Essen 1998). „Frischhaltung“ wurde darin als Verheißung eines besseren Lebens gepriesen, Vorschein einer Gesellschaft, in der der Mensch die Natur beherrscht und sie zugleich befriedet. Möglich war dies durch Technik, Glas- und Apparatetechnik in den Haushalten.

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Komplettpaket für die „Frischhaltung aller Nahrungsmittel“: Wecks Gläser und Geräte (Tischlein, 1900, 7)

Das Credo der Hitzesterilisierung war: Frische ist machbar. Frische war damit auch angewandte Haushaltstechnik. Einkochen erlaubte die Abkoppelung des „Frischen“ von der Natur, legte sie in die bewahrenden Hände der Hausfrau; erst im Bürgertum, in der Zwischenkriegszeit aber auch in der Arbeiterschaft.

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Rezepte und mehr für eine treue Gemeinde: Die Wecksche Zeitschrift „Die Frischhaltung“ (1901-1977)

Der große Erfolg wurde unterstützt durch eine Kerngruppe überzeugter Anwenderinnen, denen über zahlreiche Broschüren, Kochbücher, durch Beratungsstellen und Wanderlehrerinnen Apparate und Konservierungsgläser vorgestellt und vorgeführt wurden. Die kostenpflichte Kundenzeitschrift „Die Frischhaltung“ präsentierte immer wieder neue Rezepte und Anregungen, verbreitete grundlegende naturwissenschaftliche und hygienische Kenntnisse. In den 1930er Jahren erreichte der damalige NS-Vorzeigebetrieb seine größte Ausdehnung, unterstützte staatliche Kampagnen gegen Lebensmittelverschwendung und für heimische Angebote, beschäftigte weltweit etwa 4000 Personen – und es gab zahlreiche andere, nicht unbedeutende Anbieter ähnlicher Systeme.

Die Hitzesterilisierung gab den Haushalten, den Hausfrauen, ein zunehmend erschwinglicheres Verfahren an die Hand, um die saisonale Fülle von Obst, Gemüse, aber auch Fleisch „frisch“ in Gläser zu füllen, also den Alterungsprozess der Nahrungsmittel relativ verlässlich über längere Zeiträume zu stoppen. Der Begriff „Frische“ wurde breit verwandt, allerdings nicht definiert. Er verkörperte einen idealen Ausgangspunkt, etwas zu Bewahrendes. Frischhaltung war Kampf gegen die Vergänglichkeit. Haushaltsarbeit konnte seither quasifrische Lebensmittel und Speisen garantieren. Bedenken Sie bitte, dass in den 1930er Jahren etwa 30 Prozent des deutschen Gemüses in Haus- und Kleingärten gezogen wurden. 1941 nutzten knapp 90 Prozent der deutschen Haushalte „Frischhaltung“ für Gemüse, drei Viertel für Obst und Fleisch, zwei Drittel für Wurst (Ergebnisse einer Untersuchung über die häusliche Vorratshaltung, Markt und Verbrauch 14, 1942, 49-87, hier 81). Die Volksgemeinschaft war auch eine Frischhaltegesellschaft.

„Frische Waren“ – Das Beispiel des „Deutschen Frischeies“

Die Hausfrau wurde Garantin der „Frische“, dergestalt geadelt in ihrer Rolle als Sachwalterin der Familie, des Volkes. Ähnliches galt dann aber auch für „die Märkte“. Während Hausfrauen jedoch – trotz fürsorglicher Belagerung durch Weck, Rex und viele andere Mittlerinstanzen – immer auch ihre eigenen Vorstellungen von „Frischhaltung“ hatten, war dies für Märkte komplizierter. Auch „freie“ Märkte sind keineswegs frei, sondern Koordinierungsinstanzen, in denen Preise, aber auch Werte und Vorstellungen vom Rechten, vom Lauteren verhandelt werden. Ohne wechselseitiges Vertrauen gibt es keinen Markt. Entsprechend finden wir garantiert „frische“ Ware erst einmal im direkten Angebot einzelner Händler, als Garantie für einen klar umrissenen und persönlich bekannten Käuferkreis. Doch derartig regelmäßige Kontakte nahmen schon im 19. Jahrhundert relativ ab. Wochenmärkte verloren massiv an Bedeutung, für die Läden wurde Laufkundschaft wichtiger. Das galt zumal angesichts immer weiter ausgreifender Warenketten, im Großhandel und angesichts einer zunehmenden Internationalisierung der Nahrungsmittelversorgung.

Das klingt wieder abstrakt; und so will Ihnen die Folgen an einem Beispiel näher vorstellen: Es handelt sich um das „Deutsche Frischei“, 1926 konzipiert, 1928 als Warenzeichen eingetragen, 1930 offiziell eingeführt und schon 1932 im Rahmen der allgemeinen Eierstandardisierung durch die neue Dualität von „frischen“ und „vollfrischen“ Eiern abgelöst.

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Warenzeichen und Logo des „Deutschen Frischeies“ 1928 und 1929 (A[lex] Walter und [Gerhard] Lichter, Die deutsche Eierstandardisierung, Berlin 1932, 40 (l.), 41)

Zur Vorgeschichte nur vier Sätze: Eier stammten zu dieser Zeit noch zu 85 Prozent von kleinbäuerlichen, nur 15 Prozent von spezialisierten Betrieben, sog. „Hühnerfarmen“, mit einigen hundert, selten wenigen tausend Hennen. Der Absatz erfolgte zumeist direkt, über Wochenmärkte, per Aufkauf durch Hausierer und kleine Händler, regionale Absatzgenossenschaften entstanden erst um die Jahrhundertwende. Letztere zielten auf mehr Marktmacht, auf höhere Preise, mussten dazu jedoch sortierte Größen und eine möglichst einheitliche Qualität garantieren. Diese lieferten vor allem ausländische Anbieter, die zudem ermöglichten, die saisonalen Täler der Eierproduktion abzupuffern.

Eier waren abseits der Hauptsaison von März bis Juni, in der 60 Prozent der Jahresmenge gelegt wurden, teuer und häufig nicht frisch. Je länger die Anbieter abseits der Saison mit dem Verkauf warteten, desto knapper war das Angebot und desto höher die Preise. Die überlegene genossenschaftliche Organisation in den Niederlanden, in Belgien und Dänemark war dagegen in der Lage, größere Mengen von Eiern auch im Herbst und Winter zu liefern. Konservierungstechniken konnten helfen, gewiss. Doch Ende der 1920er Jahre wurde nur drei bis vier Prozent der deutschen Eier in Kühlhäusern gelagert, elektrische Haushaltskühlschränke kamen erst auf.

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Zeitsprünge dank Garantol (Vobachs Frauen- und Moden-Zeitung 1914/15, H. 3, Hauswirtschaft, 3 (l.); Meggendorfer Blätter 148, 1927, Nr. 1888, 144)

Üblicher war der Einsatz von chemischen Konservierungsmitteln, meist aus Kalkmilch oder Wasserglas (aus Kieselsäure und Natriumoxyd). Das Problem dieser Eier war ihr schlechter, etwa muffiger Geschmack und auch ihre verminderte Verwendbarkeit in der Küche. Das „Deutsche Frischei“ war der Versuch, hier gegenzusteuern, ein Qualitätsprodukt zu liefern, mit dem man den großenteils an Importeure verlorenen höherwertigen Markt zumindest teilweise wiedergewinnen und zugleich höhere Preise erzielen wollte.

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Werbung für das „Deutsche Frischei“ 1930 (Berliner Volks-Zeitung 1930, Ausg. v. 17. April)

Dazu begann man ein reichsweit einheitliches Netzwerk von Genossenschaften aufzubauen, die allesamt nicht nur nach Größen sortierten, sondern auch garantiert „frische“ Eier liefern sollten. Das gelang nur in Ansätzen, gab es doch mehr als drei Millionen landwirtschaftliche Betriebe, ging es um jährlich mehr als acht Milliarden Eier. Doch immerhin konnte 1932 eine reichsweite Eierkennzeichnung eingeführt werden, die im Grundsatz bis heute gilt. Für unsere Fragestellung wichtiger ist jedoch, welche Kriterien für die offensiv beworbene „Frische“ des “Deutschen Frischeies“ galten.

Die an sich umfänglichen Richtlinien gaben darauf keine wirkliche Antwort. Doch die Verantwortlichen verwiesen immer wieder auf das Aussehen und das Alter der Eier. Das Ei sollte unbeschädigt sein, die sichernde Fettschicht noch matt glänzen. Das war eine Referenz an Mutter Natur, die doch alles gut gerichtet habe, mochte der Mensch die Eier auch für selbstsüchtige Zwecke verwenden. Entscheidend aber war das Alter, denn dieses konnte man besser kontrollieren. Eier trocknen nach dem Legen bekanntermaßen langsam aus, so dass die innen bestehende Luftblase stetig wächst. Im Haushalt kann man die relative Frische einfach überprüfen, indem man Eier in ein Wasserglas legt. Alte schwimmen oben, frische sinken an den Grund. Doch Wasser zerstört die natürliche Fettschicht, so dass man sie rasch verbrauchen muss.

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Techniken der Frischesicherung: Beleuchtungstisch in Coppenbrügge (Landfrau 1929, Nr. 18, 4)

Die neuen Absatzgenossenschaften bedienten sich daher anderer Wahrheitstechniken, nämlich der Durchleuchtungstische. Um Frische zu gewährleisten, mussten Eier spätestens sieben Tage nach dem Legen einer Kontrollstelle zugesandt werden, die dann das „Deutsche Frischei“ über den Großhandel verkaufte. Die Verbraucher konnten also sicher sein, dass neu gelieferte Eier ein bis anderthalb Wochen alt waren. Sie galten dann als „frisch“, wenn sie beim Verkauf nicht älter als drei Wochen waren. Anders als heute konnten Verbraucher dieses nicht direkt kontrollieren, denn das Legedatum war für sie nicht erkennbar. Sie hatten auf die Ehrlichkeit des Händlers und das Funktionieren des Kontrollsystems zu vertrauen. Festzuhalten ist, dass Frischedefinitionen damit zunehmend auf den Markt und dessen Kontrollsysteme delegiert wurden. Es war zwar möglich, die Eier zu prüfen und gezielt zu kaufen, doch Skepsis blieb. Noch Mitte der 1950er Jahre hieß es: „Die Qualität der in Westdeutschland angebotenen Eier und des Geflügels ist außerordentlich schwankend. Der Käufer hat beim Einkauf nicht die Gewißheit, daß er wirklich frische Eier erhält. Der Käufer zieht die ungestempelten den gestempelten Eiern vor, weil er das Gefühl hat, daß die ungestempelten Eier auf einem kürzeren Wege zu ihm gelangen und deshalb frischer sind“ (I[rmgard] Landgrebe-Wolff u.a., Mehr Käuferbewußtsein! Verbrauchererziehung und Ernährungsberatung in den USA mit Anregungen für Deutschland, Frankfurt a.M. 1957, 112).

Halten wir aber nochmals kurz inne, um zwei entscheidende Punkte festzuhalten. Erstens: „Frische“ wurde spätestens in der Zwischenkriegszeit zu einer werblich relevanten Größe, zu einem Wert an sich. Sie wurde von Absatzketten und ihrer Kontrolltätigkeit garantiert, Marken visualisierten diesen Anspruch. Obwohl es keine allseits akzeptierten naturwissenschaftliche Definitionen von „Frische“ gab, diese vielmehr von Produkt zu Produkt spezifisch festgelegt werden mussten (vgl. etwa Rudolf Heiss, Anleitung zum Frischhalten der Lebensmittel, 2. verb. u. erw. Aufl., Berlin 1945), etablierten sie sich als ein Marker für den Wert eines Lebensmittels. Das galt damals – von wenigen Ausnahmen abgesehen – noch nicht für Begriffe wie „Reife“ oder „Alterung“, obwohl auch Eier eigentlich nicht ganz frisch gegessen werden sollen, sondern ihren vollen Geschmack erst nach vier Tagen Lagerung entfalten. „Frische“ grenzt aus, dass Reifung für einen besseren Geschmack vielfach erforderlich ist. Denken Sie nur an das Altern des Weines, die Mürbigkeit abgehangenen Fleisches oder die Aromabildung bei Butter. Auch bakterielle Veränderungen brauchen ihre Zeit, etwa Gärungen bei Bier und Branntwein, beim Herstellen von Käse, bei Essig, Sauermilch, Sauerkraut, Sauerteig, etc.

Zweitens unterstrich die mit der Etablierung des „Deutschen Frischeies“ beginnende Strukturreform der deutschen Eierproduktion die Kraft derartiger Markenversprechungen. Es galt nicht nur, die Produktion so umzugestalten, dass „Frische“ garantiert war. Es galt vielmehr die vermeintliche „Natur“ selbst marktgerecht, frischegerecht umzugestalten (vgl. hierzu insbesondere Susanne Freidberg, Fresh. A perishable History, Cambridge und London 2009). Hühnerhaltung wurde immer stärker zum Hauptgeschäft, die Absatzketten weiter verschlankt. Die Hennen wurden auf raschere und längere Legezeiten gezüchtet, dann durch die heutigen Hybridhühner ersetzt. 40 Prozent der deutschen Eier stammen heute aus Betrieben mit mehr als 100.000 Tieren, auch Bioanbieter beherbergen zumeist zehntausende. Und – putt, putt, putt – die properen Biohühner produzieren mehr als doppelt so viele Eier wie noch um 1930 (https://www.praxis-agrar.de/tier/gefluegel/legehennenhaltung-in-deutschland/ [18.02.2020]). Große Ställe erlauben durch Lichtführung eine fast saisonunabhängige Eierproduktion, ebenso den Einsatz optimierter Futtermittel und von Antibiotika. Doch es war zudem die stete Kühlung der Eier, die heute „frische“ Eier garantiert.

„Frisch halten“ – Kühlung als volks- und hauswirtschaftliche Leittechnik

Während man im Deutschen Reich noch um das „Deutsche Frischei“ rang, waren die USA offenbar weiter vorangeschritten. 1931 hieß es: „In Amerika bekommt man heute schon in den Läden Fleisch, Fische, Gemüse und viele andere Lebensmittel in hartgefrorenem Zustande in durchsichtiger Verpackung zu kaufen. Diese Lebensmittel sind in aufgetautem Zustande von frischer Ware in keiner Weise zu unterscheiden. […] Man wird also in der Lage sein, in Zukunft zu jeder Jahreszeit frische Lebensmittel zu verwenden, die wie Gemüse normalerweise nur zu einer bestimmten Jahreszeit zu bekommen sind“ (V[italis] Pantenburg, Eine umwälzende Neuerung in der Kühltechnik, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 6, 1931, 227-228, hier 228). Dies war die Folge des 1929 patentierten Plattengefrierverfahrens des US-Meeresbiologen Clarence Birdseye (1886-1956) (Mark Kurlansky, Birdseye. The Adventures of a curious Man, New York/Toronto 2012). Es war der Durchbruch jahrzehntelanger internationaler Forschung, die anfangs von deutschen Forschern dominiert worden war.

Kühlen und Gefrieren verzögern Stoffwechselprozesse. Nahrungsmittel können dadurch ihren ursprünglichen Zustand länger behaupten, „frisch“ bleiben. Kühltechnik verband die Bedeutungsnuancen von Kühle und Wetter mit dem der Unverdorbenheit. Doch es gab Grenzen, denn zu tiefe Temperaturen konnten die Zellstrukturen zerstören und damit deren Textur und den Geschmack. Entsprechend dominierte lange Zeit das Kühlen, nicht das Gefrieren.

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Kühlung durch „Natureis“ aus Flüssen und Seen (Dresdner Kalender 1914, Dresden 1913, s.p.)

Dazu nutzte man in Haushalten, aber auch dem Handel vielfach „natürliche“ Kühlmittel, nämlich geschnittenen Eises aus Flüssen und Seen. Dieses „Natureis“ war hygienisch heikel, wurde aufgrund seines niedrigeren Preises jedoch nur langsam durch maschinell hergestelltes „Kunsteis“ verdrängt.

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Eisschränke: Kühlung für bürgerliche Haushalte (Über Land und Meer 40, 1878, 644 (l.); Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 369 v. 31. Dezember, 4)

Technisch veränderte sich dadurch wenig, denn mit Eis bestückte Eisschränke erlaubten gleichermaßen die Kühlung von Speisen und Nahrung im bürgerlichen Haushalt (vgl. Ullrich Hellmann, Künstliche Kälte. Die Geschichte der Kühlung im Haushalt, Gießen 1990).

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Frische Speisen aus dem Kühlschrank seit Mitte der 1920er Jahre (BZ am Mittag 1929, Ausg. v. 4. Mai, 7 (l.); Berliner Börsen-Zeitung 1927, Nr. 201 v. 1. Mai, 10)

Dies veränderte sich Mitte der 1920er Jahre, als in Deutschland elektrische Kühlschränke für das gehobene Bürgertum erschwinglich wurden. Die Werbung des führenden amerikanischen Herstellers Frigidaire lockte mit „frischen“ Speisen und Lebensmitteln, doch dies bezog sich noch nicht auf tiefgekühlte Produkte. Der Kühlschrank diente damals, wie die nach wie vor marktbeherrschenden Eisschränke, der Aufbewahrung verderblicher Lebensmittel und der Kühlung just hergestellter Speisen. Leistungsfähigere Kühlschränke folgten, doch die 1939 etwa eine viertel Million Geräte besaßen weder ein Tiefkühlfach noch Türfächer für kühle Getränke. Auch die Zahl elektrisch gekühlter Verkaufstheken stieg langsam an, blieb aber im niedrigen vierstelligen Bereich. Dennoch gelang die Einführung von Tiefkühlkost.

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Tiefgefrieren von Gemüse 1940 (Der Aufbau der deutschen Gefrierindustrie. Handbuch der Tiefkühlwirtschaft, hg. v. Hans Mosolff, Hamburg o.J., 18-19)

Die neue, aus den USA lizensierte Technologie diente vorrangig der Versorgung der Wehrmacht. Ohne vitaminhaltige Verpflegung schien die Eroberung Europas nicht möglich. Mit beträchtlichen Investitionen wurden Seefisch, Fleisch, Obst und Gemüse tiefgekühlt und hinter den Fronten zu „frischen“ Speisen zubereitet. Darüber wurde prominent berichtet, auch die Konsumenten erhielten einen Vorgeschmack von „frischer“ und „gesunder“ Feinfrostware. Deren Gesamtabsatz 1941 sollte erst zwei Jahrzehnte später wieder erreicht werden. Wichtig aber war, dass die deutschen Volksgenossen damit einen virtuellen Vorgeschmack auf die nationalsozialistische Konsumwelt nach dem gewonnenen Krieg erhielten.

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Frischegemeinschaft in der Kantine (Der Vierjahresplan 5, 1941, 905)

„Frische“ konnte, so die Botschaft, durch die Kühlkette, durch moderne Technik außerhalb und innerhalb des Haushaltes zunehmend garantiert werden. Eine gesunde und vitaminreiche Kost schien rassisch unabdingbar. Berichte über die neue Frischewelt waren eine Art vorweggenommener Konsum, für den man zuvor allerdings zu kämpfen hatte. Während des sog. Wirtschaftswunders knüpfte die Werbung daran an, kombinierte die neue, gegen Ende der 1950er Jahre nun auch Millionen zugängliche Kühl- und Gefriertechnik mit der Idylle arkadischer Landschaften (vgl. etwa Kristall 14, 1959, 617). Frische für Alle. Diese Ästhetisierung der frischen, kühlen Kost stand jedoch im Schlagschatten des NS-Regimes.

„Frischware“ – Die Selbstbedienung und die Folgen

Das galt weniger für die Selbstbedienung, die seit den späten 1950er Jahren das Einkaufen in West- und auch Ostdeutschland umgestaltete und neue Räume für „frische“ Waren erlaubte.

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Der Konsum als Tor zur Welt, zur Frischware nicht nur in den Schaufenstern (Der Verbraucher 13, 1959, Nr. 25)

Auch hier gab es US-amerikanische und europäische Vorbilder, auch der NS-Staat unterstützte während des Krieges sog. Einmannläden oder aber das Ratio-System der Edeka. Doch deren Ziel war primär eine Rationalisierung des Absatzes, waren Kostensenkungen und billigere Waren.

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Selbstbedienung, der direkte Weg zur Ware (Henry Meier (Hg.), Biographien neuzeitlichen Bauschaffens. „So baut man heute“ an der RUHR, Rheydt/Düsseldorf-Rath 1960, s.p.)

Die Selbstbedienung ging darüber jedoch weit hinaus, denn sie mündete in eine neuartige ästhetische Präsentation der Waren. Das übliche Warten auf Bedienung verschwand, ebenso die kontrollierende und lenkende Beratung durch das Verkaufspersonal. Das Verhältnis von Kunden und Waren wandelte sich grundlegend. „An die Stelle der Verkaufskräfte und ihrer Expertise traten die Warenkunde des Käufers, die Grundinformationen der Kennzeichnung und das Image des Produktes. Der Ort dieser Begegnung wurde neu gestaltet und wissenschaftlich optimiert. Offene Warenregale, Verkaufsgondeln und zunehmend Kühltruhen bzw. -möbel prägten den Laden, an die Stelle der Bedienungstheke traten Kassentisch bzw. Registrierkassen am Ausgang“ (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 663). Der Wandel war rasant, 1968 gab es bereits mehr Selbstbedienungs- als Bedienungsläden.

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Der direkte Appell ästhetisch präsentierter Ware (Neue Verpackung 9, 1956, 445)

Dadurch veränderten sich die Waren und ihre Verpackungen. Sie mussten für sich selbst sprechen, mussten sich nach den Kundenwünschen richten, so wie hier das glasverpackte Obst und Gemüse. „Frische“ gewann dadurch an Bedeutung. Es war eine käufliche Frische, garantiert von Technik, ermöglicht durch naturwissenschaftliche Grundlagenforschung und angepriesen gemäß den jeweils neuesten Erkenntnissen der Absatzwissenschaften. Vier Punkte möchte ich besonders hervorheben: Erstens wurden die nun rasch größer werdenden Selbstbedienungsläden mit Frischwaren aufgepeppt. Der in den 1960er Jahren entstehende Selbstbedienungssupermarkt bündelte die früher getrennten Sortimente von Kolonialwarenhändlern und Spezialgeschäften für Obst und Gemüse, Milchprodukte, Back- und Fleischwaren.

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Kühlmöbel für Frische und Verfügbarkeit in einer Filiale der Konsumgenossenschaften (Meier (Hg.), 1960, s.p.)

Zweitens wurde Ende der 1950er Jahre die Kühlkette neuerlich geschlossen, so dass tiefgekühlte „frische“ Waren nun gekauft und im Kühlschrank bis zum Gebrauch gelagert werden konnten. Ohne Selbstbedienung keine kalte Frische. Wachstumstreiber waren vor allem Milchprodukte, gefolgt von Tiefkühlgemüse und -geflügel. Die Zahl der Kühlgondeln stieg von 5.000 1956 auf 40.000 Ende 1960, lag ab Ende der 1960er Jahre über der Zahl der Läden. Vitaminreiche Frischkost war dadurch preiswert möglich. Die Kühle des neuen Umfeldes lässt aber noch ein anderes Element von Frische hervortreten. „Frische“ Lebensmittel haben eben keinen ausgeprägten, gar intensiven Geruch oder Geschmack (Vera Kalkhoff, Frische – ein kulinarisches Leitkonzept der Moderne, in: Ruth-E. Mohrmann (Hg.), Essen und Trinken in der Moderne, Münster 2006, 63-83, hier 70). Kühle „Frische“ stand für Reinheit und Sauberkeit, für Ordnung und Sicherheit, neutralisierte die Extreme – und all dies leisteten die neuen Orte kühler Angebote.

Die Assoziationen deckten sich mit dieser Realität jedoch nur bedingt. Eine bunte Werbebroschüre der Firma Electrolux präsentierte Mitte der 1950er Jahre farbig-frische Lebensmittel im Eisblock (Susanne Breuss (Hg.), Die Sinalco-Epoche. Essen, Trinken, Konsumieren nach 1945, Wien 2005, 221). Nicht nur Fülle und Vielfalt wurden hier verhandelt, sondern die positiven Bilder in Kopf potenzieller Käufer aktiviert. Das Eis half, den vollen Wert der Lebensmittel zu bewahren, sie dadurch direkt vorrätig und verfügbar zu halten. Weitergehende Ansprüche und Wünsche konnten daran angedockt werden: Die saure Süße der Südfrüchte, die kühle Nährkraft der Milch, die würzige Nachgiebigkeit der Fleischwurst. Derartigen Werbebildern gelang es, die gängigen mit gewerblich herstellten Nahrungsmitteln verbundenen Assoziationen zu beseitigen (Helene Karmasin, Die geheime Botschaft unserer Speisen. Was Essen über uns aussagt, München 1999, 37). Die neutrale Indifferenz von Handel und Gewerbe traten zurück, im Mittelpunkt stand ein just für uns, für mich bereitetes Frischepotpouri.

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Frischeabteilung im SB-Supermarkt in den 1980er Jahren (50 Jahre Selbstbedienung. Sonderausgabe „Dynamik im Handel“, o.O. 1998, 152)

Drittens entstanden seit den 1960er Jahren erst neue Frischeinseln, dann ganze Frischeabteilungen. Hier konnte man „frisches“ Obst und Gemüse kaufen. Wenn sie einmal genauer nachfassen, so handelt es sich meist ebenfalls um gekühlte Bereiche, teils direkt, teils indirekt dank gekühlter Lagerräume. Sie sind Kunsträume des Verkaufs, gestaltet nach den sich nun stärker ausbildenden Farbassoziationen von Frische. Umfragen ergaben, dass diese „zu 34% mit Grün, 27 % mit Blau, 20 % mit Weiß, 11 % mit Gelb und 5% mit Rosa assoziiert“ (Herbert J. Buckenhüskes, Aktuelles und Historisches zur Bewertung der Frische von Lebensmitteln, Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung des Essens. Mitteilungen 2003, H. 10, 2-9, hier 4. Für das Folgende Ebd., 5) wurde. Grün steht auch sprachlich für Frische, denken Sie etwa grüne Klöße – aus rohen Kartoffeln, oder aber grünes Holz. Grün symbolisiert zugleich Gesundheit und Natur. Das Unreife, noch nicht fertige grüner Lebensmittel mutiert zum Beleg für die Frische der Ware.

In derartigen Frischeinseln verbinden sich gleich mehrere der ehedem im Krünitz erwähnten Bedeutungsnuancen von Frische: Sie sind kühl, präsentieren unverdorbene Waren mit noch voller Güte, die scheinbar erst vor kurzem entstanden sind und noch nicht gebraucht wurden. Die Inszenierung von „Frische“ geht aber noch weiter: „Ein guter Supermarkt bemüht sich also, makellose und ästhetisch schöne Reihen von Obst zu präsentieren, glänzend, taufrisch, ein Stück so schön wie das andere, strahlend ausgeleuchtet und von Spiegeln im Hintergrund oder verführerischen Naturbildern optisch verstärkt. Diese Wirkung erzielt man durch das Polieren des Obstes, durch Aussortieren aller nur minimal fehlerhaften Stücke, durch Berieseln und Besprühen mit Wasser, durch ein besonderes Licht“ (Karmasin, 1999, 57-58). Die Marktforscherin Helene Karmasin sah darin zurecht eine neue Art von Natur: Die frischen Produkte erscheinen ebenmäßig, nicht wie die immer unterschiedlichen Pflanzen auf Bäumen, Sträuchern oder dem Felde. Sie sind fehlerlos, sortiert, so wie schon die Frischeier. Sie sind poliert und gleichartig, Resultat der Inszenierung, die zuvor alles Abweichende auf der Warenrampe ausgemerzt hat, Resultat aber auch einer Umgestaltung der Natur und ihrer Produkte. Derartig inszenierte Frische ist ästhetisch optimiert, gleichsam designt. Das Äußere zählt, der inszenatorische Eindruck, so wie bei seriellen Industrieprodukten. Gleichwohl sind derartige Angebote nicht nur mit Frische, sondern auch mit Natürlichkeit verbunden. Wir sehen, was wir sehen wollen, weil auch wir vergessen wollen, was wir wirklich kaufen.

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Frische transparent: PVC-Folien für den Direktverkauf (Neue Verpackung 18, 1965, 172)

Viertens erlaubten transparente Verpackungen aus Kunststoffen und Glas neuartige Inszenierungen des Frischen, zumal der bisher vorrangig von spezialisierten Metzgereien angebotenen Fleischwaren. Das tote Tier direkt greifbar, kleingeschnitten, filetiert, unkenntlich gemacht und in einen bequemen Haushaltshappen transformiert. Das geht einher mit einem von Vera Kalkhoff vermerkten Wechselspiel zwischen Frischem und Rohem in der Kochbuchliteratur dieser Zeit. In den 1970er Jahren waren „rohe“ Lebensmittel daraus weitgehend verschwunden, wurden ersetzt durch „frische“ Produkte (Kalkhoff, 2006, 68-69). Frische zähmt, puffert ab, kühle Frische dämpft, kühlt herunter. Extreme entschwinden so dem Blickfeld. Das damals weiße, nach Hormonskandalen nun rosafarbige Kalbschnitzel sieht appetitlich seriell aus, kann frisch in die Pfanne. Was es war, ist unwichtig, Hauptsache schön, essbar und frisch. Frische ist eine Art Entschuldigung, ein Freifahrtschein für Interventionen fast jeder Art.

„Frische Zeiten“ – Selbststilisierungen und Fremdbeschreibungen

Bevor ich zusammenfasse, muss ich noch auf einen sehr wichtigen sechsten typischen Aspekt des Mythos Frische eingehen. Er lässt sich nämlich nicht auf Lebensmittel begrenzen, sondern wurde verstärkt Marker für zahlreiche Lebenslagen.

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Erfrischung: Frische als Begleiter und Möglichkeit (Vorwärts 1928, Nr. 578 v. 7. Dezember, 10 (l.); Kristall 9, 1954, 150)

Hitze und Mühen verlangen nach kleinen Pausen, begleitet von Erfrischungen. Die Erfrischungsräume des Kaufhauses Rudolph Hertzog oder des Kaiser-Bazars boten im späten 19. Jahrhundert vornehmlich Heißgetränke, Mineralwasser, im Sommer auch Gefrorenes. Seit der Jahrhundertwende kamen vermehrt Limonaden, dann auch Fruchtsäfte hinzu. Sie emanzipierten Erfrischungen von Orten und der Mühsal der Zubereitung, erlaubten Pausen, verbanden das Frische zunehmend mit Kühle. Coca-Cola steht beispielhaft für die Verbreitung gekühlter Erfrischungsgetränke, die ihrerseits wieder neue Gemeinschaften schufen.

Angesichts derartiger Erfolge ist es nicht verwunderlich, dass auch andere Alltagsbegleiter, etwa die früher übliche Zigarette, als „frisch“ präsentiert wurden (Bergmann Privat „so appetitlich frisch“, s. Werben und Verkaufen 26, 1942, 3 u. 141). Das Lebensumfeld der Käufer wurde und wird durch „frische“ Produkte „frischer“.

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Frische Luft aus dem Frischluft-Automaten (Kristall 14, 1959, 63)

War zu viel Rauch verblieben, so war es ein leichtes mit den in den späten 1950er Jahren aufkommenden Aerosolsprays für die vielbeschworene frische Luft zu sorgen. Die Widersprüchlichkeit verschiedener Bedeutungsnuancen der Frische wird hieran doppelt deutlich, führt Frisches doch zu dichter, stickiger Luft, wird diese dann durch ein zerstäubtes Parfüm überdeckt.

Frische, das unterstreichen derartige Waren, ist sinnesnah, wird sinnesnah vermarktet. Das gilt in noch stärkerem Maße für Parfüms und Kosmetika. Werbeslogans – etwa „Der Duft nach Sauberkeit und Frische“ für Lohses Uralt Lavendel (Der Silberspiegel 4, 1938, 393 (l.); Kristall 9, 1954, s.p.) – verbanden erfrischende und desinfizierende Wirkungen dieser Mischungen aus Alkohol und ätherischen Ölen.

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Frischer Atem durch Mundwasser und Zahncreme (Das Magazin 4, 1927/28, 1845 (l.); Kristall 14, 1959, 130)

Frische aber wurde auch Ausdruck des Menschen selbst. Frische Wäsche ließ sich mit Waschmitteln gezielt herbeischrubben. Frischer Atem war dagegen körperimmanent, konnte jedoch mit antiseptischem Mundwasser oder aber Zahnpasta partnergefällig beseitigt werden. Ängste werden aufgegriffen und geschürt, eine Ware als Lösung angeboten. Damit wird Frische inkorporiert, wird spätestens in den 1950er Jahren zu einem Attribut des Menschen selbst. „Frische“ erschien hier im Sinne der Jugendlichkeit, des Auftretens, des noch Unverbrauchten – all dies herzustellen durch die stete Anwendung von Frischeprodukten, wie Seife oder Deodorants.

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Frische als Alltagsgefühl (Kristall 9, 1954, 709 (l.); Westermanns Monatshefte 96, 1955, H. 5, 119)

„Frische“ wurde zu einer möglichen menschlichen Eigenschaft, teils natürlich gegeben, teils nachdem man sich frisch gemacht hatte. Was wir an derartigen Anzeigen der 1950er Jahre sehen, ist eine Übertragung des Warenprinzips auf den Menschen. „Frische“ Menschen wurden machbar, wurden teils auch erwartet. Denn natürlich blieb es nicht beim Konsum von Schönheitsprodukten. Frisch musste auch und gerade der Körper selbst sein (Kalkhoff, 2006, 74). Durch Verzehr frischer und leichter Lebensmittel wie Obst, Salaten, Joghurt und neuen Lightprodukten konnte er bewahrt werden – so wie zuvor frischer Kohl in den Weck-Apparaturen. Offenkundig, dass „Frische“ bis heute eher weiblich erscheint, Gendersternchen zum Trotz.

Diese leibhaftige Aufladung des Frische-Begriffs führte aber auch zu einer zunehmend breiteren und dann auch beliebigeren Ausweitung des Begriffs, gegen die vor allem in den 1970er Jahren von Staat, Gerichten und Wettbewerbern vermehrt vorgegangen wurde (vgl. S[tefanie] Hartwig und S[onja] Schulz, Alternativen zu Gesundheits- und Nährwertclaims. Werbung mit Frische, Natur, Bio und „ohne“-Angaben, Hamburg 2009, T. 1). Beispiele mögen genügen.

So wurde das Modeprodukt der 1950er Jahre, die süße, eingedickte Kondensmilch, durch den steten Verweis aufgefrischt, dass sie aus „naturfrischer Vollmilch“ produziert worden sei (Der Verbraucher 16, 1962, 201). In ähnliche Richtung ging der Hinweis, dass Gurken „gartenfrisch“ eingedost worden seien (Kristall 9, 1954, 706).

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Von fernen Ländern erntefrisch auf den Tisch (Der Verbraucher 29, 1975, Nr. 6, 7)

Glaubte man der Werbung, so war die „frische“ Rohware entscheidend für Bewertung und Kauf einer Ware, während die vielfältigen notwendigen Eingriffe innerhalb der Wertschöpfungskette durch Begriffe wie „erntefrisch“ vergessen gemacht werden konnten. Natürlich findet man derartige Adjektive auch abseits der Lebensmittel. Schön etwa die Annonce für einen Wäschepfahl, durch den die Wäsche rasch „luftfrisch“ sein würde (Kristall 14, 1959, 509). Beenden möchte ich diesen kurzen Reigen inhaltsarmer, aber assoziationsstarker Frischekomposita natürlich mit dem heutzutage unabdingbaren Verweis auf biofrische Würste der von mit wohl geschätzten Göttinger Firma Börner-Eisenacher. Dessen Werbetexter brachten das intellektuelle Kunststück zuwege, Frische mit langer Reifung zu verbinden (Lebensmittelzeitung 2006, Nr. 36, 9). Als Konsument, der alles gleichzeitig haben möchte, danke ich dafür sehr.

Und doch: All diese Anzeigen sind Simulationen von Frische. Sie locken mit Vorstellungen von Natürlichkeit, Ursprünglichkeit, Unverbrauchtheit. Doch an die Stelle dieser imaginierten Frische setzen sie Produkte und Körperbilder, eine inszenierte Welt käuflicher Frische (Kalkhoff, 2006, 74). Das Versprechen wird nicht eingelöst, doch die Sehnsucht bleibt. Um welche Produkte es dann im Detail geht, ist eigentlich unerheblich.

Frische – Mythos einer Konsumgesellschaft

Nahrungsmittel sind flüchtige Güter. Ihre „Natur“ ist es, zu verwesen, auszulaugen, zu verderben, ungenießbar, ja giftig zu werden. Frische beschreibt dagegen einen Zustand, der für uns da ist, wo wir zulangen können. Sie war eingebunden in Ernterhythmen und Jahreszeiten, war abhängig von der Verfügbarkeit, von der immer nur temporären Fülle. Agrarreformen, industrielle Lebensmittelproduktion und weit ausgreifende Handelsnetze veränderten die tägliche Kost seit der Industrialisierung grundlegend. Sie sicherten die Versorgung einer rasch wachsenden Zahl von Menschen, ließen den Ursprung und die Qualität der Lebensmittel aber zugleich zum Problem werden. „Frische“ bedeutete zuerst Bewahrung, Sicherung von Nährwert und Bekömmlichkeit. Dazu dienten – wie wir am Beispiel des Weckschen Einkochens gesehen haben – zuerst häusliche Verfahren der Konservierung und „Frischhaltung“. Sie wurden ergänzt durch den gewerblichen Einsatz von Konservierungsmitteln, von Hitze- und Kältetechnik, von Zwischenlagern und Verpackungen. Technik und angewandte Naturwissenschaften drängten auf neue Absatzketten, die den langen Weg von Feld und Weide hin zum Küchentisch ohne allzu große Einbußen überbrücken und beschirmen konnten. „Frische“, ein moderner Begriff, war ohne Wissenschaft nicht denkbar, sie war ihr Garant, mochte sie auch im Hintergrund stehen. „Frische“ war zugleich ein umkämpfter und marktrelevanter Begriff, Normalität und Ideal zugleich, umsetzbar in klingende Münze.

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Frische auf allen Ebenen der Absatzkette (Times 1947, Nr. 12, 43)

Umfassende Frischversorgung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht möglich. Doch wie das Beispiel des „Deutschen Frischeies“ zeigte, begannen im ersten Drittel des Jahrhunderts einzelne Branchen „Frische“ zu definieren und auch zu garantieren. Diese Definitionen waren ähnlich, doch verbindliche Definitionen gab es nur für einzelne Waren und Warengruppen. All dies sicherte die Grundversorgung, erhöhte zugleich die Ansprüche an frische Lebensmittel. „Natur“ wurde umgestellt, der Nachfrage fremdversorgter Menschen angepasst. Technischer Fortschritt orientierte sich am Ideal ganzjährig frischer und stets verfügbarer Lebensmittel, veränderte so unsere Umwelt. Den wichtigsten Beitrag zur Versorgung mit frischen Lebensmitteln in der Zwischenkriegszeit bildete die Kühlung und Tiefkühlung von Lebensmitteln. Der massive Eingriff war kurz, ultra-kurz, nicht zerstörerisch, stabilisierte scheinbar etwas Gegebenes.

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Frische unter Folie 2019 (© Stefanie Waske)

Der Aufstieg der kühlen Frische ging einher mit der Durchsetzung stofflichen Wissens in der Bevölkerung, ein hoher Vitamingehalt galt als Garant für „Frische“. Ihr Durchbruch gelang erst seit den späten 1950er Jahren, parallel mit dem Aufstieg der Selbstbedienung, parallel auch mit dem langsamen Ende einer gesellschaftlich relevanten Haushaltskonservierung und einer massiven Abkehr vom Ländlichen. Doch der Handel war nicht nur Spielwiese technischer Innovationen, sondern schuf mit der Selbstbedienung auch neue Kunsträume, in denen „Frische“ präsentiert und inszeniert wurden. Frische wurde zum Wert an sich, ein positiv stimmender kühl-freudiger Breitbandbegriff. „Frisch“ sollten die Waren sein, „frisch“ aber auch das Leben, ja der Mensch selbst. Frische steht demnach für weit mehr als die Güte einzelner Lebensmittel, ihrer Entfernung von Entstehungsorten und -zeiten. Sie ist ein Mythos, dem wir uns zunehmend selbst unterordnen, der Aussagen über uns und unser Verhältnis zur Welt erlaubt. Er hilft uns, Altern mit der Illusion von dauernder Jugend zu verbinden, Leistungsfähigkeit und stete Präsenz sicherzustellen und zugleich die zahllosen unabdingbaren Eingriffe in unsere Lebensmittel und zahlreiche andere Güter vergessen zu machen.

„Frische“ ist damit ein keineswegs unschuldiger Begriff. Er führt zu überbordenden und teuren Anforderungen an Lebensmittel, unser Umfeld und uns selbst, deren Erfüllung enorme Folgekosten mit sich bringt. „Frische“ ist ein Selektionsmodus der Moderne, ein Bedeutungsfresser, der andere Bewertungen verdrängt hat und damit unser Leben und unsere Lebensmittel prägt und beengt. „Frische“ steht in Reih und Glied mit anderen Begriffen, die ähnliche Funktionen haben. Denken Sie an „Natur“, „Geschmack“ oder „Genuss“ – allesamt positiv, allesamt inhaltsleer, allesamt recht beliebig zu füllen und kommerziell zu verwenden. „Frische“ ist ein Mythos, eine Ursprungssehnsucht, Heimatersatz in einer heimatlosen Welt voller semantischer Illusionen. Er kündet von Wünschen und Sehnsüchten, die weit über unsere wissenschaftlich-kommerzielle Welt hinausweisen. Darin liegt sein Wert, sein Stachel.

Uwe Spiekermann, 11. April 2020

Der Corona-Shutdown der Läden und Geschäfte – Impressionen aus Hannover

Der Corona-Virus hat die westliche Welt fest im Griff. Die Einschnitte sind umfassend – und der starke Staat hat Probleme, die eigenen Bürger an ihre Pflichten gegenüber Alten und Kranken zu erinnern. Ausgangsbeschränkungen und mehr werden die Folge sein, die immer wieder beschworene Zivilgesellschaft ist weniger rücksichtsvoll und sensibel als Lichterketten und Gendersterne suggerieren. Über die zu spät begonnenen Krisenmaßnahmen kann man wortreich spekulieren, doch insbesondere das Ende der begründeten Begrenzungen des Schuldenstaates wird tiefgreifende Folgen haben. Nachtragshaushalte, Bazooka-Reden, Kraftmeierei stehen auf der Tagesordnung, sind die Auswirkungen der Krise doch unabsehbar. Die lange zurecht verdammten Eurobonds werden als Coronabonds plötzlich akzeptiert, die Haushaltskonsolidierung der vergangenen Jahre ist Makulatur. Die Krise nährt die Krise, die Abwehr schafft neue Verwerfungen.

Wie aber sieht die Lage vor Ort aus? Nachdem ich einige Zeit mit der historischen Analyse des Hamsterns verbracht habe, um die aus meiner Sicht eher unangemessenen, ja unverantwortlichen Denunziationen dieser Frühbevorrater in einen breiteren Kontext einzubetten, schien es mir sinnvoll, mich ein wenig umzuschauen. In Niedersachsen wurde am 16. März 2020 mit Wirkung vom 17. März auf Basis von § 28, Abs. 1 Infektionsschutzgesetz die Schließung eines Großteils der Einzelhandelsläden und Dienstleister verordnet. Die Lebensmittelversorgung ist davon nicht betroffen, auch wenn kurz darauf Restaurants und Cafés ebenfalls geschlossen wurden. Weisungen dieser Art erfolgen befehlsartig. Die Begründung ist kurz und knapp: „Vor dem Hintergrund der sehr dynamischen Verbreitung von Infektionen mit dem SARS-CoV-2 Virus und Erkrankungen an COVID-19 müssen unverzüglich weitere umfänglich wirksame Maßnahmen zur Verzögerung der Ausbreitungsdynamik und zur Unterbrechung von Infektionseffekten ergriffen werden. Weitreichende effektive Maßnahmen sind dazu dringend notwendig, um im Interesse der Bevölkerung und des Gesundheitsschutzes die dauerhafte Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems in Niedersachsen sicherzustellen. Die großflächige Unterbrechung und Eindämmung eines Großteils der sozialen Kontakte stellt – über die bereits ergriffenen Maßnahmen hinaus – [sic!] das einzig wirksame Vorgehen dar, um das Ziel einer Entschleunigung und Unterbrechung der Infektionsketten zu erreichen“ (Fachaufsichtliche Weisung des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung an die Niedersächsischen Landkreise, Kreisfreie Städte, Region Hannover v. 16. März 2020, 4). Die kontroversen Diskussionen der zurückliegenden Wochen wurden damit planiert, der Shutdown allein schien angemessen und notwendig.

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Verlautbarungen aus einer vergangenen Zeit: Mülleimeraufkleber

Der Maßnahmenstaat dekretierte, wohl begründet. Doch wie wurden die damit in Gang gesetzten Informationen weitergegeben und an die Kunden vermittelt? Um dies zu beantworten, habe ich mich in Hannovers Podbielskistraße begeben, habe dort die ersten fünfzig einschlägigen Verweise auf Schließungen und die Corona-Krise fotografiert. Victor von Podbielski (1844-1916) war ein kontrovers bewerteter und affärenbeladener konservativer Spitzenpolitiker des Kaiserreichs, Leiter der Reichspost, preußischer Landwirtschaftsminister, führender Sportfunktionär. Die nach ihm benannte mehr als fünf Kilometer lange Straße bietet Industriegeschichte pur, hier lagen die Firmensitze von Bahlsen, den Pelikan-Werken, der Deutschen Grammophon, der Geha-Werke und der Karosseriefabrik Emmelmann (Elke Kümmel, Dieter Sagolla und Jörg Maaß, Podbielskistraße. Eine Straße verändert ihr Gesicht, hg. v. Baudezernat Hannover, Hannover 2007). Sie ist gesäumt von zahllosen Genossenschaftswohnungen aus der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und den 1950er Jahren. Ihr relativer Niedergang wurde durch hohe Investitionen anlässlich der Weltausstellung 2000 gebremst. Das von mir besuchte Teilstück beherbergt vornehmlich Bürger der unteren Mittelschicht, doch am benachbarten Stadtwald, der Eilenriede, liegen auch zahlreiche Villen des wohlsituierten Bürgertums.

Wir sind dann mal weg

Viele Geschäfte informierten ihre Kunden über die Geschäftsschließungen, beließen es aber dabei. Die Situation wurde als bekannt vorausgesetzt, der Blick richtete sich nach vorn, auf den anvisierten Termin der Wiedereröffnung. Während einzelne Anbieter schlicht dichtmachten, offerierten die meisten Geschäftsleute zusätzliche Kontaktdaten. Sie wurden von der raschen Entwicklung offenkundig überrascht, machten irritiert dicht.

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Herzlich geschlossen – Liebe Grüße einer Änderungsschneiderei

Shutdown mit Alternativen

Die Mehrzahl der geschlossenen Geschäfte versucht gegenwärtig noch, den Betrieb auch nach dem Schließen des Verkaufsladens ansatzweise aufrechtzuerhalten: Aus Händlern werden Dienstleister, Bringdienste ohne direkten Kundenkontakt treten an die Stelle des persönlichen Services.

04_Corona-Krise_Lieferservice_BringdiensteAndere Anbieter konzentrieren ihre Angebote. Ein Schlüsseldienst und Eisenwarengeschäft hält den Notfallbetrieb aufrecht, ein Uhren- und Schmuckgeschäft den Reparaturbetrieb, bietet zudem Auftragsproduktion in der Werkstätte an. Ebenso ein Fahrradladen. Der Stillstand ist nie vollkommen, die Kompetenz der Geschäftsinhaber kann weiter abgerufen werden.

05_Corona-Krise_Notdienste_ReparaturdienstDies gilt ebenso für weiterhin geöffnete Geschäfte. Sie fühlen sich teils genötigt, ihre kontinuierliche Dienstbereitschaft eigens hervorzuheben, so etwa ein Copy-Shop mit krisenwichtigem Zusatzspektrum. Angesichts der massiven Umsatzeinbrüche des Nahrungsmittelhandwerks, die der gestrige Notruf des Bäckereifilialistenchefs Gerhard Bosselmann eindringlich in Erinnerung rief, steht der Dank an die weiterhin kaufenden Kunden vielfach an erster Stelle – gerade, wenn der Café-Betrieb häufig größere Umsätze machte als das nun allein noch geöffnete Verkaufsgeschäft.

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Zehrende Unsicherheit

Obwohl sachlich und freundlich gehalten, schwingt bei fast allen Kundeninformationen eine beträchtliche Unsicherheit über die Zukunft des eigenen Geschäftsbetriebes mit. Der starke Staat konzentriert sich auf die Kernaufgabe des Shutdowns. Doch es ist unklar, was nun wird. Tönende Ansagen aus Berlin sind in Hannover nicht angekommen, ähnliches gilt für die maßvolleren Programme der Landesregierung. Gerade kleinere Geschäfte hängen in der Luft. Die Krisenkommunikation ist vorrangig repressiv-eindämmend, ein Silberstreif ist noch nicht sichtbar. Das mag die Lage widerspiegeln, doch dies zehrt an den Betroffenen.

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Denn wir wissen nicht, was kommt. Handschriftliche Ergänzungen in der Krise

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Schauen wir erst mal – mehr wird die Zukunft bringen

Die Zentrale übernimmt – zum Teil

Die Kundeninforationen größerer Firmen unterscheiden sich deutlich von denen lokaler Einzelunternehmer. Handbücher der Krisenkommunikation und interne Pressestellen werden offenkundig herangezogen, entsprechende Aushänge dann zumindest regional verteilt. Dies zielt vor allem auf Verhaltensregulierungen, also die Regeln für einen seuchengerechten Einkauf. Zugleich helfen Aushänge leidige Diskussionen über Engpassgüter zu vermeiden. Dennoch ist es erstaunlich, dass bei fast allen Niederlassungen die Aushänge der Zentralen durch eigengestrickte, teils gar handschriftlich Informationen ergänzt wurden. Schön, derartige Eigeninitiative zu sehen, denn vor Ort sieht man viele Probleme früher als in den Zentralen.

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Warum wir schließen

Die meisten Geschäften begründen ihre Geschäftsschließung entweder gar nicht oder aber mit nur einigen allgemeinen Verweisen. Die Verwaltungsstelle einer Wohnungsgenossenschaft schließt etwa „zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“, benennt die Situation also nicht konkret. Maßnahmen werden zum „Schutz der Allgemeinheit“ getroffen, „zum Schutz aller“, der Sachverhalt aber wird als solcher bekannt vorausgesetzt. Da ist wiederholt von der „aktuellen Lage“ die Rede, von den aktuellen „Umständen“, der „aktuellen Entwicklung“, der „gegenwärtigen Situation“. Die Hinweise auf die Corona-Pandemie bleiben spärlich, der Begriff wird meist ausgespart, stattdessen über eine „Sondersituation“ berichtet. Empathie klingt in der „bedauerlichen Situation“ selten an, trotz vielfacher Wünsche, gesund zu bleiben. Andere Geschäfte verweisen auf höhere Mächte, nicht auf Gott, wohl aber auf die niedersächsische Landesregierung als Verfügungsinstanz, auch auf die „erwünschten Vorschriften des Gesundheitsamtes“.

Diese sprachliche Hilflosigkeit war für mich überraschend. Sie geht einher mit den üblichen Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern unserer „Wissensgesellschaft“ – in mehr als der Hälfte der Aushänge. Offenbar ist eine dunkle, unbenennbare Macht über die Podbielskistraße gekommen, über die man nicht recht reden kann, die aber all das bewirkt. Das Virus betrifft alle, wird schwere Gesundheitsfolgen und Tote nach sich ziehen, doch benannt wird dies nicht. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung, Frankfurt a.M. 1963, 89).

Verhaltensregulierung vor Ort

Dennoch war ich positiv erstaunt, dass die meisten Kunden diszipliniert einkauften, Abstand hielten, sich aus dem Weg gingen, vor den Läden warteten. Das ist Folge auch einer fast durchweg klaren und nachvollziehbaren Ansprache über das erforderliche Tun, über persönliche Hygiene.

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Umfängliches Maßnahmenpaket in einer Apotheke – doch wer kennt schon die Nießetikette?

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Fehlende Empathie und bürokratischer Ungeist

Dennoch, es gab auch eigenartige Aushänge, sachlich gerechtfertigt, doch ohne jedes Mitgefühl, ohne ein Mitdenken der Betroffenen. Eine Arztpraxis verlautbarte auf mehreren Aushängen, dass eventuell Infizierte sich möglichst wegtrollen sollten, da für sie nur der ärztliche Bereitschaftsdienst zuständig sei. Hinweise auf das Warum fehlten. Ein beredtes Beispiel hiesiger Servicekultur war auch der Aushang eines Bestattungsunternehmens, der Hygienehinweise und telefonische Alternativen anbot, eine persönliche Beratung jedoch an einen „eingetretenen Sterbefall“ knüpfte. Da ist es fast beruhigend zu wissen, dass ein beträchtlicher Teil der italienischen Toten derartige Dienstleistungen gar nicht in Anspruch hat nehmen müssen, da die Leichen in Einfachsärgen in Krematorien gebracht wurden, wo sie ohne Anteilnahme ihrer Angehörigen hygienisch verbrannt wurden.

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Fasst man zusammen, so erfolgte der Shutdown offenkundig plötzlich, ließ kaum Zeit für einen geordneten Rückzug, für eine reflektierte Kundenansprache. Überwältigt von der Situation beschäftigte man sich mit deren unmittelbarer Bewältigung, mit Alternativen zum bisherigen Betrieb, mit dem erzwungenen Rückzug. Obwohl die letztlich getroffenen Maßnahmen seit Wochen diskutiert wurden, haben die meisten Geschäftsleute diese Debatten nicht recht auf sich bezogen. Es fehlen Gemeinsamkeiten in der Krise, jeder schließt für sich allein.

Diese Impressionen geben Eindrücke wieder, rasch niedergeschrieben. Sie sind kaum repräsentativ. Zugleich hoffe ich, dass viele andere ihr Umfeld ebenfalls erkunden – mit gebotenem Abstand und so lange es noch erlaubt ist. Texte und Fotos abseits der öffentlichen Stellen sind wichtige und notwendige Quellen für diesen, wie immer, „historischen“ Einschnitt. Sie wissen doch, „Democracy dies in Darkness“.

Uwe Spiekermann, 21. März 2020

Hamstern zwischen individueller Selbstbehauptung und sozialem Vergehen

Die Corona-Krise ist ein Test der Effizienz, aber auch der Wertegrundlagen moderner individualisierter Gesellschaften. Angesichts einer nach Alter, Vorerkrankungen und Geschlecht gestaffelten Risikoverteilung ist es für die nicht an Leib und Leben bedrohte Mehrzahl der Bevölkerung schwer, ihrer Verantwortung gerade für Ältere und Kranke gerecht zu werden. Selbstreflektierte Menschen haben ihr Leben schon seit mehreren Wochen zurückgefahren. Für die große Mehrzahl war allerdings der starke Staat erforderlich, der Handlungsänderungen durch Verordnungen und Verbote nicht nur von notorischen Partygängern, Fußballfans und Flaneuren erzwang. Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatten steht gegenwärtig der Maßnahmenstaat – doch der Stillstand ist auch die Folge mangelnder Lernfähigkeit und fehlenden Mitgefühls der immer wieder beschworenen Zivilgesellschaft. Der starke Staat ist die notwendige Konsequenz schwacher, um sich selbst kreisender Bürger*innen und ihres strukturellen Weiter-So.

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Leergeräumte H-Milch-Regale in einem Edeka-Markt in Hannover, 29. Februar 2020

Schon Wochen vor den jetzigen drakonischen Maßnahmen handelten Bürger auf ihre Art. Seit Ende Februar 2020 änderte sich die Situation im Lebensmittelhandel. H-Milch, Nudeln, Mehl, Konserven, Desinfektionsmittel und Toilettenpapier wurden in rauen Mengen gekauft, vielfach verdoppelten sich die Umsätze. Rasch fehlten vor allem die billigeren Produkte, während Bio-Produkte und teurere Chargen weiter verfügbar waren. Diese Einkäufe waren ein Misstrauensvotum der mittleren und unteren Einkommensschichten gegen Beschwichtigungen durch Politik und Massenmedien. Allerdings verkannten die Käufer, dass die über den Lebensmittelhandel abgesetzten Mengen nur sehr kleine, teils nur zwischen fünf und zehn Prozent liegende Anteile am Gesamtumsatz haben. Die Masse etwa des Zuckers und des Mehls wird von verarbeitenden Betrieben gekauft. Aktuelle Lieferprobleme sind eher Folge mangelnder Verpackungsmaschinen und fehlenden Personals, denn Ausdruck unzureichender Lagerbestände.

Der Zugriff der Frühkäufer auf direkt verfügbare Ware kombinierte ein rudimentäres Wissen über die Brüchigkeit moderner Versorgungsketten (zumal im Winter) mit einer generellen Skepsis gegenüber der Fairness und Gerechtigkeit etwaiger Maßnahmen der politischen und medialen Eliten. Derart erfahrungsgesättigtes Handeln ist erst einmal vernünftig, entspricht auch dem Ideal eines selbstbewussten, nach eigenen Interessen handelnden Konsumenten. Die öffentliche Resonanz war jedoch anders, erst verwundert, dann denunziatorisch. „Hamstern“ galt rasch als unsolidarischer Einkaufsakt, als Ausfluss atavistischer und egozentrischer Gesinnung. In einer gemeinhin von Individualität und Selbstverwirklichung geprägten Gesellschaft wurde in der sich anbahnenden Krise stattdessen das hohe Lied der Solidarität gesungen. Doch die Schelte gegenüber dem „kleinen Mann“ verfing nicht recht, denn in den zwei folgenden Wochen blieben die Umsätze einschlägig haltbarer Artikel hoch. Immer mehr Bürger, nun auch vermehrt aus der gesetzten Mitte, ahnten, was kommen würde und handelten im Sinne tradierter Empfehlungen: Denk daran, schaff Vorrat an!

Im Folgenden möchte ich nicht über die offenkundigen inneren Bruchlinien unserer Gesellschaft sinnieren. Es geht mir vielmehr um die seit kurzem wieder aktualisierte Figur des Hamsters und des Hamsterns. Während die neuen „Hamster“ wie in alten Zeiten das Verfügbare zu kauften, erinnerten sich nämlich auch zahlreiche Politiker und Journalisten an die lang zurückreichende Tradition, derart eigensinnig agierende Konsumenten in Krisen zu benennen, auszugrenzen und ihr Tun zu bekämpfen. Der schon vor Wochen einsetzende Gebrauch von Begriffen wie „Hamstern“ oder „Hamsterkäufe“ mag seine Berechtigung haben, denkt man etwa an die früh ausverkauften Schutzmasken und Desinfektionsmittel. Er ist jedoch primär ein Rückgriff auf tradierte Kriegs- und Krisenreflexe. Worte gingen den anfangs nur zaghaften Maßnahmen voraus, appellierten an die Ruhe als erste Bürger*innenpflicht, bevor man diese letztlich erzwang, ja, erzwingen musste. Dabei half auch der Handel, der die Abgabe der begehrten Artikel seit Ende der letzten Woche auf haushaltsübliche Mengen begrenzte. In der Krise gibt es keinen freien Konsumenten mehr. König Kunde dankt ab, hat sich dem Gemeinwohl zu fügen.

Der Hamster – Tier, Schädling, Mensch und Schlagwort

Der Hamster, genauer der Feldhamster, war zu Beginn der Moderne nicht nur ein possierliches Kerlchen, sondern lebte gemäß aufgeklärter Beobachter gar in einer „Art von bürgerlichen Gesellschaft“ (Fortsetzung der Abhandlung, daß sich der Flor und das Wachsthum eines gemeinen Wesens auf die Aufnahme der Wissenschaften gründe, Der Apothecker 1763, Nr. 28, 435-439, hier 436). Ordnungssinn und Voraussicht zeichneten ihn aus, ähnlich wie die Bienen und Ameisen. In der nationalökonomischen Literatur galt der Hamster noch im späten 19. Jahrhundert als ein Vorbild für den strebsamen Bürger. Er lebte nicht im Hier und Jetzt, sondern sorgte sich um die Zukunft, betrieb Vorratswirtschaft, quasi Kapitalakkumulation (Der Volksstaat 1875, Nr. 94 v. 18. August, 8). Der Hamster war ausdauernd und zielstrebig, seine Vorräte waren auskömmlich, konnten gar von Menschen genutzt werden (Wilhelm Roscher, System der Volkswirthschaft, T. 2, 7. stark verb. u. verm. Aufl., Stuttgart 1873, 17). Von Agrarwissenschaftlern und praktischen Landwirten wurde er dagegen immer auch als Schädling angesehen. Ihn zu vernichten, zum Schutz höherer, menschlicher Güter zu beseitigen, galt als opportun, zumal es Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts noch Abermillionen Feldhamster gab. Auf ihren Tod wurden insbesondere im Elsass und in Thüringen Prämien ausgesetzt. Die Hamsterjäger verkauften zudem das Fell und das wohlschmeckende Fleisch der Nagetiere. Ertragreich waren ebenso die erbeuteten Vorräte der Hamster: „Die Leute waschen die Körner einfach ab, trocknen sie wieder und vermahlen sie dann wie anderes Getreide“ (A[lfred] E[dmund] Brehm, Illustrirtes Thierleben, Bd. 2, Hildburghausen 1865, 147).

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Der Feldhamster (A[lfred] E[dmund] Brehm, Illustrirtes Thierleben, Bd. 2, Hildburghausen 1865, 141)

Übertragungen auf Menschen gab es schon im frühen 19. Jahrhundert. In einer der meistgelesenen damaligen bayerischen Zeitschriften findet sich etwa die Figur eines jüdischen Hamsters, eines Pfandleihers, dessen Besitz und Geschäftssinn ihn zu einer wichtigen untergründigen Figur der bürgerlichen Gesellschaft machte: „Da sah ich Leute zu Hamstern hereinschleichen, daß ich’s in meinem Leben nicht geglaubt hätte, daß sie ihn oder sein Haus je ansehen würden. […] ‚Lieber Hamster, guter Hamster, – Ehrenmann!‘ wurde er geheissen, obwohl sie ihm alle den Hals an den Galgen wünschten, – von diesen wurde er auf Monatscheine angewiesen, andere brachten Betten, Weißzeug, Kleider, Meubels u. dgl., daß er kaum Raum hatte zum Aufbewahren; dafür nahm er 30 Prozent, und war dabei so brutal, als ein Türke“ (Tages-Unterhaltungen in Freudenfeld. Tagesfahrt vom 13. und 14. Oktober, Sonntags-Blatt [des Bayerischen Volksfreundes] 1827, Nr. 47 v. 25. 11., 185-187, hier 186). Besitz wurde hier vermeintlich unlauter verwendet, der Hamster eingebunden in antisemitische Imaginationen von Wucher und Ausbeutung. Zeitgleich findet sich „hamstern“ als Tätigkeitswort, als Umschreibung individueller Sammelaktivität (Münchener-Conversations-Blatt 1833, Nr. 127 v. 7. Mai, 507). Die damalige populärwissenschaftliche Biologie vermenschlichte Tiere, charakterisierte den Hamster als Geizhals, so etwa in Heinrich Rebaus (d. i. Christian August Gebauer (1792-1852)) weit verbreiteter Naturgeschichte für Schule und Haus: „Er ist ernst und träge, doch muthig und tapfer, zornig, beißig, auch in seinem Hause streng und eigensinnig, in der Gefangenschaft immer tückisch und gefährlich, selbst wenn man ihm die Zähne ausgebrochen hat“ (Heinrich Rebau’s Naturgeschichte für Schule und Haus, 6. Aufl., neu bearb. v. Gust[av] Jäger, Hermann Wagner und O. Fraas, Stuttgart 1871, 202). Kinder sollten keinesfalls der Habsucht und dem Geiz des Hamsters nachzueifern (Der Hamster, Sonntags-Blatt [des bayerischen Volksfreundes] 1837, Nr. 16, Sp. 125-126, hier 126).

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Der (vermenschlichte) Hamster in der Karikatur (Fliegende Blätter 63, 1875, 167)

Derart negative Eigenschaften wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erst von Liberalen, dann von Sozialdemokraten auch in die politische Debatte eingeführt. Letztere kritisierten etwa Otto von Bismarcks (1815-1898) nahe an Vorteilsnahme grenzendes Finanzgebaren, indem sie vom hamsterartigen Aufspeichern staatlicher Gelder in seinem Gut in Schönhausen berichten (Der Sozialdemokrat 1885, Nr. 36 v. 3. September, 3. Der Begriff ist deutlich älter, vgl. Fliegende Blätter 19, 1866, 177) oder auf die von Arbeitergroschen strotzende „Hamstertasche“ (Der Sozialdemokrat 1887, Nr. 37 v. 10. September, 2) des Reichskanzlers verwiesen. Für die frühe Sozialdemokratie waren die Besitzenden tendenziell allesamt Hamster, heimsten sie sich doch das Geld des arbeitenden Volkes ein (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 236 v. 9. Oktober, 1): „Seht dort einen Hamster, sein Hoffen und Harren Und Trachten ist, Geld zusammen zu scharren. Trotz Menschenantlitz und fehlendem Schwanz, Verhamstert ist seine Seele ganz“ (Die Menagerie des Kapitalismus, Der wahre Jacob 7, 1890, 908). Von diesem bourgeoisen Menschentypus grenzte man sich ab: „Menschen ohne Erziehung, ohne Bildung, ohne Feinheit des Gefühls […], Menschen, die keine künstlerischen oder wissenschaftlichen Bedürfnisse haben – – kurz rohe, gemeine Naturen. Ihr ganzes Leben konzentrirt sich in der Pflege ihrer gemeinen, hamsterartigen Erwerbsmuth“ (Die Ritter der Arbeit [übersetzt von Nathalie Liebknecht], Berliner Volksblatt 1888, Nr. 239 v. 11. Oktober, 1-2, hier 1). Diese Abgrenzung war jedoch nicht nur antikapitalistisch, sondern häufig auch antisemitisch: „Und wie die Hamster schleppen sie zu Nest, im Börsentempel feiern Fest auf Fest Die arischen und die semit’schen Juden“ (Der wahre Jacob 8, 1891, 1091).

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Bankier Hamster als Prototyp von Geiz und Raffertum (Fliegende Blätter 51, 1869, 133)

Diese wenigen Zitate verweisen auf ein zunehmend breiteres Wortfeld im späten 19. Jahrhundert: Da ist von der Bismarckschen „Hamsterpolitik“ (Berliner Volks-Tribüne 1891, Nr. 19 v. 9. Mai, 7) die Rede, eine Umschreibung der agrarischen Schutzzollpolitik. Von „Hamstertaschen“ kann man wiederholt lesen, ebenso von „Hamsterhöhlen“ (Vorwärts 1894, Nr. 108 v. 12. Mai, 2; Vorwärts 1895, Nr. 161 v. 13. Juli, 2). Nicht die ungebührliche Selbstsorge des Einzelnen trat hierbei hervor, sondern die Akkumulation von Kapital und Positionen durch die oligarchischen Eliten resp. den politischen Gegner. Die straffe Haushaltsführung des preußischen Finanzminister Johannes von Miquel (1829-1901) erschien als „Hamstermanier“ (Vorwärts 1896, Nr. 277 v. 26. November, 2; ähnlich schon Kladderadatsch 45, 1892, 14) sowie im „Hamstergespann“ (Kladderadatsch 52, 1899, 151). Der liberale Kladderadatsch widmete dem wichtigsten deutschen Finanzpolitiker vor Matthias Erzberger (1875-1921) gar ein Spottgedicht über „Minister Hamster“ (Kladderadatsch 44, 1896, 57). Auch die konservativen Kandidaten „hamstern“ dank des Dreiklassenwahlrechts Mandate im preußischen Abgeordnetenhaus (Vorwärts 1901, Nr. 173 v. 27. Juli, 3). Das Wortfeld „Hamster/n“ stand damals für zu Unrecht Erworbenes, für ein Fehlverhalten gegenüber der Allgemeinheit. Um die Jahrhundertwende wurde es kritisch genutzt, forderte die Regierung und die herrschenden Klassen heraus: „Der Marder hat sein sich’res Haus, Der Hamster hat sein Essen; Nur euch verfolgt und stößt man aus, Nur ihr seid ganz vergessen“ (Hermann Lingg, Nachtstille, Vorwärts 1905, Nr. 141 v. 20. Juni, Unterhaltungsbeilage, 466). Das aber änderte sich langsam nach Beginn des Ersten Weltkrieges.

Brüche in der Rationierungsgesellschaft – Hamstern 1914 bis 1923

Das Wortfeld Hamster/n geriet während des Ersten Weltkrieges rasch in Fluss, erhielt zahlreiche neue, bis in die heutige Corona-Krise reichende Bedeutungsnuancen. Dabei überholte das Tätigkeitswort „Hamstern“ den Hamster.
Das Wortfeld wurde erstens auf den Lebensmittel- und Gütersektor verengt. Das geschah von 1914 bis 1916, zu Zeiten also, als Hamstern noch kein allgemein genutzter Alltagsbegriff war. Das Deutsche Kaiserreich mochte für den Ausbruch des Weltenbrandes ein gerütteltes Maß an Verantwortung tragen, doch vorbereitet war es für dieses Vabanquespiel nicht. Die frühen Maßnahmen zur Lebensmittelversorgung blieben allesamt moderat, noch bestand Siegeserwartung. Das Militär etablierte gesonderte Strukturen, das Land versorgte sich aus eigenen Beständen, während die urbanen Konsumenten nur langsam mit den strukturellen Problemen konfrontiert wurden, denn man besaß ja noch beträchtliche Vorräte in Lagern, Depots, Läden und den Haushalten. Die auch für das Zivilleben verantwortlichen Militärbefehlshaber etablierten ab August 1914 Höchstpreise für wichtige Güter. Eine allgemeine Rationierung gab es nicht, erst im Januar 1915 begann die Beschlagnahme und Verteilung von Getreide und Mehl, dann die Streckung des Brotes (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 239-251).

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Ungebührlicher Einkauf der Hamsterin im Ersten Weltkrieg (Ulk 45, 1916, Nr. 16, 5)

Angesichts der zu den Waffen gerufenen Männer standen insbesondere Konsumgüterproduzenten und -händler unter Druck, so dass zu Kriegsbeginn Konsum durchaus erwünscht war. Das Deutsche Reich war eine Konsumgesellschaft, Einkauf schon damals Bürgerpflicht. Das galt auch für die Arbeiter, die nun, wo das Vaterland in Gefahr war, endlich als „Deutsche“ anerkannt wurden. Gleichheit sollte auch im Konsumbereich herrschen, jeder auskömmlich versorgt werden. Der Ausrufung des Kriegszustandes folgte daher kein allgemeines „Hamstern“. Es waren vor allem bürgerliche Hausfrauen, die aus „Angstmeierei“ „ein Rennen in die Lebensmittelgeschäfte, ein planloses Einkaufen“ begannen (Luise Zietz, Können Hausfrauenvereine den Arbeiterfrauen nützlich sein?, Vorwärts 1915, Nr. 205 v. 27. Juli, 7). Der Hamster, genauer die Hamsterin, lebte in gesicherten Verhältnissen, wollte Vorsorge treffen, hatte dazu auch die Mittel. Haltbare und höherwertige Waren standen auf ihrer Einkaufsliste, Kaffee, Zucker, Mehl, Reis, auch Butter und Käse, nicht jedoch das seit dem späten 19. Jahrhundert verfügbare perforierte Toilettenpapier. Kritik kam insbesondere aus der arbeitenden unteren Mitte der Gesellschaft, durchaus noch im Einklang mit tradierten Vorstellungen von besitzenden Hamstern (Hamster, Mitteilungsblatt der Großeinkaufs-Gesellschaft 2, 1914, 38). Sie wurden denunziert, gewünscht, dass sie an ihren Vorräten ersticken – doch es schien sich anfangs um eine ärgerliche Petitesse zu handeln, nicht um ein dauerhaftes Massenphänomen. Die zugreifenden Bürgerinnen taten zudem ja nur das, was sie schon zuvor getan hatten: „Es wird viel über das ‚Hamstern‘ einzelner geschrieben, und die moralische Entrüstung darüber gehört zu den stehenden Klischees in den Zeitungen. Indessen will uns scheinen, daß moralische Entrüstung über den wirtschaftlichen Eigennutz des einzelnen in einer Gesellschaft sehr unangebracht ist, in der dieser Eigennutz die Haupttriebkraft bei jeder wirtschaftlichen Betätigung bildet“ (Die Zuckerfrage, Die Gleichheit 26, 1916, Nr. 17, 125-126, hier 126). Die Vertreter der Arbeiterbewegung forderten stattdessen seit 1915 eine möglichst umfassende und gerechte Rationierung, ihre Konsumgenossenschaften boten dafür eine organisatorische Blaupause.

In der Übergangszeit 1914-1916 finden sich weitere ausdifferenzierte Einschätzungen, wurde die Logik der „Vorversorgung“ (Josef Rieder, Die Hamsternatur des Menschen, Prometheus 17, 1916, 554-557, hier 555) durchaus anerkannt. Hamstern sei zwar moralisch grenzwertig, doch handele es sich eigentlich um ein sinnvolles Erbe vorindustrieller Mangelgesellschaften. Veränderte globale und nationale Handelsnetze, eine moderne Nahrungsmittelindustrie, ein leistungsfähiges Handelssystem und anders strukturierte, nicht mehr auf Vorratshaltung eingerichtete Häuser und Wohnungen hätten dies jedoch geändert. Dennoch sei Hamstern unklug, da moderne Zeiten durch Preismechanismen gekennzeichnet seien, ungebührliches Kaufen zu allgemeinen Preissteigerungen führe, der Markt also den Hamster bestrafen würde. Die Krise wurde damals auch als Chance für vermehrte Vorsorge verstanden: „Man wird nicht mehr sagen: man bekommt ja doch alles beim Kaufmann, sondern lieber vorbauen, denken: man kann nie wissen, wie es kommt.“ (Rieder, 1916, 557)

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Vorratskammer eines gutbürgerlichen Hamsters (Der wahre Jacob 33, 1916, 9008)

Hamstern, bis 1917 vielfach noch in Anführungszeichen geschrieben, wurde zweitens seit 1916 zum von bürgerlichen Konsumenten getragenen Massenphänomen. Grund hierfür war der wachsende Nahrungsmangel und die Etablierung eines allerdings lückenhaften Rationierungssystems. Im Mai 1916 wurden das Kriegsernährungsamt gegründet, Fleischkarten eingeführt, zugleich aber Höchstmengen für den häuslichen Vorrat beschlossen. Pro Kopf durften damals bis zu 2 kg Fleisch und Fleischwaren, 1 kg Schmalz und Speisefette, 1 kg Kaffee, 1 Pfd. Kakao, ein halbes Pfd. Tee, 2,5 kg Zucker, 1,5 kg Teigwaren, 10 frische und 100 konservierte Eier vorhanden sein (Gegen das Hamstern, Vorwärts 1916, Nr. 110 v. 20. April, 5). Derartige Maßregeln reagierten auf die seit Frühjahr 1916 immer stärkere Vorratshaltung städtischer bürgerlicher Konsumenten, die dem Rationierungssystem Nahrungsmittel entzog und inflationären Druck schuf. Schon 1915 begannen viele Städter, erst auf Wochenmärkten, dann auch in vielen ländlichen Geschäften frei verkäufliche Waren aufzukaufen: „Von früh an stand der Hamster Schar In meilenlanger Chaine Vor jedem Milch- und Wurstgeschäft Sich in den Bauch die Beene“ (Der wahre Jacob 33, 1916, 9139). Sie zahlten mehr als die Höchstpreise, veranlassten so viele Selbstversorger derartig profitable Geschäfte abzuschließen. Dagegen wurde anfangs moralisch argumentiert, etwa in einem Erlass des sächsischen Innenministeriums gegen die „Torheit des ‚Hamsterns‘, deren sich jeder denkende Staatsbürger schämen sollte, […]“ (Gegen die Lebensmittelhamsterei, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 9, 1916, 62). Gegenüber dem Bürgertum schien Repression anfangs jedoch nicht recht angemessen (Strünckmann, Die Furcht vor Unterernährung, Die Lebenskunst 11, 1916, 167-168; Das Hamstern, Vorwärts 1916, Nr. 105 v. 16. April, 6).

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Besitz als Zweck des vermenschlichten Tiers, sei er Hamster, sei er Frosch (Meggendorfer Blätter 105, 1916, 111)

Die moralische Diskreditierung wurde dennoch zunehmend von Strafandrohungen begleitet, Verstöße gegen die heimischen Vorratsbeschränkungen konnten mit Geld- und gar Gefängnisstrafen geahndet werden. Ab September 1916 mussten dann Betriebe, Institutionen, aber auch Haushalte ihre Vorräte offiziell angeben, falsche Angaben konnten strikt bestraft werden. Allerdings war der Kontrolldruck gering, entsprechend verpufften die Maßnahmen. Angesichts des nahenden „Steckrübenwinters“ intensivierte sich das Hamstern: „Der Städter begnügte sich nicht mehr damit, in seinen unmittelbaren Kaufbereich gelangte Ware aufzukaufen, er ging selbst auf die Dörfer, um den Erzeuger unmittelbar »anzugreifen«. Der übliche Sonntagsausflug wurde dazu benutzt. Doch ging man nicht nur selbst aufs Land, um für die eigene Familie einzukaufen. Nach allen Richtungen wurden Aufkäufer ausgeschickt. So entwickelte sich ein regelrechter »Hamsterhandel«. Man überbot sich gegenseitig und trieb die Preise in die Höhe. Bei der Jagd um die Ware kam es nicht selten zu häßlichen Auftritten, deren Folgen (Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Beamtenbeleidigungen) nachher die Strafgerichte beschäftigten“ (August Skalweit, Die deutsche Kriegsernährungswirtschaft, Stuttgart et al. 1927, 219). Bis Ende 1916 wurden behördliche Maßnahmen gegen das Hamstern von Sozialdemokraten unterstützt, denn dies entsprach ihrer tradierten Kritik der bourgeoisen Hamster. Noch 1922 galt ihnen der Hamster als „der Retter und Erhalter des Bürgertums in den Tagen der Rationierung“ (Der wahre Jacob 39, 1922, 10598). Sie begrüßten daher auch die ab Herbst 1916 intensivierten Kontrollen an Bahnhöfen oder Kontrollstellen, die zu Strafen und zur Konfiszierung des Hamstergutes führten (Eine recht fatale Ueberraschung, Vorwärts 1916, Nr. 31 v. 13. November, 4). Sie waren vorrangig Folge einer veränderten Lage auf dem Lande. Während die zahlungskräftigen Städter anfangs gern gesehene Käufer waren, wurde ihr immer massenhafteres und drängenderes Auftreten zunehmend zur Plage. Es blieb nämlich nicht nur bei illegalen Einkäufen, sondern auch die Zahl der Diebstähle auf Feldern und Höfen nahm massiv zu.

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Die Wehrhaftmachung des Landes gegen die Hamster (Fliegende Blätter 149, 1918, 9)

Die verstärkte Kontrolle des Hamsters wurde in den unter Zensur stehenden Zeitschriften zumeist begrüßt. Doch angesichts der Hungerkrise des Frühjahrs 1917 weitete sich das Hamstern massiv aus, da nun auch weite Teile der Arbeiterschaft aktiv wurden. Das führte drittens zu einem wachsenden Verständnis für das Hamstern: Not kennt kein Gebot – und angesichts elementaren Hungers und eines ineffizienten Rationierungssystems handelte es sich um Selbsthilfe, um eine Art von Mundraub (Anne Roerkohl, Hungerblockade und Heimatfront. Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkrieges, Stuttgart 1991, 261-286). Hamstern galt zunehmend als eine große „Zeitsünde“ (Meggendorfer Blätter 107, 1916, 150), die zu beichten sei, von der man in „diesen Tagen, da selbst die innerlich Gefestigten der Hamsterei verfallen“ (Zeichen der Zeit, Der wahre Jacob 34, 1917, 9207) jedoch nicht recht lassen konnte.

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Heuchelei als Alltagsphänomen (Fliegende Blätter 147, 1917, 162)

Die Appelle an das Gemeinwohl der eisernen Nation ertönten weiterhin: „Auch der Verbraucher stellt sein eigenes persönliches Wohlergehen hinter das Gesamtwohl; mehr als bisher ist ihm im dritten Kriegsjahr bewußt, daß es sich nicht allein um sein kleines Ich, sondern um die Gesamtheit handelt“ (Die Kriegsernährungs-Wirtschaft 1917, hg. v. Kriegsernährungsamt, Berlin 1917, 72). Die Geltung der Verordnungen wurde propagiert, doch auch amtlich ein gewisser lebenspraktischer Pragmatismus empfohlen: Im Heim „muß der gesunde Menschenverstand die Verordnungen ersetzen, der Verbraucher muß, soweit die Regelung der Behörde fehlt, sein eigener Gesetzgeber sein. Sparsamkeit ist eine der Hauptpflichten der Verbraucher, aber nicht die falsche ‚Sparsamkeit‘, für die man im Kriege den Ausdruck: ‚Hamstern‘ geprägt hat. Es ist freilich unmöglich, diese Kriegserscheinung mit Strafen und Verboten auszurotten. Um so mehr muß der Einzelne sein Gewissen schärfen und sich selbst sagen, wo die in der Kriegszeit angemessene Versorgung mit Vorräten aufhört und wo das Hamstern beginnt“ (Kriegsernährungs-Wirtschaft, 1917, 73). Die Handlungsfähigkeit der Heimatfront war zentral, Ehrlichkeit und moralische Integrität würden das Hamstern schon in engen Bahnen halten. Zahlreiche Broschüren unterfütterten derartigen Pragmatismus ([Ernst] Bräuer, Wie esse ich mich satt trotz der Kriegszeit und ohne Hamsterei? Ein Ratschlag für den Großstädter, wie er mit den gebotenen Lebensmitteln auskommen kann, Berlin 1917). Dies ging einher mit einer zunehmend breiteren Definition des Hamsters. Es gab nicht nur den bürgerlichen Angst- und Vielfraßhamster sowie den allseits anzutreffenden Heuchelhamster. Händler wurden zu Reisehamstern, Bauern zu Landhamstern, Offizielle zu Gemeinde- und Reichshamstern. In der Not rafften alle zusammen, waren auf ihren Vorteil bedacht (Kategorien nach Der Kriegshamster, Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 10, 1917, 4). Das führte zu wechselseitiger augenzwinkender Nachsicht, denn irgendwie schien jeder zu hamstern.

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Hamsterinnen bei der Rückkehr (Die Woche 21, 1919, 636)

Besondere Bedeutung gewannen ab 1917 die Hungernden in Städten und Industriebezirken: „Aber was sollen sie denn machen? Mit ein paar Gramm Butter und den paar Pfund Kartoffeln, die sie als Wochenration beziehen, damit können sie beim besten Willen nicht auskommen. Also zieht man aus, allein oder in geschlossenen Familientrupps, mit Ruck- und andern Säcken, mit Taschen jeder Art und Größe bewaffnet. Das Eisenbahnabteil gleicht zwar einer vollgepfropften Sardinenbüchse, doch das schreckt nicht ab, locken doch die wunderbarsten eßbaren Dinge nach überstandener Schreckensfahrt. Das Auge sieht im Geiste Speck und Schinken, Butter, Eier und Kartoffeln gleich der lieblichsten Fata Morgana vorüberziehen“ (Hamsters Freuden und Leiden, Hannoversche Hausfrau 14, 1917, Nr. 38, 7). Angesichts von Not und Hunger schienen kriminelle Handlungen durchaus gerechtfertigt, etwa die viel beklagten Felddiebstähle. Ruth von der Leyen (1888-1935), damals Leiterin der Berliner Jugendgerichtshilfe und später Propagandistin der Psychopathenfürsorge, schrieb mitfühlend: „Man rückt aus der Stadt aus, weil man hungern muß und geht aufs Feld und nimmt sich, was man findet. Die Mutter schickt ihren Jungen ‚hamstern‘, weil sie das Hungern der Kinder nicht mehr mit ansehen kann und weil Kartoffeln doch wenigstens satt machen. Was soll die Mutter auch zu Sommers Anfang tun, wenn es weder Brot noch Kartoffeln noch Gemüse in einigermaßen ausreichender Menge gibt? Kann man es einer Mutter verargen, wenn es ihr dann gleichgültig ist, wo Gemüse und Kartoffeln herkommen, wenn sie nur etwas hat, um sich und die Familie satt zu machen?“ (Die englische Hungerblockade in ihren Wirkungen auf Kriminalität und Verwahrlosung Jugendlicher, in: Max Rubmann (Hg.), Hunger! Wirkungen moderner Kriegsmethoden, Berlin 1919, 37-47, hier 40). Generell nahm gegen Kriegsende der Kontrolldruck auf die kleinen Hamster wieder ab, machten Gerüchte die Runde, dass sie nicht mehr scharf belangt werden würden („Schutz der kleinen Hamsterer.“, Metallarbeiter-Zeitung 36, 1918, 104). Offiziell handelten die Behörden anders, verwiesen auf die immer wieder verschärften Strafandrohungen. Informell aber handelten sie pragmatisch, auch, weil die Bediensteten selbst Hunger hatten.

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Kontrolle von Hamstern an einer Bahnsperre (Die Woche 21, 1919, 636)

Diese relative Lockerung hatte jedoch noch eine andere Ursache. Viertens begannen kriegswichtige Industriebetriebe und auch viele Kommunen spätestens 1916/17 mit dem Hamstern (Skalweit, 1927, 220). Zur Versorgung ihrer Belegschaften und ihrer Bürger kauften sie nicht nur in großem Maße Nahrungsmittel und Brennmaterial ein, sondern überboten die Höchstpreise und trieben damit die Preise weiter in die Höhe. Damit unterminierten sie das unzureichende Rationierungssystem, zumal individuelle Hamsterfahrten geduldet und unterstützt wurden, um Streiks, Krankfeiern und Bummeln zu minimieren. Dem rigiden Hilfsdienstgesetz von 1916 zum Trotz legten zahlreiche Betriebe gar Feierschichten ein, um Landpartien zu ermöglichen, gewährten ihren Beschäftigten teilweise Geldzuschüsse zum Hamstern (Bekämpfung der Schleichversorgung, Beiträge zur Kommunalen Kriegswirtschaft 3, 1918, 7). Sarkastisch hieß es: „Wie schön sich alles entwickelt doch! Das Hamstern, das wird zur Tugend noch!“ (Der wahre Jacob 34, 1917, 9379).

Der rasche Siegeszug des Hamsterns geriet in einer Konkurrenzwirtschaft dadurch an Grenzen. Denn zwischen die kleinen und die großen Hamster etablierte sich seit 1916 der sog. Schleichhandel. Aufkaufspezialisten professionalisierten die Beschaffungsarbeit der Einzelnen, waren zugleich flexibler als die Großbetriebe und Kommunen. Sie waren illegal und zugleich doch eine vielfach notwendige und anfangs auch informell geduldete Antwort auf Unterernährung und Hunger. Spätestens 1917 besaßen Schleichhändler beträchtliche Marktanteile, wurden öffentlich aber immer stärker zum Synonym für „verbrecherische Umtriebe“ und die „furchtbare Lebensmittelnot“ (Der Schleichhandel – die Volksgefahr!, Vorwärts 1917, Nr. 344 v. 16. Dezember, 1-2, hier 1). Hamstern, Schleichhandel, Kettenhandel und Wucher wurden vermengt (Hamsterkongreß 1917, Kladderadatsch 70, 1917, 612), galten fünftens als Ausdruck einer sich im Inneren auflösenden Heimatfront. Während gegen Kriegsende das Hamstern der Vielen begrenzt geduldet, das Hamstern der Großen deutlich zurückgeführt wurde, geriet der Schleichhandel ins Zentrum der Strafverfolgung – obwohl er objektiv eine professionellere und effizientere Form des Hamsterns war.

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Tötungsfantasien: Hamsterjagd 1916 (Der wahre Jacob 33, 1916, 9029)

Die Folge war eine bis 1924 reichende in sich widersprüchliche Debatte. Während informelle Nahrungsbeschaffung während der Rationierung, der Zwangswirtschaft und auch der Hyperinflation für breite Bevölkerungskreise notwendig und für viele „Schieber“, „Schleichhändler“ und „Wucherer“ profitabel war, wurde der gesamte informelle Sektor zunehmend verdammt und galt insbesondere bei rechts- und linksextremen Gruppen sechstens als Ausdruck einer verrotteten Republik: „Wie ein fressendes Gift, das sich tiefer und tiefer einätzt, haben sich Schleichhandel und Hamsterei leider auch in unserer Stadt und Provinz, die ja immer als eine wohlhabende gilt, eingenistet, und wie ein Krebsgeschwür nagt beides an unserer Volksernährung“ (Die leidige Hamsterfrage in Hannover, Hannoversche Hausfrau 15, 1918, Nr. 21, 1). Obwohl in diesem Artikel beherzt für die kleinen, nur ihren Grundbedarf deckenden Hamster eingetreten wurde, waren in ihm doch wesentliche Zerrbilder angelegt, die den Hamster als zersetzende Kraft deuteten: „Freimaurern gleich ist unter dem Hamstervolke das Wissen und die Kenntnis verbreitet, wo es etwas zu holen gibt, wo die ländlichen Verkäufer sich den Lockungen der ihnen verführerisch vor die Augen gehaltenen Kassenscheine gegenüber widerstandsfähig zeigen oder nicht; wo eine Hamsterfahrt sich lohnt, und wo man vergebens fährt“ (Hamsterfrage, 1918).

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Hamster, Schieber, Schleichhändler in einer Person (Fliegende Blätter 154, 1921, 71)

Der Hamster, so schien es, wirke untergründig, sei verschlagen, nur auf seinen Vorteil versessen, sein Treiben streue „das Gift der Heimlichkeiten, des Mißtrauens und des Argwohns“ zwischen die Menschen (Auf Schleichwegen, Hannoversche Hausfrau 15, 1918, Nr. 28, 1). Gerade während des Abwehrkampfes um die Republik 1919/20 knüpften Spartakisten und Kommunisten wieder an die antikapitalistischen Vorkriegsdeutungen des Hamsters an, während auf der nationalistischen und völkischen Seite der Republikfeinde Hamster, Schieber und Wucherer zu Negativfiguren antisemitischen Denkens mutierten (Auf der Höhe der Zeit, Kladderadatsch 73, 1920, 174). Derweil wurde weiter gehamstert. Die Nennungen erreichten 1919 einen Höhepunkt, nahmen mit der Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung dann jedoch ab. Während der Inflation verlagerte sich die Debatte zuerst auf das Hamstern von Sachwerten (Der wahre Jacob 38, 1921, 10238), doch im Krisen- und Hungerjahr 1923 führte das Nahrungs- und Kohlehamstern von Händlern und Institutionen zu massiven öffentlichen Protesten und zahlreichen gewalttätigen Krawallen (Die rücksichtslose Brothamsterei 1923, Vossische Zeitung 1923, Nr. 501 v. 23. Oktober). Individuelles Hamstern war zwar rechtlich inkriminiert, wurde aber vielfach geduldet.

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Positive Verwendung des Hamsters in der Sekt-Werbung (Lustige Blätter 33, 1918, Nr. 28, s.p.)

Fasst man die Wandlungen des Wortfeldes Hamster/Hamstern während des Jahrzehnts der Ernährungskrise 1914-1923 zusammen, so verbreitete sich dieses beträchtlich, obwohl es sich auf den Lebensmittel- und Gütersektor verengte. Der Hamster war eine denunziatorische Figur, zugleich ein um sein Überleben ringendes Wesen. Er erschien bürgerlich schaffend, auf Ordnung zielend, zugleich aber als asozial und egomanisch. Der Nager diente als antibürgerliche Antigeneralisierung der Schwachen gegen eine ungerechte und inkompetente Herrschaft. Er erlaubte die Vertierung von Verteilungskonflikten zwischen Menschen, stand als Schädling außerhalb gängiger Rechtsnormen. Entsprechend bündelte der Begriff Tötungs- und Vernichtungsfantasien, legitimierte brutale Gewalt. Er entgrenzte den wirtschaftlichen, aber auch politischen Kampf, konnte doch sein „Bau“, sein Heim, nicht unbehelligt bleiben. Beliebig füllbar war das Wortfeld projektionsoffen. Der Hamster stand für Selbstbehauptung gegen den Maßnahmenstaat, bot diesem aber auch eine perfekte Angriffsfläche. Wenn alle hamsterten, war jeder angreifbar.

Der Hamster als Volksschädling während der NS-Herrschaft

Übergehen wir in diesem gegenwartsgetriebenen kurzen Rückblick die stete Kritik an Schiebern, Raffkes und Hamstern, die seit den späten 1920er Jahre vor allem die Agitation der KPD und NSDAP prägte und auch zu gewalttätigen Übergriffen führte. Die antisemitische Aufladung nahm deutlich zu, die positiven Aspekte des Hamsterdaseins fielen dagegen kaum noch ins Gewicht. Besitz und Wohlleben konnten doch keine veritablen Ziele sein, wenn man für Rasse und Klasse marschieren, skandieren und schlagen konnte (Der wahre Jacob 49, 1928, Nr. 6, 14).

Der Hamster verschwand daher nicht nach der Machtzulassung der Nationalsozialisten und ihrer deutschnationalen Bundesgenossen. Dazu war er als Agitationsbegriff gegen besitzende Minderheiten und vermeint Asoziale viel zu nützlich. Zudem änderten sich mit dem schon während der Zeit der Präsidialkabinette begonnenen Umbau der Landwirtschaft, des Güterabsatzes und der Außenwirtschaft die Regeln für wirtschaftliches Handeln und auch den Einkauf tiefgreifend. Im September 1933 wurde der Reichsnährstand etabliert, im Februar 1934 seine Aufgaben präzisiert (Spiekermann, 2018, 366-369). Es folgten festgesetzte Preise, vermeintlich „gerechte“ Handelsspannen, strikte Regulierungen von Erzeugung und Absatz. Marktmechanismen wurden damit auf breiter Front außer Kraft gesetzt. Graue und schwarze Märkte entstanden, getragen von vielen „Schiebern“, „Wucherern“, „Schleichhändlern“ und „Hamstern“.

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Der Hamster als Volksschädling (Kladderadatsch 90, 1937, 23)

Trotz des vermeintlichen nationalen Aufbruchs gab es nämlich beträchtliche Versorgungsprobleme, insbesondere im von Devisenzahlungen stark abhängigen Fettsektor. Die Versorgung mit Butter und Margarine war prekär, schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Kundenlisten und Bezugsscheine. Die Volksgenossen sorgten sich: „So gings im Kriege los; bald kommen die Brotkarten“ (Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 4, 1937, ND Salzhausen und Frankfurt a.M. 1980, 47). Doch die Propaganda des Regimes und eine unter Zensur stehende und zugleich willfährige Presse hielten mit Beruhigungen, Zwangsmaßnahmen und Antigeneralisierungen gegen. Der Hamster erschien immer wieder als „Volksschädling“, der die Aufbauarbeit des Regimes untergrub (Hamsterbekämpfung, Kladderadatsch 87, 1934, 741): „Fragt dich ein Hamsterer erschreckt: ‚Hast du dich auch schon eingedeckt?‘, Wirf ihn hinaus, den blöden Schuft; ‚Eindecker‘ setzt man an die Luft!“ (Zeitgemäßer Rat, Kladderadatsch 87, 1934, 751).

Der Hamster hatte bedrohliche Züge, war zugleich aber ein nützliches Element in der Brechung von Widerstand im Versorgungssektor. Er wurde antisemitisch, aber auch antikapitalistisch aufgeladen. Die Nationalsozialisten führten also nicht nur ihre eigene Agitation der Weimarer Zeit und der Präsidialkabinette fort. Sie koppelten sie vielmehr mit tradierten Bedeutungsebenen, die sich gegen den raffenden Kapitalisten und den vom Volk sich absentierenden Bürger richteten. Reih Dich ein in des Volkes Einheitsfront, weil Du selbst ein Deutscher bist. Das war wichtig zur Durchsetzung der NS-Herrschaft gegenüber konservativ-besitzbürgerlichen Schichten, ebnete aber auch den Weg für Maßnahmen gegen Juden und vermeintlich Asoziale. Der Hamster wirkte gemeinschaftsbildend, war selbst jedoch gemeinschaftsfremd, war entsprechend auszustoßen und zu bekämpfen (Hier spricht Frau Raffke (Eine kleine Hamster-Biesterei), Kladderadatsch 88, 1935, 640). Bemerkenswert ist auch die vermehrte Verwendung von antisemitisch aufgeladenen Hamsterbildern nach der Reichspogromnacht 1938, die zur Rechtfertigung der offen rechtswidrigen Aktionen des NS-Staates dienten (Die Träne quillt, Kladderadatsch 91, 1938, 338; Kladderadatsch 92, 1939, 724). Schließlich aber diente die Figur des Hamsters zur Stärkung einer spezifisch deutschen Moral, einer rassistisch begründeten Ehre. Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink (1902-1999) forderte von den haushaltführenden Frauen Unterstützung für die Konsumpolitik des NS-Regimes und fuhr fort: „Ebensowenig werden wir das Schauspiel mangelnder Volksgemeinschaft bieten, indem wir durch Hamstern und Angstkäufe eine vorübergehende und geringe Knappheit zu einer krisenmäßigen Erscheinung werden lassen, bei der immer die ärmeren Volksgenossen die Hauptleidtragenden sein würden“ (Ernährungs-Dienst, Folge 8, 1935, 1). Nicht zu Hamstern wurde zur sozialen Tat, war Sorge der Besitzenden für die Besitzlosen, der Starken für die Schwächeren.

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Tod dem Hamster – zumindest offiziell (Fliegende Blätter 197, 1942, 195)

Derartige Appelle an Integrität und Ehrbarkeit wurden vor und während des Krieges jedoch häufig mit strikten Strafandrohungen sowie Vernichtungsfantasien gekoppelt. Nachrichten über die massenhafte Tötung von Feldhamstern wurden beifällig kommentiert: „Bravo, ihr Bauern und Landwirte! Macht auch künftig alle Hamsterer rücksichtlos dingfest!“ (Kladderadatsch 95, 1942, 943). Der Hamster, so in einer der zeittypischen „humoristischen“ Glossen, sollte eigentlich in „Zuchthäusler“ umbenannt werden (Kladderadatsch 95, 1942, 324). Doch dies war auch Reaktion auf die nach Kriegsbeginn rasch zunehmenden Hamsterfahrten, teils individuell, teils durch Zwischenhändler. Eier, Geflügel, Fleisch und Butter standen auf der Liste der Begehrlichkeiten, bezahlt aber wurde vielfach nicht mit Geld, sondern mit Sachwerten, etwa Seife oder aber Benzin (Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, hg. v. Heinz Boberach, Bd. 3, Herrsching 1984, 462). Anders als während des Ersten Weltkrieges begann der NS-Staat seit Kriegsbeginn, Hamstern und Schleichhandel systematisch zu diskreditieren, ihre Träger als „Lumpen“, als Gemeinschaftsfremde auszugrenzen: „Es geht nicht an, daß einzelne Volkskreise ohne sachlichen Grund lediglich dank verwandtschaftlicher Beziehungen oder vielleicht auch eines besonders leistungsfähigen Geldbeutels besser gestellt werden und dadurch die Ablieferungsmengen der landwirtschaftlichen Betriebe der Gesamtversorgung entzogen werden. Im Weltkrieg hat die hemmungslose Ausdehnung dieses Hamsterbetriebes neben der falschen Erzeugungspolitik mit dazu geführt, daß die ordnungsgemäßen Zuteilungen immer geringer wurden und eine auskömmliche Ernährung nicht mehr zuließen“ (Gustav Behrens, Erzeugungsschlacht 1940, Der Vierjahresplan 4, 1940, 8-10, hier 8). Die vom Herbst 1941 bis Frühjahr 1942 durchgeführte Kampagne um „Herrn Bramsig und Frau Knöterich“ zielte entsprechend auf wohlsituierte Spießer, die sich nicht in die Volksgemeinschaft eingliedern wollten. Neid auf andere, mit besseren Kontakten, mit mehr Möglichkeiten, war und ist ein wichtiger Grund für die Wirksamkeit einschlägiger Hamsterimaginationen.

Und doch, die NS-Verantwortlichen hatten aus dem Versorgungsdesaster des Ersten Weltkrieges gelernt. Schon vor Kriegsbeginn startete eine umfassende Rationierung, die die Grundbedürfnisse im Wesentlichen sicherte und durch die massiven Entnahmen aus eroberten Staaten während des Krieges weiter stabilisiert wurde. Wichtig war vor allem die Einbindung der Bauern und Selbstversorger in das Rationierungssystem. Diese hatten strikte Ablieferungspflichten und verfügten über deutlich weniger Handelsgüter als im Ersten Weltkrieg. Während offiziell das Hamstern strikt untersagt war und harte Strafen galten, war eine gewisse Selbstversorgung der Konsumenten durchaus möglich. Ein von Adolf Hitler (1889-1945) autorisiertes Rundschreiben des Leiters der Parteikanzlei, Martin Bormann (1900-1945), betonte 1943: „Volksgenossen, die sich in begrenztem Umfange Lebensmittel, die nicht der Bewirtschaftung unterliegen, verschaffen, seien nicht durch kleinliche Polizeikontrolle zu ärgern“ (zit. n. Gustavo Corni und Horst Gies, Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 571).

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Das viele wenig: Hamstern von Futtermitteln humoristisch-didaktisch (Fliegende Blätter 200, 1944, 135)

All dies stabilisierte die Lebensmittelversorgung. Man sollte allerdings nicht aus dem Blick verlieren, dass Hamstern während der 1936 massiv einsetzenden kriegsvorbereitenden Vorratswirtschaft eine staatliche Tugend war und die vielfach korrupten Eliten des NS-Staates ihren Lebensstandard während des Krieges auch illegal bewahrten (Lothar Gruchmann, Korruption im Dritten Reich. Die „Lebensmittelversorgung“ der NS-Führerschaft, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 42, 1994, 571-593). Graue und schwarze Märkte – im kollektiven Gedächtnis meist der Nachkriegszeit zugeordnet – nahmen während des Krieges deutlich zu. Neue Formen des Tauschhandels entwickelten sich, halfen Beschaffungsprobleme in einer Befehlswirtschaft zu mindern. Derartige Koppelungskäufe konnten durch drakonische Strafen und eine eigens eingerichtete Ehrengerichtsbarkeit nicht verhindert werden (Ehrrühriger Tauschhandel, Der deutsche Volkswirt 16, 1941/42, 526-527), denn auch urbane Verbraucher tauschten in ihrem Umfeld vielfach Waren, hamsterten sie zur Notbevorratung. Die Bäume und Mauern vieler Städte waren Ende 1942 trotz Verboten derartig mit Tauschzetteln beklebt, dass dies als Verschandelung gewertet wurde (Gebrauchtwarentauschstellen, Die Deutsche Volkswirtschaft 12, 1943, 668). Doch auch hier regierte das NS-System flexibel, erlaubte offizielle Gebrauchtwarentauschstellen zur „Mobilisierung ungenutzter Werte“ (Tauschstellen des Handels, Die Deutsche Volkswirtschaft 12, 1943, 1054-1055, hier 1054).

Das „Hamstern“ vieler Privatpersonen blieb ein zentrales Problem der Heimatfront, lockten angesichts der geltenden Festpreise doch hohe Gewinne (Blick in den Keller, Frankfurter Zeitung 87, 1943, Nr. 385/386 v. 31.07., 3). Bezeichnend war etwa der inkriminierte Fall eines Schuhwarengeschäftes im niedersächsischen Landkreis Bersenbrück, dessen Bearbeitung sich über mehr als ein halbes Jahr hinzog, da die beschlagnahmten Güter von lokalen Handlungsträgern eigenmächtig weiterverteilt worden waren (Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 430, Dez. 106, acc. 15/65, Nr. 319, Bd. 1 und Bd. 2). Allein die relative Effizienz der Grundversorgung und die zunehmend härtere, letztlich aber nur punktuell umgesetzte Bestrafung bei Preisvergehen und Schwarzhandel hielt die Schattenwirtschaft während Krieges in systemstabilen, teils auch systemstabilisierenden Grenzen (Die neue Verbrauchsregelungs-Strafverordnung, DHR 35, 1942, 34-35). Zudem garantierte bis zur totalen Niederlage 1945 der „deutsche“ Handel bis zur Selbstaufgabe die Versorgung in der Volksgemeinschaft (Uwe Spiekermann, L’approvisionnement dans la Communauté du peuple. Approches du commerce »allemand« pendant la période national-socialiste, Le Mouvement Social 206, 2004, 79–114). Grauen und schwarzen Märkten zum Trotz, und entgegen dem vielfach üblichen Tauschhandel und Hamstern, sicherte er den Absatz der rationierten Waren. Das galt auch während der folgenden Besatzungszeit, die zu einer massiven Ausweitung des Hamsterns unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen führte.

Hamstern als unwillig geduldete Selbsthilfe nach dem Zweiten Weltkrieg

Hamstern ist in der heutigen Öffentlichkeit wohl am stärksten mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Das hat vor allem mit gängigen Geschichtsnarrativen zu tun, die die Selbstbehauptung von Abermillionen von Deutschen als Teil des Neubeginns, als Bruch mit dem NS-Regime und als Beginn des doppelten Wirtschaftswunders in West- und Ostdeutschland interpretieren. Damit verbunden ist eine grundsätzlich positive Deutung des Hamsterns, symbolisiert etwa im Begriff des „Fringsens“, also der vermeintlichen Billigung des Diebstahls von Kohle und Lebensmitteln für den Eigenbedarf durch den Kölner Kardinal Josef Frings (1887-1976). Frings hatte in seiner Silvesterpredigt 1946 zwar anderes gesagt, doch das kümmerte weder damals noch heute.

Faktisch war das Hamstern nach 1945 eine Wiederkehr der Situation von 1916 bis 1919. Angesichts einer von den Besatzungsmächten nur mit großen Mühen und Opfern gerade für ihre eigene Bevölkerung aufrechterhaltenen, jedoch gänzlich unzureichenden Grundversorgung war Selbsthilfe erforderlich, wollte man nicht ehrlich sterben. Insbesondere während des Hungerwinters 1946/47 lagen die Rationen mit teils unter 1.000 Kilokalorien pro Tag und Kopf weiter unterhalb der lebensnotwendigen Margen – und hinzu kam ein massiver Mangel an Kohle: „‚Hamstern‘ auf dem Land wurde zur Überlebensfrage. Dies war vor allem die Aufgabe von Frauen, die auf kilometerlangen Märschen nicht selten ihr letztes Hab und Gut gegen Lebensmittel eintauschten“ (Das Neue Köln 1945-1995, hg. v. Werner Schäfke und Rita Wagner, 2. Aufl., Köln 1995, 496).

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Grenzen des Hamsterns für die städtische Bevölkerung (Der Simpl 2, 1947, 236)

Derartige Aussagen sind richtig und falsch zugleich. Der Schwerpunkt des Wareneinkaufs und auch der informellen Wirtschaft fand in den Städten statt, bei offiziellen Händlern, auf grauen und vor allem schwarzen Märkten (Malte Zierenberg, Berlin‘s Black Market, 1939-1950, Houndmills und Basingstoke 2015). Der viel geschmähte Schleichhandel war ein wichtiges und unverzichtbares Brückenelement. Frauen dominierten, wie im Ersten Weltkrieg, das Hamstern, doch dies war notwendig angesichts der massiven Zahlen gefallener Soldaten und millionenfacher Kriegsgefangenschaft. Wie im Ersten Weltkrieg wurde von den Behörden der Mangel mit einer immensen Zahl von Verordnungen reguliert, zumal die Strukturen des Reichsnährstandes erst einmal weiterbestanden. Angesichts des realen Mangels verpufften diese jedoch. Die moralische Diskreditierung blieb bestehen, wiederum stärker bei Schleichhändlern, Schiebern und Wucherern. Die neuen Machthaber setzen dabei die Kommunikation der alten im Wesentlichen fort. In der Sowjetischen Besatzungszone wurde beispielsweise festgestellt, „daß in den ländlichen Gegenden eine große Anzahl von Käufern erscheinen, die landwirtschaftliche Produkte auf den Höfen der Bauern zu Spekulationszwecken einkaufen. Die Spekulanten nutzen das Fehlen einer Kontrolle seitens der örtlichen behördlichen Organe aus und kaufen Getreide, Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, Milch, Eier bei Bauern ein, die ihre Pflichtablieferung nicht erfüllt haben; dies trifft insbesondere auf Milch zu. Diese Tatsache führt zu einer Nichterfüllung der Pflichtablieferung und zum Ankauf von Milch, Gemüse und anderen Produkten durch Spekulanten, die sich dabei bereichern“ (Verbot des Ankaufs landwirtschaftlicher Produkte vom Hof des Bauern, Die Versorgung 1, 1946/47, 60). Nachfolgende Enteignungen und die Verstaatlichung vieler Bauernhöfe schlossen sich an, nutzten die Lage ideologiekonform. Dennoch gab es einen wichtigen Unterschied zu den Jahren 1916 bis 1919: Die Besatzungsbehörden waren Vertreter der früheren Feinde, denen die Mehrzahl der Bevölkerung als vermeintliches Opfer von Willkür und imaginiertem Vernichtungswillen gegenüberstand. Hamstern wurde daher deutlich rascher als zuvor zum Alltagsphänomen, stand man doch anfangs keiner deutschen Obrigkeit gegenüber.

Die Mehrzahl der Deutschen knüpfte zugleich an die an sich berechtigten Argumente an, die schon im Ersten Weltkrieg genutzt wurden: „Man sollte vorsichtig verfahren bei jeglicher moralischer Diffamierung. Sie hat sonst nur Heuchelei zur Folge und vermehrt das Maß an Unaufrichtigkeit, an dem das soziale und wirtschaftliche Dasein ohnehin krankt. […] Die stirnrunzelnde Mißbilligung des Tuns von Menschen, die sich innerhalb der bescheidenen Grenzen der heutigen Rationen ein wenig satter essen möchten, ist auch wirkungslos und vermindert die Autorität. Man begnüge sich mit der lapidaren Sprache des Gesetzes und unterlasse es zu moralisieren.“ (Hamsterfahren, Wirtschaftszeitung 1947, Nr. 20 v. 16. Mai, 3). Eine weitere Besonderheit dieser Zeit war, dass die gehamsterten Waren angesichts der deutlich wichtigeren Schwarzmärkte nicht nur konsumiert wurden, sondern als Tauschgüter dienten (Antonia Humm, Die Ernährungskrise in Berlin zwischen 1945 und 1949, in: Vom Berliner Stadtgut zum Freilichtmuseum, Berlin 1997, 109-129, insb. 122-123).

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Glück und Leid eines Hamsters (Der Simpl 1, 1946, Nr. 7, 88)

Das Hamstern wurde bekämpft, mit gewissem Augenmaß jedoch auch geduldet. Informelle Märkte etablierten sich, waren funktional zur Überwindung einer existenziell bedrohlichen Versorgungslage. Sie war verbunden mit massiven gesellschaftlichen Verwerfungen, denn Zurückhaltung und Rücksicht auf Alte, Kranke und Schwache war nicht üblich. Mit der Verbesserung der Versorgungslage wurde das Hamstern weiter entkriminalisiert, erschien gar folkloristisch-fröhlich. Festzuhalten ist, dass es bis weit in die frühen 1950er Jahre in abebbendem Umfang weiterbestand. Auch die „Wirtschaftswunderzeit“ war ja bis weit in die 1960er Jahre durch umfangreiche graue Märkte gekennzeichnet. Der Hamster stand im Westen für einen Neubeginn aus eigener Kraft, auch wenn Millionen nur dank der beherzten Hilfe der früheren Feinde überlebten. Er ist Teil des Mythos vom Bruch mit dem Nationalsozialismus, ähnlich wie bei vielen „Trümmerfrauen“. Doch hier geht es nicht um Dekonstruktion bestehender Geschichtsbilder, sondern um die Figur des Hamsters. Sie wurde in dieser Nachkriegszeit zu etwas anderem, etwas Eigenem, etwas durchaus Positivem.

Das Fortleben des Hamsters in der DDR

Das galt allerdings vorwiegend im Westen Deutschlands. In der DDR blieb der Hamster bis weit in die 1960er Jahre hinein eine Alltagsfigur. Die kommunistischen Machthaber knüpften unmittelbar an die Narrative der Sozialdemokraten des späten 19. Jahrhunderts und der KPD während der Weimarer Republik an. Der Hamster war nicht Teil des Volkes, des Kollektivs der Bauern und Werktätigen. Er war vielmehr ein kapitalistischer Egomane, ein Spekulant, der das Aufbauwerk des Sozialismus unterminierte.

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Die Hamsterin als Negativfigur in der DDR (Der Handel 5, 1955, Nr. 7, 8)

Die Bildsprache einschlägiger Karikaturen knüpfte an die des NS-Staates an, diente der moralischen Diskreditierung des Hamsters als Agenten des Westens, als Kollektivfremden. Harte Strafen galten, wurden symbolisch auch ausgesprochen. Wie zuvor dominierte jedoch eher das Horten und Tauschen von Waren – zumal es der DDR ja rasch gelang, die Grundversorgung zu sichern. Die sozialistische Planwirtschaft mit ihrer massiven Begrenzung des Preismechanismus gelang es jedoch nicht, das kleine und vor allem das große Hamstern der Betriebe zu beenden, verstärkte es gar. Die DDR-Mangelgesellschaft blieb eine Hamstergesellschaft – und das war eine Ursache für ihren wirtschaftlichen Kollaps.

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Folgen des Hamsterns in der Karikatur (Handelswoche 6, 1961, Nr. 34, 5)

Öffentlich wurde mit den Mängeln des Plans und der daher erforderlichen Findigkeit und Flexibilität der Bürger immer wieder kokettiert. Doch angesichts regelmäßiger Versorgungsprobleme bei den tausend kleinen Dingen blieben Hamsterkäufe und Tauschwirtschaft üblich, prägten den Alltag.

Im Westen war dies anders, denn dort übernahm der Handel zunehmend die Rolle der Vorratswirtschaft – und darauf vertrauten die meisten Westdeutschen. Hamstern erschien als eine Reminiszenz an vergangene und überwundene Zeiten. Das gilt, trotz vermehrter Vorratskäufe etwa während der Ölkrise 1973/74. Die Westdeutschen wurden zwar von Haushaltswissenschaftlern und der Zivilverteidigung immer wieder angehalten, zumindest einen Notvorrat anzulegen: „Vorratshaltung, klug zusammengestellt, sorgsam gepflegt und ständig rotierend, kann nicht nur nicht schaden. Sie ist notwendig, sie beruhigt und ist daher nach wie vor notwendig“ (Elisabeth v. Oertzen, Vorsorge ist Fürsorge und keine Hamsterei, Das Reich der Landfrau 77, 1962, 398). Entsprechende staatliche Bestrebungen, etwa im Rahmen der 1961 gestarteten Aktion Eichhörnchen, verpufften jedoch ohne wirkliche Breitenwirkung (Krisenvorräte in jedem vierten Haushalt, Die Ernährungswirtschaft 8, 1961, 789; Von Welck, Überlegungen zur Frage der Haushaltsbevorratung, ebd. 9, 1962, 104-105). Vorratswirtschaft wurde auf den Staat und den Handel delegiert, Selbstvorsorge schien nicht wirklich notwendig zu sein.

Hamstern heute – ein vorläufiges Fazit

Die Corona-Krise änderte dies. Die Anlage von Grundvorräten ist richtig und krisenadäquat. Sie reduziert die Zahl der Kontakte und damit das Infektionsrisiko. Die seit Ende Februar hierzulande stark steigenden Verkaufsziffern elementarer Güter dienten vornehmlich der Selbstvorsorge, waren aktive und zielgerichtete Maßnahmen angesichts der massiven Quarantänemaßnahmen in China und der sie begleitenden Beschwichtigungen in Politik und Qualitätsmedien.

Die als irreal und überzogen verlachten Hamstereinkäufe dokumentierten selbstbewusstes Handeln abseits einer sich noch im Gleichschritt bewegenden Gesellschaft des Weiter-So. Es ging den Hamstern um den Aufbau fehlender Notvorräte, um eine Selbstvergewisserung durch eigenes Tun. Die Kaufenden dokumentierten damit zugleich ihr Misstrauen angesichts ausbleibender öffentlicher Vorsichtsmaßregeln. Sie waren Augenöffner einer sich anfangs nur verwundert die Augen reibenden Wohlstandsgesellschaft. Doch große Teile der politischen und medialen Eliten reagierten mit typischen Reflexen: Hybris angesichts des leistungsfähigen deutschen Gesundheitssystems, Hochmut gegenüber den scheinbar ungebildeten Mehl- und Nudelhamstern, Denunziation ihrer ungebührlichen, weil egozentrischen Handlungen. Der andauernde mediale Hype um das massiv gehortete Toilettenpapier unterstreicht, dass all dies nicht recht ernst genommen wurde, dass es sich um Unterschichtenprobleme handelte, zu denen die Mehrzahl keinen direkten Bezug hatte und hat. Das gilt, auch wenn die Mitte der Gesellschaft rasch ebenfalls gezielt nachfolgte.

Die Hamster haben richtige Schlüsse aus der Krankheit im fernen China gezogen. Sie handelten durch Kauf, also im Sinne unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Sie erfassten die herannahende Krise und wurden darob gebrandmarkt. Die Thematisierung durch Politik und vielen Medien nahm die im übergebührlichen Kauf liegende Aussagen nicht ernst, sondern grenzte sich ab: Sie vertierten ihre handelnden Mitbürger, denunzierten deren Egoismus, deren vermeintliche Irrationalität. Sie verwandten dazu Begriffe, deren Bedeutungsgehalte sie wahrscheinlich selbst kaum kannten. Der Hamster war weit weg, keine Figur unserer Zeit und der sie prägenden Versorgungssicherheit. Politiker und Journalisten verwiesen nicht auf die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Aufbruch einer hungernden, sich an Neuem orientierenden Gesellschaft, einem von den politischen Rahmenbedingungen unabhängigen Überlebenswillen. Sie öffneten vielmehr die Büchse der Pandora zu den Begriffsnuancen des Wilhelminismus – egoistischer Güterraffer –, des Nationalsozialismus – Volksschädling – oder den vielfältigen Spaltungen und Ausgrenzungen, die das Wortfeld während und nach dem Ersten Weltkrieg prägten. Das Wortfeld Hamster/n ist gefährlich, da inhaltlich beliebig füllbar, spaltend und voller antikapitalistischer und antisemitischer Gehalte. Hamster und Hamstern sind Flaggenworte zur Vergemeinschaftung, doch auch zur Bekämpfung und Beseitigung der anderen. Wer derart gefährliche Begriff nutzt(e), handelt unbedacht, gar unverantwortlich.

Das gilt besonders, weil sich parallel zur öffentlichen Abgrenzung von Hamstern die gleichen Mechanismen beobachten lassen, die es schon im Ersten Weltkrieg und während des NS-Systems gegeben hat. Die kleinen Hamster werden benannt, die großen aber darüber vergessen. Während einzelne Vorräte kauften, um in der Krise gewappnet zu sein, setzte das große Hamstern der einschlägig erforderlichen Güter des Gesundheitssystems ein. Nachdem die kleinen Hamster erste Apotheken und Drogeriemärkte leergekauft hatten, begannen auch Krankenhäuser Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel zu horten, wurden diese vom Staat massenhaft geordert. Die steten Propagandisten des offenen und freien Europas schlossen gar die Grenzen, um sich Vorräte zu sichern, Masken, Schutzkleidung, intensivmedizinische Geräte, zunehmend auch Personal. Als in Italien die ersten Alten röchelnd und ohne eine helfende Hand verreckten, priesen die Offiziellen „unsere“ Vorbereitungen, boten den Kranken kein Bett, den Ärzten und Pflegern keine Masken. Diese Hartherzigkeit und dieser Geiz entsprachen der vermeintlichen Hamsternatur, die man beredt kritisierte und zugleich unreflektiert praktizierte. In Krisen sollte auf derartige Heuchelei verzichtet werden, sondern zielgerichtetes Krisenmanagement ohne Schuldzuweisungen dominieren.

In Krisen ist die reale Gefahr vielfach geringer als die durch die Krise selbst hervorgerufenen Dynamiken. Der Rückfall in überwunden geglaubten Nationalismus ist atemberaubend, ebenso die kraftmeiernde Vollkaskopolitik voller ungedeckter Schecks und Versprechungen. Maßnahmen werden erlassen, kaum erklärt, Empathie und „Mitnehmen“ fehlen. Harte Einschnitte sind erfolgt, weitere werden folgen. Der Erfolg aller Anordnungen hängt nun entscheidend vom Handeln der „kleinen Leute“ ab, ihrer Einsicht, ihrem Mitgefühl, ihrer Selbstverantwortung. Das sollte vielleicht denen zu denken geben, die Mitbürger als „Hamster“ denunzieren, obwohl diese schon vor Wochen ohne Anordnungen richtige Schlüsse am Beginn einer Krise gezogen haben.

Uwe Spiekermann, 19. März 2020

Das „Deutsche Frischei“ – Ein Flop mit Zukunft

Wann haben Sie das letzte Mal Eier geprüft? Falls das schon länger zurückliegt, so haben Sie offenbar Vertrauen in die Qualitätskontrollen von Herstellern und Handel, glauben den auf das Ei gestempelten Informationen und den Angaben auf der Verpackung. Sie essen Eier, Sie kochen und verarbeiten sie, doch deren Qualität und deren Frische haben Sie anderen übertragen. Lassen Sie es sich schmecken…

Falls Sie allerdings wissen wollen, warum Sie selbst beruhigt untätig sein können, so lesen Sie weiter. Dann werden Sie mehr darüber erfahren, wie vor mehr als 90 Jahren Grundstrukturen etabliert wurden, die nach vielen Häutungen schließlich dazu geführt haben, dass Sie sich um diesen Teil ihres Essalltags kaum mehr kümmern müssen. Es wird um die Einführung des „Deutschen Frischeies“ gehen, 1926 bis 1928 konzipiert, ab 1930 allseits beworben, doch schon 1932 in ein anderes System des Absatzes und der Produktion überführt. Eigentlich ein Flop. Doch das „Deutsche Frischei“ machte Schule, seine Produktion, Kontrolle und Vermarktung setzten Standards für eine gesicherte Mindestqualität – und damit auch für Ihr Grundvertrauen.

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Der Traum von einer dressierten Natur – Karikatur 1913 (Fliegende Blätter 139, 1913, 236)

Die deutsche Eierwirtschaft in den 1920er Jahren – nicht konkurrenzfähig

Die Gründe für eine neue Ordnung der Eierwirtschaft lagen im relativen Niedergang der deutschen Landwirtschaft während und nach dem verlorenen Weltkrieg. Schon zuvor hatte sie an Wettbewerbsfähigkeit verloren, wurde jedoch durch die seit 1906 geltenden hohen Zölle der Bülow-Tarife auf Kosten der Verbraucher geschützt. Just diesen verloren breite Teile der Agrarwirtschaft immer stärker aus dem Blick, passten sie ihre Produktion doch nur zögerlich den sich rasch wandelnden Ansprüchen zumal der städtischen Bevölkerung an. Die Produktion konzentrierte sich auf Massengüter, wie Getreide oder Kartoffeln, und setzte nur unzureichend auf veredelte, marktnahe Produkte, etwa Obst und Gemüse oder aber Käse und Butter. Die Folge war eine wachsende Einfuhr ausländischer Güter, die vielfach qualitativ besser, teils preiswerter, fast durchweg jedoch einheitlicher und leichter vermarktbar waren.

Eier stammten vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend aus Russland sowie Österreich-Ungarn. Während des Krieges blieben sie anfangs noch frei verkäuflich, doch 1916 begann die Zwangsbewirtschaftung. Diese endete formal zwar 1919, dann aber dominierten Richtpreise den Absatz. Mochte die Selbstversorgung mit Eiern im Jahrzehnt der Ernährungskrise 1914 bis 1923 auch manche Vorteile bieten, so gaben die ökonomischen Rahmenbedingungen sicher kaum Anreize für den Ausbau der Geflügelwirtschaft. Der Versailler Vertrag hatte den Zollschutz der Landwirtschaft für mehrere Jahre beseitigt und auch die 1925 erfolgte Rückkehr zu den Bülow-Tarifen konnte aufgrund von Meistbegünstigungsklauseln nicht den gewünschten „Schutz“ bewirkten. Die überlegene ausländische Konferenz nutzte die sich bietenden Chancen im Eiermarkt. Billigimporte kamen weiterhin vor allem aus dem Osten und Südosten Europas, etwa aus dem Baltikum, Polen, Ungarn und Rumänien. Wichtiger aber wurden die Angebote aus den Niederlanden, Belgien und Dänemark, Länder, die vor dem Krieg nur einen Importanteil von 5 % hatten. Deren hochwertige und frische Eier machten ab Mitte der 1920er Jahre etwa zwei Fünftel der Einfuhren aus. Sie belieferten vor allem die Konsumzentren des Ruhrgebietes, des Rheinlands und Berlins. Offenkundig hatte die deutsche Eierwirtschaft ihren eigentlichen Vorteil, die Nähe zum Konsumenten, verspielt (Norwich Rüße, Absatzkrisen und Marketingkonzepte der deutschen Landwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1996/I, 129-162, hier 134).

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Imaginierte Bedrohung: Importeier auf dem deutschen Markt 1929 (Der junge Landwirt 3, 1930, 95)

Ja, „Der Markt ist ein unbarmherziger Richter!“ (Kurt Ritter, Absatz und Standardisierung landwirtschaftlicher Produkte, 2. Aufl., Berlin 1926, 25) Die deutschen Konsumenten griffen in den 1920er Jahren zu ausländischen Eiern, da deren Hersteller ihre Ware frisch und in standardisierter Qualität lieferten, da sie ferner eine an sich stark saisonale Ware ganzjährig zu akzeptablen Preisen anboten. Um zu verstehen, warum diese heutige Selbstverständlichkeit für die deutsche Landwirtschaft eine Herausforderung war, müssen wir uns kurz in eine Zeit zurückversetzen, in denen „natürliche“ Rhythmen die Eierproduktion noch dominierten und die Legeleistung der Hühner bei 80 bis 90 Eier jährlich lag – im Gegensatz zu heutigen Hybridhühnern, die in klimatisierten und beleuchteten Ställen ca. 300 Stück liefern.

Vor dem ersten Weltkrieg war Hühnerhaltung auf den meisten Bauernhöfen üblich, doch sie diente erst einmal der Selbstversorgung. Überschüsse wurden zumeist an Aufkäufer, Hausierer oder Ladenhändler verkauft, teils noch im Tauschhandel gegen Waren. Hühnerhaltung war Frauenarbeit. Eierverkauf ergab Zusatzeinkommen: „Die Bauersfrau zog mit ihrem Korb Eier wöchentlich ein- bis zweimal zur Stadt auf den Markt, bekam für das Dutzend Eier 30, im besten Falle 50-70 Pfg. und konnte mit diesem Erlös kaum die abgelaufenen Stiefelsohlen, geschweige denn das Futter für ihre Hühner bezahlen“ (Hans Brenning, Genossenschaftliche Eierverwertung, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (MDLG) 41, 1926, 658-661, hier 659). Sie hatte also kaum Marktmacht, konnte ihre Preisvorstellungen nur selten gegen Händler und auch Konsumenten durchzusetzen. So spielte die Größe der Eier damals keine Rolle: „Ei ist eben Ei“ (Nutzen der Geflügelzucht, Das Land 4, 1895/96, 362). Auch die Frische der Eier konnte per Augenschein kaum ermittelt werden. Durch Eintauchen in Wasser kann man das Alter zwar grob abschätzen, doch durch die damit verbundene Zerstörung der schützenden Fettschicht muss das Ei danach rasch verbraucht werden. Mangels Kennzeichnung und präziser Lagerung konnten Eier im Laden durchaus mehrere Wochen alt sein, so dass immer die Gefahr fauler, penetrant stinkender Eier bestand. Die Eieranbieter konterten die Preismacht der Händler und Konsumenten nämlich mit ihrer Zeitmacht, ihrem Wissen über das wahre Alter der Eier.

Das Ei – eine saisonale Ware

Hier gilt es innezuhalten. Denn anders als heute waren Eier noch in den 1920er Jahren eine stark saisonale Ware. Ware? Für ein Huhn ist ein Ei etwas anderes, nämlich Garant für Nachkommen, für neue Küken. Um nationale Zuschreibungen schert es sich nicht. Seine „natürliche“ Legetätigkeit endet im Herbst. Im September und Oktober waren frische Eier daher selten, im November und Dezember sehr selten. Anfang des Jahres nahm dann die Legetätigkeit der Hühner langsam wieder zu, um von März bis Mai in eine „Eierschwemme“ überzugehen. Fast 60 Prozent der einheimischen Eier wurden in nur vier Monaten, von März bis Juni, gelegt (Hans-Jürgen Metzdorf, Saisonschwankungen in der Erzeugung und im Verbrauch von Nahrungsmitteln, Die Ernährung 3, 1938, 21-30, hier 25). Es sind derartig profane Rhythmen, die unsere eigenartige Verbindung von Ostern mit Eiern mit erklären können.

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Auszug aus einer Werbung des Filialisten Wilhelm Goebel für frische Eier im Frühjahr 1905 (Vorwärts 1905, Nr. 65 v. 17. März, 12)

Saisonale Güter führen in Marktwirtschaften zu Preisschwankungen: „Während im Herbst und im Winter die Eier ganz besonders von den kleinen Erzeugern und von kleinen Bauern möglichst lange zurückgehalten werden, um von dem späteren höheren Preisen Nutzen zu ziehen, der mit vermindertem Angebot regelmäßig eintritt, geschieht im Frühjahr genau das Gegenteil“ (Heinrich Kleinböhl, Das Alter der Eier, Die Volksernährung 5, 1930, 322-323, hier 322). Angesichts eines raschen Preisverfalls wurden Eier nun möglichst rasch verkauft. So waren Eier im Herbst und Winter teuer und selten frisch, im Frühjahr und auch noch im Sommer kehrte sich dieses Verhältnis um. Städtische Konsumenten wollten sich derartigen Rhythmen jedoch entziehen: Sie wollten ganzjährig Eier essen, relativ billig, relativ frisch.

Die geforderten Zeitensprünge hatten jedoch ihre Tücken. Das galt erst einmal für die häusliche Konservierung der Eier, die auch von Großhändlern praktiziert wurde. Frisch gelegte Eier wurden dazu vor Lufteintritt geschützt. Man bestrich Eier mit Fett oder Vaseline, legte sie in Sand, in Holzasche oder Häcksel. Kühlung im Keller oder in Erdmulden konnte ebenfalls helfen (Max Grünwald, Der Nährwert des Hühnereis und die Eierverordnung vom 17. März 1932, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 158-160, hier 158). Mit derartigen Mitteln konnten Eier viele Wochen, ja mehrere Monate aufbewahrt werden. Die Verkaufserlöse konnten dadurch durchaus verdoppelt werden, doch die Maßnahmen hatten ihren Preis: Die Zahl der faulen Eier war nicht gering, der Geschmack häufig muffig. Angesichts fehlender Kennzeichnungspflichten war dies Reiz und Gefahr zugleich. Daher gingen viele, auch städtische Hausfrauen dazu über, günstig gekaufte Eier schon während der „Eischwemme“ zu konservieren. Dazu aber musste man sie in Flüssigkeiten aufbewahren, die die Schutzfunktion der Schale langfristig stabilisierten. Man verwandte meist Kalkmilch oder Wasserglas. Letzteres ist eine Mischung aus Kieselsäure und Natriumoxyd, während Kalkpräparate vor allem aus Ätzkalkpulver, Sand, Gips und Eisenoxyd bestanden. Diese Mittel konnte man in der Drogerie oder auch der Apotheke kaufen, doch es gab – wie beim Backpulver oder der Maisstärke – auch Fertigmischungen. Eikonservierungsmittel, etwa „Garantol“, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gängige Haushaltsnamen (vgl. W[endelin] A[lban] Schwalbe, Warenkunde des Lebensmittel-Einzelhandels, 8. verb. Aufl. v. H[erbert] Leiser und E[berhard] Oelfke, Leipzig 1939, 184).

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Paradoxe Frische: Werbung für das Eierkonservierungsmittel Garantol (Meggendorfer Blätter 140, 1925, 208)

Das Problem dieser Eierkonserven war jedoch ihr Geschmack. Er war kalkig-kratzend. Als Frühstücksei waren sie also weniger brauchbar, und auch in der Küche nur bedingt verwendbar. Eischnee konnte mit Kalkeiern eben nicht mehr geschlagen werden (Grünwald, 1932, 158). Die Bedeutung von Eierkonserven im Absatz blieb daher gering und auf den Haushalt beschränkt. Nun, werden Sie fragen, warum wurden die Eier nicht gekühlt? In der Tat, technisch waren deutsche Anbieter spitze, ihre Kühlmaschinen wurden weltweit verkauft. Doch Kühlhäuser hatten im Deutschen Reich – anders als etwa in den USA oder in Großbritannien – nur geringe Kapazitäten. Es fehlte einerseits an einer Kühlkette, die bis in die Läden reichte. Anderseits gab es noch keine elektrische Kühlung, sondern lediglich relativ teure mit „Natureis“ bestückte Eisschränke im bürgerlichen Milieu. Kühlhäuser wurden daher vornehmlich in Hafenstädten und den Hauptabsatzzentren gegründet. Hinzu kamen beträchtliche Probleme mit der Temperaturführung in den keineswegs normierten, sondern kleinteilig ausgebauten Kühlhäusern. Die teils sehr unterschiedlich verpackten Eier konnten vielfach nicht sachgemäß untergebracht werden, auch waren die Auswirkungen der Kühlung auf die Eier nur ansatzweise erforscht. Ende der 1920er Jahre lag der Anteil der Kühlhauseier am deutschen Gesamtverbrauch bei lediglich drei bis vier Prozent. Das waren 1928 ca. 420 Millionen Eier, 1929 400 Mio. und 1930 dann nur noch 282 Mio. (Einlagerung von Eiern in deutsche Kühlhäuser, Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/31, 135). Während in den USA intensiv über Kühlhauseier versus Frischware gerungen wurde, ging der Streit in Deutschland um Auslandseier oder deutsche Ware (zu den USA s. Susanne Freidberg, Fresh. A Perishable History, Cambridge/Mass. 2009, 86-121).

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Saisonale Schwankungen des Eierangebots im Deutschen Reich 1927/28 (Blätter für landwirtschaftliche Marktforschung 2, 1931/32, 311)

Ein Blick auf das Angebot 1927/28 zeigt eindringlich, dass auf dem Eiermarkt zwei unterschiedliche Agrarwirtschaften aufeinandertrafen. Die deutschen Anbieter waren noch massiv an „natürliche“ Legerhythmen rückgebunden, während die ausländischen Lieferanten recht kontinuierlich lieferten und insbesondere im Winter das Angebot dominierten. Überspitzt formuliert: Im Deutschen Reich bestimmten die Hühner die Marktzufuhr. Im Ausland, zumal in den Niederlanden, Belgien und Dänemark, gab es dagegen bereits Haltungsformen, Produktionsstandards und Transportkapazitäten, die das vorwegnahmen, was dann in Deutschland in den späten 1920er und 1930er Jahren begonnen und in den 1950er und 1960er Jahren vollends nachgeahmt wurde. Das Problem war also klar: „Solange die deutschen Geflügelhalter es nicht fertig bekommen, die deutsche Verbraucherschaft während des ganzen Jahres mit frischen Eiern zu versorgen, wird der deutsche Kaufmann die ausländischen Eier nicht entbehren können“ (Groß, Unser Ziel, Hannoversche Land- und Forstwirtschaftliche Zeitung (HLFZ) 83, 1930, 137-140, hier 138-139).

Standardisierung als Kernaufgabe

Wie nun auf die Herausforderung der Massenmärkte und der Konkurrenz der überlegenen ausländischen Konkurrenz reagieren? In den späten 1920er Jahren wurde zwar schon intensiv um neuartige Haltungsformen in spezialisierten Hühnerfarmen gerungen, doch der Anteil der vor allem im 1896 gegründeten Clubs Deutscher Geflügelzüchter (Görges, Die Ziele des „Klubs Deutscher Geflügelzüchter“, HLFZ 83, 1930, 151-152) organisierten größeren Eierproduzenten lag 1928 bei lediglich 15 Prozent. Der Großteil der deutschen Produktion, 85 Prozent, stammte aus bäuerlicher Hühnerhaltung – mehr als 80 Prozent davon aus Betrieben mit unter 20 ha Betriebsfläche (Karl Wagner, Neue Einrichtungen der Eierverwertung, MDLG 45, 1930, 852-854, hier 852).

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Hühnerfarm in Scharnebeck (HLFZ 83, 1930, 155)

Auch die Hühnerfarmen waren nach heutigem Verständnis klein. Abgesehen von Ausnahmen, wie etwa der Eberswalder Finow Farm, produzierten sie täglich mehrere hundert Eier, während die größten Betriebe heute hunderttausende auf den Markt werfen. Das war damals undenkbar, schon aufgrund fehlender Antibiotika. Die Hühnerzucht stand zwar schon seit langem im Blickpunkt spezialisierter Zuchtvereine und der Agrarwissenschaft, Küken wurden häufig von spezialisierten Brutanstalten zugekauft. Doch auf Eierproduktion spezialisierte Hybridhühner wurden erst seit 1940 eingesetzt, zuerst in den USA. Die Futterlehre hatte beträchtliche Fortschritte gemacht, doch die Kosten der eiweiß- und mineralstoffhaltigen Futtermittel waren für kleinere Halter zu hoch. Auch die wichtigsten Stellschrauben der immensen Produktionssteigerungen seit den späten 1950er Jahren wurden in den 1920er Jahren erprobt (und bereits kontrovers diskutiert): Die Klimatisierung und die Lichtführung in den Hühnerfarmen. Die deutsche Eierwirtschaft entwickelte sich also, der Geflügelbestand nahm zu. 1912 gab es knapp 72 Millionen Hühner (inklusive von Enten und Gänsen), 1921 trotz der Gebiets- und Bevölkerungsverluste fast 68 Millionen. Bis 1924 kamen vier Millionen hinzu, zwei Jahre später lag die Zahl bei knapp 76 Millionen und 1928 schließlich bei 84,5 Millionen Tieren ([Wilhelm] Müller-Lenhartz, Kann Deutschland seinen Eierbedarf selbst erzeugen?, MDLG 45, 1930, 386-387, hier 386) – bemerkenswertes Wachstum, wenngleich noch nicht annähernd die 174 Millionen Hühner im Jahre 2016. Auch die Legeleistung der Hennen stieg, in bäuerlichen Wirtschaften von ca. 80 auf 90 Eier pro Huhn und Jahr, in Hühnerfarmen wurden auch 150 Eier erreicht. Doch all dies reichte nicht, um den wachsenden Appetit auf Eier zu decken. 1924 aß der Durchschnittsbürger 98 Eier, 1926 121 und 1928 141 (Wagner, 1930, 852). Der Markt wuchs, doch der Ertrag floss ausländischen Wettbewerbern überdurchschnittlich zu: Lag der Einfuhrüberschuss 1912 noch bei 192 Millionen M, so stieg er seit der Mitte der 1920er Jahre rasch an: 1926 erreichte er 234 Mio. RM, 1927 263 Mio. und 1928 dann 294 Mio. RM (Müller-Lenhartz, 1930, 386). Veränderungen schienen unabdingbar.

Wo aber ansetzen? Die Landwirtschaft, genauer der die Landwirtschaftskammern repräsentierende Deutsche Landwirtschaftsrat, setzte auf die Standardisierung der Eier, um damit Vertrauen im Markt zurückzugewinnen. Das Programm der Reichsregierung resp. des Reichslandwirtschaftsministeriums war dagegen deutlich ambitionierter. Angesichts der seit Mitte der 1920er Jahre drängender werdenden internationalen Agrarkrise – Preisverfall durch Überproduktion und Überschuldung durch zu ambitionierte Investitionen – startete sie 1928 ein landwirtschaftliches Notprogramm, das auf eine „zweckmäßige Organisation des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse und zum anderen [auf, US] die Belieferung des Marktes mit einheitlicher, guter Ware auf Grund einer eingehenden Marktbeobachtung“ zielte ([Ewald] Rosenbrock, Handelspolitik, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 47, 1929, 273-315, hier 291). Die vielbeschworene „Not der Landwirtschaft“ sollte durch Lernen von den ausländischen Wettbewerbern gewendet werden. Damit nahm man die Herausforderung der überlegenden Konkurrenz an und zielte auf eine rasche Umgestaltung der Geflügelwirtschaft.

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Nationalistische Karikatur gegen Importe (Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 44)

Beide Strategien hatten unterschiedliche Zeithorizonte, gründeten jedoch auf dem genossenschaftlichen Zusammenschluss der gewerblichen Hühnerhalter. Dieser startete 1880, als in Hamburg-Uhlenhorst eine erste Eierverkaufsgenossenschaft gegründet wurde (Nis Petersen, Die mustergültige Geschäftsentwicklung einer Eierverkaufsgenossenschaft, MDLG 34, 1919, 21-24, hier 21). Bedeutung aber gewann er erst um die Jahrhundertwende, nachdem 1895/96 Geflügelzuchtvereine im niedersächsischen Soltau und Visselhövede den Eierabsatz in eigene Regie übernahmen, um höhere Preise zu erzielen (Zollikofer, Zur Entstehung und Entwicklung des genossenschaftlichen Eierverkaufs, Landwirtschaftliches Genossenschaftsblatt 45, 1923, 139-142, 155-157, hier 139). Dazu lieferten sie einheitliche Ware und kooperierten mit dem Großhandel. Weitere Genossenschaften entstanden, zuerst in der preußischen Provinz Hannover, dann auch in Oldenburg, in Schleswig-Holstein, vereinzelt gar in Bayern. 1899 ließ die Landwirtschaftskammer Hannover ein erstes Warenzeichen eintragen – ein springendes Sachsenross, der Identitätsanker der 1866 von Preußen annektierten Provinz. Eier bester Güte wurden damit gestempelt, hoben sich so vom anonymen Angebot ab. Weitere Landwirtschaftskammern übernahmen dieses Verfahren, eine reichsweite Dachorganisation aber fehlte. Die neuen Genossenschaften ließen Fortschrittsträume keimen, doch die anvisierte Marktbeschickung durch Kühlhauseier aus genossenschaftlichen Kühlhäusern blieb auf niedrigem Niveau stecken (Die Organisation des genossenschaftlichen Eierabsatzes, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 1, 1904, 919-920). 1914 bestanden in der Provinz Hannover allerdings schon 140 Eierverkaufsorganisationen, die ca. 28 Millionen Eier verkauften. Die Genossenschaftsbewegung stagnierte während des Weltkrieges, Rationierung und Zwangswirtschaft ließen die Zahl der Genossenschaften bis Mitte der 1920er Jahre auf unter die Hälfte sinken (Gerhard Lichter und Helmut Kobligk, Neue Wege in der Geflügelzucht und Eierverwertung, Berichte über Landwirtschaft NF 10, 1929, 611-672, insb. 624-625). Doch die bestehenden Strukturen boten einen Gestaltungssockel. Ähnliches galt für den „Trinkei“-Stempel des Clubs Deutscher Geflügelzüchter (Der Tanz auf den Eiern, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1028-1030).

Das Genossenschaftswesen hatte sich seit dem 1860er und 1870er Jahre vor allem in Form von Einkaufsgenossenschaften gegründet. Es ging um billigeres Saatgut und Maschinen, dann auch um Kredit. Absatzgenossenschaften entwickelten sich dagegen nur zögerlich, meist im Umfeld urbaner Konsumzentren. Regionale Regelungen dominierten, etablierten aber auch Formen föderalen Wettbewerbs. Anfang der 1920er Jahre begann jedoch, vorrangig in Norddeutschland, eine Neuausrichtung des genossenschaftlichen Arbeitens. Gruppiert um einzelne Produkte, etwa Milch, Butter, Gemüse, Obst oder Kartoffeln, entwickelten die Landwirte mit Unterstützung staatlicher Institutionen regionale Markenprodukte und legte Qualitätsnormen fest, die ihre Mitglieder einzuhalten hatten (Otto Jüngst, Maßnahmen zur Absatzsteigerung bei Obst, Gemüse, Eiern und Geflügel, MDLG 42, 1927, 1194-1198; Hans Asmis, Die Stellung der deutschen Landwirtschaft auf dem Binnenmarkt, MDLG 43, 1928, 859-863). All das erschien notwendig, war aber auch ambivalent: Im Marktwesen „erleben wir den Untergang des einzelnen und den Aufstieg von hundert und tausenden Leuten in den Genossenschaften. Aber es bedarf noch vieler Mühe, vieler Zeit und vielen Zuredens, ehe wir den Landwirt, der auf der einen Seite technisch zur Spitzenleistung erzogen wird und zur Spitzenleistung streben muß, soweit haben, daß er auf der anderen Seite seine persönlichen Neigungen vergißt und sich anschickt, die allgemeinen Formen des Absatzes, die nur in der Masse errichtet werden können, mitzumachen“ (Friedrich Beckmann, Markt und Landwirtschaft, MDLG 45, 1930, 520-522, hier 522). Schrillere Stimmen wandten sich gegen den vermeintlichen „Kollektivismus“ dieser Maßnahmen, forderten stattdessen massive staatliche Interventionen, wie sie dann im Reichsnährstand 1933 Gestalt annahm (Replik, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1100).

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Abstraktion als Grundlage der Standardisierung: Das Huhn als Eierfabrik (Illustrierter Sonntag 1930, Nr. 50 v. 14. Dezember, 8)

Bevor wir uns der Konzeptionierung des „Deutschen Frischeies“ zuwenden, sollten wir uns aber noch kurz mit den Erwartungen auseinandersetzen, die mit der Standardisierung verbunden waren. Sie setzte anonyme Märkte und die umfassende Geltung von Marktmechanismen voraus, zielte implizit auf mittlere und größere Betriebe. Ihr Hauptziel war Kostenreduktion. Einheitliche Ware führte zu geringeren Verpackungs-, Transport-, Lager- und Verkaufskosten. Sie reduzierte Kontrollkosten, wusste man doch, welche Ware man erhielt. Dies erleichterte die Bestellung, ermöglichte zugleich raschere Kaufentscheidungen bis hin zum Termingeschäft. Zugleich wurde die Ware beleihbar, war also schon vor dem Kauf Geld wert. Standardisierte Ware reduzierte das Risiko bei Käufer und auch Verkäufer, erleichterte eventuell auftretende Mängelrügen. Schließlich erlaubte sie eine einfachere Marktbeobachtung und bot eine gute Grundlage für passgenaue Werbung (Kurt Schneider, Die Standardisierung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse als Grundlage einer rationellen agraren Absatzwirtschaft, MDLG 45, 1930, 741-743, hier 742). All dem standen Nachteile gegenüber: Standardisierte Ware war Massenware, konzentrierte sich auf Mindestqualitäten. Dies begrenzte die Dispositionsfreiheit der Produzenten, reduzierte tendenziell die Auswahl der Konsumenten. Über dem Standard liegende Produzenten wurden benachteiligt, und der Einkauf glich dem Abarbeiten einer Liste, nicht dem Entdecken der Vielfalt eines Gutes. Wichtiger aber schien den Befürwortern die Ausweitung des Marktes, die Konzentration auf höhere Produktionsziffern, das Bekenntnis zu einer möglichst kontinuierlichen Marktbeschickung und das Wegfallen der Handelsspannen für Mittelsleute. Kostensenkungen und erhöhter Absatz würden zu höheren Preisen und damit auch Gewinnen führen – und zugleich die nach gleichen Prinzipien arbeitenden Auslandsanbieter aus dem Markt drängen. Der denkende und rechnende Konsument würde schon entsprechend handeln.

Standardisierung zielte auf einzelne Waren, bliebt dabei aber nicht stehen. Um standardisierte Waren liefern zu können, waren nämlich umfassende Änderungen in der Produktion und dem direkten Vertrieb erforderlich. Standardisierung war damit Teil einer breiter gefassten Rationalisierung von Produktion und Absatz (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland 1840 bis heute, Göttingen 2018, 306-311). Es ging nicht allein um marktgängige Waren, sondern immer auch um eine marktfähige Produktion. Dies bedeutete allerdings auch eine gewisse Abkehr vom Konsumenten, mochten dessen Wüsche in der damaligen Fachliteratur auch stetig beschworen werden: „Das Problem der Absatzkrise ist nicht nur vom landwirtschaftlichen Betrieb her zu betrachten, wie das die alte Landwirtschaftslehre tat, sondern von der Absatzseite her, vom Markte mit seinen Forderungen. Eingehendes Studium der Absatzverhältnisse, Anpassung an die Wünsche der Verbraucher durch Verbesserung und Normung der Qualität ist eine Notwendigkeit für die Landwirtschaft“ (Alfred Funccius, Normung und Wirtschaft, Wiso. Diss. Köln 1930, 34). Diese Marktbeobachtung erfolgte nicht mehr im privaten Austausch zwischen Bäuerin und Wochenmarktkundschaft, sondern durch Agrarökonomen, Statistiker und Marketingexperten, die zunehmend auf Grundlage von Marktdaten urteilten. Standardisierung war daher ein folgenreiches Erziehungsprojekt, „eine Frage der Menschenerziehung und Menschenbehandlung. Aufklärung und Interessierung aller beteiligten Kreise tut not. Die Konsumenten müssen dazu gebracht werden, Qualitätsunterschiede überhaupt zu bewerten und zu bezahlen. Die Produzenten und Händler sind über die zweckmäßigsten Arbeitsmethoden zu unterrichten. Ihr Verantwortungsgefühl ist zu stärken“ (Geert Koch-Weser, Die Standardisierung in der Milchwirtschaft, Agrarw. Diss. Berlin, Langensalza 1931, 112).

Die Entwicklung des „Deutschen Frischeies“

Das „Deutsche Frischei“ war die Quintessenz all dieser Vorüberlegungen, all dieser Marktveränderungen. Ewald Rosenbrock (1898-1983), Geschäftsführer des Deutschen Landwirtschaftsrates und ein guter Repräsentant für die Kontinuität der damaligen Agrarpolitik über den NS-Staat bis hin zur Bundesrepublik, pries es in seinem Jahresüberblick 1929 als Selbsthilfe der Landwirtschaft, als das erste nach einheitlichen Bewertungsgrundsätzen im ganzen Deutschen Reich geltendes „Wertzeichen für ein landwirtschaftliches Erzeugnis“ (Rosenbrock, 1929, 300, 301). Der Deutsche Landwirtschaftrat sei organisch vorgegangen, habe seit Mitte der 1920er Jahre lokale und regionale Eierverwertungsgenossenschaften gefördert, „die sich die Erfassung der bäuerlichen Geflügelhaltungen, die einwandfreie Qualitätskontrolle und Marktherrichtung der so gesammelten Eier und ihren Vertrieb zum Ziel setzte“ (Rosenbrock, 1929, 303). Hannover und Oldenburg, Rheinland und Westfalen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Pommern waren führend, auch bei der Etablierung regionaler Standardmarken. Diese regionalen Vorreiter repräsentierten fünf bis sieben Prozent der deutschen Eierproduktion. Auf ihren Wunsch sei man ab 1926 in Verhandlungen getreten, um auch ein reichsweites Einheitszeichen zu schaffen – die Markenbutterbewegung war hierfür das Vorbild; und deutsche Markenbutter können Sie bis heute kaufen. Die langwierigen, von regionalen Partikularinteressen stark geprägten Debatten stagnierten lange Zeit, blieben die Anforderungen an Ei und Eiproduzent doch hochgradig umstritten. Gleichwohl, am 2. Juni 1928 wurde das „Deutsche Frischei“ als Warenzeichen eingetragen. Die Anforderungen waren moderat, bedeuteten gleichwohl eine Neuorganisation der Eierproduktion: „Die Eier müssen einheitlich nach Größe bzw. Gewicht sortiert und durchleuchtet sein“ (Rosenbrock, 1929, 304). Dies sollte durch Kontrollstellen der Landwirtschaftskammern erfolgen. „Die Eier müssen sauber und ungewaschen sein. Die vom Erzeuger abzuliefernden Eier müssen mindestens einmal wöchentlich an die Sammelstelle bzw. Genossenschaft ausgehändigt und dürfen nicht länger als 7 Tage beim Erzeuger belassen werden.“ Die Verpackung wurde vereinheitlicht, und drei Größen festgeschrieben (a > 60 g, b 55-60 g, c 50-55 g). Rosenbrock schien zufrieden: „Diese Beschaffenheitsanforderungen für das ‚Deutsche Frischei‘ sind einerseits so streng, daß die mit dem neuen Einheitszeichen versehenen Eier tatsächlich den Anspruch erheben können, Qualitätseier zu sein, andererseits aber sind die Anforderungen, besonders was die Größensortierung und die Zeit der Ablieferung betrifft, so gehalten, daß bei geeigneter genossenschaftlicher Organisation tatsächlich die große Masse der deutschen Bauerneier ihnen Genüge tun kann“ (Rosenbrock, 1929, 305, auch für das vorherige Zitat).

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Der deutsche Frischei-Stempel 1928 (Landfrau 1928, Nr. 26, 5)

Doch nicht alle waren mit diesem langsamen Aufbau einer Qualitätsproduktion zufrieden. Jeder, der bürokratische Verfahren kennt, kann nachvollziehen, dass nach der Einigung auf das Warenzeichen weitere technische und organisatorische Aufgaben zu erledigen waren, so etwa das Recht der Stempelung oder die Art der zu verwendenden Stempel. Aus diesem Grund, sicher aber auch zur Stärkung der Reichsinteressen gegenüber den Ländern, intervenierte ab 1928 das Reichslandwirtschaftsministerium. Es lockte mit drei Millionen RM aus dem landwirtschaftlichen Notprogramm, die jedoch nur fließen sollten, wenn die bestehenden Richtlinien für die Eierproduktion und deren Kontrolle akzeptiert werden würden ([Helmuth] Kobligk, Getrennt marschieren – vereint schlagen!, Genossenschaftsblatt des Verbandes hannoverscher landwirtschaftlicher Genossenschaften 18, 1929, Nr. 18, (1)-(3); zur Mittelverwendung s. Otto Heine, Das „deutsche Frischei“, ebd., Nr. 16, (2)-(4)).

Angesichts der „Not der Landwirtschaft“ galt es größer zu denken, umfassender zu agieren. Die Finanzhilfen sollten die Grundausstattung der bestehenden, aber auch zahlreicher neu zu gründenden Absatzgenossenschaften sichern. Dies bedeutete Personalmittel, Transportmittel, Beleuchtungs- und Sortiermaschinen sowie Finanzhilfen. Zudem wurde am 12. Juli 1929 der Reichsausschuß für Geflügel- und Eierverwertung gegründet, der nicht nur die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Kreise koordinieren und miteinander in Einklang bringen sollte, sondern zugleich für die Marktbeobachtung sowie die reichsweite Werbung und Vermarktung zuständig war (Planmäßige Marktbeobachtung für Geflügel und Eier, Schaffung von Standard-Eiern, Die Volksernährung 4, 1929, 331-332, hier 331). Das entsprach dem Vorgehen in anderen Branchen, wurden damals doch jährlich 31 Millionen RM für zahlreiche Werbeausschüsse aufgewendet, die nun für „Mehr Milch“, „Mehr Obst“, „Deutschen Wein“, etc. warben. Dies war durchaus innovativ, der angewandte Marketingmix teils moderner als analoge Versuche der industriellen Markenartikelhersteller (Uwe Spiekermann, „Der Konsument muß erobert werden!“ Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt a.M. 2007, 123-147, hier 125-135). Ziel war, eine rasch wachsende Zahl von Anbietern in die Absatzgenossenschaften zu lenken, da die Werbung für das „Deutsche Frischei“ immer auch eine Nichtwerbung für die große Menge der sonstigen deutscher Eierproduktion war. Die neue Eiermarke würde zu einer Marktspreizung führen: Die Verbraucher würden die höhere Qualität mit höheren Preisen goutieren – und das bedeutete im Kern, dass sie bereit waren, „Deutsche Frischeier“ zu den Preisen der westlichen Importware zu kaufen. Parallel aber würden die Preise für die restlichen, nicht gekennzeichneten deutschen Eier tendenziell sinken. Entsprechend groß war der Anreiz, bedingt auch der Zwang, den neuen Genossenschaften beizutreten, die Eier gemäß den bestehenden Richtlinien abzuliefern und sie an keiner anderen Stelle abzusetzen: „Es ist Pflicht aller Geflügelhalter und -züchter, sich dieserhalb mit ihren Kammern oder dem Klub der deutschen Geflügelzüchter in Verbindung zu setzen, damit die Gewähr für ein einheitliches Vorgehen gegeben wird. Trotzdem kann außer dieser Bezeichnung […] ein privates zugesetzt werden, um zu zeigen, woher das Ei stammt. Dem Verbraucher wird das nur angenehm und für den Verbraucher eine gute Erziehung sein. Falsch ist es aber, sich in Erzeugerkreisen gegen die Einführung des deutschen Frischeies zu wehren und ein neues Zeichen einführen zu wollen. Solche Eigenbrötelei würde nur nachteilig für die deutsche Geflügelzucht- und -haltung sein“ (Deutsches Frischei, Landfrau 1929, Nr. 18, 7).

10_Genossenschaftsblatt_1929_Nr13_p2_Eier_Karte_Absatzgenossenschaften_Regulierung

Neue Ordnung der Erzeugungs- und Absatzräume der genossenschaftlichen Eierwirtschaft (Genossenschaftsblatt 1929, Nr. 13, 2)

Die neue Ordnung war reichsweit angelegt und kombinierte monetäre Anreize mit rigidem Zwang. Das Deutsche Reich wurde in 17 Erzeugergebiete untergliedert und die Genossen waren verpflichtet, ihre Eier ausschließlich der jeweiligen Zentralstelle zu liefern, die dann die Ware kontrollierte, sortierte, verkaufte und bezahlte. Die Gebiete waren bestimmten Absatzregionen zugeordnet, um die Belieferung der Konsumzentren sicherzustellen, um zugleich aber den Transport- und Vermarktungsaufwand gering zu halten. Das Reichslandwirtschaftsministerium zielte damit auch auf die Rationalisierung der bestehender Absatzketten, zumal die trotz Rechtsrahmen schwer zu kontrollierenden Wochenmärkte. Strukturen, bei denen der Hersteller entschied, an wen er seine Eier verkaufen wollte, wurden als „nicht zweckmäßig“ bewertet, ihr Marktwissen damit entwertet. Zugleich hoffte man mit der Förderung der Absatzgenossenschaften Einfluss auf den Groß- und Einzelhandel zu nehmen, um auch diese zu ordnen (Gerh[ard] Rudolph, Der Weg des Eies zum Verbraucher, Zeitschrift für Volksernährung und Diätkost 7, 1932, 153-156). Deutlich wird, wie von Experten implementierte Arrangements das Agrarische nach den Erfordernissen moderner Marktgesellschaften ordnen sollten und letztlich ordneten.

Kritik an diesen Maßnahmen ließ nicht auf sich warten. Sie kam einerseits von den schon etablierten Hühnerfarmen, die mit ihren Eiern überdurchschnittliche Preise erzielten, da sie marktgängige Waren in größeren Mengen liefern konnten. Sie kritisierten die einseitige Staatsintervention, brachten die Standardisierung von vornherein „in Mißkredit“ (L[u]dw[ig] Brand, Der Kampf um das deutsche Frischei, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1098-1099, hier 1099). Zugleich verwiesen sie auf den eher verhaltenen Erfolg der bereits bestehenden und mit dem Frischeistempel werbenden Genossenschaften. Diese hatten 1929 ca. 100 Millionen Eier verkauft – nicht viel angesichts eines Gesamtabsatzes von deutlich mehr als 8 Milliarden Stück. Die Folge war ein erstes Nachjustieren, das vor allem die Werbung betraf. Es wurde Anfang 1929 ein neues Markenzeichen, das sog. „Adlerei“, entwickelt. Dieses lehnte sich eng an die Werbung für andere einheimische Güter an, insbesondere der Ikonographie des Reichsmilchausschusses.

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Ein neues Markenzeichen: Banderole und Stempel des „Deutschen Frischeis“ ab 1929 (Landfrau 1930, Nr. 11, 5)

Die umfassenden Bemühungen der Standardisierung und des Ausbaues der genossenschaftlichen Absatzstruktur liefen derweil weiter. Der reichsweite Markteinstieg hatte noch nicht begonnen, er sollte erst am 1. April 1930 erfolgen. Dadurch blieb grundsätzlich Zeit, sich einer weiteren sehr grundsätzlichen Kritik an der „Frische“ der deutschen Standardware zu stellen.

Wie „frisch“ war das Frischei?

Frische ist ein inhaltsleerer Begriff, doch er markiert Anspruchshaltungen und Versprechen. Er steht für makellose, naturbelassene Güter, neu noch, nicht abgestanden und verdorben. Frische Lebensmittel sind sicher und ungefährlich, haben keinen typischen Geschmack, ihre Kühle ist unspezifisch, zielt auf Verfügbarkeit. Sie zeigen uns eine ideale Natur: Ebenmäßig und schön, ansprechend und ohne Schadstellen. Frische bedeutet Bewahrung, Sicherung von Nährwert und Bekömmlichkeit. Genauer bedacht, steht der Begriff nicht für Verzehrsfähigkeit und guten Geschmack, sondern für die noch mögliche optimale Nutzung: Wein und Weinbrand müssen reifen, Fleisch abgehangen sein, auch das Ei schmeckt vier Tage nach dem Legegeschäft am besten.

Frische ist daher von Kriterien abhängig, die je nach Lebensmittel anders sind. Der Begriff verweist auf Vergänglichkeit, setzt dagegen Techniken. Das mögen häusliche Verfahren der Konservierung und „Frischhaltung“ sein, doch auch der gewerbliche Einsatz von Konservierungsmitteln, von Hitze- und Kältetechnik, von Zwischenlagern und Verpackungen. Frische ist ohne Wissenschaft nicht denkbar, mag diese auch hintergründig wirken. Sie steht demnach für weit mehr als die Qualität eines Lebensmittels, seiner Entfernung von Entstehungsort und -zeit. Frische ist ein Mythos, dem sich Menschen zunehmend selbst unterordnen. Er kann helfen, Altern mit der Illusion von dauernder Jugend zu verbinden, Leistungsfähigkeit und stete Präsenz sicherzustellen und zugleich die zahllosen unabdingbaren Eingriffe in unsere Lebensmittel und zahlreiche andere Güter vergessen zu machen. Und doch, die Kriterien der Frische sind immer fraglich, immer Aushandlungssache.

Das galt auch für das „Deutsche Frischei“. Kritiker monierten harsch: „Man behauptete nach der berühmten Formel Ei ist Ei, die deutschen Eier brauchten nur einheitlich abgestempelt zu werden, um Qualitätsware zu sein! Man mutete also dem Verbraucher zu, zu glauben, daß die staatliche gestempelten Eier erste Qualität seien, obwohl die Methoden und Wege ihrer Sammlung aus Millionen kleiner Kanäle über Sammelstellen, Untergenossenschaften, Zentrale, Großverkaufsstelle zum Markt ihnen nicht einmal die Frische garantieren, die sie früher hatten, zu schweigen davon, daß man mit einem Stempel keine Qualität verbessert“ (Der Tanz auf den Eiern, Die Ernährungswirtschaft 4, 1930, 1028-1030, hier 1029). Diese Kritik war nicht unbegründet. „Frische“ wurde in keiner der Richtlinien präzise definiert. Immer wieder genannt wurden zwei miteinander verbundene, gleichwohl zu unterscheidende Kriterien, nämlich Alter und Aussehen: „Das Frischei muß an der ganzen Oberfläche die natürliche Fettschicht und den natürlichen Glanz vollkommen unverändert aufweisen. Bei der Durchsicht soll das Frischei eine kleine Luftblase zeigen, die nicht größer sein sollte als ein Groschenstück. Der Dotter des Frischeis darf in der Durchsicht nicht oder nur als ganz schwacher Schatten zu erkennen sei“ (Welche Forderungen stellt man an ein Frischei?, Das Kleine Blatt 1929, Nr. 214 v. 5. August, 5). Alle abgegebenen Eier wurden daher auf einem Durchleuchtungstisch kontrolliert. So konnten auch eventuell um den Dotter verbliebene Blutreste erkannt und, wie auch Knickeier, ausgesondert werden. Verantwortlich für die Frische und Güte der Eier war der Lieferant, dem bei Verstößen hohe Strafen drohten, eine ganze Reichsmark pro „minderwertiges“ Ei ([Alex] Schindler, Qualitätserzeugnisse in der deutschen Landwirtschaft, MDLG 44, 1929, 972-975, hier 974). Hier hallte gewiss die Warnung des Agrarökonomen und Vorreiters der landwirtschaftlichen Standardisierung Kurt Ritter (1894-1984) nach, der stetig an den immer prekären Genossenschaftsgeist appellierte: „Die deutschen Landwirte dürfen nicht, wie das bisher vielfach geschieht, die Genossenschaft als eine Einrichtung ansehen, die gut genug ist, ihnen ihren Kram und Schund abzunehmen, den der Händler nicht haben will!“ (Ritter, 1926, 26) Die Möchtegernfrischeier wurden auch deshalb bei der Ablieferung von Kontrolleuren grob gesichtet, um stark verschmutzte und beschädigte Ware auszuschließen. Nach der eigentlichen Kontrolle wurden sie dann nach Größe sortiert und in normierte Kisten verpackt. Bei der Zentralstelle schlossen sich stichprobenartige Kontrollen an.

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Veränderungen des Eies bei Alterung: Grundlage für die Durchleuchtung aller „Deutschen Frischeier“ (Die Landfrau 1929, Nr. 18, 7)

Kommen wir zum Alter als Kriterium für Frische: Alle Mechanismen dienten der Exekution der 7-Tage-Regel. Demnach durften Eier bei der Abgabe im Zeitraum Oktober bis Januar nicht älter als eine Woche sein. In der übrigen Zeit relativer „Eierschwemme“ sahen die Richtlinien gar eine zweimalige Ablieferung pro Woche vor. Die Genossenschaften wurden zudem mit kleinen Lastkraftwagen ausgestattet, um die Verweildauer der Eier in der Absatzkette möglichst zu minimieren. Optimistische Stimmen sprachen von Lieferfristen von nur wenigen Tagen: „Wenn die Sammelstellen richtig verteilt sind, wird man für die Zeit vom Erzeuger bis zu ihr nicht mehr als einen Tag rechnen brauchen. Veranschlagt man für die Zeit von der Sammelstelle bis zur Verkaufsstelle 2 Tage und bei dieser nochmals 1 Tag, dann kann das Ei bereits nach 4 Tagen in den Händen des Detailhandels sein“ (Deutschlands Eiereinfuhr und das „Deutsche Frischei“, Ernährungswirtschaft 3, 1929, 244-246, hier 246). Um das Alter der Eier abschätzen zu können, wurden die Eiern anfangs nicht nur gestempelt, sondern auch mit Kürzeln versehen, deren Nummern und Buchstaben den Legezeitraum benannten. Der Verbraucher konnte diese Angaben allerdings nicht deuten, das genaue Alter der Eier blieb Expertenwissen.

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Der Hahn als Exekutor der neuen Stempelfreude – Karikatur 1930 (Kladderadatsch 83, 1930, Nr. 13)

„Deutsche Frischeier“ dürften demnach ein bis anderthalb Wochen nach dem Legen in die Läden gekommen sein. Sie galten als frisch, wenn sie nicht älter als drei Wochen waren. Diese Obergrenze entsprach Handelsbräuchen und einem Urteil des Landgerichtes Trier von 1912, durch das der Begriff „Frische Landeier“ genauer definiert worden war. Doch insbesondere die Kühltechnik stellte diese Zeitspannen infrage. Waren Eier noch frisch, wenn der Händler „Deutsche Frischeier“ gekauft und dann für drei bis sechs Monate in ein Kühlhaus eingelagert hatte? Sie waren es nicht; doch für dieses Verdikt bedurfte es eines längeren Gerichtsverfahrens, da chemische Prüfverfahren Kühlhauseier und frische Eier nicht voneinander unterscheiden konnten (A[ugust] Schrempf, Über den Rechtsschutz des Deutschen Frischeies, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1932, 10-12). Insgesamt blieben die Kontrollmechanismen im Handel unterentwickelt, so dass es durchaus möglich war, dass auch ältere Eier als „Deutsche Frischeier“ zu verkaufen.

Verpatzte Markteinführung und begrenzte Rationalitäten

Das „Deutsche Frischei“ wurde am 1. April 1930 nach vierjährigen Planungen und einer 1928 einsetzenden regionalen Vermarktung reichsweit eingeführt. Mitte März begann die Presseberichterstattung, die den Verbraucher in die Pflicht nahm: „Von ausschlaggebender Bedeutung für die erfolgreiche Durchführung der Bestrebungen ist neben der energischen Selbsthilfe der Landwirtschaft die treue und nachhaltige Mitwirkung der Verbraucherkreise, vor allem der städtischen Hausfrauen. Sie müssen sich in erster Linie darüber klar sein, daß nur ein wirklich frisches Ei ein vollwertiges Ei ist und daß Eier, die vom Auslande kommen und zum großen Teile wochen- und monatelang unterwegs sind, bevor sie in die Hand des Verbrauchers gelangen, trotz des scheinbar billigen Preises viel zu teuer bezahlt sind“ (Das deutsche Frischei, Badische Presse 1930, Nr. 164 v. 7. April, 5). Doch schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass die geschaffenen Strukturen nicht ausreichten, die Nachfrage zu decken: „Leider haben bei den großen Anforderungen, namentlich zum Osterfest, die deutschen Eierproduzenten bzw. Genossenschaften absolut versagt. Die ungenügend kaufmännisch geschulten Verkaufsorganisationen haben ihre Lieferverpflichtungen nicht gehalten, da sie an anderer Stelle geringe Preiserhöhungen wahrnehmen konnten. Dadurch ist das Vertrauen des Handels zur deutschen Landwirtschaft stark erschüttert worden“ (M. Weiler, Die Erfolge der Qualitätssteigerung der deutschen landwirtschaftlichen Erzeugnisse […], Ruhr und Rhein 11, 1930, Sdrh., 6-8, hier 8). Am Ende des Jahres 1930 zählte man 214 Millionen verkaufte „Deutsche Frischeier“, 1931 waren es 507 Millionen. 1932 sank der Absatz gar auf 439 Millionen Eier (Werner Kruse, Die deutsche Landwirtschaft und die Handelsklassengesetzgebung, Phil. Diss. Berlin 1934, 69). Das war eine beträchtliche Steigerung, die für beteiligte Eierproduzenten auch profitabel war, denn die Preise stiegen um ca. 1,5 Pfennig pro Ei, lagen damit auf der Höhe importierter Qualitätseier. Angesichts der weitaus ambitionierteren Zielsetzungen war das „Deutsche Frischei“ mit einem Marktanteil von etwa fünf Prozent jedoch ein Flop.

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Appell an das volkswirtschaftliche Gewissen der Nation: Werbung 1930 (Berliner Tageblatt 1930, Ausg. v. 17. April)

Stellen wir nun die deutsche Lieblingsfrage: Wer war daran schuld? Eine eindeutige Antwort ist schwierig, doch die begrenzten Rationalitäten der Akteure kommen so in den Blick. Die Werbung hatte gewiss ihren Anteil, trotz Aufwendungen, wie sie die Eierwirtschaft zuvor noch nie gesehen hatte. Bisher wurden Eier vor allem durch Groß- und Einzelhändler beworben, einzig der Club Deutscher Geflügelzüchter machte eine Ausnahme. Die Anzeigen des zuständigen Reichsausschußes für Geflügel- und Eierverwertung – hervorgegangen aus dem Reichsausschuß für Wirtschaftsgeflügel – präsentierten das gestempelte Adlerei 1930 als Maßnahme gegen den vermeintlich überbürdenden Eierimport des Auslandes. Zugleich forderten sie die Verbraucher zu aktiver Tat auf, wohl wissend, dass das „Deutsche Frischei“ in Köln, dem Ruhrgebiet, Hannover und Oldenburg gängige Handelsware war, nicht aber in Berlin, dem Süden oder Mitteldeutschland. Darüber konnten auch interessengeleitete Fehlinformationen nicht hinwegtäuschen, die allen Ernstes behaupteten: „Heute beherrscht in allen Eierhandlungen das ‚deutsche Frischei‘ nicht zuletzt dank der Nachfrage der Hausfrauen unbestritten das Feld“ (Cornelius Schmidt, Das deutsche Frischei erobert den Markt, Die Volksernährung 5, 1930, 274). Die Werbung orientierte sich einerseits an den Maßnahmen der zahlreichen anderen Werbeausschüsse für landwirtschaftliche Produkte, anderseits an den Vorarbeiten des Clubs Deutscher Geflügelzüchter. Anzeigenwerbung hatte daher nur einen eher geringen Anteil an den Werbemaßnahmen. Wichtiger waren appellative und informierende Plakate und Flugschriften. Gerade in Berlin hatten Hühnerfarmen diese spätestens seit 1927 in Milch- und Lebensmittelgeschäften schon eingesetzt: „Das Frischei ist das vollkommenste, wertvollste und dabei billigste Nahrungs- und Heilmittel!“ Auch Kleingartenbesitzern sollten schon seit längerem intensivere Geflügelzucht betreiben, um den Geldabfluss ins Ausland begrenzen zu helfen (Höhne, Kleinsiedler und „Die Ernährung“, Berliner Volks-Zeitung 1928, Ausg. v. 11. Mai). Insofern wandelte die Werbung für das „Deutsche Frischei“ auf bereits beschrittenen Bahnen – und war daher nicht differenzierungsstark.

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Informationsstand der Hannoverschen Frischei Genossenschaft während der DLG-Ausstellung in Hannover 1931 (Genossenschaftsblatt 20, 1931, Nr. 13, (2))

Das war anders bei den zahlreichen Formen direkter Werbung, wie sie zuvor vor allem der Reichsmilchausschuss genutzt hatte. Hervorzuheben ist die umfassende Präsenz auf land- und hauswirtschaftlichen Ausstellungen. Sie schuf Transparenz über das Kontrollverfahren und die Qualitätskriterien des neu bezeichneten Eies. Die Werbung zielte also keineswegs nur auf Verbraucher, sondern ebenfalls auf die große Zahl genossenschaftlich nicht organisierter Hühnerhalter. Das war ein strukturelles Problem: Die Werbung für eine nationale Dachmarke musste notgedrungen allgemein sein, doch dadurch wurde es schwieriger, zielgruppengenaue Ansprachen zu machen. Zugleich war die  Werbung für das „Deutsche Frischei“ nicht so einheitlich, wie dies Advokaten propagandistischer Massenansprache forderten; sie gingen, wie auch etwa die meisten politischen Parteien, von schwachen, leicht zu überzeugenden Konsumenten aus. Die unterschiedlichen landwirtschaftlichen Institutionen agierten durchaus eigenständig. Der Deutsche Landwirtschaftsrat schuf eigene Werbeplakate, ebenso einen für Kinos geeigneten Werbefilm. Regionale Landwirtschaftskammern steuerten weitere Werbematerialien bei, ebenso die Zentralen der Absatzgenossenschaften (Heine, 1929, (3)). Die Breite der Anstrenungen unterstreicht schließlich ein Reklameglasei der bei Spremberg gelegenen und für ihre Vorratsgläser und Messbecher bekannten Glashüttenwerke Poncet (Rosenbrock, 1929, 310).

Die Werbung für das „Deutsche Frischei“ blieb umstritten, nicht nur aufgrund der hinter den Erwartungen zurückbleibenden Absatzzahlen. Das lag aber nicht nur an dem strukturellen Defizit fehlender Preispolitik. Das Gemeinschaftsprodukt durfte nicht „billig“ sein, sollte eben höhere Preise erzielen. Es lag auch an grundsätzlicher Kritik, nach der Werbung „unproduktive Arbeit“ sei, ein zusätzlicher Kostenfaktor, der vor allem dazu diente, eine urbane Elite von Reklamefachleuten zu ernähren (Landwirtschaft und Reklame, HLFZ 83, 1930, 852, auch für da folgende Zitat). Sie setzten stattdessen auf einfache und sachliche Werbung, nicht sinnbetäubend, sondern im wohlverstandenen Sinne belehrend. Für diese Kritiker war „marktschreierische“ Werbung „undeutsch“. Diese im Mittelstand weitverbreitete Haltung verstand Wirtschaft noch als eine verpflichtende Handlung, gekennzeichnet durch wechselseitige Rücksichtnahme der unterschiedlichen wirtschaftlichen Akteure und einem von Pflicht geprägtem Konsumverhalten (Landwirtschaft und Deutsche Woche, HLFZ 84, 1931, 988-989, hier 989). Genauere Kenntnis des „Deutschen Frischeies“ hätte demnach klare Folgen: „Die Hausfrau ist ein Wirtschaftsdiktator im kleinen! Sie wird sicher ihre Pflicht in der einzig möglichen Weise zu handhaben wissen!“ (Steigende Nachfrage nach deutschen Qualitätserzeugnissen, Landfrau 1931, 93-94, hier 94)

In solchen Stellungnahmen spiegelt sich die strikt nationale Ausrichtung der Agrarwerbung, die angesichts der massiven Preis- und auch Konsumrückgänge während der Weltwirtschaftskrise nochmals intensiviert wurde. Seit 1928 wurden von der grünen Lobby „Deutsche Wochen“ gefordert, seit 1930 dann durchgeführt (K. Schumann, Die „Deutsche Woche“. Ein Weg für die landwirtschaftliche Gemeinschaftswerbung, MDLG 45, 1930, 1047-1048). Eine möglichst umfassende Autarkie wurden öffentlich intensiv diskutiert. Sie bildete die Quintessenz der neomerkantilistischen Wendung gegen die Eierimporte. Der 1930 gegründete Volkswirtschaftliche Aufklärungsdienst flankierte diese Maßnahmen mit Ausstellungen und reich bebilderten Broschüren. Die Werbung für das „Deutsche Frischei“ gliederte sich hierin ein: „Ein Volk mit 5 Millionen Arbeitslosen kann es sich nicht leisten, alljährlich Hunderte von Millionen für fremde Eier ins Ausland fließen zu lassen. Tätige Mithilfe eines jeden wird dem deutschen Eierfeldzug zum endlichen Siege verhelfen können“ (Das deutsche Ei marschiert!, Landfrau 1931, Nr. 14, 63-64, hier 63). Imagination eines einheitlichen Volkes ging einher mit imaginierten Verpflichtungen in einer Konsumgesellschaft.

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Nationalisierung der Werbung: Aktive Kennzeichnung deutscher Waren 1931 (l.) und Werbeplakat für Deutschen Wochen 1931 (HLFZ 85, 1931, 1096; Landfrau 1931, 176)

Nationales Wollen ersetzt jedoch keine Wirtschaftskompetenz. Das Fazit war 1931 eindeutig: „Allgemeine Propaganda für das deutsche Erzeugnis hat sich als völlig wirkungslos erwiesen“ (Mann, Erst Qualität, dann Propaganda!, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 49-50, hier 50). Die nach der NS-Machtzulassung nach Großbritannien emigrierte Agrarökonomin Hedwig Auspitz resümierte pointiert die Marktdaten des 1929 gegründeten Berliner Instituts für Marktforschung: “Die Propaganda für das ‚Deutsche Frischei‘ hat gezeigt, wie Propaganda nicht gemacht werden soll und welche Voraussetzungen für zweckmäßige, erfolgreiche Propaganda gegeben sein müssen – das in Qualität und Preis einwandfreie Produkt – Schwindel in der Reklame ist das Dümmste, was gemacht werden kann; besser ist es, gar keine Reklame zu machen, als schlechte Reklame. […] Durch die Reklame für ein nicht einwandfreies Produkt wird höchstens erreicht, daß die Verbraucher auf den Unwert des Produktes hingewiesen werden“ (Das Durcheinander im Nationalwirtschaftlichen Aufklärungsdienst, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 19-21, hier 20). Werbung konnte nicht die strukturellen Organisationsdefizite einer nationalen Dachmarke überdecken, die dem Werbeversprechen umfassender Verfügbarkeit nicht gerecht wurde. All dies führte zu einer neuerlichen Reorganisation der Werbung für das „Deutsche Frischei“, die ab 1932 von der neu gegründeten Berliner Eierstelle des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen – e.V. koordiniert wurde.

Auch ein zweiter, an sich moderner Aspekt der Eierwerbung hatte keine größeren Effekte: Die Anpreisung des „Deutschen Frischeies“ als gesund. Es galt als „vollwertiges Nahrungsmittel“, leicht verdaulich, klein, aber voller Energie, zudem reich an Vitamin A und an B-Vitaminen. „Das Vollfrischei jedoch besitzt außerdem noch wertvolle Stoffe wie: Lecithin und Cholesterin, wovon Wissenschaftler behaupten wollen, daß ohne dasselbe ein Fortleben in der Jugend nicht denkbar sei, nachdem diese Substanzen in den Gewebezellen, Nerven im Gehirn und im Samen enthalten sein soll“ (J. Rusch, Vom Wert des Frisch-Eies und seine Bedeutung als Volksnahrungsmittel, Bludenzer Anzeiger 1930, Nr. 20 v. 17. Mai, 3). Weitere Inhaltsstoffe wurde ausgelobt, etwa die Aminosäuren. Dazu kamen küchentechnische Vorteile: „Ohne das Ei ist die Ernährung kaum noch vorstellbar“ (Ei, 1931, 63). Das Ei, das frische, deutsche, es wurde gepriesen als „Vorbeugungsmittel“ gegen Arterienverkalkung, Harnvergiftung, Nierenkrankheiten und vieles mehr ([Josef Schießler], Der Wert vom Frischei und dem Trinkei!, Bludenzer Anzeiger 1932, Nr. 7 v. 13. Februar, 1-2, hier 2). Kurzum, die Ware „Deutsches Frischei“ wurde mit den üblichen verkürzenden Stoffprofilen beworben, wie bis heute die meisten Lebensmittel, wurde mit Attributen geschmückt, die selbst einen Pfingstochsen hätten neidisch machen können. Und doch, angesichts der während der späten 1920er Jahre massiv anwachsenden Gesundheitswerbung zerstoben spezielle Vorteile, war „Gesundheit“ doch kein eindeutiger Kaufgrund. Das galt zumal in einer Zeit, in der die Mehrzahl der Bevölkerung den Gürtel enger schnallen musste.

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Frische und Qualität als Werbeargumente 1931 (Vossische Zeitung 1931, Nr. 150 v. 29. März, 28)

Blicken wir nun auf einem weiteren potenziellen Schuldigem, den Verbraucher. Er war Fluchtpunkt vieler Wünsche, zumal nationaler: „Du aber, deutsche Frau und deutscher Mann, bedenke nicht nur, daß du ein Deutscher bist, sondern kaufe auch deutsch!“ (E. Rud[olf] Jungclaus, Schutzzoll oder Freihandel. – Deutsche, kauft deutsche Waren!, HLFZ 84, 1931, 1095-1096, hier 1096) Er galt als notorisch uninformiert über die Schäden der Eierimporte, jedoch als grundsätzlich gutwillig, wenn die Werbung ihn nur lenke (Elli Heese, Landfrau, Absatznot und Marktwerbung, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 200-202, hier 202). Diese „Fachleute“ hätten in der Fachliteratur genauer nachlesen sollen: „Die Einstellung der Landwirtschaft auf den Absatz setzt zunächst eine intime Kenntnis der Wünsche des Marktes voraus; eingehende Marktbeobachtung ist also unerläßlich. Nur wenn man die Forderungen der Käufer genau kennt, kann man sie erfüllen“ (Kurt Ritter, Rationalisierung in der Landwirtschaft, in: Ludwig Elster und Adolf Weber (Hg.), Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. gänzl. umgearb. Aufl., Erg.-Bd., Jena 1929, 765-795, hier 771). Preis, Geschmack und Frische, von dieser Trias abstrahierten die Frischeierpropagandisten, und mangels vorheriger Analyse hätten sie über den Flop nicht überrascht sein dürfen. Die Massenpresse brachte das Problem auf den Punkt: „Denn der übergrosse Teil der Konsumenten ist gezwungen, mit dem Pfennig zu rechnen, so dass er sich nicht den Luxus leisten kann, immer deutsche Waren zu kaufen! […] Was nützt das schönste Adlerei, wenn es der arme Schlucker sich nicht kaufen kann! Und dann: die ‚nationalen Belange‘, mit denen die berühmtem Plakate ‚Deutsche, trinkt deutschen Wein, esst deutsche Aepfel!‘ usw. stets drapiert werden, entpuppen sich bei genauen Untersuchungen immer wieder als geldliche Interessenten-‚Belange‘!“ (Das Adler-Ei!, Berliner Volks-Zeitung 1930, Ausg. v. 7. März)

Der Verbraucher handelte erwartbar, „rational“. Er schaute auf den Preis und die Qualität der Eier. Gerade während der Anlaufphase war die Zahl fauler Eier nicht zurückgegangen (Rationalisierte Eier, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 626-627, hier 626), konnte die namensgebende „Frische“ nicht durchweg gewährleistet werden. Auch später gab es immer wieder Beanstandungen (kritisch hierzu Breitfeld, Unfug mit dem deutschen Frischei, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 106-107). Die „Deutschen Frischeier“ standen für den Konsumenten zudem in einer längeren Reihe gestempelter Frischeier, teils der Hühnerfarmen, teils regionaler Produzenten, teils der Auslandsanbieter. Schwerwiegender aber war, dass er die neuartigen Eier vielfach schlicht nicht kaufen konnte (Thoering, Die Eier-Verordnung, MDLG 47, 1932, 323-324, hier 323). Es gelang den Genossenschaften nicht, genügend Ware anzubieten, so dass die Konsumenten vielfach nicht zwischen verschiedenen Angeboten wählen konnten.

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Kontrollzeichen niederländischer Exporteier (Lichter und Kobligk, 1929, 653)

Auch der Handel, insbesondere der Großhandel, zeigte sich gegenüber dem „Deutschen Frischei“ eher reserviert (Rudolph, 1932, 152): „Soweit er es überhaupt erhielt, hatte er allzu häufig Ursache zu Beanstandungen; er fand jedenfalls nicht das, was er dank der vielversprechenden Propaganda billigerweise erwarten mußte“ (Tanz, 1930, 1029). Doch es ging hier um Grundsätzlicheres: Auch wenn die Absatzgenossenschaften immer wieder ihr Interesse an fairen Beziehungen hervorhoben, konnten die Kostenreduktionen ohne Verdrängung von Händlern nicht realisiert werden. Schon das Kontrollsystem übernahm wichtige Funktionen, die damals vom Handel übernommen wurden. Diese Konkurrenz wurde durch zahlreiche Vorwürfe seitens der Landwirtschaft unterstrichen. Der Handel wurde immer angeklagt, keine Rücksicht auf die unter großen Schwierigkeiten produzierenden deutschen Bauern zu nehmen und sich für wenige Pfennige Differenz mit ausländischen Anbietern einzulassen, die ihm sicheren Gewinn für einfache Vermittlungstätigkeiten versprechen konnten (Das deutsche Frischei marschiert, Landfrau 1931, 149-150, hier 149). Auch der Handel rechnete jedoch mit Preisen und Preisdifferenzen, handelte ökonomisch „rational“, nicht national.

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Trittbrettfahrer: Werbung für einen elektrischen Eierkocher anlässlich der Einführung der „Deutschen Frischeis“ (Badische Presse 1930, Nr. 162 v. 5. April, 11)

Der Widerstreit der verschiedenen Akteure blieb nicht verborgen: „Der Kampf um das deutsche Frischei tobt in aller Heftigkeit weiter“ (Rusch, 1930, 3) – und die Eierabsatzgenossenschaften und die sie unterstützenden landwirtschaftlichen Organisationen hatten daran regen Anteil. Sie nahmen die theoretische Herausforderung dieser Zeit ernst: „Der deutsche Landwirt produziert in erster Linie für den Markt. Deshalb muß er sich dem Markt willig fügen, sich ihm anpassen und nicht seine ganzen Hoffnungen auf den Staat setzen oder darauf, daß der Markt sich ihm anpaßt“ (Ritter, 1926, 35). Es ging dabei erst einmal um ein Ringen um die Sache, also die Ausgestaltung der Produktion und der Kontrollsysteme. Die Marktbeobachtung kam anfangs nicht voran, da die elementare und an sich einfache Größensortierung nicht überall gleich erfolgte (Heine, 1929, (3)). Wichtiger aber war die Konkurrenz der Genossenschaften untereinander. Gerade bei der Belieferung der Konsumzentren, zumal Berlins, standen die Zentralgenossenschaften im direkten Wettbewerb. Ihr Marktanteil war zu gering, um die gewünschten Preise durchzusetzen und den privaten Eierhandel zu verdrängen. Zugleich war die Kostenbelastung hoch, waren die Strukturen eines reichsweiten Absatzsystems ja geschaffen worden (Rüße, 1996, 147). Das Reichslandwirtschaftsministerium richtete deshalb zusätzliche Ausgleichstellen ein, außerdem bemühte man sich um Einigungen innerhalb der sechs den siebzehn Erzeugergebieten übergeordneten Hauptabsatzgebiete.

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Werbung für neue Organisationsformen des Eierabsatzes 1930 (Genossenschaftsblatt 19, 1930, Nr. 13, 4)

Derartige interne Querelen waren ein Grund für die zu geringe Bindungskraft der Absatzgenossenschaften. Zeitgenossen unkten, bisher war „der Erfolg der gesamten Unternehmung sehr begrenzt […]. Der Grund hierfür ist letzten Endes in der Preisgestaltung zu suchen“ (Thoering, 1932, 324). Es gelang den Eierverkaufsgenossenschaften nur unzureichend, Hühnerfarmen als Mitglieder zu gewinnen. Auch die große Mehrheit der kleinen und auch mittleren Bauernwirtschaften blieb den Genossenschaften fern. Für kleine Nebenerwerbswirtschaften schien der Aufwand zu groß, während die leistungsfähigeren Spezialanbieter deutlich sinkende Einkommen befürchteten. Insgesamt erhöhten die Absatzsatzgenossenschaften die Anforderungen an die Geflügelwirtschaft, die nun dem Druck ausgesetzt war, die Hühnerzucht und die Fütterung zu verbessern (Die deutsche Geflügelzucht, Vorwärts 1931, Nr. 25 v. 16. Januar, 9). Kritiker monierten, dass dieses am Anfang hätte stehen müssen, nicht nach der Implementierung des „Deutschen Frischeis“. Auch die Werbung habe zu früh eingesetzt, habe dadurch die Konsumenten verwirrt. Die landwirtschaftlichen Organisationen hätten mindestens 20-25 Prozent der Inlandsproduktion genossenschaftlich organisieren, sich zuvor den monetären Lockungen des Reichslandwirtschaftsministeriums verweigern müssen (Kruse, 1934, 32-33). Erst Standardisierung, Qualitätsverbesserung, ein Ende des „Sortenwirrwarrs“ – und anschließend der Absatz unter einer nationalen Marke; das sei die Lehre aus der verfrühten Einführung des „Deutschen Frischeies“.

Aus dieser Sicht war der Schuldige vor allem „der Staat“, also das Reichslandwirtschaftsministerium. Dieses hatte die Federführung der Eierstandardisierung vom Deutschen Landwirtschaftsrat übernommen, sie dann mit einer umfassenden Neuorganisation des Eiermarktes verbunden und massiv auf eine schnelle Markteinführung des „Deutschen Frischeies“ gedrängt. Angesichts wachsender Einkommenseinbußen und einer nicht nur im Osten rasch zunehmenden Verschuldung der Landwirtschaft gab es jedoch gute Gründe, die Einführung zu wagen. Zu beachten ist auch die politische Konstellation. Seit 1928 leitete der liberale DDP-Politiker Hermann Dietrich (1879-1954) das Ministerium. Selbsthilfe ersetzte tendenziell Staatshilfe, die zahlreichen Absatzgenossenschaften waren die Konsequenz. 1930, mit dem nahenden Ende der großen Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller (1876-1931), endete dieses Intermezzo. Ein Tag vor der Markteinführung des „Deutschen Frischeies“ begann mit der Kanzlerschaft des Zentrums-Politikers Heinrich Brüning (1885-1970) die kurze Periode der Präsidialkabinette. Landwirtschaftsminister wurde nun, wie schon 1927 bis 1928, der deutschnationale Agrarier und Präsident des Reichslandbundes Martin Schiele (1870-1939). Dies bedeutete verstärkte Staatsintervention, Preisstützungen, mehr Zollschutz und eine Reorganisation der Eierwirtschaft auf deutlich breiterer Grundlage. Devisenbewirtschaftung, massive Kaufkraftverluste und ein Preisverfall von einem Drittel bewirkten derweil eine Umkehr des Aufwärtstrends bei den Eierimporten. Die Zahl der importierten Eier sank von 3,13 Milliarden Stück 1928, über 2,99 und 2,89 auf 2,49 Milliarden Eier 1931. Der Inlandanteil am Verbrauch stieg parallel von 60 Prozent (1928) über 63 und 66 auf 68 Prozent 1931 (A[lex] Walter und [Gerhard] Lichter, Die deutsche Eierstandardisierung, Berlin 1932, 15).

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Smileys für die Neuordnung: Rechts Verkaufskisten mit „Deutschen Frischeiern“ (Der junge Landwirt 5, 1932, 40)

Das Reichslandwirtschaftsministeriums begrüßte diese Trendwende, sah sich aufgrund des drohenden Verfalls der Investitionen in die Eierwirtschaft und dem möglichen Bedeutungsverlust der genossenschaftlichen Organisation jedoch zu weiteren aktiven Maßnahmen gezwungen. Die Marktimplementierung des „Deutschen Frischeies“ galt nun lediglich als „Vorarbeit“ (Binnenhandelspolitische Maßnahmen, Archiv des Deutschen Landwirtschaftsrats 49, 1931, 170-186, hier 185) für eine umfassende Neuregelung. Dazu zielte „der Staat“ – also eine kleine Gruppe landwirtschaftlicher Interessenvertreter, Ministerialbeamter und Agrarwissenschaftler – auf eine möglichst umfassende Kennzeichnung der Eier. Aus einer Markenbewegung für eine hohe gesicherte Standardqualität wurde nun eine Standardisierung tendenziell aller im Deutschen Reich verkauften Eier, auch der Auslandseier. Kritik an einem drohenden „Eier-Diktator“ (Eier, 1931, 627) wurde zwar laut, hatte aber politisch keine Chance mehr.

Detailliertere Kennzeichnungsvorschriften des Reichsausschußes für Geflügel- und Eierverwertung machten 1930 den Anfang. Eine weitere Größenklasse wurde eingeführt, diese farbig voneinander geschieden: Größe S (über 65 g) erhielt einen schwarzen Adlerstempel, A (60-65 g) einen roten, B (55-59,9 g) prangte blau und C (50-54,9 g) abermals schwarz. Pflichtschuldig hieß es in der Fachpressen: „Wir wollen hoffen, daß es gelingen wird, sowohl die Auslandsware als auch die Kühleier in einer Weise zu stempeln, daß es nicht mehr möglich sein kann, daß Manipulationen vorkommen, denen der reelle Handel vollkommen fernsteht, durch die das Publikum aber getäuscht wird, was wiederum zur Folge hat, daß durch gemachte schlechte Erfahrungen der Eierverbrauch zurückgeht“ (Wagner, 1930, 854). Die Absatzsteigerung auf 507 Millionen „Deutsche Frischeier“ 1931 wurde auch auf diese Maßnahme zurückgeführt (Kruse, 1934, 70). Sie war jedoch zugleich Folge strikt eingesetzter Agrarsubventionen. Ab dem 1. August 1930 wurde Futtermais verbilligt abgegeben, um die Auswirkungen der erhöhten Getreidezölle abzufedern. Eierproduzenten erhielten verbilligten Mais jedoch nur, wenn sie ihre Ware über Genossenschaften absetzten (Walter und Lichter, 1932, 11). Diese Maßnahme richtete sich vor allem gegen die Hühnerfarmen. Der Erfolg war gering, obwohl die Kostensenkung bis zu zwei Pfennig pro Ei betrug.

Ein Mitte des Jahres an die Interessenverbände versandter Entwurf einer Kennzeichnungsverordnung für Eier sah eine weitere Stärkung vor. Jede Qualitätskennzeichnung abseits des „Deutschen Frischeies“ sollte verboten werden (Das „politische Ei“, Ernährungswirtschaft 5, 1931, 255-257, hier 256). Dies sollte, so die offiziöse Version, den Markt für den Verbraucher ordnen. Faktisch aber wollte man die etablierten Qualitätsmarken der Hühnerfarmen und Auslandseier verbannen. Der Antrag wurde Ende des Jahres wieder zurückgezogen, als ein Maßnahmenpaket zur „Verbesserung der Marktverhältnisse für deutsche landwirtschaftliche Erzeugnisse“ ohne parlamentarische Beratung als Teil der am 1. Dezember 1930 erlassenen „Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen“ Gesetzeskraft erhielt. Durch dieses „Handelsklassengesetz“ erhielt das Reichsministerium umfangreiche Rechte, um die rückwärtigen Sektoren der Versorgungsketten neu zu gestalten. Während zwei Jahre zuvor der Absatz im Mittelpunkt stand, konzentrierte man sich nun wieder auf die Ordnung der Produktion. Sie erfolgte im 1932.

Umfassende Kennzeichnung: Die Eierverordnung vom 17. März 1932

Die Eierverordnung vom 17. März 1932 bedeutete ein Ende des gestempelten „Deutschen Frischeies“. Der einmal etablierte Begriff blieb bestehen, rechtlich verbindliche Qualitätskriterien gab es jedoch nicht mehr. Die Verordnung setzte an deren Stelle neue Handelsklassen, die weiterhin von Kontrollstellen an den Landwirtschaftskammern überprüft wurden (Reichsgesetzblatt 1932, T. 1, Berlin 1932, 146-152). Da Sie als aufgeklärter Eieresser ja wissen, was sich hinter den 2008 erlassenen Kategorien der EU-Vermarktungsnormen für Eier verbirgt – vier verschiedene Haltungsformen (0-3), vier Größenklassen (XL. L, M und S), zwei Güteklassen (A und B) sowie Codes für die Herkunftsländer resp. die deutschen Bundesländer, schließlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum, aus dem Sie indirekt das Alter der Eier ermitteln können – werden Sie sich in das achtundachtzig Jahre alte System leicht einfinden können; es ist recht ähnlich.

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Neue Kennzeichnungen der Eier (Landfrau 1932, Nr. 25, 1)

Handelsklasseneier waren in fünf Gewichtsgruppen unterteilt, um so große (A), mittelgroße (B), gewöhnliche (C) und kleine (D) Eier von der wuchtigen Sonderklasse (S) unterscheiden zu können. Zwei Gütegruppen orientierten sich am Alter der Eier, schieden vollfrische (G1) von frischen (G2) Eiern. Für den Kampf um die Marktstellung des deutschen Eies zentral war eine zusätzliche Kennzeichnung der Herkunftsländer. Damit wurden Auslandseier als solche kenntlich. Doch damit nicht genug. Um vollfrische/frische Eier hervorzuheben, mussten Kühlhauseier (K) und konservierte Eier (Konserviert) ebenfalls gekennzeichnet werden. Farbliche Akzente blieben bestehen, denn die Stempel sollten von September bis Mitte März rot, den Rest des Jahres schwarz sein.

Das war Markttransparenz, doch diese Kennzeichnung betraf vornehmlich die urbanen Konsumzentren. Die Mehrzahl der deutschen Eier, der Vorwärts sprach von 3,5 der über 6 Milliarden Inlandseier, wurde von der Landbevölkerung verbraucht, und auch ein Großteil der in Klein- und Mittelstädten verkauften Eier war wohl nicht gekennzeichnet (Der Wettkampf der Hühnereier, Vorwärts 1932, Nr. 237 v. 22. Mai, 4). Zugleich monierte man die unverständlichen „Hieroglyphen“ auf den Eiern (Hühnerstall und Eierladen, Vorwärts 1932, Nr. 214 v. 8. Mai, 5). Doch lehnen wir uns etwas zurück, um den Sinn dieser Maßnahmen zu verstehen. Es ging darum, die „unübersichtliche Verwirrung im deutschen Eierhandel“ (Rudolph, 1932, 155) zu beenden, also um Marktbereinigung. Denn mit den Handelsklasseneiern verschwand nicht nur das „Deutsche Frischei“, sondern auch die vielen anderen Kennzeichnungen in- und ausländischer Anbieter. Landläufige Bezeichnungen, wie Landei oder Frühstücksei, waren ebenfalls verboten. Die Verordnung ermöglichte dem Konsumenten daher eine einfache Unterscheidung nach nationaler Herkunft und, sofern dies nicht Teil der Alltagskompetenz war, nach Größe. Die Frische der Eier wurde an sich transparenter gemacht, zumal durch die Kennzeichnung der Kühlhaus- und der konservierten, also mit chemischen Mitteln behandelten Eier. Zugleich aber wurde der Begriff der „Frische“ neu definiert – und damit zugleich auf das Alter, genauer auf die Größe der im Ei befindlichen Luftblase reduziert. War sie nicht über 5 Millimeter hoch, so handelte es sich um vollfrische Eier, während frische Eier eine doppelt so hohe haben durften. Frische Eier wären also zuvor nicht unter die Kriterien des „Deutschen Frischeies“ gefallen.

Die Eierverordnung beendete zwar das Marktpräsenz des „Deutsche Frischei“, sie zielte jedoch weiterhin auf die Stärkung der genossenschaftlichen Absatzorganisation. Wie zuvor setzte sie auf deren kontinuierliches Wachstum („Bereinigung des Eiermarktes.“, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 21-22, hier 21). Wer Eier vermarkten wollte, konnte dies abseits lokaler, bestenfalls regionaler Märkte nur unter den Kategorien des Handelsklasseneies, nur in diesem Rahmen erhielt er verbilligten Mais (kritisch hierzu Die Polizei im Eierladen, Ernährungswirtschaft 6, 1932, 164). Die Verordnung bot verlässliche Rahmenbedingungen und angesichts der dann wenig später erlassenen Festpreise waren Sonderwege, etwa der Hühnerfarmen, wenig sinnvoll. Der abnehmende Druck ausländischer Eierimporte erschien als Zeitgewinn, der erlaubte, die zuerst auf die Produktion zielende Standardisierung vollenden zu wollen. Erst anschließend konnte dann, wie auch immer, der Absatzmarkt neu geordnet werden. Von einer intimen Kenntnis der Verbraucherwünsche war daher nicht mehr die Rede, auch wenn die Handelsklassen die Markttransparenz deutlich verbesserten. Der Begriff der „Frische“ wurde durch die Neuregelungen nochmals inhaltsleerer, entfernte sich jedenfalls weiter von den schon im Kaiserreich illusionären Vorstellungen nestwarmer Eier. Alte Eier waren nun „frisch“, frische Eier dagegen „vollfrisch“. Auch das deutsche Frischei wurde weiterhin beworben, damit allerdings kein Markenprodukt mehr verbunden (vgl. Badische Presse 1933, Nr. 126 v. 15. März, 6).

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Das neue, vor allem deutsche Frischei (Der Bazar 79, 1933, Nr. 13, 21)

Während der NS-Zeit blieb die Eierverordnung, von wenigen kleineren Änderungen abgesehen, bestehen. Der Reichsnährstand schuf Zwangsorganisationen der Eierwirtschaft. Die Rahmenbedingungen änderten sich in Richtung der seit 1930 beschrittenen Wege. Der Import wurde erschwert – und anderes als etwa bei Kaffee oder Südfrüchten gelang eine Konsumlenkung auf deutsche Eier und eine Rückführung des Eierkonsums auf den Vorkriegsstand. Während 1932 noch 161 Eier pro „Vollperson“ verzehrt wurden, verringerte sich dieser Wert 1934 auf 139 und lag 1938 mit 144 Stück nicht wesentlich höher (Wilhelm Ziegelmayer, Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung, 4. verb. u. erw. Aufl., Dresden/Leipzig 1941, 42).

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Wie in der „guten alten“ Zeit: Frischeier für die Haushaltskonservierung (Badischer Beobachter 1934, Nr. 111 v, 25. April, 10)

Die Saisonalität des Eieraufkommens blieb in den 1930er Jahren grundsätzlich bestehen, da der Ausbau der Kühlhäuser aufgrund wachsender Investitionen in die Grundstoff- und Rüstungsindustrie nicht wie geplant vorankam. Die im Rahmen des Reichsnährstandes neu eingerichtete Reichsstelle für Eier lagerte zwar im Frühjahr Eier ein, doch die saisonalen Preisschwankungen und Versorgungsengpässe konnten damit bestenfalls gemildert werden (Billigere Kühlhauseier, Badischer Beobachter 1934, Nr. 336 v. 9. Dezember, 7). Die reduzierten Importe sollten durch die deutsche Hausfrau abgefedert werden: „Gibt es keine Frischeier, dann werden Kühlhauseier verwendet“. Bestehende Feindbilder wurden dazu genutzt, die Verknappung der Eier nicht der Organisation der Eierwirtschaft oder dem ordinären Huhn zuzurechnen, sondern „jüdische[n] Spekulanten“. Wer dagegen aufbegehrte – und derer gab es viele – der machte sich zum „Feind der Nation. Als solcher aber wird er […] gebrandmarkt und rücksichtslos unschädlich gemacht“ (Preissenkung und Einkaufsdisziplin, Der Führer 1935, Nr. 251 v. 12. September, 9). Parallel wurde die Werbung für häusliche Konservierungsmittel, für Garantol, aber auch für Eifrischhalter wie Imo und Eifri, deutlich intensiviert.

Das „Deutsche Frischei“ war eine folgenreiche Episode. Obwohl ein Flop, setzte sie Dynamiken in Gang, die zu einer steten Rationalisierung der Eierwirtschaft, zu einer zuvor unbekannten Standardisierung und zum Vordringen von Expertenwissen und Kontrollverfahren führten. Dies war die Konsequenz einer sich schon im späten 19. Jahrhundert etablierenden Konsumgesellschaft, die das Agrarische letztlich nach ihren Werten umstellte. Die Bauern folgten langsam, aber doch stetig, da sich ihre Arbeit rechnen musste. Der lange Schatten der Diskussionen über das „Deutsche Frischei“ reicht bis in die Gegenwart. Dies nicht nur, weil wesentliche Elemente dessen, was Verbraucher heute über Eier wissen (und wissen wollen) spätestens mit der Eierverordnung von 1932 – und ähnlichen Regelungen im europäischen Ausland – festgezurrt wurden. Wichtiger noch: Frische etablierte sich als gängige Anspruchshaltung, mochte sie auch meist inhaltsleer sein. Die Geschichte des „Deutsche Frischeies“ erlaubt daher auch einen Blick hinter die Mythen, die wir so gerne pflegen, wenn wir uns ein „frisches“ Ei heute schmecken lassen.

Uwe Spiekermann, 29. Februar 2020

Die begrenzte Rationalisierung der Produktions- und Absatzketten im späten Kaiserreich: Das Beispiel Obst und Gemüse

Anders als Fleisch oder Milch, Brot und Getreide standen Obst und Gemüse vor dem Ersten Weltkrieg nicht im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Sie erschienen als schwache Lebensmittel, mit nur wenig Eiweiß und wenigen Kalorien; Vitamine waren noch nicht bekannt. Obwohl Teil der täglichen Kost, rangierten sie deutlich hinter den Kernelementen bürgerlicher und auch unterbürgerlicher Kost, nämlich Fleisch, Brot und Kartoffeln. Ihre Alltagsbedeutung war weit gefächert. Obst und Gemüse waren erstens saisonale Lebensmittel, deren Konsumspitzen sich an die Erntezeiten anschlossen. Zweitens boten sie Beikost zur Variation der relativ gleichförmigen, vorrangig auf Getreide, Getreideprodukten und später auch Kartoffeln basierenden Mahlzeiten. Obst und Gemüse waren drittens soziale Marker [1] und dienten viertens als Gesundheitskost [2]. Trotz eingeschränkter saisonaler Verfügbarkeit und hoher Preise war die gesellschaftliche Bewertung beider Lebensmittelgruppen durchaus positiv, boten sie doch schmackhafte und auch süße Ergänzungen im Alltag.

Angesichts ihres relativ geringen Nährwertes ist ihr Bedeutungsgewinn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemerkenswert. Der Gemüsekonsum stieg bis zum Ersten Weltkrieg relativ konstant an [3]. Zwischen 1850 und 1913 verdreifachte sich der Anbau, während der jährliche Pro-Kopf-Konsum von 37 kg auf über 60 kg wuchs. Das Angebot war regional geprägt, generell dominierten im Deutschen Reich verschiedene Kohl- und Wurzelgemüse, Mohrrüben, Zwiebeln und Gurken. [4] Der Obstkonsum lag deutlich niedriger, doch verdoppelte er sich zwischen 1850 und 1913. Äpfel, Pflaumen, Birnen und Kirschen bestimmten das Angebot. Südfrüchte besaßen dagegen nur eine geringe absolute Bedeutung, auch wenn Natureis und Kühlmaschinen den Eisenbahn- und Schiffstransport insbesondere seit den 1890er Jahren wesentlich vereinfachten. Zitrusfrüchte, Ananas, Bananen, sowie getrocknete Feigen und Korinthen waren relativ teuer, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg allgemein verbreitet [5].

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Verkauf von Messina-Apfelsinen in Berlin 1907 [6]

Die veränderten Konsummuster lassen sich auf drei vornehmlich angebotsbezogene Faktoren zurückführen, die ihrerseits wiederum auf Nachfrageimpulsen gründeten. Erstens ist die verbesserte Transportinfrastruktur zu nennen, ohne die neue leistungsfähige Versorgungsinstitutionen, etwa die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, neue Großhandelsformen und insbesondere ein sich dynamisch entwickelnder Facheinzelhandel nicht denkbar gewesen wären. Zweitens setzte schon früh eine Rationalisierung und Intensivierung des Gartenbaus ein. Es waren vor allem kleine und mittlere Produzenten, vorrangig Pomologen, die lokale und regionale, meist genossenschaftlich organisierte Netzwerke einrichteten, um die Qualität, insbesondere aber den Ertrag des angebauten Obstes und Gemüses zu erhöhen.

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Professionalisierung der landwirtschaftlichen Forschung: Landwirtschaft­li­che Experimentalstationen für Gartenbau in Deutschland im 19. Jahr­hundert [7]

Die dort, aber auch an Universitäten und in landwirtschaftlichen Betrieben arbeitenden Experten etablierten ein chemisch-physiologisches und stoffbasiertes Verständnis von Pflanzen und Agrarproduktion, auch wenn es noch lange von den empirischen Kenntnissen der Praktiker in Frage gestellt wurde. Die Zusammensetzung von Böden und Pflanzen wurde analysiert, neues Saatgut gezüchtet und verbreitet, ferner Grundzüge der Düngelehre und dann auch des Pflanzenschutzes etabliert [8]. Gleichwohl produzierte man Obst und Gemüse vorrangig im Nebengewerbe, lediglich ein Achtel des Angebotes stammte vor dem Ersten Weltkrieg von spezialisierten Betrieben. Das lag an der gegenüber Hackfrucht- und Getreideanbau wesentlich höheren Abhängigkeit vom Wetter und den nicht unerheblichen Problemen, die nach der Ernte teils schnell verderblichen Waren verkaufen zu können.

Neben den traditionellen Lager- und Verarbeitungstechniken entwickelte sich drittens die Konservierungstechnik rasch, nahm jedoch eine außergewöhnliche Entwicklung. Gewiss, die gewerbliche Dosenkonservierung gerade von Gemüse nahm zwar deutlich zu, doch die Konsummengen blieben zumal im Vergleich zu Großbritannien und den USA recht gering: 1913 wurden im Deutschen Reich ca. 80 Mio. Dosen Gemüse- und 30 Mio. Dosen Obstkonserven produziert, also etwa zwei Kilogramm pro Kopf und Jahr. [9] Von einem „Konservenzeitalter“ kann wahrlich nicht die Rede sein. Wesentlich bedeutsamer als die Konservenindustrie war die häusliche Konservierung. Die anfallenden Ernten von Gärten und Feldern wurden dezentral verarbeitet, wobei der Anteil der zugekauften Ware stetig wuchs. Dabei handelte es sich nicht um Beibehaltung tradierter Techniken des Einmachens, sondern um eine bewusste Verhäuslichung, um die Nutzung neuer Techniken in der Hauswirtschaft. Seit den 1870er Jahren gewann insbesondere im landwirtschaftlichen Milieu die heimische Dosenkonservierung an Bedeutung. Entscheidend aber wurde die Einführung von Einkochverfahren auf Grundlage der neu entwickelten Hitzesterilisierung, namentlich des Weck-Verfahrens in den späten 1890er Jahren [10]. Aufgrund des relativ hohen Preises der Konservierungsgefäße und -geräte blieb ihre Verwendung während des Kaiserreiches jedoch noch auf bürgerliche und bäuerliche Haushalte begrenzt.

Während die Fleisch- und Milchproduzenten, teils durch Zollschutz und veterinärmedizinische Vorkehrungen, teils durch die rasche Verderblichkeit der Waren, nur relativ geringer Konkurrenz ausgesetzt waren, gab es im Obst- und Gemüsesektor nicht nur vermehrte Nachfrage, sondern zugleich einen wachsenden Importdruck qualitativ höherwertiger Angebote. Der durchaus bestehende Zollschutz wurde dadurch unterminiert. Selbstbewusst hieß es etwa auf einem Eisenbahnwaggon mit Importware: „Einst waren sie im Reichstag toll, Schickten uns darum Eingangszoll, Und hofften Hollands Kohl zu wehren, Doch Deutschland kann sie nicht entbehren. Schon 1000 Wagen sandte dies Jahr Hinüber Kaufmann K. Wagenaar. Klaas Wagenaar aus Broek und Langendeich. Sandte immer beste Waren, Berliner Händler, bestellt darum sogleich. So werdet ihr viel ersparen“ [11].

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Marktorientierte Gemüseproduktion in den Niederlanden 1911: Gurkenproduktion im beheizten Glashaus (l.) und Gemüsetransport zur Auktion (r.) [12]

Ähnlich urteilten deutsche Marktbeobachter über die Fruchtimporte: „Das [ausländische, US] Obst kommt unter bestimmten bekannten Marken in den Handel und befindet sich in den Verpackungsgefäßen in so tadelloser, gleichmäßiger Qualität, daß der Großhandel die Ware sowohl einkaufen wie verkaufen kann, ohne sie vorher in Augenschein nehmen zu müssen, und ohne ein nennenswertes Risiko zu laufen, welches bei der Versendung durch Verderben der Früchte sonst zu befürchten wäre. Der Zustand des ausländischen Obstes befähigt den Großhandel, dasselbe von den großen Handelszentren bis in die entferntesten und kleinsten Konsumplätze dem Kleinhandel zu liefern. An diesen Plätzen wird hierdurch das deutsche Obst ersetzt bezw. verdrängt.“ [13] Die wachsenden Erfolge auswärtiger Anbieter, die vor dem Ersten Weltkrieg mehr als ein Fünftel des Absatzes bestritten, führten spätestens Mitte der 1890er Jahre zu einer intensivierten Expertendiskussion. Es galt, vom Ausland zu lernen, vorrangig von den USA und den Niederlanden [14].

Die Qualitätsdefizite des eigenen Angebotes waren offenkundig: „Geht man durch die Marktstände in den Städten oder wirft einen Blick in die Schaufenster und Läden der Fruchthandlungen, so kann man sich eines Erstaunens über das Aussehen der Früchte nicht erwehren und muß sich wundern, daß derartig fleckiges, angestoßenes oder krüppeliges Obst Abnehmer findet, und zwar zu einem Preise, den der produzierende Landwirt kaum für seine allerbesten Früchte erzielt.“ [15] Abseits des Augenscheins wurden vorrangig zu geringe Anbauflächen, zu schlechte Pflege der Pflanzen, mangelnde Konservierungstechniken, zu hohe Warenverluste, zu viele Sorten, zu geringe Liefermengen und schlechte Sortierung kritisiert. [16] Das Kleinklein der Produktion galt als besonderes Problem, verlangte „der wirklich intensive Obstbau [doch, US] große Kapitalien, viel Zeit und ungeteilte Arbeitskraft […]. Er muß zu einer förmlichen ländlichen Industrie ausgestaltet werden, wenn er nennenswerte Erträgnisse liefern und volkswirtschaftliche Bedeutung erlangen soll.“ [17]

Die Antwort zahlreicher Agrarökonomen, Pomologen und Praktiker zielte auf eine Qualitätsoffensive zur Rückgewinnung der deutschen Konsumenten. Sie ging jedoch nicht von den Bedürfnissen und Erwartungen der Verbraucher aus, sondern zielte auf hochwertigere und vor allem effizienter produzierte und vermarktete Waren. Diese würden – gemäß dem Sayschen Theorem – ihren Absatz finden, da Produktqualität das beste Verkaufsargument sei. Das mag aus heutiger Sicht verwundern, spiegelte jedoch die zeitgenössischen Vorstellungen der nationalökonomischen Theorie, in denen der Konsument erst einmal als Widerpart des Produzenten verstanden wurde. [18] Er erzwang „die Waren resp. Leistungen nach Bedarf und möglichst bequem, mannigfaltig, brauchbar und preiswert zu erhalten“ – doch damit waren die Problemlagen einer Konsumentenorientierung klar benannt, biete sie denn „keine Garantie mehr für die Güte, die Qualität, die Preiswürdigkeit der Waren. Der Konsument muß selbst prüfen und ist, wenn er dies nicht thut oder nicht kann, der Gefahr der Benachteiligung ausgesetzt.“ [19] Der rational gedachte Konsument zielte auf die maximale Befriedigung seiner Bedürfnisse. Er war Auslöser ökonomischen Dynamik, die zu Qualitätsverschlechterung und überbürdenden Ansprüche führen mussten, wenn nicht andere Instanzen helfend einsprangen. Entsprechend diente er vielfach als „Prügelknabe“ [20] von Wissenschaft und Öffentlichkeit, als Projektionsfläche der inneren Debatten über die liberale Wirtschaftsordnung und den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Der „Konsument“ war meist eingebettet in moralische Debatten über Luxus und Sparsamkeit, war Gegenstand stetiger Aufklärungs- und Erziehungsbestrebungen. Sie zielten nicht zuletzt darauf, ihm einen Begriff von Qualität zu vermitteln: Es galt, „daß die sittliche Erziehung des Konsumenten darauf ausgehen muß, ihn mit den Herstellungskosten der Gegenstände vertraut zu machen, ihm einen Begriff von den Kosten volkswirtschaftlicher Produktion beizubringen, damit er nicht einfach planlos nach dem Billigsten greift.“ [21] Gegenüber diesem Hauptstrang traten andere Versuche von Ökonomen und Sozialwissenschaftler zurück, die den Begriff des „Konsumenten“ nutzten, um Kritik an der korporatistischen Wirtschaftsstruktur und seiner „Bevormundungstendenz“ [22] im Konsumgütermarkt zu üben, oder aber gar auf seinem Wollen und Streben die Grundlagen einer genossenschaftlich organisierten „sozialen Tauschgemeinschaft“ [23] zu gründen.

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Idealbild Massenproduktion – Obstzüchterei Karolinenhof in der Steiermark 1902 [24]

Der Konsument war also Billigheimer und Qualitätsverschlechterer. Sein Griff nach der schönen Auslandsware lag denn nicht an deren höherer Qualität, sondern am blendenden schönen und standardisierten Äußeren holländischer Gurken und kalifornischer Äpfel. „Gute“ deutsche Ware würde sich dagegen durchsetzen, wenn sie denn nur in größeren Chargen angeboten würde. Ziel war daher „Massenerzeugung“ [25], auch, um die Kosten zu reduzieren. Verbraucher und Marktentwicklung wurden damals nicht analysiert, sondern antizipiert: „Es ist mit erhöhten Ansprüchen der Verbraucher, mit der Einfuhr ausländischer Früchte und auch mit der räumlichen Ausdehnung der Städte zu rechnen.“ Eine präzise Marktanalyse unterblieb, entwickelte sich erst in den 1920er Jahren. [26] Die deutschen Anbieter von Obst und Gemüse blieben vor dem Ersten Weltkrieg produktorientiert, die einschlägigen Fachbücher konzentrierten sich auf Garten und Feld, nicht auf Absatz und Verkauf. [27]

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Sortenreduktion – Differenzierte Empfehlungen für den Handelsobstbau 1903 [28]

Dies bedeutete erst einmal eine Sortenreduktion, wie sie in den badischen Obstbaugebieten schon seit Ende der 1880er Jahre umgesetzt wurde. [29] Die Pomologen hatten die heimischen Sorten detailliert beschrieben, sahen darin einen Widerhall von Gottes Ordnung und nationalem Reichtum. [30] Nun aber ging es um Quasimarkenbildung, insbesondere „wenige, marktgängige Sorten. Die Obstbautechnik muß sich des bestehenden Vielerleis annehmen und hierin Wandel schaffen.“ [31] Dies betraf einerseits marktgängige Sorten, etwa die heute noch gängigen Boskop- oder Reinette-Äpfel. Anderseits sollten Markenartikel als Herstellermarken durch einzelne Obstbaugenossenschaften etabliert werden. [32] Dazu bedurfte es neuartiger Verpackungen, denn die Züchtungsprodukte mochten ähnlich aussehen und auch einheitlich sortiert worden sein, doch sie blieben eine heterogene Ware.

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Einhegung bestehender Variabilität: Williams-Äpfel vom selben Saatgut [33]

Es ging vor dem Ersten Weltkrieg also nicht allein um eine höhere Produktion von marktgängigem Obst und Gemüse zu akzeptablen Preisen. Es ging zuerst einmal um den Aufbau umfassender Produktions- und Lieferketten, um die Waren in möglichst unversehrter Form an den Konsumenten bringen zu können. Angesichts des zersplitterten Angebotes war dieses Ziel nicht passgenau zu erreichen, sondern nur annäherungsweise. Die Vielfalt und die Variabilität der Obst- und Gemüsesorten bildeten zentrale Probleme, denn die Kosten für ein derart breites und qualitativ heterogenes Angebote waren für einen profitablen Absatz schlicht zu hoch. Entsprechend gab es vor dem Ersten Weltkrieg eine Vielzahl lokaler und regionaler Initiativen, um jeweils Teile der Produktions- und Lieferketten zu verbessern. Der Konsument blieb in Deutschland dabei jedoch eine Chimäre, denn Anbieter und Händler waren überzeugt, dass „gute“ Ware ihn überzeugen würde. Sie handelten fast lehrbuchmäßig, mit einem rational agierenden homo oeconomicus als Absatzziel. Doch sie verkannten, dass auch eine in ihren Augen „gute“ Ware nicht ausgereicht hätte, die Konsumenten dem vermeintlich unter kalifornischer Sonne gereiften Obst und dem frischen Gemüse aus Holland zu entwöhnen. Zudem blieben die Initiativen im Inland häufig Stückwerk. Standardisierungsbemühungen gab es, doch die letztlich steckengebliebene Vereinheitlichung der Verpackungen unterstrich die immensen Probleme, das Angebot gefällig, transportfest und preisgünstig zu bewegen. Wo immer Produzenten und Händler begannen, trafen sie rasch auf neue Flaschenhälse, die kleinteilige Verbesserungen entwerteten.

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Einheitsverpackungen des Deutschen Pomologen-Vereins 1907 [34]

Um ein homogenes markt- und konkurrenzfähiges Produkt anbieten zu können, wurde beispielsweise von regionalen und nationalen Spitzenverbänden versucht, Transport- und Verkaufspackungen miteinander zu koppeln. Doch der jeweilige Materialaufwand sollte sich an der Qualität der Ware orientieren. Es ging also noch nicht um eine für alle Sorten gültige Einheitslösung – der Deutsche Normenausschuss entstand erst 1917 mit Fokus auf Rüstungsgüter und die Maschinenindustrie – sondern um Verpackungen für Einzelgüter. Diese konnten Transportkosten reduzieren, zumal die Tarif- und Portosätze von Reichsbahn und Reichspost einen Referenzrahmen boten. Doch zugleich stellten die vermeintlich passgenauen Verpackungen neue Aufgaben, erforderten insbesondere eine bessere Sortierung der Waren: „Je geschmackvoller und sauberer die Verpackung nun ist, ein um so höherer Preis wird gezahlt. Präsentiert sich doch gut verpacktes Obst dem Auge des Käufers viel besser als lose in Körbe geschüttete Früchte.“ [35]

08_Der Obstzüchter_02_1904_p125_Obst_Verpackung_Standardisierung_Versandgeschäft

5-Kilogramm-Versandpackungen für Berliner Delikatessenläden 1904 [36]

Standardisierte Füllmengen und gestufte, meist am Gewicht und der äußeren Erscheinung der Waren orientierte Qualitätsspreizungen beschleunigten und verbilligten zugleich den Groß- und Einzelhandel – so die Schlussfolgerung der Experten. Üblich wurden vielfach 25 kg-Kisten bzw. 5 kg-Pappkartons. Die erste Qualität wurde mit Seidenpapier, Holzwolle und Papierlagen ausgelegt, bei der zweiten fehlte Seidenpapier, während es bei dritter Qualität nur eine lockere Aufhäufung gab. Die Qualitätsspreizung erfolgte jedoch auch anhand der Ware selbst: „Erste Qualität nennt man tadellos entwickelte, gleichgroße und fleckenlose Früchte, welche weder angestoßen, noch wurmstichig sein dürfen. Früchte zweiter Qualität sind auch eine gute Verkaufsware, die den obigen Ansprüchen in bezug auf Güte entsprechen, doch können sie zweiter Größe sein. Unter dritter Qualität versteht man nun den Rest des Ernteertrages, jedoch dürfen keine faulenden Früchte dabei sind“ [37].

Der hochwertige Augenschein erforderte Rationalisierungen auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette. Diese bedeutete einerseits Kooperation in Form spezialisierter Obst- und Gemüsebaugenossenschaften. [38] Damit konnten nicht nur die noch wenigen Saat-, Kultivierungs-, Reinigungs- und Sortierungsmaschinen effizienter eingesetzt, sondern auch Betriebsmittel zu geringeren Preisen eingekauft werden.

09_Der Obstzüchter_01_1903_p069_Obstbau_Pflanzenschutz_Chemisierung

Ertragssicherung durch Chemisierung – Baumspritze „für den Großbetrieb“ 1903 [39]

Die Genossenschaften förderten zudem eine systematischere Produktpflege, eine intensivierte Schädlingsbekämpfung und eine verbesserte Düngung: „Um Qualitätsfrüchte zu erreichen, darf man mit der Düngung von Phosphorsäure nicht sparen.“ [40] Gemeinsam mit landwirtschaftlichen Vereinen erleichterten Produktionsgenossenschaften ferner eine lokale Wissensdiffusion, die nicht nur auf Broschüren und Bücher gründete. Landwirtschaftliche Ausstellungen waren tendenziell wichtiger. [41]

10_Der Obstzüchter_01_1903_p164 und p165_Transportwesen_Fuhrwerke_Stuttgart_Wochenmarkt

Rationalisierung der Marktbeschickung – Ausladevorkehrungen und Marktpritschen in Stuttgart 1904 [42]

Anderseits etablierten sich leistungsfähigere Großhandelsbetriebe, die sich insbesondere auf den raschen Absatz in urbanen Massenmärkten konzentrierten. Gemeinsam verbesserte man langsam auch die Lagerhaltung, um die saisonalen Angebotsspitzen abzuflachen und höhere Preise zu erzielen. Die deutschen Anstrengungen blieben jedoch weit hinter denen der europäischen und insbesondere der US-amerikanischen Anbieter zurück. Grund hierfür war auch, dass die Veränderungen des Kühlgutes während der Lagerung damals noch kaum erforscht waren. Die Forschung hatte sich im späten 19. Jahrhundert zuerst auf Fleisch und Fette, dann auch auf Fisch konzentriert, nur langsam folgten lagerfähige Gemüse und Südfrüchte wie Ananas und insbesondere Bananen. [43] Zur Verbindung von Produktion und Absatzmärkten nutzte man zudem mit Natureis gekühlte Transportmittel.

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Kühltechnik im Dienst der Obstvermarktung in den USA: Waggon mit Eiskühlung [44]

Das betraf insbesondere Eisenbahnwaggons mit Eiskühlung sowie spezialisierte Frachtschiffe. Sie halfen nicht nur Distanzen zu überwinden, sondern erforderten auch neue Absatzinfrastrukturen in den Zielorten. Lagerhäuser mutierten peu a peu zu Kühlhäusern. Hier konnte zudem „künstliche“ Kühlung eingesetzt werden, die seit den 1870er Jahren schon die Produktion von Bier grundlegend umgestaltet hatte.

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Maschinengekühlter Lagerraum mit Obstfässern und -kisten [45]

Die kleinteiligen Lagerräume erlaubten lediglich Kühlung, nicht aber das damals kaum erforschte Gefrieren von Obst und Gemüse. Kernproblem blieb die genaue Temperaturführung, gab es in den Räumen doch nicht unbeträchtliche Unterschiede von einigen Grad. Das aber gefährdete die Qualität des Kühlgutes, zumal bei kleineren Chargen. Die unterschiedlichen Verpackungen und die Lagertechnik erschwerten zudem das dadurch eigentlich erforderliche regelmäßige Umpacken.

Technische Probleme dieser Art wurden angegangen und in langwieriger Arbeit auch abgemildert. Das aber galt nicht für das eigentliche Ziel all dieser Bemühungen, den Absatz an den Konsumenten. Die Mitte der 1890er Jahre vielfach ins Leben gerufenen Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte hatten beispielsweise kaum Erfolg [46]. Die Direktvermarktung der Produzenten konnte sich gegen die schnell wachsende und hochgradig fluktuierende Zahl der Straßenhändler und Ladengeschäfte nicht durchsetzen [47]. Schon vorher waren Versuche gescheitert, den Obst- und Gemüseverkauf in Kleinhandelsmarkthallen zu konzentrieren. Dieses hätte zwar einen hygienischen und staatlich einfacher zu überwachenden Absatz erlaubt, doch angesichts der Zeitaufwendungen derartiger zentralisierter Strukturen fanden sie beim Publikum kaum Widerhall.

Großhandelsmarkthallen etablierten sich dagegen im späten 19. Jahrhundert als die eigentlichen Drehscheiben des Absatzes von Obst und Gemüse. Daneben behaupteten sich die im späten 19. Jahrhundert vielfach totgesagten Wochenmärkte insbesondere in Mittelstädten. Allerdings nahm die Zahl der vom Umland in die Stadt fahrenden Produzenten zugunsten spezialisierter Markthändler ab.

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Wochenmarkt in Würzburg im späten 19. Jahrhundert [48]

Der Ladenhandel mit Obst- und Gemüse wurde von kapitalarmen Kleinhändlern dominiert, auch wenn sich parallel spezialisierte Frucht- und Feinkosthandlungen für den gehobenen Bedarf etablieren konnten. 1907 gab es im Handel mit anderen landwirtschaftlichen Waren – Tiere, Getreide, Samen und Blumen waren ausgeschlossen – 102.607 Betriebe, doch weniger als fünf Prozent davon beschäftigten vier oder mehr Personen [49]. Parallel etablierten sich gerade in den Großstädten zahllose Straßenhändler, die Großhandelsware rasch abverkauften. Sie waren eine institutionelle Antwort auf das saisonal sehr unterschiedliche Aufkommen von Gemüse und insbesondere Obst. Obwohl innovative Absatzformen, wie etwa Verkaufsautomaten, durchaus bestanden, veränderte sich der Letztverkauf von Obst und Gemüse nur wenig [50].

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Gesunde Snacks in 31 Fächern. Obst-Automat der Berliner Firma P. de la Vari [51]

Wichtige Veränderungen gab es jedoch im Wechselspiel zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Verarbeitungsindustrie. Parallel zum Bedeutungsgewinn der häuslichen Verarbeitung von Obst und Gemüse zu Dauerwaren etablierte sich ein rasch wachsender gewerblicher Markt. Marmeladen, Fruchtsäfte und Obstweine sowie Dosengemüse gewannen an Bedeutung, waren im Kaiserreich aber nie mehr als Nischenprodukte. [52] Das sollte sich angesichts der Versorgungsprobleme während des Ersten Weltkrieg, vor allem aber durch technische Verbesserungen während der Weimarer Republik ändern, als zudem die Vitaminforschung die Wertigkeit pflanzlicher Produkte deutlich verbesserte.

Vor dem Ersten Weltkrieg erfolgten all diese kleinteiligen Veränderungen nur langsam, blieben teils regional begrenzt, griffen nicht reichsweit. Dies war paradoxerweise aber auch Resultat eines überbordenden Nationalismus: Die begrenzten Rationalisierungsbestrebungen spiegelten nämlich immer auch Vorstellungen einer spezifisch deutschen Qualität insbesondere des Obstes. Die ausländische Konkurrenz mochte gefällige Massenware liefern, doch das eigentliche Alleinstellungsmerkmal deutscher Produkte lag nicht in der Form, sondern in ihrem Geschmack [54]. In den Quellen findet sich wieder und wieder Klagen über die Ignoranz der Konsumenten, die beispielsweise die zahllosen Nuancen einheimischer säuerlicher Äpfel oder regionaler Kohlsorten nicht würdigen würden. Es war also nicht allein Marktignoranz, sondern auch der nationale Stolz vieler Anbieter auf ihre Spezialitäten, der Rationalisierungsbestrebungen ins Leere laufen ließ [55]. Gut und reell zu liefern und das eigene Angebot zu pflegen – das mochte angehen. Doch die breiter gelagerten Qualitätsvorstellungen der Konsumenten in den Blick zu nehmen war vor dem Ersten Weltkrieg kaum verbreitet. Nicht freier Konsum nach eigenem Gustus stand im Mittelpunkt, sondern eine Einreihung in eine spezifisch deutsche Rollenerwartung, in der die Verpflichtung für das abstrakte Gemeinwohl stets bedeutsam blieb.

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Produktdifferenzierung durch Verarbeitung – Anzeigen 1914 [53]

Entsprechend wurde immer wieder versucht, den Konsumenten von den relativen Vorzügen des bestehenden deutschen Angebotes zu überzeugen, sie also zu erziehen. Die meisten bäuerlichen Produzenten sahen sich selbst in einer geordneten, ständisch differenzierten Gesellschaftsstruktur, in der sie möglichst „gute“ Ware liefern sollten, in der die Konsumenten dann aber auch verpflichtet waren, diese abzunehmen. [56] Die von zahlreichen Agrarwissenschaftlern vorgeschlagenen Rationalisierungsbestrebungen, insbesondere die intensiv diskutierte „Industrialisierung der Landwirtschaft“ [57] schien nur wenigen erstrebenswert, da sie Lebenszuschnitte unterminierte und die Gesellschaft zu zersetzen schien – fast so wie eine faule Frucht die sie umgebenden Früchte. [58]

Standardisierungsbestrebungen, Qualitätsfestlegungen und eine Orientierung auf die mit dem Produktionsumfeld und seinen Besonderheiten nicht mehr vertrauten Konsumenten hatten daher im späten Kaiserreich nur begrenzte Erfolge. Es fehlten nicht nur ihrer selbst bewusste Konsumenten, die ihre Forderungen aktiv artikulierten, sondern es fehlte zugleich seitens der Mehrzahl der Produzenten an der Bereitschaft, deren Erwartungen ernst zu nehmen, und ihnen eine Ware zu liefern, die mit großem Aufwand verbunden war. [59] Trotz ihres Kultes des Objektiven ging es den Akteuren nie nur um Richtiges, sondern immer auch um Rechtes. Die Malaise der Qualität von Obst und Gemüse lag nicht nur darin, dass die Konsumenten an deren Definition nur indirekt und virtuell beteiligt waren, sondern dass Wissenschaftler und Produzenten stets Qualitätsideale verfochten, die auf eine kleingewerblich organisierte Bürgerwelt zugeschnitten war, nicht aber auf die Herausforderungen anonymisierter Massenmärkte und damit moderner Konsumgesellschaften. Für die ausländische Konkurrenz, die schon vor dem Ersten Weltkrieg begann, Marktforschung und Marketing zu betreiben, war und blieb dies ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Uwe Spiekermann, 31. Januar 2020

 

Quellen- und Literaturnachweise

[1] Gustav Klemm, Allgemeine Culturwissenschaft, Leipzig 1855, 304-308.
[2] Ulrike Thoms, Anstaltskost im Rationalisierungsprozeß. Die Ernährung in Krankenhäusern und Gefängnissen im 18. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 2005, 110-119.
[3] Hans J. Teuteberg, Der Verzehr von Nahrungsmitteln in Deutschland pro Kopf und Jahr seit Beginn der Industrialisierung (1850-1975). Versuch einer quantitativen Langzeitanalyse, in: Ders. und Günter Wiegelmann, Unsere tägliche Kost. Geschichte und regionale Prägung, Münster 1986, 225-289, hier 245. Teutebergs Sekundärzahlen basieren allerdings auf sehr unpräzisen Grundangaben. Eine Neuberechnung und Präzisierung ist ein wichtiges Forschungsdesiderat.
[4] Georg v. Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands, T. 2, Berlin 1862; Elisabeth Paetzmann-Dulon, Richard Heineke und Hermann Henke, Der Verbrauch von Obst und Gemüse in Nordwesteuropa und seine Bedeutung für die Absatzmöglichkeiten der Mittelmeerländer, Kiel 1961; Paul Seitz, Der Gemüse- und Kräuteranbau und die Speisepilzerzeugung seit dem 18. Jahrhundert, in: Günther Franz (Hg.), Geschichte des deutschen Gartenbaues, Stuttgart 1984, 365-454.
[5] Helmut Eisig, Der Verbrauch von Nahrungsmitteln in Deutschland vor und nach dem Krieg, Phil. Diss. Basel 1933, 19, 28-30.
[6] Berliner Leben 10, 1907, Nr. 1, 10.
[7] Karte erstellt anhand der Angaben von Günther Liebster, Der deutsche Obstbau seit dem 18. Jahrhundert, in: Franz (Hg.), 1984, 143-205, hier 193. Während des 20. Jahrhunderts wurden weitere Experimentalstationen in Schlachter (1903), Pillnitz (1922), Fünfhausen (1938), Osnabrück (1949) and Nürtingen (1952) errichtet. Einen guten Einblick in die Arbeitsschwerpunkte vermittelt Th[eodor] Remy, [Bernhard] Hunger und [P.] Lange, Der neue Versuchsbetrieb für Gemüse- und Obstbau an der Königl. landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf, Berlin 1916.
[8] Frank Uekötter, Die Wahrheit ist auf dem Feld. Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft, Göttingen 2010.
[9] [Bernhard Heinrich] Barg, Konservierte Nahrungsmittel, Zeitschrift für Volksernährung 13, 1938, 56-57, hier 57.
[10] Uwe Spiekermann, Zeitensprünge: Lebensmittelkonservierung zwischen Haushalt und Industrie 1880-1940, in: Ernährungskultur im Wandel der Zeiten, hg. v. KATALYSE e.V. und BUNTSTIFT e.V., Köln 1997, 30-42. Zu den zuvor verwandten Haushaltstechniken s. A. Gebhardt, Das Obst als Nahrungsmittel, Leipzig 1894.
[11] Zit. n. Hayunga, Die Versorgung des deutschen Marktes mit Gemüse aus dem Auslande und Erfahrungen über Organisation im Anbau und Verkauf von Gemüse in Holland, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 25, 1910, 391-396, 420-421, hier 393.
[12] Udo Dammer, Moderne Gemüsekultur in Holland, Die Woche 13, 1911, 847-851, 848 (l.) und 849 (r).
[13] D. Sandmann, Wie kann der Absatz der deutschen Obstproduktion auf genossenschaftlichem Wege gefördert werden?, Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 4, 1906, 138-140, 146-148, hier 138.
[14] Reiseberichte förderten den Informationstransfer, vgl. etwa umfassend Fr[iedrich] Oetken, Die Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sowie die allgemein-wirthschaftlichen, sozialen und Kultur-Verhältnisse dieses Landes zur Zeit des Eintritts Amerikas in das fünfte Jahrhundert nach seiner Entdeckung, Berlin 1892; A.G. Grant, Internationaler Obstbau und der Weltmarkt. Was der rationelle Obstbau der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika den deutschen Obstzüchtern lehrt. Eine Skizze, o.O. 1905. Beispiele für unmittelbare Adaptionsvorschläge sind M. Heller, Obst-Industrie. Ein Anregung nach amerikanischem Muster, Das Land 14, 1905/06, 59-62; B[runo] Hempel, Deutschlands Gemüseeinfuhr und ihre Lehren für den heimischen Anbau, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 1913, 377-381; Hans Tenhaeff, Gemüseproduktion und -Absatz nach holländischen Vorbild in Deutschland, ebd. 30, 1915, 283-286, 300-304, 322-325, 340-342. Die Veränderungen begannen zuerst im Obstsektor, griffen dann aber auch auf die Gemüseproduktion über, vgl. [Fridolin] Rebholz, Förderung des Gemüsebaus, Landwirtschaftliches Jahrbuch für Bayern 2, 1912, 1-13.
[15] O[tto] Wauer, Ernte, Aufbewahrung und Verwertung des Obstes, Landwirtschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 68, 1911, 384-386, hier 384.
[16] Udo Dammer, Obstbau in Deutschland, Die Woche 1, 1899, 953-955. Zum relativer Rückstand gegenüber anderen Sektoren der Landwirtschaft, vgl. A. Hupertz, Landwirtschaftlicher Obstbau. Vorschläge zur Reorganisation, Würzburg 1902.
[17] Heller, 1905/06, 59.
[18] Vgl. etwa Karl Marlo [d.i. Karl Georg Winkelblech], Untersuchungen über die Organisation der Arbeit oder System der Weltökonomie, 2. vollst. Aufl., Bd. 3, Tübingen 1885, insb. 294-295.
[19] G[ustav] v. Schönberg (Hg.), Handbuch der Politischen Oekonomie, 4. Aufl., Bd. 2, Halbbd. 1, Tübingen 1898, 662 (auch für das vorherige Zitat).
[20] Begriff nach Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte, Ergänzungsbd. 2: Zur jüngsten deutschen Vergangenheit, Freiburg i.Br. 1903, 497.
[21] G[ottfried] Traub, Ethik und Kapitalismus. Grundzüge einer Sozialethik, 2. verb. u. verm. Aufl., Heilbronn 1909, 138.
[22] Karl Oldenberg, Die Konsumtion, in: Grundriss der Sozialökonomik, Abt. II, Tübingen 1914, 103-164, hier 120.
[23] Vgl. etwa Franz Staudinger, Die Konsumgenossenschaft, Leipzig 1908, v. a. 31-40; Ders., Die geregelte Tauschgemeinschaft als soziales Ziel, Konsumgenossenschaftliche Rundschau 14, 1917, 173-175.
[24] Obstzüchterei Karolinenhof, Der Obstzüchter 1, 1903, 102-104, hier 102.
[25] M. Lindner, Ueber die Auswahl der Obstarten und -sorten bei Obstpflanzungen, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 193, 120-121, hier 121 (auch für das folgende Zitat).
[26] Vgl. hierzu Uwe Spiekermann, »Der Konsument muß erobert werden!« Agrar- und Handelsmarketing in Deutschland während der 1920er und 1930er Jahre, in: Hartmut Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte, Frankfurt/M. und New York 2007, 123-147, hier 126-129.
[27] Beispiele wären Johannes Böttner, Praktische Gemüsegärtnerei, 7. verb. u. verm. Aufl., Frankfurt/O. 1913; F[lorian] Stoffert, Das Obst- und Gemüsegut der Neuzeit, 2. Aufl., Frankfurt/O. 1920.
[28] Der Obstzüchter 1, 1903, 16.
[29] Huber, Etwas über Obstkunde (Pomologie), Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1899, 369-371, hier 370.
[30] Vgl. etwa Theodor Engelbrecht, Deutschlands Apfelsorten, Braunschweig 1889.
[31] Hans Pfeiffer, Einheitliche Maßnahmen zur Hebung des Obstbaues, des Obsthandels und der Obstverwertungs-Industrie, Zeitschrift für Agrarpolitik 7, 1909, Sp. 17-20, hier 17.
[32] Sandmann, 1906, 139.
[33] The Century 69, 1904/05, 833.
[34] Einheitsverpackung in Deutschland, Der Obstzüchter 5, 1907, 146-147, hier 147.
[35] Wauer, 1911, 386. Vgl. demgegenüber die Erfahrungen von Grant, 1905, 5: „In der alten urgroßväterlichen Weise reißt und schüttelt man die Kernobstfrüchte von den Bäumen, verpackt sie wie Kartoffeln in große Körbe und schickt sie auf den lokalen Markt. Ist derselbe überfüllt und lohnt sich nicht der hohen Transportkosten wegen, das solcherweise gesammelte Obst nach Frankfurt a.M. auf die Obstbörse zu senden, so verfaulen nicht selten unsere schönsten heimischen Früchte tonnenweise.“
[36] Verkehrtes Packen, Der Obstzüchter 2, 1904, 125.
[37] Wauer, 1911, 385-386.
[38] Vgl. als Beispiel Die Obstbaugenossenschaft Höbeck, Das Land 4, 1895/96, 53-54 bzw. mit idealistischem Aufbruchston Vorwärts, Genossenschaften! (Obstverwertung.), ebd., 231-232.
[39] J[osef] Löschnig, Blattkrankheiten unserer Obstbäume und ihre Bekämpfung, Der Obstzüchter 1, 1903, 65-71, 81-84, 113-115, hier 69.
[40] Hayunga, 1910, 395.
[41] Vgl. O. Bossert, Wie kann der Landmann seine Lage verbessern?, Wochenblatt des landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1896, 494-497. Auch hier waren ausländische Vorbilder maßgebend, vgl. A. Gradenwitz, Californische Ausstellungszüge, Prometheus 22, 1911, 586-588.
[42] Der Handel mit Obst in und nach Stuttgart, Der Obstzüchter 1, 1903,164 (o.) und 165 (u.).
[43] Vgl. hierzu James Troubridge Critchell und Joseph Raymond, A History of the Frozen Meat Trade, London 1912 (Nachdruck 1969); Richard Perren, Taste, Trade and Technology. The Development of the International Meat Industry since 1840, Aldershot 2006; Boris Loheide, Beef around the World – Die Globalisierung des Rindfleischhandels bis 1914, Comparativ 17, 2007, 46-67.
[44] Rich[ard] Stetefeld, Die Kälte-Industrie im Dienste des Obst- und Gartenbaus, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 12, 1905, 40-56, hier 54. Zur technischen Entwicklung vgl. auch Karl Sajó, Fortschritte im Obstverkehre, Prometheus 17, 1906, 705-709, 724-727 und [Richard] Stetefeld, Neuerungen in Obstkühlanlagen, Zeitschrift für die gesamte Kälte-Industrie 13, 1906, 1-4.
[45] Stetefeld, 1905, 53.
[46] Vgl. Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte, Das Land 4, 1895/96, 265; Städtische Verkaufsstellen für deutsches Frischobst und Obstprodukte, ebd., 331; Hupertz, 1902, 52-55; Rebholz, 1912, 1.
[47] Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999.
[48] Illustrirte Zeitung 113, 1899, 435.
[49] Spiekermann, 1999, 708-709.
[50] Walther Schubring, Entwicklung und heutige Form des Handels mit Obst und Gemüse, Agrarwiss. Diss. Berlin, Düsseldorf 1933, 5-9.
[51] Der Obstzüchter 5, 1907, 175. Vgl. auch Ueber Obstverkaufsautomaten, Gartenflora 56, 1907, 503.
[52] Gleichwohl sind insbesondere die Rationalisierungseffekte der schon in den 1880er Jahren einsetzenden Vertragslieferungen an die Konservenindustrie nicht zu unterschätzen. Vgl. G. Brandau, Gemüsedauerwaren von den Anbauversuchen des Sonderausschusses für Feldgemüsebau, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 28, 1913, 520-521.
[53] Der Materialist 35, 1914, Nr. 2, 12.
[54] Vgl. etwa Lindner, 1913, 121.
[55] Dies galt insbesondere auf die Produktionsprofile der regionalen Anbieter: „Der Anbau im Großen von reich und regelmäßig tragenden Obstsorten und dieser in Gebieten, wo manche Obstarten besonders gut gedeihen, spezialisiert, wie am Mittelrhein, in den Bodenseegebieten, Württemberg und den Ostseeprovinzen der Apfel, an der badischen und hessischen Bergstraße, Rheingau, Rheinpfalz, die badischen Schwarzwaldtäler, am Kaiserstuhl, einige Gebiete in Thüringen die Kirschen, Pfirsiche, feine Zwetschen, in der Rheinpfalz, im Maingebiet, die Birnen vorherrschend sind, wird es in den Jahren möglich sein, in dem Konkurrenzkampf erfolgreich vorzugehen. Dazu muß aber auch der deutsche Obstzüchter lernen, kaufmännischer zu handeln, das schmackhafte deutsche Obst sorgfältiger zu ernten, sortieren und zu verpacken. Frachtermäßigungen, schneller Bahntransport, gute Wasserstraßen, zweckmäßig eingerichtete Spezialwagen für Obst, werden bessere und schnellere Absatzmöglichkeiten schaffen“ (Georg Thiem, Der Handelsobstbau, Stuttgart 1913, 2).
[56] J. Joachim, Was fehlt zur Zeit unserm Obstbau am meisten?, Das Land 3, 1894/95, 323-324, hier 323.
[57] E[milé] Vandervelde, Der Sozialismus und die kapitalistische Umwandlung der Landwirtschaft, Die Neue Zeit 18,2, 1900,260-266, 292-301, hier 297.
[58] Gleichwohl erfolgte sie, vgl. etwa F. Kunert, Die moderne Glashauskultur der Tafeltrauben, Die Umschau 14, 1910, 64-67.
[59] Zur Diskussion etwa im Bereich des Gartenbaus vgl. [Ernst] Lesser u.a., Wodurch können wir den Obstbauern gesicherte, bessere Absatzverhältnisse schaffen?, Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 17, 1902, 149-151; C. Beckenhaupt, Die Qualitätsfrage und die Landwirtschaft, ebd. 18, 1903, 215-218; Müller-Diemitz, Die Ansprüche des Handels und der Industrie an den obstbauenden Landwirt, ebd. 19, 1904, 54-55; Lorgus, Maßnahmen zur Regelung und Förderung des Absatzes von deutschem Obst und Gemüse, ebd. 28, 1913, 208-212.

Gierige Käufer und unlautere Geschäfte. Aufstieg und Ende des Gella- und Hydra-Handels im Kaiserreich

Hervorgehoben

Eine moderne Konsumgesellschaft etablierte sich in Deutschland im späten 19. Jahrhundert. Sie gründete nicht allein auf leistungsfähigen Handels- und Produktionsstrukturen, sondern auch auf der zuvor erfolgten rechtlichen Liberalisierung, insbesondere den Garantien von Freizügigkeit, Gewerbe- und Vertragsfreiheit. Der alte Obrigkeitsstaat wurde zurückgedrängt, Wirtschaft und Gesellschaft gewannen bisher unbekannte Prägekraft. Die Folge war ein neuer, allumfassender Aggregatszustand: „Die ganze Neubildung mußte die Mehrzahl aller Menschen zu etwas psychologisch anderem machen; sie mußten nun Tag und Nacht sinnen, billig einzukaufen, teuer zu verkaufen; am meisten trat dieses für die Händler ein. Ihr Erwerbstrieb, ihre Energie mußte bedeutend wachsen. Der kluge, der findige, der pfiffige und rücksichtslose kam voran, machte große Gewinne“ – so resümierte es Gustav Schmoller (1838-1917), der führende Nationalökonom um die Jahrhundertwende (Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre, T. 2, Leipzig 1904, 497).

Liberales Recht und die Chancen der entstehenden Massenmärkte ermöglichten eine große Zahl neuer Betriebsformen des Handels. Manche davon, etwa Wanderlager oder Bazare, blieben zeitgebunden, gingen in andere Absatzformen über. Andere, wie Kauf- und Warenhäuser, Konsumgenossenschaften und Versandgeschäfte, Automaten und Filialbetriebe, prägen mit leichten Häutungen noch unsere Gegenwart. Sie stießen allesamt nicht nur auf Begeisterung, sondern mobilisierten auch erbitterten Widerstand; meist von denen, die ihre Marktanteile bedroht sahen, die zugleich aber ihre soziale Stellung in der Mitte der Gesellschaft verteidigten. Das Kaiserreich war daher eine Zeit harter Auseinandersetzungen um die Konturen des Neuen, um die Ausgestaltung der sich rasch ausweitenden Markt- und Konsumgesellschaft.

Die Auswirkungen dieser Debatten werden bis heute von der Geschichtswissenschaft unterschätzt. Kombattanten waren eben nicht nur Vertreter des liberalen und sozialdemokratischen Deutschlands, sondern konservative und „populistische“ Interessenvertreter des Kleinhandels, die sich häufig an altem Recht, tradierten Werten und vermeintlich überholten Gesellschaftsmodellen orientierten. Sie waren Modernisierungsverlierer, gewiss. Doch auch ihr stupender Antisemitismus darf nicht vergessen machen, dass viele ihrer Argumente heutzutage von „linken“ Globalisierungs- und Kapitalismuskritikern fortgesponnen werden, dass ihre Botschaften politisch nicht eindeutig der „Rechten“ zuzuordnen sind. Es gab ja schon im Kaiserreich argumentative Überlappungen zwischen dem Antikapitalismus der Sozialdemokratie und dem der „Mittelstandsbewegung“; und die antisemitische Grundeinstellung breiter Teile des etablierten Bürgertums war offenkundig. Doch nicht nur deshalb waren die mittelständischen Kritiker der Konsumgesellschaft keine reinen Reaktionäre. Ähnlich den Gewerkschaften, die ihren Kampf gegen den vermeintlich freien, die bestehenden Machtunterschiede ignorierenden Arbeitsvertrag im berechenbaren Streik und mit dem Ziel tarifvertraglicher Einigungen verfolgten, kämpften sie um die Konturen der modernen Konsumgesellschaft zumeist auf dem Boden des Rechts.

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Justitia und die Konsumgesellschaft: Auszug aus einer Werbung für Wasmuths Hühneraugenpflaster (Fliegende Blätter 101, 1894, Nr. 2558, Beibl. 1, 2)

Im Kern ging es der breitgefächerten Mittelstandsbewegung um die Einschränkung der Gewerbefreiheit. Diese sei zu rasch eingeführt worden, die Mehrzahl habe sich an die damit verbundenen Veränderungen nicht anpassen können. Anfangs, also in den 1870er und 1880er Jahren, wurden vorrangig Verbote gefordert, schienen ihnen Wanderlager, Arbeiterkonsumgenossenschaften, Beamtenwarenhäuser oder aber Filialbetriebe doch unmoralisch und verwerflich. Derartige Agitation zielte selbstbezüglich auf direkte Wettbewerber, hätte im Erfolgsfalle jedoch die Konturen der Wirtschafts- und Sozialverfassung des Kaiserreichs zum Einsturz gebracht, die seit der „zweiten Reichsgründung“ 1878/79 ja grundsätzlich bis heute gelten. Verbotsforderungen verstummten auch später nicht, doch die eigentlichen Debatten – und das wussten auch die sich zunehmend in Interessenverbänden organisierenden Mittelstandsvertreter – gingen um neue rechtliche Instrumente zur Gestaltung des Wandels, zur Abfederung der Liberalisierungsfolgen. Um die Jahrhundertwende war es eine offene Frage, ob das geltende Recht mit dem Tempo der Konsumgesellschaft mithalten konnte. Unvorhergesehenes musste offenbar eingehegt werden, der Markt wurde zum rechtlichen Kampfplatz, der Konsument zu einem potenziell schützenswerten Akteur.

Beispiele hierfür lassen sich einfach aneinanderreihen: Das privatwirtschaftliche Vertragsrecht wurde durch das Abzahlungsgesetz von 1894 neu gefasst – und damit eine der wichtigsten Formen des Einkaufes von Gebrauchsgütern der weniger bemittelten Bevölkerungsschichten. Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb von 1896 regelte die seit langem üblichen, nun aber intensivierten Ausverkäufe und führte neue Rechtstatbestände von Treu und Glauben im Geschäftsverkehr ein. Der Hausierhandel wurde 1896 neu geregelt, das Genossenschaftsgesetz abermals verändert. Parallel wurde das Privat- und Handelsrecht nach langen Debatten kodifiziert, so durch das Handelsgesetzbuch von 1897 und das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900. Auch die Sozialgesetzgebung schuf Ordnung beim Einkauf, beispielsweise durch die sich nun langsam verringernden Ladenöffnungszeiten.

Die Mittelstandsvertreter waren verbalradikal, doch sie verwiesen immer wieder auf ihre Orientierung an Thron und Altar, an eine sittlich fundierte monarchische Herrschaft. Das waren implizite Selbstverpflichtungen. Entsprechend wurden gegen die neue Konkurrenz, im Einklang mit der rechtsstaatlichen Fundierung des Kaiserreichs, Gesetze und Verordnungen eingefordert – mochten diese auch den bisherigen Rechtsrahmen sprengen. Diese grundsätzlich systemkonforme Haltung zeigte sich auch in den die Jahrhundertwende kennzeichnenden Debatten über Sondersteuern für das Wandergewerbe, Konsumgenossenschaften und Filialbetriebe, schließlich auch für Warenhäuser (vgl. Uwe Spiekermann, Warenhaussteuer in Deutschland. Mittelstandsbewegung, Kapitalismus und Rechtsstaat im späten Kaiserreich, Frankfurt a.M. et al. 1994). Damit transformierte man die Kontroverse über die Konturen der Konsumgesellschaft auf die abstrakte Ebene von Geld, von Angebot und Nachfrage. Die populistischen Kritiker akzeptierten damit das Finanzwesen als Kern des Kapitalismus und die Steuerpolitik als Kern moderner staatlicher Herrschaft.

Der Gella- und Hydrahandel: Struktur und Entstehung

Wie also ging man im Kaiserreich mit neuen, sich rasch etablierenden Veränderungen im Konsumgütermarkt um? Das kann man wie im Brennglas an einer sich kaum drei Jahre hinziehenden Debatte über den Gella- und Hydrahandel nachverfolgen (vgl. kompakt hierzu bereits Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 433-436). Unter diesem Begriff ist er heute vergessen, doch er war eine der ersten kommerziellen Anwendungen sogenannter Schneeballsysteme, auf die bis heute recht unterschiedliche Vertriebssysteme unter modischen Begriffen wie „Multi-Level-Marketing-System“ oder „Strukturvertrieb“ aufgebaut werden. Auch im Finanzsystem sind sie beliebt und berüchtigt, wie der Fall des Wirtschaftskriminellen und Finanzmaklers Bernie L. Madoff vor einigen Jahren unterstrich (Diana B. Henriques, The Wizard of Lies. Bernie Madoff and the Death of Trust, New York 2017).

Der Gella- und Hydrahandel war eine sich 1899 im Deutschen Reich etablierende Vertriebsweise, durch die man mittels Kaufs von Gutscheinen höherwertige Gebrauchsgüter zu äußerst niedrigen Preisen erhalten konnte. Er verdeutlichte die rasche Ökonomisierung und Abstrahierung des Massenmarktes mit Uhren, Fahrrädern, Kleidung, Schuhen, Stahlwaren, Zigarren und anderem mehr. Doch bevor wir näher auf den historischen Kontext eingehen, sollten wir uns vor Augen führen, wie dieses Vertriebssystem funktionierte.

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Bezugsschein und Coupons des Münchener Warenhauses Hydra 1899 (Stadtarchiv München, Gewerbeamt 215)

Der hier gezeigte, nicht übertragbare Bezugsschein des Warenhauses Hydra wurde dem Käufer für einen Coupon ausgehändigt, den er für zwei Mark erwerben konnte. „Für diesen Coupon hat er die Berechtigung, sich eine Urkunde zu erwerben, an der 6 weitere Coupons sitzen, wofür er 12 M. zu zahlen hat. Diese 6 Coupons kann er das Stück mit 2 M. weiter verkaufen und erhält so die dafür gezahlten 12 M. zurück. Sobald die von ihm verkauften 6 Coupons bei dem betreffenden Unternehmer einkaufen und je durch eine neue Urkunde eingetauscht sind, von welchen jede natürlich gleichfalls 12 M. kostet und je gleichfalls enthält, erhält A. nunmehr einen Gegenstand im Werte von 20 bis 50 M. Der Käufer A. hat also thatsächlich einen Gegenstand im Werte von 20-50 M. für 2 M. erhalten“ (Vorwärts 1899, Nr. 152 v. 2. Juli, 6). Konsumgüter konnten also zu einem Spottpreis erworben werden, der dafür erforderliche Aufwand schien gering. Ein bisschen Antichambrieren, ein wenig den Freundeskreis bearbeiten, mehr schien nicht nötig. Die Nachfrage nach Coupons und Bezugscheinen war entsprechend groß. Über das Münchener Warenhaus Hydra hieß es im Juli 1899: „Der Besuch dort ist ein sehr lebhafter, die Besucher dieses Geschäftes gehören sowohl dem Mittelstande, der größte Teil aber dem Arbeiterstande an“ (Stadtarchiv München, Gewerbeamt 215).

Blicken wir genauer hin, so werden die Tücken des Vertriebssystem deutlich. Für den erfolgreichen Erwerb der begehrten Ware waren nicht nur insgesamt 1 plus 6 plus 6 mal 6, also 43 Coupons von unterschiedlichen Personen zu kaufen. Auch die sechs Käufer der zweiten Runde mussten nun versuchen, ihrerseits je sechs weitere Käufer zu finden. Aus der Perspektive des einen Käufers handelte es sich wiederum um den Erwerb von 43 Coupons. Aus der Perspektive des Gesamtabsatzes aber erhöhte sich die Zahl der im Umlauf befindlichen Coupons um 6 mal 36, also auf 216. Es traten also Kaskadeneffekte auf, die zwingend dazu führten, dass es nach kurzer Zeit nicht mehr genügend Interessenten für die einschlägigen Coupons geben konnte. In der neunten Runde wären immerhin mehr als 10 Millionen Coupons im Umlauf. Prosaisch gefasst: „Das Hydra-System […] überträgt die Regel der geometrischen Progression auf den Handelsverkehr“ (Das Hydra-System, Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 165 v. 16. Juni, Beil., 1).

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Zeitgenössische Visualisierung des Schneeballeffektes (Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 303 v. 8. November, 3)

Die Lawine kam daher rasch zum Stillstand: „Wenn aber keine Coupons mehr gekauft werden, werden diese auch nicht mehr dem Unternehmer zur Einlösung geschickt werden, da dies nur durch Zahlung von weiteren 12 M. geschehen könnte. Unzählige Coupons wandern jetzt als wertlose Papierfetzen herum, für welche der schlaue Unternehmer zwei Mark pro Stück erhalten hat, ohne je in die Lage zu kommen, auch nur den größeren Teil wieder einzulösen und die entsprechenden Werte dafür auszahlen zu müssen“ (Vorwärts 1899, Nr. 152 v. 2. Juli, 6). Der monetäre Verlust des Käufers betrug in diesem Falle 14 Mark, nämlich die addierten Preise für Coupon und Bezugsschein.

Ein Blick auf den Bezugsschein zeigt allerdings, dass dies nur bei Passivität des Käufers zutraf. Der Käufer konnte sich den Couponwert aber auch zusammenrechnen lassen und dann eine Ware erhalten, die – nach Auskunft des Anbieters – dem Wert des eingesetzten Kapitals entsprach. Der aktive Käufer bekam also durchaus einen Gegenwert für seinen Einsatz, allerdings nicht den begehrten Artikel zum Spottpreis. Der Verkäufer selbst hatte ein Interesse an einer schnellen Entwicklung des Handels, da die Zahl potenzieller Käufer so rasch zunahm. Auch daher verfielen die Coupons nach einer gewissen Zeit – hier nach 100 bzw. 150 Tagen – und zwar zugunsten des Verkäufers, wenn der Käufer nicht zuvor seine Ansprüche geltend machte.

Das Vertriebssystem dürfte als Gutscheinhandel wohl zu Beginn des letzten Drittels der 1890er Jahre in Frankreich und der Westschweiz entstanden sein. Es diente anfangs vornehmlich dem Absatz von Uhren (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1899/1900, 370-372, hier 371). Über Klein- und Mittelstädte Elsass-Lothringens und Badens verbreitete sich das neue System dann im ganzen Deutschen Reich, parallel erweiterte sich das Warenangebot. Angesichts der raschen Verbote des Gutscheinhandels in der Schweiz kann es sich durchaus um Ausweichbewegungen gehandelt haben (so Eingabe der Centralstelle „Die Uhr“ an den Reichstag v. 20. Februar 1900, Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 49), doch schon aufgrund der raschen Ausweitung möglicher Käufer handelte es sich um ein strukturell mobiles und ortsübergreifendes System. Seine prononcierteste Ausprägung erhielt es jedoch 1899 in mehreren Großstädten.

Namensgeber war einerseits die Berliner Vertriebsgesellschaft Gella, deren Konzept wohl aus England stammte. Noch bekannter wurde anderseits das Warenhaus Hydra, das in mehreren Großstädten Dependancen eröffnete. Es ist unklar, ob die Firmenbesitzer wussten, dass sie schon früher im Finanzsektor praktizierte Schneeballsysteme weiterentwickelt hatten. Das gewiss bekannteste stammte von der Münchener Schauspielerin und Wirtschaftskriminellen Adele Spitzeder (1832-1895), deren Münchener Privatbank von 1869 bis 1872 bis zu 32.000 Bürger um Kapital brachte (Dirk Schumann, Der Fall Adele Spitzeder 1872. Eine Studie zur Mentalität der „kleinen Leute“ in der Gründerzeit, Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 58, 1995, 991-1026). Der seltener, aber immer wieder verwandte Dachbegriff Schneeballsystem ging dagegen auf die Schneeballkollekten zurück (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 169). Deren Grundprinzip war, dass jemand eine geringe Summe spendete, unter der Maßgabe, dass zwei seiner Bekannten die gleiche Summe gaben und diese wiederum ebenso vorgingen. So konnten in kurzer Zeit auch größere Summen gesammelt werden. Mangels Kontrolle war bei derartigen Kollekten dem Missbrauch jedoch Tür und Tor geöffnet (Gella und Hydra, Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 208 v. 4. August, 2). Sie galten daher seit den frühen 1890er Jahren als nicht genehmigte und damit rechtswidrige Lotterien (Deutsche Juristenzeitung 1, 1896, 202). Auch Bettelbriefe nach dem Schneeballprinzip reichten historisch weiter zurück. Kollekten und Briefen war gemeinsam, dass die Kaskaden mangels finanzieller Anreize sehr rasch abebbten, zumal Nichtstun in diesen Fällen Geld sparte, da es nicht ausgegeben wurde. Man musste lediglich mit dem moralischen Dilemma fertig werden, Hilfe verweigert zu haben. Das war beim Gella- und Hydrahandel anderes, denn dieser wurde vom Erwerbstrieb in Gang gesetzt und in Bewegung gehalten.

Gella & Hydra oder rasche Marktbereinigung vor Ort

Eine öffentliche Debatte über den Gella- und Hydrahandel setzte Mitte 1899 ein. Sie konzentrierte sich auf die beiden namensgebenden Firmen und die Metropolen Berlin und München. Verhandelt wurde jedoch nicht nur eine neue Vertriebsform des Handels, sondern auch die Gefährdungen der Kommerzialisierung des Alltags, „denn der Reiz, für wenige Mark einen wertvollen Gegenstand erwerben zu können, überwiegt selbst bei aufgeklärten Leuten die Bedenken, und wenn diese erst einen Gutschein in Händen haben, dann sind sie rettungslos dem Unternehmer verfallen“ (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 6, 1900, 170).

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Der gierige Käufer auf der Suche nach Abnehmern seiner Gutscheine (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 32, 6)

Die Berliner Gella Vertriebsgesellschaft mbH wurde Ende Mai 1899 ins lokale Gesellschaftsregister eingetragen, ihr Gesellschaftervertrag datiert vom 15. Mai 1899: „Gegenstand des Unternehmens ist: Der Vertrieb von Waaren in beliebiger Anzahl von Gattungen; die Gesellschaft ist eine bestimmte Zeit nicht beschränkt. Das Stammcapital beträgt 21.000 M. […] Geschäftsführer ist Kaufmann Siegfried Hertz zu Berlin“ (Berliner Börsen-Zeitung 1899, Nr. 246 v. 29. Mai, 21). Für die sozialdemokratische Parteizeitung Vorwärts handelte es sich um eine „sehr raffinierte Finanzoperation“ zu Lasten „der ärmeren Bevölkerungsklassen […], welches den genialen, es ausübenden Finanzgenies bei nicht (vielleicht auch trotz) rechtzeitiger Warnung der namentlich in Betracht kommenden weniger bemittelten Klassen große Summen in die Tasche spielen wird“ (Vorwärts 1899, Nr. 152 v. 2. Juli, 6). Dagegen präsentierte das linksliberale Berliner Tageblatt die Fährnisse und Gefahren des Systems anfangs eher in humoristischer Weise (vgl. hierzu Gella und Hydra, Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 208 v. 4. August, 2). Vorgeführt wurden sie am Beispiel eines wohlsituierten Bürgers, der einen Koffer voller Toilettengegenstände billigst erstehen wollte. Er fand sich nach Kauf der Coupons in der Rolle eines Verkäufers wieder, „der nun plötzlich gezwungen ist, seinen Freunden einzureden, daß ohne den Besitz einer Nähmaschine, eines Theaterglases oder eines Kettenarmbandes ihr Leben ein verfehltes sei, und daß sie diese Dinge vernünftigerweise nur auf dem Wege des ‚Gella-Systems‘ erlangen könnten.“ Seine detailliert geschilderten Erfahrungen waren Abbitten auf seine eigene Gier, zumal als er die Käufer seiner Coupons anzuhalten hatte, ihrerseits die Coupons an weitere Käufer abzusetzen. Freundschaften zerbrachen, Schroffheit beherrschte das einst harmonische Beziehungsgeflecht. Am Ende zählte der fiktive Bürger 62 Personen, die ihn „als die Quelle ihres Unheils betrachten“ (Gella und Hydra, Berliner Tageblatt 1899, Nr. 358 v. 17. Juli, 2). Die billige Ware hatte offensichtlich hohe soziale Kosten. Dann doch lieber im Fachhandel kaufen.

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Soziale Kosten des Gella- und Hydrahandels in der Karikatur (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 32, 6)

Derweil sah sich die Redaktion des Vorwärts gemüßigt, eine freundliche, aber bestimmt gehaltene Entgegnung der Gella auf ihre Warnung zu veröffentlichen. Und es war in der Tat gewährleistet, dass ein Käufer sein Kapital nicht verlieren musste, wenn es ihm nicht gelang, genügend Käufer zu gewinnen. In diesem Fall konnte er andere, preiswertere Waren im Gegenwert des Einsatzes erhalten: „Aber selbst wenn es dem Inhaber eines Coupons und einer Urkunde nicht gelingt, einen einzigen der der Urkunde beigegebenen Coupons zu veräußern, so hat er nicht einen wertlosen Papierfetzen in der Hand, sondern ihm steht, wie in Nummer VII der Gebrauchsanweisung der Gesellschaft ‚Gella‘ hervorgehoben ist, in diesem ungünstigsten Falle das Recht zu, die Coupons selbst zu erfüllen und gegen Zahlung von 2 Mark für den Coupon + 12 Mark für die Urkunde + 72 Mark für die Erfüllung der sechs zur Urkunde gehörigen Coupons, im Ganzen also von 86 Mark, aus Abteilung A einen Gegenstand im Werte von 72-90 Mark zu entnehmen. Daneben erhält er noch sechs Urkunden nebst dazu gehörigen Coupons und somit die Möglichkeit, durch Verkauf derselben den Warenpreis zurückzugewinnen“. Die Kaufleute verwiesen auf die ökonomische Rationalität ihrer Geschäftsbedingungen: „Der Nutzen der Gesellschaft ergiebt sich somit nicht aus der Spekulation auf die Entwertung ihrer Coupons, sondern wie bei jedem kaufmännischen Geschäft aus der Differenz zwischen dem Einkaufspreis und dem Verkaufspreis ihrer Waren (Vorwärts 1899, Nr. 158 v. 9. Juli, 6).“ Doch das war formal gedacht, ging nicht auf die andere Erwartung der Käufer ein. Diesen schien es offenbar nicht lohnend, relativ kleine Beträge wieder einzusammeln oder aber mit zusätzlichem Kapital Waren zu erwerben, die sie mit geringerem Aufwand direkt hätten kaufen können.

Das Gella-System unterstrich, dass der Preis und die Kosten einer Ware unterschiedliche Dinge waren. Selbst das Schnäppchen war teuer, rechnete man den Aufwand des Couponerwerbs, des eigenhändigen Vertriebs der Scheine, die Kontrolle über deren weiteren Absatz und die entgangenen Zinsen für das eingesetzte Kapitel mit ein. Der Aufwand für die Rückerstattung des Grundpreises des Coupons konnte ebenfalls Kosten verursachen, und teils wollte man andere Waren gar nicht haben, mochten sie auch wertmäßig kompensieren. Der Gellahandel spielte also virtuos mit Kostenkalkulationen: Er suggerierte enorm billige Ware, schuf eine vertragliches Sicherheitsnetz für den Käufer, setzte aber darauf, dass dieses von vielen Käufern nicht genutzt wurde. Abstrakt gesprochen: Konsumgesellschaften charakterisierten eben nicht nur mikroökonomische Kalkulationen über Geldausgaben und eine möglichst effiziente Bedürfnisbefriedigung, sondern sie sind immer auch von den mit Kaufakten verbundenen Opportunitäts-, also Marktnutzungskosten, abgängig. Auch ohne entsprechendes ökonomisches Wissen richtet sich eine große Mehrzahl nach derartigen Kostenkalkülen; und dies kann man im Geschäftsleben wiederum nutzen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich rasch ein Markt für verbilligte Coupons ausbildete, obwohl diese doch im Prinzip von jedem Besitzer zu Waren im Gegenwert eingelöst werden konnten.

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Neue Märkte deutlich verbilligter Coupons des Warenhauses Gella (Berliner Tageblatt 1899, Nr. 341 v. 9. Juli, 9)

Vor dem Hintergrund ihrer transparenten und auch verständlich gehaltenen Geschäftsbedingungen war es kein Zufall, dass sich die Gella-Gesellschaft auch gegen öffentliche Warnungen des Berliner Polizeipräsidenten vernehmlich zu Wort meldete. Ihr Geschäftsbetrieb sei juristisch einwandfrei, würden die Käufer doch deutlich auf bestehende Risiken hingewiesen, ihnen auch Alternativen bis hin zum Einkauf bei „anderen Ladengeschäften höheren Ranges“ (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 391 v. 4. August, 5) offeriert, um den Wert der Coupons auszugleichen. Auf diese Weise gewann das neue Unternehmen weitere Publizität und Aufmerksamkeit. Das galt auch für eine Privatklage gegen Karl Keller, Redakteur des Berliner Tageblattes, der sich der Warnung des Berliner Polizeipräsidenten vor dem Gella- und Hydrahandel angeschlossen hatte (Vorwärts 1900, Nr. 240 v. 14. Oktober, 5; Berliner Tageblatt 1900, Nr. 526 v. 16. Oktober, 5). Er wurde freigesprochen, verbunden mit einer Bekräftigung der erfolgten Warnung: „Wenn sich die Gella-Gesellschaft in ihren Prospekten an die Minderbegüterten wende und in ihren Reklamen mit fetter Schrift verkünde, daß man für 2 M. eine Nähmaschine, für 4 M. eine Klassiker-Bibliothek, für 6 M. ein erstklassiges Fahrrad und andre Gegenstände ‚für einen minimalen Bruchteil des Wertes‘ erwerben könne, so spekuliere sie auf die Leichtgläubigkeit des nicht geschäftsgewandten Publikums und die Presse ist berechtigt, davor zu warnen“ (Vorwärts 1901, Nr. 4 v. 5. Januar, 6; Berliner Börsen-Zeitung 1901, Nr. 7 v. 5. Januar, 6). Eine Verurteilung der Gella Vertriebsgesellschaft war dies jedoch noch nicht. Es war vielmehr auch eine Warnung vor den Trieben ärmerer Konsumenten, die Waren besitzen wollten, ohne über das nötige Kapital hierfür zu verfügen und die deshalb auf Angebote eingingen, deren Kosten schwer übersehbar waren.

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Neue Märkte deutlich verbilligter Coupons des Warenhauses Gella (Berliner Tageblatt 1899, Nr. 341 v. 9. Juli, 9)

Das Warenhaus Hydra, das Anfang Juli 1899 in der Mitte Berlins die Tore öffnete, verfolgte ein leicht modifiziertes Geschäftskonzept. Die Zahl der angebotenen Güter und der Preisstufen lag deutlich höher (Die Dummen werden nicht alle, Vorwärts 1899, Nr. 153 v. 4. Juli, 5). Wie Abzahlungs-, Partiewaren- und die Mehrzahl der Warenhäuser zielte es explizit auf Käufer aus der Arbeiterschaft und dem unteren Mittelstand. Wie die Gella Vertriebsgesellschaft bot sie Waren nicht zum freien Verkauf an, sondern präsentierte sie in einer Musterausstellung, „d. h. mehrere Schaufenster und das Innere des Ladens sind mit Gegenständen gefüllt, die durch das ‚Hydra-System‘ erworben werden können. Der Andrang war in den letzten Tagen ein so gewaltiger, daß der Straßenverkehr vor dem Hause zeitweilig gelenkt wurde. Die an den Waaren angehefteten Preise mußten natürlich die Passanten in den Irrthum versetzen, daß die Sachen nahezu verschenkt würden und ohne Weiteres gegen Zahlung des Betrages zu kaufen wären. So sind z. B. ein Eisschrank und ein aus 40 Theilen bestehendes Tafelservice mit einer Mark ausgezeichnet, sechs silberne Theelöffel im Etuis mit 50 Pfennigen, ein Reisekoffer aus braunem Segeltuch mit 10 Pfennigen.“ Abermals wurden Warnungen laut und „eine Verschärfung gesetzlicher Bestimmungen“ gefordert: Aber „der Hydra ‚unlauterer Wettbewerb‘ wachsen stets an Stelle des eitlen abgeschlagenen Hauptes ein Dutzend neuer Köpfe“ (Das Gella-System macht Schule, Volkszeitung 1899, Ausg. v. 6. Juli).

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Rascher Erfolg: Stellenanzeige des Berliner Warenhauses Hydra (Vossische Zeitung 1899, Nr. 307 v. 4. Juli, 23)

Das Warenhaus Hydra machte anfangs gute Geschäfte, schon nach wenigen Tagen musste das Personal erweitert werden. Doch vier Wochen später hatte sich die Szenerie gewandelt: „Selbst die verlockendste Anpreisung verfängt nicht mehr. […] Das Publikum denkt aber: ‚Nicht geschenkt!‘“ (Volkszeitung 1899, Ausg. v. 31. Juli).

Auch Hydra versandte Berichtigungen, klagte gegen Warnungen und vermeintlich unwahre Berichte (Volkszeitung 1899, Nr. 359 v. 3. August, 5; Vorwärts 1899, Nr. 180 v. 4. August, 5; Volkszeitung 1899, Ausg. v. 15. September). Durchschlagende Wirkung hatte dies nicht. Das Warenhaus wurde Mitte August an neue Investoren verkauft, der Gründer Leopold Behrend beantragte kurz darauf die Insolvenz (Volkszeitung 1899, Ausg. v. 2. September). Er hatte seit 1893 ein Netzwerk von „Special-Restegeschäften“ aufgebaut, das durch die Vorgaben des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb illegal wurde. Er ging zum Großhandel über, hatte Finanzierungsprobleme, die auch mittels der Hydra-Gründung überwunden werden sollten. Am Ende standen Verbindlichkeiten von drei Millionen Mark zu Buche (Vorwärts 1900, Nr. 206 v. 3. September, 5).

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Pleitegeier über dem Warenhaus Hydra (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 32, 6)

Hydra Warenhäuser wurden auch an anderen Orten gegründet, gewissermaßen in Analogie zu den zuvor unterhaltenen Restegeschäften. Ihre Leitung lag in der Hand von Louis Grand, dem Schwager des Firmeninhabers Behrend. In München traf der Betrieb auf deutlich stärkeren Widerstand durch ortsansässige Kaufleute, aber auch durch die Obrigkeit – hier hatte der Landtag kurz zuvor in einer Gewerbesteuernovelle die reichsweit höchsten Warenhaussteuern beschlossen (Spiekermann, 1994, 97-105). Das im Zentrum von München gelegene Warenhaus war jedenfalls nur kurze Zeit in Betrieb, mochte es in seinen Schaufenstern auch mit Preisen locken, die „unmöglich“ (Wendelstein 1899, Nr. 166 v. 25. Juli, 3) schienen. Es ist unklar, warum die Staatanwaltschaft gegen den Inhaber Louis Grand ermittelt hatte, doch mit der Schließung des Betriebes kam er einem behördlichen Eingreifen zuvor (Volkszeitung 1899, Ausg. v. 4. August). Die liberale Allgemeine Zeitung vermerkte volksseelennah: „Es ist daher nur mit Genugthuung zu begrüßen, daß diesem Treiben bereits nach kurzer Zeit hier ein Ende gemacht worden ist“ (1899, Nr. 209 v. 30. Juli, 6). Die Polizeidirektion München warnte anschließend vor dem Schneeballsystem als solchem und Stand Gewehr bei Fuß, um „die öffentliche Strafverfolgung der Verkäufer sogenannter Gutscheine jederzeit herbeizuführen“ (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 67, 1900, 6628). Es sollte sich allerdings rasch zeigen, dass die Gerichte diese Vertriebssysteme keineswegs einschränken konnten. Dennoch schlossen auch weitere Filialen des Warenhauses Hydra nach nur kurzem Bestehen, so etwa in Hannover (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1899/1900, 425-426, hier 426).

Das Fazit der Gegner der neuen Vertriebsform war demnach hoffnungsfroh: „Die Vertreibung der Gella-Gutscheine geht nach uns von allen Seiten gewordenen Nachrichten so zurück, dass […] der Schwindel an der eigenen Liederlichkeit ein unrühmliches Ende finden wird“ (Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 25, 1900, 154). Doch das war voreilig, denn mit dem nur kurzen Bestehen der namensgebenden Firmen Gella und Hydra war das Vertriebssystem keineswegs am Ende. Und auch die eliminatorischen Wünsche, „dass allenthalben derartige Unternehmungen sofort unterdrückt würden“ (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 23, 1899, 617) ließen sich im Rahmen des geltenden Rechts nicht verwirklichen.

Ausweitungen: Schnellballsysteme im Uhren- und Fahrradhandel

Die nach dem Niedergang des Warenhauses Hydra noch hoffnungsfrohe Stimmung der Wettbewerber kippte daher Anfang 1900: „Die Beunruhigung, in die vielerorts unsere Kollegen durch das Gutschein-Verkaufs-System versetzt worden sind, dauert leider noch an, und es muß bedauerlicherweise sogar konstatirt werden, daß das Uebel noch weiter um sich frißt und immer größere Gebiete zu ergreifen droht“ (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 24, 1900, 63). Diese Stellungnahme des Deutschen Uhrmacher-Bundes war repräsentativ für zahlreiche etablierte Kräfte im Gebrauchsgüterhandel, die nun erst vergegenwärtigten, dass Gella und Hydra lediglich Vorboten einer zweiten, deutlich umfangreicheren Entwicklungsphase des neuen Vertriebssystems waren. Gewiss, in größeren Städten gab es nach wie vor Waren- und Kaufhäuser auf Basis des Gella- und Hydrahandels. Doch auch hier war eine Konzentration auf wenige, häufig nur eine Warenart feststellbar. So wurden in Düsseldorf sogenannte Fortunabücher ausgegeben, um Anzüge zu den bekannten Spottpreisen erwerben zu können (Gella und Hydra, Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 208 v. 4. August, 2).

Die zweite Phase wurde vor allem von Versandgeschäften getragen, bediente sich der Post, nutzte nur selten lokale Standorte. Wir sehen also eine weitere Abstrahierung des Warenvertriebs. Gab es in der ersten Phase noch Schaufenster und Verkaufsläden, hatte man Umgang mit Vertriebspersonal und konnte die Waren noch direkt begutachten, so traten nun Prospektabbildungen an die Stelle der Warenmuster, substituieren Adressen die Läden, ersetzten Namen reale Personen. Dies lag in der Logik eines Vertriebssystems, das auf schriftlichen Verträgen und Geschäftsbedingungen gründete und bei dem die Vorstellung einer billigst zu erwerbenden Ware handlungsauslösend war. Die deutlich abgeschwächte Materialität des Handelsgeschäfts legte auch eine Begrenzung auf wenige Warengruppen nahe. Fahrräder und Uhren dominierten den Handel, wenngleich auch Kleidung bzw. Genussmittel abgesetzt wurden. Es handelte sich um Güter des Alltagsbedarfs, um etablierte Konsumgüter, die um die Jahrhundertwende auch von Arbeitern, Handwerkern und Bauern massenhaft gekauft wurden.

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Der Preis als irreleitender Indikator eines Einkaufes, Karikatur 1899 (Lustige Blätter 14, 1899, Nr. 32, 6)

Bevor wir uns wenige Beispiele genauer anschauen, sollten wir uns allerdings einen Blick auf die unmittelbaren Reaktionen der Wettbewerber erlauben. Sie dachten eben nicht in Entwicklungslinien modernen Handels, reflektierten kaum die mit der Ökonomisierung des Absatzes einhergehende Reduktion von Käufen auf Geldtransaktionen. Für sie war Warenabsatz nicht eine Interaktion von Käufern und Waren, sondern geprägt von einem fachlich ausgewiesenen Mittelmann, einem Händler, der das jeweils passende Produkt empfahl, der auch dafür sorgte, dass das Budget des Käufers nicht von Käufen und unschicklichen Konsumwünschen gesprengt würde. Das Schneeballsystem war für sie „Massenschädigung“, ein Bruch mit den gewachsenen Beziehungen von Menschen in einer geordneten Wirtschaft mit klaren Rollen und Kompetenzen. Für sie lag darin „ganz gewöhnliches Anreißerthum“ und es schien ihnen schlicht unlauter, „daß jeder, der für ein ihm ganz fremdes Geschäft, für dessen Zuverlässigkeit und für die Güte von dessen Waren er nicht die geringste Bürgschaft hat, Kunden heranzieht, sich zum gewöhnlichen Schlepper erniedrigt“ (Gella und Hydra, Düsseldorfer Volksblatt 1899, Nr. 208 v. 4. August, 2 – auch für die Zitate zuvor). Jeder „anständige und ehrenwerte Mensch“ würde das neue Vertriebssystem zurückweisen, würde er über die Folgen nachdenken: „Ein solcher Vertrieb ist […] in hohem Grade unmoralisch und er findet nur statt, weil und wenn der Verkäufer sein wahres Wesen in seinen Ankündigungen so geschickt zu verdecken versteht, dass selbst Leute von guter Urteilskraft und Rechenkenntnis sich darüber täuschen lassen“ (Die rechtliche Beurteilung des Gella- und Hydra-Systems, Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 181). Derartige Bewertungen spiegelten das Aufbrechen fester Einkaufsmuster und gleichsam garantierter Beziehungen von Händler und Käufer. Der Konsument emanzipierte sich von derartigen Bindungen, zerschlug so die imaginäre Welt des „Leben und leben lassens“, in der man sich wechselseitig einen für das Auskommen nötigen Ertrag zubilligte und nicht einseitig seinen Vorteil suchte. Für die mittelständischen Händler war der Gella- und Hydrahandel dagegen „ein trauriges Zeichen unserer Zeit“, „Unfug“ unreeller Geschäftsleute, die sich zynisch vor Augen führten, dass die Welt betrogen werden will (Düsseldorfer Volksblatt 1900, Nr. 221 v. 12. August, 2). Sie reflektierten nicht, dass in einer Konsumgesellschaft Geldwert und Kosten dominieren und Moral einen klaren, meist sozialen Mehrwert erbringen muss, um Kaufakte zu beeinflussen.

Blicken wir zuerst auf den Uhrenhandel. Die mechanischen Instrumente setzten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch, veränderten die Taktung des Alltags. Sie waren zugleich ein Renommiergut, sei es als möglichst „goldene“ Taschenuhr oder aber als repräsentative Standuhr. Ab Mitte des 19. Jahrhundert traten neben den lokalen Uhrmacher heimindustrielle Produzenten, die insbesondere im Schwarzwald und der schweizerischen Romandie angesiedelt waren. Sie belieferten meist Großhändler, doch seit Ende des 19. Jahrhundert integrierten Versandhändler Uhren in ihre Kataloge, etablierten sich zunehmend spezialisierte Anbieter. Letztere wurden zum eigentlichen Träger des „Gutscheinhandels“ mit Uhren jeglicher Art. Eines davon war das Versandhaus Engler & Co. aus dem thurgauischen Kreuzlingen. Dessen Anzeigen tönten vielversprechend: „Wer ohne Geld in den Besitz einer wertvollen Uhr gelangen will, sende seine genaue Adresse mit Retourmarke an die Reklameabteilung des Uhren-Versandhauses Engler & Co. in Kreuzlingen“ (Der Gellacouponhandel, Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 76-77, hier 76 – auch für das Folgende). Tat man dies, so erhielt der potenzielle Kunde drei Briefe, zwei davon luden zu Preisrätseln ein. Wichtiger aber war der erste Brief, in dem es einladend hieß: „Ohne Geld können Sie in den Besitz einer wertvollen Uhr gelangen, wenn sie nachstehend erklärte kleine Arbeit nicht scheuen. – Gewiss befinden sich ja in ihrem Bekanntenkreisen Personen, die auch den Wunsch haben, mit der Kleinigkeit von nur 50 Rappen an einer Preisbewerbung teilzunehmen. Sie erhalten nun mitfolgend zehn Formulare mit einem Preisrätsel und einem Rückschein für die Lösung, diese verteilen Sie nur an solche Leute, welche Freude und Interesse daran zeigen und Ihnen nach erfolgter Erklärung die Beteiligung bestimmt zusagen. Sobald dann jeder von den 10 Mitbewerbern die Lösung samt den verlangten Briefmarken uns eingesandt hat, erhalten Sie von uns ohne weitere eine wertvolle Uhr umsonst.“ Das Grundprinzip blieb bestehen, die Ausführung jedoch variierte. Engler & Co. waren Billiganbieter. Andere Firmen forderten mehr Geld für die Coupons: So sollte man etwa 80 Pfennig einsenden, erhielt damit die Chance, fünf weitere Coupons à 80 Pfennig zu kaufen, um diese weiterzuverkaufen und schließlich eine Uhr im Wert von 30 Francs zugesandt zu bekommen (vgl. Petition des Central-Verbandes der Deutschen Uhrmacher v. 10. Februar 1900, Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 25, 1900, 34). Das Resultat war bemerkenswert: „Anfänglich […] erregte das Hydrasystem eine förmliche Spielwut unter dem Publikum, welches durch die Neuheit der Sache und den in Aussicht gestellten Gewinn gereizt wurde“ (Finger, Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 403-404). Doch auch im Uhrenhandel kam das System rasch an seine Grenzen, obwohl die Anbieter ebenfalls Garantien gaben, durch die man einen gewissen Gegenwert für nicht genutzte Coupons erhielt. Doch der Vertragspartner war fern, die Rückforderung kostete Aufwand und Porto. Für die Versandgeschäfte war ein Marktkollaps zugleich weniger einschneidend als für stationäre Geschäfte. Sie schalteten ihre Anzeigen resp. verteilten ihre Flugblätter halt an anderen Orten, wo sie vielfach neuerlich auf freudige Begeisterung stießen (Volkszeitung 1899, Ausg. v. 13. August, s.p.). Wichtig war auch, dass diese Art des Geschäftsbetriebes große Datenmengen generierte, also Adressen und Informationen über die Käufer, die später wieder genutzt werden konnten, die aber auch Handelsgut für Versandgeschäfte anderer Branchen bildeten. Der Gella- und Hydrahandel schuf demnach weitere gewinnträchtige Märkte abseits des reinen Warenabsatzes.

Ähnliche Vertriebssysteme entwickelten sich im Fahrradhandel. Hier standen französische Vorbilder Pate, die Anbieter wiesen deutlich andere regionale Schwerpunkte auf, wobei Mittel- und Westdeutschland hervortraten. Auch hier lockte das Versprechen, für beispielsweise nur acht Mark ein „anerkannt tadelloses Fahrrad“ zu erwerben (Volkszeitung 1899, Nr. 349 v. 28. Juli, 5). Der weitere Ablauf folgte den vorgegebenen Mustern.

Der lokale Kampf gegen das Schneeballsystem

Die neue Vertriebsform zielte also auf die Abschöpfung von lokaler Kaufkraft. Die ansässigen Händler, die schon gegen die Versandgeschäfte vergeblich agitiert hatten – nutzten diese doch Strukturentscheidungen der Reichspost der 1870er Jahre (Spiekermann, 1999, 296-298) – begannen ihren Kampf entsprechend vor Ort. Es galt die Käufer aufzuklären, ihnen die Folgen ihres Handelns vor Augen zu führen.

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Aufklärung des kaufenden Publikums: Flugblatt des Vereins gegen Unwesen im Handel und Gewerbe für Norddeutschland vom Juli 1899 (Staatsarchiv Hamburg 331-3 Politische Polizei S 6750, Bd. 2)

Einschlägige Flugblätter wurden von zahlreichen Händlervereinigungen und bürgerlichen Vereinen gegen unlauteren Wettbewerb verteilt. Darin artikulierten sie nicht nur die strukturellen Probleme der Schneeballsysteme, sondern auch ihre Vorstellungen eines angemessenen, und das hieß rücksichtsvollen, nicht von Gier getriebenen Kaufverhaltens. Die lokalen Händlervereinigungen hatten zumeist lokale Tages- und Wochenzeitungen auf ihrer Seite, waren diese doch auf regelmäßige Annoncen angewiesen. Abseits des publizistischen Flankenschutzes standen jedoch auch Strafanzeigen auf Grundlage vermeintlicher Vergehen gegen die Reichsgewerbeordnung, das Bürgerliche Gesetzbuch oder das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Sie stammten beispielsweise von „in ihren Lebensinteressen durch das Schneeballsystem aufs Tiefste geschädigten Fahrradhändler[n]“, die dringlichst baten, jeden entsprechenden Gutschein „zur polizeilichen oder gerichtlichen Anzeige zu bringen“ (Rosenheimer Anzeiger 1900, Nr. 174 v. 3. August, 3).

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Eine Chance für Minderbemittelte: Werbung der Fahrrad-Werke Riesenfeld für ihr Absatzsystem (Rosenheimer Anzeiger 1900, Nr. 188 v. 21. August, s.p.)

Wie schon Gella und Hydra, nutzten die derart angeprangerten Unternehmen jedoch die Chance, die von den lokalen Händlern geschaffene Publizität aufzugreifen und in Interesse für ihre Angebote umzumünzen. Sie konnten dabei, wie oben die Fahrrad-Werke Riesenfeld, zurecht darauf verweisen, dass ihr Betrieb rechtens sei und viele Vorwürfe ihrer Wettbewerber haltlos. Diese fühlten sich herausgefordert und entsprechend wurden die Strafanzeigen häufig über mehrere Instanzen durchgefochten. Im Falle der Fahrradwerke Riesenfeld zogen sich die Prozesse über fast ein Jahr hin (Unlauterer Wettbewerb, Allgemeine Zeitung 1900, Nr. 256 v. 17. September, 13; Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 147). Die Wettbewerber sahen Verstöße gegen das geltende Recht, während die Fahrradwerke auf ihre Geschäftsbedingungen verwiesen, die nachvollziehbar darlegten, dass „nach ihrem System ein Fahrrad um 8 M. 50 Pf. erworben werden kann, jedoch nicht unter allen Umständen erworben werden muß“ (Das Hydra- oder Schneeballensystem bei den Riesenfeld-Fahrradwerken, Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 4 v. 4. Januar, 6). Dennoch kam es zu einem Teilerfolg der Kläger, denn in diesem Falle musste das unvollständige Bezugsheft kostenpflichtig zurückgenommen werden, konnte also nicht durch andere Waren abgegolten werden. Dies wurde auch von der Revisionsinstanz, dem Amtsgericht München, bestätigt. Die Verurteilung erfolgte allerdings auf dem höchst brüchigen Terrain des Verstoßes gegen die guten Sitten nach § 138 BGB: „Die Absicht des Beklagten war offensichtlich die, dem gemeinen Mann die guten Seiten des Vertrages möglichst vor Augen zu stellen und ihn so über die schlechte Seite hinwegzutäuschen. Diese Geschäfte entsprächen aber nicht den im Volke herrschenden Anschauungen über die gute Sitte“ (Das neue Bürgerliche Gesetzbuch und der Hydra-Schwindel, Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 110 v. 21. April, 6). Hier wurde nicht Recht gesprochen, sondern moralisch verurteilt – und das nachdem 1900 die Lex Heinze, also eine Verschärfung des Strafgesetzes zur Bekämpfung vermeintlicher „Unsittlichkeit“ (und zur Ermöglichung umfassender Zensur) nach vehementem Widerstand des liberalen und sozialdemokratischen Deutschlands gescheitert war.

In den meisten Verfahren musste die Anklage jedoch fallengelassen werden. Dies wurde dann werblich genutzt. Der Bonner Versandhändler Jean Duell ließ etwa in Bingen Flugblätter verteilen, in denen es hieß: „‘Auf mit frischem Muth! Laut Beschluß des Königlichen Obersten Landgerichts in München vom 10. August 1900 theile ich meiner werthen Kundschaft mit, daß der Verkauf meiner […fett, US] Gutscheine auch im Königreich Bayern gesetzlich gestattet ist, und bitte ich, dieses Circular weiter zu geben‘“ (Gutschein-Unwesen, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 25, 1901, 18). Schon zuvor hatte er mehrfach Anzeigen „Zur Aufklärung!“ geschaltet, in denen er die Rechtmäßigkeit seines Unternehmens hervorhob und sich von Denunziationen gegen ihn abgrenzte (Der Wurm krümmt sich, Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 179). Der Karlsruher Uhrmacher Carl Faller reagierte auf die Warnungen des Bezirksamtes mit einer Plakataktion an Litfaßsäulen (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 110). Die lokalen Auseinandersetzungen führten also aus Sicht der mittelständischen Wettbewerber zu keinem Erfolg, konnten insbesondere die weitere Expansion der Schneeballsysteme nicht stoppen. Auch Versuche der lokaler Händlervereinigungen, ihrerseits Couponsysteme aufzulegen, erwiesen sich als Fehlschlag (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 73). Daher sammelten die Wettbewerber seit Frühjahr 1900 ihre Kräfte auf regionaler und nationaler Ebene, um die Rechtslage zu ihren Gunsten zu wenden.

Eine Bewegung für den Verbot des Gella- und Hydrahandels

Den Handels- und Gewerbekammern als Interessenvertretern von Industrie und Handel kam dabei anfangs eine wichtige Rolle zu. Ab Mai 1900 sprachen sich zahlreiche Handelskammern für ein „Verbot des Handels mit Gutscheinen“ aus (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1899/1900, 455). Vorausgegangen waren umfangreiche Erörterungen vor Ort, mit sehr unterschiedlichen Empfehlungen: Aufklärung der Käufer, Strafanzeigen gegen Gella- und Hydrahändler, vorrangig aber Eingaben und Petitionen zur Änderung des bestehenden Rechts. Das sei erforderlich, da „in der deutschen Gewerbegesetzgebung […] leider keine Bestimmung [bestehe], die eine Handhabe zum Einschreiten bieten könnte“ – so die Handelskammer Rottweil (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1898/99, 370-372, hier 372). Wie diese Gewerbeordnungsnovelle aussehen sollte, wurde nicht gesagt; nicht zuletzt, weil auch eine größere Zahl von Handelskammern dem Staat als Regulierungsinstanz des Handels misstraute.

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Öffentliche Warnung vor rechtlich zulässigen Vertriebsformen (Rosenheimer Anzeiger 1900, Nr. 200 v. 9. April, 4)

Entsprechend wurde die eigentliche Bewegung für eine gesetzliche Regelung – und das hieß fast durchweg ein Verbot – von den zahlreichen Branchenverbänden zumal der Uhrmacher und -händler getragen. Sie versuchten zugleich genauere Informationen über den „Gutscheinhandel“ zu gewinnen. Es blieb bei Einzelfällen, doch diese gaben immerhin Eindrücke von beträchtlichen Erfolgen des neuen Vertriebssystems. Der Versandhändler Gustav Lehmann aus dem sächsischen Oberloschwitz versandte „innerhalb Jahresfrist 6000 Stück Uhren-Bezugsscheine à 6 Mk., meistens an minderbemittelte Leute, Dienstboten, Tagelöhner, Fabrikarbeiter“ (Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 195). Ein Aufruf des Schweizerischen Gewerbevereins Mitte 1900 ergab die Zusendung von Coupons im Nominalwert von 6897,50 Franken von 16 verschiedenen Firmen, die von den Besitzern offenbar als wertlos erachtet wurden (Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung 16, 1900, 537). Das Schneeballsystem war ein Massenphänomen.

Die Branchenvereine fordern Schutz, forderten Staatshilfe, manifestierten so eine tradierte Vorstellung vom Staat als gerechtem Makler. Dabei wurde immer wieder auf die Schweiz verwiesen, hatten dort doch zahlreiche Kantone Verbote ausgesprochen (Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung 15, 1899, 758; Gegen den Gutscheinhandel, Allgemeine Zeitung [München] 1900, Nr. 358 v. 29. Dezember, 2). Im Deutschen Reich war dieses angesichts der Grundsatzentscheidungen der Reichsgewerbeordnung nicht einfach möglich, konnten regionale Verordnungen doch Reichsgesetze nicht aushebeln (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 49-50). Beschränkungen der Bundesstaaten, so etwa die badische Maßregel, den Vertrieb der Gutscheine abseits des Wohnortes der Händler als genehmigungspflichtiges Wandergewerbe zu definieren, führten zu nichts (Gegen den „Gutscheinhandel“, Mitteilungen des ZVDK 11, 1900/01, Nr. 9, 6; Bekanntmachung. Den Uhrenhandel betreffend v. 31. März 1900, Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 25, 1900, 74). Die Branchenverbände kontaktierten lokale, regionale, bundesstaatliche und auch nationale Instanzen. Dort luden sie ihre Forderungen ab, manifestierten so zugleich Handlungswillen und Ohnmacht. Beides mündete in eine Sprache, die von Biologismen dieser Zeit getränkt und vielfach xenophobisch und rassistisch war.

Naturmetaphern wurden bemüht, „überschwemmten“ die Bezugsscheine doch das Deutsche Reich, „überfluteten“ es (Eingabe an das Königlich Württembergische Ministerium des Innern, Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 25, 1900, 83-84, hier 84). Relevanter aber schien, dass der Gella- und Hydrahandel den imaginierten Volkskörper befallen hatte: „Wie eine Epidemie hat sich dieses Uebel verbreitet und nur wenige Gegenden giebt es, die noch verschont geblieben sind“ (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 61). Auch für die deutschen Uhrmacher schien es sich um eine Krankheit zu handeln, nicht abheilend „bis alle Theile Deutschlands nach einander von ihr befallen werden“ (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 24, 1900, 76). Gegen derartige „Seuchen“ forderten die Branchenverbände „Absperrmassregeln“ (Handels-Zeitung für die gesamte Uhren-Industrie 7, 1900, 170). Als Erfolge der eigenen Agitation deutlich wurden, war der Verbandsanwalt beglückt über „die radikale Vernichtung des Gutscheinhandels“ und resümierte, „eine Sumpfpflanze, welche das Feld ehrlicher Arbeit zu überwuchern drohte, ist der Ausrottung verfallen, und ein weiteres Gebiet, welche die Industrieritter des unlauteren Wettbewerbes mit Beschlag belegt hatten, ist für die ehrliche Arbeit zurückerobert worden“ (Henschel, Das Ende des Hydra-Schwindels, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 25, 1901, 82-83, hier 83). Derartige Biologismen waren um die Jahrhundertwende weit verbreitet, nicht nur aufgrund des modischen Sozialdarwinismus. Sie waren Metaphern der Bewegung, prägten farbenfrohe Darstellungen des absterbenden Kapitalismus und der Klassenkämpfe, der Lebensreform und des Heimatschutzes, der Feminisierung der Gesellschaft und der sozialen Hygiene. Man mag dies als Hinweise auf deutsche Sonderwege oder gar Vorboten des Nationalsozialismus lesen, doch finden sich entsprechende Metaphern auch bei der Beschreibung der Schneeballsysteme in der Schweiz und in Frankreich. Sie erscheinen eher als Ausdruck aggressiv gewendeter Ratlosigkeit und eines Gefühls des Ausgeliefertseins. Die von den Branchenverbänden praktizierte Selbsthilfe schien nicht auszureichen. Hilfe, vom Arzt oder anderen, schien notwendig.

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Vorsprechen von Mittelstandsvertretern beim preußischen Finanzminister Johannes von Miquel (Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 40, 10)

Taschenspielertricks: Die Umdeutung der Schneeballsysteme als Glücksspiel durch das Reichsgericht

Ende 1900 waren die mittelständischen Maßregeln in einer Sackgasse angelangt. Der immer wieder adressierte Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1819-1901) musste eingestehen, daß „die Strafgesetze z. Z. keine ausreichende Handhabe zu bieten scheinen, um gegen Gewerbetreibende, welche sich das System zu Nutze machen, mit Erfolg vorzugehen“ (Handel und Gewerbe 8, 1900/01, 195). Ein Antrag der Zentrumsabgeordneten Adolf Gröber (1854-1919), Ernst Lieber (1838-1902) und Franz von Pichler (1852-1927) forderte zwar ein Verbot des Gutscheinsystems, wurde im Reichstag jedoch nicht beraten (Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 67, 1900, 9447). Möglich schien eine Novelle des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb, doch die einschlägigen Debatten sollten sich bis 1909 hinziehen.

Eine Vielzahl staatlicher Behörden warnte vor dem Gella- und Hydrahandel, so etwa Baden, Württemberg, Preußen, Sachsen und Braunschweig. Sie machten den Händlern Mut zu Klagen, obwohl sie eigentlich hätten wissen sollen, dass diese nur in Ausnahmefällen Erfolg haben konnten. Dies war typisch für die „Mittelstandspolitik“ der nationalliberal-konservativen Regierungen. Sie kamen den Forderungen des tradierten Mittelstandes verbal durchaus entgegen, scheuten aber weitere Eingriffe in die Gewerbefreiheit. Das war verantwortungsvoll im Sinne der gewerblichen Fortentwicklung und Modernisierung des Deutschen Reiches. Doch es war immer auch unehrlich gegenüber den mittelständischen Interessenvertretern. Diese wussten darum, zumindest 1900/01 (Deutsche Uhrmacher-Zeitung 24, 1900, 230). Trotzdem forderten sie weiter Verbote, für die es keine Mehrheiten gab.

Und doch: Der Gella- und Hydrahandel endete 1901. Grund hierfür war eine Art juristischer Posse, nämlich der Umdefinition der Schneeballsysteme von einer neuen Vertriebsform zu einem Glücksspiel, einer vom Zufall abhängigen Ausspielung. So urteilte der erste Strafsenat des Reichsgerichts in einer Entscheidung vom 14. Februar 1901 (zur Begründung s. Warenvertrieb durch Gutscheinhandel, Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 68, 1901, 1917-1919; Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 86-88). Als Glücksspiel war der Gella- und Hydrahandel plötzlich genehmigungspflichtig, doch derartige Genehmigungen wurden nicht erteilt.

Diese Entscheidung überraschte viele Zeitgenossen, doch sie lag in der argumentativen Logik der Mittelstandsvertreter, die nicht von einem aktiven, auf seinen Vorteil bedachten Konsumenten ausgingen, sondern von einem Käufer, der beim Handelsstand Rat suchte und seiner Fachkompetenz vertraute. Für sie war es nicht denkbar, dass sich denkende Menschen aus guten Gründen gegen sie entschieden. Sie mussten vielmehr verführt worden sein, getrieben von unangemessener Gier. Entsprechend warnten die mittelständischen Aktivisten. In dem oben im Ausschnitt dokumentierten Flugblatt des Vereins gegen Unwesen im Handel und Gewerbe für Norddeutschland hieß es schon im Juli 1899: „Verbrennt Euch nicht die Finger! – Nieten sind es, Nieten, welche Ihr bei diesem Geschäftsspiel, genannt Coupon-Verkaufs-System, zieht. Die Hamb. Stadtlotterie hat schwerlich soviele Nieten aufzuweisen“ (Staatsarchiv Hamburg 331-3 Politische Polizei S 6750, Bd. 2). Auch die Handelskammer Leipzig vermerkte in einer Eingabe an das sächsische Innenministerium vom 23. April 1899: „Die ganze Sache gewinnt den verführerischen Reiz eines Glücksspiels, und zwar wird sie naturgemäß, wie das Lotto, ihre hauptsächliche Verbreitung in den weniger bemittelten Schichten der Bevölkerung finden“ (Warenvertrieb mittels Gutscheinen, Handel und Gewerbe 7, 1899/1900, 425-426, hier 426). In mehreren letztlich gescheiterten Klagen gegen Gella- und Hydrahändler versuchten lokalen Staatsanwälte, den Tatbestand des Glücksspiels geltend zu machen, ohne damit aber Erfolg zu haben (Ist das Gella, Hydra-, Schneeballsystem eine Lotterie?, Leipziger Uhrmacher-Zeitung 7, 1900, 274).

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Das 1895 eingeweihte Gebäude des Reichsgerichtes in Leipzig (Library of Congress, LC-DIG-ppmsca-00967)

Auch deshalb wurde das Reichsgerichtsurteil von den Gegnern des neuen Vertriebssystems begeistert aufgenommen: „Endlich! riefen wir aus und ‚Gott sei Dank‘ fügten wir hinzu, denn nunmehr brauchen wir nicht mehr zu befürchten, dass das Hydra-Ungeheuer, welches augenblicklich nur noch schwache Lebenszeichen von sich gab, später sich wieder neugestärkt erheben werden. Das System ist tot, mausetot“ (Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 161). Der Sieg schien vollständig, denn man glaubte, „daß infolge dieses Urteils sich die Leute wohl vorsehen und diesen Handel nicht mehr betreiben werden, und die Mühe, Strafantrag zu stellen, den Kollegen ersparen“ (Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 85).

Das Urteil des Reichsgerichts vom 14. Februar 1901 rückte das Schneeballsystem von der Sphäre des freien Kaufs in die einer Ausspielung. Der Erwerb von Waren hing somit nicht von der Zahlung eines Preises ab, sondern „vom Zufall“ (Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 164). Zwar sei der einzelne Käufer grundsätzlich in der Lage, diesen auszuschließen, doch angesichts der durchschnittlichen Befähigung der Personen sei dies nur eine abstrakte Möglichkeit. Das Urteil entsprach einem anthroposkeptischen Denken, reduzierte den Käufer auf eine schwache und verführbare Person, getrieben von Erwerbsdrang, nicht fähig, die Logik des Schneeballsystems zu durchschauen. Doch dieses Urteil traf auf substanzielle Kritik bei führenden Juristen des Kaiserreichs.

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Franz von Liszt, führender Staatsrechtler und Kritiker des Reichsgerichtsurteils vom 14. Februar 1901 (Der Welt-Spiegel 1906, Ausg. v. 26. Juli, 3)

Hermann Staub (1856-1904), der führende Kommentator des 1897 erlassenen Handelsgesetzbuches, kritisierte vor allem den angewendeten Begriff des Zufalls. Die Gewinnung von Couponkäufern sei vielmehr abhängig von individueller Tätigkeit und rationalem Kalkül: „Nicht der Zufall, sondern seiner persönlichen Tüchtigkeit vertraut er, […]. Ob es ihm sicher gelingen wird, vier Personen zum Kauf zu bewegen, weiß er allerdings nicht. Aber nichts ist verfehlter, daß nur derjenige Erfolg ein nicht zufälliger ist, der sicher ist“ (Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 193-195, hier 194). Der Straf- und Völkerrechtler Franz von Liszt (1851-1919) teilte diese Skepsis, verwies aber stärker noch auf die verfehlte Konstruktion des Schneeballsystems als einer Ausspielung, die zudem von der bisherigen Rechtsprechung abweiche (Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 195-196). Preußische und bayerische Gerichte teilten diese Auffassung (Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 147). Zeitweilig wurde daher versucht, die schwammigen Generalklauseln des 1896 erlassenen Gesetzes zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs heranzuziehen, sei doch der Schneeballhandel „in hohem Grade unmoralisch“ ([Albert] Groschuff, Ueber das sog. Gella- und Hydrasystem, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 277-278, hier 278), eine Spekulation auf den Nachteil der spät einsteigenden Käufer. Rechtspraktiker wandten sich daher gegen zu viel rechtswissenschaftliche Abstraktion (und damit vermeintlich „jüdische“ Interpretationskunst), forderten stattdessen den freien Blick auf die soziale Realität: „Berechnet ist die Ausspielung nach dem Hydrasystem aber offenbar für das ärmliche Publikum, das, wie es sich alle möglichen Sachen auf Abzahlung aufschwatzen läßt, […] die Coupons in der leichtfertigen und durch nichts zu rechtfertigenden Annahme kauft, es werde sie schon wieder an Personen los werden, die sich ihrerseits ebenfalls Bezugsscheine zu lösen gewillt sind“ (Lehmann, Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 328).

Die Debatte endete damit nicht. Der liberale Liszt betonte die freisetzende wirtschaftliche Energie des neuen Systems: Das „Wesen des Hydrasystems besteht darin, daß durch das Versprechen hoher Provisionen freiwillige Geschäftsagenten aus den Kreisen des Publikums gewonnen werden sollen, um für gangbare Artikel einen Massenabsatz zu erzielen“ (Ist das sog. Hydrasystem eine strafbare Ausspielung?, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 404-405, hier 404). Das aber könne man nicht als Glücksspiel bewerten. Denn es handele sich um Gegenstände des Massenabsatzes, die entsprechend große Verbreitungskreise hätten. Zudem sei es nicht Aufgabe des Reichsgerichtes, die Moralität des Schneeballsystems zu bewerten. Dagegen hob der Leipziger Reichsgerichtsrat Karl von Braun (1832-1903) hervor, dass gerade die Einordnung als Glückspiel die wirtschaftliche Dimension des Schneeballsystems berücksichtige, handele es sich doch um „eine Spekulation auf die Spiellust und Gewinnsucht des großen Publikums“ (Ein letztes Wort zur Hydrafrage, Deutsche Juristen-Zeitung 6, 1901, 453-454, hier 453), nicht aber um eine beidseitig verstandene Agententätigkeit.

In der Gerichtspraxis setzte sich die Auffassung des Reichsgerichtes durch, nicht zuletzt, weil die meisten Richter den Staat als Schutzinstanz und die Käufer als eine schutzbedürftige Masse verstanden. Die Beurteilung des ersten Strafsenats des Reichsgerichtes wurde im Oktober auch von dessen zweitem und viertem Strafsenat bestätigt (Die Strafbarkeit des Hydrasystems, Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 298; Vorwärts 1901, Nr. 243 v. 17. Oktober, 6). Bis dahin hatte der Gella- und Hydrahandel deutlich abgenommen, auch wenn bis zur Jahresmitte keineswegs ausgemacht schien, dass die neue Rechtsdeutung übernommen wurde. Doch im Mai verurteilte das Landgericht Berlin den erfolgreichen Fahrradhändler Willy Schlawe als Veranstalter eines nicht genehmigten Glücksspiels, obwohl die Verteidigung die Gutachten Staubs und Liszts offensiv ins Feld führte (Vorwärts 1901, Nr. 105 v. 7. Mai, 10). Man wischte ihre Bedenken als blinden Formalismus weg, der die individuellen Gefährdungen und volkswirtschaftlichen Folgen der Schneeballsysteme nicht sehen wollte (Das Hydra-System, Allgemeine Zeitung [München] 1901, Nr. 165 v. 16. Juni, Beil., 1).

Die Agonie des Gutscheinhandels dauerte noch Monate. Immer wieder neue Variationen der Grundstruktur mussten juristisch bekämpft werden, etwa der kurzfristig erfolgreiche Berliner Modebazar Hecht, dessen billigste Stoffe die holde Weiblichkeit Berlins temporär anzogen (Vorwärts 1901, Nr. 102 v. 3. Mai, 10). Der Jahresumsatz betrug etwa eine Million Mark, doch im März 1903 wurde der Inhaber, Paul Hecht, schließlich zur Höchststrafe von 3000 Mark verurteilt. Die Gerichte nutzten aber auch 1901 immer noch andere Rechtskonstruktionen, um erfolgreich Exempel zu statuieren. Der Berliner Uhrenhändler Blaustein, der goldene Damenuhren für 2,50 Mark anpries, wurde im Mai 1901 noch auf der fragilen Grundlage des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb verurteilt (Vorwärts 1901, Nr. 116 v. 21. Mai, 4; Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 26, 1901, 178). Aber das waren allesamt Nachhutgefechte. Aufgrund des Reichsgerichtsurteils von 1901 gelang es letztlich, „diese moderne Hydra zu töten“ (Herm[ann] Pilz, Der Hydraschwindel und sein Ende, Leipziger Uhrmacher-Zeitung 8, 1901, 75-76, hier 75).

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Das Schneeballsystem als Thema der Populärkultur: Persiflage 1899 (Jugend 4, 1899, 520)

Das gelang auch, weil einzelne Staatsanwaltschaften nun gegen die Käufer vorgingen, die sich nun mit Verfahren wegen Beihilfe zum illegalen Glücksspiel konfrontiert sahen. Auch das hatte Vorläufer: Im bayerischen Fürth hatte die Kriminalpolizei schon Ende 1900 1400 Käufer vernommen, die in den Adresskarteien eines Solinger Versandgeschäftes standen (Rosenheimer Anzeiger 1900, Nr. 266 v. 22. November, 2). Nun aber erfolgten entsprechende Verhöre unter der Drohung eine Strafe von einer Mark Nachsteuer und sechs Mark Reichstempelsteuergebühr (ja, die deutsche Amtssprache ist schön) pro Coupon. In einem 1902 in Dortmund durchgeführten Prozess gegen das Versandhaus Excelsior aus dem schweizerischen Chaux-de-Fonds betraf dies nicht weniger als 320 Personen (Leipziger Uhrmacher-Zeitung 9, 1902, 346).

Die staatlichen Stellen setzten ihre Warnungen vor Schneeballsystemen auch 1902 und 1903 fort (Warenvertrieb durch Ausspielung, Badische Presse 1903, Nr. 298 v. 20. Dezember). In den stark betroffenen Konsumgüterbranchen verblieb Unbehagen: „Der mit Coupons nach dem Gella- und Hydra-System betriebene Schwindel ist zwar von der Oberfläche verschwunden, scheint aber im Geheimen hier und da noch weiter gepflegt werden“ (Hydra-Schwindel, Deutsche Uhrmacher-Zeitung 27, 1903, 138). Wiederholt wurde auf „ausländische Gewerbetreibende“ verwiesen – meist aus der Schweiz –, die „weniger urteilsfähige Kreise“ mit immer neuen Variationen in ihren Bann ziehen würden (Warenvertrieb durch Ausspielung, Vorwärts 1903, Nr. 296 v. 19. Dezember, 4). In derart untergründiger Form blieben Schneeballsysteme präsent. Im Handel sollte sie allerdings erst nach der Hyperinflation wieder aufkommen, wenngleich auf einem deutlich niedrigeren Niveau als um die Jahrhundertwende (Die Uhrmacherkunst 49, 1924, 503; Deutsche Uhrmacher-Zeitung 48, 1924, 541; Die Uhrmacher-Woche 33, 1926, 4; Friedrich Huth, Das Schneeballsystem im Warenhandel, Der Materialist 47, 1926, Nr. 37, 3).

Der Gella- und Hyrahandel als Marker einer Konsumgesellschaft

Der Gella- und Hydrahandel war populär. Viele Millionen Konsumenten setzten sich mit diesem Vertriebssystem auseinander, teils nutzten sie es. Es war ein gern aufgegriffenes Thema im publizistischen Massenmarkt: Viele Tageszeitungen präsentierten sich als Hüter der öffentlichen Moral und kaufmännischer Ehrsamkeit, obwohl sie parallel auch  Anzeigen der Gella- und Hydrahändler veröffentlichten. Es gab Widerhall in der Populärkultur, sei es durch Persiflagen in der zeitgenössischen Publizistik, sei durch es als Chiffre für komplexe Verpflichtungssysteme, in denen man sich schließlich verheddern müsse (Politische „Gella“ und „Hydra“, Lustige Blätter 15, 1900, Nr. 47, 7). Schneeballsysteme blieben in Form von Bettelbriefen weiter alltäglich. Immer wieder neu, immer wieder anders, wie etwa die „ewigen“ Gebetsbriefe dieser Zeit unterstreichen (Das Schneeballsystem, Vorwärts 1905, Nr. 42 v. 18. Februar, 9). Zeitgenössische Diagnostiker, wie der Publizist Karl Kraus (1874-1935), interpretierten Schneeballsysteme daher als typisches Element der Moderne. Nachrichtendienste schienen nach ähnlichen Prinzipien zu funktionieren, denn sie brachten an sich gleiche Güter – hier Nachrichten – über Verbreitungsmedien – hier Zeitungen – in immer weitere Teile der Welt: „Die fünfzigfache zweite Hand reicht sie einer tausendfachen dritten Hand weiter“ (Die Fackel 4, 1902/03, Nr. 101, 4-6, hier 5). Beschleunigung durch Abstraktion, das erst bot Raum für Imaginationen wie Marken oder Warenvorstellungen, für kommerziell zu nutzende und zu schaffende Bedürfnisse und Wünsche.

Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt angelangt sind, der sich im späten 19. Jahrhundert in Deutschland etablierten Konsumgesellschaft. Der Gella- und Hydrahandel stand für den Übergang vom tradierten Käufer zum preisbewussten Konsumenten. Er verdeutlichte die Dynamik eines freien Handels, aber auch die Fährnisse des Marktes. Er generierte dadurch Fragen nach dem Konsumentenschutz und der Rolle des Staates und des Justizwesens in einer Konsumgesellschaft. Er verwies auf die rasche Abstraktion der Konsumkultur seit der Jahrhundertwende, erlaubte aber auch einen Blick auf die Kritiker dieser Kommerzialisierung des Sozialen, des Alltagslebens.

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Der imaginierte Konsument: Anzeige des KaDeWe 1912 (Berliner Volks-Zeitung 1912, Nr. 11 v. 7. Januar, 13)

Fassen wir derart zusammen. Der Gella- und Hydrahandel war ein klarer Bruch mit der tradierten, seinerseits ja erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Versorgungsstruktur des ladengebundenen Kleinhandels kleiner und mittlerer Händler. Letztere orientierten sich an Käufern, ihnen grundsätzlich bekannten Kunden, die sie bedienten und denen sie gegen auskömmliche Handelsspannen passgenaue Offerten machten. Der Gutscheinhandel bedurfte ihrer nicht. Er setzte auf Konsumenten, die nicht gemäß Herkommen und Gewohnheit kauften, sondern sich von sozialen Beziehungen emanzipiert hatten, die sich an Preisen orientierten und Preisdifferenzen zu nutzen wussten. Der Gella- und Hydrahandel wäre ohne diese vorherige Ökonomisierung nicht möglich gewesen, er nutzte sie aus, war ihr Ausdruck und Beschleuniger. Gleichwohl war er ein Übergangsphänomen, denn er gründete auf der Bereitschaft und Fähigkeit der Konsumenten, für günstige Preise aktiv zu werden, als Agent der Handelsfirma zu fungieren. Die damit verbundenen möglichen Kosten schienen vielen beherrschbar, doch die Grenze des Einsatzes und die damit verbundenen Risiken mussten viele erst lernen. Selbstreflexive Konsumenten hätten die offenkundigen Kosten der Schneeballsysteme von Anfang an gesehen, hätten daher zurückhaltender agiert als die der Jahrhundertwende.

Diese janushafte Erscheinung des Käufers/Konsumenten verweist auf die beträchtlichen Probleme des Konsumentenschutzes zu Beginn der Konsumgesellschaft. Wen sollte man schützen? Und wenn ja, wie? Der Staat und auch Gerichte befanden sich in einem grundsätzlichen Dilemma, denn die Gella- und Hydrahändler konnten mit vollem Recht behaupten, dass sie systemkonforme Mittel für ein beidseitig faires Geschäft anwandten. In konsequenter Fortführung der liberalen Umgestaltung des deutschen Wirtschaftsrechtes agierten sie auf Grundlage privater Verträge, deren Inhalte sie in ihren Prospekten und Geschäftsbedingungen nachvollziehbar niederlegten. Sollte sich der Staat dort einmischen, in die freie Absprache freier Bürger? Ein Konsument vermochte doch die Folgen seines Tuns zu überblicken. Das wurde bestritten, nicht nur von Wettbewerbern, sondern auch von den meisten staatlichen Repräsentanten. Sie blickten über den Vertragstext hinaus, auf die vermeintliche Verführungskraft der Waren, auf die Gier nach Besitz. All dies stand in der langen Tradition der Luxusdebatten über Schicklichkeit und Angemessenheit des Konsums, die im langen 19. Jahrhundert wieder und wieder geführt wurden. Musste man nun nicht endlich loslassen von derartig bürgerlichen Ordnungsvorstellungen, von bevormundender Moral? War das nicht Teil wahrer Emanzipation gerade weniger solventer Mitbürger? Sollte man sie nicht das Abenteuer Freiheit auskosten lassen? Es war bezeichnend, dass nicht Regierungen und Parlamente den Gella- und Hydrahandel stoppten, sondern Gerichte. Das entsprach der zunehmenden Verrechtlichung des Alltags, in dem der Händedruck vom Vertrag abgelöst worden war, in dem vieles nur noch in Rahmengesetzen festgelegt wurde, um es der Regelungskraft der Bürger und der Gerichte abzutreten.

Der Gella- und Hydrahandel unterstrich den Wandel der Konsumkultur des Kaiserreichs, ihre Abstraktion und Entmaterialisierung. Paradox gesprochen: Je wichtiger auch an sich nicht notwendige Dinge wurden, um so allgemeiner wurden sie präsentiert und imaginiert, als Platzhalter für Wünsche und Bedürfnisse, als vermeintliche Notwendigkeiten eines guten, sicheren, gesunden und erfolgreichen Lebens. Der Gella- und Hydrahandel setzte an die Stelle der Ware den Coupon, den Gutschein. Versprechungen überbrückten die Zeitspanne vom Kauf des ersten Coupons bis hin zum Erhalt der begehrten und doch so billigen Ware. Das öffnete Vorstellungsräume, die beim tradierten Direktkauf so nicht bestanden. Die Debatte über Schneeballsysteme war damit auch Nachklang zu dem erbitterten Ringen um das Börsengesetz 1896, bei dem der zeitüberbrückende Terminhandel zwar grundsätzlich erlaubt, der „spekulative“ Getreideterminhandel 1897 aber verboten wurde.

Wie die Agrarier sahen sich auch die Vertreter des ladengebundenen Handels an konkrete Waren und Abläufe rückgebunden, wollten die Spekulation minimieren, ihre Stellung in der Absatzkette beibehalten. Die Debatte über den Gella- und Hydrahandel war für die Vertreter der mittelständigen Wettbewerber eine von vielen, in denen sie sich gegen ihre scheinbar wegbrechende Stellung in der Konsumgesellschaft wandten. Sie führten diese Debatten mit heißem Herz, voller Hetze und mit Schaum vor dem Mund. Sie schufen sich Feinde, stritten dagegen wie Siegfried gegen den Drachen, voller Bekennermut, an mannhaftem Kampf und Ausrottung interessiert. Sie waren Hefe im Gärbottich der Moderne, den man nicht schönfärben sollte. Antikapitalismus, Antisemitismus, Antirationalismus prägten die Debatten, machen sie schwer erträglich – vielleicht, weil sie mit deutlicherer Sprache all das sichtbar machen, was auch vielen heutigen Debatten zugrunde liegt. Die mittelständischen Wettbewerber verteidigten aggressiv ihre Vorstellung vom Zusammenleben, vom gedeihlichen Miteinander in Wirtschaft und Gesellschaft. Entsprechende Fragen werden auch heute gestellt, wenngleich kaum mehr von diesen sozialen Gruppen. Schließlich waren die mittelständischen Vertreter keineswegs die Modernisierungsverlierer, zu denen sie gleichermaßen von Liberalen und Sozialdemokraten abgestempelt wurden. Sie wussten, dass sie sich nur selbst helfen konnten, dass sie den Schaum von ihrem Munde wegwischen und ihre Betriebsstrukturen ändern mussten, um weiter erfolgreich arbeiten und leben zu können. Das taten sie, unwillig Wege beschreitend, die ihnen ihre erfolgreichen Gegner wiesen. Vermehrte Rabatt(mark)en, Zugaben und Preisausschreiben folgten.

Aus heutiger Sicht war der Gella- und Hydrahandel nicht mehr als eine kurze Episode. Doch die Kernfragen, die darin verhandelt wurden, sind auch heute noch aktuell: Die Stellung des Käufers/Konsumenten im Konsumgütermarkt, die Rolle von Regierungen, Parlamenten und Gerichten als Schutzmächte und Akteure, die Ausgestaltung moderner Konsumgesellschaften – und auch der Umgang mit Gier und Unlauterkeit. Das rasche Ende des Gella- und Hydrahandesl hat diese Fragen jedenfalls nicht stillstellen können.

Uwe Spiekermann, 10. Januar 2020

Eine sozialistische Heldin: Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall sind die Kenntnisse über die DDR nurmehr schemenhaft. Es war daher nicht überraschend, dass dem Tod des sozialistischen Helden Sigmund Jähn (1937-2019) im letzten Monat Elogen über den „ersten Deutschen im All“ folgten. Vermeintliche Qualitätsmedien präsentierten Jähn als gesamtdeutschen Helden, münzten dessen propagandistische Funktion für die SED-Herrschaft klein (eine wichtige Ausnahme bildete Ilko-Sascha Kowalczuk, Sigmund Jähn verkörperte das DDR-System, Der Tagesspiegel 2019, Ausgabe v. 24. September). Jähn war in der Tat ein Held, er war der ostdeutsche Kosmosheld, NVA-General und SED-Aktivist. Er steht zugleich für eine große Zahl von zumeist vergessenen sozialistischen Helden. Wie Jähn unterstützten und legitimierten sie die DDR, unterstützten und förderten den geplanten Aufbau einer sozialistischen Republik, verkörperten ihn mit Leib und Seele. Das galt auch für die Verdiente Aktivistin Margarete Heinicke, bekannt vor allem durch die 1954 von ihr praktizierte und dann öffentlich propagierte Kochtopfmethode. Ihre vergessene Geschichte ermöglicht Einblicke in die Geschichte der DDR im Jahrzehnt des „Aufbruchs“ und dessen schwierige Legitimation. Sie erweitert den gängigen Blick auf Helden der Arbeitswelt, arbeitete Gretel Heinicke doch im Handel, also im Konsumsektor einer Mangelgesellschaft. Schließlich handelt es sich um die Geschichte einer Heldin – und diese stand im Spannungsraum zwischen Gleichberechtigungsideal und der doch etwas anderen Lebensrealität von Frauen in der DDR.

Sozialistische Helden und Heldinnen

Anders als die Industrie, war und blieb der Handel in der DDR immer nachranging und unterfinanziert. Diese Geringschätzung folgte den Theoretikern des Marxismus, die immer wieder die vermeintlich verteuernden Mittelspersonen zwischen Güterproduzenten und Verbrauchern kritisierten. Sie war allerdings paradox, denn mit den Konsumgenossenschaften hatte die Arbeiterbewegung eine bis in die 1930er Jahre gefürchtete Alternative zum „Profithandel“ geschaffen, eine distributive Gegenwelt zum Kapitalismus (Uwe Spiekermann, Konsummühle Magdeburg; Ders., Medium der Solidarität. Die Werbung der Konsumgenossenschaften im frühen 20. Jahrhundert, in: Peter Borscheid und Clemens Wischermann (Hg.), Bilderwelt des Alltags, Stuttgart 1995, 126-149). Der sozialistische Aufbau erfolgte seit dem ersten Zweijahresplan 1949-1950 vorrangig in den Grundstoff- und Investitionsgüterindustrien, während die Konsumgüterindustrien und der Handel nachranging finanziert wurden. Ein sicheres industrielles Fundament schien erforderlich, private Konsumwünsche waren zurückzustellen für das große Ganze. Die materielle Umgestaltung der Gesellschaft gründete auf dem ideellen Konstrukt des Verzichts.

Sozialistische Persönlichkeiten konnten das nachvollziehen, erbrachten zudem einen Beitrag, um die Phase der Entbehrungen zu verringern. Was kleinteilig zu leisten war, zeigten die sozialistischen Helden, die anfangs vor allem im Felde der Grundstoffindustrien auftraten. Ihr Prototyp war der sowjetische Bergmann Alexei Stachanow (1906-1977), ein Kohlenhauer, der 1935 das Vierzehnfache seiner Norm förderte. Mit dieser später mehrfach übertroffenen Höchstleistung setzte der Held der Arbeit nicht nur einen neuen, überplanmäßigen Maßstab für sich selbst, sondern er zeigte anderen Werktätigen, dass auch sie eine höhere Leistung erbringen konnten. In der sowjetischen Besatzungszone trat Adolf Hennecke (1905-1975) am 13. Oktober 1948 in die Fußstapfen Stachanows, indem er seine Tagesnorm um fast das Dreifache übererfüllte. Beide Helden dienten als Vorbild für nacheifernde Aktivisten, für eine offiziell geförderte und von den Gewerkschaften forcierte Aktivistenbewegung. Auch wenn die Auswirkungen auf die Produktion letztlich gering blieben (Wolfgang Weber, DDR – 40 Jahre Stalinismus. Ein Beitrag zur Geschichte der DDR, Essen 1992, 43), begann in der frühen DDR ein Kult um die neuen Vorbilder der Werktätigen. Hennecke zu Ehren wurde seit 1949 am 13. Oktober der Tag des Aktivisten begangen, an dem die herausragenden Leistungen bei der Plan(über)erfüllung, aber auch Beiträge der Neuerer ausgezeichnet wurden. Ehrentitel und Orden folgten, Prämien und höhere Stundenlöhne boten materielle Anreize. Standen anfangs eher quantitative Produktionserhöhungen im Fokus, so sollten Neuerer oder Rationalisatoren später vornehmlich qualitative Verbesserungen ermöglichen. Prozessinnovationen wurden wichtiger, nicht zuletzt im Handel, wo Produktivität und Effizienz anders als in der Industrie zu messen waren.

Sozialistische Helden unterschieden sich deutlich von denen des kapitalistischen Westens. Sie verkörperten erst einmal die Gemeinschaft des sozialistischen Lagers, waren Ausdruck der internationalen Solidarität der Werktätigen. Sie standen im Kollektiv, gingen aber über die konturlosen „Massen“ des Proletariats hinaus (Heiko Haumann, „Held“ und „Volk“ in Osteuropa, Osteuropa 57, 2007, H. 12, 5-15, insb. 12-13). Wer die KPD-Zeitung „Rote Fahne“ während der Zeit der Präsidialkabinette liest, findet darin tagtäglich herausgehobene Kommunisten, die freudig gegen Demokratie, „Sozialfaschismus“ und die Nationalsozialisten kämpfen, um nach dem „Sieg“ das Deutsche Reich nach ihrem Gustus umzugestalten. Deren Opferbereitschaft war wegweisend im „Kampf“, der nach dem Sieg der Sowjetunion über den „Hitlerfaschismus“ dann auf andere, aufbauende Felder übertragen wurde. Sozialistische Helden wie Stachanow und Hennecke brachten individuelle Opfer, doch diese waren gegenüber denen der heroisch stilisierten „Kampfzeiten“ gering. Die Helden der Arbeit senkten gleichsam die Einstiegskosten für Nachfolge, agierten sie doch im Rahmen eines siegreichen Sozialismus (vgl. Hans Günther, Der Heldenmythos im Sozialistischen Realismus, in: Boris Groys und Max Hollein (Hg.), Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit, Ostfildern-Ruit 2004, 106-124).

Sozialistische Helden kennzeichnete ein spannendes Wechselspiel von Außeralltäglichem und Alltäglichem: Sie wurden „als Mustermenschen und damit als Idealtypen des ‚neuen Menschen‘ präsentiert. Sie sind außeralltäglich in ihrem Können, in ihren Fertigkeiten, in ihrer politischen Gesinnung und in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Sache des Sozialismus“ (Rainer Gries und Silke Satjukow, Von Menschen und Übermenschen. Der „Alltag“ und das „Außeralltägliche“ der „sozialistischen Helden“, Aus Politik und Zeitgeschichte 2002, H. 17, 39-46, hier 40). Doch zugleich waren sie alltäglich, Menschen wie du und ich. Sie kamen aus dem „Volk“ – so die anfangs noch national tönende Sprache der SED –, waren Helden zum Anfassen. Grundsätzlich jeder konnte ein Held werden. Dadurch besaßen sie eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Werktätigen und Parteioligarchie – obwohl sie stets die Ziele und Ideale der herrschenden Politik verkörperten. Ihr Glaube hatte sie hart gemacht, hart gegen sich selbst, hart gegen die Mühen des Alltags. Gegen diese kämpften sie, bezwangen sie. Sie waren Vorbilder, die zugleich Zeugnis von der Wahrheit der eingeschlagenen Politik, des zu erfüllenden Plans gaben. All dies, so die Historikerin Silke Satjukow, gründete auf der marxistischen Überzeugung eines an sich guten Menschen, der ein Held sein könne, würde er nur von den Bedrängnissen und Verpflichtungen der alten Gesellschaft befreit werden. Sozialistisches Heldentum war Teil der Verwirklichung der kommunistischen Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer sein würde. Zuvor war der Held nach heldenhafter Tat allerdings auf eine Rolle festgelegt, die er in immer neuen Variationen spielen musste (vgl. Monika Gibas, Tagungsbericht „Sozialistische Helden“, H-Soz-u-Kult 2001, Oktober). Sozialistische Helden waren daher stete Propagandisten des real existierenden Sozialismus – entsprechende Positionen und Privilegierungen halfen dabei.

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„Schön wird die Zukunft sein“ – Entwurf für ein sozialistisches Schaufenster (Der Handel 2, 1952, 220)

Die DDR kreierte und nutzte Helden. Doch ihr Bewährungs- und Tatfeld veränderten sich. Adolf Hennecke stand für den Aufbau der Industrie, die damals notwendigen Produktivitätssteigerungen. Das galt auch für die wohl bekannteste sozialistische Heldin Frida Hockauf (1903-1974). Sie war ab 1951 Weberin im VEB Mechanische Weberei Zittau und verpflichtete sich im September 1953 zu einer deutlichen Übererfüllung des Planes. Kurz zuvor war die DDR ihrem Ende nur knapp entgangen. Die brachiale Gewaltherrschaft entrechtete immer wieder neue „bürgerliche“ Gruppen und der rigide Austeritätskurs führte zu massiver Unterversorgung. Wachsende Flüchtlingszahlen und der Volksaufstand des 15.-17. Juni 1953 folgten. Durch den schon zuvor von der UdSSR geforderten Neuen Kurs wurde der Druck auf die Bevölkerung anschließend vermindert, die Versorgung mit Konsumgütern wieder stärker beachtet. Hockauf übertrug Produktivitätsideale der Industrie auf die Konsumgüterfertigung. In dem mit ihrer Selbstverpflichtung einhergehenden Aufruf vom 1. Oktober 1953 hieß es verheißungsvoll: „Unsere Bevölkerung braucht mehr, bessere und billigere Textilien, Schuhe, Bekleidungsgegenstände, Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter.“ Dies würde kommen, gewiss, war aber an Vorbedingungen, an Mehrarbeit geknüpft. Die Quintessenz all dessen wurde – später parolenhaft vereinfacht – klar artikuliert: „So wie wir Werktätigen heute arbeiten, wird morgen unser Leben sein“ (Aufruf v. 1. Oktober 1953, zit. n. Ina Merkel, … und Du, Frau an der Werkbank. Die DDR in den 50er Jahren, Berlin 1990, 80). Für sie selbst begann anschließend – wie schon bei Adolf Hennecke – der soziale Aufstieg, war sie doch von 1954 bis 1963 SED-Volkskammerabgeordnete (Torsten Töpler, Die Ausgezeichnete. Biographische Spurensuche um Frida Hockauf, Leipzig 2007). Hockauf war eine einfache Frau, eine zupackende Facharbeiterin. Sie war bescheiden, kam aus einfachen Verhältnissen, sah in der Arbeit ein Mittel nicht nur der Alltagsbewältigung, sondern auch der Zukunftsgestaltung. Ihr Aufruf war vorbildlich, andere sollten folgen. Doch zugleich war er ein Vorschein in eine bessere Zukunft, in der der Vorsprung des Westens eingeholt werden würde, in der die materiellen Bedürfnisse umfassend befriedigt werden würden (Gries und Satjukow, 2002, 43).

Sozialistische Heldinnen im Handel

Eine unmittelbare Übertragung der Ideale von Hennecke und Hockauf auf den Handel war kaum möglich, Gretel Heinicke hätte sich mit ihrer Kochtopfmethode nicht einfach anschließen können. Die Lage des DDR-Handels, aber auch dessen Rolle im seit 1950 laufenden ersten Fünfjahresplan ließen dies nicht zu. Produktivitätsgewinne wären an sich möglich gewesen, doch dazu hätte es massiver Investitionen und struktureller Veränderungen der Planwirtschaft bedurft. Der fehlende Preismechanismus und die unzureichenden Erfassungskriterien wirtschaftlicher Abläufe wurden nicht hinterfragt, stattdessen auf Mängel in der Umsetzung und das leider noch bestehende „bürgerliche“ Bewusstsein auch der Beschäftigten verwiesen. Im westlichen Ausland hatte damals schon eine fundamentale Rationalisierung im Handel eingesetzt, die mit einem massivem Bedeutungsgewinn von Filialbetrieben, Einkaufsgenossenschaften und freiwilligen Ketten einherging und zum Ende der Dominanz inhabergeführter Einzelhandelsbetriebe führen sollte (vgl. Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel im 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, insb. 99-111). Der Handel wurde seither zum eigentlichen Machtzentrum innerhalb der Konsumgütersphäre, große Teile der Industrie blieb nur die Rolle als Zulieferer. Im Ostblock war diese Machtumkehrung nicht möglich und nicht gewollt. Die langfristige Beseitigung des privaten Einzelhandels war politisch-ideologisch, nicht wirtschaftlich bedingt. Die Konsumgenossenschaften, vor allem aber die 1948 gegründete staatliche Handelsorganisation (HO) banden einen Großteil der Investitionsmittel, waren aber vollauf damit beschäftigt, den Schwarzmarkt einzudämmen, den Gütermangel und die Rationierung zu handhaben. 1951/52 gab es zwar eine erste Welle von Selbstbedienungsläden, doch diese ebbte rasch ab, fehlten doch nicht nur verpackte Waren, spezielle Verkaufsmöbel und Registrierkassen, sondern auch Akzeptanz beim Verkaufspersonal und vielen Käufern (Uwe Spiekermann, Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR 1951-1960).

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Abgebrochene Rationalisierung des DDR-Handels: Selbstbedienungsladen 1951 (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 2. S. n. 112)

Die Rationalisierung im Handel der DDR stockte aber auch aufgrund eines sich gegenüber dem kapitalistischen Westen deutlich abgrenzenden Konsumideals. Konsumgüter wurden über ihren Gebrauchswert definiert, sollten nicht als Statussymbole verwandt werden. Modische Produkte, spezielle Designs und ausgefallene Vorlieben standen unter einem ideologischen Vorbehalt, gediegene Ware für alle war das Ziel – trotz der steten Bevorzugung der Nomenklatura. Die Planungs- und Produktionskapazitäten zielen auf standardisierte Massenfabrikation. Dies sollte Ressourcen einerseits optimal nutzen und preiswerte Konsumgüter ermöglichen, zum anderen aber größere Produktionsmengen erlauben (vgl. Alexandra Köhring und Monica Rüthers, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Ästhetiken des Sozialismus. Populäre Bildmedien im späten Sozialismus, Wien/Köln/Weimar 2018, 7-12, hier 10). Dies führte zu immensen Friktionen zuerst im Bekleidungs-, dann im Gebrauchsgütersektor, schließlich auch im Felde der chemisch-kosmetischen Artikel und der gehobenen Lebensmittel: Die Grundversorgung wurde gesichert, alles darüber hinausgehende war teuer und schwer erhältlich. Trotz beträchtlicher Produktionssteigerungen blieb die DDR – und stärker noch die anderen RGW-Staaten – eine Mangelökonomie, deren Produktqualität an die des vermeintlich goldenen Westens nur selten heranreichte.

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Werbung für Verbesserungsvorschläge bei den Konsumgenossenschaften Thüringens (Der Handel 2, 1952, 231)

Es ist daher erklärlich, dass die sozialistischen Helden im Handel rar gesät waren. Doch es gab sie – und ihre Zahl nahm seit 1952 stark zu. Damals sprengte die Remilitarisierung den Rahmen des Fünfjahresplans, schienen den ostdeutschen Machthabern Normenerhöhungen und massive Rationalisierungen unabdingbar. Wie zuvor schon in der Produktion standen sowjetische Aktivisten im Mittelpunkt einschlägiger Debatten: Die im sowjetischen Lebensmittelhandel erprobte Kowaljow-Methode zielte beispielsweise auf die gleichmäßigere Verteilung der Käufer auf die Verkaufskräfte, sollte somit Wartezeiten verringern und den Absatz steigern helfen (Helmut Schüller, Kowaljow-Methode auch im Verkauf, Die Waage 1952, 75). In Kauf- und Warenhäusern wurde derweil die Potapow-Stoffwand diskutiert, teils auch eingeführt. Der Leiter des Stscherbakower Kaufhauses in Moskau hing Textilien nebeneinander auf, so dass sich die Kunden schon vor dem Verkaufsgespräch über das Angebot informieren konnten (Der Handel 5, 1955, H. 9, 1). Daneben begann man 1952/53 die auf schnellere Planerfüllung ausgelegte Bewegung des Bergmanns Franz Franik (1907-1975) auch im Handel anzuwenden (Harry Scherer, Franik-Bewegung im Handel setzt sich durch, Der Handel 3, 1953, 551). Schließlich wurde das Vorschlagswesen gefördert, indem Neuerer höhere Prämien und wachsende öffentliche Aufmerksamkeit erhielten (Julius Mader, Wir haben das Vorschlagswesen gefördert!, Der Handel 2, 1952, 230-231). All dies zielte nicht mehr nur auf passive Teilnahme, sondern auf aktive Teilhabe (Rainer Gries, Dramaturgie der Utopie. Kulturgeschichte der Rituale der Arbeiter-und-Bauern-Macht, in: Peter Hübner u. a. (Hg.), Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit, Köln und Weimar 2005, 191-214, hier 205).

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Sina Rybakowa – Vorbild für Aktivistinnen in der DDR (Der Handel 3, 1953, 440)

Zur ersten sozialistischen Heldin des DDR-Handels dieser Zeit wurde 1953 dann die erst 19 Jahre alte Verkäuferin Sina Rybakowa – der Name wurde, da letztlich nur Bezugspunkt, immer mal wieder anders geschrieben. Die sowjetische Aktivistin arbeitete in der Abteilung für Schul- und Schreibbedarf des Moskauer Warenhauses ‚Kinderwelt‘. Sie war Selbstverpflichtungen eingegangen und forderte Kolleginnen zum sozialistischen Wettbewerb auf, also zum direkten Leistungsvergleich. Rybakowa hatte sich verpflichtetet, den Betriebsplan mit mindestens 105% zu erfüllen, auf qualitativ hochwertige Waren zu achten, die Kundeninteressen zu studieren und sie weiterzuleiten, das Technikum des Sowjethandels zu besuchen, um sich bessere theoretische Kenntnisse anzueignen sowie „aktiven Anteil an dem gesellschaftlichen Leben der Belegschaft zu nehmen“ (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Verglichen etwa mit Stachanows Brachialabbau von Kohle war dies fraulich-klein. Doch Rybakowa verkörperte Vertrauen und Leistungsbereitschaft einer jungen Generation, die nun nicht mehr allein die Grundlagen der Wirtschaft verbessern, sondern einen freudigen und zufriedenstellenden Einkauf ermöglichen wollte. Ihre Person passte zudem bestens zum parallel laufenden SED-Feldzug „für strenge Sparsamkeit“: „Der Schwerpunkt liegt bei der Entfaltung des innerbetrieblichen Wettbewerbs von Verkäuferin zu Verkäuferin, von Brigade zu Brigade, von Verkaufsstelle zu Verkaufsstelle und von Abteilung zu Abteilung auf der Grundlage von konkreten Selbstverpflichtungen und nach dem Vorbild der sowjetischen Stachanowverkäuferin Nina Rybakowa“ (Walter Schalm, Die neuen Aufgaben im Wettbewerb, Der Handel 3, 1953, 288-290, hier 289). Derartige Wettbewerbe erforderten flankierende betriebswirtschaftliche Maßnahmen, mit denen die Einzelleistungen bestimmt werden konnten, waren wichtig für eine Feinjustierung des Wirtschaftsplans.

Sina Rybakowa war die Verkörperung der pflichtbewussten, aufstrebenden Verkäuferin. Sie, die erst vor anderthalb Jahren als Lehrling ihre Berufslaufbahn begonnen hatte, legte ihre Ware morgens schon vor Geschäftsbeginn vorbildlich aus, ordnete sie nach Kundenpräferenzen. „Während ihrer Arbeit erlaubt sich die Verkäuferin niemals, ihre Aufmerksamkeit vom Kunden abzuwenden. Sie läßt keine übertriebene Eile oder Ungeduld gegenüber dem Kunden zu, wenn er zu lange auswählt, sondern hilft ihm freundlich, um in der Auswahl seinen Geschmack zu treffen. Im Laufe des Arbeitstages verkauft die Verkäuferin Rybakowa 200-300 Warenartikel. Sie beendigt ihren Arbeitstag eine Stunde früher, da sie abends im Technikum des sowjetischen Handels studiert. […] Der Kreis ihrer Kenntnisse erweitert sich von Tag zu Tag, sie wird zu einer qualifizierten Mitarbeiterin des Handels. Wir führen dieses Beispiel nicht als Ausnahme an. Solche Mitarbeiter gibt es viele in unserem Warenhaus…‘“ (Eifert Nina Rybakowa nach!, Der Handel 3, 1953, 440). Das war viel im durch hohe Fluktuationen, niedrige Löhne und einen mehr als 70-prozentigen Frauenanteil gekennzeichneten DDR-Einzelhandel. Ende 1953 wurde ein monatlicher „Tag des sowjetischen Neuerers“ eingeführt wurde, auch um den inhaltsleeren „Selbstlauf“ der bisherigen Neuererbewegung im Handel zu beenden. Rybakowas „Methode“ sollte allgemein angewendet werden (K. Götz, Auch im Handel ‚Tag des sowjetischen Neuerers‘, Der Handel 3, 1953, 336). 1956 erschien schließlich eine deutschsprachige Broschüre, um Selbststudium zu fördern (Sina Rybakowa, Unsere Kunden wollen gut, gewissenhaft und aufmerksam bedient werden, Berlin (O) 1956).

05_Der Handel_02_1952_p223_DDR_Rationalisierung_Einzelhandel_Kollektivverpflichtung_Schaufensterwerbung

Kollektivverpflichtung von Mitarbeitern der HO Industriewaren in Berlin-Weißensee (Der Handel 2, 1952, 223)

Glaubt man der parteilichen und unter Zensur stehenden Fachpresse, war die Resonanz nicht unbeträchtlich. Hervorgehoben wurden etwa entsprechende Selbstverpflichtungen von 150 Beschäftigten des HO-Warenhauses in Dresden (An alle Verkäuferinnen und Verkäufer der Staatlichen Handelsorganisation und der Konsumgenossenschaften, Die Waage 1953, 17-19, hier 17). Blieb es meist bei ehrenden namentlichen Erwähnungen der Initiatorinnen, so wurde die „Kollegin Arndt“ vom HO Warenhaus Leipzig gar zur „Verdienten Aktivistin“ ernannt. Die Leiterin der dortigen Verkaufsbrigade für Damenwäsche war nicht nur Arbeiterkind, das sich nach Umschulung und Qualifikation von der Aushilfe über die Verkäuferin zur Leiterin hochgearbeitet hatte, sondern sie nahm die Anregungen der Franik- und Rybakowa-Aktivisten direkt auf, eröffnete schon im September 1952 den innerbetrieblichen Wettbewerb und entsprach dem Ideal einer linientreuen Aktivistin: „‚Es ist eine schöne Aufgabe, den Menschen bei ihren Einkäufen Helfer und Berater sein zu können. Seit Beginn meiner Tätigkeit bei der HO nahm ich rege am gesellschaftlichen Leben teil. Im Jahre 1953 machte ich mich mit dem Charakter und dem Ziel innerbetrieblicher Wettbewerbe vertraut. So erkannte ich, wie wichtig auch im Handel der Wettbewerb ist, […] Ich freue mich darüber, daß ich mit meinen Brigademitgliedern einen Anstoß für eine Bewegung gegeben habe, die zeigt, daß auch der Handel der Produktion nicht nachsteht.‘“ Die Produktion von Heldinnen konnte beginnen.

06_Der Handel_03_1953_p565_DDR_Neuerer_Einzelhandel_Verkäuferinnen_Rationalisierung

Verdiente Aktivistinnen: Zwei der elf Preisträgerinnen 1953 (Der Handel 3, 1953, 565)

Die Verdiente Aktivistin Gretel Heinicke

Margarete Heinicke war eine dieser sozialistischen Heldinnen. Heute erinnert niemand an sie, weder Wikipedia, noch einschlägige biographischen Nachschlagewerke (etwa Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs und Dieter Hoffmann (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Bonn 2001). Heinicke war Verkäuferin, seit Oktober 1953 dann Verkaufsstellenleiterin in der HO-Lebensmittel in Leipzig. Die sächsische Metropole war offenbar ein bevorzugter Ort für Neuerer, etwa der Verdienten Aktivistin Arndt. Im dortigen HO Warenhaus begann man 1953 über die sowjetischen Methoden hinauszugehen, appellierte an die Phantasie der Käufer: Stoffe wurden nicht einfach dargeboten, stattdessen zeigte man Schnittmuster und ausgearbeitete Modelle. Das fertige Kleid, der modische Anzug dienten als Anreiz für die häusliche Schneiderei, für den Absatz der dafür nötigen Vorprodukte (Leistungssteigerung durch neue Verkaufsmethoden, Der Handel 3, 1953, 442).

Margarete Heinicke war Teil dieser Neuererbewegung. Ihre Biographie war vorbildlich, vorbildlich für eine sozialistische Heldin (Angaben n. Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Glaubt man den Angaben der Fachpresse, so stammte sie aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie, konnte aufgrund der Enge der Herkunft aber keinen Beruf erlernen. Nach der Schule arbeitete sie als Hausangestellte und Sprechstundenhilfe, wurde anschließend Beiköchin in einer Gaststätte. Die junge Frau wechselte anschließend, also während der NS-Zeit, in eine Baumwohlspinnerei, machte dort innerbetrieblich Karriere: Sie begann als Arbeiterin, wurde Lehrausbilderin, schließlich Angestellte in der Lohnbuchhaltung und Kalkulation. All dies blieb vage, entsprach aber dem Bild einer strebsamen Frau, die Alltagsfährnisse überwand und ihr Leben anständig meisterte. Anfang der 1950er Jahre kam sie zur HO, startete als Wurstverkäuferin. Der staatliche Handel erlaubte eine neue Karriere, ein Volkshochschullehrgang zeugte von Heinickes Lernbereitschaft. Aufgrund ihrer „guten Leistungen“ wurde sie im Oktober 1953 Leiterin der Verkaufsstelle 88 im Süden Leipzigs, wo sie mit neuen Verkaufsformen experimentierte. Im August 1955 stieg sie die Karriereleiter weiter hoch, war als Verkaufsstellen-Abteilungsleiter für mehr als zwanzig Geschäfte der HO-Lebensmittel Leipzig-Süd verantwortlich.

Dieser Aufstieg war, so das Heldinnennarrativ, Folge ihres Einsatzes für das Kollektiv: „‚Ich fühle mich verpflichtet, in meiner Arbeit Vorbild zu sein. Es genügt nämlich nicht mehr, in einer Verkaufsstelle nach neuen Arbeitsmethoden zu arbeiten, überall muß man jetzt konsequent mit der Einführung neuer Arbeitsmethoden beginnen und dabei nicht am Anfang stehenbleiben‘“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11). Heinicke griff die zeitgenössischen Neuerermethoden auf, setzte sie in ihrem Wirkungskreis um: Anfang 1953 initiierte sie einen innerbetrieblichen Wettbewerb, bei dem jeder Verkäufer 250.000 DM Jahresumsatz erzielen sollte. Damit griff sie die Anregungen Sina Rybakowas auf, koppelte sie mit der Ertragsperspektive der Franik-Methode. Im Herbst 1953 eiferte sie dann dem Vorbild Frida Hockaufs nach, ging Selbstverpflichtungen ein, forderte diese auch von ihren Kolleginnen. Es folgte die Kochtopfmethode, die rasch mit ihrem Namen verbunden wurde. Aus der Nacheifererin wurde somit ein Vorbild, seit 1954 eine Verdiente Aktivistin. Selbstverständlich blieb es nicht bei rein fachlicher Arbeit, ging diese doch einher mit gesellschaftlichen Aktivitäten: 1954 wurde sie Mitglied der Ständigen Kommission für Handel und Versorgung des Rates des Bezirks Leipzig, trat dem Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel und dem FDGB-Bezirksvorstand Leipzig bei, war auch im Leipziger Prüfungsausschuß für die Lehrabschlußprüfungen im Handel aktiv.

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Das Ehepaar Heinicke in ihrer neu bezogenen Leipziger Wohnung (Der Handel 6, 1956, H. 4, 11)

„Gretel“ Heinicke hatte es geschafft. Sie war eine sozialistische Heldin, durchsetzungsstark und anwendungsklug. Sie sah, so der Tenor, die Rationalisierungspotenziale innerhalb der Handelsorganisation, riss mit ihren Initiativen ihr Umfeld mit. All dies erfolgte gleichsam selbstlos, war Dienst auch am Kunden. Der umgangssprachlich veränderte Rufname unterstrich diese Volkstümlichkeit. Gretel Heinicke wollte Parteibeschlüsse ins Leben tragen, wollte den Einkauf zur Freude machen. Kundenversammlungen ergänzten das Verkaufsgespräch. Heinicke stand zugleich aber für die Entfaltung der Persönlichkeit im Sozialismus. Ein Photo zeigt sie in ihrer Neubauwohnung, präsentiert sie mit liebevollem Ehemann und vor dem just neu angeschafften Fernsehapparat. Gediegenheit und Wohlstand wurden bildlich gebannt, waren Abglanz eines materiell gesicherten Lebens in der bald verwirklichten sozialistischen Gemeinschaft. Dieses Photo wurde auf einer Doppelseite gedruckt, kontrastierte das vermeintliche Drohnen- und Ausbeuterdasein des westdeutschen „Warenhauskönigs“ und Ariseurs Helmut Horten (1909-1987) („Ich habe ein Recht auf gutes Leben“, Der Handel 6, 1956, H. 4, 10) mit dem der Aktivistin aus dem Volk: „Es ist doch gut, daß wir unter unseren Verkäuferinnen so hervorragende Menschen haben. Nicht nur Gretel Heinicke, sondern viele, sehr viele. Wir gaben uns nur noch nicht immer die Mühe, sie zu entdecken, sie zu fördern“ (Ich fühle mich verpflichtet, …, Der Handel 6, 1956, H. 4, 11).

Heinicke war eine sozialistische Heldin, eine ostdeutsche Rybakowa. Ihre Aufgabe war es, Vorbild und Anreiz für die Mehrzahl der Verkäuferinnen im DDR-Handel zu sein. Das war Partei- und Gewerkschaftsziel, entsprechend wurden im Handel überdurchschnittlich viele Frauen ausgezeichnet. 1953 waren nur fünf der sechszehn Verdienten Aktivisten im Handel Männer (Ihre Leistungen sollen uns Ansporn sein, Der Handel 3, 1953, 563-564). Man kann dies als Ausfluss der neuen Chancen von Frauen in der DDR interpretieren, lag ihr Anteil an der Erwerbsarbeit doch höher als in der Bundesrepublik. Man kann hierin aber auch den Versuch sehen, Frauen in Branchen zu fördern, die eher ihrem vermeintlichen Naturell entsprachen. Schließlich kam die Zeit der Trümmerfrauen und Industriearbeiterinnen langsam an ein Ende, pendelten sich tradierte Geschlechtsverhältnisse wieder ein. Die Leitung des Handels war ohnehin männlich dominiert. Ende 1954 gab es 569 Direktoren in den Kreisbetrieben der HO – und nur 19 Direktorinnen. Der höhere Anteil an den Aktivistinnen wurde zufrieden gewürdigt, als „Ausdruck für die neue Stellung der Frauen in unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat“ gefeiert. Sie hätten dazu beigetragen „daß unser Leben immer reicher und schöner wird“. Doch hier galt es nachzulegen, war es doch Frauenaufgabe, „sich ständig fachlich und gesellschaftlich weiter zu qualifizieren, um unsere Handelsbetriebe rentabler zu gestalten, die Verkaufskultur zu verbessern und um mehr als bisher leitende Funktionen einnehmen zu können“ (Zitate n. Ruth Buchmann, Im Geiste Clara Zetkins, Der Handel 5, 1955, H. 5, 3-5, hier 4). Gretel Heinicke unterstützte diese Mischung aus Arbeitsmobilisierung und Fraulichkeit. Zum Internationalen Frauentag 1956, in der DDR ja ein blumiger Feiertag, postulierte sie: „‚Wir Frauen haben die Aufgabe, verantwortungsbewußt mitzuarbeiten und zu kämpfen und zu lernen, um ein schöneres Leben für unsere Kinder zu sichern‘“ (Charlotte Pfeiffer, Unseren Kolleginnen Ehre und Dank!, Der Handel 6, 1956, H. 5, 9).

Die Kochtopfmethode

Der Handel in der DDR hatte im Gründungsjahrzehnt nicht allein frei verkäufliche und bewirtschaftete Waren zu verkaufen, sondern er hatte sich dabei auf die plangemäß gelieferten Güter zu konzentrieren. Die 1948 gegründete HO stand für den staatlichen Anspruch, den Absatz einerseits an die Bedürfnisse der Bevölkerung anzupassen, anderseits den im Schwarzmarkt noch gültigen Preismechanismus von Angebot und Nachfrage durch staatliche Preisfestsetzungen zu ersetzten. Bei der HO konnte man Mangelprodukte frei kaufen, musste dazu jedoch Preise zahlen, die leicht unterhalb des Schwarzmarktniveaus lagen. Die HO-Preise straften die Gleichheitsrhetorik Lügen, boten zugleich aber einen Anreiz für vermehrte Arbeitsleistungen, um sich Waren abseits der Grundversorgung leisten zu können. HO, Konsumgenossenschaften und insbesondere der staatlich drangsalierte private Einzelhandel hatten jedoch allesamt das Problem kaum verkäuflicher Waren. Sie mussten gleichwohl abgesetzt werden, wollte man den Plan erfüllen. Das galt 1954 in Gretel Heineckes Verkaufsstelle etwa für Puddingpulver. Die Frauen – Heinicke und fünf Verkäuferinnen – kochten daher einen ansprechenden Pudding, stellten diesen gut sichtbar aus, ließen die Kunden gar kosten. Und siehe da, der Umsatz stieg nun auf gewünscht-geplante Höhe. Damit begann ein Präsentationsspiel, das 1954 in der Kochtopfmethode kulminierte. Zuvor hatte die sozialistische Heldin einen Abendbrottisch für zwei Personen eingerichtet, darauf vertrauend, dass man die dafür erforderlichen Produkte auch kaufen würde (G. Naumann, Kollegin Heinicke organisiert Kampf um Planerfüllung, Der Handel 4, 1954, H. 22, 27).

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Hinweisschild auf die Warenangebote nach der Kochtopfmethode in der HO-Verkaufsstelle 20 in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 26)

Die Kochtopfmethode folgte diesem Weg von Einzelprodukten zur Einkaufshilfe: „An einer in das Schaufenster gestellten schwarzen Tafel, die in einen Rahmen zu schieben ist, wird an jedem Morgen ein Rezept angebracht, das jeweils Produkte berücksichtigt, die in der Verkaufsstelle vorrätig sind. Ein am Eingang der Verkaufsstelle angebrachter Hinweis: ‚Was koche ich heute mittag? Unser Tip – siehe Schaufenster!‘ macht die Bevölkerung auf diesen Kundendienst aufmerksam“ (Naumann, 1954). Die Kochtopfmethode war also Dienstleistung und Lenkungsinstrument zugleich. Erstere wurde propagiert, zumal sie für erwerbstätige Frauen mit Doppelbelastung durchaus hilfreich sein konnte (erwerbstätige Männer wurden übrigens nie angesprochen…).

Die Kochtopfmethode war eine lokale Initiative, deren Kernidee anschließend vor Ort verändert und verbessert wurde. Nach kurzer Zeit wurde es üblich, nicht allein die Einzelprodukte des vorgeschlagenen Gerichtes aufzulisten, sondern diese auf einer Tafel gut sichtbar aufzulisten, mit Einzelpreisen zu versehen und auch einen Gesamtpreis zu nennen. Das diente der Information, war nicht Ausdruck vermeintlicher Preiswürdigkeit. Die Tafel fand dann ihre Entsprechung im Inneren der Verkaufsstelle, wo die erforderlichen Produkte gebündelt vorlagen, so dass sie einerseits gut sichtbar waren, anderseits einfach und im Gesamtpack verkauft werden konnten. Die Kochtopfmethode sprach Kundinnen direkt an, knüpfte so ein Band zwischen Handel und Konsumentin. Der Kochtopf war mehr als ein Zubereitungsbehälter, symbolisierte die Gemeinschaft der Werktätigen. Die einfach gehaltenen Speisen knüpften sicher auch an die umfangreiche Eintopfpropaganda an, die während des Nationalsozialismus Opfersinn und Volksgemeinschaft erfolgreich verband (Uwe Spiekermann, Ist Eintopf ein Naziwort?). Mit der Kochtopfmethode verfolgte der Handel daher nicht nur selbstsüchtige Absatzziele, diente nicht nur der rational agierenden Hausfrau. Er schuf auch einen Imaginationsraum wechselseitiger Verpflichtungen und gemeinsamer Ziele. Damit unterfütterte die Kochtopfmethode die oftmals hohlen Phrasen des Aufbaus mit emotionalem Schmaus.

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Außenwerbung mit der Kochtopfmethode: Kochzutaten und deren Preise in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 2, 27)

Die neue Initiative machte die Heldin – doch das Narrativ verlangte noch mehr: Heinickes Verkaufsstelle konnte nicht nur den Umsatz steigern, sondern auch ihre Frida Hockauf folgende Selbstverpflichtung erfüllen, den Umsatzplan um monatlich 1000 DM überzuerfüllen. Eine Heldin belässt es jedoch nicht beim Einzelerfolg, sondern schreitet den eingeschlagenen Weg weiter voran: Sie überzeugte vier benachbarte HO-Läden, ihrem Beispiel zu folgen, überzeugte sie gar, den vom Umsatz abhängigen Leistungslohn einzuführen. Diese fünf Verkaufsstellen forderten anschließend weitere HO-Geschäfte zum Franik-Wettbewerb heraus, um so allesamt die geplanten Umsätze früher erreichen zu können (Naumann, 1954). Heinickes HO-Bezirk Leipzig-Süd konnte seine Umsätze im 3. Quartal deutlich steigern und sich im Bezirk Leipzig an die Spitze setzen. Damit stieß Heinicke einen Kaskadeneffekt an, der in Leipzig auf beträchtlichen Widerhall stieß. Die Kochtopfmethode verkörperte Schwung und Dynamik des sozialistischen Aufbauwerkes, als sich am Tag des Neuerers, also am 13. Oktober 1954, alle Mitarbeiter der HO-Lebensmittel Leipzig-Zentrum verpflichteten, nicht nur nicht unbeträchtliche Planungsrückstände bis Jahresende aufzuholen, sondern dazu auch Neuerermethoden zu nutzen: „‘Die Anwendung neuer Arbeitsmethoden, wie das Anbieten von Mittagsgerichten und Abendessen werden wir auf alle Verkaufsstellen übertragen‘“ (Auch im Handel die Planungsrückstände aufholen, Neues Deutschland 1954, Nr. 237 v. 9. Oktober, 3). Und es war gewiss im Sinne Gretel Heinickes, dass ihre Kollegen zugleich „alle Belegschaften der staatlichen und konsumgenossenschaftlichen Handelsbetriebe“ aufforderten, diesem Beispiel zu Ehren der Volkskammerwahlen vom 17. Oktober 1954 zu folgen. Die sozialistische Heldin stand für alle eventuell mit der Kochtopfmethode verbundenen Rückfragen kollegial bereit. Heinicke hatte, so schien es, einen Stein ins Rollen gebracht.

Die Kochtopfmethode als staatlich geförderte Neuerermethode

Zwei Ereignisse markierten den Übergang von Heinickes lokaler Initiative zur dann staatlich propagierten Neuerermethode im Handel. Zum einen berichtete das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ im Februar 1955 über einen Besuch des stellvertretenden Ministers für Handel und Versorgung Kurt Borrmann in Stalinstadt (ab 1961 Eisenhüttenstadt), einer um ein Eisenhüttenkombinat entstandenen sozialistischen Modellstadt (vgl. Rosemarie Beier (Hg.), Aufbau West – Aufbau Ost. Die Planstädte Wolfsburg und Eisenhüttenstadt in der Nachkriegszeit, Ostfildern-Ruit 1997, v. a. die Beiträge von Jörg Roesler und Jenny Richter). Der SED-Funktionär forderte vom lokalen HO-Verkaufsstellenleiter verstärkte Verkaufsanstrengungen: Es „gibt nicht nur hier, sondern bei den meisten unserer Verkaufskräfte eine Scheu vor dem Anbieten, Empfehlen oder Erinnern. Dabei wären viele Hausfrauen recht dankbar dafür. ‚Kennen Sie die Verkaufsmethode der Kollegin Heinecke [sic!] aus Leipzig?‘ wird der junge Verkaufsstellenleiter gefragt. Nein, man kennt sie hier nicht. Aber interessiert hört Hartwig Beier zu, als Genosse Borrmann ihm berichtet, wie die Verkaufsstellenleiterin Heinecke [sic!] ihren Umsatz gesteigert hat. Täglich hat sie ihren Kunden auf einer Tafel einen Vorschlag für den Mittagstisch unterbreitet. Damit hat sie nicht nur den Kunden geholfen, sondern auch die vorrätigen Waren schmackhaft angeboten“ (Hella Iglarz, Handeln, anpreisen, werben, Neues Deutschland 1955, Nr. 35 v. 11. Februar, 5). Die Kochtopfmethode wurde offenbar als eine Chance gesehen, den Wettbewerb im Handel zu intensivieren.

Doch es blieb nicht bei autorativen Empfehlungen. Planungsbehörden und Handelsfunktionäre sprachen Anfang 1955 von einer neuen höheren Phase der Handelsmethoden, die sich deutlich von vereinzelten Übernahmen sowjetischer und einheimischer Neuerermethoden unterscheiden sollte. Vorbild war die Rationalisierungsbewegung in der Industrie, die seit Ende 1954 wieder intensiviert wurde (vgl. Ernst Lange, Die Verbesserung der Lebenshaltung der Bevölkerung in der Deutschen Demokratischen Republik, Einheit 9, 1954, 947-955, hier 950). Dem Handel hatte der Fünfjahresplan bis 1955 um 19,2 Prozent verminderte Vertriebskosten abverlangt, doch Ende 1954 waren erst 8,8 Prozent erreicht. Um dies zu verändern, wurde Anfang 1955 – mittels der Verfügung Nr. 5/55 des Ministeriums für Handel und Versorgung vom 14. Januar – beschlossen, die Kochtopfmethode und den Minutenkauf (Verkauf nach Vorbestellung) obligatorisch in mindestens einer geeigneten Verkaufsstelle jedes HO-Kreises einzuführen. Auch die Konsumgenossenschaften schlossen sich Ende März an, propagierten aber andere Methoden, darunter das sogenannte geschlossene Warensortiment, Adamek-Arbeitszeitpläne, die Potpow-Methode oder das Kolli-System. Es herrschte offenbar kein Mangel an guten Ideen, doch es haperte an der Umsetzung. Der Bildungsstand der Verkäuferinnen war fast durchweg niedrig: „So erklärten uns die Kolleginnen in der Diätverkaufsstelle, in der HO Lebensmittelverkaufsstelle 8 in Potsdam und anderen Verkaufsstätten, daß sie die Kochtopfmethode, den Minuteneinkauf, die Arbeit mit geschlossenen Warensortimenten usw. noch nicht geschildert bekommen haben. Die Kollegin Grunert gab uns eine typische Antwort, wenn sie sagte: ‚Davon habe ich noch nichts gehört. Aber in der nächsten handelspolitischen Schulung werde ich gleich einmal fragen, warum man mit uns darüber noch nicht gesprochen hat. Das sind doch gute Sachen.‘ Und so konnte es vorkommen, daß man die Hinweise der Verdienten Aktivistin Heinicke zu der von ihr erfolgreich angewandten Kochtopfmethode nicht beachtete“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9).

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Schaufensterwerbung für die Kochtopfmethode: Dekorationsvorschlag 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 25)

Das offenkundige Vollzugsdefizit beantworteten die Handelsfunktionäre zum einen mit lokalen Gegeninitiativen, die über die Fachpresse verbreitet wurden (Erika, Wir wenden in den Verkaufsstellen die ‚Kochtopfmethode‘ an!, Der Handel 5, 1955, Nr. 13, 25). Zum anderen informierte man weiterhin über die Kernpunkte, hoffte auf die Überzeugungskraft nicht nur der Methode selbst, sondern auch ihrer Resonanz bei Käuferinnen: „Sie sind der Sorge, die jede Hausfrau hat, nämlich der täglich wiederkehrenden ‚Angst‘ vor dem ‚Was koche ich heute‘, behoben“ (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 26 – auch für das folgende Zitat). Generell bewegte die Neuererbewegung einiges, nicht zuletzt im nach wie vor quirligen Leipzig, wo unter der Federführung Gretel Heinickes die Verkäuferinnen „immer neue Verkaufsmethoden“ ersannen. Doch die zahlreichen Anregungen kannibalisierten sich wechselseitig, überforderten die Ressourcen der zahllosen kleinen Verkaufsstellen. Wissen des Guten war eben nicht Vollzug des Guten – und diese zermürbende Erfahrung lähmte.

Dies sollte aber nicht das letzte Wort sein, sah doch der neue, 1956 gestartete Fünfjahresplan eine umfassende Modernisierung der DDR-Wirtschaft vor. Die „wissenschaftliche-technische Revolution“ galt aber nicht allein für Kernenergie, Luftfahrtindustrie und weiterhin Schwerindustrie, sondern sollte auch den Handel in die Lage versetzen, die bis 1960 um 40% zu steigernde Konsumgüterproduktion zu bewältigen (Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 36-37). Dazu wurde neuerlich an die Schöpferkraft der Werktätigen appelliert, zugleich aber das ideologisch sichere Lied vom rückständigen Handel angetönt: „Während die Industrie in kurzen Abständen immer wieder wahrhaft revolutionäre Taten vollbringt, vollzieht sich der Handel im wesentlichen in den gleichen Formen, wie sie bereits jahrzehntelang üblich waren. Nicht nur die Verkaufsmethoden, auch die Arbeitsmittel und verschiedene Organisationsformen haben sich seither nur unwesentlich verändert. Es ist daher notwendig, neue Ideen für die Verbesserung und gleichzeitige Erleichterung der Handelstätigkeit zu entwickeln, sie im breiten Erfahrungsaustausch allen zu vermitteln und sich darauf zu konzentrieren, sie schnell zu verwirklichen“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 4). Gretel Heinickes Kochtopfmethode wurde 1956 neuerlich propagiert, ihr Einsatz aber auch flankiert.

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Werbedekoration nach der Kochtopfmethode in Leipzig (Der Handel 6, 1956, H. 4, 4)

Dazu wurde erstens die Kochtopfmethode systematisiert und in einem kleinen, vom Zentralvorstand der Gewerkschaft Handel herausgegeben 10-seitigen Faltprospekt näher vorgestellt (Walter Schalm, Kochtopfmethode, Berlin-Treptow 1956). Es enthielt Abbildungen aus dem Verantwortungsbereich Gretel Heinickes und empfahl drei erfolgsträchtige Kernelemente: Anregende und regelmäßig wechselnde Rezepte, eine ansprechende Präsentation der empfohlenen Waren und eine gut lesbare Angabe der Einzel- und Gesamtpreise (Der Handel 6, 1956, H. 5, 16). Außerdem spezifizierte man die Methode für andere Spezialsortimente, beginnend mit Obst- und Gemüse-, endend bei Spirituosenhandlungen („Neue Arbeitsmethoden für Dich“, Der Handel 6, 1956, H. 6, 29). Die kleine Broschüre wurde über den Handel vertrieben, vor allem aber über Gewerkschaftsvertreter verbreitet. Die üblichen Einzelerfolgsmeldungen fehlten nicht, doch auch die Übernahme der Methode durch gleich 45 Verkaufsstellen in Staßfurt konnte nicht überdecken, dass eine Evaluation möglicher Erfolge nicht erfolgte (Walter Schalm, Aktuelle Agitationsschriften verhelfen dem Neuen zum Durchbruch, Der Handel 6, 1956, H. 11, 22-23, hier 22). Festzuhalten ist, dass diese Festlegung der Kochtopfmethode zugleich ihrer Kanonisierung diente. Auch wenn die sozialistische Heldin Gretel Heinicke in steter Eintracht mit ihrer Methode präsentiert wurde, so ging die Definitionsmacht doch auf Gewerkschafts- und Parteifunktionäre über.

Zweitens begann man auf unterschiedlichen Ebenen Werbeentwürfe für die Kochtopfmethode zu entwickeln, um dadurch dezentrale Arbeit zu minimieren. Die HO schrieb Wettbewerbe für ansprechende Schaufensterentwürfe aus, deren Ergebnis aber kaum befriedigte. Selbst der Siegerentwurf vergaß den Platz für die Rezepte und auch Preise, war von einer allgemeinen Warenanpreisung kaum zu unterscheiden (Der Handel 6, 1956, H. 3, 26). Mit der Kochtopfmethode wurde gleichsam kokettiert, zugleich aber recht heterogene Einzelinteressen unter dessen Deckel versammelt. Selbst Werbung für Feinkost fand sich dergestalt geadelt wieder im Reigen regimetreuer Angebote (Horst Fiedler, Für die Kochtopfmethode zu verwenden, Der Handel 6, 1956, H. 3, 26-27, hier 26).

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Werbung für die Kochtopfmethode in Erfurt 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5)

Werbung wurde auch weiterhin dezentral erstellt, darunter durchaus ansprechende Lösungen, wie etwa der oben sichtbare graphische Teil eines Handzettels. Doch dies blieben Ausnahmen besonders motivierter Kollektive. Für die Mehrzahl der Nachahmer erstellte die Redaktion der Fachzeitschrift „Der Handel“ 1956 Werbeklischees, die vor Ort ausgestaltet werden konnte. Auf Quadratnetz aufgezeichnet, lud es zum Abpausen ein. Auch hier aber war die Angst groß, dass vor Ort dennoch Fehler auftauchen würden, etwa fehlende Angaben zur Menge oder aber ergänzend erforderliche „Kleinigkeiten“, etwa der Gewürze. Gleichwohl gelang es auf diese Weise, einfache und zielführenden Handreichungen anzubieten, um Gretel Heinickes Vorschläge republikweit zu verbreiten („Kochtopfmethode“ leichtgemacht, Der Handel 6, 1956, H. 8, 29).

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Werbemittel für die Kochtopfmethode (Der Handel 6, 1956, H. 8, 29)

Drittens übte der SED-Staat weiterhin Druck aus, um die Kochtopfmethode und den Minutenkauf zumindest in der HO obligatorisch zu verankern. Kurt Borrmann wies mehrfach auf die gesetzlichen Regelungen für die Einführung neuer Arbeitsmethoden hin, stellte zugleich aber realistisch-resigniert fest: „Sie werden aber in sehr vielen Fällen nicht beachtet“ (Die Konferenz der Handelsneuerer gut vorbereiten!, Der Handel 6, 1956, H. 4, 4-5, hier 5). Diese Indolenz gegenüber selbst gesetzten Vorschriften mag dem gängigen Bild einer gewalttätigen Entwicklungsdiktatur nicht entsprechen. Die Beteiligten wussten jedoch um die strukturelle Überforderung der meisten Verkaufsstellen, die zu Beginn des neuen Fünfjahresplan mit einer Vielzahl neuartiger Ansprüche konfrontiert waren. Die 3. SED-Parteikonferenz, bekannt durch die erste öffentliche Distanzierung vom Massenmörder Stalin, forderte den Handel zu neuen Anstrengungen auf, einerseits für die verbesserte Versorgung auf dem Lande, anderseits für die Schwerpunktverpflegung der Werktätigen in den Industriebetrieben. Fertiggerichte, Versorgungsautomaten, bessere Werkverpflegung fielen sämtlich in das breit gefächerte Profil der HO und der Konsumgenossenschaften. Zahlreiche Dienstleistungen, sei es bei Reparaturen oder dem Anschluss und der Wartung von Elektrogeräten, sollten ebenfalls gemeistert werden: „So stehen die Mitarbeiter des sozialistischen Handels vor einer Reihe neuer, ungelöster Probleme, die nur durch ihre Eigeninitiative und mit Hilfe der örtlichen Verwaltungsorgane gelöst werden können“ (Im Wettstreit der Ideen, Der Handel 6, 1956, H. 8, 3-4, hier 3). Es wären ganz andere sozialistische Helden als Gretel Heinicke nötig gewesen, um die immer wieder erweiterten Ansprüche abarbeiten zu können.

Kollegin Heinicke half jedoch, wem sie konnte: So dem Kollegen Drenschke aus Gernrode, dem sie die Kochtopfmethode präzise beschrieb, die dieser dann auch erfolgreich einführte (Lothar Wilke, Liebe Kollegin Gerda!, Der Handel 6, 1956, H. 16, 28-29). In der gelenkten Presse folgten die üblichen Nachrichten von dankbaren Käuferinnen, die sich stetig fragten, „was morgen wohl an die Tafel geschrieben würde“ (Heinz Hertel, Immer mehr Mitarbeiter beteiligen sich am Wettbewerb, Der Handel 6, 1956, H. 5, 10-11, hier 10). Es sei so schön, helfende Hinweise zu erhalten, „den ‚Magenfahrplan‘ abwechslungsreich zu gestalten“ (Fiedler, Jetzt Puddings und Süßspeisen empfehlen, Der Handel 6, 1956, H. 13, 29-30). Schweigen wir von der hinter solch paternalistischen Sätzen stehenden Geringschätzung der dummen Hausfrauen, denn dies wäre eine längere Philippika. Halten wir aber fest, dass die Kochtopfmethode durchaus Resonanz erzielte, wenn auch von einer flächendeckenden Einführung nicht die Rede sein konnte. Und sie diente der weiteren Rekrutierung von Aktivistinnen, wie etwa der Kollegin Schlottke aus Quedlinburg, die zu Ehren der 3. Parteikonferenz Heinickes Methode in ihrem HO-Laden und dem VEB Harzer Likörfabrik einführte. So entstanden, hicks, Agitationslokale für den „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ (Der Handel 6, 1956, H. 5, 20).

Für sozialistische Helden war all dies Ansporn für noch mehr Arbeit. Der Verdiente Aktivist Gerhard Gering vom Konsum-Warenhaus Suhl fragte entsprechend: „‘Kann es denn Schöneres geben, als an seinem Platz für die Ziele unseres Arbeiter- und Bauern-Staates und der Partei zu arbeiten, deren Mitglied ich bin?“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10) Das war 1958, zwei Jahre nach dem Hauptagitationsjahr für die Kochtopfmethode – im rasch voranschreitenden Sozialismus eine kleine Ewigkeit. Noch hatte man den Fünfjahresplan nicht abgebrochen, um ihn durch einen noch ambitionierten Siebenjahresplan zu ersetzen, den man dann nach nur vier Jahren in einen neuen Perspektivplan überführte. Doch mit dem Bunaprogramm, den „Maßnahmen zur Entlastung der werktätigen Frauen durch den sozialistischen Handel“, begann schon Anfang Januar eine neue Etappe im langen Marsch in die lichte Zukunft. Selbstzufrieden zählten Handelsfunktionäre die lange Liste bisheriger Erfolge auf: „Das Ratiosystem, die Kochtopfmethode, Stumme Verkäufer, ständige Sonderwarenangebote, Inventur bei geöffneter Verkaufsstelle, Kowaljowmethode im Lager, waren Bestandteile der Arbeit geworden“ (R. Marczikowski, Kein Berg ist zu hoch, Handelswoche 3, 1958, Nr. 14 v. 2. April, 10). Ja, die Kochtopfmethode wurde weiter angewandt. Allerdings nicht überall und häufig anders als erforderlich. An die Stelle regelmäßig wechselnder Rezepte trat eine gewisse Eintönigkeit, auch von völkerverbindenden Gerichten der sozialistischen Bruderstaaten hörte man nur noch wenig. Der Posener Aufstand oder der ungarische Volksaufstand hatten 1956 doch auf den Magen geschlagen. In Weißenfels wusste man sich zu helfen, empfahl als stetes Beigetränk ein stärkendes Abendbier. Derartig „formale“ Anwendung der Kochtopfmethode sagte man jedoch den Kampf an, ließ ernährungswissenschaftlich optimierte Rezepte entwickeln, um der Hausfrau nicht nur die Sorge für die tägliche Kost, sondern auch für die Gesundheit der Familie teilweise abzunehmen (Bunaprogramm kein fertiges Rezept, Handelswoche 3, 1958, Nr. 3 v. 15. Januar, 10).

Gleichwohl enthielt das Bunaprogramm schon Planungen, die der Kochtopfmethode die Grundlage entziehen sollten. Es sah nicht nur verstärkte und verbesserte Werksverpflegung vor, sondern auch ein breites Sortiment kochfertiger Lebensmittel und Fertiggerichte. Die Kochtopfmethode war dann lediglich noch Übergangstechnik hin in eine arbeitssparende Zeit, die Essen auf Verzehren reduzieren, die Kochen auf Industrie und Gastronomie verlagern würde. So träumte man im Osten, so auch im Westen. Deutsche Gemeinsamkeiten an der Kühltheke. Und doch, die Hausfrauen hatten ihren eigenen Kopf, kauften die frühen Fertiggerichte eher zögerlich. Und in der DDR gab es Versorgungsprobleme bei der Kühltechnik (R. Marczikowski, Das Menü im Zellophanbeutel, Die Handelswoche 3, 1958, Nr. 6 v. 5. Februar, 5). Nun ja, die Kopftopfmethode konnte derweil weiter genutzt werden.

Zwischen Selbstkritik und Denunziation: Soziale Funktionen der Kochtopfmethode

Rationalisierungs- und Verbesserungsvorschläge haben nicht nur wirtschaftliche, sondern immer auch soziale Folgen. Der Historiker Andrew Port hat die damit verbundenen sozialen Mechanismen am Beispiel Saalfelds detailliert untersucht und versucht, die rätselhafte Stabilität der DDR auf die wechselseitigen Blockaden einer Gesellschaft zurückzuführen, die von Neid und fluiden Gruppenidentitäten geprägt war (Die rätselhafte Stabilität der DDR. Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland, Bonn 2011). Sozialistische Helden sollten verbinden, erlaubten aber doch auch Protest, Widerspruch und klar abgegrenzte und damit „sachlich“ begründbare Ablehnung. Den Helden der Arbeitswelt schlug immer auch Feindschaft entgegen. Adolf Henneckes Auto wurde von seinen Kumpeln demoliert, er selbst als „Arbeiterverräter“ beschimpft. All dies milderte sich Mitte der 1950er Jahre, machte sich nun doch eher Apathie breit, ein nur formales Mitziehen, das die erwünschten Effekte nicht erreichen wollte und konnte. Zugleich veränderte sich die Art der sozialistischen Helden, begann mit dem gefeierten Radfahrer Gustav-Adolf „Täve“ Schur (1931-) eine lange Liste von Sport-, ab den späten 1950er Jahren begleitet von den eingangs schon erwähnten Kosmoshelden. Widerspruch war hier selten, betraf vor allem nicht die Funktion des Systems.

Mitte der 1950er Jahre wandelte sich die DDR, mutierte von einem stalinistischen Gewaltstaat hin zu einem bürokratisierten Unrechtsstaat, der individuelle Freiräume ließ und lassen musste und seine Klauen nicht mehr stetig ausfuhr. Erlasse, wie etwa die verpflichtende Nutzung der Kochtopfmethode, galten zwar – wurden aber nicht konsequent umgesetzt. Die Verpflichtung war jedoch stetig mobilisierbar, war eine Waffe in der Hand der Funktionäre, teils auch der staats- und parteitreuen Journalisten. Die Kanonisierung der Kochtopfmethode durch Gewerkschafts- und Parteifunktionäre erlaubte Interventionen nicht allein bei Nichteinführung, sondern auch bei schlechter Ausführung der Methode.

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So nicht! Blickfang in einer Potsdamer HO-Spätverkaufsstelle 1955 (Der Handel 5, 1955, H. 13, 7)

Ein Beispiel hierfür war die inkriminierte Werbewand der HO-Spätverkaufsstelle 7 am Potsdamer Platz der Nationen. Formal hatte man die Kochtopfmethode eingeführt, sich also systemgerecht bewegt. Doch hier fehlte offenbar Begeisterung und Stetigkeit, stattdessen sah man „lieblos hingestellte und inzwischen verstaubte Waren, wie Maizena, Büchsen mit Lachs und Heringshappen“ (Kochtopfmethode und Minuteneinkauf mit Kopfschütteln?, Der Handel 5, 1955, H. 13, 6-9, hier 7). An solchen Beispielen wurden um richtig und falsch gerungen, von ihnen konnte man lernen. Wichtiger aber war die Prangerfunktion derartiger Darstellungen. Sie dienten immer auch der Beschämung der oft klar benannten Verantwortlichen. Wer darum wusste, versuchte die Methode „richtig“ (oder gar nicht) anzuwenden, konnte das Damoklesschwert der sozialistischen Kritik doch jeden treffen. Das Folgeritual war ebenso klar: Selbstkritik, Selbstläuterung und zukünftig „richtige“ Anwendung. Die Wirkungen derartiger öffentlicher Demütigungen waren damit jedoch nicht abgedungen. Im Gegensatz zu gängigen Vorstellungen einer Gewaltdiktatur dominierte eine subtile Lenkung den öffentlichen Diskurs über die sozialistische Heldin Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode. Die Lichtgestalt gebar stetig Schatten. Selbst die HO in Ostberlins Renommiermeile Stalinallee wurde zur Selbstkritik und zum Lernen aufgefordert, hatte sie doch vor dem Weihnachtsfest 1956 die Methode noch nicht eingeführt, obwohl die Schaufenster dafür Präsentationsflächen besaßen (Leipziger Hausfrauen sind Freunde der Kochtopfmethode, Der Handel 6, 1956, H. 2, 26-27, hier 27).

Neben derartige öffentliche Kritik trat die Rückfrage im Kollektiv, am Arbeitsplatz. Neuerermethoden waren das Stöckchen, über das man springen musste, um zum inneren Kreis zu gehören: „Bei den kommenden Wahlen zu den Verkaufsstellenausschüssen sollten sie die bisherigen Ausschußmitglieder und das Verkaufsstellenpersonal fragen, warum in dieser oder jener Verkaufsstelle für Lebensmittel noch nicht die Kochtopfmethode von Gretel Heinicke angewandt wird“ (Wolfgang Müller, Neue Technik – höhere Verkaufskultur – bessere Versorgung, Neues Deutschland 1956, Nr. 68 v. 20. März, 4). So konnten Karrieren verhindert werden, wurde Linientreue belohnt.

15_Der Handel_06_1956_Nr03_p10_DDR_Einzelhandel_Schluderjan_Kochtopfmethode_Kritik

Wer nicht mitzieht, erscheint als Schluderjan: Präsentation pflichtschuldiger HO-Direktoren 1956 (Der Handel 6, 1956, H. 3, 10)

Systemfragen wurden auf diese Art kaum ausgefochten, Planerfüllung, Anwendung moderner Methoden und die Überzeugungskraft einer sozialistischen Heldin standen nicht zur Debatte. Die höhere Funktionärsebene musste sich jedoch wappnen. Schauen wir auf eine nicht untypische Kritik an vier HO-Direktoren 1956. Schluderjan brachte sie hervor, eine der vielen Kunstfiguren, die formal zwischen NS-Imaginationen wie Kohlenklau und Flämmchen und den zahlreichen Werbegeschöpfen stand. Ihre Aufgabe war Bewusstseinsbildung durch das Mittel der klaren Benennung, des öffentlichen Prangers. Schluderjan benannte die rechtlichen Grundlagen für die verpflichtende und obligatorische Nutzung der „von der Verdienten Aktivistin Heinicke entwickelte{n] bedarfslenkende[n] und absatzwerbende[n] ‚Kochtopfmethode‘“ (Der Handel 6, 1956, Nr. 3, 10). Die HO-Direktoren Wohlleben, Hennig, Specht und Zietlow hatten sie nicht eingeführt und bekamen nun eine Abreibung, die auch die Aufsichtsgremien mit einbezog, also die einschlägigen Abteilungen für Handel und Versorgung beim Rat der Bezirke Erfurt, Dresden, Halle/S. und Schwerin.

Es folgten Rituale der Selbstkritik und der Entschuldigung: Danke, die Kritik half weiter und wir werden uns bessern (Specht). Wir wurden zu Unrecht kritisiert, denn die Methode wurde in gleich drei Läden eingeführt (Wohlleben). Wir haben es angeordnet, doch nicht kontrolliert, ob es auch umgesetzt wurde. Das werden wir nun aber tun (Berger für den verhinderten Zietlow). Wir hatten keine Erfahrungen vorliegen, da die Methode bisher kaum bekannt ist, Resultat auch aus deren mangelhafter Popularisierung durch übergeordnete Dienststellen. Doch Wandel naht: „Einer unserer besten Verkaufsstellenleiter, in dessen Verkaufsstelle die Kochtopfmethode schon seit Monaten verwirklicht ist, wird in den nächsten Tagen die Gelegenheit nutzen, um mit der Aktivistin Heinicke direkt in Verbindung zu treten“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5 (Hennig)). Die sozialistische Heldin konnte helfen, als Erlöserin agieren. Damit war ein Exempel statuiert, über dessen Folgen nicht weiter berichtet wurde. Doch die Botschaft war klar: „Die Lehre aus dieser Kritik sollen aber endlich jeder HO-Direktor, jeder Vorstandsvorsitzende einer Konsumgenossenschaft und vor allem die verantwortlichen Mitarbeiter in den Abteilungen für Handel und Versorgung unserer Staatsorgane ziehen“ (Der Handel 6, 1956, H. 7, 5). Unklar, wer als nächster getroffen werden würde.

Die Macht der Funktionäre: Die Kochtopfmethode als opportuner Setzungsakt

Die Nutzung der Kochtopfmethode für Herrschafts- und Disziplinierungszwecke resultierte aus der Setzungsmacht von Partei und Staat. Auch der sozialistische Held war ihr unterworfen, er erhielt Autorität und Aura zugewiesen, war ohne sie nicht denkbar. Das wird im Falle der sozialistischen Heldin Gretel Heinicke in doppelter Weise deutlich.

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Ähnliche Modelle: Frau Helle empfiehlt mittels Anzeige Speisen und Waren (Der Handel 5, 1955, H. 16, 22)

So gab es eine Reihe ähnliche Vorschläge, die sich an die etablierte Methode andockten. Meist handelte es sich Variationen, teils um Verbesserungen. Das galt etwa für die Kunstfigur Frau Helle, die in Potsdam für die HO-Lebensmittel warb. Das oben aufgeführte Beispiel verwendete zentrale Motive der Kochtopfmethode, reduzierte sie jedoch auf Werbung für eine Produktgruppe. Handelsfunktionäre bewerteten dies als „Ergänzung“ der Methode „der verdienten Aktivistin Heinicke“ (Helmut Klare, Unsere ‚Eva‘ heißt: ‚Frau Helle‘, Der Handel 5, 1955, H. 16, 22) und empfahlen eine allgemeinere Verwendung. Das Urteil hätte jedoch auch anders ausfallen können, hätte auch die Kochtopfmethode selbst ersetzen können.

Das zeigt sich indirekt an der Geschichte von Elfriede Maurer, Leiterin einer HO-Lehrverkaufsstelle in Erfurt. Im Februar 1952, Gretel Heinicke war damals noch Wurstverkäuferin, stellte sie sich eine drängende Frage: „‘Wie steigere ich den Verkauf von solchen Lebensmitteln, für die in meinem Umsatzplan größere Mengen vorgesehen sind, als ich sie bisher erfüllen könnte?‘“ (Dies und die weiteren Angaben n. Kurt Sandmann, Verkaufsförderung durch Kochrezepte, Die Waage 1952, 58-59, hier 58). Die Kunden sollten nicht mehr allein Mangelwaren, sondern auch reichlich vorhandene Lebensmittel kaufen, etwa die in der obigen Anzeige angepriesenen Teigwaren. Und so machte sich Kollegin Maurer ans Werk: Einem Kochbuch entnahm sie Mahlzeiten, „bei denen Teigwaren, Nährmittel, Mehl usw. eine wichtige Rolle spielen und deren Zutaten zeitgemäß sind, schrieb das Rezept auf ein auswechselbares Papier, besorgte sich von der Dekorationsabteilung ein figürliches Schaustück (lachende Hausfrau mit Suppenterrine und dem Motto ‚Was koche ich heute?‘), klebte das Rezept darauf und stellte das Ganze in das Schaufenster. Einmal war es das Rezept für ‚Schusterpfanne‘, dann für ‚Gefüllter Sellerie‘, ‚Hamburger Fisch‘, Nudelauflauf mit Roulade‘, Kaukasisches Ragout‘ oder ‚Ungarische Paprikaschoten‘ usw.“

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Werbemittel von Elfriede Mauer, Erfurt, 1952 (Die Waage 1952, 59)

Ja, das waren Kernelemente der Kochtopfmethode – allerdings schon zwei Jahre vor deren Präsentation durch Gretel Heinicke in Leipzig. Die Resonanz war beträchtlich, Haufrauenglück allüberall: „Frau Charlotte Hubert betonte: ‚Ich glaube, vielen Hausfrauen aus dem Herzen sprechen zu können, daß wir die Rezepte im Schaufenster der HO Moritzgasse herrlich finden. Hiermit werden uns manchmal große Sorgen abgenommen.‘ Auf das Wesentliche bei alledem wies Frau Herz hin, die sagte: ‚Die Rezepte im Schaufenster laden geradezu zum Kaufen ein.‘“ Der Fachredakteur regte an, dass es bei der auffälligen Schaufensterwerbung nicht bleiben müsse, dass sie auch im Ladeninneren eingesetzt werden könne. In Erfurt tauschte man die Rezepte wöchentlich aus, nicht täglich wie später in Leipzig. Diese Vorgängermethode unterstreicht eindringlich, dass nicht die Methode, sondern Staat und Partei die sozialistische Heldin machten. Neuerer gab es viele, die Ansatzpunkte und Verfahren ähnelten sich, doch die Mehrzahl wurde nicht angenommen und umgesetzt (vgl. Julius Mader, Die Rationalisatorenbewegung im volkseigenen und genossenschaftlichen Handel, Berlin (O) 1956).

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Neuerer unter Wert: Förderung ohne Umsetzung (Der Handel 5, 1955, H. 20, 11)

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke setzte zwei Jahre nach Elfriede Maurer ähnliche Ideen um. Dies dürfte den Fachleuten bekannt gewesen sein. Doch es waren wohl Verantwortliche im Ministerium, insbesondere der stellvertretende Minister Kurt Borrmann, die entschieden, dass nun, Ende 1954, Anfang 1955, die Zeit für eine neue Heldin gekommen war. Das mindert nicht die Leistung Gretel Heinickes. Doch als sozialistische Heldin war sie ein Funktionärsgeschöpf.

Das Auslaufen einer Neuerermethode und das Vergessen der sozialistischen Heldin

Die Kochtopfmethode wurde insbesondere 1955/56 propagiert, doch auch danach empfohlen und auch eingefordert. Noch neuere Neuerungen begrenzten ihren Nutzen, doch schmackhafte Fertiggerichte blieben die Ausnahme, konnten die Methode nicht verdrängen. Die 1958 rasch um sich greifende Selbstbedienung schien gar neue Chancen zu eröffnen. Im ersten DDR-Fachbuch hieß es verheißungsvoll: „Auch die ‚Kochtopfmethode‘ kann auf neue Art zur Geltung kommen. Alle Artikel, die die Hausfrau für ein von der Verkaufsstelle empfohlenes Gericht benötigt, werden in Form einer Sonderauslage zusammengestellt und mit einem entsprechenden Blickfang versehen, der auf die Zubereitungsvorschriften und auf den Preis verweist“ (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 167).

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Von der Speise zum Produkt: Werbeinsel in einem Selbstbedienungsladen (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958, 6. S. n. 112)

In den noch wenigen SB-Läden mit reflektierter Innenwerbung bevorzugte man allerdings weniger pflegeintensive Werbeinseln für einzelne Produkte, Produktgruppen oder Saisonartikel. Als im Juli 1956 in Halle/S. einer der ersten SB-Musterläden der DDR eingerichtet wurde, bemängelten Fachleute bei der Evaluation das Fehlen der Kochtopfmethode, regten jedoch an „nach ausländischen Erfahrungen zum Zwecke der Werbung und Beratung der Käufer eine Lautsprecheranlage und ein Magnettonband zu benutzen“ (J[ulius] Mader, Neue Konsum-Verkaufsstätte für eilige Kunden, Der Handel 6, 1956, Nr. 13, 6-7, hier 7; Silke Rothkirch, ‚Moderne Menschen kaufen modern‘, in: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln et al. 1996, 112-119, hier 115, gab diese Quelle falsch an). Dem Hinweis könnte man nachgehen, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass es Äquivalente für die Kochtopfmethode im (westlichen) Ausland gegeben hat – und das wohl auch schon in der Zwischenkriegszeit.

Die angeregten technische Fortentwicklungen wurden jedoch nicht aufgriffen. Bei der Leipziger Handelskonferenz von 1959 pries der neue Minister für Handel und Versorgung, Curt-Heinz Merkel (1919-2000), zwar die Arbeit der Neuerer, erwähnte die Kochtopfmethode Gretel Heinickes jedoch nicht mehr (Curt-Heinz Merkel, Bessere Lösung der Versorgungsaufgaben hilft maximalen Zeitgewinn sichern, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 45-70, hier 59). Kurz zuvor war die bisherige Spitze des Ministeriums abgelöst worden, darunter auch Kurt Borrmann, der die Methode stets gefördert hatte. Diskutiert wurden nun weitere Neuerungen, etwa die der „Genossin Bartel“ sowie die Christoph-Wehner-Methode, eine eigentlich seit 1952 bestehende individuelle Spezifizierung der Planziele, vorgeschlagen von dem Baggerführer und sozialistischen Held Willy Wehner (1922-) (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 120 (Welm)).

Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass das letzte vehemente Plädoyer ausgerechnet von Julius Mader (1928-2000) stammte, der seit 1952 zuerst als Mitarbeiter der Thüringischen Konsumgenossenschaften und dann als Redakteur und schließlich stellvertretender Chefredakteur von „Der Handel“ stetig über die Neuererbewegung im Handel berichtet hatte. Er wechselte 1960 zum Ministerium für Staatssicherheit und wurde einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren der DDR, ein Fachmann für Geheimdienste (Paul Madrell, What we have discovered about the Cold War is what we already knew: Julius Mader and the Western secret services during the Cold War, Cold War History 5, 2005, 235-258). Mader war überzeugt, dass Gretel Heinickes Kochtopfmethode in den modernen Selbstbedienungsgeschäften noch wichtiger werden würde als in den traditionellen Bedienungsgeschäften. Er listete die Vorteile der Methode auf, hob ihre Bedeutung in vielfältigen Spezialsortimenten hervor, ehe er zukunftssicher schloss: „Es darf keine Selbstbedienungsstelle für Lebensmittel im sozialistischen Handel geben, in der die ‚Kochtopf-Methode‘ nicht angewendet wird“ (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 70). Selten war ein Requiem vorwärtsgewandter gewesen.

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Die Kochtopfmethode im Selbstbedienungsladen: Blickfang einer Verkaufsecke (Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960, 69)

Deutlich realistischer war ein Jahr später Katja Keppke, Graphikerin der Zeitschrift „Handelswoche“. Ihre Karikatur spießte das Kommen und Gehen der Neuerermethoden auf, begrub zugleich die Kochtopfmethode. Gretel Heinicke war schon die Jahre zuvor öffentlich kaum präsent gewesen, starb den typischen Tod vieler sozialistische Helden: Sie wurde vergessen und durch neue Helden ersetzt.

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Das Kommen und Gehen der Neuerer-Methoden (Handelswoche 6, 1961, Nr. 2, 5)

Ein Land, das Helden brauchte

Gretel Heinicke war eine sozialistische Heldin. 1954 entwickelte sie ihre Version der Kochtopfmethode, 1955 wurde diese verbindlich vorgeschrieben, 1956 massiv gefördert. Wie bei vielen anderen Neuerermethoden ebbte das Interesse daran rasch ab, traten andere an ihre Stelle. Sie steht damit beispielhaft für Versuche des SED-Staates, die Dynamik des wirtschaftlichen Aufbaus der DDR mit Rationalisierungskampagnen abzusichern und Ideen steten Fortschritts Form zu verleihen. Die Heldinnenrolle der Gretel Heinicke war verdient und beliebig zugleich. Die Leipziger Aktivistin erhielt diese Rolle zugewiesen, war sie doch eine von vielen, die Verbesserungsvorschläge entwickelten und diese auch umsetzten. Sie repräsentierte sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft, in der (fast) jeder ein Held werden konnte, der fest an die Aufbaupläne von Staat und Partei glaubte und dieses auch öffentlich kundtat. Die sozialistischen Helden der DDR waren integraler Teil einer Gewaltherrschaft, materialisierten aber zugleich die Träume und Utopien eines Rumpfstaates, der den Wettbewerb mit dem großen Bruder im Westen aufnahm und diesen überflügeln wollte. Diese Träume und Utopien wiesen über die karge Gegenwart hinaus, waren Minderheitenprojekte, dienten der Nomenklatura. Sie waren Teil des historischen Projektes DDR und können mit dem Verweis auf Propaganda und Scheitern nicht vollends beiseite gewischt werden. Nicht zu Unrecht porträtierte der Schriftsteller Horst Mönnich (1918-2014) die reichere Bundesrepublik 1954 doch pointiert als „Land ohne Träume“. Gretel Heinicke und ihre Kochtopfmethode laden daher auch zum Nachdenken ein, war und ist Geschichte doch nie alternativlos.

Beide stehen für den beträchtlichen Legitimations- und Selbststilisierungsdruck der DDR, deren Existenz primär durch die sowjetische Schutzmacht garantiert wurde. Gretel Heinicke verkörperte den erwünschten und vielfach geforderten Einsatz für den neuen Staat, verkörperte dessen Wohlstandsversprechen. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung für Werktätige, war praktische Hilfe in einer offenbar defizitären Konsumwelt: Wir helfen euch dabei, das Beste aus dem Jetzt zu machen – und es wird bald besser werden, gewiss. Das war elementar für den Bestand der DDR, lockte doch nicht die westdeutsche Arbeitswelt, wohl aber deren schon Anfang der 1950er Jahre deutlich bessere Alltagsversorgung.

Gretel Heinicke war die erste sozialistische Heldin im Handel der DDR. Sie folgte Vorbildern aus der ostdeutschen Industrie und dem sowjetischen Distributionssystem, doch sie verkörperte den langsamen Übergang von einer produktivistischen zu einer mehr konsumtiven Entwicklungsphase. Das gilt, auch wenn die Kochtopfmethode immer auch einer betriebs- und volkswirtschaftlichen Logik folgte, in der schwerverkäufliche Waren abgesetzt, in der Angebotslücken abgefedert werden mussten. Sie entstand im Nachklang der massiven Unterversorgung 1952/53 und endete mit dem Übergang zu stärker technokratischen Zielen, wie den neuen Produkten und Dienstleistungen des Bunaprogramms und der Selbstbedienung. Diese kollektiven Anstrengungen brauchten keine Einzelhelden mehr, erschienen als notwendige Verheißungen, folgten der vermeintlichen Logik des Zukunftsmarsches des Sozialismus. Die Kochtopfmethode steht damit auch für eine zeitweilige Sonderrolle des Handels, ehe Ende der 1950er die Neuerermethoden – etwa die der Christoph-Wehner-Methode – wieder aus der Industrie übernommen und für den Handel angepasst wurden.

Gretel Heinicke und die Kochtopfmethode repräsentieren zudem die öffentlich immer wieder propagierte gleichberechtigte Rolle der Frau im Aufbau des Sozialismus, wichtig insbesondere im von Frauenarbeit dominierten Handel. Zugleich aber richtete sich die Methode an Frauen, Hausfrauen, ließ Männer außen vor. Damit offenbarte sie unintendiert die massive Diskrepanz zwischen dem propagandistischen Gleichheitsideal und der nicht gebrochenen Doppelbelastung der arbeitenden DDR-Frauen. Die Kochtopfmethode unterstützte Hausfrauen, griff zugleich aber in ihre hauswirtschaftliche Arbeit ein. Die spät einsetzende ernährungswissenschaftliche Optimierung der Rezepte steht für den Ende der 1950er Jahre stärker fühlbaren Interventionsdruck einer Gesundheitspolitik, der es nicht mehr allein um Bedarfslenkung ging, sondern auch um die Folgen des stark gestiegenen Konsums fett- und eiweißhaltiger Lebensmittel. Die Kochtopfmethode war Dienstleistung und Nudging, appellierte an die haushälterische Vernunft der Frauen, vertraute am Ende aber stärker auf Expertenwissen.

Die sozialistische Heldin Gretel Heinicke war für all dies Ausgangspunkt, sie war Funktion und Abziehbild, Projektionsfläche und nicht Realperson. Die DDR bediente sich ihrer, brauchte sie nur als Vorstellung. Das lag in der überbordend-irrealen Konstitution von Helden begründet. Es ist daher ein Warnzeichen, wenn sozialistische Helden wie Sigmund Jähn nun gesamtdeutsch und kontextlos gefeiert werden und es aus Philosophenmunde tönt, dass Demokratie Helden brauche. Helden sind Repräsentanten und Spiegelbilder autoritären Denkens, auch wenn sie darin nicht vollends aufgehen. Sie suggerieren Eindeutigkeit angesichts von Wahlzwang und vielfältigen Handlungsoptionen, suggerieren einfache Kausalitäten in einer Welt komplexer Interdependenzen und schwacher Vernetzungen. Helden stehen für Sehnsüchte nach Einfachheit und simplen Lösungen. Die Herausforderungen der realen Welt sind jedoch andere.

Uwe Spiekermann, 11. Oktober 2019

Die Einführung der Selbstbedienung im Einzelhandel der DDR 1951-1960

Selbstbedienung ist eine logische Konsequenz industrieller Massenproduktion. Entstanden ab 1916 in den USA, dauerte es allerdings fast vier Jahrzehnte bis sie sich auch im relativ rückständigen und durch den Zweiten Weltkrieg weiter geschwächten Europa durchsetzen konnte. In den 1940er Jahren waren Schweden, Großbritannien und die Schweiz Vorreiter, westdeutsche Konsumgenossenschaften folgten ab 1949. Der eigentliche Siegeszug der Selbstbedienung begann in der Bundesrepublik jedoch erst Ende der 1950er Jahre (Uwe Spiekermann, Rationalisierung als Daueraufgabe. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel 20. Jahrhundert, Scripta Mercaturae 31, 1997, 69-129, hier 102). In den vier Jahrzehnten zuvor wurde die neue, „amerikanische“ Art des Verkaufens zwar immer wieder diskutiert, praktische Versuche aber blieben Ausnahmen: Einheitspreisgeschäfte nutzten sie seit den späten 1920er Jahren, 1938 gründete der Handelsunternehmer und Ariseur Herbert Eklöh (1905-1978) in Osnabrück einen ersten Selbstbedienungsladen. Weitere Versuchsläden schlossen sich an, und während des 2. Weltkrieges halfen sogenannte Ratio- sowie Einmannbetriebe bei der Auskämmung des Handels, bei der Freisetzung von Arbeitskräften für Wehrmacht und Rüstung (Uwe Spiekermann, Rationalisierung, Leistungssteigerung und „Gesundung“: Der Handel in Deutschland zwischen den Weltkriegen, in: Michael Haverkamp und Hans-Jürgen Teuteberg (Hg.), Unterm Strich, Bramsche 2000, 191-210, hier 196-197).

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Modell eines Piggly-Wiggly-Selbstbedienungsladens, Memphis 1917 (Library of Congress, 3a33004u)

Während der erst zögerliche, seit 1957 dann aber enorm rasch einsetzende Wandel hin zur Selbstbedienung in Westdeutschland mehrfach dargestellt wurde (zuletzt Lydia Langer, Revolution im Einzelhandel. Die Einführung der Selbstbedienung in Lebensmittelgeschäften der Bundesrepublik Deutschland (1949-1973), Köln/Weimar/Wien 2013), gilt dies nicht für die Entwicklung in Ostdeutschland. Doch auch hier tönte es 1958, also fast zeitgleich wie im Westen: „Selbstbedienungsläden sind in vielen Städten der DDR bereits zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Sie ersparen lange Wartezeiten selbst in den ‚Spitzenzeiten‘ und machen den Einkauf zur Freude“ (Bunaprogramm kein fertiges Rezept, Handelswoche 3, 1958, Nr. 3, 10). In der Fachliteratur wird als Beginn derartiger Läden gemeinhin das Jahr 1956 genannt (Mark Landsman, Dictatorship and Demand. The Politics of Consumerism in East Germany, Cambridge und London 2005, 187; Andreas Ludwig (Hg.), KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR, Köln/Weimar/Wien 2006, 26; Rainer Gries, Produktkommunikation. Geschichte und Theorie, Wien 2008, 168, spricht gar von 1958). Frühere Diskussionen werden erwähnt, erscheinen jedoch als unbedeutend (Silke Rothkirch, ‚Moderne Menschen kaufen modern‘, in: Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln et al. 1996, 112-119). Damit folgt die Historiographie grundsätzlich der offiziellen Lesart des SED-Regimes: Als die materiellen Möglichkeiten bestanden, die Investitionen in die Grundstoffindustrien getätigt waren, war es dann auch möglich, den Handel zu fördern und damit den Einkaufsalltag freudvoll umzugestalten. Doch so war es nicht. Stattdessen entpuppt sich die Frühgeschichte der Selbstbedienung in der DDR als ein überraschend ungeplantes Hin und Her.

Die erste Welle der Selbstbedienung 1951-1952

Die unmittelbare Nachkriegszeit war in der sowjetischen Besatzungszone trotz fortbestehender Rationierung durch massive Unterversorgung gekennzeichnet. Obwohl „Mitteldeutschland“ deutlich geringere Kriegszerstörungen als die westlichen Besatzungszonen aufwies, litt die verarbeitende Industrie unter den Zerstörungen der Infrastruktur, Kohlemangel, dem Verlust der Lieferbeziehungen nach West und Ost sowie den überdurchschnittlichen Reparationen und Demontagen. Mit der „Bodenreform“ wurden die Eigentumsverhältnisse auf dem Lande sowie die Grundlagen der Agrarproduktion massiv verändert, und Verstaatlichungen umgriffen schon bei der Gründung der DDR 1949 mehr als 60 % der Industrie (André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004, Kap. 1). Im Handel gab es anfangs deutlich geringere Eingriffe: Der private Einzelhandel und die sich wieder neu konstituierenden Konsumgenossenschaften dominierten den legalen Handel. Seit November 1948 trat die staatliche Handelsorganisation (HO) an deren Seite. Sie verkaufte Mangelwaren ohne Bezugsscheine zu höheren Preisen, half damit den Schwarzmarkt peu a peu auszutrocknen. HO und Konsumgenossenschaften erhielten einen Großteil der staatlichen Investitionsmittel, entsprechend war nur von ihnen eine Verbesserung der durchweg bestehenden Mangelversorgung zu erwarten (Annette Kaminsky, Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001, 25-33).

Selbstbedienung schien der Enge der Kriegszeit angemessen, doch während der Besetzungszeit ging es erst einmal um die Sicherung des täglichen Bedarfs (Marcel Boldorf, Sozialfürsorge in der SBZ/DDR 1945-1953. Ursachen, Ausmaß und Bewältigung der Nachkriegsarmut, Stuttgart 1998, 62-86). Fehlende Waren, vor allem aber fehlende Investitionsmittel ließen an mehr als einen Wiederaufbau des Netzwerkes kleiner und bestenfalls mittlerer Lebensmittel- und Gebrauchswarenläden nicht denken. Wie in Westdeutschland, wo das erste 170 m² große Selbstbedienungsgeschäft am 30. August 1949 von der Konsumgenossenschaft „Produktion“ im Hamburger Stadtteil St. Georg eröffnet wurde, wurde das Kapitel Selbstbedienung auch in der DDR durch eine lokale Einzelinitiative neu begonnen. Während der Hamburger Laden jedoch ein Neubau war, der an schwedische und schweizerische Vorbilder anknüpfte, stand am Anfang in der DDR lediglich eine „Selbstbedienungsecke“. Sie resultierte zudem nicht aus längeren öffentlichen Debatten – wie sie in der Bizone 1947 und 1948 insbesondere in der Fachzeitschrift Konsumgenossenschaftliche Rundschau geführt wurde –, sondern entstand offenbar aus der Rezeption „von sowjetischen und amerikanischen Vorbildern“ (Hausfrauen bedient euch selbst! Man kann sich sein Körbchen selbst füllen, aber jeder bezahlt, Neue Zeit 1951, Nr. 238 v. 19. Juni, 5).

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Pionierbetrieb Konsumverkaufsstelle 150 in Chemnitz (Der Handel 1, 1951, 21)

Im März 1951 lockte die Konsumverkaufsstelle 150 der traditionsreichen Konsumgenossenschaft Chemnitz die Mitglieder mit einem neuartigen Verkaufssystem, materialisiert in einem Selbstbedienungsregal. Darin fanden sich 75 frei verkäufliche Artikel, gegliedert in drei Gruppen: Wasch- und Reinigungsmittel, Nährmittel und kleinere Artikel, wie Backpulver und Gewürze. Alle waren mit Schildern ausgezeichnet, auf denen auch die Preise vermerkt waren. Auch mit einem hygienischen Streifband versehenes Brot konnte aus einem eigens konstruierten Stapelschrank entnommen werden. Mögliches Misstrauen wurde mit Probegläsern begegnet, ebenso gab es eine Kontrollwage. Die Kunden nahmen sich eine Verkaufsschale, legten die Ware hinein und konnten dann zur Kasse gehen. Das Selbstbedienungsregal wurde allseits begrüßt, schien es doch möglich, Verkaufskräfte einzusparen und Kosten zu senken (Hert, Die Käufer greifen selbst in die Regale. Selbstbedienung, Verkaufsmethode der Zukunft?, Berliner Zeitung 1951, Nr. 189 v. 17. August, 5). Auch die Kunden zogen mit – wenngleich entsprechende Aussagen in den Fachzeitschriften immer unter Zensurvorbehalt und Propagandaverdacht stehen: „Das Anstehen hört auf, der Kunde sieht selbst das ganze Sortiment und kann in Ruhe seine Waren aussuchen, ohne daß hinter ihm eine lange Schlange darauf warten muß, bis er fertig bedient worden ist. Zunächst waren natürlich beträchtliche Hemmungen zu überwinden. Der Kunde, gewohnt, über jedem Warenregal ein ‚Bitte nicht berühren‘ zu lesen, getraute sich zuerst nicht so recht an das Selbstbedienungsregal heran“ (D[örthe] S[äckl], Ist Selbstbedienung eine bessere Verkaufsmethode?, Der Handel 1, 1951, 21). In der Konsumgenossenschaft Chemnitz wurden dazu Mitgliederversammlungen und Vertreterbesprechungen abgehalten, zudem erfolgte eine „wirksame Agitation am Selbstbedienungsregal“.

Der Pioniertat des neuartigen Verkaufsregals folgte die Fachdiskussion auf dem Fuße. Am runden Tisch diskutierten Vertreter von Konsumgenossenschaften, Handelsorganisation, der Gewerkschaften und des Demokratischen Frauenbundes im Frühjahr 1951 Chancen und Limitierungen der neuen Verkaufsmethode (D[örthe] S[äckl], Selbstbedienung – am runden Tisch diskutiert, Der Handel 1, 1951, 51-52 – auch für das Folgende). Sie akzeptierten eine dienende Funktion des Handels für die industrielle Entwicklung der DDR. Selbstbedienung legitimierte sich demnach durch Ziele abseits des privaten Konsums: „Durch die Einführung der Selbstbedienung ist es möglich, Verkaufskräfte einzusparen, also die Selbstkosten zu senken und der Produktion Mittel zuzuführen, gleichzeitig aber werden auch Arbeitskräfte frei, die wir in der Produktion dringend benötigen.“ Doch die fehlende Produktion setzte diesem so wichtigen Ziel gleich Grenzen: Grundnahrungsmittel, wie Zucker, Fette und Fleisch, waren immer noch rationiert und nur gegen Bezugsscheine erhältlich. Dies erforderte den Einsatz von verwaltendem Verkaufspersonal. Komplette Selbstbedienungsläden schienen kaum möglich, da ein Gesamtsortiment nicht angeboten werden konnte. Zudem waren die Waren meist nicht verkaufsfähig: Die große Mehrzahl wurde den Läden in großen Chargen oder gar lose geliefert. Selbstbedienung aber erforderte verpackte Waren, wobei es nicht allein um Portionierung und Schutz des Inhalts ging, sondern immer auch um Informationen etwa über den Hersteller oder den Preis. Die Schilder und Probegläser in Chemnitz waren Resultate just dieser Mangelsituation. Die Experten wussten ferner um die unzureichenden Investitionsmittel der Handelsbetriebe. Neubauten waren praktisch ausgeschlossen, nur kleine Umbauten bzw. neue Einzelmöbel schienen möglich. Entsprechend sollten kleinere Läden zu Vorreitern werden. Deren Verkaufsraum sollte möglichst lang sein, eine Art Verkaufsstraße ermöglichen. Mangels spezieller Verkaufsmöbel, insbesondere von Verkaufsgondeln sowie Kühltruhen, konnte man sich so auf Regale konzentrieren. Diese sollten nicht höher als 1,40 bis 1,50 m sein und nicht tiefer als 50-60 cm. Schließlich erörterten die Experten den an sich erwünschten Einsatz von Registrierkassen, „um von der manuellen zur maschinellen Arbeitsweise zu gelangen und so eine geistige Überanstrengung der Selbstbedienungsverkäuferin zu verhindern.“ Doch solche gab es nicht. Einkäufe wurden auf Bestellblocks geschrieben, nur vereinzelt gab es Addiermaschinen. All dies offenbarte gravierende Unterschiede zwischen der theoretisch wünschenswerten Selbstbedienung und den realen Möglichkeiten des DDR-Handels. Hinzu kam ein grundsätzliches Misstrauen gegen frei agierende Käufer. Der direkte Zugang zur Ware könne Diebstähle erleichtern. Käufererziehung schien daher notwendig, „Bewußtseinsbildung der Bevölkerung auf breiter Grundlage“. Die Chemnitzer Selbstbedienungsecke lenkte im Frühjahr 1951 den Blick auf die immensen Vorarbeiten, erforderlich für das schnelle und direkte Einkaufen. Weitere Beispiele seien zu schaffen, an denen man lernen könne, die Aufgaben praktisch zu schultern.

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Selbstbedienungsregale für Industriewaren in Dresden 1951 (Der Handel 1, 1951, 190)

Im Juni 1951 folgten gleich mehrere neue Selbstbedienungsverkaufsstellen. Die Handelsorganisation öffnete einen Laden in Magdeburg, der einerseits bis 22 Uhr geöffnet hatte, anderseits sogenannten Schnellverkauf anbot, also die Vorbestellung von Waren, die dann zusammengestellt wurden und nur noch abgeholt werden mussten (Einkaufsmöglichkeit bis 22 Uhr, Neue Zeit 1951, Nr. 128 v. 7. Juni, 6; Selbstbedienung in Magdeburger HO, Berliner Zeitung 1951, Nr. 143 v. 24. Juni, 7). Beide Maßnahmen dienten „Werktätigen“, insbesondere Arbeiterinnen, waren also wieder Ausdruck der Produktionsorientierung der Leitungskader. Längere Ladenöffnungszeiten, kürzere Wartezeiten und ein beschleunigter Einkauf waren sinnvolle Maßnahmen, um die gängige Doppelbelastung weiter tragen zu können. Die Handelsorganisation richtete parallel in Dresden die erste Selbstbedienungsverkaufsstelle für sogenannte „Industriewaren“ ein, also dauerhafte Gebrauchsgüter, vornehmlich Haushaltswaren, Einrichtungsgegenstände, Textilien und Lederwaren (Erstes Kundenfest der HO, Neue Zeit 1951, Nr. 128 v. 13. Juni, 6). Auch die Konsumgenossenschaften weiteten ihr Selbstbedienungsangebot im gleichen Monat weiter aus, etwa durch eine weitere Verkaufsstelle in Leipzig-Gohlis.

Die (ver)öffentlich(t)e Debatte war Mitte 1951 zwar vorrangig rational ausgerichtet, betonte den Rationalisierungseffekt der neuen Verkaufsmaßnahmen. Wie nicht anders zu erwarten, wurden sie als Beitrag zum Aufbau des Sozialismus interpretiert: „Auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens werden neue, verbesserte Arbeitsmethoden eingeführt, so daß auch der Handel jetzt mehr und mehr bemüht sein muß, mit der steilen Entwicklung unserer Industrie Schritt zu halten“ („Bitte, bedienen Sie sich selbst!“, Neue Zeit 1951, Nr. 205 v. 9. September, 5). Zugleich aber wurde nun auch der utopische Gehalt der Selbstbedienung sichtbar. Sie wurde als Schritt in eine neue Welt des Einkaufens und des Konsums präsentiert: „Im Handumdrehen wandern ein Paket Waschpulver, eine Tube Zahnpasta und eine Tüte Erbsen in den Korb, und zuletzt entnimmt die hausfraulich geübte Hand einem Spezialregal ein Brot der gewünschten Sorte, ohne auch nur im geringsten mit den darunter liegenden Broten in Berührung zu kommen. Nach einer kleinen Rechtswendung kommt man dann vor eine junge Dame zu stehen, die mit liebenswürdiger Geste den gefüllten Korb in Empfang nimmt, ein-, zwei-, dreimal auf die Kassenknöpfe drückt und schließlich das Gekaufte behutsam in die Markttasche der Kundin legt.“ Einkaufen konnte so einfach sein, keine Mühsal mehr: „Wenn man’s nicht selbst gesehen hat, glaubt man gar nicht, wie schnell und mühelos man sich selbst bedienen kann“ (Hausfrauen bedient euch selbst! Man kann sich sein Körbchen selbst füllen, aber jeder bezahlt, Neue Zeit 1951, Nr. 138 v. 19. Juni, 5 (beide Zitate)). All dies war noch eingebettet in die Präsentation der Methode, die Erziehung der Hausfrau zur konsumtiven Tat. Selbstbedienung schien jedoch ein Abglanz des besseren Lebens zu sein, das die Werktätigen nach dem Aufbau des Sozialismus planmäßig genießen würden.

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Eine Stadt, zwei Systeme: Links SB-Verkaufsregale der HO-Verkaufsstätte Andreasstraße 44, rechts ein Blick in den komplett auf Selbstbedienung umgestellte Konsum-Verkaufsstelle Elsenstraße 83 in Berlin-Treptow (Der Handel 1, 1951, 223)

Die neue Verkaufsmethode wurde in den Industriestädten Sachsens und Sachsen-Anhalts erstmals eingesetzt, nicht im vermeintlichen „Schaufenster“ der DDR, dem umkämpften Berlin. Doch auch dort etablierte sich im August 1951 die neue Form des Absatzes. In der Friedrichshainer Andreasstraße 44 eröffnete die Handelsorganisation ein erstes Lebensmittelgeschäft mit Selbstbedienung (Wohnhäuser aus Trümmerschutt, Neue Zeit 1951, Nr. 191 v. 19. August, 7). Die Presseberichterstattung verwies im üblichen überbordenden Stolz, dass man diese Methode in der DDR „schon eine ganze Weile“ kenne. Es handelte sich um einen kleinen Laden mit Seitenregalen, gruppiert um einen Mittelgang: „Da liegen sie, sauber, appetitlich und übersichtlich aufgebaut die Kekse mit Marmorfüllung in Zellophanbeuteln, Datteln, Bonbons, Konfekt, in langer Reihe Mehl, Hülsenfrüchte, Gries, Schnellgerichte in Büchsen, Oelsardinen, nein, es läßt sich nicht alles aufzählen. Nur einige Artikel, wie Kuchen, Brot, Brötchen, Käse und Wurst, sind noch von der Selbstbedienung ausgenommen. ‚Bitte, bedienen Sie sich selbst!‘ Nicht zu übersehen ist das große Schild, das Hausfrauen und kauflustige Junggesellen dazu auffordert, selbst in die Regale zu greifen. Auch die freundliche Verkäuferin nötigt immer wieder dazu, denn der Berliner, sonst keineswegs schüchtern, muß sich erst an diese Neuerung gewöhnen, die so völlig auf Vertrauen zur Kundschaft aufgebaut ist.“ Man spürt die Freude am Neuen, spürt zugleich den Wunsch nach Umsatzsteigerung und damit Planerfüllung („Bitte, bedienen Sie sich selbst!“, Neue Zeit 1951, Nr. 205 v. 9. September, 5). Und schon kam die Rede auf ein ähnliches, bald in Treptow geöffnetes Konsum-Geschäft, folgte die Aussicht auf weitere Selbstbedienungsgeschäfte der Handelsorganisation.

Auch abseits des damals als „Groß-Berlin, Demokratischer Sektor“ bezeichneten sowjetischen Sektors des unter Viermächtestatus stehenden Berlins ging der Ausbau der neuen Verkaufsmethode weiter. Die Konsumgenossenschaften schritten voran, die Handelsorganisation folgte, so im sächsischen Annaberg, im mecklenburgischen Güstrow oder im brandenburgischen Forst. Doch statt uns weiter an den kleinen Neuerungen zu erfreuen, sollten wir uns doch näher mit deren Entstehung befassen. In Chemnitz gab es eine lokale Initiative – und ein Regal war rasch gezimmert. Ähnlich war das in Forst, wo sich der einschlägige zehn Meter lange und 63 m² große Selbstbedienungsladen in der Stadtmitte befand. Dort hatten sich alle HO-Beschäftigten am Aufbau beteiligt, hatten also ohne Salär gearbeitet. Das war in der damaligen DDR recht üblich, wenngleich es sich vielfach nicht um völlig freiwillige Sonderschichten handelte. Die Investitionskosten für den neuen Laden lagen dadurch bei ganzen 30 DM. Eine Registerkasse war dafür nicht zu bekommen, doch man experimentierte. So etwa mit leicht im Raum stehenden Verkaufsregalen, die von hinten befüllt werden konnten – wie schon die Ratio-Läden der Edeka seit 1939 (Hert, 1951, 5). Dennoch berichtete die Presse hier, wie auch an anderen Orten, über deutliche Umsatzsteigerungen und Arbeitsplatzeinsparungen.

Und doch: Die erste Welle der Selbstbedienung in der DDR scheiterte spätestens 1952. Zum einen wurden die ambitionierten Ausbaupläne – in Leipzig allein etwa zehn Konsum-Geschäfte mit Selbstbedienungsecken – nicht in die Tat umgesetzt. Zum anderen fand die neue Verkaufsform nach kurzer Zeit nicht mehr genügend Resonanz. 1952 waren in Chemnitz von den sechs Konsum-Geschäften mit Selbstbedienungsecken nur noch drei übrig. Herbert Poller, Initiator dieser Neuerung, vermisste „Schwung und Begeisterung“ der Anfangsphase. Des vermeintlichen Zeitdruckes zum Trotz optierten die Käufer nach einer ersten Probephase wieder für die tradierte Bedienung. Hausfrauen frequentierten die Läden mehrfach täglich, auch um zu sehen, ob neue Ware eingetroffen sei. Warten war zeitraubend, erlaubte aber auch einen kleinen Schwatz. Parallel sperrte sich ab und an auch das Verkaufspersonal: „Die vornehmlich älteren Verkäuferinnen fürchteten, überflüssig zu werden und ihre Arbeit zu verlieren“ (Etwas über die Selbstbedienung und neue Arbeitsmethoden, Die Waage 1952, 246-247, hier 246). Ähnliche Widerstände wurden aus Dresden, Erfurt und Magdeburg berichtet (A. Marga, Wie steht es mit der Selbstbedienung?, Der Handel 2, 1952, 421). Aus der Berliner Andreasstraße hieß es prägnant: „Viele Käufer trauten sich nicht, die Ware selbst aus den Regalen zu entnehmen. Einige lachten bedrückt und verschämt, als sie dazu aufgefordert wurden, andere gewöhnten sich langsam daran“ (Wie hat sich die Selbstbedienung bewährt?, Berliner Zeitung 1953, Nr. 21 v. 25. Januar, 6). Selbstbedienung setzt Warenvertrauen voraus, doch dieses bestand in der damaligen DDR nur ansatzweise.

Für die Handelskader war all dies ein Steilpass, erschien ihnen die Einführung der Selbstbedienung doch weniger als technisches, denn als erzieherisches Problem: „Entscheidend ist, daß man die Kundschaft an das ‚Selbstbedienen‘ gewöhnt“ (Die Diskussion um die Selbstbedienung geht weiter, Die Waage 1952, 277). Doch derartige „demokratische Bewußtseinsbildung“, also etwa Einkauf unter der Prämisse gesamtwirtschaftlicher Rationalisierung, war offenkundig zu kurz gegriffen. Die Defizite waren auch strukturell bedingt, war das Sortiment doch zu klein, fehlten allüberall Tüten, Cellophan und ansprechende Verpackungen. Das Verkaufspersonal wies eine hohe Fluktuation auf, ständig müsste man „immer wieder von vorn anfangen“ – so nochmals der überzeugte Neuerer Herbert Poller (Etwas über die Selbstbedienung und neue Arbeitsmethoden, Die Waage 1952, 246-247, hier 247). Ebenso wichtig war, dass sich das Kleinklein der Einzelinitiativen schlicht nicht rechnete. Die anfangs hochschnellenden Umsätze pendelten sich rasch auf nur leicht überdurchschnittliche Werte ein, Verkaufskräfte konnten nicht eingespart werden. Die meisten der 1951 gegründeten Selbstbedienungsgeschäfte stellten ihren Betrieb spätestens 1952 wieder ein, auch wenn es keine Rückführung auf null gab.

Mangelversorgung und Reorganisation 1952-1955

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Ein Vergleich von 1948 und 1952: Propagandakarikatur zum Neujahrsfest (Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 1 v. 1. Januar, 8)

Hier gilt es den Blick neuerlich zu weiten: Zu dieser Zeit geriet die DDR in eine existenzgefährdende Versorgungskrise, die im Spiegel als drohende „Hungersnot“ beschrieben wurde (Schweinemord, Der Spiegel 1953, Nr. 2 v. 14. Januar, 12-13, hier 12). Karl Hamann (1903-1973), Minister für Handel und Versorgung und Co-Vorsitzender der Liberaldemokraten, wurde im Dezember 1952 verhaftet, und durch den linientreuen SED-Politiker Curt Wach (1906-1974) ersetzt. Hamann wurde in typisch stalinistischer Manier zur Last gelegt, die Alltagsversorgung sabotiert und „Schädlinge“ bzw. „kapitalistischen Elemente im Handel“ geduldet zu haben. Die sich eklatant verschlechternde Grundversorgung war allerdings unmittelbare Folge der im Juli 1952 beginnenden Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und der Gründung der ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Die Krise spitzte sich 1953 zu und mündete in den Volksaufstand vom 15. bis 17. Juni, obwohl mit dem Neuen Kurs die strikte Durchsetzung einer sozialistischen Entwicklungsdiktatur kurz zuvor gelockert worden war. Der Westen reagierte hierauf nicht, doch verdoppelte sich die Zahl der Übersiedler 1953 auf mehr als 330.000 Personen und der Berliner Senat verteilte mit Unterstützung der USA mehr als 5,5 Millionen Lebensmittelpakete an DDR-Bürger (Michael Lemke, Büchsenmilch als politische Waffe? Die westliche Lebensmittelaktion nach dem 17. Juni 1953 als innerdeutsche Systemkonkurrenz, in: Heiner Timmermann (Hg.), Agenda DDR-Forschung. Ergebnisse, Probleme, Kontroversen, Münster 2005, 133-157).

Die Systemkrise 1953 hatte schon zu Jahresbeginn zu konsumtiven Zugeständnissen geführt, von denen der Handel an sich hätte profitieren sollen. Im Januar fasste das Politbüro der SED dessen Aufgaben neu. Es gelte, „den Lebensstandard ständig zu heben und allen Werktätigen ein besseres und schöneres Leben zu schaffen.“ Pointiert hieß dies: „Mit der ideologischen Unterschätzung des Handels ist Schluß zu machen“ (Zu den Fragen von Handel und Versorgung, Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 22 v. 27. Januar, 3) – das hatte auch der Chemnitzer Herbert Poller bereits 1952 gefordert. Die Folge war eine Reorganisation von Handel und Versorgung: „Im Vordergrund müssen in Zukunft die individuellen Wünsche der Bevölkerung stehen“ (Kommuníqué des Ministerrats, Leipziger Volkszeitung 1953, Nr. 29 v. 4. Februar, 2).

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Kontinuität auf niedrigem Niveau: Selbstbedienung im HO-Geschäft Dimitroffstraße 33 (heute Danziger Straße) (Berliner Zeitung 1953, Nr. 21 v. 25. Januar, 6)

Ein neuer Start: Wissenstransfer und Modellgeschäfte 1956-1957

Dies bedeutete jedoch vorrangig mehr Waren zu teils niedrigeren Preisen – also eine gesicherte Grundversorgung. Es sollte allerdings bis 1958 dauern, ehe der private Verbrauch die Vorkriegswerte erreichen und dann auch überschreiten sollte. Während der Reorganisation der Institutionen war an einen Ausbau der Selbstbedienung nicht zu denken. Die Fachzeitschrift „Der Handel“ veröffentliche weder 1953 noch 1954 einschlägige Artikel; in der Presse wurde die Verkaufsmethode nur selten erwähnt (und dann mit Bezug zur Schutzmacht, so etwa Erleichtertes Einkaufen in Moskau, Neues Deutschland 1953, Nr. 248 v. 22. Oktober, 5). Dieser relative Bann endete 1955. „Der Handel“ brachte zuerst kleine Notizen über Selbstbedienung in der UdSSR, berichtete dann auch über SB-Läden in der Bundesrepublik. Die Rezeption erfolgte vorsichtig, da die Verkaufsmethode im Westen einzig der Profitmaximierung und der Entlassung von Beschäftigten dienen würde. Doch „unter sozialistischen Bedingungen“ (Hat die Selbstbedienung als Handelsform eine Zukunft?, Der Handel 5, 1955, Nr. 16, 18) seien die Vorarbeiten eine Diskussion wert. Im Mittelpunkt stand dabei vornehmlich der rasche Ausbau bei den westdeutschen Konsumgenossenschaften (Der Handel 5, 1955, Nr. 20, 17). In der DDR begannen nun jedenfalls vereinzelte Experimente, unter anderem im Konsum-Warenhaus Plauen (Der Handel 5, 1955, Nr. 17, 14).

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Anknüpfen an den Westen auf kleinem Niveau: Selbstbedienungsladen der Konsumgenossenschaft Stuttgart 1951 – reproduziert in der DDR-Fachzeitschrift „Der Handel“ 1956 (Der Verbraucher 5, 1951, 135)

Derartiges Vorpreschen wurde von den Handelsexperten jedoch nicht befürwortet. Ja, die betriebs- und versorgungswirtschaftlichen Vorteile der Selbstbedienung seien offenkundig, doch eine breitere Einführung erfordere mehr Sachkunde (J[ulius] Mader, Einkaufsbummel in einem Stuttgarter SB-Laden, Der Handel 6, 1956, Nr. 3, 8). Diese konnte einerseits aus einer genauen Analyse der Erfahrungen des Auslandes resultieren. Dabei blickte man durchaus auf das sozialistische Ausland. Wiederholt verwies man auf den Einzelhandel der Tschechoslowakei, wo nicht nur die Selbstbedienung schneller vorangekommen war (60 SB-Geschäfte Ende 1955), sondern auch der Automaten- und Schnellverkauf (Im Handel kommt ein erfreulicher Wandel, Neue Zeit 1956, Nr. 63 v. 14. März, 7). Doch auch dort kamen noch 90 Prozent aller Lebensmittel lose in den Handel, darunter auch Butter und Süßwaren. Hinweise auf die „in Polen vorhandenen und bei uns nur völlig ungenügend existierenden Selbstbedienung“ (Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1956, Nr. 189 v. 15. August, 5) unterstrichen aber den Handlungsbedarf im vermeintlich am weitesten entwickelten Staat des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Erwartungsgemäß wurden auch sowjetische Entwicklungen immer wieder thematisiert, wo insbesondere die großen Warenhäuser mit Selbstbedienungsabteilungen experimentierten (Neue Erfahrungen mit der Selbstbedienung, Der Handel 6, 1956, H. 6, 8-9).

Die Erfahrungen des kapitalistischen Westens wurden mit großem Interesse studiert, insbesondere die schwedischen Konsumgenossenschaften galten als Vorbild (Auch von der Selbstbedienung in Schweden können wir lernen, Der Handel 6, 1956, H. 9, 30). Stärker noch als für den Handel galt dies für die Gaststätten, die in der DDR größtenteils von der Handelsorganisation sowie den Konsumgenossenschaften betrieben wurden (Eine Lanze für die Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1956, Nr. 124 v. 31. Mai 1956, 6). Seit 1956 entstanden etwa „Schnellgastronome“. Der in Halle/S. war auf 2000 Personen ausgelegt, Verkaufsfächer ersetzten hier die Servicekräfte, senkten die Kosten für den Betrieb (Unliebsames Warten vorbei, Berliner Zeitung 1956, Nr. 108 v. 10. Mai, 2). Ideologisch sicherte man derartige Wissenstransfers damit ab, Techniken im Sozialismus zu neuen Höhen führen zu können: „Notwendig ist auch, die zahlreichen Erfahrungen des westlichen Auslandes anzuwenden, nachdem sie von dem Schlamm der kapitalistischen Handelsmanieren gereinigt sind“ (Jiri Aron, Die Selbstbedienung im tschechoslowakischen Handel, Der Handel 6, 1956, H. 12, 10-12, hier 12). Doch abseits derartiger ideologischer Aussagen versuchte man die internationalen Veränderungen einzufangen und für die eigenen Belange zu nutzen: „Es ist erstaunlich, wie schnell und erfolgreich sich in Europa rund um unsere Republik seit den letzten neun Jahren die Selbstbedienung im Lebensmitteleinzelhandel durchgesetzt hat“ (J[ulius] M[ader], Unsere internationale Rundschau: Für Sie in Selbstbedienungsläden geblickt, Der Handel 6, 1956, H. 16, 24-25, hier 24).

Westdeutsche Erfahrungen wurden wiederholt herangezogen, doch von einer einseitigen Fixierung auf den großen Bruder im Westen – die DDR-Bürger lagen 1958 bei ca. 60 % des privaten Verbrauchs (Steiner, 2004, 102) – kann nicht die Rede sein. Gleichwohl finden sich in der Fachliteratur Berichte über die für die westdeutsche Entwicklung wichtige Essener Lehrschau „Moderne Verkaufsstätte“ oder aber Informationen über die neuesten Trends im SB-Ladenbau (J[ulius] M[ader], Aus dem Ladenbau in Westdeutschland, Der Handel 6, 1956, H. 17, 8-9). Zudem waren Studienreisen nach West-Berlin bzw. der Bundesrepublik schon aus sprachlichen Gründen relativ einfach (Landsman, 2005, 187). Festzuhalten ist aber auch eine über ideologische Differenzen hinausgehende Interessenidentität der Handelsexperten. Als die Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels 1956 die Parole ausgab, „Das Ziel aller Rationalisierungsbestrebungen ist der Selbstbedienungsladen“ (W[erner] Prendel, Die Moderne Verkaufsstätte, Der Handel 6, 1956, H. 9, 11-12), traf dies die Gemütslage auch zahlreicher DDR-Repräsentanten.

Der Wissenstransfer mündete zweitens in eine kleine Zahl von Modellgeschäften, auf deren Erfahrungen dann ein allgemeiner Ausbau der Selbstbedienung gründen sollte. Die Federführung lag beim Ministerium für Handel und Versorgung, den Konsumgenossenschaften und der Handelsorganisation, doch weitere Ministerien leisteten Flankenschutz. Im Ministerium für Allgemeinen Maschinenbau wurde 1956 nicht nur an neuen Heiz- und Küchengeräten gearbeitet, sondern auch die Probleme des Einkaufs behandelt. Eine Arbeitsgruppe, natürlich, beschäftigte sich „mit der schrittweisen Einführung der Selbstbedienung, der besseren Verpackung und des Automatenverkaufs“ – wobei man wissend nachschob, dass dies zunächst nur „Zukunftsmusik“ (Ziel: Billige Küchengeräte von Weltniveau, Berliner Zeitung 1956, Nr. 172 v. 26. Juni, 5) sei.

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Der Reiz des Neuen: Grünes Neonlicht und neuartige Schaufenster im Hallenser SB-Laden (Der Handel 6, 1956, H. 13, 7)

Den ersten Schritt machten 1956 abermals die Konsumgenossenschaften. Abermals entstand ein Modellladen in einer industriell geprägten Großstadt. Das am 8. Juni 1956 in Halle/S. eröffnete und komplett neu gestaltete Selbstbedienungsgeschäft besaß 150 m² Verkaufsfläche, hatte ein Sortiment von fast 700 Artikeln und war von 8 bis 20 Uhr durchgehend geöffnet (J[ulius] Mader, Neue Konsum-Verkaufsstätte für eilige Kunden, Der Handel 6, 1956, H. 13, 6-7). Platziert in der im Stadtzentrum gelegenen Klement-Gottwald-Straße (heute Leipziger Straße), verband es englische, sowjetische, schwedische, finnische, vor allem aber hamburgische Erfahrungen mit der Versorgungsrealität der DDR. Einkauf schien hier leicht zu sein, auch Konsumfreude: „Durch einen geräumigen Eingang, der von dem Ausgang abgetrennt ist, betreten wir den durch Neonlicht taghell erleuchteten Laden. Ein freundliches junges Mädchen händigt uns einen Korb aus, den jeder Kunde erhält, auch wenn er nicht die Absicht hat, einzukaufen. Links und rechts liegen auf Regalen, sehr übersichtlich angeordnet, griffbereit die mit ihren Verkaufspreisen gekennzeichneten verpackten Waren. Gleichsam im Vorübergehen greift man zu, wie von selbst füllt sich der Korb“ (Wie von selbst füllt sich der Korb, Neue Zeit 1956, Nr. 175 v. 29. Juni, 5). Das sechzehnköpfige Planungskollektiv hatte zuvor durch Presseberichterstattung und Handzettel sichergestellt, dass die Käufer wussten, was sie erwarten konnten. Registrierkassen gab es noch nicht, wohl aber vier Addiermaschinen, die auch einen für die Rückvergütung wichtigen Beleg ausdruckten. Zwei Kühltruhen bargen Käse, Butter, Margarine und Feinfrostartikel, also Tiefkühlkost. Der Fortschritt gegenüber den Läden der frühen 1950er Jahre war offenkundig, dennoch aber handelte es sich bei dem neuen Laden um einen Kompromiss: Am Ende des Verkaufsraumes befanden sich zwei personalintensive Bedienungstheken, eine für bezugsscheinpflichte Waren, eine für Fleischprodukte. Insgesamt arbeiteten 20 Personen in zwei Schichten für die Versorgung der Werktätigen. Diese begrüßten die neue Verkaufsstelle, forderten aber zugleich mehr: Einerseits Schnellverkauf tafelfertiger Gerichte, anderseits mehr Auswahl. Die Fachdiskussion konzentrierte sich auf eher technische Details, so die auf den Verpackungen fehlenden Verkaufspreise, aber auch die für einen modernen Verkaufsraum erforderlichen Verkaufsmöbel aus Leichtmetall, Glas und Kunststoff. Weitere Tests waren jedenfalls geplant: In Halle etwa ein nach westdeutschen Vorbildern einzurichtender Tempoladen sowie Selbstbedienungsinseln für Industriewaren in einem Kaufhaus.

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Blick in die Konsum-Selbstbedienungsverkaufsstelle in Halle/S. (Der Handel 6, 1956, H. 13, 7)

Doch das war in der Tat noch Zukunftsmusik, Vorrang hatte die Versorgung mit Lebensmitteln. Das galt auch für Ost-Berlin, eine bisher in den tradierten Formen des Verkaufens verharrende und mit Hauptstadtanspruch versehene Teilmetropole. Selbst in der so prestigeträchtigen Stalinallee – heute Karl-Marx-Allee – gab es 1956 keinen SB-Laden. Lediglich ein HO-Kaufhaus offerierte Teil-Selbstbedienung in seiner Herrenausstattungsabteilung (Kein Hosenbein ist mehr zu lang, Neues Deutschland 1956, Nr. 130 v. 1. Juni, 3). Das sollte sich ändern und der neu geplante Wohnkomplex Friedrichshain bot dazu eine gute Gelegenheit. Der Chefarchitekt des Magistrats, Hermann Henselmann (1905-1995), integrierte einen großen Selbstbedienungsladen als Versorgungszentrum der zentrumsnahen Hochhaussiedlung (Gedanken zu einem Entwurf, Neues Deutschland 1956, Ausg. v. 24. März, 11). Der am 15. Dezember eröffnete Konsum-Selbstbedienungsladen entstand aber an der Ecke Stalinallee und Fruchtstraße (heute Straße der Pariser Kommune). Das entsprach nicht den ursprünglichen Planungen, auch die Sozialeinrichtungen des Wohnkomplexes wurden zurückgestellt. Der neue Laden war kein Neubau, sondern eine fünf Wochen lang umgebaute Verkaufsstelle. Er war mit dem Hallenser SB-Laden vergleichbar, war mit drei Kassen aber etwas größer ausgelegt (Selbstbedienung auch beim Konsum, Neues Deutschland 1956, Nr. 299 v. 16. Dezember, 6). Während der Weihnachtsfeiertage besuchten ihn täglich 1800 Käufer.

Neue Maßstäbe setzte in Ost-Berlin jedoch die Handelsorganisation, deren Flagschiffladen bereits kurz vor dem kleineren Modelladen der Konsumgenossenschaften an der sogenannten Paradestrecke von Wandlitz nach den Partei- und Regierungsinstitutionen in der Weißenseer Klement-Gottwald-Allee 100 eröffnete worden war (für weitere Abbildungen s. Maritta Adam-Tkalec, Berlin in historischen Aufnahmen. Der erste Selbstbedienungsladen der DDR, Berliner Zeitung 2018, Ausg. v. 5. April, auch wenn die Aussage des Untertitels irreführend ist). Schon im September 1956 drangen erste Details über den neuen Selbstbedienungsladen an die Öffentlichkeit. Bis zur Enteignung war das Ladenlokal von einem zur Karstadtgruppe gehörenden Einheitspreisgeschäft genutzt worden, nun war ein kleines Einkaufsparadies mit sieben Kassen geplant. Die Preise lagen immer noch höher als im Konsum, doch dafür sollte das Angebot umfassend sein. Auch in der Klement-Gottwald-Allee waren jedoch noch Bedienungstheken integriert (Mit kleinem Wagen von Regal zu Regal, Neue Zeit 1956, Nr. 21 v. 9. September, 8). Kurz vor Weihnachten war es dann soweit: Neueröffnung! Schon lange zuvor Kundenauflauf. Türen auf, Blumenstrauß an die erste Kundin. Drinnen alles so wie in Halle, doch größer, viel größer. Hier konnte wahrlich mit dem Auge gekauft werden. Die hier neben den üblichen Körben verfügbaren Einkaufswagen konnten nun genutzt werden: „Das Warensortiment dieser Verkaufsstelle ist so umfangreich, wie wohl kaum in einem anderen Geschäft Berlins. Denn angefangen vom frischen Fleisch über Geflügel, Nährmitteln, Backwaren, Kaffee, den man gleich mahlen kann, den verschiedensten Sorten von Weinen – auch halbe Flaschen werden angeboten –, bis zu Rauchwaren erhält man einfach alles. […] Was hier demonstriert wird, ist wahre Verkaufskultur“ (Hier bedient sich jeder selbst, Neue Zeit 1956, Nr. 292 v. 14. Dezember, 6). Sogar Südfrüchte gab es am 13. Dezember, dem Eröffnungstag. 6000 Kunden wurden während des Feiertagstrubels täglich gezählt (Einkaufen im Vorübergehen, Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6).

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Eine neues Raumerlebnis: HO-Selbstbedienungsladen in Berlin-Weißensee (Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6)

Kurz nach der Eröffnung der beiden Berliner Modellläden wurde ein vorläufiges Resümee gezogen. Die Warenversorgung funktionierte, der Kundenzuspruch beider Läden pendelte sich bei täglich 4000 Käufen ein. Diebstähle gab es nur wenige, auch dank zahlreicher Spiegel. Die Kühltechnik arbeitete zufriedenstellend, ebenso die Kassen. Reserven waren jedoch nicht vorhanden, so dass Unsicherheit blieb. Schwerwiegender war, dass die anvisierten Rationalisierungseffekte nicht erzielt wurden. Die vom Kommunalen Großhandel gelieferten Verpackungen hatten keine Bilder und Beschriftungen, Verzögerungen und Rückfragen waren die Folge. Die Verkaufsarbeit konzentrierte sich auf das Kassieren und die Neuverpackung der meisten Waren. Im SB-Konsum Stalinstraße mussten von 80.000 angelieferten Warenposten 70.000 nochmals bearbeitet werden (Einkaufen im Vorübergehen, Neues Deutschland 1957, Nr. 12 v. 13. Januar, 6). In einem launigen Artikel über die „Verpackungsmaterialkrankheit“ im Konsum Friedrichshain wurden die Finger in die Wunden gelegt: „Es ist verständlich, daß es noch geraume Zeit dauern wird, ehe sämtliche Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Verpackung beseitigt werden können. Es geht ja nicht nur um Rohstoffbeschaffung, sondern auch um Normung des Verpackungsmaterials und Entwickeln neuartiger Behälter, um gründliche Abstimmung zwischen Produktion und Handel darüber, wer was und inwieweit verpackt, es geht um die Produktion neuer Abpack- und Schließmaschinen. Doch jetzt ist es höchste Zeit, wenigstens bestimmte, schon jahrelang vorhandene Unzulänglichkeiten schnellstens zu beheben, so das Fehlen von Tüten mit Papiereinlagen, von Säcken und Behältern aus festerem Material“ (Verpackungskrankheit, Berliner Zeitung 1957, Nr. 34 v. 9. Februar, 5). Selbst Cellophan, gängiges Verpackungsmaterial seit den späten 1920er Jahren, war nicht in ausreichender Menge zu erhalten. Anspruch und Wirklichkeit, zukunftsgewandte Verheißungen und die Realitäten einer Mangelgesellschaft trafen hart aufeinander. Parallel zerfiel schon die Leuchtreklame in der Stalinallee. Von den 114 Neonlichtern waren fast die Hälfte ganz oder teilweise ausgefallen (Zwischen ‚obelhaus‘, ‚sum‘ und ‚aren‘, Neue Zeit 1957, Nr. 105 v. 7. Mai, 8). Derartige Informationen wurden nun jedoch gesammelt und in Planungsszenarien integriert. Die noch rudimentären Daten über Absatz, Sortimente und Umsätze boten die Möglichkeit für einen Aufbau von Selbstbedienungssortimenten auf breiter Front.

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Bauarbeiten am Kaufhaus Fix 1957 (l.) und Weihnachtswerbung 1958 (Berliner Zeitung 1957, Nr. 242 v. 16. Oktober, 8; Neue Zeit 1958, Nr. 286 v. 7. Dezember, 6)

Dabei war der Lebensmittelsektor noch relativ überschaubar, verglichen zumindest mit dem weiten Feld der Industriewaren, der später so genannten tausend kleinen Dinge. Um dieses näher zu erkunden wurde schließlich als vierter Modellladen am 5. November 1957 das Konsum-Kaufhaus Fix für Industriewaren in der Schönhauser Allee, Ecke Milastraße im Bezirk Prenzlauer Berg eröffnet. Über die Presse wurden die Pläne frühzeitig veröffentlicht, die Bauarbeiten an der 40 Meter langen und von 13 Schaufenstern geprägten Front weckten Neugier. Auf 300 m² Verkaufsfläche wurden „Erzeugnisse der Haushaltschemie, Toiletteartikel, Bestecke, Haushaltsgeräte, Kunststoffartikel, Glas- und Porzellanwaren, Holz- und Bürstenwaren sowie Gummiartikel“ per Selbstbedienung, zudem „Kurzwaren, Kleintextilien, Parfümerieartikeln, Bijouteriewaren und Uhren“ im Tempoverkauf angeboten (Selbstbedienung auch bei Industriewaren, Berliner Zeitung 1957, Nr. 248 v. 23. Oktober, 7). Angepriesen als eine „bisher einmalige Einrichtung in Deutschland“ (Fix ins Kaufhaus „Fix“, Neues Deutschland 1957, Nr. 252 v. 24. Oktober, 6), nahm man gar für sich in Anspruch mit dem Kaufhaus Fix den Selbstbedienungspionier Schweden zu übertreffen. Weltniveau in Ost-Berlin: Höhere Rentabilität, weniger Verkaufskräfte (im Betrieb arbeiteten nur 22 Personen) sowie schnellerer Einkauf, das waren die rationalen Gründe für den neuen Modellladen, der die bisherigen Erfahrungen mit vielen Selbstbedienungsecken und -abteilungen in der DDR vorgab zu berücksichtigen (Fix zu ‚Fix‘, Berliner Zeitung 1957, Nr. 259 v. 5. November, 5). Die Geschäftsöffnung folgte den gängigen Formen, flotte Musik und pullernde Heizungen luden ein. Rasch danach eine erste Evaluation, abermals eine geringe Zahl von Diebstählen, vor allem aber Akzeptanz des neuen SB-Ladens bei Käufern und Verkäuferinnen: „Die neue Art des Verkaufens war ungewohnt und erfuhr bei so mancher Kollegin Skepsis, sogar Abneigung. Aber heute hat sich schon fast alles eingespielt, und jeder steht seinen Mann“ – auch die Frau… (Gisela, Wie geht es mit Kaufhaus „Fix“, Neues Deutschland 1957, Nr. 291 v. 10. Dezember, 6).

12_Der Handel_06_1956_H14_p24_DDR_Einzelhandel_Selbstbedienung_Neustrelitz_Käufer-Verkäufer_Verkaufsstätte

Kontinuität lokaler Initiativen: Konsum-Selbstbedienungsladen im mecklenburgischen Neustrelitz (Der Handel 6, 1956, H. 14, 24)

Die vier Musterläden in Halle/S. sowie Ost-Berlin standen im Mittelpunkt der öffentlichen und insbesondere der fachlichen Diskussion über die allgemeine Einführung der Selbstbedienung in der DDR. Doch diese Leuchtturmprojekte waren umkränzt von zahlreichen weiteren lokalen Initiativen vornehmlich lokaler Konsumgenossenschaften. Regelmäßig verwies man dabei stolz auf die geringen Anschaffungskosten. In Neustrelitz lackierte man dazu in Eigeninitiative eine alte Ladeneinrichtung um, renovierte den Verkaufsraum und fertig war ein neuer 64 m² großer Selbstbedienungsladen. Dies zählte, mochten auch Addiermaschinen fehlen und das Sortiment mangels Vorverpackung beschränkt sein (In Neustrelitz setzte sich das Selbstbedienungssystem durch, Der Handel 6, 1956, H. 14, 24-25). Auch in Sachsen nahm die Zahl der SB-Geschäfte wieder rasch zu (Selbstbedienung, Neues Deutschland 1956, Nr. 234 v. 30. September, 3), und die Konsumgenossenschaften verpflichteten sich 1957 in allen vierzehn DDR-Bezirken zumindest einen SB-Laden für Industriewaren einzurichten (Selbstbedienung im Vordergrund, Berliner Zeitung 1957, Nr. 10 v. 12. Januar, 5).

Auf dem Weg in die sorgende Diktatur 1957-1958

Die Musterläden fügen sich in den Rahmen der allgemeinen Entwicklung der DDR. Die Versorgungslage hatte sich stabilisiert, die Wirtschaft wuchs nicht allein in den weiterhin im Vordergrund stehenden Grundstoff- und Investitionsgüterindustrien. Die Politik versprach neuerlich deutliche Verbesserungen des Lebensstandards, der 1956 begonnene zweite Fünfjahresplan sollte diese ermöglichen. All das hörte sich an wie die übliche Zukunftsmusik, zumal erst im Frühjahr 1957 klarere Vorgaben für den Handel erlassen wurden. Mit dem sogenannten Bunaprogramm konzentrierte man sich auf „Maßnahmen zur Entlastung der werktätigen Frauen“. Das flankierende Elfpunkteprogramm des Ministeriums für Handel und Versorgung nannte die Schaffung neuer Selbstbedienungsläden an erster Stelle (Mehr Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1957, Nr. 90 v. 15. April, 2). Zugleich wurde die Umsetzung jedoch dezentralisiert und auf Großbetriebe konzentriert. Ladenneubauten sollten zwar gleich als SB-Geschäfte geplant werden, doch die weiterhin eng bemessenen Investitionsmittel sollten zudem Schnellverkauf und Verkaufsautomaten fördern, längere Öffnungszeiten und vorverarbeitete Lebensmittel erlauben, Tiefkühltruhen und Lieferdienste unterstützen, nicht zu vergessen verbesserte Gastronomieangebote (Handel soll arbeitenden Frauen helfen, Berliner Zeitung 1957, Nr. 112 v. 16. Mai, 5). Das war ein bunter Strauß an sich sinnvoller Maßnahmen, der allerdings nur teilweise umsetzbar war, da sie das wirtschaftliche Potenzial der DDR massiv überschätzten. Der Fünfjahresplan musste 1959 abgebrochen werden, wurde dann jedoch durch einen Siebenjahresplan ersetzt, der kaum minder irreale Zielsetzungen verfolgte. Die Fixierung der politischen Führung auf den westdeutschen Konkurrenten ließ zugleich die nicht unbeträchtlichen ökonomischen Erfolge der DDR schrumpfen. Relative Rückständigkeit wurde zum Marker und Makel Ostdeutschlands. Die immer neuen Parolen des Ein- und Überholens erschienen phrasenhaft, zumal als die durchaus ambitionierten Wirtschaftsreformen an den Grundstrukturen einer sozialistischen Planwirtschaft scheiterten.

Die Handelstätigkeit wurde in dieser Zeit moralisch weiter aufgeladen, sollte der sozialistische Handel doch – so das Präsidium des Nationalrates Anfang Mai 1957 – „die Überlegenheit des sozialistischen Systems über dem kapitalistischen System zum Ausdruck bringen“ (Staatsmacht im Dienst des Volkes, Berliner Zeitung 1957, Nr. 106 v. 8. Mai, 6). Viel wurde angekündigt, doch nur weniges umgesetzt. Ein neues „erstes“ HO-Fleischwaren-Selbstbedienungsgeschäft am Bahnhof Friedrichstraße feierte zwar schon Anfang September 1957 Richtfest, konnte jedoch aufgrund von Lieferschwierigkeiten erst Anfang März 1958 eröffnet werden (Schnitzel aus der Kühlvitrine, Berliner Zeitung 1957, Nr. 205 v. 4. September, 8; Neue Selbstbedienungsläden, Neue Zeit 1958, Nr. 51 v. 1. März, 6). Ende 1958 wurde dann kritisiert, dass die Ware nicht ausreiche und vor Verkaufsschluss mehrfach ausverkauft sei (Gute Vorsätze bringen gute Umsätze, Berliner Zeitung 1958, Nr. 304 v. 31. Dezember, 6). So sah das gute Leben nicht aus. Das Bunaprogramm entpuppte sich als „nur ein Beschluß unter vielen“ (Eberhard Russek, Was erwartet die werktätige Frau vom Handel?, Neues Deutschland 1958, Nr. 34 v. 8. Februar, 12), auch wenn die Selbstbedienung Fortschritte gemacht hatte. Im Bezirk Halle/S. gab es derweil 18 SB-Läden, im Bezirk Karl-Marx-Stadt 11. Von einer Verbesserung der Einkaufssituation, vor allem einer Reduktion der langen Wartezeiten, konnte dennoch kaum die Rede sein (über die Erfahrung des Wartens vgl. K. Lehmann, Einkauf leicht gemacht, Neues Deutschland 1957, Nr. 245 v. 16. Oktober, 6).

Die Selbstbedienung gewann 1957 an Bedeutung, von einem Durchbruch konnte aber noch nicht die Rede sein. Dieser sollte erst 1958 und vor allem 1959 erfolgen. Zentral war dabei das Ende der Rationierung am 29. Mai 1958 (Gesetz über die Abschaffung der Lebensmittelkarten vom 28. Mai 1958, Handelswoche 3, 1958, Nr. 23, 4). Sie war trotz damit einhergehender Preiserhöhungen eine Morgengabe für den im Juli stattfindenden 5. Parteitag der SED. Dort wurde festgestellt, dass die Grundlagen des Sozialismus im Wesentlichen geschaffen worden seien und man nun „die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR gegenüber der Herrschaft der imperialistischen Kräfte im Bonner Staat“ auch dadurch unterstreichen sollte, dass „der Pro-Kopf-Verbrauch unserer werktätigen Bevölkerung mit allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgüter den Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft“ (Walter Ulbricht, Unsere ökonomische Hauptaufgabe, in: Ders., Über die Dialektik unseres sozialistischen Aufbaus, Berlin (O) 1959, 93-96, hier 94). Der Parteitag beschloss, „Schluß zu machen mit allen Überresten des nur ‚Verteilens‘ von Waren: Es gilt, auf neue Art Handel zu treiben, d. h. die Warenproduktion mit den Bedürfnissen der Werktätigen in Übereinstimmung zu bringen und den kürzesten Warenweg zu benutzen, die Waren kulturvoll anzubieten und schnell zu verkaufen. […] Der weiteren Entwicklung des sozialistischen Sektors ist dadurch Rechnung zu tragen, daß die Einführung solcher Methoden, wie die Selbstbedienung, der Schnellverkauf, der Versandhandel für die Landbevölkerung und der ambulante Landhandel, der Ausbau und die Spezialisierung der Verkaufskapazitäten in Stadt und Land planmäßig vorangeht“ (Neues Deutschland 1958, Nr. 170 v. 18. Juli, 6). Das lag auf der Linie des Bunaprogramms, doch die neue Form höchster Dringlichkeit trug Früchte. Der Binnenhandel erhielt höhere Investitionsmittel, die nun etwas mehr als 4 % der Gesamtinvestitionen ausmachten (Karl C. Thalheim, Die wirtschaftliche Entwicklung der beiden Staaten in Deutschland, 3. überarb. und erw. Aufl., Opladen 1988, 109). Diese konnten genutzt werden, da man 1958 auf eine breite Palette von Erfahrungen und Vorarbeiten zurückgreifen, die zuvor nicht zur Verfügung standen. Damit gelang in den folgenden zwei Jahren der quantitative Durchbruch der Selbstbedienung in der DDR.

Der quantitative Durchbruch der Selbstbedienung 1958-1960

Die Konsumgenossenschaften blieben Hauptpropagandisten und Hauptträger einer umfassenden Modernisierung des Verkaufsstellennetzes, nicht zuletzt, um die dominierenden Kleinstläden zu erneuern und den Absatz damit wirtschaftlicher gestalten zu können. Sie forderten ein Ende des Kleinklein bei der Selbstbedienung: “Eine Anzahl repräsentativer Verkaufsstellen wurde projektiert und eingerichtet, doch der Aufwand dafür steht in keinem Verhältnis zum eigentlichen Nutzeffekt“ (Böttner und Thiel, Neue Wege im Ladenbau, Handelswoche 1958, Nr. 41 v. 8. Oktober, 10). Der Verband Deutscher Konsumgenossenschaften handelte entsprechend, schuf Rahmenbedingungen für Veränderungen in der Breite. Im März 1957 wurde die Abteilung „Technik des Handels“ gegründet, um alle mit dem Ladenbau zusammenhängenden Fragen anzugehen. Im Mittelpunkt standen dabei standardisierte Selbstbedienungsmöbel. Erste Entwürfe wurden 1957 vorgestellt, anschließend hunderte Ladeneinrichtungen „im konsumeigenen Möbelwerk Arendsee und außerhalb des Plans im Konsum-Holzverarbeitungswerk Eberswalde“ (Andreas Ludwig (Hg.), KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR, Köln/Weimar/Wien 2006, 31) produziert.

13_Handelswoche_03_1958_Nr47_p07_DDR_Selbstbedienung_Konsumgenossenschaften_Verkaufsmöbel_Standardisierung

„Formschön und zweckmäßig“: Beispiele standardisierter SB-Möbel der DDR-Konsumgenossenschaften (Handelswoche 3, 1958, Nr. 47, 7)

1958 begann dann die Serienproduktion von etwa 80 Verkaufsmöbeltypen. Grundprinzipien industrieller Massenproduktion sollten helfen, Massenkonsum rasch und kostengünstig zu ermöglichen: „Vorteile liegen insbesondere in der Festlegung und Anwendung eines einheitlichen Maßsystems, in der vielseitigen Anwendungsmöglichkeit der Standards für die Masse der Verkaufsstellen, in der serienmäßigen, industriellen Produktion dieser Möbel und nicht zuletzt niedrigeren Fertigungskosten. Mit den Standardmöbel ist auch die bisherige Form der individuellen Projektierung und Einrichtung von Verkaufsstellen sowie der damit verbundene Zeit-, Arbeitskraft- und Kostenaufwand überholt“ (Böttner und Thiel, Neue Wege im Ladenbau, Handelswoche 1958, Nr. 41 v. 8. Oktober, 10). Die immer noch große Zahl der Verkaufsmöbel sollte helfen, einer „Uniformierung“ der Läden entgegenzuwirken (Böttner und Thiel, Formschön und zweckmäßig, Handelswoche 1958, Nr. 47 v. 19. November, 7). Sie sollten aber nicht nur den sehr heterogenen Ladenstrukturen der Konsumgenossenschaften entsprechen, sondern auch Vorarbeiten für eine sozialistische Konsumgesellschaft leisten, die den so unterschiedlichen Bedürfnissen der sozialistischen Persönlichkeiten entsprechend sollte. Überschätzen darf man die Auswirkungen der Standardisierung aber nicht: Von den 1958 neu eröffneten 1652 Läden – nicht nur mit Selbstbedienung – der Konsumgenossenschaften, waren lediglich 466 mit standardisierten Möbeln ausgestattet (Ludwig (Hg.), 2006, 33). Für Veränderungen blieben lokale Initiativen unabdingbar.

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Neue Registerkassen als Grundlage für die quantitative Ausweitung: Anzeige 1958 (Handelswoche 3, 1958, Nr. 49, 11)

Die Konsumgenossenschaften gingen ebenfalls das Kernproblem der Registrierkassen an. Der VEB Secura bot jedoch erst 1958 ein verlässliches Modell an, 1800 Geräte konnten im selben Jahr eingesetzt werden. Zuvor versuchte man aus der Not eine Tugend zu machen, indem man Addiermaschinen aus der Buchhaltung für den Verkaufseinsatz umrüstete (Angaben n. Ludwig (Hg.), 2006, 32-33). Trotz beträchtlicher Erfolge wurde die Abteilung „Technik des Handels“ im Rahmen der allgemeinen Umstrukturierung der Wirtschaftsverwaltung allerdings aufgelöst und in das Staatliche Versorgungskontor für Handelsausrüstungen überführt. Dies sollte die Breitenwirkung seiner Arbeit unterstützen.

Die Vorarbeiten der Konsumgenossenschaften, aber auch die Erfahrungen mit den vier Musterläden, mündeten dann in politisch unterstützte regionale Initiativen, unter denen die Berlininitiative herausragte. Ost-Berlin war damals trotz der drei Musterläden eine Selbstbedienungsdiaspora. Im Januar 1958 plante der Magistrat die Errichtung von 38 SB-Läden bis 1960 (Landsman, 2005, 187), doch diese Zahlen wurden rasch gesteigert. Anfang März lagen die Planungen bei 20 weiteren Läden schon im Jahre 1958 (Neue Selbstbedienungsläden, Neue Zeit 1958, Nr. 51 v. 1. März, 6). Der 5. Parteitag der SED und die neuen Perspektivpläne des Siebenjahresplanes führten dann in ganz andere Dimensionen. Am 31.12.1958 gab es in Ost-Berlin 27 Selbstbedienungsläden, 1959 sollte deren Zahl auf 95 steigen. Dann aber legten die Konsumgenossenschaften los und begannen „mit wenigen Mitteln Verkaufsstellen in allen Größen in Selbstbedienung umzubauen“ (Dieter Schindler, Berlin holt auf!, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 160-162, hier 160). Bis zur Leipziger Binnenhandelskonferenz Ende Juli 1959, auf der die Handelskader sich auf die neuen wirtschaftlichen Aufgaben einschworen, waren in Berlin dann 460 SB-Verkaufsstellen eingerichtet worden, 40 % davon kleiner als 50 m² (Ebd., 160).

Selbstbedienung stand in Ost-Berlin für Handelsrationalisierung – und diese war angesichts der Planvorgaben unausweichlich, sollte der Warenumsatz bis 1965 um die anvisierten etwa 50 % gesteigert werden. Das war mit den tradierten Bedienungsgeschäften nicht zu schaffen, zumal die DDR auch zu dieser Zeit jährlich mehr als 100.000 Personen an den Westen verlor und an zusätzliche Verkaufskräfte nicht zu denken war. Die Konsumgenossenschaft Berlin setzte sich in ihren Perspektivplänen daher ambitionierte Ziele: „Bis zum 10. Jahrestag unserer Republik, dem 7. Oktober 1959, werden von den 1300 Konsum-Verkaufsstellen 226 auf Selbstbedienung und Teilselbstbedienung umgestellt. Bis 1961 erhöht sich diese Zahl auf 600“ (Konsum-Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 86 v. 14. April, 5). Die Zahlen umfassten allerdings sehr unterschiedliche Verkaufsmethoden, nämlich Selbstbedienung, Teilselbstbedienung und Schnellverkauf. Klar war aber: „Selbstbedienung wird in den kommenden Jahren groß geschrieben“ (600 Konsum-Selbstbedienungsläden, Berliner Zeitung 1959, Nr. 92 v. 21. April, 5). Und die Pläne waren gar noch größer: „Alle Konsumverkaufsstellen werden bis Ende 1961 renoviert und planmäßig mit Kühlmöbeln, Registrierkassen, Schnellwaagen und anderen modernen Handelsausrüstungen versehen“ (Berliner Konsum hat viel vor, Neues Deutschland 1959, Nr. 108 v. 20. April, 2). Diese Zahlen ließen auch die Konkurrenz nicht unbeeindruckt, auch HO und der unterkapitalisierte private Handel zogen nach und mit (Private Selbstbedienungsläden?, Neue Zeit 1959, Nr. 115 v. 21. Mai, 6). Bis zum Jahrestag der Republik sollten in Berlin 735 SB-Läden bestehen, vorrangig Lebensmittelläden, doch auch zahlreiche Industriewarengeschäfte und Gaststätten. Angesichts solcher Perspektiven war sie wieder da, die Utopie eines besseren Lebens: „Die Zeit der Schimpfkanonaden und berechtigten Kritik am Berliner Handel ist bald vorüber. Wie gehen erfreulichen Zeiten entgegen. Wir werden in den Gaststätten billiger essen, weit mehr Selbstbedienungsgeschäfte antreffen, ja, künftig werden sogar Milch und Schrippen ihren Weg bis zu unserer Haus- und Korridortür finden“ (Frischer Wind im Handel, Neue Zeit 1959, Nr. 98 v. 28. April, 6). Die Planziffern würden zwar nicht erreicht werden, doch der Einkauf rascher erfolgen, die Preise sich vielleicht etwas verringern, das Warenangebot steigen. Utopien dienten dazu, die Bevölkerung in Schach zu halten.

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Neuer SB-Laden in Stalinstadt 1959 (Bundesarchiv, Bild 183-61967-0008, CC-BY-SA 3.0)

Dieses rasche Wachstum galt der politischen Führung als Bestätigung ihrer Politik. Die Investitionsmittel wurden zwar auf die industriellen Zentren und Prestigeprojekte, wie Leuna, Schwarze Pumpe, das Erölkombinat Schwedt oder Stalinstadt konzentriert, doch offenbar gelang der „Sprung nach vorn“ (Curt-Heinz Merkel, Bessere Lösung der Versorgungsaufgaben hilft maximalen Zeitgewinn sichern, in: Durch sozialistische Gemeinschaftsarbeit im Handel zur mustergültigen Versorgung der Bevölkerung, hg. v. ZK der SED, Berlin (O) 1959, 45-70, hier 63) in der gesamten DDR. Ende 1959 gab es stolze 7168 Geschäfte mit Voll- und 5781 mit Teilselbstbedienung. Konsumgenossenschaften und HO dominierten klar. Deren 6959 Geschäfte mit Vollselbstbedienung lassen sich weiter aufgliedern: Mit 5292 Läden dominierte der Lebensmittelsektor, gefolgt vom Industriewaren- (810) und Gemischtwarenverkauf (700). Hinzuzuzählen waren 157 SB-Gaststätten (Hans Schlenk, Der Binnenhandel in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Berlin 1960, 81). Fast zwei Drittel dieser Geschäfte waren Teil der Konsumgenossenschaften.

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Anteil der HO- und Konsum-Selbstbedienungsgeschäfte am gesamten Lebensmittelhandel in den Bezirken der DDR 1960 (Handelswoche 6, 1961, Nr. 26, 10)

Das Wachstum ging weiter, schwächte sich 1960 aber deutlich ab – eine Folge der wirtschaftlichen Krise der DDR, die unter anderem aus der forcierten Zwangskollektivierung, einer disproportionalen Branchenentwicklung, verschärfter politischer Repression, weiter ansteigenden Flüchtlingszahlen und der temporären Kündigung des Interzonenhandelsabkommes durch die Bundesrepublik resultierte. All dies mündete im Mauerbau, politisch desaströs, wirtschaftlich aber unausweichlich. Ende 1960 gab es bei Konsumgenossenschaften und HO 13.070 Selbstbedienungsläden (8776 für Lebensmittel, 2026 für Industriewaren, 1900 für Gemischtwaren und 358 Gaststätten). 18,5 % des HO- und Konsum-Umsatzes wurden im IV. Quartal 1960 per Selbstbedienung erzielt, bei Lebensmitteln betrug deren Anteil gar 28,2 % (Selbstbedienung setzt sich durch, Handelswoche 6, 1961, Nr. 26 v. 29. Juni, 10; Landsman, 2005, 278 nennt für Ende 1961 12.1912 SB-Geschäfte). Ost-Berlin hatte seinen Rückstand mehr als wettgemacht, besaß seither relativ mehr SB-Geschäfte als die 14 DDR-Bezirke. Die Selbstbedienung war 1960 in der DDR fest etabliert, der Ausbau setzte sich in den 1960er Jahren, wenngleich relativ moderat, weiter fort.

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DDR-Bürgerin beim Einkauf 1959 (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 1)

Die Einführung der Selbstbedienung in der DDR war ein Kraftakt. Sie veränderte das Einkaufen, sie eröffnete einen Freiheitsraum. Der Käufer war nicht länger der relativen Willkür der Verkäufer und Händler ausgesetzt, er hatte direkten Kontakt zur Ware, konnte wählen: „Ein erhabenes Gefühl, allen Waren allein gegenüberzustehen. Ich verweile vor dem Ständer mit Marmeladen und betrachte sie mir wie ein Gemälde. Ich lese die Etikette, studieren die Preise, nehme ein Glas heraus, stelle es wieder zurück, greife zum nächsten… In jedem anderen Laden hätten der Verkäufer und die hinter mir anstehenden Personen längst mit Marmelade nach mir geschmissen.“ Nach fast zwei Jahrzehnten Rationierung kann man es kaum ermessen, das „herrliche Gefühl, bloß zugreifen zu brauchen, um sich in den Besitz einer Ware zu bringen“ (Zitate aus Kundendienst bei Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 32 v. 7. Februar, 8).

Entsprechend hat insbesondere die Kulturanthropologin Ina Merkel auf die emotional begründete Faszination der Selbstbedienung hingewiesen: „Große Schaufenster, durch die man in das Innere blicken konnte, kräftige Beleuchtung und Neonschriften – die Selbstbedienungsgeschäfte traten als beleuchtete Glaspaläste in Erscheinung und vermittelten einen Hauch von Moderne und von Welt. […] Aus dem Funktionswandel des Einkaufs folgte eine völlig neue Ästhetik, und sie war das eigentlich Bezaubernde. […] Die Verkaufsräume beeindruckten selbst nach geringfügigen Umbauten durch ihre Großzügigkeit und Offenheit. Das Licht war auf die Waren konzentriert. Das Ganze wirkte wie eine große Warenausstellung. Durch die Innenausstattung mit Drahtkörben, Stahlrohrgestellen und plasteverkleideten Regalen kamen moderne Materialien zum Einsatz. Selbst die nach heutigen Begriffen kleinen Einkaufskörbe und die ersten Einkaufswagen entzückten die Konsumenten durch ihren Neuigkeitswert. Für einige wenige Jahre war die Ästhetik der Öffentlichkeit der des privaten Raumes um einiges voraus“ (Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR, Köln/Weimar/Wien 1999, 207).

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Modell eines standardisierten Konsum-SB-Ladens (Handelswoche 3, 1958, Nr. 41, 10)

Diese Faszination bestand. Doch sie dominierte nicht. Die Einführung der Selbstbedienung in der DDR war nicht allein Resultat länger zurückreichender ökonomischer Notwendigkeiten, sondern sie diente vielfach einem Notwendigkeitskonsum. In Magdeburg war beispielsweise das 1958 gegründete „Tempo-Eck“ die erfolgreichste SB-Verkaufsstelle. Direkt am Hauptbahnhof gelegen, war es Tag und Nacht geöffnet, richtete sich an Reisende, vor allem aber an die Eisenbahner und Werktätigen. Hier konnte man auch Brötchen, Milch, Kakao und Butter ordern, allesamt nötig, um einen harten Arbeitsalltag einfacher organisieren zu können (Vorbildliche Selbstbedienung, Berliner Zeitung 1959, Nr. 41 v. 18. Februar, 5). Faszination konnte von Selbstbedienungsgeschäften ausgehen, doch sie bewirkten wohl eher Erleichterung; Erleichterung darüber, dass nach langen Debatten endlich auch der tägliche Einkauf etwas leichter wurde, dass ein Stück der täglichen Entmündigung abgetragen wurde. Um das damit aufgeworfene Problem besser abschätzen zu können, gilt es abschließend einen genaueren Blick auf die 1959 bis 1960 neu entstandenen Einkaufsstätten zu werfen. Sie wiesen, abgesehen von wenigen Modelläden, deutliche qualitative Defizite auf.

Tonnenideologie oder Ausweitung mit qualitativen Defiziten

Ja, in den späten 1950er Jahre begann der „Siegeszug der Selbstbedienungsverkaufsstätten“ (Gerd Dietrich, Kulturgeschichte der DDR, Göttingen 2018, 1136) auch in der DDR. Vor Ort aber war die Begeisterung oft flau, erinnerte an die rasch abebbende Resonanz 1951/52. Als 1958 im sächsischen Annaberg-Buchholz ein erster HO-Selbstbedienungsladen nach einem Umbau eröffnet wurde, war das Ergebnis ernüchternd: „Anfangs war ein guter Käuferstrom vorhanden, doch in der letzten Zeit flaute dies ab“ (Annamaria Becker, Selbstbedienung ohne Zuspruch?, Neues Deutschland 1959, Nr. 92 v. 4. April, 10). War es die relative Kälte des auf den Wahl- und Kaufakt reduzierten Einkaufs? War es das fehlende Schwätzchen in der Warteschlange? War es der fehlende Kontakt zur Verkäuferin, notwendig auch für begehrte Bückware? Oder aber Widerstand gegen den Zwang zur Mitarbeit, gegen die Ersetzung von Verkäufer- durch Kundenarbeit? Die offizielle Antwort war mangelhaft entwickeltes gesellschaftliches Bewusstsein der Kunden, resultierend aus ungenügender Käufererziehung. Im brandenburgischen Neuglobsow konnte der HO-Verkaufsstellenleiter Otto Schulze durch Hilfe und gutes Zureden vielen alten Frauen die Angst nehmen, den neuen SB-Laden zu betreten (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 77). Das Notwendige musste nur vermittelt werden, dann würde es schon funktionieren.

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Standardpläne für neu einzurichtende Industriewaren-Selbstbedienungsläden (Handelswoche 3, 1958, Nr. 37, 9)

Die durchaus bestehende Zurückhaltung der Käufer war auch eine Folge der geringen Faszination, die von den meisten SB-Läden ausging. Gewiss, es handelte sich an sich um einen neuen Typ des Verkaufs/Einkaufs, für den an sich nicht nur eine neue Absatzkette, neue Verkaufsmöbel, neu gestaltete Waren, sondern nicht zuletzt neue Läden erforderlich waren (Werner Prendel und Bruno Wilms, Selbstbedienungsläden Lebensmittel, Berlin (O) 1958; Julius Mader, Die Selbstbedienung im Lebensmittel-Einzelhandel, Berlin (O) 1960). Neue Läden aber blieben in der DDR eine Ausnahme. In ihrer großen Mehrzahl handelte es sich bei den „neuen“ Geschäften um simple Umbauten mit geringen Investitionen. Dies war Folge des relativen und absoluten Rückstandes der DDR nicht nur gegenüber westlichen, sondern auch gegenüber östlichen Staaten. 1958/59 war dieser „Tempoverlust“ ein auch öffentliches Ärgernis, entsprechend massiv musste das Aufholen sein: „Wir können uns, um rasch zu Ergebnissen zu kommen, dabei nicht nur auf den Bau von neuen und die vollständige Neueinrichtung der vorhandenen Verkaufsstellen orientieren. Es müssen nicht pompöse Verkaufspaläste sein. Es kommt vielmehr darauf an, auch die vielen kleineren Verkaufsstellen, in denen die Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs versorgt wird, auf Selbstbedienung umzustellen“ (Oesterliches Intermezzo um lange Wartezeiten, Neue Zeit 1959, Nr. 24 v. 28. März, 6). Es ging, anders ausgedrückt, nicht um den Aufbau einer großen Zahl ansprechender SB-Läden, sondern nur um den Aufbau einer großen Zahl. Es ging um Tonnenideologie auch auf dem Felde des Konsums.

Auf der Leipziger Handelskonferenz machte der neue SED-Minister für Handel und Versorgung, Curt-Heinz Merkel (1919-2000) – Curt Wach war just aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten, er selbst war ein geläutertes NSDAP-Mitglied – nochmals klar, dass man keineswegs Ladenlokale von mindestens 80 m² und Investitionsmittel von mindestens 100.000 DM benötige, um zur Tat zu schreiten: „Die Praxis hat bewiesen, daß die Einführung der Selbstbedienung auch in Verkaufsstellen unter 40 m² und vor allem mit verhältnismäßig wenig finanziellen Mitteln möglich ist“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 63). Dieter Schindler, Vorstandsvorsitzender der Konsumgenossenschaft Berlin-Mitte, machte es noch praktischer: „Es gibt Farbe, Pinsel, Glas und Holz der vorhandenen Einrichtungen, und wir haben die Initiative der Werktätigen. Alles in richtigem Verhältnis eingesetzt, ergibt gutaussehende Selbstbedienungsverkaufsstellen“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 161). Primitiv sollten sie nicht, teuer aber durften sie nicht werden. Selbstbedienung konnte in der Tat einfach sein, orientierte man sich etwa an einem belobigten Konsum-Verkaufsstellenleiter im Kreise Halberstadt: „Er erhielt für das Lager drei Regale geliefert. Kollege Wilms aber meinte, daß diese Regale im Laden besser aufgehoben sind; denn es gehört ja soviel Ware in den Laden wie möglich. Er nahm geringfügige Aenderungen an den Regalen vor, und heute werden die haushaltschemischen Artikel und andere Waren des täglichen Bedarfs in Selbstbedienung verkauft.“ Auch im Kreise Zittau wurden vorhandene Regale verändert und neu angeordnet – und schon konnten die Konsum-Mitglieder sich selbst bedienen (Oesterliches Intermezzo um lange Wartezeiten, Neue Zeit 1959, Nr. 24 v. 28. März, 6). So einfach ging man nicht überall vor. Im Kreise Pirna erforderte der erste SB-Laden Investitionen von 50.000 DM. Doch dank der Schöpferkraft der Werktätigen lagen die Kosten der folgenden 29 Läden nur noch zwischen 2000 und 3000 DM (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 278).

Derartig niedrige Investitionen waren nur möglich durch sogenannte Selbstverpflichtungen. Handelsmitarbeiter und Konsummitglieder leisteten freiwillige Arbeit, bauten Läden um, schufen Verkaufsmöbel. Das war für Konsum und HO nützlich, denn so konnten Mittel und Sachleistungen des Nationalen Aufbauwerkes genutzt werden. Die Zusatzarbeit konnte wiederum als „Aufbaustunden“ geltend gemacht werden, die den Freiwilligen beispielsweise Vorteile bei der Wohnungsvergabe verschaffte (Leidig (Hg.), 2006, 31). 1960 erreichten die ehrenamtlichen Leistungen bei den Konsumgenossenschaften stattliche 9,1 Mio. DM (Wolfgang Heinrichs, Ökonomik des Binnenhandels in der DDR, 2. stark überarb. und erw. Aufl., Berlin (O) 1962, 142). Selbstverständlich wurde offiziell vor der Vorstellung gewarnt, „daß ein weggeräumter Ladentisch, ein paar Einkaufskörbe, ein Warenträger oder Farbe, die nicht zur Ware paßt, schon Selbstbedienung“ sei (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 161 (Schindler)). Doch der massive Anstieg der SB-Geschäfte von 1958 bis 1960 basierte vorrangig auf preiswerten und rasch zu bewerkstelligenden Umbauten. Nur so konnten 1959 im brandenburgischen Kreis Elsterwerda gleich 40 SB-Läden entstehen, und bewiesen werden, „daß auch auf kleinstem Raum und in jedem Dorfe die Einführung der Selbstbedienungsmethode möglich ist“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 269 (Hubert May)).

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Kompromisse als Grundlage der quantitativen Ausweitung: Gemischte Bedienungssysteme in Berlin-Friedrichshain (Handelswoche 3, 1958, Nr. 50, 10)

Ladenlokale und auch Verkaufsmöbel waren entscheidend für das quantitative Wachstum der Selbstbedienung in der DDR. Doch damit war das Verkaufssystem eben nicht vollständig implementiert: „Die Frage der Addiermaschinen, der Kassen und der Selbstbedienungskörbe muß endlich gelöst werden, damit der Schwung, in dem sich der Handel zur Zeit befindet, nicht aufgehalten wird“ (Gemeinschaftsarbeit, 1959, 135 (Jutta Kretzschmar)). Der Schwung erlahmte, das leidige Verpackungsproblem blieb. Erst 1966 legte die Verordnung über die Planung, Leitung und Organisation des Verpackungswesens fest, dass Produktionsbetriebe ihre Waren verkaufsgerecht zu verpacken hatten. Hinzu kam, dass auch die verpackte Ware vielfach nur rudimentär informierte und nicht verkaufsfördernd ausgestaltet war (Werner Jurich und Eberhard Wieland, Unser Lebensmittelverbrauch, T. II – Entwicklung im Sortiment, Berlin (O) 1965, 16). Das hatte immense betriebswirtschaftliche Folgen: 1962 mussten beispielsweise 18,4 % der Arbeitszeit der Verkaufskräfte in den Konsumgenossenschaften für Abpacken und Preisauszeichnung aufgewendet werden (Hans Schlenk, Der Binnenhandel der DDR, Köln 1970, 83).

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Dauerbrenner der Kritik: Karikaturen 1968 (Handelswoche 13, 1968, Nr. 21, 5)

Die Konsequenz von geringen, im Regelfall unzureichenden Investitionen in das Verkaufssystem Selbstbedienung war, dass einerseits Einkaufen mit vielen Problemen verbunden blieb, dass anderseits aber dessen Rationalisierungspotenzial auch nicht annähernd ausgeschöpft werden konnte. Einkaufen war auch in SB-Läden zeitaufwändig, da die flächendeckende Einführung von modernen Secura-Registrierkassen und selbst von Schnellwagen immer wieder auf Hindernisse stieß. Verpackungsdefizite und andauernde Probleme mit der Kühlkette führten zu beträchtlichen Warenverlusten. Zwar konnte die Zahl der Verkaufsstellen von 1962 bis 1971 um ein Drittel reduziert werden, doch die Zahl der Beschäftigten blieb bis zum Ende der DDR relativ konstant. Noch 1974 hatten 70 % aller Verkaufsstellen – ein Großteil davon SB-Geschäfte – eine Verkaufsfläche von unter 50 m², 40 % waren gar kleiner als 25 m² (Handbuch DDR-Wirtschaft, hg. v. Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Reinbek bei Hamburg 1977, 182). Fasst man all diese Punkte zusammen, so zeigt sich, dass die DDR, trotz, ja auch wegen der raschen Einführung der Selbstbedienung 1958 bis 1960 ein Land mit einem immens kostenträchtigen Einzelhandel blieb, der viele Versorgungsaufgaben nur unzureichend erfüllte und der keine sozialistische Alternative zum westlichen Konsummodell hat entwickeln können.

Uwe Spiekermann, 28. September 2019

Von der Kunstbutter zur Margarine – Eine Exkursion zu den Anfängen der Speisefettproduktion 1860-1890

„Margarine“ ist eine Sprachschöpfung des deutschen Reichstages. Das 1886 vorgelegte Gesetz „betreffend den Verkehr mit Ersatzmitteln für Butter“ sollte gemäß Regierungsvorlage lediglich Ordnung in den chaotischen Markt mit der neuartigen „Kunstbutter“ bringen. Doch für die Mehrheit der Parlamentarier war das nicht ausreichend. Sie wollte die Veränderungen im Fettsektor auch sprachlich einhegen und damit bändigen. Der fremde, wissenschaftlich hergeleitete Begriff „Margarine“ dient seit dem Erlass des ersten „Margarinegesetzes“ 1887 als Dachbegriff für eine stetig wachsende Zahl von Fettzubereitungen, die nicht Talg, vor allem aber nicht Butter waren. „Reine“, „gute“ Butter, versteht sich.

Margarine wurde eine Erfolgsgeschichte, global, aber auch in Deutschland: Die Produktion stieg von ca. 15.000 t 1887 über 100.000 t 1900 auf 210.000 t 1913 (W[alther] G. Hoffmann, 100 Years of the Margarine Industry, in: J[ohannes] H[ermanns] van (Hg.), Margarine. An Economic, Social and Scientific History 1869-1969, Liverpool 1969, 9-36, hier 22). Der Aufschwung während der Weimarer Zeit war noch spektakulärer, später konnte gar der Konsum von Butter übertroffen werden. Auch wenn die heutigen Konsumdaten weit unter dem Spitzenwert von 1970 liegen (8,9 kg pro Kopf und Jahr versus heutzutage ca. 4 kg), so war doch klar, dass die Margarine gefeiert werden musste, als sich am 15. Juli der Tag des Patentantrages des französischen Chemikers Hippolyte Mège-Mouriès (1817-1880) zum 150sten Male jährte. Medien sekundierten (Erinnerung im Deutschlandfunk) – und ich war selbst Teil der erinnernden Gratulantenschar.

Derartige „runde“ Gedenktage konzentrieren sich auf simplifizierte Kernthemen, also den heroischen Erfinder, die Durchsetzung der Erfindung, den Kampf zwischen Butter und Margarine und die vielfältigen Wandlungen der „Margarine“. Die „Story“ scheint klar: Vor 150 Jahren entstand demnach ein wissenschaftliches, ein menschengemachtes neues Nahrungsmittel, das billiges Fett für Ärmere erschwinglich machte, das sich dank seiner Wandlungsfähigkeit gegen die harte und vielfach unfaire Konkurrenz der Butterproduzenten hat durchsetzen können. All das ist richtig – doch die Geschichte der Margarine ist natürlich weit komplexer.

Leisten wir uns deshalb ein wenig Abstand. Gewiss, „Margarine ist Armeleutebutter!“  (W[ilhelm] Fahrion, Die Fabrikation der Margarine, des Glycerins und Stearins, Berlin/Leipzig 1920, 5). Gewiss, Margarine war Fortschritt. Zumindest aus unserer heutigen Sicht. Doch vor 150 Jahren sah die Welt anders aus. Die harten Debatten um die Kunstbutter waren auch ein Signet für das Ende des bäuerlichen Universums, jener transnationalen, vornationalen und vorindustriellen Welt, deren Zernierungsprozess schon im späten 18. Jahrhundert einsetzte und sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker beschleunigte (Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften, 7. Aufl., Berlin (West) 1979, 44-48). Margarine stand nicht nur für sich, sondern zugleich für neue Ordnungsregime, für eine grundlegende Veränderung der westlichen Welt, in der es nun nicht mehr um die unbedingt notwendigen Güter ging, sondern um neue Angebote, um konsumtive Landnahmen. Dazu musste neue wissenschaftliche Nahrung nicht nur erfunden, sondern durchgesetzt, integriert und reguliert werden.

Blickt man auf die Fachliteratur, so thematisiert sie kursorisch den Moment der Erfindung der Margarine, konzentriert sich dann jedoch voranging auf die Entwicklungen nach der Benennung der „Margarine“. Präsentiert wird die Karriere eines industriell hergestellten Massengutes, das als Markenartikel dank Preiswürdigkeit, strikter Hygiene und ansprechender Reklame neue Käufer gewann, das aber zunehmend staatlich und auch gesellschaftlich reguliert wurde (vgl. etwa Birgit Pelzer und Reinhold Reith, Margarine. Die Geschichte der Kunstbutter, Berlin 2001). Im Folgenden werde ich stattdessen früher, bei den fehlenden zwei Jahrzehnten ansetzen, um die Bedeutung der „Margarine“ angemessener zu verstehen: Wie war die Versorgungssituation vor der Einführung der Kunstbutter? Wie und warum setzte sich die Kunstbutter durch? Welche Probleme rief das neue Produkt hervor? Wie und warum wurde aus der Kunstbutter die „Margarine“? Finden wir hierauf Antworten, so können wir den relativen Furor der Debatten über „Margarine“ besser verstehen und sie zugleich als einen konsumtiven Marker des Endes des bäuerlichen Universums einordnen.

Fette und Ersatzfette vor der „Margarine Mouriès“

Der neue Begriff „Margarine“ rief 1887 breite und kontroverse Debatten hervor. Zwanzig Jahre zuvor wäre er dagegen gänzlich unverständlich gewesen. „Margarin“ war bekannt, jedoch aus anderen Zusammenhängen. So etwa der frühen, vornehmlich von französischen Chemikern geprägten Fettchemie (vgl. Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 51-52). Eugéne Chevreul (1786-1889) isolierte in den 1810er Jahren erste Fettsäuren, darunter auch die „acide margarique“ (M[ichel] Eugéne] Chevreul, Recherches chimiques sur les Corps d’Origine Animale, Paris 1823, 59-65). Die Eindeutschung „Margarine“ folgte unmittelbar, konnte sich aber nicht behaupten (Morgenblatt für die gebildeten Stände 1814, Nr. 105 v. 3. Mai, 420; Leipziger Literatur-Zeitung 1816, Nr. 82 v. 2. April, Sp. 650). Chemiker sprachen stattdessen von der Margarinsäure beziehungsweise Margarin.

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Werbung für Margarin-Kerzen in München 1838 (Münchener Politische Zeitung 1838, Nr. 253 v. 24. Oktober, 1560)

Die Fettchemie hatte praktische Folgen. Seit den 1820er Jahren konnte man etwa in Frankreich, dann auch darüber hinaus, Margarin-Kerzen kaufen (Nicolas Clément‐Désormes, Ueber Beleuchtung, Dinglers Polytechnisches Journal 32, 1829, 104-111, hier 110). Sie wurden erst während der Jahrhundertmitte von preiswerteren Sorten verdrängt. Zum Speisefett aber mutierte „Margarine“ in der Tat erst durch das neue Verfahren von Mège-Mouriès. Er nannte sein Produkt 1869 „beurre economique“, vermarktet wurde es dann seit 1872, vielleicht auch schon früher, als „Margarine Mouriès“.

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Vorstellung der Margarine Mouriès 1874 (Le Voleur 1874, Nr. 907 v. 20. November, 746)

Während aber das Produkt seit den frühen 1870er Jahren vermehrt Absatz fand, konnte sich der Begriff Margarine im Markt anfangs nicht durchsetzen. Zu stark wirkte das Referenzprodukt, die Butter, ein aus Milchrahm hergestelltes Speisefett. Margarine war ein Ersatzprodukt, ein preiswertes Buttersubstitut. Dies spiegelte die Produktbezeichnung, denn „Margarine“ entstand als Kunst-, als Sparbutter – und diese Begriffe deckten zugleich ein weit über die französische „Margarine Mouriès“ hinausreichendes Gütersortiment ab.

Der Fettkonsum der 1860er Jahre unterschied sich tiefgreifend von dem unserer Zeit. Pflanzliche Fette waren, mit Ausnahme des Rapsöls, selten und teuer, zumal sie vielfach auch gewerblich genutzt wurden (zum Hanföl vgl. Spiekermann, Das Verschwinden des Hanfs). Fett stammte zumeist aus tierischen Nahrungsquellen. Es dominierte die fast durchweg aus Kuhmilch hergestellte Butter. Spätere Berechnungen des Statistischen Reichsamtes schätzten den jährlichen Prokopfkonsum 1860 auf etwa 5 kg, 1880 und 1900 auf je 6 kg. Das war ungefähr das heutige Konsumniveau (2018 ca. 5,8 kg). Tierische Fette besaßen dagegen einen deutlich höheren Stellenwert. Die entsprechenden Konsumdaten für Talg lagen bei 3,5, 2 und einem Kilogramm (Werner Schüttauf, Die Margarine in Deutschland und in der Welt, 4. verb. u. erw. Aufl., s.l. 1962, Tab. 33). Dieser rasche Rückgang wurde anfangs jedoch nicht durch einen höheren Konsum von pflanzlichen Fetten kompensiert, stattdessen gewann Schweineschmalz an Bedeutung, knapp die Hälfte davon Importware (2, 3,5 und 5 kg/Kopf und Jahr). Der Import von Ölsaaten stieg erst in den 1890er Jahren deutlich an, diente zuvor auch vielfach als Tierfutter. Und der „Margarine“-Konsum lag 1880 lediglich bei 0,2 kg pro Kopf, erreichte 1890 dann ein, 1900 schließlich zwei Kilogramm. Der Veränderungen im Konsum tierischer Fette resultierten dabei nicht aus fehlender Nachfrage, sondern waren Resultat grundlegender Veränderungen im Angebot. Die Mechanisierung der Landwirtschaft setzte erst langsam ein, Kühe und Ochsen waren um die Jahrhundertmitte vornehmlich Arbeitstiere. Sie wurden meist mehr als zehn, teils fünfzehn Jahre alt; und erst dann setzten sie wirklich Fett an. Dies veränderte sich mit der wachsenden Bedeutung der Fleischmast einerseits, der Milch- und Butterwirtschaft anderseits. Sie führten zu einer deutlich niedrigeren Lebensdauer der Nutztiere – und parallel stieg die Bedeutung von Butter und Schweineschmalz einerseits, Pflanzenölen anderseits. Die veränderte Nutzung der Tiere im Deutschen Reich wurde vorrangig durch Importe kompensiert.

Vor dem Hintergrund einer immer rascher zunehmenden Bevölkerung, der wachsenden Kaufkraft bürgerlicher Konsumenten sowie neuer von Marktversorgung abhängiger gewerblicher Arbeiter kam es in den 1850er und 1860er Jahren zu deutlichen Preissteigerungen bei allen Fettarten. Dies betraf Butter in besonderem Maße und führte zu einer beträchtlichen Marktspreizung: Während erstklassige frische Butter „mehr und mehr Luxusartikel“ (Wilhelm Fleischmann, Das Molkereiwesen, Braunschweig 1875, 671) wurde, führte die wachsende Nachfrage gerade in den Städten zu überdurchschnittlichen Preissteigerungen geringerer Qualitäten. Butter war damals keineswegs das standardisierte, wohlgekühlte Produkt, das wir heute kaufen. Die in Kübeln und Fässern transportierte Butter war vielmehr eine äußerst heterogene Ware, die teils durch Hausierer, teils auf Wochenmärkten, zunehmend aber in nun massenhaft entstehenden Verkaufsläden abgesetzt wurde. Die noch geringe Zahl der Molkereigenossenschaften bewirkte zwar Qualitätsverbesserungen, doch der Einsatz mechanischer Milchzentrifugen und wirksamer Kühleinrichtungen mit Natureis erfolgte erst in den späten 1870er Jahren (Helmut Ottenjann und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels, Cloppenburg 1996). Butter war damals ein hygienisch heikles Nahrungsmittel, dessen Geruch und Geschmack stark vom Produktions-, Transport- und Absatzumfeld abhingen und das rasch verdarb (H[einrich] Beckurts, Ueber die Prüfung der Butter auf ihre Verfälschungen, Correspondenz-Blatt des niederrheinischen Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege 8, 1879, 61-63, hier 61). Ranzige Fette waren nicht unüblich und die damalige Bewertung von Fetten kreiste immer wieder um deren Geruch.

Ein standardisiertes und preiswertes Buttersurrogat erschien demnach erstrebenswert: „Gelänge es, gute Kunstbutter aus anderen thierischen Fetten zu bereiten, so ließen sich die letzteren höher, als dies früher möglich war, verwerthen, es würden die Betrügereien im Butterhandel auf ein erheblich geringeres Maß zurückgeführt, es würde der Volksernährung ein nicht geringer Dienst erwiesen, ohne daß der rationellen Production von feiner Butter eine fühlbare Concurrenz erwüchse, ja es ließe sich vielleicht sogar ein Theil der Milch, welche seither der Butterfabrikation diente, zum Segen ganzer Länder als directes Nahrungsmittel wiedergewinnen“ (Fleischmann, 1875, 671). Entsprechende Bemühungen begannen spätestens in den 1810er Jahren, nach den ersten Fortschritten der Fettchemie. Dazu wurden nahezu alle verfügbaren Fette genutzt. In der Hauswirtschaft konzentrierte frau sich auf die Substitution der Butter beim Kochen und Braten, wobei Rinder- und Schweinefett, Speck, aber auch Raps-, Lein-, Oliven- und Palmöl genutzt wurden. „Gute“ Butter diente vorrangig als eine direkt konsumierte Speise, etwa als Brotbelag oder Brotaufstrich. Spätestens seit den 1840er Jahren, parallel zu den beträchtlichen Fortschritten der organischen Chemie, kamen zudem Fettgemische und sog. „Kunstprodukte“ auf, etwa Schmalzöl (aus Rinderfett und Rapsöl) oder Butteröl (aus Erdnussöl) (Johann Carl Leuchs, Kunstbutter, Oelschmalz, Schmalzöl und entwässerte Butter mit großem Gewinn sowohl in Haushaltungen als in Fabriken zu bereiten, 2. ganz umgearb. Ausg., Nürnberg 1877). Auch Schmalzbutter (aus Rindertalg, Schweineschmalz, Palm- und Rapsöl) fand Käufer (H[ermann] Weigmann, Die Kunstbutter, Landwirthschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe 40, 1883, 409-410, hier 409). Diese Fettmischungen besaßen teils nur lokale Bedeutung, auch wenn sie auf dem neuen universellen Wissen der Chemiker und auch Praktiker gründeten. Die seit den späten 1860er Jahren rasch wieder ansteigenden Fettimporte aus den USA, insbesondere von Rindertalg und Schweineschmalz, unterstreichen jedoch eindringlich, dass derartige Fettgemenge zugleich Bausteine der Zernierung bäuerlich-dörflicher und regionaler Produktions- und Konsumweisen waren. Die sich sozial rasch ausdifferenzierenden und vermehrt von Verstädterung und gewerblichem Aufschwung gekennzeichneten Gesellschaften Europas durchbrachen die strukturellen Grenzen der tradierten Bauernwirtschaft durch neues Wissen, einen wachsenden internationalen Güteraustausch und durch neue Techniken der Nahrungsmittelproduktion.

Zahlreiche Vorschläge und Verfahren für neuartige Kunstfette waren die Folge. Breite Beachtung in der Fachliteratur fand beispielsweise das 1846 gewährte Patent des Londoner Kerzenproduzenten und Erfinders William Palmer (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Giftmörder). Er behandelte Rinder-, Kälber- und Schaffett mit Lorbeerblättern, um so dessen Geschmack butternah zu machen (The Patent Journal and Inventors‘ Magazine 1, 1846, 367; Du Beurre artificiel, Bulletin Commercial 6, 1878, 117-120, hier 120). Dieses Verfahren setzte sich nicht durch, doch festzuhalten ist, dass die kreative Produktion von Kunstbutter schon vor der Erfindung der „Margarine“ auch großbetrieblich erfolgte. „Flämische Butter“ wurde beispielsweise in großen Mengen für den englischen Markt hergestellt: Sie bestand aus importiertem englischen Rindertalg, der mit vorbehandeltem Mehl zu einer Masse vermengt wurde, der dann 35 Prozent Wasser hinzugefügt wurden (Butter aus Ochsentalg, Industrie-Blätter 7, 1870, 31). Butter wurde dagegen noch großenteils in Bauernwirtschaften hergestellt, wenngleich Genossenschaftsmolkereien seit den 1860er Jahren rasch an Bedeutung gewannen. Sie zentralisierten die Butterproduktion, standen für die Prosperität und Wettbewerbsfähigkeit der immer stärker betriebenen, weil lukrativeren bäuerlichen Milchwirtschaft (zur früher einsetzenden Marktversorgung vgl. Uwe Spiekermann, Milchkleinhandel im Wandel. Eine Fallstudie zu München 1840-1913, Scripta Mercaturae 27, 1993, 91-145). Sie etablieren zugleich aber Produktionsstandards, die den betrieblichen Alltag verstärkt bestimmten und mittelfristig grundlegend veränderten.

Während der Handel mit Kunstbutter und Fettmischungen in den Hafenstädten Belgiens, der Niederlande und Großbritanniens bereits auch großbetrieblich betrieben wurde, blieb er in deutschen Landen auf kleinere Unternehmen begrenzt. Dies lag nicht nur am Fehlen eines nationalen Marktes, sondern auch an der vor der Reichsgründung teils noch nicht bestehenden Gewerbefreiheit. So bot der Münchener Seifensieder Elkan Feuchtwanger (1823-1902), Großvater des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1845-1947), spätestens seit 1865 eine „Schmalzbutter“ an, gefertigt aus Butter-, Schweineschmalz und Nierenfett (fehlerhaft und spekulativ hierzu Heike Specht, Die Feuchtwangers, Göttingen 2006, 51-52). In Nürnberg intervenierten daraufhin lokale Kaufleute und verlangten, den Namen in „Kunstbutter“ umzuändern. Der Magistrat erlaubte den Vertrieb des neuen Produktes, allerdings nur ohne Nennung des Begriffes „Butter“ (Nürnberger Anzeiger 1865, Nr. 312 v. 11. November, 2). In Augsburg wurde ihm der Verkauf durch den obersten Gerichtshof gar verboten, obwohl Feuchtwanger die Bestandteile seiner künstlichen Butter bewusst öffentlich ausgelobt hatte. Derartige Verbote geschahen damals nominell im Interesse des Publikums, „um dasselbe vor Uebervortheilung und Betrug zu sichern […], da auch leicht solche falsche Waare für ächte an irgend einem Platz feilgeboten werden könnte“ (Oeffentliche Sitzung des Stadtmagistrats am 11. September 1866, Augsburger Neueste Nachrichten 1866, Nr. 250 v. 12. September, 2988; zu den verschiedenen Prozessen s. Königlich Bayerisches Kreis-Amtsblatt der Pfalz 1866, Nr. 70 v. 7. September, Sp. 1268-1273). Es wurde durchaus abgewogen zwischen Konsumenten- und Gewerbeschutz einerseits, sozialen und unternehmerischen Interessen anderseits.

Dabei gingen die Gerichte meist von souveränen Konsumenten mit einschlägigen Marktkenntnissen aus. 1867 wurde in Bayern beispielsweise eine Kunstbutter erlaubt, obwohl sie ähnlich aussah wie Butterschmalz: „Sollte also auch die sogenannte Kunstbutter im Inlande in den Handel und insbesondere in den Kleinverkehr gelangen, was bisher nicht geschehen zu sein scheint, so besteht selbst, abgesehen von den öffentlichen Bekanntmachungen und dem Unterschiede des Preises, welche Umstände bald von dem neuen Producte reden machen und das Publikum belehren würden, insolange keine Gefahr für das Publikum, als bis es etwa den Fabrikanten gelingen würden, die Kunstbutter dergestalt zu verfertigen, daß deren Unterschied von dem Kuhbutterschmalze nicht sofort von Jedermann erkannt werden könnte“ (Die Fälschung von Nahrungsmitteln, hier die Fabrikation der sogenannten Kunstbutter betreffend, Königlich-bayerisches Kreis-Amtsblatt der Oberpfalz und von Regensburg 1867, Nr. 21 v. 9. März, Sp. 279-281, hier Sp. 280). Auch die vom Münchener Fabrikanten Heinrich Murr aus Rinder- und Schweinefett sowie Sesamöl hergestellte Kunstbutter entstand deutlich vor der „Margarine“ von Mège-Mouriès (Ingolstädter Tagblatt 1869, Nr. 176 v. 29. Juli, 716; Das Bayrische Vaterland 1869, Nr. 102 v. 30. Juli, 4). Vor diesem Hintergrund ist die später aufgestellte und von der Forschung grundsätzlich übernommene Aussage, dass alles, was vorher unter dem Namen Kunstbutter auf den Markt kam, „mehr oder weniger fragwürdig, nicht selten sogar widerwärtiger Natur“ (Paul Lohmann (Hg.), Lebensmittelpolizei, Leipzig 1894, 223) gewesen war, kaum zutreffend. Die strikte Gegenüberstellung von Margarine und Butter ist eine nachträgliche Simplifizierung der Marktsituation der 1860er bis 1880er Jahre, die nicht zuletzt dazu diente, eine Regulierung des Kunstbuttermarktes zu erreichen (Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg. – II. Sess. 1878, Bd. 4: Anlagen, 766-830, hier 785-786). In deutschen Landen sollte es Jahrzehnte dauern, bis sich „Margarine“ gegenüber den vielfältigen Kunstbutterarten durchsetzen konnte. Es handelte sich eben nicht nur um grundsätzlich substituierbare Waren. Der Fettwandel veränderte schließlich auch den Geschmack der Speisen. Tierische Fette und Ersatzprodukte wurden im Nachhinein immer wieder als streng riechend und grob schmeckend bewertet (Adolph Jolles, Ueber Margarin. Eine hygienische Studie, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 15-42, hier 16). Derartige Quellen spiegeln vorrangig einen generellen Geschmackswandel weg vom „Derben“, hin zum feineren Lebensmittel oder, allgemeiner, die Verschiebung von einer ländlich-lokalen zu einer städtisch-internationalen Alltagskost.

Die „Margarine Mouriès“ zwischen Mythos und Markt

Kommen wir nun zur „Margarine“. Angesichts der offenkundigen Bedeutung des neuen Nahrungsmittels sollte anzunehmen sein, dass zumindest deren Entstehungsgeschichte präzise nachzuzeichnen sei. Doch schon über Hippolyte Mège-Mouriès ist erstaunlich wenig bekannt. Er war Chemiker und Praktiker, aktiv in der Anwendung des neuen naturwissenschaftlichen Wissens. Schon in den 1850er Jahren produzierte er Gesundheitsschokoladen, fortifiziert mit Kalzium, Phosphat und Eiweiß. Seinen Zeitgenossen war er vornehmlich durch Arbeiten zu einer rationellen Brotproduktion bekannt (J[an] van Alphen, Hippolyte Mège Mouriès, in: Stuyvenberg (Hg.), 1969, 5-8). Mit der Fettchemie hatte sich der Schüler Chevreuls intensiv beschäftigt und produzierte seit 1862 auf eigene Rechnung Seife (Sur la fabrication du savon, par M. Mège Mouriès, Bulletin de la Société Chimique de Paris NS 2, 1864, 138). Anfang 1867 soll er dazu täglich 3000 Pfund Stearin und Oleo-Margarin verarbeitet haben (A new Method of Saponification, Scientific American 16, 1867, Nr. 9 fr. March 2, 134). Es liegt nahe, dass Mège-Mouriès damals nach lukrativeren Verwendungsmöglichkeiten zumal für das Speisefett Ausschau gehalten hat.

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Hippolyte Mège-Mouriès (Gallica, Agence Rol 99462)

Glaubt man jedoch den gängigen Geschichten, so hat 1866 resp. 1867 der französische Kaiser Napoleon III. entweder direkt oder aber anlässlich der Pariser Weltausstellung einen Preis für die Entwicklung eines butterähnlichen Fettes ausgeschrieben, einerseits für die Versorgung der französischen Marine, anderseits für die preiswerte Fettversorgung der ärmeren Bevölkerung. Mège-Mouriès gewann den Wettbewerb und durfte dann auf den königlichen Gütern in Vincennes, nahe Paris, weiter forschen. Zwei Jahre später, 1869, hatte er sein Verfahren optimiert und dann am 15. Juli 1869 das französische Patent beantragt, das am 2. Oktober 1869 gewährt wurde. Weitere Patente im Ausland folgten im gleichen Jahr. Mège-Mouriès begann daraufhin in Poissy, nahe Versailles, mit der Produktion seiner künstlichen Butter. Diese wurde ab 1870 auch in den Pariser Markthallen verkauft, wenngleich der Umsatz von Januar bis März lediglich 810 Francs betrug. Nach dem deutsch-französischen Krieg nahm er die Produktion wieder auf, doch zwischen Dezember 1871 und März 1872 blieben die Umsätze in den Hallen ähnlich niedrig (F. Bezancon, Rapport Général sur les Travaux du Conseil d’Hygiène publique et de Salubrité du Département de la Seine depuis 1872 jusqu’a 1877 inclusivement, Paris 1880/1881, 10). Mège Mouriès, der schon zuvor Patenterechte an niederländische, englische und US-amerikanische Investoren verkauft hatte, übertrug sein französisches Patent dann 1872 an die Société anonyme d’Alimentation, die anschließend die Produktion und den Export von „Margarin Mouriès“ in großem Stil aufnahm.

Schaut man genauer hin, so handelt es sich hierbei um eine Geschichte voller Leerstellen und Versatzstücke. Die zahllosen kurzen Hinweise auf die Margarineerfindung zeichnen sich einerseits durch gänzlichen Verzicht auf Quellen, zum anderen durch höchst phantasievolle Beimengungen und Alternativgeschichten aus. Meine Recherchen in den digitalisierten Beständen von Gallica, also der französischen Nationalbibliothek, ergaben jedenfalls keine Hinweise auf den ausgelobten Preis für die künstliche Butter. Auch die vermeintliche Forschungsförderung durch Kaiser resp. Regierung blieb höchst vage. Blickt man auf die Literatur, so wird deutlich, dass seit 150 Jahren immer neue und stetig leicht variierende Histörchen dargeboten werden. Wie gut, dass wenigstens über die Kunstbutter und ihre Produktion grundsätzlich valide Quellen vorliegen.

Wie nahezu alle Kunstbutterproduzenten ging auch Hippolyte Mège-Mouriès vom Wissen der damaligen Fettchemie aus. Tierisches Fett war demnach eine Emulsion aus verschiedenen Fettsäuren, die jeweils spezifische Charakteristika besaßen. Der Chemiker erweiterte dieses Strukturwissen um praktisches Erfahrungswissen: Demnach gaben Kühe trotz unzureichender Fütterung zumindest noch eine Zeitlang fetthaltige Milch. Daraus folgerte er, dass Milchfett nichts anderes als Körperfett der Tiere sei. Im Umkehrschluss hieß dies, dass Milchfett aus Tierfett gewonnen werden konnte (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], 9-11). Die Kernaufgabe war demnach, dem tierischen Talg resp. Unschlitt das seifig schmeckende Stearin zu entziehen, um möglichst reines Olein und Margarin zu erhalten. Diese konnten weiterverarbeitet und zu einem schmackhaften Kunstfett verdichtet werden. Aus heutiger Sicht ging Mège-Mouriès von falschen Annahmen aus. Margarinsäure als solche gibt es nicht, es handelt es sich vielmehr um ein Konglomerat verschiedener Fettsäuren. Ebenso entsteht das Milchfett nicht aus der Resorption des körpereigenen Fettes. Die Erfindung der Margarine steht damit in einer langen Reihe von wissenschaftlichen und technologischen Durchbruchserfolgen, die auf zielführenden Irrtümern beruhten. Liebigs Fleischextrakt oder aber die Vitamine sind andere Beispiele.

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Verwissenschaftlichung der Fettproduktion: Gewerbliche Verarbeitung von Rindertalg (Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 206)

Mège-Mouriès ging schon bei der Seifenproduktion vom Rohtalg aus, konzentrierte sich nun aber auf das sog. Nierenfett. Aus diesem extrahierte er mittels Pressung das Oleo-Margarin, reinigte es insbesondere von Stearin und Abfällen. Damit war das Ausgangsmaterial für die Kunstbutterproduktion gewonnen. Der zähflüssigen Fettmasse wurden Milch und kleingeschnittene Euter zugefügt, ebenso Wasser – und dann begann ein längerer Prozess der Vermengung (H[ippolyte] Mège, Darstellung künstlicher Butter, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 585; Ch[arles] Girard und J[acques] de Brevans, La Margarine et le Beurre artificiel, Paris 1889, 6-11). Dieser zweite Schritt war vielleicht noch wichtiger als die schon zuvor von anderen Praktikern erprobte Verwendung von Oleo-Margarin. Die Extraktion erhöhte die Haltbarkeit, verringerte zudem den eher seifigen Geschmack des Ausgangsmaterials. Doch erst durch die anfangs etwa zweistündige Mischung von Grundfett, Milch und Wasser erhielt man ein ansatzweise schmackhaftes und geschmeidiges Produkt ([Eugen] Sell, Ueber Kunstbutter. Ihre Herstellung, sanitäre Beurtheilung und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von Milchbutter, Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 481-528, hier 483).

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Die Materie zwingen: Fettverarbeitungsmaschinen Mitte der 1870er Jahre (Neueste Erfindungen und Erfahrungen 5, 1878, 9)

Obwohl die Grundprozesse von Beginn an mechanisiert waren, war die Kunstbutterproduktion anfänglich noch handwerklich organisiert. Das zumeist direkt von Schlachthöfen stammende Fett – ein wichtiger Grund für die Konzentration der frühen Firmen in größeren Städten – wurde durch per Hand in Schwung gesetzte Maschinen kleingehackt und zerquetscht. Die hier gezeigten frühen Beispiele konnten jedoch bereits an einen Transmissionsriemen angeschlossen und daher mittels Dampfkraft betrieben werden. Dies beschleunigte nicht nur die Produktion, sondern führte auch zu einer erhöhten Ausbeute der Schlachtfette.

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Fettpresse der Firma J.M. Lehmann, Löbtau-Dresden (C[arl] Deite, Die Industrie der Fette, Braunschweig 1878, 353)

Die Mechanisierung erfolgte rasch, da der Ertrag und die Qualität von Oleo-Margarin und Kunstbutter auch vom Krafteinsatz abhingen. Von Beginn an konnte so eine relativ einheitliche Ware hergestellt werden. Mège-Mouriès setzte sich damit deutlich von der vielgestaltigen Butter ab, auch wenn die Qualität des neuen Produktes von der Art und Qualität der Rohwaren sowie der Sorgfalt und Dauer der Vermengung abhing.

Das neue Produkt stand für einen klaren Bruch mit der kleinbetrieblichen bäuerlichen Butterproduktion. Kunstbutter basierte auf der Zufuhr von firmenfremder Rohware, stand also inmitten einerseits zentralisierender Schlachthöfe und anderseits weit ausgreifender Handelsnetze. Ihre gegenüber Butter größere Haltbarkeit erlaubte zugleich die Beschickung nicht nur lokaler, sondern auch regionaler, nationaler, gar internationaler Märkte. Die Kunstbutter verstärkte damit einen Trend, den leistungsfähigere Molkereigenossenschaften in Deutschland nach dem Erlass des Genossenschaftsgesetzes 1868 begonnen hatten: Die Versorgung urbaner Zentren nicht allein vom Umland, sondern vom Lande (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914, München 1999, 308-309).

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Fett vom Lande – hier Butterversand an Kleinhändler (Illustrirte Zeitung 60, 1873, 40)

Vorbild und Konkurrenz führten gleichermaßen zu einer wachsenden Kommerzialisierung des Landes und der bäuerlichen Wirtschaft. Das neue Produkt wurde zuerst in Paris, dann in den Niederlanden verkauft. Wie zuvor bei anderen Kunstfettprodukten gab es Bedenken über mögliche Gesundheitsschädigungen bzw. Täuschungen der Konsumenten. In Paris wurden diese 1872 offiziell ausgeräumt – doch die Geschichte der Kunstbutter blieb eine Geschichte der Rückfragen und der interessegeleiteten Unterstellungen (Beurre artificiel, L’Annèe Scientifique et Industrielle 16, 1872, 449-451). Wichtiger als derartige ohnehin nur lokal greifende Beschränkungen war, dass die reinen Produktionskosten für die „Margarine Mouriès“ nur etwa halb so hoch waren wie die erstklassiger Butter. Margarine war ein Preisbrecher. Zum anderen überzeugten der neutrale Geruch und der Geschmack: „Die Kunstbutter zergeht auf der Zunge rasch, wie echte Butter, läßt sich gut streichen, ist jedoch etwas härter als letztere“ (Fleischmann, 1875, 679). Beim Kochen und Backen war sie aufgrund des geringeren Wassergehaltes ergiebiger und zudem länger haltbar. Die frühe Margarine war ein gleichförmiges Produkt von wachsig, blassgelbem Aussehen (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 148). Durch Färbung konnte sie jedoch den Vorstellungen der Konsumenten von „richtiger“ Butter weiter angenähert werden. All das stimmte hoffnungsfroh: Der kreative Geist des Menschen schien ein neues Nahrungsmittel geschaffen zu haben, das auch den Ärmeren in den Städten ein auskömmliches Dasein sichern könnte. Der Markt würde nun dafür sorgen, dass die obskuren Buttersurrogate aus Großbritannien, den Niederlanden und den USA vom Markt verdrängt werden würden (F[riedrich] Strohmer, Kunst- und Naturbutter, Neue Freie Presse 1886, Nr. 7871 v. 26. Juli, 5). Nahrungsmittelchemiker und Pharmazeuten waren sich jedenfalls Mitte der 1870er Jahre größtenteils einig, dass die neue „Margarine“ „ein vorzügliches Butter-Surrogat“ (Beckurts, 1879, 62) sein könne.

Das galt um so mehr, da seit Anfang der frühen 1870er Jahre zahlreiche Praktiker die Ideen Mège-Mouriès aufgriffen und sich kleinteilige Verbesserungen patentieren ließen (Butterin, Aerztliches Intelligenz-Blatt 24, 1877, 103). Zeitgenössische Überblicksdarstellungen listeten die vornehmlich in Großbritannien, Frankreich, den USA und den Niederlanden, vereinzelt auch im Deutschen Reich gewährten Kunstbutterpatente auf, ohne aber zu klären, ob diese auch praktisch angewandt wurden (Sell, 1886, 485-486). Die Fettsäuren sollten demnach teils durch Chemikalien getrennt werden, häufiger waren Substitute der zugesetzten Milch, etwa Buttermilch. Ebenso entstanden Verfahren mit zugesetzten Pflanzenölen (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Kunstspeisefette und Pflanzenbutter, 4. vollst. neubearb. Aufl., Wien/Leipzig 1912, 52). Allen Erfindungen zum Trotz blieb das Verfahren von Mège-Mouriès für mehr als zwei Jahrzehnte die vielerörterte Referenz. Es wurde jedoch von Beginn an in der betrieblichen Praxis kleinteilig verändert (Victor Lang, Die Fabrikation der Kunstbutter, Sparbutter und Butterine, Wien/Pest/Leipzig 1878). So fiel der Zusatz von Euter- oder Magenmasse rasch weg, während neue Maschinen andere Prozesstemperaturen ermöglichen (Benedikt, Butter, in: Ewald Geissler und Josef Möller (Hg.), Real-Encyclopädie der gesammten Pharmacie, Bd. 2, Wien/Berlin 1887, 418-422, hier 420).

Die Diffusion der Kunstbutter

Die Erfindung der „Margarine Mouriès“ sagt allerdings wenig über deren realhistorische Bedeutung aus. Die Anfänge der „Margarine“ und damit deren Durchsetzung als „Volksnahrungsmittel“ sind kaum erforscht, präzise Daten fehlen meist. Dennoch ist es wichtig, die Diffusion von Kunstbutter und „Margarine“ in den Blick zu nehmen, denn anders sind die harten Auseinandersetzungen über diese Warengattung kaum verständlich. Die „Margarine Mouriès“ bildete in der Tat den Ausgangspunkt für die Verbreitung der Kunstbutter in der gesamten westlichen Welt. Die 1872 zur Verwertung des Patentes in Paris gegründete und mit einem Kapital von 800.000 Franc ausgestattete Société anonyme d‘Alimentation nahm wohl 1874 den Vertrieb auf. Mitte der 1870er Jahre produzierte sie täglich 20 bis 30 Tonnen. Doch ein Großteil der „Margarine Mouriès“ wurde versandt, meist in den industrialisierten Norden Frankreichs, teils aber ins Ausland, darunter auch ins Deutsche Reich (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 224, 1877, 204-208, hier 204). Trotz einer weiteren größeren Fabrik in Nancy blieb der Margarineabsatz in Frankreich jedoch niedriger als in anderen Staaten, insbesondere den Niederlanden und Skandinavien.

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Werbung für die neue „Margarine Mouriès“ in Frankreich (Timothèe Trimm, Le Beurre frais pour tous. Histoire de la Margarine Mouriès, Paris s.a. [1874], nach 32)

Die Niederlande entwickelten sich seit den frühen 1870er Jahren zur eigentlichen Drehscheibe des Handels und der Produktion von Kunstbutter und „Margarine“ in Europa. Eine weit entwickelte, marktorientierte Landwirtschaft, ein leistungsfähiges Transportsystem sowie die Nähe zum aufnahmefähigen Markt des Industriepioniers Großbritannien bildeten schon in den 1850er und 1860er Jahren die Basis für eine führende Rolle bei der Versorgung der Insel mit Butter und zunehmend auch Buttermischungen. Ähnlich wie bei der schon erwähnten „Flämischen Butter“ vermengte man preiswerte Butter mit Milch, Stärke unterschiedlicher Provenienz, Sirup und Färbemitteln. Gerade während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 ersetzten derartige Billigimporte die ausfallenden Sendungen aus Frankreich, erschlossen aufgrund ihres niedrigen Preises zudem neuer Käuferschichten (Die Kunstbutterfabrikation, Industrielle Rundschau 1, 1887, 248-250, hier 248-249). Preiswertere Angebote schienen lukrativ, produziert wurden gefärbte Mischungen aus Butter, Oleo-Margarin, Milch, Pflanzenölen.

Das neue Verfahren von Mège-Mouriès gefährdete dieses Geschäftsmodell – und folgerichtig kaufte Anton Jurgens, eine der führenden Buttergroßhandlungen, das neue Patent für 60.000 Francs und gründete 1871 die erste niederländische Margarinefabrik in Oss im Rhein-Maas-Delta. Das Produkt verkaufte sich gut, wurde daher nicht nur als Zumischung verwandt, sondern auch eigenständig vertrieben (N. Schouten, Plantaardige Olie- en Margarine-Industrie, Zeist 1994; Bernhard Gerhard Hülsbeck, Die holländische Margarineindustrie, Diss. Köln, Kleve 1931). Der Pionier blieb nicht allein: „Ein Jahr nach Produktionsbeginn bekam die Firma Anton Jurgens bereits Konkurrenz in nächster Nähe: Die befreundete, auch im Butterhandel engagierte Familie Van den Bergh eröffnete 1872 ebenfalls eine Margarinefabrik in Oss. Da in Holland kein Patentschutz für die Margarineherstellung bestand, hatte Simon Van den Bergh das Verfahren einfach von Jurgens kopiert – ein klassischer Fall von Industriespionage“ (Rainer Herbst, Die Entwicklung der Margarineindustrie zwischen 1869 und 1930 unter besonderer Berücksichtigung des Hamburger Wirtschaftsraumes, Wiwi. Diss. Hamburg 1989, 16). Jurgens und van den Bergh entwickelten sich in den 1870er und 1880er Jahren zu den wichtigsten niederländischen Kunstbutterimporteuren für das Deutsche Reich. Die 1879 erfolgten Zollerhöhungen für Margarine richteten sich nicht zuletzt gegen diese Firmen. 1888 gründeten sie in den niederrheinischen Städten Goch und Kleve Produktionsstätten, die in den Folgejahrzehnten einen Großteil des deutschen Marktes versorgten (Barbara Anne Hendricks, Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert, Bonn 1981, 64-81).

Jurgens und van den Bergh waren Anfang der 1870er Jahre jedoch nur Exponenten einer explosionsartigen Entwicklung der Kunstbutterproduktion in den Niederlanden. 1880 bestanden etwa 70 einschlägige, meist exportorientierte Firmen, deren Be- und Vertriebsorganisationen Maßstäbe setzen. Der beträchtliche Wettbewerb, vor allem aber die intransparenten Fettprodukte, führten jedoch zur Marktbereinigung, zu Standardisierungsbemühungen der Produzenten und einer zunehmenden Regulierung des Kunstbuttermarktes (Fabrikation von Butter und Kunstbutter in Holland. (Schluss.), Das Handel-Museum 2, 1887, 399-401, hier 400). Die Debatten im Deutschen Reich folgten diesen Debatten mit gewissem zeitlichem Abstand.

Auch die Entwicklung der deutschen Kunstbutterindustrie verlief deutlich langsamer. Grund hierfür war nicht nur der technologische Rückstand gegenüber dem westlichen Ausland, sondern auch die Kombination zollfreier Importmöglichkeiten und eines leistungsfähigen Eisenbahn- und Postnetzes. Das Deutsche Reich war schon zu seiner Gründung von Fett- und auch Fleischzufuhren abhängig. Das blieb auch nach der Zollwende 1879 so und führte zu teils beträchtlichen Verwerfungen mit Handelspartnern, insbesondere den USA, Russland und auch Österreich-Ungarn (Uwe Spiekermann, Dangerous Meat? German-American Quarrels over Pork and Beef, 1870-1900, Bulletin of the German Historical Institute 46, 2010, 93-110). Für unser Thema wichtiger ist, dass das Deutsche Reich von Beginn an ein Kunstbutterimportland wurde, dessen heimische Industrie sich nur schwer gegen die ausländische Konkurrenz behaupten konnte.

Eine präzise Untersuchung der Anfänge der Margarineproduktion im Deutschen Reich fehlt. Rainer Herbst verwies in seiner Dissertation auf die 1863 in Hamburg gegründete Firma G.W. Reye & Söhne (Herbst, 1989, 17, 148-149). Getreidehandel stand am Anfang, heute werden Putz- und Gipsprodukte hergestellt. G.W. Reye & Sohn betrieb seit 1871 eine große Schmalzraffinerie und stellte mehrere Jahre auch Kunstbutter her. Die erste Nutzung des Verfahrens von Mège-Mouriès erfolgte aber durch die 1872 im Frankfurter Nordend gegründete und seit 1874 produzierende Frankfurter Margarine-Gesellschaft. In den frühen 1880er Jahren beschäftigte sie ca. 100 Arbeiter und stellte jährlich 3.000-4.000 t Kunstbutter her (Volker Rödel, Fabrikarchitektur in Frankfurt am Main 1774-1924, Frankfurt a.M. 1986, 493). In den 1870er Jahren entstanden weitere Firmen vornehmlich im Rheinland und in Bayern. 1880 nahm dann A.L. Mohr in Hamburg-Bahrenfeld die Produktion von Kunst- und Mischbutter auf. Diese Firma steht für die eigentliche, im Schatten des Zollschutzes erfolgte Wachstumsphase der deutschen Margarineindustrie nach 1879. Zugleich trugen ihre Produkte jedoch, ähnlich wie in den Niederlanden, zu einer allgemeinen Vertrauenskrise bei, die letztlich zu den Regulierungsbestrebungen des ersten Margarinegesetzes führte.

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Spezialmaschinen als Wegmarken der Margarineproduktion – Anzeige 1881 (Neue Freie Presse 1881, Nr. 5967 v. 8. April, 13)

Die Existenz von Firmen sagt jedoch nur wenig über Absatz und Konsumverhältnisse auf. Eine detaillierte Analyse von Haushaltsrechnungen zwischen 1900 und 1940 ergab nämlich das Paradoxon, dass das universelle Kunstprodukt Margarine im Deutschen Reich deutliche regionale Verzehrsunterschiede aufwies: „Insgesamt zeigt sich ein von den Vertriebszentren ausgehendes, sich dann in die Konsumzentren des typischen ‚Butterbrot‘-Verzehrs Sachsen und Schlesien ausdehnendes Muster, dem schließlich die Markterschließung zuerst Mitteldeutschlands, dann des fettarmen Südens folgte“ (Uwe Spiekermann, Regionale Verzehrsunterschiede als Problem der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Räume und Strukturen im Deutschen Reich 1900-1940, in: Hans Jürgen Teuteberg et al. (Hg.), Essen und kulturelle Identität, Berlin 1996, 247-282, hier 267). In der Tat bildete das rheinisch-westfälische Industriegebiet die eigentliche Pionierregion des Kunstbutterkonsums. Derartige regionale Märkte wurden jedoch ergänzt durch das Versandgeschäft führender ausländischer Anbieter, deren Produkte schon in den 1870er Jahren im gesamten Deutschen Reich erhältlich waren. Das galt insbesondere für Sargs Prima Wiener Sparbutter, der wohl bekanntesten Margarinesorte in einem ansonsten von anonymer Ware dominierten Absatzmarkt.

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Anzeige des Neuen: Werbung für Sargs Prima Wiener Sparbutter 1874 (Illustrirtes Wiener Extrablatt 1874, Nr. 146 v. 29. Mai, 7)

Derartige Versandware gründete auf der höheren Haltbarkeit der Margarine und relativ fortgeschrittenen Verkehrsverhältnissen. Zugleich handelte es sich um verpackte Ware in einem Nahrungsmittelmarkt, in dem lose, unverpackte und dann direkt ausgewogene Produkte noch dominierten: „Die Kunstbutter wird in 1 Pfund schweren, viereckigen, mit einen dünnen weißen Baumwollenzeug umwickelten Packeten, die sich bequem in eine Kiste zusammenpacken lassen, versendet, appetitlicher in der Form wie die Marktbutter; die Farbe ist gewöhnlich Gelb“ (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Der Begriff „Sparbutter“ hob einen anderen Gebrauchswertvorteil hervor, nämlich den gegenüber Butter geringeren Wasseranteil. Dadurch war sie ergiebiger, ein wichtiges Argument auch für bürgerliche Kreise: „Eine gut abgerichtete Köchin braucht die Butter nicht zu jeder Speise, sondern nur wo dieselbe unentbehrlich ist, und kann durch Verwendung der Sparbutter ihrer Herrschaft viel Geld ersparen“ (Raphael Molin, Die Sparbutter-Industrie, Das Vaterland 1880, Nr. 319 v. 19. November, 10-11, hier 10). Hinzu kam: Kunstbutter war nicht nur länger haltbar, sondern wurde dadurch nur höchst selten ranzig. Das aber kam bei Milchbutter häufiger vor als es die späteren Hymnen der Agrarier auf die „gute“ Butter wahrhaben wollten (Vom Rhein, Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 61 v. 5. März, s.p.). Die weite Verbreitung der Versandbutter erlaubt schließlich auch Rückfragen an die heutzutage fast litaneihaft vorgetragene Positionierung der Kunstbutter als Fett der Armen und der Arbeiter. Gerade im rückwärtigen gewerblichen Sektor, also bei Bäckern und Konditoren, bei Wirten und Restaurantbesitzern, wurde sie häufig verwandt, um Backwaren und Speisen preiswerter zu machen (Künstliche Butter, Palatina 1876, Nr. 44 v. 13. April, 176). Kunstbutter war immer auch bürgerlich, war keineswegs das Fett allein der Armen.

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Kein Fett für die Armen: Werbung für Sparbutter in Karlsruhe 1875 (Karlsruher Tagblatt 1875, Nr. 184 v. 8. Juli, 6)

Der Hersteller der Prima Wiener Sparbutter – ein vom Wiener Magistrat 1874 genehmigter Markenbegriff – war F.A. Sarg Sohn & Co., ein führender Produzent von Stearinkerzen und Glycerinseifen, ein Unternehmen also, das schon früh preiswerte Massenkonsumgüter herstellte und aktiv bewarb. Es diversifizierte zunehmend in die Kosmetikbranche. Die seit 1887 vertriebene Tubenzahncreme Kalodont wurde ein weltweit erfolgreiches Markenprodukt und diente als Dachmarke für viele weitere fetthaltige Kalodontprodukte. Ähnlich wie in Frankfurt am Main und Paris dauerte es auch in Wien fast zwei Jahre, von 1872 bis 1874, ehe die Produktion auf Basis des Mège-Mourièsschen Patentes aufgenommen werden konnte (Sparbutter, Morgen-Post 1874, Nr. 61 v. 3. März, 2). Ihr Absatz war seit 1874 von Anzeigenwerbung begleitet – und blieb damit eine Ausnahme, denn die Werbung für Kunstbutter erfolgte zumeist noch durch die Kleinhändler.

Sargs Sparbutter traf auf eine gespaltene Rezeption. Blicken wir auf eine aufstrebende Industriestadt im südlichen Ruhrgebiet: „Hier in Witten wiesen einzelne renommirte Ladengeschäfte den Verkauf zurück, andere kleine Geschäfte versuchten den Artikel und fanden ihn auch brauchbar. Die Butter ist selbst bei heißer Witterung hart und kernig, schmeckt nicht gerade schlecht und kostet 15 bis 20 Pfg. weniger als geringere Sorten Naturbutter. Das Publikum, auch wenn es noch so genau über die Zusammensetzung der Butter belehrt wurde, verlangte eben ‚Sparbutter‘, weil sie gefälliger für’s Auge und praktischer im Gebrauche sei. So mußten Nachbestellungen folgen und der Artikel ‚zog‘“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 223 v. 21. August, 3). Die neue Kunstbutter wurde allerdings häufig dazu genutzt, um sie Butter beizumengen und diese dann undeklariert, aber zu leicht niedrigerem Preis zu verkaufen. Umfassende Untersuchungen der lokalen Nahrungspolizei waren die Folge, führten teils gar zu ersten Verboten des Wochenmarktverkaufs. In Düsseldorf hieß es: „Es dürfte unseres Erachtens der Verkauf dieser Butter unter dem Namen ‚Sparbutter‘ auch auf den Wochenmärkten gestattet werden, doch müßten polizeilicherseits dafür gesonderte Verkaufsstellen auf den Marktplätzen angewiesen und diese entsprechend bezeichnet werden“ (Düsseldorfer Volksblatt 1876, Nr. 270 v. 7. Oktober, 2). Die Sparbutter war ein Einbruch in die tradierte Welt des Absatzes – und auch deshalb schlug ihr beträchtlicher Widerstand entgegen.

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Widerstand gegen die Sparbutter in Dresden 1877 (Dresdner Nachrichten 1875, Nr. 293 v. 20. Oktober, 6)

Ein strukturelles Problem war dabei die mangelnde Kenntnis des noch nicht eingeführten Produktes. Über dessen Zusammensetzung gingen „im Publikum die verschiedensten Gerüchte“ um: „Es nimmt dies nicht Wunder, da verschiedene Fabriken dieser Art dem Publikum nicht gestatten, Einsicht von ihrem Betrieb zu nehmen; in Folge dessen denkt dasselbe unwillkürlich an Pferde- und Schweinefett, Kartoffelmehl, Gelèe aus isländischem Moos und sonstige Teufeleien“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106). Während die Kritik im Auslande vielfach allgemein und unspezifisch blieb, sah sich Sarg in Wien regelrechten Denunziationskampagnen ausgesetzt: Butter stamme von der Kuh – und nicht vom Ochsen. Die Sparbutter würde vornehmlich zur Verfälschung der Butter eingesetzt („Kunstbutter.“, Morgen-Post 1877, Nr. 199 v. 22. Juli, 3). Das Neue wurde zum Skandal: „Die Liesinger Sparbutter ist nichts Anderes, als ein Unschlitt- und Glyceringemengsel mit verschiedenen ekelhaften Zuthaten, welche dem Fabrikate den Geschmack und die Structur der wirklichen Butter geben sollen“ (Glycerin-Butter, Morgen-Post 1877, Nr. 223 v. 15. August, 3).

Kritiker beklagten die vermeintliche „rissige“ Struktur der Sparbutter, die daraus resultiere, „daß ihr das, die einzelnen, bunt zusammengewürfelten Bestandtheile zu einem einheitlichen Ganzen verbindende Ferment vollständig abgeht“ (Die Sparbutter und ihre Verehrer, Morgen-Post 1877, Nr. 227 v. 19. August, 3). Die Reaktion der Wiener Firma war bemerkenswert: Zum einen förderte sie redaktionelle Werbung, in der die bestehenden Vorurteile gegen die Nahrungsinnovation argumentativ aufgegriffen wurden (Das Vorurtheil und die Sparbutter, Kikeriki 17, 1877, Nr. 62 v. 5. August, 3). Zum anderen informierte sie die Öffentlichkeit recht präzise über die Sparbutterproduktion, die hohen Hygienestandards und den modernen Maschinenpark (Sarg’s Prima Wiener Sparbutter, Die Presse 1877, Nr. 156 v. 9. Juni, 9; Die Spar- oder Kunstbutter-Fabrikation, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 4, 1877, 222-223; Excursionsbericht, Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins 12, 1886, 194-195). Sarg praktizierte somit Vertrauensbildung durch Firmen- und Produkt-PR lange bevor es reflektierte Public-Relations-Ratgeber gab. Dadurch gewann sie nicht allein wachsendes öffentliches Vertrauen, sondern initiierte auch eine tradierte Elitenkritik an der vermeintlich dummen Masse der Konsumenten und deklassierter Kleinhändler: „Die betreffende Bevölkerung ist theils zu indolent, theils auch gar nicht in Kenntnis von der Beschaffenheit jenes Surrogatmittels, genannt Sparbutter, und daher ganz ausser Stande, davon Gebrauch zu machen“ (Zur Nahrungsmittelfrage. Sarg’s Prima Wiener-Sparbutter, Wiener Medizinische Wochenschrift 27, 1877, Sp. 1175-1177, hier Sp. 1176). Das Beispiel von Sargs Prima Wiener Sparbutter unterstreicht, dass es bei der Einführung der „Margarine“ keineswegs um den simplen Gegensatz von Gewerbe und Landwirtschaft ging, sondern dass hier um die Bedrohung durch das Unbekannte, durch das Neue gerungen wurde. Gerade nach dem Gründerkrise war Skepsis gegenüber einer vom Markt ausgehenden Umgestaltung des Alltags weit verbreitet. Die Durchsetzung der Margarine war schließlich Teil der Durchsetzung und Verankerung kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien.

Gleichwohl zeigt insbesondere die Produkteinführung eine Konsumgesellschaft im Werden. Kunstbutter war eine anonyme Ware. Hersteller und Zusammensetzung waren zumeist nicht bekannt. Der gegenüber Butter geringere Preis und der gegenüber Schmalz und Talg bessere Geschmack waren für den Absatz entscheidend. Anfang der 1870er Jahre erfolgte der Absatz noch vielfach über Wochenmärkte. Die lokale Marktpolizei schritt hiergegen rasch ein, um Übervorteilungen auszuschließen und – im Wortsinne – Markttransparenz zu gewährleisten. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet wurde Kunstbutter anfangs teils vom Wochenmarktverkehr ausgeschlossen, teils wurden die Marktordnungen so verändert, dass der Absatz nur bei expliziter Kennzeichnung erlaubt war (Sell, 1886, 492-493). Die Folge war eine Diffusion des Verkaufs in ladengebundene Nahrungsmittelgeschäfte bzw. Versandgeschäfte. Händler- und Herstellervertrauen traten hier teils an die Stelle der unzureichenden Informationen über die Kunstbutter. Zugleich wurde augenfällig, dass auch die tradierten Nahrungsmittel bisher vorwiegend nach Augenschein und ohne detaillierte Produktinformationen gekauft wurden.

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Etablierung im Sortiment des Kolonialwarenhandels. Anzeigen von Sparbutter in Düsseldorf 1877 (Düsseldorfer Volksblatt 1877, Nr. 302 v. 10. November, 4 (l.); ebd., Nr. 42 v. 14. Februar, 4)

Preis und Geschmack dominierten den Abverkauf, nicht aber vertiefende Informationen: „In Dortmund kommt die Kunstbutter waggonweise an. Die Lieferanten sind hauptsächlich zwei holländische Fabriken, und diese können nicht so viel liefern als bestellt wird. […] In Dortmund muß jeder Kaufmann, welcher Kunstbutter feil hält, in seinem Laden einen Anschlag in großen Lettern mit den Worten führen ‚Margarinbutter‘, ‚Kunstbutter‘ oder ‚Sparbutter‘. Das Publikum stößt sich aber hieran nicht.“ Via Hamburg oder Bremen wurde auch amerikanische Kunstbutter „massenhaft angeboten“ (Kunstbutter, Linzer Volksblatt 1878, Nr. 248 v. 26. Oktober, 2). Schon Ende der 1870er Jahre war klar, dass Kunstbutter „unter ihrem wirklichen Namen auch gern vom Publikum gekauft und genossen wird“ (Naturbutter und Kunstbutter, Wider die Nahrungsfälscher! 2, 1879, 46-47, hier 46). Bemühungen von Kleinhändlern, die Vorteile der „reinen“ Butter gegenüber den nun aufkommenden zahlreichen Fettmischprodukten herauszustreichen, hatten dagegen kaum Erfolg: „Von drei Kunden, welche die Kunstbutter verlangen, sind aber nur zwei zu überreden, die gute reelle Waare zu kaufen, der dritte geht weiter und kauft beim Concurrenten die geringe Waare, welche ja äußerlich der anderen sehr ähnlich ist. Er nimmt die Meinung mit sich fort, daß ich mit der Waare zu theuer bin“ (Das Publicum und die Waarenverfälschung. (Bemerkungen eines Kaufmanns.), Deutsche Blätter 1873, Nr. 7, 26-27, hier 27). Der Speisefettmarkt geriet seit Anfang der 1870er Jahre jedoch nicht durch die Margarine selbst in Bewegung, sondern durch die nun rasch wachsende Zahl von Fettgemischen. Sie stammten von Margarineproduzenten, von Groß- und Kleinhändlern und nicht zuletzt von bäuerlichen Butterproduzenten.

Chaos im Fettmarkt: Mischbutter und Qualitätsprobleme

Die Kunstbutter war in den 1870er Jahren nur im rheinisch-westfälischen Gebiet von größerer Relevanz für den Alltagskonsum. Aufgrund des niedrigeren Preises ist es plausibel, dass Bergleute und die Industriearbeiterschaft daran einen überdurchschnittlichen Anteil hatten. Sicher belegt ist dies aber nicht, beziehen sich die meisten Quellen doch auf bürgerliche Konsumenten und das Nahrungsmittelgewerbe. Der spätere, insbesondere in den Reichstagsdebatten immer wieder antönende Gleichklang von „Margarine“ und Arbeiterschaft war immer auch eine bequeme Deutung, von der nicht zuletzt die politischen Parteien profitieren konnten. Liberale und Teile des Zentrums konnten ihr Eintreten für die „reelle“ Margarineindustrie als Sorge für den Arbeiter und sein Wohlergehen präsentieren. Auch Nationalliberale und die konservativen Parteien ließen keinen Zweifel daran, dass sie preiswerte Nahrung unterstützten: Butter für die Bessergestellten, Kunstbutter für die arbeitende Masse. Alle konnten so vergessen machen, dass Unternehmer, Kleinhändler und Landwirte Akteure und Profiteure des sich wandelnden Fettmarktes waren.

Blicken wir zuerst aufs Land: Verstädterung und „Industrialisierung“ hatten beträchtliche Chancen für marktbezogene Versorgung eröffnet, die insbesondere im Nordwesten und in Mitteldeutschland zu tiefgreifenden Veränderungen vornehmlich in der Fleischproduktion sowie der Milch- und Butterherstellung geführt hatten. Tradierte Stadt-Land-Beziehungen veränderten sich: Märkte wurde immer seltener von bäuerlichen Produzenten beschickt, an ihre Stelle traten Händler. Die Zahl der Hausierer und Höker in den Städten nahm zu. Neben das traditionelle Nahrungsmittelhandwerk traten spezialisierte Kleinhandelsgeschäfte, namentlich Fleischwaren-, Milch- und Butterhandlungen. Ohne diese Veränderungen wäre das, was heute immer noch einseitig und irreführend „Industrialisierung“ genannt wird, nicht möglich gewesen. Doch es reicht nicht, auf die Absatz- und Vertriebsstrukturen zu blicken. Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft, des kleinbäuerlichen Betriebes, manifestierte sich gerade in der Marktproduktion von Eiern, von Butter und Milch. Sie wurden zur Ware, waren nicht mehr Teil des bäuerlichen Universums, einem Konglomerat von Selbstversorgung, Tauschwirtschaft und Kapitalarmut. Marktbeschickung erlaubte eine Neudefinition des bäuerlichen Betriebes, erlaubte eine Horizonterweiterung. Doch sie bedeutete auch die Akzeptanz der Regeln urbaner Märkte. Es galt Standards einzuhalten, Expertensetzungen, Menschenwerk. Das war nicht leicht. „Milch“ variierte je nach Tierart, Fütterung, Weidequalität, Jahreszeit, Abkalbedaten und Wetter beträchtlich. Derart „natürlich“ variierende Ware war aber schwieriger abzusetzen, erzielte oft niedrigere Preise. Die Bauern halfen nach, und nicht nur sie. Neben die strukturellen Probleme der Nahrungsmittelversorgung traten insbesondere in den 1870er Jahren zahlreiche Wertverringerungen und auch Nahrungsmittelfälschungen (vgl. Gesetz betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 3. Leg., II. Sess. 1878, Bd. 3, Berlin 1878, 766-830, insb. 775-798). Was für die Milch das Wasser wurde für die Butter nun die Kunstbutter.

Ihr Aufkommen wurde von vielen Landwirte als Weckruf verstanden (Gabriel Belleville, Die Milch und deren Verwerthung, Wein 1879, 177). Die Kunstbutterbranche war offenbar in der Lage, wichtige Nahrungsmittel preiswerter herzustellen. Die Ausbreitung „dieser Industrie“ sei „ein Mahnruf für die Landwirthe, sich die Errungenschaften der Neuzeit auf dem Gebiete des Molkereiwesens recht bald zu Nutze zu machen“ (Etwas über Kunst- oder Sparbutter, Der Landwirth 1877, Nr. 14 v. 29. September, 106-107, hier 107). Das war vor allem Wasser auf die Mühlen einer Minderheit von Agrarwissenschaftlern, die im Sinne der wegweisenden Arbeiten Albrecht Daniel Thaers (1752-1828) forderten, „daß die Landwirthschaft heutzutage lediglich als ein industrielles Gewerbe zu betrachten ist, dessen zweckmäßige und gewinnbringende Ausbeutung, nach jeder sich darbietenden Richtung hin, die Aufgabe und das Ziel der Landwirthe sein muß“ (Heinrich Janke, Die Kunstbutter-Fabrikation als landwirthschaftliches Nebengewerbe, Seperatabdruck aus dem Jahrbuch für österreichische Landwirthe 1879, o.O. 1879, 1). Butter musste billiger und zugleich qualitativ besser werden.

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Aufhübschung als Dauerpraxis: Werbung für Butterfarbe 1875 (Kladderadatsch 28, 1875, Nr. 11, Beibl. 2, 3)

Dieser Aufgabe fühlten sich die Molkereigenossenschaften verpflichtet. Händler bevorzugten die Kunstbutter nämlich nicht nur wegen ihres geringeren Preises, sondern auch wegen ihrer standardisierten Konsistenz (Naturbutter und Kunstbutter, Fühling’s landwirthschaftliche Zeitung 27, 1879, 111-113, hier 111). Doch die Butter veränderte sich auch durch gezielte Interventionen. Mit den Fortschritten der Farbchemie wurde die Butterfärbung, bei der zuvor vorrangig auf das aus dem brasilianischen Annattostrauch gewonnene Orleans zurückgegriffen wurde, einfacher und auch preiswerter: Das vermeintliche Naturprodukt wurde den Konsumentenerwartungen gemäß ausgestaltet. Kunstbutter konnte genutzt werden, um sie der eigenen „Naturbutter“ hinzuzufügen, um sie entweder billiger anzubieten oder um einen höheren Ertrag zu erzielen. Es galt, „daß selbst unsere biederen weiblichen Butterverkäufer vom Lande die Kunst, Natur durch Surrogat zu ergänzen, sehr trefflich verstehen“ (Strohmer, 1886). Derartige Mischbutter war erlaubt, sollte allerdings als solche ausgewiesen sein. Das war sie häufig nicht.

Bäuerliche Butterproduzenten nahmen daher nicht unbeträchtliche Mengen Kunstbutter ab – und dies übertraf bei weitem die auch im dem europäischen Ausland allgemein verbreitete Praxis, im bäuerlichen Haushalt Kunstbutter zu verzehren, um mehr Butter verkaufen zu können (Lang, 1912, 54-55). Friktionen innerhalb „der“ Landwirtschaft wurden dadurch offenbar. Die bäuerliche Alltagspraxis stand nicht zuletzt im Gegensatz zu den Interessen der noch erfolgreichen Butterexportindustrie. In Norddeutschland und Ostelbien gelegen, belieferte sie insbesondere den britischen Markt mit hochwertiger Ware. Mischbutter unterminierte ihren Qualitätsanspruch. Das Ringen um die „Margarine“ erfolgte also nicht allein zwischen Industrie und Landwirtschaft, sondern auch innerhalb der Landwirtschaft selbst: „Denn, meine Herren, verkennen Sie doch die Gefahr nicht: es ist nothwendig, daß wir den Artikel ‚Kunstbutter‘ unterdrücken, damit nicht auch die Landwirthe die Möglichkeit bekommen, gewissermaßen selbst schon die Fälschung in ihrer eigenen Wirthschaft vorzunehmen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 667 (von Frege)).

Bäuerliche Anbieter haben das Chaos im Fettmarkt nicht hervorgerufen, doch sie haben es verstärkt. Die Produzenten ergänzten ihre Angebote, neben Kunstbutter trat zunehmend Mischbutter. A.L. Mohr produzierte 1887 beispielsweise 880 t Margarine und mehr als 2.600 t Mischbutter (Herbst, 1989, 151). Großhändler kauften Butter und Margarine, vermengten diese dann zu neuen Produkten. Kleinhändler kauften die Fettgemenge an, wiesen deren Zusammensetzung aber nicht aus, kannten sie teils auch nicht. Die Obrigkeit war nur vereinzelt in der Lage, den Mischbutterabsatz zu ordnen und zu begrenzen. Explizite Kennzeichnungspflichten gab es nicht, zumal Mischbutter keine Gesundheitsgefährdung darstellte. Der Nationalstaat reagierte kaum. Das Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb allgemein, behandelte Kunst- und Mischbutter trotz zahlreicher Petitionen nicht explizit.

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Reine Ware in einem Markt ohne Regeln? Karikatur anlässlich der globalen Regulierungswelle (Nebelspalter 12, 1886, H. 15, s.p.)

Spätestens zu dieser Zeit war Mischbutter ein auch öffentlich diskutiertes Problem. Experten diskutierten vorrangig „die Gefahr der Uebervortheilung“ der Konsumenten (R[ichard] Godeffroy, Ueber Kunstbutter, Archiv für Pharmazie 56, 1877, 146-150, hier 147). Indikator hierfür waren gemeinhin Butterkontrollen der noch in den Anfängen stehenden Nahrungsmittelkontrolle. In Hannover hatten Bürger daher ein privates Untersuchungsamt gegründet, um „dieser neuen Form der Nahrungsnoth“ (Wieder die Nahrungsfälscher! 1, 1878, 1) zu begegnen. Dessen Resultate dürften repräsentativ sein. Die – allerdings nicht sehr zahlreichen – Untersuchungen ergaben regelmäßig mit Kunstbutter vermischte „Butter“. Schlechte Butter resultierte aber vielfach auch aus mangelhafter Butterung, also Defiziten in der bäuerlichen Produktion (Ergebnisse des Hannoverschen Untersuchungsamtes, Wider die Nahrungsmittelfälscher! 1, 1878, 27-28, hier 28). Die Konsequenz waren Forderungen einerseits nach klarer Kennzeichnung, anderseits nach Aufklärung des Publikums über die rechte Beschaffenheit von Butter resp. Kunstbutter (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1878, 23). Die Fachleute wussten aber auch, dass ihre Arbeit keine marktbereinigenden Folgen gegen Mischbutter haben konnte: „Die Behörden waren bislang gegen diesen Betrug meistens machtlos, da alle vorgeschlagenen analytischen Methoden […] zu umständlich und viel zu unsicher sind, als dass auf sie hin eine energische Controle denkbar wäre“ (Jahresbericht des Untersuchungsamtes für Lebensmittel etc. in Hannover pro 1877/78, Hannover 1879, 168). Das Chaos im Fettmarkt resultierte auch aus dem Mangel an empirisch validen Nachweisverfahren. Neue Verfahren arbeiteten mit polarisiertem Licht, also optischen Verfahren, doch deren Handhabung war kompliziert, teuer und oft nicht gerichtsfest. Während der 1880er Jahre kamen zahlreiche neue Verfahren und Geräte auf, doch eine präzise und zugleich preisgünstige analytische Unterscheidung der einzelnen Fettsäuren war erst nach der Jahrhundertwende möglich.

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Wahrheitsverfahren: Butteruntersuchungsapparat des Agrarwissenschaftlers Adolf Eduard Mayer ([Eugen] Sell, Beiträge zur Kenntnis der Milchbutter […], Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 1, 1886, 529-545, hier 543)

Auch der bestehende Rechtsrahmen setzte dem Einschreiten der Obrigkeit enge Grenzen. In Leipzig wurden 1886 beispielsweise drei Kaufleute erstinstanzlich wegen des Verkaufs Mohrscher Kunstbutter als „Gutsmischbutter“ zu Geldstrafen verurteilt. Die Revision kassierte das Urteil des Amtsgerichts, da der Fettgehalt beider absolut vergleichbar sei, ein Betrug also nicht vorliegen könne. Das Verfahren wurde zwar an das Landgericht überwiesen, doch dort konnte man nur noch wegen Betruges nach dem Nahrungsmittelgesetz vorgehen – ein quasi aussichtsloses Unterfangen (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 213 v. 1. August, 20). Was blieb war vor allem der moralische Appell, da Kennzeichnung nicht einfach dekretiert werden konnten. „In diesem Kampf zwischen ‚Natur‘ und ‚Kunst‘ stehen die Dresdner Hausfrauen natürlich auf der Seite der Naturbutterhändler und wünschen recht sehnlichst, daß sie durch behördliche Fürsorge vor Schwindel und Uebervortheilung bewahrt werden“ (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1886, Nr. 210 v. 29. Juli, 6). Da lachten viele Marktteilnehmer und schritten weiter voran. Gerade Pharmazeuten und Chemiker flüchteten sich angesichts der weitverbreiteten Moralisierung der Märkte in Sarkasmus. Als in London 1870 Fett aus den Themseabfällen gewonnen werden sollte, kommentierte man süffisant: „Philanthropen bemühen sich, den Armen einen billigen Genuß von Butter zu verschaffen“ (Butterverfälschung, Industrie-Blätter 7, 1870, 108-109). Inhaltlich waren sie nicht weit entfernt von den Vorstellungen der Sozialdemokratie, die sich in der Folgezeit zur eigentlichen Partei des Konsumentenschutzes entwickeln sollte. Sie beklagte beredt den Schwindel mit „Butter“, forderte aber zugleich Zwangsmittel, damit die Firmen klar kennzeichneten. Parallel aber brandmarkte sie die Kennzeichnungsdebatte als bürgerliche Irreführung, ginge es doch darum, „daß die große Masse des Volkes nicht mehr im Stande ist, unverfälschte Nahrungsmittel zu kaufen“ (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 181 v. 6. August, 2).

Das Chaos im Fettmarkt führte auch zu einer steten Präsenz des Verdachts. Fabriken wurden beobachtet, um abschätzen zu können, wie viel sie produzierten und wie viel sie davon ehrlich verkauften (Rosenheimer Anzeiger 1879, Nr. 198 v. 31. August, 3). Wirkmächtiger aber war der Verdacht, „dass ein Theil der Kunstbutter aus ekelerregenden Materialien dargestellt wird“ (Adolf Eduard Mayer, zit. n. Benedikt, 1887, 420). Gerade die Verwendung von Schlachtabfällen führte zu gleichsam apokalyptischen Szenarien allgemeiner Verfälschung, allgemeiner Vergiftung.

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Das Unbehagen an der Kunstbutter: US-Karikatur über die nicht deklarierten Grundstoffe der Margarineproduktion (The Wasp 10, 1883, Nr. 1 v. 6. Januar, 16)

Dem standen Physiologen und Chemiker gegenüber, die berechtigt hervorhoben, dass eine öffentliche Gefahr bei Natur- und Kunstbutter sowie etwaigen Mischungen an sich ausgeschlossen war: „Auf dem Markte wird man füglich dem Geschmacke des Publikums die Rolle des Richters überlassen können und derjenige, welcher sich über den Genuss des feinen Butteraromas hinwegzusetzen vermag und anstatt Naturbutter Kunstbutter mit nach Hause bringt, wird nicht schlechter fahren als Jemand, welcher mit einer geringeren Fleischqualität sich zufrieden stellt“ (Ueber Kunstbutter, Dinglers Polytechnisches Journal 249, 1883, 319). Fasst man zusammen, so war der Verkauf von Kunstbutter unter der „Maske der Naturbutter“ (Strohmer, 1886) in der Tat weit verbreitet. Die Speisefette bestanden aus zahlreichen Mischungen, doch es gab keine rechtlich verbindlichen Begriffe, um diese Vielfalt präzise fassen zu können. Kunstbutter war Produkt naturwissenschaftlichen Wissens, doch die Wissenschaft war nicht in der Lage, ihre Marktpräsenz stetig und differenziert nachweisen zu können. Dies führte zu Unsicherheit über gängige Alltagsangebote, über die Ordnungskraft von Obrigkeit und Wissenschaft. Staatliches Handeln schien unabdingbar – und seit 1886 lag ein erster Gesetzentwurf vor, der das Chaos im Fettmarkt beenden sollte. Bevor wir auf diesen eingehen, ist nochmals innezuhalten: Die hitzige Diskussion über Kunst-, Misch- und Naturbutter macht schließlich klar, das moderne Produkte ohne eine informative Reklame und das Qualitätsversprechen von Markenartikeln kaum zu etablieren sind. Der Markt kann nicht gänzlich frei sein, muss immer begrenzt und eingehegt sein. In den 1890er Jahren gab es daher weitere Rahmenregulierungen, so 1894 das Gesetz zum Schutz der Waarenbezeichnungen und 1897 das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Staatlich-parlamentarische Intervention: Benennung und Einhegung der „Margarine“

Als die Reichsregierung im Februar 1886 dem Bundesrat einen Gesetzentwurf „über den Verkehr mit Kunstbutter“ vorlegte, war klar, dass ein öffentliches Problem bestand, doch es war unklar, wie dieses zu regeln war (Berliner Volksblatt 1886, Nr. 48 v. 26. Februar, 2). Der Gesetzentwurf war jedenfalls eine Absage an ebenfalls mögliche detaillierte Verordnungen auf Grundlage des Nahrungsmittelgesetzes, wie sie vornehmlich von landwirtschaftlichen Interessengruppen vielfach gefordert worden war (Otto May, Umschau, Zeitschrift des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 69, 1879, 418-425, hier 424). Kunstbutter war wichtig genug, um in einem Spezialgesetz geregelt zu werden – recht bemerkenswert, denn damals lief die Gesetzesmaschinerie deutlich niedertouriger als heutzutage. Dem Gesetzentwurf vorangegangen waren nicht nur intensive öffentliche Debatten, sondern auch Forderungen nach einem neuerlich höheren Zoll auf Oleomargarin und Kunstbutter, eingebracht 1885 vom Zentrum resp. der freien wirtschaftlichen Vereinigung, einer Vorform der „Kartellparteien“ von Nationalliberalen und Konservativen. Sie trafen auf vehementen Protest der Linksliberalen, scheiterten aber an der schlichten Regierungsaussage, dass eine zolltechnische Unterscheidung von Butter und Kunstbutter nicht möglich sei (Berliner Volksblatt 1885, Nr. 90 v. 18. April, 5).

Während der Entwurf 1886 beraten wurde, waren Umfang und Struktur der Kunstbutterindustrie nur grob bekannt. Eine vom Reichsgesundheitsamt initiierte Denkschrift, die sich vornehmlich den verschiedenen Nachweisverfahren, also einer möglichen Kontrollpraxis widmete, nutzte die Angaben der Berufsgenossenschaft der Nahrungsmittelmittelindustrie. Demnach gab es im Deutschen Reich 45 Kunstbutterproduzenten mit 415 Beschäftigten. Hinzu kamen sieben weitere Firmen, die auch andere Waren produzierten (Sell, 1886, 492). Preußen, und darin insbesondere die Rheinprovinz, dominierte, Bayern folgte mit beträchtlichen zehn Fabriken. Gestützt durch die neu errichteten Zollschranken war die Branche zwischenzeitlich zum Export übergegangen (Kunstbutterfabrikation, 1887, 250). Produktionsziffern lagen nur vereinzelt vor. Kunstbutter wurde vornehmlich in Städten verkauft, insbesondere in Hafenstädten. Mège-Mouriès Initiative hatte also auch den Schiffsproviant verändert. Als Abnehmer wurden die „ärmeren Klassen der Bevölkerung“ (Sell, 1886, 492) genannt, doch der gewerbliche Konsum war ebenfalls beträchtlich. Valide Umsatzziffern fehlten, die Schätzungen schwankten zwischen 18 und 162 Millionen Mark (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 940). Die Margarineindustrie war also relativ klein, ökonomisch recht unbedeutend. Ihre Regulierung durch ein Spezialgesetz erfolgte, weil es sich um grundsätzliche Ordnungsentscheidungen im sich rasch wandelnden Konsumgütermarkt handelte.

In der Forschung wird das sog. Margarinegesetz von 1887 nun häufig missverstanden als eine einseitige Liebesgabe an landwirtschaftliche Interessen: „Unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes suchte die Landwirtschaft sich missliebiger Konkurrenz zu entledigen“ (Vera Hierholzer, Nahrung nach Norm. Regulierung von Nahrungsmittelqualität in der Industrialisierung 1871-1914, Göttingen 2010, 148). In der Tat gab es seit 1886 eine breite Mobilisierung landwirtschaftlicher Vereine, namentlich des Deutschen Landwirtschaftsrates. Deren Forderungen waren bekannt reißerisch: „Unserseits würden wir am liebsten die Existenz von ‚Kunstbutter-Fabriken‘ ganz beseitigt sehen. Die Gründe, welche man für deren Bestehen geltend macht, sind sehr fadenscheinig und der Nutzen, welchen die Arbeiterwelt in Mittel- und Norddeutschland daraus ziehen soll, ist gering, kann aber jedenfalls den immensen Schaden, der durch die Kunstbutterfabrikation angerichtet wird, bei Weitem nicht aufwiegen“ (Tagesgeschichte, Rosenheimer Anzeiger 1885, Nr. 111 v. 17. Mai, 1). Damit negierten sie das bestehende Chaos im Fettmarkt, negierten insbesondere, dass davon zahlreiche kleinbäuerliche Butterproduzenten profitierten. Während der Debatte über das Margarinegesetz wurde ein Verbot der Kunstbutter jedoch von allen Fraktionen abgelehnt. Stattdessen ging es auch für die zu dieser Zeit noch schwer zu fassenden „Agrarier“ – der Bund der Landwirte wurde erst 1893 gegründet – um eine neue Ordnung dieses für Milchbauern und Fleischmäster wichtigen Konsumgütermarktes. Der Regierungsentwurf hatte genau das anvisiert und blieb gegenüber den natürlich auch in den Reichstag dringenden Forderungen der Agrarier – insbesondere der nicht im Mittelpunkt stehenden Frage der Färbung der Kunstbutter – ablehnend. Das Margarinegesetz war kein Erfolg der Agrarlobby. Wohlig berichtete die liberale Vossische Zeitung über die „Mißstimmung der Agrarier“ (Vossische Zeitung 1887, Nr. 233 v. 22. Mai, 1) nach der für sie eigentlich erfolgreichen 2. Lesung des Gesetzentwurfes. Doch es ging letztlich nicht um die Minderheit der Extremisten vom Lande. Es ging bei dem Margarinegesetz um die Marktregulierung von wissensbasierten Konsumgütern. Das sahen auch die beiden konservativen Parteien und die Nationalliberalen so – also die Kartellparteien, die eine klare Mehrheit im Anfang 1887 neu gewählten Reichstag besaßen.

Was war nun das Ergebnis all dieser Debatten? Der Reichstag agierte als Sprachschöpfer: Der Begriff „Kunstbutter“ wurde quasi amtlich gestrichen und durch den neuen Begriff „Margarine“ ersetzt. Mischbutter wurde grundsätzlich verboten, wenngleich eine relativ geringe Zumischung von Milchbutter zugestanden wurde. „Margarine“ musste als solche gekennzeichnet sein, war im Kleinhandel in Würfelform abzusetzen. Hersteller hatten ihren Namen und die Produktbezeichnung anzugeben, Händler mussten das Produkt benennen und ausschildern. „Margarine“ musste aber nicht gefärbt werden, um sie auch augenscheinlich von Butter abzugrenzen (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494-1495). Damit genügte das Gesetz weder extremen agrarischen Forderungen, noch richtete es sich primär gegen die „Uebervortheilung namentlich der kleinen Leute“ (Der Wendelstein 1886, Nr. 156 v. 30. 12., 1). Es war vielmehr der Versuch, den Fettmarkt mittels einer Kombination von moderaten Eingriffen in den Absatz, tradierten Strafbestimmungen und wissenschaftlicher Kontrolltätigkeit wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Es waren vor allem zwei bisher wenig beachtete Aspekte, die das sog. erste Margarinegesetz zu einem Meilenstein in der Regulierung der Konsumsphäre machten. Zum einen rückten die Parlamentarier die für Konsumgüter wesentlichen semantischen Illusionen in den Mittelpunkt der Gesetzgebung. Zum anderen rangen sie um die Warenästhetik der Konsumgesellschaft, erörterten am wachsgelben Exemplum die visuelle Kultur der neuen Zeit.

Die Parlamentarier waren sich der tiefgreifenden Veränderungen der Nahrungsmittel seit dem Markteintritt der „Margarine Mouriès“ natürlich bewusst. Das galt nicht allein für das Deutsche Reich, denn in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre wurde „Margarine“ in fast allen westlichen Staaten durch Spezialgesetze reguliert. Der nationalliberale Abgeordnete Friedrich Bahya (1832-1902) brachte den Wandel auf den Punkt: „Ich bin weit entfernt, irgend einem Kunstprodukt nahetreten zu wollen; wir leben in einer Zeit, wo alles doch mehr oder weniger dem Kunstbetrieb zugeht“ (RT, Stenographischer Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 290 (Bayha)). Kunstbutter war ein Prototyp neuer künstlicher Kost, der stete Bezug auf Auslandsmärkte, internationale Transfers und wissenschaftliches Wissen unterstrich dies.

Kunstbutter indes war in Zeiten ubiquitär angebotener Mischbutter ein unklarer Begriff geworden, ausgehöhlt, weit entfernt von der ursprünglichen Klarheit der „Margarine Mouriès“, auf die man sich immer wieder als ehrliches Produkt berief. Was war aus Kunstbutter nur geworden: Sparbutter, Kochbutter, Wirtschaftsbutter, Margarinbutter, Naturbutter, Grasmischbutter. Auch Schmalzbutter, Fassbutter, holländische Butter, Butterine wurde angeboten, nicht zu schweigen von Gebirgs-, Alpen-, Alpenkräuter-, Senn-, Rittergutsbutter, schließlich Schweizer, Bayerische, Tyroler Butter. Wer Kunstbutter kaufte, fühlte sich an die Schäferromane des Barocks, die einfache ländliche Welt der Romantik erinnert. Auch Butter blieb nicht länger Butter, sondern wurde „gut“ und „rein“, mutierte zur Naturbutter oder Milchbutter. Begrifflich entfernten sich die Anbieter von der recht prosaischen Produktionspraxis, verkauften mit der Ware zunehmend auch Träume. Der Regierungsentwurf wollte diese nicht zerstören, doch die darin vorgeschlagene Rückführung aller Mischfette auf den verbindlichen Begriff der Kunstbutter fand keine Billigung bei der Mehrheit: Im beratenden Kommissionbericht hieß es desillusionierend: Mischbutter „gleicht einer falschen Münze, und verdient auch so behandelt zu werden; sie trägt nicht nur ein erborgtes Kleid, sondern sie borgt von der Naturbutter auch deren Preis, läßt ihr aber deren höhere Produktionskosten, welche den Preis der Milchbutter bedingen und rechtfertigen; sie ist daher nicht nur zu Täuschungen benutzbar, sondern ein Täuschungsprodukt an und für sich; ihre ganze Existenz ist dadurch bedingt, daß eine Täuschung erzielt wird“ (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 942-943). Dem galt es gegenzusteuern, regulativ, aber auch begrifflich. So hatten einzelne Abgeordnete schon während der Diskussionen um das Nahrungsmittelgesetz argumentiert, ohne sich aber durchsetzen zu können (Entwurf, 1878, 786). Nun aber kam man, auch unter dem Einfluss ausländischer Gesetze, zu dem Schluss, dass ein neues wissensbasiertes Produkt auch eines neuen wissenschaftlichen Namens bedürfe.

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Dem Kunstfett einen Namen geben: Werbung für Margarin-Produkte 1886 (Wiener Hausfrauen-Zeitung 12, 1886, 141)

Der neue Begriff „Margarine“ verweise nicht allein auf den eigentlichen Ausgangspunkt des Marktwandels – die „Margarine Mouriès“ – sondern erlaube auch eine Vereinheitlichung des Fettmarktes, die mit dem in Deutschland eben nicht überall eingebürgerten Begriff der Kunstbutter nicht zu gewährleisten sei (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 941). Kunstbutter habe zudem einen irreführenden Lockreiz, beziehe sich auf die Kunstfertigkeit der Produktion, auf deren Nähe zum Kunsthandwerk. Der Begriff „Margarine“ sollte zugleich die Trennung von Butter und dem neuen Kunstprodukt unterstreichen. Es ging um begriffliche Trennung, nicht um begriffliche Vermischung. Zugleich unterstrich „Margarine“ das Fremdländisch-internationale dieser Handelsware, während Butter, die reine, im heimisch-ländlichen Raum verankert blieb. Der neue Begriff rief allerdings deutliche Kritik hervor. Die Regierung verteidigte die Kunstbutter pragmatisch, da der Zusatz „Kunst“ doch eher an Ersatzmittel, an Surrogate erinnere (RT, Stenographische Berichte, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 281 (Köhler)). Kunstwein schmeckte nicht recht, auch Kunstdünger hatte schon damals gewissen Warncharakter. Auch Hinweise, dass „Margarine“ ein wissenschaftlich irreführender Begriff sei, da das Produkt aus Olein und Margarin bestehe – in den USA erließ man 1886 den Oleomargarine Act – und die Margarinsäure keineswegs konstitutiv sei, wurden nicht gehört.

Öffentlich breit diskutiert wurde einerseits die vom Nationalliberalen Ludwig Bamberger (1823-1899) thematisierte Kernfrage, „wie weit soll der Gesetzgeber sich einmischen in den Sprachgebrauch eines Volkes, insofern er sich reflektirt in seinem gewerblichen Verkehr?“ Damit versuchte er die für die deutsche Kulturnation zentrale sprachliche Autonomie der bürgerlichen Gesellschaft zu verteidigen. Zugleich erschien ihm das Lehnwort aus dem Französischen eine „Verunreinigung der deutschen Sprache“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 resp. zuvor 660). Ähnlich argumentierte der freisinnige Abgeordnete Alexander Meyer (1832-1908), der lange bevor dieser Begriff für das Herrschaftssystem Wilhelm II. verwandt wurde, anmerkte, dass „Margarine“ „gewisse cäsarische Neigungen“ verrate, „die Grammatik zu beherrschen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 17. Juni 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 1120). Der Begriff schien ihm nicht handhabbar, erinnere an die Kunstsprache Volapük, nicht aber an die klare deutsche Sprache. Diese Kritik ließ die Befürworter der Konservativen, der Nationalliberalen und auch des Zentrums jedoch nicht wanken. Unter dem Spott der liberalen Presse und auch ordentlicher Nationalisten und Germanisten sprachen sie sich für ein welsches Fremdwort aus, nicht aber für das ebenfalls vorgeschlagene schöne deutsche Wort „Talgbutter“. Die sprachlich verordnete „Margarine“ setzte sich nach längerer Gewöhnungsphase schließlich durch – überdeckte so den tiefgreifenden Wandel des Fettproduktes in den folgenden Jahrzehnten. Das aber ist ein wesentliches Kennzeichen semantischer Illusionen.

„Margarine“, ursprünglich noch ein Plural, war nun begrifflich fixiert als „diejenigen, der Milchbutter ähnlichen Zubereitungen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt“ (RT, Anlagen, Nr. 232, Bd. 98, Berlin 1887, 1494). Ihre Warenästhetik blieb davon jedoch unberührt. Schon die „Margarine Mouriès“ war chamäleonhaft. Frisch hergestellt war sie wachsig-weiß, nicht golden-gelb wie „gute“ Butter. Die Fabrikanten veränderten jedoch schon früh Geschmack, Geruch und insbesondere die Farbe des Fertigproduktes, folgten dabei den Wünschen und den Erwartungen der Käufer. Man griff dabei ins Schatzkästlein auch der Butterproduzenten: Dort fanden sich Butterfarbe, Butteräther, Orleans, Cumarin, Curcuma, nicht zu vergessen die Gelbwurzel, Safran, Saflor, die Ringelblume, das Gelbholz und auch die gemeine Mohrrübe (Kunstbutterfabrikation, 1887, 249; Wider die Nahrungsfälscher! 4, 1881, 78; Jolles, 1895, 19). Sie alle dienten nun auch der Färbung der „Margarine“, ihrer properen und buttergleichen Erscheinung.

Der Vorschlag einer markanten Färbung der Kunstbutter war daher keineswegs so abwegig, wie dies die Kritiker monierten. Abermals handelte es sich um einen Wissenstransfer, dieses Mal aus den USA, wo seit spätestens 1885 die Farben blau, grün und rot in die engere Auswahl kamen, von denen rot, zumindest in New York, auch kurze Zeit angewandt wurde (Strohmer, 1886). Der deutschkonservative Agrarier Hans von Kanitz (1841-1913) griff derartige Anregungen freudig auf und plädierte 1886 im Preußischen Abgeordnetenhaus für eine Blaufärbung der Kunstbutter (Blau gefärbte Kunstbutter, Berliner Volksblatt 1886, Nr. 93 v. 20. April, 2). Im deutschen Reichstag war der freikonservative Abgeordnete Arthur Gehlert (1833-1904) – heute noch erinnert als ein Pionier der Schachkomposition – der Färbungsfrontmann. Er sah den Menschen als eine „zweibeinige Bestie“, die nur durch den Staat als „Inbegriff aller Konsumenten“ gebändigt werden könne. Stupsen reiche nicht, die Lenkung müsse klar sein. Und so plädierte er für eine Kunstbutterfärbung im sanften Hellblau (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 283 resp. 284). Das Protokoll vermerkte hier „große Heiterkeit“ – und doch: Eine Färbung war durchaus praktikabel und insbesondere der Münchener Agrarwissenschaftler Franz von Soxhlet (1848-1926) präsentierte nicht nur eine deutlich breitere Farbpalette ([Franz] Soxhlet, Ueber Margarine, München 1895, 131-149). Um aus der Not der Untersuchungspraxis eine Tugend zu machen, plädierte er während der Beratungen 1887 für den verpflichten Zusatz des aus dem Lackmustest bekannten Phenolphtaleins. Dieses sei „völlig unschädlich“ und leicht festzustellen und belasse die Farbe des Produktes im Vertrieb. Von der heute angenommenen kanzerogenen Wirkung des Stoffes konnte er noch nichts wissen.

In der Tat wären dies wirksame Maßnahmen gegen die „unkontrolirbare“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 21. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 685 (von Holstein)) Kunst- und Mischbutter gewesen. Doch schon in der Kommissionsberatung hatte sich die Regierung gegen die Zwangsfärbung ausgesprochen und eine Kommissionsmehrheit war nicht zu erlangen. Schon zuvor hatte man ein ebenfalls gefordertes Färbeverbot der Kunstbutter abgelehnt. Eine moderate Färbung gehöre zu modernen Konsumgütern dazu, sie könne daher nicht zur einseitigen Diskriminierung verwendet werden (RT, Anlagen, Nr. 112, Bd. 98, 1887, 939-40, 945). Damit war der Vorschlag eigentlich vom Tisch. Doch er wurde in den Folgedebatten wiederholt aufgegriffen, ging es doch nicht allein um Farbzusätze, sondern um die psychologischen Grundlagen moderner Konsumgesellschaften: Wahrheit verkaufe sich nicht. Diese Plattitüde wurde dann immer wieder von nachplappernden Werbepionieren aufgewärmt, so etwa von Raymond Loewy (1893-1986) (Häßlichkeit verkauft sich schlecht, Düsseldorf 1953). August Lucius (1816-1900), Zentrumsabgeordneter des Düsseldorfer Wahlkreises, wusste bereits, dass es hier um Teilhabe und Respekt ging: „Hüte man sich doch, so weit zu gehen, und bedenke man, daß man den armen Mann durch eine solche Maßregel nicht allein abschreckt, sondern auch beleidigt, degradirt. Welche Frau würde in einen solchen Laden gehen und kaufen oder einen solchen Gegenstand wie gefärbte Butter über die Straße tragen wollen? Das ist eine Zumuthung, die, wenn es möglich wäre, gewiß vermieden werden soll. Denn eine gewisse Befriedigung liegt doch darin, daß die arme Familie glaubt, dieselbe Butter zu essen, wie die reiche Familie. Das Färben der Butter hat etwas despektierliches, unappetitliches und möglicherweise schädliches“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 28. März 1887, Bd. 95, Berlin 1887, 279). Der Mensch braucht Illusionen, Konsumgüter liefern sie ihm. Mit ernstem Sinn sekundierte Ludwig Bamberger: „Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot, wie es mit Richtigkeit heißt, sondern auch die Phantasie, die Vorstellung […] müssen mit zu Rathe gezogen werden. Und gerade bei dem kleinen Mann, dem die Genüße in der Verfeinerung so viel schmaler zugemessen sind, als den mehr mit Glücksgütern Gesegneten, da ist es von Wichtigkeit, daß auch das Reich der Phantasie, dieser Sinn für das Schöne, die ästhetische Empfindung dessen, was er genießt, ihm nicht verkümmert wird.“ Es sei daher nicht möglich, die Kunstbutter durch Färbung zu „einem Proletarier der vornehmen Naturbutter gegenüber zu machen“ (RT, Stenographische Bericht, Sitzung v. 20. Mai 1887, Bd. 96, Berlin 1887, 661 und zuvor 662). Die Margarinefärbung wurde anlässlich des zweiten Margarinegesetzes 1897 neuerlich mit Vehemenz gefordert, doch letztlich nicht eingeführt.

Ein neuer Dachbegriff für ein sich veränderndes Produkt

Blicken wir abschließend auf die Folgen des Spezialgesetzes von 1887. Die neuen Regelungen wurden akzeptiert, auch wenn es teils Jahre dauerte, bis sie umgesetzt wurden. Mischbutter verlor dagegen relativ rasch an Bedeutung. Dies war auch Folge der Professionalisierung der Nahrungsmitteluntersuchung, die langsam selbst in Preußen einsetzte. Der Begriff Kunstbutter verschwand langsam aus dem Sprachgebrauch, im gewerblichen Bereich früher als im Alltag. Entscheidend aber war, dass die neue Definition der „Margarine“ einer neuen Breite des Buttersubstituts ungewollt den Weg bereitete. Während die eigentliche Intention des 1887er-Gesetzes war, eine „Margarine“ zu fördern, deren stoffliche Zusammensetzung der der ursprünglichen „Margarine Mouriès“ entsprach, zeigte sich nicht allein durch die zahlreichen neuen Patente der 1870er Jahre eine beträchtliche Innovationskraft im Fettmarkt (Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 21, 1880, 253; Kann das Margarin die Butter ersetzen?, Wider die Nahrungsfälscher 4, 1881, 91-92).

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„Margarine“ als Stoffcontainer: Werbung für „Pflanzen-Butter“ nach dem ersten Margarinegesetz (Vossische Zeitung 1891, Nr. 171 v. 17. April, 15)

Mitte der 1890er Jahre war klar: „Was wir heute unter Margarine verstehen, ist etwas wesentlich anderes als vor 10 und 20 Jahren“ (E.H. Burckhardt, Der unlautere Wettbewerb im Butterhandel. Ein Beitrag zur Beurteilung der Margarinefrage, Berlin 1895, 2). Peu a peu verringerte sich die Bedeutung des Rindertalgs als Grundstoff der Margarineproduktion. Das war zum einen eine Konsequenz der schon skizzierten Veränderungen im bäuerlichen Tiereinsatz und der Tiermast, zum anderen aber des Importes von anderen tierischen Fetten. Gebrauchsfertiges Oleo-Margarin und von Stearin befreiter Rindertalg waren mit geringerem Aufwand zu verarbeiten. Daneben trat Schweinefett, insbesondere der sog. Neutrallard, ein geruch- und geschmackloses Bauchfellprodukt (Ernst Storm, Der Wettbewerb zwischen den Speisefetten, Agrarwiss. Diss. Berlin 1933, 18). Der wachsende Margarineverbrauch gründete bis Ende des 19. Jahrhunderts vorrangig auf Importen tierischer Fette, doch die damit einhergehenden Preissteigerungen begrenzten einen höheren Absatz.

Aus diesem Grunde begann man schon in den 1880er Jahren pflanzliche Öle zu nutzen. Sie waren preiswerter, zumal das vornehmlich aus den USA stammende Baumwollsamenöl. Auch deutlich teurere Erdnuss- und Sesamöle wurden einbezogen (Sell, 1886, 490). Gegen die Verpflanzlichung der Margarine gab es aufgrund der weiten Produktdefinition von 1887 keine rechtlichen Bedenken. Allerdings gelang es lange nicht, Öle zu einem konsistenten, streichfähigen und auch bei mittleren Temperaturen verwendbarem Produkt zu verarbeiten (Gustav Hefter (Hg.), Technologie der Fette und Öle, Bd. 3, Berlin 1910, 85-88). Frühe Pflanzenmargarinen zerflossen unter Hitzeeinfluss, waren ohne Eisschränke nicht zu verwenden. Waltran bot ab der Jahrhundertwende eine gewisse Alternative, doch der Geschmack war kratzig. Erst durch die 1901 vom deutschen Chemiker Wilhelm Normann (1870-1939) erfundene, ab 1909 auch allgemein zugängliche Fetthärtung veränderte sich die Margarine zu einem dominant pflanzlichen Fett. Die Kunstbutter wandelte sich dadurch zu einer wirklichen Alternative zur Butter, ließ den Makel des billigen Ersatzmittels hinter sich. Sie wurde zum Stoffcontainer, flexibel einsetzbar, nur mehr rechtlich vom 1887 festgeschriebenen Dachbegriff Margarine zusammengehalten.

Dieses neue, zunehmend als Markenartikel beworbene Produkt kapitalkräftiger Großunternehmen erinnert nur noch sprachlich an das Butteranalogon der 1860er Jahre, das in immer neuen Facetten den frühen deutschen Fettmarkt in ein temporäres Chaos stützte und dessen globale Marktanbindung das Ende des bäuerlichen Universums verdeutlichte. Die Entwicklung der Kunstbutter zur Margarine von den 1860er bis zu den 1890er Jahren ist ein beredtes Beispiel für das Vordringen einer kaum mehr an Räume und Zeiten gebundenen künstlichen Kost, deren Realdefinition ohne Expertensysteme nicht mehr möglich ist. Und wir selbst können uns am Beispiel der 1887 von Parlamentariern präsentierten Sprachschöpfung „Margarine“ klarmachen, wie lang der Schlagschatten der Geschichte ist.

Uwe Spiekermann, 26. August 2019